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Full text of "Jahrbuch"

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JUBILÄUMSBAND 1904 



JAHRBUCH 

der 

Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus 

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in Osterreich. 

In Verbindung mit 

DR THEODOR HAASE und D" G. TRAUTENBERQER 

Begründet von 

DR C. A. WITZ-OBERLiN 

Herausgegeben von 

D^ GEORG LOESCHE 
Fünfundzwanzigster Jahrgrang:. 

Mit 10 Lichtdruck-Tafeln. 



WIEN 

Manzsche k. u. k. Hof-Verlags- und Universitäts-Buchhandlung 
(Julius Klinkhardt & Co.) 

LEIPZIG 

Julius Klinkhardt. 
1904. 



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INHALT. G^% 



Seite 

C. A. Witz-Oberlin, Rückblick 1-4 

Georg Loesche, Die evangelischen Fürstinnen im Hause Habsburg 5—71 
R. V. Höfken, Numismatische Denkmale auf den Protestantismus 

in Österreich 72—104 

Niederösterreich: 

G. A. Skalsk^, Zur Vorgeschichte der »evang.-theol. Lehr- 
anstalt« in Wien 105—151 

Oberösterreich : 

J. Friedrich Koch, Streiflichter zur Geschichte des Pro- 
testantismus in Oberösterreich 152—164 

Fr. Seile, Eine Bekenntnisschrift der Stadt Steyr vom Jahrel597 165—179 

Jul. Strnadt, Der Bauernkrieg in Oberösterreich 180—182 

Innerösterreich : 

J. Loserth, Zur Geschichte der Reformation und Gegenrefor- 
mation in Innerösterreich. Rückblick und Ausschau . . . 183—221 
Salzburg: * 

Franklin Arnold, Die Salzburger in Amerika 222—261 

Tirol: 

Georg Loesche, Zillertaler-Nachlese 262—274 

Böhmen : 

Georg Loesche, Mathesiana 275—280 

J. KvaCala, Comeniana 281—307 

M ä h r e n - S c h 1 e s i e n : 

G. A. Skalsky, Aus dem Amtsleben des ersten mährisch- 
schlesischen Toleranz-Superintendenten 308—346 

Galizien: 

Georg Loesche, Eine Denkschrift über die beabsichtigte Be- 
schränkung der Freiheiten der galizischen Protestanten (1825) 347—363 

Bukowina : 

J. Polek, Die Ausbreitung des Protestantismus in der Bukowina 364—374 

G. Bossert, Die Liebestätigkeit der evangelischen Kirche Württem- 
bergs für Österreich bis 1650 375—391 

Georg Loesche und G. A. Skalsky, Rundschau über die den 
Protestantismus in Österreich (Zisleithanien) betreffenden Er- 
scheinungen des Jahres 1903 392—425 

V. Sääf, Bericht des Zentralvorstandes 426—427 

Personenverzeichnis 428—431 

Ortsverzeichnis 432—434 



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I. 
Rückblick. 

Von Dr. theol. C. A. Witz-Oberlin. 

Fünfundzwanzig Jahre ! Eine kurze Zeit — ein beachtens- 
werter Erfolg. Ich gestehe offen, daß ich mit inniger Genugtuung 
auf die ersprießliche Tätigkeit unserer Gesellschaft zurückblicke, 
zumal der Anfang nicht gerade zu großen Erwartungen berechtigte. 

Dr. G. Trautenberger hatte bereits 1875 in seinem »Halte, 
was du hast« auf die Leistungen der »Soci^t^ de Thistoire du 
protestantisme frangais«, wie der von der »AUiance isra^lite« in 
Wien gegründeten historischen Sektion hingewiesen und seitdem 
wiederholt den Gedanken angeregt, das Jubelfest des Toleranz- 
patentes nicht nur durch eine materielle Tat, sondern auch durch 
eine geistige Schöpfung für die evangelische Kirche Öster- 
reichs fruchtbringend zu machen. Umsonst. Die Anregung fand 
keinen Widerhall. Niemand schien die Nützlichkeit oder die Möglich- 
keit einer solchen Schöpfung einzusehen. 

Erst als ich im Jahre 1878 diese Idee wieder aufgriff und in 
einer Zuschrift an das »Halte, was du hast« vom 4. Dezember, 
mit warmen Worten, zur sofortigen Gründung eines historischen 
Vereines aufforderte, gab sich hiefür regeres Interesse kund. Doch 
zunächst nur in den weiteren, breiteren Kreisen der evangelischen 
Bevölkerung, während — seltsamerweise — die Gebildeten, die 
Gelehrten, die Oberen staunten .... und staueten. Die einen (ich 
verschweige die Namen absichtlich) meinten — kaum traute ich 
meinen Ohren — , es habe niemals eine Geschichte des Protestan- 
tismus in Österreich gegeben. Die anderen behaupteten mit selbst- 
bewußter Überlegenheit, daß diese Geschichte bereits erschöpfend 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 1 



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- 2 - 

verarbeitet sei und infolgedessen der Gesellschaft nichts anderes 
obliegen würde, als die hie und da zerstreuten Abhandlungen zu 
sammeln, um sie dem großen Publikum zugänglich zu machen. 
Die dritten, darunter auch solche, die von amtswegen berufen 
gewesen wären, sich an die Spitze zu stellen, verhielten sich zu- 
wartend, weil sie sich fürchteten vor den ruhmlosen Totengräber- 
diensten, die ihnen vorzeitig zufallen könnten. 

So war die allgemeine Stimmung vor 25 Jahren. Wenig Er- 
mutigung, geringe Unterstützung. Doch ließ ich mich nicht beirren. 
Hatte ich selbst, nach meinem Eintritte in den Dienst der evangeli- 
schen Kirche Österreichs, erfahren, wie schwer es war, sich über 
die Geschichte des österreichischen Protestantismus zu unterrichten, 
wollte ich doch das meinige tun, anderen diese Schwierigkeiten 
zu vermindern. Ich drang daher auf rasche Ausführung des, immer- 
hin mit einiger Teilnahme, begrüßten Planes und wurde darin aufs 
kräftigste unterstützt durch meine verehrten Freunde D, Th. Haase 
und Dr. G. Trautenberger. 

So entstand die »Gesellschaft für die Geschichte 
des Protestantismus in Österreich«. Am 9. August 1879 
wurden die Satzungen vom k. k. Ministerium des Innern genehmigt. 
Im April 1880 erschien das erste Heft des »Jahrbuches«. Mittels 
Erlasses vom 26. Juni 1880 begrüßte der k. k. evangelische Ober- 
kirchenrat A. und H. B. die Gesellschaft mit der »lebhaftesten 
Freude« und empfahl deren Unterstützung allen Gemeinden mit 
folgenden Worten: 

»Wenn die Geschichte irgendwo und zu irgend welcher Zeit, 
so hat jene unserer evangelischen Landeskirche A. und H. B. in 
unseren Verhältnissen und im gegenwärtigen Augenblicke die ihr 
schon von dem römischen Weltweisen gestellte Aufgabe zu er- 
füllen, »Licht der Wahrheit, Lehrmeisterin des Lebens« zu sein. 
Sie allein kann uns ein richtiges Urteil über unsere Zustände 
vermitteln, uns heilen von den mannigfachen Vorurteilen, an denen 
wir kranken. Dazu kommt, daß die presbyterial-synodale Ver- 
fassung der evangelischen Kirche A. und H. B. Österreichs, ihre 
in der Selbstverwaltung begründete und deshalb allseitige Teilnahme 
erfordernde Organisation, jedes ihrer Glieder verpflichtet, an deren 
Angelegenheiten lebendigsten Anteil zu nehmen. 

Und wenn einmal die Verpflichtung und Notwendigkeit für 
jeden Angehörigen der Kirche besteht, sich mit deren Angelegen- 



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heiten zu beschäftigen, welche Studien sind geeigneter, dies zu 
vermitteln, als die geschichtlichen, da ja alle unsere kirchlichen 
Zustände mehr Ergebnisse der historischen Entwicklung, als Taten 
der Geisteskraft Einzelner sind. Es ist niemand unter uns, dem 
die Geschichte der Kirche nicht etwas zu sagen hätte, alle noch 
so verschiedenen Bahnen unseres Lebens verknüpfen sich mit 
derselben und eine Bestimmung teilen wir überdies Alle auf gleiche 
Weise miteinander, diejenige: Glieder dieser Kirche zu sein, und 
zu diesen Gliedern eben redet ihre Geschichte.« 

Leider hat diese Empfehlung noch lange nicht die verdiente 
Beachtung gefunden, die erwünschte Wirkung ausgeübt. 

Trotzdem ferner das Präsidium der IV. Generalsynode A. B. 
laut Zuschrift vom 7. November 1883 dem Zentralvorstande der 
Gesellschaft, in Anbetracht seiner selbstlosen Tätigkeit, die lobende 
Anerkennung ausgesprochen, später die beiden VI. General- 
synoden A. und H. B. von 1895, laut Erlasses des k. k. Ober- 
kirchenrates vom 18. November 1896, Z. 1864, die »Wichtigkeit 
der Gesellschaft anerkennend«, zum Beitritte aufgefordert haben 
und der Oberkirchenrat selbst neuerdings der Gesellschaft die 
»besten Wünsche für das weitere Gedeihen und für die allgemeine 
Förderung« übermittelte. 

Doch wir klagen nicht — wir jubilieren. Und wir haben, 
trotz allen unseren frommen Wünschen, auch ein Recht dazu. 

Dieses Recht verleihen uns — außer den vielfachen An- 
erkennungen, welche uns zutheil geworden sind in der in- und 
ausländischen Presse, auf den Weltausstellungen von Chicago und 
Paris, sogar von allerhöchsten Stellen, wie einerseits von 
Sr. Majestät durch die huldreichste Annahme — für die k. k. Familien- 
Fideikommißbibliothek — der zur Feier des vierzigjährigen Aller- 
höchsten Regierungsjubiläums im Auftrage der Gesellschaft von 
D. C. A. Witz unter dem Titel »Kaiser Franz Josef 1. und 
die evangelische Kirche« verfaßten Festschrift (laut Aller- 
höchster Entschließung vom 5. März 1889), und anderseits durch 
den verbindlichsten Dank, den uns der, mit unserem Kaiserhause 
eng befreundete und zu der evangelischen Kirche Österreichs in 
vielfachen Beziehungen der Teilnahme und des Wohlwollens 
stehende, König von Württemberg, anläßlich der Entgegennahme 
unseres »Jahrbuches«, auszusprechen geruhte (Kabinetsschreiben 
aus Stuttgart vom 7. März 1894) — : 

1* 



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1. die mannigfachen Arbeiten selbst, die in unserem »Jahr- 
buche« erschienen; 

2. die fruchtbaren Anregungen, welche von unserer Gesell- 
schaft ausgegangen sind: Herausgabe der oben genannten Fest- 
schrift von D. C. A. Witz und der von D, G. Loesche ver- 
faßten Geschichte des Protestantismus in Österreich 
1902; eingehenderes, allgemeineres Studium der vaterländischen 
Kirchengeschichte u. a; 

3. die zahlreichen Beurkundungen unseres alten Heimats- 
rechtes in Österreich; wie 

4. die ergreifenden Zeugnisse, welche wir zur Beleuchtung 
der stets loyalen Haltung und allezeit getreuen, patriotischen 
Gesinnung der Evangelischen in Österreich veröffentlichen konnten, 
und schließlich 

5. die unwandelbare Huld und Gnade, welche, nach den von 
uns zum erstenmale zusammengestellten Allerhöchsten Verord- 
nungen, Verfügungen und Verleihungen, Se. Majestät unser Kaiser 
den beiden evangelischen Kirchen von jeher bezeugt und bis jetzt 
erhalten hat. 

Wir dürfen also mit froher Genugtuung auf unsere fünfund- 
zwanzigjährige Arbeit zurückblicken. 

Unsere Gesellschaft hat im Dienste der Wissenschaft einen 
doppelten Zweck verfolgt: sie hat das Interesse für das Glaubens- 
leben der Vergangenheit zur Kräftigung der Heimatsliebe geweckt 
und die Heimatsliebe verklärt durch eine sorgsamere, pflicht- 
gemäßere Pflege des väterlichen Erbes. 

Und in diesem ebenso patriotischen als evangelischen Sinne 
gedenkt sie weiter zu arbeiten, unentwegt und unverdrossen. 



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IL 

Die evangelischen Fürstinnen im Hause Habsburg. 

Eine historisch-psychologische Studie. ^) 
Mit Benutzung archivalischer Quellen. 2) 

Von Prof. Dr. Georg Loesche. 

« 

Wenn man nach Freunden der Evangelischen im Hause Habs- 
burg und Habsburg-Lothringen Umschau hält, haftet der Blick 
gewöhnlich auf drei unvergeßlichen Kaisern, die merkwürdiger- 
weise den Protestantismus im umgekehrten Verhältnis zu ihrer 
Neigung fördern. 

Maximilian IL, im Herzen bis in den Tod evangelisch, genauer 
Melanthonianer, verschuldet durch seine schwankende Kirchen- 
politik und die Versagung der Kirchenordnung die Zersetzung des 
österreichischen Protestantismus und verhindert nicht den Ein- 
bruch der Gegenreformation^). 



^) Sie ist eine erweiterte, mit Nachweisen und Beilagen ausgestattete 
Auflage meines Aufsatzes in der »Christlichen Welt«, 1902, Nr. 14--18. 

2) Folgende Archive wurden benutzt: Bechlin in Böhmen: Fürstl. 
Paar'sches Schloßarchiv. Budapest: Archiv der reformierten Gemeinde in 
Buda; Generalarchiv der lutherischen Gemeinde in Pest (Zitiert: GAB.); 
Nationalmuseum; Staatsarchiv. Göttweig: Stiftsarchiv. Hannover: Staats- 
archiv. Nikolsburg: Schioßarchiv. Schaumburg: Schloßarchiv. Stutt- 
gart: Staatsarchiv. Weilburg: Schloßarchiv. Wien: »Albertina«; Haus-, 
Hof- und Staatsarchiv; Oberkirchenratsarchiv; Reformiertes Gemeindearchiv. 
Wiesbaden: Staatsarchiv, ehemals herzogi. Nassau'sches Archiv. Z erb st: 
Schloßarchiv. 

3) Rob. Holtzmann, Kaiser Maximilian II. bis zu seiner Thron- 
besteigung (1527—1564). Ein Beitrag zur Geschichte des Überganges von 
der Reformation zur Gegenreformation, 1903. 



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- 6 - 

Josef II., ein gläubiger Katholik, der an Maria Theresia schreiben 
konnte, alles, was er besäße, würde er darum geben, wenn alle 
Protestanten seiner Länder überträten, erließ das Toleranzpatent, 
um »die Szenen der abscheulichen Intoleranz aus seinem Reiche 
zu verbannen«. 

Franz Josef 1., der einst den ungarischen Gegenreformator 
Peter Päzmäny^) für sein Ideal erklärt haben soll, der mit dem 
»Josefinismus« brach und als der dem h. Vater persönlich ergebenste 
Monarch der Gegenwart bezeichnet werden darf, erhob die Dul- 
dung zur grundsätzlichen Freiheit und Gleichberechtigung, erwies 
sich in seiner mehr als fünfzigjährigen Regierung je länger je 
mehr als treuen Schutz- und Schirmherrn der Evangelischen, ja 
bezeichnet sie als — kirchenpolitisch — »seinem Herzen nahe- 
stehend«. 2) 

Übrigens mußte auch Maximilians II. Bruder, Ferdinand von 
Tirol, vom Vater vor der neuen Irrlehre gewarnt werden ^) ; ver- 
handelte Ferdinand I. wegen der Vermählung seiner Tochter Leonore 
mit dem dänischen Kronprinzen Friedrich, dessen Vater zwar 
immer dem Hause Habsburg wohl gesinnt, aber mit der ganzen 
Familie gut lutherisch war^); hat Karl II. von Steiermark, der 
den mächtigen Protestantismus seines Landes niederrang, um die 
Hand der ketzerischen Königin Elisabeth von England angehalten^), 
wie jener Ferdinand von Tirol dasselbe tun sollte, weshalb er 
seine heimliche Ehe mit Philippine Weiser^) entdecken mußte; 
hat ein Rudolf II. bei seinen vielen Heiratsplänen eine protestantische 
Prinzessin nicht ausgeschlossen.^) 

Neben den Fürsten sind die Fürstinnen uns nicht nach 
Gebühr gegenwärtig, unter denen es nicht nur protestantenfreund- 
liche gibt, sondern evangelische in Wort und Tat. Allerdings ist 

^) Hauck, Real -Enzyklopädie für protestantische Theologie und 
Kirche, 11 ^ (1883), 398-404. Im folgenden abgekürzt mit HRE. Wetzer 
und Weite, Kirchenlexikon, 9^ (1895), 1737—1743. Im folgenden abgekürzt 
mit KL. 

2) Loesche, Geschichte des Protestantismus in Österreich. 1902, S. 1. 

3) Holtzmann, a. a. O., S. 57. a. 1544. 
^) Ebenda, S. 230. Im Herbste 1554. 

5) V. Hormayr, »Taschenbuch«, 1848, S. 55— 75. »Archiv für Kunde 
österreichischer Geschichtsquellen«, Notizenblatt VII (1859), S. 234 f, 250 f, 
266 f, 282 f. a. 1567 f. »Historische Zeitschrift«, 32 (1874), 276 f. 

6) S. u. S. 20 f. 

7) Ranke, Zur deutschen Geschichte, 1869, S. 189. 



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hier die eine und andere protestantische Sage zu zerstören. Wie 
Protestanten manches übertrieben und schön färbten, verschwiegen 
Katholiken Mißliebiges; sogar wertvolle Werke vertuschen die 
Konfession, die doch in Österreich, zumal im Herrscherhause, 
keine nebensächliche Rolle spielt. Das Haus Habsburg kann sich 
einer Reihe tüchtiger Frauen rühmen, die als Gattinnen und 
Mütter, als Gläubige und Regentinnen ungewöhnlich sind; aus 
alter Zeit sei erinnert an Maximilians I. Tochter, Margareta von 
Österreich, als Statthalterin der Niederlande; an Ferdinands I. 
Gemahlin Anna^), deren Ohr doch auch den Klagen über die Ge- 
brechen der Kirche so wenig wie das ihres Mannes verschlossen 
gewesen zu sein scheint 2); an Karls V. Tochter, Herzogin Marga- 
reta von Parma, auch Statthalterin der Niederlande^); an Maria 
von Bayern, die Gattin jenes Karl II. von Inner-Österreich, den 
einen eine Heilige, den anderen eine Hekate.'*) Vor Jahrhunderten 
hat sie alle ein Jesuit verherrlicht. 5) Ihr Ruhm soll ihnen nicht 
geschmälert werden; aber auch die evangelischen verlangen endlich 
ihren Platz an der Sonne. 

Die Freude an ihnen wird dem Evangelischen dadurch nicht 
wenig getrübt, daß nur die Hälfte vom Glänze der Krone und 
der theologischen Spitzfindigkeiten sich nicht blenden ließ. Die 
einen fügten sich mit halbem Herzen und Vorbehalten, die andern 
wurden eifrige Neugläubige. 

Auch aus weniger hohen sozialen Schichten des Donaureiches 
sind tapfere Frauen bekannt, die zäh an ihrem evangelischen 
Glauben hingen. 

Dorothea v. Jörger auf Schloß Tolleth in Oberösterreich, 
die, wie ihr Sohn Christoph, mit Luther korrespondierte und ein 
Stipendium für Theologen in Wittenberg stiftete, beginnt ihr 
Testament mit einem evangelischen Bekenntnis.^) 



V. Buch Ol tz, Geschichte der Regierung Ferdinands I., 8 (1838), 695 f. 

2) Chr. Sepp, Bibliographische Mededeelingen, 1883, S. 138. KL. V 
(1882), 360. HRE 1^ (18%), 253. 

3) y^Qnn auch Räch fahl, M. v. P. 1898, nach Brüsseler Akten ihre 
bisherige Wertung erheblich herabmindern mußte. 

*) Loesche, a. a. O., S. 90. 

5) Gans, Österreichisches Frauenzimmer, 1638. 

6) V. Raup ach, Evang. Österreich, 1. Fortsetzung, 1736, S. 78 f. 
Waldau, Geschichte des Protestantismus in Österreich, 1 (1784), 58 f. 
Enders. Luthers Briefwechsel, 9 (1903), 160, 259, 296, 359, 10 (1903), 45, 139. 



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- 8 - 

Gräfin Johanna v. Öttingen, verwitwete Gräfin v. Liechten- 
stein auf Schenna bei Meran, schloß einen Bund mit gleich- 
gestimmten adeligen Frauen, ja veranstaltete bei sich Dispu- 
tationen. 

Die protestantische Prinzessin Anna iVlaria von Brandenburg 
hatte von ihrem Gatten, Hans Ulrich Freiherrn v. Eggenberg ^), der, 
als Konvertit, der beliebteste Hofmann und vertrauteste Günstling 
Ferdinand II., mit Ehren und Glücksgütern überschüttet wurde, 
das Versprechen erhalten, ihr vom Kaiser womöglich freie Re- 
ligionsübung zu erwirken. Obschon dieser selbst für seinen Lieb- 
ling um sie geworben und ihr versichert hatte, sie dürfe wegen 
ihrer Religion nicht gekränkt werden, mußte sie nach wenigen 
Monaten ihre evangelische Dienerschaft entlassen. Jesuiten ver- 
suchten vergebens, sie zu bekehren; sie fanden sie »wie einen 
Fels«. Verwitwet zog sie nach Ungarn und blieb sich treu trotz 
aller Widerwärtigkeiten. 2) 

Die zahlreichen Heldinnen und Märtyrerinnen im Unterbau der 
Gesellschaftspyramide bedeckt die Geschichte fast ganz mit aristo- 
kratischem Schweigen. Immerhin ist die Alte in Gosau sogar eine 
volkstümliche Gestalt, die die zaghaften, oft betrogenen Männer mit 
ihrem Bekenntnisse beschämte.^) 

* * 

* 

Es ließe sich erwarten, »Juana la loca« von Kastilien^) den 
Reigen eröffnen zu sehen. Allein die wissenschaftliche Forschung 
hat sie für unsere Frage ausgeschaltet; das erbauliche Schrift- 
tum will sich die fromme Sage noch nicht entreißen lassen. 

Die Ansicht ist als irrig erwiesen, daß Karl V., um den 
Länderbesitz seines Hauses allein zu beherrschen, die Mutter geistig 
morden, einkerkern und so verschwinden ließ; daß sie, gesunden 
Geistes, von Jugend an religiös, freisinnig, später häretisch, 
lutherisch geworden, deshalb Folter und Mißhandlungen aller Art 



v. Krön es, Handbuch der Geschichte Österreichs, 3 (1878), 509 f. 
v. Zwiedineck-Südenhorst, Hans Ulrich Fürst v. Eggenberg, 1880. 

2) B. Raupach, a. a. O. Presbyterologia 1741 (1732), S. 291. 
Waldau, a. a. O., 2 (1784). 308. (Daum, Kämpfe und Leiden der Evange- 
lischen in Österreich, 1861, S. 108. F. Zimmermann, Toleranz und In- 
toleranz gegen das Evangelium in Österreich, 1881, S. 43.) 

3) Zimmermann, a. a. O., S. 69 f. 
*) 1479-1555. 



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- 9 - 

zu erdulden hatte; daß die unbequeme Kronbewerberin des Thrones 
als Ketzerin verlustig ging und durch das erlittene Unrecht schließ- 
lich dem Wahnsinne anheimfiel. Allerdings hat diese Tochter 
der großen Isabelia, die Mutter von zwei Kaisern und vier 
Königinnen, ein Passionsleben geführt. Die Entdeckung der ehe- 
brecherischen Frevel ihres glühend geliebten Mannes, Philipps I. 
des Schönen^), brach der weder schönen noch klugen, aber leiden- 
schaftlichen, auch grausamen Frau das Herz. Sie wurde schwer- 
mütig, ohne daß die Liebe zu dem Unwürdigen, obschon sie so- 
gar abgesperrt wurde, aufhörte. Ja, sein früher Tod stieß sie in 
völlige Teilnahmslosigkeit, die mit Ausbrüchen der Verzweiflung 
und des Lebensekels abwechselte. Bisweilen steigerte sich die 
Gleichgültigkeit der von Haus aus religiös stumpfen und selt^ 
samen Fürstin gegen Beichte, Messe und Gebet zu unbeugsamem 
Trotz. Oberflächlichkeit hat hier von Protestantismus gefabelt; aber 
in den Akten findet sich nicht das geringste Anzeichen von lutheri- 
schen Neigungen. Dem heil. Franz von Borgia^), dem späteren 
dritten Jesuitengeneral, wird das Verdienst zugeschrieben, den 
Schlüssel zu der gepeinigten Frauenseele gefunden zu haben, die 
niemals wirklich wahnsinnig war. Dank seiner liebevollen Seel- 
sorge starb die beklagenswerte Fürstin sanft im katholischen 
Glauben. 3) 

* 

Johanna der Schwermütigen Tochter ist allerdings als 
lutherisch anzusprechen, wenn man berücksichtigt, daß in jenen 
ersten Übergangsjahren die Neugläubigen noch in mehreren Farben 
schillerten: Elisabeth (Isabella) von Dänemark^), die Schwester 
der entschlossenen Ketzerverfolger Karl V. und Ferdinand 1. 



') 1478-1506. 

2) KL., 4 (1886), 1815-1821. HRE. 8 (1900), 769 f. 

3) Die kritische Frage erörtert auf Grundlage der ganzen einschlägigen 
Literatur: C. A. Wilkens, »Zeitschrift für Kirchengeschichte« 15 (1895), 
122-125. Dazu: Baumgarten, Geschichte Karls V., 1 (1885), 9-12, 34 f. 
M. Büdinger, Don Karlos' Haft und Tod, 1891, S. 258. F. W. Schirr- 
macher, Geschichte Spaniens, 7 (1902), Kap. 2 und 4. 

*) Geb. 18. Juli 1501, gest. 19. Jänner 1526. — Gans, Österreichisches 
Frauenzimmer, 1638, S. 114—120. v. Hormayr, »Taschenbuch«, 1813, S. 284. 
K. Wurzbach, Das Elisabethenbuch, 1854, S. 77—83. Derselbe, Bio- 
graphisches Lexikon des Kaisertums Österreich, 6 (1860), 167—169. G. A. J. 
de Schepper, Lotgevallen van Christiern . llen Isabella van Oostenrijk, 



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Fast als Kind wurde sie dem neunundzwanzig Jahre älteren 
König Christiern II., »dem Bösen«, von Dänemark zu Brüssel ver- 
mählt^), der unter allen dänischen Königen der beliebteste Vorwurf 
für geschichtliche und dichterische 2) Darstellung geworden ist, über 
den die Akten noch nicht in allen Punkten geschlossen sind. 
Einer der mächtigsten Fürsten Europas, hochbegabt und vielfach 
tüchtig als Herrscher, aber gewalttätig und zügellos, der, wie das 
»Stockholmer Blutbad« zeigt, vor Verbrechen nicht zurückbebte, 
ließ er es, obwohl er der Geliebte des oft besungenen »Täubchens 
von Amsterdam« war und blieb, an Aufmerksamkeit für Isabella 
nicht fehlen; »Dyveke« wurde bald vergiftet. Um sich dem Über- 
gewichte von Adel und Klerus zu erwehren, stand er zeitweise in 
gutem Verhältnis zu Bürgern und Bauern und vor allem buhlte 
er, der Neffe des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, von Desiderius 
Erasmus angeregt, mit dem Luthertum. Indessen kam er über 
einige schwächliche Versuche nicht hinaus; von allen Parteien 
verdientermaßen verlassen, flüchtete er. In der Verbannung ließ 
er die erste dänische Übersetzung des Neuen Testamentes drucken 
und daheim verbreiten. In Wittenberg wohnte er im Hause des 
Malers Lukas Kranach 3) und wandte sich Luthers Lehre zu — 
schenkte auch Katharina von Bora einen goldenen Ring'*) — , mit 
ihm Elisabeth, die von Margareta v. Parma streng kirchlich erzogen 
war und den späteren Papst Hadrian VI. 5) zum Lehrer gehabt 
hatte; auch hier fehlte ein Erasmus'scher Einschlag nicht. Viel- 
leicht bedeutet die Berufung des lutherischen Predigers Martin 
Reinhardt den Anfang ihrer religiösen Wandlung, die Andreas 
Karlstadts^) soll durch ihren Einfluß erfolgt sein. In einer Klage- 
schrift des dänischen Adels gegen den König '^) wird ihm zur Last 



1870. CH. Kaikar in F. Piper, Zeugen der Wahrheit, 3 (1874), 536-545 
(Evang. Glaubenszeugen, 1885, S. 4—12). Dansk Biograf isk Lexicon, 4 
(1890), 494 f. G. J0rgensen, Dronning Elisabeth af Danmark 1901. Der- 
selbe: König. Elisabeth v. D. »Deutsch-evang. Blätter«, 28 (1903), 113—127. 
am 11. Juni 1514. 

2) Das letzte Schauspiel von Ad. Paul, König Christian IL, 1903. 

3) Lindau, L. Kranach, 1883. Allgem. deutsche Biogr., 4 (1876), 
559-563. 

*) 1523. Enders, Luthers Briefwechsel, 4 (1891), 258. 

5) KL, 5- (1888), 1426-1437. HRE., 7^ (1899), 311-315. 

6) KL., 72 (1891), 181-186. HRE., 10^ (1901), 73-80 (75). 

7) 1523. 



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KOnig^in Elisabeth von Dänemark. 

Bei Heraeus, Bildnisse von Regenten, Fürsten usw. 1828. 

Aus der k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek. 

»Carcass« bedeutet: Caroli Caesaris Soror. 



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gelegt, daß er seine Gemahlin mit lutherischer Ketzerei anstecke. 
Sie korrespondiert^) mit dem Sekretär des Königs über die dänische 
Bibelübersetzung. Franz Lambert v. Avignon, der in der Refor- 
mationsgeschichte Hessens verzeichnet ist^), schickt ihr einige 
Schriften. Am 8. März 1524 hörte sie zum erstenmale Luther in 
Wittenberg predigen. 

Auf dem Reichstage zu Nürnberg^) führte sie, vergebens, 
ihres Gatten Sache. Wichtiger ist für uns, daß sie hier, auf seinen 
Rat und nach eigener Überzeugung, von dem Reformator Nürn- 
bergs, Andreas Osiander'*), am Gründonnerstag 5) auf dem Schloß 
das Abendmahl unter beiderlei Gestalt sich reichen ließ. Das war 
ja damals das Kennmal des Neuglaubens. So war die Infantin 
Isabella die erste fürstliche Person überhaupt, die sich öffentlich 
der Reformation anschloß. Politisch handelte sie damit unklug. 
Ihr Bruder Ferdinand war darüber äußerst erbittert und wollte 
sie nicht mehr als Schwester anerkennen. Sie antwortete ihm, sie 
werde sich an Gottes Wort halten und darin Gott und keinem 
Menschen folgen, in allem anderen sich gern dem Bruder unter- 
werfen; wolle er sie als seine Schwester verleugnen, so möge 
er es tun, sie müsse das Gott anheimstellen. 

Es beleuchtet Christierns Doppelzüngigkeit, daß er ihr riet, 
Ferdinand und Margareta mit der Erklärung zu beschwichtigen, 
durch besondere Umstände genötigt, hätten sie die Religions- 
änderung vorgenommen. Da sie anderwärts keine wirksame Hilfe 
gefunden, auch die Auszahlung der Mitgift nicht erreicht, wären sie 
gezwungen gewesen, ihre Zuflucht bei den deutschen Fürsten zu 
suchen, namentlich bei Friedrich dem Weisen, und sich der neuen 
Lehre anzuschließen, deren Beschützer er sei. Wiederum ermahnte 
er die Königin, sich von dem evangelischen Prediger in ihrem 
Reisegefolge das Evangelium »vorsagen zu lassen. 

Früh starb sie an der Schwindsucht; noch nicht sechsund- 
zwanzigjährig, von Kummer gealtert, obschon ihrem Gatten immer 
treu, ja leidenschaftlich verbunden, so leidenschaftlich, mit der 
Gemütsart der Mutter, daß sie ihm einmal schreibt, sie fürchte, 



1524. 

2) KL., 72 (1891), 1343 f. HRE., 4^ (1902), 220-223. 

3) 1524. 

*) KL., 92, (1895), 1106-1109. HRE., 14^ (1904), 501-509. 
5) 24. März. ' 



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bei längerer Trennung von ihm den Verstand zu verlieren; so 
treu, daß, als die Dänen sie wegen ihrer Herzensreinheit, Be- 
scheidenheit und Milde einluden, zurückzukehren, um sie als recht- 
mäßige Königin zu ehren, während sie lieber den Teufel zu Hilfe 
rufen wollten, als Christiern wieder nehmen, sie ihr Schicksal von 
dem seinigen nicht trennen konnte. Sie verschied auf dem kleinen 
Lustschlosse Zwynaarde, das der Abtei St. Peter zu Gent gehörte. 

Um ihre letzten Stunden ist ein Streit entbrannt. 

Christiern schreibt an Luther, als seinen lieben Bruder in 
Christo, einen ausführlichen Brief) über die Krankheit und die 
Heilungsversuche; er rühmt, daß die Verblichene sich an ihre 
Tante Margareta als Statthalterin gewendet, um für viele in den 
Niederlanden wegen ihres evangelischen Glaubens Verhaftete 
Fürsprache einzulegen; sie wurde keiner Antwort gewürdigt. Bei 
Wiederholung der Bitte wurde das Königspaar dringend vor 
weiterer Einmischung gewarnt, da sie sonst des Kaisers Freunde 
nicht seien. Margareta hörte nie auf, ihre Nichte zu unterstützen 
und, obwohl sie alle ihre Schritte bewachte, für die katholische 
Erziehung der Kinder sorgte, gegen die evangelischen Lehrer 
streng verfuhr, versicherte sie, Elisabeths Gesundheit läge ihr 
sehr am Herzen. Sie versuchte die Sterbende zurückzugewinnen. 
Nachdem diese das Abendmahl nach rechter christlicher Weise 
genommen, habe sie weitere Antwort verweigert und verlor die 
Sprache; »die hat nach seiner Milde Gott ihr zur rechten Zeit 
genommen«. Gleichwohl habe man sie mit Öl bestrichen und 
mit Überredung nicht nachgelassen. 

Neben diesem für Luther ganz überzeugenden Brief^) gibt 
es einen Bericht des katholischen Pfarrers zu Zwynaarde, Thomas 
Blankaert^), der auch im Sarge gefunden wurde, als Maria Theresia 
bei einem Besuche in Gent ihn öffnen ließ. Der Bericht ist aus 
politischen und Familienrücksichten abgefaßt, ja, wie es heißt, 
auf Wunsch des zweizüngigen Christiern selbst, der auch dem 
König von England irreführend meldete, Elisabeth sei gestorben, 
nachdem alle Sakramente der christlichen Religion richtig zur An- 
wendung gekommen seien. Blankaert sucht nachzuweisen, daß 
sie im katholischen Glauben verschied. Allein, da er nicht behauptet, 

Enders, Luthers Briefwechsel, 5 (1893), 313-316,322 (vgl. S. 175). 

2) Ebd. S. 322. 

3) Schepper, a. a. O., S. 165 f. 



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sie habe das Abendmahl nicht lutherisch empfangen, muß seine 
Glaubwürdigkeit angefochten werden. Ein kostbares Denkmal 
wurde der Königin in Gent errichtet; seit 1883 ruhen ihre und 
Christierns Gebeine in der Krypta der Kirche St. Knud zu Odense. 

Während Christierns Schwester, Kurfürstin Elisabeth von 
Brandenburg, bei der Isabella in ihrer Berliner Zeif), der traurigsten 
ihres Lebens, oft Trost gefunden, ihre Glaubens- und Leidens- 
schwester wurde, sie, die Stammutter des protestantischen Fürsten- 
hauses auf Preußens Thron, hat Christiern noch einmal versucht, 
durch äußerliche Rückkehr zum Katholizismus des Kaisers Hilfe 
und sein Land wieder zu gewinnen. • 

Statt dessen geriet er in Gefangenschaft. In der siebenund- 
zwanzigjährigen Haft soll er milder und seiner Elisabeth ähnlicher 
geworden sein. 

* 

Verwickelter gestaltet sich die seelische und religiöse Frage 
bei Isabellas Schwester, der Königin Maria von Ungarn und 
B ö h m e n. 2) 

Äußerlich reizlos, besaß sie einen männlichen Verstand^ 
starke Willenskraft und, gleich mehreren Frauen des Hauses 
Habsburg, große politische Begabung. Ihren wissenschaftlichen 
Sinn konnte sie an den Trümmern der schönsten Bücherei 
Europas in Ofen bilden, die Matthias Corvinus und seine fein- 
gebildete Gattin Beatrice von Neapel gesammelt hatten. 

1523. 

2) Geb. am 13. September 1505, gest. 18. Oktober 1558 zu Cigales in 
Valladolid. Gans, a.a.O., S. 120— 123. v. Hormayr, »Taschenbuch«, 1813, 
S. 285. 1820, S. 1—20. Janitschek, Zur Geschichte der ungarischen 
Königinnen, 1820, S. 80—84. Wurzbach, Biogr. Lex., a. a. O., 7 (1861), 
18 f. »Halte, was du hast«, 8 (1875), 10 f., 20-24, 39-41. H. Dalton, Joh. 
Lasco, 1881, S. 185 f. Chr. Sepp, De Bibliotheek einer Koningin, in: Biblio- 
graphische Mededeelingen, 1883, S. 110—182. Allgem. deutsche Biogr., 20 
(1884), 374-378. (W. A. Bernhard, Evang. Glaubenszeugen, 1885, S. 13—16.) 
H. Baumgarten, Geschichte Karls V., 2, 2 (1888), 57. 3 (1892), 361. 
v. Radi es, Fürstinnen des Hauses Habsburg in Ungarn, 1890, S. 51—66. 
Die im Generalarchiv der luth. Gemeinde zu Budapest befindlichen 
Abschriften von vier Donationsurkunden von Ferdinand zugunsten Marias 
gehen uns nichts an. Vielleicht bringt der Briefwechhel Karls V. mit Marga- 
reta, Maria und Ferdinand, dessen Herausgabe beabsichigt ist, auch für 
unseren Gegenstand noch einige Daten (vgl. »Deutsche Geschichtsblätter«, 
[1903], 222). 



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Von der Reformbedürftigkeit der Kirciie wenigstens hinsicht- 
lich der Mißbräuche überzeugt, berief sie, vielleicht von dem Er- 
zieher König Ludwigs, dem Markgrafen Georg dem Frommen von 
Brandenburg-Ansbach, dem späteren Reformator seiner schlesischen 
Lande ^), beeinflußt, den ähnlich gesinnten Leutschauer Dr. Johann 
Henckel, Pfarrer zu Kaschau^), zu ihrem Hofprediger, während 
ihr etwas jüngerer, auch geistig unter ihr stehender Gatte, von 
den Großen gedrängt, die strengsten Erlässe gegen das Luther- 
tum zeichnete. Milde und friedliebend, mehr praktisch als 
dogmatisch gerichtet, Erasmianer, wurde Henckel von den strengen 
Katholiken angefeindet, ohne sich mit Luther befreunden zu können, 
obschon er mit Melanthon Fühlung behielt. Er starb zu Breslau 
in Amt und Würden seiner Kirche. 

Maria schätzte ihn sehr; sie soll damals immer, sogar auf 
der Jagd, eine lateinische Bibel bei sich geführt und es getadelt 
haben, wenn ein Prediger nicht auf die Schrift zurückging. 

Als ihr unglücklicher Mann nach der mörderischen Schlacht 
von Mohäcs auf der Flucht in der Schlammflut erstickt war, 
willigte Henckel ein, obwohl er Buda wegen der unerquicklichen 
Verhältnisse verlassen hatte, nochmals das Hofpredigeramt bei 
Maria zu übernehmen, weil er ihre lebhafte Neigung sah, »das 
Wort Gottes zu hören und zu erkennen«. 

Die einundzwanzigjährige Witwe wurde auch von den beiden 
größten Männern der Zeit getröstet. 

Erasmus, das Orakel Europas, schrieb auf die Bitte seines 
Verehrers HenckeP) für Maria, die er später als seine gute Freundin 
bezeichnet, deren Schutz er sich gegen die Eiferer wünscht^*), 
sein lateinisches Buch »über die christliche Witwe«, ein Meister- 
stück nach Form und Inhalt 5). 



HRE., 63 (1899), 533—538. »Zeitschrift für Kirchengeschichte«, 14 
(1894), 483 f. 

2) Ersch und Gruber, Allgem. Enzyklopädie, Sekt. IL, 5 (1829), 
315. G. Bauch, Dr. Job. Henckel, 1884. »Tört^nelmi Tär«, 1885, S. 351 f., 
519 f. G. Bauch in: »Zeitschr. d. Ver. f. Gesch. u. Alterth. Schlesiens«, 34 
(1900), 382-384. 

3) »Nee semel nee frigide hortatus est singulari pietate Joh. Henkelius, 
cuius egregiam industriam praedicandi veritatem Euangelicam alit tua 
benignitas.« 

4) Epist. MCLXXXV (10. April 1531). 

5) 1529 Op. om. 5 (1704), 723-766. 



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Luther, wohl durch Isabella von Dänemark über die Schwester 
unterrichtet, widmete ihr, ohne ihre Erlaubnis dazu eingeholt zu 
haben, die Auslegung der vier Trostpsalmen ^), so daß seine 
Anhänger viel von ihr und ihrer Fürsprache erwarteten. In der 
Tat bewirkte sie, daß die über den ausgezeichneten Gelehrten 
Simon Grynäus, den späteren Professor zu Basel 2), verhängte 
Todesstrafe in ewige Verbannung aus Ungarn umgewandelt 
wurde. 

Allein Luthers Zuneigung beruhte auf einer schönsehenden 
Verkennung von Marias religiösem Sinn, wenn gleich die Vor- 
liebe für Erasmus sie damals, unter Henckels Leitung, mehr nach 
Wittenberg neigen ließ. Als daher König Ferdinand ihr diese 
Widmung zum Vorwurfe machte, erwiderte sie, sie könnte doch 
Luther nicht verbieten, zu schreiben, was er wolle; es sei ohne 
ihr Wissen und Willen geschehen. Gott wolle verhüten, daß sie 
etwas tue, wodurch der gute Ruf des Hauses Habsburg gemindert 
werde; sie hoffe zum Allmächtigen, daß er ihr die Gnade gewähre, 
als gute Christin zu sterben. Dadurch nicht beruhigt, schrieb 
Ferdinand spitz zurück, ihm werde Luther sicher niemals eine 
Schrift zueignen. Auf zwei Punkte habe sie ihm nicht geant- 
wortet, über das Lesen lutherischer Bücher und über die in ihrer 
Umgebung verbreitete lutherische Gesinnung. 

Sie antwortet, seit lange habe sie Luthers Bücher nicht ge- 
lesen und werde sich, infolge der Ermahnung des Bruders, in 
Zukunft davor hüten. Niemand werde behaupten können, daß 
einer ihrer Diener mit ihrer Zustimmung etwas gegen »unseren 
Glauben« getan habe. Sie persönlich habe nie etwas einer guten 
Christin Verbotenes begangen. 

Diese gewundene Antwort ist nicht die einer Bekennerin; 
sie bezeugt ein Liebäugeln mit Luthers Büchern, aber zugleich 
die Entschlossenheit, daß Pflichttreue im Dienste des Hauses 
Habsburg das Charakterbild der Schreiberin bestimmen soll. Der 
Bestand ihres in Belgien gesammelten Bücherschatzes mit 
333 Nummern enthält eine Anzahl von Bibeln und Leben Jesu, 
nur schwache Beweise für reformerische Gesinnung. Es fehlen 
die ihr gewidmeten Bücher von Erasmus und Luther, obwohl die 



1526. Luthers WW., Weimar.-Ausg., 19 (1897), 542—615. J. Köst- 
lin - G. Kawerau, Martin, Luther, 2^ (1903) 105, 636. 
2) HRE., V (1889), 218 f. 



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erste Gesamtausgabe von Erasmus' Werken Karl V. gewidmet 
war. Vielleicht ist die Liste nicht vollständig. 

Die wenigstens zeitweilige Stärke von Marias Neigung für 
Wittenberg hängt wesentlich ab von der viel erörterten Frage, ob 
sie die Verfasserin des berühmten, auch ins Englische übersetzten, 
etwa ins Jahr 1526 gehörenden Trostliedes ist: Mag ich Unglück 
nit widerstand), eines Liedes, das Gottvertrauen eines von Ge- 
fahren Bedrängten mit deutlich lutherischer Färbung ausspricht 

Noch ein geistliches Lied wird ihr zugeschrieben: Ach Gott, 
was soll ich singen? eine Klage über den Tod König Ludwigs; 
endlich ein Liebesgedicht, das mit dem ersten Lied den Strophen- 
bau und das Akrostichon Maria gemeinsam hat und das jeden- 
falls im Besitze Marias war. 

Die Frage nach der Echtheit jenes Liedes ist philologisch, 
historisch und hymnologisch behandelt worden. 2) Bald hat man 
es der Königin, bald Luther zugeschrieben, bald es für herrenlos 
erklärt. 

Philologisch hat man einfach gesagt: An Verfasserschaft der 
Maria ist bei allen drei Stücken nicht zu denken. Wir wissen 
nicht, daß Maria genügend das Deutsche beherrschte; also der 
Beweisgrund, der nicht zuletzt der Kurfürstin Louise Henriette 
von Brandenburg das Lied »Jesus, meine Zuversicht« entziehen 
will. Allein die Philologie dürfte hier etwas voreilig verfahren 
sein. Es hat sich nämlich kürzlich ein Brief jenes Markgrafen 
Georg von Brandenburg gefunden. Dieser besagt unzweideutig, daß 
Maria ein Lied im bewußten Gegensatze zu ihrem Bruder dichtete, 
als dieser ihr einen Prediger verjagt hatte, und sie selbst wegen 
ihrer reformfreundlichen Stimmung sich entschloß, nach Mähren 



^) Mützell, Geistliche Lieder der evang. Kirche a. d. XVI. Jahrb., 1 
(1855), 88 f. Melodie bei: Kümmerle, Enzyklopädie der evang. Kirchen- 
musik, 2 (1890), 123. J. Zahn, die Melodien der deutschen evang. Kirchen- 
lieder, 5 (1892), 11 f. 

2) A. Fr. W. Fischer, Kirchenlieder-Lexikon, 2 (1879), 45-47. Job. 
Bolte, Kon. Maria von Ungarn und die ihr zugeeigneten Lieder, »Zeitschr. 
f. deutsch. Altertum«, 35 (1891), 435—439. J. Julian, A dictionary of 
Christian Hymnology, 1892, S. 710. Th. Kolde, Markgraf Georg von Branden- 
burg und das Glaubenslied der König. M. v. U., »Beiträge zur bayrischen 
Kirchengeschichte«, 2 (1896), 82—89, 142. K. Budde, Kleinigkeiten zum. 
Kirchenliede, »Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst«, 1 (1897), 
57 f., 390. 



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zu ziehen. Dieses frühe, ausdrückliche Zeugnis von bester Hand 
wird bei der Nahestellung des Markgrafen zur Königin schwer 
zu beseitigen sein; abschließend ist es nicht, da auch der Mark- 
graf sich nicht auf eine Bestätigung aus dem Munde der Königin 
berufen kann. Das Lied würde bekunden, daß sie danrjals im 
evangelischen Fahrwasser segelte. Ganz vergessen hat sie das 
auch später nicht. 

Auf dem Konfessionsreichstage zu Augsburg war sie für eine 
I Annäherung des Kaisers an die Protestanten und bemühte sich 

um einen Ausgleich. Die Evangelischen begrüßten sie mit herzlicher 
! Freude. Die Königin lud hervorragende Theologen aus ihrer Mitte 

an ihre Tafel. Diese benützten die Gelegenheit, um zu erfahren, 
wie eigentlich der Kaiser über die Reform dächte. Maria fragte 
' ihn, was er zu tun beabsichtige. Er antwortete, beim Antritt der 

Regierung hätte man ihm geklagt, jene Leute seien ärger als die 
Teufel zu fürchten. Der Bischof von Sevilla habe geraten, keine 
, Tyrannei auszuüben, sondern zuvor zu untersuchen, ob die Lehre 

( mit den Glaubensartikeln streite. Er habe dem folgend einsehen 

gelernt, daß sie keine teuflische Gesinnung hegten, ihre Lehre 
; Dinge betreffe, worüber die Gelehrten noch entscheiden müßten, 

sonst würde er sich ihnen mit der Schärfe des Schwertes wider- 
setzen. — Spalatin ^), der Vertraute von Luthers Landesvater, be- 
zeichnet Maria als die dem Evangelium sehr freundliche Witwe. 
Joh. Agricola^), der spätere Berliner Hofprediger, bewahrte lebens- 
lang die Erinnerung an den angenehmen Verkehr mit der Königin 
und mit Henckel. Melanthon, der nur mittelbar mit Maria in Ver- 
bindung trat, schildert sie in seiner rednerischen Art als eine Frau 
wahrhaft heroischen Geistes und außerordentlicher Frömmigkeit, 
die eine Versöhnung zwischen Ferdinand und den Protestanten 
, erstrebe, was sie nur schüchtern und vorsichtig tun dürfe. 

Wenn ein in diese Zeit gesetztes Gutachten^) Luthers über 
Abschaffung der Messe und des Klosterlebens, sowie über eine 
] äußerliche Vergleichung wirklich an die Fürstinnen Anna und 

j Maria gerichtet gewesen wäre, ließe sich daraus entnehmen, daß 

I Maria nicht gerade dogmatisch, aber praktisch-kirchlich und rituell 

j teilnahmsvoll war; man müßte ihren Mut bewundern, auf die 

HRE., 142 (1884), 449-455. 

2) Ebenda, 1^ (1896), 249-253. 

3) 13. Juli 1530. Enders, Luthers Briefwechsel, 8 (1898), 105. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 2 



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Gefahr hin, den Zorn der Brüder zu erregen, mit Luther in Be- 
ziehung getreten zu sein. Luthers Antwort ließe sich als Echo der 
niedergeschlagenen Stimmung auffassen, insofern er erkannte, daß 
seine frühere Widmung die Wirklichkeit überschätzt hatte. ^) Sicher 
ist, daß wenig später 2) Henckel, um das Gewissen seines könig- 
lichen Beichtkindes zu beruhigen, fünf Fragen an Melanthon sandte, 
die dieser an Luther weiter gab, indem er Henckels Zuverlässig- 
keit und Marias Frömmigkeit betonte. Luthers Antwort^) war ent- 
schieden ablehnend gegen Halbheiten; man solle das Abendmahl 
— darum handelte es sich — nur unter beiderlei Gestalt oder 
nur geistig genießen und nicht im geheimen. 

Henckel wie Maria dürften dadurch wieder in ihre Zurück- 
haltung gedrängt sein. Auch scheint auf sie ungünstig gewirkt 
zu haben, daß in Augsburg Zwingiianer zu werben suchten. 

Die Verwandten strengten alle Kräfte an, die Wankende zu 
fesseln, sagten ihr jede Unterstützung zu und ängstigten sie mit 
der Drohung, sie werde noch im Spital sterben. Bischof Fabri 
von Wien soll damals in einer Predigt zu Augsburg die rohe An- 
spielung sich erlaubt haben, Moses und Aaron hätten eine aussätzige 
Schwester Maria gehabt, so daß er sich bei ihr entschuldigen 
mußte. 4) 

Kurz darauf trat die schwerste Schicksalsfrage ihres Lebens 
an sie heran. Die Statthalterin der Niederlande, Margareta v. 
Parma, war gestorben; Maria sollte, dank ihrer schon in Ungarn 
bewiesenen Staatskunst, ihre Nachfolgerin werden. Sie sträubte 
sich; sie wollte eigentlich nach Spanien ziehen, um ihre trüb- 
sinnige Mutter 5) zu pflegen. Aber sie fügte sich dem dynastischen 
Dienste, der Politik, »der mächtigsten Leidenschaft im Hause 
Österreich«. Ferdinand erklärte, keinen Zweifel an ihrer Recht- 
gläubigkeit zu hegen; doch mußte sie ihre Umgebung, auch 
Henckel, entlassen. 

Die Zeit ihrer Statthalterschaft darf man einen glänzenden 
Abschnitt der niederländischen Geschichte nennen. In allem wesent- 



^) Sepp, a. a. 0., S. 148 f. 

2) Ende Juli 1530. Enders, a. a. 0., 8, 150—153. 

3) Ebenda, S. 171-175. 

*) W. Friedensburg, Nuntiaturberichte aus Deutschland, 1533 bis 
1559. 4 (1893), 396. 
5) S. ob. S. 8 f. 



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liehen gebührt ihr selbst, ihrer Regentenweisheit, das Verdienst 
an dem allgemeinen Aufschwünge. 

Aber wie nun? Gerade besonders seit ihrem Regierungs- 
antritte ergingen die Edikte gegen die Lutherischen, eines strenger 
als das andere. ■•) Maria leistete keinen Widerstand, dankte auch 
nicht ab; sie tat, was ihr kaiserlicher Bruder ihr auferlegte; unter- 
schrieb alle Gesetze und Verordnungen, höchstens daß sie zu- 
weilen durch die Finger sah, Schuldige oder Angeklagte ent- 
weichen ließ, manchmal abschwächte und milderte, teils aus 
Handelsrücksichten, teils aus reinem Mitleid, wie angesichts der 
harten Haft des Landgrafen Philipp von Hessen zu Mecheln. Im 
allgemeinen galt ihr ein Ketzer als Rebell, dem eben allenfalls 
Mitgefühl gebührt. So drang sie auf Joh. v. Lascos Ausweisung 
aus dem nachbarlichen Ostfriesland. 2) 

Bei dieser Gefühlspolitik konnte es geschehen, daß die Kurie 
eine förmliche Anklage gegen sie erhob, sie begünstige verstohlen 
die Lutheraner, ermutige sie durch heimliche Boten und entmutige 
die Katholiken. Auf den Tagungen des Schmalkaldischen Bundes 
halte sie immer einen Agenten. Kurz vor dem Ausbruche des 
Schmalkaldischen Krieges beklagt sich der Nuntius Verallo über 
den ketzerischen Prediger der Maria, Peter Alexander, der vom 
Kaiser verfolgt wird. Maria habe seine Flucht begünstigt, da er 
mit ihr die Vorliebe für die Bibel teile. 3) 

Um so erklärlicher, daß der Legat Aleander einige Klatschereien 
über angebliche Liebschaften der Maria nach Rom meldete.'*) 
Während der Zuträger und der Berichterstatter selbst ihre Zweifel 
hegen, glaubte Max Lenz, sie ernster nehmen zu müssen. 5) 

Dagegen spricht doch, daß Maria sich stets entschlossen 
zeigte, keine neue Ehe einzugehen, weil sie keinem Zweiten zu 
eigen sein wollte; daß laut testamentarischer Bestimmung ein 
goldenes Herz, das sie, wie König Ludwig, bis an den Tod 
getragen, eingeschmolzen und der Erlös den Armen verteilt 
werden sollte. 



') 1535, 1540, 1546, 1549 f. 

2) Dalton, a. a. O., S. 230f. 

3) W. Friedensburg, Nuntiaturberichte von Deutschland 1533—1559, 
8 (1898), 636. 

*) Ebenda, 4, 365. 

5) »Deutsche Rundschau«, 1896, 7, 84. 

2* 



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Nicht nur dynastisch, auch persönlich hielt sie zu ihren 
mächtigen Brüdern. Fühlte sie sich mehr zu Ferdinand hin- 
gezogen, war sie doch dem Kaiser ganz ergeben. 

Das zeigte sie auch durch bewegte Worte, mit denen sie sich 
der Erinnerung ihrer Niederländer empfahl bei jenem denkwürdigen 
Abdankungsvorgange, als Karl V. die zu dornenvoll gewordene 
Krone vom altersschwachen Haupte sich nahm. Sie begleitete Karl 
nach Spanien und schlug in der Nähe seiner durch Natur, Gelehr- 
samkeit und Kunst beneidenswert geschmückten Klosteridylle ihren 
Sitz auf; sie starb nicht lange nach ihm und ruht im Eskurial. 

Die Lösung dieses Seelenrätsels fordert große Vorsicht; sie 
wird darin zu finden sein, daß Maria wie Henckel zu dem großen 
durch Europa sich schlingenden Kreise der humanistisch denkenden, 
religiös empfindenden Verehrer des Erasmus gehörte, des Vaters 
der Vermittlungstheologie. Sie hat ihm eine Stelle als Kanonikus zu 
Deventer offen halten lassen. Gelegentlich der Enthüllung seines 
Denkmales zu Rotterdam besuchte sie sein Geburtshaus mit 
großer Ehrerbietung. 

Mit ihm gab sie die Notwendigkeit reformatorischer Maß- 
regeln in der Kirche zu; bis zu einem gewissen Grade kann sie, 
mindestens vorübergehend, sogar als eine Gönnerin Luthers, immer 
als eine Liebhaberin der Bibel bezeichnet werden; aber stets stand 
die Bedingung obenan, daß das dynastische Wohl der Habsburger 
nicht leide; vor ihm mußten alle persönlichen Wünsche und Be- 
denken verstummen. 



Noch gründlicher als bei Maria ist ein protestantisches 
Märchen bei Philippine Welser zu zerstören^). Davon, daß sie 
der Lehre Luthers anhing und deshalb den Jesuiten tief verhaßt 
war, wie man es wohl lesen kann, ist keine Rede. 

Der Augsburger Patriziertochter, um deren schönhaariges 
Haupt Dichtung und Sage einen unvergänglichen Schimmer an- 

1327, 24. April 1580: v. Hormayr, »Taschenbuch«, 1847, S. 24-52. 
Vehse, Geschichte des österr. Adels und der österreichischen Diplomatie, 
2 (1851), 234—242. B. Czerwenka, Geschichte der evang. Kirche in Böhmen, 
2 (1870), 363 f. Allgem. Deutsche Biographie, 6 (1877), 697. J. Hirn, Erz- 
herzog Ferdinand 11. von Tirol. 1885—1888, 2, 313—369. Wend. Boeheim, 
Ph. Welser, o. J. (1894). Frz. Dolliner, Ph. Welser, die Schloßherrin von 
Ambras, 1904. 



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- 21 - 

heimelnder Romantik woben, war an der Seite ihres zwei Jahre 
jüngeren Gemahls, des Erzherzogs Ferdinand von Tirol, ein holderes 
Schicksal vergönnt als der Susanne König Wenzels oder der 
Agnes Bernauer des Witteisbachers, die freilich in Hebbel einen 
unvergleichlich größeren, obschon grausamen Dichter gefunden 
haf) als Philippine in Oskar v. Redwitz 2). Philippine erfreute 
sich stets eines ebenso ungetrübten Verhältnisses zur Kirche wie 
zu ihrem Gatten. 

Die tüchtige Bogenschützin war zugleich eine musterhafte 
Schloßfrau in einer weitläufigen Hofhaltung und eine »Liebhaberin 
aller betrübten Herzen«. Mütterlich sorgte sie für die Kranken. 
Ihre gewöhnliche Residenz, das reizvolle Schloß Ambras bei Inns- 
bruck, wurde ein Spital für Sieche; die Schloßherrin half selbst, 
Arzneien zu bereiten. 

Vor der Obersiedlung nach Tirol weilte sie häufig auf 
Schloß Bürglitz in Böhmen, wo Ferdinand Statthalter war. Hier 
hat die Sage eingesetzt. Denn hier erschien sie an einem Oster- 
fest mit nicht geringem Gefolge im Schloßkerker des Seniors der 
Böhmischen Brüder, Johann Augusta, der mit dem Bruderpriester 
Jakob Bilek bereits dreizehn Jahre in der Haft geschmachtet. Von 
der Schloßterrasse aus konnte sie diese Unglücklichen immer sehen. 
Nachdem schon der Oberstkämmerer auf Befreiung gesonnen, 
erwirkte sie mit ihm Erleichterung und endlich Enthaftung. 

Das war eine Tat frauenhaften Mitleides und christlicher 
Humanität, eine Tat der Liebhaberin aller betrübten Herzen, aber 
kein Liebäugeln mit dem »Brüderglauben« und steht eben deshalb 
nur noch höher da in seiner sittlichen Schönheit. 

In den Nuntiaturberichten 3) lesen wir, daß ein Jahrzehnt 
später der Papst Gregor XIII., der Jesuitenfreund und Protestanten- 
feind'*), an Philippine einen Rosenkranz schickte. Ihre Todes- 
anzeige bescheinigte er mit dem Zeugnis großer Frömmigkeit. 

Ihre treue Gefährtin und Muhme Katharina v. Loxan, die 
lutherisch war, wurde sogar von Ferdinand selbst bekehrt. 



*) R. M. Meyer, Die deutsche Literatur des XIX. Jahrhunderts, 
1900, S. 294 f. 

2) 3. A. 1900. Meyer, a. a. C, S. 377. 

3) K. Sc he 11 haß, Nuntiaturberichte aus Deutschland 1572—1585. 3 
(1896), 144. 

') KL, 52 (1888), 1142-1145. HRE., 7^ (1899), 126 f. 



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- 22 - 

Deshalb bewundern wir in der silbernen Kapelle des Domes 
zu Innsbruck, in dem die Königin Christine von Schweden über- 
trat, noch heute das künstlerische Denkmal einer edlen Fürstin 
der Duldsamkeit, aber nicht des Protestantismus. ■•) 

* * 
* 

Nun vergeht ein Jahrhundert, ehe wieder die Möglichkeit von 
einer evangelischen Habsburgerin dämmert; die Gegenreformation 
und der dreißigjährige Krieg verscheuchten solche Gedanken. 

Erzherzog Sigmund Franz von Tirol 2) wirbt um die Hand 
der Prinzessin Maria Hedwig von Hessen-Darmstadt; sie versagt 
sich ihm, weil sie katholisch werden soll.^) 

* * 

* 

Ein Menschenalter später wagte der lebens- und taten- 
lustige, kluge und hochherzige Erzherzog Josef, der spätere Kaiser, 
was Rudolf II. erwogen: er warb um eine lutherische Prinzessin, 
Wilhelm ine Am alle'*), die Tochter des katholisch gewordenen 
Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg. 

Ein dafür bedeutsames Aktenbündel liegt in dem Archiv des 
kirchen- und weltgeschichtlich so denkwürdigen Schlosses Nikols- 
burg, wo Wiedertäufer 5) — man spricht von 1200 — und »Böh- 
mische Brüder«, auch ihr letzter Bischof Comenius war dort, eine 

^) Sie ist kürzlich wieder in die Erinnerung gerufen durch die Er- 
nennung der Gemahlin des Erzherzogs Franz Ferdinand Este zur Fürstin 
von Hohenberg, denn ein Sohn Philippines hieß Graf v. Hohenberg. 

2) 1630—1665. Wurzbach, Lexikon a. a. O., 7 (1861), 148. Sugen- 
heim, Geschichte der Jesuiten in Deutschland, 2 (1847), 280. 

3) 1664. 

^) 21. April 1673 bis 10. April 1742. Moser, Patriot-Archiv für 
Deutschland, 11 (1790), 70. Janitschek, a. a. O., S. 95—97. v. Hormayr, 
Wiens Geschichte und seine Denkwürdigkeiten, 2. Jahrg., 2. Bd., Heft 5, 
S. 70 f., Heft 6, S. 15. J. Silbert, Der Frauenspiegel, 1830, S. 42-87. Wurz- 
bach, Lexikon, 6, 147 f. Im k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu Wien 
werden unter der Signatur A = 12 (Nr. 77) 552 Stücke aufbewahrt, Konzepte 
von Dank-, Glückwunsch-, Beileids- und Empfehlungsschreiben an Fürst- 
lichkeiten, den Papst, den Jesuitengeneral, Kardinäle, Bischöfe, Äbte, Dom- 
kapitel, Landstände u. a., deutsch und lateinisch; ferner unter fa 13 Akten 
auf die Hochzeit und 234 Antworten auf die Notifikation der Vermählung 
bezüglich. Herrn Vizedirektor Fe Igel und Herrn Staatsarchivar v. Györy 
danke ich für ihr freundliches Entgegenkommen. 

5) J. Loser th, Dr. B. Hubmai er und die Anfänge der Wiedertaufe 
in Mähren. 1893, S. 124 f. 



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- 23 - 

goldene Zeit erlebten; wo der Schloßherr Leonhard v. Liechtenstein 
selbst zu den Täufern übertrat; wo die beiden ersten Kaiser Ferdinand 
weilten; wo die Schweden und Napoleon Kriegsrecht übten; wo 
Bismarck ^) seinen König zum Verzicht auf österreichisches Gebiet 
in jenem stürmischen Auftritt nötigte. Das Bündel 2) enthält den 
Briefwechsel über die vom Grafen Leopold v. Dietrichstein 3) für 
den Erzherzog verrichtete Werbung '^). 

Diese Stoffsammlung ist leider sehr lückenhaft, schlecht 
geordnet und ungepflegt und gibt über die uns wichtige psycho- 
logische Frage keinen Aufschluß. Immerhin sind darin von nicht 
zu unterschätzender Wichtigkeit mehrere Briefentwürfe ^) des Bräuti- 
gams an die Braut und ihren Oheim, Kurfürst Georg Ludwig. 
Wenn aus anderen Schriftstücken hervorgeht, daß drei Prin- 
zessinnen vorgeschlagen waren, so gibt Josef, dessen ehrliches 
Worthalten auch seine Feinde rühmten, seine Entschlossenheit 
kund, bei der einmal Erwählten zu bleiben. »Ich will keine Fran- 
zösin und keine Wälsche« schreibt er; und — was für uns besonders 
bedeutsam — er betont wiederholt: »Ich will keine Convertitin«, 
ohne sich leider näher über diese Weigerung auszulassen. 

Gedanken und Erinnerungen, 2 (1898), 47 f. 

2) Faszikel 53. Für die freundliche Erlaubnis, das sonst ängstlich 
gehütete Archiv besuchen und benutzen zu dürfen, und besonders für das 
liebenswürdige Entgegenkommen des Schloßhauptmannes und Archivars 
Herrn Schulrates Pindter sei auch hier der gebührende Dank ausgesprochen. 

3) Feyfar, Die erlauchten Herren auf Nikolsburg, 1879, S. 281—285. 

*) Die umfangreichen, zum Teile chiffrierten Akten über die Ver- 
mählung werden aufbewahrt im kgl. Staatsarchiv zu Hannover; darin die 
Urschriften von zwei Schreiben Josefs an den Kurfürsten Georg Ludwig 
von Hannover, den Oheim der Braut, vom 29. November und 3. Dezember 
1698, die für unsere Frage ohne Bedeutung sind. Aus den anderen Akten 
ließe sich die Bemerkung herausheben: II semble, que les J^suites se 
flattent, que Tempereur aye remis la d^claration de P^pouse du Roy pour 
la faire demain, qui est le jour de S. Ignace; Viennae 20. bis 30. Juli 1698 
(Staatsarchiv, Hannover, Celle, Brief.-Arch. De 49 [4], Nr. 48 [278 Bll.]). Im 
Besitze der kgl. Bibliothek zu Hannover befinden sich unwichtige Plauder- 
briefe der Prinzessin; vgl. Bodemann, Handschr. d. königl. Bibliothek zu 
Hannover, 1867, S. 456. Im fürstl. Paar'schen Schloßarchiv zu Bechlin in 
Böhmen gibt es Originalbriefe Josefs an Paar, die Vermählung betreffend. 
Ebenso 22 französische Briefe von Amalie, d. h der Kaiserin-Witwe Amalie 
oder der Maria Amalia, Herzogin v. Parma, Tochter Maria Theresias, auch 
ohne Wichtigkeit. 

5) Die Reinschriften waren nicht aufzufinden und dürften vernich- 
tet sein. 



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- 24 ~ 

Dabei erinnern wir uns daran, daß Kaiser Josef I. wegen 
seiner politischen Selbständigkeit von der franzosenfreundlichen 
Kurie mit dem Banne bedroht wurde; daß er den Jesuiten, die 
sich über die den schlesischen Protestanten günstige Alt-Ran- 
städter Konvention beklagten, die höhnische Antwort gab: Ihr 
solltet lieber ein Tedeum dafür singen, daß mich der König von 
Schweden nicht ersucht hat, ich selbst solle lutherisch werden, denn 
ich weiß wahrhaftig nicht, was ich gethan hätte . . . Diese Un- 
abhängigkeit hinderte ihn nicht, im Zuge der früheren Gesetzgebung 
selbst die häuslichen Andachtsübungen der Nichtkatholiken zum 
Kriminalverbrechen zu stempeln. 

Die Konversion der Braut erfolgte doch; sophistische Pro- 
testanten ebneten den Weg. 

Professor Friedrich Ulrich Calixt, der unbedeutendere Sohn 
des großen Unionstheologen Georg Calixt ■•), setzte aus Anlaß 
dieser Vermählung in »synkretistischer« und dynastischer Liebe- 
dienerei ein naives Gutachten auf: dieser Übertritt könne zum 
Vorteil von Millionen geschehen; die evangelische Kirche möchte da- 
durch einen Schutz gegen harte Prozeduren erlangen; es könne eine 
Basis zur christlichen Toleranz im ganzen Reiche gelegt werden. 

In Wirklichkeit wurde die schlichte Prinzessin, die nach dem 
Übertritt ihren Doppelnamen umstellte wie ihr Credo, hochkirch- 
lich, ganz vom Klerus regiert. 

Sie durfte Papst Innocenz Xll.^), dem Jansenistengegner, für 
die ihr gespendete goldene Rose danken und gründete 3) das 
Kloster und die Kirche zur Heimsuchung Maria derSalesianerinnen*), 
zu Wien am Rennweg 5) im gräflich Paarschen Hause neben dem 
Belvedere. Sie wollte damit dem österreichisch-ungarischen Adel 
eine vertrauenswürdige Gelegenheit geben, seinen Töchtern eine 
angemessene Bildung zu verschaffen und die Nationalitäten zu 
befreunden. Dort starb sie »in demselben Alter, ein Jahrhundert nach 
der Stifterin des Ordens, der h. Johanna Franziska von Chantal«. ^) 

* * 



KL, 22 (1883), 1711-1715. HRE., 3^ (1897), 643-647. 
. 2) KL, 62 (1889), 758 f. HRE., 9^ (1901), 148-151. 
3) 1717. 
*) HRE., 162 (1885)^ 539-547. KL., 62 (1897), 1558-1561. 

5) Nr. 10. 

6) KL, 6, (1889), 1514-1516. - Nach Wilh. Amalie heißt der Trakt 
»Amalien-Hof« in der Wiener Hofburg. 



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- 25 — 

Weitaus die größten Schwierigkeiten verursachte der Übertritt 
der Mutter von Maria Theresia, der Gattin Kaiser Karls VI. Sein 
Herz zog ihn zu der Prinzessin Wilhelmine Charlotte Karoline, 
der schönen Tochter der standhaften Prinzessin Eleonore Erdmuth 
Louise von Sachsen-Eisenach, Markgräfin von Brandenburg-Ans- 
bach. Allein sie verweigerte sich ihm^), weil sie übertreten sollte, 
und reichte dem späteren 2) König von England, Georg II. August, 
dem »ehrlichen Manne«, ihre Hand. 

Dagegen hatte Herzog Anton Ulrich von Wolfenbüttel be- 
reits Josef 1. eine seiner Enkelinnen vermählen wollen. Der damalige 
Fehlschlag wurde durch den nunmehrigen Sieg wettgemacht. 

In Elisabeth Christine^) glaubte der Herzog die würdige 
Gemahlin Karls zu finden, und zugleich das Werkzeug, um seinem 
herabgekommenen Hause, »dessen Glanz ihm eine Art Religion 
war«, neues Ansehen zu verleihen. 

1705. 

2) Seit 1727. 

3) Geb. 28. Aug. 1681, gest. 21. Dez. 1750. v. Moser, Patriotisches 
Archiv, 11 (1790), 1-172. Janitschek, a. a. O., S. 97 f. G. Ad. Menzel, 
Neuere Geschichte der Deutschen, 1826-1848, 9, 491-515. 2. A., 1854 f., 
5, 252—263. F. W. Ph. v. Ammon, Galerie der denkwürdigsten Personen, 
welche im XVI., XVII. und XVIII. Jahrh. von der evang. zur kath. Kirche 
übergetreten sind, 1833. S. 243-276. (Fr. Nipp cid, Welche Wege führen 
nach Rom? 1869, S. 22.) Fr. Förster, Die Höfe und Kabinette Europas im 
XVIII. Jahrh., 2 (1836), 2, 18. W. S. Soldan, Dreißig Jahre des Protestan- 
tismus in Sachsen und Braunschweig, 1845. W. S. Sold an und Hoeck, 
Anton Ulrich und Elisabeth Christine von Braunschweig-Lüneburg und 
Wolfenbüttel, 1875. K. E. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, 1851 bis 
1858, 12, 192, 205. Wurzbach, Lexikon a. a. O., 6 (1860), 175—177. 
A. Räß, die Konvertiten seit der Reformation, 9 (1869) 110—120, 137—170. 
Allgem. deutsche Biogr., 6 (1877), 11 f. M. Landau, Geschichte Kaiser 
Karl VI, 1889, S. 390-398, 481-486, 562. G. Wolf, Josefina 1890, S. 74. 
Radics, a. a. O., S. 121—129. Jos. Raf. Carreras y Bulbena, Karl 
von Österreich und Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel in Barce- 
lona und Girona. 1902. (Barcelona, deutsch und spanisch), S. 428—432. — Im 
Haus-, Hof- und Staatsarchive zu Wien befinden sich über 100 Akten (aus 
dem Fasz. 47, Familienakten) über den Abschluß der Ehepakten, Instruk- 
tionen Josefs für seine Leibärzte in bezug auf die Braut, solche die Ver- 
mählung und Einholung betreffend, darunter jene über die von El. Ch. an- 
genommene kath. Religion, mit deren kath. Glaubensbekenntnis und dem 
Entwürfe eines Strafantrages, wegen des anonym erschienenen und von 
zwei abgesetzten Wolfenbüttler Hofpredigern gutgeheißenen »verläumderi- 
schen Pamphlets« in bezug auf den Übertritt, gegen den Verfasser, Super- 
intendent Schwertner den Majestätsbeleidigungsprozeß einzuleiten. 



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- 26 - 

Von allen deutschen Höfen zeichneten sich damals jener 
von Hannover und der von Braunschweig durch eine höhere Bil- 
dung aus, die mit religiöser Aufklärung Hand in Hand ging. 

Bei dem reichbegabten, auch als Verfasser vielbändiger Ro- 
mane bekannten Anton Ulrich, der in dem frommen und traulichen 
Kreise am Hof zu Wolfenbüttel aufwuchs, war allerdings von 
jeher die Religion mehr Sache des Verstandes, was selbst seine 
geistlichen Lieder bezeugen. 

Von Natur ehrgeizig, nun noch gekränkt durch die Min- 
derung der Bedeutung seines Hauses, ließ er sich dazu herbei, 
die Kaiserkrone auf dem Haupte seiner Enkelin allerdings nicht 
einer, sondern zweier Messen wert zu halten, was durch die 
Strömung der Theologie auf seiner Julia-Universität erleichtert 
wurde. Der gut gemeinte, aber geschichtswidrige, unklare und 
unprotestantische »Synkretismus« des schon genannten Georg 
Calixf), für den sich ein Leibnitz erwärmte, wollte ja auf der den 
Konfessionen gemeinsamen Grundlage des sogenannten Apostolicum 
den Friedensbogen errichten. Er verflüchtigte den Protestantismus 
in allgemeine Christlichkeit und wähnte, »die Macht geschicht- 
licher Gegensätze ließe sich brechen durch einfache Rückkehr in 
das Gebiet der Indifferenz, aus deren Entzweiung sie geboren 
waren«. 2) Dem lebenslustigen Vater, Ludwig Rudolf, machte der 
Übertritt der Tochter keine Pein, wohl der Mutter, Christine Louise, 
Fürstin von Öttingen, die sich aber bald fügte, und besonders der 
Prinzessin selbst, die in jugendlichem Feuer erklärte, sie wolle 
lieber ihr Leben als ihre Religion verlieren. Leibes- und Seelen- 
ärzte versammelten 3) sich in Wolfenbüttel. Die kaum den Kinder- 
schuhen Entwachsene, noch nicht lange Konfirmierte wehrte sich 
mit Weinen und Seufzen und immer neuen Einwendungen. Dann 
einigte sie sich mit den Jesuiten des Übertrittsunterrichtes vor- 
läufig auf ein gemildertes Glaubensbekenntnis, das bald beiseite 
geschoben wurde. Es ging von Stufe zu Stufe. Die unaufhör- 
lichen Vorstellungen, an denen es auch der so hoch geachtete 
und geliebte Großvater nicht fehlen ließ, brachten die Geplagte zu 
dem Wahn, daß sie trotz aller Dogmen und Zeremonien nach 
ihrer Deutung gut evangelisch bleiben könne. 



1) S. ob. S. 24. 

2) G. Frank, Geschichte der protest. Theologie, 2 (1865), 5. 

3) Anfang November 1705. 



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- 27 - 

Man denke sich ein eben erblühtes Mädchen, dem eine der 
glänzendsten Kronen der Welt winkt; abgeschnitten von ihren 
Seelsorgern, gesteuert von geübten Loyolitischen Lotsen, gedrängt 
von einem Großvater, »der in der seiner Enkelin aufgehenden 
Sonne den eignen Greisenabend schimmern sehen möchte« und 
der sich dienstbeflissene oder von synkretistischer Schwärmerei 
benommene ireniker zu Bundesgenossen geworben hat! Dennoch 
verrann mehr als ein Jahr, ehe man in schnödem Gedanken- 
und Wortspiele mit dem Heiligen die Einfalt dieses kindlichen Ge- 
wissens betrog. 

Nachdem der Übertritt beschlossen, wählte der Herzog zwölf 
»Hofpropheten« aus, darunter sechs Helmstädter, die dem lieben 
Publikum und namentlich den naiven Gemeinden, die zwar wenig 
Verständnis für die »Sündechristen« hatten, aber den Abfall als 
den gewissen Weg zur Verdammnis betrachteten, Sand in die Augen 
streuen sollten und sich meist als »Schelmstädter« erwiesen. Einige 
wagten doch, nackensteif zu bleiben; mit den eingegangenen Ant- 
worten legte man sich mit Bedacht aufs Täuschen. 

Der öffentliche, höchst zeremonienreiche Übertritt^) erfolgte 
zu Bamberg, wo die Prinzessin nun doch ohne Gnade das Triden- 
tinische Bekenntnis ablegen mußte, einschließlich der Abschwörung 
und Verfluchung des Ketzerglaubens. Auf Wunsch des Groß- 
vaters schrieb sie die Gründe ihres Übertrittes nieder. Es sei 
ihr gesagt worden, sie dürfe den göttlichen Ruf (auf den Thron) 
nicht ausschlagen; das, was sie zu ihrem Credo hinzuglauben 
müsse, wären nur Nebensachen; sie brächte ihrem Hause großen 
Nutzen; sie gehorche ihrem Großvater, der ihr nichts gegen ihr 
Gewissen zumuten werde; sie habe die Profession nach einer nur 
ihr bekannten Erklärung geleistet; sie hoffe, das Abendmahl, wie 
ihr versprochen sei, unter beiderlei Gestalt genießen zu dürfen, 
stets Körper und Schatten voneinander zu scheiden und ihrem 
Heiland zu folgen. Am Pfingstfest wurde sie in Wien gefirmt 
und trat mit der Kaiserin, also der konvertierten Wilhelmine 
Amalie, der diese Schwägerin aus dem verwandten Hause sehr 
willkommen war, eine Wallfahrt nach Maria-Zeil an. 

Nach der Prokurationsvermählung zu Hietzing bei Wien 2) 
hatte der Superintendent von Braunschweig den Mut, auf der 

1) 1. Mai 1707. 

2) 13. April 1708. 



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- 28 - 

Kanzel zu sagen: »Meine Lieben, die eine von unseren Prinzessinnen 
hat man dem Papsttume übergeben; die andere^) dem Heiden- 
tume, und ich glaube, wenn der Teufel morgen die Dritte ver- 
langte, man würde sie ihm gewiß nicht abschlagen.« Diese heilige 
Grobheit scheint ohne »Prophetenlohn« geblieben zu sein. 

Man berichtet nach mündlicher Überlieferung, daß die Königin 
geraume Zeit mit Reue und Gewissensrüge gekämpft habe. Jeden- 
falls nahm sie an allen Bräuchen und Festen ihrer neuen Kirche 
teil; selbst die Spanier — ein ganzes Jahr war sie Regentin in 
Spanien — und der venetianische Botschafter priesen der flotten 
Jägerin vorzügliche Herrschertugenden, hatten nichts an ihrer Fröm- 
migkeit auszusetzen, obschon ihr spanisches Wesen und Etikette 
nicht zusagte; ihr neuester Lobredner 2) rühmt, daß sie besondere 
Andacht zum heil. Nepomuk \ zur heil. Jungfrau von Montserrat 
und zum allerheiligsten Sakrament gezeigX und Altäre mit eigen- 
händig gefertigten künstlerischen Stickereien geschmückt habe. 
Trotzdem soll sie bei der Menge im Verdacht gestanden haben, der 
katholischen Religion nicht genug ergeben zu sein, noch ketzerische 
Grundsätze zu hegen, im geheimen protestantische Religions- 
bücher zu lesen. 

Als sie zwei Jahre kinderlos blieb, fürchtete sie, das sei 
eine Strafe für ihren Religionswechsel. Sie schrieb ihrem Groß- 
vater, ihre Bedenken würden dadurch vermehrt, daß er selbst 
nicht konvertiere. 

Da tat der siebenundsiebzigjährige Herzog auch noch diesen 
Schritt "*), freilich nicht allein, um die Enkelin zu beruhigen, um 
ihr zu zeigen, daß er mit ihr selig oder verdammt sein wolle, 
sondern in der Gier nach einem geistlichen Stift. Die Unter- 
tanen wurden davon nicht weiter betroffen; er trug sich sogar 
mit Rücktrittsgedanken. Unter den dagegen geltend gemachten 
Gründen befindet sich der, daß dadurch die Enkelin »diskonso- 
liert«, die Beibehaltung des Regimentes ihr viel nützen und sie 
hoffnungsvoll machen würde. Wenn der Herzog versichert, zum 

Charlotte Christine Sophie, die so unglücklich gewordene Frau 
des rohen und gemißhandelten Sohnes Peters des Großen, Alexei Petrowitsch, 
den Immermanns Trilogie dramatisch behandelt hat. (R. M. Meyer, Die 
deutsche Literatur d. XIX. Jahrh. 1900, S. 17.) 

2) Bulbena, a. a. O. 

3) HRE., 93 (1901), 305-309. 
*) Vor Weihnachten 1709. 



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- 29 - 

Übertritt durch sein Gewissen getrieben zu sein, stimmt dazu 
schlecht der Scherz in einem Briefe an dem Tage seiner feier- 
lichen Konversion ^), ebenfalls zu Bamberg, in dem er das dabei ge- 
sungene »Dominus vobiscum« verwandelt in: Dominus, wo bist du? 

Wenn er sich wiederholt beim Papste Clemens XL, dem 
Jansenistenbekämpfer^), um die Genehmigung des Abendmahls- 
kelches bemüht, so sollte vielleicht dieser Ehrenvorzug der Könige 
von Frankreich den Herzog dem von ihm nachgeäfften Louis XIV. 
gleichstellen. 

Den von seinem hohen Einsätze erwarteten Gewinn erzielte 
der Herzog nicht, obwohl er sich sogar die erste Weihe erteilen 
ließ. Er blieb nur Großvater der Kaiserin, wurde nicht mit 
größeren Ehren bedacht, so daß er bei der ersehnten Zusammen- 
kunft mit seiner Enkelin in Bozen nicht einmal bei ihr speiste. 

Bei beiden Konversionen ist der spätere Abt von Göttweig 
beteiligt, der so beherrschend über dem Donautal gelegenen 
Benediktiner-Abtei, dem deutschen Monte Cassino, die einst mit 
größerem Rechte als heute das Stift zum klingenden Pfennig hieß. 

Der bedeutendste Abt in der ganzen fast tausendjährigen 
Reihe, Gottfried v. Bessel ^), hervorragend als Abt, Staatsmann und 
Gelehrter, dessen Wirken und Bildnis etwas an den Freiherrn 
V. Stein erinnert, war vorher Offizial des Mainzer Kurfürsten. Er 
wurde als solcher zweimal an den braunschweigischen Hof 
gesandt: in Sachen der Konversion der Prinzessin, um ihr die 
letzten Bedenken zu nehmen, was schon nicht mehr nötig war; 
sodann, um dem geheimen Übertritte des Herzogs beizuwohnen. 
Es ist deshalb zu viel behauptet, er habe beide bekehrt. Er wurde 
nach einigen Jahren durch den Kaiser Abt von Göttweig und hier 
wiederholt von dem Kaiserpaare besucht. Er hat ein Akten- 
bündel'*) hinterlassen über die beiden Übertritte, seine Beteiligung 
daran, amtliche Stücke, theologische Bedenken und Erörterungen, 
Abschwörungsformel, eingehendste Beschreibung der Feierlich- 



lt. April 1710. 

2) KL., 32 (1884), 491-4%. HRE., 4^ (1898), 151. 

3) F. Albert, Gottfried v. Bessel und das Chronicon Gottwicense, 
S. A. a. »Freiburger Diöcesan- Archiv«, 27 Bd. (1899), 34 S. 

'*) Cod. 695. Wiederum habe ich hiebei öffentlich Sr. bischöflichen 
Gnaden Herrn Abt Dr. Dungl für die gastfreie Aufnahme und Herrn Prof. 
Dr. Fuchs für die freundliche Unterstützung meiner Arbeit zu danken. 



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- 30 - 

keiten, Reisenotizen, Paß und Rechnungen. Da eben bei seiner 
Ankunft die Arbeit an der Prinzessin schon getan war, erhalten 
wir hier über ihren Seelenzustand keine neuen Aufschlüsse. 

Zu Wien wurde die »schöne Lisel« mit der zartesten Rück- 
sicht behandelt; naturgemäß verwischten sich je länger je mehr 
die protestantischen Kindererinnerungen. 

Sie unterstützte die Bitte an ihren Vater, der freien Aus- 
übung der katholischen Religion in Wolfenbüttel nicht in den 
Weg zu treten. Aber vom Proselytenmachen war sie trotz mancher 
Gelegenheit dazu frei, so gern sonst gerade konvertierte Frauen 
zu werben pflegen. 

Fast unbegreiflich freilich war die Verirrung, die auch von 
katholischen Augen so angesehen wurde, daß nach der Geburt 
Maria Theresias sie ein Kind aus Gold anfertigen ließ, genau so 
schwer als der verstorbene Prinz Leopold Josef, und dies goldene 
Kind nach Maria-Zeil opferte, mit der Bitte, die Mutter Gottes 
möge die neugeborene Prinzessin in ihren besonderen Schutz 
nehmen. 

Als Witwe'') zog sie sich nach Ungarn zurück und stiftete 
den Elisabethen-Orden, aus dem Maria Theresia den Elisabeth- 
Theresien-Orden gestaltete 2). 

Elisabeths Geist wachte über der Jugend der Tochter; ihr 
Geist lebte in ihr fort. Maria Theresia glich der Mutter in der 
äußeren Schönheit und verdankt ihr auch innerlich das Beste. 
Die schöne Lisel und ihre Schwester Antoinette Amalia, deren 
Enkelin die Königin Luise, wurden die beiden Stammütter 
sämtlicher regierender europäischer Häuser, jene mit gegen 400 
meist katholischen, diese mit etwa 365 meist evangelischen Nach- 
kommen^). 



Die letzte Konvertitin in unserer Galerie ist die erste Ge- 
mahlin des Erzherzogs Franz, des späteren Kaisers, die in jungen 
Jahren starb, noch ehe sie das kaiserliche Diadem schmückte. Sie 
gehört ins »Elisabethen-Buch«: Elisabeth Wilhelmina Louisa 



1) Seit 1740. 

2) 21. Dez. 1750. 

3) O. Lorenz, Genalog. Atlas 1892, Taf. XX. 



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von Württemberg-Mömpelgard ^), auch sie die Schwester einer 
unglücklichen russischen Fürstin, der zweiten Frau Kaiser Paul l.^). 

Von ihrem Bruder, Prinz Ferdinand, nach Wien begleitet, 
bezog sie zunächst, auf Kaiser Josefs 11. Wunsch, das von Wil- 
helmine Amalie gestiftete Heim der Salesianerinnen 3), wo sie den 
Übertrittsunterricht empfing; dann siedelte sie in die Hofburg 
über und legte in der Hofkapelle das katholische Glaubens- 
bekenntnis ab.'*) 

Dafür erbte sie vielleicht vom katholischen Vater 5) eine 
innere Neigung, so daß weniger von Bekehrung als Belehrung zu 
reden wäre. Schon ihrer Ankunft in Wien war die frohe Kunde 
vorausgeeilt, daß sie lebhaften Eifer für die katholische Religion 
zeige. Friedrich der Große, der die politisch ihm unbequeme 
Heirat hindern wollte, hatte vergeblich auch zu der Erklärung 
seine Zuflucht genommen, als Bürge des Heiratsvertrages der 
Eltern, laut dessen die Kinder protestantisch erzogen werden 
sollten, dürfe er den Übertritt der Elisabeth nicht zugeben. 

Den protestantischen Richtpunkt der Mutter^), die sich zu- 
erst gegen die Wohnung der Tochter im »Kloster« gesträubt, hielt 
der Bruder Ferdinand ein. Er war in die österreichische Armee 
eingetreten und als Oberstleutnant nach Klagenfurt in Garnison 
gekommen. Dorthin beschied er gerade zu Weihnachten, dem 
Übertrittsfeste der Schwester, für sich, seine Dienerschaft und 
andere Glaubensgenossen des Militärs den evangelischen Pastor 
Hagen aus Arriach und berichtete darüber nach Wien. Die Hof- 
kanzlei gab ihr Gutachten für nachträgliche Genehmigung der Eigen- 
mächtigkeit ab, die viel Aufsehen erregte. Kaiser Josef erklärte 
in seinem strengen Sinn für Gesetzlichkeit, da in Klagenfurt die 
nach dem T^oleranzpatente vorgeschriebene Zahl von Akatholiken 
nicht vorhanden sei, das durch die Finger Sehen für einen sehr 



^) Geb. 21. April 1767, gest. 18. Feh. 1790. Janitschek, a. a. O., 
S. 105. Josephinische Kuriosa 1848. 1. Band. Wurzbach, Lexikon 6 (1860), 
171—173. H. Weyda, Briefe an Erzh. Franz von seiner ersten Gemahlin 
Elisabeth 1785-1789, »Archiv für österr. Geschichte«, 44 (1871), S. I-XVllI. 
1—262. E. Wertheime r, die drei ersten Frauen des Kaisers Franz 1893. 

2) Dorothea Auguste Sophie Maria Feodorowna. 

3) 4. Oktober 1782. 
'*) 26. Dezember. 

5) Herzog Friedrich Eugen von Württemberg. 

6) Herzogin Friederike Dorothea Sophie. 



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- 32 - 

falschen Grundsatz einer guten Administration. Allerdings könne 
dem Prinzen so wenig als anderen Akatholiken in Klagenfurt ver- 
boten werden, einen Pastor für sich, seine Privatandacht oder im 
Erkrankungsfalle kommen zu lassen. ■•) 

Dies scheint der erste Fall zu sein, in dem die evangelische 
Militärseelsorge in Frage stand. 2) 

Die Erzherzogin mußte sich schon zwei Monate nach der 
Hochzeit^) ebenso viele von ihrem Manne trennen, der durch den 
Türkenkrieg ferngehalten wurde. Die meist französischen Briefe, die 
sie in dieser Spanne Zeit an ihn richtete und die Franz sorgfältig 
aufhob, der später Elisabeth als seine Geliebte unter seinen vier 
Frauen bezeichnete, geben ein anziehendes Bild ihres innigen Ge- 
mütes. Sie fesseln nicht nur dadurch, daß sie das Sehnsuchts- 
thema in 228 leidenschaftlichen Abwandlungen wiederholen, sondern 
auch durch die religiöse Stimmung. 

Die Erzherzogin wird nicht müde, dem schmerzlich Ent- 
rissenen zu sagen, daß sie ohne ihren Franz, ihren eher et ado- 
rable ami, ihren meilleur ami nicht leben kann, sie sein »Ripperle«, 
sein »Wuzerle«, sein Weiberl; denn gelegentlich durchbricht deutsche 
Zärtlichkeit die würdevollen und herkömmlichen französischen 
Schranken. Freilich klagt sie, »der lustige Humor, der Dir so 
gefällt, hat mich ganz verlassen«; noch treibt er in kleinen 
Neckereien sein Spiel, aber die gefühlsselige und wehmütige 
Stimmung, so angemessen dem eigenen Schicksal und dem »Jahr- 
hundert der weichgeschaffenen Seelen«, nimmt immer mehr über- 
hand. Nur wenn sie dem entfernten Geliebten eine Freude 
bereiten kann, wenn sie seioe sehr regelmäßigen Trostbriefe liest, 
hat sie eine gute Stunde. Die Vögelchen, die er ihr schenkte, 
sind ein schwacher Ersatz seiner Zärtlichkeit. Eins schläft auf 
ihrer Brust, und als eins stirbt, weht eine abergläubische Ahnung 
durch den Brief; sie scheint Untreue zu fürchten; da gerade 
kommen reiche Geschenke, gegen die ihre Bescheidenheit sich 
sträubt. Sie selbst sucht Kriegskarten aus, entdeckt in der »Bibel 
der Natur« ein Werk über Insekten, das seinen Liebhabereien 
entgegenkommt und packt Leckereien dazu. Sie mag selbst 



Vgl. G. Frank, Das Toleranzpatent, 1882, S. 37. 

2) »Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus 
in Österreich«, 21 (1901), 77. 

3) Die am 6. Juni 1788 stattgefunden. 



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- 33 ~ 

keine Bitte aussprechen. Auch darin erhebt sie sich über ihre 
meisten Standesgenossinnen, daß sie ihre Einsamkeit unterbricht 
durch das Anhören von juristischen Vorlesungen. Sie erzählt mit 
Befriedigung von ihren, sonst meist zum Schein und zur Schau- 
stellung unternommenen, Besuchen bei den Elisabethinerinnen ^); 
ihre Menschenfreundlichkeit zeigt sich weiter darin, daß sie ihrer 
kranken Hofmeisterin vorliest. 

Über religiöse Dinge redet sie nicht viel, obschon sie ihre 
regelmäßige Anwesenheit bei Andachten, Messen, geistlichen 
Übungen und der österlichen Beichte vermerkt, nach der ihr der 
Besuch des Bruders Ferdinand natürlich ungelegen kommt. Alle 
Briefe atmen kindlich-frommen Sinn; oft betet sie für den Ge- 
liebten. Am liebsten eilte sie ins Lager, wenn sie sich nicht vor 
dem Kaiser fürchtete. 

Noch schwerer litt sie, als sie im nächsten Jahre nach zehn- 
monatlichem Beisammensein, sich abermals trennen mußte; denn 
zu dem Sehnsuchtsschmerz kam die Mutterhoffnung. Mit Rührung 
erzählt sie, wie der Kaiser, dessen Liebling sie war, ihr die 
Prunkgegenstände für die Taufe im voraus zeigte. Sie sollte an 
dem ersehnten Glücksbecher nur nippen. 

Sie freut sich, daß für sie gebetet wird, und daß öffentliche 
Gebete für den Erfolg der österreichischen Waffen angeordnet 
werden. Das Gebet ist ihr die einzige Zuflucht in allen Übeln: 
»Wenn Gott mit uns ist, haben wir nichts zu fürchten; ist er 
gegen uns, würden uns die furchtbarsten Mächte nichts helfen«, 
ein Bekenntnis, mit dem sie sich auf den Boden eines den Kon- 
fessionen gemeinsamen Christentums stellt. 

Sie starb im ersten Kindbett unter ergreifenden Umständen. 
Trotz ihres gefährlichen Zustandes setzte sie es durch, den 
mit dem Tode ringenden Kaiser zu sehen. Josef versuchte, wie 
erzählt wird, durch gedämpfte Beleuchtung ihren Schreck über 
sein Aussehen zu mildern. Sie fiel doch in Ohnmacht und starb 
kurz darauf nach schwerer Entbindung, zwei Tage vor dem 
Kaiser. 



Vgl. KL, 42 (1886), 399 f. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 



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An der Spitze unseres Zuges steht eine evangelische Frau, 
ihn beschließen drei, die evangelisch geboren und geblieben sind; die 
beiden ersteren reformiert, die letzte lutherisch: Henriette von 
Nassau-Weilburg^), Hermine von Anhalt-Schaumburg und Maria 
Dorothea. Von der ersten wissen wir nur wenig, zumal auch 
sie noch jung starb. Die Akten zu Weilburg 2) sind nicht sehr 
ergiebig, und die in der »Albertina« zu Wien werden, als zur 
engsten Familiengeschichte gehörig, niemandem ausgefolgt 3) 

Sie vermählte sich mit dem ein Vierteljahrhundert älteren Erz- 
herzog KarH), dem damaligen Gouverneur der Bundesfestung Mainz, 
der seit Laudon und vor Radetzky volkstümlichsten Gestalt der 
österreichischen Armee, als der »Oberwinder des Unüberwindlichen«, 
als der in Geschichte und Lied viel gefeierte Sieger von Aspern, 
wie ihn Fernkorns Denkmal auf dem Heldenplatze verleiblicht, mit 
den Inschriften des kaiserlichen Großneffen: »Dem heldenmütigen 
Führer der Heere Österreichs«, »Dem beharrlichen Kämpfer für 
Deutschlands Ehre«. Theodor Körner^), Nik. Lenau^) und Grill- 
parzer ^) haben ihn angesungen. Freilich haben neuere Kritiker seine 
militärische und strategische Bedeutung erheblich herabgemindert.®) 

Die Trauung ging nach katholischem Brauch vor sich, laut 
Ehevertrag sollen die Kinder in der katholischen Glaubenslehre 
erzogen werden. »Weil jedoch die Fürstin-Braut sich zur evan- 
gelisch-reformierten Lehre bekenne, so werden der Kaiserlichen 
Hoheit Höchstdero Religionsübungen nach dem Bekenntnis allent- 

^) Henr. Alexandrjne Friederike Wilhelmine, geb. 30. Okt. 1799, gest. 
29. Dez. 1829, Tochter des Herz. Friedr. Wilh. von Nassau-Weilburg (gest. 
1829) und der Henriette von Württemberg, gest. 1858. Duller, Erzh. Karl, 
1847, S. 731—734. Wurzbach, Lexikon, 6 (1860), 277. 

2) Sign. 1319 f bis 1949. 

3) Auch das ungeordnete erzherz. Archiv zu Teschen ist unbrauchbar. 

^) 1771-1847. Wurzbach, Lexikon, 6 (1860), 372, 386. Ed. Wert- 
heim er, Geschichte Österreichs und Ungarns im ersten Jahrzehnt des 
19. Jahrhunderts, 2. Bd., 1890. 

5) Karl und Aspern ist ins Herz gegraben 
Karl und Aspern donnert der Gesang. 
»Auf dem Schlachtfelde von Aspern.« 

^) 1843: Der Schreck der Heere stehet nun vor uns, 
Ein Held an frommer Milde, 
Für jeden, den er schlug auf rauher Bahn, 
Lebt einer, dem er freundlich wohlgetan. 
') 1843: Du echter Fürst! Vergessend nie der Würde, 

Nicht mild, weil schwach, volkstümlich, weil gemein. 
8) Vgl. Hans Delbrück, Erzherzog Karl. »Preußische Jahrbücher«, 
105 (1901), 381-403. 



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Erzherzogin Henriette. 

Aus der k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek. 



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halben erleichtert, besonders auch dahin, wenn das Ehepaar künftig 
an einem Orte die Residenz nehmen würde, wo keine reformierte 
Kirche befindlich ist, einen eigenen Hofkaplan ihres Bekenntnisses 
bei ihrem Hoflager zu bestellen.« 

Henriette lebte abwechselnd in Wien und auf Schloß Weil- 
burg bei Baden (N.-Ö.), das nach dem Muster des Stammschlosses 
erbaut war. In Wien wurde auf ihr Andringen für sie an der 
reformierten Kirche, die ja bis zum »Protestantenpatent« "•) noch 
keinen Eingang von der Straße haben durfte 2), ein Thor aus- 
gebrochen, kraft der gekünstelten Gesetzesauslegung, daß dieses 
Tor erst in einen Gang und nicht unmittelbar in die Kirche 
führe. Dies genehmigte und doch eigentlich ungesetzliche Loch 
in der chinesischen Mauer wurde nach dem Tode der Fürstin 
vorschriftsmäßig wieder verschlossen; 3) eine stummberedte Ver- 
anschaulichung der interkonfessionellen, intoleranten Toleranz- 
verhältnisse; eine Zeichensprache al fresco mit der Maurerkelle, 
die den Humor herausfordert.^) 

') 1861, § 2. 

2) Laut Toleranzpatent; G. Frank, Das Toleranzpatent, 1882, S. 38. 

3) Die evang.-reform. Gemeinde zu Wien. Eine Denkschrift, 1852, 
S. 17. Ch. A. Witz, Zur hundertjährigen Jubelfeier der evang. Kirchen- 
gemeinde HC in Wien, o. J. (1884), S. 11. 

^) In den Akten des k. k. Oberkirchenrates zu Wien (OKR.) und der 
reformierten Gemeinde daselbst (GHC.) befinden sich hierüber folgende 
Stücke : 

1. Note der Landesstelle an das Konsistorium wegen der Eröffnung 
der Türe. Er ist so kennzeichnend, daß er mitgeteilt zu werden verdient: 
An das löbl. Consistorium der helvetischen Confession, 884. 
18/CXXl., vom 30. Jänner 1816. Archiv d. k. k. OKR. 

Note. 

Die hohe Landesstelle hat mit Dek. v. 28. Dez. Xb, 1815, Z. 40821, 
eröffnet: über die Anzeige des k. k. Hofarchitekten Johan Aman, daß für 
Ihre k. Hoheit die Erzherzogin Henriette in dem hiesigen reformirten Bet- 
hause ein Oratorium hergestellt werden solle und durch die sogleich b. M. 
veranlaßte Besichtigung der Lokalitätsverhältnisse, in wie weit die bestehende 
ToUeranz-Verordnung die Eröffnung der Thüre zum Privateingang in dieses 
Bethaus für Ihre k. Hoheit zulässig machen, hat die Regierung die Über- 
zeugung erhalten, daß diese zu eröffnen angetragene Thüre vorerst in einen 
Gang führt, aus welchem erst der Eingang in das Bethaus statt haben 
kann, und daß daher die Eröffnung dieser Thüre den Verordnungen nicht 
zuwider sey. 

Die hohe Landesstelle bewilliget demnach die Eröffnung dieser Thüre 
auf die angegebene Art zum ausschließenden Gebrauch für Ihre k. Hoheit 
die Frau Erzherzogin mit dem Beysatze, daß der Schlüssel immer in den 
Händen der bei dem Bethaus angestellten Personen in Verwahrung gehalten 
und auf den Fall, daß Ihre k. Hoheit über kurz oder lang keinen Gebrauch 

3* 



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Des Erzherzogs freundliche Haltung gegenüber den Glaubens- 
genossen der Gattin beweist u. a. die Hymne, die die evangelische 
Schuljugend von Ustron ihm widmete. ^) 

mehr davon machen sollten, das Ganze wieder in den alten vorigen Stand 
zurückgesetzt werde. 

Welches man dem löbl. Konsistorium mitzutheilen die Ehre hat. 

Wien, 10. Jänner 1815 (1. 1816). 

2. Note der k. k. n.-ö. Landesregierung an die »Vorsteher des Bet- 
hauses der reformirten Gemeinde« mit dem Inhalt wie 1). 

Wien, den 28. Dez. 1815. präsentirt 10. Jan. 1816. 
Z. 40821. (GHC.) 

3. Note der Stadthauptmannschaft, mit dem Inhalt wie 1), dem ö. 
Herrn Superintendenten zur amtlichen Wissenschaft und zur Verständigung 
der Herren Vorsteher der ev. Kirchengemeinde HC mitzutheilen. 

Wien, 18. März 1816. Sign. 18/CXXl vom 10./30. Januar 1816. (OKR.) 

4. Note an den ö. H. Superintendenten laut 3), zur Wissenschaft und 
zur Verständigung der H. Vorsteher der ev. Gem. H C. 

Wien, 18. März 1816. Sign. Ad 18/CXXl (OKR.) 

5. Protokoll über die am 26. Februar 1830 gehaltene Zusammen- 
tretung der Herren Vorsteher und Repräsentanten der Wiener ev. Gemeinde 
HC. (N. 11 ad 1830) (GHC). 

III. Da durch das Hinscheiden 1. K. H. der Frau Erzherzogin Henriette das 
von ihr innegehabte Oratorium nicht mehr benützt wird, dagegen aber beson- 
ders an hohen Festen die Gemeinde nicht Raum genug im Bethause findet, so 
wurde durch Stimmenmehrheit beschlossen, dies Oratorium abtragen zu lassen. 

IV. Bereits im Jahre 1816 war von Seiten der N.-Ö. Regierung der 
Auftrag gekommen, die für den ausschließlichen Gebrauch der Frau Erz- 
herzogin auf die Straße ausgebrochene Thür sogleich wieder vermauern zu 
lassen, wenn sie keinen Gebrauch mehr davon machen sollte; da nun der 
Fall durch den Hintritt der Frau Erzherzogin eingetreten ist, so wurde .... 
ein im Namen der Herren Vorsteher stylisirtes Gesuch an das k. k. Kon- 
sistorium vorgelesen, womit diese Stelle angegangen wird, höheren Ortes 
eine Frist-Verlängerung zu erwirken, damit diese Reparatur in besserer 
Jahres-Zeit vorgenommen werden könne. — Zu den Unterzeichneten gehören 
der Sup. Justus Hausknecht und Prediger G. Franz. 

6. Mittheilung (des Gemeinde-Vorstehers), daß die Thür wieder ver- 
mauert ist. Wien, 24. Aug. 1830. 

Sign. 226/CLXXIX 30. Aug. (OKR.) 

7. Anzeige des Konsistoriums an die n.-ö. Regierung über die Ver- 
mauerung. Wien, 31. Aug. 1830. Sign. 226/CLXXlX 24. bis 30. Aug. (OKR.) 

8. Bestätigung der n.-ö. Reg. an das Kons, über den Empfang von 
7., 13. Sept. 1830. Z. 50382. Sign. 244/CLXXIX vom 22. Sept. (OKR.) 

9. Referat im Konsistorium, daß die n. ö. Regier, den Vorstehern der 
Gemeinde HC. die Kentnisnahme von 7) bestätigt habe. 

Sign. 244/CLXXIX (OKR.) 

10. Das Konsistorium macht der Gemeinde Mittheilung von 9), 22. Sept. 
1830. Sign. 244/CLXXIX (OKR.) 

Sr. Exzellenz Herrn Oberkirchenrats-Präsidenten Dr. Franz und Herrn 
Oberkirchenrat Dr. Witz-Oberlin danke ich die Überlassung dieser Akten. 

^) Im Archiv der »Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus 
in Österreich«. 



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Unter den sechs Kindern sei, das älteste erwähnt, Feld- 
marschall Erzherzog Albrecht, der Sieger von Custozza, der durch 
sein DenkmaP) und die Literatur über den »Kampf um die Vor- 
herrschaft in Deutschland« 2) in hellere Beleuchtung gerückt ist, 
und Erzherzog Friedrich. Beide entziehen sich auf ihren großen 
Gütern nicht der kirchlichen Versorgung ihrer evangelischen 
Arbeiter. 

Dem Feldmarschall wurde in der Kirche seiner Mutter ein 
Trauer-Gottesdienst gehalten. ^) 

Der plötzliche Tod der in Palästen und Hütten geliebten 
noch jugendlichen Fürstin — auf ihrem Sarge steht: morte prae- 
matura decessit — gab zu vielen Verhandlungen wegen des 
Zeremoniells Veranlassung; es mußte ein besonderes aufgestellt 
werden. Die Aufbahrung der einbalsamierten Leiche geschah 
nicht in der Burgkapelle, sondern in der »Ritterstube«. Es fiel 
auf, daß bei deren Anblick eine große Anzahl in Weinen aus- 
brachen. Bei dem Eintritt wie Austritt fanden dieselben Feierlich- 
keiten wie bei katholischen Gliedern des Kaiserhauses statt 
Der Hofburgpfarrer empfing selbst den Sarg und geleitete ihn 
gemeinschaftlich mit dem reformierten Superintendenten und dessen 
Beiständen. 

Der Konsistorialrat und Superintendent Justus Hausknecht,"^) 
auch Direktor der »theologischen Lehranstalt«, 5) hielt eine, wie 
es heißt, von allen Anwesenden mit großer Rührung aufgenommene 
Leichenrede,^) die leider lebensgeschichtlich sehr inhaltslos ist. 
Doch versichert der Redner, daß es ihm oft vergönnt war, in die 
Tiefen des Gemütes der Fürstin zu blicken, so daß er mit frohem 
Staunen und heißem Dank gegen Gott einen Reichtum von Milde 
und Demut, von Güte und Frömmigkeit gewahrte, wie er nur 
selten sich finden mag. 

Nicht nur den Prunkrednern, auch der Geschichte gilt sie 
als eine edle Frau. Im übrigen wurde der herkömmliche Kirchen- 

') Vor seinem Palais, von Zumbusch, 1898 errichtet. 

2) Von Friedjung, 6. Aufl., 1904, s. v. 

3) Am 24. Febr. 1895. 0. Schack, Rede beim Trauergottesdienst für 
weil. Se. k. k. Hoheit Feldmarschall Erzh. Albrecht, 1895. 

*) F. Schauer, Lebensgeschichte des J. Ch. G. Hausknecht, 1834. 
G. Frank, Die k. k. ev.-theol. Fakultät in Wien, 1871, S. 26. 
5) Der Vorläuferin der jetzigen k. k. ev. theo!. Fakultät. 
^) Ein Exemplar derselben auf der k. u. k. Hofbibliothek zu Wien, 



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- 38 - 

brauch beobachtet, nur daß der Klerus nicht das Amt verrichtete. 
In der Kapuzinerkirche wurde von der Hofkapelle das Miserere 
gesungen; die einzig mögliche katholische Feierlichkeit fand daher 
in ihrem ganzen Umfange statt. Die übliche Beisetzung des Herzens 
in der Augustiner-Kirche, der Eingeweide in St. Stephan, unterblieb. 

Ein französischer Brief an den Staatsminister Baron Marschall 
V. Biberstein in Wiesbaden läßt uns einen Blick hinter die Bühnen- 
wände tun. Einige Eiferer fanden es unpassend, daß die Leichen- 
rede in der Hofburg gehalten wurde, wo einst die evangelischen 
Stände Kaiser Ferdinand 11. Zwang angetan; sie meinten die 
sagenhaft ausgeschmückte »Sturmpetition«. ^) Sie beanstandeten, 
daß zwei katholische Geistliche, wenn auch ohne Amtstracht 
neben dem Superintendenten gestanden. Sie wurden damit be- 
schwichtigt, daß diese Priester dessen Rede hätten überwachen 
sollen. Die sonstige Abwesenheit des Klerus und die Unterlassung 
der besonderen Beisetzung von Herz und Eingeweiden hatte der 
Nuntius mit Metternich vereinbart. Die Aufnahme in die Kapuziner- 
gruft hatte der Kaiser erzwungen, wie man sagt, mit der Be- 
gründung, daß die Verblichene wie im Leben, so auch im Tode, 
mit dem Kaiserhause vereint bleiben solle und mit der Drohung, 
im Weigerungsfalle alle kaiserlichen Särge aus der Gruft zu ent- 
fernen. 

Diese Ehe hat eine literargeschichtliche Bedeutung gewonnen, 
Grillparzers Esther-Fragment, »von dem die woltuendste Harmonie 
ausgeht, das die Künstlerschaft des Dichters vielleicht im strah- 
lendsten Lichte zeigt«, ist durch sie angeregt. ^) Frau v. Littrow 
erzählt uns »aus dem persönlichen Verkehr mit dem Dichter«^) 
nach der ersten Aufführung näheres über den Plan des Ganzen. 
Der sonst religiös teilnahmslose Grillparzer sagt: 

Ich wollte darin Ideen von Staatsreligion und Duldung aussprechen, 
die mich hauptsächlich auf diesen Stoff geführt hatten; die Religion und 



^) A. Hub er, Neue Mitteilungen über die »Sturmpetition« der prot. 
Stände Österreichs am 5. Juni 1619. »Mitteilungen des Instituts für öst. 
Geschichtsforschung«, 14 (1893), 381, ebd. 15 (1894), 394-400, 664-672, 16 
(1895), 662-664. Fr. M. Mayer, Geschichte Österreichs, 2 (1901), 123. 

2) In der Ergänzung durch den Stuttgarter Literarhistoriker Rud. 
Krauß ist es der Bühne zugänglich gemacht worden; die zweite Hälfte ist 
freilich gegen den Anfang Gr.s matt. Schon Karl v. Heigel hatte für die 
Sonder-Vorstellungen Ludwigs II. eine vervollständigte Esther geschrieben. 

3) 1873, S. 153-166. »Halte, was du hast«, 7 (1874), 97 f. 



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— 39 - 

nicht die Liebe sollte den Inhalt dieses Dramas ausmachen, ja die letztere 
nur d€n Knoten in schöner Weise schürzen. Diese Heirat des Erzherzogs 
mit der Protestantin, einer gar herrlichen Frau, die allgemein geliebt und 
geehrt wurde, hatte eigentlich erst im Volke, d. h. in der Wiener Bevölkerung, 
auf solche Ideen geführt, die damals in Österreich noch ganz fern lagen — 
fünf Jahre nach dem Tode der Fürstin erfolgte die Austreibung der Ziller- 
thaler — Ideen, die nun in der Gesellschaft und in den Familien zu vielerlei 
Gesprächen über Religionsfreiheit und dergleichen führten. Das war auch 
vielleicht ein Grund, weshalb es bei mir nicht zur Fortsetzung kam, denn 
ich hätte ja meine Arbeit vor der Polizei sorgfältig verbergen müssen, und 
solche Heimlichkeiten waren mir äußerst verhaßt. 

Hamann soll dem Könige vorstellen, wie die Verschiedenheiten der 
Religionen im Staate nicht zu dulden seien, und welche Gefahren daraus 
entspringen können. Hier wäre eine große Szene über das Recht des 
Staates der Religion gegenüber, über die Stellung der Religion im Staate, 
über Glaubensfreiheit, politische Rechte und kirchliche Satzungen gekommen. 

Das ist gleich so ein Punkt gewesen, der mir alle Lust zur weiteren 
Arbeit nahm, denn das hätte damals unter keiner Bedingung gespielt, viel- 
leicht, ja ganz gewiß nicht einmal gedruckt werden können. 

Literarhistoriker^) haben freilich diese Äußerungen mit kühnem 
Griff als zu seltsam hingestellt, so daß man die in Grillpafzers 
Alter oft beklagte Gedächtnisschwäche, infolge eines Sturzes, dafür 
verantwortlich machen möchte. Gewiß erregt insbesondere der 
Plan Bedenken, Esther, die mit Verleugnung ihres Glaubens 
beginnt, durch Unwahrheit Königin geworden ist, als Kanaille 
sterben zu lassen. 

Immerhin wird das ausführliche Eigenzeugnis des Meisters 

schwer zu beseitigen sein. 

*. * 

* 

Ehe wir uns der letzten und eindrucksvollsten Gestalt unserer 
Frauengruppe, Maria Dorothea, nähern, haftet der Blick auf einer 
schnell dahin welkenden Blüte, ihrer Vorgängerin, der zweiten 2) 
Frau des Erzherzogs Josef, H e r m i n e, ^) ältesten Tochter des 
Herzogs Viktor Karl Friedrich von Anhalt-Bernburg-Schaumburg. 
Sie brachte dem Palatin die Grafschaften Schaumburg und Holz- 
appel zu. 

Auch über sie haben sich nur wenige Nachrichten aufspüren 
lassen. 



W. Scherer, Vorträge und Aufsätze, 1874, S. 266 f. 

2) Die erste Gattin war eine Nichte der »schönen Lisel«, s. ob. S. 30. 

3) Geb. 2. Dez. 1797, vermählt zu Schaumburg 20. Aug. 1815. gest. 
14. Sept. 1817. 



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- 40 - 

Zunächst haben wir die Beschreibung der »Konfirmations- 
Feier« zu Schaumburg, mit den Gebeten, Reden und Gesängen, 
auch mit der eingehenden Prüfung der 17jährigen, schon ver- 
lobten Fürstin.^) Das Archiv zu Zerbst^) besitzt den Ehevertrag 
im Auszuge, die Urschrift ist nicht auffindbar. Es heißt darin, 
daß mit Vorwissen und Genehmigung Sr. k. k. apostolischen. 
Majestät als Familien-Oberhauptes ein ehestens durch priester- 
liche Einsegnung zu bestätigendes Eheverlöbnis geschlossen sei. 
Ein Übertritt der reformierten Fürstin fand nicht statt, doch trat 
natürlich katholische Kindererziehung ein. Eine Zwillingsgeburt 
kostete der noch nicht Zwanzigjährigen ds^s Leben. 

Während ihrer kurzen Ehe gab sie sich mit großer Freund- 
lichkeit Mühe, die Ofener und Pester Damen zu einem Wohl- 
tätigkeits-Vereinsleben anzuregen. Ihrem Andenken ist der »Her- 
minen-Weg« und die »Herminen-Kapelle« im Stadtwäldchen zu 
Budapest gewidmet. 

Ihre Tochter Hermine Amalia Maria 3) wurde Äbtissin des 
k. k. theresianischen adeligen Damenstiftes auf dem Prager 
Schloß; ihr Sohn Stephan Viktor*) wurde Statthalter in Böhmen, 
dann würdiger Nachfolger seines Vaters, der letzte Palatin von 
Ungarn. Seit dem Revolutionsjahre lebte er, von der Kossuthpartei 
als Vaterlandsfeind verfehmt, aber auch vom Kaiserhofe verbannt 
unter dem Verdachte, nach der Krone gestrebt zu haben, als Fürst 
von Schaumburg in seinem mütterlichen Erbe auf dem von ihm 
erbauten Schloß Schaumburg. Der Leseunterricht, den er selbst 



^) Friedr. Aug. Braun, Fürstl. Anhalt-Bemburg-Schaumburg'scher 
Hofprediger. (Wien.) 1815. (Herr Pfarrer Schmidt in Preßburg hatte die Güte, 
mir sein Exemplar zur Einsicht zu geben.) Derselbe, Einige Predigten auf 
Veranlassung der Vermählung des Erzh. Joseph mit Fürstin Hermine von An- 
halt. (Pest.) 1815. Derselbe, Predigten im kgl. Schlosse zu Ofen 1817— 1818. 
(Pest.) 1819. Andr. Nagenszeghy, A Hertzegek vagy az öröm nyomäba 
l^pett gyäsz. K. Cleynmann u. Brunn, Erzh. Hermine, Trauerfeier, 1817. 
Wurzbach, Lexikon, 6 (1860), 328. Nicht einmal in dem ungarischen 
Lexikon »Pallas« ist H. erwähnt. Weder das Schaumburger Archiv noch das 
ehemals herzogl. Nassauische zu Wiesbaden enthalten Nachrichten über sie. 

2) Nach freundlicher Mitteilung des H. Archivrates Dr. Wäschke in 
Zerbst. 

3) Geb. 14. Sept. 1817. Gest. 13. Febr. 1842. 

*) Geb. 14. Sept. 1817. Gest. 1867. Wurzbach, Lexikon, 7 (1861), 
150—155. Erzh. Stephan von Österreich, 1868. Allgem. deutsche Biogr., 36 
(1893), 71-78. 



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- 41 ~ 

den kleinen Kindern seiner Beamten gab, bildete eine seiner liebsten 
Zerstreuungen; er starb zu Mentone. 

* * 

* 

Die einzige evangelische Fürstin im Hause Habsburg-Loth- 
ringen, die nicht nur ihren Glauben bewahrte und bekannte, 
sondern auch öffentlich eingreifend betätigte und durch dauernde 
Liebeswerke bekundete, war Henriettens Cousine, Herminens Nach- 
folgerin, Maria Dorothea, Palatinissa von Ungarn,^) die längst 
eine eingehendere Schilderung verdient hätte. 

Ihre Mutter, Henriette von Nassau-Weilburg, 2) aus der 
Familie Wilhelms von Oranien, wird als schön, geistvoll und 

Geb. 4. Sept. 1800. Gest. 30. März 1855. 

Ge. Bauhof er, Predigt, Zur Todesfeier der weiland durchlauchtigsten 
Frau Maria Dorothea, geh. am 29. April 1855. (Pest.) 1855. J. Sz^käcs. 
Egyhäzi Beszed, meliyet Boldogult Maria Dorothea . . . Ö Fens^ge Halotti 
Gyäsztisztelete alkalmäval, 1855, mäjus 3. 1855. (Pest.) »Protest. Jahrbücher 
für Österreich«, 2 (1855), 167—172. Maria Dorothea auf dem Katafalk, in 
»Vasärnapi Ujsäg«, 1855, S. 122. »Wiener Zeitung«, 1855, 1. April, S. 884. 
Wurzbach, Lexikon, 6 (1860), 328. 7 (1861), 43-46. Fövarosi Lapok, 
1876, S. 202. E. A. Do lese hall, Das erste Jahrhundert aus dem Leben einer 
hauptstädtischen Gemeinde (Pest, AC). 1887, S. 101 f., 169 f. »Pallas« (Ung. 
Lexikon), 5 (1893), 1460. Szilägyi, a magyar nemzet tört^nete, 10. Bd., 1897, 

Im kgl. württembergischen Staatsarchiv zu Stuttgart 
befindet sich eine kleine Anzahl wehig belangreicher Korrespondenzen der 
Erzherzogin. Es sind meistens kurze Gratulations- und Danksagungs- 
schreiben an König Friedrich von Württemberg, ihren Oheim, aus den Jahren 
1807—1816. Über die Akten im kgl. ungar. Staatsarchiv zu Budapest, im 
kgl. Ungar. National-Museum ebd. (vgl. auch daselbst: Journal- Abteilung, 
Ofener gleichzeitige Zeitungen), im Generalarchiv der luth. Gem. zu Buda- 
pest und im Archiv der reformierten Gemeinde von Buda, s. u. S. 51 ff. 

Im Besitze des Sohnes, des H. Stefan Bänhegyi, kgl. Schulinspectors 
zu Bek^s-Gyula, B^k^ser Komitat, befindet sich das Tagebuch seines Vaters, 
des Pfarrers Georg Bauhofer. Der Folioband umfaßt einen Zeitraum von 
30 Jahren; seinen Hauptinhalt bildet das Verhältnis des Schreibers zur Palati- 
nissa. Ferner gehören dazu 50 Briefe, die sich meist auf die Familien- 
verhältnisse Bauhofers beziehen. 

Dazu kommen briefliche Mitteilungen aus der Familie Bauhofers und 
von Pfarrer Schmidt-Preßburg. Ferner Briefe im Besitze des Herrn Pfarrers 
M^szaros zu Kecskem^t. Den genannten Herren, wie Herrn Pfarrer Scholz 
zu Budapest und Herrn Pfarrer Ludw. Szeber^nyi in B^k^s-Csaba sei auch 
hier für ihre Mitteilungen geziemend gedankt. 

2) Geb. 22. April 1780, gest. 2. Jan. 1857, Gattin des Herzogs Ludwig 
von Württemberg, Vaterbruders von König Wilhelm 1. von Württemberg; 
Allgem. Deutsch. Biogr., 11 (1880), 786 f. 



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— 42 - 

hochgebildet, als zart und kernhaft gerühmt, zugleich als eine 
Zierde der inneren und äußeren Mission, als Armenmutter und 
Gründerin von Wohltätigkeits- Anstalten, voll Aufopferung, Selbst- 
verleugnung und echten Christensinnes, so daß sie sich auch 
beim Gottesdienste mitten unter die Gemeinde setzte. 

Ihr treues Abbild war die Tochter, wenn auch minder schön, 
bei stattlicher Erscheinung. 

Sie vermählte sich mit dem zwei Jahrzehnte älteren Erz- 
herzog Josef, ^) also als seine dritte Gattin, zu kinderreicher Ehe. 2) 

Der Palatino) war ein gebildeter und liebenswürdiger Fürst, 
von den Ungarn »der Gute« genannt. Er förderte die Landwirt- 
schaft und den Verkehr; war ein Freund von Kunst und Wissen, 
bedacht auf Hebung der Literatur, Erhaltung und Auffindung von 
Denkmälern. Obschon der Hierarchie sehr zugetan, so daß nicht 
immer geschah, was die Akatholiken als ihr Recht beanspruchten, 
war doch sein Billigkeitsgefühl und der Einfluß der Gattin zu 
stark, als daß die Neigung zu seiner Kirche zum Verderben der 
Evangelischen hätte ausgebeutet werden können.'*) Er begünstigte 
die Bestrebungen der Palatinissa, wenn er sie auch nicht immer 
vor den versteckten Verfolgungen des ungarischen Klerus zu schützen 
vermochte, so iaß sie gelegentlich zu einer geistigen Geheim- 
schrift ihre Zuflucht nahm. 5) Er soll sogar schließlich zum Kern- 
punkte der lutherischen Lehre gestanden haben. So konnte ihm 
anläßlich seines einundfünfzigjährigen Statthalter-Jubiläums^) der 
Pester Konsenior eine schwungvolle lateinische Ode in fünf alcäi- 
schen Strophen widmen.*^) 

Maria Dorothea reiht sich den gebildetsten Frauen würdig 
an in ihrer Liebe zur Wissenschaft und Kunst, namentlich der 



^) Zu Kirchheim unter Teck in Württemberg, am 24. Aug. 1819. 

2) Sie ist die Vorfahrin ihr wenig ähnelnder Fürstinnen geworden: 
als Mutter der Königin Marie Henriette von Belgien (gest. 1902), als Groß- 
mutter der Erzherzogin Stephanie und der Prinzessin Luise von Koburg; 
sie ist die Urgroßmutter des jetzigen Königs von Spanien. 

3) Geb. 9. März 1776; gest. 13. Januar 1847. Wurzbach, Lexikon, 6 
(1860), 328-330. 

^) (Bauhof er), Geschichte der evangel. Kirche in Ungarn. 1854, S. 602. 
5) Siehe Beilagen, Nr. 13. 
^) 1846. 

'') Bauhofer hielt eine Gedächtnisrede am 24. Jan. Sie befindet sich 
handschriftlich im Budapester luth. General-Archiv; Sign. 11, C 15. 23. 



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Erzhenog:in Maria Dorothea. 

Aus der k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek. 



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- 43 - 

Musik, und zugleich war sie eigenartig in ihrer religiös-sozialen 
Haltung. 

Nach heiterem Lebensgenuß als Jungvermählte reifte sie, 
obgleich ihr die Bibel nach Rousseau'schem Dogma bis zum drei- 
zehnten Jahre verschlossen blieb, zur ernsteren Weltanschauung, 
lutherisch-pietistischen Gepräges. Daher behauen ihr die Wiener 
Prediger^) mit ihrem Rationalismus nicht. Sie las das Neue 
Testament im Urtext und vertiefte sich in die theologischen 
Klassiker; man nannte sie wohl den weiblichen Doktor der Theo- 
logie. »Viele Bücher habe ich gelesen,« führt die Gedächtnisrede ^) 
über ihren Lieblingsspruch ^) aus ihrem Munde an, »bei vielen 
Philosophen gesucht, viel geschwankt, bis ich endlich dazu kam, 
daß die hl. Schrift es ist, in der wir ein ewiges Leben haben; 
seitdem ist meine Seele ruhig in Gott.« Die hl. Schrift war ihr 
alles; auch mit anderen las sie sie. »Mir ist Christus Alles in 
Allem, er stärkt mich, durch ihn kann ich Alles.« 

Aus dem Glauben kommen die Werke. 

Im Sinne des Wortes: Charity begins at home, erblühte 
ihre Humanität zunächst daheim. Ihre Mutter sagte von ihr: »Un- 
serem Verhältnisse hat die Ferne nicht geschadet, denn sie hat in 
jedem Brief sich selbst geschickt; in jeder Zeile lebt ihre eigene 
Seele, diese ist immer dieselbe: lauter Religion und Liebe.« Es 
wurde ihr wie der Kaiserin Elisabeth verdacht, daß sie, statt mit 
Schoßhündchen, mit ihren Kindern spazieren fuhr. Man spottete 
über die »Kinderfrau«; es gab doch Einsichtige, die sie nach- 
ahmten. 

Am schmerzlichsten berührte es das Mutterherz, daß man 
ihrem religiösen Einfluß auf ihre Kinder fortwährend entgegen- 
arbeitete. Sie durften keine religiös aufklärenden Schriften lesen. 

Es kam zu peinlichen Auftritten beim Religionsunterrichte 
zwischen der Palatinissa und dem Propst, der die Erzherzogin 
Marie unterwies. ^) Da verfiel sie u. a. auf den Ausweg, die Konfekt- 
tellerchen mit Bibelsprüchen in Goldschrift zu vergehen. Tiefen 
Kummer bereitete ihr der Tod ihres Ältesten, Alexander,^) der 

Wohl Pauer, Gunesch, Porubszky, Kanka. 

2) Von Sz^käcs. 

3) Galat. 4, 19. 

*) Entnommen dem demnächst erscheinenden Manuskript von St. Bän- 
hegyi: A magyarhoni protestans egyhäz a Bachkorszakban. 
5) 1825-1837. 



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- 44 ~ 

schon »die Hoffnung Ungarns« hieß. Er stand ihr religiös nahe, 
so daß man sogar von seiner Vergiftung gefabelt hat. 

Ihren Gatten, mit dem sie 28 Jahre in glücklichster Ehe 
lebte, begleitete sie auf die Landtage nach Preßburg; an seinem 
Kranken- und Sterbebette kam sie wochenlang nicht aus den 
Kleidern. 

Sie starb, als sie ans Kindbett der Tochter geeilt war. 

Mit rührender Liebenswürdigkeit kümmerte sie sich ferner um 
die Familie des ihr nahestehenden Geistlichen.^) Viele Waisenkinder 
ließ sie erziehen; die Armen in Ofen, wie die in der Leopoldstadt, 
wo ihr Wiener Palais lag, erhielten regelmäßig Gaben. Einen 
geisteskranken Prediger brachte sie auf eigene Kosten in einer 
Heilanstalt unter. Eigenhändig pflegte sie im Hotel den englischen 
Geistlichen und Gelehrten Dr. Keith, durch den die Judenmission 
in Ungarn ihren Anfang nahm. 

Aus allen Teilen der Monarchie liefen wöchentlich zahlreiche 
Bittschriften ein, zumal an die Schutzherrin der Evangelischen in 
der Ofener Königsburg, an die Tabea im Hermelin. Einige davon 
sind uns erhalten. Zuweilen betreffen sie Auszeichnungen von 
religiös und humanitär Verdienten. Ein Prediger bittet, die Wid- 
mung seiner geistlichen Dichtungen anzunehmen, auch um ihnen 
dadurch besseren Absatz zu verschaffen, damit er seinen erblin- 
deten Vater operiren lassen könne. 

Aller Proselytenmacherei abhold, war sie eine Mutter und 
Trösterin der Armen, ohne Unterschied der Konfession, ja Religion. 
Deshalb war sie auf Judenhetzer schlecht zu sprechen. 

Und ein Derwisch, der nach Ofen zum Grabmal des türkischen 
Heiligen Gül-Baba, des »Rosenvaters«, wallfahrtete, war so ent- 
zückt von ihrer ihm vergönnten Huld, daß er ihr zum Dank 
einige Fläschchen Rosenöl aus der Heimat schickte . . . 

Natürlich gehörte ihre besondere Zuneigung und Fürsorge 
ihren Glaubensgenossen und deren Gemeinschaft. 

Als vom Kirchenkonvent in Pest die Filialgemeinde Ofen 
anerkannt war (1821) und zugleich beschlossen wurde, dort eine 
evangelische Elementarschule zu errichten, zeichnete Maria Dorothea 
einen jährlichen Beitrag von 300 fl.^) Im nächsten Jahre vermerkt 

Siehe Beilagen, Nr. 4, 9, 13, 16, 18. 

2) St. Linberger, Geschichte der Evangelischen in Ungarn, 1880, 
S. 101, 105, 107. 



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- 45 - 

die »Chronik der Wiener lutherischen Gemeinde« einen einmaligen 
von 400 a 1) 

Regelmäßig begab sich die Palatinissa zum Gottesdienste 
nach Pest, wo sie in der evangelischen Kirche eine Loge hatte. 
Da aber diese Fahrten bisweilen sehr beschwerlich waren, sogar 
unterbrochen werden mußten, zumal im Winter, wo die Schiff- 
brücke wegen des Eisganges gewöhnlich ausgehoben wurde, ließ 
sie in der Ofener Burg einen Betsaal so herrichten, daß jeder 
Glaubensgenosse Zutritt hatte. Als Prediger berief sie den Rektor 
des evangelischen Gymnasiums in Pest, Karl Taubner. Allein er 
erwies sich dieses Vertrauens unwürdig. Als Betrüger 2) entlarvt, 
wurde er Militärgeistlicher in Italien und hier wegen perverser 
Laster entlassen. 

Nach diesem Fehlschlage ersuchte die Fürstin die Pester 
Prediger, im Ofener Betsaale abwechselnd den Dienst zu ver- 
sehen. 

Besonders zog sie Joh. Sz^käcs zu Rate, der es auch an 
freimüthigem Urteil gegenüber seiner hohen Gönnerin nicht 
fehlen ließ. 

Auf seine Vorstellung hin stiftete sie 20.000 fl. für die Ofener 
evangelische Kirchengemeinde unter der von ihrem Vorstand an- 
genommenen Bedingung, daß der von ihr gewünschte Prediger 
gewählt würde. Das war Georg Bauhofer 3), Seelsorger in Schütt- 
Sommerein. 

So trat durch die hochherzige Stiftung der Palatinissa die 
evangelische Kirchengemeinde zu Ofen als selbständige ins Leben."*) 

Mit Mühe freilich nur ließ sich die Fürstin überzeugen, daß 
der Kirchenbau 5) am besten in der Festung zu errichten wäre. 
Ein Platz war schwer zu finden. Immer kam jemand mit dem 
Ankauf zuvor. 



C. Neuß, 1864, S. 33. 

2) Siehe Beilagen, Nr. 1. 

3) Gest. 14. Juli 1864. 
*) 1844. 

5) Laut gütiger Mitteilung des Herrn Pfarrer Gustav Scholz in Buda- 
pest besitzt das Ofener Pfarrarchiv mehrere Stiftungsurkunden der Erz- 
herzogin für den Kirchenbau der evangelischen Gemeinde in Ofen, eine 
Pfarrer- und Pfarrerswitwen- und Schullehrerdotation daselbst. Sie sind von 
ihr eigenhändig unterschrieben; der Text selbst ist von ihrem Sohne, Erz- 
herzog Stephan, kalligraphiert und ebenfalls unterschrieben. 



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- 46 -- 

Doch am 26. September 1847 konnte Superintendent Jos. 
Szeberönyi die dem Pfarr- und Schulhaus angrenzende Kirche^), 
hinter der Hauptwache zwischen dem Wasser- und Stuhlweißen- 
burger Tor, einweihen, in Gegenwart aller hohen katholischen 
Würdenträger des Landes; die Erzherzogin war nicht zugegen, 
offenbar um ihre Feinde nicht zu reizen. 2) 

Der Palatin und die Palatinissa trugen je 200 fl. jährlich zum 
Pfarrgehalt bei. Wo die letztere ihren Sitz zu haben pflegte, wurde 
im Jahre 1876 an der inneren Wand der Kirche eine marmorne 
Votivtafel angebracht.^) 

So oft die Erzherzogin in Preßburg weilte, kümmerte sie 
sich eingehend um die kirchlichen Angelegenheiten und besuchte 
den Gottesdienst. Im Torweg der dortigen Mädchenschule erinnert 
wieder eine Tafel an ihren Besuch.'*) 

Auch zum Bau des Volksschul-Lehrerseminars in Ober- 
schützen steuerte sie wesentlich bei. 

Unter ihrem nach ihrer festen Überzeugung durch die Vor- 
sehung eigenartig vorbereiteten Schutz begann die »Freie Kirche« 
von Schottland ihre Judenmission in Pest und Ungarn überhaupt, 5) 
die durch die Reaktion jäh unterbrochen wurde. 

In ihrem Auftrage sammelte Prediger Zapf Nachrichten über 
das Schicksal der Evangelischen in Ungarn.^) 

Sie ermöglichte den Druck von Bauhofers ohne Namen 
erschienener »Geschichte der evangelischen Kirche in Ungarn«,^) 
zu der der Genfer Merle d'Aubignö, der Unionstheologe und feurige 
Geschichtsschreiber der Reformation,^) eine Vorrede verfaßte. Die 
ausgewiesenen^) schottischen Judenmissionäre brachten das Manu- 
skript mit heraus und ließen es in Berlin drucken. Kein Wunder, 

^) Sie ist im Mai 1894 abgerissen. 

2) Siehe Beilagen, Nr. 13. 

3) Auf Anregung von Pfarrer Gustav Scholz; sie ist auch in der neuen 
Kirche am Wienertorplatz befestigt. 

') 2. Juli 1827. 

5) 1841. »Echo« (Berlin), 1867, S. 262-264, 285-288, 299-303, 309 
bis 311. Darnach: »The Evangelical Advocate« (Edinburgh), 8 (1887), 360 
bis 369. De Le Roi, Die evangelische Christenheit und die Juden, 3 
(1892), 321 f. 

6) 1852. S. Beilage Nr. 5. 
') 1854. 

8) HRE, 123 (1903)^ 637-643. 

9) 1852. S. Beilage Nr. 7. 



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- 47 - 

daß Bauhofers kirchliche Zeitschrift: »Evangelischer Christ« auf 
behördliches Verbot eingehen mußte. Die Fürstin vermachte auch 
ihre Bücherei und ihre Handschriften der evangelischen Gemeinde. ^) 

Trotz aller Beweise des Geistes und der Kraft wagte sich 
nach dem Tode des Palatins ein anhaltender Bekehrungsversuch 
an sie heran, nachdem sie bereits von verschiedenen Seiten gröber 
und feiner bestürmt und ihr zu verstehen gegeben ward, sie möchte 
den Nuntius empfangen; man meinte, daß dadurch auch ihr Ein- 
fluß auf die Kinder und ihre Haltung weniger argwöhnisch be- 
wacht werden würden. Sie besprach sich darüber mit ihren geist- 
lichen Beratern, die zur größten Vorsicht mahnten und jedenfalls 
vor einer Unterredung ohne Zeugen warnten. 2) Der Hauptsturm 
ging von einem wunderlichen Heiligen aus, der vorübergehend als 
Wundertäter Aufsehen erregte, dem Fürsten Alexander Leopold 
Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst.3) Als achtzehntes Kind eines 
gemütskranken, regierungsunfähigen Vaters von seiner Mutter zum 
geistlichen Stande bestimmt, während er selbst Soldat werden 
wollte, im Wiener »Theresianum« vorgebildet, wurde er Domherr 
und schließlich Weihbischof von Sardica in partibus. "*) Mitteilungen 
über ein bedenkliches Vorleben lassen wir hier auf sich beruhen. 
Er ließ Predigten, Gebets- und Erbauungsbücher drucken, begeisterte 
durch feurige Beredsamkeit und tat sich durch angebliche Gebets- 
heilungen hervor, bei denen die kuriale Weisheit Ausschluß der 
Öffentlichkeit und die bayerische Regierung Polizeiaufsicht anordnete. 

Der krankhafte Mystizismus ergriff damals die hohen Kreise; 
Franz von Baader 5) veröffentlichte sein Werk über Divination 
und Magnetismus, Frau von Krüdener^) hielt ihre Missionen, 
Hohenlohe machte Wunderkuren, von den Aufgeklärten des Ob- 
skurantismus, Papalismus und Jesuitismus beschuldigt. 

^) Sie werden im Generalarchiv der lutherischen Gemeinde zu Budapest 
aufbewahrt. 

-) Siehe oben Seite 43, Anmerkung 4. 

3) Wurzbach, Lexikon, 9 (1863), 197—200. »Allgemeine deutsche 
Biographie«, 12 (1880), 683 f. KL, 6 (1889), 163-166. 

*) 1849 zu Bamberg; dann Domherr und Großprobst zu Großwardein, 
endlich Generalvikar uud Weihbischof. 

5) »Allgemeine deutsche Biographie«, 1 (1875), 713—725. KL., V 
(1882), 1781-1791. 

^) »Allgemeine deutsche Bio^aphie«, 17 (1883), 196-212. KL., 7^ 
(1891), 1229-1231. HRE, 11^ (1902), 146-150. 



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- 48 - 

Er verlegte sich auch auf Konversionen, machte u. a. einen 
vergeblichen Versuch,^) die Boosianer^) zu bekehren, die ent- 
schlossen waren, evangelisch zu werden.^) Er ließ sich keine 
Mühe verdrießen, auch die Palatinissa zu gewinnen, in vielen 
bogenlangen Darlegungen den Vorzug der katholischen Lehre 
anzupreisen. Sie antwortete nur mit einigen Bibelsprüchen. Man 
darf daraus nicht ohne weiteres auf Mangel an theologischer Ge- 
wandtheit schließen, die sie gewiß durch ihre Geistlichen leicht 
hätte ergänzen können. Sie vermied wohl absichtlich die meist 
unfruchtbare Streiterörterung.'*) 

Als Witwe wurde ihr gegen das Testament, den Heirats- 
vertrag und die eigene Bitte des Erzherzogs, nicht ein Ort Ungarns, 
sondern Wien als Wohnsitz von der Regierung angewiesen, wohin 
sie bald nach des Palatins Tod abreisen mußte. Man hat sogar 
ihr Palais im Augarten, den einst der »Schätzer der Menschheit 
dem öffentlichen Wohle« zugänglich gemacht, ihr Gefängnis ge- 
nannt. Es wurde alsbald zu einer Zufluchtsstätte für allerhand 
Notleidende. Auch aus der kaiserlichen Familie schlössen sich 
einige jüngere Glieder der Verbannten an. 

Nachdem die Revolution niedergeworfen und über das 
unglückliche Land der Belagerungszustand verhängt war, erließ 
der als »Hyäne von Brescia« berüchtigte General Freiherr v. Haynau, 
der Protestant, eine Verordnung 5) zur Regelung des protestanti- 
schen Kirchenwesens, wodurch die gesetzlich verbürgten Rechte 
der ungarischen Protestanten bedenklich beschränkt wurden. Bau- 
hofer setzte eine Denkschrift auf^), in der mannhaft die Ver- 
letzung der Verträge, königl. Schwüre und feierlichen Zusicherungen 
aufgedeckt, die Anklage gegen die Protestanten zurückgewiesen 
und klargestellt wurde, daß durch Haynaus Erlaß eine durch 
Militärmacht ernannte und dieser zugeschworene, von der Kirche 
weder berufene noch mit der nach Gottes Wort unerläßlichen 
Mission versehene Autorität Kirche und Gemeinde regieren wolle. 



Ostern 1824. 

2) KL., 2 (1883), 1105-1108. HRE, 3^ (1897), 317-320. 

3) Würth, Die protestantische Pfarrei in Vöcklabruck, 1825, S. 149. 
-») Siehe Beilagen, Nr. 10—13. 

5) 10. Februar 1850; Bauhof er, a. a. O., S. 613 f. Borbis, Die 
evangelische Kirche Ungarns, 1861, S. 240 f. 

6) 1. Juni; Bauhofer, a. a. O., S. 638-643. 



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- 49 — 

Unterzeichnet hatten mehr als achtzig Prediger und Professoren. 
Maria Dorothea wurde gebeten, den Notschrei an den ungarischen 
König gelangen zu lassen. Unter Tränen sicherte sie ihre Ver- 
mittlung zu, die schon gegen Kaiser Franz die »Pietisten« Ober- 
österreichs verteidigt hatte. Zunächst wurde der Erfolg erzielt, 
daß eine bereits gedruckte Kirchenverfassung, die oktroyiert werden 
sollte und der evangelischen Kirche Ungarns hätte höchst yefderb- 
lich werden müssen, beiseite gelegt wurde. Doch ist die Häynau- 
sehe Verordnung erst zugleich mit dem Belagerungszustand im 
wesentlichen aufgehoben worden (4. April 1854). 

Überhaupt soll der jugendliche Kaiser je länger je mehr seiner 
von ihm verehrten Tante sein Vertrauen geschenkt haben. Von 
glaubwürdiger Seite wird versichert, daß er bei seinen häufigen Be- 
suchen im Augartenpalais einen tiefen Eindruck von der Wahrhaftig- 
keit und Unparteilichkeit der ihr zweites Vaterland innig lieben- 
den Ausländerin empfing, daß er mit durch sie lernte, Ungarn mit 
anderen Augen als denen der Hofschranzen zu betrachten und 
eine freundliche Gesinnung zu dem mißhandelten Lande faßte, 
die in die Gewährung der Verfassung und die ungarische Königs- 
krönung ausklang. Er soll auch dafür gesorgt haben, daß sie 
ihren Lebensabend in Frieden zubringen konnte. So wäre auch das 
katholische Ungarn dieser evangelischen Habsburgerin zu tiefstem 
Dank verpflichtet, der man schon deshalb eine hervorragende 
Stellung in der ungarischen Kultur angewiesen hat, weil sie 
ungarisch sprach und als die erste Habsburgerin öffentlich in Staats- 
angelegenheiten sich der Landessprache bediente.^) 

Es war ihr vergönnt, ihre Sehnsucht zu befriedigen, in Un- 
garn, für das sie unablässig wirkte, in ihrem geliebten Buda, wo 
sie fast dreißig Jahre schönes Familienglück genossen, zu sterben. 
Sie eilte an das Kindbett ihrer Tochter 2) und folgte bald dem 



^) So beim Empfang der Reichstagsdeputation am 5. Juni 1826. Das 
Manuskript ihrer Rede sollte im ungarischen Nationalmuseum hinterlegt 
werden (vergl. Pallas, a. a. O.). Der Beschluß scheint nicht ausgeführt 
worden zu sein, denn das Schriftstück findet sich nicht im Museum. 

2) Elisabeth, geb. 17. Jan. 1831, gest. 14. Febr. 1903. Seit 18. April 
1854 war sie in zweiter Ehe mit Erzherzog Karl Ferdinand, dem zweiten 
Sohne des Erzherzogs Karl, vermählt. Es schmeichelte ihrem Ehrgeize, die 
spanische Königskrone auf dem Haupte ihrer Tochter Christine zu sehen; 
mit Stolz blickte sie empor zu dem Standbilde ihres Schwiegervaters (S. 
ob. S. 34) und herab auf die Reiterstatue ihres Schwagers, des Erzherzogs 
Albrecht, aus ihren Fenstern (S. ob. S. 37). 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 4 



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- 50 - 

nijr wenige Tage lebenden Enk^l. ^) Wie tief ihr Tod tr^f, bezeugen 
uns Beileidschreibep aus verschiedenen Kreisen, von der ihr so 
nahestehenden evangelischen Geistlichkeit bis zu ihfer K^inimer- 
frau, vor ^er sie, dem Spricl^wort entgegen, auch eine Heldin war.?) 

Eine 0er Bibeln, die die Königin von Württemberg flen Atter- 
seern bestimnrit hatte und die beirp Braqde von Reichenhall, y/o sie 
lagerten, gerettet w^iren, wyrde von Maria Dorothea auf ihrer 
Durchfeise zu Efferding den ihr die Aufwartung machenden drei 
evangelischen Pfarrern geschenkt; 3) eben ^iese hat Superintendent 
Koch-Wallern der Enke|in der Palatjnissgi, der Kronprinzessin 
Stephanie zu ihfem Vermählungstage mit entsprechender Widmung'*) 
überreichen lassen, wofür ein freunjdlipher Panl< nicht ausblieb. 5) 

Man liest verschiedentlich, daß n^ch Maria Dorotheas Tode 
die kaiserlichen Hausgesetze dahin erweitert pcjer verengt wurden, 
daß künftig kein Erzherzpg eine Prptestantin heimffltiren dürfe. 
Fürst Metternich soll bereits bei einer Gelegenheit, wo sich der 
Einfluß der Palatiniss^ besonders bekqndete, öer er seine Ab- 
neigung gegen »allen Mystizismus und Pietisnrius« persönliph 
ausgesprochen, ausgerufen haben: In Zukunft d^rf mir keine 
Protestantin nriehr in flie Familie, pie Stichhaltigkeit jenes Ge-: 
rüchtes ist so lange nicht zu prüfen, als die Hausgesetze des 
allerhöchsten Hofes geheim sind. Entspricht es der Wahrheit, wie 
der Wahrscheinlichkeit, so besteht keine Aussicht, daß unsere 
Prozession von evangelischen Hab^burgerjnnen noch Zuwachs 
erfahre im nei^ep Jahrhundert. 

Um so mehr schien es wert und Pflicht, der vergangenen 
Tage zu gedenken und die schon verblaßte, ja absichtlich ver- 
wischte Erinnerung aufzufrischen. 



^) Franz Josef. 

2) Siehe Beilagen, Nr. 19. 

3) Am 23. Nov. 1835, Pfarrer Koch, Kotschy, Sääf. 
') Vom 26. Mai 1881. 

5) J. E. Koch, Zur Geschichte einer merkwürdigen Bibel. »Jahrbuch 
der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich«, 3 
(1882), 185-192. 



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- 51 - 

Beilasen. 

Nr. 1. 

Ofen. Marl a Porot^^ea an Taubfier. 2. Aprii 1843. 

Ernste Vorhaltung wegen unrichtiger Geldverwendung. 

Handschriftlich (Original): GAB. 2) Sign. II C. 6/8. « 

Ofen, ^ 843. 

Herr Direktor Taubner! *• 

Da die Frau Bernhardt Liedeman ?war kam, doch ohne die verlangte 
Obligation über die an Sie, Herr Taubner, im Januar des Jahres 1842 ver- 
abfolgten 2000 fl. C. jyi., das ist zweitausend Giflden Conventionsmünze, 
wie sich aus meinem Rechenbuche erweist, so fühle ich mich gedrungen, 
Sie zu bitten, mir heute noch diese Obligation zu verfassen, und so mein 
Schuldner zu bleiben, so lange, bis Sie werden zahlen können ; in diesem 
Falle, aber apch nur in diesem, will icl] das Gewebe vQn Unwarheiten, um 
nicht zu sagen Listen — doch dje Lüge ist ja das schrecklichste! — mit 
dem Deckmantel der christlichen Liebe bedecken. Sollten Sie nicht gesonnpn 
sein, mir die Obligation zuzustellen, so zwingen Sie mifh, dies dem Herrn 
Superintendenten 3) zu melden! 

Ich machte »keine Confusion«; ich gab Ihnen dieses Geld nicht zuf 
Reise nach Italien; das weiß niemand besser, als Sie! Sie wissen gut, daß, 
was ich habe, nicht mein ist, sondern Dem gehört, der strenge Rechenschaft 
davon fordert. 

»Oh, wäre es möglich, daß Sie jetzt, in dieser Stunde bedächten, was 
zu Ihrem Frieden dient!« ^) 

Werfen Sie sich vor ihm nieder, vor dessen Qericht wir nicht bestehen 
könnten, wäre ER nicht mit ausgebreiteten Armen am Kreuze für uns ge- 
storben! Der Herr sei mit Ihnen. Maria. 

Ich behalte Abschrift von diesem Briefe. 

Nr. 2. 

Ofen. Maria Dorothea an Pfarrer M^szaros in Alcsüt. 3. September 1843. 

Übersendung von 79 ungarischen Bibeln zur Verteilung an Familien. 

Handschriftlich (Original): Im Besitze des Herrn Pfarrers Mdszaros, des Sohnes des Adressaten, 
in Kecskemdt. (S. d. Facsimile.) 
»« . 1 . i_ II T>£ I Ofen, ~ 843. 

Mein lieber Herr Pfarrer! 9. 

Ich überschicke Ihnen hier 79 ungarische Bibeln, von denen ich Sie 
bitte: in einige Alcsuter Haushaltungen, welche nicht damit versehen sein 
sollten. Eine zu stiften für die ganze Familie; ich hoffe bald mehr zu be- 
kommen. Besonders bitte ich Sie, dorthin welche zu schicken, wo sie mir 

1) S. ob S. 45. 

2) S. ob. S. 5, 2; 41, 1. 

3) Joh. Szeberdnyi, 1834—1849. 

4) Evang. Luk., 19, 42. 

4* 



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- 52 - 

sagten: »Die Leute treten über«. Ich glaube es war in Egyet^) oder Bicske^)? 
Sollten Sie selbst sie hinbringen, so wünsche ich, daß die Bibeln auch dort 
an Familien Einzeln vertheilt würden, weil dann Mehrere diesen Segen 
genießen können. 

Möge das theure Wort Gottes reichlich in Ihrer lieben Gemeinde 
wohnen, 3) damit Sie einst, wenn Sie vor »dem Hirten und Bischoff unserer 
Seelen« stehen werden, ausrufen können: »Herr [hier] bin ich mit denen, 
die Du mir gegeben hast!«*) Maria. 

Nr. 3. 

Ofen. Maria Dorothea an Pfarrer M^szaros in Alcsüt.^) 9. September 1843. 

Ober den Preis der gesandten Bibeln und deren kostenlose Überlassung. 

Handschriftlich (Original): Im Besitze des Herrn Pfarrers M^szaros in Kecskem^t. 

Lieber Herr Pfarrer! Ofen, ^ 843: 

Ich glaube, daß es gut wäre, wenn die Wohlhabenden die 2 fl. W[iener] 
W[ährungl entrichteten, die Ärmeren aber die Bibel unentgeldlich (sie!) er- 
hielten. Der Preis der Quart Bibel soll gleich dem der anderen bleiben. 

Was die Egyeker*) betrifft, so wollen wir ihnen das theure Lebensbrod,"^) 
das ewig währt, umsonst reichen. Maria. 

Nr. 4. 

Ofen. Maria Dorothea an Georg Bauhofer. ^) 17. September 1344. 

Berufung an die evangelische Gemeinde in Ofen. 

Handschriftlich (Original): Im Besitze von Bauhofers Sohn Stefan Bänhegyi in Gyula. Kopie: GAB. 

17 

Theurer und verehrtester Bruder im Herrn! Ofen, -^-843. 
Ihr Brief zeigte mir so. recht lebendig das Glück, ein Christ zu sein 
und die Freude im Herrn, die darinnen liegt, mit Christen umzugehen. Ja, 
kommen Sie mit allen Schätzen, die der treue Hirte Ihnen auf Ihrem schweren 
Lebenspfade reicht und zeigen Sie, daß Sie zu den Bischöfen gehören, die 
ein köstlich Werk begehren') und deren Haus als Beyspiel der Gemeinde 
vorleuchtet. Meine theure, kleine Maria ^°) muß noch, so der Herr will und 
mir Leben dazu schenkt, nach Württemberg. Ich warte nur, bis sie älter 



t) Gemeint ist wohl Ettyek, nicht Egyek. 

2) Schönes Kastell des Erzherzogs Josef. 

3) Evang. Joh., 17, 12. 

4) Ebd., 18, 9. 

5) Vgl. Nr. 2. 

6) Vgl. S. 52, 1. 

7) Evang. Joh., 6, 35. 51. 

8) S. ob. S. 41, 45. 

9) 1. Timotheus, 3, 1. 

10) Bauhofers sechsjährige taubstumme Tochter, für welche die Erzherzogin zu sorgen 
versprach. 



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(Vgl. Bellagen Nr. 2.) 



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wird, und eine fromme Gelegenheit, um das theure Kind sicher zu schicken. 
Ihre ältere liebe Tochter^) bitte ich Sie, mir recht. oft zu schicken, um mit 
meinen Töchtern 2) ungarisch zu reden. Endlich hier der Vocator,^) der von 
mir heiß ersehnte und vom Herrn erflehte Ruf! Obgleich sein Inhalt nicht 
durchdrungen evangelisch ist, so können Sie doch manche Stellen daraus 
gut benutzen, um das Wort Gottes gültig zu machen. Der liebe Sz^kacs^) 
hat dabei das Meiste gethan. Herr Jacobsohn 5) will Sie 6 Monathe umsonst 
einquartieren, in der Wasserstadt. Herr Kimnach^^) will Ihnen in der Festung 
ein, auch vollständiges Quartier um einen billigen Zins geben : an Ihnen ist 
die Wahl! Die Gemeinde ist auch recht besorgt, daß Ihre liebe Frau die 
Küche und die Speise nicht ganz leer finde. Die Herren wünschen nur recht 
sehr, daß Sie bald kommen, auch wegen des heranrückenden Winters, und 
weil sie manches mit Ihnen einrichten und berathen möchten. O Bauhofer! 
Möchte der Stab Ahrons'') grünen in Ihren Händen! Möge der Erzhirte^) 
um dieser theuern Gemeinde willen Sie einst mit dem Zurufe : »Ei, du 
getreuer Knecht !«') empfangen! Mögen Sie, als treuer Hirte, in Seinem 
heiligen Namen die zerstreute Heerde sammeln (von den leiblich Gefangenen 
gab mir der liebe Commandirende die Liste) und zum Schluß: Mögen Sie 
selbst, verehrter Seelsorger, unsträflich *o) vor Ihm stehen mit dem Kreuz auf 
Ihrem Rücken, welches Sie ihm nachtragen.") Der Herr segne Ihren Eingang! 

Maria. 

Nr. 5. 

Ragendorf. Prediger Zapf *2) an Maria Dorothea. 15. Jänner i846 

Anfrage, was mit den Manuskripten geschehen soll, die er zur ungarischen 
Protestantengeschichte gesammelt hat. 

Handschriftlich (Original): GAB. 11. C 15. 3. 

Kaiserlich königliche Hoheit! 

Allerdurchlauchtigste Frau! 
Etwas später, als Eure Kaiserliche Hoheit wahrscheinlich gehofft und 
gewünscht haben, bin ich erst in den Stand gesetzt, meinem gegebenen 
Versprechen nachzukommen und über das Resultat meiner historischen 
Forschungen hinsichtlich der Schicksale unsers Glaubens im Vaterlande aus 
den letzten vergangenen Jahrhunderten Bericht abzustatten. 

1) Wilhelmine, jetzt 74jährige Witwe des Superintendenten Stefan Czdkus. 

2) Elisabeth und Marie Henriette. 

3) Ausgestellt von Georg v. Procopius, Oberinspektor der Gemeinde, Advokat, Religions- 
agent, und August V. Karge, Vizeinspektor, Hofkammerrechnungsrat. Besonders der erstere war 
nicht ganz nach dem Sinne der Erzherzogin, Karge beliebter. 

4) S. ob. S. 45. 

5) Karl Jacobson, Baumeister, Vizekurator der evangelischen Gemeinde. 

6) Ludwig, Baumeister, Kurator; Eigentümer des Hauses, in dem Bauhofer wohnte. 

7) 4. Mos. 17, 8. Hebräerbr. 9, 4. 

8) 1. Petr. 5, 4. 

9) Matth. 25, 21. 

10) 1. Timoth. 3, 2. 2. Petr. 3, 14. 

11) Matth. 16, 924. 

12) S. ob. S. 46. 



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- 54 - 

Was ich dabei erzählt häbe^ das wird rtiein vieigeschätzter und würdiger 
Amts Brudcff Herr Baühöfef ^) Euer Kaiäferl. K. Hoheit ünterthähigst ühd bereit- 
Willigst mitzütheileh hiebt säünieh^ da ich ihn davon äüsfährüeher in einem 
hünttiehtö iweiteri Sthreiberi ih Keriritniss gesetzt habe. 

Das Nächforöeheri ühd feäniriieln hat mir düfeh Gorrespöridehz iind 
gerhächte Reisen manche Mtihfeij äbei- auch viel Freude und Gehuss gefwährt, 
dehn ich kahtt Sageri; dasS ich seitdem mein Wissen in historischen Fache, 
besonders^ was Uhgarrl betrifft, ühi vifeks bereichert habe, so wiä hiir auch 
hiein ähgfefocht^her ilnd Verfolgter Glaube öeitdfehi theürer und werther 
geworden iät. 

Uhglailbliehes haben unsere Väter erduldet und det Verlust, den das 
Evangeliüttl in Folge desäfeh eflitteri, ist schmerzlich groß. Mit Austiahitie 
vöh blos di-ei Fäfriilieri War det ganze hohe Adel Ungarns protestantisch, 
vdm hiederh Adel aber^ Sowie vdin Volke zwei Dritttheile def Bevölkerung 
des Landes. Die höchsten Äthter deS Reiches, selbst die Palatinal-Würde, 
bekleideten Evangelische. Das also, MVas von dieser Zahl heüt zu tage hoch 
Vorhanden ist> ist als ein bloßer UeberreSt zu betrachten, wobei wir noch 
alle Ursache haben Gott zu danken, und mit detn frommen Sähger doch 
zu sprechen: »Deine Güte; ö Väter ist eSj däss Wir nicht gärtz aus Sirid 
und deine Bärmherzigkeit hat hoch kein Ende.« 2) 

Geruhen also jetzt Eure Kaiserliche Hoheit gnädigst zu bestimmen, 
was mit diesen auf meinem Zimmer liegenden und in meinem Briefe an 
meinen würdigen Herrn Amtsbruder näher bezeichneten Manuscripten und 
Werken geschehen soll, da ich bereit bin Sie täglich höchst demselben gehor- 
samst zu Füßen zu legen. 

Öer ünerforschliche Gott, der uns an feilerer Kaiserlichen Hoheit, ein 
Hörn des Heils 3) in unserm Väterlande aufgerichtet hat, an welchen sich 
so viele Wankende schon stüzten. Schenke uns die Gnade, Höchstdieselben 
noch lange an der Seite dero gleich erhabenen^ würdigen uhd im ganzen 
Lande so theuern Herrn Gemahls*) zu besitzen^ um welche Gunst wir nicht 
aufhören wollen, ihn den Vater der Barmherzigkeit^') im Narhen seines Sohnes 
zu bitten mit der zuversichtlichen Hoffnung, erhört zu werden. 

Mit diesem^ aus dem Grunde des Herzens gehenden Wunsche, verharre 
ich fusfälligst und in tiefster Ehrfurcht zu sein 

Eurer Kaiseriich Königlichen Hoheit 

allerunterthänigster Knecht 
Johann Zapf, 

Prediger und Seelsorger der evangelischen Kirchengemeinde 

im Markte Ragendorf und ihren beiden Filialen zu Deutsch- 

Jahrendorfö) und Karlburg. 

Ragenöörf, den 15. Jänner 1846. 

1) S. Nr. 4, 8. 

2) Klagelieder Jeremiä, 3, 22. 

3) Psalm, 18, 3. 

4) S. ob. S. 42. 

5) 2. Corinth.. 1, 3. 

6) Wieseiburger Komitat, jetzt selbständige Muttergemeinde. 



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Nr. 6. 

Aszöd. Diakon Mikoläs äii Maria dordtheä. is. April i846. 

Bitte^ die Widmung seiner geistliehen Dichtungen anzunehmen, auch um 
ihnen dadurch besseren Absatz 2u verschaffen behufs Operation seines 

blinden Vaters;*) 

Handschriftlitfi (driginäl): ÖÄB. ll. C. 17. 3. 

kaiserliche königliche Hoheit! 
Durchlauchtigste Frau Erzherzogin! 

Seiit Jahren habe ich hiein innigstes Vergnügen daran, wenn ich meine 
Gedanken 2U Papidr bringe. Es sollte blos für mich söiii und nife gab ich 
mich dem Gedahken selbst hih, nieine geringen geistigen Erzeugnisse der 
Lesewelt vorzulegen. Meine Freunde jedoch und namentlich die so geist- 
reiche, edle Baronin Sophie Podmaniezky^)^ drängen iri mich, vorzüglich 
meine Gedichte dem Publikum nicht vorzuenthalten. Nach langem Sträuben 
gab ich endlich nach und meine unter angenommenem Namen heraus- 
gegebenen Dichtungen Wurden vöh deutschen Verlegern beifällig aufgenom- 
men. Die so reich art Herz und Geist begabte, treffliche Baronin Sophie 
Podmaniczky, die so gerne Menschenwohl gründet oder befördert, ver- 
schwendet alle Beredsamkeit und Oberredungsgabe an mich, ich möchte 
doch mein neues, Gebete, Psalmen, Worte aus der heil. Schrift und andere 
fromme und zarte Dichtungen enthaltendes Werkchen Ew. K. K. Hoheit 
widmen und droht mir selbst mit dem Verluste ihres mir gewiß unschätz- 
baren Wohlwollens, wenn ich ihr hierin nicht willfahre. Je fester ich mich 
an den Grundsatz der Bescheidenheit und Demuth von jeher klammerte, 
desto kühner und gewagter kommt mir dieser Gedanke vor und nur im 
vollsten Vertrauen auf few. k. k. Hoheit frommes, mehschehffeündliches, 
edles Herz, wage ich delnselben hiefmit unterthänigöt rhitzutheilen. Ehrfurchts- 
voll ersuche ich denn EW: K. K. Hoheit um die hohe Huld und Gnade, die 
Widmung erwähnten Werkehens annehmen zu wollen, was gewiß die höchste 
Freude meines Lebens ausmachen würde. Wie würde das mein Gemüth so 
ööfir befriedigen, w^nn ich diese aus meinem tiefsten Leben geschöpften 
Gesinnungen und Gefühle an ein so ffeiries, Gott geweihtes Herz legen 
könnte! Wie sd sehr würde ich mich fetückllch pfeisfeh, wehtl ich äuth diesen 
Wunsch der theüreh Bäforiih erfüllen könnte! Und es würde dadurch niir 
und den Möifien äücH sehr geholfefl seih. Ich habe eliieh Vater, der s^it 
dreißig Jähren als Prediger ih einer Getheinde lebi, die wöi bekhwerlich^te 
ih Ungarn, doch aber äh Einkünften de§ Qeifetlicheh so kürz ist, daß diese 
Eiflküfifte vorzüglich jetit, wo theih Väter seit Jähren kfänk ist, ich ühd 
theinä Müttet und Schwester auch sehr Viel krätikeln, kaum hini-eichend 
Sind; eifißfi Vater, der Sferiior und zliin Supetintöhdeflten cähdidirt ^är, und 



1) S. ob. S. 44. 

2) Schon im XVIII. Jahrhunderte wird eine Freiin v. Podmaniczky, vferniShIt mit General 
Beleznay, als Wohltäterin der lutherischen Gemeinde zu Pest erwährit. Vgl. Döleschall, 
a. a. O., S. 16. 



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viel, sehr viel für Welt und Religion gearbeitet hat, nun aber an beiden 
Augen staarblind ist. An seiner Seite arbeitete ich seit vier Jahren nicht 
ohne Hinopferung meiner Gesundheit, denn Brust und Augen fangen schon 
auch bei mir an leidend zu werden. Ich wäre das glücklichste Kind der 
Weit, wenn ich von dem Erlös des Buches, welches dann gewiß Abgang 
fände, meinen geliebten Vater operiren lassen und mir später das unum- 
gänglich Nothwendige selbst verschaffen könnte, ohne daß ich meinem Vater 
auch nur im Geringsten zur Last fiele. Und noch Eines ziehe ich in Betracht. 
Ich lebe von jeher einsam und zurückgezogen, meine einzige Freude ist unser 
Familienkreis, die schöne Natur und eine mich ansprechende Lektüre; nie 
mische ich mich in den Weltmarkt, und so hat man mich denn selbst ganz 
ungebildeten, ja selbst unwürdigen Menschen bis jetzt auf schmerzende 
Weise hintangesetzt. Dem Allen würde also wahrscheinlich abgeholfen sein, 
wenn mir eine solche Auszeichnung und hohe Ehre vom Ew. K. K. Hoheit 
zu Theil würde, der ich mich auch übrigens Ew. K. K. Hoheit zu hohen 
Gnaden in tiefster Ehrfurcht empfehle. 

Ew. K. K. Hoheit 

unterthänigster Diener 

Eduard Mikoläs, 

Prediger-Diaconus an der ev. Gemeinde A. C. zu Aszöd. 

Aszöd, am 25. April 1846. 



Nr. 7.. 

Ofen. Mehrere Prediger in Ofen an Maria Dorothea 23. Juu i846. 

mit der Bitte, ihre Manuskripte urkundlich der Gemeinde zu sichern.^) 

Handschriftlich (Original): GAB. 11. C. 17. 4. 

Kaiserliche Königliche Hoheit! 
Allerdurchlauchtigste Frau Erzherzogin! 

Aus der Versammlung, in der wir uns eben befinden, richten auch 
wir noch einige Worte an Ew. Kais. Königl. Hoheit! 

Es ist wenig und viel, was wir zu sagen haben; wenig nach dem 
Wortlaut, viel nach dem Sinn! Möge der treue Hirte und Bischof unserer 
Seelen 2) den Ausgang und Eingang Eurer K. K. Hoheit segnen und der 
Engel des Herrn Höchst-Sie und die liebe Erzherzogin Marie 3) umlagern'*) 
und schützen und aushelfen, wo es nöthig ist. Obschon entfernt von uns, 
werden Euer K. K. Hoheit, mit allen Allerhöchst-Angehörenden in der Nähe 
und Ferne, doch der Gegenstand unserer herzlichsten gemeinschaftlichen 
und besondern Fürbitte sein. Diese Fürbitte wird sich auch besonders auf 



1) S. ob. S. 47. 

2) 1. Petr., 2, 25. 

3) S. ob. S. 53, 2, 

4) Psalm 34, 8. 



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Höchst-Ihro glückliche Zurückkunft erstrecken und den Wunsch in sich 
fassen, daß viel von seinem Reiche und für Sein Reich mitzurückkommen 
möge. Römer 15, 29. Zu dem Ende fügen wir auch die Uebersetzung 
des Duisburger Katechismus^) bei und bitten, dessen Correktur dem sich 
rüstenden Kämpfer — Horarik^) — anzuvertrauen; weil es sonst gar viele 
den Sinn entstellende Druckfehler geben würde! Wir schließen mit dem 
Wunsche, der Heiland wolle das Herz des verehrtesten Bruders Merle 
d'Aubign^^) ^q^ Hoffnungen Eur. K. K. Hoheit entsprechend stimmen, was 
wir sehr vermuthen, wenn eine persönliche Besprechung möglich wird. Eine 
Art von Revers, der die M. Scripte sicher stellen dürfte, ist hier beigelegt. 

Er aber der Herr des Friedens^) gebe Eurer K. K. Hoheit Friede allent- 
halben und auf allerlei Weise. Damit verharren wir 

Unserer Allergnädigsten, in Christo verehrtesten Frau Erzherzogin 

treu-ergebene Diener in Christo 

William Wingate^) 

Robert Smith^) 

Paul Török"^) 

Alxander Thomson^) 

Dr. Jos. Sz^käcs'') in seinem und seines im 

Dienste des Herrn abwesenden Bruders 

Georg Bauhofer *o) 
Ofen, den 23. Juli 1846. 

PS. Wir sind schließlich so frei, die Aufmerksamkeit Eurer K. K Hoheit 
auf den Umstand zu lenken, daß es nothwendig wäre, daß Eure K. K. Hoheit 
auf den Fall Ihres Todes — was recht spät eintreffen möge — gemäß Ihrer 
hohen Willensäußerung, den General-Convent zum Erben der Manuscripte 
einsetzen und hierüber eine eigene Urkunde ausfertigen mögen, denn nur 
unter dieser Bedingung können wir den Besitz derselben für die evang. Kirche 
Ungarns sicher stellen. 



t) Vgl. HRE, 103 (1901), 1, 47. 

2) Ein katholischer Priester, der zur evangelischen Kirche übertrat, von der Erzherzogin 
unterstützt wurde, durch Bauhofer eine Anstellung erhielt, sich aber schlecht bewährte und nach 
Nordamerika ging. 

3) S. ob. S. 46, 8. 

4) Römerbr. 15, 33. 

5) und 6) Schottische als Judenmissionäre angestellte Prediger, 1852 ausgewiesen; 
s. ob. S. 46, 

7) Reformierter Pfarrer, später Superintendent in Pest. 

8) Ungarischer Prediger in Pest, später Superintendent. 

9) S. ob. S. 43, 45. 
W) S. Nr. 4, 8. 



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Nr. 8. 
Wien. Mafia Dorothea ah Prediger Sz^käcsJ) n. März 1847. 
Über dessen Zusammenstoß mit Wagner. ., 

W — ' 847 
Handschriftlich (Original): GAB. Ad III a 2. 20. 3. 

Ich beeile mich Ihnen auf Ihren so aufrichtigen Brief zu antworten. 

Steph:^) schrieb sich Ihre AnHegen sorgfältig auf wie auch jene deß 
Heben Bauhof er 3) und läßt Ihnen sagen, Sie mögen sich nur gerade an Ihn 
wenden mit Allem, wenn er nach Ungarn kommt. 

Ich kann mir denken, daß Sie und W.*) tüchtig zusammenkarambolirt 
sein mögen oder scharf zusammengekommen, wie sich das theure Wort 
Gottes Apostelgesch. 15. 39. verg. mit 2. Petri 3, 15, 16!! ausdrückt. — 
Aber auch nur so. — Daß Sie fest sind in dem, das Sie annehmen«') hat 
mir immer Achtung eingeflößt, weil dabei in Ihnen nicht das »Forschen 
nach Wahrheit«,*) und Annahme des Erkannten ausgeschlossen ist! Die 
Liebe und Einigkeit des Geistes zeugt, daß wir Jünger Jesu sind."^) Wenn 
ich Sie noch einmal erinnern darf (weil Sie so feurig sind) an unsre letzte 
Unterredung, so bitte Ich inständigst, daß Alle die Einigkeit erhalten, sie 
verleiht durch die Verheißung des Herrn den Gläubigen Kraft. — Möge der 
Herr Segen träufeln s) lassen auf die theure Schaar in Pest und Ofen! Er 
gieße seinen Geist auf Viele! Mit W.*) muß man halten; er provozirt leicht, 
aber er meint es immer zum Besten, nur soll man sich hüten, dem Nächsten 
etwas aufdringen zu wollen, da liegt ein verkapter Stolz immer [zu Grunde], 
denn das kann nur der Herr selbst, aber der verstehts zu thun; Apost. 
gesch. 9, 15. 

Grüßen Sie gütigst alle Brüder und Ihre lieben Frauen! Mein Herz 
ist dort! M[aria]. 

Nr. 9. 
Ofen(?) Mafia Dorothea äii Prediger Bauhöter.^) 24. Aprii 1847. 

Geschenke. 24 

Handschriftlich (Original): GAB. ~47 ^^^• 

Ich schicke Ihnen eine Harmonie der 4 Ev. griechisch für die Bibliothek. 

Ich glaube, daß der Buchstabenkasten von Professor Derffel für den 
lieben Lazi gut sein wird; überhaupt für alle kleinen Kinder. Das nachfahren 
mit Bleistift auf dem Glas that Maria ^o) sehr gut. 

Grüßen Sie innigst alle theuren Brüder von mir und alle Schwestern, 
angefangen bei Ihrer lieben Frau. Marie. 

1) S. ob. S. 57, 9. 

2) Erzherzog Stephan aus zweiter Ehe; s. ob. S. 40. 

3) Vgl. Nr. 4, 8. 

4) Wohl Adalbert Wagner, der Piarist war, zur evangelischen Kirche übertrat, in der 
Filiale Altofen gegen das Verbot Bauhofers predigte, um sich bekannt und beliebt zu machen 
und sich die Pfarre zu sichern, ^enn die evangelische Gemeinde selbständig würde. 

5) 1. Corinth. 15, 1. 

6) Apostelgesch. 17, 11. 

7) Epheserbr. 4, 3. 

8) Jesaj.45, 8. 

9) S. ob. S. 52, 8. 

10) S. ob. S. 53, 2. 



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Nr. 10. 

Großwardein. Hohenlohe ^ an Maria Dorothea. 19. Jum* 1847. 

Bekehrungsversuch. 

Handschriftlich (Original): GAB. 

Meine gnädigste mir so theure Seele! 

Bei meiner Zusammenkunft in Wien mit E.K.H. habe ich hiit heiligem 
Schauer wähfg^höthnlen, wie der hl. Geist Sie erleuchtet und l^unkeh hervor- 
sthoöstfn, die nicht Fleisch Und ßiut eingäben. Doch zur Sache! Vöf* allem 
bitte zu gläUbeh, das der Drahg zu fechffefiben, äus itlir, von keiner Seele 
angeregt korhnlt, dehn in allen Dingen gehe ich als ehrlicher Schwab den 

geraden Weg, Wo Weder Welt, Hoheit mich im geringsten anfechtet 

Wahrheit und Liebe vertragen sich. Wahrheit, die redlich sucht, Liebe, die 
wir vom Kreuze lernen, von Ihm dem Hochgebenedeiten der am Stamme des 
h. Kreuzes sein kostbares Blut für uns alle — alle vergossen hat. Da sollen 
wir aufblicken, und unerschrockenen Muthes das laute Bekenntniss seiner 
ewigen Gottheit aussprechen und vereint den Gegnetn der gottlichen Offen- 
barung entgegen wirken. Thürt wir das aiis Ueberzeügünfe und mit redlichem 
Herzen, dann wird schon der Herf in seinem Erbarttien die Zeit abkürzen, 
wo ein Hirt und eine Heerde Söin wird.^) Das ifet aber Gottes und nicht 
Menschensache!!! 

Er, — der aus Steinen sich Abraham Söhne zu schaffen weis, 3) er 
wird schon in beiden Confessionen sich seine Rüstzeuge bilden, um an dem 
schönen Werke des kirchlichen Friedens und der Einheit zu arbeiten. Einst- 
weilen wollen Wir uns gegenseitig ih Liebe dulden. Keines das Andere 
richten, da der Herr sieh Allein das Gericht vorbehalten hat. 

In Gontroverseri brauche ich tnit Ihnen nicht einzugehen, eine Seele, 
wie Dorothea (Göttes-Qeschefik) ist eine vom Herrn begabte Seele, eine 
begnadigte Seele, wie mir nicht bald eine vorgekommen. Der Glaube ist 
eine Wirkung des Verstandes, nach deth Ausspruch Pauli Hebrae. XI. V. 1. 
»Der Glaube ist der Grund der Dinge^ die nicht gesehen werden.« Dieser 
Glaube ist und kann nur Einer sein. Gleichwie nur ein Gott ist, also ist 
nur ein Wort Gottes, weiches das Fundament des Glaubens ist: ist aber 
nur Ein Wort Gottes, so ist auch nur ein Glaube, gleichwie auf einem 
Fundamente nur ein Haus gesetzt werden kähri. Deshalb können nicht 
mehrere und vetfechiederie Chi-i^tÜehe Ölaübehs-Bekentilisse seih, sie Würden 
sich soiiöt wiedefsprecheri, köHheh daher nicht göttlichen Ursprungs seih. 
Es kann doch hicht zugleich wähi- seih, dä^ 7 Säkratti eilte, und Wieder- 
nur i seien, däiS der Mensch gei-echt Werde durch deri Gläübeh allein, und 
nicht durch den Glauben allein. Jacob II. 24. Paulus ruft: »Bei Christo ist 
nicht ja und neih.« 11. Cor. 1. 19. Dieser Glaube ist nothWendig zur Seelig- 
keit; dehh PautüS: »ÖHrie den Glauben ist nicht möglich, daß man Gott 
gefalle.« Hebrae. XI, 6. 

ij S. 06. s. 47. 

2) Evang. Joh., 10, 16. 

3) Evang. Matth., 3, 9. 



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»Wer glaubt und getauft ist, der wird selig, wer aber nicht glaubt, 
wird verdammt werden.« Mark. XVI, 10. (Also wenn man gleichwohl getauft 
ist, oder wenn man nicht so glaubt, wie Christus, die Apostel, die Kirche 
je und allzeit gelehrt haben.) 

Ist es Euer K. Hoheit meiner gnädigsten Cousine nicht unlieb, so 
werde ich im nächsten Briefe zeigen, »Wo und welche die Wahre Kirche 
ist,« das ich nur aus dem Worte Gottes — ohne die Erblehre zu berühren, 
zu beweisen im Stande bin. 

Auf meinen Knien bitte ich Sie, nicht meinen Worten zu glauben, 
nur den Einsprechungen des hl: Geistes. Der wird Sie erleuchten, Ihr 
frommes Herz rühren, Ihren Willen bethätigen, Ihre Schicksale so lenken, 

um die Perle ^) zu finden die heilige Kirche, die 

göttliche Braut 
Ist für Menschen in Zweifeln und Stürmen 
Auf unzerstörlichem Felsen gebaut. 
Des Glaubens Perle zu schirmen; 
Des neuen Bundes herrliche Lade 
Hat Licht für alle und Heil und Gnade. 
Wohl uns! uns strahlt das Land der Wahrheit 
Aus tiefem Alterthum steigt sie herauf. 
Und unserer Kirche lichte Klarheit 
Führt uns zum Heiligthum hinauf. 
Dort fühlen wir des großes Geistes Wehen, 
Der dort am Kreuz verschied, ist unser Licht, 
Das Ewige das Heilige bricht 
Des Raumes eng gezogene Schranken; 
Mag auch der Menschen Weisheit wanken. 
Das Gottgesandte Wort verschwindet nicht. 
Mein letzter Bluttropfen für Ihr Heil, gehört Ihnen 

Alexander Fürst Hohenlohe. 
Großwardein, 19. Juni 1847.2) 

Nr. 11. 

Wien?. Maria Dorothea. 3) i3. juh i847. 

Über den Briefwechsel mit Hohenlohe.'*) 

Handschriftlich (Original): GAB. 13 

Liebe Brüder! ^ ®'^^' 

Hier schicke ich den dritten Brief-Anfall und die Antwort auf alle 3 
wörtlich. Ich fürchtete beim Beantworten des 3-tten zu fehlen; ich schlug 
mein kleines Testament auf und der Herr gab mir das erste cap. Jacobi, 
welches genügend ist, den Unsinn und die schändliche Verdrehung der Bibel- 
stellen zu zertrümmern. 

Ich hatte dieser Tage wieder einen schweren Kummer! 
Ich werde diesen dritten Brief durch sichre Gelegenheit schicken. 
Maria. 

1) Matth. 13, 45. 

2) Es folgen nun unterm 22. Juni drei Foliospalten Hohenlohes über die »wahre Kirche«; 
dann 10 Foliospalten unterm 2. Juli über das »Eine Notwendige«. 

3) Ohne Adresse; gewiß an Bauhofer und Genossen. (S. Nr. 7.) 

4) Vgl. Nr. 10. 



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— 61 - 

Nr. 12. 

Wien. Maria Dorothea an Hohenlohe. la. juii i847. 

Antwort auf seine Bekehrungsversuche. 

Handschriftlich (Original): GAB. Wien, -^ 84?; 

Antwort auf drei Briefe des Fürsten Alex. Hohenlohe. 
Lieber Vetter! 
Ich danke Ihnen für dasZeugniss, das Sie mir in Ihrem ersten Schreiben 
geben: »daß ich den Heil. Geist habe«. Da Er Sich nur armen, elenden 
begnadigten Sündern mittheilt, so nehme ich schon längst das Zeugniß des 
Geistes selbst, in tiefer Unwürdigkeit wohl, doch an, wie ein Bedürftiger 
vom Reichen! 

Joel IL 28. 29. I. Petr. II. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 

Römer 1. 16. II. Timoth. III. 14. 15. 

II. Corinth. IV. 3. l. Joh. 20, 21, 22, 23, 

I. Thessal. I. 5. 6. 24, 25, 26, 27. 

Dies auf den ersten und zweiten Brief. — Auf den 3-tten Brief diene 
zur Antwort: 

Jacobus I., vom 2ten vers an bis Ende: besonders Verse 5 und 18. 

Marie. 
Lucas X. 39. 

Aus der Uebersetzung des Allioli,^) Landshut 1839. 



Nr. 13. 
Wien? Maria Dorothea an Bauhofer. 3) i8. Juü i847. 

Handschriftlich (Original): GAB. -^ 847. 

Eben erhielt ich wieder 2 Hefte'*) von F. A. Höh. Hier schicke ich sie 
zur Aufbewahrung zu dem Uebrigen. Es ist schrecklich, wie der S[atan] 
gegen das Wort Gottes wüthet, da er weiß, daß er nur noch eine kurze 
Zeit hat! 5) Der Herr in meiner so schweren bedrängten Lage gab mir Verse, 
>yie mir scheint, zur Antwort. Ich schicke sie auch hierbei. Ich schrieb sie 
in den ersten Brief, welcher noch nicht fort ist. Ich wünsche zu wissen, ob 
Ihr zufrieden damit seid, da es so wichtig ist. — Wenn Ihr's recht findet, 
so schreiben Sie mir nur: »Wir wünschen der lieben Fr. Herzogin eine 
glückliche Reise;« schreiben Sie dies dann nur durch die Post.<^) — Dieser 
dritte Pakl kommt Ihnen durch sichere protestantische Gelegenheit. 21. Juli. 



1) Vgl. Nr. 10. 

2) KL. 12 (1882), 566 f. 

3) S. ob. S. 52, 8; 58, 9. 

<) 42 Folioseiten vom 15. und 18. Juli 1847 über Tradition, Sündenfall, Erlösung, gute 
Werke, Sakramente, Reinigungsort, Ablaß, Gerechtigkeit, Sünde. 

5) Römerbr. 16, 20. 

6) S. ob. S. 42. 



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- 62 - 

Meine Mutter*) soll den 6ten kommen. Ich darf nach Ofen. Ich will aber 
nicht zur Einweihung 2) kommen; ich will nur zur Communion. Auch wünsche 
ich keinen aparten Sitz in der Kirche, sondern mit Crethi und Plethi^) 
zu sitzen. 

Letzthin antwortete mir der liebe H. St. auf meine wiederholte Freuden- 
bezeugung über sein fleißiges lesen: »Wen dieses Buch nicht fesselt, 
dessen Versprechungen ist auch nicht zu trauen!« Weil ich öfter nachfragte. 

Ich hatte wieder eine schreckliche Zeit! Sagen Sie den Brüdern, daß 
ich hoffe von nun an den Franz ^) öfter zq sehen. — Antworten sie mir bald 
auf die verabredete Weise. 

Es ist mir eine wahre Beruhigung zu dpnken, daß l{]Fß Marie ?) pun 
in Christi. Händen ist. Küssen sie das kleine DQr|:chen<^) von mir. Die Reise 
nach Ofen ist ein lichter Punkt für mich Elende! Betet nur! — Sagpn sie 
gütigst Szdkäcs,'') daß ich hoffe bald für seine Pläne et>vas beizusteuern. 

Ihre Schwester 

Mar i e. 

Zum Briefe an den Fürsten Alex. v. Hohenlohe vom 13. Juli 1847 
hinzugefügt: 

18. 

7. ^^' Ehe dieser Brief abgehen konnte, kamen die Il-ten und Ill-ten 
Hefte an. — Ich nehme als alleinige Quellen, aus welcher wir Wahrheit schöpfen 
sollen, nur die heiligen Schriften des alten und neuen Testamentes an. Ich 
glaube fest, wie ein Kind, daß »das Wort Gottes wohl geläutert ist« oder 
wie Allioli^) übersetzt: Psalm 118 [119] vers 140: »Gar sehr ist dein Wort 
in Feuer geläutert.« Psalm 12, 7: »Die Worte des Herrn sind reine Worte: 
Silber, das im Feuer bewährt ist, im irdenen Tiegel erprobet, gereiniget 
siebenmal.« — Psalm 19,9: »Die Rechte de§ Herrn sind genau und erfreuen 
die Herzen: das Gebot des Herrn ist hell und erleuchtet die Augen.« Keine 
Gewalt der Erde und des Himmels auch kein Engel kann mich von dieser 
Quelle abbringen. Kein Menschenwort, auch des Besten nicht. Die Nachfolger 
Christi sind alle die, welchen ER das ewige Leben verleihen will, nehmlich 
Joannes XVII. 23. — Eine heilige Scheu und Freude ergreift die Seele bei 
diesem freien Gnadengeschenk. 

Das Wort Gottes halte ich für Anfang und Ende aller Offenbarung. 
Wie Offenb. Joan. cap. 22, v. 18. 19. bekräftigen. 

Alliolisches) Bibel. 



1) S. ob. S. 41 f., 43. 

2) S. ob. S. 46. 

3) 2. Sam. 8, 18. 

4) Superintendent Franz in Wien. 

5) S. ob. S. 52, 10. 

6) Dortchen, auch Bauhofers Tochter, geb. 19. Juli 1846, f "Jö. November 1848, deren 
Taufpathe M. D. war! 

7) S. ob. S. 43, 45, 57. 

8) S. ob. S. 61, 2. 



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- 63 - 
Nr. 14. 

Großwardein. Hohenlohe an Maria. ^) 28. August 1847. 

über die heil. Schrift. 

Handschriftlich (Original): GAB. 

Auf das inhaitschwere, wenn gleich so kurze Schreiben, bin ich jm 
Gewissen gebunden, zu antworten, wie folgt 

Nie und irgend je hat die h. katholische Kirche den mindesten Zwpifel 
daran sich erlaubt, daß das Wort Gottes nicht wohl geläutert, nicht Silber 
sei, im Feuer bewährt, erprobt und gereinigt. Die Werke derjenigen, (}ie ßie 
als Lehrer der Kirche ehrt, die Schriften aller, welche die Heilslehren dar- 
zulegen sich befließen haben, die Erlasse sämmtlicher Hirten, welche die 
Gläubigen mahnen, ernstlich die Tage des Heils und der angenehmer} Zejt 
zu bedenken, geben dessen Zeugniss. Aber sie hat auch seit den Zeiten der 
Apostel — und die unsrigen hätten sie mit mächtigerer Gewalt darauf hin- 
führen müssen, als irgend welche andere — erkannt und darauf festgehalten: 
daß dieses Wort eines Wächters bedürfe, der nicht über ihm — was keine 
kirchliche Autorität je sich angemaßt hat — wohl aber in ihm selbst stehe, 
eines lebendigen Vermittlers für den in so yielen Tausenden theils ver- 
durstenden, theils durch Hochmuth und Selbstgenügsamkeit berückten Geist, 
bedürfe. Wenn Gott nur den Demüthigen seine Gnade verhießen hat, und 
unser Herr den Armen im Geiste das Himmelreich zusichert, so zeugt es 
offenbar von größerer Demuth und von sicherer Verzichtung auf eingebildeten 
Geistesreichthum, wenn der Mensch die Heilswahrheiten als Gnadengeschenk 
des Vaters durch Vermittlung der treuen lyiutter, der er dieselbe zur Ver- 
wahrung gegeben hat, annimmt, festhält, an sie sich ankljammert, als wenn 
er sich in der Zuversicht wiegt, als habe er sie in Folge selbsteigener un- 
mittelbarer Erleuchtung gewonnen. 

Zugegeben, daß dieses bei einer redlichen, treulich forschenden Seele 
wohl da und dort der Fall sein könne, wem sind denn doch, von den ersten 
Zeiten des Christenthums bis auf unsere Tage herab so viele Verwirrungen, 
so manche geradezu unchristlichen Lehren zuzuschreiben, als diesem Wahn 
der unmittelbaren Selbsterleuchtung, der so selten von denjenigen sich frei 
zu halten weiß, welchem zu widerstreben Gott selbst angekündiget hat. 

Auch unsere katholische Kirche ist niemlas von ihres Herrn Ausspruch 
gewichen, daß er seinen Nachfolgern das ewige Leben verleihe. Aber niemals 
hat sie die Folge in die Ursache verkehren, das ewige Leben voraussetzen, 
die Nachfolge als unzertrennliche Wirkung ansehen können. Sie hat sich 
an die klaren Aussprüche gehalten, daß die Jünger Christi an den Werken 
erkannt werden, 2) daß nicht das Abbarufen,^) sondern die Befolgung des 
göttlichen Willens die Kindschaft gegen Gott begründe. Wenn wir im 
gemeinen Leben sagen, dem Führer sind die gefolgt, welche er an das Ziel 
bringen wollte, so heben wir damit das Zusammenwirken beider nicht auf, 

1) Vgl. Nr. 11. 

2) Evang. Matth. 12, 50. 

3) Ebd. 7, 22. 



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nehmen nicht den Willen des Führers als alleinige Ursache an, daß das 
Ziel sei erreicht worden. Damit wird die Bedeutung der angezogenen Stelle 
Joh. 17, 2 nicht verringert. Gott hat ihm dennoch alle gegeben, er hat alle 
Dinge unter seine Füße gethan, ^ er selbst ruft alle Mühseligen und Be- 
ladenen zu sich (und wer wäre dieß nicht!), er will nicht daß jemand ver- 
loren gehe, sondern daß alle das ewige Leben haben, 2) allen will er das- 
selbe verleihen, aber zu Theil wird es nur denjenigen, welche ihm nach- 
folgen, welche heute (und für den um sein Heil Bekümmerten soll es all- 
täglich Heute sein) seine Stimme hören. 3) Sollte dadurch die Natur des 
»freien Gnadengeschenkes«, was Sie übereinstimmend mit unserer Kirche 
als solche anerkennen, verkehrt werden? Sollte deswegen die Seele mit 
»heiliger Scheu und Freude zugleich« weniger ergriffen werden? Unsere 
Kirche glaubt dieß nicht, da sie in jeder heiligen Messe derselben gegen 
denjenigen, der nicht ein Schätzer der Verdienste, sondern ein 
Spender der Gnade ist, Stimme und Wort verleiht? 

Nie hat die Kirche daran gezweifelt, daß das Wort Gottes Anfang und 
Ende aller Offenbarung sei, dasselbe hat auch für sie den Kreis gebildet, in 
welchem sie stätts sich bewegte, über welchen sie nie hinausgeschritten ist, 
ja nicht hinausschreiten kann, sofern sie sich nicht selbst aufgeben will. 
Wenn auch die Worte Apocalypse 22, 18, 19 offenbar auf dieses einzige Buch 
sich beschränken, so läßt sie dennoch denselben, weil sie den Schluß der 
ganzen hl. Schrift bilden, in dem angeregten Sinn ebenfalls gelten. Aber 
daß die Stelle Lucas XVI. 19—31 gegen die (selbst bei den Heiden hin und 
wieder durchschimmernde) Lehre von dem Fegfeuer könne aufgeworfen 
werden, das hat die Kirche niemals geglaubt und wird es nie lehren 
können. Der Reiche wird in die Hölle gewiesen, Lazarus ward in Abrahams 
Schoß getragen. Bei dieser ganzen Erzählung wird des Fegfeuers gar nicht 
gedacht. Weder die katholische Lehre, noch irgend ein katholischer Lehrer 
hat je die »große Kluft« in Abrede gestellt. Die Kirche lehrt auch nicht, daß 
das Fegfeuer eine Mittelanstalt sei, in welcher die Seelen für Himmel und 
Hölle geschieden werden, sondern ein Reinigungsort für diejenigen, welche 
der Aufnahme in jenen noch nicht fähig sind. Die Hölle hat mit dem Feg- 
feuer keine Gemeinschaft, nur der Himmel. Es heißt unserem Herrn Gewalt 
anthun, wenn man seine Erzählung gegen das Fegfeuer citieren will. Auch 
hier könnte man sagen: die Worte des Herrn seien reine Worte, geläutertes 
Silber. Wer hat dafür gesorgt, daß es wieder mit Schlacke versetzt werde ? 
Daß die Worte*) »wenn sie Moses und die Propheten nicht hören, würden 
sie auch nicht glauben, wenn jemand von Todten auferstünde, Worte seien, 
die der Mund der ewigen Wahrheit gesprochen — glaubt nicht und lehrt 
nicht nur, hält nicht nur fest die katholische Kirche, sondern bestätigt auch 
die Erfahrung von 18 Jahrhunderten, an so vielen Tausenden, welche die 
Kirche nicht hören wollen. — Die evidentesten Wahrheiten werden ab- 
gestritten, abgefertigte Irrthümer von neuem vorgebracht. Es gehört auch 

1) 1. Corintherbr. 15, 27. 

2) Evang. Matth. 11, 28. 

3) Apostelgesch. 26, 29. 

4) Evang. Luk. 16, 31. 



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- 65 - 

zu dem menschlichen Hochmuth, daß er Ohren hat zu hören, aber nicht 
hören will, Augen hätte zu sehen, aber nicht sehen wilU) 

Dem »Jetzt«, IL Corinth. VI. 2, und dem »Heute« und Ebrae. IH. 7, 
hat die Kirche ihre volle Geltung nie abgesprochen, alle ihre Ermahnungen, 
alle ihre Veranstaltungen dringen darauf, daß beide Weisungen ernstlich 
beherziget werden. 

Aber sollte es der Weisheit Gottes, dem Erbarmer, welcher nicht will, 
daß jemand verlohren werde, der Liebe, die sich für alle in dem Tod, in 
den Kreuztodt gegeben hat, so unangemessen sein, daß sie so viele, die 
nicht sowohl verstockt, als in menschlicher Schwäche beirrt sind, durch 
Anweisung eines Läuterungswortes doch noch sich annehme ? Wenn der 
. Herr des Weingartens den unfruchtbaren Feigenbaum umgraben und pflegen 
ließ, 2) in Hoffnung, er könne im folgenden Jahr doch noch Früchte tragen, 
könnten wir dies nicht zur Unterstützung dieser Lehre anwenden? Die 
Kirche hat es nie gethan, aber es mag doch erlaubt sein, dieses Gleichniss 
per analogiam anzuführen. Man muß eben so sehr sich hüten, die Menschen 
durch die Meinung, als lasse sich in der Zukunft nachholen, was hier ver- 
säumt worden, in der Saumseligkeit zu bestärken, als sie durch allzustarre 
Lehren, die eine Unterstützung nur in einseitiger oder beschränkter Auffassung 
der hl. Schrift finden können, zurückzuschrecken. 

Hiemit nehme ich mit diesem Schreiben von der geliebten Seele Ab- 
schied, und empfehle Sie der Gnade Gottes, bete für Sie, und es wird von 
vielen gebetet, — gebetet um den wahren Geist der Demuth und des kind- 
lichen Gehorsames, damit wir am Tage des Gerichtes zur Rechten Seite 
geführt, die Worte von dem vernehmen mögen, »Kommet ihr Gebenedeiten 
in das Reich meines Vaters,« 3) der uns alle, am Kreuze erlöst durch sein 
vergossenes hl. Blut. 

Alexander Fürst Hohenlohe. 

Groß ward ein, 28. August 1847. 

Nr. 15. 

Maria Dorotheas Schenkungsurkunde ihrer Bücher und Manuskripte 
Ofen. an die ungar. evang. Kirche.^) i7. Oktober i847. 

(Handschriftlich [Original ungarisch]): GAB. III a. 3, 25. 

An die Generalversammlung der ungarländischen evang. 
Kirche A. C, geliebte Brüder in dem Herrn! 
Jede Landeskirche, welche bis ans Ende standhaft am ewigen Grund 
des Evangeliums zu bleiben wünscht, muß unter andern für zwei Dinge Sorge 
tragen; erstens, daß sie alle, vom Geiste Gottes beseelter Männer Werke 
besitze, in denen die Erklärung, Auslegung und Verkündigung des Gottes- 
wortes enthalten ist, zweitens, daß sie im Besitz der allgemeinen christlichen 
Kirchengeschichte, besonders der Reformationsgeschichte, hauptsächlich aber 

1) Evang. Matth. 13, 13. 

2) Evang. Luk. 13, 6f. 

3) Evang. Matth. 25, 34. 

4) S. ob. S. 47. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 5 



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- 66 — 

der eigenen Geschichte sei. Nothwendig ist das erste, damit einem Jeden, 
besonders aber den Geistlichen, Gelegenheit geboten werde, im Worte Gottes 
zuzunehmen und die ihnen anvertrauten Herden diesem reinen und ewigen 
Born zuzuführen. Nothwendig ist das zweite, damit die Irrungen der Ver- 
gangenheit sie vor Fehltritten bewahre, damit die evangeliumgemäße Wirksam- 
keit der Vergangenheit die Nachwelt zur Nachahmung ansporne. 

Nach diesen zwei Richtungen hin habe ich seit mehreren Jahren an- 
erkannt treffliche Bücher gesammelt, mit der Absicht, um damit die Ge- 
samtheit der ungarländischen Kirche zu beschenken, in welcher Gesamtheit 
der Gott der Gnade auch mich zum Mitglied gemacht, und welcher Kirche 
ich mit diesem Geschenk einen heilsamen Dienst zu thun gedenke. 

Herangekommen sehe ich die Zeit, in welcher ich meinen Vorsatz 
vollführen kann, herangekommen gerade jetzt, da wir durch Gottes Gnade, 
durch Unterstützung meines geliebten Gemahls und durch Hilfe eifriger 
Christen in der Ofner Burg, in diesem geschichtlichen Mittelpunkt unseres 
Vaterlandes, unserem Gott nicht lange vorher eine Kirche geweiht.^ Neben 
derselben steht ein weiter, gewölbter, feuersicher gebauter, gegenwärtig noch 
leerer Saal, in welchen ich genannte Werke und Handschriften schon hinein- 
tragen, in auf meine Veranlassung zu dem Zwecke verfertigte Schränke 
legen ließ, und die Bewahrung derselben dem gegenwärtigen Herrn Ofner 
Pfarrer anvertraute, zu dem Ende, dieselben je Mehreren zu Gebrauchszwecken 
zur Verfügung zu stellen. 

Jedoch habe ich es für nothwendig erachtet, Sie von dieser Angelegen- 
heit zu verständigen, meinen Willen darüber zu äußern und die Bedingungen, 
unter welchen ich jene Werke und Handschriften der allgemeinen evang. 
Kirche schenke, klarzustellen. 

Dieselben sind folgende: 

1. Die imNbeigelegten Catalog enthaltenen, sowie die durch mich zu 
dem Zwecke eventuell noch zu eriangenden Bücher und Handschriften 
bleiben bis zu meinem Tode mein Eigenthum, nach meinem Tode gelangen 
sie in den Besitz der ungarländischen evang. Kirche A. C. und sollen als 
deren Eigenthum betrachtet werden. 

2. Der Name dieser Sammlung ist: Central-Bibliothek; ihr beständiger 
Platz der Versammlungssal der Ofner evang. Gemeinde; ihr Hüter und 
Bibliothekar der Ofner Pfarrer A. C. 

3. Die Instruction für den Bibliothekar über die Erhaltung, den Zu- 
wachs und die Benützung der Bücher und Handschriften wird die Aufgabe 
der Generalversammlung sein, von welcher ich mit vollem Vertrauen erwarte, 
daß sie über diesen ihren gemeinsamen geistigen Schatz nach bestem Er- 
messen wachen wird. 

4. Die Benützung der Bücher und Handschriften der Anstalt wünsche 
ich bereitwilligst auch auf unsere evang. Brüder H. C. auszudehnen. 

5. Was die Belohnung der Mühe des Bibliothekars, das Vergüten 
seiner Ausgaben, sowie die Geldquelle zum Zuwachs der Bibliothek betrifft, 
sollte ich selbst zu dem Ende auch nichts thun können, so hoffe und ver- 



1) S. ob. S. 46. 



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- 67 - 

traue ich auf die Generalversammlung, daß sie für Deckung dieser Bedürfnisse 
Sorge tragen wird. 

Empfangen Sie, meine lieben Glaubensgenossen, dieses mein Geschenk 
als Gedenkzeichen jener nahezu zwanzigjährigen Gemeinschaft, die zwischen 
mir und den ungarländischen evang. Brüdern bestanden hat, und erlauben 
Sie mir zu hoffen, daß der übereinstimmende Eifer Vieler diesen geringen 
Anfang zu einer großartigen und für tausende heilbringenden Anstalt er- 
weitern wird. 

Mit herzlicher Neigung und Wohlwollen zeichne ich mich 
der geehrten Generalversammlung, 
meinen in dem Herrn lieben Brüdern 

Ihr wohlwollender Glaubensgenosse 
Maria Dorothea. 
Geschrieben in Ofen, am 17. October 1847. 

Nr. 16. 
Wien (?) Maria Dorothea an Pfarrer Bauhofer. 29. Aprii i848. 

Übersendung von Geschenken. 

Handschriftlich (Original): Im Besitze des Sohnes des Adressaten, 2) 29^ 

des Herrn St. Bänhegyi in Gyula. 4. ^^' 

Hier, verehrter Br[uder], schicke ich für Sie und Ihre liebe Frau, die 
12 Messer, 1 Stück Leinwand, 12 Schnupftücher und Zeug für die kleinen 
Zerreißer und Zerreißerinnen, und dann ein Besteck für Minna, 3) welches 
meine Ma[rie]*) ihr von selbst bestimmte, dann die schuldigen 200 fl. 
C.[onventions]-M[ünze] für Sie. 5) 

Sie bekommen in einigen Tagen noch ein Briefchen durch H. S.,^) wo 
von der Malvieux'schen '^) Sache die Rede ist. Marie. 

Nr. 17. 
Pest. Bauhofer ^) an Maria Dorotheas Sohn.^) 12. Aprii 1855. 

Beileid anläßlich ihres Todes. 

Handschriftlich (Original): GAB. Illa. 14. 1. 

Kais. Koni gl. Hoheit, 
Durchlauchtigster Herr Erzherzog! 
Wenn die unterfertigten Evangelischen augsb. Confession, im Namen 
ihrer vateriändischen ungrischen Kirche, Euer K. K. Hoheit nahen, um die 

1) S. ob. S. 52, 8; 58, 9; 61, 3. 

2) S. ob. S. 41. 

3) S. ob. S. 53, 1. 

4) S. ob. S. 53, 2; 58, 10. 

5) Der Gehaltszuschuß; vgl. ob. S. 46. 

6) Wohl Sz^käcs; s. ob S. 43; 45; 57, 9; 58, 1. 

7) Im Hause des Bankiers M., bei dem die Erzh. Gelder angelegt, versuchte ein katholischer 
Priester, dessen zwei verwaiste Enkel zu bekehren. 

8) Vgl. Nr. 16. 

9) Josef Carl Ludwig, geb. 2. März 1833. Wurzbach, a. a. 0. 6 (1860), 330f. Hof- und 
Staatshandbuch, 1904, S.U. 

5* 



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- 68 - 

tiefste Theilnahme über den schmerzlichen Hintritt Höchstdero Mutter, der 
unvergeßlichen Frau Erzherzogin und verwitweten Palatinissa, Maria Dorothea, 
auszudrücken, so sind sie überzeugt, daß es in dieser Kirche nicht eine Seele 
geben dürfte, die diesem unsern Schritte ihren Beifall versagen und sich 
uns, wo es möglich wäre, nicht anschließen würde. Denn unvergeßlich hat 
sich die in Gott ruhende Frau Erzherzogin uns Allen gemacht; durch ihre 
edlen Gesinnungen und ihr an menschenfreundlichen Thaten so überaus 
reiches Leben; unvergeßlich durch die Huld und Herablassung zu den Ärmsten 
ihrer Glaubensgenossen; unvergeßlich durch den mit so großer Umsicht 
gepaarten milden Schutz, den sie der oft verkannten evang. Kirche erwirkte; 
und unvergeßlich endlich durch die Ihre Kräfte fast erschöpfenden Opfer, 
die Sie für die edlen Anstalten der Menschheit, wie für einzelne Noth- 
leidende brachte. 

In Ihren Thaten wird diese erhabene Fürstin fortleben und nur erst 
die Nachwelt wird Sie ganz würdigen. Wahriich, eine nicht geringe Freude 
und Trost für Eure K. K. Hoheit — ein Sohn dieser edlen Mutter zu sein. 
Von ihrem gottesergebenen Leben und Wirken verbricht sich ein geistiger 
Strahlenkranz, verherrlichend die durchlauchtigsten Sprossen des K. K. Erz- 
herzogs Hauses Joseph, die des Herrn Schutz und Segen umfangen möge. 

Gott hat den Herzenswunsch unserer unvergeßlichen Frau Erzherzogin 
erfüllt. Er hat Sie in Ungarn, in Ofen, das Sie so innig liebte, sterben und 
begraben lassen. Nun ruht Sie in der Mitte Ihrer vorausgegangenen Lieben; 
zu frühe, wie wir Menschen meinen, für unser Vaterland, für unsere Kirche 
und auch uns; die wir diese unser tiefgefühlte Theilnahme Euer K. K. Hoheit 
zu Füßen legend, Höchstdero Huld und Gnade empfohlen, in tiefster Ehr- 
erbietung verharren, als 

Euer K. K. Hoheit Unsers durchlauchtigsten H. Erzherzogs 

Treuergebener Diener 
Pest, den 12. April 1855. Bauhof er. 

Nr. 18. 

Oberschützen. Gymnasiallehrer Scheffer an Bauhofer. ^ i6. Apni isss. 

Nachruf für Maria Dorothea. 

Handschriftlich (Original): GAB. III a. 15, 4. 

Hochwürdiger Herr Pfarrer! 
Ich muß Sie, Herr Pfarrer, versichern, daß mich die höchsttraurige 
Nachricht von dem zu baldigen Ableben der Frau Erzherzogin so tief betrübt 
habe, daß ich im Augenblicke nicht im Stande war, mein Gemüth zu fassen. 
Wie ein Blitz rührte mich diese Nachricht, da ich die ganze Tragweite dieses 
überaus großen Verlustes vom rechten Gesichtspunkte aufgefaßt zu haben 
glaube. Die ganze evang. Kirche in Ungarn hat in der Person der selig 
Entschlafenen eine ungeheuer mächtige Stütze in verschiedener Beziehung 

1) Vgl. Nr. 17. 



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- 69 - 

verloren. Man kann mit Recht behaupten, daß die Frau Erzherzogin unsre 
Kirche bei Hofe gut vertreten habe, da doch der Hof stets einige Rücksichten 
genommen hat. Diese Rücksichten dürften möglicherweise nun, da die 
Schranken gefallen sind, auch aufhören. Die arme Classe wird die hohe 
Verblichene mit einer Fluth von Thränen beweinen, da sie eine große 
Wohlthäterin der Wittwen und Waisen war. Viele ev. Gemeinden, wie die 
Oberschützner und insbesondern die Ofner und A. haben alle Ursache, 
Todtenfeier anzustimmen. Hier bei uns wurde dieselbe am Ostermontag vom 
Pfarrer Kühne feierlich abgehalten. Pikant war die Bemerkung von Kühne: 
Obwohl die Fr. Erzh. eine sehr eifrige Protestantin, und sehr fromm und 
religiös war, ging sie doch schon seit mehren Jahren in keine Kirche, da in 
denselben nicht das wahre Christenthum gepredigt wird. Die Wiener 
H. Pfarrer würden sich sehr geschmeichelt fühlen, wenn sie es erführen!*) 
— Welch herber Schicksalschlag der Tod der h. Verblichenen für Sie, Geist- 
licher Herr, und für Ihre ganze Familie gewesen, vermag ich auch in seiner 
ganzen Tiefe und Umfange aufzufassen. Sie haben in Ihr eine wahre, 
zärtliche Mutter verloren. Und dies ist es auch insbesondere, weßhalb mich 
Ihr Abscheiden von dem Irdischen so sehr betrübt hat, da ich auch in der 
Ferne, wie einstens in der Nähe, Freud und Leid, das Sie betrifft, theile. 
Daher wollen Geistlicher Herr die gewisse Versicherung von mir entgegen- 
nehmen, daß ich an dem Sie getroffenen Unglück herzlichen Antheil nehme. 
Sie und Ihre werthe Familie nun trösten zu wollen, steht mir nicht zu und 
vermöchte es auch nicht. Sie haben als gläubiger Christ hinreichenden Trost 
am Worte Gottes, den Sie andern Unglücklichen spenden und dieselben 
durch ihn aufrichten . . .^) 

Karl Scheffer, 
Oberschützen, 16. April 1855. Gymnasiallehrer. 



Nr. 19. 
Wien. Amalie v. Polacsek^) an Prediger Bauhofer. ^) 24. Mai isss. 

Beileidschreiben. 

Handschriftlich (Original): GAB. III a. 15, 3. 

Geistlicher Herr! 

Unmöglich kann ich diese gute Gelegenheit unbenutzt lassen, ohne 
Ihnen nicht ein paar freundliche Worte zu senden und mich nach Ihrem 
Wohlbefinden zu erkundigen, indem ich nur zu sehr weiß, welchen Antheil 
Sie an dem großen Unglück, welches uns alle nur zu sehr tief traf, nehmen. 
Der Herr wird es am Besten wissen, warum er diesen Engel von uns so 
schnell abberufen hat, die nichts anderes, als nur immer Wohlthaten spendete 
und deren Verlust viele Hundert Menschen jetzt tief fühlen. 

1) s. ob. S. 43, 1. 

2) Die folgenden fast vier Folioseiten enthalten Persönliches. 

3) S. ob. S. 50. 

4) Vgl. Nr. 18. 



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- 70 - 

Hier übersende ich Ihnen einige Bücher, die ich in meiner Verwahrung 
hatte, und zwei Portraits, die vielleicht einigen Werth für Sie haben könnten; 
nehmen Sie es gütigst auf, denn es ist ja von unserer theuren, innigst 
geliebten, unvergeßlichen Erzherzogin, diesem guten Engel. 

Meine Reise von Ofen hieher war höchst betrübend; als ich in den 
Augarten ^) fuhr, dachte ich vor Wehmuth zu vergehen und konnte mich 
kaum aufrecht erhalten. Wo ich nur hintrete, so glaube ich die gute theure 
Erzherzogin muß ich sehen, aber leider, sie kommt nicht mehr, ist in einer 
besseren Welt. 

Erzherzogin Elisabeth 2) ist heute früh nach Galizien zu Ihrem Herrn 
Gemahl abgereist. 

Erzherzog Joseph 3) reist heute Abends auch ab, kommt nach Mähren, 
nach Weißkirch. 

Von der guten lieben Erzherzogin Marie ^) kommt gar keine Nachricht, 
man kann nichts in Erfahrung bringen und möchte wirklich vor Angst und 
Kummer vergehen. 

Wenn ich bitten darf, meine Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin. 

Leben Sie recht wohl, Geistlicher Herr, und halten Sie im Andenken 

Ihre ergebenste 

Amalie 
Wien, 24. Mai 1855. (v. Polacsek, Kammerfrau). 

Nr. 20. 

Im königl. ungar. Staatsarchive zu Budapest befinden sich 
im Falatinal-Archive einige auf Maria Dorothea bezügliche, jedoch 
für unsere Frage wenig belangreiche Nachrichten, deren Mitteilung 
ich der Güte des Herrn Staatsarchivars Maröthi verdanke. 

A. Beglückwünschungs-Adressen an den Erzherzog-Palatin 
Josef gelegentlich seiner Vermählung mit Prinzessin Maria (Dorothea) von 
Württemberg : 

1. Des Komitates Krassö; ddo. 4. Oktober 1819 (lateinisch). 

Signatur: Polit. 1819, Nr. 1032. 

2. Des Komitates Gömör; ddo. 17. November 1819 (ungarisch). 

Signatur: Polit. 1819, Nr. 1116. 

3. Der gesetzlich vereinten beiden Zipser Komitate; ddo. 26. November 
1819 (lateinisch). Signatur: Polit. 1819, Nr. 1205. 

4. Des Komitates Torna; ddo. 1. Dezember 1819 (lateinisch). 

Signatur: Polit. 1820, Nr. 23. 

1) S. ob. S. 48. 

2) S. ob. S. 53, 2. 

3) S. ob. S. 67, 9. 

4) Vgl. Nr. 16, 4. 



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- 71 - 

B. Dankschreiben des Palatins an die Komitate 1—3 vom 28. De- 
zember 1819; an das Komitat Torna vom 3. Jänner 1820, wie folgt: 

»Sincera, quae Praetitulatae Dominationes Vestrae medio suarum 
sub . . . (das Datum) ... ad me exaraturum litterarum mihi et percharae 
Coniugi meae respectu initi Nostri connubii annunciaverunt vota, eo, quo 
deprompta fuerunt, cordiaii affectu suscepta esse, cum singularis mutuae 
gratitudinis Nostrae contestatione Praetitulatis Dominationibus Vestris hisce 
rescribendo etc. etc.« 

Tit. Budae die ... . Signatur wie sub A. 3. und 4. 

Konzepte mit dem eigenhändigen Exped. des Palatins samt eigen- 
händiger Unterschrift resp. Namenszeichnung. 

C. Am 9. April 1834 zeigt Joh. Bapt. Freih. v. Southon dem Erzherzog- 
Palatin an, daß, nachdem er »wegen dem Baue des Bootes Nr. 4, welches 
Höchst Dieselben erlaubt haben nach dem Nahmen der Durchlauchtigsten 
Frau Erzherzogin: Maria Dorothea zu benennen« morgen nach Triest sich 
begeben muß usw. Signatur: Locumtenent. 1834, Nr. 442. 

D. 1. Am 18. Juli 1820 präsentiert die Erzherzogin (zum erstenmale) 
im Sinne des Stiftungsbriefes der Queille-Maholänyischen Stiftung ^gemacht 
durch Juditha Antonie Gräfin Queille, geb. Freiin v. Maholänyi) für eine 
vakante Erziehungspension bei den Klosterfrauen de la Congr^gation de 
Notre-Dame zu Pressburg das ungefähr elfjährige Töchterlein Maria der 
verwitweten k. k. Majorin Josef Freih. v. Horetzky. 

Signatur: Locumtenent. 1820, Nr. 900 (lateinisch). 

2. Am 19. Februar 1845 erlaubt sie, daß die bereits im Genüsse der 
oberwähnten Stiftung stehende zehnjährige Beatrice Bethlen (eine Nichte 
des Freih. Dionys v. Wimpffen) daselbst bis zur Vollendung ihrer Erziehung 
bleiben könne. 

Das an die königl. ungar. Statthalterei ergangene Konzept in 
ungarischer Sprache führt als Expediatur die eigenhändige Namenszeich- 
nung: »Maria Dorothea«. 

Signatur: Helytart. (= Locumt.) 1845, Nr. 349.350. 

3. Vom 22. Februar 1845. Anknüpfend an D. 2. wird der königl. ungar. 
Statthalterei das Gesuch des Kapitäns Dionys Freih. v. Wimpffen um weitere 
(sechsjährige) Belassung seiner Nichte im Pensionate zu Pressburg zurück- 
übermittelt. (Ungarisch.) 

Eigenhändiges Expediatur: »Maria Dorothea«. 

Signatur: Helytart. 1845, Nr. 351. 



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ni. 

Numismatische Denkmale auf den Protestantismus 

in Österreich. 

Von Regierungsrat Rud. v. Höfken. 

So spärlich die Prägungen sind, welche auf den Protestan- 
tismus in Österreich Bezug haben, so glaubte die Gesellschaft für 
die Geschichte desselben doch, auch diesem Gebiete näher treten, 
in ihren Mitteilungen allmählich die betreffenden numismatischen 
Denkmale in Wort und Bild vereinigen zu sollen. Dies erscheint 
um so mehr geboten, als sich das erhöhte Interesse für Geschichte 
und Kunst auch lebhaft äußert durch würdigende Beachtung der 
Kleingraphik und Kleinplastik im Dienste der Kirche. Es sei nur 
an die reichen Sammlungen von marianischen, von Kloster-, Bruder- 
schafts-, Wallfahrts- und Heiligen-Münzen, -Reliefs, -Bildern usw., 
an die zusehends anwachsende Fachliteratur, an die Sammlungen 
jüdischer Altertümer u. a. m. erinnert. Ein Zurückbleiben unserseits 
käme da einer Unterlassungssünde oder einem immerhin nicht 
gerechtfertigten Armutszeugnisse gleich. 

Und in der Tat waren die mit Luther und der Reformation- 
verknüpften Gepräge schon mehrfach Gegenstand rnonographischer 
Behandlung. So hat M. Christian Juncker, Konrektor des Hoch- 
fürstl. Sachsen-Hennebergischen Gymnasiums zu Schleusingen, als 
erster im Jahre 1699 auf Luther bezügliche Medaillen in seinem 
Werke »Vita D. Martini Lutheri et successuum evangelicae 
reformationis jubilaeorumque evangelicorum historia« 
zusammengestellt und abgebildet, 145 an der Zahl. 

Im Jahre 1706 erfolgte eine erweiterte Ausgabe in deutscher 
Sprache unter dem Titel: »Das Güldene und Silberne Ehren- 



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~ 73 - 

Gedächtniß des Theuren GOttes-Lehrers D. Martini 
Lutheri.« ^) 

Bezeichnend für Auffassung und Begeisterung des Autors ist 
eine Stelle seiner Vorrede, die hier nebenher vermerkt sein möge: 

»Ich erkenne als eine Vorsorge GOttes gegen Lutherum, und 
die durch dessen Dienst in Krafft des Höchsten wieder hergestellte 
wahre Evangelische Kirche, daß Er das Gedächtniß dieses seines 
treuen Dieners auch auf Gold und Silber, ich will sagen, auf 
schöne Schau-Müntzen oder Medaillen, hat prägen, und also auch 
dadurch unter den Menschen in der Welt ausbreiten und unsterblich 
machen wollen. Das ist es, was mich, obbedeutermassen, bewogen 
hat, solch Gedächtniß Lutheri wieder ans Licht zu bringen, obs 
möglich, daß einige sothane Providentz GOttes nebst mir ersehen 
möchten. Traun ! man kan sicherlich glauben, daß unsre Vorfahren 
ihre Hochachtung gegen Lutherum und das von ihm gepredigte 
Evangelium durch obgedachte Müntzen bezeugen wollen, zu keinem 
andern Ende, als daß ihre Nachkommen in gleicher Affection und 
estime ihnen nachahmen, und nach ihrem Exempel das durch 
Lutherum von den Schlacken der Menschen-Satzungen superfein 
gereinigte Wort GOttes lieben, und über alles in der Welt schätzen, 
auch solches öffentlich bekennen möchten. Zwar ist daraus kein 
Wunderwerck zu machen. . . . Aber, daß Luthero, und der von 
Ihm verbesserten Kirche zu Ehren über zweyhundert Gedächtniß- 
Medaillen gepräget worden, das ist in Wahrheit nicht von ohn- 
gefahr geschehen, sondern allerdings als ein Werck Göttlicher 
Direction zu betrachten. . . .« 

Ferner erschien 1719 zu Gotha als III, Teil der von Ernst 
Salomon Cyprian herausgegebenen Hilaria Evangelica, Berichte 
über das II. Reformations-Jubiläum 1717, Christian Schlegels 
Zusammenstellung diesbezüglicher Gepräge mit 12 Tafeln (Folio) 
unter dem Titel : »Der GOtt zu schuldigsten Ehren und denen 
Nachkommen zu danckbaren Andencken errichtete Ebenezer«.^) 

*) »In welchem dessen Leben, Tod, Familie und Reliquien benebst 
den vornehmsten Geschichten der Evangelischen Reformation, wie auch der 
Evangelischen Jubel-Feyern umständlich beschrieben und auf eine sonderbar 
anmuthige Art, aus mehr als zweyhundert Medaillen oder Schau-Müntzen 
und Bildnissen von rarer Curiosität mit auserlesenen Anmerckungen erkläret 
werden.« 

2) »Das ist, die von Ihro Königl. Majestät in Dännemarck, Reichs- 
Fürsten, auch andern Reichs- und der Augspurgischen Confeßion verwandten 



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- 74 — 

Danach wurden jenem Feste außerhalb Österreichs viele Medaillen 
gewidmet; so beschreibt Schlegel von Kursachsen 15, von Sachsen- 
Eisenach 9, von Sachsen-Gotha 10; Stoiberger 7, »Hohenloische« 3, 
Hamburger 5, Nürnberger 14, u. s. w. 

Im Jahre 1818, vermutlich angeregt durch das dritte Refor- 
mations-Jubiläum, folgt endlich M. Heinrich Gottlieb Kreußler, 
Diakon in Würzen, von welchem auch die Denkmäler der Refor- 
mation der christlichen Kirche herausgegeben wurden, mit einem 
Buche »D. Martin Luthers Andenken in Münzen« nebst 
Lebensbeschreibungen merkwürdiger Zeitgenossen desselben und 
196 Münzabbildungen. Hiemit ist wohl die Reihe der Monographien, 
nicht im entferntesten aber die Reihe der auf den Protestantismus 
bezüglichen Gepräge beendet, von welchen alte da und dort noch 
auftauchten, neue geschaffen, beide — zerstreut in numismatische 
Werke, Zeitschriften und Kataloge — beschrieben oder wenigstens 
vermerkt wurden. 

Die genannten Monographien befassen sich jedoch fast aus- 
nahmslos nur mit Medaillen reichsdeutscher Provenienz; jene 
Österreichs fanden noch keine spezielle Behandlung. Und dies ist 
dadurch leicht erklärlich, daß unser Vaterland weder auf Luther 
im besonderen, noch auf den Protestantismus im allgemeinen sich 
zahlreicher Prägungen rühmen konnte; zur Ausgabe üppiger »Denk- 
mahle ihrer Gloire« — wie Juncker die Medaillen nennt — hatte die 
protestantische Kirche in Österreich ehedem wenig Veranlassung. 

Fehlt es also an Vorarbeiten für unser eng begrenztes Feld, 
so liegt es zugleich im Wesen einer ersten numismatischen Be- 
handlung welchen Themas immer, daß bei dieser infolge des 
weithin zersplitterten Materiales an Vollständigkeit fast niemals 
gedacht, eine solche erst unter Beihilfe aller Berufenen, der Forscher, 
Museen und Sammler, zu welchen der Weg oft mühe- und dornen- 
voll, erreicht werden kann. Das um so mehr, als der Bericht- 
erstatter sich mit diesem Zweige der Numismatik bisher nicht 
befaßte, in Ermanglung einer einschlägigen eigenen Sammlung 
also nur zusammenstellen konnte, was ihm bei der orientierenden 



Ständten und Städten, auf das andere Evangel. Jubilaeum und dessen un- 
auslöschliches Andencken, in Gold und Silber ausgefertigte Medailles und 
andere Müntzen, in behörigem Kupffer-Stich dargestellet und mit einiger 
Erklärung versehen von Christian Schlegei'n, Fürstl. Sächsz. gesambten 
Historiographo, auch Secretario und Antiquario zu Gotha.« 



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- 75 - 

Durchmusterung des zunächst Vorhandenen und Erreichbaren zu- 
gänglich wurde. 

Hiebei sei dankbarst des überaus gütigen Entgegenkommens 
der Herren Hof rat Dr. v. Luschin und Regierungsrat Dr. Do man ig, 
sowie der Verwaltungen oder Besitzer jener Sammlungen gedacht, 
welche bei Beschreibung der einzelnen Stücke vermerkt sind. 

Betrachtet man die in oben genannten Werken abgebildeten 
deutschen Medaillen, so werden deren reiche Anzahl, gleichwie 
zumeist sinnige Darstellungen überraschen, wenn diesen auch mit- 
unter die Hand des Künstlers nicht völlig gerecht zu werden vermag. 
Edle, durch gelegentliche zeitgemäße Naivetät nicht beeinträchtigte 
Symbolik paart sich mit tiefer, glaubensinniger Poesie, eine Eigen- 
schaft, die sie mit manch schönen marianischen und Heiligen- 
Medaillen gemein haben. Bei den hier in Betracht kommenden 
Geprägen Österreichs wird nicht nur durch die numerische Minder- 
heit, sondern auch durch die Zwecke, welchen dieselben teilweise 
dienen, eine bildliche und künstlerische Entfaltung im allgemeinen 
weniger begünstigt. 

Sehen wir vorläufig von Personen-Medaillen, welchen bei 
anderer Gelegenheit Rechnung getragen werden soll, ab, so liegen 
bisnun als älteste einschlägige Gepräge vor jene der 

I. Evangelischen Stände. 

A. Ehrpfennige für evangelische Schulen, Schulprämien. 

Im XVI. Jahrhundert ging in Steiermark, Kärnten, Krain und 
Oberösterreich mit der Ausbreitung der Reformation eine Re- 
organisation der Schulen Hand in Hand, welche voran den Nach- 
wuchs heimischen Adels für den Besuch der Universitäten vor- 
bereiten sollten. In diesen landschaftlichen Schulen zu Graz, 
Klagenfurt, Laibach, Enns resp. Linz war es üblich, die 
besseren Schüler durch Ehrpfennige auszuzeichnen, welche mitunter 
auch vergoldet an einem Kettlein getragen wurden. 

Nach den eingehenden Darlegungen Professor Dr. Arnold 
V. Luschins im IX. Bande der Wiener numismatischen Zeitschrift, 
p. 367 ff., finden sich in 

STEIERMARK 
die ersten Nachrichten über solche Ehrpfennige im Jahre 1577, 
die letzten im Jahre 1598, in welchem Erzherzog Ferdinand die 



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— 76 — 

Schließung der Grazer Stiftsschule »im Paradeis« verfügte. Die 
Pfennige wurden meist in zwei, mitunter auch in drei und vier 
verschiedenen Größen und Typen aus 8- bis ISlötigem Silber aus- 
gebracht, durchschnittlich jährlich etwa 150 Stück im damaligen 
Werte von zirka 9 bis zirka 35 Kreuzern. Obwohl sich hieraus auf 
eine Prägung von weit .über 2000 Stücken schließen läßt, scheinen 
doch nur wenige auf uns überkommen zu sein: 

1578. 

1. a. INSIG : PROV : DVCATVS : STYRIACI 78. In mit Herzogshut be- 

decktem Schild der steirische Panther. 
r. GAVDET * PACIENTIA * DVRIS. Über einem flammenden Herzen 
ein aufgeschlagenes Evangelienbuch mit Schriftspuren und Kruzifix, 
überragt von dreistengeliger Blume. — 26 mm. Tafel I, Nr. 1. 
Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

Matthaeus Heinrich Heroldt, dem Münzvergnügen gewidmete Neben- 
stunden, Nürnberg 1774, p. 317, Nr. 74. — Dr. Friedrich Pichler, 
Repertorium der steirischen Münzkunde, 111, p. 145, Nr. 24. — 
V. Luschin, a. a. 0., Nr. 1. 

Als Kupferabschlag bei Neumann, Kupfermünzen, I, Nr. 1234, und 
bei Pichler, III, p. 145, Nr. 22. 

Im XXVII. Bande der Wiener numismatischen Zeitschrift, 
also 18 Jahre nach Erscheinen obzitierter Abhandlung v. Luschins, 
bezieht Theodor Unger, p. 156, vorliegendes Stück auf den ereignis- 
reichen Brucker Landtag, 1578, resp. die daselbst erreichte 
Religionsfreiheit. Unger scheint also bezüglich der Deutung dieses 
Stückes anderer Ansicht geblieben zu sein. Übrigens gibt er dessen 
Avers-Umschrift ohne Abkürzungen: Insignia Provincialium Duca- 
tus:Styriaci 78; es dürfte aber nur ein Versehen des Setzers ob- 
walten, welcher die vermutlich in kleiner Schrift beigegebenen 
Ergänzungen groß druckte. 

o. J. (= ohne Jahreszahl.) 

2. Kupferabschlag mit gleicher Darstellung, jedoch ohne Jahreszahl und 

nur 25 mm. 

J. Nentwich in »Mitteilungen des Clubs der Münz- und Medaillen- 
freunde in Wien«, 1894, p. 492. 

1578. 

3. Avers wie zuvor. 

r, IN . OMNIBVS • RESPICE • FINEM • Eine Sanduhr, auf welcher 
eine lodernde Flamme. 
25 mm. Tafel I, Nr. 3. 



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- 77 - 

Museum Joanneum, Graz. 

Verzeichnis der J. F. Weidhas'schen Münz- und Medaillensammlung 

Nr. 430. — V. Luschin Nr. 2. 

o. J. 

4. a. INSIG : PROV : DVCA : STYRIAC : In mit Herzogshut bedecktem 

Schild der steirische Panther. 
Revers wie zuvor. 
25 mm. 
Katalog der Theodor Unger'schen Münz- und Medaillensammlung 
Nr. 1828. 

Eine nicht näher beschriebene Variante erv^ähnt J. Nentw^ich 
in »Mitteilungen des Klubs etc.« a. a. 0. 

1578. 

Den Forschungen v. Luschins gemäß w^urden in diesem 
Jahre noch zweierlei Ehrpfennige ausgegeben, die in Originalen 
derzeit nicht vorliegen. Der eine, im Werte von 15 Kreuzern, zeigt 
das Bild des Heilands. Der andere, im Werte von 8 — 9 Kreuzern, 
präsentiert sich als Klippe, viereckig, mit einem »Khreizl«; v. Luschin, 
a. a. O. p. 371, C und D. Diese beiden Pfennige w^urden mit 
geänderter Jahreszahl auch für 

1579. 

gespendet, desgleichen unsere Nr. 1, v^ährend Nr. 3 entfiel. 

1589. 

5. Avers und Revers wie Nr. 3, mit der Sanduhr, jedoch mit der Jahres- 

zahl 89. 

Als Kupferabschlag bei Neumann, Kupfermünzen, I, Nr. 1229. 

In diesem Jahre wurden silberne Ehrpfennige im Werte von 
41 Talern ausgebracht, während z. B. im Jahre 1585 nur für 
25V4 Taler Ehrpfennige »denen edlen und anderen Knaben so 
promovirt worden sein« zukamen. 

1594. 

6. a. INSIGN • DVCATVS • STYRIi« • Der steirische Pantherschild, be- 

deckt mit dem Herzogshut, zu dessen Seiten 9—4. 
r. EX • BELLO • PAX • EX PACE • VBERTAS • Eine weibliche Figur, 
der Friede, in der Rechten ein lorbeerumranktes Schwert, in der 
Linken ein Füllhorn. Unten Trophäen und Fackel. 

27 mm. Tafel I, Nr. 6. 

Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 
V. Luschin Nr. 3. 



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— 78 - 

15%. 

7. a. In reicher, von Lorbeerzweigen und Bienen belebter Verzierung der 

steirische Pantherschild, bedeckt mit dem Herzogshut, neben 
welchem zwei Vögel. 
/•. In sechs Zeilen: ILLV : STYR : | PRO : DIL : APPR : | OBANTES • 
10 A : I NNl : C ASP ARO | AB • HERBERST : | AIN • 1596. Darunter 
eine Blume. 
41 mm. Museum Joanneum, Graz. 

Dieses talerförmige Unikum, welches das genannte Museunn 
aus der Samnnlung Th. Unger, Auktions-Katalog Nr. 4167, Tafel III, 
für 570 K erworben hat, diente zur Belohnung Johann Caspars 
Freiherrn v. Herberstein, der 1604 die Universität zu Straßburg 
besuchte, 1608 — 10 in Italien studierte, sich 1613 mit Susanna 
V. Praunfalk vermählte und 1617 infolge eines Sturzes vom Pferde 
starb. Derselbe war Herr auf Lankowitz usw., Erbkämmerer und 
Erbtruchseß in Kärnten. Seine Gattin entstammte jener hervor- 
ragenden Ausseer Familie, nach welcher ein Teil des schönen 
Tales, der einst zum Praunfalkgut oder Traunau gehörte, noch 
heute benannt ist. Susannas Onkel Peter Christoph v. Praunfalk 
war bereits eifriger Lutheraner; ihr Vetter Hans Adam mußte 
seines Glaubens wegen auswandern (Nürnberg), wurde aber des- 
ungeachtet 1637 in den Freiherrnstand erhoben. Die berühmte 
Praunfalk'sche Familienbibel befindet sich im Archive der letzten 
Nachkommen der Praunfalken, der Grafen v. Schlippenbach, zu 
Arendsee bei Schönermark in Preußen. '') 

1597. 

8. a. MVLTA • TRIB : IVST • SED • DOMI : ADIV : 2) Der steirische Pan- 

therschild, bedeckt mit dem Herzogshut, zu dessen Seiten 9—7. 
r. ROSA o INTER o SPINAS o Zwischen zwei Disteln eine schöne Rose. 
30 mm. 
Appels Repertorium zur Münzkunde des Mittelalters und der neueren 
Zeit IV, 1 Nr. 1805. - v. Luschin Nr. 4. 

Ein Original ist behufs Abbildung leider nicht zu eruieren 
gewesen. 



^) Eine ebenso eingehende wie dankenswerte Abhandlung über diese 
Bibel (von Feyerabent in Frankfurt a. M. 1570) aus der Feder des Grafen 
Albert Schlippenbach erschien im Jahrbuch der k. k. heraldischen Gesellschaft 
»Adler«, Wien 1900, S. 66 ff. 

2) Multa tribulatio justis, sed Dominus adjuvabit. 



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- 79 - 

o. J. 

9. a. SOLATVR • CONSCIENTIA • ET • FINIS • Der mit dem Herzogs- 
hut bedeckte Pantherschild, 
r, A • TENEBRIS • ASSVESCERE • MVLTVM • Neben einem Gitter 
ein Baum, vom Sturm, der aus Wolken bricht, mächtig bewegt. 

28 mm. Tafel I, Nr. 9. 

Museum Joanneum, Graz. 

In V. Luschins Beschreibung der steirischen Gepräge und 
Siegel auf der Grazer Ausstellung kulturhistorischer Gegenstände 
1883 unter Nr. 223 erwähnt, dürfte dieses Stück gleichfalls als 
evangelischer Schulpfennig anzusprechen sein. 

1598. 

10. a. INSIG . PROV • DVCATVS • STYRIA . Der mit Herzogshut be- 

deckte Pantherschild. 

r. In vier Zeilen: MVNVS: | CVLVM LI : | TERARI : | VM • 1598 • 
22 mm. Museum Joanneum, Graz. 

Appel, Nr. 1807. — Verzeichnis der Münz- und Medaillensammlung 
des Leopold Welzl v. Wellenheim, II, 1 Nr. 8888. — v. Luschin, Nr. 5^ 

In diesem Jahre wurden 60 große, 80 mittlere und 110 kleine 
Ehrpfennige im Werte von 64 Talern geprägt, womit die Reihe 
der steirischen evangelischen Schulprämien schließt. 

Über jene, welche von den protestantischen Ständen in 

KÄRNTEN 

ausgegeben wurden, sind nähere Aufzeichnungen nicht bekannt 
gemacht. Wohl aber sind uns sieben solcher Prämien für die Zöglinge 
des 1563 in Klagenfurt an Stelle der heutigen Burg errichteten 
hochschulartigen Gymnasiums und damit verbundenen adeligen 
Konviktes — »collegium sapientiae et pietatis«, ein Sammelplatz 
humanistischen Schrifttums, die Wiege des kärntnerischen Schul- 
dramas — erhalten. 

1582. 

11. a. EGO . SVM • VIA • VERITAS • ET • VITA, Das Brustbild Christi 

mit Strahlenschein. 

r. In sechs Zeilen: * f * I EGO • SVM | LVX • M • VIA 1 VERITAS | 
ET • VITA I 1582. 

22 mm. Tafel I, Nr. 11. 

J. Nentwich, »Mitteilungen des Klubs der Münz- und Medaillen- 
freunde in Wien«, 1894, p. 492. — Katalog Th. Unger Nr. 1829. 

Während dieser Pfennig sich durch sein Geweicht von 73 g 
als Dickmünze qualifiziert, wird unter Nr. 1830 des Unger'schen 



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- 80 - 

Kataloges auch eine gleichförmige Dün n münze, 3*2 g schwer, ver- 
zeichnet. 

Beide wurden a. a. 0. nach Steiermark verwiesen, wogegen 
um so weniger einzuwenden gewesen wäre, als wir gesehen haben, 
daß dort 1578 und 1579 Ehrpfennige mit einem freilich nicht näher 
umschriebenen »Bild des Heilands« zur Ausgabe gelangten. Nun 
liegt aber in der Sammlung des Allerhöchsten Kaiserhauses ein 



merkwürdiges, goldenes Zwittergepräge auf, 6'9 g schwer, das 
mit obigem Avers ^) die Rückseite eines Kärntner Sechskreuzer- 
, Stückes verbindet: der Adler mit dem Kärntner Wappen als Herz- 
schild; unten der Reichsapfel, darin 6; Umschrift: INF • HIS • 
ARCHID — CARINTIE • D • BV • 1557. 

M. Markl, Die Münzen, Medaillen und Prägungen Ferdinand 1., Nr. 2220. 

Es bleibe dahingestellt, welchen Zweck diese Vereinigung 
zweier gänzlich zusammenhangloser Stempel hatte; die Verquickung 
als solche dürfte ebenso wie das nächstfolgende Stück gestatten, 
in beiden einen Wegweiser für die Bestimmung unserer Nr. 11 
zu erblicken. Denn wir müssen hier auch des schönen Medaillons: 
Wellenheim, II., Nr. 7051, anscheinend aus der Zeit Kaiser Ferdi- 
nands II., gedenken. Leider ist der Umschrift nicht der Zweck zu 
entnehmen; ob das Stück jener Epoche angehören kann, zu welcher 
die Stände noch vorwiegend evangelisch, gegnerische Maßnahmen 
noch ruhten oder erst im Werden begriffen waren, ist selbst aus 
dem bisher stets übersehenen, im unteren Teile der Kartusche 
versteckten Künstler- Monogramm H — G nicht zu entnehmen, 
da mit diesen Buchstaben ebenso Hans Gebhard der Ältere, 
1579— 1588 als Stempelschneider, 1597 als Münzmeister zu Nürn- 
berg erwähnt, wie der Jüngere, 1603 — 1633 Stempelschneider »in 
Österreich«, signierten. Stilistische Details mögen vielleicht mehr 
für die Zeit des letzteren sprechen. Auch wurde das Bild des 

Bei gleicher Darstellung lautet die Umschrift: EGO SVM • VIA • 
VERITAS • ET • VITA • I • 14. 



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- 81 - 

Erlösers natürlich vielfach von katholischer Seite auf Medaillen 
wiedergegeben, z. B. 1597 auf jener des Abtes Ulrich 11. von Zwetl — 
J. Bergmann, Medaillen auf berühmte Männer, H, Nr. 79, auf den 
Wiener Salvatormedaillen — Mitteilungen des Klubs, 1896, S. 118 ff., 
mit drei Tafeln, usw. Und dennoch scheinen in der Art der Dar- 
stellung, wie in der Anwendung des Spruches Ego sum via etc. 
beachtenswerte Momente zu liegen, welchen wir auf evangelischen 
Geprägen von Böhmen, Steiermark und Kärnten, nicht minder 
z. B. auf dem Steinreliefe in der einstigen Prager evangelischen 
Salvatorkirche begegnen, Momente, welche die Vorführung des 
interessanten Schaustückes an dieser Stelle jedenfalls rechtfertigen 
dürften, wenn sie auch keinen unanfechtbaren Hinweis auf den 
Protestantismus enthalten. 

Die Beschreibung ist folgende: 

a. NVMISMA * HONORARIVM * AD * PERPETVAM * RECORDA- 
TIONEM * Halbfigur Christi en face, das Haupt von Strahlen, drei 
Lilien und Schein umgeben; die Rechte segnend erhoben, die Linke 
auf großem »Reichsapfel« ruhend, in dessen unterem Teile drei 
Zeilen: EGO • SVM • VIA • VERl | TAS • ET • VITA • | • 10 : A : 14. 
r. PROVINCIALIVM * ARCHIDVCATVS * CARINTHIAE * PRO- 
CERVM. Das mit Erzherzogshut bedeckte Kärntner Wappen, von 
zwei aufrecht stehenden Greifen gehalten. In der reichen Kartusche 
die Signatur: links H, rechts G. 

97 mm. - 283 gr. - Silber. Tafel III, Nr. 1. 

Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. — Sammlung Themeßl, Wien. 

Den übrigen Ehrpfennigen mangelt eine Jahreszahl, was auf 
praktische Gründe, voran auf Vermeidung einer Bemüßigung zu 
alljährlichen Neuprägungen zurückzuführen sein mag. 

12. a. + + • ILLVSTRIVM • ARCHIDVC : CARIN : PROCER : MVNVS • + + 

Mit dem Erzherzogshute bedeckter, reich verzierter Kärntner 
Wappenschild. 
r, STVDIORVM • PRAEMIVM • ET • VIRTVT : STIMVLVS • , daneben 
undeutliche Verzierung. Inmitten eines Lorbeerkranzes ein offenes 
Buch, darauf die Worte O RA ET | LA BO RA • 
30 mm. Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

Museum Joanneum, Graz, 
v. Luschin, p. 376, Nr. 6. 

Die Revers-Darstellung erinnert an jene auf Nr. 1 und 15, 
so daß eine Abbildung entfallen konnte. 

13. a. ILLVSTRIVM • ARCHIDVC : CARIN • PROCER • MVNV • Das mit 

dem erzherzoglichen Hute bedeckte, zierlich eingefaßte Wappen 
von Kärnten. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 5 



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- 82 - 

r. Im Blätterkranz zehn Zeilen: SAPIENTIA | PER ME • REGES | 
REGNANT : ET LE I GVM • CONDITORES | IVSTA • DECER- 
NVNT . I PER ME • PRINCIPES | IMPERANT : ET PO | TENTES • 
DECER I NVNT • IVSTI | TIAM • 

39 mm. Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

K. G. V. Schultheß-Rechbergs »Thaler-Cabinet«, I, Nr. 320. — 
V. Luschin, Nr. 7. 

14. Avers ähnlich dem vorigen, aber mit MVN : ; die Schrift zwischen 

Lorbeerkranz und Perlenkreis; das Wappen minder reich verziert. 
r. Von einem Lorbeerkranz umgeben in acht Zeilen: TIMOR • DNl • | 
ODIT ^MALVM: | ARROGANTIAM | ET SVPERBIAM | ET VI AM 
• PRAVA I ET OS BI • LIN G\E | DETESTA | TVR. 

35 mm. Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

Appel, III, 1 Nr. 1563. — David Samuel v. Madais Taler-Kabinett 
Nr. 2435. — v. Schultheß-Rechberg, I, Nr. 321. — v. Luschin, Nr. 8. 

15. a. ILLVST • ARCHID • CARINTHI>C • PROCERV * Mit Erzherzogshut 

bedeckter Schild, darin das kärntische Wappen. 
r. STIMVL^ PREMIVM STVDIORVM ET MVNVS * Im Mittelfelde ein 
aufgeschlagenes Buch mit Schließen. 

29 mm. Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

Appel, III, 1 Nr. 1564. - v. Luschin, Nr. 9. 

Der Revers ähnelt jenem von Nr. 1 und Nr. 12. 

16. a. ILLV : ARCHI • DVC • CARIN : PROC : MVN • In zierlichem, mit 

dem Erzherzogshute bedecktem Schild das Wappen von Kärnten. 

r. In sechs Zeilen: • MANDA • 1 TVM • EST • LV |.CERNA:ET- LEX | 

LVX • ET. DISCI I PLINA • VIA | VITAE. Auf beiden Seiten ist 

der Rand durch eine sogenannte Paternoster-Linie abgeschlossen. 

26-5 mm, 7*9 g. 
Jos. Nentwich, »Mitteilungen des Klubs etc.«, 1894, p. 484. 
Als Goldabschlag in der Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

25 mm, 6*93 g. — v. Luschin, Nr. 10. 

17. a. ILLV : AR : D : CAR : PRO : MV • Das kärntische Wappen. 
r. In vier Zeilen: ORA | • E • T- | LABO | RA • | - Klippe. 

26 mm. — Zinnabschlag. — Wellenheim, II, 1 Nr. 8968. 

Auch in 

KRAIN 

schreibt die im Februar 1584 genehmigte Schulordnung die Be- 
lohnung der Fleißigen mit Prämien vor, ein Brauch, der am 
Laibacher Gymnasium bis in die Regierungszeit Kaiser Josefs II. 
beibehalten wurde. Aus dem genannten Jahre führt v. Luschin, 
a. a. 0. p. 379, Nr.ll, nach den Schriften von J. S. Floriantschitsch 
V. Grienfeld und von Lesser folgenden Ehrpfennig an: 



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- 83 - 

18. a. Der Krainer Adler mit dem rot-gold-ge schachten Halbmond auf der 

Brust. 
r. In fünf Zeilen: PR^CM • | SCHOL>C | PROVINCI: | CARNIOLiC | 
* 1584 * Zuoberst ein Sternchen, zuunterst ein Kreuz. 
25 mm. 

OBER-ÖSTERREICH, 

die Trutzfeste des Protestantismus, erfreute sich zuerst in Linz 
1550 — 1567, dann im Minoritenkloster zu Enns, endlich 1574 bis 
1625 wieder im Landhause zu Linz einer evangelischen Land- 
schaftsschule. 

Zweifelsohne spendeten die Stände auch hier die üblichen 
Prämien, von welchen die bekannt gewordenen verzeichnet seien, 
wiewohl ein Hinweis speziell auf den Protestantismus fehlt. Die- 
selben scheinen anfänglich in der evangelischen, nach deren Auf- 
lösung in der katholischen Schule Verwendung gefunden zu haben. 

Leider sind auch auf diesen Ehrpfennigen keine Jahreszahlen 
vorgesehen gewesen; nur einigen wurde späterhin eine solche im 
Verleihungsjahre eingraviert. Ohne Frage aber entstammt wohl die 
Mehrzahl der Stücke noch dem XVI. Jahrhundert; schwieriger ist 
zu ersehen, ob z. B. jenes mit dem Wappen der Stadt Enns tat- 
sächlich den Jahren 1567 — 1574 angehört. 

19. a. AVST : SVP • — ANAS : In zierlicher, von dem Erzherzoghut be- 

deckter Kartusche das Wappen von Oberösterreich, 
r. GRAVE — PRINCIPIVM • Hermes reicht einem knieenden Knaben 
Blumen. 

25 mm. Tafel I, Nr. 19. 

Appel, IV, 1 Nr. 1782. - V^ellenheim, II, 1 Nr. 10067. -- J. v. Kolb, 
Münzen, Medaillen und Jetone des Erzherzogtums Österreich ob 
der Enns, Nr. 277. 

Es existieren zumindest drei Exemplare dieses Stempels: 
eines im Museum Francisco-Carolinum zu Linz, eines in der 
Sammlung Th. Unger, Katalog Nr. 1361, beide mit der eingravierten 
Jahreszahl 1611, während das dritte, in der Sammlung des Allerh. 
Kaiserhauses, 1613 zeigt. 

20. a. AVST : SVP • — ANAS : In einer Verzierung das Ennser Stadt- 

wappen (?). 
Revers wie zuvor. 

24 mm. — Museum Linz. — v. Kolb, Nr. 278. 

Bei der durch besondere Güte des Herrn Kustos Dr. Thal- 
mayr gewährten eingehenden Besichtigung dieses Stückes machte 
es infolge gewisser Spuren auf den Berichterstatter den Eindruck, 

6* 



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— 84 - 

als ob nicht nur der Revers, sondern auch der Avers mit jenem 
von Nr. 19 identisch gewesen und erst nachträglich mit dem 
Ennser Wappen versehen worden wäre. Hing diese Änderung mit 
der Verlegung der Schule nach Enns zusammen, so müßte man 
annehmen, es wäre zuerst zwischen 1550 — 1567 für Linz eine 
größere Anzahl solcher Prämien geprägt worden, von welchen 
späterhin, 1611 — 1613, also bereits von katholischer Seite, noch 
einige Verwendung fanden, während für die Ennser Epoche der 
Avers mittels Gusses umgestaltet worden war. Allerdings ent- 



spricht das Wappen insofern nicht völlig jenem von Enns: öster- 
reichische Binde mit wachsendem steirischen Panther im oberen 
Felde, als das Tier mehr einem Ziegenbocke zu ähneln scheint, so 
daß auch an eine willkürliche, nicht mit Enns in Zusammenhang 
stehende Änderung für persönliche Zwecke gedacht werden könnte. 

21. a. PROC : AVST • — SVP : ANAS •. Wappen, ähnlich wie zuvor. 

r. SIC ITVR AD ASTRA • Ein nackter Knabe, ein Buch in der 
Rechten emporhaltend, reitet auf dem Pegasos. 

33 mm. — Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. Tafel I, Nr. 21. 
Katalog der Sammlung des Freiherrn Franz Josef v. Bretfeld- 
Chlumczanzky, Nr. 31220. - v. Kolb, Nr. 281. 

In der Sammlung Th. Unger, Graz, befand sich laut Katalog 
derselben, Nr. 1362, ein Exemplar dieses Stempels mit der ein- 
gravierten Jahreszahl 1616. 

22. a. ILLV : PROCE : AR-CHID : AVS : SVP. Wappen, ähnlich wie zuvor. 
r. STVD : ET : VIRT — PREMIVM. Ein Mann legt die Rechte auf 

die Schulter eines Knaben, welcher in einem Buche liest; die Linke 
deutet nach oben, wo in Wolken der Name Jehova erstrahlt. *) 
Hinter dem Manne kniet ein Knabe mit emporgehobenen Händen. 

27 mm. — Museum Linz. Tafel I, Nr. 22. 

J. Nentwich, »Mitteilungen des Klubs etc.«, 1894, p. 523. — Katalog 
Th. Unger, Nr. 1360. 

^) Und zwar in hebräischer Schrift. Da das Original undeutlich, sind 
hier lediglich Nentwichs Angaben wiederholt. 



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- 85 - 

23. Avers wie zuvor. 

r ro STVD ET VIRT PREMIV <v>. Ein Baum in Form eines Y, auf 
dessen einem Ast ein Knabe sitzt, in der Linken ein Buch, die 
Rechte emporgehoben, während von dem anderen Ast ein Knabe 
nach abwärts stürzt. Zwischen beiden, über Strahlen, die hl. Geist- 
Taube. 

38 mm. Tafel I, Nr. 23. 
In Gold: Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

Appel, IV, 1 Nr. 1781. - Wellenheim, II, 1 Nr. 10068. - J. Berg- 
mann, Medaillen auf berühmte Männer, 11, S. 72, Ankg. 2. — v. Kolb, 
Nr. 279. 

Die Allegorie, das Y Pythagoraeum, versinnbildlicht die 
divergierende Richtung, das künftige Geschick des fleißigen und 
des lässigen Knaben, den Pfad der Tugend und des Lasters. 

24. a. PROCERES ARCHIDVC-ATVS AVSTRliC SVP ANASVM. Wappen 

ähnlich wie zuvor, 
r. ET SAXA SE-QVENTIA TRAXIT. Lyra spielender Orpheus, bei 
einem Baume sitzend, von verschiedenen Tieren, wie Hirsch, Wolf, 
Löwe und Vögel, umgeben; auf einem höheren Ast lauscht ein Kind. 

43 mm. Tafel I, Nr. 24. 

In Gold und Silber: Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. — In 
Silber: Museum Francisco-Carolinum, Linz. — v. Kolb, Nr. 280. 

Das silberne Exemplar der kaiserlichen Sammlung ist mit 
der eingravierten Jahreszahl 1613 versehen; gemäß dem Linzer 
Musealblatt 1843, p. 74, existiert ferner ein solches mit 1617. 

25. a. PROC : ARCHID : * - AVST : SVP: ANAS • Wappen wie zuvor. 
r. Arion sitzt, die Lyra spielend, auf dem Delphin; im Hintergrunde 

ein Segelschiff. Oben im Halbbogen: MVNERA MVSARVM. 

39 mm. - Silber. Tafel I, Nr. 25. 
Das Stück gelangte erst in neuerer Zeit in Besitz des Museum 
Francisco-Carolinum zu Linz; ein zweites, mit der eingravierten 
Jahreszahl I6I5, erliegt derzeit in der Münzhandlung Gebrüder 
Egger zu Wien. 

B, Sonstige Gepräge der evangelischen Stände. 

Die 1618 ausgebrochene Empörung der Stände hatte in ihrer 
Fortentwicklung nicht nur die Absetzung König Ferdinands IL und 
die Wahl Friedrichs von der Pfalz, sondern u. a. auch die Ausgabe 
ständischen Geldes in Böhmen, Mähren und Schlesien zur Folge. 
Für unsere Zwecke hat wohl die Vorführung dieser wenigen Typen 
Interesse, nicht aber jene aller bekannt gewordenen, historisch 
belanglosen Varianten; wir begnügen uns mit einer orientierenden 



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- 86 - 

Zusammenstellung der einzelnen Sorten, und zwar bei Böhmen 
und Mähren auf Basis der von Eduard Fiala bearbeiteten »Samm- 
lung böhmischer Münzen und Medaillen des Max Donebauer.« 

BÖHMEN. 
Münzstätten Prag, Kuttenberg und Joachimsthal. 

1. Vierundzwanziger oder Vierteltaler. 

a. MONETA'REGNI BOHEMIAE, daneben das Zeichen des betreffenden 
Münzmeisters. Im Perlenkreis die Königskrone, darunter die Jahres- 
zahl 1619 respektive 1620. 

r IN DEO F0R(24)T1TVD0 * Im Perlenkreis der gekrönte böhmische 
Löwe. 

2. Zwölfer oder Achteltaler. 
Avers wie zuvor. 

Revers desgleichen, jedoch (12). 

3. Groschen (3 Kreuzer) von 1619. 
Avers wie zuvor, jedoch MONET. 
Revers desgleichen, jedoch (3). 

4. Kreuzer von 1619. 

a. MONE • REG • BOHEMl, sonst wie zuvor. 

Revers desgleichen, jedoch (1); der Löwe von der rechten Seite, 
während derselbe auf allen übrigen Sorten von links erscheint. 

5. Heller. Einseitig. 

IN • DEO • F • TT • DO • 1619. Der böhmische Löwe, überragt von der 
Krone, welche die Umschrift unterbricht. 

MÄHREN. 

Münzstätte Olmütz. 

6. Zehndukatenstück. 

a. MONETA* NOVA* MARCHIO * MORAVIiC* Im Perlenkreis der 
gekrönte — geschachte — mährische Adler. 

r. * TE * STANTE * — * VIREBO * 1620. Im Perlenkreis eine von 
Weinlaub umrankte Pyramide, welche oben und unten die Um- 
schrift unterbricht; im Sockel das Wort VNIO. Links und rechts 
im Felde das Münzmeister-Zeichen. 
34-95 g. Tafel II, Nr. 5. 

7. Fünfdukatenstück. 

Avers und Revers wie zuvor. 

8. Taler. 

Avers und Revers wie zuvor. 

Einen solchen Taler beschreibt Ch. Juncker in seinem eingangs 
erwähnten »güldenen und silbernen Ehren-Gedächtniß« p. 423 irrig 
als Medaille. Er bemerkt hiezu: »Mit denen evangelischen Ständen 
(Böhmens) alliirten sich auch die mehresten Stände des König- 



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- 87 - 

reiches Ungarn, der Herzogthümer Schlesien, des Markgrafenthumbs 
Lausitz und des Markgrafenthumbs Mähren, unter dem Nahmen 
der Union oder Vereinigung im Jahr 1619 und 1620. . . . Der 
Revers der Medaille zeiget: Eine Pyramide oder Flamm-Seule, so 
von einem frischen Laub (die Religion, oder den Zustand der 
Evangelischen, andeutend) umbv^unden wird. Am Postement steht 
das Wort VNIO, die Vereinigung der Alliance; umb den Rand 
aber: te stante virebo. 1620, Das ist: So lange Du feste stehest, 
werde auch ich grünen.« 

9. Achtundvierziger oder Halbtaler. 

a. * MONETA- NOV • MA(48)RCH!0 • MORAWIJE^ Sonst wie zuvor. 
Revers desgleichen. 

10. Vierundzwanziger oder Vierteltaler. 

Avers und Revers wie zuvor, jedoch (24) und 1619. 

11. Zwölfer oder Achteltaler von 1619 und 1620. 

a. MONET • NO • MA(12)RCHI0 • MORAVI. Sonst wie zuvor. 
Revers desgleichen. 

12. Groschen (3 Kreuzer). 

a. + MO • NO • MA(3)RC • MORA, daneben Münzzeichen. Im Kreise 

der gekrönte mährische Adler. 
r. • TE . STANT— VIREBO • Pyramide wie zuvor, daneben 16—19. 

Ähnlichst auch von 1620. 

SCHLESIEN. 

Wenn das einstige Schlesien auch nur zum geringeren Teile 
für das heutige Österreich in Betracht kommt, so dürften die 
Haupttypen der schlesischen ständischen Gepräge immerhin an- 
hangsweise der Übersichtlichkeit wegen hier heranzuziehen sein. 
Voran gehen jene aus den Jahren 1621 — 1623, während welcher 
sie als ein Denkmal der von den — übrigens keineswegs schon vor- 
wiegend evangelischen — Ständen beanspruchten Landeshoheit 
die königlichen Münzen ersetzen. 

Schlesiens Münzgeschichte fand durch Geh. Regierungsrat 
F. Friedensburg eine auf urkundlicher Grundlage beruhende, 
erschöpfende und vorzügliche Bearbeitung, welche von dem Vereine 
für Geschichte und Altertum Schlesiens im Rahmen des Codex 
diplomaticus Silesiae 1887, 1888 und 1899 veröffentlicht wurde. 
Wir folgen den dortigen Ausführungen: 



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- 88 - 

Münzstätten Breslau, Ohlau, Liegnitz, Öls. 
A, Zweiseitige Münzen von runder Form. 

13. 25facher Taler in Gold, 1621. 

a. In zierlicher Kranzeinfassung ein verziertes Viereck, darin in fünf 
Zeilen: MO AVRE | SILESliC | XXV • lOA | CHIMIC | ORVM • 
Unten 16-21. 

r In ähnlicher Einfassung der schlesische Adler. 

F. Friedensburg und H. Seger, Schlesiens Münzen und Medaillen 
der neueren Zeit, Breslau 1901 (= F. und S.) Nr. 79. 

14. 12V,facher Taler in Gold, 1621. 

a. Wie zuvor, jedoch: MONETA | AVREA • | SILESli« | 12»/, TALE: 
r. Wie zuvor. F. und S. Nr. 80. 

15. Dreißigkreuzerstück, 1621. Vier Varianten. 

a. Wie zuvor, jedoch : MONETA | ARGENTEA | SILESIi« \ XXX GRVC 
r. Wie zuvor. F. und S. Nr. 86—89. 

B. Einseitige Münzen von viereckiger Form, Klippen. 

16. 12V8facher Taler in Gold, 1621. 

Zwischen zwei Perlenkreisen die Umschrift: MONETA AVREA 
SILESIiC • 12V, • TALER? Im Mittelfelde der schlesische Adler zwischen 
16—21. Auf der leeren Außenfläche der Klippe Münzmeisterzeichen. 
25 X 25 mm. F. und S. Nr. 81. 

17. Sechsfacher Taler in Silber, 1621. 

Wie zuvor, jedoch: MONETA ARGENTEA SILESIiC SEX TALERO • * 
38 X 38 mm. F. und S. Nr. 82. 

18—20. Dreifacher Taler, IV, Taler und '/* Taler in Silber, 1621. 
Wie zuvor, jedoch mit den betreffenden Wertbezeichnungen. 

F. und S. Nr. 83-85. 

Zu bemerken wäre, daß die Wertangaben auf diesen Stücken 
nach der Valvation vom September 1621 verstanden werden müssen. 
So wiegen die runden Goldmünzen sechs und drei Dukaten, so 
daß der Dukaten auf 474 Taler zu stehen kommt; die sechsfache 
Talerklippe entspricht nach ihrem inneren Werte dem Reichstaler. 

Während diese Gepräge den bestehenden Münzstätten ent- 
stammten, gingen die folgenden von 1622/23 aus einer eigenen 
ständischen Münze zu Breslau hervor, deren Errichtung von 
dem Fürstentage, November 1621, beschlossen wurde mit der Ver- 
fügung, daß die eine Seite der neuen Geldstücke — »das Bildnuß 
J. Kays. Majestät« trage. 

21. Vierundzwanziger, 1622. 

a. MONETA • NOVA • (24). ARG- SILE • 1622* Der schlesische Adler. 

r. FERDINA • D : G • RO • I • S • A • G • H • BO • REX • D • S * 

(Ferdinandus, Dei gratia Romanorum Imperator, semper Augustus, 



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- 89 - 

Germaniae, Hungariae, Bohemiae rex, dux Silesiae.) Belorbeertes 
Brustbild des Kaisers von der rechten Seite. F. und S. Nr. 90. 

22. Groschen, 1622 und 1623. 

a. Wie zuvor, jedoch: MONE • NOVA • (3) • ARG • SIL • Jahreszahl, 
r. Wie zuvor, jedoch: FER • F. und S. Nr. 91 und 95. 

23. Dukaten, 1623. 

a. MONETA • AVREA • SILESIiC • 1623 * Der schlesische Adler. 
r. Der Kopf des Kaisers trennt die Umschrift, die wie zuvor lautet, 
jedoch: FERDIN • F. und S. Nr. 94. 

24 und 25. Endlich existieren noch zwei ebenso merkwürdige wie seltene 
Groschen (oder V»* Taler), welche in Nachahmung der polnischen und 
deutschen Groschen an Stelle des Kaiserbildes den Reichsapfel, darin 
24 (= Vs*), zeigen. Auf dem einen der beiden Stücke entfällt sogar 
das Wort SILesiae, während auf der Rückseite statt des kaiserlichen 
Namens und Titels die Umschrift TRium CRVCIFE • Rorum 1622 
figuriert. F. und S. Nr. 92 und 93. 

Ein Jahrzehnt hatte die ständische Münze sodann geruht, 
der kaiserlichen das Feld geräumt, als infolge des neu entbrannten 
Krieges der Rat der Stadt Breslau, welche mit dem Fürstentume 
Breslau einer sogenannten Konjunktion zwischen den Befehls- 
habern des evangelischen sächsisch-schwedisch-brandenburgischen 
Heeres und den Herzögen von Liegnitz-Brieg und von Öls bei- 
getreten war, beschloß, die kaiserlichen Zölle und die kaiserliche 
Münze zum Gebrauche der (evangelischen) Stände einzuziehen. 
Man berief sich darauf, daß die ständische Münzschmiede 1623 
nur für einige Zeit eingestellt, ihre Reaktivierung aber längst 
beabsichtigt gewesen sei. Diese erfolgte auch tatsächlich im Jahre 
1634. Als Leiter des Betriebes wurde der Breslauer Bürger Jakob 
Schmid bestellt, als Eisenschneider Hans Rieger. Die neuen Stempel 
führen außer dem schlesischen Adler und den stolzen Worten 
Principes et Status evangelici Silesiae an Stelle des kaiserlichen 
Bildes nunmehr zumeist das Wappen des Bundeshauptes, Herzogs 
Johann Christian von Liegnitz-Brieg: Schach und Adler. Die 
Prägungen, welche sich auf die Jahre 1634 und 1635 — der 
Prager Friede bereitete der ständischen Münzhoheit bekanntlich 
wieder ein jähes Ende — beschränken, sind folgende: 
26. Dreidukatenstück, 1634. 

a. • MON • AVR • P • P • ET (W) STAT • EVAN • SIL • * Der Adler 

zwischen H— R. 
r. Ober bestrahlten Wolken lEHOVA; an diesen Namen anknüpfend 
die Umschrift: SALUS • ET • VICTORIA • NOSTRA • 1634 • * 

F. und S. Nr. 252. 



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- 90 - 

W deutet die Münzstätte Wratislavia, Breslau, H— R den 
Eisenschneider Hans Rieger an. 

27. Dukaten, 1634 und 1635. 

Avers und Revers wie zuvor, mit entsprechender Jahreszahl. 

F. und S. Nr. 253 und 258. 

28. Doppeltaier, 1634. 

a. • MON • ARG • PRINC • ET • STAT • EVANG • SIL • * Sonst wie 

zuvor. 
r. Über bestrahlten Wolken lEHOVA, darunter in reicher, mit dem 

Herzogshute bedeckter Cartouche das Wappen von Liegnitz-Brieg. 

Umschrift: • SALUS • ET • VICTO (W) RIA • NOSTRA ■ 1634 • * 

F. und S. Nr. 254. 

29. Taler, 1634 und 1635. 

Avers und Revers wie zuvor, mit entsprechender Jahreszahl. 

F. und S. Nr. 255 und 259. 

30. Groschen, 1634 und 1635. 

a. MON . PRINC • ET (3) STAT • EVANG • SIL* Sonst wie zuvor. 

r. Das mit dem Herzogshute bedeckte Wappen von Liegnitz-Brieg 

trennt die Umschrift: SI DEVS P • N • (W)Q • C • NOS • Jahreszahl. 

F. und S. Nr. 256 und 260. 

31. Groschen, 1634. 

a. Wie zuvor. 

r. Unter einer Rosette in sechs Zeilen: SI DEVS | PRO NOBIS 1 
* QVIS * I CONTRA | NOS • | 1634 • F. und S. Nr. 257. 

* 
Bei den mährischen Geprägen, speziell bei Nr. 8, haben wir 
bereits der evangelischen Union gedacht, auf welche Juncker 
und Donebauer auch eine höchst seltene Medaille beziehen. »Nicht 
lange aber nach der Feyer des Jubel-Festes (1617)« — sagt ersterer 
p. 420 — »entbrennete in Böhmen ein erschröckliches Feuer, indem 
die Innwohner sich beschwerten, daß die freye, in Krafft des 
Anno 1609 ihnen vom Kayser gegebenen Majestät-Briefes ertheilte 
Übung der Evangelischen Religion nicht verstattet, sondern allent- 
halben gehindert, und diese Bedrückung, auf vielfältig beschehenes 
Ansuchen, nicht abgestellet werden wolte. Daraus entsprungen 
also fort unter den Böhmischen Ständen zwo factiones, deren die 
eine sub una, die andere sub utraque genennet wurde, indem 
diese das hl. Abendmahl nach Christi Einsetzung, und wie es bey 
der Evangelischen Kirche genossen wird, unter beyderley Gestalt 
empfangen, jene aber, als es die Römisch-Catholische Kirche im 
Brauch hat, nur in einerley Gestalt zu nehmen, verstatten wolte.« 



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- 91 - 

Die etwas komplizierten Darstellungen auf der Medaille sind 
schwer zu präzisieren: 

a. orthoDoXorVM LIga-pIa et reLIgIosa. Innerhalb zweier wenig 
verästeter Zweige ein Altar mit fünf Säulen, auf welchen die mit 
den Worten: UNG : BOH : MOR gezierte Krone ruht, deren Reichs- 
apfel von einer aus Wolken ragenden Hand gehalten wird. In und 
um den Altar die Worte: ÄRA - PRO - REGE - LEGE - GREGE. 
Unter dem Altar: C • PRI - VIL S • R • M • 

r. sl DeVs pro nobIs qVIs e hoMInIbVs Contra nos o In einer von 
zwei aus Wolken ragenden Händen gehaltenen Draperie (?), welche 
ein Schild mit VER | BVM | DEI schmückt, zwei Gruppen Krieger 
um zwei Altäre postiert. In der Mitte der Träger einer Fahne, 
darauf SVB | VTRA | QVE. Unterhalb dieser Szenerie abermals 
eine Gruppe Bewaffneter mit einer Fahne, darauf S • VNA • 
Oval, 51 X 42 mm. — Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 

Tafel n, Nr. 1. 
Juncker, p. 421. — Köhler, XVII, p. 25. — Donebauer, Nr. 2039. 

Das Chronogramm des Avers ergibt 1619, jenes des Revers 
1620. 

Nach Juncker deuten die fünf Säulen die »alliirte Königreiche 
und Provintzien« an. Donebauer bezieht das Stück auf die »pro- 
testantische Liga«, meint damit aber vermutlich die evangelische 
»Union«. »Liga« war ja der Name der katholischen Vereinigung, 
ein Umstand, dem Juncker durch die Übersetzung der Umschrift 
mit »rechtmäßige und heilige Vereinigung der Rechtgläubigen«, 
Donebauer durch Evangelisierung der Liga begegnet. 

Die Worte: Cum privilegio Sacrae Regiae Majestatis bieten 
keinen Anhaltspunkt, da sie sich wohl nicht auf Münze und Dar- 
stellung, sondern auf die Offizin oder Prägeanstalt beziehen. Eben- 
denselben entstammt auch eine gleichgeformte, vom Kaiser gewiß 
nicht sanktionierte Krönungs-Medaille des Winterkönigs und seiner 
Gemahlin mit »vivant, floreant!«, Donebauer Nr. 2036, welche den 
nämlichen Privilegs-Vermerk trägt. Es scheint also das Wort Liga 
nicht als Bezeichnung speziell für die katholische Vereinigung, 
sondern als solche für eine Vereinigung überhaupt, und zwar im 
Sinne Junckers, gewählt. 

Einer ähnlichen Ansicht huldigt Johann David Köhler im 
XVll. Teile seiner »Historischen Münzbelustigung«, 1745, in welchem 
er S. 25 ff. unsere Medaille als »Eine in der Böhmischen Unruhe 
zum Feldzeichen (?) angehenckte sehr rare Gedächtnußmüntze 
auf die grosse Pragerische Conföderation von A, 1619« vor- 



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führt. Wie die Abbildung nicht einwandfrei, ^) so ist in der »Be- 
schreibung« nicht nur mehreres unerwähnt und fast alles unerklärt 
geblieben, sondern auch das Chronogramm des Revers irrig zu 
1619, statt 1620, aufgelöst. Hiedurch wird die im Titel gegebene 
Bezugnahme speziell auf das Jahr 1619 hinfällig, ohne jedoch 
jene auf die Konföderation selbst zu beeinträchtigen. Ferner liest 
Juncker: ara pro rege etc.; Köhler: pro ara, rege etc. — dem 
Sinne nach ein großer Unterschied! Ob Köhler mit der Bezeichnung 
»Feuer- und Wolcken-Seule« im Revers ein bestimmtes Symbol 
meint, bleibt unklar. In der langatmigen »Historischen Erklärung« 
stellt Köhler die Artikel zusammen, welche 1619 zu Prag von den 
(evangelischen) Ständen Böhmens, Mährens, Schlesiens, Ober- und 
Nieder- Lausitz' vereinbart wurden, um endlich zu folgendem 
Schlüsse zu gelangen: »In diesen Hauptpuncten bestand die ver- 
abfassete Verbündnüß, welche auf dieser Schaumüntze pia et 
religiosa Orthodoxorum Liga genennet wird. Dergleichen ward 
auch (noch 1619) mit dem Ertzhertzogthum Ob- und unter der 
Enß und mit Ungarn 1620 geschlossen. — Alleine es war diese 

Rechnung ohne den Wirth gemacht« 

Noch erübrigt die Erwähnung eines goldenen Ehrpfennigs, 
welchen die durchweg protestantischen Stände von Steiermark, 
Kärnten, Krain und Görz anläßlich der Geburt der Erz- 
herzogin Elisabeth im Jahre 1577 spendeten. Dieselbe war 
das fünfte Kind des Erzherzogs Karl, der von Graz aus die Regierung 
der innerösterreichischen Länder leitete und sich 1571 mit Maria 
von Bayern vermählt hatte. Leider ist dieser Tauf-, damals Krösen- 
oder Chrisampfennig benannt, für welchen 21 Mark 10 Loth 
Goldes verwendet wurden und dessen Gesamtkosten 3458 fl. 
11 kr. 1 Pfennig betrugen, nicht mehr aufzufinden, also wohl in 
den Schmelztiegel gewandert. Aus Theodor Ungers, ersten Ad- 
junkten am steiermärkischen Landesarchiv, Mitteilungen in der 

Diese würde durch andere Verteilung der Worte eine Variante dar- 
stellen, wenn jene Unterschiede auch in der Beschreibung Bestätigung 
fänden. So zeigt die Krone nur: VNG • Q • MOR, während auf dem Altar 
BOEMIA, unter demselben ARA, unter der Kriegsszene auf dem Revers aber 
PRIV • R • M • steht. Auch ist die Hand, welche den die Krone abschließenden 
kleinen Reichsapfel hält, auf der linken Halbseite neben dem Worte Liga 
angebracht, der Raum vor Pia aber mit einer tulpenartigen Blume ausgefüllt. 
Doch scheinen all diese Abweichungen von unserem Original auf irrtümliche 
Zeichnung oder Vorlage zurückzuführen zu sein. 



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- 93 - 

Wiener numismatischen Zeitschrift, XXVII, p. 151 ff., erfahren wir 
aber doch näheres. Wie der noch vorhandene, a. a. 0. auch ab- 
gebildete Entwurf der Medaille zeigt, schmückten die Wappen von 
Österreich, Bayern und der obgenannten vier Länder den Avers, 
den Revers aber eine Widmungsinschrift. Die verschiedenen schwul- 
stigen, gleichfalls erhaltenen Konzepte zu letzterer überprüfte der 
Professor der Grazer protestantischen Stiftsschule Jeremias Hom- 
berger, die Stempel fertigte der Grazer Goldschmied und Eisen- 
schneider Hans Zwigott, dem wir auch die Grazer Schulprämien 
von 1578 verdanken. Da sich die Stände mit ihrem Geschenke, 
das am Tauftage der Erzherzogin, 24. März, noch unvollendet 
war, an deren streng katholische Mutter nicht heranwagten, so 
erfolgte die feierliche Überreichung am 6. Juni durch den — 
Bischof von Seckau, Martin Brenner. Nähere Details über dieselbe 
fehlen leider. 

IL Gepräge allgemeinen Charakters. 

Unter diesem Schlagworte seien jene Medaillen vereinigt, 
welche auf den Protestantismus und dessen Äußerungen teils in 
allgemeiner, teils in lokaler Richtung Bezug haben. 

A. Allgemeine Gepräge. 

In Sammlungen und Verzeichnissen von sogenannten Re- 
formationsmedaillen begegnen uns öfters einige, zuletzt von 
M. Markl, Münzen Ferdinands I., unter Nr. 2221—2223 beschriebene 
Gepräge o. J. oder von 1560, um das Brustbild des Kaisers die 
Worte Date Caesari, quae sunt Caesaris Fer(dinandi), im Revers 
ein rauchender Kelch zwischen Ora — tio, Umschrift Date Deo, 
quae sunt Dei. Diese Stücke werden jedoch irrig auf den Gebrauch 
des Kelches bei dem hl. Abendmahle der Protestanten be- 
zogen. Es existiert eine Medaille mit gleichem Revers, auf dem 
Avers der Kopf des hl. Paulus zwischen S. — P., darunter 1531, 
Markl Nr. 2214, eine Darstellung, welche gleich den Jahreszahlen 
1531 und 1560 lehrt, daß die Ausgabe jener zierlichen Gepräge, 
wie schon Joachim in seines »Groschen-Cabinets« I. Supplement, 
S. 111, erwähnt, auf andere Veranlassung zurückzuführen. 

Dagegen können wir die schöne Medaille auf die zweite 
Säkularfeier des Augsburger Religionsfriedens hier einbeziehen. 
Wenn erstere auch nicht eine speziell österreichische, so führt 



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sie doch Porträts vor, welcbe für unser Vaterland ebenso in Be- 
tracht kommen, wie der Religionsfriede und dessen Feier. 

1755. 

1. a. CAROLVS V • ET • FRANCISCVS • I IMPERATORES • AVGVSTI • 

Die beiorbeerten Brustbilder beider Kaiser einander gegenüber ge- 
stellt. Im linksseitigen Armabschnitte P.P.W. 
r. Auf reich verziertem, altarartigem Postamente eine mit Siegel 
behangene Rolle, darauf: PAX | REU | GIOSA; im Abschnitte 
stabILIs erIt. Ober dem Altare zwei Arme mit verschlungenen 
Händen, überragt von den Worten: ILLo Dante hoC fIrMante. 

44 mm. — Silber und Zinn. — Sammlung v. Höfken, Wien. 
Abgebildet in »Schau- und Denkmünzen, welche unter der glor- 
reichen Regierung Maria Theresias geprägt worden«, Wien 1782, 

I, Nr. 119. - Welienheim, Nr. 7774. 

Die Medaille, deren Chronogramm die Jahreszahl 1755 ergibt, 
wurde in Nürnberg unter Münzmeister Joh. Mart. Förster von dem 
Stempelschneider Peter Paul Werner, geb. 1689, gest. 1771, angefertigt. 

Es folgen die Gepräge auf das Toleranzpatent, 13. Oktober 
1781, jenem hervorragenden, von hoher Aufklärung getragenen 
Machtwort Josefs 11. 

In der zwar kleinen, aber doch schon inhaltsreichen Spezial- 
Sammlung der evangelischen Gemeinde A. C. zu Wien befinden 
sich zum Teile folgende Medaillen: 

1781. 

2. a. AMOR ET DELICIAE GENERIS HVMANI. Die Umschrift um- 

schließt das rechtsseitige Brustbild Josefs II. Im Armabschnitt die 
Künstler-Signatur CE. 
r QVID POTVIT TOTA CONTINGERE VITA LAETIVS. Ein Genius 
steht neben einem Pyramidenstutz, auf dessen vordere, verzierte 
Fläche er in sieben Zeilen die Worte geschrieben: LIBERTAS | 
RELIGIONIS I A lOSEPHO II | IN TERRIS SVIS | PROTESTAN- 
TIBVS I ET IVDAEIS DATA | MDCCLXXXI. 

45 mm. Tafel H, Nr. 3. 
In Silber und Zinn mit Kupferstift: Sammlung der evangelischen 
Gemeinde, Wien. 

Sz^ch^nyi, Catalogus Numorum Hungariae ac Transilvaniae instituti 
nationalis Zzechenyiani, Pestini 1807, 1, p. 442, Nr. 8; Tab. 73, 
Nr. 3. — G. Loesche, Der Protestantismus in der österr.-ungar. 
Monarchie, in dem Werke »Der Protestantismus am Ende des 
XIX. Jahrhunderts«, o. J., S. 877. 

Der Künstler CE ist Johann Leonhard Öxlein, geb. in Nürn- 
berg 1715, Stempelschneider daselbst 1740 — 1787. Eine gedruckte 



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Beschreibung, welche als Umschlag der Medaille diente, besagt 

auch, daß dieselbe »in der Kaiserlichen privilegirten Nürnbergischeri 

Münzstatt« geprägt wurde. Gleiches gilt vermutlich für die nächsten 

drei Stücke: 

1782. 

3. a. Brustbild Josefs II. von der rechten Seite, mit goldenem Vlies usw.; 

im Armabschnitt: reich. Über dem Brustbiide: lOSEPHVS • II • 
ROM • IMP • SEMP • AVG • ; unter demselben auf einem in der 
Mitte gefalteten Spruchbande: TOLERANTIA • IMPERANTIS. 
r. Oberragt von dem umstrahlten Auge Gottes und den Worten: SVB- 
ALIS • SVIS • — PROTEGIT OMNES der gekrönte, schwebende, 
einköpfige Adler, mit den Klauen Schwert, Szepter, Reichsapfel 
und zugleich ein Spruchband haltend, darauf: IN DEO. Darunter 
stehen drei Personen, von welchen jede eine Hand segnend erhebt: 
in der Mitte ein Bischof mit dem Kelch, zur Rechten ein protestan- 
tischer Geistlicher mit der Bibel, zur Linken ein Rabbiner mit dem 
alten Testament. Neben letztgenanntem ein halber Mauerbogen mit 
Säule, geneigtem Kuppelturm und Kreuz. Im Abschnitt: ECCE • 
AMICI • I 1782. In der Abschnittslinie, links: R. (Reich.) 

45 mm. Tafel 11, Nr. 2. 

Silber: Sammlung der evangelischen Gemeinde, Wien; Zinn mit 
Kupferstift: Sammlung H. Cubasch, Wien. 
Sz6ch6nyi, I, p. 442, Nr. 9, Tab. 73, Nr. 2. - Wellenheim, II, 1 
Nr. 8213. — Collectio Montenuovo, Band »Österreich«, Nr. 2152. 

Eine Variante zeigt bei sonst gleicher Darstellung das Spruch- 
band nicht gefaltet, sondern glatt: Auktionskatalog J. F. Hirsch, 
Nr. 1476 (Adolf Hess Nachf. in Frankfurt a. M., Oktober 1904). 

1782. 

4. a. Wie zuvor, das Brustbild jedoch kleiner; unter demselben stehen 

die Worte Tolerantia Imperantis frei, nicht auf einem Spruchbande. 
Revers wie zuvor. 

43 mm. — In Silber und Zinn mit Kupferstift: Sammlung des 

Allerh. Kaiserhauses. 
Montenuovo, Nr. 2153. 

1782. 

5. a. Das Brustbild Josefs II. von der rechten Seite, mit goldenem 

Vlies usw., unterbricht die Umschrift: lOSEPHVS • II • ROM • — 
IMPERATOR • SEMP • AVG • Im Armabschnitt: R. 
Revers wie zuvor. 

48 mm. — Zinn mit Kupferstift: Sammlung der evangelischen 

Gemeinde, Wien. 
Auktionskatalog hmil Kollmann, Nr. 507 (Dr. E. Merzbacher Nachf. 
in München, November 1904). 



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- 96 - 

Der Künstler R. ist Johann Christian Reich, "geb. 1740, 
Stempelschneider in Fürth 1758—1814. 

Die Darstellung auf diesen an Varianten ungewöhnlich reichen 
Geprägen ist ebenso sinnig wie schön. Sz6ch6nyi bemerkt zu den 
drei Personen: »stantibus infra cum Antistite Religionis Romano- 
Catholicae, duobus Augustanae et Helveticae Confessionum 
Ministris«; Montenuovo nennt sie »Bischof, Pfarrer und Rabbi«. 
Da auf der Medaille von 1781 (Nr. 2) die Juden ausdrücklich genannt 
sind, mag letztere Deutung näher liegen. 

Die scheinbar im Einstürze begriffenen Baulichkeiten dürften 
den Zerfall des alten kirchlichen Gefüges und der religiösen Un- 
duldsamkeit symbolisieren. 

1782. 

6. a. lOSEPH .II D : G . ROM • IMP • VERAE PIETATIS VINDEX • 

Büste des Kaisers mit umgehängter Toga. Darunter klein: i- G • 

HOLTZHEY • FEC • 

r. AMICISSIMA VERITAS • - MDCCLXXXII. Der Kaiser kniet vor 
reich überstrahltem Altar, auf dem über den Gesetzestafeln Mosis 
eine Rolle liegt, darauf: EVANGELI. Auf der einen Seite des Altars 
der österreichische Bindenschild, auf der anderen die Worte: LIB • | 
ERGO. Vor dem Altar liegen Szepter und Krone, hinter dem- 
selben grünt ein frischtreibender Baumstumpf. 
45 mm. Tafel II, Nr. 4. 

Sammlung des Allerh. Kaiserhauses. 
Wellenheim, II, 1 Nr. 8215. — Montenuovo, Nr. 2154. — Sz^chdnyi, 
I, p. 443, Nr. 10, sagt: 

»Imperator posita humi Corona, et sceptro, ante aram in 
genua provolutus, lumen coeleste exorans. Latus arae insignitum 
€st parmula Austriaca; in ipsa autem ara conspicuae sunt Legis 
Tabulae ac Decretum Tolerantiae.« 

Johann Georg Holtzhey, vielleicht ein Sohn Martins, der, 1695 
in Ulm geboren, als Stempelschneider in Amsterdam 1760 starb, 
arbeitete gleichfalls in Amsterdam beiläufig während der zweiten 
Hälfte des XVIII. Jahrhunderts. 

Auf die II. Säkularfeier der Reformation fand sich eine öster- 
reichische Medaille nicht; anläßlich der III. wurde folgende in 
Silber und Bronze ausgegeben: 

1817. 

7. a. D • MARTINVS LVTHERVS • Dessen Brustbild von der rechten 

Seite, unter der Achsel : i • lang • F • 



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r. In sieben Zeilen: IN MEMORIAM | IVBILi^I REFORMATIONIS , 
TERTIVM RECVRRENTIS | A COETIBVS EVANGELICORVM ; 
PER VNIV • IMP . AVSTR • I MDCCCXVII • XXXI • OCT • | GRATA 
MEN»TE CELEBRATI • 

40 mm. Sammlung der evang. Gemeinde, Wien. 

Wellenheim, 11, Nr. 11213 und 14174. - Montenuovo, Nr. 2477. 

Josef Lang, geb. 1776 zu Innsbruck, war Stern pelschneid^r 
in Wien, 1800—1835. 

Die dritte Säkularfeier der Überreichung der Augsburger Kon- 
fession, 1830, scheint in Österreich gleichfalls nicht in Erz ver- 
ewigt worden zu sein. 

Dagegen wurde von unbekannter Seite der Erinnerung an 
den Erlaß des Toleranz-ediktes folgendes kleines Denkmal gewidmet: 

1881. 

8. a. KAISER lOSEPH II. Dessen Brustbild von rechts, darunter zwei 

gebundene Lorbeerzweige. 
r. Neun Zeilen: ZUR | ERINNERUNG | AN | DIE 1 100 JÄHRIGE FEIER | 
DER ERTHEILUNG | DES | TOLERANZEDICTES | AM 18. OC- 
TOBER I 1781. 
30 mm. — Silber. Sammlung v. Höfken, Wien. 

Die Medaille, deren Stempel von dem akademischen Graveur 
Friedrich Leisek in Wien geschnitten wurde, ging aus der Prä^e- 
anstalt Adolf Müller & Söhne, Wien, hervor. 

Mit freudiger Genugtuung sei endlich jener Medaille gedacht, 
welche zur Erinnerung an das fünfundzwanzigjährige Jubiläum 
unserer Gesellschaft dank der Güte eines Kunstfreundes und des 
Entgegenkommens des Künstlers geschaffen werden konnte. Von 
der bewährten Hand des Wiener Bildhauers und Medailleurs Hans 
Schäfer modelliert, vereinigt sie die Brustbilder jener edlen Landes- 
fürsten, welche auch den Protestanten gegenüber das hehrste aller 
Menschenrechte anerkannten: die Freiheit des Glaubens. 

1904. 

9. a, FRANZ lOSEF I. o lOSEF 11. o MAXIMILIAN U. Die drei Brust- 

bilder von der rechten Seite zwischen Lorbeerzweigen. Unten: 

H . SCH-^FER • WIEN • FEC • 

r. Auf einem Bande: JVSTITIA REGNORVM - FVNDAMENTVM; 
auf den beiden unterfalteten Bandteilen das österreichische und 
das. Wappen der Stadt Wien, von Lorbeer- und Eich.enzweigen 
umrankt. Im Mittelfelde neun Zeilen: GESELLSCHAFT | F\ER DIE | 
GESCHICHTE DES | PROTESTANTISMVS | IN CESTERREICH • I 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 7 



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- 98 - 

ZVR FEIER IHRES 25Ji^HRIGEN I JVBILi^VMS • i • 1904 • Da- 
runter die Signatur H • SCH • 
60 mm. - In Silber und Bronze. Tafel 111, Nr. 2. 

Bemerkt sei noch, daß der Name unserer Gesellschaft auch 
auf den ihr zuerkannten Medaillen der Worlds Columbian Ex- 
position 1892/93 und der Exposition universelle internationale 1900 

erscheint. 

B, Lokale Gepräge. 

Die Anzahl der evangelischen Kirchen, Schulen, Waisen- 
häuser usw., welche in Österreich erbaut wurden, ist bereits eine 
ganz stattliche, so daß bei deren Fertigstellung oder Einweihung 
genugsam Veranlassung zur Ausgabe pietätvoller Erinnerungs- 
medaillen oder -Jetons gegeben war. Mithin könnte das wenige 
Vorhandene im Vergleiche zu den zahlreichen Geprägen der 
katholischen Kirche, welche Zweck und Sinn solch eherner 
Geschichts- und Ruhmesblätter verständnisvoll würdigt, fast be- 
schämend wirken, wenn nicht die so geringen Mittel der meisten 
Gemeinden berücksichtigt werden müßten. Desungeachtet drängt 
sich die Erwägung auf, daß z. B. bei mitunter recht minderwertigen 
Festen, sportlichen Veranstaltungen u. dgl. sich Kräfte und Gönner 
für kleinplastische Verewigungen finden, während bei den so 
bedeutungsvollen Momenten obiger Art derjenige, welcher sie der 
Nachwelt festzuhalten sucht, zumeist weder der Künstler noch 
der Mäcen, sondern der — Amateurphotograph ist! 

Bisnun sind dem Berichterstatter folgende einschlägige Ge- 
präge bekannt geworden: 

ASCH, BÖHMEN. 

Luther-Denkmai, 1883. 
10. a. Das Mittelfeld mit Luthers Brustbild und den Worten: D? MARTIN — 
LUTHER wird von zwei geperlten Kreislinien umschlossen, zwischen 
welchen die Umschrift: EIN' FESTE BURG IST UNSER GOTT! 
+ 1483 = 1546 + 
r. ZUR ENTHÜLLUNG DES DB MARTIN LUTHER-DENKMALS * 
Innen, im Halbkreis gestellt, die Worte: IN ASCH 10- NOV • 1883 • 
Darunter zwischen Lorbeer- und Eichenzweigen ein von sieben- 
zackiger Krone überragter, zweimal geteilter Schild, in jedem der 
drei Felder ein Fisch. 
30 mm. — Zinn. — Sammlung Ernst Adler, Asch. 

Nach J. Siebmachers »Großem und allgemeinem Wappenbuch«, 
Nürnberg 1885, besteht das Wappen der Stadt aus drei in Kreuzes- 



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form übereinander gelegten silbernen Fischen, Aschen, im blauen 
Felde. Diese Angabe scheint jedoch auf Irrtum zu beruhen, da die 
Stadtratssiegel einen Schild mit drei übereinander schwim- 
menden Fischen zeigen. Warum das Stadtwappen aber mit einer — 
Freiherrnkrone geschmückt wurde, wird wohl nur der Verfertiger 
des Jetons angeben können. 

LINZ. 

Jubiläum der evangelischen Kirche, 1894. 

11. 5. Die Kirche mit Umgebung, überragt von einem Spruchbande mit 

den Worten: EVANGEL • KIRCHE - IN LINZ. 
r. Christus mit erhobener Rechten und Strahlenschein steht auf einem 
Felsen, der von einem Spruchbande drapiert wird, darauf die Worte: 
1844 20. Oktober 1894. Neben dem Heiland in doppelter Kreislinie: 
SENDE DEIN LICHT - UND DEINE WAHRHEIT 1 DASS SIE - 
MICH LEITEN! Ps. 43 ■ 3. 
25 mm. — Gold und Silber. — Sammlung v. Höfken, Wien. 

Tafel I, Nr. 26. 

Auf Veranlassung des Herrn Hans Kellermayr in Linz zum 
Besten des evangelischen Waisenvereines ausgegeben. 

PRAG. 

Grundsteinlegung der Sal vatorkirche, 1611. 

12. 5. AB HOC SOLO SEMPITERNA SALVS -x- Brustbild Christi, in der 

Linken die Weltkugel, die Rechte segnend erhoben. 

r. In neun Zeilen: TEMPLVM i SALVATORIS | G • D • ET CJES - 
RVD • II I SVB BOHE • REGE MA | THI.^ II • FVNDARVT | GER- 
MAI EVANGELI I CI PRAG^^ IN VRBE | VETERI DIE CA | ROLI • 
A- 1611. 

37 mm. — 29i g. 
Donebauer, Nr. 4760, Tafel LXXVI. 

Neben dieser guldenförmigen Dickmedaille existiert auch eine 
normale: 

36 mm. — 14*4 g. 
Madai, Nr. 7205. — Wellenheim, II, 1 Nr. 11964. — Donebauer, 
Nr. 4761. 

Außerdem erwähnt Donebauer unter Nr. 4762 und 4763 noch 
zwei Varianten, die sich im Revers durch Beigabe einiger Buch- 
staben statt der Abkürzungen und dadurch bedingte Zeilen- 
einteilung unwesentlich unterscheiden. 

7* 



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Deutsch-evangelische Schule. 
Einweihung, 1827. 

13. a. THUT EHRE lEDERMANN • HABT DIE BRÜDER LIEB • FÜRCH- 

TET GOTT! Das iorbeerbekränzte Haupt Kaiser Franz I. von der 
rechten Seite. Über demselben, innerhalb der äußeren Umschrift: 
EHRET DEN KÖNIG • 1 • PET • 2 • 17 • 
r, DER EINWEIHUNG DER DEUTSCH-EVANGELISCHEN SCHULE 
Z • PRAG • Im Mittelfelde fünf Zeilen: DANK i UNSERN j WOHL- 
THÄTERN I ZUM ANDENKEN | D • 6 • NOV • 1827 • 

39 mm. 
In Silber: Sammlung Kais. Rat Adam, Wien. In Silber, Kupfer und 
Zinn: Donebauer, Nr. 4854—56. 
In der Sammlung Adam befindet sich aych ein für katholische 
Zwecke berechnetes Gepräge mit gleichem Avers, während der 
Revers den heil. Nepomuk, mit dem Kruzifix in Händen, auf der 
Brückenwölbung zeigt. Diese praktische Verwertung ein und der- 
selben Vorderseite hat für obige Medaille das Gute, daß die 
»katholische Rückseite« den Künstler nennt: C. HOEFER. Derselbe 
war Stempelschneider in Prag. 

Auch Vikar Josef Ru^iCka erwähnt in seiner »Diplomatischen 
Geschichte der deutschen evangelischen Gemeinde A. C., sowie 
ihres Bethauses und ihrer Schule in Prag«, ebenda 1841, vor- 
liegendes Gepräge, dessen Abbildung von folgendem stimmungs- 
vollen Denkspruche begleitet ist: 

»Die Schule ist der schönste Garten, 
Den Gott den Eltern anvertraut; 
Die Pflanzen, die die Lehrer warten. 
Sind für die Ewigkeit gebaut. 
Verdirbt der Frost die Frühlingsblüte, 
So sieht der Herbst die Früchte nie; 
Verwelket junge Herzensgüte, 
So welken Staaten selbst durch sie.« 

Jubiläum, 1890. 

14. Auch auf ein Jubiläum obiger Schule existiert eine 1890 
von der Prägeanstalt J. Christibauer in Wien angefertigte Me- 
daille. Wider Erwarten war es aber trotz der — auch sonsthin 
betätigten — überaus gütigen Bemühungen des Herrn Pfarrers 
E. Wolf in Prag und trotz direkter Anfrage bei der Prägeanstalt ^) 
bisher unmöglich, ein Exemplar aufzufinden. 

^) Derartige Fälle sind durchaus nicht vereinzelt. Im Interesse der 
Geschichte und Medaillenkunde wäre es Künstlern wie Prägeanstalten nahe- 
zulegen, von jeder, selbst der bescheidensten Schöpfung ein Belegstück zu 
verwahren, resp. an geeigneter Stelle für alle Zeiten zu deponieren. 



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~ 101 - 

Helvetische Gemeinde, 1872. 

15. a. Hinter einem Kelch ein Schwert, Morgenstern und »Krtegsflegeh< 

gekreuzt (sog. hussitische Embleme). 
r. Acht Zeilen: UPOMINKA | NA | DEN 18. ÜNORA 1872 | CO | 
25LET6HO JUBiLEUM | REF. CIRKVE ^ESKfe |V| PRAZE 
(Erinnerung an den 18. Februar 1872. Zum 25jähHgen Jubiläum 
der böhmischen reformierten Gemeinde in Prag). 
23 mm. — Zinn. — Sammlung Oberstäuditor H. Hollschek, Wien. 

Evangelische Michaels-kirche. 
Zehtenarfeier, 1891. 

16. a, THUT EHRE JEDERMANN- HABET DIE BRÜDER LIEB • FÜRCH- 

TET GOTT • EHRET DEN KÖNIG • 1 • PETR • 2 • 17 • Im ver- 
tieften Mittelfelde das Brustbild Kaiser Franz Josefs I. Im Arm- 
abschnitte die Signatur J. CH. 
r. DEUTSCHE EVANG • KIRCHE ZU SL MICHAEL • PRAG • Dar- 
stellung der Kirche, darunter in zwei Zeilen: PFINGSTEN | 1791 — 
1891. 

36 mm. — Samtnlung v. Höfken, Wien. 
Medaille von J. Christibauer, Prägean^talt in Wien. — Es wurden 
3 Exemplare in Gold, 55 in Silber und 500 in Nickel angefertigt, 

SCHLESIEN. 
Wenn auch die heutigen Grenzen Österreichs zugleich jene 
für unsere Zusammenstellung bilden sollen, so sei doch an die 
zahlreichen Medaillen erinnert, welche sich auf den Altranstädter 
Vertrag und die Rückgabe der evangelischen Kirchen in Schlesien 
beziehen, den Jahren 1707 — 1709 entstammen oder undatiert sind, 
Friedensburg und Seger verzeichnen sie unter Nr. 4188 — 4218, 
zum Teile in D. Joh. Christ. Kundmanns »Heimsuchungen Gottes 
in Zorn und Gnade über das Herzogthum Schlesien in Müntzen«, 
Leipzig 1742, abgebildet, zum Teile — im Zusammenhange mit 
König Karl Xll. von Schw^eden — bei Bror Emil Hildebrand 
Sveriges och Svenska konungahusets minnespenninger praktmynt 
och belöningsmedaljer, Stockholm 1874/75, historisch erläutert. Zu 
diesen Serien gehören auch die Gepräge auf das sogenannte Kinder- 
beten, welche im Avers z. B. den Reim führen: Kehr mich umb, 
so wirst du sehen, was in Schlesien geschehen; der Revers zeigt 
einen Kreis knieender, mit aufgehobenen Händen betender Kinder, 
in deren Mitte der Lektor, unten das Psalmwort: Aus dem Munde 
der jungen Kinder und Säuglinge hast Du Dir eine Macht zu- 
gerichtet. Hier sind ferner die Medaillen auf das Erhoffen besserer 
Zeiten und auf die erfüllte Hoffnung einzureihen; ebenso jene 



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- 102 - 

satyrischen mit »RESTIT:ution D:er LUT iberischen K:irchen IN 
SCHL-esien«, von welchen die zahmsten Papst- und Teufelskopf 
einer-, Kardinal- und Narrenkopf anderseits zeigen. 

Nicht minder haben verschiedene heute preußisch-schlesische 
Städte Luther und die evangelische Kirche betreffende Gepräge 
aufzuweisen. 

Eine Medaille endlich ist noch in den Rahmen unserer Be- 
trachtung einzufügen, da sie sich durch die Persönlichkeit Josefs I. 
auch den österreichischen Geprägen zugesellt, jenes Kaisers, der 
den schürenden Jesuiten erwiderte, er wisse nicht, ob er unter 
Umständen nicht selbst lutherisch geworden wäre."*) 

Auf die Religionsfreiheit, 1708. 
17. a. lOSEPHVS DG- ROM ■ IMPERATOR SA- Das belorbeerte 
Brustbild von rechts. 
r. QVOD SALOMO : CAESAR SLESIAE FIT THVRE lOSEPHVS. 
43 mm. — Silber. — Schlesisches Museum für Kunstgewerbe 
und Altertümer, Breslau. 
Kundmann, Heimsuchungen usw., p. 392. — CoUectio Montenuovo, 
Nr. 1306. - F. und S. Nr. 4208. 

Eine Arbeit Christian Wermuths, geb. 1661 zu Altenburg, 
1686 Münzeisenschneider zu Sondershausen, 1688 Hofmedailleur 
in Gotha, gest. 1739. 

Die Umschrift übersetzt Kundmann also: Der Weyrauch 
Schlesiens dringt für des Höchsten Thron und macht, daß Joseph 
wird ein ander Salomon! 

VENEDIG. 
111. Säkularfeier der Reformation, 1817. 
Durch den ersten Pariser Frieden 1814 und die Wiener 
Kongreßakte war die schöne Lagunenstadt mit ihrem Gebiete an 
Österreich gekommen und mit der Lombardei 1815 zu dem Lom- 
bardisch-Venetianischen Königreiche vereinigt worden, das bis 1866 
bestand. Jener Epoche gehört die nachfolgende Medaille an, die 
daher um so mehr den österreichischen Geprägen beigezählt sei, 
als auf derselben die deutsche Sprache angewendet wird. 

18. a. Ein erhöhter Perlenkreis umgibt die Umschrift: CHR • EV 
GEMEINDE AUG • CONF • IN VENEDIG ^ Im Innenfelde ein um- 



Dr. G. Loesche, Geschichte des Protestantismus in Österreich 
(Tübingen und Leipzig 1902), p. 15. 



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- 103 - 

strahlter Kreis, mit einem Dreieck verschlungen, in dessen Mitte 
das Auge Gottes, 
r. Im erhöhten Perlenkreise fünf Zeilen: DRITTE | lUBELFEYER | 
DER I REFORMN | D • 1 : NOV : 1817. 

40 mm. - Gehenkelt. Tafel II, Nr. 6. 

Sammlung Ernst Adler, Asch. 

Der Herr Besitzer des Stückes, der in liebenswürdigster Weise 
seine Schätze zur Verfügung stellte, fügte auch eine Notiz des 
Stifters und Vorstehers der evangelischen Gemeinde in Venedig, 
Weber, vom Jahre 1837 bei, aus w^elcher hervorgeht, daß nur 
60 Exemplare angefertigt, d. h. gegossen und mit dem Stichel 
übergangen wurden. Damals fast durchwegs an Konfirmanden ver- 
teilt, erfreuen sich diese Medaillen heute bereits großer Seltenheit. 

WIEN. 

Gumpendorfer Kirche, 1848. 
19, einseitig. 

EVANGELISCHE KIRCHE A • C • IN DER VORSTADT GUMPEN- 
DORF IN WIEN ERBAUT 1846-1848. Diese Umschrift wird unten 
durch zwei Zeilen in kleinen Typen unterbrochen: LUDWIG 
FOERSTER | ARCHITEKT UND BAUUNTERNEHMER. Im Mittel- 
felde die Kirche, darunter im Abschnitte sechs Zeilen: DURCH 
EINTRACHT UND FROMEN SINN-I ZVM HEILE DER NACH- 
KOMMEN • 1 - • « . - I IN STAHL GESCHNITTEN | VON | lOHANN WEISS. 

60 mm. — Bleiabschlag. — Sammlung H. Cubasch, Wien. 

Bei Beendigung dieser ersten Serie auf den Protestantismus 
bezüglicher Gepräge gibt sich Berichterstatter der zuversichtlichen 
Hoffnung hin, die beiden vorgeführten Gruppen durch reiche, all- 
seits erbetene Nachträge noch wesentlich erweitern zu können. 

Eine dritte Gruppe soll sodann die Medaillen auf die Salz- 
burger Emigranten, eine vierte die Personenmedaillen umfassen. 

Zum Schlüsse aber sei auch an dieser Stelle der wohl nahe- 
liegenden Anregung Ausdruck gegeben, es möge für bildliche und 
plastische Denkmale wie sonstige historische Dokumente zur Ge- 
schichte des Protestantismus in Österreich eine zentrale Ver- 
einigungsstelle in Wien, ein mit liebevollem, opferfreudigem Ver- 
ständnis gepflegtes Heim geschaffen werden. Als Stock könnten 
die Sammlungen der evangelischen Gemeinde A. C. und unserer 
Gesellschaft dienen; der weitere Ausbau wird sich unter rühriger, 
ein förderndes Interesse der Glaubensgenossen anregender Leitung 



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- 404 - 

gewiß und würdig entwickeln. Kann «nd soll dabei auch niemals 
etwa an eine Art Museum gedacht werden, «o dürftet die Samm- 
lu'ngien aüCh in bescheidenem Rahmen, leicht und jederzeit voran 
der Jugend zugänglich, dazu beitfiagen, Sinn Xitid Verstiändnis für 
die Geschichte unserer Kirche und ihrer großen Mähner zu wecken, 
zu beleben, ein Quell edler Freude und feelehruhg. "Nur jener ver- 
steht die GegenwaTt, der dte Vergangenheit kennt ^^ wohl dem, 
der seine Väter ehft und seinier Vätet wertl 



Nachweis der Abbildungen. 







Taf( 


2l 1. 










Tafel 11. 




Nr. 1 








. Seite 


76 


Nr. 


1 . . 




. Seite 91 


» 3 








» 


76 


» 


2 . . 




. » 95 


» 6 








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77 


» 


3 . . 




. » 94 


» 9 








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» 


4 . . 




. » 96 


» 11 








» 


79 


» 


5 . . 




. » 86 


» 19 








» 


83 


» 


6 . . 




. » 102 


» 21 








» 


84 










» 22 








» 


84 






Tafel 111. 




» 23- 


-25 






» 


85 


Nr. 


1 . . 




. Seite 81 


» 26 








» 


99 


» 


2 . . 




. » 97 



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TAFEL III. 




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rv. 

Zur Vorgeschichte der »evang.-theol. Lehranstalt« 

in Wi€n. 

Mit Benutzung archivalischeir Quellen. 
Von Prof. Dr. G. Ad. Skälsky in Wien. 

!. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß in einer der Geschichte 
des Protestantismus in Österreich gewidrneten Festschrift auch 
jener Anstalt gedächt werden soll, die auf die Entwickluhg des- 
selben einen nicht zu unterschätzenden Einfluß ausübte: der 
evang.-theol. Lehranstalt in Wien. Selbstverständlich wird 
sie berücksichtigt werden können, wenn die Geschichte über sie 
noch etwas zu sagen hat. Und das ist unseres Erachtehs allerdings 
der Fall. 

Wohl ist der evang.-theol. Lehranstalt bzw. Fakultät in Wien 
seit ihrer Begründung bis zum Jahre 1871 eine wertvolle geschicht- 
liche Darstellung zuteil geworden;^) aber ein Blick auf die ersten 
Blätter derselben belehrt uns, daß sie gerade hinsichtlich der Vor- 
geschichte jener Lehranstalt Raum für eine Ergänzung läßt. Man 
braucht nur den eigentlichen Ausgangspunkt der Arbeit von Frank 
ins Auge zu fassen : das Dekret der vereinigten Hofstelle vom 
11. September 1806, um aus dessen Wortlaut sofort zu erkennen, 
daß schon hier ein aufklärendes Wort nicht überflüssig sein dürfte, 
um die Entstehung und den Inhalt jenes Dekretes ins hellere Licht 
zu rücken. 

Das erwähnte Dekret basiert nämlich auf der a. h. Ent- 
schließung vom 29. Mai 1806, welche wörtlich folgendermaßen 



1) In Franks: »Die k. k. evang.-theol. Fakultät in Wien.« Wien, 1871. 



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- 106 - 

lautet: »Ich genehmige das Einrathen (der vereinigten 
Hofstelle) und gewärtige ehestens einen wohlüber- 
dachten Vorschlag, ob und wie für die Protestanten 
und Reformirten Meiner Erblande eine theologische 
Anstalt zu errichten wäre, um sodann ihr Studium 
im Auslande ganz einstellen zu können.«^) Diese a. h. Ent- 
schließung gelangte durch das Hofdekret vom 11. September 1806 
an die evangelischen Konsistorien in Wien in redigierter Form zur 
Mitteilung^) und dieselben wurden aufgefordert, »hierüber einen 
ausführlichen, gemeinschaftlichen Vorschlag« der Hofkanzlei vor- 
zulegen. Dieser Vorschlag sollte offenbar das Substrat für das 
Gutachten sein, welches der Kaiser der Hofkanzlei durch seine 
Entschließung abgefordert hat. 

Sofort drängen sich folgende Fragen auf: Wird jetzt zum 
erstenmale daran gedacht, eine inländische evang.-theol. Anstalt 
zu errichten? Welche Umstände gaben den unmittelbaren Beweg- 
grund ab zu der angeführten a. h. Entschließung und des auf 
derselben ruhenden Hofdekretes? Warum wird gerade in jener 
Zeit voller Ernst mit dem Einstellen des Studiums im Auslande 
gemacht? Und wird bei der evang.-theol. Anstalt, von welcher 
die kaiserliche Entschließung spricht, an eine mit bestimmter 
Organisation versehene evangelische Hochschule gedacht? 

Das Suchen der Antwort auf diese Fragen belehrte uns, daß 
die Errichtung der evang.-theol. Lehranstalt eine ziemlich reiche 
Vorgeschichte hat, in welche die kaiserliche Entschließung vom 
Jahre 1806 einen Einschnitt bildet. Aus dieser Vorgeschichte fällt 
manches Schlaglicht auf die Toleranzzeit der evangelischen Kirche 
Österreichs überhaupt Wohl ist es nicht leicht, sich durch die 
archivalischen Materialien durchzuarbeiten, die auf den angeführten 
Gegenstand Bezug nehmen, und sie in einen pragmatischen Zu- 
sammenhang zu bringen. Aber auch diese Arbeit, die vielleicht 
manchem Auge als Kleinarbeit auf geschichtlichem Gebiete er- 
scheinen dürfte, muß getan werden, wenn jene Zeit völlig auf- 
gehellt werden soll, in welcher die evangelische Kirche Österreichs 
im Vorhofe der Freiheit verweilte. Einige Resultate dieser Arbeit 
sollen nachfolgende Zeilen zur Darstellung bringen. 



') Archiv des Ministeriums für Kultus und Unterricht in Wien (Kultus- 
archiv). 

2) Bei Frank, S. 5f. 



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- 107 - 



Es lag sehr nahe, gleich bei Proklamierung der Toleranz für 
die evangelische Kirche Österreichs an die Errichtung einer Anstalt 
zu denken, welche die neu entstehenden Gemeinden dieser Kirche 
mit Predigern versorgen würde. Machte doch die österreichische Re- 
gierung niemals ein Hehl daraus, daß es ihr äußerst unlieb sei, 
wenn die öffentlichen Stellen, also auch die Pastorenstellen, in 
Österreich Fremde einnehmen. Schon in Schlesien, in welchem es 
vor der Toleranz Religionsfreiheit gab, galt es als ein unverrück- 
barer Grundsatz, daß die anzustellenden Pastoren »eingebohrene 
Landeskinder« sein mußten. Wie gern hätte man nach dem Er- 
lassen des Toleranzpatentes auch in den übrigen Ländern der 
Monarchie derselben Praxis gehuldigt 1 Wir verweisen nur auf 
die in dieser Hinsicht grundlegende Entscheidung vom 30. Oktober 
lySI,"") welche folgendes besagt: »Nachdem S. Majestät denen 
Augsb. und Helvet. Religionsverwandten, dann den nicht unirten 
Griechen, die christl. Toleranz in den k. k. Erblanden gnädigst 
gestattet haben, so befehlen Höchstdieselben weiters, daß, wenn 
möglich, ^keine andere als erbländische Unterthanen zu Pastoren 
für die Akatholiken angenommen werden sollen« — eine Ent- 
scheidung, welche später des öfteren wiederholt wurde. 2) Außerdem 
hat man sich überzeugen müssen, daß die Berufung von Pastoren 
aus fremden Staaten mit vielen und großen Schwierigkeiten ver- 
bunden war ; mußte es infolgedessen nicht als das natürlichste 
erscheinen, dafür zu sorgen, daß für die einheimischen Gemeinden 
Prediger im Inlande selbst ausgebildet werden? 

In der Tat ließ sich alsbald nach dem Erscheinen des Toleranz- 
patentes eine Stimme hören, welche die Regierungskreise auf dieses 
Bedürfnis hinwies. Es ist der k. k. Rat Friedr. Justus Riedel, der 
Sohn eines evangelischen Pfarrers, gewesen, welcher dem Gedanken, 
eine evang.-theol. Lehranstalt in Österreich zu errichten, nähertrat und 
die Art und Weise angab, auf welche er zu verwirklichen wäre. 
Das geschah im Jahre 1782. Es handelte sich damals um die 
Ausarbeitung eines protestantischen »Kirchenrechtes«, d. h. einer 
Kirchenordnung für die junge Toleranzkirche. Als Grundlage sollte 
das Buch H. G. Scheidemantels, »Allgemeines Kirchenrecht 



*) Archiv des Ministeriums für Kultus und Unterricht. 

2) Z. B. 6. März 1782; 13. März 1782; 27. Juli 1782; 28. September 1782. 



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— 1G8 ~ 

beider evangelischen Konfessionen in Polen und Litthauen usw.«^) 
dienen. Zu diesem Buch hat Riedel seine »Anmerkungen« oder 
»Erinnerungen^ niedergeschrieben, Über welche sich sowohl die ver- 
einigte Hofkanzlei ^) als auch der Staatsrat zu äußern hatte. Riedel 
hat sich bei dieser Gelegenheit auch über die Ordnung des evange- 
lischen feücherwesehs ausgesprochen. Uiid in diesem Zusammen- 
hange hat er folgenden Vorschlag gemacht: Es sei zur Formierung 
geschickter und brauchbarer protestantischer Prediger ein eigenes 
Semihärium Cahdidatörum innerhalb der Monarchie zu er- 
richten; für die protestantischen Bibeln, Gesangbücher, dogmatische 
Kompendien &in eigener unparteiischer Zensor* zu besteJfen; die 
Einfuhr aller auswärts gedruckten Bibeln, Gesangbücher usW. 
platterdings zu verbieten; dieselben sollten im »Lande« aufgelegt 
und deren Verkauf entweder einem unter dem Zensor stehenden 
Kommissionär anvertraut oder gleich den Norhialschulbüchet-n ärt 
einen Buchdrucker verpachtet werden. Der hievon abfallende Nutzen 
sollte zur Gründung des erwähnten »Seminarii Candidätörüm« 
verwendet werden.^) Darauf hat das Mitglied des Staatsrates, 
Gebier, in seinem Votum hnit folgenden Worten reagiert: »An 
ein Seminarium Cahdidatörum Mihistferii dürfte erst wohl aber sich 
nicht eher denken lassen, als bis inländischen Studiosis Theölogiae 
Aug. et Helv. Confessionis durch Anstellung der erforderlichen 
Professores Theölogiae auf irgend einer erbländischen Universität 
(die übrigen Collegien können sie bei den gewöhnlichen Pt'ofes- 
soribus hören) die Gelegenheit verschafft ^ird. Sich innerhalb des 
Landes zu bilden. Bis dahin ist man gehöth'igt, Auslähdelr mit 
Ausschluß von Preußen und Kursachseh öder Leute, die in der 
Fremde studirt haben, zürn Predigtamt zuzulassen.«"^) Wie man 



') Warschau, 1780. 

2) Schon der Vortrag derselben vom 26. März 1782 befaßte sich mit 
dieser Sache. Das Zirkular mit den Voten der Räte ist aus den ersten Tagen 
des Juni. Den 8. Juni erfioß die kaiserliche Resolution. Bei Frank-, »Das 
Toleranzpatent«, ist die Angelegenheit an zwei Stellen zur Sprache gebracht: 
S. 98 und 109 ff. Aus den Akten des Staatsrates (im k. k. Hof- und Staats- 
archive) geht hervoi-, daß sich Riedel in seinen zum Bcheidemantel'schen 
gemachten Anmerkungen über das Bücherweseh uüd das evang.-theol. Semi- 
narium ausgesprochen hat. Diese »Anmerkungen« vermochten wir leider 
nicht zustande zu bringen. 

3) Zirkular des Staatsrates und bei Frank, 1. c. S. 98. 
*) Ebendaselbst. Bei Frank, 1. c. S. llO. 



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- 109 -- 

sieht, dachte Gebier an eine Art von Inkorporierung des evang.- 
theol. Studiums in eine der bestehenden Universitäten — gewiß 
sehr belehrend mit Rücksicht auf die in dieser Richtung vergeblich 
unternommenen Schritte in der Zeit völliger Religionsfreiheit! 

Wir bemerken noch, daß sich der »dirigierende Staats- 
minister« Graf V. Hatzfeld in seinem Votum auf das Seminarium 
gar nicht einläßt und sich gegen das Verbot, protestantische Bücher 
einzuführen, als ein »allzu frühzeitiges« erklärt. Mit Hatzfeld 
war auch Kaunitz völlig einverstanden. Auch die kaiserliche 
Resolution "•) nimmt auf das Seminarium keine Rücksicht. Damit 
ist dieser Gegenstand vorläufig von der Tagesordnung der öster- 
reichischen Regierung abgesetzt worden. 

Bald aber erhoben sich Stimmen aus der Mitte der evangelischen 
Gemeinden selbst, welche nach einheimischen Predigern verlangten. 
Bekanntlich war es für manche aus der Fremde in die öster- 
reichischen Erblande berufenen Pastoren äußerst schwer, sich in 
den dortigen Verhältnissen zurechtzufinden und in dieselben sich 
einzuleben. Dies galt ganz besonders von den nach Böhmen und 
Mähren gekommenen reformierten Pastoren magyarischer 
Nationalität. Und gerade sie sind es gewesen, welche, belehrt 
durch die Schwierigkeiten, die sie unter einem fremden, in so 
vieler Hinsicht ganz anders gearteten Volke zu überwinden hatten, 
den richtigen Gedanken gefaßt haben: den böhmischen Gemeinden 
böhmische Pastoren. Mag auch bei ihnen der Umstand den Aus- 
schlag gegeben haben, daß sie den in ihrer Heimat noch weilenden 
Landsleuten und Amtsgenossen die trüben Erfahrungen, die sie 
selbst gemacht haben — inwiefern aus eigener oder fremder Ver- 
schuldung, wollen wir hier unerörtert lassen — ersparen wollten; 
immerhin zeugt es von ihrem klaren Blicke und besonnener Er- 
wägung, daß sie, nachdem sie in ihren neuen Gemeinden festen 
Fuß faßten, auf die Erziehung von Predigern aus der Mitte der 
Gemeinden selbst Bedacht nahmen. 

An die heimatländischen Kirchenverfassungsformen gewöhnt, 
versuchten sie auch in ihrer neuen Heimat Versammlungen abzu- 
halten, um über gemeinsame Angelegenheiten ihrer Gemeinden zu 
beraten. Eine solche Konferenz ist im Jahre 1783 bei Gelegenheit 
der Einweihung des neuen Bethauses in Semtösch in Böhmen 2) 

Vom 8. Juni 1782 (aus Laxenburg datiert; Hof- und Staatsarchiv). 
2) Den 17. August. 



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- 110 - 

abgehalten worden. An dieser Konferenz nahm die ganze »Frater- 
nität« Böhmens teiU) In derselben wurde die Absendung einer 
Deputation an Josef II. beschlossen. Sie sollte für die erteilte 
Toleranz danken, ihm die Bedürfnisse und Wünsche der evange- 
lischen Gemeinden vortragen und um Schutz gegen vorfallende 
Bedrückungen bitten. Zu Deputierten wurden die beiden Pastoren 
Josef Szalay aus Lissa und Johann W^gh aus Libisch gewählt. 
Der Kaiser hielt sich damals gerade in Böhmen auf, um an den 
Manövern seiner Truppen teilzunehmen. In Hloupötin war sein 
Hauptquartier. Dorthin begaben sich am 5. September 1783 die 
beiden Abgesandten. Die Unterredung bei der ihnen gewährten 
Audienz wurde in lateinischer Sprache geführt. W^gh hat sie 
uns verzeichnet. Einer der von den Gesandten geäußerten 
Wünsche lautete: »Ut possimus habere scholam.« Der Kaiser fragte: 
»Qualem?« Die Gesandten antworteten: »Ubi possint nostri juvenes 
informari pro obeundo ministerio sacro? Difficile est enim ex Hungaria 
subjecta vel candidatos idoneos, linguae nationis peritos in casu 
necessitatis statim evocare.« Der Kaiser: »0 filii! Talem scholam 
erigendi vos non estis in statu. Sed vellem vobis suadere, mittite 
filios vestros Pragam, ibi discere et absolvere poterunt Humaniora 
et Philosophiam, deinde pro Theologia mittite eos sive Patakinum 
sive Debretzinum.«^) 

Die Antwort des Kaisers ist bezeichnend. Sie brachte die 
Ansicht zum Ausdrucke, an welcher die österreichische Regierung 
auch in der Zukunft so lange festhielt, als sie es nur vermochte: 
daß die Protestanten jedwede ihrer Schulen aus ihren eigenen 
Mitteln zu errichten und zu erhalten haben und daß sie in dieser 
Hinsicht keinerlei Ansprüche an den Staat und dessen Fiskus 
machen dürfen. Die Begründung dieser Ansicht fand man in jener 
Bestimmung des Toleranzpatentes, nach welcher die »akatholischen 
Unterthanen ein eigenes Bethaus nebst einer Schule erbauen und 
ihre eigenen Schulmeister, welche von den Gemeinden zu er- 
halten sind, bestellen dürfen.« Dieser angedeutete Standpunkt 



^) Job. W6gh, »Nachrichten über die Entstehung der böhmischen Ge- 
meinden« (handschriftlich vorhanden, S. 118, in dem in der Bibliothek 
des k. k. evang. Oberkirchenrates in Wien vorhandenen Exemplare). Einen 
Auszug aus den »Nachrichten« ließ Szalatnay im Jahre 1882 drucken. 
(»Ze zäpiskü Jana V6gha.« Aus den Notizen des J. W6gh.) 

2) W6gh, »Nachrichten«, S. 140f. 



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-In- 
der Regierung kam in den späteren Verhandlungen über die Er- 
richtung der evang.-theol. Lehranstalt immer wieder zur Geltung, 
und er war eine der gewichtigsten Ursachen, warum sich dieselben 
so sehr in die Länge zogen. Bemerkt mag noch werden, daß die 
Deputierten aus Böhmen, von welchen früher die Rede war, dem 
Kaiser eine Bittschrift überreicht haben, die durch das Hofdekret 
vom 17. November 1783 ihre Erledigung gefunden hat.^) In der- 
selben wird die evang.-theol. Schule mit keinem Worte erwähnt. 

Die reformierte Geistlichkeit Böhmens ließ jedoch den Ge- 
danken an die Errichtung einer solchen Schule, dessen Wichtigkeit 
und Richtigkeit sie je länger desto mehr erkannte, nicht fallen. 
Und da sie nicht mehr zweifeln konnte, daß ihr die Regierung in 
dieser Sache ihre hilfreiche Hand entgegenzustrecken nicht gesonnen 
sei, fing sie an, nach dem schon so oft bewährten Grundsatze der 
Selbsthilfe zu handeln bzw. die Hilfe der Glaubensgenossen außer- 
halb Böhmens anzurufen. 

Freilich vergingen seitdergeschilderten Audienz der böhmischen 
Abgeordneten volle vier Jahre, ehe man wiederum etwas von den 
Bestrebungen, eine evang.-theol. Schule zu begründen, hört. Aber 
es ist anzunehmen, daß sie auch in dieser Zeit Gegenstand der 
Beratungen der reformierten Geistlichkeit blieb. Dies ist aus 
folgender, uns zu Gebote stehender Quelle deutlich zu ersehen. 
Diese Quelle bildet die Eingabe des reformierten Superintendenten in 
Böhmen, Franz Koväcs, an sein Konsistorium in Wien. 2) Koväcs, 
der überhaupt ein sehr eifriger Mann gewesen zu sein scheint, 
der sich aber nur schwer in die bureaukratischen Formen des 
österreichischen Kirchenregimentes zu fügen vermochte,^) hat sich 
offenbar lebhaft für den in Frage stehenden Gegenstand interessiert. 
Davon zeugen schon die schönen Worte, mit welchen dieser »ehr- 
würdige und fromme Greis« die Deputierten aus Böhmen auf ihren 
Weg zum Kaiser entließ: »Nun, wertheste Brüder, unser ganzes 
Anliegen überlassen wir Ihrer Vorsicht und Weisheit! Wir setzen 
unsere Zuversicht an Ihre Treue und Eifer gegen die Ehre Gottes! 

W^gh, »Nachrichten«, S. 141, 143. 

2) Koväcs war Superintendent seit dem 1. April 1784. (Tardy, 
»Pamätka«, 1864, S. 236.) Die Eingabe ist vom 3. August 1787. (Konsistorial- 
archiv im Oberkirchenrate.) 

3) Hielt es ja das Konsistorium für notwendig, ihm, dem Super- 
intendenten, ein »Schema exhibitorum« »zur Darnachhaltung« zuzustellen. 
(Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 



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- 112 - 

Gehen Sie in Gottes Namen zu dem großen und erhabenen Monarchen 
im Namen und anstatt unserer Fraternität, unsere Gebete werden 
Sie begleiten. Gott segne Ihre Schritte, Ihr Ein- und Ausgehen zu 
seiner Ehre und zum Wohle unseres Zians, auf dessen Sitze (P)"*) 
uns die Vorsehung gestellt hat.« 2) Durch die früher erwähnte 
Eingabe hat er die Angelegenheit der evang.-theol. Schule aus dem 
Bereiche der Diskussion gezogen und sie ihrer Verwirklichung 
entgegenzuführen sich bestrebt. Koväcs weist in seiner Eingabe 
darauf hin, daß »die Sorge sämtlicher Hh. Senioren und Pastoren 
für das allgemeine Beste hiesiger Gemeinden dahin geht, zum 
Nutzen und Erhaltung aller eine eigene allgemeine Schule, in 
welcher die Kinder dermaleinst zu einem rechtschaffenen und brauch- 
baren Seelsorger gebildet werden könnten, zu errichten.« Um dieses 
»löbliche Ansinnen« leichter ausführen zu können, habe man 
beschlossen, einen »freiwilligen Beitrag hiezu von auswärtigen in 
der Nähe herumliegenden evangelische Gemeinden, als in Sachsen 
und Preußen«, zu erbitten. Diese Kollekte solle durch einen von den 
angestellten Pastoren gesammelt werden. Ausersehen dazu sei der 
Pastor von Krabschitz, Stephan Szeremley. Dieser sei dazu 
auch erbötig. Außerdem könne er wegen der Nähe der Nachbar- 
gemeinde LeJitz für eine längere Zeit ohne Nachteil der Amts- 
verrichtungen entbehrt werden. Koväcs bittet das Konsistorium 
um Bewilligung zu diesem Vorhaben, sowie auch um ein Attestat 
für Szeremley »zum Glaubwürdigen Vorweise«. 

Das reformierte Konsistorium bzw. dessen Referent Hilchen- 
bach hielt wohl »das angesetzte Vorhaben, zur Erziehung künftiger 
Prediger im Lande selbst ein erforderliches Etablissement zu 
machen«, für eine »wünschenswerthe Anstalt«; aber er sah auch 
ein, daß die Sache »weitausschauender« ist, als daß sie durch die 
beabsichtigte Kollekte zustande gebracht werden könnte. Auf seinen 
Antrag wurde dies dem Superintendenten »bedeutet«.^) Wolle man 
aber zum gemeinschaftlichen Besten oder sonst für eine »den 
Gottesdienst unterstützende Anstalt« eine Sammlung zustande 
bringen, dann möge man sich »betreffendenorts« die Erlaubnis 
erwerben, dies dann dem Konsistorium melden, damit dasselbe 
das verlangte Empfehlungs- und Beglaubigungsschreiben für den- 

Ok nicht »Ritze« ? 

2) W.^gh, »Nachrichten«, S. 119. 

^) Den 29. August 1787. (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 



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- 113 - 

jenigen Prediger ausstelle, der die Kollekte unternehmen soll. Nach 
einem Berichte des Superintendenten Koväcs an das Konsistorium^) 
hat derselbe eine die Kollekte betreffende Eingabe an die vereinigte 
Hofstelle auch gemacht. Ihr Schicksal ist uns trotz aller darauf 
verwendeten Mühe unbekannt geblieben. Daß man sich aber in 
Böhmen mit der Angelegenheit lebhaft beschäftigt hat, erhellt aus 
der weiteren Korrespondenz des Superintendenten Koväcs mit 
dem Wiener Konsistorium. Aus einer Notiz in dem Archive des 
letzteren geht hervor, daß Koväcs im Jänner 1788 2) eine Anfrage 
an das Konsistorium gerichtet hat, die sich abermals auf die Samm- 
lung zugunsten der Schulanstalt bezog. Das Konsistorium verstand 
die Anfrage nicht genau und forderte,^) daß der Superintendent, 
falls es sich um »die höhere, bereits angezeigte Anstalt« handle, 
»vorher eine nähere und deutlichere Anzeige« mache. Werde 
jedoch nur »eine gemeine Schule« darunter verstanden, so sei die 
Erlaubnis einer Sammlung dazu ohne Anstand bei der Landesstelle 
einzuholen. Der Superintendent antwortete mit der Eingabe vom 
8. April 1788,"^) aus welcher erhellt, daß man allerdings noch immer 
an eine theologische Schule dachte. Die Eingabe konstatiert 
den durch den Mangel an Kandidaten verschuldeten Notstand der 
böhmischen reformierten Kirche: »Es zeigt sich schon jetzt, daß 
wenn ein Prediger durch Sterben oder andere Fälle abgängig wird, 
kein Kandidat zur Wiederbesetzung dieser Stelle erhalten werden 
kann; und wenn es sich ja füget, daß aus Ungarn ein dergleichen 
Subject erhalten werden würde, so erfordert es eine ziemlich lange 
Zeit, bevor (es) die böhmische Sprache erlernet.« »Es hätten deshalb 
viele angesehene Familien den Vorschlag gemacht, eine Schule zu 
errichten, in welcher für die Zukunft brauchbare Theologen erzogen 
werden könnten, und viele hatten sich erbothen, hierzu, sobald die 
hohe Erlaubnis ertheilt wäre, ansehnliches beizutragen; da sich 
nun die Familienzahl beinahe auf 8000 belaufe und darunter wohl- 
habende sich befinden, so hoffe man ein Kapital aufzubringen, 
von dessen Interessen drei Professoren unterhalten werden könnten. 
Auch würde man zum nöthigen Gebäude alles Mögliche beizutragen 
suchen.« 



*) Vom 20. September 1787. (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 

2) 10. Jänner. 

3) Den 27. Februar 1788. 

*) Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 8 



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- 114 - 

Aber auch für diesmal huldigte nicht das Konsistorium dem 
Optimismus, dem Koväcs hingegeben war. Derselbe erhielt auf 
seine Eingabe einen »Bescheid«/) in welchem ihm mitgeteilt wurde, 
daß »sein Bericht wohl von der historischen Seite Genüge leiste, 
nicht aber hinsichtlich der Hauptsache; es müsse zunächst ein 
Plan entworfen werden, welche Gegenstände, auf was für eine 
Art, in welchem Zusammenhange und durch wen dieselben in 
dieser Anstalt gelehrt werden sollen. Und dieser Plan, der mit 
»Zuziehung anderer aufgeklärten und verständigen Männer zu ent- 
werfen sei« und der »umständlich und genau« sein müsse, möge 
zur Beurteilung und weiterer Verfügung an das Konsistorium ein- 
geschickt werden. 

Dazu kam es aber nicht; denn Koväcs ging noch im 
Jahre 1788 nach Ungarn zurück. 

Sein Superintendentenamt übernahm nun Samuel Szüts 
und damit auch die Sorge um die Besetzung der vakanten Pastoren- 
stellen. Mit dieser hatte er aber gar viel zu schaffen. Von den 
Zeugen, welche diese Behauptung erhärten könnten, führen wir 
nur den schon erwähnten W^gh an. In dem magyarisch ge- 
schriebenen Anhang zu seinen »Nachrichten« kommt er auch auf 
diesen Gegenstand zu sprechen und konstatiert, »daß die Subjekte 
anfangen seltener zu werden«. Als Grund gibt er an, daß einige, 
die aus Ungarn kamen, rasch dahinstarben, andere aber, da sie 
dort bessere Aussichten für die Zukunft hatten, dahin zurück- 
kehrten. Außerdem sei in Ungarn selbst Mangel an Kandidaten 
gewesen, so daß einmal für Böhmen niemand zu haben war und 
eine böhmische Berufung unter allen Studenten in Patak (Säros) 
zweimal kundgemacht wurde, ohne daß sie jemand angenommen 
hätte. So sei man gezwungen gewesen, jeden, der kam, auf- 
zunehmen, auch Dorfschulmeister, ohne ihre Kenntnisse, ihr sitt- 
liches Betragen viel zu prüfen. Diese Angaben ergänzt der Super- 
intendent Szüts in einem Berichte an das reformierte Konsistorium 2) 
dahin, daß man auch deshalb die nötigen Kandidaten aus Ungarn 
nach Böhmen nicht mehr herbeischaffen könne, weil »die hun- 
garischen Nationalschulen abermahl in ihre vorigen Rechte und 
Freiheiten gesetzt wurden«; und das hätte »mit anderen öfters 
einberichteten Ursachen« zur Folge gehabt, daß »die vorbestandene 

*) Vom 14. Mai 1788. (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 
2) Vom 5. August 1790. (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 



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- 115 - 

Hoffnung, um einen Kandidaten so leicht herbeischaffen zu können, 
fast abgeschnitten seie«. 

So mußte man auf andere Mittel und Wege sinnen, um dem 
Übel abzuhelfen. Szüts trat in dieser Hinsicht in die Fußstapfen 
seines Amtsvorgängers Koväcs. Auch er glaubte .die beste und 
gründlichste Abhilfe in der Errichtung einer theologischen Schule 
zu finden. Ihm war jedoch nicht verborgen, daß zu diesem Ziele 
ein weiter und beschwerlicher Weg führe. Und doch war sofortige 
Hilfe dringend nötig! Szüts legte die hochwichtige Sache den 
Senioren "•) zur Beratung vor, und sie einigten sich an einer »Ver- 
anstaltung«, über welche wir außer aus seinem Berichte auch aus 
W^ghs magyarischem »Anhang« einiges erfuhren. 

Damit die neuen reformierten Gemeinden, so berichtet Szüts, 
nicht nur »an Subjekten und Kandidaten keinen Mangel leiden, 
sondern damit die angestellten, aus Ungarn gekommenen Pastoren 
das Vertrauen ihrer Gemeinden noch mehr gewinnen«, beschloß 
man, »auf gemeinschaftliche Beiträge der ganzen Dioces« vier 
Alumnisten an der ungarischen Nationalschule in Patak beständig 
zu unterhalten, »deren zweye als schon wirkliche Theologiae 
Studiosi jeder pr. 30 fl., die zwey letztere aber von Humanioribus 
angefangen bis in die Philosophische Schule incl. jeder pr. 25 fl. 
und sodann weiter wie die erstere pr. 30 fl. jährlich pensioniert 
werden sollten«. Szüts teilt noch mit, daß der Überschlag des 
notwendigen Betrages nach Beschaffenheit der sämtlichen Ge- 
meinden bereits gemacht worden und ein vorläufiges »Ersuchungs- 
schreiben« der Superintendentur an die Professoren der Nationalschule 
abgegangen sei, welches mit dem besten Erfolge gekrönt werden 
dürfte. Er werde trachten, die Sache schon dieses Jahr (1790) »auf 
einen guten Interims-Fuß« zu bringen, was um so notwendiger 
sei, als »schon mehrere Prediger der Ruhe und in Anbetracht ihrer 
wachsender Kinder einer besseren Verpflegung sehr benötigt sind«. 

Das Konsistorium nahm den Bericht über diese Veranstaltung 
zur Kenntnis und machte in seinem »Bescheid« 2) den Super- 
intendenten darauf aufmerksam, daß die nach Patak abzusendenden 
jungen Leute auf Grund einer Verordnung^) mit Pässen versehen 



Damals gab es drei. (Tardy, »Pamätka«, S. 238). 

2) Vom 14. September 1790 auf Grund des Referates von Hilchen- 
bach vom 3. September 1790. 

3) Vom 6. Februar 1783. 

8* 



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- 116 - 

sein müssen, da sie sonst die Schulen in Ungarn nicht besuchen 
dürften. Bezüglich der Sammlung zugunsten der Alumnisten be- 
stimmte das Konsistorium, daß sämtliche Gemeinden über die er- 
forderlichen Beiträge vernommen werden und alles so eingeleitet 
werde, »damit dieses löbliche und nöthige Vorhaben mit sicherem 
Erfolge ausgeführt werden könne«. 

Über den weiteren Fortgang der Veranstaltung wollen wir 
W^gh hören. Er selbst ist von demselben nicht sonderlich erbaut. 
Freilich müssen wir in Rechnung ziehen, daß W^gh in offen- 
kundiger Erbitterung schreibt; und in dieser Stimmung gedeiht 
bekanntlich das »Grauingraumalen« ganz besonders. W^gh er- 
wähnt, daß es jener Veranstaltung wegen alsbald unter dem 
Superintendenten Szüts zu einem Streit kam, und zwar deshalb, 
weil man hinsichtlich der ausgesandten Subjekte keine richtige 
Auswahl getroffen hätte. Viele der Ausgesandten, welche »unsere 
gütigen und wohlthätigen Herrn und unsere Kirchen so freudig 
wie ihre eigenen Kinder aufnahmen«, hätten eher zu Dienstboten 
als zu Geistlichen getaugt. W^gh weiß Schlimmes von ihrem 
Betragen zu erzählen. Und »die Briefe dieser schlimmen Menschen 
waren aufreizend und voll Rache gegen uns«. Auch manche Ge- 
meinden scheinen ihre Pflicht nicht getan zu haben. Sie steuerten^ 
zu 4, 6, 8 fl. bei, aber »viele Gemeinden gaben für den angegebenen 
Zweck nicht einmal einen Kreuzer her«; »diese böhmische Unter- 
stützung war eine Bagatelle«. »Was von hier abging, ging verloren; 
nur dem Namen nach kam von hier Hilfe.« 

Doch es würde uns zu weit führen, diesen Gegenstand noch 
weiter zu verfolgen. Es mag nur noch bemerkt werden, daß nach 
W^ghs Aufzeichnungen Studierende aus Böhmen nicht nur nach 
Säros-Patak, sondern auch nach Miskolcz, Losoncz, ja 
einer auch nach Debreczin geschickt wurde. 

Aber die »Amtsbemühung« des Superintendenten Szüts er- 
streckte sich auch auf die Errichtung der theologischen Schule 
in Böhmen selbst. Auch darüber spricht er sich in seiner Eingabe 
vom 5. August 1790 aus. Wir erfahren, daß er auch über diese 
Angelegenheit mit seinen Senioren konferiert hat. Das Resultat 
war abermals der Beschluß, es »mit einer Kollektensammlung zur 
Errichtung einer theologischen Schule für die Diöces zu versuchen^ 
worinn künftighin Nationalprediger gebildet werden sollten«. Diese 
Kollekte sollte in Preußen, im »Reich«, in der Schweiz, in Holland,. 



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- 117 - 

Ungarn und Siebenbürgen eingesammelt werden. Szüts selbst 
hatte die Absicht, nach Einlangung der Genehmigung der Kollekte 
nach Ungarn zu gehen und dort als Sammler tätig zu sein, wenn 
es seine Gesundheit erlauben sollte. Übrigens »werde er über alles 
Nöthige mit sich selbst und den Hh. Senioren berathen und darüber 
an das Konsistorium seiner Zeit berichten«. 

Dasselbe verwies den Superintendenten in Ansehung der zu 
errichtenden Anstalt und der zu diesem Zwecke zu veranstaltenden 
Kollekte darauf, was seinem »Vorfahrer« als Richtschnur »mit- 
gegeben« wurde. '•) 

Leider ist es nicht möglich, auf Grund der noch vorhandenen 
Quellen einen genauen Einblick in den weiteren Verlauf der An- 
gelegenheit zu gewinnen. Die erste darauf sich beziehende Notiz 
begegnet uns erst im Jahre 1793. Szüts hat im Jänner dieses 
Jahres 2) eine Eingabe an das Konsistorium gerichtet, die sich mit 
dem besprochenen Gegenstande befaßt. Die Eingabe ist aber nicht 
vorhanden. Wir kennen aber den »Vorbescheid« des Konsistoriums 
an den Superintendenten,^) in welchem dieser aufgefordert wird, 
die Namen derjenigen Prediger anzugeben, welche zur Einhebung 
der Kollekte bestimmt sind, sowie auch die Gegenden, wohin 
sich jene wenden wollen, damit die Beglaubigungsschreiben aus- 
gefertigt werden. Auch soll der Superintendent den Entwurf der 
Bittschrift,"^) vorderhand in deutscher Sprache verfaßt, 5) zur Ein- 
sicht vorlegen. 

Zugleich wandte sich das Konsistorium an die Hofstelle, 
damit diese die Genehmigung der Kollekte bei dem Kaiser erwirke. 
In der betreffenden Eingabe wird darauf hingewiesen, daß es schon ^) 
lange der Wunsch der böhmischen Diözese gewesen sei, jungen 
Leuten aus ihrer Mitte, welche Anlage und Lust hätten, sich dem 
Predigerstande zu widmen, Unterstützung und Gelegenheit zu ver- 
schaffen, daß sie in den dazu erforderlichen Wissenschaften unter- 
richtet werden. Schon der Superintendent Koväcs hätte die Sache 
betrieben und Weisungen hinsichtlich einer Kollekte erhalten, welche 



Den 29. August 1787, den 27. Februar und 14. Mai 1788. 

2) Den 28. Jänner, 

3) Vom 2. April 1793. 

*) Welche die Sammler mitnehmen wollten. 

5j Sie sollte lateinisch sein. 

^) Vom 2. April 1793. (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 



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- 118 - 

den Anfang des hiezu nötigen Fondes bilden solle. Außerdem sollte 
ein Plan entworfen werden, damit derselbe an Seine Majestät zur 
Genehmigung »einbegleitet« 'und für dessen Ausführung Sorge ge- 
tragen werden könne. Die Errichtung eines solchen Institutes sei 
allerdings sehr zu wünschen und den Umständen nach gewisser- 
maßen unentbehrlich, da hiedurch überhaupt manches Gute er- 
richtet werde; die Bedürfnisse der Gemeinden in Ansehung der zu 
besetzenden Predigerstellen erfordern es, da dann diese Stellen 
viel leichter mit Landeskindern besetzt werden können. Der Super- 
intendent habe Nachrichten eingezogen, die es bestätigen, daß man 
auf die Teilnahme der Glaubensgenossen in Ungarn und Sieben- 
bürgen zählen dürfe; "•) und da es sowohl von dem Erfolge der 
Kollekte als auch von den gleichfalls zu erwartenden Beiträgen 
der böhmischen Gemeinden abhänge, ob und in welchem Umfange 
dieses gewünschten und empfehlungswürdigen Vorhabens gedacht 
werden könne, und da im Jahre 1786 2) eine gleiche Kollekte für 
die mährischen Gemeinden bewilligt worden sei, so bitte das 
Konsistorium, die Kollekte zu gestatten. 

Die Bitte ist auch nicht vergeblich getan worden. Durch das 
Hofdekret vom 25. Juni 1793^) wird dem böhmischen Gubernium 
mitgeteilt, daß man sich auf das Gesuch des Wiener Konsistoriums 
H. C, in Ungarn und Siebenbürgen eine Sammlung zur Errichtung 
einer Predigerpflanzschule für die helvetischen Glaubensgenossen 
in Böhmen veranstalten zu dürfen, an die betreffenden Hofkanzleien 
gewendet hat, und nachdem diese nicht dagegen waren, ist die 
Kollekte bewilligt und das Notwendige an die kön. ungarische 
Statthalterei verfügt worden. 

Damit verliert sich aber jegliche weitere Spur der geschilderten 
Aktion. Trotz aller Mühe ist es nicht einmal möglich gewesen, 
festzustellen, ob man von der Bewilligung der Kollekte wirklich 
auch Gebrauch gemacht hat und mit welchem Erfolg? Es bleibt 



^) Der Referent bemerkt dazu, daß sich Ungarn und Siebenbürgen 
infolge des Friedens mit der Pforte (Friede von Sisztova, 1791) bereits etwas 
erholt haben und die dortigen Superintendenten sich auf ein vorhergehendes 
Gesuch geneigt erwiesen hätten, zum allgemeinen Besten der böhmischen 
Gemeinden ihr Möglichstes zu tun. 

2) Den 23. Oktober. 

3) Zu vergleichen auch die Nota an die k. k. Direktion in cameralibus 
et publico-politicis vom 10. Juni 1793. Beides im Kultusarchiv des Mini- 
steriums für Kultus und Unterricht in Wien. 



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- 119 - 

vorläufig leider nichts anderes übrig, als dieses Kapitel mit einem 
»ignoramus« zu schließen. Vielleicht wird es später einmal ge- 
lingen, über diesen Versuch, eine evang.-theol. Lehranstalt ins 
Leben zu rufen, noch ein Wort zu sagen. 

III. 

Setzen wir jedoch gleich bei dem oben zitierten Berichte des 
Konsistoriums ein. Es enthält, wie wir gesehen haben, die Nach- 
richt, daß den mährischen Gemeinden eine gleiche Kollekte be- 
willigt worden sei. Das würde wohl die Vermutung nahelegen, daß 
man sich auch in Mähren mit gleicher Absicht, nämlich eine evang.- 
theol. Schule zu begründen, getragen und sich nach Mitteln umge- 
sehen habe, um dieselbe verwirklichen zu können. Lagen ja die Ver- 
hältnisse der Evangelischen in Mähren nicht anders als in Böhmen. 

In der Tat stoßen wir bei näherem Zusehen auf Spuren 
ähnlicher Bestrebungen, wie wir sie in Böhmen gefunden haben. 

Man sollte meinen, daß jene den mährischen Gemeinden — 
es handelt sich auch in diesem Falle um Gemeinden Helvetischen 
Bekenntnisses — im Jahre 1786 bewilligte Kollekte auf diese 
Bestrebungen hinweise. Stand ja damals an der Spitze der refor- 
mierten Kirche Mährens ein Mann von weitem und scharfem Blick, 
der es wohl erkannt hatte, was seiner Kirche vonnöten wäre: 
der Superintendent Michael Bla^ek in Ingrowitz."*) Dieser ohne 
Zweifel hervorragende Mann der reformierten Kirche Österreichs war 
auch als Kollektenmann groß. Um der Not der mährischen Ge- 
meinden einigermaßen abzuhelfen, hat er schon in den Jahren 1783 
und 1 784 »eine Kollekte als Privatprediger angesucht und verschafft«.^) 
Den Ertrag dieser Kollekte hat er, »urrr alle Unannehmlichkeiten 
zu entfernen«, nicht nur seiner Gemeinde zugewendet, sondern 
nach gleicher Repartition ^) unter sämtliche Gemeinden »zum Behuf 
der nöthigen Gebäuden« verteilt."^) Die Hauptkollekte hat er aber 
im Jahre 1786 ins Werk gesetzt. Da aus späteren Quellen, auf 



^) Er schrieb sich auch Blassek oder Blaschek. Über ihn: Trauten- 
berg er, Jahrbuch XXI, S. 229 ff.; Tardy, »Pamätka«, S. 237. 

2) Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate aus dem Jahre 1797. 

3) 50 fl. für jede Gemeinde. 

^) Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate; auch der Brief Bla^eks an 
Riecke aus dem Jahre 1795. (Sammlung von Briefen der Toleranzpastoren, 
im Besitze der evang.-theol. Fakultät in Wien.) Dann Jahrbuch XXll, S. 194. 



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— 120 - 

welche noch hinzuweisen sein wird, zu ersehen ist, daß sich 
Bla2ek wirklich mit dem Gedanken an die Errichtung einer 
evang.-theol. Schule beschäftigt hat, haben wir uns der Mühe 
unterzogen, die Anfänge seiner Kollekte genau zu erforschen. 
Ganz besonders bestrebten wir uns, den Zweck derselben fest- 
zustellen. Leider war auch die Eingabe Blaieks, in welcher er 
um die Bewilligung zu einer Kollekte angesucht hat, nicht mehr 
aufzutreiben. Aber aus den Erledigungsakten ist der Inhalt der- 
selben zu erschließen. Das Gutachten der Hofkanzlei und die in 
dessen Sinne gefaßte kaiserliche Resolution, ^) sowie auf derselben 
basierende Hofdekret 2) lassen es dem Superintendenten Blaäek 
frei, ob er das (in Ungarn und Siebenbürgen) gesammelte Geld 
für Kirchenbauten oder zur Bestreitung seiner Visitationskosten oder 
seines Gehaltes verwenden wolle. Zur Erklärung möge dienen, 
daß Bla2ek, welcher durch das Hofdekret vom 14. Oktober 1784 
zum Superintendenten für Mähren ernannt worden ist, laut dieses 
Hofdekretes seinen 200 fl. betragenden Gehalt aus den bestimmten 
politischen Taxen erhalten sollte, deren Einhebung er selbst zu 
besorgen hatte; falls aber diese hiezu nicht »erkleketen«, sollten 
sowohl der »Abgang« als auch die Visitationskosten auf die hel- 
vetischen Familien als ein zu leistender Beitrag verteilt werden.^) 
Wie es mit dem Einlaufen dieser Einnahmen des Superintendenten 
bestellt war, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Übrigens hat 
sich Bla^ek darüber oft genug geäußert. Hätte ihm die vom 
Kaiser gebilligte Verwendung der Kollekte die Möglichkeit der 
Deckung seiner Visitationsauslagen und seines Gehaltes nicht ge- 
geben, wäre er wohl niemals auf seine Kosten gekommen. Aus 
dem Angeführten ist ersjchtlich, daß das Gesuch Blazeks um 
eine Kollekte auf die Errichtung einer theologischen Schule nicht 
Rücksicht nahm. Es handelte sich, wie er sich einmal ausdrückt, 
um »ganz allgemeine Bedürfnisse«. '^) 



Vom 12. Oktober 1786. 

2) Vom 23. Oktober 1786. — Es ist jenes interessante Hofdekret, durch 
welches den Evangelischen auch bewilligt wird, sich zum Rufe zum Gottes- 
dienste eventuell einer Trommel oder eines anderen »öffentlichen Zeichens« 
zu bedienen. (Vgl. Trautenberger: »Aus der evangelischen Kirchen- 
gemeinde in Brunn« 1886, S. 16.) 

3) Brünner Statthaltereiarchiv. 

^) In einem böhmisch geschriebenen, jene Kollekte betreffenden Schrift- 
stücke. (Ref. mähr. Superint.-Archiv.) — Die damals aufgebrachte Kollekte 



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- 121 - 

Früher als.Blaiek dachte an die Begründung einer evang.- 
theol. Lehranstalt sein Freund und Ordensbruder^) Mag. Viktor 
Riecke, lutherischer Pastor und später auch Senior in Brünn.^) 
Leider fließen auch hier die Quellen, die auf unseren Gegenstand 
Bezug nehmen, nicht besonders reichlich; aber doch so reichlich, daß 
wir aus ihnen das lebhafte Interesse erkennen, welches Riecke für 
das Projekt einer evang.-theol. Schule hatte. Offenbar hat Riecke 
in Briefen an seine Freunde dasselbe besprochen. Einen deutlichen 
Beleg dazu finden wir in einem Briefe des Pastors Georg Richter 
aus Zauchtel an Riecke.^) Derselbe schreibt: »Ihr Seminarium — 
ein entzückender Gedanke! Aber es bleibt gewiß noch eine geraume 
Zeit unter den piis desideriis. Ausländer, das ist Ungarn, die der 
böhmischen Sprache kundig sind, werden sich schwerlich ent- 
schließen, Seminaristen abzugeben aus mancherlei Ursachen; und 
in den mährischen Schulen können kaum die notwendigsten Be- 
griffe der Religion beigebracht werden. Oder wollen Sie von den 
ersten Elementen den Anfang gemacht wissen?« 

Riecke ließ sich jedoch durch die Schwierigkeiten, welche 
der Verwirklichung des angedeuteten Planes im Wege standen, 
nicht abschrecken, sondern versuchte ihn der Ausführung näher 
zu bringen. Auch er faßte den Gedanken, dasselbe für die luthe- 
rischen Gemeinden in Mähren zu tun, was Bla^ek für die refor- 
mierten tat: zu kollektieren. Auch in diesem Falle ist es sein 
Freund Richter gewesen, der Riecke auf die schier unüberwind- 
lichen Schwierigkeiten dieser Sache hinwies. "^j Der energievolle 
Riecke ließ sich auch dadurch nicht einschüchtern. Und als er 
in Erfahrung gebracht hat, daß Bla2ek die Gestattung der Kollekte 
erreicht hat, da war er nicht mehr zu halten. Im Februar des 
Jahres 1787^) richtet Riecke bzw. die Brünner Kirchenvorsteher 



betrug 2400 fl. Sie bilden den Grundstock des sogenannten Blaiek'schen 
KoUektenfondes. — Die Verrechnungsakten im reformierten Konsistorial- 
archiv im Oberkirchenrate. 

^) Beide waren Mitglieder des Illuminatenordens. 

2) Über ihn: Trautenberge r, Jahrbuch 11, S. 116 ff. Derselbe: »Aus 
der evangelischen Kirchengemeinde in Brunn«, 1866, S. 18 ff. Derselbe: »Die 
Chronik der Landeshauptstadt Brunn«, IV. B., 1897. 

3) Vom 24. Mai 1785. (Sammlung von Toleranzbriefen im Besitze der 
evang.-theol. Fakultät in Wien.) 

') Trautenberger, Jahrbuch XXll, S. 195. 
5) 13. Februar. 



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- 122 - 

Seitter, Gloxin, Ostermann, Hopf) die Bitte um die 
Kollekte an das Kreisamt. Sie schildern in ihrem Gesuche die 
große Not der mährischen Gemeinden. "•) Diese nötige sie, die Bitte 
um die Erlaubnis zu einer in Ungarn und Siebenbürgen zu ver- 
anstaltenden Kollekte zu wagen. Dort gebe es ja sehr viele Reli- 
gionsverv^andte, »denen v^eder Vermögen noch Wille fehlt, ihre 
arme unter Josefs Szepter zur Gewissensfreiheit gelangte Glaubens- 
brüder in Mähren zu unterstützen, sobald sie ihres und unseres 
gemeinschaftlichen Monarchen höchste Einwilligung zu diesem 
Liebesdienste haben«. Die Kirchenvorsteher berufen sich auf die 
den Reformierten bewilligte Kollekte. Das Bedürfnis der lutherischen 
Gemeinden sei aber »ebenso dringend«. So möge denn die »zu- 
nächst vorgeschriebene Instanz« ihre Bitte durch die Landesstelle 
vor den Thron des allergnädigsten Monarchen begleiten und unter- 
stützen! — Die Erledigung des Gesuches ließ nicht lange auf sich 
warten. Durch das Hofdekret vom 13. April 1787 ist Riecke und 
den Kirchenvorstehern mitgeteilt worden, es sei ihren Konfessions- 
verwandten gestattet, daß sie, wie die »helvetischen Insassen«, 
eine Kollekte in Ungarn und Siebenbürgen veranlassen mögen. 

Daß unter den Zwecken der Kollekte auch die Errichtung der 
theologischen Schule zu finden war, oder besser gesagt: daß man 
derselben unter jenen Zwecken gern eine Stelle angewiesen hätte, 
geht aus mancherlei hervor. Wir verweisen vor allem auf den »Plan 
der ganzen Kollekte«, welchen die Brünner Kirchenvorsteher an das 
lutherische Konsistorium gesandt haben. 2) Das interessante Schrift- 
stück ist von Riecke ausgearbeitet. In dem Abschnitte: »Wozu 
sollen die vertheilten Gelder verwendet werden«, lesen wir folgendes: 
»Sie können angewendet werden zu Bet- und Schul- und Pfarr- 
häuser Bau, oder zu Besoldungen oder zu gemeinschaftlichen Aus- 
gaben, z. B. Reisekosten des Superintendenten, Errichtung 
eines Seminariums u. s. w. Unseres Erachtens wären die 
Baukosten nicht ex hoc fundo zu bestreiten. Denn theils läßt sich 
das Bedürfnis eigener Häuser und das der inneren Einrichtungen 
aufschieben, theils contribuirt der Bauer zu so etwas in die Augen 
Fallenden, als der Häuserbau ist, besonders, da ihn diese Ausgabe 

^) Die betreffende Stelle ist in der Abhandlung »Aus dem Amtsleben des 
ersten mährisch-schlesischen Toleranzsuperintendenten« in dieser Festschrift 
angeführt. 

2) Vom 14. Juni 1787. — Dieses, wie die früher angezogenen Akten- 
stücke im Konsistorialarchive des Oberkirchenrates. 



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- 123 - 

nur einmal für allemal drückt, lieber als zu Besoldungen, theils 
gibts oft unter Landgemeinden Vermächtnisse, die sich zum Aus- 
bessern und Ausrüstung der Bethäuser immer hoffen lassen und 
die die Bauern auch dann, wenn sie nichts geradezu bedürfen, 
dennoch in ihre Gebäude verbauen und vertändeln würden. Die 
größte Noth der Gemeinden steht bekanntlich darinn, daß sie ihren 
Pastoren auch nicht so viel geben können, als zum dürftigsten 
Lebensunterhalt erforderlich ist; daher soll, was immer einlauft 
und sich vielleicht einmal mit neuer ausländischen Collekte ver- 
mehren läßt, Capitalweise angelegt und von den Zinsen jährlich 
diejenige Portion, die jeder Gemeinde zugehört, ihrem Pastor ab- 
gereicht werden. Ein Seminarium, so klein es auch wäre, 
bleibt freilich ein großes, wichtiges Bedürfniß und 
wird es beim überhandnehmenden Mangel mährisch 
kundiger Candidaten mehr und mehr werden; allein 
hierzu wäre vielleicht noch auf andere Speculationen 
Rath und Hülffe, auch eine neue Collekte einmal 
bloß zu diesem Zweck zu veranstalten u. s. w.« 

Aber auch schon bei der ersten Kollekte, die Riecke selbst im 
Monate August des Jahres 1 787 einzusammeln begann, dachte er daran, 
etwas für die Errichtung des theologischen Seminariums zu tun:^) 
Wir verweisen auf seinen Bericht über den Aufenthalt in der Zips. 

Unter den Gebern zu Leutschau führt er auch das Haus 
Schurrer an. Dieses hat außer seinem Beitrag und glänzender 
Bewirtung Rieckes »in einer seiner Kupfer- und Silbergruben 
den mährischen Gemeinden zwei Kuxen geschenkt, ein Beispiel, 
welches in Schemnitz und Schmölnitz (von den Herren Leschinsky 
und Michel Linkesch) nachgeahmt wurde. Die Donatoren bauen 
diese Kuxe umsonst, bis sie Ausbeute geben, so daß die Ge- 
meinden nichts riskieren, sondern nach Verfluß etlicher Jahre 
alles gewinnen können. Der Spender und meine Absicht 
ist, jene zu hoffenden Gelder vornehmlich zu einem 
mährischen Schulmeister- und Geistlichen Seminario 
in Brunn, dessen Grund eine Schule ebendaselbst 
sein soll, zu bestimmen. «2) Leider lieferten jene Kuxe kein 
Erträgnis, und die Not der mährischen Gemeinden gestattete es 



^) Die Kollektenreise, geschildert in „Halte, was Du hast« von 
Trautenberger, Jahrg. ill, S. 182 ff., auf Grund der Berichte von Riecke. 
2) »Halte, was du hast«, III, S. 327, 329. 



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— 124 - 

nicht, etwas von den gesammelten Geldern auf die Errichtung 
des Seminariums zu verwenden.'') 

Riecke hatte die Absicht, seine Kollekte, die vom 18. August 
1787 bis Ende Mai 1788 währte, wiederum aufzunehmen. Es ist 
ihm dies auf sein nach Beendigung des Türkenkrieges (1791) ein- 
gereichtes Ansuchen auch gestattet worden. 2) Doch es kam nicht 
mehr dazu. Der nach dem Tode Leopold II. ausgebrochene Krieg 
ließ es nicht zu, und im Jahre 1803 verließ Riecke Brunn, um 
in Württemberg eine Pastorenstelle anzunehmen. 3) Aus jener Zeit^) 
stammt ein abermaliges Gesuch der Brünner Kirchenvorsteher an 
das lutherische Konsistorium um die Genehmigung des »Planes« 
hinsichtlich der Kollekte. In demselben wird von der Errichtung 
einer theologischen Schule nicht gesprochen. Im siebenten Punkte 
wird gesagt: »Auch für Kandidaten der Theologie, die auf Univer- 
sitäten oder auch akademischen Gymnasien zum Studium der 
Theologie gehen und uns Mährern zugehören, soll aus diesen Inter- 
essen Sorge getragen werden, soweit weder Wittwen noch Waisen 
schon erstbemerkten Anspruch haben. Nur gehört, was die Unter- 
stützung von Kandidaten betrifft, die vorläufige Einwilligung der 
Gemeinden zu der Summe dessen, was jede beitragen will, dazu.«^) 
Diesem Plan, mit welchem die Kirchenvorsteher vom Konsistorium 
an die Landesstelle gewiesen wurden, hat diese die Genehmigung 
versagt.^) Damit erschöpft sich unsere Kenntnis der Bestrebungen, 
welche in Mähren auf lutherischer Seite zugunsten der evang.-theol. 
Schule zu verzeichnen sind. Mit welchem speziellen Inhalt die 
allgemeine Bemerkung: »Auch in späteren Jahrzehnten wurden von 
Brunn aus Anstrengungen zur Errichtung einer evang.-theol. Lehr- 
anstalt in der mährischen Hauptstadt gemacht, jedoch vergebens«,^) 
zu füllen ist, wissen wir nicht anzugeben, obgleich wir uns be- 
mühten, auch in dieser Richtung das Erforderliche festzustellen 

^) Es kamen damals 6000 fl. zusammen. Sie bilden den sogenannten 
»Pamätkenfond«. 

2) Hofdekret vom 2. März 1792. 

3) »Halte, was Du hast«, Jahrgang 111, S. 375. 

^) Aus dem Jahre 1797. (Brünner Statthaltereiarchiv.) 

5) Über die Bemühungen Ri eck es in Württemberg, den slowakischen 
Kandidaten einen »Hospitiumtisch in stipendio« zu erwerben, in »Halte, was 
du hast«, III, S. 374. 

6) Gubernialdekret vom 29. April 1797. 

'^) So Trautenberger in »Halte, was du hast«, Jahrgang 111, 
S. 339, Anm. 



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125 - 



IV. 



Nun aber müssen wir zum Superintendenten Bla^ek zurück- 
kehren. Nach Riecke ist er es gewesen, der den Gedanken seines 
Freundes aufgriff und sich für denselben einsetzte. Die Anregung 
dazu kam jedoch aus einem anderen Lande: ausGalizien. Das- 
selbe hat sich ja schon in der Toleranzzeit vielfach als »Schmerzens- 
kind« der jungen evangelischen Kirche Österreichs erwiesen. Die 
Fürsorge für dasselbe brachte auch den Gedanken an eine evang.- 
theol. Lehranstalt der Verwirklichung näher. 

Um dies zu verstehen, müssen wir einen Abstecher in das 
genannte Land machen und den Verhältnissen der dortigen evange- 
lischen Gemeinden unsere Aufmerksamkeit zuwenden. 

Zunächst aber zur Orientierung einige Bemerkungen all- 
gemeiner Art. 

Je länger desto mehr häuften sich die Schwierigkeiten hin- 
sichtlich der Besetzung der evangelischen Pastorate in Österreich. 
Da die Regierung in dieser Angelegenheit das letzte Wort zu 
sprechen hatte, mußte sie auch die Last, welche diese Schwierig- 
keiten bedeuteten, mittragen und empfand ihren Druck in großem 
Maße. Sie sah ein, daß ein Aushilfsmittel ergriffen werden müsse, 
um den vakanten Pastoraten ihre Verwalter auf eine leichtere 
Weise zuzuführen. Da es jedoch der Regierung fern lag, mit ihren 
Mitteln für die Ausbildung der Theologen im Lande selbst zu sorgen, 
und die Evangelischen zu diesem Zwecke über keine Mittel verfügten,, 
versuchte man auf die Weise Kandidaten zu erhalten, daß man 
den einheimischen, der Theologie sich widmenden Jünglingen das 
Studium im Auslande teil- und bedingungsweise freigab. Diese 
Konzession brachte eine Reihe von Hofdekreten, durch welche 
zunächst die Universitäten Göttingen, Wittenberg, Leipzig 
und Tübingen, dann aber auch Jena und Marburg (für die 
Reformierten) freigegeben wurden. "•) Wir erfahren auch, daß es in 
Jena und Göttingen Freitische für arme Studierende aus 



Hofdekrete vom 2. Februar 1800, 16. September 1800, 19. September 
1800. Das erste, kundgemacht durch das mährisch-schlesische Gubernium 
den 10. Februar 1800. (W. Unger, »Systematische Darstellung der Gesetze 
über die höheren Studien«, 1849, II, S. 95. J. Seh wer dl in g, »Praktische 
Anwendung aller k. k. Verordnungen in geistlichen Sachen vom Jahre 1740' 
bis 1790 in alphabetischer Ordnung«, Wien, 1798, IV, S. 242, 243.) 



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Österreich gab.^) Wer in Deutschland studieren wollte, mußte 
sich mit einem Zeugnis über seinen untadelhaften Wandel aus- 
weisen, welches seine Lehrer und der betreffende Superintendent 
auszustellen hatten. Infolge politischer Verhältnisse wurde die er- 
wähnte Konzession bald zurückgezogen. Im Jahre 1804 gestattete 
man nur Leipzig, Jena und Göttingen; 1818 wurden auch 
Jena und Göttingen verboten; 1819 hob man die Gestattung 
überhaupt auf. 2) Aber auch während der Zeit, in welcher man an 
ihr festhielt, erwies sich die damit angewendete Maßregel als un- 
genügend. Der Kandidatenmangel hielt beständig an. Die Tragweite 
und Bedeutung dieser allgemeinen Bemerkungen sollen in der 
nachfolgenden Darstellung völlig gewürdigt werden. 

Es ist eben Galizien gewesen, in welchem die Besetzung 
der erledigten Pastorate die meisten und größten Schwierigkeiten 
bereitete. Dies gilt von beiden zugelassenen evangelischen Be- 
kenntniskirchen. Die Regierung rief deshalb beide evangelischen 
Konsistorien in Wien an, um den Weg zur Abhilfe zu finden. In 
Betracht kommt zunächst das Konsistorium A. B. Anlaß zu 
dessen Anrufung gab die Besetzung des ^/^ Jahre erledigten Pa- 
storates in Lemberg. Das Konsistorium A. B. wußte keinen 
anderen Rat — alle anderen Bemühungen blieben erfolglos^) — , 
als zu bitten, daß der damalige Pastor und Rektor G. D. Frost 
aus Posen in Preußen mit Umgehung der bekannten Bestimmung, 
daß aus Preußen keine Pastoren nach Österreich berufen werden 
dürfen, nach Lemberg bestätigt werde. Da sich dabei der mildernde 
Umstand herausstellte, daß Frost kein geborener Preuße sei, 
sondern es erst durch die letzte (dritte) Teilung Polens geworden 
war"^) und da man das evangelische Militär nicht länger ohne 
Seelsorge lassen wollte, fiel die kaiserliche Entschließung zugunsten 
Frostens aus. Zugleich aber fordert jene Entschließung, daß das 
Konsistorium einvernommen werde, »durch welche Mittel für die 
Zukunft ähnlichen Verlegenheiten abgeholfen und die unabweis- 
liche Beobachtung der Vorschrift, keine Fremden zum Seelsorger- 



^) Konsistorialbericht aus dem Jahre 1810. (Unterrichtsarchiv im 
Ministerium für Kultus und Unterricht.) 

2) »Evangelisches Vereinsblatt aus Oberösterreich«, Jahrg. XXII, S. 71. 

3) Dargestellt im Konsistorialbericht an Hof vom 12. Dezember 1802. 
(Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und Unterricht.) 

*) Im Jahre 1795. 



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amte zuzulassen, erzielet werden dürfte« J) Die Hofkanzlei fügte 
in dem Dekrete an das Konsistorium 2) die bezeichnende »Wol- 
meinung« hinzu: »Zumahl man vermuthen sollte, daß die nöthigen 
Individuen zur Bestellung der Pastoren in Galizien im Lande selbst 
zu finden wären, maßen die dort befindlichen Pastoren ihre Kinder 
zu derlei Versorgung unterrichten lassen und auch die Kinder der 
galizischen evangelischen Einwohner sich dem geistlichen Stande 
widmen werden, und man am Ende, wenn bei der Erledigung des 
Lemberger Pastorates wiederum um die Berufung eines fremden 
Seelsorgers geworben würde, auf den Verdacht gerathen möchte, 
daß man Pastoren aus der Heimath des größten Theiles der Vor- 
steher haben will: aus Groß-Polen.« 

Das Konsistorium rückte ohne Säumnis mit seinen Vor- 
schlägen heraus.^) Es will ganz unbefangen die Lage der Dinge, 
wie sie wirklich ist, zuerst im allgemeinen, dann aber mit 
Rücksicht auf Galizien darstellen. Nach protestantischem Rechte 
fordere jede Gemeinde, besonders aber eine Stadtgemeinde, von 
ihrem Pastor eine gründliche, gelehrte Bildung. Zu dieser kann 
zunächst nur der Besuch eines wohleingerichteten Gym- 
n a s i u m s verhelfen — ein Gedanke, der bei der späteren Erörterung 
der Frage nach einer evang.-theol. Lehranstalt für die österreichischen 
Erbländer eine große Rolle spielt und hier zum erstenmal vom 
Konsistorium mit solchem Nachdrucke in den Vordergrund gestellt 
wird. Weiter sei der Weg zur Erwerbung jener Bildung das 
wenigstens zweijährige Fachstudium in den höheren theologischen, 
philosophischen und philologischen Wissenschaften an einer pro- 
testantischen Universität. Leider besäßen die Protestanten in den 
»deutsch-galizischen« Erblanden kein einziges wohleingerichtetes 
Gymnasium, da die Wiener und Teschener Schulanstalten eigentlich 
nur Elementarschulen mit je drei Lehrern seien. Und da den Pro- 
testanten alle Unterstützung aus öffentlichen Kassen mangle, so sei 
auch nicht zu erwarten, daß die genannten Schulanstalten, die nur mit 
Mühe durch einige Vermächtnisse und jährlich gesammelte Beiträge 
erhalten werden, zu einem »vollen Gymnasialflor« gebracht werden 



^) Vortrag der Hofkanzlei und kaiserliche Entschließung vom 21. De- 
zember 1802. (Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und Unterricht.) 

2) Vom 8. Februar 1803. (Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und 
Unterricht.) 

3) Bericht an Hof vom 21. Februar 1803 (ebd.). 



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könnten. Die Hauptaushilfe könne daher nur aus Ungarn ge« 
nommen werden, welches einige, wiewohl unvollkommene Gym- 
nasien A. B. besitze und jährlich mehrere arme Kandidaten der 
Theologie mit Stipendien versehe, damit sie sich auf protestan- 
tischen Universitäten die nötige Bildung erwerben. Aber das genüge 
nicht, zumal Ungarn selbst seine Kandidaten, und besonders die 
besseren, brauche. Deshalb sei die Anstellung von Kandidaten aus 
dem »römischen Reiche«, die ja dort »im Überfluß vorhanden seien«, 
mit Ausnahme der preußischen und sächsischen Länder (»ex capite 
Repressalium«), sowie der von den Franzosen während des letzten 
Krieges besetzten Ländern (aus politischen Rücksichten) gestattet 
worden. Und so möge es auch ferner bleiben. »Durch diese 
Konkurrenz ist eine heilsame Nacheiferung unter 
den Kompetenten erzielt worden, auch haben die 
Gemeinden die Wahl sehr erleichtert. Auch sind 
Dispensationen hinsichtlich der verbothenen Länder 
gegeben worden; und das Konsistorium hat durch 
seine treu eifrige Sorge und Anleitung noch immer 
bewirkt, daß solche ausländischen Pastoren mit den 
inländischen in treuer Anhänglichkeit an das Interesse 
ihres neuen Souverains und Vaterlandes gewetteifert 
haben.« 

Hinsichtlich Galiziens liege die Sache viel schlimmer, 
weil die Pastoren in manchen dortigen Gemeinden deutsch und 
polnisch predigen müssen. Infolgedessen könne nicht einmal 
aus Ungarn Aushilfe gewährt werden. Sollten dort Dispensationen 
verhütet werden, dann bliebe nichts anderes übrig, als für die 
Bildung inländischer, galizischer »Subjecte« zu sorgen. Das 
könnte nach der Ansicht des Konsistoriums nur so geschehen, 
daß man einen oder höchstens zwei galizische, von Jugend auf 
polnisch sprechende Prediger-, Bürger- oder Bauernsöhne nach dem 
jeweiligen Gebrauche der Gemeinden zunächst auf ein ungarisches 
Gymnasium mit einem Stipendium von 100 fl. aus einem öffent- 
lichen Fond und dann mit einem solchen von 250 fl. auf eine 
protestantische Universität schicken würde. Sollte dieser Antrag 
des Konsistoriums genehmigt werden, dann wolle dasselbe sich 
bemühen, mit Hilfe des von ihm schon mehrmals beantragten 
Superintendenten von Galizien die würdigsten und fähigsten gali- 
zischen Jünglinge für den Genuß der Stipendien in Vorschlag 



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zu bringen. 1) Diese Vorschläge des Konsistoriums fanden jedoch 
bei der Regierung kein geneigtes Ohr. Man antwortete demselben, 2) 
daß die öffentlichen Fonde insgesamt ihre Bestimmung hätten 
und infolgedessen keine Stipendien aus ihnen genommen werden 
könnten. Auch dürften die Stipendien den beabsichtigten Zweck 
nicht erreichen, da sich die Vermutung, die Lemberger Gemeinde 
wolle Pastoren aus Groß-Polen, bestätigt habe.^) Da es auch 
unter den galizischen evangelischen Glaubensgenossen sehr ver- 
mögliche Glieder gäbe, dürfte es ihnen nicht schwer fallen, solchen 
Jünglingen, welche sich dem Pastorenstande widmen wollen und 
die deutsche Sprache »gut besitzen«, eine Unterstützung zu ihrer 
vollständigen Ausbildung zuzuwenden. Diese Antwort hat die 
Hofkanzlei dem Konsistorium »von sich aus« gegeben, d. h. ohne 
den Vorschlag desselben auf Bewilligung der Stipendien zum Gegen- 
stande eines Vortrages an den Kaiser zu machen. Das tat sie, 
weil sie glaubte, dielen Vorschlag »sogleich hindanweisen« zu 
müssen. Erst später ist dem Kaiser davon Mitteilung gemacht 
worden, was aber, wie noch zu zeigen sein wird, dessen Unwillen 
erregte. 

Nun war allerdings für das Konsistorium A. B. guter Rat 
teuer. Wie sich dasselbe herauszuhelfen suchte, werden wir später 
sehen. Für jetzt müssen wir unsere Aufmerksamkeit dem Kon- 
sistorium H. B. zuwenden, welches auch in Aktion treten mußte, 
da ja die ihm unterstellten Gemeinden in Galizien an derselben 
Krankheit litten, wie ihre lutherischen Schwestergemeinden. Hier 
ist es das Pastorat Josefsberg gewesen, welches den Stein ins 
Rollen brachte. Das Konsistorium H. B. hat den Auftrag erhalten,'^) 
für die Besetzung des erwähnten Pastorates zu sorgen. Dasselbe 

*) Die Superintendentenangelegenheit für Galizien fand ihre Erledigung 
durch den Bericht des Konsistoriums an Hof vom 13. März 1802 und das 
Hofdekret vom 11. August 1803. Zum Superintendenten ist Jos. Paulini, 
Pastor in Lemberg, ernannt worden. (A. h. Entschließung vom 21. September 
1804, Hofdekret vom 2. November 1804.) Die Sache zog sich in die Länge, 
weil sich »ungeachtet des Konkurses« niemand gemeldet hat. Erst auf die 
unmittelbare Anfrage des Kreisamtes hin ist Pauli ni von den Kirchen- 
vorstehern der Lemberger Gemeinde vorgeschlagen worden. (Kultusarchiv im 
Ministerium für Kultus und Unterricht.) 

2) Hofdekret vom 4. März 1803 (ib.). 

3) Die Hofkanzlei beruft sich auf einen Protokollauszug vom 8. März 1803. 
*) Den 20. Juli 1804. (Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und 

Unterricht.) 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 9 



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bemühte sich, für Josefsberg den Falkensteiner Pastor Brück zu 
Alsenbach zu gewinnen. Dieser hätte sich bis Ende September 1804 
äußern sollen. Aber seine Antwort kam nicht, die Not war offen- 
kundig und Ibeunruhigte auch die Regierungskreise. Diese Be- 
unruhigung fand ihren drastischen Ausdruck in einer kaiserlichen 
»Erinnerung« an die Hofkanzlei, ^) in welcher einerseits der Bericht 
über die Lemberger Angelegenheit abverlangt, anderseits aber 
bemerkt wird: »es zeige sich, daß mit den Predigern H. C. die 
nämlichen Verlegenheiten wie mit den Pastoraten A. C. obwalten, 
und daß somit bei einem wie bei dem anderen eine Abhilfe in 
gleichem Maße notwendig sei«. Darauf erfolgte der Vortrag der 
Hofkanzlei, 2) in welchem dem Kaiser mitgeteilt wird, was in der 
Lemberger Sache angeordnet worden sei. Der Kaiser nahm die 
Mitteilung zur Kenntnis, erteilte aber der Hofkanzlei die Belehrung: 
»Er versehe sich dessen, daß künftig solche länger aushaftenden 
Gegenstände nicht erst aus Anlaß seiner Entschließungen, sondern 
wie es die diesfälligen Vorschriften mit sich brächten, betrieben 
werden sollen.« 

Wie sollte jedoch die an der höchsten Stelle verlangte Ab- 
hilfe beschafft werden? Das Konsistorium H. B. hat schon früher 
vorgeschlagen, Pastoren seines Bekenntnisses aus dem Chur- 
badenschen heranzuziehen. 3) Darüber mußte zunächst ent- 
schieden werden. Hat ja 'dieser Vorschlag die Regierung offenbar 
stutzig gemacht. Und ehe sie zu demselben Stellung nahm, ließ 
sie sich vom damaligen Polizeiminister ^) beraten. Seine Äußerung 
gehört zu den interessantesten Dokumenten, die sich auf unseren 
Gegenstand beziehen. Sie öffnet ein Fenster, durch welches auf 
die damaligen Verhältnisse überhaupt Licht fällt. Sie ist aber auch 
für den Gegenstand unserer Darstellung von großer Bedeutung. 
In ihr spricht es ein hochgestellter Regierungsmann ganz offen 
aus, daß eine theologische Lehranstalt, und zwar von der Staats- 
verwaltung, für die Evangelischen der Erblande in diesen selbst 
errichtet werden soll. Allerdings wird man nicht erwarten, daß 

Vom 11. September 1804. (Ebd.) 

2) Vom 2. November 1804. (Ebd.) 

3) Bericht an Hof vom 7. August 1804. Der Bericht nicht vorhanden. 
Das Datum und der Inhalt des Berichtes aus den Erledigungsakten ersichtlich. 

*) Sumeran; die Aufforderung zu seiner Äußerung ist vom 13. Sep- 
tember 1804, die Äußerung selbst vom 2. Oktober 1804. (Kultusarchiv im 
Ministerium für Kultus und Unterricht.) 



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für den Polizeiminister das Gedeihen der evangelischen 
Gemeinden das Motiv dazu sein sollte. Für ihn kamen selbst- 
verständlich andere Rücksichten in Betracht. Der Mangel an Pastoren 
für die Protestanten H. C, so führt er aus, weise vor allem auf 
einen vor einigen Jahren schon wiederholt geäußerten Wunsch 
zurück, daß die Staatsverwaltung durch eine den bischöflichen 
Seminarien oder Pflanzschulen der katholischen Geistlichkeit gleich- 
kommende Bildungsanstalt für Geistliche der Akatholiken die Glieder 
dieser Konfession gegen Abwege wirksamer schützen und sich ihre 
»Unterthansfolgsamkeit« besser sichern würde, als es leider beim 
»Hingeben« dieser Konfessionsverwandten an ausländische Pastoren 
geschehen könne. Man wird gewiß nicht überrascht sein, wenn 
man hört, daß sich der Polizeiminister für die Heranziehung von 
Pastoren aus Churbaden nicht zu begeistern vermag und den Rat 
gibt, man möge sich früher, ehe man Schritte beim Churbadenschen 
Kirchenrat unternehmen werde, an die helvetischen Konsistorien (!) 
in Böhmen, Schlesien und besonders in Ungarn wenden. Es be- 
stehen ja bekanntlich für die ungarischen akatholischen Kandidaten 
namhafte und zahlreiche Stipendien auf ausländischen Universitäten, 
die den Bedarf an Pastoren für Ungarn »überflüssig sichern« und 
dadurch auch für andere erbländische Provinzen Hilfsgeistliche 
gewähren würden. Und diese wären doch denen aus dem Aus- 
lande Berufenen vorzuziehen; denn wenn sie auch auf ausländischen 
Universitäten der »modischen« Theologie preisgegeben seien, so 
werden sie doch gegen die »politischen Auswüchse durch das 
Band der Monarchie und des Nationalgeistes mehr bewahrt«. 
Gegen die Berufung von Ausländern lägen schwerwiegende Bedenken 
vor. Die Theologen aus dem Auslande, besonders aus Norddeutsch- 
land, sänken mit Verwerfung aller positiven Religion zum bloßen 
Dei^us herab; die aus Süddeutschland, vorzüglich aus Württem- 
berg und Churbaden, »welche sich noch durch geistliche Orthodoxie 
auszeichnen«, gäben wiederum Anlaß zu »gegründeten Bedenklich- 
keiten« wegen der »politischen und revolutionären Grundsätze, 
in welchen sie leider der dortige vorjährige Kriegsschauplatz ihren 
französischen Nachbarn nur zu nahe gebracht hat«. Der Polizei- 
minister ersucht um die Mitteilung, um wieviele H. C. Pastoren 
es sich eigentlich aus dem Churbadenschen »im schlimmsten Falle« 
handeln würde und »ob sich auf rechtliche k. k. Unterthanen 
und Glaubensverwandten als Bürgen für ihre Moralität und 

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Denkungsart zählen lasse, nachdem die mehrere oder mindere 
Zahl dieser geistlichen Personen und die größere oder kleinere 
Notorietät der Individuen und ihrer Eigenschaften in dem Maße, in 
welchem dadurch das Beste der k. k. Unterthanen und des Staates 
mehr oder minder bedroht würden, unverkennbare Anhaltspunkte 
zur Entscheidung der vorliegenden Angelegenheit sein müsse«. 

Es liegt auf der Hand, daß die Worte des Polizeiministers 
die Hofkanzlei nicht ermuntern konnten, auf den Vorschlag des 
Konsistoriums einzugehen. Und wie aus der nachfolgenden Dar- 
stellung zu sehen sein dürfte, ist auch sein Ausspruch hinsichtlich 
einer einheimischen theologischen Lehranstalt nicht ohne Eindruck 
auf die Hofkanzlei geblieben. Sie konstatiert in dem Bescheid an 
das Konsistorium ^) zunächst, daß die beabsichtigte Heranziehung 
der Pastoren H. C. für Galizien aus Churbaden oder einem 
anderen »Auslande« mannigfachen Bedenken unterliege ; und ver- 
langt dann, daß mit Fleiß und Tätigkeit zu versuchen sei, ob 
dieselben nicht dennoch aus Böhmen, Schlesien und besonders 
aus Ungarn erhalten werden könnten. Schließlich fordert sie auf 
zur Beantwortung der vom Polizeiminister gestellten Anfragen 
nach der Zahl der heranzuziehenden Pastoren und der Bürgschaft 
für dieselben. 

Die Berichterstattung des Konsistoriums H. C. erfolgte als- 
bald. 2) Das Projekt mit den Pastoren aus Churbaden wird offenbar 
fallen gelassen, da seiner keine Erwähnung mehr geschieht. Das 
Konsistorium teilt die von ihm getroffene Maßregel mit, die darin 
bestand, daß man den Superintendenten H. C. in Böhmen und 
Mähren den Auftrag erteilt hat, binnen 14 Tagen zu berichten 
»welche Geistlichen ihrer Diözesen der deutschen Sprache soweit 
mächtig wären, daß sie das Zutrauen zu sich fassen könnten, 
das Pastorat einer großen deutschen Gemeinde in Galizien* mit 
Nutzen zu verwalten, und ob sich dermalen ein oder mehrere 
Pastoren in ihren Diözesen befinden, welche geneigt wären, ein 
nicht unvorteilhaftes Pastorat H. C. in Galizien allsogleich anzu- 
nehmen, da Josefsberg einen Pastor suche und man mehreren 
ähnlichen Fällen entgegensehen möge.« 

Zugleich sei den Superintendenten aufgetragen worden, sich 
an die Superintendenten und Gymnasiallehrer H. C. und an alle 

^) Vom 12. Oktober 1804 (ebend.). 
2) Den 26. Oktober 1804 (ebend.). 



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diejenigen in Ungarn zu wenden, die ihnen Nachricht über solche 
Kandidaten der Theologie und Pastoren der Theologie geben könnten, 
welche die deutsche Sprache hinlänglich verstehen, weil eben nur 
inländische Individuen in Frage kommen sollen. Das Konsistorium 
werde seinerzeit über das Resultat der ergriffenen Mittel berichten. 
Welches ist dieses Resultat gewesen? Wir bemerken zunächst, 
daß es uns unbekannt geblieben ist, wie man sich in Böhmen 
zu der Aufforderung des Konsistoriums gestellt hat. Der mährische 
Superintendent Blafek ging aber sofort auf die Intention der 
obersten Kirchenbehörde ein. Was er erreicht hat, teilt er noch in 
demselben Jahre ^) derselben mit. Er habe das Konsistorialdekret^) 
unter den Pastoren seines Sprengeis zirkulieren lassen. Aber keiner 
von ihnen könne sich entschließen, nach Galizien zu gehen. Die 
zwei, um die es sich handeln könne, ^) wären schwer zu ersetzen. 
Der Dritte^) könnte wohl auch nach Galizien empfohlen werden, 
»wenn er sonsten seinen sittlichen Charakter ändern wollte«. So 
wäre denn von dieser Seite nichts zu erwarten. Der Superintendent 
habe sich der gegebenen Weisung gemäß nach Ungarn gewendet, 
obwohl er der Meinung sei, daß dort ein freundschaftliches Schreiben 
des Konsistoriums mehr Eindruck gemacht hätte und einen besseren 
Erfolg für die Zukunft nach sich ziehen würde. Zugleich teilt Bla2ek 
mit, wie er es anstelle, um Kandidaten für seine Gemeinden zu erhalten. 
Zunächst habe er junge Leute aus Mähren nach Debreczin geschickt, 
damit sie dort Theologie studieren. 5) Hernach trachte er, »da die 
deutsche Sprache hierlandes sowohl für einen Mann von Charakter, 
als besonders für einen Volkslehrer zu seiner Vervollkommnung 
unumgänglich notwendig ist«, die Theologen nebst einiger Unter- 
stützung nach Preßburg anzuweisen, damit sie sich daselbst einige 
Zeit, bevor sie angestellt werden, aufhalten und sich dort in der 
deutschen Sprache üben. Dies sei für Kandidaten seiner Konfession 
unumgänglich notwendig, weil sie an ungarischen Gymnasien von 
der deutschen Sprache wenig oder gar nichts profitieren; und 
wenn sie sich nicht längere Zeit auf einer deutschen Universität 
oder in der Schweiz aufhalten, seien sie der deutschen Sprache 

^) 30. November 1804. (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 

2) Vom 12. Oktober 1804. 

3) Paul Bla2ek aus Nuslau (ein Vetter des Superintendenten) und 
Job. Fabri aus Wilimowitz. 

*) Stettinius in NSmecky. 

5) Damals befand sich dort ein gewisser Dräbek. 



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selten so kundig, daß sie die Stelle eines Pastors in einer für 
die Gemeinde befriedigenden Weise und ohne Beschwerde für sich 
selbst zu übernehmen imstande wären. »Sonsten wäre zu 
wünschen, daß eine eigene Anstalt könnte errichtet 
werden, in welcher künfti ge K andidaten für sämt- 
liche k. k. Erblanden könnten gebildet werden.« 

Wie das Konsistorium diese Worte aufgenommen hat, ist 
nicht zu ersehen. Irgend welche Schritte scheint es auch in dieser 
Richtung nicht getan zu haben. Dafür trat man aber von seiten 
der Regierung selbst der Sache näher, und zwar in den weiteren 
Verhandlungen mit dem lutherischen Konsistorium. Wir knüpfen 
deshalb den früher abgerissenen Faden derselben wieder an. 

Nachdem die Vorschläge des Konsistoriums, wie schon er- 
wähnt, bei der Hofkanzlei kein williges Gehör gefunden haben, ^) 
blieb demselben nichts anderes übrig, als den vorläufig noch die 
galizischen Gemeinden verwaltenden Superintendenten Bartelmus 
in Teschen anzuweisen, daß er dem Mangel an Pastoren nach 
Tunlichkeit abhelfe und besonders die verheirateten Pastoren 
ermuntere, ihre Söhne dem theologischen Studium zu widmen. 
In seinem Berichte an den Hof 2) zeigt das Konsistorium an, daß 
es jetzt in Galizien fünf vakante Stellen gebe;^) nun sei aber 
schon Paulini zum Superintendenten für Galizien ernannt, und 
ihm werde es hoffentlich gelingen, die erledigten Pastorate bald 
zu besetzen. 

Nach der Meinung des Konsistoriums hänge sehr viel in 
dieser Angelegenheit ab von der von ihm bereits vorgeschlagenen 
besseren Organisierung der Teschener Schule und 
Ausmittelung der hiezu nötigen Fonde, indem auch für die Be- 
setzung der galizischen Pastorate die bessere Verfassung der ge- 
nannten Schule höchst nötig und ersprießlich wäre.'*) 

Man sieht ganz deutlich, daß der früher einmal ausge- 
sprochene Gedanke des Konsistoriums: die österreichischen Pro- 
testanten sollten wenigstens ein eigenes, wohleingerichtetes Gym- 



Hofdekret vom 4. März 1803 (vgl. oben S. 1292). 

2) Vom 1. November 1804. (Kultusarchiv im Ministerium für Kultus 
und Unterricht.) 

3) Dornfeld, Bandrow, Krakau und Podgorze, Ranischau mit Steinau, 
Hartfeld. 

^) In demselben Bericht. 



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- 135 - 

nasium haben, eine konkrete Form gewinnt. Die Teschener 
Schule soll zu einem solchen Gymnasium aus- 
gestaltet werden. 

Damit ist auf einen Abschnitt in der Vorgeschichte der 
evang.-theol. Lehranstalt hingewiesen, der eine besondere Darstellung 
benötigt. Diese in unsere Abhandlung aufzunehmen, verbietet der 
ihr ausgemessene Raum. Hier möge nur dasjenige, was zum Ver- 
ständnis der Sache unumgänglich notwendig ist, berührt und an- 
gemerkt werden. 

Da ist vor allem notwendig, die Stellung zu kennzeichnen, 
welche nun die Regierung zu der in Frage stehenden Angelegenheit 
einnahm. Man ersieht es deutlich aus dem Vortrage der Hofkanzlei 
über den zuletzt erwähnten Bericht des Konsistoriums. ^) Sie 
sieht die Ursache des Pastorenmangels in Galizien nicht in der 
Unkenntnis der Landessprache, sondern in Mißhelligkeiten, die aus 
der Zusammensetzung der galizischen Gemeinden resultieren und 
die nicht unterdrückt werden konnten, weil der zu weit entfernte 
Teschener Superintendent nicht imstande war, rechtzeitig einzu- 
greifen. Auch die Hofkanzlei erwartet Gutes von der Ernennung 
eines eigenen Superintendenten für Galizien. Sie hat aber die 
Überzeugung, daß diese einzige Maßregel nicht genüge, um Ab- 
hilfe zu schaffen. Der Vortrag des Konsistoriums auf Bewilligung 
von Stipendien schien ihr unannehmbar zu sein, und deshalb hat 
sie ihn, ohne ihn dem Kaiser zur Kenntnis gebracht zu haben, 
»sogleich hindangewiesen«. Auch wollte sie positive Vorschläge 
machen und nicht nur Kritik an den Vorschlägen des Konsistoriums 
üben. Aus diesem Grunde zögerte sie mit dem Vortrage über die 
besagte Angelegenheit. Die Hofkanzlei kann sich der Einsicht nicht 
verschließen, die in der Äußerung des Polizeiministers ihren 
Ausdruck gefunden hat: Gründliche Abhilfe ist dadurch zu 
schaffen, daß der theologische Nachwuchs im Lande 
selbst erzogen werde. Nun findet es auch die Hofkanzlei 
unvermeidlich, eine darauf abzielende »Anstalt« zu treffen, nach- 
dem durch das Toleranzsystem der evangelischen Religion freie 
Übung gestattet worden sei. Nur so sei dem »schrecklichen 
Wechsel« zu entrinnen, die Protestanten entweder »ohne Religions- 
unterricht zu lassen, oder sie der Gefahr auszusetzen, daß sie 

Der Vortrag ist vom 21. Dezember 1804. (Kultusarchiv im Ministerium 
für Kultus und Unterricht.) 



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- 136 — 

durch schädliche, aus der Fremde eingeführte religiöse Grundsätze 
irregeführt werden.« 

Aber wie wäre diese »Anstalt« zu treffen? 

Das Konsistorium hat auf eine bessere Organisierung der 
Teschener evangelischen Jesusschule hingewiesen. Auch die Hof- 
kanzlei ist der Ansicht, daß die bessere »Verfassung« derselben 
das Meiste zur Abhilfe beitragen werde. Die Angelegenheit sei 
auch in Verhandlung und das Resultat werde seinerzeit dem 
Kaiser vorgelegt werden. Die Hofkanzlei bemerkt nur, daß es 
vorderhand auf die Beiträge ankomme, welche die evangelischen 
Religionsverwandten aufzubringen haben werden. Von der Ergiebig- 
keit derselben werde es abhängen, ob das Teschener akatholische 
Gymnasium mit den erforderlichen Lehrern der Theologie besetzt 
werden könne. Von Seiten des Staates dürfte man sich in die 
Bestreitung der Kosten bei der bekannten Unzulänglichkeit der 
öffentlichen Fonde um so weniger herbeilassen, als dies ein Schritt 
wäre, der mit der Zeit zu der Forderung, die Witwen und Waisen 
der Pastoren zu versorgen, führen könnte. 

Der Kaiser hat im allgemeinen die Vorschläge gebilligt. Auf 
Grund seiner Entschließung ging an die Landesstellen und Kon- 
sistorien, dann durch ihre Vermittlung an die Kreisämter und 
Superintendenten ein Hofdekret hinaus,^) welches es verdient, 
seinem Wortlaute nach wiedergegeben zu werden. »Um dem 
Mangel an Kandidaten zu den Pastoraten zu steuern, 
haben S. Majestät zu entschließen geruhet, wienach 
sich Allerhöchst Diesel ben versehen, es werdedurch 
das thätige Bestreben der Superintendenten dem 
augenbli cklichen Abgang der Pastoren abgeholfen 
werden; und da ferners die Allerhöchste ernstliche 
Willensmeinung dahingehe, dass in Hinkunft keine 
Pastoren aus dem Auslande beruf en werden, soseien 
die Glaubensgenossen A.- (H.-) Bekenntnisses durch 
die Superintendenten anzuweisen, dass sie durch 
Beiträge oder Stiftungen den Fond zu einer diess- 
fälligen inländischen Lehranstalt zusammenbringen. 
Sollte aber in der Zwischenzeit, indess im Lande 
ein hinlänglicher Nachzügel an Pastoren gebildet 

Vom 4. April 1805. (Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und 
Unterricht.) 



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- 137 — 

wird, die Alternative, ein oder das andere Pastorat 
entwedergar nichtoder nur mit einemfremden Indi- 
viduum besetzen zu können, wirklich eintreten und 
die Unmöglichkeit, einen für das Land geeigneten 
Inländer zu finden, gehörig erwiesen sein, so wollen 
S.Majestät in einem solchenFallegnädigstgestatten, 
dass auch ausdem Auslande ein Pastor, jedoch unter 
Anwendung der möglichsten Vorsichten, berufen 
werden könne.« 

Das Dekret an das mährisch-schlesische Gubernium 
enthält noch die Verfügung, daß die Verhandlungen wegen Er- 
weiterung der akatholischen Schule in Teschen nach Tunlichkeit 
beschleunigt werden sollen. Die Dekrete an das galizische 
Gubernium und Konsistorium A. C. tragen noch auf, daß 
sie »dem schädlichen Hang zum Indifferentismus einiger dortländiger 
(galizischer) Gemeinden mit allem Ernste entgegenarbeiten ; und 
da es nicht zulässig ist, daß dergleichen Gemeinden längere Zeit 
hindurch ohne Religionsunterricht verbleiben, sollen sie den neu 
angestellten Superintendenten in Behebung der Hindernisse, welche 
der Besetzung der Pastorate entgegenstehen, jedesmal tätig an die 
Hand gehen!« 

Wir meinen, daß durch dieses Dekret die Situation klar ge- 
zeichnet ist: die österreichische Regierung sieht das wirksamste 
Mittel, dem Mangel an einheimischen, »verläßlichen« Pastoren 
abzuhelfen und die Berufungen zu Pastoraten aus dem Auslande 
überflüssig zu machen, in der Errichtung einer inländischen 
evang.-theol. Lehranstalt, die für den notwendigen theologischen 
Nachwuchs zu sorgen hätte. Diese Anstalt soll eventuell aus 
der bestehenden evangelischen Schule in Teschen herauswachsen, 
und zwar so, daß diese, wie das Konsistorium sagte, »wol- 
eingerichtet«, d. h. daß sie durch Berufung von Lehrern der 
Theologie zu einem theologischen Gymnasium erweitert würde. 
Aber die Geldmittel dazu haben die Evangelischen selbst auf- 
zubringen. Die Regierung ist noch immer nicht gesonnen, ihren 
alten Standpunkt in dieser Hinsicht aufzugeben. Nicht zu übersehen 
ist auch, daß die Regierung das hinausgegebene Dekret an die 
Landesstellen vorsichtig abgefaßt hat. Es wird in demselben 
allgemein von einer diesfälligen inländischen Lehranstalt gesprochen. 
Nur im Dekret an das mährisch-schlesische Gubernium wird auf 



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- 138 - 

die Teschener Schule hingewiesen. Wollte man vielleicht der 
Sammlung von Beiträgen durch diese Vorsichtsmaßregel zu Hilfe 
kommen? Oder war man selbst noch nicht ganz im klaren, ob 
die beabsichtigte Lehranstalt mit der besser zu organisierenden 
Teschener Schule zusammenfallen solle? Wir möchten beinahe das 
Zweite behaupten. Daß man zunächst an Teschen denke, wurde 
alsbald bekannt, und man erhob auch sofort seine Stimme gegen 
die Wahl dieses Ortes. Das geschah von reformierter Seite. 

Wir wollen jedoch früher den maßgebenden evangelischen 
Faktor hören, der sich ganz besonders für Teschen einsetzte: das 
Konsistorium A. C. Dasselbe beantwortete das Hofdekret vom 
4. April 1805 mit einem ausführlichen, in vieler Hinsicht inter- 
essanten Bericht.^) In diesem bittet das Konsistorium um bestimmte 
Befehle, damit es die Superintendenten mit besonderen Weisungen 
hinsichtlich des ins Auge gefaßten Unternehmens versehen könne. 
Aus diesem Anlaß erlaubt es sich, seine Auffassung der Sachlage 
darzustellen. Nach der Meinung des Konsistoriums dürfte unter 
der im Hofdekrete erwähnten Lehranstalt ein ordentliches, 
protestantisches Gymnasium verstanden werden, welches 
die künftigen Kandidaten der Theologie für die höheren Uni- 
versitätsstudien, die für einen protestantischen Theologen unum- 
gänglich notwendig sind, vorbereiten soll. Ein solches Gymnasium 
sei in Österreich nicht vorhanden. Die ansehnlichsten evange- 
lischen Schulen, die aber Elementarschulen sind, befänden sich in 
Teschen und Wien. Die Teschener Schule könnte, wenn sie 
zum »Gymnasial-Flor« erhoben würde, vorzüglich für den Bedarf 
an Theologen in Mähren, Schlesien, Galizien und Böhmen sorgen — 
dies auch schon wegen der dort herrschenden doppelten Landes- 
sprache. Die Wiener Schule käme besonders für Nieder- und 
Innerösterreich, sowie auch für die oberösterreichische Diözese 
in Betracht. 

Die Regierung verlange in ihrem Dekrete, daß die theolo- 
gischen Schulen auf Kosten der Evangelischen zu errichten seien. 
Das Konsistorium weist darauf hin, daß mit Rücksicht auf die 
ihm bekannten Fonde beider Schulen wenigstens 20.000 fl. not- 
wendig wären, um der Teschener Schule, 30.000 fl. um jener in 
Wien die »Gestalt« eines ordentlichen Gymnasiums zu geben. 

Vom 22. April 1805. (Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und 
Unterricht.) 



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- 139 - 

Eine solche Kapitalsvermehrung lasse sich aber schlechterdings 
auf Jahrzehnte nicht erwarten, wenn sie nur von Evangelischen 
selbst besorgt werden müßte. Eine Kollekte, die man zu diesem 
Zwecke in den Superintendenzen einsammeln ließe, dürfte höchstens 
2000 fl. ein für allemal einbringen, mit welchen sich doch platter- 
dings nichts zweckmäßiges anfangen ließe. Es liege deshalb klar 
am Tage, daß das Konsistorium ohne eine ausgiebige Ärarial- 
unterstützung außerstande sei, in dieser Sache etwas mit Erfolg 
»vorzukehren« und zu bewirken. Dagegen würde eine solche an- 
gemessene Unterstützung das Konsistorium befähigen, vorläufig 
die Teschener Schule zu einem Gymnasium zu erheben und die 
A. C. Verwandten der drei Diözesen (Mähren-Schlesien, Galizien 
und Böhmen) zu bewegen, das noch Abgängige durch eine ergiebige 
Kollekte zum Teschener Schulfond zu ersetzen und so der väter- 
lichen Willensmeinung des Kaisers zu entsprechen. Einstweilen 
müsse es bei der alten Praxis verbleiben: die Pastorate so viel 
wie möglich mit »ungarischen Inländern« zu besetzen, was auch 
zum größten Teile bis jetzt möglich und ausführbar gewesen sei. 
Ausnahmsweise würde auch jetzt, wie ehedem, die Aushilfe aus 
dem Auslande dringend nötig sein. Das Konsistorium habe immer 
darauf gesehen und werde auch ferner darüber sorgsam wachen, 
daß nur »geschickte, untadelhaft moralische und folg- 
same Pastoren aus dem Auslande gerufen und über 
ihre hiesigen Pflichten dergestalt belehrt werden 
mögen, daß zwischen ihrer und der inländischen 
Pastoren Amtsführung und treuen Anhänglichkeit 
an den Kaiser und die Landesgesetze wie bisher 
kein wesentlicher Unterschied gefunden werden möge«. 
Wir haben die Ansicht des Konsistoriums über die zu be- 
gründende Lehranstalt aus dessen Bericht ausführlicher mitgeteilt, 
weil es für die weitere Entwicklung der Angelegenheit von großer 
Bedeutung ist. Das Konsistorium hat ganz richtig geurteilt, daß 
die Errichtung einer solchen Anstalt, auch wenn es sich nur um 
ein Gymnasium handeln sollte, die Kräfte der Evangelischen über- 
steige und ohne Staatshilfe geradezu unmöglich sei. Die Zukunft 
hat auch dem Konsistorium in dieser Hinsicht vollständig Recht 
gegeben; aber es hat noch eine Reihe von Jahren gewährt, bis 
sich die Regierung eines Besseren belehren ließ und denselben 
Standpunkt wie das Konsistorium einzunehmen sich entschloß. 



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— 140 -- 

Aber auch das andere kommt in der Darstellung des Kon- 
sistoriums ganz deutlich zum Ausdruck: Dasselbe dachte 
lediglich an eine Vorbereitungsanstalt für die Uni- 
versitätsstudien, die in der Regel im Auslande ge- 
macht werden sollten. Das letztere wird freilich nicht gesagt, 
weil es der höchsten Willensmeinung nicht entsprochen hätte; 
aber so hat sich das Konsistorium ohne Zweifel die allgemeine, 
auf die Errichtung einer theologischen Lehranstalt abzielende Be- 
stimmung des Hofdekretes zurechtgelegt. Schon auf Grund des 
Berichtes des Konsistoriums, aus dem wir eben einen Auszug 
gegeben haben, ist die offenkundige Tatsache zu konstatieren, 
daß dasselbe eine gewisse Scheu vor der Errichtung einer höheren 
theologischen Lehranstalt hatte. Und verfolgt man die weiteren 
Verhandlungen in dieser Angelegenheit, so erhält man diesen Ein- 
druck je länger desto mehr. Es scheint, als ob das Konsistorium 
von einer solchen Lehranstalt nichts Ersprießliches erwartet hätte. 

Diesen Eindruck hat man übrigens auch in den Regierungs- 
kreisen selbst gehabt. Wir vermögen diese Behauptung mit einem 
schlagenden Belege zu versehen. Allerdings müssen wir zu diesem 
Behufe ein wenig hinter die unserer Abhandlung gestellte Grenze 
greifen. Aus dem Jahre 1810 stammt eine »Note« der Studienhof- 
kommission^) an die Hofkanzlei, die sich mit der Frage der Er- 
richtung der evang.-theol. Lehranstalt und der theologischen Gym- 
nasien befaßt. In dieser »Note« wird rundweg behauptet: »die 
akatholischen Konsistorien wünschen nur im Inland ein oder ein 
paar theologische Gymnasien, an welchen die künftigen Kandidaten 
der Theologie zu den höheren Universitätsstudien, die sie nach 
dem Wunsche der Konsistorien noch fortan im Auisland hören 
sollen, vorbereitet werden sollen, die aber auch einen hinreichenden 
Grund an Bildung zu geben vermöchten, um die Schüler der- 
selben in Ermanglung einer angemessenen Anzahl an Universitäten 
ausgebildeten Theologen für Pastorate an Dorfgemeinden ge- 
brauchen zu können.« 

Das war in der Tat die Stellung der Konsistorien zu der 
beabsichtigten Errichtung einer inländischen evang.-theol. Lehr- 
anstalt. Und wir sagen mit Bedacht: der Konsistorien. Das 
reformierte Konsistorium teilte vollständig die Ansicht des luthe- 

^) Vom 11. Mai. (Unterrichtsarchiv im Ministerium für Kultus und 
Unterricht.) 



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- 141 - 

Tischen Schwesterkollegiums. Das bezeugt, um auch dazu einen 
Beleg beizubringen, der gemeinschaftliche Bericht beider Konsistorien 
an die Hofkanzlei vom 9. Oktober 1806.^) In diesem Berichte — 
die Veranlassung zu demselben werden wir noch kennen lernen — 
berufen sich die Konsistorien nachdrücklich auf »eigene von S. Maj. 
sanktionirte Gesetze, welche den Studierenden der Theologie das 
Recht geben, sich auf ausländischen Universitäten vorzubereiten«. 
Dann weisen sie darauf hin, daß vor allem ein theologisches 
Gymnasium eingerichtet werden soll, und zwar so, daß das in 
T e s c h e n schon vorhandene »sehr kleine theologische Gymnasium« 
organisiert werde. 

Wie man sieht, waren die Konsistorien nun auf die Ein- 
richtung dieser Schule zu einem theologischen Gymnasium bedacht. 
Denn auch in Wien ein solches Gymnasium zu erhalten, schien 
aussichtslos zu sein, nachdem die Regierung von einer Ärarialunter- 
stützung noch immer nichts wissen wollte. Sagte sie es ja dem Kon- 
sistorium A. C. in ihrem Bescheid auf dessen Bericht vom 22. April 
1805 ganz deutlich 2): »Da die Akatholiken ihre Lehranstalt selbst 
zu gründen und zu erhalten haben, und die gegenwärtigen Ver- 
hältnisse nicht gestatten, das Kammeral-Ärarium mit außerordent- 
lichen Beiträgen zu beschweren, so wird dem Konsistorium A. C. 
nachträglich ^) bedeutet, daß die Bitte um Bewilligung eines Ärarial- 
beitrages zur Erweiterung der hiesigen (Wiener) und Teschener 
Lehranstalt höchsten Orts nicht unterstützt werden könne, sondern 
der nöthige Fond von den Glaubensgenossen A. C, durch Bei- 
träge oder Stiftungen zusammenzubringen sei.« 

Infolge dieser Stellung der Regierung richteten die Konsi- 
storien ihr Augenmerk ausschließlich auf die evangelische Schule 
in T eschen. 

Es ließ sich jedoch kaum erwarten, daß man allenthalben 
mit der Wahl dieses Ortes für ein theologisches Gymnasium 
einverstanden sein werde. Selbst in der Gruppe von Ländern, für 
welche Teschen bestimmt war, erklärte man sich gegen diesen 
Ort. Und es ist beinahe selbstverständlich, daß sich Stimmen gegen 
Teschen, wie schon bemerkt, aus der Mitte der reformierten 



^) Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und Unterricht. 

2) Hofdekret vom 17. September 1805. (Kultusarchiv im Ministerium 
für Kultus und Unterricht.) 

3) Das Dekret vom 1. August 1805 stellt die Entscheidung in Aussicht. 



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- 142 - 

Kirche erhoben. Der damalige Superintendent der reformierten 
Diözese in Böhmen, Georg Fa zekasch,^) hat die Mitteilung des 
Konsistoriums H.C.,^) daß in Teschen ein theologisches Gymnasium 
errichtet werden soll, mit einem Berichte beantwortet, welchen er, 
wie er sagt, »im Einverständnis der sämtlichen Prediger« abgefaßt 
hat.^) In diesem Berichte wird das »Vorhaben unwidersprechlich und 
schlechterdings gelobt«. Aber mit Teschen sei man nicht einver- 
standen. Die Böhmen machten den besten Teil des Vorhabens aus, 
besäßen auch zu allen Wissenschaften eine natürliche Geschicklich- 
keit, die sie ganz besonders zum Studio geneigt mache; da die böh- 
misch-reformierten Gemeinden meistens aus Landleuten bestehen, 
stelle man sich die Sache so vor, daß man drei Viertel der Unkosten 
mit Hilfe von Naturalien ersparen könne. Teschen sei aber zu 
weit. Die weite Entfernung von Ungarn habe es verschuldet, daß 
die Zahl der Studierenden bis auf neun »Subjekte« zurückging. 
Das in Teschen zu errichtende Institut werde daher für Böhmen 
seinen »Endzweck« nicht erreichen. Wäre die Anstalt in Böhmen, 
dann wäre Hoffnung auf eine »schöne« Kollekte. Man könnte ein 
kassiertes Kloster (etwa in Kuttenberg) zu dem angegebenen 
Zwecke ankaufen. Vor 12 Jahren habe ein solches Dominikaner- 
kloster nebst einer kleinen Kirche ein Schuhmacher in Böhmisch- 
Brod um 900 fl. erstanden. Und soll schon in Teschen ein Gym- 
nasium sein, dann könne daneben auch in Böhmen eins bestehen. 
»Das Erste wäre ohne das Zweite in Erwägung des Hauptend- 
zweckes unnötig.« Auf Antrag des Referenten Hilchenbach'*) ist 
die Äußerung des böhmischen Superintendenten dem schon früher 
genannten Mich. Bla^ek vorgelegt und auch er um seine Meinung 
gefragt worden. Bla2ek hat den Gedanken der Errichtung einer 
theologischen Anstalt, wie selbstverstänelich ist, mit Freuden be- 
begrüßt. Er ging auch sofort daran, eine Kollekte zu diesem 
Zwecke einzuleiten, indem er sich mit dem bekannten Grafen 
Teleki, dem »Oberkurator« der reformierten Gemeinden in Ungarn, 
in Verbindung gesetzt hat. Aber gegen Teschen hat er sich einst- 
weilen auch ausgesprochen. 5) Dieser Ort scheint auch ihm keine 

*) War Superintendent in den Jahren 1798—1810. 

2) Vom 16. November 1806 (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 

3) Der Bericht ist vom 2. Jänner 1807. (Ebd.) 

^) Vom 8. Februar 1807. (Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 
5) Den 7. Februar 1807. 



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- 143 - 

geeignete »Lokalität« für ein theologisches Gymnasium zu sein. 
Die Gegend von Teschen sei »abseßig« und von den übrigen 
Provinzen entlegen. Das werde die Eltern abschrecken, wenn sie 
so weit ihre Kinder schicken müssen. Es handle sich ja um Kinder, 
die noch die Trivialschule besuchen. Man pflege die Kinder mit 
Naturalien zu unterstützen. Da werden die meisten lieber ihre 
Kinder in ein katholisches Gymnasium schicken. Dann wisse man 
auch nicht, ob die Kinder lernen werden; und so müßte man sie 
aufs Geratewol nach Teschen schicken. Allerdings sei auch nicht 
zu leugnen, daß die Teschener »Gnadengemeinde und ihre Schule« 
auch »viele und namhafte Vorzüge« aufzuweisen habe. 

Bla2ek macht aber aucTi positive Vorschläge. Und da ist 
es interessant, folgendes von ihm zu hören: »Sollten sich die 
beiden Konsistorien nicht vorbehalten haben, die 
beabsichtigte höchste theologische Lehranstalt, 
welche die ausländischen Universitäten ersetzen 
soll, in Wien selbst zu errichten, was unstreitig 
seine großen Vorzüge hätte, so könnte das in Teschen 
vorhandene Gymnasium zu einer eigentlichen und 
höchsten Lehranstalt für Beflissene der Theologie 
beider Konfessionen in den k. k. Deutschen und 
Galizischen Erblanden erhöhet und eingerichtet 
werden. An dieser sollten auch Professoren H, C. »nach und 
nach« angestellt werden.« 

Aber auch Bla^ek hielt dafür, daß eine solche »höchste 
theologische Lehranstalt« ohne zugleich vorhandene Gymnasien 
oder wenigstens Partikular- und Vorbereitungsschule nicht bestehen 
könne. Für die Einrichtung solcher Schulen entwickelt Bla2ek 
einen geradezu abenteuerlichen Plan. Es solle in jeder Provinz bei 
einem Superintendenten oder Senior entweder für beide Konfessionen 
ein gemeinsames oder nach Umständen zwei getrennte kleine 
Gymnasien oder Vorbereitungsschulen unter einem Präzeptor, Schul- 
lehrer und einem Professor, der bis zur Syntax oder auch höher 
unterrichten würde, nebst etwaigem Katecheten oder Vikarius, er- 
richtet werden. Aus diesen Schulen könnte man Kinder mit guten 
Anlagen und Fähigkeiten zum höheren Studium an die Teschener 
Anstalt abgeben. Der Lehrplan dieser Schulen wäre derselbe wie 
jener für die unteren Klassen des Teschener Gymnasiums. Was 
den Unterhalt dieser Provinzialschulen betrifft, so wäre zu wünschen. 



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- 144 - 

daß sich die Konsistorien angelegen sein ließen, entweder um 
einige Begünstigungen für die protestantischen Gemeinden und 
ihre Prediger, oder wenigstens um eine jährliche a. h. Ärarial- 
unterstützung von etwa 300 fl. für jeden Provinzialprofessor zu 
bitten; bei der Ermanglung derselben müßten die Gemeinden ihr 
möglichstes für die Provinzialvorbereitungsschulen tun. Freilich 
könnten sie dann für die Teschener Anstalt nichts mehr leisten, 
oder es müßte ihrem freien Willen überlassen bleiben. Vielleicht 
fänden sich auch außerordentliche Wohltäter. 

Auch über das Kollektieren spricht sich Bla^ek aus, sowie 
über den Lehrplan der theologischen Lehranstalt. In dieser Hinsicht 
verläßt er sich im allgemeinen auf das Konsistorium; im besonderen 
verlangt er aber die Pflege der »einheimischen Sprachlehre«. »Die 
böhmischen Prediger wissen, wie schwer es ist, orthographisch 
richtig zu schreiben und gut »constructe« zu reden, wenn man 
die böhmische Grammatik nicht gelernt hat.« Daher habe man es 
für nötig gefunden, in Ungarn für die »slavische« und »böhmische« 
Sprache eigene Professoren anzustellen.^) 

Es liegt wohl auf der Hand, daß das Bla^ek'sche Projekt der 
Provinzialschulen ein totgeborenes Kind war. Die Konsistorien 
beharrten bei ihrem Plane und dachten nur an Teschen. Und um 
Teschen drehten sich in der Folge die langwierigen Verhandlungen, 
welche die evangelische Gemeinde in Teschen und das Konsistorium 
A. C. mit der Regierung führten, und die hier zu verfolgen, wie 
schon bemerkt wurde, nicht in unserer Absicht liegt. 

Wir begegnen jedoch in dieser letzten Zeit der höchst wich- 
tigen Tatsache, daß neben dem Gymnasium eine »Spezialschule 



*) Wir merken hier noch an eine Äußerung des Superintendenten 
Bla2ek aus seinem Briefe an den damals schon in Württemberg weilenden 
Riecke (vom 24. Oktober 1806): »Die Ausschließung unserer Candidaten 
von Besuchung der ausländischen Universitäten hat die Regierung bewogen, 
beyden Confessionen die Erlaubnis zu ertheilen, eigene Instituten zur Bildung 
der Candid. Ministerii zu errichten; aber den Fond dazu sollen die Super- 
intendenten durch collectiren zusammenbringen; dann würden hiezu neue 
Professoren und Directoren erforderlich und hier öfnen sich abermahl neue 
erwünschte Aussichten, die ihnen hofentlich bekannt sein werden. Sonsten 
aber scheint unsere Toleranz in Betreff der Schüler ihren Krebsgang gehen 
zu wollen.« Bla2ek denkt dabei an die katholischen Priester, welchen als 
Schulinspektoren die evangelischen Lehrer, ja selbst Katecheten unterworfen 
waren. Was er mit den »erwünschten Aussichten« meint, ist schwer zu 
sagen. Vielleicht denkt er an die Rückberufung Rieckes in der Eigenschaft 
eines Professors oder Direktors. 



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- 145 - 

der protestantischen Theologie für beide Konfessionen 
in den deu tsch-gal izischen Erblanden«'') in Sicht tritt 
und zum Gegenstande der Verhandlung wird. Man ist 
nun überzeugt, daß die Regierung mit der theologischen Lehranstalt 
eine solche »Spezialschule der protestantischen Theologie« verstehe. 
Die zitierten Worte des Superintendenten Bla2ek bezeugen es 
zur Genüge. Und auch die Konsistorien hegen nicht den geringsten 
Zweifel mehr, daß die Regierung die Errichtung einer solchen 
Schule beabsichtige und damit von ihrer Auffassung der Sachlage 
abweiche. 

Wie ist die Regierung dazu gekommen, ihre allgemein ge- 
haltene Bestimmung bezüglich der zu gründenden evang.-theol. 
Lehranstalt mit dem nun angegebenen konkreten Inhalt zu füllen ? 
Darauf ist noch Antwort zu geben. 

V. 

Um sie geben zu können, kehren wir zum Ausgangspunkte 
unserer Abhandlung zurück. Diesen bildeten die kaiserliche Ent- 
schließung vom 29. Mai 1806 und das darauf beruhende Hofdekret 
vom 11. September 1806. Einstweilen ist ja dasselbe er- 
flossen. Sein Wortlaut: »S. Maj. erwarte einen wolüberdachten 
Vorschlag, ob und wie für die dem geistlichen Stande sich wid- 
menden Glieder der beiden Konfessionen in den Erblanden eine 
theologische Lehranstalt zu errichten wäre, um sodann ihr Studium 
im Auslande ganz einstellen zu können«, ließ nur eine einzige 
Deutung zu. Sollte das letztere geschehen, dann mußte 
im Inlande selbst eine Lehranstalt errichtet werden, 
welche die ausländischen Universitäten ersetzen 
könnte. Diesem zwingenden logischen Schlüsse konnten die 
Konsistorien nicht aus dem Wege gehen. Und so blieb ihnen nichts 
anderes übrig, als mit der durch denselben zum Ausdruck gebrachten 
Tatsache zu rechnen. Sie haben auch schon über die »bessere 
Verfassung« des Teschener Gymnasiums mehr als genug berichtet 
und Vorschläge gemacht; 2) was für einen Sinn hätte es gehabt, 
wenn die Regierung über diesen Gegenstand einen »wolüberdachten 

') So der gemeinsame Bericht der Konsistorien vom 5. Dezember 1806. 
(Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 
2) z. B. wieder den 4. April 1806. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 10 



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/" » 



Vorschlag« erwarten würde? Und so mußten sich die Konsistorien 
wohl oder übel in die Situation fügen. Allerdings mag es ihnen 
nicht besonders angenehm gewesen sein, die Worte nieder- 
zuschreiben:^) »Unter einer theologischen Lehranstalt müsse offen- 
bar eine theol.-protest.^akultät, die alle, einem Theologen nötige 
höheren Studien, als Philologie, Geschichte, Philosophie mit- 
begriffen, verstanden >4rerden.« Die Konsistorien waren jedoch weit 
davon entfernt, ihren Lieblingsgedanken: Zuerst ein theologisches 
Gymnasium! aufzugeben. Das sei die Grundmauer für das Gebäude. 
Und bei dieser Gelegenheit bringen die Konsistorien in Erinnerung, 
daß den Protestanten der Besuch auswärtiger Universitäten durch 
eigene, vom Kaiser sanktionierte Gesetze gewährleistet sei. Das 
klingt wohl wie ein schüchterner Protest gegen das beabsichtigte 
völlige Einstellen der Studien der Protestanten im Auslande. Und 
es kostet nicht viel Mühe, aus den Worten der Konsistorien ihre 
Abneigung gegen die geplante »Spezialschule« herauszulesen. 

Übrigens hat die Regierung selbst die Konsistorien nicht in 
Zweifel gelassen, was sie unter der theologischen Lehranstalt ver- 
stehe. Wenn die Hofkanzlei fragt, 2) was die Konsistorien unter 
einem theologischen Gymnasium verständen, so handelt es sich 
ihr offenbar um eine genaue Abgrenzung der beiden Anstalten. 

Schließlich hat aber der Kaiser selbst in dieser Sache deutlich 
gesprochen. In seinem Handbillet schreibt er aus Olmütz an den 
obersten Kanzler:^) »Lieber Graf Ugarte! Da die Errichtung einer 
protestantischen Universität in Meinen Erblanden von un- 
verkennbaren Nutzen ist, so sind Mir die Vorschläge hiezu sobald 
als möglich zu erstatten.« Den frappierenden Ausdruck »Universität« 
kommentiert die Studienhofkommission sofort in ihrem Vortrage^) 
dahin, daß sie, auf die kaiserliche Entschließung vom 29. Mai 1806 
hinweisend, in der »protestantischen Universität« nur das theo- 
logische Studium zu sehen vermag. Denn auf das medizinisch- 
chirurgische Studium, sowie auch auf jenes der Jurispudenz (das 

') Bericht vom 9. Oktober 1806. (Frank, »Die evang.-theol. Fakultät«, 
S. 6.) 

2) Hofdekret vom 23. Oktober 1806. (Kultusarchiv im Ministerium für 
Kultus und Unterricht; vgl. bei Frank, 1. c, S. 7.) 

3) Den 25. November 1808. (Unterrichtsarchiv im Ministerium für Kultus 
und Unterricht.) 

'*) Vom 10. Dezember 1808. (Unterrichtsarchiv im Ministerium für Kultus 
und Unterricht.) 



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; - 147 - • 

Kirchenrecht ausgenommen) habe ja der Unterschied der Religionen 
keinen Einfluß. Uni*; es hat gewiß die Hofstudienkommission die 
Meinung des Kaisers richtig zum Ausdruck gebracht, wenn sie 
sich in der schon* einmal von uns angeführten »Note« ^) dahin 
äußerte: Es sei gar nicht zu verkennen, von welcher Wichtigkeit 
die Ausführung "der kaiserlichen Willensmeinung sei, zu den Pa- 
storaten der protestantischen Kirche im Inlande gebildete Inländer 
zu erhalten. Hiezu würde nicht hinreichend sein, wenn man bloß 
theologische Gymnasien als Vorbereitungsschulen für die Univer- 
sitätsstudien haben würde, sondern es sei notwendig, auch für 
den höheren, auf Universitäten gewöhnlichen Unterricht im Inlande 
zu sorgen. Es bedürfe dazu nur einer einzigen solchen Lehranstalt 
für höhere theologische Bildung der protestantischen Theologen. 
Der Ort, wo diese Anstalt zu errichten wäre, die Zahl der dazu 
erforderlichen Lehrer^ die Bestimmung der Fächer, die dort zu 
lehren wären, werde von den Protestanten selbst vorgeschlagen 
werden müssen. Man sei nicht der Ansicht, 2) daß dieses theo- 
logische Studium für die Protestanten ganz nach dem »Zuschnitte« 
der Studien für katholische Theologen zu errichten sei; ja es sei 
zu zweifeln, ob mit Rücksicht »auf die bekannte Denkungsart der 
Protestanten für die helvetischen und augsburgischen Konfessions- 
verwandten hinsichtlich der Dogmatik zwei Professoren aus den 
verschiedenen Konfessionen unentbehrlich sein werden«.^) Außer- 
dem seien ein oder zwei theologische Gymnasien, die auch von 
den Konsistorien gefordert werden, wünschenswert. Sie könnten 
auch im Bedürfnisfalle Pastoren für die Dorfgemeinden liefern. 
Zu errichten wären sie in Teschen und Wien. Einstweilen wäre 
mit dem ersteren der Anfang zu machen. 

Mit diesen Belegen ist wohl in die damalige Situation ge- 
nügendes Licht gebracht. Es ist im Prinzip entschieden, daß in 
den österreichischen Erblanden für die Protestanten ein höheres 
theologisches Studium begründet werden soll. Es mußte jedoch 
auch die »Bedeckungsfrage« grundsätzlich entschieden werden. 
Darüber hat sich ebenfalls die wichtige, oben angeführte »Note« 

Vom 11. Mai 1810. 

-) Diese vertrat der Hofrat und Bischof v. Dankesreither. 

^) Ähnlich das Gutachten der Hofstudienkommission in ihrem Vortrage 
vom 12. Juli 1810. (Unterrichtsarchiv im Ministerium für Kultus und Unterricht.) 
Der Sinn ist wohl: sie werden unentbehrlich sein. 



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- 148 - 

kurz und bündig geäußert. »So viel glaubt man als ausgemacht 
annehmen zu müssen, daß die Professoren dieser höheren theo- 
logischen Fächer aus dem Staatsfonde bezahlt werden müssen, 
weil alle bisherigen Versuche, durch Beiträge der Gemeinden und 
durch Stiftungen den dazu nöthigen Fond zu erhalten, mißlungen 
sind.« Diesen Ausführungen stimmte die Hofkanzlei zu, ^) worauf 
der Vortrag der Hofstudienkommission erfolgte, 2) deren Vorschlag 
dahin ging, daß die Bezahlung der Lehrer an der höheren theo- 
logischen Anstalt aus dem Staatssäckel besc^rgt werde, die Kosten 
des theologischen Gymnasiums dagegen den Protestanten selbst 
aufgebürdet werden sollten. 

Damit ist jedoch noch nicht die Frage nach der nächsten 
Veranlassung jener kaiserlichen Entschließung beantwortet, 
durch welche die eben gezeichnete und den protestantischen Kon- 
sistorien nicht besonders angenehme Situation geschaffen wurde. 

Um die Antwort auf diese Frage zu finden, muß man sich 
auf ein Gebiet begeben, welches mit demjenigen, auf dem wir uns 
bis jetzt bewegt haben, in keinem Zusammenhange zu stehen 
scheint. Damals ist in Regierungskreisen die Frage der Eides- 
leistung der Superintendenten und Senioren verhandelt 
worden. Die Landesstellen sind zu Gutachten über diesen Gegen- 
stand aufgefordert (worden. Am ausführlichsten hat sich darüber 
das innerösterreichische Gubernium geäußert.^) Und diese Äußerung 
mag es ganz besonders gewesen sein, welche dem Kaiser auf die 
Begründung einer höheren protest.-theol. Lehranstalt nahegelegt 
und die Resolution vom 29. Mai 1806 veranlaßt hat. Ist ja durch 
seine Äußerung das Bewußtsein vom »periculum in mora«, welches 
man im Studieren der inländischen evangelischen Theologen im 
Auslande und in den Berufungen zu Pastoraten aus demselben 
sah, mächtig gestärkt worden. Führt ja jene Äußerung ungefähr 
folgendes aus: Die meisten Pastoren, Senioren und Superinten- 
denten in Österreich seien Ausländer. Die übrigen hätten durch- 
gängig im Auslande studiert, und es sei nicht anzunehmen, daß, 
obgleich die Zahl der Universitäten beschränkt sei, von welchen 
die Kandidaten in erbländische, protestantische Pastorate kommen 

') Den 14. Juni 1810. 

2) Den 12. Juli 1810. 

3) Den 15. Februar 1806. (Unterrichtsarchiv im Ministerium für Kultus 
und Unterricht.) 



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- 149 - 

dürfen, jene Kandidaten an diesen Anstalten durchgängig zu solchen 
Gesinnungen gegen den österreichischen Staat und dessen höchstes 
Oberhaupt ermuntert worden seien, wie sie ihnen einzuflößen sich 
inländische Lehrer an inländischen Universitäten bemühen würden. 
Selbst solche Besorgnisse lassen sich nicht grundlos abweisen, 
»daß sich in diesen Studien ihnen auf ausländischen Akademien 
gewisse, den Interessen des österreichischen Staates nachtheilige 
Verwandtschaften angesponnen haben dürften«. Außerdem weist 
das Gubernium darauf hin, »daß bekanntlich an mehreren pro- 
testantischen Universitäten eine Ungebundenheit im Lehrvertrage 
herrsche, welche selbst den im Deutschen Reiche konstituirten 
Grundsätzen der beiden im österreichischen Staate tolerirten 
Religionssystemen, nämlich des evangelischen und reformirten, 
entzogen ist und mit Aufhebung alles Positiven vom Christenthum 
nur noch den Namen übrig läßt, da es dem Wesen nach in den 
Sozinianismus und Deismus übergegangen ist«. Es sei aber sehr 
natürlich, daß in der Folge jeder Schüler als Pastor so lehre, wie 
er zu denken gelernt habe; es sei daher dem österreichischen 
Staatssystem nicht angemessen, sondern durch ausdrückliche Ver- 
ordnungen verboten, daß statt des konstituierten evangelischen 
oder reformierten Protestantismus eine bloß natürliche, nur dem 
Namen nach christliche Religion eingeführt und alle Gleichförmigkeit 
in den Grundsätzen der öffentlichen Religionsvorträge aufgehoben 
werde. Man müsse auch die Menschen [nehmen wie sie seien. 
»Im ganzen gehören aber Eigenliebe und ihre Zweige: Herrschsucht 
und Eigennutz unter die allgemeinen Fehler der Menschen.« Diese 
Fehler könne man auch in einem bald größeren, bald kleineren 
Maße bei den protestantischen »Religionsdienern« ^voraussetzen. 
Da könne es wohl nicht anders kommen, als daß sich die Pro- 
testanten bei aller Erkenntlichkeit für die ihnen im österreichischen 
Staate bewilligte Duldung nicht gern in den Schranken halten, in 
welche sie durch die Toleranzgesetze zurückgewiesen werden; daß 
sie sich dann auch, nicht öffentlich und unmittelbar, aber heimlich 
und mittelbar, bemühen werden, hie und da die ihnen vorgezeich- 
neten Grenzen zu überschreiten und durch allerlei Arten von Pro- 
selytenmacherei ihren Anhang und mit demselben ihr Ansehen, 
ihre Macht und Einkünfte zu vermehren. 

Es bleibe natürlich dahingestellt, inwieweit diese Ansichten 
des Guberniums berechtigt gewesen sind; auf jeden Fall fand die 



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- 150 - 

Regierung, die nach der Meinung des Guberniums durch Anstalten 
der Erziehung, des Unterrichtes, der Bildung, der Polizei und durch 
die Gesetze die Menschen besser zu machen sich bemühen soll, in 
seinen Ausführungen die Aufforderung, eineAnstalt der Erziehung und 
des Unterrichtes ins Leben zu rufen, aus welcher »bessere Religions- 
diener« als jene, welche aus dem Auslande kamen, hervorgehen 
v/ürden, und bei welchen die an der Landesstelle angeführten und 
gefürchteten »natürlichen Neigungen« auf das Minimum herab- 
gedrückt werden könnten. 

Bedenkt man noch, daß man damals in Österreich die Be- 
ziehungen der österreichischen Untertanen zum Auslande nicht 
gern sah, weil man sie für unvereinbar mit dem Staatswohle hielt 
— den 11. August 1804 ist ja Österreich zum Erbkaisertume er- 
hoben worden und den 6. August 1806 legte der Kaiser Franz II. 
die deutsche Kaiserkrone nieder — , so wird man gewiß vermuten 
dürfen, daß die Äußerung der innerösterreichischen Landesstelle 
einen starken Eindruck hervorgebracht hat. Diesem Eindrucke ent- 
sprang die kaiserliche Entschließung, welche die jetzige evang.- 
theol. Fakultät in Wien ins Leben rief. Allerdings vorläufig nur 
prinzipiell und theoretisch. Bekanntlich hat es noch ziemlich lange 
gewährt, ehe die beabsichtigte Anstalt zu einer Wirklichkeit wurde. 
Und als größtes Hemmnis, welches jener Verwirklichung in den 
Weg gelegt wurde, zeigte sich die von den Konsistorien so heiß 
ersehnte und eifrig betriebene Organisierung des Teschener Gym- 
nasiums. Die betreffenden Verhandlungen füllen den ganzen Zeit- 
raum bis zum Jahre 1815 aus. Und erst im Jahre 1817 geht man 
allen Ernstes daran, die schon im Jahre 1806 nachdrücklich aus- 
gesprochene Absicht in die Tat umzusetzen. 

Zum Schlüsse sei es noch gestattet, einen Blick auf die ge- 
gebene Darstellung zu werfen. Sie hat gezeigt, daß es das Be- 
dürfnis und Wohl der evangelischen Kirche selbst waren, welche 
in ihrem eigenen Schöße Bestrebungen geweckt und gezeitigt haben, 
die die Begründung einer Anstalt für die Ausbildung der ein- 
heimischen Kandidaten der evangelischen Theologie bezweckten. 
Sie hat aber auch bewiesen, daß die österreichische Regierung im 
Interesse des von ihr geleiteten' Staates zur Oberzeugung von der 
Notwendigkeit einer solchen Anstalt gelangt war. Und schließlich 
mußte sie das Werk ausführen, welches die Väter der Toleranz- 
kirche in ihr Arbeitsprogramm aufzunehmen sich bemüßigt sahen. 



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- 151 ~ 

Ohne Zweifel ist das Aufkommen des protest.-theol. Studiums in 
Wien in erster Reihe auf die Auswirkung jenes Faktors zurück- 
zuführen, den man »Staatsraison« zu nennen pflegte; aber es ist 
damit doch auch der evangelischen Kirche in Österreich gedient 
worden. Und die weiteren Verhandlungen, welche der Ausführung 
des gefaßten Planes, dieser Kirche eine h<)here theologische Lehr- 
anstalt zukommen zu lassen, bezeugen es immer wieder, daß man 
mit Wohlwollen gegen die evangelische Kirche ans Werk ging. 
Wir begegnen in jenen Verhandlungen einer Tatsache, die in der 
Toleranzzeit gar oft beobachtet werden kann und die noch nicht 
genugsam gewertet worden ist: daß gerade die obersten Regierungs- 
behörden die evangelischen Angelegenheiten mit einer oft geradezu 
erstaunlichen Objektivität zu behandeln sich bestreben und weit 
davon entfernt sind, der evangelischen Kirche Schaden zufügen zu 
wollen. Und sollte die Anstalt, welche der Staat gegründet hat und 
mit bedeutenden Opfern erhält, um damit schließlich der evange- 
lischen Kirche einen großen Dienst zu erweisen, nicht die Stätte 
sein, an welcher die guten Beziehungen zwischen Staat und Kirche, 
die ganz besonders in Österreich das Verhältnis dieser beiden Ge- 
meinschaften kennzeichnen sollen, zu jeder Zeit zum Ausdrucke 
gelangen ? 



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V. 

Streiflichter zur Geschichte des Protestantismus in 
Oberösterreich. 

Von J. Friedrich Koch, Senior und Pfarrer in Gmunden. 

Je genauer die Kenntnis von Land und Leuten ist, desto 
eher ist auch ein Verständnis und eine zutreffende Beurteilung 
der geschichtlichen Ereignisse, deren Schauplatz das Land war, 
zu erwarten. 

Wer je einmal eine Geschichte des Protestantismus in Ober- 
österreich schreiben wird, muß der Eigenart der Bewohner dieses 
schönen Landes seine vollste Aufmerksamkeit zuwenden. 

Hier folgen nur einige Federstriche zur Charakteristik der- 
selben. 

Zu dem ältesten Bestände Österreichs gehört das Kronland 
Oberösterreich, »Ob der Ens« (supra Onasum), das »Landl«, wie 
es früher kurzweg genannt wurde. '') 

Das Landl, auf welches der Oberösterreicher stolz ist, gleicht 
einer prächtigen Schmuckschale, deren nördlichen Rahmen, die 
Ausläufer des Böhmerwaldes, Adalbert Stifters feiner Stift an- 
schaulich gezeichnet hat, deren südlichen Rahmen die herrlichen 

^) Das Landl hatte vier Viertel: auf dem rechten Ufer der Donau das 
Hausruck- und Traunviertel, auf dem linken Ufer das Mühl- und Machland- 
viertel. Es wurde nach der am 13. Mai 1779 mit der Kurpfalz abgeschlossenen 
Konvention durch das Innviertel (mit den Pfleggerichten Braunau, Schärding, 
Ried, Mauerkirchen, Friedburg, Wildshut, Mattighofen und Uttendorf) ver- 
größert. Varübergehend war das Innviertel und westliche Hausruckviertel 
vom Wiener Friedensschluß an bis zur Münchner Traktation (14. Oktober 
1809 bis 14. April 1816) erst in französischen, dann in bayerischen Händen. 
Die Erwerbung des innviertels hatte, da die Vierteleinteilung blieb, eine Ver- 
schmelzung des Mühl- und Machlandvierteis, von da an »Mühlviertel«, zur 
Folge. 



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- 153 - 

Alpen bilden. Majestätisch ragt der »Torstein«, dessen Name teil- 
weise zum »Dach«stein durch Unkenntnis des Dialektes degradiert 
wurde; weit ins Land hinein grüßt der Traunstein mit dem Profile 
des enthaupteten Königs Ludwig XVI. An ihn reihen sich im 
Westen das schöne Höllengebirge, im Osten die Priel- und Pyrgas- 
gruppe. Von Nordwesten nach Osten zieht sich das breite Silber- 
band der Donau durch wildromantische Uferhöhen hindurch in die 
Ebene. Zahlreiche Wasseradern, schäumende Gebirgsbäche, klare, 
rauschende Flüsse, durchschneiden das Land, in Felsen eingebettejt 
oder waldumsäumt liegen gleich schimmernden Perlen herrliche 
Seen. Wellenförmiges Hügelland erstreckt sich bis zu den wenigen 
größeren Ebenen an der Donau und Traun. Saftige Wälder mit 
dem Lichtgrün der Lärche bis zur dunklen Nadel der Fichte 
wechseln mit Feldern, Wiesen und Auen. Der Berge Schoß liefert 
die köstliche Würze des Salzes, in Hall die beste Jodquelle, der 
Hausruck gute Braunkohle usw. 

Den Freunden der Natur, den Liebhabern großartiger Gebirgs- 
panoramen und niedlicher Landschaftsbilder, den Geologen und 
Botanikern, den leidenschaftlichen Jägern und Fischern usw. 
bietet Oberösterreich viel des Schönen und Guten. Doch darf 
eines nicht vergessen werden, der Reichtum an Obstgärten, der 
aber nach den Schlüssen, zu welchen Inventarsprotokolle berech- 
tigen, erst seit dem 17. Jahrhundert so bedeutend anwuchs. Der 
Landler hält mit Recht große Stücke auf seinen Most, der ihm 
den Namen »Mostschädel« eingetragen hat, auf den er übrigens 
stolz ist. Er weiß, daß der Name Mostschädel am heißen Tage 
zu Sta. Lucia und sonst in Schlachten höher eingeschätzt wurde 
als Ehrenzeichen und Ordenssterne. In Erzeugung und Konsumierung 
des Mostes muß Oberösterreich der Preis zuerkannt werden. Den 
aus der »Landl«birne erzeugten süßen Most, den natürlichen 
Champagner, versteht der Oberösterreicher noch nicht auszunützen 
und bezeichnet ihn geringschätzig als »Weibermost«. Dem Landl 
verdankt die Landlbirne ihren Namen, der »Landler« (Tanz) seinen 
Ursprung. 

Die Bewohner dieses schönen, reich gesegneten Landes werden 
insgemein zu dem bayerischen Volksstamme gerechnet. Das mag 
4m großen ganzen zutreffen; im einzelnen aber gewahrt ein auf- 
merksamer Beobachter in bezug auf Schädelbildung, Körperbau 
u. dgl. Abweichungen vom bayerischen Typus, die auf Blut- 

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- 154 - 

mischungen mit Romanen und Slaven schließen lassen. Das 
Hügelland weist in der Regel einen kräftigeren Menschenschlag 
auf als die Alpengegenden. Kraftstrotzende Gestalten mit flachs- 
hellem Haar und blauen Augen, wie sie bei den Niedersachsen 
häufig zu finden sind, gehören zu den Ausnahmen, Mittelgröße ist 
vorwiegend. 

Auch der Dialekt weist verschiedene Schattierungen auf. Der 
bedeutendste Dialektdichter Franz Stelzhamer ist der Vertreter des 
Innviertler Dialektes. Die Aussprache im Hügellande und in den 
Ebenen ist weich und verschwommen gegenüber der in den 
Alpengegenden. 

Durchschnittlich herrscht in den kleinen Anwesen und Häusern 
der Alpengegenden mehr Reinlichkeit, Genügsamkeit und Spar- 
samkeit als in den großen Bauernhöfen des Hügellandes und der 
Ebenen. 

Der Oberösterreicher gilt als gutmütig und treuherzig, bieder 
und verläßlich. Es wäre ein großes Unrecht, ihm diese Eigen- 
schaften absprechen zu wollen — es steckt ein guter Kern in 
ihm — , ebensowenig aber darf verschwiegen werden, daß hinter 
der Maske der Biederkeit und Treuherzigkeit nicht selten Schlau- 
heit und Verschmitztheit steckt, daß er es oft »faustdick hinter 
den Ohren« hat. In heiklen oder unangenehmen Angelegenheiten 
werden direkte Auseinandersetzungen — außer im Affekt der 
Leidenschaft und des Zornes — möglichst vermieden ; dagegen 
sind verblümte, anzügliche und spitze Reden zur Virtuosität aus- 
gebildet. »Ich hab ihms«, heißt es dann, »zu kennen (verstehen) 
gegeben.« 

Ein weiterer erwähnenswerter Zug, der aber weit über die 
weißroten Grenzpfähle hinausreichen dürfte, ist die Bauernetikette, 
an welcher die Etikette der Fürstenhöfe ihre Meisterin finden 
würde. Es sind spanische Schnürstiefel, in welche selbst die 
jugendlichen Barfüßler eingezwängt werden, es ist ein r-^reschrie- 
benes Gewohnheitsrecht, von dessen Härten Fernstehende keine 
Ahnung haben. 

Bei Eheschließungen pflegt eine Nüchternheit vorzuherrschen, 
welche das Vermögen in erste, die Person in zweite Linie stellt, 
denn es heiratet »das Haus«. Eingegangene ernste Verpflich- 
tungen werden oft ohne große Gewissensbisse wo möglich mit 
Geld gelöst. 



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- 155 - 

Wenn sich auch in Sitte, Sprache, Kleidung, Lebensweise 
seit der Aufhebung von Zehent, Dienst und Robot und seit dem 
großen Umschwünge in den Verkehrsverhältnissen viel verändert 
hat, so ist doch der Grundzug des Oberösterreichers geblieben. 

Er ist von Haus aus durch und durch konservativ und hat 
eine staunenswerte Zähigkeit. Dieser konservative Zug tritt auf 
dem religiösen Gebiete in den Vordergrund und die Zähigkeit gilt 
ebenso überkommenen Vorurteilen, Mißbrauchen und Aberglauben 
wie anerkannt Gutem. 

Der Verkehr mit dem Landler ist leicht und angenehm für 
den, der ihn genau kennt, dagegen oft schwer für den mit seiner 
Eigenart nicht Vertrauten, insbesondere für heißblütige, leicht auf- 
wallende Naturen, die dann im Kampfe mit den zähen Naturen 
den kürzeren ziehen. 

Diese Grundzüge des Charakters sind auch den Epigonen 
der Kerntruppe geblieben, welche auf den Schlachtfeldern des 
17. Jahrhunderts verblutete, und müssen zur richtigen Beurteilung 
der Reformation und Gegenreformation in Oberösterreich in erster 
Linie berücksichtigt werden. 

Es könnte auf den ersten Blick befremden, daß die Refor- 
mation in Oberösterreich eine große Verbreitung fand und be- 
deutende Erfolge aufzuweisen hatte, da der Oberösterreicher doch 
sehr bedächtig ist, neue Bahnen einzuschlagen. Es darf aber nicht 
übersehen werden, daß die Zustände vor der Reformation das für 
Religion sehr empfängliche Gemüt des Oberösterreichers nicht be- 
friedigen konnten. Das Band zwischen Hirten und Herden hatte 
sich allmählich gelockert, das Leben und Verhalten der Geistlichkeit 
vielfach Anstoß erregt, ihre Herrschsucht und Habsucht abgestoßen. 
Die Reformationsordnung vom 7. Juli 1524 durch den päpstlichen 
Legaten Kardinal Laurentius, »aufgerichtet zu Regensburg zu Ab- 
stellung der Mißbräuche und Erhaltung ehrbaren Wesens und 
Wandels in der Geistlichkeit«, enthält ein langes Sündenregister 
der Geistlichkeit. 

immerhin aber währte es, wie die Detailforschung zeigt, über 
ein Menschenalter, bis der Umschwung sich vollzog. 

So gab es z. B. in Gmunden schon 1523 Lutheraner und 
der Priester Kaspar Schilling, ein geborener Gmundner, nahm 
Änderungen beim Gottesdienste vor zum großen Schmerz seines 
humanistisch angehauchten geistlichen Bruders Leonhard, des 



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- 156 - 

fleißigen Bücherschreibers im Kloster Mondsee und Vaters mehrerer 
Kinder. 

Kaspar Schilling kam nach Enns, verehelichte sich, kehrte 
1550 als Pfarrer nach Gmunden zurück und starb daselbst J) 

Dennoch wurde in Gmunden noch jahrelang die Fronleich- 
namsprozession abgehalten und Laub und Gras in der Kirche 
aufgestreut wie am Himmelfahrtstage und am Pfingstfeste bis 
ungefähr 1575, also zu einer Zeit, in welcher die Stadtbewohner 
bereits größtenteils protestantisch waren und das heilige Abend- 
mahl unter beiden Gestalten gefeiert wurde. Die Fronleichnams- 
prozession scheint überhaupt fortgedauert zu haben, aber erst im 
Jahre 1600 erscheint in den Rechnungen, die von fünf zu fünf 
Jahren vorgelegt wurden, wieder die Ausgabe für Gras in der 
Kirche zum »Umgang«, 

Ein Stürmen und Drängen der evangelischen Mehrzahl gegen- 
über den wenigen Katholiken — es waren 1606 nur fünf bis 
sechs katholische Bürger vorhanden — ist aus dieser kurzen Dar- 
legung nicht zu entnehmen. 

Das Evangelium hatte allmählich tiefe Wurzeln in den Herzen 
geschlagen, das Schulwesen, für das es an Opferwilligkeit nicht 
fehlte, blühte insbesondere in Linz und Steyr, die Prüfung und 
Ordination von Geistlichen wurde bei der empfindlichen Versagung 
einer evangelischen Kirchenbehörde zumeist von dem 1555 er- 
richteten Konsistorium in Regensburg vorgenommen. 2) Jesuiten- 
politik, der ärgste Dämon für Staaten, trat die verheißungsvolle 
Saat erbarmungslos nieder und schlug dem Landl die tiefsten 
Wunden nicht bloß auf den Schlachtfeldern. Der verhängnisvolle 
Wendepunkt war das Jahr 1624. Verödete Städte, verarmte Bauern, 
verminderte Steuerkraft, Verlust vieler der intelligentesten und 
wohlhabendsten Bürger und zahlreicher Adeliger waren die ersten 
Früchte der Gegenreformation. Gewinn durch die Aufnahme der 
Emigranten erwuchs den freien Reichsstädten Regensburg, Nürn- 

^) Noch vor mehr als 30 Jahren war in einem Seitengange in der 
Pfarrkirche der Grabstein mit der Inschrift »Kaspar Schilling 1564« zusehen. 
Die obere Linie der 6 war im Laufe der Zeiten durch die Darübergehenden 
abgeschliffen worden. Bald nach der Gründung der evangelischen Gemeinde 
in Gmunden ist dieser Stein verschwunden. 

2) In den Jahren 1579—1624 wurden von mehr als 200, welche sich 
an das Konsistorium gewendet hatten, 190 examiniert und ordiniert, zumeist 
für Ober- und Niederösterreich. 



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- 157 - 

berg, Ulm, Lindau und verschiedenen Staaten, welchen die gastliche 
Aufnahme reich vergolten wurde. ^) 

Unter Kaiser Ferdinand 11. begann ein gut eingerichteter Be- 
kehrungsapparat den Landlern die Melodie aufzuspielen: »Und bist 
du nicht willig, so brauch ich Gewalt« und der letzte Refrain der- 
selben verdichtete sich zu dem drohenden Sprichwort: »Wart, ich 
will dich katholisch machen!« Die erste Geige spielten die Jesuiten, 
aber die trutzigen Landler verspürten keine Lust, zu tanzen. 

Ferdinand IL kargte nicht mit der Bezahlung. Die Jesuiten 
erhielten das alte Nonnenkloster im schönen Traunkirchen zu ihrer 
»Residenz«, nur mußten sie dem Kardinal Khlesel die ihm be- 
willigte Pension zahlen.^) Ebenso schenkte Ferdinand seinen Lieb- 
lingen die Herrschaft Ottensheim, welche früher für evangelische 
Schulzwecke von den evangelischen Ständen angekauft worden 
war. Die sehr bedeutenden evangelischen Schulstiftungen wurden 
in katholische umgewandelt, neue Klöster wurden erbaut (für 
Kapuziner in Wels, Gmunden, Freistadt, für Franziskaner in Grein, 
für Dominikaner in Münzbach und Windhag, für Karmeliter, Kar- 
meliterinnen und Ursulinerinnen in Linz), verlassene Klöster wieder 
bevölkert (mit Franziskanern in Pupping, mit Zisterziensern in 
Schlierbach und Engelhartszell, mit Dominikanern in Wels, mit 
Minoriten in Enns, Wels, Linz, mit Paulanern in Oberthalheim), so 
daß mit Inbegriff der Klöster Baumgartenberg, Garsten, Gleinck, 
St. Florian, Kremsmünster, Lambach, Mondsee, Schlegel, Wald- 
hausen und Wilhering die Anzahl der Klöster eine stattliche war. 

Von allen Seiten wurde das Netz enger gezogen, der Besuch 
des Gottesdienstes und Beichtstuhles sowie die Haltung der Fast- 
tage scharf überwacht. 

^) Aus dem Landl stammten z.B. die Gneisenau und Wolzogen; 
Kurbrandenburg verdankte ihm seinen berühmten Feldmarschall Georg 
Derfflinger, der am 10. März 1606 in Neuhofen als der Sohn des Wein- 
schenks Johann Georg Derfflinger geboren wurde. M. Christof Grinesius, 
Pfarrer in Gschwendt bei Neuhofen, heiratete 1617 Georgs Schwester Regina 
und wurde später Professor an der Universität Altorf in Bayern. »Erzog sehr 
geschickte Leute, die nachmals die ansehnlichsten Männer geworden sind.« 
Dies dürfte ein Licht auf Derfflingers Vorbildung werfen und die Fabel von 
der »Schneiderfamilie« Derfflinger endgültig beseitigen. 

2) Nach einem in meinem Besitze befindlichen Ausgabenbuche der 
Jesuiten vom Jahre 1628 und 1629 wurden für den Kardinal Khlesel vom 
März bis November 1628 an Pension und Rückständen 5488 fl., im Februar 
1629 dann 1200 fl. verrechnet. 



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- 158 - 

Nun begann ein eigentümlicher Kampf zwischen den Be- 
drängern und Bedrängten, der nicht dazu angetan war, den Charakter 
sittlich zu heben, denn die Doktrin: Ist der Zweck erlaubt, so 
sind auch die Mittel erlaubt, wurde in die Praxis umgesetzt, auf 
Seite der Bedränger mehr mit brutaler Gewalt, auf Seite der Be- 
drängten mehr mit Schlauheit. 

Jene hatten die Macht, eine ausgezeichnete Organisation, 
deren Spitze die Religions-Reformations-Kommission war, eine große 
Anzahl Spione nicht bloß im Inlande, sondern auch im Auslande, 
insbesondere in Regensburg, der Zufluchtsstätte vieler Bedrängter 
und dem Sitze des Corpus evangelicorum, ferner reiche Mittel zur 
Verfügung. Es ist daher nicht zu verwundern, daß der Kampf 
für die Bedrängten je länger je aussichtsloser wurde und die Zahl 
derselben immer mehr zusammenschmolz. 

Der Osnabrücker Friedensschluß überging sie, bald wurde 
die Grenze für sie gesperrt, so daß sie auch nicht mehr aus- 
wandern durften. Gerade darin aber lag die große Grausamkeit 
der Gewissensbedrängnis. Kaiser Max II. hatte einst dem Olmützer 
Bischof gegenüber den schönen Ausspruch getan, er halte es für 
eine der größesten Sünden, über Gewissen herrschen zu wollen. 
Diese Sünde war nun unter der Firma Fürsorge für das Seelenheil 
mächtig in Schwung gekommen, ja geradezu als ein Verdienst 
angesehen. Von der Fürsorge für das Seelenheil war im all- 
gemeinen weniger zu spüren als von der Fürsorge für den Säckel 
der Geistlichen, wurden doch sogar Beichtzettel um Geld ver- 
kauft. Schwer drückte die Herrschsucht der Geistlichkeit, unter 
welcher auch die Beamten zu leiden hatten, und an schlimmen 
Beispielen von Unsittlichkeit, Roheit, Trunksucht und Aberglauben 
fehlte es nicht. 

In und um Gmunden waren 1686 Soldaten des fränkischen 
Kreises einquartiert, welchen ein evangelischer Feldprediger bei- 
gegeben war. Dem evangelischen Gottesdienste wohnten »keine 
geringe Anzahl« Personen auch von dem »Bauernvolk um Gmunden« 
bei. Der Feldprediger besuchte auch verschiedene Bewohner außer- 
halb Gmunden. Darauf erschien am 11. Jänner 1687 ein Patent 
des Landeshauptmanns in Linz an die geistlichen und weltlichen 
Behörden, er sehe sich gezwungen, diesen »Exzeß« dem ^Kaiser 
zu berichten. Er befiehlt ihnen unter Androhung scharfer Strafe, 
ihren Untertanen jeden Verkehr mit dem Feldprediger zu verbieten, 



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- 159 - 

alle, die dem Gottesdienste beigewohnt oder mit dem Feldprediger 
verkehrt haben, ohne Verschonen anzuzeigen und den Feldprediger, 
wenn er noch aus Gmunden auf das Land ausliefe, es wäre denn 
zu den einquartierten evangelischen Soldaten, in leidlichen Arrest 
zu nehmen. 

Daraufhin erfolgte 1688 der Befehl, dem Landtage sei zu 
eröffnen, daß der Kaiser mit großer Verwunderung verspüre, daß 
nicht allein viele Unkatholische im Lande geblieben sein müssen, 
sondern auch die seit der vorgenommenen Reformation Auf- 
gewachsenen »nicht weniger als die Alten in ihrer Ketzerei ganz 
verstockt und hartnäckig erfunden werden«, daß man bei dem 
anscheinend katholischen Volke »keine geringe Inklination zu 
diesem lutherischen Irrtum« wahrnehme, wie das der »mit sonder- 
barem, hiezu bezeigtem Eifer und Begierde beschehene Zulauf« zu 
den in Gmunden gehaltenen lutherischen Predigten des Prädikanten 
der im Land einquartiert gewesenen fränkischen Kreisvölker ge- 
zeigt habe. 

Der Landeshauptmann solle einen gutachtlichen Bericht der 
versammelten Landstände darüber entgegennehmen, wie der im 
Lande von dem vorigen Ketzertum übrig gebliebene Same und 
Unkraut völlig ausgerottet werden könne. 

Aus dem abgeforderten Landtagsberichte vom 21. März 1688 
ist besonders ein Punkt des ursprünglichen Entwurfes bemerkens- 
wert. Die sehr große Unwissenheit besonders im Gebirge sei 
mehr den ungelehrten oder nachlässigen Pfarrern und Vikaren als 
den Pfarrkindern zuzuschreiben, zumal viele derselben (welches wir 
Gewissenshalber zu sagen genötigt) »mit solchen Vikaren versehen 
sind, welche außerdem, daß sie sich in casibus etwas wenig auf- 
gehalten^ selbst in studiis unerfahren, jedoch ad curam animarum 
bei so wichtigen Pfarren unter einer paktierten schlechten jähr- 
lichen Pension aufgestellt werden, davon die übrigen stattlichen 
pfarrlichen Einkünfte an ihre außer Landes sich befindenden Pfarrer 
verrechnet, die armen Pfarrkinder aber mit diesen conductitiis und 
Mietlingen das allerwichtigste Geschäft ihrer Seligkeit schlechthin 
traktieren müssen, wodurch der vormals mittelst solcher im Land 
zu genießen habenden erträglichen Benefizien und Pfarren gehegte 
gelehrte Klerus eliminiert, obige Ignoranz hingegen per imperitiam 
dieser eingeflickten Mietlinge eingeführt worden, in Bedenkung 
wissentlich die ad casus in Schulen abspringenden studiosi in den 



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- 160 - 

Auswürflingen und trivial! studentium sorte bestehen, wenig in 
Schulen erlernen, weniger aber, wann sie mit so schlechten Wochen- 
geldern in ihren Vikariaten salariert werden, zu lernen Lust be- 
kommen, konsequenter aber am wenigsten ihren vicario modo an- 
vertrauten Pfarrkindern mit guter Lehre und Instruktion vorgehen 
können«. Die Geringschätzung der Geistlichen erwachse hieraus wie 
auch aus den Stolaerpressungen dieser so schlecht besoldeten Geist- 
lichen und aus ihrem Wandel, weil sie »durch allzugroße Vertrau- 
lichkeit und Immoderation des Lebens scandala zu geben pflegen«. 

Im Salzkammergute verdankten die Bedrängten als k. k. Arbeiter 
lange Zeit eine gewisse Schonung dem Umstände, daß die k. k. Be- 
amten mit den ihnen verhaßten Jesuiten in Traunkirchen auf ge- 
spanntem Fuße lebten. Diese sahen die Waldungen des Klosters nach 
dem Schenkungsbriefe des Kaisers Ferdinand 11. als ihr Eigentum 
an, jene aber beanspruchten die Waldungen für die Saline, für welche 
sie Kaiser Max IL 1564 bestimmt hatte. Bei diesen und anderen 
Zwistigkeiten hatten die Jesuiten eine mächtige Mittelsperson an 
dem Beichtvater des Kaisers, dem Jesuiten Lamormain und konnten 
sich herausnehmen, selbst dem Salzhauptmann mit des Kaisers 
Ungnade zu drohen. Bei diesen sich kreuzenden Interessen ist es 
begreiflich, daß die Beamten wiederum den Jesuiten zum Ärger bei 
der Bekehrung der halsstarrigen Ketzer nicht mithelfen wollten, so 
lange sie nicht durch höheren Befehl gezwungen wurden, gegen 
diese ruhigen Arbeiter vorzugehen. 

Ein wichtiger Umstand für die Bedrängten war, daß sie lesen 
lernten. Es kam vor, daß mehrere Familien zu diesem Zwecke 
sich einen »Schulmeister« hielten. Ein großer Segen war der Vor- 
rat an Büchern, Bibeln, Gebet-, Predigt-, Gesang- und Erbauungs- 
büchern. Die 1624 ausgetriebenen ' Geistlichen hatten bei dem 
schnellen Abzüge und wohl auch in der Hoffnung baldiger Rück- 
kehr ihre Bibliotheken oder mindestens den größten Teil derselben 
in vertrauten Händen zurückgelassen. Hiezu kamen noch die ein- 
geschmuggelten Bücher meist kleineren Formates, Arndts wahres 
Christentum und Paradiesgärtlein,Schaitberger mit seinem »Streiter« 
d. i. den Unterscheidungslehren, Habermanns Gebetbüchlein, das 
Qrtenburger Gesangbuch, der »Vorschmack« genannt, das Nürn- 
berger und Regensburger Gesangbuch usw. 

Die Benützung der Bücher machte freilich große Schwierig- 
keit. Eine Anzahl älterer Bauernhäuser läßt durch ihre Bauart auf 



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- 161 - 

evangelische Erbauer schließen. Die Wohnstube wurde nämlich 
so gebaut, daß die Fenster derselben dem geschlossenen Hofraume 
zugewendet waren, damit, wenn die Bewohner abends oder in der 
Nacht, sei es allein oder mit anderen Glaubensgenossen zusammen, 
in den verbotenen Büchern lasen, der Lichtstrahl nicht zum Ver- 
räter wurde. Bei Tag zu lesen war sehr gefährlich. Der Müller 
Imlinger an der Aurachmühle, durch eine tags vorher abgehaltene 
vergebliche Büchervisitation in Sicherheit gewiegt, las unter dem 
Dache beim Taubenschlag. Da wurde er von den Visitatoren 
überrascht. ^) 

Trotz der vielen konfiszierten Bücher wurde immerhin noch 
ein wertvoller Teil in die Toleranzzeit hinübergerettet. 2) Wären 
damals auch nur in einigen Gemeinden Verzeichnisse dieser Bücher 
angelegt worden, so hätten sie nur erhärten können, daß die Be- 
drängten mit guten Büchern versehen waren und das zähe Fest- 
halten an dem überkommenen, fleißig benützten Schatze eine der 
Hauptursachen war, daß der Rationalismus hier so wenig Ein- 
gang fand. 

Die Bewohner der geschlossenen Stadtgebiete, in welchen die 
scharfe Überwachung leicht war, wurden »durch Zusetzung der 
magistratlichen Amtsgewalt« bald mürbe gemacht, krümmten den 
Rücken und hingen den Mantel nach dem Winde. Günstiger lagen 
die Verhältnisse auf dem Lande. Die Überwachung der zumeist 
einsam und weit zerstreut liegenden Häuser war viel schwieriger. 

Unter den Emigranten waren, wie die Matrikelbücher von 
Ortenburg und Regensburg zeigen, Stadt- und Landbewohner; die 
Transmigranten, d. i. die seit 1734 nach Ungarn, Siebenbürgen 
usw. Abgeschobenen dagegen waren nur Landler. Anfangs war 
die Emigration noch gestattet, später nicht mehr. Da flohen so 
manche unter Zurücklassung von Haus und Hof bei Nacht und 
Nebel ins »Reich« hinaus. Die ersten Transmigranten durften ihre 



^) Über die erfinderisch ausgedachten Bücherverstecke berichtete das 
Jahrbuch bereits im II. Jahrgang, S. 65, usw. 

2) Ich besitze eine Anzahl solcher Bücher, auch aus der Bibliothek 
meines Vorgängers, des 1624 ausgetriebenen Pfarrers Daniel Tanner. — Ein 
Unikum dürfte das Meisterstück eines Buchbinders vom Jahre 1617 sein, ein 
Buch, das keinen Rücken hat. Es enthält sechs Werke. In 8^, von Herberger 
das geistliche Wasserkrüglein 1610, und Jungfraukränzlein 1610. In 16^,56 kurze 
Gebete 1598, Betbüchlein von A. Musculus 1598, von Habermann christliche 
Gebete 1593, und geistliches Kleinod 1613. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. H 



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Kinder noch mitnehmen, die späteren nicht mehr. Selbst noch im 
Lande Wohnende waren nicht sicher vor Kinderraub. So wurde 
1752 anbefohlen, wenn ein Bauer stürbe und die Witwe des 
Glaubens halber verdächtig sei, so sollten ihr die unmündigen 
Kinder weggenommen und wo möglich im Mühl- und Machland- 
viertel erzogen werden. In diesen beiden Vierteln war also das 
Feuer bald ganz erloschen, während im hartnäckigen Traun- und 
Hausruckviertel die Löschmannschaft nicht zur Ruhe kommen 
konnte, im Jahre 1752 sogar noch vermehrt wurde, indem jedes 
der beiden letztgenannten Viertel in vier Distrikte eingeteilt und 
in jedem Distrikt ein Missions-Superior und ein weltlicher Kom- 
missär ernannt wurde »mit freier uneingeschränkter Hand, alles 
das vorzukehren, was die Umstände der Sachen erheischen«. 

Die Befürchtungen, daß das Feuer wieder auflodern könnte, 
waren insofern nicht unbegründet, als die Massenaustreibung der 
evangelischen Salzburger im Jahre 1732 auf die Evangelischen in 
den angrenzenden Kronländern Oberösterreich, Steiermark und 
Kärnten nicht entmutigend, sondern erfrischend einwirkte. Es lebte 
in ihnen neuerdings wenn auch vergeblich die Hoffnung auf, daß 
ihnen die Emigration gestattet würde. 

Auffrischend für die Bedrängten waren auch die mit großen 
Gefahren verbundenen Besuche von Ausgewanderten, die in Orten- 
burg und Regensburg sich aufhielten. Zu den Unerschrockensten 
derselben gehörten der Salzburger Bauer Hans Lerchner und der 
»Niederländer« (Niederösterreicher) Gottfried Flügel, deren Abreise 
von Regensburg von den Spionen daselbst mit genauesten Steck- 
briefen jedesmal angezeigt wurde. 

Sodann wanderten ab und zu Bedrängte mit dem Rosen- 
kranze ausgestattet unter dem Vorwande einer Wallfahrt nach 
Altötting in Bayern über die Grenze und lenkten dann ihre Schritte 
nach Ortenburg, um dort dem Gottesdienste beizuwohnen und das 
heilige Abendmahl zu feiern. Da aber auch Ortenburg von Spähern 
umgeben war, lief nicht jede derartige Wallfahrt glücklich ab. 

Abhilfe konnten die Bedrängten weder im Inlande noch im 
Auslande finden. Im Inlande waren sogar Bittschriften gefährlich. 
Der Student Fernschild in Gmunden hatte 1772 eine Bittschrift an 
die Kaiserin um Toleranz entworfen. Die Bittschrift wurde kon- 
fisziert, als »Meuterei« bezeichnet und der Student, der »sich in 
seinem Hochmut und Aberwitz so weit erging, daß er sich er- 



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dreistete«, eine solche Bittschrift im Namen aller evangelischen 
Oberösterreicher zu verfassen, auf unbestimmte Zeit zur Festungs- 
haft nach Graz gebracht, nachdem die Untersuchungshaft 721 Tage 
gedauert hatte (1772—1774). 

Mitte Juni 1752 reisten sechs, je zwei aus Oberösterreich, 
darunter der »Erzketzer« Johann Roithner, Binder in Windern am 
Traunfall, aus Steiermark und Kärnten von Regensburg aus an 
die Höfe nach Ansbach, Baireuth, Koburg, Gotha, Hessen-Kassel, 
Hannover, Braunschweig und Berlin und überreichten Bittschriften 
um Verwendung für die evangelischen Österreicher. An den fünf 
ersten Höfen wurde ihnen der Bescheid gegeben, man werde sich 
ihrer nach Tunlichkeit annehmen. In Hannover ließ ihnen der 
in Herrenhausen anwesende König von England mündlichen Be- 
scheid erteilen, daß die Kaiserin ihnen entweder den Abzug oder 
freien Gottesdienst in ihren Häusern werde gestatten müssen. Als 
Reisegeld erhielten sie vom Könige acht Goldstücke im Werte von 
achtzig Talern. In Potsdam sagte ihnen der König von Preußen, 
daß er in den kaiserlichen Landen nichts zu befehlen habe, sich 
aber dem, was der König von England zu tun gedenke, anschließen 
werde. Ein Steiermärker und ein Kärntner reisten dann noch nach 
Dresden. Johann Roithner wurde bei seiner Rückkehr in die Heimat 
verhaftet, in Puchheim am 27. August 1752 verhört und bereits 
am 2. September nebst anderen — acht Wagen voll — nach 
Siebenbürgen forttransportiert. 

Die an das Corpus evangelicorum gerichteten Bittschriften 
hatten nur eine Verschärfung der Drangsale zur Folge. Es wurden 
zwar Untersuchungen über die vorgebrachten Beschwerden anbe- 
fohlen und gepflogen, die Klagen aber in der Regel als unbegründete 
mit Entrüstung zurückgewiesen. Der Ausweg hiezu war nicht 
schwer zu finden. In einem Punkte jedoch hatten die Beschwerden 
einen Erfolg. Mit dem Vermögen der Transmigranten war oft un- 
verantwortlich vorgegangen worden. Jahrelang wurde es ihnen 
vorenthalten. So war der Hofrichter in Traunkirchen mit mehr als 
1700 fl, die er hätte abliefern sollen, im Rückstande geblieben, ein 
Pfleger in Wildenstein mit mehr als 1200 fl. Transmigranten- und 
Waisengeldern, die er als Gegenschreiber in Ort veruntreut hatte. 
Trotzdem er einen besseren Posten erhalten hatte, konnte er erst 
nach Jahren und nach wiederholten Strafandrohungen das Geld 
wieder erstatten. 

11* 



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- 164 - 

Endlich brach unter dem edlen Volkskaiser Josef 11. am 
13. Oktober 1781 eine bessere Zeit für die schwer Bedrängten an. 
Bald darauf konnten sich acht Gemeinden (Scharten, Wallern, 
Wels, Eferding, Thening, Neukematen, Goisern, Ruzenmoos) mit 
ungefähr 9000 Seelen bilden, während in Niederösterreich nur 
eine Landgemeinde (Mitterbach) erstand. 

Ein Teil der Zaudernden in Oberösterreich »blieb hängen«, 
d. i. vollzog den bald erschwerten Obertritt zur evangelischen 
Kirche nicht. 

Heutzutage ist die konservative Natur und Zähigkeit des 
Landlers die festeste Stütze der römisch-katholischen Kirche in 
Oberösterreich und der Landler, wie Bischof Rudigier einst treffend 
bemerkte, gut marianisch. 



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VI. 
Eine 

Bekenntnisschrift der Stadt Steyr vom Jahre 1597. 

Nach archivalischen Quellen. 
Von Pfarrer Dr. F. Seile, Steyr. 

Der erste oberösterreichische Bauernkrieg (1594 — 1597) hatte 
ausgetobt. Sein Schauplatz war im letzten Jahre hauptsächlich die 
Umgebung der Stadt Steyr gewesen. Weil der Burggraf von Steyr, 
Ludwig von Starhemberg, zwei Bauern, die ihn mit dem Tode 
bedroht hatten, ohne Urteil und Recht hatte hinrichten lassen, war 
das Aufgebot der Bauern aus den Tälern der Enns, Steyer und 
Krems gen Steyrstadt gerückt, um blutige Rache für diese »etwas 
geschwinde und unordentliche Exekution« ihrer Genossen, die das 
Volk als Märtyrer der gerechten Sache ansah, zu nehmen.'') Mit 
den aus Niederösterreich herbeigeeilten Bauern zählten die Belagerer 
mehrere Tausend. Die Stadt Steyr mit ihrem Weichbilde liegt in 
einem alten, von den Flüssen Enns und Steyer ausgewaschenen 
Seebecken, das gegen Norden und Nordwesten die aus Konglomerat- 
gestein aufgeschichteten Höhen des Tabor und des Stadelmayer- 
waldes umgeben. Dort hatten die Bauern ihr Lager aufgeschlagen 
und beherrschten die ganze Zufuhr der Stadt. Um größeres Unheil 
zu vermeiden, hatte der Rat der Stadt die Darreichung von Speise 
und Trank an die Bauern aus den Vororten Ennsdorf und Steyr- 
dorf gestattet. Man mußte auf eine lange Belagerung gefaßt sein. 
Da aber trieb die grimme Kälte des oberösterreichischen Winters 
die Haufen auseinander. Der Landoberst Gottfried von Starhemberg 
verfolgte sie, nahm die Rädelsführer fest und ließ sie hinrichten. 

Für die Religionsbeschwerden der Bauern hatten die Steyrer 
doch ein fühlend Herz gehabt. Daß nun deren Verlangen, pro- 

^) Prevenhueber, Annales Styrenses, p. 31 5 ff. 



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testantische Prediger und Seelsorger zu erhalten, mit dem Siege 
der kaiserlichen Gewalt gänzlich unterdrückt wurde, blieb nicht 
ohne Folge für die Stadt. Schon die Weigerung des Rates, den 
verlangten Eid zu schwören, daß sie alle durch den Krieg ver- 
ursachten Lasten des Aufgebotes tragen wollten, hat der Kaiser 
mit ungnädigem Befremden aufgenommen. Nach der Niederwerfung 
des Aufstandes aber sollten die Städte das Recht des Stärkeren 
erfahren. Kaiser Rudolf, getrieben durch die seinen Verfolgungswahn 
ausnützenden kirchlichen Beamten, gab am 8. Mai 1597 das so- 
genannte Interimale heraus. Er gebot den Bauern, alle Pfarreien 
und Kirchen den rechtmäßigen Pfarrern wieder einzuräumen und 
die Prädikanten zu entfernen. Ein kaiserliches Patent vom 6. Oktober 
1597 kündigt auch den Städten die Gegenreformation an. Für die 
um ihres emporblühenden Protestantismus weit und breit geschätzte 
Stadt Steyr mußte die rücksichtslose Rekatholisierung begreiflicher- 
weise der schmerzhafteste Verlust sein. Mindestens seit 73 Jahren, 
seit dem Auftreten des Predigermönches Calixtus, war doch in 
Steyr evangelisch gepredigt worden. Hatte derselbe zwar noch 
wie auch der im Jahre 1548 in den Ehestand getretene Stadtpfarrer 
Wolfgang Waldner weichen müssen, so ist doch die im Jahre 1567 
von dem evangelischen Ministerium dem Rate übergebene Kirchen- 
ordnung und die deutsche Schulordnung desselben Jahres ein 
deutlicher Beweis, daß in der Stadt nicht nur evangelische Gesin- 
nung und Predigt herrschten, sondern auch ein wohleingerichtetes 
evangelisches Kirchen- und Schulwesen bestand Selbst der Abt 
von Garsten, dem das Patronat über die Pfarre zustand, hatte sich 
mit dem evangelischen Kirchenwesen abgefunden. 

Gegen diese evangelische Ordnung des Gottesdienstes und 
der Predigt hat zum erstenmale der Abt Johannes von Garsten 
im Jahre 1586 einen Vorstoß unternommen, jedoch vergeblich. ■•) 
Mit schärferen Waffen ging sodann Martinus Apolitius von Garsten 
vor. Er kündigte im Jahre 1591 dem evangelischen Pfarrer Lämpl 
die Stelle. Die Steyrer aber erklärten, die Bürgerschaft habe die 
Pfarrkirche ohne das Kloster aus eigenen Mitteln erbaut und darinnen 
das Exerzitium Augsburgischer Konfession unter drei Kaisern und 
Landesfürsten ruhig gebraucht, sie könne und wolle sich desselben 
de facto nicht entsetzen lassen. 2) 



^) und 2) Prevenhueber, p. 319. 



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- 167 - 

So standen die Sachen, als die oben erwähnten kaiserlichen 
Erlässe erschienen. Über ihre Durchführung in Steyr haben wir 
einen ziemlich eingehenden Bericht des Steyrer Chronisten Valentin 
Prevenhueber. Die von ihm erzählten Tatsachen sind kurz die 
folgenden: 

Anfangs 1598 wird in Linz vom Landeshauptmann und dem 
Kommissär Dr. Paul Garzweiler einer Gesandtschaft der Gemeinde 
Steyr eröffnet, daß bei Vermeidung einer Pön von 4000 Dukaten 
1. die Kirchen sogleich zu sperren, 2. die Prediger aus dem Lande 
zu schaffen seien, und 3. der Pfarrer Wolfgang Lämpl auf das 
Schloß nach Linz zu bringen oder sicher zu verwahren sei. 

Alle Einreden der Gesandten werden kurzer Hand abgewiesen 
und dem Abte von Garsten wird in ihrer Gegenwart vorgehalten, 
daß er schon längst hätte die evangelischen Pfarrer entsetzen sollen. 
Auf den Einwand der Steyrer, die Pfarrkirche hätten sie selbst 
erbaut, wird geantwortet : Es hätte viel schöne Häuser zu Steyr, 
die auch von den Bürgern gebaut seien und denselben zugehörten, 
nichtsdestoweniger aber wäre der Kaiser Herr darüber. 

Nach der Heimkehr läßt der Rat eine ausführliche Bittschrift 
an die Kommission in Linz abgehen. Darin wird die Untertanentreue 
der Stadt hervorgehoben, ihre Schuldlosigkeit an dem Bauern- 
aufstände, ihr bis dato unperturbierter possess der Kirchen und 
die zugesicherte Gewissensfreiheit. Schließlich wird auf die mächtige 
Schädigung der Stadt und ihres Eisenwesens hingewiesen. Durch 
die Änderung der Religion werde der gewisse Untergang des ohne- 
hin durch Wasserschäden, Türkenhilfen und Landesumlagen stark 
verschuldeten Stadtwesens zu erwarten sein. 

Unter dem 13. Februar 1598 erfolgt darauf die Zurückweisung 
dieser Bittschrift. Es sei den Befehlen sofort nachzukommen, der 
Pönfall bei Vermeidung der Exekution binnen 14 Tagen zu erlegen. 
»Was aber ihres apostasierten Pfarrers Entschuldigung anlange, 
so hätte es derselben, wie auch anderer unziemlicher Anführung 
gar nicht bedurft, weil er noch nicht angeklagt worden ; nachdem 
er aber darinnen propriam turpitudinem selbst allegiere, seiner delicte 
und schweren excess (welche waren, daß er als ein gewesener 
Garstenerischer Mönch von der römischen zu der evangelischen 
Religion und dann gar in den Ehestand getreten) bekenne und 
andere beständige Religiösen noch dazu strafmäßig skaliere, so 
sollten sie von Steyr sich seiner Person bis auf weiteren Bescheid 



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— 168 — 

versichern.«"') Prevenhueber berichtet nun, daß man nach Ver- 
lesung dieses Bescheides es für gut befunden habe, dem Landes- 
hauptmann die Befugnis der Stadt und ihr Recht auf die Pfarr- 
kirche und auf das seit Kaiser Ferdinand I. und Maximilian II. 
ruhig ersessene Religionsexerzitium nochmals in Schriften zu 
deduzieren; er befindet es aber nicht vonnöten, dieselben hier zu 
wiederholen. 

Der Schreiber dieses hatte das Glück, diese von Preven- 
hueber übergangene Schrift im Steyrer Ratsarchive aufzufinden. 
In einer die Reformationsakten enthaltenden Lade dieses reich- 
haltigen Archives befindet sich ein Aktenstück mit der Aufschrift: 
»theologisches bedenckhen der statt Steyr, wann 
bey Inen propter religionem ettwas tentirt werden 
wollte«. Es umfaßt 247 leserlich geschriebene Folioseiten und 
bildet eine Schutz- und Verteidigungsschrift, verbunden mit einer 
ausführlichen Darlegung des Bekenntnisstandes der Stadt im 
Anschlüsse an die Augsburgische Konfession, ein nicht unwich- 
tiges Zeugnis von dem damaligen evangelischen Wesen der 
Stadt und eine nennenswerte praktische Auslegung der Augustana. 
Der Verfasser ist nicht genannt. Sie charakterisiert sich als 
eine beratende Anweisung an den Rat, wie er sich politisch 
und theologisch zu verhalten habe, wenn die Kommission den 
Bekenntnis- und Kultusstand verändere. Wahrscheinlich hat das 
evangelische Ministerium, dem damals angehörten: Wolfgang Lämpl 
als Pfarrer, M. Joachim Müller, M. Balthasar Richter als Prediger, 
Andreas Renmann und Georg Scheidthauff als Diakone, die Schrift 
verfaßt, denn die im Ratsprotokolle von 1599 niedergelegten 
Äußerungen der Geistlichen stimmen vielfach inhaltlich und an 
einzelnen Stellen wörtlich mit der Schrift überein. Auch der von 
Prevenhueber erwähnte Entschuldigungsbrief und die Bittschrift 
an den Landeshauptmann fußen offenbar auf den Eingebungen dieses 
Aktenstückes. Verfaßt mag es wohl noch vor dem Sturme, aber 
bei gefahrdrohender Windstille worden sein, nämlich nach dem in 
demselben erwähnten kaiserlichen Patente vom 6. Oktober 1597 
und vor der Zitation der Gesandten des Rates nach Linz am 
16. Jänner 1598. 

Die Schrift atmet bei aller Besorgnis und gründlichen Vor- 
kehrung der Verteidigung einen siegesfrohen Geist. Man hofft noch, 

^) Prevenhueber, p. 322. 



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- 169 — 

mit Gründen, mit billigen Vorstellungen und Berufung auf das 
Recht des Gewissens Eindruck zu machen. Auch Ausführungen 
und Ratschläge schlauer Politik kommen vor und werden aus- 
drücklich mit dem Hinweise auf die biblische Schlangenklugheit 
(Matth. 10, 16) gerechtfertigt. Die Sprache erhebt sich hie und da 
über den trockenen Kanzleistil zu kerniger Kraft. — Das vor- 
nehmste Interesse in derselben beansprucht ohne Zweifel das 
im achten Punkte niedergelegte Bekenntnis, das einen Abdruck 
verdient. Von der Triebkraft des Glaubens geleitet, sucht es sieh 
mit den römischen Gegnern auseinanderzusetzen. Durch die vor- 
liegende praktische Aufgabe bestimmt, vermeidet es Abstraktionen 
und nimmt eine konkrete praktische Gestalt an. 

Der Wert des Bekenntnisses scheint uns zunächst darin zu 
liegen, daß wir in ihm eine authenti^sche Quelle für den damaligen 
Bekenntnisstand der evangelischen Gemeinde von Steyr und den 
adäquaten Ausdruck des auf die Einzelgemeinde bezogenen all- 
gemeinen Augsburgischen Bekenntnisses haben. Es erhellt aus ihr, 
wie man damals auf den Kanzeln zu Steyr die Augustana praktisch 
verstanden und gewertet hat. Sodann verdient es Beachtung als 
Selbstrechtfertigung, um die volle Christlichkeit der Steyrer Gemeinde 
zu erweisen und als Widerlegung der Gegner, die da sagen: non 
licet esse vos. In diesen Beziehungen gebührt Beachtung der 
geflissentlichen Bemühung, das Gemeinchristliche zu erweisen und 
die Unterschiede vor dem Forum des ursprünglichen Christentums 
zu beleuchten. Nicht minder bemüht sich das Bekenntnis, sein 
Recht aus dem ius canonicum an gegebener Stelle nachzuweisen, 
um die Gegner »mit ihrem eigenen Schwerte zu schlagen und gar 
zu beschämen, weil sie es selbst nicht halten, was sie in ihrem 
Rechte aufgeschrieben und publiziert haben«. 

Außer dem theologischen und kirchenpolitischen Werte möchte 
endlich der Pietätswert unseres Bekenntnisses, den es für die 
Nachkommen und Erben hat, angesprochen werden. Wir dürfen 
auch ihm gegenüber mit Hundeshagen (Der deutsche Protestan- 
tismus, Frankfurt a. M., 1847, S. 282) Ehrfurcht hegen in der 
Gewißheit, »daß kein Symbol, welches irgend einmal wirklich 
geholfen hat, ein christliches Volk zu schaffen und heranzubilden, 
jemals seinen wesentlichen Grundlagen nach ganz obsolet werden 
kann, und zwar, weil bei der durch alle Zeiten hindurch sich gleich- 
•bleibenden Identität der vernünftig-sittlichen Menschennatur auch 



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- 170 — 

die als ihr entsprechend befundenen religiösen Nahrungs- und 
Heilungsstoffe niemals ihre Wirkungskraft für dieselbe verlieren 
können, und daß man da, wo dies empfunden wird, wenn es auch 
nicht wissenschaftlich ausgesprochen und deduziert werden kann, 
keineswegs befugt ist, darüber wie mit dem nassen Schwamm 
über die Schiefertafel hinauszufahren«. 

Im ganzen ist das Bekenntnis milde und friedfertig gehalten 
und spricht die Absicht, die evangelischen Besonderheiten und den 
Gegensatz gegen die Verirrungen der römischen Kirche in dieser 
Weise behandeln zu wollen, auch offen aus. 

21 Artikel behandeln nach der Augsburgischen Konfession, 
doch nicht immer mit deren Titeln übereinstimmend, den christlichen 
Glauben; daran schließen sich wie dort 6 über die strittigen Lehren. 
Ein längerer Beschluß und ejne Cautela folgen. Mit einem beson- 
deren Notabene mögen hier folgende Punkte angemerkt werden: 
Art. III: Die Polemik gegen die verblümten Reden und heimlichen 
Deutungen derer, die die Christologie nicht nach dem eigentlichen 
Wortlaute der heil. Schrift verstehen. Art. IV: Die scharfe Wendung 
gegen die fides historica. Art.V: Die Gleichstellung der drei Gnaden- 
mittel: Wort Gottes, Taufe und Abendmahl. Art. VI: Die Antinomer 
werden zurückgewiesen. Art. VII: Die gehören zur Kirche, die seine 
Stimme hören. — Die Betonung der consanguinitas doctrinae und 
die rechte successio apostolica. — Auf das »stattliche Außerlicht« 
kommt es für das Wesen der Kirche nicht an. — Treffend ist die 
Unterscheidung der Partikularkirchen von der allgemeinen. Art. X: 
Wie Christus in der Taufe ist, so ist er auch im Abendmahle. 
Art. XII: Die Privatbeichte wird nachdrücklich aufrecht erhalten. 
Art. XIII: Die Privatabsolution soll nach dem neuen Testamente 
bis ans Ende der Welt gehalten werden. Sacramenta in stricta et 
sacramenta in larga significatione werden unterschieden und letztere, 
wie z. B. die letzte Ölung, weitherzig geduldet. Art. XIV: Die Geist- 
lichen sollen präsentiert und vor der Gemeinde ordiniert werden, 
doch nicht mit levitischen Zeremonien. Art. XVII: Die Kirchen- 
diener sollen der weltlichen Obrigkeit gegenüber nicht »semper 
frey« sein wollen. Art. XVllI: Maßvolle Beschränkung des freien 
Willens ohne die Übertreibungen der Konkordienformel. Art. XIX: 
Ein interessantes Beispiel zur Veranschaulichung der Gnadenwahl. 
Die praedestinatio absoluta vel particularis vel universalis wird 
verworfen. Art. XX: Gegensatz gegen die consilia evangelica: 



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- 171 - 

Art. XXI: Scharfe Bekämpfung der Ausartungen des Heiligen- 
dienstes. — Abgötterei des armen Madensackes, der sich als ein 
Gott aufbrüstet, Niederfallen begehrt und Ablaß gewährt. 

1. strittiger Artikel: Die römischen Klügeleien, um die Kelch- 
entziehung zu rechtfertigen. 2. Die Ehe, nicht die Ehelosigkeit, 
zählen die Gegner unter die Sakramente. 3. Greuliche Vermessen- 
heit, so einer seine Frömmigkeit einem anderen applizieren will. 
— Sacrificium ist kein Schlachtopfer, sondern Lob- und Dank- 
opfer. 4. Das rechte Fasten aus Glauben ist ein Gott gefällig Werk. 
6. Die Klöster und Gelübde werden bedingungsweise gerechtfertigt. 
Gelübde sollen nicht leichtfertig gebrochen werden. — Kräftige 
Verteidigung der sacerdotes uxorati. 7. Grundsätze und Erforder- 
nisse der rechten Schriftauslegung. 

Beschluß: Die pia orthodoxia und die erbaulichen Zeremonien 
bestehen. — Man rühmt sich nicht nur der Augsburgischen Konfession, 
sondern hält sie auch, unbekümmert um die entstandenen Sekten, 
standhaftig. — Man hat das Bekenntnis absichtlich mit Sanftmut 
und Furcht, ohne Schmähungen und Lästerworte getan. 

Cautela: Man soll sich erst bei Angriffen auf den Bekenntnis- 
stand dieser Schrift bedienen. Durch das »greuliche Schnarchen« 
der Widersacher brauche man sich nicht schrecken zu lassen. 
Preces, lacrymae et constans confessio in vere ad Deum conversis 
sunt arma ecclesiae. 

Diese Konfession bildet, wie gesagt, nur einen Teil der um- 
fangreichen Steyrer Schutzschrift. Sieben andere Teile gehen ihr 
voran. Es sei gestattet, um sie aus dem Zusammenhange des 
Ganzen, in dem sie steht, zu beleuchten, wenigstens den wesent- 
lichen Inhalt dieser vorangehenden Punkte anzuführen. Die Ein- 
leitung der Schrift verdient ebenfalls wörtlichen Abdruck. 

im ersten Punkte, betreffend die kaiserliche Resolution und 
das Patent, wird der Rat erteilt, von Anfang an mannhaftig zu prote- 
stieren, die Angelegenheit zunächst vor den Kommissionen gründlich 
zu behandeln, denn ein' ungenauer Bericht derselben würde Anlaß 
sein, daß die Stadt »die Pfeifen einziehen und sich überschnarchen 
lassen müßte. Sodann solle der Rat auf langsamere und gründliche 
Verhandlung dringen, dieweil es sich um das höchste Kleinod 
handle«. Schließlich folgt der Entwurf einer Eingabe an den Landes- 
hauptmann und den Dr. Garzweiler. In längerem geschichtlichen 
Rückblicke werden zahlreiche Exempel der Steyrer Treue angezogen. 



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- 172 - 

Der zweite Punkt, wenn man Rat und Gemeinde zu trennen 
gedenkt und dem ersteren einen unchristlichen Eid aufdringen will. 

Gottes Wort gebiete (5. Mose 18), bevor man über eine Stadt 
die Exekution in Religionssachen verhänge, fleißige Erforschung. 
Auch ius canon. sage: sententia non praecipitanter ferenda est 
Auch ein christlicher König sagte, wenn er den Teufel verdammen 
sollte, so wollte er ihn zuvor seiner Irrtümer und Bosheiten über- 
weisen lassen. Man habe es bisher noch nie zur gründlichen Ver- 
antwortung kommen lassen. Dann solle man die Nichtigkeit eines 
erzwungenen Eides bedenken. Juramentum vi extorsum est de 
iure nullum, daher schreibe auch ius canon. in decretalibus de 
cohibatione clericorum et mulierum vor: Ein Oberherr solle seine 
Geistlichen nicht schwören lassen, ihre Kebsweiber zu entlassen, 
damit sie nicht auch noch meineidig würden. Dem Hinweise auf 
den Befehl des Kaisers solle man entgegenhalten, daß der ja un- 
gleich berichtet sei. Drohe man aber mit dem Pönfall, so seien 
geistliche Sachen nicht glücklich durch weltliche Mittel auszu- 
führen. Der Obrigkeit habe man stets ihre Ehre und Steuer gegeben, 
Lästerungen aber nicht begangen. Werde man aus dem Lande 
gejagt, so wolle man das Kreuz, wie es der Herr will, auf sich 
nehmen, aber deßwegen seien die nicht entschuldigt, welche es 
ihnen auflegten. 

Der dritte Punkt, wenn die Widerwärtigen das eine oder 
das andere Kirchengebäude ihnen einzuräumen begehrten. 

Die jetzigen Kirchengebäude seien alle dem Rat und der 
Stadt zuständig, sonderlich die große von derselben auf eigene 
Kosten gebaute Pfarrkirche. Sage man dagegen, der Kaiser habe 
das oberste Direktorium, so solle man sich verteidigen mit der 
Darlegung des echten christlichen Gottesdienstes in diesen Kirchen. 
Nichts anderes hätten sie darin getrieben. Im Falle der Gewalt 
solle man sich auf das Beispiel des Ambrosius besinnen und 
seiner Worte eingedenk sein: Volens nunquam deseram, coactus 
repugnare non novi, dolere potero, flere potero, gemere potero: 
contra arma et milites lacrimae quoque meae arma mea sunt. 
Talia enim sunt munimenta sacerdotis: aliter nee debeo nee 
possum resistere. 

Der vierte Punkt, wenn man den einen oder anderen 
Kirchendiener wegschaffen wolle. Hier sei Schlangenlist gegen 
das Otterngezücht zu gebrauchen. Man solle des Gleichnisses 



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— 173 — 

des Demosthenes sich erinnern, als Philipp von Mazedonien die 
Abschaffung der Redner verlangte: die Schäferhunde abtun, hieße 
die Schafe den Wölfen ausliefern. Man solle die Kirchendiener 
keineswegs beurlauben oder aussperren, es sei denn zu einem 
freien Religionsgespräche unter den nötigen Cautelen, wozu es die 
Gegner aber nicht kommen lassen würden. Man solle sodann auf 
die Qualifikation der Kirchendiener, wie sie nach der heil. Schrift 
und dem Kirchenrechte verlangt werde, eingehen und nachweisen, 
daß die zu Steyr derselben vollkommen entsprächen. Die Beachtung 
der Ordensregel aber sei nicht dem Säkularklerus, sondern nur 
den Religiösen der Klöster aufgelegt. Man solle sich auf die 
Klosterreformation Maximilian 11. vom Jahre 1567 berufen, die 
Joachim Camerarius ins Werk gesetzt habe. Der habe dem Kaiser 
das Zeugnis gegeben: Se nihil in aula vidisse sapientius ipso 
Imperatore nee unquam audivisse eloquentiorem quam Caesarem 
Maximilianum felicissimae recordationis. Den Ständen zur Re- 
formation aber nicht angenehm habe der sich in die Heimat be- 
geben und in einem Saale von der gegebenen Gelegenheit, daß 
man's vorher bei dem Schöpfe herhalte, weil sie am Hinterhaupte 
kein Haar haben, zum Valet und zur Prophezeiung diese Verse 
hinterlassen: 

Cum tibi propicia Deus offert munera dextra: 

Et tribuit votis dona petita tuis: 

Accipe, si sapis et grates age pectore toto: 

Nee tibi res nee spes inferat ulla moram. 

Socordes, lentos, dubitantes neque paratos, 

Clementis pietas non amat alma Dei. 

Verum attentum animum et Studium simul acre requirit: 

Corque frui optatis quod sciat atque velit. 

Respicitur retro aufugiens occasio frustra 

Neglecta, et praeter non reditura volat. 

Nach dieser gedachten Religionstraktation habe man Pfarrer, 
Prediger und Kapläne seither in Steyr mit Zustimmung des Prälaten 
von Garsten angestellt. Der etwa in Wittenberg oder Leipzig ein- 
gerissenen Irrsale im Glauben habe man sich hier nicht teilhaftig 
gemacht. Um alles dessen willen können und dürfen die Geistlichen 
ihre Gemeinde nicht verlassen, wie kein Schiffer sein Schiff ver- 
lasse, wenn sich ein Ungestüm erhebet. 

Der fünfte Punkt, wenn man etliche von hinnen nach Garsten, 
Linz oder wohl gar nach Prag fordern würde. 



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— 174 — 

Der ganze Rat sei nicht schuldig, zu erscheinen, sondern solle 
einige Abgesandte schicken. Diese sollen sich aber zu nichts ver- 
pflichten. Lege man ihnen aber Beschwernisse auf, so sollten sie 
gern um Christi willen etwas auszustehen bereit und keine zarten 
Christen sein. Setze man ihnen weiter zu, so sollen sie ihren 
Glauben schlicht nach den Hauptstücken des Katechismus bekennen, 
sich sonst aber nicht zu weit hinausgeben, wenn man anfinge, 
mit ihnen zu spintisieren oder zu grübeln. Solches freudige, mit 
christlicher Bescheidenheit getane Bekenntnis werde Gott schützen; 
einen kleinen Rauch aber lasse man sich nicht beißen oder ver- 
jagen, es werde bald besser werden. 

Der sechste Punkt von der Trai ntenstiftun g^), wenn 
man deßhalben angefochten würde. 

Enthält eine eingehende kirchenrechtliche Anweisung, wie 
man den Beweis zu liefern habe, daß die Gelder dieser Stiftung 
mit Recht zum Unterhalte der Steyrer Geistlichkeit verwendet 
seien, nicht aber dem Prälaten von Garsten zukämen. 

Der siebente Punkt, wenn man entweder auf gemeine oder 
private Sachen, als Libereien, Hausrat, oder anderes entweder dem ge- 
meinen Nutz oder den Priestern sonderlich Zugehörige greifen wollte. 

Man solle die Libereien nicht flüchten, denn wenn man sie 
vielmehr mit Fleiß den Kommissaren zeige, so habe man ein 
bequemes Mittel, durch Schrift und Druck das christliche Bekenntnis 
fortzusetzen. Es handle sich aber auch um die etwaige Einziehung 
der Barschaft und des Hausrates der Priester als Klostergut. Aus 
einer umständlichen kirchenrechtlichen Auseinandersetzung wird 
bewiesen, daß nicht den Religiösen der Klöster, wohl aber den 
clericis laicatus das Eigentumsrecht auf genannte Güter zustehe. 

Der achte Punkt, ein kurzer summarischer und gründlicher 
Bericht der vornehmsten Artikel christlicher Lehre, wie es mit 
derselben in der Kirche und Gemeinde zu Steyr durch göttliche 
Verleihung gehalten wird. 

Der neunte und letzte Punkt, den Vertrag Herzog 
Albrechtens, so zwischen dem Abt zii Garsten und einem ehr- 
samen Rat und Bürgerschaft zu Steyr ergangen, betreffend. 

Umfaßt eine längere Nachweisung der laut jenes Vertrages 
den Steyrern zustehenden Rechte und Vorteile und eine Lobes- 

Eine jetzt mit den kirchlichen Stiftungen der Stadtpfarre vereinte 
Wohlfahrtsstiftung. 



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- 175 - 

erhebung der Verdienste Albrecht V. und schließt dann folgender- 
maßen zugleich die ganze Schrift : »Hätte Albrecht sein Regiment 
länger erstärket alß nur auf das andere jar, würde er dem Bapst 
vnd seinen Hauffen besser aufgegossen haben. Nun dazumal war 
die Zeit des AntiChristentums, strafete vnd verhengte Gott aus 
gerechtem Zorn, jezunde ist der greuel der Verwüstung entdecket, 
da muß er herab, darzue wolle Gott solche Albertos erwecken, 
die es in Christlicher einfalt getrost wider dises Tyrannische reich 
wagen vnd der Babylonischen Pauken iren verdienten lohn geben. 
Der Allmächtige Herr Zebaoth wird zuvorderst alda, laut seiner 
wahrhaftigen Verheißung im thun sein, welchem sey ehre vnd 
preiß von nun an biß in ewigkeit. Amen.« 

Auf Grund der in dieser Schrift niedergelegten theologischen 
und rechtlichen Gedanken versuchten denn nun die Steyrer ihr 
Heil. Sie schienen Glück zu haben. Vom Februar bis Ende November 
1558 verlautete nichts über neue Maßregelungen. Ein ungeheures 
Hochwasser im Juni ließ sie, wie Prevenhueber scherzt, denken, 
daß die großen Güsse alle Verordnungen des Landeshauptmannes 
hinweggeschwemmt hätten. Der aber brüstete sich, er werde den 
trotzigen Steyrern, deren Köpfe längst hätten auf dem Pflaster 
springen müssen, außer dem Pönfall noch ein ander Ei zum Aus- 
brüten unterlegen. So geschah es. Die um die Warnungen Wohl- 
unterrichteter unbekümmerten Steyrer empfingen Ende November 
1598 die schärfste Wiederholung des Mandates vom 13. Februar, 
dazu noch die Erhöhung der Pön auf das Doppelte, auf 8000 Dukaten, 
und den Erlaß auf Landesverweisung des »meineidigen« Pfarrers 
Lämpl. 

Der Berichterstatter hat in die sehr sauberen und deutlichen, 
wohlgeordneten und gebundenen Protokolle des Stadtrates Einsicht 
nehmen können.^) Diese beleben die kurze Erzählung der Ereignisse 
bei Prevenhueber ungemein und lassen uns an der fieberhaften 
Erregung der Bürgerschaft über die gewaltsame Zerstörung ihres 
Kirchen- und Schulwesens teilnehmen. Die Mitteilung des Befehles 
des Landeshauptmannes rief zunächst einen erregten Auflauf der 
Bürger vor dem Rathause hervor, wobei offen zum bewaffneten 
Widerstände aufgefordert ward, wenn man ihnen der »Seelen 
Speise« entziehen wolle. Der besonnene Rat entsandte den ehe- 
maligen Bürgermeister Hieronymus Händl und den Patrizier Hans 

^) Sie beginnen mit dem Jahre 1568. 



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- 176 - 

Stauder nach Linz zur Beratung mit den anderen evangelischen 
Ständen. Anfang Jänner 1599 brachten sie den traurigsten Bescheid 
heim. Eine neue, wohl aussichtslose Protestation und Petition sei 
beschlossen und dem Kaiser zugesandt worden. Am 2. Jänner 
fand die erste Sitzung des Rates über diese Religionssachen statt; 
mit Ausnahme des 3. und 13. Jänner folgten ihr bis zum 14. Jänner, 
wo die Prediger abzogen, täglich Sitzungen. Die zu der Sitzung 
am 2. Jänner zugezogenen Prediger Joachim Müller und Balthasar 
Richter erklärten sich dermaßen: Ein rechtschaffener Christ müsse, 
soviel die Beständigkeit angeht, seinen Überschlag machen und 
bereit sein, für Christus sein Hab und Gut, Leib und Leben in 
die Schanze zu schlagen. Der Verfall des publicum religionis werde 
die größten Drangsale nach sich ziehen. Wenn man in den Schriften 
nur politisch, nicht auch theologisch rede, so halte es den Stich 
nicht. Werde das exercitium religionis einmal abgeschafft, so müsse 
ein Wunder geschehen, wenn man es wieder hieher bekommen 
solle. Der Rat allein könne die Prediger nicht abschaffen, sondern 
bedürfe dazu den Konsens der Bürgerschaft. Ein Ausschuß solle 
gewählt werden und vor den Kommissaren einen Fußfall tun. 
Alle Viertelmeister sollen um 12 Uhr aufs Rathaus kommen und 
jeder vier aus der Gemeinde mitbringen, damit die tauglichen 
Personen erwählt würden. 

Das geschah denn auch an demselben Tage. 

Das Protokoll vom 4. Jänner bringt die Namen der 21 Ge- 
sandten aus der Bürgerschaft und berichtet, daß sie an diesem 
Tage gen Linz gereist seien. 

Zur Sitzung am 5. Jänner wurden abermals die Mitglieder 
des Ministeriums eingeladen. Unter Hinweis auf den dringenden 
Rat der nicht gen Linz gesandten Händl und Stauder,- die große 
Kirche zu sperren, wurden sie um ihre Meinung hierüber befragt, 
auch ob man sie selbst an einen anderen Ort bringen lassen und 
ob man nach Sperrung der Pfarrkirche noch in der Spital- und 
Klosterkirche predigen lassen solle. Sie antworteten: Da die Religion 
nicht an einen äußerlichen Tempel gebunden sei, könne man ja 
die Pfarrkirche sperren, aber in den anderen weiterpredigen lassen. 
Der Gemeinde solle man mitteilen, daß dies nur zur Beruhigung 
des Kaisers geschehe, daß man aber von der bisher bekannten 
Religion nicht abweichen wolle. Um ihre Personen seien sie nicht 
besorgt; sie trauten Gottes Schutz und hielten sich am meisten 



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- 177 - 

in ihren Häusern und neben ihrer feinen christlichen Nachbarschaft 
gesichert. Man solle nur, was mangelhaft an Türen und Fenstern 
sei, verbessern lassen. 

Demzufolge beschloß der Rat und ließ auch die Nachbarschaft 
ermahnen, ihr fleißiges Aufsehen auf die Sicherheit der Prediger 
zu haben. 

Nachdem sich der Rat am 6. Jänner des weiteren mit den 
Berichten aus Linz beschäftigt hatte, erfolgte am 7. Jänner eine 
neue Beratung mit dem Ministerium. Auch die vorgeladenen Viertel- 
meister erstatteten Bericht. Dieses Protokoll interessiert wegen der 
mannigfachen Variationen der Stimmung auch, weil die Prediger 
des Kaisers gelindes Herz rühmen. 

Unter dem 8. Jänner wurde beschlossen, dieweil Herr D. Paul 
Garzweiler in dieser Religionstractation fast das fac totum, so sollte 
man ihm zu etwas limitirung ain 50 Dukaten vnd seiner haus- 
frauen 25 von Gemainer statt wegen verehren. Am 3. Jänner 
schnellte die Hoffnung wieder etwas empor. Es war von Linz 
vermeldet, daß die Kommissare Stillstand halten sollten, weil der 
Kaiser mit den Erzherzögen Maximilian und Matthias sich über 
die Reformation ins Benehmen setzen wolle. Man beschloß dem- 
nach, nicht zu berichten: man habe das Predigen bereits an allen 
Orten eingestellt, sondern: das Predigen sei in dieser großen Kirchen, 
der Zeit doch unbegeben, eingestellt, und dieselbige gesperrt. 

10. Jänner. Die gen Linz geschickten Schriften wurden von 
den Gesandten als »viel zu stark gestellt« befunden und daher 
vom Rate korrigiert und zurückgegeben. 

11. Jänner. Auf neuerliche, »sehr betrübliche« Nachrichten 
aus Linz schlug der Rat den Predigern vor, sie auf etliche in der 
Nähe gelegene Schlösser zu ihrer Sicherheit bringen zu lassen. 
Diese hingegen ersuchen, daß sie ein jeder in der Nähe und an 
einem sicheren Orte sich ein Zimmerl beschaffen dürfen, weil es 
ihnen auf den Schlössern und Hofhaltungen um mancherlei Ursachen 
willen nicht bequem sei. Dem wurde auch nachgekommen. Die 
Amtshandlungen ohne das Predigen sollte der alte Herr Conrad 
im Spital verrichten. Der Pönfall solle mit Hammermeisterschuld- 
briefen entrichtet werden. 

12. Jänner. Die Viertelmeister und Ausschüsse erschienen in 
der Sitzung und widersetzten sich anfänglich der Abschaffung des 
Predigens sehr stark, ergaben sich aber, als man ihnen die große 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. "12 



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- 178 - 

Gefahr vorstellte; nur verlangten sie die Behaltung der Prediger 
bis auf eine Zeit in der vorigen Bestallung. Auch sollte man sie 
an sichere Orte bringen und sonst für sie interzedieren. Das wurde 
auch beschlossen. Die mit Herrn Conrad getroffene Vereinbarung 
wurde den Viertelmeistern kundgegeben; Hochzeiten, mit Ausnahme 
der unaufschieblichen, sollten nicht stattfinden, bei Begräbnissen 
sollte nur der Kantor mit den Astanten^) mitgehen. Saitenspiel, 
Tanzen und Schlittenfahren, Fressen und Saufen soll alles durch 
ein offenes Edikt eingestellt und verboten sein. 

Die Sitzung vom 14. Jänner beschäftigt sich mit dem Pön- 
fall, mit der weiteren Politik, um das exercitium religionis zu 
behalten, und mit einer Supplikation des Predigers M. Joachim 
Müller. Über die ersten Fragen hatte man den Rat zweier Juristen, 
des Dr. Schwarze und des Matthias Winkler, eingeholt, die aber 
nicht viel Trostreiches zu raten hatten, dieweil es heiße: sie volo, sie 
jubeo, Sit pro ratione voluntas. Dennoch beschied man den M. Müller, 
daß seine Bestallung bis auf bessere Zeit aufrechterhalten bleibe, 
nur solle er sich inzwischen in sein Pathmos begeben. 

Hiemit schließen die Versuche, das Öffentliche exercitium 
religionis zu behaupten, ab. Sein zeitweiliger Untergang war be- 
siegelt. Das Wölklein war nicht vorübergezogen, sondern hatte sich, 
verderbenschwanger, entladen. Zur Exekution des Pönfalles erschien 
der Landrichter Rechberger. Bezüglich der Religion spendeten der 
Landeshauptmann und Dr. Garzweiler mageren Trost. Die evange- 
lischen Geistlichen verließen in bitterer Kälte unter großer Trauer 
der ganzen Bürgerschaft die Stadt. Die Angaben Prevenhuebers^) 
darüber können aus den Ratsprotokollen ^) ergänzt werden. Der 
Pfarrer Wolfgang Lämpl durfte noch seine Abschiedspredigt halten, 
worum er in einem im Stadtarchive enthaltenen Briefe gebeten hatte. 
Müller und Renmann bekamen 50 bzw. 30 Taler Zehrgeld und gingen 
nach St. Peter, in die Nähe, damit man sie allzeit zur Hand hätte. 
Der letztere blieb aber nicht dort, sondern begab sich mit Lämpl nach 
Wittenberg. Richter wurde Superintendent zu Eisfeld in Franken. 

Die Einsetzung des katholischen Stadtpfarrers Dr. Rueff von 
Wien, die dabei stattgefundenen Unruhen und gefängliche Ein- 
ziehung von fünf Bürgern in Linz, bis die Pön bezahlt wurde, 

^) Chorknaben. 

2) p. 325. 

3) Vom 23. Mai, 22. September, 8. Oktober, 22.' November. 



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- 179 — 

berichtet Prevenhueber eingehend. Dagegen verschweigt er, daß 
die evangelischen Gottesdienste trotzdem im verborgenen statt- 
fanden. Die Ratsprotokolle vom 22. September, 8. Oktober und 
22. November bringen es ans Licht, daß der Rat in der Schul- 
kirche und im Spitale nach wie vor evangelischen Gottesdienst 
abhalten ließ, in ersterer alle Morgen um 7 Uhr das »Türkengebet 
und ain Summer«^), dagegen im Spitale sonntäglich Kinderlehre und 
in einer Stube Kommunion. Die Funktionen hatten obengenannter 
Conrad und als derselbe wegen Altersschwachheit nicht mehr 
konnte, M. Joachim Müller und M. Andreas Renmann. Doch war 
beiden die größte Vorsicht zur Pflicht gemacht. Das hat bis nach 
der Aufhebung der berühmten lateinischen Schule und nach dem 
Abzüge des Rektors derselben, M. Georgius Mauritius, und der 
anderen Lehrer, worüber Prevenhueber berichtet, fortgedauert. Es 
nahm sein Ende erst, als Anfang März 1600 der Bürgermeister, der 
Stadtrichter und ein Ältester nach Linz befohlen wurden, woselbst 
der Landeshauptmann sie mit Arrest bedrohte, wenn sie nicht den 
M. Renmann abschaffen würden. Dazu verpflichteten sie sich denn 
auch. Doch erhielt der Prediger noch eine Frist bis nach Ostern. 2) 

Von da an schweigen die Protokolle über den evangelischen 
Gottesdienst ganz und berichten nur wiederholt über scharfe Erlässe 
gegen das unkatholische Wesen, insbesondere gegen das Aus- 
laufen zum Gottesdienste auf den Schlössern Losensteinleiten und 
Stadelkirchen. 

In dem ehemals Madlsederschen Hause am Stadtplatze be- 
findet sich im hinteren Teile ein geräumiger Saal mit schönen 
Kreuzgewölben, jetzt ein Eisenwarenlager. Derselbe hat geheime 
Fächer in den Wänden und einen ziemlich versteckten Ausgang 
nach der alten, jetzt abgebrochenen Stadtmauer an der Enns. Dort 
hat, wahrscheinlich schon damals bei der ersten Gegenreformation 
in Steyr, wie sicher bei der zweiten, bis zur Wiedereinführung des 
Evangeliums im Jahre 1608 seine versteckte Zuflucht gefunden 
das evangelische Bekenntnis von Steyr. 



•) Summar, summarische Texterklärung. 

-) Protokoll ohne Angabe des Tages zwischen dem 7. und 10. März 1600. 



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VII. 

Der Bauernkrieg in Oberösterreich. 

Von Oberlandesgerichtsrat i. R. Julius Strnadt. 

Im Jahre 1891 wurde »Der oberösterreichische Bauernaufstand 
des Jahres 1626« von Dr. Felix Stieve, Professor an der tech- 
nischen Hochschule in München, in zwei Bänden (Text und An- 
merkungen) ausgegeben. Zum erstenmale wurden die Aktenmassen 
in den Münchener Archiven herangezogen, die bisher benützten 
Flugschriften und Gerüchte kritisch geprüft und auf ihren geringen 
Wert oder völligen Unwert zurückgeführt, Mythen und tendenziöse 
Entstellungen zerstört. War man nach Kurz, Czerny und Pröll 
gewohnt, in den aufständischen Bauern Räuber, Mörder und Hoch- 
verräter zu erblicken, so zeigte das neue Gemälde ein zur Ver- 
zweiflung getriebenes Volk im Ringen um die Bewahrung des 
von seinen Ureltern überkommenen Glaubens, in mutvoller Ver- 
teidigung von Weib und Kind gegen brutale Gewalt. Gewiß mit 
vollem Rechte hat vor zwei Jahren ein Kritiker das Jahr 1626 
die Heldenzeit des oberösterreichischen. Volkes genannt. 

So überraschend und die bisherige Anschauung umstürzend 
waren die Ergebnisse des Werkes, daß — den nun dahingeschiedenen 
Professor Dr. Engelbert Mühlbacher in Wien ausgenommen — 
auch die Fachwelt die ganze Tragweite der Forschung nicht völlig 
erkannte, wie denn auch der mühevollen Arbeit der Kritiker des 
Leipziger »Literarischen Zentralblattes« sehr kühl gegenüberstand. 
Geistliche Fachmänner beanstandeten, daß Stieve, wie sie meinten, 
Herberstorf und die bayerische Herrschaft im Lande »reinwaschen« 
wollte und in der gewaltsamen Zurückführung des Landes zum 
katholischen Bekenntnisse die Hauptursache der allgemeinen Er- 
hebung fand. Selbst Czerny machte dem ihm bisher befreundeten 
Stieve den Vorwurf, derselbe habe ganz in protestantischem 



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- 181 - 

Sinne geschrieben, und eine Jesuitenstimme erhob im Linzer »Volks- 
blatte«, in welchem ich Stieves Werk im vorhinein empfohlen 
hatte, Einsprache gegen diese gefährliche Lektüre. 

Unter diesen Umständen wurde die Verbreitung des Lebens- 
werkes Stieves Jahre hindurch auf die Fachwelt beschränkt, bis 
es während der nationalen Kämpfe in Österreich der noch von 
Idealen erfüllten deutschen Jungmannschaft gelang, mit dem Buche 
nicht allein die gebildeten Kreise des Mittelstandes, sondern auch 
Bauern, zumal Mitglieder des oberösterreichischen Bauernvereines, 
bekannt zu machen. Es geschah das nach den Anfängen für un- 
glaublich Gehaltene: die Auflage wurde erschöpft und die Nach- 
frage dauerte trotz des höheren Preises fort. 

Frau Agnes Stieve, die hochgeistige Witwe des Gelehrten, 
entschloß sich ohne Rücksicht auf entstehende Kosten zur Aus- 
gabe einer zweiten Auflage des Werkes, die nunmehr in dem 
Lande, welchem ihr Gemahl so zugeneigt gewesen und dessen 
Ehrenrettung er 25 Jahre seines Lebens geweiht hatte, unter der 
Obhut eines Oberösterreichers erscheinen sollte;^) der Vorschlag, 
dem Werke das getreue Bildnis des Verfassers beizugeben, wie er 
beim Abschlüsse seiner Forschungen leibte und lebte, wurde von 
ihr in hoher Pietät gebilligt. 

Der Text im ersten Bande blieb in der Hauptsache unberührt, 
nur die von Stieve selbst gegebenen Nachträge und einzelne 
Berichtigungen wurden eingesetzt und die Schlacht bei Gmunden 
nach der Erzählung des Med. Dr. Ferd. Krackowitzer (Geschichte 
der Stadt Gmunden) geschildert; im zweiten Bande dagegen er- 
hielten sowohl die Anmerkungen als auch die Beilagen eine ziem- 
liche Bereicherung, indem ich den ganzen Stoff aus den An- 
merkungen in meiner volkstümlichen Darstellung »Der Bauern- 
krieg in Oberösterreich« 2) einrücken, die zwei vertraulichen Berichte 
Herberstorfs an Erzherzog Leopold aus den Jahren 1624 und 1625, 
weiters den über den Hergang bei der Gegenreformation außer- 
ordentlich belehrenden Brief des Grafen Franz Christof Kheven- 
hiller an den Dechant Krieg von Vöcklamarkt und einen Auszug 
aus dem liber historiarum Traunkirchensium, welcher das Walten 
der Jesuiten beleuchtet, abdrucken ließ, sowie die Anmerkungen 
die Namen jener 100 Bauern (je 25 aus den vier Vierteln), welche 

*) Erscheint in Lieferungen. 
2) 3. Aufl. Wels 1902. 



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- 182 - 

im September 1626 die Abbitte an den Kaiser unterzeichneten, 
enthalten. 

Auf diese Weise darf Stieves Arbeit auch fortan als ab- 
schließende bezeichnet und mit Genugtuung ausgesprochen werden, 
daß gerade die beigefügten Nachträge zeigen, daß Stieve in allen 
Dingen richtig gesehen und, wie die oben erwähnten geheimen Berichte 
(auch zitiert von Riezler im V. Bande, S. 295, seiner Geschichte 
von Bayern) dartun, keineswegs tendenziös den Statthalter »reinzu- 
waschen« suchte, vielmehr Herberstorf vom Kurfürsten und vom 
Kaiser (bezüglich dieses siehe die Stelle aus Pflügls »Widerlegung 
der Bauernbeschwerden« in meinem »B. K.«, S. 151, Anm. 78) 
angewiesen worden ist, mit Schärfe zu strafen und Exempel zu 
statuieren. 

Akten über den Bauernkrieg sind allerdings noch in ver- 
schiedenen Archiven, teilweise in unzugänglichen, vorhanden, neue 
Funde können weitere Einzelnheiten bringen, werden aber das von 
Stieve mit sicherer Hand entworfene Bild niemals zu verändern 
vermögen. Einen großen Verlust für die Geschichte des Volks- 
krieges sowie der Gegenreformation bedeuten die Verkäufe und 
Verschleppungen der reichen Bestände der Archive von Köppach, 
Kamer und Ort im Traunsee, von welchen nur verhältnismäßig 
wenige Trümmer in sichere Hände gelangt sind. 

Zum Schlüsse möge noch erwähnt werden, daß auch die 
Stelle, an welcher Stefan Fattinger und Christof Zeller im See- 
bacher Moose verscharrt worden sind, wieder entdeckt worden ist; 
es ist die Parzelle 872 der Katastralgemeinde Pupping, noch jetzt 
gehörig zur fürstlich Starhemberg'schen Landtafeleinlage, Herrschaft 
Burg Eferding. Eine Mappenskizze dieser Örtlichkeit als auch des 
alten Fattingerhofes wird gleichfalls der Anmerkungenband von 
Stieve enthalten, um zu verhindern, daß diese jedem wahrhaft 
sein Vaterland Liebenden teueren Stellen jemals dem Gedächtnisse 
des oberösterreichischen Volkes entschwinden. 



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VIII. 

Zur Geschichte der Reformation und Gegen- 
reformation in Innerösterreich. 

Rückblick und Ausschau 

von 

Dr. J. Loserth, 

0. ö. Universitätsprofessor in Graz, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien. 

Wenn man die ältere Literatur über die Geschichte des Pro- 
testantismus mit kritischem Blicke übersieht, man wird nicht viel 
Erbauliches finden. Daß so wenige grundlegende Werke über diesen 
Gegenstand vorhanden sind, lag und liegt freilich viel weniger 
an den Personen, als an den Verhältnissen, wie sie in der vor- 
märzlichen Zeit und ebenso auch noch in der Zeit des Konkordates 
in Österreich bestanden haben. Ja, wer einen genaueren Einblick 
in die Sache gewonnen hat, wird leicht finden, daß sie zum Teile 
heute noch vorhanden sind. So mag man es heute noch beklagen, 
daß bisher keine systematische Durchforschung aller Materialien 
zur Geschichte des innerösterreichischen Protestantismus erfolgt 
ist; denn was hierin bis zu dieser Stunde geleistet wurde, trägt 
teils die deutlichsten Spuren des Dilettantismus an sich, ist meisten- 
teils ganz zufälligen Motiven entsprungen und zeigt einen starken 
Zug in das rein lokale Element. Vielleicht trägt an diesem Mangel 
auch die in vielen Kreisen förmlich epidemisch gewordene Scheu 
vor größeren oder kleineren Materialiensammlungen bei, die viel- 
leicht jene Leute am eifrigsten bekunden, denen es nicht bekannt 
ist, wie langwierig, oft auch wie langweilig jenes Arbeiten ist, 
welche schweren Probleme es in einer großen Anzahl von Fällen 
zu lösen hat, welche Entsagungen die Arbeiter auf sich nehmen 
und wie wenig diese »Handlanger« trotzdem auf Anerkennung zu 
rechnen haben. Und doch haben sie der Wissenschaft die wichtigsten 
Dienste geleistet und ihre Leistungen erfüllen in vielen Fällen auch 
dann noch ihren Zweck, wenn selbst kunstvolle oder geistreiche 



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- 184 - 

Darstellungen größerer oder kleinerer Geschichtsperioden längst 
antiquiert oder unmodern geworden sind. Jedenfalls wird sich 
G. Loesche den Dank weiter Kreise verdienen, wenn einmal sein 
groß angelegtes Regestenwerk zur Geschichte des österreichischen 
Protestantismus das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben wird. 
Dann wird man erst einen allgemeinen Überblick in die Genesis 
und allmähliche Ausbreitung der protestantischen Lehre in der 
ersten Hälfte des XVI. und ihrer Vertiefung in der zweiten Hälfte 
desselben Jahrhunderts gewinnen können. Schlechter als für die 
Zeit der Gegenreformation ist es mit den Quellensammlungen für 
die Geschichte der Reformation bestellt. Wer sich heutzutage mit 
der Geschichte der Reformation in Steiermark, Kärnten und Krain 
befassen will, ist noch auf die ihrerzeit zwar sehr verdienstlichen 
Zusammenstellungen eines Bernhard Raupach und Georg Ernst 
Waldau angewiesen. Wie spärlich in diesen Werken die Reformation 
von Innerösterreich bedacht ist, ist ja bekannt genug, und doch 
konnte man es schon in der josephinischen Zeit wissen, wie 
interessant die sogenannten Protestantenakten sind, welche in 
unseren Reichs-, Landes-, Städte- und Privatarchiven schlummern. 
Man konnte das z. B. schon aus Josef Karl Kindermanns Bei- 
trägen zur Vaterlandskunde für Innerösterreichs Einwohner (Grätz 
1790) entnehmen, die unter dem Titel »Religionszwist zwischen 
Herzog Karl und den Steiermärkischen Landständen« eines der 
interessantesten Gemälde aus der Zeit der Anfänge der Gegen- 
reformation in Steiermark enthalten. Freilich hatte die Zeit, die 
dem edlen Kaiser Josef folgte, an solchen Arbeiten kein rechtes 
Gefallen "•) und so wurden selbst diese durch Kindermann 

Um die Auffassung weiter Kreise jener Zeit zu zeichnen, genügt 
es, hier die naiven Worte herzusetzen, mit denen Kindermann seine 
Publikation einbegleitete: »Diese Aktenstücke sind in mancherlei Betracht 
lesenswürdig. Man ersieht daraus den Geist der Schwärmerey, der dazumal 
die Steyermärker ergriffen hat. Man entdeckt, daß auch hier die Diener eines 
sanften Gottes (ein Pastor und ein Hofprediger) die Triebfedern einer gefähr- 
lichen Zwietracht zwischen Herrn und Unterthanen gewesen sind. Man be- 
merkt die Gränzen der Macht, die dazumal zwischen dem Landesfürsten 
und dem Adel gezogen waren. Die Aktenstücke, welche hier geliefert werden,, 
erscheinen ganz unverändert, gekleidet' in dem Kostüm des XVI. Jahrhunderts, 
damit auch die Sitten- und Sprachforscher ersehen mögen, wie weit die 
Steyermärker vor 210 Jahren in der Kunst, sich auszudrücken, gekommen 
sind. Am Ende werden einige seufzen, mehrere lächeln, daß sich alles nach 
so kurzem Zeiträume so gewaltig ändern konnte.« 



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- 185 - 

publizierten Akten in unseren Tagen durch Luschin erst wieder 
neu entdeckt und sodann in ihrer Bedeutung gewürdigt.^) Zu- 
sammenfassende Darstellungen der Geschichte der Reformation 
und Gegenreformation in Innerösterreich hatte man in der ersten 
Hälfte des XIX. Jahrhunderts nicht aufzuweisen, und in den all- 
gemeinen Geschichten der einzelnen Länder wurde der Reformation 
keine besondere Beachtung geschenkt oder sie wurde in einer 
Weise behandelt, die in diesen Sachen einen inneren Zusammen- 
hang nicht erkennen läßt. Wer beispielshalber in dem seinerzeit 
berühmten Werke Muchars, dessen Schlußband noch die Anfänge 
des Protestantismus in Steiermark behandelt, nach diesen Materien 
sucht, muß sie mühevoll genug an den zerstreuten Stellen zusammen- 
suchen 2) ; wo Muchar aber sonst auf den Gegenstand zurückkam, 
geschah dies in Sammlungen, die nicht allgemein verbreitet waren ^), 
und so, daß schon der Titel das Tendenziöse der ganzen Zusammen- 
stellung erkennen läßt. 

Erst in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts wurde es 
in dieser Hinsicht besser. Für die steirische Reformationsgeschichte 
und namentlich für die Geschichte der berühmten ständischen 
Stiftsschule in Graz hat Dr. Richard Peinlich eine Anzahl ver- 
dienstvoller Schriften veröffentlicht, die auch heute noch ihren 
großen Wert behaupten — auch nach den Studien und größeren 
Werken"^), die wir dem Fleiße des Grazer Professors Franz v. Krön es 
verdanken. Eine besondere Anerkennung verdient Peinlich auch 
noch deswegen, weil er, wiewohl Ordensgeistlicher, die Tätigkeit 
dieser protestantischen Schulmänner mit einer geradezu wohltuenden 
Objektivität geschildert hat. Jedenfalls haben seine Schriften viel zur 
besseren Erkenntnis der protestantischen Bewegung im Lande bei- 
getragen. 5) Nicht dasselbe günstige Urteil läßt sich über Robitsch' 
Geschichte des Protestantismus in Steiermark^) aussprechen, dessen 



^) Bilder aus der Reformationsgeschichte in Steiermark. Zeitschrift für 
deutsche Kulturgeschichte, N. F. II, S. 23. 

2) Das Verzeichnis zu Bd. IX, 65. 

3) Muchar, Zur Geschichte der steiermärkischen Religionsunruhen. 
Hormayrs Arch. 1819. 

'*) Hieher gehört namentlich seine Geschichte der Grazer Universität. 
Graz 1886. 

5) Nekrolog im XXXI. Bande der Mitteilungen des Vereines für steier- 
märkische Landeskunde. 

6) Graz 1859, 2. Aufl., 1865. 

12* 



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- 186 - 

Tendenz eine scharf ausgesprochen ultramontane ist. Für die älteren 
Partien ist es aber auch heute noch von großem Werte, da es 
weitläufige Auszüge aus Materialien enthält, die dem Seckauer 
Ordinariatsarchive entnommen sind, zweifellos einer reichhaltigen 
Quelle für die Reformationsgeschichte der Steiermark, die mir leider 
zu meinen Studien nicht geöffnet werden konnte. In dem Buche 
von Robitsch findet sich z. B. das große interessante Visitations- 
protokoll von 1528, das zum erstenmale verläßliche Kunde über die 
Ausbreitung und Vertiefung der kirchlichen Bewegung im Lande gibt. 
Eine ausgesprochene Tendenz kündigt sich auch in der sonst ver- 
dienstlichen, wenngleich anspruchslosen Darstellung W. v. Geblers, 
Geschichte des Herzogtums Steiermark von der ältesten Zeit bis 
auf unsere Tage^), an; hier wird die kirchliche Bewegung des 
XVI. Jahrhunderts als eine Revolution behandelt, »die sich auf 
die friedlichen Klöster und die frommen Stätten stiller Andacht 
entlud« (S. 290). Man darf sich über solche Ansichten nicht 
wundern. Die meisten Schriften jener Tage über steirische Geschichte 
im Reformationszeitalter sind von den Ansichten und Tendenzen 
durchtränkt, welche die historiographische Tätigkeit Friedrich 
Hurters kennzeichnet, eine Tätigkeit, auf die man freilich seine 
eigenen treffenden Worte (Ferdinand II., S. XVII) von Geschichts- 
macherei im Gegensatze zur Geschichtsschreibung beziehen wird. 
Wie sich der Haß gegen alles, was protestantisch ist, durch alle 
Schriften dieses merkwürdigen Konvertiten zieht, so haben sie 
auch die Arbeiten späterer Historiker stark beeinflußt. Wir können 
solche Schriften an dieser Stelle übergehen. Wichtiger dagegen 
sind manche Arbeiten, die in den steiermärkischen Zeitschriften 
erschienen sind und wobei man gern Namen, wie Hofrichter, 
Ilwof, Krones, Horawitz, Kümmel, Pichler, Zwiedineck, 
Czerwenka, Otto und Doleschall, nennen mag. Da ^eine sorg- 
same Zusammenstellung der meisten dieser da und dort zerstreuten 
Materialien aus sachkundiger Hand bis zum Jahre 1892 vorliegt 2), 

^) Graz 1862. Die Bücher über steirische Geschichte, soweit sie, wie 
die von Reichel, Jaucker usw., dem Schulunterrichte dienen, werden in 
dieser Übersicht übergangen. Wer hier Vollständigkeit sucht, findet das 
Wünschenswerte in Schlossar, Die Literatur der Steiermark, Graz 1886. 

2) Lu sc hin, Übersicht der in den periodischen Schriften des historischen 
Vereines für Steiermark bis einschließlich 1892 veröffentlichten Aufsätze usw. 
Graz 1894. Dazugezogen müssen nun auch die einzelnen Bände des Jahr- 
buches für Geschichte des Protestantismus noch werden. 



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SO mag hier nur an einige Arbeiten aus späterer Zeit erinnert 
werden. Vieles danken wir dem großen Eifer J. v. Zahns, der 
in seinen Steiermärkischen Geschichtsblättern dieser Seite der 
Geschichte der Steiermark eine eigene Abteilung (Reformation und 
Gegenreformation) gewidmet hat und vornehmlich aus der Kor- 
respondenz der Landesfürsten mit Rom interessante Materialien 
mitteilt. ■•) Das Eingehen dieser Zeitschrift war zu beklagen, denn 
sie hat nach dem Motto »Wer vieles bringt«, jedem etwas 
gebracht und unsere Abteilung ist dabei nicht zu kurz gekommen. 
Die Mitteilungen des historischen Vereines für Steiermark, eine 
Zeitschrift, die nun leider auch den Weg alles Irdischen gegangen, 
brachte zunächst die Aufsätze von A. Starzer, Die Residenz der 
Nuntien in Graz^), und von Michael Mayr, Einiges aus den Be- 
richten der Grazer Nuntiatur^), die beide wichtige Einzelnheiten 
aus der Zeit der Gegenreformation am Grazer Hofe bringen. Über 
die alte Landschaftsschule in Graz, die Vorläuferin der berühmten 
protestantischen Stiftsschule, verbreitet sich ein lehrreicher Aufsatz 
Dr. Ferdinand Khulls.'*) Die Durchführung der Aufhebung des 
Jesuitenordens in Graz schilderte Franz Lang auf Grundlage eines 
Grazer Wochenberichtes über Grazer Neuigkeiten, die ein ungenannter, 
aber gut unterrichteter Verfasser in den Jahren 1773 und 1774 
an einen vornehmen Herrn auf dem Lande eingesendet hat^); der 
Vermählung Erzherzog Karls mit Maria von Bayern, mit der, wie 
man weiß, die Zeit des bayerischen Einflusses in Österreich an- 
hebt, widmete H. v. Zwiedineck eine Betrachtung, bei der er 
die gleichzeitige Relation Friedrichs von Limburg und Melchiors 
von Schallhausen hierüber zum Abdrucke bringt.^) 

in dieser Zeit setzt meine Tätigkeit für die Geschichte der 
Reformation und Gegenreformation in Steiermark ein. Ich hatte 
nämlich als Nachfolger des 1892 mit Tod abgegangenen Professors 
Arnold Busson im Lehramte der allgemeinen Geschichte an der 
Grazer Universität und zugleich als Mitglied der historischen 
Landeskommission die Bearbeitung der Verfassungs- und Ver- 

Steierm. G.-Bl. I, 69; II, 72, 137.; III, 65; IV, 23, 219; VI, 234, 235 u. a. 

2) Mitt. XLI, 117. 

3) Ebenda 126. 

4) Ebenda, V, 21. 

5) Ebenda, XLVI, 130. 

6) Ebenda, XLVII, 198. 



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- 188 - 

waltungsgeschichte Steiermarks unter Erzherzog Karl II. (1564 bis 
1590) übernommen, sah aber schon nach wenigen Wochen, daß 
zunächst einmal die kirchlichen Seiten seiner Geschichte erledigt 
werden müssen, ehe man daran denken könne, an die Bearbeitung 
einer Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte jener Zeit zu 
schreiten. Bei allen Verwaltungsmaßregeln, die Karl II. traf, 
mochten sie nun finanzielle, militärische oder sonstige Angelegen- 
heiten betreffen, immer spielt das kirchliche Moment mit herein, 
und das Studium dieser kirchenpolitischen Verhältnisse gab eine 
solche Fülle neuer Gesichtspunkte und Resultate, die von denen 
der Forscher früherer Zeiten weit abstanden, daß der Wunsch nahe 
lag, zunächst einmal diese kirchengeschichtlichen Fragen einer 
Erledigung zuzuführen. Ich begann meine Arbeiten im steiermärki- 
schen Landesarchive. Man hat sich, verleitet durch einige Rezen- 
sionen, die über mein Buch »Geschichte der Reformation und 
Gegenreformation in Innerösterreich« erschienen sind und die, wie 
es bei Rezensionen so oft der Fall ist. Wahres mit Falschem 
mischen, gewöhnt, dieses Archiv als das einer protestantischen 
Körperschaft anzusehen. Inwieweit dies der Fall ist, wird sich 
weiter unten ergeben. Ich will vorläufig nur betonen, daß ich die 
mühevolle Arbeit, die ich auf mich nahm, in so kurzer Zeit kaum 
bewältigt hätte, würde nicht der tüchtige Verwalter dieses Archives 
dadurch, daß er aus bisher zerstreuten archivalischen Einzeln- 
stücken eine Gesamtgruppe »Protestantenakten« schuf, mich in 
meiner Arbeit wesentlich unterstützt haben. Alle die hunderte und 
tausende Einzelnheiten, wie sie die Geschichte einer so imposanten 
Zahl protestantischer Kirchen- und Schulmänner enthält, die in 
Steiermark gewirkt haben, sind nunmehr leicht zu übersehen und 
manches Neue konnte aufgedeckt werden, wie z. B. neue Materialien 
zu Kepler, Frischlin u. a., deren hier nicht mehr besonders gedacht 
werden kann. Die wichtigsten Ergebnisse hatten indes meine Studien 
im Haus-, Hof- und Staatsarchive zu Wien. Indem es mir glückte, 
die so wichtigen Aktenstücke über die Münchener Konferenzen vom 
13. und 14. Oktober 1579 aufzufinden, in welchen die Grundzüge 
für die Durchführung der Gegenreformation in Innerösterreich vom 
größten bis ins kleinste dargelegt waren, hatte man nicht nur 
den bisher lange vergeblich gesuchten Zeitpunkt des Beginnes der 
Gegenreformation gefunden, sondern sah auch die Methode für 
ihre Durchführung in einer so scharfen, ganz eigenartigen Beleuch- 



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— 189 - 

tung, daß nun hunderte früher dunkle oder verdunkelte Beziehungen 
mit einem Schlage erhellt waren. An diese Studien in Wiener 
Archiven schlössen sich ähnliche in den Archiven von Klagenfurt, 
in Salzburg und vornehmlich in Innsbruck an, wo das Statthalterei- 
archiv eine reiche Fülle von Materialien für die kirchliche Bewegung 
Innerösterreichs im XVI. Jahrhunderte enthält. Naturgemäß konnten 
die Früchte dieser Studien nur allmählich reifen. Zunächst wurden 
einige kleinere Aufsätze veröffentlicht, die, wie z. B. »Die Wieder- 
täufer in Steiermark«, entweder an meine älteren Studien zur 
Geschichte der Wiedertäufer anknüpften, oder anläßlich der Studien 
zur Geschiebe einzelner Lehrer und Geistlichen die Schulgeschichte 
behandelten^), oder es waren Arbeiten, welche die Geschichte Erz- 
herzog Karls betrafen. 2) Doch bevor ich auf meine Arbeiten näher 
eingehe, halte ich es für gut, einige allgemeine Bemerkungen vor- 
auszuschicken. 

Zu den oft gehörten Vorwürfen, die neueren Darstellern der 
Reformationsgeschichte gemacht werden, darf man den rechnen, 
daß sie in einseitiger Vorliebe für die ungedruckten Materialien 
in den meisten Fällen sich zu wenig um das gedruckte Quellen- 
material und die ältere gedruckte Literatur bekümmern. Was 

^) Aus der protestantischen Zeit der Steiermark. Stammbuchblätter aus 
den Jahren 1582—1601. »Jahrbuch für Geschichte des Protestantismus«, 1895, 
Heft 11, S. 54. 

2) Die Reise Erzherzog Karls 11. nach Spanien (1568-1569). Ein Beitrag 
zur Geschichte des Don Carlos. »Mitt. d. hist. Vereines f. Steiermark«, XLIV, 
130 ff. Von den sonstigen kleineren Arbeiten seien hier angeführt: Zur Ge- 
schichte des Kryptoprotestantismus in Innerösterreich im XVII. und XVIII. Jahr- 
hunderte. Beilage zur »Allgemeinen Zeitung«, 1895, Nr. 272. Die Anfänge der 
Gegenreformation in Innerösterreich. Ebenda, 1897, Nr. 28, 29 und 31. Zur 
Geschichte der Gegenreformation in Innerösterreich. »Histor. Zeitschrift«, 
LXXVIII, 255. Wiederabgedruckt unter dem Titel »Kepleriana« im »Grazer 
Tagblatt« 23. Februar 1897. Den zusammenfassenden Artikel: Innerösterreich 
in Herzogs Reaiencykiopädie für protestantische Theologie und Kirche. 
3. Aufl. Von Hauck. Die Reformation und Gegenreformation in den öster- 
reichischen Aipeniändern. »Münchener Neueste Nachrichten« vom 28. und 
30. Mai 1899. Lieder aus der Zeit des Kryptoprotestantismus. »Grazer Tag- 
blatt«, 9. Februar 1897. Siehe übrigens auch den Artikel von Friedrich Schulz, 
Zur Geschichte Innerösterreichs. »Neue Freie Presse«, 22. und 25. April 1899. 
Was endlich die Angriffe der Ultramontanen auf meine Arbeiten betrifft, ist 
auf den Leitartikel im »Grazer Tagblatt« vom 5. April 1903 zu verweisen. 
Auch auf Chrousts Ausführungen in der Beilage zur »Allgemeinen Zeitung« 
vom 24. November 1900 mag in diesem Zusammenhange hingewiesen werden. 



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- 190 — 

Gindely, den dieser Vorwurf vornehmlich außer mir noch trifft, 
anbelangt, muß ich die Sache übergehen; ich selbst weiß mich 
von irgend welcher Mißachtung gedruckter Arbeiten, ob diese nun 
Quellenmaterial oder bereits verarbeiteten Quellenstoff betreffen, 
vollkommen frei. Es gereicht mir vielmehr stets zur Freude, wenn 
mir von den oft genug unerquicklichen Vorarbeiten ein Stück 
abgenommen wird. Wer aber in meine Arbeiten zur inneröster- 
reichischen Reformationsgeschichte auch nur einen oberflächlichen 
Blick getan, wird finden, daß solche Anwürfe um so weniger 
gerechtfertigt sind, als ich oft genug die Resultate älterer und 
neuerer Forschungen zu bekämpfen oder wenigstens zu ergänzen 
hatte. Man darf wohl sagen, daß die ersten wirklich quellen- 
kritischen Studien für diese Partien der Reformationsgeschichte 
Innerösterreichs aus meiner Feder geflossen sind. Dahin gehören, 
um nur das Wichtigere auszuheben, meine Ausgabe der steierischen 
Religionspazifikation^), meine damit in Zusammenhang stehende 
Studie über den Vizekanzler Wolfgang Schranz^) und meine Arbeit 
über Rosolenz^). Wenn irgendwo, so galt und gilt es in der inner- 
österreichischen Reformationsgeschichte, jenes Gestrüpp von Er- 
dichtungen, unrichtigen Behauptungen und offenkundigen Lügen 
und Fälschungen auszureuten, von dem sie mehr als irgend eine 
andere bedeckt und umwuchert ist. Diese Erdichtungen und Lügen, 
die noch heute selbst in neueren Geschichtswerken vorgetragen 
werden, stammen noch aus dem XVI. Jahrhunderte, wurden von 
den Feinden der Protestanten erdacht und mit Behagen weiter- 
erzählt und von den Historikern seit dem XVI. Jahrhunderte meist 
ohne genauere Prüfung übernommen. Ich darf hier an die Worte 
erinnern, mit denen ich meine Arbeit über Rosolenz eingeleitet 
habe: »Gegen alles, was Prädikant heißt, wurde schon damals in 
einer oft geradezu unflätigen Weise gewütet; nicht bloß, daß ihnen 

J^ Loserth, Die steierische Reiigionspazifikation 1572—1578. Nach 
den Originalen des steiermärkischen Landesarchives herausgegeben und mit 
einer Einleitung versehen in den Veröffentlichungen der Historischen Landes- 
Kommission für Steiermark, I, Graz, 1896. 

2) Eine Fälschung des Vizekanzlers Wolfgang Schranz. Kritische Unter- 
suchung über die Entstehung der Brucker Pazifikation von 1578 im 18. Bande 
der Mitteilungen des Institutes für österreichische Geschichtsforschung, 
XVIII, 341 ff. 

3) Zur Kritik des Rosolenz. Ein Beitrag zur Historiographie der Gegen- 
reformation in Innerösterreich. Ebenda, XXI, 485. 



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- 191 - 

das ganze politische und soziale Elend der Zeit aufs Kerbholz 
geschrieben wurde, gibt es fast kein Laster, das ihnen nicht an- 
gedichtet würde: Neid und Habsucht und geschlechtliche Aus- 
schweifungen jeder Art, von der ganz unglaublichen Zanksucht 
zu schweigen, die selbst noch neueren Darstellungen zufolge den 
eigentlichen Anlaß zur Gegenreformation gegeben hat.« Und so 
wurde und wird noch heute der protestantische Herren- und 
Ritterstand unpatriotischer Tendenzen geziehen; er sei es gewesen, 
der in die Rechte der Krone gegriffen, der, wie die köstliche, schon 
im XVI. Jahrhunderte in jesuitischen Kreisen aufgekommene Phrase 
lautete, aus dem Landesherrn einen papierenen Landesfürsten 
machen wollte, dessen Gewinn- und Habsucht^) das rasche Er- 
starken des Protestantismus zur Folge hatte usw., und dem in 
diesen unpatriotischen Tendenzen die Bürger- und Bauernschaft 
nachfolgte. Da sei es ein Gebot der Selbsterhaltung des Landes- 
fürsten gewesen, dagegen einzuschreiten. Wenn sich solche unbe- 
gründete Anschuldigungen in nahezu allen Büchern seit dem Aus- 
gange des XVI. Jahrhunderts finden, es wäre wahrlich kein Wunder, 
wenn eine zusammenfassende Darstellung, die von rein historischen 
Tendenzen getragen ist, diesen ganzen Wust von älteren und neueren 
Darstellungen unhistorischer Art bei Seite würfe und sie in der 
Darstellung selbst unbeachtet ließe. Daß das trotzdem nicht geschehen 
ist und weiteren Kreisen gezeigt wurde, wie solche Tendenzlügen 
entstanden und weiterverbreitet worden sind, ist nach dem Gesagten 
klar. Zuerst trat ich den Anwürfen gegen die protestantischen 
Stände Innerösterreichs durch den bekannten ultramontanen Ge- 
schichtsschreiber Friedrich Hurter entgegen, der in verschiedenen 
Büchern die steiermärkische Landschaft einer versuchten, ja selbst 
einer begangenen Fälschung beschuldigte. Es handelt sich hier um 
jenen großen, in seiner Wirkung freilich noch im XVI. Jahrhunderte 
stark überschätzten Freiheitsbrief der Protestanten, die »steirische 
Religionspazifikation 1572 — 1578«, die ihnen insgesamt, ob sie jetzt 
zum Adel oder zum Bürger- oder zum Bauernstande gehörten, 
kirchliche Duldung gewährleistete. Dieser große Freiheitsbrief war 
bis in die neueste Zeit in seiner vollkommenen Gestalt unbekannt, 
denn was bis 1896 hierüber von Hurter, Mayer, Doleschall 

^) Es wird sehr notwendig sein, aus den landschaftlichen Steuerbüchern 
die Steuerleistungen dieses angeblich so wenig steuerwiliigen Adels zu publi- 
zieren; man wird auch da ganz unerwartete Resultate finden. 



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- 192 - 

und anderen publiziert wurde, betraf nicht das ganze, sondern nur 
einzelne Stücke; sie konnte in ihrem Werte aber doch nur dann 
eingeschätzt werden, wenn sie in ihrer unzerrissenen Gestalt vor- 
gelegt wurde. Noch weniger kannte man die Umstände genau, 
unter denen sie zustande gekommen ist, und selbst die neuesten 
Schriften hierüber enthielten zum Teile arge Verstöße. Wie sehr 
die von mir veranstaltete Ausgabe ein allgemeines Bedürfnis be- 
friedigte, wird man daraus entnehmen, daß sie bereits vergriffen 
und bei der Nachfrage nach ihr eine Neuauflage notwendig ge- 
worden ist, die noch im Laufe der Jahre 1904 oder 1905 erscheinen 
dürfte. Die Neuausgabe wird um so erwünschter sein, als sie einige 
sachliche Irrtümer der ersten Auflage berichtigt, als weiterhin be- 
schlossen ist, die in ihr enthaltene Kirchenordnung, die nur zum 
Teile abgedruckt war, ganz zum Abdrucke zu bringen, und daß 
endlich einige wichtige Korrespondenzen, die neu aufgefunden 
wurden und über sie manches enthalten, in dem Vorworte 
verwendet werden können. Die Neuausgabe dürfte vielleicht 
auch, was den Druck als solchen betrifft, manche Besserungen 
aufweisen. 

Während in älteren Darstellungen der protestantische Herren- 
und Ritterstand beschuldigt wurde, die in der Religionspazifikation 
enthaltenen Bestimmungen zu seinen Gunsten verfälscht zu haben, 
ergab eine kritische Untersuchung über die Entstehung der Brücken 
Pazifikation, daß hievon nicht nur nicht die Rede sein könne, daß 
vielmehr, wenn eine solche Verfälschung ihrer Bestimmungen statt- 
gefunden habe, dies nur zu Ungunsten der Protestanten durch den 
Vizekanzler des Erzherzogs, Wolfgang Schranz, geschehen sein 
könne. Was Karl II. seinen protestantischen Ständen zugesagt, daß 
er seine Pazifikation gegen alle halten werde, deren Vertreter sich 
am 9. Februar 1578 vor ihm eingefunden hatten, also auch gegen 
die Bürger, denen ihres protestantischen Glaubensbekenntnisses 
wegen kein Haar gekrümmt werden sollte, und was der Sprecher 
der protestantischen Stände in der Ansprache an den Erzherzog als 
eine förmliche Ratifikation vorhergegangener schriftlicher Erklärung 
bezeichnete, wofür sich endlich die Vertreter von Städten und Märkten 
durch den Sprecher Hoffmann noch besonders bedanken ließen, 
weil diese nunmehr ebenso wie die vom Herren- und Ritterstande 
in ihrem Gewissen befriedigt und versichert seien, das steht in 
vollem Widerspruche mit einer Fassung der erzherzoglichen Zusage 



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- 193 - 

die Schranz konzipiert und unter anderem schon damals an den 
verwandten bayerischen Hof geschickt hatte. ■•) Daß aber jene Fas- 
sung des Versprechens, wie die protestantischen Stände es sofort, 
nachdem es erfolgt war, niederschrieben, wie der Fürst es Wort 
für Wort gesprochen, die echte sei, ergibt sich nicht bloß daraus, 
daß sie allein der damaligen Sachlage bis auf das Itüpfelchen ent- 
sprach, sondern auch aus der Aufnahme, die sie in den katholischen 
Kreisen inner- und außerhalb des Landes gefunden, vornehmlich 
auch in Rom, wo man entsetzt war, daß Karl dem Adel und den 
Städten freie Religionsausübung nach der Augsburger Konfession 
gestattete, aus der Bestätigung des Nuntius und endlich daraus, 
daß der Hof niemals, selbst in den Tagen seiner ärgsten Bedrängnis 
nicht, mit der sogenannten Schranz'schen Fassung herausrückte 
und von dieser, wenn überhaupt von ihr die Rede ist, nur in ver- 
deckter, zweideutiger Weise gesprochen wird, während die Stände 
ihre Fassung gleich vom Anfang an und so die ganze folgende 
Zeit hindurch alle Welt, die ein Interesse daran nahm, sehen 
ließen, eine Fälschung ihrerseits daher sofort an das Tageslicht 
gekommen wäre und den Grund geboten hätte, ihnen ihre Über- 
griffe zu verweisen und sie auf die wirklichen Zugeständnisse 
zurückzuführen. Davon also, daß dieser protestantische Herren- 
und Ritterstand, wie er sich in den denkwürdigen Tagen zu Brück 
versammelte, eine Bande von Fälschern sei, kann nicht im mindesten 
die Rede sein. Man sieht aber, wie notwendig es war und ist, 
solchen Anwürfen an den Leib zu rücken. Notwendiger noch war 
das nach einer anderen Seite hin. Der protestantische Herren- 
und Ritterstand wurde nämlich auch in seiner Treue gegen das 
angestammte Fürstenhaus verdächtigt, als dächte er an einen 
gewaltsamen Aufstand. Daß man zu Ende der Regierung Erzherzog 
Karls einen solchen Aufstand des protestantischen Herren- und 
Ritterstandes von Seiten der Jesuiten mit Freuden begrüßt hätte, 
dafür haben wir das klassische Zeugnis des Nuntius Malaspina: 
Aus den Güterkonfiskationen nach einem mißglückten Aufstande 
ließen sich die ungeheuersten finanziellen Vorteile erlangen, von 
den politischen Folgen ganz abgesehen, denn die Tendenz, ein 



^) Ich habe diese Schranz'sche Fassung im Münchener Archive unter 
seinen Korrespondenzen von 1578 gefunden. Sie sollte wohl die Bestimmung 
haben, den verwandten Hof über die den Protestanten gemachten Zu- 
geständnisse zu beruhigen. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 13 



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— 194 - 

absolutes Regiment des Landesfürsten aufzurichten, ist schon in 
den achtziger Jahren des XVI. Jahrhunderts in katholischen Kreisen 
vorhanden. **) Die Verdächtigungen des Herren- und Ritterstandes 
sind so früh erfolgt und in immer größerer Stärke wiedergekehrt, 
daß es nottut, ihre Grundlosigkeit bis ins einzelne zu erweisen. 
In offenen Landtagssitzungen, in den Sitzungen der Ausschüsse, 
in den Landtagsschriften, in den vertraulichen Schreiben einzelner 
Adeliger über Landesangelegenheiten, in ihren Privatkorrespondenzen 
finden wir die stärksten Versicherungen ihrer unbedingten Ergeben- 
heit ihrem Landesfürsten gegenüber; und was mehr ist als alle 
diese mündlichen und schriftlichen Versicherungen: sie haben ihre 
Treue durch die Tat bewiesen. Obwohl sie das Heft in den Händen 
hatten, der unbedingten Folge ihrer Glaubensangehörigen für den 
Fall, als sie losschlügen, sicher waren, dieses Losschlagen zu 
wiederholten malen von ihren Gegnern erwartet, sonach als etwas 
ganz natürliches angesehen worden wäre, sie haben sich dazu nicht 
entschlossen, und was sie schon in dem berühmten Winterlandtag 
von 1580 sagten: »Sollte es zu einer Prob' kommen, klarer als 
die Sonne würde es sein, daß wir nicht die seien, die auf Aufruhr 
und Verrat sinnen,« 2) das haben sie treu gehalten. Trotz solcher 
Versicherungen tauchten die Verdächtigungen aber immer wieder 
auf. Dem Papste wird gesagt: es handle sich diesen Ständen keines- 
wegs um die Freistellung ihrer »vermeinten« Religion, sondern 
um die Austilgung jedes göttlichen und weltlichen Gehorsams. In 
der Wirklichkeit hat dieser vielverlästerte Herren- und Ritterstand 
stets in unentwegter Treue zu seinem Landesfürsten gestanden 
und noch das Ausweisungsdekret vom 1. August 1628 rühmt von 
ihm, niemals etwas Widerwärtiges gegen das Haus Österreich 
attentiert zu haben. Da diese durch Worte, Schriften und Taten 
widerlegten Anschuldigungen stets aufs neue wiederkehrten, so 
habe ich in einer Reihe von Schriften ihre Grundlosigkeit dar- 



') Schreiben Hoffmanns an die Verordneten von Steiermark dto. Strechau, 
29. August 1587: » . . . Sie (die Jesuiten) würden unseres Schadens froh sein, 
in der Hoffnung, sie möchten Riemen aus unserer Haut schneiden, wenns 
über und über ging, wie mir denn der Maiaspina nuntius unter äugen ainst 
gesagt, da ich im von der undertanen aufstandt gesagt: Wolt got, sagt er, 
damit wolten wir bald unser schulden bezalen — zu verstehen mit einziehung 
der landieut gueter . . .« F. F. rer Austr., 4, 628. S. die böhmischen Güter- 
Ivonfiskationen 1621. 

-) Meine Reformation und Gegenreformation, 344. 



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- 195 - 

getan.'') Im Jahre 16C0 hätte es nur eines Zeichens dieser Adeligen 
bedurft, daß sie mit einer bewaffneten Erhebung einverstanden 
seien und ein allgemeiner Aufstand in Stadt und Land wäre die 
Folge davon gewesen. Schon wurden hier Sätze vorgetragen wie 
der: »Keine Obrigkeit hat die Macht, über die Gewissen der Unter- 
tanen zu gebieten.« Aber der kärntnerische Adel wies alle An- 
deutungen auf eine bewaffnete Erhebung ernst zurück 2), trotzdem 
die protestantische Geistlichkeit nicht abgeneigt war, Märtyrer für 
ihre Überzeugung zu schaffen und zu werden. Der Adel hatte da- 
mals die Entscheidung der Dinge in der Hand: hier standen die 
Bürgerhaufen, die laut klagten, daß sie verraten seien und, unter- 
stützt von den Bauern, das Losungswort erwarteten, um loszu- 
schlagen; dort waren die landesfürstlichen Dekrete, eines schärfer 
als das andere, welche die Durchführung der erflossenen Befehle 
forderten. Die Adeligen verharrten auf ihren Grundsätzen: »Es ist 
die Konsequenz ihres schon in den achtziger Jahren eingeschlagenen 
Verhaltens: nicht anders sind sie in den traurigen Herbsttagen 1598 
in Steiermark und nicht anders 1609 vorgegangen, als der ganze 
Erfolg der bisherigen gegenreformatorischen Tätigkeit Ferdinands II. 
noch einmal in Frage gestellt war und man in den Regierungs- 
kreisen den Losbruch der Revolution jeden Augenblick gewärtigen 
mußte. Dieser innerösterreichische Adel war in seiner unentwegten 
Treue gegen den Landesfürsten zu einem Versuche, die festen 
Bande gewaltsam zu sprengen, nicht zu bewegen.«^) 

Im ganzen Verlaufe der Gegenreformation findet man einen 
einzigen Fall, wo Verhaftungen von Bediensteten der steiermärki- 
schen Landschaft vorgenommen worden sind, weil Verdacht des 
Hochverrates vorlag. Es ist das der Fall mit dem innerösterreichi- 
schen Agenten am kaiserlichen Hofe in Prag Hans Georg Kandel- 
berger und dem steiermärkischen Landschaftssekretär Hans Adam 



*) So namentlich schon in der »Reformation und Gegenreformation«, 
S. 363 und 364. 

2) Mit diesem Gegenstande beschäftigen sich meine beiden Mono- 
graphien: »Zur Geschichte der Gegenreformation in Kärnten. Die Auflösung 
und Ausweisung des evangelischen Kirchen- und Schulministeriums in Klagen- 
furt« und »Die Gegenreformation in Innerösterreich und der inneröster- 
reiche Herren- und Ritterstand« im VI. (Sickel gewidmeten) Ergänzungs- 
bande der »Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung«, 
S. 597 ff. 

3) Ebenda, ?. 621. 

13* 



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— 1% — 

Gabelkofer, die im Oktober 1599 gefangengenommen und einem 
peinlichen Verhöre unterzogen wurden. "•) Aber der hierüber geführte 
Prozeß hat nicht' den mindesten Beweis dafür erbringen können, 
daß diese beiden Männer die Tat, deren man sie beschuldigte, auch 
versucht haben, den Erzherzog Ferdinand und seine Familie aus 
dem Lande zu jagen, ja zu töten. Man mag über diese unentwegte 
Treue des innerösterreichischen Herren- und Ritterstandes denken 
— etwa wie Treitschke — , man sollte aber endlich einmal 
aufhören, sie noch nachträglich trotz aller Beweise des Gegenteiles 
anzuzweifeln. 

Nachdem die genannten Studien entweder schon im Druck 
erschienen oder hiefür vorbereitet waren, erschien als eine das 
Gesamte zusammenfassende Darstellung im Jahre 1898 meine 
»Geschichte der Reformation und Gegenreformation in den inner- 
österreichischen Ländern im XVI. Jahrhundert«, 2) in welchem gegen- 
über der herkömmlichen Ansicht, daß die Katastrophe des inner- 
österreichischen Protestantismus in die Tage Ferdinands II. zu 
verlegen sei, der aktenmäßige Nachweis geführt wurde, daß damals 
nur die letzten Schläge gegen den Bestand des Protestantismus 
in Innerösterreich geführt wurden, daß dagegen alle die Maßnahmen 
Ferdinands, seine »heilsame katholische Reformation« zum Siege 
zu führen, nichts als Kopien jener Anordnungen seien, die schon sein 
Vater Erzherzog Karl unter schwierigeren Verhältnissen getroffen 
hatte und deren vollständige Ausführung nur durch Karls Tod 
unterbrochen worden war. Wie wenig der wahre Sachverhalt hier- 
über bekannt war, kann man, um nur ein Beispiel anzuführen, 
der interessanten Schrift Reinholds v. Buzzi, »Der Verfall der 
Silberbergwerke in Kärnten und die Gegenreformation« (siehe unten) 
entnehmen, wo sich, trotzdem man im ganzen schon eine ruhigere 
Auffassung von der Sache gewahrt, im einzelnen noch grobe Ver- 
stöße finden, weil sich der Autor noch zuviel auf Rosolenz stützt.^) 
Mein Buch bot in allen Teilen, die sich mit der Reformation und 
Gegenreformation in Innerösterreich seit 1564 befassen, neues; wer 
sich davon überzeugen will, der darf nur die bis 1898 erschienenen 

Wie der arme Kandelberger dabei zugerichtet wurde, mag man 
in meiner Schrift »Ein Hochverratsprozeß aus der Zeit der Gegenreformation 
in Innerösterreich« (Arch. f. österr. Gesch., 88, S. 364) nachsehen. 

2) Stuttgart 1898, Verlag der Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger. 

3) Siehe die Vorrede zu dem Buche, S. V. 



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- 197 - 

Speziälschriften über diesen Gegenstand oder die Werke über all- 
gemeine österreichische oder über steirische Landesgeschichte zur 
Hand nehmen. Über den Beginn der Gegenreformation war so 
wenig bekannt, daß noch 1894 der beste Kenner der einschlägigen 
Materien nicht im klaren war, in welches Jahr er zu verlegen sei. 
Das Entscheidende war die Auffindung der Aktenstücke über die 
Münchener Konferenzen von 1579, die alles weitere aufhellten. 
Das Buch hat sowohl in österreichischen als in auswärtigen Kreisen, 
denen über die hiesigen Zustände ein Urteil zusteht, Worte warmer 
Anerkennung gefunden "•) und es ist das auch begreiflich: man darf 
eben in dem Buche nicht mehr suchen wollen, als ich zu geben 
bemüht war, nicht, wie Brandenburg wünschte, ein Kunstwerk, 
das, wie einst schon Ranke angedeutet hat, aus so sprödem Stoffe 
gar nicht herzustellen ist, sondern die bisher durch Legenden aller 
Art, durch Entstellungen und nicht zuletzt auch durch Fälschungen 
völlig verhüllte Wahrheit. 

Ich darf hier an die Besprechung im »Lit. Zentralblatt« erinnern, 
die, wie ich bei meinem letzten Aufenthalte in Rom erfuhr, aus der Feder 
des besten Kenners dieser Zeit, Walter. Friedensburgs, dem früheren 
Vorstand des preußischen Institutes in Rom, stammt. Ich will aber hier gleich 
zur Illustration unserer Rezensentenverhältnisse die Besprechung eines anderen 
Rezensenten danebenhalten und überlasse es dem Leser, sich nach den obigen 
Ausführungen über diese Dinge selbst ein Urteil zu bilden, zumal auch 
darüber, ob die Arbeit in ihrem ersten Teile wenig neues biete. 



»Allgem. Zeitung« (Chroust), 1900, 
Nr. 270. 
Loserth ist in denselben Fehler 
verfallen, der den Arbeiten Gindelys 
einen großen Teil ihres Wertes raubt : 
Überschätzung des Wertes unge- 
druckter Quellen, Geringschätzung 
des gedruckten und durchgearbeite- 
ten Materiales usw. 



»Lit. Zentralblatt«, 1899, Nr. 25. 
Auf den gründlichsten Studien 

baut sich das Werk auf; die vollste 

Beherrschung des Quellenmateriales, 

zumal der ursprünglichen Quellen 

usw., verbindet sich mit Weite des 

Gesichtskreises, die das Einzelne, in 

das Ganze einzufügen und in seiner 

Bedeutung für dieses zu würdigen 

versteht, anschaulicher Darstellung 

und der Objektivität des wahren i 

Historikers. | 

Geradezu komisch ist es, wenn der eine oder andere Rezensent von 
dem Bearbeiter der Reformationsgeschichte der Steiermark eine Darstellung 
von den allgemeinen Verhältnissen der Reformationszeit verlangt, deren 
Kenntnis bei dem Leser vorausgesetzt werden muß oder, was noch ärger 
ist, Dinge, die bei dem gegenwärtigen Standpunkte der Forschung in ab- 
sehbarer Zeit nicht geleistet werden können. Ich darf hoffen, mich hierüber 
an anderer Stelle auszusprechen. 



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- 198 - 

Daß für diese Arbeit die Quellen überall dort aufgesucht 
wurden, wo sie mir zugängig waren, bedarf keiner weiteren Aus- 
führung. Daß freilich von manchen Archiven Umgang genommen 
wurde, ist daraus zu erklären, daß genauere Angaben, die über 
ihren Bestand vorliegen, keine über das Lokale hinausreichenden 
Aufklärungen erwarten ließen, und das war z. B. nach Zahns 
verdienstlichem Aufsatze im 10. Bande der Beiträge zur Kunde 
steiermärkischer Geschichtsquellen in St. Lambrecht der Fall,"') 
oder wo, wie der Aufsatz des gelehrten Bibliothekars des Zister- 
zienserstiftes Reun, P. Anton Weis, über die Quellen und Studien 
zur Geschichte der Pfarre Gradwein beweist, gleichfalls nur die 
Lokalgeschichte Förderung erwarten durfte. Was das Reuner Archiv 
an allgemein bedeutenden Materialien besitzt, 2) ist, wie man dem 
Quellenverzeichnis der Akten und Korrespondenzen entnimmt, nicht 
übersehen worden, da es sich abschriftlich im steiermärkischen 
Landesarchive befindet.^) 

Noch bevor meine »Geschichte der Reformation und Gegen- 
reformation in Innerösterreich« erschien, hatte ich für die Forschungen 
zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der Steiermark den 

^) Aus anderweitigen, jetzt im steiermärkischen Landesarchive befind- 
lichen Quellen wird ersichtlich, weshalb das dort S. 131 unter Nr. 11 auf- 
geführte Kopialbuch gerade auf Befehl Erzherzog Karls angefertigt wurde. 
Die dort befindliche Nummer 13 wird aber für künftige Forschungen jeden- 
falls noch einer Untersuchung unterzogen werden müssen. Von Interesse ist 
CS, daß, wie man aus Nr. 62 entnimmt, noch im Jahre 1613 von einem Mit- 
giiede von St. Lambrecht heißt: ad Lutheranos diiapsus est. 

-) Auch hier finden sich immerhin noch brauchbare Notizen. Von 
Wichtigkeit wäre es, wenn das »Register der Visitation und Inquisition im 
Lande Steyr, gehalten im 1528 Jare«, das sich im fürstbischöflichen Ordinariats- 
archive befindet, abgedruckt würde. Die Auszüge, die Robitsch seinerzeit 
mitgeteilt hat und an die ich mich, da mir das Archiv nicht zugänglich war, 
halten mußte, genügen nicht. Aber auch da wird man nicht ohne Interesse 
zum Jahre 1528 lesen: »Vicari bekennt, daß er etlich Tractate des Luthers 
kaufft hab, aber nach K. M* Mandat hat er dem Puechtruckher vermocht, 
daß er ims wider verkaufft, hat kains dieser Zeytt.« Aus den Reuner Akten 
sind noch die von Weis (Beitr. XXI, 31 ff.) mitgeteilten Nummern wichtig; 
sie werden aber erst durch die mir jetzt vorliegende Korrespondenz des Bischofs 
Agricola mit Salzburg etwas klarer. 

^) Das reiche Material, das Admont besitzt, ist in der trefflichen Ge- 
schichte dieses Klosters, die wir dem Eifer des jüngst verstorbenen heimischen 
Geschichtsforschers Jakob Wichner zu danken hatten, verwertet: Geschichte 
des Benediktinerstiftes Admont vom Jahre 1866 bis auf die neueste Zeit 1880. 



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- 199 - 

»Huldigungsstreit nach dem Tode Erzherzog Karls II., 1590 — 1592« 
ausgearbeitet, der jene noch um zwei Jahre weiterführte. Das 
Wesentliche dieser Schrift ist meines Erachtens von zuständiger 
Seite nicht erkannt worden. Vom verfassungsrechtlichen Stand- 
punkte handelte es sich bei der Huldigung, die der Regentschaft 
nach dem Tode Erzherzog Karls geleistet werden sollte, darum, 
die große Pazifikation von Brück aus dem Jahre 1578 den Landes- 
freiheiten einzuverleiben. Wie anders hätte sich die Stellung der 
Protestanten im Lande gestalten müssen, wäre von dem Erzherzoge 
Ernst, dem mit Rudolf IL in Spanien erzogenen schneidigen Gegner 
der Protestanten, mit den sonstigen Landesfreiheiten auch diese 
große Konzession mit beschworen und sie damit zu einem wirk- 
lichen Freibrief der Protestanten geworden. Dann hätte es als 
zweifellos gelten müssen, daß auch Erzherzog Maximilian III. und 
in der Folge sogar Ferdinand II. diesem Beispiele gefolgt wären. 
Man kann freilich nicht sagen, daß dann die große Verfolgung 
und schließliche Ausweisung nicht hätte erfolgen können, die in so 
tragischer Weise im Jahre 1598 einsetzt; aber erheblich schwieriger 
hätte sich dieses Unternehmen ins Werk setzen lassen. Dieses 
Ziel (die Einverleibung der Pazifikation in die Landesfreiheiten) 
schien des Schweißes der Edlen wert. Sie haben es nicht erreicht. 
Aber auch ohne dies war der Erfolg der protestantischen Stände 
kein kleiner. Statt, wie es in den letzten Tagen Karls II. das An- 
sehen hatte, fürchten zu müssen, daß an den innerösterreichischen 
Protestantismus jetzt schon die Axt angelegt würde, sicherten die 
Stände ihre Stellung so weit, daß eine Vereinbarung getroffen 
werden konnte, nach welcher ihnen all das gehalten werden mußte, 
was zwischen ihnen und Karl II. vereinbart worden war. Es war 
der letzte große Erfolg der Protestanten in Innerösterreich. Der 
entsetzliche Druck, der seit den Tagen der Münchener Konferenzen 
auf ihnen lastete, die unablässigen Verfolgungen, die mit den 
härtesten Schlägen das Bürgertum in allen landesfürstlichen Städten 
und Märkten trafen, mußten aufhören und die arg bedrängte pro- 
testantische Geistlichkeit vermochte wieder etwas Atem zu schöpfen. 
Von dieser Seite aus betrachtet, bietet demnach der Huldigungsstreit 
außer den verfassungsrechtlichen auch wichtige kirchengeschicht- 
liche Momente. Auch vom allgemein historischen Standpunkte aus 
sind die Ergebnisse der Arbeit nicht zu übersehen. Indem die Stände 
die Huldigung als Mittel benützen, einen bestimmten Zweck zu 



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- 200 - 

erzielen und diesen Zweck wenigstens zum Teile erreichten, ist 
ihr Vorgehen mustergültig geworden für analoge Vorgänge bei der 
Huldigung Ferdinands II. und später noch bei der Huldigung 
Matthias'. Von diesem Gesichtspunkte aus wird eine jede Dar- 
stellung, die uns die Geschichte der »Horner« erzählen wird, an 
jene Ereignisse anknüpfen müssen, die sich nach dem Tode Karls II. 
vollzogen haben. Diese Studie hatte übrigens noch vor ihrem Er- 
scheinen eine Geschichte, die hier nicht berührt werden soll, die 
man aber vielleicht aus der starken Betonung entnehmen kann, 
die ich auf die Benützung streng katholischer Quellen legte. Benützt 
wurden für die Arbeit außer den so außerordentlich ansprechenden 
Reiseberichten der innerösterreichischen Legation an Kaiser Rudolf II., 
die es verdienen würden, aus dem Staube der Archive heraus- 
gezogen zu werden, die Berichte des Nuntius am Grazer Hofe, 
die des Jesuitenprovinziales Heinrich Blyssem, die des Vizekanzlers 
Schranz über seine Mission nach München und Innsbruck usw. 
Das wichtigste Quellenmaterial findet sich in dem Archive der 
k. k. Statthalterei in Innsbruck, aber auch in anderen Archiven, 
da sich über die Frage der vormundschaftlichen Regierung und 
der Huldigung ein lebhafter Briefwechsel zwischen den Vormündern 
und den verwandten Höfen überhaupt entspann. Dieses Akten- 
material liegt daher auch in Wien und München. An letzterem 
Orte konnte es in der Folge noch nach einigen Seiten hin ergänzt 
werden. Von den im Drucke mitgeteilten Akten bietet der höchst 
lebendig und wirkungsvoll geschriebene Generalbericht des Erz- 
herzogs Ernst an Rudolf 11. über die Vorgänge im steirischen 
— dem zerstoßenen — Landtage ein großes Interesse. Er ist von 
entsprechender Länge, denn er zählt einen vollen Druckbogen in 
knappem Drucke.^) Nicht minderes Interesse darf der Brief Erz- 
herzog Ferdinands von Tirol an Rudolf II. in Anspruch nehmen, 
in welchem sich der Erzherzog auf recht ungünstige Weise über 
die Erziehung seines gleichnamigen Neffen in Ingolstadt ausspricht. 
Würde dieser sich dort noch länger aufhalten, so »sei zu besorgen, 
es würde ihm heut oder morgen, wenn er zum Regiment kommen 
sollte, bei seinen Landständen mehr zum Haß und zur Verbitterung 
gereichen.« Als ich, schreibt der Oheim, ihn zuletzt in Achenthai 
gesehen, habe ich bemerkt, »daß er von diesen leutten vast ein- 
genommen und durch sie etwas blödt, verzagt und schwach 

*) 44 beschriebene Blätter. 



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- 201 - 

gemacht wurdet«. Es sei an der Zeit, ihn in das Militärische ein- 
zuführen. An dritter Stelle möchte aus diesen Akten der »Gleich- 
zeitige Bericht über die Geschichte der Gegenreformation in der 
Stadt Marburg von 1581 — 1594« herausgehoben zu werden ver- 
dienen, da wir darin ein typisches Beispiel sehen, wie die Ent- 
wicklung in den Städten überhaupt innerhalb dieser Jahre vor 
sich gegangen ist. Während der Arbeiten zu diesen Studien hatte 
ich die Akten zur Geschichte der Gegenreformation, soweit sie 
mir zugänglich gemacht wurden, gesammelt, ohne die Absicht, sie 
zu publizieren. Bei genauerer Betrachtung aller einschlägigen 
Momente schien es aber doch um so mehr von Wert, sie dem 
Drucke zu übergeben, als in der Darstellung meines Buches manches 
doch nur knapp berührt werden konnte. Vielen, die sich mit der 
Geschichte der Gegenreformation in Österreich überhaupt beschäf- 
tigen, dürfte vornehmlich auch die Übersicht über das gesamte 
einschlägige Quellenmaterial in den verschiedenen Archiven von 
Wien, Innsbruck und Graz, sowie die hiemit verbundene Kritik 
der Quellen willkommen sein. Die einschlägigen Aktenstücke ließen 
sich nach sachlichen Gesichtspunkten gruppieren und so gewährt 
dieser Aktenband (Fontes rer. Austriacarum 2, 50 Bd.) einen Codex 
probationum zu meiner Geschichte der Gegenreformation. Im ganzen 
hat der Band ohne die Nachträge 554 Nummern. In Wirklichkeit 
sind es viel mehr. Wenn man z. B. Nr. 360 ins Auge faßt, so sind 
ihr 17 nicht mitgezählte Aktenstücke beigegeben: nahezu der ganze 
Prozeß des Landschaftspredigers Egen. Da ich mich während des 
Druckes der Akten und Korrespondenzen Studien halber in München 
aufhielt, so konnten auch noch die in den dortigen Archiven be- 
findlichen einschlägigen Materialien für die Jahre 1579 — 1590 in 
den Nachträgen untergebracht werden (Nr. 555 — 591). 

Noch im Jahre 1897 hatte ich für Zwecke der genannten 
Arbeiten die Wiener Archive ausgebeutet^): das niederösterreichische 
Landesarchiv, das Archiv des Ministeriums für Kultus und Unter- 
richt, des Ministeriums des Innern und das Hofkammerarchiv. In 
dem letztgenannten durfte ich hoffen, Auskünfte über eine Frage 
zu erhalten, die mich schon seit langer Zeit beschäftigt hatte und 
die — ich will nicht sagen, in befriedigender Weise, sondern über- 

^) Archivalische Studien in Wiener Archiven zur Geschichte der Steier- 
mark. (Veröffentlichungen der Historischen Landeskommission für Steiermark. 
VI, Graz 1898.) 



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- 202 - 

haupt — zu lösen, wenn wir von Buzzi absehen, noch niemand 
in Angriff genommen hatte: die über die finanziellen Ergebnisse 
der Ausweisung der protestantischen Bürger und Bauern. Leider 
waren die Nachforschungen dort ebensowenig von Erfolg begleitet 
wie jene, die ich das Jahr zuvor über denselben Gegenstand im 
Archive der steiermärkischen Statthalterei angestellt hatte. An eine 
zusammenfassende Aufzeichnung der entsprechenden Materialien 
scheint zur Zeit der Protestantenausweisung niemand gedacht zu 
haben, und so umfaßt das ganze Material, das ich über diesen Gegen- 
stand gefunden habe, ungefähr drei bis vier Nummern, die allerdings 
nicht ohne Interesse sind und seinerzeit publiziert werden dürften. 
Ich erwähne diesen Umstand deswegen, weil unter den mannig- 
fachen Wünschen, die anläßlich des Erscheinens meines Buches 
laut geworden sind, auch dahingehende geäußert wurden. Ich 
will hier nur festgestellt haben, daß ich lange zuvor schon dieser 
und ähnlichen Fragen nachgegangen bin: konnten sie nicht be- 
antwortet werden, so lag der Grund eben darin, daß es an den 
einschlägigen Materialien zu ihrer Beantwortung fehlt. Es wird 
jahrzehntelanger Studien bedürfen, bis hierüber halbwegs be- 
friedigende und erschöpfende Berichte erstattet werden können. 
Dahin gehört ja auch die Frage: Welches waren die Wirkungen 
der Ausweisung auf das Gewerbe und vornehmlich auf die Groß- 
industrie? Es wird dies zu einer Geschichte des alpenländischen 
Bergwesens in den ersten Jahrzehnten des XVII. Jahrhunderts 
führen: noch sind freilich erst alle Vorarbeiten dazu zu tun; diese 
in die Wirtschaftsgeschichte einschlägigen Kapitel einer allgemeinen 
Geschichte der Gegenreformation dürften sonach am spätesten 
geschrieben werden.^) 

Ich durfte es als einen glücklichen Umstand bezeichnen, daß 
ich die Münchener Archive noch zu einer Zeit durchforschen konnte, 
als sich die Sammlung meiner Akten und Korrespondenzen zur 
Geschichte der Gegenreformation in Innerösterreich im Drucke 
befand. Man dürfte mir den Vorwurf nicht ersparen, daß ich spät, 
zu spät, diese reich fließende Quelle zur Geschichte der Gegen- 

') Die Lage der emigrierten Familien des Herrenstandes beleuchtet 
der dort S. 25 mitgeteilte Brief der Barbara Regina Hagin geb. v. Teufenbach. 
Auch über die Lage der Emigrierten wird eine allgemeine Darstellung er- 
wünscht sein. Freilich ist auch für diese Frage das Quellenmaterial sehr 
spröde, an viele Orte zerstreut und schwer erreichbar. 



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-- 203 - 

reformation in Innerösterreich aufgesucht habe. Wie ich aber schon 
an anderer Stelle"") ausgeführt habe, hielt ich eben die Arbeit in 
den dortigen Archiven durch die Studien Hurters und Stieves 
für erledigt und war daher auf das lebhafteste angeregt, als ich 
dort unverhofft noch auf eine Menge bisher unbekannter höchst 
wichtiger Aktenstücke und Korrespondenzen stieß, die über viele 
dunkle Partien der innerösterreichischen Reformationsgeschichte 
helles Licht verbreiten. Was ich schon in den paar Begleitworten 
zu meinen Nachträgen aus Münchener Archiven angedeutet habe : 
es liegt in München eine nahezu lückenlose Korrespondenz zwischen 
dem steirischen und bayerischen Hofe, die alle Gebiete der politischen 
und kirchlichen Verwaltung Innerösterreichs umfaßt und aufs 
deutlichste zeigt, daß und wie sehr in allem und jedem seit 1571 
der bayerische Einfluß in Innerösterreich maßgebend war. »Es 
wird geradezu notwendig sein, die ganze zwischen Graz und 
München gepflogene Korrespondenz einmal in abschließender Weise 
vorzulegen.« Mir war es 1898 nur möglich, dem Aktenbande jene 
Stücke anzufügen, welche die Zeit von 1579—1590 umfaßten. 
Aber schon die reichen Beiträge zur Geschichte der Reformation 
und Gegenreformation, die ich unmittelbar darauf in den Ver- 
öffentlichungen der Historischen Landeskommission für Steiermark 2) 
zum Abdrucke brachte, zeigten, daß selbst noch für die der 
bayerischen Herrschaft in Innerösterreich — so kann man wenig- 
stens die Zeit von 1579 — 1590 nennen — vorhergehenden Jahre 
aus diesen bayerischen Archiven reicher Quellenstoff zur inner- 
österreichischen Reformationsgeschichte zu entnehmen ist: die Briefe 
Martin Eisengreins an den Herzog Albrecht, die Albrechts an Erz- 
herzog Karl, jene des Papstes Pius V. an Albrecht reden eine höchst 
beredte Sprache, aber sie werden übertroffen von einzelnen Stücken 
aus der Korrespondenz des Bischofes Urban von Gurk an Herzog 
Albrecht; der Brief vom 15. Januar 1572 beleuchtet taghell die 
kirchliche Lage des steirischen Landes. Hier hört man es aus dem 
Tslunde eines Bischofs, daß es 16 namentlich benannte Städte und 
Märkte in Steiermark sind, »so sich zu der Augsburgischen Con- 
fession bekennen«, und 10 Städte und Märkte, von denen gesagt 
wird, sie hätten sich »noch nicht« anders erklärt. Man wird so 

1) Ebenda, S. 695. 

-) Briefe und Akten zur steiermärkischen Geschichte unter Erzherzog 
Karl 11. aus dem königi. bayerischen Reichs- und Staatsarchive in München. 



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- 204 — 

den Worten des Bischofs entnehmen können, daß die Bürger- 
schaften samt und sonders in ihrer überwiegenden Mehrheit der 
Augsburgischen Konfession angehörten. Auch für die Zeit der Be- 
drängnisse der innerösterreichischen Bürgerschaften in den achtziger 
Jahren, dann für die der Regentschaft unter den Erzherzogen Ernst 
und Maximilian finden sich dort die wichtigsten Nachrichten, die 
bedeutendsten für die Zeit der Ausweisung der protestantischen 
Bürger- und Bauernschaften. Ich werde diese Stücke in einem 
weiteren Bande von Akten und Korrespondenzen zur Geschichte 
der Gegenreformation in Innerösterreich erscheinen lassen, welcher 
die Jahre 1590 — 1600 umfaßt und von mir schon seit Jahren 
zusammengestellt ist. Leider war mein Aufenthalt in München im 
Sommer 1898, so lange er währte, doch noch zu kurz, um alles 
Gefundene in vollständigen Kopien mitnehmen zu können. Es konnte 
mir zur Genugtuung gereichen, daß durch diese so reichhaltigen 
Münchener Akten die Resultate meiner früheren Studien über diese 
Dinge in keiner Weise alteriert, wohl aber das Gesamtbild ein 
farbenkräftigeres wurde. Von den Materialien, die ich in München 
suchte, war damals ein Aktenband zur Geschichte der Gegen- 
reformation in Graz in den Jahren 1582 — 1585 nicht aufzufinden. 
Es konnte daher als ein glücklicher Umstand bezeichnet werden, 
daß ich durch Herrn Regierungsrat v. Zahn aufmerksam gemacht 
wurde, daß sich in dem von ihm verwalteten Archive zwei starke 
Bände befänden, in denen Aktenstücke zur Geschichte der Gegen- 
reformation in Graz vorhanden seien. So wünschenswert es 
scheinen mochte, daß die Akten in die allgemeine Sammlung von 
Akten und Korrespondenzen zur Geschichte der Gegenreformation 
in Innerösterreich aufgenommen wurden, so ist doch zu bedenken, 
daß ich in dieser Sammlung rein lokale Dinge ausgeschieden, 
vielmehr nur das aufgenommen habe, was alle drei Länder zu- 
sammen betraf; von lokalen Akten fanden nur jene Aufnahme, 
denen eine allgemeine Bedeutung zukommt. Im übrigen säumte 
ich nicht, die neugefundenen Materialien allgemeiner Benützung 
zugänglich zu machen.^) Inzwischen fanden noch einige andere 
Fragen, die sich auf Einzelnheiten in der Geschichte der Gegen- 
reformation bezogen, ihre Erledigung. 

^) Loserth, Die Gegenreformation in Graz in den Jahren 1582— 1585. 
145 Aktenstücke aus zwei bisher unbekannten Aktensammlungen vom 
Jahre 1585. Graz 1900. (Veröffentlichungen der Historischen Landes- 
kommission für Steiermark, XII.) 



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- 205 - 

Hatten die Stände durch die große Pazifikation eine Stellung 
erlangt, die sie in ihrem Bekenntnisse sicherstellte, so mußten sie 
sich hüten, Sektenbildungen unter sich zu dulden. Wie sie dem- 
nach schon früher dem Umsichgreifen des Anabaptismus entgegen- 
gearbeitet hatten, ■•) so traten sie jetzt auch auf das eifrigste der 
flacianischen Bewegung entgegen, die in Kärnten und Obersteier- 
mark um sich griff. 2) Wie sie ihr Kirchenwesen nunmehr ordneten^ 
zeigt die Religionspazifikation; über die Organisierung des Kirchen- 
wesens auf dem Lande konnten zu den außerordentlich wertvollen 
Studien Peinlichs zahlreiche Nachträge gebracht werden. Am 
wichtigsten sind wohl die, welche unter dem Titel »Die Beziehungen 
der steiermärkischen Landschaft zu den Universitäten Wittenberg, 
Rostock, Heidelberg, Tübingen, Straßburg und anderen« in der 
zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts erschienen sind,^) und eine 
große Anzahl von Briefen von Männern, wie Jakob Andrea, Heer- 
brand, Kepler u. a., enthalten. Einen Epilog zur Aufhebung der 
protestantischen Stiftsschule in Graz enthält, um auch das unter 
einem zu erledigen, ein kleiner Aufsatz über »Die protestantische 
Stiftsschule im Galler'schen Anthof bei Schwanberg (1600—1602)«.'*) 

Von Wichtigkeit waren die Ergebnisse der Studien über die 
Salzburger Provinzialsynode von 1549, 5) denn sie gestatteten zum 
erstenmale einen sicheren Schluß, seit welchem Jahre die inner- 
österreichischen Landschaften in ihren Vertretungskörpern als pro- 
testantische anzusehen seien; die dort mitgeteilten Akten, die sich 
zerstreut in einer Anzahl von Archiven und Bibliotheken fanden, 



^) Hierüber geben meine beiden Aufsätze Aufschluß: »Wiedertäufer 
in Steiermark« im 42. Bande der »Mitteilungen des Historischen Vereines 
für Steiermark«, 118—145, dem im vorigen Jahre noch ein ergänzender Auf- 
satz folgte. 50. Bd., S. 177. 

2) Der Fiacianismus in Steiermark und die Religionsgespräche von 
Schladming und Graz im »Jahrb. f. Gesch. d. Protest.«, 1899, Heft 1 u. 2. 

3) Festschrift der Universität Graz aus Anlaß der Jahresfeier am 
15. November 1898. Graz 1899. 

**) »Mitteilungen des Historischen Vereines für Steiermark«, 47 Bd. Siehe 
derVollständigkeit wegen auch die Miszellenzursteiermärkischen Reformations- 
geschichte im »Jahrb. f. Gesch. d. Protest.«, 1899, 185 ff. 

5) Die Salzburger Provinzialsynode von 1549. Zur Geschichte der pro- 
testantischen Bewegung in den österreichischen Erbländern. »Arch. f. österr. 
Gesch.«, 1898. In die innerösterreichischen Verhältnisse greift an mehreren 
Stellen die Schrift über: Die Gegenreformation in Salzburg unter Marx Sittich, 
1612-1619. »Mitt. d. inst. f. österr. Gesch.«, XIX, 676-696. 



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- 206 - 

enthalten eine Fülle von interessanten Schilderungen der kirchlichen 
Zustände in Steiermark und Kärnten aus der Zeit, in der Karl V. 
noch den Traum einer Vereinigung der getrennten Kirchen in 
Deutschland träumte. Ziemlich gleichzeitig mit meinem Buche über 
die Reformation und Gegenreformation in Innerösterreich erschien 
ein groß angelegtes Werk, das der jetzige Fürstbischof von Seckau 
seinem berühmten Vorgänger Martin Brenner gewidmet hatJ) 
Es ist nicht ohne Interesse, zu sehen, wie zwei Autoren, die jm 
wesentlichen dieselben Quellen benützen, zu so verschiedenen 
Forschungsergebnissen gelangen. Die nächste Aufgabe mußte es 
sein, zu untersuchen, inwieweit die Angaben des Rosolenz, auf 
die sich fast alle späteren Darstellungen der Geschichte der Gegen- 
reformation in Innerösterreich stützen, auf Wahrheit beruhen. Schon 
in meiner umfassenderen Darstellung konnte ich auf die offen- 
kundigen Unwahrheiten, Übertreibungen und Verdrehungen des 
Rosolenz hinweisen. Eine wie unsäglich trübe, wenngleich nicht 
uninteressante Quelle sein Buch darstellt, habe ich in meinem Auf- 
satze »Zur Kritik des Rosolenz. Ein Beitrag zur Historiographie 
der Gegenreformation in Innerösterreich« erwiesen. 2) Von Bedeutung 
ist auch die dort (S. 516 7) aus dem Landtagsprotokolle von 1607 
mitgeteilte Revokation der von Rosolenz in seinem Buche gegen 
die steirischen Herren und Landleute A. K. ausgestreuten Calum- 
nien. Die Studie enthält übrigens einige Hinweise auf jene Kreise, 
die Rosolenz die Materialien für seine Darstellung zur Verfügung 
gestellt haben; diese Materialien sind noch insgesamt erhalten 
und werden in der nächsten Zeit publiziert werden. Erst dann 
wird man auch die Art, wie sich die Gegenreformation in den 
innerösterreichischen Ländern vollzog, klar zu erkennen vermögen. 
Trotz der schmeichelhaften Worte, mit denen llwofs Buch 3) meiner 
Arbeiten erwähnt, wie sie denn nach dem eigenen Geständnisse 
des Verfassers bis zum Jahre 1590 die Grundlage zu seiner Dar- 
stellung bilden, hatte ich keinen Grund, seiner rühmend zu ge- 
denken. Für die Zeit, da es an Aktenpublikationen fehlt, wie sie 
für die Jahre 1579—1592 vorliegen, fehlt es nicht an groben Ver- 
stößen, die jener leicht vermeiden konnte, dem das reiche Grazer 

^) Graz und Leipzig 1898. Siehe dazu »Mitt. d. Inst. f. österr. Gesch.«, 
1899, S. 124-136. 

2) »Mitt. d. Inst. f. österr. Gesch.«, XXI, 485 ff. 

3) Der Protestantismus in Steiermark, Kärnten und Krain vom XVI. Jahr- 
hunderte bis in die Gegenwart. Graz, 1900. 



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- 207 - 

Landesarchiv jeden Tag offensteht. Ich will nur, um die Sache 
einigermaßen zu erläutern, einen Fall herausheben. Der Türken- 
krieg, wird gesagt, hinderte Erzherzog Ernst, wie es gewiß in 
seinen Intentionen lag, energisch gegen den Protestantismus in 
Steiermark und Kärnten aufzutreten. Nein, was ihn hinderte, war 
die erneuerte Pazifikation von 1592. Die auf Grund der Akten 
aufgebaute Darstellung der folgenschweren Ereignisse, die nicht mit 
dem 13. September, sondern schon mit dem 13. August 1898 ihren 
Anfang nahmen, wird manches anders zu erzählen haben, als es 
. in diesem Buche geschieht. Namentlich ist hier die Rolle des 
Grazer Stadtpfarrers als die eines Agent provocateur ganz über- 
sehen. Darüber, wie alles sorgsam vorbereitet war und der gegen 
die Protestanten von langer Hand her gerichtete Anschlag gar 
nicht fehlen konnte, berichten ausführliche Denkschriften, die sich 
im Wiener Staatsarchive befinden. Wer daher einen knappen Abriß 
sucht, um sich über diese Ereignisse zu belehren, wird sich am 
besten an die treffliche Skizze halten, die sich in Loesches Buche 
findet, das den Gegenstand in übersichtlicher Weise und mit aus- 
gebreiteter Kenntnis der einschlägigen Quellenmaterialien behandelt 
und auch durch seine lebhafte Darstellung ausgezeichnet ist.'') Die 
Versuche der Jesuiten, auf den Besitz der Klöster Arnoldstein und 
Griffen in Kärnten Hand zu legen, ein Versuch, der nur durch die 
kräftige Gegenwirkung des Hochstiftes Bamberg vereitelt und von 
den maßgebenden Faktoren in Graz mit süßsauerem Lächeln auf 
andere Schultern abgeladen wurde, schildert mein Aufsatz »Aus 
der Zeit der Gegenreformation in Kärnten«. 2) Beachtung verdienen 
die dort mitgeteilten Auszüge aus einem im Wiener Haus-, Hof- 
und Staatsarchive liegenden Visitationsprotokolle vom Jahre 1584, 
deren Mitteilung den heftigsten Zorn der Ultramontanen in Kärnten 
wachrief, die aber schon in kulturhistorischem Interesse als ein 
Sittenbild, wie man seinesgleichen suchen muß, wahr und sprechend, 
verdienen würden, vollinhaltlich publiziert zu werden. 

^) Geschichte des Protestantismus in Österreich. In Umrissen. Im Auf- 
trage der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. 
Tübingen und Leipzig 1902. Ich will auch an dieser Stelle nicht unterlassen, 
des Artikels zu gedenken, der sich in der neuen (dritten Auflage) von 
Herzogs Realencyklopädie für protestantische Theologie und' Kirche unter 
dem Schlagworte »Innerösterreich« aus meiner Feder findet und ein Ver- 
zeichnis der Quellen und Hilfsschriften bis 1901 enthält. 

2) »Carinthia«, XC. Jahrg., 1. 



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- 208 - 

Da ich im Laufe des Jahres 1900 mich unversehens Arbeiten 
zuwenden mußte, die mit den bisherigen in keinem Zusammen- 
hange standen und die Publikation der Akten und Korrespondenzen 
für die Jahre 1590 — 1600 ad graecas calendas vertagt schien, so 
hielt ich es für angezeigt, jene gleichzeitige Zusammenstellung des 
Aktenmateriales für die Geschichte der Gegenreformation in Inner- 
österreich abzudrucken, die sich in einem Registerhefte des steier- 
märkischen Landesarchives unter den Landtagsakten des Jahres 
1599 vorfindet und eine außerordentlich knappe, im ganzen aber 
korrekte Zusammenfassung des ganzen Persekutionsmateriales ent- 
hält J) Man kann sich denken, weshalb die Zusammenstellung noch 
unmittelbar im Drange der Ereignisse gemacht wurde: die land- 
schaftliche Kanzlei war keinen Augenblick sicher, aufgehoben zu 
werden; man wollte denn eine kurze Übersicht über das dort vor- 
handene Material erlangen. Das Heft hat noch nach einer anderen 
Seite hin einen großen Wert. Es liefert uns, wenn wir seinen 
Inhalt mit dem heute noch vorhandenen Aktenmaterial vergleichen, 
den tröstlichen Beweis, daß sich von den damals vorhandenen 
Akten auch heute noch alles vorfindet. Es wird hier alles auf- 
gezählt, was in Religionssachen vor der Huldigung Ferdinands II. 
verhandelt worden war, man geht dann auf die Ereignisse ein, die 
mit dem 13. August 1598 ihren Anfang nahmen, und führt alle die 
Zuschriften und landesfürstlichen Dekrete vor, die an die Landschaft 
gelangten, und die Antworten, die darauf gegeben worden sind. 
Der Inhalt jedes einzelnen Stückes ist in kurzen Strichen skizziert, 
bei einigen sind aber die Auszüge ziemlich lang, so z. B. bei dem, 
was unter dem 6. Februar 1599 angemerkt ist. Der Bearbeiter führt 
die Sache bis in den September 1604 und läßt ihr noch einen An- 
hangfolgen, der einzelne »Partikularprozesse« enthält. So lange also 
nicht das Aktenmaterial als ganzes vorliegt, können diese »fürgegan- 
genen Religionsschriften« einen freilich sehr dürftigen Ersatz bieten. 

Der große Einfluß, den die Jesuiten auf die Entschließungen 
Erzherzog Karls und mehr noch auf die seines Sohnes Ferdinand II. 
genommen haben, ist zu bekannt, als daß noch viel darüber ge- 
sprochen werden müßte. 2) Anderseits wurden freilich mitunter 

') Die Gegenreformation in Innerösterreich. Gleichzeitige Zusammen- 
stellung des Aktenmateriales. »Jahrb. d. Protest.«, 1900, Heft 1. u. 2, S. 52-84. 

2) Das ist das Motiv, weshalb ich den Anteil der Jesuiten an der 
Gegenreformation nicht in der von manchen Seiten gewünschten Breite vor- 
getragen habe, die freilich, wenn es geschehen wäre, just das getadelt hätten. 



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- 209 - 

auch dort jesuitische Einflüsse vermutet, wo solche nicht statt- 
fanden, und keine Geringere als die Erzherzogin Maria hat sich 
darüber in ihrer »reschen« Manier ausgesprochen.^) Die. Dinge in 
richtigerer Gestalt erzählt zu haben, als man es noch in vielen, 
auch neueren Büchern lesen kann, ist zweifellos ein Verdienst des 
Jesuiten Bernhard Duhr, der das Wirken der Jesuiten an den 
Höfen von Wien, Graz, Innsbruck und München auf Grundlage 
streng katholischer Akten schildert. 2) Ich habe schon bei einer 
Besprechung dieses Buches^) auf die interessante Tatsache hin- 
gewiesen, daß Duhr in dem Kapitel über die Wirksamkeit der 
Jesuiten in Graz, wiewohl seine Studien auf einer ganz anderen 
Grundlage aufgebaut sind als die meinigen, und es vornehmlich 
Jesuitenbriefe sind, die er benützt, im wesentlichen zu denselben 
Ergebnissen gelangt, als ich. Man mag daraus entnehmen, daß 
der Aufenthalt in dem »protestantischen« Archive der steiermärki- 
schen Stände des XVI. Jahrhunderts auf meine Beurteilung der 
Dinge ohne Einfluß geblieben ist. Wer nun z. B. meine Darstellung 
über die Wirksamkeit der Jesuiten in Graz in den letzten Lebens- 
jahren des Erzherzogs mit dem vergleicht, was Duhr aus den 
eigenen Berichten der Jesuitenoberen über einzelne Jesuiten mit- 
teilt, wird gerade in wichtigen Dingen eine beachtenswerte Über- 
einstimmung finden. Da wird z. B. von dem Grazer Jesuiten Reinel 
gesagt, er predige zwar nicht mehr, was man an ihm früher getadelt 
habe, zu lang und »zu heftig, aber von den beißenden Angriffen 
läßt er noch nicht ab«. »Eure Paternität (der Jesuitengeneral i 
möge ihn ermahnen oder ermahnen lassen, daß er größere Be- 
scheidenheit an den Tag lege, die katholische Glaubenswahrheit 
ausführlich beweise und wenn er von den Häretikern spricht, 
möge er dieselben nicht so hart und zornig durchhecheln, sondern 
in christlicher Sanftmut belehren.« Das entspricht den Klagen 
der Stände auf den Buchstaben. Meine Darstellung erwies, daß die 
Gegenreformation in Graz zurückzuführen ist auf die vereinten 

Siehe hierüber Harter, Ferdinand IL, 3. Bd., S. 578. Ich glaube, 
was Harter in seinen verschiedenen Büchern darüber sagt und seither von 
anderen fleißig nachgeschrieben wurde, das ist gerade genug. Aber eben die 
Tätigkeit der protestantischen Stände ist in den meisten bisherigen Schriften 
teils ungenügend, teils ganz schief dargestellt worden, und das der Grund, 
weshalb diese Seite ausführlich behandelt werden mußte. 

2) Die Jesuiten an den deutschen Fürstenhöfen. Freiburg 1901. 

3) »Historische Vierteljahrsschrift.« 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. "14 



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- 210 - 

Bemühungen der Jesuiten, des Papstes und des bayerischen Fürsten- 
hauses und zu diesen Schlußfolgerungen kommt (S. 57) auch Duhr; 
dieser hat die Methode in dem Vorgehen der Jesuiten nur Hoch 
etwas drastischer darstellen können, als ich, da mir nur ein kleiner 
Teil der von ihm benützten Materialien zur Verfügung stand. 

Die nächsten Publikationen zur Geschichte der Reformation 
und Gegenreformation in Innerösterreich betreffen einen und den 
anderen Fund wichtiger Urkunden oder Briefe, wie sie in einem 
Archive, das noch manche unbearbeitete Bestände hat, von Zeit 
zu Zeit gemacht werden. Aus einem solchen Aktenstücke wird 
man gern die Opferwilligkeit des steirischen Herren- und Ritter- 
standes für die Erhaltung seiner Geistlichkeit,'') aus einem anderen 
die Schilderung des Religionswesens in Kärnten im Jahre 1582 
entnehmen, andere haben ein allgemeineres Interesse oder führen 
uns mitten in die »betrübliche Religionsverfolgung in Oberösterreich 
im Jahre 1598«. 2) Bedeutender als diese Mitteilungen war die 
Publikation des Tagebuches des Geheimsekretärs Peter Casal über 
die italienische Reise Erzherzog Ferdinands vom 22. April bis 
28. Juni 1598.^) Dieses Tagebuch findet sich im Besitze des steier- 
märkischen Landesarchives. Man weiß, welche Bedeutung dieser 
Romreise Ferdinands II. in den meisten Büchern bisher zugemessen 
wurde, wie protestantische und katholische Autoren in seltener 
Übereinstimmung melden, daß Ferdinand erst hier die Anregung 
zu seinem impetuösen Vorgehen gegen die Protestanten erhielt, 
während doch die Ausweisung der protestantischen Prediger schon 
lange vor Ferdinands italienischer Reise in einer Reihe von Staats- 
schriften in Erwägung gezogen und Mittel und Wege erörtert wurden, 
wie dem Protestantismus in einzelnen Gegenden des Landes, z. B. 
im Ennstale, der Garaus gemacht werden könnte. Da der Papst 
von diesen Absichten der Regierung und des jungen Regenten 
längst auf das genaueste unterrichtet war, so entfällt also all das 
Gerede jener Bücher über diese Reise. Und wenn es auch an 

^) Nachträge zu den Akten und Korrespondenzen zur Geschichte der 
Gegenreformation unter Erzherzog Karl II. »Jahrb. f. Gesch. d. Protest.«, 1902, 
S. 186 ff. 

-) Kleine Beiträge zur Geschichte der Reformation in Innerösterreich. 
Ebenda 1903, S. 133 ff. Miszellen zur steiermärkischen Reformationsgeschichte. 
Ebenda 1901. 

3) Nach dem Autograph im steiermärkischen Landesarchive heraus- 
gegeben von J. Loserth. »Mitt. d. histor. Ver. f. Steiermark, XLVIII. 



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- 211 - 

politischen Gesprächen nicht gefehlt hat, so mag man es diesem 
Reisebriefe doch gern glauben, daß es eine Wallfahrt nach Loretto 
war, die der junge Fürst unternahm, wobei er die Gelegenheit 
benützte, ein gutes und schönes Stück Welt aus eigener Anschauung 
kennen zu lernen. So lustig wie einst die Reise seines Vaters ist 
ja die Ferdinands nicht verlaufen, schließlich fand sie auch keinen 
so geistreichen Schilderer, wie es einstens Kobenzl gewesen. 
Aber der Reisebericht enthält doch viele Züge, die für die Charak- 
teristik Ferdinands II. von Belang sind. Es ist mir — der Reise- 
bericht selbst nennt des Verfassers Namen nicht — gelungen, als 
Autor dieser Reisebeschreibung Peter Casal zu erweisen. Was die 
Politik des Tages betrifft, tritt sie fast nirgends hervor. Nur an 
einer Stelle macht Casal die Bemerkung, »die Protestanten möchten 
doch nur in der Vatikanischen Liberey die uralten Meßbücher 
sehen, sie würden dort den rechten Text des Evangeliums finden 
und ihrem verkehrten gegenüber sich eines anderen bedenken.« 

Handeln die bisherigen Ausführungen zumeist von Arbeiten, 
die in der Steiermark entstanden, so lohnt es sich, unseren Rück- 
blick auch auf die beiden Nachbarländer Kärnten und Krain aus- 
zudehnen. 

Auch in Kärnten war es ein katholischer Geistlicher, An- 
gehöriger des Stiftes St. Paul im Lavanttale, dem wir eine Dar- 
stellung der kirchlichen Bewegung in Kärnten im XVI. und XVII. Jahr- 
hunderte verdanken. Es war Norbert Lebinger. Sollte sein Werk^) 
nach dem Titel auch nur die Reformation und Gegenreformation 
in Klagenfurt umfassen, so brachte es schon die Natur des von 
ihm benützten Quellenmateriales mit sich, daß es über diese engen 
Grenzen hinausging. Lebinger zog die früheren Darstellungen der 
Kirchengeschichte von Kärnten und die der allgemeinen Geschichte 
dieses Landes von F. L. Hohenauer und H. Hermann fleißig 
zu Rate; man wird es aber gern anerkennen, daß seine Darstellung 
auch archivalische Materialien verwertet, vor allem sind die Land- 
schaftsprotokolle, die Visitations- und die Ratsprotokolle von Klagen- 
furt benützt worden, Ausschußprotokolle, Sterberegister, Tauf- 
protokolle u. a. Auch was über das protestantische Schulwesen 
gesagt wird, ruht auf der Kenntnis originaler Quellen. Wird hie 



^) P. Norbert Lebinger, Die Reformation und Gegenreformation in 
Klagenfurt. 17. und 18. Programm des k. k. Gymnasiums in Kiagenfurt 
1867 und 1868. 

14* 



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- 212 - 

und da auch das gleichfalls in tendenziöser Absicht zusammen- 
gestellte Buch Döllingers, »Die Reformation«, etwas zu stark in 
den Vordergrund geschoben und finden sich daselbst nicht selten 
unrichtige Urteile,^) die aus Döllinger allzu willig und ohne die 
richtige Nachprüfung übernommen worden sind, so hält er sich 
im allgemeinen doch von allzu großer Parteilichkeit frei und 
schildert die Übelstände in beiden Lagern in freimütiger Weise. 
Es ist schon viel, in einer solchen Schrift die Worte über die 
steirische Religionspazifikation zu lesen : »Durch diese Erklärung 
war allerdings eine Norm gegeben, durch deren rücksichtsvollen 
Gebrauch bei beiderseits aufrichtigem Willen ein friedliches Neben- 
einandersein beider Religionsparteien hätte möglich gemacht werden 
können ;« wenn dann freilich im weiteren gesagt wird, daß mit 
dem Streben der Stände nach religiöser Freiheit auch das Verlangen 
nach größerer politischer Selbständigkeit verbunden war, daher 
sie dem Landesfürsten auch in weltlichen Dingen mehr und mehr 
den Gehorsam zu versagen und seine Gewalt zu beschränken 
suchten, wobei ihnen vielfach die religiösen Beschwerden als Deck- 
mantel dienen mußten, so ist das ein Satz, den man nicht, ohne 
große Einschränkungen zu machen, als richtig anerkennen wird. 
Auch wenn dort gesagt wird, daß die Zulässigkeit zweier in dem- 
selben Lande gleichberechtigter Konfessionen über den Gesichts-, 
kreis jener Zeit weit hinausging, so genügt ein Blick in die kirch- 
lichen und politischen Verhältnisse Mährens just in dieser Zeit, 
um das Irrige dieser Ansicht darzutun. Lebingers Darstellung 
führt uns bis in die Mitte des XVU. Jahrhunderts, in die Zeit, da 
die Gegenreformation in Kärnten völlig abgeschlossen war. Viele 
neue Materialien zur Reformation in Kärnten brachte das Buch 
Bernhard Czerwenkas, »Die Khevenhüller«,^) das zwar vor- 
wiegend eine Geschichte dieses berühmten Geschlechtes enthält, 
aber eben deshalb die Reformationsgeschichte nicht übersehen 
durfte. Im einzelnen finden sich allerdings manche Irrtümer; so 
wird man das, was über die Brucker Pazifikation gesagt wird, 
nicht für durchaus richtig halten können : die Gegenreformation 
selbst darf nicht nach der trüben Quelle des Rosolenz erzählt 

1) S. 46: »Eine der bedeutendsten Erscheinungen, welche die Entstehung 
der Reformation und ihre Verbreiturtg begleitet haben, ist die Unduldsamkeit^ 
welche recht eigentlich erst vom Protestantismus kultiviert und großgezogen 
worden ist.« 

2) Wien 1867. 



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- 213 - 

werden, zumal wir hierüber außer den zahlreichen Akten die 
unvergleichlich schönen Darstellungen Megisers haben, die sich 
in einer Linzer, aus Megisers Besitz stammenden Handschrift 
findend) Im übrigen ist Czerwenkas Darstellung^) bisher die 
einzige neuere, die mit Einzelheiten reicher ausgestattet ist. Von 
großem Interesse war das Verzeichnis der innerösterreichischen 
Emigranten, das Czerwenka nach dem bekannten jetzt im steier- 
märkischen Landesarchive befindlichen Sötzinger-Kodex^) abdruckte 
und das seither nochmals von J. v. Zahn in den Steiermärkischen 
Geschichtsblättern publiziert wurde. Von sonstigen Darstellungen 
zur Geschichte der Gegenreformation außer meinen eigenen ist 
noch die Älschkers zu nennen.'*) 

Die Reformationsgeschichte Krains ist in neuerer Zeit durch 
zwei Namen von bestem Klange vertreten : zunächst enthält schon 
Dimitz^ Geschichte Krains eine gute Ansicht von ihr: die vor- 
bereitenden Zustände, die Wirksamkeit Trubers, das Eintreten der 
Stände für die neue Lehre, der windische und kroatische Bücher- 
druck, das Kirchen- und Schulwesen, Beginn, Fort- und Ausgang 
der Gegenreformation usw. werden großenteils auf Grundlage 
archivalischer Materialien des landschaftlichen Archives und seiner 
eigenen Aktensammlung dargestellt. Von der größten Bedeutung 
war es, daß Dimitz die trefflichen Arbeiten Elzes zur Krainer 

^) Ober alles, was Megiser betrifft, wird man demnächst eine Studie 
Dr. Doblingers vom steiermärkischen Landesarchive zu erwarten haben. 

2) S. 396 ff. 

3) S. 629 ff. 

^) Die Gegenreformation in Kärnten. Kärntner Volkskalender 1873. Zu 
den wichtigeren Arbeiten wird man noch zu rechnen haben : Ankershofen, 
Materialien zur Kirchengeschichte des XVI. Jahrhunderts. Archiv für vater- 
ländische Geschichte, 111, 10. S. dort IV, 16, auch die Beiträge zur Landes- 
chronik. Lesenswert ist auch heute noch die Note auf S. 19. Kucher, 
Materialien zur Kirchengeschichte. Ebenda V, 35. Die Arbeiten SchroUs, 
Das Benediktinerstift St. Paul, »Carinthia« LXVI, Series epp. etc. Gurcensium, 
Arch. vat. Gesch. XV, 3, und Das Prämonstratenserstift St. Maria zu Greifen- 
thal in Unterkärnten. Arch. vat. Gesch. XVI. Schmied, Über die inneren 
Verhältnisse der innerösterreichischen Länder im XVI. und XVII. Jahrhunderte. 
»Carinthia« LXIX. Khull, Zur religiösen Bewegung in Kärnten in der Zeit 
der Gegenreformation, »Carinthia« LXXXVII, vor allem aber die jetzt noch 
lesenswerte Arbeit von Buzzi, Der Verfall der Gold- und Silberbergwerke 
in Kärnten und die Gegenreformation, »Carinthia« LXX. S. auch den lehr- 
reichen Aufsatz Starzers, Ober einen Visitationsauftrag an den Bischof 
Christoph von Gurk, »Carinthia« LXXXIII. 



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- 214 - 

Reformationsgeschichte — leider war es dem trefflichen Manne 
nicht mehr vergönnt, die Biographie Trubers zu bearbeiten — 
benützen konnte. Elze hatte sich diesen Arbeiten mit seltener 
Hingabe gewidmet und ist ihnen auch dann noch treu geblieben, 
als er fern von der Stätte seines früheren Wirkens in der Fremde 
weilte. Sein Büchlein über die Superintendenten der evangelischen 
Kirche in Krain während des XVI. Jahrhunderts (Wien 1863) 
bildete den Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Werken und 
knüpft durch seine knappen Erörterungen in der Einleitung gut an 
die Arbeiten der älteren Zeiten an. Für die krainische Reformations- 
geschichte kommt, von kleineren Studien abgesehen,^) vornehmlich 
Elzes Ausgabe des Truber'schen Briefwechsels in Betracht. Wich- 
tigere Truberiana fand ich im Archive des Geschichtsvereines in 
Kärnten. 2) Es bedarf keiner Versicherung, daß auch slowenische 
Autoren an der Arbeit sind, die protestantische Zeit ihres Landes 
aufzuhellen. Inwieweit ihre Arbeiten einen wirklichen Fortschritt 
bedeuten, vermag ich nicht zu sagen. ^) 

*) Die übrigen Publikationen Elzes sind: Die Universität Tübingen 
und die Studenten aus Krain; Tübingen 1877. Die Anfänge des Protestan- 
tismus in Krain; Jahrb. f. Gesch. d. Protest., 1880. Paul Wiener, Mitreformator 
in Krain; ebenda 1882. Zur Geschichte der Reformation in Krain; ebenda 
1891. Die Rektoren der Krainer Landschaftsschule in Laibach; ebenda 1899. 
Die evangelischen Prediger in Krain im XVI. Jahrhunderte; ebenda 1900/01. 
Die slowenischen protestantischen Druckschriften des XVI. Jahrhunderts; 
Venedig 1896; enthält die im Jahrb. f. Gesch. d. Protest, erschienenen Abhand- 
lungen Elzes über die slowenischen protestantischen Katechismen des XVI. Jahr- 
hunderts (1893), die slowenischen protestantischen Gesangbücher (1884), die 
Postillen (1893), die Gebetbücher (1894), die Ritualbücher usw. (1894), die 
Bibelbücher (1895). Sonst siehe Beiträge zur Reformationsgeschichte in Krain, 
ebenda 1882 und 1885. (Aus den Annalen der Jesuiten in Laibach.) Drei alte 
Schriftstücke aus dem Landesarchive zu Graz von F. M. Mayer; ebenda 1885. 
Ein Brief Trubers von 1580; ebenda. 

2) Jahrb. f. Gesch. d. Protest., 1903, Heft 1 und 2. 

3) Die folgende Zusammenstellung danke ich der Freundlichkeit meines 
Zuhörers P. Th. Smidt O. S. B. : 

Im Ljubljanski Zvon, Ljubljana. 
1884. Crtica Primo^i Trubarji. Lovro 2vab. 41 f. 

1886. O poCetkih slovenske Kuji2evnosti. A. Fekonja. 42f. 

1887. Ivan baron Ungnad. A. RaiC. 18 f. 

1890. Reformacija v Slovencih. A. Fekonja. 477 f. 
1892. Jurij JuriCi^. m. p. 732 f. 

Voditelj V bogoslovnih vedah. Marburg. 

1901. Ljubljanska skofija in skofijske sinode. Jos. Benkovi^. 166 f. 

1902. Slovenski reformatorji. Jos. BenkoviC. 290 ff. 



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- 215 - 

Ist in dem Vorhergehenden gezeigt worden, was auf dem 
Gebiete der Reformationsgeschichte in den innerösterreichischen 
Ländern bisher geleistet wurde, so ist zunächst zu erwägen, welche 
Arbeiten zu ihrer Vervollständigung noch zu machen wären. Da 
ist erfreulicherweise zu sagen, daß sowohl in der Geschichte der 
Reformation als der Gegenreformation für die nächste Zeit wichtige 
Einzelnstudien, kritische Untersuchungen über Quellen und einzelne 
Ereignisse, Publikationen von Quellen und zusammenfassende Dar- 
stellungen zu erwarten sind. An dieser Stelle können nur einige 
der noch zu lösenden Aufgaben besprochen werden. Es war ein 
außerordentlich glückliches Ereignis, als dank der Vermittlung des 
Professors v. Zwiedinek die historische Landeskommission von 
Steiermark zur Kenntnisnahme eines großen Teiles jener amtlichen 
und privaten Korrespondenzen gelangte, die von Salzburg nach 
Graz führten. Es ist der Briefwechsel, den das Salzburger Erzbistum 
mit seinen Suffraganen einerseits, mit den seinen Besitz ver- 
waltenden Vizedomen von Friesach und Leibnitz anderseits führte. 
Da ist nun weniger von eigentlichen Verwaltungsangelegenheiten 
als von politischen und kirchlichen Dingen die Rede und für ein- 
zelne Jahre, so namentlich für die Siebziger, in denen der Pro- 
testantismus hierzulande seine größten Siege feierte, ist das 
Material an Akten und Korrespondenzen ein besonders reiches. 
Es ist darin nahezu die ganze Korrespondenz des Bischofs Georg 
Agricola von Seckau mit dem Erzbischof Johann Jacob von Salz- 
burg enthalten und in einer Weise, die uns über alle großen das 
Land berührenden Fragen auch dort mitunter Auskunft gibt, wo 
die einheimischen Quellen Lücken aufweisen. Über die Vor- 
kommnisse am Landtage erstattet der Bischof dem Diözesan 
Bericht, Personen und Sachen werden im einzelnen besprochen, 
die allgemeine Politik wird gestreift, Finanz- und Polizeisachen 
berührt; vor allem ist es aber auch die kirchliche Frage, die ihren 



KatoliSki obzornik, Laibach. 
1901. Protireformacija na Kranjskem. Dr. M. Prelesnik. 3 ff. 

Slovan, Laibach. 
1888. Dva lista iz kujige jugoslovanske. Fekonja. 

Bücher. 
1883. Marn, JeziCnik, kujiga siovenska v dobah XVI, XVII veka, 

Ljubljana. 
1901. Chräska, Jurija Dalmatina predgovor k bibliji iz 1. 1584. V. C. 
Bud^jovicah. 



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- 216 — 

Anteil an den neugefundenen Materialien hat. Da wird über die 
Aufnahme der Jesuiten im Lande gesprochen, wird die Persönlich- 
keit des Chyträus in einer bisher neuen Beleuchtung gezeigt und 
wird seit den achtziger Jahren auch die Gegenreformation in den 
dem Erzbistum gehörigen Orten, wie Leibnitz, in breitester Weise 
besprochen. Auch Martin Brenner ist noch durch einige Briefe 
vertreten. Man wird freilich auch nach diesen neuen Quellen nicht 
sagen können, daß nun die Geschichte der Reformation und Gegen- 
reformation hierorts ein neues Antlitz trägt: mit nichten, die Er- 
gebnisse, zu denen ich unabhängig von diesem Quellenmateriale 
gekommen bin, erfahren vielmehr allseitig ihre Bestätigung, das 
Bild der Gegenreformation wird nur etwas kräftiger, als es schon 
bisher gewesen. Viele Einzelnheiten, die oft nur angedeutet und 
nicht streng genug bewiesen werden konnten, werden jetzt urkund- 
lich sichergestellt. Eine ganze Reihe von Aktenstücken beschäftigt 
sich mit der unglaublichen Besteuerung, der die Geistlichkeit schon 
in den zwanziger Jahren in den österreichischen Erbländern und 
dem neuerworbenen Württemberg unterzogen wurde. Wenn z. B. 
ein Pfarrer, wie der von Haus, bei einem Einkommen an Gülten 
von 91 Pfund und 25 Pfennigen fast Jahr für Jahr — an 25 — 
507o außerordentliche Abgaben für bestimmte Zwecke, für den 
Bauernrebell, den Kampf gegen die Türken, zu leisten hat (diese 
Leistung war dann noch um einen guten Teil erhöht worden) und 
die Hintersassen zudem ihre Kopfsteuer zahlen, wodurch ihre Lust, 
an die Kirchen besondere Gaben zu geben, verringert wird, dann 
ist es begreiflich, wenn der Pfarrer an das Ordinariat die Bitte 
stellt, einen Teil des Pfarrbesitzes zu verkaufen oder auch das 
ganze und dafür seine Besoldung von Salzburg aus in Empfang 
zu nehmen. Man möge daher dem Herren- und Ritterstand nicht 
immer den Vorwurf machen, in unrechter Weise kirchliches Gut 
an sich gebracht zu haben; es ist ja mitunter geschehen, diese 
Fälle sind bekannt und oft genug erzählt worden, aber die Regel 
bilden sie nicht, sondern nur eine seltene Ausnahme. Die Besteuerung 
traf übrigens alle : Geistliche und Adelige in gleicher Weise. So 
zahlt z. B. Hans Ungnad, der Wortführer der Protestanten, 1529 
von einem Gülteneinkommen von 136 ® 1 sh. und 29 'Ä seine 
94 S' 5 sh. 14 Ay der Pfarrer in der Packh von 2 Ä ebenfalls 1 <S 
4 sh., also in beiden Fällen mehr als 507o- Zu untersuchen wird 
nur sein, ob die in den neuen Materialien erhobene Klage gerecht- 



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- 217 — 

fertigt ist, daß der Klerus stärker als der Adel in das allgemeine 
Mitleiden gezogen wurde. Hier werden Einzelnuntersuchungen am 
Platze sein. Aber auch ohne diese läßt sich schon erkennen, daß 
es die ungeheure Schmälerung im Einkommen der einzelnen Geist- 
lichen ist, was nun dem früher so starken Zulauf zum geistlichen 
Stande mit Eintrag tut. Diese Seite in der Entwicklung der Dinge 
scheint bisher noch nicht vollauf befriedigend untersucht worden zu 
sein. Freilich fehlt es, wie in so vielen anderen Fällen, auch hier an 
dem entsprechenden Quellenstoffe, um den Gegenstand zu behandeln. 
Leider gilt übrigens auch von diesem neuen Aktenmateriale das- 
selbe, wie von den hierortigen Beständen überhaupt: die Ausbeute 
ist für die Zeit der Gegenreformation eine reichere als für die 
Reformation. 

Wie diese Akten neu erschlossen sind, so sind nun auch 
die des krainischen Landesarchives nunmehr allgemein zugänglich. 
Die Ausbeute an wirklich neuem wird man hier freilich nicht allzu 
hoch veranschlagen dürfen, aber immerhin sind noch einige wichtige 
Nachträge zu dem, was Dimitz, Elze und die übrigen Forscher 
der krainischen Reformationsgeschichte bisher geboten haben. 

Auch in bezug auf einzelne Orte und ihre Stellung zur 
Reformation und Gegenreformation geben neuere Funde erfreuliche 
Aufklärung. Es war mir eine sehr angenehme Überraschung, als 
mir der Landesarchivar Regierungsrat J. v. Zahn im verflossenen 
Herbste Mitteilung von Archivbeständen des Dekanates Biber 
machte. In diesen Akten fanden sich reiche Aufschlüsse über die 
kirchliche Bewegung in den Ortschaften Ligist, Pack, Biber (Piber), 
Hirschegg und Modriach, Köflach, Voitsberg und Khainach, von 
Gaistal, Graden, Sala, Stalhofen, Weißkirchen u. a. Hat man, ohne 
den Sachverhalt genau zu untersuchen, meiner zusammenfassenden 
DaT'stellung ungerechtfertigterweise den Vorwurf gemacht, sie sei 
vjn einer protestantischen Tendenz getragen und diese durch die 
einseitige Ausnützung protestantischer und Beiseitestellung katholi- 
scher Quellen entstanden: nun wohlan, hier hat man, wenn man 
so sagen darf, ein katholisches Archiv. Es sind Aktenbestände, 
die, wie man aus den zahlreich vorhandenen in St. Lambrecht 
angefertigten Konzepten entnimmt, aus dem Archive von St. Lambrecht 
stammen und Korrespondenzen der Äbte von St. Lambrecht mit 
«dem jeweiligen Erzpriester bzw. mit dem Bischöfe von Seckau, 
mit dem Landesfürsten und den landesfürstlichen Behörden und 



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- 218 - 

mit jenen Adelsfamilien enthalten, die, wie die Saurau, Ungnad u. a., 
in dem einen oder dem anderen Orte Vogteirechte hatten. Da das 
Kirchenpatronat nach St. Lambrecht gehörte, so ergibt sich von 
selbst, wie wichtig just diese Korrespondenzen für die Geschichte 
der kirchlichen Bewegung in den einzelnen Ortschaften sein müssen. 
Man würde sich nun sehr täuschen, wollte man annehmen, daß 
das Bild, welches wir auf Grundlage dieser Aktenbestände ge- 
winnen, einen anderen Farbenton trage, als das meines Buches. 
Auch auf Grund dieser Akten wird man die gleichen Motive 
finden, die da und dort dazuführen, den katholischen Gottesdienst 
eingehen zu lassen, abzuschaffen und den evangelischen einzu- 
führen. Hier macht sich die Sache infoige des Anwachsens pro- 
testantischer Glaubensgenossen von selbst, dort wird von den 
adeligen Familien nachgeholfen. Ich werde hoffentlich in die Lage 
kommen, in den nächsten Jahren über die Reformation und Gegen- 
reformation in diesen Orten zu berichten, da es mir nicht als zweck- 
mäßig erscheinen will, in diesem Ausblicke auf künftige Arbeiten 
viele Einzelnheiten zu bringen, die Sache auch über den mir dies- 
mal zur Verfügung stehenden Raum hinauswachsen möchte. Wir 
gedenken im nächsten Jahrgange des »Jahrbuches« zunächst eine 
durch Einzelnheiten reich illustrierte Darstellung der kirchlichen 
Bewegung im Markte Ligist und in der Pfarre Pack zu geben, 
die schon durch die hier in die Aktion tretenden Familien Saurau 
und Ungnad ein größeres Interesse bieten dürfte. 

Wenn ich nun auf diese Aktenbestände geistlicher Provenienz 
hinweise, so geschieht das, um jenen Leuten, die mit den hiesigen 
Verhältnissen so wenig vertraut sind, und den anderen, die sich 
nicht die Mühe genommen, sich darüber zu belehren, zu zeigen, 
wie falsch der Schluß ist: diese Akten befinden sich im steier- 
märkischen Landesarchive, also im Archive einer ehedem pro- 
testantischen Korporation, also sind sie protestantisch gefärbt. Diese 
Färbung, die heute als eine protestantische auffällt, tragen, wenn 
man will, auch einzelne Nuntiaturberichte mit ihren oft geradezu 
grotesken Schilderungen der Zustände im katholischen Klerus in 
der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts. Eine wirklich protestan- 
tische Färbung tragen aber nicht einmal die von der Landschaft 
ausgehenden Aktenstücke, mit Ausnahme etwa der Korrespondenzen, 
die der Beistellung von Kirchen- und Schulpersonen wegen mit 
verschiedenen Universitäten oder Konsistorien gepflogen werden. 



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— 219 - 

Auch die Landschaftsprotokolle nicht, in denen man dies noch» 
am ehesten erwarten sollte. Noch viel weniger die Akten- 
stücke, die an die Regierung gesandt worden. IVlan weiß eben 
nicht überall, wie diese Akten zustande kommen, von denen oft 
ein einziger das Ergebnis von Beratungen ist, an der auch die 
katholischen Mitglieder der Landschaft teilnahmen und dessen 
Beantwortung in einem Rate erfolgt, in dem oft nicht einmal ein 
einziger Protestant Sitz und Stimme hat und dessen Vorsitzender 
zumeist irgend ein innerösterreichischer Bischof ist. Heben wir 
aus dem erwähnten neuaufgefundenen Materiale einen bestimmten 
Fall heraus. Ein Pfarrer reicht eine Beschwerde ein über die 
schlechte Behandlung und schließlich über seine Entfernung durch 
Ludwig von Ungnad. Der Pfarrer arbeitet zwei Beschwerdeschriften 
aus, von denen die eine unmittelbar an die Regierung, die andere an 
die Lehensherrschaft geht, und das ist in diesem Falle St. Lambrecht 
Hier wird die Sache sofort einer eingehenden Untersuchung unter- 
zogen; diese ist noch im Gange, als auch schon der Befehl des 
Landesfürsten erscheint, über die. Klage des Pfarrers Bericht zu 
erstatten. Dieser Bericht langt an und wird an die Mitglieder der 
Regierung gegeben. Wer sind diese? Das Stück vom 12. Novem- 
ber 1571 — also in jener für die Protestanten noch so günstigen 
Zeit, in der sich noch keine Einflüsse der Jesuiten, wie es später 
der Fall ist, geltend machen — ist gezeichnet von dem Bischöfe 
Urban von Gurk, dem Kanzler Bernhard Walter, dem Freiherrn 
B. V. Eckh und dem Dr. Kaspar Sitnick. Das sind insgesamt 
Katholiken, die naturgemäß das Vorgehen Ungnads scharf be- 
leuchten und hierüber ihre Verfügungen treffen. Seitdem die 
Jesuiten im Lande sind, würde es dem betreffenden katholischen. 
Lehensherrn — also hier St. Lambrecht, das aus begreiflichen 
Gründen der Landschaft oder dem einzelnen Adeligen gegenüber 
konnivent sein wollte — nicht gestattet werden, Toleranz zu üben;: 
da wacht die von den Jesuiten überwachte Regierung streng an 
der Einhaltung der Kompetenzen und erläßt zu diesem Zwecke 
allgemeine Verfügungen. Die katholische Seite kommt sonach in 
de;i Aktenbeständen des steiermärkischen Landesarchives genau 
zur Geltung, ja sie hat stets das letzte und das entscheidende 
Wort. 

Ich will an dieser Stelle noch einen Irrtum berichtigen, der 
aus Anlaß meines Buches von einem protestantischen Gelehrten. 



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- 220 - 

ausgesprochen und von den Ultramontanen mit großem Behagen 
nacherzählt wurde und mit diesen Dingen gleichfalls zusammen- 
hängt. Wie schon bemerkt, gibt es über die Geschichte der einzelnen 
Pfarren, ja selbst über einzelne Vorkommnisse daselbst, namentlich 
wenn es sich um strittige Kompetenzen handelte, eine außer- 
ordentlich reichhaltige Korrespondenz, Die »Pack« ist eine gewiß 
sehr arme Pfarre gewesen, doch auch hier nehmen die Kompetenz- 
streitigkeiten zwischen der Vogteiherrschaft (Ungnad) und der 
Lehensherrschaft (St. Lambrecht) einen äußerst breiten Raum ein. 
Die Akten sind leider nicht mehr vollständig beisammen : ein Teil 
mochte schon in St. Lambrecht nicht mehr an der richtigen Stelle 
gewesen sein, ' vielleicht sind bei Neuordnungen einzelne Stücke 
anderen Beständen zugewiesen worden, und doch finden sich über 
die zwischen dem Abte Johann von St. Lambrecht und der Familie 
Ungnad geführten Streitigkeiten noch jetzt nicht weniger als 
65 Nummern vor. Wollten wir aber das noch hiezu gehörige an 
anderen Stellen befindliche Quellenmaterial über den Gegenstand 
zulegen, alle die Stellen aus den Landtagsakten und Protokollen, 
in denen hievon die Rede ist, oder die Briefe, die hierüber zwischen 
den geistlichen Behörden des Landes gewechselt worden sind, 
man fände leicht an die hundert Nummern. Würde man da Stück 
für Stück in die Erzählung einreihen — rein mechanisch — , ohne 
auf die zahlreichen sonstigen Momente Rücksicht zu nehmen, so 
könnte man, wie dies besonders geschmackvoll bezeichnet wurde, 
von Aktenklebern sprechen. Solche Fälle, wie der mit Pack, habe 
ich in meinen bisherigen Schriften sehr summarisch behandelt — 
zunächst schon im Hinblicke darauf, daß eben der Vorgang in 
hundert Fällen der gleiche ist — und gedenke, bei dem Verfahren 
auch fürderhin zu bleiben. Ich begnüge mich, die Tatsachen heraus- 
zuheben und die rein lokalen Sachen nur dann in die Darstellung 
einzubeziehen, wenn der Nachweis geführt werden kann, daß sie 
mit Verfügungen allgemeinerer Art in Verbindung stehen. Wer diese 
Akten jemals durchgenommen, wird wissen, daß ein oft lang- 
dauerndes Studium ihres Inhaltes vonnöten ist, um für die Dar- 
stellung auch nur einen Satz zu gewinnen. 

Für die Geschichte des Protestantismus in den einzelnen 
Städten und Märkten gibt es sonach auch in Zukunft noch über- 
reiche Arbeit. In meinen Händen befinden sich augenblicklich zahl- 
reiche Aktenstücke, die von der Gegenreformation in dem erz- 



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- 221 - 

bischöflichen Markte Leibnitz in Steiermark, dem Sitze des Vitzdom- 
amtes, handeln und die Stellung der Erzbischöfe Johann Jakob 
und Wolf Dietrich zu dieser Frage hell beleuchten. Die Publikation 
dieser Akten ist gewiß in hohem Grade erwünscht; noch er- 
wünschter die jener Stücke, welche die Haltung des Hochstiftes 
Bamberg, das so reichen Besitz in Innerösterreich hat, zeichnen. 
Wer gedächte da nicht sofort des langjährigen Bannerträgers der 
protestantischen Sache in Steiermark, Hans Friedrich Hoffmanns ; 
just den und keinen anderen nahm Bamberg als Vizedom nach ' 
Kärnten. An reichen Materialien zur Darstellung dieser Beziehungen 
fehlt es nicht; noch reicher sind die, welche sich auf die Bamberg- 
schen Besitzungen im südlichen Kärnten, in Villach und dem 
Kanaltale, beziehen. Hierüber findet sich viel in den Beständen 
des steiermärkischen Landesarchives, nicht wenig wird in dem 
Patriarchatsarchive von Aquileja zu Udine zu finden sein. Schon 
ist eine jüngere Kraft daran, auch diese Schätze zu heben und sind 
andere in Görz und Krain in gleichem Sinne tätig. Wie man dem 
Vorhergehenden entnimmt, fehlt es an Arbeit nicht — und auch 
nicht an Arbeitern; das Wesentlichste scheint doch darin zu liegen, 
daß zunächst an urkundlichen Materialien wenigstens das Not- 
wendigste publiziert wird, erst dann wird es möglich sein, eine 
vollständige Geschichte des Protestantismus in Innerösterreich zu 
schreiben. '') 



^) Zu S. 209, die schon von Hurt er mitgeteilten Briefe der Erz- 
herzogin Maria sind auch von Khull (Graz 1898) publiziert worden unter 
dem Titel: 46 Briefe der Erzherzogin Maria an ihren Sohn Ferdinand aus 
den Jahren 1598 und 1599. — Zu S. 214 ist noch die im letzten Sommer 
erschienene Schrift von P. Walter §mid O. S. B.: Über Entstehung und 
Herausgabe der Bibel Dalmatins (Mitt. des Mus.-Ver. für Krain, 111 und IV> 
anzufügen (enthält reiche Literaturvormerke). 



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IX. 

Die Salzburger in Amerika. 

Von Dr. Franklin Arnold, o. Universitätsprofessor in Breslau. 

Als in dem Dezennium vor der Thronbesteigung Friedrichs 
des Großen die bedeutendste unter den salzburgischen Emigrationen 
stattfand, haben die Zeitgenossen sie als ein epochemachendes 
Ereignis angesehen. Das war ein Irrtum : man kann nicht sagen, 
daß schöpferische Ideen sich hier zum erstenmale Bahn ge- 
brochen hätten. Aber noch verkehrter wäre die Meinung, es 
habe sich damals nur ein episodisches, anachronistisches Nach- 
spiel der angeblich 1688 beendigten Epoche der Gegenreformation 
vollzogen, das sein ephemeres Aufsehen, und infolgedessen auch 
seine dauernde Popularität, hauptsächlich der Kollision mit der 
bereits siegreichen toleranten Denkweise verdanke, die im wesent- 
lichen durch literarische Belehrungen hervorgerufen sei. Auch in 
Zeitaltern, die man »literarische« nennt, wird die Wirkung der 
Tatsachen auf die öffentliche Meinung von schriftstellerischen Publi- 
kationen mehr begleitet und unterstützt, als abgelöst. Im Blick auf 
Deutschland kann man die den großen Kabinettskriegen folgenden 
Jahrzehnte politischer Erschöpfung und zielloser Unruhe schwerlich 
ein literarisches Zeitalter nennen, wenn auch durch den Pietismus 
und was damit zusammenhängt, ein solches vorbereitet wurde. 
Kleinliche materielle Interessen beherrschten die Masse, doktrinäre 
Reflexionen mit opportunistischer Tendenz die meisten unter den 
zu ihrer Führung Berufenen. Da wirkte das in der Tat »welt- 
erschütternde« Emigrationspatent des Fürstbischofs Firmian wie 
ein Donnerschlag, was ihm folgte wie ein die Luft reinigendes 
Gewitter. Zugleich wurden bis dahin latente Kräfte im Volke aus- 
gelöst. "•) Schon die sich monatelang wiederholenden Züge von 

^) Vgl. Josef D ü rl i n ge r, Historisch-statistisches Handbuch vom Pongau, 
herausgegeben von Dr. Zillner, Salzburg 1867, S. 73. 



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- 223 - 

Hunderten und Tausenden, die etwas Höheres suchten, als das 
tägliche Brot, setzten Stimmungen und Schwingungen in Be- 
wegung, die desto weiterhin hallten, um so vernehmlicher nach- 
klangen, je eintöniger und dumpfer sonst das öffentliche Leben 
war. Weil jene Vorgänge unerwartet eintraten, wurde das Volks- 
bewußtsein auf das kräftigste aufgerüttelt. Das Volksbewußtsein 
— ein Faktor, von dem die gleichzeitigen gelehrten Theologen so 
wenig eine Ahnung hatten, wie die sorgfältig abgestuften Behörden. 
In die staubige Stickluft ihrer Beratungszimmer brachten die Emi- 
grantenscharen einen frischeren Zugwind, als die schönsten De- 
monstrationen von Hugo Grotius und Pufendorf, die man las, ohne 
sich nach ihnen zu richten. 

Die Salzburger Emigrantenzüge zwangen die weltabge- 
schiedenen «Reichsstädtl» und die Bürgerschaften der vielen kleinen 
Zentren der Sedez- und Duodezstaaten Deutschlands, ihr philister- 
haftes Spießbürgertum zu vergessen und gemeinsam zu handeln. 
Diese Wanderscharen überbrückten die künstlich geschaffenen 
Gegensätze der Mittel Staaten. Sie drängten den Preußenkönig 
fast gegen seinen Willen zu folgenschweren Entschlüssen. Sie 
bewirkten eine Verschiebung der Arbeitskräfte und der wirtschaft- 
lichen Leistungsfähigkeit nach dem Nordosten des deutschen Sprach- 
gebietes. Die letzte bedeutende Kolonisation Ostpreußens hat der 
Volkskraft dieser Landesteile ein gut Stück jener Stärke gegeben, 
die man westlich von der Elbe oft unterschätzt. In ganz Deutsch- 
land aber haben damals jene schlichten Wanderer das protestan- 
tische Selbstbewußtsein, den Humanitätsgedanken, die Ahnung von 
Menschenrechten und Freiheit persönlicher Überzeugung geweckt. 
Und diese Wirkungen blieben, als niemand mehr von den Salz- 
burgern sprach. So sind diese Leute mit beschränktem geistigen 
Horizont doch die Pioniere einer neuen Zeit geworden. 

Durch eine eigene Verkettung von Umständen stand etwa 
achtzehn Monate lang die Salzburger Frage im Mittelpunkte der 
Weltpolitik."*) In den diplomatischen Noten der europäischen 

^) Die Salzburger Emigrationsangelegenheit hat geradezu im Vorder- 
grunde des diplomatischen Interesses gestanden vom 16. Juni 1731 (Heft 67 
der »Sehr. d. Ver. f. Ref.-Gesch.«, S. 97, Anm. 23) bis zum 18. September 1732 
(Heft 69, S. 30 f.). Das Interesse des Publikums hingegen setzte erst im Dezem- 
ber 1731 ein, erhielt sich aber länger infolge der Emigrantenzüge, deren letzter 
(unter den nach Preußen bestimmten) am 7. Mai 1733 von Süddeutschland 
aufbrach. (Arnold, Die Vertreibung der Salzburger Protestanten und ihre 
Aufnahme bei den Glaubensgenossen. Leipzig 1900, S. 74 ff., 185 f.) 



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- 224 - 

Mächte war so viel von »Gewissensfreiheit« die Rede, wie noch 
nie : keine unwichtige Sache für die Anbahnung einer neuen 
Denkweise innerhalb der obersten Schichten, wenn auch seit dem 
Februar 1733 die Frage der Zukunft Polens nochmals die 
dynastischen Interessen und die Förderung des europäischen 
Gleichgewichtes in den Vordergrund schob. Aber es setzte bald eine 
neue, unerwartete Folgeerscheinung der Salzburger Protestanten- 
Vertreibung ein. Ein Teil der Exulanten sollte der Konsolidierung 
germanisch-protestantischen Wesens in Amerika ähnliche Dienste 
leisten, wie die nach Lithauen verpflanzten dem Polentum gegen- 
über den germanisch-protestantischen Grundcharakter des preu- 
ßischen Staates verstärkt haben. Die kleine Salzburger Ansiedelung 
zu Eben-Ezer in Georgia hat in einer kritischen Zeit die aufs 
höchste gefährdete jüngste der dreizehn transatlantischen Kolonien 
wesentlich mit erhalten. Das hochherzige Unternehmen eines der 
edelsten Philanthropen hatte diese Kolonie eben erst ins Leben 
gerufen zum Zweck der Deportation von Leuten, die in England 
wegen Zahlungsunfähigkeit zum Schuldgefängnis verurteilt waren. 
Gegen solche unsichere Bevölkerungselemente sollten nach seiner 
Absicht die Salzburger Emigranten ein Gegengewicht bilden. Sie 
haben diese Aufgabe bewunderungswürdig gelöst. Es traten Zeiten 
ein, in denen es schien, als müsse der ganze Versuch aufgegeben 
werden: von allen Seiten türmten sich Schwierigkeiten auf, und 
die inneren, auf Imponderabilien beruhenden, waren die schlimmsten. 
Wo sich längst Begründetes weiter entwickelt, heißt es oft: »Nicht 
jeden Wochenschluß macht Gott die Zeche.« Wo aber alles noch im 
Flusse und im Werden ist, staatlicher Zwang und gesellschaftliche 
Nötigung vielfach wegfallen, wird rascher offenbar, daß auf- 
richtige Frömmigkeit und gediegene Gesittung die Fundamente 
jeder bürgerlichen Gemeinschaft bilden, ohne welche die reichsten 
materiellen Erfolge zerstieben und die glänzendsten Eigenschaften 
zersetzend wirken. '') Die Salzburger Emigranten brachten Ge- 
schicklichkeit und gesunden Menschenverstand mit, keine Wissen- 
schaft und Kunst. Aber sie haben etwas noch Höheres in sich 
getragen, behauptet und vertieft: ihr protestantisches Gewissen,, 

Vgl. Hartpole Lecky, History of England in the IS^h Century, 11, 2. 
Zu erwähnen sind hier auch die von Hobbes abweichenden Ausführungen 
John Lock es in den Shaftesbury Papers bei Bourne, The iife of J. L.,. 
1, 162 f., 149 usw. 



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— 225 — 

Pflichttreue, tätiges geduldiges Gottvertrauen, solide Lebensweise, 
germanischen Familiensinn, festes Zusammenhalten, evangelische 
Heilserkenntnis. Dadurch wirkten sie der mannigfachen Korruption 
entgegen, ermutigten und ermöglichten Fortbestand, Pflege und 
Verteidigung der Kolonien Georgia und Südkarolina. So wurde 
die Ostküste südlich von Savannah bis an den mexikanischen 
Golf samt deren Hinterland dem Machtbereiche der Romanen und 
der katholischen Kirche entzogen. Es ist schwer auszudenken, 
wie die Karte von Nordamerika heute aussehen würde, wenn die 
Gründung von Georgia nicht unternommen oder mißglückt wäre. 
Wer die Unfähigkeit der damaligen englischen Kolonialminister, 
die dünne Bevölkerung, die zerfahrenen Zustände in Südkarolina, 
die nicht zu unterschätzende Kultur der Hispano-Nordamerikaner 
erwägt, wird nicht für unmöglich halten, daß alsdann die Land- 
massen südlich vom 35. Breitengrade heute zu Mexiko gehörten 
oder in Republiken nach Art der südamerikanischen zerfielen. 
Fast könnte man sagen : Wie die Pilgerväter im Norden, so haben 
die Salzburger Emigranten im Süden der dreizehn amerikanischen 
Kolonien die Grundsteine gelegt zu einem stolzen Bau, auf dessen 
Spitze jetzt das Sternenbanner wehf) Was sie durchgesetzt 
haben, ist freilich nur ein Teil des von ihnen Erstrebten. Wäre 
es nach ihnen gegangen, dann würde der Fluch der Sklaverei, 
dessen Folgen noch heute auf den Südstaaten lasten, für Nord- 
amerika auf ein Minimum reduziert worden sein. Gegen die 
übermächtige Zeitströmung selbstsüchtiger Interessen haben sie 
sich nur durch Konzessionen behauptet, nachdem ihre Kräfte 
fast aufgerieben waren. Es gereicht den nach Georgia verpflanzten 
Salzburgern zu unsterblichem Ruhme, daß sie in unblutigem 
Ringen gekämpft haben für die Ideale, welche die Edelsten der 



Der Unterschied ist freilich, daß die Pilgerväter einen stark ent- 
wickelten politischen Sinn hatten, die Salzburger einen ganz unentwickelten. 
Aber es kam im XVlll. Jahrhunderte nicht darauf allein an; der sittlich- 
religiöse Volkscharakter war noch wichtiger für die neue Welt. Die Lebens- 
führung der Salzburger Emigranten in Ostpreußen und in Georgia wider- 
legt die Behauptung Firmians, als hätten die Verfolgten es abgesehen »auf 
eine Übergebung von Land und Leuten in fremder Potenzien Händen oder 
Aufrichtung einer freien Republik« (Firmian an Karl VI., 9. November 1731, 
Wiener Staatsarchiv). Vgl. auch J. Loserth, Die Reformation und Gegen- 
reformation in den innerösterreichischen Ländern im XVI. Jahrhundert 
(Stuttgart 1898), S. 343. 

Jahrbuch das Protestantismus, 1904. 15 



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- 226 - 

angelsächsischen Rasse damals hegten. Trotz ihrer Niederlagen 
blieb jene kleine Schar doch eine wirtschaftliche und eine moralische 
Macht in dem neuen Weltteile. 

Aber ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in den Leistungen 
für Bodenkultur, Mühlenbau, Seidenindustrie, Produktengewinnung, 
Waisenerziehung und Schulwesen, Behauptung des Deutschtums 
und Luthertums, in ihrem Einfluß auf beide Wesleys und Whitefield, 
sowie auf die Negerbevölkerung, deren höheres geistiges Niveau 
in der Umgegend von Savannah man noch jetzt bemerken will. 
Ihr Unternehmen hat nicht bloß Amerikas Entwicklung beeinflußt. 
Ebenso wichtig sind die Rückwirkungen auf Europa gewesen. 
Hätten die von den Spaniern und Franzosen aufgehetzten Indianer 
auch das salzburgische Eben-Ezer niedergebrannt, wären durch die 
während des Krieges der vierziger Jahre drohende Negerrevolution 
ganz Georgia und Karolina zur Wüste geworden: die bis dahin 
von Deutschland und England der Kolonie geleistete Liebestätigkeit 
allein würde unsere höchste Teilnahme beanspruchen. Entrollt sie 
doch in unzähligen kleinen Zügen ein Bild von der Solidarität der 
protestantischen Interessen, die dem gemeinen Manne noch nie so 
zum Bewußtsein gekommen war. 

Nicht bloß die so schwierige Unterhaltung der Glaubens- 
kolonie ist merkwürdig! Wenn alle mit Salzburgern besetzten 
Schiffe im Sturm zerschellt oder von spanischen Kriegsschiffen in 
den Grund gebohrt wären, so daß kein einziger der Emigranten 
seinen Fuß auf den Boden der neuen Welt gesetzt hätte, würde 
doch der bloße Versuch unsterblich sein, der einen Augsburger 
Pastor und einen englischen General zu einem Unternehmen ver- 
band, das in einer Periode rein merkantiler Interessen von der 
lautersten christlichen Humanität diktiert wurde. Ehe es geglückt 
war, wurde es natürlich vielfach verspottet, mit und ohne Absicht 
durchkreuzt. Die Schwierigkeiten würden weniger groß gewesen 
sein, wenn die Kolonie keine so schlimme Nachbarschaft gehabt 
hätte. Nicht die Indianer oder Spanier oder Franzosen bildeten 
die Hauptgefahr, sondern Karolina, »die Schande Amerikas«, wie 
1681 ein Statthalter von Virginia schrieb, »die Zuflucht aller Misse- 
täter, wo die Piraten für jeden Raub bereitwilligen Absatz finden«. '') 



') Holmes, The Annais of America, I, 327. Vgl. M o i r e a u, »L'am^rique 
depuis le trait^ d'Utrecht« in Lavisse et Rambaud, Histoire g^n^rale, VII 
(1896), besonders p. 526 ss. 



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- 227 - 

Ehe die Salzburger kamen, sah es um den Protestantismus 
südlich von der Chesapeake-Bay ziemlich hoffnungslos aus^ Der 
Name des englischen Kriegshafens, von wo aus die amerikanischen 
Salzburger häufig ihre Provisionen erhielten,^) Port Royal, weist 
auf den frühesten europäischen Versuch einer Niederlassung südlich 
von Virginien hin. Admiral Coligny erhielt 1562 von König Karl IX. 
die Erlaubnis, hier eine Hugenottenkolonie anzulegen. Die Ansiedler 
sind von den Spaniern massakriert worden. 2) Hundert Jahre später 
gab Karl 11. von England mehreren Lords die Verwilligung einer 
Kolonie in diesen Gegenden. Der bedeutendste unter den Privi- 
legierten war der Freund des John Locke, Lord Ashley; der bei 
Charleston mündende Fluß heißt noch heute nach ihm. 1669 ent- 
warf der Philosoph die Konstitution für die neue Gründung,^) oft 
verwertet für die Geschichte des religiösen Toleranzgedankens,"^) 
sonst aber so eng oligarchisch^) und wunderlich,^) daß sie nur ein 
kurzes Leben haben konnte.^) Aber die zerrüttenden Verfassungs- 
kämpfe waren nach seiner Beseitigung nicht zu Ende. Die katholische 
Großmacht, in deren Gebiet die Sonne nicht unterging, bewies in 
der neuen Welt eine große Assimilationsfähigkeit, eine zähe Kraft 
der Organisation und Expansion. Der spanische Erbfolgekrieg zeigte, 
gleich der späteren Salzburger Zeit, wie festen Fuß dies ritterliche 



Ausführliche Nachrichten von den Saltzburgischen Emigranten, die 
sich in America niedergelassen haben Herausgegeben von Samuel Url- 
sperger. (Halle 1735.) S. 85, 149, 152. Erste Continuation (Halle 1738), 
S. 252. Zwölfte Continuation (Halle 1746), S. 2170, 2185. 

2) Konrad Haebler in Helmolts Weltgeschichte, 1 (1899), S. 432, 
wo auch Abbildung der Arx Carolina. Vgl. W. Simons in »Encyciop. Brit.« 
s. V. South Carolina. Doyle, The English in America (London 1882), der 
den hohen Quellenwert von Parkman »Pioniers of France in the New World« 
hervorhebt, berichtet p. 129 nach diesem, wie die Spanier die Männer der 
Ribault'schen Kolonie hängen: the men were hung on trees with an inscrip- 
tion pinned to their breasts: »Not as to Frenchmen, but as to Lutherans«. 

3) The Works of Jofln Locke in ten volumes 10, X, 175—199. Bourne, 
1, 239. 

**) Oft überschätzt. Was Locke 1666 am Hofe des großen Kurfürsten 
zu Cleve sah, war toleranter als sein Entwurf. 

5) »that we may avoid erecting a numerous democracy«; vgl. auch 
Macaulay, History of England, V, 214. Tauchnitz ed. 

^) Die Verfassung operiert viel mit Landgrafen und Kaziken; vgl. 
K. F. N e u m a n n, Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, 1 
(1863), S. 32. 

'^) Bis zum April 1693 (George Bancroft, History of the U. St. 
12th edition, Vol. 111, p. 14ff.). 

15* 



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— 228 — 

Volk in Florida gefaßt hatte. 1729 wurde Karolina freilich englisches 
Kronland und zerfiel nun in eine nördliche und südliche Hälfte. 
Als die Salzburger einwanderten, zählte die Bevölkerung dieser 
Nachbarlandschaft erst 13.000 Seelen, von diesen »Seelen« taugten 
aber die wenigsten etwas.^) 

Die englische Gesellschaft zur Zeit Karls 11. war üppig, frivol, 
hinterlistig — freilich auch weltgewandt, nicht einseitig und eigen- 
sinnig, wie die von ihnen verspotteten Puritaner. Die Lebemänner 
der schlimmsten Sorte,^) bankerotte Kavaliere u. dgl. gingen nach 
Karolina, fanden sich dort mit allerlei Gesindel zusammen und 
verübten gegen ihre Sklaven unglaubliche Grausamkeiten. Natür- 
lich gab es Ausnahmen^); aber die meisten Einwanderer wurden in 
diesen Strudel hineingezogen. Keine Frage, daß die Spanier in dem 
damaligen »Florida« mit- ihren edlen franziskanischen Indianer- 
missionaren an innerem Gehalt diese elende Gesellschaft turm- 
hoch überragten. Unter den in Karolina Zugewanderten waren auch 
manche Pfälzer."^) Nachdem 1708 eine durch den Landauer Pfarrer 
Josua V. Kocherthal 5) geführte Schar von Unglücklichen, die ent- 
setzlich unter dem Wüten der Franzosen gelitten hatte, bis zum 
Hudson gelangt war, folgten 1709 über 10.000, die sich den Rhein 
hinab bis Rotterdam wälzten, durch Verwendung des Herzogs von 
Marlborough in London verpflegt wurden und dann teils in 
Irland,^) teils im Staate New-York, teils in Karolina^) Unterkunft 

Über Nordkaroiina: William Byrd Journey to the land of Eden 
(1733), s. Neumann, i. c, S. 31. Über Südkarolina: Grahame II, 152; lll, 422. 
Dazu die Ausf. Nachr. Am. Salzb. VII. Cont. (1741), S. 543, 592, 561 f., 602, 
632, 642, 938; XVI. Cont. (1750), 468; XVII. Cont. (1752), 565, 604, 672; 
XVI II. Cont. (1752), 937. 

2) Sie hießen geradezu als Partei »the ill livers« (George Bancroft, 
1. c, III, 13). 

3) Sehr interessant ist das Reisediarium des Salzb. Pastors Boltzius 
von Eben-Ezer bis Charleston und zurück, 12. Oktober bis 29. Oktober 1742: 
Ausf. Nachr. Am. Salzb. Cont. XI (1745), 2071-2090. 

**) Ausf. Nachr. Am. Salzb. (1735), S. 149, die meisten in den Süd- 
staaten angesiedelten Pfälzer sind freilich dem gelben Fieber oder den 
Tuscarora-lndianern erlegen, vgl. American Church History VIII, History of 
the reformed Church, German by J. H. Dubbs, New-York 1895, p. 239. 

5) H. E. Jacobs, A history of the Evangelical Lutheran Church in the 
U. St. (New-York 1893), p. 112 ff. 

6) Lecky, II, 343 ss. cf. Dubbs, I.e., p. 239, und Buckley, A history 
of Methodists in the U. St. (New-York 1896), p. 98 ss. 

'^) Jacobs, i.e., p. XIV, Nr. 4, gibt leider keinen genauen Titel der 
den »Hallischen Nachrichten« parallel laufenden Publikation aus Helmstädt 
über die Lutheraner in Nordkarolina. 



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- 229 - 

fanden. Man muß es den Engländern lassen, daß sie eine wahr- 
haft großartige Wohltätigkeit gegen diese im Grunde unerwünschten 
Gäste entwickelten. Der im Staate New-York damals angesiedelte 
Zweig der Pfälzer Emigranten hat eine merkwürdige, an heroischen 
Zügen reiche Geschichte gehabt und ist für die Zivilisation der 
Vereinigten Staaten bedeutend geworden. '') Die Schicksale der 
Salzburger Emigranten weisen manche Ähnlichkeit mit denen der 
Pfälzer auf,2) unterscheiden sich aber durch dreierlei. Die Salzburger 
waren um ihres Glaubens willen Exulanten geworden; die Pfälzer 
waren zwar auch lauter Protestanten,^) aber sie waren durch den 
Krieg vertrieben und größtenteils auch durch Vorspiegelungen ver- 
lockt."^) Ferner war man in England während der folgenden Jahre 
durch den Massenandrang der Pfälzer zurückgeschreckt; am 1. Fe- 
bruar 1712 wurde das Gesetz über Naturalisation der fremden 
Protestanten aufgehoben. 5) Deshalb war die Regierung sehr vor- 
sichtig, nicht zu viele Salzburger aufzunehmen, sehr zum Schaden 
der Kolonie. Endlich hatte jenes Gesetz, von dem die Pfälzer 
profitierten, im Grunde opportunistische Motive gehabt. Man ge- 
dachte, keine armen Deutschen, sondern reiche Hugenotten heran- 
zuziehen.^) Die Aufnahme der Salzburger aber war Folge einer 
Erstarkung des idealen Sinnes in England, welche mit deutschen 
Bestrebungen zusammentraf. 

Die deistischen und naturalistischen Tendenzen in der eng- 
lischen Literatur riefen nicht bloß zahlreiche theoretische Apologien 
der positiven Religion hervor, sie setzten auch praktische Gegen- 
bestrebungen in Tätigkeit. Einer der Herde derselben war die 1696 

^) Sie ist vortrefflich behandelt in der »Geschichte der Deutschen im 
Staate New-York bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts« von 
Friedrich Kapp, New-York 1869, S. 78ff. 

-) Was der Spectator Friday, April 27, 1711 (Londoner Ausgabe von 
1749, I, p. 200—204), von dem Zusammentreffen der Pfälzer mit den Mohawks 
erzählt, wiederholte sich bei dem Zusammentreffen der Salzburger mit Tomo 
Chachi; vgl. u. a. Arnold, die Vertreibung, S. 10 f., mit Kapp, S. 90 f. 

3) Es ist charakteristisch, daß anfänglich mehrere Hunderte von 
Katholiken mit den Pfälzern kamen, obwohl die Montague Bill bloß von 
Naturalisierung fremder Protestanten handelte. (Kapp, S. 87, 89.) Über den 
protestantischen Grundcharakter der pfälzisch-schwäbischen Kolonie in Scho- 
harie und Mohawk, vgl. bes. den von Kapp, S. 265, erzählten Vorgang. 

■*) Über »das goldene Buch« und ähnliches siehe Kapp, S. 87. 

5) Kapp, S. 93. 

6) Kapp, S. 87. 



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- 230 - 

gestiftete »Gesellschaft zur Beförderung der christlichen Erkenntnis«, 
von der sich 1701 die »Gesellschaft zur Verbreitung des Evange- 
liums« abzweigte.'') Die oben berührte Pfälzer Emigration war kaum 
zum Abschluß gekommen,^) als der damals fünfundzwanzigjährige 
schwäbische Theologe Samuel Urlsperger durch den deutschen Hof- 
prediger des Prinzgemahls der Königin Anna mit diesen Kreisen in 
Beziehung kam.^) Er entstammte einer um des Evangeliums willen 
aus Österreich vertriebenen Exulantenfamilie,"^) hatte in Tübingen 
als »Stiftler« Theologie studiert, sich auch mit Lockes Philosophie 
beschäftigt und kehrte nach zweijährigem Aufenthalte in England 
und anderen Studienreisen 1713 in seine Heimat zurück. Seine 
durch August Hermann Franckes Mahnungen geschärfte Gewissen- 
haftigkeit führten einen schweren Konflikt mit dem in Doppelehe 
lebenden Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg herbei. Nach 
mancherlei Schicksalen fand er 1723 als Augsburger Pastor eine 
neue Wirksamkeit. Bei seinem Tode im Jahre 1772 rühmte man 
ihm nach, die geistige Physiognomie der freien Reichsstadt sei 
durch ihn eine andere und bessere geworden. Es war bezeichnend, 
daß sein Amtsnachfolger, der ihm die Gedächtnisrede hielt, vor fast 
vierzig Jahren einen Zug der nach Amerika wandernden Salzburger 
in seinem Auftrage bis zur Abfahrt von Europa begleitet hatte,^) 

Lecky, II, 545s. 

2) Im Jahre 1710 gründeten Pfälzer und Schweizer Ansiedler New- 
Berne in Nordkarolina; vgl. H. E. Jacobs, 1. c, p. 150. Einen lehrreichen 
Vergleich der Pfälzer Auswanderung mit der Salzburgischen zieht Urls- 
perger Ausf. Nachr. Salzb. Em. (1735), S. 8 und 10. 

3) Prinz Georg von Dänemark, Sohn König Friedrichs 111., 1683 mit 
(der Königin von Großbritannien) Anna vermählt, war freilich schon am 
8. November 1708 gestorben; aber der von ihm 1705 zum Prediger an der 
deutschen und luther. Hofkapelle berufene A. W. Böhme behielt die Stelle 
bis an sein Ende (f 1722). Er war in der Nähe von Pyrmont geboren. Urls- 
perger lernte ihn 1709 in Halle kennen; beide hatten dort Aug. Herrn. 
Francke besucht. Vgl. L. Renner, Lebensbilder aus der Pietistenzeit (Bremen 
1886), S. 335 ff.; Kram er, Leben Franckes, II, 58f.; Walch, Religions- 
streitigkeiten der ev.-luth. Kirche, V, 113. 

^) Zum folgenden vgl. Renner, 1. c, S. 329— 400 und VII ss., ferner 
Württemb. Kirchengesch., her. vom Calwer Verlagsverein (1893), S. 489, 723. 

5) Matthäus Friedr. Degmair hatte nicht den ersten Zug dieser Emi- 
granten geleitet, wie Renner, 1. c, S. 400, sagt, sondern den zweiten und 
nicht bloß bis Rotterdam, sondern nach London. Er nahm am Tower von 
ihnen Abschied, als sie in sechs Böten an Bord gebracht wurden. Ausf. 
Nachr. Salzb. Em. (1735), S. 29, 24, 27. Später (1746) nennt ihn Urlsperger 



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- 231 - 

daß sein Sohn als Thema seiner ersten wissenschafth'chen Arbeit 
die Auswanderung der Salzburger nach Georgia wählte und später 
in der Christentumsgesellschaft ein ähnliches Organ schuf, wie 
die englische Genossenschaft gewesen war, die jenen Exulanten 
die Wege geebnet hatte. 

Die Emigration der Salzburger überhaupt ist ein Erfolg des 
planmäßigen Vorgehens der erst 1728 in das Fürstbistum gerufenen 
Jesuiten gewesen. Das ist anderwärts nachgewiesen worden. '') Dort 
ist auch gezeigt, daß die Katastrophe garnicht oder nur in be- 
scheidenem Umfange erfolgt wäre, wenn es nicht Zentren der 
evangelischen Bewegung in Deutschland gegeben hätte, die in 
geräuschloser, unablässiger Arbeit den Protestantismus in den 
Alpenländern gepflegt hätten: vor allem Nürnberg, Regensburg 
und Augsburg.2) Hieran hat auch Urlsperger während des ersten 
Dezenniums seiner Amtstätigkeit wacker mitgearbeitet. Aber seine 
Haupttätigkeit bezog sich auf die in der vorliegenden Abhandlung 
besprochenen Verhältnisse. Schon der Umfang des von ihm zum 
Druck zubereiteten Materiales ^) ist erstaunlich. Allein die »Aus- 
führlichen Nachrichten« ergießen sich über etwa 6000 Quartseiten. 
Bei weitem den meisten Raum nehmen die Tagebücher »Diarien« 
ein, unschätzbar für jeden, der mit geschichtlichem Sinne zu lesen 



»nunmehrigen treu-eyfrigen Evangel. Prediger und Helfer bei der H. Creutz- 
kirche« zu Augsburg. (Vorrede zum zweiten Teil des Ausf. Nachr. Salzb. 
Em., S. Vlll.) Dort nennt U. auch den treuen Reiseprediger zu dem ersten 
Transport: Max Albr. Schuhmacher, damaligen cand. rev. min. in der des 
H. Rom. R. freien Stadt Ulm, nunmehrigen wohlverdienten Pfarrer zu Luits- 
hausen. 

Arnold, Die Ausrottung des Protestantismus in Salzburg unter 
Erzbischof Firmian u. s. Nachfolgern. (Schriften des Vereines f. Ref.-Gesch., 
Heft 67.) S. 37 ff. — Derselbe, Die Vertreibung der Salzb. Protestanten (1900), 
S. 55 ff. 

2) Arnold, Die Ausrottung usw., 1, S. 6—18. 

3) Die »Ausführlichen Nachrichten« reichen vom Januar 1732 bis zum 
30. März 1752. Daran schließt sich Urlspergers Amerikanisches Ackerwerk 
Gottes, Halle 1754. (Wortspiel mit »Georgia« und ^soO ^soVftov, I, Cor. 3, 9; 
vgl. die geschmacklose, aber nicht uninteressante Durchführung dieses Ge- 
dankens in Ausf. Nachr., V. Cont., S. 2598, wo außerdem das Geheul der 
Alligators im Savannah-Fluß mit Deuter. 32, 10 in Verbindung gebracht 
wird.) Über den Zweck seines Sammelwerkes spricht sich U. in seiner Vor- 
rede zur V. Cont. (15. September 1740) aus, »daß wir diese Nachrichten 
fürnemlich auch um so vieler in Preußen etablierten und in Teutschland 
hin und wieder zerstreueten Saltzburger willen ediren«. 



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- 232 - 

versteht.^) Dazu sehr viele Briefe und Quittungen über Liebesgaben. 
Leider hat der Herausgeber aus Diskretion viele konkrete und 
individuelle Züge verwischt. Ob sich nicht die Originale 
der Tagebücher, Briefe und Rechn ungen noch irgendwo 
finden? Jeder Leser dieser Zeilen, der über den Ver- 
bleib etwas weiß, wird dringend gebeten, darüber an 
die Redaktion dieser Zeitschrift zu berichten! 

Die damals von Augsburg und nach Augsburg gesponnenen 
Fäden führen in überraschend mannigfache Zeitverhältnisse der 
christlichen Menschheit jener Periode,^) nach Smyrna und Ost- 
indien, Ostpreußen und Schwaben, Holland, England und Amerika. 
Eine neue Art der Bildung und des geistigen Horizontes kündigt 
sich überall auf diesen Blättern an. Mit dem klassischen Altertum 
ist der Zusammenhang lose geworden;^) statt dessen ist das Interesse 
für Naturbeobachtung erwacht.'*) Wunderlich sind die kirchlichen 
Verhältnisse. Durch Vermittlung eines in Pommern geborenen 
englischen Hofpredigers ^) wird eine transatlantische lutherische 
Kultusgenossenschaft, deren meiste Gemeindemitglieder in einem 

^) Leider sind die Diaria redigiert. Ausf. Nachr., VII, 519 (7. Juni 1740), 
spricht Boltzius seine Freude aus, daß die im Jahre 1736 eingeschickten 
Diaria von dem Herrn Senior »auf solche Weise dem Druck überlassen, da 
wohl nicht der geringste Anstoß oder Mißverständnis zu besorgen«, d. h. 
sie können von den Gemeindegliedern zu Eben-Ezer gelesen werden, ohne 
das Mißhelligkeiten entstehen können. Im übrigen ist die subjektive Wahr- 
haftigkeit der Tagebücher zweifellos. 

2) Vielleicht sind manche Mscr. nach Basel gekommen, anderes mag 
in London zu finden sein und auch in Augsburg selbst. 

3) Das Lateinische ist noch internationale Verkehrssprache. Ausf. 
Nachr. Salzb. Am., V. Cont. Vorrede, p. XXIlIs: »Urlspergero suo plurimam 

salutem impertit Georgius Whitefield E nave Philadelphiam 

itura haec Tibi scripsi Octobr. die vicesima nona 1737.« 

4) Der Salzburger Prediger Boltzius glaubt, I. c, XVIII. Cont, S. 867, 
mit geschmacklosen etymologischen Spielereien seine Leser zu erfreuen, 
äußert aber ibd. 902 Besorgnis, er möchte mit seinen Beschreibungen der 
äußerlichen Umstände manchen Freunden »einen Eckel erwecken«! Deshalb 
bedurfte es eines besonderen Anstoßes, ihn zu den interessanten Mitteilungen 
über die Naturbeschaffenheit von Karolina und Georgia zu ermutigen, die 
wir S. 116—988 dort lesen (anno 1751). 

5) Nachfolger des oben S. 230, Anm. 3) erwähnten Pastor Böhme war 
1722—1776 Friedr. Michael Ziegenhagen, geb. 1694 in Pommern, Verehrer 
Speners, einflußreich bei der Ges. zur Bef. ehr. Erkenntnis, Gönner der 
Salzburger Emigranten. Vgl. außer H. E. Jacobs, 1. c, p. 144 bes. Ausf. 
Nachr. Am. Salzb. 29, 49, 79. VII. Cont, p. II; VI. Cont. Vorrede. An ihn 
wurden die Diarien von Zeit zu Zeit überschickt, und er teilte sie den 
Trustees mit: VII. Cont., S. 539, 579. Er sorgte auch für die Pfälzer Kolonisten. 



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-- 233 - 

deutschen geistlichen Staate römisch-katholisch getauft sind, und 
bei deren Liturgie eine Übersetzung des Common Prayer Book 
gebraucht wird,^) — Filiale der St. Annen-Gemeinde in der freien 
Reichsstadt Augsburg. 2) Die Personalunion der Kronen von England 
und Hannover hat zur Schaffung solcher Verhältnisse wesentlich 
mitgewirkt. 

Jene Verbindung hat auch den Einfluß des Corpus Evangeli- 
corum auf die von der Wiener Hofburg aus geleitete Politik seit 
1714 wesentlich verstärkt.^) Sobald Hannover, Preußen und Sachsen 
in ihren Protesten gegen Religionsbedrückungen zusammengingen, 
wurde Karl VI. daran erinnert, daß in Königsberg, Warschau 
und London seine oberlehnsherrlichen Prätensionen keine Geltung 
hatten."^) Daß die österreichische Soldateska den salzburgischen 
Akatholizismus nicht zertreten konnte, wie der Fürstbischof und 
die Jesuiten wünschten, ist großenteils der Regensburger Prote- 
stantenvertretung zuzuschreiben. Auf England mußte der Kaiser 

^) Zu Eben-Ezer wurde die Agende der deutschen Hofkapelle in 
London gebraucht. Diese stand unter dem Bischof von London. Ausf. Nachr., 
I, 52, 88, 356; vgl. H. E. Jacobs, 1. c, p. 214, 143. 

2) Ausf. Nachr. Am. Salzb. Vll. Cont, S. XVI. Bei Veränderungen in 
der Gemeindeorganisation wird die Resolution der Superiores in Augsburg, 
bes. Urlspergers, abgewartet, 1. c, S. 448 (9. April 1740) u. s. 

3) Es gilt von der ganzen Regierungszeit Georgs II. (1727—1760), was 
Lecky, I, 408 f., von den vierziger Jahren sagt: »England, as was said, 
was too often steered by a Hanoverian rudder« etc. 

*) Am 17. Januar 1720 war zwischen Hannover und Preußen eine 
Vereinbarung über die Direktion des Corpus Evangelicorum abgeschlossen, 
auf die der preußische Reichstagsgesandte am 26. August 1731 zurückkommt. 
(Berliner Staatsarchiv. Rep. XI, 233, fol. 114 ad Relat. Nr. 67.) Ferner vgl. 
Europ. Staatskanzlei 36, 526, 552; 49, 59; 56, 141, 146, 150; 59, 204. Ferner 
das Verhör des Peter Wallner den 30. Juni 1731: »Zu weme er dann zu 
Regensburg gegangen ?« »Zu denen Sachß- und Hannoverischen Gesandten.« 
»Was sie zu ihme gesagt haben ?« »Sie haben ihn auf die Achsel geschlagen 
und ihme die beste Wort geben usw.« (Aktenmäßiger Bericht von der 
schweren Verfolgung derer Evangelischen in Saltzburg^ (1732), S. 21 8 f. 
Unverkürztes Original: Salzb. Em. Akten, Wiener Staatsarchiv, Tom. II, 
(Kasten XIV), fol. 12. Endlich s. das Pro Memoria, so auf Befehl S. Kgl. 
Großbritt. Majestät durch dero teutschen Ministro Herrn Joh. Wilh. von 
Dieden . . . dem Kaiserl. Ministerio in Wien den 19. Februar 1732 übergeben 
worden. (Salzb. Emigrations-Acta, ges. von J. J. Moser, I, (1732) 271 ff.) 
Es ist lehrreich, den Schluß dieser Denkschrift mit einer Salzburgischen 
vom Dezember 1732 zu vergleichen, die Heft 67 der Sehr. V. Ref. Gesch., 
S. 35, auszugsweise wiedergegeben ist. 



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- 234 - 

schon wegen seiner Handelspolitik Rücksicht nehmen, vor allem 
aber zum Zweck der Anerkennung der pragmatischen Sanktion. 
Auch ist nicht zu vergessen, daß die Waffenbrüderschaft von 
Marlborough und Prinz Eugen nachwirkte. Erwägt man nun 
die UnZuverlässigkeit Kursachsens, das übervorsichtige Zögern 
Preußens, so kann man fragen, ob ohne den Druck Englands nicht 
statt der Salzburger Massenauswanderung bloß ein Flüchten ein- 
zelner weniger eingetreten wäre. Aber damit ist auch alles gesagt. 
Von England-Hannover ist die Emigration nicht etwa im Koloni- 
sationsinteresse begünstigt oder gar veranlaßt worden. Als die 
Evangelischen vertrieben wurden, ist schwerlich auch nur einem 
von ihnen der Gedanke an Amerika gekommen. 

Der erste Transport von Salzburgern über den Ozean ist 
erfolgt, als die Auswanderung aus dem Erzstifte längst zu Ende 
war und bereits eine neue Phase der Gegenreformation in den 
Alpenländern begonnen hatte.^) Der schlichte Mann, welcher als 
Urheber der gewaltigen Volksbewegung zu betrachten ist, Joseph 
Schaitberger, hatte schon seine Augen geschlossen. 2) Genau zwei 
Jahre nach Unterzeichnung des erzbischöflichen Emigrationspatentes, 
am 31. Oktober 1733, brachen die ersten Salzburger von Augsburg 
nach Amerika auf, als den in Ostpreußen Angesiedelten schon 
Häuser gebaut wurden; sie hatten noch schwere Februarstürme 
auf hoher See zu bestehen, während Pastor Breuer gerade über 
die Fortschritte des salzburgischen Schulwesens in Litauen be- 
richtete;^) und sie. erblickten zum erstenmale wieder Land'*), als 
Gerhard Günther Göcking eben die Feder niedergelegt hatte nach 



^) Am 1. Oktober 1733 begann die erste Transportation evangelischer 
Kärntner nach Siebenbürgen. (Archiv f. d. Kunde österreichischer Geschichts- 
quellen, 53, 477.) 

2) Joseph Schaitberger starb den 2. Oktober 1733 zu Nürnberg. 

3) Beheim-Schwarzbach, Hohenzollern'sche Kolonisationen (1874), 
S. 209. Ausf. Nachr. Am. Salzb., S. 69 Diar. 18. Februar 1734; vgl. George 
Bancroft, 1. c, revised edition 1883, Vol. II, p. 288 s. 

•*) Am 5. März 1734 »Nach Aufgang der Sonnen rief ein Schiff-Knecht 
vom Mastbaum, er sähe Land; und nicht lange darauf konnte man es auch 
unten auf dem Tillac ziemlich deutlich erkennen. Wir gingen darauf zu- 
sammen und bezahleten dem Herrn unser Gelübde mit dem Liede Herr 
Gott, dich loben wir; der 66ste Psalm, welcher eben in der Ordnung zu 
betrachten folgte, macht uns groß Vergnügen und Lob Gottes, weil er sich 
ganz unvergleichlich auf unsere Umstände schicket«. (Reisediarium von 
Boltzius und Gronau in Ausf. Nachr. Salzb. Am., S. 77.) 



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- 235 - 

Vollendung der letzten von den drei Vorreden, welche die fertig- 
gestellten 822 Quartseiten seiner »Vollkommenen Emigrations- 
geschichte« einleiten sollten.^) Das transatlantische Unternehmen 
bildet für sich eine neue Kette von besonderen Vorgängen. 



Die Vorbereitungen. 

Am 31. Dezember 1732 langten die ersten Salzburger Emi- 
granten in Augsburg an.^) Die Austreibung war ganz überraschend 
gekommen, die erste Nachricht war erst am 30. aus Kaufbeuren 
eingelaufen. Daß Preußen einst für die Exulanten ein Asyl werden 
würde, ahnte damals niemand: es hat noch ein Vierteljahr gedauert, 
bis ein preußischer Kommissär die ersten Salzburger zu sehen 
bekam. ^) Die Augsburger Glaubensgenossen wollten den Wan- 
dernden nur ein Obdach gewähren; aber selbst das war schwierig, 
denn mit dem 1. Januar ging das Stadtregiment in katholische 
Hände über, und diese Seite protestierte erfolgreich gegen eine 
Beherbergung in den Stadtmauern. '^) Viele andere Exulantenzüge 
standen zu erwarten! In dieser Bedrängnis wandte sich Urlsperger 
an seine Freunde in England; ohne sein Wissen wurden seine 
Berichte dort sofort gedruckt.^) Bald liefen auch sehr ansehnliche 
Wechsel aus England ein. Das Geld war auf rein privatem Wege 



^) Göckings Zuschrift an König Fr. Wilh. I. ist datiert: Berlin den 
11. September 1733. Darin heißt es: »Die Salzburger haben ihre Hütten ver- 
lassen: Ew. Kgl. Majestät haben ihnen Wohnungen eingerichtet und lassen 
ihnen Häuser bauen«. Die Vorrede Joh. Lorenz Mosheims ist datiert: Helm- 
städt den 16. September 1733. Die letzte Vorrede des Verfassers nach Ab- 
schluß des übrigen Druckes: Warnstedt den 1. März 1734. 

2) Mosers Salzb. Emigrations-Akta, I, 373 ff. 425, 429. Göcking, I, 316. 
Arnold, Die Vertreibung, S. 84 ff. 

3) Am 28. März 1732 (Arnold, l. c, S. 125. Göcking, 1, 337).— Der Ver- 
such, ob »einige« Emigranten nach Preußen als Kolonisten engagiert werden 
könnten, taucht zum erstenmale auf in der Korrespondenz König Fr. Wilhelms 
mit Seckendorf den 4. Januar 1732, Forster, Fr. Wilh., III. Teil, S. 297 cf., II, 
329. Arnold, l. c, S. 112f. — Das königl. preuß. Patent, die An- und Auf- 
nahme der emigr. Glaubensgenossen betreffend, ist datiert vom 2. Februar 
1732 (Europ. Staatskanzlei 60, 142. Arnold, 1. c, S. 113 ff.) 

^) Vgl. oben Anm. 2. 

5) Ausf. Nachr. Salzb. Em., Am. I, 1. Ob noch Drucke dieser 
englischen »Relationes« vorhanden sind? Es wäre interessant, 
ihren Wortlaut kennen zu lernen. 



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— 236 - 

zusammengekommen; nach den Erfahrungen, die mit den Pfälzern 
gemacht waren, nahm man von einer offiziellen Kollekte Abstand.^) 
Aber bei Geldsendungen blieb es nicht. Während auf dem Kon- 
tinent das Interesse für die Exulanten durch den plötzlich auf- 
tauchenden polnischen Thronfolgestreit verdrängt wurde — am 
1. Februar 1733 war August der Starke gestorben — , wurde die 
Salzburger Sache in England erst jetzt recht populär. Durch Ver- 
mittlung der Gesellschaft zur Beförderung der Erkenntnis Christi 
erhielt Urlsperger von der Sozietät der Bevollmächtigten zur Grün- 
dung der Kolonie Georgia eine am 12. September 1733 ausgefertigte 
Vollmacht, eine Anzahl von Emigranten für diesen Zweck auf- 
zunehmen.2) 

Die Seele des neuen Unternehmens war Sir James Oglethorpe, 
eine der merkwürdigsten Erscheinungen des achtzehnten Jahr- 
hunderts. Schon sein Vorname läßt erkennen, daß er Kreisen 
entstammte, die mit der Neuordnung der Dinge im Jahre 1688 
nicht einverstanden waren. Sein Vater hat für das Haus Stuart 
gekämpft und gelitten, wußte dann aber die Grenze zwischen 
Standhaftigkeit und Starrsinn zu finden. Auch Sir James war eine 
konservative Natur; aber bei seiner leidenschaftlichen Menschen- 
liebe konnte er lernen und vergessen. Wie des Vaters pietätvolle 
Ritterlichkeit auf ihn überging, so erbte er von der Mutter deren 
gewandten, scharfsichtigen Geist, den der von ihr protegierte 

Vgl. Ausf. Nachr., 1. c, S. 2 mit Friedr. Kapp, Gesch. der Deutschen 
im Staate New-York, S. 91 ff. 

2) Lecky, I, 499 ss., ist für die kolonialen Verhältnisse unzureichend, 
gibt auch Oglethorpes Alter falsch an, bietet aber Wertvolles für die kultur- 
geschichtliche Seite der Vorgänge. Die Namen der ursprüngl. Trustees for 
establishing the Colony of Georgia in America siehe in Ausf. Nachr. Salzb. 
Am. S. 5 f. Dort auch die Vollmacht. »Cum .... regi Georgio II. nihil magis 
in votis Sit, quam ut inopiae et miseriis pauperum succurrat tam inter 
subditos suos, quam inter extraneos, qui e patria sua religionis caussa 
exsulare coguntur, Majestas sua Britannica eum in finem coloniam insti- 
tuit etc. . . . Nos itaque, Regia hac auctoritate instructi et communiti dictae 
coloniae curatores, de humanitate et pietatis vere christianae zeloreverendi 
admodum doctique Viri Samuelis Vrlspergeri, Ecclesiae Sanctae Annae apud 
Augustanos Rectoris dignissimi, certiores facti, ipsum plena potestate munien- 
dum esse iudicavimus . . ., ut exsules quoscunque, sive emigrantes e patria 

sua professionis evangelicae causa . . tanquam colonos admittat ; pro- 

mittentes, quidquid per dictum Dominum Vrlspergerum cum praefatis . . . 

emigrantibus conventum fuerit, id nobis ratum, gratum acceptumque 

fore By order of the said Trustees (L. S.) Benj. Martyn, Secretarius. 



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- 237 - 

Jonathan Swift verehrte, ebenso das Talent geistreicher, welt- 
offener Konversation, womit er bis ins hohe Greisenalter seine 
vielen Freunde entzückte. Im spanischen Erbfolgekriege focht er 
unter Marlborough, diente weiter unter Prinz Eugen und lernte 
nach seiner Rückkehr ins Vaterland an dem kläglichen Ende eines 
in Geldnöten geratenen Freundes die grauenhaften Zustände der 
englischen Schuldgefängnisse kennen, wogegen seit 1691 zwar 
viel lamentiert, aber nichts geschehen war. Durch seine Energie 
wurde es in den Gefängnissen wenigstens etwas besser. Das 
Hauptwerk seines Lebens, die Gründung des Staates Georgia, 
ging aus dem Bestreben hervor, zahlungsunfähigen Schuldnern 
ein Asyl zu öffnen und die Möglichkeit zu geben, sich heraus- 
zuarbeiten. So hat er gestritten gegen die kalte Maxime des auf- 
strebenden dritten Standes in England, wonach nur der Besitz als 
Grundlage des Rechtes und der Macht gelten sollte.^) Er hat aber 
auch sein Waffenhandwerk in den Dienst seiner neuen, ideal ge- 
dachten Gründung gestellt, indem er einen denkwürdigen Feldzug 
gegen die nordamerikanischen Spanier leitete. Auch Salzburger haben 
dabei mitgefochten.^) Die Krisis des Jahres 1742 bildet den Höhe- 
punkt von Oglethorpes unsterblichen Verdiensten um die Vorherr- 
schaft germanisch-protestantischen Geistes in der neuen Welt. 
Dann aber rächte es sich, daß sein heroischer Sinn, der in Momenten 
der Gefahr die Massen mit sich fortriß, in Zeiten der Entbehrung 
sie stählte, die Macht niedriger Motive unterschätzte. Er wollte 
überhaupt nicht sehen, was er verachtete, vergriff sich bisweilen 
in der Wahl seiner Organe und war zu stolz, um sich mit oppor- 
tunistischen Zungendreschern und politischen Kleinkrämern in 
Debatten einzulassen. Doch war er klug genug, sich aus dem 
politischen Leben zurückzuziehen, ehe seine Gegner, von denen 



»All power and dominion are most naturally founded in property.« 
Vgl. über diese Maxime und ihre theoretische Ablehnung in Südkarolina 
George Bancroft H. of the U. St. 12^ III, p. 18. Merkwürdig, wie Wicliffs 
Gedankengänge sich in materialistischer Richtung fortspinnen! 

2) Ausf. Nachr. Salzb. Am. VII. Cent. S. 514, vgl. I, 340; VII, 461 ff. 
Im ganzen waren aber die amerikanischen Salzburger ebenso unkriegerisch, 
wie unpolitisch. Vgl. über diesen dem Volksstamm künstlich anerzogenen 
Zug: Arnold, Die Vertreibung S. 38f., S. 241. Ausf. Nachr. VII. Cont. 452, 
454, 460. Die Diarien enthalten viel interessantes Detail über den Krieg 
gegen die Spanier, z. B. IX. Cont. 1259, 1263, 1265, 2009, 2111 ff, vgl. auch 
W. B. Stevens, A History of Georgia, I (New York 1847), p. 159-199. 



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- 238 - 

er schon grausam zerzaust war, ihn völlig zermalmen konnten. 
Jetzt vermochten sie die starken, geräuschlosen Wirkungen nicht 
zu hindern, die noch 31 Jahre lang von dem unabhängigen, rast- 
losen, durch Menschenliebe jugendfrischen Landedelmann aus- 
gingen. Zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges galt Oglethorpe noch 
1775 als so leistungsfähig, daß ihm das Kommando gegen 
Washington angeboten wurde; er aber dachte an seine 79 Jahre. 
So entgingen die amerikanischen Salzburger, von denen Treichl, 
Stirk, Waldhauer, Flörl und Krämer Kongreßmitglieder waren, der 
traurigen Notwendigkeit, gegen ihren größten Wohltäter kämpfen 
zu müssend) Kaum war aber der Friede geschlossen, da gewann 
jener, bei all seiner britischen Loyalität, es über sich, den ersten 
Gesandten der Vereinigten Staaten in London, John Adams, auf- 
zusuchen und ihm seine Hochschätzung der jungen Republik aus- 
zusprechen. 2) Als er 1785 im neunzigsten Lebensjahre starb, war 
das allgemeine Urteil: »er heischte Bewunderung« (he commanded 
admiration). Vielleicht am meisten Grund, ihm dankbar zu sein, 
hatten die Nachkommen der durch ihn und den Augsburger Pastor 
nach Amerika verpflanzten Salzburger. 

Der erste Transport, der am 31. Oktober 1733 von 
Augsburg abging, bestand ursprünglich aus 42 Personen.^) Leider 
liegen über sie keine genauen Listen vor,"^) so daß man nur 
mühsam einiges über ihre Herkunft ermitteln kann. Ich stelle es 
mit Nachrichten über ihr späteres Ergehen zusammen. 

1. Thomas Gschwandl aus Gastein, Gedauerer Zeche,^) er- 
innert sich noch 1738 dankbar der vielen Wohltaten, die er zu 
Augsburg »im Sauerischen Garten und hernach im Schieß-Graben« 
empfangen habe.^) Er ist wahrscheinlich einer der ersten Emigranten 



Vgl. H. E. Jacobs, 1. c, p. 299. Lecky, IV, 92: loyalists a strong 
party in Georgia. Kann man es ihnen so sehr verdenken? Hier hatte Eng- 
land doch manches Gute gesät. Vgl. auch Am. Church History VIIl, 303, 
und Mitteil. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde XXll (1882), S. 19. Abweichend 
über die Zeit 1775 ss. Stevens, 1. c, 1, 207. 

2) Holmes, Annais (Cambridge 1829), II, 530. Stevens, 1. c, I, 209. 

3) Ausf. Nachr. Salzb. Am., S. 12. 

*) Die am 19. Mai 1739 von den beiden Predigern zu Eben-Ezer auf- 
gestellte Übersicht bietet ein unzulängliches Hülfsmittel (l. c. V. Cont., 
S. 2307-2312). 

5) 1. c, VIII. Cont, S. 989. 

6) l. c, II. Cont., S. 968. 



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— 239 - 

gewesen, die von Kaufbeuren nach Augsburg zogen und am letzten 
Nachmittage des Jahres 1732 dort die Einwohner überraschten. 
Sie wurden »in des Herrn Schauers Garten und in dem Schieß- 
Graben eingenommen«, und der evangelische Bürgermeister J. G. 
Morell berichtete bald darauf »Einem hochlöblichen Geh. Rat« über 
ihr Verhalten, als er sie dort inspiziert hatte.^) Zeitgenössische 
Kupferstiche haben beide Örtlichkeiten dargestellt, wie sie von 
den Scharen der Emigranten angefüllt waren.^) Gschwandl gehörte 
zu den intelligenteren unter den Kolonisten, die den Zusammen- 
hang mit den nach Ostpreußen ausgewanderten Stammesgenossen 
aufrecht zu erhalten suchten.^) Er heiratete später die Witwe des 
Andreas Resch aus St. Veit, mehrere Jahre, nachdem dieser sich 
im Urwald verirrt hatte."^) Es ist ergreifend in den Tagebüchern 
beschrieben, mit welcher Angst, Peinlichkeit und Sorge man in 
solchen Fällen suchte.^) Georgia heißt noch heute »The Pine State«; 
damals aber galten- erst recht die Worte des späteren deutsch- 
amerikanischen Dichters:^) 

»Ein Föhrenwald, wohin du ostwärts siehst, 

Ein Föhrenwald, durch den du westwärts ziehst. 

Im Norden Föhren sich zum Himmel strecken, 

Vom Süden Föhren ihre Äste recken.« 

2. Christian Leimberger stand mit Gschwandl von Anfang 
an in enger Verbindung und teilte seine Schicksale sowie seine 



*) Salzb. Em. Acta ges. von Moser, I, S. 438. 

2) Siehe die Abbildungen in Arnold, Die Vertreibung usw., S. 89f. 

3) Vgl. ebenda S. 239 ff. 

^) Der Vorgang ist interessant als Beispiel der Handhabung des Ehe- 
rechtes der Salzburger Kolonie: »Upon the petition of Sybilla Resch, widow, 
for licence to marry Thomas Gschwandel, setting forth, that her late hus- 
band was lost in the woods three years ago, where he died and never 
returned, neither was his body found, and that she hath abstained from 
marriage during the afore said three years, making enquiry after the body 
of her Said husband: and the matter having been refer'd to be inquired 
into, and reported to me by the Rev'd Mr. Bolzius, that the marriage of 
the said widow will give no scandal, but the whole congregation are 
desirous the said marriage might take effect; I do therefore hereby licence 
and impower you, the said Rev*d Mr. Mart. Bolzius, to perform the office 
of your function, in joining the above named . . . etc. . . . given under my 
band and seal this 21 of Oct. 1738, James Oglethope. Ausf. Nachr. Salzb. 
Am. V. Cont., S. 2485 f. 

5) l. c, I. Cont, S. 287, 289, 380 f., 139, 142. 

^) W. G. Simms bei Fr. Ratzel, Die Ver. Staaten von Amerika, I, 497. 



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- 240 - 

anhängliche Dankbarkeit gegen Urlsperger und die Augsburger 
Wohltäter.^) Er zeichnete sich durch Zuverlässigkeit und gediegene 
Rechtschaffenheit aus, besaß in den Plantagen, die vor Eben-Ezer 
lagen, ein gut gedeihendes Anwesen und zeigte sechzehn Jahre 
lang von allen Salzburgern vielleicht die stärkste Abneigung gegen 
die Negersklaverei. Darum machte es um so größeren Eindruck, 
als er am 17. Juli 1750 dem Prediger erklärte, die Not mit seinen 
Dienstboten und seiner Kränklichkeit treibe ihn, eine Negerin zu 
kaufen. Dadurch wurde eine entscheidende Wendung für die Salz- 
burger Kolonie herbeigeführt. 2) 

3. Simon Reiter, ebenfalls aus Gastein (Zeche Luckau), mit 
den beiden vorigen eng verbunden. Ihm lag ganz besonders viel 
daran, die Verbindung mit den Landsleuten in Ostpreußen auf- 
recht zu erhalten.^) 

4. Aus Lindau schloß sich auch Johann Madereiter dem 
Zuge an, er stammte aus Saalfelden und war über das bayrische 
Gericht Schongau Ende Dezember 1732 nach Kaufbeuren gekommen. 
Das Aufblühen der Kolonie hat er nicht mehr erlebt, sondern 
starb schon 1735 im Alter von 49 Jahren.**) 

5. Aus Ulm kam Paul Schweighoffer. Er gehörte zu denen, 
die ganz in der energischen Frömmigkeit lebten, die Schaitberger 
in seinem Sendbrief verkündigt hatte. Sein an Kaspar Dembl in 
Ulm gerichteter Brief vom 1. September 1735 ist ein Denkmal 
dieser Gesinnung.^) 

6. Hans Moßhammer^) aus dem Gericht Saalfelden kam Ende 



') Ausf. Nachr. Salzb. Am. II, Cont., S. 968. 

2) 1. c, XVII. Cont, S. 707. 

3) 1. c, VlII. Cent., S. 857, 989. 

*) 1. c, S. 950, Salzb. Emigr.-Acta, her. v, Moser, 1, 105, Nr. 20. Mad- 
reiter f 30. April 1735. Er vermachte 5 Pfd. Sterl. an die Armenkasse, sein 
übriges Geld und Gut dortigen Verwandten, hinterließ ein gutes Andenken. 
Ausf. Nachr. Salzb. Em., I. Cont., S. 292, 329, 341, 352. 

5) I. Cont, S. 398 f. wird erzählt, wie er vor der Emigration durch ein 
kleines Büchlein zur Erkenntnis der evangelischen Lehre gekommen ist, 
diese in Salzburg frei bekannt hat usw., ferner s. II. Cont, S. 955. 

*) Salzb. Emigrationsacta, her. v. Moser, l, 105, Nr. 19. Freilich liegt 
an dieser Stelle, wenn nicht ein anderer Hans Moßhammer gemeint ist, eine 
falsche Altersangabe vor (vgl. Ausf. Nachr. Salzb. Am., IV. Cont, S. 2311, 
Nr. 15). Außerdem über ihn: Reisediarium, 15. Juni 1734. Ausf. Nachr. Salzb. 
Am., S. 235, II. Cont, S. 265, 285, 321, 324, 341, 399, 407; 111. Cont, S. 1022. 
Er t 2. September 1735. 



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- 241 - 

Dezember 1731 nach Kaufbeuren, wurde von dort nach Augsburg 
geschafft. In seinem am 8. März 1734 geschriebenen Briefe aus 
Eben-Ezer läßt er viele Augsburger grüßen und wünscht, daß 
den im Erzstift Zurückgebliebenen von seinem Ergehen Nachricht 
werde. Er hofft, daß dort noch viele die evangelische Wahrheit 
frei bekennen möchten; sie war ihm durch Lektüre der Bibel und 
des »Wahren Christentums« von Johann Arndt aufgegangen. Er 
hatte großen Einfluß auf die Salzburger, der noch lange nach 
seinem Tode spürbar war. Seine Witwe heiratete später den 
folgenden: 

7. Peter Gruber ^) aus dem Gericht St. Veit, am 31. Dezember 
1731 von Kaufbeuren nach Memmingen transportiert. Er machte 
sich um die Kolonie recht verdient und stärkte den Einfluß der 
mit ihm verschwägerten Prediger. 

8. Zu den einflußreichsten Geschlechtern im Salzburger 
Erzstift gehörte das der Rohrmoser.^) Ein Rupert Rohrmoser 
hatte viel Anhang in Großarl, wohin er sich in der bewegten 
Zeit, am 15. Juni 1731, begeben hatte, war auch bei den 
Schwarzach-Zusammenkünften beteiligt.^) Auch der im Gerichte 
Saalfelden wohnende Zweig der Familie hatte dieselben Ge- 
sinnungen, sowie die in Täxenbach angesessenen Glieder. So 
finden wir denn gleich unter den zuerst vertriebenen Unan- 
gesessenen manche Salzburger und Salzburgerinnen dieses 
Namens."*) Für die amerikanischen Salzburger sind mehrere aus 
dieser Familie stammende Frauen von großer Bedeutung geworden. 



1) Salzb. Em.-Acta, her. v. Moser, I, 102, Nr. 28. Ausf. Nachr. Salzb. 
Am., IV. Cent, S. 2307, 2288; 11. Cent, S. 976; VII. Cent, 522 f., 632, 636 f. Er 
t 2. Dezember 1740. 

2) \/g\ Clarus, Die Auswanderung der protestantisch gesinnten Salz- 
burger (Innsbruck 1864), S. 181. 

3) Das Neueste von denen Saltzburgischen Emigrations-Actis. Achtes 
Stück, S. 160 ff. Constitutum gegen Rüppen Rohrmoser zu Niederpach, 
St. Johannser Gericht seßhaft, 27. Februar 1732. Daselbst auch (Nr. 4) Eydliche 
Inquisition gegen Faul Rohrmoser zu Ober-Golleg. 

'*) Unter denen, die durch Tirol marschiert waren (vgl. Arnold, Die 
Vertreibung usw., S.72ff.) und dann nach Kempten kamen, war auch Magdalena 
Rohrmoserin aus Täxenbach (Saltzb. Emigr. Acta, her. v. Moser, 1, 259, 
Nr. 54), Helene Rohrmoserin, ebendaher (l. c, S. 260, Nr. 71), Anna Rohr- 
moserin, ebendaher (1. c, S. 261, Nr. 75). Nach Ostpreußen kamen am 9. Sep- 
tember 1732 zu Schiff an Josef Rohrmoser aus Großarl (Göcking, II, 762, 
Nr. 63) usw. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 16 



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- 242 — 

Barbara Kraher, geb. Rohrmoser, war um des Glaubens willen 
aus Saalfelden mit drei Töchtern ausgezogen, während ihr Gatte 
zurückblieb. Ihre Tochter Maria war erst mit dem oben unter 
Nr. 6 genannten Hans Moßhammer, dann mit dem unter Nr. 7 
aufgeführten Peter Gruber vermählt Die zweite, Gertraud, wurde 
die Frau des leitenden Predigers in Eben-Ezer, Boltzius, die dritte, 
Katharina, nahm der andere Prediger, Gronau, zum Weibe. Beide 
Pfarrfrauen haben großen Einfluß auf das Wohlergehen der 
Gemeinde gehabt, da sie den beiden Norddeutschen halfen, den 
Salzburgern innerlich näher zu kommen und sie richtig zu leiten. 
Außerdem hat Gertraud Boltzius mutig, klug, geschickt und er- 
folgreich den Grund gelegt zur Seidenindustrie Georgiens (vgl. 
Am. Ackerwerk, S. 10, den 15. April 1751). Über ihre Mutter, die 
Barbara Kraherin, geb. Rohrmoserin, spricht sich ihr Schwieger- 
sohn, nachdem er ihr den 16. November 1735 die Augen zu- 
gedrückt hatte, unter anderm so aus:^) »Dieser Riß tut uns freilich 
sehr wehe, weil wir an ihr eine herzlich fromme und zugleich im Haus- 
wesen sehr erfahrene Mutter verloren haben. ... Sie gehörte mit zu 
den Stillen im Lande, die ihren Schatz mehr im Herzen haben, als 
vor andern sehen lassen wollte, daher sie gar still vor Gott 

*) I. Cont, S. 442—447. Ihr Brief an Feter Pfeffer in Augsburg vom 
5. September 1735: II. Cont., S. 952f. »Ich wünschte, daß ihr meinen in 
Salzburg zurückgelassenen lieben Mann und Kinder tausendmal grüßen und 
ihm sagen könntet, daß sie auch ausgehen möchten usw.« Peter Pfeffer war 
auch aus dem Gericht Saalfelden, kam um die Jahreswende 1731—1732 nach 
Kaufbeuren und wurde von dort nach Augsburg »transportiert«. (Em. Acta, 
ges. von Moser, I, 104, Nr. 4.) Dann war er von Augsburg nach Memmingen 
gekommen, hatte dort die Rohrmoser'sche Familie angetroffen und war ihr 
in allen Dingen an die Hand gegangen. »Daher es denn auch geschehen, 
daß wir, die wir sonst beschlossen hatten, nach Preußen zu gehen, auf dein 
Zuraten uns auf den Weg nach Augsburg machten, allwo du ... . aufs 
möglichste dich unser angenommen hast.« Sie hätte sich zwar vorgenommen 
gehabt, im Deutschen Reiche zu bleiben; der liebe Gott habe es aber nach 
seiner großen Weisheit und wunderbaren Regierung so gefügt, daß sie sich 
entschlossen hätte, mit anderen Salzburgern nach Amerika zu gehen. (1. c, 
II. Cont, S. 952.) Ihre beiden an die Prediger verheirateten Töchter schrieben 
1738 an ihre im salzburgischen Gericht Saalfelden zurückgelassenen Ge- 
schwister einen Brief, der nur wegen Raummangel hier nicht mitgeteilt wird. 
(Hl. Cont, S. 2046f.) Ihre Schwester Marie erkundigt sich 1741 in dem 
Gemeindebrief der amerikanischen Salzburger an ihre Landsleute in Preußen 
und Litauen nach der Familie Rieder, die wie sie aus dem SaalfeJder 
Gericht von Unter-Stockham sei. 



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— 243 — 

wandelte und ihre Dinge unter beständigem Gebet in großer 
Treue beschickte; daher sie auch des Segens aus dem 1. Psalm 
teilhaftig wurde: Was der Gerechte macht, das gerät wohl . . . 
Ich habe mich über ihre Ausdrücke oft verwundert und erbauet. 
Ihren Mann, bei dem sie gute Tage in Salzburg gehabt, und in- 
sonderheit ihre Kinder, darunter eins noch an ihrer Mutterbrust 
gewesen, hat sie zwar mit Tränen, doch aus Liebe zu Christo 
willig verlassen. Seit ihrem Ausgange aus ihres Mannes Hause, 
hat sie für die Ihrigen sehr ernstlich gebetet. ... Sie hat bei der 
ganzen Gemeine eine allgemeine Liebe und wegen ihres überaus 
herzlichen und redlichen Wesens, auch großer Dienstfertigkeit, 
gleichsam eine Hochachtung bei jedermann gehabt.« Nach Art 
dieser Tagebücher werden wir über die inneren Vorgänge auf 
ihrem Krankenbette genau unterrichtet. Auf den hohen Wert 
solcher Mitteilungen für die Geschichte der christlichen Religion 
soll hier nur kurz hingewiesen werden. "•) Dankbarkeit und »Zu- 
friedenheit« — ^dies Wort hatte damals einen volleren Klang als 
heute — atmeten alle ihre Worte unter großen Körperschmerzen. 
»Im Salzburgischen habe sie Gott wegen ihrer Sünden Gewissens- 
und Seelenschmerzen fühlen lassen, welches gar andere Schmerzen 
wären, und wäre niemand dagewesen, der ihr nur den geringsten 
Trost zugesprochen, vielmehr hätten sie ihre Anverwandten nur 
gespottet ... Sie verwunderte sich über die Güte und Weisheit 
Gottes gar sehr, indem er es nicht nur so gefüget, sondern sie 
auch gleichsam recht gezwungen, nach Amerika zu reisen, wo 
sie nun nichts Anderes als lauter geist- und leibliche Wohltaten 
empfange, wodurch sie Gott immer mehr zur Buße leiten wolle.« 
Aus der gegebenen Charakterisierung der mit dem ersten 
Transporte nach Amerika verpflanzten Salzburger ergibt sich, 
daß auch die tüchtigsten Elemente desselben (die anderen sind 
hier übergangen) keineswegs fähig waren, eine Kolonie zu be- 
gründen. Sie gehörten sämtliche dem ersten Zuge der Vertriebenen 
an, der im wesentlichen aus Nicht-Grundbesitzern (»Unange- 
sessenen«) bestand. 2) Zum Glück erhielten sie aber in Pastor 

Karl Seil, Preußische Jahrbücher, 1899, Oktober: »Die wissenschaft- 
lichen Aufgaben einer Geschichte der christlichen Religion«, bes. S. 15, 19, 
57. Vgl. auch: Hans v. Schubert, Die heutige Auffassung und Behandlung 
der Kirchengeschichte (1902), S. 14 f. 

-) Gegen den Willen der Salzburgischen Regierung sind freilich auch 
einige »Angesessene« mitgezogen. (Arnold, Die Vertreibung usw., S. 71.) 

16* 



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- 244 — 

Boltzius einen trefflichen Leiter. Dieser war im Herbste 1703^) 
zu Forste in der Lausitz geboren,^) scheint in Guben die Schule 
besucht zu haben, kam dann nach Berlin und erfuhr dort reiche 
geistige Anregung;^) den entscheidenden Wendepunkt seines 
Lebens bildete aber sein Studienaufenthalt in Halle. Er erzählte 
noch 1735 einem über seinen Herzenszustand bekümmerten Salz- 
burger, wie er in einem ähnlichen Seelenzustande seinem Univer- 
sitätslehrer Professor Paul Anton sein Leid geklagt und von 
diesem getröstet und dann etwa so zurechtgewiesen sei: »es käme 
nur bey mir von nun an auf Treue, Treue an«.'*) Die besondere 
theologische Ausprägung, die der Halle'sche Pietismus gerade bei 
Paul Anton annahm, ist Boltzius dauernd eigen geblieben. 5) Er 
betrachtet sich gern als Schüler der Hallischen Anstalten.^) Ehe 
er zum Emigrantenprediger berufen wurde, war er »Inspector 
Vicarius der Lateinischen Schule des Waisenhauses zu Glaucha 
an Halle«. '^) Bei dem Durchmarsche der verschiedenen nach 
Preußen gewiesenen Trupps der Salzburger »wurden die Herrn 
Directores des Waysenhauses der Fürsorge für diese Flüchtlinge 
nicht müde«.^) Folgenreicher war es, daß die vom Preußenkönig 

») Ausf. Nachr. Salzb. Am. XVII. Cont., S. 731, schreibt Boltzius am 
21. August 1750: »Ich bin fast 47 Jahre alt«. 

2) I. c, III. Cent., S. 2016; VIII. Cont., S. 996. 

3) Da Urlsperger bei der Herausgabe der Briefe die Eigennamen 
der Gönner und Freunde fast immer austilgt, wissen wir auch nicht, wie 
die Berliner hießen, denen Boltzius auch noch in Amerika manche Unter- 
stützung zu verdanken hatte. III. Cont. 1. c. und S. 2002 ff. 

*) 1. c, I. Cont, S. 405, vgl. mit H a u c k s Realenzyklopädie, I, 
S. 599, Z. 54 f. 

5) Tholuck, 1. c. Besonders häufig werden in den Diarien und Briefen 
erwähnt Antons Evangelische Hausgespräche von der Erlösung. Ausf. 
Nachr. Salzb. Am., S. 220; dort auch eine Charakteristik D. Antons, S. 118, 
127 usw. 

^) l. c, S. 195. »Kommt man von Halle weg, so soll man gleichsam 
aufsagen, was man gelernet.« 

'^) I. c, S. 16. Er schrieb an seinen Amtsnachfolger (den Namen erfahren 
wir wieder nicht) aus Eben-Ezer den 9. Mai 1734; 1. c, 237. 

ö) Göcking, I, 435; vgl. Arnold, Die Vertreibung usw., 5.140. Der 
erste Zug kam am 21. April 1732 in Halle an, der zweite am 14. Juni, der 
dritte am 6. Juli. Nicht nur hiebei waren die Leiter und Schüler des Waisen- 
hauses tätig; sie ließen auch den am 1. Mai und den am 10. Juli in der 
Nähe vorüberziehenden Trupps ihre Hilfeleistung zuteil werden. Göcking^ 
I. 435. 



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- 245 - 

ernannten Emigrantenprediger von Halle genommen wurden. Der 
bedeutendste unter ihnen war der in Ostpreußen geborne Johann 
Friedrich Breuer J) Als dieser am 23. April 1732 mit dem ersten 
Salzburger Trupp von Halle fortzog, schrieb ihm Boltzius etwas 
zum Andenken in ein Stammbuch ein, ohne damals ahnen zu 
können, daß er selbst in einem fernen Weltteile ebenfalls den Salz- 
burgern dienen werde.^) Auch der spätere zweite Prediger der 
amerikanischen Salzburger »Israel Christian Gronau, Halber- 
stadiensis« machte damals zu Halle eine Eintragung in dasselbe 
Stammbuch.^) Boltzius überragte sowohl Gronau wie seine späteren 
Mitarbeiter bedeutend an Begabung, ließ aber seine Überlegenheit 
nie störend fühlen. Das brüderlich-freundschaftliche Verhältnis 
der Salzburger Pastoren erhielt der amerikanischen Kolonie ihren 
familienhaften Charakter. Durch ihre Frauen wurden die beiden 
' Hallenser zu Salzburgern. Auf dem Wege der uneigennützigen 
Fürsorge übte Boltzius bis zu seinem Tode eine unbestrittene 
Herrschaft in Eben-Ezer aus. Von den Trustees mit Vollmacht 
ausgerüstet, leitete er das Gemeinwesen, wie einer der Richter 
des Alten Testamentes das Volk Israel. Daß er so ganz zu 
einem Salzburger wurde, hatte aber auch starke Schattenseiten. 
Er begab sich der Erweiterung des Blickes, die durch allgemeine 
Bildung, durch kritische Anteilnahme an den geistigen Bewegungen 
des Zeitalters erzielt wird. Die Einseitigkeit des Hallischen 
Pietismus wurde nicht ergänzt, er lernte nur soviel hinzu, als die 
eigene praktische Erfahrung an die Hand gab. Bei seiner Auf- 
merksamkeit auf alles, was Eben-Ezer nützen oder schaden konnte, 
seinem gesunden Urteile und klaren Verstand war das freilich nicht 
wenig. Seine Stellungnahme zu wichtigen Zeitfragen ist oft bewun- 



Arnold, Die Vertreibung usw., S. 199-210. Das dort Mitgeteilte 
ist teils der Breuer'schen Reisebeschreibung (Göcking, II, 121—130) und 
anderen Notizen (bei Göcking, l. c, 244—300 passim, und bei Beheim- 
Schwarzbach) entnommen, besonders aber dem von meinem werten 
Herrn Kollegen Prof. Dr. Otto Hoff mann aufgefundenen Kirchenbuch von 
Stallupöhnen. 

-) Schreiben des Saltzburgischen Predigers in Litthauen, Herrn Joh. 
Friedr. Breuer an die beyde Saltzburgischen Herren Prediger in Eben Ezer, 
Stalupöhnen d. 12. Februar 1742 (Ausf. Nachr. Salzb. Am. VIII. Cont. S. 996). 

3) l. c. Breuer schreibt 1742: »Welche Worte, so oft ich sie lese, 
Sie, liebe Brüder, in meinem Gemüte mir so lebendig vorkommen, als wenn 
ich Sie mit meinen Augen vor mir sähe.« 



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- 246 - 

derungswürdig; aber weil die allgemeinen Gesichtspunkte fehlten^ 
fand er nie den Mut zu einer Initiative im großen. So ist es im 
Grunde doch nur ein vortrefflicher Dorf- und Reiseprediger, ein 
idealer Salzburger Bauernbürgermeister gewesen. Vielleicht war es 
ein Glück für die Kolonie, daß er es sich im kleinen wohl sein 
ließ. Eine kühnere Politik hätte deren Existenz in Frage gestellt 
und im Falle des Erfolges ihre deutsche Eigenart vernichtet. 

Wir verfolgen den ersten Transport nicht auf seiner Reise. 
Die beiden Prediger, in Wernigerode ordiniert, haben ihn von 
Rotterdam aus begleitet, und am 26. März 1734 wurde die neue 
Ansiedlung an einem Nebenflusse des Savannah angelegt und Eben- 
Ezer genannt, nach 1. Samuelis 7, v. 12. Es sollte sich später 
herausstellen, daß^ der Platz schlecht gewählt war. Man mußte 
ihn verlassen und ein Neu-Ebenezer gründen. Durch den anfäng- 
lichen Mißgriff ist viel physische Kraft vergeudet worden. Später 
schien es eine Zeitlang, als werde Neu-Ebenezer Hauptstadt von 
Georgia werden. 

Der zweite Transport, über 60 Personen stark,^) brach 
etwa elf Monate nach dem ersten, am 23. September 1734, von 
Augsburg auf 2) und erreichte am 13. Januar 1735 den Ortseiner 
Bestimmung.^) Auch er bestand aus Emigranten, die sich bis 
dahin in den süddeutschen Reichsstädten aufgehalten hatten. Er 
führte der Kolonie tüchtige Arbeitskräfte zu. Wir nennen: 

1. Die Riedelsperger. Sie gehörten später zu den einfluß- 
reichsten Familien in Georgien. Es ist anderwärts erzählt worden, 
wie die aus dem Erzstifte ins Tiroler Gebiet gejagten Scharen mit 
ganz besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten."^) Am 
24. Januar 1732 kamen ihrer 108, sämtlich aus dem Pfleg- 
gericht Lichtenberg, in Kempten an und wurden am 28. nach 
Yßny weiterdirigiert.5) Manche kamen später in das Lindauische und 
hielten sich dort 18 Monate auf, u. a. Nikolaus, Adam und Maria 



^) Die Zahl Ausf. Nachr. Salzb. Am. S. 18 ist irreführend; vgl. IV. 
Cont, S. 2308 f., 2311. 

2) Ausf. Nachr. Salzb. Am., S. 23. 

3) l. c, S. 36. 

*) Arnold, Die Vertreibung usw., S. 72 f. 

5) Salzb. Emigr. Acta, ges. von Moser, I, 267: Adam Riedelsperger, 
31 Jahr alt; Nikolaus R., 44 Jahr alt; Christian R., 19 Jahr alt; Hans R., 
19 Jahr alt; Stephan R., 21 Jahr alt; 268: Wolfgang R., 50 Jahr alt; 269: 
Maria R., 30 Jahr alt; Ursula R., 22 Jahr alt. 



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— 247 — 

Riedelsperger. Letztere trat bei dem ev. Prediger und Konsistorial- 
Assessor Bonaventura Riesch in Dienst, zu Lindau am Bodensee. 
Dieser nennt den Nikolaus Riedelsperger überaus geschickt zur 
Viehzucht, rühmt von Adam Riedelsperger eine gute christliche 
Erkenntnis, auch sei er in zeitlichen Geschäften sehr habil und 
von vortrefflichem Verstand, und gibt allen 12 Salzburgern, die 
mit dem zweiten Transport von Lindau nach Amerika gingen, das 
beste Zeugnis.^) Auch Christian Riedelsperger gehörte zu diesen 
Lindauern, scheint sich aber etwas früher von dort wegbegeben 
zu haben. 2) Die Kolonisten des ersten Transportes merkten schnell, 
was sie an diesen gar geschickten Leuten hatten: Nikolaus Riedels- 
perger, hieß es bald, könne fast alles machen, was er sehe.^) 
Christian Riedelsperger hatte einen weiteren Blick als die übrigen.**) 
Man muß sich freilich in fremde Verhältnisse versetzen können, 
um es genial zu finden, daß er mit allen Traditionen von Acker- 
bau und Viehzucht brach, um sich auf den Handel, besonders mit 
Holz und Holzprodukten, zu legen. Er erkannte, was Georgia 
besaß, und was den Antillen fehlte.^) Wäre sein neues Heimat- 
land auf diesem Wege geblieben, so wäre das glänzende Elend 
unter der Herrschaft des King Cotton mindestens verringert 
worden. Riedelsperger mußte das Geld zu seinen Unternehmungen 
leihen; aber in weniger als zwei Jahren hatte er nicht bloß alles 
zurückgezahlt, sondern war zu gutem Wohlstande gelangt. Im 
März 1751 war er willig, auf Wunsch der Gemeinde den Handel 
mit den Brettern zu übernehmen, welche die Salzburger Säge- 
mühle schnitt.^) In der Riedelsperger'schen Familie war aber 
nicht bloß Unternehmungsgeist und Gemeinsinn zu Hause; es lag 
ihnen auch daran, den Zusammenhang mit den fernen Glaubens- 



Ausf. Nachr. Salzb. Am., S. 19 ff. 

2) Am 25. November 1738 ist Christian R. unter den Emigranten »von 
Lindau« aufgeführt und läßt Lindauer Bekannte grüßen; 1. c, III. Cont, 
S. 2051, 2053. 

3) 1. c, I. Cont, S. 350, 353. 

') Vgl. über ihn auch I. c, VII. Cont., S. 4591, 657, 694; VII. Cont, 
S. 459 f., 657, 694; VIII. Cont, S. 761. 

5) Vgl. Fr. Ratz ei, Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, I, 497, 
und den Artikel Georgie von A. Moireau in La Grande Encyclopedie XVIII, 
p. 824. In der Tat liegt die Zukunft des »key stone State of the South« in der 
Industrie der Holzprodukte und deren Ausfuhr. 

6) Ausf. Nachr. Salzb. Am., XVII. Cont., S. 707; XVIII. Cont., S. 902. 



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- 248 - 

verwandten und Volksgenossen aufrecht zu erhalten und den 
frommen Sinn zu bewahren, um dessentwillen sie einst hatten 
ausziehen müssen. Adam Riedelsperger ist einer der ersten Salz- 
burger gewesen, der einen Brief nach Deutschland geschickt hat.^) 
Christian Riedelsperger richtet, als die Dinge in Neu-Ebenezer 
geordnet waren, ein ebenso verständiges wie gemütvolles Schreiben 
an Jakob Brandstätter,^) mit dem er im Winter 1731 durch Tirol 
hatte wandern müssen. Er beschreibt darin ^) auch das selige 
Sterben seines Oheims Adam Riedelsperger. In der Tat gehörte 
dessen Heimgang zu den vielen Beispielen der Salzburgerischen 
Euthanasie.**) Als Christian Riedelsperger sein neues Haus fertig 
hat, will er, wie es Lemmenhoffer auch gehalten hat, durch Wort 
Gottes und Gebet es eingeweiht haben.^) Natürlich gehört er mit 
zu denen, die sich 1741 nach den ostpreußischen Verwandten er- 
kundigen und sie grüßen lassen.^) — Auch die übrigen Riedels- 
perger in Amerika scheinen tüchtige Leute gewesen zu sein. Einer, 
Stefan Riedelsperger, schlug etwas aus der Art: er wurde Soldat 
in Fort Augusta."^) 

2. Die Steiner^sche Familie aus dem Radstadter Gericht 
zählte ebenfalls viele Emigranten in Amerika wie in Preußen. 
Unter den ersteren wird am häufigsten erwähnt Ruprecht Steiner. 
Er wurde aus der Eigenberger Zeche vom Gute Mittrich ver- 
trieben und mußte auch durch Tirol ziehen, ging aber mit einem 
andern Trupp als die Riedelsperger.^) Wie jene, gehört er zu den 

>) Eben-Ezer, d. 31. Jan. 1735, 1. c, II. Cont., S. 944 f. 

2) Salzb. Emigr. Acta, ges. v. Moser, I, 267: Jakob Prandstätter, 
24 Jahr alt; Andreas Prandstätter, 27 Jahr alt. (Cantzley der Reichs-Stadt 
Kempten de dato 16. Febr. 1732.) 

3) Eben-Ezer, den 1. Juli 1737, Christ. Riedelsperger an Jakob Brand- 
stättern in Lindau: »Grüßet freundlich meinen lieben Vetter Andreas Brand- 
stätter, insunderheit grüßet den Herrn M. Riesch« usw. (Ausf. Nachr. Salzb. 
Am., II. Cont, S. 963; dort auch über das Sterben des Adam R. 

') 1. c, I. Cont., S. 310, 326. 

5) IX. Cont, S. 1021. 

6) VIII. Cont, S. 991. 

7) VII. Cont, S. 456. 

8) Salzb. Emigr. Acta, ges. v. Moser, I, 262, Nr. 92: Ruprecht Steiner 
von Radstatt, 30 Jahr alt, wäre bei Johannes Kisel, Hecht-Wirth, und hat 
den 28. Jan. auf die Reiß nacher Yssny empfangen 1 fl.« Nr. 93: »Michael 
Steiner, von Radstatt, 23 Jahr alt . . . reist wie oben nach Yssny und empfangt 
1 fl.« (Kanzlei der Reichstadt Kempten.) Sie waren Brüder. Michael St. blieb 
dauernd in Lindau: Ausf. Nach. Salzb. Am., VIII. Cont, S. 988, Nr. 1. Zum 
folgenden s. Ausf. Nachr. Salzb. Am., S. 20, 111. Cont, S. 2051, 1044. Der 



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— 249 — 

»Lindauern«. Der dortige Pastor Riesch rühmt ihn als einen 
»herzfrommen und wohl gegründeten Christen«. Sein Bruder blieb 
als Knecht in Lindau. Er war mit der bekannten ostpreußischen 
Salzburger Familie der Gottschall verwandt, die auch aus dem 
Radstadter Gericht stammten. Seine Briefe nach Deutschland, die 
alsbald publiziert wurden, machten großen Eindruck. Im Mai 1737 
kam ein großes Boot voll Schweizer aus dem Kanton Appenzell 
in Eben-Ezer an, die Insassen blieben dort zur Herberge. Ihr 
Landshauptmann hatte durch einen dieser Briefe die neuen An- 
siedler zur Auswanderung bewogen. Steiner gehörte zu denen, 
welche es in Amerika viel besser hatten, als in der Heimat.' Dort 
hatte er nicht viel besessen; aber in Georgia war ihm gutes Land 
zugefallen, und sein Haus war so groß, daß Gemeindeversamm- 
lungen darin abgehalten wurden, bis auf den Plantagen eine zweite 
Kirche gebaut war. Später freilich ging es wieder abwärts. Der gute 
Boden hatte auch Schattenseiten, Steiner klagte^ »das Gras nehme 
überhand«, er war abgearbeitet und hatte unter der allgemeinen 
Kalamität, den schlechten Knechten, viel zu leiden. Trotzdem 
zeigte er sich wohl gebeugt, aber nicht gebrochen. Seine Grund- 
stimmung spricht sich in der Frage eines seiner Briefe aus: »Ob 
die übrigen Emigranten in Deutschland auch beständig das suchen, 
um welches willen wir unser Vaterland verlassen haben?« — 
Die anderen Glieder der Steiner'schen Familie hatten ähnliche 
Gesinnungen und Schicksale.^) 

3. Die übrigen »von Lindau«. Aus dem Radstatter Pfleg- 
gericht waren auch Hans und Gabriel Maurer nach Lindau ge- 
kommen, sowie Georg Kogler. Gabriel Maurer wird »ein sehr redlich 
Gemüt« genannt. Ihre Schwestern waren nach Ostpreußen gezogen.^) 

fragliche Brief scheint als Flugschrift von Kolonistenwerbern verbreitet 
worden zu sein, wie des Schweizers Pury kurze Beschreibung von dem 
gegenwärtigen Zustande in Süd-Karolina (Neuchatel 1732). Boltzius schreibt 
am 8. Mai 1737, er habe jenen Brief kürzlich gedruckt überkommen. In den 
Ausf. Nachr. ist er nicht zu finden. 

III. Cont., S. 2045; VII. Cont, S. 623; Vlll. Cont, S. 831; XII. Cont, 
S. 2192; I. Cont., S. 427; 11. Cont, S. 2055; V.ll. Cont., S. 657; Vlll. Cent, 
S. 728. Simon Steiner war nicht aus Radstatt, sondern aus Werffen. 

2) »Hanß Maurer von Radtstatt, 28 Jahr.« Salzb. Emigr. Acta, ges. v. 
Moser, I, 265. Beide schreiben nach Ostpreußen. Ausf. Nachr. Salzb. Am., 
VIII. Cont, S.989, Nr. 4; ferner s. AustNachr. Salzb. Am., S.21, Anm.; IV. Cont, 
S. 2308, Nr. 23; III. Cont, S. 2053. Während Gabriel Maurer von Lindau 
nach Amerika aufbrach, kam Hans Maurer dazu von Leutkirch nach Augs- 
burg. II. Cont., S. 980. 



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Georg Kogler war mit Ruprecht Steiner (Nr. 2) durch Tirol gewandert 
und am 2. Januar 1732 in Kempten angekommen.^) Er wandte 
sich aber dann nach Lindau, während sein bisheriger Reise- 
begleiter, der etwas jüngere Landsmann Thomas Pichler, dem 
wir etwa neun Jahre später am Savannahfluß als Koglers lern- 
begierigen Nachahmer im Mühlenbau begegnen, sich nach Mem- 
mingen wandte.2) Kogler hat für das materielle Gedeihen der Kolonie 
so viel getan, wie kaum ein anderer. Nur Stephan Rottenberger^), der 
ebenfalls mit dem zweiten Zuge nach Amerika kam, war ihm darin 
ebenbürtig und in gewisser Hinsicht überlegen. Letzterer stammte 
aus dem Gerichte Lichtenberg (Saalfelden), wurde nach Tirol gejagt, 
kam am 24. Januar 1732 nach Kempten, wandte sich dann nach 
Lindau und wurde von Pastor Riesch an Urlsperger für den 
zweiten Transport warm empfohlen. Er zeichnete sich während 
der ersten Jahre, Hand in Hand mit Kogler, mehr nur in tech- 
nischer Beziehung, aus; aber im April 1740 kam an den Tag, wie 
sehr man auch seine sonstigen Vorzüge schätzte. Schon 1735 war 
Boltzius bei der Leitung der Ortsgemeinde, den Ordnungen in den 
übrigen Kolonien entsprechend, durch Älteste oder »Viermänner« 
unterstützt worden."*) Allmählich aber zogen die zunächst dazu 



Salzb. Emigr. Acta, ges. v. Moser, S. 255, Nr. 17. 

2) 1. c, S. 261, Nr. 85; Ausf. Nachr. Salzb. Am., VII. Cont, S. 658: 
»Pichler, der dem Kogler etwas abgelernt hat, tut bei Ausrichtung der Mühle 
so viel er kann«; 1. c, III. Cont, S. 2053. Siehe noch über Pichler, der 
einer der interessantesten Männer der Kolonie war, einer der wenigen, die 
dem Boltzius Opposition machten und eigene Wege einschlugen: IV. Cont., 
S. 2308; VII. Cont., S. 543, 623; VIII. Cont, S. 731, 988; XII. Cont, S. 2197; 
XVIII. Cont., S. 816, 858, 881, 882, 896, 900, 910, und Salzb. Emigr. Acta, 
1. c, I, S. 113, Nr. 151, 549, 563. 

3) Über Stefan Rottenberger: I.e., S. 268, Ausf. Nachr. Salzb. Am., 
S. 19 ff., I. Cont, S. 350, 354; VII. Cont., S. 628, und besonders VII, 464. 

*) Diese Einrichtung ging aus der Wehrverfassung hervor. Im April 
1735, als der Krieg mit den Spaniern und Indianern bereits drohte, schreibt 
Boltzius: »Weil es der Herrn Trustees Wille ist, daß die Leute an unserm 
Ort, gleich andern in dieser Colonie, in Waffen exercieret werden sollen, 
so sind ihnen heute Herr Zwiffler als Constable, und Herr Ortmann und 
drei Salzburger als Tithing- Men« vorgestellet« usw. (1. c, I. Cont, S. 340.) 
Tithingmen heißen im amerikanischen Englisch noch heute »Kirchenvorsteher«. 
Sie waren nach altenglischem Rechte über je 10 Familien als Oberhäupter 
gesetzt. — 1. c, III. Cont, S. 1009, d. 5. März 1737: »Diesen Nachmittag 
hielt ich mit den Männern der Gemeine abermals eine Conferenz, und beredete 
mich mit ihnen von einigen äußerlichen (d. h. weltlichen) Dingen, die gute 



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— 251 - 

Erkorenen aus der Stadt hinaus auf die Plantagen und konnten 
sich den gemeinnützigen Beratungen nicht mehr recht widmen. 
Nun schlugen sie Stephan Rottenberger, der immer in der Stadt 
blieb, zu einem Vorsteher und Ältesten vor, und er nahm das 
Ehrenamt an.^) Dazu bemerkt Boltzius: »Er ist ein feiner Mann 
und steht wegen seines ordentlichen Wandels und großen Geschick- 
lichkeit, auch guten Einsichten in die Dinge unserer Gemeine, 
bei allen in Ansehen, und hält ihn jedermann wegen seines 
uninteressierten Wesens hoch. Da er also verständig, in der Arbeit 
und allerlei ntitzlichen Verrichtungen unverdrossen und bei den 
Leuten beliebt ist, so wird er sich zu dem Amte eines Vorstehers 
wohl schicken. Es lassen sich's diese lieben Leute nie einmal 
einfallen, eine Superiorität und Herrschaft über ihre Brüder zu prae- 
tendiren, sondern gehen mir nur darin an die Hand, daß sie die 
Dinge, so zum Besten der Gemeine . . gehören, überlegen und sich 
hernach gebrauchen lassen, das . . Beschlossene zur Exekution zu 
bringen, und Leute zu solchen Arbeiten, die . . . geschehen müssen, 
bestellen, auch mir, was entweder dem Christentum oder guter Ein- 
richtung Schädliches aufkommen will, oder wie diesem oder jenem 
zu helfen wäre, hinterbringen.« Wollte man darstellen, was Kogler 
und Rottenberger im Mühlen-, Kirchen- und Wagenbau geleistet 
haben, so müßte man eine Art Robinsonade schreiben. Die sonstigen 
»Lindauer« des zweiten Zuges waren weniger hervorragend. Eben- 
so würde sich nicht viel Neues ergeben, wenn wir die Schicksale 
der übrigen Salzburger Kolonisten dieses Zuges verfolgen wollten. 
4. Ortmann und Senftleben. Zwei Emigranten des zweiten 
Transportes übten großen Einfluß auf das Geschick der Kolonie 
aus, von denen der eine sicher, der andere wahrscheinlich nicht 
zu den Salzburgern gehörte. Woher stammte Christoph Ortmann? 
Unter den Listen der Salzburger Exulanten habe ich seinen Namen 
nicht finden können. 2) Es war ein vielseitiger Mensch, verstand etwas 



Ordnung und ihre leibliche Wohlfahrt betreffen. Die vier Männer, welche 
von der Gemeine um guter Ordnung willen erwählet worden und alle Frei- 
tage zu mir kommen, thun mir sehr gute Dienste. Durch sie erfahre ich, was 
hie und da vorgehet« usw. 

1. c, VII. Cont, S. 463 f., d. 23. April 1740. 

2) Die mir bisher nicht zugänglichen Collections of the »Georgia 
Historical Society« of Savannah geben vielleicht Auskunft; vgl. noch 1. c, 
IV. Cont, S. 2308. Sein Name fehlt 111. Cont., S. 2053 und an ähnlichen 
Stellen. 



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— 252 - 

von militärischen Dingen, gab zeitweise einen guten Schulmeister 
für die Salzburger Kinder ab,^) wurde Platzkommandant, 2) und genoß 
lange großes Vertrauen, ließ sich aber durch seinen Ehrgeiz in das 
politische Komplott des Thomas Stephens verwickeln. Dieser 
Verräter gehörte der angesehensten Familie in ganz Georgia an; 
sein Vater leitete als Präsident und Colonel die Geschicke der 
Kolonie im Sinne Oglethorpes.^) Schon lange war der philan- 
thropische Idealismus der Trustees den Realpolitikern der Partei 
Jung-Georgia ein Dorn im Auge.'*) Sie stellten sich auf den Boden 
des schändlichen Assientovertrages, der die Monarchen von Eng- 
land und Spanien zu den größten Sklavenhändlern der Welt 
machte.^) Sollte die zukunftreiche Landschaft denn ewig im Besitze 
der Armen und Enterbten bleiben? Nein, zum Pflanzerstaat hatte 
die Natur Georgia bestimmt^) und dann — was für ein schönes 
Stück Geld könnte durch den jetzt verbotenen Schnaps- und Rum- 
handel verdient werden! Oglethorpe war ein altmodischer Querkopf, 
der seine Zeit nicht verstand,^) und die betenden, psalmensingenden 
Salzburger in Eben-Ezer paßten nicht in das große, vorwärts- 
strebende Jahrhundert!^) Man mußte versuchen, die fähigen Köpfe 
unter ihnen für die neuen Ideen zu gewinnen! Im Oktober 1741 
machte Thomas Stephens eine geheime Agitationsreise. Es traf sich 
so, daß die Salzburger in ihren Bibelstunden gerade »die Historie 
des rebellischen Absalom« betrachteten.^) Nur Ortmann ließ sich 

1. c, I. Cont., S. 297, 325f.. 445. 

2) 1. c, S. 340. 

3) 1. c, VIII. Cont, Vorrede, p. XII; VI. Cont., Vorrede, p.XI; XVIII. Cont., 
S. 825; XVI. Cont., S. 449. 

*) Vgl. zu folgendem den ausführlichen Artikel »Theophilus Oglethorpe 
und James Edward Oglethorpe« von J. A. Doyle in Dictionary of national 
Biography by Sidney Lee, vol. XLII (London 1895); George Bancroft, 1. c, 
III, p. 433 ff. (dort ein Porträt Oglethorpes); Lecky, 1, 503, Appletons Cyclo- 
paedia, IV (New-York 1888), p. 565. Dort ein anderes Porträt von Ogle- 
thorpe. W. B. Stevens, A History of Georgia I, 76 ss, 204 ss. Wo befindet 
sich heute das Porträt O.'s (Kupferstich), das i. J. 1847 Mr. Geo. Wimberley 
Jones gehörte? Dies dritte Porträt steht vor Stevens. Vol. I. 

5) Lecky, 122ss. und besonders p. 127. George Bancroft, 1. c, III, 
p. 232ss. Konrad Haebler in der Weltgeschichte von Helmolt, I (1895), 
S. 41 7 f. 

6) Vgl. Konrad H aebler, 1. c, S. 445. 

7) Vgl. George Bancroft, p. 447. 

8) Ausf. Nachr. Salzb. Am., S. 175, 177 f., VI. Cont, S. 50. 

9) 1. c, Xll. Cent., S. 2213. 



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- 253 - 

fangen und lieferte Material zu einer Beschwerdeschrift gegen die 
Praxis der Regierung. Das Komplott schlug fehl. Am 11. Juli 1742 
mußte Thomas Stephens vor die Schranken des Unterhauses treten, 
dort niederknieen und einen scharfen Verweis des Sprechers wegen 
seiner boshaften Verleumdungen entgegennehmen.^) Gerade in 
diesen Tagen, die dem 13. Juli vorausgingen, erfocht Oglethorpe 
seine glorreichen Siege über die vierfache spanische Übermacht, 
und Salzburger Krieger haben dabei tapfer mitgekämpft,^) gegen 
einen Feind, der buchstäblich ausgerüstet war mit einer großen 
Menge von Hand-, Fuß- und Halseisen für die zu fangenden 
Ketzer und mit päpstlichen Ablaßbriefen für die Streiter in diesem 
neuen Albigenser Kreuzzug. ^) Durch Teilnahme an Ortmanns Verrat 
hätten die Salzburger sich selbst die Fesseln geschmiedet, denen 
sie durch ihren Auszug aus der Heimat entgangen waren, sie 
hätten sich alle Sympathien in Europa verscherzt, mit Eben-Ezer 
wäre es zu Ende gewesen. Jetzt aber bot der militärisch wichtige 
Ort während der Krisis eine Zufluchtsstätte und eine Operations- 
basjs; und als die Entscheidung gefallen war, erlebte er seine 
höchste Blüte (1743—1773).^) Ortmann erhielt seine Entlassung, 
er zog noch Vernonburg. Dort ging es bergab mit ihm. 5) 

Ein vollkommenes Gegenstück zu Christoph Ortmann bildet 
der zweite Nicht-Salzburger des zweiten Transportes, der Schlesier 
Georg Sanftleben (Sänftleben). Wie merkwürdig weit doch die geisti- 
gen Strömungen eines Zeitalters ihre Wellen entsenden, wie mannig- 
fach die Folgen persönlicher Impulse sich verknüpfen oder durch- 
kreuzen! Der Jesuitenpater Veit Tönnemann, Beichtvater Kaiser 
Karls VI., hat dem Erzbischof Firmian erfolgreich geraten, seine 
ketzerischen Untertanen nach derselben Methode zu vertreiben, 
die auf seinen Rat in Schlesien bei der Ausweisung der Pietisten 
angewandt sei: drei Jahre später sehen wir einen Schlesier, der 
diesen Kreisen angehörte, sich in Augsburg zu dem zweiten Trans- 
port der Salzburger nach Amerika melden; er siedelt sich dort an, 
heiratet eine Salzburgerin, ist der einzige von den Kolonisten, der 
noch einmal Deutschland besucht, er holt seine Schwester aus 

1. c. Vorrede zur VIII. Cont, S. (11), (12). 

2) Dr. A. Prinzinger in »Mitt. d. Gesellsch. f. Salzb. Landeskunde«, 
XXII (1882), S. 15. 

3) Ausf. Nachr. Salzb. Am., IX. Cont., S. 1253-1265. 
*) Prinzinger, 1. c, S. 16. 

5) Ausf. Nachr. Salzb. Am., XIII. Cont., S. 21; XVIII. Cont., S. 871. 



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- 254 - 

Schlesien ab und bildet durch seine mündlichen Bestellungen, 
durch die Besorgung von Briefen nach und aus Deutschland eine 
lebendige Brücke zwischen der alten und neuen Welt. Im Sommer 
1739 brachte er auf seiner Rückreise nach Georgien Freunde und 
Verwandte von Salzburger Ansiedlern mit. Das Corpus Evangeli- 
corum trug zu dem Reisegelde bei. Er ist am 30. Dezember 1749 zu 
Eben-Ezer gestorben. ■•) 

Der dritte größere Transport war, was die Anzahl be- 
trifft, der bedeutendste von allen, hatte aber keinen sö einheit- 
lichen Charakter wie die übrigen. Er bestand nicht aus lauter 
Salzburgern, und was von diesen mitzog, blieb nicht beisammen. 
Die Dinge liefen so, daß zwar die Mehrzahl der Auswanderer 
nach Eben-Ezer kam, andere aber nach dem St. Simons-Island 
gebracht wurden, etwa 100 engl. Meilen südlich von Savannah, 
um als Vorhut gegen die Spanier Floridas zu dienen. Ursprünglich 
war das mit allen geplant; aber der mit ihnen reisende Oglethorpe 
ließ sich durch die Bitten mancher nach ihren Glaubens- und 
Stammesgenossen verlangenden Emigranten umstimmen. Dieser 
Transport brach etwa ein Jahr nach dem zweiten, am 28. August 
1735, unter Führung des Freiherrn von Reck auf und langte im 
Februar 1736 in Savannah an. Er bewegte sich nicht von Augsburg, 
sondern von Regensburg aus, und zum Teil erklärt es sich daher, 

Vgl. »Korrespondenzblatt d. Ver. f. Gesch. d. ev. Kirche Schlesiens«, 
VI, 1 (1898), S. 133 f. Renner, Lebensbilder (1886) S. 59ff. Rad da, Bei- 
träge zur Geschichte der Stadt Teschen, S. 46. Dazu siehe Ausf. Nachr. Salzb. 
Am., VII. Cent., S. 953. (Das »Vaterland« ist Schlesien.) Georg Sanftleben 
wird 1. c, IV. Cent., S. 2309, unter den unverheirateten Mitgliedern des 
zweiten Transportes zwischen Christian Riedelsperger und Gabriel Bach 
aufgeführt. Seine Jugendgeschichte: 1. c, I. Cent, S. 454. Seine Schwester 
in Schlesien: S. 467. Seine Heimreise nach Deutschland: 111. Cent., S. 2026. 
Seine Unterstützung durch das Corp. Ev.: II. Cent, Vorrede, p. XlII. Brief 
über ihn »an einen gewissen Hofprediger« (höchst wahrscheinlich Samuel 
Lau, Hof Prediger in Wernigerode 1731—1746): S. 2029. »Extract aus dem 
von George Sanftleben aufgesetzten und von Zeit zu Zeit eingeschickten 
Reise Diario von Augsburg bis Eben Ezer« : l. c, IV. Cont., S. 2292—2306. 
Es reicht vom 28. Januar 1739 bis zum 12. Juli 1739. Wo mag das 
Original sich befinden? Sanftlebens Brief an Urlsperger vom 8. Februar 
1740: V. Cont, S. 2562 f. Er heiratet eine Tochter der Dorothea Arnsdorfin 
(vgl. IV. Cont, S. 2310, Nr. 48; S. 2311, Nr. 30): VII. Cont, S. 521, 533. Sein 
Brief an Herrn Rat Wallbaum (wo?), Eben-Ezer d. 16. Juli 1741: Vlll. Cont., 
S. 952. Seine große Beliebtheit bei den Salzburgern: X. Cont, S. 1779; 
Xll. Cont, S. 2147, 2162. Sein Tod: XVII. Cont, S. 615, 629. 



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- 255 - 

daß wir in den von dem Augsburger Urlsperger redigierten Nach- 
richten über die Zusammensetzung dieses Trupps weniger genau 
orientiert sind. Hier i<ann nur angedeutet werden, daß auf dem 
Schiffe »Simonds« zum erstenmale drei wichtige Faktoren der 
nordamerikanischen Kirchengeschichte sich zummenfanden, auf die 
man das Dichterwort anwenden könnte: 

»Wann finden wir uns, Brüder, 
Auf einem Schifflein wieder?« 
Es waren die ersten Methodisten, die nach Amerika segelten, 
Charles und John Wesley selbst, es war das konfessionelle 
Luthertum, dem sich die 150 Salzburger Passagiere bald an- 
schlössen, und endlich die unionistisch gerichtete Brüdergemeine, 
welcher der Bischof Nitzschmann und 27 Herrnhuter Fahrgäste 
angehörten. Übrigens brachte damals auch noch ein anderes 
Schiff Salzburger Emigranten nach Georgia.'') 

*) Nicht alle mit dem dritten Transporte von Regensburg abgegangenen 
Salzburger sind von dort gekommen. Nach den Ausf. Nachr., lil. Cont., 
S. 2053, war das nur bei einigen, wie Hans Schmidt und Hans Pletter, der 
Fall. Hingegen kamen von Memmingen Martin Lackner, Hans und Karl Flörl, 
Leonhard Grause; von Augsburg Josef Leitner und Job. Kornberger. Es 
waren manche Radstädter unter ihnen, deren Verwandte nach Preußen 
gezogen waren. So Martin Lackner aus der Zeche Pfilz-Moos, dessen Vater 
Georg Lackner und Geschwister jenen Weg genommen hatten; so die 
Geschwister Kornberger, deren Mutter, eine Offensberger, mit den von Werffen 
dorthin gezogenen Mosers und Steiners verwandt war. — Belangreicher und 
darum verhängnisvoller als der Irrtum in betreff des deutschen Aufenthalts- 
ortes dieser Emigranten ist die Konfundierung von Salzburgern und Mora- 
vians, leicht zu erklären, da auch protestantische Böhmen und Mähren eben- 
falls verjagt waren, und weil für Ausländer, auch abgesehen von der weiten 
Ausdehnung des Salzburger Metropolitansprengeis nach Orten, Salzburg und 
Mähren beisammen lagen oder verschwammen. So ist es gekommen, daß 
z. B. Heinrich Thiersch (»Ursprung und Entwicklung der Kolonien in Nord- 
amerika«, Augsburg 1880, S. 51) die Salzburger frischweg zu Herrnhutern 
macht. (Vgl. »Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde«, XXll., S. 11.) George 
Bancroft, l. c, 111, 423, 427. H. E. Jacobs, l. c, p. 161. J. M. Buckley, 
A history of Methodists in the United States New York 1896 (A. Ch. H. 
Vol. V),. p. 65, 67: »This is the entry ... in his (John Wesleys) unpublished 
Journal: Sunday, July 17, 1737: »1 had occassion to make a very unusual 
trial of the temper of Mr. Bolzius, pastor of the Salzburgers, in which he 
behaved with such loveliness and meekness as became a disciple of Jesus 
Christ.« Wesley verweigerte ihm die Zulassung zur Kommunion, weil er 
nicht in der bischöflichen Kirche getauft sei. Am 30. September 1749 kommt 
er auf den Vorfall zurück in sehr charakteristischer Weise. (Ebenda.) Tiffany, 



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- 256 - 

Der vierte größere Transport kann beinahe als ein 
spezifisch württembergisches Unternehmen bezeichnet werden 
wenn man zugleich beachtet, daß er von den Trustees beschlossen 
wurde und die Subsistenzmittel wesentlich von England kamenJ) 
Der herzogliche Minister Joh. Eberh. Georgii, Pastor Kleinknecht 
in Leipheim, und außerdem viele schwäbische und andere süd- 
deutsche Magistrate und Privatleute beteiligten sich lebhaft mit 
Rat und Tat.^) Am 21. Juni 1741 ging die Expedition von Kann- 
statt ab, reichlich mit geistlicher und leiblicher Speise versehen. 
Bis zur Einschiffung nach Amerika, in London, wurde sie von 
dem Kommissär Joh. Gottfried v. Müller begleitet, einem jungen 
Theologen, der von Halle nach Augsburg gekommen war und 
sich längere Zeit bei Urlsperger aufgehalten hatte.^) Von dem 
Kommissär Vigera weitergeleitet, kamen die 61 Salzburger am 
3. Dezember 1741 in Savannah an, wurden dort freundlich und 
höflich von dem Magistrat bewillkommnet, auch selbigen Abend 
von dem Kolonel Stephens herrlich traktieret."*) Über die Herkunft 
der Mitglieder dieses Transportes sind wir besonders gut unter- 
richtet.^) — Die meisten Emigranten hatten sich aus Memmingen 



A history of the Protestant Episcopal Church in th. U. St. (New York 1895. 
A. Ch. H. Vol. VII.) Chapter X., p. 249-265. J. Taylor Hamilton, A history 
of the Unitas Fratrum or Moravian Church in the U. St. (NewYork 1895, 
A. Ch. H. Vol. VIII), p. 439 ff. — Die Reise des dritten Transportes ist be- 
schrieben in dem Diarium des Ph. G. Fried, v. Reck, vom 16. August 1735 
bis zum 29. Februar 1736. (Ausf. Nachr. Salzb. Am., II. Cont., S. 804-838.) 
Ober die Änderung des ursprünglichen Planes: 111. Cont, S. 1070. 

^) Die Trustees übernahmen die Reisekosten von Rotterdam ab, lieferten 
Werkzeuge, Betten, und nach der Ankunft Vieh. (1. c. Vlll. Cont, S. II.) 

2) Daß der VII. Cont, Vorrede, p. X, genannte vornehme fürstl. Ministre 
Joh. Eberh. Georgii ist (vgl. über ihn die Württemb. Kirchengesch. des 
Calwer Verlagsvereines. 1893, S. 480, 495), ergibt sich aus IX. Cont, S. 1182. 
Wie weit Hardenberg und Bilfinger dabei beteiligt waren, bleibt zu unter- 
suchen. 

3) 1. c, VII. Cont, Vorrede, p. VIII, XII. »Extract aus dem Reise-Diario« 
des Joh. Gottfr. v. Müller«, IX. Cont, S. 1176-1204. Es reicht vom 12. Juni 
1741, dem Tage der Abreise von Augsburg, bis zum 18. September, der Ein- 
schiffung in London. 

*) I. c, S. 1215. Über Stephens vgl. oben S. 252, Anm. 3. 

5) 1. c, VII. Cont., Vorrede hinter Blatt e3: »Beschreibung derjenigen 
Saltzburgischen Emigranten, welche den 16. Juni 1741 zu Canstatt an- 
gekommen, und von dar nach Eben-Ezer in Georgien transportiret werden 
sollen.« 



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- 257 - 

dazugefunden. Das zweitgrößte Kontingent stellte wieder Augs- 
burg, dann kommen Lindau, Ulm, Stuttgart und Biberach. Hin- 
sichtlich des Geburtsortes lieferte das Radstatter Pfleggericht das 
größte Kontingent, an zweiter Stelle kommt auffälliger Weise das 
Zillertal, dann Goldeck; die übrigen verteilen sich auf Gastein, 
Saalfelden im Lichtenberger Gericht, Großarl, St. Veit, St. Johann, 
Bischofshofen, Lofer. Auch ein Dürnberger Salzknappe war dabei. ■") 
Einige Württemberger schlössen sich auch an. Am meisten Geld 
hatte der Zillerthaler Bauer Simon Riser (435 fl.), die größte 
Bagage führte der Bauer Küenlen aus dem Lindauischen, der 
eine Goldeckerin zur Frau hatte. Die glückliche Überkunft dieses 
Transportes nach Amerika trotz der spanischen Freibeuter, der 
erste Anblick der Küste, als sie, beim plötzlichen Hervortreten 
der Sonne, gleich einem schönen grünen Garten dalag, die herz- 
liche Begrüßung und fröhliche Einholung der ersehnten Ankömm- 
linge durch die früheren Kolonisten: das alles wird in Vigeras Reise- 
diarium 2) höchst anschaulich geschildert. Es war der letzte größere 
Salzburger Exulantenzug. Daß sich die Verwaltung von Georgia 
noch dazu entschlossen hatte, was bei der drohenden Weltlage 
sehr überraschend und selbstvergessen gewesen, die Salzburger 
haben das auch sehr zu schätzen gewußt.^) Aber mit dem 
Herbst 1741 konnte man eine neue Zeit deutlich heranziehen sehen; 

Vgl. über die Dürnberger Emigranten Arnold, Die Vertreibung usw., 
S. 231. Göcking, I, 691 ff.; II, 492-527. 

2) Ausf. Nachr. Salzb. Am., VII. Cont., S. 507; vgl. Prinzinger, »Mitt. 
d. Ges. f. Salzb. Landeskunde«, 1. c, S. 13. 

3) 1. c, V. Cont.. S. 2499 (d. 22. November 1738): »Es ist kaum zu 
hoffen, daß ein neuer Transport hergeschickt werde, da die Herrn Trustees 
dermalen nicht vermögend sind, die Reisekosten und den Unterhalt wenigstens 
auf ein Jahr zu tragen.« Die Trustees glaubten selbst, nicht mehr aufwenden 
zu können (Vorrede zur Vll. Cont, S. IX), obgleich sie sich die großen bis- 
her auf die Salzburger gewandten Kosten nicht gereuen ließen, weil sie 
ihren Zweck bei ihnen besser als bei irgend einer anderen Kolonie erreicht 
hatten. (1. c, S. 484, Mai 1740.) Aber das Verlangen danach in Eben-Ezer 
war sehr groß und ebenso in Augsburg und Lindau. Wahrscheinlich wirkte 
auch der Londoner Hofprediger Ziegenhagen in diesem Sinne. Am 
7. Februar 1741 wurde die Societas de promovenda cognitione Christi von 
den Trustees benachrichtigt, sie möchte den P. Urlsperger in Augsburg 
veranlassen, taugliche Personen auszusuchen, die im Juli auf eigene Kosten 
nach Rotterdam gehen könnten. Für die Lindauer hatte Jakob Sprenger 
aus Werffen ein Legat vermacht, das für die Reise verwendet wurde. (1. c. 
VII. Cont, Vorrede, p. II, IX, X.) 

Jahrbuch des Protestantismus. 1904. 17 



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— 258 — 

das Komplott gegen Oglethorpe, der Einfall der Spanier in Florida 
leiteten sie ein. Am 8. Juli 1743 mußte der General, um sich 
gegen seine Ankläger zu verantworten, nach London abreisen — 
er ist nie wieder nach Amerika gekommen. Durch die Kriege und 
Handelskrisen wurde in der ganzen Welt das Geld knapp. Ein 
neuer größerer Transport von Salzburgern konnte nicht mehr 
nach Georgia abgehen. Doch kamen noch Nachzügler. So langte 
z. B. die einst von Salzburg nach dem holländischen Kasand ge- 
wanderte Familie Kurtz^) im Oktober 1742 mit dem Begründer 
des streng abgeschlossenen konfessionellen Luthertums in Nord- 
amerika, Heinr. Melchior IVlühlenberg,^) in Georgia an. In den 
Jahren 1750, 1751, 1752 gingen noch drei schwäbische Transporte 
»aus eigener Bewegniß« nach Eben-Ezer ab, sie standen an Tüch- 
tigkeit und Brauchbarkeit den früheren nach,^) haben aber auf den 
Dialekt der Kolonie Einfluß gehabt, was noch im März 1880 aus 
der Sprechweise des letzten noch deutsch redenden Salzburger- 
abkömmlings des ehemaligen Kirchspieles von Eben-Ezer deutlich 
herauszuhören war. In dem Bücherschranke seiner »Schönstube« 
fand Dr. Prinzinger noch den als Familienkleinod aufbewahrten 
»Schaitberger«. Dieser Mr. Nieß war im Jahre 1800 geboren. Er 
erzählte, in seinen Kinderjahren habe man noch allgemein deutsch 
gesprochen, bis der (jüngere) Pastor Bergmann die englische 
Sprache in den Gottesdienst einführte (1824)."^) Bis zu diesem 



1. c, XI. Cont, S. 2061, 2098. H. E. Jacobs, 1. c, p. 161, 214. 

2) Siehe den Artikel von Adolf Späth in Hauck's Realenc. XIII (1903), 
S. 506-511 (über Eben-Ezer dort 507, 14; 509, 45). 

3) Urlsperger in seinem »Amerikanischen Ackerwerk« (1754), Vor- 
rede, S. II: »unter welchen mehrere sind, welche .... viel besser würden 
gethan haben, wenn sie zu Hause geblieben wären.« Ähnlich die Diarien. 

'*) Prinzinger, l. c, S. 32f., 24; der Prediger Bergmann d. J. war 
verheiratet an eine »Miß Flörl« (vgl. oben Anm. 133). — Rev. D. D. John 
F. Hurst, The Salzburger exiles in Georgia (Harpers »New Monthly 
Magazine«, Nr. 507, August 1892, New York), p. 396: »In 1824 they ceased 
to hold worship in the German language and adopted the English. About 
the same time the financial support, which had come from Germany and 
England was entirely cut off etc. (Es ist mir auffallend, daß auch von Eng- 
land bis dahin Unterstützungen gekommen sein sollen. H. E. Jacobs, l. c, 
p. 299: »When independence was declared, the Society for the Promotion 
of Christian Knowledge withdrew its support«.) Nach Jacobs, I.e., p. 300, 
ist Rev. John E. Bergman 1824 gestorben, nach l. c, p.335, Rev. C. F. Bergman 
ebenfalls 1824 (?). 



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— 259 - 

Zeitpunkte hat auch die finanzielle Unterstützung der Kolonie aus 
Deutschland für Kirchen- und Schulzwecke gedauert: es ist kaum 
anzunehmen, daß die Einführung des Englischen als Kultussprache 
das Aufhören der Geldspenden aus Deutschland herbeiführte. Es 
kam eben wieder eine neue Zeit, in der sich die alten Verbindungen 
lösten, für Georgia zunächst eine kurze Periode idealistischen Auf- 
schwunges, welcher 1833 der berüchtige Vertragsbruch gegenüber 
den Indianern ein schmähliches Ende bereitete.'') Die Kirche in Neu- 
Ebenezer, um 1750 gebaut,^) wird noch heute benützt von den 
Nachkommen der alten salzburgischen Plantagenbesitzer.^) Diese 
erfreuen sich einer mäßigen Wohlhabenheit. Pfarrsitz und Mittel- 
punkt dieser Ansiedlungen ist Springfield Ga, Effingham County, 
von der Eisenbahnstation Guyton (spr. Gäut*n) zu erreichen. 1892 
versorgten Rev. Austin und dessen Vikar die vier dazu gehörenden 
Kirchen."^) Die erste Ansiedlung der Salzburger, Alt-Ebenezer, schon 
bald verlassen und früh verfallen, ist heute nur mit Mühe auf- 
zufinden. Von der berühmten ersten Sägemühle der Salzburger 
findet sich keine Spur mehr.^) Auch die Stadt Neu-Ebenezer selbst 
wird nicht mehr bewohnt, sondern bloß die Umgegend, wie es 
sich schon "früh anbahnte.^) Nur Sonntags zieht die Gemeinde dort 
an dem Gottesacker vorbei, wo die Vorfahren, wie kürzlich ver- 
storbene Angehörige ruhen, zur Kirche.^) Die Seidenkultur der 



Taylor Hamilton, 1. c, p. 485, 498s. 

2) Abbildung in Harpers »New Monthly Magazine«, I. c, p. 393. 

3) John F. Hurst, 1. c, p. 399; Prinzinger, l. c, S. 21: »Noch 
bewohnen die Nachkommen der salzburgischen Ansiedler als Grundbesitzer 
die ganze Gegend um das alte Eben-Ezer in einer Entfernung von zwei bis 
drei geographischen Meilen und bilden in der Grafschaft Effingham die 
Mehrheit der weißen Bevölkerung, während sie in den angrenzenden Bezirken 
einen starken Bruchteil derselben ausmachen und insbesondere in der Stadt 
Savannah . . . zahlreich vertreten und durch Einfluß und Wohlhabenheit 
ausgezeichnet sind.« Sie sind nahezu in einem Drittel aller Grafschaften 
Georgiens und in allen Staaten von Pennsylvanien bis Louisiana anzutreffen, 
meist als stille Leute, deren Fleiß und Charakterfestigkeit man rühmt, aber 
nicht ohne zugleich ihre »somewhat peculiar habits« zu erwähnen. Einige 
haben sich auch mit Hugenottenabkömmlingen verbunden, wie Mr. Mannette, 
Dr. Hursts Führer, solchen Stammbaum aufwies. 

') Hurst, I. c, S. 399. 

5) Talifer says that it (die Sägemühle) was already a ruin in 1740. 
(Narrative of the Colony of Georgia in America; London 1740, p. 102.) Hurst, 
1. c. S. auch die Diarien. 

6) Vgl. oben, Anm. 116. 

'^) Beschreibung des Kirchhofs: Hurst, 1. c. 

17* 



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— 260 - 

Salzburger Kolonie hat noch nicht aufgehört; aber schwerlich wird 
heute eine Königin davon ein Kleid zur Schau tragend) Die 
malerische Lage von Springfield, die anheimelnde Art der Bürger 
und Einwohner hat Prinzinger ansprechend geschildert.^) Freilich 
muß man. sich hüten, aus der Art dieser lokalen Überreste falsche 
Schlüsse zu ziehen. Wer wissen will, was die Pilgerväter geleistet 
haben, darf sich nicht bloß in Plymouth Rock Mass umsehen, und 
um die Wirkungen der Salzburger von Eben-Ezer zu ermessen, muß 
man über Effingham County hinausgehen! In der Umgegend von 
Eben-Ezer sind nur noch einige zerstreute Gemeinden übrig; sie 
sind der ev.-luth. Synode von Georgia beigetreten, die 17 Pastoren 
und 20 Gemeinden zählt. In der blühenden englisch-lutherischen 
Gemeinde zu Savannah ist das deutsche Element stark vertreten.^) 
Viele Abkömmlinge der Emigranten haben sich methodistischen 
und baptistischen Gemeinden angeschlossen."^) Unter den ange- 
sehensten Familien Savannahs begegnet man bekannten Salzburger 



1) Hurst, p. 395: »the present Salzburgers have not quite given up 
the working in silk. I stopped at the home of a venerable coupie where 
I saw the piain and well — worn spinning — reels used for this purpose.« 
p. 396: »The Queen of England on one occasion surprised her guests by 
wearing a dress made entirely of the silk woven by the Georgia weavers.« 
Das waren aber damals fast nur Salzburger. 

2) »Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde«, 1. c, S. 29. 

3) Adolf Späth in Haucks Real-Enzyklopädie, XIV (1904), S. 187, 45; 
S. 206, 19. 

^) J. F. Hurst, l. c, p. 397: Während der letzten 50 Jahre habe die 
Salzburgische Gemeinde keinen wesentlichen Zuwachs erfahren. Die Aufgabe 
dieser demütigen Leute sei nicht gewesen, sich dienen zu lassen, sondern 
zu dienen. Ihr religiöses Leben sei ein wichtiger Faktor der Entwicklung 
Georgias gewesen, nicht bloß der Kolonie, auch des Staates. Ihr Geist habe 
alle Gemeinschaften durchdrungen. Especially the Baptists and the Methodists 
have been strengthened by the accession of members from the Salzburger 
societies. Among the Methodists in Effingham County to day are the Hineleys, 
Scherrans, Bergsteiners, Neidlingers, Zittrauers and Zettlers; while among 
the Baptists are the Rohns, Dashers, Waldhaurs, Wisenbakers, Bergsteiners 
and others.« Zu »Dasher« (Dascher) vgl. Prinzinger, 1. c, S. 31; zu 
»Neidlinger« S. ebenda 25: »Ein reicher Händler mit Schiffszwieback (in 
Savannah), Namens Neidlinger, welcher seine Jugend noch in Eben-Ezer 
zugebracht habe und die löbliche Eigenschaft besitze, eine Familienchronik 
zu führen«. 1. c. S. 32: »Arndorfer«. Entweder hat Prinzinger das »s« in 
»Arnsdorfer« überhört oder es ist ausgefallen (?). Die Familie ist mit dem 
dritten Transporte gekommen. 



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- 261 — 

Namen :^) Trotz der englischen Sprache haben sie nicht aufgehört, 
in dem Geiste zu wirken, der in den Vorfahren lebte, nicht als 
»Kulturdünger«, wie man zuweilen liest, sondern als Salz der 
Erde in der neuen, zukunftsreichen Welt. Im Jahre 1750 hielt 
Thomas Franklin vor der solennen jährlichen Versammlung der 
Trustees in London eine Predigt, in der auch Eben-Ezers gedacht 
wurde: 2) »Verfolgung hat schon manche nach Georgia getrieben, 
die ein besseres Los verdient hatten. Es macht den Salzburgern 
Ehre, daß man bei ihnen ein Zusammenleben in völliger, glück- 
licher Harmonie bemerkt: ein liebenswürdiges Abbild der ersten 
Zeitalter der Welt, in göttlicher Liebe und gegenseitigem treuen 
Beistand, in jener Einfalt des Lebens und der Sitten, die man in 
jedem Zeitalter spärlich antrifft, in dem unsern sehr selten. Das 
ist sicher ein Zustand, um den sie Könige beneiden möchten! Sie 
haben Grund, die Hand zu segnen, die sie verfolgte, und auf ihre 
Feinde, die sie zu einer solchen Freistatt trieben, hinzublicken als 
auf ihre besten Freunde und Wohltäter.«^) 

Seitdem sind anderthalb Jahrhunderte dahingegangen. Alles 
hat sich gewandelt, aber die moralischen Faktoren bleiben. Der 
gediegene, kernhafte Charakter der alten Salzburger Kolonisten ist 
im Süden der Vereinigten Staaten wohl manchmal zurückgedrängt, 
aber nie verschwunden. Je mehr er zur Herrschaft kommt, um so 
wahrer und tiefer wird die Bezeichnung werden: »The solid South«. 



*) Ein Adreßbuch von Savannah ist mir nicht zur Hand, vorläufig 
genügt die Liste, die sich Dr. Prinzinger von den Schildern und Firmen- 
tafeln der Häuser notierte : Brandner, Haberfellner, Hasenecker, Herzog, Lackner, 
Lientberger, Madreiter, Riedelsperger, Schappacher, Spielbichler, Stegmaier, 
Zittrauer, 1. c, S. 24. 

2) Ausf. Nachr. Salz. Am., XVllI. Cent., S. 891 f. führt Boltzius den 
Passus englisch an. Es wäre gewiß der Mühe wert, die jährlich vor der 
Versammlung der Trustees gehaltenen und in ihrem Auftrage gedruckten 
Predigten auf ihren historischen Gehalt hin zu untersuchen. Wo sind sie 
gesammelt und zugänglich? 

3) Vgl. Doyle, The English in America (London 1882), p. 117: »It has 
been truly said, that the colonisation of the New World is a record of the 
persecution of the Old«. 



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Zillertaler-Nachlese. 

Nach Archivalien des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht. 
Von Prof. Dr. Georg Loesche. 

Die archivalische Forschung über den Protestantismus in 
Tirol liegt noch so in den Anfängen, daß eine größere, neues 
bietende Arbeit nicht gegeben werden kann. Aber das Land der 
Glaubenseinheit mußte doch im Kranze der Kronländer in dieser 
Festschrift vertreten sein, v/enn auch mit einem sehr traurigen 
Blatte seiner Geschichte. 

Der k. k. Bezirkshauptmann zu Innsbruck, Dr. Gustav v. 
Gasteiger (gest. 1890), hinterließ das druckfertige Manuskript 
der ersten urkundlichen Darstellung des Zillertaler Trauerspieles, 
in das sein Vater als Schv/azer Kreishauptmann vielfach ver- 
flochten war. Seinem Wunsche entsprechend, wurde es heraus- 
gegeben. 2) Die treffliche, aus den amtlichen Berichten geschöpfte 
und durch seltene Unparteilichkeit ausgezeichnete Schilderung ist 
jedem Berichte über die Zillertaler zugrunde zu legen. ^) 

Gasteiger glaubte, das volle Aktenmaterial vor sich zu 
haben in den Gubernial- und Präsidialregistraturen. Allein er kannte 
nicht die Archivalien im Ministerium für Kultus und Unterricht. 
Diese haben ihren Hauptreiz in den Vorträgen, die Sr. Majestät 
gehalten wurden. Es ist sehr zu beklagen, daß deren wörtliche 



^) Sr. Exzellenz dem Herrn Kultusminister Dr. Ritter v. Hartel habe 
ich für die Zugänglichmachung des Archives, Herrn Ministerialrat Dr. v. 
Haymerle und Herrn Archivdirektor Dr. Poet zl für ihre mühevolle Unter- 
stützung zu danken. 

2) Die Zillertaler Protestanten und ihre Ausweisung aus Tirol. Von 
G. V. Gasteiger. Herausg. v. A. Edlinger, 1892 (Meran). 

3) Vgl meine Geschichte des Protestantismus in Österreich, 1902, 
S. 214-223. 



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— 263 — 

Wiedergabe nicht gestattet ist, weil sie als Eigentum Sr. Majestät 
gelten. Es läge geradezu im Interesse der Regierung, manche von 
ihnen zu veröffentlichen, die von einem Geiste des Gesetzes, der 
Gerechtigkeit und Humanität durchzogen sind, wie man ihn nach 
den Schlußverfügungen nicht vermutet. Um nicht unnütz zu 
wiederholen und eine bessere Übersicht der Ergänzungen zu 
Gas teiger zu geben, verzichte ich auf eine zusammenhängende 
Erzählung und beschränke mich auf Regesten. 

Durch die neuerlichen Proteste gegen den Bau evangelischer 
Gotteshäuser in Bozen und Sulden gewinnen diese alten Zilier- 
taler Akten ein fast gegenwärtiges Interesse. 



Datum Zahl Signatur Regest. 

1832 ,16.294 Ricord., IV A3 Gesuch der »Inklinanten« ^) um Be- 
Ev. Ehen im seitigung der für sie bestehenden 
Zillertal, C. 28, Schwierigkeiten. 
Origin. IV A3 
Religions-Über- 
tritte, Tirol. 

2. 1832, 1 6.705 IV A 3 Ev. Rel. Verordnung an das Tirolische 
23. Juli 1752 Unterr. Z. C31. Gubernium. Es wird Bericht ver- 
langt über Gesuche mehrerer Ver- 
treter aus dem Bürger- und Bauern- 
stande im Unterinnthal, Rattenberg, 
Kitzbühl, Kufstein, Innsbruck. Sie 
machen Vorstellungen gegen die, 
wie sie gehört haben, von mehreren 
Gemeinden des Zillertales ange- 
suchte Bewilligung zur freien Aus- 
übung der protestantischen Religion 
und Erbauung eines Bethauses im 
Zillertale; sie machen auf die damit 
für das ganze Land verbundenen 
nachteiligen Folgen aufmerksam. 

3. 1833, 3251 Ebenso Dekret an das Ti rol-Vorarlberg. 
28. Febr. 300 Gubernium auf Bericht desselben 

wegen Beschwerde zweier Inkli- 
nanten, daß das Landgericht Zell 
die Verfachung2) der von ihnen 

^) So hießen die Zillertaler »Apostaten« wegen ihrer Hinneigung zu den 
»Akatholiken«. 

2) Gerichtliche Anerkennung, Bestätigung des Kaufes, vgl. »Verfach- 
bücher«. 



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264 





Datum 


Zahl j Signatur 


Regest. 

angekauften Realitäten verweigert 
habe. — Der Pfarrer beantragt Dis- 
lozierung der 200 Inklinanten. --- 
Dekret: Amtszuhandeln nach dem 
Toleranzgesetze. 


4. 


1833, 


16.279 Ebenso 


A. u. Vortrag : Die Rekurrenten (Vgl. 3) 




18. Juli 


1423" 




sind gar nicht als Protestanten an- 
zusehen, da sie nicht übergetreten 
sind; somit kann ihnen der Besitz 








nicht verweigert werden. Protestan- 










ten wäre der Dispens nicht zu er- 










teilen, —r Note an den Hof- 










kriegsrat mit der Bitte um eine 










Auskunft (vgl. 6). — A. h. Hand- 










bill e t vom 2. Juli auf Vorstel- 










lung des Erzbischofes von Salzburg 










(Beilage). — Beilagen: Eingaben des 






1 


Salzburger Konsistoriums an das 






' 


Gubernium vom 1. und 10. Mai. Ein- 










gabe des Erzbischofes von Salzburg 










an den Kaiser vom 18. Juni. 


5. 


1833, 


20.982 


Ebenso 


A. u. Vortrag: Wiederholte Vorlegung 




27. Aug. 


1824 




von 4; vgl. 7. 


6. 


1833, 


21.053 


Ebenso 


A. u. Vortrag über die vom Hofkriegs- 




5. Sept. 


1828 




rate abverlangte (vgl. 4) und ein- 
gelangte Auskunft, daß beim Militär 
nicht, wie der Fürstbischof von Salz- 
burg meint, eine Vorschrift bestehe, 
nach der der Übertrittswerber vor 
dem sechswöchentlichen Unterrichte 
eine Prüfung abzulegen habe. 


7. 


1834, 


8754 


Ebenso 


A. h. Entschließung vom 28. August 




9. April 


"721 




1833 und 2. April 1834. 
Der a. u. Vortrag (vgl. 5) gelangt 
herab mit der a. h. E. : Erledigt durch 
Entschließung über den Vortrag vom 
25. Juli 1833 (fehlt). 


8. 


1834, 


8753 


Ebenso 


A. u. Vortrag (41 Fol.-Spalten) nebst 




17. April 


720 


' 


umfangreichem Gubernialbericht und 
mehreren Separatvoten. Der Vortrag 
schildert I. den Zustand der Reli- 
gionsneuerungen im Zillertale, Der 



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- 265 



Datum 



Zahl 



Signatur 



Regest. 

Empfang der Inklinanten-Deputation 
zu Innsbruck durch Kaiser Franz 
im Juli 1833 ^) hat sie sehr ermutigt. 
Sie legten Listen auf zur Ein- 
schreibung der Abgefallenen, ver- 
anstalteten unter sich Vorlesungen 
aus akatholischen Büchern, unter- 
hielten Korrespondenz mit dem Aus- 
lande, bezogen von dort akatholische 
Bücher, erlaubten sich Beschim- 
pfungen der katholischen Seelsorger 
und religiösen Handlungen, weshalb 
acht mit Stockstreichen und ver- 
schärftem Arreste bestraft wurden. 

II. Ansichten und Anträge der Unter- 
behörden; der Landrichter in Zell 
sieht bei den Inklinanten ein Ge- 
misch von Irrtum, Indifferentismus, 
Unwissenheit, Eigendünkel, Sinn- 
lichkeit und entarteter Sittlichkeit, 
begünstigt durch das enge Zu- 
sammenleben in dem übervölkerten 
Tale und den Hausierhandel ins 
Ausland. Kreishauptmann v. Gast- 
eiger kennzeichnet den Zillertaler 
als üppig, genußsüchtig, ausgelassen, 
höchst sinnlich, prahlerisch und 
furchtsam. Er affektiere natürliche 
Einfalt bei versteckter Heuchelei. 
Der alte Hang zum Protestantismus 
sei bei dem mangelhaften Religions- 
unterrichte noch nicht entwurzelt. 

III. Urteile des Guberniums, darunter: 
Ausweisung der Inklinanten oder 
Gewährung eines Bethauses oder 
Zuweisung zu einem protestanti- 
schen Pastorate Oberösterreichs für 
die österliche Kommunion. In den 
im letzteren Falle »gemischten pari- 
tätischen Gemeinden« hätte der 
Kuratklerus an Sonntagen nur die 
den Katholiken und Protestanten 



Gasteiger, S. 30f. 



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266 



Datum 



Zahl 



Signatur 



Regest. 

gemeinsamen Glaubens- und Sitten- 
lehren vorzutragen und müsse die 
Protestanten zu diesen Predigten 
zu bewegen suchen. Nicht bei allen 
Inklinanten sei Unwissenheit und 
UnSittlichkeit der Grund des Ab- 
falles, sondern solche seien gut ver- 
traut mit der Lehre und Bibel. Der 
Gubernialvorschiag lautet: Gewis- 
sensfreiheit für den einzelnen. Nicht- 
genehmigung einer akatholischen 
Gemeinde. Gestattung der Aus- 
wanderung. Verbot protestantischer 
Eheschließung. Verweigerung der 
Rückkehr auswärts verehelichter 
Inklinanten. Das treffliche Gutachten 
der Hofkanzlei geht dahin : Das Ge- 
setz hat zu gelten. Das Toleranz- 
patent gilt auch für Tirol. ^) Da die 
Zahl nicht zur Hälfte der Vorschrift 
genügt, können die Inklinanten 
weder Bet- noch Schulhaus errichten, 
müssen einem benachbarten Pasto- 
rate zugewiesen werden, dürfen 
keine Versammlungen halten und 
keinen Pastor rufen, müssen ihre 
Kinder fleißig in die katholische 
Schule schicken. Nur durch Lehre 
und Beispiel sind sie etwa zurück- 
zugewinnen. — A. h. Entschließung 
vom 2. April: 2) Die Übertrittswerber 
müssen in andere Provinzen über- 
siedeln (nach Antrag des fürst- 
bischöflichen Konsistoriums); die 
Seelsorger sollen es an Eifer und 
Klugheit im Unterrichte nicht fehlen 
lassen. Die Behörden sollen streng 
gesetzlich vorgehen, mit Vermeidung 
von Willkür. 



^) Über die Streitfrage der Verkündigung des Patentes in Tirol, die 
durchaus bejahend gelöst ist, vgl. G. Frank, Das Toleranzpatent, 1882, 
S. 56-58. - Gasteiger, a.a.O. S. 29ff. 

2; Gasteiger, S. 52f. 



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- 267 



11. 



12. 



Datum 

1834, 
28. April 



1834, 
17. Juli 



1834, 
4. Aug. 



1835, 
9. Jänner 



Zahl 

9868 
796 



17.994 
1434 



Signatur Regest. 

Ebenso DekretandasTiroI. Gubernium; 

auf Grund der A. h. Entschließung 
vom 11. April; Mitteilung von 6) an 
den Fürstbischof von Salzburg. Bei- 
lage: A. u. Vortr.; Note des Hof- 
kriegsrates. 
10. 1834, 17.994 Ebenso A. u. Vortrag über den Ankauf einer 

Wirtstaverne in der Gemeinde Dux 
im Zillertale von einem als ver- 
schlagen und leidenschaftlich ge- 
schilderten Inklinanten. ^) Der An- 
trag geht auf Zurückverweisung ans 
Gubernium zum Amtshandeln nach 
Maßgabe der A. h. Entschließung 
vom 2. April (vgl. 8). (Erledigt mit 20.) 
20.062 Ebenso Dekret an das Tirol. Gubernium, 

1599 teilt die A. h. Entschließung mit, 

enthaltend den Ausdruck des A. h. 
Wohlgefallens über die Dankadresse 
des Ausschußkongresses der Stände 
Tirols anläßlich der A. h. Entschlie- 
ßung vom 2. April. (Vgl. 8 und 23.) 
32.375 Ebenso Laut Gubernialbericht haben die Wort- 

2547~ führer der Inklinanten (FleidP), 

Brugger, Heim) um einen Faß 
nach Wien gebeten, um sich von 
Sr. Majestät eine günstigere Ent- 
scheidung zu erbitten, als die vom 
2. April [vgl. 8|)], weil diese mit der 
mündlich vom Kaiser erteilten Zu- 
sicherung in geradem Widerspruche 
stehe; sie geben 11 Punkte an, 
wegen deren sie vorstellig werden 
wollen. Das Gubernium hat sie ab- 
gewiesen, weil die von ihnen an- 
gezweifelte A. h. Entscheidung aller- 
dings erflossen sei und eine weitere 
noch zu erwarten wäre. Das Dekret 
an das Gubernium ordnet an, in 
eben diesem Sinne zu amtshandeln. 

Vgl. Gasteiger, S. 45. 

2) Ober ihn: E.Koch, Übertritte aus der römisch-katholischen zur evange- 
lischen Kirche in Deutschland während des 19. Jahrhunderts, 1903, S. 146—149. 
(Ohne ausreichende Sachkenntnis und nicht immer mit zutreffendem Urteil.) 



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13. 



14. 



15. 



16. 



17, 



18. 



Datum I Zahl 
I 

1835, ,20.463 
14 Aug. I 1591 



Signatur 

Ebenso 



I 

i 

1835, 126.015 

9. Oktob. I 20ir 

I 

I 



I 
1836, ,16.762 

23. Juni ,1558' 



Ebenso 



Ebenso 



1836, ; 16.929 Ebenso 
23, Juni 



1836, 18.133 
14. Juli i 1677 



1836, 112.776 
23. Juli 1183 



Ebenso 



Ebenso 



268 - 



Regest. 

Auf Grund des Gubernialberichtes über 
die patriarchalische, eine Stunde 
währende Audienz der sieben Zilier- 
taler bei Erzherzog Johann auf 
seiner Durchreise *) wird ein A. u. 
Vortrag erstattet, dahin gehend, 
daß die Audienz, in der der Erz- 
herzog im Sinne von 8) gesprochen, 
keine neue Verfügung veranlasse. 
Dekret an das Tirol. Guber- 
nium, betreffend die Beobachtung 
der Normen (8). 

Auf das neuerliche Deputationsgesuch 
der Inklinanten rät das Gubernium, 
ihnen zu willfahren und ihnen einige 
katholische Bürger als Zeugen mit- 
zusenden. Obwohl auch einige der 
Hofkanzlei dafür sind, weist das 
Dekret an das Gubernium nur 
hin auf 12) und 13). 

Das Gubernium legt eine Vorstellung 
der Tirol. Stände vor mit der Bitte, 
die notwendigen weiteren Maß- 
nahmen wegen der Zillertaler zu 
bezeichnen. Erledigt mit 18). 

Vorlage des Autopsie-Berichtes 
des Gouverneurs von Tirol, 
Graf Wilczek, über seine Reise 
ins Zillertal. (Der Bericht fehlt hier, 
liegt bei 19.) »Erledigt mit« 18). 

A. U.Vortrag : Die durch A. h. Kabinetts- 
schreiben geforderte gehörige Be- 
achtung der Ständeeingabe (15) ist 
bereits geschehen. 

A. u. Vortrag, 21 Bogen lang, auf Ver- 
anlassung des Gubernialberichtes 
(Mundum von Bericht und Vortrag 
liegt bei 19). I. Betragen der Inkli- 
nanten und die Amtshandlungen 
seit 8). II. Urteile der geistlichen 



Gasteiger, S. 62. 



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19. 



Datum 



1837, 
14. Jänn. 



Zahl 



1020 
107^ 



Signatur 



Ebenso 



269 - 



Regest. 

und weltlichen Behörden über die 
Reh'gionsverhältnisse im Zillertale 
und ihre Anträge für die Zukunft. 
III. Beurteilung und Anträge des 
Guberniums in 14 Punkten, Gut- 
achten. (Es fehlt auch nicht ein 
Hinweis auf die Propaganda durch 
die Fremden.) 

Dieser sehr wichtige und interessante 
Akt enthält den 39 Fol.-Spalten 
langen Gubernialbericht vom 
18. April 1836 ') (vgl. 18); ferner den 
bei 16) erwähnten. Dieser letztere, 
für die Inklinanten sehr ungünstige 
Bericht schildert die Verhältnisse 
noch trauriger als der erstere. Er 
spricht von großer Ungebundenheit 
der Sitten, der Sittenroheit, dem 
Indifferentismus, dem höhnischen 
Benehmen. Es seien etwa 250 
Akatholiken, gegenüber 16—17000 
Katholiken im Zillertale oder 800.000 
in Tirol, deren Zahl sich bei Nach- 
giebigkeit auf dasZehnfache steigern 
würde. Sie locken durch ihre Parole, 
daß ihre Konfession leichter zu er- 
tragen sei. 

Die Gründung einer akatholischen Ge- 
meinde wäre das geringere Übel, 
als den herrschenden Zustand gegen- 
seitiger Gereiztheit fortdauern zu 
lassen. Wenn es bei der A. h. Ent- 
schließung 8) bleibt, müßten ver- 
schärfte Maßregeln ergriffen werden. 
Die Hetzer wären unter Polizei- 
aufsicht zu stellen oder zum Militär 
abzugeben. Der Einfluß der durch- 
reisenden Ausländer ist zu be- 
kämpfen. Graf W i 1 c z e k hat unterm 
13. Juni 1836 an den Gubernialrat 
Gasteiger in Schwaz wegen die- 
ses Fremdenverkehres von Malern, 



1) Gasteiger, S. 66 ff. 



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- 270 - 



Datum 



Zahl Signatur 



Regest. 

Künstlern usw. im Zillertale sowie 
wegen der heimkehrenden Aus- 
wärtigen und der Einschwärzung 
verbotener Schriften besondere Be- 
stimmungen erlassen. Die Andachts- 
übungen der Inklinanten finden 
ziemlich öffentlich statt; die Ver- 
höhnung der katholischen Bräuche 
ist nicht mehr zurückhaltend. Be- 
strafung nach der Verordnung vom 
30. April 1783 wäre nötig. — Der 
Gubernialbericht vom 13. Juni 
1836 bringt eine Vorstellung des 
ständischen großen Ausschußkon- 
gresses 1. J., die Religionsspaltung 
betreffend. 

Über die Beurteilung seitens des Aus- 
landes belehrt ein Auszug aus der 
St. Galler Zeitung vom 7. Mai 
1836, Nr. 37 f., über die Verfolgung 
der Evangelischen durch die Katho- 
liken im Zillertale, worin der ersteren 
Leben als ein wahres Gefängnis- 
leben geschildert wird. 

Der A. u. Vortrag vom 23. Juni 1836, 
der, 96 Fol.-Spalten lang (vgl. 18), 
sich wieder durch Gerechtigkeit und 
Humanität auszeichnet, wenigstens 
im Hinblicke auf die Unterlage des 
Gubernialberichtes, schildert die seit 
etwa einem Jahrzehnt währende 
Religionsspaltung. Das Ausland 
wende seine Aufmerksamkeit, auch 
wohl Teilnahme den Zillertalern zu. 
Seit dem Bekanntwerden der A. h. 
Entschließung vom 2. April 1834 (8) 
zeigten die Inklinanten ein auf- 
fallendes Streben, sich durch Guts- 
ankäufe und Pachtungen fester an 
die Heimat zu schließen. Sie ver- 
mehren sich zusehends. Stolz, Sinn- 
lichkeit und ein durch schlechte 
Schriften irregeleiteter Verstand 
wirken jeder Bekehrung entgegen. 



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— 271 



Datum 



Zahl 



Signatur 



Regest. 

Man sollte in stufenweiser Ent- 
wicklung die Toleranzgesetze in 
Anwendung bringen. Diese hätten 
sich ja bewährt! Seit 50 Jahren 
lebe eine kleine Minderzahl Akatho- 
liken neben den 24 Millionen katho- 
lischer Staatsbürger, ohne in irgend 
einem Teile des weiten Staats- 
gebietes Spuren von Religions- 
unruhen, Spaltungen oder Uneinig- 
keiten aus Anlaß der Glausensver- 
schiedenheit hervorzurufen. Häufig 
böten vielmehr benachbarte Gemein- 
den verschiedener Kirchen schöne 
Beispiele der friedlichsten Eintracht 
eines redlichen Zusammenwirkens 
zur Förderung der Zwecke des 
Staates und eines rühmlichen Wett- 
eifers, in Sittlichkeit, Kultur und Ge- 
werbefleiß Fortschritte zu machen. 
Würden nicht zuweilen einzelne 
geistliche Oberhirten es in zu weit 
getriebenem Eifer versuchen, den 
Rechten fremder Kulte zu nahe zu 
treten oder ihrer Ausübung engere 
Grenzen zu setzen, so würden die 
Behörden kaum je zur Kenntnis 
gelangen, daß sich unter den Unter- 
tanen Sr. Majestät Bekenner eines 
verschiedenen Glaubens befinden I — 
Die A. h. Entschließung vom 
12. Jänner*) geht von der Er- 
wägung aus, daß die Stände von 
Tirol den Vater Sr. Majestät in- 
ständigst gebeten haben um die 
Erhaltung der Ruhe, Einigkeit und 
Ordnung im Lande und das Ent- 
stehen einer akatholischen Gemeinde 
nicht zuzugeben, und daß diese 
Bitte am 2. April 1834 (vgl. 8) ge- 
währt sei. Nachdem nun die Stände 
die Bitte um Vollzug jener Maß- 



Gasteiger, S. 87f. 



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- 272 - 





Datum 


Zahl 


Signatur 


Regest. 

regel vorgetragen (vgl. 21), so sei sie 
aufrecht zu erhalten. Deshalb hätten 




1 




sich die Zillertaler im Verlaufe von 






14 Tagen zu erklären. Sie sollen 


1 1 




auswandern, wenn sie vom katho- 


i ' 


lischen Glauben abfallen. Die, die 


i 


weder katholisch bleiben noch aus- 






wandern wollen, seien von amts- 


] i 

t ' 


wegen an Orte außerhalb Tirols zu 




i 


Akatholiken zu übersetzen. Diesen 








entschiedenen Apostaten ist die 








durch das Toleranzpatent den 


j 




Akatholiken nur dispensando zu 


1 


1 


gebende Erlaubnis zu Realitäten- 


■ 






erwerbungen nicht zu erteilen. Den 


1 






Auswanderungswilligen ist ärarische 


1 






Hilfe zu leisten, in der freien Ver- 


1 






waltung ihres Vermögens sind sie 


1 






nicht zu beirren. (NB. Von den früher 


! 






Weggezogenen sind nur fünf bis 










sechs in Österreich geblieben, die 








übrigen ganz ausgewandert.) Das 










Dekret ans Tirol. Gubernium 








vom 14. Jännerl837 macht Mitteilung 










von jener A. h. Entschließung. 


20. 


1837, 


1021 


Ebenso 


Die Gemeinde Dux hatte gebeten, die 




14. Jänn. 


108 




Bewilligung zum Ankaufe des Wirts- 
hauses (10) nicht zu geben, weil 
dadurch ein neuer Herd für die 
Inklinanten entstünde. »Erledigt 
durch« 19). 


21. 


1837, 


10% 


Ebenso 


Das Gubernium legte am 14. Juli 1836 




14. Jänn. 1 118 




die Vorstellung der Tirol. Stände 










vom 14. Mai (vgl. 19) vor; »Erledigt 










durch« 19). 


22. 


1837, 


8708 


Ebenso 


Dekret an den Gouverneur von 




14. April 


683 




Tirol Graf Wilczek betreffend 
die Kenntnisnahme des Berichtes 
über die feierliche Kundmachung 
der A. h. Entschließung 19). Der von 
dem Schuhmacher Joh. Feidl, 
»einem der beharrlichsten, ver- 
schmitztesten und den Katholiken 



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- 273 



23. 



24. 



25. 
26. 



Datum 



1837, 
27. Juni 



1837, 
6. Nov. 



1837, 
26. Nov. 

1838, 
28. Juni 



27. 



1838, 
1. Sept. 



Zahl 



16.042 
1249' 



27.229 



2141 



Signatur 



Ebenso 



Ebenso 



28.781^ 
2239 

15.706 
1158 



22.122 
1679 



Ebenso 
Ebenso 



Ebenso 



Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 



Regest. 

feindseligsten Häuptlinge der In- 
klinanten« erbetene Paß nach Bay- 
ern, Württemberg, Baden, Sachsen, 
Preußen, um neue Ansiedlungsorte 
auszumitteln, ist ihm zu gewähren, 
zugleich als Bevollmächtigten für 
andere. — Note an die Hof- und 
Staatskanzlei teilt den Guber- 
nialbericht mit und regt an, die 
k. k. Gesandtschaften über den 
Sachverhalt zu verständigen. 

Dekret an das Tirol. Gubernium 
auf Bericht vom 12. Mai, mit der 
A. h. Entschließung vom 23. Juni, 
daß Se. Majestät die Dankadresse 
der Tirol. Stände für die A. h. Ent- 
schließung 19) mit Wohlgefallen auf- 
genommen habe. 

Indorsat an das Tirol. Gubern.- 
Präsidium, sich mit dem Lai- 
bacher Gubern.-Präsidium in Ver- 
bindung zu setzen. Das Laibacher 
Gubernium hatte angefragt wegen 
Aufnahme eines Zillertalers in den 
Untertanenverband von Gmünd, der 
zu den Akatholiken übertreten 
wollte; wegen unsteten Lebens- 
wandels und ungünstigen Rufes 
würde er keinen erwünschten Zu- 
wachs bringen. Vgl. 25). 

Akten zu der (genehmigten) Aufnahme 
des Zillertalers (24). »Ad acta.« 

Dekret an das Tirol. Landes- 
Präsidium. Die noch nicht ge- 
nügende Legalisierung der vom 
Gubernium überreichten, kostenfrei 
ausgefertigten, Taufscheine für die 
nach Preußisch-Schlesien ausgewan- 
derten Zillertaler ist zu ergänzen. 
Vgl. 27). 

Note an die Hof- und Staats- 
kanzlei: Mitteilung der legalisier- 
ten Taufscheine; vgl. 26), 
18 



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274 ~ 



28. 



Datum 

1848, 
18. Sept. 



29. 



1848, 
6. Okt. 



Zahl 

3712 
124 



5682 

'210 



Signatur 

IV A3, Evang. 
ingenere. C.24. 



Ebenso 



Regest. 

Schreiben an das Tirol. Land'es- 
Präsidium. Zillertaler zu Schwa- 
bach (Kreis Mittelfranken), die im 
Jahre 1837 zur Auswanderung ge- 
nötigt wurden, bitten um Erlaubnis, 
zurückzukehren. Da die Konstitution 
noch nicht in Wirksamkeit ist, 
bleiben die alten Bestimmungen 
in Kraft, weshalb dauernde Rück- 
kehr noch nicht erlaubt werden 
kann. Das Gubernium möge sich 
äußern, welche Anstände der Will- 
fahrung der Bitte um zeitweise Rück- 
kehr entgegenstünden. 

Note des Ministeriums des In- 
nern an das des Äußern: Das Tirol. 
Gubernium rät im Interesse der Bitt- 
steller (28) von der Heimkehr ab. 
Das Ministerium des Äußern möge 
der k. k. Gesandtschaft in Bayern 
eröffnen, daß die Betreffenden zu- 
rück könnten, aber nicht nach Tirol, 
weil die betreffenden Bestimmungen 
noch in Kraft seien. 



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XI. 

Mathesiana. 

Von Prof. Dr. Georg Loesche. 

Wenn Mathesius und Comenius die beiden hervorstechendsten 
theologischen Persönlichkeiten des böhmischen, ja österreichischen 
Protestantismus sind, so dürfen sie in einer kirchengeschichtlichen 
Festschrift Österreichs nicht fehlen, zumal Neues über sie zu 
sagen ist. 

Unerschöpflich quillt die Literatur über den »Columbus des 
inneren Sinnes«, und der Sarepta-Prediger feierte am 24. Juni 
seinen 400. Geburtstag, zu dem Wissenschaft und Kunst, Theorie 
und Praxis ihre Gaben dargebracht haben. 

Gewiß kann sich Mathesius mit Comenius nicht messen 
in europäischer Berühmtheit und unermeßlicher Fernwirkung; 
allein wenn Comenius' pädagogische Bedeutung eine umwälzende 
und unvergängliche ist, war doch auch der Rektor von Joachims- 
thal einer der Meister der evangelischen Schule neben Trotzendorf 
in Goldberg, Josef Sturm in Straßburg, Michael Neander in Ilfeld. 
Als Gelehrte, Organisatoren, Erbauungsschriftsteller, hinsichtlich 
der Tiefe des Gemütes und ihrer traurigen Lebensschicksale mögen 
sie sich fast die Wage halten. Liegt ein besonderer Reiz darin, daß 
Comenius der letzte Bischof der Unität war, so gehört Mathesius, 
wenn auch ein Mann des zweiten Aufgebotes, zu den innigsten 
und ansprechendsten Tisch- und Arbeitsgenossen Luthers, und ist 
durch seine Überlieferung von Tischreden Luthers und als sein 
erster des Namens würdiger Biograph unzertrennlich mit dem 
Reformator verbunden. Da auch auf diesen Blättern wiederholt 
von dem »sudetischen Winkel« und dem Manne, der seine geistige 



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- 276 - 

Blütezeit heraufführte und beschloß, die Rede war,^) ist ein neues 
Eingehen auf ihn überflüssig ; es sei genug} die Jubiläumsgaben 
zur Besichtigung auszustellen. 

Wenn ich von meinem schon etwas zurückliegenden, die 
bisherigen Ergebnisse der Mathesius-Forschung zusammenfassenden 
Artikel 2) absehe, ist auf Prof. Dr. Göpferts ebenfalls schon früher 
erschienene, aber vielleicht nicht genügend bekanntgewordene 
germanistische Arbeit^) zu verweisen. Er hat ein »Lexikon der 
Bergmannssprache in der Sarepta des J. Mathesius« hergestellt 
und sich mit dieser höchst mühevollen Leistung ein großes Ver- 
dienst erworben, das namentlich die Theologen ihm zu danken 
haben. Ihnen ist nun auch das Verständnis der anderen Werke 
des Bergpredigers, wie der Luther-Historien, erleichtert. Göpfert 
sagt:"^) »Nächst dem Freiberger Stadtrecht gebührt der Sarepta 
der Ruhm, das erste Werk zu sein, das die reichen Schätze der 
Bergmannssprache in lebendigem Zusammenhange verwendet zeigt.« 

Einem Nachkommen des Jubilars, Bibliothekar an der städti- 
schen Bibliothek zu Leipzig, Dr. Kroker, war es vergönnt, durch 
einen Zufall in seiner Bibliothek einen seit mehr als 100 Jahren 
verschollenen Kodex aufzufinden, der gar nicht in der Handschriften- 
Abteilung stand, sondern mitten unter gedruckten Büchern, noch 
dazu mit falscher Aufschrift, mit Mathesianischen Nachschriften 
von Luthers Tischreden. 5) Sind damit auch die Originalhefte des 
Mathesius nicht zum Vorschein gekommen, die wohl verloren sind, 
auch nicht die Abschriften seines Freundes Kaspar Eberhard, so 
enthält der Foliant doch einen älteren, vollständigeren und vielfach 
besseren Text als die Handschrift des Germanischen Museums zu 
Nürnberg, die ich 1892 als »Analecta Lutherana et Melanthoniana« 
herausgab. 



»Jahrbuch« 10 (1888), 1-38; 10(1889), 157-177; 11 (1890), 1-78; 
12 (1891), 1—54; 14 (1893), 111-113; 17 (1896), 235; 19 (1898), 269; 20 
(1899), 228; 22 (1901), 233. 

2) Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, 12^ 
(1903), 425-428. 

3) »Zeitschrift für deutsche Wortforschung«, III. Beiheft 1902. Auch 
separ. 107 S. 

') S. 1. 

5) Ernst Kroker, Luthers Tischreden in der Mathesischen Sammlung. 
Aus einer Handschrift der Leipziger Stadtbibliothek herausgegeben. Leipzig 
1903. B. G. Teubner. XXII, 472 S. gr. Lex.-Oktav, Mk. 12. 



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— 277 - 

Die hierin auf Melanthon zurückgehenden Stücke werden von 
dem neuen Funde gar nicht berührt, und es ist ein übereilter 
Schluß des Herausgebers, jene überhaupt nicht auf Mathesius 
zurückgehen zu lassen. 

Dr. Kroker hat keine Mühe gescheut, in diesem mit Unter- 
stützung der königl. sächsischen Kommission für Geschichte ver- 
öffentlichten stattlichen Bande allen Anforderungen zu entsprechen, 
sowohl hinsichtlich* der Einleitung, die sich in das verwickelte 
Tischredengebiet vertieft, als der Herbeiziehung der Parallelen aus 
anderen Sammlungen und der Erläuterungen. 

Als Schreiber wird mit großer Wahrscheinlichkeit Magister 
Joh. Krüginger ermittelt, ein geborener Joachimsthaler und Freund 
von Mathesius, der als Pfarrer in Marienberg 1571 starb und in 
der Geschichte der deutschen Literatur wie der sächsischen Karto- 
graphie sich einen Namen gemacht hat.^) 

Von dem dankbaren Lutherschüler und Nachschreiber führt 
die zweite Jubiläumsgabe zu dem machtvollen und eigenartigen 
Prediger und dem gemütvollen Korrespondenten. 

Die »Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, 
Kunst und Literatur in Böhmen« hat in ihrer »Bibliothek deutscher 
Schriftsteller aus Böhmen« bereits drei Bände von Mathesius 
gebracht, da er ihr bedeutendster Mann wenigstens für die ältere 
Zeit ist; Leichenreden, Hochzeitsreden und die unvergängliche 
Luther-Biographie, von der eine neue Auflage veranstaltet werden 
muß. Nun ist als Schlußband der vierte erschienen. 2) Er enthält, 
wie der bergmännische Titel andeutet, eine Auslese aus den in 
den früheren Bänden nicht herbeigezogenen Sammlungen, lauter 
eigenartige Stücke; nämlich die Himmelfahrtspredigt aus dem 
Leben Jesu, das bereits der um Mathesius hochverdiente Vilmar 
zu den charakteristischsten Werken des Joachimsthalers rechnete; 
die Schulfestpredigt am St. Gregoriustage; die Vorrede und drei 
Predigten aus der Bergwerks-Postille Sarepta, von denen namentlich 
die über das Glasmachen eine Rolle spielt in der Geschichte dieser 
Industrie. Der uralten und blutjungen Verdächtigung der Vaterlands- 

^) Eine eingehende Besprechung gebe ich in der »Deutschen Literatur- 
zeitung« Nr. 25 vom 25. Juni 1904. 

2) Georg Loesche, Joh. Mathesius, Ausgewählte Werke, vierter Band. 
Handsteine. Prag 1904. J. G. Calve'sche k. u. k. Hof- und Universitäts- 
buchhandlung. 704 S. mit zwei Lichtdrucktafeln. K. 10. 



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- 278 - 

liebe und Kaisertreue der österreichischen Protestanten werden die 
Majestäts reden zu denken geben, namentlich die Huldigungs- und die 
Leichenrede auf Ferdinand I.; die dritte, zur Feier von Maximilians II. 
Krönung zum König von Böhmen, ist zum erstenmale gedruckt 
aus dem Manuskripte der k. und k. Hofbibliothek zu Wien, viel- 
leicht demselben Exemplare, das Mathesius mitsamt der Sarepta 
dem König in einer Audienz zu Schlackenwerth überreichte. Die 
Pestpredigt ist nicht unwichtig für die Geschichte der Medizin 
und Hygiene. Die de profundis-Seufzer lassen dem Vielgeprüften 
ins fromme Herz blicken. 

Den Schluß machen ungedruckte Briefe, meist zwischen 
Mathesius und Paul Eber, aus öffentlichem und privatem Besitz. 

Die Anmerkungen sind so angeschwollen, weil sachlich und 
sprachlich außergewöhnlich viel zu erklären ist, zumal bei des 
Verfassers Art, mit Zitaten und Anspielungen freigebig zu sein, 
und weil nicht nur Theologen, sondern überhaupt akademisch 
Gebildete als Leser vorausgesetzt werden mußten. Die Abbildungen 
bringen die in Rochlitz geprägte Denkmünze mit Mathesius' Kopf 
und den vereinigten Wappen der beiden Städte, sowie das Faksi- 
mile eines Briefes mit der nicht immer leicht leserlichen Hand- 
schrift. 

Der bekannte Lutherforscher Georg Buchwald hatte schon 
1888 in Reclams Universalbibliothek Mathesius' Lutherhistorie in 
»möglichst engem Anschlüsse an das Original und mit ganz kurzen 
Erläuterungen« herausgegeben. Er hat nunmehr eine sehr schön 
ausgestattete Volksausgabe veranstaltet''), mit kurzer Einleitung und 
einigen Erklärungen. »Die Vorrede, die ganze 16. Predigt und das 
lediglich für die Bergmannsgemeinde Verständliche und Interessante 
ist beiseite gelassen.« Noch kürzer ist der »wortgetreue« Auszug 
von einem Ungenannten. 2) 

Den Pädagogen Mathesius behandelt Dr. Zinck.^) 

»Nach einem kurzen Blicke auf die allgemeine Bedeutung des 
Mathesius und deren bisherigen Würdigung führt der Verfasser 

^) Georg Buchwald, Mathesius' Predigten über Luthers Leben. XIV, 
249 S. Mk. 3-50, geb. Mk. 450. 

2) Dr. Martin Luthers Leben nach Johann Matthesius (sie !). Verlag des 
»Sonntagsboten für Sachsen«. 87 S. 1903. 

3) Pädagogisches von Job. Mathesius im »Praktischen Schulmann«, 
LIII (1904), S. 543-551, 599-^17. 



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- 279 — 

zunächst eine Reihe von Aussprüchen an, die von seiner Liebe 
zur Jugenderziehung und deren hohen Wertschätzung Zeugnis 
ablegen. Er nennt darauf die Predigten und Predigtsammlungen 
pädagogischen Inhalts und stellt an ihrer Hand dar, welche 
Pflichten Mathesius den Eltern, der weltlichen und geistlichen 
Obrigkeit, den Lehrern und Lernenden in bezugauf das Erziehungs- 
werk auferlegt wissen will, und entwickelt so ein vollständiges 
Erziehungsprogramm des Joachimsthaler Reformators, wobei er 
besonders auf seine originellen und kostbaren Aussprüche über 
Schulzucht, Dankbarkeit der Schüler, Schädlichkeit schlechter 
Lektüre usw. hinweist. 

im zweiten Teile gibt er nach einer Darstellung des Bildungs- 
und Entwicklungsganges des Mathesius einen Überblick über seine 
pädagogische Tätigkeit als Jugend- und Volkserzieher in seinen 
Stellungen als Rektor und Pfarrer in Joachimsthal, wie sie sich 
neben seinen Predigten in der Joachimsthaler Kirchen- und Schul- 
ordnung niedergeschlagen hat. Er zeigt, wie Mathesius bestrebt war, 
der Joachimsthaler Schule ein doppeltes Gepräge aufzudrücken, 
Luthertum und Humanismus; wie infolgedessen Katechismus- und- 
Sprachunterricht die beiden Brennpunkte des Unterrichtes waren 
wie aber der wissensdurstige Mann auch seine für damals um- 
fassende naturwissenschaftliche Bildung, seine Liebe zur Musik, 
zu den bildenden Künsten und zum angestammten Volkstum allen 
Zweigen der Erziehung, besonders der sittlich-religiösen, nutzbar 
zu machen suchte. Er stellt ihn weiter dar als Volkserzieher in 
der Befolgung von Selbstpflichten, Familien- und sozialen Pflichten 
der verschiedensten Art. 

Ein kurzer dritter Teil gilt der Darstellung der pädagogischen 
Methode des Mathesius, wie sie sich zeigte in dem großen Geschick, 
das Interesse zu wecken, der Anschaulichkeit und dem Streben 
nach konkreter Darstellung — die ihn zum Meister in der Hand- 
habung der Muttersprache machen — und dem Verständnisse, 
das er den einzelnen Ständen und Berufen, besonders dem Berg- 
mannsberufe entgegenbringt.« ^) 

Wiederum ist es ein Verwandter des Joachimsthalers, Ernst 
Mathesius in Gautzsch bei Leipzig, der einen Stammbaum der 

^) Auch ein jambisches Festspiel sei erwähnt (T. Norrmann, Der 
Pfarrer im Tal, Schauspiel in fünf Aufzügen, Wolfenbüttel 1904, 96 S.), ein 
historisches Gemälde mit romantischer Färbung. 



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- 280 - 

Familie Mathesius aufgestellt und das Familienwappen zur Ab- 
bildung gebracht hat. Es zeigt eine Schnecke auf der mittelsten 
von drei Bergspitzen ruhend, aus der ein Pegasus emporstrebt; 
über dem Wappen findet sich der bürgerliche Stechhelm und auf 
diesem wiederum die Schnecke mit dem Pegasus. Der Sinnspruch 
lautet: ^TreuSe ßpaSew?.'') 

Der Mathesiusforscher in Rochlitz, Dr. Pfau, hat eine wohl- 
gelungene Medaille prägen lassen, die auf der Rückseite die Wappen 
der Städte Rochlitz und Joachimsthal zeigt. 

In Rochlitz fanden am Geburtstage Schulfeiern statt; am 
31. Oktober wurde vor der Kunigundenkirche ein Denkmal des 
»größten Sohnes der Stadt« enthüllt. Der Künstler ist Arthur Schulz. 

In Joachimsthal ist am 5. Juni die Grundsteinlegung für 
eine kleine Kirche auf dem »Jesuitengarten« erfolgt, die der Mittel- 
punkt für vorläufig etwa 200 Protestanten sein soll, die in fünf 
Städten und 46 Ortschaften zerstreut sind. Die katholische Stadt- 
gemeinde, die längst ihrem gefeierten »Gelehrten« eine Ehrentafel 
am Rathause errichtete, will und kann nicht hindern, daß in der 
mit Gewalt wieder katholisch gemachten Bergstadt, in der einst 
Mathesius in dem engen Geist seiner Zeit den Bau einer katholischen 
Kapelle zu verhindern sich angelegen sein ließ, ein evangelisches 
Bethaus ersteht, 2) 



Im »Archiv für Stamm- und Wappenkunde«, IV (1904), 182 f. — 
Vgl. meine Biographie, 1, 218, 242. 

2) Festartikel: Annaberg, »Wochenblatt«, 7. Juni. Berlin, »Deutsche 
Literaturzeitung«, 25. Juni; »Reichsbote«, 3. Juni, 1. Beil.; »Der Tag«, 
12. Juni. Bielitz, »Evangelische Kirchen-Zeitung«, 15. Juni. Dresden, »Dres- 
dener Anzeiger«, 24. Juni ; »Das Pfarrhaus«, Nr. 6 ; »Sächsischer Gustav- 
Adolf-Bote«, 14. Jhrg., Nr. 12. Helmstedt, »Evangelische Kirchen-Zeitung«, 
Nr. 25, 26. Leipzig, »Allgemeine evangelisch-lutherische Kirchen-Zeitung«, 
Nr. 26, 27 ; »Der alte Glaube«, Nr. 39 ; »Leipziger Illustrierte Zeitung«, 
Bd. 122, S. 966 f; »Neues sächsisches Kirchenblatt«, Nr. 25, 41. Linz, »Evange- 
lisches Vereinsblatt«, Nr. 7. München, »Die Wartburg«, Nr. 26. »Rochlitzer 
Tageblatt«, 25. und 26. Juni. 



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Medaille zur 400. Geburtstagsfeier von Matheslus In Rochlitx. 

Auf Veranlassung von Dr. Pfau geprägt. 
Der Revers zeigt die Wappen der Städte Joachimsthal und Rochlitz. 



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Matheslus' Denkmal In Rochlltz vor der Kunigundenklrche. 

(Bronzebüste auf Porphyrsockel von Arthur Schulz.) 
Enthüllt am 31. Oktober 1904. 



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XII. 

Comeniana. 

Die neue Comenius-Literatur (1892 — 1904). 
Von Prof. Dr. Kva^ala in Dorpat-JurjewJ) 

Der Name des Comenius dringt in immer weitere Kreise und 
erfreut sich einer wachsenden Popularität. Denkt man an die langen 
Zeiten zurück, wo sein Ruf fast verschollen war, so findet man 
Befriedigung an der Anerkennung, mit der die Gegenwart den 
edlen Intentionen und erfolgreichen Arbeiten eines unglücklichen 
Lebens gerecht wird. Es ist aber auch Pflicht, in dem weiteren 
Wellengange der Geschichte allzu tiefen Senkungen in der Wert- 
schätzung des jetzt so Gefeierten vorzubeugen. Das Mittel dazu 
ist historisch verläßliche und genaue Feststellung und eine all- 
seitige Abschätzung der Details, aus denen sich ein wahrhaft 
geschichtliches Bild seiner Person und seines Lebenswerkes schaffen 
läßt. Wie man nach dieser Richtung hin in den letzten zwölf 
Jahren gearbeitet hat, soll in folgendem zusammengestellt werden; 
und da es sich dabei mehr um die gewonnenen Resultate, als etwa 
um einen literarisch-historischen Ausschnitt aus der jüngsten Ver- 
gangenheit handelt, so gedenken wir nacheinander über die ein- 
schlägigen: 1. Editionen, 2. biographischen Beiträge, 3. Erörterungen 
über Lehre und Weltanschauung, 4. bibliographische Abhandlungen 
und Vermischtes kurz zu berichten. 

Allem voran ist der Tatsache zu gedenken, daß in dem 
Jubiläumsjahre (1 892) eine Comenius-Gesellschaft gegründet worden 
ist, die des Comenius Lebenswerk zu erforschen und in seinem 



^) Es sei ausdrücklich bemerkt, daß die Redaktion mich gebeten 
hat, dieses Thema zu behandeln. Die Handschrift war Ende Juni 1904 ab- 
geschlossen. 

18* 



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- 282 - 

Sinne zu wirken für seine Aufgabe erkannt hat. Comenius soll 
im Mittelpunkte stehen, doch nicht alle Aufmerksamkeit erschöpfen; 
ihm geistesverwandte Männer werden in gebührender Weise mit- 
berücksichtigt. An einer Anzahl von Arbeiten werden wir sehen, 
mit welchem Erfolge dies geschieht: sie sind verschiedenen Wertes 
und ohne äußerliche Einheit, inneren Zusammenhang oder irgend 
eine planmäßige Anlage. Die tiefere Einheit sichert den Arbeiten 
die Richtung, in welcher die beiden Publikationen der Gesellschaft 
(die Monatshefte, M. H.C.G., und die Mitteilungen der Comenius- 
Gesellschaft) geleitet werden. Über diese Richtung einige Worte 
vorauszuschicken, erscheint mir jener Bedeutung angemessen, die 
den Publikationen der Gesellschaft innerhalb der Comenius-Forschung 
unserer Zeit natürlicherweise zufällt. 

In zahlreichen Aufsätzen hat der unermüdliche Vorsitzende der 
Gesellschaft, L. Keller, die Zeit der 1892 gegründeten Comenius- 
Gesellschaft auseinandergelegt und nach 10 Jahren ein Fazit ge- 
zogen, mit dem er zufrieden ist. Die geistige Eigenart, welche die 
Monatshefte der Comenius-Gesellschaft charakterisiert, finden wir 
aber vielleicht am bündigsten und klarsten in einem Aufsatze, den 
er im Anschlüsse an einen Artikel von K. Seil unter dem Titel: 
»Der christliche Humanismus, seine Eigenart und 
seine Geschichte« (M.H.C.G. IX./15.) abgefaßt hat. Er führt 
hier Comenius in dem Kreise zahlreicher Männer an (von Joh. 
Denk bis de Lagarde), die neben dem Protestantismus und Katholi- 
zismus »das altevangelische Christentum« vertreten. Er will sogar 
außer der von Seil hier genannten Quäkergemeinschaft von noch 
einer Organisation dieser »christlichen Humanisten« wissen (offenbar 
denkt er an die Freimaurer, S. 20, 21) und zweifelt auch an der 
Zusammengehörigkeit dieser christlichen Humanisten mit dem Ur- 
christentum nicht: das Zwischenglied seien hier die Vorläufer der 
Quäker, die Waldenser, die »selbst gesagt, daß das Vorbild der 
ältesten Christenheit für ihren Glauben und ihre Verfassung maß- 
gebend sei«. Die das Gegenteil behaupten, haben Beweise anzu- 
führen. — Ohne sachlich darüber zu entscheiden, ob des Comenius 
Stellung hier in richtiger Weise aufgefaßt wird, möchten wir es 
betonen, daß diese Auffassung jedenfalls im Widerspruche steht zu 
der allgemein verbreiteten Ansicht, wonach der letzte Bischof der 
Unität ein treuer Sohn seiner geistigen Mutter gewesen und dem- 
entsprechend in der Verbannung im Anschlüsse an die sogenannte 



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- 283 - 

reformierte Kirche, also einen Teil des »Protestantismus«, und zwar 
in direktem Gegensatze zum »Katholizismus« gewirkt hat. Will man 
nun Comenius doch für eine andere Geistesrichtung als Gewährs- 
mann gelten lassen, so ist eine historische Begründung des Vor^ 
gehens unerläßlich, und zwar müßte sie nicht nur in der Wider- 
legung der bisher allgemein gültigen Ansicht bestehen. Sonst ist 
gerade die Pietät, die der ganzen Arbeit der Gesellschaft und ihrer 
Benennung ihren Stempel aufdrücken soll, in dem tiefsten Sinne des 
Wortes wenigstens fraglich. Wenn auch die Einzelbeiträge von 
dieser Grundanschauung des Leiters nicht abhängig sind, so werden 
sie von dem Leser leicht in jene eingefügt, wo und so weit es 
geht. Darum erhoffen wir von dem arbeitsfrohen und kenntnis- 
reichen Herausgeber der Monatshefte eine Klärung der eben ge- 
stellten Frage im Interesse der historischen Wahrheit, das uns im 
vorliegenden Falle in gleichem Maße erfüllt. 

Im folgenden gehen wir nun auf die Einzelheiten in der 
bereits angegebenen Gruppierung ein. Wir übergehen dabei die 
Arbeiten in größeren Werken (verschiedenen Geschichten und Lexicis), 
um uns zu entlasten; es könnte uns aber auch die eine und andere 
von den selbständigen Arbeiten bedauerlicherweise entgangen sein, 
was der geehrte Leser gütig entschuldigen wird. Im ganzen kommt 
es uns mehr auf die Registrierung neuer, haltbarer Tatsachen und 
Gesichtspunkte, als etwa auf die Aufzählung aller über Comenius 
abgefaßten Arbeiten an. Eine solche Aufzählung allein würde 
wohl den ganzen mir zur Verfügung gestellten Raum in Anspruch 
nehmen. 

I. 

Im Jubiläumsjahre selbst lag der Ansporn für mehrere Neu- 
ausgaben comenianischer Schriften. Noch im selben Jahre erschien 
ein neuer Abdruck der tschechischen Großen Didaktik, 
besorgt von Dr. J. V. Noväk (Prag). Es ist eine verbesserte Aus- 
gabe gegenüber der Beranek'schen, die vor mehr als 20 Jahren 
erschienen war; auch so ergab sich nicht ein diplomatisch genauer 
Text, doch einer, der ihm möglichst nahekommt. Der Herausgeber hat 
zu dem Zwecke die im Museum Bohemicum befindliche Handschrift 
noch einmal sorgfältig verglichen. Vorangeht geht eine anspruch- 
lose Analyse der Schrift, die sich nach des Herausgebers Bekenntnis 
an Hoffmeisters Muster (Comenius und Pestalozzi) hält. Im folgenden 
Jahre gab das Prager Comenium die homiletischen Werke 



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- 284 — 

(Scbranä Dila kazatelskä) heraus. Der erste Teil enthält die be- 
kannte Homiletik selbst (Umöni kazatelskä) bereits in dritter Aus- 
gabe. Im zweiten Teile sind die Predigten enthalten. Gelegenheits- 
reden im engen Sinne des Wortes wollte der Herausgeber (nach 
dem Vorworte L. B. KaSpars) von vornherein ausschließen, was 
angesichts der geringen Anzahl der Reden dieser Art kaum hin- 
reichend motiviert werden dürfte, in die Predigtsammlung sind 
demnach aufgenommen die 21 Predigten über Christi Leiden, Tod 
und Auferstehung mit einer textlichen Grundlage; ferner eine 
Weih nachts- und eine Fastenpredigt (letztere in ihrem Titel nicht 
genau und erkenntlich angegeben), ferner zwei bis dahin verschollen 
gewesene Gelegenheitsreden aus 1655 und 1656, Enoch und Methu- 
salem, die ich in der Lyzealbibliothek zu Preßburg gefunden hatte. 
In der Wertung der Arbeiten schließt sich der Herausgeber dem 
Urteile v. Griegerns an. 

In der wissenschaftlichen Abteilung des Gomeniums erschien 
in demselben Jahre der von Jos. Müller von neuem aufgefundene 
Haggeus rediviv.us. Über die einleitenden Fragen (die diploma- 
tischen sowohl wie die inhaltlichen) hat der Herausgeber auch in 
deutscher Sprache Bericht erstattet (Monatshefte der Comenius- 
Gesellschaft, I, 122 ff.). So möchte ich denn nur bemerken, daß 
des Herausgebers Argumentation für die Autorschaft des Comenius 
mir völlig überzeugend erscheint. Lehrreich ist auch der Nach- 
weis, wie Comenius wichtige Partien dieser Schrift in die Er- 
mahnung am Schlüsse der Herausgabe des Lasitius'schen Werkes 
aufgenommen hat (Einleitung, S. X — XV). Ebenso sind willkommen 
die Hinweise auf die dem Pietismus vorarbeitenden Grundgedanken 
(das. S. VIII). Auch zur Irenik erhält die Schrift Vorschläge. Die 
Ausgabe ist keine genaue Wiedergabe der unkonsequenten und 
auch nicht des Comenius Orthographie befolgenden Vorlage. Der 
Verfasser hat sich für eine moderne Transskription entschieden, 
was angesichts der von ihm geschilderten Sachlage (S. XVI) auch 
mir das Vernünftigste erscheint. 

In dem Jubiläumsjahre hat sich auch die böhmische Kaiser 
Franz Josefs-Akademie zu einer Beteiligung an der Editionsarbeit 
entschlossen. Es erschien von A. Patera ein Band, enthaltend 
die Korrespondenz des Comenius, hauptsächlich jene, die 
sich im Museum Bohemicum zu Prag befindet; außerdem erhielt 
er einiges aus Schweden (Stockholm, Linköping) und nahm auch 



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- 285 - 

einiges aus den Druckwerken herüber. Den Stempel der Unvollstän- 
digkeit trägt bereits die Zusammensetzung des Materiales an sich. 
Auch befriedigt die kurze Einleitung durchaus nicht. Die Bedenken, 
die ich über die Echtheit des Briefes Nr. 2 geäußert habe (Monats- 
hefte der Comenius-Gesellschaft, I, 290), halte ich völlig aufrecht; 
desgleichen läßt sich aus dem Originale im Britischen Museum 
feststellen, daß das Dokument D. (S. 282 ff.) nicht von Comenius, 
sondern von Justus Hirschleben stammt. Die Frage nach der 
Echtheit der Briefe an den Kanonikus Wildemann (a. d. J. 1619) 
halte ich auch jetzt noch für eine offene. Daß die Patera^sche 
Edition auch sonst nicht genügt, haben Dr. J. Noväk und 
Dr. Josef Reber nachgewiesen. Trotzdem muß man sich freuen, 
daß man die Sammlung gedruckt hat; ein kritischer Forscher 
wird sich lieber die Irrtümer selbst korrigieren, als etwa selbst 
an Ort und Stelle Studien betreiben. Eine Fortsetzung dieser 
Edition bieten zwei fernere Bände von mir, die ebenfalls die 
Akademie zu Prag herausgegeben hat, als Nummern einer Samm- 
lung der Werke des Comenius; der erste Band erschien im Jahre 
1898, der zweite 1902. Eine ausführliche Einleitung orientiert nicht 
nur über die Beschaffenheit des veröffentlichten Materiales, sondern 
versucht es auch, die Geschichte der Korrespondenz in großen 
Zügen festzustellen, und zwar auch die Schicksale des davon uns 
aufbewahrten Materiales, welches nunmehr veröffentlicht worden. Von 
dem größten Teile aus dem British Museum (aber in beträchtlichem 
Teile auch aus dem Staatsarchive zu Posen) stammenden anonymen 
Materiale wird ferner erwiesen, daß es Comenius (bzw. seine be- 
treffenden Freunde) zum Urheber hat. Es ist ferner auch eine 
Anzahl früher gedruckter Briefe aufgenommen, darunter einer von 
Comenius an Andreae, den Rad lach in den Monatsheften der 
Comenius-Gesellschaft (11, S. 69 ff.) abgedruckt hatte, zu dem ich 
aber in Wolfenbüttel noch einen zweiten gefunden habe. Über 
den ersten Band haben Reber (Monatshefte der Comenius-Gesell- 
schaft) und Noväk (Archiv für slavische Philologie) ausführlich 
berichtet. (Letzterer auch über den zweiten ; in den Spalten dieses 
»Jahrbuches«^) G. A. Skalsky ebenfalls über beide.) Auf den Inhalt 
der Korrespondenz kann ich hier keineswegs eingehen ; dagegen 
möge hier erwähnt werden, daß der zweite Band außer 156 Briefen 
auch noch 42 kleinere Analekta und Exzerpte zur Biographie des 

"O 20~(1899), 233 f.; 24 (1903), 295 f. 



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- 286 - 

Comenius enthält, und daß der dritte Teil dieses zweiten Bandes 
die Sammlung kleinerer Werke des Comenius ausmacht. Außer 
einer (Nr. 9, Spicilegium didacticum) enthalten diese 10 Nummern 
Schriften, die zum Teile jetzt zum erstenmale aus der Handschrift 
herausgegeben wurden, oder aber, nachdem sie verschollen waren, 
nach mehr als hundertjähriger Vergessenheit zu neuem Leben 
gerufen und der Forschung zugeführt worden sind. Je eine Nummer 
hat den Engländer Brook und des Comenius Freund M. Hesen- 
thaler zum Autor. Nr. 1 enthält die philosophischen Studenten- 
arbeiten, über die Nebe (Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, 
111, 78 ff.) zuerst berichtet hat. Nr. 2—5 und 7—10 enthalten meine 
Funde, darunter Nr. 5 den an Sigismund Räköczy gerichteten Sermo 
secretus Nathanis ad Davidem ; Nr. 7 den Syllogismus Orbis 
Terrarum Practicus, und Nr. 8 die Centum Dialogi Pansophiae. 
Ein großer Teil dieser Werke ist in meiner Biographie des Comenius 
(aus 1892) auch nicht benützt worden; sonach seien die Inter- 
essenten an diese beiden Bände hiemit erinnert. Allerdings kann 
der Text nicht durchweg als vollständig gesichert gelten ; daß 
er überhaupt diese Stufe der Verständlichkeit erreicht, ist das Ver- 
dienst des Herrn Dr. Josef Reber, der mir seine Hilfe in der selbst- 
losesten Weise zuteil werden ließ. 

Die Nr. 9 der zuletzt besprochenen Sammlung kleinerer 
Schriften des Comenius möchte ich noch besonders erwähnen. Die 
darin enthaltene Schrift »Spicilegium didacticum« habe 
ich vor 10 Jahren in Petersburg gefunden und 1895 in Rosenberg 
(Oberungarn) veröffentlicht, und in der kurzen Einleitung auch dar- 
getan, daß wir in dieser Schrift das Letzte besitzen, was Comenius 
überhaupt abgefaßt hat, wenn auch die Zusammenstellung in der 
Form eines Büchleins nicht von ihm herrührt. Es berührt an- 
genehm, daß sich Comenius in dieser Schrift auch mit dem Zögling 
besonders abgibt (Mathetica h. e. Ars Discendi) und damit seine 
sonstigen Erörterungen ergänzt. Die Mathetica besteht aus 42 Haupt- 
sätzen; der zweite Teil, die Didactica oder Ars docendi, aus 33. 
Ein letzter, 34., Punkt verspricht, daß bei Befolgung dieser Sätze 
eine jede Schola ludus wird. Der bekannte Übersetzer der Didaktik, 
Dr. Lyon, sagt über das Büchlein (Monatshefte der Comenius- 
Gesellschaft, V, 176): »Die streng logische Aneinanderreihung der 
Hauptsätze, aus denen sich Porismata (Folgerungen) mit Notwendig- 
keit ergeben, ist in hohem Grade bewundernswert.« Das Werk möge 



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— 287 - 

als Ergänzung der Didaktik betrachtet werden ; es ist denn auch 
seitdem ins Böhmische und ins Deutsche übersetzt worden. 

Daran möchten wir noch eine kurze Mitteilung über die 
sonstigen von der Prager Akademie herausgegebenen Werke an- 
schließen. Patera und Noväk haben im Jahre 1897 das vor 
kurzem durch das Böhmische Museum in einer alten Handschrift 
erworbene Theatrum Un i versitati s Rerum herausgegeben. 
Es ist nur ein Fragment, das nicht einmal das erste Buch voll- 
ständig enthält. Eine gute Orientierung über den Befund wie über 
den Inhalt der Schrift gibt J. Noväk in den Monatsheften der 
Comenius-Gesellschaft (IV, 242 ff.) in deutscher Sprache. Es ist 
nicht daran zu zweifeln, daß die aus Dräbiks Nachlaß erworbene 
Handschrift ein Werk des Comenius sei; die Zeitbestimmung der 
Abfassung (die Zeit des Aufenthaltes in Mähren) ist nicht unwahr- 
scheinlich, aber nicht genügend motiviert. Auch wäre bei einer 
Abhandlung über die Schrift eine eingehendere Erörterung der ein- 
schlägigen Fragen erwünscht gewesen ; so bleibt selbst der Titel 
»Das älteste pansophische Werk des Comenius« eine petitio prin- 
cipii. Das erste uns erhaltene Buch bietet eine rationelle Kosmo- 
logie, zusammen mit den übrigen des ersten Teiles hätte es vielleicht 
eine Physik gebildet; der zweite Teil eine Anthropologie im 
weitesten Sinne des Wortes, der dritte Teil eine Geographie, der 
vierte etwa eine Geschichte. Rechtfertigt dieser mutmaßliche Inhalt 
die Anwendung des später gebrauchten Terminus »Pansophie«? 
Ich glaube kaum, jedenfalls ist der Herausgeber einen Erweis 
schuldig geblieben. (S. unten.) 

Die sonstigen noch von der Akademie herausgegebenen Werke 
sind Nachdrucke. Es sind die beiden Werke des Comenius in dem 
Streite mit S. Martinius: das »OhläSeni« und »Cesta Pokoje« 
mit einigen zu der Kontroverse gehörenden Schriften 
(von Martinus und von Felin). Es ist sehr erfreulich, daß 
diese seltenen Schriften für die Literatur auf diese Weise erhalten 
worden sind; mit der Herausgabe wurde der Historiograph der 
Unität betraut, der schon genannte Dr. Josef Müller; über die 
Gestaltung des Textes hatte, wie wir aus der Einleitung des 
II. Bandes sehen, Dr. J. V. Noväk Sorge zu tragen. J. Müller 
hat über den Grund und Verlauf des Streites in der Einleitung 
des I. Bandes berichtet. Sonst sind sowohl diesen beiden Bänden 
als auch dem Theatrum Universitatis zahlreiche sachliche An- 



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- 288 - 

merkungen beigegeben, die die Lektüre der Schriften erleichtern. 
Zur Sache kann ich mich mit dem Verweis auf die betreffenden 
Kapitel meiner Biographie des Comenius begnügen, an denen infolge 
dieser beiden Bände kaum was zu ändern ist. Verdienstlich bleibt 
dabei Müllers Erörterung über das Verhältnis der Brüder zu den 
Utraquisten im letzten Kapitel seiner Einleitung zum ersteren der 
beiden Bände. 

Noch eine Schrift ist von der Akademie neu herausgegeben 
worden, die tschechische Sprichwörtersammlung: »Moudrost 
star^ch Cechü« 1901. Die bisherigen Ausgaben dieser im Exil 
früh abgefaßten, jedoch zu Lebzeiten des Comenius nicht gedruckten 
Schrift waren mangelhaft und so hat die Akademie beschlossen, 
eine Neuausgabe zu veranstalten und hat damit Dr. Noväk 
betraut. Dieser hat das in Lissa befindliche Manuskript zur 
Arbeit herangezogen, neu verglichen und den mit zahlreichen An- 
merkungen versehenen Neudruck mit einer kurzen Einleitung ver- 
sehen. Er zeigt darin den Zusammenhang der Arbeit mit der 
Janua, beide folgen fast ganz derselben Disposition (siehe die 
Tabelle, Einl. S. IX — XIll). Er weist aber auch die Abhängigkeit 
des Comenius von früheren Sammlungen nach; dagegen weist er 
mit gutem Grund eine Untersuchung darüber, inwiefern dies Material 
etwa von Sprichwörtern anderer Völker abhängig sei, als nicht 
zu seiner Aufgabe gehörend ab; es ist für den Leser des Comenius 
bei diesem Anlasse wahrlich ausreichend zu wissen, wie dieser 
bemüht war, sich in den Geist seines Volkes zu vertiefen. Ein 
ausführlicher Wortindex schließt die verdienstliche Publikation ab. 

Die Publikationen der Prager Akademie enthalten außer der 
Korrespondenz Arbeiten, die Comenius in seiner Muttersprache 
abgefaßt hat. Unabhängig davon und auf eigene Mittel bauend, 
hat Dr. Josef Reber die Herausgabe der Werke des Comenius 
unternommen und in einem ersten Bande die Physik ver- 
öffentlicht, die Ad den da der dritten Ausgabe beigefügt, ebenso 
zwei kleinere physische Abhandlungen über die Wärme und 
die Kälte und die Streitschrift gegen die Mechanik des 
Cartesius (Gießen, 1896). Jeder Kenner sieht auf den ersten Blick, 
daß dies eine umfassendere Aufgabe sei, als die anderen Nach- 
drücke, denn hier hat ein Herausgeber die Arbeiten vieler voran- 
gegangener Jahrhunderte mit zu berücksichtigen, um so dem Leser 
das Werden und Gewordensein des Buches an festen Daten zu 



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- 289 - 

zeigen. Reber hat es an Mühe und Sorgfalt nicht fehlen lassen, 
der übernommenen Aufgabe gerecht zu werden. Leider hat er 
dadurch, daß er eine Übersetzung in deutscher Sprache beigefügt 
hat, den Umfang des Buches verdoppelt und auch das wahre Ziel 
des Unternehmens verdunkelt. Denn im Unterschiede von den 
meisten anderen Arbeiten des Comenius ist die Physik heute nur 
mehr für solche, die auch das Latein beherrschen. Wieviel Arbeit 
hätte er sich erspart, wenn er auf die Übersetzung verzichtet hätte, 
und um wieviel zugänglicher wäre das so viel billigere Buch 
dann gewesen! 

Den Wert der Arbeit Rebers berührt diese Einwendung 
jedoch nicht. In einer eingehenden Einleitung berichtet er über die 
Entstehung und Abfassung der Physik und über ihr Verhältnis zu 
vorangegangenen Werken anderer. Dabei geht er natürlich weit 
über meine Leipziger Dissertation (J. A. C. Philos., insbesondere 
dessen Physik. 1886) hinaus. So ist neu und wertvoll die Unter- 
suchung über das Verhältnis der comenianischen Physik zu der 
des Aristoteles, namentlich über die Anlehnung der ersteren an die 
Ausdrucksweise der aristotelisch-scholastischen zeitgenössischen 
Philosophie. Sehr gründlich ist auch die Untersuchung über die 
Frage, welche Werke des Campanella in der Physik benützt worden 
sind und wie (Einl. S. XXV — XXXII). Die fragmentarischen Notizen 
meiner Dissertation werden hier weit überholt. Auch in betreff der 
Beeinflussung von Baco, die ich früher zum Gegenstand einer 
selbständigen Abhandlung gemacht hatte, bringt er Tatsachen, 
die mich wohl dazu bewegen, meine frühere Behauptung, als wäre 
des Comenius Verehrung akademischer Art gewesen, aufzugeben, 
wenn ich auch im großen und ganzen jene meine frühere Ab- 
handlung sonst aufrechterhalte. Ganz neu sind Rebers Unter- 
suchungen über die Abhängigkeit der Physik von der Alchymie, 
wobei er neben einem anonymen Werke die Arbeiten von Libavius, 
Sennert und H arsdörff er benützt (XXXVlll—XLVIIl), obgleich 
es fraglich erscheinen könnte, ob er da der Alchymie nicht allzu- 
viel zuschreibt (z. B. die Siebenzahl S. XLVII). Auch weiß ich 
nicht, ob mit dem ablehnenden Urteil auf S. LXl Alsted nicht zu 
kurz wegkommt. Nach dem Gesagten hätte man gerade von Reber 
auch über die Ausgabe der Ray m und'schen Theologia Naturalis 
mehr erwartet (S. LXIV). Es folgen noch kurze Einleitungen zu 
den beiden anderen kleineren Schriften, wobei Reber das Ver- 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 19 



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— 290 — 

hältnis Descartes eingehend erörtert, ohne dabei auf meine 
tschechisch geschriebene Abhandlung über Comenius und Descartes 
reflektieren zu können. Ich komme auf dieses Thema noch kurz 
zurück. 

Verrät schon diese Einleitung die Gelehrsamkeit des Autors, 
so nicht minder die zahlreichen sachlichen Bemerkungen zum 
Texte, bei der es allerdings auch zwei bedeutenden klassischen 
Philologen manchen Wink zu verdanken hatte. Zum Schlüsse 
werden die loci variantes der verschiedenen Ausgaben zusammen- 
gestellt und ein Index geboten, bei dem auch die namentlich bei 
diesem Werke so wichtige Bibel volle Berücksichtigung findet. 
Reber hat sich durch diese schöne Ausgabe ein bleibendes Ver- 
dienst erworben. Leider hat — wie es scheint — die Aufnahme 
seitens des Publikums den Erwartungen nicht entsprochen, denn 
die am Schlüsse der Einleitung in Aussicht gestellte Fortsetzung 
läßt bis heute auf sich warten. 

In zwei Heften gab Reber zwei kleinere Schriften des 
Comenius, Regulae Vitae und Faber Fortunae (Aschaffen- 
burg 1894/95) in derselben Art und mit derselben Fachkenntnis 
wie die Physik heraus. Beiden hat er auch eine deutsche Über- 
setzung beigefügt, wobei es auch an lehrreichen Anmerkungen 
nicht fehlt. 

Dankenswert ist die von Dr. Nesemann besorgte Ausgabe 
des »Lesnae excidium« (Lissa?), wozu noch zwei Kapitel 
aus der Vindicatio famae et conscientiae beigegeben worden sind. 
Die Einleitung befaßt sich nur mit der Frage des Textes; um so 
reichhaltiger sind die Anmerkungen sowohl geschichtlichen als 
auch sprachlichen Inhaltes. 

Es sind noch einige kleinere, auch wissenschaftlich minder 
bedeutsame Schriften nachzutragen. Am wichtigsten ist noch der 
Truchliv}^, dessen 1. und II. Teil Sm aha 1892 zum erstenmale 
herausgegeben, aber ohne über das Manuskript auch nur ein 
Wort zu sagen. Auch sonst ist die kurze Einleitung in jeder Be- 
ziehung dürftig. Dafür sind Anmerkungen beigefügt, unter denen 
besonders die den II. Teil entnommenen Exzerpte aus Lipsius 
»de constantia« einen einzigen Wert besitzen, da sie zum ersten- 
mal den Gebrauch eines Buches von jenem Autor bei Comenius 
klarlegen. In dem Casopis Cesk^ho Muzea hat A. Patera 
zwei kleinere Schriftlein: eine Predigt über Ester Sadovsky 



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- 291 - 

und des Comenius Gedanken über das Kancyonal zum 
Abdruck gebracht (S. 33). Im Jahre 1896 erschien in B^k^s- 
Csaba ein Neudruck des Pfem^^loväni o dokonalosti kfe- 
sfansk^. Im Jahre 1902 (Lipt. Sv. Mikulä§) veröffentlichte ich 
einen neuen Abdruck der ersten tschechischen, uns erhaltenen 
Schrift des Comenius »Listov^ do nebe« mit kurzer Einleitung, 
die, wie auch die Schrift und deren Neuausgabe, zugleich erbau- 
lichen Zwecken dienen will. 

II. 

Minder ergiebig als die Arbeit an Editionen sind die bio- 
graphischen Beiträge. Autobiographisches aus den Werken 
des Comenius habe ich in den Monatsheften der Comenius- 
Gesellschaft, I und II, zusammengestellt. Im zweiten Bande 
meiner Kom. Korrespondenz habe ich ferner 42 Ex- 
zerpte und kleinere Aufzeichnungen anderer Art aufgenommen, 
teils nach eigener Forschung, teils aus den Arbeiten anderer. 
Von solcher letzterer Provenienz mögen die umfangreicheren 
genannt werden. A. Truhläf handelt (Öesk, Muz. Filol., V, S. 301 ff.) 
über des Comenius Studiengenossen in Herborn, wobei er das 
erste von Comenius abgefaßte, bis dahin unbekannte Gedicht 
(aus 1612) mitteilt. Einer eingehenden Untersuchung hat ferner 
A. Nebe die Herborner Studienzeit unterzogen (Monatshefte der 
Comenius-Gesellschaft, III, 78 ff.) hauptsächlich auf Grund der von 
ihm aufgefundenen beiden Studentenarbeiten des Comenius. Im 
Lumir (1898, S. 144) wurde der von mir ebenfalls übernommene 
erste Ehekontrakt des Comenius aus einem Sammelbande der 
Stadt Prerau publiziert. Mehreres entnahm ich meiner umfang- 
reichen Abhandlung: Des Comenius Aufenthalt in Lissa. 
(Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen, VIII, 
-S. 1 ff.) Darin erhalten die Verhälthisse in Lissa zu jener Zeit 
eine vielseitige Beleuchtung; es wird ferner die Frage nach dem 
Verrat, den Comenius an dem gastfreundlichen Polen begangen 
haben soll, dahin beantwortet, daß er im Kriege 1655/56 allerdings 
auf Schwedens Seite war, aber nicht aus Mangel an Liebe zu 
den Polen oder aus engherzigem Konfessionalismus, sondern in 
frommer Erwartung göttlicher Wunder, die unmittelbar der endlichen 
Krise der Welt vorangehen sollten. Man mag diese Stellung ob- 
jektiv werten, wie man will. Bei subjektiver Beurteilung einer 

19* 



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- 292 - 

solchen über alles Irdische erhabenen sittlichen Stimmung hat das 
Wort Verrat keinen Sinn. Das umfangreichste Exzerpt ist ent- 
nommen dem Tagebuche A. S. Hartmanns 1657/58 über seine 
Kollektenreise, bei der er auch Amsterdam berührte und dabei 
Gelegenheit hatte, mit Comenius zu verkehren. Das Tagebuch, 
über welches ich in einem kurzen Bericht über meine Forschungs- 
reisen (Acta et Commentationes Univers. lurjev. 1895) das Ein- 
schlägige bereits erwähnt hatte, hat neuerer Zeit Dr. Rogd. 
Prümers (in der Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für 
Posen, 1900) veröffentlicht, mit kurzer Einleitung und wertvollen 
Anmerkungen versehen. Der Separatabdruck enthält außerdem 
auch ein willkommenes Register. 

Es ist ferner von folgenden Beiträgen zur Lebensgeschichte 
des Comenius zu berichten. F. A. Slävik entscheidet sich in der 
Frage nach des Comenius Geburtsort für Komna (Cas. 
Matice Morav. XXVIII, S. 217 ff.), doch ist seine Arbeit, die sich 
allein auf Dräbiks Aussage stützt, und was dagegen vorgebracht 
werden kann, gar nicht beachtet, durchaus ungenügend. Radlach 
hat über die Wiederaufnahme der Korrespondenz zwischen J. V. 
Andreae und Comenius in einer auf viele Details eingehenden, 
gründlichen Abhandlung »Der Aufenthalt des Comenius in 
Lüneburg usw.« (Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, 11, 57 ff.) 
zum erstenmale berichtet. Desgleichen aus Andreaes Beziehungen 
zu Nürnberg den Protest des Comenius gegen die Be- 
schuldigung, daß er ein Sektierer sei, als einen gerecht- 
fertigten erweisen wollen. Zur ersteren Frage habe ich in meiner 
Korrespondenz des Com. das weitere Material beigebracht. Die 
zweite Frage ist, subjektiv gestellt, richtig beantwortet; dagegen 
glaube ich wohl, daß es einer Untersuchung bedürfte, wie sich 
die Pansophie zu der Konfession der Unität verhalte. 

In den Prager Rozhledy hat Zeiner (1900 und 1904) nach- 
weisen wollen — und zwar auf Grund des Labyrinth — , 
Comenius sei ursprünglich Utraquist gewesen und sei erst 
nach der Ordination zur Unität übergetreten, eine Behauptung, die 
auch, abgesehen von der ungenügenden Stütze, auf die sie sich 
gründen will, durch des jungen Comenius Beziehungen zu Lanecius 
und 2erotin widerlegt wird. In einer kurzen Notiz (Monatshefte der 
Comenius-Gesellschaft, 1903) habe ich auf die Beziehungen zwischen 
Comenius und Opitz aufmerksam gemacht. Eine andere Mit- 



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- 293 - 

teilung: Die Pläne desComenius zurGründung eines 
Collegium lucis in Ungarn im Jahre 1651, in derselben 
Zeitschrift (Band VI, S. 272 ff.) berichtet in nicht ganz korrrekter 
Weise von der von mir damals (1897) gefundenen comenianischen 
Schrift »secte heroica«, bei der es sich offenbar um einen Bund 
gegen den Katholizismus gehandelt hat. Aus der Abhandlung 
Sanders »Comenius, Duraeus, Figulus« (Monatshefte der 
Comenius-Gesellschaft, III, 306) fällt durch die Beleuchtung der 
Wanderungen des Petrus Figulus in der Gesellschaft des J. Durcus 
auch auf Comenius manches Licht. 

Den Aufenthalt in Polen berührt der Artikel von Ball: »Das 
Gymnasium zu Lissa unter Mitwirkung und Leitung 
des Comenius« (Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, VII, 
S. 69 ff.), die zum größten Teile bekannten Daten in gewandter 
und fachkundiger Weise verarbeitend. Desgleichen ist zu loben die 
Arbeit von Danysz: Jan Amos Komönsky. Przyczynki 
dojego dziatalno^ci w Polsce (polnisch in den Roczniki 
Towarzystwa Przyjaciol Nank Poznartsk^go Tom XXV, S. 107 ff.). Von 
Wert sind besonders die Darlegungen über des Comenius Kenntnis 
und Berücksichtigung der polnischen Sprache; über des Comenius 
Beziehungen zum Wojwoden Kristof Opalinski de Bnin, namentlich 
über des letzteren dreiklassige Schule, wo er aus deren Abweichungen 
von des Comenius Entwurf nachweisen will, ihre Organisation sei ein 
selbständiges Werk des Wojwoden. Zum Schlüsse würdigt er die 
Bedeutung des Comenius für das Schulwesen Polens; der ketzerische 
Ruf des Comenius sei einer tieferen Einwirkung hinderlich gewesen. 

Zu der Geschichte der letzten Jahre des Comenius bietet 
einen Beitrag F. Sander: »Jakob Redinger, der Silen im 
Gefolge des Comenius« (Beilage zur »Allg. Ztg.«, 1892, 
Nr. 205), die für jene Zeit manches Neue enthält. Seitdem hat der 
an der Quelle sitzende Fr. ZoUinger in zwei Heften des Comenius* 
Eintreten für die von Dräbik in Gottes Namen geforderte Aktion 
gegen Österreich näher beleuchtet: »Des Johann Amos Comenius 
Üblicher Vernunftschluß oder Schlußrede der gantzen 
Welt« und »Jakob Redingers Reise in das Türkische Heer- 
läger, wie es ihm dort, und in der ruckreise ergangen. 1 66 4.« 
(Zürich, ohne Zeitangabe.) Doch werden diese beiden Arbeiten bald 
überholt werden durch eine größere, die vom Verfasser bereits dem 
Drucke übergeben ist und sehr interessant zu werden verspricht. 



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294 - 



III. 



In der kurzen, aber gehaltreichen Rede bei der Enthüllung 
des Comenius-Denkmales zu Lissa i. P. hat W. Bickerich die 
Geistesrichtung des Comenius zusammengefaßt als Einheit 
von Gottesfurcht und Bildungstrieb, Einheit von ernster sittlicher 
Zucht und brüderlicher, weitherziger, friedfertiger Liebe. (Monats- 
hefte der Comenius-Gesellschaft, VII, S. 205 ff.) ^) K. Mämpel hat 
die interkonfessionellen Friedensideale des Comenius 
hauptsächlich auf Grund der Panegersia und Unum necessarium 
beschrieben (Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, I, S. 93 ff.) und 
fühlt in der Gegenwart einen dem comenianischen verwandten 
Geisteszug. Wie anziehend auch das Gebotene ist, so ist nichts- 
destoweniger zu beklagen, daß das Material nicht ein reichhaltigeres 
ist. Sehr zahlreich sind die Gesamtdarstellungen der Pädagogik: ich 
verweise auf die scharfsinnige und höchst anregende Beurteilung von 
Riss mann, »Das pädagogische System des Comenius«, und die 
katholische Würdigung von W. Roh med er, »J. A. Comenius in 
seinem Verhältnisse zu den wichtigsten Schul- und Erziehungs- 
fragen der Gegenwart« (beide Arbeiten in der Sammlung päda- 
gogischer Vorträge, Bd. V, Heft 8, Bielefeld), letztere, fast würde man 
sagen: »sub specie aeternitatis«, gehalten. Im großen und ganzen 
(die drei Losungsworte: omnes, omnia, omnino) finden wir auch die 
verspätet gedruckte Festrede von Dr. Kircher (Monatshefte der 
Comenius-Gesellschaft, VIII, S. 280 ff.) korrekt, wenn auch »die 
Grundgedanken des comenianischen Erziehungssystems« 
darin durchaus nicht . erschöpft werden. O. Krebs untersucht 
einen Teil jenes Systems: Comenius und die Volksschule 
(Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, VII, S. 116 ff.); erfindet, 
daß Comenius den Volksschulgedanken theoretisch erschöpft und 
durch brauchbare Organisationspläne ausgestaltet. Die Behauptung, 
als wäre Comenius für eine interkonfessionelle Schule eingetreten, 
weist Verfasser mit Recht zurück (S. 123) und zieht zur Begründung 
dessen, daß Comenius der Vater der Volksschule sei, das Unterrichts- 
ziel, die Methode und die Organisation in Betracht. Mit Recht 
würdigt er die energische Betonung der Muttersprache (S. 119). 



') Einen geschichtliclien Rückblick aus Anlaß 'jener Denkmals- 
enthüUung bot Dr. Nesemann: Ein Denkmal des J. A. Comenius in Lissa. 
Lissa 1898. 



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- 295 - 

Der Aufsatz Fr. A. Langes: »Geschichte und Bedeutung 
der Schulkomödie vor und nach Comenius« (Monatshefte 
der Comenius-Gesellschaft, II, S. 259) bietet leider weniger, als er 
verspricht, über des Comenius' Schuldramen überhaupt nichts; und 
doch ist mit dem Aufsatze ein interessantes Thema (sowohl für 
Comenius als für die Geschichte der Pädagogik überhaupt) berührt 
worden. Drusch kys wertvolle Dissertation, Würdigung der Schrift 
des Comenius: Schola ludus, Wernigerode 1904, konnte hier nicht 
mehr berücksichtigt werden. In einem sehr instruktiven Artikel: 
»Die Schulordnung in Comen ius* Unterri chtsleh re und 
die Frankfurter Lehrpläne« (Monatshefte der Comenius- 
Gesellschaft, 111, S. 16 ff.) weist K. Reinhardt nach, daß die Schul- 
ordnung, die Comenius in der »großen Unterrichtslehre entwirft, 
in wesentlichen Punkten mit dem Lehrplane übereinstimmt, der in 
Deutschland zuerst an dem Realgymnasium in Altona eingeführt 
worden ist und der in ausgedehnterem Maße augenblicklich an 
mehreren höheren Schulen in Frankfurt a. M. die Probe zu bestehen 
hat«. (S. 17.) Reinhardt gibt auf etwas mehr als einer Seite die 
Charakteristik dieses neueren Reformversuches und weist dann 
an der Didaktik die Verwandtschaft mit comenianischen Postulaten 
nach. Die Arbeit ist wertvoll, da der Verfasser tief eindringt und 
unbefangen urteilt; es ist nur schade, daß er sich auf die Didaktik 
beschränkt hat. 

Die Einwirkung der Pansophie auf die Pädagogik 
des Comenius ist das Thema einer selbständig erschienenen 
Arbeit des Dr. J. V. Noväk (tschechisch, Praha 1899), die jedoch, 
wenn auch mit guter Kenntnis des einschlägigen Materiales ge- 
schrieben, zu einer befriedigenden Darlegung des Verhältnisses 
zwischen den beiden Gebi€ten nicht gelangt. Tiefer geht G. Beiss- 
Wange r: Arnos Comenius als Pansoph. (Stuttgart 1904.) 
Man sieht, daß er ernstlich bemüht war, in das Verständnis der 
Schriften des Comenius einzudringen; auch will er in seinem 
Urteile ebenso selbständig wie unbefangen sein. Wenn man trotZ' 
dem nicht behaupten kann, daß er die Aufgabe gelöst hätte, so 
liegt das nur zum Teile am Gegenstande (so z. B. das Aufsuchen 
der Pansophie in der Schulzeit zu Herborn [S. 7], was doch auf 
eine quaternio terminorum hinausläuft; dagegen das Ausschälten 
der Physik); zum größeren Teile an der Behandlungsweise, die 
in die Details die Schattierung in ungenügendem Maße anbringt. 



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- 296 - 

Recht dürftig ist das Neue in den 52 Seiten des ersten Teiles, 
der den Inhalt der einzelnen pansophischen Werke zusammenstellt, 
wobei auch der Fortschritt in der Entfaltung des Zielgedankens 
kurz gezeichnet wird. Im zweiten Teile zeigt die Erörterung von 
dem Verhältnisse zwischen der Pädagogik und Pansophie die Folgen 
der Unklarheit in der Bestimmung des Begriffes der Pansophie: 
es können die Worte Krone und Wurzel zur Verdeutlichung jenes 
Verhältnisses ebenso angewandt werden, wie die zwei Sprossen 
eines und desselben Stammes; die Methode mache den Unterschied 
aus (S. 62). Aber gerade diese vom Verfasser im Verlaufe seiner 
späteren Ausführungen so streng beurteilte Methode gelangt nicht 
zu ausreichender Beleuchtung, wenn sie nicht aus der Überzeugung 
direkt abgeleitet wird, daß Gott mit seiner Offenbarung dabei 
schon bisher Hilfe geleistet und in kürzester Zeit noch wunderbaren 
Beistand leisten wird. Die mystische Färbung der Pansophie ist 
ebenso dürftig aufgewiesen worden, wie die naturalistisch-deistische; 
so ist denn dann auch die Würdigung der Pansophie (111. Teil) eine 
scharfsinnige, die Kritik eine scharfe, aber nicht eine historische. 
Daß übrigens ein solches Weisheitssystem im XVII. Jahrhunderte 
nicht die Kraft eines Menschen (auch wenn er nicht Chiliast war) 
zu übersteigen schien, dafür sprechen uns zahlreiche Beispiele. 
Unter ihnen am eklatantesten Campanella, der im Gefängnisse, 
gemartert und auf sich gestellt, eine Reformation der Philosophie 
unternahm. Was Verfasser im vierten Teile sagt, ist überhaupt das 
dürftigste, nicht nur über Campanella, auch über Andreae und Baco 
in ihrem Verhältnisse zu Comenius hat man schon früher ein- 
gehender gehandelt. Im fünften Teile ist von Interesse, daß nicht 
nur die Entstehung der wissenschaftlichen Akademien, sondern 
auch die Gründung der Universität Halle mit der Nächwirkung 
der Pansophie in Verbindung gebracht wird: ersteres mit mehr 
Recht als das letztere. 

Ist auch des Neuen nicht übermäßig viel in der Arbeit, und 
die Frage, die sie stellt, darin nicht definitiv entschieden (das kann 
sie nur auf historisch-geschichtlichem Wege werden), so ist doch 
die Schrift trotz des trivialen Schlußwortes ein einnehmendes 
Zeugnis für die theologische und philosophische Bildung ihres 
Autors; wollen wir von ihr noch fernere Gaben erhoffen! 

Die Philosophie des Comenius behandelt Jan Kap ras in 
einem selbständigen Werke: »Nästin filosofie Jana Amosa Komens- 



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- 297 - 

Who.« Groß-Meseritsch 1874. 356 S. Der Verfasser ist in der 
Geschichte der Philosophie und in den Werken des Comenius 
recht belesen, verfolgt aber eine Methode, die keineswegs zum 
Erfolge führt. Es ist ein Eklektizismus in der Methodologie. Er 
gibt der Untersuchung einen breiten Rahmen, gibt (1.) eine fast 
überflüssige Übersicht der neueren Geschichte der Philosophie 
(S. 11—34) und fügt das brüderliche Milieu bei (S. 34—43). Dann 
folgt (11.) eine Aufzählung der philosophischen Schriften des 
Comenius; es wird ferner erörtert der philosophische Standpunkt, 
der Gegenstand, die Prinzipien, die Methode, die Einteilung der 
Philosophie. Es folgt (111.) eine Übersetzung der Physik und (IV.) 
eine Übersicht der Metaphysik und Ethik. Trotzdem aber Verfasser 
soviel Material gesammelt und in verschiedener Weise verarbeitet 
hat, erklärt er doch auf S. 357, wo er zu einem kritischen Urteile 
schreiten müßte: es sei hier nicht der Ort, darüber zu sprechen 
und begnügt sich mit einer Reproduktion des Urteiles aus meiner 
Dissertation. Seine kritischen Ansichten sind auch sonst nicht immer 
stichhaltig; bei allgemeiner Abwägung des Gesagten findet er, daß 
Comenius keinen Gedanken geäußert, der zwischen Descartes, 
Spinoza und Leibniz einen Fortschritt aufweise. Nachgewiesen hat 
er das nicht, wie er, trotz seiner großen Mühe und Arbeit, auch 
diese selbst nicht rechtfertigt hat. 

0. Böhmel hat es versucht: »Die philosophische 
Grundlage der pädagogischen Anschauungen des 
Comenius (Festschrift zur Einweihungsfeier des neuen Gebäudes 
für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn, 1899) zu zeichnen. 
Am Schlüsse (S. 30) heißt es dann, die Arbeit »sollte die grund- 
legenden Begriffe der Pädagogik des Comenius klarlegen«, daß 
aber manches nur angedeutet werden konnte, was einer aus- 
führlicheren Erörterung bedarf. Man nehme nun die Titel der 
Teile: 1. die Stellung des Comenius zur Volksschule, 2. das Er- 
ziehungsideal des Comenius, 3. die Auswahl der Bildungsstoffe, 
4. die methodischen Grundsätze des Comenius, so hat man erst 
eine Klarheit über die Aufgabe, die Verfasser sich gestellt. Wie 
wenig einheitlich und abgeschlossen auch das Ganze ist, so wird 
man doch dem Verfasser manchen treffenden Gedanken nicht ab- 
sprechen; recht zahlreich sind aber auch die Irrtümer, ja es fehlt auch 
an Ungerechtigkeiten gegen Comenius nicht. Letzteres hat seinen 
Grund zum Teile darin, daß Verfasser nur die Didaktik und einige 



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- 298 - 

kleinere Schriften berücksichtigt und auch die noch erst in der 
Übersetzung Beegers. So verliert denn die Abhandlung, die päda- 
gogisch nicht ohne Interesse ist, jeden historischen Wert. 

Recht zahlreich sind Untersuchungen über des Comenius 
Verhältnis zu seinen Vorgängern, seinen Zeitgenossen und seinen 
Nachfolgern. In einem Programme des Progymnasiums zu Eus- 
kirchen 1892: »Worin stimmen die Ansichten Comenius* 
und Bacos überein?« erörtert J. Friesenhahn in traditionellem 
Sinne die Frage, ohne auf meinen Aufsatz »Comenius und Baco« 
und auf die Reber^sche Ausgabe der Physik Rücksicht zu nehmen. 
Israel untersucht (Monatshefte d. Comenius-Gesellschaft, I, S. 173ff., 
242ff.) das Verhältnis der »Grpßen Unterrichtslehre« 
des Comenius zu der Didaktik Ratkes«, wobei er Partien 
aus den Schriften beider parallel mitteilt, um in fünf wichtigen 
Punkten den Ruhm der Priorität Ratke zu vindizieren. Den wich- 
tigen Fortschritt über Ratke findet Verfasser in der comenianischen 
Forderung, daß der Schüler im Unterrichte tätig mitwirke, »neben 
der größeren systematischen Vollständigkeit und Geschlossenheit« 
(S. 271). Wenn er ferner behauptet, »auch die Didactica magna 
und ihr Verfasser wurden wieder vergessen und ihr Einfluß auf 
die Entwicklung der Pädagogik sinkt nahezu auf Null« (S. 273\ 
so kann dem vieles entgegengehalten werden, seiner ganzen Auf- 
fassung aber die kritisch scharfe und eingehende Untersuchung 
Lattmanns über den »Ratichianismus«. Keller faßt in seiner 
Abhandlung »Johann Valentin Andreae und Comenius« 
(Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, 1, S. 229) die bis dahin 
bekannten Tatsachen ohne weitere Ansprüche zusammen. Tiefer 
dringt die neueste Arbeit von Möhrke: »J. A. Comenius und 
J. V. Andreae, ihre Pädagogik und ihr Verhältnis zu 
einander.« Diss. Leipzig 1904. Zwar schreitet Verfasser in 
betreff der Form und der Methode nicht ganz tadellos vorwärts, 
aber er benützt vieles, was Keller damals noch nicht bekannt 
sein konnte, und geht hiebei hauptsächlich auf die Pädagogik 
der beiden Männer ein. Verfasser weiß, daß die Schulen für 
die beiden Männer nicht Selbstzweck waren, scheidet aber die 
Besprechung der theologischen Grundlagen der Pädagogik (H, 1) 
von. der übrigens recht oberflächlichen Erörterung über die pan- 
sophischen Bestrebungen (II, 11) und gibt, trotz vielem einzelnen 
Gediegenen, kein organisch zusammenhängendes Bild — auch in 



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— 299 — 

dem Hauptteile (S. 36 — 146) nicht. Auch sonst schwankt die Be- 
handlung der Frage zwischen einer historischen und einer päda* 
gogischen. Am wertvollsten sind jedenfalls die pädagogischen 
Partien. Im ganzen ist auch das Schlußurteil über das Verhältnis 
der beiden Männer zu billigen ; der Ausblick auf unsere Zeit (S. 164) 
hätte unterbleiben können. Ist auch in der Arbeit nicht viel neues 
und manches auch nicht stichhaltig, so weist sie doch ernstes 
Studium, Sachkenntnis und kritische Schärfe auf, die zu Hoffnungen 
berechtigen. 

Reber macht uns in dem Aufsatze: »J. A. Comenius 
und Johann Michael Moscherosch« (Monatshefte der 
Comenius-Gesellschaft, IX, S. 44 ff) mit einer von Pariser jüngst 
neu herausgegebenen Schrift bekannt, welche die deutsche anonyme 
Übersetzung des Comenianischen Truchliv^ benützt (vgl. mein 
Comeniusbuch, Belege, S. 71,) und zwar, wie Pariser nachweist, 
vielfach wörtlich. Doch bezweifelt es Reber, ob Moscherosch da- 
mals bereits Comenius gekannt, und antwortet auf die andere 
von Pariser aufgeworfene Frage (S. 47): »ob nicht von den in 
der Straßburger Ausgabe vom Jahre 1650 im zweiten Teile der 
Visionen dem siebenten Gesichte ,Reformation' beigedruckten 
25 Briefen die neun mit A. C. bezeichneten Briefe (Nr. 14 — 20, 
22, 23) von Comenius an Moscherosch gerichtet sind«, mit ent- 
schiedenem »Nein«. Obwohl ich nicht alle seine Gründe für gleich- 
wertig erachte, stimme ich mit- ihm darin überein. 

Ein wichtiges Kapitel zur Geschichte des Lebens und der 
Einwirkung des Comenius will L. Kellers Aufsatz beleuchten: 
»Comenius und die Akademie der Naturphilosophen« 
(Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, III, S. Iff., auch besonders). 
Des Comenius Verbindungen mit den mannigfaltigen geheimen 
Gesellschaften seiner Zeit. Neues üfeer diese Verbindungen bringt 
er dabei nicht viel; dafür ist dankenswert die Zusammenstellung 
der Daten über folgende Vereine: Palmenorden, Gesellschaft der 
drei Rosen, Tannenorden, Blumenorden, Schwanenorden, Alchy- 
misten in Nürnberg. Leider läßt die Beschaffenheit des Materiales 
nicht eine genaue Einsicht in viele interessante Fragen, die bei der 
Untersuchung auftauchen, und der Verfasser hat in solchen Fällen 
häufig zu weit gehende Schlüsse gezogen, in meiner Abhandlung: 
»Die Spanheim-Konferenz in Berlin« (Monatshefte der Com^nius- 
Gesellschaft, IX, S. 22 ff.) habe ich auf den Hauptmangel der 



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- 300 - 

Keller'schen Ausführungen verwiesen, das Verdienstliche seines 
Unternehmens anerkannt. Verläßlicher und was des Comenius 
Stellungnahme zum Sprachstudium anbelangt viel gehaltreicher 
ist die Festschrift Rebers: »Comenius und die deutschen 
Sprachgesellschaften« (Leipzig 1896), die namentlich des 
Comenius Beziehungen zu Mitgliedern des Pegnesischen Blumen- 
ordens entsprechend den Quellen zur Darstellung bringt, besonders 
aber die Freundschaft zwischen Comenius und Süddeutschen aus- 
führlich erörtert. Geht Kellers Bestreben mehr dahin, Zusammen- 
hänge zwischen den fragmentarischen Daten herzustellen, so ist 
Reber bemüht, das vorhandene Material durch genaue Erkenntnis 
alles Einschlägigen möglichst ergiebig zu gestalten. An Kenntnis 
des Comenius und seiner Zeit zeigt sich Reber bereits in dieser 
ersten Schrift anderen Forschern wenigstens ebenbürtig. 

In meiner Abhandlung »Komensk^ a Descartes« (Casop. 
Muzea Cesk^ho 1894, S. 65 ff.) habe ich nicht so sehr eine Parallele 
der beiden Denker versucht, als vielmehr des Comenius ablehnende 
Haltung gegen den französischen Philosophen auf Grund neu auf- 
gefundener Schriften ausführlich beschrieben, wie auch die Motive 
für jene Haltung kurz zu entwerfen versucht. Das Material boten 
mir hauptsächlich die bis dahin unbekannt gewesene Polemik des 
Comenius gegen Descartes, sowie Descartes' Urteil über des 
Comenius Pansophie. Das Fazit der Untersuchung war, daß des 
Descartes Rationalismus dem Comenius für den Glauben gefährlich 
erschien. Unabhängig von meiner ihm unverständlichen Abhandlung 
hat Reber in der bereits gelobten Einleitung zu seiner Ausgabe 
der Physik des Comenius (s. oben, S. 67 ff., 80) das Ver- 
hältnis des Comenius und Descartes besprochen, das Descartes'sche 
Urteil über die Pansophie korrigiert und übersetzt, die Invektiven 
des Comenius gegen den französischen Philosophen aus mehreren 
Schriften nebeneinander gestellt und auf diese Weise beleuchtet. 
So hat er denn das von mir benützte Material vermehrt. Zu be- 
dauern ist nur, daß in Ermangelung einer durchsichtigen Disposition 
sich die Einzelheiten nicht zwingend genug auseinander ergeben; 
entweder chronologisch oder sachlich hätten sie doch unschwer 
geordnet werden können, nachdem schon auf ihre Ergründung 
solch ernstes Studium verwendet worden war. 

Zu dem Vortrage »Comenius und Rousseau, zwei 
Eiferer in der Geschichte der Erziehung« erhielt ich die 



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— 301 - 

Anregung durch Rousseaus Schrift gegen das Theater. In den 
beiden ersten Teilen des Vortrages untersuche ich nacheinander 
das Eifern des Comenius gegen die heidnischen Autoren in der 
Schule und Rousseaus Kampf gegen das Aufrichten eines Theaters 
in Genf. Im Schlußteile war ich bestrebt, das gemeinsame Motiv 
dabei aufzufinden: die Sorge für das Wohl der geistigen Mutter: 
dort der Unität, hier der calvinischen Gottesstadt. Ich habe dabei 
auf zahlreiche Ähnlichkeiten in dem Eifer, in der Theorie wie in der 
Praxis verwiesen, auch auf die Inkonsequenz, in die die beiden 
Pädagogen verfallen, als sie dann vor die Frage gestellt wurden, 
eine positive, dem Leben nutzbringende Anweisung für die Er- 
ziehung zu schaffen und dabei der erstere die Klassiker, der letztere 
das Theater mit in seine Entwürfe aufnahm. Das persönliche 
Motiv verlegte ich in die lebende Tradition der bereits genannten 
Glaubensgemeinschaften, die es bekanntlich für ihre Pflicht er- 
achteten, »das christliche Leben ihrer Glieder zu überwachen und 
zu bilden.« (Deutsche Schule 1898. Slov. Pohledy 1898.) 

Aus Anlaß des Pestalozzi-Jubiläums hat den Preis der 
Comenius-Gesellschaft die Abhandlung von Karl M eich er s: 
Pestalozzi und Comenius. Eine vergleichende Be- 
trachtung ihrer sozialpolitischen und religiös-sitt- 
lichen Grundgedanken (Monatshefte der Comenius-Gesell- 
schaft, V, 24 ff.) erhalten. Verfasser entwirft zunächst je ein Zeit- 
bild als Rahmen für die Betrachtung der Tätigkeit der beiden. 
Des ferneren wird gezeigt die Analogie in dem Eifer für das 
Gemeinwohl, besonders für das Wohl der niederen Stände. Ein 
Mittel dazu ist die Erziehung, aber nicht ein ausreichendes; eine 
völlige Erneuerung des Volkslebens auf sittlicher Grundlage tut 
not (S. 34). Dabei erwächst für die Reichen die Pflicht, die Armen, 
für die Fürsten die Untertanen zu unterstützen; immer mehr 
gelangt aber Pestalozzi zu der Forderung der Selbsthilfe, die Ver- 
fasser auch in der Schrift des Comenius »Faber fortunae« vor- 
findet (S. 37). Ist diese Parallele sehr verdienstlich, so. genügen 
die Untersuchungen über die Verwandtschaft des religiösen Stand- 
punktes nicht, obwohl auch hier der Verfasser auf vieles Analoge 
mit Geschick verweist. Waren die bisher angeführten Parallelen 
naheliegende, so überraschte Lettau in seinem »Johann Georg 
Hamann als Geistesverwandter des Comenius« 
(Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, 11, S. 201 ff.) nicht sowohl 



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- 302 - 

durch die Aufzählung mannigfaltiger Ähnlichkeiten in den Lebens- 
gange der beiden, auch nicht durch die Parallele in der Geistes- 
richtung, die dem Kenner ohnedies kein Geheimnis gewesen, als 
vielmehr durch den Nachweis, wie Hamann den Comenius gekannt 
und geschätzt. Von besonderem Interesse ist dabei der Verweis auf 
zwei Programme Hahns (S. 207). »Einige Zitate aus Comenius — 
schreibt Hamann — , die er (Hahn) anführt, sind besonders merk- 
würdig.« Dadurch wird uns in Hahns pädagogischer Tätigkeit noch 
eine neue Linie der Einwirkung im Sinne des Comenius offenbart. 
P. Hohlfelds Abhandlung: »Johann Amos Comenius 
und Karl Christian Friedrich Krause« eröffnet die Ab- 
handlungen in den Monatsheftender Comenius-Gesellschaft (l, S.3ff.). 
Das Verwandte zwischen Beiden liegt in den Bemühungen um 
das Heil der ganzen Menschheit. Verfasser weist dies an der 
Panegersia nach, die bekanntlich Krause sehr geschätzt hat, er 
doch Comenius seinen Vorgänger in der Lehre von Menschheits- 
bunde genannt (S. 10). Auch habe er Fröbel auf die Mutter- 
schule des Comenius hingewiesen und dadurch in ihm den Ge- 
danken der Kindergärten angeregt (S. 11). Verfasser schildert dann, 
wie Krause auf dem comenianischen Grunde weitergebaut; die 
fünf ersten der sieben Teile der Pansophie nach der Dilucidatio 
entsprechen: »dem aufsteigenden oder zur Gotteserkenntnis empor- 
leitenden Teile der Philosophie« bei Krause (S. 12), der sechste 
bei Comenius entspricht der Metaphysik bei Krause, verwandt ist 
auch die Bestimmung des siebenten. Der Verfasser geht dann auf 
das enzyklopädische Streben der beiden Denker ein, konstatiert 
Abweichung in der Annahme von Erkenntnisquellen; dagegen habe 
Krause des Comenius Streben, den Gegensatz zwischen Theologie 
und Philosophie zu überwinden, erfüllt, und so verhält sich denn 
die Pansophie des Comenius zu dem Wissenschaftsgliedbau Krauses 
»wie die Keimeinheit zur Vereinheit oder die Indifferenz zur Har- 
monie, wie die Erwartung zur Erfüllung, wie die Ahnung zum 
Schauen« (S. 15). Zum Schlüsse verspricht der Verfasser einen 
Vergleich zwischen der Universalsprache des Comenius mit der 
Wesenssprache Krauses. Leider hat Verfasser bisher dies Ver- 
sprechen nicht erfüllt. Im letzten Augenblicke kommt mir die Ab- 
handlung W. Rathmanns zu: Comenius und Herbart, 
eine vergleichende Studie, 1. Teil. (Jahresbericht des 
königl. Staatsgymnasiums in Zeitz, 1903), das in einer 



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- 303 - 

sachlichen Gliederung des Stoffes die Verwandtschaft der päda- 
gogischen Ansichten der beiden Männer darlegt, in dem, was die 
Schrift bietet, ist sie besonnen, verläßlich. Leider legt Verfasser 
bei Comenius fast ausschließlich die Didaktik zugrunde, ich fand die 
Methodus und das Spicilegium nicht zitiert. Nacheinander werden 
1. Allgemeine Grundfragen der Erziehung und 11. Unterricht in 
zahlreichen Unterabteilungen erörtert und das quellenmäßig Ge- 
fundene in kurzen Zusammenfassungen (Ergebnis S. 11, 18, 22, 31) 
knapp wiedergegeben. Im meisten stimme ich mit diesen Ergeb- 
nissen überein (aus anderen Arbeiten des Comenius konnten die 
Stellen für dieses noch mehr befestigt werden), muß doch auf ihre> 
Wiedergabe hier verzichten in der Hoffnung, daß der pädagogisch 
interessierte Leser um so mehr Anlaß haben wird, die tüchtige 
pädagogische Leistung selbst einzusehen. 

IV. 

Die Grundlage für die Bücherkunde des Comenius bleibt 
wohl noch für lange Zeit die Bibliographie in meinem 
Buche über Comenius. (Anhang II.) Da Josef Müller selbst 
anerkannt hat, daß die meinige das von ihm (Monatshefte der 
Comenius-Gesellschaft, I, 19 ff.) zusammengestellte Verzeichnis »an 
Vollständigkeit übertrifft« (tatsächlich sind darin einige Irrtümer 
stehen geblieben, Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, I, S. 289), 
so liegt es im Interesse eines jeden, der sich mit Comenius ab- 
geben will, dies nicht aus den Augen zu verlieren, zumal häufig 
dem nicht entsprechende Urteile vernehmbar werden. Seitdem 
sind einzelne Werke wieder aufgefunden und mit kürzeren oder 
längeren Einleitungen herausgegeben worden; über diese habe ich 
unter I. bereits berichtet. Hier sind einige Nachrichten und Berichte 
über sonstige einzelne Schriften nachzutragen. F. A. Borosky hat 
in Öasopis Mus. kräl. C. 1904, S. 150 ff. nachgewiesen, daß der 
Manuälnik aus dem Jahre 1623 stammt. Josef Müller hat 
unter den Titel: »Eine bis jetzt unbekannte deutsche 
Schrift des Comenius« (Monatshefte der Comenius-Gesell- 
schaft, VIII, S. 295 ff.) nachgewiesen, daß die »Letzte Posaun über 
Deutschlandt . . . Amsterdam Bey Anthonis de Roy Anno 1663, 
48 S.« eine Schrift des Comenius sei. Die Schrift kündigt den in 
Regensburg versammelten Reichsständen Gottes Zorn an, bietet, 
wie Müller nach einer ausführlichen Darlegung des Inhaltes 



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~ 304 ~ 

richtig bemerkt (S. 299), nicht viel Interessantes, verdient jedoch 
unsere Aufmerksamkeit als die einzige, die Comenius an das 
deutsche Volk gerichtet. J. V. Noväk berichtet über »die letzten 
pansophischen Arbeiten des Comenius« (Monatshefte 
der Comenius-Gesellschaft, Vlll, S. 221 ff.) und gibt einen dankens- 
werten Auszug aus dem Triertium, das allerdings bereits in meiner 
oben erwähnten Bibliographie vorkommt und das ich als ein mir 
bereits bekanntes, in der Vorrede des von Noväk ins Tschechische 
übersetzten Spicilegium angeführt habe. Der von ihm gegebene Aus- 
zug aus der JanuaRerum (S.223 — 227) ignoriert meine Inhaltsskizze 
(S. 453 — 457), ohne meines Erachtens darüber hinaus einen Vorzug 
aufzuweisen. Schließlich hat Em. Zeiner in Rozhledy (1904) 
den Nachweis geführt, daß eine kleine tschechische Schrift über 
die Pest in Lissa (1633) den Comenius zum Verfasser hat. Sonst 
sind hier noch zu erwähuen: K. Dissel: »Der Weg des Lichts«, 
»Die Via lucis des Comenius« (Monatshefte der Comenius- 
Gesellschaft, IV, S. 295 ff.), der nichts neues bringt, sonst meine 
Inhaltsangabe (Comenius, S. 253 — 260) nicht erwähnt, ohne sie in 
irgendwelcher Beziehung zu überholen. Fast dasselbe könnte ich 
über Seegers Artikel: Des Comenius Schrift: »Eins ist 
not« (Unumnecessarium) (Monatshefte der Comenius-Gesell- 
schaft, VI, S. 1 ff.) sagen, nur daß bei letzteren noch zu rügen ist, 
daß er nichts von der äußeren Veranlassung dieser Schrift weiß, 
was ich bereits in meinem »kurzen Berichte über meine Forschungs- 
reisen« angeführt habe. Eine Zusammenstellung des böhmischen 
Materiales bietet J. V. Noväk: »Ceskä bibliografie J. A. 
Komensk^ho« (Casop. Muz. Moravsk^ho, Jahrgang I — III), 
sowohl die böhmischen Schriften und Übersetzung des Comenius, 
als auch die böhmische einschlägige Literatur aufzählend. Zahl- 
reiche russische Arbeiten hier anzuführen, empfiehlt sich wohl 
nicht; wie verdienstlich nämlich diese Untersuchungen auch für die 
russische Literatur sind, so bringen sie neues über das Bekannte 
kaum hinaus. So haben an der Erörterung über einzelne Schriften 
teilgenommen, aber auch an einschlägigen kleineren bibliographi- 
schen Verzeichnissen gearbeitet: L. Modzalewsky, A. Weiß- 
mann (Via lucis), E. v. Loew, Maria Cholodnjak (Faber 
fortunae). Wie vielversprechend aber auch die Arbeiten waren, so 
ist neuerer Zeit der Eifer für Comenius an der Newa ganz erlahmt 



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- 305 - 

Es seien hier noch zwei Arbeiten erwähnt, die anderwärts 
schwer unterzubringen waren. Die eine ist von R. Aron: »Co- 
menius im Urteil seiner Zeitgenossen« (Monatshefte der 
Comenius-Gesellschaft, IV, S. 21 7 ff.) eine verdienstliche Zusammen- 
stellung vieler, vorwiegend deutscher Urteile, fast durchweg aus 
dem XVII. Jahrhundert. Es sind mehrere, die in meinem Buche über 
Comenius nicht erwähnt waren. Einen Versuch, des Comenius 
Bedeutung für das deutsche Schulwesen des XVII. Jahrhunderts 
zur Darstellung zu bringen, habe ich in dem Rahmen der Mo- 
numenta Germ. paed. (Bd. XXVI u. XXXII) (Die pädagogische 
Reform des Comenius in Deutschland bis zum Ausgange des XVII. 
Jahrhunderts. Berlin 1904) gemacht: teils durch Zusammenstellung 
der einschlägigen Texte, teils durch ein Verzeichnis der deutschen 
Ausgaben der pädagogischen Schriften des Comenius. Im I. Teile 
hat die Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte 
auch mehrere, unlängst in der im Verlage der Prager Akademie der 
Wissenschaften erschienenen (s. oben) Korrespondenz des Comenius 
abgedruckten Stücke aufnehmen lassen, um ihnen zur weiteren 
Verbreitung zu verhelfen. Aber (nicht nur für die von Patera publi- 
zierten Texte) überall habe ich mit meinen geehrten Herren Mit- 
arbeitern eine mühevolle Revision des Textes unterzogen, ohne 
daß wir uns eines genauen Textes der so schlecht überlieferten 
Schriftstücke rühmen könnten. Der II. Teil bietet zunächst einen 
historischen Überblick, der, des Comenius Kenntnis voraussetzend, 
die fast durchweg neuen Details chronologisch und doch auch 
unter sachliche Gesichtspunkte gruppiert. Ferner bietet dieser Band 
den Versuch, die deutschen Ausgaben der comenianischen Schul- 
bücher zusammenzustellen. 



Bei einem Rückblicke auf die geleistete Arbeit gewinnt man 
leicht die Einsicht, wievieles auf dem besprochenen Gebiete noch 
zu tun sei. Um die Reihenfolge einzuhalten (1.), so ist vor allem 
zu bedauern, daß eine Gesamtausgabe der Werke des Comenius 
nicht in Angriff genommen worden ist, und sie bleibt ein stän- 
diges Postulat, und zwar betonen wir das Wort Gesamtausgabe. 
Das Unternehmen, die Herausgabe der pansophischen Werke, ist 
von zwei Seiten als in der Bälde bevorstehend angekündigt worden; 
ich weiß nicht, ob man da die Grenze befriedigend wird ziehen 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904 20 



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— 306 — 

können. Es ist ein schlechtes Omen, daß die Reber'sche Samm- 
jung nicht über den ersten Band hinauskam und die Editionen 
der Prager Akademie nichts Abgeschlossenes bieten. Und doch 
werden Kenner, wie Reber für das Philosophisch-Pädagogische, 
Josef Müller für das Theologisch-Historische und J. V. Noväk 
für das Böhmische, nicht zu allen Zeiten zur Disposition stehen. 
Für die speziell historisch-pädagogische Forschung wäre eine hand- 
liche Neuausgabe der Methodus Linguarum Novissima mit dem 
Spicilegium besonders erwünscht. Es ist schon die höchste Zeit, 
daß das Studium der Didaktik durch die beiden eben genannten 
Arbeiten ergänzt werde. 

II. Eine neue Biographie hätte die Zeitumstände, mehr als 
es bisher geschehen ist, zu berücksichtigen: und zwar wäre dabei 
den von Comenius selbst gezeigten Spuren nachzugehen. So wäre 
ein Vergleich zwischen den sogenannten mährischen Brüdern und 
der Unität anzustellen; Forschungen über das Verhältnis der beiden 
evangelischen Hauptrichtungen unter sich und zu den kleineren 
Gemeinschaften gerade in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts, 
die Lage in Böhmen und Polen genau zu berücksichtigen, ebenso 
die Entwicklung und der Umschwung in England, schließlich die 
Verhältnisse in Holland. In diesem Rahmen wären dann die alten 
und die neuen Daten, sorgfältig in ein Bild verarbeitet, einzufügen. 
Welche Fülle der neuen Daten aber vorliegt, wird jeder, der die 
Teile I und II durchgelesen, leicht ersehen. Von Einzelheiten sind 
die erste, die böhmische, und die letzte, die holländische Periode 
am meisten einer besseren Beleuchtung bedürftig. 

III. Aber auch die Darstellungen der Lehren des Comenius 
reichen in keinem Punkte aus. Nicht einmal die Frage ist gelöst, wie 
ist historisch des Comenius Festhalten an der Unität und ihrer 
Konfession und seine Freundschaft einerseits mit H. v. Cherbury, 
anderseits mit A. Bourignon und Labadie zu verstehen und zu 
beurteilen? Wie verhält sich die Pansophie zu den Systemen der 
Naturphilosophen, zu der Spekulation Jac. Böhmes und zu den 
Rationalismus eines Descartes und Spinoza? Hat der großartige 
Entwurf eines Anschauungsunterrichtes in Campanellas Sonnen- 
stadt einen Einfluß auf Comenius ausgeübt? Welcher historische 
Wert kommt den Schuldramen des Comenius zu? Wie verhält 
sich die Physik des Comenius zu dem geschichtlichen Werke von 
Aisted, und wie sind in der Addenda die neuen physikalischen 



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- 307 - 

Untersuchungen verwertet worden? Welchen Anteil hat Comenius 
an den Gesellschaftsbildungen seiner Zeit und welche Motive 
leiten ihn dabei? Welchen Wert haben seine Friedensbestrebungen 
auf kirchlichem und politischem Gebiete? 

Ich habe nur einige Fragen hervorgehoben, solche, deren 
Beantwortung dringender ist. Sie könnten schließlich und müßten 
auch in einer neuen Biographie des Comenius alle erörtert und 
beantwortet werden. Seit zwölf Jahren sind die Anforderungen an 
solches Werk wesentlich andere geworden. Damals galt es, das 
zum größten Teile zerstreute Material zu sammeln, neues zu 
finden, kritisch zu sichten und in verläßlicher Weise zusammen- 
zustellen. Heute sind die meisten Quellen bereits gedruckt, zu 
den meisten Fragen ist seitens vieler Stellung genommen, die 
neuen Fragen sind klar und mit richtiger Betonung vorgelegt 
worden: jetzt heißt es in dem allgemein historischen Bilde des 
Mannes auch die großen Züge seiner mannigfaltigen Arbeits- 
richtungen in Einzelheiten und doch auch in einheitlicherZusammen- 
fassung und historischer Beurteilung zur gerechten Geltung zu 
bringen! Wer in diesem Sinne an der Vorarbeit zu einem solchen 
Werke teilnimmt, arbeitet nicht nur an dem Verständnis einer be- 
sonders lehrreichen historischen Übergangszeit, sondern trägt auch 
zur Untersuchung der Grundlagen unserer Zelt, ihrer Nöte und 
Bestrebungen bei. Wie ermüdend und abschreckend bloße Wieder- 
holungen oder Paraphrasen bereits bekannter Tatsachen und Urteile 
sind, so dankenswert sind die Einzelforschungen in der oben an- 
gegebenen Art. Sie können das Entstehen eines nunmehr mög- 
lichen großen Werkes bedeutend fördern, das in der allgemeinen 
Geschichte, in der Böhmens und speziell auch in der des Pro- 
testantismus in Österreich ein Ehrenblatt ausfüllen soll. 



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xin. 

Aus dem Amtsleben des ersten mährisch-schlesischen 
Toleranz-Superintendenten, ^) 

Mit Benutzung archivalischer Quellen. 
Von Prof. Dr. G. Ad. Skalsk^ in Wien. 

1. 

Als es sich darunn handelte, die aus der Esse des Märtyrer- 
tumes konnmende evangelische Toleranzkirche Österreichs zu orga- 
nisieren, da ist es für die Regierung selbstverständlich gewesen, 
daß sie dazu das Recht habe. Hat sie ja die früher verbotene 
evangelische Kirche aus »purer Clemenz« zur geduldeten gemacht 
und sie mit dem »exercitium religionis privatum« beschenkt. Der 
Regierung war es von vornherein gewiß, daß ihr die Gewalt 
auch über die evangelische Kirche gebühre und einen wesentlichen 
Bestandteil der »jura majestatica« oder, genauer gesagt: der »jura 
episcopalia des a. h. Souveräns« bilde. So ging sie denn sofort 
daran, der jungen Kirche die Normen vorzuschreiben, nach welchen 
sie verfaßt und verwaltet werden sollte. Die a. h. Normalien hatten 
in dieser Hinsicht das entscheidende Wort zu sprechen. Durch sie 
ist die evangelische Toleranzkirche sozusagen »brevi manu«, »von 
oben« eingerichtet worden, und man tat sich dabei gar viel zu- 
gute, daß man »nach denen Principiis der Protestanten« verfahre. 
Die aus diesen »Principiis« gezogene Folgerung war: die Verwaltung 
der evangelischen Kirche in überwiegender Weise durch landes- 
herrliche Organe besorgen zu lassen. 

Der Löwenanteil der Verwaltungsgeschäfte sollte nach dem 
Willen des Landesherrn den Konsistorien zufallen. Mit Bedacht 
sagen wir: Konsistorien, wenn man auch nur die Kirche 
lutherischen Bekenntnisses ins Auge faßt. Denn es ist nicht schwer 

Zu dieser Arbeit ist die am 30. Oktober 1903 gehaltene Dekanats- 
rede verwendet worden. 



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- 309 — 

nachzuweisen, daß sich die Regierung in der ersten Zeit mit dem 
Gedanken trug, mehrere Konsistorien einzurichten. 

Höchst bezeichnend ist in dieser Hinsicht das Hofdekret vom 
28. September 1782,^) das sich auf die sogenannte »Vorstellung« 
der Pastoren bezieht. 2) Dieselben sollen durch das vom Kreisamte 
zu benennende Individuum vorgestellt werden, »dermalen und bis 
in den l<. k. Erblanden Konsistorien oder wenigstens Super- 
intendenten bestehen werden«. Der Hinweis auf einzurichtende 
Konsistorien wiederholte sich des öfteren. Von dem Gedanken: 
mehrere Konsistorien aufzurichten, kam man jedoch bald ab. 
Die endgültige Entscheidung in dieser Angelegenheit enthält das 
Hofdekret vom 22. Juli 1784, welchem die Stelle in der Geschichte 
der Instruktion für das evangelische Konsistorium in Teschen an- 
zuweisen ist^) In diesem Hofdekrete heißt es: »S. Maj. gedenken 
das errichtete Konsistorium nicht länderweis einzuteilen und für 
jedes Land das besonders zu bestimmen, folglich, wie das königl. 
Gubernium (in Brunn) dafürhält, für jedes neu dazuziehende Land 
solches mit einem neuen Personali zu vermehren, sondern selbes 
hat bei seiner dermaligen Benennung »Teschner Konsistorium« 
und seiner gegenwärtigen, hauptsächlichen Bestimmung für Mähren 
und Schlesien zu verbleiben. Für alle übrigen Länder sind derzeit 
Seniores und Superintendenten bestellt, deren unmittelbarer 
Leitung die akatholischen ReligionsAnliegen unterstehen«. 

Man sieht aus den Worten der angezogenen Dekrete deutlich, 
daß die Regierung neben den Konsistorien bzw. dem Konsistorium 
noch eine andere Verfassungseinrichtung ins Auge gefaßt hat: 
das Amt der Superintendenten und ihrer Helfer 
(Senioren), sich auch in dieser Hinsicht nach den bereits im 
Reformationszeitalter zur Geltung gekommenen »Prinzipiis der 
Protestanten« richtend. Und zwar sollten Superintendenten in jenen 
Ländern bestellt werden, auf welche sich die Kompetenz des ursprüng- 
lichen, d. i. mährisch-schlesischen Konsistoriums nicht erstreckte."*) 

^) Kultusarchiv im k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht in 
Wien (Protestantische Abteilung). 

-) d. h. Vorstellung vor der Gemeinde; so viel wie Einführung. 

3) Brünner Statthaltereiarchiv. 

*) Damit ist auch erklärt, was die offizielle »Brünner Zeitung« mit 
dem »Provincial-Consistorium« meinte. Vgl. »Jahrbuch« XXII, S. 221. Aber 
das Datum hat dieselbe unrichtig angegeben. Das Hofdekret war vom 22. Juli, 
das Gubernialdekret vom 2. August 1784. 



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— 310 - 

In dieser Absicht der Regierung ist auch die Erklärung der 
Tatsache zu suchen, daß es schon vor der offiziellen Verlautbarung 
eines — wie man sich auszudrücken pflegte — »Planes« für das 
bestehende Konsistorium zur Bestellung von Superintendenten 
kam, und zwar außerhalb des Sprengeis des Teschener Konsisto- 
riums. Denn schon 1783 sind die Superintendenten Joh. Christ 
Thielisch für Österreich o. d. E.^) und Joh. Ge. Fock für 
Österreich u. d. E. »und die dazu in kirchlicher Hinsicht gehörenden 
Länder«, 2) dessen Bestellung zum Superintendenten unter Um- 
ständen vor sich ging, welche Zeugnis davon ablegten, daß in den 
evangelischen Gemeinden selbst das Bedürfnis nach Aufsichts- 
organen in der Form der Superintendentur tief empfunden wurde. ^) 
Wir wollen auf diese Umstände hier nicht eingehen. Es mag nur 
bemerkt werden, daß diesem Bedürfnis auch in jenem Entwürfe 
einer Instruktion für das Konsistorium in Teschen Ausdruck ver- 
liehen wurde, welchen auszuarbeiten die Teschener Kirchenvorsteher 
von der Regierung beauftragt worden sind."^) In diesem Entwürfe, 
welchen sie den 27. Juli 1782 dem Konsistorium zur Weiter- 
beförderung übergeben haben, ist (Art. VI: »De Superintendent^ 
ac Censura morum Ministrorum ecclesiae et docentium scholae«) 
folgende Bestimmung enthalten: »Da dermalen verschiedene Bet- 
häuser aufzubauen aus Allerhöchster Milde verstattet worden, so 

19. Mai 1783; das Datum (6. November) in »Halte, was du hast« 
(I, 25) ist nicht richtig. Unter diesem Datum gibt es eine a. h. Entschließung, 
welche von dem »bereits angestellten Superintendenten Thielisch« spricht. 
(Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und Unterricht.) 

2) A. h. Entschließung v. 14. August 1783, Hofdekret v. 28. August 1783. 

3) Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und Unterricht. 

*) Durch das Hofdekret vom 20. Februar 1782, welches dem Toleranz- 
patente für Schlesien sein besonderes Gepräge gab. (Vgl. Skalsk>^, »Zur 
Geschichte der evangelischen Kirchenverfassung in Österreich« 1898, S. 169. 
Das schlesische Toleranzzirkular bei Biermann, »Geschichte der evange- 
lischen Kirche Österr.-Schlesiens«, S. 139 ff.) Der Titel des Instruktions- 
Entwurfes: »Ohnmaßgeblich-Allerunterthänigster Entwurf zu einer vom Aller- 
höchsten Orte von den Vorstehern der Augustanae Confessionis Gnaden 
Kirche vor Teschen allergnädigst abgeforderten nach denen Principiis derer 
Augustanae Confessionis Verwandten mit Rücksichts-Nehmung auf die landes- 
fürstlichen Verordnungen abzufassenden Instruction für das Allerhöchst resol- 
virte und im Herzogthum Schlesien zu Teschen anzustellende förmliche und 
eigentliche Kayseriich Königliche Consistorium Augustanae Confessionis.«.— 
Im Titel ist der ganze, den Kirchenvorstehern durch das Hofdekret vom 
20. Februar 1782 zugekommene Auftrag enthalten. (Teschener Pfarrarchiv.) 



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- 311 — 

wird das Consistorium ex gremio Assessorum ecclesiasticorum eiYi 
Mitglied, welcher nach denen principiis derer Augustanae Con- 
fessionis Verwandten den Nahmen Superintendenten haben . . . wird, 
S. Kays. Kön. Majestät allerunterthänigst in Vorschlag bringen und 
von daher die Bestätigung erwarten.« Der Sinn der Worte ist 
klar: auch Mähren und Schlesien soll einen Superintendenten 
haben, dessen Bestellung und Stellung genau nach dem »protestan- 
tischen Kirchenrechte«, d. h. im Sinne der protestantischen Kon- 
sistorialverfassung, zu geschehen und zu bestimmen wäre. Noch ehe 
der »Ohnmaßgebliche Entwurf« zur verbindlichen Instruktion 
wurde, hat der Kaiser aus Anlaß einer Eingabe des Hofrates 
Grafen von Graeveniz, '') welche einen Vorschlag auf Errichtung 
evangelischer Konsistorien mit möglichster Kostenersparung ent- 
hielt, die Superintendenten-Angelegenheit grundsätzlich entschieden.^) 
Neben den schon angestellten Superintendenten Thielisch und 
Fock wird auch die Bestellung des Superintendenten für Böhmen in 
baldige Aussicht gestellt und auch ein Superintendent für 
Schlesien, Mähren und Galizien bestimmt: »Der bey 
dem Teschnischen Consistorio als Rath und Beysitzer zugleich 
zu gebrauchende Superintendent solle Mähren und Schlesien und 
allenfalls auch Galizien zu besorgen haben.« Dieser Rat und Bei- 
sitzer war Traugott Bartelmus aus Bielitz, seit 1760 Pastor 
an der Gnadenkirche in Teschen, seit 1781 Assessor des Teschener 
Konsistoriums älterer Form. 

Dem Gubernium in Brunn war es jedoch nicht ohne weiteres 
klar, ob die Worte des Hofdekretes: »Der bei dem Teschnischen 
Consistorio als Rath und Beysitzer zugleich zugebrauchende Super- 
intendent« auf Bartelmus zu beziehen seien. Man war im Zweifel, 
ob die Worte auf das alte oder das neue Konsistorium zu deuten 
sind, welch letzteres noch nicht »legaliter vermehrt« war. Im 
zweiten Falle hätte man diese »Vermehrung« abwarten müssen, 
wobei die Wahl zum Superintendenten nicht gerade Bartelmus 
treffen mußte, da das neue Konsistorium zwei Mitglieder geist- 
lichen Standes haben sollte. Das Gubernium hat den Ausweg 
betreten, daß es an das bestehende Konsistorium die Anfrage 
richtete, »ob ein Anstand vorhanden sei, den ältesten Konsistorial- 



Vom 8. Oktober 1783. 

2) Hofdekret vom 6. November 1783 (beides im Kultusarchiv des 
Ministeriums für Kultus und Unterricht). 



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— 312 - 

beisitzer, Traugott Bartelmus, für die Superintendentenstelle 
in Vorschlag zu bringen, und wenn, was für ein anderes Subjekt 
hier gewählet und höchsten Orts in Vorschlag gebracht werden 
sollte?«^) Das Konsistorium antwortete in einem Berichte, 2) 
welcher für Bartelmus ein überaus ehrenhaftes Zeugnis enthält. 
Das Konsistorium vermag für die zu besetzende Stelle eines Super- 
intendenten, der zugleich auch Assessor beim Konsistorium sein 
soll, »mit gutem Bedacht keinen in Rücksicht der besitzenden 
Gelehrsamkeit, stetts bethätigten Bescheidenheit und erworbenen 
ächten diesfälligen Geschäften-Kenntnis geeigneteren Mann finden 
und einrathen, als den diesortigen Konsistorialbelsitzer und ältesten 
Gnadenkirchenprediger Traugott Bartelmus. Wider diesen, zu 
sothanem allergnädigst entstehenden neuen Posten ganz geeigneten 
Mann könne weder ein Anstand erdacht werden, der denselben 
zu dieser allerhöchsten Gnade unwürdig machen könnte — mit 
einem Wort, muß man bekennen, daß wenige seinesgleichen zu 
finden seyn dürften, die zu einer derlei Bestimmung zweckmäßigere 
Eigenschaften in Gegenhaltung mit den seinigen besitzen dürften«. 
Auch das Gubernium in Brunn erklärte in seinem Berichte^) an 
die vereinigte Hofstelle, »daß es gegen die Person des Bartelmus 
nicht das Mindeste einzuwenden habe«; es fragte nur an, »ob 
dem Bartelmus, wie man des ohnzielgebigen Erachtens ist, ohne 
weiterem das Anstellungsdecret zu dem Superintendenten für 
Mähren und Schlesien ertheilt werden könne?« Nachdem auch die 
Hofstelle ^) »gegen die Benennung des Teschner Konsistorial-Bei- 
sitzers Traugott Bartelmus zum Superintendanten für Mähren, 
Schlesien und Galizien nicht den geringsten Anstand« anzuführen 
wußte, ist Bart elmus durch das Hofdekret vom 26. Februar 1784 
förmlich zum Superintendenten für Mähren, Schlesien und Galizien 
ernannt worden. Die betreffenden Gubernien erhielten den Auftrag, 
von der »Benennung« »die dortländigen A. B. Verwandten Ge- 
meinden und Pastores behörig zu verständigen und an Bartel- 
mus anzuweisen«. 5) 

Die Anfrage ist vom 17. November 1783. (Brünner Statthaltereiarchiv.) 

2) Vom 19. Dezember 1783. (Kultusarchiv im Ministerium für Kultus 
und Unterricht.) 

3) Vom 2. Jänner 1784. (Brünner Statthaltereiarchiv.) 

"») Vortrag vom 19. Jänner 1784. (Kultusarchiv im Ministerium für 
Kultus und Unterricht.) 

5) Das Datum des Hofdekretes wird vielfach nicht richtig angegeben. 
Z. B. »Jahrbuch der Gesellschaft«, VI, 91. Desgl.: XXll, S. 215; wohl nach 



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- 313 - 

So tritt denn Traugott Bartelmus in die Reihe der ersten 
Superintendenten der evangelischen Toleranzkirche Österreichs. 
Es ist vielleicht etwas zuviel gesagt, wenn Bartelmus, wie wir 
es irgendwo gelesen haben, eine Riesengestalt der Toleranz- 
kirche genannt wird; aber auf keinen Fall ist zu leugnen, daß er 
zu den bedeutendsten Persönlichkeiten jener Kirche gehörte. Welch 
ein gewaltiges Zeugnis stellen nur die Archive des Ministeriums 
für Kultus und Unterricht, des evangelischen Konsistoriums \n 
Wien und der evangelischen Kirchengemeinde in Teschen seinem 
Fkiß, Eifer und seinem reichen Können aus! Fürwahr, wenn 
jemand, so konnte er mit dem Apostel sprechen, er habe mehr 
als alle anderen gearbeitet^) Allerdings ist diese bedeutende Per- 
sönlichkeit nicht ohne Schatten gewesen, wie das ja zumeist so 
zu sein pflegt. Sie hatte einen Stich ins Autokratische und 
Bureaukratische, um nicht mehr zu sagen. Es ist bezeichnend, 
daß die politischen Behörden zu jeder Zeit auf Bartelmus große 
.Stücke gehalten und ihn in Schutz genommen haben. Er mag 
sich wohl manchmal zu sehr »landesbehördlich« gefühlt haben. 

Auf jeden Fall wäre es keine undankbare, wenn auch keine 
leichte Aufgabe, das vollständige Bild dieser noch nicht genugsam 
gewerteten Persönlichkeit wahrheitsgetreu zu zeichnen. Wir meinen, 
daß damit ein wichtiger Beitrag zu der noch nicht geschriebenen 
Geschichte der evangelischen Toleranzkirche in Österreich geliefert 
wäre. Einige Striche jenes Bildes sollen diese Zeilen enthalten. 

11. 
Zu bedauern ist es, daß sich die Bestellung eines Superinten- 
denten für Mähren und Schlesien aus dem früher angegebenen 
Grunde in die Länge zog. Ganz besonders hätten es die kirchlichen 

der »Denkschrift zur öffentlichen Feier des am 24. May 1809 eintretenden 
hundertjährigen Jubiläum der Gnadenkirche A. B. vor Teschen«. Brunn, S. 25. 
Das Gubernialdekret an Bartelmus ist vom 8. März 1784. (Das Original- 
dekret vom 26. Februar 1784 ist im Kultusarchiv des Ministeriums für Kultus 
und Unterricht.) 

Es war keine Selbstüberhebung, wenn Bartelmus an Riecke 
(den 7. Dezember 1785) schrieb: »Wollte ich mich nach dem Fleiß rühmen, 
so hätte ich wohl mehr Stof dazu, als meine übrigen Hh. Amtsbrüder zusammen 
genommen. Wo ist die Vermischung der Nationen und die Menge der Ge- 
meinden größer, als in meiner Diöces? Doch ich will mich nur meiner 
Schwachheit rühmen . . . « (Briefe des Toleranzpastors im Besitze der evang.- 
theol. Fakultät in Wien.) 

20* 



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- 314 - 

Verhältnisse in Mähren erheischt, daß eine mit nötiger Autorität 
ausgerüstete Persönlichkeit eingreife. Es muß damals schon in den 
evangelischen Gemeinden Mährens übel gestanden haben, ja gerade- 
zu bunt zugegangen sein. Aus mancherlei Ursachen. Auf eine der- 
selben wurde seinerzeit hingewiesen, i) ohne daß der Gegenstand 
erschöpfend dargestellt worden ist. Die konfessionellen 
Verhältnisse haben sich in den neuen Gemeinden so zugespitzt 
und gerieten in solche Wallung, daß man mit vollem Rechte von 
Wirren in denselben reden und schreiben konnte. Vielfach scheinen 
auch Herden und Hirten nicht zusammengehört zu haben und 
machten sich gegenseitig das Leben schwer. Auch ließ die Wahl 
der »Subjekte« für die einzelnen Gemeinden manches zu wünschen 
übrig. 2) Außerdem drückte die neuen Gemeinden die Last der Armut 
so schwer, daß dadurch jede gedeihliche Entwicklung gehemmt 
und gefährdet wer. Schreibt ja kaum drei Jahre darauf der Brünner 
Pastor und spätere Senior M. Riecke »von der allgemeinen Not, 
in die alle protestantischen Bethäuser in Mähren mit jedem Tage 
versinken, von der Unvermögenheit, sich ferner ohne fremde Hilfe 
aufrecht zu erhalten, von der den meisten Gemeinden immer 
fürchterlicher drohenden Gefahr, in kurzem ihren angefangenen 
Gottesdienst wieder aufgeben und so ohne Religion und Religions- 
unterricht leben zu müssen, von der Schuldenlast, in die sich 
schon so viele Protestanten durch den Bethausbau versetzt haben; 
von dem durch die kümmerlichen, kaum taglöhnermäßigen Salarien 
verschuldeten Mangel an protestantischen Predigern; und von der 
aus dem allen entstehenden Zerrüttung und Vereitelung des so 
preiswürdig eingeführten Toleranzconsens.«^) Es liegt auf der Hand 
und ist durch unzählige Erfahrungen bestätigt, daß sich unter 
solchen Verhältnissen die Bande der Zucht leicht lösen, und daß 
es einer starken Hand bedarf, um es zu verhindern oder sie wieder 
zu knüpfen und fester zu machen. Nach einer solchen Hand sehnte 
man sich auch. Den Beleg entnehmen wir dem Briefe des lutheri- 
schen Pastors Johann Hrdlicska (so schrieb ersieh) aus Wsetin 



^) Trautenberger: »Das Josephinische Jahrzehnt« im »Jahrbuch« 
XXI und XXII. 

2) Zum Belege nur die Worte des Bartelmus selbst im »Jahrbuch« 
XXII, S. 220. 

3) Rieckes Eingabe an das Brünner Kreisamt vom 13. Februar 1787. 
(Kopie im Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate.) 



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- 315 - 

an den früher erwähnten Riecke.^) Er schrieb, sich auf die Wirren 
in den mährischen Gemeinden beziehend, daß er selbst in wirk- 
samer Weise nicht hätte eingreifen können, weil er keine »con- 
cessionem civiliter collocare ant confirmare« besitze; seine Er- 
mahnungen gälten wenig, und eben darin liege der ganze Fehler, 
den unsere Herren Superintendenten — hier ist wohl das Wort 
in ganz allgemeinem Sinne gemeint — begangen haben, daß sie 
es nicht früher besorgten. Denn es gäbe unter seinen Kollegen 
auch solche, die gegen seine Ermahnungen noch trotzen. Die 
Autorität, die der Wsetiner Pastor für seine Person in Anspruch 
nahm, begründete er damit, daß er sich für einen »bestellten 
Senior« ausgibt, wobei es nicht klar ist, wie es zu dieser Bestellung 
gekommen war. Und noch am 5. April 1784, also nachdem bereits 
Bartelmus zum Superintendenten ernannt war, seufzt der Wsetiner 
Pastor: »Ach, wie gut wäre es gewesen, wenn wir vor einem Jahre 
einen Superintendenten gehabt hätten! Doch dies ist nicht meine 
Schuld, man muß sich also dabei beruhigen.« 

Es erregte vielfach »gemischte Gefühle«, daß gerade der 
Teschener Pastor Primarius zum Superintendenten bestellt worden 
ist; speziell in Mähren hat diese Ernennung geradezu verblüfft. 
Man erwartete dort kein Heil aus Teschen. Die Augen, die dort 
auf einen Superintendenten warteten, waren deshalb nicht nach 
Teschen gerichtet. Der Wsetiner Pastor scheint für einen der 
Kandidaten der Superintendentur gegolten zu haben. Das ersieht 
man aus seinem schon bemerkten Briefe an Riecke: »Für das 
freundschaftliche Kompliment, daß Sie hätten gewünscht, in mir 
einen Superintendenten zu erleben, bin ich Ihnen innigst verbunden. 
Ich hab* es nimmer gewünscht, da ich mit meiner weitläufftigen 
Gemeinde genug zu thun habe. Ich muß offenherzig bekennen, 
daß meine Schultern zu schwach sind, als daß sie könnten eine 
solche Bürde, besonders in gegenwärtigen Zeiten, ertragen. Ich 
freue mich hertzlich, daß das Los auf einen andern, weit geschicktem, 
gefallen ist. Doch ich fürchte, daß damit uns wenig geholfen seye.« 
Das Datum des Briefes 2) sowohl als auch dessen Inhalt belehren 



^) Der Brief ist vom 5. Dezember 1783 datiert. Hrdli es ka war viel- 
leicht der hervorragendste der aus Ungarn nach Mähren gekommenen lutheri- 
schen Pastoren tschechischer Zunge. Über ihn bei Trautenberger, »Jahr- 
buch« XXII, S. 83 ff. 

2) 5. Dezember 1783. 



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- 316 - 

uns, daß Hrdlicska die baldige Ernennung des Bartelmus be- 
kannt sein mußte. 

Neben Hrdlicska schüttelt noch ein anderer hervorragender 
Pastor in Mähren, Richter in Zauchtel, den Kopf darüber, daß 
der Superintendent über Mähren seinen Sitz in Teschen haben 
soll. In seinem Schreiben an Riecke^) knüpft er an die Tatsache, 
»daß H. Bartelmus in Teschen bey uns nunmehro als Super- 
intendent über Mähren, Schlesien und Galizien durch das politische 
Forum erklärt worden sei,« folgende Erwägungen : »Ein Super- 
intendent in Teschen ! Mähren wäre wohl eines besonderen 

Superintendenten wegen der zahlreichen evangelischen Gemeinden 
benöthigt. Die Hauptstadt (Brunn) gäbe auch einen bequemen Sitz 
für ihn wegen der zu besorgenden Angelegenheiten der Gemeinden 
bey einem Hochlöbl. Gubernio. Ich machte deßfalls schon im 
Xbrmonath a. p. bey H. Superatend. Torkoss in Modern und dem 
2ten deutschen Prediger in Preßburg H. Crudi Erwehnung, da mir 
der Rückfall der unglücklichen Lipthalergemeinde hiezu Gelegenheit 
gab. 2) Meine Gedanken giengen damals nur auf einen Senior, der 
aus obenangeführtem Grunde in Brunn oder wegen der bequemen 
Lage des Orts in Wsetin seyn könnte. Wsetin ist bekanntermaßen 
mitten zwischen evangel. Gemeinden. H. Torkoss antwortete, wir 
solten S. Maj. um einen Superintendenten ersuchen. H. Crudi aber, 
wir solten communi suffragio einen Senior wählen. — Nun haben 
wir einen Directeur in Teschen! Ich habe zwar nichts wider ihn: 
aber meine Gedanken bestimmten schon lange einen in Mähren.« 
— Wäre das von Richter angegebene Datum des Briefes an 
Crudi in Preßburg nicht so nahe am Datum des Schreibens 
Hrdlicskas an Riecke, hätten wir vielleicht im ersteren Briefe die 
Erklärung, wie der Wsetiner Pastor zu seiner Bestellung als Senior 
gekommen sei. Ist er wirklich durch ein »commune suffragium« 
zu diesem Amte gekommen, dann ist es selbstverständlich, daß 
diese Art von Bestellung vor der Regierung keine Gnade ge- 
funden hat. 

Übrigens ist es Bartelmus selbst gewesen, der seine Er- 
nennung zum Superintendenten mit »gemischten Gefühlen« ent- 
gegennahm. Er war sich dessen vollauf bewußt, welch eine schwere 
Bürde ihm in seinem neuen Amte, das ihm »ohne alle sein Gesuch« 

Vom 19. März 1784. 

2) Die ursprünglich lutherische Gemeinde ist reformiert geworden. 



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- 317 - 

zugefallen war, aufgeladen sei. Darüber hat er sich aufrichtig 
und offen gegenüber seinem Freunde Riecke in Brunn aus- 
gesprochen. Wir verweisen auf die zwei schönen Briefe, die er 
an ihn gerichtet hat, und in welchen er die schier unüberwindlichen 
Schwierigkeiten seines Superintendentenamtes bespricht.^) Es war 
ihm zweifelhaft, »ob er jemals imstande sein werde, zum Wachstum 
und zur Befestigung der neugepflanzten Gemeinden des Augsburger 
Bekenntnisses in den Provinzen des ihm angewiesenen Bezirkes 
etwas beizutragen.« Und er fragt sich selbst, »wie er aus seiner 
Studierstube zu Teschen auf die mährischen und galizischen Ge- 
meinden, die er weder nach ihrer Lokalität, noch nach ihrer inneren 
und äußeren Verfassung kenne, wirken solle?« Doch er übernahm 
das Amt, weil er, wie er sagt, in der ungesucht erhaltenen Be- 
stimmung den Ruf Gottes und den Befehl seines Monarchen ver- 
ehrte. Ganz besonders hat es sich alsbald als ein arger Mißgriff 
herausgestellt, daß auch Galizien mit der ohnehin weit aus- 
gedehnten mährisch-schlesischen Superintendenz verbunden wurde. 
Beim besten Willen vermochte der mit Amtsgeschäften überladene 
Bartelmus Galizien keine genügende Fürsorge zu widmen. Von 
einer Visitation der dortigen 12 Gemeinden, an die er noch im 
Jahre 1785 dachte, war später keine Rede mehr; ja er ließ sich im 
Jahre 1788 von dieser Befugnis gänzlich freisprechen. Der Mangel 
einer intensiven, auf Grund persönlicher Erfahrung ausgeübten 
kirchlichen Aufsicht zeitigte auch in Galizien alsbald die traurigsten 
Früchte. Um der wachsenden kirchlichen Not einigermaßen vor- 
zubauen, bestellte man (1789) zwei Senioren, den einen für Ost-, 
den anderen für Westgalizien. Aber auch sie konnten keine Visi- 
tationen halten, weil sie keine »Adjunkte« und kein »Adjutum« 
hatten. 2) So ist man durch die schlimmen Erfahrungen, die man 
in Galizien unablässig machte, förmlich dazu gedrängt worden, 
für dieses Land eine selbständige Superintendenz zu schaffen. 
Der darauf abzielende Antrag des Wiener evangelischen Kon- 
sistoriums A. C. ist nach längerem Zögern und Verhandeln (nach 
1^2 Jahren) vom Kaiser genehmigt worden.^) Es sollten für die 
neue Superintendentur drei Pastoren vorgeschlagen werden ; da 



Die Briefe (vom 4. April und 8. Juli 1784) sind im »Jahrbuch« XXII, 
S. 21 6 ff., abgedruckt. 

2) Kultusarchiv im Ministerium für Kultus und Unterricht. 
3j 11. August 1803. 



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— 318 - 

sich aber ungeachtet der Konkursausschreibung niemand gemeldet 
hat, ist auf die Anfrage des Kreisamtes hin von den Vorstehern 
der Lemberger Gemeinde der Pastor derselben, Josef Paulini, vom 
Gubernium zum Superintendenten vorgeschlagen und vom Kaiser 
ernannt worden.^) Welch ein Stein ist damit dem damals schon 
dem Grabe zueilenden Bartelmus^) vom Herzen gefallen! Nun 
war er wenigstens der Gefahr enthoben, daß die geringe Fürsorge, 
die er den galizischen Gemeinden widmen konnte, die gegen ihn 
erhobenen Beschuldigungen vermehren werde. Dazu waren nämlich 
die Teschener Kirchenvorsteher, mit welchen sich Bartelmus 
herzlich schlecht stand, allerdings ziemlich geneigt. 

III. 
Dies sollte Bartelmus sofort beim Antritte seines oberhirt- 
lichen Amtes erfahren. Vergegenwärtigt man sich die damaligen 
Verhältnisse des Kirchen- und Schulwesens der Teschener Gemeinde, 
so würde man es begreiflich finden, wenn die Vorsteher derselben 
eben mit Rücksicht auf jene Verhältnisse die Ernennung ihres 
ersten Predigers zum Oberhirten mit keiner besonderen Freude zu 
begrüßen vermocht hätten. Mußte es ihnen ja klar werden, 
daß diese Ehre mit Kosten für ihre Gemeinde verbunden sein 
wird. Bei der Teschener Gnadenkirche, zu welcher sich damals 
ungefähr 20.000 Seelen hielten, hätten vier Pastoren vollauf zu 
tun gehabt. Damals gab es dort aber nur drei, von welchen nun 
der eine die Superintendentialgeschäfte zu übernehmen hatte und 
aus diesem Grunde öfter verreisen mußte. Es existiert^) eine von 
Bartelmus' Hand entworfene, von einem der Kirchen Vorsteher 
(Calisch) revidierte Eingabe an die Hofstelle aus dem Jahre 1784, '^) 
in welcher die durch die Ernennung des Bartelmus zum Super- 
intendenten erschwerten Verhältnisse der Teschener Gemeinde in 
ausführlicher und beweglicher Weise geschildert werden. Schon 
damals sah man es ein, daß für die Vermehrung der Arbeitskräfte 
in der Gemeinde Schritte gemacht werden müssen. Da jedoch die 
Geldmittel derselben sehr beschränkt waren, so ist leicht einzu- 
sehen, warum die Kirchenvorsteher das dem ersten Prediger ihrer 



21. September 1804. Das Gubernialdekret ist vom 2. November 1804. 

2) Er starb 1809 (15. September). 

3) Im Teschener Pfarrarchive. 
") November. 



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- 319 - 

Gemeinde übertragene »Oberaufseheramt« mehr als eine Last denn 
eine Lust empfanden. Die Sorge um die Vermehrung der pastoralen 
Arbeitskräfte führte später zu so großen Mißhelligkeiten zwischen 
Bartelmus und den Kirchen Vorstehern, daß Regierungsorgane 
eingreifen mußten, um in die erregte Gemeinde Ruhe zu bringen. 

Aber eben jene Mißhelligkeiten bezeugen es ganz deutlich, 
daß auch ein persönlicher Antagonismus zwischen Bartelmus 
und den Kirchenvorstehern bestand, der, wie gewöhnlich, so auch 
in Teschen zu dem wohlbekannten »peccare intra et extra muros 
lliacos« geführt hat. 

Wir halten es hier nicht für unsere Aufgabe, den Streit 
zwischen dem Superintendenten Bartelmus und den Teschener 
Kirchenvorstehern darzustellen. Nicht deshalb, als ob wir über 
diesen Streit, über welchen Bartelmus selbst »lieber den Vor- 
hang ziehen,* als ihn in ein völliges Licht setzen« wollte,^) und über 
welchen auch der Geschichtsschreiber der Teschener Gnaden- 
kirche ^j nur wenig zu sagen weiß, nichts Näheres mitzuteilen 
wüßten. Auch nicht deshalb, weil wir uns scheuten, diesen Gegen- 
stand zu berühren. Unseres Erachtens darf man an solchen sozu- 
sagen pathologischen Erscheinungen der Toleranzzeit nicht vorüber- 
gehen, wenn man ein richtiges Bild derselben erhalten will. Und 
es ist unsere sich immer mehr erhärtende Meinung, daß in dieser 
Hinsicht manches nachzuholen sei. Wir dürfen uns nicht scheuen, 
der vollen Wahrheit ins Antlitz zu schauen, auch wenn dasselbe 
keine freundlichen Züge zeigt. Durch die Verwechslung des Idealen 
mit dem Wirklichen, wenn es auch »bona fide« geschehen ist, 
hat man beim Schreiben der Geschichte unserer Kirche, und zwar 
nicht zu ihrem Frommen, vielfach gesündigt. Wir möchten aber 
dem traurigen Streite in der Teschener Gemeinde später einmal 
eine eingehendere Schilderung widmen. Hier wollen wir nur sagen, 
daß sich die Gespanntheit zwischen Bartelmus und den Kirchen- 
vorstehern bis fast in das Toleranzjahr hinein mit Sicherheit ver- 
folgen läßt, und daß sich ihr ohnehin nicht mehr freundschaftliches 
Verhältnis in der Tat durch die amtliche Stellung des Bartelmus 
als Superintendenten bedeutend verschärft hat.^) Und von dem 



Biermann, »Geschichte der evangelischen Kirche Österreichisch- 
Schlesiens«, 1859, S. 100. 

2) Biermann. 

3) Im allgemeinen hat hier Biermann richtig gesehen. Vgl. 1, c. 



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— 320 — 

Höhepunkte des Streites^) — es handelte sich darum, wer die 
Aufsicht über die Teschener Schule auszuüben hätte — fällt grelles 
Licht in den unerquicklichen Zwiespalt zwischen dem alten und 
verdienstvollen Bartel mus und den ständischen Teschener Kirchen- 
vorstehern. Wir meinen damit ein Schriftstück, welches die letzteren 
im Jahre 1801 2) ausgestellt und »zur Urkund mit eigenhändiger 
Unterschrift und beydrückung der angestammten Petschaften cor- 
roboriret« haben. Der Darstellung des Teschener Streites wird die 
Aufgabe zufallen, jenes Schriftstück in den Gang der Ereignisse 
einzustellen und dessen Wortlaut aufzunehmen. Hier möge nur 
bemerkt werden, daß das Schriftstück, welches ein ausführliches 
Sündenregister des Superintendenten enthält, von einer Gereiztheit 
und feindseligen Stimmung der Kirchenvorsteher gegen ihren ersten 
Prediger Zeugnis gibt, die man kaum für möglich gehalten hätte 
und aus welcher man deutlich erkennt, wie weit die Sachen in 
Teschen gediehen sein mußten. Wenn aber die Kirchenvorsteher 
in jenem Schriftstücke versichern, daß sie nicht »die mindeste 
vielleicht ungegründete Feindseligkeit oder Partheilichkeit zum 
Grunde legen«, so wird derjenige, welcher den ganzen Verlauf 
des Streites kennt, diese Worte mit Beachtung des im »cum grano 
salis« enthaltenen Rates hinnehmen und sich lebhaft an das 
Biblische erinnern : »Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott 
recht ist« ; und »wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und 
eitel böses Ding«. 

Auf Grund des Gesagten wird man sich nicht wundern, wenn 
die Teschener Kirchenvorsteher dem neuernannten Superintendenten 
alsbald ihr »Wohlwollen« zu erkennen gaben. Allerdings waren 
die finanziellen Verhältnisse der Teschener Gemeinde, wie schon 
angedeutet worden, in arger Zerrüttung. Dies war die Folge der 
Selbständigkeitsbestrebungen der anderen schlesischen Gemeinden, 
die ganz besonders Bartelmus, jedoch ohne durchschlagenden 
Erfolg, zu verhindern suchte.^) Damals hat das Kirchen vorsteher- 
Kollegium an das gesamte »Ministerium« ein Schreiben gerichtet, 
das aber Bartelmus »vorzüglich betraf«. Wir kennen die Antwort 
des letzteren,^) von welcher ein Rückschluß auf jenes Schreiben 



Die Jahre 1796 u. f. 

2) 23. Mai. Das Schriftstück im Teschener Pfarrarchive. 

3) Siehe darüber Bi ermann, 1. c. S. 91 u. f. 

^) Vom 18. September 1784. (Teschener Pfarrarchiv.) 



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- 321 - 

des Kirchenvorsteher-KoUegiums erlaubt und möglich ist. Das 
Schreiben machte auf Bartelmus »einen sehr niederschlagenden 
Eindruck«. »Ich muß,« so schreibt er, »in den Verdacht einer 
sehr großen Unachtsamkeit in Absicht auf mein Pastoral-Amt bei 
der Gnaden-Kirche gerathen sein, weil Ein Wohllöbl. Vorsteher- 
Collegium besorgt zu haben scheint, ich würde als Superintendent 
mein Amt ganz verabsäumt und bey nothwendiger Abwesenheit 
von Teschen an keine Vertretung gedacht haben, wenn ich nicht 
dazu durch eine eigene Weisung und Vorschrift wäre angehalten 
worden.« Er belehrt die Kirchenvorsteher, daß auf sein Einschreiten 
hin die Angelegenheit sogar durch eine Gubernialweisung^) geregelt 
sei, nach welcher es sich von selbst versteht, daß in Abwesenheit 
des Superintendenten, der zugleich Pastor der Gnadenkirche ist, 
die Besorgung des letzteren Amtes jemand anderem zu übertragen 
sei ; die »Einleitung« dazu soll gänzlich dem Superintendenten über- 
lassen werden. Und so hätte er auch im Falle seiner Abwesenheit 
aus Teschen für eine »Circular- Vertretung« gesorgt und das 
Kirchenvorsteher- Kollegium davon rechtzeitig verständigt. Aber 
dasselbe scheint ihn nicht nur im Verdachte »einer tadelnswürdigen 
Nachlässigkeit«, sondern auch »einer ebenso wenig rühmlichen 
Eigennützigkeit« zu haben. Wie sollte man es sich sonst erklären, 
daß es dem Kirchenvorsteher-Kollegium nötig erschien, dem Super- 
intendenten sowohl die Bezahlung der Gelegenheit für den »cir- 
culirenden Pastor«, als auch dessen Verköstigung ausdrücklich, 
aufzutragen? Man fühlt die Erbitterung nach, welche diese Worte 
im Herzen des Superintendenten verursacht haben, wenn man 
seine darauf sich beziehenden Worte liest : »Die erste Art der Ver- 
gütung ist nun wohl meines Wissens nach der evangelischen 
Kirchenordnung dem Superintendenten nirgends zur Schuldigkeit 
auferlegt; gesetzt aber, sie wäre je zur Frage gekommen, so würde 
ich doch nie dergleiche Ausgabe, weder unserem Kirchen-Aerario, 
noch einem hiesigen Herrn Amtsbruder zugemuthet haben. Die 
letztere Höflichkeits-Bezeugung hingegen habe ich bishero bey 
aller Gelegenheit, und zwar ohne alle Absicht eines Gegendienstes, 
aus Freundschaft gegen die Herrn Land-Pastores beobachtet, und 
würde mich ihrer bey wirklicher Vertretung, auch ohne alle 
Erinnerung, um so weniger entzogen haben.« Den anderen Umstand, 
welcher den Superintendenten in Harnisch brachte, drückt er mit 

Vom 26. Juli 1784. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 21 



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- 322 - 

den Worten aus: »es habe das Ansehen, als ob die ihm als Super- 
intendenten ausgeworfene Zulage^) das Opfer zur Vergütung des 
Verlustes werden sollte, den das Teschener Ministerium durch die 
große Zergliederung der ehemals vereinigten Gemeinde in seinem 
Einkommen erlitten habe und noch täglich erleide.« Gegen die 
Zumutung, »daß der Superintendent den Pastor unterstützen soll«, 
hat sich Bartelmus energisch zur Wehr gesetzt. Er weist darauf 
hin, wie unbillig das Verlangen sei, er, der die dreifache Arbeit 
zu leisten habe, solle auf einen Teil seines Pastorengehaltes ver- 
zichten. Soll er, da mit dem neuen Amte nicht nur die Arbeit, 
sondern auch die Auslagen sich vermehren werden (er wird wohl 
der vielen Schreibereien wegen einen eigenen Amanuensis auf- 
nehmen und völlig unterhalten müssen), in die äußerste Verlegen- 
heit oder gar in namhafte Schulden geraten? Und dann ist es 
möglich und gar nicht unwahrscheinlich, daß er, der ja durch 
viele Arbeit und langwierige Krankheit vor der Zeit alt und zum 
Tode reif geworden ist (er ist bereits zweimal nacheinander ohne 
alle menschliche Hoffnung am Rande des Grabes gestanden), seine 
neue, ihm vorgezeichnete Laufbahn schon im ersten Jahre vollende. 
Vor dem Ablaufe eines Jahres habe er aber, da seine Zulage aus 
dem Taxfond auszuzahlen sei, keine Vergütung seiner anticipando 
zu machenden Auslagen zu gewärtigen. Welche Aussicht bliebe 
dann seiner Familie übrig? 2) Billig habe er gegen seine Amts- 
brüder immer gedacht, und der Erfolg würde ihn in diesem Stücke 
gerechtfertigt haben, wenn er nur das Vermögen dazu besessen 
hätte. Daran habe es ihm aber gemangelt und mangle noch immer. 

Dem Superintendenten Bartelmus ist durch das Hofdekret vom 
22. Juli 1784 ein Gehalt von fl. 600 aus dem »Tax-Fondo« bewilligt worden. 
Sollte der Tax-Fondus nicht hinreichen, dann sollte das Ärarium das Fehlende 
ersetzen. Von den fl. 600 bezog Bartelmus fl. 400 als Superintendent, 
fl. 200 als Konsistorialbeisitzer. (Brünner Statthaltereiarchiv.) 

2) Aus einer Eingabe des Bartelmus vom 6. Juli 1785 geht hervor, 
daß er damals seinen Superintendentengehalt für die Zeit vom 2. August 
1784 bis 2. Februar 1785 bereits erhalten hat. (Brünner Statthaltereiarchiv.) 
Übrigens war Barte Imus damals daran, seines Superintendentengehaltes 
verlustig zu werden. So wurde ihm vom Konsistorialsekretär v. Karwinsky 
gemeldet. Zu seinen Gunsten entschied das günstige Gutachten des Brünner 
Guberniums, das im Zeitpunkte des Streites (wohl des in Teschen geführten) 
einlief. Über die lässige Auszahlung des Superintendenten-Adjutums klagte 
Bartelmus oft (Briefe der Toleranzpastoren, ganz besonders der Brief des 
Bartelmus an Riecke vom 15. September 1785). 



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- 323 - 

Er könne nicht denken, daß ihm seine Amtsbrüder jene bei An- 
fang der Superintendentur auf sein Ansuchen freundschaftlich über- 
nommene Vertretung in den Wochenarbeiten nun zur Vergütung 
anrechnen und nicht erwägen sollten, daß er weder für seine Be- 
quemlichkeit noch für seinen Vorteil, sondern ohne alle Belohnung 
für die Teschener Kirche und Gemeinde, ja zum Teile für das 
ganze protestantische Kirchenwesen in den k. k. Staaten, und das 
größtenteils auf allerhöchsten Befehl, gearbeitet habe. So wenig er 
dergleichen seinen Amtsbrüdern zumuten wolle, so wenig sei es 
ihm vor der Hand möglich, auf Rechnung der Superintendentur 
ein Namhaftes von seinen Pastoral-Accidentien bar fahren zu 
lassen. Er schließt sein ausführliches Schreiben mit den bezeichnen- 
den, unmittelbar »ad homines« gerichteten Worten: »Sehr tröstlich 
w^ürde es endlich für mich gewesen seyn, wenn ich so glücklich 
hätte seyn können, zu bemerken, daß Ein Wohllöbl. Vorsteher 
Collegium theils auf meine mit möglichster Anstrengung durch 
24 Jahre geführte Amtsverwaltung, theils auf meine am Vermögen 
und Gesundheit erlittener schwerer Unglücksfälle, dann aber auch 
auf meine der hiesigen Kirche und Gemeinde ohne alle Belohnung 
und ohne aus diesem Grunde gemachten Anspruch, doch aber 
immer gewißenhaft geleistete Nebendienste, gnädige Rücksicht 
genommen habe. Doch, es war immer mein Grundsatz, soll es 
mit Gottes Hülfe auch bleiben, und allenfalls mein Leichen Text 
seyn : Wann ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so 
sprechet: wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir 
zu thun schuldig waren.« 

Daß diese eindringlichen Worte des Superintendenten bei 
den Kirchenvorstehern auf keinen fruchtbaren Boden gefallen sind, 
sollte er, wie schon bemerkt, während des Schreitens auf seiner 
»neuen Laufbahn« des öfteren erfahren. 

Leider war auch die erste Amtsfunktion, welche der neue 
Superintendent zu vollziehen hatte, nicht darnach angetan, um ihn 
in eine gehobene Stimmung zu bringen. Es handelte sich um die 
Amtsentsetzung des Pastors aus Nieder-Bludowitz in Schlesien. 
Sie war die Folge eines schweren Verbrechens, dessen der Genannte 
überwiesen wurde. Im Auftrage des Teschener Konsistoriums mußte 
Bartelmus in seiner Eigenschaft als Superintendent in der 
Sitzung desselben am 1. April 1784 die Amtsentsetzung des un- 
glücklichen Mannes vornehmen. Bei dieser Gelegenheit hielt 

21* 



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— 324 — 

Bartelmus eine Rede, die in mancher Hinsicht, nicht an letzter 
Stelle in liturgischer, bemerkenswert ist. Wir haben das Original, 
d. h. die von Bartelmus selbst niedergeschriebene Rede, im 
Superintendentialarchiv zu Preßburg gefunden. 

Es dürfte jedoch kaum in den Rahmen einer Festschrift 
passen, sich über diesen bedauerlichen Vorfall zu verbreiten. Wir 
wollen die ungemein interessante und für die Zeit, in welcher sie 
gehalten worden ist, höchst bezeichnende Rede des Superintendenten 
für eine spätere Veröffentlichung aufsparen. 

Hier wollen wir uns zu etwas erfreulicherem wenden. 

IV. 

Barte Im US hat es wahrlich mit den Pflichten des, wie er 
einmal sagt, »arduum negotium superintendentiale«^) nicht leicht 
genommen. Man braucht nur die beiden Briefe an Riecke, auf 
die wir oben hingewiesen haben, 2) zu lesen und man wird sofort 
diesen Eindruck empfangen. Man könnte aus seiner übrigen uns 
bekannten Korrespondenz noch manchen anderen Beleg zu dieser 
Behauptung beibringen. Wenn jemand, so hat Bartelmus den 
ganzen Ernst der Situation durchschaut und darüber nachgedacht, 
wie er am besten sein Amt für die ihm anvertrauten Gemeinden 
fruchtbar machen könnte. Und er hat ganz richtig gesehen, daß 
er sich vor allem eine genaue Kenntnis seines Sprengeis 
zu verschaffen bestreben müsse, wenn er überhaupt mit Nutzen 
und Segen sein oberhirtliches Amt verrichten wolle. Ȇber dieses 
sind mir,« so schreibt er an Riecke,^) »außer unseren schlesischen 
alle in Mähren und Gallicien bestehenden Gemeinden, sowie die 
dabey angestellte Pastores zur Zeit unbekannt und ich finde mich 
bemüssigt. Ein Hochlöbl. k. k. Landes-Gubernium um deren legale 
Bekanntmachung unterthänigst anzugehen. Wenn ich erst ihre 
Anzahl und die Örter ihrer Existenz wissen, zugleich aber auch 
in Ansehung meiner hiesigen Verbündungen ein Mittel werde 
treffen können, so wird wohl vor allen Dingen eine Local- 
Visitation nöthig seyn, die mir zugleich die erforderliche Personal- 
Kenntniß meiner Herrn Amtsbrüder verschaffen wird; denn es 
scheint mir unmöglich, ohne diese gedoppelte Kenntniß irgend 

^) In seinem Hirtenbriefe vom 28. Mai 1784. Von diesem später. 

2) »Jahrbuch« XXII, S. 216ff. 

3) Den 4. April 1784, l. c. 



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-• 325 - 

etwas von dem, was mir Allergnädigst aufgetragen worden, mit 
Grund und Ordnung anfangen zu können.« Damit ging Bartelmus 
daran, einen Gedanken zu verwirklichen, welcher ganz im Sinne 
des protestantischen Kirchenrechtes bereits seine Stelle im »Ohn- 
maßgeblichen Entwurf« zu einer Konsistorial-Instruktion und später 
in derselben selbst gefunden hat. Ist ja seit der Zeit der Reformation 
die kirchliche Visitation zu einem bleibenden Requisit der evange- 
lischen Kirchenordnungen bis in die neueste Zeit hinein geblieben. 
Allerdings trat nach eingeführter Reformation wiederum ihre 
ursprüngliche Bedeutung in den Vordergrund: die des Mittels, 
mit welchem die Aufsicht über die organisierte Kirche ausgeübt 
wird. Damit ist gesagt, daß die Visitation in den Dienst der 
kirchlichen Verwaltung gestellt wurde. Und es liegt auf der Hand, 
daß sie jenen Organen zur Pflicht gemacht werden mußte, welche 
die kirchliche Aufsicht zu besorgen hatten. Das waren nach 
lutherischen kirchenrechtlichen Anschauungen die den Konsistorien 
untergeordneten, ihre Befugnisse vom Inhaber der Kirchengewalt 
ableitenden evangelischen Superintendenten. So waren sie grund- 
sätzlich verbunden, das »Besuchamt« zu verwalten. 

In diesem Sinne spricht auch der »Ohnmaßgebliche Entwurf« 
und die auf ihm beruhende Konsistorial-Instruktion von der 
Inspektion der Gemeinden. Sie geben an unter den Mitteln 
dieser lnspektion^) die »visitationes nomine Consistorii in Kirchen, 
Bethäußern und Schulen«. Diese »visitationes« gehören zu den 
Aufgaben des Superintendenten. Der visitierende Superintendent 
soll »Dinge von minderer Erheblichkeit mit Einwilligung der 
Partheyen in Gütte beyzulegen suchen, Sachen aber von Wichtig- 
keit, so wie alles, was den statum publicum religionis exercitii 
betrifft, ad referendum nehmen und so wie von den beygelegten 
Sachen an das Consistorium Bericht erstatten und vorlegen ; jedoch 
weder aus Liebe noch aus Haß darinnen etwas wider die Wahr- 
heit einfließen lassen, sondern nach seiner Pflicht und Gewißen 
das, was er befunden, treulich anzeugen.« Es mag noch bemerkt 
werden, daß schon der »Ohnmaßgebliche Entwurf« eine förmliche 
Visitationsordnung enthielt, welche ebenfalls mutatis mutandis 
in die Konsistorial-Instruktion aufgenommen wurde. 

Kehren wir jedoch zu Bartelmus zurück. Wie wir gesehen 
haben, war sein Sinn gleich bei seinem Amtsantritte auf die Vor- 

^) Ohnmaßgeblicher Entwurf, Art. VI. 



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- 326 - 

nähme einer Visitation seines Sprengeis gerichtet ; und er säumte 
auch nicht, die nötigen Schritte in dieser Richtung zu tun. Schon 
am 14. April 1784 richtete er eine Eingabe an das Gubernium in 
Brunn, ^) in welcher er zunächst für seine Ernennung zum Super- 
intendenten den allertiefsten Dank und zugleich auch den Wunsch 
ausspricht, »nichts mehr, als im Stande zu seyn, dieses Aller- 
gnädigsten Zutrauens seines Monarchen durch unverrückte Amts- 
Treue und den wärmsten Diensteifer nach dem geringen Maße 
seiner Kräfte und Fähigkeiten sich würdig zu machen; in welcher 
Absicht er es an seiner möglichsten Bestrebung nie will ermangeln 
lassen«. Es seien ihm aber bei Überdenkung des für seine Arbeit 
zu machenden Planes gewisse »Punkte und Anstände« aufgestoßen, 
hinsichtlich welcher er um Weisung bittet. 2) 

Uns interessiert nur folgendes aus der Eingabe. 

Gleich im ersten Punkte heißt es: »Da die in Mähren und 
Gallicien bestehenden Gemeinden Augsb. Bek. bisher außer aller 
Verbindung mit dem hiesigen (Teschener) Konsistorium gleichen 
Bekenntnisses gewesen, und folglich weder deren eigentliche An- 
zahl und Orts-Existenz, noch ihre Legalität nach den Allerhöchsten 
Toleranz-Gesetzen so wenig als die Nahmen der dabei angestellten 
Pastoren dem Konsistorium und ihme unterzeichneten Super- 
intendenten verläßlich bekandt geworden sind: so geruhe Ein 
Hochlöbl. Landes-Gubernium die hohe Verfügung zu treffen, daß ein 
authentisches Verzeichniß aller in Mähren, Schlesien und Gallicien 
legaliter existierenden Gemeinden Augsb. Bek. nach ihren Ort- 
schaften und Bethäusern, nebst den Nahmen der dabey angestellten 
Pastoren ihm zu Händen kommen möge.« 

Der zweite Punkt lautete : »Weil die dem unterzeichneten 
Allergnädigst aufgetragene Aufsicht über die sämmtlichen Augs- 
burgischen Konfessionsverwandten Gemeinden in Mähren, Schlesien 
und Gallicien eine genaue Kenntniß der Gemeinden selbst nach 

^) Vorhanden im Statthaltereiarchive in Brunn. 

2) Am Schlüsse der Eingabe erbittet sich Bartelmus die Erlaubnis, 
in allen ihm bei seiner Amtsführung »vorstoßenden Anständen« Anfragen 
tun und um Gubernialbelehrung ansuchen zu dürfen, »weil das ihm auf- 
getragene Geschäft der Aufsicht . . . noch ganz neu, für die gegenwärtige 
und künftige Zeit sehr wichtig und für den Staat selbst von den erheblichsten 
Folgen ist ; auch dessen regelmäßige und feste Einrichtung nicht anders als 
unter hoher Weisung des Hochlöbl. Landes-Gubernii zu Stande gebracht 
werden kann«. 



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- 327 - 

ihrer inneren und äußern Lage und Verfassung, auch nicht minder 
eine zuverlässige Personal-Kenntniß der dabey angestellten Pastoren 
zum Grunde setzen ; und gemäß Einer Allerhöchsten Entschließung 
vom 6. Nov. vorigen Jahres ■•) bey etwa 10 akatholischen Gemeinden 
immer ein Senior angestellet werden soll, dem zufolge unter- 
zeichneter den hohen Gubernial-Auftrag hat, diese mit der Be- 
merkung, wie viele? und welche Gemeinden einem jeden Senior 
zugetheilet werden könnten? Einem Hochlöblichen Landes-Gubernio 
zur Bestättigung vorzuschlagen; 2) so scheint vor allen Dingen 
eine vorzunehmende Bereisung und genaue Visitation aller dieser 
in Mähren, Schlesien und Gallicien bestehenden Gemeinden von 
unvermeidlicher Nothwendigkeit zu seyn, damit nach erlangter 
Kenntniß von ihrer wirklichen Verfaßung die nöthige Einrichtung 
gemacht, nach Befund ihrer Local-Lage deren Eintheilung in 
Seniorats-Districte entworfen und nach geschöpfter Personal- 
Bekandtschaft mit denen Pastoren die Auswahl der zu Senioren 
tüchtig befundenen Subjecte getroffen, sodann aber über eines und 
das andere die hohe Gubernial-Bestättigung gehorsamst angesuchet 
und eingeholet werden könne.« 

Man sieht aus diesen Worten, daß Bartelmus mit der 
beabsichtigten Visitation in erster Reihe den ganz bestimmten 
Zweck verfolgte: die Organisation seiner Diözese nach der kirchen- 
regimentlichen Seite hin zu vervollständigen, darin nicht unähnlich 
den Visitatoren in der Zeit der Reformation. Nun wußte Bartelmus, 
daß, wenn es zu einer solchen Visitation kommen sollte, er im Orte 
seines »Pastoral-Officii« vertreten werden müsse; daß die Visitation 
mit Reisekosten verbunden sein und die Führung eines ordent- 
lichen Protokolles über den durch die Visitation an den Tag 
geförderten wirklichen Befund einen Amanuensis erheischen werde, 
ohne dessen Beihilfe er »dieses weitläufige Geschäfte« zu besorgen 
und auszuführen nicht imstande wäre. So erbittet er sich auch 
hinsichtlich dieser Dinge Belehrung und Weisung. Die Erledigung 
der Eingabe ließ einige Zeit auf sich warten ; eine große Geduld- 
probe für den vor Eifer brennenden Superintendenten. Er beklagt 
sich in seinen Briefen öfter darüber, daß man ihn so lange un- 



Vgl. früher S. 311. 

2) Diesen Auftrag mag Bartelmus durch dasselbe Gubernialdekret, 
durch welches ihm seine Ernennung mitgeteilt worden ist, erhalten haben. 
Dasselbe ist vom 8. März 1784. 



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- 328 - 

belehrt läßt und ihn nicht »zu irgend etwas« anweist. Und es 
wäre doch so dringend notwendig! »Eben diese Local-Untersuchung, 
die bey der großen Verwirrung der Gemeinden um so nothwendiger 
ist, soll mir,« so schreibt er,^) »erst den Weg zur Einführung der 
Ordnung bahnen und mir zeigen, was nach der mündlichen Lage 
unseres Kirchenwesens am ersten und am nothwendigsten zu thun 
sey. Ich tappe bisher im Finstern und muß bloßen mündlichen 
oder auch schriftlichen Gerüchten glauben, oder vielmehr, da ich 
noch nie beyde Theile habe hören, auch durch keinen Augenschein 
mich selbst von Wahrheit oder Unwahrheit überzeugen können, 
über alles, was ich höre, mein Urteil aufschieben.« 

Er legte aber die Hände nicht in den Schoß. Konnte er nicht 
reisen, so schrieb er. Schon am 28. Mai 1784 erließ er an die 
lutherischen Pastoren Mährens seine »epistola circularis«,^) welche 
ihm, wie er sagt, teils die zugekommenen Gratulationen, teils die 
ihm überbrachten Klagen abgenötigt haben. In diesem ersten, für 
die kirchlichen Verhältnisse in Mähren so bedeutsamen Hirten- 
briefe eines Superintendenten aus der Toleranzzeit bittet und ermahnt 
er zuletzt: »Ut quilibet Vestrum aliqualem gravaminum ad se 
spectantium connotationem elaboret statumque coetus sui et inter- 
num et externum, quoad fieri potest, accuratissime et fidelissime 
describat ; hac enim descriptione tanquam introductione utendum 
mihi erit, si quando visitationis ergo in Moraviam 
V e n e r 0.« 

Einstweilen hat aber die von Bartelmus durch die früher 
besprochene Eingabe betriebene Angelegenheit in Brunn nicht 
geruht. Das Gubernium beschäftigte sich mit ihr zum erstenmale 
den 10. Mai 1784.^) Man beschloß, dem Gesuche des Super- 
intendenten um Zusammenstellung der bestehenden evangelischen 
Gemeinden in Mähren und Schlesien zu willfahren. Hinsichtlich 
der Gemeinden in Galizien sollte er sich an das Gubernium in 
Lemberg wenden. So ist denn vom Gubernium aus an die 
k. k. vereinigte Kameral- und Bankal-Buchhalterei in Brunn die 
Weisung ergangen, »alle der Zeit in Mähren und Schlesien 
bestehende Gemeinden Augs. Bek., ihre Bethäuser und wo sich 
dieselben befinden, dann die hiebey angestellte Pastoren mit ihren 

1) 8. Juli 1784 an Riecke. »Jahrbuch« XXII, S. 218 ff. 

2) »Jahrbuch« VI, S. 91 ff. 

3) Brünner Statthaltereiarchiv. 



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- 329 - 

Namen mittels eines in duplo abzufassenden Verzeichnisses förder- 
samst anher anzuzeigen«. Aber erst den 5. Juni 1784 konnte ein 
Verzeichnis fertiggestellt werden. Als Grund der Verzögerung wird 
angegeben, daß dasselbe nicht leicht zu beschaffen gewesen sei, 
»weil weder die eingegangenen Kreisämtlichen Protokolle über die 
damals hiergeweste geistliche Kommissionen, woraus die Anzahl 
def akatholischen Gemeinden beiderlei Bekenntnisses ersichtlich 
wäre, noch die von Zeit zu Zeit errichteten Bethäuser und ihre 
Lokalität, dann die hiebei angestellten Pastoren zur Wissenschaft 
und ordentlichen Vermercke der Buchhalterey gelangt wären, 
sondern nur die V2Jä^^^^^" Kreisämtlichen Angaben über den 
Zuwachs oder Abfall der einzelnen akathol. Individuen ; daraus 
ersehe man nur die Zahl der Seelen der Akatholiken, sonst aber 
nichts. Um dem Auftrag nachzukommen, erbat man sich die 
voluminösen Akten aus der hierortigen Registratur, aus welchen 
das Verzeichnis zusammengestellt worden ist«. "•) Ba.rtelmus 
erhielt das Verzeichnis durch das Konsistorium mit der Weisung, 
betreffs Galiziens sich nach Lemberg zu wenden und hinsichtlich 
der anderen Punkte seiner Eingabe die Entschließung abzuwarten. 
In dem Ver^jchnisse, welches wir beischließen, haben wir 
einen Schematismus der evangelischen Kirche A. B. in Mähren 
und Schlesien aus der ersten Zeit der Toleranzkirche. Derselbe 
gehört ohne Zweifel zu den interessantesten Aktenstücken aus 
der Toleranzzeit. Gibt es ja vielfach Aufschluß über die Anzahl 
und sonstigen Verhältnisse der mährischen und schlesischen 
Toleranzgemeinden. Von besonderem Interesse dürfte die letzte, 
mit »Anmerkung« überschriebene Rubrik sein. Zu bedauern ist, 
daß die Seelenzahl der Evangelischen A. B. in den einzelnen Ort- 
schaften nicht überall angegeben ist. Wie hätte dadurch das Ver- 
zeichnis an Wichtigkeit gewonnen! Wir bemerken noch, daß sich 
Bartelmus später den Schematismus auf eine bequemere Weise 
verschafft zu haben scheint. In einem Briefe an Riecke^) bittet 
er denselben, »beygeschlossenes Billet an den Gubernialthürsteher 
Kaubek nebst dahin gehörigen 1 fl. unter seinem (Rieckes) Couvert 
zustellen zu lassen. Dies sei eine gedoppelte Schuld für den vor- 
jährigen und heurigen Schematismus, die er vom Thürsteher 
erhalten hätte«. Nun möge der aus dem Jahre 1784 folgen: 

^) Brünner Statthaltereiarchiv. 

2) Vom 8. März 1791. (Sammlung von Briefen der Toleranzpastoren.) 



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- 330 - 

Verzeichniß 

deren im Markgraf th um Mähren und Antheil Schlesien bestehenden 
akatholischen Gemeinden, Bethäusern und hiebey angestellten von Seite 
der hohen Landesstelie bestättigten Pastoren Augsburgischen Bekennt- 
nisses. 



Name der 



(U 



I Gemeinden 
I Augsburgischen 
1 Confession 



Herrschaften oder 
Güter, zu welchen 
dieselben gehören 



j Ortschaften, 
I wo ein 

I derley Bethaus 
I besteht 



Namen der , 
hiebey angestell- } 
ten Pastoren 



Anmerkung 



Meywald 
Herzogwald j 
Neuwaltersdorf 
Kaudenberg ' 
Krissdorf 



Herrschaft 
Karisberg 



Stadt ; ^ Herrschaft 

Bosskowitz j Bosskowitz 



Straniek 

Stadt Bystrzitz 

Rottal owitz 

Brussey 
Chvaiczow 
Prusinowitz 

Lischna 



) 



Altitschein 



Bystrzitz 



Prusinowitz 



Drzewohostitz I Drzewohostitz 

,1 

Tuczapy 
Chomisch 

Giopy 

Hosstiney l Holleschau 

Janikowitz 

Dobrotitz 

Hlinsko 



Reinochowitz 

Altendorf 

Brzest 

Niemschitz 

Nowosad 

Kunewald 

Zauchtl 



Keltsch 



Kremsier 



\ Kunewald 

I 



Rottalowitz 



Prusinowitz 



Hier ist anzumerken, 
daß bey jener Stadt 
nur einige in 17 In- 
dividuen bestehende 
Familien dem augs- 
burgischen Bekennt- 
nisse zugethan sind. 



AnderasLehotzky 



Jobann Lanro 



in Zaachtl 



\ IstdemPrusinowitzer 
I Bethhaus zugethellt. 



Diese Gemeinden 
sind gleichfalls dem 
Prusinowitzer Beth- 
haus einverleibt. 



I Ist zur Vereinigung 
> mitdemHostialkower 



angetragen worden. 



Georg Richter 



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- 331 



Name der 1 


Herrschaften oder 

Güter, zu welchen 

dieselben gehören 


Ortschaften, 

wo ein 

derley Bethaus 

besteht 


Namen der j 
hiebey angestell- 
ten Pastoren 




c 


Gemeinden 

Augsburgischen 

Confession 


Anmerkung 




Strzitesch 














Grosslhotta 




in Grosslhotta 


1 Ferdinand Szele- 
\ czeny 






1 
Krziwin 




— 








Grossbistrzitz 




— 


— 






Kleinlhotta 
Brinow 
Witsche 


Meseritsch 
Allodium 


— 


— 






Unterbetschwa ' 




— 


— 






Hasowitz 




— 


— 






Tillowitz 




— 


— 






Sollanuty 
Hutisko 




— 


I 






Zaschau 




— 


— 




Um 


Oznitza 


1 Lehen 


— 


— 




Z3 


Jarzowa 


J Meseritsch 


— 


— 




Um 


Hozendorf 
Murk 


[ Neutitschein 


in Hozendorf 


JohannMiclialet2 




Um 


Wernsdorf 




— 


— 






Stadt Strambergji 
Seitendorf 


' Neutitschein 


— 


— 






Blaunendorf 




— 


— 






Seelen 




— 








Lauczka 
Podolij ! 
Lasse 


1 Lehen Lauczka 
( und Podoly 


— 




l Sind dem Wallach- 
> Meseritscher zuge- 
1 theilt. 




Kurowitz 


Kurowitz 


— 


— 






Martiniz Ü 


Martinitz 


— 


— 






VsetuI 


Rimnitz 


— 


— 






Ratzlawitz ' 
Suschitz ' 


j Trschitz, 
OlImützerDom- 


— 


— 


1 Sind zu dem Prusino- 
r witzer Bethhaus ein- 




Patzetluch 


1 kapitel 


— 


— 


) getheilt. 




Podoly 


Bey Leipnik 


— 


— , 


\ Ebenfalls zu dem 
1 Prusinowitzer. 


Um 


Markt Tasau , 
Zhorz 


Budischau 


— 


i 
i 

~ 1 


Zu Tasau sind nur 

l 3 und in Zhorz 1 Fa- 

1 miliedemAugsb.Bek. 

zugethan. 


c 

Um 


i 
Swratkau 
Kadau | 
Stadt Neustadtl 


i Neustadtl 


— 


„ 


Bey jeder dieser drey 
Gemeinden sind nur 
einige Familien der 
Augsburgischen, der 
übrige größtentheils 
aber der helvetischen 
' Confession ergeben. 



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332 - 



Name der 


Herrschaften oder 
Güter, zu welchen 


Ortschaften, 


Namen der 




S 1 Gemeinden 


wo ein 

derley Bethaus 

besteht 


hiebey angestell- 1 


Anmerkung 


•5 Augsburgischen 
^ 1 Confession 


dieselben gehören 


ten Pastoren 




l{ 


Vor Stadt Brünn 


Könlgl. 
Stadt Brünn 


an der Brfliier 
SUdt Haaere 


1 

(Wiktor Heinrich 
.1 Rike 




CQ l 










Hier kann man nicht 




Byskaupka 


l Kromau 


— 


— 


unbemerkt lassen , 


Um 


Hrubtschitz 


1 





— 


dass bey Gestryaby 


*5" 


Gestryaby 


\ Namiest 


— 


— 


. zwar 5, bey jeder der 
übrigen 4 Gemeinden 


c 


Grossbitesch 


1 


— 


— 


nur 1 Familie sich 




Missliborzitz 


Misliborzitz 


— 


— 


zur Augsburgischen 
Lehre bekennt haben. 




Wolfierz 




— 


— 






Markwarez 




— 


— 


Bei der Gemeinde 




Radlitz 




— 


— 


Tussing und Woll- 




Tussing 




— 


— 


schang ist nur Eine 
Familie dem dies- 




Walterchlag 




— 


— 


fälligen Bekenntnisse 




Ober-Niemschitz 










zugethan. 




Wollschan 


Datschütz 












Marschau 




— 


— 


Alle jene Gemeinden 
sind in dem Gross 




Lypnik 




— 


— 


Lhoter Bethhause 




Hermanitz 




— 


— 


Teltscher Herrschaft 
einverleibt. 




Hostes 




— 


— 






Kleinjenikau 




— 


— 






Stadt Gross- 




— 


— 






Meseritsch 




— 


— 






Wottin 




— 


— 




u. 


Uhrzinau 







__ 


Die Stadt, dann das 


3 


Oberherzmanitz 


Gross- 


— 


— 


Dorf Przeczkau, Zhor- 
zetz und Raczlawitz 


eö 


Unter- 


— 


— 


zählt nur Qberall eine 


bO 


herzmanitz 


Meseritsch 






Familie, welche der 


•— 


■ a ^^ A M^ 111 V% * « A h&4 








Augsburgischen 




Przeczkau 




— 


— 


Lehre beigetreten. 




Zhorzetz 




— 


— 






Raczlawitz 




— 


— 






Wolschy 




— 


— 






Brandlin 


Kirchwiedem 


— 


— 


\ Zu dem Gross Lhotter 
f einverleibt. 




Saatz 




— 


— 






i 
Gross-Lhotta 




Gross-Lhota 


f Daniel (?) 
i Wanieczek 






\ Mitlerwiedem ; 














Hinterwiedem 


Teltsch 


— 


— 






Czernitz 




— 


— 






Neudorf 




— 


- 






Borowna j 




— 








Wolschij 1 




■ — 


— 





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- 333 - 



Name der 


Herrschaften oder 
Güter, zu welchen 
dieselben gehören 


Ortschaften, 

wo ein 

derley Bethaus 

besteht 


Namen der 
hiebey angestell- 
ten Pastoren 

1 
1 




c 

Vi 


Gemeinden 

Augsburgischen 

Confession 


Anmeri<ung 




Ober-Dubenky 

Gyhiawka 

Willimetsch 




Ober-Dubenky 


Andreas Lazanyi 






Herrn Dubenky 
Domaschin 




— 


— 






Swietla 
Sumrakau 


Teltsch 


— 


— 






Oberfeld 














Skrejchau 
Katzau 


• 


— 


— 






Kleinmisslau 












^m 


Studein 







1 




3 


Bullikau 






1 




etf- 


Ob.-Willimonitz 




— 


— 




bO 


Budikowitz 




— 


— 






Neudorf 
Wiestonowitz 

Benetitzt 
Radoschow | 
Trnawa 


Trebitsch 


— 


1 


Bei der Gemeinde 
Neudorf und Trnawa 
ist nur eine Augs- 
burgisch al<l<atho- 
lische Familie an- 
gegeben worden. 




Chlum 1 




— 


1 






Smrcznij 
Swatoslaw 
Waldikow 

Strzizow 




— 


— 


Jede dieser 4 Ge- 
meinden zählt nur 
eine akkatholische 
Familie Augsburgi- 
schen Bekenntnisses. 




Rötschitz ' 
Halluzitz 
Pollanka 


Rötschitz 


— 


— 






Bohusslawitz 


Brumow 


— 


— 






Stadt Brumow 


Illieshazisch 


— 


— 






Leskowes 




— 


— 




V. 


Luczna 




— 


— 




J= 


Wrbietitz 


Walderfisch 


— 


— 






Hostialkow 


Hostialkow 


ia Hostialkow 


Andreas Orgon 




^o 


Hradek 


Hradek 


— 


— - 




Ri 


Mladotitz 


Mladotitz 


— 


— 




X 


Roketnitz ' 


Roketnitz 


— 


— 1 






Kleczuwka 
Wessela 


\ Kleczuwka 











Wssemina 


) 


— 








Hwozdna 


> Lukow 


— 


— 






Trnawa 

1 


1 


— 


— 


i 



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334 



Name der 



JZ 

u 

Vi 

cd 



Cd 



Cd 



Gemeinden 

Augsburgischen 

Confession 

Kaschowa 

Hrobitz 
Desskowa 

Lhotta 

Wallikowa 

Neobusta 

Lukawetz 

Ostratta 

Mark Wilka 

Liggow 

Grosswrbka 

Jawornik 

Oberlhotta 

Stadt Wisowitz 

Lhotzka 

Zielechowitz 

Zadwr2itz 

Ligga 

Rakowa 

Jasena 

Luttonina 

Ublo 
Pozdiechow 

Perlow 

Bratrzegow 

Tiechlower Hof 

Jawacherer Hof 

Stadt Wsetin 

Jasenka 

Johannowna 

Austy 

Roketnitz 

Hallenkau 

Zdiechow 

Howiessy 

Rattiborz \ 

Katerczinitz 

Jablunka 

Pr2no 

Mikulaschow 

Rauschka 

Lhotta 



Herrschaften oder 
Guter, zu welchen 
dieselben gehören 



Ortschaften, 
wo ein 
derley Bethaus I 
besteht ; 



Namen der 
hiebey angestell- 
ten Pastoren 



Anmerkung 



Lukow 



Strassnitz 



Swietlau 



Wisowitz 



Wsetin 



in ßrosswrbka 



in Zadwr2itz 



in Jasena 



in Wsetin 



in Rattiborz 

in Przno 
in Ranschka 



|l Jawornik ist nur pro 

JohannPelrOWitSCh; f parte der Augsburgi- 

I sehen, der grösste 

~ { Theil aber der hel- 

— I vetischen Confession 

1^ zugethan. 



MathesBystersky ' 

- i, 

MartinMartschik \ 



JohannHrdliczka 



II 



SamnelPuchowsky; 

Michael Solnensis 
Andreas Zloboda 



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- 335 





Name der 


Morrcrhüf'f An e\A(»r 


Ortschaften, 


Namen der 1 




c 
>n 


Gemeinden 

Augsburgischen 

Confession 


nci laUliaTicIl UUci 

Güter, zu welchen 
dieselben gehören 


wo ein 

derley Bethaus 

besteht 


hiebey angesteil- , 
ten Pastoren 


Anmerkung 


Q9 


Pecziluk 







1 


V 


.a 


Boskowitz 










Sind dem Zadwr- 


C3 

.22 

'S 


Zielechowitz 


Zlyn 


_ 


— 


iitzer Bethhause ein- 
verleibt. 


2 


Jarosiawitz j 




— 


— 








Antheil 


Schlesiens. 






Gottschdorf 




in Gottschdorf 


f Ernst Ludwig 
\ Schubert 






Kuttelberg 




— 


— 




u. 


Hüllersdorf 


> Gottschdorf 


in Hüllersdorf 


1 Franz Karl 
i Böhmisch 


' 


o 


Kieinbressel 




— 


— 




c 


Kreutzberg 




— 


— 




<L> 


Hirschberg 




— 


— 






Neudörfel 




— 


— 


' 


— ^ 


Karlsthal 


j Fürst 










Langendorf 


\ Liechtenstein- 
' sches Camerale 


— 


~ 






Ernsdorf 


1 Baron Wimrs- 
1 berg 
) Vorstadt bei 
1 Teschen 


in Ernsdorf 


Johann Klabsia 






Steinplatz 


— 


— 






Smilowitz 














Olldrzichowitz 




_ 









Wendrin 




— 


-- 


\ DemBistrzitzerBeth- 
j hause einverleibt. 




Brenna 




— 


— 






Bistrzitz 




in Bistrzitz 


Andreas Faulini 




t- 


1 

Ellgott 1 

1 




in Ellgott 


f Stephan 
\ Nlkolaides 




f2 


Grudek 




— 


— 




^ 


Golleschau 




— 


— 




o' 
w 


Istebna 


Herzogliches 


— 


— 






Gutty 
Nieder- 


Camerale 


— 


— 






Kosakowitz 




— 


— 


} dto. 




Ritschitz 




— 


— 






Kargentna 




— 


— 






Koschar2isk 




— 


— 






Lomna 




— 


— 






Milikau 




— 


— 


i 




Nawssy 




— 


— 






Bukovetz 




— 


— 





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- 336 - 



Name der 


Ortschaften, 






H*rrcrhatfon n^*r 




Namen der 




C 


Gemeinden | Güter, zu welchen 


wo ein 


hiebey angestell- 


Anmerkung 


"5 


Augsburgischen dieselben gehören 
Confession | 


derley Bethaus 
besteht 


ten Pastoren 






Guldau 







_ 






Punzau 







— 






Weichssl ,1 




in Weichssl 


SanoelKossaiiyi , 






Zeisslowitz 




— 


— ' 






Piosek j 




— 


i 






Ustron ' 




— 


— ' 






Stadt Skotschau, 




— 


— 






Marklowitz j 




— 









Brzeznowka 




— 


— 






Kozkowitz 




— 


— 






Mistrzowitz 




— 


— 






Brandeiss ! 
Ogrodzon 


Herzogliches 
Camerale 


— 


— 






Nieder2ukau \ 




— 


— 






Godzischau ' 




— 


— I 






Mosti bei 






1 






Teschen i 




— 


— 1 






Pioseczna 




— 


— 




^_ 


Boczononitz , 




— 


— 




f2 


Wischczont 




— 


1 




j= 


Bobrek 




— 


1 






Jaworzinka ■ 




— 


1 




<u 


Laczy 




— 


— 1 




H 


Schibitz 1 




— 


— i 






Freystadt 




— 


— ' 






Dzingeiau 


Gottschalkows- 


— 


— ' 


1 zum Bistrzitzer Bet- 




Nidek 
Oberüschna 


kische Pupillen 


z 


1 


r haus gehörig. 




Trzitiess 


Frh. V. Logau 


— 








Roppitz 


B.v.Saintgenois 


— 


— 






Schimoratz 


\ V. Marklowitz 












Gradschütz 


— 


— 






Ober- 


1 B. V. Harra- 










Toschonowitz ,1 sowsky 




— ' 






Ob.-Trzanowitz 1 v. Lhotzky 










Komokau ' | 




— i 






Zamarsk l[ Baron v. Trach 


— 


— 1 






Kotzobentz |' 


— 


— 1 






Drahomisl W 


— 


— ' 






Piostetz _ , . , 








) 




Ochab und '! B«--«" Kal.sch 


— 


— : 


1 Dem Nieder -Bludo- 
\ nitzer zugetheilt. 




Pruchna f 


' J 


— 


— 1 


) 



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- 337 



N ame der 



Gemeinden 

Augsburgischen 

Confession 



Bladnitz 

Wendzisswietz 

Isske^iczin 

Bartheisdorf 

Schönhof 

Blogotitz 

Nieder- 

Trzanowitz 

Nieder- j 

Bludonitz j 

Hnoinik I 

Niederlischna 

Niebory 

Lischbitz 

Konsskau 

Altbielitz 

Matzdorf 

Bielitzer Ellgott 

Kurzwald 

Heinzendorf 

Stadt Bielitz 



Ernsdorf 

Lauczka 

Kosskowitz 

Ober-Zuckau 

Schöbischowitz 

Kisseiau 

Krastna 

Ba2anowitz 
Teschen 



Herrschaften oder 
Güter, zu welchen 
dieselben gehören 



Ortschaften, 

wo ein 

derley Bethaus 

besteht 



Namen der 
hiebey angestell- 
ten Pastoren 



Anmerkung 



/ V. Radötzky 

(^ Baron Skrbens- 

kische Pupillen 

V. Szeuss 

V. Russetzky 
V. Seeger 

V. Beuss 

Graf Willczek 

Fürst 

Sulkowskisches 

Camerale 



V. Laschonsky 

\ V. Parchwitz 

V. Bludowsky 

V. Skrzidlowsky 

V. Czelesta 

^ P. P. Domini- 

) canem 

B. Skrbensky 

die Stadt 



in Nieder- 
blndonitz 



Stadt Bielitz 



in Ernsdorf 



vor der Stadt 



vacat 



(^ Dem Nieder- Bludo- 
' nitzer zugetheilt. 



I zum Bistrzitzer Beth- 
haus vereinigt. 



Gottlieb Benja- 

min Schubert 

und Georg Nowak 

GeorgStocklassa 



Zu dem Bethhaus in 
* Emsdorf einverleibt. 



Trangott Bartel- 

mas 
JohannGlaubgott 
Leberecht Fabri 
Christian Gott- 
lieb Fröhlich 



Bey der Teschner 
akicatholischen so- 
genannten Gnaden- 
kirche waren immer- 
hin schon vor dem 
erflossenen höchsten 

Toleranz-Patente 
3 Prediger Augs- 
burgischen Bekennt- 
nisses angestellt, mit- 
hin werden jene hier 
nicht als neu zuge- 
wordene, sondern nur 
als schon bestandene 
aufgeführt. 



L. S. Pr. k. k. vereinigte Kameral und Bankal Buchhalterei Brunn, den S.Juni 1784 
Martin Sorn m. p. Johann Nawik m. p. 

Kameral Ober-Buchhalter. Buchhalter. 

Franz Xaver Morawetz m. p. 

Accessist. 
Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 22 



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- 338 - 

Leider sind in dem Verzeichnisse die Namen der slawischen 
Ortschaften vielfach so verballhornt, daß es Mühe kostet, die- 
selben richtig zu lesen und zu verstehen. 

Über die anderen Punkte der Bartelmus'schen Eingabe er- 
stattete das Gubernium einen Bericht an die Hofstelle an dem- 
selben Tage, an welchem der Schematismus an das Konsistorium 
abgingt) Das Gubernium stellte sich wohlwollend zu den Wün- 
schen des Superintendenten. Dem Gubernium »scheint die an- 
getragene Bereißung desselben ebenso nothwendig zu sein wie 
die Herstellung des von ihm verlangten Ausweises, und es sei 
ihm der Beifall nicht zu versagen, so wenig auf der anderen Seite 
mißkönnet (!) werden kann, daß eine solche Reise nicht wohl er 
Superintendent auf seine eigene Kosten vorzunehmen vermag, und 
so wie man bey Gelegenheit die letztlich unterm Uten dieses 
allerunterthänigst eingesendeten Instructions -Entwurfes für das 
Teschner Consistorium A. C. ohnmaßgeblich angetragen hat, daß 
in derley Visitations-Fällen der Superintendent jedesmal sein Reis- 
particulare beizubringen gehalten seyn sollte, ebenso glaubte man 
auch, daß hierauf er, Superintendent Bartelmus aus dem Con- 
sistorium Tax-Fond, und sofern dieser nicht hinreichend wäre, ex 
Camerali die Vergütung geleistet, auch von dieser Zeit an, als er 
diese Reißen unternehmen wird, das in eben vorgesagten dies- 
ortigen Bericht ä 600 fl. vorgeschlagenen Salarium und zwar mit 
2/3 tel von Seiten Galizien und V3 von Seiten Mähren und Schlesien 
zugewendet, oder in Entstehung deßen eine angemeßene Remu- 
neration verliehen werden könnte, unter welche Liquidation er 
auch die allenfalls nöthige Kosten eines bedürfenden Schreibers 
oder wie er sagt, Amanuensis einzubringen hätte«. Auch das scheint 
dem Gubernium einen »guten Grund« zu haben, wenn Bartelmus 
in seiner Abwesenheit im Teschener Pastoralamte substituiert 
werden möchte, was sich ja in Analogie der katholischen Pfarrer 
von selbst verstände. Wem er die Pastoralverrichtungen übertragen 
wolle, könne ihm gänzlich überlassen werden. 

Die Angelegenheit ist durch das Hofkanzleidekret vom 15. Juli 
1784^) vollständig erledigt worden. Dasselbe findet das Gutachten 
des Guberniums »ganz ordnungsgemäß«. Und so wurde dem Super- 



21. Juni 1784. 

2) Brünner Statthaltereiarchiv. 



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- 339 - 

intendenten bedeutet,'') daß kein Anstand vorhanden sei, warum 
er nicht die Augsburger Konfession Gemeinden bereisen könnte; 
hinsichtlich der dadurch verursachten Auslagen habe er die gehörige 
Liquidation an das Gubernium einzureichen. »Die diesfällige und 
billig findende Unkosten werden vergüttet werden.« Da der Super- 
intendent zugleich Pastor der Gnadenkirche sei, so verstehe es 
sich von selbst, daß er während seiner Abwesenheit jemanden 
das Pastoralamt zu übertragen habe. Diese »Einleitung« werde 
ihm überlassen. 2) 

So stand denn von Rechtswegen nichts mehr im Wege, was 
Bartelmus an der Vornahme der Visitation hätte hindern können. 
Dennoch konnte er erst im nächsten Jahre seine Absicht aus- 
führen. Ist ihm ja einstweilen auch die Ausarbeitung der Liturgie 
aufgetragen worden. Wie aus einem Briefe des Pastors Richter 
an Riecke ersichtlich ist,^) hat Bartelmus die Absicht aus- 
gesprochen, nach Fertigstellung dieser Arbeit die mährischen Ge- 
meinden zu besuchen. Einen Monat später (10. Juli) finden wir 
Bartelmus bereits in Richters Gemeinde Zauchtel. Dort 
hat die von Bartelmus vorgenommene Visitation ihren Anfang 
genommen, um mit dem 16. August in der Gemeinde Ober- 
Dubenky ihr Ende zu finden. In diesem Zeiträume visitierte 
Bartelmus 15 mährische Gemeinden, eine bei damaligen Ver- 
kehrsmitteln respektable Leistung für den nicht mehr jungen und 
kränklichen Mann! 

Es würde uns hier zu weit führen, einen Bericht über die 
erste Visitation der Toleranzgemeinden, deren Zustandekommen 
wir eben geschildert haben, zu erstatten. Es sei nur bemerkt, daß 
das Protokoll über dieseibe noch vorhanden ist"*) und es verdiente. 



1) Gubernialdekret vom 26. Juli 1784. 

2) Vgl. S. 321. 

3) Vom 11. Juni 1785. (Sammlung von Briefen der Toleranzpastoren.) 
^) Im Konsistorialarchive im Oberkirchenrate; Bartelmus hat es den 

31. Oktober 1785 an das Konsistorium und die Landesstelle abgeschickt. Der 
ganze Titel lautet: »ProtocoU über die in den Monathen Juli und August 
des 1785. Jahres in der von dem zu Teschen angestellten Superintendenten 
Traugott Bartelmus abgehaltenen Visitation der im Markgrafentum Mähren 
bestehenden Gemeinden Augspur. Confess. mit Rücksicht auf das von Einer 
Kays. Königl. hohen Landesstelle zu Brunn sub dato 5. Junii u. pr. 14. Julii 
1784 dem Superintendenten mitgetheilte Local-Verzeichniß jetzt benannter 
Gemeinden nach Kreisen, in welchen sich solche befinden.« 



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— 340 - 

allgemein bekannt zu werden. ^) Dasselbe liefert ohne Zweifel wert- 
volle Beiträge zur Kenntnis der Verhältnisse in den mährischen 
Toleranzgemeinden. 

Bartelmus erging es bei der Visitation ähnlich wie Luther: 
er hat dabei »viel klägliche elende Not« gesehen und erfahren. Wohl 
hat er sich um ihre Behebung bemüht, hatte aber nicht viel 
Erfolg aufzuweisen. Darüber hat er sich in seinen Briefen oft be- 
klagt. Und diese Mißerfolge preßten ihm den Seufzer aus 2): »Bey- 
nahe 22 Jahre war ich ein Märtyrer der Intoleranz und bereits 
14 Jahre bin ich ein Märtyrer der Toleranz.« Was Mähren be- 
sonders betrifft, so hat es sich schon damals gezeigt, daß es von 
Teschen zu weit entfernt sei, um in gehöriger Weise von dort 
aus beeinflußt zu werden. Dann kam die Visitation auch schon 
zu spät, um in die komplizierten Verhältnisse der dortigen Ge- 
meinden völlige Ordnung zu bringen, womit nicht gesagt sein soll, 
daß sie ohne jeglichen Segen gewesen war. Und über alle Zweifel 
erhaben ist die Tatsache, daß Bartelmus durch sein Auftreten 
einen ausgezeichneten persönlichen Eindruck machte und hinter- 
ließ. Pastor Richter in Zauchtel, der, wie schon bemerkt worden, 
mit der Superintendentur in Teschen durchaus nicht einverstanden 
war, berichtet gleich den ersten» Tag nach der Visitation seiner 
Gemeinde darüber nach Brunn und nennt Bartelmus einen 
»rechtschaffenen, hochwürdigen Mann«. Und später^) schreibt er 
an Riecke: »Sagen Sie mir gelegentlich, wann er (Bartelmus) 
bei Ihnen gewesen ist. Ich denke, Sie werden ihn verehrungs- 
würdig gefunden haben.« Bartelmus ist den 25. August von 
seiner Visitationsreise in Teschen eingetroffen und hat seine Frau 
krank gefunden. 

»Noch habe ich Ihnen,« so schreibt er an Riecke, '^) »von 
meiner Heimreise nicht gesagt. Diese war wegen der schlechten 
Witterung beschwerlich und langsam, dennoch aber ohne ein 
eigentliches Unglück. Am 25ten gegen Abend kam ich zu Hause 
an, fand aber leider meine Gattin im Bette ziemlich schwach und 
krank darnieder liegen, und dieses war empfindlicher als alle 

^) Den Inhalt desselben habe ich im evangelischen Kalender »Hus« 
vom Jahre 1899, S. 85 ff., veröffentlicht. 

2) Brief an Riecke vom 2. Juni 1796. 

3) 20. August 1785. 

') Den 31. August 1785. 



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- 341 - 

Beschwerlichkeiten der Reise. Mein Kutscher hielt sich übrigens 
gut, und ich mußte seine Geduld bey dem äußerst schlechten 
Wege bewundern.« 

V. 

Leider hatte diese erste, mit so viel Mühe unternommene 
und wenig Erfreuliches zutage fördernde Visitation für Bartelmus 
noch ein sehr unangenehmes Nachspiel. Gemäß der Entscheidung, 
daß er während seiner Abwesenheit im Pfarramte vertreten werden 
soll und daß ihm die »Einleitung« dieser Sache überlassen wird, 
hat er zunächst mit seinen Teschener Kollegen die Vereinbarung 
getroffen, daß sie seine speziellen Pastoralgeschäfte übernehmen 
sollen, wofür er ihnen die »Pastoral-Accidentien« überlassen hat. ^) 
Seine sonstige Vertretung übertrug er durch eine »Circular-Ver- 
ordnung« zunächst dem Pastor in Weichsel, Samuel Kossany. 
Dieser nach den Worten des Superintendenten »nämlich ungesittete, 
obzwar sehr hochdenkende« Mann war aber weit davon entfernt, 
seinem Vorgesetzten die schuldige Subordination zu leisten. Er 
schrieb demselben einen mehr als unhöflichen Brief, 2) in welchem 
er neben anderen »starken« Ausdrücken sogar bestritten zu haben 
scheint, daß ihm die Bestellung des Bartelmus zum Super- 
intendenten kundgegeben worden sei. Bartelmus, der gar viel 
auf Subordination hielt, sah sich durch den Brief des wider- 
spenstigen Weichsler Pastors in seiner Amtsautorität verletzt und 
betrat den Weg der amtlichen Beschwerde an die Landesstelle. 
Wider alles Erwarten fiel die Entscheidung des Guberniums^) nicht 
nach seinem Sinne aus. Sie war einem Verweise außerordentlich 
ähnlich. Bartelmus habe in der Sache »einen widrigen Begriff« 
und habe infolgedessen »an der Circular-Verordnung nicht gut 
gethan«. Er habe nicht das Recht, die Vertretung »allen Diöcesen- 
Pastoren oder einem wider Willen, und wie im vorliegenden 
Falle zum Nachstande seiner Gemeinde, aufzutragen«; die Ab- 
sicht gehe nicht dahin, daß er »im Abwesensfall«, »ein Mandat 
an die Pastoren« ausgehen lasse, sondern es handle sich blos 
und vielmehr um eine freywillige Übernahme der Geschäfts- 
besorgung, wozu ein Ersuchsweiser Fürgang und gütliches Ein- 

^) Konsistorialarchiv im Oberkirchenrate. 

2) Den 28. Juni 1785. 

3) Vom 16. August 1785. (Abschrift in der Sammlung der Briefe der 
Toleranzpastoren.) 



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- 342 - 

verstehen der gedeihlichste Weg sei«. Demnach hätte sich Bartel- 
mus »auch im vorliegenden Falle benehmen und alle Beschwerden 
sowol der Pastoren als der Gemeinden um so mehr vermeiden 
sollen, als hierunter aller Zwang eben so bedenklich, als die Ent- 
ziehung der Pastoren denen Gemeinden an der geistlichen Ob- 
sorge nachtheilig ist.« »Man versehe sich daher gegen Bartelmus, 
daß selber alle Beschwerden beseitigen und solche Maaßregeln 
ergreifen werde, wodurch selber an den nöthigen Reisen keine 
Hemmung hat und sein Pastoral-Amt die nöthige Vertretung ohne 
irgend einem Zwang gewinnt: Wie man denn auch nach all-vor- 
ausgesetzten und, so wie die Sache liegt, den Weichsler Pastor 
nicht sträflich findet, derselbe auch künftig, falls etwas in geist- 
lichen Dienst-Obliegenheiten anzubringen wäre, sich forderst an 
das vorgesetzte Konsistorium zu verwenden seyn werde.« Wie 
man sieht, hat man in Brunn sowohl das Materiale als auch For- 
male des Vorgehens des Superintendenten bemängelt. In letzterer 
Hinsicht war die Zurechtweisung desselben gewiß nicht unverdient. 
Der Gubernialverweis traf Bartelmus sehr empfindlich. 
Er schüttet sein durch denselben erbittertes Herz vor seinem 
Freunde Riecke aus. »Meine Eingabe in Ansehung des unhöf- 
lichen hiesigen Pastors Kossany,« so schreibt er,'') »hat eine 
ganz unerwartete Wendung bekommen. Bereits am 27. August 
kam mir mittels der Post ein Gubernial-Decret in dieser An- 
gelegenheit zu, dessen Innhalt mich außerordentlich befrembdete. 
Sie haben, mein Theuerster, meine Circularien an die Hh. Pastores 
und Gemeinden, den Brief des H. Fast. Kossany und endlich 
meine Eingabe an die Landesstelle gelesen — nun lesen Sie auch 
die wörtliche Copie des Gubernial Resoluti auf dem beyliegenden 
Blatte und sagen Sie mir unpartheyisch und ohne alle Schmeicheley, 
ob ich wohl eine solche Zurechtweisung verdient habe? — Sie 
machten mir die freundschaftliche Ausstellung einer allzu großen 
Gelindigkeit, und jeder unpartheyische Leser wird Ihnen bey- 
stimmen — ich wolte aber auch allen Schein der Herrsch- oder 
Rachsucht vermeiden und glaubte auf das schlichte Urtheil eines 
erleuchteten Collegii rechnen zu können. Dieses scheint aber weder 
Kirchen Ordnung noch Superintendential Rechte kennen zu wollen 
und die letztere in eine bloße Tittulatur zu setzen. Die Worte des 
vorjährigen Gubernial Resoluti auf meine Anfrage wegen Ver- 

1) Den 31. August 1785. 



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— 343 - 

tretung meiner Pastoral-Function auf den Fall meiner Abwesen- 
heit lauten wie folgt — nun zitiert Bartelmus das Gubernial- 
dekret vom 26. Juli 1784'') — vergleichen Sie nun damit die in 
dem neuen Resoluto gegebene Erklärung dieser Stelle. — So wie 
die Sache jetzo stehet, bin ich schlechterdings nicht im Stande, 
meine Superintendentur fortzusetzen, und es wird auf die Aller- 
höchste Entscheidung S. Mayest. selbst ankommen müßen, nur will 
ich erst mit dem von Wien kürzlich erwarteten Herrn Consistorial 
Rath V. Bludowsky überlegen, ob ich die Sache unmittelbar 
oder aber mittels des Consistorii an Se. May. gelangen laßen soll.« 
Diese Absicht, an den Kaiser zu gehen, hat jedoch Bartel- 
mus alsbald fallen lassen. In einem späteren Briefe 2) schreibt er 
an Riecke: »Er habe über das Gubernialdecret alle möglichen 
Betrachtungen angestellt und auch diejenigen unter seinen Freun- 
den, welchen er Einsicht und Verschwiegenheit zutraue, hierüber 
zu Rate gezogen. Das Resultat sei dieses: daß er von aller weitern 
Behelligung des Gubernii, sowie von allem Recurs an die höchste 
Hofstelle abstrahiren und bloß bey Einsendung des Visitations 
Prothocolls an das Consistorium seinem Bericht den Vorgang mit 
dem Weichsler Pastor einverleiben wolle, ohne sich auf angebrachte 
Beschwerde beym Gubernio und daher erhaltene Vorbescheidung 
zu beziehen. Das Consistorium könne aus eigener Macht den 
Schuldigen zur Verantwortung ziehen und durch die höchste Be- 
hörde die Einleitung machen, daß die Subordination der Pastoren 
selbst durch die Länderstellen außer allem Widerspruch gesetzt 
wird, ohne daß einer oder der andere irgend einen Verweiß be- 
kommt. Es sei immer gefährlich, von dem Ausspruch einer Landes 
Stelle an den Monarchen zu appelliren, und selbst eine geheime 
Correspondenz mit dem H. Referenten könnte ihm unter gewißen 
Umständen nachtheilig werden. Die Zurücknahme des einmal aus- 
gegebenen Decrets würde er ohnehin nie bewirken, und böses 
Geblüt würde selbst auf den besten Fall die für ihn bedenkliche 
Folge seyn. Nie hätte er die Landes Stelle mit dieser Angelegenheit 
belästigt, wenn er nicht von daher die Weisung zur Einleitung 
des Geschäfts erhalten und sich je hätte träumen laßen können, 
daß man diese Einleitung wider alle protestantischen Kirchen 
Ordnung von einem bittlichen Ansuchen erklären würde. Den 

Vgl. S. 339. 

2) Vom 15. September 1785. 



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- 344 - 

Berichten des H. Secretairs ■*) von Karminsky zu Folge will man 
selbst in Wien die Vertretung des Superintendenten durch die 
Diöcesan Pastores noch nicht für ausgemacht gelten laßen und 
irrt sich noch immer mit der Verfaßung der herrschenden Kirche, 
wo jeder Pfarrer, Erzpriester, Dechant u. s. w. seine Cooperatores 
habe.« 

Das Gubernium hat sich »endlich dennoch besonnen« und 
in der Angelegenheit eine Untersuchung — Bartelmus weiß 
nicht, auf wessen Veranlassung — eingeleitet. Derselbe schreibt 
an Riecke,2) er habe davon etwas vernommen, aber noch nicht 
Gelegenheit gehabt, genauere Nachricht über den Erfolg einzuziehen. 
»Das Kreiß Amt wird ihm^) wohl den Ausputzer nicht schuldig 
bleiben, da es gewißermaßen selbst mit in die Sache verflochten 
ist: wird nun aber das Gubernium jenen ungereimten Ausdruck 
von einer frembden Autorität, der ich mich bedient haben soll 
und die das Gubernium selbst sehr herunter sezt, ganz ohn- 
geahndet hingehen laßen? Wäre es nicht die Sache eines pro- 
testantischen Geistlichen gegen den andern, so würde man ganz 
sicher mehr Ernst gezeigt haben. — Unterdeßen, da ich nie auf 
persönliche Genugthuung ausgegangen bin und aus diesem Grunde 
auch keine eigentliche Klage angestrengt habe, so bin ich auch 
mit dieser kleinen Reflexion der Landes Stelle auf mich und mein 
Amt zufrieden. Dem ohngeachtet glaube ich nicht zu fehlen, wenn 
ich den Vorgang bey Einsendung meines Visitations Prothocolls 
an das Wiener Consistorium historisch und Eingangsweise an- 
führe, um in ähnlichen Fällen die gesetzmäßige Art meines Be- 
nehmens zu wißen. Zur Klage selbst ist der Vorfall nicht mehr 
neu und wie genug, aber zur Anzeige und Vorbauung auf künftige 
Fälle ist er weder veraltet, noch durch die Vorschritte des Gubernü 
auseinander gesetzt.« 

Bartelmus hat sich auch hinsichtlich des »Ausputzers« 
nicht geirrt. Das Resultat der Untersuchung, bei welcher einiges 
Mißverständnis unterlief, war, daß dem Kossany ein »Ver- 
hebungs-Decret« zuteil wurde. Er bescheinigte den »Ausputzer« 
durch eine kleine Eingabe und versprach, »sich den billigen An- 
ordnungen des Superintendenten zu unterwerfen«. »Kossany,« 



^) Des Konsistoriums, das einstweilen nach Wien transferiert worden ist. 

2) 30. Oktober 1785. 

3) nämlich Kossany. 



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- 345 - 

schreibt Bartelmus, ^) »hat seinen Ausputzer weg und wird 
künftighin wohl andere Seiten aufziehen. Ich werde dem ohn- 
geachtet zu meiner künftigen Bedeckung den Vorgang historisch 
dem Consistorio einberichten und den Kossanyschen Brief bey- 
schließen. Dieses wird vielleicht beßer lesen und einen beßern 
Gebrauch davon machen.« 

Wie Bartelmus gesagt hat, so hat er auch getan. Und das 
Konsistorium hat allerdings »gut gelesen«! Der Beleg dazu ist durch 
den Verweis dargestellt, welchen dasselbe dem Weichsler Pastor zu- 
kommen ließ. 2) Da es vielleicht von Interesse sein dürfte, zu hören, 
welchen Wortlaut derlei Verweise »von oben« in der Toleranzzeit 
hatten, wollen wir denselben so hersetzen, wie wir ihn aus dem 
schon defekten Aktenstück herausgelesen haben: »Das Consistorium 
hat mit großem Mißfallen ersehen, wie er Pastor Samuel Kossany 
wegen der von gedachten Superintendenten, von seinen nächst- 
gelegenen Diöcesan Pastoren durch ein Circulare anverlangte und 
gebethene Amtsvertretung in der Teschner Gnadenkirche während 
dessen Visitations Bereisung wider alle Regeln der einem Seel- 
sorger obliegende Sanftmuth, Klugheit, Mäßigung, selbst die natür- 
liche Billigkeit und vorhandene Subordination sich dennoch erdreist 
hat, diesen Superintendenten durch ein unterm 28. Juni vorigen 
Jahres abgelaßenes und ihm unterm 30. Juni deßelben zugestelltes 
anstößiges Schreiben gleichsam zur Rede zu stellen, zu verweisen 
und durch höchst bittere, anzügliche Ausdrücke auf ungeziemende 
Art anzugreifen, wie solches dessen eigenhändiger, dieser Stelle 
zur Einsicht und Erkänntnis zugefertigtte, besagter Brief ausführ- 
lichen Innhalts zur Genüge und Bestättigung des Briefstellers 
Unart, Stolz und Hartnäckigkeit erweiset. 

Da nun dergleichen Fürgang und strafbares Vergehen von 
dieser vorgesetzten Stelle nicht mit Gleichmuth übersehen werden 
kann, so wird ihm, Pastor Kossany, sein ungebührliches, aller 
Ahndung würdiges Vorgehen gegen den ihm vorgesetzten Super- 
intendenten von Amtswegen für diesmal ernstlich und nachdruck- 
samst verwiesen, er zur Beobachtung besserer Sitten und aller 
schuldigen Hochachtung und Gehorsam, auf anständige Sanfmuth 
und Unterwürfigkeit gegen seine Vorgesetzten angewiesen, mit der 
beygefügten Bedeutung, daß wenn er (wie nie zu vermuthen) sich 

Nachtrag zu dem Briefe vom 30. Oktober 1785. 

2) Den 30. Jänner 1786. (Im Konsistorialarchive des Oberkirchenrates.) 

22* 



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- 346 - 

eines gleichen oder nur ähnlichen Vergehens schuldig machen 
sollte, er ohne Rücksicht aller Umstände vom führenden Amte 
suspendirt und beschaffenen nach wegen seiner Remotion das 
weitere vorgekehrt werden solle.« 

Das war deutlich genug. — Übrigens geht aus einer späteren 
Eingabe des Superintendenten an das Konsistorium hervor,^) daß 
es außer Kossany noch andere schlesische Pastoren gab, welche 
an der Vertretung des abwesenden Superintendenten, zu welcher 
sie sein Circulare aufrief, »merkliches Missvergnügen« hatten. 
Und das ist, wie aus jener Eingabe zu ersehen ist, auf den Super- 
intendenten nicht ohne Eindruck geblieben. 

Das gäbe Gelegenheit, noch anderes aus dem Amtsleben des 
Superintendenten Bartelmus mitzuteilen. Hoffentlich wird es 
möglich sein, dies ein anderesmal zu tun. 



^) Vom 12. Dezember 1785. Die Eingabe befaßt sich »mit einigen bei 
der Visitations-Bereisung aufstoßenden Anständen«. 



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XIV- 



Galizien. 

Eine Denkschrift über die beabsichtigte Beschränkung der 
Freiheiten der galizischen Protestanten (1825). 

Aus den Akten des Archives^) des k. k. Ministeriums für Kultus und 

Unterricht. 2) 

Herausgegeben von Prof. Dr. Georg Loesche. 

An 
Ein Hochlöbliches k. k. Landes-Praesidium 

gehorsamster Bericht der galizischen Superintendentur ddo 
28*^" Sept. 1825 No. 336, in welchem aus Anlaß einer von dem 
Zywiecer [bischöflichen] Consistorium gegen die protestantische 
Gemeinde Biala und Lipnik eingeleiteten Verhandlung, die Rechte 
und Freyheiten der evang. Kirche dieser Lande dargelegt und um 
Schutz und Aufrechthaltung, so wie um die provisorische Sicher- 
stellung derselben bis zur gesetzlichen Entscheidung dieser An- 
gelegenheit in geziemender Ehrfurcht gebeten wird.^) 

Hochlöbliches K. K. Landes-Präsidium! 

Der gehorsamst unterzeichnete wagt es, nachfolgende unter- 
thänigste Vorstellung veranlaßt durch anliegende von dem Zywiecer 
Consistorium gegen die Bialer Protestanten eingeleitete Verhandlung, 
in Betreff der Beschränkung ihrer bisher rechtlich besessenen und 
ungestört gewesenen Freyheiten, der hohen Aufmerksamkeit Eines 
Hochlöblichen K. K. Landes-Präsidiums anzuempfehlen. 



3453 
Signat. 64 ex Nov. 1825 Z. -^^'I- 

2) S. oben S. 262. 

3) Dieser Bericht wurde in Abschrift von dem evangelischen Konsi- 
storium A. C. an die Hofkanzlei [jetzt k. k. Ministerium des Innern] geleitet. 



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- 348 — 

Zwar zweifelt der ehrfurchtsvoll Unterfertigte keinen Augen- 
blick, daß diese Angelegenheit, die schon so oft zu Gunsten der 
evangelischen Gemeinden zu Biala und Lipnik entschieden worden 
ist, in Folge der von ihr an das betreffende Kreisamt eingereichten 
und in Copia anliegenden Vertheidigungsschrift, auch dießmal eine 
günstige Entscheidung erfahren dürfte. 

Da jedoch die Sache der Bialer evang. Gemeinde, Angelegenheit 
der sämmtlichen Protestanten in den galizischen Erblanden ist, und 
von einer gnädigen Entscheidung derselben die Ruhe und Zu- 
friedenheit von vielen Tausenden der hierlandigen protestantischen 
Glaubensgenossen abhängt ; so glaubt derselbe diese Angelegenheit 
zur hohen Kenntniß Eines Hochlöblichen K. K. Landes-Präsidiums 
bringen und um gnädigen Schutz und Aufrechterhaltung der Rechte 
und Freyheiten, deren sich seine galizischen Glaubensgenossen 
bisher erfreueten, in tiefster Unterthänigkeit bitten zu müßen. — 

Wohl ist der beglückende Friede, die heitere Eintracht, in 
welcher hier in Galizien die verschiedensten Glaubensbekenner 
lebten, durch die überall sichtbaren Bestrebungen des katholischen 
Clerus, die Protestanten zu beschränken, seit einigen Jahren schon 
oftmals gestört, und den letzteren vielfacher Anlaß zu gegründeten 
Beschwerden gegeben worden. — Dennoch hat der gehorsamst 
Unterfertigte es niemals gewagt, seine Vorgesetzten hohen und 
höchsten Behörden mit dießfälligen Klagen zu behelligen, um auch 
dadurch den Beweis zu geben, welche innige Liebe und Verehrung 
in seinem und seiner Glaubensgenossen Herzen für den besten 
edelsten Monarchen glüht, und wie sehr sie es fühlen, daß sie 
sich der unzählbaren Wohlthaten, mit denen Allerhöchstderselbe 
auch seine protestantischen Unterthanen beglückte, nicht würdiger 
machen können, als wenn sie nach dem Vorbilde ihres erhabenen 
Regenten, dessen großes, menschenfreundliches Herz alle seine 
Unterthanen mit gleicher Liebe umfaßt, nicht blos unter sich, 
sondern auch mit anderen Religionsbekennern im heiteren Frieden 
und stiller Eintracht leben. — 

Da jedoch die Bestrebungen des kathol. Clerus immer sicht- 
barer hervortreten, die evangel. Glaubensgenossen in ihren Rechten 
zu beschränken; auf Lehrkanzeln und Predigtstühlen ihre Religion 
zu verunglimpfen ; auf gesetzwidrigen Wegen die Bekenner derselben 
zu dem kathol. Glaubensbekenntniß hinüber zu ziehen, wie denn 
nur kürzlich laut Beylage die Patres Societatis Jesu in Tarnopol 



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- 349 — 

2 ihrer protest. Schüler ohne Vorwissen ihrer Väter und gegen den 
klaren Buchstaben des hohen Hofdecrets vom 7*^" Aug. 1810 zum 
Abfall von der protest. Kirche zu verleiten gesucht, und dieß auch 
zum Theil bewerkstelliget haben, so daß kein protest. Vater es 
mehr wagen darf, wie sonst, sein Kind ohne bange Besorgniß 
einer kathol. Lehranstalt anzuvertrauen — da sie darauf hinarbeiten, 
durch Verkümmerung ihrer bisher ungestört genoßenen Rechte 
und Freyheiten, die protest. Kirche in ihrer innersten Organisation 
zu verletzen — wie denn die beyliegenden Actenstücke den deut- 
lichsten Beweis davon geben — da sich endlich durch alle diese 
feindseeligen Bemühungen des cathol. Clerus gegen die evang. 
Kirche der Herzen seiner Glaubensgenossen eine ängstliche Furcht 
und Bangigkeit bemeistert hat, welche sich täglich durch bange 
Klagen und Besorgniße für die Zukunft äußert; so fühlt sich der 
gehorsamst Unterzeichnete durch seinen Eid, durch Pflicht und 
Gewissen gedrungen, unter Darlegung der Documente, auf welche 
sich die Freyheiten der protest. Kirche in diesem Lande gründen. 
Ein hochlöbliches Landes-Präsidium um gnädigen Schutz und 
Aufrechthaltung der bisher genossenen gesetzmäßigen Freyheiten 
seiner Glaubensgenossen ehrfurchtsvoll anzuflehen. 

Der gehorsamst Unterzeichnete fühlt es ganz, wie viel er 
wagt, wenn er es unternimmt als Vertheidiger der Rechte von 
25 bis 30.000 seiner protest. Brüder aufzutreten, und muthlos 
würde die Feder seiner Hand entsinken, wenn nicht die gute 
Sache, die er vertheidigt, die unerschütterliche Gerechtigkeitsliebe 
der erhabenen Stelle, vor welcher er seine Beschwerden niederlegt, 
und die schon so oft die Gerechtsame seiner Kirche gegen die 
Anfechtungen ihrer mächtigen Gegnerin in Schutz genommen hat, 
und der erhabene Sinn des allverehrten Monarchen^), in dessen 
Diadem der Geist ächter Humanität als herrlichstes Juwel schimmert, 
seinen Muth aufs neue belebte. — 

Wie verschieden die Verfaßung der protest. Kirche in Galizien 
von der der übrigen deutschen Erblande sey, und wie wenig der 
Maßstab, nach welchen die Angelegenheiten dieser gehandhabt 
werden, für die hierlandige Kirche geeignet sey, geht schon aus 
dem geschichtlichen Ursprünge beyder hervor. 2) — 

1) Also Franz II. (I.) 

2) Vgl. meine »Geschichte des Protestantismus in Österreich«, 1902, 
S. 195 f. 



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— 350 - 

In den deutsch-erbländischen Provinzen haben die Protestanten 
durch den Westphälischen Frieden keine Religionsfreyheit erhalten, 
und in einem Theile derselben auch nicht einmal durch Landes- 
gesetze besessen, sondern waren in Ansehung der Religionsübung 
lediglich der Gnade des Landesherrn überlassen. — In Galizien 
dagegen haben die Protestanten nicht blos natürliche Ansprüche 
auf Duldung, sondern sie haben Religionsrechte, die auf feyerliche 
Verträge, auf Reichsgesetze und Verordnungen der Könige gegründet 
sind. — Schon unter dem König Sigismund besaßen sie mit ihren 
kathol. Brüdern gleiche bürgerliche und kirchliche Rechte, die ihnen 
durch Grundgesetze des Reichs bestätiget wurden. Rechte, die 
obschon durch einige Reichstagsbeschlüße, durch welche die 
herrschende Parthey die Obermacht erhielt, wieder beschränkt, 
dennoch endlich durch den im Jahre 1767 abgeschloßenen War- 
schauer Traktat in Folge des, unter Garantie der 5 Mächte : 
Rußland, Preußen, Dänemark, England und Schweden geschloßenen 
Olivaer Friedens, mit ausdrücklicher Nichtigkeitserklärung aller 
früheren, den Rechten der Dissidenten zuwiderlaufenden Beschlüße 
feyerlich anerkannt, wieder hergestellt und für ewige Zeiten 
sanktionirt wurden. — Von welchem Reichstagsschluß ein treulicher 
Auszug in der Anlage beigeschloßen ist. — In dem Genuße der 
darinn festgesetzten Rechte und Freyheiten nun befanden sich die 
Protest. Einwohner dieses Landes, als dieselben bey der Revindi- 
cation der Königreiche Galicien und Lodomerien an das erhabene 
österreichische Kaiserhaus übergiengen, auch wurden sie bey 
Übernahme des Landes von Ihrer K. K. Majestät in derselben 
feyerlich bestätiget, indem es in dem 5*®" Art. des Tractats vom 
Jahre 1773 in Betreff der Dissidenten und nicht unirten Griechen, 
die in den durch diesen Tractat abgetretenen Provinzen wohnen, 
ausdrücklich heißt: 

»Was den Civilstand betrifft, sollen sie in ihren Ansäßigkeiten 
»und Eigenthumsrechten verbleiben, und in Ansehung der Religion 
»in derjenigen Verfaßung, die in der freyen Ausübung des Gottes- 
»dienstes und Lehre bey eben so vielen und derley Kirchen und 
»Kirchengütern erhalten werden, als sie in eben dem Zeitpunkte, 
»in welchem sie im Monath Sept. 1772 in die Bothmäßigkeit 
»S*" K. K. Apostolischen Majestät übergegangen, besessen haben; 
»auch wollen sich S^ Majestät in Rücksicht der Religion der 
»Dissidenten und nicht Unirten in den obbesagten Ländern, ihrer 



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- 351 - 

»Gerechtsame der unumschränkten Gewalt zur Bekränkung ihrer 
»dermaligen Verfaßung niemals gebrauchen.« — 

Auch wurde diese huldvolle gnädige Zusicherung zur Be- 
ruhigung der Gemüther schon früher, nemlich durch ein Publi- 
candum des k. k. Bevollmächtigten, Grafen von Pargen unter dem 
13*^"Octobr. 1772 den Bewohnern dieser Länder mit den Worten 
eröffnet : 

»Asseritur denique in perpetuum unicuique incolae et subdito 
»vindicatarum harum terrarum liberum religionis suae exercitium 
»ea ratione et modo, quo nunc re ipsa fruitur.« 

Und eben diese trostvolle Zusicherung wurde die Grundlage, 
auf welcher die Religionsfreyheit nicht allein der Protestanten, 
sondern auch der unirten und nicht unirten Griechen, ja selbst 
der Juden in diesem Lande ruht; wurde der Vorbote des schönen 
Tages, der nun für Galizien anbrechen sollte, und vor dessen 
milden Glänze Partheywuth und Religionshaß schwanden, und die 
Bekenner der verschiedensten Religionen sich in eine einzige 
Familie verschmolzen ; wurde der Anfangspunkt einer Reihe von 
höchst weisen und wohlthätigen Verfügungen, welche dem Er- 
habenen österreichischen Kaiserhause für ewige Zeiten den Ruhm 
sichern, zuerst das große Räthsel, an dessen Lösung sich so viele 
versuchten, gelöst zu haben, die verschiedensten Religionsbekenner 
zu einem Gefühle treuer Liebe unter sich, und der unerschütter- 
lichsten Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland zu beseelen. — 
Anlangend die protest, Glaubensgenossen, so traten nur die 
5 ältesten Gemeinden dieses galizischen Landes, nemlich: Biala, 
welches sein Bestehen amtlich bis zum Jahr 1709 nachgewiesen 
hat, Zaleszczyk, welches seit 1750 besteht, Lemberg, Jaroslaw 
und Zamosz in den unmittelbaren Genuß dieser ihnen huldreich 
bestätigten Gerechtsamen. — Indessen wurden dieselben sehr bald, 
namentlich durch das Ansiedlungspatent vom 17*^" Sept 1781, 
worin ausdrücklich erklärt wird, daß 
»um die Ansiedlungen noch mehreres zu erleichtern, und sonder- 
»heitlich den protest. Glaubensgenossen durch eine gewunschene 
»Religions- und Gewissensfreyheit desto angenehmer zu machen, 
»nach dem 2*^" § denen Protestanten gestattet seyn solle, aller 
»Orten nach ihrer Religion ganz ungestört zu leben und zu 
beten« 
und schlüßlich Einem hohen Landesgubernium aufgetragen wurde: 



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- 352 - 

»sie bey der Ausübung ihres feyerlichen Gottesdienstes und über- 
»haupt bey den oberwähnten allergnädigst eingestandenen Vor- 
zügen zu schützen«, 
auch auf die in Folge dieser erlaßenen Aufforderung zahlreich 
inwandernden protest. Künstler, Handwerker und Landleute über- 
tragen. — Diesen wohlbegründeten Gerechtsamen und Freyheiten 
aber kann das später und zwar erst unter dem 13*^"Octob. 1781 
erlassene Toleranz-Patent um so weniger Eintrag thun, als es 
nicht im Geiste S^^ Majestät glorreichen Andenkens lag, die Ge- 
wissens- und Religionsfreyheit zu beschränken, sondern vielmehr 
zu erweitern, als dieses Toleranz-Patent blos den Zweck hatte, 
denenjenigen prot. Unterthanen in denen übrigen Erbländern, 
welche sich einer rechtlichen Existenz noch nicht erfreuten, so 
weit es die Umstände thunlich machten, eine erwünschte Nach- 
hilfe zu leisten, und als die darinnen enthaltenen Verordnungen 
durch den Beysatz modificirt sind: »wo die Acatholici nicht bereits 
»im Besitze des öffentlichen Religions-Exercitii stehen« und als 
es neulich der Zusatz im 1 § in Betreff der Bethhäuser, »wo 
»es nicht schon anders ist« klar und deutlich beweist, daß 
es keineswegs die Absicht S"" K. K. Majestät war, früher erhaltene, 
rechtlich bestehende, gesetzmäßige Gerechtsame und Freyheiten 
durch dieses Toleranz-Patent zu beschränken. Zugleich geht aus 
allen diesen deutlich hervor, daß selbst die später entstandenen 
Colonie-Gemeinden, welche durch das, noch vor der Erscheinung 
des Toleranz-Patents, und zwar bereits unter dem 17. Sept. 1781 
erlaßene Ansiedlungspatent in da^ Leben gerufen wurden, von 
dieser allerhöchsten Gnade nicht als ausgeschloßen betrachtet 
werden können, indem sie von dem Tage an, als das Patent er- 
schien, in welchem sie unter Zusicherung der feyerlichen Aus- 
übung ihres Gottesdienstes zur Einwanderung aufgefordert wurden, 
als wirklich und rechtlich existirend anzusehen sind, und eben 
deswegen in den vollen Genuß der Freyheiten und Gerechtsamen, 
deren sich die galizischen Protestanten schon vor Bekanntmachung 
des Toleranz-Patents erfreuten, traten. — 

Ein Hochlöbliches K. K. Landes-Präsidium wird aus dieser 
geschichtlichen treuen Darstellung der Lage und Verhältniße der 
galizischen Protestanten entnehmen, daß, um zunächst bey den 
Punkten, welche von dem Zywiecer Consistorium nicht allein, 
sondern auch sonst seit einiger Zeit vielfältig in Anspruch ge- 



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- 353 - 

nommen werden, stehen zu bleiben, nachfolgende Freyheiten und 
Gerechtsame, nemlich: 

1., Unabhängigkeit von dem katholischen Clerus; 

IL, die Befugniß der protest. Geistlichkeit, die Matrikel zu führen, 
und die erforderlichen amtlichen Zeugnisse auszustellen; 

III. Befreyung von den an die kathol. Geistlichkeit zu entrichten- 
den Stol- und anderen Gebühren; 

IV. das Recht, die Töchter protestantischer Mütter aus gemischten 
Ehen, auf Verlangen. der Eltern, in der evang. Religion zu erziehen; 
in deren ruhigen und ungestörten Genuße sich bis jetzt die 
galizischen protest. Glaubensgenossen befanden, keineswegs von 
denselben eigenmächtig usurpirt wurden, sondern in frühern 
feyerlich anerkannten Verträgen und gesetzmäßig erhaltenen Ver- 
günstigungen gegründet sind, zugleich aber auch aus der nach- 
folgenden Darstellung der verschiedenen Entscheidungen und Ver- 
ordnungen, welche in dieser Angelegenheit von den hohen und 
höchsten Behörden von Zeit zu Zeit ergangen sind, die angenehme 
Ueberzeugung schöpfen, mit welcher zarten Schonung diese gesetz- 
mäßigen Rechte der prot. galizischen Glaubensgenossen von den- 
selben aufrecht erhalten und beschützt wurden, und wie eine 
hohe Landesregierung das unbedingte Vertrauen, mit welchem 
Tausende von Protestanten dem erlassenen Aufrufe zufolge, sich 
nach Galizien übersiedelten, und zu der Cultur des Landes gewiß 
keinen geringen Beytrag lieferten, durch die treueste Erfüllung der 
ihnen gegebenen Verheißung in Hinsicht auf einen ungestörten 
und ungekränkten Genuß ihrer Religionsfreyheiten lohnte. — 

1. Unabhängigkeit von dem katholischen Clerus. 
Diese, Art. II § 6 des Warschauer Tractats ausgesprochene 
Freyheit der nicht unirten Griechen und Dissidenten, sie mögen 
geistlich oder Weltlich seyn, von aller römisch-kathol. geistlichen 
Gerichtsbarkeit ist schon durch ein, Namens Eines Hochlöbl. 
Landesguberniums unterm 20*^" July 1775 den Zamoszczer Pro- 
testanten intimirtes Decret, worinnen es ausdrücklich heißt: »daß 
»selbe von der Geistlichkeit für die Zukunft keine ad statum 
»publicum einschlagende Befehle annehmen, noch befolgen, sondern 
»sogleich dem k. k. Kreisamte bey schwerster Verantwortung die 
»Anzeige machen sollen« anerkannt, und durch das Ansiedlungs- 
patent vom Jahre 1776, worinnen den akathol. Eingewanderten 
die Freyheit zugesichert wird, »nach ihrer Religion ganz ungestört 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 23 



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- 354 ^ 

»zu leben und zu beten«, jeder Einfluß des kathol. Clerus auf 
die Protest. Glaubensgenoßen beseitigt worden, dem gemäß auch 
Eine Hohe Landesstelle mit Decret ddto. 28. März 1794 Z. 7756 
erklärte: »daß die kathol. Seelsorger auf die Religionshandlungen 

»der Akatholiken keinen Einfluß zu nehmen haben«. 

Eine hohe Landesregierung hat nach diesen Grundsätzen 
stets die galizischen Protestanten behandelt, und S^ K. K. Majestät 
durch die ewig dankenswerthe Wohlthat, einer gänzlichen Be- 
freyung der protest. Schulen von dem Einfluße der kath. Geistlich- 
keit, einen neuen Beweis gegeben, wie theuer ihm die Rechte 
seiner protest. Unterthanen sind, und wie heilig Allerhöchst- 
demselben das Versprechen jenes unvergeßlichen Monarchen sey, 
welcher in den, im Reiche überall bekannt gemachten Aufforde- 
rungen zur Einwanderung nach Galizien ausdrücklich versicherte, 
daß sie »ihre eigenen Pastoren haben, und von der kathol. Geist- 
»lichkeit ganz unabhängig sein würden«. 

Erst bey Gelegenheit der Einführung des neuen Gesetzbuches 
wurden die galizischen Protestanten in eine Art von Abhängigkeit 
von dem kathol. Clerus gebracht, die ihnen vorher ganz fremd 
gewesen war, indem denenselben durch eine hohe Gubernial- 
Verordnung dd. 22*- Apr. 1811 No. 10718 angedeutet wurde: 

»daß auch blos protestantische Brautpaare sich in den kathol. 

»Kirchen aufbiethen lassen müßten« und die evangelischen Prediger 
angewiesen wurden, »die sich in ihrer Gemeinde ergebenden Tauf- 

»Trau- und Sterbefälle durch Einsendung der Matrikelauszüge 

»den kathol. Pfarrern bekannt zu machen«. 

Es war wohl natürlich, daß diese hohe Verordnung, welche 
eines der schönsten Vorrechte, dessen sich bisher die galizischen 
prot. Gemeinden erfreut hatten, zu bedrohen schien, die Herzen 
derselben in eine bange Besorgniß versetzte, und daß der damalige 
Superintendent, Samuel Bredetzky, so wie mehrere hierlandige 
Gemeinden es wagten, eine ehrerbietige Vorstellung dagegen ein- 
zulegen. — 

Ob nun gleich diese gehorsamste Vorstellung den gewünschten 
Zweck nicht erreichte, indem Ein Hochlöbl. Landesgubernium 
unter andern mit Decret vom 29*^" Nov. 1811 Nr. 46.764 zu erklären 
geruhte: 

»Daß von dieser höchsten Vorschrift umsoweniger abgegangen 

»werden könne, als dieselbe in dem nun bereits kund gemachten, 



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- 355 - 

»und mit 1. Juny in Wirksamkeit tretenden, allgemeinen bürger- 
»lichen Gesetzbuche 1. Th. 71. § diese Aufkündigungen ein 
»wesentliches Eheerforderniß ausmachen. — Ebensowenig könne 
»es von der Anordnung, daß die akath. Pastoren die Matrikel- 
»bücher, über die in ihren Gemeinden vorfallenden Geburts- Trau- 
»und Sterbefälle, an die kathol. Pfarrer abzugeben haben, ab- 
»kommen, da solche in der Höchsten Vorschrift vom 10*^" März 
»1784 gegründet sey«; 
so wurde denn doch zugleich zur Beruhigung der Protestanten die 
tröstliche Versicherung hinzugefügt: 

»daß dieß keineswegs eine Abhängigkeit des akathol. Clerus von 
»dem kathol. voraussetze, und vielmehr zur Vereinfachung und 
»Erleichterung der Übersicht der akathol. Gemeinden eine poli- 
»tische Tendenz habe«. 

Die evangel. Glaubensgenossen unterwarfen sich gehorsam 
dieser hohen Anordnung und thaten dieß um so williger, 
je mehr die edle menschenfreundliche Deutung die Strenge des 
Gesetzes milderte. — Indessen hat die Erfahrung so vieler seitdem 
verfloßener Jahre gelehret, wie viele unangenehme Berührungen, 
Reibungen und Neckereyen diese Einrichtung herbeiführte; zu wie 
vielfältigen Beschwerden die Unmöglichkeit, die Matrikelauszüge 
bey der oft meilenweiten Entfernung von den nächst gelegenen 
Pfarreyen gleich nach vollzogener Amtshandlung mit Sicherheit 
zu überwachen, Gelegenheit gab; zu welchen kostspieligen und 
zeitversplitternden Hin- und Herreisen die prot. Brautleute durch 
die anbefohlene Verkündigung in den oft sehr weiten Pfarrorten 
genöthigt wurden; wie wenig der eigentliche Zweck dieser Ver- 
kündigungen durch das Aufbiethen in fremden Pfarrbezirken, wo 
sie dem Pfarrer, der sie aufbiethet, ebenso unbekannt sind, als 
der Gemeinde, vor welcher sie verkündigt werden, erreicht wurde; 
wie sehr endlich die unfreundliche Behandlung, welche sie bey 
dieser Gelegenheit erfuhren, die ungeziemenden Spöttereyen und 
harten Ausfälle auf ihre Religion, die Gemüther reitzten und 
verbitterten. — 

Gewiß wird es daher Ein Hochlöbl. K. K. Landes-Präsidium 
verzeihlich finden, wenn die evangel. Glaubensgenoßen aus obigen 
Gründen, und bey dem Umstände, daß obiger Zweck durch ab- 
gesonderte Führung der Kirchenbücher, und durch die Eingabe 
der Matrikelauszüge an die betreffenden Kreisämter, welche ohne- 



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1 



- 356 - 

dem den Pastoren obliegt, erreicht werden würde, so wie in Er- 
wägung dessen, daß S^ Majestät in dem, dem bürgerl. Gesetzbuche 
vorgedruckten Patente ausdrücklich zu erklären geruhen: »daß 
dieses Gesetzbuch auf die, nach den frühern Gesetzen bereits 
»erworbenen Rechte keinen Einfluß haben solle« 
noch immer wünschen, daß auch dieser letzte Rest der Abhängig- 
keit von dem kathol. Clerus aufgehoben werde, und wenn sie es 
wagen ehrfurchtsvoll zu bitten, daß 

a) den mere protestantischen Brautpaaren gestattet werde, 
sich aus obigen Gründen und nach der früheren Observanz blos 
in ihren eigenen Bethhäusern verkündigen lassen zu dürfen, 
und daß 

b) die evang. Prediger, so wie schon früher die Bialer Ge- 
meinde durch ein hohes Gub.-Decret dd. 28**^" März 1794 No. 7756, 
worin ausdrücklich verordnet wird: 

»daß, da im ersten Theil des bürgerl. Gesetzbuches in Rücksicht 
»der Akatholiken keine Beschränkungen vorkommen, vermöge 
»einer höheren Entschließung aber alle früheren Verordnungen in 
»Ehesachen durch dieses Gesetzbuch aufgehoben wurden; so habe 
»das Myslenicer Kreisamt blos darauf zu sehen, daß die akathol. 
»Ehen in ihren Pfarren ordentlich 3 mal aufgekündigt, und von 
»dem Pastor die vorgeschriebenen Tauf- Trau- und Sterbefälle- 
»Vormerks Bücher geführt werden mögen. — Übrigens könne der 
»Bialer Pfarrer von allen Mittheilungen an die katholischen um 
»so mehr befreyt werden, als die Bialer evang. Gemeinde schon 
»vor der Revindication mit besonderen Freiheiten daselbst be- 
»standen ist;« 
welche Verordnung mit Decret dd. 31*^" July 1807 No. 26945 
auch auf die Sandecer Gemeinde mit dem ausdrücklichen Zusatz 
angewendet wurde: 

»daß jede andere Gemeinde, welche sich in demselben Falle be- 
»findet, bey dieser gesetzlichen Gewohnheit geschützt werden 
»müße;« 
von der Eingabe der Matrikelauszüge an die kathol. Geistlich- 
keit frey gesprochen oder doch die Einrichtung getroffen 
werden möchte, daß diese Matrikelauszüge, mit Vermeidung aller 
persönlicher Berührung der Geistlichkeit beyder Kirchen, alljährlich 
bey den betreffenden Kreisämtern niedergelegt werden dürften, 
und auf diese Art einerseits dem Zwecke dieser hohen Anordnung 



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- 357 - 

Genüge geleistet, andererseits den evang. Glaubensgenossen jene 
Unabhängigkeit von dem kathol. Clerus wieder gegeben werde, 
auf die sie gesetzlichen Anspruch haben und auf welche dieselben 
stets einen hohen Werth zu legen pflegten. — 

Genau mit dieser Unabhängigkeit vom kathol. Clerus ver- 
bunden, und aus derselben unmittelbar fließend, ist 

IL, Die Befugniß der protestantischen Geistlichen, 
die Matrikel zu führen, und die verlangten am tlich en 
Zeugniße auszustellen, 

in deren ungestörten Besitz sich ebenfalls die galizischen evangel. 
Glaubensgenoßen bisher befanden, bis sie von dem Zywiecer Con- 
sistorium angesprochen wurde, ob sie gleich mit obbelobten hohen 
Gub. Decret dd. 28*«" März 1794 No. 7756 und 31*«" July 1807 
No. 26945 von den hohen politischen Stellen anerkannt, und die 
von den protest. Geistlichen ausgestellten Matrikelzeugnisse von 
jeher von allen politischen Behörden und Gerichtsstellen un- 
weigerlich angenommen worden sind, ja die Befugniß zur Aus- 
stellung derselben durch Ein hohes Hofdecret für Westgalizien 
dd. 21*«" Oct. 1796 außer allen Zweifel gesetzt worden ist, indem 
durch dasselbe die Pastoren gleichmäßig wie die kathol. Pfarrer 
angewiesen werden: 

»ihre Tauf-, Trau- und Sterbe-Matrikeln gleichfalls nach dem, 

»durch gegenwärtiges Gesetz vorgeschriebenen Formularien zu 

»verfaßen, darinnen sich selbst, wie auch die Beistände eigen- 

»händig zu unterschreiben« 

ohne jedoch mit einem Worte zu gedenken, daß sie keine Befugniß 

hätten, erforderlichen Falls ihren Glaubensgenossen die kirchlichen 

Matrikelzeugnisse auszufertigen, welche Befugniß jedoch durch die 

hinzugefügte Bemerkung: 

»diese Auszüge mit Ausgang eines jeden Monats an die kathol. 
»Pfarrer einzuschicken, welche sie ihrer Matrikel beyzuschließen 
»und wohl zu verwahren haben, damit bey einem sich ereigneten 
»Zweifel die Glaubwürdigkeit der hierauf sich beziehenden Ur- 
»kunde bestätigt werden möge,« — 
nur noch mehr bekräftiget wird, indem sie die Führung der 
Matrikelbücher von Seiten des ordentlichen Seelsorgers voraus- 
setzt und die Beylegung der Auszüge zu den kathol. Pfarr- 
matrikeln nur für die seltenen Fälle anordnet, wo irgend ein 
Zweifel über die Glaubwürdigkeit derselben entstehen sollte, und 



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— 358 - 

die gewöhnliche Ausfertigung der Matrikelzeugnisse von Seiten 
der kathol. Pfarrer, durch die mit Ausgang eines jeden Monats 
anbefohlene Einsendung der protest. Matrikel-Auszüge, so wie durch 
die Bemerkung, damit bey einem sich ereigneten Falle die Glaub- 
würdigkeit derselben bestätigt werden könne, ganz beseitigt, und 
sogar für die unendlich häufig eintretenden Fälle ganz unmöglich 
macht, wo die Partheyen gleich nach vollbrachter seelsorgerlichen 
Amtsverrichtung um Ausfolgung der betreffenden pfarrlichen Zeug- 
nisse bitten. 

Ein Hochlöbl. K. K. Landes-Präsidium wird daraus zu ent- 
nehmen geruhen, daß wenn das Zywiecer Consistorium die Führung 
der Matrikelbücher und Ausstellung der pfarrlichen Zeugnisse den 
evangel. Predigern der galizischen Lande streitig macht, das auf 
einer absichtlichen oder unwillkührlichen Vermischung der für die 
verschiedenen Länder erlassenen Verordnungen in Religionssachen 
und auf einem gänzlichen Verkennen der eigenthümlichen Rechte 
und Vorzüge, welche die hierlandigen prot. Religionsgenossen 
gesetzlich besitzen und bisher ungestört genoßen, beruhe, und daß 
es sogar gegen den klaren Buchstaben des namentlich für Galizien 
gegebenen obbelobten hohen Hofdecrets sey, wenn das Wadowicer 
k. k. Kreisamt sogar zu fordern scheint, daß die Taufzeugen und 
Beistände sich nach jeder in dem prot. Bethhause verrichteten 
Taufe und Trauung zur Namensfertigung in die kathol Pfarrkirche 
zu begeben haben. Eben so wurden die hierlandigen Protestanten 
III., bey ihrer Freyheit von allen Giebigkeiten un d 
Stolgebühren an die kathol. Geistlichkeit, 
welche in dem 7 § des Warschauer Tractats ausgesprochen ist, 
seit dem Augenblick als dieses Land unter K. K. Oberherrlichkeit 
kam, zum Theil mit besonderer Hinweisung auf denselben auf 
das nachdrücklichste geschützt und erhalten. — Schon durch ein 
hohes Hofdekret ddo. 8*«" Juny 1775 wurde § 2 ausdrücklich an- 
geordnet: 

»daß den Dissidenten allerdings frey stehe, an die von ihnen zu 
»haltenden Geistlichen die Jura Stolae zu entrichten, ohne solche 
»ferner der römisch-kath. Geistlichkeit abführen zu dürfen;« — 
wornach auch durch Ein hohes Gub. Decret ddo 24*^" Juny 1775 
die Zamoszer dissidentischen Einwohner zu ihrer Beruhigung ver- 
ständigt wurden. Diese allergnädigste Befreyung wurde nochmals 
durch ein in Copia beygelegtes Decret von Ihro K. K. Apostolische 



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- 359 - 

Majestät aufs neue allergnädigst bestätiget und zur erwünschten 
Getröstung der prot. Unterthanen dieser Lande unterm 5*^" April 
1777 publicirt. Ob nun gleich diese allergnädigste Entschließung 
zunächst blos den damals in Galizien bestehenden Gemeinden 
zugute kam, so wurde sie dennoch, wie nachfolgende Entschei- 
dungen beweisen, auch auf die einwandernden Colonisten in 
Gemäßheit der ihnen gegebenen Zusicherung »einer gänzlichen Un- 
abhängigkeit vom kathol. Clerus« übergetragen, und dieselben 
sogar mit hohen Hofdecret dd. 11*^" Oct. 1788 von der Entrichtung 
des Zehenden und der Missalien losgesprochen, ohne daß jedoch die 
kathol. Pfarreyen dadurch im mindesten verkürzt wurden, indem 
diese weder bey ihrer Fundirung auf die Colonistengemeinden 
angewiesen waren, wie dies anderwärts wohl der Fall sein dürfte, 
indem diese Gemeinden damals noch nicht existirten, und größten- 
theils auf leeren, unbebauten Gründen angesiedelt wurden, noch 
auch von ihren Emolumenten dadurch das Geringste verloren, 
indem S^ Majestät mit obbezogenem hohen Hofdecrete die aller- 
gnädigste Anordnung traf, daß wenn auf den Colonistengründen 
stiftmäßige Zehenden ruhten, diese dem cathol. Clerus aus dem 
Ansiedlungsfonde vergütet werden sollten. Daß nun die hiesigen 
prot. Gemeinden von den hohen und höchsten politischen Be- 
hörden nach diesen Grundsätzen behandelt und bey dieser gesetz- 
mäßigen Freyheit immer geschützt und erhalten wurden, wird 
Ein Hochlöbl. K. K. Landes-Präsidium aus anliegenden bey ver- 
schiedenen Gelegenheiten erlassenen hohen Verfügungen ersehen, 
und zwar 

a) aus einem hohen Hofdecret ddo. 7. July 1785 Z. 9785 
zu Gunsten der Bialer Gemeinde, von welcher der Lipnicker 
Pfarrer die Stolgebühren forderte; 

b) aus dem vom Sandezer k. k. Kreisamte in Folge hohen 
Gub. Decrets dd. 31*«" July 1807 No. 26945 der Sandezer Gemeinde 
ertheilten gnädigen Bescheid; 

c) aus dem mit hoher Gub. Verordnung dd. 23*«" Febr. 1816 
No. 4590 an das PFzemysler Consistorium erlaßenen Bescheide, 
worinnen demselben bedeutet wird, daß unterm 17*«" Jan. 1812 
No. 1032 sämmtlichen hierlandigen lateinischen und griechischen 
Consistorien mitgegeben worden sey, wie sich in Absicht auf die 
Stolgebühren der Akatholiken zu benehmen sey, und in welchem 
angezogenen Decrete es ausdrücklich heißt: 



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- 360 - 

»es wird der lateinischen und griechischen Geistlichkeit das Recht 
»abgesprochen, Stolgebühren von den Protestanten abzufordern, 
»indem solche an die evangelische Geistlichkeit gezahlt werden.« 
Ein Hochlöbl. K. K. Landes-Präsidium wird sich daher zu über- 
zeugen geruhen, daß auch diese 'Freyheit gesetzlich begründet sey. 
Eben dieß gilt denn auch von einer der theuersten, bis in 
das Innerste des häuslichen Lebens dringenden Vergünstigung 

IV. Die Töchter protestantischer Mütter aus ge- 
mischten Ehen auf Verlangen der Aeltern in der 
evangelischen Religion zu erziehen, 
die um so mehr eine nähere Beleuchtung verdient, als die Gegnerin 
der Protest. Kirche seit einiger Zeit sich derselben vorzüglich dazu 
bedient, die evangel. Kirche in den Verdacht der Intoleranz und 
Proselytenmacherey zu bringen, obgleich niemand weiter von diesen 
Fehlern entfernt ist, als gerade sie, die eingedenk der Lehre ihres 
Meisters: daß aus allerley Volk, wer Gott fürchtet und recht thut, 
dem Höchsten angenehm sey, Andern, welche obschon auf einem 
andern Wege nach demselben Ziele ringen, ihre Achtung nie ver- 
sagen wird, die Gewissensfreyheit als ihr edelstes Kleinod schützt 
und eben darum auch andere in ihren Religionsüberzeugungen 
niemals stört. — Und gewiß würde es schwer seyn, irgend ein 
Beyspiel aufzufinden, daß jemals ein hierlandiger prot. Geistlicher 
die Grundsätze seiner Kirche so ganz vergessen, und durch Ver- 
lockung, Überredung und andere sträfliche Mittel, Andere von dem 
Bekenntniße ihrer Religion abzuziehen versucht haben sollte. — 
Ja wie weit leichter würde es im Gegentheil seyn. Beweise dafür 
aufzufinden, daß prot. Religionslehrer solche, welche ihnen ihren 
Entschluß offenbarten, sich auf gesetzlichem Wege der evangel. 
Kirche anzureihen, durch Vorstellungen und Zureden von diesem 
Schritte abmahnten und der väterlichen Religion treu erhielten. 
Doch mehr als alles andere dürfte die Thatsache sprechen, daß 
es zu den äußersten Seltenheiten gehört, wenn ein Katholik hier- 
landes zur evangel. Kirche übertritt, während Beyspiele der ent- 
gegengesetzten Art ungemein häufig sind, und es immer mehr 
werden. — Wie wenig nun der Gebrauch der obbemerkten Ver- 
günstigung geeignet sey, diesen, der evang. Kirche gemachten 
Vorwurf zu begründen, wird Ein Hochlöbl. K. K. Landes-Präsidium 
daraus ersehen, daß auch diese Befugniß rechtlich begründet sey 
und auf eben diesem Tractate beruht, dem die prot. Kirche in 



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- 361 - 

Galizien ihre übrigen Freyheiten verdankt, indem darin sub § 10 
ausdrücklich verordnet wird: 

»die Ehen unter Personen verschiedener Religion soll Niemand 
»verhindern, die Kinder aus einer solchen Ehe sollen von väter- 
»licher Seite in der Religion des Vaters, die von mütterlicher 
»Seite in der Religion der Mutter erzogen werden, ausgenommen 
»den Fall, wenn eheliche Personen, ehe sie in die Ehe treten, 
»deshalb etwas anders unter sich festsetzen.« 
Dieses Rechtes nun haben sich in Folge dessen die galizischen Prote- 
stanten bedient, seit dem sie unter österreichischer Herrschaft stehen, 
wie dieß aus den Kirchenbüchern bestimmt nachzuweisen ist, so wie 
auch die Protestanten im Königreich Polen im Grunde desselben auch 
heute noch diesen Vorzug genießen. In dem freyen Genuße dieser 
Wohlthat wurden sie niemals, und um so weniger gestört, als es 
der oft ausgesprochene Wille S"^ Majestät des Kaisers Joseph war, 
die gemischten Ehen zu befördern. — Ja es wurde dieses Recht 
so natürlich und in der Ordnung gegründet angesehen, daß nicht 
einmal der kathol. Clerus sich jemals dagegen auflehnte, in 
welchem Falle es gewiß nach denselben Grundsätzen, wie die 
übrigen Freyheiten der evangel. Kirche entschieden worden wäre. — 
Nur erst ein hohes Präsid.-Decret dd. 3*^" April 1824 No. 393 
schien jene Vergünstigung, welche die Protestanten bisher ungestört 
genoßen haben, zu bedrohen. — Der gehorsamt Unterzeichnete 
würde schon gleich nach Empfang desselben es gewagt haben, 
eine ehrerbietige Vorstellung dagegen einzulegen, wenn ihm eines 
Theils die zur Begründung desselben nöthigen Beylagen zur Hand 
gewesen wären, und wenn es nicht andererseits bey den sich 
damals schon regenden Bemühungen des kathol. Clerus, die Pro- 
testanten in dem Genuße ihrer Freyheiten zu beschränken, voraus 
zu sehen gewesen wäre, daß im Kurzen diese Angelegenheit im 
Ganzen einer höheren Entscheidung unterlegt werden müßte. In- 
dessen hat der Gefertigte diese hohe Verordnung pflichtschuldigst 
den unterstehenden Pastoren zur genauen Darnachachtung bekannt 
gemacht, wiewohl mit schwerem Herzen, da es voraus zu sehen war, 
in welche tiefe Bekümmerniß es seine Glaubensgenoßen versetzen 
würde. — Wie erschütternd aber auch der Eindruck war, den die 
Bekanntmachung dieser hohen Anordnung auf die hierlandigen 
Mitglieder der evang. Kirche machte; so vermochte sie es dennoch 
-nicht, die freudige Zuversicht zu unterdrücken, daß eine so edle, 

23* 



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- 362 - 

menschenfreundliche Regierung, welche überall die gesetzmäßigen 
Ansprüche ihrer Unterthanen so heilig achtet, und namentlich 
auch die hierlandigen evang. Glaubensgenossen in ihren Gerecht- 
samen stets mit der edelsten Liberalität schützte, auch in diesem 
Falle das demüthige Flehen derselben um Zurücknahme obiger 
Anordnung gnädig erhören und ihnen die Fortdauer dieser bisher 
genoßenen Wohlthat auch fernerhin huldreichst zugestehen werde, 
zumal da sie sich bewußt sind, sich dieses Vorzugs immer mit 
aller Bescheidenheit bedient und nur in dem Falle Gebrauch 
davon gemacht zu haben, wenn die kathol. Väter in gemischten 
Ehen es ausdrücklich verlangten. Da übrigens diese bisher genoßene 
Vergünstigung auf denselben Grundsätzen beruht, wie die übrigen 
obbemerkten Freyheiten; da auch die beyden Nachbarländer, 
nemlich Siebenbürgen, vermöge Mandat vom 8*^" Nov. 1781 und 
die Fürstenthümer Teschen und Bielitz nebst der Herrschaft 
Gotschdorf zu folge anliegenden unterm 30*^" März 1782 für das 
k. k. Schlesien publizirten Toleranzpatente dieselben Freyheiten 
genießen; da dieselben Gründe und Ursachen, vermöge welcher 
jenen diese Allerhöchste Gnade zugesichert worden ist, auch für 
die hierlandigen Protestanten, und ^war in einem noch höheren 
Maaße sprechen ; da sich bey diesen diese Freyheit nicht auf 
bloße Observanz, sondern auf feyerliche Verträge gründet; da 
vermöge des Warschauer Tractats auch den disunirten Griechen 
diese Wohlthat für ewige Zeiten zugesichert worden ist; da die 
Verweigerung derselben das Glück so vieler Ehen, welche in der 
unbezweifelten Voraussetzung der Fortdauer derselben geschloßen 
wurden, unheilbar zerrüttet würde; da es endlich zu unabsehbaren 
Störungen häuslicher Ruhe und Zufriedenheit, ja zu den traurigsten 
Auftritten führen müßte, wenn der anliegende Befehl des Zywiecer 
Consistoriums überall geltend gemacht werden sollte; so hieße 
es an der Gnade des menschenfreundlichsten aller Monarchen, 
in dem die galizische evangel. Kirche ihr kirchliches Oberhaupt 
und ihren Sehutzherrn verehret, verzweifeln, wenn sie nicht mit 
freudiger Zuversicht hoffen wollte, daß Allerhöchstderselbe seine 
galizischen protest. Unterthanen auch fernerhin in dem Genuße 
ihrer gesetzmäßigen und durch langjährigen ungestörten Besitz 
geheiligte Freyheiten erhalten werde. — 

Der gehorsamst Unterfertigte wagt es daher, Ein Hochlöb- 
liches K. K. Landes-Präsidium unterthänigst zu bitten, daß Hoch- 



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- 363 - 

dasselbe bey dem Umstände, daß, wie es schon mit oben an- 
gezogenen hohen Hofdecret ddo 7*^" July 1785 anerkannt worden 
ist, die hierlandigen Protestanten nicht wie jene in den k. k. Erb- 
ländern angesehen werden können, und daß sich dieselbigen wie 
sich aus obiger Darstellung, so wie selbst aus der Anklage des 
Zywiecer Consistoriums ergiebt, in dem faktischen Genuße dieser 
Rechte befinden, gnädigst geruhen wolle, zur einstweiligen Be- 
ruhigung der durch die Angriffe des kathol. Clerus in die tiefste 
Bekümmerniß und Unruhe versetzten protest Glaubensgenoßen 
und zur Vermeidung weiterer Irrungen die Anordnung zu treffen, 
daß nicht blos die Bialer, sondern auch die übrigen prot. hier- 
landigen Gemeinden provisorisch und bis zur gesetzlichen Ent- 
scheidung dieser Angelegenheit in dem fortdauernden Genuße 
dieser Freyheiten und im Statu quo erhalten werden, zugleich 
aber auch sich der bedrängten evangel. Kirche dieses Landes 
huldreichst anzunehmen, und ihre Sache einer solchen Entscheidung 
entgegenzuführen, bey welcher Tausende von getreuen Unterthanen 
S"" Majestät unseres AUergnädigsten Kaisers über ihre wichtigsten 
Interessen für die Zukunft sichergestellt und beruhigt werden. — 
Lemberg, d. 27sten pbr, 1825. 

Stockmann, Superintendent) 



Das Konsistorium augsburgischer Konfession (Krauseneck, Wächter, 
Glatz) unterbreitete eine Kopie dieser Vorstellung der Hofkanzlei am 22. Oktober. 
Von hier aus wurde Vizepräsident Fürst v. Lobkowitz um Mitteilung 
ersucht, ob wirklich diese gesetzlichen Widersprüche beständen. Weiter läßt 
sich der Akt nicht verfolgen. 



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XV. 

Die 
Ausbreitung des Protestantismus in der Bukowina. 

Von Dr. J. Polek, k. k. Universitäts-Bibliothekar in Czernowitz. 

In der Bukowina gab es schon im 16. Jahrhundert, dem- 
nach zurzeit, als dieses Land noch unter moldauischer Herrschaft 
stand, Protestanten. Sie waren insbesondere in Suczawa und 
Sereth seßhaft. Die österreichischen Truppen fanden jedoch bei 
ihrem Einmärsche in die Bukowina im Jahre 1774 in diesen Städten 
nur noch Ruinen protestantischer Kirchen vor; Protestanten selbst 
waren nicht vorhanden. Dagegen bestanden seit kurzem im Norden 
des Landes zwei deutsch-protestantische Kolonien. 

Im Jahre 1750 ließ nämlich Graf August Poniatowski, 
der Vater des letzten polnischen Königs Stanislaus IL, zum 
Betriebe einer Tuchfabrik, die er bei Zaleszczyki zu errichten 
beabsichtigte, deutsche Handwerker aus Preußen und Sachsen 
kommen, die, weil ihnen der Kamienitzer Bischof, in dessen 
Sprengel Zaleszczyki lag, die Erbauung einer protestantischen 
Kirche nicht gestattete, im Jahre 1759 mit Erlaubnis des moldauischen 
Fürsten Johann Theodor Kall im ach i in dem Zaleszczyki gegen- 
überliegenden Dorfe Prelipcze oder Philippen, also auf dem 
Boden der heutigen Bukowina, angesiedelt wurden. Aber auch 
hier sollte ihre Niederlassung von keiner Dauer sein. Die Un- 
ruhen, von denen die polnische Königswahl im Jahre 1764 und der 
Ausbruch des russisch-türkischen Krieges im Jahre 1768 begleitet 
waren, insbesondere aber die Zerstörung der Tuchfabrik im 
Jahre 1769, drückten ihnen neuerdings den Wanderstab in die Hand. 



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- 365 - 

Die Einverleibung der Bukowina in Österreich bewog zwar einige 
von ihnen zur Rückkehr nach Philippen; allein sie siedelten schon 
nach kurzer Zeit nach Zaleszczyki über, wohin ihre Kirche im 
Jahre 1775 verlegt worden war. Mit dem Verkaufe der Ansied- 
lungshäuser im Jahre 1790 verschwand die letzte Spur von 
Deutsch-Philippen. ^) 

Ein etwas besseres Schicksal war der zweiten deutsch-pro- 
testantischen Ansiedelung beschieden. 

Um ihr Heer während des langwierigen russisch-türkischen 
Krieges (1768 — 1774) leichter mit Scheidemünze zu versehen, 
ordnete Kaiserin Katharina II. im Jahre 1770 die Errichtung einer 
Münzstätte in der Moldau an. Mit der Leitung derselben betraute 
sie den Ostseeländer Peter Freiherrn v. Garten berg (russ. Sada- 
gurski). Dieser wählte zur Anlegung der Münzstätte die Czernowitz 
gegenüberliegende, damals mit undurchdringlichem Urwalde 
bedeckte Ebene bei Rohozna, die ihm auch von den Besitzern 
gegen ein entsprechendes Entgelt willig überlassen wurde. Als 
Münzarbeiter hatte Gartenberg deutsche Landsleute mitgebracht, 
neben denen sich, angelockt durch die Aussicht auf Verdienst, noch 
andere deutsch-protestantische Gewerbsleute niederließen. So 
entstand die Ortschaft Sadagöra (sprich Sadagura). 

Mit der Beendigung des Krieges im Jahre 1774 fiel auch die= 
Notwendigkeit des Bestandes der russischen Münzstätte weg. Die 
Münzbeamten zogen tatsächlich noch in demselben Jahre fort, die 
Münzarbeiter aber sowie die fremden Gewerbetreibenden blieben 
fast insgesamt zurück. Sie wandten sich nach der Besitzergreifung 
des Landes durch Österreich an den zum Administrator ernannten 
General Gabriel Freihern v. Spl^ny und erboten sich unter 
gewissen Bedingungen, insbesondere unter der Bedingung der 
»Freiheit der protestantischen Religion«, in Sadagöra feste Häuser 
zu erbauen und Fabriken anzulegen und so die Ortschaft nach 
und nach zu einer »Frei- und Handelsstadt« zu machen. Der 
General empfahl auch die junge Ansiedelung dem Wohlwollen des 



Polek, der Protestantismus in der Bukowina. Czernowitz 1890, 
S. 5 ff. Auf dieser Schrift beruhen zum Teile auch die übrigen Ausführungen, 
wenn nicht andere Quellen genannt sind. 



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- 366 - 

Hofkriegsrates; er fand aber kein Gehör, weil man sich damals 
hohenorts mit dem Gedanken trug, das galizische Grenzstädtchen 
Sniatyn durch Anlegung einer armenischen Kolonie in eine Handels- 
stadt umzuwandeln. Ebensowenig Erfolg hatte ein neuerlicher 
Versuch, den Spi^ny am 9. Juni 1776 zugunsten Sadagöras 
machte. Damals schrieb er: »Endlichen solle mich in Betreff des 
von mir zu einer Handelstadt angetragenen Orts Sadagura in 
Unterthänigkeit äußern, daß sich daselbst einige Handwerker, als: 
Schmied, Maurer, Müllner, Wagner, Fleischer, Bäcker, Schuster und 
Schneider annebst einer Anzahl Juden allschon niedergelassen 
haben und einige gute, der Militärbequartierung angemessene 
Häuser bereits erbauet haben. Gleich wie sie nun von mir keine 
positive Verheißung gehabt, so wird es von allerhöchsten Orten 
abhängen, selbes als eine Stadt, Marktflecken oder Dorf zu 
betrachten. Wahrhaft ist es, daß uns überhaupt dieses Örtel zum 
guten Behuf dienet; denn außer obigen Handwerksleuten werden 
wir von da mit gutem Bier und gutem Mehl versehen, anerwogen 
nur daselbst eine gute Beutelmühl und ein Bräuhaus vorhanden, 
welche seit der Zeit der anwachsenden Kolonie erbauet worden sind.« 

Von der Regierung im Stich gelassen, konnten sich die 
christlichdeutschen Ansiedler in Sadagöra nicht behaupten; daher 
zogen viele weg und ließen sich anderwärts, besonders aber im 
nahen Städtchen Czernowitz, dem Sitze der Bukowinaer Landes- 
verwaltung, nieder. '') 

Nach Czernowitz kamen die ersten Protestanten mit den 
Besatzungstruppen. Ebenso gehörten in den zwei anderen Städten 
der Bukowina, in Sereth und Suczawa, die ersten Protestanten 
dem Heere an. Ihnen gesellten sich protestantische Handel- und 
Gewerbetreibende aus Österreich und Deutschland zu, und bald 
zählte der Protestantismus auch zahlreiche Anhänger unter den 
Beamten. 

Auf dem flachen Lande begann sich der Protestantismus im 
Jahre 1786 auszubreiten. Zunächst waren es reformierte Ungarn, 
die, aus der Moldau kommend, sich hier niederließen. 



^) J. Polek, Die ehemalige russische Münzstätte in Sadagöra. Czerno- 
witz 1894. 



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- 367 — 

Schon im Winter 1776/77 waren gegen Zusicherung völliger 
Amnestie 100 siebenbürgische Flüchtlinge ungarischer Nationalität 
aus der Moldau in die Bukowina eingewandert und hatten hier 
die Dörfer Istensegits und Fogodisten angelegt. Im Jahre 1784 
wurden auf Befehl Kaiser Josefs 11. auch die übrigen dort zurück- 
gebliebenen flüchtigen Ungarn ausgeforscht und in die Bukowina 
abgeschickt, wo sie 1785 und 1786 in den für sie gegründeten 
Dörfern Hadikfalva, Andrasfalva und Joseffalva angesiedelt wurden. 
Alle diese Ungarn waren Katholiken. Aber schon am 4. Oktober 
1785 hatte der mit der Zurückbringung der Flüchtlinge in der 
Moldau beschäftigte Hauptmann von Bedeus nach Czernowitz 
gemeldet, daß er ein ganzes Szeklerdorf von 30 guten Hauswirten, 
insgesamt Kalvinern, übernommen, ihnen jedoch versprochen 
habe, sie bis Ende März 1786 in der Moldau zu belassen, damit sie 
noch ihre Vorräte dort verzehren könnten. Tatsächlich langten am 
3. Mai 1786 32 und kurz darauf noch 8 solche Familien an der 
bukowinisch-moldauischen Grenze an. Alle diese Ungarn wollten 
beisammen bleiben und fanden erst nach langem Suchen in dem 
zum moldauischen Kloster Slatina gehörigen Dorfe Rarartcze, 
wo gerade der größte Teil der Einwohner ausgewandert war, 
befriedigende Unterkunft. Hier konnten sie, wie der Wirt- 
schaftsdirektor Beck berichtete, eine besondere Gemeinde bilden, 
ohne ihrer Religion wegen »Aufsehen und Widerwillen« zu er- 
regen. 

Die neue Ansiedelung war jedoch nicht von Bestand. In der 
Gegend von Chotin gelegen, war Rarartcze während des Türken- 
krieges von 1788 bis 1790 großem Ungemach ausgesetzt. Die 
Szekler ergriffen im Jahre 1788 die Flucht und ließen sich neben 
ihren katholischen Landsleuten, insbesondere in Andrasfalva 
nieder. Nach beendigtem Kriege waren sie geneigt, nach Rarartcze 
zurückzukehren, allein jetzt war dieses Dorf bereits von Rück- 
wanderern besetzt. Sie mußten also als Nebensassen in den 
ungarischen Dörfern bleiben und sich mit geringem Grundbesitze 
begnügen. '') 

^) J. Polek, Die magyarischen Ansiedelungen ... in der Bukowina, 
Czernowitz 1899. 



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— 368 - 

Ende 1786, also bei dem Übergange des Landes aus der 
Militär- in die Zivilverwaltung, belief sich die Gesamtzahl der 
Protestanten in der Bukowina auf 228. Davon entfielen 142 auf 
das helvetische, 79 auf das augsburgische Bekenntnis. Wie sie sich 
über das Land verteilten, ist aus der folgenden Tabelle zu ersehen. 



Name der 


Zahl d 


er Protestanten 








nach dem 


nach dem 


I 


Bezirke 


Ortschaften 


Geschiechte 


Bekenntnisse 


Gesamt- 




männlich ' weiblich 


auf sburg. 1 helvetisch 


zahl 


Czernowitz 


Czernowitz : 


13 


6 


19 




1 

19 


» 


Rosch 


5 


3 


1 


7 


8 


» 


Rarart cze 


63 


58 1 


— 


121 


121 


» 


Sadagöra 


6 


2 


8 


— 


8 


» 


Zuczka 


1 


— 


1 


: 


1 


Kotzman 


Luka (Philippen) i 


2 


3 


5 


— : 


5 


Sereth 


Sereth 


9 


4 i 


13 


— 


13 


» 


St. Onufry 


5 


4 ' 


9 




9 


Suczawa 


Suczawa 


13 


8 1 


21 




21 


» 


llischesti 


1 


— ; 


1 : - 


1 


» 


Moldawitza 


1 


— 


1 


— i 


1 


» 


Strojesti 1 


10 


5 


— 


15 1 


15 


» 


Russ.-Plavalar i 


4 


2 


— 


6 


6 




Summe . 


133 


95 


1 '' 


149 


228 



Von nun an erfährt der Protestantismus in der Bukowina 
mit jedem Jahre einen höheren Aufschwung; denn es stieg nicht 
nur regelmäßig die Zahl der protestantischen Gewerbetreibenden 
und Beamten, es kamen auch neue Kolonien mit zumeist pro- 
testantischer Bevölkerung zustande. Sehr bedeutend ist der Zuwachs 
gleich im Jahre 1787. 

Zur Gewinnung der bereits 1777 von Fachmännern er- 
schürften Lager von Kupfer- und Eisenerzen war im Jahre 1782 
von k. k. Offizieren und Beamten, sowie von den angesehensten 
Männern des Landes eine Gewerkschaft gebildet worden, die noch 
in demselben Jahre, nachdem sie von seiten der k. k. Hofkammer 
in Münz- und Bergwesen auf ihr Ansuchen die Belehnung erlangt, 
den Abbau der erwähnten Erzlagerstätten, und zwar in Fundul 
.Moldowi (auf Kupfererze) und Jakobeny (Eisenerze) begann. Gleich- 
zeitig betrieb das Ärar selbst Bergbau auf Kupfererze in Poioritta. 



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— 369 — 

Als Arbeiter wurden anfangs beiderseits Maurer und Zimmerleute 
aus siebenbürgischen Regimentern verwendet ; aber schon zu 
Beginn des Jalires 1787 ließ man Bergarbeiter aus der Zips (in 
Ungarn) und aus Siebenbürgen kommen und legte damit den 
Grund zu den teils katholischen, teils evangelischen Ansiedelungen 
von Luisenthal und Jakoben y. Das Ärar errichtete überdies 
ein Steinsalz-Versuchsamt in Solka und erzeugte gleichzeitig da- 
selbst und in dessen Nähe Sudsalz. Auch unter den zu diesem 
Zwecke zu Solka angesiedelten Beamten, Bergkn^ippen und 
Werkleuten befanden sich nicht wenige Protestanten. "•) 

Nebst den Bergarbeitern kamen im Jahre 1787 bei 70 pro- 
testantische Bauernfamilien in die Bukowina. Infolge der großen 
Begünstigungen, die das kaiserliche Patent vom 17. Septen:iber 1781 
(Piller'sche Gesetzsammlung Nr. XVI) den nach Galizien Einwan- 
dernden versprach, trafen nämlich dort soviele Handwerker und 
Bdiuevn aws dem Westen Deutschlands ein, daß man sie nicht 
unterbringen konnte. Kaiser Josef II. befahl daher, diese Familien 
zum Teile in der Bukowina anzusiedeln. Tatsächlich wurden Mitte 
August 1787 50 Familien dahin abgeschickt. Am 29. Aygust folgten 
20 andere und 8 Tage später wieder 8 Familien nach. Bis auf 8, 
die katholisch waren, gehörten alle diese Familien der evange- 
lischen Kirche an. Erstere erhielten in St. Onufry bei Sereth 
Unterkunft, letztere wurden an 7 weit auseinander liegende rurnä- 
nische Dörfer, und zwar 16 an AU-Fratautz, 12 an llischesti, je 
8 an Arbora, Badeutz-Mill eschoutz, Itzkany und Sa- 
tulmare und 7 an Tereblestie angegliedert. Diese deutschen 
Ansiedelungen bildeten also keine selbständigen Gemeinden, konnten 
sich aber aus ihrer Mitte Vorsteher oder Schylzen wählen. In der 
Folge wurden s^ie aus den rumänischen .Gemeinden ausgeschieden 
und heißen seitdem Deutsch-Alt-Fratautz, Deutsch- 
Bade utz, Deutsch-Sa tulmare, Deutsch-Terebles.tie, 
llischesti und Neu -Itzkany. 

Den G.esamtzuwachs ,an Protestanten in der Bukowjna wäh- 
rend des Jahres 1787 veranschaulicht folgende Tabelle. 2) 

*) Die den Bergbau betFeff^nden Angaben entstainmen einer demnächst 
erscheinenden Schrift d^s Verfassers, die (Jen Titel fiihrt: »Die Montan- 
industrie in der Bukowina«. 

2) Ausweis über die in dem Buccoviner Kreis befindlichen Accatholiquen 
ddo. Tschernowitz 22. April 1.788. (Original in der Registratur der. Bukowiner 
k. k. Landesregierung.) 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 24 



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370 - 



Seit Ende Juli 1787 sind 



Name 
der Ortschaften 



Czernowitz 

Rosch 

Rararicze 

Suczka 

Sadagöra 

Luka (Philippen) 

Sereth 

Suczawa 

St. Ilie 

Ilischesti 

Strojesti 

Russ.-Plavalar 

Solka 

Mold.-Kimpolung 

Jakobeny 



stand 

Ende Juli 

1787 



zugewachsen 
durch 



abgegangen 
durch 



Gebart 



Üöer- 
' siedelung , 



Tod 



i Über- 
I siedelonq 



Stand 

Ende Jänner 

1788 



a I g 
^ E 



Davon 
waren 






13 

5 
64 

1 

6 

2 

25 
16 

2 
11 

4 
12 

4 
25 1 



11 1 

3 

59; 

2 
3 

14 
8. 



ll-l- 



2i- 
1 



- 4 
1 - 



14; 11 

5| 3 
67: 61 



=1- 5 

60 57; - 

1; 1' -I 



2 
61 

2; 
23| 13 

2 : 13 6 
60; 57 
2 — 

ll[ 

4! 

12! 



1 



1 ! 



-! 231 7 



25 
8 
1281 
3 
8 
4 

36 

19 

117 

2 

17 

6 

19 

10 

30 



25 



3 

8 

4 

36 

19 

114 

2 

17 

6 

19 

10 

30 



7 
128 



Summe . i 190 1 126 9 ; 4 j 62 59 7 i 1 1 6 4 248,184 432 2941138 

In den folgenden zwei Jahrzehnten ist es wieder in erster 
Linie der Bergbau, wodurch die Ausbreitung des Protestantismus 
in der Bukowina gefördert wurde. 

Trotz der Unterstützung, welche die Regierung der Gewerk- 
schaft zuteil werden ließ, wollte die Zeit der Zubuße kein Ende 
nehmen. So wurden denn die Werksanlagen im Jahre 1796 an 
den Steiermärker Anton Manz Ritter von Mariensee verkauft. Manz 
erweiterte noch in demselben Jahre das Werk zu Jakobeny und 
ließ dahin eine größere Anzahl Bergarbeiter und Fuhrleute aus 
der Zips und Siebenbürgen kommen. Dann stellte er Schürfungen 
im Bistritztale oberhalb Jakobeny an, die 1797 zur Auffindung 
der silberhaltigen Bleiglanzlager von Kirlibaba führten. Auch hier 
wurde nun der Bergbau sogleich eröffnet und eine neue Zipser- 
ansiedelüng, die Ansiedelung Kirlibaba-Mariensee, begründet. Im 
Jahre 1807 erbaute Manz einen Hochofen oberhalb Wama (an der 
Moldawa), siedelte daselbst 1808 38 Zipserfamilien an und rief so 
die Kolonie Eisenau ins Leben. Ebenso entstanden im Jahre 
1809 die deutschen Kolonien Bukschoja und Russpeboul 



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- 371 ^ 

oder Freudenthal, erstere an der Moldawa, letztere an der Molda- 
witza. 

Unterdessen hatte auch das Ärar den Bergbau eifrig fort- 
gesetzt und im Jahre 1790 mächtige Steinsalzflötze in Kaczyka 
entdeckt. Auch hier wurden Deutsche, darunter auch Protestanten, 
angesiedelt. Die bei dem Kupferbergwerke in Pozoritta beschäftigten 
Arbeiter finden wir seit 1805 insgesamt in dem nahen Luisen- 
thal.i) 

Nach dem Jahre 1809 hört der Zuzug auswärtiger Prote- 
stanten in großen Scharen auf. Es sind zumeist nur die Verwandten 
der bereits angesiedelten Familien, die sich gleichfalls in der Bu- 
kowina ein neues Heim zu gründen suchen. Da die neuen An- 
kömmlinge sich mit geringem Grundbesitz begnügen müssen und 
auch die alten Ansiedlerfamilien frühzeitig gering oder gar nicht 
dotierte Glieder zählen, so ist schon in der ersten Hälfte des 
vorigen Jahrhunderts bei den Protestanten der Bukowina eine 
starke Wanderbewegung zu bemerken. Die nichtdotierten Familien- 
väter siedeln in benachbarte oder auch in entfernte Gemeinden 
über und leben, wenn es ihnen nicht gelingt, dort ein Grundstück 
zu erwerben, von irgendeinem Handwerk. Auf diese Weise sind 
auch die deutsch-protestantischen Gemeinden Storoiynetz (1851), 
Hliboka (1857) und Unter-Stan esti e (1860) entstanden, von 
denen die zweite, Hliboka, derzeit schon 550 Seelen zählt. 

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schlössen 
sich den deutschen Bukowiner Protestanten, die einen neuen 
Wohnort suchten, die zu gleichem Zwecke aus Galizien einge- 
wanderten nichtdotierten deutsch-protestantischen Familien an. Im 
Jahre 1863 pachteten 20 solche Familien aus llischesti, Tereblestie, 
Hliboka, dann aus Brigidau und Landstreu gemeinsam von Ale- 
xander Freiherrn von Wassilko-Serecki auf 30 Jahre einen öden, 
311 Joch messenden Grundkomplex auf dem Gute Berhometh am 
Sereth und legten daselbst Alexandersdorf an. Auf ähnliche 
Weise, jedoch jede mit besonderem Pachtvertrag, ließen sich im 
Jahre 1869 unweit von dem obengenannten Dorfe 30, teils ein- 
heimische, teils galizische protestantische Familien auf Wassilko- 
schen Grunde nieder. Ihnen dankt Katharinendorf seinen Ur- 
sprung. Dazu kam 1885 noch die deutsch-protestantische An- 
siedelung ^adowa am Sereth, wozu der Großgrundbesitzer David 

Siehe Anmerkung 4. - 

24* 



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— 372 — 

Kranz und die Anteilsbesitzer Johann von Baloscheskul und Ale- 
xander Ritter von Gojan den Grund und Boden käuflich überließen. 

Seit zwei Jahrzehnten ziehen aber auch viele Protestanten 
ganz aus der Bukowina weg. Den Anfeng machten die Ungarn 
von Andrasfalva. Aus diesem Dorfe sind im Jahre 1S83 336 Fami- 
lien, aus 912 Käpfen bestehend, nach Ungarn ausgewandert.^) 
Die Mehrzahl davon war protestantisch. Das Ziel der deutschen 
Protestanten ist Nordamerika. Besonders stark machte sich die 
Auswanderungsbewegung in Tereblestie geltend. Erst in jüngster 
Zeit ist ein Stillstand eingetreten. Die traurigen Erfahrungen, welche 
die meisten Auswanderer jetzt jenseits des Ozeans machen, hält 
ihre Anverwandten und freunde in der alten Heimat zurück. 

Die stetige Zunahme der Protestanten in der Bukowina er- 
hellt am deutlichsten aus den Volkszäh lungsoperaten. 

Es wurden in der Bukowina gezählt: 

Evangelische 



m 


Jahre 


1851 . . . 


augsburg. helvet. 
Bekenntnisses 
. . 6.700 574 


Zu- 
sammen 

7.274 


In Prozenten 
der Gesamt- 
bevölkerung 

1-91 


» 


» 


1857 . . . 


, . 7.982 


751 


8.753 


1-95 


» 


» 


1869 . . . 


. . 10.452 


891 


11.343 


2-21 


» 


» 


1880 . . . 


. . 13.265 


934 


14.199 


2-48 


» 


» 


1890 . . . 


. . 15.868 


476 


16.344 


2-52 


» 


» 


1900 . . . 


. . 18.383 


889 


19.272 


2-68 



Ihre Verteilung über das Land ist sehr ungleichmäßig. 

Der größte Prozentsatz entfällt auf den politischen Bezirk, 
in welchem die Bergwerkskolonien liegen, d. i. auf die Bezirks- 
hauptmannschaft Kimpolung. Dann folgen die Landeshauptstadt 
Czernowitz und die Gerichtsbezirke Gurahumora und Radautz. 
Die geringste protestantische Bevölkerung enthält das die Bezirks- 
hauptmannschaften Wiznitz und Kotzman umfassende Gebiet 
zwischen den Fl-össen Pruth und Dniester. 

Ein deutliches Bild von der Verteilung der Protestanten in 
der Bukowina gibt die folgende Tabelle. 2) 



^) Polek, Die magyarischen Ansiedelungen in der Bukowina. 

Seite 41. 

2) Sie ist der Österreichischen Statistik, Bd. LXIII, Heft 1 (Wien 1902), 
entnommen. 



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- 373 





Statut, 

\ Gerichts- 


Summe 

aQwese&deD 

zaständigen 

, BcvelkeruRf 


Evangelische 


Städte mit eigenem ! 
Bezirkshauptmannschaftei 


augsb. 


helvet. 


c 

1 

3 


! (i> CO ^ 


bezirke 


> BekenDtnisses 


-51 


Stadt Czernowitz .... 




67.622 

42.862 
56.576 


3.307 

139 
119 


239 

24 
169 


3.546 

163 
288 


; s-7.4 


B€z.-Hauptm. Czernowitz: 

Ger.-Bez. Czernowitz . . 

» Sadagöra . . , 


Summe . . 



Summe . . 

Summe . . 

Summe . . 

Summe . . 

Summe . . 
Summe . . 


0-38 
0-50 


Bez.-Hauptm. Gurahuraora 
Ger.-Bez. Gurahumora 
» Solka 


99.438 

30.549 
25.192 


258 

1 

2.329 

1 352 


193 

t 


471 

2.329 
353 


0-47 

7-62 
1-40 


Bez.-Hauptm. Kimpolung: 
Ger.-Bez. Dorna Watra 
» Kimpolung . . 


55.741 

14.406 
41.282 


! 2.681 

1.882 
2.137 


1 

2 
10 


2.682 

t.884 
2.147 


4-81 

1307 
5-20 


Bez.-Hauptm. Kotzman: 
Ger.-Bez. Kotzman . . . 
» Zastawna . . . 


; 55.688 

1 

43.131 
51.502 


4.019 

80 
16 


12 
9 


4.031 

89 
16 


7-23 

0*20 
003 


Bez.-Hauptm. Radautz: 
Ger.-Bez. Radautz .... 
» Seletyn .... 


94.633 

70.015 
12.137 


96 

3.239 
106 


9 

364 
12 


105 

3.603 
118 


Oil 

i 

: 5i4 
0-97 


Bez.-Hauptm. Sereth: 
Ger.-Bez. Sereth .... 

Bez.-Hauptm. Storozynetz 
Ger.-Bez. Stanestie . . . 
» Storoiynetz 


82.152 

60.743 

22.249 
57.851 


3.345 

1.867 

129 
703 


376 

12 

2 
5 


3.721 

1.879 

131 
708 


1 4-52 

' 309 

1 

' 0-58 
1 1-22 


Bez.-Hauptm. Suczawa: 
Ger.-Bez. Suczawa . 
Bez.-Hauptm. Wiinitz: 

Ger.-Bez. Putüla 

» Waszkoutz . 
» Wiznitz .... 


80.100 

62.447 

13.614 
21.346 
36.671 

71.631 


832 

1.263 

7 

20 
688 

715 


7 

27 

1 

13 


839 
1.290 

701 


104 

206 

005 
009 
1-91 




13 1 728 


' 101 

1 


Summe für die Bukowina . . 


730.195 


18.383 


889 


19.272 


2-68 



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- 374 - 

Ober das ganze Land zerstreut, sind die "Bukowiner Pro- 
testanten schwer zu pastorieren. Gegenwärtig bestehen in der Bu- 
kowina 6 Pfarrstellen, nämlich: zu Czernowitz, Radautz, llischesti 
Neu-ltzkany und Jakobeny für die Glaubensgenossen der augs- 
burgischen und zu Andrasfalva für die der helvetischen Konfession. 
Die Errichtung einer siebenten Pfarrstelle, und zwar zu Hliboka, ist 
mit dem Erlasse des Oberkirchenrates vom 12. November 1904, 
Z. 4179, bewilligt worden. Die Czernowitzer Filialgemeinde Hliboka 
und die bisher gleichfalls zu Czernowitz gehörige Predigtstation 
Tereszeny wurden zu einer Hauptgemeinde vereinigt. Beide zählen 
zusammen 665 (Hliboka 530, Tereszeny 135) Seelen. Auch bei 
anderen Gemeinden wäre eine Teilung angezeigt; denn die jetzt 
vorhandenen geistlichen Kräfte reichen nirgends aus. Insbesondere 
sollte die Teilung der über den ganzen Kimpolunger Bezirk sich 
erstreckenden Gemeinde Jakobeny vorgenommen werden. Leider 
sind die Bukowiner Protestanten im allgemeinen arm und können 
die mit der Selbständigkeit verbundenen Lasten nicht bestreiten. 
Da tut werktätige Hilfe not. Möge sie wenigstens den zur Gemeinde 
Jakobeny gehörigen Protestanten recht bald zuteil werden 



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XVI. 

Die Liebestätigkeit der evangelischen Kirche 
Württembergs für Österreich bis 1650. 

Von D. Dr. Gustav Bessert. 

Das Land Württemberg hatte 1520—1534 zu Österreich 
gehört, nachdem der Schwäbische Bund den unruhigen Herzog 
Ulrich vertrieben und das Land an Karl V. abgetreten hatte. Dieser 
überließ den schönen Besitz 1522 seinem Bruder Ferdinand, der 
als treuer Sohn der katholischen Kirche den allenthalben im 
Lande sich regenden Neigungen zur Reformation entgegentrat und 
nach dem Bauernkriege durch den Profosen Berthold Aichelin viele 
hundert Anhänger des neuen Glaubens hängen und verbrennen 
ließ, bis es Herzog Ulrich im Mai 1534 mit Hilfe des Landgrafen 
Philipp von Hessen gelang, sein Land wieder zu gewinnen, worauf 
er ungesäumt die Reformation im Herzogtume begann ; aber er 
hatte im Frieden zu Kaaden Ferdinand das Recht der Afterlehnschaft 
zugestehen müssen, wonach Württemberg beim Aussterben seines 
angestammten Hauses nicht unmittelbar an das Reich, sondern 
an Österreich fallen sollte, eine Möglichkeit, die nicht allzu fern 
zu liegen schien, da Ulrich nur einen Bruder, der damals noch 
unverheiratet war, und einen Sohn hatte. Während seiner ganzen 
Regierung mußte Ulrich die Kräfte des Landes zur Stärkung seiner 
Stellung verwenden und zur Verteidigung im Falle eines Angriffes 
bereithalten. 

Unter seinem Sohne Christoph, einem in schwerer Jugend 
gestählten und gehärteten Charakter, war es möglich, mit der 
neuen Kirchenordnung auch die Verwaltung der kirchlichen Mittel 
neu zu ordnen, welche in den sogenannten »Kirchenkasten« flössen, 
dem die Einkünfte der durch die Reformation und die Aufhebung 



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- 376 - 

des Interims verfügbar gewordenen Kirchengüter zukamen. Nun 
begann auch alsbald die württembergische Kirche ihre Liebestätigkeit 
zu entfalten, die auch Österreich zugute kam. 

Hier steht im Vordergrunde die Herstellung der südslawi- 
schen Literatur. Schon 1554/55 erhielt Vergerius aus dem 
Kirchenkasten 100 fl. zur Förderung des Druckes des »schlaffoni- 
schen« Neuen Testamentes, das Primus Trüber herausgab. Noch 
größer waren die Opfer, welche die württembergische Kirche in 
den Jahren 1561/64 und nach dem Tode Hans Ungnads von 
Sonnegg noch bis zum Schlüsse des Rechnungsjahres 1565/66 
(23. April) brachte, als unter der Leitung Ungnads zu Urach 
eine eigene Druckerei für die slawische Literatur entstand. Nicht 
weniger als 1500 fl. wurden aus dem Kirchenkasten für diesen 
Zweck gegeben, eine Summe, die bei dem damaligen zehnmal 
höheren Geldwerte und den geringen Druckkosten noch mehr ins 
Gewicht fällt. Außerdem erhielt Stephan Consul sein Herberg- 
geld oder seine Hausmiete, während Anton Dal m ata ursprünglich 
der Tisch am Tiffernitanum, der Stiftung Michael Tifferns, die mit 
dem herzoglichen Stipendium in Tübingen verbunden war, an- 
gewiesen wurde, wofür er, so lange er in Urach arbeitete, fl. 30 
Entschädigung bekam. ^) Dafür wurde aber in Urach tüchtig ge- 
arbeitet. In jenen Jahren wurden über 26.000 südslawische Bücher 
in Urach gedruckt und damit die feste Grundlage für die Literatur 
der Slowenen geschaffen, deren Umfang und Bestandteile durch 
Elze^) und Pindor^) neu untersucht worden sind. 

Jene Literatur mit ihrer Geschichte hat für die evangelische 
Kirche Deutschlands noch eine besonders erfreuliche Seite. Was 
Fürstentage und Theologenkonvente samt allen gelehrten Dis- 
putationen und Religionsgesprächen nicht zustande brachten, das 
gelang Hans Ungnad, als er seinen Stallmeister an die deutschen 
Fürsten und Stände sandte, um sie zu einer Beisteuer zu den 
Kosten des Bücherdruckes in Urach zu bewegen. Zum erstenmale 
sehen wir deutsche Fürsten und Stände zu einem gemeinsamen 
Liebeswerke an Glaubensbrüdern geneigt. Landgraf Philipp von 
Hessen und Kurfürst August von Sachsen gaben je 200 Thaler, 



^) Nur Stephan Consul und Anton Da Im ata werden in der Rech- 
nung mit Namen genannt, nicht aber ihre Genossen. 

2) »Jahrbuch« V, XII, XIV, XV, XVI. 

3) »Jahrbuch« XXllI und XXIV. 



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- 377 - 

Markgraf Hans von Köstrin 100 Thaler, Herzog Albrecht von 
Preußen 100 fl., die Stadt Ulm 300, Straßburg 460 fl. Nur Kur- 
fürst Joachim von Brandenburg war nicht bei Geld und gab 
darum nichts. 

Eine starke literarische Unterstützung wurde dem Protestan- 
tismus in Österreich auch in dem kräftigen Kampfe zuteil, den 
der Tübinger Professor Jak. Heerbrand in zahlreichen Schriften 
gegen die Jesuiten Hein. Blissenius in Prag, G. Scherer in Graz 
und Sigm. Ernhofer in Wien führte. Besonders verdienstlich war 
die Aufdeckung des Betruges^ den sich die Jesuiten in Graz mit 
der Herausgabe eines angeblichen kleinen Katechismus Luthers 
erlaubten, in welchem sie Äußerungen Luthers aus seiner vor- 
reformatorischen und seiner Übergangszeit und sonst, die in ihren 
Kram paßten, aus dem Zusammenhange rissen und so einen 
Katechismus nach ihrem Sinne herstellten und verbreiteten, der 
nichts weniger als lutherisch war. ^) 

Aber nicht nur Bücher waren die Waffen, womit Württem- 
berg den Evangelischen in Österreich die Hände stärkte; es gab 
ihnen noch mehr als Bücher, es gab ihnen- Männer, die im 
württembergischen Kirchendienste geschult und tüchtig geübt 
waren. Übersieht man die ganze Reihe von Schwaben, die in 
den österreichischen Kirchendienst gingen, so erkennt man, wie 
sorgfältig sie ausgewählt waren, und wie die Oberkirchenbehörde 
die Aufgabe der Versorgung Österreichs mit Theologen als eine 
für den Protestantismus überaus wichtige erkannte. Zwar einer 
der ersten, die nach Österreich gingen, war kein Schwabe, sondern 
ein Österreicher, Ambrosius Z i e g 1 e r, der erst Prediger zu 
St. Marx in Wien gewesen war, dann sich 1558 nach Zürich an 
Bullinger gewandt hatte, 2) aber Ende des Jahres über Konstanz 
nach Stuttgart kam, am 22. Januar 1559 Pfarrer in Oberriexingen, 
1560 in Packnang und 1570 Hauptpastor und Scholarch in Klagen- 
furt, zuletzt aber Prediger in Hernais wurde, ein hervorragend 
tüchtiger Mann.^) Ebenso treffliche Männer waren Christoph 
Spindler von Göppingen, der 1569 mit 23 Jahren Superintendent 



^) Vgl. meinen Artikel : »Heerbrand« in der Theol. Realenzyklopädie, 
73, 523. 

2) »Jahrbuch« III, S. 122. 

3) Raup ach, Presbyteriologia Austriaca, S. 209. Kirchenkasten- 
rechnungen. 



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- 378 - 

in Laibach wurde und dort wie ein Engel Gottes bis zu seinem 
Tode (1591) geehrt wurde, ^) und Polykarp Leyser, der Stiefsohn 
des Luk. Osiander und Neffe Jak. Andreas, der 1573 im Alter 
von 21 Jahren als Pfarrer nach Göllersdorf ging, 1576 nach Graz 
als Hauptpastor berufen wurde, diesen Ruf aber ablehnte und Ende 
des Jahres 1576 einem Rufe nach Wittenberg folgte, wo er als 
Doctor angelicus geachtet wurde, aber 1586 nach Braunschweig 
übersiedelte, 1593 nach Wittenberg zurückkehrte und 1594 zu dem 
einflußreichen Amte eines Hofpredigers in Dresden berufen wurde. 
Er starb 1610. Gleichzeitig mit Leyser war Jak. Heilbrormer 
einem Rufe des Grafen Sigmund v. Hardeck gefolgt, hatte dann 
in Wien im Hause Wilhelms v. Rogendorf, später in Reigers- 
burg und Sinzendorf gepredigt; aber bald folgte er einem Rufe 
in die Pfalz Neuburg, wo er als Generalsuperintendent die schweren 
Tage der Gegenreformation erlebte. Ein Neffe des Haller Reformators 
Isenmann war Wilh. Friedr. Lutz, der schon als Magister Domus 
des Martinstifts in Tübingen sich bewährt hatte, 1576 vom 
Diakonat zu Urach dem Freiherrn Gabriel St rein v. Schwarzenau 
als Schloßprediger geschickt wurde, aber schon 1577 als Leysers 
Nachfolger nach Göllersdorf ging, dann in Wien zu predigen be- 
gann und nach einer Reise nach Frankreich, England und Schott- 
land mit den Söhnen seines Patrons Hofkirchen zu Vösendorf 
und Inzersdorf predigte. Als er hier in Haft gelegt wurde, wandte 
er sich zu dem kaiserlichen Generaloberst Hans Rueber in Ungarn, 
nach dessen Tode ihn die Gemeinde Kaschau zum Pfarrer wählte; 
aber eine heftige Krankheit zwang ihn, in die Heimat zurück- 
zukehren, worauf er 1585/97 Pfarrer und Superintendent in der 
Reichsstadt Nördlingen wurde. 2) 

Hervorragende Männer waren weiter: der in Tübingen gebildete 
Krainer Bernhard Steiner, der erst Pfarrer zu Bühl bei Tübingen, 
dann in St. Ruprecht bei Villach, 1576 Landschaftsprediger und 
1578 Superintendent in Klagenfurt wurde; Thomas Spindler, 
der Schwiegersohn des Reformators Brenz, der schon vier Jahre 
Superintendent in Stuttgart gewesen war und 1581 nach Linz als 
oberster Prediger der Landschaft berufen wurde ;^) Wilh. Zimmer- 
mann, der Prediger in Wimpfen, dann Professor in Heidelberg 

^) Elze, Primus Trubers Briefe, S. 473. 

2) »Jahrbuch« V, S. 193ff., Raupach, a. a. O., S. 99. 

3) Raupach, S. 175. 



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-^ 379 - 

und sonst in ansehnlichen Kirchenämtern gewesen war und 1586 
die Superintendentur in Graz übernahm; Joh. Cämentarius 
(Maurer), der 1580 nach Klagenfurt gesandt wurde, später Ober- 
prediger im Landhause zu Linz und endlich Superintendent in 
Regensburg wurde; ^) Andreas Veringer, der 1590 nach Schemniz 
kam, 1595 nach Feldberg, später in seiner Heimat Superintendent 
in Stuttgart wurde,2) und endlich Daniel Hitzler, 1610 — 1624 Ober- 
prediger in Linz, der nach seiner Vertreibung aus Linz in seiner 
Heimat ansehnliche Ämter bekleidete und schließlich die höchste 
Würde der württembergischen Kirche als Stiftspropst zu Stuttgart 
bekam. ^) 

Ich gebe noch ein kurzes Verzeichnis: Martin Mo seder 
1556 Prediger bei Jörger in Krenzbach. Wenigstens ist die Familie 
Moseder später im württembergischen Kirchendienste. "*) Konrad 
Lupulus (wahrscheinlich Wölfflin), 1566 in Marcheck, wohl auch 
ein Schwabe. 5) Kilian Rau, 1570/72 Diakonus in' Winterbach, 
1572/73 Pfarrer in Scharnhausen, 1573—1579 in Horkheim, 1579 
bis 1582 in Ensingen, wurde 1582 zu Wolfgang Strein geschickt.^) 
Dionysius Wiedemann von Leonberg, der im Dienste des Pfalzgrafen 
Philipp Ludwig von Neuburg stand, wurde 1575 von den steierischen 
Ständen für das Viertel Ennstal erbeten.*^) Salomo Schweyger 
von Sulz wurde 1576 Prediger neben Ambrosius Ziegler in Hernais, 
1577 Gesandtschaftsprediger bei Joachim v. Sinzendorf in Kon- 
stantinopel und nach einer Reise nach Jerusalem Prediger zu 
U. L. Fr. in Nürnberg; f 1622.«) M. Joh. Plien inger, der Prediger 
in Komorn gewesen war und 1579 als solcher in Graz starb. ^) 
Christoph Stamler von Tübingen, ein Schwager Jak. Heerbrands, 
und Bernhard Egen wurden 1579 und 1580 nach Graz berufen. ^^) 

Raupach, S. 13. 

2) Raupach, S. 192. 

3) Fi sohl in, »Memoria theologorum Wirtembergensium«, 2, 75. 
Raupach, S. 62. 

*) Raupach, S. 126. 

5) Raupach, S. 99. 

6) »Jahrbuch« XXIII, S. 191. Binder, »Württemb. Kirchen- und Lehr- 
ämter«, S. 272, 328, 838 und 999. 

■^) Loserth, »Die Beziehungen der steiermärkischen Landschaft zu den 
Universitäten Wittenberg, Rostock, Heidelberg, Tübingen, Straßburg«, S. 52. 
8) Raupach, S. 67. 
^) Crusius, Annales Suevici, ad 1579. 
^0) Loserth, a. a. 0., S. 58 und 63. 



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- 380 — 

M. Joh. B irr er wurde 1582 an Gabriel Strein nach Schwarzenau 
gesandt.^) Ob er identisch ist mit M. Joh. Bayer, der Diakonus 
in Linz, dann Prediger in Losensteinlcuten, später Pfarrer in Las- 
dorf, 1612 Diakonus in Steyer, f 1619, wäre noch zu untersuchen. 
M. Nik. Haselmeier aus Cannstatt, bisher Diakonus in Göp- 
pingen, wurde 1583 zur Pfarre in Eferding berufen, wo er bis 1601 
blieb. Joh. Bruder aus Balingen, der als Diakonus mit Hasel- 
meier nach Eferding ging, wurde später Diakonus in Linz und 
starb 1601 als Superintendent in Hom.^) 1583 wurde mit Gottfried 
Thumm, Pfarrer zu Hausen an der Zaber, Vater des bekannten 
Streittheologen Theod. Thumm und des unten zu nennenden Joh. 
Gottfried Thumm wegen Übernahme eines Kirchendienstes in der 
Zips verhandelt; er zog aber vor, in der Heimat zu bleiben.^) 
Samuel Beurlin oder Agricola war 1584 Hofprediger bei Wolf- 
gang Jörger."*) Ein fein gebildeter Mann, der Sohn des Bayern 
David Breu5),'der 1558 als Opfer der Kelchbewegung nach Württem- 
berg kam und später Reformator der Reichsstadt Leutkirch wurde, 
war Theophil Breu, der einst mit Unterstützung der Kirchen- 
behörde seine Bildung in Frankreich vollenden durfte und 1584 
vom Diakonat Kirchheim nach Haselsburg geschickt wurde, wo er 
aber nur zwei Jahre blieb, denn 1586 findet er sich als Pfarrer zu 
Eberdingen, Oberamt Vaihingen.^) Ebenfalls der Sohn eines um seines 
Glaubens willen aus seiner Heimat, dem Rheingau, vertriebenen 
Mannes, des Pfarrers Matthias Lebeisen in Nattheim, war Val. Leb- 
eisen,^) der 1584 in Wels stand, wo Josef Kolli n aus Flacht, OA. 
Leonberg, 1580/97 sein Amtsgenosse war, der 1599 Pfarrer in Wild- 
bad, 1607 inOttenhausen,1610 in Kürnbach wurde.«) 1585 zog M.Dav. 
Pistorius in Wittershausen, OA. Sulz, nach Österreich, um einen 
Kirchendienst zu übernehmen,^) 1585 (Juli) M. Tobias Zell er und 
M. Wilh. E 1 e n h e i n z zum Grafen Salm nach Ungarn. ^®) Val. Gieß 

»Jahrbuch« XXII, S. 70. Kirchenkastenrechnung 1582 (künftig K. K. R). 

2) »Jahrbuch« XXII, S. 40. 

3) K. K. R. 

'*) Raup ach, S. 4. 

5) Beiträge zur bayerischen Kirchengeschichte, 1898, S. 5. 

6) K. K. R. Haselsburg kann ich nicht nachweisen. 
') Raupach, S. 89. 

3) Raup ach, S. 76. Binder, »Kirchen- und Lehrämter«. 
9) K. K. R. Zu Matthias Lebeisen vgl. »Blätter für württembergische 
Kirchengeschichte«, 1898, S. 88. 

*°) Crusius, Annales Suevici ad a. 1585. 



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1585 (November) zum Grafen Hier. Schlick'') nach Weißkirchen 
als Hofprediger. Doch kehrte letzterer schon 1587 im Februar in 
die Heimat zurück. Joh. Hein- Sc he übel von Urach, der Er- 
zieher bei Joh. Hauff von Steinach gewesen war, wurde 1586 
Diakonus in Hörn. 2) Nach Enzersdorf zu Herrn Teuffei kam 1588 
M. Johann Zeitter vom Holzgerlingen,^) 1589 iVl. Adam Kaim 
nach Unterach,^) 

Um ihr Glück in Österreich zu machen, zogen einzelne Theo- 
logen und Lehrer auf eigene Faust, aber mit Reisegeld aus der 
Kirchenkasse nach Österreich; so 1588 M. Mich. Jelin von Sindel- 
fingen, 5) der 2 fl. erhielt; M. Jak. Westermayer (auch Wasser- 
mayer genannt) 1589 (3 fl.),5) 1591 (September) Ulrich Pfizen- 
maier von Nürtingen, der im Dienste der Herzogin-Witwe ge- 
standen war, und Samuel Schultheiß, Schulmeister in Zuffen- 
hausen^) (je 6 fl.). 

Daß die Reise nach Österreich für solche künftigen Kirchen- 
diener nicht immer gefahrlos war, beweist das Beispiel des Mag. 
Dav. Schweizer, der 1590 als Prediger zu Freiherrn Andreas 
Teuffei zu Gundersdorff für Schöngraben geschickt wurde, wobei 
ihm auf der Hinreise Hab und Gut und Bücher vom Bischof von 
Passau »niedergeworfen« wurde, weshalb er von der heimatlichen 
Kirchenbehörde 10 fl. zvar »Ergötzung« (Schadenersatz) bekam. ^) 
1590 zog auch der Stipendiat Joh. Durch den bach aus, um erst 
bei Hein. Schutzbar zu Burgmilchling, dann in Ungarn bei ver- 
schiedenen Herren, zuletzt aber bei Christoph Kleindienst auf Purg- 
stain in Steiermark zu dienen, wo er 1600 vertrieben wurde. '^) 
In Linz erscheint 1590 als Informator der jungen Herren von 
Geymann M. Sam. Uebermann, ohne Zweifel ein Sohn des 
gleichnamigen Pfarrers von Weissach (1564 — 1595), der dann an der 
Schule zu Linz stand, 1617 Prediger in Pergkirchen, 1621 Pfarrer 
in Eferding wurde, aber wahrscheinlich 1626 vertrieben und dann 
1626/27 Pfarrer in Diefenbach in Württemberg wurde. ^) Nach Graz 

K. K. R. Crusius, Annales Suevici ad. 1585. 

2) »Jahrbuch« XVII, S. 184. Raupach, S. 157. 

3) K. K. R. Raupach, S. 208. 
') »Jahrbuch« XXll, S. 71. 

5) K. K. R. 

6) K. K. R. 

7) »Jahrbuch« XV, S. 38. 

«) Raup ach, S. 192. Binder, »Kirchen- und Lehrämter«. 



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- 382 - 

ging 1590 Philipp Heerbrand^) und Ende 1591 M. Joh. Alten- 
bach^); nach Schemniz M. Ludw. Kratzer, Pfarrer zu Ebhausen;^) 
als Diakonus nach Linz 1592 Matthias Spindler, Pfarrer zu 
Holzheim;^) 1592 nach Österreich M. Georg Kern von Wimsheim,^) 
der 1596 heimkehrte; M. Joh. Georg von Marbach;^) als Haus- 
lehrer M. Lor. Fabricius von Urach; 5) 1594 Sim. Murr von 
Marbach nach Wels zu Freiherrn v. Stahremberg;^) Christian 
Hörnlin von Weissach zu Freiherrn Georg v. Schwanberg in 
Böhmen;^) 1595 Zach. Schäfer von Peterzeil zu Freiherrn von 
Ransberg in Böhmen;^) 1597 Mart. Greul nach Judenburg und 
Jos. Kappel nach Graz,^) w^ohin auch Salomo Ehinger (oder 
Eglinger) kam, der später Pfarrer in Muhrau, 1601 in Pottendorf 
in Niederösterreich wurde (f 1625).''^) Schlechte Behandlung nötigte 
den 1595 als Hofprediger zu Freiherrn v. Grumbach nach Böhmen 
geschickten Mark. Löffler von Rübgarten, OA. Tübingen, 1597 
heimzukehren, aber nach vorübergehenden Kirchendiensten in 
Württemberg ging er schon 1598 nach Linz als Diakonus, wo er 
1600 verjagt wurde und nun die Pfarrei Ottenhausen, OA. Neuen- 
burg, erhielt.^'') In Linz stand auch M. Jak. Heerbrand als Dia- 
konus. ^2) Nach Eferding kam 1601 — 1605 Ehrenfried MurscheP^), 
während in Fesendorf bis 1600 M. Martin Neil in aus Stuttgart 
als Hofprediger stand. ^^) In Gallneukirchen findet sich 1602 M. Joh. 
Geer;i5) in St. Peter in der Au 1607 M. Jak. Löhlin (Lälius), 
der 1612 heimkam, die Pfarrei Schömberg, OA. Freudenstadt, 1614 
die in Kirchentellinsfurt, 1617 die in Metzingen bekam. ''^) Vor 

') Loserth, S. 109. 

2) K. K. R. 

3) Raup ach, S. 174. 

'*) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte« 1892, S. 30. 

5) Ebd. S. 38. 

6) Ebd. S. 54. 

7) Ebd. S. 56. 

8) Ebd. S. 65. 

9) Loserth, S. 119. 

10) Raup ach, S. 83. 

11) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte«, 1892, S. 63. 
»Jahrbuch« XXII, S. 71. K. K. R. 

12) »Jahrbuch« XXII, S. 70. 

13) Raupach, S. 130. 
1^) Raupach, S. 131. 

15) Raupach, S. 43. 

16) Ebd. S. 86. 



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- 383 - 

1606 als Hofprediger in Irnharding bei Wels, dann Oberpfarrer 
in Wels Job. Jak. U Ishei m er;"") 1609 Hier. Silvius von Dorn- 
stetten auf dem Schwarzwalde, Pfarrer in Wirnsbacb;^) 1612 — 1614 
M. Mart. Gieß in Linz; 3) 1614 in Schickenhofen in Niederösterreich 
(ob Schüttenhofen?) bei Freiherrn v. Landau Job. Weidner von 
Schwäbisch-Hall;'^) 1617 in Blindenmarkt Georg Bechtlin, der 
1627 — 1635 Pfarrer in Endingen, 1635/36 in Winterlingen war.^) 
1618 wurde Job. Gottfried Thumm, Pfarrer in Gronau, nach 
Hernais berufen, blieb aber wegen dort erwachsenden Schwierig- 
keiten in der Heimat und wurde Pfarrer in Groß-Bottwar.^) Dagegen 
kam 1618 M. Dav. Steudlin von Heidenheim nach Hernais, 
mußte aber 1625 abziehen, weshalb er nach Enzersdorf ging, wo 
er aber auch 1627 weichen mußte, worauf er mit sechs Pferden 
und einer Kutsche, die ihm der Kirchenkasten abkaufte, samt seiner 
Familie heimzog. Er bekam die Pfarre Backnang (1628 — 1632), 
wurde aber als Oberpfarrer nach Kempten berufen, wo er 1637 
starb. '^) In Schönberg bei Krems stand 1621 Jakob Angelmüller. ^) 
Noch einen Schwaben nennt Raup ach als Pfarrer in Albrechts- 
burg, Dav. K ü c h 1 i n, ohne die Zeit seiner Wirksamkeit anzugeben.^) 
Als Feldprediger gingen nach Ungarn 1596/97 Stephan Ruof 
von Brutigheim und 1597/98 Job. Georg Nocker."»^) 

Aber nicht genug, daß man ausgebildete Theologen und 
schon im Kirchendienste erprobte Leute nach Österreich sandte 
und ihnen häufig eine schöne Reiseunterstützung gab, man schickte 
auch Studenten nach Wien, die dort ihre Ausbildung holen und 
wohl auch im Kirchendienste in Österreich bleiben solÄen. Wenigstens 
findet sich bis jetzt ein solcher Student später als Pfarrer in 
Österreich, Balth. Tuchscheerer. 

Diese Studenten kamen in Wien in die Lilienburse, in der 
schon lange Stipendien für Württemberger gestiftet waren. Die 

~ Ö^bd. S. 194. 

2) »Jahrbuch« III, S. 69. 

3) Raupach, S. 18. 

*) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte«, 1889, S. 58. 

5) Raupach, S. 84. 

6) Ebd. S. 189 und 212. 

'^) Fischlin, »Memoria theologorum Wirtemb.« II, S. 149. K. K. R. 
«) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte« 1889, S. 88. 
Haller Kirchenbücher. 

9) Raupach, S. 78. 
^0) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte« 1892, S. 55 und 63. 



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württembergische Regierung gab auch aus kirchlichen Mitteln Bei- 
träge, als Superintendenten und Konventoren diese Burse neu bauten, 
.und zwar 1570 100 fl., 1575 100 fl. und 1577 zur Vollendung des 
Gebäudes 300 fl. Auch als das Haus durch »Erdbidera« 1590 
Schaden gelitten, gab man 20 fl. ßausteuer. Merkwürdigerweise 
hatte die sonst in konfessionellen Dingen sehr ängstliche Regierung 
keine Bedenken, die Landeskinder nach Wien zu schicken, da man 
den Geist der Universität Wien nicht fürchten zu müssen glaubte. 
Die Studenten bekamen gewöhnlich ein Viatikum von 1 — 6 fl., 
je nach dem Grade der Bedürftigkeit An solchen Studiosen in der 
Lilienburse kennen wir: 18. Dezember 1561 Oswald Gruell-er 
von Wien, der 15. Dezember 1561 aus der Lilienburse kam; 
18. Mai 1562 David Neher von Munderkingen; 11. Juni 1563 
Leonh. Rueland; 26. März 1565 Joh. Beck von Kirchheim; 
10. Februar 1568 vier ungenannte Studenten; 23. Juli 1569 und 
3. Mai 1570 Wilhelm Arnsperger, des Forstmeisters Sohn zu 
Heidenheim, der w^gen seines Gehörs zum württembergischen 
Kirchen- und Schuldienste nicht tauglich erfunden wurde; 15. Sep- 
tember 1574 Andreas Rincurt aus dem damals württembergiscben 
Mömpelgard; 13. Juli 1576 Joh. Röbel von Münsingen; 24. Sep- 
tember 1577 der Sohn des Zollbereiters in Stuttgart, Balth. Tuch- 
scherer, der am 22. Mai 1585 die endgültige Erlaubnis zur Annahme 
eines Kirchendienstes in Österreich bekam und später als Pfarrer 
in Hohenheim (Hohenau) erscheint; 27. Juli 1577 Michael Gering 
aus Kirchheim; 26. Februar 1580 bittet Nik. Pissar aus Waib- 
lingen, der eine Zeitlang in der Lilienburse studiert hatte, um 
Anstellung im württembergischen Kirchen- und Schuldienste; 
26. Mai 1580 geht Eustach Löblin von Wildberg nach Wien in 
die Lilienburse; ilO. Dezember 1580 Eberhard Über mann von 
Neuenbürg, der 1584 zurückgekehrt war; 9. Januar 1581 Johann 
Castolus Wolfart von Waiblingen und Joh. Ö.lmaier von 
Cannstatt; 10. September 1581 Mart. Weißh aupt von Leonbe'rg; 
10. Januar 1583 Joh. Weygold, des Hofwagners Sohn in Stutt- 
gart, der 1587 längere Zeit in Wittenberg studiert hatte, und 
Mich. Nelle, der Sohn des Wagners in der Eßlinger Vorstadt zu 
Stuttgart, der aber 1586 in Tübingen studierte; i) 1583 Johann 
Hailfinger, von Thalheim, OA. Tübingen, stud. ]ur.; 5. Sep- 
tember 1584 Joh. Wolf von Nürtingen, der Provisor oder Dia- 

Vgl S. 382. Er ist wohl ein Bruder Mathias Nellins. 



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- 385 - 

konus in der Lilienburse wurde. 1584 erhält Joh. Sp Italien von 
Adelberg, der in der Lilienburse gute Fortschritte machte und zu 
schönen Hoffnungen berechtigte, 20 fl. Studiengeld; 9. April 1586 
geht der Sohn des Schulmeisters zu Brettach; 5. September 1587 
Joh. Strauß, Sohn des Pfarrers zu Plattenhardt; 10. Mai 1587 
Hier. Scheublin; 2. Juni 1588 Mich. Jelin von Sindelfingen; 
22. April 1590 Sam. Seger, Sohn des Pfarrers in Musberg, und 
ein zweiter Joh. Castolus Wolfart von Waiblingen; 22. Sep- 
tember 1595 Ge. König von Schlierbach; 20. Juli 1590 Jakob 
Spangenberg nach Wien. Mit dem Jahre 1599 hört der regel- 
mäßige Besuch der Lilienburse auf, denn es war eine reine Aus- 
nahme, wenn 1613 noch ein Student nach Wien in diese Burse 
ging. Es ist dies Joh. Christoph Durrleber, welchen das Kon- 
sistorium zur Aufnahme präsentierte. Die Gegenreformation machte 
den Besuch der Universität für württembergische Studenten un- 
möglich. Doch brachen die Beziehungen Württembergs zur Lilien- 
burse nicht ganz ab. In der Not des dreißigjährigen Krieges hatte 
die Lilienburse der württembergischen Regierung 2500 fl. vor- 
gestreckt, die noch 1655/56 verzinst wurden. "•) 

Aber nicht nur württembergische Landeskinder wurden Öster- 
reich zur Verfügung gestellt, sondern auch Österreicher, die in 
Tübingen studierten, mannigfach unterstützt. Dazu diente besonders 
die Stiftung des Mag. Mich. Tiffernus, der bei seinem Tode 
2320 fl. mit etnem Ertrage von 116 fl. vermachte; daß im Augustiner- 
kloster zu Tübingen, wo die herzoglichen Stipendiaten untergebracht 
waren, eine besondere Wohnung von den ersten zwei Jahreszinsen 
eingerichtet und vom dritten Jahre an vier Stipendiaten aus 
Württemberg oder anderen Ländern gleich anderen Stipendiaten 
Kost, Wohnung, Unterricht und Aufsicht erhalten sollten. Dabei 
war aber nicht bestimmt, daß Studenten aus Tiffernus Heimat, 
Krain, besonders zu berücksichtigen seien. Herzog Christoph nahm 
aber solche gern auf, wenn sie ihm zugesandt wurden. Herzog 
Ludwig lehnte es 1570 zunächst ab, den Krainern eine bestimmte 
Anzahl Stipendien vorzubehalten, 2) bestimmte aber 1585 zwei 
Stellen für solche.^) Das Verzeichnis der auf diese Weise gebildeten 
Krainer ist einstweilen aus Elzes Jubiläumsschrift »Die Univer- 



K. K. R. 

2) Elze, Primus Trubers Briefe, S. 492. 

3) Schnurrer, Erläuterungen, S. 452. 

Jahrbuch des Protestantismus, 1904. 25 



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— 386 - 

sität Tübingen und die Studenten aus Krain« (1877) zu gewinnen, 
wird sich aber mit voller Sicherheit und Vollständigkeit erst aus 
einer Geschichte des herzoglichen Stipendiums, wie eine solche 
längst dringendes Bedürfnis ist, gewinnen lassen. Wir kennen bis 
jetzt: Samuel Budina und Joh. Gebhart aus Laibach, ^) die 1558 
aufgenommen wurden; Georg Dalmatin 1566 — 1572; Andreas 
Saviniz seit 1568; Bernhard Steiner seit 1569; Primus Trüber 
der Jüngere seit 1570; Blasius Budina seit 1572; Mauritius 
Faschang seit 1579; Georg Clemens seit 1585; Nik. Wuritsch 
1587—1595; Jak. Dulschak seit 1590, 1596 »propter negligentiam 
et dissolutionem« entlassen;^) Thom. Spind 1er seit 1592; Joh. 
Vinetianius 1596—1599. 

Konnte man österreichische Studenten nicht ins Stipendium 
aufnehmen, so erhielten sie doch sehr häufig Studiengelder, die 
teilweise recht ansehnlich waren. So erhielt Martin Hain aus 
Krain 1561/62 40 fl. verabfolgt; da er aber statt zu studieren sich 
die Ganbechin zum Weib genommen, wurden sie ihm wieder ent- 
zogen. Dagegen erhielten die beiden Böhmen Georg Vetter und 
und Heinr. Schwarz zum Studium der Theologie 1562/63 je 40 fl. 
1565 erschien Joh. Renner, der Sohn des Balth. Renner, Wirts 
zu Trient, in Tübingen und bekam jährlich 40 fl. zugesagt. Viel- 
leicht ist er der Sohn des Wirtes, bei dem die schwäbischen 
Theologen, Brenz an der Spitze, 1551 beim Besuche des Konziles 
in Trient eingekehrt waren. Einem Studenten aus Krain, wahr- 
scheinlich Gregor Faschang, welchen Primus Trüber bei seiner 
Rückkehr nach Württemberg mitgebracht hatte, wurden am 
9. Juli 1566 4 fl. verabfolgt, da er nicht ins Stipendium auf- 
genommen werden konnte, weil kein Platz frei war. 1567 16. Oktober 
und 1568 24. März erhielt ein armer Knabe, Hans Pfeilschifter 
aus Kärnten, eine kleine Unterstützung. Wahrscheinlich hoffte er 
auf Aufnahme in eine Klosterschule. Als 1570 die beiden Krainer 
Studenten Matthias Bohemus und Matthias Maurer, welche 
bisher in Ulm auf der Schule gewesen waren, nicht ins Tiffernitanum 
aufgenommen wurden, empfingen sie dafür ein Studiengeld. ^) Vier 
Kärntner Studenten, Christoph Strauß, Matth. Lab er, Adam 



^) Gebhart war 1563 Provisor der Schule zu Göppingen, bekam aber 
Erlaubnis zur Heimkehr mit 6 fl. Reisegeld. 

2) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte« 1892, S. 63. 

3) Elze, Trubers Briefe, S. 490, 496. K. K. R. 



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— 387 — 

Schwarz rucker und ein nicht mit Namen genannter Student 
aus Villach, erhielten am 24. Juli 1577 2 fl. aus dem Kirchen- 
kasten. "•) Ein Student, Phil. v. Reiffenstein, welchen der kaiser- 
liche Rat And. Ernstberger nach Italien schickte, war unterwegs 
krank geworden und erhielt am 2. Juli 1590 4 fl.^) Kaspar 
Dulschak, eines evangelischen Kirchendieners zu Laibach Sohn, 
der um Aufnahme ins Stipendium bat, aber nicht aufgenommen 
werden konnte^ weil keine Stelle frei war, wurde dafür am 
9. November 1593 9 fl. Unterstützung gereicht. 

Bisher hatten wir gesehen, was Württemberg zur Versorgung 
der evangelischen Kirche in Österreich mit geeigneten Pfarrern 
leistete. Gerne möchten wir auch hören, was für die Kirchen 
geschah ; leider finden sich dafür wenige Belege. Die damals 
markgräflich Brandenburgische Gemeinde Schmalfelden opferte 
am 7. April 1612 für den Bau einer evangelischen Kirche in Prag 
4 fl. 6 Batzen 6 Pfg. Der »Heilige«, d. h. die Ortskirchenkasse, 
gab noch IOV2 ^^- ^^ Pfe- dazu. Die beiden benachbarten Gemeinden 
Blaufelden und Wiesenbach stellten die Opferbecken drei 
Monate lang für die Kirchen und Schulen in Böhmen auf.^) In 
ähnlicher Weise wurde in der ganzen Markgrafschaft Brandenburg- 
Ansbach für diesen Zweck beigesteuert. Der württembergische 
Kirchenkasten gab auf Bitten der deutschen Nation in der alten 
und in der kleinen Stadt Prag zur Erbauung einer Kirche am 
28. September 1612 400 fl., der armen Gemeinde des Marktes 
Göplitz"^) in der böhmischen Herrschaft Schwanberg wurden zur 
Erbauung einer Kirche 1617 27. Juni 10 fl. bewilligt. 

Es ist begreiflich, daß die Liebestätigkeit in der Richtung 
des Kirchbaues beschränkt war, da es vor der Zeit der Gegen- 
reformation gemäß der Entwicklung der evangelischen Kirche in 
Österreich, die, wie in Polen, vielfach eine adelige Eigenkirche 
zu werden drohte, weniger an Gotteshäusern auf dem Boden 
der adeligen Herrschaften und in den Landhäusern der Stände 
fehlte, als an tüchtigen Männern zur Versehung des Gottes- 
dienstes. 



K. K. R. 

2) K. K. R. 

3) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte« 1889, S. 62. 
") Göplitz kann ich nicht nachweisen. Ist Teplitz zu lesen ? 



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— 388 - 

Ein reiches Feld der Tätigkeit eröffnete sich der Kirche 
Württembergs gegenüber den persönlichen Bedürfnissen der Glau- 
bensbrüder in Österreich. 

Freilich war die Erfahrung wenig erfreulich, die man in 
Württemberg mit einzelnen Vertretern des evangelischen Adels 
machte. Am 15. Februar 1578 wurden Karl Ungnad von Sonnegg 
460 fl. aus dem Kirchenkasten vorgestreckt. Er versprach, das 
Geld bis in sechs Wochen zurückzubezahlen, allein er ließ nichts 
mehr von sich hören, vielweniger bezahlte er einen Zins. 1589 
hatte Melchior Jäger, der württembergische Geheime Rat, einen 
Mahnbrief an ihn geschrieben; aber Kaspar Hirsch, der einstige 
Landschaftssekretär zu Graz, gab schlechten Trost, daß etwas von 
ihm zu erlangen sei. Das traf auch zu. Trotzdem wurde ihm am 
31. Januar 1596 noch einmal ein Mahnschreiben gesandt. Kaspar 
Hirsch, der damals Vogt zu Calw war, bekam den Auftrag, es 
nach Graz zu schicken, damit es von dort nach Waldstein im 
Lavanttale befördert werde; aber auch dieses Schreiben hatte 
keinen Erfolg. Es blieb nichts übrig, als diese Schuld zu streichen.^) 
Dieselbe Erfahrung mußte man mit Graf Hieronymus Schlick 
machen, der am 16. November 1584 800 fl. aus dem Kirchen- 
kasten entlehnte und sie auf Philippi und Jakobi (I. Mai) 1585 
zurückzugeben versprach. Aber es war weder Zins noch Kapital 
von ihm zu erlangen, so daß man sich nach langen Jahren ent- 
schloß, auch dieses Geld verloren zu geben. 2) 

Eine große Rolle spielen die Unterstützungsbedürftigen, die 
ihren alten Glauben verlassen und damit ihre bisherige Existenz 
verloren hatten. Zunächst sind es zwar getaufte Juden, welche 
Unterstützung begehrten und bekamen, nämlich Hans Tobias 
aus Prag 1555/56 und Paul Nikelsperger aus Nikolsburg, der 
1563 um eine Anstellung bat. 3) 1570 erschien am 4. Mai M. Zach. 
Schaber, ein gewesener Jesuit aus Innsbruck, vor den kirchlichen 
Behörden in Stuttgart und bat um eine Beisteuer, da er wegen 
»Leibesschwachheit« ins Wildbad ziehen mußte; er empfing 2 fl. 
Am 18. Dezember 1573 kamen zwei Karthäusermönche aus Öster- 
reich, denen man offenbar nicht traute, denn sie wurden mit 
30 Kreuzern abgefertigt. 1578 kam ein hochangesehener Jesuit, 



K. K. R. 

2) K. K. R. 

3) K. K. R. 



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- 389 - 

M. Kaspar Kratzer aus Ulm, nach Württemberg. Er war einst 
Regens des Jesuitenkollegiums in Prag und Professor der Humaniora 
in Prag, dann in Wien gewesen und wurde von der Universität 
Tübingen für die Stiftsschule in Graz empfohlen.^) ihm folgte 1580 
Christoph Hitzenauer aus dem Jesuitenkollegium zu Wien. Er 
brachte eine Empfehlungsschrift der österreichischen Landstände. 
Da man ihm aber keine Stelle in Württemberg geben konnte, 
empfing er 12 fl. und wurde an den Pfalzgrafen Philipp Ludwig 
von Neuburg empfohlen, bei dem er als Musiker eine Anstellung 
fand. 2) 1580, im September, bat ein Benediktiner, Georg Müller 
aus Weißenhorn, der in Wiblingen und Wien im Kloster gewesen 
war, um einen Kirchendienst. Da ihm damit nicht geholfen werden 
konnte, sei es wegen Mangel einer genügenden Bildung oder wegen 
Mangel an erledigten Stellen, wurde ihm eine Unterstützung von 
10 fl. gereicht. 3) Im Juli 1584 kam Joh. Cärbo, der Dekan in 
Linz gewesen war und zunächst zur Beobachtung in das Stift in 
Tübingen gewiesen wurde, damit die Vorsteher nach acht Tagen 
über ihn berichten.'^) Im Herbste 1586 erschien in Stuttgart M. Elias 
Hasenmüller (Hesselmüller), der Sohn des Pfarrers in Goma- 
dingen, der im Stifte gebildet worden war, aber dann eine Zeitlang 
sich den Jesuiten angeschlossen hatte, wahrscheinlich aus Öster- 
reich zurück und bot der Oberkirchenbehörde zwei Schriften gegen 
die Jesuiten an, die auch im Synodus gelesen wurden. Aus »sonderen 
Ursachen« aber wagte man nicht, ihn im württembergischen Kirchen- 
dienste zu verwenden, sondern sandte ihn mit 20 fl. nach Wittenberg 
zu dem aus Augsburg vertriebenen Professor Müller (Mylius) und 
Polykarp Leyser nach Wittenberg, wo er nun seine »Historia 
ordinis Jesuitici« (Frankfurt a. M. 1588 und öfter), dann sein 
»Jejunium jesuiticum« herausgab, aber früh starb. 5) 

Ein anderer Württemberger, Leonh. Abel in aus Göppingen, 
war Barfißer in. einem Kloster in Steiermark geworden, kehrte 
aber 1588 heim und legte sein Ordenskleid ab. Das Jahr 1590 
brachte zwei ehemalige Jesuiten ins Land Württemberg. Im Juli 
kam M. Joh. Hopelius, auch Joh. Hoelius Daub genannt, aus 



K. K. R. 

2) K. K. R. 

3) K. K. R. 
') K. K. R. 
5) K. K. R. 



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- 390 - 

Würzburg gebürtig, mit einem Empfehlungsbriefe der oberöster- 
reichischen Landschaft, die bat, ihn ins Stipendium aufzunehmen. 
Man gab ihm eine Zeitlang einen Stipendiaten bei, um ihn weiter 
zu fördern und zu beobachten, konnte ihn aber nicht ins Stift 
aufnehmen, weshalb er mit 21 fl. Reisegeld entlassen wurde. Eben- 
falls um Aufnahme ins Stipendium für sechs bis acht Wochen 
bat im Oktober 1590 M. Adam Alb er aus Munderkingen, ein 
Jesuit, der etliche Jahre in Rom gewesen war. Er hatte sich einige 
Zeit in Laibach aufgehalten und brachte gute Zeugnisse von den 
dortigen evangelischen Predigern und dem Rektor; da er aber im 
Falle der Gewährung seiner Bitte mitten im Winter hätte fort- 
geschickt werden müssen, gab man ihm ein Viatikum und sandte 
ihn in das Kollegium Wilhelmitanum nach Straßburg.'') 

Nun hören die Nachrichten über österreichische Konvertiten, 
die zu unterstützen waren, für einige Zeit auf, bis sie nach dem 
Übertritte des Jesuiten Jak. Reihing, der von allen Seiten 
Konvertiten ins Land zog, wieder zahlreicher werden. 

Im Jahre 1624 weilten gleichzeitig drei Konvertiten in Stutt- 
gart, nämlich Alex. Borgia, Joh. Haan aus Speier, ein ehemaliger 
Karthäuser, und M. Ernst Jakob Steinauer (auch Steinmayer) aus 
Ingolstadt, ein ehemaliger Mönch, der bisher Prediger zu St. Peter in 
Wien gewesen war. Er wurde ins Stipendium zu weiterer Beob- 
achtung geschickt und gab dort seine Revokationsschrift heraus, reiste 
aber immer wieder nach Stuttgart mit allerlei Anliegen und nahm 
die Mittel des Kirchenkastens mehrfach in Anspruch. Im Jahre 1625 
wurde er Diakonus in Sulz und verheiratete sich nun. Der Mann 
kennzeichnete sich selbst, indem er für seine Braut um eine Kutsche 
und Pferde aus dem herzoglichen Bauhofe bat, um sie zur Hochzeit 
zu führen, aber er schlug sich dabei doch 12 fl. heraus. Von 
Sulz kam er als Diakonus 1626 nach Waiblingen, 1629 auf die 
Pfarrei Lampoldshausen, 1635 auf die Pfarrei Strümpftlbach, wo 
er wahrscheinlich der Pest erlag. 

1624/25 wurde Hier. Naislin, ein ausgetretener Mönch aus 
Wien, der in Tübingen seine Studien fortsetzte, mit 4 fl. unterstützt. 
Dagegen fertigte man 1625 einen ausgetretenen Franziskaner aus 
Wien, Ludwig Seltenreich von Eck, mit 6 fl. ab, ebenso Ge. 
Vinarius, einen Ungar, der zuvor bei den Jesuiten studiert hatte, 
1626/27 mit 6 fl. 

1) »Blätter für württembergische Kirchengeschichte« 1893, S. 90. 



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— 391 — 

1626 kehrte Joh. Laur. Bern 1er von Darmsheim, der vor 
15 Jahren in Österreich Papist geworden war, in die Heimat und 
zur evangelischen Konfession zurück. Er bat um Verwendung in 
irgend einem Dienste, mußte aber mit einem anständigen Viatikum 
weiterziehen. 1629/30 stellten sich wieder zwei ausgetretene Mönche 
ein, die in Stipendium aufgenommen wurden, Jak. Kromer aus 
Böhmen und Benedikt Erdmann aus Elbing in Preußen, die zu 
ihrer Ausstattung für Tübingen 16 fl. bekamen. Nun versiegt unter 
den furchtbaren Niederlagen des Protestantismus und der grausigen 
Verwüstung des Landes durch Krieg, Hunger und Pest der Zufluß 
der Konvertiten; aber kaum war der Friede geschlossen, da stellten 
sich wieder aus Österreich Leute ein, die Rom den Rücken kehrten, 
so 1650 Joh. Anton v. Popp, dem erst 18 fl. und dann 75 fl. 
verwilligt wurden, und 1656 IVlart. Simschalk, ein ehemaliger 
Franziskaner aus Ungarn. 



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xvn. 

Rundschau über die den Protestantismus in Öster- 
reich (Zisleithanien) betreffenden Erscheinungen des 

Jahres 1903. ') 

I. Für das ganze Gebiet 

L. Bittner, Chronologisches Verzeichnis der österr. Staats- 
verträge. I. Die österr. Staats vertrage von 1526 — 1763. (Veröffent- 
lichungen der Kommission für neuere Geschichte Österreichs.) Wien, 
Holzhausen. XXI, 228 S. Mk. 7. 

Rob. Holtzmann, Kaiser Maximilian II. bis zu seiner 
Thronbesteigung (1527 — 1564). Ein Beitrag zur Geschichte des 



') Die Titel und Notizen aus der slawischen Literatur verdanke ich 
Herrn Kollegen Prof. Dr. G. A. Skalsky. 

Verzeichnis der Abkürzungen: 

B G A V Th = Bote des Gustav-Adolf-Vereines für Thüringen usw. 

C C H = Ceskj^ Casopis Historick^ (Tschechische histor. Zeitschrift). Prag. 

C M K C = Casopis Musea kräl. Cesk^ho (Tschechische Museal -Zeit- 
schrift). Prag. 

C M M = Casopis Matice Moravsk^ (Zeitschrift d. mähr. Matice). Brunn. 

FGAV = Festschriften für Gustav-Adolf- Vereine. Herausg. v. Blanck- 
meister. Leipzig, Strauch. Je Mk. — '10 

HBI. = Histor.-politische Blätter. München. 

H R E = Realenzyklopädie f. protest. Theol. u. Kirche. Herausg. v. Hauck. 
3. Aufl. Leipzig. 

K K = Kirchliche Korrespondenz für d. Mitgl. d. Ev. Bundes. Leipzig. 
Braun. 

Jhrb. = dies »Jahrbuch«. 

MCG= Mitteil. d. Comenius-Gesellschaft. Berlin. 

MOG = Mitteil. d. Institutes f. österr. Geschichtsforschung. Innsbruck. 

M V G D B = Mitteil. d. Vereines f. Gesch. d. Deutschen i. Böhmen. Prag 

S G A B = Sächsischer Gustav-Adolf-Bote. 

ZVGMSch = Zeitschrift d. Vereines d. Gesch. Mährens u. Schlesiens. 
Brunn. 



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- 393 - 

Überganges von der Reformation zur Gegenreformation. Berlin, 
Schwetschke & S. XVI, 579 S. Mk. 15. 

Thdr. J. Scherg, Dr., Kurat, Über die religiöse Entwicklung 
Kaiser Maximilians II. bis zu seiner Wahl zum römischen Könige 
(1527—1562). Würzburg, Bauch. XVI, 107 S. Mk. 1*80. 

Jos. Susta, Aktenstücke des Konzils von Trient. 1. Bd.: 
Rom. Kurie und das Konzil von Trient unter Pius IV. 1561/62. 
Wien, C. Gerold. 

S. Steinherz, Nuntiaturberichte aus Deutschland. 2. Abt. 
1560—1571. 3. Bd.: Nuntius Delfino 1562/63. Wien, ebd. LVllI, 552 S. 

K. Schell haß, Nuntiaturberichte aus Deutschland. 3. Abt. 
1572—1585. 4. Bd.: Die süddeutsche Nuntiatur des Grafen Barthol. 
v. Portia (2. Jahr. 1574/75). Berlin, Bath. CXll, 528 S. Mk. 25. 

Geo. Buchwald, Beiträge zur Kenntnis der evang. Geist- 
lichen und Lehrer Österreichs aus den Wittenberger Ordinierten- 
büchern seit dem Jahre 1573. Jhrb. 24, 78—96, 236—263. 

Joh. Scheuffler, Der Zug der österr. Geistlichen nach und 
aus Sachsen. Ebd. 24, 184—255. 

R. Wolkan, Die Lieder der Wiedertäufer. Ein Beitrag zur 
deutschen und niederländischen Literatur- und Kirchengeschichte. 
Berlin, B. Behr. VII, 295 S. Mk. 8. 

Karl Lorenz, Die kirchenpolitische Parteibildung in Deutsch- 
land vor Beginn des dreißigjährigen Krieges im Spiegel der kon- 
fessionellen Polemik. X, 133 S. München, C. H. Beck. Mk. 3-50. 

A. Chroust, Briefe und Akten zur Geschichte des dreißig- 
jährigen Krieges. 9. Bd. München, Rieger. Mk. 24. 

G. Wolf, Forschungen und Forschungsaufgaben auf dem 
Gebiete der Gegenreformation. »Deutsche Geschichtsblätter«. S. 81 
bis 93, 102—108. 

K. Peucker, Kleines Ortslexikon von Österreich-Ungarn. 
Österreich. Wien, Artaria & Co. IV, 160 S. 

J. W. Nagl, Geographische Namenskunde. Wien, Fr. Deuticke. 
VII, 136. Mk. 5. 

Otto Piper, Österreichische Burgen. 2. Teil. VI, 268 S. mit 
276 Abb. Wien, A. Holder. Mk. 720. 

Staatliches Archivwesen in Österreich. »Deutsche Geschichts- 
blätter«. S. 31 6 f. 

H. V. Criegern, Geschichte des Gustav -Adolf -Vereines. 
Hamburg, Schloeßmann. 276 S. (Vgl. S. 156—175, 234—249.) 

25* 



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- 394 - 

Atlas des Gustav-Adolf-Vereines, enthält sämtliche zur Zeit 
vom Gustav-Adolf-Vereine unterstützte Gemeinden. Herausg. vom 
Zentralvorstande des Evang. Vereines der Gustav-Adolf-Stiftung. 
Auf Grundlage von Karten aus Andrees Handatlas und Lehmann- 
Petzolds Atlas bearb. in der geograph. Anstalt von Velhagen & 
Klasing in Leipzig. (30 Kartens. m. 2 S. Text, 45*5 X 30*5 cm.) 
Leipzig, J. C. Hinrichs. Mk. 6. 

41. Bericht des Österr. Hauptvereines der evang. Gustav- 
Adolf-Stiftung. Wien. 98 S. 

Verzeichnis der Superintendential- und Seniorats-Ausschüsse, 
der Kirchengemeinden und Seelsorger im Amtsbereiche des k. k. 
evang. Oberkirchenrates A. u. H. B. nach dem Stande am 31. Dez. 
1903. Wien. 10 S. 

H., Evang. und öffentliche Schule in Österreich. »Wartburg«, 
S. 307 f., 320 f. 

Jos. Scheicher, Der österr. Klerustag, ein Stück Zeit- und 
Kirchengeschichte. Wien, C. Fromme. 

O. Hegemann, Strömungen im österr. Klerus. »Wartburg«, 
S. 468 f. 

Bittners Repertorium ist eine Vorarbeit für die Ausgabe 
der österr. Staatsverträge; das Regestenwerk verschafft eine vor- 
läufige orientierende Übersicht nach den am leichtesten zugäng- 
lichen und reichhaltigsten Materialgruppen, nämlich nach den Ur- 
kundenbeständen des k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchives zu 
Wien und den schon gedruckten Sammelwerken. Für uns kommen 
in Betracht: Nr. 40, 54, 57, 62, 65 f., 72, 85, 96, 203, 310 f., 591, 
600, 666, 672. 

Rob. Holtzmann hat in einem sehr gründlichen und ein- 
gehenden Werke eine schon oft behandelte, schwierige Frage vor- 
genommen und sie durch sorgfältigste Benutzung der Überlieferung 
und zum Teile neue Archivalien zu lösen versucht. Er führt uns 
die bisherigen Bemühungen um die Sphinxnatur Maximilians II. 
vor, Moser, Hormayr, Ranke, Reimann, Maurenbrecher, Brieger, 
Chr. Meyer, M. Ritter, G. Droysen, W. Goetz, G. Wolf, Fr. v. 
Bezold, O. H. Hopfen. Der Anfangspunkt der neuen Beurteilung 
Max^ durch Ranke bezeichnet den Höhepunkt in der dem Fürsten 
zuteil gewordenen günstigen Charakteristik; die fernere Kritik geht 
im Zickzack, um zwar schließlich wieder eine freundlichere Höhe 
zu erklimmen, die jedoch von der Rankes entfernt bleibt. Der 



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- 395 - 

Stieve-Hopfen'sche »Kompromißkatholizismus« wird mit anderen 
abgelehnt; am nächsten kommt H. von den früheren Reimann, 
jedoch unter stärkerer Betonung der Entwicklung und mit tieferem 
Eingehen auf das oft rätselhafte Wesen des unglücklichen Königs. 
Der Schleier des Geheimnisvollen liegt auf ihm als Regent, und 
er lüftet ihn selbst auf dem Sterbebette nicht, was um so auf- 
fallender ist, als der Jüngling sich vor dem Spanier, seinem Oheim, 
durch deutsche Offenheit auszeichnen wollte. Der Fürst aus dem 
streng katholischen Erzhause hat nach H. schon früh schrittweise 
der Gegenseite sich genähert, bis er schließlich innerlich bei den 
Evangelischen anlangt zu einer Zeit, als eben die kräftig ein- 
setzende Gegenreformation den Lauf der europäischen Geschichte 
zu bestimmen begann. Der Sieg dieser Gegenbewegung über den 
bis zuletzt widerstrebenden Fürsten zeigt sich in seinem äußer- 
lichen, allmählichen Zurückweichen von der Sache des kraftlosen, 
uneinigen Protestantismus, an dem er keinen Rückhalt finden 
konnte; gezwungen und zögernd ging er den Weg, den er soeben 
erst im Drange einer werdenden Überzeugung vorangeschritten 
war, wenigstens teilweise wieder zurück. Als sein Vater die Augen 
schloß, waren die Wandlungen Max' in der Hauptsache bereits 
abgeschlossen, war die Entscheidung gefallen. Deshalb bilden die 
Jahre bis zur Thronbesteigung den fesselndsten Abschnitt. Durch 
den zweimaligen Wandel ist seine ganze Geschichte unter das 
Zeichen der Entwicklung getreten, unter dem allein sie richtig 
verstanden werden kann. Als er sich überzeugt, daß die pro- 
testantischen Fürsten ihn im Falle der Flucht nicht aufnehmen 
würden, machte Max, der noch nicht lange vorher versichert hatte, 
kein Mensch werde ihn »verführen«, Kehrt, äußerlich. Ohne seiner 
lutherisch -melanthonischen Überzeugung untreu zu werden — 
wenn es auch natürlich ohne Trübungen nicht abging — , hat er 
seitdem seine eigene religiöse Ansicht und die Politik scharf ge- 
trennt, wie die protestantischen Fürsten, da er auf das Kaisertum 
nicht verzichten wollte. Er war eben doch mehr Politiker und 
dynastischer Ehrgeizling als ein starker, religiöser Charakter. Von 
der Logik der Tatsachen wurde er weiter getrieben, als er gewollt, 
der sich nur zu gelegentlichen Konzessionen entschlossen hatte. 
Je länger, je weniger vermochte der Protestantismus in Deutsch- 
land dem erstarkten Gegner die Spitze zu bieten; immer mächtiger 
wurden auf allen Gebieten die katholischen Forderungen. Auch 



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- 396 - 

M. konnte nicht mehr zurück. Seine Regierung wird die Geschichte 
des immer geringer und aussichtsloser werdenden Widerstandes 
gegen den Siegeslauf des Katholizismus. Er möchte den Stand- 
punkt eines geläuterten, allgemein christlichen Katholizismus ein- 
halten, der angeblich über den Parteien gewählt war, tatsächlich 
aber in einer Zeit, die keine Wiedervereinigung der religiösen 
Lehren hoffen ließ, auch bei ernstem Streben nur ein halt- und 
fruchtloses Hinundherschwanken zur Folge haben konnte. Er 
machte verschiedentlich Versuche zu einer den Anhängern der 
Augustana günstigen Politik; in Niederösterreich verlieh er die 
»Religionskonzession« und deren »Assekuration«; er machte seinem 
königl. Schwager von Frankreich Vorhaltungen wegen der Greuel 
der Bartholomäusnacht; allein dauernde Erfolge konnte er nicht 
erringen, zumal er an seinem Hofe allein stand und zur Genüge 
erfahren hatte, was von den protestantischen Fürsten zu erwarten 
war. Immer schwächer wurden seine Bemühungen, immer schneller 
der Sieg der auf allen Gebieten mächtig angeschwollenen katho- 
lischen Reaktion. Er las fleißig die Bibel, er starb ohne Sterbe- 
sakramente, aber die Gegenreformation konnte er nicht aufhalten. 
Bei allen fesselnden und trefflichen Eigenschaften war eben M., 
der Kryptomelanthonianer, kein fester Charakter, geschweige ein 
Glaubensheld; unbeugsame Willensstärke, opferfroher Idealismus 
war ihm nicht verliehen (vgl. AZ Beil. Nr. 211; DLZ35, 2154ff.; 
LC 48, 1630 f.). — Leider scheint H. der Einspruch gegen Hopfen 
und die Darlegung der eigenen Anschauung durch Stein herz 
entgangen zu sein; diesem hat sich Uhlirz-Graz angeschlossen. 
St. (in der Einleitung zum 1. Bd. der Nuntiaturber.) läßt die 
frühere Zeit M.s auf sich beruhen und geht davon aus, daß IM. 
jedenfalls seit 1555 sich der protestantischen Partei immer mehr 
näherte. Indem er gegenüber der verzweifelten Alternative: Unter- 
werfung oder Enterbung einen Ausweg suchte, tausend Gedanken 
auf ihn einstürmten, kam er immer wieder zu dem Entschlüsse, 
sich nicht zu beugen, sondern Widerstand zu leisten um jeden 
Preis. Mit welchen Plänen er sich damals trug, ob Flucht zu den 
protestantischen Fürsten, vielleicht sogar, nach dem Vorbilde Moritz' 
von Sachsen, gewaffneten Widerstand zu leisten, wird man niemals 
mit Sicherheit feststellen können. Nicht der Kaiser mit seinen 
energischen väterlichen Mahnungen, auch nicht der geduldige und 
schmiegsame Nuntius Hosius, der den Verirrten zurückführen sollte. 



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- 397 - 

haben die Änderungen in M. hervorgebracht, sondern die pro- 
testantischen Fürsten. Diese waren — sagt St., — gewiß alle mit 
Leib und Seele Protestanten, unerschütterlich im Glauben, aber 
sie schieden sorgfältig Politik und Religion. Keiner von ihnen 
wollte um M. willen in den juristisch und militärisch gefährlichen 
Kampf mit dem Kaiser sich einlassen. Auch M. schied nun Religion 
und Politik, beschloß, sich mit dem Vater zu vertragen und in 
Konsequenz davon mit den katholischen Kreisen und der Kurie. 
Dabei ist es ohne Zweideutigkeit nicht abgegangen. St. hält die 
Frage für unlösbar, ob M.s religiöse Überzeugung dieselbe blieb, 
ob er nach dem Wendepunkte noch glaubte, daß die Confessio 
Augustana die »rechte christliche Religion« sei, in der er sein 
Leben zu beschließen gedenke. Ob er zu einer Mittelstellung 
zwischen Luthertum und katholischer Kirche fortgeschritten ist, 
darüber gäben die Dokumente keinen Aufschluß. Auch in dem 
überschriftlich genannten dritten Bande der Nuntiaturberichte von 
Steinherz (vgl. S. 540 f.) kommen mehrere Max* religiöse Ge- 
sinnung betreffende Notizen vor. — Fast gleichzeitig mit Holtz- 
mann hat Scherg in einer kleinen Schrift sich an das Maximilian- 
problem gewagt, die sich an Gründlichkeit, Umblick, Scharfsinn 
und Unparteilichkeit mit H. nicht messen kann. Ihm erscheint der 
König als ein Mann, dem es nie gelang, eine feste religiöse Über- 
zeugung zu fassen, der Hauptschlüssel zu seinem Wesen ist — 
sein Eigensinn. Es zeige sich nirgends eine Bestätigung der An- 
sicht, daß M. schon in der Jugendzeit protestantische Grundsätze 
in sich aufgenommen habe. Die protestantischen Fürsten nahmen 
sein so deutlich klingendes protestantisches Bekenntnis nicht ernst. 
Er war nicht Protestant und nicht Katholik; seine Religion war 
und blieb ein Wirrnis. Die Kommunionfrage war ihm freilich per- 
sönliche Herzenssache. M. war den Zeitgenossen ein Rätsel und 
wird der Forschung ein Rätsel bleiben. — Bevor nicht neue erheb- 
liche Dokumente zum Vorscheine kommen, wird man gut tun, 
dieses Thema fallen zu lassen. — In dem eben bezeichneten Bande 
von Stein herz ist noch hervorzuheben: In Böhmen, die Weihe 
utraquistischer Priester (vgl. S. 527); Canisius'-Gutachten über den 
Laienkelch und Mitteilung über die religiösen Zustände in Öster- 
reich (vgl. S. 528); die Tätigkeit M. Citards, des Beichtvaters 
Ferdinands I., des Bischofs Commendone, des Franz v. Cordova, 
Beichtvaters von Max II. Gattin, des kaiserl. Rates G. Gienger 



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- 398 - 

(vgl. S. 529, 531, 536); Bischofs Urban v. Gurk Mitteilung über 
die religiösen Zustände in Österreich (vgl. S. 294); die Heirats- 
verhandlungen der Königin Elisabeth von England mit Ferdinand 
und Karl von Tirol (vgl. S. 535, 537); über die religiösen Zustände 
in Krain (vgl. S. 538); Prozeß gegen Bischof Peter v. Seebach in 
Laibach wegen Ketzerei und Unsittlichkeit (ib.); religiöse Zustände 
in Niederösterreich (S. 543); über Seb. Pfauser (S. 544); religiöse 
Zustände in Polen (S. 545); Salzburger Verhältnisse (S. 546); 
Fr. Staphylus (S. 548); religiöse Zustände in Tirol (S. 548); Primus 
Trüber (S. 548); religiöse Zustände in Wien (S. 549). — In dem 
Bande von Sc hell haß siehe das Register unter: Laibach, 
Lutheraner, Leyser, Steiermark, Tirol. 

R. Wölk an, dem die Literatur und Protestantengeschichte 
Böhmens schon so manchen wertvollen Beitrag verdankt, fördert 
diesmal die Täuferfrage erheblich. Nach Kritisierung der hymnologi- 
schen Ansätze von Koch, Wackernagel, Goedeke, Beck u. a. erklärt 
er: »So konnte meine Arbeit, bei der mir der reichhaltige Nachlaß 
Becks leider nicht zugänglich war, sich auf keine Vorarbeit stützen 
und mußte von Grund aus einen neuen Bau aufführen. Aber der 
mühsame und langwierige Weg lohnte die Anstrengung; es gelang, 
die Hauptsekten der Täufer nach ihren dogmatischen Anschau- 
ungen genau von einander zu scheiden, was bisher nie versucht 
worden war und vielleicht auch Theologen interessieren wird; 
es gelang infolgedessen auch eine scharfe Trennung der Lieder- 
dichtung der Mennoniten, Schweizer und Huterer, und der Nach- 
weis, daß die Lieder der beiden ersten Gruppen zum teil auf 
niederländische Originale zurückgehen; zugleich wird zum ersten- 
male die reiche Liederdichtung der Huterer in ihrem ganzen Umfange 
dargestellt. In der Entwicklung dieser mehr äußeren Schicksale der 
täuferischen Liederdichtung sehe ich den Hauptwert meiner Arbeit. 
— In viel höherem IVIaße als die Kirchenlieder der Protestanten 
und Katholiken können die Lieder der Wiedertäufer den Anspruch 
erheben, als echte Volksdichtungen betrachtet zu werden. — Wir 
haben es hier mit der gemäßigten Richtung unter den Wieder- 
täufern zu tun, mit den weltflüchtigen, weltfremden, stillen, die 
wieder in drei große Gruppen sich scheiden, die »Schweizer 
Brüder«, die »Huterer oder mährischen Brüder« und die »Menno- 
niten«. Ihre religiösen Dichtungen sind im allgemeinen scharf von- 
einander getrennt. — Ein großer Teil derselben ist nichts anderes 



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~ 399 - 

als die Leidensgeschichte des Täufertums und seiner Bekenner 
in ergreifende, wenn auch oft ungelenke Verse gefaßt, während 
ein anderer Teil den dogmatischen Gehalt der täuferischen Lehren 
umschließt; damit sind die beiden Hauptrichtungen dieser Dichtung 
gekennzeichnet. — Könnten wir die Lieder der Mennoniten und 
Schweizer Brüder an der Hand von gedruckten Gesangbüchern 
einer Betrachtung unterziehen, so sind wir bei einer Darstellung 
der Liederdichtung der »mährischen Brüder« oder »Huterer« aus- 
schließlich auf handschriftliches Material angewiesen, zu Preßburg, 
Wolfenbüttel, Budapest, Gran, Wien, Brunn usw. 

Auf die verhältnismäßige Höhe, welche die Lieder der Huterer 
im 16. Jahrhundert erklommen hatten, folgte ein rasches Sinken 
im 17. Jahrhundert. — In ihre Lieder gaben die Brüder das Beste, 
was sie besaßen; ihre Glaubensstärke, ihre Hoffnungsfreudigkeit, 
ihr Gottvertrauen bekundet sich in ihnen auf das Schönste. Der 
ergreifendste Teil ihrer Lehre, die Liebe auch gegen ihre Feinde 
und Mörder, leuchtet siegreich aus ihnen hervor . . .« 

G. Wolf, der verdienstvolle Herausgeber einer groß angelegten 
Geschichte der Gegenreformation stellt in seinem Aufsatze auch für 
Österreich wichtige Themata auf, die sich leicht vervielfachen ließen. 

Zur »Los von Rom«-Bewegung. 

Rob. Äschbacher, Los von Rom! Die evang. Bewegung in 
Österreich. Mit Berücksichtigung anderer Länder. 2. Aufl. 11. bis 
15. Taus. Zürich, Zürcher u. Furrer. Mk. — '50. 

P. Bräunlich, Los von Rom-Kämpfe im Böhmerland. 1. Wie 
Böhmen protestantisch wurde. 32 S. — 2. Wie man Böhmen 
katholisch machte. 56 S. München, J. F. Lehmann. Mk. — '60. 

Derselbe, Wie die heutige protestantische Kirche in Böhmen 
entstand? München, Lehmann. Mk. — 60. 

Derselbe, Was die »Los von Rom«-Bewegung in Böhmen 
in vier Jahren erlitt und erkämpfte. Ebd. Mk. — '60. 

Derselbe, Der neue Aufschwung der evang. Bewegung 
in Österreich und ihre Gefährdung durch unsere Lässigkeit. K K. 
229—234. 

M. Denckinger, Los von Rom, rompons avec Rome, le 
mouvement antiromain en Autriche. Lyon, Bichsel. 32 S. 

Ge. Goyau, Vieille France-Jeune-Allemagne. Paris, Perrin. 
VIII, 321 S. (S. 227-321). Mk. 10, 



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- 400 - 

E. Haupt, Die »Los von Rom«-Bewegung in römischer Be- 
leuchtung. »Deutsch-evang. Blätter«, 27, 729—734. 

Joh. Heinzelmann, Motive und Hindernisse der Übertritts- 
bewegung in Österreich. »Die Christliche Welt«, 1902, 16, 438 
bis 446. 

Meyer, Über die Bedeutung der evang. Bewegung in Öster- 
reich. »Deutsch-evang. Blätter«, 28, 511 — 524. 

A. Rau, Die Reformation und Renaissance. Ein Beitrag zur 
Geschichte der »Los von Rom«-Bewegung. Delitzsch, L. A. Walter. 
116 S. Mk. 2—. 

F. 2ilka, Die nationale Seite der »Los von Rom«-Bewegung. 
Von einem Tschechen. »Die christliche Welt«, 17, 351 — 354. 

P. V. Zimmermann, Was wir der Reformation zu verdanken 
haben und Hauptpunkte des evang. Glaubensbekenntnisses. Auch 
für Übertretende. 6. Aufl. Heilbronn, Salzer. 82 S. Mk. —'50. 

In: »Der alte Glaube«, Nr. 24. 

In: SGAB. 14. Jahrg. Nr. 8. 

Los von Rom-Führer und ihr Humor. K K. S. 70—72. 

Festschrift anläßlich der Los von Rom-Feier in Wien 1903. 
Alldeutsche Luthersippe in der Ostmark. 40 h. 

Die Übertrittsbewegung im böhmischen Mittelgebirge. FGAV, 
14. Jahrg. Nr. 3. 

(A. Ohorn, »Los von Rom«. Eine Geschichte aus dem Leben. 
2. Aufl. Stuttgart, L. Weber. 448 S. Mk. 5*—.) 

Von katholischer Seite: 

Eleutherius, Los von Luther. Aphorismen. 36 S. Graz, 
Styria. Mk. —-20. 

A. Ch^radame, L'Europe et la question d'Autriche au seuil 
du XX si^cle. 3. ^d. XVI, 452 S. Paris, Plön. 1901. Mk. 10*—. 

Derselbe, L'Allemagne, la France et la question d'Autriche. 
Ebd. 1902. XXXII, 275 S. Mk. 350. 

H. Opitz, S. J., Hin zu Rom! Graz, Styria, 23 S. Mk. — 'lO. 

L. Schuster, Fürstbischof, Hütet euch vor den falschen 
Propheten! Bischöfliches Mahnwort gegen die »Los von Rom«- 
Bewegung. 15 S. Mk. — iO. 

Die »Los von Rom«-Bewegung in Österreich. »Historisch- 
politische Blätter« für das kath. Deutschland. Bd. 131, S. 343—359. 



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- 401 - 

2ilka betont, daß die römische Kirche in Österreich gegen- 
über dem Protestantismus sowohl deutschfeindlich als tschechen- 
feindlich ist. Er will die deutsche »Los von Rom«-Bewegung 
nicht unterschätzen; allein, er glaubt und hofft, daß die erst 
in kleinsten Anfängen sich meldende tschechische antirömische 
Bewegung mehr und ausschließlicher religiös sein wird, »nationale 
Motive werden gewiß dabei mitspielen, nationale Gegensätze aber 
ausgeglichen werden«. 

Ch^radame malt in einer großen und einer kleinen volks- 
tümlichen Ausgabe die Gefahren aus, die dem europäischen Gleich- 
gewicht durch die Bestrebungen der Alldeutschen, Deutsch-Öster- 
reich mit dem Deutschen Reiche zu vereinigen, drohen. Gefahren, 
denen Frankreich und Rußland begegnen müssen. Er streift auch 
die »Los von Rom«-Bewegung, die ihm nur ein Faktor in jenen 
Intriguen bedeutet; für deren religiöse Elemente zeigt er kein 
Verständnis. 

Goyau schildert die »Los von Rom«-Bewegung auf Grund 
einer für einen Ausländer besonders überraschenden Kenntnis der 
so angeschwollenen Broschürenliteratur. Bei aller Gelassenheit 
steht auch er ihr nicht nur skeptisch, sondern unsympathisch 
gegenüber. Er scheint Protestant zu sein, und doch kommt er zu 
dem Schlüsse, daß, politisch betrachtet, der Katholizismus die für 
den internationalen österreichischen Staat passendste Religion sei. 
Das ist um so verwunderlicher, als er jener Bewegung das Über- 
wiegen des Politischen zum Vorwurf macht. Das Problem rührt 
er nicht an, ob nicht der Protestantismus, auch mit anderen Ge- 
danken vermengt, eine tiefere religiöse Befriedigung gewähren 
dürfte, oder vollends, welche Kulturarbeit die reichbegabten Völker 
Österreichs leisten könnten, wenn sie aus den Fesseln Roms er- 
löst würden. 

Der ungenannte Polemiker in den »Histor.-polit. Blättern« 
nennt die »Los von Rom«-Bewegung ein unsäglich jämmerliches 
Menschenwerk; einen Kampf gegen Thron und Altar, eine neue 
Episode in dem alten Kampfe gegen die katholische Kirche und 
das habsburgische Herrscherhaus. Die Bewegung sei keineswegs 
verflaut, protestantische Prediger entfalteten eine unheimliche Rüh- 
rigkeit. Dieser frivolen und skrupellosen Abfallshetze müßte eine 
allumfassende, zielbewußte und energische Abwehr entgegengesetzt 
werden. 

Jahrbuch das Protestantismus, 1904 26 



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- 402 - 

IL Fflr die einzelnen Kronländer. 

Niederösterreich. 

Gust. Baucli, Die Rezeption des Humanismus in Wien. Eine 
literar. Studie zur deutsclien Universitätsgeschichte. VIII, 176 S. 
Breslau, M. u. H. Marcus. Mk. 5. 

W. Illing, Der Regierungsantritt Ferdinands I. in den nieder- 
österreichischen Erblanden. Floridsdorf. Verlag des k. k. Staats- 
gymnasiums. 

G. Kawerau, Nausea, »Real-Enzyklopädie für prot. Theol. 
u. Kirche«, 133, 669—672. 

Verzeichnis der christlich en Vereine Niederöster- 
reichs. A. In Wien. B. Außer Wien. 2. Ausg. Nach dem Stande 
vom 1. Mai 1903. Herausg. von der vorbereit. Kommission des 
III. niederösterr. Katholikentages. Red. von Dr. Hans Prankl. 32 S. 
Wien, »Austria«, F. Doli. Mk. —•40. 

Sieben Jahre evang. Vereinsarbeit des christl. Vereines junger 
Männer in Wien. 1896—1903. 96 S. 

Ferd. Zöhrer, Chronik von Wien. 2. Aufl. 355 S. Wien, 
Kirsch. Mk. 3'- . 

Bauch hat aus seinen Vorarbeiten für die Ausgabe des Brief- 
wechsels von Konrad Celtis zu der Studie über die Anfänge des 
Humanismus in Ingolstadt die über die Rezeption des Humanis- 
mus in Wien hinzugefügt. Er behandelt die Wiener Scholastik, die 
Vorblüte des Humanismus, fahrende Humanisten, Eintritt des Kon- 
rad Celtis als erster ordentlicher Orator und Poeta, obrigkeitliche 
Reformversuche (an der Universität), Celtis' Gründung des Poeten- 
und Mathematikerkollegiums, Celtis* Ausgang. Hauptquelle sind die 
(ungedruckten) Akten der philosophischen oder der Artistenfakultät. 
Durch Celtis ist erst der Humanismus in Wien zu allgemeinerer 
Anerkennung und zu dauernder »Rezeption« gelangt. Ein bis 
in unsere Tage reichendes Verdienst hat er sich durch den ersten 
Ausbau der kaiserlichen Büchersammlung erworben; er legte den 
Grund zur heutigen k. k. Hofbibliothek, er wurde der Herold der 
modernen Bildung in Wien. Den Kampf gegen die Scholastik und 
ihre Methode, deren Beseitigung der Umformung der Universität 
vorangehen mußte, nahm Melanchthon wieder auf im Verein mit 
Luther. Freilich wurde der Vernichtungskampf gegen die Scho- 
lastik durchgeführt, »aber der Humanismus mußte dabei der theo- 



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- 403 — 

logischen Einseitigkeit den besten Teil seines eigenen Wesens 
opfern, und erst eine spätere Zeit hat allmählich, und dann nicht 
mehr unter Wahrung der Celtis so werten antiken Formen das 
Echte und Befruchtende aus seinem Gehalte der Wissenschaft, der 
Literatur, dem allgemeinen Wirken und dem Leben wieder zu- 
geführt«. 

Illings Schulprogramm ist bedeutsam für die Stellung der 
Stände, aber nicht kirchengeschichtlich. 

Das anziehende Bild des mit unermüdlichem Eifer, Ernst, 
Treue und Begabung an der Erhaltung des katholischen Glaubens 
und an der Abstellung der Mißbrauche arbeitenden Mannes (des 
Wiener Bischofs Nausea, 1541 — 1552), der stark empfindet, wie 
schwerer Schaden der katholischen Kirche Deutschlands durch die 
Sittenlosigkeit des Klerus, die Schlaffheit seiner Bischöfe und die 
Fehler der päpstlichen Politik erlitt, wird nach Kawerau getrübt 
durch die selbstgefällige Eitelkeit und unablässige Pfründenjagd. 
Die Briefe aus der Zeit seines Wiener Bistums sind lehrreiche 
Dokumente der Auflösung, in die sich die katholische Kirche 
durch die Reformation versetzt sah, kündigen aber auch bereits 
die Gegenbewegung an. 

Zöhrers Chronik wird gut katholische Familien erfreuen; 
wie wenig er der Forschung gefolgt ist, zeigt S. 169 ff. die übliche 
legendarische Schilderung der sogenannten »Sturmpetition«. Bei 
Josef II. erfährt man überhaupt nichts vom Toleranzpatente. 

Oberösterreich. 

E. L. Enders, M. Luthers Briefwechsel. Bearbeitet und mit 
Erläuterungen versehen. 9. Bd. IX, 384 S. Mk. 4. 10. Bd. VllI, 384 S. 
Mk. 4. 

A. Hackel, Zur Geschichte der luther. Stadtschulen in Steyr. 
Jahres-Bericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr. Steyr. 16 S. 

J. Fr. Koch, Austriaca aus Regensburg. Jhrb. 24, 11 — 31. 

J. Strnadt, Der Bauernkrieg in Oberösterreich. Nach 
275 Jahren seinen lieben Landsleuten erzählt von einem Ober- 
österreicher. Wels, H. Haas. 181 S. K 130. 

Fr. Seile, Eine österr. evang. Parochie (Steyr in Oberösterr.) 
Steyr. 55 S. 

Enders' neue Briefbände enthalten auch die Briefe Luthers 
an Christoph und Dorothea Jörger. 

26* 



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- 404 — 

Strnadt, der Oberlandesgerichtsrat i. P., hat im Geiste 
seines Freundes Felix Stieve, von dessen großem Werke über den 
oberösterr. Bauernkrieg er soeben eine neue, durch eigene um- 
fassende archivalische Arbeit vermehrte Ausgabe vorbereitet, eine 
vorzügliche kurze Geschichte dieses denkwürdigen Kampfes ver- 
faßt, die in mehreren Auflagen unter den oberösterr. Bauern zu 
Tausenden verbreitet ist. — Seiles farbenreiche Geschichte seiner 
Gemeinde kann als Muster hingestellt werden. Möchten viele österr. 
Geistliche ihm nacheifern! 

Innerösterreich. 

Archivberichte aus Kärnten. »Deutsche Geschichtsblätter« 
4, 129 f. 

Fr. 1 1 w f , Steiermark. Geschichtsschreibung v. 1 6. bis 1 8. Jahrh. 
Ebd. 4, 288—298. 

A. Tille, Nachwort z. d. Aufsatze v. llwof. Ebd. 298— 300. 

Alois Lang, Beiträge zur Kirchengeschichte der Steiermark 
und ihrer Nachbarländer aus röm. Archiven. Graz. (Veröffent- 
lichungen der Historischen Landeskommission für Steiermark.) 
XVIII, 156 S. 

J. Loserth, Kleine Beiträge zur Geschichte der Refor- 
mation in Innerösterreich. Jhrb. 24, 133 — 148. 

Ed. Richter, Der histor. Atlas der österr. Alpenländer. 
»Deutsche Geschichtsblätter« 4, 145 — 150. 

A. Kaspret, Die Instruktion Erzherzog Karl II. für die 1. f. 
Reformierungskommission in Steiermark aus dem Jahre 1572. 
Gymnas.-Prog. Graz, I. Staats-Gymnasium. 22 S. 

B. Pelikan, Leben der Erzh. Maria von Steiermark, Mutter 
Kais. Ferd. II. Nach authent. Quellen. VIII, 133. Wien, Kirsch. K l'SO. 

Mahnert, Vier Jahre evang. Arbeit in Steiermark. Ansprache. 
22 S. Leipzig, Buchh. des evang. Bundes C. Braun. Mk. — '10. 

Fürstenfeld, SGAB, 14. Jahrg. Nr. 4. 

Wegen er, Fürstenfeld (FGAV Nr. 24). 16 S. 

Joh. Loserth, Truberiana. Jhrb. S. 1 — 10. 

Jos. Pindor, Die protest. Literatur der Südslawen im 
16. Jahrh. Jhrb. S. 149—183. 

P. V. Radi CS, Familien-Chroniken krainischer Adeliger im 
16. und 17. Jahrh. »Mitteil, des Musealvereines für Krain«. 16, 1 — 3. 
— Der Archivberichtsartikel bespricht: v. Zwiedineck, In- 



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- 405 - 

ventar des Reichsgräfl. Wurmbrand'schen Haus- und Familien- 
archives zu Steyersberg (Graz 1896); v. Jaksch, Archivbericht 
aus Kärnten. I. Die Graf Lodron'schen Archive in Gmünd (Klagen- 
furt 1900); V. Ottenthai u. Osw. Redlich, Archivberichte aus 
Tirol (I. Wien 1888, II. ebd. 1896). Einiges darin ist auch für 
protestantische Nachrichten wichtig.* 

Längs Beiträge enthalten: I. Der Informativprozeß über 
Marx Sittich, Erzbischof von Salzburg. II. Aus den Registerbüchern 
der Grazer Nuntiatur; Beiträge zur Geschichte der katholischen 
Reformation im 17. Jahrh. a) Erzbischof Marx Sittich und die 
Grazer Nuntiatur; b) die Admonter Abtwahlen 1614 und 1615; 
c) Kardinal Khlesl und die Sukzessionsfrage; d) Charakteristik des 
Nuntius Erasmus Paravicini; e) Beilagen. III. Päpstliche Konsistorial- 
akten 1480 — 1487. IV. Aus den vatikanischen Supplikenbänden 
des 15. Jahrh. 

Bertha Pelikan zeichnet in ihrem erbaulichen Traktat von 
der ungewöhnlichen Fürstin ein Heiligenbild in schwarzgelbem 
Rahmen, so weit das deren Prunkliebe und Jagdlust zuläßt, meist 
nach Hurter. 

Bei Radi CS findet sich notiert die Chronik zweier Frhr. 
V. Gall zu Rudolfseck; 1602 der Vermerk: »eine Tochter wird 
päbstisch getraut, aus Mangel ev. Prädikanten«. 

Für den Alpenatlas ist der Grundsatz maßgebend: Für die 
österreichischen Länder, deren heutige Grenzen der Hauptsache 
nach bis ins 13. Jahrh. hinaufreichen, kommt nur die innere 
Gliederung in Betracht, nicht die Abgrenzung einzelner Territorien, 
sondern der Gerichte. 

Salzburg. 

C. Hoffmann, Der Durchzug der Salzburger Emigranten 
von 1731/32 durch das Gebiet des heutigen Königreiches Württem- 
berg. »Blatt, f. württemb. Kirchengeschichte«. N. F. 6, 97—142, 
7, 1-38. 

J. Loserth, Urkundenregesten von Sterzing. Herausg. v. 
F. Fischnaler. »Götting. Gelehr. Anzeigen« Nr. 12. 

J. Hirn, Tirols Erbteilung und Zwischenreich 1595 — 1602. 
Aus »Archiv f. österr. Geschichte«, 91 S. Wien, Gerold. Mk. 1*80. 

E. Kochs Übertritte aus der röm.-kath. zur evang. Kirche 
in Deutschland während des 19. Jahrh. Leipzig, C. Braun. V, 342 S. 
Mk. 3. (Jos. Fleidl, Führer der Zillertaler [1837], 136/145.) 



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— 406 — 



Tirol. 



R. Baier, Die allgemeine Lage Tirols beim Schmalkaldischen 
Einfall i. J. 1546. Prgr., Waidhofen a. d. Thaya. 31 S. 

Böhmen und Mähren. 

J. Loserth, Geschichte des späteren Mittelalters von 1197 
bis 1492 (Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte). 
München und Berlin, R. Oldenbourg. VM, 727 S. Mk. 14. 

W. FlajShans, Joh. Hus Expositio Decalogi. Nach neu- 
entdeckten Handschriften zum erstenmale herausg. (Joh. Hus opera 
omnia, P. 1, F. 1). Prag, Jar. Bursfk. 

Derselbe. De Corpore Christi. Ebd. 

F. Cisaf, Ist denn Hus vergeblich gestorben? Leipzig, Hahn. 51 S. 

K. Weiske, Mitteil, über die Handschriftensammlung der 
Hauptbibliothek in den Francke'schen Stiftungen zu Halle. (Aus 
der Hauptbibliothek der Francke^schen Stiftungen.) Halle, Waisen- 
haus. 63 S. 

E. Smetänka, Petra ChelCick^ho Postilla (die Postille des 
Petrus ChelCicky). II. T. Comenium-Verl., Prag. 

Ign. Hrub^, Öesk^ postilly (böhmische Postillen). Eine lite- 
rarische und kulturhistor. Studie. Prag (1901). Königl. böhm. Ge- 
sellsch. d. Wissenschaften. 318 S. 

H. Waltzer, Beziehungen des böhm. Humanisten Jos. v. 
Rabenstein zu Bayern. »Mitteil, des Institutes für österr. Geschichts- 
forschung«, 24 Bd. S. 630—645. 

Frz. Mach, Hussitismus, Reformation und Gegenreformation 
in Saaz und im Saazer Lande. Saaz, Neudörfer. 71 S. Mk. 1. 

E. Kück, Die Erfurter Ausgabe des Katechismus der böhm. 
Brüder (von Mich. Buchfürer, Okt. u. Nov. 1522). »Mitteil. d. Ge- 
sellsch. f. deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte«. 13. Bd. S. 861. 

Bugenhagens christliche Vermahnung an die Böhmen. Nach 
dem Orig.-Druck v. J. 1546 neu herausg. von Kon st. v. Kügelgen. 
XVI, 12 S. m. Bildnis. Mk. 1. Traktate, zeitgem., aus der Refor- 
mationszeit. Herausg. von Lic. Konst. v. Kügelgen. 2. Hft. Leipzig, 
R. Wöpke. 

H. A. Fick, Nikot. Hermann und Joh. Mathesius. »Unsere 
Kirchenliederdichter«. Hft. 22. Hamburg, Schloeßmann. 

Georg Loesche, Joh. Mathesius. »Real-Enzyklopädie für 
Theologie und Kirche«. 12^, 425-428. 



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— 407 — 

Luthers Tischreden in der Mathesischen Sammlung. Aus 
einer Handschrift der Leipziger Stadtbibliothek. Herausg. v. Biblioth. 
Ernst Kroker, XXII, 472 S. Leipzig, B. G. Teubner. Mk. 12. 

R. Sprenger, Zu den Mathesiana. (1, 236 ff.) »Zeitschrift 
für deutsche Wortforschung«. IV, 4, 323. 

*;^* Doktor Martin Luthers Leben nach Joh. Mathesius 
(»Wortgetreuer Auszug«). Verlag des »Sonntagsboten für Sachsen«. 
87 S. 

J. Bidio, Jednota bratrskä v prvnim vyhnanstvi (die Brüder- 
Unität im ersten Exil). II. T. 1561—1572. Prag, königl. böhm. 
Gesellschaft. 

Derselbe, »Der Bruder Joh. Rokyta beim Czaren Iwan 
dem Grausamen« (»Br. Jan Rokyta u cara Ivana Hrozn^ho«). 
(C. C. H.) Jahrg. IX, Hft. 1. Siehe die Besprechung von Bidlos 
Schrift: »Die Unität im ersten Exil«. 

F. Schenner, Georg Schildt, der Pastor Primarius in Znaim 
und seine Nachfolger. Jhrb. 24, 32—77. 

F. Hrejsa, Ceskä Konfesse (die böhm. Konfession). Ka- 
lender »Hus«. 

Derselbe, Cesk6 Vyznäni z roku 1575 (die böhm. Konfession 
von 1575). Opatowitz. 85 S. 

*^* Die böhm. Landtagsverhandlungen und Landtags- 
beschlüsse V. J. 1526 bis zur Neuzeit. Herausg. v. böhm. Landes- 
archive. 10. Bd. 1600—1604. Prag (1900). IV, 760 S. 

K. Köpl, Die Sperrung der Kirche zu Braunau. In: »Festschr. 
d. Vereines f. Gesch. d. Deutschen i. Böhmen« (1902). 191 S. 

A. Wintera, Braunau u. d. dreißigjähr. Krieg. Braunau. 87 S. 

W. Schulz, Napomenuti ref. kommisse z r. 1629 (Ermahnung 
der Reformations-Kommission aus dem Jahre 1629). CmkC 

Derselbe, Karl v. 2erotins Correspondenz. »Archiv Cesky« 
(Böhm. Archiv). 

Joh. KvaCala, Die pädagogische Reform des Comenius in 
Deutschland bis zum Ausgange des 17. Jahrh. 1. Bd. (Monumenta 
Germaniae Paedagogica, Bd. XXVI.) 395 S. 

Derselbe, Martin Opitz und Comenius. Neue Streiflichter 
auf ihre freundschaftlichen Beziehungen. MCG. 12, 35 — 38. 

Ed. Albert, Denkstätten aus der Geschichte der Brüder- 
gemeinden in Böhmen. Ebd. 12, 110. 



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- 408 ~ 

J. G. Herder, Comenius und die Erziehung des Menschen- 
geschlechtes. Ein Charakterbild aus den Briefen zur Beförderung 
der Humanität. Herausg. v. L. Keller. Berlin, Weidmann. Mk. — 40. 

J. V. Noväk, Böhm. Bibliographie des J. A. Comenius. 
CCH. IX. 

Ad. Patera, Korespondence a listiny Mikul. Drabika z 1. 
1627 — 1671 (Korrespondenz und Dokumente des Nik. Drabik aus 
d. J. 1627—1671). CMKC. 

W. feezniCek, Jan Leop. Hay, biskup krälov^hradecky (Joh. 
Leop. Hay, Bischof von Königgrätz). CMKC 

Böhmen. BGAVTh. S. 91. 

A. Wallenstein, Im deutschen Böhmerlande. FGAV Nr. 13. 
16 S. Mk. — iO. 

Moravus, Das evang.-kirchl. Leben Deutsch-Mährens. »Wart- 
burg«, S. 146—150. 

Joh. Schaarschmidt, Die evang. Gemeinde Dux. Ein Bericht 
über ihren Bestand zu Anfang 1903 und eine Geschichte ihres 
Entstehens von 1899--1902. Dux, Selbstverlag. 

K. Peisker, Grulich. »Wartburg«, S. 291/293. 

*:^* Iglau. SGAB. 14. Jahrg., Nr. 6. 

*:^* Kaaden. Ebd., Nr. 4 f. 

*;f.* Mähr.-Trübau. Vergangenheit und Gegenwart. »Wart- 
burg«, S. 152 f. 

Frz. Joh. Endler, Das soziale Wirken der kath. Kirche in 
der Diözese Leitmeritz (Königr. Böhmen). XI, 417 S. Mk. 8'60. 
»Das soziale Wirken der kath. Kirche in Österreich.« Herausg. v. 
Frz. M. Schindler. 11. Bd. Wien, Mayer & Co. in Komm. 

Zdönek Nejedly, Döjiny m$sta LitomySle a okoli (Ge- 
schichte der Stadt Leitomischl u. der Umgebung). 1, 1 — 1421. 372 S. 

C. J. Bauer, Das Evangelium in und um Pilsen, Jhrb. 24, 
97—128. 

Dasselbe. S.-A. 49 S. 

Derselbe, Ein neues Diakonissenhaus in Österreich (Prag). 
SGAB. 14. Jahrg., Nr. 1. 

Giemen, Die Husfeier in Prag. KK. S. 62f. 

H. Dole^il, Politick^ a kulturni d^jiny kräl. hlavniho m$sta 
Olomouce. Cäst 1. (Polit. u. Kulturgeschichte der Hauptstadt Olmütz.) 
Olmütz, G. Pr. 82 S. 

C. J. Bauer, Radschitz (Böhmen). SGAB. 14. Jahrg., Nr. 35. 



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— 409 — 

J. U[rbänek], Näbo^enstvi evangel. naTfebfCsku (Die evang. 
Religion im Trebitscher Kreise). Trebitsch. 40 S. 

*:^* Turn. SGAB. 14. Jahrg., Nr. 7. 

P. Bonsack, In Turn und Umgebung. »Die Christliche 
Welt.« 11, 249—254. 

J. LukäSek, Döjiny evangelia ve Val. MezifiCi (Die Gesch. 
des Evangeliums v. Val. Meseritsch. »Almanach des Hus.« 

*** Warnsdorf in Böhmen. SGAB. 13. Jahrg., Nr. 8. 

K. Loman, Döjiny evanj. cirkve a. v. ve Vilimovö (Die 
Gesch. der evang. Gemeinde A. B. in Wilimov). »Hus.« 

Zdönek Tobolka, Ceskä Bibliografie. Bd. 1. 172 S. Verl. 
d. böhm. Akademie d. Wissensch. »Sammlung von Quellen für die 
Erkenntnis des liter. Lebens in Böhmen, Mähren und Schlesien.« 
Gruppe 111, Nr. 4. 

Jos. Kar äse k, Kollärova dobrozdäni a nästin iivotopisny 
z r. 1849 (Kollärs Gutachten und Lebensskizze a. d. J. 1849). 
Herausg. v. d. böhm. Akademie d. Wissensch. »Sammlung von 
Quellen usw.« Gruppe 11, Nr. 7. 

H. Klebek, Zur Erinnerung an Dr. G. Trautenberger. a) Ab- 
schiedspredigt von Trautenberger; b) Gedächtnisrede von Klebek. 
Brunn. 16 S. K — 50. 

Neue Sachs. Kirchengalerie. Unter Mitwirkg. d. sächs. Geist- 
lichen herausg. v. Fast. D. Buchwald. Die Ephorien Chemnitz 
I. 11. (VI S. u. 1500 Sp. m. Abb. u. Taf.) Leipzig, A. Strauch. 
Mk. 15-20; geb. in Leinw. Mk. 20. 

B. Schmertosch v. Riesenthal, Die Pirnaer Kirchen- 
bibliothek mit ihren Handschriften und Inkunabeln. »Zentralblatt 
für Bibliothekswesen«, Juni. 

In Loserth s eigenartig disponiertem und wieder umfassende 
Gelehrsamkeit bekundendem Lehrbuch kommen für uns leider nur 
die wenigen Abschnitte in Betracht (§§ 106, 109, 112 f., 150), die 
sich mit dem Hussitismus und den kirchenpolitischen Kämpfen 
in Böhmen und Tirol beschäftigen, Abschnitte, in denen des Ver- 
fassers eigene eingreifende Forschungen zu wirksamer Geltung 
gelangen. 

Auf besonderen Wunsch soll von jetzt an, wenigstens in 
aller Kürze,. auf die Literatur über Huß und Hussitismus als Vor- 
bereitung auf die Reformation in Böhmen Rücksicht genommen 
werden. 



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— 410 — 

Flajähans hat die große Aufgabe einer vollständigen Aus- 
gabe von Huß' sämtlichen Schriften mit großer Sachkenntnis be- 
gonnen. Er gewinnt für die Expositio die Jahre 1409 — 1412 als 
Abfassungszeit; er bestimmt ihren Wert als eine Vorübung und 
Vorarbeit für Huß' große böhmische Auslegung, als ein unschätz- 
bares Mittelglied zwischen dem größten und letzten lateinischen 
akademischen und dem größten und ersten böhmischen populären 
Werke; der Sprache nach noch lateinisch und akademisch, dem 
Geiste nach schon böhmisch und populär. 

Laut Weiskes Mitteilung ist die Hauptbibliothek der Francke- 
schen Stiftungen reich an böhmischen Drucken; sie enthält auch 
einige Handschriften: a) mit 12 Traktaten der böhmischen Brüder; 
b) orationes bohemicae nebst catechismus; c) Refutatio responsionis 
magistrorum ordin. Jesuitarum von Erasmus Gliczner, Super- 
intendenten der evangelischen Kirche in Polen, gest. 1603, über- 
setzt ins Böhmische; d) Historia Pragensis 1638. 

Smetänka hat die »Postille« des Begründers der Brüder- 
Unität in dem »Cechisch«, in welchem sie geschrieben worden 
ist, erscheinen lassen. Wenn auch ein fleißig und gründlich ge- 
arbeitetes »Wörterbuch« die Lektüre des Buches sehr erleichtert, 
so werden doch wohl weitere Volkskreise von derselben aus- 
geschlossen. Und das ist zu bedauern, wenn auch zuzugeben ist, 
daß für Kenner das Buch in dieser Form viel interessanter ist. 
Der Herausgeber hat der »Postille« eine kurze Studie über die- 
selbe angefügt. Wir hätten gewünscht, daß sie ausführlicher ge- 
halten worden wäre und die Bedeutung der »Postille« für das 
spätere Schrifttum des böhmischen Volkes eingehender behandelt 
und gewertet hätte. Die »Postille« wurde zweimal gedruckt (1522 
und 1532); das Manuskript reicht in das Jahr 1437 zurück. Den 
jetzigen Druck hat die böhmische Akademie ermöglicht, indem sie 
dem »Comenium« unter die Arme griff. 

Hruby hat ganz richtig erkannt, daß die Postillen nicht 
nur für die Geschichte der Predigt und damit für das kirchliche 
Leben eine große Bedeutung haben, sondern daß sie sich auch 
für das kulturgeschichtliche Erkennen als überaus reiche Fund- 
gruben darstellen. Und so ging er daran, aus den vielen Postillen, 
welche die böhmische Literatur zu verzeichnen weiß, eine Reihe 
der wichtigsten auszuheben und zu besprechen. So viel wir sehen, 
hat speziell die evangelische Kirche Böhmens, in deren Schoß 



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- 411 - 

die überwiegende Anzahl der von Hruby behandelten Postillen 
entstanden ist, von seiner Arbeit so gut wie keine Notiz genommen. 
Vielleicht dürfte ihr unsere Besprechung willkommen sein und 
ihre Aufmerksamkeit auf die sie sehr angehende Arbeit lenken. 
Hruby teilt seine Arbeit folgendermaßen ein: Nach der Quellen- 
angabe und einer informierenden »Einleitung« wird (1) die Zeit vor 
Hus behandelt; darauf (11) Hus, Jakobellus von Mies, Chel^icky 
und Rokycana; in dieser Abteilung nimmt die Besprechung der 
Postille des Rokycana einen, im Verhältnisse zu den anderen 
Postillen (selbst der von Hus) zu breiten Raum ein. Die Erklärung 
dieser Tatsache gibt der Verfasser in seinem Buche selbst: der 
Abschnitt über Rokycanas Postille war ursprünglich als selb- 
ständige Arbeit gedacht, wurde jedoch ohne Kürzung in der den 
böhmischen Postillen überhaupt gewidmeten Schrift untergebracht. 
Es läßt sich freilich nicht leugnen, daß dadurch die Proportionen 
des Buches eine Verschiebung erlitten haben, was dem Gesamt- 
eindrucke nicht zugute kommt. Die III. Abt. enthält das 16. Jahrh. 
Zur Besprechung gelangen hier »protestantische« (luth. und ref.) 
Postillen, solche der böhmischen Brüder und katholische Postillen. 
Desgleichen in der IV. Abt. (17. Jahrh.) Die V.Abt. (18. Jahrh.) ent- 
hält, wie selbstverständlich (Sieg der Gegenreformation), überwiegend 
katholische Postillen (der Jesuiten und anderer Orden), dann aber 
auch Postillen aus der Exulantenliteratur und als Nachtrag einige 
slowakische Postillen. Die letzte Abteilung behandelt das Ende des 
18. und das 19. Jahrh. Von evangelischen Postillen findet hier die 
neueste, die des Superintendenten Cisaf, ihre Stelle. Auch hier 
werden zum Schlüsse einige slowakische Postillen angeführt. Mit 
einem kurzen und recht unbedeutenden Epiloge schließt die um- 
fangreiche Arbeit. Der Verfasser trachtet seine Aufgabe auf die 
Art zu lösen, daß er bei den einzelnen Perioden für seine Aus- 
führungen einen Hintergrund dadurch aufstellt, daß er eine all- 
gemeine Charakteristik derselben in bezug auf die kirchlichen Ver- 
hältnisse und den Zustand der Predigt gibt. Dann geht er auf die 
einzelnen Postillen nach den von uns angegebenen Kategorien ein, 
nennt Handschriften und Drucke, die sie enthalten, gibt ihren Inhalt 
und Zitate aus denselben an, um das Schlußurteil über einzelne 
Werke nach ihrer homiletischen, literarischen und kulturhistorischen 
Bedeutung zu sprechen. Es sei ganz besonders hervorgehoben, daß 
der Standpunkt des Verfassers frei ist von aller Einseitigkeit und 



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- 412 ~ 

Voreingenommenheit Er will allen von ihm besprochenen Werken 
Gerechtigkeit widerfahren lassen und hebt das Gute hervor, wo 
es eben zu finden ist. Auch die Auswahl, die er aus der Unzahl 
der Postillen getroffen hat, ist zu loben. Die mit offenkundigem 
Fleiße hergestellte Arbeit hat leider auch nicht unbedeutende 
Mängel. Einen derselben sehen wir in den vielfach ungenügen- 
den, ja sogar hie und da ziemlich oberflächlichen allgemeinen 
Charakteristiken und Beurteilungen. So gleich in den Worten 
der »Einleitung«. Ungenau ist das über die Kirche (auf S. 12) 
Gesagte. Desgleichen S. 26 (vgl. S. 28). Zu bemängeln ist die 
Anordnung der einzelnen Artikel in der Postille von Huß, wie 
hier überhaupt manches Fragezeichen zu machen wäre. Auch 
in dem Abschnitte über Jakobellus befriedigt manches nicht. Des- 
gleichen im Kapitel über das 16. Jahrh. Der Verfasser scheint 
z. B. (S. 153) Luthers Kirchen- und Hauspostille für ein Buch zu 
halten. Geradezu für unrichtig halten wir das Urteil über Luther 
und die Unität auf S. 174, wenn sich auch der Verfasser auf 
Denis beruft. Damit berühren wir schon einen anderen Mangel 
des Buches: die Unselbständigkeit im Urteile. Der Verfasser glaubt, 
immer nur auf Krücken gehen zu müssen. Er deckt sich immer- 
fort mit Autoritäten, die er für sich urteilen läßt, am meisten den 
Literarhistoriker J. VlCek. Aber auch andere kommen in sehr aus- 
giebiger Weise zum Worte. Das wirkt ermüdend, weil man eine 
förmliche Jagd auf Anführungszeichen machen muß, um ja nicht 
den Namen eines Gewährsmannes durchschlüpfen zu lassen und 
sein Urteil mit jenem des Verfassers zu verwechseln. Seine Arbeit 
hätte auf jeden Fall viel gewonnen, wenn er sich mehr auf eigene 
Füße gestellt hätte. Unter den Quellen, die der Verfasser für seine 
Charakteristiken herangezogen hat, dürfte der Kundige manche 
wichtige vermissen; aber auch die herangezogenen hätten genügt, 
um da und dort genauere Urteile abgeben zu können. 

Zur Mathesius-Literatur s. ob. S. 275 ff. 

Bidlos Buch ist, wie er auch in der Selbstanzeige desselben 
(CCH, Jahrg. IX, S. 449 ff.) sagt, die unmittelbare Fortsetzung seiner 
gleichnamigen Schrift, die er im Jahre 1900 als Nr. 2 der »Histor. 
Bibliothek« herausgegeben hat. (Vgl. Jhrb., Jahrg. XXll, 235 ff.) In 
der ersten Schrift behandelte B. den Zeitraum von 1548—1561; 
in der zweiten von 1561 — 1572. Auch in dieser Schrift, die sich 
betreffs des Tenor und der Methode eng an die erste anschließt, 



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- 413 - 

behandelt B. die Geschichte der Brüder-Unität in Polen bzw. ihre 
Beziehungen zu anderen Konfessionen daselbst. Das Jahr 1572 
ist als terminus ad quem deshalb gewählt, weil von dieser Zeit 
an in Polen die Religionsverhältnisse eine andere Gestalt gewinnen. 
Sie ist charakterisiert durch das siegreiche Vordringen der katho- 
lischen bzw. jesuitischen Reaktion, welche hauptsächlich auf Kosten 
der lutherischen Kirche ihre Seile weiter spannt. Zugleich tritt 
aber auch die Brüder-Unität in Polen in ein neues Stadium der 
Entwicklung. An die Spitze derselben treten jetzt — es ist eine 
Zwischenzeit — die Epigonen eines Cervenka, Blahoslav usw. 
Trotzdem widersteht die Unität am meisten dem Anpralle der 
Gegenreformation in Polen, ja sie macht sogar in dieser Zeit eine 
Reihe von neuen Eroberungen. Mit der Anführung derselben und 
der Nachricht von der Berufung des Joh. Gyrk jun. zum Rektor 
des Gymnasiums zu Thorn schließt einigermaßen abrupt Bidlos 
Buch. Der Schluß weist deutlich darauf hin, daß B. noch eine 
Fortsetzung beabsichtigt. B. stellt hauptsächlich dar, wie sich das 
Verhältnis der Unität zu den Lutheranern in Polen gestaltet hat. 
Er nimmt gründliche Rücksicht auf die damalige Entwicklung des 
Luthertums in Deutschland bzw. seine Teilung in das philippistische 
(kryptokalvinistische) und flacianische (gnesiolutherische) Lager, die 
auch auf die Entwicklung des Religionswesens in Polen von großem 
Einflüsse war. Die Vertreter des Luthertums in Polen, mit denen 
es die Unität daselbst zu tun hatte, gehörten dem letzteren Lager 
an. Die Konsequenz davon läßt sich leicht erraten. Die Unität, 
innerlich der philippistischen Richtung viel näher als der flacianischen, 
wird nach und nach in die Arme der reformierten Kirche getrieben, 
in der sie bekanntlich in Polen schließlich auch aufging. Allerdings 
sucht die Unität so viel wie möglich ihre Selbständigkeit zu be- 
wahren. Sie bedient sich dabei des öfteren diplomatisch gearteter 
Mittel, die es nahelegen, der Unität den Vorwurf der Unaufrichtig- 
keit zu machen. Es ist zuzugestehen, daß an den lutherischen 
Eiferern für die reine Lehre manches unsympathisch ist, aber offen 
waren sie jedenfalls, in welcher Hinsicht sie von den Vertretern 
der Unität vorteilhaft abstechen. Mag man auch zur Entschuldigung 
des Verfahrens der Unität die Schwierigkeit ihrer Lage anführen, 
wir können uns mit der »verdeckten« Kampf- und Handlungs- 
weise derselben doch nicht befreunden. Und schließlich ging die 
Unität doch dorthin, wohin sie ihr Herz zog und worauf auch 



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- 414 - 

schon ihre enge Verbindung mit den Reformierten in Kleinpolen 
deutlich hinwies. Gewiß ist die schroffe Weise zu bedauern, auf 
welche die Lutheraner in Polen für die Interessen ihrer Kirche 
einstanden und die Kluft zwischen derselben und der Unität wo- 
möglich noch erweiterten; aber auch bei dem »suaviter in modo« 
wäre es zu einer innigen Einigung kaum gekommen. Die Wege 
schieden sich prinzipiell, was auch der mühsam zustande ge- 
kommene »consensus sendomiriensis« und die sogenannten »Po- 
sener Observationen« von 1570 zur Genüge bewiesen. B. berührt 
auch das Verhältnis der Unität zu anderen Denominationen, z. B. 
den Antitrinitariern, und wo es ihm notwendig scheint, wirft er 
Schlaglichter auf die Lage der Unität in Böhmen und Mähren. 
Ganz besonders möge noch auf eine der interessantesten Partien 
des Buches hingewiesen werden: auf die Disputation des Brüder- 
priesters Rokyta mit Iwan dem Grausamen von Rußland und auf 
die aus derselben hervorgegangenen Schriften beider. B. hat diese 
Episode schon in der »Böhm, histor. Zeitschschrift« (CCH, Jahrg. IX, 
Hft. 1) veröffentlicht. Den eben skizzierten Inhalt seines Buches 
hat B. in vier Kapiteln behandelt: I. Die Brüder-Unität und die 
Lutheraner in den polnischen Ländern (1561 — 1563); II. die Zu- 
lassung der Brüderkonfession in Polen (1564); 111. die Kämpfe mit 
den Gegnern (1565 — 1570); IV. Consensus sendomiriensis (1570 
bis 1572). Außerdem hat B. seinem Buche zwei »Exkurse« und 
drei »Beilagen« angeschlossen. Die »Exkurse« beziehen sich auf 
die Brüderkonfessionen mit Rücksicht auf die polnische Ausgabe 
derselben (von 1563) und auf den Lebenslauf des Lasitius. Die 
»Beilagen« enthalten ein Schreiben des Thratius an Bullinger über 
Jakob V. Ostrorog, eine Beschwerde der Brüder gegen den lutheri- 
schen Prediger Stephan v. Bilow und den 5. Artikel der Brüder- 
konfession im tschechischen und polnischen Wortlaute. Der Schrift 
ist ein »Vorwort« vorangestellt, welches der Verfasser auch zu 
der früher erwähnten Selbstanzeige seiner Arbeit benutzt hat und 
in welchem er die leitenden Gesichtspunkte für dieselbe feststellt, 
ihr Verhältnis zu seiner ersten Arbeit über die Unität in Polen 
aufweist, die Quellen angibt, aus welchen er geschöpft hat und 
Korporationen und Personen anführt, die ihn bei seiner Arbeit 
gefördert haben. Neben archivalischen Quellen, unter welchen die 
sogenannte Simmler'sche Sammlung in Zürich eine hervorragende 
Stelle einnimmt, standen auch viele gedruckten Schriften dem Ver- 



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- 415 - 

fasser zu Gebote und wurden von ihm herangezogelti. Der Ver- 
fasser nimmt es mit seinem Gegenstande ungemein genau und 
läßt es sich nicht verdrießen, auch über minder wichtige Dinge 
die Quellen genau zu erforschen und anzurufen. Die mit pein- 
licher Gewissenhaftigkeit geleistete Kleinarbeit macht die Lektüre 
ziemlich schwierig. Es sei rühmend hervorgehoben, daß B. sich 
auf dem Gebiete der evangelischen Dogmengeschichte und Dog- 
matik gründlich umgesehen hat, ferner ein offenkundiges Streben, 
in seinem Urteile maßvoll und objektiv zu sein. Es ist leicht 
herauszufinden, daß es die Brüder-Unität ist, für welche er ganz 
besondere Sympathien hat; aber das hindert ihn nicht, über sie 
-ein im ganzen nüchternes Urteil zu fällen (z. B. S. 10, 68, 95 usw.). 
Eher hätten wir uns zu beklagen, dafif sich die Beurteilung der 
lutherischen Position und Praxis nicht auf die Basis des vollen 
Verständnisses stützt (z. B. S. 167). Der Verfasser betrachtet, wie 
wir meinen, die lutherische Kirche und das Leben in derselben 
von einer zu hohen Vogelperspektive und deshalb vermag sein 
Blick ihre Eigentümlichkeit nicht immer scharf genug zu erfassen. 
Infolgedessen wird z. B. auch das Verdienst, welches Flacius 
und sein Anhang um die lutherische Kirche haben, nicht voll 
erkannt und gewertet. Das mag wohl seinen Grund auch darin 
haben, daß B., wie die Fußnoten seines Buches zeigen, verhältnis- 
mäßig wenig lutherische Quellen zum Worte kommen läßt. Auch 
hätten wir uns da und dort, schon mit Rücksicht auf den böhmi- 
schen Leserkreis, eine länger oder kürzer gehaltene Erläuterung 
des in Rede stehenden Gegenstandes gewünscht, damit nicht 
falsche Meinungen * über denselben entstehen. So z. B. gleich die 
-ersten Worte der Vorrede. Der Ausgangspunkt der schweizerischen 
und deutschen Reformation war nicht ganz derselbe und was dort 
B. von der Kirche sagt, ist mindestens mißverständlich. Oder was 
über die lutherische Ordination gesagt wird (an mehreren Stellen), 
bedarf einer Klärung, was durch den Hinweis des Verhältnisses 
der »ordinatio« zur »vocatio«, sowie auch mit Rücksicht auf die 
Zeit, von welcher die Rede ist, geschehen muß. Der lutherische 
Ordinationsbegriff hat ja eine Entwicklung durchgemacht. Hieher 
gehören einzelne liturgische Eigentümlichkeiten, z. B. das Singen 
lateinischer »Lieder« (S. 22), das »Anbeten« des Sakramentes 
(S. 99, 148), die einiger Erläuterungen (die Praxis der lutherischen 
Kirche war in dieser Hinsicht nicht einmal einheitlich) bedurft 



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- 416 - 

hätten. VieT beschäftigt hat sich B. mit Melanchthon und dessen 
Dogmatik, ganz besonders in ihrer Unterschiedlichkeit von den dog- 
matischen Ansichten Luthers und dann der Gnesiolutheraner. Da 
wäre manches genauer anzugeben gewesen. Wir verweisen auf 
das Verhältnis des Gesetzes zum Evangelium (S. 24). Zunächst 
wird allgemein davon gesprochen, daß die Reformatoren das 
erstere in einen schroffen Gegensatz zum letzteren stellen. Dann 
wird vom »tertius usus legis« gesprochen, bei welchem dieser 
Gegensatz nicht vorhanden ist. Und gewiß ist es nicht richtig, daß 
die Lehre Melanchthons von der Rechtfertigung auf die Formel: 
»ex iniusto iustum fieri« (S. 26; vgl. auch S. 70) gebracht werden 
kann. Wir wollen nicht darüber streiten, ob die Lehre Luthers 
vom heil. Abendmahle »i^rem Wesen nach nichts anderes sei als 
eine Modifikation der katholischen Transsubstanziationslehre« 
(S. 26), zweifeln jedoch, ob daraus, was S. 91 über die Kirche 
gesagt wird, die Notwendigkeit der »strammen« Organisation der 
' Kirche Kalvins einleuchtet. Auch nach lutherischer Ansicht ist die 
Kirche »congregatio sanctorum«. Desgleichen scheint uns das auf 
S. 98 über den lutherischen Kirchenbegriff Gesagte nicht besonders 
klar zu sein. Auch wäre sehr zu fragen, ob der Glaube und die 
kirchlichen Einrichtungen der Brüder so allgemein, wie es S. 120 
geschieht, fortschrittlich genannt werden könnten. Und als 
ein überflüssiger Seitenhieb auf Luther kommt es uns vor, was 
S. 126 von seiner »groben« Rede zur Illustrierung jener Iwans des 
Grausamen gesagt wird. Nicht gut zu verstehen ist, was (S. 60) 
mit dem »Symbolum oder Summa der Lehre« für beinahe jede 
Provinz des Deutschen Reiches gemeint ist; wohl Kirchenordnungen? 
Übrigens war es auch reformierte Ansicht, was der Verfasser 
(ebd.) von der Verpflichtung der Obrigkeit in bezug auf die Kirche 
und ihre Diener sagt. Man könnte noch mehr anführen, aber es 
sei genug. Wir haben, gewiß dem Wunsche des Verfassers gemäß, 
eine Reihe von Einzelheiten herausgehoben, betreffs welcher unsere 
Ansicht nicht oder nicht ganz die seinige ist. Sie ändern jedoch 
nichts an der Tatsache, daß derselbe sich in seinen Gegenstand 
mit seltenem Verständnisse hineingelebt hat, wovon eine Menge 
von richtigen Beobachtungen und Urteilen in bezug auf die evange- 
lische Kirche und Kirchen zeugen (z. B. S. 24, 27, 95 usw.). Auf 
die formale Seite der Arbeit gesehen, hätten 'wir uns eine 
strammere Anordnung gewünscht. Wir sehen wohl ein, daß derlei 



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Detaildarstellungen, wie sie das Buch von B. enthält, manche 
»Rückerinnerungen« notwendig macht; aber immerhin hemmen 
die vielen Wiederholungen, das oftmalige Zurückgreifen und 
episodenartige Einstellungen den Fluß der Darstellung. Auf S. 69 
z. B. wird erst der Glaubensbegriff bei Luther erörtert, nach- 
dem schon früher von diesem Gegenstande öfters die Rede war. 
Ähnlich steht es mit dem Verhältnisse des polnischen Königs 
zu seiner Gemahlin Katharina v. Habsburg (S. 78). Desgleichen 
mit Oderborns Bericht (S. 130, 131 ff. und erst S. 139 die Auf- 
klärung). Was bedeuten jedoch diese Ausstellungen, zu welchen 
uns die R