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Full text of "Jahresberichte für neuere deutsche literaturgeschichte .."

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72 '/ 



JAHRESBERICHTE 

FÜR 

NEUERE 

DEUTSCHE LITTERÄTÜR6ESCHICHTE 



UNTER MITWIRKUNO VON 

C. ALT, E. BRANDENBURG, F. COHRS, W. CREIZENACH, K. DRESCHER, G. ELLINGER, 
A.ELOESSER, E.ELSTER, R.FÜRST. W.GOLTHER, C.GÜRLITT, O.HARNACK, A.HAUFFEN, 
M. HECKER, E. JACOBS, G. KOHFELDT, M. KRONENBERG, P. LEGBAND, R. LEHMANN, 
R. M. MEYER, V. MICHELS, M. MORRIS, ERNST MÜLLER, F. MÜNCKER, E. NAUMANN, 
L. PARISER, 0. PNIOWER, TH. POPPE, A. REIFFERSCHEID, F. SARAN, A. SAUER, 
FRANZ SCHULTZ, J. SCHWERING, PH. STEIN, AD. STERN, A.L.STIEFEL, P. STÖTZNER, 
A. STRACK, 0. F. WALZEL, A. VON WEILEN, R. WEISSENFELS, R. WOLKAN 

MIT BESONDERER UNTERSTÜTZUNG 

VON 

ERICH SCHMIDT 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

JUL. ELIAS, MAX OSBORN, WILH. FABIAN, FRIEDE. GOTTHELF, 

KURT JAHN. 



ZEHNTER BAND (JAHR 1899). 




BERLIN 1903. 

B. BEHR'S VEBLAQ 

STEGL1TZRH8TR. 4 



Redaktionssekretär: O. Arnstein. 



Von der Sorge geleitet, die Grenzen unseres eigensten Gebietes fest und fester 
abzustecken, haben wir uns entschlossen, zwei Kapitel fortan zu opfern: die „Welt- 
anschauungsgeschichte^S deren bisheriger Bearbeiter, Alexander Tille, überdies durch 
anders gerichtete Berufspflichten seine Mitwirkung aufkündigen muss, und die „Musik- 
geschichte", für deren Ausscheidung auch der besondere Wunsch unserer Freunde und 
Beurteiler bestimmend war. Was diese Forschungszweige an litterarhistorisch beachtens- 
wertem Material zu Tage fördern, wird in anderen Abschnitten untergebracht werden. 

Wiederum sind wir in der nnwUlkommenen Lage, einzelne Kapitel erst im 
nächsten Bande nachliefern zu können : Schrift- und Buchwesen (1, 13), ein Bericht, der 
von unserem treuen Mitarbeiter Paul Schwenke auf Emil Jacobs übergegangen ist, 
Lyrik (IV, 2), Geschichte der Wissenschaften (IV, 5 b), Lessing (IV, 6) und Goethes Drama 
(IV, 8e). Die Litteratur über das junge Deutschland wird Ernst Elster, soweit sie das 
Berichtsjahr (^1899) betrifit, zusammen mit den Veröffentlichungen des Jahres 1900 be- 
sprechen, während er diesmal die Schuld früherer Bände beglichen hat. Ebenso konnte 
der Bericht über Poetik und ihre Geschichte nur nachtragsweise geliefert werden ; Richard 
Weissenfeis wird sich, unter dem Zwange anderer Aufgaben, fortan auf sein altes Gebiet 
(Goethes Drama) beschränken und die Poetik an Theodor Poppe abtreten. 

Ausserdem haben wir noch eine Reihe weiterer Verschiebungen anzuzeigen: 
Goethes Lyrik (IV, 8 c) geht von Otto Pniower, den wir zu unserem herzlichen Bedauern 
zeitweilig als Arbeitsgenossen verlieren, auf Max Morris über; das Kapitel Didaktik 
(IV, 5 a) hat für Richard M. Meyer, der seine Mitarbeit auf ein Jahr unterbrechen musste, 
mit grosser Liebenswürdigkeit Paul Legband übernommen ; wie ihm so sind wir Alexander 
Pache, der dem erkrankten Karl Drescher die rechtzeitige Fertigstellung seines Kapitels 
(111,2) ermöglicht hat, zu lebhaftem Dank verpflichtet. Der Bericht über die Litteratur 
in der Schule sollte ursprünglich als Doppelartikel im elften Bande veröffentlicht werden, 
wie in der Anmerkung zu 1,3 gesagt ist; da es jedoch Rudolf Lehmann glückte, das 
Manuskript früher fertig zu stellen, so haben wir kein Bedenken getragen, den Aufsatz, 

150427 



der den Jahrgang 1900 vorwegnimmt, anter I, 10 einzureihen. Die Gründe, die Max 
Osborn bewogen haben, statt einer ausführlichen Arbeit ein Notreferat zu liefern und 
seinen Abschnitt in Zukunft Rudolf Wolkan zu übergeben, sind in einer Vorbemerkung 
zu II, I auseinandergesetzt. 

Im Laufe der Jahre ändern und erweitern sich die anderweitigen ßerufspflichten 
der einzelnen Herausgeber so sehr, dass die Redaktion darauf bedacht sein muss, sich bei 
Zeiten jüngere und frischere Kräfte zu sichern*. Mit dem Beginn des neuen Jahrgangs 
tritt Hans Daffis, der sich bereits an den Arbeiten des vorliegenden Bandes beteiligt 
hat, in unseren Kreis ein; wir begrüssen ihn an dieser Stelle mit herzlicher Freude. 

Am Schluss des Bandes wird der Leser, wie immer, das Verzeichnis der Freunde 
finden, ohne deren thätige Unterstützung wir schwerlich eine verhältnismässige Vollständig- 
keit des Materials erreichen würden. Die Bibliographien des „Euphorien^' und „Goethe- 
Jahrbuchs^^ leisten unseren Mitarbeitern nach wie vor die willkommensten Dienste. 

Berlin W.io 

MatthÜkirchstr. 4 IL 

JULIUS ELIAS. MAX OSBORN. WILHELM FABIAN. FRIEDRICH 
GOTTHELF. KÜRT JAHN. 



Inhaltsverzeiehnis. 



1. Allgemeiner Teil. 



1. Litteraturgeschichte. 1898,1899. Von Dr. Franz Muncker, Professor 

an der Universität München. 

2. Geschichte der deutschen Philologie. 1898, 1899. Von Dr. Alexander 

Reif f er scheid, Professor an der Universität Greifswald. 

3. Die Litteratur in der Schule. Von Dr. Rudolf Lehmann, Professor am 

Luisenstädtischen Gymnasium in Berlin, siehe unten lo. 

4. Geschichte des Unterrichts- und Erziehungswesens. Von Dr. Paul 

Stötzner, Oberlehrer am Gymnasium in Zwickau. 

5. Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. Von Dr. Wolfgang 

Golther, Professor an der Universität Rostock. 

6. Metrik. 1898, 1899. Von Dr. Franz Saran, Privatdocenten an der Uni- 

versität Halle. 

7. Sloffgeschichte. 1898, 1899. Von Dr. A. L. Stiefel, Professor an der Kgl. 

Industrieschule in München. 

8. Volkskunde. Von Dr. A. Hauffen, Professor an der Universität Prag. 

9. Kunstgeschichte. 1898, 1899. Von Dr. Cornelius Gurlitt, Professor an 

der Technischen Hochschule in Dresden. 

10. Di© Litteratur in der Schule. 1899, 1900. Von Dr. Rudolf Lehmann, 

Professor am Luisenstädtischen Gymnasium in Berlin. 

11. Poetik und ihre Geschichte. 1898. Von Professor Dr. Richard Weissen- 

fels in Berlin. 

12. Poetik und ihre Geschichte. 1899. Von Dr. Th. Poppe in Frankfurt a. M. 

Vgl. Bd. II der JBIi. 

13. Schrift- und Buchwesen. Von Dr. Emil Jacobs, Bibliothekar an der 

Kgl. Bibliothek in Berlin, vgi. sd. n der jbl. 



IL Von der Mitte des 15. bis zum Anfang 
17. Jahrhunderts* 



1. Allgemeines. 1898, 1899. Von Dr. Max Osborn in Berlin. 

2. Lyrik. 1898, 1899. Von Dr. Rudolf Wolkan, Privatdocenten an der Uni- 

versität Czemowitz. 

3. Epos. 1897, 1898, 1899. Von Dr. Adolf Hauffen, Professor an der 

Universität Prag. 

4. Drama. 1898, 1899. Von Dr. Wilhelm Creizenach, Professor an der Uni- 

versität Krakau. 

5. Didaktik. 1898, 1899. Von Dr. Gustav Kohfeldt, Bibliothekar an der 

Universität Rostock. 

6. Luther und die Reformation. 1898, 1899. Von Dr. Ferdinand Cohrs, 

Seminardirektor in Erichsburg bei Markoldendorf. 

7. Humanisten und Neulateiner. 1898, 1899. Von Dr. Georg Ellinger, 

Oberlehrer an der 6. Städtischen Realschule in Berlin. 



Inhaltsverzeichnis. 

IIL Vom Anfang des 17. bis znr Mitte des 18. Jahrhunderts. 



1. Allgemeines. 1898, 1899. Von Dr. Alexander Reifferscheid, Professor 

an der Universität Greifswald. 

2. Lyrik. 1898,1899. Von Dr. Karl Drescher, Professor an der Universität Bonn, 

und Alexander Pache, cand. phil. in Bonn. 

3. Epos. 1898, 1899. Von Dr. Alexander Reifferscheid, Professor an der 

Universität Greifswald. 

4. Drama. 1898, 1899. Von Dr. Friedrich Gotthelf in Berlin. 

5. Didaktik. 1898, 1899. Von Dr. Ludwig Pariser in München. 



IV. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 



1. Allgemeines. 

a) Litteraturgeschichte. Von Dr. Adolf Stern, Professor an der 

Technischen Hochschule in Dresden. 

b) Politische Geschichte. Von Dr. Erich Brandenburg, Professor an 

der Universität Leipzig. 

c) Briefwechsel, Tagebücher, Memoiren. 1899,1900. Von Dr. Victor 

Michels, Professor an der Universität Jena. 

d) Die deutsche Litteratur und das Ausland. Von Dr. Adolf Stern, 

Professor an der Technischen Hochschule in Dresden. 

2. Lyrik. Von Dr. Franz Schultz in Bonn. vgi. Bd. ii der jbl. 

3. Epos, Von Dr. Rudolf Fürst in Prag. 

4. Drama und Theatergeschichte. Von Dr. Alexander von Weilen, 

Professor an der Universität Wien. 
6. Didaktik. 

a) Allgemeine Didaktik. Von Dr. Paul Legband in Berlin. 

b) Geschichte der Wissenschaften. Von Dr. Moritz Kronenberg 

in Berlin. Yi^i. Bd. u der JBii. 

6. Lessing. Von Dr. Erich Schmidt, Professor an der Universität Berlin. 

Vgl. Bd. 11 der JBL. 

7. Herder. 1898, 1899. Von Dr. Ernst Naumann, Direktor des Gymnasiums 

in Rawitsch. 

8. Goethe. 

a) Allgemeines. 1898, 1899. Von Dr. Otto Harnack, Professor an der 

Technischen Hochschule in Darmstadt. 

b) Leben. Von Dr. Adolf Strack, Professor an der Universität Giessen. 

c) Lyrik. Von Dr. Max Morris in Berlin. 

d) Epos. Von Dr. Carl Alt in Weimar. 

e) Drama. VonPi-ofessorDr. Richard Weissenfeis in Berlin, vgi. Bd.ii derJBu 

9. Schiller. Von Dr. Ernst Müller, Archivar des Schiller-Museums in Mar- 

bach a. N. 

10. Romantik. Von Dr. Oskar F. Walzel, Professor an der Universität Bern. 

tl. Das junge Deutschland. 1896, 1897, 1898. Von Dr. Ernst Elster, Pro- 
fessor an der Universität Marburg. 

IIa. Das junge Deutschland. 1899. Von Dr. Ernst Elster, Professor an der 
Universität Marburg. Vgi. Bd. n der jbl. 

Autorenregister. 

Sachregister. 

Siglenregister. 

Bemerkungen für den Gebrauch. 

Druckfehlerberichtigung. 

Danktafel. 

» I C 



L Allgemeiner Teil. 



1,1 

Litteraturgeschichte. 1898, 1899. 

Franz Muncker. 

Methodisohea: Allgemoine Oeichiohtswissensohaft N. 1. — Littarargesohic'atliohe Methode N. 10. — Litteratur- 
geschichte: QeBamtdarstellangen: allgemeine N. 17; deutsche K. 27; in Werken fiber Weltgeschichte N. 45, Aber allgemeine 
Knltargepohichte N. 69, fiber deutsche Geschichte und Kalturgeschiohte N. 66. — Litteraturgeschichte einzelner dentscher 
L&ader und Stimme N. 75. — Litteraturgeschichte unter besonderen Qesichtspnnhten : allgemeine N. 93; deutsche N. 114. — Ge- 
sammelte Aufsitze N. 124. — Hilfsmittel der Litteraturwissenschaft: Zeltschriften und Sammelwerke N. 125. — 
Lexika und Litteraturkalender N. 132. — Praktische Winke ffir den Leser N. 142. — Citatensammlungen N. 147. — 

Methodisches: Allgemeine Geschichtswissenschaft. Einen 
wesentlichen Unterschied zwischen der naturwissenschaftlichen und der philologisch- 
historischen Methode*) erblickt Cauer^) darin, dass diese den in jener niemals zu- 
lässigen Zirkelschluss, die petitio principii, nicht überall entbehren kann. Nur muss 
der Historiker, um bei einem solchen Schlüsse sich gleichwohl emporzuringen, keinen 
genauen Kreis, sondern vielmehr eine Spirale durchlaufen. So gelangt er immer 
wieder auf dieselbe Stelle, findet sich aber jedesmal eine kleine Stufe höher oder hat 
sich jedesmal um einen Grad tiefer in seinen Gegenstand eingebohrt. Alle Ergebnisse 
in den geschichtlichen Wissenschaften sind somit nur Näherungswerte, bestimmt, 
dereinst durch genauere Werte ersetzt zu werden. Von der schöpferischen Thätigkeit 
eines genialen Forschers aber bleibt besonders die neue Betrachtungsweise, die sich 
in ihm geoffenbart hat und die nun in das Denken der nachkommenden Menschen 
übergehen muss. — Die verschiedenen Methoden, die in der Geschichtswissenschaft 
vornehmlich während des letzten Jh. angewandt wurden, charakterisiert Barge'^) 
nicht übel in einem kurzen Ueberblick. Er verweilt einigermassen bei Ranke, dessen 
Verhältnis zur vorausgehenden Philosophie, besonders zu Fichte und Schelling, er 
erörtert; zugleich betont er aber, wie die „teleologische Bewusstheit", mit der Ranke 
an die einzelnen Erscheinungen der Geschichte herantrat, sein Urteil öfters getrübt 
habe. Kürzer bespricht er unter anderen Treitschke, während Niebuhr und Waitz 
nicht oder doch nicht nach Gebühr gewürdigt werden. Ausführlicher und ohne jede 
selbständige Kritik, mit unbedingter Anerkennung giebt er schliesslich Lamprechts 
Lehre wieder, die schon vorher mehrfach sein Urteil bestimmt hat. — Auch in der 
von Helmolt*) herausgegebenen neuen Weltgeschichte haben vorerst die einleitenden 
methodologischen Abschnitte für unsere JBL. die meiste Bedeutung; sie haben auch 
bisher fast ausschliesslich die Kritik beschäftigt, die sich nur zum Teil zustimmend 
erklärte. H. verlangt von einer Weltgeschichte, dass sie die Entwicklung der ge- 
samten Menschheit, nicht nur einer Auswahl von Kulturvölkern darstelle. Um die 



1) O X B- Orimm, Wissenschaft u. wlssensohaftl. Methode: ProtestantMh. 2, 1898, S. 243-61. - 2) P. Cauer, D. 
Methode d. Zirkelschlusses (Ueher wissensohaftl. Forschung u. Kritik) : PrJhh. 92. S. 43-62. — 3) H. Bärge, Entwicklung d. 
gesehichtswissensehaftl. Anschauungen in Deutschland. L., Dietrich. 1898. 36 S. M. 0,60. [W. Seh : LCBl. S. 232 (mehr 
ablehnend als xustimroend) J| — 4) H. F. Helmolt, Weltgeschichte. 1. Bd.: Allgemeines. D. Vorgesch. Aroerika. D. stille 
Oeean. Von H. F. Heimelt, J. Kohler, F. Ratzel, J. Ranke, K. Haebler, E. Qraf Wilcsek u. K. Wenle. Mit 
3 Karten, 4 Farbendracktafeln u. 16 schwarten Beilagen von F. Etzold, M. Kfihnert, H. Messersohmidt, K. Oeaike n. 
0. Schuh. 4. Bd.: D. Randl&nder d. Mittelmeeres. Von E. Qraf Wilccek, H. F. Ilelmolt, K.Q. Brandis, W. Walther, 
H. Schurta, B. t. Scala, K. Pauli u. J. Jung. Mit 8 Karten, 7 Farbendrucktafeln u. 16 schwarzen Beilagen Ton B. Bohn, 
M. Qilli^ron u. 0. Schulz. 2. H&lfte. L. u. Wien, Bibliogr. Inst. X, 630 S.; X n. S. 255-74. M. 8.00 u. 4,00. |[J. Blaset: 
Gymn. 17, S. 744/8; W. Bruchmfiller: NAS. 89, S. 277-85 (beide unbedingt zostimmend); F. Ountram Schultheiss: DR. 4, 
S. S49-5S; F.: LCBl. S. 1741/2 (beide anerkennend, doch mit eicigen grundsfttzl. Bedenken); R. Stdlzle: HPBll. 124, S. 861-70 
(bek&mpft vom kathol. Standpunkt aus Behauptungen, die H. gar nicht ausgesprochen hat); Orenzb. 3, S. 2ö0/ö; Th Achelis: 
Jahresberichte ffir neuere deutsohe litteraturgesohiehte. X. (1)1 



I 1:4 F. Muiicker, Litteraturgeschichte. 1898, 1899. 

Aufmerksamkeit des Universalhistorikers zu erregen, muss nicht immer ein Volk eine 
glänzende Rolle auf dem Welttheater gespielt haben. Die lückenlose Erkenntnis der 
weltgeschichtlichen Zusammenhänge aber, die er vor allem anstreben soll, kann er 
nur aus dem Werdegang aller Völker schöpfen. Von vornherein weist H. jede 
teleologische Auffassung ab, jedes Einzwängen der Weltgeschichte in ein philo- 
sophisches System, wobei stets nur persönliche Ueberzeugungen, Glaubensartikel 
einer mehr oder weniger kleinen Gemeinde zum Grundsatz der Betrachtung gemacht 
und die reine Wissenschaft vom Gang alles Geschehens durch einen unvermeidlichen 
Subjektivismus getrübt würde. Selbst den Begriff des Fortschritts will er wegen 
seines teleologischen Beigeschmacks nicht mit dem der Entwicklung verbunden 
wissen. Ihm genügt „die Erkenntnis dessen, was man den Kausalnexus der Ge- 
schichte genannt hat''. Unbekümmert um Rankes Ideenlehre wie um jeden sonstigen 
Versuch, historische Entwicklungsgesetze der Menschheit aufzufinden, hält er sich 
nur an die auf Erfahrung gegründete Erkenntnis, nur an die Frage, wie alles ge- 
worden ist, und schiebt die Frage, wozu es geworden, dem Phüosophen, dem 
Essayisten, dem Künstler zu. Gegenüber der materialistischen Anschauung, dass 
man Weltgeschichte schreiben könne, ohne einen Namen zu nennen, bekennt er sich 
zum Heroenglauben Garlyles. Aber der Historiker muss die Grenzen ziehen, inner- 
halb deren sich die persönliche Freiheit des Einzelnen bewegen kann. Diese Grenzen 
liegen in den sogenannten Zuständen, in der „Umwelt", deren genaue Erforschung 
H. mit Lamprecht fordert, ohne jedoch mit ihm zu glauben, dass es je möglich sein 
werde, Gesetze der weltgeschichtlichen Entwicklung aus der Vergleichung der social- 
psychischen Strömungen, der „Kulturzeitalter", festzustellen. Jede chronologische 
Anordnung des Stoffes verwirft H. als äusserlich; die Gliederung in Altertum, Mittel- 
alter und Neuzeit scheint ihm kaum besser als die nach den vier Weltreichen 
Daniels. Aber auch gegen eine Einteilung nach kulturellen oder socialen Ent- 
wicklungsstufen, ja selbst nach Rassen, Völkern und Staaten wehrt er sich entschieden. 
Alle diese Einteilungen nehmen auf ein Hauptmoment, den Boden, zu wenig Rück- 
sicht. Darum zieht H. die Anordnung nach rein geographischen Gesichtspunkten 
und zwar nach den Völkerkreisen Friedrich Ratzeis allen anderen vor. Aus 
praktischen Gründen, die er jedoch nicht näher angiebt, beginnt er mit Amerika und 
schreitet von da stets nach dem Westen weiter. Dabei soll jedoch das Augenmerk 
beständig auch auf die gegenseitigen Einwirkungen der verachiedenen Völkerkreise 
gerichtet bleiben, auf die Eingriffe von aussen, die jedes Volk und jeder Völkerkreis 
erfahren hat. Innerhalb der einzelnen Völkerkreise ergeben sich natürlich von selbst 
zeitliche Epochen. An diese einleitenden Erörterungen des Herausgebers schliessen 
sich gleichfalls einleitende Betrachtungen Joseph Kohlers über Grundbegriffe 
einer Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Die Weltgeschichte giebt uns ein 
Bild von der Entfaltung der Keime, die in der Menschheit, nicht nur im einzelnen 
Menschen oder Volke liegen. Das Verhältnis des Einzelwesens zur Gesamtheit und 
die im Laufe der Jahrtausende mannigfach veränderten Anschauungen über dieses 
Verhältnis gehören der Metaphysik imd nicht mehr der Geschichte an. Das Ergebnis 
der Entwicklung, der durch Entwicklung erlangte Stand eines Volkes in seinem 
geistigen Leben und in seiner äusseren Lebensführung heisst Kultur. K. bietet einen 
gedrängten Ueberblick über ihre verschiedenen Erscheinungsformen nach der 
materiellen wie nach der geistigen Seite (darunter Entstehung und Wandlung^en der 
Sprache, Schrift, Religion, Phüosophie, Kunst, Dichtung usw.), ebenso über die 
Herausbildung von Sitte, Gesellschaft, Staat und stellt dem ernsten Gedanken an den 
Untergang ganzer Völker nebst ihrer Kultur die tröstliche Thalsache gegenüber, dass 
häufig die Entwicklungsergebiiisse eines Volkes von einem anderen übernommen 
werden, dass überhaupt durch den Verkehr der Völker unter einander eine W'echsel- 
wirkung eintritt, bei der sich jedes Volk zugleich nehmend und gebend verhält. 
Ihm folgt Ratzel und betrachtet die Menschheit als Lebenserscheinung der Erde, 
die zur Erde gehört als ein Stück von ihr. Er entwickelt die Hauptsätze einer 
Anthropogeographie und schliesst in voller Uebereinstimmung mit Helmolt mit dem 
Bekenntnis, dass wir eine ewige Gesetzlichkeit, die über unsere Abhängigkeit von 
unserem Planeten hinausweist, nur ahnen und glauben, niemals aber wissen können. 
Die folgenden, umfangreicheren Kapitel des ersten Bandes, über die Vorgeschichte 
der Menschheit (von J. Ranke), über Amerika (von K. H a e b 1 e r) und die 
geschichtliche Bedeutung des Stillen Oceans (von Eduard Graf Wilozek 
und K. Weule), eröffnen die historische Darstellung im eigentlichen Sinne und 
sind hier nicht weiter zu würdigen. Gegen die rein geographische Anordnung* des 
Stoffes, als eine dem Wesen der Geschichte, die sich eben einmal in der Zeit be- 
wegt, widersprechende, und besonders gegen die unorganisch wirkende Voranstellung 
Amerikas erklärt sich vor allem ein ungenannter Kritiker in den „Grenzb.". Er 
billigt die ethnographisch-geographische Einteilung nur für die ersten Zeiten der 



F. Muncker, Litteraturgeschiohte. 1898, 1899. I 1 -. 5-14 

Weltgeschichte, solange es sich um Völker handelt, die noch verkehrslos, also isoliert 
neben einander standen, etwa bis zur Begründung des Perserreichs, verlangt dann 
aber chronologische Anordnung. Er erblickt in dem an sich geistvollen Versuch 
Helmolts nur einen neuen Einbruch der naturwissenschaftlichen Methode in das Gebiet 
der Geschichte, spricht dem Werke jedoch bei aller Anerkennung seiner Vortrefflichkeit 
im einzelnen geradezu die Fähigkeit ab, seiner ganzen Anlage nach die eigentlichen 
Aufgaben der Weltgeschichte zu lösen. — Dagegen verteidigt Heimelt^) sein 
Verfahren in einem kürzeren Aufsatze, der die Hauptpunkte seines Programms noch 
einmal übersichtlich zusammenstellt. — Zum Unterschied von seinem Verzicht auf 
eine geschichtsphQosophische Grundanschauung legt der ungenannte Vf. der „Welt- 
geschichte in Umrissen", die in neuer Auflage erschien •), alles Gewicht auf eine 
solche Anschauung. Sein fester Glaube, dass aller weltgeschichtlichen Bewegung 
immer ein religiöser Kern zu Grunde liegt, dass das religiöse Element immer das 
treibende und entscheidende ist, wird in mehreren Besprechungen des Buches betont. — 
Gleichfalls auf streng biblischem Standpunkt steht Ziemsse n**), indem er die 
Wirkungen des Christentums und besonders auch der Reformation auf die gesamte 
geschichtliche Entwicklung der Völker betrachtet. Was er bei seinen oft nur allzu 
frei vom Thema abschweifenden Erörterungen gelegentlich auch über unsere neuere 
und neueste Litteratur sagt, verrät in seiner moralischen Befangenheit einen bedenk- 
lichen Mangel an künstlerischem Urteil.®) — Die Bedeutung der Sprachwissenschaft 
für die Geschichte erörtert Hirt^). Er wirft die Frage auf, ob die Geschichte 
nicht etwa auch von der Methode der Sprachwissenschaft dann und wann lernen 
könne, deutet dann aber hauptsächlich auf die Belehrung hin, die uns die Sprach- 
wissenschaft über die Heimat, die Entwicklung, die Wanderungen der Bewohner 
Europas in vorgeschichtlichen und in geschichtlichen Zeiten erteilt, ferner auf die 
wichtige Rolle, die sie (jedoch nur im Verein mit anderen Wissenschaften) bei der 
Forschung nach den Urzuständen der Kultur der Indogermanen spielt. — 

Litterargeschichtliche Methode. Zahlreiche Kritiker sprechen 
sich noch über Elsters „Prinzipien der Litteraturwissenschaft" *^) aus, die meisten an- 
erkennend, wenn auch Schönbach und Biese im einzelnen allerlei berichtigen 
und Lyon die wichtige Norm des Personentausches vermisst. Im ganzen ab- 
lehnend verhält sich Roetteken; Wetz verwirft in übertriebener Schroffheit das 
Buch mit Stumpf und Stiel, imd Marbe vermag, ebenso grob wie selbstbewusst, in 
den Erörterungen Elsters, die ihm von seltener Oberflächlichkeit und Mangel an 
Sachkenntnis zu zeugen scheinen, überhaupt etwas einigermassen wissenschaftlich 
Wertvolles nicht zu entdecken. — Gegen engherzigen Specialismus ohne philo- 
sophische Grundanschauungen, wobei nur eine Trübung des ästhetischen Urteils und 
psychologischen Scharfsinns durch eine allzusehr im einzelnen befangene Gelehrsam- 
keit und damit eine Vermehrung des Banausentums zu befürchten sei, wendet sich 
Biese**) und verlangt eine auf Völkerpsychologie gegründete vergleichende 
NL»itteraturgeschichte, deren Aufgaben er an einigen Beispielen veranschaulicht. — Viel 
weiter geht Platzhoffs^^j Forderung, dass die moderne Litteraturgeschichte 
„Zeitgeschichte, Kulturgeschichte, Sitten- und Seelengeschichte'* werde, dass sie keine 
nationale, sondern eine europäische Litteraturgeschichte sei und die Grundzüge einer 
einheitlichen Weltanschauung nicht nur durch die Litteratur, sondern auch durch 
die übrigen Künste der modernen Kulturvölker hindurch verfolge und so „zur Dar- 
stellung des ethischen Zeitgeistes werde''. Vor allem warnt er den Litterarhistoriker, 
mit Schulbegriffen und Schlagwörtern um sich zu werfen oder mit altgebräuchlichen, 
nach P.s Meinung längst zerbrochenen oder verfaulten Massstäben zu messen. Da- 
gegen erwartet er von ihm Liebe zur Sache, eine grosse Anpassungsfähigkeit und 
Vorurteilslosigkeit auch in der Würdigung des Fremdartigsten. — Diesen mannig- 
fachen W^ünschen gegenüber betont Bartels*^), dass die Litteraturgeschichte " vor- 
nehmlich Kunstgeschichte ist, die die Aufgabe hat, zu beschreiben (im höchsten 
Sinn: darzustellen) und zu klassifizieren, und diese recht bedeutende Aufgabe lösen 
muss, bevor sie zur Kulturgeschichte werden kann. — Wetz bespricht die aus 



NJhK 1, S. 701/4; id.: Wnge S. 696; id.: Zeitgeist N. 20 (alle drei begeistert snstimmend).]! — 5) id., D. Stoff e. Weltgesch. 
Q »eine Anordnang: AZg^. N. 245. — 6) Weltgesch. in Umrissen. Federzeiehnungen e. Deutschen, e. RQokbllck am Schlosse d. 
19. Jh. 2. Anfl. B., R. S. Mittler & Sohn. 1898. V. 525 S. Mit 1 Tab. M. 9,00. |[E. Statser: ZGynn. 32, S. 401/6; 

— •8.: DR. 1899, 2, S. 377,8 (vernrteilt d. Bach als durch n. durch diletUntisch): E. MAsebeok: Unischan 2, 8. 102/5.] | 
(Vgl. JBL. 1897 1 1 : 4ö.) — 7) Z i e m s s e n , D. Bibel in d. Gesch. Bcltrr. s. Bibelfrnge u. zu e. Oeschichtsphilosophie vom 
Mittelpankte d. bibl. AnschAunng. Gotha, E. F. Thienemann. XI, 120 S. M. 2,40. - 8) X (^BL. 1897 I 1:6.) \\- en: LCBI. 
1897, S. 1855/6 «bbeDd).] — 9) H. Hirt, Spraohwissensoh. n. Gesch. E. akad. AntrittsTOrles.: NIbbKlAltGL. 1. 1898, S. 4S5-500. 

- 10) (JBL. 1897 I 1:10.) I[E. K ühnemann: ÜLZ. 19, S. 1034/7; M. Necker: BLU. 1698. S. 280/2; A. E. Schönbach: 
ÖLBI. 7, S. 189-41; 0. Lyon: ZDÜ. 12. S. 61/9; A. Biese: ZDPh. 31. S. 237 43; H. Roetteken: ZVLR. 12, 8. 47085; 
W. Wetx: LBlGRPh. 20, S. 153-60; K Mürbe: VWPh. 22, S. 327-43.JI — 11) A. Biese, D. Aufgaben d. Litt.-Gesch.: 
NJbbKIAltGL. 4, S. 35-45. - 13) E. F latzhoff, Grundü&tze moderner Litt.-Geschiohtbchreibung: Kw. 12-, S. 40;3, 72/4. — 
13) A. Bartels, lA Sachen: Grnnds&tze moderner Liti-Oeschichtschreibg.: ib. S. 186^B. - 14) C o n d6 B. Pal len, The 

(1)1* 



I 1:16-21 F. Muncker, Litteraturgeschichte. 1898, 1899. 

Vorträgen hervorgegangene, mehr im Ton einer schwungvollen Predigt als einer 
sachlich nüchternen wissenschaftlichen Abhandlung gehaltene „Philosophie der 
Litteratur" von Cond6 B. P allen**) als einen der schwächeren Versuche aus der 
grossen Zahl jener Arbeiten, die seit Chateaubriand die hohe Bedeutung des Christen- 
tums und besonders des Katholizismus für die Dichtkunst erweisen sollen. Neben 
der vorurteilsvollen Einseitigkeit des Vf., für den der Grad der katholischen Wahr- 
heit den Wert einer Schrift bestimme, beklagt er auch den Mangel an Selbständigkeit. — 
Ein Artikel über Litteraturwissenschaft in Meyers Konversationslexikon *^) beschäftigt 
sich besonders mit den hervorragenden französischen Theoretikern seit Taine; die 
deutschen behandelt er nur in einem kurzen, ungenügenden Anhang.*«) — 

Gesamtdarstellungen der allgemeinen Litteraturgeschichte. 
Die in früheren Jahren erschienenen Werke von Hart*'), Baumgartner **) 
\ind Brandes*^) wurden noch einige Male besprochen; die Neubearbeitung des Buches 
von Norrenberg 2®) durch Macke wurde vollendet. Der Abriss der deutschen 
Litteraturgeschichte, den sie unter anderem darbietet, gehört zu den schamlosesten 
Erzeugnissen ultramontaner Tendenzschriftstellerei. An der Darstellung unserer 
mittelalterlichen Dichtung ist zwar weder zuverlässiges Wissen im einzelnen noch 
irgend eine selbständige Auffassung zu rühmen; doch kann man, wenn man von 
mehreren harmlos schiefen Behauptungen absieht, dem Ganzen noch so ziemlich zu- 
stimmen. Beim Lesen der Abschnitte jedoch über die letzten vier Jahrzehnte fragt 
man sich immer wieder, ob die Dummheit und Unwissenheit oder die Verlogenheit 
des Vf grösser ist. Natürlich ist nach der Meinung dieses „Historikers" an allem, 
was ihm und anderen in unserer Litteratur nicht gefällt, nur der Protestantismus 
schuld, an dem Grobianismus des 16. Jh. wie an den künstlerischen Gebrechen der 
Klopstockschen Messiade und an allem möglichen anderen. Für ihn giebt es über- 
haupt kein trostloseres Gebiet der Poesie als die deutsche Litteratur unter der Herr- 
schaft des Protestantismus. Im Hinblick auf die Streitschriften und Satiren des 
16. Jh. meint er, es sei wohl nie mit einer grösseren Gedankenarmut gekämpft 
worden als in der deutschen Reformationszeit gegen die Autorität der katholischen 
Kirche. Aber dieser Vorwurf trifft selbstverständlich nur die Anhänger der 
Reformation, nicht etwa auch Murner, an dem Norrenberg und M. offenbar auch 
nichts Grobianisches, sondern nur einen kecken, frischen, volkstümlichen Witz be- 
merkt haben. Und Klopstock bleibt als Künstler nur darum so weit hinter Milton 
zurück, weil er den katholischen Boden verliess, auf dem der Engländer als Dichter 
noch stand! Dagegen bekommt der „alte Klopstock" fer zählte damals ^anze 
52 Jahre I) ein besonderes Lob dafür, dass er sich von dem ,,Weimarer liederlichen 
Treiben" unwülig abwandte. Die gemeine Art, wie Goethe in diesem Pasquill auf 
deutsche Litteraturgeschichte behandelt ist, auch da, wo er angeblich gegen 
schlimmere Deutungen seines Lebens in Schutz genommen wird, übersteigt alles, 
was man selbst nach den unsagbar beschränkten Worten über Lessing erwarten 
durfte. Gegen das thörichte Gepolter über die ganze unfruchtbare, freimaurerische 
W^eünarer Büdung wagt schliesslich doch der neue Herausgeber selbst einen gelinden 
Einwand. Ein klein wenig besser kommt Schiller durch, weil ja „Maria Stuart" und 
die „Jungfrau von Orleans" unleugbar einen ausgeprägt katholischen Charakter 
trügen I Und so geht es durch das ganze 19. Jh. weiter, mit immer neuen Kapuzinaden 
alle Nichtkatholiken verdammend, gleichviel ob es Juden oder Protestanten sind. 
Da wird z. B. Geibel und gar erst Heyse, der Vertreter „der Pariser und römischen 
Boheme der Gegenwart" (ij, kaum gnädiger behandelt als Heine. Aber schliesslich 
steigen vor unseren Augen zahlreiche grosse, edle und reine Dichter auf, denen die 
liebevollste, ausführlichste Würdigung zu teil wird, lauter gut katholische Männer 
und Frauen, die hoch über Lessing und Goethe stehen und deshalb auf ebenso vielen 
oder mehr Seiten, als jene beschimpft wurden, laut gepriesen werden. Annette 
von Droste-Hülshoff zwar, die echte, grosse Dichterin, wird mit wenigen Zeilen, die 
kein Verständnis für sie bekunden, flüchtig abgethan; desto stärker aber wird die 
„imponierende" Erscheinung F. W. Webers hervorgehoben und neben ihr selbst 
Dichter wie F. F. C. Brill und andere, die trotz manches hübschen Verses, der ihnen 
etwa gelungen ist, verwundert sich selbst fragen dürften, mit welchem Rechte sie in 
eine Geschichte der Weltlitteratur gekommen sind. — Scherrs^*) weitverbreitetes Werk 

philosophy of litt. Frsibnrg I. Br., Herder. 1807. XVII, 184 S. M. 2,50. |[W. Wet«: DLZ. 20, S. 93o/6.]| - 15) Litteratar- 
wissensohafi (= N. 133, Bd. 19, S. 681/4.) — 16) X O M. Herr mann, D. Sprache aU Material litterarpsycholog. Forsohnng: 
ZPaedPaych. 1, S. 45/7. - 17) (JBL. 1896 1 1 :27.) |[E. K Qhnemann: ML. 67, S. 49-55 (sehr lobend).]] - 18) (JBL. 1897 1 
1:22.) ,[L. Pastor: ÖLBI. 8, S. 368-70 (unbedingt lobend); H. Graevell: BayreathBlI. 21, S. 340/4 (gegen d. einseit. Ver- 
arteilang alles Nichtkatholischen).]! — 19) 0. B r an d es , D. Hanptströmnngen d. Litt. d. 19. Jh. Dtseh. Jabil&amsausg. ▼. 
A. Strodtroann. Bd. 4/6. Charlottenbnrg, Barsdorf. 1697. VIT, S95 S.; Y,S94S.; IV, 4S2 S. ä M. 6,00. |iF. Schrnflrer]: 
ÖLBI. 6, S. 717 (allgem. lobend).] | — 20) P. Norrenberg, Allg. Litt-Gesoh. 2. Aufl. v. K. Macke. (In 3 Bdn.) Mttnster, 
A. Rassen. 1898 (Bd. 2): 1899 (Bd. 8). IV, 656 S.; IV, 574 8. h, M. 5,00. (Vgl. JBL. 1896 I 1:28; 1807 I 1:21.) — 
21) J. Soherr, Illnstr. Oescb. d. Weltlitt. JabiUnmsansg. 50-60. Tausend. Mit zahlreichen Holuchnitten, Portrr., schwarten 



F. Muncker, Litteraturgeschichte. 1898, 1899. I l-.aaw 

hat eine neue Ausgabe erlebt. — Ein neuer Nebenbuhler scheint ihm in dem Hand- 
buch N a s c h e r s 2^) zu erstehen, das jedoch bisher noch nicht über den ersten An- 
fang hinaus gediehen ist. — Nur verhältnismässig wenig wird allem Anscheine nach 
die deutsche Litteraturgeschichte in ö a r n e 1 1 s ^3) grossem Unternehmen berührt, 
das in Zola, Bret Harte, W. Besant, Ed. Dowden, D. G. Mitchell, H. James, Maeter- 
linck, Brunetiöre und anderen berühmte Mitarbeiter aufzuweisen hat, gar nicht natür- 
lich in L e i X n e r s 2*) Geschichte der fremden Litteraturen. — Auch P a 1 1 e n s 2^) 
pathetische, schwung- und salbungsvolle, aber von selbständiger wissenschaftlicher 
Forschung nur wenig zeugende Betrachtungen über gewisse Hauptepochen der 
antiken und modernen Litteratur kommen für die Geschichte unseres Geisteslebens 
kaum in Betracht. Von deutschen Dichtem erwähnt P. fast nur Goethe, und über 
diesen sagt er nicht viel Kluges. Er erblickt in ihm vor allem den Vf. des ,, Werther" 
und nebenher einen Geistesverwandten Voltaires, d. h. einen Feind des Christentums, 
den Vertreter eines sinnlichen Egoismus, der weder die Demut noch die Keuschheit 
des göttlichen Vorbilds für das christliche Leben ertragen konnte. Die katholische 
Weltanschauung des Vf. tritt selten so herausfordernd-einseitig hervor wie hier. Doch 
behält er freilich z. B. das volle Verständnis Dantes ausschliesslich den gläubigen 
Katholiken vor und stellt um des katholischen Bekenntnisses willen nicht nur Dante 
über Milton, sondern auch Calderon über Shakespeare. Die modernen Sprachen 
nennt er nach ihrem Wesen, ihrem Bau, den Einflüssen, unter denen sie sich bildeten, 
katholisch und schätzt sie wegen der Vorzüge, die daraus entspringen, ungeheuer 
hoch vor den antiken Sprachen. Ein klares Bild von diesen vermeintlichen Vorzügen 
erhalten wir aber trotz all den hohlen, wenn auch noch so hochtönenden Phrasen 
nicht.2«) — 

Deutsche Litteraturgeschichte. Die Hefte 18—21 von Goetzes 
Neubearbeitung des Goedekeschen „Grundrisses"^') führen zunächst die schon im 
17. Heft begonnene, überaus reichhaltige Uebersicht über die „untergeordnetere" 
österreichische Litteratur der J. 1800—15 zu Ende, die Sauer mit unendlichem 
Fleiss und peinlicher Sorgfalt, aber im Verhältnis zu der geschichtlichen wie 
ästhetischen Bedeutung der hier in Betracht kommenden Schriftsteller und Werke 
doch zu ausführlich, zu detailliert auch in gleichgültigen Nebensachen ausgearbeitet 
hat: aus 3 Seiten der ersten Auflage sind jetzt 455 Seiten geworden. Dann folgen, 
gleichfalls gegen die frühere Ausgabe bedeutend vermehrt, die kleineren bayerischen 
und fränkischen Dichter derselben Zeit, von G o e t z e selbst bearbeitet, hierauf die 
übrigen süd- und mitteldeutschen sowie die norddeutschen Schriftsteller, die Vertreter 
deutscher Dichtung im Auslande (in den Ostseeprovinzen, in Dänemark, im Elsass, 
in Amerika) und die mundartlichen Dichter. Litterargeschichtlich grosse Persönlich- 
keiten treten uns auch in diesen Abschnitten, deren Trefflichkeit das Verdienst 
A. Rosenbaums ist, kaum entgegen. Die bedeutendsten Dichternamen sind die 
Hebels und Grübeis; neben ihnen wären etwa noch Graf Karl Friedrich Reinhard, 
Friedrich Gräter, August Hermann Niemeyer hervorzuheben. Gelegentlich sind 
übrigens mehrere bedeutende und unbedeutende Schriftsteller, die in anderem Zu- 
sammenhange bereits in früheren Heften behandelt worden waren, jetzt wieder er- 
wähnt und mit allerlei Nachträgen zu der früher verzeichneten Bibliographie bedacht. — 
Von sonstigen älteren und meistens längst rühmlich anerkannten Darstellungfen 
unserer Litteraturgeschichte erscheinen die Werke von Scherer 2»), Kuno 
Francke^^), Klee^o), Ohorn^«), das an gutgewählten Proben deutscher Dicht- 
kunst reiche Buch von Brugier^^)^ die Neubearbeitung und Ergänzung des 
Vilmarschen '^^) Buches durch Adolf Stern und besonders das Werk von 
Lindemann 3*) in neuer Auflage. Die Aufgabe, das letztgenannte W^erk ohne 

n. färb. Tafela n. BeilU Anto^rr. n. FBOsimiles. (In 21 Lfgn.) 1.-17. Lfff. St., Franokh. ä 40 S. iiM. 0,80. ~ 23) E. Nascht r, 
Handbuch d. Gesch. d. Weltlitt.« nuch d. besten Quellen bearb. 1. n. 2. Lfg. B., Fiioher A Franke. 1898. S. 1-80. iL M. 0,50. 
— 23) O B. Qarnett, Th« library of famons literufure. 20 Told. London, PablUhing officee of the Standard |[Ac. 
57, 8. 976,8 (sehr lobend).]! — 24) 0. ▼. Leixner, Gesch. d. Litt, aller Völker. 8. u. 4. Bd.: Gesch. d. fremden Litt. 
2., neu gestali u. ferm. Anfl. 1. T. Mit 177 Textabbild, u. 10 teilweise mehrfarb. Beill. 2. T. Mit 198 Textabbild, n. 
10 Belli. L., 0. Spamer. 1898. VI, 485 S.; VI, 584 8. u M. 8,00. — 25)Cond6B. Fallen, Epochs of Literuture. Freibarg i. B , 
Herder. 1898. X, 201 8. geb. M. 2,75. — 26) O X <^* Romain, Le MA.. la renaissance, la r^rolation et le temps present. 
Paris, Retaox. 1898. 36 8. — 27) K. Goedeke, Orandriss t. Gesch. d. dtsch. Dichtung ans d. Quellen. 2. ganz nea bearb. 
Anfl. Nach d. Tode des Yf. in Verbind, mit Fachgelehrten fortges. v. E. Goetse. Heft 18-21. Dresden, L. Ehlermann. 
1898-99. Bd. 6: IX n. 8. ©41-822; Bd 7: 8. 1-576. h M. 4,20. (Vgl. JBL. 1896 I 1:35; 1897 I l : 24.) - 28) W. Scherer, 
Gesoh. d. dUoh. Litt. 8 Anfl. In 9 Lfg. 1.-4. Lfg. B, Weidmann. 1898. k 96 8. ä M. 1,00. - 29)KnnoFranoke, 
Social forees of german lit. A stody in the bist, of cirilization. 3. edition. New York, H. Holt A Co. Xlil, 577 8. 
1[P. Mnnoker: LBlGRPh. 20, 8. 185-90 (lobend, doch mit manchem Vorbehalt) ; F. Baldensperger: BCr. 48, 8. 479 81. ]| — 
30) (JBL. 1898 I ft:99.) - 31) (JBL. 1898 I 6:95.) — 32) (JBL 1S99 1 6:90.) — 33) A. F. C. Vilmar, Gesch. d. dtsch. 
Nationallitt. 24. Term. Anfl. 2. Abdr. Hit e. Anhang: D. dtsch. Nationallitt, vom Tode Goethes bis z. Gegenw. Von Adolf 
Stern. Marburg, N. G. Elwert. 1898. XVI, 746 8. M. 4,00. ||J. Schlaf: Kritik 14, 8. 97/9.]| - 34) Wilh. Lindemann, 
Gesch. d. dtsch.' Litt. 7. Anfl. Her. u. teilw. neu bearb. v. P. Anselm Salser. Freiburg i. B., Herder. 1898. X, 1115 8. 
M.9,50. |[A. E. Scbönbach: ÖLBl. 6, 8 683/4; 8, 8.660/1 (warm empfehlend); N. Scheid: HPBll. 124. 8.628 39; A. Egen: 
LR«. 25, 8. 80;1 (beide sehr lobend); LCBl. 1898, 8. 1654 (etwas skeptischer); Enph. 6, 8. 380/2 (lobt bes. d. Darstellung d. 



I 1 : 35-3S F. Muncker, Litteraturgeschichte. 1898, 1899. 

Verletzung seines örundeharakters den heutigen Forderungen der Wissenschaft ge- 
mäss umzugestalten , hat Ö a 1 z e r nach dem ziemlich einstimmigen Urteil der ver- 
schiedensten Kritiker glücklich gelöst. Jedenfalls zeugt seine Leistung von reichen 
litterargeschichtlichen Kenntnissen und von dem besonnenen, edlen Streben, die 
mannigfachsten Erscheinungen unserer Litteratur, auch die, welche er nach seiner 
kirchlichen Anschauung nicht billigen kann, gerecht zu würdigen. Von dem wüsten 
Fanatismus Norrenbergs unterscheidet sich auf das vorteilhafteste die Anerkennung, 
die hier, wenn auch in bedingter Weise, den litterarischen Verdiensten Luthers und 
seiner Genossen und ebenso unserer grossen Dichter aus den letzten zwei Jbh. zu 
teil wird. Gewiss hätte diese schöne Toleranz manchmal noch etwas weiter gehen 
sollen; auch bedarf allerlei in dem Buche der Berichtigung und Ergänzung. So 
hätte z. B. das Drama des 16. Jh. mehr Beachtung verdient. Ebenso wird über 
Klopstocks Dramen und Prosaschriften, auch über manche Seiten seiner Oden- 
dichtung zu sehr in Bausch und Bogen abgeurteilt. Nicht nur Lessings theologischer 
Kampf nebst dem „Nathan" und der „Erziehung des Menschengeschlechts" wird 
falsch aufgefasst, sondern auch sein „Laokoon" nicht richtig gewürdigt; statt Lessing 
eines Mangels an Logik anzuklagen, hätte der Vf. sich selber strengerer Logik be- 
fleissigen sollen. Und wenn er selbst ehrlich und aufrichtig den Gegner jedes 
blinden Autoritätsglaubens würdigen wollte, durfte er ihn wenigstens nicht „un- 
aufrichtig im Forschen nach der christlichen Wahrheit" nennen. Schief ist das Urteil 
hie und da auch über Wieland, meistens aber über das Leben Goethes; wird doch 
sein Ausgedehntes, unendlich segensreiches Wirken im Weimarer Staatsdienste höchst 
ungerecht mit dem Worte „geschäftiger Müssiggang" abgefertigt. Eher sucht S. 
den Dichtungen Goethes gerecht zu werden; doch wird auch hier sein Urteil oft 
durch seine einseitig katholische Weltanschauung arg getrübt, so namentlich beim 
„Faust", dessen Wortlaut er übrigens nicht einmal immer da, wo er ihn bekämpft, 
richtig verstanden hat. Gut ist Herder gewürdigt und mit vieler Liebe Schiller be- 
handelt; so einsichtig wie seine letzten dramatischen Schöpfungen sind freilich nicht 
auch alle seine früheren Arbeiten besprochen. Ungenügend, zu allgemein und ober- 
flächlich ist der Abschnitt über die Jungdeutschen und über die Tendenzdichter der 
vierziger Jahre, und ähnlich geht es mit ganz wenig Ausnahmen fast bei allen 
späteren Dichtem: weniger Namen und dafür genauere Charakteristik des Genannten 
wäre hier vorzuziehen. Besonders aber sollte der Stoff im ganzen letzten Buch 
anders geordnet sein; das Durcheinander, das jetzt darin herrscht, spottet jeder ge- 
schichtlichen Gliederung. Hier wäre bei einer weiteren Auflage, die das trotz allen 
diesen Bedenken verdienstvolle Buch sicherlich bald erleben wird, noch viel zu 
thun. — Auch Paganinis italienische Uebersetzung der Langeschen Litteraturgeschichte 
wurde von M i n u 1 1 i 3^) neu herausgegeben. — Neu gesellen sich zu diesen älteren 
Werken der mir nicht zugängliche zweite Band der Litteraturgeschichte von 
J. G. Vogt^®), einige anscheinend anonyme Bändchen der Miniaturbibliothek 3") und 
die Darstellungen von Storck^^) und Schnedermann. St. ist fast durchweg von 
älteren Vorgängern (z. B. Golther, Scherer, den Mitarbeitern an Pauls „Grunclriss", 
an Kürschners „Deutscher Nationallitteratur" usw\) abhängig, bringt somit fast nur 
Altbekanntes, kleidet dieses Bekannte aber auch nicht in eine eigenartige Form, be- 
kundet in seiner Darstellung keine selbständige Anschauung des Ganzen oder eigen- 
tümlich vertiefte Auffassung des Einzelnen. Allzu oft bleibt er am Aeusserlichen 
und Allgemeinen haften; besonders in den ersten Abschnitten (etwa bis zum J. 1748) 
belebt er die Namen der Dichter und ihrer Werke fast nie durch eine wirkliche 
Charakteristik. Dann wird es etwas besser. Der Vf. gestattet sich nun wenigstens 
bei den bedeutendsten Erscheinungen eine etwas breitere Darstellung und wagt auch 
hin und wieder ein pei'sönliches Urteil, wobei er den christlichen und den nationalen 
Standpunkt möglichst wahrt. Diese wenigen pereönlichen Urteile fordern freilich 
nicht selten zum Widerspruch heraus. So vermisst St. z. B. in Schillers „Maria 
Stuart" und „Jungfrau von Orleans" die richtige tragische Schuld der Heldin. In 
M. Greif sieht er die bedeutendste Erscheinung auch im deutschen Drama von 
1870—80. Halbes „Jugend" schilt er krank und brutal; seinen grossen Erfolg ver- 
danke das Stück nur der groben Sinnlichkeit, die die Triebfeder der Handlung sei. 
Und ähnliche halb oder ganz falsche Aussprüche begegnen öfter. Doch ist im 



MA, tadelt d.H&afaog unwichtiger Vf.- Namen des 19. Jh., giebt viele Berichtigungen im einio1nen).]| — 35) O K- Hinatti, 
Letlerntara tedesco. (3. Ausg. d. Litt-Gesch. ▼. 0. Lange, fibers. t. A. Paganini.) Milano, Uoepli. 16^ 188 S. — 
36) O J- a. Vogt, lllustr. Gesch. d. dtsch. Litt, mit ausgew. Proben aus d. Hauptwerken bervorrag. Dichter. 2. Bd. L., E. 
Wiest Naohf. 896 8. M. 11.20. (Auch in Lfgn a 10 Pf. oder in Heften ä 60 Pf. Vgl. JBL. 1897 1 1 :2e) — 37) O DUch. 
Lilt-Gesch. 6. Bd.; 7. Bd.: Von 1850- 70; 8. B.I.: V. 1870 bis auf d. Gegenw. (= Miniaturbibliothek N. 36/8.) L., Verlag für 
Kunst n. Wissen 8ch. 1893. 32^. 41,43,47 8. M. 0,80. - 38) K. S t o r c k , Dtsch. Litt.-Gesch. FQr d. dtsch. Haus bearb. 
St. u. L., J. Roth. 1898. XVI, 504 S. M. 3,20. ;[LCB1. 1898, S. 911/2 (tadelt d. Buch als farblos, trocken, dilettantisch. 
liberil&BSig); P. Haake: ASNS. 101, S. 400/S (lehnt die ohristl.- nationale Tendens schroff ab); KonsMsohr. 1898, S. 327.]| — 



F. Muncker, Litteratupgesohichte. 1898, 1899. I Ir 39-66 

■ 

grossen und ganzen Sts Urteil richtig, eben weil es so selten eigenartig und neu 
ist. Auch vor sonstigen Fehlern im einzelnen bewahrt ihn meistens die Abhängigkeit 
von seinen besseren Vorgängern. Dann und wann stellen sich freilich auch bedenk- 
liche Irrtümer ein. So sagt er z. B. über Wolfram von Eschenbach: „Von Geburt 
adlig ist er wohl nicht gewesen, aber er war Ritter". Von Immermanns „Alexis** 
behauptet er, er sei nicht auf die Bühne gekommen. Als Richard Wagners Todes- 
jahr nennt er 1886. Auch andere Jahreszahlen stimmen bisweilen nicht genau. 
Schlimmer als solche Einzelheiten ist die ganz willkürliche Anordnung der Schrift- 
steller seit 1848; so und so oft ist hier ohne irgend einen zwingenden Grund der 
ältere hinter den jüngeren gestellt. — Ungleich höher als diese unselbständige 
Kompilation steht das Büchlein von Schnedermann ^®). Der Vf. greift nur 
gewisse Hauptstellen und Hauptwerke unserer Litteraturgeschichte von den ältesten 
Zeiten bis auf Schiller heraus; die belebt und beseelt er aber in überaus glücklicher 
Weise. Das Thatsächliche übernimmt auch er unbedenklich von älteren Litterai*- 
historikem, besondera von Vilmar und R. Hildebrand, aber auch von Müllenhoff, 
Scherer, Kelle, F. Kluge, Burdach, Erich Schmidt, Borinski und anderen. Aber er 
kennt die zu benutzenden älteren Arbeiten nicht nur sehr gut, sondern weiss vor 
allem auch in ganz eigenartiger, geistreicher, fesselnder Weise den Zusammenhang 
der jeweiligen Erscheinungen unserer Litteratur mit Erscheinungen des sittlichen 
und geistigen Lebens überhaupt aufzudecken und durch glücklich ausgewählte, 
umfangreiche Proben aus unserer Dichtung zu beleuchten. Ganz besonders an- 
ziehend und anregend sind die Betrachtungen über das Nibelungenlied, über 
Wolfram, über Fischart, dann die letzten Abschnitte über Klopstock, Lessing, Goethe 
und namentlich über Schiller. Ueberall aber erreicht Seh. seine hauptsächliche Ab- 
sicht, „eine Gemütsbeteiligung an dem Werden und Offenbaren des inneren deutschen 
Lebens bei den Lesenden hervorzurufen". Sein christlich-frommer Sinn verleugnet 
sich nirgends, verleitet ihn aber auch niemals zu einseitigen Urteilen über Anders- 
denkende; besonders Lessing gegenüber bewährt er eine schöne, edle Duldung. — 
Die früher erschienenen Werke von Julian Schmidt*®), Möbius und Klee*^), 0. von 
Leixner*^), Barthel und Vorberg*^), F. Vogt und Max Koch**), R. Kögel***) wurden 
noch mannigfach besprochen. — 

Werke über Weltgeschichte. In neuen Auflagen oder Bearbeitungen 
erschienen die Werke von SchloFser *^ ■*^) , J. B. von Weiss *^"^®), Annegarn ^*), 
Oskar Jäger ^^), Ruthardt^^), Flathe^*), Blumhardt 5^). Von ilinen widmet nament- 
lich J. B. von Weiss der lilterarischen Entwicklung der verschiedenen Völker 
grosse Aufmerksamkeit; so giebt er z. B. gleich in den einleitenden Abschnitten 
des ersten Bandes, die unter anderem auch seine entschieden christliche Geschichts- 
auffassung verkünden, einen U eher blick über die Lehrer und Meister der Geschicht- 
schreibung in alter und neuer Zeit, wobei er besonders auch die Anschauungen 
unserer deutschen Dichter, Phüosophen und Historiker in Betracht zieht. — Zu diesen 



39) F. Sohnedermann, D. dtaeh. Nationallitt. Ihr innerer Qnng im Znsammenh. mit d. Stttengeaeb. dargest. h^ 
BAririiag ä Franke. IV, 189 S. 'H. 2,00. (S. 1-86 rorher nnter d. Titel „Ans d. Gesch. d. dtech. Nationallitt. ** gedrnokt: 
AELKZ. 31, S. 100,6, 401/0, 425-30, 448 55, 039-03, 714/7,738-43, 763/5, 781/5, 811/4, 83S/7, 861/4.) - 40) (JHL. 1896 I 1:36.) 
|[Ad.Frey: Band^ 1807, N. 2 (tadelt eoharf d. Mangel an hflnstler. Empfinden a. Urteil).]| — 41) (JBL. 1897 1 1:29.) 
t[ÖLB1. 6, S. 110 (lobend) ]| -> 42) 0. r. Lei x no r n. P. S oh n m an n. In Sachen d. Leiznersrhen Litt. - Oeech. : Kw. 11*, 
S. 56. (Verteidig. Leizners gegen Schnroanns Kritik u. dessen Erwiderang; persönl. Art; Tgl. JBL. 1806 l 1:40.) — 43) (JBL. 
1898 IV Ia:2.) IfKonsHschr. 1808, S. 327.]| ~ 44) (JBL. 1807 I 1:25.) |[F. Schrnftrer]: ÖLB1. 6, S. 716/7 (im allg. 
lebend); J. V. Widmann: Bnnd^. 1897, N. 41 (tadelt d. schroffe Beurteilung Hauptmanns, sopst lobend); K. Busse: Zu- 
kunft 23, S. 555-65 (einseitig u. oft ganz unverst&ndig tadelnd); F. Muncker: BayreuthBll. 21, 8.251-63 (tadelt d. &nsserl. 
Gliederung d. Stoffes u. verschied. Einzelheiten, lobt d. Zurorl&ssigkeit Vogts n. bes. d. Charakteristik d. 19. Jh. durch Koch); 
id : LittEeho. 1, S. 814/6; P. Schumann; Kw. 12', 9. 138-90 (empfiehlt d. Litt.-Qesoh. d. Gefjrenw. ▼. Bartels s. Erg&n- 
anngü); K. Menge: Gymn. 16, 8. 867-70 (im allg. lobend bei manchen, bisweilen tibertrieb. Ausstellungen bes. an Kochs 
UrteiWn n. Stil); G. Boetticher: NJbbRlAltGL. 1, S. 432/8 (im allg. sehr lobend, tadelt aber die &usserl Qliedernng d. 
Stoffes n. Stilist. Einxelhh. bei Koch).] - 44a) R. Kögol, Litt.-Gesch. bis z. Ausgang d. Mittelalters. 1. Bd. 2. T. Strnssburg 
i. E.,Tr&baer. XIX, 652 S. M. 16,00. [G. Boetticher: NJbbKlAUQL. 1, 9.438-43 (im allg. Iobend).]| — 45) Fr. Chr. Schlosser, 
Weltgesoh. fflr d. dtsch. Volk. Mit zahlr. Abbild, u. Karten. V. neuem dorchges. u. erg&nxt t. Oskar J&ger u. F. Wolf f. 
4. Ausg. 22. (Titel-) Aufl. In 70 Lfgn. oder 19 Bdn. B., 0. Seehagen. 1398—99. k M. 1,00. ~ 46) Dass. 2. Original- 
Volksausg. 24. Gesamtanfl. In 19 Bdn. Bd. 1-5 n. 12,6. ebda. 1898. Bd. 1-5: 553, 580, 695, 602, 522 S. geb. a M. 2,00. - 
47) J. B. ▼. Weiss, Lehrbuch d. Weltgesoh. 1. u. 2. Aufl. 10. Bd., 2. Hälfte. (Schluss). Graz, Styria. 1398. XIV, 914 S. u. 
Register z. 1. H&lfte (S. 721-48). M. 12.00. - 48) id., Weltgetch. 8. Aufl. 177/8. Lfg. ebda. 1893. 241 S. a M. 1,40. |[B.: 
Kath. 1898, 2, S. 178,6 (rflhmt bes. d. Behandl. d. franz. Berol.).]| — 49) id., doss. 2. u. 3. Aufl. 22. (Schluss-) Bd. 1809—15. 
Napoleons Höhe u. Fall. ebda. 1898. XIV, 914 S. M. 8,50. — 50) id., dass. 4. n. 5. Aufl. In 180 Lfgn. zu 6 Bogen oder in 22 Bdn. 
1./3. Lfg. ebda. LXXXVUI, 112 8. k Lfg. M. 0,85. — 51) Annegarns Weltgesoh. in 8 Bdn. Nach des Vf. grösserem Werke 
neu bearb. r. F. Fassbaender u. J. Baders. 9. Aufl. 1. Bd.: D. alte Gesch. 2. Bd.: D. Mittelalter. 8. Bd.: D. neuere 
Zeit. M&nster, Theissing. 1898. X, 885 9.; VII, 293 9.; IX, 431 9. M.8,00. — 52) 0. J&ger, Weltgesoh. in 4 Bdn. 3. Aufl. Mit 
zahlr. autheiit. Abbild, u. Tafeln in Schwarz- u. Buntdr. (In 64 Lfgn.) l./S. Lfg. (= 1. Bd., S. 1-144.) Bielefeld, Velhagen & 
Klaaing. 144 9. k M. 0,50. — 53) K. Ruthardt, Chronik d. Weltgesoh. Zusammenstell, d. Wissenswardigsten aus 8age u. 
Gesch. ▼. d. Ältesten Zeiten bis z. Gegenw., mit bes. Berflcksicht. Deutschlands n. Oesterreichs. 2. Aufl., neu bearb. r. E. 
Hesselmeyer. 2. Bd.: Neuere u. neueste Zeit. St., licry k M&Uer. VII u. S. 893-766. M. 4,50. — 54) Th. Flathe, Allg. 
Weltgesoh. Mit 6 SUimmt^ifeln u. 1 tabellar. Uebersicht. 3. Aufl. L, J. J. Weber. 12«. X, 315 8. geb. M. 3,50. — 55) 
Ch. Blumhardt, Handbftchl. d. Weltgesch. Her. vom Culwer Verlagsverein. 10. Aufl. Mit 90 Abbild. Calw u. St., Vereins- 



I 1:56-64 F. Muncker, Litteraturgeschichte. 1898, 1899. 

älteren Büchern gesellen sich neben dem bereits besprochenen grossen Unternehmen 
Helmolts (vgl. oben N. 4, auch N. 6) die nunmehr abgeschlossene Weltgeschichte 
von Christian^®), die populäre Darstellung von J. G. Vogt*^), die in den 
mir vorliegenden Heften auch die künstlerische und litterarische Entwicklung, zu- 
nächst der alten Völker, flüchtig streift, und das mir unzugängliche Werk J. S. 
Clares^^). — 

Werke über allgemeine Kulturgeschichte. Philipps© n*®) 
streift in seiner Neubearbeitung des wichtigen Abschnittes über die Kulturgeschichte 
Europas vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart in Friedrich von Hellwalds 
grossem Werke zwar die eigentliche Geschichte der deutschen Litteratur und ihrer 
Hauptvertreter nur flüchtig, belebt aber gelegentlich die Darstellung kulturgeschicht- 
licher Verhältnisse hübsch durch Aeusserungen unserer Dichter. — Für die deutsche 
Litteraturgeschichte ganz unergiebig ist Z e n k e r s *®) Entwicklungsgeschichte der 
menschlichen Gesellschaft, die sich überhaupt in dem bisher erschienenen ersten 
Bande auf deutsche Verhältnisse nur äusserst selten einlässt. •*) — Aber auch 
Gü ttinger**), der trotz dem allgemeinen Titel seines Buches besonders gern bei 
germanischen Einrichtungen verweüt und stellenweise geradezu eine Art von deut- 
scher Kulturgeschichte bietet, begnügt sich mit ein paar vereinzelten Citaten aus 
deutschen Dichtungen, statt unsere Litteratur, besonders die der letzten Jhh., reichlich 
und gründlich für seine kulturgeschichtlichen Bilder zu verwerten. Freilich gehörte 
dazu mehr ruhige Objektivität, als G. hie und da im Urteil, z. B. in dem plumpen 
Schimpfen über Ludwig Büchner, bekundet. — Auch Carlyle®^) giebt ja in den 
neuerdings wieder übersetzten Voi-trägen über Helden und Heldenverehrung nur 
äusserst selten eine tiefere Charakteristik deutscher Dichter trotz der bedeutenden 
Würdigung Luthers und der schönen Worte über Goethe; seine mannigfachen Hin- 
weise jedoch auf Sage, Dichtung und Litteratur bei den verschiedenen Völkern und 
seine geistvollen, einer edlen Grundanschauung entstammenden Urteile fanden von je 
und finden noch immer gerade bei Kennern und Verehrern der deutschen Litteratur 
bewundernde Aufnahme. — Skeptischer dürfte man den Aussprüchen entgegentreten, 
die Driesmans**) nicht ohne Geist und Wissen, aber oft mit kecker Uebertreibung 
eines an sich richtigen Gedankens und dann auch bisweilen ohne genügende ße- 
gründimg im einzelnen über Erscheinungen unserer Litteratur wagt. Ausgehend von 
der Rassenmischung in der europäischen Menschheit, betrachtet D. gewisse Haupt- 
ergebnisse der Kulturentwioklung in Frankreich, England, Deutschland, Italien, 
Spanien, den Niederlanden und den übrigen Kulturländern Europas. Eine hervor- 
ragende Bedeutung misst er dabei den keltischen Elementen in der Blutraischung 
der einzelnen Völker bei. Auch den Germanen vermittelten die Kelten die antike 
Kultur ebenso wie die geistliche gute Lebensart, den religiösen Anstand, die christ- 
liche Friedfertigkeit; mit virtuoser Geschicklichkeit nutzten sie die Schwäche der 
Germanen aus, bei denen die Sinneswerkzeuge nach bildsamen Eindrücken, nach 
Formenfülle und Farbenreichtum hungerten. Auf diesen ungestillten Sinnenhunger 
vornehmlich führt D. den Hang zur Romantik und zur Pflege von Idealvorstellungen 
und endlich die ganze Welt- und Lebens verachtuug bei den Deutschen zurück. 
Die Folgen dieser physischen Verkümmerung meint er in der gesamten Kultur- 
geschichte unseres Volkes wahrzunehmen. Hans Sachs, Lessing, ja selbst Schiller machen 
ihm in ihrer Kunst den Eindruck von Menschen, deren gesunde natürliche Be- 
schaffenheit wie durch Not und Mangel heruntergebracht, welk und mürbe gemacht 
worden ist und ihre jugendliche Frische vorzeitig eingebüsst hat, so dass sie gleich- 
sam nur noch mühsam mit Aufgebot aller Kräfte das zu leisten vermag, was ihr unter 
einigermassen günstigen äusseren Verhältnissen spielend und in üppigster Formen- 
fülle hätte gelingen müssen. Die Wende dieser eigentlichen „deutschen Not'* ist nach 
D.s Meinung nur Goethe vollständig gelungen. In der Ausführung dieser an sich 
richtigen Wahrnehmung von der früheren Reife, reicheren Sinnlichkeit und grösseren 
formalen Leichtigkeit der Romanen übertreibt freilich D. mitunter sehr bedenklich. 
Gut ist sein Hinweis auf die gegenseitige Durchdringung keltischer und germanischer 

bnohh. 1898. 820 S. geb. H. 1,30. — 56) W. Chriatian, WeltgPBch. 21/5. (Sohlufs-) Lfg. F&rth, Löwensohn. 1898. 
D. -ganze Werk nmfasst: XXUI, 1862 Spalten mit 25 Taf. ii Lfg. M. 0,50. (Vgl. JBL 1896 I 1:61.) — 57) J. G. Vogt, 
lllaatr. Weltgefoh. fflr d. dtsch. Volk, mit bes. Ber&oksicht. d. Knltnrentwioklnng. Bd. 1: ürgeioh. n. Altert. Bd. 2: Altert. 
Q. Hittelalter. (Vollsi&ndig in 241 Heften.) Heft 36-42. L.. E. Wiest Naohf. Bd. 1: HI, S. 561-624; Bd. 2: S. 1-48. ii Heft 
M. 0,10. — 58) O J S. Gl a r e , Library of nnireriul history. 8 rols. New York, Peale A Hill. D. 0,40. (Bd. 1 ift bisher 
eroobienen.) — 59) M. Philippson, Kaltargesch. Europas seit d. Ausgange d. HA. bis s. Oegenw. (= F. r. Hellwald, 
Knltnrgesch. in ihrer nat&rl. Entwickl. bis z. Gegenw. 4. Aufl. Bd. 4.) L., O. Planken. 1893. 343 S. M. 8,00. - 60) B. V. 
Zenker, D. Gesellsch. 1. Bd.: Nut&rl. Entwioklnngsgesoh. d. Gesellsoh. B, Q. Beimer. YH, 232 S. M. 5,00. - 61) X O 
0. W e r n e r , D. Menschheit. Gedanken aber ihre relig., kulturelle n. eihn. Entwickl. L., E. Haberland. III, 260 S. M. 8,60. 
— 62) G. G&ttinger, D. Entwickl. d. menschl. Gesellsoh. Mit bes. Berflcksioht. d. dtsch. Gesch. E. Lesebach f&r d. Volk. 
St., Strecker ft Moser. 1898. XXI V, 254 S. M. 2,L0. — 63) Th. Carlyle, Ueber Helden. HeldenTorehrnng n. d. Heldentftmliche 
in d. Gesch. 6 Vortrr. (= BGUA. N. 1149-58.) Halle a.8.. 0. Hendel. IV, 288 8. M. 1,25. - 64) H. Dr ie sraans. D. 
Seltentnm in d. enrop&ischen Blntmischnng. E. Knltnrgesch. d. Basseninstiakte. L., E. Diederichs. YIII, 245 S. M. 4,00. - 



F. Munoker, Litteraturgeschichte. 1898, 1899. I Icsi-er 

Ellemente in uBserer höfischen Epik und im deutschen Minnesang. Aber das künst- 
lerisch schönste Ergebnis dieser Durchdringung in der mittelalterlichen Lyrik, das 
Lied Walthers von der Vogel weide „tJnder der linden", stellt er in thörichter üeber- 
schätzung gleich „weit selbst über Goethes Poesie"! In Luthers religiösem und 
litterarischem Wirken betont er vor allem die Befreiung des deutschen Lebens und 
Denkens vom KeLtentum. Nun trat aber das heimische Wesen in unserem Volke dem 
keltischen und dem keltogermanischen in Verbindung mit einem dritten Element, dem 
slavosaxonisohen, entgegen, und aus dem Erscheinen dieser neuen Blutmischung 
entspann sich ein bis heute noch nicht entschiedener Kampf mit der älteren. So 
versieht denn nun D. die grossen Meister der neueren deutschen Litteratur und Kunst 
mit einem Schlagwort je nach ihrer Blutmischung und charakterisiert sie darnach 
kurz, wobei es ohne gewagte Einseitigkeiten imd selbst ohne augenscheinliche Irr- 
tümer nicht abgeht. Wir finden da unter anderen den keltoromanisierten Slavosaxonen 
Leibniz, den Slavogermanen Lessing, den Keltogermanen Goethe, die Slavomongolen 
Lenau und Liszt (trotz ihrer deutschen Abstammung). Auch sonst bietet der Vf. 
neben geistreich treffenden Bemerkungen gelegentlich unglaublich Schiefes, so 
meistens da, wo er über Sinnlichkeit und SteUung des Weibes bei einzelnen Völkern 
spricht, aber auch, wenn er z. B. schlankweg behauptet, was Ibsen und Björnson 
Gutes, Vorgeschrittenes, Ideenhaftes brächten, habe in Deutschland lange vor ihnen 
Hebbel innerhalb der geläuterteren, abgeklärteren Formen der deutschen Dichtkunst 
vollkommener dargeboten!®^) — 

Werke über deutsche Geschichte und Kulturgeschichte. 
Kaemmel^®) fügt den einzelnen Abschnitten der politisch-socialen Geschichte 
Deutschlands kurze litterargeschichtliche Uebersichten bei, die freilich nur äusserlich 
die wichtigsten Namen in oft seltsamer, innerlich unberechtigter Gruppierung nennen 
(so z. B. Gryphius neben Zesen, Hofmanns waldau und L^henstein als Gipfel der 
zweiten schlesischen Schule) und zwar durch keine groben Fehler entstellt sind, aber 
auch nichts Eigenartiges oder wissenschaftlich Bemerkenswertes leisten. Verhältnis- 
mässig am besten sind die grossen Dichter des 18. Jh. charakterisiert, viel flüchtiger 
wieder die Schriftsteller des 19. ~ Im Verein mit mehreren tüchtigen Mitarbeitern liefert 
Hans Meyer ®^) eine umfassende Darstellung des deutschen Volkstums in den Land- 
schaften und Stämmen, der Geschichte, Sprache, Sitte und Religion, dem Recht, der 
Kunst und Litteratur Deutschlands, nach dem zutreffenden Urteil R. M. Meyers 
eine Art von populärer Bearbeitung der Aufgabe, die Wühelm Scherer sich als 
Lieblingsplan vorgezeichnet hatte, eine Kunde vom Wesen deutscher Eigenart em- 
pirisch aufzubauen. Für die Litteraturgeschichte kommt manches in den Ab- 
schnitten über deutsche Sprache und ihre Geschichte von Weise, über deutsche 
Sitten und Gebräuche und die altdeutsche heidnische Religion von M o g k, über das 
deutsche Christentum von Seil und besonders das um^ngreiche Kapitel über die 
deutsche Dichtung von Wychgram in Betracht. W. versucht zum ersten Male, 
die ursprünglichen Anlagen, Empfindungen und Vorstellungen, die ganze Eigenart 
des deutschen Volkes aus seinen litterarischen Leistungen zu erschliessen. Er betont 
zunächst den Individualismus, die Freude an der Persönlichkeit im deutschen Schrift- 
tum. Die romanische Litteratur schafft Typen, die deutsche individuelle Gestalten 
und Situationen. Das zeigt sich von den Personen des Hildebrandsliedes und des 
Nibelungenliedes und von Wolframs Umdichtung der französischen Parzivalsage an 
bis auf Goethe, dessen Werke durchweg ein „Bekenntnis", eine Wiederspiegelung 
seiner individuellen Zustände waren, Schiller, den Schöpfer grosser, geschlossener, 
tief angelegter Persönlichkeiten, und die Allerneuesten. Selbst die äussere Form 
unserer Dichtung zeugt von individueller Freiheit, die freilich auch leicht in 
Formlosigkeit ausartet. Darum sind Kampf und Freiheit Lieblingsvorwürfe unserer 
Poesie. Ferner zeigt uns der deutsche Dichter den Helden gern im Streit mit sich 
selbst, er enthüllt uns ein Menschenleben in seinem inneren Zusammenhang, er 
fängt die Welt im Spiegel einer Seele auf. Damit hängt die Neigung zur Spekulation, 
die innige Verbindung von Dichtung und Philosophie zusammen, das Bedürfnis, an 
alles, was uns begegnet, einen Gemütsanteil heranzubrinfi;en, die sinnige Verknüpfung 
des Menschenschicksals mit der Natur und die feine Entwicklung unseres Natur- 
gefühls, das Streben nach einheitlicher Stimmung, wie im Gemütsleben, so in der 
Kunst, die Abneigung des deutschen Geistes gegen unvermittelte Gegensätze, seine 
Empfänglichkeit hingegen für die Schönheit vermittelter Kontraste. Besonders tief, ernst 
und kraftvoll fasst der Deutsche das Familienleben auf, die Liebe und Treue zu 



65) X (JBL. 1894 I 1:48.) |[E. B«ieh: ZPkP. 6, 8. 408-10 (Mhr lob«Bd).]| - 66) 0. Kfttmnel, D. W«rdagBiiff d. dtMih. 
YolkM. Bist. SiobtlinUn fftr ffdbild. LMer. 2. T.: D. NeuMit. L^ F. W. Qnuow. 1898. XIV, 464 S. g«b. M. 8^. — 
67) (JBU 1898 I 5:64.) |[B. M. Hey er: ZVVolkik. 0, S. 18-84 (im tilg, lobead, im eini. mit Beobt u. Unreebt mebrfkeb 
Udelnd); O. Btainbauiea: ZDKQ. 8, S. 867/8: C. J.: Giensb. 2, S. 48-61; F. O. Sobvltbeiss: AZgB. K. 28; LCBI. 8. 124. 
721 (eile 8 Ba^mb. sebr lobeu^); Stepbftn: CbrUrtlWeli 13, 8. 860/2 (Termifit nvr e. Ki^itel Aber dUeb. Pblloe.); A. 
J«br«sberiebte für nenere dentaobe LiiteratnrgeMbicbte. X. (1)2 



I 1:68-76 F. Munoker, Litteraturgesohichte. 1898, 1899. 

den Mitgliedern der Familie, das Heimatgefühl und die Treue überhaupt. Dass unter 
allen Völkern nur die Deutsohen (wie die alten Griechen) zweimal in ihrer Litteratur 
eine höchste Entfaltung ihrer Eigenart erlebten, erklärt W. damit, dass sie in die 
christliche Zeit einen unermesslichen Schatz altheidnischer Sagen hereinbrachten, 
wozu ebenso viele gewaltige historische Erinnerungen aus der Völkerwanderung 
kamen. Inniger als bei den Romanen findet W. bei uns von je die gegenseitige 
Durchdringung von Leben und Poesie; mehr als die grossen französischen Poeten 
haben unsere besten Dichter den ganzen Kreis des Menschlichen umspannt und 
ihre Kunstübung auf die Grundlage einer tiefen, weltweiten Bildung gestellt. Darum 
wurde auch ihre Wirkung auf die nationale wie auf die menscmiche Bildung des 
Volkes viel dauernder: bei den Deutschen ist die Dichtung eine der grossen, 
schöpferischen Lebensmächte gewesen, sie steht nicht neben dem Leben, sondern in 
ihm. Durch unsere ganze Litteratur zieht sich die Vorherrschaft des Inhalts vor 
der Form; schon der alte Stabreim wollte den Gedanken besonders stark heraus- 
heben. Dazu kommt die ausserordentliche, manchmal auch gefährliche Neigung und 
Fähigkeit des Deutschen, Fremdes sich anzueignen, der unsere Litteratur ihre AU- 
seitigkeit des Inhalts verdankt. Bei dem Ueberblick über die Entwicklung der 
deutschen Poesie beachtet W. besonders, welche Personen das deutsche Volks- 
bewusstsein aus der Geschichte herausgriff und zu Sagengestalten umschuf, 
warum z. B. hier der Ostgote Theodorich eine ungleich grössere Bedeutung als Attila 
gewann. Das Volksbewusstsein sucht nach einem tieferen, ethischen Gesetz im ge- 
schichtlichen Verlauf und ordnet diesem Gesetz die Thatsachen, die Zeitfolge, ja die 
historische Bedeutung mancher Personen geradezu unter. Bei der Betrachtung des 
einzelnen hebt W. die dem deutschen Wesen eigentümlichen Züge hervor, die 
Gelassenheit in Gefahr, den Humor, besonders den Zecherhumor usw.; oder er 
weist auf den Einüuss der undeutschen Bestrebungen hin, die etwa im Rittertum 
und in den Kreuzzügen liegen. Nicht immer wird man ihm beistimmen; so kann 
man z. B. mit Fug zweifeln, ob wirklich das individuelle Element im alten Nibelungen- 
lied viel stärker als in der „Kudrun^' sei. Oder man kann die Würdigung 
Lessings allzu einseitig bis zur Ungerechtigkeit finden. Schön ist dagegen 
Goethe charakterisiert mit seinem Streben nach Verinnerlichung und nach Wahrheit 
gegen sich selbst. Die Flüchtigkeit der Hinweise auf die neuere mundartliche 
Dichtung wurde schon im Euph. gerügt und dabei zugleich das Bedauern aus- 
gesprochen, dass W. nicht überhaupt die reiche volkstümliche, bodenständige, land- 
schaftlich gegliederte Litteratur, die wir neben den grossen Werken unserer Klassiker 
fast in allen deutschen Landschaften besitzen, mehr in den Kreis seiner Darstellung 
gezogen hat. •*"••) — Steinhausens Sammlung von Monographien zur deutschen 
Kulturgeschichte wird durch das büderreiche Buch Liebes'^) über den Soldaten 
in der deutschen Vergangenheit hübsch eröffnet. Die Schilderung nimmt öfters 
Bezug auf die volksmässige Litteratur, besonders auf Volkslieder aus alter und 
neuerer Zeit, auch auf J. Rists „Perseus", auf des Grypbius „Horribilicribrifax" und 
ähnliche Werke, und führt grössere Proben daraus an. Auch in den Abbildungen 
werden einige solche volksmässige Gedichte ganz oder teilweise reproduciert. "'^''^J ^ 
Im ungeschicktesten Ton, der oft unfreiwillig erheiternd wirkt, erzählt Henriette 
Hassen^) die Geschichte der deutschen Frauenwelt, von der sie selbst herzlich 
wenig weiss. Das Ganze strotzt von Irrtümern, Missverständnissen, Verwechslungen 
und willkürlichen, fast immer verkehrten Ausschmückungen der Geschichte. Fehler 
wie „Amalie Freiin von Drost-Hülshoff*' sind lange nicht das Schlimmste. Was die 
Vf. über Hroswitha, den Minnesang, die Dichter des 18. Jh. und die Frauen sagt, 
mit denen sie in Berührung kamen, die Art femer, wie sie Dichterstellen zur Aus- 
malung von Vorgängen des kulturgeschichtlichen Lebens verwertet, klingt meistens 
urkomisch, ist aber wissenschaftlich durchaus unbrauchbar. ''^) — 

Litteraturgeschich te einzelner deutscher Länder und 
Stämme. Mehrfache und ausführliche Würdigung hat die schwäbische Litteratur 
erfahren. In ihrem ganzen Umfange versucht sie Rudolf K r a u s s *'^) darzustellen, 

Bladiio: Oymn. 17. 8. 995/8 (kliifft nar, dMS d. dtsoh. Katholii. nioht m Minem Beeht« komme); Eaph. 6, S. S78/9.JI - 68) X r. 0. 
Sohultbelil, Dtfoh. Volltuoblaf In Verguigenli. n. Gegen w. Mflnohen, J. F. Lehroum. 89 S. M. 1,00. (Fflr Litl-Geeoh. gani 
unergiebig.) - 68) X (JBI^- 1897 I 4:90.) |[a. Stelnhaaien: ZDKQ. 5, S. 456/7.]| — 70) 0. Liebe, D. Soldat in d. 
dtioh. Yergnngenh. Mit 183 Abbild. «. Belli, naeh d. Originalen ans d. 16.-18. Jh. (= Monographien i. dtech. Knitnrgeeeh., 
her. ▼. 0. 8 1 e 1 n b a Q s e n , Bd. 1.) L., B. Diederichi. 4«. 157 8. M. 4,00. ([ELKantiieh: ChriatlWelt. 18, S. 1916/9 (sehr 
lebend).]! — 7t) OX<}-Steinhaneen,D. Kaufmann d. dteoh. Yergaagenh. Mit 150 Abbild, n. BeilL naeh d. Originalen 
aaf d. 16.-18. Jh. (= Monographien i. dteoh. Knlturgeech., her. t. O. St ein hanien, Bd. 9.) ebda. 4« 199 S. M. 4,00. — 
72) O X A. Kohnt, Oeaeh. d. dtseh. Jndeo. E. Hauabaoh ffir d. Jfid. Familie. Illuatr. v. Th. Kntachmann. B., Dentaeher 
Verlag. 808, 99, XVin 8. geb. M. 96,00. (Auch in 10 Lfgn. an etwa 80 8. h M. 9,00.) — 73)HenrietteHageel, OeMih. 
d. dteeh. Frauenwelt In d. Knltnrbeweg. d. Zeiten hie i. Oegenw. Mitgabe fflr Franen n. T6ohter d. gebild. Stftnde. Brann- 
iehweig, Book A Co. (in Komm.). 1898. IX, 886 8. M. 8,00. - 74) O X P- Bfl ttnen, SUmmbnehbll. (B. Stflek Knltur- 
geeoh.): KoneMsehr. 8. 151-69, 958-75. — 75) B. Kraue e, Sohw&h. Litt-Oeaoh. in 9 Bdn. 1. Bd.: Von d. AnAngen bie in d. 
19. Jh. 9. Bd.: Die wlirttemb. Uti im 19. Jh. Freibvrg i. B., J. C. B. Mohr (P. Siebeek). VUI, 481 8.; XII, 496 S. M. 15,00. 



F. Muhoker, Litteraturgesohiohte. 1898, 1899. I 1 :75 

so dass er das Schrifttum des gesamten Königreichs Württemberg (einschliesslich 
seiner fränkischen Gebiete) sowie des bayerischen Schwabens in den Kreis seiner 
Untersuchung zieht und nur für das 19. Jh., in welchem dieses bayerische Schwaben 
sich mehr und mehr mit dem übrigen Bayern verschmolz, sich auf das eigentliche 
Württemberg beschränkt. Er vergisst dabei nie, den Blick zugleich auf die Ent- 
wicklung unserer deutschen Litteratur im allgemeinen zu lenken; doch geht er von 
der Ueberzeugung aus, dass die geistige Stärke und der geistige Reichtum des 
deutschen Volkes vornehmlich auf den Ergebnissen eigenartiger und selbständiger 
Bildung bei den einzelnen Stämmen beruhe, dass hingegen eine geistige Konzentration 
und Nivellierung zur Verflachung, Versumpfung, Entkräftiing und Verarmung der 
deutschen Kultur führen würde — eine Gefahr, die nach seiner Meinung uns in den 
letzten drei Jahrzehnten näher gerückt ist. In den Schwaben mit ihrer Freiheits- 
liebe, ihrer Abneigung gegen Zwang und einförmige Regel, ihrem Streben, aus 
der Welt der Wirklichkeit in das Heich der Gedanken zu flüchten, erblickt K. 
„potenzierte Deutsche^^ Aber auch zur Poesie befähigt sie ganz besonders ihj: Flug 
der Phantasie und ihr Hang ziun Träumen, ahre Tiefe des Empfindens und Ausdauer 
im Denken. Nur lässt auch der schwäbische Dichter in seiner Freiheitsliebe gern 
dem individuellen Temperament die Zügel schiessen, unbeengt durch gegebene 
Formen. Ueberhaupt steht ihm der Inhät höher als die Form. Das Hauptgebiet 
der schwäbischen Dichtung war stets die Lyrik; die dramatische Begabung scheint 
sich in dem einzigen Schiller verdichtet und erschöpft zu haben. Ueber die mittel- 
alterliche Litteratur und auch noch über die Poesie der nächsten Jhh. geht K. mit 
Absicht, doch nicht mit Recht, überschnell hinweg, ohne über die einzelnen Dichter 
etwas Eigenartiges zu sagen. Hartmann von Aue thut er auf nicht canz drei Seiten 
ab; auch seine Würdigung Reuchlins, Frischlins, J. V. Andreas, O. H. Weckherlins, 
J. U. Königs ist zu kurz und wissenschaftlich unselbständig: keiner von diesen 
Schriftstellern tritt irgendwie lebensvoll oder anschaulich heraus, noch weniger 
freilich die kleineren, nur ganz äusserlioh behandelten Dichter neben ihnen. Viel 
genauer, selbständiger und eigenartiger wird die Darstellung der letzten anderthalb 
Jhh. Verdienstlich ist hier namenflich die Behandlung vider kleiner und mittel- 
grosser Schriftsteller, die bisher noch nicht im litterargeschichtlichen Zusammenhange 
betrachtet worden sind; bei mehreren musste sich K. selbst das äusserliche bio- 
CTaphische Material erst mühsam zusammensuchen, weil jegliche Vorarbeit fehlte. 
Weniger Eignes bietet er in der Würdigung der grösseren Dichter, deren Wirk- 
samkeit sich keineswegs innerhalb der schwäbischen Grenzen hielt. Hier ist er noch 
oft von den Arbeiten alterer Forscher allzu sehr abhän^g, und seine Darstellun^f 
bleibt etwas äusserlioh und farblos; sachlich richtig ist sie fast immer. So behandeu 
er ausführlicher (wenn auch den einen oder anderen noch immer zu kurz) Schubart, 
J. M. Miller, Wieland, Th. Abbt, L. Wekhrlin, A. L. Schlözer und andere Publizisten, 
G. F. Stäudlin, K. F. Reinhard, Schiller (bei dem er wenigstens im allgemeinen die 
schwäbischen Charaktereigenschaften gut betont), Schelling und Hegel (die beide eine 
tiefer eindringende Würdigung verdient hätten), F. Gh. Weisser, J. Ch. F. Hang, 
K Ph. Conz, Hölderlin, L. Neuffer und von den Dialektdichtem besonders Seb. 
Sailer. Daneben hebt er den Herzog Karl Eugen und später namentlich J. G. Cotta 
und seine Zeitschriften (die „Allgemeine Zeitung^S das „Morgenblatt^^ sowie über- 
haupt den Buchhandel in Stuttgart gebührend hervor. Am besten sind die schwäbischen 
Dichter in der ersten Hälfte des 19. Jh. charakterisiert, bei denen sich K. auf eigene 
Forschung stützen konnte. So stellt er, mehrfach ins einzelne eingehend, liebevoll, 
doch möglichst objektiv ohne einseitige Ueberschätzung, Uhland, J. Kerner, G. 
Schwab und die anderen Mitglieder der sogenannten schwäbischen Schule dar, dann 
besonders trefiTlich Mörike, Waiblinger, F. Th. Vischer, auch J. G. Fischer, Herwegh, 
Ludwig Seeger, F. Notter, L. Pfau (bei dem nur die beständige Nachbildung älterer 
Muster stärker betont sein sollte), A. Knapp, K. Gerok, W. Hauff, Hermann Kurz, 
Joh. Scherr, Reinhold Köstlin, B. Auerbach, Ottilie Wildermuth, Moritz Rapp und 
Charlotte Birch-Pfeiffer und von wissenschaftlichen Schriftstellern etwa D. F. Strauss, 
K. J. Weber und Friedrich List. Die Gruppierung dieser Autoren nach den Gattungen 
der Litteratur, die sie vornehmlich pflegten, ist freilich recht äusserlioh. Die per- 
sönlichen und geistigen Zusammenhänge im litterarischen Leben Schwabens sollten 
auch in der Darstellung, besonders in der Reihenfolge der einzelnen Dichter besser 
hervortreten. Dann hätten auch die von auswärts zugewanderten Schriftsteller, die 
in Württemberg eine Art von neuer Heimat fanden, wie W. Menzel, Lenau, F. W. 
Hackländer und andere, in die Geschichte der schwäbischen Litteratur selbst ein- 
gegliedert werden können, während sie jetzt nicht eben geschickt mit allerhand 
anderen Dingen in einem Nachtrag untergebracht sind. Am wenigsten beMedigt der 
üeberblick über die Dichtung der Gegenwart trotz des dankenswerten Pleisses, den 
der Vf. hier in dar Zusammenstellung biographischer und bibliographischer Daten 

(1)2* 



I 1:7680 F. Muncker, Litteraturgeschiohte. 1898, 1899. 

aufgewandt hat. Denn hier enthält er sich ängstlich jedes kräftigen und nur einiger- 
massen tiefer eindringenden Urteils; ohne irgendwie eine VerteUung von Licht und 
Schatten zu versuchen, verzeichnet er möglichst vollständig und möglichst gleich- 
massig alle neueren Dichter Württembergs, ihren Lebenslauf • und ihre Leistungen. 
Grosse Talente wie Wilhelm Hertz oder Isolde Kurz heben sich dabei kaum aus 
den Scharen der Dutzendreimer heraus, und so führt hier das Bestreben, gegen 
jeden neueren Dichter von winziger Begabung möglichst gerecht zu sein, geradezu 
zur Ungerechtigkeit gegen die echten Talente. K. meint zwar, sein Verfahren be- 
dürfe für Leser, die einen Einblick in die Verhältnisse haben, weder der Ebtsohul- 
digung noch der näheren Erklärung. Wenn aber wirklich die Verhältnisse derart 
sind, dass er eine kritische Würdigung der lebenden Dichter Württembergs nicht 
wagen durfte, dann hätte er besser seine Geschichte der schwäbischen Litteratur 
überhaupt nicht bis auf die jüngste Gegenwart fortsetzen sollen. Die Anmerkung^i 
zu den beiden Bänden bringen brauchbare bibliographische Nachweise und gelegent- 
liche Nachträge. — Im Unterschied von diesem an sich rühmlichen Streben nach 
thunlichster Vollständigkeit begnügt sich Hermann Fischer ''•) mit der Charak- 
teristik weniger schwäbischer Dichter des 19. Jh., die er aber mit grosser Liebe und 
schönem Gelingen herausarbeitet. Er beginnt mit einem Wiederabdruck der vor- 
trefQichen, 1897 selbständig veröffentlichten Biographie seines Vaters J. G. Fischer. 
Daran reiht sich eine nicht minder geglückte Schilderung F. Th. Vischers, des 
kraftvoll-entschiedenen, freien und wahrhaften Mannes und seines Wirkens als Denker, 
Dichter und Lehrer; der von Liebe und inniger Verehnmg zeugende Aufsatz ist 
gleichfalls aus früheren Arbeiten des Vf. (vom J. 1887) herausgewachsen. Neu sind 
dagegen die übrigen Essays, eine sorgfältige Abhandlung über den auf mancherlei 
Utterarischen Gebieten thätigen Rudolf Kausler, den Freund von Hermann Kurz und 
Berthold Auerbach, eine gute Charakteristik des als Lyriker und besonders als 
Uebersetzer (von Böranger, Aristophanes, Victor Hugo, Shiiespeare) ausgezeichneten 
Ludwig Seeger, und eine genau in alles Einzelne eindringende, in vielen Beziehungen 
erschöpfende ästhetische und litterargeschichtliche Würdigung des Romans „Schillers 
Heimatjahre" von Hermann Kurz. — Niu" hie und da berührt Baumann'''') in 
seinen Forschungen zur schwäbischen Geschichte auch die Litteratur Schwabens. 
So beschäftigt er sich z. B. eingehend mit Kemptner Chroniken in lateinischer und 
in deutscher Sprache aus dem Ende des 15. Jh. Als den Vf. von sechs derartigen 
Gesohichtswerken sucht er den Kemptner Schulmeister Johannes Birckius nach- 
zuweisen. Diese deutschen Chroniken, deren wichtigste B. genau abdruckt, sind 
auch insofern merkwürdig, als sie die ersten bekannten Werke in Kemptner Mundart 
sind. In einem zweiten Aufsatz über eine Kemptner Chronik aus dem Anfang des 
17. Jh. (wahrscheinlich von dem Stadtprediger Christoph Schwarz) teilt B. zwei Volks- 
lieder vom Leben und Tod des Kemptner Pfarrvikars Mathias Waibel mit, der 1525 
bei dem Bauernkrieg als aufwiegelnder Prediger eine grosse Rolle im Allgäu spielte, 
bis er gefangen genommen und hingerichtet wurde, in der Dichtung aber üb Märtyrer 

gefeiert wird. Auch liefert B. manchen hübschen Beitrag zur Deutung schwäbischer 
rtsnamen nach ihren keltischen, lateinischen oder altdeutschen Bestandteilen. Noch 
können seine Untersuchungen über Herkunft und Identität von Schwaben und 
Alemannen und über das Verhältnis ihrer Mundarten zu einander die Aufmerksam- 
keit des Germanisten erregen. — Holders''®) Geschichte der schwäbischen Dialekt- 
dichtung lobt Behaghel wegen ihrer Reichhaltigkeit, wünschte aber lieber eine 
kritisch schärfere Auswahl. Beck stattet seine sehr anerkennende Besprechung 
des gleichen Buches mit guten eigenen Bemerkungen über schwäbische Dialekt- 
dichter aus. — Die Litteratur eines den Schwaben benachbarten Gebietes''*) betrifft 
eine Veröffentlichung aus dem Nachlasse Philippe Andr6 Grandidiers*^®), 
ein alphabetisch geordnetes Lexikon elsässischer Schriftsteller und Künstler, solcher, 
die aus dem Elsass stammten oder dort vorübergehend oder für immer eine Wirkungs- 
stätte fanden. Der hauptsächliche Nachdruck ist auf ihre Lebensgeschichte gelegt; 
doch werden auch ihre Hauptwerke, ihre litterarische Bedeutung, die Urteile der 
Mit- und Nachwelt einigermassen erörtert. Die gelehrten, lateinisch schreibenden 
Schriftsteller sind in dem Buche viel zahlreicher als die deutschen vertreten; über 
diese, unter denen Seb. Brant, Geiler von Kaisersberg, Mumer, Tauler, Schöpflin 

i[LCBl. 1896, 8. 78S/8; K. Berfftr: BLÜ. 1898, B. 786;7; Th. Ibnar: Q%g. M, 8. 892/4 (&11e 8 im gmwwa lebend); O. Be«t- 
tiober: NJbbKlAltOL. 1, 8. 446/7 (tadelt d. oberfltebl. Bebaadl. dei MA.); K. BehneBberffer: DLZ. 90. 8.580/8 («adelt 
dMB. «. d. üaeelbettadigkelt d.Yf. aneh iu epAteree Kapitelo).]) (Vgl. JBL. 1897 lY 9:26.) - 76) H. Fieoher, Beitrr. a. litt- 
0«M>b. Sobwabeaa. 2. B«{be. Tftbingen, H. Lanpp. YII, 248 8. M. 4.00. '[—].: LCBl. 8. 1716 (aebr lobend).]! ^ 77) P. L. 
Banmann, Fortebnngea z. eebw&b. OeMb. Kempten, J. K6ael. YII, 625 8. H. 4^0. — 78) (JBL. 1896 lY la:45.) |[0. 
Bebagbel: LBlOaPh. 19, 8. 267/9; P. Beek: DlöeeeASebwaben. 15, 8. 46/8.]} - 79) O X Banml. bernleeber Biegrapbiea. 
Her. T. d. biet Yerein d. Kantone Bern. 21. n. 22. liir. (= 8. Bd., 8. 821-480 mit Abbild.). Bern, 8«bmid A Franeke. 1898. 
M. 2,40. ~ 80) Pb. A. Qrandidier, NonTellee mnyree indditea. Yel. 2: FragmenU d'one AleatU IltUnU o« 
diotlonnaüe biogr. dea Uttdratenra et artiotee aleadene. Paria, A. Pieard ä flle. 1898. XY. 626 8. M. 6,00. — 



P. Muncker, Litteraturgesohiohte. 1898, 1899. I 1 : si 

hervorragen, erfahrt der moderne Leser kaum etwas Neues von Bedeutung. — Eine 
ausführliche Darstellung ist der deutsch-österreiohisohen Litteraturgesohiohte zu teil 
geworden durch Nag 1 und Z eidler®*), von deren umfangreichem, schon vor 
einigen Jahren begonnenem Werke nun ein stattlicher Band vorliegt. Unterstützt 
von zahlreichen österreichischen Fachgenossen, haben die beiden Vf. sich derart in 
die Arbeit geteilt, dass N. die Darstellung des Mittelalters, Z. die der neueren Zeit 
seit der Reformation übernahm. Die Gliederung des StofiTeg innerhalb dieser beiden 
Hauptabschnitte erfolgt nicht durchweg nach streng geschichtlich-chronologischen 
Gesichtspunkten, ist aber in der Hauptsache klar und organisch. Unter den mittel- 
alterlichen Volksepen hebt N. nach dem Nibelungenliede (vgl. JBL. 1897 I 1 : 48) 
noch besonders die „Kudrun" hervor, die ihn zu allerlei umständlichen Vermutungen 
über die mythologischen Grundelemente der Sage verlockt. Dieselbe Neigung zu 
kühnen Vermutungen tritt wieder bei Neidhart von Reuenthal hervor, diesmal ge- 
leitet durch die Absicht, den Dichter noch inniger mit Oesterreich zu verketten, als 
es sonst schon der Fall ist. Möglichst vollständig und sorgfältig sind die übrigen 
geisüichen oder ritterlichen Epäer und Lyriker des mittelalterlichen Oesterreichs 
behandelt, einzelne unter ihnen besonders liebevoll und genau, so der Stricker, der 
Pleier, Ulrich von Liohtenstein, Ottokar der Vf. der steirischen Reimchronik, Heinrich 
und Ulrich von dem Türlin, Hugo von Montfort, Oswald von Wolkenstein, der 
Mönch Hermann von Salzburg. Etwas zu kurz und zu farblos wird Wernher der 
Gartenäre gewürdigt. Bei dem Urteil über die Spruchdichtung Walthers von der 
Vogelweide stellt sich N. bisweilen zu einseitig auf den kirchlichen Standpunkt. 
Ausdrückliches Lob verdient die Rücksicht, die an verschiedenen Stellen auch den 
musikalischen Kompositionen der mittelalterlichen Dichtungen zu teil wird. Dagegen 
fordert zu manchem Widerspruch das wiederholt sich offenbarende Bestreben heraus, 
die litterarischen Leistungen der Oesterreicher als besonders gut herauszustreichen, 
das hingegen, worin sie hinter dem übrigen Deutschland zurückblieben, als un- 
bedeutend oder wertlos hinzustellen. Mit Fug und Recht kann N. seiner Freude über 
die Verdienste seiner engeren Heimat freien Lauf lassen bei der Schilderung der 
geistlichen Spiele, die ja zu Ende des Mittelalters vornehmlich in österreichischen 
Landen gepflegt und entwickelt waren. Bei den Fastnachtsspielen betont er nament- 
lich die grössere Reinheit und den frischeren naiven Humor der österreichischen 
Versuche vor den Nürnberger Stücken. Ein ungeheures, vielfach bisher noch nicht 

Eönügend bearbeitetes Material verwertet Z. für die Geschichte der österreichischen 
itteratur im Zeitalter des Humanismus, der Reformation und der Gegenreformation, 
der Ordensherrschaft und Barockbestrebungen bis in die Mitte des 18. Jh. Sehr oft 
liegen der Darstellung eigene Specialstudien des Vf. zu Grunde ; an Fleiss und Gründ- 
lichkeit hat er es nirgends fehlen lassen, und unser Wissen bereichert er überall, 
auch da, wo wir uns kaimi völlig zu seiner Auffassung der Geschichte bekehren 
können. An mehr als einer Stelle führt ihn seine katholisch-kirchliche Ueberzeugung 
zu einer nicht vorurteilsfreien Betrachtung der Dinge. Er versagt den litterarischen 
Thaten Luthers, seiner Genossen und Nachfolger, den geistlichen Liederdichtern, den 
Predigern und Dramatikern protestantischen Bekenntnisses, die in österreichischen 
Landen auftraten, keineswegs die gebührende Achtung; ja er hebt einige dieser 
letzteren, so Johannes Mathesius und Wolfgang Schmeltzl, besonders hübsch hervor. 
Aber die Reformation selbst würdigt er durchaus -nicht nach ihrem geschichtlichen 
Verdienst, und einseitig betont er fast nur die verhängnisvollen Folgen der Kirchen- 
spaltung. Ueberaus hoch schätzt er die Bedeutung der Klöster und Orden für das 
litterarische und gesamte geistige Leben in Oesterreich. Mit Recht beklagt er, dass 
man ihrem Wirken so lange viel zu wenig Wert beigemessen habe. Aber er droht 
nun in das entgegengesetzte Extrem zu fallen, indem er dieses Wirken ids ein durch- 
weg heUsames schildert und das Bedenkliche der vielfach undeutschen Bildung, die 
von den Ordensleuten ausging und durch sie gepflegt wurde, völlig zu übersehen 
scheint. Sonst freilich sind gerade die Abschnitte, die er diesen Seiten der öster* 
reichischen Litteratur, also namentlich der lateinischen Litteratur auf österreichischem 
Boden widmet, ganz vortrefflich. So schildert er eingehend die Entwicklung des 
Humanismus in Oesterreich. Dabei treten besonders stark Enea Silvio (der spätere 
Papst Pius H.), Kaiser Maximilian 1., dessen dichterische Leistungen ungewöhnlich 
hoch gestellt werden, Konrad Celtis und Benedictus Ghelidonius, beide hauptsächlich 
als dramatische Dichter, ferner Bohuslaw Lobkowitz von Hassenstein hervor. Vor 



81) J. W. Nftgl v. Jak. ZeldUr, I>tseli.-Aft«rTelob. LUt.-Oesoh. B. Handbuoli s. OMcb. 4. AtMh. Dlehtnng in Oestomiob- 
Ungarn. Unter Hitirirk. berrorrag. Faobg«noM6n bar. Hanptbd.: V. d. KoloniMtion bii KaiMrin Maria Tbereiia. Mit S2, t«il> 
&rb. Baill. u, 129 AbMIdgn. im Text Wian, C. Fronne. 1809. XIX, 686 8. M. 17,00. |[0. Beettiebar: MJbbKlAltOL. 1, 
S. 448/6; W. Qoltbar: LBlOBPb. 90, 8. 907-800; F. SandTOsa: PrJbb. 08, 8. 148-66; A. Wanaok: ZBaalaabnlwaaan. 24> 
S. 356-60; K. Haabnal: Oymn. 17, 8. 860/1; Wl.: ÖLBl. 8, 8. 77/9 (flndat d. Oaganrafaraatlon la knrs babandeltl): A. 
Sablosaar: LittBobo. 1, B. 891/8; A. Saltar: Knltur 1, S. 478-88; AltWian. 6, 8. 978/8 (alle Baapraab. avaaar d. t. 



I 1:89-84 F. Munoker, Litteraturgeschiohte. 1898, 1899. 

allem reichhaltig und wertvoll ist, was Z. über das Theater der Ordensleute, in erster 
Linie über die Jesuitenkomödie sagt. Unberechtigt ist dabei nur der ganz unpassende 
Vergleich mit dem Oesamtkunstwerk Richard Wagners. Nicht minder hell und 
hübsch werden die l3rriscben und epischen Dichter in lateinischer Sprache, die aus 
den Klöstern hervorgingen, beleuchtet, so Simon, Rettenbacher (1684—- 1706^ und 
Virgilius Qleissenberger (1685—1737). Mit noch grösserer Liebe verweilt aber Z. 
da, wo klösterliche und volkstümliche Bestrebungen sich vereinigen. So bedeutet 
die von genauester Kenntnis zeugende Würdigung Abrahams a S. Clara einen Gipfel- 
punkt seiner ganzen Darstellung. Nur läuft diese Würdigung gar zu sehr auf eine 
fast unbedingte Lobpreisung des ja in der That gewaltigen, oft aber auch recht 
gfeschmacklosen und geistig mannigfach beschränkten Kanzelredners und Schrift- 
stellers hinaus. Trefflich behandelt Z. Abrahams Verhältnis zum schwäbischen und 
zum österreichischen Volksstamm. Haltlos ist freilich seine auf bloss äusserliche 
Zufälligkeiten gegründete Vermutung, dass schon der junge Schiller Anregungen aus 
Abrahams Schriften empfangen habe; unglaublich thöricht aber ist es, wenn aus 
solchen (nur eingebUdeten) Anregunfifen „die dem Katholizismus günstige Färbimg^^ 
im „Gn^en von Habsbiu^g^S in der „Jungfrau von Orleans^^ und besonders 
in der „Maria Stuart'^ erklärt werden soll. Man muss in der That herzUch 
wenig von Schiller wissen, wenn man ihn noch im letzten Jahrzehnt seines Lebens 
zum Vorkämpfer oder auch niu* zum entschiedenen Bekenner einer einzelnen christ- 
lichen Konfeesion machen will. Er war um kein Haar weniger „konfessionslos" als 
Lessing, den Z. gleich nach jenen Worten über Schiller als „Aufklärungsphilosophen'* 
scharf gegen Abraham kontrastiert. Volles Lob verdient übrigens auch die Sorgfalt, 
mit der Z. die österreichischen Meistersinger, besonders die Schulen in Iglau, Stejr, 
Wels und Eferding bespricht, sowie seine Behandlung des volkstümlichen Dramas, 
des Bauerntheaters, der englischen Komödianten, der Wiener Posse unter dem Ein« 
iluss Stranitzkys und seiner Nachahmer, endlich der allmählich eindringenden Gott- 
schedischen Reformen. Daran schliesst sich eine gute W^ürdigung der volkstüm- 
lichen Epik und Lyrik, die sich mit Vorliebe auch der Mundart bedient, wobei Z. 
den (übrigens auch dramatisch thätigen) oberösterreichischen Priester Maurus Linde 
mayr als einen Typus der vom Barock und gleichzeitig von dem volkstümlichen 
Element getragenen, in manchen Zügen schon auf die Zukunft vorausdeutenden 
geisüichen Dichter betrachtet. Mit einem Ueberblick über die deutsche Renaissance- 
Btteratur in Oesterreich, unter deren Vertretern ausführlicher Katharina Regina von 
Greiffenberg, Freiin von Seissenegg, behandelt wird, schliesst der inhaltsreiche Band. 
Im einzelnen stören darin mehrere böse Druck- und Schreibfehler (z. B. S. 684, 
Anm. 2 „Geistesstörungen^^ statt „Geistesströmungen'^ S. 710 „Klopstocks Abels Tod^^ 
usw.) und der übertrieben häufige Gebrauch des Wortes „bodenständig''. Da hat 
sich (S. 622) Abraham a S. Clara als Knabe „unter der Jugend der bodenständigsten 
Volksschichte" herumgetrieben, und wenn er 1692 auf einer Romreise für seinen 
Orden das Recht erlangt, die Provinzialkapitel in Deutschland zu halten und hier 
die Obrigkeiten zu erwählen, so heisst es (S. 625), der Name Abraham bedeute also 
auch einen Wendepunkt in der Geschichte des Ordens „und zwar zu Gunsten einer 
bodenständigeren Organisation". Und so kehrt dieses sonst nicht allzu gewöhnliche Wort 
in allerlei möglichen und unmöglichen Verbindungen immer wieder.^^ — Nur wenig 
greift in die Litteraturffeschichte eine sonst hübsche Sammlung von Porträts be- 
rühmter Oesterreicher ®^ ein. Unter den zwanzig vorzüglich reproduzierten Bild- 
nissen österreichischer Fürsten, Heerführer und Künstler befinden sich nur drei 
Dichterbilder, von A. Grün, Lenau und Grillparzer, alle drei nach bekannten, be- 
sonders charakteristischen Porträts scharf und sauber hergestellt. — Graf Lutz ow**) 
würdigt in seiner Geschichte der böhmischen Litteratur das wirklich deutsche 
Schrifttum auf böhmischem Boden so gut wie gar nicht. Nur da, wo Böhmen sich 
der lateinischen Sprache bedienten, so bei Bohuslaw von Lobkowitz und noch einigen 
Humanisten, die er kurz charakterisiert, berührt er sich hie und da mit Zeidlers 
Darstellung. Ebenso widmet er auch den lateinischen Werken von A. Comenius 
eine ausführliche Betrachtung. Femer bespricht er mehrere wissenschaftliche Werke 
aus dem 18. und beginnenden 19. Jh., die, von Böhmen in deutscher Sprache ver- 
fasst, der Erforschung der böhmischen Sprache und ^Geschichte gewidmet waren, so 
Schriften von J. Bienenberg, J. Dobrovsk^, P. J. Safafik, F. Palack^ usw. ^ Auch 
die eine und andere Uebersetzung aus dem Deutschen ins Böhmische, so von Safafik 
(„Maria Stuart"), W. Hanka usw., nennt er. — Das Nachbarland Böhmens, Sachsen, 
schildert Kaemmel®^) übersichtlich kurz in seiner geschichtlichen Entwicklung. 

SandTOM im gMMB lob«nd).]| (Auch in Ltgn. %n K. 1,00; vgl. JBL. 1897 I 1 :48.) — 82) X J- Zeidler, In Sadien d. diMh- 
tatorreioh. LiU.-QMeh., her. t. Nagl «. Zaidler. E. Gharskieristik. Wien, Promme. 19 8. Or&tlf. (Q«geii d. Begpraoh. t. 
SiuidTOss, deren s. T. fibertriebanar n. nnberMhtlgtar Tndel mit «benso unbereobtigtar Uebertrelbnog Eurflokgnwiesen wird.) — 
9$) Fortraita barftbmter OMtarreloher. Wien, A. Fiohiere Witwe A Sohn. 1B98. gr.-Fol. SO BU. In Mnppe M. 8,00. - td) 



F. Munoker, Litteraturgesohichte. 1898, 18Ö9. I l:86-w 

Auf litterarische ErBcheinungen lenkt er dabei nur flüchtig sein Augenmerk; doch 
enthalten seine knappen Bemerkungen alles Wichtigere und verbinden mit den 
Namen der Schriftsteller, die sie nennen, meistens ein in wenige Worte zusammen- 

fedrängtes, geschichtlich richtiges Urteil. Nur für die letzten fünfzig bis siebzig 
ahre scheint K. diese Rücksicht auf die Litteratur vergessen zu haben, obgleich 
gerade in ihnen auch manche bedeutsamen litterarischen Bestrebungen sich auf 
sächsischem Boden geltend machten. — Ueberaus dürftig und beinahe durchweg 
ganz äusserlich sind die Bemerkungen über Litteratur und Theater in dem 
neugedruckten Band von Grosses®*) Geschichte der Stadt Leipzig, der die 
Zeit von der Reformation bis 1806 umspannt. Ausführlicher sind die Leipziger 
Disputationen während der Reformationszeit, die Kämpfe, unter denen der Pietismus 
erwuchs, auch gelegentlich die Geschichte der Gesangbücher in Leipzig behandelt; 
aber die Worte über Gottsched und die an ihn sich anschliessende Litteratur von 
1730—70 sind recht ungenügend, und über die Neubersche Reform der Bühne und 
die Schauspielertruppen, die nach einander in Leipzig auftraten, wird uns auch kaum 
etwas Neues und Beachtenswertes gesagt. — Auch Hanncke®') bietet in seinen 
gesammelten Skizzen zur Pommerschen Geschichte und Kulturgeschichte nur wenig 
von litterarhistorischer Bedeutung. Gelegentlich weist er auf Moscherosch hin, der 
über die Essgier der Ponunem spottete, auf den tapferen Pommern Ewald von Kleist, 
auf die Idyllen von J. H. Voss, auf J. G. Müllers „Siegfried von Lindenberg" und 
ähnliche Werke, die in Pommern spielen. Am meisten kann uns der Aufsatz „Aus 
der Zeit unserer Grosseltern" anziehen. Hier teilt H. aus den hinterlassenen Papieren 
des Landrichters Ernst Ferdinand Jaquet (1778—1808) allerlei mit und berichtet 
namentlich über Einträge in Studentenstammbücher gegen Ende des 18. und Anfang 
des 19. Jh. Die meisten Verse darin stammen von Matthisson und Wieland. 
Neben solchen Stammbüchern waren in den ostpreussischen und pommerschen 
Gegenden auch Albums mit allerlei witzigen Epigrammen Von meistens unter- 
geordneten Dichtern verbreitet, die aus verschiedenen Musenalmanachen ausgeschrieben 
waren. — Von den „Dichtergestalten der roten Erde" giebt Weddigen*®) einen 
kurzen, augenscheinlich schon vor längerer Zeit geschriebenen, für den Druck 
aber nicht neu überarbeiteten Abriss. Er geht bis auf den „Heljand" zurück, nennt 
für die zunächst folgenden acht Jhh. einige wenige Namen und gelangt so bald über 
Justus Moser, K. A. Kortum, Th. W. Broxtermann und mehrere kleinere Dichter 
zu seinem eigenen Urgrossvater, dem religiösen Lyriker P. P. Weddi^en, dessen 
Leben und Wirken er unverhältnismässig umständlich schildert. Viel rascher 
charakterisiert er dann Annette von Droste-Hülshoff, Grabbe, Freiligrath, L. Sobücking, 
F. W. Weber und einige neuere westfälische Dichter, ohne Eigenartiges zu bieten. 
Daran schliesst sich eine äusserliche Beschreibung der Ruhestätten und Denkmäler 
von mehreren dieser Dichter. — Umfangreicher und äusserlich vollständiger, aber 
wissenschaftlich ebenso ungenügend ist K o e p p e r s ®®) Darstellung der rheinisch- 
westfälischen Litteratur. Seine Kenntnis des Mittelalters, das er trotz zahlreicher 
Proben (grösstenteils aus neuhochdeutschen Uebersetzungen) auf 11 Seiten abmacht, ist 
nirgends aus den Quellen selbst geschöpft. Auch über die nächsten Jhh., wo ihn 
F. von Spee, G. Tersteegen, Moser, Broxtermann und noch einige Autoren auf 
wenige Augenblicke festhalten, kommt er mit raschen Sprüngen an die Schwelle 
des 19. Jh. Von da an wird er ausführlicher, teilt noch mehr Proben als vorher 
mit, bringt es aber auch jetzt zu keiner lebensvollen, noch weniger zu einer eigen- 
artigen Charakteristik, auch nicht bei Annette von Droste-Hülshoff, Heine, Immermann, 
Grabbe, Freiligrath, W. Müller von Königswinter, E. Rittershaus und anderen aus 
der grossen Menge bedeutsam emporragenden Dichtern. Immer wiederholt er nur 
die landläufigen Urteile und mit ihnen manchen alten Irttum. Ganz willkürlich ist 
die Reihenfolge der einzelnen Schriftsteller; so steht z. B. Annette von Droste nebst 
manchem Dichter, der erst vor zwanzig Jahren gestorben ist, lange vor den Brüdern 
J. G. und F. Jacob! , und Kortum wird unmittelbar hinter Immermann behandelt. 
Den wertvollsten Teil des Buches büden die mit augenscheinlicher Liebe geschriebenen 
ausführlichen und mit besonders reichen Proben ausgestatteten Würdigung^en einiger 
Dichter der letzten fünfzig Jahre sowie der Abschnitt über die mundarthche Poesie 
des 19. Jh. Auch dem umfangreichen Register, das mehrere im Buche selbst nicht 
erwähnte Namen von Dichtern mit den Nichtigsten Daten ihres Leben und Wirkens 



F. CoQBtLfttcew, A blitory of Bebemimn literatnre. London, W. Helnemftnn. XII, 488 9. Sh. 6. — 85) 0. Kaenmol, Siebs. 
Oooeb. (BSsmiBlung GAiebon N. 100.) L., O. J. aftiebon. 160 S. M. 0^. - 86) K. Groiio, Qoioh. d. Stadt Loipcig r. d. 
iltoitoD bio auf d. nenetta Zeit 2. Bd!« 1. H&lfte. Aiif 80 Abblldgn. n. PIAno naob alton «. soltonon Stiohen Tonnobrl Nondniek 
d. Attog. T. 1842. L.« Alwin Sobinidt. 1898. 448 8. IL 6,00. {Jg\. JBL. 1897 I 4 : 657.) -87)R.Hanaeka, Ponmeraobo Gosoblebta- 
bildor. 2h aen darebgeiebona n. vermobrta Aafl. sftaitL bieber arsobien. Skisson n. Knltarbilder dos Tf. Stattin, LAon Saunier. 
XI, 228 8. M. 4,60. - 88) 0. Weddigaa, Y. d. roten Erde. BnAblgn. n. Anfsitse. Mit Titelbild. Boobnm n. L., Ad. Stumpf 
Naebf. TU, 184 & geb. M. 8,60. - 88) G. K o e p p e r , Litt-Geseb. d. rbeiniseb-westfiL Landes. Mit 1 Bildnis. Biberfeld, 8. Lneae. 



I 1:90-108 F. Muncker, Litteraturgesohichte. 1898, 1899. 

der Vollständigkeit halber anführt, kann man verschiedene Belehrung im einzelnen 
entnehmen. — Die Schriftsteller des Klosters Maria-Laach vom Mittelalter bis zur Neu- 
zeit behandelt P. Richter^^^) sehr gründlich. Es sind fast ausnahmslos lateinisch 
schreibende Autoren, von denen uns Gelegenheitsdichtungen, Legenden, Arbeiten 
zur praktischen Theologie oder zur Geschichtsforschung überliefert oder wenigstens 
bezeuj?t sind. Sorgfältig untersucht R. die einzelnen Schriften auf ihre Entstehung, 
ihre Quellen, ihren Zusammenhang mit der sonstigen Litteratur, die Glaubwürdigkeit 
ihres Inhalts; aus mehreren hieher gehörigen Hss. teilt er grössere Abschnitte im 
Wortlaute mit. Besonders tritt aus den Laacher Autoren der Prior Joh. Butzbach in 
den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. hervor, der Schüler des Abtes Johannes 
Trithemius von Sponheim, vielthätig als hiunanistischer Schriftsteller in Prosa und 
Versen, oft nur ein geschickter Kompilator, nirgends wirklich originell, als Satiriker 
von Seb. Brant mit beeinflusst, als Vf. von Oden, geistlichen Gesängen, Epigranmien, 
Gelegenheitsgedichten durch allerlei Muster bestimmt, ebenso in seinen mannifipfachen 
Prosa werken von verschiedenen Vorgängern, besonders von Trithemius abhängig. 
Unter seinen Schülern ist vornehmlich Jakob Siberti zu nennen. In den Abschnitten 
über Butzbach und Siberti erweitert sich R.s Arbeit zu einer Darstellimg des rhei- 
nischen Klosterhumanismus überhaupt. ®^"®2) _ 

Allgemeine Litteratur^eschichte unter besonderen Ge- 
sichtspunkten. Cornill®^) erweist im einzelnen die von Herder zuerst vollauf 
erkannte religiös-künstlerische Bedeutung der Psalmen für die Weltlitteratur. Er 
preist sie als vollendete Kunstwerke, die einen allgemein menschlichen Inhalt in 
einer specifisch national ausgeprägten Form darbieten. Die theologischen und sitt- 
lichen Bedenken, die gelegen tüoh gegen den jüdischen Gottesbegriff und die Art, 
wie er sich in den Psalmen ausspricht, erhoben wurden, wehrt er ab, zeigt dagegen 
an Beispielen den menschlichen Reichtum dieser Dichtungen, den besonders Calvin 
und Luther so hoch bewunderten, und betont die schon von A. von Humboldt ge- 
priesene Naturpoesie der Psalmen sowie ihre Fülle von Sprüchen und Sentenzen, die 
allerlei Lebensverhältnisse lehrreich beleuchten. Doch erörtert C. nicht den Ein- 
fluss der Psalmen auf die Werke der verschiedenen Litteraturen, wie man nach dem 
Titel des Vortrags erwarten sollte. — Dafür giebt Kahle®*) einen gedrängten 
Ueberblick über den Einfluss Homers und der Bibel auf die Entwicklung der 
bildenden Kunst, wobei dann und wann auch eine geistreiche Bemerkung auf 
das Gebiet der Litteraturgeschichte hinüberschweift.®*) — Engels®') Zusammen- 
stellung von Aussprüchen bedeutender Persönlichkeiten über die höchsten Fragen 
ist ebenso wie das bekannte Buch Hertslets®') in neuer Auflage erschienen. — 
Wie die zahlreichen Anekdoten, die dieser Skeptiker kritisch prüft, so gehören auch 
die von Buxton Forman®®) mitgeteilten Anmerkungen, die Coleridge, hie und 
da auph Southey in ein Exemplar von Flögeis Geschichte des Grotesk-Komischen 
eingeschrieben hat, nur zum kleineren Teile in den engeren Bezirk der Litteratur- 

feschichte. -^ Auch nur flüchtig gestreift wird diese in den Betrachtungen 
*ürsts®®) über das Herz und die Rolle, die es im Volksbewusstsein und so 
auch in der dichterischen Phantasie und im Sprachgebrauch (mitunter sehr kühn 
und der Wirklichkeit widersprechend) spielt. — • Von den Dichtungen aller Völker 
und Zeiten, die das liebende Herz verherrlichen, vereinigt Nordhausen*®®) 
mehrere der bedeutendsten in einer vorläufig auf zelm Bände berechneten 
Sammlung von Neudrucken, von denen bisher zwei mit einer litterargeschichtlich- 
kritischen Einleitung des Herausgebers erschienen sind. — Das Liebesleben ver- 
schiedener in der politischen, Kunst- oder Litteraturgeschichte hervorragender 
Männer*®*) macht unter anderen Kohut*®*) zum Gegenstand mehrerer Essays, 
denen man freilich eine tiefdringende, wissenschaftlich erschöpfende, zu neuen Er- 
gebnissen führende Forschung nicht nachrühmen kann. Unter ihnen befinden sich 
eine Charakteristik von Henriette Herz und ihren Freundschaftsbeziehungen besonders 

1898. 248 8. M. 8,00. |[a. Boottioher: NJbbKUUeL. 1, S. 668 (Im ganien ablehnend).]! — 90) P»u1 Biekter« Die 
Sohriftoteller d. Benediktinerabtel MariaLaaeh. Stadien s. rheia. Kloster- u. Liti-aeeoh., mit Teztbeill.: WZ. 17, S. 4M16, 
277-840. - 91) O X W. Sehoof, Besiehnngen Marbnrgf e. dtioh. Litt.-Oe80b.: HeMenland 12, S. 286/8, 801/8, 818/6. — 92) 
O X E. Egg«rt, D. Mark tu ihre Oeeoh. in d. Poeaie: SohnlbllBrandenb. 68, 8. 456-81. ~ 93) C. H. Cornill, D. Psalmen in 
d. Weltlitt. Vortr. B., A. Kata. 1898. 80 8. M. 0,40. (Sonderabdr. ans JbJftdGeeehALitt. 1. 8. 88-68.) |rJeaehnnin 6, 8. 81/8.]| 

- 94) A. Kahle, D. Einllass Hemers n. d. Bibel anf d. Entwiold. d. Knnst: NorddAZgB. 1898, N. 282/8, 885, 240, 246. — 95) 
XTh. Zielinski, Cieero im Wandel d. Jhh. L., Teubner. 1897. lY, 102 8. M. 2,40. |[E. Z.: LCBL 1898, 8. 127/9 (sehr lobend).]! 

— 96) O H. Engel, D. grAssten Geister Aber d. h6chsten Fragen. Aassprftche n. Charabtersftge erster, nieht-theolog. 
AntoriUten d. 19. Jh. 2. Aafl. (JBL. 1898 IV 5a: 81) - 97) W. L. Her tele t, D. Treppenwits d. Weltgesoh. 6. Avil. B., 
Hände A Speaer. YU, 454 8. M. 4,00. (Ygl. JBL. 1896 I 1 :69.) - 98) H. Bazton Forman, 8. T. Coleildge^s notes oa 
F15ge1s histery ef oomic literatnre: Cosmepolis 9, 8. 686-48. — 99) L. Fftrst, Yom Hersen: PrJbb. 90, 8. 87-100. - 100) 
O R. Nordhansen, Ars amandi. 10 Bfleher d. Liebe. 1. Goethe, Byron, Heine, Lenan. Mit Zeiehnnngen t. F. Stassen. 
B., Fiseher A Franlre. 1898. 268 8. H. 6,00. |[-bl.-: ZBfleherfirennde. 2, 8. 526/6 (weist anf versoh. Lfieken d. Samml. 
hin).]) - 101) O X E- J. Hardy, D. Liebes- n. Eheleben berfihmter Kinner. Freie Bearb. t. Bertha Katseher. L., 0. 
Wigand. 1898. Y. 280 S. M. 4,60. - 102) A. Kohnt, D. Bwig-Weibliohe in d. Welt-, Knltnr- n. Litt.-Geaeh. L., F. E. 



F. Muncker, Litteraturg^schichte. 1898, 1899. 1 1 : lOs-ios 

zu Sohleiermacher und Börne, ein Aufsatz über Voltaires Verhältnisse zu ver- 
schiedenen Damen, eine Betrachtung der unselig verworrenen Liebesschicksale 
Bürgers sowie der harmlos glücklichen Bande, die Theodor Körner an ältere und 
jüngei'e Frauen und Mädchen knüpften, endlich Schilderungen vom Liebesleben 
Shelleys, Hölderlins und Immermanns. Am besten und selbständigsten unter all 
diesen Charakterbildern ist wohl das des unglücklichen Hölderlin und der Frauen, 
die bedeutungsvoll in sein Schicksal eingriffen, ausgefallen. — Weder durch wissen- 
schaftlichen Gehalt noch durch seinen geschmacklos witzelnden Plauderton, der dem 
Stile Heines schlecht nachgebildet ist, zeigt sich diesen Essays der Aufsatz von 
Karpeles*®^) über dichterisch bedeutende Frauen alter und neuer Zeit überlegen. 
Unter den zahbeichen Dichterinnen der morgen- und abendländischen Litteraturen, 
die K. kurz mit lobenden Worten erwähnt, hebt er namentlich zwei hervor, die 
Richterin Deborah im Volk Israel, die er als die älteste Dichterin der Weltlitteratur 
überschwenglich preist, und die Klausnerin Ava, die erste deutsche Dichterin, über 
die er freilich allerlei plaudert, was der gewissenhafte Litterarhistoriker nur mit dem 
grössten Bedenken aufnehmen wird. — Viel gewinnt der ernste Forscher auch nicht 
aus der Anthologie von Gedichten fürstlicher Autoren des Mittelalters und der Neuzeit, 
die Georg Zimmermann*®*) in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt hat. 
Die niohtdeutschen Gedichte, desgleichen die mittelhochdeutschen Proben des Minne- 
sangs sind dabei in neuhochdeutscher Uebertragung gegeben. Grosse Dichter offen- 
baren sich vor allem in den I^eistungen der deutschen Fürsten, die Z. anführt, 
schwerlich. Doch vermögen einzelne erlauchte Vf. immerhin eine besondere Auf- 
merksamkeit zu erregen; so erscheinen neben den Königen Friedrich II. von Preussen, 
Ludwig I. von Bayern, Johann von Sachsen, dem Grafen Alexander von Württem- 
berg, Carmen Sylva und anderen längst bekannten dichterisch thätigen Fürsten und 
Fürstinnen z. B. auch König Maximilian IL von Bayern mit drei vorher ungedruckten 
Gedichten und Kaiser Wilhelm I. mit einem Gedicht. Eine eigentliche Charakteristik 
hat Z. den einzelnen Proben und ihren Vff. nicht beigegeben. ^^^) — Mit äusserlichem 
Fleisse, aber sonst recht unselbständig und mit mancher Voreingenommenheit im 
Urteil hat M a u b a c h *®*) allerlei über die Darstellung des Apothekers in ver- 
schiedenen Werken der deutschen und auch der fremden Litteratur zusammen- 
getragen. Er nennt mehrere Dichter, die aus dem Apothekerstande hervorgegangen 
sind, Ludwig Bechstein, Ibsen, Fontane, Sudermann usw. Gleichwohl vermisst er 
schmerzlich noch immer den wirklichen pharmaceutischen Roman, der aus der Un- 
mittelbarkeit eigener Anschauung erwachsen wäret Er beklagt, dass Shakespeare, 
Moliere, Voltaire, Jean Paul und manche andere bis auf G. von Moser und seine 
Nachahmer den Apotheker nur als Karikatur, als armseligen Wicht gezeichnet oder 
gar zur Zielscheibe billigen Witzes gemacht haben; nur Goethe hat ein liebens- 
würdigeres, ehrenvolleres Bild von ihm entworfen und mit seiner wohlwollenderen 
Auffassung namentlich in Wilh. Raabe einen Nachfolger gefunden. Die Schilderungen 
der genannten Dichter und mehrerer anderer betrachtet M. nun der Reihe nach, 
ohne jedoch dabei ausser vielfältigen Klagen über die Verkennung des von ihm ganz 
besonders heilig gehaltenen, durch keinen Witz oder Scherz zu entweihenden 
Apothekerberufs etwas Neues von Bedeutung zu bemerken. So prüft er noch die 
Darstellung Fischarts (im „Gargantua"), die Romane von Anna Lohn-Siegel, H. Heiberg, 
R. Baumbach, Louise von Frangois, Fr. Lange, Fr. Friedrich, Fr. Gerstäcker, H. Falken- 
hagen, das Schauspiel „Anna Liese" von H. Hersch, einige Gedichte über den 
Apotheker von A. Boree usw. Sonst zeichnet M. auch nach Selbstbiographien und 
ähnlichen historischen Berichten manches kulturgeschichtlich anziehende Bild vom 
Treiben der Apotheker in früheren Zeiten. Zu statten kamen ihm dabei besonders 
mehrfache Vorarbeiten H. J. Böttgers, der längere Zeit sich mit dem Gedanken eines 
ähnlichen Buches getragen hatte. — Seemann^®') zählt allerlei Pseudonyme 
auf, unter denen sich deutsche und ausserdeutsche Schriftsteller verbargen. In der 
deutschen Litteratur greift er dabei bis auf Fischart zurück, vergisst aber neben 
vielen Beispielen, auf die er mit Recht hinweist, eines der treffendsten, Hamann. 
Aus einem Vortrag von Franz Sintenis über die Pseudonyme der neueren deutschen 
Litteratur hebt er mehrere Arten und Formen dieser litterarischen Vermummung 
heraus, die auf ihre Entstehung sowie auf die Absichten bei ihrem Gebrauch ein 
helles Licht werfen, besonders auf verschiedene sociale Tendenzen, auf den Wunsch 
einer Schriftstellerin, ihr Geschlecht, eines Juden, seine Herkunft zu verdecken. — 
Ein anderer Aufsatz einer Zeitschrift '^®) zählt allerlei im Gefängnis begonnene oder 



V«Bpert8 Naohf. 189S. VI. 231 S. M. 8,00. — 103) O. Karpeles, D. Frav in d. WelÜltt. (« JBL. 1898IV la:51, 8.88-68.) 
— IM) O. Zimmern an n, Krone u. Lorbeer. Fttrstl. Diohter ▼. d. Zeit d. Hinnea&nger bis t. Gegenw. Mit 10 Portrr. Um- 
rahmungen naeh Vorlagen t. H. Sehnlse. B., F. Sohirmer. 1897. 4«. VUl, 266 a geb. M. 20,00. - 105) OXA. Wallen- 
etein, D. JPfarrhaaees Kinder (ber&hmte Pfarrereeöhne) ; Pfarrhaue 14, 8. 33/B. - 106) (JBL. 1898 IV 8d:20.) |[Th. Paul: 
LCBL 1896, a 178l/a (lobend).]! — 107) A. 0. Seemann, Sohriftatellernumen : Geg. 65, 8. 149-52. — 108) Gef&ngnie-Litt. (biet 
Jahreeheriehte für neuere deuteehe Lüteraturgeechioht«. X. (1)3 



I 1:109-118 F. Muncker, Littecaturgeschichte. 1898, 1899. 

vollendete Werke auf, von Boetius, Cervantes, Tasso, Defoe, Smollet, Preiherm Franz 
von der Trenck, Schubart, Silvio Pellico, Laoenaire uswJ®*) — Hudson**®^ zeigt, 
wie der Hund in der Litteratur bald mit Verachtung und Widerwillen behandelt wird, 
wie in den biblischen Schriften Alten und Neuen Testaments, bald als Tier der Treue 
mit augenscheinlicher Liebe gezeichnet wird, so namentlich in der Odyssee und bei 
zahlreichen englischen Dichtem, von denen besonders Shakespeare, Wordsworth, 
W. Scott, Cowper und R. Browning hervorgehoben werden. Auf deutsche Dichter 
weist nur die gelegentliche Bemerkung hin, Macaulaj habe ebenso wie Goethe und 
A. de Musset Hunde gehasst. — Ein Prachtwerk, das in kurzen, charakteristischen 
Essays und meisterlich ausgeführten Porträtbildem die auf irgend einem Gebiet des 
Lebens, der Wissenschaft und der Kunst ausgezeichneten Persönlichkeiten des 19. Jh. 
in bunter Reihe uns vorfuhrt, giebt im Verein mit zahlreichen Künstlern und Ge- 
lehrten Wer ckm eiste r*'*) heraus. Die drei bisher erschienenen Bände ent- 
halten auch zahlreiche Schilderungen deutscher Dichter, unter denen ihrem grösseren 
Umfange nach besonders die Aufsätze über Goethe (von Herman Grimm) und 
Schiller (von M u n c k e r) hervorragen. An sie reihen sich Essays über Karl August 
(von Ottokar Lorenz), Clemens Brentano, Achim und Bettina von Arnim, 
H. von Kleist (von R. Steig), A. und W. von Humboldt (von W. B Öls che), die 
Brüder Grimm (von H. Grimm), Fichte und Schelling (von H. Falken heim), 
Uhland (von M u n c k e r), Grabbe, Hebbel, Fontane, Storm, Wilbrandt, Scheffel (von 
P. Warn cke), Fritz Reuter (von K. Th. Gaedertz), G. Keller und Klaus Groth (von 
M. Cornicelius), Spielhagen (von H. Henning). Die meisten Charakteristiken 
deutscher Dichter sind aber von H. A. Li er und Julius Hart beigesteuert 
worden. Jener schildert unter anderen Jean Paul, Arndt, Th. Körner, Chamisso, 
J. Kerner, Börne, O. Ludwig, Anzengruber und K. F. Meyer; dieser Hebel, Tieok, 
E. T. A. Hoffmann, Rückert, Grillparzer, Bauemfeldt, Immermann, Gutzkow, I^ube, 
Hoffmann von Fallersieben, Lenau, Freiligrath, G. Frey tag und W. Raabe. Die 
meisten Aufsätze bieten ein in knappen Umrissen gezeichnetes Bild vom Leben des 
jeweils zu behandelnden Dichters nebst einer gedrängten Charakteristik der Haupt- 
seiten in seinem künstlerischen Schaffen ; die wissenschaftliche Sorgfalt, die Gediegen- 
heit« des Urteils, auch das stilistische Geschick der Daratellung ist natürlich bei den 
verschiedenen Beiträgen verschieden, das Streben der einzelnen Vf. aber durchaus 
ernst und rühmenswert.***) — Die katholische Romandichtung im engeren Sinne 
während der letzten Jahrzehnte prüft Veremundus***J auf ihren litterarischen 
Wert. Er beklagt, dass die am meisten verbreiteten katholischen Romane vollwertige 
Tendenzdichtungen sind, deren künstlerische Berechtigung er ebenso wie die des 
sogenannten naturalistischen Anklageromans und des psychologisch-experimentellen 
oder analytischen Romans der Franzosen leugnet. Auch von dem katholischen 
Dichter wül V. vielmehr die künstlerische Aufgabe gelöst sehen, dass er unabsichthch 
und wie von selbst ein Stück seiner eigenen Seele in die wahrhafte, warme Schilderung 
seiner Gestalten hineinlege, also statt äusserlich angebrachter religiöser Reflexionen, 
deren sichtliche Aufdringlichkeit den gebildeten Leser nur verstimmen kann, in den 
Menschen und Schicksalen selbst, die er uns vorführt, die lebendige organische Ein- 
heit des religiösen Charakters offenbart. Die Verdienste des Tendenzromans (wie 
ihn z. B. die Gräfin Ida Hahn-Hahn gestaltete) verkennt er nicht; er erblickt sie nur 
auf einem anderen Gebiete als dem der reinen Kunstschöpfung. Wenig Männer 
sieht V. in dem gegenwärtigen katholischen Roman thätig, dafür desto mehr Damen, 
die nicht nur quantitativ, sondern auch geistig diese Litteraturgattung beherrschen. 
Aber höheren litterarischen Ansprüchen genügt keine von ihnen, auch die am meisten 
gelobte und gelesene Freiin von Brackel nicht. Litterarisch bedeutender als sie alle 
wäre Emil Marriot (Emilie Mataja); ihr aber versagen leider die eigentlich katholischen 
Kreise das ihr gebührende Ansehen. Als den wichtigsten Grund für diese Rück- 
ständigkeit der Katholiken bezeichnet V. die innere Teilnahmslosigkeit an den all- 
gemeinen künstlerischen Bestrebungen der Nation. Die katholischen Schriftsteller 
beharren auf den alten, längst ausgetretenen Wegen, haben keine Fühlung mit dem 
modernen Leben, setzen sich nicht litterarisch auseinander mit den geistig und sitt- 
lich merkwürdigen Persönlichkeiten der Gegenwart wie Ibsen und Nietzsche, lernen 
auch nicht von den technischen und sprachlichen Errungenschaften der neuesten 
Litteratur (der ja auch V. mit seiner unbedingten Verdammung Zolas und d'Annunzios 
keineswegs freundlich gegenübersteht) und können überhaupt künstlerisch zu wenig. 
In der engherzigsten Weise werden sie zudem eingeschränkt durch die Einseitigkeit, 

Bflokbllek): LittEoho. 1, 8. 1876. - 109) O X M. Z»nf agna, I delinqnenti neir arte. Napoli, Stlbatverl. 1897. YH, 69 8. 
— 110) J. HudioB, Dogs In poetry: WeitmB. 149, 8. 289-819. — 111) K. WeroVmeiater, D. 19. Jh. in Bildniiaaii. 
MitBeitrr. T. P. Ankal, P. Bailleu.F. Bendt aaw. Bd. 1/8. B., Photograph. Geiellfohaft. 1898-1899. gr.-4e. 619 a Text 
u. 860 Tafeln in Autotypie. H. 67,60. (Auoh in 46 Lfgn. %u M. 1.60.) - 112) O X ?• Hanteohel, Biograph. Allerlei: 
MKordhdhmExknrsClub. 19, 8. 864-70. - 113) (JBL. 1898 lY la:81.) |[P. Kopp 1er: LBe. 94, 8.887/9 (lobt eehr, drohtet 



, __J 



F. Munoker, Litteraturgesohiohte. 1898, 1899. I I:ii4-ii7 

mit der man, besonders in Deutschland, stets nur den moralischen Standpunkt bei 
ihnen gelten lässt und diese Moral überdies unglaublich zimperlich und prüde auf- 
faßst, als handle es sich immer bloss um Schriften für eine noch unreife Jugend. 
Diese Schäden werden noch verschUmmert durch die katholische Kritik, die, wie die 
Litteraturgeschichtschreibung, fast ausschliesslich in den Händen von Priestern liegt 
und sich meistens in einer misstrauischen Ueberwachung jeder selbständigeren 
Regung gefällt. Befreiung von allen diesen Einschränkungen und veralteten An- 
schauungen betrachtet V. als eine Pflicht der litterarisch wirkenden Katholiken; 
namentlich empfiehlt er die Begründung eines nur für Erwachsene bestimmten 
belletristischen Organs und eines periodisch-kritischen Unternehmens, an dem auch 
katholische Laien mitarbeiten und zu den neuen Fragen und Erscheinungen, die in 
Litteratur und Kunst auftauchen, Stellung nehmen müssten. Mehrfach kann er dabei 
das Vorbild der ausländischen katholischen Litteratur seinen deutschen Ulaubens- 
genossen mahnend vorhalten. — 

Deutsche Litt er aturgeschiohte unter besonderen Ge- 
sichtspunkten. Ausschliesslicher auf deutsche Verhältnisse bezieht sich ein 
von protestantischer Seite unternommenes, von L, Weber^^*) herausgegebenes 
Werk über die Wissenschaften und Künste der Gegenwart in ihrer Stellung zum 
biblischen Christentum. Protestantische Geistliche sind die hauptsächlichen Mit- 
arbeiter; ihr Standpunkt ist der denkbar einseitigste, dogmatisch und moralisch un- 
säglich beschränkt; an kunst- und litterargeschichtlichem Wissen fehlt es oft, an 
künstlerischem Verständnis fast immer. So kommt z. B. Nelle zu haarsträubend 
verkehrten Urteilen über die moderne Musik. Ebenso thöricht spricht K i n z e l 
über die deutsche Epik der letzten Jahrzehnte. Heftig kanzelt er zunächst die Er- 
zähler der jüngsten Schule ab, um alsbald als ihre Vorgänger in der Feindschaft 
gegen das Christentum wie in der Zügellosigkeit und Schamlosigkeit Spielhagen, 
Heyse und Paul Lindau anzuklagen, denen er ohne weitere Umstände Jordan, 
G. Keller, Fontane, Julius Wolff, Wildenbruch, Telmann, Dahn beigesellt. Etwas 
mehr ist er mit Jensen, Anzengruber, Storm, Ebers, H. Heiberg, Stinde zufrieden; 
entschieden christlich findet er kaum Redwitz, wohl aber Ganghofer, Rosegger, Riehl. 
Innerlich grundverschiedene Schriftsteller wirft er dabei wie Kraut und Rüben durch 
einander, und die einzelnen prüft er nie auf den wirklich religiösen und sittlichen 
Geist und Gehalt ihres Schaffens, sondern immer nur auf ihr Verhältnis zu einem 
möglichst engsinnig, unfrei imd bigott aufgefassten Christentum und einer pfäffisch- 
äusserlichen Moral. Auch unter den Lyrikern lobt er mit rechter Zufriedenheit nur 
die kirchlich-religiösen Dichter. Neben ihnen finden Geibel, Greif, K.F.Meyer, nur 
zum Teil Fontane, Storm und Wildenbruch Gnade vor seinen Augen, viel weniger 
schon Keller, dessen Unglaube und „gefühlsdürre, scharfe, bittere Wesensart" be- 
sonders gerügt wird. Ganz verworfen werden selbstverständlich die jüngsten Lyriker, 
aus denen beispielsweise Maria Janitschek hervorgehoben wird. Ueber die dramatische 
Dichtkunst kramt Röhr allerlei Ueberflüssiges oder Verfehltes aus. Ausführlicher 
bespricht er Wildenbruoh, Ibsen, Richard Voss, Hauptmann und Sudermann. Lobend 
stellt er den Modernen Martin Greif gegenüber; auch mit dem „ernsten, sittlichen 
Geist" und dem „feinen Takt", den die Stücke von Phüippi bekunden, ist er nicht 
übel zufrieden. Schliesslich wirft er noch einen raschen, wohlgefälligen Blick auf die 
Lutherfestspiele und ähnliche Veranstaltungen. Mehr als diesen blinden Eiferern 
wird man A.Henning beistimmen müssen, der im Betrieb unserer Theater zahl- 
reiche sittliche Missstände rügt und deren Folgen für Schauspieler und Schau- 
spielerinnen beklagt. ^*^) ■— Anders und besser als die meisten Mitarbeiter an diesem 
von Grund aus verfehlten Buche versteht Hacker*^*) den Geist des Christen- 
tums, den er gleich dem Geist der Antike herrlich in Klopstock, Goethe und Schiller 
geoffenbart sieht. Antike, Christentum und vaterländische Gesinnung, wie sie von 
unseren Klassikern gepflegt wurden, sind nach seiner Ansicht die wichtigsten 
Faktoren der modernen deutschen Bildung. Natur und Freiheit^ von je die Grund- 
elemente deutschen Wesens, waren ebenso Grundelemente der Dichtung Goethes imd 
Schillers, Schönheit und Gesundheit darum Wesenseigenschaften dieser Dichtung. — 
Die beiden Frauenideale der Germanen skizziert knapp und hübsch R. M. M e y e r ^*'^), 
um nachzuweisen, dass die „neue Frau" kein Ideal erst unserer Tage ist, und dass 
die „deutsche Frau" nicht immer bloss als Mutter und Hausfrau aufgefasst wurde. 
Er schliesst darauf aus der Bedeutung der deutschen Worte für die Frau, aus den 
kriegerischen Frauennamen der alten Zeit, aus den Sagengestalten einer Brünnhilde 



aber, Y. wihle d. Standpunkt Miner Kritik su hooh) ]| — 114) D. Wisfeniohaften n. Kflnite d. Qegenvr. in ihrer Stellg. s. bibl. 
Cbristeat. Zaiammeabtngende EinselbUder ▼ verschied. VIT. her. r. L. Weber. Gfltersloh, C. Bertelsmann. 1898. VII, 411 8. 
M. 4,60. i[M. A. Fels: ÖLBI. 8, S. 662/8 (im gansen anerkennend).]! - U5) O X Konfessionelle Litt.-Betraoht.: Hitteil. d. 
Ter. z. Abw. d. Aatisemttismas 9, 8. 102,'8. — 116) U Hacker, D. dtsoh. Klassiker n. d. bflrgerl. Bildung. Yortr. bei d. Fest- 
sitsnng d. 13. OeneraWersamml. d. bayer. BealschnlmtanerTereins xn Mflnchen (18. Apr. 1898): BBRW. 19, 8. 93-105. — 117) 

(i)3* 



I 1:118-124 P. Munoker, Litteraturgöschichte. 1898, 1899. 

und Kriemhilde, aus den geschichtlichen Erscheinungen einer Rosamunde und 
Fredegunde, auch aus den christlichen Legenden, die neben der Jungfrau Maria und 
der Büsserin Maria Magdalena vor allem auch die Kaiserin Helena feiern. Der 
Minnesänger pries die Frau, die Herrin; das Volkslied dachte sich das Weib bei 
weiblicher Arbeit, in der Kirche oder in der Kinderstube. Nach der Roheit der 
männlichen Jhh., die das Mittelalter abschlössen, wurde von der Reformation an 
die Frau die Erretterin des deutschen Volks. Aus dieser Zeit stammen unsere 
alten Ideale von der deutschen Hausfrau. Lessiug und Goethe hielten in der 
Hauptsache an ihnen fest; Schiller aber zeichnete auch schon die Heldin, die 
Walküre (in der „Maria Stuart", der „Jungfrau von Orleans" usw.). Die Romantiker 
pflegten beide Ideale, das der Hausfrau wie das der Heldin. So hohl und leer 
auch der Frauen begriff des Jungen Deutschland war, er hielt doch den Platz ofTen 
für die Walküre, die Hebbel, O. Ludwig und namentlich R. Wagner darstellten, 
eine neue Auffassung der Frau erfolgreich vorbereitend. — Kürschners**®) 
grosses, .in seinen einzelnen Teilen freilich verschiedenartiges Unternehmen einer 
Gesamtausgabe des Wichtigsten von unserer Litteratur ist nunmehr durch einen 
ausführlichen, aber gar zu leicht zusammengestellten und wissenschaftlich kaum zu 
nutzenden Registerband abgeschlossen worden. — Von einer neuen Sammlung von 
Dichterbiographien **^) fanden die ersten Bändchen, Goethe und Schiller von Haar- 
haus und von Gottschall gewidmet, freundliche Anerkennung; ebenso Ohorns*^) 
Dichterbuch und A. Hof f ma nns*^*) Schilderung der Beziehungen Günthers, 
Goethes und Th. Körners zum schlesischen Gebirge. — Nach den hauptsächlich in 
der Göttinger Universitätsbibliothek befindlichen Akten stellt Otto*^^) die Ge- 
schichte der deutschen Gesellschaft in Göttingen in ihrer ersten f^riode von ihrer 
Gründung 1738 bis zum Ausbruch des siebenjährigen Krieges dar. Er untersucht 
genau ihre Satzungen, die in den meisten Punkten den Grundregeln der deutschen 
Gesellschaft in Leipzig nachgebüdet sind, schildert den äusseren Verlauf der zuerst 
fröhlich aufblühenden, dann aber rasch dem Verfalle sich zuneigenden Gesellschaft, 
zählt ihre Mitglieder auf (darunter Moser, C. A. Schmid, Zachariä, Gleim usw.), be- 
handelt ausführlich die litterarischen und sprachlichen Bemühungen der Gesellschaft, 
ihr Verhältnis zu der Universität und der Gelehrtenwelt in Göttingen und zu den 
litterarischen Bestrebungen der Zeit überhaupt (besonders zu Gottsched) und die 
Urteile der Mitwelt über die Göttinger Gesellschaft. Ein kurzer Anhang giebt einen 
Ueberblick über die Entwicklung und die Leistungen der Gesellschaft in ihrer zweiten 
Periode von 1762—92. — Gelegentlich des zweihundertjährigen Bestandes der 
deutschen Gesellschaft zu Leipzig giebt VogeP^^) einen lehrreichen Ueberblick 
über die Schicksale dieses unter Gottscheds Vorsitz einst blühenden litterarischen 
Vereins, teilt Proben seiner dichterischen Versuche mit und führt die Gründe an, 
warum er sich im Laufe der letzten Jahrzehnte von dem lauten litterarischen Treiben 
mehr und mehr in die Stille zurückzog. — 

Gesammelte Aufsätze. Dem vor einigen Jahren veröffentlichten 
ersten Bande der kleineren Schriften von M. Bemays*^*) sind jetzt drei weitere, die 
Sammlung abschliessende Bände gefolgt, nach dem zu frühen Tode des Vf. teils von 
Erich Schmidt, teils von W i t k o w s k i herausgegeben. Sie enthalten haupt- 
sächlich ältere, in Zeitschriften bereits abgedruckte, aber nur zum kleinsten Teil 
heute veraltete Aufsätze von B. über Shakespeare, Lessing, Schiller, die Romantiker, 
die Begi'ünder der deutschen Philologie (J. Grimm, Uhland usw.) und besonders über 
Goethe, darunter manche einst grundlegende und in ihrer Art mustergültige Abhand- 
lung wie die über den angeblichen Katholizismus Shakespeares oder über die gegen 
F. Schlegel gerichteten Xenien. Aber auch der späteren deutschen Litteratur sind 
neben mehreren kürzeren Kritiken einige bedeutende Essays gewidmet; eine hei'vor- 
ragende Stelle gebührt unter ihnen den strengen, aber in ihrer ästhetischen und, so- 
weit dies zur Zeit ihrer Abfassung möglich war, litterargeschichtlichen Gediegenheit 
vortrefflichen Charakteristiken des „Demetrius" von Hebbel, des Romans „Auf der 
Höhe" von B. Auerbach und der „Verlorenen Handschrift" von Frey tag. Vorher 
ungedruckte Arbeiten sind spärlicher in der Sammlung vertreten; neben einig-en 
Seiten über Goethe und gelegentlichen Bemerkungen über verschiedene litterarische 



Rlob. H. Meyer, D. beiden Fraaenideale d. Germanen (in d. Diohtg.): WmM. 84, S. 591/e. — US) Dtsoh. Nationallitt. Hiat.- 
kritAnig. Unter Mitwirk. t.R. F. Arnold, G. Balke, 0. Behaghel navr. her. von J. KQrsohner. Segiiterbd. St., Union. 
288 8. M.2,50. - 119) Dichterbiograpbien. Bd.l: Goethe v. J. B. Haarhan b; Bd. 2: Sohiller r. B. ▼. Gottaohall. (<= ÜB. 
N. 3938-40, 3879-80.) L., Bedan. 312, 174 8. M. 0,Ö0; M. 0,40. |[Kw. 12», S. 196.JI (Vgl. JBL. 1898 IV 9:19.) - 120) O 
(JBL. 1897 I 1:49.) |[K. Oplt«: BLU. 1898. 8. 119.]| — 121) O (JBL. 1898 IV la:65.) |[R. Opit«: BLU. 1898, 8. 119.]| — 
122) P- Otto, D. dieoh. Geeellsch. in Göttingen (1733-58). («= Forschungen s. neueren Litt-Gesoh., her. v. F. Mnnoker, 
Bd. 7.) München, C. Haushalter. 1898. VII, 92 8. M. 2.00. (3.1-45 auch selbst&nd. als Diss. erschienen.) — 123) J. Vogel» 
D. dtsoh. Gesellsch. zn Leipzig. Zn ihrem 200j. Jnbil&nm: LZgB. 1897, N. 1. — 124) M. Bemays, Schriften s. Kritik n. Utt.- 
Gesch. Bd. 2: Z. neueren Litt.-Gesch. Bd. 3 n. 4: Z. neueren u. neuesten Litt.-Gesoh. Mit 2 Bildnissen d. Vf. Bd. 2 v. 3: 
L., G. J. Göschen; Bd. 4: B., B. Behr. 1898-99. X 304 8.; XV, 354 8.; VI, 892 8. M. 27.00. (Vgl. JBL. 1895 IV U:38; 



F. Muncker, Litteraturgeschiohte. 1898, 1899. I I:ia6-i84 

Erscheinungen, die aus dem in dieser Hinsieht reichhaltigen Nachlasse des Vf. leicht 
durch bedeutendere und für ihn selbst bezeichnendere Aeusserungen vermehrt 
werden könnten, steht hier namentlich eine grosse, doch unvollendete Abhandlung 
über Baeohtolds schweizerische Litteraturgeschichte, überall dieses schöne Werk mit 
selbständigen, nach allen Seiten ausgreifenden, kenntnisreichen und geschmackvollen 
Erörterungen begleitend. Alle Aufsätze zeichnet gleichmässig die Vereinigung von 
ernster Forschung, die keine Mühe scheut und auch das Kleinste nicht für neben- 
sächlich achtet, von einem ungemeinen Wissen, das über alte und neue, heimische 
und fremde, künstlerische und gelehrte Litteratur mit der nämlichen Zuverlässigkeit 

febietet, und von grösster Sorgfalt in der formalen Durchbildung der Sprache und 
es Stiles aus; weniger vermag die Komposition der einzelnen Aufsätze vor den 
Forderung'en strengster Kunst zu bestehen. Eine höchst wertvolle Zugabe bietet 
W^itkowski in dem mit peinlicher Genauigkeit ausgearbeiteten Verzeichnis sämtlicher 
Schriften, Aufsätze und kurzen Zeitungsnotizen von Bemays. ~ 

Hilfsmittel der Litteraturwissenschaft: Zeitschriften 
und Sammelwerke. Den fünften Jahrgang des von Sauer^**) heraus- 
gegebenen Euphorien bespricht Wells, ohne mit seinem Lob oder Tadel etwas 
eigenartig Bedeutendes zu sagen. — Oleichfalls ohne Eigenart lobt eine Besprechung 
die letzten Bände des germanischen Jahresberichts "•) (1893—98) und unserer 
Jaiiresberiohte"^). — Eingehend und viele beherzigenswerte Winke spendend, be- 
spricht R. von Liliencron ***) Bettelheims Erneuerung des „Deutschen Nekro- 
logs". Feinsinnig unterscheidet er die Aufgabe des neuen Unternehmens und die 
der nunmehr abgeschlossenen ADB., die auch Hartwig in demselben Zusammen- 
hange betrachtet. Die letztere will die gesamte Entwic^img des deutschen Lebens 
und Geistes in zahlreichen biographischen Bildern darstellen und macht die Aufnahme 
einzelner Persönlichkeiten und die Art oder das Mass ihrer Behandlung von dem 
individuellen Anteil abhängig, den sie an jener Gesamtentwicklung fördernd oder 
hemmend gehabt haben. Den Stoff des „Nekrologs" bildet hingegen das Ta^esleben, 
alle politischen, socialen, wissenschaftlichen, künstlerischen, schnftstellerischen Her- 
gänge des von ihm umspannten' Jahres, und wer sich an diesen beteiligte und so 
die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf sich zog, soll bei seinem Tod in den 
„Nekrolog" verzeichnet werden, ohne dadurch aber sogleich ein Anrecht auf Auf- 
nahme in die etwaigen Ergänzungen der ADB. zu erlangen. — Ein anderes von 
Bettelheim begründetes Sammelwerk, „Führende Geister", erntet bei Jellinek***) 
reiches Lob. — Reichel^^®) begrüsst das 4000. Heft von Redams üniversal- 
bibliothek, das eine Sanunlung von Geschichten Roseggers enthält. -- Frohe Auf- 
nahme findet ein ähnliches Unternehmen einer Familienbibliothek auf katholischer 
Grundlage *5^), dessen erste Hefte Werke von Calderon, Annette von Droste-Hülshoff, 
Stifter, Shakespeare, Sophokles und eine Rektoratsrede von Hyrtl bringen. — 

Lexika und Litteraturkalender. Den neuen Auflagen des 
Brockhausschen >3') und Meyerschen Konversationslexikons ^'^) wurden mehrfache, 
fast durchweg rühmende Besprechungen zu teil. Nur Fischer Colbrie und 
Hamann hatten vom katholischen und vom österreichischen Standpunkt aus 
allerlei an den theologischen Artikeln in beiden und an den für Darwin und Häckel 
eintretenden naturwissenschaftlichen Aufsätzen bei Meyer auszusetzen, während 
gerade diese letzteren in Düse! und E. Foerster warme Lobredner fanden. 
Im allgemeinen wurde das Meyersche Lexikon durch noch stärkeres und reicheres 
Lob ausgezeichnet als das ältere Konkurrenzwerk. — Dem Brümmerschen Dichter- 
lexikon *54j ist in G a n s e n s ***) „Deutschem Dichterhain" ein imgefährlicher Nach- 
folger erwachsen, der etwa 130 deutsche Dichter aufzählt und einige äusserliche An- 
gaben über ihr Leben und Schaffen, dann und wann auch ein kurzes, nicht immer 
unbedenkliches Urteil über sie darbietet. Noch lebende Schriftsteller schliesst G. von 
seinem Büchlein aus. Aber auch sonst ist seine Auswahl der „hervorragenderen" 
Dichter nicht vollständig oder nach seltsamen Grundsätzen angelegt. So vermisst 



1897 I 1:68.) - 125) Bapherlon. ZmIit. Ar Utl-OMeh., her. ton A. Sauer. Bd. 6. 4 Hefte li IS'/« Bogen. Wien« Fronn«. 
1898. M. 16,00. |[B. W. Welli: MLN. U, 8. 440/8.]| — 126) ÖLB1. 7, a 690/1. - 127) JB. fftr B«v«re dtaeh. Liti-Oeteh. 
Mit bt«. ÜBterttflii. t. Brieh Selmidt her. t. J. EHbi, M. Oiborn, W. Fabian. Bd. 6 (Jahr 1895); Bd. 7 (Jahr 1896). 
B., B. Sehr. |[ÖLB1. 7, S. 690/1 (beiprieht Bd. 4).]| — 128) (JBL. 1897 I 1 168.) |[R. t. Lilieneron: OGA. 160. 8. 655-79; 
0. Hartwig: DBe. 98, S. 464/8.1| - 129) A. L. Jellinek, Fflhrende Geiiter : AZg». N. 6. - ISO) E. R. r« Bugen Beiehel], 
BMlani üniterialbibllothelc: ML. 66, 8. 1006. - 131) Allg. Bfteherei, her. t. d. Siterreieh. Leo-Oeeellieh. Heft 1/6. Wien, 
Bravmftller. 1897. li 8-4 Bogen, li M. 0,20. |[ÖLB1. 6, 8. 567/8.]| — 132) Broekbani Konreriationelezikon. 14. Anfl. Betid. 
Jnbil&nmianig. 17 Bde. L., F. A. Broekbani. 1898. li M. 10,00. |[A. Fiioher Colbrie n.O. Hamann: ÖLBl. 6, 8. 94/6, 
126/7, 281/8, S84/6, 849-68; KFPr. 1898, N. 12885 (lobt gerade die anifBhrl. n. lorgfAlt. Bebandl. d. öiterr. TerhAItn.).]! — 133) 
Meyeri KonTeriationilezikon. E. Naeheehlagewerk d. allg. Wiiieni. 5. Anfl. Mit mehr all 11000 Abbüdgn. im Teii n. auf 
1144 Bildertaf., Karten n. PUnen. Bd. 18: Brgtosgn. n. Naobtrr.; Begiiter. Bd. 19: Jahreiinppl. 1898-99. L., Blbllogr. 
InitItBt. 1898-99. 1065 8.; 1048 8. h iL 8,00. |[A. Flieher Colbrie n. 0. Hamann: ÖLBl. 6, a 04/5, 126/7. 
221/3, 284/6, 349-58; F. D(fliel): WU>M. 83. 8. 268/5; Erich Foerater: ChriitlWelt. 18, 8. 1288/3.]| - 13i) 



I 1:136-148 F. Munoker, Litteraturgesohichte. 1898, 1899. 

man unter anderen bedeutenden Schriftstellern bei ihm Luther, Hütten, Elias Schlegel, 
öessner, Hölderlin, Rückert, Raimund, Mörike, Visoher, Mosen, Meissner, Güm, 
Qt, Keller, Storm, Hebbel, O. Ludwig, R. Wagner, während doch J. G. Seidl und 
Joh. Nep. Vogl, ja sogar Ernst Pasquö und Ernst Weyden angeführt sind. — Un- 
verhältnismässig reicher ist Wie n stei ns *3*) Lexikon der katholischen deutschen 
Dichter, wenn es auch die vom Vf. angestrebte Vollständigkeit kaum ganz erreichen 
dürfte. Die biographischen und litterarischen Angaben zeugen von Sorgfalt imd 
Fleiss. Das Verhältnis der Autoren zur katholischen Kirche wird mehrfach durch 
eine kurze Bemerkung angedeutet, die nur in seltenen Fällen zu einem Widerspruch 
reizen könnte. — Dem Jahr für Jahr reichhaltiger erneuten Litteraturkalender 
Kürschners **') ffesellte sich schon vor einigen Jahren ein katholisches Gegen- 
stück von Keiter*^"*) bei. — Dazu kommt nun ein weiterer, als brauchbar ge- 
rühmter Schriftstellerkalender von Thomas*^»). — Von Wredes^*®) üebersicht 
des Berliner geistigen Lebens ist ein dritter Band erschienen, der jedoch in der 
Hauptsache für die Litteraturgeschichte im engeren Sinne ebenso wenig Ausbeute 
liefert wie der neue Band des Jahrbuchs des deutschen Adels^*^). — 

Praktische Winke für den Leser. Schönbachs i*') und 
Hiltys^**) bekannte, in der Kritik noch wiederholt gerühmte Bücher erlebten neue 
Auflagen, das letztere auch eine Uebersetzung ins Russische, i**~***) — Ein reich- 
haltiges, genaues, mit sorgfältigen bibliographischen und kritischen Anmerkungen 
versehenes Verzeichnis von seltenen und bedeutenden Büchern aus morgen- und 
abendländischen Litteraturen, im ganzen chronologisch geordnet, bietet Griseoach'*^), 
indem er seinen ehemaligen „Katalog der Bücher eines deutschen Bibliophilen", 
etwa auf den doppelten Umfang gebracht, neu veröffentlicht. Zahlreiche Abschnitte 
des Werkes, nicht bloss das ungemein reiche, letzte Kapitel, das ausschliesslich 
Schopenhauer gewidmet ist, sind auch für den Bearbeiter der deutschen Litteratur- 
geschichte höchst lehrreich. — 

Gitatensammlungen. Büchmanns weitverbreitetes Buch ist nach dem 
Tode des Vf. und seines ersten Fortsetzers Robert-tornow von K. Weidling^*^) 
neu herausgegeben und mit Gedenkblättem über jene beiden Vorgänger ge- 
schmückt worden (von Robert-tornow und von G. Thouret). Den Reichtum imd 
die Gründlickkeit, überhaupt den wissenschaftlichen und praktischen Wert des 
Buches erkennen alle Beurteiler rühmend an. Alle aber, T o b 1 e r und Sonny 
sowohl wie Blümner und Jonas, tadeln die verhängnisvolle Einseitigkeit, mit 
der der Begriff deis geflügelten Wortes definiert ist, und die eigensinnig-strenge 
Durchführung der Grundsätze, die in dieser Definition aufgestellt sind. Während 
Aussprüche, die allgemein als geflügelte Worte gebraucht werden, nur deshalb von 
dem Buche ausgeschlossen wurden, weü zufällig bis jetzt ihr geschichtlicher Urheber 
oder ihr litterarischer Ursprung nicht nachgewiesen werden konnte, sind einzelne 
Wörter und Namen, wie Amerika, Aesthetik, Atlas, Gas, Philosophie, empfindsam usw., 
aufgenommen mit der Angabe, wer sie vermutlich zuerst im modernen Sinn ge- 
braucht hat. Jonas wie Blümner fordern mit Recht, dass solche Ausdrücke, die 
höchstens nur geflügelte Wörter, nicht aber geflügelte Worte heissen könnten, wieder 
ausgeschlossen oder, wenn sie bleiben, ganz ungeheuer noch vermehrt werden. 
Auch sonst bieten beide und ebenso Sonny mannigfache beachtenswerte Winke und 
vortreffliche Nachträge für die nächste Ausgabe der Büchmannsohen Sammlung. — 
An Reichtum und an Weite des Gesichtskreises kann mit diesem längst berülunten 
Werke am ersten das Citatenlexikon wetteifern, das aus dem Nachlasse von 
Sand er s^*®) herausgegeben wurde. Es bietet eine überaus grosse Menge von 
Citaten in Prosa und in Versen aus antiken und modernen, bekannten und halb 
verschollenen Dichtern, aus der Bibel, aus ernsten politischen Zeitungen und aus 

JBL. 1896 I 1:69.) |[0LB1. 6, 9. 889.]| - 135) (JBL. 1898 IV la:4.) — 136) Frd. Wlenitein, Lexikon d. kathol. 
dUeh. Dichter Tom Anegange d. MA. bii x. Gegenw. Biograph.-litter. bearb. Hamm i. W., Breer A Thiemann. IV, 448 8. 
geb. M. 4^. |[Enph. 6, 8. S82;S.]| - 137) J. Kftrsohner, Dtsoh. LiU.-Kalender aaf d. J. 1896. 20. Jahrg. Dasi. 
auf d. J. 1899. 21. Jahrg. Jeder Bd. mit 2 Bildn. L., 0. J. Göiohen. 1898-99. 12«. 62 u. 1642 8p.; 48 n. 1700 8p. 
geb. h M. 6,50. |[LCB1. 8. 798 (lobend).]| — 133) (JBL. 1897 I 1 : 66.) l[ÖLBl. 6, 8. 110 (sehr lobead).J| — 
139) Sobrifteteller- n. Jonrnallitenhalender, her. t. B. Thomaa. L., W, Fiedler. 273 8.« 24 Blatt weis« Papier. M. 2,60. ([ÖLBI. 8, 
9. 159.JI - 140) &. Wrede, D. geist. Berlin. E. EncyklopAdie d. geisi Lebeni Berlin«. 8. Bd.: Leben a. Wirken d. Aerste, 
Apotheker, Ingenieure. MilitArschriftsteller, Natnrwiaienacbaftler. B., B. Wrede. 1896. VI, 282 8. M. 9,00. - 141) Jb. 
d. dtach. Adel«, her. t. d. dteoh. Adeligenosaenieh. 8. Bd. 1899. B.. W. T. Braer. 12«. XV. 1003 8. Mit eingedr. Wappen. 
M. 8,00. — 143) A. B. SchAnbaoh, Ueber Lesen n. Bildg. Umsohan n. Ratsehl&ge. 6. AnH. 10./2. Tausend. Qrai, 
Lensohner A Lnbensky. XV, 869 8. M. 4,00. |[ÖLB1. 7, 8. 302] | - 143) C Hilty, Lesen n. Beden. 6. n. 7. Taasend. 
Fraoenfeld, J. Hnber n. L., J. C. Hinriehs. 124 8. M. 1,40. IfH. S w o b oda : ÖLBl. 6, 8. 866.J| (Vgl. JBL. 1805 1 1 :9l.) •> 
144)Xid., Dass. Bnssisoh. Petersburg, Minkow. 102 8. Rbl. 0,50. — 145) X B- ^^ «ober, Was ist gute Lektftre? B. popul&r. 
(Vortr. Basel, R. Reich. 28 8. M. 0.40. ~ 146) (JBL. 1898 I 3:467.) [L. Fr(6nkel): LGBI. 1898, 8. 787/8 (lobend).]| 

— 147) 0. Bftehmaan, Geflügelte Worte. D. Citatenschatz d. dtsoh. Volkes, gesammelt u. erlftutert. Fortges. v. W. Robert- 
tornow. 19. Tarm. u. Terbess. Aufl. Mit midn. B., Hände A Spener. 1898. XXXI, 761 8. geb. M. 6,60. |[A. Tobler: 
A8MS. 101, S. 399-400; F. J o n a s : PrJbb. 93, 8. 545-66; H. B 1 ft m n e r : Wage 2. 8. 391/4; A. S o n n y : NPhRs. 19, 8. 186-92.]| 

— 143) D. Sanders, Citatenlexikon. Samml. f. Citaten, Spriohir6rtern, spriehwörtl. Redensarton u. Sentenzen. Mit d. 



P. Muncker, Litteraturgesohichte. 1898, 1899. I l:U9.ißö 

Witzblättern, Sprichwörter, volkstümliche Redensarten usw. S. wollte ausdrücklich 
nicht nur jene geflügelten Worte sammeln, die im „täglichen Verkehr wie abgegrififene 
Scheidemünzen im Umlauf sind", sondern vielmehr „sinnvolle und anregende Ge- 
danken, die erzieherischen oder kulturhistorischen Wert haben". Vielleicht wäre 
dann und wann eine strengere Auswahl angezei^ gewesen; jedenfalls hätte S. 
manchen Vers eigener Mache, über dessen dichterischen Unwert kaum ein Zweifel 
bestehen kann, aus seiner Sammlung ausschliessen sollen. Andererseits zeugt die 
Fülle des Gesammelten nebst der genauen Angabe der Fundstellen von der im- 
geheuren Belesenheit und von der weitherzigen Duldung des Vf. Die einzelnen 
Citate sind alphabetisch nach dem wichtigsten Worte des jeweiligen Spruches ge- 
ordnet. — Unzugänglich blieb mir die Citatensammlung S chaibles^*®), die von 
Reuss warm gelobt wird. In ihrem Titel erblickt er, wohl mit Recht, einen 
Protest gegen Nietzsche und Stimer; ihre Anlage erscheint ihm dadurch schon be- 
merkenswert, dass sie nicht, wie die Büchmanns, die bereits bekannten Aussprüche 
enüiält, sondern vielmehr geistreiche Ansichten und Urteile in geläuterter, knapper 
Form, die trotz ihres Wertes in weiteren Kreisen noch weniff bekannt sind.^50j — 
Eine kleinere, aber gediegene Auswahl von meist dichterisch gefassten Sentenzen 
aus allerlei antiken und modernen Autoren, nach allgemeinen Begriffen alphabetisch 

geordnet, jedes Citat mit genauer Angabe des Fundortes versehen, bietet Fink^öi). 
ie Aussprüche ausländischer Dichter werden im Original, meist auch noch in 
deutscher Uebersetzung mitgeteilt; nur bei den aus Shakespeares Werken ge- 
nommenen Sätzen fehlt bedauerlicher Weise der englische Wortlaut. — In der 
eigenartigen Form eines 2jiehkästchens giebt uns Bücker*'^*) etwa 150 ernste 
Lebenssprüche in Prosa oder in Versen, meistens von deutschen Dichtem der zwei 
letzten Jhh., dann und wann auch noch etwas älter. — Ebenfalls lauter ernste 
Regeln für allerlei Lebensverhältnisse spendet Gessner^^sj. Sein Augenmerk war 
nach seinem eigenen Bekenntnis beim Sammeln besonders auch darauf gerichtet, 
dass er stets mit den religiösen Anschauungen des Katholiken im Einklang bleibe. 
Warum nur des Katholiken? Er hätte getrost sagen dürfen: des Christen, oder 
vielleicht überhaupt: des religiös gesinnten Lesers. Denn seine treffliche, von jeg- 
licher Einseitigkeit freie Sammlung wird auch der Protestant und selbst der nicht ganz 
positiv Gläubige wohl nutzen können. — Keine alten Citate, sondern stellenweise 
geradezu Umkehrungen oder Ummodelungen bekannter Sentenzen liefert Cossmann^**). 
Seine meisten Aphorismen sind von ihm selbst neu geprägt, meist sehr geistreich 
und eigenartig, von echtem Witz belebt, nicht selten auch von Humor getränkt, oft 
satirisch ge^en das Treiben in Wissenschaft, Kunst und Leben gerichtet, bisweilen 
sehr radikal, immer aber anziehend durch die Selbständigkeit des Gedankens und 
die Schärfe der Form. — Specielle Eigenschaften des deutschen Volkes wie der 
einzelnen Stämme, und zwar löbliche und schlimme, wirkliche und erlogene Eigen- 
schaften betreffen die (jetzt zum Teil veralteten) Sprichwörter und Citate, die 
Küffner***) noch lange nicht erschöpfend, aber sehr reichhaltig aus allerlei alten 
und neueren, einheimischen und ausländischen Quellen werken mit grossem Fleisse 
zusammengetragen hat. — 



Bildn. d. Yf. L., J. J. Webtr. 1808. 8«. YI, 712 S. geb. M. 6,00. |[LCB1. S. 608.]| — 149) O C. SehaibU. Bleibendfl 
Werte. B. ClUteniamml., den Gebildeten, ineonderh. d. dteoh. OfAuer gewidmet. B., R. BiMeneehmidt. 1898. HI, S81 S. 
geb. M. 5,00. |[H. Beuii: ChrietiWelt. 18, S. 1147.] | — 150) O X Goldene Worte fttri Leben. Octiammelt am d. Born dteeh« 
Dichtang n. Weisheit. Hannover, Dnnkmann. 1898. IX, 104 8. Mit Zierleisten n. Abbild, geb. M. 6,00. — 151) J. F i n k, Diohterworte, 
gesammelt Mftnehen, J. Lindaaer. IV. 167 8. M. 1,80. — 152) F. Bftoker, Hephatha. (Thn dich anf.) Samml. goldener 
Sprüche. Wnnsiedel, G. Kohler. 1898. 64«. 144 BU. In Karton M. 1,60. — 153) M. Gessner, Sprftohe fttr d. Lebensweg. 
E. Samml. t. Anssprftohen n. Lebensregeln. Essen, Fredebenl A Koenen. 1898. 12*. lY, 130 8. IL 0,40. — 154) P. IC. 
Cossmann, Aphorismen. Mftnehen, G. Hanshalter. 1898. 12«. 141 8. M. 2,00. (Ygl. JBL. 1898 lY 5a: 22.) — 155) G. M. 
Kflffner, D. Dentsehen im Spriehwort. E. Beitr. s. Knltnrgesch. Heidelberg, C. Winter. lY, 98 8. M. 1.60. — 



AI. Reiffcrscheid, Geschichte der deutschen Philolog-ie. ]89<S, 1891). I 2 : i-ie 

1,2 
Geschichte der deutschen Philologie. 1898, 1899. 

Alexander Reiff erscheid. 

AUgemtines N. 1. — Aeltere deutsche Grammatiker und Sprachforscher: Neadrncke, A. Oelinger, II. Wolf, J. G. 
Schottelios, Joh. Climberg, Lehoocky N. 3. — Sprachrereine N. 16. — Sprachforaoher um die Wende des 18. and 19. Jh. N. 21. 

— Begrfinder der deutechen Philologie: G. F. Benecke, die BrQder Grimm, K. Laokmann N. 34. — Deren Frennde and Mit- 
fnrscher: A. Ton Arnim, C. Brentano, A. W. Ton Sohlegel, J. GÖrres, L. übland, G. 0. GerTina», H. Hoffmann von t'aUersleben 
N. 44. — Geeohiohte der Spraehwissenschaft: W. von Unroboldt, F. Bopp N. 67. — Der Begründ r der romanischen Philologie 
F. Diei N. 69. — Lachnanns Schüler: J. Zacher, Fr. Zarncke N. 71. — Sprach- und Litteraturforsoher (W. Soherer) N. 76. — 
Naohrafe aof jQBg!»t ferstorbene Faebgenossen (M. Bernays, D. Sanders, J. Hoffory, L. Uirxet, F. Althaus, J. Baechtold, W. Watten- 
baob, W. U. Ton Riehl, W. Kawerau, M. B6hme, G. A. Hench) N. 83. — Antobiographten (R. von Gottschall, L. Spach), Selbst- 
Terteidigung Ton H. DSntxer N. 118. — 

Die Geschichte der deutschen Philologie hat sich auch in diesen beiden Be- 
richtsjahren keiner besonderen Pflege zu erfreuen gehabt, es liegen keine umfang- 
reichen Veröffentlichungen, sondern im allgemeinen nur kleinere Aufsätze und kurze 
Mitteilungen vor. Von all ge m ein er er Bedeutung war ein populärer Aufsatz 
Wunderlichst) über die Beziehungen der deutschen Philologie zum deutschen 
Volkstum. Er charakterisierte die Bestrebungen von Fr. Ludw. Jahn, der das Wort 
„Volkstum" geschaffen, J. Grimm, K. Lachniann, K. Müllenhoff, W. Scherer und 
bedauerte die Verengung des Betriebes unserer Wissenschaft, die sich immer weniger 
um das deutsche Volkstum kümmere.-) — 

Für die älteren deutschen Grammatiker und Sprachforscher ist 
einiges geschehen. Von den Neudrucken^"") wurden die meisten besprochen 
von Wunderlich, W. Schwarze, Boetticher und Martin, Socin. — In 
einer kurzen Würdigung der Grammatik Alb. Oelingers hob Scheel^) noch einmal 
die Unselbständigkeit Oelingers hervor. - Jellinek^) besprach die Schrift des 
verdienten Orthographiereformers Hieron ymus W'olf'^), Koldewey**), unter 
ausdrücklicher Beschränkung auf das gedruckte Material , den bedeutendsten 
Grammatiker des 17. Jh., J. G. Sc hotte lius, den er freilich mit Unrecht den 
J. Grimm seiner Zeit nennt, da Schottelius bei all seinen Versuchen, dem „Geschicht- 
wesen" gerecht zu werden, keine Ahnung von der Entwicklungsgeschichte der deutschen 
Sprache hatte. Von dem reichen hs. Material sah K. ab, er weiss aber, dass 
das Wolfenbütteler Archiv einen reichhaltigen Briefw^echsel zwischen Schottelius 
und dem Herzog August d. J. von Braunschw^eig aufbewahrt. — G opfert ^^j legte 
den Anfang seiner Untersuchungen über Joh. Clauberg, den bekannten Etymologen, 
vor, der für die Förderung der deutschen Sprache vor Leibniz eingetreten war und 
als Sprachforacher den Versuch gemacht hatte, die philosophischen Vorzüge derselben 
wissenschaftlich zu begründen. — U'eber den „Nucleus grammaticae germanicae" des 
Lehoczky, Hermannstadt 1730, schrieb Schullerus^'). — Die Habilitations Vorlesung 
Baechtolds^*), die jetzt in seinen kleinen Schriften erschienen, behandelte mit grossem 
Geschick und liebevollem Eingehen ins Detail die Verdienste der Züricher um die 
deutsche Philologie und Litteraturgeschichte. ^•^) — 

Die Geschichte des ersten deutschen Sprachvereins, der Fruchtbringenden 
Gesellschaft, wurde wesentlich gefördert durch die Veröffentlichung von Briefen und Ge- 
dichten aus dem Dohnaschen Archiv zu Schlobitten, die Chroust^^) und Borkowski^') 

1) H. Wander lieh, D. dtsch. Philologie u. d. dtsch. Volkstum: NJbbPh. 1, 1S9S, S. 54-67. - 2) X K- ^• 
Hey er, D. Legende vom Litterarhisloriker: DWBI. 12, S. 1224-CO. (Richtet sich mit Recht gig. d. landläaflge Ver- 
leumdung d. med. dtsch. Litteratorgesch., sie wende ihre Aufmerksamkeit nur l&ngst Verstorbenen zu.) - 3^ X H. Fabrltins, D. 
Bttchlein gleichstimmender Wörter, aber ungleichen Vertit:inde8. Her. ▼. J. Meier. Strassbnrg i. E., TrObner. 1895. XLIII, 44 S. 
M.2,00. \[n. Wunderlich: ZDPh. 30, S. 392/3.]| - 4) (JBL. 1895 I 7 : 16.) [II. Wunderlich: ZDPh. 31, S. 393/5,J| - 5) 
(JBIi. 1897 12:4.) [W. Schwane: ZDU 12, S. 94: LCBl. 1898, «. 338 J - 6) (JBL. 1897 I 2:3.) |:0. Boetticher: 
ZDU. 12, S. 102;3; E. Martin: ADA. 24, S. 177/9; id.: ZGORh. 13. S. 185; LCBI. 189d, S 838,9] (Zu bedauern ist, dass 
Martin nicht d. Versuch gemacht hat, in einer seiner Recensionen Näheres fiber Oelinger an nrkondlichem Strussbnrger Material 
beizubringen, was nach seiner Meinung Scheel hätte thun sollen.) — 7j (JBL. 1897 12:2.) |[A. Socin: LBlGRPh. 1897, S. 404.Ji 

- 8) Vir. Scheel, Z. WOrdig. d. Gramm. A. Oelingers u. ihrer Quellen: ZDU. 12, S. 561,7. - 9) M. U. Jellinek, Ueber d. 
Schrift d. H. Wolf «De orthographia Germanica ao potius Saerica nostrate": ZDPh. 30, S. 251/5. - 10) X t'- ^«'fiTar , U. Wolf: 
ADB. 43, S. 755/7. (Schweigt v. d. Bestreb. H. Wolfs auf d. Gebiete d. dUch. Rechtschreib.) - U) K. E. Koldewey, J. G. 
Schottelius u. seine Verdienste um d. dtsch. Sprache: ZDÜ. IS, S. 81-106. (Besonders abgedruckt: F. G. K o 1 d e w e y , J. G. 
Schottelius. E. Beltr. i. Gesch. d. Germanistik. Wolfenbfittel, J. Zwissler. 30 S. Mit 1 Bildnis. M. 1.50.) — 12) E. GÖpfert, 
Clanbergstudien ]. Cs Verdienste um d. Förder. d. dtsch. Sprache u. seine Ansicht Ober d. philo». VorzQge derselben. Progr. 
Meiningen, Kejsmer. 1898. 4^ 22 S. — 13) A. Schujlerus, E. dtsch. Grammatik: SbnbgKBl. 21, S. 137. - 14) J. Baechtold, 
D. Verdienste d. Z&richer um d. dtsch. Philologie n. Litt.-Gesch. Habilitationsvorlesung geh. am 19. Jan. 1880 an d. Univ. Zürich. 
(=s N 93, 8. 61*78.) (Schon d Anmerkungen d. Inauguraldissertation B.s 1870, abgedr. ebda. S. öS- 60, suchten diese Verdienste in 
Erinnerang %n bringen ) — 15) X *(>•« Josua Maler (Pictorins) 1884. (= N. 93, ?. 79-102.) iZnerst 1884 in d. NZurichZg. abgedruckt. 
Erzählt an d. Hand t. Malers Hausohronik d. Leben dieses liexikographen.) - 16) A. Chroust, Briefe u. Gedichte ans d. Kreise d. 

Jahreeberiehte ffir neuere deutsche Litteraturgescbichte. X. (1)4 



I 2:17-33 AI. Reifferscheid, Oeschichte der deutschen Philologie. 1898, 1899. 

verdankt wird. — Von neuen Untersuchungen über dieselbe Gesellschaft gab Zöllner*®} 
Nachricht. Derselbe Forscher i®) veröffentlichte auch einen Ausschnitt aus seinen 
Studien über die Einrichtung und Verfassung dieses Sprachvereins. — Brachmann^^) 
schilderte die Bestrebungen der „teutschübenden Oesellschaft'% die 1715 zu Hamburg 
begründet worden, in ihrem hervorragenden Mitgliede Joh. Hübner, dem Rektor des 
Johanneums. — 

Zwei Sprachforscher um die Wende des 18. und 19. Jh., Willenbücher 
und Zahn, wurden kurz aber treffend von Edw. Schröder^*"") gewürdigt.^^). — 

üeber die Begründer der deutschen Philologie, G. F. Benecke, 
die Brüder Grimm und K. Lachmann, ist manches Neue zu Tage gefördert worden. 
Hartwig^*) veröffentlichte zwei Briefe Beneckes an Edgar Taylor aus den J. 1824 
und 1826. In dem ersten schreibt Benecke bei Erwähnung der Tristanausgabe Fr. H. von 
der Hagens, der Text sei gut und das Glossar besser als das bei den Nibelungen. 
Herr von der Hagen habe unterdessen ein bisschen gelernt, aber oberflächlich sei und 
bleibe er. Die Pariser Liederhs. will Benecke nie die Manessische nennen, dieser Name 
beruhe auf einem Irrtum oder noch wahrscheinlicher auf einer pia fraus Bodmers. In dem 
anderen Briefe bemüht Benecke sich sehr um eine Abschrift der Musbacher Hymnen 
aus dem Nachlass des Fr. Junius auf der Bodleyana. Er wünscht dann, dass ein 
Gelehrter in England nach Grimms Grammatik das Angelsächsische studiere und, so 
ausgerüstet, die noch in englischen Bibliotheken versteckt liegenden Denkmale dieser 
Sprache aufsuche und bekannt mache. — In dem grossartigen Prachtwerk der Photo- 
graphischen Gesellschaft, das sich ebensowohl durch seine authentischen Bilder, wie 
durch vortreffliche Lebensbeschreibungen auszeichnet, sind auch die führenden Geister 
unserer Wissenschaft gebührend vertreten. Hier ist eine feinsinnige Würdigung 
Jacob und Wilhelm Grimms aus der Feder Herm an Grimms") zu nennen, 
sowie die dem Aufsatze beigegebenen vorzüglichen Bilder der Brüder Grimm. 
— R e t h e ") erwarb sich ein besonderes Verdienst um die Grimmforschung durch 
ausführliche Nachrichten über den litterarischen Nachlass der Brüder in der Einleitung 
zum Neudrucke des letzten Bandes der deutschen Grammatik, ^^-so) __ R o e t h e ^i) 
lehrte ferner Jacob Grimm als Litterarhistoriker genauer kennen durch seine ein- 
gehende Besprechung der Kolleghefte K. Goedekes und A. von Warnstedts.^^"'^). — 
Briefe der Brüder wurden von verschiedenen bekannt gemacht, von Strauch^*) 
solche an P. Wigand, zwei Wilhelms aus dem J. 1805 und einer Jacobs aus dem 
J. 1832. Erstere zeigen, dass Wilhelm dem Freunde politische Koirespondenzen 
schickte, aber aus Furcht vor den Franzosen als A(riel) M(aria) unterzeichnete. Aus 
dem Briefe Jacobs verdient die Aeusserung über Liberale Hervorhebung: ihr Auf- 
treten sei natürlich und vielleicht auch nützlich, wenn sie es nur redlich meinten. — 
In dem von Heinrich 3^) veröffentlichten lateinischen Briefe Jacobs an den Professor 
der Aesthetik Ludwig Schedius in Pest, aus Wien 28. Mai 1815, erkundigt Jacob 
sich nach Zeugnissen für die deutsche Heldensage aus der ungarischen Litteratur. — 
Der von Steinmeyer ^^) bekannt gemachte Brief Jacobs an Rask, 1823, ist von 
allgemeinerem Interesse. Jacob gesteht darin, dass es ihm nirgends wohler sei als 
zu Hause, und dass er nichts treiben möge, als was mit dem anscheinend beschränkten 
und dürftigen Kreise des Vaterlandes und der nächsten Heimat zusammenhänge. Zu 
Hause habe er in einem Monat mehr lernen und vor sich bringen können, als jahrelang 
in der Fremde. — Hartwig^') veröffentlichte auch Grimmbriefe an Edgar Taylor, 



fraoliibring. QeielUoh.: Eoph. 3, Ergftnsangsheft, S. 1-12. — 17j H. Borkowski, Z. GeMh. d. Frnohtbr. OeMÜiich.: ib. o, 
1898, S. 669-78. (E. ErgAns. d. Cbroastsohen Yeröirentlieh.) — 18) F. Zöllner, D. erste diich. Spriohrerein : LZg. 1898, 
14. JuBi. ~ 19) id., Elnrieht. n. Yerfutiing d. Frnohtbr. Geaellseh., TorBebmliob unter d. Fflriten Ludwig sn AnliAlt-CÖthen. B., 
Verlag d. ADSprY. 1898. lY, 124 8. M. 1,80. - 20) (III 2 : 11.) — 21) E. Schröder, J. P. Willenbachor (1748-94): ADB.48, 
8. 267/8. - 22) id., Joh. Chr. Zahn (1767-1818): ib. 44, 8. 665/6. - 23) X F- Sander, Chr. H. Wolke (1741-1825): ib. 8. 184/6. 
(Enr&hnt nur nebenbei d. nnfrnohtbaren orthogrnph. n. gramm. Bestreb, dieses öden Paristen.) — 24) 0. Hartwig, Z. ersten 
engl. Ueboreetz. d. Kinder- n. Hansm&rohen der Brftder Grimm. Mit nngedrnekten Briefen t. E. Taylor, J. n. W. Grimm, 
Walter Scott n. G. Beneoke: CBlBibl. 15, 8. 1-16. (E. Taylor war d. Uebereetser d. Grimmschen Kinder- n. Hansm&rohen n. 
ansgewAhlter Minnelieder ans mittelhoohdteoh. Zeit.) — 25) H. Grimm, I). Brftder Grimm. (:= D. 19. Jh. in Btldnisoen, her. 
T. K. Werkmeister [B., Photogr. Ges. 1898. 4«. 208 8. 160 Bilder. M. 80,00] 1, S. 1/8.) (2 grosse Bilder d. Brftder [1 Wilhelms 
nach e. Zeiohn. Lndw. Grimms ans d. J. 1822, 1 Jacobs nach e. Zeiohn. Herm. Grimms aas d. J. 1855] n. 2 kleine im Text [1 Jacobs 
nach e. Radlernng Lndw. Grimms aas d. J. 1822 n. 1 Wilhelms nach e. Photogr. ans seinen letzten Lebensj.j.) — 26) J. Grimm, Dtsoh. 
Gramm. 4. Teil. Neaer Abdruck, 2. H&lfte, besorgt durch G. Koethe d. £. 8chr5der. Gfttersloh, Bertelsmann. 1898. LXn, 
8. 679-1313. M. 12,00. |[R. Bethge: JBGPh. 20, 8. 23; J. 8eemftller: DLZ. 1898, 8. 758/9.]] - 27) X C. Franke, D. Brftder 
Grimm. Ihr Leben nnd Wirken in gemeinfassl. Weise dargestellt. Dresden n. L., Reissner. 1899. 176 8. M. 2,40. ^ThLB. 24, 
8. 281/2.]| (E. ansprechende, wohlgelangene Darstell, fftr weitere Kreise.) - 28) X F- Zarnoke, D. Brftder Grimm. Festrede, 
gehalten bei d. Grimro-Feier d. Leipziger 8tadenten8chaft am 21. Jan. 1885. (Zuerst abgedruckt in : Unsere Zeit, Dtsch. RcTue. 
Her. ▼. B. t. Gottschall 1885. 1, 8. 312-25.) - 29) X I^ Grimm, Uober d. Bedeut. d. Gebrftder Grimm in d. Gesch. d. Pftdag.: 
ZDU. 18, 8. 585-605, 641-71. - SO) X P- B., D. Brftder Grimm n. GÖrres: HPBll. 124. 8. 178-92. - 31) 0. Koethe, J.Grimms 
Yorles. ftber dtseb. Litt.-Gesch. : NGWGöttiogen 1899, 8. 508-48. - 32) X P- Zarnoke, Bede z. Gedftchtnis J. Grimms. (» Kleine 
8ohriften t. F. Zarnoke Bd. 2 [L., Ed. Avenarius. 1898. X, 402 8. M. 9,00j, 8. 193/5.) (Gehalten z. ErAffn. d. german. Sektion auf d. 
22. PhiloL-Yersamml. Meissen 1863. War schon zweimal gedruckt, 1. in d. Yerhandl. d. Yersamml. [1863], 2. in d. .Wissen- 
schaften im 19. Jh." IX, 1, 8. 62/4 [1864]. Mit unrecht nennt E. Zarncke den 2. Abdruck einen Auszug, er beruhte ja, wie er 
selbst angiebt, auf Stenograph. Niederschrift, war also wohl genauer als der 1.) — 33) X ^^-i ^' Grimm. (= ebda. Bd. 2, S. 199-218.) 



AI. Reifferscheid, Geschichte der deutschen Philologie. 1898, 1809. I 2: 34.0a 

und zwar aus den J. 1823, 1826, 1834. Der erste Brief der Brüder ist vou beiden 
unterschrieben, aber wohl von Wilhelm ebenso wie der zweite, der seine Unterschrift 
trägt, verfasst. Sie hoffen, dass durch Taylors Uebersetzung auch in England 
Sammlungen von Volksmärchen angeregt werden, und wünschen, aber ohne Erfolg, 
auch eine uebersetzung der „Deutschen Sagen". Wilhelm drängt auf Veröffent- 
lichung der Bilder der Pariser Liederhs , als Beitrag zur Bildungsgesohichte 
des Mittelalters. Jacob bezeichnet 1834 seine Mythologie als ein Buch, das nach 
langem Schiffbruch endlich Land gewinnen helfen solle, von einem eigentlichen 
Anbau dieses Landes sei aber noch nicht die Rede. — Auf die Märchensammlung 
bezieht sich auch der von E. Schmidt^®) bekannt gemachte Brief Wilhelms an 
Friedr. Sohlegel aus jdem J. 1814. Er holt dessen Urteil darüber ein. Sie sollte als 
Erziehungsbuch wirken, man habe aber eingewendet, dass manches darin für Kinder 
nicht passe. Er denkt, ein gesunder Sinn werde nur das Rechte sehen und finden. 
Den Schluss der Mitteilungen Sch.s bildet ein Brief Jacobs an Wurm aus dem 
J. 1852, der seine, angeblich sechs Foliobände umfassenden Sammlungen zum deutschen 
Sprachschatz für das deutsche Wörterbuch angeboten hatte.^^"*^) — Aus einem Briefe 
W. Wattenbachs an seine Schwester Sophie vom 6. Jan. 1852 teilte Dümmler*^) 
eine ergötzliche Schilderung der Feier des 67. Geburtstages von Jacob Grimm mit. — 
K. Lachmanns bleibende Bedeutung hob in würdiger Weise Ankel*^) hervor. — 
Einen charakteristischen Brief Lachmanns an Zeune aus dem J. 1835 druckte 
E. S c h m i d t*3) ^b ^n rücksichtsloser Schärfe weist Lachmann darin Zeune zurück, 
der gerne eine Notiz über die Nibelungenhss. Jh veröffentlicht hätte. — 

Von den Freunden und Mitforschern der Begründer der deutschen 
Philologie sind A. von Arnim, C. Brentano, A. W. von Schlegel, 
J. Görres, L. Uhland, G. G. Gervinus und H. Hoffmann von 
Fallersieben in dem prächtig ausgestatteten Werke „Das Neunzehnte Jahrhundert 
in Bildnissen'' vertreten, wo sie von Steig**"**), Lier*®), Holland*'), Munck er*®), 
Rühl*®) und J. Harf^^l gewürdigt werden. — Zur fünfzigjährigen Todesfeier von 
J. Görres besprach Wiboelt"), den J. Schwering dazu angeregt, seine litterar- 
historische Thätigkeit. *^*^) — Zum hundertjährigen Geburtstage H. Hoffmanns von 
Fallersleben erschien eine grosse Anzahl kleinerer Aufsätze, die mehr den Dichter 
und Menschen als den Gelehrten betreffen**"^'). Besondere Hervorhebung verdienen 
die Mitteilungen Meisners^^j^ die Studie Verdams*^) und die Notiz eines Un- 
genannten*®). Letzterer veröffentlichte einen Brief Hoffmannsaus dem J. 1831, in 
dem er sich um die Bibliothekarstelle in Wolfenbüttel bewirbt, aus Liebe zur Heimat 
und um seine wissenschaftliche Thätigkeit zu konzentrieren.**"®*) — 

Auf dem Gebiete der Geschichte der Sprachwissenschaft sind 
die Charakteristiken W. von Humboldts und F. B p p s von B ö 1 s c h e *') 
und von Ankel*®) zu nennen. — 



(Zaerai ohno Nunen d. Vf. ToröiTeiitlicbt : Qrtnzb. 22, 1863, S. 281-800.) — 34) Ph. Straaoh, Bri«fo an F. Wigand t. 
d. Brftdern Grimm: ADA. 24. S. 404/8. — 39) G. Heinrich, E. Brief J. Grimms an L. Schedins: ib. 8. 325/8. — 36) E. 
Steinmeyer, E. Brief J. Grimms an Bask: ib. S. 221/8. — 37) (bN.24.) - 33) E. Schmidt, Z. Gesch. d. dtsoh. Philologie: 
ADA. 25. S. 106-12. (1. Wilh. Grimm an Friedr. Sohlegel, 16. Febr. 1814. 2. Fr. Ludwig Jahn an Bernd, 1. Brachmonat 1816. 
8. Laehmann an Zenne, 1. April 1835. 4. Jaeob Grimm an Wnrm, 22. Mai 1852.) - 39) X M. Granwald, Briefe v. Hoftei. 
J. Grimm n. a.: NAS. 84, 8. 99-118. (Je e. Brief Jacobs an Dr. Gries [1855] n. Prof. Warm [1845J, ohne Wert.) - 40) O X 
H. Diedrichs, E. Brief t. J. Grimm an J. F. Reelre: BaltMsehr. 48, 8. 266-70. - 41) E. Dftmmler, W. Wattenbach fiber 
d. Feier d. 67. Geburtstages t. J. Grimm: ADA. 25. 8. 112. — 42) P. Ankel, K. Lachmann (s N. 26.) (Bild nach Biows 
Lichtbild, gest. t. Teiohel.) — 43) (= N. 38.) - 44) B. Steig, A. ?. Arnim. (» N. 25, Bd. 2, 8. 314/5; Bildn. N. 231.) 
(Naeh d. GemAlde ▼. S. H. Str5hling.) — 49) id., C. Brentano. (« ebda. 1, S. 131/2, Bildn. N. 110.) (Nach d. Ge- 
m&lde T. Emilie Linder.) — 46) H. A. Lier, A. W. t. Schlegel. (» ebda. 8. 120, Bildn. N. 102.) (Nach d. GemAlde t. 
Hoheneok.) - 47) Hyac. Holland, J. Görres. (= ebda. 8. 129-81, Bildn. N. 100.) (Nach d. Gemftlde t. J. Settegast.) 
- 41) F. Maneker, L. Uhland. (:= ebda. 2, 9. 206/8, Bildn. N. 158.) (Nach d. GemAlde t. Horff a. naeh e. 
Photographie ans seiner spAteren Zeit.) - 49) Fr. Bfthl, G. G. Gervinas. (^ ebda. 8. 274/5, Bildn. N. 202.) (Nach d. 
GemAlde t. Oesterley.) — 90) J. Hart, H. Hofftaiann t. Fallersleben. (» ebda. 1, 8. 89-40, Bildn. N. 41.) (Nach d. GemAlde 
T. E. Henseler.) — 51) A. Wibbelt. J. t. Görres als Litt.-Hlstoriker. (»= Schriften d. Görres- Gesellschaft Bd. 2.) Köln, Bachern. 
1899. 76 S. M. 1,50. — 92) O X X J- KrejSi, üeber Uhlands skandinatisehe Stadien: SBBöhmGW. 1897, N. 18. — 
93) X ^ Bernays, Uhland als Forscher germ. Sage u. Dichtung. (« Schriften z. Kritik u. litt.-Gesch. m, her. t. G. 
Witkowski [B., Behr, VI, 8928., M.9,00], S. 806-28.) (Zuerst 1872 erschienen.) - 94) X H. Ellissen, Kleine Erinner, an 
Hofltaiann T. Fallersleben : ML. 67, 8. 703;6. — 95) X P- Hoffmann-Fallersieben, Z. Erinn. an Hofftaiann ▼.Fallersleben: 
WIDM. 84, 8. 514-22. -96)XK.Jecht, Hofltaann v. Fallersleben in seinen Besieh, au d. Oberlausits u. d. Oberiausitser Gesellschaft 
d. Wissenschaften: NLausMag. 74, S. 289-92. (Nach d. Gesellschaftsakten u. Hoiftaianns Autobiographie. PopulArer Vortrag ohne 
wbsenschaftl. Charakter.) - 57) X L- L.« Holfteann ▼. Fallersleben in Cassel: CasselTBl. 45, 8. April. — 53) H. Meisner, 
Hoffmann t. Fallersleben n. LeocadU r. Nimptsch auf JAsohkowitt. Mit ungedruckten Briefen: DB. 28>, 8. 230/8. - 99) J. 
Ter dam, Herinnering aan H. Hofftaiann ▼. Fallersleben: HMMNedL. Bd. 1897-98. — 60) Z. GedAohtnis Hoffroanns 
▼.Fallersleben: BraunschwMag. 4, 1896, 8. 49-51. - 61) X 8. M. Prem, Z. GedAehtnisie Hoinnaans ▼. Fallersleben: 
MarbnrgZg. 1898, 17. April. - 63) X B. Steiner, Hoffmann ▼. Fallersleben: ML. 67, 8. 828/9. - 63) X <>■ Ziele r, Z. 100. Ge- 
burtstag Hoihnanns ▼. Fallersleben: Universum 14, N. 14. — 64) X i^« Hoflteann t. Fallersleben: NorddAZg°. 1898, 
N. 79. - 65) X Bilder aus d. Erweckungsgesch. 4. religiösen kirchlichen Lebens in Deutschland in diesem Jh. Aug. Friedr. 
Chr. Yilmar: EKZ. 1898, 8. 246-58, 277-83, 303/8, 327-30. (Giebt einen Gesamtüberblick ftber d. Werden u. Wirkea dieser 
Persönlichkeit! wenngleich sein Leben nar naeh seiner ersten grösseren HAIfte in d. erweckungsgesoh. Zusammenhang 
gehöre.) — 66) O X Schomberger, Vilmariana: Pflsrrhaus 14, 8. 103/4. - 67) W.Bö Ische, W. ▼. Humboldt 
(:= N. 25, Bd. 1, 8. 33,4, Bildn. N. 35.) (Bild nach e. Lithographie ▼. Oldeimann.) >- 63) P- Ankel, Fr. Bopp. (» ebda. 3, 

(1)4* 



I 2:6(»-u7 AI. Reifferscheid, Geschichte der deutschen Philologie. 1898, 181)9. 

Von dem Begründer der romanischen Philologie, F. Diez, 
sind nur einige kleine Briefe gelehrten Inhalts an Albert Hoefer, den Herausgeber 
der Zeitschrift für die Wissenschaft der Sprache, durch Stengel'^) mitgeteUt 
worden.*^®) — 

Lachmanns selbständigen Schüler und aufrichtigen Verehrer Julius 
Zacher schilderte Edw. Schröder'*) unter voller Anerkennung seiner Gelehr- 
samkeit, seiner sauberen, durch Akribie ausgezeichneten Arbeitsweise und seiner 
uneigennützigen Förderung von Freunden und Fremden, ohne deshalb die Schwächen 
seiner Beanlagung zu verschweigen, die sich vor allem in der falschen Beurteilung 
Wolframs von Eschenbach zeigten. — Trotz der Vielseitigkeit ihrer litterarischen 
Bestrebungen lag wie bei Zacher so auch bei Fr. Zarncke der Schwerpunkt der 
Wirksamkeit in der akademischen Lehrthätigkeit. In Sievers'^) höchst an- 
erkennender Darstellung tritt auch Zarncke als Schüler Haupts und Lachnianns auf 
Sein pietätvolles Empfinden wird besonders gerühmt. Damit stimmt schlecht Zarnckes 
Abrechnung mit dem toten Haupt über ein, das Hämische der anonymen Besprechung 
des Belgerschen Buches über Haupt ''3), die man erst jetzt mit Sicherheit Zarncke 
zusprechen kann.'^*"*'*) — 

In der ADB. werden verschiedene Sprach-. und Litteraturforscher 
ihrer Bedeutung nach skizziert. O. L. B. Wolffund F. Woeste von E. Schröder^*"'''), 
Joh. Wolff von Teutsch'»), Joh. Wilh. Wolf von FränkeP»), E. Wülcker von 
Thomae^^). — Eine schöne Studie über Wilh. Scherers Entwicklung und Be- 
deutung gab Roeth e**). Er fasst ihn als Phüologen in dem alten grossen Sinne, 
dem die deutsche Philologie die Wissenschaft von der gesamten Vergangenheit 
unseres Volkes ist, und schliesst folgerichtig mit dem Wunsche, Wilh. Scherers 
Geist möge immer unter uns lebendig bleiben und wieder lebendiger werden.®^) — 

Gross ist auch diesmal die Reihe der Nachrufe auf jüngst ver- 
storbene Fach genossen. Von den schon im letzten Bericht aufgeführten 
Totendes J. 1897 erhielten noch Nachrufe Michael B ernay s®^"®^), Daniel 
Sanders»«-^'), Julius Hoffory^«)^ Ludwig Hir z e l»«»»), Friedr. Alt- 
haus^^), Jakob Baechtold ^'^'^^). — Dazu kommen noch die Nachrufe auf den 
um Hss.- und Quellenkunde des Mittelalters hochverdienten Wilhelm Watten- 
bach (22. Sept 1819-20. Sept. 1897) ««-»»*) und auf den Kulturhistoriker Wilh. 
Heinr. von Riehl (6. Mai 1823— 16. Nov. 1897)io5-io9). __ Die Toten des 
J. 1898 erhielten Nachrufe: Fried. Aug. Leo (6. Dec. 1820 — 80. Juni 1898)iio-iiij^ 
Walde mar Kawerau (4. Juni 1854 — 24. Juli 1898) von G. KaWerau"2) ^nd 
Haupt"3), Magnus Böhme (11. März 1827 — 18. Okt. 1898)»i*-ii6), dazu kommt 
aus dem J. 1899 George Allison H e n c h*^^"^^'). — 

Zum Schlüsse sei der Veröffentlichung autobiographischer Auf- 
zeichnungen von R. von Gottschal P*®) und von Ludwig Spa c h"**) 
gedacht, sowie der Selbstverteidigung von Heinrich Düntze r^^o^ , der 
sich mit Recht beklagt, dass er nicht die verdiente Anerkennung gefunden hat. — 

S. 479-81. Bildn. N. 337.) (Bild nach e. Naturunfnahme.) — 69) E. Stengel. Vier Briefe t. F. Dies an A. Hoefer: 
ZFSL 21^ S. 831/2. — 70) X L- HolKupfel, Z. Biographie v. F. Dies: ib. S. 832/2. (Belanglose Notia ans e. Notisbnoh v. 
Caroline Dies Ober e. Reise, d. sie roit ihrem Brnder nach Auerbach an d. Bergstrasae 10. Sept. 1659 gemaoht u. ttber e. Zu- 
sammentrelTen mit Yeoedey.) — 71) E. Schröder, J. Zacher, Oennanist: ADB. 44, 3 658-60. — 72) E. Sievers, F. Zarncke: 
ib. S. 700/6. — 73) F. Zarncke, Besprech. t. Beiger: M. Haupt als akademischer Lehrer. (= N. 32, Bd. 2, S. 288-40.) (Stind 
zuerst in LCB1. 1880, S. 1264,5.) —74) X Ed. Zarncke, Friedrich Zarncke (Nachraf). (= ebda. S. 876-97.) (Aas d. BiogrJb. 
fflr Altertnmswistenschaft, B., 1895, z. Teil in nener Bearbeitung abgedruckt.) — 75) X Kcden u. Ansprachen am Sarge Fr. Zarnckes. 
(i= ib. S. 361-75.) — 76) E. Schröder, 0. L. B. Wolf: ADB. 44, S 9-12. - 77) id., F. Woeste: ib. 43, S. 706/7. (Germanist.) — 

78) F. Tentsch, Joh. Wolff, siebenb&rgisch-sächsischer Sprachforscher (12. Jannar 1844—30. Deoember 1893): ib. 44, S. 899. — 

79) L. Frftnkel, Joh. Wilh. Wolf, Germanist: ib. 43, S. 765-77. - 80) F. Thomae, E. WQloker, Philologe und Historiker: ib. 44, 
S. 559-62. — 81) (JBL. 1893 I 1 : 117). KG. Koethe: ADA. 24, S. 225-42.]| — 82) X Y. Joss, W. Scherer als Kritiker: DAbendbl. 
(Prag) 1. Aug. — 83) E. Fetzet, M. Bernays: DNekrolog. 2, S. 338-55. - 84) E. Beuss, M. Bernays in seiner Bibliothek: 
DR. 23*, S. 231-42. — 85) E. Kilian, Ans d. Nachlas« v. M. Bernays: KarlsrnherZg. N. 249. - 86) F. Brflmmer, D. Sanders: 
DNekrolog. 3, S. S84;6. — 87) D. Sanders: MünchNN. 1898, N. 119. — 88) W. Rani seh, J. Hoffory: DNekrolog. 2, S. 79-81. 

— 89) 0. T. Greyerz, L. Hirzel: YSchweisGymnLehrer. 28, S. 33/4. - 90) D. Jaooby, L. Hirzel: DNekrolog. 2, S. 401/7. 

— 91) id., L. Hirzel: GJb. 19, S. 820/6. — 92) F. Brflmraer, Fr. Althans: DNekrolog. 2, S. 86. — 93) J. Bae ch t o1 d. 
Kleine Schriften. Kit e. Lebensbilde t. W. v. Arx, her. ▼. Th. Vetter. Hit Portr&t n. Bibliogr. Franenfald, Haber. 1899. 
VI, 330 S. M. 4,80. - 94) Erich'Schmidt. J. Baechtold: Euph. 5, 1893, S. 838-45. - 95) Th. Vetter, J. Baechtold: DNekrolog. 
2,8. 10-25. (Wiederholt aus d. NZQrehZg.) - 96) V. Bayer, W. Wattenbuoh: ib. S. 365/0. ~ 97) E. Dttmmler, W. Wattenbach: 
NA. 23. S. 569-78. — 98) id., GedAchtnisrede auf W. Wattenbuoh: SBAkBerlin. 1898, S. 441. — 99) J. Friedrich, W. 
Wattenbach: SBA1iH&nchen*'>>. 1, 1&9S, S. 341/2. - 100) C. Grflnhagen, Wattenbach in Breslau, 1855-62: ZVGSchlesien 32, 
S. 8*5-58. (Behandelt ihn bes. als Provinzialarchivar.) - 101) A. v. Jakscb, W. Wattcnbaoh: Carinthia 1, S. 31/2. - 102) 
J. Jung, W. Wattenbach: MVGDB. 86, 8. 410/2. — 103) C. Rodenborg, W. Wattenbach: ADB. 44. S. 439-48. >. 104) 
K. Zeuroer, W. Wattenbaoh: HZ. 80, S. 75-85. — 105) J. Friedrich, W. H. r. Riehl: SBAkMfinchenl'». 1, 1898. S. 328-36. 

— 106) E. Gothein, W. H. Riehl: PrJbb. 98, S. 1-27. - 107) F. Mnnoker, W. H. Riehl: WIDM. 84, S. 180-92. 108) J. 
Rodenberg, W. H. t. Riehl: DRs. 94, S. 269-77. — 109) H. Simonsfeld, W. H. Riehl als KuUurhist Festrede. M&nchen, 
Akademie. 1898. 4<>. 62 S. M. 2,00. |[LCB1. 1899, S. 1609.j| - 110) A. Cohn, F. A. Leo: JbDShG. 35, S. 281-94. - lU) 
L. Franliel, F. A. Leo: DNelirolog. 3, S. 241/3. - 112) G. Kawerau, W. Kawerau: GBllllagdeburg. 33, S. 385-400. - 113) 
£. Haupt, W. Kaweran. Rede bei d. Trauerfeier am 27. Juli 1898. Magdeburg, Faber (Privatdrnck). (Nicht im Buch- 
handel.) — 114) J. Sahr, F. M. Böhme: ZDU. 12, S. 771/7. — 115) X id., F. M. Böhme: UlZg. 111, S. 661. (Mit 
Bildnis) - 116) M. D. Learned, Professor G. A. Ilench: Americana Germanica 3, S. 219-25. - 117) C. Thomas, G. A. 



[\ Stötzner, üeschichU» des Untemclits- und Erzieh unt^swesoiis. 1 2:ii8-i20 14;i.i 

I,» 

Die Litteratur in der Schule. 

Rudolf Lehmann. 

[Der Bericht über die Erscheinungen des Jahres 1899 wird im elften Bande 
nachgeliefert.] 



I,* 

Geschichte des Unterrichts- und Erziehungswesens. 

Paul Stötzner. 

Bibliographie N. 1. — GesamtdarBtellangen N. 6. — Einselne Vertreter der P&dagogik und 
deren Werke: Hnmanieten N. 22. — W. Batiehim, Arno« Comenius and andere N. 38. — Pietisten nnd Philanthropisten N. 44. 

— Chr. R. Geliert, Herder, Ooethe N. 66. - J. Q. Pestaloni, J. F. Herbart und die Herbartianer N. 74. — Neuere Pldagogen 
N. 108. — Hoohiohulen (Bern, Bologna, Breslan, Dtteseldorf, Helmstedt, Jena, Lelpsig, Mains, Padna, Cbarlottenbnrg) N. 185. 

— Volkshochsehal« N. 162. -Ueschichte einselner Lehranstalten (Angsbnrg, Barby, Berlin, Bremen, Breslan, Crossen, 
Dresden, DOsseldorf, £lbing, Emmerich, Freibarg i. Sohl., llagen, Hildbarghaasen, Ilsebarg, Kempen a. Rh., KöpenicV, Ijelsnig, 
Harburg, Mfihlhaasen, Planen i. V., Reiohenbaoh i. V., Rösiel, Strehlen, Stuttgart, Vegesaek, Wetzlar, Wohlan, ZwioVan) N. 174. 

— Sohnlwesen einzelner L&nder and Stftdte (Esslingen, Münden, Oesterreiob, Prenssen, Saehsen, Höh weit, 
Württemberg) N. 227. — Oesohielite einielner Lehrf&oher N. 256. — Fraaenbildungswesen N. 263. — Yerfkssung der höheren 
Sehnlen N. 282; Stellang der Gymnasiallehrer N. 326. — Yorbildang der Volkssohnllehrer N. 381. — Allgemeine P&dagogilc 
N. 346. -> Sehnlhygiene N. 369. - 

Bibliographie. Den 51. Jahrgang des Pädagogischen Jahresberichts*) 
eröffnet der Herausgeber, H. S c h e r e r , mit einer IJebersicht über die Strömungen 
auf dem Gebiete der Pädagogik und ihrer Hilfswissenschaften. Er handelt zunächst 
von grösseren Werken über die Geschichte der Pädagogik, wobei er unseres Erachtens 
den Wert von Raumei^s Geschichte der Pädagogik zu gering anschlägt: mag das 
Buch auch im einzelnen veraltet sein, ein klassisches Werk, das jeder Schulmann 
gelesen haben sollte, bleibt es doch. Neben der Psychologie werden die Sociologie 
und Ethik als Hülfswissenschaften der Pädagogik berücksichtigt; es wird ferner des 
Streites zwischen Individual- und Socialpädagogik gedacht, wobei Vf. sich auf Seiten 
der letzteren stellt, und endlich wird die rege Arbeit auf dem Gebiete der Schul- 
hygiene erwähnt. Im 2. Hauptteile — zur Entwicklungsgeschichte der Schule — 
behandelt wiederum J. Tews Deutschland, und zwar hat er den Stoff in folgende 
8 Abschnitte gegliedert: 1. Politische und wirtschaftliche Verhältnisse. 2. Das Kind 
ausserhalb der Schule. 3. Lehrerverhältnisse. 4. Schulaufsicht und Schulverw^altuLiig. 
5. Aeussere Schulverhältnisse. 6. Schul- und Klassenorganisation. 7. Innere Schul- 
verhältnisse. 8. Ergänzung und Fortführung der Unterrichts- und Erziehungsarbeit 
der Volksschule. Teber Oesterreich berichtet wiederum Franz Frisch, und der 
Abschnitt über die Schweiz ist auch diesmal aus dem Archivbureau des Pestalozzi- 
anums in Zürich geliefert worden. — Am 18. Jahrgange von Rethwischs Jahres- 
berichten über das höhere Schulwesen^), die die pädagogische Litteratur von 1898 
behandeln, ist besonders zu rühmen, dass sie keinerlei Lücken enthalten, sondern viel- 
mehr die in den letzten Bänden vorhandenen ausfüllen. So ist diesmal über katholische 
Heligionslehre 1896—98 von J. N. Brunner, über Gesangsunterricht 1896—98 von 
E. Langelütje, der dies Referat für H. Bellermann übernommen hat, berichtet 
worden. In der Einleitung behandelt der Herausgeber die „Anstellungsbedingungen 
für das Oberschulamt in Deutschland*', d. h. er stellt die in Bayern seit 1895, in 
Württemberg und Preussen seit 1898 geltenden Prüfungsordnungen neben einander, 
ebenso die Bestimmungen über die Uebungszeit, die Vorbildung der Religionslehrer 
und die Reihenfolge bei der Anstellung in den genannten Staaten und knüpft daran 
eine Reihe von Bemerkungen, aus denen nur die eine hervorgehoben sei, dass in 

Hench. In memoriam: JOPh. 2. S. 550/4. — 118) R. t. Oottsohall, Ans meiner Knabenteit. Brinner.: NtS. 65, 8. 32-58, 
186-213. - 119) V. X. Ernas, Aatobiographisehe Aafeeiohn. t. L. Spach: JbOLEIsLothr. 15, S. 45-88. - 120) H. D An teer. 
Mein Beruf als Aasleger. L., Hoppe. 1899. III, 192 S. M. ÜJM. - 

1) P&dJB. T. 1896. 61. Jg. Her. t. H. Seh er er. L., Brandstetter. XI, 495, 337 S. tt. 10,00. (Vgl. JBL. 1898 
I 7 : 1.) — 2) C. Rethwisch, JB. Ober d. höh. Sohnlwesen. 13. Jg. 1898. B., Gaertner. YII, 16, 28, 54, 39, 24, 64. 71, 36, 



1 4 : a-u P. Stötzner, Geschichte des Unterrichts- und Erziehun^swesens. 

diesen Präfunofsordnungeii Nord- und Süddeutschland, von entgegengesetzten Aus- 
gangspunkten aus, sich mehr und mehr nähern, wenn auch im Süden der Unterschied 
zwischen Humanisten und Realisten bestimmter hervorgehoben wird als im Norden, 
wo man den Blick mehr auf eine wissenschaftliche Allgemeinbildung gerichtet hält. 
Die uns hier besonders angehenden Abschnitte über Sohulgeschichte und Schul- 
verfassung rühren wiederum von K. Erbe und L. Viereck her. — Die von uns 
schon wiederholt gewürdigte Zeitschriftenbibliographie von Dietrich^"*) verdient 
(liesmal ganz besonders hervorgehoben zu werden, da sie sich noch weiter zu ihrem 
Vorteile verändert hat. Zeigt schon der 3. Band, der die Zeitschriften-Litteratur von 
1898 registriert, einen weiteren Zuwachs von über 100 Zeitschriften, so steigt von da 
an das Unternehmen geradezu ins kolossale. Von 1899 an erscheinen nämlich im 
Jahre 2 Bande, und so ist denn im Berichtsjahre noch der 4. Band erschienen, der 
die von Januar bis Juni 1899 veröffentlichten Aufsätze verzeichnet; die Zahl aber 
der berücksichtigten Zeitschriften ist auf 931 gestiegen. — Endlich sei darauf 
aufmerksam gemacht , dass von Klussmann^) nimmehr der 3. Band seines 
systematischen Verzeichnisses der in den Schulschriften enthaltenen Abhandlungen 
herausgegeben worden ist; er umfasst die Zeit von 1891—95. Das Unternehmen 
verdient deshalb besonderen Dank, weil ja viele Schulschriften im Buchhandel nicht 
zu haben und auch in der buchhändlerischen Bibliographie nicht verzeichnet sind. 
Wie wichtig aber insbesondere für die Pädagogik dasselbe ist, geht schon daraus 
hervor, dass die über Pädagogik und Methodik handelnden Schulschriften fast den 
»J. Teil des ganzen Bandes ausmachen. — 

Gesamtdarstellungen. Die von Kehrbach herausgegebenen 
Monumenta Germaniae Paedagogica sind um einen stattlichen Band vermehrt worden; 
er enthält die Erziehungsgeschichte der pfälzischen Witteisbacher von Fr. Schmidt®) 
und bildet somit eine Ergänzung zum 14. Bande dieses Sammelwerkes, der eine 
Geschichte der bayerischen Linie jenes Fürstenhauses brachte. Der Vf. schickt der 
stattlichen Urkundensammlung, die in diesem Bande vereinigt ist, einen geschicht- 
lichen Ueberblick voraus, der als Einleitung dazu dienen soll. Die Sammlung selbst 
enthält im ersten Abschnitte Bestallungen und Instruktionen, im zweiten Nachrichten, 
briefliche Mitteilungen und Notizen über die Erziehung der Prinzen und Prinzessinnen, 
im dritten Briefe der letzteren, im vierten endlich deren Schul- und Uebungshefte 
sowie Jugendarbeiten. Die mitgeteilten Aktenstücke und Briefe reichen von 
1497 bis 1834. — Im Berichtsjahre ist auch ein Werk zum Abschlüsse gelangt, das 
wir seit Jahren in den JBL. verfolgt und gewürdigt haben: das encyklopädische 
Handbuch der Pädagogik, von Rein""®) herausgegeben. Es liegt nunmehr in 
7 stattlichen Bänden, mit Nachträgen, einem sehr gut gearbeiteten systematischen 
Inhaltsverzeichnis und Autorenregister versehen, vor, ein ausgezeichnetes Nachschlage- 
werk, in dem eine Fülle wissenschaftlichen Materials aufgespeichert ist. Unter den 
Nachträgen finden sich einige biographische Artikel (Dittes, Kehr), vor allem aber 
zwei umfangreichere Arbeiten von Tews und Andrea; jener hat über die Volksschule 
von ihren Anfangen an, dieser über Volksschullehrerbildung gehandelt. Im übrigen 
beschränken wir uns darauf, die biographischen Artikel des 6. und 7. Bandes hier 
aufzuzählen; sie behandeln: Rousseau, J. M. Sailer, Fr. Schiller, Schleiermacher, 
Fr. H. Chr. Schwarz, Spener, Spilleke und Hecker, H. Stephani, K. V. Stoy, Joh. 
Sturm, E. Chr. Trapp, Trotzendori", Vierthaler, W. Volkmann, Richard Wagner, Erhard 
Weigel, Wichern, F. A. Wolf, Wolke, Zeller, Ziller, Zwingli. — Eine ausführliche 
Besprechung der eben genannten Ency klopädie , die der Feder Nebes^) ent- 
stammt, schliesst folgendermassen : „Es steht zu hoffen, dass, wenn das Reinsche 
Handbuch der Pädagogik die allgemeine Verbreitung findet, die es vollauf verdient, 
nicht nur in Unterricht und Erziehung klarere Anschauungen Platz greifen werden, 
sondern auch das weitere Gebiet des socialen I^ebens segensreiche Einwirkungen 
verspüren wird." Möge dieser Hoffnung Erfüllung zu teil werden.^®) -— Die viel- 
gebrauchten Lehrbücher zur Geschichte der Pädagogik von Schumann^*) und 
Voigt^*) liegen wiederum in neuen Auflagen vor; der von uns frühei" erhobene 
Vorwurf (JBL. 1896 I 10 : 14/5), dass in diesen Büchern die neuere pädagogische 
Litteratur nicht genügend beachtet werde, trifft auch die neuen „verbesserten" Auflagen, 



44, SB, 21, 50, 62, 11, 7, 48, 84 S. M. 14,00. i[LCBl. 1900, S. 124.]i (Vgl. JBL. 1898 I 7 :2.) — 3) F. Dietrioh, Bibliogr. d. 
dtich. Zeitüohr.-Litt. 3. Bd. L., Dietrich. 4<'. XYI, 318 S. M. 10,00. (Vgl. JBL. 189S I 7:5.) - 4) id., Dass. 4. Bd. ebdn. 
4^ 325 S. M. 15,00. — 5) B. Klussmann, Systemat. Yerzeiobnis der Abhandlangen, welche in den Schnlsohriften s&mtl. 
an d. Frogrammtansche teilnehmenden Lehranstalten erschienen sind. 3. Bd. 1891—95. L., Teabner. YU. 842 S. M. 8,00. 
|[LCBI. 1899, S. 1818.]| — 6) Fr. Schnidt, Gesch. d. Erz. d. pfilzisobon Witteisbacher. (= MQF. N. 19.) B., Hofmann ä Co. 
CCIX, 575 9. M. 22,50. — 7) W. Bein, EncyVlop. Uandbaoh d. Pädagogik. 6. Bd. Langensalza, Beyer A Söhne. YU, 050 S. 
H. 15,00. — 8) id., Dass. 7. Bd. ebda. Vni, 1136 S. H. 17,50. - 9) A. Nebe, Enoyklop. Handbuch d. P&dagogik Ton Dr. W. Bein 
MhComeniasGes. 8, S. 43/6. — 10) X B* Zeissig, Thilo, Rein, Flttgel, Bade, Herbart a. d. Herbartianer: PaedStad. 20, S. 53/4. 
^ 11) G. S ch o n a n n , Leitfaden d. P&d. f&r d. Unterr. in Lehrerbildnngsanst. 2. T. Gesch. d. Fad. 8. Anfl. (= FaedBibl. 4.) Hannover, 
Mever. YIII, 314 S. M. 3,00. - 12) id. a. G. Voigt, Lehrbuch d. Päd. 1. T. 11. Aufl. (r= Dass. N. 1.) ebda. XII, 460 S. 



P. Stütziier, (teschichte des Unterrichts- und Erziehungswesens. 1 4 -. i3-J5 

namentlich die von Schumann allein herausgegebene Geschichte der Pädagogik. — 
Vom katholischen Standpunkte aus hat Kellner^^) die Geschichte der Pädagogik 
dargestellt. Wenn man ihm auch nachrühmen muss, dass er sich z. B. Lut£er 
gegenüber einer löblichen Objektivität befleissigt, so macht sich doch anderseits das 
Bestreben geltend, die pädagogischen Leistungen beider Konfessionen als durchaus 
gleichwertig hinzustellen, ein Bestreben, bei dem die protestantische Pädagogik ent- 
schieden zu schlecht wegkommt. Das zeigt sich denn auch u. a. Herbart gegenüber, 
der durchaus nicht der Bedeutung nach gewürdigt ist, die er um das ganze moderne 
Schulwesen hat; Männer wie Stoy und Ziller finden überhaupt keine Erwähnung. — 
Die in der Reihe von Webers Katechismen erschienene Geschichte der Pädagogik 
von Kirchner**) hat mit dem eben besprochenen Buche den Fehler gemeinsam, 
dass sie der vorchristlichen Pädagogik einen viel zu grossen Raum widmet. Die 
Pädagogik der Inder, Perser, Aegjpter und — Chinesen gehört in die Kulturgeschichte, 
nicht aber in eine Geschichte der Pädagogik, die doch wohl zeigen soll, aus welchen 
Anfängen die moderne Pädagogik sich entwickelt hat: von Israel, Griechenland und 
Rom muss da die Rede sein, die oben genannten Völker spielen in dieser Hinsicht 
keine Rolle, am allerwenigsten in einem Leitfaden von 220 Seiten, denn da kommt 
dann die neue Zeit zu kurz weg. Man sehe nur: Altertum 67 Seiten, Mittelalter 46, 
Neuzeit 93 Seiten. Im übrigen zeichnet sich dies Buch durch Klarheit und Knapp- 
heit aus, überall ist das Wesentliche gut hervorgehoben. ^^"''j — Höchst verdienstlich 
für die Geschichte des deutschen Volksschulwesens ist ein längerer Aufsatz von 
Sander^*), worin in gründlicher Weise die von Joh. Janssen und seinen An- 
hängern verfochtene Behauptung, dass es bereits im Mittelalter eine deutsche Volks- 
sohiSe gegeben habe, zurückgewiesen wird. „Das Wort von der Volksschule des 
Mittelalters ist entweder ein blendendes W^ortspiel oder eine moderne Legende, wider 
die der Historiker sich verwahren muss. Es bleibt dabei: die Volksschule ist ein 
Geschöpf der Reformation und des Reformators." Natürlich fanden auch Luther und 
Melanchthon schon zahlreiche Ansätze zur Volksbildung vor, und der Vf. macht es 
sich zur Aufgabe, alle die Bild ungs Veranstaltungen, die seit den Anfängen des Mittel- 
alters in Deutschland vorhanden gewesen sind, zu schildern; von irgendwelcher 
Blüte aber des Volksschulwesens unter dem Papsttume kann nicht die Rede sein. — 
Mertz^'^), der fleissige Forscher in Sachen der Jesuiten-Pädagogik, zieht eine 
Parallele zwischen den pädagogischen Bestrebungen und Einrichtungen der Jesuiten 
und der Pietisten, bei der sich ziemlich viele Vergleichungspunkte herausstellen. — 
Die älteste deutsche Zeitschrift über das höhere Schulwesen sind nach Schwabe^^j 
die seit 1741 erschienenen Acta scholastica, an die sich 1747 die Nova acta scholastica 
und 1752 die Zeitschrift „Altes und Neues von Schulsachen" anschlössen; letztere bestand 
bis 1755. ~ Endlich dürfen wir hier auch Zieglers^») geistvolles Buch über die 
geistigen und socialen Strömungen des 19. Jh. nicht übergehen, denn darin wird 
natürlich auch des Bildungswesens häufig gedacht. Es sei nur auf einige Stellen 
hingewiesen: Pestalozzi und Preussen (S. 102/3), die Schule um 1848 (S. 288), 'Hermann 
Köchly (S. 291), Schule und Reaktion (S. 299), die Frauenfrage (S. 560 ff.), Nietzsche 
und das Gymnasium (S. 588/9), endlich die Schulreform. — 

Einzelne Vertreter der Pädagogik und deren Werke: 
Humanisten. Nikolaus von Wyle, einer der deutschen Frühhumanisten, war 
1449—69 Stadtschreiber in Esslingen und hatte nebenher eine „Schule Schreibens und 
Dichtens"; es war dies eine Art höherer Schule, wie 0. Mayer") ausführt, in der 
die Schüler zu „wohlgelehrten lateinischen Männern" herangebildet werden sollten. — 
Dann sei hier der Arbeiten von Neff23-24) über Philipp Engelbrecht (Engentinus) 
gedacht, der 1528 in Strassburg starb, nachdem er den grössten Teil seines Lebens 
in der Schweiz und in Schw^aben zugebracht und unter den dortigen Humanisten 
eine einflussreiche Stellung eingenommen hatte. — Die Wirksamkeit und die Streitig- 
keiten der Leipziger Professoren Martin Polich aus Melierstadt (gest. 1513) und des 
etwas jüngeren Konrad Wimpina hat Bauch^^) eingehend dargestellt. — Ferner 
macht Roth^ö) Mitteilungen über folgende Humanisten vom Mittelrhein: Peter 



M. 4,50. — 13) L. Kellner, Kvrie Qesoh. d. Erz. n. d. Unterr. II. Aufl. Freibnrg i. Br., Herder. XI, 300 8. M. 2,40. — 
14) Fr. Kirchner, Gesch. d. F&d. (= Webers illnstr. Katechismen N. 192.) L., J. J. Weber. VI, 221 S. M. 8,00. |[H. Seide n- 
berger: Oymn. 17, S. 849.]| — 15) X S — r., Dr. Matthias Kappes, lichrbnch d. Gesch. d. P&d. 1. Bd.: Altertam u. Mittel- 
alter: AZg". N. 41. — 16) O X E. Rausch, Gesch. d. P&d. n. d. gelehrten Unterr. im Ahriss. L., Deichert Nachf. 169 S. 
M. 2,40. |[J. Hilgard: HamanistGymn. 10, S. 178/9.J| - 17) O X J- O- Vogel, Uandkarte s. Gesch. d. Päd. 1:2,500.000. 
78X79om- Farbdr. Nehüt Begleitwort. Nfirnberg, Korn. 8 S. M. 1,20. - 18) F. Sander, D. Yolhsschnle d. MA.; e. 
mod. Legende: AZg« N. 61/3. - 19) G. Mertz, D. P&d. d. Jesaiten n. d. Pietisten: NJbbKIAltGIi. 4, S. 401-16. 480/8. - 20) 
E. Schwabe, D. älteste dtsoh. Zeitschr. Ober höh. Schulwesen: ib. S. 465-79, 624-34. — 21) Th. Ziegler, D. geistigen n. 
socialen Strömungen d. 10. Jh. (== D. 19. Jh. in Deutschlands Entwiokl. Bd. 1.) B., Bondi. YU, 714 S. M. 10,00. i[LCBl. 
1899, 8. I488.40.Jl - 22) 0. Mayer, .D. Schule d. Schreibens n. Dichtens" von Nikolaus t. Wyle: MGESchQ. 0, S. 99-104. 
— 23-24) J. Neff, Philipp Engelbrecht (Engentinus). fi. Beltr. %. Gesch. d. Humanismus am Oberrhein. 2. u. 3. T. Progr. 
TQbingen, Lanpp. 1898. 4^ 20, 24 S. — 25) G. Bauch, Gesch. d. Leipziger FrOh- Humanismus mit bes. RRckslcht auf d. 



1 4 : 26.36 P. Stütz uer, Geschichte des rnterrichts- und Erzieh iing^s Wesens. 

Sorbillo (gest. um 1524), Hermann Piscator (gest. 1526), Johann Sorbillo, Jacob Merstetter 
und JohannHebelin von Heimbach (gest. 1515). — lieber den Humanisten Aesticampianus 
(Johannes Rack aus Sommerfeld i. d. Neumark) und seine 1511 bei der Leipziger 
Universität gehaltene Abschiedsrede handelt Giemen^'). — Bömer^®) endlich 
liefert den zweiten Teil seiner trefflichen Sammlung von Schülergesprächen der 
Humanisten, der die Zeit von 1524 — 64 umfasst. Es werden darin folgende 
Humanisten und Verfasser von Schülergesprächen behandelt: Hadrianus Barlandus, 
Hermannus Schottennius, Sebaldus Heyden, Jonas Philologus, Jacobus Zoritius, 
Ludovicus Vives, Nicolaus Winmannus, Martinus Duncanus und Mathurinus 
Corderius. — Eine für die Kulturgeschichte und besonders für das Bildungswesen 
des 16. Jh. interessante Schulkomödie: Studentes, comoedia de vita studiosorum von 
Christian Stummel (Stymmelius) giebt G. Voss^®) neu heraus. Stummel ist 1525 
in Frankfurt a. O. geboren und hat das genannte Drama in seinem 20. Lebensjahre 
verfasst, als er noch selbst Student war; gedruckt wurde es 1549 in Frankfurt und 
ist dann bis zum Ende des Jh. eifrig gelesen und vielfach aufgeführt worden. — 
Für die Geschichte der Schulkomödie ist auch eine Arbeit von Lühr^®) erwähnens- 
wert, in der des Jesuiten Thomas Clagius (1597—1664) Jason abgedruckt und mit 
einer Einleitung versehen worden ist. Clagius ist an verschiedenen Orten der 
litauischen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu als Lehrer und Leiter von Schulen 
thätig gewesen. Sein Drama Jason, das sich inhaltlich an des Valerius Flaccus 
Argonautica anschliesst, ist nachweislich zweimal, 1634 und 1643, im Gymnasium zu 
Rössel aufgeführt worden. — Wir erwähnen hier gleich noch einen Aufsatz von 
E. Hermann^*), der von den Schulkomödien der Humanisten und des 17. Jh. aus- 
gehend zeigt, wie die Pietisten dieselben aus der Schule verdrängten. Er empfiehlt 
auch für die Gegenwart die Pflege des Schultheaters und macht schliesslich auf 
die Tragödie Manlius von D ö r i n g^^) aufmerksam, die er als besonders geeignet für 
Schüleraufführungen ansieht. — 

W. Ratichius, A. Comenius und andere. Christophs^^) Abhandlung 
über Ratichius liegt in zweiter, unveränderter Auflage vor; der Vf. hat darin die 
Bedeutung des Didaktikers für die Pädagogik, seinen Einfluss auf die verschiedensten 
Kreise übersichtlich zusammengestellt, wenn er dabei auch, von warmer Begeisterung 
geleitet, zuweilen Ratke auf Kosten seiner Gegner zu günstig beurteilt. Der am 
Schlüsse angefügte Nachtrag über die Ratkelitteratur seit 1892 ist unvollständig; 
übersehen ist z. B. Eichelkraut, Beiträge zur Didaktik des Wolfg. Ratichius (vgl. JBL. 
1896 I 10:28), Stötzner, Sigismund Evenius (vgl. JBL. 1896 1 10:31) und vor allem 
Lattmann, Ratichius und die Ratichianer (vgl. JBL. 1898 1 7 : 36). — Eine kurze 
Biographie von Christoph Helvicus, dem Giessener Professor, der in der Geschichte 
des Ratichianismus eine bedeutsame Rolle spielt, hat Mirbt^*) verfasst und mit den 
nötigen Litteraturangaben versehen. — Einer höchst beachtenswerten Arbeit begegnen 
wir in Toischers^^) Untersuchung über Elias Bodinus und dessen Didaktik. 
Bodinus gehört auch zu den didaktischen Neuerern des 17. Jh.; er trat zuerst um 
1615 in Lüneburg hervor, 1618 war er in Hamburg, später zu Königsberg i. Pr. 
Lehrer. Er ist von Einfluss auf Comenius gewesen, er geht diesem auch voran mit 
dem Satze: „Zuerst die Sachen, mit den Sachen die Worte! Nach den Worten, aus 
den Beispielen die Regel!*' Auch er verlangt gleich Ratichius, dass man erst die 
Muttersprache lehre, ehe man zum Latein übergeht. Bodinus wollte den Schülern 
durch seine Methode das Lernen erleichtern, darum bediente er sich z. B. eines 
Kartenspieles als Lehrmittel, auch die Mnemonik hat er zu benutzen gesucht : hierauf, 
sowie auf den Einfluss, den Bodinus in dieser Hinsicht auf J. L. Schupp und auf 
Buno ausgeübt hat, hätte Vf. unseres Erachtens noch eingehen müssen. — K vacala'-**) 
behandelt eingehend die Schicksale von des Comenius grosser Unterrichtslehre bei 
Lebzeiten ihres Vf. Demnach war die Didactica in der Zeit von 1628—1630 im wesent- 
lichen abgeschlossen; aus dem J. 1638 stammt dann eine lateinische neue Bearbeitung 
derselben, aber infolge einer ungünstigen Beurteilung, die sein Freund Hübner 
darüber abfasste, sah Comenius zunächst von einer Veröffentlichung ab. Erst in der 
Gesamtausgabe seiner Werke, die Comenius in Amsterdam veranstaltete, gelangte 

Streitigveiten zwischen K. Wimpina a. M. Meilerstadt. (= Beihefte z. CBlBibl. 22.) L., Harrassowitz. 1^4 3. M. 8,00. 
— 26) E. Roth, Ans d. mittelrhein. Hiimani8tenVrei»e : NJbbRlAltGL. 4. S. 168-76. — 27) 0. Giemen, Aeiti- 
eampiane Leipziger Abschiadirede: ib. S. 286-40. — 28) A. B A m e r , D. lat. Soh&lergespr&che d. Humanisten. 2. T. 
(= Texte u. Forsch, z. Gesch. d. Erz. a. d. Unterr. in d. Ländern dtsch. Zunge I, 2.) B., Harrwitz Naohf. 124 B. M. 2,00. 
(Ygl. JBL. 1897 II 7:4.) — 29) G. Voss, Chr. Stamme!: Stadentes, comoedia de Tita stndiosornro. Progr. Aachen, (C. H. 
Oeorgi). 4^ 41 S. — 30) 0. Lühr, Carsns gloriae mortalis draroatioa poesi expressus, sive Jason fabaln. E. Schnldrama d. 
Jesuiten Thoraas Ciagins, zugleich e. Beitr. z. Gesch. d. Rösseler Gymn. Progr. Rössel, Krnttke. 4». 47 S. |[JB8chulw. 
14>, S. 5.]| — 31) E. Hermann, D. Schaltheater: PaedA. 41, S. 10/5. - 32) O X P- £• I^öiing, Manlius. Trauerspiel in 
3 Aufz. Dresden u. L., Pierson. 1898. 45 S. H. 1,00. — 33) K. Christoph, W. Ratices p&dag. Verdienst. 2. Aufl. L.. 
Voigtlinder. 56 S. M. 1,00. - 34) C. Mirbt, Chr. Helvicus (Helwig): RPTh. 7, S. 654. — 35) W. Toi seh er, D. Didaktik 
d. Elias Bodinus: MGESchG. 9, S. 209-28. — 36) J. KTacala, D. Schicksale d. grossen ünterrichtslehre d. Comenius bei d. 



P. Stötzner, Geschichte des Unterrichts- iiiul Erziehung-swesejis. 1 4:87-6o 

die grosse Unterriohtslehre zum Druck. — Noväk^') handelt von dem Inhalte 
der letzten pansophischen Schriften des Comenius; es sind dies die Janua rerum, 
eine Metaphysik, und das Triertium catholicum, eine „Anweisung zum richtigen Nach- 
denken, Sprechen und Thun". — Die Grundgedanken des comenianischen Erziehungs- 
systems entwickelt Kirchner*®); sie lassen sich zusammenfassen in die drei Worte : 
Omnes, omnia, omnino, denn allen Menschen sollen alle Dinge allseitig gelehrt 
werden. — J. Müller**) macht eine Mitteilung über eine bis jetzt unbekannte 
Schrift des Comenius, die „Letzte Posaun, Über Deutschlandt, die in Verdamliche 
Sicherheit versunckene Welt vom Sündenschlaff auffzuwecken . . .", Amsterdam 1663, 
die anonym erschienen und von anderen als ein Werk von Friedrich Breckling 
angesehen worden ist. — lieber den Orbis pictus des Comenius, „das erste wirkliche 
Bilderbuch für den Unterricht", handelt Nebe*®). — Die philosophischen Grundlagen 
der comenianischen Pädagogik sucht BöhmeM*"*^) 2q ermitteln, indem er 1. des 
Comenius Stellung zur Volksschule, 2. dessen Erziehungsideal, 3. die von ihm 
getroffene Auswahl der ßildungsstoffe und 4. seine methodischen Grundsätze unter- 
sucht. — Zu den Neuerern des l7. Jh. gehört endlich auch der schon oben genannte 
Johannes Buno (1617 — 97), von dessen Leben und Unterrichtsmethode Knoke*^), 
ohne sich dabei sonderlich um die bereits vorhandene Litteratur zu kümmern, ein 
wohlgelungenes Bild entworfen hat. Mit Recht bezeichnet ihn Vf. als eine besonders 
charakteristische Erscheinung des Saeculum didacticum et emblematicum ; ist es doch 
Buno vor allem, der mit Hülfe von Bildern und Emblemen die Methode des Lesen- 
lemens, femer aber auch den Geschichtsunterricht umgestalten und erleichtern wollte, 
wie er denn auch eine Bilderbibel herausgab, durch die er den Kindern das Erlernen 
der biblischen Geschichten erleichtern woUte, und sogar für die angehenden Juristen 
die Institutionen, das Jus civile Romanum und den Justinian mit Emblematen 
ausstattete. — 

Pietisten und Philanthropisten. Th. Förster**) stellt die 
Litteratur über A. H. Francke zusammen und entwirft ein Lebensbüd von ihm.*^~*®) — 
Einen Anhänger A. H. Franckes lehrt uns S p i e 1 m a n n *^) in Johann Michael 
Stritter kennen. Stritter war 1705 zu Schierstein a. Rh. geboren und wurde nach 
unruhigem Wanderleben 1738 Rektor des Gymnasiums zu Jdstein, das er bis 1766 
und dann noch 1772—73 geleitet hat; er starb 178L Die Grundsätze seiner Reformen 
hat er in 7 Schulprogrammen veröffentlicht;^ den 2. Teil derselben, der die An- 
wendung der in §§ 1—24 niedergelegten allgemeinen Grundsätze auf die einzelnen 
Schulen enthält, teilt Sp. mit. — Mit Johann Hübner, der 1711—1731 Rektor am 
Johanneum in Hamburg war, und seiner Bedeutung für die deutsche Litteratur hat 
sich Brachmann *8) näher befasst. Wir heben hier nur das hervor, dass Hübner 
sich einerseits bemühte, der deutschen Sprache in der Schule Geltung zu verschaffen, 
anderseits aber als Vf. von Schuldramen in der Geschichte der Pädagogik einen 
Platz verdient. — Messer*®) setzt die Veröffentlichung der hochinteressanten 
Abhandlung von Steigentesch über die Verbesserung des Schulwesens in Kurmainz 
aus dem J. 1771 fort, und zwar folgt jetzt der Abschnitt über die Mittelschulen, ,Jene 
öffentliche, obrigkeitlich verordnete, Anstalt, worinn die zu den Wissenschaften aus- 
ersehenen Knaben unterrichtet werden", und der 5. Abschnitt, der von den Erforder- 
nissen zu den vorgeschlagenen Einrichtungen handelt. Die Knaben sollen nach 
Absolvierung der Realschule, etwa mit 15 Jahren, in die Mittelschule eintreten und 
bis zum 18. oder 19. Jahre in dieser nicht nach Jahresklassen, sondern nach dem 
Fachsystem eingeteilten Schule bleiben. Lehrfächer sind: Religion und Sittenlehre 
nebst" den Pflichten des bürgerlichen und gelehrten Standes, Deutsch, Latein, 
Französisch und Griechisch; Feldbeschreibung, Mathematik, Geschichte, Land- und 
Stadtwirtschaft, Handlungswissen schaft, Philosophie incl. Poetik und Rhetorik und 
endlich ein kurzer Inbegriff von dem ganzen Zusammenhange der Gelahrtheit. — 
Basedows Elementarwerk wird von Nebe^^) besprochen und mit des Comenius 
Orbis pictus verglichen. — Hier muss auch eines Mannes gedacht werden, der, ein 
jüngerer Zeitgenosse Basedows, zugleich ein Förderer philanthropistischer Ideen und 
Volksbildner im edelsten Sinne des Wortes gewesen ist: Johann Friedrich Oberlin 



Vf. Lebieiten: MhComeninsGei. 8, S. 129-44. — 37) J. V. Not 4k, D. leisten paniophischen Sohriften d. Comenius: ib. S. 221-37. 
— S8)F. Kirobner, D. Onindgedanken d. comenUnitoben Ers.-Systems. Bede: ib. S. 280-94. - 39) J. Müller, E. bis jetct 
noch unbekuint« dtioh. Sohrlft d. Comenins: Ib. S. 295-800. - 40) A. Nebe, Zwei berOhmte Bilderbücher für d. ünterr. 
(s Samml. p&d. Yortrr. Bd. 11, Heft 9.) Bonn, Sftnneoken. 28 S. H. 0,60. - 41) 0. Bdhmel, D. philos. Orandiuge d. p&dag. 
Aneohauiiiigen d. Comenins. Festaohr. Marburg, Pfeil. 4«. 22 S. - 42) O id., Duss.: ZLUSoh. 11, 8. 3-14, 33-40. — 43) 
K. Knoke, Johunnes Bnno n. seine emblematisohe Unterrichtsmethode: BhBllEÜ. 73, S. 9-87. - 44) Tb. Förster- Halle, 
A H. Francke: BEThK. 6, S. lAO/8. — 49) X Morien, A. H. Francke, e. Reformator d. Schnlzncht: EvSohnlbl. S. 361-73. - 
46) X E. Sparig, D. Jubelfeier d. 20a3Uir. Bestehens d. Franckeschen Stift.: ZPhP. 5, S. 459-69. — 47) C. Spielmann. 
M. J. M. Stritter, Rektor zu Idstein, n. sein Reformpian „V. schicklichster Einrioht d. Schulen": ZOymn. 53, S. 108-206. — 
41) (JBL. 1898 UI 4:6.) - 49) A. Messer, J. J. Fr. Sieigenieschs .Abhandl. ▼. Verbess. d. Unterr. d. Jagend in d. knrfftrttL 
MainiiseheB Staaten 1771". m. Progr. Giessen. 27 S. (Vgl. JBL. 1807 I 6:253; 1898 I 7:70.1 - 50) (= N. 40.) 
JabfMbtrickta ftr nenere dentsehe Idüeratnrgeschichte. X. (1)5 



14:51-65 P. Stiitzner, Oeschichto tl^s Unterrichts- und Erzieh ungsweseiis. 

(1740—1826). Sein Lebensbild hat A rm in S t e in*') in höchst anziehender und 
wirkungsvoller Weise gezeichnet. — Salzmanns Stellung zu Religion und Ethik 
charakterisiert Schreiber*^) in folgender Weise: „Wenn ihm auch aller Fortschritt 
in der sittlichen und materiellen Kultur in erster Linie von der Entwicklung der 
Verstandeskräfte bedingt erscheint und auch seine Religion und Sittenlehre von dieser 
beherrscht ist, so liegen doch die Motive seines eigenen Wirkens in der Tiefe einer 
edeln, menschenfreundlichen Gesinnung und in der Kraft der sympathischen Gefühle, 
und sein Thun erscheint, trotz der verstandesniässigen Auffassung des Verhältnisses 
zum Unendlichen, als Ausfluss tiefer Religiosität." — Erfreulich ist es, wenn alte, gute 
Schriften durch Neudruck immer wieder dem Volke zugänglich gemacht werden, 
man darf sie aber nicht „für die Gegenwart bearbeiten" wollen oder geradezu 
verballhornisieren, wie dies Isolani*^) mit Salzmanns prächtigem Konrad Kiefer 
gethan hat. Welche Geschmacklosigkeit, wenn Konrads Grossmutter zu ihrer 
Schwiegertochter, die der ersten Entbindung entgegensieht, in der „Bearbeitung" 
I.s sagt : „ . . . Alles andere aber, liebes Kind, wirst du aus dem trefflichen Buche 
ersehen, das ich dir hier mitgebe, Amnions Mutteipflichten, das mir schon bei 
deines Mannes Geburt treffliche Dienste geleistet und das keine Frau in ihrer 
schweren Zeit zu lesen unterlassen sollte."**"*'^) — Eine eingehende Untersuchung 
über das Philanthropinum zu Marschlins in der Schweiz, eine Gründung des hoch- 
sinnigen Ulysses von Salis, hat J.Keller*®) angestellt. Bekanntlich hat Karl 
Friedrich Bahrdt eine Zeit lang diese Anstalt geleitet, die nur von 1771—77 
bestanden hat. — Auch der Arbeiten G. von Hassels^®"*®) über E. von Rochows 
Kinderfreund und dessen Verhältnis zum jetzigen Volksschullesebuch sei hier gedacht. 
Jenes Buch, das 1776 erschien, ist in unserem Sinne des Wortes das erste Lesebuch, 
„gemäss einer Forderung des praktischen Volksschulunterrichts als ein Lernmittel 
für die vielseitige Bildung des kindlichen Geistes". Rochows Kinderfreund hat fast 
ein Jh. lang der Volksschule als ein wichtiges Lehrmittel gedient; ist es auch heute 
veraltet, so hat sich doch auf diesem Grunde die neuere Litteratur an SchuUesebüohem 
aufgebaut. Während aber Rochow mit seinem Buche nur den einen Zweck im Auge 
hatte, das Verständnis der Bibel zu ermöglichen, suchen wir durch das Lesebuch 
vielmehr die allseitige Bildung zu fördern, damit nicht nur die religiös-sittliche 
Bildung, sondern alle erziehlichen Zwecke der Schule erreicht werden. — Hier ist 
auch eine zusammenfassende Darstellung®*) des Philanthropinismus zu erwähnen, 
die zu dem Zwecke gemacht wurde, zu zeigen, dass am Ende des 19. Jh. wieder 
ähnliche Bestrebungen auftauchten; der Philanthropinismus bedeutet eine wirkliche 
Reform im Unterrichtswesen, er hatte aber auch grosse Mängel: vor allem fehlt ihm 
das nationale Gepräge, das wir bei allem Unterrichte und bei jeder Erziehung 
fordern.*^ ®^) — Auch der berühmte Hallenser Philologe Fr. A. Wolf lässt sich in 
Beziehungen zu den Philanthropen setzen; sollte er doch, wie Th. Vogt**) in seiner 
Untersuchung über die pädagogische Bedeutung Wolfs darlegt, als Nachfolger des 
Philanthropen Trapp in Halle pädagogische Vorlesungen halten. F. A. Wolf (1759— 1824) 
hat vielfache Beziehungen zur Pädagogik gehabt: 1779—82 war er Lehrer an der 
Klosterschule zu Ufeld, dann Rektor in Osterode, aber bereits nach einem Jahre 
wurde er nach Halle berufen. War er nun hier auch der Hauptsache nach als 
Philologe thätig, so erhielt er doch, wie bemerkt, auch den Lehrauftrag für Pädagogik 
und hat auch pädagogische Vorlesungen gehalten. Als er dann 1807 nach Berlin 
gegangen war, wurde er dort zum Visitator des Joachimsthalschen Gymnasiums 
bestellt. V. geht dann näher auf Wolfs consilia scholastica ein und bespricht den 
Lehrplan, in dessen Mittelpunkt sich Wolf natürlich die klassischen Sprachen gestellt 
dachte, sowie dessen Absichten über Lehrmethode, Lehrerbildung und Schul- 
aufsicht.*^) — 

Den Fabeldichter Chr. E. Geliert und sein Verhältnis zur Pädagogik hat 
Haynel*^) zum Gegenstand einer lehrreichen Untersuchung gemacht. Erzeigt 

— 51) A. stein (Q. Nietsohmann), J. Fr. Oberlln. Halle a S., Strien. 247 S. M. 2,70. — 52) J. Schreiber, üeber d. 
religiöie n. epiiohe Anachanang Salzmanns, dargeit. mit Bezieh, auf seine P&dagogik. Progr. Kaiaeralautern, Crnsiai. 85 S. 

— 53) C. G. Salzmann, Konrad Kiefer. Anweis. z. vernfinft. Erz. d. Kinder. Bearbeitet t. E. Isolani. Qlogan, FJemming. 
110 S. M. 1,25—54) X id., F&dag. Schriften, l. T. her. v. E. Wagner. 4. Aufl. (= D. Klassiker d. P&d. Bd. 8.) Ungen- 
salza, Sohalbnohh. VUI, 228 S. M. 1,80. - 55) X id., Dass. 2. T. 4. Anfl. (:= Dass. Bd. 4.) ebda. IV, 294 S. M. 2,S0. 

— 56) X id., Ameisenbftchlein, bearb. t. K. Richter. 4. Aufl. («= P&dag. Bibl. Bd. 2, 2. Abt.) L., Siegismand & Volkening. 
124 S. M. 1,00. - 57) X id., Daw. (= Schnlansg. p&d. Klassiker, her. t. Th. Tnpetz. 7. Heft.) L., Preytag. U, 86 8. 
H. 0,50. - 58) J. Keller, D. Philanthropinam in llarsohlins. (^ Beitrr. s. Lehrerbild. n. Lehrerforlbild. 11. Heft.) Gotha, 
Thienemann. 58 S. M. 1,00. (Sep.-Abdr. ans F&dBll. 28.) — 59) G. t. Hassel, t. Rochows Kiuderfreand n. d. gegenwftrt. Yolks- 
schnllesebach: RhBllEÜ. 73. S. 76-88, 111-40. — 60) id., Eb. Rochow: NatZg. N. 6. - 61) Wahrheit u. Irrtum anf d. Gebiete 
d. Unterr. u. d. Erz. am Ende d. vorigen n. am Anf. u. Ende d. 19. Jh.: RhBllEÜ. 78, S. l-ll, 160-72, 859-76, 497-605. — 62) 
X H. Lorenz, An d. Wiege unseres Schulturnens, d. Jugendspiele u. Turnfahrten: Daheim 85, N. 87. (Fürst Franz ▼. Anhalt- 
Dessau n. Basedows Philanthropinum.) - 63) X K. Pöhnert, J. M. Gesner u. sein Verhiltnis z. PhiUnthropinismus u. Neu- 
humanismus. Diss. L., Gräfe. VI, 129 8. M. 2,00. - 64) Th. Vogt, F. A. Wolf als P&dagoge: JbWPaed. 31, 8. 243-802. 

— 65) X J- M. Sailer, üeber Erz. u. Erzieher. Neu her. u. mit Elnleit. u. Anmerk. ters. r. J. Baier. Freiburg i. ß., 



K Stötzner, Geschichte des r'nterricht«- und Erziehungswesens. I 4:o«>2 

zimächst, wie weit dessen persönlicher Einfluss in pädagogischen Dingen ging, dann 
charakterisiert er die Pädagogik Gellerts, die nicht nur für diese Welt, sondern vor 
allem für die Ewigkeit erziehen soll; er zeigt, wie dieselbe fast ausschliesslich für 
bessere Kreise bestimmt ist, wie daher Geliert, gestützt auf Montaigne, Locke und 
Basedow, in der Hofmeistererziehung sein Ideal erblickt, und unterzieht endlich 
Gellerts Fabeln einer strengen Kritik hinsichtlich ihres pädagogischen Wertes. — 
Auf Herders Bedeutung für die Schule weist G r o s s m a n n ^') hin ; es wäre 
zu wünschen, dass dieser Seite in Herders Wesen und Werken einmal gründlicher 
nachgegangen würde: die genannte Arbeit giebt vielleicht einigen Anstoss dazu. — 
Einige in pädagogischer Hinsicht bemerkenswerte Stellen aus Goethes Werther 
stellt H. Hof mann*®) zusammen. — An anderer Stelle werden die Gedanken näher 
beleuchtet, die Goethe im Wilhelm Meister (pädagogische Provinz) entwickelt®*'). — 
Ausführlich weist ferner Reber'®) auf den grossen Nutzen hin, den ein eifnges 
Studium von Goethes Prosaschriften für den Lehrer hat.^* ''3) — 

J.H.Pestalozzi, J. F. Herbart und die Herbar tianer. Den ganzen 
vierten Jahrgang der von Sey f f ar th ''*) herausgegebenen Pestalozzistudien durch- 
ziehen die Veröffentlichungen über das Verhältnis, in dem Pestalozzi zi| Preussen 
gestanden hat. Zunächst wird einiges aus dem Briefweclisel zwischen Nicolovius 
und Pestalozzi mitgeteilt, dann folgen Briefe, die zwischen dem Staatsrat Süvem 
und den ersten preussischen Eleven in den J. 1809—12 gewechselt worden sind. 
Ferner wird in diesem Bande der Briefwechsel zwischen Stapfer und Pestalozzi zu 
Ende geföhrt, und von Niederer werden Briefe an Stapfer veröffentlicht. Auch sonst 
noch enthält der Band eine Menge kleinerer Beiträge zu Pestalozzis Leben, Lelire 
und Schriften, so dass er jedem, der sich für den grossen Schweizer interessiert, 
eine Fülle von Anregung und Stoff bietet — Bornemann "J^-^«) teilt wiederum 
einiges aus Ewalds 1805 gehaltenen Vorlesungen über Pestalozzi (vgl. JBL. 1898 
I 7 : 79) mit. Wir entnehmen daraus die acht Punkte, unter die jener Bremer Geist- 
liche, der 1804 in Iferten weilte, Pestalozzis Methode zusammenfasste: 1. Das Kind 
erhält alle seine Begriffe durch die Sinne. 2. Was es nicht durch die Sinne erkennen 
kann, muss es annehmen auf das Wort anderer Menschen, die sich sein Zutrauen zu 
erwerben wussten. 3. Die ersten Eindrücke, die das Kind erhält, sind am tiefsten 
und unauslöschlichsten. 4. Quellen des Irrtums sind unter anderen — Mangel- 
haftigkeit der Sinneswerkzeuge — Unvollständigkeit der äusseren Eindrücke — 
Mangel an Besonnenheit — Missverstand wegen unbestimmter Ausdrücke ~ Ver- 
gessUchkeit — allzu lebhafte oder allzu unthätige Einbildungskraft. 5. In dem Kinde 
lebt ein Gefühl von einem Unterschied zwischen Recht und Unrecht, das entwickelt 
werden kann. 6. In dem Kinde ist Anlage zur Dankbarkeit und Liebe. 7. Diese 
Anlage ist zugleich Anlage zur Religiosität. 8. Durch Gewohnheit kann der Mensch 
zu allem geleitet und gebracht werden, was die Beschränktheit seiner Natur gestattet. — 
Auch Israel'''') ist in der Lage, Mitteilungen über Pestalozzis Anstalt in Iferten 
und über die Verbreitung seiner pädagogischen Ideen in Deutschland zu machen, 
die den nachgelassenen Papieren eines Zeitgenossen des grossen Schweizers ent- 
stammen. Dies ist der 1855 in Dresden verstorbene Karl Justus Bloch mann, der von 
1809—16 Lehrer an Pestalozzis Institut in Iferten war.''®"®*) — Den Uebergang zu 
Herbart bietet uns N a t o r p ®*) mit einem Buche, in dem er sich mit den pädagogischen 
Grundsätzen Herbarts und Pestalozzis auseinander zu setzen sucht, um schliesslich 
zu dem Ergebnis zu gelangen, dass in der Pädagogik Pestalozzis die Keime für die 
Pädagogik der Zukunft enuialten seien. Das Buch ist aus Vorträgen entstanden, die 
der Keihe nach folgende Themen behandeln: Herbarts allgemeine Bedeutung — 
Herbarts Ethik — Herbarts Psychologie. Einteilung seiner Pädagogik. Regierung — 
Unterricht und Zucht. Erziehender Unterricht — Das Zeitalter Pestalozzis — All- 
gemeine Grundlagen der Erziehungslehre Pestalozzis — Pestalozzis Grundansicht 
über sociale Bedmgtheit der Erziehung. Die „Abendstunde" — Ethik und Social- 

Herder. 809 B. M. 3,20. - 66) W. HayDel, Gelierte p&d«g. WirkMmk.: NJbbKlAltGL. 4, 8. 221^. 241-55. — 67) Fr. 
Groiemann, Herder n. d. Sehale. Pregr. Berlin. Gaertner. 4«. 17 8. M. 1,00. |[0. Hoff mann: DLZ. 21, 8. 93/4.]|— 68) 
H. Hof mann, Feataehrift i. Gedenkfeier d. lOOj&hr. B«itehens d. Anstalt. Feeteohr. Wetzlar (F. Schnitsler). 61 S. (Ueber Herder 
B. 47-51.) — 69) GoethM PftdatfOgik in seiner Dichtung „Wilhelm MeUters Wanderjahre«: S&chsSehnlZg. S. 465/8, 479-80. - 70) 
F. B. Beb er, D. Bedeat t: Goethes Prosaeehriften für d. Lehrerbild.: PaedBII. 28, S. 413-28. - 71) X G. Tische r, Goethe als 
Pftdagog: PraktSehalmann. 48, 8. 87-61, 141-66, 257-84. — 73) X H. Scher er. Goethe als Krsieher d. dteoh. Volkes: Nene 
Bahnen S. 687-96, 746-72. - 73) X 0. Wendlaadt, Goethe als Pid.: Kritik 15, 8. 109-17. - 74) L. W. Seyffarth, Pestalozai- 
Stadien. Msehr. fftr Pestaloasi-Forsoh., -Mitteil. n. -Betracht. Bd. 3. Liegnita, Seyfforth. 12 Nammem \ 1 Bogen. M. 2,40. 

- 75-76) W. Bornemann, Paator Ewalds Yorles. Aber Festaloaais Methode d. Bild. s. BiUliohkeit n. a. Beligiosittt: RhBIlEU. 
73. S. 198-222, 548-59. — 77) A. Israel, Beitrr. s. nUier. Kenntnis d. Pestalosaisohen Institute in Iferten n. d. Yerbreit. d. Peste- 
lotaisohen Ideen in Dentaohland : PaedBII. 28, 8. 857, 898, 657. — 78) X A. Sftss, Pestalozzi als sittlich-religiöser Erzieher 
in Theorie n. Praxis. 1. Bd. Weiseenbarg, Ackermann. 408 8. M. 3,50. - 79) X id., Dass. 2. Bd. ebda. 183 8 M. 1,60. 

— 80) X ^' Bauch, Breslau u. Pestalozzi: ZYGSchlesien. 38, S. 269-306. — 81) X C- Rade mache r, Erziehen z. Selbsi- 
thitigkeit dnreh aasohanllohes Erkennen, d. Hauptgrnndsate Pestaiosais. (s Pftd. Abh. 50. Heft) Bielefeld, Helmioh. 17 8. 
M. 0^. - 82) P. Natorp, Herbart. PestAlozzi n. d. heutigen Aufgaben d. Erz.-Lehre. 81, Frommann. 151 8. M. 1.80. — 



I 4: 88 -104 P. Stötzner, (ieschichte des rnterrichts- und Erziehungswesens. 

Philosophie nach den „Nachforschungen". Religion. N.s Buch hat bei den Anhängern 
Herbarts lebhaften Widerspruch erweckt, der in einer Gegenschrift von Flügel, 
Just und Rein ®^) zum Ausdrucke kommt. — Wie man Herbarts Forderungen, die 
Aufmerksamkeit der Schüler zu pflegen, im geschichtlichen und erdkundlichen Unter- 
richte erfüllen könne, sucht P riebe**) an einzelnen Beispielen zu erweisen.**) — 
In kih-zester, dabei aber trefflichster Weise führt Fröhlich'*) in die sogenannte 
wissenschaftliche Pädagogik, d. h. in das von Herbart begründete und von Stoy und 
Ziller ausgebaute System der Pädagogik ein; nach einem allgemein orientierenden 
Ueberblick über dieselbe behandelt er eingehend die Frage vom gleichschwebenden 
vielseitigen Interesse und die formalen Stufen, die noch durch Beispiele aus der Praxis 
erläutert werden. — Derselbe Autor, jetzt wohl der hervorragendste Schüler von 
Stoy, hat seine beiden Abhandlungen „Die Erziehungsschule" und „Die Gestaltung 
der Zucht und des Lebens einer erziehenden Schule" zu einem Bande, der „Deutschen 
Erziehungssehule"*'"**) vereinigt, einer Schrift, die aufs beste die Fortbildungs- 
fähigkeit der Herbartschen Pädagogik beweist, wie Zimmer in einer Besprechung 
dieses Buches sagt.*^**^) — Die Anwendung Herbart - Zillerscher Grundsätze auf 
den Religionsunterricht zeigt Eichholz® >) und fügt eine nach denselben ab- 
gelegte Lehrprobe über das 6. Gebot bei.**"®*) — Auch ü p h u e s **) stützt sich in 
seiner Untersuchung über die Pädagogik als Wissenschaft im wesentlichen auf 
Herbartische Lehren, wenn er auch den Begriff der Erziehung mit Beneke als 
„die absichtliche Einwirkung von selten der Erwachsenen auf die Jugend, um diese 
zu der höheren Stufe der Ausbildung zu erheben, welche die Einwirkenden besitzen", 
definiert. — Mollberg®*) charakterisiert die Herbart - Stoy sehe Schule, indem 
er die drei Begriffe: Unterricht, pädagogische oder Schulpolizei und Führung näher 
untersucht; als Grundlage, auf der sich diese Schule aufbaut, stellt er den Satz hin: 
„Nicht der Unterricht, auch nicht die Führung allein vermögen die Erziehung 
unserer Jugend zu übernehmen, sondern beide zusammen in ihrem unzertrennlichen 
Nebeneinanderwirken, sich gegenseitig ergänzend und vertiefend. Als unterstützende 
Helferin und Vorarbeiterin bietet sich beiden die Regierung oder die pädagogische 
Polizei an." ~ Ueber eine Anzahl neuerer Werke zur Herbart-Litteratur äussert 
sich E. Hermann®*) teilweise in abfälliger Art.®') — Mit Herbarts Lehrplantheorie 
beschäftigt sich eingehend Bodenstein®*), indem er zugleich auf die von 
einander abweichenden Lehrpläne von Dörpfeld, Stoy, Rahnitzsch, Ziller und Rein 
eingeht. Vf. sucht alsdann einen Lehrplan für eine achtklassige Volksschule zu 
konstruieren, in dem das Berechtigte jeder dieser Richtungen zur Geltung kommen 
soll. — In einer Preisschrift®®) wird das Verhältnis von Leibniz zu Heroart näher 
untersucht, und der ungenannte Vf. kommt dabei zu folgendem Ergebnis: „I^eibniz 
ist in pädagogischer Beziehung ebenso bedeutungsvoll für die moderne Zeit wie in 
psychologischer Hinsicht. Wie seine Hypothese von den unbewussten Vorstellungen 
von ausserordentlicher Bedeutung für die Entwicklung der Psychologie geworden 
ist, so in pädagogischer Beziehung die im Keime zuerst bei ihm sich findenden 
Lehren von der Willensfreiheit, der Ideenassoziation und der Willensbildung für die 
Fortbildung der Pädagogik. Durch Pestalozzi imd namentlich Herbart ist die 
Leibnizsche Pädagogik ausgebaut und weiter gebildet worden : die moderne Pädagogik 
steht in einigen wichtigen Punkten auf den Schultern eines Leibniz. ^®®">*^) — Eine 
quellenmässige Darstellung von Zillers Lehre über die Formenkunde hat Zeissig*®*) 
aus dessen Schriften zusammengestellt. — L. von Strümpell (1812—99), dem letzten 
unmittelbaren Schüler Herbarts, widmet wegen der grossen Verdienste, die er um 
die wissenschaftliche Vertiefung der Pädagogik sowie als Lehrerbildner sich erworben 
hat, Spitzner«®*-^®'^) einen Nachruf. i®»-^®7) — 

83) 0. Fl figel, K. Jvit a. W. Bein, P. Natorp, Herb»rt n. Festaloni: ZPhP. 6. 8. 257-816. - 84) E. P riebe, Herbartt 
Vorsehrlft. Aber d. Pflege d. Anfmerkeamkeit. Progr. Krenibiarg 0. S., Thielmann. 4*. 19 8. - 85) X J- Fr. Her bar t, 
D. bedeutende! p&dag. Schriften J. F. HerbarU. l./S. Bd. Langenealsa, Greaeler. XU, 366 8.; VI« 868 8.; UI, 816 8. 2t M. 2,50. 

- 86) O. Frdhlich, Goldkömer ana d. wissensohaftl. P&d. 2. Aufl. Neuwied n. L., Heaiier. 80 8. M. 0,80. — 87-88) id., 
D. dtich. Erz.-3chale. 2. Anfl. Dreaden, Bleyl A Kimmerer. VIII, 191 8. M. 2,60. ![LGB1. 8. 1832; H. Zimmer: AZg°. 
N. 71] — 89) X H. Zimmer, Herbart n. d. wiisenichHftl. Pidagogilc. L., Boaaberg. 32 8. M. 0,80. - 90) X ^elsob, 
ErUnter. an Herbarts Ethik n. Berftoksichtig. d. gegen sie erhobenen Einwend. LangenaaUa, Beyer tt S6hnc. 146 8. M. 2,60. 

— 91) M. Eiohholc, P&dog. Aphorismen n. d. herrsch. 8chnlBystem. (= P&dag. Bausteine Heft 7.) Detnv, Oeaterwiti * 
Voigtl&nder. 78 8. M. 1,20. - 92) X N. Tont seh eff, D. Lehre t. d. Stufen d. ünterr. bei J. F. Herbwrt. DUi. L., 0. 
Schmidt. 57 S. M 1,00. |[A. Heubanm: DLZ. 22, 8. 666/7.]| — 93) X M. Henokel, Auf welchen psychol Thataaehen 
beruhen d. 5 normalen Stufen Herbarts? (== P&dag. Abhandl. Bd. 8, Heft 8.) Bielefeld, Helmieh. 24 8. M. 0,60. — 94) 
6. Uphues, D. P&dag. als Bildangswiasensoh. (sr P&dag. Bausteine Heft 11.) Dessau, Oesterwits k Voigtlinder. 81 8. 
M. 0,60. — 95) A. Mo 11 her g, D. Idee d. Herbart-Stoyschen Schule. Bede: BhBllEU. 78, 8. 87-68. « 96) E. Hermann, 
Herbart n. seine Unte: P&dA. 41, 8. 688-68. — 97) X A.. Bude, D. Herbartsohe P&dag. in d. Litt. 1. Erg&na. d. Herbart- 
Bibliogr.: PaedStnd. 21. 8. 51-70. (Vgl. JBL. 1897 I 6:88.) — 98) K. Bodenstein, D. Lehrplantheorie d. Herbartachen P&dag.: 
PaedMBl. 6, S. 169-76, 843-54, 422-87. - 99) Leibnis n. Herbart: ADLZg. 51, 8. 137-40, 146/9, 168-61, 169-72. - 100) X ^b*. 
Herburt-Erinner. n. d. Schuld nnaerer Schulen: EtSohnlbl. 8. 106-21, 144-64. — 101) X 0. Will mann, D. Neukantianismus 
gegen Herbarts P&dag.: ZPhP. 6, S. 108/8. — 102) X K. Kuhn, D. Lehrerpersönlichkeit im ent. Unterr. L., Haacke. 32 8. 
M. 0,00. — 103) E. Zeissig Authentische Darstell, d. Lehre Zillers aber d. Formenkunde: PaedStud. 20, S. 167-90. - t04) A. 



P. Stötzner, Geschichte des Unterrichts- und Erziehungswesens. I 4: 105134 

Neuere Pädagogen. Dinters (1760—1831) ausserordentliche Verdienste 
um das Volksschulwesen der Stadt Königsberg i. Pr. rühmt P a p k e ^^^ im An- 
schlüsse an eine kürzlich erschienene Geschichte der Königsberger Volksschulen *ö*). — 
Mit Recht hat der verstorbene preusaische Schulrat K. Fr. Th. Schneider"®) in einem 
Vortrage, den jetzt H. F. B u b b e veröffentlicht, betont, dass in der Geschichte des 
neueren preussischen Volksschulwesens neben einem Dinter, Harnisch, Diesterweg, 
Stiehl viel zu wenig Otto Schulz (1782—1849) genannt werde, der 1826 in das Branden- 
burgische Provinzial-Schulkollegium eintrat. — R. Schneider"^) behauptet, dass 
Karl Mager (1810—58), der bekannte Vorkämpfer für die Realschule, zuerst den 
Gedanken der Selbstverwaltung auf dem Schulgebiete ausgeführt habe; nicht Dörpfeld, 
sondern jenem gebühre dies Verdienst. Dörpfeld habe zwar diese Idee bis in die 
grössten Einzelheiten ausgeführt, er habe aber nur das Fachwerk ausgefüllt in dem 
Rohbau, den Mager aufgeführt habe; Mager sei als Entdecker der „Schulgemeinde" 
und des Selbstverwaltungssystems auf dem Sohulgebiete zu bezeichnen. — In der 
von ims schon mehrfach erwähnten Sammlung von Biographien „grosser Erzieher" ^^ 2) 
ist nun auch ein Lebensbild von einem der grössten Schüler Pestalozzis, A. Diesterweg, 
erschienen, und zwar rührt es aus der Feder Andreaes^'^) her. Derselbe 
giebt aber nicht nur eine frisch geschriebene Biographie des rheinischen Pädagogen 
(1790—1866), sondern er hat es auch verstanden, in grossen Zügen die Grund- 
ansohauungen Diesterwegs, die ja für die deutsche Volksschule und die deutschen 
Volksschullehrer von ausserordentlicher Bedeutung noch heute sind, darzustellen. — 
Gleichzeitig beginnt E. von Sali w ü rk^^*) mit der Herausgabe von Diesterwegs 
Schriften. — In einer Besprechung der beiden letztgenannten Werke sagt Bartels"*): 
„In der Entwicklung der deutschen Pädagogik ist Diesterweg die Aufgabe zugefallen, 
die einander widerstrebenden Richtungen der norddeutschen Katecheten der Base- 
dowschen und Rochowschen Schule und der Pestalozzianer zusammenzufassen. So ist 
er der eigentliche Begründer der Pädagogik der deutschen Volksschule geworden.*'"*""') 
— Heinrich Schaumberger (1843—74), dem Thüringer Dorfschulmeister und be- 
kannten Litteraten, dem Vf. des dreibändigen Lehrerromans „Fritz Reinhardt", 
widmet die sächsische Schulzeitung"®) anlässlich der 25. Wiederkehr seines Todes- 
tages ein Gedenkblatt. "»"1^') — Im Berichtsjahre starb Emanuel Hannack *^*"*'^^), 
der 1881 Dittes Nachfolger als Direktor des Wiener Pädagogiums wurde. — Auch 
der bekannte Pestalozziforscher Heinrich Morf ^^®) (geb. 1818), „der uns Pestalozzi 
überhaupt erst entdeckt hat", schloss zu Winterthur seine Augen. — Ferner gehört 
Julius Beeger, der Schöpfer und thatkräftige Förderer der Comeniusbibliothek in 
Leipzig, zu den Toten dieses Jahres*^*). — Dem als Philologen und Gymnasial- 
pädagogen weithin bekannten und verehrten Alfred Fleckeisen widmet bei seinem 
Heimgange Usener*^^) einen Nachruf. Fleckeisen ist 1820 in Wolfenbüttel 
geboren; er war von 1846—89 als Gymnasiallehrer thätig in Idstein, Weilburg, 
Dresden und Frankfurt a. M., zuletzt wieder in Dresden als Konrektor des Vitz- 
thumschen Gymnasiums. Von 1852 — 97 war er an der Redaktion der Jahrbücher 
für Philologie und Pädagogik beteiligt. — Eine Sammlung von Reden, die der 
Nestor der badischen Schulmänner, W e n d t ^^5), herausgegeben hat, charakterisiert 
J. HJ'*) als dessen pädagogisches Testament und sagt von ihnen, dass „durch alle 
derselbe Geist reiner und freier Hingabe an die höchsten geistigen und sittlichen 



8pitin«r, L. t. StrBinpsll: ADLZg. 61, S. 289-4]. - 105) X id., L. t. Strflmpell: NJbbKlAltOL. 4, S. 585-48. - 106) X 
RvndMhu 11: RhBllEU. 78, S. 880/1. (Nuchraf fflr L. t. Strflmpell.) - 107) X Kahl. L. Strflmpell: PeedBlI. 28, 8. 541-53. 

— 108) C. Fepke, Sohnlrat Dinter n. seine TerdieDite nm d. YolkMehnlweien d. Stadt Königtberg: ADLZg. 51, S. 458,1). — 
109) X E. Hollaok n. Fr. Tromnan, Oeaeh. d. Kdnigsberger Tolksaehnlen. KAnigsberg, Bon. 740 8. M. 20.00. - HO) 
K. Fr. Th. 8«hneider (f), E. Lfleke in d. Oesch. d. neueren preuss. YolkiBohnlwesens. Flenibarg, Hollesen. 24 8. M. 0^. 

— 111) B. Schneider, D. Anigeatalt. d. SelbstrenraUnngisystems anf d. Sohnlgebiete bei Mager. (» F&d. Zeit- n. 8treit- 
fragen, Heft 65.) Wiesbaden, Bohrend. 92 8. M. 1,60. — 112) X (JBL. 1897 I 6:64, 70; 1808 I 7:125.) — US) C. Andre ae, 
A. Diesterweg. (» Grosso Ersieher Bd. 4.) L., Yoigtl&ndor. 112 8. Mit Bildnis. M. 1,25. — 114) X E. t. Sallwflrk, A. 
Diesterweg. Darstell, seines Lebens n. seiner Lehre n. Auswahl ans seinen 8rhriften. 1. Bd. (= Bibl. pftd. Klassiker Bd. 86.) 
Ungensalsa, Bojer * Söhne. 497 8. M. 3.50. ~ 115) Fr. Bartels, D. AltmeUUr Diesterweg fflr alleaeit!: RhBIlEU. 73, 
8. 289-308. — 116) X K. Fischer, A. DiesUrweg. (» D. Klassiker d. Fftdag. Bd. 19.) Langensali«, Oressler. 860 8. 
M. 4,00. - 117) X H- Bnrokhardt, Diesterwegs Ansiehten Aber Formenlehre: BhBUBÜ. 73, 8. 390-58, 446-60. - 118) J., 
YL Sohavmborgcr: SiohsSehnlZg. 8. 159-62. — 119) X K. Höfe r, H. Sohanmberger. (= Päd. Abhmndl. Bd. 4, Heft 4.) Biele- 
fold, Bolmieh. 25 8. M. 0,50. — 120) XA*Attenspergor,J. Frohsohammers philos. System im Grnndriss. Zweibrftokon, 
Lehmann. 214 8. M. 8JM). — 121) X K. V. Scherser, J. Frohsehammer in seinen Besieh. %. Lehrerotande n. %. freien 
8ehnIo: Zeit«<^. N. 284. — 122) X J- Friedrich, Systemat. n. krit. Darstell, d. Psyohol. J. Frohsohammers. Wflraburg. 
yorlagsbQchdrnckeroL 48 8. M. 1,00. — 133) X A. Goerth, Fr. Dittes in seiner Bedont. fflr d. Mit- n. Naohwolt. L., Klink- 
hardt. 144 8. M. 1,50. — 124) O K. H. L.Magnns, Regiernngs- n. Sohnlrat A. Hechtonberg. D. Leben n. Streben e. 
Meisters d. Bohnle. Gfltersloh, Bertelsmann. VII, 186 8. Mit 2 Abbild. M. 1,50. - 135) O J. L an go , J. Steiners Lebensjahre in 
Berlin 1824-68. Naeh seinen Personalakten dargest. B., Gaertner. 4*. 70 8. Mit Bildnis. M. 2,00. - 126) X Seminardirektor 
H. Baehofioor. E. Lebensbild, mit Ansxflgon ans seinen Briefen. Zflrioh, Depot d. ot. Gosellsob. IV, 823 8. Mit 4 Abb., 1 Facs. 
M. 4,00. — 137)XJ*Br&sohweiIor-Wilhe1m. Sehnldiroktor M. Bohnppli. Oesch. e. Thnrgavers. Basel, Reich. 127 8. 
Mit BildnU. M. 1,00. — 138) E. A. Richter, E. Hannaok: PaedBll. 28, 8. 469-84. - 129) E. Uannack: RhBllEÜ. 78, 8 277. 

— 130) J. Keller, R. Morf: PaedBll. 28, 8. 377-66. ~ 131) RhBllEU. 78, 8. 882. - 132) H. Usener, A. Fleokoioen: AZg". 
N. 249. — ISS) O G. Wendt, Reden ans d. Sohnlo n. fflr d. Sehnle. Karlsrnhe, Oatsoh. 152 S. M. 2,50. — 134) J. H., 



T 4:135-159 1^. Stötzner, Geschichte des Unterrichts- und Erziehujigsweftüiis. 

Güter unserer Nation weht, dieselbe innere Anteilnahme an dem, was der Jugend 
frommt und not thut, dieselbe Wärme vaterländischer Gesinnung. Bei aller Be- 
geisterung für den Segen klassischer Bildung ist der Vf. doch modern genug, um 
zu wissen, dass die grossen, weltbewegenden, politischen Wandlungen unseres Volkes 
auch in den Herzen der Jugend Verständnis und Teilnahme finden müssen, dass der 
einzelne nicht über, sondern in seinem Staate stehen und nie vergessen soll, dass 
er demselben seine besten Kräfte schuldet". — 

Hochschulen. Ueber das Klosterleben der Studenten der Universität 
Bern macht H a a g ^3*) ausführliche Mitteilungen auf Grund seiner Forschungen 
im dortigen Staatsarchiv. — Ueber die von K n o d i3«-i»7) veröffentlichte Arbeit über 
die deutschen Studenten in Bologna während der Zeit von 1289—1562 macht 
S t ö 1 z e 1 einige Mitteilungen. — Indem er die die Aula Leopoldina der Universität 
Breslau schmückenden Bilder beschreibt, entrollt R. F o e r s t e r *^®) zugleich ein 
Büd von der Entwicklung dieser Hochschule, die 1702 von Leopold I. gestiftet 
worden ist. — Nach einem Dekret Napoleons I. aus dem J. 1811 sollte zu Düssel- 
dorf eine Universität für das Grossherzogtum Berg mit 5 Fakultäten (Theologie, 
Jurisprudenz, Medizin, Mathematik und Naturwissenschaften, schöne Wissenschaften) 
errichtet und am 1. März 1812 eröffnet werden. Bereits Ende 1813 aber wurde 
infolge des Sturzes Napoleons die Universität wieder aufgehoben. Hierüber handelt 
Asbach*3») eingehend unter Beifügung interessanter Beilagen. •*®~>**) — Das 
philologisch -pädagogische Institut an der Universität Helmstedt wurde von 
F. A. Wiedeburg begründet (vgl. JBL. 1897 I 6 : 63). S t a 1 m a n n J*2^ teüt die 
Denkschrift von Wiedeburg über die Einrichtung und Verfassung dieses Seminars, 
dessen Mitglieder am Pädagogium zu Helmstedt in den praktischen Unterricht ein- 
geführt wurden, mit. — Aus Jena berichtet das 8. Heft über die Thätigkeit im 
pädagogischen Universitätsseminar, das unter Reins**^) Leitung steht. Das 
Heft enthält ausserdem noch 8 Abhandlungen zur Pädagogik, die von Mitgliedern 
des Seminars verfasst sind. ^** "'*'') — Die führende Stellung, welche Leipzig in 
der Entwicklung des Humanismus in Deutschland einnahm, wird durch Bauch •^s)^ 
den unermüdlichen Forscher auf dem Gebiete des Humanismus, ins rechte Licht 
gesetzt. — Die Hochschule zu Mainz wurde 1477 eröffnet; sie gedieh rasch zu 
hoher Blüte, wozu besonders auch der aus Erfurt berufene Johann Bertram beitrug. 
Er pflegte die Bibelexegese in hohem Masse während der 30 Jahre, die er als 
Professor thätig war. Ueber ihn und die älteste Geschichte der Mainzer Universität 
macht Falk^^*) interessante Mitteilungen.'^®) — Ein Verzeichnis der rheinländischen 
Studenten, die im 16. und 17. Jh. der deutschen Nation der Universität P a d u a 
angehört haben, veröffentlicht K n o d^*^). — W. Fabricius Geschichte der deutschen 
Korps ^^*) wird von Holzhausen eingehend gewürdigt ; auch hier wird ein gewisser 
Mangel an Objektivität der Burschenschaft gegenüber gerügt, im übrigen aber mit 
Recht darauf hingewiesen, dass Fabricius vor allen dazu berufen sein dürfte, eine 
Geschichte des deutschen Studententums zu schreiben. ^^5~'*^) — Gelegentlich der 
Hundertjahrfeier der technischen Hochschule zu Charlottenburg wirft A. F.^**) 
einen Bliök auf die Geschichte und Entwicklung dieser Anstalt. Die Vorgeschichte 
derselben lässt sich bis zur Gründung der Berliner Akademie der Künste, also bis 
1696 zurückverfolgen; ins Leben getreten aber ist sie 1799 als „Bauakademie^'; 1879 
endlich erwuchs daraus nach Vereinigung mit der Gewerbe-Akademie, deren Anfänge 
bis 1821 zurückreichen, die Technische Hochschule, die älteste derartige Anstalt in 
Preussen.^^'~i*i) — 



Ein ^ag. Testament: AZg" N. 55. — 135) Fr. Haag, D. Klosterleben d. bernisohen Btadeaten um d. Mitte d. 17. Jh.: 
MGESfl]i0.9« S.805>83. — 136-137) O. Knod, Dtaoh. Studenten in Bologna (1280-1562). Biograph. Index an d.Acta nationi» 
Oermanioae nniTersitatis Bononiensii. B., Deoker. XXV, 765 S. M. 80,00. |fA. Stolze 1: AZg^. N. 1S8.]| — 138) R. 
Fooriter, D. Aula Leopoldina d. Univ. Breslan. Breslan, MarouB. 80 8. M. 1,00. — 139) J. Aebach, D. Napoleonisohe 
Unir. in DftiBeldorf (1812-13). Progr. Dflsseldorf; Voss A Cie. 4». 32 S. |[JBHSW. US S. 1].]| - 140) X 0, Oargel, 
D. Stadienreform d. Univ. "Erfort Tom J. 1519: JbbAkErfnrt. IffF. 26, 8. 81-96. — 141) X H. Weisienborn-Horttsohansky , 
Akten d. Erfurter Unir. 8. T. Register z. Hllgero. Stndentenmatrikel (1392—1636). (= Oesehiohtsqnellen d. Prov. Sachsen n. 
angrenzenden Gebiete, Bd. 8.) Halle, Hendel. VI, 489 S. M. 27,00. — 142) W. Stalmann, D. herzogl. philologisoh-p&dag. 
Inititat anf d. Univ. zu Helmstedt (1779-1810). I. Progr. Blankenbnrg a. Harz, Brüggemann. 4«. 29 8. |[JBHSW. US 
8. ll.]| — 143) W. Rein, Ans d. p&d. üniT.-Serainar an Jena. 8. Heft. Ungensaiza, Beyer A S5hne. IV, 225 8. ü. 2,50. 
(Vgl. JBL. 1897 I 6:154.) - 144) X !>• Einweih. d. p&dag. Üniv.-Seminars in Jena: PidBll. 28, 8. 97/8. ~ 145) X !>• Leopold- 
Franzens-UnlT. zu Innsbmok in d. J. 1848-98. Festschr. Innsbruck, Wagner. 4*. IX, 264 8. Mit Abb. n. 8 Tafeln. M. 20,00. 

— 146) X F- ▼• Lo5, D. Kalendarinm d. Unir. an K51n: AnnHVNUderrh. 67, 8. 109-29. — 147) X A. T reiche 1, Beitr. z. 
Oesoh. d. UniT. Knlm: ZHVMarienirerder. 87. Heft, 8. 42/7. - 148) (« N. 25.) - 149) Fr. Falk, D. Mainzer Hooheohnle 
1477 n. ihr Lehrstuhl fflr Bibelknnde: MOESchO. 9, S. 128-82. - 150) X Gesch. d. Wiener UniT. t. 1848-98. Wien, Holder. 
Vm, 486 8. Mit Abb. M. 10,60. — 151) G. Knod, Rheinl&nd. Studenten im 16. u. 17. Jh. auf d. üniv. Padua: AnnHVNiederrh. 
28, 8. 183-88. — 152) (JBL. 1898 I 7:128.) |[P. Holahausen: AZg° N. 148.]| - 153) X >• Langwerth t. Simmern, 
D. dtsoh. Korps in ihrer nationalen Bedeut.: DWBI. N. 19. - 154) X Z. Gesch. d. dtsch. Korpsstudententums: VossZgB. N.8;9. 

— 155) X C. Beyer, Stndentenleben im 17. Jh. Schwerin, Bahn. 188 8. M. 2,00. - 156) A. F., D. Hnnder^'ahrfeier d. 
techn. Hochschule zu Churtottenburg: AZg^. N. 241. - 157) X I>. techn. Hochschulen in Preussen: AkBU. 14, N. 16. - 158) 
X G. Galland, E. techn. Hochschule Friedr. d. Gr.: VossZg". N. 39. — 159) X !>• n«^« techn. Hochschule in Dansig: 



P. Stützner, (Seschichte des (Unterrichts- und Kfziehung-swesens. I 4:i6o-i8ü 

Auf dem Gebiete der Volkshochschule leistet jetzt Hamburg, wie 
BüBohingf**^) zeigt, Ausserordentliches. Der Staat hat sich hier dieser Sache 
angenommen, und man muss gestehen, die Reichhaltigkeit des Programms von Vor- 
tragskursen für den Winter 1899—1900, das Vf. mitteilt, lässt nichts zu wünschen 
übrig. Nur an einem Gebäude für die Volkshochschule fehlt es noch. Der Besuch 
der vorträte ist unentgeltlich, die Auditorien sind bislang sehr gut besucht gewesen, 
so dass vT. nicht ansteht, die Hamburger Einrichtungen als die bisher glücklichste 
Lösung der socialreformatorisoh so wichtigen Frage der Volkshochschule hinzustellen. 
— Ueber die volkstümlichen Hochschulkurse in Jena erfahren wir von ßerge- 
mann**3), (j^ss im Winter 1898—99 wiederum drei Kurse von 6—7 Vorlesungen' 
abgehalten worden sind über Astronomie, Geographie und Physiologie, zu denen 
100, 60 und 100 Teilnehmer Karten im Preise von 1 Mk. lösten. Am englischen 
Sprachkursus (36 Stunden) nahmen 10, am französischen (25 Stunden) 12, an dem 
neu eingerichteten mathematischen Kursus (30 Stunden) 18 Personen teil; für jeden 
Kursus betrug das Honorar 4 Mk. — Auch aus Berlin i®*~i*5) wird das lebhafte Interesse 
und die starke Beteiligung an den „Volkstümlichen Kursen von Berliner Hochschul- 
lehrern" gerühmt; es hat sich dort unter den Professoren ein Verein gebildet, der 
fortlaufend für die Abhaltung solcher Vortragscyklen Sorge tragen will. '••""') — 

Geschichte einzelner Lehranstalten. Für die Geschichte des 
Si. Anna-Gymnasiums zu Augsburg im 17. und 18. Jh. hat Köb erlin*'*) 
mehrere Beiträge geliefert. £r veröffentlichte zunächst folgende 4 Aktenstücke aus dem 
17. Jh.: 1. Eine in Reimen verfasste Beschreibung und Geschichte des Gymnasiums 
von 1531—1623, verfasst von Praeceptor Bernhard Heupolt; 2. Disziplinarsatzungen 
für die Schüler und 3. Schulordnung für die Lehrer des Gymnasiums aus dem 
J. 1634; 4. Methodus nova docendi, pro Gymnasio Evangelico Augustano praescripta 
anno Christi MDCXXXIII. — Ferner hat sich der Vf.*'^) emgehend mit Hier. Andreas 
Mertens (geb. 1743, gest. 1799), der von 1773—99 Rektor dieses Gymnasiums war, 
beschäftigt. Mertens hat zahlreiche Unterrichtsbücher, daneben aber auch vieles über 
Pädagogik geschrieben; vor allem ist er es gewesen, der am Annagymnasium eine 
Reform durchführte, durch welche den Bestrebungen der Philanthropen Zugeständ- 
nisse gemacht und namentlich Realien und neuere Sprachen in den Unterrichtsplan 
aufgenommen wurden. — Das Lehrerseminar zu B a r b y i^®) hat am 12. Nov. 1898 
das 75jährige Jubiläum begangen. Die Anfänge dieser Anstalt aber reichen bis 1735 
zurück, wo im Kloster Berge bei Magdeburg als Nebenanstalt des Pädagogiums ein 
Seminar für Volksschullehrer eingerichtet wurde, in dem 10 — 20 Zöglinge Aufnahme 
fanden. 1813 ging dasselbe ein. Es bestand ferner bei der Domschiüe zu Magdeburg 
seit 1785 eine suinliche Anstalt; aus diesen Anfängen ging 1823 ein StaatssemLnar 
hervor, das 1855 nach Barby verlegt wurde. — Eine sowohl für die Geschichte 
des Gymnasialwesens in Berlin, als auch für die Bibliographie sehr wert- 
volle Arbeit hat Todt*") geliefert, indem er ein Verzeichnis alier seit 1826 am 
Joachimsthalschen Gymnasium wirkenden Lehrer und eine Bibliographie von deren 
Schriften herausgab."®"*''®) — In Bremen wurde infolge der Reformation 1528 eine 
neue gelehrte Schule gegründet. Die Geschichte dieser Anstalt bis zum J. 1765 hat 
Entholt*®®) auf Grund der Akten ausführlich dargestellt; er geht dabei auch auf 
Stoff und Methode des Unterrichts näher ein, behandelt die mit der Schule angestellten 
Reform versuche und teilt eine ganze Reihe wichtiger Aktenstücke zur Geschichte 
dieses Gymnasiums mit. — Zur ältesten Geschichte des Elisabeth -Gymnasiums in 
Breslau liefert Rudkowski*®*J einen Beitrag, indem er eine Uebersioht über 
die für diese Anstalt von 1253— 1500 gemachten Stiftungen giebt. — Aus der Geschichte 
der Lateinschule zu Crossen a. 0. giebt Berbig^®'-*) weitere Nachrichten und 

UoehtohnliiMbrichteB 9, S. 180/4. — 160) X H. Haasratb, FestHohkeit d. teohn. Hoohi«hal« sa Karlirahe: ib. S. 166/9. - 
161) X ^' ^^^ Verfaat. d. teohn. Hoohtohale in Mfinoben: ib. 8. 219-20. - 162) P. Büiohing, UniTersity «ztontion in 
H»nbarg: AZgB. N. 221. — 163) P. Bergemaaii, D. Tolkstfiml. Hoobiobnlkurse m. UoterhaltangMbende d. Comeniiis-Zweig» 
GeMllMbaft Jana im Wiotar-Sani. 1898-99: ComeBimsBll. 7, S. 122/6. ~ 164) X ib. 8. 24, 181. - 165) X B«rlln«r volkitftml. Karte 
w&brend d. Winter-Sem. 1898-99: Z. d. Centr«leielle fflr ArbelterwohlfahrtMinrirbi 8. 195. — 166) X Konferent dteeh. Hoehsobnl- 
lebrer betr. Ginrioht. TolkstamL HoehecbnlkiirM: ib. 8. 98/8. — 167) X Entwiokl. d. Tolkstflml. Hoobtobnlknrte in Dentaebl. 
n. Oesterr.: ib. 8. 155. - 168) X K. Yerbud d. VolksTorlee. : MitUil. ftber d. YolksTorles. 8. 1/4. - 160) X H. Albreobt, 
D. Popnlaria. d. HoehMbnlnnterr. n. rerwandte Bestreb.: DR«. 98, 8. 282-66. — 170) X YolkiTortrr.: AkBll. 14, N. 17. (Betr. 
Cmaeel.) — 171) X 0. Amedorf, Volkstfiml. UniTersitAtsbeweg. n. Beform d. bdh. BildüngsweieBs ; NZ^t. 17, N. 28. — 172) 
X Yolkitaml. lintTereit&UTortrr. in Oesterr.: Bildnogerorein 29. 8. 228/6. - 173) X A.. Eisler, D. Tolkstaml. Unirenitttakarse 
ia Wien: NFPr. 5. Januar. — 174) K. Köberlin, Z. Gesch. d. Qynn. bei 8t Anna: BBG. 86, S. 885-406. — 175) id., Rektor 
M. Hier. Andr. Mertens n. d. Oymn. bei 8t. Anna in Angsbnrg in d. lotsten Jahnelinten d. 18. Jh. Progr. Angsbarg, Pfeiffer, 
84 8. — 176) D. Seminaijvbil&nm in Barby: PaedBll. 28, 8. 47/9. - 177) 0. Todt, Biogr.-bibliogr. Yen. d. Lebrer d. Joaehims- 
tbalsehea Gymn. seit 1826. Progr. B, Oldenburg. 4*. 26 8. |[JBHaW. 14>, 8. l.]| ~ 17t) X R. Fieker, D. ünterr.- n, 
Bra.-AnBtalt Si Joseph an d. U5he in Bonn. Bonn, Hanstein. UI, 38 8. Mit 1 Taf. M. 0,50. - 170) X <>• Martinenn in 
Breklnm n. d. Grund. ▼. freien ebristl. Priratgymn. Breklnm, Christi. Bnohh. 25 8. M. 0,80. — 180) H. E n t h o 1 1 , 
Oesoh. d. Bremer Gymn. bis i. Mitte d. 18. Jh. Bremen, Winter. YIU, 118 8. M. 1,20. {[JBHSW. 14>, a 1/2.] | — 181) W, 
Rndkowski, D. Stift, d. Blisabeth-Gymnasinms. T. 1. Progr. Breslau, Grass, Barth A Co. 81 8. [JBH8W. 14*, 8. 2.JI - 
182) Fr. Berbig, Naehrr. n. Urkunden d. latein. Schule su Crossen, III. Progr. Crossen a. 0., R. Zeidler. 4^ 43 8. — 



1 4:18:m«2 P. Stotzuer, Geschichte des Hnterriclits- und Eiv.iehun^swesens. 

Urkunden bekannt. Sie umfassen 'die J. 1695—1716, daß Rektorat von J. G. Möstner 
und J. I). Dubelius. Aus der Zahl der mitgeteilten Aktenstücke seien die Leges 
soholae Crosnensis von 1695 und ein Lektionsplan von 1708 hervorgehoben. — Für 
das Gjmnasialwesen von Dresden war die Gründung des Königl. Gymnasiums 
im J. 1874 von grösster Bedeutung, lieber Vorgeschichte und Entwicklung dieser 
Lehranstalt, die jetzt gegen 600 Schüler zählt, berichtet ausführlich Opitz*®'). — 
Zur Geschichte des Vitzthumschen Gymnasiums in derselben Stadt veröffentlicht 
Bernhard'^*) interessante Beiträge. Dies mit Internat verbundene Gymnasium 
besteht seit 1828, die Mittel zu seiner Erhaltung aber entstammen einer bereits 1638 
von der Familie Vitzthum von Apolda gemachten Stiftung. Seit 1898 ist diese Schule 
in den Besitz der Stadt Dresden übergegangen. — Eigenartig in ihrer Geschichte 
wie in ihrer jetzigen Organisation ist die Lehr- und Erziehungsanstalt für Knaben, 
die bis jetzt in Dresden-Friedrichstadt ihr Heim hatte, nun aber nach 125 jährigem 
Bestehen in ein neues Heim nach Dresden-Striesen übergesiedelt ist. Die Anstalt 
ist bekannter unter dem Namen „Freimaurerinstitut", den sie deshalb mit Recht 
führte, weil sie in den Nöten nach dem siebenjährigen Kriege durch die Opferwillig- 
keit mehrerer Freimaurerlogen zunächst als eine Armenschule ins Leben gerufen 
wurde, in der 20 Knaben und 10 Mädchen vollständig unterhalten und unterrichtet 
werden sollten. Seit 1841 werden nur noch Knaben in dieses Institut aufgenommen, 
und allmählich hat sich ein stattliches Internat, das mit dem Lehrplane und den 
Berechtigungen einer sechsklassigen Realschule versehen ist, daraus entwickelt, wie 
dies aus den Festschriften von J. Friedrich*®^) und Köhler'®*) näher zu ersehen 
ist. — Wertvolle Beiträge zur Geschichte des Düsseldorfer Lyceums liefert 
A s b a c h ^^'^ in einem längeren Aufsatze über Heinrich Heine und seine Beziehungen 
zu dieser Lehranstalt. Vf. nimmt Gelegenheit, über die Lehrer, die im 2. Jahrzehnt des 
19. Jh. dort thätig waren, Näheres mitzuteilen, besonders über den Rektor Schallmeyer 
(1757 — 1817), dessen deutschem und philosophischem Unterrichte Heine ein dankbares 
Andenken bewahrte. — Weitere Beiträge zur Geschichte des Gymnasiums in El hing 
bringt Neubaur*»») (vgl. JBL. 1897 I 6:188/9). Er behandelt zunächst die 
Zeit, in der Johannes Mylius als Rektor der Schule vorstand und ihr weitgehenden 
Ruf verschaffte, insbesondere dessen Berufung 1598 und die des Konrektors Johannes 
Albinus (1604). Dann berichtet er mancherlei aus dem inneren Leben der Schule 
während des 17. und 18. Jh. und liefert endlich ein Verzeichnis der Lehrer bis zum 
J. 1600. — Gronau^*®) giebt eine ausführliche Darstellung der Verhandlungen, 
die von 1841—46 zwischen der Stadt Elbing und dem Staate geführt wurden, bis 
letzterer das Gymnasium in seine Verwaltung übernahm. — Die älteste Schulordnung 
des Gymnasiums zu Emmerich, Formula disciplinae scholasticae in schola 
Embricensi inviolabiliter observanda, wird von Liese n^^®) aus einer Hs. unter 
Beiftigung der deutschen Uebersetzung veröffentlicht. Sie rührt von dem Dechanten 
Hermann Schilder (f 1577) her und ist in der Zeit zwischen 1566-72 verfasst worden, 
geht aber vermutlich auf eine ältere Schulordnung aus dem ersten Viertel des 16. Jh. 
zurück. Es ist interessant, aus dieser Zeit, in der so viele evangelische Schul- 
ordnungen entstanden sind, auch einmal eine katholische kennen zu lernen. — Einen 
kurzen Bericht über die seit 25 Jahren bestehende städtische Realschule zu Frei- 
burg in Schlesien liefert K 1 i p s t e i n ^®i). — Die Gründung der höheren Schule zu 
Hagen, die nun auf das erste Jh. ihres Bestehens zurückschauen kann, fand seiner 
Zeit einen wohlwollenden Förderer im Reichsfreiherrn vom und zum Stein, der 
damals Oberpräsident von Westfalen war. Diese Schule hiess, wie Haastert*^^) 
berichtet, zunächst Bürgerschule; unter den Lehrfächern finden sich 'neben den 
Realien Latein, Französisch, Englisch und Italienisch. Die Lehrfächer aber waren 
wahlfrei. Von 1817 an hatte die Anstalt als „höhere Stadtschule" den Lehrplan etwa 
einer Realschule mit fakultativem Lateinunterricht; zu einer wirklichen Realschule 
wurde sie jedoch erst 1858 umgewandelt. Von 1862—77 bestand sie dann als Real- 
schule 1. 0.: 1877 kamen Gymnasialklassen hinzu, und seit 1883 endlich ist daraus 
ein Realgymnasium und ein Gymnasium geworden, Anstalten, die gegenwärtig unter 

lt3) Th. p i tz, D. königl. Gyron. sn Drevden-NeaDtadt w&hrend d. ersten 26 J. eeineB Besteh. Ostern 1874-99. Progr. Dresden, 
Teabnor. 4». 89 S. |[JBUSW. 14 >. 8. 2; NASftohsG. 20, S. 352/4.] | — 184) A. Bernhard, JB. des VitithnmscheB Gymn. 
Progr. Dresden, Teabner. 4^. 72 S. (S. 45-55.) ifJBHSW. 14>. 8. 2/3.J| — 185) Festsohr. s. Feier d. Einireih. d. Neubaues 
d. Lehr- n. Era.-Anstalt f&r Knaben kq Dresden-Striesen. Her. ▼. d. Vorstehersohaft d. Anstalt. Festsohr. Dresden, Weinhold 
& Söhne. 40. 39 9. Mit 12 PUnen q. Abb. — 186) 0. KOhler, Lehre n. Erz. im Freimaurer-Institute. E. Bflokbl. auf 125 Jahre. 
(= Festsohr. zur Feier d. 12öjfthr. Bestehens d. Lehr- u. Er«.- Anstalt ffir Knaben zu Dresden-Friedridhstadt Her. t. d. Vor- 
stehersohaft der Anstalt.) Festsohr. Dresden, Weinhold k Söhne. 4«. 109 S. Mit 6 Abb. — 187) J. Asbuch, Heine u. d. 
Dftsseliorfer Lyoeum: AZg« N. 240, 257, 279-80. (Vgl. JBL. 1898 l 7:174.) - 188) L. Neubaur, Beitrr. a. &lt. Qesoh. d. 
Gymn. tu Klbing. Progr. Elbing, Kfthn. 4«. 84 S. 1[JBHSW. 14>, S. 3.]' - 189) A. Gronau, Z. Gesch. d. kgl. Gymn. in 
Elbing, L Progr. ebda. 4^ 14 S. {[JBHSW. H\ S. 3.1| ~ 190) B. Liesen, D. Älteste bisher uagedruokte Schul- u; 
Stndienordnung d. Emmerioher Gymn. Progr. Emmerich. 4». KIH, 8 S. |[JBHSW. U\ S. 3.]| - 191) A. Klip stein, 
25. JB. Aber d. st&dt. Realschule zu Freiburg i. Schles. Progr. Freiburg, Rieok. 4«. 25 S. |[JBUSW. U\ S. 8.J — 192) 
H. Fr. Haastert, Z. Gesch. d. Hagener Realgymn. Progr. Hsgen i. W., Druckerei d. westftl. Tageblattes. 4\ 42 S. -► 



I\ MliUziuT, (tüschichte des lliitcmclitö- und Erzieh uiig'svvosüu.s. 1 4:ii>J2I4 

der Leitung des Direktors Lenssen*^^'*^^) stehen. Dieser selbst berichtet eingehend 
über das äussere und innere Leben der Schule während der letzten 40 Jahre. Wesent- 
liche Ergänzungen zu dieser Schrift bieten die Beiträge, die H a a s t e r t (s. o. N. 192) 
zur Geschichte des Hagener Realgymnasiums geliefert hat. *^^j — In Hildburg- 
hausen *^*J hat das Lehrerseminar, das seit 1795 besteht, einen Neubau erhalten. 
Gleichzeitig ist die Anstalt aus einer vierklassigen in eine fünf klassige umgewandelt 
worden. — Das von H. Lietz in Ilseburg a. H. errichtete, nach dem Muster 
von Abbotsholme organisierte Landerziehungsheim findet in Bode*^') einen be- 
geisterten Lobredner. Für das körperliche Gedeihen der Knaben mag ja dort ganz 
gut gesorgt sein, aber eine solche Erziehung wird doch, schon hinsichtlich der Kosten, 
nur für wenige möglich sein; auch ist noch gar nicht bewiesen, ob das, was dort 
gelernt wird, unseren Ansprüchen an eine höhere Bildung genügt. Darum bleiben 
wir zunächst noch bei unseren früher (JBL. 1897 I 6 : 309) geäusserten Bedenken über 
Lietz Erziehungsgrundsätze. — In zwei sehr reklamehaft gehaltenen iVrtikeln'^'^J 
über dies „Landerziehungsheim'* ist zwar sehr viel von Radfahrtouren, Reisen, sowie 
von gesunder Beschäftigung im Freien die Rede, von eigentlicher Schularbeit nur 
wenig, von Fremdsprachen werden Englisch und Französisch getrieben, man scheint 
also wohl das Ziel einer sechsklassigen Realschule im Auge zu haben, ^^'^j — 
Terwelp^®®) führt seine Geschichte des Gymnasium Thomaeum zu Kempen a. Rh. 
(vgl. JBL. 1898 I 7 : 183) von 1664 weiter bis zum J. 1798, wo unter dem Einfluss 
der französischen Revolution das Gymnasium aufgehoben wurde. Statt dessen wurde 
1803 eine ecoie secondaire communale eröffnet. — Das Lehrerseminar zu Köpenick 
hat am 14. December 1898, wie Trettin^o') berichtet, sein 150 jähriges Jubiläum 
gefeiert; es ist eine Gründung von Johann Julius Hecker, dem Berlin seine erste 
Realschule verdankt; dem letzteren ist bei dieser Gelegenheit ein Denkmal gesetzt 
worden. Es ist das erste preussische Seminar, das seit seiner Begründung einer 
ununterbrochenen Entwicklung bis zur Gegenwart sich erfreuen kann. 2^^"^*^*) — Die 
Geschichte der Realschule zu L e i s n i g während der ersten 25 Jahre ihres Bestehens 
hat Scheibner ^^^) zum Inhalte einer Festschrift gemacht. ^^^j — Gelegentlich 
der Einweihung des neuen Gebäudes der Oberrealschule zu Marburg giebt 
Knabe ^o') einen Ueberblick über die Entwicklung des hessischen Realschul- 
wesens, aus dem nur hervorgehoben sei, dass in Marburg 1838 eine zweiklassige 
Realschule eröffnet wurde, die lange Zeit ein recht dürftiges Dasein führte. Später 
erhielt sie als höhere Bürgerschule mit obligatorischem Lateinunterricht die volle 
Berechtigung und 1882 den Namen eines Realgymnasiums. Seit 1892 aber ist sie 
in eine lateinlose Realschule umgewandelt und 1899 als Oberrealschule anerkannt 
worden. — Jordan^^^) liefert Nachträge und Erweiterungen zu seiner bis 1615 
geführten Geschichte des städtischen Gymnasiums zu Mü hl hausen in Thüringen. ^o») 

— Für das seit fast 100 Jahren bestehende Lehrerseminar zu Plauen i. V. ist im 
Berichtsjahre ein Neubau fertiggestellt worden, bei dessen Einweihung**^"^") der 
Leiter des sächsischen Schulwesens, Staatsminister von Seydewitz, eine für das ganze 
sächsische Seminarwesen höchst bedeutungsvolle Rede hielt. ^»^j — Die mit einem 
Progymnasium verbundene Realschule zu Reichenbach i. V. hat im Berichts- 
jahre ihr 50 jähriges Jubiläum gefeiert; der erste Teil der bei dieser Gelegenheit 
herausgegebenen Festschrift ist der Entwicklung dieser Anstalt, die von Anfang an 
„in engem Zusammenhang mit der gesamten industriellen und socialen Entwicklung" 
der voigtländischen Fabrikstadt gestanden hat, gewidmet und rührt von ihrem jetzigen 
Leiter, Dir. G. H. J aco bi*'^*^"^'*), her, während im 2. Teile mehrere wissenschaftliche 
Themen behandelt werden. — Für die Geschichte des Gymnasiums zu Rüssel ist 
die bereits erwähnte Arbeit von Lühr-*^) zu nennen. Man erfährt daraus, dass das 

193-194) L. Lensien, Raalgymn. n. Oymn. za Hagen in Westf. Festochr. Hugen, BaU. 224 S. — 195) X E. Spar ig, 
D. Jubelfeier d. 200j&hr. Beetehene d. Franokesohen Stift.: ZPhP. 5, S. 459-69. — 196) Rf . Seminarweibe in Uildbarghunsen : 
PMdBU. 28, 8. 842/4. - 197) W. Bode, D. Landerziehangsheim: Oeg. 55, S. 890/2. - 198) H. Lietz. Mitteill. d. dteoh. 
Landerciehnngebeims: PaedMBU. 6, S. 40/5, 442/7. -- 199) X G. Mflller, Z. Oescb. d. hob. Schalweaenit. I. D. Kameral- 
ichnle in Kaieersluntern (1774-84). Kainerslantern, Crasiua. YII, 93 S. M. 1,00. - 200 > G. Terwelp, Qesob. d. Oymn. 
Tbomaenm zu Kempen (Bb). Progr. Kempen (Rb.), Wefersecbe Drnokerei. 139 8. |[JBUSW. 14>, S. 4.]| - 201) Trettin, 
D. 160j&br. Jubelfeier d. königl. Sobnllebrereeroinare so Köpenick: PaedBII. 28, 8. 61-76. — 202) X ^* R«ni«oh< Oesob. 
d. Volkaieballehrereeminara zn Köpenick. Feateobr. 149 8. |[PaedBll. 28, 8. Ö73.JI - 203) X J- B. Sobiltkneobt, 
D. Lebreraeminar Lanterbnrg- Oberebnheim (1374-99). Feataobr. Freibarg i. B., Herder. VU, 84 8. Mit 2 Bildn., 
2 Pl&nen. M. 1.50. — 204) X Fr. Roth, Bericht Ober d. Teiohmann-Dr. Botbacbe Privatachnle za Leipzig. Featüchr. 
Leipzig. 66 8. — 205) 0. Soheibner, D. Realacbale za Leianig. Progr. Leianig, Ulrich. 4». 53 S. {[JBUSW. 14*. S. 8 ]| 

— 206) X M. Wilok, D. kgl. erang. Sohnllebreraeminar in Löbau W.-Pr. im 1. Vierteljh. aeinea Beateb. Feataobr. 
76 S. KPaedBli. 28, 8. 674.]' — 207) K. Knabe, Featacbr. z. Einweihangafeier d. neaen Geb&adea d. Oberrealacbalo. 
Progr. Marburg, PfeU. 4«. 30 8 (8.1/7.) ifJBIiSW. 14', 8. 8 Ji - 208> R. Jordan, Beitrr. z. Oeach. d. atAdt. Oymn. 
in Mlihlhanaen in Tbflr. IV. Progr. Mahihauaen, Danner. 48 S. |[JBHSW. 14', 8. 5.JI (Vgl. JBL. 1897 I 6:213.) ~ 
209) X 0. Seidel, Z. Feier d. 2öj&hr. Beateh. d. erang. Sehallebreraem. in Nen-Ruppin, Buchbinder. 27 8. H. 0,25. 
[PaedBU. 28. 8. Ö74.]| - 210-211) Semiaarweihe in Plauen i. T.: PaedBll. 28, 8. 240/2. 882/4. — 212) X U. UAmpler, 
13. Bericht Ober d. kgl. Lebreraeminar au Plauen i. V. (M. Wiepreoht). 84 8. |f PaedBll. 28, 8. 702/3.JJ - 213-214) G. H. J a e o b i , 
Featsehr. z. SOj. Jtfbilftum d. Realachnle mit Progymn. tu Reiohenbaoh i. V. 1. u. 2. T. Feataobr. Reiohenbaoh i. V., Kann 

Jabreibericbte fBr neuere deutache Litter ntnrgeaohichte. X. (1)6 



i 4:2i5-23.i Pi Stotzner, (jeschlchte des Unterricius- und Erzieiuui^HweseiiiS. 

ehemalige Augustinerkloster in Rössel 1631 an die Jesuiten kam und von diesen 
noch in demselben Jahre eine Schule eröffnet wurde; diese erfreute sich eines starken 
Besuches und bestand bis 1748.^**) — Das Gymnasium zu Strehlen besteht nun 
25 Jahre, und bei diesem Jubiläum hat Petersdorff^") eine Geschichte desselben 
verfasst. — Zu den Schülerlisten des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums zu Stuttgart, 
die Schanz enbach2»8) 1886 veröffentlicht und 1887 und 1893 durch Nach- 
träge ergänzt hat, folgt jetzt von demselben Vf. ein weiterer Nachtrag, der die Namen 
der inzwischen verstorbenen ehemaligen Schüler und Lehrer dieser Schule enthält. — 
Aus der Vorgeschichte des Realgymnasiums zu Vegesack, die Werry'**^) ver- 
fasst hat, ist hervorzuheben, dass daselbst seit 1827 eine „lateinische" oder „wissen- 
schaftliche'' Schule bestanden hat; das Lateinische aber trat allmählich den neueren 
Sprachen gegenüber zurück, die Anstalt erhielt den Namen „Bürgerschule", blieb 
aber noch bis 1866 mit der Volksschule unter einer Direktion. 1869 wiu-de die 
Schule zu einer Realschule II. O., endlich zu einem Realgymnasium umgestaltet.^^o) 

— Aus Wetzlar teilt Fehrs^**) mit, dass sich dort 1799 zur Hebung des Schul- 
wesens eine „gemeinnützige Gesellschaft" bildete, die in der Stadt vier Lehranstalten, 
nämlich je eine Unterschule und je eine Oberschule für Knaben und Mädchen ein- 
richtete. Aus der Oberschule für Knaben hat sich das Gymnasium zu Wetzlar ent- 
wickelt, das demnach im Berichtsjahre sein 100 jähriges Jubiläum feiern konnte. Die 
Schule kam übrigens erst seit 1817, wo ihr die preussische Regierung ausreichende 
Unterhaltungsmittel zur Verfügung stellte, zu einer gedeihlichen Entwicklung. Vf. 
veröffentlicht ferner ein Verzeichnis der Lehrer, die seither an diesem Gymnasium 
gewirkt haben; darin findet sich u. a. auch 0. Jäger, der wohlbekannte Kölner 
Gymnasialpädagoge. — Eine Geschichte des seit 25 Jahren bestehenden Gymnasiums 
zu Wo hl au hat Höhne-") veröffentlicht."»""*) — Aus dem ältesten Stadtbuche 
von Zwickau, das vom J. 1375—1426 reicht, teilt Ermisch"^) die in 
30 §§ eingeteilte Ordnung der dortigen Stadtschule mit. Der erste Teil dieser 
Schulordnung handelt von den Einkünften der Lehrer, der zweite Teil von den 
gottesdienstlichen Vorrichtungen der Schule; den Schluss bildet das Verbot an die 
Lehi'er, gefährliche Waffen zu tragen und abends ohne Licht auszugehen, auch 
sollen sie ohne des Rats Genehmigung nicht bauliche Veränderungen an der Schule 
vornehmen. Die Schulordnung ist in deutscher Sprache abgefasst. E. setzt ihre 
Entstehung in die J. 1418—20. — lieber die beim Gymnasium zu Zwickau 1544 ge- 
plante Errichtung eines Alumnats stellt E. Fabian 226) eine Untersuchung an und 
teilt die darauf bezüglichen Schriftstücke mit. — 

Schulwesen einzelner Länder und Städte"'""®). In Ess- 
lingen drang die Reformation 1531 durch; die Stadt besass aber, wie O. Mayer"®J 
darlegt, schon vorher ein ziemlich entwickeltes Schulleben, denn neben Kloster- und 
Pfarrschulen sowie der oben erwähnten „Schule Schreibens und Dichtens"**®) hatte 
sie im 15. Jh. auch noch eine Lateinschule. An letzterer haben in der Zeit von 
1414—1535 unter anderen folgende vier Schulmeister gewirkt: Hermann Bernritter, 
Gerhard Wittich, Hans Perlin und Alexander Markoleon, über die Vf. einiges 
Biographische mitteilt. 23»-233j — Einen Beitrag zur Geschichte des M ü n d e n er 
Schulwesens liefert B u c h h o 1 z ^3^), indem er die Entwicklung und den Betrieb 
der dortigen Latein- oder Ratsschule darstellt; eine Beilage enthält den Lektionsplan 
der 3. Klasse dieser Schule aus dem J. 1787.^35) _ Der Umstand, dass in Oester- 
reich am 14. Mai 1899 dreissig Jahre verflossen sind, seit der Kaiserstaat ein 
Reichsvolksschulgesetz erhalten hat, veranlasst Fleischner ^3«), einen üeberblick 

A Sohn. fiO, 68, 68, 10 8. — 215) (= N. 80.) — 216) X E. Spohrraann, Gesch. d. Vgl. SchnllehrerMin. zn Steinan a. 0. 
Feitaohr. t. ÖOj&hr. Jabelfeier. Breslau, Uirt. 181 8. H. 2,00. IfPaedBll. 28, 8. 701/231 — 217) O R. Peter sdorff, D. 
ersten 25 J. d. Gymn. zu Strehlen. Progr. Strehlen. 32 8. |[JBHSW. 14', S. 5.J| - 218) 0. Sohantenbaoh, Naohtrr. 
2. Gesch. d. Eberhard-Ladwigs-Gymn. S. Folge. Progr. d. Eberhard-Lndwigs- Gymn. la Stuttgart. St., Liebioh. 4®. 127 S. 
(S. 101/4.) i[JBHSW. 14', S. 0.]| — 219) BegrflsstingSBohr. d. dtsch. Philologen- Yersuraml. an Bremen dargebr. Ton d. Bealgymn. 
zu Vegesack. Bremen, Winter. 75 S. (S. 1-12.) — 220) X !>• altehnrflrdige Klostersohule zu Werden a. d. Bahr in fiskalischer 
Behandl. Krit. Stad. t. e. Nichijaristen. Mfinster, Begensberg. 101 S. M. 1,20. — 221) F. Fehrs, Festschr. a. Gedenkfeier 
d. lOOj&hr. Besteh, d. Anstalt. Progr. Wetzlar, Schnitsler. 51 S. (S. 1-Sl.) |[JBHSW. 14>, S. 6.]| - 222) O A. Höhne, 
Chronik d. ersten 25 J. d. Woblaner Gymn. Progr. Wohlan. 36 8. |[JBH8W. 14>, S. 5.]! - 223) X J. Spindler, D. 
dtsch. Schal Tcreinsschnle in Wrschowitz. Gesch. e. dtsch. Schale im tsohech. Spraohgebiete. L., G. H. Meyer. 24 8. M. 0,50. 

— 224) X 0- RAssIer, Nuchrr. Ober d. kgl. Sohallehrerseminar zu Wanstorf, aas Anlass d. Feier d. 25j&hr. Jabil. am 81. Jan. 
1899 Hannover, C. Meyer. 50 8. Mit 8 Abb. M. 0,75. {[FaedBH. 28. 8. 573.]| — 225) H. Er misch, Zwickaner Stadtbflcher 
a. e. Zwickaner Schalordn. d. 15. Jh.: NASächsG. 20, 8. 33-45. - 226) K. Fabian, D. Erricht. e. Alumnats an d. Zwickaner 
Schule (1544): MJbbKlAUOTi. 4, 8. 25-34, 65-75. - 227) X Z- Reorganisation d. Yolksschulwesens in Bayern. Stimmen aus 
d. Volke. Nflrnberg, Korn. III, 40 S. M. 0,60. - 228) X A. Fr icke, D. das Volkssohulweson d. Herzogt. Braunsohweig 
betr. Gesetze u. Yerordn. nebst d. wichtigsten VerfQg., Reskripten, Bekanntmach, usw. 2. Aufl. Braunschweig, Appelhans & Co. 
IX, 264 8. M. 3,00. - 229) 0. Mayer, Ueber d. Schulwesen in d. Reichsstadt Esslingen a. N. tor d. Reformation d. Stadt: 
MGBSchG. 9, S. l()9-22. — 230) (S. o. N. 22.) — 231) X !>• Kirchen- u. Sohulvisitation im Herzberger Kreise rem J. 1529 
nebst Urkunden. Progr. B., Gaertner. 4^*. 27 8. M. 1,00. —232) X H. Th. Kimpel, Gesch. d. hess. Volksechulwesens im 
19. Jh. 1. Bd. 1800>66. Cassel, Baier A Co. IX, 363 S. M. 4,00. - 233) X Hessische Schulsustftnde : BllHSch. 16, S. 89-91. 
(Bezieht sich auf d.bdheren Schulen.) — 234) E. Buchholz, D. Konrektor t. Einem n. seine Tochter Charlotte. Progr. Mflnden, 
Klagkist. 99 8.; 46 S. — 235) X E. Bust, D. erang. Volksschulen des Herzogt. Oldenburg nach Besetz., EiAkommenererhAltnIssen, 



F. Stötzner, (ieschichte des Uiiterrichls- und Erziehungsweseus. 1 4:230-252 

über die Entwicklung der österreichischen Volksschule in diesem Zeiträume zu 
geben. Er kommt dabei zu dem erfreulichen Ergebnis, dass bislang dies Gesetz 
erfolgreich seinen zwei Hauptgegnern, dem KlerikaÜsmus und dem Partikularismus, 
Widerstand geleistet habe.*^''"^^®) — Was die äussere Lage der Volksschule in 
Preussen betrifft, so steht zunächst fest, dass die Gemeinden die immer wachsenden 
Kosten des Volksschulwesens nicht mehr ertragen können, und dass demnach der 
Staat die Schulkosten übernehmen müsse; natürlich müssten dann die vorhandenen 
Schul vermögen dem staatlichen Schulfonds zufliessen. „Damit würden*', so heisst es 
in einem hierauf bezüglichen Aufsatze^''^), „alle Schwierigkeiten und Misshelligkeiten 
wegfallen, die gegenwärtig der Verwaltung der Volksschule anhaften: für Streitig- 
keiten zwischen den Sohulaufsichtsbehörden wegen Heranziehung der Schulunter- 
haltungspflichtigen zu neuen, immer erhöhte Steuern fordernden Schuleinrichtungen, 
für Streitigkeiten zwischen Gutsherrschaften und Schulgemeinden, für zwiespältige 
Wünsche von Ortschaften wegen Ein- und Ausschulung und dergleichen wäre kein Raum 
mehr."^*®) -— Die Entwicklung und Organisation des pi-eussischen höheren Schul- 
wesens in der Neuzeit sucht Wernicke'^^) in grossen Zügen zu charakterisieren; 
er stellt dabei fest, dass die gegenseitige Annäherung und Gleichstellung der höheren 
Schulen fortgeschritten sei, und hofft, dass man nach und nach zu gemeinsamem 
Unterbau und der Bevorzugung der modernen Sprachen gelangen werde. — Wichtig 
ist auch für das höhere Schulwesen in Preussen die von Beier^*^) veranstaltete 
Sammlung der wichtigsten darauf bezüglichen Gesetze, Verordnungen und Verfügungen, 
nach amüichen QueUen herausgegeben. Die Lehrpläne sind freilich neuerdings 
wieder antiquiert.2^3) — Urkunden zur ältesten Schulgeschichte von Schlesien 
teilt Rudowski^^*) in einer schon oben erwähnten Schrift mit; dieselben reichen 
von 1349—1497. — Eine Reihe von Aktenstücken, die für das Schulwesen Seh leswig- 
Holsteins während der Reformationszeit von besonderer Wichtigkeit sind, veröffent- 
licht F r e i s e n*^*). Es sind folgende: 1. „Christlyke Kercken-Ordeninge" a. 1542 
über die gewöhnlichen Schulen, 2. „Christlyke Kercken-Ordeninge" a. 1542 über die 
Kapitelschule zu Schleswig, 3. Aktenstücke betreffend das Paedagogium publicum zu 
Schleswig aus den J. 1563, 1566 und 1567.^^«) — Für die Geschichte des höheren 
wie des niederen Schulwesens im Königreich Sachsen ist die Geschichte der 
Kantoren und Organisten in den Städten dieses Landes von nicht geringer Bedeutung, 
da diese Aemter früher ganz regelmässig mit bestimmten Schulstellen verbunden 
waren, wie denn z. B. in Zwickau noch im 1. Viertel des 19. Jh. der Kantor gleich- 
zeitig collega quartus des Gymnasiums war. Darum verdient Vollhard t^^?), 
der eine solche Geschichte verfasst hat, auch hier erwähnt zu werden. — Hier ist 
ferner einer Arbeit von G. Müller"^) zu gedenken, der auf Grund eines Akten- 
stückes im Ratsarchive zu Zittau ein Bild vom Unterrichts bei riebe in den Landschulen 
der Oberlausitz um 1770 entwirft. Solche Arbeiten verdienen immer besonders hei'vor- 
gehoben zu werden, da die meisten Untersuchungen über ältere Schulgeschichte 
hauptsächlich auf die äusseren Verhältnisse der einzelnen Schulen und ihrer Lehrer 
eingehen, während die Nachrichten über den eigentlichen Schulbetrieb meist recht 
spärlich fliessen. Es war in der Südlausitz im Frühjahr 1770 eine neue Schulordnung 
eingeführt worden, und darauf hin sind dann am Ende des Jahres von 28 zur Stadt 
Zittau gehörigen Landschulen Berichte eingegangen, die teils von Geistlichen, teils 
von Lehrern herrühren. Demzufolge waren diese Schulen in je 3 Klassen eingeteilt, 
täglich wurden 5 Unterrichtsstunden, 3 vormittags und 2 nachmittags, abgehalten. 
Besonders eingehend aber wird über den Unterricht nach Inhalt und Methode 
berichtet. Die Hauptrolle spielt dabei der Religionsunterricht, der freilich vielfach 
nur im Auswendiglernen und Hersagen bestand; nächst ihm das Lesen. Schreiben 
dagegen und Rechnen, sowie die Realien treten sehr zurück. — Die Entwicklung 
des neusprachiichen Unterrichts im Königreich Sachsen verfolgt Dost^*^) und 
zeigt dabei, dass nirgends so gut und vielfiiltig wie hier für die Pflege dieses Unter- 
richtszweiges gesorgt wird.2'^ö~2*2) __ wie in der Schweiz während des 15. und 

Sohfllenahl eto., nebit hlenaf bMftgl. amtl. Yerfftg. Oldeobnrg. Littmiinn. lY, 124 S. M. 1.60. — 236) L. Fleiiohner, 
D. Asterr. Yolkssehnle von 1869-99: AZgB. N. 107. - 237) X Id., Oesterr. Sohalsnit&nde: NJhK. 1, N. 28. (Bexieht sich anf 
d. höheren Schulen.) — 238) X J- I'onbaner n. J. DiTiv, Jb. d. höheren ünterrichtswesens in Oesterr. mit Einschl. d. 
gewerbl. Faohsohalen n. d. bedentendsten £rz.- Anstalten. 12. Jahrg. Wien, Tenipsky. X, 396 8. M. 7,60. — 239) Z. insseren 
Lage d. Yolkssehnle in Preassen: Qreazb. 2, S. 673/9. — 240) XA. Etienne, D. Kostendeck. bei öffentl. Schalen in Frenssen: 
FlnattK-Arebiv 1, 8. 1-98. - 241) A. Wernioke« D. Organisation d. höher. Sohnlwesens in Frenssen: NJbbKlAltGL. 4. S. 1-28. 
- 242) A. Beier, D. höher. 8chn1«n in Frenssen n. ihre Lehrer. Halle, Bnohh. d. Waisenhauses. X, 284 S. M. 2,50. |[FaedA. 
41, S. 435.]| — 243) X K. Knoke, Ans e. Beriohte Cuviers fib. d. Sohulwesen in Nordwest-Deutschland 1811: NKZ. 10, 

8. 848-59. -> 244) (— N. 181.) - )45) J. Preisen, Sohnlordn. in Schleswig-Holstein seit Einfflhr. d Reformation: MOBSchO. 

9, S. 183-67. - 246) X Z- ^^»g^ d- l>öh. Sehnlwesens im Reiohsland: FaedWBl. 8, N. 88. » 247) B. Yollhardt, Oesoh. d. 
Kantoren n. Organisten von d. Stidten ign Königr. Sachsen. E, Issleib. XII, 411 8. M. 8,00. — 248) O. M filier, D. Unterr.- 
Betrieb in d. sfldUnsitser Landschulen um 1770: NASAohsO. 20, 8. 322-35. — 249) 0. Dost, D. neusprachl. Unterr. im 
Königr. Sachsen: NJbbKIAIIQL. 4, 8. 429-40. - 2S0) X E. John, Oeschichtl. aus Sachsens Yolkssehnle: LZg". N. 40. — 
251) X M. V, Welok, Fabrikschnlwesea im Kgr. Sachsen: JGYV. 28, 8. 68-108 - 252) X Fabriksohulen u. Fabrikarb. schul- 

(l)6^ 



I 4:253-268 P. Stötziier, Geschiohte des Unterrichts- und P]rziohungswp8tMis. 

16. Jh. die socialen und ökonomischen Verhältnisse des Lehrerstandes, zumal die 
der Volksschullehrer beschaffen waren, darüber veröffentlicht H ei n e m an n **^^) 
schätzenswertes Material. — Das Realg^'mnasium zu Stuttgart ist 1867 vom Eberhard- 
Ludwigs-Gyninasium abgezweigt, aber erst 1871 zu einer selbständig'en Lehranstalt 
erhoben worden, wie Planck*^*) berichtet. Dasselbe ist wie die übrigen höheren 
Lehranstalten Württembergs zehnklassip, im Unterschied von den norddeutschen 
Realgymnasien weist es eine sehr grosse Stundenzahl für das Lateinische auf. — 
Jüdische Gemeindeschulen bestehen in Württemberg, wie TreiteP") mitteilt, etwa 
seit 1820; vorher ist nur von Privatunterricht die Rede. — 

Geschichte einzelner Lehrfächer. In diesem Abschnitt sei zuerst 
auf die Erziehungs- und ünterrichtslehre von H e i 1 m a n n ^^^) hingewiesen , in 
deren 2. Teile, der Methodik des Unterrichts, bei jedem Lehrfache ein kurzer Ueber- 
blick über die geschichtliche Entwicklung desselben geboten wird. Allerdings geht 
Vf. nicht weit genug zurück, um eine erschöpfende Darstellung zu geben, und seine 
Behauptung, dass der biblische Geschichtsunterricht erst seit Hübner (1714), der 
Anschauungsunterricht erst seit Rochow betrieben werde usw., dürfte wohl mancherlei 
Widerspruch finden; für die neueste Entwicklung aber der einzelnen Unterrichts- 
fächer ist das Wesentliche mitgeteilt. — Cohrs^^') handelt von einer Schulaus- 
gabe des Heidelberger Katechismus aus dem J. 1609, die für jene Zeit einen erheb- 
lichen Fortschritt in der Methode des Katechismusunterrichts bedeutete, und druckt 
einige Abschnitte aus derselben ab. — K n o k e^s») veröffentlicht eine lehrreiche Unter- 
suchung über die sogenannten biblischen Figur-Spruch-Bücher, in denen die ein- 
zelnen Bibelsprüche so wiedergegeben waren, dass bestimmte Worte nicht durch Buch- 
staben, sondern durch Büder — wie im Rebus — dargestellt waren, z.B. die Worte: 
Sonne, Mond, Schafe, Rinder, Berge, Himmel usw. Solche Bücher lassen sich seit 
1687 nachweisen, und der Vf. macht genaue bibliographische Mitteilungen über die 
einzelnen Drucke dieser Art.*'^^) — Ueber den deutschen Unterricht in der Karls- 
schule während der Zeit von 1774 — 1790 macht H au b er^*^) kurze Mitteüungen, 
aus denen hervorgeht, dass daselbst dieses Unterrichtsfach von Anfang an zwar 
nicht systematische Behandlung, aber doch Beachtung und Pflege fand, und zwar 
besonders die stilistische Seite desselben. — Von Büngers Entwicklungsgeschichte 
des Volksschullesebuches erschien ein elnhaltsangabe^^*), deren Vf. von dem Gesichts- 
punkte ausgeht, dass eine solche Geschichte „als ein wichtiger Ausschnitt aus der 
Geschichte des geistigen Lebens eines Volkes überhaupt anzusehen ist". — Im 
neusprachlichen Unterrichte auf höheren Lehranstalten ist seit 1882, wo Victor mit 
seiner Schrift „Der Sprachunterricht muss umkehren" hervortrat, ein gewaltiger 
Umschwung eingetreten. Seitdem verlangte man, wie Caro^*^) darlegt, dass 
richtige Aussprache, Verständnis für den gehörten fremden Laut und Fähigkeit, sich 
im fremden Idiom auszudrücken, als Hauptziele dieses Unterrichts anzusehen seien. 
So stellte man die Phonetik in den Dienst dieses Unterrichts und ging bei demselben 
vom gesprochenen, nicht vom geschriebenen W'orte aus. Doch diese Methode eignet 
sich besser für Unter- als Oberklassen, stimmt auch nicht mit den Lehrplänen so 
recht überein und wird daher auch bekämpft; daher empfiehlt Vf. eine vermittelnde 
Methode in folgender Weise: Radikale Reform für die Unteretufe, dann aber ein 
gediegener grammatischer Unterricht und Einführung in das Geistes- und Kultur- 
leben der fremden Völker an der Hand der Lektüre. — 

Frauenbildungswesen. Das 1818 in Stuttgart durch die Königin 
Katharina Paulowna begründete Katharinenstift schildert Merkle^®^) in seiner Ent- 
wicklung, nachdem er zuvor die Anstalten, nach deren Vorbild es gegründet wurde, 
St. Cyr bei Paris und das Smolnokloster in Petersburg, charakterisiert und auf die 
früher schon in Württemberg zu Tage getretenen Bestrebungen für Frauenbildung 
hingewiesen hat. Der Berater der Königin war bei der Gründung und Einrichtung 
dieser Anstalt der Waisenhauspfarrer Zoller, der sie dann als erster Rektor bis 1843 
geleitet hat. Das Katharinenstift umfasst jetzt 10 Jahreskurse und daneben ein 
höheres Lehrerinnenseminar in 2 Kursen; es ist jetzt nicht nur die älteste, sondern 
auch die am zahlreichsten besuchte höhere Mädchenschule Württembergs: am Schlüsse 
des J. 1898 wurde es von 726 Schülerinnen, mit Einschluss von 23 Pensionärinnen, 
das Seminar von 61 Schülerinnen besucht. — Gegen die Errichtung von Frauen- 

pflioht. Kinder im Kgr. Sachsen: LZgi^ N. 87. — 253) Fr. Heinemann, üeber d. sociale n. Ökonom. Stell, d. sehweis. Lebr- 
Rtandes Im 15. n. 16. Jh.: MGESchG. 9, S. 334-64. - 254) H. Planok, D. wfirttemberg. Realgymn.: ib. S. 66-81. — 255) L. 
Treitel, Oesch. d. israel. Schulwesens in Wflrtt.: ib. 8. 61>6d. — 256) K. Heilmunn, Erz.- u. Unterr.-Lehre. Bd. 2: Be- 
sondere Unterr.- Lehre. 2. Anfl. L., Dflrr. 271 S. M. 3,70. |[PaedBll. 28, S. I64/5]| - 257) F. Cohrs, E. fftr d. .Schale 
bearb. Aasgabe d. Reidelb. Katechismus (1609): MOESchO. 9, S. 189-208. »258) K. Knoke, Z. Gesch. d. bibl. Figar-Sprach- 
Bfioher. (= Beitrr. z. Iiehrerbild. n. -fortbild. 9. Heft.) Gotha, Thienemann. 34 S. ^.0.80. - 259) X H. Meltzer, D. all« 
Testament im Christi. Religionsunterr. (= Dass. 12. Heft.) ebda. 127 S. M. 2,40. ~ 260) G. Haube r, D. dtsch. Unterr. 
an d. Karlsschule: MGESchG. 9, S. 82-98. - 261) Das dtsch. Leseboch: Grenzb. 3, 8. ÖÖ2/8. — 262) J. Caro, D. neu- 
-prachl. Hntcrr. in d. höh. Schnlpn: AZg". N. 231. - 263) J. Merkle, 0. kgl. Katharinenslift zu Stnttgiirt. .«^t., Metzler. 



P. Stötzner, Geschichte des rnterrichts- iiiui Erzieh ungfsweseiis. I 4:264-28« 

univereitäten, wie sie z. B. Waidejer (vgl. JBL. 1898 I 7 : 148) empfohlen hat, wendet 
sich stud. med. Frau S telz n er'**); wohl nicht mit Unrecht behauptet sie, dass 
derartige Hochschulen den Männer-Universitäten gegenüber die Rolle des Aschen- 
brödels spielen würden, und mit dem Hinweis auf die thatsächlichen Verhältnisse an 
der Züricher Universität sucht sie dem Vorwurfe zu begegnen, dass das Zusammen- 
arbeiten von Frauen und Männern in Anatomie und Klinik an sich unmoralisch sei. 
Den entgegengesetzten Standpunkt nimmt Frau Grunwald-Zerkowits ein, die in) 
Frauenstudium nur Nachteile für unsere gesellschaftliche Entwicklung erblickt und 
nur darin die Aufgabe des Weibes sieht, Gattin und Mutter zu werden.**^) — Clara 
Zetkin'**), die vom socialistischen Zukunftsstaate alles Heil, auch in der Frauen- 
frage, erwartet, macht den Studenten den Vorwurf, dass sie hauptsächlich aus Furcht 
vor Konkurrenz die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium zu verhindern 
suchen. — Etwas rückständig erscheinen dagegen die von Käthe Bandow'*^) 
verfüchtenen Ansichten: „Das Mädchen ist mit allen seinen geistigen und körper- 
lichen Eigentümlichkeiten für das Haus geschaffen" usw. Beweise werden nicht 
erbracht, denn mit Versen von Schiller und Goethe beweist man nichts. „Von dem 
Vorstande des Vereins Mädchengymnasium in Köln ist nunmehr das Gesuch an den 
Kultusminister abgegangen, dem' Verein die Erlaubnis zu erteüen, Ostern 1900 ein 
dem Lehrplan des humanistischen Knabengymnasiums sich anschliessendes Mädchen- 
gymnasium in der Weise zu eröffnen, dass mit der Sexta beziehungsweise mit der Sexta 
und Untertertia gleichzeitig der Unterricht begonnen werden, also die Aufnahme von 
neunjährigen beziehungsweise zwölfjährigen Mädchen erfolgen kann. Sollte der Minister 
Bedenken tragen, die Einrichtung der Sexta zu gestatten, so wird wenigstens um die 
Einrichtung der Untertertia dringend gebeten. "^*^ "2'*) — Im deutschen Reichstage 
hat Prinz zu Schönaich-Carolath^"^) darauf hingewiesen, wie wünschenswert die 
Zulassung von Mädchen und Frauen zur Abiturientenprüfung und zur Immatriculation 
auf den Universitäten sei, damit sie Medizin studieren können. — Im Winterhalbjahr 
1898—99 haben auf preussischen Universitäten 414 Frauen studiert ^''^). — In Hannover 
plant man die Eröffnung eines Mädchengymnasiums^"*) zu Ostern 1899, man beabsichtigt, 
es an die höhere Töchterschule anzugliedern, so dass die jungen Mädchen erst mit 
14—15 Jahren, wenn sie die vorletzte Klasse der letzteren durchlaufen haben, in 
den Gymnasialkursus eintreten. — Dies Gymnasium ist denn auch am 11. April 
des Berichtsjahres mit 11 Schülerinnen eröffnet worden. Bei dieser Gelegenheit 
weisen die Direktoren der beiden höheren Mädchenschulen in Hannover, Loh mann 
und Wespy"^), darauf hin, dass der Besuch des Gymnasiums sich nur für solche 
junge Mädchen empfehle, die Medizin studieren wollen, nicht aber für diejenigen, 
die dem Oberlehrerinnenexamen zusti*eben. Für die Aufnahme in das neue Mädchen- 
gymnasiura ist vorherige Absolvierung der höheren Mädchenschule Bedingung. 
Diese Bestimmung beruht auf einem Gutachten aus dem preussischen Kultus- 
ministerium, in welchem mit Recht erklärt wird, dass man nicht die Lehrpläne des 
gesamten höheren Mädchenschul wesens umstürzen dürfe, um für die Bildung der wenigen 
Mädchen, die studieren wollen, zu sorgen, sondern dass es genügen wird, wenn für 
die letzteren besondere Einrichtungen getroffen werden, um sie für das akademische 
Studium vorzubereiten. 2'«-28i) _ 

Verfassung der höheren Schulen. Eine scharfe Kritik an den 
1892 eingeführten, nun bereits wieder abgeänderten preussischen Lehrplänen für 
das Gymnasium übt Ed. von Har t m an n^®^). Er gesteht zu, dass sie zwar nach 
der realistischen Seite einen Fortschritt aufweisen, tadelt aber, dass sie anderseits 
auf dem Gebiete der Sprachen um so mehr zurückgegangen seien. Eine Besserung 
hierin würde der Vf. nicht in einer Vermehrung der Sprachstunden in den Ober- 
klassen, die nur Lektüre treiben, sehen, sondern vielmehr in den Unter- und Mittel- 
klassen, damit der grammatische Unterricht wieder mehr zu seinem Rechte komme. 

— Petschar'®^) möchte das Gymnasium, um es den bestehenden Verhältnissen 
gegenüber dauernd zu festigen, wieder mehr in Abhängigkeit von der Kirche gebracht 

VII« 60 8. M. 1,00 (Sep-Abdr. aqk: MOESohO. 9.) - 264) J. F. Stelsner. FraaennniT. ? : Tflrmer 1, 8. 112-28. - 265) X 
R. M., Notiten: Dokamente d. Frauen 1, S. 71/2. — 266) Clara Zetkin, D. Student v. d. Weib. B., Verlag d. soeialiBt. 
Monatshefte. 20 S. M. O^fiO. - 267) Kftthe Bandow. D. M&dehen soll d. Orense d. Gelehrsamk. fast ebenso fflrohten wie 
d. der ünsohickliohk. (= Samml. pftd. Vortrr. Bd. 10« Heft 5.) Bonn, S«nnecken. 12 S. M. 0,40. — 268) X HamanistGymn. 10, 
S. 178. - 269) X W. Bnohner, D. preass. Midohengymn. d. Zukunft: Z. weibl. Bild. 27, S. 261-78. — 270) X 0. v. 
üexkQll. D. Midohengymn. in Stuttgart: ib. S. 472/7. - 271) X H. Bassler, E. dUch. Midohengymn. in Prag: ib. S. 1/3. 

— 272) H. SU 8eh6naioh-Carolath, Ueber Franensind. n. Franenbeweg. : ComeninsBIl. 7, S. 48-65. - 273) Frauen an 
dUoh. Hoohsohnlen: RbBlIEU. 78, S. 273. - 274) Midohengymn. in HannoTer: PaedA. 41, 8. 126,«. — 275) J. Lohmann n. 
L Wespy, Midohengymn. n. höhere Midehensohule : ib. S. 264-60. - 276) X Z. medixin. Stud. d. Frauen: Orensb. 3, 8. 91/8. 

— 277) X A. Eitelberg, Sollen sieh d. Frauen d. Stud. d. Medisin anwenden?: Dokumente d. Frauen 1, 8. 286,9. - 278) X 
R. RAber, D. Medisinstud. d. Frauen: Zukunft 27, 8. 422,7. — 279) XKitheWindsoheid, Frauenstud.: Christi Welt. 13, 
N. 32/6| 88. - 280) X Elisa lohen h&nser, 8 akad. Frauenberufe: FZg. N. 286. — 281) X H. Herkner, D. Frauenstud. 
d. Nationalökonomie: ASoeOeeettgeb. 13, 8. 227-64. — 282) Ed. v. Uartmann, D. heutige Gymn.: Geg. 65, 8. 129-82. -283) 
M. Petsohar, 1). social. If^ustinde u. d. G^mn. Freibnrg i. Br., Herder. 8:) 8. M- 1i20. |[H. Seidenberger: Hfidwest- 



I 4:284-8oa P. Stötziier, Geschichte des Unterrichts- und ErzieUuugswesens. 

sehen. — Auf eine beachtenswerte Beurteilung^ der höheren Schulen Deutschlands 
durch einen Amerikaner weist B o r b e i n ^®^) hin.^^s) _ Schneidewin be- 
spricht eingehend P. Nerrlichs schon 1894 erschienenes Buch vom Dogma des 
klassischen Altertums und dann das Nachwort Nerrlichs 2®® ^87^^ in welchem letzterer sich 
mit den Gegnern seines vielgenannten Buches auseinanderzusetzen sucht. — In 
gemüt- und humorvoller Weise schildert Reinthaler ^^^) den ,,kulturgeschicht- 
lich interessanten Gegensatz zwischen der Beanitenstadt (KösUn) und der Fabrikstadt 
(Sorau) im Spiegel des Gymnasiums". — Dem Vorwurfe gegenüber, dass das 
Gymnasium nicht für das Leben erziehe, zeigt Jäger *®*) , wie gerade die hier 
gepflegten Lehrfächer geeignet sind, im Sinne der Rede des Kaisers bei der Eröfifnung 
der Schulkonferenz von 1890 auf die Jugend einzuwirken; gerade das humanistische 
Gymnasium kann dahin wirken, dass die „Erziehung getragen sei von einem männ- 
lichen Geiste, von der Majestät des Staates und von gesundem Nationalgefühl". — 
Auch L. Weber^öO) sucht durch Zeugnisse aus allen Kreisen der Gebildeten, „der- 
jenigen, die ein eigenes Urteil haben, tiefer über das, was dem geistigen Leben 
unseres Volkes frommt, nachgedacht haben und nicht der landläufigen Meinung 
folgen, wie sie die gewöhnliche Tagespresse bringt", zu erweisen, dass dort noch die 
Teberzeugung herrscht, „dass unsere jungen Leute, soweit sie berufen sind, eine 
leitende Stellung in unserem Volke einzunehmen, eine Schulung durchmachen sollen, 
w;ie sie die humanistischen Gymnasien bieten". — Ferner führt Bölte^®^) den 
Nachweis, dass die Ziele des Gymnasiums durchaus der Gegenwart entsprechen, 
„dass es möglich ist, moderne Staatsbürger durch die Einführung in das klassische 
Altertum zu erziehen". — Freilich muss dann das Gymnasium, wie Wohlrab^^^) 
richtig bemerkt, beständig mit den Anforderungen seiner Zeit in Fühlung bleiben; 
nur dann kann es derselben wahrhaft dienen.2»3-297) _ Fortwährendes Experimentieren 
kann unserem Schulwesen nur schaden; in diesem Sinne verneint auch Asbach*^^) 
die Frage, ob das Gymnasium seine Prima verlieren dürfe, eine Frage, die durch 
einen Aufsatz von M ü n c h ^^^) angeregt worden war. M. schlägt nämlich eine 
dreifache Gabelung des Obergymnasiums vor; nach der Obersekunda sollen die 
„höheren Schulen in eine altsprachliche Linie ausmünden, eine neusprachliche und 
eine naturwissenschaftlich-mathematische, wobei auf die jedesmal genannte Gruppe 
nur das Hauptgewicht fiele, die allgemeinen imd ethischen Bildungsfacher (also 
R^eligion, Deutsch, Geschichte) ihre Stellung behielten, aber auch die übrigen Fächer 
nicht etwa ganz zusammengestrichen würden, sondern neben und gegenüber den 
Hauptfächern nur einen verminderten Bestand hätten". Wenn aber M. in dem 
gedachten Aufsatze unter anderem sagt: „Das dauernde Fortbestehen der drei Schul- 
arten (Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule) in ihrer jetzigen Trennung ist 
als eine Notwendigkeit nicht zu erachten", so kommt er damit doch auf die Einheits- 
schule hinaus, die durch die neuesten Lehrpläne von 1901 hoffentlich dauernd 
beseitigt ist.^''^) — Auch Ricken^o») plant eine Einheitsschule, und zwar mit 
französischem Unterbau; von Untertertia bis L'ntereekunda gabelt sie sich in eine 
lateinische und eine englische Abteilung, oben kommt zu jener noch griechisch, zu 
dieser lateinisch. — M. Schmidt^^^) dagegen will die klassischen Studien erhalten 
wissen, aber der Gegenwart darin entgegenkommen, dass er empfiehlt, die Schriften 
der Alten, die sich mit Mathematik und Naturwissenschaften beschäftigen, bei der 
Klassikerlektüre heranzuziehen, eine Ansicht, die ja auch WUamowitz - Moellendorff 
vertritt.'*®^) — Mit ziemlicher Dreistigkeit und doch nur geringer Kenntnis vom Leben 
in unseren höheren Schulen schilt ein Anonymus „Hinter der Mauer"^®^) hervor auf 
die jetzigen Schul Verhältnisse. Trotz aller Ausruf ungszeichen, Interjektionen und 
Kraftworte kommt er aber zu nichts recht Positivem, nur wird das Latein gewaltig 

dtsobSohnlbll. 10, N. ö.]| - 284) H. Borbein, D. höh. Schalen Dentsohlands in amerik. Beleuoht.: ZOymn. 53, S. 689-98. - 
285) O X J- ß- Bussel, German higher sohoola. The history, organiantion and roethods of seoondary edncation in 
Germuny. Now-York, Longmuns, Green & Co. 455 S. — 286-287) P- Nerrlich, E. Nachwort z. Dogma vom klasa. 
Altertum. Nenn Briefe an J. Sohvarct. L., Hirnohfeld. 76 8. M. 2,00. |[M. Schneidewin: ZGymn. 58, 8. 298-818.]| - 
288) W. Reinthaler, Bilder ans prenss. Gymnasialstildten. B., Gaertner. VH, 182 S. M. 2,80. |[0. Beyer: ZGymn. 
53, S. 681/3; LCBl. 8. I809.]| 289) 0. J&ger, PolHik n. Schale: HnmanistGyron. 10. 8.6-16. - 290) L. Waber. D.Wert 
d. klass. Schnlstad. nach d. urteil d. Gebildeten: ib 8. 36-45. - 291) F. B61te, D. klass. AlteHnm n. d. höh. Schnle: ib. 
S. 161-78. (Beferat.) - 292) M. Wohlrab, Geslohtspankte x. Benrteil. d. Yertader.. d. der Gymnusinlnntarr. in d. IfiUten Jahr- 
zehnten erfahren hat: ib. 8. 156-61. - 293) X P. Hartmann, D. prakt. Erfolg d. Uhrplftne ▼. 1892 an unseren Gymn.: 
rrJbb. 95, 8. 120-35. - 294) X Ph- Keiper, Misoellen «. Gesch. d. Gymnasialsehnlwesens: BBG. 10, 8. 60-100. - 295) X 
E. Hnokert, D. Abschlnsspraf.: BllHSoh. 16, 8. 20,2, 85. - 296) X Z- AbschlussprBf.: PaedA. 41. 8. 28/6. - 297) X W. 
Gebhard, Abitnrientenstatistik n. Zagang sn d. akadem. Bernfsarten, insbes. d. h6h. Lehrfach in Prenssen: BBG. 10, 8. 226-81. 
— 298) J. Am baoh. Darf d. Gymn. seine Prima rerlieien? Düsseldorf, Schwann. 18 8. M. 0,80. | [LCBl. 1899, 8. 905/6; 
PaedA. 41, 8. 703/4. J| - 299) W. Münoh, Einige Gedanken üb. d. Znknnft unseres höh. Schulwesens: PaedWBl. 8. N. 24/5. - 

300) X £• Dahn, Bericht über Mflnch: Einige Gedanken Ober d. Znknnft unseres höh. Schulwesens: PaedA. 41, 8. 65-78.— 

301) W. Ricken, E. Yoraolilag fflr d. kOoft. Einriebt, d. höh. Schulen in Proussen. Progr. Hagen i. W., Quitmann. 40. 12 8. 
IfLCBl. 1899, 8. 905.11 ~ 302) M. Schmidt, Z. Reform d. klass. 8tud. auf Gymnasien. L., Dürr. 40 8. M. 0,76. |[LCBl. 
1899, 8. 906.]| — 303) X Zukanftsgymnasium u. Oberlehrerstand. Grundlinien für e. dring. Nengestalt. d. gesamten höh. 
.«rlmlwesens. 1. D. Zukunftsgymn Wolfenbfittel. Zwissler. 41 S. M. 0,75. |[R. Richter: NJbbKlAUGL. 4, 8. 119-20], — 



1^. Stotzner, (JescJiichte des Unterrichts- und Erzieh ung'swesens. I 4:3üi.3is 

schlecht gemacht: das muss zuerst zur Schule hinaus! — Galle^*^^) euipfiehlt 
als Anfangssprache im höheren Unterricht zur Abwechslung das Englische; sein 
Schulsystem, dem es übrigens nach des Vf. eigenem Geständnis an Mängeln nicht 
fehlt, sieht so aus: Drei Hauptschularten, drei Gesellschaftsschichten entsprechend: 
Volksschule, Realschule, Gymnasium, die letzten beiden mit Englisch als Anfangs- 
spraohe. Fih* kleine Städte sind Realprogyranasien, ebenfalls mit Englisch als erster 
Fremdsprache, zuzulassen; das Latein setzt hier in Quarta, das Französische in ziem- 
lich starker Stundenzahl in Obertertia ein; für diejenigen, welche auf ein Gymnasium 
wollen, wird statt des letzteren Griechisch und mehr Latein in besonderen Stunden 
gelehrt. Etwas grössere Städte haben Realschulen mit Proreformgymnasien; die 
Gabelung geschieht in Quarta, bis dahin gemeinsamer Unterbau. In noch bedeutenderen 
Städten Reformgymnasien, entweder mit Realschulen verbunden und mit gemeinsamem 
zweiklassigen Unterbau, oder für sich bestehend, aber mit Realschullehrplan bis 
Quarta ausschliesslich.^»«) — Auf der 71. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte in München ist auch viel von Schulreform, und zwar in Verbindung mit 
Unterrichtshygiene die Rede gewesen, und man ist dabei zu der These gekommen:^ 
a) Für den höheren Schulunterricht können die Naturwissenschaften genau ebenso 
eine geeignete Grundlage bilden, wie die sprachlich historischen Fächer, b) Für die 
Gegenwart ist die Vollberechtigung aller neunklassigen Schulen, in erster Linie aber 
die des Realgymnasiums anzustreben. — Hierzu äussert sich Schumacher 3®'') 
zustimmend, während er die die Ueberbürdung der Schüler betreffenden Thesen im 
grossen imd ganzen mit Recht als belanglos ansieht. — Menger^®^) sieht in dem 
Ueberwiegen der klassischen Studien bei unseren höheren Bildungsanstalten sowie 
in der theologischen Färbung unseres Volksbildungswesens die Hauptursachen für 
die grossen Gegensätze in der allgemeinen Bildung; er empfiehlt daher auch die 
Beseitigung der klassischen Studien und eine konfessionslose Volksschule, zum 
Ersatz für den Religionsunterricht preist er den faden Moralunterricht der 
französischen Schulen an: er nimmt damit dem höheren und niederen Schulwesen 
den Boden unter den Füssen weg.^^^) — Lediglich vom Utilitätsstandpunkte aus 
erörtert Gramzow^*®) die Frage der Schulreform; ihm wird überall zu viel 
gelehrt, überall will er nur das unbedingt Notwendige in den Lehrplan aufgenommen 
haben. — Recht wenig Sachkenntnis, dafür desto mehr Uebertreibungen enthält ein 
Zeitungsartikel von Gittermann^**), worin er den Nachweis zu erbringen 
glaubt, „dass die klassische Bildung für unser Geistesleben grundlegende Bedeutung 
nicht mehr hat und nicht mehr haben darf^*. — Walther^*^) erwartet von der 
Anstellung von Schulärzten an höheren Schulen die Beseitigung mancher Uebel- 
stände, sowohl hinsichtlich der Ueberbürdungsfrage, als auch in Bezug auf die über- 
mässig vielen Befreiungsatteste, die jetzt den SchiSen seitens der Hausärzte ausgestellt 
werden. — Eifrig bekämpft hat das Reformgymnasium auf der Bremer Jahres- 
versammlung des Gymnasialvereins Fritz e^*^J; er fasst seine Ansichten in folgende 
Leitsätze: 1. Das Reformgymnasium ist schädlich, weil es den humanistischen 
Charakter des Gymnasiums beeinträchtigt, indem es die Beschäftigung mit den alten 
Sprachen nicht zu ihrem vollen äusseren wie inneren Rechte kommen lässt, mit 
seinem Lehrgange viele Schüler auf einen falschen Bildungsweg lockt und die 
Schüler der oberen Klassen überbürdet. 2. Das Reformgymnasium wird die von ihm 
erhofften Vorteile nicht bieten, weil es trotz aller Nützlichkeitsbestrebungen weder 
die vermeintlich nötige Erleichterung der Berufswahl und die Entlastung der gelehrten 
Berufsarten gewähren kann noch eine erhebliche Ersparnis in Aussicht stellt.^**) — 
Der unermüdliche Vorkämpfer für die Gleichstellung der neunklassigen Lehranstalten, 
Wern ic ke'^'^), glaubt, dass der Uebergang von der Schule zur Hochschule 
dann sein sprunghaftes Gepräge verlieren werde, wenn die innere Einheit des Schul- 
wesens mehr und mehr verwirklicht wird, d. h. unter Zurüokdrängung der 
humanistischen Studien die Einheitsschule ins Leben tritt.^'®) — Auch Reinhardt^*") 
tritt erneut für den lateinlosen, gemeinsamen Unterbau für alle höheren Schulen ein 
und verlangt wenigstens für das Realgymnasium dieselben Berech tigimgen, die das 
Gymnasium gewährt.^'®"'^^) — 

304) Hinter der Mever, Beitr. tnr Schulreform mit besoed. Berflekeiehti;. d. OymnMial anter r. Marbarg, Klwert. 92 S. M. 1,50. 
;[PMdStnd. 22, S. 469-6l.Ji - 305) F. Oalle, Z. Frage d. Reformgynn.: AZg". S. 53/4. — 306) X ^1^'- Eidam, Ueber 
Gymnasialreform n. d. Reihenfolge d. fremden Sprachen beim üttt<*rr. Mfinohen, Lindaner. 20 8. H. 0,50. *— 307) F. 
Schumacher, Ueber Schulreform n. Unterr.- Hygiene: AZgB. V. 254/5. — 308) A. Menger, Einheit d. Volksbild.: Zukunft 
28, S. 14-22. — )09) X A. Ohi;ert, D. Stud. d. Sprachen u. d. geiet. Bild, (s Samml. ▼. Abhandl. aus d. GebieU der pid. 
Psyehol. u. Physiol. Bd. 2, Heft 7.) B., Beuther A Beiohard. 60 S. M. 1,20. — 310) 0. Gramsow, Auf welche höhere 
Schule soll e. Yater seinen Sohn schicken ? (» Samml. pAd. Yortrr. XII. N. 6.) Bonn, Sönnecken. 24 8. M . 0,50. - 311) W. 
Gittermann. Klass. Bild. u. Oymn.: Odin 1, N. 23/4. — 312) F. Walther, Schularst u. höh. Schulen: Zeitgeist N. 25. 

— 313) A. Fritse, D. sogenannte Beformgymn.: HumanistGymn. 10, 8. 130-44. — 314) OXK. 8chatx,D. mod. Beform- 
Schule. Donaueschingen, Mony. 21 8. V. 0,75. — 315) A. Weraioke, D. Uebergang ▼. d. Schule t. Hochschule: ComeniusBll. 7, 
S. 75-83. — 316) XJ-Banmann, .Schulwissenschaften" als beaond. Fioher auf Univ. Bede. L., Dieterich. 44 8. M. 0,75. 

— 317) 0. Reinhardt, D. Bedent. d. gemeinsamen Unterbaues für d. höh. Schulen: ComeninsBIl. 7, S. 101-18. ^ 31t) X '• 



1 4:3ittaa5 1*. Still/.iiür, Gesclüclite des l*nlerriclits- und Kr/i(»liiin»4awesCMiK. 

Anhangsweise seien hier noch einige Arbeiten über die Stellung der 
Gymnasiallehrer erwähnt. Da hat zunächst K n o p f e 1 ^^^) statistische Unter- 
suchungen über Dienst- und Lebensalter der akademisch gebildeten Beamten 
angestellt, die zu sehr unerfreulichen Ergebnissen hinsichtlich des höheren Lehrer- 
standes fuhren und eine Entlastung desselben als notwendig erscheinen lassen. — 
Speciell für Preussen weist Kann engl esse r^^') nach, dass dort in den letzten 
15 Jahren das durchschnittliche Sterbealter der Oberlehrer ungefähr 2 Jahre und 
4 Monate niedriger war als das der gesamten männlichen Bevölkerung, und dass die 
1892 erlassene Verfügung, nach der jeder Lehrer 22 beziehungsweise 24 Lehrstunden 
in der Woche zu erteilen hat, auf Leben und Gesundheit der preussischen Oberlehrer 
einen nachteiligen Einfluss geübt und die Aufrechterhaltung eines geregelten Unter- 
richtsbetriebes an vielen höheren Lehranstalten in hohem Masse erschwert, teilweise 
sogar unmöglich gemacht hat. — P. van Niesse n*^®^ sieht in der Errichtung von 
Gymnasialkanzleien nicht nur ein Mittel, die Direktoren und Oberlehrer von 
mechanischer Schreibarbeit zu befreien und auf diese Weise zu entlasten, sondern 
er glaubt, dass dadurch auch eine sociale Hebung des höheren Lehrerstandes herbei- 
geführt werden würde. Es ist ja richtig, dass namentlich an grösseren Anstalten 
von den Direktoren sehr viel geschrieben werden muss, was auch ein Schreiber 
schreiben könnte, und in dieser Hinsicht ist, wo es nicht schon geschehen ist, Ab- 
hülfe erwünscht, im übrigen aber können wir die Empfindung nicht los werden, dass 
der Vf. von etwas kleinlichen und recht äusserlichen Gesichtspunkten bei seinen 
Erörterungen ausgegangen ist, wenn er z. B. hinsichtlich des „Schleppens der 
korrigierten oder zu korrigierenden Hefte" sagt: „Jeder gebildete Mensch scheut 
sich, mit Recht, auf der Strasse mit Paketen zu erscheinen, schon den Sekundaner 
geniert es, dass er Bücher tragen soll." — Die neue preussische Prüfungsordnung 
für Oberlehrer vom 12. September 1898 lobt Z i egler^^*'), weil sie in mehr als 
einer Hinsicht Verbesserungen gegenüber den bisher geltenden Vorschriften aufweist ; 
zur Vergleiohung zieht er die gleichzeitig erschienenen württembergischen Prüfungs- 
ordnungen heran. - Dieselbe Prüfungsordnung betrachtet N. N.^^^) vom sächsischen 
Standpunkte aus; er bezeichnet möglichste Einschränkung der allgemeinen Prüfung 
und die Möglichkeit einer zeitlichen Trennung der einzelnen Prüfungsfächer als 
wünschenswert. — 

Vorbildung der Volksschullehrer. Auf diesem Gebiete wird 
mindestens ebenso heftig gestritten und gekämpft wie in der Frage des höheren 
Schulwesens. Die ausgiebigste Kenntnis über den Stand der Lehrerbildungs- 
frage vermitteln jetzt die von Mu th esi us^^*) herausgegebenen „Pädagogischen 
Blätter für Lehrerbildung und Lehrerbildungsanstalten'*. — Sc hi 11 i n g^^^j stellt 
folgende allgemeine Grundsätze auf: „Die allgemeine Bildung des Volksschul- 
lelu'ers muss im Hinblick auf den wissenschaftlichen Ausbau der Pädagogik in ihrer 
Art der höheren allgemeinen Büdung entsprechen; ihrem Umfange nach bemisst sie 
sich nach dem Einflüsse, den die pädagogische Wissenschaft auf die Volksschulpraxis 
gewinnt, sowie nach den pädagogisch begründeten Anforderungen des praktischen 
Lebens an die Schule." Dazu aber bedarf der Seminarunterricht einer Erweiterung 
nach der sprachlichen Seite hin, d. h. zu dem (in Sachsen) bereits eingeführten 
Lateinuntemcht muss noch der Unterricht in einer modernen Sprache, und zwar in 
französischer hinzutreten. — Auch E. von S all w ü rk^^'*) sieht in einer engen 
Verbindung der praktischen Unterweisung mit einem wissenschaftlichen Unterricht, 
„der alle Hauptrichtungen der allgemeinen Bildung umfasst", eine notwendige 
Forderung für die Berufsbildung der Volksschullehrer; solch eine einheitliche Vor- 
bildung fordert aber auch die Beseitigung der Präparandenschulen, „die ja nur ein 
Erzeugnis der Verlegenheit sind". — In einem übersichtlichen Artikel stellt 
B ergeman n^^*"^'*^) die wesentlichsten, jetzt allgemein anerkannten Forderungen 



Ziehen, D. aestalt d. Ut Unterr. im Oberbau d. Bealgymn. nach Frankfarter Lehrplan: NJbbKIAUOL. 4, S. 448-61. — 
319) O X id. !>• lateinlose höh. Schale n. d. Frankfarter Lehrplan: ZLHSch. 10, S. 217-20. — 320) X K.Knape, Beseitig, 
d. Oymnasialmonopols, e. Forderung d Zeit: BIlHSch. 16, S. 65/7. - 321) X 0. Henke, Schnlreforni n. Stenographie. B., 
Renther A Reichard. 77 8. Mit 4 stenogr. Beil. M. 1,50. — 322) O X J* Banmann, Gymn. n. Bealgynin., tergl. nach ihrem 
Bildangswerte n. unter Rfloksiehtnahme auf d. üeberbftrdnngsfrage. L., Dieterich. 44 8. M. 0,75. - 323) X !>• Entsteh, d. 
prenss. Oberrealsohnle : PaedWBLS, N. 15. — 324) X H- Janas ohke, D. Frage d. Oberrealschale: ZRealschnlwesen. S. 275-80. 

— 325) X ^' Dannemunn, Ueber d. Ziel a. d. Aufgaben d. Realschule. Rede. Barmen, D. B. Wiemann. 4". 3 S. M. 0,10. 

— 326) L. Knöpfet, Z. UeberbArdungsfrage d. akad. gebild. Lehrer Deutschland«. Schalke, Kannegiesser. 48 S. H. 03^. 
I[R. Richter: MJbbKlAUGL. 4, S. 4I0/2.]| — 327) A. Kannengiesser, Aasscheidealter u. Krankheiten d. Direktoren u. 
Lehrer an d. höh. Lehranst. Preussens in d. Jahren 1895-96 u. 1898-99. ebda. 79 8. M. 1,00. — 328) F. van Niessen, 
D. Gymnasialkanilel. ebda. 67 8. M. 1.00. — 329) Th. Ziegler, D. neue preuss. Prflfungeordn. : ZOymn. 53, 8. 65-78. — 
330) X N. N., Zu d. neuen prenss. Prflfungsordn. fflr Kandidaten d. höh. SchulamU: NJbbKiAltGL. 4, 8. 257-62. — 331) 
PaedBll. fflr Lehrerbild. u. Lehrerbildungsanst. her. t. K. Muthesius. Bd. 28. Gotha, Thienemano. 12 Hefte a 4 Bogen. 
& M. 1,00. - 332) M. Schilling, Lehrerbild. n. fremdsprachl. Unterr.: FaedStud. 20, 8. 281-304. — 333) E. t. Sallw&rk, 
D. wissensch. Progr. d. Lehrerbild. (= Beitrr. b. Lehrerbild. n. -fortbild. 14. Heft.) Gotha, Thienemann. 16 S. M. 0,20. — 
334) O F. Bergemann, Z. Lehrerbild.- Frage. 8. Aufl. Jena, H&rdle. V, 29 8. M. 0,50. - 335) id., Dass.: CoraeniusBU. 



P. Stötzner, Geschichte des Unterrichts- und Erziehungswesens. 1 4:886850 

für die Reform des Lehrerbildung wesens zusammen. Er selbst hält für die 
geeignetste Schule, auf der ein Volksschullehrer sich die allgemeine Bildung 
erwerben soll, das Realgymnasium. — In Jena sind im Winter 1898 - 99 wissen- 
schaftliche Vorlesungen für Volksschullehrer unter ausserordentlich starker Be- 
teiligung abgehalten worden; sie fanden an 14 Sonnabenden statt, so dass auch Aus- 
wärtige leicht daran teilnehmen konnten. Gelesen wurde von den Professoren Rein, 
Eucken, Pierstorff, Detmer, Verworn und Link über Kapitel aus der Pädagogik, 
Kulturgeschichte, Volkswirtschaftslehre, Pflanzenphysiologie, allgemeinen Physiologie 
und Geologie.***) — In Jena und Greifswald haben auch Ferienkurse**'') für Volks- 
schullehrer, dort im August, hier im Juli stattgefunden. — Die Frage nach dem 
akademischen Studium der Volksschullehrer beschäftigt überhaupt die Geister leb- 
haft. Knoke***) betont, dass es vor allem pädagogischer Professuren an den 
einzelnen Universitäten bedürfe; zunächst fehlen sie, besonders in Preussen, noch 
recht sehr. — Die in Bayern seit kurzem eingeführten neuen Lehrpläne für Lehrer- 
bildungsanstalten**^) bedeuten gegen früher einen Fortschritt; indessen ist man noch 
nicht dazu gelangt, eine Fremdsprache obligatorisch in den Lehrplan einzustellen, 
man hat Latein und Französisch als Wahlfächer aufgenommen. — In Württemberg 
waren die evangelischen Präparandenanstalten**®) früher Privatanstalten; sie sind jetzt 
vom Staate übernommen worden und haben 1898 einen neuen Lehrplan erhalten, 
der in grössere Uehereinstimmung, als dies bisher der Fall war, mit dem Lehr- 
plan der Seminare gebracht worden ist. — Rein*^*) kann in den sächsischen 
Seminaren, die sechsklassig sind und also den Vorbereitungs- und den Fachunter- 
richt in sich vereinen, nicht das Ideal von Lehrerbildungsanstalten erblicken, wie 
er auch den dort eingeführten obligatorischen Lateinunterricht nicht gutheisst: er 
empfiehlt die Trennung in Präparanden schulen und Seminare, wie sie in Preussen 
und Württemberg besteht, und empfiehlt das Englische als Fremdsprache. — 
A. Kohl**^) empfiehlt als Basis für die Volksschullehrerbildung die sechsklassige 
Realschule; von dieser soll dann der Schüler auf ein pädagogisches Seminar mit 
vierjährigem Kursus übergehen. — Von der Behauptung ausgehend, dass das Latein 
aus den Lehrerseminaren hinausgedrängt und deren Bildungsziele niedriger gestellt 
werden sollen, tritt ein Anonymus ***J für das Latein und dessen Bildungswert auch 
für den Volksschullehrer lebhaft ein. — Dost*^*) dagegen empfiehlt warm die 
Einführung des Französischen in den Seminarunterricht, am liebsten neben dem 
Latein, in der Weise, wie die Reformgymnasi^n beide Sprachen nebeneinander 
behandeln — ein sehr beachtenswerter Gedanke; er will aber auch, wenn es anders 
nicht geht, auf das Latein zu Gunsten der modernen Fremdsprache verzichten. — 
Die Entwicklung des Lehrerbildungswesens in Oesterreich seit 1848 schildert der 
oben bereits unter den im Berichtsjahre heimgegangenen Pädagogen genannte 
Hannak*^*). - 

Allgemeine Pädagogik. An der Hand eines Jahrbuchs für die 
französische Volksschule **^) stellt Fleischner **') einen lehrreichen Vergleich 
zwischen dieser und der deutschen Volksschule an. In beiden Ländern besteht die 
allgemeine Schulpflicht (in Frankreich aber erst seit 1862), sie wird aber bei uns 
strenger gehandhabt als dort, auch ist sie in Frankreich gesetzlich nur auf 7 Jahre 
normiert, und auch diese Zeit wird vielfach nicht eingehalten. Dagegen ist Frank- 
reich uns darin voraus, dass der Unterricht im ganzen Lande unentgeltlich ist; auch 
die Unabhängigkeit der Schule von der Kirche ist strenger durchgeführt als bei 
uns. — BpecieU von der Stellung des deutschen Landschullehrers — Vf. hat wohl 
sächsische Verhältnisse im Auge — handelt eine Schilderung von Martin **®) , in 
der Leiden und Freuden, Aufgaben und Lasten des Lehrers auf dem Dorfe in ein- 
gehender, zuweilen wohl etwas idealisierender Weise dargestellt werden. — Gegen 
das Schlagen der Kinder in der Schule schreibt Jentsch*^^), da hierdurch der 
Charakter nur demoralisiert werde. — In derselben Angelegenheit ereifert sich — 
unseres Erachtens in übertriebener, massloser Weise — Brix*^®), der „den 
Schulprüglem und ihren Gönnern'* zu Leibe geht. In seiner Erregung aber giebt 
Vf. von dem einzigen Falle, den er von erheblicher Ueber schreitung des Züchtigungs- 



7, a 84/8. - 330) X Wiuensoh. Vorlei. fflr YolksschiillohrBr ia Jena: BhBUBÜ. 78, S. 281/4. — 337) FsrienkarM in Orsifs- 
wald u. Jena: PaedBU. 28, S. 892/4. — 338) K. Knoke, B. gangbarer Weg i. Verwirkt, d. in d. Lehrereohaft sieh regenden 
Wfineohe nach wisaeneoli. Fortbild, anf d. Univ.: ib. S. 297-SOa — 339) C. A., D. neue Lehrplan d. bayer. liehrerbild.-Ansi : 
ib. S. 287-44. - 340) B.. D. nene wQrttenb. Uhrplan fttr d. evang. Pr&parandenansi. : ib. S. 153/5, 306-14, 834/8, 890/2. — 341) 
W. Bein, Prenea. od. afteha. Syetem?: ib. S. 13-80. — 342) A. Kohl, Oegemrärt. Stand d. Lehrerbild.- Frage in Sachsen: 
SiohaSchnlZg. S. 63/5. — 343) — n-I., Alao doch eine Herabaetsang d. Bildnngasiele ? : ib. S. 143|6. — 344) 0. Doat, 
D. Fransfta. ala Pfliohtfiioh im Seminarnnterr. : ib. 8. 529-82, 549-51. — 345) E. Uannak. D. Lehrerbild, in Oesterr.: PaedBIl. 
38, S. 1-13. — 346) O y, Q. J 09i, Annaaire de Tenaeignement primaire. Qainziftme ann4e. Paria, Armand Colin A Cie. 
400 S. — 347) L. Fleiachner, D. dtooh. n. d. franz. Yolkaaohole: AZg". N. 185. — 348) M. Martin, D. Tolka- 
aohnllehrer anf d. Lande: ib. N. 83, 85. — 349) C.Jentaoh. D. PrAgelatrafe in d. Schnle: Dokumente d. Frauen I, 
S. 109-15. — 350) Th. Brix, Waa in d. „Lande d. Denker a. Dichter*' paaaieren kann. B., MTatther. 32 8. M. 0,60. — 
Jahreaberlchte für neuere dentache Litteratnrgeaohichte. X (l)6a 



I 4:jsöi-364 P. Stötzner, Geschichte des Unterrichts- und Erziehungswesens. 

rechtes vorbringt, nicht einmal eine klare und deutliche Darstellung; und die 
„Gönner" sind die Vorgesetzten und der Staatsanwalt, der auf Grund des Gutachtens 
nicht einschreiten wollte. Jeder Gebildete, und vor allem jeder rechte Schulmann 
bedauert es doch mindestens ebenso sehr wie Herr B., wenn Lehrer sich zum Miss- 
brauche des Züchtigungsrechtes hinreissen lassen, darum ist es grosses Unrecht, 
wenn solche bedauernswerte Vorfalle dazu ausgenützt werden, gegen die Schule in 
gehässiger Weise Anschuldigungen und Vorwürfe zu erheben. — Die Frage, ob 
die Schule erziehen solle, verneint Reichard t^si) im wesentlichen; die Erziehung 
ist nach ihm Sache der Famüie, Hauptaufgabe der Schule ist der Unterricht, den er 
ja mit Recht auch ein Stück Erziehung, aber nicht „die" Erziehung nennt. — Hier 
mag auch eines amerikanischen Werkes über Erziehung von Tadd^^^) gedacht 
werden, das sich an Fröbelsche Ideen anschliesst; es führt den Titel: Neue Methoden 
in der Erziehung: Kunst, richtige Handgeschicklichkeit und Naturstudien. Darin 
sollen die Mittel dargelegt werden, durch die Hand, Auge und Gehirn in einer 
Art erzogen werden, welche die Spannkraft erhält und eine Einheit von Denken und 
Handeln bewirkt. Der Vf. will einen für die Erziehung bisher nicht genug berück- 
sichtigten Faktor, den künstlerischen Trieb im Menschen, mehr gepflegt wissen, 
dann wird es mehr gut geschulte Handwerker geben, die Not der ärmeren Klassen 
wird schwinden, und „so reichen sich," wie ein Berichterstatter dieses Buches be- 
geistert ausruft, „bei diesem neuen Erziehungssystem Volkswohl, Socialpolitik und 
das Staatsinteresse die Hände"^^^). — Auch Schäppi^^*) kommt bei seinen 
Erörterungen über die Schule der Zukunft zu ähnlichen Postulaten. Er will das 
Hauptgewicht auf die Fächer gelegt wissen, die für das Leben praktisch wirksam 
sind: Muttersprache, Rechnen und Naturwissen. Daneben aber ist vor allem Hand- 
fertigkeitsunterricht erforderlich, Zeichnen und guter Anschauungsunterricht. Auch 
die Bilderbücher sind für Weckung des Schönheitssinnes von Bedeutung. Sie 
„bedürfen aber einer Reform. Diese kann erreicht werden, wenn Lehrer und 
Künstler sich zusammenthun". „Sollen aber die Volkslehrer in der angedeuteten 
Weise ihre Aufgabe erfüllen, so müssen dieselben in der Kunstgeschichte Unterricht 
erhalten. "355 j _ Auf ein anderes Gebiet, aus dem die Schule für den Unterricht 
viele Anknüpfungspunkte entnehmen kann, weist M uth esi u s^*®) hin: es ist 
das Volkstum, in dem viele Bildungselemente enthalten sind. Vf. unternimmt es 
dann, die neueste Litteratur über das Volkstum und seine einzelnen Zweige durch- 
zumustern mit dem Bestreben, dasjenige hervorzuheben, was für eine volkstümliche 
Gestaltung des Unterrichts und des Schullebens in den Seminaren — denn hier vor 
allem muss das Volkstum gepflegt werden, wenn es für die Volksschule wirksam 
werden soll — tauglich ist. — Mehr und mehr wird die sociale Bedeutung der Er- 
ziehung betont. Fieischn e r ^s"?) zeigt in einem Vortrage über das Verhältnis 
des Socialismus zur Erziehung, dass eine friedliche Förderung der socialen Bewegung 
dadurch möglich ist, dass in der Erziehung, der Aufklärung und dem socialen Fort- 
schritt der Massen Reformen eintreten. — Natorp^s») hat eine Theorie der 
Socialpädagogik auf der Grundlage Kantscher Philosophie, die er mit Pestalozzischer 
Pädagogik zu vereinigen sucht, aufzubauen gesucht, die vielfach angegriffen worden 
ist. — So unter anderen von W i 1 Im ann^^-^), der einen historischen Ueberblick 
über die Entwicklung der Socialpädagogik seit Locke und Rousseau giebt. — Gegen 
Be rgeni ann s^^®) Ansichten über Socialpädagogik, der alle Individualpädagogik 
verwirft und nur in der Erziehung der Menschen zu nützlichen Gliedern der Gesamt- 
heit den Zweck der Pädagogik sieht, wendet sich S c h ö 1 e r^«»), doch giebt er zu, 
dass „die Socialpädagogen offenbar das Verdienst haben, auf emts Seite der Erziehung, 
welche bisher aus Unverstand oder aus Engherzigkeit wenig beachtet wurde, 
besonders aufmerksam gemacht zu haben, und das ist die Forderung, dass der Zög- 
ling befähigt und geneigt gemacht werde, sein Wissen und Können im Dienste 
der Gesamtheit zu verwenden". ^•*^) — Brahn^®^) betont den Wert des psycho- 
logischen Experiments für die Pädagogik. — Auf die pädagogische Bedeutung des 
Märchens und dessen fruchtbringende Verwertung im Unterricht weist De vi de 3*^) 



351) C. Bei oh ar dt, Soll d. Sohnle «niehen?: NJbbKlAltaL. 4, S. 76-85. - 352) O J. L. Tadd, New methods in ednoation: 
Art, real mannal trainin^, natnre study. New-York n. Chicago, Orange Jndd Comp. — 353) X ^* Schölermann, Ueber 
natnrgero&see Era.: Zeitw. 19, S. 103/4. — 354) J. Sohftppi, Bausteine d. Sohnle d. Zakanft. Zfirioh, Schulthess. 68 S. 
Fr. 1,20. — 355) O A. Messer, D. Wirksamkeit d. Apperoeption in d. persönl. Besieh, d. Sohnllebens. {=s Samml. t. Ab- 
handl. ans d. Oebiete d. p&d. Fsyohol. n. Physiologie. Bd. 2, Heft 8.) B., Renther A Beiohard. 69 8. M. 1,80. >- 356) K. 
Mnthesins, Kindheit n. Volkstum. (= Beitrr. z. Lehrerbild. n. -fortbild. 18. Heft.) Gotha, Thienemann. 54 S. M. 0,80. 
— 357) li. Fleischner, D. rood. Soeialismns n. d. Era. (= Pfid. Zeit- u. Streitfragen. 67. Heft) Rede. Wiesbaden, 
Bohrend. 23 S. M. 0,40. — 358) O P. Natorp, Booialp&d. Tlieorie d. Willenserz. anf d. Grundlage d. Gemeinsohaft. St^ 
Fromroann. 852 8. M. 6,00. - 359) 0. Will mann, Ueber Socialp&dagogik : JbWPaed. 31 8. 308-21^—360) O P. Berge- 
mann, Aphorismen z. sooiulen P&d. L., Hahn. 718. M. 1,00. — 361) G. Sohöler, Ueber SocialpAd.: RhBIlEU. 73, 
8. 97-111. - 362) X H. Becker, Nene Bildnngsldeale. (^ Samml. p&d. Vortrr. Bd. 12, Heft 10.) Bonn, SÖnneoken. 37 8. 
M. 0.60. - 363) M. Bfikhn. Päd Expcrimenle: AZg". N. 112 - 364) Th. Devidä, Kind u. Märchen. (= S6V. N. 244) Prag, 



P. Stötzner, Geschichte des Unterrichts- und Erziehungswesens. I 4:865-375 

hin,3«5) — Auf das Ueberhandnehmen des jüdischen Elementes in den deutschen 
Schulen weist Stille^**) hin, der namentlich Berliner Verhältnisse im Auge hat: 
in den 8 öffentlichen höheren Töchterschulen der Reichshauptstadt war 1896 ein 
Drittel der Schülerinnen jüdischen Bekenntnisses. - „Nur durch eine Einschulung 
unseres Volkes auf Grund naturwissenschaftlicher Prinzipien" kann nach Besser**^ 
eine Beseitigung der socialen Uebelstände unserer Zeit erfolgen, die Ethik muss auf 
die Naturwissenschaft sich stützen. — Dem Eltemhause sind behufs Vertiefung des 
Verständnisses für Kindererziehung Penzigs^®®) „Ernste Antworten auf Kinder- 
fragen" angelegentlichst zu empfehlen. — 

Schulhygiene. Dies wichtige Kapitel der praktischen Pädagogik 
findet in WeigP*®) einen ebenso gründlichen wie vielseitigen Darsteller. Der Vf. 
handelt zuerst von der Hygiene der Oertlichkeit und bespricht Schulgebäude, Schul- 
zimmer, besonders Lehrzimmer und das Schulbad; alsdann gelangt die Hygiene der 
Persönlichkeit zur Darstellung, und zwar nicht nur die des Schulkindes, sondern — 
ein oft vergessenes Kapitel — die des Lehrers. — Die Ursachen der Schul- und 
Schülerkrankheiten untersucht FischP'®), ebenfalls Arzt wie der vorgenannte 
Vf., und findet, dass die viele Nahearbeit und das viele Sitzen nachteilig auf den 
jugendlichen Körper wirkt. — Van Ekeris^'*) bespricht die Schularztfrage und 
will dem Schularzte folgende Aufgaben übertragen: 1. Mitwirkung bei Auswahl der 
Grundstücke und bei Aufstellung der Pläne für Schulbauten, 2. Untersuchung der- 
jenigen Lernanfanger, deren Aufnahme beziehungsweise Unterrichtsfähigkeit zweifel- 
haft erscheint, 3. jährlich mehrfache Revision der Schulklassen zur Feststellung des 
allgemeinen Gesundheitszustandes der Kinder, 4. von der Schule beantragte Unter- 
suchung einzelner Kinder oder Klassen, 5. Hülfeleistung bei Unglücksfällen. — Wein- 
berg^^^) fordert, dass im Unterrichte, namentlich im naturwissenschaftlichen, die 
Hygiene mehr berücksichtigt werde; „durch Erteilung hygienischer Winke erhalten 
Lehrer und Schule einen wirksamen Einfluss auf die Gesundung und Erstarkung 
der ihnen anvertrauten Jugend."373-375) — 

llaarpfer. 80 8. M. 0^. — 365) X A. Ehrenfeld, Sehalm&rehen a. and. Beitrr. i. Beleb, d. dteeh. Unterr. (= Mitt. 
d. 0«aellaoh. f&r dteoh. Sprache in Zbrleh, Heft 4.) ZArieh, Speidel. VIU, 186 8. M. 2,40. — 366) O. Stille, D. dtech. 
Sehnle in Oe&hr! B., Gieee. 68 S. M. 0,80. - 367) L. Beeeer, Psychologie n. Schole: NJh^ 1, 8. 712/6. — 368) B. 
Pensig, Ernste Antworten anf Kinderftagen. 2. Anfl. B., Dflmmler. 271 8. M. 2.80. - 369) J. Weigl, GrnndKflge d. med. 
Sohnlbygiene. MQnchen, Höfling. VH, 74 8. M 1,00. > 370) B. Fiechl, Ueber SchAIer- n. Schnlkrankheiten. (= 8QY. 
N. 245.) Prag, Haerpfer. 20 S. M. 0,20. - 371) van Ekeris. Notwendigk , Aufgabe n. SteH. d. SchalArxte. (r= Samml. 
p&d. Vortrr. Bd. 12. Heft 4) Bonn, B. u. L., Sönnecken. 16 8. M. 0,40. — 372) A. Weinberg, D. Geeondheitspilege beim 
Mittelicbalnnterr.: NJbbKIAItOL. 4, 8. 55-61. — 373) O XU-^^rieebach, Hygien. 8chn1reform. Hambnrg n. L., Voee. 
35 S. H. 0,60. |{LCB1. 1809, 8. I042y3.]i - 374) O X H. Schiller, D. Sohnlaratfrage. (= flamml. ▼. Abhandl. ane d. 
Gebiet der pAdag. Piychol. n. Physiol. UI.) B, Benther A Beiohard. 56 8. M. 1,20. - 375) X Dienetordn f&r d. SehnlAnte 
an d. sUdi ElemenUr- n. Mittelschalen an Wiesbaden: RhBIlBU. 78. 8. 178-82. - 



(IH^a* 



W. Golther, Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. I 5 : 1-7 

1,5 

Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. 

Wolfgang Golther. 

Psychologie und Oeiohiohte N. I. — Gesohiohte der oenhoohdentsohen Sohriftipniobe N. 12. — Sprache and Stil 
einselner Dichter und ScbrifUteller : Hani Sache, M. Opits, Elieabeth Charlotte von Orions N.2S: Goethe N.80; Schiller N.S3; 
H. von Kleiat N. 85 ; Biemarok N. 87. — Umgangaepraohe und Standeeepraehen (Soldaten) N. 48. - WArterbfloher N. 67. - Wort- 
forechnng N. 66. — Spraohreinheit (FremdwArter n. LehnwArter) N. 87. — Sprachriohtigkeit N. 131 — Sprachlehre N. 189. — 
Einielfragen ans der Grammatik N. 144. — Anseprache und Lantsohrift N. 175. - SchnlbQcher N. 187. — Mnndurten: All- 
gemeines N. 802; Oberdentaohland N. 210; Mitteldeutschland N. 218; Niederdentschland N. 229. — 

Psychologie und Geschichte. Pauls Prinzipien (JBL. 1898 18:1) 
werden von D i 1 1 r i c h *) einer Durcharbeitung auf Grund der Wundtschen 
Experimentalpsychologie für bedürftig erachtet. D. will mit seiner ausführlichen 
Anzeige klarlegen, dass Pauls Buch schon jetzt über sich selbst hinaus weise und 
die Keime zur Fortbildung und Neugestaltung im Sinne der modernen Psycho- 
physiologie in sich berge. — Mit der Sprache der Kinder beschäftigen sich 
Lindner^) und Toischer^). L. unterscheidet in den ersten vier Lebensjahren 
drei Entwicklungsstufen: 1. die physiologische, zweckunbewusste Lauterzeugung, bis 
zur 25. Woche, 2. die logische, mit beginnendem Verständnis, bis zur 58. Woche, 
3. die philologische, d. h. eigentliche Spracherlernung. T. schildert die den Kindern 
eigentümlichen Sprachformen, die sich teils aus Unfähigkeit, schwierige Laute hervor- 
zubringen, teils aus falscher Analogie erklären. Der Satzbau der Kinder beschränkt 
sich anfangs auf Hauptworte und Zeitworte in der Nennform, erst nach und nach 
stellen sich Flexionen, Formwörter, der grammatische Satzbau im eigentlichen Sinne 
ein. Die kindliche Ausdrucks weise steht gewiss in manchen Punkten der Ursprache 
der Menschheit nahe und gleicht jedenfalls im Anfange den sogenannten isolierenden 
Sprachen. Auch Wortschöpfung ist der Kindersprache bis zu einem gewissen Grade 
eigen. — Unter dem Leitsatze W. von Humboldts: „die Geisteseigentümlichkeit und 
die Sprachgestaltung eines Volkes stehen in solcher Innigkeit der Verschmelzung in 
einander, dass, wenn die eine gegeben wäre, die andere müsste vollständig aus 
ihr abgeleitet werden können", betrachtet Finck^J auf Grund erstaunlich aus- 
gedehnter Kenntnisse in allen möglichen Sprachen der Welt den deutschen Sprachbau 
als Wesensausdruck. Die Lösung solcher Fragen scheint ja unmöglich. Um die Art 
des Indogermanischen zu bestimmen, müsste man erschöpfende Kenntnis aller anderen 
Sprachgemeinschaften besitzen, und das Germanische und Deutsche setzt abermals 
umfassende und gründliche Vergleichungen voraus. F. richtet seinen Blick auf 
scheinbare Kleinigkeiten, auf Laute, Formen, Wortfolge und Wortfügung, um aus 
ihnen den Sprachgeist und Volkscharakter zu erschliessen. Am Schlüsse fasst er die 
Hauptzüge des deutschen Geistos, wie ihn die Sprachbeobachtung lehrt, zusammen: 
das Deutsche zeigt starke Subjektivität und Willenskraft, regen Sinn für den 
ursächlichen Zusammenhang der Dinge, Ueberwiegen der Gefühle über die verstandes- 
mässigen Vorstellungen Die geistvolle Schrift F.s holt ihre Beweise weit her 
und charakterisiert im Vergleiche und Gegensatze zum Deutschen viele andere 
Sprachen. Die Erklärung findet in den Sprachen die menschlichen Temperamente 
und sucht darnach Einteilung und Gliederung zu treffen. Die Betrachtungsweise 
des gelehrten Vf. ist jedenfalls neu und anregend, auch wenn sie nur als subjektive 
Meinung gelten müsste. — Steinschneider^) setzt einem Laienkreise den 
Unterschied zwischen praktischer „Sprachkenntnis*' und wissenschaftlicher „Sprach- 
kunde" auseinander. Die Darstellung ist oberflächlich und erfasst den Gegenstand 
nicht scharf und deutlich genug. Der Vortrag wendet sich an junge Kaufleute, 
denen ein Begriff von wissenschaftlicher Sprachbetrachtung gegeben werden soll. — 
Auch Wasserziehers*) Aufsätze über die deutsche Sprache sind für die 
weitesten Laienkreise bestimmt und suchen vom geschichtlichen Standpunkte aus 
eine Reihe von Fragen zu behandeln, an denen die wissenschaftliche Betrachtungs- 
weise besonders deutlich klarzulegen ist. Es ist also eine Art von populärer 
Sprachgeschichte in Form von zwanglosen Einzelaufsätzen. — M 6 1 o n '') stellt den 

1) 0. Dittrich: ZRomanPhilol. 28, S. 538-Ö3. — 2)0.Lindner,Aned. Natnrgarten d. Kindereprmohe. E. Beitr 
s. kindl. Sprach, a. aeiateientwickl. in d. entten 4 Ubenajahren. L., Grieben. 1S08. YII, 128 S. M. 2,00. |[LCB1. 8. 716/7. || 

- S) W. Toi ich er, D. Sprache d. Kinder. (= 8GV. N. 248.) Prag, Haerpfer. 16 S. M.O,SO. — 4) Frs. N. Finck, D. dtech. 
Spraohbaa ale Anidrack dtsch. Weltanaehannng. 8 Yortrr. Marbnrg, Elwert. Yll, 123 S. M. 2,00. (Vgl. JBL 1898 I 8:18.) 

— 5) Her. Steiniehneider, Ueber Spiachkenntnii n. Hpraohknnde. (ss Virohowi Samml. gemeinveritAndl. wiaeenachaftl. 
Yortrr. Heft 822.) Hamburg, Yerlagsaaetalt n. Drnekerei. gr.-8«. 28 S. M. 0,75. — 6) E. Wasseriieher, Am dem Leben 
der dtech. Sprache. 2. Aufl. L, S. Schnnrpfeil. le«". 62 S. U. 0,20. (Zweitee B&ndchen. ebda. 16». 62 S.) - 7) O J. M61on, 

Jahreeberichte fttr neuer« dentache Utteratnrgeechiehte. X. (1)7 



t 5 : 8-22 W. G i t h e r , Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. 

Lautstand des heutigen Niederländischen, Deutschen und Englischen vergleichend 
dar und sucht vom heutigen Sprachzustande bis zum ürgermanischen vorzudringen. 
Er schreibt für niederländische Lehrer, die zur geschichtlichen Betrachtuiig der 
lebenden Sprachen angeleitet werden sollen. — Evers*) schreibt eine gemein- 
verständliche Sprach- und Stilgeschichte, die aber von der Kritik nur sehr b^ingtes 
Lob erfährt. Seemüller rügt die Unkenntnis des Vf. in allen Sprachvergleiche nden 
Dingen und im Altdeutschen, und auch Matthias kann mehr nur die Absicht als die 
Ausführung loben. — Dem Buche Polles (JBL. 1898 I 8 : 1 1) »J spendet H o 1 z n e r 
viel Anerkennung. Er findet den Versuch, rein empirisch die Ansichten und 
Aeusserungen des Volkes über die Sprache zu verzeichnen, den unbewussten Tief- 
sinn, der in den volkstümlichen Anschauungen über die Sprache liegt, an das Licht 
zu fordern und mit den Ergebnissen der Sprach philosophie zu vergleichen, wohl- 
gelungen und skizziert an einigen Beispielen den Gedankengang des Vf. — 
Blumscheins *^**) Streifzüge werden von Menge angezeigt. — 

Geschichte der neuhochdeutschen Schriftsprache. 
Arndts Buch>^»*J über die Breslauer Kanzleisprache 1352-1560 (JBL. 1898 I 8:24) 
wird von Scheel mit einzelnen kritischen Einwänden angezeigt. B u r d a c h 
kritisiert schärfer methodische Mängel und stellt wichtige Gesichtspunkte zur Er- 
forschung der Geschichte der Schriftsprache auf. Auch J e 1 1 i n e k nndet die Arbeit 
etwas zu schematisch ausgeführt. — Jelineks'*) gründliche Untersuchung der 
Sprache der zwischen 1387 und 1400 in Prag geschriebenen sogenannten Wenzels- 
bibel kommt zum Schluss: „Die Sprache der Wenzelsbibel enthalt wie das Deutsch 
Mittel- und Nordböhmens jene eigentümliche Mischung mitteldeutscher und ober- 
deutscher Elemente, aus der unsere neuhochdeutsche Schriftsprache hervorgegangen 
ist." — Böhme**) behandelt die sächsische Kanzleisprache vor Luther. Auf Grund 
sorgsamer Erforschung der Urkunden ist er im stände, E. Wülckers frühere Schriften 
hierüber in wesentlichen Punkten zu ergänzen und zu berichtigen. Der vorliegende 
Teil behandelt die Zeitabschnitte 1282-1325, 1326—1406. Von Anfang unterscheidet 
sich die sächsische Kanzleisprache als Schriftsprache von den Mundarten Thüringens 
und Obersachsens. Im zweiten Abschnitt leugnet B. die Beeinflussung der sächsischen 
Kanzlei durch die böhmische. - Dauner*") behandelt die Geschichte der Luther^ 
spräche auf oberdeutschem Gebiet, indem er die von Petris Glossar ausgehenden drei 
Hauptgruppen in allen ihren Einzeldrucken nach ihren sprachlichen und lautlichen 
Verschiedenheiten genau beschreibt. — Lindmeyr**) untersucht den Wortschatz 
in Luthers, Emsers und Ecks Uebersetzung des Neuen Testaments. Emser lieferte 
eine oberflächliche Uebertragung des Lutherschen Wortschatzes in den der kaiser- 
lichen Kanzlei. Auch war die Lesart der Vulgata häufig Anlass zu Aenderungen. 
Dielenberger führte Emsers Arbeit weiter. Am gründlichsten aber suchte Eck die 
Sprache Luthers, Wortschatz und Lautstand, in sein landschaftliches Deutsch um- 
zuformen. Der Vf. erweist dies durch eine systematische Darstellung und eine 
lexikalische Uebersicht, die die Aenderungen Emsers und Ecks den entsprechenden 
Wendungen und Worten Luthers gegenüberstellt. — Mit der fruchtbringenden 
Gesellschaft und vornehmlich mit ihren Verdiensten um die deutsche Sprache und 
Litteratur beschäftigt sich die Arbeit Zöllners*^"*®). — Koldewey*') hebt 
Schotteis Verdienste um die deutsche Sprache hervor, die geschichtliche Auffassung, 
den Kampf gegen die Fremdwörter, die Verdeutschung der grammatischen Kunst- 
ausdrücke, die vereinfachte und geregelte Rechtschreibung. Er beschreibt die Grund- 
sätze seiner Sprachlehre, Wortbildung, Wortfügung und das geplante Wörterbuch 
der deutschen Sprache. — Saalfeld und Pietsch^^) bieten in „deutscher 
Sprache Ehrenkranz" eine reiche Sammlung (etwa 250 Dichtungen von 
180 Dichtern) von dichterischen Aussprüchen über die deutsche Sprache dar. Was 



ätnde oompftT^ dei langnei TivaatM d'origine gerinaniqae. I. Loli dea nodifloatlona de oonaonDea qa*6proiiTeDt Im 
mots enriaag«! dn nöerlandaia k Pallenand et k raagluii. Nanmr, Weimael-Cbarlier. XL, 188 8. |[LCB1. S. 827]| — 
8) M. Even, DUoh. Sprach- a. latt-Oesoh. im Abriss. 1. T.: Spraoh- a. Stilgesoh. B., Renther A Beiehardt XX, 884 B. 
M. 3,60 ,[J. Seen filier: ADA. 25, S. 822/3; Tb. Matthias: ZAhSprV. 14, 3. 145/7; LCBl. 8. 900/l.]| - 9) B. 
Holzner: AZg''. N. 168i WSKPb. 16, Heft 17; H. Swoboda: ZBealiobnlw. 24, 8. 411/2. > 10-11) (JBL. 1898 1 8:14.) 
;fK. Menge: Gymn. 17, 8. 449-öO.]| - 12-14) K. Barduoh: DLZ. 80, 8. 60/8; W. Sobeel: ZDPh. 31, 8. 614/6; M. H. 
Jellinok: ZOO. 50, 8. ölS.D. - 15) F. Jelinek, D. Sprache d. Wenaelibibel. Progr. Görs. 110 8 — 16) 0. Böhme, 
Z. Geeob. d s&cbe. Kantleiepracbe ▼. ihren Anf&ngen bis Lntber. I. T.: 18. n. 14. Jh. Peatsohr. d. Realich. Beichenbaeh. 
Halle a. 8., Karrai. 58 S. - 17) F. Danner, D oberdtich. BibelgloBsare d. 16. Jh. Disa. Freibnrg i. B. Dannitadt, O.Otto. 
1808. 146 8. - 18) B Lindmeyr, D. Wortocbats in Lnthers, Emseri n. Ecke Ueberietsang d. Nenen TeaUmente. Disi. 
StrasBbnrg i. B., Trfibner. 106 <. - 19) F. Zöllner, D. erste dtsoh. BprachTcrein : LZg" 1808, N. 68. - 20) id., Binricbtoiig 
n. Verfafcsnng d. Frnchtbringenden Oesellsch. Tornehniliih nnter dem Fttreten Lndwig zn Anhalt- Göthen. B., Berggold. IV, 
124 8. M. 1,80. - 21) F. E. Koldewey, J. 0. Schotte lins n. seine Verdienste um d. dtsch. Sprache: ZDU. 18, 8. 81-106. — 
22) P. Pietsch n. G. A Saulfeld, Dtsch. Sprache Ehrenbrnnz. Was d. Dichter unserer Muttersprache tu Liebe n. u 
Leide singen n. sagen. B., Verl. d. ZADSprV. X, 839 8. M. 2,40. |[F Kluge: AZg". N. 44; J. Hein: LBlGBPh. 80, 
8. 227/9: 0. Lyon: ZDÜ. 13, 8 218-22; H. Dunger: ZADSprV. 14, 8. 42/8; A. Trapet: NJh«. 1, N. 41, 48, 45; K. Werner: 
Umschau 8, 8. 683; H. Michel: ML. 68, 8. 764/5; F. Presch: ZOG. 50, 8. 991; Bnph. 6, 8. 884/5; PrJbb. 96, 8. 148/4.J - 



W. G o 1 1 h e r , Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. I 5 : 23.40 

deutsche Dichter in 1000 Jahren, seit Otfried, zu Liebe oder Leide ihrer Muttersprache 
sangen, wird hier, nach der Zeitfolge geordnet, nach wissenschaftlichen Grundsätzen 
gesammelt und erklärt, in übersichtlicher Weise vorgelegt. In mannigfachen Sprach- 
und Versformen, in Schriftsprache und Mundart tönt Lob und Tadel deutscher Zunge, 
wie die Kulturzustände es mit sich brachten. Die verschiedenen Anzeigen sind alle 
voll Anerkennung für das schöne Werk und rühmen seine Vollständigkeit. Die 
Beurteiler bringen nur wenig Nachträge, die in einer neuen Auflage verwertet werden 
können. — 

Sprache und Stil einzelner Dichter und Schriftsteller. 
Nach der rein formalen, grammatischen Seite wird die Sprache des Hans Sachs von 
PüscheP*), Miller^*) und Hagfors**), die M. Opitzens von Baesecke^«) 
behandelt. — ü r b a c h 2') schildert die Sprache der Briefe der Herzogin 
Elisabeth Charlotte. Er untersucht in drei Abschnitten den Einfluss der 
Umgangssprache, der Mundart, des Französischen, da die Herzogin ja durchaus im 
Plaudertone schreibt. — Blanckenburgs^^J Studien über Abraham a Sancta Clara 
(JBL. 1898 I 8:36) und Drechslers^») Arbeit über Wenzel Soherffer (JBL. 1895 I 7 : 19) 
werden lobend besprochen. - 

D ü 8 e 1 5®) giebt eine feinfühlige Schilderung der Sprache Goethes in 
ihrer geschichtlichen Entwicklung und streift auch die Fremdwortfrage. Dem Alters- 
stile wird im wesentlichen nur geschichtliche Bedeutung zugemessen, während die 
jüngeren Entwioklungsschichten für unsere Gegenwartssprache noch immer un- 
erschöpflich fruchtbare Anregung bieten. — Ebrard^^J untersucht sehr gründlich 
die stabreimenden Wortverbindungen bei Goethe und zwar die Verbindung gleich- 
artiger Redeteüe. Er will drei Hauptfragen entscheiden: 1. In wieweit hat Goethe 
den bestehenden stabreimenden Formelschatz durch neue Wortverbindungen er- 
weitert? 2. Tritt der Stabreim in Goethes prosaischen Schriften im selben Masse auf 
wie in seinen poetischen Werken? 3. Hat er den Stabreim zu allen Zeiten in 
gleichem Masse angewendet? Es ergiebt sich eine ausserordentliche Fülle von stab- 
reimenden Verbindungen. Goethe vermehrt nicht nur die vorhandenen Gattungen 
und Gruppen, er hat auch zahlreiche neue, von den Formeln abweichende Verbindungs- 
arten geschaffen. Goethes Sprache liebt auch die Bildung mehrgliedriger Ausdrücke, 
üeberall ist selbständige Neuschöpfung und Weiterbildung auf Grund der Ueberlieferung 
zu erkennen. — Knauths'*) Buch über Goethes Altersstil (JBL. 1898 I 8:38) wird 
von Bruhn als dürftige Erweiterung der 1894 erschienenen Dissertation bezeichnet. — 

Elster^^) bespricht Stickelbergers fleissige Sammlung der Parallelstellen 
bei Schiller und gewmnt daraus zwei wichtige Ergebnisse: er beobachtet Schillers 
ausgeprägtes WohlgefaUen am bedeutsamen Ausdruck und die starke Beteiligung der 
Associationen an seinem Denken. Die ins Bewusstsein eintretende Sache bringt immer 
wieder bestimmte auffallende Wortvorstellungen mit sich. — M ä h 1 i s ^*) Aufsatz zur 
Charakteristik der Sprache Schillers war mir nicht zugänglich. — 

Bischoff^*) giebt eine Ergänzung zu dem Buche von Minde-Pouet über 
die Sprache Heinrichs von Kleist (JBL. 1896 18:18), indem er einige 
Erscheinungen aus dem Satzbau hervorhebt. Er findet eine „Sucht nach Bildung 
von ungeheuer langen Perioden, die an Zusammendrängung einer zu grossen und zu 
verschiedenen Gedankenmasse, an Ueberladung mit Bestimmungs- und Zwischensätzen 
leiden". Solche langen, überladenen, erst bei wiederholtem Lesen verständlichen 
Sätze stehen besonders in den Novellen. Es begegnen auch völlig überflüssige 
Bestimmungssätze. Kleist bevorzugt auch die mittelbare Rede, die er durch an ein- 
ander gereihte Nebensätze mit „dafis" giebt. Endlich werden häufig Gedanken, die 
naturgemäss die Form eines Hauptsatzes fordern, in Nebensätzen ausgedrückt. 
Kleist steht noch im Zwange der lateinischen Schulsprache mit ihren gehäuften 
Nebensätzen. — In Minde-Pouets Buch vermisst Witkowski^«) eine Vergleichung 
mit Vorgängern und Zeitgenossen. — 

Wunderlichs "-*») Buch über die Redekunst Bismarcks (JBL. 1898 I 
8:50) wird anerkannt, doch erhebt Roethe Einwendungen gegen Anlage und 
Durchführung, und Blümner rügt, dass allgemeine Regeln der Redekunst an den 



23) H. Pftiohel, D lyntakt. a«braiich d. Konjanktionen in d. Adverbiali&tseD bei H. Sachs. Diu. L., Freter. 120 S. M. 2,00. — 

24) C. R. Miller, Tbe preposition in H. flaehi: Amerieana germanioa 2«, 8. 1-82; 2*, 8. 1-40. — 25) E. Hagfors« Syntaktiaobe 
Freiheiten bei H. Bache II: Aeta societotie ieientiarom Fennioae. Heleingfori. 4'^. 106 8. — 26) 0. Baeseoke, D. Sprache 
d. Opitsisohen OpdichtaaiBnlangen t. 1624 n. 1635. Lavte, Flexionen, Betonnng. Dise. L., Fook. IV, 106 & M. 2,00. - 27) 
A. ürbaeh, Ueber d. Sprache in d. dtsoh. Briefen d. Hertogln EUiabeth Charlotte ▼. Orl4ani. Diu. Oreifiwald, Knnike. 
91 S. — 2S) F. Sehols: DLZ. 8. 1443/6. - 29) K. Rensehel: ZDÜ. 18, 8. 144/5. — 30) F. Dflsei, Goethes Sprache: 
ZADSprV. 14, 8. 161/B. - 31) W. Ebrard, Allitterierende Wortverbindengen bei Goethe. 1. T. Progr. d. Gymn Nftrnberg, 
Sebald. 42 8. - 32) Brahn: ZDPh. 31, 8. 418/6; 0. Streicher: ZADSprV. 14, 8. 200. — 33) E. Elster, H. Stickel- 
berger, Parallelstellen bei Schiller. (JBL. 1808 IV 9: 165): ADA. 25, 8.74/8. - 34) O J.F.MAhlis, Z. Charakteristik d. Sprache 
Schillers: PaedA. 41, 8. 286-43. - 35) H. Bisohoff, Der Satcban bei U. t. Kleist: ZDU. 18, 8. 718-20. — 36) G. Witkowskt, 
ZDPh. 81, 8. 416/7. - 37-33) G. Reethe: DLZ. 8. 626/9; H. BUnner: ZADSprV. 14, 8. 268/4; LCBl. 8. 729. - 39-40) G. 

(1)7* 



I 5 : 41-63 W. G o 1 1 h e r , Oeschiohte der neuhochdeutschen Sprache. 

besonderen und eigenartigen Reden Bismarcks dargestellt wurden. — Schumann'®"**') 
preist Bismarcks Meisterschaft in der deutschen Sprache. — Schröers**) und 
knoches*^) Aufsätze über Jahn und Richard Wagner lagen mir nicht vor. — 

Umgangssprache und Standessprachen. An die absprechende 
Kritik Wustmanns über Wunderlichs Umgangssprache (JBL. 1898 I 8 : 49) schliesst 
sich noch eine Erklärung des Vf. ^'J und Erwiderung des Recensenten **) an. — 
CJ a r 1 Müller*^) bespricht sehr ausführlich Hetzeis Wörterbuch der volkstümlichen 
Umgangssprache (JBL. 1896 I 8:65). Er hat dieselben Ausstellungen wie die 
früheren Beurteiler, er vermisst wissenschaftliche Anordnung und Gründlichkeit und 
zeigt durch Nachträge zum Buchstaben A, wie wenig vollständig die Schrift ist. — 
Von allen Standessprachen ist die der Soldaten vielleicht die reichste. Sie hat 
Beziehungen zu anderen Standessprachen (der Jäger, Studenten, Seeleute) und eine 
reiche geschichtliche Vergangenheit. Hörn**) hat seinen Plan (JBL. 1898 I 8:56) 
ausgeführt und eine treffliche Sammlung von etwa 1500 Ausdrücken zusammen- 
gebracht. Für einen ersten Versuch verdient H.s Büchlein alle Anerkennung. 
Jeder Leser kann wohl einige Ergänzungen beisteuern und damit die Arbeit fördern. 
Die Schrift findet auch allseitige Anerkennung und allgemeine Beachtung. — 
Hörn*'') veröffentlicht femer das etwa 1591 verfasste „Onomasticon" des Augsburger 
Büchsenmeisters Samuel Zimmermann, worin viele besondere Ausdrücke der Schiess- 
kunst aufgenommen und erläutert sind. — Militärische Fachzeitschriften befassen 
sich mit Sprachgeschichte*') und Stil*®) des Kriegswesens. — Hörn*®) zeigt weiter 
aus dem dictionnaire d'argot militaire von Leon Merlins 1888, wie sehr die französische 
und deutsche Soldatensprache in einzelnen Ausdrücken und Wendungen zusammen- 
treffen. Unter ähnlichen äusseren Lebensbedingungen entwickeln sich oft in den 
entferntesten Gegenden die gleichen Verhältnisse. — Günthers*') Buch über Recht und 
Sprache (JBL. 1898 18:57) wird sehr günstig beurteilt; ebenso Bruns*^ Amts- 
deutsch (JBL. 1898 18:58). — Noether*^) behandelt die Sprache des bürgerlichen 
Gesetzbuches. — Ueber das Deutsch der Aerzte**) und Kaufleute**) erschienen 
kleine Aufsätze. — Brennerts Modeworte**) (JBL. 1898 I 8:68) werden lobend an- 
gezeigt. — 

Vom Wörterbuch der Brüder Grimm erschienen Lieferung 2 des 
Bandes IV 1, 3 (Gevatter-Gewahren) und Lieferung 1/2 des Bandes X (Seeleben- 
Sein), bearbeitet von Wunderlich*") und Heyne*®). — Gombert*®) setzt 
seine verdienstlichen Nachträge zum Wörterbuche (JBL. 1897 I 8 : 37) fort. — 
Kluge rühmt Pauls*®) Wörterbuch als originale und reife Leistung eines Meisters, 
der die Thatsachen der Sprachgeschichte mit philosophischer Schärfe und Klar- 
heit durchdringt. Im Gegensatze zu anderen Wörterbüchern, die nur Belege bieten, 
will Paul im Zusammenhange, in kleinen Lesestücken über die Erscheinungs- 
formen und Gebrauchsweisen aufklären. Es ist eine lexikalische Ergänzung zu den 
Prinzipien der Sprachgeschichte, an die man überall erinnert wird. Auch Michels 
nennt das Werk eine ganz hervorragende wissenschaftliche Leistung und erhebt nur 
gegen Einzelheiten Einwände. Meissner legt bei aller Anerkennung doch auch 
einen streng kritischen Massstab an und findet in der von Paul durchgeführten Be- 
schränkung eine Quelle mannigfacher Mängel. Paul verfuhr in Aufnahme der Wörter, 
ihrer Erklärung, in Aufnahme älterer und mundartlicher Formen sehr ungleich- 
massig. M. glaubt, er hätte auf breiterem Grunde bauen müssen. — Kluges ety- 
mologisches Wörterbuch (JBL. 189818:71) wird mit freudigem Beifall begrüsst«*). — 
Eberhard-Lyons synonymisches Wörterbuch (JBL. 1896 I 7:73) wird von Hohlfeld®*) 
angezeigt. — Das kleine Wörterbuch von Bri n k w e r th*^) ist für die Schule 
bestimmt, vornehmlich als zuverlässiger Führer in schwierigen Fällen der Recht- 
schreibung. — Von Liebichs**) Wortfamilien ist der erste, 2679 Nummern um- 

Sehamann, Fflnt Bismarek all Meiiier unserer Sprache: MagdebZg". N. 14/6.— 41) O H. SohrAer, Jahn u. d. dtioh. Sprache : 
MtohrDTnrnweien. 18, Heft 2. — 42) O H. Knoche, Uioh. Wagner Ober d. iUch. Sprache: MagdebZg^. N. 12/6. — 43) U. 
Wanderlloh, Erklirnng: ADA. 25, 8. 221/2. — 44) R. Wuitmann, Eriridorang: ib. S. 222/4. - 45) Carl Mftller, E. 
Wörterbuch d. Tolkit&ml. Spruche: ZDU. 18, S. 13-88. — 46) P. Hörn, D. dtsch. Soldaten spräche. Giessen, Bicker. XU, 
174 S. M. 2,60. |[0. Behaghel: ZADSprV. 14, S. 122/3; W. Oolther: LBlQRPb. 20. S. 401/2; LCBl. S. 450/2; SiimrolerA. 
N. 161; Orensb. 4, ti. 493/6; Th. Ziegler: Nation". 16, S. 863; PrJbb. »6. S. 148/4; Fritasche: Geg. 55, S. 88;6.]| - 
47) id.. Ans d. litt. Tb&tigkelt e. Augsburger Bflohsenmachers d. 16. Jh.: ZDA. 43, S. 89-101. - 48) O Sprachgeschichtl. Be- 
merk Aber d. Kriegswesen am Ausguog d. MA.: AMiliiirZg. 74, N. 46.-49) O W. ▼. U, Vom miUI Arischen Stil. B, Mittler 
* Sohn. 53 S. H. 1,00. i[MilitfirWBl. 84, N. 11/8.]| - 50) P. Hörn, Vergleichende Soldatenspraehe : AZg^ N. 111. — 51) 0. 
Behaghel: LBIGBPh. 20, S. 836: A. Trapet: ZADSprV. 14, S. 108/4; LCBI. 8. 034/5; AZg^ N. 126. - 52) Th. Matthias: 
ZADSprV. 14, 8. 71. - 53) O Noether. D. Sprache d. bfirgerl. Oesetsbnches: APostTelegr. 1899. Deoember. — 54) D. Deutsch 
d. Aente: VossZg. N. 183, 142, 147. - 55) O Kanftoannsdeatsch : Odin N. 12. - 56) R. B.: LZg". 1898, N. 68. - 57) J. n. W. 
Grimm, Disch. Wörterb. 4. Bd. 1. Abt. 3. T. 2. Lfg. Sp. 4645-4886 Gevatter - Gewähren, bearb. v. H. W n n d e r 1 i c h. L., Hirt el. 
M. 2.00. - 58) id., DasB. 10. Bd. 1. n. 2. Lfg. Sp. 1.352 Seeleben-Sein, bearb. ▼. M. Hey ne. ebda M. 2.00. - 59) A. Gombert, 
Bemerk, zum dtooh. Wörterbuch. Progr. d. Gymn. Breslau, Gntsmann. 4". 26 S. — 60) (JBL. 1897 I 7:68.) |[F. Kluge: 
LBlGRPh. 20, 8. 118/5; J. Meissner: ADA. 25, 8. 255-66; V. Michels: ZDPh. 81, S. 280/3; F. Schnflrer: ÖLBI. 8, 
S. 238-40.]| - 61) 0. Lyon: ZDU. 18, S. 228/6; 0. Schrader: WSKPh. 16S 8. 17; 0. Brenner: AZg^. N. 897. — 62) 
A. R. Hohlfeld: Amerioana germsnica 2^, 8.89-90. — 63) K. Brinkwerth, Kleines Wörterbuch fAr SchQler suatraroengest. 



W. Uolther, Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. I 5 : ä4-»2 

« 

fassende Teil fertig geworden. Der Anhang leitet schon zum zweiten Teil über. 
Die Wortfamilien werden eingeteilt in 318 indogermanische mit 13 860 Wörtern, 
343 europäische, 504 germanische, 211 westgermanische, 159 deutsche usw. Unter 
den entlehnten Familien stehen die lateinischen mit 497, die griechischen mit 219 
obenan. Im Gegensatz zu den indogermanischen Wurzelwörterbüchern nimmt 
L. die Wortsippen einer lebenden Sprache zum Ausgang, um zu zeigen, dass 
anch die jüngeren Sprachepochen neue Sippen schufen, nicht bloss ererbte fortführten. — 
Die 6. Auflage von K. G. Andresen, besorgt vom Sohne des 1891 verstorbenen Vf., 
Hugo Andresen**), ist aus des Vf. eigenen Nachträgen und aus der volks- 
etymologischen Litteratur bereichert. — 

Das gross angelegte , für Volkskunde und Wortforschung jfleich 
wichtige deutsche Krankheitsnamenbuch Höflers**) wird von der philologischen 
Kritik in seinem hohen Werte durchaus anerkannt, wenn schon der Philologe 
natürlich manches zu berichtigen und zu ergänzen finden wird. — Franz Schmidt*^) 
betrachtet die geschichtliche Entwicklung, Etymologie und Bedeutungswandel des 
Wortes „gut" von Wulfila bis Freidank und stellt fest, wie der ursprünglich sinnlich- 
anschauliche Begriff („zusammengehörig", „passend") zum ethischen sich vertieft und 
erweitert. — H. von Wedel*®) schreibt über die ursprüngliche Bedeutung des 
Wortes „Frau" und Herrin. — Wood*®) behandelt die Etymologie der Wörter Gaul, 
Kauz, geheuer, kauern, nahe, Geisel, Mahr, selig, Schraube, streiten, Strafe, Zeidler, 
Uhlenbek''*) die von Eber, Kauffmann'') die von Hexe. — Wülfing'*) 
bespricht einige hässliche Neubildungen wie Letztzeit, grossmäohtlich, offensichtlich, 
durchwuohten , Veralberung. — Weise'^) erklärt den Ausdruck „windeweh" (wind 
und weh = schief und weh). — K 1 uge*^*) deutet die böse Sieben nach Rachels 1664 
erschienener Satire von den 7 bösen Frauenarten, nach denen die achte eben die voll- 
kommene Frau wäre. — John Meier'*) und P i e t s c h '*) bringen noch einiges 
dazu bei. — Die Wendungen „Fiasco machen" "), „in die Binsen gehen" '*), „Schotter" '^®), 
„zum Schure thun" »*"»') (JBL. 1898 18:84) und andere sprichwörtliche *2) u^d volks- 
tümliche**) Redensarten werden erörtert. — Ein populäres Buch über Wortkunde 
liefert Wilke**). — Wigand**) stellt die einem bestimmten Vorstellungskreis 
entnommenen Redensarten zusammen. — Kaedings Häufigkeitswörterbuch (JBL. 1896 
I 7:76; 1897 I 8:41; 1898 I 8: 190/3) bespricht Amsel^*). — 

Spraohreinheit. Von Fremdwörter büchern erschien das von 
Heyse in 17., durch Löwenthal*') besorgter Auflage, das von Loof**) in 4. Auflage. 
Das Fremdwörterbuch Saal f e lds*®~**) wird von Dung er sehr empfohlen. — 
Trapets®*) Büchlein giebt eine kurze geschichtliche Betrachtung der in Lehn- 
wörtern erscheinenden fremden Kultureinflüsse in der Urzeit, Bekehrungszeit und 
Renaissance und begründet auf den Satz, dass die Sprache ein Spiegel des Volkes 
sei, die Forderung des nationalen Selbstbewusstseins, das im reinen und rechten 
Deutsch zum Ausdruck kommen soll. — Dünger®^) weist nach, dass die deutsche 
Sprache, wie früher durch französische, so jetzt durch englische Fremdwörter 
in bedenklicher Weise überflutet werde. Englische Sitte und Mode, englische Ein- 
richtungen im politischen und gesellschaftlichen Leben, namentlich Sport und Be- 
wegungsspiele lördern diese Unart, der nach Beschluss der 11. Hauptversammlung 
des ADSprV. mit Entschiedenheit entgegenzuwirken ist. — Das Verdeutschungsbuch 
des ADSprV. zu Tonkunst, Bühnenwesen und Tanzkunst von Den ecke**) bietet 



2. Anfl. BaMn« Baadekar. U. 87 8. U. 0,40. - 64) B. Lieb ich, D. Wortfitniilieii d. lebenden hoohdtach. Bpraohe al« Grand1»ge 
fflr e. Syiten d. Bedeutungslehre. Lfg. 4/6. Breslau, Prenis * J&nger. 8. 241-521. M. 6,00 IfBr.: LCBl B. 661/8 ]| - 65) 
K. O. Andreien, Ueber dteob. Yolksetynologle. 6. verb. u. Term. Aail. besorgt ▼. H. Andresen. L., Reisland. YHI, 492 8. 
M. 6,40. — 66) M. HAfler, Dtsoh. Krankheitünnmenboob. MBnchen, Piloty A Loehle. XL 922 8. M. 35,00. i[0. Brenner: 
AZgB. N. 120; K. Andre e: Globus 76, N. 5; LCBl. 8. 868/4.]| -- 67) Fra. Schmidt, Z. Oesoh. d. Wortes „gat". E. 
Beitrag rar Wortgesoh. d. sittl. Begriffe im Dtscb. Diss. B., C. Skopnlk. gr.•8^ YIU, 46 8. M. 1,20. — 66) H. v. 
Wedel. D. nrspr&ngl. Bedeutung d. Wortes „Prao«* als Standesbeieiohniing: DAdeUbL 17, 8. 809-11. — 69) F. A. Wood, 
Etymologisches: BODS. 24, 8. 529-83. - 70) C. C. Uhlenbek, Eber: ib.'S. 289-44. - 71) F. Kanffmann, Hexe: ZDPh. 
81. 8. 497D. - 72) J. B. Wflifing, Neve Wftrter: ZDU. 13, 8. 64/6. - 79) 0. W e i s e , Windeweb: ib. S. 140/1. — 74) F. 
Kluge, B. bAse Sieben: AZg^ N. 65, 92, 98. - 75) John Meier, Noch einmal d. bAse Sieben: ib. N. 181. — 76) P. 
Pietsoh, E. bAse Sieben: ZADSprV. 14, 8. 184/6. - 77i Th. Distel, Z. Beseiehnnng „Fiaseo naehen": ZDD. 13, 8. 755/6. 

— 78)B. Baohrncker, Ind Binsen. Wieken gehen: ib. 8. 281. — 79) B. 8 p r e n g e r , Sehotter o. Cield versohettem: 
ib. 8. 64. — 80) H. K n m m r w , Jemand etwas snm Sehcre thnn: ib. 8. 67/8. — 81) E. DammkAhler, Schur: ib. 8. 852. 

- 82) X A. Heintse, Z. Ableitung spriehwArtl. Kedeniarten: ZADSprV. 14, 8 97- 100. - 83) O G. George, Volkitftrol. 
Redensarten dunklen Ursprungs: Daheim 85, H. 18. - 84) O E. Wilke, Dfsoh. Wortkunde. E. Hilfsbnoh fOr Lehrer u. 
Freunde d. Mutterspraobe. 2. Aufl. L., Brundstetter. XV, 368 S. H. 4,00. — 85) O P. Wigand , D. menschl. KArper im 
Munde d. dtscb. Volkes. E. Sammlung n. Betrachtung d. dem menschl. KArper entlehnten sprichwArtliohen Ausdrftoke u, Bedensarten. 
Prankftart a. M., Ali III, 119 8. M. 1,50. - 86) G. A ro s e 1 , D. Ergebnisse der KAdingsohen Hinflgkelisuntersuchnngen : ZADSprV. 
14, 8. 187/9. — 87) J- C. A. Heyses allgemeines Terdentsohendes u. erklirendes FrerodwArterbneh. Berliner Ausg. 17. AnlL t. E. 
LAwenthal. B., Cronbach. Vni, 840 8 M. 6,00. - 88) Fr dr. Wilh. Loof. Allgemeines Fremd wArterbnoh. 4. Aufl., besorgt 
V. Fr. Bai lau ff. Langensalsa, H. Beyer * SAhne. VI, 878 8. M. 6.00. - 89-90) Gflnth. A. Saalfeld, Fremd- 
n. Verdeutschnngs-WArterbuch. B., 0. Seebagen. 478 8. M. 6,00. j[U. D u ng er : ZADSprV. 14, S. 44.]| — 91) A. Trapet. 
Dtech. Sprache u. dUch. Leben. Oiessen, M&nchow. 1898. 88 8. M. 0,50. ([H. Jahnke: ZADSprV. 18, 8. 68,9.]| - 92) H. 
Dünger, Wider d. Engltnderei iu d. dtsoh. Sprache: ZADSprV. 14, 8. 241-51. (Auch als Sooderdr. B., Berggold. 20 a 



I 5 : 93-189 W. ü o 1 1 h r , Geschichte der noiihochdeutschen Sprache. 

iu bekannter, mass voller Weise zahlreiche Verdeutschungsvorschläge, die sich 
hoffentlich in diesen Künsten, bei denen, die sie schaffen, ausüben und darüber 
schreiben, bald einbürgern. Die Berichterstattung in den Tageszeitungen könnte 
diese Sache vornehmlich fördern, indem sie die Vorschläge befolgt und die Leser 
daran gewöhnt. Die Einleitung enthält Reinholds Entgegnungen auf Hanslicks Ein- 
wendungen gegen die Verdeutschungen in der Tonkunst. — Erörtert werden die Fremd- 
wörter in der Sprache des Land-®*"**^) und Seeheeres *•), in der ärztlichen *'••) Fach- 
sprache, in der Rechtswissenschaft*®®), im Kaufmannstande '®0- öute Verdeutschungen 
werden den Fremdwörtern entgegengesetzt. — Pal 1 es ke*®*"*®*) und Eichenberg*®*) 
behandeln die Stellung der höheren Schulen zum Fremdwort, Groscur t h*®*) die 
der lateinlosen Schulen. — Während die preussische Prüfungsordnung*®') vom 
12. Sept. 1898 in der Verdeutschung Fortschritte aufweist, bleibt die österreichische'®») 
vom März 1899 weit dahinter zurück. — Die Frage der Eindeutschung*®®) der Fremd- 
wörter in Lehnwörter oder der Verdeutschung wird sowohl allgemein wie im Einzel- 
fall erwogen, so z.B. ob check, tscheck oder Scheck zu sprechen und schreiben**®"***) 
oder ob dafür die Verdeutschung „Zahlschein" zu brauchen ist.**^^ **') — Schumann ***) 
erörtert nochmals die möglichen Verdeutschungen von Interesse (vgl. JBL. 18981 8: 11 1). 
- Auch für andere gebräuchliche Fremdwörter***"**®) werden Verdeutschungen vor- 
geschlagen und begründet. — An geschichtlichen Stätten**') sind fremde Ausdrücke 
oft besonders unliebsam bemerklich. Ob fürstliche Wohnsitze**®), die dereinst in der 
Hofsprache eine geschichtlich gewordene fremde Benennung erhielten, z. B. Friedrichs 
des Grossen „Sans souci", nachträglich verdeutscht werden können, ist nur im Einzel- 
fall zu entscheiden. Hier ist eine gewisse Schonung sicherlich notwendig. — Auch 
Geschlecht**®) und Aussprache *2®) des Fremdworts im Deutschen erheischen besondere 
Erwägung. — Zum Schlüsse seien noch einige kleinere hierher gehörige Aufsätze **>-*28) 
verschiedenen Inhalts erwähnt. — Der Vortrag von Bartels*^®) bringt nichts 
Neues, aber giebt eine klare und gute Darstellung der Ziele des ADSprV. — 
Dunger*3®) fertigt nochmals Sandvoss (JBL. 1897 I 8:72/4; 1898 I 8:92) ab. — 
Sprachrichtigkeit. Die neue Auflage von Matthias *^*"*'2) Führer 
durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs 
wird durch Wunderlich und Gärtner lobend angezeigt. W. möchte aber 
„den Standpunkt der wissenschaftlichen Forschung als Ausgangspunkt und nicht 
bloss als Hintergrund" durchgeführt sehen, und G. macht im einzelnen manche 
Einwendungen. — Aus dem Deutsch der Romane*^*), Zeitungen***) und An- 
zeigen ***) werden einij^e Stilblüten angekreidet. — Wustmanns Sprachdummheiten **•) 
(JBL. 1896 I 7:128; 1897 I 8:113) werden von O. Schulze besprochen, gegen 
dessen Kritik Reuschel einige Einwände erhebt. — Rosen bac h*^'"*^®) spricht 
für einen modernen Stil, der nicht bloss den grammatischen Regeln der Schule, 
sondern dem Zeitgeiste angepasst sei. So seien Geschlechts- und Kastenbezeichnungen 
in der Anrede grossenteils überflüssig. Die Tagesschriftsteller der guten Zeitungen 
hätten dasselbe, wenn nicht besseres Recht als die sogenannten Gebildeten und Ge- 
lehrten, an der Entwicklung der deutschen Sprache mit und weiter zu arbeiten. — 



M. 0^.) — 93) A. Deneoke, Tonkunst, B&hnenwesen u. Tanx. Verdentsohnng d. hauptt&chl. in Tonkunst, Sohanspielkanit, 
Bttboenbetrieb n. Tansknuit Torkommenden entbebrlioben Fremdwörter. (= Verdenttohiinffsb&cher d. ADSprY. N. 0.) B., 
Verl. d. ADSprV. AO 8. M. 0,60. - 94) X Fremdwörter in d. Heerfssprache: AMilitArZg. 74, N. 34/B. — 95) X ^-^ Leotnant; 
ZADSprV. 14, 8. 87/8, 59-61. - 96) Verdentsohungen im Seewesen: ib. 8. 58/9. — 97) X B- <3 r aef , Z. &rztl. Faobspraobe: 
ib. 18, S. 161/4. — 98) X K. Wollen webe r, Z. Aritl. Faebsprache: ib. 14, S. 88-91. — 99) X (= N. 64.) - 
100) X P. Oertroann, Spraobreinignng n. BeobUwissenich. : DJuriitenZg. 4. N. 19. - 101) X ^- Oenoke, 
Verden tschang d. im kanfminn. Verkehr Tielfaeh noch vorkommenden Fremdw. als ünterstfltz. d. Bestreb, d. ADSprY., 
d. Mitgliedern d. dtech. Höbeltransportges. gewidmet. Lanenstein i. S., Selbstverl. VI, 28 8. M. 0.60. - 102) B: 
Palleeke, D. höh. Sohnle n. d. Fremdwort: BIlHSch. 16, N. 12. - 103) id., D. Fremdwortfruge unf d. Oebiet d. dtsch. 
Sehnle: ZADSprV. 14, 8. 113/9. - 104) id.. Was kann d. Lehrer thnn, nm d. Herzen d. Jngend fftr d. Sache d. Sprachvereine 
zu gewinnen?: ib. 8. 68/5. — 105) K. Eiehenberg, D. Fremdwort in d. Sohnle. E. Bericht Oodeeberg, G. Schlosser. 
18 8. M.0,25. — 106) F. Orosoarth, D. Fremdwort in d. lateinlosen Schalen. Frogr. Hamburg. 4«. 44 8. - 107) E. 8., E. nene 
Pr&fnngsordniing: ZADSprY. 14, 8. 85/7. — 108) F. Wollmann, E. nene Unterr.-Yorsohr. in Oesterr.: ib. S. 280/2. — 109) 
A. Heintz, Yerdeutsohnng n. BindenUchnng : ib. 8. 81/3. — HO) F. W., Check oder Scheck: ib. S. 88-40. — lU) J. B. Wfll- 
fing, Check oder Tscheck oder Schock?: ZDÜ. 18, S. 696/9. - 112) X 0. 8., Nenere Lehnwörter: ZADSprY. 14, 8. 188/7. - 
113) X Z. Sprachreinignng: Grenzb. 2. 8 838/5. — 114) C. Schamann, Nochmals Interesse: ZADSprV. 14, 8. 13/5. - 115) 
Gentlemanlike: TIgIRs. N. 25. - 116) C. Nörrenberg, Bflcherballe: ZADSprV. 14, 8. 100/2. - U7) J. Baltzer, Fremdwörter 
an geschichtlichen Stätten: ib. S. 87/8. — 118) F., Ueber d. franz. Benennungen fOrstl. Wohnsitze n. die Hofsprache: ib. 8. 188-90. 
- 119) 0. Rosen bach, D. Geschlecht d. Fremdwörter im Dtsoh.: Nation^. 16, N. 47/8. - 120) D. Aosspraehe d. Fremdwörter: 
llambEcho. N. 282. — 121) X ^' Schumann, üeber d. Gebrauch einiger Fremdwörter: ZADSprV. 14, S. 190/1. - 122) X Th. 
Hundhausen, Fremde Worte u. Frerodworte: FrBl*<^. N. 122. - 123-124) X !>• Fremdwort: ib. N. 88. - 125) X A. Becker, 
Beines Deutsch: DresdnerZg. 25. Jan. - 126) X B. Brose, Zu d. Kampfe für d. dtsch. Sprache: Beichsbote N. 1, 7, 9, 18. — 
127) X B. Frauenwort s. Sprachreinignng: NorddAZg. N. 30. - 128) X 0. Bosenbach, D. Hecht d. Annexion auf sprach!. 
Gebiet u. seine Folgen: Nation^. 16, — 129) H.Bartels, Vortrag z. Eröffnung d. Zweigvereins London d. ADSprY.: 
ZADSprY. 14, 8. 49-64.-130) H. Dnnger, Xanthippus als Sprachmeister: ib. S. 62/3. — 13M32) (JBL. 1898 I 8:136.) |[H. 
Wunderlich: ZDPh. 31, 8. 516-20; Tb. Gärtner: ZADSprV. 14, S. 197/9.]| - 133) Th. t. Sosnoeky, Bomandeutsch: Wage 
K. 44/6. — 134) Zeitungsdeutsch.: Kw. 12, 8. 141. - 135) Prospekt -Spraohdummheiten: BerlBörsenZg. N. 198. - 136) K. 
Beuschel: ZDU. 13. 8.673/5: O.Schulze: JbbKlussAltert. 1. S. 860/9. — 137) 0. Bosenbach, Sprachliche Fossilien, Formeln 
V. Moden: Nation^ 16, N.49. - 138) id., D. Hecht auf spraohl. Freiheit u. d. Presse: ib. N.51. - 139) O 0. Sutermeister. 



W. G 1 1 h e r , Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. I 5 : ua ißo 

Sprachlehre. Suternieister^39j bespricht nach JBGPh, lß99, S. 90 
„in launiger Weise die etymologischen Spielereien älterer Grammatiker, lächerliche Zer- 
deutschungen grammatischer Termini, lustige Missverständnisse von Homonymen, 
seltsame Begriffsverwandlungen von Wörtern, Euphemismen in Ausrufen und Ver- 
wünschungen, spasshafte hyperbolische oder auf das Bestimmungswort eines Kom- 
positums bezogene Adjektivattribute, prunkhafte Titel, tautologische Zusammensetzungen, 
ungeheuerliche Komposita, abenteuerliche Neubildungen, Merkwürdigkeiten im Gebrauch 
der Flexionsformen, scherzhafte Betonungsänderungen, provinzialistische Aussprache, 
Syntaktisches. Zum Schluss werden Mark Twains köstliche, einige Schwächen 
unserer Sprache geisselnde Bemerkungen angeführt". — Mit Beziehung auf die 
Litteratur über die Grammatiken des Laurentius Albertus und Albert Oelinger 
(JBL. 1897 I 8:129; 1898 I 8:140/2) geben die StML.»*«) ihrer Freude Ausdruck, 
dass der Katholik Laurentius Albertus als der Vorgänger Oelingers erwiesen wurde. — 
Grimms Grammatik IV, II (JBL. 1898 I 8: 148) wird von der Kritik**») mit freudiger 
Anerkennung und Hervorhebung der Verdienste Roethes um die neue Ausgabe be- 
grüsst. — Von der neuhochdeutschen Grammatik von Blatz^^^j (JBL. 1895 17:8; 
1896 I 7 : 154) erschien eine neue Ausgabe in Lieferungen. — Hempls german ortho- 
graphy (JBL. 1898 I 8 : 150) wird auch von der eingehenden Kritik **^), die manches 
einzelne zu bemängeln hat, als eine wissenschaftliche, brauchbare und gründliche 
Leistung anerkannt. — 

Einzel fragen aus der Grammatik. Zur Lautlehre bemerken 
Bernhard t»**) und Pfaff**^) den üebergang von niederdeutsch anlautendem wr 
zu hochdeutsch fr (wrangen zu frangen). — Schuller ^**) führt zu den von Wiimanns 
als in der Aussprache zwischen Länge und Kürze schwankend bezeichneten Wörtern 
die im Vogtland gültigen Betonungsverhältnisse an, die von den bei Wiimanns an- 
gesetzten abweichen. — Zur Formenlehre sind die populären Schriften von W e d e - 
kind^*'') und Cato**®) zu erwähnen. — lieber Wortbildung schreibt Goetze**^), 
der die Adjectiva auf -isch untersucht und feststellt, dass die BildungssUbe ursprüng- 
lich nur die Herkunft anzeigt, hernach aber verallgemeinert wurde und einen 
tadelnden Sinn bekam. Ins Frühneuhochdeutsche fällt diese in der Hauptsache von 
der mitteldeutschen Mundart ausgehende Entwicklung. Die tadelnde Bedeutung rührt 
daher, dass die Worte, von denen Adjektiva auf -isch abgeleitet wurden, meistens 
einen Tadel enthielten, der sich schliesslich im Sprachbewusstsein mit der an sich 
teilnahmlosen Bildungssübe verband. — Hauschild **®) behandelt die verstärkende 
Zusammensetzung bei Eigenschaftswörtern (z. B. splitternackt, kreuzelend usw.), sucht 
die Veretärkungen in begriffliche und lautliche einzuteüen und zu erklären, und 
Karl Müll er "^^j die Verstärkung im allgemeinen, wie ursprünglich sinnlich, an- 
schaulich, vergleichend gebrauchte Wörter al&iählich zu blossen Steigerungsausdrücken 
verblassen. — Jeitteles^*^) verlangt im part. praet. der mit „miss" zusammen- 
gesetzten Zeitwörter Formen ohne ge-, also misshandelt, nicht gemisshandelt oder 
missgehandelt. — J a k b *^^) untersucht das genus des partic. praet., das ursprüng- 
lich als Verbaladjektiv gegen das genus verbi unbestimmt ist. J. erweist, dass bei 
transitiven Zeitwörtern bei Umschreibung mit sein, werden, haben und alleinstehend 
das part. praet. passiven Sinn hat, bei den intransitiven Verben dagegen in denselben 
Fällen aktiven Sinn annimmt Bei transitiven Reflexiven ist der Sinn passiv (nur 
ausserhalb der Konjugation auch aktiv, z. B. betrunken), bei intransitiven Reflexiven 
aktiv. — Ueber Einzelheiten schreiben Scheffer^**J (die Aussprache ist „aus- 
gezeichent" , während die Schrift „ausffezeichnet" etymologisiert) , W ü 1 f i n g "^J^) 
(ungezählt = zahllos) , H a 1 1 a d a **•) (überhaupt = besonders), Weizsäcker '*') 
(bezüglich = beziehungsweise, gegen Verwendung des ergänzungsbedürftigen Adjektivs 
als Konjunktion), mehrere Vff.^^®) über die schon (JBL. 1898 I 8: 159) erörterte Verwen- 
dung von bereits = fast, ferner Nestle ^*®) über frei = freiwillig bei Luther, Hörn'«") 



Haner in d. dttoh. Oranmatik. Bern, K. J. Wyas. 86 8. U. 0,70. - 140) D. erHte dUob. Oramm. v. «. Katholiken ge- 
■elirieben: SiML. 66, 8. 2J8-40. » 141) J. Se«m filier: DLZ. 20, 8. 428-32; A. E. SoliAnbaoh: ÖLBI. 8, 8. 802/5; Lüßl. 
8. 1829-80. - 142) F. Blatc, Nenhoohdtooh. GrammatiV. 3. Anfl. Lfg. 1/2. Karlarnhe, Lang. 272 8. a M. 030. — 143) 
W. Hörn: LBlORFh. 20, 8. 265; E. A. Meyer: ADA. 25, 8. 127-34; H. H. Jellinek: ZOPh. 81, 8. 281/4; Blan: MLN. 13, 
8. 868-70. - 144) J. Bernhardt, AnUntondei fr = wr: ZDU. 13, 8. 207/8. — 145) F. Pf äff, Anlaatendei fr s wr: ib. S. 512. 

- 146) H. 8 ob n 1 1 e r, Zn Wilnanne dtsob. Gramm. l\ 6. 304-12: ib. 8. 675/6. - 147) OW. Wedekind, Spraebfebler oder 
Spraohentwioklnng? 1. Bd.: D. Hauptwort in der Einxahl. B., Wedekind. 56 8. M. 0,50. - 148) X 0. Gato, Sprieh 
riehtig! Kleine dtich. Formenlehre. (= Miniatnrbibl. N. 170.) L., Verl. fOr Kamt n. Wissenaeh. 64 8. M. 0,10. — 149) 
A. Goetse, Z. Geiob. d. Adjectiva anf - iach: BGDS. 24, 8. 464-622. — 150) 0. Hanaebüd, D. veratArkende Znaammenaetsg. 
bei Eigenaebaftawftrtern. Progr. d. Gymn. Hamburg, Herold. 29 8. U. 1,50. — 151) KarlM&ller, D. Teratftrkung d. 
apraebl. Anadrueka: ZADSprV. 14, 8. 6-18. — 152) A. Jeittelea, Ueber d. mit d. partikel „miaB" Kuaammengeeetxten Zeit- 
wörter: ZDU. 18, 8. 906/7. — 153) Th. Jakob, Ueber d. Genua d. Partieip. praeteriti: ZDPh. 81, 8. 859.71. — 154) K. 
Seheffer, Auageteiehnet oder auageieiohentr: ZADBprV. 14. 8. 186/8. — 155) J. B. Wttlfing, Ungei&hlt: ZDU. 18, 8. 277/8. 

— 156) W. HaUada, Ueberhaupt fftr beeondera: ib. 8. 880. — 157) P. Weixa&oker, Beiftglich a beziehungsweiae : ib. 
8. 511/2. - 158) F. Bpilter, W. Holagraefe, P. Weisaieker, F. Pfaff, W. Fiaeher. Bereite <» faat: ib. 8. 268, 488, 
518, 687, 640. (Vgl. JBL. 1898 I 8: 159.J - 159) E. Neatle, Er hilft una frei aua aller Not: ib. 8. 886/7. — 160) W. Hörn» 



I 5 : 161-183 W. ü 1 1 h e r , Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. 

über ältere und jüngere mundartliche Formen von „oder". -- Wülfing'**) recht- 
fertigt und belegt die Wendung „es erübrigt sich" = es ist überflüssig. — Bauer**^) 
versucht eine Deutung des Ausdrucks: „der morgende Tag"; das scheinbai-e Adjektiv 
sei aus Adverb und Artikel („morgen des Tags") zu „morgendes Tags" entstanden. — 
Der deutschen Syntax von Erdmann-Mensing »«») (JBL. 1898 1 8: 151) zollt B e h a g h e 1 
Anerkennung, tadelt aber die meisten Erklärungsversuche des geschichtlichen That- 
bestandes und die mangelhafte Laut- und Formen kenntnis. — BehagheP**) hat 
seine 1878 erschienene Schrift über die Zeitfolge im Deutschen völlig umgearbeitet. 
Aus scharfsinniger und gründlicher Untersuchung gewinnt er das Ergebnis, dass bis 
ins 15. Jh. im Deutschen wie in allen germanischen Sprachen die Zeitfolge im ab- 
hängigen Satz ebenso geregelt ist wie in der lateinischen consecutio temporum. Später 
gilt diese Regel nicht mehr, weder in den Mundarten noch in der Schriftsprache. Die 
gewählte Rede lässt heute nach verbis declarandi und sentiendi und in finalen Neben- 
sätzen den konj. praes. stehen, wenn sich die betreffende Form von der des indic. 
praes. unterscheidet. Die Vorliebe der Schriftsprache für den konj. praes. stammt 
aus dem Alemannischen, die Teilung zwischen konj. praes. und praet. erfolgt aus 
Zweckmässigkeitsgründen. — Erdmann **^) stellt eine grammatisch-logische Er- 
örterung über die Lehre von der „Supposition" an, d. h. über den wechselnden 
Begriffsgehalt der Worte: z.B. der Hund bellt, entweder 1. dieser Hund oder 2. der 
Hund im allgemeinen. — Endlich liegen noch Arbeiten über Metonymien***^), 
Euphemismen *•'), Bedeutungswandel '®®j sinnlicher Worte und bildlicher Redensarten *«®) 
vor. — Mehrere Gelehrte >^o-»'^*) erörtern in der ZDU. einige Fälle der Tonverschiebung 
in Zusammensetzungen, z. B. Hofgärten statt Höfgarten, Elberf61d, Friedrichsrüh, 
Reinhardsbrünn, Partenkirchen usw. Es handelt sich dabei meist um Ortsbenennungen, 
um Fälle, wo das Grundwort ausnahmsweise, aber absichtlich gegen das Bestimmungs- 
wort hervorgehoben wird. — 

Aussprache und Lautschrift. Das Buch von Siebs über Bühnen- 
aussprache (JBL. 1898 I 8 : 175) erfuhr zahlreiche Besprechungen , die zwar grund- 
sätzlich die Einigungsbestrebungen gutheissen, auch die Bühnensprache, wenn schon 
mit gewissen Einschränkungen, als Ausgangspunkt und Grundlage billigen, aber die 
von Siebs aufgestellten und als allgemein gültig betrachteten Regeln vielfach an- 
fechten. Vor allem tritt dieser kritische Standpunkt in den Gutachten *"^) hervor, 
die auf Veranlassung des ADSprV. Brenner, Erbe, Kl u g e, Paul, See- 
müller, Behaghel und Lohmeyer abgaben. Brenner, Erbe, Behaghel ver- 
treten den süddeutsche» Standpunkt, von dem aus manchen Einzelheiten widersprochen 
werden muss. Kluge erhofft zwar eine einheitliche Bühnenaussprache, aber glaubt 
nicht an die Möglichkeit, die allgemeine Aussprache einheitlich zu machen. Paul 
wirft den Regeln vor, dass sie subjektiv seien. Nur auf Grund umfassender Er- 
hebungen könne das Ziel erreicht werden. Seemüller und Lohmeyer haben mehr 
Vertrauen, wenn auch nicht alle Vorschriften gemeingültig seien. — Lyon*'*) hält, 
obwohl er den Einheitsbestrebungen zustimmt, ihnen doch auch berechtigte Forderungen 
der Schule entgegen und glaubt, dass die Bühnensprache nicht olme weiteres und 
im ganzen für die Schule annehmbar sei. Man muss auf der geschaffenen Grundlage 
erst vorsichtig weiter bauen, ehe man sie dem ganzen Volk als unbedingtes Muster 
empfehlen kann. — J e Hin ek*'*^) wünscht, dass der Leser mehr Einblick in die 
vom Ausschuss gepflogenen Verhandlungen gewänne. Die Regeln seien weder klar, 
noch erschöpfend. Ueber die Frage äussern sich noch Victor ''^), K e w i t s c h *'•), 
Mahnicke *®®), Danheisser iö»-*»^)^ Goldschmidt ^®3j. _ Aus alledem ergiebt 
sich, dass die Einigungsfrage zwar in dankenswerter und verdienstlicher Weise an- 
geregt ward, dass aber eine unbedingte Verallgemeinerung und Durchführung aller 

Z. Geioh. ▼. oder: BOBS. 24, S. 403/5. - 161) J. E. WAIfing, Ei erflbrigt sich » es iet fiberfiflisig: ZDU. IS, S. 139-40. - 
162) A. Bauer, D. morgende Tag: ib. 8.835/6. - 163) W. Wilmanns: DLZ. 8. 10/8; 0. Behaghel: LBlGRPh. 20, 9.4/9; 
U. H. Jellinek: ZOO. 50, 8.1091/7. - 164) 0. Behaghel, D. Gebrauch d. Zeitformen im konjnnkt. Nebeneatx d. Deatsohen. 
Mit Bemerk. %. latein. Zeitfolge n. i. griech. Modasveriobiehnng. Faderborn, Sehöningh. IX, 217 8. M. 4,40. - 165) 
K. 0. Erdroann, Die Tielfluitige Verirendung (Snppoiition) d. Wörter: ZADSprV. 14, 8. 54/8. - 166) A. Foeritemann, 
PopnT&re Metonymien 1,11. l'rogr. d. Realgymn. Magdeburg. 1898-99. 4«. 80, 36 S. - 167) F. Wilhelm, D. finphe- 
roismen u. bildl. Auidrfloke unierer Spraohe Aber Sterben u. Totaein n. d. ihnen au Grunde liegenden Vorstellungen: 
Alemannia 27, 8. 74-88. — 168) F. T., Spruohl. Kragen (BedentnngsweohRel): UmMhan 3, N. 18. — 169) O K. Stfobel, D. 
Vermehrung d. dtaeh. W^rtachataes, bes. doroh d. BedentangMWandel d. •innfalligen Wörter u. durch bildl. Bedenaarten: RhBIlKU. 73, 
8. 827-39, 429-45, 505-15. - 170) M. Bauer, Zu Uofg&rten: ZDU. 13, 8. 268. (Vgl. ib. 12, 8. 796.) — 171) R. Jahnke: 
ib. 8.271/4. - 172) F. Weizbüoker, Hofg&rten: ib. 8. 428/9. - 173) E. Beckmann: ib. S. 429-31. -- 174) E. 
Ahnert, Hofgirlen: ib. 8. 431/8. — 175) 0. Brenner, K. Erbe, F. Kluge, H. Paul, J. Seemailer, 0. 
Behaghel, J. Lohmeyer, Gutachten u. Berichte &ber d. Bchrift: Dtaeh. B&hnenaussprache u. d. Stellung d. 
ADSprV. dusu: ZADSprV». 16, 8. 177-219. — 176) 0. Lyon, Bflhnenauasprache u. Schule: ZDU. 18, 8. 283-42. — 177) 
M.H. Jellinek: ADA. 25, 8.385-40. - 178) W. Victor: Neuere Sprachen 6, S. 315-24. - 179) G. Ke witsch , 
BAhnendentsch u. Sehuldentaoh : PaedA. 41, N. 1/2. — 160) K. Mahnicke, B&hnendeutsch: Geg. 55, 8. 120/2. - 181) E. 
Danheisser, Z. Aussprache d. Musterdeutschen: AZgB. N. 17. — 182) id., D. richtige Aussprache d. Mosterdeutsohen. 
Heidelberg, Oroos. 32 8. M. 0,50. ~ 183) H. Goldschmidt, D. ausgleichende Regelung d. dtsch. BAhnenansspr.: AMusZg. 26, 



W. G 1 1 h e r , Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. I 5 : 184-211 

von Siebs formulierten einzehien Regeln, insbesondere auf Schule und Umgangssprache, 
nicht zu wünschen ist. — Lieber die Aussprache von ng und g schreil)t 
Spieser*®*). — J. Schmidt^^^j will Abwurf und Auswurf des Endungs-e, wo 
es Rhythmus und Hiatus verlangen (z. B. ich hab' an Bord des SchifTs gestanden). — 
Vietor*®*) giebt ein Lesebuch in Lautschrift, in dem die Bühnenaussprache nach 
dem Buch von Siebs zu Grunde gelegt ist. Die Lesestücke stehen in der preussischen 
Schulorthographie und in Lautschrift einander gegenüber. — 

Die Schulbücher suchen teils Anschluss an die Sprachgeschichte *^^~*®®), 
teils behandeln sie von rein praktischem Gesichtspunkt*®* ***•) Grammatik, Recht- 
schreibung, Aussprache, Zeichensetzung. — Auch die Schriftgattung *®"j (Antiqua oder 
Fraktur) wird erörtert. — ReicheP*^) schreibt über Betonung, V o c k e ra d t *®®) 
und Fink ^®^) über Stilistik. — Lüttges^®*) Aufsätze geben mancherlei Anregungen 
zur Vertiefung und Verbesserung des Unterrichts im Deutschen. — 

Mundarten: Allgemeines. Die Bibliographie der Mundarten für 
1896—97 giebt M e n t z202) (vgl JBL. 1898 I 8:215). — Ueber den Wert der Mundart- 
forschung für Wortkunde, Grammatik und Phonetik, Kultur- und Litteraturgeschichte 
unterrichtet Heilig^®^) in gemeinfasslicher, anschaulicher Weise. — Scarpa*®*) 
giebt einen Ueberblick über die Gliederung der deutschen Sprache in Mundarten. — 
W r e d e**>*) giebt ein alphabetisches und systematisches Verzeichnis der Berichte 1 — 16 
über den Sprachatlas. — Ritzerts Arbeit über die Dehnung der kurzen mittelhoch- 
deutschen Stammsilben vokale (JBL. 189818:218) wird von Hörn*®*) besprochen. — 
Haag*®''), der selber die Mundarten der oberen Neckar- und Donauländer aufnahm, 
will statt der in vielen Punkten unzulänglichen Fragebogen die unmittelbare und 
eigene Aufnahme durch den Forscher selbst. Er glaubt, ein Atlas der Mundarten 
des Deutschen Reichs liesse sich auf Grund der je 20 Quadratmeilen umfassenden 
Generalstabskarten durch einzelne Bearbeiter besser und zuverlässiger gewinnen als 
mit Wenkers und Fischers Fragebogen. Er stellt 7 Hauptsätze für die dabei an- 
zustellenden Beobachtungen auf. — Im Anschluss an H. Fischers und Wredes An- 
schauungen über Mundartgrenzen legt Bohnenberger ^®®) für die Nordgrenze 
des Alemannisch-Schwäbischen seine eigene Meinung über das bei Abgrenzung von 
Mundarten einzuhaltende Verfahren dar. Er zeigt, dass von Fall zu Fall zu ent- 
scheiden ist, ob ein einheitliches Merkmal oder eine Mehrzahl von Merkmalen, ob 
neben sprachlichen auch politisch-historische Gesichtspunkte in Ansatz zu bringen 
sind. — R. von Gott schal P®®J betrachtet die Mundart im Drama und kommt 
zum Schluss, dass sie nur in der Lokalposse berechtigt sei, und dass ihre Verwertung 
im modernen, naturalistischen, ernsten Drama nicht urwüchsig, sondern künstlich 
wirke. — 

Oberdeutschland. Vom Schweizerischen Idiotikon ^*®), das A. T o b 1 e r 
als „ein Wörterbuch, dessengleichen keine deutsche, noch weniger irgend eine andere 
Mundart aufzuweisen habe", rühmt, erschienen 3 Hefte. — Von Z imm erli s^*^) 
Buch über die deutsch-französische Sprachgrenze in der Schweiz (JBL. 1896 17:195) 
erschien der 3. Teil, enthaltend urkundliche Quellen, die Sprachverhältnisse in den 
einzelnen Gemeinden des Grenzgebietes und allgemeine Zusammenfassung der 
historischen Ergebnisse des 1., 2. und 3. Teiles, die Sprachmischung in der 



8. 213/4, 287/8. — 184) J. Spie« er, Z. Aasspraoht ▼. ng n. n: PaedA.. 41, K. 6. - 185) J. Sohmidt. D. Oeneti d. dUeh. 
ProM. lUhanng fBr Schriftsteller u. Journ«ri8ten. Wien, Beck. 16 S. M. 0,50. ~ 186) W. Vieler, Dtsch. LeMbaoh in 
lAntaohrifC. 1. T. L., Tenbner. XU, 169 S. M. 8,00. |[Keaere Sprsohen 7, Heft 9.JI - 187) X C H iasbaoh , Z. Behand- 
lang d. Spraohgeeoh. im dtach. Uoterr. 8. T. Progr. Weimar. 64 8. -- 188) X 0. Lyon, Handhach d. dtseh. Spraehe f5r 
höhere Sohnlen. 1 T.: Von SezU bis Tertia. 7. verro. u. verb. AnHage. L., Teabner. VlII, 286 S. H. 8,00. - 189) X 
J. Bnsohmann, Leitfaden fflr d. Unterr. in d. dteoh. Sprachlehre. 14. Anfl. Trier, Lints. VI, 110 8. M. 1,00. — 190) X 
L. H off u. W. Kaiser, Leitfaden ffir d. Unterr. in d. dtsch. Gramm, für h6h. Lehranstalten. 5. Aufl., bearb. ▼. J. H u n i n g. 
Esaen, Baedeker. Vlll, 80 S. M. 0,60. — 191) H. Berlin, Grammatik, Rechtscbreibnng, Zeichensetzung. Breslun. Woyirod. 
64 8. M. 0,40. — 192) O W. Bangert, SprachstolT f&r d. Unterr. im Sprechen n. in d. Reohtschreibnng anf phonet. Grund- 
lage. Frank fnrt a. U., Diesterweg. VI, 121 8. M. 1,00. - 198) O Th. Lohmeyer, Kleine dtsch. äatxforroen- u. Interpnnktions- 
lehre. 4. erweit. Anfl. Hannover, Helwing. XV, 147 8. M. 1,80. — 194) O M. Lobsien, Ueber d. Grnndhigen d. Keckt- 
sohreibnnterrichta: PaedA. 81, M. 1. — 195) O A. Stamm, Graphische Darstellnng d. dtsch. Satalehre n. Interpnnlitions- 
lehre. L., Baedeker. 31 S. M. 1,00. - 196) O D. Beehtsohreibnng in d. neneren Gesetsen: DJaiiatenZg. 4, N. 28 ~ 197) O 
Str., Dtseh. Schrift dem dUch. Wort: NZürieherZg. 188S, N. 148. — 198) W. Beiohel, Entwürfe, dtoch. Betonnngs- 
lehre fflr Schalen, mit bes. Bficksioht auf Gedichte. L, Wunderlich. IV, 78 8. H. 1,00. — 199) OU. Vockeradt,D. 
Studium d. dtseh. Stils an stilistischen Mustern. Paderborn, SehSningh. 215 8. M. 1,80. - 200) O G. Fink, Lehrbuch d. 
dtseh. Stilistik. Gotha, Thien«»mann. VI, 98 8. M. 1,40. — 201) E. L&ttge, Beitrr. t. Theorie n. Praxis d. dtsch. 
Spraehunterriehts. Eine Samml. t. AufsAiien fib. alle Zweige dieses Lehrgegenstandes. L., B. Wunderlich. VII, 166 8. 
M. 1,60. — 208) F. M entz, Bibliographie: DMundarten. 1, S. 184-200. - 203) 0. Hell ig, Ueber d. Wert d. Erforschung 
unferer Mundarten: MBllBadSchwarxwaldV. 2, 8. 176-80. — 204) V. G. Searpa. La lingua tedeitca e i snoi dialetti. Tarin, 
CUnsen. 4« 16 8. M. 1,60. — 205) F. Wrede, Berichte Aber Wenkers Sprachatlas XVII: ADA. 25, 8. 800/6. - 
206) W. Hörn: LBlGRPh. 20, S. 192,3. - 207) K. Haag, D. direkte Methode d. Mnndartkartographie: AZg". N. 280. - 

208) K. Bohnenberger, Mnndartgrenzen n. d. Nordgrenze d. alemanniseh-schwib. Mundart: Alemannia 26, 8. 240-66. -^ 

209) R T. Ooitschall, D. DUlekt im Drama: DR. 1898: 4, 8. 97-100. — 210) F. Staub, L. Tobler n. and., 
Schweiterisehes Idiotikon. Lfg. 88-40. (>= Bd. 4, 8. 1105-1684.) Frauenfeld, llnber. Lfg. k M. 8,00. ~ 211) 

Jahreaheriehte fflr neuere dentsohe Litteraturgeschichte. X. (1)8 



1 5 :2l2-säi W. G 1 1 h e r , Geschichte der neuhochdeutschen Sprache. 

französischen Schweiz, deutsche Mundarten, romanische Patois. Als Ergebnis zei^ 
sich, dass die Grenzlinie deutscher und französischer Art und Sprache im Laufe der 
Jhh. nur wenig schwankte. — Vom elsässischen Wörterbuch^**) (JBL. 1897 I 8: 191; 
1898 I 8:227) ist mit der 5. Lieferung (bis „Lützel") der 1. Band vollständig ge- 
worden. — Martin**^) berichtet über die Sprachverhältnisse und Mundarten im 
deutschen Sprachgebiet von Elsass-Lothringen. Als Scheidelinie ergiebt sich an- 
lautendes pf in Elsass, p in Lothringen. Im Elsässischen sind starke französische und 
hebräische Einflüsse bemerklich. Man kann Ober- und L^nterelsässisch unter- 
scheiden. — Das Lothringische neigt mehr zum Mitteldeutschen. This*'*) bestimmt 
die deutsch-französische Sprachgrenze in Elsass-Lothringen fürs 9. Jh., die bis zum 
Ausgang des 15. Jh. bleibt. Im 17. Jh. ist das Deutsche aus dem südöstlichen Teile 
Lothringens verdrängt worden. — Kelterborn*»») teilt einiges aus der Basler 
Mundart mit. — Die Imster Mundart von Schatz (JBL. 1897 I 8: 197) zeigt Bremer^««) 
an. — Aus einer Hs. von 1407 weist Schönbach**') Formen des konjunktiv 
praeteriti auf -aht = neuösterreichisch ad (z. B. haiiaht, lernaht) nach. — 

Mitteldeutschland. Autenrieths^^^j pfälzisches Wörterbuch enthält 
eine Sammlung mundartlicher Ausdrücke und Redensarten mit Erklärungen, die für 
den Nicht-Pfälzer berechnet sind. — Das Wörterbuch der Mundart von Handschuhs- 
heim2i«)(JBL. 1898 I 8:240) wird mit Anerkennung besprochen. — Kassel«<>) be- 
handelt die Bildungssilbe -le, -ele, -1 in der Hanauischen Mundart. Er zeigt, 
welcher Sinn neben dem der Verkleinerung ihr noch zukommt, wie sie nicht bloss 
bei Hauptwörtern, sondern auch bei Zeit-, Eigenschafts- und Umstandswörtern und 
vornehmlich in der Kinder- und Kosesprache begegnet. — Von Crecelius^') 
oberhessischem Wörterbuch (JBL. 1897 I 8:207) erschienen die 3. und 4. Lieferung. — 
Trebs^*^) untersucht die osterländische Mundart von Oberschwoeditz, die den l^eber- 
gang vom Thüringischen zum Obersächsischen bildet. Er stellt die Vokale der 
Stammsüben den mittelhochdeutschen gegenüber und behandelt einiges aus der 
Konjugation. - Philipps "3) Zwickauer Mundait (JBL. 1897 I 8:208}, Heiligs"«) Mund- 
art des Taubergrundes (JBL. 189818:242), Meiches^«!^) Sebnitzer Mundart (JBL. 1898 
I 8:246) werden angezeigt. — H of fm a n n^^*^) beschi-eibt die schlesische Mundart, 
ihre Phonetik, Sandhierscheinungen, Flexion. — Sehe i ne r ^^") behandelt das Sieben - 
bürgisch-Sächsische. Er erweist aus den Lauten die Siebenbürg'er als Nachkommen 
mosel-fränkischer Ansiedler. — Stuhrmanns Arbeit übers Mitteldeutsche in C)st- 
preussen (JBL. 1896 I 7:220; 1898 I 8:254) wird von Wrede«») als Ganzes für 
ähnliclie ostdeutsche Dialektuntersuchungen als vorbildlich gerühmt. — 

Niederdeutschland. Ritters^^*) weist für 74 dithmarsche Worte 
(Buchstabe a— fj die verwandten mittelniederdeutschen, friesischen und mittelhoch- 
deutschen Formen nach und giebt womöglich noch die gemeingermanische und 
indogermanische Form. Er beabsichtigt damit eine Ergänzung der älteren 
dithmarschen Wörterbücher (Ziegler-Richey 1754 und Outzen 1826), wo die Etymologie 
noch keine genügende Berücksichtigung fand. - Krause^^®) setzt seine Arbeiten 
über die Jerichower Mundarten (JBL. 1896 I 7:223; 1897 I 8:218) fort, indem er, 
genau in derselben Weise wie früher bei den südlichen, jetzt bei den nordwestlichen 
Mundarten die Lautlehre der Vokale und Konsonanten auf Grund eigener Beobachtung 
beschreibt. — Dirksen^si) giebt einen kleinen Nachtrag zum ten Dornkaat Kool- 
manschen ostfriesischen Wörterbuch. — Glöde^^^) verzeichnet 26 mecklenburgische 
VV'orter aus Wismar und Dobbertin. — Das KBlVNiederdSpr. 20 bringt wie gewöhnlich 
eine Anzahl von Etymologien und kleinen Bemerkungen zur niederdeutschen 
Sprache, die aus dem ausführlichen Register zu ersehen sind. Dabei finden sich 
auch einige Bemerkungen zu Fritz Reuter. — Populäre Aufsätze ^'^"^»s) beschäftigen 



J. Z i m n e r 1 i , D. dtsoh.-fnni. SprMhgrenta io d. Seh weis. 8. T. D. Spraohgreiis« im WalUa. Bm«1, Oeorf . T, 154 S. 
M. 4,80. (Mit 17 LantUfeln n. 8 Karton.) — 212) S.MArtiaa. F. Lianhart, WArterbnoh d. tliMt. Hnndartan. Lfg. 5. 
Straf sbarg i. E., Trflbner. S. 625-798. U. 4,00. i[B. Menget: ZDU. 13, S. 482/6; J. Sehmelts: iDternatAElbnogr. 11, 
S. 180; V.Henry: RCr. 48, S. 204/7.Ji ~ 213) E. Martin. Spraohverbiltn. a. Mundarten in dteeh. Spmehgebiet ▼. Eleaei- 
Lothringen. {^ D. Reiehiland Eleaee-Lotbringeo. Landes- n. Ortebesehreibnng, her. Tom etatiit. Bureau d. MlBiiterinme fBr 
Eleawi-Lotbringen. [Strassbnrg, Heits. 160 S. M. 2,00.] Lfg. 1, .S. 91,^7.) - 214) This, 8pra«hTerh&ltnli8e a. Mundarten 
in fransöB. Spraehgebiet ▼. Bleaea- Lothringen. (= ebda. S. 98-104.) - 215) K. Kelterborn, Vor Thoreohluae. Plaudereien 
fiber d. Basler Dialekt: BaslerJb. S. 8M1S. - 216) 0. Bremer: A8NS 108, 8. 109-74. - 217) A. Sohönbach, Ueber 
d. conjnnctiT praeteriti im Bayerisch-Oesterreiohiiehen: BQDS. 24, S. 232/8. - 218) O. Autenrieth, Pfilsiiebee Idiotikon. E. 
Vereneh. Zweibrficjren, F. Lehmann. 197 R M. 4.50. \[Q. Ehrismann: ZGORh. 54, R. 195/6.]i — 219) B r. : LCBI. 
8. 900; 0. Heilig: Alemannia 27, N. 1. — 220) Kassel, Die Deminntion in d. hanauiseheii Mnadart: JbOEls- 
Uthr. 15, 8. 205-2«. -> 221) W. Creoelins, Oberhees. WArterbnoh. Darmstsdt, Bergstraesser. 478 8. M. 10,00. - 
222) E. Trebe, Beitr. x. osterl&nd. Mundart Progr. F&rstenwalde. 04 8. - 223) W. Uorn: LBIORPh. 90, 8. 0-10. - 
224) LCBL 8. 680;i. - 225) W. Hern: LBIORPh. 20, S. 164,5; J. Sehats: ADA. 25, S. 198. - 226) H. Hoffmann, 
D. sehles. Mundart: Neoere Spraehen 7, 8. 281-97, 477-87. - 227) A. Seheiner, Uober d. Spraohe d. sAehs. Volkes. (= F. 
Teutsch, Bilder aus d. vaterltad. Oesoh. Bd. 2, 8. 408-23) - 228) F. W rede: ADA. 25, 8. 886. - 229) H. Ritters, 
Etymol. Streififtge auf d. debiet d. Niederdeutsehen. Progr. Hamburg. 4«. 24 8. (Ditmarser Mundart.) - 230) 0. Krause, 
D. Mundarten im nordwostl. Teil d. Kreises Jeriehow (Provinc Saehsen): JbVNietlerdSpr. 25, 8. 84-52. - 231) C. Dirksen, 



F. S a r a n , Metrik. 1898, 1899. I 5 : 232-240 I 6 : 1-13 

sich mit dem Plattdeutschen im allgemeinen. — In einem Aufsatz über Klaus 
Groth^»«) wird die Bedeutung* des Plattdeutschen für die Litteratur als geringfügig 
bezeichnet. — Tümpels '»') Niederdeutsche Studien (JBL. 189818:255), Maurmanns^^s) 
und Pfaffs*^^) Arbeiten über die Mühlheimer und mittelpommersche Mundai-t 
fJBL. 1898 I 8:256 und 258), die Schrift von Mentz^*») über französische Lehnwörter 
im Mecklenburger Platt (JBL. 1897 I 8:105; 1898 I 8:259) werden angezeigt. — 



1,6 
Metrik. 1898, 1899. 

Franz Saran. 

Acoent N. 1. — Theorie de« Bhythmas N. 10. — Einielnes N. 17. — RhythmiBohe Formenlehre: fr&hnenhochdeatitohe 
Relnpaare N. 20; Elegie N. 2S; Beim N. 28; Refrain N. 84. - 

A c c e 11 1. R e i c li e 1 versucht die deutschen Betonungsgesetze in einigen 
Hauptre^-eln zusammenzufassen. Er teilt dabei auch viele einzelne Beobachtungen 
mit. Seme Ausführungen überzeugen nicht, z. B. nicht die Behauptung, das oberste 
Gesetz der Betonung sei die Betonung des Seltensten. Bedenklich ist auch, dass 
überall die tägliche Verkehrssprache zu Grunde gelegt wird. 2) — Der Abschnitt über 
Accent in H e m p 1 s^) Buch wird im allgemeinen günstig besprochen. — Schullers*) 
Zusammenstellung und Besprechung zusammengesetzter Wörter von schwankender 
Betonung fördert nichts Neues zu Tage.*) — Wertvoll sind dagegen Arbeiten E. A. 
Meyers'"'). Er zeigt, dass die Tonhöhe innerhalb desselben Vokals stetig wechselt. 
Die Uebergänge vollziehen sich nicht sprungweise, sondern im allgemeinen allmählich. 
3 Perioden sind dabei zu scheiden : der Tonaufstieg, der Tonkamm, der Tonabfall. Diese 
Verhältnisse werden experimentell für gesprochene und gesungene Worte aufgezeigt, 
indem zugleich der Einfluss der umgebenden Konsonanten in Betracht gezogen wird. 
Beim gesungenen Vokal steigt die Tonhöhe und bleibt dann gleichmässig stehen. 
In der zweiten Arbeit lehnt Vf. die reine Drucksilben- und Schallsilbentheorie ab. 
Für sich allein erklärten beide nichts. Das entscheidende Moment für die Auffassung 
der Silbe sieht er in dem Gegensatz der Artikulationsbewegung bei Konsonant und 
Vokal sowie in den mehrfachen Polgen von Konsonant und Vokal. Eine Lautfolge 
ist ihm von so viel Silben, als Konsonant und Vokal je mit einander verbunden sind. 
Dass auch diese Annahme den Kern der Sache nicht treffe, merkt Victor in einer 
Fussnote an. — In fesselnder Weise stellt Abert®) dar, wie Altertum, Mittelalter 
und Neuzeit in verschiedener Weise das einfache Melos der Sprache zur Musik fort- 
gebildet haben: Choral, Recitativ und Melodram sind die bekanntesten Formen.®) — 

Theorie des Rhythmus. Bücher*®) hat seine Studie über Arbeit 
und Rhythmus zum zweiten Male und zwar in erweiterter Gestalt erscheinen lassen. 
Vermehrt ist besonders die Sammlung der mit Körperbewegung verbundenen Gesänge. 
Früher umfasste sie 43 Seiten, jetzt reicht sie von S. 41—298. Neu ist auch ein Ab- 
schnitt über Frauenarbeit und Frauendichtung (S. 338—56), in dem an vielen Bei- 
spielen gezeigt wird, wie stark zu allen Zeiten die Beteiligung der Frauen an der 
Liederdichtung gewesen ist.****) — 

Vorxeiohaie d. im ten Dornkaat Koolmansehen Wörterbuch fehlenden ostfrieeisohen Wörter: ib. 8. 97-107. - 232) 0. Ol öde, 
Z. meohlenbnrg. Wortechatz: ZDU. 13, S. 280/1. — 293) OF. Hoffneyer, Spraohreichtom im Plattdeatoehen : Nlederiaohsen 
8, S. 126/7. > 234) O C. Voss, Miederdtsch. : ib. S. 265/6. - 235) OO. JQrgens.D. niedere&ohs. Spraohe: HannoTerOBll. 
2, 8. 1/4. — 236) A. P.. FlattdeotMh a. Uoohdeatsch : Grenzb. 4. S. 307-16. - 237) LCB1. S. 662. - 238) W. Hörn: 
LBlGRPh. 20, 8. 193. - 239} A. L e i t s m a n n : ib. S. 808/9. - 240) W. Hörn: ZFSL. 21, S. 49-51. — 

1) W. Beiohel, Entwurf f. dtsch. Betonungslphre (Qr Schulen. L., Wonderlioh. 78 8. M. 1,60. 
- 2) X (JUI" 1897 1 9:4.) |[B. Wust mann: NJbbKIAltGL. 2, 8. 719-20.]; — 3) G. Hempl, German ortho- 
graphy and phonology. A treatiHC with a wordlist. Part first: the treatise. Boaton, London, Ginn A Co. 1897. 
XXni, 264 S. |[W. Hörn: LBlGRPb. 20, 8. 265/6; E. A. Meyer: ADA. 85, 8. 127-84; M. H. Jellinek: 
ZDPh. 31, 8. 231/4; MLN. 13, 8. 182/5; A. Hensler: A8N8. 101, 8. 400/2]! - 4) G. Schul 1er, Z. Betonung d. 
zniammenges. Wörter im Dtsch.: NJbbPh. 156, 8. 681/4. — 5) (15:170) - 6) E. A. Meyer, Z. Tonbeweg, d. 
Vokale im geiprochenen n. gesungenen Eincelwort: PhonetStud. 10, S. 1-21. - 7) id., D. Silbe: Neuere Sprachen 
6, S. 479. - I) H. Abert, D. Melos d. Sprache: AZgB. 1898, N. 274. - 9) X C. Lang, Z. Lehre t. d. Zasammenh. 
d. Wortfolge mit d. Tonfall: ZDU. 12, 8. 464-77. ~ 10) (JBL. ^806 I 8:8.) |[A. Vierhandt: ZSocialwiss. 1, 8. 75/7; A. 
Heasler: ZVVolhsh. 9, 8. 455-60.] | (2. Aufl.: I, 412 8. M. 6,00.) - U) X K. B fleh er, Arbeit u. Rhythmus. Russisch. 
Petersburg, Pepowa. 115 8. Rab. 0,60, - 12) X J- M. Erler, Arbeltslieder: Geg. 66, 8. 98/6. (K. B&oher.) - 13) X I>* Ur- 

(J)8* 



1 ß:ua4 F. Saran, Metrik. 189^ 1891». 

Einzelnes. Valentin*^) bandelt über den Unterschied des französischen und 
deutschen Verses in einem Aufsatz, den ich nicht gesehen habe. — K. von Le vetzo w *^) 
fordert, dass der Rhythmus der Poesie nicht Ausfluss der Betonung, des rein 
akustischen Klanges der Worte sei, sondern auf der Stärke ihrer Werte, d. h. der 
psychischen Betonung ruheJ*) — 

Rhythmische Formenlehre. Einen nützlichen, wenn auch das 
Problem nicht abschliessenden Beitrag zur Metrik der frühneuhochdeutschen 
Reimpaare bringt Popp'"). Er untersucht Murners Vers statistisch und meint, 
sein Vers unterscheide sich stark von dem des H. Sachs. Mumer habe als Prinzip 
regelmässigen Wechsel von Hebung und Senkung, daneben aber eine grosse Zahl 
zweisilbiger Senkungen und auch einsilbiger Verstakte. Letztere freilich nur, wenn 
durch Ausfall der Senkung eine rhetorische Wirkung erzielt werde. Der Auftakt 
wird ziemlich frei behandelt Von allzu groben Verstössen gegen die richtige Be- 
tonung ist Murner frei. Nach diesem Befund ist er als Vertreter einer Gattung von 
lieimpaaren zu bezeichnen, die noch mit mittelhochdeutschen Eigentümlichkeiten 
behaftet der volkstümlichen Poesie zuneigt und jener Qattung gegenübersteht, als 
deren Vertreter gewöhnlich H. Sachs in seinen Spruchgedichten bezeichnet wird und 
die man gewöhnlich silbenzählend nennt.'*"'^ — 

K o s 1 1 i V y 2^) handelt über die antikisierende Elegie. Er weist nach, 
dass Heraus (1713) die ersten Gedichte in Distichen gemacht habe, aber noch mit 
Reimen. Den Reim verbannte Gottsched (1730—1742). Dann kommt Klopstock (1748, 
17(K)— 97), der von der schwebenden Betonung starken Gebrauch macht. — Saran'*) 
analysiert den ersten Faustmonolog metrisch. '^~^') — 

Reim. IJeber die Ursprünge des Endreims belehrt das wertvolle Buch von 
Norden'*) in einem Anhang. Der Reim der abendländischen Litteratur ist nichts 
anderes als das ofioioTiltvTOP der antiken Kunstprosa übertragen in die Dichtung. 
Diese Uebertragung fand schon bei minderwertigen Dichtern quantitierender Verse 
(Pseudo-Oppian, Cicero) statt. Die Ausbreitung des Reims in der späteren Zeit erklärt 
sich durch die Bedürfnisse der Kirche. Diese brauchte Lieder, die nicht nach antiker 
Weise und in antikem Geist geschrieben waren. Deren Verstechnik wurde aus der 
antiken rhetorischen Prosa entwickelt. Aus dieser ist auch der Reim übernommen. — 
Die Theorie des deutschen Reimes verfolgt E h r e n f e 1 d 2^) von Herder über Goethe 
und die Romantiker zu Vischer und W. Grimm und bis in die neueste Zeit, um 
Gesichtspunkte für die Erklärung zu gewinnen. — Gumppenbe r g^^^') möchte in 
gewissen harmonischen Beziehungen der Vokale reimender Silben den Grund dafür 
finden, dass auch unreine Reime dem Ohre eingehen. Die vorkommenden Fälle 
werden geschieden. Das für diese Frage wichtige Verhältnis von Schriftsprache und 
Dialekt wird jedoch nicht berührt.^*"^^) — 

R. M. Meyer^*) hatte schon früher eine Theorie des Refrains gegeben. 
Während ihn z. B. auch Minor für ursprünglichen Zuruf der Menge zum Gesang 
des Vorsängers erklärt, behauptet M., im Refrain lebe gerade der ursprünglich 
wesentliche Teil, der naive Gefühlsausbruch fort, und habe sich da zuerst ein wirklicher 
Rhythmus gefestigt. Erst später sei diesem Rhythmus die gleichsam interpretierende 
Zwischenrede des einzelnen angeglichen worden. Durch Büchers Buch (vgl. oben 
N. 10) findet Vf. seine Theorie bestätigt und iiihrt nun seine Arbeit durch eine Ein- 
teilung der vorkommenden Refrainformen weiter, der er Brentanos Gedichte zu Grunde 
legt. Der Begriff Refrain wird von M. dabei sehr weit ausgedehnt. — 



«prang d. Rhythmnt: SohweinMuilkZr. 38, 8. 6i3/0. — H) X Ad. Hadiriger, Arbeit a Bhythmiifl: Wage 2, 8. 842/3. (Im 
AosohluH «n K. BQoher. Wertlos.) - 15) X W. ▼. Biedermann. Z. Veretandignng : ZVLB. 12, S. 143/4. (Knrze Notit polem. 
Natar gegen Ehrenfeld [i. n. N. 29J im Ansohl, an Biederronnne Anfsat«: ib. 2, S. 4 16 ff ; 9, [S. 224 ff.) — 16) X Weimar, Choral- 
rhythiPQs: MsohrOK. 4, 8. 269-72. - 17) V. Valentin, D. Onmdanterschied d. franz. n. dtsch. Verses: BFDH. 14, 8. 123-S2. 

— 18) K. ▼. LevetKow, D. neue Uhythmns: Zeitw. 20, 8. 66/8. (Beplik von Arno Holi u. Antw. ▼. Levetsow.) — 19) X 
(JBL. 1897 I 9:17.) |[ÖLB1. 7, 8. 718/9.]| - 20) J. Popp, D. Metrik a. Rhythmik Th. Marners. Diss. Heidelberg. (Halle, 
Karrns.) 1898. 76 d. — 21) X N. Bare, Rytroiskii stadier Afver knittelversen: SvYAH. 102, S. 104-30. |[N. Beckmann: 
ANF. 11, 8. 400/2.]l - 22) X H. Foss, D. Metrik unserer Kirchenlieder: KM. 18, S. 43/7, 97-107. - 29) A. KostliTy, D. 
Anfinge d. dtseh. antikisierenden Elegie mit besond. BerQoksiohi. d. Entwickln ngsgeach. d. eleg. Versmasses. Frogr. Eger, 
(Kobitsoh A Osohihny). 1898. 16 8. M. 1,00. |[L. Oberländer: ZRealschulw. 24. S. 748.] | - 24) F. Saran, D. Einheit 
d. ersten Fanstraonologs: ZDPh. 80, 8. 508-48. - 25) X W. Kirchbaoh, D. BQhnenrers: Nation^ 13, S. 419-21. - 26) X 
H. Henkel, Ueber rhythro. Prosa in d. dtsoh. Dicht d. vorigen Jh.: ZDU. 12, S. 397. (Naohtr. sa d. Anfsati „lieber 
rhythm. Prosa".) - 27) X A. Kitt, Versban a. Sprachbehandlnng in d. neneren dtsch. Lyrik: NZQroherZg. 1898. N. 267. 

— 28) B.Norden, D. antike Kanstprosn vom 6. Jh. Tor Chr. bis in d.Zeit d. Renuissance. L., Tenbner. 1898. XVIII, 969 S. 
M. 14,00. (Bd. 2, Anh. l: Ueber Gesch. d. Reims.) - 29) AI. Eh renfei d, Stadien %, Theorie d. Reims, I. (= AbbGWDSpr- 
Z&rich. N. 1.) ZQrich, Bpeidel. 1897. XIU, 128 8. M. 2,60. |[R. M. Meyer: ZDPh. 81, S. 233/7. (S. o. N. 16.) - 30) H. 
T. (lamppenberg, D. enphonisohe Gesets d. anreinen Reime: AZgB. N. 74. (Genauer Ansx. daraas: JBGPh. 1899, S. 126/6.) 
^ 31) id., P. enphon. Gnsets d. anreinen Reime: LittEoho. 1, 1899, S. 898. — 32) X E. Stemplinger, D. Endreim: 
DDiohlerheim. 12. N. 7/8. - 33) X Ad. Bartels, Zakanftslyrik: Kw. 12, 8. 37-41. (Keim bei A. Holi.) - 34) B. M. 
Meyer, I). Former d. Refrains: Enph. 1898, 6, 8. 1 24. 



A. L. Stiefel, Stoilgeschichte. 1898, 1899. I 7 : 1-2 

1,7 

Stoffgeschichte. 1898, 1899. 

Arthur Ludwig* Stiefel. 

Antike Stoffe: ApollonlnB ron Tyrni N. 1. — Orientaliiohe nnd legendariiohe Stoffe: Kreasesbaiini 
N. 4; St Gen sioe N. 10; St. Jnlianm N. 12; GenoTeva N. 14; Tiiioaen von Himmel and Hölle N. 19. - Heldeniage: 
Hildebrand N. 20; Siegfried N. 22; Gawain N. SS; ParKival und Gral N. 84; Lohengrin N 86; Tristan und Isolde N. 87; Carados 
und die Schlange N. 40. — Uittelalterliohe nnd neuere Sage: Tannh&asor N. 42; Cid, Traum Tom Sohats auf der 
BrBoke N 48; Faust N. 52; Loreley N. 68: das sociale Problem in deutscher Sage, der Gang nach dem Eisenhammer N. 60; 
Die Bflsserin, Sage in Chamissoi Gedichten N. 68. — Dramenstoffe: Medea K. 67; Tobias N. 72; Esther N. 73; Don Juan 
Tenorio N. 74a; Heirat ans Bache N. 79; Arzt wider Willen N. 81; Jfidin Ton Toledo N. 83; Mordeltern K. 84; Badolf von 
Habsbnrg and Ottokar Ton Böhmen N. 86; Hans Waldmann N. 87; Schöne Irene N. 88. — H&rchen- and Sohwankstoffe: 
Verschiedene M&rchenmotiTe N. 90; M&rchen vom Blendwerk and des Kaisers neuen Kleidern N. 92; Wasser des Lebens, 
Fortnnatas N. 95; Bauer und Teufel, AltweiberroQhle N. 99; S&ngende Tochter N. 104; Treulose Witwe N. 107; Schwankbflcber 
dee Montanas N. 111; Teufel und altes Weib N. 112; Januar nnd Mai, Blinder Messner, Sankt Stölprian, Unterschobene Braut 
N. HS; Streit der Harthörigen N. 119; Heimkehrender Gatte und sein Weib, Oberen N. 123; Brautnaoht N. 124a. — Ver- 
schiedenes: Robinsonaden N. 126; Don Quijote N. 127; Amor und Tod N. 120; Totengesprftche N. 138; Soldat in der frantö- 
sischen Dichtung N. 134; Winter in der deutschen Lyrik N. 137; Tabakspoesie N. 140. — 

Antike Stoffe. In einer umfangreichen Arbeit über die Erzählung von 
Apollonius von Tyrus sichtete Kl e b s ') mit grosser Umsicht das umfang- 
reiche Hss.material der „Historia Apollonii", gruppierte geschickt die jüngeren Hss. 
und führte die beiden ältesten aus dem 10. Jh. stammenden (RA. und RB.) auf eine 
gemeinschaftliche Quelle (R.) zurück, die aber unserseits aus einer lateinischen 
heidnischen Urquelle (Hij des 3. Jh. verchristlicht worden sei. Die in den letzten 
Jahren allgemein adoptierte Meinung, dass der Roman ureprünglich griechisch 
geschrieben worden, bekämpft Vf. auf Grund einer sorgfältigen Untersuchung der 
in der Historia vorkommenden Münzbezeichnungen, Inschriften, Einrichtungen und 
Gebräuche, ihrer Sprache und ihres Stils. Alle diese Momente ergäben überein- 
stimmend, dass der Roman das Originalwerk eines römischen Schriftstellers des 
3. Jh. sei. Besonders bestechend wirkt der Nachweis K.s, dass die Historia sich 
vielfach an römische Schriftsteller der Kaiserzeit, vornehmlich an Apuleius, und was 
einzelne Charaktere anbelangt, an das Plautinische Lustspiel anschliesst, und dass 
die Geschichte Tarsias ganz überraschend ähnlich bereits in den Kontroversen des 
Rhetors Seneca vorkommt. Gleichwohl überzeugt K. nicht völlig. Der Roman kann 
das Werk eines Römers des 3. Jh. und doch kein Original sein. Die Argumente 
Rhodes erscheinen wenig erschüttert. Die sachlichen Ueber ein Stimmungen mit 
Plautus und Seneca beweisen nichts, beide schöpften ja selbst aus den Werken der 
Griechen. Die übrigen Momente sprechen auch nicht gegen ein griechisches Original; 
der Bearbeiter war selbständig genug, um an Stelle griechischer Verhältnisse 
römische zu setzen. Was die Bearbeitungen der Historia anbetrifft, so hat K. gegen- 
über Singer und anderen Vorgängern das Verdienst, einen grossen Teil der Versionen 
einer gründlichen Untersuchung in Bezug auf ihre sei es hss. oder gedruckten Vor- 
lagen und Quellen unterzogen zu haben. Er behandelt ausführlich die lateinischen 
Nachbildungen (Gesta Apollonii, Gottfried von Viterbo, Gesta Romanorum C. 153), 
die auf die Gesta Romanoinim C. 153 zurückgehenden deutschen, niederländischen, 
französischen und englischen Bearbeitungen, die spanische Dichtung des 13. Jh. und 
die Erzählung Timonedas, die italienischen Bearbeitungen (3 Prosaerzählungen und 
ein Gedicht von Pucci), zwei mittelgriechische Versionen und eine neugriechische, 
die englischen Nachahmungen (die angelsächsische, die Erzählung Gowera, die von 
Copland, Twine und das Drama „Pericles", für das K. Shakespeares Autorschaft nur 
betreffs der beiden letzten Akte in AnspiTich nimmt und als dessen alleinige Quellen 
er Gower und Twine erweist) und die deutschen (H. von Neuenstadt, Steinhöwel und 
eine mitteldeutsche Erzählung). Ganz flüchtig sind die skandinavischen, slavischen, 
französischen und niederländischen Nachbildungen abgefertigt. Wenn K. auch keine 
neuen Nachahmungen aufgefunden und den Einfluss der „Historia" noch nicht 
erschöpfend behandelt hat, so bringt er uns doch einen bedeutenden Schritt vorwärts 
durch die ergebnisreiche Prüfung der Hss. und die quellenmässige Betrachtung der 
wichtigsten Nachbildungen.^" 3) — 



1) E. Klebs, D. Ert&hl. v. Apollonius aus Tyrus. G. geschieht! untersuch. Aber ihre lateinische Urform u. ihre 
sp&tere Bearbeitungen. B., Reimer. 1899. XI« 532 S. M 10,00. — 2} X A. H. Smith, Shaicespeare's Pericles und Apollonius 
of Tyre. A study in compar. lit. Philadelphia, Mac Calla * Co. 112 S. (Klebs, S. SSO: „E. fleissige Kompilation aus 
Alteren Arbeiten ohne jede Selbst&odlgleit." Er fOhrt seine Quellen bäuflg un. schreibt sie aber nicht minder h&ufig auch 



I 7:3-1« A. L. Stiefel, Stoffgeschiohte. 1898, 1891). 

Orientalische und legendarische Stoffe. Wenig Pflege 
erfuhren in den letzten Jahren orientalische Sagen *'^), etwas mehr christliche 
Legenden. — Freybe*) behandelt, ohne, wie es scheint, frühere Arbeiten zu 
kennen, einige Dichtungen, die den Kreuzesbaum zum Gegenstand haben. Er 
bespricht, anfangend von der angelsächsischen Kreuzeshymne eines Nachahmers 
Caedmons, das Evangelium Nicodemi, eine Stelle aus dem Redentiner Osterspiel von 
1464, 3 Gedichte des Ebstorfer Liederbuchs, ein niedersächsisches Lied des 15. Jh., 
den Sängerkrieg auf der Wartburg und das „Agnus Dei" des Nicolaus Decius. — 
Zwei Artikel über Johannes den Täufer''"®) blieben mir unerreichbar.®) — 

B. von der Lage^^**) vermutet, dass die Legende vom heiligen 
G e n e s i u s , jenem römischen Schauspieler, der vor Diocletian zum Qespötte die 
christliche Taufe darstellte und dabei, durch himmlische Eingebung bekehrt, den 
Märtyrertod erlitt, nicht römischem Boden entsprossen, sondern durch Vermittlung 
der Griechen aus dem Orient nach Rom verpflanzt worden sei. Die vom Vf. unter- 
nommene Durchforschung der Martyrologien ergab indes, nach eigenem Geständnis, 
keine positive Stütze für diese Ansicht. Wichtiger sind die Nebenergebnisse der 
Untersuchung, wie z. B., dass die Legende noch von anderen Heib'gen (Gelasius, 
Ardalio, Porphyrius, PhilemonJ erzählt wird usw. Für die Geschichte der Legende 
ist die Arbeit nicht ohne Wert. Darauf bauend wird ein Forecher mit besserer 
Methode und schärferer Logik zu sichereren Ergebnissen gelangen. In der Foilsetzung 
der Studie betrachtet Vf. die dichterischen Bearbeitungen der Genesiuslegende in der 
französischen Litteratur (Mystere, Desfontaines, Rotrou), in der spanischen (Lope de 
Vega, Cancer— Martinez — Rosete, Ripoll), in der italienischen (ein paar Titel und ein 
lateinisches Jesuitendrama eines Engländei« [sie!]) und in der deutschen (Gedichte 
von Blomberg, Oratorium von Löwe, Oper von Weingartner). In diesem Teil der 
Arbeit finden sich Unrichtigkeiten in den Daten und sonstigen Angaben, sowie 
mehrere Lücken. Die Anordnung des Stofl'es ist ungeschickt, die Darstellung wenig 
fesselnd. — 

T b 1 e r ^2j beschäftigt sich in anziehender Weise mit einigen Bearbeitungen 
der Legende vom h e i 1 i g e n J u 1 i a n (Mira de Amescuas „Animal profeta", Flauberts 
Legende de St. Julien THospitalier und ein altfranzösisches Gedicht, letzteres zum 
ersten Mal von T. veröffentlicht).* 3) — 

Die im Vorjahre besprochene Arbeit von Golz '*) über die Pfalzgi'äfin 
Genoveva fand mehrere Beurteilungen, von denen eine die Form der Arbeit 
tadelt, eine andere ein paar Ergänzungen bietet. — Görres*^) gelangt in einer Unter- 
suchung über die Entstehung der Legende zu den nahezu gleichen Ergebnissen 
wie Golz und Brüll (JBL. 1897 I 10 : 13), von denen er keine Kenntnis hatte. Er 
scheidet übemchtlich den ursprünglichen Kern der Sage und die späteren Zuthaten 
und prüft gründlich die echten und falschen Stätten der Legende. Schliesslich giebt 
er eine Besprechung des Golzschen Buches, das ihm im letzten Augenblick zur Hand 
kam, und trägt ein Kölner Puppenspiel sowie eines aus der Trierer Gegend und ein 
französisches Trauerspiel Genevieve de Brabant (1808) nach, das keine geringere als 
Madame de Stael zur Vf. hat. — Ueber Otto Ludwigs Genoveva-Fragmente, die 
bereits Golz beschäftigt hatten, handelt ausführlich, dieselben nach allen Seiten be- 
leuchtend und besonders ihre Beziehungen zu Shakespeare betonend, Krag er*®). — 
BrülP*^) endlich ist es gelungen, eine Abschrift des Seiniusschen Textes der 
Genovevalegende in Hontheims Nachlass aufzufinden und dadurch nicht nur die 
Identität des Hontheimschen Textes mit jenem nachzuweisen, sondern auch den 
Irrtum zu zerstören, dass der Text des Seinius von 1448 datiere, also älter sei als 
der von Johannes von Andernach. Seinius schrieb vielmehr erst 1542, fast 40 Jahre 
nach dem Tode des Johannes, und lieferte keine stilistische Verbesserung, sondern 
eine phrasenhafte Erweiterung des alten schlichten Textes. B. druckte beide ab.*®) — 



ohne Erwfthnnng aus.) — 3)XA. Wfinsohe, Alexanderg Zug nach d. Lebeneqaell (D. Alexanderroman in d. Liti): JbJ&dGL. 
1, 1898. S. 109-31. (W. behandelt aatiser Pbendo-Calliethenes d. persischen n. arabischen Versionen, d. talmndisohe n. e. 
syrische Erx&hl. n. 4 abendländische. Er hat also trott d. Arbeiten t. Eth6, N6ldeke u. besonders d. meisterhaften Leistnng 
T. W. Hertz keine Ahnnng t. d. Ansdehn. n. Verzweig, d. Stoffes.) - 4) X Chidher-Elias- Legende: LittEoho. 1. S. 565/6. — 
5) X ^- Ellinge r, Chidher: DWBl. 11, S. S06;8. (Wiederhoinng d. Ansicht t. G. Zart. [JBL. 1897 I 10:30.J) — 6) A. 
Frey he, D. Kreuzesbauro in d. dtsch., Insbesondere nieders&chs. Dicht.: AELKZ. 31, S. 349-54, 375-80. — 7) X I'- Rehse, 
Johanne» d. T&ufer in zwei neuen Dichtungen: DPBI. 80, 8. 114/9. — 8) X S. Goebel, Johannes d. Tftufer. Dichtung n. 
Wahrheit: BG1. 35. 8. 165-82. — 9) X Johanna u. Gust. Wolff, Ahasver. Mit Titelzeiohn. (auf d. Umschl.) t. Fidus. B., 
E. Ebering. 102 S. M. 2,50. — 10) B. v. d. Lage, Studien z. Genesiuslegende. 1. T. Progr. B., Gaertner. 1898. 4^ 
40 S. :[Romania 28, S. 158.J| — 11) id., Studien z Genesiuslegende. 2. T. Progr. ebda. 1899. 4«. 23 S — 12) A. 
Tobler. Z. Legende vom heiligen JuUanns: ASNS. 100, 8. 293-310; 101, 8. 99-110, 339-64: 102. 9. 109-78. - 13) X (JBL. 
1896 I 9:9.) i[F. Jostes: DLZ. 19, 9. 468-70; A. Leitzmann: ZDKG. 6, 8. 140: K. Zwierzina: ÖLBl. 6, 8. 397-400.]| 
— 14) (JBL. 1897 I 10:14.) 1[LCB1. S. 1000/1; A. E. Sohönbaoh: ÖLBl. 8, S. 76/7; J. Bolle: ZVLB. 18, 8. 410.]| — 15) 
Fr. GÖrres, Neue Forschungen z. Genovefasage : AnnHVNiederrh. 66, S. 1-39. - 16) U. Kr&ger, 0. Ludwigs GenoTcfa- 
Fragmente: Euph. 6, 1899, 8. 304-35. - 17) F. BrQll, D. Legende t. d. rfjilzgräfln Genovev.a. Progr. PrQm 4«. 21 8. — 
18) y O. ZAokler GenoTeva: KPTh. 6, 8. 514/6. — 19) K. J. Becker, A contribution to the comparative study of the 



A. L. Stiefel, Stoffgeschichte. 1898, 1899. 1 7 -.20.20 

Becker'*) studierte die Visionen von Himmel und Hölle im 
Mittelalter. Weit ausgreifend, zieht er die Visionen der Orientalen (Buddhisten, 
Brahmanen, Perser, Altes Testament, Buch Enoch, Neues Testament, Evangelium des 
Nicodemus), der Griechen usw. heran und betrachtet dann der Reihe nach die bei 
Beda berichteten Visionen der Angelsachsen, die mittelenglischen Visionen von 
St. Paul, von Tundalus, von des St. Patricius Purgatorium, die Vision des Mönchs 
von Eynsham und die von Thurcill. Bei der Bedeutung der Visionen von Himmel 
und Hölle in der deutschen Litteratur verdient die Arbeit, trotz ihres abgeschmackten 
Schematismus und anderer Mängel, hier eine Stelle. — 

Heldensag e.^®) Ueber die Hildebrandssage handelt ein Aufsatz 
Godarts^'), der, im wesentlichen auf deutscher Forschung (Uhland, Kögel, Symons, 
Jiriczek) beruhend, kurz die wichtigsten Gestaltungen der Sage vom Kampfe zwischen 
Vater und Sohn, die Verschmelzung dieser Sage mit dem Dietrich-Sagenkreis, das 
Hildebrandslied und seine späteren Umgestaltungen betrachtet. Betreffs der Herkunft 
der weitverbreiteten Sage vermutet G. „ä la fois Texistence d'un conte heroique aryen 
dejä developpe, et la possibilit6 d'emprunts et de rayonnements ult^rieurs qui, ä des 
epoques tres diverses, auraient propage le motif en dehors des peuples, en qui il 
s'ötait d'abord d6pos6". — 

In der Siegfriedsage, die in den letzten Jahren Gegenstand eifriger 
Studien geworden, machten sich zwei einander schrofT gegenüber stehende 
Anschauungen geltend: Die eine spricht der Sage jeden mythischen Charakter ab, 
während die andere die bekannten mythischen Deutungs versuche auffrischt. Von 
dem zweifellos richtigen Gedanken Müllenhoffs ausgehend, dass keine Sagengestalt, 
kein sagenhafter Zug von dem Orte getrennt werden darf, wo wir ihn überliefert 
finden, scheidet Mogk") scharf zwischen den nordischen und deutschen Quellen 
der Siegfriedsage und betrachtet alle darin vorkommenden mythischen Züge als 
Ausdruck poetischer Ausschmückung der betreffenden Zeit und des betreffenden 
Volkes. Insbesondere glaubt er, die grosse Zeit der Wikingerzüge mit ihren viel- 
fachen Anregungen habe die Wirklichkeit und mit ihr auch die alte Dichtung und Sage 
in eine höhere Sphäre gehoben — das sei das Charakteristische der eddischen 
Dichtung. Aber „altes ererbtes Nationaleigentum, das auf urgermanische oder auch 
nur altdeutsche Verhältnisse zurückgehe", sei es nicht. Brunhild ist eine Schildmaid, 
keine Walküre, denn diese ist ein rein nordisches Gebilde, Siegfried ist ein rein 
menschlicher Held, kein Gott, die Nibelungen sind ursprünglich nur ein Namen für 
die Burgunden usw. — In der Hauptsache schliesst sich dieser Anschauung Golther^^) 
an, der in einer eingehenden Prüfung der altnordischen und deutschen Versionen 
der Sage Halt und Stütze für seine Ansicht sucht. Auch er lässt, indem er die Ur- 
sage rekonstruiert, alles in rein menschlichen Verhältnissen vor sich gehen. So ist 
er z. B. überzeugt, dass die fränkische Sage auch eine frühere Zusammenkunft, ja 
sogar eine Verlobung Siegfrieds mit Brunhild kannte, er hält aber unbedingt daran 
fest, dass die Sage von der Erweckung der Walküre eine nordische Neubildung sei, 
dass diese W^alküre und Brunhild anfänglich ganz verschiedene Personen waren und 
erst von nordischen Dichtern verschmolzen worden seien. Die Kampfspielscene sieht 
er als eine jüngere, ganz überflüssige W^iederholung der Freierprobe an. Siegfried, 
glaubt er, habe Brunhilden auf Günthers Geheiss das Magdtum, ohne das sie nicht 
bezwungen werden konnte, geraubt, ihr den einst gegebenen Verlobungsring ent- 
rissen — von einem zweiten Ring könne keine Rede sein - und Günther zwar 
Geheimhaltung des Brautnachtvorgangs gelobt, aber das Versprechen durch Aus- 
plauderung der Sache an Grimhild gebrochen. So habe sich der Held zugleich an 
Brunhild und Günther schwer vergangen. Die Siegfried- und Siegmundsage gehören 
ursprünglich nicht zusammen, und dergleichen mehr. — Eine teilweise Widerlegung 
dieser mehr nüchternen Auffassung der alten Sage bildet der Hinweis Braun es 2*) 
auf die (für eine seltsame Felsbildung auf dem Feldberg im Taunus) schon 104H 
übliche und eine ältere Tradition voraussetzende Bezeichnung „Lectulus Brunnihildi'\ 
— Gleich Mogk und Golther und anderen trennt F. Kauf man n^^) die Sage vom [Inter- 
gang der Burgunder von der Siegfriedsage. Er lässt die Verschmelzung beider nicht 
über das 10. Jh. zurückgehen, scheidet zwischen der Siegmund- und Siegfriedsage und 
nimmt an, dass die deutsche Tradition von Siegfried im 10. Jh. in die norwegischen 
Traditionen von Siegmund eingemündet sind. Er wendet sich aber gegen Wilmans 



mftäleral fisions of heaven «nd hell with special referenoe io the middle-engl, Tersions. Disi. Baltimore, J. Maphy. 1ö99. 
100 S. - 20) X X 0. li. Jiriosek« DUoh. Heldensagen. Bd. l. Strassborg, TrQbner. 189S. XU, 331 S. M. 8,00. |[W. 
Oolther: LBlQRPh. 10, 8.360-71; A. Hensler: ZWolksk. 8, 8.101/3; A. Sohnllems: JBaPh. 1808, 8.885; A.B. Sohön- 
baoh: ÖLBl. 7. 8. 663/7; B. C. Boer: Mosexim 1800, 8. 828-80.]! - 21) A. Godart, La legende de Uildebrand: Revue anireraitaire 
8*, 8. 84-47. — 22) B. Mogk, D. german. Heldendicht mit besond. Rftokticht auf d. Sage t. Siegfried n. Branhild: NJbbPh. 
1, 1808, 8. 68-80. - 23) W. Golther, Ueber d. Sage r. Siegfried n. Nibelaagen: ZVLB. 12, 8. 180-203, 280-316. - 24) W. 
Braune, Brunhildenbett: BGD8. 23, 8. 246-63. - 25) F. Kaufmann, Z. Gesch. d. Siegfridsage : ZDPh. 31, 8. 6-23. — 26) 



1 7:27.3# A. L. Stiefel, Slofigeschichte. 1898, 1899. 

und Mogk und sieht in der ursprünglichsten (nordischen) Form der Siegfriedsage 
eine Drachen- und Hort- und zugleich Orakelsage. Der Drache ist der im Grab- 
hügel weilende Heros, der romantisch weiterwirkt. Nibelunc ist ein Verstorbener. 
Der Hort besteht einesteils aus dem Goldschatz, anderseits aus dem wunderbaren 
Schwerte, das seinem Träger Sieg, aber auch kraft des an ihm haftenden Fluches 
Tod bringt. Nibelungen sind später dieienigen, die das Nibelungenschwert zur Ver- 
fügung haben; so auch schliesslich Attifa. K. glaubt, es sei schon im Altertum die 
Meinung aufgekommen, Attila sei ein Nibelung, und dies dürfte den Anlass gegeben 
haben, die Sage vom Untergang der Burgunden an das Siegfriedmärchen anzureihen. 
Zur Stütze dieser Ansicht verweist er auf die von Priscus und Jordanes dem Attila 
angedichtete Schwertsage. — Diesen Anschauungen gegenüber beharrt Patzig^*) 
fest auf der mythischen Deutung der Siegfriedsage. Er weist auf Schwächen in der 
Darlegung Mogks hin und namentlich darauf, dass die Wikingerzeit nicht die 
geeignete Epoche war, um eine alte Sage in eine höhere Sphäre zu heben. Nicht 
das Reinmenschliche, sondern das Uebernatürliche sei das Ursprüngliche. „Aus den 
nordischen Fassungen ist das Rein menschliche der Gestalten Sigurds und Brünhilds 
nicht zu erschliessen." Der Flammenritt und die Walküre sind keine speciell 
nordischen Gebilde. P. gelangt zu dem positiven Ergebnis: „Die spätere Walküre 
war ursprünglich die im Morgenrot sich erhebende, die in dem Abendrot hinab- 
sinkende Sonne, Sigfrid aber ein göttlicher Held des lichten Tages, der die erste . . . aus 
der von leuchtenden Morgennebeln gestürmten Veste erlöst, um sie als Braut herauf- 
zufuhren und die zweite, wie sie von der glühenden Wolkenburg des Abendhimmels 
umfangen ist, befreit, aber nicht um sich selbst mit ihr zu vereinen, sondern nur 
um sie dem ungeliebten finstern Gatten und dem dunklen Tode zuzuführen, dem er 
selbst damit verfallen ist." „Der Drachenkampf ist eine Modernisierung der Erlösung 
aus der Waberlohe." Weitere Aenderungen der Mythe ergaben sich durch Anschluss 
an die Burgundengeschichte (Crotechildis und Aridius). Die Nibelungen sind die im 
Nebel, im Totenlande Wohnenden usw. — Ebenfalls für mythische Deutung der Sage 
tritt Cramer^'^) ein in der Fortsetzung der bereits früher (JBL. 1897 I 10:16) 
erwähnten Programmschrift. Die Sage von Siegfried und Günther ist nach ihm eine 
Weiterbildung des At^'vinenm^Mhus (Dioskurenmythus) verbunden mit dem Mythus 
von der Morgenröte, aber nicht diese, sondern der Morgenstern, als eine in den 
Strahlen der Morgenröte schlummernde Jungfrau gefasst, ist die Braut usw. Der 
Tod der Braut führte zur Verbindung des Agvinenmythus mit dem Mythus von der 
Abendröte. Hieran schloss sich später der Mythus von der Vermählung des Sonnen- 
gottes. Endlich folgen die geschichtlichen Anlehnungen der alten Mythen : Siegfried- 
Armin, Siegbert der Aeltere und der Jüngere ; Kriemhild-Ildico, Chrotochildis, Brun- 
hildis usw. — Dippe^^) sieht in Hagen die Verkörperung des fränkischen Major- 
domus, den fränkischen Königsmann in idealster Form. Auf seine Gestaltung haben 
Aetius, Wiomad, Aridius usw. Einfluss gehabt. Dieser heroische Charakter ist der 
ältere, der tückische finstere der jüngere. Die Heimat Hagens, Tronje, findet er in 
Kirchheim (Elsass, nordwestlich von Strassburg), das Anno 288 Nova Troja, später 
Tronia hiess. — G o 1 1 h e r ^^^ weist auf die Verwandtschaft in dem Verhältnisse 
Günthers und Siegfrieds zu Brunhild mit einem mingrelischen Märchen (mitgeteilt in 
„Georgian folktales", translat. by M. Wardrop, London, 1894) hin. Ich glaube indes, 
im Gegensatz zu G., dass die Aehnlichkeit eine zufällige ist, und insbesondere, dass 
eine Beeinflussung durch das Nibelungenlied in früherer oder späterer Zeit aus- 
geschlossen ist. — Auch Nehring^^) gelangt zu demselben Resultat.^^"^^) — 

Die von Jessy L. Weston'-^^) versuchte mythologische Deutung Gawains 
als „a solar divinity" und ihre sonstigen Ausführungen zur Sage erfuhren eine verdiente 
gründliche Zurückweisung durch W. Förster, der die Quellendurchforsohung 
seitens der Vf. als mangelhaft, die Methode als verkehrt, die Ausführung als 
dilettantenhaft bezeichnet. — 

H e r t z ^*) gab dem P a r z i v a 1 Wolframs von Eschenbach ein prächtiges 
modernes Gewand, wobei er mit Recht alles das in dem alten Gedichte wegliess, was 
für den Leser der Jetztzeit unverständlich und ungeniessbar gewesen wäre. Mit 
Meisterhand traf er sowohl hierin als in dem gewählten Versmass und im dichterischen 
Ausdruck das Richtige. Seine Nachdichtung ist oft eine stillschweigende Erläuterung 

H. Patzig, Z. Oesch. d. Siegfridsmythnii. Progr. B., Oaertner. 40. 81 S. — 27) W. Gramer, Krimhild. H, 1. Progr. 
Colmar. 1898. 4<>. 42 S. — 28) 0. Dippe, Hagen ▼. Tronje. Progr.« Festsohr. d. Oymn. sa Wandebeck. 4^ 8 S. — 29) 
W. Qolther, E. mingrelischeB Siegfriedm&rchen : ZVLB. 13, S. 46-60. — 30) W. Nehring, AnkUnge an d. Nibelangenlied 
in raingrelisehen Hftrohen?: ib. S. 899-401. — 31) X K. Landmann, Wiedererweck, d. dt«cb. Heldensagen im 19. Jh.: 
ZDÜ. 18, S. 155-205. (Betrachtet d. Bestandteile r. Jordans „Nibelangen*' In Hinsicht auf ihre Qaellen n. Vorbilder.) 
— 32) X M. V. Do f an r et, Les Tariantes allemundes de 1a legende de Roland: BPL. 12, S. 413^6. - 33) Jessy 
L. Weston, The legend of Sir Oawain. Stadies npon its original scope und signiflcance. London, Natt 1897. 12<>. 
XII 8. |[W. Förster: ZF8L. 20«, S. 95-103.]| - 34) W. Hertz, Parzivul t. Wolfram ▼. Kschenbach. Neu beurb. 



A. L. Stiefel, StolTopschichte. 1898, 1899. I 7:35.:{{) 

einer schwierigen Stelle. H. vereinigt eben in sich in ungewöhnlichem Masse alle 
für einen Uebersetzer nötigen Eigenschaften. Erhöhten Wert erhält sein Buch durch 
den 137 Seiten langen Anhang. Was der gelehrte Vf. darin auf 44 Seiten über die 
Sage von Parzival und dem Ural gedrängt, aber doch klarr und übersichtlich dar- 
bietet, ist eine lichtvolle, völlig orientierende Behandlung des StofiTes in allen seinen 
Entwicklungsphasen. Hierbei verdient die Vorsicht und weise Zurückhaltung unseres 
gewissenhaften Forschers heiklen Fragen gegenüber besonders betont zu werden. 
Nicht minder wichtig als dieses sagengeschichtliche Kapitel sind die 250 Anmerkungen 
zum Gedichte, die eine erstaunliche Fülle sachlicher Erläuterungen, u. a. auch 
kultur- und litterarhistorischen Inhalts bringen. Ich erwäline hier nur die stoffgeschicht- 
lichen Anmerkungen. Sie behandeln: die Stammsage von Anjou (S. 473), dio Treue 
der Turteltaube (S. 475), halbfarbige Leute (S. 475 ff.), Blutstropfen im Schnee (S. 509), 
das Einhorn (S. 526 ff. J, das Wunderbett (S. 535), Klinschor (S. 538) und den Schwan- 
ritter (S. 549). IJeberall heimisch, stets tief eindringend und den Gegenstand bis ins 
einzelnste beherrschend, reisst H. uns immer wieder zur Bewunderung fort. — 
Wechsler'^) giebt auf Grund fleissiger Studien eine brauchbare Entwicklungs- 
geschichte der Gralsage in ihren verschiedenen Gestaltungen (die alte Legende, die 
Heldensage von Parzival, des Crestiens von Troyes Conte del Graal und Guiot- 
Wolfraras Parzival, die grosse Litteratur der Gralromane, R. Wagners Parsifal). 
Hieran reiht er eine Anzahl von Exkursen, in denen u. a. die Vorgeschichte und die 
Heimat des Grals, die lateinische Grallegende, Robert von Borrons und des W. Maps 
Gralcyklus, der mittelenglische Sir Percevall, die französischen Artusromane vor 
Crestien, Guiot und Wolfram, die Quellen des Parsifal usw. behandelt werden. End- 
lich enthält das Buch eine 20 Seiten lange Bibliographie der Grallitteratur, die, wenn 
auch nicht erschöpfend, doch von Nutzen ist. W. hat die Geschichte der Sage an- 
ziehend und übersichtlich dargestellt, und soweit er die bisherigen Forschungsergeb- 
nisse wiedergiebt, kann man ihm beistimmen. Dagegen bieten, wie verschiedene 
Kritiker, vor allen Blöte, gezeigt, seine Exkurse vielfach Ausführungen, in denen 
der Vf. die Bahn besonnener Kritik verlässt und sich zu waghalsigen Kombinationen 
versteigt, oder Behauptungen aufstellt, die als einseitig oder direkt falsch bezeichnet 
werden müssen. So tadelt Blöte mit Recht, dass W. nicht nur die Person Kyots als 
sicher hinstellt, sondern auch mit Zuversicht behauptet, Wolfram habe nur Kyot 
benutzt. Er untersucht die von W. angegebenen unumstösslichen Gründe und findet, 
dass sie nicht stichhaltig sind. J e s s y L. W e s t o n hat an dem Buche sehr viel 
auszusetzen — die Einzelheiten würden hier zu viel Raum einnehmen — worin sie 
zum Teil recht hat, mehrfach aber über das Ziel hinausschiesst. Der Recensent im 
LOBl. findet, dass die Anschauungen des Vf. über Sagenbildung usw. einer Revision 
bedürfen. G o 1 1 h e r vermisst in der Entwicklungsgeschichte des Gral Immermanns 
Merlin und hat Bedenken gegen die Bibliographie. Er begrüsst es freudig, dass 
W. den Parsifal mit geschichtlichem und künstlerischem Verständnis behandelt, 
bemängelt aber, dass seine Kenntnisse — wie seine Zweifel und wunderlichen Irr- 
tümer zeigen — hier noch sehr wesentlicher Ergänzung bedürfen. — 

Von solchen Zweifeln und Irrtümern betreffs R. Wagners hält sich Nover^*) 
in seiner Behandlung der Lohengrin sage vollständig fern, wenn er z. B. von 
„den überirdischen Sphärenklängen im Lohengrin" spricht und ausruft: „Nicht von 
dieser Welt sind die Töne." In der Behandlung der Sage indes, die ganz auf Golthers 
vortrefflicher Arbeit (Roman. Forsch. 5, S. 103—36) beruht, bietet er nichts Neues. — 

G o 1 1 h e r ^') verfolgt, ausgehend von Crestien von Troyes, die Tristan- 
dichtungen in ihren Hauptgestaltungen. In des W. Hertz Neubearbeitung von 
Gottfrieds von Strassburg „Tristan und Isolde" begrüsst er das vollkommenste 
Tristanepos, „worin die volle poetische Kraft des mittelalterlichen Gedichtes der 
Gegenwart zu unmittelbarem Genüsse dargeboten wird". In Wagners Tristan erblickt 
er sein grösstes Werk, was er geschichtlich zu begründen sucht. „Der Tristanstoff 
bietet alle Voraussetzungen, nicht nur um die Mitwirkung der Musik zu fordern, 
vielmehr aus der Musik heraus gestaltet zu werden. W^agner löste meisterhaft diese 
Aufgabe. In der Musik, in der Sprache des unmittelbaren Gefühls findet auch die 
Wortsprache des Tristandramas ihre Rechtfertigung. Dem bezopften Philologen und 
Litteraten mag sie wunderlich dünken." Ich fürchte, dass dio Zahl dieser „Bezopften" 
immer eine sehr grosse bleiben wird.*®"^®) — - 

St., CotU. 189S. 658 8. M. 0,60. i[0. Behaghel: LBlORPh. 10. 8. 262/8; Romania 27, S. 388; W. Oolther: KeaphilRa. 2. 
S. 1/3; A. E. Sehönbaoh: DLZ. 1898, 8. 807-11.]| - S5) B. Wechsler. D. Sage vom hei). Oral in ihrer Entwiokl. bis aof 
R. Waffners Pariifal. Halle, Niemeyer. 1898 X, 212 8. M. 8.00 l[Je88y L. Weaton: Folklore 9, 8. 346-61; W. Oolther: 
LBlGRPh. 20, S. 16/8; LCBl. 1899, 8. 27/8; E. Stengel: ZF8L. 2l", S. 8-11; J. F. D. Blöte: ADA. 25, 8.848-60; SaUerda 
de Orave: Maieam 7, S. 53; F. Sa ran: JBQPh. 1898: 7, N. 106.J - 36) J. Nover, D. Lohengrinaage u. ihre poet. Oe- 
»taltang. (= 80 WY. M. 812.) Hamburg, Yerlagsanat 1899. 85 8. M. 0,75. - 37) W. Oolther, TriiiUn n. Isolde im Gpo!*, 
Drama u. Bild: BOhne u. Welt 1, 8. 921y8. — 38) X Th. Waldemar , Tristan a. Isolde: DBöbneng. 26, 8. 43S. - 39) X 
Jahresberichte für neuere deatsohe liitteraturgesohichte. X. (1)9 



I 7:40 48 A. L. Stiefel, Stofifpreschichte. 1R98, 1899. 

Zu der Geschichte von Carados und der Schlange in der ersten 
Fortsetzung zu* Crestiens „Perceval le Gallois" weist Harper^^J drei weitere 
Versionen nach, eine im Renart „le Contrefait", eine in der Ballade „The Queen of 
Scotland", die dritte in CampbeÜs „Populär Tales of the West Highlands". — 
Paris^*) griff das Thema auf, um es, wenn auch nicht zu erschöpfen, so doch zu 
tbrdem. Er wies auf die deutsche Bearbeitung der Perceval-Fortsetzung durch Claus 
Wisse und Ph. Colin hin. Er schied in der Erzählung 3 Teile: Der erste, eine Er- 
zählung keltischen Ursprungs, bildet auch den Inhalt des Romans Qauvain et le vert 
Chevalier und kommt ferner im „Humbaut", in „I^ Mule sans frein" und „Perlesvaus" 
vor, der zweite ist die Geschichte mit der Schlange und der dritte das weitverbreitete 
Märchen „du Manteau mal taill6". P. macht mehrere treffende Bemerkungen über 
die zweite Erzählung, besonders über das Verhältnis der keltischen Versionen zu den 
französischen und gelangt zu dem Ergebnis, dass die Erzählung schottischen 
Ursprungs ist. — 

Mittelalterliche und neuere Sage. Paris**) handelt in geist- 
voller Weise, anschliessend an den bereits (JBL. 1897 I 10 : 23) besprochenen 
Aufsatz von Söderhjelm, zunächst über Antoine de la Sales „Salade" und den 
Mont de la Sibille. Er ergänzt die Mitteilungen Söderhjelms durch den 
Hinweis auf eine Stelle in der „Descrizione di tutta lltalia" (1550) des Fra 
Leandro Alberti, die von holländischen Geographen des 16. Jh. wiederholt 
worden ist, auf eine Anspielung bei Aretino und erwähnt endlich einen bisher 
wenig beachteten Vortrag von A. von Reumont (gehalten 1871, gedruckt 1880 in 
„Saggi de Storia e Lett.", Firenze), worin bereits die Sage vom Monte de la Sibilla 
mit der Tannhäuser sage verglichen wird. — In einem anderen Artikel 
kommt Paris*^) ausführlich auf dieses Verhältnis zu sprechen. Er würdigt zuerst 
das Meisterwerk R. Wagnei« und dann die Tannhäuserdichtungen des 15. Jh., 
besonders aber das Tannhäuserlied. Im Gegensatz zu Reumont und Söderhjelm 
leugnet er die deutsche Herkunft der Sage, da sie sich in Deutschland nicht über 
das 15. Jh. zurück verfolgen lasse, während sie in Italien (im Guerino Meschino) 
schon im 14. auftrete. Was die Anknüpfung der Sage an den Minnesänger anbetrifft, 
so meint P.: „les plus anciennes poösies, oü apparaisse la legende, sont composees 
dans le long ton de Tannhäuser et Tintroduction de ce nom dans la merveilieuse 
histoire n'a peut-etre pas d'autre cause.'' „La legende du Tannhäuser remonte ä la 
legende du Monte della Sibilla." Uebrigens hält er die Sage für „l'adaption aux 
idles chr^tiennes d'un thöme antörieur au christianisme. Ce theme parait de formation 
celtique". Das letztere gedenkt der berühmte Vf. in einer umfassenderen Arbeit zu 
zeigen. — Klu^e**) weist an der Hand verschiedener Zeugnisse nach, dass der 
Venusberg eine mi 15. und 16. Jh. unter den fahrenden Schülern geläufige Bezeich- 
nung gewesen, und dass dieser sowie der Tannhäuser in Italien zu suchen und mit 
dem Berg der Sybilla identisch sei. Auch er ist der Meinung, dass die Sage vom 
Süden zu uns gekommen. Die Rolle des Stabes und des getreuen Eckhart betrachtet 
er als spätere Anwüchse. Ueber die Entstehung der Sage legt K. die Ansicht 
Baists vor, der eine Verquickung der Sybillensage mit dem Glauben an berg- 
entrückte Helden als Grundflage ansieht. — Mit ungenügender Sachkenntnis und 
moderne Anschauungen ins Mittelalter verpflanzend, sucht T h ü m m e M*) die innere 
Verwandtschaft der Sagen vom ewigen Juden, vom Ritter Tannhäuser und Parzival- 
Gral, die „alle drei aus England stammen" (?), zu erweisen und findet bei allen drei 
Sagen in den wechselnden Formen ihrer Gestaltung das Beispiel dafür, wie eine in 
einem Volke neu auftauchende, mehr oder weniger tendenziöse Kunstdichtung die Stoffe 
alter Volksdichtungen für ihre Zwecke umzugestalten und auszubilden sucht.**"**^) — 

Der Jesuit B a u ni g a r t e n *^J weiht eine eingehende Betrachtung dem Cid, 
dessen geschichtliche Persönlichkeit er nach den besten Historikern skizziert. Er 
bespricht hierauf das lateinische Gedichtsfragment (mitgeteüt bei Du M6ril „Poösies 
populaires"), die Cronica rimada, das Poema del Cid und die Romanzen. Dagegen 
speist er mit ein paar Worten die Dramen von (]^uillen de Castro und CorneiUe ab. 
Diamante nennt er nicht einmal, ebenso wenig die Cid-Dichtungen anderer Völker. 
Nur Herder erfährt eine liebevolle Würdigung. — Zu einer weitverbreiteten Sage, 
zum Traum vom Schatz auf der Brücke, die schon mehrere Forscher 



(JBL. 1897 1 10:19: 1898 1 5:264.) IfA. E. SohAnbaoh: ÖLBl. 7, S. 290-801 (bespr. T. 2).J| - 40) 0. A. Uarper, Candoi 
Hnd the lerpent: MLN. 18, 8. 418-81. — 41) 0. Parii, Citrmdoi et le serpent: Bomania 28, 8. 214-81. ~ 42) id., Le paradis 
de la reine Sibylle: RPari«. 1897: 4\ 8. 763-86. — 43) id., U legende de Tannhnaier: Ib. 1898 (16. Mftn), 8 807-25. - 44) 
F. RUge (n. 0. Bai et), D. Venneberg: AZg". 1398, N. 66/7. - 45) 0. Thflmmel, HAIlohe. Volksaagen als Ansdraok relig.- 
polit. KAmpfe. (« SQWY. N. 294.) Hamburg Verlagsanat. 1898. 88 8. M. 0,75. — 46) X I^'- Tel ob mann, Neuere Beitrr. 
s. Fastradaiage: ZAaehenOY. 20, 8. 229-46. (Faeit nur d. Brgebnisie d. anaftthrt. Beoenslonen t. Q. Paris (JSaT. 1896, S 687-43, 
718-80; Tgl. JBL. 1897 I 10:91] n. Deniniiann fRomania 1896, 8. 612/7J tnsamreen, ohne neues Mateiial hinsntufBgen.) - 
47) X A. P. Franiberg, D. Ring d. Königin. Sohausp. mit gesehiohtl. Bemerkungen Aber d. Sage. 81, Franokh. 
III, X, 82 8. M. 1,20. (Blieb mir unerreiohbar.) - 48) A. Banmgarten S. J., D. Cid in Oesoh. n. Poesie: StML. 64. 8.32-45, 



A. L. Stiefül, Stüffg-esohichte. 18Ü8, 1899. 1 7:4ooö 

beschäftigt, weist Chauvin^*) auf eine arabische Version hin, die mindestens ins 
10. Jh. zurückgeht. Da auch der Karlraeinet die Geschichte in Verbindung mit dem 
Orte Balduch (= Baldash-Bagdad) bringt, so glaubt Ch., dass sie orientalischen Ur- 
sprungs sei. Basset trägt eine moderne arabische Version naoh.^<^"^*) — 

Mehrere kleinere Arbeiten und Artikel der beiden Berichtsjahre gelten der 
Faustsage. Bolte*^) veröffentlichte ein Meisterlied des Nümbergers Fritz Beer, 
das das 42. Kapitel des Faustbuches (von den vollen Bauern) reimt, und das ca. 1588 
geschrieben zu sein scheint. Ferner druckte er eine Stelle aus einem imgedruckten 
langatmigen Gedichte eines Thüringers, Viktor Perillus, vom J. 1592 ab, worm von 
Faust die Rede ist. — Hauffen**) macht auf eine Stelle in der Streitschrift des 
J. Nas „Chartaoeae Lutheranorum Concordia" (1581) aufmerksam, in der eine bisher 
unbekannte Faustsage erzählt wird. — K r a u s ^*) verficht Tille gegenüber die 
Ansicht, dass der Böhme Zyto ein Vorbild des Faust sei und stützt sich darauf, dass 
die „Ilistoria bohemica", in der Dubravius von Zyto berichtet, schon 1552 erschienen 
sei. Die Sache dürfte damit indes noch nicht endgültig entschieden sein. Dankens- 
wert ist dagegen, was K. über das verschollene Faustbuch von Charchesius (1611) 
und über ein böhmisches Faustlied sagt, das er für die Vorlage des Volksliedes I 
(bei Tille), nicht umgekehrt, hält. Er ist endlich der Meinung, dass das böhmische 
Puppenspiel von Faust nicht von jenem böhmischen Lied beeinflusst, sondern 
direkt aus dem deutschen Puppenspiel übersetzt sei. — Während M i 1 c h s a c k 
in einer Besprechung der „Nürnberger Faustgeschichten"^^) — die an Kluge 
einen gerechten Beurteiler gefunden — in unerquicklicher Weise gegen deren 
Herausgeber, W. Meyer, polemisierte, erfuhr seine Ausgabe der „Historia 
D. Johann Fausts"^«) Beurteilungen durch Karsten, Kluge, Singer, 
Witkowski, Ellinger und C u 1 1 i n g , in denen die Vorzüge und Mängel der 
Publikation klargelegt wurden. — Wichtiges Material zur Faustsage lieferte Till e**^) 
mit seinen Faustsplittem, die, anhebend mit Trithemius (1507), alle Erwähnungen 
Fausts in deutschen, französischen, englischen, holländischen und italienischen Hand- 
und Druckschriften, welche anderen Stoffen gewidmet sind, umfassen und in den 
beiden Berichtsjahren bis 1740 geführt sind. — 

Ausgehend von den Liedern Brentanos und Heines verfolgte See lig e r*®) 
die L r e 1 e y sage in der Liederdichtung (Loeben , Eichendorff , Müller von 
Königswinter, Simrock, W. Genth, A. von Stolterfoth, A. Henninger, W. Fournier, 
Immanuel, J. B. Berger, F. Mapes, Seidler, Henriette Heinze, L. von Seil, Eichrodt, 
Carmen Sylva, Fr. Förster und ihre „Vertoner"), in der Epik (L. Werft, J. Wolff, 
Mary Koch und G. Freudenberg) und im Drama (21 Opern und 5 Dramen). S. lässt 
es unentschieden, ob die Loreleysage wirklich „ein Märchen aus alten Zeiten" oder 
eine moderne Erdichtung sei.'^®) — 

Die nordische Sage von dem Wanderer Rigr (Entstehung der Stände), die 
Erzählung von den ungleichen Kindern Evas und Schillers Gedicht „die Teilung der 
Erde" boten P. Richte r*®) das Material zu einer „Studie über das soc ial e 
Problem in deutscher Sage und Dichtung". Der Vf. bringt wohl ein paar 
nicht üble Gedanken, aber ungenügend mit der Stoffgeschichte der beiden Erzählungen, 
namentlich der zweiten bekannt, bietet er zahlreiche Unrichtiffkeiten und verkehrte 
Ansichten.**) — Verdam*^) beschäftigte sich mit der Geschichte des Stoffes von 
Schillers „Gang nach dem Eisenhamme r", ohne indes neues Material 
beizubringen. — 

W. von W u r z b a c h •*) behandelt Stoff und Quelle von Stollbergs 
„B ü s s e r i n", ohne die Nachweise bei Benfey (Pantschatantra I, 449) und Oesterley zu 
Gesta Romanorum c. 56 und zu Pauli 223 zu kennen. Er weist auf Ueberein- 
stimmungen zwischen Stollberg und dem Heptameron N. 32, der Quelle des deutschen 
Dichters, hin und möchte die Erzählung von der bekannten Geschichte von Alboin 
und Rosimunda ableiten, was ich indes für verfehlt halte. Zahlreiche Unrichtigkeiten 
entstellen den Artikel. — Zum gleichen Stoff trägt Euling«*) die 8. Erzählung 



429-44, 605-21. — 49) V. Chauvin (a. R. Basset), Le r«Te do tr^sor lur le pont: STP. 18, S. 108/6; 14. S. 111. [Romanla 
28, S. 166.JI - 50) X (IV 9:146.) irJBGPh. 19, 8. 50.]| - 51) X (IV 9:146.) - 52) J. BoUo, Zengniue s. Faostiage: 
Enph. 6, S. 679-82. — 53) A. Hanffen, Z. FanslMge: ib. 5, 1898, 8. 468/9. — 54) E. W. Kr ans, Faoatiaaa aas BAhmen: 
ZVLR. 12, S. 61-92. - 55) (JBL. 1895 I 9:13) |[0. Milohaaok: ZYLB. 12. S. 108-42; F. Klnge: LBlOBFh. 19, S. 180/8.]', 

- 56) (JBL. 1897 lY 8e:132.) |[0. E. Karsten: JQFh. 1, 8. 87&-88; F. Klnge: LBlGRPh. 19, S. laijS; 8. Singer: ASNS. 
100, & 388-91; 0. Witkowski: Enph. 5, 8. 741-68; G. Ellinger: HZ. 45, 8. 486/8; 8. W. Cntting: MLN. 18, 8. 109-28.JI 

- 57) AI. Tille, Fuastbftoherei. I. Weimnr, Felber. XIX 192 8. M. 6.00. (Vgl.: Zukunft 24. 8.266/8.) - 58) H. Seeliger, 
D. Loreley-Sage in Dichtung u Musik. L.-Rendnits, A. HoAnann. 1898. 1 18 8. M. 2,00. - 59) X J- ('^ ^ « » ^ ^ D. dtsoh. Loreleysage : 
LittEcho. 1, 8. 1232. - 60) P. Richter, D. Teilung d. Erde. E. Studie Aber d. sociale Problem in dtsoh. Sage n. Dicht.: Jb. fAr Ge- 
setageb., Verwalt. u. Volkswirtsob. im dtsoh. Reiche 23', S. 26-49. — 61) X K- "^ * <^i> ^ > ' . BArgers Leonore u. ihr verwandte TorwArfe in 
d. enropftischen u. rnss. Volkspoeeie: ZVLR. 18, 8. 224-31. — 62) J. Yerdam, Mel. bewerkicgen der stof von Schillers .Gang 
nooh d. Eisenhammer«: HMMNedL. 2, IS98_99, 8 8-26. - 63) W. ▼. Wursbach, Stollbergs Ballade ,D. BAssende" (Stoff 
u. Quelle): Euph. 6, 8. 84-90. - 64) K. Euling. D. glAclUiche Ehepaar: ib. 8. 462/5. - 65) H. Tardel» Yergleioh Stadien 

(1)9» 



I 7:66.74a A. L. Stiefel, Stüfl'geschichte. 1R98, 1890. 

Kaufringers nach. Was er sonst noch anführt, geht auf Benfey und Oesterley zurück. 
— Zu mehreren Gedichten Chamissos, welche Sagen behandeln, wie die 
Jungfrau von Stubbenkammer, die Männer im Zobtenberg, der Birnbaum auf dem 
Walserfeld, die stille Gemeinde, die Sage von Alexandern und zu der Hobinsonade 
Salas y Gomez giebt Tardel*^) die Quelle an oder weist auf andere Behandlungen 
der Stoffe hin. — Reuschel*®) berichtigt die Angabe Tardels betreffs der Jungfrau 
von Stubbenkammer, indem er die Quelle in den von I^thar herausgegebenen Volks- 
sagen und Märchen (1820) S. 67 ff. nachweist. — 

Dramenstoffe. Einen eigentümlichen Versuch machte Raube r •'). 
Die M e d e a des Euripides für die Tragödie des Ehebruchs (?) haltend, die vom 
Manne verschuldet, vom Weibe gerächt wird, betrachtet er sie vom biologischen 
Standpunkt, d. h er entwickelt daran seine extrem monogamistische Anschauung, 
die in dem Satze gipfelt: Einer für Eine, Eine für Einen. Er zieht ausser der 
Medea noch die Helena, die Trachinierinnen, den Agamemnon, sowie von neueren 
Dichtungen — nicht etwa die Bearbeitungen der Medea, sondern — „Miss Sara 
Sampson", „Emilia Galotti", „die W^ahl Verwandtschaften" und „Stella", Tolstois 
„Kreutzereonate" und „Anna Karenina", Ibsens „Rosmersholm" und „Nora (?)", 
Björnsons „Handschuh" und „Paul Lange" heran, um seine Theorie an ihnen zu 
veranschaulichen. Sein litterarisches Rüstzeug ist dürftig, seine Ansicht mitunter 
von einer köstlichen Naivetät. Mag man über sein Buch vom biologischen Stand- 
punkt aus denken, wie man will, vom litterarischen aus ist es wertlos. — Die umfang- 
reiche Studie Mallingers®^) über die Medea blieb mir leider unerreichbar.®^'*) — 

W i c k '2) widmete eine ausführliche Arbeit den dramatischen Bearbeitungen 
dtjr biblischen Erzählung von Tobias in Deutschland. Er verfuhr chronologisch 
und suchte daneben die Beziehungen der Bearbeitungen unter einander anzudeuten. 
Er behandelt eingehend die hierher gehörenden Dramen von H. Sachs (1533), 
H. Ackermann (1539), Wickram (1551), Th. Brunner (1569), Schonaeus (1569), Sollinger 
(1574), Rollenhagen (1576), Th. Schmid (1578), B. Crusius (1585), J. Ment (1586), M. 
Böhme (1618), G! Gotthardt (1617—19), D. Friderici (1637), Reimann (1641), Gh. Weise 
(1683), 2 anonyme Stücke und 7 Jesuitenperiochen. Von 10 verlorenen Dramen 
giebt er die Titel an. Man vermisst an der Arbeit eine zusammenfassende Betrachtung, 
auch hat der Vf. sein Thema nicht erschöpft. Die Inhaltsangaben des immer gleichen 
Stoffes sind von tödlicher Langeweile. — 

S c h w a r t z '^) trägt zu seiner Monographie über die Esther dramen der 
Reformationszeit (JBL. 1893 I 10 : 35; 1897 I 10 : 36) noch ein Stück des Chr>^sostomus 
Schnitze von 1636 nach (hs. in der Breslauer Stadtbibliothek), dem er eine allzu 
ausführliche Betrachtung schenkt. Was Seh. nebenher, anknüpfend an eine Er- 
zählung des Narren im Stücke, Stoffgeschichtliches zu der Fabel Lafontaines „la 
laitiere et le pot au lait" mitteilt, ist durchaus unzureichend. — Duschinsk y^*) 
findet den Einfluss Lope de Vegas auf (xrillparzers Esther geringer als Farinelli, er 
glaubt an eine starke Einwirkung des Marquis von Posa auf den Charakter der 
Esther und hält es für wahrscheinlich, dass das Fragment ein Toleranzdrama werden 
sollte. Die Selbständigkeit des Dichters sei grösser als Farinelli zugiebt. — 

Der Don Juan- Sage ist seit und teilweise infolge der grundlegenden 
Arbeit Farinellis (JBL. 1896 I 9 : 25) in den letzten Jahren wiederholt Aufmerksamkeit 
zu teil geworden. Fastenrath''**) übertrug Zorillas 1844 geschriebenen Don 
Juan in deutsche, oft recht harte Verse und schickte seiner (Jebersetzung eine 
97 Seiten lange Einleitung voraus, in der er sich über die Geschichte des Stoffes, 
auf Grund der Untersuchung Farinellis, verbreitete. Er wendet sich mehrfach 
polemisch gegen letzteren. So gebahii; er sich skeptisch gegenüber seiner Ansicht, 
dass die Don Juan-Sage vom Norden nach Spanien gekommen, und hält vor wie nach 
an der Autorschaft Tirso de Molinas für den „Burlador de Sevilla" fest. Seine stoff- 
geschichtlichen Ausführungen, die nicht frei von Ungenauigkeiten, Irrtümern und 
Lücken sind, bieten nichts wesentlich Neues. Das Beste ist noch, was er über Zorilla 
und sein Drama sagt. — Bolte*^^) schliesst sich Farinellis Ansicht über den 

za Chamissos Qediohten: ZYLB. 13, S. 113-34. (Vgl. IV 10:72.) - 66) K. Kenschel, D. Qoelle t. Chamissos Gedicht „D. 
Jungfrau ▼. Slnbhenliammer*' : ib. 8. 514/6. (Vgl. IV 10:73) — 67) A. Ran her, D. Medea d. Earlpides im Lichte biolog. 
Fortichnng. L.. A. Georgi. 1899. HO S. Mit 12 erl&nt. Textfigaren. M. 2,00. — 68) L. Ma Hinge r, Med«e. ^tade de 
litt, coinparde. Paris, Fonteroaing. X, 418 S. — 69^ X C. Haemer, D. Sage ▼. Orest in d. trag. Dioht. Progr. Lins. 1896. 
34 S. ifJ. Rappold: ZOG. 60, 8. 180/1.J| - 70) XK. F. BargetsVi, Dido in d. Gesch. u. in d. Dioht Prd|r. Wien. 1898. 
16 S. IIS. Oberländer: ZRealsohulw. 24, 8. 749.50.]| — 71) X N. Lebermann, Belisar in d. Litt. d. roman. n. german. 
Nutionen. Dib«. Hamburg, A. Gutmann & Co. 1S1I9. 118 8. (E. st&roperhafte, in jeder Bezieh, nngenflgende Leistang.l — 
72) Aug Wick, Tobias in d. dr.imat. Litt. Deutschlands Diss. Heidelberg. PfefTer. 1899. 158 8. (Vgl. II 4 : 20.) — 73) R. 
.Schwartz, Kbther im dtsch. u. neulatein. Drama d. Reformationszeitalters. 2. Aufl. Oldenburg, Schulze. 1898. VlI, 807 8. 
M. 4,0Ü. llHambCorr". 1899, N. 3.J| - 74) W. Duschinsky, Ueber d. Quellen n. d. Zeit v. Grillparzers Esther: ZOG. ÖO, 
8. 961-73. (Vgl. IV 4:348.) - 74a) Jose /.orilla, Don Juan Tenorio. Relig.-phantast. Drama. Verdtscht. u. mit e. Yorw. 
ftber d Don Jaan-8age versehen ▼. J. Fastenrath. Dresden, C. Reiskner. 1898. ClI, 20d 8. M. 8,00. I[.S. Samosoh: 
T.'URrhn. 1. 8. 52j^; ib. 8. 666; LCBl. 1898, 8. 1763/4; DDichtung. 24, S. 160/2; A. Geiger: Nation 15, 8. 548-62; F. Held: 



A. L. Stiefel, Stoffci-eschichte. 18fiR, 1899. I 7 : 75-84 

„Burlador" vollständig an und glaubt insbesondere, dass der Dichter, „der wohl nicht 
in dem Madridör Mönche Gabriel Tellez, genannt Tirso de Molina, zu suchen ist", 
die Elemente der Handlung aus verschiedenen Qu eilen entlehnte und zusammenschweisste. 
Er weist auf die Leontiussage hin, die, mit der Burladorfabel verwandt, bereits 1615, 
15 Jahre vor dem Drucke des spanischen Stückes, zu Ingolstadt eine dramatische 
Bearbeitung von einem Jesuiten erfuhr, späterhin noch öfters (Rottweiler Jesuiten- 
drama von 1658, eines von Neuburg a. D. 1677, ein Drama von Kolczawa, ein 
Dillinger Schuldrama, eines von Kiennast 1760 usw.) dramatisiert und ausserdem 
erzählt wurde. B. meint, die Sage sei italienischen Ursprungs. Des weiteren verfolgt 
er die verbreitete Fabel von dem zu Gaste geladenen und die Einladung erwidernden 
Totenschädel, die in vielen Varianten, sei es mit glücklichem, sei es mit tragischem 
Ausgang, häufig mit der Idee von dem unbewussten Verschwinden von Jhh. verbunden, 
auftritt. B. schliesst nun, der spanische Dichter schöpfte aus einer gedruckten 
Version der Leontiussage. Dass er statt des Totenschädels eine Bildsäule aufnahm, 
dürfte möglicherweise durch den Einfluss von Lope de Vegas „Dineros son calidad*' 
geschehen sein. Ich kann dem Vf. nur beistimmen, wenn er selbst erklärt, dass 
diese Untersuchung noch nicht zu einem festen, greifbaren Ergebnis über die Quellen 
geführt habe, ich glaube nicht einmal, dass „die allgemeine Richtung, in der man 
diese suchen muss", deutlicher als bisher hervorgetreten ist. Auch halte ich die 
Autoi^schaft Tirso de Molinas noch nicht für unumstösslich beseitigt. '^•) — Ohne 
Kenntnis von der bisherigen Forschung zu haben, behandelt Worp'*^) die Don 
Juan-Dramen in den Niederlanden. Die von ihm angeführten Stücke habe ich bereits 
bis auf eines — Yede Turjens „den trotsen Edelman" 1709 — im LBlGRPh. 11, 
S. 77 angegeben. — In ähnlicher Weise, wie oben die Medea, behandelte Räuber*^*) 
die Don Juan-Sage vom biologischen Standpunkte. Auf eine längere litterarhistorische 
Studie lässt er seine oben charakterisierten biologischen Darlegungen folgen. In jener 
fusst er auf Karl Engels 1887 erschienenem oberflächlichem Buch, dessen sinnlose 
Irrtümer er getreulich wiederholt; spätere Arbeiten, wie die von «Simone Brouwer, 
Farinelli usw., kennt er nicht. — 

Unter Benutzung der von mir im LBlGRPh. 13, S. 85 gegebenen Nachweise 
über die Verbreitung des Stoffes von Francisco de Rojas Zorrillas „Oasarse por 
vengarse" (Heirat aus Rache) unterzog Peter*^') dieses Trauerspiel und 
seine Bearbeitungen einer sorgfältigen, lesenswerten Untersuchung, wobei er das 
Verhältnis der Bearbeitungen (französische, italienische, je eine englische, deutsche 
und dänische) unter einander klarlegte. In einigen Fällen kann ich dem Vf. nicht 
beipflichten, auch lassen sich noch ein paar Stücke nachtragen. — 

In einer Quellenstudie zu Molieres^*^) „Mödecin malgrö lui" verfolgte 
Kugel***) die von ihm im Lustspiel unterschiedenen zwei Motive: Diener als Arzt 
und Arzt aus Zwang in der Litteratur. Er nimmt für letzteres orientalische Ab- 
stammung an und meint, Molieres Quelle sei indirekt „le fableau du Vilain mire". 
Als Quelle des ersteren Motivs betrachtet er Lope de Vegas „Acero de Madrid", das 
aber Moliere nicht direkt, sondern durch Vermittlung des auf das italienische Stegreif- 
drama zurückgehenden „M6decin volant" benutzt habe.®^) — 

W. von Wurzbach ®^) behandelte, ohne Neues zu bieten oder erschöpfend 
zu sein, die Rolle der Jüdin von Toledo in der Geschichte und in der Dichtung. 
Verschiedene von ihm gemachte Angaben bedürfen der Berichtigung. — 

Mit den Dramen von den Mordeltern, welche aus Not und Habgier den 
Gast ermorden und hinterher erfahren, dass der Ermordete ihr eigener Sohn ist 
(Lillo, K. Ph. Moritz, W. H Brömel, Z. Werner), beschäftigt sich Minor®*), um zu 
zeigen, dass die ersten deutschen Schicksalstragödien völlig vereinzelte Erscheinungen 
sind, hervorgerufen einzig und allein durch das Ueberhandnehmen der fatalistischen 
Ideen im Leben.®^) -— 

Glossy®*) würdigt kurz, mehr die äussere Geschichte, als den Gehalt be- 
trachtend, die Grillparzers Trauerspiel vorausgehenden Dramatisierungen der Geschichte 
von Rudolfvon Habsburg und Ottokar von Böhmen. - 

Die dramatischen Bearbeitungen, welche das tragische Geschick des Züricher 
Bürgermeisters Hans Waldmann (hingerichtet 1489) erfahren, nahm sich 

Oes. 1898: 8, 8. 48-51 ; B — : HambCorr". 1898. N. 7; K. ▼. Thaler: NFPr. 189S. N. 12147.] - 75) J. Bolte, Ueber d. UrBprang d. 
Don Jaftn-Sage:4SYLR. 18, 8. S74>401. — 76) X<>- Larromnet, KonTelles «Indes d^hiatoire et de oritiqae. Parir, Haohette. 
16«. 868 8. Fr. 8,50. (Darin ftber d. Dnn Jaan-Sape: blieb mir unerreichbar.) - 77) J. A. Worp. Nederlandiehe Don Jnan 
Drama«: Taal an Lettaren 8, 1898, 8. 409-13. — 78) A. Bau her, D. Don JuMn-8age im Liebt« biolog. Forsohong. L., A. Georg!. 
1899. 95 8. Mit 10 Figuren. M. 2,C0. |[R. Lothar: Wage 1899, 8. 231 '2; W. Bolin: DLZ. 20, 8. 575;7.]| - 79) A. Peter. Des 
Don FraneiMO de Bojai Tragödie „CaBarne por Tengarse" n. ihre Bearbeitungen in d. anderen Litt. Progr. Dresden, Lehmann. 
1898. 4». LI 8. M 2,00.-80) X Avare (Motlr). (= C. Klöpper, Franiös. Reallexiljon [Bd.l. L.,P^nger. 1898. VIII, 9008. 
U. 2O,0OJ 1, S. 444/6.) - 81) A. Kugel, Untersuch, su Molikras „M«deoin malgi4 lui": ZF8U 20, 8. 1-71. - 82) X A. 8aueT, 
Wallenstein in d. Dicht.: PilienerZg. 1898. N. 33/5. - 83) W. r. Wurxbaeh, D. Jfidin t. Toledo in Oeseh. u. Dicht.: JbOrillpO. 
0, 8. 86-127. (Vgl. lY 4:350.) - 84) J. Minor. Z. Oesch. d. dtsoh. 8chick8alstragödie u. xu Orillparcers ^Ahnfrau": ib. 



I 7:85-104 A. L. Stiefel, Stoffgeschichte. 1898, 189i». 

Ragaz^^) zum Vorwurf. Er betrachtete 12 ihm gedruckt vorlieg'ende Dramati- 
sierungen, die zwischen 1814 und 1892 erschienen, und unter denen er die jüngste, 
die von Lina Maria Weber, für die beste erklärt, aber alle eigentlich für ziemlich 
wertlos hält, wenigstens habe keines auf der Bühne Erfolg gehabt. — 

Endlich reihe ich hier noch den Aufsatz Oef t eri ngs^®) an, in dem er die 
1897 begonnene Untersuchung über die Verbreitung der Geschichte von der 
schonen Irene®®) fortsetzt und die deutschen und französischen Versionen — 
zwar nicht ausschliesslich, aber doch vorzugsweise Dramen — behandelt. Er bespricht 
die Dramen von Chäteaubrun (1714), La Noue (1739), Favart (Parodie 1739), das nicht 
hierher gehörende Trauerspiel Voltaires, „Irene" und ein Stück von Ajrenhoff ; femer 
betrachtet er einen anonymen französischen Roman, ein Gedicht von Copp6e, eines 
von Lewis Wallace und endlich einen Meistergesang, den der Vf. fälschlich H. Sachs 
beilegt. Oe. hat das Thema nicht erschöpft. Es wären noch italienische, holländische 
und andere Versionen nachzutragen. — 

Märchen- und S ch wan k Stoff e : Verschiedene Märchcn- 
niotive. In erster Linie ist hier der I. Band der kleineren Schriften Köhlers****) 
zu nennen — ein herrliches Vermächtnis des grossen Märchenforschers — welcher 
40 Aufsätze beziehungsweise Besprechungen stoffgeschichtlichen Inhalts (vornehmlich 
Märchenforschung), in 7 Gruppen geordnet, darbietet. Wertvolle Ergänzungen, 
grösstenteils von hs. Bemerkungen Köhlers, in manchen Fällen vom Herausgeber 
Bolte herrührend, verleihen den alten, aber nicht veralteten Artikeln erhöhten Wert. 
Von den behandelten Motiven hebe ich beispielsweise hervor: die dankbaren Toten 
(S. 5-32,220/8,441/4), die vergessene Braut (S. 161-75), der schlaue Dieb (S.198-210), 
List und Leichtgläubigkeit (S. 230—55), die ungleichen Brüder (S. 281-90), Rätsel- 
märchen von dem ermordeten Geliebten (S. 350—60) usw.«») — 

Landau^2) handelt über das Fuldas „Talisman" zu Grunde liegende 
Märchen vom Blendwerk und von des Kaisers neuen Kleidern. Er 
würfelt durcheinander eine chinesische Anekdote, den Pantschatantra, die Gesta 
Romanorum, das Mahabharata, die Märchen der Gebrüder Grimm (N. 149), ein 
norwegisches Märchen, den Conde Lucanor, Eulenspiegel, ein Zwischenspiel des 
Cervantes, ein schawaitisches Geschichtchen, eine Operette von Piron und eine Posse 
von Gautier, ohne den geringsten Versuch einer Filiation zu machen. Viele Versionen 
hat er übersehen, so z. B. die in Strickers „Pfaffen Amys".®^"^*) — 

Wünsche^*) behandelt, ohne bestimmten Plan und ohne auch nur annähernd 
das vorhandene reiche Material zu kennen, das Motiv vom Wasser des Lebens 
in den Märchen der Völker.^®) — Das vor zwei Jahren besprochene Büchlein von 
Lazär ^^) über den Fortunatus stoff erfuhr Besprechungen durch Bolte, Tille, 
A. de Cock, Golz, Jantzen usw., die die Mängel des Buches aufdeckten und 
einzelne Ergänzungen lieferten.®^) — 

Bolte®®) veröffentlichte ein Flugblatt aus dem 17. Jh., worin in gebundener 
Rede das viel verbreitete Märchen von dem bei der Ernte betrogenen Dummen (oder 
Teufel, „Bauer und Teufe 1"), verbunden mit dem alten Spass, dass böse Weiber 
den Teufel aus dem Felde schlagen, erzählt wird. B. fügt mehrere Nachweise bei. — 
An anderer Stelle druckte Bolte*®®) ein Tiroler Volksschauspiel von 1814 über die 
Altweibermühle ab und schickte demselben stoffgeschichtliche Notizen voraus, 
denen er ein paar interessante Abbildungen, die eine von ca. 1630, die andere von 
1()72, beifügte. Er glaubt, dass die dramatischen Verlei blichungen der Weibermühle 
aus solchen Vorführungen erwachsen seien. B.s Notizen lassen sich ergänzen.*®^"'®^) — 

K n a a c k ^®*) lieferte einige dürftige Notizen zum Motiv von der säugenden 
Tochter. Von der ungeheueren Verbreitung dieses uralten Stoffes, von den Nach- 



K. 1-85. (Vgl. IV 4:342.) — 85) X Snsanna Kabinatein, D. Figur d. Juden in d. dramut. Uti d. 18. Jh.: Mr4. 67, 
8. 299-804. (Vgl. IV 4:1.) - 86) (IV 4:345.) - 87) J- Bagaa, D. dranat. Bearbeitungen d. Gesob. Hans Waldmanns. Cknr, 
(Hiti). es S. M. 1,20. - 88) M. St. Oeftering, D. Gesob. v. d. scbAnen Irene in d. frans, u. dtfob. Litt.: ZYLR. 18, 
8. 27-45, 146 65. - 89) (JBL. 1897 I 10:52.) |[M. Hippe: EnglStud. 26, S. 408/5.), - 90) (JBL. 1896 I 6:280.) - 91) X 
R. M. Mayer. Motiv Wanderungen: DDiohtnng. 25, S. 25,'8. (E. Miaohmasch t. Motiven: Aristotelee, Frau auf Hund, gerittene 
Mensehen. Tierritte, 19 Augen roit 3 WBrfeln nsw. (Vgl. JBL. 1898 lY 11:117.]) - 92) M. Landau, D. M&rchen Tom Blend- 
werk u. T. d. Kaiaers neuen Kleidern auf leiner Wundernng durch d. Welttitt.: BAhne u. Welt l^ 8. 969-74. — 93) X Barbe- 
Bleue (Matin). (r= N. 80, 8. 497.) - 94) X A. Leclire, Le oonle de Cendrillon d'apr^e les Chams: BTP. 18, 8. 311-87. — 
96) A. Wflnsche, D. Wasser d. Lebens in d. Mirchen d. VSlker: ZYLR. 18, 8. 166-80. ~. 96) X E. Oaltier, La poniBe 
et la f«condit4: RTP. 14, 8. 65-71. ~ 97) (JBL. 1897 I 10:43.) ([J. Bolte: ZYVolksV 8. 8. 2*^2; AI. Tille: LCBl. 1898, 
8. 1524: A. de Cook: ZYYolksk. 10, 8. 248; B. Ool«: ZYLR. 12, 8. 467/9; U. Jantsen: ASNS. 101, 8. 163/6.]| - 98) X E- 
Horner, Bauernfelds Fortunat: JbOrillpO. 9, 8. 128-66. (Betrachtet ausser Bauernfelds Drama auch flflohtig d. Yorgftoger 
H. Sachs. Dekker. Tleck, Collin, Stegmayer. Lembert u. Raymund [vgl. lY 4 : 832].) - 99) (JBL. 1898 I 5 : 282 ) - 100) J- 
Bolte, D. Altweibermflhle. E. Tiroler Yolksschauspiel : ASNS. 102, 8. 241-66. - 101) X P- Roeber, D. Grftfln t. Toulouse. 
Drama in 5 Akten. L, J. Baedeker. 82 8. M. 0,75. (Dramatisierung d. in Bftlows Novellenbuoh [1, 2J fibersettten Novelle 
V. Alamanni [I495-I556J, die d. weitTorbreiteten M&rchenmotiT vom König Drosbclbart angehört.) ~- 102) X O* Zart, 
I> Rflokerttehe rarabel vom Miinne im Brunnen: ZDU. 12, 8. 735-41; 13, fl. 107-18. — 103) X J- Poirot, Snr 1a fable du 
tnfiinier. i^on fil« et l'&ne: Neuphtlol. Mttteill. (Helsingfors) 15. Mars. (Blieb mir a aerreichbar.) ~ 104) G. Knaack, D. 



A. L. Stiefel, Stoffgesohichte. 1898, 1899. 1 Tmoö-u» 

weisen Oesterleys, Köhlere, Liebrechts usw. hatte er keine Kenntnis. — Besser unter- 
richtet zeigl sich K r e ts ch m er*<>*), der eine fleissige Zusammenstellung der bis 
jetzt bekannten Versionen giebt, aber freilich ohne eine Filiation zu versuchen. Auch 
seine Angaben lassen sich noch vielfach ergänzen.*^*) — 

Kar p eles^^'^) erzählt im engsten, oft wörtlichen Anschluss an Qrisebachs 
bekanntes Büchlein die Wanderungen der Erzählung von der treulosen Witwe, 
ohne zu ahnen, wie viel sein Führer anderen zu ergänzen übriggelassen hat, uncl 
ohne zu versuchen, das Material besser zu ordnen und die zahlreichen Unrichtigkeiten 
zu beseitigen. Besonders auffallend ist die Vei'wirrung über das Verhältnis der 
verschiedenen Versionen der „Historia Septem Sapientiura" unter einander und der- 
gleichen mehr.^^^"^) — 

Einen Platz verdient hier auch die vortreffliche Ausgabe der Schwank- 
bücher des Martin Montanus "^), mit der uns der unermüdliche B o 1 1 e be- 
schenkt hat. Sind schon die Texte jener Schwanke von unschätzbarem Wert für 
alle iene, die sich mit der Geschichte gewisser Schwankstoffe befassen, so erhält der 
Neudruck noch höheren Wert durch die zahlreichen Nachweise zu vielen Erzählungen 
und Spässen. Wenn B. auch nur für einen kleinen Teil der Schwanke die direkte 
Quelle gefunden hat, und wenn sich auch die Zahl der Parallelen \ielfach ergänzen 
lässt, so ist doch das von ihm zusammengetragene Material ein ganz ausserordent- 
liches, 80 z. B. für die Motive: Der Schwabe mit dem Leberlein (Wegk. 6j, Warum 
die Hunde einander schmecken (W. 14), Erdkühlein (Gartenges. 5), Eierlegender 
Mann (G. 6), Waldbruder mit dem Honigtopf (G. 53), Waldbruder und Sohn (G. 76), 
Weinsberger Frauen (G. 80), Widerspenstiges Weib (G. 89), Weib verkauft (G. 97), 
Alboin und Rosimunda (G. 113) und die dem Decamerone entlehnten Novellen. Der 
reiche Anhang verwandter Erzählungen, sowie die Quellennachweise zu Hertzogs 
„Schiltwacht" sind ebenfalls stoffgeschichtlich wichtige Beigaben. - 

Zum Stoffe des 18. Fastnachtspiels des H. Sachs (Der Teufel mit dem 
alten Weib) teilt P r a t o^*-) vier Geschichten aus Italien mit und reiht daran 
weitere stoffgeschichtliche Betrachtungen, die aber, konfus vorgetragen, nicht recht 
erkennen lassen, was der Vf. eigentlich beabsichtigte. — 

Die verschiedenen Versionen des Chaucers Merchants Tale zu Grunde 
liegenden Schwankes (Januar und Mai) behandelt Schade '*^), prüft das Ver- 
hältnis der einzelnen Gruppen zu Chaucer und untersucht zugleich die Abhängigkeit 
Popes in seinem „January and May" von jenem alten Dichter. — Im Anschluss an 
Boltes Ausgabe der J. Freyschen „Gartengesellschaft" (JBL. 1897 I 10 ; 47) berichtigt 
StiefeP'*) einzelne Quellennachweise des Herausgebers zu Frey und Mahrold und 
bringt zu vielen Schwänken stoffgeschichtliche Nachträge. — An anderem Orte weist 
Stiefel"^) auf die nahe Verwandtschaft zwischen dem 69. Fastnachtspiele des 
H. Sachs (der blinde Messner) und einer Erzählung im Pantschatantra hin. — 
J a w orskij"«), der mehrere russische Parallelen des Stoffes (Sankt Stölprian) 
anführt, glaubt, dass der Schwank durch russische Vermittlung nach Deutschland 
gekommen sei, er irrt sich indes hierin. — An gleicher Stelle führt S t i e f e 1 (N. 1 15) 
verschiedene Versionen zu einem von H. Sachs und schon von dem Griechen 
Kallimachos behandelten Thema von der besten Frauenwahl an. — Zu dem vor zwei 
.Jahren besprochenen Büchlein von Arfert^^*^) über das Motiv von der unter- 
schobenen Braut lieferte Schullerus Nachträge, indem er auf ungarische, 
rumänische und türkische Märchen hinwies."^) — 

Zu einem Schwankgedichte Puschkins ; Der Streit der Harthörigen 
(ein Motiv, das auch in Deutschland verbreitet ist) brachte A. de Cock'i^J eine 
Version aus Sumatra und B a s s et eine tamulische, eine georgische und eine arabische 
bei. — Stoffgeschichtliche Notizen bringen auch die Besprechungen Boltes zu den 

•äugende Toohter: ZYLR. 18, S. 450/4. - 105) P- Kretsehmer.Z. Oeseh. t. d. «ftngeaden Tochter: ZDÜ. 13, S. 161/7. — 
IM) X 0. Polirka, Seit welcher Zeit werden d. Greife nicht mehr getötet? SUvisohe Pamllelen: ZWoIkik. 8, 8. 25,9. 
(SiaTieehe Panllelen tu d. bekannten Motir.) - 107)0. Karpeles, D. Wanderangen e. M&rohent. (» JBL. 1898 lY U:öl, 
S. 16-32.) - 101) X B.Wa1dmftller, Der Asohenkriig n. d. trenloee Witwe: Grencb. 58«, S. 185-42. - 109) X Killi» 
Campbell, A study of the romance of the seren eagee with ipeoial reference to the middle engllih Tenions. (s PMLA. 14.) 
Dies. Balfinore. 1SD8. 110 S. (D. erste Teil soll nach O. Paris [Ronania 28. 8. 166] e. allgem. Oesch. d. Romans 
▼en d. sieben Weisen enthalten, e. geschickte Znsamnienstell., aber nichts Neues bieten; d. zweite Teil ftthrt d. engl. 
Versionen auf e. gemeinsame verlorene surQok, die e. Ueliersets. e. frans. Ms. gewesen aus der Klasse, die O. Paris A benannte.) 
110) X H. Meyer, Fortegnerri, e. NoTollist des Cinquecento: ZVLK. 12, 8. 101/7. (Zu 7 unter d. 11 Novellen d. Italieners 
finden sich hier Stoffhachweise.) - 111) M. MonUnus, Schwankbftoher (1557-66) her. ▼. J. Holte («» 217. Publikation d. 
Litt. Ter. in Stuttgart) 8t.., Litt. Ver. 1899. XL, 066 8. (Nur f ftr Mitglieder.) (Vgl. II 2 : 84 ; 3 : 16 ; 4 : 26 ; 5 : 104.) - 112) 8 1. P r a t o , 
VergleiehendeMitteiL in Hans Sachs Fsstnachtspiel «Der Teufel mit d. alten Weib": ZVyolksk.9, 8. 189.94,811.21. (Vgl. II 2:74; 
4:43.) — 113) A. Schade, lieber d. Verh&ltn. t. Popes Janoary and May u. The wife of Bath, her prologue au d. entsprech. 
Abschn. T. Chaucers Canterb. Tales: EnglStud. 25, 8. 1-130. - U4) A. L. Stiefel, Z. Sohwankdichl im 16. u. 17. Jh.: ZVLR. 12. 
8. 164-85. (Vgl. n 5:106.) - 115) id., Z. Schwankdieht. d. H. Sachs: ZVYoIksk. 8, S. 79-82, 162/S. (Vgl. 11 4 : 40;l ; 5 : 102.) — 
U6) J. Ja wer Ski j, Sankt StAlprian. Russ. Parallelen i. 69. Fastnachtspiel d. H. Sachs: ib. 8. 217-22. (Vgl. II 4 : 39.) ~ 1|7) (JBL. 
1807 1 10 : 49.) [fA. Schullerus: SbnbgKBl. 21, 8. 20ir.; 8. 8 i n g e r : ADA. 24. 8. 289-94 ; Folk-Lore 9, 8. 70/l.J| - 1||) X K- 
FQrst, D. bAse Schwiegernutter. E. Belir. z. Gesch. d. Motive: BerlNN. 1809. N. 517. - 119) A. de Cock u. R. Basset, 



I 7:iiri.i43 A. L. Stiefel, Stoffgeschiclite. 189H, 189H. 

unten angeführten Veröffentlichung'en von Lidzbarski **•), Pol de Mont und 
A. de Cock»2ij und Stiefels zu KöppeP"). — 

Dem ungeheuer verbreiteten Motive vom heimkehrenden Gatten 
(oder Liebenden) und seinem Weibe (beziehungsweise seiner Geliebten) widmete 
Splettstösser*^^) eine äusserst magere, vornehmlich die Liederdiehtung berück- 
sichtigende oberflächliche Darstellung, die sich in keiner Weise mit dem pomphaften 
Titel deckt. — Goodwin *^*j findet Aehnlichkeit zwischen Wielands b e r o n und 
dem griechischen Roman ,4^1itophon und Leukippe'' des Achilles Tatius, die er durch 
direkte Beeinflussung des deutschen Dichters durch letzteren erklären will. Woher 
der Vf. weiss, dass „Klitophon im Mittelalter viel gelesen und bewundert wunle'\ ist 
mir unerfindlich. — 

F. Halms Ballade „Die Brautnacht'' (Neuvermählte versteckt sich, iui 
Scherz vor dem Bräutigam fliehend, in einer Truhe und erstickt) geht, wie Bolte****J 
nach den KoUektaneen R. Köhlers zeigt, auf eine Dichtung des Engländers Samuel 
Rogers zurück. Der Stoff ist auch sonst noch häufig zu finden.'^*) — 

Verschiedenes. Die reichhaltige Bibliographie der Robinsonaden, 
die Ullrich'^*) als Vorläuferin einer umfangreichen Arbeit über die Geschichte 
des Stoffes veröffentlichte, verdient alle Anerkennung, wenn auch, wie II i p p e in 
seiner Besprechung gezeigt hat, noch viele Nachträge zu machen sind. — 

Die Nachahmer der von Cervantes in seinem Don Quijote gegebenen 
eigenartigen Satire betrachtet recht flüchtig und unvollständig F ü r s t **^ in Frank- 
reich (Ch. Sorels „Berger extravagant'*, des Mahvaux „Pharsamon", Cazottes „La Belle 
par accident'^j, England (Charlotte Lennox „The female Quixotte", Edgeworths „Ange- 
lina**), Deutschland (WieJands „D. Sylvio", Musaeus „Grandison II", J. G. Müllers 
„Siegfried von Lindenberg", Goethes „Triumph der Einsamkeit").^'®) — 

B o 1 1 e *'•) trägt zu den früher gesammelten Nachweisen über das Thema 
von Amor und Tod (JBL. 1897 110: 55) noch ein paar weitere nach von Seraphino 
Aquilano, J. Lyttich (I610j, J. von Vondel, J. Cats, Samuel Columbus (1642—79), 
A. Dactius. Später reihte er hieran ein französisches Gedicht des 19. Jh. von Pierre 
Lachambeaudie. — Sauer **^) weist auf eine deutsche Uebersetzung des Sautelschen 
Gedichtes durch A. Schreyer, Homer*") auf eine Darstellung von J. F. Castelli 
sowie auf eine des Wieners F. J. S. von Reilly, und W. Keller^^^j auf eine 
in Sandfords „Palace of Pleasure" (1573) mitgeteilte Fassung hin. — 

Zur Litteratur der Totengespräche bringt Rosenbaum gelegentlich 
einer Besprechung von Rentschs „Lucianstudien ^^3) unzulängliche Nachträge. — 

D e j o b *^*) studiert die Rolle des Soldaten in der französischen 
Litteratur des 18. Jh. Ich erwähne den Aufsatz einmal, weil die behandelten 
Schriftsteller, wie Dancourt, Anseaume, Mercier, Carmontelle, Voltaire usw. auch in 
Deutschland übersetzt und nachgeahmt wurden, und dann, weil der Vf., über sein Thema 
hinausgreifend, auch die spanische, Italienische und namentlich die deutsche Litteratur 
streift. Erschöpfend ist er indes nicht einmal für die französische Litteratur. *3&- »3«) _ 

Die verschiedenen Auffassungen, die der Winter in der deutschen 
Lj'rik des Mittelalters und der Neuzeit erfahren (Tod, Schlaf, freudige und trübe 
Stimmung usw.), werden wenig gründlich von einem Anonymus *^") untersucht. *38-i39^ — 

Mehrere deutsche, französische, englische und lateinische Gedichte über den 
Tabak stellt Kopp »^«j zusammen.»"-»«) — 

li» qaaretle das toardi: RTF. 18, 8. 277/9, 440/4. - 120) M. Lidzbarski, Oesoh. n. Lieder »na d. neuram&isehen Ht«. d. 
Iiffl. Bibl. SD Berlio. Weimar, Felber. 1896. XVI, 313 S. M. 6,00. |[J. Holte: ZVLR. 13, S. 231/5.]| — 121j Pol de Mont 
en A. de Cooli, Dit tijn Vlainsche Yertelsels nit den Yolksmond ato. Gent. Van der Porten en Deventer, Klnwer Sk Cie. 
1896. >V1. 462 8. |fJ. Bolte: ZVVoUuk. 8, S. 468,G.]| — 122) K. KAppel, Qaellen-Stndien in d. Dramen Ben 
Jonions J. Harstons n. Beanmont und Fletchera. Erlangen n. L., Deicherl 1805. VllI, 159 3. M. 8,60. |[A. L. Stiefel: ZVLR. 
12. 8. 241.JI - 123) W. Splettalftsser, D. heimkehrende Gatte u. sein Weib in d. WelUitt. B., Huyer A M&ller. 1899. 
96 8. M. 2,40. |[W. ▼. Wnrzbaoh: Buph. 6, 8.597/8; C. r. Soaan: LittBoho. I, 8. 1472/4; M. Landau: ZVLR. 13, 8. 285/S; 
R. Petsoh: DLZ. 1899, 8. 1551/2.]| - 124) Ch. J. Goodwin (B. Jantcen), Wielands Oberen n. d. grieoh. Roman d. Aehillei 
Tatius: ZVLK. 18. H. 810/7. — 124a) J. Bolte, Zn Halms Gedicht „Die Brautnaoht" : Eaph. 5, 8. 584/6. — 125) X ^' 
Keller, Matteo Paloone: PaedBlI. 27, 8. 248-57. (Weist als Quelle d. Gedichtes ▼. Chamisso e. NoTelle v. P. Mörimte nach.) 

- 126) (JBL. 1807 IV ld:91; 1898 lY 8:3; T. 1: Bibliographie.) |(F. Bobertag: ZVLR. 13, 8. 102/4; M. Hippe: EnglStnd. 
26, 8. 40ü-11.J| " 127) R. FQrst, Don Qaijote-Spnren in d. Weltlitt.: AZg". 1898, N. 61. — 128) X F- KUpfel, Don 
Qaixote Tom 8tandpnnkt d. IrrenarBtes: VelhKlasHh. 2, 8. 702-14. — 129) J. Bolte, Amor n. Tod: Eaph. 5, 8. 726-81; 
6, 8. 106. - 130) A. Haner, Amor n. Tod: ib. 5, S. 781. - 131) E. Uorner, Amor n. Tod: ib. 5, 8. 731/2; 6, 8. 443/4. 

— 132) W.Keller, Amor n. Tod: ib. 6,. 8. 761/2. — 133) J. Ren t seh, Lnoianstudien. Progr. Planen. 1895. 44 8. 
i|K. Rosenbnnm: Enpb. 5, 8. 126-84.]| — 134) Ch. Dejob, Le soldat dans la litt. fran9ai8e an XVUl« sidcle: RPL. 
1898«, 8. 449-58. - 135) X U. A. Arnold, T. Kosoiasiko in d. dtsch. Litt. B., Mayer * Malier. 1898. 44 8. M. 0,80. |[J. 
Ca ro: ZVLR. 12, 8. 491/8.]| — 136) X >d.. T. Koseinszko in d. dtsch. Litt.: ZVLR. 13, S. 206-10. — 137) 0. 11., D. Winter 
in d. dtsch. Lyrik: HambCorr". M. 7. — 138) X U- Jantzen, D. Streit twischen Sommer n. Winter in d. Volkspoesie: 
MSchlesGesVolksk. 5, 8. 8-20. - 139) X J- Bolte, D. Wochentage in d. Poesie: ASNS. 100, 3. 149-54. (Beriohtignngen an 
JBL. 1897 I 10:58.) —140) A. Kopp, Internat. Tabakspoesie: ZVLR. 13, 8. 51-74. 141) X J- Guggenheim, Qnellenstnd. 
SU 8. Daniels Sonetteneyklns „Delia". Dlss. B., Ehering. 65 8. — 142) X •'■ Palsgrare, Landscape in poetry. London, 
MttcmilUn ä Co. 314 8. 8h. 7/6. [Ath. 1897. 1, 8. 643.11 - 143) X A. C, Crime in onrrent lit.: WestmR. 147, S. 429-38. - 



A. Hauff en, Volkskunde. I-8:i-8 

1,8 

Volkskunde. 

Adolf Hauffen. 

Allgemeines: Aufgaben N. I. — Allgemeine Methodik N. 8. — Yolkikande und Schule N. 9. >- Tolksknnde 
und Ooethe N. 12. — Bibllogriiphie N. 18. — Vereine nnd Zeiisohriften t7. 20. — ZosamraenffteiendeDaritellnngen 
und Sammlungen der gesamten Yolkt&berliefernngen einselner Landeohaften: Sachsen N. 25. — Allgfta 
N. 27. — Marschen N. 28. — Hesven N. 29. — Allgemeine landeskondliche Arbeiten N. 84. ~ Yolksbr&aohe und Sitten: 
Allgemeines N. 41. — Brauche einselner Landsehuften (Reliqnienkunde, Huttier laufen, Egerl&nder Fastnachtsbr&nche, Saehsen) 
K. 58. — Volksglauben: Mythologie (mythische Gestalten, Frau Harke und Frau Frick) N. 109. — Aberglauben: All- 
gemeines, einzelne Landschaften, besondere Gebiete der Volksanschauungen (Teufel) K. 120. — Zauberei, Gespenster, Heien- 
wahn N. 159. — Volksmeditin (Bespreohnngsformeln) N. 185. — Sagen und M&rchen: Allgemeines N. 199. — Geschichte 
und Deutung einselner Steife (BArselberg, Teil und Stauffaoher, Venediger, St. KQmmernls, Hftusel und Gretel) N. 204. — 
Sagensammln ngen (Oberdeutschland, Mitteldeutschland, Niederdeutschland) N. 223. — M&rchensammlnngen (BrQder Grimm, 
landschaftliche Sammlungen, Jungbrunnen) K. 265. — Volksschauspiel: Weihnachtsspiel, Comedij vom j Ängsten Gericht, 
weltliche Volksschauspiele N. 278. — Volkssohauspiele aus dem BÖhmerwald N. 289. — Volkslied: Geschichte und Charakteristik 
N. 290. — Besondere Gebiete des Volksliedes (Volks- und Studentenlied der yorklassischen Zeit, einzelne Landschaften, Wilhelm 
Malier) N. 300. - Untersuchungen zu einzelnen Volksliedern K. 809. -> Historische Volkslieder N. 322. — Volksliedersammlnngen 
(Allgemeines, Niederdeutschland, Mitteldeutschland, Oberdentschland) N. 832. ~ Verschiedenes: SprOche, Inschriften, 
Volksreime, Kinderlieder, Kinderspiele, Schw&nke, Scherze, Ortsneckereien, Sprichwftrter, Redensarten (der menschliche KArper, 
das Tier- und Natnrleben im Munde des Volkes) N. 878. — B&tsel N. 445. — Namen: Familiennamen, Eigennamen, Orts- 
namen, Flurnamen, Tiemamen, Fflanzennamen, Krankhoitsnamen N. 450. — 

Allgemeines über Begriff und Inhalt der Volkskunde, über die Grenzen 
dieser Wissenschaft, soweit wir sie im Rahmen der JBL. einhalten müssen, ist an 
dieser Stelle in früheren Jahren wiederholt und eingehend erörtert worden. Wir 
können also das in früheren Berichten Gesagte als bekannt voraussetzen. Die Auf- 
gaben der Volkskunde wurden im letzten Jahre besonders ausführlich behandelt 
anlässlich des schönen Handbuches von E. H. Meyer *) über „Die deutsche Volks- 
kunde", das inzwischen wiederum von mehreren Forschern sehr anerkennend be- 
sprochen worden ist. Much bedauert nur, dass Meyer seine Quellen nicht genannt 
hat. Das hätte allerdings eine sehr belehrende, aber auch sehr lange Liste ab- 
gegeben, denn Meyer hat in seinem Bestreben, für die wichtigsten typischen Züge Belege 
aus allen deutschen Landschaften zu bringen, sehr viele Quellen benutzt, die aller- 
dings der Kenner dieses Gebietes auch ohne nähere Angaben leicht herauszufinden 
vermag. ^"0 — 

Der allgemeinen Methodik der Volkskunde gelten die grossen Berichte 
von Schermann und Krauss®), die eine Einführung in den kritischen „JB. für 
romanische Philologie" bilden. Seh. bespricht zunächst knapp, sachlich und lehrreich 
die allgemeinen methodischen Arbeiten des J. 1890 über Folklore, Völkerpsychologie, 
vergleichende Mythenforschung und giebt eine gute Einführung in die Hauptfragen 
über das Wesen, die Ziele, Aufgaben und Methoden der Volkskunde auf Grundlage 
der neueren Arbeiten hauptsächlich englischer und deutscher Forscher. Nach ihm 
berichtet K. über die Erscheinungen der J. 1891—97. Er will hier, wie er selbst be- 
kennt, nicht das geben, was man eigentlich an dieser Stelle billig fordern sollte, 
nämlich „eine litterarische oder bibliographische Uebersicht der vorhandenen Leistungen 
oder eine Einführung in die Volkskunde oder eine analytische Betrachtung einzelner 
Werke der Volkskunde, vielmehr ausschliesslich zusammenhängend eine Kategorie 
von Grundgedanken, die sich durch die folkloristische Disciplin der jüngsten sieben 
Jahre hindurchziehen, die das Eigentümliche der Volkskunde ausmachen, wodurch 
sich die Volkskunde von anderen Disciplinen differenziert". K. ordnet diese Grund- 
gedanken in zehn Kapiteln an, deren Stoffkreise aber nicht säuberlich von einander 
geschieden bleiben. Er handelt nach einander über Folklore, Volkskunde, Völker- 
kunde, Ethnologie usw. in ihren Beziehungen zu einander und stellt^nach kritischer 
Betrachtung der Theorien anderer (S. 33) die Definition auf: „Volkskunde ist die ein- 
gehendste Detailforschung der besonderen Eigenart zunächst einzelner Völker im 
Rahmen des Völkerlebens." Dann folgen Ausführungen über Gegenstand, Umfang, 
Aufgabe, Terminologie der Volkskunde, über die Sammelthätigkeit, die Elemente 



1) X (JBL. 1898 I 5:1.) [A. Schnllerns: LBlGKPh. 20, 8. 398/6; 0. Jiriosek: ZDPh. 81, 8. 502/8; 
R. Hnoh: DLZ. 20, S. 473/6; H. Jantxen: ZDKa. 6, S. 133/4; A. Englert: ZBRW. 20, S. 287-300.]! - 2) X P- Tetiner, 
Z. dtseh. Yolkskande: Umsohaii 8, S. 210/1. — 3) X (JBL. 1897 15 : 18; 189815 :6.) |[A. Dreohsler: DLZ. 20, 8. 1382/8.]| - 4) X 
A. John, TolVstam xl. Yolhskande: Kynast 1, 8. 205/8. — 5) X Winterstein, Dtseh Volkskunde. (E. Aufruf.): Wartburg- 
bnnd 4, N. 18. ~ 6) X F5rdert d. bayer. Yolksknnde. Fragebogen. Beil. sn d. MUBayrYolksk, Wttnbnrg, Stfirti. 4 8. 
Gratis. - 7) X A. Haas, D. Amatenr- Photographie als Mitarbeiterin anf d. Gebiete d. Yolksk.: BllPommYolksk. 7, S. 45/7. — 
8)L. SehermaDn ä. F. S. Kranes: Allg. Methodik d. Yolksk. («s Kritisches Jb. ftber d. Fortschritte d. Bern. Philologie. 
Jahresberichte f&r neuere deutsche Litteratnrgesohiohte. X. (1)10 



I 8:9-26 A. Hauffen, Volkskunde. 

und die Anordnung des Rohstoffes. Wenn K. (S. 51) die UeberfüUe der Fragen in 
den iüngst ausgegebenen Fragebogen verspottet, so ist er gewiss nicht im Rechte. 
Qeraae der bisher erfolgreichste Sammler deutscher Volksüberlieferungen, Wossidlo, 
hat gezeigt, dass nur die bis ins Kleinste durchgeführten Fragebogen über besondere 
Gebiete volle Wirkung thun. K. bespricht weiter volkskundliche Monographien, 
Sagenforschungen, den Wert der Volksüberlieferungen, die historische, philologische, 
mythologische, psychologische Methode, Einführungen in die Volkskunde und die 
Sammlungen einzelner üebiete: Bräuche, Lieder, Rätsel, Sprichwörter usw., endlich 
die Vereine und Zeitschriften für Volkskunde. Es ist ein weitschichtiges Material, 
das hier besprochen wird, und man kann vieles daraus lernen. Der Wert des Be- 
richtes leidet aber unter der überaus persönlichen Art der Darstellung, unter den 
höchst subjektiven (zuweilen ungerechten) Urteilen und der ganz willkürlichen und 
zufälligen Auswahl. Besonders berücksichtigt erscheinen die englischen, nordameri- 
kanischen und südslavischen Arbeiten. Von den deutschen Erscheinungen ist nur 
einzelnes herangezogen. Es würde zu weit führen, auch nur die wichtigsten Werke 
zu nennen, die in dem Berichte fehlen. Die romanische Litteratur ist auffälliger 
Weise so gut wie gar nicht vertreten. Die Entschuldigung von K., dass der Bericht 
zunächst auf den der Redaktion zugegangenen Schriften zu beruhen habe, kann für 
eine gewissenhafte kritische Uebersicht nicht gelten. Wollten wir in den J BL. diesen 
Grundsatz anwenden, dann könnte unser diesjähriger Abschnitt nur über zwanzig bis 
dreissig Nummern berichten. Und der Hinweis von K. auf den engen Raum ist bei 
mehr als hundert enggedruckten Seiten unberechtigt und wird ausserdem hinfällig 
durch den Umstand, dass K. seine eigenen persönlichen Angelegenheiten und litte- 
rarischen Zwistigkeiten breit und umständlich behandelt. — 

Die Beziehung zwischen der Schule und der Volkskunde erörtert 
Dähnhardt^J in fruchtbringender Art. — Auch Schullerus*®) nimmt in seiner 
knappen Geschichte und Begriffsbestimmung der Volkskunde besonders Rücksicht 
auf deren Bedeutung für Schule und Erziehung. ^*) — 

Das fruchtbare Thema: Goethe und die Volkskunde behandelt John*^) 
in einem kurzen, aber alles Wesentliche andeutenden Vortrage. — 

Die Bibliographie der Volkskunde wird in jährlichen Berichten fort- 
geführt: für das ganze germanische Gebiet von Bolte*^) und SchuUerus**), für 
einzelne Landschaften von Hoffmann -Kray er *^~>*J, Hittmair*^), Hauff en*^) und 
Sohlossar *®). Auf diese landschaftlichen Verzeichnisse sei besonders nachdrücklich 
verwiesen, weil es uns hier an Raum gebricht, alle daselbst angegebenen kleinen 
Beiträge neuerdings zu nennen. — 

Zu den bereits bestehenden volkskundlichen Vereinen ^®~2») ist als eine 
Abteilung des Oberhessischen Geschichtsvereins die „Vereinigung für hessische Volks- 
kunde" in Giessen neu hinzugetreten, die unter O. Behaghels Leitung steht und auch 
eine neue volkskundliche Zeitschrift 2*), die von Strack redigierten „Blätter 
für Hessische Volkskunde", herausgiebt. 2^"^*) — 

Zusammenfassende Darstellungen und Sammlungen der 
gesamten Volksüberlieferungen einzelner Landschaften sind 
m grösserem und kleinerem Umfange erschienen. Für Sachsen^^) ist aus den 
Kreisen des in diesen Berichten schon wiederholt erwähnten Vereins für Volkskunde 
ein umfängliches, reich illustriertes Handbuch der sächsischen Volkskunde unter der 
Leitung von Wuttke^^J hervorgegangen, das noch nicht die vorbereitete wissen- 
schaftliche Ausgabe der sächsischen Volksüberlieferungen und die abschliessende Dar- 
stellung ihrer geschichtlichen Entwicklung bildet, — das wäre ja in der kurzen Zeit 
seit der Gründung des Vereins 1897 noch nicht möglich gewesen — sondern nur 



lY. Bd. S. Heft.) Erlangen, Jange. IV, 131 S. M. 6.00. I[K. Wein hold: ZVVolkA. 9. S. 448/9; LCUl. S. 1410/1.]! - 9) 
0. D&hnbardt, Volksk. n. Sohale: ZDU. 18, S. 1-13. - 10) A. Sohalleras, Volkik. (= Encyolop. Uundbacb d. P&degogik. 
Her. r. W. Rein. Bd. 7 [LangenBuIza, Beyer. VIII. 1183 S. M. 17,00J, S. 4ö.>60.) - U) X C. Pfau, D. Pflege d. Yolkak. bei 
d. Jagend: LZgB. N. 64. - 12) A. John, Goethe u. d. Volksk : Unser Bgerland 3. 8. 61/3. — 13) J. Bolte, Volkediobtang : 
JBOPh. 20, 8. 248-66. -^ H) A. Sohn l lerne: Mythologie u. Sagenknnde. Yolksk.: ib. 8. 822-82. (Vgl. R. Weeselj, Namen- 
kande: ib. H. 116-21.) — 15) B. Uoffmann-Kray er, Bibliogr. Qber Schweiz. Volkbk. f&rd. J.98: SohwA Volksk 8,8.69-68.— 
16) id., Biblloffr &ber Schweiz. Yolksk. fBr d. J. 99: ib. 4, S. 65-72. - 17) A. Hittmair, Bibliogr. d oberAifterr, salzbarg. a. d. 
tiroliseh-Torarlberg. Yolkskande: ZÖxtrVolksk. 6, 8. 89-93, 130/5. 179-92. - 18) A. Haaffen, Volkskandliche Bibliogr. d. Dent- 
sehen in IMhmen 1893, 1899: ib. 8. 13.V43. — 19) A. Schi ossär, Bibliogr. d. steierm&rk. Volksk. Ende Aog. 1895 bis Ende Dee. 
1898: ib. 6, 8. 29-32. - 20) X JB. d. Yer. für b&chs. Volksk. in d. J. 1897 98, erutattet roni Yer.-Yoretande. Dresden, Uanea. 
89 8. Oratis. — 21) X A. Ilanffen, 6. Ber. Qber d. Abschlnss seiner Samml. d. TolkstBml. üeberlieferangen in Deutsoh-Bdhmen. 
(es MOes. znr Fftrdening dtsch. Wissenschaft in Böhmen. N. 11.) Prag, Yerl. d. Qes. 9 S. Gratis. — 22) Blitter ffir Hessische 
Yolkskande. Red. t. A. Strack. 1. Jahrg. ».1,6. Giessen. Pietsch. 4». 24 8. - 23) X I>ie I^on»nl&nder. Zeitsohr. ffir Yolksk. 
Mit Berfinkslchtig. ▼. Handel, Industrie n. Yerkehrswesen in d. Ländern d. antern Donaa. Her. t. A. Straass. 1. Jahrg. Wien, 
Oriser. 12 Hefte ik 5Vi Bogen. M. 24,00. (Diese Zeitschr., d. hauptsächlich aaf Ungarn. Serbien, Bulgarien a. Ram&nien sich bezieht, 
hat (&r d. dtsch. Yolksk. kaum e. Bedeutang.) - 24) X Mittoil. d. Ges. ffir jftd. Yolksk. - 25) X (JBU 1898 I 6 : 20.) |[R. Petsoh: 
DLZ. 20, 8 1215.6; LCBl. 8. 137; F. Yogt: USchlesGesVolksk. 6, 8. 39-40; 0. Knoop: BllPommVolksk. 7, S. 78,9.1| - 26) 

B. Wottke, SAchs. Yolksk. Unter Mitarbeit t. J. DeichroQller, H. Danger, H. Brmisoh, K. Franke, 0. Graner, 

C. Oarlitt, A. Kvrswelly. E. Mogk, M. Rentsoh, 8. Rage, E. 0. Schnizo. 0. Seyffert. J. Walther. Dresden, 



A. Hauffen, Volkskunde. 1 8:27-45 

einen vorläufigen ümriss des Wesentlichen, der noch Lücken und ungelöste Fragen 
genug enthält. Die einzelnen Aufsätze, die aus öffentlichen Vorträgen erwachsen sind 
und noch vielfach den lebensvollen und anregenden Ton des gesprochenen Wortes 
zeigen, sind in vier Gruppen angeordnet. „Die Grundlagen des Volkslebens" be- 
handeln zunächst K u g e (das sächsische Land), Deichmüller (die vorgeschicht- 
liche Zeit), E. O. Schulze (Verlauf und Formen der sorbischen und der deutschen 
Besiedelung), Ermisch (die Anfänge des Städtewesens). Dann bespricht Wuttke 
in drei Aufsätzen mit vielen statistischen Tabellen Dichtigkeit, Stand und Gliederung, 
die moralischen Verhältnisse und das Wachstum der Bevölkerung. Der eigentlichen 
Volkskunde gehören die dritte und die vierte Gruppe an: „Aus dem geistigen Leben" 
und „Das künstlerische Wollen des Volkes", wo u. a. Franke die obersächsische 
Mundart im engeren Sinne des Wortes, Gurlitt die Dorfkirchen, Grüner Haus- 
bau und Dorfaniage, K u r z w e 1 1 y die bäuerliche Kleinkunst, Seyffert die Volks- 
tracht behandeln. Mehrere dieser Darstellungen gehen über den landschaftlichen 
Rahmen hinaus auf allgemein deutsche Verhältnisse ein. Alle sind mit sorgfältigen 
fjitteratu ran gaben versehen. Das schöne Buch, dem rasch eine zweite Auflage be- 
schieden war, hat zur Förderung der grossen Pläne des sächsischen Volkskunde- 
Vereins viel beigetragen. Die dem besonderen Gebiete unseres Berichtes angehören- 
den Aufsätze sollen noch unten an passendem Orte erörtert werden. — 

Das lieferungsweise erscheinende, hier wiederholt erwähnte Sammelwerk von 
Reiser^'') ist seinem Ende nahe gerückt. Die letzten Hefte bringen die Fortsetzung 
der Schilderung der Sitten und Gebräuche des Allgäus, Spiele, Tänze, Umzüge 
(mit Melodien und bildlichen Darstellungen), abergläubische Anschauungen, eine 
wissenschaftliche Beschreibung der Mundart, Sprichwörter, Redensarten, Kinderreime 
und ein Verzeichnis mundartlicher Ausdrücke. — 

Den eigenartigen Menschenschlag der Marschbewohner, ihre Familien- 
bräuche, ihre Lebensführung, ihre wirtschaftlichen Bräuche und Feste usw. schildert 
uns T i e n k e n 28). — 

Eine Beantwortung des hessischen Fragebogens mit besonderer Berück- 
sichtigung der Lieder, Bräuche und abergläubischen Memungen giebt Hepding^®) 
für den Ort Grossen- Linden. 3o-33) — 

Im Rahmen allgemeiner landeskundlicher Arbeiten 3*-*»») 
werden auch die Volksüberlieferungen einzelner Stämme und Landschaften zusammen- 
fassend geschildert. So giebt u. a. das königliche statistische Landesamt in Stuttgart seit 
1893 eine Beschreibung des Königreichs Württemberg nach Oberämtern heraus, wo 
die Volkskunde auch entsprechend berücksichtigt wird. Die Oberämter Reutlingen, 
Echingen, Cannstadt und Ulm sind in dieser Weise bereits in früheren Jahren be- 
schrieben worden. In das Berichtsjahr gehört der erste Teil der Beschreibung von 
Rotten bürg*®), wo H. Fischer die Mundart, Entress Volkscharakter, Lebens- 
weise, Bräuche, G. Rauch, Th. Josenhaus und A. Metzger die abergläubischen 
Meinungen, Mythen und Sagen behandeln. — 

Aus der Litteratur über Volksbräuche und Sitten im allge- 
meinen ♦»-<») sei erwähnt der Aufsatz von F r e y b e ^®), wo zahlreiche Beispiele von 
» 

Sohftnfeia. YIII, 520 S. Mit 2iM) Zeiohn., 4 Taf. n. 1 Karte. M. 10,00. - 27) K. Rei le r, Sagen, Gebr&aohe a. Sprichwörter d. Allgftai. 
2.Bd. Heft 15-20. Kempten, Kösel. & 64 S. äM. 1,00. (Vgl. JBL. 1899 I 5 :30.) - 28) A. Tienken, KnUargeeehiohtliches aas d. 
Marsolien am rechten Ufer der Unterweser: ZVVollcsk. 9, 8. 46-55, 157-71. 288-94. - 29) H. Hepding, Yolkskundliohes aas 
Grossen-Linden: HOberhessGV. 8, S. 225-45. - 30) X ?- Or btter, VolkstOrol. Ueberliefer. in Loingo: HannOBIl. 2, 8. 137-40, 145/6, 
153/5, 161/3, 169-70, 177/9, 185/6. - 31) X H. Uhl, Aberoth: Unger Egerland 3, 8. 42/Ö, 68/4. (1. Dorfanlage, Haus u. Hof; 
2. Traoht; 3. Nahrang.) - 32) X P- Schmitz, Volkit&mlichee aas d. Siebengebirge: RheinOBll. 3, S. 25-82, 61/4, 78-87, 
104.14, 177-88. - 33) X H. Jantsen, Z. Yolksknnde a. Kaltnrgesch. d. Donaal&nder: AZg^. N. 159-60. - 34) O X Hans 
Hoff mann, D. Hars. L., Amelang. VIU, 352 S. Hit Abbild.. 17 Taf. a. 1 Kurte. H. 15,00. - 35) O X H. Rehm, D. 
Hochland d. Eifel. Hittt., topograph. n. landschaftlich, sowie in Bezug aaf Sage, Kultar and Volksleben geschildert. Neae 
(Titel- )Aa8g. 8 TIe. Trier, Stephanas. 1898. 236, 222, 205 8. ä M. 2,00. — 36) X BrQokner, Ortsgesoh. r. Oeredorf bei 
Reiohenbaoh O.L.: NLaasMag. 74, 8. 15-72. — 37) X A. Zweck, Litauen. E. Landes- n. Volks V. M. 66 Abbild., 8 Kartenskizzen 
a. e. grossen Kurte der Karisohen Nehrung (s= Dtsoh. Land u. Leben in Einzelschilderongen. I. Landsohnftskanden. l'. Bd.) 
St., Bobbing A Bachle. 1898. VIII, 452 8. H. 9,50. |[K. Weinhold: ZVVolksk. 9, 8. 97.]| (8. 127-195 Aber d. LiUuer, 
deren Sitten, Brauche, Lieder usw.; S. 420-444 Ober d. Bewohner d. Nehrang.) — 38) X Bunte Bilder aas d. Sohlesierlande. 
Her. Tora Schlea. Pestalozzi-Ver. Hit Tielen Illustr. 2. durohges. n. verra. Aufl. Breslau, Woywod. 1893. 472 8. H. 4,65. 
(Darin A. Lichter, Sohlesisches Volksleben: 8. 29-31; mehrfach Sagen a. Br&ache.) — 39) X ^- Provinz Brunden- 
barg in Wort und Bild. Her. ▼. d; Pestulozzi-Ver. d. Provinz Brandenbarg. Mit vielen Abbild. B., Klinkhardt. 475 8. H. 6,00. 
(W. Thie, Volksaagen aas Rathenow 8. 188*93: W. Schmidt, Sagen aus dem Havelwinkel 8. 229-84; F. Todt, Haus- 
insohriften in d. Lazernisohe 8. 241/9; Franz, Spielreime aas Beizig 8. 444/6.) — 39a) X J- J. Bronner, Bayer. Land 
n. Volk (diesseits d. Rheins) in Wort a. Bild. E. Buch z. Unterhalt, a. Belehr. fQr jedermann. Hit sahlr. Autotypien u. 
photogr. Aufnahmen. 1. T.: SAdbayern. Hünchen, Kellerer. 189d. VIU, 60 8. M. 2,00. (Verstreut: Sagen, Spiele, Br&ache, 
ErweTbaverh&Itnisse, Handartproben nsw.) — 40) Beschreib, d. Oberamts Rottenbarg. I. Her. vom k. Statist. Landesamt. 
Hit Bildern, Karten u. Pl&nen. Si, Kohlhammer. 559 8. H. 6,00. (Besonders 8. 90-102, 139-96.) - 41) X <JBL. 1898 1 5:54) 
|[G. Sohaltheiss: AZgB. N. 23; J. Loserth: ZÖO. 50, 8. 764:6; E. Hoffmann-Kr ay er: SohwAVolksk. 3, 8. 166/7; R. 
H. Hey er: ZVVolksk. 9, 8. 18-24 ]| -> 42j X B. Eckart, Brauch n. Sitte. Ges. kulturhist. Skizzen u. Hisoellen. Olden- 
burg n. L, Schulze. 80 8. H. 1,20 (E buntes Gemisch v. Skizzen, Anekdoten, litt KuriositJLten aus d. verschiedensten 
Orten u. ZeitUuften. Ganz ohne Wert fflr d. Volksk.) - 43) X (JBL. 1897 I 5:9«t l[A. Hauffen: Euph. 6, 8. 581/2.]| — 44) 
X W. V. SohuUnburg, Volkst&rol. Gebrftnche: YGAnthr. S. 200/5. — 45) X 0. Hinke, L&tare im Volksbranch: Oebirgs- 

(1)10* 



I 8:46-105 A. Hauffen, Volkskunde. 

Zügen zarter Rücksichtnahme und tiefer, gemütvoller Auffassung aus deutschen 
Volkssitten**) zusammengestellt werden, imd die kleine volkstümliche Schrift von 
Knieschek**) über die Sonnenwendfeier, wo die Geschichte dieses Festes, die 
Bräuche, Meinungen, Sprüche und Lieder, die sich daranschUessen, die jüngste nationale 
Wiedererweckung der Feier in Deutsch-Oesterreich dargestellt werden. Moderne Ge- 
dichte auf das Sonnwendfest sind beigegeben. — 

Reich an Zahl sind die kleineren Untersuchungen und Beiträge zu ver- 
schiedenen Bräuchen einzelner Landschaften. Vertreten sind die 
Schweiz 53"*^), Süddeutsohland **"•*), die österreichischen Alpenländer •*~®'), Deutsch- 
Ungarn •*~''ö), Sachsen''*" '2), Schlesien ''3""''®) und das übrige Mitteldeutschland "®~8^), die 
Rheinlande ""^•), Braunschweig ®''"^®), Pommern ®*~^^) und das übrige Norddeutsch- 
land®*" *®^. — Eine Reihe von hierhergehörigen Aufsätzen seien besonders hervor- 
gehoben. Ein noch wenig bebautes Feld, das der Reliquienkunde, hatStückel- 
berg*ö3j vom kulturgeschichtlichen und volkskundlichen Gesichtspunkt aus be- 
handelt. Er verfolgt die Geschichte der schweizerischen Kulte und ihre Einflüsse 
auf die Namengebung, er verzeichnet die Nachrichten über Reliquien-Uebertragungen 
innerhalb der Schweiz, vom Auslande (namentlich Frankreich, Italien und Deutsch- 
land) in die Schweiz und umgekehrt. Endlich bespricht er die Translationsfeste und 
Spiele, die sich an solche Reliquienübertragungen und deren hundertjährige Ge- 
denktage anschliessen. Karten der Kultausbreitungen und alte Abbilaungen von 
Translations-Prozessionen sind beigegeben. — Im besonderen Grade interessant ist 
die Schilderung des Huttlerlaufens, eines mit vielgestaltigen Vermummungen 
verbundenen tirolischen Volksbrauches, die Hein ^^*) nach älteren und neueren 
Nachrichten und nach eigener Anschauung entwirft. Das Huttierlaufen gehört zu 
den allgemein menschlichen Frühlingsbräuchen, die mit Schlagen, Peitschen geübt 
werden und Beförderung der Fruchtbarkeit bewirken sollen. — Den Fastnachts- 
gebräuchen im Egerlande*®^"*®*) widmet John i*^'') eine besondere Nummer seiner 

firennd 15. April. - 46) X <3. Gruppe, D. dtaoh. Weihaaoht im Llohte d. KoUurgesoh.: Alte n. nene Welt 81, N. 4. — 47) 
X R. Fr unke, Z. Oeseb. n. Beurteil, d Totensonntags: Halte, was Da hast 22. S. 14/8. 66-81. - 48) X S- G&nther, Yolke- 
karten: AZgB. H. 265. — 49) X A. Tille, D. dtsoh. Frfililingsfeste : UniTersnm 14, S. 1834-48. — 50) A. Freybe, ZBge 
urter Rficksiohtnahme q. Oemfitstiefe in dtsch. Yolkssitte: ZDU. 13. S. 207-345. - 51) X i^-* Kirche n. Sitte auf d. Gebiete 
d. Ehefohliessung: BGl. 84, S. 85-101, 147-57. - 52) W. Kniescbek, Sonnwendfeier. Beichenberg, Selbstverl. 40 S. Gratis. 
~ 53) X C. Waldis. E. Sennenkilbe in d. Ursehweiz: SchwAYoIksk. 3, S. 55/6. - 54) X B- <^- Stflckelberg, üeber d. 
KrippenTerehning: ib. S. 153/4. — 55) X K* Hoffmann-Kray er, D. Wflrgen am Namenstag oder Gebartstag: ib. S. 180-41. 

— 56) X ^' Haffter, Kleffeli-ohl&pere : ib. S. 57, 151. - 57) X O. Sfttterlin, Gebrioche im Birseck: ib. 8. 225-233, 330/8. 
(Gebriaohe, d. sich an d. kirchl. Festkreis n. kirohliche Handlangen anschliessen, a. solche, d. mit d. Terschiedenen ländlichen 
Verriobtangen verbanden sind) - 58) X A. Willareth, Wintergebräache im bad. Schwarzwald: Hilfe 5, N. 12. ~ 59) X 
A. Holder, D. schw&b. Somraerjohannistag n. sein Knltas: Schwabenland 2, S. 180/1. -^ 60) X 0. Kirn, Schw&b. Art: Hie 
gut WOrtt. allewege 8. 216-30. - 61) X ^- ^- Schalenbarg, Volkstfiml. Gebr&ache aas Baden u. d. Lansits: YGAnthr. 
S. 200/5. — 62) O X J* J* Hoff mann, Trachten, Sitten, Br&aohe n. Sagen in d. Ortenaa n. im Kinzigthal. 1. Absohn. 
Trachten, Sitten a. Bräaohe. 2. Abschn. Sagen in d. Ortenaa a. im Kinzigthal. Lahr, Schömperlen. 176 S. M, 2,50. — 63) 
X 0. Brenner, Sankt M&ha: MUBayrVolksk. 5, N. 1. (Nicht als Heiliger H&her zn erklären, sondern der h. Bartholomäas 
[24. Ang.] als Erntebeiliger.) — 64) X J> Schmidkonz, Volksfeste in Irroelshausen : ib. N. 2/9. (Das Spitzenreiten am 
Pfingstmontag. Der Kiez am Fasohingsdienstug.) — 65) X F. P. Piger, E. Primiz in Tirol: ZYYolksk. 0, S. 306/0. - 66) X 
H. Kerschbaam, Kirchtagsbr&aehe aaf d. Fellach; Carinthia OOS S. 160-78. — 67) X Marie Marx, Lieben n. Hassen d. 
jangen BaaernTolkes im Mfirzthale: ZÖstrYolksk. 5, S. 57-60. - 68) X M. St. Kichter. D. Rind in Dentsoh- Fronen a. Um- 
geh.: Ethnographia 10, S. 3dl-01. (Magyarisch. Schwangerschaft, Gebart, Taufe, Wochenbett, Kirchgang, Krankheit, Entwöhnung.) 
«- 69) X A. Wonner, Z. Yolksk. aas Zied: KBlSbnbgL. 22. S. 0-11. (D. Tanz. Feldarbeit.) - 70) X A. Bethlen, 
Schworttag der Siebenbürger Sachsen: EthnMUngarn. 6, S. 88. - 71) X V. Einenkel. Sitten a. Gebr&nche an d. oltenbarg. 
Grenze: MVSftchsYolksk. N. 0. — 71a) X H. ▼. Königswalde, Yolksgebr. a. Weihnacht sf est im Erzgebirge: Daheim 34, N. 18. 

— 72) X 0. S., Zar Weihnachtsfeier im Erzgebirge: MYS&chsYolksk. N. 0. - 73) X J- U<^hn, 2 schles. Yolksfeste: 
MScblcsG Yolksk. 6, S. 67/8. (D. Goliathschlagen a. d. Schimmelreiten.) — 74) X K. Gasinde, Z. schles. Pfingstbitte: ib. 
S. 84/5. — 75) X G. Popig, E. altsohles. Baaernhochzeit : ib. S. 78-81. — 76) X W. Patschowsky, Br&acbe aas L&hn 
(Kreis LAwenberg): ib. S. 68. (Tod austreiben. D. Scepter in d. Christnachtfeier d. evang. Kirche sa Lahn.) - 77) X L- K., 
Einige Yolksbr&acbe u. Meinungen aus d. Wölfelsgrar.d : Ib. S. 11/5. — 78) O XJ*Jv"?nitB, Gesch. d. Fronleichnamsprozession 
in Breslau. Breslao, Aderholz. 1808. 20 S. M. 0,30. — 79) X L. Schmidt, Pflngstgebräuohe in Stadt u. Land Gotha: 
GothuerTBl. N. 115, 117, 122. - 80) X B., D. LaubkftniR, e. tbttring. Frfihlingsfest: ib. N. 73. — 81) X L. Frinkel, D, 
Somroertags- oder Stabausfest in d. Pfalz: ZYYolksk. 0, S. 207/8. 82) X 0. Schalte, D. zwei Hochzeiten im Jankerlande: 
BllHessYolksk. 1, S. 0-11. - 83) X Adolph, D. Yerheiratang im Schlitzerlande: ib. S. 10-20. - 84) X 0- Schmidt. 
Osteraberglaube u. Ostergebr&aohe in ThQringen: Land 7, S. 238. — 85) O X M. Isay, Z. Gesch. d. trierisohen Karnevals. 
Goldenes Jubelfest 1848-1808. Beitrr.. ges. n. d. KarneTals-Gesellsch. „Heuschreck" gewidmet. Trier, Lintz. 1808. 10, 116 S. 
M. 2.00. — 86) XA. König, D. Yerehrung des hl. Martinns im Luzembnrger Lande: 0ns hemecht 5, S. 476/0. (Vgl. id.. Oos 
YolkslcTen: ib. S. 20-30.) — 87) X 0. Schütte, E. braunsohweigisohe Fastnachtsfeier vor 50 Jahren: ZYYolksk. 0, 8.333 40. 

— 88) X id., Aus d. Herzogtum Bruunschweig: ib. S. 438-41. (E. Johannisfeier in Bortfeld vor 50 J. Spinnstobe. Glocken- 
töne.) - 89)Xidt Aus d. Spinnstabe: BraunsohwMag. 5, 8. 75/7. — 90)X K. Schattenberg, D. Braatwocken: ib. 8. 83/5. — 
91) X A. Haas, Fastnachtsgebr&uche in Pommern: BllPomra Yolksk. 7, 8.60-70, 80-02. - 92) X W. Rexilius, Osterwasser: 
ib. 8. 101/2. — 93) X A. Haas, D. Tonnenabschlagen in NeaTorporomern: ib. 8. 120-38. — 94) O X N. A. Schröder, D. 
KniTsberg a. d. dtsch. Yolksfest im nördlichen Schleswig. E. Bericht aus d. Nordmark. (» Dtsch. Yolksfeste N. 2.) L., Yoigt- 
l&nder. 13 S. M. 0,40. - 95) X H. Theen, Weihnachten in Schleswig- Holstein: Land 8, 8. 128/0. — 96) X F- Otto, 
Gebriuche u. Spiele, sowie Aberglanben aus Fröhden. (Kr. JQterbogk- Luckenwalde): ZYYolksk. 0, S. 441/4 — 97) X ^' 
Reiohhardt, Weihnachtsbr&uche im Harz: Land 7, S. 103/0. (Ygl. ib. 7, 8. 315/6 [Johannistag]; 8. 8. 84/5 [Martinstag].) — 
98) X W. Cröne, D. Martinsabend in Ostfriesland: Niedersachsen 4. S. 71/2. (Ygl. ib. 3, 8. 220,2.) - 99) X H. Löns, 
Osterfener In d. Gemeinde Eggelsee: ib. 8. 203. - 100) X Peitschenklappen (Umfrage): ib. 8. 100, 206, 223. - 101) X 
Faschingsgebr&uche: HannGBlI. 2, S. 60/2. - 102) X B. König, D. Halloren, ihre Sitten u. Gesch.: Bär 24, 8. 151/4. 163/5, 
178/5. — 103) E. A. Stflckelberg, Trans^onen in d. 8chweiz : SchwAYoIksk. 3. 8. 1-21. - 104) W. Hein. D. Huttler- 
laufen: ZYYolksk. 0, 6. 100-28. — 105) X F. Wilhelm, Gellerer-Singen : Unser Egerland 3. S. 40/2. (Neujahrs-Singen.) — 



A. Hauffen, Volkskunde. I 8:ioe-i54 

Zeitschrift, worin er die Fasohin gstänze, Urazüge, Spiele, Bräuche aus alter Zeit und 
der Gegenwart, das Fahnenschwingen aus der Fleischhauerzunft im Egerlande, das 
Faschingsziehen der Schuljugend usw. schildert und alte Fastnachtserlässe des Egerer 
Rates mitteilt. — Im Anschlüsse an seine im Vorjahre gewürdigte allgemeine Dar- 
stellung der deutschen Bräuche (JBL. 1898 I 5:53) schildert Mogk^^S) jetzt im oben 
erwähnten Handbuche der sächsischen Volkskunde die besonderen sächsischen Ver- 
hältnisse und bringt auch eine Reihe älterer Zeugnisse und geschichtlicher Beispiele 
aus dem Königreiche Sachsen bei. Aus Raummangel lässt er die Bräuche bei Geburt, 
Hochzeit und Tod weg, und greift aus der Fülle der Einzelheiten nur einige wichtigere 
Erscheinungen heraus. Er berichtigt hierbei die landläufigen, vielfach falschen An- 
schauungen, so z. B. an der Entwicklungsgeschichte unserer Weihnachtsbräuche, und 
bietet lehrreiche Beiträge zur Methode der Behandlung volkstümlicher Erscheinungen. — 

Volksglauben. Arbeiten zur My t hologi e*^^*^^) wollen wir hier 
so weit verzeichnen, als sie sich auf erhaltene Reste heidnischer Anschauungen oder 
auf mythische Gestalt en**3~**''j beziehen, die noch heute im Volksglauben 
fortleben. Zusammenfassend und übersichtlich über den Volksglauben und Mythen 
einer bestimmten Landschaft, des Königreiches Sachsen, hat Mogk**®) gehandelt, 
indem er auch hier alte Zeugnisse mit den Anschauungen der Gegenwart in Be- 
ziehung bringt. — Die mythischen Erscheinungen der zu den niederdeutschen Sturm- 
und Gewitterdämonen gehörigen Jagd- und Waldriesinnen Frau Harke und 
Frau Frick verteidigt im Anschluss an ältere Arbeiten Schwarz**^) gegenüber 
den Anfechtungen von Knoop. Er bringt viele Einzelheiten und neue bestätigende 
Berichte zu diesen Mythen aus der Mark und deren Nachbarschaft bei. — 

üeber den Aberglauben im al Igem e inen *2o-*27)^ über seine ver- 
schiedenen Aeusserungen in einzelnen Lan d s ch af t en*^®"*^^), sowie über 
einzelne b eso n der e Gebiete der Volksanschauungen und abergläubi- 
schen Meinungen *3*~*3^), namentlich über die Pflanzen ^^^ '**'') und Tiere *4®~*'^*), ist 



106) X A. John. Verbote foUcstOml. Br&aohe: ib. S. 46, 60. - 107) id.: unter Egerland 3. Jg. N. 1. Faechingsblatt 14 S. 
(Enth&U n. a. Th. O. Keimana, 's Schliageln; F. Binhak, Fastnaoht im Stiftslande Waldsassen; F. Roediger, Fasohing an 
Brambaoh: J. Peter. Fasehingstans im Bfthmerwalde; A. John, Bauernregeln.) — 108) G. Mogk, Sitten «. Oebr&uohe im 
Kreialanf d. Jahres. (= N. 26, S. 274-92.) — 109) O X G. Sieclce, Hytholog. Briefe. I. Orands&tze d. Sugenforichnng. 
n. Uhlands Behandlang d. Thor-Sagen. Berlin, Dammler. VUI, 259 S. M. 4,00. — HO) X H. Fataig, Z. Qesch. d. Sig- 
fridsroythns. Progr. B., Oaertner. 1398 4«. 31 S. M. 1.00. |[E. Mogk: DLZ. 20, S. 221/3] | - 111) XH. Lietzmann, 
QAtternamen: ChristlWelk 13, S. 751/6, 771/6. - 112) X G. Damköhler, Beste heidnischen Seelenglaabens aas Cattenstedt 
n. Umgegend: BraansohwMag. 5, 8. 26-31. — 113) X Wodans Sparen in anserem niederdtsoh. Volksleben: Niedersaohsen 3, 
S. 367. — 114) X H. Mensen, Unterirdisches a. Packs: ib. 8. 34^,3. - US) X Th. y. Liebenaa. Z. Sohr&tteliglaaben: 
SohwAVolksk. 3, S. 248/9. (Ber. d. Laserner Stadtschreibers Bennward Cysat am 1606.) — 116) X A. Taabmann, Haaskobold 
Gr&nk&ppel in Kessel: MNordböhmBzkarsClob. 22, 8. .38-41. — 117) X A. Brank, D. Zwerge bei Kallies: BllPommVolksk. 7. 
S. 11-13. (VgL ib. S. 49-52, 65/9.) - 118) E. Mogk. Aberglaube n. Volksmythen. (= N. 26, 9. 293-312.) - 119) W. Schwarz, 
Heidnische üeberreste in d. Volksftberlieferangen d. norddtsch. Tiefebene : ZVVolksk. 9, 8. 1-12, 123-35, 305-10. -120) O XX 
A. Lehmann, Aberglaube u. Zanberei ▼. d. ältesten Zeiten bis in d. Geg. Dtsoh. ▼. Dr. Petersen. In 6 Lfgn. St., F. Enke. 
1898—99. 389 8. kVL. 2,00. ||W. Kfihler: ProtestMh. 2. 8.438/9; E. Böhm: PsychStud. 26, S 419-23. 476-80; F.Tetzner, 
J.Mehler, A. Pochhammer: Umschau 3, 8.449-53.]! — 121)X A. Vierkandt, Z.Psychologie d. Aberglaubens: AReligionswiss. 
2, 8. 237-51. - 122j X R- ^i'cher, Volksaberglaube: Heimgarten 23, 8. 604/8, 680/6. - 123) X £• ^l^erfeldt, D. Volks- 
aberglaube im Strafreoht: Oeg. 66, 8. 290/3. — 124) X H. Gross, E. forensischer Fall y. Aberglauben: ACriminalAnthr. 1, 
8. 306-13. — 125) X Aberglaube u. Verbrechen: PsychStud. 26, 8. 524/7. - 126) X F- Otto, Wunderglaube und Wirklichkeit. 
Seltsame Erschein, d. Tierwelt sowie unerklärte Vorgänge im Menschenleben, fabelhafte Gestalten d. Wahns im Volksglauben, 
Sage u. Dichtung. Unter Mitwirk. y. C. Michael geroein?er6täadl. dargest. Neue (Titel-)Ausg. L., Spamer. XII, 378 8. Mit 
180 Abbild, u. 1 Titelbild. M. 8,00. - 127) X R- Salinger, D. Schick salsglanbe in alter u. neuer Zeit: MschrNLitt. 2. 
8. 259-67. — 128) X K. J. Mftller, Aberglaube u. Okkultismus in Berlin u. d. Provinz Brandenbarg. Vortr. Nebst Anh.: D. 
Chiromantie in ihrer prakt. Bedeut. B., Frobeen. 48 8. M. 0,50. — 129) X Berliner Aberglaaben: Bär 25, S. 281/3. — 130) X 
A. Haas, E. Kap. aus d. Volksglauben u. Volksbrauch in Poromern. (=s Beitr. z. 25j. Jnbil. d. Prof. Lemoke [Stettin. 
1898J, 8. 221-45.) |lK. Weinhold: ZVVolksk. 9, 8. 103.j| (Zu Tod u. Begiäbnis.) — 131) X W. Feite r, Alter Aber- 
glauben aus d. Schlackenwerter Gegend: Unser Egerland 3, 8. 59-60. -^ 132) X V. Bellositz, Aberglaube n. Brauch 
unt«r d. Dtsch. in SQdnngarn: Ethn. 10, 8. 392/5. — 133) X 0. Heilig, Aus d. Heidelberger Codex 577: AltWien. 6, N. 7/8. 
(Wetterprophezeiungen, Aderlass, schädliche Tage usw.) — 134) X ^- I^^cht im dtsch. Aberglaaben: Wartburgbund 2, N. 10/11, 
13. — 135) X Marie v. Wendheim, D. Stecknadel im Volksaberglauben: ZVVolksk. 9, 8. 330/3. - 136) X A. Haas, D. 
Bernstein im Pomnersohen Volksglauben: BllPommVolksk. 7, 8. 56,7, 160. — 137) X A. Freybe, D. heil. Taufe im dtsch. 
Glauben u. Recht, dtsch. Sage, Sitte u. Dicht.: AELKZ. 32, 8. 363,6. 386-90, 410/4, 434/8, 461/5, 462,8. 50612. - 138) X W. Hein, 
Eis. Weihfiguren: ZVVolksk. 9, S. 324/8. — 139) X R- Reichhardt, Volksastronomie u. Volksroeteorologie in Nordthftringen : 
ib. 8. 229-85. — 140) X i^^^- 1^98 I 5:167) |[ÖLB1. 8, 8. 281.]| - 141) X P- Sohns, Unsere Pflanzen. Ihre Namens- 
erkUrung u. ihre Stell, in d. Mythologie u. im Volksaberglaaben. 2. Aufl. L , Teubner. IV, 134 8. M. 2,40. (Vgl. JBL. 1897 
I 5:283; s. dazu ZDU. 13, S. 269-70.) — 142) O X ^- ^' Gessmann. D. Pflanze im Zauberglauben, e. Katechismus d. 
Zauberbotanik. Mit e. Anh. Aber Pflanzensymbolik. Wien. Hartleben. III, 252 S. Mit 12 Abbild. M. 3,60. - 143) X L- 
Schmidt, Maasliebehen. Volkskundliches aus d. Herzogtum Gotha: GothaerZg. N. 66. — 144) X H. Barford« D. Mistel, 
ihre Stell, in d. Mythol. d. Kelten u. Germanen, in d. Sage, d. Aberglaaben u. d. Litt.: Natur 48, N. 38. - 145) X J- 
Sattler, Egerländer Volksaberglaube: Unser Egerland 3, S. 20/2. (Zauberische Wirkungen y. Pflanzen nach e. alten ge- 
schriebenen Zauberbuohe.) — 146) X S- Bell and, Flore populaire ou Hist. natarelle des plantes dans leurs rapports 
aveo la linguistique et le folkOore. II. Paris, Rolland 272 8. Fr. 6,00. - 147) X J- Gillhoff, D. Pflanzen im 
Volksmund: Niedersachsen 4, S. 180,2. - 148) X Th. Achelis, Ueber Tierkultua: Umschau 1, 8. 30/3. 149) X 

0. Knoop, VoIkstQmliches aus d. Tierwelt: BllPommVolksk. 7, 8. 13-27. (Vgl. ib. 8. 117/9, 128, 134/5, 1^0/4, 171/2. 
183/9.) - 150) X id., Allerhand Volkst&mliches Aber d. Haustiere: ib. 8. 42/5, 64/6, 76/8, 92/6, 102/5, 113/7. - 
151) X M. Bartels, E. paar merkwQrdige Kreaturen: ZVVolksk. 9, 8. 171/9, 245-55. (Maulwurf u. Fledermaus im Glauben 
u. Brauch d. Völker.) - 152) X H. Becker, D. Fabel y. d. Seeschlunge: Natar 48, N. 14. - 153) X A. Bödicke. D. grosse 
Hund: Niedersaohsen 3, 8.206. - 154) X A. Paudler, Naturgeschichte im Volksmunde: MNordböhmExkursClub. 22, 8.251/9. 



I 8:166.198 A. Hauffen, Volkskunde. 

eine grosse Reihe von zumeist kleineren Beiträgen erschienen. — Den Tiroler Te ufels- 
prlauben tsrr-157^ bespricht D ö r 1 e r *^^j in einer grossen Reihe von Sagen, Meinungen, 
Beschwörungen, Redensarten und Sprüchen. — 

Reich an Zahl sind auch die Beiträge über Zauberei »i>9-i62)^ q ^ . 
spenster- i<*3-i««^ und Hexenwahn J*7-n6j^ Hervorzuheben wäre daraus Kauff- 
in a n n s i?^-«^») Beitrag über den Namen Hexe, wo er gegenüber der von Riezler (JBL. 
1897 I 5 : 341) gegebenen Deutung: althochdeutsch hagazussa = „umhegte Flur" an 
seiner Auffassung haga = „Wald** mit Hinweis auf Titel 64 der Lex salica festhält — 
Ferner Stojentins **'^) Nachrichten von Flexenprozessen und Zaubereien aus 
Pommern, die Stettiner Akten der J. 1538—1621 entnommen sind und viele wichtige 
Beiträge zur älteren pommerschen Volkskunde (Besprechungsformeln, Liebeszauber, 
Zauberbücher) beibringen, »»o-isi) — In einem Vortrage giebt Ebner ^*^) einen Lebens- 
abriss des Jesuiten Friedrich von Spee und zeigt, dass dieser in seinem berühmten 
Werk cautio criminalis zwar das Vorhandensein von Hexen nicht ableugnet, wohl 
aber aus seinen Erfahrungen als Beichtvater zahlreicher unschuldig verurteilter Hexen 
die Grausamkeit und Ungerechtigkeit des Prozessverfahrens gegen die Hexen ableitet 
und heiss bekämpft. — Aus Akten des Luzemer Staatsarchivs über Hexenprozesse 
von 1450—1551 teilt Hoff m ann -Kray e r *®3) viele und wichtige Verhandlungen, 
Aussagen und Urteile über Liebes-, Hagelzauber, Schädigung von Menschen und 
Vieh, Teufelsbündnisse und Buhlschaften mit. — Eine umfängliche, tiefeindringende 
Arbeit liefert Pauls ^^*), indem er die Geschichte des Hexenwahns am Niederrhein 
von den ersten christlichen Jhh. bis zur Gegenwart darstellt, archivalische und 
litterarische Quellen vorlegt, die Stellung von Kirche und Staat zum Hexenwahn 
immer mit einem Ausblick auf allgemeine Verhältnisse zeichnet und zum Schluss die 
niederrheinischen Hexen Verfolgungen und Prozesse von 1490—1738 übersichtlich zu- 
sammenstellt. — 

Der Volksm edizin *85-i9ij jgt hauptsächlich die Schrift über Zauber- 
pflanzen und Amulette von Kronfeld'^^} gewidmet. Wir finden hier ein alpha- 
betisch geordnetes Verzeichnis von Pflanzen, die das Volk zu Heil- und Zaubermitteln, 
als Schutzmittel gegen Verhexung und allerlei Unheil verwendet. Beigegeben sind 
jedem Namen die betreffenden abergläubischen Vorkehrungen, Meinungen, Lieder, 
Sprüche, auch Beispiele zur litterarischen Behandlung der Frage von den antiken 
Schriftstellern bis zu unseren modernen Dichtern herab. — In einem Vortrage hat 
Höfler*^^) den Dämonismus im Volksglauben und der Volksmedizin vom Alpdruck 
abgeleitet. Die Unlust- und Lustgefühle des Alptraums werden personifiziert zu 
quälenden Druckgeistern oder holden Minnegeistern und dann in Verbindung ge- 
bracht mit den Seelen abgeschiedener Ahnen und Sippengenossen. Der Alptraum 
ist auch der Urquell der verschiedenen Krankheitsdämonen, die nichts anderes als 
die personifizierten Urheber einzelner Krankheiten, Seuchen und Uebel aller Art 
sind. Auch Missgeburten, Kretinismus führt das Volk auf Befruchtung der Frauen 



- 155) X M. Hagen. D. Teufel im Lichte d. Glaubentqaellen. Freibarg i. B.. Herder. YII, 69 S. M. 0,90. - 156) X 
E. Bei oh, D. Teafel: PaychStad. 26, 8. ÖS7/9. — 157) X E. Nestle, Etwas ▼. d. Feldteafeln: PrJbb. 98, S. 568/9. — 158) 
A. F. Dörler, Tiroler Teofelsglanbe : ZYVolksk. 9. S. 256-78, 361-76. ,— 159) X B. Andree, NiedereAche. Zauberpappen : 
ib. S. SSS/5. — 160) X E- Hof f mann- Kruyer, E. Stflok AbergUnben in Basel ans 1705: SchwAVolksIc. 8, S. 128-82. 
(Zauberei nach Akten d. Baseler Staatsaroh.) — 161) X 0- ▼• ^>^jt ^' Versnob s. wissen schaftl. Krkl&rnng d. sogen. Yolks- 
aberglaubens Aber die bösartige Mystizit&t d. Ereuswei^e: Psyche 6, S. 63-71. — 162) O X ^- Wollny, O. dnnkle Phftnomen- 
gebiet d. Magie. L., 0. MQtxe. 18 S. M. 0,40. — 163) X 3- Schmidt, Oesp^nsterglanbe früherer Zeiten: Unser Bgerland 
3, S. 26. — 164) X ß- A. Stflckelberg, Von d. bösen Geist za Appenzell: ScbwAVolksk. 3, S. 154. (Ber. Aber e. Gespenst 
▼om J. 1580.) — 165) X C. Wittig, Weiteres Geister-, Spnk- n Rätselhaftes: PsyehStnd. 25, S. 7-24. — 166) X K. Croner, 
Gespensterspnk n. Hexenglanbe in Klein-Bistritst KBISbnbgL. 22, S. 83,6. 46-50, 63/8. — 167) X L. Keller, D. altevaeg. 
Gemeinden n. d. Hexenglanbe: MCoroeninsG. 8, S. 30;d. — 168) X ^- Hesse, Ueber e Hexenprozess in M&nchen-Gladbaoh: 
KhGBIl. 3, S. 225-82. - 169) X C. Cassel, Hexenprozessakte vom J. 1547: HannGBU. N. 17. — 170) X £• Pfeiffer, Von 
einem Unheimlichen: ZVVolksIc. 9, S. 209-11. (E. Hexenmeister im Altenbnrgischen.) — 171) X ^ Beichardt, Beste von 
WalpnrgisNberglanben im Harz n. Thüringen: liand 7, S. 263. — 172) X ^' Sokal, Z. Gesch. u. Psychologie d. Hexenprosesse: 
Nation^. 15, 8. 602/5. — 173) X Hexenprozesse n. Aberglaube (in d. alten Angeln): Kiedersachsen 4, S. 43/4. — 174) X 0. L. 
Dankmar, Ketzertnm n. Hexerei in ihrem knltnrhist. Znsammenhange: Uebersinnliohe Welt 7, S. 263/9,317-33. - 175) X ^^ 
Wittig, Hexenaberglaube in Schlesien: PsychStad. 25, 8. 443-50. — 176) X J- Gebauer, Z. Gesch. d. m&rk. Hexenprozesse: 
Bftr 24, S. 363/6. - 177-178) F. Eauffmann, Hexe: ZDPb. 31, S. 497/9. - 179) M. ▼. Stojentin, Aktenra&ssige Nachrichten 
▼. Hexen, Priestern u. Zanbereien im ehemaligen Herzogtum Pommern: ZKG. (Erg&nznngsheft) 5, 8. 18-44. '[A. Haas: 
BllPommVolksk. 7, 8. 47 (vgl. ib. 8. 123/4).]| - 180) X A. Bi che 1, Zwei Hexenprozesse ans d. 16. Jh.: ib. 8 1-17. — 181) X W. 
Bnland, Steierische Hexenprozesse. E. Beitr. z. Knltnrgesch. d. 17. Jh.: ib. 8. 45-71. — 182) Th. Ebner, Friedrich ▼. Spee u. d. 
Hexenprozesse seiner Zeit, (s SGY. N. 291.) Humborg, Verlagsanstalt. 49 8. H. 1,00. - 183) B. Hoffmann-Kray er, Luzerner 
Akten zum Hexen- u. Zanberwesen: SchwAVolkbk. 3, 8. 22-40, 81-122. 189-224. 291-329. — 184) E. Panls, Zauberwesen n. Hexen- 
wahn am Niederrhein: BGNiederrh. 18. 8. r,4-24-2. — 185) X A. 8., Volksmedizin: BlIHessVolkük. 1, 8. 7. - 186) X R- Andree, 
Wie im Limborgischen Pferdekolik geheilt wird: ZVVolksk. 9, S. 335,6. - 187) X Anna Ithen, Erinnerungen an d. Pestzeit 
im Volksmunde: SchwAVolksIc. 8, S. 133/7. - 188) X 0. Heilig, Mittel ans d. 16. Jh. gegen Kröten. Schlangen, W&rmer, 
Nattern usw. im Leibe: Alemannia 26, 8. 264/7. - 189) X A. Haas, Volkstfimliche Mittel z. Vertreibung d. Warzen: 
BllPommVolksk. 7, 8. 87/8. (Vgl. ib. 8. 125,6. 164/5, 176, 187.) - 190) X H. Sohömmel. D. Krftuterweihe am Maria 
Himmelfahrtstage: Gebirgsfreund 10, 8. 183;4. — 191) X M. Höfler, Der Krftuterroarkt in Neisse. E. Kap. aus d. Volks- 
medizin Tergangener Tage: GPhllomathieNeissen. 29, 8. 87-96. — 192) M. Kronfeld, Zanberpflnnzen n. Amulette. E. Beitr. 
%. Kulturgesch. u. Volksmedizin. Wien, Perles. 1898. 84 S. M. 1,60. — 193) M. Höfler, D&monismns in d. Volksmedizin: 



A. Hauffen, Volkskunde. I 8:194-223 

durch böse Dämonen oder auf „Versehen" zurück.^ ®*~^®^). — Besprechung-s- 
f orra eln^^^'*"^) gegen Krankheiten, Hexen, Waffen, ferner Segenssprüche für 
Reisende führt Scholz *^^) aus Herzogswalde in Schlesien in grosser Zahl an. — 

Sagen und Märchen. Ueber Sagen und Märchen im allgemeinen ^®^~^®^) 
und deren Verwertbarkeit zur Erforschung handelt M äh ly ^os) [^ einem methodischen, 
durch zahlreiche Beispiele belebten Aufsatze. — 

Von den zahlreichen Untersuchungen und Beiträgen zur Geschichte 
und Deutung einzelner Sagen- und Märchen s 1 f f e^ö*"^»») können nur einigte 
herausgegriffen werden. Die Mythen des Hörseiberges behandelt Jänner^*®) 
ausführlich. Nach einer Einleitung über den mythisch-heidnischen Seelenglauben 
unserer Vorderen und über dessen Nachwirkung bis in die Gegenwart bringt er ein 
überaus reichliches, aber unübersichtlich angeordnetes Material zusammen nach münd- 
lichen Ueberlieferungen, Akten, älteren gedruckten Nachrichten über den Hörselberg 
als Hexenstelldichein, über Frau Holle, den Tannhäuser, den getreuen Eckart, über 
Wodan und ihre Beziehungen zum Hörseiberge. — Auf Grund der jüngsten geschicht- 
lichen Forschungen giebt B er n ulli^^oj ^iug neue Darstellung und gründliche 
Kritik der Teil- und der S tauf fach ersage. Er entwirft zunächst die Grund- 
lage für die Entstehung der Sage: den politischen Zustand, die geschichtliche Grund- 
lage der ürkantone und ihres Kampfes gegen das Haus Habsburg. Dann betrachtet 
er die alte üeberlieferung im „W^eissen Buche" zu Samen und zeigt, dass hier fünf 
verschiedene Sagen lose aneinandergereiht sind: vom geblendeten Mann im Melchi 
(später erscheint erst der Name Melchthal), von dem im Bad Erschlagenen zu Alt- 
zellen, von Stauffacher und seinem Geheimbund auf dem Rütli, vom Teil und endlich 
vom üeberfall der Burg zu Samen. In der Teilsage insbesondere sind zwei Versionen 
zu scheiden: 1. der alte Mythus vom Apfelschuss, der Sprung auf die Platte und das 
Erschiessen des Vogts von hier aus; 2. die Erzählung von dem Aufpflanzen des 
Hutes, der Verhaftung des Unbotmässigen, seinem Entweichen und dem Schuss in 
der Hohlen Gasse. Beide Fassungen wurden erst später miteinander verbunden. 
Die geschichtlichen Züge der Sage werden auf die Erhebung von 1247 und auf die 
Zeit vor diesem Aufstand verlegt. — Anlässlich der Besprechung der grossen Tiroler 
Sagensammhmg von Heyl (JBL. 1897 1 5:473) behandelt Hauffen"i) kritisch die 
deutschen Walen- oder Vene dige r sagen, wie sie in den Alpen, in den Bergen 
des östlichen Mitteldeutschland und anderwärts erzählt werden, und zeigt, dass die 
Venediger ursprünglich mythische Wesen, Berg-Elfen sind und mit den Zwergen 
nahe zusammenhängen. — Eine zweifellos richtige Deutung und Entstehungsgeschichte 
der Liegende von der heiligen Kümmernis oder Wilgefortis, jener merk- 
würdigen, von der Kirche niemals anerkannten, vom Volk aber in vielen deutschen 
Landschaften verehrten Heiligen, giebt uns Weinhold^^^^. Er weist daraufhin, 
dass Christus am Kreuze bis ins 13. Jh. nur mit einer Krone auf dem Haupte und 
mit langem Gewand dargestellt wurde. Als dann allmählich und bis zum 16. Jh. 
vollständig die Abbildung des Gekreuzigten nur mit dem Lendentuch und mit der 
Dornenkrone durchdrang, wurden die alten auffälligen Darstellungen Christi vom 
Volk neu gedeutet, des langen Gewandes und der Krone wegen als gekreuzigte 
Königstochter aufgefasst. Den Bart erklärte man sich nach Analogie an derer heiliger 

AZffB. N. 213. - 194) X id., Krunkhdts-D&xDonen : AReligionswiBs. 2, S. 86-164. - 195) O X i^-. !>• ^»1^^ im oberbayor. Yolka- 
leben mit bes. BerQoksiohtig. d. Volksmedixin. MftDchen, Bassermann. 48 S. M. 1,50. (Aus BAUBay. 10, S. 76-118.) |[AZgB 
N. 52.11 — 196) X ^- Kessler, 2 Besegnnngen: SchwAYolksk. 3, S. 137/8. (Z. Blatstillen [ThargaaJ; Beisesegen [Ross- 
raate bei St. Gallen].) - 197) X E. Jacksohatb, E. dfsch. Besohwörnngsbuoh : VGAnthr. S. 459-72. — 198) 0. Soholz, 
Bespre«hang8formeIn: USchlesOVolksk. 6, S. 30/7. — 199) X ^- Devidö, Kind u. M&rchen. Beitr. s. p&d. Bedent des 
Märohens. (= SGV. N. 244.) Hamburg, Verl.-Anst. 17 S. M. 0,20. (Uftbsohe Darleg. d. inneren Beziebungen swiaeben d. H&rohen- 
welt XL. d. Ansobannngen d. Kindes.) — 200) X ^' Ehrenfeld, Schalmärohen a. andere Beitrr. s. Belebung d. dtsob. ünterr. 
nebst e. Anh. y. Schftlerarbeiten. (:== MGDSprZQrioh. N. 4.) ZArich, Speidel. VIII, 189 S. M. 2,40. - 201) XO. Brenner, Sind 
M&rohenfftr Kinder soh&dlioh?: MUBayrVolksk. N. 4. (Die Frage wird natflrlioh verneint.) - 202) X R. Köhler, D. pftd. 
Bedeat. d. HArohens n. seine Behandlang: Nene Bahnen 10, S. 166-66, 210/8. ~ 203) J Mübly, M&rchen, Sage n. Mythus: 
Z&G. 6, H. 447-66. - 204) X (JBL. 1898 1 5:280.) |[F. t. d. Leyen: NatZg. N. 190; A Jellinek: AZgB. K. 209.J| — 205) 
X M. Beck, Schwan u. Sohwanritter in d. dtscb. Mythologie: LZgB N. 55. — 206) X J- Bolte, üeber d. Ursprung d. 
Bon Jnansage: ZYLR. 13, S. 374-98. (I. D. Barlador t. Sevilla; 2. D. Leontinssage; 3. D. Sage t. d. n. Gaste gnlndenen Toten- 
Bobftdel; 4. D. Elemente d. .Bnriador de Sevilla«.) — 207) X D- Entheiligung d. Feiertages n. d. Gottesl&sternng in d. 
pommerschen Sage: BllPommVolksk. 7, S. 97-101. — 208) X 0. Sohairer, D. Sage v. d. Sibylle: Sohwabenland 2, S. 5S/9. 
~ 209) X P- Wilhelm. D. Waldkönig u. d. Windsbraut: MNordböhmExkursClub. 22, S. 113,'8. (Z. Sage vom wilden .T&ger.) 
— 210) X ^' Sage vom GeistersohifT: PsychStad. 26, S. 695/6. — 211) X Stnbenrauoh, Untersuchungen c. Vinetafrage: 
KBGV. 47, S. 61/2. (Ref. nach e. Vortr.j - 212) X I> W. Schaer, Alt-Wallmoden u. d. Thedelsage: Niedersaebsen 8. 
S. S80/1, 294/5. 213) X A. Wfinsche, D. Wasser d. Lebens in d. M&rchen d. Völker. E. m&rohenvergleiohende Stud.: 
ZYLR. 13, 8. 166-80. — 214) X id., D. Sage vom Lebensbaum u. Lebenskraut in d. yerschiedenen Kultnrrelig. : N£3. 89, 
S. 377-97. — 215) X 0. Kobel, D. dtsch. M&rohen in ihrem Verhältnis b. germ. Mythologie: Odin N. 31. - 216) X A- Brnnk, 
Zu Gellerts Fabeln n. Erz&hlungen: BllPommVolksV. 7, S. 63. (Deckt zu Gellerts Erz&hlungen „D. Witwe** und „D: behertte 
Entschluss" volkstQml. Parallelen auf.) — 217) X (^ 3:16.) — 218) X (JBL. 1894 IV 2a: 121 ) |[K. Tiander: ZYLR. 
13, 8. 224S1.j| — 219) G. J&nner, D. Mythus d. HÖrselberges u. seiner Umgebung. (= Aus d. Heimat. 4. Erg&nsungshefi) 
Gotha, Gl&ser. 50 S. M. 1,00. [lAus d. Heimat 2. S. 190/1 ]| — 220) (IV 9:146.) [A. Sohullerus: JBGPh. 21, S. 342/3; 
E. Hoffmann-Krayer: SchwAVolksV. 3. S. 2ö2/4.]| — 221) A. Hauffen, Volkssagen ans Tirol: Eoph. (Ergänzungsheft) 4, 
S. 166-72. (Naohtr.: ib. 6, S. 444.) - 222) K. Weinhold, Sanot Kummernuss: ZVYolhsk. 9, S. 822/4. — 223) K. Gusin de, 



I 8:224-270 A. Hauffen, Volkskunde. 

Jungfrauen als einen von Gott verliehenen Schutz der Jungfräulichkeit. Auch die 
Legende vom goldenen Schuh, den St. Kümmernis einem Geiger zugeworfen habe, 
ist, wie W. zeigt, eine Kruzifixlegende, die erst später auf die bärtige Heilige über- 
tragen wurde. — Im Anschluss an diese Ausführungen berichtet G u s i n d e ^^') von 
Kümmernisdarstellungen und -Legenden in Schlesien. — Das Märchen von Hansel 
und Gretel versucht Schmitz ^^*) zu deuten. Er kommt in seinen ausgetüftelten 
und erzwungenen Erwägungen zu folgendem Ergebnis : „Hansel und Gretel symboli- 
sieren also das im Winter unter der Erde gefangene Leben, repräsentiert durch die 
Gestalten der Erdenjungfrau und des Sonnengottes, die, von den Wintermächten (der 
Hexe) in ihrer Existenz bedroht, durch die Wärme des eraten Sommertages (den 
Backofen) befreit, sich, nachdem sie von dem Schmutz der Totenwelt gereinigt sind, 
vermählen und dadurch die schöne Frühlingszeit, die Wiederbelebung aller organischen 
Lebensformen, das Reich der guten Geister herbeiführen." ~ 

Sa gen Sammlungen"^) und Mitteilungen einzelner Sagen sind wieder 
in grosser Zahl zu verzeichnen. Aus Oberdeutschland 226-23-) seien besonders 
erwähnt der Bericht über zahlreiche Schweizer Glockensagen, den Stückelberg 23») 
nach einem nachgelassenen Ms. von Näscheler vorträgt, und die Sammlung ge- 
schichtlicher Sagen aus dem niederösterreichischen Marchfelde, die Schukowitz^^®) 
nach dem Volksmunde mitteilt und mit sachkundigen Erläuterungen versieht. — 
Mitteldeutschland 240-254^ {qi n^r durch kleinere Sammlungen und Beiträge 
vertreten. -— Aus Niederdeutschland 255-263^ jgt q\^q ^jer ältesten und wich- 
tigsten Sammlungen: Müllenhoffs 2«4) Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig- 
Holstein und Lauenburg (1845), die schon lange vergriffen war, erfreulicher W^eise 
neu herausgegeben worden, und zwar in einem unveränderten Abdruck mit der um- 
fänglichen schönen Einleitung und mit den wertvollen Anmerkungen. -- 

Unter den Märchensammlungen 266-288) q\j^^ wieder Neuausgaben 269~270) 
und Uebersetzungen2"»-272) der Grimmschen Märchen (JBL. 1898 1 5:317—21), 



Sanot KnmmeiniB in Schlesien: MSehlesGVolkilc. 6, S. 81,4. — 224) J. F. Schmits, H&nsel o. Gretel. E. DeatnngeTersooh. 
Montabaur, Kalb. 20 S. M. 0,60. - 225) X ^- Schwab, Dtech. Volks- n. Heldensagen. FQr d. Jagend her. ▼. Otto Kanpi 
8. Aafl. St., Löwe. VII, 181 S. M. 2,d0. - 226) X Bad. Sagenbach. IL Abt. Sagen Freibargs a. d. Breisgaas. Her. dnroh 
J. Waibel u. H. Flaum. Freibnrg i. B., Wnibel. IIL 350 S. M. 5,00. ([E. Hoffmann-Kray er: SchwAVolksk. 3, S. lÖS.Jj 
(Vgl. JBL. 1898 I 5:294.) - 227) X (= N. 62.) - 228) X E. Sohol«, Historien u. Sagen aus d. Alb: BllSchwfibAlbV. 10, 
S. 479. — 229) X B. Reber, Sagen aus d. Saasthal in Wallis: SchwAVolksk. 3, S. 889-43. (Zwerge, Böse Geister, Helden- 
grftber.) — 230) O X ^^na Camenisoh, Gesch. u. Sagen aus Alt Fry Rh&tien. Heft 1/2. Daves, Richter. 128 S. 
k M. 0,40. — 231) X ^- ▼• Hoffmann, MQnchener Legenden aas d. Schwedenteit: AZg^. N. 126. - 232) X Helene Raff, 
Geschichten ans d. Etschthal u. aas d. Stubai: ZVVolksk. 9, S. 77-81. (1. D. Teufel in d. „Sonne" in Heran. 2. Härchen y. 
d. Distel. 3. D. falsche Hochaeiter. 4. D. fromme Weibets. Zwei Geschichten aus Eyrs [Vintochgau]: a) D. Katse; b) D.Hand 
auf d. Grabe.) — 233) X J. H. Lotter, Sagen, Legenden u. Gesch. d. Stadt Nfirnherg. NQrnberg, Raw. Vm, 496 S. Hit 
95 Abbild. M. 6.50. — 234) X L- Siess, Sagen aus d. oberen HQhl viertel. 1./5. Bdchn. Rohrbach, Kath. Pressver. k 16 8. 
ä H. 0,20. — 235) X J- ^- Ehrfeld, Sagen aus K&rnten: Carinthia 89', S. 88-91. (Verwansohenes Sohloss mit Sohlosefran 
u. Hund. Sage vom Riaber Krapfenbeok-Simmele [vgl. ib. S. 40/2, d. Untergang d. Stadt Riesa; S. 42/4, d. schwartxe Freu. 
SchatB- u. Schlangensage].) — 236) X ^- Fm Sagen aus d. Milst&dter Seegebiete: ib. S. 37-40. - 237) X ^- Moser, Sagen 
aus Trizen: ib. S. 153/5. (Sohatssagen, Selige Frauen, Hexerei [vgl. ib. 8. 51/7, Silbergrab vom Oswaldberg].) — 236) E. A. 
St&okelberg, Olockensagen aus d. Schweiz: SchwAVolksk. 3, S. 177-88. — 239) H. Schukowitz, Kriegs- u. Schlachten- 
sagen aus d. Harohthale: ZVVolksk. 9, S. 377-89. - 240) X K. König, Thftringer Sagenschatz u. hist. Erzählungen. 2. (Titel-) 
Ausgabe L., B. Franke. IV, 51 S. H. 3,00. (Staik litt, bearbeitet.) — 241) X Hepding, Sagen aus d. Umgegend v. Giessen: 
BllHessVolksk. 1, 9. 15. — 242) X S' Salomon, Im Lande d. Quellen. Sage n. Dichtung. Trier, Lintz. 12». 127 S. 
H. 1,50. (Eifel-S:igen.) — 243) X C. Spielroann, Sagen u. Gesch. aus d. Nassauer Lande. Fttr Schule u. Haus her. 
Neue (Titel-)Au8g. Wiesbaden, Staadt. VII, 160 S. H. 1,60. — 244) X H. Grössler, 8. Nachlese v. Sa^en u. Gebriuohen d. 
Grafschaft Hansfeld u. deren nächster Umgeh.: HansfelderBII. 13, S. 157-64. (Vgl. ib. S. 150/9.) — 245) X '^^^ O. Sagen y. 
Winfried- Ronifatins: ib. S. 123-47. — 246) X H. Bergner, D. Glocken d. Herzogtums Saohsen-Heiningen: SVGSHeiningen. 
38, S. 1-169. (Hit Sagen.) — 247) X J. Hendrioh, Sagenhaftes n. Historisches ftber d. Stadt Neudeck: ErzgebirgaZg. 20, 
S. 273/8. (Sagen: ib. S. 94, 237/8.) -246) X IB. Alliger, Sagen aus d. Adlergebirge u. d. Erlitzthale: HNordbÖhroExkarsClnb. 
22, 8. 146-50. - 249) X J* Lenisch, D. Sohluokenauer Frau: ib. S. 58/9. (Volkstüml. umgesteltete Anekdoten.) » 250) X 
J. Hau deck. Sagenhaftes vom Fusse des Kelobberges: ib. S. 284/5. ~ 251) X ^ Warnatsch, Schles. Legenden: 
HSchlesGVolksk. 6, S. 20/9. (Aus Albendorf in d. Grafschaft Glatz. Nach d. Buche: nHarianisoher Gnadenthron 1695*.; — 
232) X ^' E^ohner, Anekdotenhafte Sagen: ib. S. 29-30. — 253) X Braunsdorf, D. Lutchensage in d. Lausitz: Gebirge- 
freund 10, 8. 26/7. — 254) X A. Hann, Oberlansitzer Waldsagen: ib. S. 87/9. — 235) X K. Gander, Sagen aus d. Gnbner 
Kreise: Nieder 1 au sHag. 5, 8. 368-74. — 256) X W. Crone, Aus d. Heimat. Sagen u. sagenhafte Erz&hlungen d. Kreises 
Bersenbrftck. Lingen, v. Aoken. 54 S. H. 1,00. (24 gesoh. u. mythische Sagen. Gut erz&hlt mit erl&aternden Anm.) — 
257) X i<l« Sagenhaltes aus Bippen u. Umgegend: Niedersachsen 8. 8. 178/4. — 256) X (JBL. 1807 I 5:521.) {[ZBergGV. 
84. 8. 276/7; AnuHVNiederrh. 67, 8. 157; Wiedemann: BonnJbb. 102. 8. 166/7; A. Brunk: DLZ. 20. 8. 1488/4 ]| - 259) X 
0. Schatte, Sagen: BraunsohwHag. 5, S. 110/1, 117/9. — 260) X B. Eckart, Sfidhannoversohes Sagenbuch. L., B. Franke. 
226 8. H. 3,50. (Volkstftml. Ausw. aus bek. grösseren Sammlungen.) —261) X K. Scheibe, Sagen ans Fredelsloh: HannGBIl. 
2, 8. 93/4. - 262) X A. Haas, Sagen u. Erz&hlungen von Stettiner Kirchen n. Klöstern: BllPommVolksk. 7, S. l-ll. (Vgl. ib. 

8. 158/9.) — 263) X A. Treiohel, Sagen: ZHVHarienwerder. 37, 8. 7-23. - 264) K. Hftllenhoff, Sagen, Härchen n. Lieder 
d. Herzogtftmer Schleswig-Holstein n. Lauenburg. Anastatisohe Reproduktion d. 2. Abdrucks d. Aufl. vom J. 1845. Kie1,|Liebscher. 
LIV, 622 8. H. 10,00. — 265) X 0. Hylius, D. Kinder Lieblingsmftrchen. E. Samml. d. schönsten H&rchen v. Andersen, 
Beohstein, Brüder Grimm, HaulT, Hus&ns usw. St., Sftddtsch. Verlagsinst. 4«. 171 S. H. 1,50. - 266) X J- K. A. Hus&ns, 
R&bezahl. Dtech. Volksmärchen. Fftr d. Jagend bearb. v. L. Thomas. Hit Holzsohn, nach Zeichnungen v. L. Richter. 
5., verb. Aufl. B., Heidinger. 134 S. H. 2,00. - 267) X K. 0. Beetz, Aus Volksmunde. Neue Hftrchensamml. 1. Bd. Fftrth, 
Schaller. 12«. 80 8. H. 0,50. — 268) X L Franke 1, VolkstQmliohes ans J.W. Wolfs Kölner Jugenderinnerungen : ZVVolksk. 

9, S. 851/7. (Aus der Schrift „Aus d. Kindheit" 1854 d. bekannten Volksfor schere Johann Wilhelm Wolf bringt F. Härchen. 
Kinderlieder, Legenden, Schwanke.) ~ 269) X J>^^- Q- Wiln. Grimm, Kinder- n. Hausmärchen. III. v. F. Schneider. B., Gahl. 
122 8. H. 0,75. — 270) X J- u. W. Grimm, Ladw. Bechstein u. H. Chr. Andersen, Im Härohenlande. E. Auslese d. schönsten 



A. Hauffen, Volkskunde. I 8: «71-291 

femer einige landschaftliche Märohensammlungen 2^^~2'^^) und ausserdem die 
neue, schön ausgestattete und reich illustrierte Auswahl jungbrunnen*''*'""') von 
bekannten Märchen in modernisierter Fassung zu verzeichnen. — 

In der Litteratur über das Volksschauspiel 2'*) findet sich wieder 
mancher Beitrag zum Weih nachts spiel*''®"***). Die zwischen 1694 und 1711 
abgefasste Ghristcomoedia des Merseburger Rektors Johann Hübner giebt Brach- 
mann ***) nach einer Hamburger Hs. heraus. In der ausführlichen Einleitung hierzu 
zeigt er an zahlreichen Parallelen von älteren und von später aufgezeichneten volks- 
tümlichen Weihnachtsspielen, dass Hübner für die vier Akte seines Stückes {Herberg- 
suche, Verkündigung, Anbetung der Hirten, Nachspiel des Rüpels Rupertus und 
seiner drei Söhne) viele Motive von Weihnaohts-, Dreikönigs- und Advent-(Nikolaus) 
spielen des Volks benützt, wenn auch selbständig umgestaltet hat. B. liefert so viele 
wichtige Einzelbeobachtungen zur älteren Geselchte des Volksschauspiels. — Einen 
umfangreichen und wertvollen alten Text eines geistlichen Volksschauspiels hat 
Jäger*®*) gefunden und veröffentlicht. Es ist eine Comödij vom jüngsten 
Gericht, die aus einer Hs. von etwa 1750 vorliegt und in jener Zeit zu Altenmarkt 
in Salzburg nachweislich wiederholt von mehr als hundert Personen aufgeführt 
wurde. Die vorliegende Fassung ist von dem letzten Spielleiter Franz Plattner, 
einem Tiroler, geschrieben und stammt wahrscheinlich aus Tirol. Das 6685 Verse 
umfassende Spiel knüpft vielfach an ältere Dichtungen an, zeigt aber auch spätere 
Einschiebsel (in Alexandrinern). Es wird eröffnet durch einen Prolog und drei An- 
kündigungen (des Papstes, des Enoohs und Elias, der Stände) und zwei Vorspiele 
(Tod eines Jünglings und Streit um seine Seele, Verlockung der Menschen zu den 
sieben Todsünden). Den Hauptinhalt bildet das jüngste Gericht, das sehr breit vor- 
geführt wird. Hervorgehoben sei daraus die gegenseitige Seligpreisung der seligen 
Eltern und Kinder, sowie die gegenseitige Verfluchung der verdammten Eltern und 
Kinder, der Streit zwischen der Seele und dem verdammten Leibe, die Anklage der 
vier Elemente, der Sonne, des Mondes und der „edlen Zeit", die Vorführung der 
sieben Hauptsünden mit ihren Teufeln und als Gegensatz je eines Heiligen, der früher 
Sünder gewesen, der Streit zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, die wieder- 
holten Fürbitten der Heiligen und endlich die grosse Rede Lucifers über die Stände 
in 24 Abteilungen. Beigegeben sind der Ausgabe umfassende (hauptsächlich sprach- 
liche) Anmerkungen und ein Wörterverzeichnis. — Ein weltliches Volks- 
schauspiel ^^'J teilt Bolte^®®) mit, eine „Altweibermühle", die 1814 im Stubai- 
thal in Alexandrinern und zwar in Tiroler Mundart aufgezeichnet wurde und als 
„Unter-Komödie in einem Aufzug", als Einlage oder Nachspiel ernster Dramen ver- 
wendet wurde. In der Einleitung hierzu trägt B. viele andere üeberlieferungen von 
ähnlichen Mühlen zusammen, giebt Bild und Verse einer Altweibermühle von 1630, 
und bringt u. a. zahllose Belege für Redensarten und scherzhafte Verwendung des 
Ortsnamens Tripstrill bei, das als Land der Thoren gedeutet wird. — 

Die schon im Vorjahre erwähnte Ausgabe der deutschen Volksschau- 
spieleaus dem Böhmerwalde hat A m m a n n ^^®) fortgesetzt. Im zweiten 
Teil bringt er sechs weitere Spiele, die zumeist legenden artige Stofife behandeln in 
Bearbeitungen, wie sie für die Volksbühnen des Böhmerwaldes bestimmt waren und 
im Verlauf des 19. Jh. auch wiederholt zur Aufführung kamen. 1. Eustachius, 
2. Alexius, 3. Das türkische Sultanspiel, 4. Genovefa, 5. Hirlanda, 6. Heinrich von 
Eichenfels. Die Stücke 1, 5 und 6 sind nach den gleichnamigen Erzählungen Christofs 
von Schmid in ziemlich genauem Anschluss dramatisiert worden. — 

Von den Arbeiten zur Geschichte und Charakteristik des 
Volksliedes 290-295^ müssen einzelne besonders hervorgehoben werden. Einen 

Mftrotaen. Mit 6 Farbendr.^Bildern t. C. W. MQUer, W. Schilfer n. E. Voigt. Wetel, Dftma. 224 S. M. 8,00. - 271) X ^^m 
Fairy tales. Tnnsl. by L. L. Weedon. London, Nister. 208 S. 8h. 6,00. 272) X id- Contet ohoiait. Text« allenand par 
Ch. Koohereperger. Saint-Clond, Belin. 12». 149 S. — 273) X Ch. Richter, Einige Yolksm&rchen ans Meoklenb.: 
Miedersaeheen 4, S. 14, 26/8, 89. — 274) X Volkgmirohen ans Pommern: BllPommVolkek. 7, 8. 81/2, 161/8. — 275) X P»aline 
Sohnlleras, Siohs. Volksm&rohen uns AUen: KBllSbnbgL. 22, 8. 4/9. — 276) Jungbrunnen. D. B&renh&nter und die 
7 Schwaben. Zwei M4rchen in Bildern ron Fr. Stauen. B., Fischer & Franke. 80 8. H. 1,25. — 277) Dass. D. 
Schweinehirt. D. Prinzessin auf d. Erbse. M&rchen t. H. ('h. Andersen. Zeichnungen Ton M. Dasio. ebda. 80 8. M. 1,00. 

— 278) X K. Heiterer, Von d. Unrthaler YolkskomMien : ZOsterrYolksk. 5, 8. 23/4. (Ueber neuere Verbote geistl. Spiele.) 

— 279) X B.A. Stftokelberg, Ueber d. KrippenTcrehrang: SchwAVolksk. 3, 8. 153/4. — 280) XH. Timaeae,B. 
Weihnachtskrippenrer. im Ersgebirge: Land 7, 8. 100/2. — 281) X l^- Urban, Ueber einstiges Weihnachtsspiel im Ertgebirg«: 
EregebirgsZg. 19, 8. 269-73. — 282) X H. Anx, E. tbQring. Weihnachtsspiel: ZVTharO. 19, 8. 367-74- (Akten Aber d. Ab- 
sohaffang e. Weihnaohtsspiels in Bmnnsroda, 1732.) 283) X H. Grosse. Zwei Arnst&dter heilige Christ-KomAdien. Progr. 
Arnstadt. 4^ 19 8. (Beide werden mitgeteilt aus Hss. yom Anf. d. 18. Jh., d. zweite teilweise in th&ringischer Mondart.) — 
284) X P- Vogt, E. Auffflhr. echtes. Weihnaehtespiele: USehlesOVoIksk. 6, 8. 17-25. - 285) (III 4:7) — 286) Die Gomedy 
Tcn j&ngstea Gericht. E. altes Yolksschansp. ▼. Altenmarkt bei Badstadt. Nach d. einsigen Hs. mit Inhalteftbersicht u. An- 
merkungen her. t. M. Jftger. Salzburg, Mitterm&ller. III, 236 8. FI. 2,40. (D. 1. Teil erschien als Progr. d. f&rsterzbisohAn. 
Gyma. in Salzburg.) - 287) X (IV 4:480.) — 288) J. Bolte. D. Altweiberraflhle. B. Tiroler Volkssohanspiel: A8NS. 108. 
8. 241-66. — 289) (IV 4:454.) |[K. Wein hold: ZVVolksk. 9, 8. 220; MVGDB. 88^ 8. 6J/6.JJ - 290) X I>. dt^h. Volke- 
gesang. lAlenbetrachtnngen e. Arztes: Grenzb. 4, 8. 35-42. - 291) O X K. t. Gerstenberg, D. dtsoh. Volkslied. Wuder- 

Jahresberieht« fOr neuere deutsehe litteraturgeeohiehte. X. Tl)!! 



1 8:292-sod A. äauffen, Volkskunde. 

neuen Versuch, das Werden und Wesen des deutschen Volksliedes in knapper, ab- 
gerundeter Form darzustellen, unternimmt Bruin ier^**). Sein Buch ist anregend 
und fesselnd, mit Begeisterung und Schwung geschrieben, aber nicht frei von Ueber- 
schwenglichkeiten, von unglaubhaften Annahmen und allzu kühnen Konstruktionen, 
auch für die weiten Kreise, für die es berechnet ist, nicht genug klar und über- 
sichtlich gehalten. B. behandelt im ersten Kapitel die gegenwärtige Pflege des Volks- 
liedes und die Gründe seines Niederganges mit treffenden Worten. Von den ältesten 
Zeugnissen ausgehend, erörtert er hierauf das eigentliche Wesen des Volksgesan^es, 
den Begriff „Volkston^' und findet ein gutes (wenn auch etwas äusserliches und mcht 
allein genügendes) Kriterium, wenn er (S. 36) sagt, Volkslied ist jenes Lied, „das in 
einem von der Sitte zusammengeführten Chore frei erklang und erklingt". Im dritten 
Kapitel baut er sich aus den alten Mitteilungen und Resten eine geschichtliche Ent- 
wicklung des Volksgesanges auf, spricht vom Skop, dem altgermanischen Berufs- 
sänger, vom fahrenden Spielmann, von Entstehung und Ausbildung des Helden- 
saDges. Der vierte Abschnitt behandelt die geschichtlichen Volkslieder (von den 
ältesten Zeiten bis in die Gegenwart) und die Volksballaden, der fünfte Abschnitt die 
Lieder zu „Leben und Liebe", alles mit guter Auswahl der Proben. Was B. im 
letzten Ausblicke auf die Zukunft des Volksliedes über die Mundart in unseren 
Volksliedern sagt, ist nicht ganz richtig (JBL. 1894 I 5 : 283). — Die für Wesen und 
Entstehung des Volksliedes überaus bedeutsame, in den JBL. schon wiederholt ge- 
würdigte Untersuchung Büchers^^'J über Arbeit und Rhythmus ist nun in einer 
zweiten, stark vermehrten Auflage erschienen. B. hat hier die Zahl der Liederbeispiele 
aus aller Welt um mehr als das Dreifache vermehrt und soweit als möglich überall 
die Melodien beigegeben. Er hat einzelne Teüe wesentlich umgeändert, mehrere 
neue Abschnitte eingefügt und hauptsächlich versucht, in die älteste Geschichte der 
Volksdichtung tiefer einzudringen. — Der deutsche Volksgesangsverein **») (JBL. 
1895 I 5 : 376) in Wien, der seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich für die 
lebendige Pflege des Volksliedes eintritt, giebt nun eine volkstümlich gehaltene 
Zeitschrift „Das deutsche Volkslied*' *®®) unter der Leitung von P o m m e r und 
Frauengruber heraus, die den schönen Zweck verfolgt, die Kenntnis des echten 
deutschen Volksliedes weiteren Kreisen zu vermitteln und seine sachverständige 
Pflege zu fördern. Die Herausgeber setzen sich also neben der populärwissenschaft- 
lichen auch die praktische Aufgabe, darauf hinzuarbeiten, dass echte Völkslieder ge- 
sammelt, veröffentlicht und mit einem entsprechenden einfachen musikalischen Satze 
von Gesangsvereinen gesungen werden. Die neue Litteratur über das Volkslied wird 
hier genau verzeichnet und ausführlich besprochen. Aussprüche über das Volkslied 
werden gesammelt und mitgeteilt. Manche Aufsätze kommen aus zweiter Hand, aber 
die Zeitschrift bringt auch viele und teilweise wichtige Eigenbeiträge, so Unter- 
suchungen zu einzelnen Volksliedern und besonders Mitteilungen von noch unbekannten 
Liedern, Vierzeilern, Rufen und Tänzen (immer mit der Melodie), Jodlern usw. Auf 
diese kleineren Beiträge der neuen Zeitschrift sei hier ein für allemal verwiesen, da 
nicht alle einzeln genannt werden können. — 

Auch besonderen begrenzten Gebieten der Volkslieder sind 
Untersuchungen gewidmet worden. Das deutsche Volks- und Studentenlied 
der vorklassischen Zeit insbesondere behandelt Kopp ^^^). Er nimmt für 
seine tief eindringenden litterarischen Untersuchungen den Ausgang von einer hs. 
Liedersammlung, die Freiherr Albert Ernst Friedrich von Crailsheim vor 1750 zu- 
sammengeschrieben hat. Diese auf der Königlichen Bibliothek in Berlin aufbewahrte, 
aus dem Meusebachschen Nachlass stammende Hs. ist sehr wichtig für die Geschichte 
des volkstümlichen Liedes im 18. Jh. Sie enthält mehr als 300 Texte gesangmässiger 
Lieder, darunter viele seltene und eigenartige Stücke und liefert uns für viele noch 
heute beliebte Volks- und Studentenlieder die ältesten, bisher noch unbekannten 
Fassungen. Es sind zumeist hochdeutsche Lieder neben drei französischen, vier 
lateinischen und einigen mundartlichen Stücken. Der Inhalt der Sammlung ist nicht 

Tortr. QlaniB, Soh weiser Yerlagsanst. 34 S. M. 0,45. — 292) X C. Roteslcranz, D. TolIctHed: Praxis d. Yollnsohnle 9, 
S. V8-112. (Oesoh. Aafs.) — 293) X JPommer, Vom Yolksliede. E. Wort d. Aafkl&ning n. Erwiderang: DTolkslitd. 1, 
8. 41/4. - 294) X Elisabeth Marriage, Poet. Bezieta. d. Meatctaen b. Pflansen- o. Tierwelt im heutigen Tolkelied aaf 
hochdtsch. Boden. Dies. Bonn, Uanstein. 86 S. (Vgl. JBL. 180S 1 fi:Sd4.) - 295) X 0- Schl&ger n. A. Bartels, Volkslied 
n. Kunstlied: Kw. 12, S. 850/4. (Mit bes. Bezieh, anf Klans Groth) - 296) J. W. B minier, D. dtsoh. Volkslied. lieber 
Werden n. Wesen d. dtsoh. Yolksgesanges. L., Tenbner. lY. 156 8. M. 0,90. |[K. Rensohel: ZDC. 18, 8.848-50; DVolkslied. 
1, 8. 57-60.]| — 297) K. Bfloher, Arbeit u. Rhythmus. 2., sUrk Termehrte Aufl. L., Teubner. YIII, 412 8. M. 0,00. |{0. 
Brenner: MUBayrYolksk. 3, 8. 2/8.]| (Vgl. JBL. 1896 I II :171: 1897 I 5:577.) - 298) X K. Preisseoker, JB. d. dtsoh. 
YolksgesangsTor. in Wien Aber d. 9. Yereinajahr. Wien, Yereins vorlag. 100 S. gratis. (Mit allg. Einl. Aber d. Bedeutung 
d. dtsoh. Yolksliedes fftr d. Erzieh, d. Jugend u. mit Komm. d. im Yer. gesungenen Yolkslieder u. mit e. Yerzeiohn. d. Bfteher 
u. Aufsitze ftber d. dtsoh. Yolkslied im J. 1898.) — 299) D. dtsoh. Yolkslied (DYolksIied). Zeitsohr. fftr seine Kenntnis u. 
Pflege. Unter d. Leit. t. J. Po mmer u. H. Frauengruber. 1. Jg. 10 Hefte. Wien, Hftider. 112 8. M. 4,00. |[W. Hein: 
ZYYolksk. 9, 8. 840/l.]| — 300) A. Kopp, Dtsoh. Volks- u. Studentenlied in Torklass. Zeit. Im Ansohluss an d. bisher 
ungedr. t. ürailsheimsohe Liederhs. d. kgL Bibliothek zu Berlin queUenmAssig dargestellt B., Besser. 286 8. M. 6,00. 



A. Hauffen, Volkskunde. I 8:80i-wi 

sehr mannigfaltig, da die meisten Lieder dem allerdings nach allen Richtungen hin 
gründlich ausgeschöpften erotischen Gebiet angehören. Daneben finden sich ein paar 
Trinkgesänge, zwei Tabakslieder und, wie erwähnt, mehrere Studentenlieder. Ge- 
schöpft hat der Sammler aus vielen gedruckten Liederheften und fliegenden Blättern 
des 18. Jh. (die K. nach der Meusebachschen Sammlung beschreibt und bezüglich 
ihres Bestandes mit Crailsheims Hs. vergleicht), ferner aus der unter Hoffmanns- 
waldaus Namen gehenden Sammlung, aus Gedichtbüchern von Menantes-Neumeister, 
Rottmann, Zigler, Picander, Stoppe (vertreten sind auch noch Günther, Sperontes, 
Geliert, Uz und Lessing), endlich aus hs. Stammbüchern und aus mündlicher Ueber- 
lieferung. Nach der aufschlussreichen, wenn auch nicht sehr gut angeordneten Ein- 
leitung veröffentlicht K. die behandelte Hs., aber er giebt nicht sämtliche Texte, 
sondern nur die wichtigeren, poetisch bedeutsameren, anderweitig nicht oder nur 
schwer zugänglichen Lieder. Von den übrigen, namentlich von den vielen zoten- 
haften Texten giebt er nur die Eingangszeile. Jeder Nummer aber sind sorgfältige 
Anmerkungen beigefügt: alle bibliographischen Nachweise, die Parallelen bis zum 
heutigen Volksgesange herab, Nachrichten über Ursprung, Verbreitung, Veränderung 
der betreffenden Texte. Der Anhang bringt noch Mitteilungen über zwei kleine 
Liederhss. der Zeit von Friedrich Reyher (1743—48) und von einem unbekannten 
Schlesier (1740—60). — Auch dem Volksliederschatze einzelner Landschaften 
gelten besondere Darstellungen 3<**~30*). So hat Dunger^^*) uns ein Bild entrollt 
von der Volksdichtung im Königreiche Sachsen. In einer Einleitung erörtert D. zu- 
nächst Begriff, Wesen, innere und äussere Form des Volksliedes, indem er sich auch 
mit den Ausführungen von John Meier (JBL. 1898 I 5:351) und Arnold Berger aus- 
einandersetzt. D. bespricht hierauf den heutigen Stand des Volksgesanges in' Ober- 
sachsen, wie er ihn bei seiner eigenen Sammelthätigkeit kennen gelernt hatte, und 
charakterisiert die im Vogtlande, im Erzgebirge, in der sächsischen Schweiz usw. 
noch üblichen Lieder, Vierzeiler, Kinderlieder, Reime und Weüinachtsspiele mit vielen 
Proben. — Eine ebenfalls durch Proben belebte Beschreibung der gesamten Volks- 
poesie, hauptsächlich aber des Volksliedes der Siebenbürger Sachsen giebt uns 
Schullerus ^^^). Er macht hierbei den belehrenden Versuch, auf Grund der spärlich 
vorhandenen Zeugnisse imd der aus den einzelnen Gruppen sprechenden Welt- 
anschauung einen Aufriss der Geschichte der siebenbürgischen Volksüberlieferungen 
zu geben. Seh. behandelt so zunächst die Arbeits-, Tanz- und Kinderlieder, die 
Totenklagen und Rätsel, den unvergleichlich reichen Sagenschatz, dann die Volks- 
und volkstümlichen Lieder, bespricht *die Umschmelzung bekannter Gedichte von 
Uhland, Geibel, Kästner, Goethe in den Vorstellungskreis, Geschmack und die Mundart 
des Volkes. Dann folgen die Märchen, namentlich die Tiermärchen, die die Auf- 
merksamkeit der Brüder Grimm erregt haben, ferner die Sprüche, satirischen Hoch- 
zeitsreden, das aus der Reformationszeit stammende Gesprächslied: Der König und 
der Tod, endlich die Waisen- und Kriegslieder der jüngeren Zeit.^^') — In einer im 
Berichtsjahre noch nicht abgeschlossenen englisch geschriebenen Abhandlung be- 
ginnt AUen^®®) den Einfluss des Volksliedes auf die Lieder Wilhelm Müllers 
darzustellen. Nach einer Einführung über die Geschichte der Volksliedforschung in 
Deutschland und über Müllers dichterisches Schaffen überhaupt betrachtet A. namentlich 
das dem Volkslied entsprechende Naturgefdhl bei Müller (Natureingang, Beseelung 
der Natur, Blumen, Bäume, Vögel, Wasser, Gestirne, Jahreszeiten) und femer die 
Nachahmungen von Formeln und Motiven aus des Knaben Wunderhorn. — 

Eine Reihe kleinerer Untersuchungen liegen zu einzelnen 
Volksliedern3o»-32i) vor. ~ 

Dem historischen Volksliede 322-329) gm (j^r kurze Aufsatz 
Hauffens^^®) über die Stellung, die Prinz Eugen im Liede einnimmt, und der 

][LCBI. 8. 1619.]! — 301) X ^' Hassebranlc, Bemerk, xn d. Yolksliedern d. Brannsoliw. Landes: BrauasohwMag. 5, S. 23. 
" 302) XJohn Ueier, D. Verbr^li d. Sohnaderhftpfel n. d. Jodlers in d. Sehweiz. E. Umfrage: SohwAYolksk. 8, 8. 149-61. 
(Vgl. ib. 8. 250/1.) - 303) X J. Zak, D. dtsoh.-m&hr. Volkslied (Forsohnng 1899): DBlatt. N. 50». - 304) X Zink, D. 
Tolksliedersohats d. Gegend am Donnersberg (Bheinpfalc) : MUBayrVolksk. N. 2. — 305) H. Dünger, Volksdiobtnng in Sachsen. 
(» N. 86, 8. 229 66.) - 306) A. Sohnllerns. Unsere Yolksdiohtnng. (= F. Tentsoh, Bilder aas d. vatert&nd. Gesch. 
2. Bd. [Hermannstadt, Krafft. YU, 516 S. M. 6,10], 8. 1-69.) — 307) X E- Bnohholzer, D. siebenb&rg.-s&chs. Yotks- 
diehtnng. (s Yortragsordnnng d. FestTorstellang s. Tentschdenkmal-Enthfillangsfeier [Hermannstndt, DrotlelTJ, 8. 1-11.) ~ 
303) Ph. 8. Allen, Wilhelm MQller and the german Tolkslied, I/II: JGPh. 2, 8. 283-822; 8, 8. 85-91. — 309) XA. 8ohreiber, 
D. Entsteh, d. sog. Thttringer Yolksliedes „Ach wie w&rs möglich dann'*: Ans d. Heimat 2, N. 2/8. — 310) X E. H off man n- 
Krayer, Za d. Liedsohlnss „8oldat bist da gewest'': ZDU. 18, 8. 275. — 311) X ^' Fr&nkel, Sehlasswort xn »Aas Sachsen, 
wo d. (schSnen) M&dchen (aaf d. B&amen) wachsen": ib. 8. 180/8. — 312) K. Prahl, In Leipstg war eil Mann: ib. 8. 212/3. — 
313) X id-. ^r«i U\im, drei Lilien: ib. 8. 62/3. (Ygt. ib. 8. 569-71.) — 314) X H. Monges, Za KQokerta Sohwalbenlied 
„Aas d. Jogendseit": ib. 8. 826/9. - 315) X i^^^ ^897 I 6:603.) |[H. Lambel: ADA. 23, 8. 176-85; J. Ries: ZDU. U. 
8. 70/2.]| — 316) X J- Lew alter, Ueber d. Lied „Es sal sech okert keiner met dr Uwe opg&wen": CasselAZg. 25. Mai. » 
317) XP-I^roi'l^'Ier« lass mich dnch hinein Schats! Yergleiohnng e. sohoti. a. eines schles. Yolksliedes: ZYYolksk. 9, 
8. 41/6. — 313) XP- Schecke, D. Martinslied: Kiedersaohsen 4, 8. 95. — 319) X A. Glftok, „MTär ich e. Enab geboren"; 
SchwMnsZg. 89, 8. 289-80. (Yolkslied in 6 Lesarten.) — 320) X K. Nef, D. schweiser. Yolkslied „s'Yreneli ab em Oaggis- 
berg": Ib. 8.*186/8. — 321) X^dw. Schröder, D. Lied d. Möringers: ZDA. 48, 8. 184-92. (D. Lied kann nach d. Unter- 
CDU* 



I 8:889*861 A. Hauffoii, Volkskundo. 

Bericht von Kopp*'^*) über die Verbreitimg und die verschiedenen Fassungen des 
Gassenhauers auf Marlborough. — 

Volksliedersammlungen*^2-333), Eine allgemeine Sammlung 
ist von Jacobows k i^»*) unter dem Titel „Aus deutscher Seele" veranstaltet worden. 
J. verfolgte hierbei den Zweck, aus dem Wüste der aufgehäuften Liedersammlungen 
nach ästhetischen Gesichtspunkten das Wertvollste sich auszuwählen und wirksam 
anzuordnen. An Stelle der grossen Sammlungen von Erk-Böhme, die er nur den 
wissenschaftlichen Kreisen zuweist, an Stelle des Wunderhorns, dem er nur geschicht- 
liche Bedeutung zugesteht, will J. dem Volke aus dessen eigenen Schätzen ein neues 
Hausbuch geben, das auch wie des Knaben Wunderhom auf die schaffenden Dichter 
einwirken soll. J. ordnet den Stoff in 18 Gruppen an: Glückliche Liebe; Meiden und 
Scheiden; Unglückliche Liebe; Ehe; Aus frommer Seele; Festtagsverse; Rätsel und 
Reimscherze; Balladen; Historische und kulturhistorische Lieder; Soldatenlieder; 
Stände- und Stammeslieder ; Jagd- und Tierleben; Naturleben; Volksweisheit; Trink- 
poesie; Humor; Vom Sterben; Vom Tode. Er bringt hier alte und neue, mundartliche 
and schriftdeutsche, allgemein verbreitete und landschaftliche Lieder, aber auch Vier- 
zeiler, Sprüche, Kinderreime, Inschriften usw. Alle mit gelegentlichen kurzen ge- 
schichtlichen oder sprachlichen Erläuterungen unter dem Text, sowie mit Parallelen 
und Litteraturangaben in den Anmerkungen. Die Textbehandlung ist nicht immer 
richtig, die Auswahl und Zuweisung zu den einzelnen Gruppen nicht einwandfrei. 
Manches minderwertige und un volkstümliche Stück hat neben den bekanntesten 
Perlen des Volksgesanges Aufnahme gefunden. Die grosse Verbreitung und Ein- 
wirkung, die sich der (inzwischen jung verstorbene) Herausgeber erhofft hat, 
scheint sein Buch nicht erreicht zu haben. — üeber eine bisher unbekannte Lieder- 
sammlung aus der 2. Hälfte des 16. Jh. (1558—82 gedruckt) berichtet Wo Ikan^^*). 
Die Sammlung war eine Vorlage für das sogenannte Ambraser Liederbuch, mit dem es 
zum grossen Teile übereinstimmt. Die im Ambraser Buche fehlenden Texte dieser 
Sammlung teilt W. mit, soweit sie nicht schon in leicht zugänglichen Sammlungen 
stehen, und fügt ihnen verwandte hs. Fassungen bei. ^3®"^^') — Aus einem 1733 vom 
Pfarrer A. J. W. Schmidt in Plan (Westböhmen) angelegten Sammelbande legt 
Urban^38) f^f bemerkenswerte Lieder vor: 1. Des Torstensons Vaterunser; 
2. Soldaten-Segen; 3. Das (auch gegen die Schweden gerichtete) sächsische Vater 
Unser; 4. Ein Berglied („Das Bergwerk ist doch lobenswert"); 5. Das Lied zu 
St. Anna. — Sammlungen und Einzelmitteilungen von Volksliedern einzelner Land- 
schaften liegen reichlich vor aus Niederdeutschland 33Ö-344) ^ Mittel- 
deutschland***"^**) und ganz besonders aus O b er deutsch 1 an d'***^^''''). — 

•aohangen SchrAdera wenisfatens in d. Anf. d. li. Jh. surftok datiert warden ) — 322) X P* W. B. Roth, Jakob Theodor t. 
Bergxabern, sowie Volkslioder aaf d. Pfalsgrafen Wolfgang Wilhelm n. Friedrich Y. Speier, J&ger. 80 S. Mit 1 Btldn. 
H. 0,75. (Ans MHVPfalB.) - 323) X T. Kngerl, Lied auf Napoleon 1.: DYolkslied. 1, S. 15/6. (Vgl. ib. S. 80/1.) - 324) X 
Th. Distel, Unbekannte Gedichte ans d. sohles. Kriegen (1741): Euph. (Ergänsnngsheft) 4, S. 182-40. (1. E. in Knrsacbsen 
konflsoierte Arie. 8. Preussens Sieg bei Molwitz Ton J. E. Thomas.) - 325) X H. M filier, E. schSnea liedt ams e. Seaats- 
protokoU d. Repser Stahles Tom J. 1689: KBISbnbgL. 22, S. 69-70. - 326) X ^A" S&oha. Bavern-Yaternnser wider d. Tentaehen. 
Anf. d. 18. Jh : ib. & 25/6. (Ygl. ib. S. 52) — 327) X (H 2: 102.) - 323) X ^- hiat. Yolkalled auf Radetzky: DDiohtnnfr. 26, 
Heft 5. (Ana Salzburg 1849.) — 329) X J- Flacher, Lieder Tom alten Fritz: MNordböhmExkuraClab. 21, 8. 46-50. 
(8&mtliohe Lieder, d. einem alten geaohriobenen „Geachiohtabftchlein" aus Liebenau 1824 entnommen aind, beziehen aioh auf d. 
bayer. Erbfolgekrieg 1778 o. auf d. Tod Friedrioha d. Or.) - 330) A. Hauff en, Prinz Eugen im Yolkaliede: DYolkslied. 1, 
S. 21/5. — 331) (III 2:40.) - 332) X L^ebe, Lied und Lenz. 25 Yollcalieder. 111. y. F. Stasaen. (= Jungbrunnen, 8. Bdchn.) 
B., Fiaoher k Franke. 47 S. M. 1,00. — 333) O X Tumerllederbuch. E. Samml. d. acbönaten Turner-, Studenten-, Yolka- 
u. Yaterlandslieder. Lahr, Sohanenbnrg. 244 S. M. 1,00. — 334) L. Jaoobowski, Aus dtaeh. Seele. E. Buch Yolkalieder. 
1./5. Taua. Minden, Bruns. XYl, 850 S. M. 2,50. — 335) (U 2:90.) — 336) X W. Fabrioius, Alte Studenteolieder: 
AkMhh. N. 181/2.-337) X M. Aram. Jftd. Yolkslieder: Kritik 14, S 194-200. - 338) (UI 2:42.) - 339) X Zolllkofer, 
Spinnlieder in d. Lfineburger Heide: Land 7, S. 817. — 340) X 0. Schell, Dreikönigs- u. Faatnuchtalieder Tom Niederrhein: 
ZYYolkak. 9, S. 90/2. —341) X ^- Lemcke, Yolkstfiroliohes in Ostprenaaen. 8. T. AUenatein, Harioh. XY, 184 S. M. 8,60. 
(Hauptaftohlich Lieder.) — 342) X 0. Schatte, Umainge-Lieder : BraunachwMag. 6, S. 159-60. - 343) X A. Brnnk, Yelks- 
lieder aus Pommern: BllPommYolksk. 7, S. 87)9, 121/2, 138-40. - 344) X i^-. Plattdtsch. Yolkslieder aus Pommern. (» N. 180, 
S. 246-75.) KZYYolksk. 9, S. 108.] I (12 Lieder. Titelanf&oge u. Parallelen genannt ▼. Bolte in JBGPh. 91, 3. 268.) - 345) X F* 
Wieth, Aus d. Grafschaft Glatz: ZYYolkak. 9, S. 446/7. (1. D. Bauernhimmel; 2. Spottverae auf d. Bewohner e. gl&tziachen Dorfea; 
8. Scene e. Heirataantrages.) - 346) X P- P r <^<l « 1 . Yolkatflmliohea aus Goldberg in Sohlesien : MSchleaGYolksk. 6, S. 89-91. (Lieder 
u. Reime.) — 347) X f^- P- Pi ge r , Lied beim Pilotenschlagen : ZÖaterrYoIkak. 5, S. 284/5. (In Böhmen, M&hren, Schlesien yerbreltet) 

— 348) X 0., Tschumpaliedla aus d. Erzgebirge: Heimgarten 28, 8. 461/4. - 349) X Egerl&nder Yolkslieder. Her. Tom Yer. 
fflr Egerl&nder Yolkak. in Eger. N. 1. Mit e. litterarhist. Einl. TOn A. John. Mosikal. Bearbeit. t. Jos. Czerny. figer, 
Yer. für Egerl. Yolksk. 58 S. M. 1,50. (D. 1. Heft bringt 22 alte mundartliche Yolkslieder u. 4 volkstftrolioh gewordene Lieder 
T. G. N. Dflmml. Alle mit Melodien, die Czerny nach dem Yolksm. gesetzt hat) — 350) X •!• Schmidkonz, Tanzlieder: 
ünaer Egerland 8, S. 27/8. (Ygl. ib. S. 45/6.) - 351) X M. Urban, Yolkahirten lieder aua d. TOrigen Jh.: ZOaterrYolksk. 5, 
S. 226-84. (12 Lieder aua d. weatl. Böhmen; z. T. in d. Mundart.) — 352) X AI fr. Mfi 11 er. Zu d. Yolkaliedern: MYSAcha Yolksk. 
N. 12, S. 3-16. (Yiele Melodien zu bek. Liedern; rgl. ib. N. 9, S. 10/8.) — 353) X Zu d. Spionstnbenliedern aua Breitenan: 
ib. N. 9, S. 18/4. - 354) X Hahn, Reime u. Sprüche in Oberlausitzer Mundart: ib. N. 10, 9. 8/9; N. 11, S. 13/9. - 355) X J- H., 
D. arme Gred. YolksUed ans d. Kanton Luzern: SohwA Yolksk. 8, S. 128/7. (Nach e. Niederschrift d. J. 1827 mitget mit Er- 
Iftnternngen.) — 356) X I^- Hoffmann-Krayer, B. altes Gassenlied: ib. 8. 255. (Yom blauen Storch.) — 357) X Alte 
Weihnaohtslieder: SchwMusZg. 89, S. 297/8, 806/7. — 358) X A. Hertzog, Dreikönigsspiel, Weihnächte- u. Neujahrslieder 
d. Dorfes Gebersohweier: JbGElsLothr. 15, S. 146-54. — 359) X 600 SohnadahQpfln, Oberlander Lindin, österreichischer Gsangln 
v. Walzer, nebst Gea&ngen aua d. Alpenaoenen „a'Ietzte Fenaterln'*, L Gea. y. Tonriaten. Regensburg, Stahl. 188 S. M 0,50. 

— 360) X Kfthlweiii,|D. WasserTOgel: MUBayrYolksk. N. 1. (Yerse gesungen in d. Pfingstnacht in Döbeln.) — 361) X 



A. Hauffen, Volkskunde. I S-.sea-i« 

Namentlich ist daraus die umfängliche und wertvolle Sammlung Tiroler Volkslieder 
von KohP*^*) zu erwähnen. K. giebt zunächst eine umfangreiche Einleitung, worin 
er die sentimentalen, verfälschten Salontirolerlieder, die er grundsätzlich ausgeschlossen 
hat, von den echten Volksliedern scheidet, aufsohlussreich über die Art des Volks- 
gesanges in Tirol handelt und die älteren Sammlungen scharf kritisiert. Sein eigenes 
Buch bringt 220 mundartliche Volksgesänge, darunter 164 zum ersten Male gedruckt, 
alle mit den (von Josef Reiter nach dem Volksraund ausgeführten) Tonsätzen, und 
viele ein- bis vierstimmige Jodler. Inhaltlich verbreiten sich die Lieder über die 
verschiedensten Seiten des Volkslebens, in der Stimmung und Auffassung sind alle 
von unmittelbarer Frische. Der Vf. will durch seine Sammlung im Tiroler Volke und 
bei den Gebildeten die Freude und das Verständnis für das Volkslied wieder beleben. 
Dem Forscher bietet er ein grosses, vielfach ganz neues Material dar. — 

Verschiedenes. Ueberaus gross an Zahl sind die zumeist kleineren 
Beiträge zur Litteratur der Sprüche 3'3-3iö) gereimter Inschriften 380-39 1) ^ 
Volksreime 392-394)^ Kinderlieder 395-404)^ Kinderspiele *05-4i5)^ der 
Schwanke, Scher ze**®"*^^) und Ort sn eckerei en**3-424)^ der Sprich- 
wörter und Redensarten *25-44i), _ d[q sprichwörtlichen Wendungen, die sich 



0. Brenner, BaaemkUge: ib. N. 4. -- 362) X (JBL. 189S I 6:890.) ([EL Bahr: Zeltw. N. 223.]! - 363) X Maria t. 
Wh in., Spruch d. Naohtiv&ohterfl za Hindelang (Algfin): ZWolkak. 9. 8. 812.-364) XH-Naokheini,222 echte K&roiner- 
lieder, gea. n. für 4 U&nneretimmen geaetat. 2. Abt. 2. Anfl. Wien, YolksgeaangsTer. Fl. 1,25. — 365) X J. Pommer, 
Dtach. Lied auf d. heiligen Ohriattag: DVolksIied. 1, !«. 61/7. (Wort o. Weise 1824 niedergeachrieben Ton Jak. Bachaner ra 
Sohladning in Steiermark.) — 366) X J* Tscharnigg, Oasselepraoh ans Kärnten: ib. S. 16. (Vgl. ib. S. 84/5, 72.) — 367) 
X J. Poramer, Florian n. Lene. B. Volkslied aus Tirol: ib. S. 7-10. (Vgl. Lieder n. Liedbraohatftoke: ib. S. 80/1, 60/1, 81/8, 
84, 98, 103, 105.) — 366) X J- Blau, Flncbsbaa n. FlaohaTerwertang in d. Rothenbaomer Qegend: ZÖaterrVolksk. 6, S. 250/8. 
(Mit Spinnliedern n. Reimen.) - 369) X A- Petak, Alte dteoh. Weihnuchtslieder ani d. Lnngan: ZVVolkik. 9, S. 420-86. 
(15 Lieder anmeiat mit d. Melodien ans d. Hs. e. Bauern.) — 370) X H. Schreiber, D. Pflansen im Liede d. Bfthmerw&ldler: 
Böhraerwald 1, 8. 120/2. (Kleine Samml. ▼. Vieraeilern n. Reimen Aber Binmen, Bftame, Feldfrflohte naw. ans d. BAhmerwalde.) 

— 371) XA. Wonner, Tanzlieder ans Zied: KBlVSbnbgL. 22, S. 9-10. - 372) Echte Tiroler Lieder nnter Mitwirk, mehrerer 
Freunde her. ▼. F. F. Kohl. Wien, Selbstverl. XLII, 302 S. Fl. 2,45. |[P. Passier: ZÖaterrVolksk. 6, S. 92/3; F. F. Kohl: 
DVolksIied. 1, 8. 25/7; J. Pommer: ib. 8. 68, 106/7: K. Liebleitner: OstdRa. 10, N. 97.)! - 373) X P- Wilhelm, Haus- 
sprüche aus d. Stubaithal in Tirol: ZVVolksk. 9, 8. 284/7. - 374) X A. Mann, Reime u. Sprüche in Oberlausitter Mundart: 
MVBiohsVolksk. N. 10, 8. 4/9; K. 12, S. 13/4. - 375) X K. Reit er er, Mundartliche Volkssprache: Heimgarten 28, 8. 166.- 
376) X K- P«ls. E. Kronsprnch: BllPommVolksk. 7, 8. 184/5. - 377) X R- fi»be, Weisheit d. Ahnen (Sprftche): DAdelsbl. 
17, 8. 630/2. - 376) O XA. Wittstock, Reimsprnohbnoh d. dtsoh. Volksweisheii L.. Wignnd. VII, 111 8. M. 1,80. — 
379) X 0. Heilig, Scheibensohlagen im nördl. Breisgau: ZVVolksk. 9, 8. 350. (Mit SprQohen.) - 360) X H. Wiechel, 
Hanssprliche n. Inschriften im Erzgebirge: MVS&chsVoIksk. N. 9, S. 2/6. — 381) X R. Andree, Hausinsohriften aus Ost- 
friesland: Globus 75, N. 24. > 362) X J- H., Hufnerinaohriften an d. Rh6n: MUBayrVolkak. N. 2. — 383) X R.Petich, 
Volkstftml. Bilderschriften: ib. N. 4. — 364) X P- Branky, Glockeninsohriften aus Krumau: ZÖaterrVolksk. 6, 8.88-90. 

— 363) X A. Petak, Grabinschriften aus Leonding in Oberösterreich: ib. 8. 119-30. (1. Auf d. Grabe Erwachsener. 2. Allg. 
Gedanken. 8. KindergrabTerse. Reichhaltige Samml. mit Einf&hr.) — 386) X H. Gloede, Grabsehriften : BllPommVolksk. 

7, 8. 127/8. — 367) X H. Schukowits, Altsteir. Hausger&tlnschriften : ZOsterrVolksk. 5. 8. 177-87. - 366) X R. Sieger, 
Miohtdtsch. Marterln: ZVVolksk. 9, 8. 236-45. — 389) X J- Sohwarzbaoh u. A. Petak, Totendiohtung: ZÖsterrVolkak. 6. 

8. 162-78, 260/9. (Forts, y. JBL. 1897 1.5:688; 1. Verse d. Verstorbenen an d. Ueberlebenden ; 2. SprQche an d. Toten; 8. Mit- 
teilungen Aber d. Toten; 4. Allgemeine Gedanken: 5. Sprüche auf Kindergr&bern.) — 390) X H- Weigand, Dorfkirohspoesie : 
Land 7, & 410/2. — 391) X A. Haas, Erinnernngs- u. ViTathinder: BllPommVolksk. 7, B. 88/7. (Mit Sprftohen.) — 392) X 

0. Schatte, Volksreime: BraunschwMag. 6, 8. 87/9. (Vgl. ib. 8. 75/7, 85/6.) — 393) X 0. Knoop, Allerhand Reime aus 
Pommern: BllPommVolksk. 7, 8. 84/6, 109-11, 122;8, 140/2, 156/8, 178/5. (Vgl. ib. 8. 186/7.) ~ 394) X A. John, Bauernregeln: 
Unser Egerland 8, 8. 12/4. — 393) X (JBL. 1897 I 5:741.) |[R. Petsch: ASNS. 102, 8. 399-404; B. Schnabel: LBlGRPh. 
20. 8. 6S/4.]I — 396) X A. Brunk, Kinderreime aus Pommern: BllPommVolksk. 7, 8. 71/6. - 397) X J- B. Kusserow, 
Abx&hlreirae u. Wiegenlieder aus Charbrow: ib. 8. 89-40, 108/0. (Vgl. ib. 8. 154/5.) - 396) X H. Gerhardt n. R. Petsch, 
Uckermark. Kinderreime: ZVVolksk. », 8. 278-84, 889-95. (Reichltaltige Samml. mit Erl&ut. n. Litteraturnaohweisen.) — 399) X 
J. Köhler, Kinderlieder ans d. Egerlande: Unser Egerland 3. 8. 57/8. — 400) X A. John, Egerlftnder Tischgebete: ib. 8. 27. — 
401) X J- Sohns, Humor im Kinderliede: ZDU. 13, 8.353/4. (Vgl. ib. 8.707-10.) - 402) O X C. Schumann, Volks- u. 
Kinderreime ans Lflbeck n. Umgegend. Beitrr. z. Volkak. Lftbeck, Borchers. XVI, 206 8. M. 1,60. |[A. E. Schönbaoh: 
ÖLBI. 10, 8.884.]; -403) X A. Englert, Z. d. Kinderlied „Zürnt u. brnmmt d. kleine Zwerg*": ZOsterrVolksk. 5, 8. 175/6.— 
404) X A. Landau. Holekreisch: ZVVolksk. 9, 8. 72/7. (Jad. Kinderlieder; Tgl. dazn MJfidVolksk. 4, 8. 123-80.) — 405) X 
(JBL. 1897 1 5:742.) {[R. Petsch: ASNS. 102, 8. 403/6.] I — 406) X Kinderreime, Lieder u. Spiele ▼. 0. Frömmel. Heft l. 
B., SelbetTcrl. 48 8. M. 0,60. |[K. Weinhold: ZVVolksk. 9, 8. 105; R. Petsch: ASNS. 103, 8. 866,'8; LCB1. 8. 866/7]| (D". 

1. Heft bringt Tiele Übrigens meist bekannte Lieder, d. in Berlin ges. worden sind.) - 407) X ^' Streicher, Dtsoh. Kinder- 
lieder n. Kinderspiele: Grenzb. 8. 322/9, 862-72. — 408) X A. Paudler, JugendfesUichkeiten : MNordböhmEzkursClub. 22, 
S. 882/8. — 409) X V. Einenkel, D. Bischof als Freier (Kinderspiel): MVSftchsVolksk. N. 9, 8. 7. - 410) X 0. Schütte, 
Bin paar Kinderspiele: BraunschwMag. 5, 8. 108/3. — 411) X 0. Sedelmayr, Wie d Kinder in Lothringen spielen: I^nd 7, 
S. 119-22. — 412) XA. Ahrens, Ratspiele d. mecklenburg. Jugend: ib. 8. 141. - 413) X A. 8., Kinderpoesie: BHHess Volkak. 
1, S. 13/4, 17/9, 23/4. (Lieder u. Spiele mit ErlAut.) - 414) O X K. Muthesius, Kindheit n. Volkstum, (a Beitrr. z. Lehrer- 
bildung u. Uhrerfortbildung) Gotha, Thiemann. 54 8. M. 0,80. (Vgl. N. 13.) - 415) X B Weissenhofer, Jugend- u. 
Volkaspiele in Niederöiterreich : ZOsterrVolksk. 2, S. 49-66. 118/9. — 416) O X A. Haas, Schnurren, SchwAnke u. Era&hlungen 
T. d. Insel Rügen. Greifswald, Abel VIII, 139 8. M. 2,00. |fK. Wein hold: ZVVolksk. 9, 8. 842/8; A. Brunk: BllPommVolksk. 
7, 8. 144.11 (Beigefügt sind K&tsel o. Ortsneokereien ) - 417) X 0. Knoop, Schwank n. Streich aus Pommern: BllPommVolksk. 
7, S. 40/2, 58/4, 82/4, 119-21, 168/4. - 416) X V. Larerrenz, D. Denkmftler Berlins u. d. Volkswitz. Humorist-sat. Be- 
trachtungen. Mit 54 Illustr. ▼. 0. Brandt. 6. Aufl. B., A. Hofmann. 184 8. M. 1,00. ^ 419) X J- Sehn Her, Scherzgebet 
Scherzhafte Bearbeitungen y. BibelsteUen: KBlSbnbgL. 22, 8. 58. — 420) X 0. Schotte, Welchen Text legt d. Volk d. 
Glockentünen unter?: ZVVolksk. 9, 8. 440/1. - 421) X 0. ü 15 de, Ernstes n. Heiteres aus Mecklenburg: ZDU. 13, 8. 707-10. 

— 422)XO. Sohfttte, D. Hänseln in Wedtlenstedt: BranoschwMag. 5, S. 81/2. (Spottlieder.) — 423) X H. Jentsch, Dorf- 
neekereien in der Niederlausitz: NLansitzMag. 5, 8. 125/6, 879-80. - 424) X 0. Knoop, Allerhand Scherz, Neckereien, 
Reime u. ErzAhlnngen Qber Pommersche Orte n. ihre Bewohner: BllPommVolksk. 7, S. 145-50, 188. (Vgl. ib. 8. 142/4.) - 425) X 
Sprichwörter u. alte Volks- u. Kinderlieder in kftln. Mundart Köln, Stauff. 12». IV, 65 8. M. 0,50. |[R. Petsch: AZgB. 
N. 123.]| — 426) X H. Eschenburg, Sprichwörter u. TolkstHmlicbe Ausdrucke u. Redensarten, Volksreime, Volksglaube: 
Heimat (Kiel) 8. 8. 208/7, 221/4, 240/8. — 427) X Broop, Plattdtsoh. Sprichwörter aus Osnabrflck: MVGLKOsnabrflck. 88, 



I 8:428-448 * A. Hauffen, Volkskunde. 

auf den menschlichen Körper beziehen, hat W i g a n d ***) zusammengestellt 
und besprochen. Seine Sammlung bietet im ganzen gegen 1200 Redensarten mit 
Bezug auf 90 verschiedene Teile des menschlichen Körpers. Nach einer allgemeinen 
Einleitung über den Reichtum, die Kühnheit, Schönheit und die bestimmte Prägung 
der deutschen Sprichwörter behandelt W. die hierher gehörigen Redewendungen nach 
bestimmten Gruppen: 1. Die symbolischen Bewegungen des Körpers (oder „mimische 
Redensarten", wie sie R. M. M e y e r in seiner Anzeige nennt), z. B. fusslallig bitten, 
den Kopf hoch tragen; 2. Die symbolischen einzelnen Körperteile, z. B. reine Hände 
haben; 3. Der Teil fürs Ganze, z. B. gekröntes Haupt, eine ehrliche Haut; 4. Wirkung 
für die Ursache und umgekehrt, z. B. atemlos zuhören, die Haare stehen einem zu 
Berge, ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen (das sinnlose Wort Leber für Grind 
wird aus der AUitteration erklärt) ; 5. Die symbolischen Handlungen des menschlichen 
Körpers, z. B. übers Knie brechen, die Zahne zeigen; 6. Aeussere Vergleiche, z. B. 
der Flussarm, der Bergrücken. Im Anhang sind dann Redensarten zusammengestellt, 
die im allgemeinen Thätigkeiten und Eigenschaften des menschlichen Körpers oder 
der Kleidung entnommen sind: ein Leisetreter, herunter kommen, viele unter einen 
Hut bringen, Schlafmütze usw. -- Dieser Gruppe müssen wir auch die Besprechung 
der bedeutendsten volkskundlichen VeröfiTentlichunff in dem Berichtsjahre anreihen, 
nämlich des zweiten Bandes der von Wossidlo"^) gesammelten und bearbeiteten 
Mecklenburger Volksüberlieferungen. Wie der erste Band (JBL. 1897 I 5 : 800), so 
ist auch der zweite Band ausgezeichnet nicht nur durch die erstaunliche Fülle bisher 
unbekannten Stoffes, sondern auch durch die Sorgfalt und Tüchtigkeit seiner wissen- 
schaftlichen Bearbeitung. In rastloser eigener Sammelarbeit und in geschickter, 
erfolgreicher Werbung immer neuer Mithelfer bringt W. eine Masse noch lebender 
Volksüberlieferungen zusammen, von deren Reichhaltigkeit wir bis vor kurzem keine 
Ahnung hatten. Er versteht es aber auch, die aufgehäuften Schätze zu sichten, 
mustergültig zu verwerten und zu veröffentlichen. Allen ähnlichen Unternehmen 
in anderen deutschen Landschaften schreitet W. mit seinen glänzenden Ergebnissen 
weit voran. Freilich ist W. so glücklich, seine besten Kräfte dieser Einen grossen 
Arbeit widmen zu können, während wir übrigen Bearbeiter landschaftlicher Volks- 
überlieferungen zumeist neben vielen anderen Pflichten und Plänen nur wenige 
Mussestunden für die Volkskunde übrig behalten. Im zweiten Bande wollte W. 
vorerst das Tier- und Naturleben im Munde des mecklenburgischen Volkes 
zusammenfassend behandeln. Bald aber zeigte es sich, dass das Tierleben allein, 
wofür an Namen, Sprichwörtern, Gesprächen, Sagen, abergläubischen Anschauungen 
24000 Nummern vorlagen, nicht in einem Bande Platz fönde. Und so bringt der 
vorliegende Teil ein Drittel des betreffenden Stoffes, nur die Tiergespräche, Tier- 
sprüche, Deutungen von Tierstimmen, Anrufe an Tiere, Tierreime und -lieder, 
ferner Tiermärohen, nur soweit sie auf Deutungen von Tierstimmen hinauslaufen 
oder ein durchgeführtes Gespräch von Tieren enthalten. Die Fülle und Mannig- 
faltigkeit des in diesen Gruppen Gebotenen ist aber im höchsten Grade überraschend. 
Das Fünf- und Zehnfache von dem, was bisher aus dem ganzen übrigen Deutschland 
ans Licht gebracht wurde, zeigt Mecklenburg allein. Was wir aus anderen Land- 
schaften bisher kennen, sind nur Bruchstücke gegenüber der strotzenden Fülle von 
Ehren- und Scheltnamen der Tiere, von namendeutenden Gesprächen, Sagen und Ge- 
schichten aus Mecklenburg. In zahllosen neuen Fassungen finden wir hier auch 
Bekanntes, wie die Reime von der Vogelhochzeit, vom Kuckuck, der auf dem Zaune 
sass, von der Klage des Häslein usw. Die grosse Zahl der stofflichen und namentlich 
der sprachlichen Varianten giebt dem Forscher reiche Mittel dar, die Entwicklungs- 
geschichte einzelner Volksiiberlieferungen zu verfolgen. Doch glaube ich, dass W. 
in dem Abdruck ganz ähnlicher Varianten (vgl. z. B. N. 846—56) oft zuweit gegangen 



8. 57-70. - 428) X 0. Weiteten, SpriohwArter aas Mecklenburg: Und 7, S. 254, 269, 287. — 429) X A. Wittetook, D. 
Adel im Sprichwort: Adelsherold S. 288-40. — 430) X A. Haus, Es^ n. Trinken im Pomm. Sprichwort: I^nd 7, S. 13. — 
431) O X <}• K- Kaffner, D. Deutschen im Sprichwort. E. Beitr. z. Kulturgesoh. Heidelberg, Winter. IV, 93 S. M. 1,20. 
|[E. Hoffmann-Krayer: SchwAYolIcsk. 3, 8.251/2; H. F. Miller: Geg. 55, 8.296-800; R. Petsch: ZWoIksk. 9, 8. 2i0/2.]| 

— 432) O X '^^' Schröder, Britzeln nn Besehftfe. Erifihlangen n. Gedichte nebst e. 8aroml. d. gebrftnchliohsten Sprich- 
wörter in sanerlftndisoher (mark.) Unndart Paderborn, Sohöningh. IS«. IV, 167 8. M. 1,40. —433) X Ch. Richter, Platt- 
dtsoh. Sprichwörter n. Redensarten in Mecklenburg: Niedersaohsen 3, S. 381/2. — 434) X S. Beilin n. A., Sprichwörter u. 
Redensarten: MJfidTolksk. 4, S. 182-43. (Vgl. ib. 8. 143/6.) — 435) X H. Beck, Niederdisoh. Sprflche u. Redensarten aus Nord- 
steimke in Braunschweig: ZWolksk. 9, 8. 81/3. - 436) X Karl Mftller, E. Wörterbuch d. rolkst&ml. Sprache: ZDÜ. 18, 
8. 18-88. — 437) X C. Rosenkrancz, Zu dtsoh. Sprichwörtern u. Redensarten: Praxis d. Volksschule 9, S. 1-11. — 433) X 
G. George, YolkstQmliohe Redensarten dnniclen Ursprungs: Daheim 35, N. 18. — 439) X ^- Gesundheitspflege im niedersftohs. 
VoUsmund: Niedersachsen 4, 8. 47. — 440) XA. Heintze, Z. Ableitung sprichwörtlichen Redensarten: ZADSprV. 14, 8. 97-100. 

— 441) X ^- Sanders, Gltatenlexikon. Samml. y. Citaten, Sprichwörtern, sprichwörtlicher Redensarten n. Sentenzen. L., 
Weber. 712 8. M. 6,00. (Gehört nur z. kleinsten Teil in unseren Ber., da hier zumeist Ausspr&che bekannter Schriftsteller 
aneinander gereiht sind.) — 442) P. Wigand, D. mensohl. Körper im Munde d. dtsoh. Volkes. E. Samml. u. Betracht, der d. 
mensohl. Körper entlehnten sprichwörtl. Ausdrücke u. Redensarten. Frankfurt a. M., Alt. III, 119 8. M. 1,50. |[R. M. Meyer: 
ZWolksk. 9, 8. 460/1.] I ~ 443) Mecklenburg. Volksftberlieferungen. Im Auftr. d. Ver. für meoklenburg. Gesch. n. Altertumsk. 



A. Hauffen, Volkskunde. t 8:444-440 

ist. Die zahlreichen Anmerkungen behandeln auf Grund einer kaum übersehbaren 
Litteratur das gesamte einschlägige Stoffgebiet. Ausgezeichnete Register erleichtem 
dem Forscher die Benutzung und Ausschöpfung dieses aufschlussreichen Werkes.***) — 
In der Litteratur über Rätsel **&-**«) ragt besonders die Arbeit von 
Petsch**^) hervor, wo der Stil der „wirklichen Volksrätsel" auf (Irund eines 

rssen Materials aus den germanischen und romanischen Litteraturen beschrieben wird, 
scheidet zunächst die Kunsträtsel (die von meist bekannten Dichtern in Reimen 
abgefassten) und die „volkstümlichen Rätsel" (die in jüngerer Zeit aus der deutschen 
oder fremden Litteratur ins Volk gedrungenen Kunsterzeugnisse) gänzlich aus. Bei 
den „Volksrätseln", d. h. jenen Rätseln, die (gleichviel ob im Volke selbst entstanden 
oder von einem Dichter entlehnt) seit alters in den breiten Schichten des Volkes 
gedächtnismässig überliefert, der Eigenart des Volkes entsprechend umgestaltet, in 
seine Anschauungs- und Ausdrucksweise übertragen wurden und daher auch (nicht 
immer, aber häufig) in der Mundart erzählt werden, sondert P. zwei Gruppen: 
1. Die unwirklichen Volksrätsel. Fragen, die gar nicht gelöst werden können, weil 
der Gefragte in die Kenntnis der hierbei waltenden zufälligen oder willkürlich 
angenommenen Umstände nicht eingeweiht ist. Die Lösung giebt in der Regel der Frage- 
steller selbst und überrascht, neckt, erheitert damit den Befragten. Weisheitsproben, 
Halslösungsrätsel (die gewöhnlich Verurteilten unter dem Galgen in den Mund gelegt 
werden) und Scherzfragen gehören zu dieser Gruppe. 2. Die wirklichen Volks- 
rätsel. Die unerschöpfliche Fülle von Formen, die sich hier darbieten, hat Wossidlo 
(JBL. 1897 I 5:800) nach dem Aufbau, nach der Art der Anschauung und Beschreibung 
des zu erratenden Gegenstandes in mehrere Unterabteilungen zu scheiden gesucht. 
P. hingegen, der das Schwergewicht auf die Stilbeschreibung legt, die am besten die 
Kennzeichen des echt Volksmässigen aufdeckt, gewinnt Unterabteüungen, indem er 
unterscheidet, ob ein einzelner Gegenstand, oder die einzelnen Teile eines Gegen- 
standes, oder mehrere ein Ganzes ausmachende Einzelgegenstände oder mehrere Dinge 
neben- oder gegeneinander im Rätsel beschrieben werden und auftreten. Es kommt 
nun aber zunächst darauf an, wie der betreffende Gegenstand geschildert wird. Diese 
Darstellung ist der Kern des Rätsels. Die Formehi am Anfang und Schluss des 
Rätsels aber, die nur unser Interesse für den zu erratenden Gegenstand erregen 
sollen, sind der Rahmen. P. unterscheidet danach Rahmen- und Kernelemente. So 
dass ein Normalrätsel etwa folgende Anordnung zeigen müsste: a) einführendes 
Rahmenelement; b) benennendes Kemelement; c) beschreibendes Kernelement; 
d) hemmendes Element; e) abschliessendes Rahmenelement. Diese Elemente, die sich 
freüich nur bei wenigen Rätseln vollzählig einfinden, werden nun im einzelnen be- 
sprochen. Die einführenden Rahmenelemente enthalten etwa die Aufforderung zum 
Raten, bezeichnen die Oertliohkeit, schildern die Situation, erhöhen die Spannimg. 
Auch die abschliessenden Rahmenelemente fordern zum Raten auf, verweisen auf die 
Schwierigkeit der Lösung und versprechen hohen Lohn, wenn sie gelingen sollte. 
Also diese Rahmenelemente gehören nur zur Ausschmückung. Sie wollen die Auf- 
merksamkeit des Ratenden erregen, berühren aber nicht den Kern des Rätsels. Sie 
könnten ohne Schaden wegfallen. Die Beachtung der Art und Weise, wie die Kern- 
elemente durchgeführt werden, ermöglicht es aber auch, bei den wirklichen Volks- 
rätseln eine Reihe von Unterabteilungen anzusetzen, die sich theoretisch fein säuberlich 
voneinander sondern lassen, in dem bunten Gewirr der thatsächlich vorkommenden 
Formen freilich vielfach ineinander überfliessen. Zunächst unterscheiden wir in der 
Art der Bestimmung des zu erratenden Gegenstandes A. Benennung, B. Be- 
schreibung. Es giebt aber auch Rätsel, die diese beiden Arten verbinden (C). 
Die Rätsel mit benennenden Kernelementen allein (A) zeigen diese entweder in 
isolierter Stellung oder in gegensätzlicher Form (so z. B. bei den Gesprächs- 
rätseln in Wossidlos erster Gruppe), während in der Gruppe C die Art der Be- 
nennrmg entweder bedeutungslos sein kann (Klangworte, Umschreibungen mit 
Ding, Stück, etwas usw.) oder bedeutsam (Bild, Appellationen usw.). Die reichste 
Mannigfaltigkeit zeigen die beschreibenden Kernelemente. Nach der Art der Be- 
schreibung muss man in der Gruppe B und C folgende Fälle unterscheiden: 
1. Ein zu erratender Gegenstand (Vorgang usw.) wird als Ganzes durch einen be- 
schreibenden Zug bestimmt; 2. Durch mehrere beschreibende Züge; 3. Ein Gegen- 
stand wird in seinen Teilen, seinen Entwicklungsstufen, seinem Verhalten unter ver- 



geh. V. ber.T. B. WoBBidlo. 2. Bd. D. Tiere im Uande d. Yolkes. Wismar, HinHtorff. XIU, 604 8. M. 6,60. j[H. üsener:« 
DLZ. 21, S. 3863/6; BllPommVolksk. 7, S. 111; unser Ei^erland 8. 8. 65.]| — 444) X i^., Fragebogen ftber d. Tierleben im 
Mnnde d. MeolElenbnrger Volkes. Waren, Qaandt. 12 8. Qraiis. — 445) X (JBL. 1897 I 5:800.) |[W. Uhl: ADA. 25. 8. 204/6; 
B. Petscb: ZKG. 6, 8. 228/9.J| — 446) X 0. Sohfttie, Bätsei: BraansohwMag. 4, 8. 182/3. — 447) X B- Hoffmann-Krayer, 
Z. B&tsel Tom Vogel Federlos: SchwAVolksk. 8, 8. 162. - 448) X Anfnif %. Samml. bayr. Volksr&tael. Wftrsbnrg. SUbeL 4 8. 
araüs. — 448) B. Petsob, Nene Beitrr. c Kenntnis d. Volksr&tsels. («s Palaestra. Her. y. A. Brandl n. Erioh 
Sobmidt N. 4.) B., Mayer A MflUer. H. 102 8. M. 8,60. l[E. H. Heyer: DLZ. 20, 8. 1240-50; LCBI. 8. 971/2; V. Henry: 



I 8:428.443 * A. Hauffen, Volkskunde. 

auf den menschlichen Körper beziehen, hat W i g a n d**^ zusammengestellt 
und besprochen. Seine Sammlung bietet im ganzen gegen 1200 Redensarten mit 
Bezug auf 90 verschiedene Teile des menschlichen Körpers. Nach einer allgemeinen 
Einleitung über den Reichtum, die Kühnheit, Schönheit und die bestimmte Prägung 
der deutschen Sprichwörter behandelt W. die hierher gehörigen Redewendungen nach 
bestimmten Gruppen : 1. Die symbolischen Bewegungen des Körpers (oder „mimische 
Redensarten", wie sie R. M. M e y e r in seiner Anzeige nennt), z. B. fussfällig bitten, 
den Kopf hoch tragen; 2. Die symbolischen einzelnen Körperteile, z. B. reine Hände 
haben; 3. Der Teil fürs Ganze, z. B. gekröntes Haupt, eine ehrliche Haut; 4. Wirkung 
für die Ursache und umgekehrt, z. B. atemlos zuhören, die Haare stehen einem zu 
Berge, ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen (das sinnlose Wort Leber für Grind 
wird aus der AUitteration erklärt); 6. Die symbolischen Handlungen des menschlichen 
Körpers, z. B. übers Knie brechen, die Zähne zeigen; 6. Aeussere Vergleiche, z. B. 
der Flussarm, der Bergrücken. Im Anhang sind dann Redensarten zusammengestellt, 
die im aUgemeüien Thätigkeiten und Eigenschaften des menschlichen Körpers oder 
der Kleidung entnommen sind: ein Leisetreter, herunter kommen, viele unter einen 
Hut bringen, Schlafmütze usw. — Dieser Gruppe müssen wir auch die Besprechung 
der bedeutendsten volkskundlichen Veröffentlichung in dem Berichtsjahre anreihen, 
nämlich des zweiten Bandes der von Wossidlo**^) gesammelten und bearbeiteten 
Mecklenburger Volksüberlieferungen. Wie der erste Band (JBL. 1897 I 5:800), so 
ist auch der zweite Band ausgezeichnet nicht nur durch die erstaunliche Fülle bisher 
unbekannten Stoffes, sondern auch durch die Sorgfalt und Tüchtigkeit seiner wissen- 
schaftlichen Bearbeitung. In rastloser eigener Sammelarbeit und in geschickter, 
erfolgreicher Werbung immer neuer Mithelfer bringt W. eine Masse noch lebender 
Volksüberlieferungen zusammen, von deren Reichhaltigkeit wir bis vor kurzem keine 
Ahnung hatten. Er versteht es aber auch, die aufgehäuften Schätze zu sichten, 
mustergültig zu verwerten und zu veröffentlichen. Allen ähnlichen Unternehmen 
in anderen deutschen Landschaften schreitet W. mit seinen glänzenden Ergebnissen 
weit voran. Freilich ist W. so glücklich, seine besten Kräfte dieser Einen grossen 
Arbeit widmen zu können, während wir übrigen Bearbeiter landschaftlicher Volks- 
überlieferungen zumeist neben vielen anderen Pflichten und Plänen nur wenige 
Mussestunden für die Volkskunde übrig behalten. Im zweiten Bande wollte W. 
vorerst das Tier- und Naturleben im Munde des mecklenburgischen Volkes 
zusammenfassend behandeln. Bald aber zeigte es sich, dass das Tierleben allein, 
wofür an Namen, Sprichwörtern, Gesprächen, Sagen, abergläubischen Anschauungen 
24000 Nummern vorlagen, nicht in einem Bande Platz lande. Und so bringt der 
vorliegende Teil ein Drittel des betreffenden Stoffes, nur die Tiergespräche, Tier- 
sprüche, Deutungen von Tierstimmen, Anrufe an Tiere, Tierreime und -lieder, 
ferner Tiermärohen, nur soweit sie auf Deutungen von Tierstimmen hinauslaufen 
oder ein durchgeführtes Gespräch von Tieren enthalten. Die Fülle und Mannig- 
faltigkeit des in diesen Gruppen Gebotenen ist aber im höchsten Grade überraschend. 
Das Fünf- und Zehnfache von dem, was bisher aus dem ganzen übrigen Deutschland 
ans Licht gebracht wurde, zeigt Mecklenburg allein. Was wir aus anderen Land- 
schaften bisher kennen, sind nur Bruchstücke gegenüber der strotzenden Fülle von 
Ehren- und Scheltnamen der Tiere, von namendeutenden Gesprächen, Sagen und Ge- 
schichten aus Mecklenburg. In zahllosen neuen Fassungen finden wir hier auch 
Bekanntes, wie die Reime von der Vogelhochzeit, vom Kuckuck, der auf dem Zaune 
sass, von der Klage des Häslein usw. Die grosse Zahl der stofflichen und namentlich 
der sprachlichen Varianten giebt dem Forscher reiche Mittel dar, die Entwicklungs- 
geschichte einzelner Volksiiberlieferungen zu verfolgen. Doch glaube ich, dass W. 
in dem Abdruck ganz ähnlicher Varianten (vgl. z. B. N. 846—56) oft zu weit gegangen 

S. 57-70. — 428) XO. Wtltilen, Sprich Wörter av* Meoklenbarg : lAnd 7, 8. 264, 269, 287 — 429) XAWlttitook.D. 
Adel im Spriehwort: AdeltberoM 8. 288.40. - 430) X A. Haas, Sei^ n. Trinken im Pomm. Sprichwort: Land 7, 8. 13. - 
Tr? » ?^ • ^'*""®'' ^- ^•**"***" *" ^P''®**''**^*- B. Beltr. ■. KuUurgetoh. Heidelberg, Winter. lY, «8 8. M. 1.20. 

[[B. Hoffmann-Krayer: SohwAVolkrt. 3. 8.251/2; H. F. Hiller: Geg. 65, 8.296-800; R. Petaob: ZVVolkek. 9, 8. 2M/2.)1 
""xi l ^ XTh. 8«hr«der, Britteln nn BeaohQte ErahlangeD n. Gedichte nebst e. Samml. d. gebriliiohlioheten Sprich- 
wörter in Mtierl&ndlioher (m»rk.) Hnndari Paderborn, Schöningh. 12». IV, 167 8. M. 1,40. — 433) X Ch. Richter, PUtt- 
dtich. SprichwörUr u. Redensarten in Mecklenburg: Niedertachsen 8, S. 881/2. — 434) V 8 Beilin u A Sprichwörter n. 
.ut^wt^ p ^"J^^V*" Lt' ,!.""*'• ^^»^- ***• ^' ^^^^'^ - *"^ X H. Beck, NIederdlech. Sprüche n. Redenearten ans Word- 
8 WM r«rsi7*'« ^'yyo\Ut. 9, 8. 81«. - 436) X Karl MUler, E. Wörterbuch d yolketftml. Sprache: ZDÜ. 18, 
G Qeo;."» Vo^i..^««!. w"T.^'"-?"' ?"* ^*««>V ÖP'»«»»''»'*«™ «• Hedenearten: Praxü d. Yolkaechnle 9, 8. Ml. - 438) X 
V«iv.tl^ V. i ^ Redensarten dunklen Ursprungs: Daheim 85, N. 18. - 439) X D Qesundheitcpflege im niedemlchs. 
Vclksmund: Nleder.ach.en *; 8- 47- -440) X A. Heint.e Z. Ableitung sprich wörtUcienRedeu"rte.^TDS^^^^^^^ 8. 97-10O. 
Weber 712 8 M 60^ * rfiLtitt "' v,^"? ^^ i" .?^^"' Sprichwörtern, .prichwörtllcher Redensarteu u. SenUntc t. 
^einander ,ereih?'.i^?i J 44«% wi";''t'n" ^'^ m "vT" f*"' ** ^'' "»•»«* Au..prftche bekannter SchrlftotoHe/ 



Li(«rMJ|||^ 



Ä. Hauffen, Volkskunde. 



I S:«#«^4«P 



ist. Die zahlreichen Anmerkungen behandeln auf Grund einer kaum iibersehhar«: 
Litteratur das gesamte einschlägige Stoffgebiet. Ausgezeichnete Register «rlwchtt^rr. 
dem Forscher die Benutzung und Ausschöpfung dieses aufschlussreiehen Werk«v*^^ 

In der Litteratur über Rätsel^**"****) ragt besonders die Arbaii v,ir. 
Petsch**®) hervor, wo der Stil der „wirklichen Volksrätsel" auf Itomr, t^»*»^ 
grossen Materials aus den germanischen und romanischen Litteraturen beschriehpr wi^ 
r. scheidet zunächst die Kunsträtsel (die von meist bekannten Dichtern ir f^;w«*« 
abgefassten) und die „volkstümlichen Rätsel" (die in jüngerer Zeit aus der df»iUÄ*>«* 
oder fremden Litteratur ins Volk gedrungenen Kunsterzeugnisse) ginrljrh «fc^ ^ 
den „Volksrätseln", d. h. jenen Rätseln, die (gleichviel ob im Volke seihsr «^^^«^ "^ 
oder von einem Dichter entlehnt) seit alters in den breiten SchichieE df^ ' '»^»^ 
gedächtnismässig überliefert, der Eigenart des Volkes entsprechend iiii^fs?*^^**^ • 
seine Anschauungs- und Ausdrucks weise übertragen wurden und daher mor-r '-'•^* 
immer, aber häufig) in der Mundart erzählt werden, sondert P. rw^. tf^-:-'*** 
1. Die unwirklichen Volksrätsel. Fragen, die gar nicht gelöst werdeE k-.n?»flL «^ 
der Gefragte in die Kenntnis der hierbei waltenden zufiUi^*«! oder «•- 
angenommenen Umstände nicht eingeweiht ist. Die Lösung giebt in übtHss^ '^ 
steller selbst und überrascht, neckt, erheitert damit den Befra^rten. Vt^i=c«-a 
Halslösungsrätsel (die gewöhnlich Verurteilten unter dem Galiec jl der l:— 
werden) und Scherzfragen gehören zu dieser Gruppe, 2. löe wrxi::-:?^ 
rätsei. Die unerschöpfliche Fülle von Formen, die sieh hier äarmtsBBL aa* ' 
(JBL. 1897 I 5:800) nach dem Aufbau, nach der Art dw AnarfiMinnr url Ä«rr-. — 
des zu erratenden Gegenstandes in mehrere Unterabteüi2ii^i<ec tl scöpio*"' ^^ _ 
P. hingegen, der das Schwergewicht auf die Stilbeschrabmir i^r- di- mt «^ 
Kennzeichen des echt Volksmässigen aufdeckt, gewinnt rmesaiiielnmr^ "T.^^ 
unterscheidet, ob ein einzelner Gegenstand, oder die smmmR r Im* '"" 'z^ 
Standes, oder mehrere ein Ganzes ausmachende Einzelg-^viisiBituK «ifir- ^' ""' ' J^ 
neben- oder gegeneinander im Rätsel beschrieben werdeL ubl janr**^ ~ ^^ 
nun aber zunächst darauf an, wie der betreffende Gc^cnsamL .yeficr^-'^ ' ' ^ ^ 
Darstellung ist der Kern des Rätsels. Die Fonnehn an. ^^i 
Rätsels aber, die nur unser Interesse für d«i ra 
sollen, sind der Rahmen. P. unterscheidet danaeh EsmaBr- 2 
dass ein Normalrätsel etwa folgende AnordnuDf zEiS'Si :n:2 
Rahmenelement; b) benennendes Kemelemenl: v 
d) hemmendes Element; e) abschliessendes RaJuDfaiüe 
freüich nur bei wenigen Rätseln vollzählig einfiniHz. 
sprechen. Die einfuhrenden Rahmenelememe ^^rrfnar?»^ -ei 
Raten, bezeichnen die Oertlichkeit, schüdern dit '^—'«^- 
Auch die abschliessenden Rahmenelemenie Jctrö« xac-aae 
Schwierigkeit der Lösung und versprechen im»«: ^::=- ^ 
Also diese Rahmenelemente gehören nur zw mmr^-'^'*^ 
merksamkeit des Ratenden erregen, beräcs a»^ ^^-^ ^ 
könnten ohne Schaden wegfallen. Die Be»t!nis3r sr - ^^ 

elemente durchgeführt werden, enaögüsir « xpf -Jß=' '^[^^/, / 

rätseln eine Reihe von Unterabteilung«} prr^»*™ii -^'ff^^^,/,/«/« "*»"• 
voneinander sondern lassen, in dem xnnas p^«^ '^ ' ,„,i^t^nh*i^'^*'*» ^ 

Formen freilich vielfach ineinandw ^ve&aaaa: ^-^^ [ lUyu** , 

Art der Bestimmung des z\, 
Schreibung. Es giebt aber ^üci S^ 
Die Rätsel mit benennenden 
isolierter Stellung oder in g 
rätseln in Wossidlos erster G 
nennung entweder bedeutmif 
Ding, Stück, etwas usw.) oder 
Mannigfaltigkeit zeigen di^ U 
Schreibung muss man in 4n 
1. Ein zu erratender Ge^rn»isuie 
schreibenden Zug bestiminl; 2. 
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DLZ. 21. S. 3863/6; hWfmmJilM, 7, H 1H ^^ ^ 
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fliMhaa 3, 8. 280-42, 262/6. - 2) X 

'^ ^«itBOhuh, KanstwisMnaohaftl 

Rob. Yiicher. St.. Cottv 

(1)12 



I 8:450.405 A. Hauffen, Volkskunde. 

Bchiedenen Umständen usw. besehrieben, und zwar entweder a) das Ganze ist benannt, 
die Einzelteile sind von dieser Benennung beeinflusst, oder b) das Ganze und die 
Einzelteile sind benannt, aber nicht mit Zügen desselben Bildes, oder c) nur die 
Einzelteile sind benannt, oder d) das Ganze sowohl als die Einzelteile bleiben un- 
benannt. Ferner 4. Mehrere gleichartige Gegenstände werden gemeinsam benannt 
und beschrieben; 5. Mehrere Gegenstände sind zu erraten. Die hemmenden 
Elemente behandelt P. nicht besonders, sondern gleichzeitig mit der Beschreibung, 
aus der sie gewöhnlich gezogen sind. Der Anhang bringt einen Abdruck des alten 
Rockenbüchleins, sowie Vorschläge für künftige Ausgaben von Volksrätseln, wobei P. 
die Anordnung nach dem Gegenstande empfiehlt. — 

Namen ^J^o-^^®). Zahlreiche zumeist kleinere Beiträge sind zu verzeichnen zur 
Erforschung und Sammlung von Familiennamen 457-463^^ Eigennamen *•*-*»«), 
Ortsnam en^«^"*'''), Flu rn am en*^8-488)^ Tiern am en<^'""®) und Pflanzen- 
name n^^®"**^). ~ Die grösste und bedeutendste Leistung auf diesem Gebiete ist 
zweifellos das grosse deutsche Krankheitsnamen buch von H ö f 1 e r^®*), das 
Aerzten, Kulturhistorikem und Volksforschern eine unerschöpfliche Fülle von neuem 
Stoff bietet. Auf Grund weitschichtiger eigener Sammlungen und Forschungen, von 
denen der Vf. schon in früheren Jahren wertvolle Proben vorgelegt hat, mit Benutzung 
aller einschlägigen, auch alter Quellenwerke ist diese reichhaltige Sammlung zustande 
gekommen, die nicht nur alle die volkstümlichen hochdeutschen Krankheitsnamen, 
sondern auch die volkstümlichen Bezeichnungen der Körperteile, des leiblichen und 

feistigen Lebens, seiner Störungen und seiner Vernichtungen im Tode zusammenstellt, 
ierheilkunde, Aberglauben, Dämonismus, Zauberei, Volksbrauch sind reichlich heran- 
gezogen, soweit sie überhaupt zur Volksmedizin gehören. Dass trotz des dargebotenen 
Reichtums Nachträge und Berichtigungen namentlich von germanistischer Seite möglich 
sind, ist bei der Arbeit eines Arztes, der sich erst mühsam in fremde Gebiete ein- 
arbeiten musste, leicht zu begreifen. *^^) — 



BCr.l899, S. 17; K. Wein hold: ZVVolksk. 9, S. 2S2/3.]| — 450)XO. Sohfitte. BrannBohweiger Ko8«namao : Brannaohwllag. 5, 
8.190/2, 197-208. — 451) X ^- Branlty u. L. Wiener, üebernamen: Urquell 2, N. 11/2. - 452) X E- Hoffmann-Krayer, 

D. MOnse in der YolkBkande: BchwAVolkgk. 8, S. 168y4. (Ueber MQnznamen.) — 453) X Dtsoh. MonatBnamen : AkBIl. U, S. 105/6. 

— 454) X K. Uensing, Dteoh. Monatsnamen: Odin M. 4, 8, 18, 30, 82. — 455) X P- Söhns, Z. niederdttoh. Namensforsoh. : 
ZDÜ. 13, S. 885. — 456) X H. Meier, Eigennamen d. Brannsebweiger BQrgerhjLnaer: BrannsohwMag. 5, 6. 17-20. — 457) X 

E. A. Stfickelberg, Enteiehnng ▼. Familiennamen: SohwAVolksk. 8, S. 160. (Oeatnng daroh Sagen.) — 458) X B- ▼• 
Borries, Ueber d. ftlteren Strassbnrger Fami1ii>nnamen : JbGKlsLotbr. 15, 8. 185-222. — 459) X B- opfert, Annaberger 
Familiennamen: MVGY Annaberg. 8, S. 7^9. — 460) X ^K* Schmidt, D. Name Bismarek sla?. Ursprungs?: Adelsherold S. 147. 

— 461) XK-Oi^<^'^"<>^'^ Familiennamen in Neustadt (Ober-Schlesien). 2. T. Nebst allg. Erörterungen. Progr. (Ports. ▼. JBL. 
1894 I 6 : 412.) Sagan, Kath. Qyron. 4*. 22 8. (Beh. hier d. aus Heiligennamen entstandenen Familiennamen. Allgem. Einführungen 
in d. Gebiet d. Familiennamenforsohnng, Aber deren Wert fflr Siedelnngsgesohichte u. Kniturgesohiohte mit Beispielen ans 
Neustadt) — 462) X ^- Burckas, D. Ohrdrufer Familiennamen nach Herkunft u. Bedeut. 4. T. Progr. Ohrdrnf, (Lucas). 
4». 16 S. (Sehlttss t. JBL. 1898 I 6:491.) - 463) X («IBL. 1898 I 5:488.) |[E. Macke I: ASNS. 102, 8. 889-90; ZDU. 13, 
S.^0/4.J| — 464) X ^* Brunk, D. Vorname in Pommern: BUPommVolksk. 7, 8. 105/7. (Spottverse u. Wortspiele su einseinen 
Namen.) — 465) X I^ Hölscher, Unsere Taufnamen. E. Erklär. Aber deren Sinn u. Bedeut. Minden i/W., Bruns. 12*. 44 8. 
M. 0,50. (Verzeichnet d. Ursprung, Bedeutung u. d. Koseformen der Namen.) — 466) X ^ M« Meyer, Kopulati Te 
Eigennamen: ZDA. 48, 8. 158-69. — 467) X ^ Uoff mann-Kray er, Ortsnamen n. Siedelungsgeschichte : SohwAVolksk. 8, 
8. 168-60. (Ret. Ober e. Vortr. y. A. Socin, d. sich hauptsächlich auf Els.-Lothr. besiebt.) — 466) X P- Cramer, 
Niederrheia. Ortsnamen: BGNiederrh. 10. 8. 126-86. |(R. Mnoh: ADA. 25, 8. 84/6.] I — 469) X 0. Heilig, D. Orts- 
namen d. Kaiserstuhls. (» Festschrift %. Feier d. Eröffnung d. Eealgymn. in Kensingen.) 18 8. (Berficksicht auch 
d. Namensagen u. Spottreime.) — 470) X B. Sch&del, Ueber d. Namen n. d. Rad der Stadt Mains. Mains, 
Wilckens. 39 8. Mit 1 Taf. M. 0,80. — 471) X Q- Bnuter, Z. Aussprache u. Rechtspraohe rhein. - westf. Ortsnamen: 
ZADSprV. 14, 8. 88/6. — 472) X M. May, Sind d. fremdartigen OrUnamen in d. Prov. Brandenburg u. in Ostdeutschland 
slaTisoh oder germanisch?: ib. 13, 8. 62/4.— 473) X J- Pollinger, D. Ortsnamen d. Landshuter Gegend: ZUVNiedersaohsen. 
34, 8. 59-202. — 474) O X 0. DQtschke, Sprachliches s. Heimatkunde d. Kreises Schwelm, sowie s. Einffihr. in Art u. Er- 
gebnisse d. Ortsnamenforsch. Progr. Schwelm, (M. Sehers). 35 S. M. 0,75. — 475) X J- Leithauser, Ortsnamen im 
Wnppergebiete: ZBergGV. 84, 8. 16/8. - 476) X H- Witte, Neue Beitrr. d. Reiohslundes s. Ortsnamenforschung: KBQV. 47, 
8. 189-44. — 477) X F. Eohden, Ueber unsere Ortsnamen: HannGBIl. 2, 8. 28/9. — 478) X Weiss, Forschungen, betr. 
Orts- u. Flurnamen in Deutschland: KBGV. 47, 8. 23/4. — 479) X V. Lommer. Orts- u. Flurnamen im Amtsbes. Kahla: 
MVGAltertumskKahlaRoda. 6, 8. 828-68. - 480) X !>• ali^^- Orts- u. Flurnamen d. Oberlausit^. Ges. u. erklärt t.P. Kfthnel. 
L., Harrassowits. 55 8. M. 1,50. (Aus NLansitsMag. 6) — 481) X^unglmayr, D. Orts- n. Flurnamen d. kgl. Amtsgerichts- 
besirks Lindau: SchrVBodensee. 27, 8. 89-181. — 482) XJB. Kusserow, Pommersohe Flurnamen: BUPommVolksk. 7, 8. 186/8. 

— 483) X H. Wiechel, Samml. t. Dorfwirtshausnamen aus d. Ersgebirge u. dessen Umgebung: MVSäohsVolksk. N. 9, 8. 8/10; 
N. 10, 8. 12/5. — 484) X ^' Kfitting, Etymologische 8tudien Ober dtsch. Flussnamen. I. Progr. d. Gymn. Kreusnach. 4«. 
24 8. — 485) X Th. Seelig, Anfsoichnungen d. Walddistriktsbenennungen in d. Dresdener Heide 1734: MVSächsVolksk. 
N. 10, 8. 10/2 i N. 11, 8. 6-12. - 486) X L Hertel, Die Rennsteige u. Rennwege d. dtsch. Sprachgebietes. Progr. Hild- 
burghausen. 40. 41 8. - 487) X J. Satter, Volkst&ml. Tiernamen ans Gottsohee. Progr. Gottschee. 22 8. M. 0.50. 
(Forts. ▼. JBL. 1898 I 5 : 581; mit vergleich. Bemerkungen n. mit Beitrr. su anderen Gebieten d. Volkskunde.) — 468) X P> ^ i^ge» 
Z. Namenkunde: ZDPh. 81, 8. 601. (Hundenamen.) - 489) X '^- Damköhler, Beitrr. s. Etymologie unserer Pflansennamen: 
ZDU. 18, 8. 66-61. - 490) X P- I<0 80h, D. Volksnamen d. Pflanten: BIISchwäbAlbV. 10, 8. 495-510, 646/8. — 491) X <«• 
Schmidt, Volksnamen d. Pflansen im Hersogt. Gotha: Aus d. Heimat 2, N. 2/3. — 492) X (JBL. 1897 1 6: 808.) |[LBlGRPh. 20, 
8. 80/2.]| - 493) X (JBL. 1898 I 5:580.) |[LCB1. 8. 80,1.J1 — 494) M. Höfler, Dtsch. Krankheitsnamenbuch. Manchen, 

•Piloty A Loehle. XI, 922 8. M. 35,00. |[K. Weinhold: ZVVoIksk. 9, 8. 842; LCBl. 8. 868/4: O. Brenner: AZgB. 
N. 170; id.: MUBayrVolkek. N. 2; JBGPh, 21, 8. 110;1.]| - 495) X B. Kammel, Volkstftml. Krankheitsnareen : 
MNordböhmEzkursCIub. 22, 8. 161-68. - 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9: 1-4 

1,9 

Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

Cornelius Gurlitt. 

Allgemeines: Theoretisches N. 1. — Beligion and Kunst N. 60. — Kanstnnterrieht N. 70. — Gesamt- 
darslellungen N. 78. — Knnstgesehiohte: BenAissance N. 9a — 18. and 19. Jnhrhnndert N. 134. — Neuere Malerei 
K. 170. - Bildhauer N. 264. - Zeichner und Badieier N. 279. — Kunsthistoriker N. 290. - Verschiedenes N. 297. — 

Allgemeines: Theoretisches.*"^ Robert Vischer*) hat auf 
Grund alter Kollegienhefte die Vorträge wiederhergestellt, die sein Vater Friedrich 
Vischer an der Universität Tübingen und am Polj'technikum zu Stuttgart über 
Aesthetik hielt. Da Vischer nicht „las**, sondern sprach, sind diese Vorträge bei jeder 
Wiederholung andere ge^^orden. Denn er war ein Denker, der mit sich selbst nicht 
fertig, sondern alle Jahre ein Neuer wurde. Die Notwendigkeit inneren Fortschreitens 
ist in ihm bis an sein Ende lebendig geblieben. Die Aufzeichnungen üben ihren 
vollen Reiz wohl nur auf den aus, der, wie ich, Vischer selbst gehört hat, der sich 
den Mann wieder in seiner Eigenart vergegenwärtigen kann, mit der er seine An- 
sichten aussprach. Hier, in den Vorträgen, wirkt Vischer vor allem auf das Verstehen 
der Kunst hin. Es ist ihm nicht um spitzfindige Definitionen zu thun, er beweist 
dem Leser, dass die Gedanken einfach sein müssen, wenn sie tief sein wollen. Das 
Werk ist weniger ein ästhetisches Lehrbuch als eine Darstellung des ganzen Gebietes 
der Aesthetik und als solche eine schlichte, klare Einführung in die romantischen 
Schönheitslehren, die von dem Grundsatz ausgeht, dass das Schöne allgemein wohl- 
gefällt, und dass ihm gewisse Gesetze innewohnen, durch deren Erfüllung jenes 
Wohlgefallen erweckt werde. Es weise die Kunst vor allem auf den Menschen und 
bringe dessen Lebensinhalt zum ungetrübten Ausdruck. Der Ausdruck solle mangellos 
sein, der Gegenstand erscheine im Schönen vollkommen. Was dieser Gegenstand in 
seinem realen Dasein nach innen sei, bringe die Kunst nach aussen ; das Schöne sei 
die untrennbare Einheit von Fülle des Inhalts und Vollendung der Form. Dann 
schildert Vischer das Wesen der Form und ihre Gesetze, die Stellung des Schönen 
und der Kunst zu Religion und Philosophie, das Hässliche und Komische als Gegensatz 
des Schönen und Erhabenen, das Naturschöne und das Wesen der Phantasie. So 
kommt er zum zweiten Teil seiner Aufgabe, zur Behandlung der Kunst überhaupt, 
die er ihrem Entstehen und ihren Ausdrucksformen nach eingehend behandelt. Wer 
die Kunstgeschichte des 19. Jh. nach ihrem ästhetischen Inhalt behandeln will, wird 
an dem Werke ihres grössten Erklärers nicht vorübergehen können. Denn Vischer 
drückt in seiner treffsicheren Weise das aus, was zu seiner Zeit und wesentlich unter 
seinem Einfluss auch die Künstler dachten, sobald sie überhaupt nach einer Erklärung 
ihres Schaffens strebten. Wenngleich das vielbändige Vischersche Werk übet 
Aesthetik von den wenigsten gelesen und seine Vorträge von Künstlern nur in ver- 
einzelten Fällen gehört wurden, — mit Ausnahme etwa der jungen Stuttgarter 
Architekten — so sickerte doch die abstrakte Lehre sehr bald in praktischen Regeln 
und Anwendungen durch und führte rasch zu thatsächlichen Folgen im nationalen 
Wirken. Mancher ältere Kunstfreund wird überrascht beobachten, dass ihm Vischer 
durch die neue Publikation nichts wesentlich Neues, sondern nur den formklaren 
Ausdruck eigener Gedanken bringt. Denn beim Denken geht's dem Dilettanten wie 
beim Komponieren I Die leicht geschaffene Musik ist in beiden Fällen Ergebnis der 
Erinnerung an früher Gehörtes, nicht der eigenen Schaffenskraft: Man kennt die Herkunft 
seiner Erinnerungen nicht und glaubt sie daher als eigene Einfälle hinnehmen zu 
können. Der Historiker wird daher festzustellen haben, wie so vieles von den Theorien 
auch der Künstler von Vischer stammt, und wie viel von dem an ästhetischem Wissen, 
das wir als Selbstverständliches und Bekanntes hinnehmen. Die Geschichte wird einmal 
noch dem Manne und seinem ganzen Wirken gerecht werden; denn seit Lessing war 
er der grösste und tiefste Kritiker, vielleicht auch der einflussreichste, den Deutschland 
besessen hat. Auch das neue Buch ist im wesentlichen Kritik der Kunst, mehr 
als eigentliche Kunstlehre. In seinen letzten Lebensjahren fühlte Vischer, dass die 
romantische Aesthetik ihrem Ende entgegengehe. Ich erinnere mich bei einem zu- 
fälligen Zusammensein in München, dass er uns Jüngeren den Rat gab, alles das zu 

DXK-Muther, D. Zusammenhang swischen Kultur u. Kunst im 19. Jh.: Umschau 8, S. 289-49, 262/5. - 2) X 
Konr. Lange, Zweoh a. Inhalt d. Kunst: Kunst u. Kunstgewerbe 1, S. 286-91. -~ 3) X P- Leitsehuh, Kunstwissensohaftl 
Ziele u. Wega: AkMBll. 11. 8. 468/9. — 4) F. Th. Visoher, D. Schöne u. d. Kunst. 1. Bd. Her. y. Rob. Yisoher. St.. Cottv 
JahresberichU Ar neuere deuteeha Utteraturgesehiohte. X. (1)12 



I 9:5-8 C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

suchen, was Hie Kluft zwischen Aesthetik und Kunstübung überbrücken könne. 
Angesichts der damals neuen Kunst sehnte er sich nach wechselseitigem Verständnis 
oder doch nach Verständigung, üem Künstler zugängliche Lehre zu bieten, lag ihm 
am Herzen. — Nach dieser Richtung ist ja inzwischen viel geschehen. Die Künstler 
nahmen selbst das Wort, andere fielen in ihren Gedankenschritt ein. So schliesst 
Schmarsow^) die Reihe seiner Beiträge zur Aesthetik der bildenden Künste mit 
einem Buch ab, in dem er den Unterschied im Wesen der Plastik von dem der Malerei 
und den vom üebergangsgebiet zwischen beiden, der Reliofkunst, sucht. Er will 
„vor der Verwechslung imter einem gemeinsamen Problem der bildenden Kunst 
wahren, wie es Adolf Hildebrand unter eben diesem Titel verfolgt". Es soll bei 
Seh. keine historische Konstruktion versucht, vielmehr die psychologische Bedeut- 
samkeit der Erscheinungen bevorzugt werden; keine Rücksicht gelten, wie etwa die 
auf Stil, Monumentalität, Archaismus. So sagt die Vorrede. Eine zwanzigjährige 
Lehrthätigkeit, fügt Seh. dann hinzu, habe ihm das Bedürfnis der Klärung der Be- 
griffe und die Fruchtbarkeit der hier verfochteneii so mannigfach bewährt, dass die 
Meinungen der Recensenten ihn nicht einen Augenblick irre gemacht hätten. Nach 
wie vor muss ich bekennen, dass mir die Klärung der Begriffe beim Lesen von Sch.s 
Buch nicht gekommen ist. Er findet z. B. die Aufgabe der Plastik in der schöpferischen 
Darstellung des Körpers, er nennt sie Körperbildnerin im Gegensatz zu Hildebrand, 
der die Wirkung der Plastik in der einheitlichen Flächenerscheinung suche. Und 
damit hat Seh. gewiss einen durchaus richtigen Gedanken. Er verwahrt sich gegen 
die Einseitigkeit in Hildebrands System, der auf die Michelangelosche Ansicht, die 
Plastik sei zur vollen Rundung herausgearbeitetes Relief, massgebenden Wert legt. 
Aber bedarf es wirklich zweier Bücher von tiefster Gelehrsamkeit und mächtigem 
philosophischen Kraftaufwand, um zu beweisen, dass die erste Aufgabe der Plastik 
die Plastik sei? Ich muss wieder erklären, dass es zur Beurteilung Sch.s, 
dessen ernstes Wollen ausser Zweifel steht, mir am richtigen Organe fehlt, und dass 
ich daher auf diese lieber verzichte, weil ich fürchte, einem zweifellos nicht Kleines 
erstrebenden, mir nicht verständlichen Geist zu nahe zu treten. — Anders tritt ein 
„Allerneuster" auf: Endeil*) ruft aus, er fordere auf Grund der Klarheit seiner 
Gedanken Beachtung; er wolle überzeugen. Das ist ja sehr tapfer gesagt, und dem- 
gemäss bewegen sich auch die Darlegungen auf der Bahn unbedingter Sicherheit: 
„Büdende Kunst ist die Verarbeitung von visuellen Naturmotiven zur Erzeugung eines 
starken und gleichartigen I .ustgefühls." Der Künstler soll nicht die Natur nachahmen, 
sondern das Eigenartige in ihr finden, seine Empfindlichkeit für dieses ausbilden und 
starke Gefühle in uns erregen. Der Betrachtende muss sich den „visuellen Eindrücken 
ohne Associationen, ohne jeden Nebengedanken" hingeben. Wie das zu machen ist, 
das lehrt E. in einer Besprechung der Münchener Ausstellungen von 1896. Mir 
will scheinen, als sei die innere Harmonie in dies Buch nicht hineingedrungen, die 
sonst von der Kunst gefordert wird: Es ist zu viel Kühnheit erstrebt und zu wenig 
Raum für geistige Heldenthaten gefunden worden. — Bezeichnend ist das plötzliche 
Vordringen englischer Aesthetik, der kräftige Hinweis auf Ruskin, der ja keinerlei 
künstlerisches System, wohl aber künstlerische Nerven in die Kunstbeurteilung trug. Als 
ich vor zehn bis zwölf Jahren Aufsätze über die Präraffaeliten veröffentlicht hatte, sandte 
mir Feis das Ms. einer Auswahl von Uebersetzungen aus Ruskins Büchern''), wie 
ähnliche Sammelschriften unter des englischen Volkslehrers eigenen Augen bereits 
jenseits des Kanals erschienen waren. Es hat langer Zeit bedurft, bis F.s liebevolle 
Arbeit endlich auf dem deutschen Büchermarkt erschien. Nun liegt sie in zwei 
Bändchen vor, begleitet von einer gut geschriebenen Einführung in Ruskins Wesen. 
Auf dieses selbst einzugehen, ist hier nicht der Ort. Nur darauf sei hingewiesen, 
wie Gedanken von sich selbst aus nicht zu wirken vermögen, wenn der Boden nicht 
für sie bereitet ist. Darwins Ideen schlugen in Deutschland sofort Wurzel, da sie in 
Deutschland einen vorbereiteten Acker fanden. Ruskin brauchte ein halbes Jh., um 
bis Deutschland vorzudringen I Man würde den selbstherrlichen Prediger einer 
verfeinerten Menschlichkeit verlacht haben, wäre seine Stimme vor der Zeit zu uns 
ffetragen worden.^) Jetzt aber ist Deutschland durch den von allen Seiten betriebenen 
Hinweis auf die englischen Präraffaeliten auf Ruskin vorbereitet. Als ich 1892 jene 
ersten Aufsätze in deutscher Sprache über diese in Westermanns Monatsheften schrieb, 
handelte ich noch über ein auch den weiter blickenden deutschen Kennern ganz 
fremdes Gebiet. Der Fortschritt in der Würdigung der ihm angehörigen Künstler 
war überraschend kräftig. — Unter anderem sei auf einen wohlinformierten Aufsatz 
von Wilmersdorf fer*) über Rossetti hingewiesen, der die neueren englischen 



1898. XVm, 808 S. M. 8,00. — 5) A. Sehmarsow, Beitr. i. Aaithetik d. bild. Eftnit«. m. (S«hlaM.) L., Hfnel. YH, 
282 8. M. 4,00. — 6) A. Endell, um d. Sohönheit. M&nohan, Franoke A Uunahaltar. 1898. 29 S. M. 0,60. - 7) J. Boikin, 
Weg« I. KiiMt. Her. ▼. J. F«is. 2 Bd«. Strassbarg i. B., Ufits. 1S98. XXXVin, 178 S.; UI, 118 S. II. 4,60. - t) X 



C. Ourlitt, Eunstgesohiohte. 1898, 1899. I 9:».9o 

Veniflfentliohungen geschickt benutzt, um ein Bild von dessen Werken und 
Wirkung zu entrollen. — Aber nicht nur in den wissenschaftlichen Studien, sondern 
auch in der Stellung der Schriftsteller zur Kunst vollzog sich ein Wandel. War 
die Kunst früher Illustration, so sieht jetzt die Kritik in der Nachdichtung der Kunst 
ihre Aufgabe. So ist z. B. Rilkes *®) Aufsatz eine der poetischen Umschreibungen 
des Künstlertums und der Kunst: sehr fein, sehr zart — sehr wenig verwendbar für 
den, der sich nicht gern ins Empfinden verliert, der lieber selbst in Stunden freudigen 
Aufnehmens und brünstigen Hingebens Herr seiner selbst bleiben möchte.*') — Hilde- 
brands*^ Buch wirkt, wie wir schon in der Betrachtung der Schmarsowschen Arbeit 
sahen (s. o. N. 5), in seiner Weise fort. Es ist vielleicht kein Ruhmestitel für die 
deutsche Kunstwelt, dass die zweite Auflage dieses Buches erst jetzt erscheint, nachdem 
seine tiefgehende Wirkung allseitig anerkannt ist, seit sie auch in der Behandlung der 
historischen Kunstkritik nahezu massgebend wurde.'*"**) — Die Uebermittlung des 
Kunstverständnisses an viele durch Darbietung eines reichen Bildmaterials ist von 
jeher eine der erfolgreichsten Bemühungen des G. Hirthschen Verlages gewesen. 
Er setzt dies fort in einem Werke**), das den Zweck hat, an den Kunsterzeugnissen 
dem Beschauer das Wesen des Stils darzuthun. — Nur mit Worten und nun gar mit 
kurzen Worten eine Stilart zu kennzeichnen, ist eine so ausserordentlich schwierige 
Aufgabe, dass vor ihr die Meister der Kunstgeschichte zurückschrecken. Dadurch fiel 
sie in die Hand der Kleinen: Kimmichs**) Buch ist ein Beweis dafür, wie unzulänglich 
deren Können der riesigen Aufgabe gegenüber ist. Wer sein Buch zur Grundlage 
seines Wissens machte, hat wohl ein paar Begriffe sich angeeignet und kann die 
Masse der Kunstformen ungefähr gliedern. Aber die Maschen des Netzes in seinem 
Kunstsystem sind so lose, dass der Leser kaum einige Sicherheit haben wird, in der 
Bestimmung der Herkunft einzelner Werke das Flechte herauszufischen. Kunst- 

feschiohtlicher Dilettantismus, nicht Kunstanregung ist das Ziel dieser Bücher. — 
linem besser vorgebildeten Leserkreis wendet sich Luer*') zu: Er fülui; Riegls 
Stilfragen weiter, indem er den Begriff „Stil" für die Baukunst festzustellen und ihn 
als dem Zweck und den Darstellungsmitteln angepasste, ästhetisch zu rechtfertigende, 
künstlerische Schaffensweise erklärt, nicht aber als eine historische Eigentümlichkeit 
bestimmter Zeiten und Völker. — Damit nähert er sich der reinen Populär- Aesthetik, 
wie sie P e c h t **) so lange 2jeit mit äusserlich glänzendem Erfolg vertrat. Dieser 
fühlte das Bedürfnis, einen Aufsatz zu veröffentlichen, in dem er sich über die kritische 
Bewertung der Künstler grundsätzlich äussert. Er sagt, nichts sei leichter zu unter- 
scheiden, als die Arbeit des Genialen von der des Talentvollen. Nur weil das Genie 
so selten sei, werde es so oft anfangs missverstanden; denn es biete sich stets auf 
eigenartigste Weise dar, finde daher Widerspruch und später Anerkennung. Als 
Genies bespricht P. dann Menzel, Schwind, Peter Hess, Ludw. Richter, Rethel, Makart, 
Piloty, Böcklin, Lenbach. Bei Böcklin verweilt er kurz: Dabei ist's P. nicht ganz 
Wühl zu Mute! Denn er war einer von jenen, die das Talent der Piloty schüler sehr 
hoch über das Genie des Schweizers und der immer noch nicht von ihm anerkannten 
Thoma, Klinger, tJhde etc. stellte und von jener Kunst des „leichten Unterscheidens" 
wahrlich herzlich wenig besessen hat. Vielleicht würde P. besser sagen: Genie 
und Talent sind gar nicht zu unterscheiden: Er selbst hat es meines Ermessens . 
thatsächlich nie gelernt. — Die Sittlichkeit in der Kunst wurde zum Thema der 
Untersuchung infolge der Lex Heinze, des Versuches, gegen Bildwerke polizeilich 
vorzugehen, die, o£ie unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen, wenn 
sie an öffentlichem Verkehre zugänglichen Orten ausgestellt oder an Jugendliche 
verkauft werden. Avenarius*®) und Zimmermann*®) geben die landü blichen 
Gründe gegen dieses Gesetz: Dem Reinen ist alles reinl Da sind Fragen angeschnitten, 
die ebenso einfach zu beantworten sind, wie etwa die Duellfrage, wenn man sich auf 
den Standpunkt einer nüchternen Vernunft stellt und mit dem Denkergebnis aus 
diesem heraus zufrieden ist! Das Duell ist ITnsinn, es ist einfach Mord. Vielen Reinen 
von heute ist das Nackte eben nicht rein. Es stört ihn im Leben und es stört ihn in 
der Kunst. Das kann mau mit dem Hinblick auf die Griechen als Thorheit erklären, 
es ist aber da, und wir haben damit zu rechnen. Die Erziehung zur nackten Natur 
wäre eine grosse Aufgabe, sie würde dahin führen, dass allen Keinen kein Anstoss 
am Nackten mehr erwachse. Jetzt aber ist der Anstoss unzweifelhaft vorhanden, im 



L. Gall, John Bnskin. («- Allgem. Bfteherei K. 10.) Wien, Branrofiller. 1898. 49 8. M. 0,20. - 9) A. Wilmersdorffer, 
D. O. BofMtti Q. sein Binflnss: WIDM. 85, 8. 692-610. - 10) B. M. Bilk«. Uebar Kanst: Ter SMram 9, N. 1, 6. — U) X 
Pftimore. PrinoipU in srt. Loodon, B«ll. 1898. 274 8. Sh. 6,00. - 12) Ad. Hildebrand, D. Problem d. Form in d, 
bildenden Kunst. 2. Anfl. Stnssbarg i. B., Heits. 1898. 127 8. M. 2,00. - 13) X H. Drieimanne, D. plnai Kraft in 
Knait, Wies. n. Leben. L., Nanmann. 1898. YUl. 216 A. M. 4,00. _ 14) X Tb. Beer, Aas Natnr n. Kunst: VPPr. N. 12690. 
-. 15) D. Stil in d. bUdnd. Kftnsten. 1. Serie. Lfg. 1-19. Mftneben, Hirtb. k 12 Taf. ä M. 1,00. > 16) K. Kimmieb, 
Stil n. Sülvergleiobong. Bavensbnrg, ILaier. 90 9. M. 1,50. —17) H. Laer, Z. KIArang d. Stilbegriffe: Kanst n. Handwerk 
49, & 188-40. - 18) ?. Peobt. Oenie n. Talent in d. bildend. Xftnsien: Kunst fftr Alle 14, 8. 119-21. - 10) F. Avenarius, 
Vom Maokten in d. bildend. Kaniit: Kw. 12, 8. 181/6. — 20) M. G. Zimmermann, D. Darstellg. d. Nackten u. d. SiUliebkelte- 

(l)i2» 



I 9:21-29 C. öurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

Grunde des Herzens wohl auch bei A. Er ist da, und zwar nicht bei den 
Schlechtesten oder Rohesten. Das ist nicht abzuleugnen, und die Angestossenen haben 
auch ihr Recht, um das wir mit Hohn nicht herumkommen. Auch Z. fasst die Gründe 
zusammen, die gegen ein solches Gesetz sprechen. Er betont mit Recht, dass der 
Kunst durch ein solches die grössten Aergemisse bereitet würden. Es will mir 
scheinen, als wenn trotz dieser Gründe eine Besserung unleugbar bestehender Uebel- 
stände herbeigeführt werden könnte. Die Gefahr liegt lediglich in der für feinere 
Unterschiede unzugänglichen Bildung der ausführenden Organe, in der ungemeinen 
Schwierigkeit, Grenzen des Erlaubten festzustellen. Einen Vorschlag darüber zu machen, 
welche Wege gangbar sind, wurde meines Wissens leider in der Hitze des Streites 
vergessen. Es wäre dies die Aufgabe des zur Abwehr gegründeten Goethe-Bundes, 
und zwar eine ungeheuer schwierige Aufgabe. Denn wie soll sich eine Behörde 
rechtliche Grundlagen für Wert und Unwert einer Kunst schaffen, wenn die Künstler 
und Kunstkenner selbst darüber nicht einig werden I — Noch endete der Künstler- 
streit nicht, ja, er äusserte sich in heftigen Streitschriften. Deiters^») Arbeit 
ging mir nicht zu. Ihr Inhalt ist aus Meissners") Entgegnung zu entnehmen, 
dem D. wieder antwortete. Er hatte gegen die Kunstschreiber den gesunden 
Menschenverstand angerufen. Was dieser arme Verstand nicht alles schon beweisen 
sollte! Er ist im Grunde zumeist nur der Verzicht auf ein tieferes Abwägen ver- 
schiedenartiger Gründe. Immer aber endet er mit der Verurteilung dessen, was 
andere, nicht minder Gesunde und oft nicht minder Einseitige, für gut befunden. — 
Friedliche Klänge tönen aus älterer Zeit dazwischen Sie kommen von einigen 
hübschen Briefen Gustav Freytags^») aus den J. 1888—94 an einen Schüler Tilgners, 
der später in Rom thätig war. Für die Stellung Freytags zur Beurteilung der Zeit- 
kunst kommt dabei leider nicht sehr viel heraus. Ferner ertönen sie in einem 
Aufsatze Volbehrs^^). Dieser sucht den Wert des Geschmacksurteils historisch 
dadurch festzustellen, dass er dessen Wandel an einem sich gleichbleibenden Objekt 
prüft. Er wählt dazu die Stadt Nürnberg und kommt zu dem Ergebnis: Es gebe 
kein objektives Urteil, sondern nur ein von den Lebensumständen des urteilenden 
Subjektes bedingtes. Nur die kunstgeschichtliche Würdigung führe daher zur 
gerechten Beurteilung: Wer es fertig bringt, so sagt er, der Selbstherrlichkeit des 
Urteils den Todesstoss zu versetzen und dafür das Verstehen- Wollen populär zu 
machen, der habe für Kunst und Gegenwart viel gethan, mehr als hundert gelehrte 
Abhandlungen thun können. Das scheint mir sehr richtig und klug zu sein. — Die 
Stellung der Kritik zur Kunst behandelt auch Meissner ^*»). — Das S c h ul tz esche^*) 
Buch, das auf gleichem Gebiete sich zu bewegen scheint, ging mir nicht zu.^®) — 
Wie sehr der Drang nach Neuem wirkt, ergiebt sich aus der Heranziehung alt- 
germanischer Motive. Wilsers^'') historische Untersuchung über die älteste 
deutsche Vorzeit erscheint in einem modernen Kunstblatt als Hinweis auf die Wege 
zu nationalem Schaffen, während dasselbe Blatt schwerlich einer Besprechung des 
Wirkens des Phidias oder Raffael seine Spalten geöffnet hätte. — Im Kampf der 
Meinungen steht als einer jener, die zu hören sind, wenn man aus dem Stimmen- 
gewirr eine eigene Ansicht vernehmen will, der Maler W. Trübner^®). Er unter- 
. scheidet zwischen dem Reinkünstlerischen und dem Populärkünstlerischen. Das erste 
beruht ihm in der thatsächlichen Erfüllung der künstlerischen Aufgabe, nämlich in 
der Vergegenwärtigung einer Sache, eines Gedankens durch die Mittel der Kunst. 
So gut wie möglich zu malen, ist daher die rein künstlerische Aufgabe des Malers, 
die Erreichung der höchsten malerischen Eigenschaften die Aufgabe des Bildes. Das 
Populärkünstlerische beruht auf dem, was sich lehren und lernen lässt und was 
daher auch von den Nichtkünstlem zuerst verstanden wird. Ihm falle daher der 
rauschende Beifall der Menge zu, die erst langsam vom Reinkünstlerischen sich 
überwinden lasse. Die Grenze zwischen beiden sei schwer zu finden, weil das Stoff- 
liche sie vielfach verwische. Die Schlussfolgerungen T.s sind oft überraschend und 
stehen manchmal im Gegensatz selbst zu den in Künstlerkreisen herrschenden An- 
schauungen. Jedenfalls ist aber das Buch eines jener wertvollen Bekenntnisse eines 
Künstlers, an denen die zünftige Aesthetik nicht teilnahmslos vorübergehen sollte. — 
Die Wirkungen solcher Anschauung zeigen sich in der Stellung Jüngerer zur alten 
Kunst. Von der Palten^®) sucht in der Besprechung der wichtigsten Künstler 
und Kunstwerke nachzuweisen, dass die Aesthetik der Alten die der reinen Schönheit; 

gefBhl in d. Kunst: Kanstohr. 11, 8. 289-94. — 21) H. Deiters, Kfinstler, KaiiBtsehrelber n. d. geinnde ManiehenTerftand. 
Mftnehen, Beillng. 20 S. M. 0,25. - 22) F. H. Meifsner, Kunat n. Kritik: Kanst-Halle 4, 8. 289-91. (Vgl. dasa H. Daitari: 
ib. 8. 328/4.) - 23) O. Frey tag Aber bildend« Knut: ib. 2, 8. 134/6. - 24) Tb. Yolbebr, Aeitbet. urteile n. konstgeMhiobtl. 
Wfirdignng: Kamt a. Knnitbandwerk 1, 8. 297-803. — 24a) (8. o. N. 22.) — 25) 8. Sohnltse, V. d. Wiedergeburt dtMh. 
Knnit. B., C. Dnncker. 1893. lY, 86 8. M. 1,50. — 26) X 0. Kleinenberg. D. hisl-krii. W&rdig. d. Knntt aneerei Jb.: 
BaltMsobr. 1899, N. 4. - 27) L. W iiser. Oerman. Stil n. dtsob. Kunst: Dtscb. Kunst u. Dekoration 4, 8. 310-29, 428 31. 590/3. 
— 2t) W. Tr&bner, D. Verwirrung der Kunstbegriffe. Frankfurt a. M., Litt-Anst. 1898. 70 S. M. 1,60. ||P. Sohunann: 
Kw. 12. 8. 60/S.]| (2. Aufl. 1899. T, 79 8. M. 2,00.) — 29) H. r. d. Palten, Malerei d. Alten im Oesiohtswinkel d. 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9iao-w 

der Renaissance die der Harmonie und das Moderne die des Gedankens und der 
Empßndung sei. Zu dieser Ansicht kommt er durch eine grosse Reihe von Einzel- 
darstellungen über die Künstler der christlichen Periode. Ich kenne die äusseren 
Lebensverhältnisse des Vf. nicht: Aber mir will scheinen, als sei ein Rat nicht un- 
angebracht; nämlich der, dass er an seiner Vertiefung noch recht viel arbeite. Der 
mit dem Stand der Kunstbetrachtnng Vertraute findet nicht eben viel in seinen 
Analysen. — Künstlerische Kritik übt auch TafeP®): Er spricht eine sehr ver- 
ständige Sprache. Er weist darauf hin, dass der Kolorismus unserer Zeit ebenso 
erlernt werden könne, wie die Kompositionskünste älterer Schulen, dass der Anschluss 
an eine „individualistische" Schule keine grössere That bedeute, als der an eine 
stilistische. Der moderne Kampf treibe die Künstler in bisher unerhörter Hast fort. 
Nun, da das Malen mit temperamentvollem Pinsel erlernt sei, habe es sofort eine junge 
„Tradition" gebildet, die nicht wertvoller sei, als die alte. Nur die, die sich um d'e 
„Errungenschaft der Neuzeit" nicht kümmerten, seien die eigentlich Starken.^*) Ei i 
solches Wort thut dem wohl, der sich durch die Berge zeitgenössischer Kritik hindurch 
las. Stürmisch fordert die Kritik vom Künstler Individualismus. Hundert Federn 
sind einig darin, so einig, dass man ihre Ansichten kaum auseinanderzuhalten vermag; 
Käme es doch endlich dazu, dass die Kritik von sich Individualismus forderte, gereinigt 
durch Selbstbescheiden, das heisst: Wollte sie lernen nur dann zu reden, wenn sie 
einen eigenen Gedanken zur Sache hat: Es würden zwei Drittel unserer Kunst- 
zeitschriften und Feuilletons eingehen müssen, aus Mangel an Mitarbeitern! -- 
Leitschuhs 32) Buch über das Wesen der modernen Landschaft^*"^*) ist zwar ein 
vorwiegend kunsthistorisches, soll aber helfen, die Anschauungen gebildeter kunst- 
freundlicher Laien zu klären und zu bereichern, indem es einen Einblick in das 
künstlerische Schaffen verschiedener Zeiten und zwar auf einem und demselben 
Gebiete, der Malerei, gewährt. Es werden dabei die wechselnden Ziele der 
Landschaften, durch modernster Zeit, das Pleinair, der Impressionismus, die ver- 
schiedene Stellung zur Farbe, namentlich zum Grün, eingehend behandelt. Vielleicht 
wäre manchmal mehr die Sprache der Künstler, die Erkenntnis des Ateliers an Stelle 
der Auffassung des Kunsthistorikers am Platze. Jedoch wird der Hauptzweck des 
Buches in klarer, verständiger und eindringlicher Weise erreicht. — Mich überkommt 
stets ein heimlich Grauen, wenn einer über Kunstprobleme sich äussert, der ihnen 
mit den Waffen der Logik und Systematik zu Leibe geht, um mit Hülfe dieser zu 
beweisen, was er vorher ohne diese als richtig erkannt hatte. Das Buch W e y s s e r s'^) 
ist eigentlich nur ein erster Teil, Vorstudien und Skizzen, denen die Hauptsache in 
drei Bändchen erst noch folgen soll; von diesen giebt die „Schlussbetrachtung" Kunde. 
Es soll gründlich nachgewiesen werden, dass der Landsohafts- und Figurenmaler in 
der reinen Natur und in der griechischen Skulptur ziemlich sichere Anhaltspunkte 
für den Geschmack besitze, dass es also ein Irrtum sei, unter Hinweis auf den 
Umschwung der Weltanschauung die Malerei von einer neuen Seite anzufassen. Die 
Hauptsache für den Vf. ist also nachzuweisen, dass es absolute Schönheitsideale gebe, 
und dass der Künstler diesen nicht seinen subjektiven Geschmack und seine 
Individualität gleichberechtigt entgegenstellen dürfe. Bis jetzt habe ich nicht den 
Eindruck, dass bei der auf dem Kothurn philosophischer Diktion herschreitenden 
Untersuchung irgend etwas Greifbares herauskäme. Warten wir den Schluss ab! — 
Dagegen ist es ein Verdienst Gallands**), dass er kritisch seine eigenen Wege 
geht und zur Klärung des Streites eine Anzahl Stimmen über die Auffassung der 
neuen Kunstbewegung neben einander abdruckte. Er kämpft mit Recht gegen die 
kritiklose Ueberschätzung des Neuen durch schreiblustige Journalisten. Die deutsche 
kunstgewerbliche Bewegung, die Secession in Oesterreich, die Aufnahme französischer 
Bilder in die Berliner Nationalgalerie geben ihm Anlass zu heftigen Kämpfen gegen 
die Führer der neuen Richtung, wenn man die schriftstellernden Häupter als that- 
sächliche Führer anerkennen wUl. — Einen gewaltigen Mitstreiter, den er freilich 
schwerlich als Kampfgenossen annehmen wird, hat er in Tolstoi'*»). Endlich 
einmal eine Individualität, eine grosse starke Persönlichkeit im Gebiete der Kunst- 
kritik und AesthetikI T. setzte seine Untersuchungen über die Kunst fort, die er in 
dem Buche: Was ist Kunst? begonnen hat. Das Buch hat zumeist unter den Fach- 
leuten mehr ärgerliches Erstaunen, als ernste Entgegnung gefunden. T. lehrt, dass 
bisher keine Erklärung für das Wesen des Schönen und der Kunst gefunden worden 
sei, und zwar beweist er dies aus der Unzahl sich widersprechender Erklärungen, 

Mod^racB. Draiden, PierMo. 891 8. M. 6,00. — SO) H. Tafel. D. Malerei t. hente: Kanitohr. 11, 8. 449-Aö. — 31) X 
R. Lattr, Neaeite RIehtnngen in C. Malerei n. Kanetgewerbe. Biel. Kansi-Looher. 85 8. M. 1,00. - 82) P- Leitsohah, 
D. Weien d. modernen Undiohaftemalerei. Straeibnrg i. E., Heita. 1898. YIII, 865 8. M. 6,00. - 33-34) X M. Osborn, 
Modem« LandschaftakiiBst: NDR«. 9, 8. 802-13. - 85) K. Weyieer, D. Darwinismae a. d. aod. Malerei im Spiegel e. 
mftgUehet wichtigen Weltaaeefa. Heidelberg HArning. 1898. IT. 99 8. M. 1,50. — 36) O. Oalland, Z. Kritik d. Modame: 
• Kanat-Ualle 8, 8. 117/9, 185/7, 146,7, 177/9, 198/6; 4, 8. 88/d. (Vgl. dain W. Oansel: Ib. 4, 8. 857/8; J. Morden: ib. 8. 881/8.) 



I 9:8ea-88 JO, Gurlltt, Kunstgesohichte. 1898, 1899. 

die seit Baumgarten, Cousin und Reid in den Kulturländern gegeben worden seien. 
AUe diese beruhen auf der Annahme, dass das Schöne etwas Bestehendes sei, Ausdruck 
des absolut Vollkommenen, der Idee nsw. Sodann wird gesagt, dass es ein an sich 
zweckloses Lustgefühl darstelle; die Kunst sei eine aus dem Spiel hervorgegangene 
angenehme Erregung der Nervenenergie. Nach T. fängt die Kunst aber damit an, 
dass ein Mensch dem anderen die von ihm erfahrenen Gefühle durch gewisse äussere 
Zeichen mitteilt; dass er einmal empfundene Gefühle wieder hervorruft und dadurch 
bewirkt, dass in anderen Menschen dieselben Gefühle erweckt werden. Dadurch 
kommt T. zur Ansicht, wahre Kunst sei die, welche diese Mitteilung kräftig bewirke 
und edle Gefühle mitteile; falsche Kunst sei die, welche schwach, auf wenige, nur 
auf Eingeweihte wirke und sündhafte Gefühle erwecke. Er hasst daher das, was er 
Elitekunst nennt, jene für Schöngeister und Uebermenschen ; und sieht in der Pflege 
des ün volkstümlichen und sittlich nicht Fördersamen den Grund des Verfalls der 
Kunst. Und da geht es dann scharf her über alle die Grossen unserer Zeit. T.s 
Radikalismus macht vor keinem von ihnen Halt. Er bekämpft den berufsmässigen 
Betrieb der Kunst überhaupt, da er zu unrichtigen, übertriebenen und übertreibenden 
Zielen führe, nämlich von der Kunst zur Nachahmung der Kunst. Die Kunstschulen, 
die Kunstkritik, die Verlockungen durch materiellen Nutzen verführten die Berufs- 
künstler, Empfindungen zu heucheln und anderen mitzuteilen, die sie thatsächlich 
nicht besitzen. Sie lernen Empfindungen nachzuahmen und die Nachahmung auf 
andere zu übertragen, die nur schwer von echten Empfindungen unterschieden 
werden können, denen aber alle Eigenschaften innerer Verlogenheit anhaften. Wahre 
Kunst äussere sich durch die Eigenart der ausgedrückten Gefühle, die Klarheit und 
AUgemeinverstäudlichkeit im Ausdruck und in der von der Aufrichtigkeit des 
Künstlers bedingten Kraft der üebertragungsfähigkeit. Sie beruhe daher auch nur 
auf tiefen Gefühlen und daher auf Glauben. Nur religiöse Kunst sei daher wahr; 
nur die Kunst sei erhaben, die auf brüderlicher Liebe zur ganzen Menschheit beruhe. 
So werde sie als Kunst der allen Menschen zugänglichen Gefühle zur Universalkunst. 
Danach verwirft T. bis auf wenige Schriften ausdrücklich seine eigene Produktion. 
Aber er hofft auf das Kommen der künstlerischen Neugeburt, durch die nicht eine 
unendlich verfeinerte, sondern eine auf alle Menschen wirkende Kunst hervorgebracht 
werden wird: Sie wird gemacht werden von dem im Tagesleben stehenden, hand- 
werklich sein Brot erarbeitenden Künstler, dem die Uebermittlung seiner Gefühle 
freudig hingenommener und genügender Lohn sein wird. Diese Gefühle werden die 
der Nächstenliebe sein. Ihre Uebertragung wird durch die einfachsten Mittel ge- 
schehen. Es handelt sich dabei nicht um die Erweckung von Lustgefühlen, sondern 
um die friedliche Vereinigung der Menschen in einem Gedanken; der Zweck der 
Kunst ist, diese brüderliche Vereinigung der Menschen durchzuführen. So weit 
Tolstoi. Das Buch ist zu riesengross, als dass es von den Fachleuten gewürdigt 
würde. Da sind Gedanken, die so alt sind, wie die Kunst selbst; mit denen zuletzt 
J. J. Rousseau in so ganz anderer Form die Kunst der Könner über den Haufen 
warf. Ein Zug der Askese des Mittelalters geht durch das Werk: Wie klein er- 
scheinen neben ihm die Definitionsküuste der „Feinsinnigen"? Zumeist hüllten diese 
sich in Schweigen. Die Grossen in Deutschland überliessen die Antwort den Kleinen, 
und diese thaten sehr gross, indem sie Tolstoi von oben herunter als Nichtfachkenner 
abkanzelten. Ich erinnere mich, einen Aufsatz gelesen zu haben, in dem der Kritiker 
Tolstoi immer wieder persönlich als „Herr Graf* anredete. Das war vernichtend. 
Wie kann man Graf sein und ins Fach hineinreden wollen I — Auch der Franzose 
Müntz^'') lehnt sich im Geist der Künstler, der Aesthetiker, der Lehrer und der 
Gesetzgeber gegen den zerstörerischen nihilistischen Geist des Russen auf. Er wirft 
ihm vor, nicht an der Kunst und von den Künstlern das Wesen des Schönen studiert 
zu haben, sondern an den dickleibigen ästhetischen Büchern. Das that nun Tolstoi 
wohl sicher nicht, schwerlich hat er Baumgarten wirklich studiert, um die zehn Worte 
aus ihm zu zitieren. M. bekämpft ihn denn auch weniger mit Gründen, als mit dem 
Erstaunen, dass ein solcher Widerspruch gegen das Allgemeingiltige möglich sei. 
Und nachdem auch die Gazette des beaux arts gesprochen hatte, legte sich die 
Aesthetik auf die andere Seite und schlief ruhig ihren schönheitlichen Traum weiter. 
Die Kunstkritik aber beachtete den unbequemen Russen nicht mehr, sondern blieb 
dabei: Wir alle, wir Kritiker, schwärmen für starke Persönlichkeiten; aber nur 
unter den Künstlern! Unter uns herrsche die Einstimmigkeit und die holde Mittel- 
mässigkeit ruhig fort! — Die Erkenntnis, dass die Verfeinerung nicht das letzte Ziel 
der Kunst sei, zeigte sich doch auch sonst am Werke zunächst im negativen Sinn: 
Lange**' ^®) leitet seine Betrachtung über den Primitivismus von den Nazarenern 



— 96a) L. Tolstoi, Oegon d. moderae Kunst. Uebers. ▼. W. Thal. B., Steinits. 1898. 184 3. M. S.On. -. 37) £ Mftnts, 
Tolstoi et la mission social« de Turt: QBA. 21, 3. 12Ö-32. - 3» Kon r. Lange. FrimitlTismas: Knnst für Alle 18, 3. 161/0« 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9:39-42 

zu Böcklin, Thoma und Klinger über, die er als unbewusste Primitive kennzeichnet 
— Böcklin und Klinger werden ihm dafür wenig danken — , um dann von den 
Arohaisten der Absicht zu Josef Sattler, Felix Valloton und den deutschen 
Karikaturisten überzugehen. Er springt mit ihnen nicht allzu glimpflich um: 
Valloton wirke einfach kindisch; Th. Th. Heines Zeichnungen erscheinen L. wie 
Figuren der Nürnberger Spielzeugschachteln. Er klagt über die gefällige Kritik, 
die solche Verirrungen für Zeugnisse starker Individualität anspreche, und verwahrt 
sich dagegen, als Kritiker aus der Provinz eine lächerliche Figur zu spielen, wenn 
er nicht jeden Unsinn mitmache. L.s Bemühungen in modernen Kunstzeitschriften, 
wissenschaftliche Aesthetik, und zwar solche, die auch ein Nichteingeschworener 
versteht, zu treiben, sind Zeichen eines achtenswerten und rührenden Glaubens an die 
Ueberzeugungskraft des Gedankens. Es ist wertvoll zu sehen, mit welchen Mitteln 
er die Künstler zu belehren sucht; er betrachtet die Möglichkeiten für den Künstler, 
über die Natur hinaus zu gehen: Der Inhalt und die Tendenz seien es nicht, durch 
die das erreicht werde, wohl aber die Verschönerung und die Typisierung. Erstere 
werde jeden künstlerischen Fortschritt hindern, indem sie zum Herkömmlichen führt, 
letztere werde die Kunst auf jenes Durchschnittsmass festlegen, das zu durchbrechen 
als die Aufgabe aller grossen Künstler sich erwies. Neu habe man gefordert 
Individualisierung und Omamentaüsierung. Aber auch diese dürfen als gesetzmässige 
Forderung nicht der Kunst aufgezwungen werden. Der Naturalismus dagegen woUe 
den Unterschied von Kunst und Natur verwischen, eine wirkliche Täuschung hervor- 
bringen. Nur sei diese Täuschung nicht in reinem Sinne beabsichtigt, sondern es 
werde angestrebt, dass der Beschauer der Täuschung sich bewusst bleibe, dass diese 
aber innerhalb des Bewusstseins den stärksten Grad erreiche, also die stärkste Illusion 
erzeuge: Dass sie das Gesicht betrüge, wie Dürer sagt. Damit erkennt L. im 
realistischen Prinzip das einzig Gesunde, weil es das eigentlich Treibende im 
künstlerischen Schaffen sei. Das lehre die Kunstgeschichte! Diese hat nun schon 
freilich, wäre Lange entgegenzuhalten, viele vielerlei gelehrt, jeden, was er gerade 
wollte. Mich lehrt sie, dass die Kunst wieder einmal die Aesthetik in ihr Joch treibt, 
insofern, als sie die Denker der Kunst zwingt, die Gründe zu den fertig vorliegenden 
Schlüssen zusammen zu suchen, also den umgekehrten Weg zu wandeln, cus den^ 
welchen die Logik als den richtigen vorschreibt. — Da ist denn beachtenswert, was 
ein älterer englischer Präraffaelit, der Landschaftsmaler John Brett*<*), sagt: Er 
entwickelt seine Ansichten über Phantasie und Realismus, Könnerschaft (craftmanship) 
und Impressionismus. Er sagt dabei sehr richtig, dass weder seine eigene Kunst, 
die der sorgfältigen Darstellung alles dessen, was sein fein organisiertes Auge an 
Einzelheiten in der Natur sieht, die richtige sei, noch die breit malende der jungen 
Meister: Sie sind eben nur unter sich verschieden! Aber, dass die Welt seine Kunst 
zurückzuatossen beginnt, scheint B. zu erregen, nicht, dass sie andere preist: Die 
echte Liebe der Natur, nicht die Darstellungsart entscheide! Ich denke mit auf- 
richtiger Freude an Bretts Büder zurück, die ich vor etwa zehn Jahren sah. Jetzt 
werden sie anderen wohl veraltet erscheinen in ihrer Kleinmalerei, als Werke einer 
idealisierenden Kunst! Damals bewunderte ich sie als Blicke zum Fenster hinaus, 
voll Licht und Sonnenschein. — Da giebt denn eine Kritik verschiedener Ziele der 
neuen Kunst von Schultze-Naumburg^') zu denken: Er sagt hinsichtlich des 
„Pleinair": „Man stellte zwei Prämissen auf; erstens: Die Figuren sehen bei Be- 
leuchtung im Freien grau aus; zweitens: Man muss die Natur malen, wie sie ist; also 
müsse man die Figuren im Freien grau malen." Nun sagt aber Sch.-N., die zweite 
Forderung sei nur ein Ergebnis des „Mangels jeglichen Verständnisses für das 
eigentliche Wesen des malerischen Stils", das Sch.-N. darauf zurückführt, dass die 
Maler nur das gerahmte Bild im Sinne hatten und in diesem den Rahmen für das 
Fenster nahmen, zu dem hinaus das Büd einen Blick darstellen solle. Bald lernte 
man, dass die Kunst die Aufgabe habe, die seelischen Empfindungen des Künstlers 
von der Natur zu suggerieren, und dass der Künstler das nur durch eine Uebersetzung 
in sein Material könne. Dann aber errege das Bild nicht mehr dieselben optischen 
Eindrücke, wie die Natur. Dadurch habe man gelernt, dass es vor allem nötig sei, 
das Motiv zu begreifen und sinnenfällig zur Wiedergabe zu bringen. Das Hellmalen 
sei kein Vorzug; keine Farbe, kein Ton habe ein Vorrecht. Sobald man vom Rahmen- 
bild zum Wandbild übergehe, namentlich bei grösseren Dimensionen, werde man 
empfinden, dass die Wand doch Wandfläche bleiben müsse und dass das Büd eben 
nicht ein Loch in der Wand darstelle, die realistische Absicht daher am falschen 
Platze seL Das ist sehr lehrreich und geschickt vorgetragen: Ein Einblick in die 
Erwägungen der Ateliers. Mir scheint es aber auch nicht mehr als dies zu sein, und 

177-80. - 39) id-. SMlbnns: ib. S. 49-52, 65/9, 81/6. — 40) J. Bratt, Rcalisin In pAir.ting: ContempR. 75, 9. 8S8-8'>. — 
41) P- Sohaltia-Mftttmborg, Ziele moderner Knnet: Zukunft 27, 8. 378-88. - 42) O. Snmberg, D. moderne Kaneibeweg. 



I 9:43-45 C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

vielleicht kommt Sch.-N. selbst noch dazu, zu erkennen, dass seine jetzigen Prämissen 
wieder einen Mangel an Verständnis für das Wesen des malerischen Stils darstellen, 
wenn nämlich in zehn Jahren unter malerischem Stil wieder etwas anderes verstanden 
wird. Er studiere Brett: Der malte nach bestem Können Löcher in der Wand und 
war kein Pleinair-Maler I Jedenfalls ist das neue Gesetz Sch.-N.s ein solches, nach 
dem hoffentlich nicht andere durch Urteil geknebelt werden sollen, sondern nur ein 
solches, das er einstweilen sich selbst gab I — Lebhaft erregten sich noch die Parteien 
über theoretische und persönliche Meinungsverschiedenheiten. Der Wiener Kunst- 
streit ist jünger als seine Vorgänger im Reich. Auch er offenbarte sich litterarisch 
im Für und Wider. Ramberg **) suchte versöhnend zu wirken, das heisst, er 
wollte zum Verständnis verschiedenartiger Kunst führen, indem er Zweck und Wesen 
der Secession erklärte. Das Buch hat nur als Stimmungsbild Wert; neue Gedanken 
fehlen.^^ — Bedeutungsvoller ist der Umschwung im Kunstgewerbe. Lessing*^) 
weist darauf hin, dass das neue Kunstgewerbe in ausgedehnter, angriffsbereiter Weise 
eingesetzt habe. Zunächst sei es am stärksten in der Verneinung. Sie stelle bei 
der Bildung neuer Erzeugnisse die überkommenen Formen gegen die Gebrauchs- 
bestimmung zurück. Die erhebliche Einbusse erleide dabei die omamentale Plastik. 
Bei Massenerzeugnissen werde die vereinfachte Form rettungslos der nackten 
Formlosigkeit verfallen, es werde Gerüst ohne Zierform bleiben. Die Farbe 
dagegen gewinne an Einfluss und Leuchtkraft. Das neue Kunstgewerbe setze 
vielfach an Stelle der Zierform die Naturnachahmung und zwar mit Vorliebe 
von Naturobjekten, die bisher nicht ornamental verwendet wurden. Sie ergehe 
sich in allerhand Willkürlichkeiten, betone dabei jedoch kräftig das Material. 
Diese Kunst werde ohne die Stütze Japans sehr bald zum vollen Bankerott führen. 
Sie sei keineswegs in sich so gefestigt, dass sie der Hülfe der überkommenen 
Kunst entraten könne. Noch sei sie so wenig lebendig, wie die alte Kunst tot. 
Neu seien zwar viele Aufgaben, so namentlich die des Eisenbaues, neu sei das 
rasche Tempo, in dem ältere Werte zurückgedrängt, neue geschaffen worden. Aber 
von der Ueberlieferung wolle und könne das deutsche Volk nicht los. — Dass wir 
sogar schon wieder im Begriff seien, in diese zurückzukehren, behauptet für die 
ganze Kunst Aldenhovens^). Seine Darlegungen zu lesen ist für den, der die 
zeitgenössische Kritik aufmerksamer verfolgt, stets ein Vergnügen. Denn da findet 
man sicher einen Anhalt zum Denken, einen Punkt, an dem eine ergiebige Aus- 
einandersetzung anknüpfen kann. Mir thut es daher fast leid, dass ich ihm in seinem 
Rückblick auf die moderne Malerei fast durchweg zustimmen muss. Er stellt fest, 
dass die Hellmalerei abnehme, dass viele in ihr nichts Eigenes geleistet haben, dass 
neue Theorien aufgekommen sind und dass nach ihnen eben erst verachtete Werte 
wieder Ansehen gewonnen haben. Und daraus — das erkennt man als im Grunde 
des Artikels mehr oder minder verborgen zu lesende Ansicht deutlich genug — 
erweise sich, dass A. recht gehabt habe, vom Realismus der eben verflossenen 
Zeit nicht viel gehalten zu haben: Im 16. Jh. starb der letzte GotLker. Wäre er 
nach drei Jhh. in Hannover oder England wieder aufgewacht, so hätte er mit A. 
sagen können: „Seht ihr! Ich habe doch recht gehabt, das Alte ist noch nicht über- 
wunden I" Nur eines möchte man Aldenhoven aufs Gewissen fragen: Er preist Böcklin 
und Israels, die eine Stimmung durch die Kunst zu erwecken gewusst haben. Nun 
haben auch die Realisten zweifellos bei vielen eine solche erweckt. Auf mich thun 
sie es noch heute, altmodisch wie ich bin. Haben nun Böcklin und Israels vor 
zehn Jahren schon auf A. gewirkt, oder erst seit seine Nerven auf sie gestimmt 
waren? Sind seine Nerven wirklich stehen geblieben? Sollte es nun nicht nur an 
Aldenhoven liegen, wenn seine Nerven sich nicht auch auf den Realismus stimmen 
liessen? Sollten seine Nerven und ihre Modulationsfähigkeit thatsächlich sichere 
Grenzen dafür bieten, welche Kunst richtig erregt und welche falsch? Hatten jene 
Klassiker recht behalten, die bei Schinkel stehen blieben, wenn sich vielleicht wieder 
eine klassizistische Strömung anbahnt? Wer still steht, findet sich immer wieder 
einmal vorne, denn die Welt bewegt sich im Kreise. Mir aber scheint es richtig, mit- 
zuleben in seiner ganzen Zeit, nicht nur auf einem Punkt im Kreislauf. Das ver- 
sucht auch die grosse Mehrzahl. Wenn sie dabei oft die Vorgänge von heute zu ernst 
nimmt und sich im Massstab für sie versieht, so scheint mir das das kleinere 
Uebel, als wenn sie Grosses zu klein nimmt. Der Lober der eigenen Zeit ist mir lieber 
als der Tadler, und das freundliche Wort, das dem Kleinen zu viel gesagt wird, schadet 
weniger als das unfreundliche gegen einen Grossen, den man nicht verstand. Darum 
fteut mich die Kritik, die sich hinreissen lässt. — Die Vorgänge, die in Berlin den Ge- 
Bchmackswandel vollzogen, Ausstellungen bei Schulte, Gurlitt usw. bespricht in diesem 



Wian, Kend«. 1898. 50 S. M. 1,60. - 43) X 0. IL. Lasser, Baum d. nenen Kunst. Mftnohan, Fritsok. 1898. 29 8. M. 0,60. 
-^ 44) Jnl. Lassing, D. Moderne in d. Knnst: Wage 1. S. 817/9, 889-88. — 45) C. AldenhoTen, D. moderne Malerei; 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9:46-w 

Sinne Pastor**"") in einem rück- und vorwärts schauenden Aufsatze.*®"*®) — 
Tschudi^®) ist Direktor der Berliner National-Galerie, und daher hat seine akademische 
Rede eine grössere Bedeutung, als wenn sie von einem Privatmanne gehalten wäre. 
Vielleicht thut man am besten, wenn man sie an Tolstois Buch misst: Kunst, so fuhrt 
er aus, braucht Wohlstand als Untergrund, sie braucht ein Publikum von verfeinerter 
Lebensführung; dieses fehlt uns; der Künstler findet für seine Mitteilungen kein 
Echo: Um dies zu finden, gebraucht man reklamehafte Mittel, namentlich wenden 
sich die Künstler gern leicht verständlichen Aufgaben zu. Trotzdem entspreche die 
Nachfrage nach Kunst nicht dem Angebot, werde gerade das Feinste aus Unverständnis 
vielfach missachtet; eine wahre Kunstblindheit herrsche im Volk, selbst im gebildeten, 
die durch vertieftes Anschauen des Besten beseitigt werden müsste. Das Beste nun 
begrifflich zu bestimmen, giebt sich T. einige Mühe: Er ermahnt das Publikum, von 
der alten Aesthetik abzugehen. Was er statt dessen zu bieten hat, ist freilich herzlich 
mager und unreif, ebenso wie der Schluss: das officielle Hoch auf den Protektor der 
Akademie, Kaiser Wilhelm IL, an dessen Person sich T.s HofEnung knüpft, dass 
dereinst die Würdigsten Förderung und Ehrung erfahren würden. T. und Tolstoi 
sind also die herrlichsten Gegensätze, die man sich denken kann. Sie widersprechen 
sich Wort für Wort. Ihr Wesen sich gegenüber zu halten ist lehrreich: Hier der 
Wahrheitsforscher, der seine Gedanken zu Ende denkt; dort der Hofmann, der sich 
lieber selbst widerspricht, als eine „oben" anstössige Ansicht zu bekunden. Die 
verfeinerte Kunst ist Tschudis Ziel, und zu dieser hofft er die Welt zu erziehen, so 
dass sie diese zu würdigen verstehe. Er wendet sich gegen schönheitliches und 
patriotisches Schaffen und sieht in dessen Förderung einen Irrweg. Ob mit Recht 
oder nicht, bleibe hier dahingestellt. Aber er weiss sehr gut, dass Kaiser Wühelm H. 
seine Ansichten nicht teilt. Wozu also eine Rede, die mit Halbheiten gefüllt ist und 
mit einer Unwahrheit endet? Das ist eben das Grosse an einem Tolstoi, dass er mit 
seinen Gedanken fertig wird; und das ist das Verkehrte an unserer Kunstkritik, dass 
einer, der sich bewusst und mit wohl berechneter Absicht selbst widerspricht, glaubt, 
von den Künstlern fordern zu können, dass sie rücksichtslos sich selbst leben sollen. 
Wir werden erst dann ein Kunstverständnis haben, wenn von den Lehrern dieses die 
gleiche Hingabe ihrer selbst gefordert wird, wie vom schaffenden Künstler. Wer dem 
Markte zuliebe, also reklamehaft schafft, ist ein schlechter Künstler; wer um seiner 
Dienststellung willen sich selbst widerspricht, ist ein schlechter Kritiker: Muss er 
auf seine Stellung Rücksicht nehmen, so soll er schweigen! — Gronau^*) hat sich 
über Tschudis Thema in eingehender Darlegung weiter verbreitet. — Philippi^*) 
dagegen sagt: So sicher die patriotische Soldatenmalerei allezeit auf den Beifall der 
Menge rechnen könne, so gewiss würde Böcklin immer nur für die wenigen da sein. Er 
zweifelt demnach am Erfolg der Bestrebungen von Lichtwark und Tschudi. — Andere 
wie Kalk*^) suchen in der Demokratisierung der Kunst ihr Heil oder ihr Unheil, je 
nach ihren politischen Ansichten. — Andere wieder setzen die Hoffnung an eine Gemein- 
gültigkeit der Kunst: für uns Deutsche auf ihr Deutschtum. Schliepmann^*) stellt an 
die Spitze der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" den Ruf nach nationaler 
Kunst. Ihm zur Seite steht Berlepsch. Das ganze erste Heft giebt sich als Programm 
und ist als solches nicht nur für den rührigen Verleger, sondern auch für die Zeit- 
strömung bezeichnend. — Fleiner^*) hielt einen Vortrag, der in übersichtlicher 
Form giebt, was andere über die Kunsterziehungsfrage dachten, während Elias^®) 
praktisch zur Erziehung beitragen wollte, namentlich aber in der Zurückhaltung der 
Sooialdemokraten gegen jede vom Bourgeois ausgehende Anregung gehindert wurde. — 
Von protestantischer Seite*''), sowie durch historische Betrachtung suchte man dem' 
Wesen des Volkstümlichen nahe zu kommen. Halm*^) beschäftigte sich namentlich 
mit dem deutschen Mittelalter und endet seine Betrachtung mit dem Hinblick auf 
Goethe. — Die praktischen Versuche zur Volkserziehung, wie sie in den volks- 
tümlichen Kunstausstellungen in Berlin sich äusserten, haben nicht eben viel ver- 
sprechende Ergebnisse gezeitigt. R. Löwenfeld, 0. Feld, J. Elias, M. Osborn*^®) 
haben sich teils in praktischer, teüs in schriftstellerischer Arbeit bemüht, die Massen 
der weniger Bemittelten zur Kunst zu erziehen, sie auf die Höhe der eigenen Erkenntnis 
zu erheben. Sie haben vielleicht den Tolstoi noch nicht genug gelesen ! Der Einigungs- 



Nation b. 16, S. 722/8, 787/9. (BftokbUok.) - 46) W. Fastor, D. nene Stil: DBs. 98, S. 451/8. - 47) id.. D. Stil d. Moderne. 
(b Nene Knast N. 8.) B., Knnstsalon Ribera. 17 8. M. 0,20. -48)XTPoellnita, Betracht, fiber d. modernen Stil: D. Kunst n. 
Dekoration 2, B. 801/8. — 49) X J- <>»nike, Stilwandlnngen : NZ. 17«, 8. 408-13. — 50) H. ▼. Tsohndi, Kunst n. Publikum. 
B., Mittler * Sohn. 25 S. M.0,60. — 51) U. Gronau, Kunst u. Publikum: Kunst fftr Alle 14, S. 232/5. - 52) A. P[bilippiJ. 
D. Kunst für alle oder wenige?: Orensb. 2, 8. 593/V. — 53) 0. Ch. Kalk, D. Demokratisierung d. Kunst: Ges. 18«, 8. 289-97. 

— 54) H. Sobliepmann, Nationale Kunst, notwendige Kunst: DKunstftDekorntion. 1, 8. 26-38. — 55) A. F leiner. E. 
Wort ftber rolkstfiml. Kunst. Zftrieb, Henokell. 1898. 44 8. M. 0,60. — 56) J. Elias, Volkskunst: Nation^. 16, S. 140/1. 

— 57) B- Haupt, Volkst&ml. Kunst n. ihre Pflege: ETYolkslexik. S. 429-32. — 56) P. Halm, Wesen d. Volkstftml. in d. 
dUeh. Knast: Kunst u. Handwerk 49, S. 154/5. (Beferat) — 50) M. s b o r n , VolkstQml. KnnsUussteU.: DKunst. 8, 

Jahrt8b«r]eht« Ar neuen deutiehe LittantuifaMhieht«. X. (1)13 



I 9:60-75 a Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

punkt der „Gebildeten" mit den Massen liegt nicht in der Spitze der Bildung, sondern 
in der Tiefe. Das Volk wird nie im gewünschten Sinne gebildet werden, denn das 
Wesen der Bildung liegt in der Sonderung, im Ueberragen der Menge. Der Schwer- 
punkt des nationalen Geisteslebens liegt nicht in der Spitze, er liegt in der Gemeinschaft, 
im Glauben und Volkstum. Die Herren sollen „unters Volk" gehen, nicht eß zu sich 
„erheben" wollen. Denn da, wo sie stehen, hat kein Volk Platz: Das braucht breiten 
Grund, nicht zugespitzte Höhe. — 

Religion und Kunst. Die Bemühungen der kirchlich Gesinnten leiden 
unter gleichen Verhältnissen«®^«*). Es wird mancherlei von ihnen gearbeitet und 
herbeigetragen, um unter den der Kunst fern stehenden Gebildeten wie unter den 
Massen Verständnis zu wecken, namentlich auch Verständnis dafür, was christliche 
Kunst sei. So ist die Darstellung Christi selbst vielfach Gegenstand der theoretischen 
Betrachtung gewesen. Kirchbach«*) hält sich dabei zunächst an die ältesten 
Ueberlieferungen des Ghristusbildes und folgt dann in grossen Zügen der geschicht- 
lichen Entwicklung bis zu Ende des 18. Jh., um von hier zu unserer Zeit überzu- 
springen. Die treffliche Illustration, die die „Kunst unserer Zeit" dem Aufsatz mit auf 
den Weg gab, erleichterte K. die Darstellung der verschiedenen Strömungen mnerhalb 
der kirchlichen Kunst, all die Versuche, dem Heiligen menschlich nahe zu kommen. Sie 
werden dem Theologen zumeist ein Greuel sein, der da wünscht, dass die kirchliche 
Kunst auch „göttlich" sei, der aber wohl selbst den Weg nicht weiss, wie der Mensch 
es vornehmen soll, sich in seinen Aeusserungen dem Göttlichen zu nähern! — Die 
Rede des Bonner Professors Schroer««) auf dem Katholikentage in Krefeld imd die 
des Paters Albert Kuhn auf der Versammlung der Deutschen Gesellschaft für christliche 
Kunst in Ravensburg bestätigten, dass man in katholischen Kreisen die grosse 
Macht der Kunst auf das Geistesleben des Volkes empfindet, und dass man zugleich 
dem Eindruck sich nicht verschliessen kann, dass zwischen Kunst und Kirche ein 
sehr tiefer Riss klaffe. Kuhn, als Kunsthistoriker, erkennt, dass es mit dem Festhalten 
der Kunst in den Bahnen Fra Angelicos und Overbecks nicht gethan ist, dass man 
sich gegen den Wandel im künstlerischen Schaffen nicht verschliessen dürfe. — Auf 
protestantischer Seite sind sehr beachtenswerte Streiter für eine ähnliche Sache auf- 
getreten: der Theologe Hasenclever •*^) und der Maler E von Gebhardt«^) 
entwickeln dort ihre Ansichten. — Es ist auch nicht zu unterschätzen, dass in den 
Blättern des Rauhen Hauses«®) die Erkenntnis kräftig hervortritt, dass bei Hofmann 
imd Plockhorst nur die Schale fromm, der Inhalt aber seicht ist, dass ideale Form 
und mangelnde Tiefe hier in schreiendem Miss Verhältnis sich gegenüber stehen, und 
dass der Protestantismus auf ühde eingehen müsse, wolle er von der Schablone 
zu jener künstlerischen Freiheit hinleiten, die jedem Künstler gönne, seine eigene 
Auffassung zur Geltung zu bringen: ,J)as ist deutsch, das ist protestantisch!" Welche 
Kraft erhielte die moderne Kunst, wenn auch die vornehmen Herren Superintendenten 
und Konsistorialräte zu gleicher Erkenntnis kämen! - 

Kunstunterricht. Das Ziel, das all diesen Versuchen zur Förderung der Kunst 
vorschwebt, ist: Bildung dem ganzen Volk! Hun dinger''«) ist voll Hoffnung, dass 
dies Ziel durch Erhebung der Massen zur Höhe allgemeiner Bildung erreicht werden 
könne. - Schmarje''*) sucht den Schwerpunkt in der Schule, indem er diese in 
den Dienst der Kunst stellen will. — Aber M. Müll er s''^) Aufsatz im Schulprogramm 
des Gymnasiums zu Bautzen zeigt, wie schüchtern sich unter den Philologen die 
Erkenntnis verbreitet, dass wir unter der Herrschaft der Gymnasialbildung auf ein 
tiefes allgemeines Niveau des geistigen Lebens herabgesunken sind. Noch begreifen 
diese zumeist nicht, dass nur die Verödung des klassischen Unterrichts Schuld 
hieran trägt, und glauben, durch ein paar für die lebendigen Strömungen frei zu 
machende Schulstunden dem Gymnasium Lebenskräfte wieder zuführen zu können. 
Aber mit solcher Flickerei ist nichts gethan. Solche Versuche werden besser gar 
nicht unternommen, da sie doch zu nichts führen. — Ueber den Unterricht in der 
Mädchenschule spricht HesseP^), den in weiteren Kreisen Lehm haus''*). — Wie der 
Unterricht in den Schulen zumeist gehandhabt wird, erkennt man am besten aus der 
Betrachtung der Lehrbücher der Kunst. A. G. M e y e r ''^) denkt bei seiner Arbeit 

S. 106/6. — 60) X L- Vttary, Le proteatantisroe et Tart. Th^se. Montaaban. Granit. 77 S. - 61) X Mall et, L'art 
chrMien. Bntretiens pratiqnes. Paris, Poassielgaps. 16^ X. 380. — 62) X P^enniff'dor'« Christas n. d. KAostler. Dessau, 
Baohh. d. ev. Vereinshunses. 62 S. H. 1.20. — 63) X ^- Bornemann, D. Allegorie in Knnst, Wissensoh. n. Kirohe. 
Freibarg i. B., Mohr. Ö5 S. M. 1,00. - 64) X P- Böhmer, Chrintl. Kanst. Dansig, Ev. Yereinsbochh. 1898. 41 S. M. 0,60. 
- 65) W. Kirohbaeh, Rligiöse Knnst: KanstüZ. 9S S. 97-1S6. - 66) Von ehristl. a. mod. Knnst: KZg. N. 861. (Ref. 
ftber d. Vortrag ▼. A. Sehroer.) — 67) HasencleTer. Hod. religiöse Malerei: HsohrGK. 1, S. 133/9. — 68) E. ▼. Qebhardt, 
Kirehliohe Malerei: ib. S. 62/3. — 69) 0. N., Beligiöse Malerei. (= Flieg. Bll. aas d. Rauhen Hause 64, S. 105-18, 161/9, 
183-9-2, 220/8.) — 70) 0. Hundinger, I). k&nstl. Erziehung d. dtsoh. Volkes: DKunst. 3, 8. 201/5. - 71) J. dohmarje, D. 
8ohule im Dienste d. Kunstpflege: PaedBIl. 28, S. 435-40, 485 98. — 72) Morits Mfiller, D. bildende Kunst im Gymnasial- 
Ünterr. Progr. Bautzen. 4«. 26 8. -> 73) K. Hesse 1, Z. konstgeseh. ünt<^rr.: M&dobensohnle 12, 8. 205-17. — 74) F. 
Lehm haus, Kunstbetraoht. u. Knnstgenuss in d. Schule: ETSchulbl. 43. 8. 27-40, 68-75. — 75) A; 0. Meyer, Z. kunst- 



0. Ourlitt, Eunsf^esohiohte. 1898, 1899. I 9:n.9t 

in diesem Gebiet an höhere Lehranstalten und empfiehlt den Grundriss der Kunst- 
geschichte von Göler von Ravensburg. — Schmidkunz'*) liefert im Grunde 
den Beweis, dass er den rechten Weg zu einer Kunstpädagogik nicht weiss. Er zeigt 
nur an, wie sich die Ansichten widersprechen. — Die ernsteste InangrifEhahme der 
Lösung der Frage findet man bei den Hamburgern. Spanier^''), dessen Ringen 
für die Einführung der Kunst in die Schule bei allen Vorwärtsstrebenden die herzliche 
Anerkennung verdient, veröffentlichte an ihn gerichtete Schreiben, zu denen sein Buch 
„Künstlerischer Bilderschmuck für Schulen'^ (Hamburg, Gommeter 1897) die Veranlassung 
gab. Hans Thoma antwortete in eingehenden, für ihn durchaus bezeichnenden Aus- 
Hihrungen, Max Liebermann, Paul Heyse, Gabriel Max, Friedrich Spielhagen schlössen 
sich in längeren, wohldurchdachten Darlegungen an: Eine der wenigen „Enqueten*', 
die einmal zur Fördenmg der Sache beitrugen. — 

Gesamtdarstellungen. Mächtig erweitert sich immer noch die Litteratur 
für die ernster kunsthistorisch sich Bildenden und die eigentliche Kunstwissenschaft. 
Singer'*) setzt das schon früher besprochene Künstlerlexikon fort, über die neuere 
deutsche Kunst und ihre Meister giebt ein besonderes Lexikon'^) Aufschluss, an ein- 
führenden kurzen Kunstgeschichten ist kein Mangel ^^■•*). Teilweise sind sie hier 
schon mehrfach erwähnt worden, teilweise sind es neuere Arbeiten, die den Beweis 
liefern, dass dem Bedürfnis immer noch nicht Genüge geschehen ist. — Von den 
grösseren Werken dieser Art**~®0) behandelt nur die neue Auflage des Springerschen 
die hier zu betrachtende Zeit. Zu seinem Lobe ist wesentlich Neues nicht zu sagen. 
— Einen Ueberblick über die Kunst des 19. Jh. giebt Meisner**). — Die Haupt- 
werke der Kunstgeschichte behandelt NabeP^). — Buche rs®^) Katechismus der 
Kunstgeschichte erschien in fünfter Auflage. — P h i 1 i p p i®^) gab Einzeldarstellungen 
heraus, die jedoch wieder nicht das Berichtsgebiet berühren. - Das Werk von 
Büttgenbach**) war mir nicht zugänglich. — Peltzers'*) Abhandlung ist ein 
überaus wert\rolles unternehmen: Er stellt zusammen, was über Bilder mystischen 
Inhalts, von Visionen, Totentänzen, Stationswegen sich erhalten hat, und weist nach 
eingehender Schilderung des Wesens der mittelalterlichen Mystik für das 15. Jh. diese 
als den Wesensinhalt des deutschen Bürgertums nach. Dadurch kommt er auch zu 
wertvollen Grundlagen für die Zeit Luthers und Dürers und zu mancherlei Ergebnissen, 
die auch die hier in Betracht kommenden Zeiten berühren. — Unter den Lehrmitteln 
der Kunstgeschichte, und zwar für den Anschauungsunterricht, ist Dehios®') Werk 
besonders zu empfehlen. — 

Kunstgeschichte. Renaissance. Aus der Menge der Sonder- 
studien seien einzelne hier genannt. H a e n e P^) bewegt sich als Schüler Schmarsows 
in dessen Bahnen. In einer lehrreichen Untersuchung betrachtet er die deutschen • 
Hallenkirchen des 14. bis 16. Jh. auf ihre Eigenschaft als Raumkompo- 
sition hin. Er untersucht dabei die Unterschiede mit dem älteren gotischen Bau- 
wesen und spürt den Vorstufen der Renaissance nach, die er in der veränderten 
Kompositionsweise erblickt. Das Buch wird gewiss noch oft herangezogen werden, 
sei es in Zustimmung oder Ablehnung. — Ehrenbergs ••) stattliches Werk 
behandelt die Kunst des 16. und 17. Jh. in Ostpreussen und eröf&iet manche sehr 
beachtenswerte Einblicke itL das Schaffen iener Zeit. Wohl kaum ist an anderer 
Stelle der Bildnerei jener Zeit und dem damals herrschenden niederländischen Einfluss 



ffMehiehtl. üntorrioht: NstZg. 1896, N. 8. — 76) H. Sohmidkant. KaniipidaffOKik: Kanit-Halla 4, S. 19-21« 88/6. - 77) M. 
Spanier, Kflnatlarisohar Bildenehnaek für Sehnlen: HambCorr». N. 4/5. - 78) H. W. Singer, Allg. KAnftler-Uzikon. 
8. Anfl. 6. HAlbbd. FmnVfart n. M., Litt. Anstalt. 1898. 254 S. M. 6,60. - 79) Dtseh. KftnBtler-Lezikon d. Qag. in blograph. 
Bkineo. (« D. geistige Deotscliland am Ende des 19. Jb.) L., Röder. 1898. VIII, 765 9. M. 11,00. — 80) X 1^ ^ ran 1, 
Binfftbr. in d. Knnstgesoh. Mit e. Bilderatlas. 4. Aafl. L., E. A. Seemann. 1898. VI, 168 S.; IV, 104 S. IL. 6,60. - 81) X 
iL V. Hemer, Karxar Abriss d. Knnstgeseb. InnsbntoV, Banofa. 1896. VI, 229 8. M. 1,70. — 82) X W. Bnehner, Uit- 
fkden d. Knnitgeaeh. 7. Anfl. Essen, Baedeeker. 1898. X, 208 8. Mit 112 Abbild. M. 2,80. - 88) X ^ Wiokenbagen, 
Knrcgefasste Gesoh. d. Kunst. St., Helf. VIU, 306 8. Mit 287 Abbild. M. 5,00. - 84) X H. Knaokfuss n. M. Q. Zimmer- 
mann, Allgemeine Knnstgeseb. 2. Bd. 6./8. Abt. Bielefeld, Velhogen A Klaeing. 1898. 8.1-480. ä M. 2,00. - 85) X &• l>ntber. 
Oeseh. d. Malerei. Bd. 1 a. 2. L., Oftsoben. ISS, 149 8. k M. 0,80. - 86-87) A. Springer, Handbaeh d. Kanetgesob. 
6. Anfl. n. D. Mittelalter. UI. Die Benaissano« in Italien. IV. Die Benaissanee im Norden n. d. Kunst d. 17. n. 18. Jh. 
L.. E. A. Seemann. 1898. VH, 288 S. Mit 376 Abbild, u. 6 Tafeln; IV, 808 8. Mit 807 Abbild, u. 4 Tafeln; IV, 404 8. 
Mit 410 Abbild, u. 3 Tafeln. M. 6,00; 7,00: 7,00. — 88) X Alwin Sebnlti, Oasob. d. bildend. Kftnite. 19.-21. Lfg. B., Bist. 
Verlag. 1898. 8. 198-886. k M. 8,00.-80) X M*« Sehmid, Knnstgesob. nebst Oeeoh. d. Musik n. Oper t. Cl. Bbdrwoed. 
Heft 1/6. Meudamm, Nenmann. 1898-99. 8.1256. i M. 0,60. - 90) X A. Kuhn, Kunetgesch. Lfg. 12/8. Kinsiedeln, Beniiger. 
k 6 Bogen, k M. 2,00. - 91) K. Meisner, Die bildenden Künste im 19. Jh. (= 100 Jahre in Wort u. Bild. Her. t. 8. Stefan.) 
B., Palloe. 1899. XXXII, 788 8. Mit 8 Tafeln u. 800 Abbild. M. 3,00. - 92) H. Nabel, D. Hauptwerke d. Ennstgesohichte. 
ftbereiehtl. xusammengesl B., Haook. 75 8. M. 1,76. - 93) B. Bucher, Katechismus d. Kunstgesoh. 6. Au«. L., Weber. 
Vra, 828 8. Mit 276 Abbild. M. 4,00. — 94) A. Philippi, Kunstgesebichtl. ElnieldarstelK 3. Bd. Lfg. 1/8. L., B. A. 
SMmann. 1898. 8. 1-460. k M. 2,50. — 99) P- Bftttgenbaeh, D. kirobl. Kunst in Monographien, Skissen u. Kunstbildem. 
Aaohen, Sehweltier. 1898. X, 204 8. M. 20,00. - 96) A. Peltuer, DUch. Mystik u. dtmsh. Kunet. (« Stud. %. dteeh. 
Kunstgeseh. N. 21.) Stra»sbnrg i. E.. Heits. 111,244 8. M. 8,00. - 97) Kunstgesch. in Bildern. 3./4. Abteil. Her. t. G. Dehio, 
L., B. A. SMmann. Pol. 8 8. Mit 110 Tafeln; 8 8. Mit 84 Tafeln. M. 10,50; M. 8,50. - 98) E. Haenel, Spitgotik u. 
noe. 8t, Nefll VII, 116 S. ^60 Abbild.) M. 5,00. — 99) H. Ehrenberg, D. Kunst am Hofe d. Heroöge t. Prenseen. 

(1)13* 



I 9:100-117 C. Gurlitt, Kunstffesohiohte. 1898, 1899. 

so eingehendes Studium gewidmet worden. — Der Totentanz *•**) beschäftigt dauernd 
die Geister: Duboo^®^) behandelt die Psychologie der Totentänze und im AnsohluBS 
daran die Dichter dieses Themas, namentlich den Dänen Gjellenip. — Eine Uebersioht 
über die Totentänze des Mittelalters, die zugleich wissenschaftlich nach ihrer Herkunft 
untersucht werden, giebt Schreib e r ^^2); einen oberelsässischen Totentanz behandelt 
Stehle *®'), denselben in Gemeinschaft mit schweizerischen K ern *•*). — Rosenb erg '•*) 
giebt einen raschen Ueberblick über das, was sich auf der im Sommer 1898 in Berlin 
abgehaltenen „Renaissance- Ausstellung*^ fand. Die italienische Kunst scheint dort 
allerdings das Ueber gewicht gehabt zu haben. — Der ausserordentliche buchhändlerisohe 
Erfolg der Künstlermonographien regte zu ähnlichen Unternehmen an. Eines begann 
einer mehr topographischen Betrachtung Platz zu gewähren: Ree'®*) lieferte für 
diese Seemannschen „Berühmten Kunststätten** das Bändchen Nürnberg. Mir will 
scheinen, als dürften selbst bei Büchern, die für ein grösseres Publikum berechnet 
sind, die wichtigsten Grundrisse nicht fehlen. Eine Ansicht eines Baues lehrt diesen 
doch zu wenig verstehen! — Hinsichtlich der Künstler der Dnrerzeit herrscht die alte 
wissenschaftliche Regsamkeit: Bachs^®'') Aufsatz über Schongauer beruht zum TeU 
auf Aktenforschungen Eugen Waldners in den Colmarer Archiven. Es ergeben 
sich hieraus einige sicherere Daten für das Leben, jedoch keine für die Kunst des 
Meisters. — Ein erster Strahl in das Dunkel von Cranaohs Jugend ist durch einen 
von Michaelsohn*®®) behandelten Brief von 1493 gefallen, aus dem hervorgeht, 
dass Cranach damals schon als Meister in München geschätzt, in Wien bekannt war, 
dass er die Absicht hatte, mit Herzog Christoph von Bayern ins gelobte Land zu 
ziehen. Diese Absicht scheint freilich nicht durchgeführt worden zu sein. Es ist 
dies um so wichtiger, als durch die von Carl Woermann in Dresden veranstaltete 
Cranachausstellung*®®"**®) gerade auf diesen Meister besonders das Augenmerk 
gerichtet war. — Woermann*^ ^) hatte in dem Katalog zu dieser zunächst das 
Hauptgewicht auf die Entscheidung der Pseudogrünewaldfrage gelegt. Diese scheint 
nun dahin erledigt, dass die streitigen Bilder als Cranach oder seiner Schule an- 
gehörig anerkannt sind. In seinen Aufsätzen in der ZBK. zieht W. unter Berück- 
sichtigung der Studien von Flechsig, von Seidlitz und Friedlaender das Schluss- 
ergebnis. Es besteht erstens darin, dass Cranach höher eingeschätzt wird als dies 
bisher geschah, namentlich in seinen Jugendarbeiten; dass der Meister, welcher L. C. 
zeichnet, Cranach selbst sei; dass das Jahr 1505, das Zusammensein mit Jacopo dei 
Barbari und Dürer in Wittenberg von entscheidender Bedeutung auch für Cranach 
war (siehe seine aus dem Mass genommenen Venusbilder von 1509), dass der Pseudo- 
grünewald weder Simon von Aschafifenburg noch Hans Cranach sei, wenngleich 
deren Beziehungen und Anteil an Werken des Hauptmeisters nicht geleugnet werden. 
Erschwert wird die Unterscheidung dadurch, dass Cranach selbst alles that, um den 
Unterschied zwischen den eigenen Leistungen und denen seiner Gesellen und Schüler 
zu verwischen, da deren Arbeit eben unter seinem Namen ging und gehen sollte. — 
Einen guten Ueberblick über die Ergebnisse der Ausstellung gab vonSeidlitz***) 
in der GBA. als Beweis, dass das Interesse an der Dresdener Veranstaltung über 
die deutschen Grenzen hinausreiohte. — Die Dürerforschung *>') hat sich seit dem 
Erscheinen des Buches von Lange und Pehse über Dürers schriftlichen Nachlass 
mit des Grossmeisters theoretischen Studien vielfach beschäftigt. Lange*'*) selbst 
giebt einen Ueberblick über seine Aesthetik. Das Verhältnis zu Jacopo dei Barbari 
spielt auch hierbei eine wichtige Rolle, namentlich hinsichtlich Dürers Proportions- 
lehre. Wichtig sind aber vor aUem die auf tiefer Kenntnis von Dürers Gesamtwerken 
begründeten Darlegungen L.s über des Meisters Stellung zur Frage: Realismus oder 
Idealismus; den letzteren erblickte Dürer vor allem in dem Einhalten der Masse, 
wenigstens in seiner Jugend. Mehr und mehr kam er aber zur Erkenntnis der 
Verschiedenheit im Leben und mit ihr zur Hinneigung zum Charakteristischen, die 
ja auch den wesentlichen Inhalt seiner Kunst ausmacht. — Ueber Dürers religiöses 
Bekenntnis äussert sich nochmals Weber*^*). — Justi*'*) behandelt eingehend 



L., Oieieeke * D«Tri«iit. YUI, 287 8. M. 27,00. — 100) X W. B&ainker, TotanUns: WWKL. 11, S. 1888-41. - 101) J. 
Dnboe, Eimgt» ftber TotanUnie: ZnlniBfi 29, 8. 415/9. — 102) W. L. Sohraiber, D. TotanUnte: ZBftoberf^ennd«. 2. 
8. 201-304, 821-42. (Vgl. dasn D. SiraoBsan: ib. 8. 462/8.) - 103) B. Stahle, D. Totantani t. Kiaoihaiin im Obar-ElsMf 
(1716): JbGElBliOthr. 15, 8. 89-145. — 104) O. Kam. I). Totant&ma sn Baial-KiaaEhaim-LuMni. Stnasbnrg, Seblaaier * 
Sohwaikhardt. 185 8. M. 1,00. — 105) A. Rotanbarg, D. RanalaMBoa-Aaistall. in Bariin: Knnatohr. 9, 8. 465/9. — 106) 
J. P. Baa, Nflrnbarg. («= Barfthmta Konstatittan N. 5.) L., E. A. Saamann. 221 8. M. 4,00. — 107) M. Baab, Mavaa ftbar 
M. Bebongavar: RapKnnitw. 22, 8. 111/4. — 10t) H. Miahaaliobn, Eiwai ant Cranaoha d. Aa. Jogandcait: ib. 8. 474/7. — 
109) X M. Osborn, Lncai Cranach- Ansatall. in Draatlen: Woaha 1, 8. 596/7. — HO) X ^- J- FriadUandar, Cranaob- 
AuBitall. in Draaden: RapKanitw. 22, 8. 286-49. — 111) K. Woarmann, Cranaoh-Anastall. in Draadan: ZBK. 11, 8. 25-86. 
56-66, 78-90. — 112) W. t. Saidlitc, L'axpoaitton Cranach ä Draada: OBA. 82, 8. 191-207. — US) X B. Dann, A. Dfirar. 
(== ProjaktionsTOrtrAge ana d. Kunalgaaefa. N. 1.) Dftssaldorf, Liasagang. 59 8. M. 2,00. — U4) K. Langa, Dfirars ftatbat. 
Olanbanabakanntais: ZBK. 9, 8. 121-86, 187-91; 10. 8.220-86. - 115) A. Wabar, Z. Stralifraga flbar Dftrara ralig. Bakanntnia: 
Katb. 18, N. 4/5. - 116) L. Jnati. J. dai Barbari n. A. Dftrar: RapKnnstw. 21, 8.846-74, 438-68. - U7) X F- Harnanin, 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9:ii8-i9« 

das Verhältnis zwischen Dürer und Jacopo dei Barbari. Seine Arbeit beruht zunächst 
auf der Zusammenstellung der wichtigsten Ansichten über dieses Verhältnis; dann 
auf der Kritik des bisher bekannten schriftlichen Materials, das sichere Folgerungen 
leider nicht zulässt; und endlich auf der Vergleichung der Arbeiten. Aus dieser 
kommt J. zu dem Schluss, dass nicht, wie bisher angenonunen worden, Jacopo der 
Gebende gewesen sei, sondern Dürer; dass also in den Jahren 1503—5 Jacopo 
unter Dürers Einfluss deutsche Art angenommen habe, nachdem Dürer von ihm die 
Lehre von den Proportionen sich angeeignet hatte. Der Vorgang wäre der gewesen, 
dass durch den Verkehr mit Jacopo in Wittenberg (1503) das künstlerische Bewusst- 
sein Dürers gesteigert worden sei, dass er durch ihn veranlasst worden sei, 1505 nach 
Venedig zu gehen; Dürer habe aber Jacopo als schaffenden Künstler so überragt, 
dass dieser die Technik Dürers in Stich und Malweise nachahmte, ja sogar künstlerische 
Gedanken des deutschen Meisters benutzte. Jacopo sei als ein schwacher venetianischer 
Künstler bis 1500 wahrscheinlich, in Venedig gewesen, sei in Deutschland zu einem 
mechanischen Gemenge verschiedener Stilarten gekommen, habe Werke zwitterhaften 
Charakters geschaffen, wie die niederländischen Romanisten, von denen ja Mabuse 
später sein Arbeitsgenosse wiu'de. Dürer habe von ihm nur Anregungen zur Ergänzung 
seiner Naturanschauung durch theoretische Studien und eine Ahnung von der Antike 
übernommen. Das mag alles sehr richtig sein. Aber als das Entscheidende will 
mir scheinen, dass Dürer durch Jacopo in seiner Entwicklung doch stark beeinflusst wurde, 
d. h.: ohne die Begegnung mit dem Italiener würde er nicht gewisse Züge seines 
Wesens entwickelt, vielleicht sogar nicht die für einen deutschen Künstler jener Zeit 
seltene Reise nach Venedig angetreten haben. Jacopo und Mabuse zogen Dürer 
in den Kreis des Romanismus. Dieser Zug war bekanntlich so stark, dass er rasch 
fast die ganze niederländische Kunst über den Haufen warf. Dürer folgte dem Zuge: 
Er war aber zu gross, dem Fremden sich zu unterwerfen wie die Orley oder Floris. 
Ihm wurde der Zuwachs an Kraft zum Heile, er konnte lernend lehren. Die anderen 
kamen ins Schwanken und griffen ängstlich nach dem Neuen. Wer die Entwicklung 
der jüngsten Kunst und das Bestreben manches älteren Meisters um die Modernisierung 
seiner Art verfolgte, der weiss, was es für manchen Künstler heisst, in den Bannkreis 
einer neuen Kunstweise zu treten. Jacopo erscheint als „Anreger", der nicht immer 
selbst ein Könner zu sein braucht. Er wird erst recht „rätselhaft" durch J.s 
Untersuchung; denn zweifellos genoss Jacopo dauernd selbst in den Niederlanden 
grosses Ansehen, mögen die Venetianer auch wenig von ihm gehalten haben. ^*') — 
Die Neuerwerbungen der Berliner Galerie veranlassten Frie dlaen der*'®), die 
Madonna mit dem Zeisig von 1506, das Mädchenbildnis von 1507, das Frauenbild mit 
dem aufgestickten A. D. nochmals eingehender ihrer Entstehungszeit nach zu behandeln. 
Das letztere zeigt italienische Züge, was wieder Anlass zum Hinweis auf die jetzt 
grösste Frage der Dürerforschung giebt. — Lange*'®) geht weiter; er versucht 
zunächst die Eirklärung des als „Meerwunder" bekannten Stiches, kommt aber zu dem 
Ergebnis, dass da alle Gelehrsamkeit wenig helfe, weil das Blatt eben eine Eigen- 
schöpfung des Meisters sei. Und darin wird er wohl recht behalten. Er weist dafür 
auf einen Stich Jacopos hin, der noch dessen venetianischer Zeit angehöre und der 
Dürer unverkennbar beeinflusste. Die Begleitskizze Dürers zu dem Stiche stammt 
von 1501. Das alles weist also auf das Gegenteil von Justis Ansichten: Schon 1501 
war Jacopo in Nürnberg, schon damals regte er Dürer zu selbständigem Naturstudium 
an. Dürer suchte das Neue, das Jacopo ihm in der Kunst zeigte, in der Natur und 
liess sich von diesem auf die Natur als Quelle des Neuen hinweisen. Was er dann 
schuf, stand höher als Jacopos Arbeit, der auch im Naturstudium nur Nachahmer 
der grossen Oberitaliener war. Dürer aber machte sich frei. — Der Untersuchung über 
das Verhältnis zwischen Studie und ausgeführtem Werk bei Dürer widmete sich 
Haendtke ^^®) in kurzem, aber doch mit manchem beachtenswerten Hinweis 
bereichertem Aufsatz. *^^) — Hoff***) dagegen bespricht in einer eingehenden 
Dissertation die Anlehnungen Dürers an frühere Meister, die künstlerische und geistige 
Entwicklung der einzelnen Passionsthemen und die Art der einzelnen Passionsfolgen 
in einer sorgfältigen, aber doch nicht wesentlich fördernden Arbeit — Dürer und 
Holbein gemeinsam behandelt ein spanisches Werkchen ^'^^) und ein Aufsatz von 
Lamp recht***). — Die Holbeinforschung **^) ist nicht von gleichem Reichtum wie 
die über Dürer. Schmid"*) giebt auf Grund eingehender Studien einen Ueber- 



A. Bfinr SneiMTo: BUUlia. 8« S. 637-50. — U8)MaxJ. Frisdlaender, D&rert Bilder ▼. 1&06 o. 1607 in d. Berl. Galaria: 
JPrK. 20, 8. 268-70. — 119) K. Langa, Dftre» Meenrnnder: ZBK. 11, 8. 195-204. — 120) B. Haendtke, üeb«r Entstahiing 
«ad Stadien in ansgefttlirten Werken Dfirers: ZChrK. 11, S. 161/8. — 121) X A. Dftrer, D. Paasion Christi in Kopferitloh. 
Nftrnberg, Stein. 1898. Lex. 16 Taf. a. 1 Blatt Text. H. 9,00. - 122) H. Hoff, D. PassloaBdarBtellangea A. Dftrers. 
Heidelberg. Emmerling * 8ohn. V, 188 S. M. 2,20. - 128) Plntores germanicot. Madrid, Marquei. 1398. 79 8. Fr. 1,26. 
(Biographien r. Dftrer «. Holbein.) — 124) CarlLampreoht, D. dtsch. Porträt bii auf Holbein n. Dftrer: Hu. 8, 8. 21/4. 
•' 125) X A. L. de la Yoga, Juan Holbeia: Bapana moderaa 115, 8. 58/9. - 126) H. A. Sohmid. Uolbeinii ThAtigkeit fftr 



I 9:127-186 C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

blick über Holbeins Arbeiten und zwar über die bisher fast durchweg unbeschriebenen 
Metallschnitte von Jakob Faber, über dessen und Lützelburgers Holzschnitte und 
über die Arbeiten des Monogrammisten C. V. Dieser führt zu einer scharfen Charakte- 
risierung des Baseler Meisters und seiner Art, für den Buchschmuck zu arbeiten. 
Seit 1524 war der Bedarf für die Baseler Offizine im wesentlichen gedeckt und begann 
Holbeins Thätigkeit für Lyon. — Gauthier**"') untersucht Holbeins Jugend und 
namentlich seinen Luzemer Aufenthalt. Ueber die Reise nach Italien kommt er jedoch 
nicht zu sicheren Aufklärungen, weder hinsichtlich der Zeit noch des Weges. — 
Dass endlich die Kunst Brüggemanns eine eingehendere Behandlung erfahrt, ist 
gewiss ein Zeichen, dass das verlassenste Gebiet deutscher Kunstgeschichte, das der 
Plastik des späteren Mittelalters und der Renaissance, die Geister zu beschäftigen 
anfängt. Matthaei^^^ sucht durch Vergleichung der Motive in den Brüggemann 
nahe stehenden Altarwerken Klarheit in die Verhältnisse zu bringen. Was er 
bietet, ist freilich nur ein Anfang, der aber gewiss Einfluss auf die weitere Forschung 

gewinnen wird. — Die Töreysche Arbeit über die Handzeiohnungen des Baidung 
rien *^^ erfuhr eine sehr eingehende Kritik durch S c h m i d, der zunächst das Ver- 
dienstliche mit Recht hervorhebt, dann aber über den Wert des Textes ein ziemlich 
herbes Urteil fällt. Bei den Umtaufen einzelner Blätter, die Seh. vornimmt, 
kommen zwei Blatt auf Dürer, mehrere auf seine Schüler, einzelnes auf Schweizer und 
Augsburger, vieles wird als Schulwerk oder Kopie ganz beiseite geschoben. Seh. 
steUt Grien überhaupt nicht so hoch wie Törey: Er sei nicht einmal unter den Meistern 
zweiten Ranges unbedingt der erste, er habe in der Kunst Neues zu sagen nicht ver- 
standen. — Der Aufsatz von Louise Hagen ^*®) über Ad. Krafft stützt sich auf die 
jüngsten Untersuchungen namentlich Dauns und weist die Leser in dem betreffenden 
Gebiete bequem zurecht. — Eine warm empfehlende Besprechung des Daunschen 
Buches über den Nürnberger Meister giebt Kestner*^^). — Die Schilderung des 
Lebens und Wirkens Peter Vischers schliesst sich bei Louise Hagen*'') an die 
des Adam Krafft an. — Weizsäckers *'') Untersuchungen über Nikolaus Knüpfer 
bauten sich an Fr. Schlies Publikation über diesen lang vergessenen Meister auf und 
beschäftigen sich hauptsächlich mit einer unter dem Namen des „Contento" bekannten 
Bildergruppe, die W. auf ein von Elsheimer geschaffenes, aber verschollenes Bild 
zurückführt. Die vorhandenen verwandten Arbeiten auch Knüpfers seien mehr oder 
minder freie Kopien. Auch hinsichtlich der Wertschätzung Knüpfers tritt W, Schlie 
entgegen, der ihn zu hoch genommen habe. — 

18. und 19. Jahrhundert. Walle*'*) behandelt Schlüters letzte Lebensjahre, 
die bekanntlich den Meister nach Petersburg führten. — Der Leipziger Kunstkritiker 
K r e u c h a u f *'*) beschäftigte sich namentlich mit seines Zeitgenossen Oeser Werken. 
Seine Schriften bildeten denn auch schon für Alf. Dürrs Biographie Oesers eine 
vielfach benutzte Quelle der Erkenntnis. Gesammelt bieten sie einen interessanten 
Einblick in das Kunstleben Leipzigs in der zweiten Hälfte des 18. Jh. — Ueber Gurlitts*'*) 
Buch „Die deutsche Kunst des 19. Jh." habe ich hier nicht zu sprechen. Wohl aber 
über die Kritik, die es fand. Der erste auf dem Plan war Stahl. Er fand den 
Stoff nicht genug geistig verarbeitet. Mit der Zeit kam es jedoch besser. Ich bin 
erstaunt, dass man mir meinen „Subjektivismus" im wesentlichen ungerupft hat hin- 
gehen lassen. Sichtlich haben viele an ihm sogar ihre aufrichtige, ich möchte sogar 
sagen theoretische Freude gehabt. Wenn ich den ansehnlichen Sammelband durch- 
sehe, den die Besprechungen füllen, so brauche ich über die Aufnahme des Buches 
nicht zu klagen: Man hat es geduldet, dass ich sagte, wie mir ums Herz war, und 
dass ich mich einmal im ästhetischen Schlafrock zeigte, dass heisst als einer, der 
eben wieder aufgestanden ist, nachdem er gestern müde zu Bette ging. Man hat es 
geduldet, dass ich versuchte „Auch Einer" zu sein, nicht ein wissenschaftliches System 
oder das Glied einer akademischen Schule. Man hat es freundlich mit angesehen, « 
dass dieser Eine die Ellenbogen brauchte, um der Welt zu zeigen, wie er sich in 
der Welt der Gedanken auf seine Weise forthalf. Ja, man hat es sogar hingenommen, 
dass ich an den Werten der Aesthetik nörgelte. Nur Drews hat sich unter dem 
Hinweis auf Hartmanns konkreten Idealismus dagegen verwahrt. Man hat mir sogar 
die Verbeugungen vor der älteren deutschen Kunst nicht übel genommen, und zwar 



d. Baseler Verleger: JPrR. 20. S. 288-62. - 127) P. Gant hier. H. Holbein inr 1a ronie dltalie: OBA. 18, 8. 441-80; 
19, S. 167-63. - 128) Ad. Matthaei, H. BrAggeroann: ZBK. 9, S. 201-12. - 129) (JBL. 1896 I 12:272.) ([H. A. Schmid: 
BepKanstw. 21. 8. 804-13.J| - ISO) Louise Hagen, Ad. Krafft: WIDM. 86. 8. 808-87. — 131) E. K estner, A. Krallt: 
NatZg. N. 204. - 132) Lonise Hagen, P. YUcher: WIDM. 85, S. 447-67. — 133) H. Weiisioker, N. Kaftpfer n. A. EU- 
heiner: BepKnnstw. 21, <>. 186-97. — 134) P. NValU, Ans Schl&ters letiten Ubenijahren: Bir 25, S. 188-40. — 135) F. W. 
Krenohanf, Sohriften s. Leipx. Kunst 1768-82. L., Hinriehs. 120 8. H. 1,20. - 136) C. Onriitt, Die dtsch. Knnst d. 
19. Jb. B., Bendi. 701 8. Mit 40 Bildern. M. 10,00. |[F. Stahl: BerlTBl. N. 217; W. r. Seidlits: DLZ. 90, 8. 716-20; 
B. Meyer: ML. 68, 8. 1129-88; 0. Klee: ZDU. 18, S. 851/2; NDRs. 10. S. 666; 0. 8toessl: Wage 2. S. 665/6; M. Osborn: 
LEeko. 1899, 8. SöSiT.; Fr. 8erTaes: NFFr. N. 12596; Cb. Eekart: HPBIl. 124, Heft 9; BWorte. 9, 8. r65/6: D. Joseph: 
JntB. 1, 8. 128; M. 8ohniid: Kunstchr. 11, 8. 24/5; Artbar Drews: MftnobAZg. N. 158; Alois Riegl: Mi(t. d. Gesellsobait 



C. G u r 1 i 1 1 , Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9 : 187-152 

selbst nicht von Seiten der Neuesten und Jüngsten. Ich fürchtete, zum „alten Herrn** 
gestempelt zu werden, weil ich mir Cornelius und Overbeck nicht „verekeln" lasse. 
Aber es ging! Ich glaube wirklich, es wäre möglich, dass wir eine individuell 
gestaltete Wissenschaft vertragen, nachdem wir endlich eine individuelle Kunst ver- 
stehen gelernt haben! — Der Aufsatz von KrelH^'') bietet eine geschickte, wenn 
auch nicht genug durchgearbeitete Darstellung der kulturellen Vorbedingungen des 
Rokoko und eine Entwicklung seiner Kunstweise aus diesen heraus. Somit bietet er 
eine Ergänzung zu den Untersuchungen derjenigen, die die Kunst nur aus sich selbst 
heraus erklären wollen. — Der glückliche Gedanke des k. k. österr. Museums, in Wien 
1896 eine Ausstellimg zu veranstalten, die die glänzenden Tage des Wiener Kongresses 
wieder lebendig vor Augen führen sollte, hat in weiterem Verfolge zur Herausgabe 
eines grösseren Werkes *3®) geführt, dessen Redaktion Eduard Leisching übernahm. 
Nach kunstgeschichtlicher Seite bietet dies Werk sehr viel: Namen treten auf, die sonst 
kaum mehr genannt werden: Maler wie Füger, Lampi, Grassi, Amerling, Dafßnger 
erscheinen neben weltberühmten Grössen wie Lawrence, Isabey, Angelica Kaufifmann, 
und zwar stehen ihre Arbeiten keineswegs diesen unbedingt nach. Man sieht deutlich, 
wie tief jener Zeit die Ueberschätzung des Fremden eigen war und wie wenig die 
Grossen es sich angelegen sein Hessen, die nationalen Regungen zu pflegen, die sie in 
ihrem klassizistischen Eifer kaum verstanden. Das hätte in dem Aufsatze von Bruno 
Buch er wohl noch etwas kräftiger herausgearbeitet werden können. Ein Stab von 
Kunsthistorikern: Folnesics, C. Masner, Franz Ritter, Alois Rigl, unterstützte den 
Redakteur in der Behandlimg von Einzelgebieten der Ausstellung. Der reiche Bild- 
schmuck liefert Vortreffliches. — Sonst aber fehlt es noch sehr an erneutem Vertiefen 
in die von der Romantik verfemte Kirnst der Jahrhundertwende. Die Arbeit Vogels **®) 
über Anton GrafT bietet eine vollkommene Ergänzung zu Muthers grundlegender 
Biographie des Meisters. Der reiche Tafelschmuck giebt diesen in seiner immer sich 
verjüngenden Frische wieder und zeigt ihn aufs neue als einen Künstler des Bildnisses, 
der neben den ihm so verwandten gleichzeitigen Engländern sehr wohl genannt 
werden darf. — Eine Sonderstudie über R. Mengs von Kirsch ner^*®) sei noch 
hervorgehoben. — Der hauptsächliche Anteü galt aber Chodowiecki^**'"**^). Es 
sind nicht eben die besten Arbeiten Chodowieckis, die Wi t ko wski ^^3) bespricht 
Die Empfindung der Werther-Dichtung Goethes lag ausserhalb des Schaffeuskreises 
des alternden Künstlers. — GalJand^**) weist in einem Aufsatz, in dem er lebhaft 
für den eben verstorbenen Geselschap eintritt, auf den hundert Jahre vorher erfolgten 
Tod von Carstens hin, den die Berliner Akademie vergessen hatte. Nach dessen Tod 
habe die Welt grosse Kunst verstehen zu lernen gesucht, während sie heute bemüht 
sei, diese zu verlernen. Dafür sei Geselschaps Selbstmord ein schlafender Beweis. — 
Auch andere führte der gleiche Anlass auf Carstens ***~**®j. — Woermanns^*^ 
Aufsatz über Goethe in der Dresdener Galerie giebt eine Schilderung von desden 
Kunsterfahrungen und künstlerischen Neigungen, die erklärt werden, indem der 
heutige Direktor der Gemäldegalerie uns im Geist mit Goethe durch die Räume des 
alten Galeriegebäudes führt. Besondere Beachtung wird den Randbemerkungen 
Meyers und Goethes zum Verzeichnis der dort befindlichen Bilder zugewendet. 
Gerade durch den wiederholten Besuch zeigt sich, wie die Anschauungen Goethes 
sich nach seinen allgemeinen künstlerischen Ueberzeugungen wandelten: Das ist sehr 
lehrreich für den, der einmal eine Geschichte der Kritik schreiben, und aus dieser 
heraus ihr Wesen erkennen lernen will. — Goethes Freundin Angelica Kaufifmann und 
ihren Aufenthalt in Neapel behandelt ein Italiener ***). — Die Nazarener beginnen 
auf viele kunsthistorisch zu wirken. Daher erhebt Rittinger*^®) in kurzen kräftigen 
Zügen einen Protest gegen Muthers verdammendes Urteil, worin er namentlich die 
Abhängigkeit allen Schaffens, nicht bloss das der jetzt vielverketzerten Schule, von den 
römischen Bestrebungen des Jahres 1811 nachweist. — Auf katholischer Seite feierte 
man in Overbeck den Erneuerer der christlich deutschen Kunst **^). — Schnorr von 
Carolsfelds Tagebücher bieten in ihrer Kürze kaum mehr als einen Einblick in die 
äusseren Formen seines Daseins ^**3. — Heigel*^^ ist einer von jenen, die noch bei 



nr ▼errittU. Kttoft 1900, M. l.]| - 137) P. F. Krell, D. Zeitalter d. Rokoko a. oeiBO KaDitweioo: NA8. Ol, 8. 806-88. — IM) 
D. WioBor Kongroos. Kaltnrgtsoh. d. bild. Kftnite n. d. Konotgowerbe eto. in d. Zeit r. 1800-85. Wien, Artaria A Co. 
1898. 807 8. M. 1,80. - 139) J. Vogel, A. Oraff. Bildaiaae t. ZeitgenoMon d. Heistere in Naohbild. d. Originale. L., Breit- 
kepf * H&rtel. 1898. VIII. 08 8. Mit 14 Abbild, in 00 Tafeln. H. 80.00. |[M. Thieme: ZBK. 10, S. 78/7.J| - 140) A. 
Kirsohner, &. Menge n. d. Madonnenbild in Anasig a. Elbe: Sammler^. 18, 1898, 8. 183/6, 14851. — 141) X D>^"*«1 Chodowieoki: 
Oreaib. 1898, S. 60Ö-18. - 142) X W. t. Oettingen, D. Chodowieoki: ünsehan 1, 8. 838/6. — 143) O. Witkowski, 
Ckodowleekie Wertber-Bilder: ZfiGoherf^ennde. 8, S. 168-68. — 144) O. Galiand. Carstens- Geeeleehap: Knnst- Halle 8, 
8. 873/6. — 145) X H. Mio hol, A. Carstens: ML. 67, 8. 539*41. - 146) X P' Andersen, A. J. Carstens: Niedersaohsen 8, 
8. 858/8. - 147) K. Woermann, Goethe in d. Dresdener Maierei: Knnst fttr Alle 14, 8. 809-12, 838-88, 241/6. - 143) X 
M. d*A7a1a, Angelioa Kanihnann a Napoli: NapoU nobilifsima 7, 8. 100/6. — 149) P. B. ▼. Bittinger, D. Nasarener: 
WBs. 4, 8. 764-70. - ISO) X Hing, F. Overbeok, d. Ernenerer christl.-dt«oh. Knnst: KuthWelt. 1898, N. 1. - 151) X 
AnsJ.SehaorrsTagebftehem: DresdnerGBlL 5, 8.258-68, 888/7. ~ 152) K. Th. Heigel, V. t. Cornelias: WIDM. 86. 8.769-84. 



I 9:i5s.i70 C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

der VerehruDg des Cornelius stehen. Er ist 1842 geboren, war also 23 Jahre alt, als 
der Meister starb. Und er lebt in München, wo so viele noch dessen Geistes voll 
waren. Da ist's ihm denn ein Bedürfnis, gegen die Muthersche Auffassung ein 
Bekenntnis abzulegen, ist's ihm eine Pflicht, an die Verschollenen und Verfemten zu 
erinnern und darzuthun, dass auch ihr Tageswerk, das die in ihrem Sturm und Drang 
grausame Jugend belächelt, ein Vermächtnis an die Nachwelt war. — Es thut gut, auch 
wieder einmal etwas über den Kraftmenschen der Zeit, über Genelli, von Marshall '*') 
zu hören: Er war noch weniger Maler als Schwind und steht darum unserer Zeit auch 
ferner. Die Abbildungen, durch die M. seinen Aufsatz illustriert, erscheinen in einer 
modernen Zeitschrift wie Bilder einer fremden, Uta Jhh. entfernten Welt. Aber es 
steckt ein ganzer Kerl in den übertrieben muskulösen Gestalten, die er uns in sonder- 
bar michelangeloschen Glieder Verrenkungen zeigt. — StiU ist's über Kaulbach I Nur 
eine Notiz ^**) giebt AufscWuss über den verbleib eines Kartons, den einst Ludwig II. 
einer jetzt in Livland lebenden Sängerin schenkte. — Und dann noch ein Klang aus 
der Kunstkritik vergangener Zeiten **^), der sonderbar genug in unsere hineinklingt: 
Die Jüngeren werden gut thun, mit Aufmerksamkeit zu lesen, wie ernst man über 
diejenigen dachte und schrieb, die man ietzt verhöhnt; und wie auch die Aelteren 
das Mephistophelische in Kaulbach peinlich berührte. — Schwind, Ludwig Richter 
und Rethel sind die einzigen aus der Mitte des 19. Jh., die noch lebendig im Ge- 
dächtnis der Nation sind. Schwind ^'^•) wurde von Haack''^'') eine der Künstler- 
Monographien gewidmet. — Rosenberg' *^) behandelte seine Jugendjahre, 
Grass US***) sein Verhältnis zu Beethoven, Holland***^) jenes zu dem Bildhauer 
Schaller. üeberall tritt die Freude an den frischen, treffsicheren Aussprüchen des 
liebenswürdig-boshaften „Raunzers" hervor. — Ueber Richter spricht Bud de***). 
Sein Streben ist, das in dem Buche von Mohn**^) über Richter, das in zweiter Auf- 
lage erschien, Gesagte zu ergänzen, tiefer in das Verständnis des Meisters einzuführen 
und „eine Liebe zu wecken zu dem herrlichen Künstler, dessen Namen Anton Springer 
nicht aussprechen konnte, ohne dass seine Augen leuchteten vor begeisterter Freude". 
— Bei Michaelis **') Arbeit handelt es sich um biographische Aufzeichnungen, 
die bereits 1855 von Otto Jahn für das Vorwort zur dritten Auflage des Richteralbums 
benutzt wurden. Es sind diesen einige die Sachlage erläuternde Aufklärungen bei- 
gegeben. — A venarius***) endlich bespricht den Jammer der Denkmale, dass 
man sich aus der Schematik dessen, was nun einmal als monumental gilt, nicht 
herauszufinden wusste ; und dass man auch dem feinen, herzigen Ludwig Richter ein 
„Monument" setzen musste. — Max S chm id***"^*') wurde durch seine Künstler- 
Monographie über Rethel dahin geführt, einzelne Nebengebiete von dessen Schaffen, 
die er dort nicht genügend ausföhren konnte, besonders zu behandeln. So Rethel 
als Karikaturisten und, als eine der wertvollsten Gaben, eine Darstellung der letzten 
Lebensjahre des Meisters, zu der die Witwe ihm reiches Material an die Hand gab. — 
An Feuerbach**®) und B^hrich***) erinnern einzelne Aufsätze, von denen der erste 
wichtig ist durch die Veröffentlichung von Feuerbachs Studienmaterial, soweit es 
die Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin besitzt. — 

Neuere Malerei. Zusammenfassend mehrere Künstler besprechen die 
beiden Bücher von Servaes und Ruettenauer. S e r v a e s "®) gehört zu den HofEnungs- 
freudigen, die sich glücklich fühlen in der tJeberzeugung, eine grosse Zeit, eine Zeit 
junger Kunst mitzuleben. Das giebt seinen Ausführungen Schwung und Ueber- 
zeugungskraft. Die Künstleraufsätze, die in seine „Präludien" eingefügt sind, behandeln 
Menzel, Böcklin, Thoma, Liebermann, Klinger, Ury und Baluschek. Sie sind hier 
teüweise schon bei ihrem ersten Erscheinen in verschiedenen Zeitschriften erwähnt 
worden. Nicht die Zergliederung und Erklärung ist es, die S. seinen Aufsätzen zum 
Ziele gab, sondern er will zeigen, wie er mit den Künstlern empfindet und will dadurch 
mitempfinden lehren. Darum will er auch nicht erwägen, sondern schreibt lebhaft 
erregt, manchmal sogar im Tone der leidenschaftlichen Hitze. Er wiU für seine 
Helden kämpfen. Aber Kampf ist nicht immer der eigentliche Inhalt von deren Sein. 



— 153) H. ILarihall, B. Genelli: ünWerfaiB 16, 8. 668-71. — 154) Kaiülwoh in Lirland: DKnut. 8, S. 272. - 155) X V. 
Kaiser, Homer n. d. Sibylle in KMlbnohi Bilderkreis d. Weltgeioli. (s 80WT. N. 268.) Hanbarg, Verlaffwnatelt. 1896. 
49 8. M. 0,76. -- 156) X M. Neoker, M. t. Schwind: BLÜ. 1898, 8. 868/6. — 157) F. Haaok, M. r. Sobwind. (« KttnaUar- 
Monographien Bd. 31.) Bielefeld n. L., Velhagen * Klaaing. 1896. 148 8. Mit 168 Abbild. M. 8,00.-158) Ad. Bosenberg, 
Am d. Jugendjahren M. T-Sohwindi: VelhKlaaMh. 1898: 1, S. 481-91. — 159) Crasine, M. t. Sehwind n. Beethoven: Vom 
FaU 1. Meer 1897, 8. 681/2. - 160) H. Holland, Briefe M. ▼. Sehwinda an d. Bildhauer L. Schaller; BiogrBII. 2, 8. 294-828. 
~ 161) K. Budde, L. Richter: PrJbb. 87, 8. 861-80. - 162) X F- V. Mohn, Lndw. Richter. 2. Aufl. (= Efinstler-Meno- 
graphien Bd. 14.) Bielefeld n. L., Yelhagen * Klaaing. 1898. 164 8. Mit 187 Abbild. M. 8,00. - 163) A. Michaelis, 
Biograph. Anfkeiohn. L. Richten: BiogrJb. 1, 8. 1-11. - 164) F. Arenarini, L. Riohter-Denkm. : Kw. 12, 8. 68/9. - 165) 
MasSchmid, A. Rethel. (« Kfinstler-Monographien Bd. 88.) Bielefeld u. L., Telhagen * Klaaing. 1898. 136 8. M. 8.00. 

- 166) X id-. A. Rethel all Karikaturenseichner: Kunst u. Kunithandwerk 1, 8. 289-97. - 167) id., A. Rethels letate Jahre: 
VelhKlauMh. 1898: 2, 8. 869-84, 617-82. — 168) X J. Jessen, Aneelm Feuerbach: DKunst. 2, 8. 861/4. - 169) X R- ▼• 
Kralik. Josef Rittar v. Fflhrich: Kultur 1, 8. 241-60. — 170) Fr. Servaes PrUadiea. B., Schuster * Lftffier. 414 8. 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9:i7i-i98' 

Böcklin und Thoma sind keine Kampfnaturen, und selbst Liebermann ist es wohl mehr 
mit dem Munde, als mit der Hand. Die Kunst ist ein stilles Gewerbe, dessen Er- 
zeugnisse mit kaltem Blut gemacht sein wollen. — Ruettenauer^^^) fasst die 
„Malerpoeten" Thoma, Feuerbach, Böcklin und Klinger in einem Hefte zusammen, 
um sie als einheitliche Kunsterscheinung zum Bewusstsein seiner Les.er zu bringen. 

— H e V e s i * *'*) schildert die Toten Oesterreichs, die jüngst Verstorbenen, in kurzen 
Zügen, so Makart, Canon, Schindler, Tilgner, Natter, Th. Hörmann, Graf Zichy. — 
Die wohlgelungene Kunstausstellung in Dresden fand in weiteren Kreisen lebhafte 
Anerkennung, in die sich zumeist ein wenig günstiger Vergleich mit den gleich- 
zeitigen Berliner Veranstaltungen knüpfte*''*"*''*). — Osborn"*) versucht eine 
Schilderung des Berliner Kimstpublikums, namentlich insoweit, als es Kunstwerke 
kauft, und stellt dem die Fülle der Veranstaltungen gegenüber, die zur Einführung 
in die Kunst vom Staat, den öffentlichen Gesellschaften und den Kunsthändlern an- 
gerichtet werden, um zu zeigen, wie wenig tief das Kunstverständnis in Berlin bisher 
griff. — Meier-Gräf e"') hebt unter den Dresdenern die Maler Stremel und Baum 
und den Architekten Gräbner hervor, indem er zugleich die dort entstandenen An- 
sätze zu Neuem dem Stillstande in Berlin gegenüber rückt. *^^) — Den Münchener 
Verhältnissen, und zwar der zurückliegenden Zeit Ludwigs IL, galt ein Hinweis*'®), 

— Die neuen Strömungen, die endlich in Wien Platz greifen, schüdert Böraton*"«) 
im Sinne jener jüngeren Künstler, die über ihr Ausstellungshaus schreiben: „Der Zeit 
ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit!" Das ist ein Grundsatz, dem B. theoretisch gern 
zustimmt. In seinem Artikel aber lobt er den und putzt jenen mit herrischem Hohne 
herunter. Denn unverkennbar steht er selbst hoch über aller Kunst, Dass diese 
Herren nicht merken, dass ihr Witz von Heine stammt und in den Kunstausstellungen 
von heute weitaus das Unmodernste und Altertümlichste ist! Einen Maler, der so malt, 
wie sie kritisieren, nämlich ohne Kenntnis von dem, was inzwischen in ihrem Gebiete 
errungen und erobert worden ist, was dort die Geister beschäftigt, den würden diese 
Kritiker herzlich auslachen! Herr B. spottet seiner selbst und weiss nicht wie! 

— In einer Besprechung von Jakob Baechtolds Buch über Gottfried Keller stellt 
Zupp inger*®®) zusammen, was wir über des grossen Dichters künstlerische Be- 
strebungen wissen, namentlich auch, indem er die Urteile von Berlepsch, Thoma und 
Carl Brun zusammenfügt. — Von Fritz Reuters künstlerischen Versuchen giebt die 
Kunst-Halle '8») einige Proben. Der Dichter war als Maler Dilettant und als Düettant 
ein Nachfolger jener soliden und aufrichtigen norddeutschen Biedermeierkunst, die in 
Hamburg ihren Mittelpunkt hat. — Der schriftstellerische Strom, der sich über Böcklin 
ergiesst, ist noch immer nicht ins Stocken geraten. Die Böcklinausstellung zu 
Hamburg 1898, und Böcklins 70. Geburtstag gaben dazu die äussere Veranlassung. 
Unter den Büchern über ihn ist das von Licht war k***) das bedeutendste, mehr 
eine Kunstbetrachtung als eine Schilderung vom Leben und Wirken des Meisters. 

— An dieses Werk reihen sich S c h m i d s ***) und Meissners*®*) Bücher, Ein- 
führungen in das Wesen des Schweizer Künstlers. — Haack*®*) giebt manche be- 
achtenswerte Bemerkungen über Böcklins Beziehungen zur Zeitkunst. — Die feine 
Analyse C. Neumann s*®') steht mir am höchsten: Ein Vergleich mit L. Richter und 
Schwind, ein paar Darlegungen des Inhalts der Bilder; dazu ein reicher Schatz von 
Nachbildungen der Werke des Meisters, und zwar vieler der seltener zur Schau 
gebrachten, die dem „Böcklin- Werke" der photographischen Union und dem Verlage 
von Bruckmann entnommen sind.*®'"*®*) — Ueber Lenbach erschien eine der Velhagen- 
Klasingschen Künstlermonographien von R o s e n b e r g •^^j die sich überall als 
vortreffliches Mittel erweisen, einen Ueberblick über den Werdegang der Künstler 
zu gewinnen. — Lenbachs Stellung zur modernen Kunst suchten Besucher***) aus ihm 
zu erfragen. Dabei sprach er sich über Akademie-Unterricht aus, und zwar, wie zu 
erwarten, ganz im Sinne seiner eigenen. Altes nachempfindenden Kunst. — Weber **2) 
klagt über das Idealisieren Lenbachs in den Bismarckbildem, die an Wucht einer 



X. 5.00. — 171) B. BnetteDaaer, Ma1ar-Poet«ii. (» üttber Knntt d. Nensait N. 3.) Str»88bnrg, Heiti. 91 S. 
H. 1,50. - 172) L. H a T e • i , Bildende Kunst. (» Wiener TotenUnx [St., Bons. 1899. Vm, 894 8. H. 8,60J. S. 155-82.) — 
173) XJ-Nenwirth, D. Knnstleben in Oesterreioh- Ungarn r. 1848-98. Huerpfer in Komm. 3« S. M. 0,30. - 174) X 
O. Mnlkowtky, 85 Jehre Berl. Kanstentwiokl. : B&r 25, 8. 88/4, 58/6, 85/6. — 175) M. Osborn, D. Berliner Kunsteegen: 
TBrmer 1, S. 8&8/7. - 176) J. Meier-Qr&fe, Dresdener Knnst: Zakanft 27, 8. 214/5. - 177) X P- SerTaes, Dresden n. d. 
dtseh. Kunst: NPFr. N. 12519, 12522. — 178) X B. Artnrca, Lndwig U. v. d. Kcnst: Oartenlanbe N. 20/1. - 179) 
f. Beraten, Wiener Knnst: Zukunft 27, 8. 216/7. — 180) K. Zuppinger. O. Keller als Maler: Oeg. 49, 8. 298/6. — 181) 
f. Benters k&nstler. Versuche: Kunst-Halle 8, 8. 70/2. - 182) A. Liohtwark, D. Seele u. d. Kunstwerk. BoeckliDstudien. 
B., Cassirer. YII, 60 8. M. 2,00. - 183) H. A. Sohmid. A. Boeoklin. B., FonUne. V, 41 8. M. 8,00. - 184) F. H. 
Heiisner, A. Böcklin. (» D. Kftnstlerbuch Bd. 1.) B.. Schuster A Löffler. 1898. 117 8. H. 8,00. |iOrenib. 2, 8. 110/2; 
W. Qensel: DLZ. 80, 8. 1888/6.]| — 185) F. Haack. A. Böcklin: ZBK. 9, 8. 5-13. — 186) Carl Neumann. Zu A. Boecklihs 
70. Geburtstag: Kunst für Alle 13, 8. 1/6. — 187) X B. W. Braun, A. Böcklin: Umschau 1, 8. 743/6. - 188-189) X !<• 
Kaemmerer, Ad. ▼. Meniel: HoheniollemJb. 8, 8. 173/7. — 190) A. Bosenberg, Lenbach. (ss Kftnstler-M onographlen ' 
tfd. 34.) Bielefeld u. L., Yelhagen A Klasing. 1898. 122 8. Mit 101 Abbild. M. 8,00. - 191) X Louise ▼. Kobell, 
F. T. Lenbach. (» JBL. 1897 lY la:81, S. 64-80.) > 192) L. Weber, Lenbach: Kw. 12, 8. 417. -- 193) X W. 
Jakreeberichto fir neuere deuteehe Litteratargwehiebte. X. (1)14 



I 9:i«4-2i2 C. Gurlitt, Kiinstgeschichte. 1898, 1899. 

massig retouchierten Photographie immer nachständen. Er hätte hinzufügen können, 
dafis durch Lenbach eine ganz falsche Auffassung über die Gesichtsfarbe Bismarcks 
in die Welt gesetzt wurde: sie war bis ins späte Alter germanisch rosig und blond, 
während Lenbach einen Zigeuner aus ihm machte. **^) — Die nachträgliche Anerkennung, 
welche der liebenswürdige Spitz weg fand, äussert sich In der zweiten Auflage der 
seinen Werken gewidmeten Sammelmappe***). — Andreas Achenbachs Kunst bietet 
für Piets ch*®*) ein Thema, das er vollständig beherrscht; denn er hat den Werde- 
gang des führenden Landschafters der romantischen Schule mit fleissig beobachtenden 
Augen mit angesehen. **•) — Der trefflich illustrierte Aufsatz über Gabriel Max 
von Meissner *^') berücksichtigt auch seine neueren Arbeiten. Welch wunderliche 
Welt in den Werken von Gabriel Max! All die mädchenhaften, wachshäutigen Blondinen, 
die irgend ein Leid drückt; welche Krankheit und Schwäche der Gesamtempfindung; 
eine ewige Wehleidigkeit und ein müdes Tasten nach dem Glauben, der ihm eine 
Art überirdischer Sentimentalität zu sein scheint. Selbst die Affen, die Max so gern 
malt, leiden unter der Jammerseligkeit. Da sind mir die Pfaffen Grützners als 
„Kunstgebiet*' doch noch lieber, als diese so gar bleichsüchtige Kunst. Man kann 
einem Künstler auch durch Ehrung schaden. Selbst Rubens verträgt es nicht, dass 
man Dutzende seiner Bilder neben einander sieht. Max noch weniger! - Zum 
60. Geburtstag E. von Gebhardts'**) brachte S c haarschm idt*®»"*®^) in mehreren 
ausgiebig illustrierten Artikeln seine Huldigung dar, die zum Teil auf mündlicher 
Information durch den Meister beruhen. So über die Kostümfrage, die so oft be- 
sprochene. Einer dieser Aufsätze behandelt besonders die protestantische Kirchen- 
malerei im Kloster Loccum! Vielleicht wird man später anders denken, als hier 
entwickelt wird. Die Klosterkirche ist alt, eine romanische Basilika, das Kloster 
gehörte den Cisterciensern und dient heute als Prediger-Seminar, das noch gewisse 
altertümliche Rechte hat. Hier entwickelte sich seit 1884 Gebhardts Monumentalkunst 
in der Darstellung biblischer Vorgänge. Seh. erklärt die in zahlreichen guten 
Abbildungen wiedergegebenen Gemälde und giebt manche bemerkenswerte Auf- 
klärungen über deren Inhalt. Aber nicht nur die Loccumer Arbeiten finden Berück- 
sichtigung. Reich an Persönlichem ist der Aufsatz der DRs., der sich aus Nieder- 
schriften Gebhardts selbst zusammensetzt. — Mit Thoma hat man, wie Meissners *®') 
Aufsatz zeigt, auch Steinhausen würdigen gelernt. Seine Zeit musste kommen, sobald 
man verstanden hatte, dass die klassische Form zum Feinde der Wahrheit und Innig- 
keit geworden war. Man übersah gern, dass auch Steinhausen nicht ein Selbständiger 
ist, lehnte er sich nur nicht an die officielle Kunst, sondern an Ludwig Richter und 
Thoma, ja, über diese hinaus an Steinle und vor allen an Führich. Aber die waren 
in ihren vornehmsten Arbeiten viel zu vergessen, als dass sich die Tageskritik ihrer 
vor Steinhausens Werken erinnerte: Das Zurückgreifen über die Zeit des belgisch- 
münchenerischen Kolorismus Hess Stein hausen als einen Mann erscheinen, der Eigenes, 
Neues biete. Und er thut es auch; wenngleich nicht ganz in dem Masse, in dem 
seine Verehrer wohl glauben. — Schuman n^®*) erkennt deutlicher den Zusammen- 
hang Steinhausens mit der Vergangenheit. — Die Genremaler haben nicht mehr in 
alter Weise den Beifall der schreibenden Federn. Knaus*®*) wurde von Beta*®*) 
auf seine Kunstanschauungen hin ausgefragt. — Fitger*®'') widmete Vautier einen 
warm empfundenen Nachruf. — Dessen Tod veranlasste auch Rottenburg*®®) zu 
einem eingehenden Aufsatz über den vielgefeierten Meister des Genre. Es klingt der 
Akkord des Lobes lange nicht mehr so voll wie vor zehn, zwanzig Jahren. Die Darstellungen 
der Werke erscheinen uns bereits als das Echo einer längst vergangenen, kindlich 
genügsamen Zeit; der Ernst ist nicht packend, sondern gemildert durch die leicht 
versöhnende Hand des Dichters; der Scherz ruft nicht zum Lachen auf, sondern eher 
zu einem Schmunzeln wie beim Andenken an längst vergangene Jugendstreiche. — 
Defregger gerecht zu werden, versucht mit geschickter Feder Szczepanski*®®), ohne 
dass er sich dabei als Kritiker aufzuspielen versuchte. -— Die Gespräche, die Louise 
von K obell**®"***) mit Defregger und E. Grützner führte, sind ziemlich inhalts- 
los. — Aus dem Aufsatze Ro t tenburgs*^*) lernt man weniger Grützner als Maler 
denn als Menschen kennen, und zwar ist dieser mit Liebe geschildert als ein fröhlicher 



Wyl, Oetprftche mit P. t. Lenbach: DR. 1896>, S. 38-50, 816-28. — 194) X !>- neue Spitzweg- Mappa. Her. t. E. 
Spitswer. 2. Aufl. Mfinohen. Brann A Schneider. 1898. 12 Blatt. M. 12,00. — 195) L. Pietech, A. Achen- 
bach: WIDM. 79, 9. 740-67. - 196) X A. Acheiibach: Kw. 9, S. 25/6. - 197) F. H. Meissner, G. Max: KnnstUZ. 
l.OS S. 1-80. — 198 X !>• Koch, E. T. Oebhardt: DEBU. 28, S. 613-24. - 199) F. Sohaarsohmidt, E. r. Oebhardt: 
Kvnst fftr Alle 18, S. 257-66. -> 200) id., E. r. Oebhardt. Mfinohen, Brnohmann. Fol. 8 S. Mit 10 Tafeln n. l2TeztilIastr. 
M. 30.00. - aOl) id., E. t. Oebhardt: KanstüZ. 10>, S. 91-114. - 202) id.. Qespr&ohe e. DBsseld. Meisters (E. r. Oebhardt): 
DR. 4, 8. 228-86. - 203) C. Meissner, W. Steinhansen: Kunst fftr Alle 14, S. 198/6. - 204) P. Sohamann, W. Stein- 
husen: DKnnsUDekoration. 4, S. 889-404. - 205) X O. Hermann, L. Knans: EthKnlt. 7, S. 828/6. — 206) 0. Beta, 
Oesprieb« mit L. Knans: DR. 1, S. 106-15. - 207) A. Fitger, B. Yantier: Nation^ 15, 8.466/7. - 208) H. Rottenbarg, 
B. Vaitier:. KnnstüZ. 9*, S. 29-40. - 209) P. r. Ssosepanski, F. v. Defregger: YelhKlasMh. 1897, S. 417-32. - 210) Lonise 
T. Koball. F. Defregger. (>s N. 191. S. 96-124.) - 211) id.. £. (irfltxner. [^ ib. 8. 125-89.1 - 212; H. Kottonbarg, 



C. Qurlitt, Runstgesehichte. 18d8, 1899. I 9!ns.Mi 

Biedermann, der seine Kunst mit Eifer und „spielender" Leichtigkeit beireibt, sein 
Haus mit köstlichem alten Gerätschmuck und seinen Humor sorgfältig pflegt: und 
dem dafür auch die Preise der Kunsthändler allezeit getreu geblieben sind. — Einem 
zu früh Verschiedenen, Piglhein, wendet R i 1 1 b e r g^*^) nocfinals die Aufmerksamkeit 
zu. — Louise von Kobells^**) Aufsatz über Friedrich August von Kaulbach bietet 
sehr wenig Neues. — Am lebhaftesten zeigte sich der Anteil beim Tode Geselschaps, 
den er, wie schon gesagt, freiwillig suchte. Dem Freunde, dem edlen Manne, dem 
Künstler, der seine Strasse nun schon ganz einsam ging, widmete H. Qrimm***) einen 
Nachruf. G. sorgt bereits, dass die neue Richtung sich nicht begnügen werde zu 
herrschen, dass sie zerstören wolle: Er spricht für die Erhaltung dessen, was einst 
die Herzen und Geister befriedigte, er warnt davor, Geselsohaps Zeichnungen zu ver- 
schleudern. Die Jüngeren haben freilich ein Recht, zu den Aelteren zu sagen: Wie 
triebt Ihr es mit jenen, die vor Euch lebten, die Ihr besiegtet? Wo ist die Kunst vor 
Cornelius treu bewahrt, geschätzt, auch nur geachtet worden? Es rächt sich jetzt die 
Roheit des beginnenden 19. Jh., des einseitigen Klassizismus. — Auch Kestner***) 
sucht Geselschap als dem bedeutendsten Vertreter der monumentalen Kunst in Berlin 
gerecht zu werden, indem er seinen Entwicklungsgang und seine Hauptwerke 
schildert. — Von Oettingen^*') feierte ihn in akademischer Rede als einen der 
wenigen Maler, die monumentale Allegorien zu ersinnen wussten. Er feierte ihn 
ferner als die den grossen Meistern frühfTcr Zeit „kongeniale Natur*', der aber dann 
zum Märtyrer seiner Kunst wurde, weil das Volk diese in ihrer Abstraktheit nicht 
mehr verstanden habe. — MarshalP**) wendet sich gegen den „Kritikus der 
NatZg.", der in pietätloser Weise über Geselschap geurteilt hatte. — Vollmars'*^) 
Aufsatz bietet an Text und Illustration das Umfassendste, was über Geselschap gesagt 
wurde: Er lenkt auf den Vergleich zwischen den Skizzen und den Bildern des 
„letzten Monumentalmalers" hin und lehrt den aufmerksam Schauenden, wo die Tragik 
in Geselschaps Wesen liegt: Darin, dass ein reich Schauender glaubte, auf den 
Reichtum verzichten zu müssen, um gross und monumental zu werden, dass das 
Prinzip seines Kunstschaffens ihn am Entfalten eigener, befriedigender Kunst hinderte. 
Geselschaps Leben und Wirken zu erforschen, erscheint daher eine der lehrreichsten 
Aufgaben für den, der die Geschichte der Kunst des 19. Jh. aus ihren geistigen 
Quellen heraus untersuchen will. Dieselbe Bewegung, die Steinhausen emporhob, 
warf Geselschap darnieder. Und doch stehen sie sich nicht so fem: Einer blieb allein, 
der andere lebte in der grossen Welt der officiellen Historie; dann liegt der Schwer- 
punkt ihres Werdeganges. Geselschap ging an der officiellen Kunst zu Grunde. — 
Das führt unmittelbar zu Hans Thoma, der nun auf dem Gipfel des Ruhmes steht. 
Einen Versuch, sein Schaffen tiefer als Slilkunst ästhetisch zu erklären, liefert 
Fries**®). „Wer Thoma in seinen ITiguren nicht versteht, hat auch niemals die 
Antike, hat niemals einen Michel- Angelo oder Correggio verstanden", sagt F. 
Wie weise die jüngeren Herren sind! Sie glauben, sie hätten, wären sie zwanzig Jahre 
früher geboren, Thoma nicht belächelt, sondern ihn alsbald verstanden, und sie 
glauben, ein Springer oder Curtius, der Thoma sicher nicht verstanden, hätten daher 
auch die Antike nicht verstehen können. Die Sache liegt wohl anders: Auch Herr 
F. versteht weder Thoma noch die Antike, wie sie sind, sondern wie er sie auffasst; und 
das ist eben eine andere Art Auffassung, als sie andere haben; aber sie ist nicht richtiger: 
Denn jede Individualität hat ihr eigenes Recht. Und die neue Kritik ist nicht klüger 
als die alte, sie ist nur anders, weil sie von anderen geübt wird.^**) — Zu den erregtesten 
Bewunderern des Meisters gehört Meissner^"), der ihm in seiner Monographien- 
reihe ein Heft widmete. — Thode^**) sprach in Frankfurt a/M. zum 60. Geburtstag 
Thomas, indem er, als Freund des Malers, die Art und Weise, wie dessen Kunst 
entstand, zu schildern unternahm. Die Rede wird dauernden Wert für die Würdigung 
des Malers behalten. — Braun *24) giebt in einem schlichten Schriftchen ein paar 
beachtenswerte Beiträge zur Jugendgeschichte Thomas. — Andere^**"^^®) preisen 
ihren Meister. — Doch erhebt schon Schlai kj e r*^®) einen Protest gegen den 
Ueberschwang in dem Thomaheft der „Deutschen Kunst" ^^®), in dem Beringer den 
Meister, namentlich mit Rücksicht auf seine Lithographien und auf deren volks- 



B. Or&tuer: KnnitüZ. 9>, 8. 88-56. - 213) H. Bittberr, B. Pirlhain: TelhKlMHh. 1898: 1. S. 417.25. — 214) Lovii« 
T. Kobell, F. A. r. KanlbMh. (» N. 191, 8. 81-97.) - 215) H. Orimni, F. Q«Mltohap: DB«. 96, S. 143/6. — 216) B. KAstoer, 
Z. Oediektnis P. OetelMhitp« : NatZg. N. 856. - 217) W. ▼. Oettiagen, F. Oeselsohap. B., XittUr. 1898. 28 8. M. 0,10. 

— 218) H. MarBhall, F. GetelMhap: DKnntt. 2, S. 327/9. — 219) H. Yollmar, Geseltohap: Kaait fILr All« U, 8. 146-58. 

- 220) F. Fries, Hans Thoma: DKanstADakoration. 2. 8. 880-66. — 221) X 01a HantsoD, U. Thona: GomopoUs 8, 
S. 249-70. - 222) F. H. Mai San er, H. Thon». (« D. K&nstlerbaoh N. 4.) B., Sobuster A L6ffler. 132 8. 11.8,00. — 228) H. 
Tbode, U. Thoma n. seineKaBiit. Fraokfnrt a. H., DieBt«rweg. 28 8. M.0,60. - 224) C. Braun, D. KanatnalarB s. Prof. Hau 
Thoma Lobonilanf. Bernaii (Waldtbnt. Zimmormanii). 16 8. M. 0,25. - 225) X K- Marold, H. Thoma: Zeit^. 19, 8.42/1. 

- 226) X ^ Fendler, IL Thoma: IWZg. 118, S. 501/2. - 227) X ^ Servaoo, Uaistar Thona: NDBi. 10, 8. 800-16. — 
221) X ^- ^- Braun, H. Thoma n. d. Kvntt: Umsebaa 1. 8. 917-21. — 229) B. S«thUikjiir. Bt*\ H. Thoma: Hilfe 5. N. 7. 

— 230) J. A. Beringer, H. Thoma« Tolkihanet: DKnatt. 8, 8. 1/6. — 231) X B. W. Braau, Ü. Thoma a. d. naüonal« 



i .9 : 298-34^ C. G u r 1 1 1 1 , KüiVstgesohichte. 1898, 1899. 

erzieherische Bedeutung behandelt hatte. ^'^ — Neben Thoma ist unzweifelhaft 
Klinger der von der Kritik bevorzugte Meister. M. Schinid^^^) behandelt ihn in 
einer der Künstlermonographien, Meissner^'*) in einem seiner Künstlerbücher, 
zahlreich sind die sonstigen Aufsätze^^*) und Bücher-^*). — Ueber den für die Stellung 
Klingers zur grossen Menge der Gebildeten beachtenswerten Hannoverschen Klinger- 
streit berichtet der Direktor des dortigen Museums*^'). — Mit Stuck gemeinsam 
behandeln ihn die Grenzb.^^''). — Was mich an Klinger verdriesst, ist, dass die 
Menschen und nun gar erst die Schriftsteller vor seinen Werken so entsetzlich geist- 
reich werden. Die deutsche Sprache reicht nicht aus, um ihn zu besprechen, der 
alte Schatz an Fremdworten erst recht nicht : Er regt zu den gewaltigen Wortbildungen 
und den kühnsten Vergleichen an. Ich habe die stille Hoffnung, dass sich Klingers 
Kunst später einmal als einfacher erweist, als seine Gemeinde sie sich wünscht. 
Jedenfalls arbeitet diese daran, ihm recht bald die Absage aller derer zu verschaffen, 
die sich nicht glauben erst eine Perücke von Millionen Locken aufsetzen zu müssen, 
ehe sie höchste Kunst verstehen. Den ganzen Meister^^®) und einzelne seiner Werke 
zu erklären, sind mehrere Aufsätze geschrieben worden. — Kühn^»») giebt in 
sechzehn Seiten eine begeisterte Erklärung des Bildes „Christus im Olymp". Das ist 
meines Ermessens eine indirekte Anklage: So viel Weisheit und Wissen gehört zum 
Verständnis eines Gemäldes! Und nun gar für das Gemälde eines Künstlers, der einst 
schrieb: „Die Idee liegt für den Künstler in der der Stellung des Körpers gemässen 
Formentwicklung, in seinem Verhältnis zum Räume, in seinen Farbenkombinationen, 
und es ist ihm völlig gleichgültig, ob dies Endymion oder Peter isti** Der Tages- 
geschmaok fordert wieder „Endymion"! Auch der Vf. handelt nicht von Form, Farbe, 
Raum, sondern durchaus von der „Idee". Und es ist das leider nötig! Da vollzieht 
sich sichtlich ein Umschwung der Kunst ins Gelehrte, das volle Gegenteil von dem, 
was so viele erstreben, von Volkstümlichkeit. — Man spricht jetzt mit Mitleiden von 
den Künstlern, die Dichter illustrieren, das heisst, mit dem Griffel das noch einmal 
sagen, was der Dichter im Wort ausdrückte. Jetzt wendet sich das Blatt: Die Dichter 
beginnen die Maler zu „illustrieren". Ob Stern s**®) Verse gut sind, darüber habe 
ich hier nicht zu befinden, denn ich bin nur für Kunstgeschichte bei den JBL. an- 
gestellt. Dass man aus ihnen lerne, Klinger näher zu kommen, möchte ich sehr 
bezweifeln. Klinger ist ein Mann, der sehr ängstlich an der abzurundenden Form 
arbeitet: Diese Dichtung der „ha ... ha ... ." und der hinausgestossenen grossen 
Worte gehört nicht zu dem vielleicht mühseligsten aller deutschen Modernen. — Die 
Versuche, aus den Künstlern selbst Erkenntnis für die Kunst zu schöpfen, setzt die 
DR. fort. Hermine Diemers^**) Ausfrage bei Uhde ist für die, die des Künstlers Be- 
strebungen und Absichten noch nicht kennen, sehr lesenswert. Im Ausdruck ist der 
Artikel durchaus echt. — Der Antipode Klingers, Liebermann, behauptet trotz jenes Um- 
schwunges seine Stellung und die Wertschätzung seiner Art. Ob auch dem Naturalismus, 
sagt H. E. Schmidt^**), jetzt rastlos die Totenglocke geläutet wird, so hat doch die 
Kunst ohne innigste Verbindung mit der Natur nie zu leben vermocht! Namentlich eine 
in Berlin veranstaltete Ausstellung älterer und neuerer Arbeiten von Liebermann 
führte manche Feder der Beschäftigung mit seiner Kunstart^*'"^**) zu. — Der fleissige 
Meissner^**) schildert das Leben und die Entwicklung auch Stucks mit dem 
Empfinden, einem der Grössten seiner Zeit zu dienen. Die treffliche Illustration, die 
in der KunstUZ. die Regel ist, unterstützt ihn dabei ausgiebig. Wer viele thatsächliche 
Daten sucht, wird in dem Aufsatze nicht ganz auf seine Rechnung kommen, wohl 
aber der Kulturhistoriker, der nach der Erkenntnis sucht, ob man auch zu Ende des 
19. Jh. die Tageskunst für die beste aller möglichen Kunstweisen hielt. — Sowohl 
ein Künstlerbuch, ebenfalls von M ei ssner***), als eine Künstlermonographie, diese 
von Bierbaum^*^), beschäftigt sich mit Stuck. Bierbaums Arbeit sei als be- 
sonders wertvoll hervorgehoben. — Die Wiener Künste begannen nun auch endlich 
gegen den alten Schlendrian des Ausstellungswesens sich zu erheben, indem sich die 
Jungen selbständig machten. B a h r ^*8) begleitet die Secessionsausstellung in Wien 1898 



Kanst: Kanst n. KniiBthandwerk 1, S. 81-96. — 232) H. Sohniid, Klinger. (» Kfinstler-Vonogntphien N. 41.) Bielefeld 
Q. L., Velhagen ä, Klaaing. 184 8. Hit 104 Abbild. M.4,00. - 233) P. H. Meiasner, H. KUnger. M D. Kflnstlerbncb N.S.) 
B., Sobnster A Uffler. 134 S. M. 3,00. - 234) X A. Lamm, H. Rlinger: ümsohau S, S. 217,9, 239-42. — 235) X B. 
Haendcke, H. Klinger »U K&nstler. (s Ueber Kanst d. Neuteit X. 2.) Strusbnrg. HeiU. 64 S. M. 1,00. - 236) X C. 
Scbnobardt, H. Klingen „Krensigiing'* in HannoTer. Hannorer, Sobmorl A Seefeld. 32 9. H. 0,60. — 237) X Klinger n. 
Stnek: Orensb. 8, S. 53/5. - 238) X F. Serraes. Klinger: NDB«. 9, S. 414-25. — 239) P. KQhn, M. Kliager« Cbrietvt 
im Olymp. L., Naumann. 1898. 16 S. (Niobt im Baohbandel.) — 240) F. Stern, M. Klingers Mensohbeitapbantaeien. B., 
Sobnater A Lfiffler. 1898. 150 S. H. 2,00. ~ 241) Herraine Diamer, F. r. übde n. leine Kamt: DR. 1898, S. 67-67. - 242) 
Hngo Ernst Scbmidt, M. Liebermann: Zaknnft 13, d. 234/7. — 243) X I'- SohAnboff, M. Liebermann: SeeialietMb. 8, 
S. 269-74. — 244) XC^MaUowaky, Nenes Ton H. Liebermann: DKnnat. 8. S. 190/1. — 245) F. H. Meiesner, F. Staok: 
KnnatüZ. 9S S. 1-82. - 246) id., F. <>tnck. (s D. Kfinetlerbnch N. 8.) B., Sobnater A UfAer. 117 S. M. 3,00. — 247) 
0. J. Bierbanm. Stack. (» Kftnaüei-Monograpbien N. 42.) Bielefeld n. L., Velbagen A Klasing. 148 9. Mit 157 Abbild. M. 4,00. 
— 248) B. Babr, D. Seoeaaion: Zeit^ 17, S. 105, 121)8, 185, 208/4; 18, S. 41^, 74, 181/5. - 249) W. Pastor, D. Berl. 



C. Gurlitt, Kunstgreschiohte. 1898, 1899. I 9:8W-274 

mit dem empfehlenden und erklärenden Wort. Für die Kenntnis der jungen Oester- 
reicber sind die Aufsätze schon um der völligen Vertrautheit B.s mit dem Wiener 
Leben von einschneidender Bedeutung. Eb handelt sich dabei um einen der Wende- 
punkte im künstlerischen Leben Wiens und daher um Stimmungsbilder, auf die der 
zukünftige Historiker hingewiesen werden muss. Denn die Aufsätze bilden nicht eine 
planmässige Folge, sondern erweisen sich überall als das Echo der in Wien zur Zeit 
am lautesten erUingfonden Stimmen! So in Ablehnung wie in Zustimmung. Und das 
ist um so lehrreicher, weil B. absichtlich sich von der Tagesstimmung bewegen 
lässt, weil er Ausdruck dieser sein und aus ihr heraus zum Führer sich entwickeln 
will. Man lese den Schluss der Aufsätze! — - Eine entsprechende Schilderung der 
äusseren Sachlage in Berlin im Juni 1899 giebt Pastor^*®). — Die Malerschule 
von Worpswede setzte ihren Eroberungszug durch die deutschen Kunstausstellungen 
fort250) xmd veranlasste dadurch manche Feder zur Erklärung ihres Wesens. — 
G e r d e s^*^) thut dies als dem Kreise persönlich Nahestehender.**^~^*^j — S p o n s e P**) 
behandelt nur einen der Genossen, H. Vogeler. Die ausgiebige und gute Illustrierung 
seines Aufsatzes sei hervorgehoben. — Unter den Modernen wird Leistikow**'"***) 
als der „Beherrscher der Fläche", der „Meister des Umrisses" gefeiert. — Lebhafter 
noch war die Anerkennung, die L. von Hofmann fand. P astor2*9-2«o^ feierte das 
Musikalische in seiner Art. — Scheffler^**) wies darauf hin, dass die Kritik so 
gern namentlich Maler auf die ihr gerade richtig erscheinenden Gebiete hinweist und 
ihnen einen Uebergriff übel nimmt: Hofmann werde als „dekorativ" verhöhnt, weil 
nach Ansicht der Kritik der Maler nicht dekorativ sein solle, er sei denn „Dekorations- 
maler**. Dem stellt Seh. eine feine Darstellung des eigentlichen, farbig romantischen 
Wesens Hofmanns, der phantastischen Farbenstimmung in seinen. Bildern entgegen. 

— Schultze-Naumburg 2«*) schreibt über L. von Hof mann. Es lie^ eine 
Garantie dafür, dass der Aufsatz Hofmanns Art verständnisvoll behandelt, m dem 
Umstände, dass der Vf. selbst ähnliche künstlerische Ziele verfolgt.^'^) — 

Bildhauer. Es war eine vornehme That und sie geschah in vornehmer 
Ausführung, dass Treu^'*) den deutschen Philologen und Schulmännern bei ihrer 
44. Versammlung die Stellung der modernen Kunst zu Winokelmann und zur Nach- 
ahmung der Antike darlegte. Damit wies er den Weg aus der Versumpfung zun! 
Leben, zum fördersamen Verständnis der eigenen Zeit, die den Schulmännern so 
dringend not thut. Wie notwendig das ist, das beweist die Hilflosigkeit, die sich bei 
späteren Beratungen über das Kunstthema bemerkbar machte. — Die frühere Be- 
geisterung für die antikisierende Plastik flaut mehr und mehr ab. Thorwaldsen und 
Hauch finden nur noch vereinzelte litterarische Freunde^'^). — Drei Briefe Danneckers 
aus den J. 1810—15 an einen Freund, die Win 1 1 er lin^**) veröffentlichte, geben 
einen hübschen Einblick in den Gedankenkreis des Künstlers, seine Art, über Be- 
stellungen zu urteilen und sich selbst einzuwerten. — Um so lebhafter war der Anteil 
an einem Werke, das ein in Rom lebender schwäbischer Bildhauer, Josef von 
Kopf^*''), herausgab. Es ist dies nicht nur wegen des Mannes, eines feinen und 
kräftigen, namentlich im Bildnisse ausgezeichneten Meisters und geistig hervorragenden 
Mitgliedes der Römischen Künstlerkolonie, lesenswert, sondern auch wegen der zahl- 
reichen Beziehungen, die er zu bedeutenden Menschen auf dem Völkermarkt zu Rom 
gewann. Overbeck, Cornelius, Böcklin, Feuerbach, Makart, Begas, Andreas Achen- 
baoh, aber auch manche Persönlichkeiten von Adel der Geburt und des Geistes 
treten in den Erinnerungen des Künstlers auf. Unterhielt er doch seit 1852 in Rom 
eine Werkstätte, die zu immer höherer Bedeutung emporwuchs und ihm immer leb- 
haftere Anerkennung und reichlichen Besuch zuführte.^*®"^'®) — Des Wiener Bildhauers 
Tilgner Tod hat überall die herzlichste Teilnahme und dankbare Würdigung seines 
Lebenswerkes herbeigeführt^^*). — Für denjenigen, der sich sachlich über Tilgner 
informieren will, giebt der Aufsatz Seh öl ermann s^'*) einen trefflichen Anhalt.*'' '2'*) 

— Auch Vincenti *'*) widmet Tilgner einen von ehrlicher Begeisterung und warmer 

8«eMtion: Zbü^. 19. 8. 178/3. (Allgem. hittor. Batnohtnng.) - 250) X E- Schiffer, D. Worpsweder: MFPr. N. 12160. — 
251) J. Gerde 8, Worpswede. Bremen, Wiohmann. 98 S. M. 1,60. — 252) XPWarnoke, Worpswede: ZBK. II, 8. 19-29, 
176-85. — 253) X K. Krnmmacher, D. Halerkolonie Worpswede: WIDM. 86, 8. 17-28. - 254) X P- Sohnmann. D. 
Worpsweder Halersohnle: lUZg. 112. 8. 230.4. - 255) X H. Harshall, D. Worpsweder: DKanst. S, 8. 801/4. -> 256) J- L. 
Sponeel, H. Yoreler- Worpswede: DKansUDekoration. 4, 8.293-909. - 257-258) W. Lelrtikow: Dekorative Kunst 3, 8.283/4. 

— 259-260) W. Pastor, L. ▼. Hofmann: Zeit^. 20, 8. 108/9. - 261) K. Scheffler, L. t. Hofmann: Zaknnft 28, 8. 801/5. 

— 262) P. Schaltse-Nanmbnrg, L. r. Hofmann: Kunst f&r Alle 14, 8. 212/5. - 263) X ^' ▼• Hofmann: DekoratlTe 
Knnst 4, 8. 2,3. — 264) O. Trev, Wlnekelmann n. d. n«oe Bildhauerei. (« Verhandl. d. 44. Versamral. dtseh. Philol. .n. 
SehnlmAnner in Dresden. 8. 17-21.) — 265) X Th. Held, B. Thorwaldsen u. Ch. Banch: SamrolerB. 18. 8. 295/7. — 266) 
A. Wintterlin, 8 Briefe d. Bildh. J. H. Dannecker an seinen ehema). Karlschule- Uenossen d. General G. F. Soharffenstein: 
Hie gut Wfirtt. allewege 1. 8. 959- 64. — 267) Josef r. Kopf, Lebenserinn. e. Bildhauers. 8t., Dtsoh. Verlagsanst. 1898. XIIV, 
544 8. M. 8.00.-268) X O. L&tgens, B. dtsoh.-rdmischer Bildhauer: Geg. 55, 8.57-60. (J.Kopf.) - 269) X A. Wiohard, 
E. sehw&b. Kftnstler in Rom (J. r. Kopf): BBSW. 1897. N. 3/4. - 270) X 8. M&ns, E. dtsoh. Bildhauer in Born: Nation". 16. 
8. 848-50. (J. Kopf.) - 271) XJ- J- David, V. Tilgner: ib. 18, S.460/2. - 272) W.Sch 5 1er mann, V. Tilgner: DNekroIog. 1, 
8. 276/9. - 273) X A. Bosenberg, V. Tilgaer: VolhKlasUh. 1397:2, 3. 1-19. - 274) X J- J- DuTid, Y. Tllgaer: ML. 65, 



I 9: «75-190 C. Garlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

Freundschaft diktierten Nachruf. — Ueber Begsa schrieben Wolf-Harmer"*) 
und E e s t n e r^''''), letzterer im Anschluss an A. G. Meyers Monographie über den 
Meister. — Die innere Verwandtschaft der Bildnerei Volckmanns mit der Antike 
re^ unwillkürlich zum Vergleich mit Gano^a, Mengs und den Späteren an. 
Schuman n^'^*) zieht diesen. Er findet bei dem modernen Meister einen engeren 
Zusammenhang mit der Natur. Die Schule von Marees und Hildebrand^ die neue 
Aesthetik der Bildnerei macht sich in ihm geltend. Es ist aber auch eine andere 
Kunst, die er schafift, als die sonst moderne: Darum verdient sie besondere Beachtung. 
Volckmann dürfte von den Altidealisten leicht für einen der ihrigen genommen werden. 
Sie klagen so oft, dass für den Realismus und Symbolismus massloser Reklamelärm 
gemacht werde. Aber hat man die alte Kritik für den jungen Klassizismus sich er- 
wärmen gesehen? Nicht die Anhänglichkeit an die Antike wollen sie gefördert sehen, 
sondern nur ihre Art Anhänglichkeit. Das ist der Grund des Zusammenbruchs. Sie 
sind nicht vom Geist Winckelmanns, der immer das Alte neu verstehen wollte: Sie 
wollen es so verstanden wissen, wie man es sie lehrte! — Klinger als Bildhauer 
betrachtet Treu *'*). Sein Aufsatz gehört jedenfalls zu dem Besten, was über Klinger 
gesagt wurde: Da ist kein Nachdichten und kein Anschwärmen, sondern die Freude 
eines Mannes, der durch einen anderen Ziele erreicht sieht, die er als die höchsten 
in der Kunst selbst geahnt und vorher festgestellt hat. Da ist eine innere Verwandt- 
schaft, die den Beschauer beide Männer erkennen und verstehen lehrt Sie erläutern 
sich durch Feststellung des Gemeinsamen. Wenn diese Berichte einen Zweck haben, 
so ist es der spätere, über das zeitgenössische Verhältnis zwischen Schrifttum und 
Kunst die Wege zu weisen. T.s Ansichten werden später vielleicht nicht geteilt 
werden, aber sie werden ein wichtiges Zeitzeugnis bleiben. — 

Zeichner und Radierer. Der Aufschwung in den graphischen 
Künsten konnte nicht ohne litterarisohen Rückschlag bleiben. Gugitz"*) spricht 
der Verbreitung der Kunst durch die Pflege graphischer Künste in einem Aufsatz 
das Wort, der recht bezeichnend ist durch den höhnenden Ton, mit dem die thöricbte 
Welt von G. behandelt wird. So wiH's einmal die Mitarbeiterschaft an einem 
„modernsten" Blatte. — Hau shof er^^®) giebt über Wesen uiid Fortgang der 
Karikatur einen kurzen üeberblick in einem Vortrag, der gewiss manches Be- 
achtenswerte bot. — Durch solche Studien kam man auch auf erneute Wertschätzung 
Vergessener. So auf Th. Hosemann*»*). Dieser hat seine beste Zeit als Illustrator 
und Lithog^ph in den fünfziger Jahren des 19. Jh. gehabt. Von seinen Arbeiten 
werden einige Proben gegeben*®*)^ — Ein Gedenktag in Oberländers Leben führte 
zur Beurteilung seines Wesens. Hansson*»^) schrieb einen längeren Aufisatz mit 
obligatem Hohn gegen die „hochwohlgeborene akademische Kritik", dem dann eine 
lesenswerte Abhandlung über Oberländers Schaffen folgt. — Aus Schmidkunz***"***) 
Aufsatz notierte ich mir Oberländers Ausspruch: „Wenn ich das Wort Witz höre, 
wird mir schon übel." Seh. giebt auch an anderer Stelle einige Aussprüche und 
Daten aus Oberländers Leben und bespricht neben seiner Thätigkeit für die Fli^^enden 
Blätter auch die Gemälde. — Servaes*®') bespricht ein Bild H. Baluscheks, das in 
Berlin seiner Ansicht nach nicht angemessene Würdigung fand, und geht zur 
Schilderung der Gesamtleistung seines Schützlings über. Ob er nicht den Ton etwas 
zu voll genommen hat, das wird erst die Zukunft zu entscheiden haben. — Einen 
weiteren Zeichner, den eben verstorbenen Tschechen L. Marold, behandelt H o 1 1 a n d*®'). 
den ausgezeichneten Radierer Peter Halm Weizsäcker^«») in einem vortrefflich 
dessen Kunst zur Geltung bringenden Hefte der Wiener Gesellschaft für verviel- 
fältigende Kunst. — Allgemeine Fragen behandelt Lange^®®). — 

Kunsthistoriker. Justis^»») Winckelmann erschien in zweiter Auf- 
lage. Es ist nicht Aufgabe dieser Zeilen, neues Lob zu dem festen und sicheren 
Schatz an solchem hinzutragen, den das berühmte Buch bereits besitzt. Die zweite 
Auflage bezeichnet sich ak „durchgesehen", nicht als Neubearbeitung. Seit dem 
Erscheinen des ersten Bandes erster Auflage sind dreissig Jahre vergangen. Sehr 
lesenswert ist die Vorrede : Sie stellt das Verhältnis der zweiten Auflage zur ersten 
fest, vor allem das Verharren J.s in seinen grundsätzlichen Anschauungen. Ich werde 



8. »78/6. » arS) K. ▼. Vincent!, V. Tilgn^r: Kunst fftr Alle 18, 8. 17-80. ~ 276) S. Wolf-Harmer, B. Be^u: Btr 28. 
8. 570/8, 581/8, 598/4. — 277) E. Kestner, B. Beffu: NatZg. N. 190. - 277») P- Sohnmann, A. Volokmnnn: Knnat n. 
Knnstbandwerk 8, 8. 178-81. - 278) 0. Treu, M. RUnger »In Bildhauer. L., E. A. Seemann. 4«. 89 8. Mit 4 Tafeln. 
M. 6,00. — 279) O. Ongits, Oraphisehe K&nste: Ver saornm 2, N. 7. — 280) M. Hanehofer, Theorie n. 0«aoh. d. 
Karilratnr: Knnst n. Handwerk 49, 8. 250. (Beferat.) - 281) X f- Weinits. Th. Hosemann: ZB&oherfrennde. 8, S. 878/8. - 
282) X id-* Th. Hooemann. (== SGYBerlin. N. 84.) B.. Mittler. 1898. 71 8. Mit 10 Abbild. M. 1^. - 2SS) OlaHansoon, 
Ad. Oberl&Bder: Zukunft 16, 8. 686-49. — 284) H. Sehmidkuni, Meisler Oberlinder: DB. 1896: 4. S. 880-31. — 285) 
id., Ad. Adam Oberlftndor: Kunst-Halle 8. 8. 196/8. - 286) F. Serraes. D. Berliner OaTarni: Zeit w. 19, 8.90/1. (H. Balusebek.) 
— 267) H. Holland. L. Marold: DNekrolojj. S. S. 164;5. - 288) H. Weiisicker, Peter Halm. Wien, Oes. für venrielf. 
Kunst. 1896. Fol. 14 8. Mit 6 Tafeln u. 16 Abbild. M. 18,00. — 289) K. Lange. D. moderne Holtsrhnitt u. seine Suk.: 
Oransb. 8, 8. 820/6, 870/7. — 290) C. Jnsti, Winckelmann n. seine Zeitgenossen. 2. Aufl. 8 BJe. L.. Tog«]. 1S9S. YI, 489 8.; 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9:29i-2«e 

der letzte sein, ihm hieraus einen Vorwurf zu machen, wenn ich gleich umgekehrt 
es für meine Pflicht halten würde, meine Ansichten geändert zu haben, da ich an 
eine „richtige" kritische Stellung nicht glaube, sondern daran, dass alle Kritik Zeit- 
ausdruck sein soll, weil sie es sein muss und weil sie es thatsächlich ist. Hier heisst 
es nicht feststehen, sondern erklärend mitgehen, womöglich lehrend vorausgehen! 
Mir ist das Buch daher historisch wertvoll als ein Bekenntnis der 1860er und 70er Jahre, 
nicht als eine Schöpfung, mit der man aus unseren Anschauungen heraus rechten soll. 
Zu dieser Zeit gehört die deutsche Ansicht, dass die Kunst, zu deren Kommen Winckel- 
mann so Grosses leistete, einen der Höhepunkte im Schaffen aller Zeiten darstelle, 
und dass durch sie das deutsche Volk zur vorherrschenden Kunstnation geworden 
sei. Die ästhetische Zielklarheit und die geistige Vertiefung in die Antike habe dies 
bewirkt. Dies alles ist, wie ich glaube, inzwischen als eine Zeitauffassung erkannt 
worden, die zu Ende des 19. Jh. nicht mehr gelten kann. Schriebe ein Moderner 
das Buch, oder wollte er es überarbeiten, um es modern zu machen — was nach 
meiner Ansicht ebenso klug wäre, als wollte man den Winckelmann selbst modernisieren 

— so würden mir, abgesehen von der Kritik, vom ästhetischen Standpunkte folgende 
Aenderungen nötig erscheinen: Umwertung des Urteils über die Kunst vorWinckel- 
manns Auftreten, namentlich über die klassizistischen Bestrebungen der älteren 
Bildnerei und damit Beschränkung der Bedeutung Winckelmanns als Neuerers und 
stärkere Betonung seiner Vorgänger in Frankreich und England und ihrer Bedeutung 
für das Kunstleben in Rom. Die Zeit von Winckelmanns Aufenthalt in Rom (1755—68) 
ist auch für die englische Kunst entscheidend gewesen. Vor ihm war Reynolds dort 
gewesen, Qavin Hamilton dürfte wohl mehr Anerkennung verdienen: Die Anfänge 
von jener Kunst, durch die später David die Welt eroberte, fallen in Winckelmanns 
Zeit ebenso, wie die des deutschen Klassizismus. Nicht minder sind für das Gesamt- 
bild doch die französischen Bestrebungen bedeutender, als sie bei J. erscheinen. Und 
bei dem internationalen Wesen des römischen Lebens spielen dort die Anregungen 
stärker hinüber und herüber als sonstwo: Wenn beispielsweise Winckelmann mit dem 
Erbauer der Villa Albani, Clerisseau, in Beziehungen trat, so musste er auch den 
gewaltigen Unterschied zwischen dem Rokoko, das er in Dresden verlassen hatte, und 
der Pariser Architektur spüren, die in das Joch der Aufklärung zu gehen und den 
Messidorstil vorzubereiten sich anschickte. Er musste von Clerisseau auch erfahren, 
dasB es eine andere Kunst war, die dieser in Rom ausübte, wie die, welche dessen 
Freund Adam in London und Soufflot in Paris ins Leben riefen. Ebenso in den 
anderen Künsten. Trotz J. fehlt uns noch das Buch, das uns das römische Leben 
der 2. Hälfte des 18. Jh. in seiner ganzen Vielseitigkeit schüdert. Es war vielleicdit 
nicht Absicht J s, ein solches zu schaffen. . Er Magt sich ohnedies schon der zu 
zahlreichen „Episoden" an, nennt es aber doch ein Gemälde der geistigen Bewegungen 
jenes Jh. Sollte dies völlig zutreffend sein, so musste es noch mehr die internationale 
Seite des damaligen Geisteslebens hervorheben. — Mit Winckelmanns Persönlichkeit 
beschäftigt sich VogeP"^), indem er eine auf der Leipziger Universitätsbibliothek 
befindliche Zeichnung Casanovas veröffentlicht, auf der Winckelmann im Relief- 
medaillon dargestellt ist. — Jakob Burckhardts Tod machte sich vielfach in den 
Zeitschriften bemerkbar**^). Paulis*®^) Aufsatz ist wertvoll durch persönliche 
Erinnerungen des Schülers an die Vorträge des Altmeisters. — Leisching"*) 
stand im Leben dem gleichfalls verstorbenen Bruno Bucher besonders nahe, er war 
auch berufen, im Blatte des Wiener Museums für Kunst und Kunstindustrie ihm den 
Nachruf zu schreiben. — Ueber einen dritten Toten, Th. Seemann, schreibt Li er***). 
Eigentümlich ist diesem Bericht der Mangel historischer Forschung. So erweist sich 
L. auffallend unwissend über die frühere Zeit von Seemanns Thätigkeit, seine 
eigentliche kunstwissenschaftliche Produktion. Was er hier sagt, ist nicht nur höchst 
düifti^, sondern direkt verkehrt. Eine alle Einflüsse berücksichtigende, wirklich 
geschichtliche Darstellung lässt sich auch in der Kürze der Zeit, die auf die Aus- 
arbeitung solcher Artikel verwendet wird, unmöglich herstellen. Der DNekrolog. 
aber sollte sich ein solches Urteil über einen eben Verstorbenen, und war es auch 
nur einer der Kleinen im Geist, verbitten. Entweder keinen Nachruf, oder den eines 
Mannes, der sich die Mühe giebt, vor dem Schreiben nachzuforschen und nachzudenken. 

— Fr. von Bezold^*') wies auf Hefner- Alteneck hin, den verdienstvollen Leiter des 
Münchener Nationalmuseums, der zwar in späterer Zeit mit der Entwicklung der 
Kunstgeschichte nicht recht Schritt halten konnte, einst aber für die Erhaltung und 
Erforschung heimischer Kleinkunst sehr Bedeutendes leistete. — 



IV, 874 S.; IV, 428 S. H. 3«,00. |[A. Pbilippi: Oranxb. 8. 8. 180/6; J. Bruns: PrJbb. 95, 8. 3U/9.]| - 291) J. Vogel, 
HocbmaU d. Bildniste Winekelmannt: ZBK. 11. 9. 92/'. - 292) X J- Bnrcbbardt: RMsegna bibliogriiftca delU lettonitara 
lUliane 1898*. S. 32/5. — 293) 0. Penli, J. Bnrcbhitrdt: ZBK. 9, 8. 97-101. - 294) E. Leiscbing. B. Bneber: Evniit n. 
Kanttbandwerb 2, 8. 229-81. - 295) B. A. Li er, Tb. Seenann: DNebrolog.3. 8. 26ö. — 296) F. t. Besold, J. E. t. Hefner- 



I 9:297-aM C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. 

Verschiedenes."') Darüber, wie die alten Akademien beschaffen 
waren, belehrt uns Hab ich"*). Sein Aufsatz giebt vor allem Bilder, Darstellungen 
der Akademiesäle und der in ihnen Arbeitenden, und damit einen praktischen Einblick 
in die Lehrmethode der Kunst seit dem 16. Jh. Dazu bietet der Text Anmerkungen 
zur Geschichte des akademischen Unterrichts.^®*) — Aus der wachsenden Litteratur 
über Bauemkunst sei ein Aufsatz von Schwindrazheim ^^^) genannt. ~ Von 
der Neigung, die Biedermeierzeit in ihren Leistungen wieder anzuerkennen, spricht 
die Aufmerksamkeit, die der Silhouette sich zuwendet^®*): Eine Sammlung, die 
der fürstlich Schönburgsche Beamte Georg Friedrich Ayrer anlegte, enthielt 
1370 Silhouetten, von denen er die MehrzaM selbst anfertigte. Sie befinden sich 
noch heute im Besitz der Familie, der auch der verdienstvolle Herausgeber K roker*®^) 
angehört. Dieser giebt auf 50 Tafeln gute Reproduktionen nach den Bildern der 
berühmtesten Persönlichkeiten, die in der Sammlung sich befinden: Es haben die 
Grössen der Kunst und Litteratur aus dem letzten Viertel des 18. Jh. sich hier ein 
Stelldichein gegeben. — Die Bewegung im Kunstgewerbe hat vielleicht am stärksten 
die Gemüter erregt. Schwindrazheim^®^) untersuchte, ob die Männer, die als 
Führer ins Neuland der Kunst auftraten, ihre Aufgabe richtig erfüllt hätten, oder ob 
sie im Kampfeifer nicht zu arg vom Vorbilde des grössten deutschen Führers, von 
Bismarck, abgewichen seien, der ein Führer aus Bestehendem in Neues war, nicht 
ein Feind des Alten. ~ Tiefer ist ein Aufsatz des Münchener Philosophen Lipps****). 
Dieser bietet die Gnmdlegung zu einer neuen Aesthetik. Er überragt an Bedeutung 
turmhoch die Menge der ästhetisierenden Tageserscheinungen. Er untersucht den 
Unterschied zwischen Kunst und Kunstgewerbe. Nicht beruht dieser darin, dass ein 
Werk vom Verfertiger zu praktischem Gebrauch bestimmt sei, sondern auf der aus 
der Beschaffenheit sich ergebenden unmittelbaren Erkenntnis, dass es nach seiner 
eigenen Natur zu einem solchen Gebrauch bestimmt sei. Dem kunstgewerblichen 
Werke muss man ansehen, dass es zur Zweckerfüllung geschaffen sei, und wenn es 
auch nur diesem Zwecke zu dienen „scheint", wie etwa ein venetianisches Glas oder ein 
an der Wand hängender Majolikateller. In solchem Werke vollbringt jeder Teil 
eine materielle Leistung: Der Fuss des Venetianer Glases trägt, die Füsse einer 
Bronzeetatue tragen aber nicht, sondern smd ein Teil des Ganzen. Denn Sinn und 
Inhalt des Glases ist ein Glas zu sein, Sinn und Inhalt der Statue, einen Menschen 
darzustellen. Weiter greift L. auf seine bekannten Theorien von dem Einleben des 
Beschauers in die Formen zurück: Die Spirale sieht man nicht nur, sondern man 
sieht in ihr Bewegung; sie lebt. Und in der Bethätigung dieses Lebens liegt für 
uns die Ursache, sie schön zu finden: Sie wird uns zur schönen, ausdrucksvollen 
Linie. So geht L. von der Ansicht aus (vgl. seine „Raumästhetik und geometrisch- 
optische Täuschungen, 1897), dass alle Formen ihre ästhetische Bedeutung dem in 
ihnen scheinbar verkörperten Leben verdanken. Aber nicht nur Formen sind für 
uns lebendig, auch Stoffe haben „Charakter". Das beweist L., indem er auf den 
Unterschied der Bewegung Ln einer Statue und einer Vase hinweist. Bei der Statue 
bewegt sich nicht das Material (der Stein), sondern die dargestellte menschliche Gestalt; 
in der Umrisslinie des Gefässes liegt aber keine solche Gestalt, hier bewegt sich der 
Thon, die Bronze: Sie quillt vor, biegt sich aus, zieht sich ein: Es bewegt sich die 
Form, das räumliche Gebilde. Bei der Statue ist die Form menschliche Form und 
daher das Leben menschlich, beim technischen Kunstwerk ist die Form Raumform, 
das Leben ist hier ein solches, wie es überall im Raum vorkommt, Wirkung mechanischer 
Kräfte. Es folgt daher auch mechanischen Gesetzen. Im technischen Kunstwerk 
bildet der Teil also eine Individualität, die auch individuelle Ausgestaltung verträgt. 
Der Teü erscheint uns im Lichte lebendigen Thuns: Die Säule trägt, der Balken 
überspannt. Es wird der Ausdruck dieses Thuns, erheischt daher eine Darstellung 
dieses Ausdrucks, die nicht auf materiellen Forderungen beruht, sondern auf 
ästhetischen. Die Säule trägt materiell auch ohne Basis und Kapital. Der Künstler 
wählt eine materiell nicht notwendige Form, indem er das in der Kemform liegende 
Leben zur Gestaltung bringt, und zwar bringt er entweder nur die materiellen 
Funktionen zur anschaulichen Gestaltung, oder er sucht durch angefügte Formen ihren 
Ausdruck lebendig zu machen. Schon die schmucklose Form des technischen Kunst- 
werkes ist ihrem Wesen nach Schmuckform, denn sie bringt die Funktionen rein zum 
Ausdruck; schon in ihr ist eine „Thätigkeit^S der Steinquader ist nicht mehr Stein, 
sondern Träger, also ein belebtes Wesen, er gebärdet sich steinwidrig, streckt sich, 



AlUnMk, MnMsmtdirtlior: XQNtf. S. 76-87. - 297) X Vom Münitor ra StraMbnrg: KBOV. 47, 8. 168. - 298) O. Habieh, 
Alte s. B«ao Akad«ni«i: Kvntt fttr Alle 14, 8. 887-46. — 299) X ^- VvrtwAagUr, ü«b«r KaDitnmimlangtB lo alter a. 
neuer Zelt. Feitrede. MBachen, Fraas. 80 8. tf. 1,00. - 300) 0. SohwiDdrasheim. Dteoh. Banerakvast: Kyaait l, 8. 209-80. 
* 801) X AaaaCorsep.Die Silhonette. Ibre Oetehiobte, Bedeatir. «. Verwendg. L.. Haberlaad. 88 S. Uit 87 Abbild. 
M. 1.00. — 308) E. K reber, D. Ayrereche SilbonettcDfanmlang. B. Featgabe an Goethes 160. OebarUtag. L, DleUrieb. 
4*. lY, 48 8. Hit 60 Tafeln. H. 16.00. - 303) 0. Sohwindraibeim. Ftbrer: Kaaet n. Haadwerb 49. 8. 22-88. — 804) 



C. Gurlitt, Kunstgeschichte. 1898, 1899. I 9:S06-808 

lastet, hebt empor, handelt. In diesem Sinn wirkt die Sohmuckform ästhetisch -sym- 
bolisch, sie ist für die unmittelbare Anschauung (nicht thatsächlich) Träger, Ver- 
körperung irgend eines Lebens oder Thuns. Diese Symbolik ist entweder stofflich, 
oder immanente Funktions-Symbolik, oder auch zweckliche Symbolik. Schliesslich 
kommt L. auf die Grundfrage zurück: Man sollte wissenschaftlich nicht Kunst 
und Kunstgewerbe unterscheiden, sondern Künste der reinen und Künste der materiell 
bedingten Form. Die Aufgabe beider Kunstarten ist eine andere: Beim Kunstgewerbe 
bildet die Eigenwilligkeit des Materials die Basis, bei der Kunst bUdet es die Schranke; 
das Kunstgewerbe gestaltet die Formen aus dem Leben des Materials heraus, die 
Kunst gestaltet das Leben in das zu formende Material hinein, ohne Rücksicht auf 
das Leben des Materials, nur mit der, ob das Material den gewollten Lebensausdruck 
gestattet. — Nicht minder bemerkenswert sind Schultze-Naumburgs 30&-307j 
Arbeiten. Sein Buch über häusliche Kunstpflege ist eine hervorragende Arbeit, ein 
Beweis frischen Durchdringens der Aufgabe, die dem Hause in den Bestrebungen 
der Kunstbeförderung zufallt. Kein Gerede, sondern ein Hinweis auf verständiges, 
sachgemässes Handehi. Nicht ganz in gleichem Masse kann ich seiner Behandlung 
der Kleiderfrage zustimmen, in der Sch.-N. von der Betrachtung der Schönheit des 
nackten Menschen ausgeht. Dahin wird ihm aber die Menge schwerlich folgen. 
Wie wenig der moderne Mensch in Beziehung zum Nackten steht, zeigt eben sein 
Verhältnis zum bekleideten Menschen. Dieser lebt unter ganz anderen Schönheits- 
verhältnissen: Jeder Mann weiss, dass ein übergrosser Busen geradezu unappetitlich 
ist, dass eine enge Taille nur auf Kosten der Schönheit der Gestalt erzeugt werden 
kann, und dass die Formen des Gesässes durch den Umfang nicht an Reiz gewinnen. 
Aber immer wieder hat die Mode durch allerlei Mittel die Gestalt der Frau um- 
gestaltet, und zwar die Mode, die da weiss, wie die Frau den Männern gefällt. Es 
wird also zunächst nicht eben viel helfen, dass man laut erklärt, wie hässlich die 
unbekleidete Frau sein müsse, wenn ihr Körper den Kleidern der „vornehmen" oder 
„üppigen" Erscheinung entsprechen sollte. Sie sehen sie ja doch nicht unbekleidet, 
ausser in den Augenblicken des Rausches; es kann ihnen thatsächlich gleichgültig 
sein, wie sie unter den Kleidern beschaffen sind, denn sie lieben und bewundern 
lediglich das angezogene Weib. Diese Erwägung beeinträchtigt aber nicht Sch.-N.s 
Verdienste. Er redet gemeinverständlich und offen. Sein Gedankengang ist klar und 
eindringlich, wenngleich nicht eben sehr vielseitig. Aber es liegt im Wesen seines 
Themas, das vor der grossen Masse entwickelt werden sollte, dass er gelegentlich 
mit Gemeinplätzen arbeiten musste. Ueberall entscheidet schliesslich ein sehr ernster 
und sehr feiner künstlerischer Sinn. Und die Art, wie dieser sich schriftlich äussert, 
hat etwas ungemein Anziehendes, so dass man Sch.-N.s Bemühungen auch um die 
allgemeine Erkenntnis dessen, worin eigentlich das künstlerische Wesen in der Aus- 
stattung unserer Umgebung liegt, nicht hoch genug anschlagen kann. — Schliesslich 
ein Hinweis auf einen der Umgestalter der künstlerischen Form im Gewerbe^*®), auf 
van de Velde. Der Aufsatz überstürzt sich in Begeisterung. Man spürt es dem Vf. 
(Meier- Graefe?) überall nach, dass er die Absicht hat, der Welt den belgischen Meister 
um die Ohren zu hauen, dass ihr Hören und Sehen vergehe. Das was Entsetzen 
beim Bildungsphilister erregt, das ist das Klärende, Gute, Grosse! Alles Gewesene 
ist mausetot. So ist's auch recht, die Mutter muss allemal beim Gebären sterben: 
Van de Velde ist die abnorme Intelligenz, die offenbarte Vernunft, der unaufhaltsame 
Sieger, dem von allen Traditionen nur die revolutionäre blieb! — 



Th. Li PPS, Kanat vnd Knnstgawerbe : ib. 8. 87-99. — 305) P. Sokaltie-Nttamb«rg, HAasl. Knnetpflegeu Mit Bneh- 
■ehmak T. J. V. CiiMtn. L., Died«richt. 142 8. M. 8,00. > 306) id., Z. Kanitpflege: Kw. 12>, 8. 46/9, 78-80, 217-80. - 307) 
id., U«b6r Kanitpllage im Mittelstand: ib. 8. 11/5, 87/9, 168/6. - 308) H. m de Velde: Dekorative Kunst S, 8. 2-48. — 



Jabreeberiehte ftr menere denieohe LltteratargMeblebto. X. (1)15 



R. Lehmann, Die Litteratur in der Schule. 1899, 1900. I 10 : i-iä 

1,10 
Die Litteratur in der Schule. 1899, 1900. 

Rudolf Lehmann. 

AIIgemeineB und MethodologisoheB N. 1. — Methodische Erl&aternngB8chrif(en N. 31. — Methodik des Anfsate- 
nnterriohts N. 37. — Hfilfsmittel ffir den LektAreanterricht N. 56. -> Lesebftoher N. 143. — Litteratnrgesehiohten und 
Leitfäden N. 191. — 

Allgemeines und Methodologisches. Wenn auch umfassendere 
Arbeiten, die sich auf die verschiedenen Zweige des litterarischen Unterrichts 
erstrecken, in den beiden Berichtsjahren nicht zu verzeichnen sind, so giebt doch 
eine grosse Anzahl einzelner Erörterungen und Untersuchungen davon Kunde, 
wie lebhaft die Interessen und Bemühungen sind, die dem Ausbau des deutschen 
Unterrichts zugewendet werden. Zunächst sind einige Veröffentlichungen zur Geschichte 
desselben ^"2) zu verzeichnen, unter ihnen ein Ergänzungsband zu der im vorigen 
Bericht eingehender besprochenen Entwicklungsgeschichte des Volksschullesebuches 
von Bünger^). Er enthält eine eingehende Bibliographie des Volksschullesebuches 
und der nächst verwandten Litteratur und erhöht damit den Wert des Werkes, der 
hier bereits anerkannt worden ist. — Unter den Programmabhandlungen und den Zeit- 
schriftartikeln, welche der Erörterung einzelner methodologischer Fragen gewidmet sind, 
seien zunächst die drei kurzen Aufsätze genannt, die G r o s s e *) in einem Programm 
unter dem Gesamttitel „Zum Deutschen Unterricht" veröffentlicht. Sie sind „nicht 
hauptsächlich für Fachgenossen, sondern für einen weiteren Leserkreis, insbesondere 
auch für die Eltern berechnet". Der erste tritt für die mittelhochdeutsche Original- 
lektüre ein und nimmt im Zusammenhang hiermit den Vorschlag Rudolf Lehmanns 
auf, das Nibelungenlied in Uebersetzung oder Prosabearbeitung bereits in Ober-Tertia 
zu lesen. Der zweite Artikel verlangt ebenfalls zum Teil in Anschluss an Lehmann 
eine eingehendere Lektüre Luthers und Hans Sachsens in Ober-Tertia. Der dritte 
warnt vor einer übertriebenen Berücksichtigung der geschichtlichen Quellen bei der 
Lektüre von Dichtungen, — durchaus mit Recht, wie denn alle drei hier erhobenen 
Forderungen massvoll formuliert und berechtigt sind. ^~^^) — Ueber die neuere deutsche 
Litteratur auf der Oberstufe der Mädchenschule giebt Violet*^) ein eingehendes 
Programm. Er opponiert gegen die Bestimmungen über das Mädchenschulwesen usw. 
vom 31. Mai 1894, soweit dieselben den deutschen Unterricht auf der Oberstufe be- 
treffen. Besonders zwei Punkte sind es, gegen die der Vf. sich wendet: der Aus- 
schluss der Litteraturgeschichte und die Nichtberücksichtigung der nachklassischen 
Lektüre. Ohne sich gegen die Fehler des Litteraturbetriebes zu verschliessen, und 
ohne die sachlichen und pädagogischen Schwierigkeiten zu übersehen, welche sich 
dem Unterricht in der Litteratur des 19. Jh. entgegenstellen, verlangt er gleichwohl eine 
eingehendere Beschäftigung mit dieser letzteren und stellt einen umfassenden Kanon 
der Dichter zusammen, deren Berücksichtigung ihm wünschenswert erscheint, während 
er einen „Index" der ungeeigneten unter den bekannteren Werken voranschickt. 
Dieser Feststellung des Lesestoffs fügt er eine Reihe von Vorschlägen über die 
Verteilung und methodische Behandlung desselben hinzu. Die Arbeit zeugt von ein- 
gehender Sachkenntnis und von Unabhängigkeit des Urteils; ob das, was sie fordert, 
nicht doch den Rahmen des Möglichen übersteigt, wage ich nicht zu entscheiden; 
doch scheint es mir zum wenigsten für eine Reihe von Einzelheiten der Fall zu sein. 
Die einschränkenden Bestimmungen der amtlichen Lehrpläne dürften immerhin das 
Verdienst haben, gegenüber dem an sich Wünschenswerten, dem Möglichen und that- 
sächlich Erreichbaren Rechnung zu tragen. Vielleicht jedoch geschieht das etwas zu 
ausschliesslich, so dass das Richtige in der Mitte läge. Unbedingt wird man den 
Schlussworten V.s beistimmen: „In einer Zeit, wo durch die ganze gebildete Frauen- 
welt ein begeistertes Streben geht, teilzunehmen an der geistigen Arbeit unseres 
Volkes, wäre es verkehrt, der höheren Mädchenschule diese Geistesnahrung verkümmern 
zu wollen, geschähe es auch in der besten Absicht und mit dem Scheine väterlicher 



1) X W. Kahl, E. Methodik d. dtiteh. ünterr. ans d. Mitte d. Torigen Jh.: ZDU. U, 9. 613*26. - 2) X M. Hergt, 
Beitr. s. Oeaoh. d. dtech. ünterr. an d. hnnanist. Gymn. d. Kgr. Bayern. Progr. d. Theresien-Gymn. München. 1900. 85 S. — 
3) F. Bftnger. Entwioklangsgesoh. d. Tolksschallesehnches. L, Darr. 1900. lY, 99 S. M. 2.50. (Erg&nsnngtband.) — 4) 
H. GroBte, Z. dtech. ünterr. Progr. Oreifenberg i. P. 4°. 12 S. — 5-6) XA 1fr. Biese, Gedunkeng&nge im dtsch. ünterr. 
in Prima: Lehrproben a. Lehrg&nge 1900, N. 66. — 7) X 0. Weissenfela, D. Bildnngsirert d. Poesie: ZGymn. 54, S. 328-401. 
— 8) X S- besser, D. Brkl&rg. dttoh. Gedichte im ünterr.: Lehrproben n. Lehrg&nge 1900, N. 68. — 9) X J* Vollert, Zu 
e. Kanon dtsch. Gedichte auf dem Gymn.: ib. N. 59, S. 62 ff. — 10) X P- Dörwald, Z. dtsch. ünterr. in d. oberen Klassen: 
Gymn. 17, S. 267-64 n. 289-96. — U) X H. Gu er icke, Z. dtech. Unterricht in d. Untersekanda. 2. Progr. Memel. 4«. 
16 S. — 12) X P- Korts, Dtsch. Nationalliti. auf d. Unterstufe d. Gymn. Progr. Nennkirchen. 40. 27 8. — 13) F. Violet, 
Jahr«tb«riohte für neuere deutsche Litteraturgesohieht«. X. (1)16 



1 10:14-17 U. Lehmann, Die Litteratiir in der Schule. 1890, 1.900. 

Fürsorge. Gerade je jnehr gute dichterische Erzeugnisse unsere Schülerinnen kennen 
lernen, je inniger sie sich gleichzeitig in die klassischen Meisterwerke vertiefen und 
ihren höheren Wert durch Vergleichung mit modemer Dichtung schätzen lernen, desto 
mehr wird der Wunsch der Maibestimmungen erfüllt: „das Beste, was der deutsche 
Unterricht der Schülerin ins Leben mitgeben kann, ist eine verständnisvolle Liebe 
zu Worten und Werken unserer Muttersprache." — Peinige interessante Bemerkungen 
über Litteraturgeschichte in der höheren Töchterschule enthält eine kurze Abhandlung 
von Necker^*). Der Erwägung und Beherzigung wert ist namentlich, was N. bei- 
läufig über den Litteraturunterricht auf dem Gymnasium bemerkt, dass er nämlich zu ein- 
seitig historisch verfahre und zu wenig auf die eigentlich ästhetische Seite und den 
Gedankeninhalt der Dichtungen selbst eingehe. „Wer die aus den philosophischen 
Seminaren hervorgegangenen Lehrer kennt, weiss, dass höchst selten einer diese 
Ergänzung zu geben im stände ist; einfach darum, weil er es seihst nicht gelernt 
hat." Ich fürchte, dass dieser Vorwurf nicht nur die österreichischen Verhältnisse 
trifft. — Eine Reihe hierher gehöriger Abhandlungen enthält das Buch von Biese**»). 
Den Gedanken, der diese vermischten Aufsätze zusammenhält, formuliert der Vf. im 
Vorwort folgendermassen : „Die Dichtkunst ist ein wesentlicher Teü der Erziehung 
für die Herzens- und Charakterbildung der Jugend, für die Weokung reiner und edler 
Gefühle und somit auch für die Stählung des sittlichen WoUens. So muss die Poesie, 
im engen Bunde mit den übrigen idealen Mächten, die Seele der Pädagogik bilden." 
Wenn dem entsprechend ein Teü der Abhandlungen allgemeinere ästhetische und 
pädagogische Probleme ins Auge fasst, ein anderer Teil sich an die Lektüre antiker 
Klassiker anschliesst, so gehört in unser Gebiet speciell ein Abschnitt „Zur Behandlung 
Lessings in Prima", eine Reihe von Betrachtungen „Zur Behandlung Goethes in 
Prima" (Tasso, Hermann und Dorothea, Iphigenie, Gedichte, die Sprache Goethes, 
„Goethes Mutter und der Humor"), endlich die Betrachtung „Ueber das Natur- 
schöne im Spiegel der Poesie, als Gegenstand des deutschen Unterrichts". Ich habe 
über das Buch ausführlicher in der WSKPh. 1901, N. 46 berichtet und will hier nur 
wiederholen, dass es eine Reihe willkommener Anregungen und fruchtbarer Gesichts- 
punkte bringt.**) — Unter den Schriften, die sich mit besonderen Teüen des Lektüre- 
unterrichts beschäftigen, hebe ich zunächst die Arbeit von Seiler*®) hervor. Im 
ersten, bei weitem längeren der beiden Abschnitte, welche sie enthält, bekämpft S. 
einen von Gaudig im 4. Bande des Wegweisers durch die klassischen Schuldramen 
unternommenen neuen Versuch zur Deutung des Katharsisbegriffs, dem gegenüber er 
wesentlich an der Bernaysschen Deutung festhält. Im zweiten Abschnitt stellt S. zu- 
nächst den engen Rahmen fest, innerhalb dessen eine Berücksichtigung dieser Frage 
bei der Lektüre der Hamburgischen Dramaturgie überhaupt möglich und statthaft wäre, 
bekennt sich dann aber zu der Meinung, „dass es heutzutage im deutschen Unter- 
richt das Geratenste ist, die Poetik des Aristoteles samt den Lessingschen Erläute- 
rungen dazu bei der Besprechung des Wesens der Tragödie und des Tragischen 
gänzlich beiseite zu lassen", und verlangt, „dass wir unsere dramaturgischen Schul- 
erörterungen überhaupt frei machen von dem Aristotelisch-Lessingschen Gängelbande, 
statt dessen die Dichtungen selbst heranziehen und aus ihnen und an ihrer Hand 
die Eigenschaften und Wirkungen des Tragischen entwickeln". Ich habe mich in 
meinem deutschen Unterricht gegenüber Laas schon lange zu ähnlichen Anschauungen 
bekannt imd kann daher auch S.s radikale Forderungen nur billigen. — Dem Geiste 
nach verwandt ist die Arbeit von Wohlrab*'). Derselbe warnt mit Recht vor der 
Ueberschätzung, die Freytags Technik des Dramas in der Litteratur und mithin 
vermutlich auch in der Praxis des deutschen Unterrichts vielfach zu teil wird. Er 
hebt hervor, dass Freytag sein Buch zu praktischen Zwecken und für junge Dichter, nicht 
aber als eine schulmässige Theorie des Dramas geschrieben hat, und indem er dem 
Werte des Buches gebührende Anerkennung zollt, weist er doch auf die Schranken 
und Schwächen hin, die diesen Wert sowohl an sich, wie auch besonders für die Schule 
beeinträchtigen: Sie beruhen darauf, dass Frey tag zu einseitig die Form der Darstellung 
ins Auge fasst. „Das Freytagsche Netzwerk kommt mir zu eng vor, um alles auf- 
zunehmen, was von den Griechen bis heute geleistet worden ist;" Er begründet diese 
Kritik des Näheren an Freytags Analyse des Hamlet und schüesst: „Der Weg, der 
vom Stoff zur Form führt, scheint mir nicht nur wissenschaftlich, sondern auch 
pädagogisch der empfehlenswertere zu sein. Die Schüler soUen nicht glauben, dass 
sich der Inhalt in eine, von vornherein gegebene unabänderliche Form einfügt — 
eine Auffassung, die in der That leicht die verkehrteste Vorstellung vom dichterischen 

D. nanare dtach. Litt, auf d. Oberatnfa d. höh. M&dohansohnle. Progr. B., Gaertner. 4«. 82 S. ~ 14) M. Naokar, D. Litt.- 
Oasoh. in d. höh. Töehtarschalen : Doknmenta d. Frauen 1899, N. 8. — 14a) A. Biete, P&dagogik n. Foaaie. Vermisehte 
Anfafttie. B., Qaartaer. YII, 820 S. M. 8,00. — 15) X P- Aly, D. Behandlnng d. dramat. Lektlire: ZGymn. 54, S. 700-21. — 
16) F. Seiler, D. ariatotel. Definition d. Tragödie im dtach. ünterr. (s= Featachr. d. Gymn. an Stolherg. Wernigerode. 1900. 
8. 47-71.) — 17) M. Woblrab, üeber die Verwertung t. Freytaga Technik d. Dramaa im Unterr. mit bes. Berftokiicht. t. 



R. Lehmann, Die Litteratur in der Schule. 1899, 1900. I 10:i6-s6 

Schaffen erregen kann, — sondern soll zu der Erkenntnis kommen, dass der Inhalt 
sich seine Form sucht, die deshalb so mannigfaltig ist, wie der Inhalt selbst.*' Diesen 
durchaus verständnisvollen und treffenden Worten ist gegenüber dem Schematismus, 
der sich in der Erläuterungslitteratur so vielfach breit macht, nachhaltige Wirkung 
zu wünschen. *^) — Grosse*^) giebt eine feinsinnige, von» intimer Kenntnis zeugende 
Zusammenstellung brieflicher und mündlicher Aeusserungen Goethes, bestimmt, die 
Lektüre der grossen Goetheschen Dichtungen auf dem Gymnasium zu ergänzen, und eine 
Einführung in seine ästhetischen und sittlichen Anschauungen zu geben. Namentlich 
die späteren Schriften und Altersgespräche, die dem Schüler sonst fern zu bleiben 
pflegen, sind berücksichtigt. Die Auswahl trägt in der vorliegenden Gestalt, trotzdem 
sie deutlich von allgemeinen Gesichtspunkten beherrscht wird, doch noch einen zu 
subjektiven Charakter, als dass man sie ohne weiteres zum Kanon für die Beschäftigung 
mit Goethe erheben möchte, wie der Vf. sie denn auch nur als Beilage zum Programm 
der von ihm geleiteten Anstalt hat drucken lassen. Aber die im Vorwort aus- 
gesprochene Idee, „diesen Versuch zu einem Lesebuch aus Goethe für ausgedehntere 
Privatlektüre zu erweitem", erscheint mir sehr glücklich und der Ausführung wert. — Die 
Frage, ob und wie weit der Faust in der Schule zu lesen ist, wird zur Zeit, wie schon im 
vorigen Bericht hervorgehoben wurde, viel erörtert 2®). Der leider inzwischen verstorbene 
Valentin (JBL. 1895 I 6:35; 1897 I 7:88) tritt für diese Lektüre ein, mdem er mit Recht 
als den Hauptgesichtspunkt, welchen sie ins Auge fassen muss, das Verständnis für die 
Einheit und die wesentlichsten Gedankenzüge der einzig gewaltigen Konception hinstellt. * 
Nohle^^) bespricht den zweiten Teil des Faust als Unterrichtsgegenstand und geht 
dabei in manchen Punkten über das Erreichbare hinaus. — Aus einer häufig wieder- 
holten Erfahrung heraus konstatiert Rudolf Lehmann ^^) die Thatsache, dass 
Schiller dem Verständnis der heranreifenden Jugend nicht mehr so unmittelbar nahe 
steht, dass sie ihm nicht mehr die gleiche Wärme und Zuneigung entgegenbringt, 
wie das bei der älteren Generation und vielen vorangegangenen der Fall gewesen 
ist. Dem Wirklichkeitssinne der heutigen Jugend ist der rein geistig gewandte 
Idealismus und der pathetische Ausdruck, den er bei Schiller gefunden hat, fremd 
geworden. Diese Thatsache aber macht die Aufgabe um so dringender, unserer 
Jugend das nahe zu bringen und verständlich zu machen, was an dauernden Werten, 
über alle Schranken der Zeit und der Verhältnisse hinaus, in Schillers Persönlichkeit 
und seinen Dichtungen liegt. — In Anknüpfung an diesen Aufsatz weist Geyer^^) 
auf die Bedeutung Schillers für die heutige Schule und die Art, wie derselbe zur 
Geltung zu bringen ist, hin.^^"^^) — Auch die Frage, wie weit und in welcher Art die 
nachklassische Litteratur im Unterricht zu berücksichtigen sei, wird mehrfach erörtert. 
Eine ganz seltsame Idee ist die von Maydorn^*), Laubes Essex in der Schule zu 
traktieren. 27) — Die Schullektüre Gustav Frey tags ist offenbar im Vorschreiten begriffen: 
mit ihr beschäftigt sich auch Stutzer 28). — Bliedener^^) wendet sich gegen die 
Lektüre Gerhart Hauptmanns in der Schule. Es ist hoffentlich nicht anzunehmen, 
dass diese polemischen Warnungen bereits nötig sind. 3®) — 

Aus der vornehmsten methodischen E rläuteru ngs schrif t^^-sa) 
der Gegenwart, der „Sammlung aus deutschen Lesebüchern" ^*~^^), sind einige Bände 
in neuer Auflage erschienen. Neu hinzugekommen ist die vierte Abteilung des 
„Wegweisers durch die klassischen Schuldramen" 3«), die den 5. Band des gesamten 
Werkes bildet. Sie ist von Gaudig bearbeitet und behandelt zunächst Heinrich von 
Kleist. Unter dem bescheidenen Titel „aus Kleists Leben" enthält sie eine ausführliche 
biographische Darstellung und Würdigung des Dichters und seiner Werke und eine 
eingehendere Analyse der Hermannsschlacht und des Prinzen von Homburg. Hierauf 
fol^ Shakespeares Julius Cäsar und Macbeth, so dass der Kreis der Dramen, welche 
für die Lektüre auf dem Gymnasium in Betracht kommen, nunmehr im wesentlichen 

Shakespearas Hamlet: NJbbKlAUGL. 0, 8. 363-73. — 18) X L- Soh&del, Z. aohulm&sa. Yerwendang tod Leiiings LmIcoob: 
L«hrprobttn n. Lehrgänge 1900, N. 64. — 19) G. Grosse, Za Goethe. E. Zosammenstellang fQr d. Sohnlgebranoh. Progr. 
KAnigsberg i. Pr. 88 S. — 20) X A. Biese, Goethes Tasio e. Diohterbild, Goethes Fanst e. HenschheitsbÜd : Lehr- 
proben Q. Lehrgänge N. 68. — 21) X C. Nohle, D. 2. Teil ▼. Goethes Paust ffir d. dtsoh. Unterr. Progr. B., Gaertner. 
40. 31 B. — 22) Bnd. Lehmann, Schiller in d. heutig. Sohnle: ASN3. 101. S. 273-82. — 23) P. Geyer, Schiller in d 
heutig. Sehnle: ib. 103, 8. 257-66. — 24) X K. El einsorge, Beitr. z. Behandl. d. naohgoeth. Litt, im dtsoh. ünterr.: Gymn. 
16, S. 257-64, 690/5, 728-35. — 25) X Am. Zehme, ühlands Ballade „D. blinde König**: Lehrproben n. Lehrg&nge N. 59, 
S. 55 ff. — 26) B. May dorn« Laubes „Graf Gssex" als SchullektAre: ZDU. 14, S. 689-716. - 27) X K. AI brecht, D. Be- 
handlung d. neuer, u. neuest. Litt, in d. Prima: Lehrproben n. Lehrgänge N. 62. — 28) X ^- ^^u^'c« ^- Freytag als Sohulsohrift- 
steller: ib. N. 65. — 29) A. Bliedener, G. Hauptmann in d. dtsoh. Schule: PaedStud. 21, S 37-51, 119-36. — 30) X A. Kirsch , 
D. Poesie in d. Volksschule: ib. 20, S. 131/9. — 31) X H. No wack, D. Unterr. im Deutschen auf Grundl. d. Lesebuches. E. method. 
Anweis, mit Lehrproben. FQr d. Terschied. Zweige u. Stufen d. dtsoh. ünterr. in d. Volksschule. 1. Unterstufe. Breslau, 
P. Hirt. 95 S. H. 1,00. — 32) X C. Richter, Anleitung z. Gebrauoh d. Lesebuches im Schulunterr. 11. Aufl. Bielefeld, Velhagen 
A Klasing. XIU, 434 S. H. 4,00. — 33) X A. Gehrig, Wegweiser durch A. Kippenbergs dtsoh. Lesebuch für höh. Mftdohen- 
sohulen. Hannorer, 0. Goedel. VIH, 147 S. M. 1,00. (Neubearbeitung.) — 34) Rud. Dietlein, Aus dtsoh. LesebQohern. 
Diehtungen in Poesie u. Prosa. 5. Aufl. her. r. Wold. Dietlein u. Fried r. Polack. Gera, Th. Hofmann. 1900. 747 S. 
M. 5,50. — 35) 0. Fr ick n. Fr. Polaok, Aus dtsoh. Lesebfiohern. Epische, lyr. u. dram. Dichtgn. 4. Bd. I.Abt. 3. Aufl., 
her. T. G. Friok u.P. Polack. ebda. 1900. VIII, 494 S. M. 4,00. — 36) 0. Fr ick «. H. Gaudig, Wegweiser durch d. klass. 

(1)16* 



I 10:87-42 R. Lebmann, Die Litteratur in der Schule. 1899, 1900. 

abgeschlossen ist. Das Werk hat den schematischen Charakter, der den ersten Bänden 
anhaftete, zu seinem Vorteil immer mehr aufgegeben; in dem vorliegenden Bande ist 
so gut wie gar nichts mehr davon zu bemerken; die erläuternde Darstellung folgt 
überall den natürlichen und sachlichen Gesichtspunkten. Wohl als eine Art Abschluss 
folgt die Behandlung von Lessings Hamburgischer Dramaturgie. Mit Recht werden nur 
die wichtigsten Partien behandelt, und die didaktischen Vorbemerkungen heben den 
richtigen Standpunkt, der für die Auswahl und Behandlung der Dramaturgie zu 
gelten hat, mit treffenden Worten hervor: „Der Standpunkt, von dem aus die Lektüre 
der Dramaturgie schulmässig betrieben werden kann, würde dann völlig falsch fest- 
gelegt, wenn man aus ihr in erster Linie einen ästhetischen Kanon, vielleicht ein 
System ästhetischer Sätze gewinnen wollte. Die Hamburgische Dramaturgie ist 
litterargeschichtlich, d. h. als eines der grossen Schriftwerke der klassischen Periode 
unserer Litteratur, zu behandeln; wenn man sie im Zusammenhang mit der Periode, 
in die sie fällt, behandelt, wird man einerseits ihrer Grösse gerecht, andererseits 
mindert man ihr Ansehen nicht, obwohl man ihre Ergebnisse zum Teil nicht mehr 
annimmt." Wird man bei einem so ausgedehnten und reichhaltigen Buch über 
einzelne Punkte immer verschiedener Meinung sein, so wird doch niemand dem 
Ganzen das Lob versagen, dass hier ein ungemein umfangreiches Material gründlich 
durchdacht und durchgearbeitet vorliegt, eine Quelle der Belehrung für den Lehrer 
des Deutschen, wie er sie in gleicher Fülle kaum irgend wo anders herschöpfen kann. — 
Methodik des Auf satz unter ri chts^"'). Das Buch von Leger- 
lot z 38), das hier in erster Reihe zu nennen ist, ist eine Ueberarbeitung des Berichts, 
der über das Thema: „Nach welchen Gesichtspunkten ist der deutsche Aufsatz in den 
oberen Klassen zu lehren, vorzubereiten und zu beurteilen?" für die Direktoren- 
versammlung der Provinz Sachsen erstattet ist. Der Vf. hat bei einer Anzahl leichter 
Aenderungen „dem Buche den Grund Charakter einer Berichterstattung gewahrt". 
Den Wert, der einer solchen zukommen kann, charakterisiert er mit den Worten: 
„Völlig Neues vorzutragen kann nicht die Aufgabe derartiger Berichte sein, und 
das würde vielleicht auch die Sache nicht in dem erhofften Masse fördern. Ein 
schlichter Bericht darüber, wie man selber diese Sache bisher betrieben, von welchen 
Gründen man sich dabei habe leiten lassen, welche Erfolge man auf diesem Wege 
erzielt zu haben glaube, von welchen Zweifeln und Aengsten man noch geplagt 
werde: das ist vollauf genug." Die ansprechende und tüchtige Arbeit wird durch 
diese Worte treffend gekennzeichnet. Mit Sachkenntnis, Erfahrung und ruhig ab- 
wägendem Urteil erörtert L. alle wesentlichen Fragen, die für die Methode des Ai5satz- 
unterrichtes in den oberen Klassen in Betracht kommen. Dass er dabei genötigt ist, 
überall auf die von den einzelnen Anstalten erhobenen Meinungen, namentlich wo sie 
untereinander abweichen, einzugehen, macht freüich einen grossen und einheitlichen 
Zug der Darstellung von vornherein unmöglich ; aber das hat andererseits den Vorteil, 
dass aUe vorhandenen Standpunkte bei aUen einzelnen Fragen durchsprochen und 
geprüft werden ; so wird das Buch ein anregender und besonnener Ratgeber für den 
Lehrer. — Neudecker^^) findet im Aufsatzunterricht einen bedauerlichen „Mangel 
an einer gleichmässig allgemein anerkannten Methode, ja sogar an Uebereinstimmung 
in den Anforderungen, die mit Recht an die Schüleraufsätze gestellt werden können. 
Die ausgedehnte Fachlitterat ur pfleg-t immer gerade da Halt zu machen, wo auf die 
eigentliche Methode des Aufsatzmachens nun wirklich in klarer und begründeter 
Darlegung einzugehen wäre". Wie N. ein solches Urteü gegenüber den Arbeiten 
von Laas, Klaucke und anderen aufrecht erhalten wül, ist unverständlich; schon 
die wiederholte Polemik, die er gegen einzelne Stellen in dem Deutschen Unterricht 
des Vf. führt, beweist das Gegenteil, denn sie zeigt ja doch eben, dass die betreffenden 
Fragen bereits eingehend erörtert sind. Diese Polemik bezieht sich besonders auf 
die Wertung der allgemeinen Themata, die N. gegenüber den bei uns fast aus- 
schliesslich zur Herrschaft gelangten Litteraturaufgaben entschieden bevorzugt. Von 
dem, was er Positives bringt, ist mancherlei beherzigenswert, wenn auch nicht gerade 
neu. So besonders die scharf betonte Forderung nach technischer Bestimmtheit der 
Aufgaben. Ob seine Dreiteilung in „Definitionsaufgaben, GJiederungsaufgaben und 
Begründungsaufgaben", gegen deren logische Berechtigung nichts einzuwenden 
ist, sich praktisch durchführen lässt, erscheint mir trotz der von ihm gegebenen 
Beispiele zweifelhaft; doch ist hier nicht der Ort, das zu untersuchen. ^o-4i) __ 



Schuldramen. 4. Abt. H. t. Kleist, ShaTteapeare, Leisings „Hamb. Dramaturgie", ebda. 600 8. M. 6.00. — 37) X H. Schiller, 
D. Aufaat« in d. Muttersprache. E. päd.-psyohol. Studie. 1. D. Anfänge d. Aufaaties im 3. Sohu^ahr. (= Sammig. t. Ab- 
handlungen aus d. Gebiete d. paed. Psychol., her. r. H. Schiller u. Th. Ziehen. Bd. 4. Heft 1.) B., Beuther A Beichard- 
1900. 68 S. M. 1,50. — 38) G. Leger lotz, D. dtsch. Aufsatx auf d. Oberstufe d. höh. Lehranstalten. B., Weidmann. V, 
168 S. M. 3,00. — 39) G. Neudeclter. D. dtsch. Aufsataunterr. auf d. Oberstufe d. Gymn. Grnnd«Bge e. Methodik. MQnohen. 
B. Oldenbourg. YI, 67 S. M. 1,00. - 40) X Q- Seh n ei d e r , Aufgabe u. Bedeutg. d. dtsch. Aufsataes auf d. oberst. Stufe d Gymn.: 
ZGymn. 54, 8. 641.ÖÖ. — 41) X H. Beichuu, D. dtsch. Aufsatz in d. oberen Klassen: ZDU. 14. S. 497-513, 561-74. — 42) K. 



R. Lehmann, Die Litteratur in der Schule. 1899, 1900. I 10:43-6» 

In einem ähnlichen Sinne tritt Fritze**) im Vorwort seiner Themensammlung 
für den Wert der allgemeinen Themen ein, daher will ich mit diesem Buche die 
Uebersicht über die Hülfsmittel für den Aufsatzunterrioht beginnen. Freilich fehlt 
bei F. die gegen die litterarischen Themen gerichtete Spitze. Er wünscht „etwa zwei 
Drittel der Themata aus sachlichen Gebieten, ein Drittel und darunter jedenfalls das 
Thema zum Abiturientenaufsatz aus dem Begrifflichen" genommen zu sehen. Auch 
begründet er den Wert der allgemeinen Themen nicht sowohl aus formalen Gesichts- 
punkten, als aus allgemein pädagogischen und inhaltlichen Rücksichten. „Ueber 
Intellekt und Wille, über theoretische und praktische Thätigkeit und über die Bereiche, 
innerhalb deren sie geübt werden, wird man doch unter allen Umständen bei diesem 
oder jenem Anlasse mit dem Schüler reden müssen, und was man in Obersekunda 
oder Unterprima gelegentlich zur Sprache gebracht hat, muss man in Oberprima in 
der philosophischen Propädeutik systematisch erörtern. Mit dieser eben genannten 
Disciplin hängt namentlich der deutsche Unterricht aufs engste zusammen, und beide 
müssen in einer fortwährenden Wechselwirkung stehen." Hierin ist unleugbar etwas 
Richtiges: wenn einmal der Unterricht in der phüosophischen Propädeutik auf 
unseren Gymnasien nicht mehr bloss ein frommer Wunsch, sondern eine Thatsache 
sein sollte, so würde der Inhalt desselben auch vom Aufsatzunterricht berücksichtigt 
werden können und müssen, und die allgemeinen Themen würden eine andere 
Bedeutung und Ausdehnung erhalten, wie das jetzt der Fall ist. Einstweilen aber 
liegt das auf dem grössten Teil der deutschen Anstalten noch im weiten, und ich 
bin nicht der Meinung, dass inzwischen der deutsche Unterricht bei seinen grossen 
eigenen Aufgaben und seinem beschränkten Raum im stände ist, die Funktionen der 
philosophischen Propädeutik mit zu übernehmen. Durch die Lostrennung der Auf- 
sätze, oder eines grösseren Teils derselben, von dem eigentlichen Pensum, das doch 
nun einmal das Verständnis der deutschen Litteratur ist, wird, wie ich fürchte, dieses 
letztere beeinträchtigt, ohne dass die philosophische Einsicht wirklich angebahnt 
werden könnte. Diese allgemeine Reservatio vorausgeschickt, hebe ich gern hervor, 
dass die Themen F.s wohl ausgewählt und wohl durchdacht sind, und dem Lehrer 
mancherlei Anregung gewähren. — Das bekannte, 1880 zuerst erschienene Buch von 
Klaucke ist von Rudolf Lehmann*^) neu herausgegeben. Aus dem Vorwort 
der 2. Auflage seien folgende Sätze wiederholt: „Unter den zahlreichen Arbeiten, 
welche dem deutschen Aufsatzunterricht in den oberen Klassen dienen sollen, nimmt 
das vorliegende Buch mit wenigen anderen zusammen eine besondere Stellung ein. 
Es ist ein wirkliches Einführungs- und Bildungsmittel für den Lehrer, der es ernst 
mit seiner Sache meint, nicht eine blosse Bequemlichkeitsstütze." „Seinem Inhalt 
nach ist es keineswegs veraltet, im Gegenteil: in mehr als einem Punkte, in welchem 
Klauckes Stellung vor 20 Jahren als anfechtbar oder paradox erscheinen konnte, hat 
sich die Praxis seinen Anschauungen angenähert. Das zeigt sich besonders in dem 
Verhältnis des Aufsatzes zur deutschen Litteratur. Dass der deutsche Aufsatz haupt- 
sächlich aus dieser Quelle als aus seinem eigentlichen und nächstliegenden Gebiete 
zu schöpfen habe, ist heute ein allgemein anerkannter Grundsatz. Als Klaucke denselben 
zuerst, allerdings mit einer gewissen schrofTen Einseitigkeit, aussprach, war er mit 
dieser Meinung Autoritäten wie Laas und Wendt gegenüber fast vereinzelt"**"^*). — 
Auf die übrigen neuen Auflagen von Themensammlungen kann ich hier 
ebenso wenig eingehen, wie auf die meisten unter den Hülfsmitteln für den 
Lektüreunterricht. 55-5») Die Zahl der Ausgaben und Präparationen wächst 
ins Unendliche fort; einiges Interessantere — wie das zweite Bändchen von Nau- 



Fritse. 100 aasgef. Dispositionen za dtsoh. Aafs&txen aber Sentensen n. sftmtl. Themata für d. oberst Stufen d. höh. unter r. 
3 Bdohn. Gotha, Perthes. XV, 146 n. 147 S. H. 2,00. — 43) P. Klancke, DUoh. Anfsfttce u. Dispositionen, deren Stoff Lessing, 
Schiller, Ooethe entnommen ist. Für d. oberst. Klass. höh. Lehranst. 2. Anfl., her. v. Rad. Lehmann. B., Weber. 1900. 
XU, 842 8. M. 5,00. — 44) XH- KUge, Themata an dtsoh. Anfa&tcen u. VortrÄgen. Für höh. Unterrichtsanst. 10. Aufl. Alten- 
bnrg. 0. Bondo. XYI, 883 8. M. 8,00. ~ 45) X Vikt Kiy, Themata u. Dispositionen zu dtsoh. Anfs&tzen u. Yortrigen im 
Anschlnss an d. dtsoh. Schullekt&re fQr d. ob. Elass. höh. Lehranst. 2. Aufl. 2 Tie. B., Weidmann. XY, 195 8.; XII, 285 S. 
M. 8,00; H. 3,50. — 46) X 3^^- Sohmans, Anfsatzstoffe n. Anfsatsproben ffir d. Oberstnfe d. human. Oymn. 8. Tl. Bamberg, 
Baohoer. YII, 189 8. M. 1,80. — 47) X Joh. Schrammen, Dtsoh. Aufsatzbuoh. Materialien zu 1000 Aufgaben f&r 
mittL tt. ob. Klassen höh. Lehranst 2. Aufl. Köln, Ahn. XXXI, 574 8. M. 6,00. — 48) X H. Ullrich, Dtsoh. Mnsterauf- 
s&tza fftr alle Arten höh. Schalen. L., B. O. Teubner. X, 261 8. M. 2,40. — 49) X K. Deren well, D. dtsch. Aufsatz in 
d. höh. Lehranst. E. Hand- u. Hilfsbnch fftr Lehrer. 2 Tle. 4. Aufl. Hannover, C. Meyer. XII. 332 8. M. 8,60. — 50) X 
H. Boekeradt, Prakt. Katschllge fftr d. Anfertigung d. dtsch. Aufsatzes auf d. ob. Klassen d. höh. Lehranst. in Segeln u. 
Beispielen. 3. Aufl. Paderborn, P. Schöningh. IV, 124 8. M. 1,00. - 51) X K. Haehnel, 200 Entwürfe zu dtsch. Aufsitzen 
fSr d. ob. Klassen d. Oymn. u. Tcrwandt. Lehranst Innsbruck, Wagner. 1900. XIX, 207 8. M. 2,00. — 52) X J- B-Hasel- 
mayer. Neues Aufsatzbuoh z. Gebrauche an höh. Schulen u. z. Selbstunterr. 4. Aufl. W&rzhnrg. J. Staudinger. 1900. XXIII, 
565 8. M.4,90. — 53) X K- Ziegeler, Dispositionen zu dtsch. Aufs&tzen fftr Tertia u. üntersek. 8. Aufl. Paderborn, Schöningh. 
XIY, 126 8. M. 1,60. — 54) X P- Th. Hermann, Dtsoh. Aufs&tze für d. mittl. u. unter. Klassen d. Volksschule. 2. Aufl. 
L., Wunderlich. 1900. XH, 277 S. M. 2,80. - 55) X ^- Berlit, Martin Luther, Th. Murner u. d. Kirchenlied d. 16. Jb. (s Samml. 
Göschen N. 7.) L.. Göschen. 12o. 160 S. M. 0,80. — 56) X K. Kromayer, M. Luthers Werke. Auswahl fftr d. Scbulgebrauch. 
L.. Frey tag. 12". 202 8. M. 0,80. — 57) X H. Dree s, Hans Sachs u. andere Dichter d. 16. Jh. ebda. 1900. 12«. 126 8. M. 0,80. 
— 58) X ^. ü^riot. W. Shakespeare, Heinrich IV. ebda. 12o. 121 S. M. 0,60. — 59) E. Naumann, J. G. Herder, Ab- 



I 10:00-138 R. Lehmann, Die Litteratur in der Schule. 1899, 1900. 

mann s**) Herder-Auswahl •^•^), Attenspergers**) kleine Platen- Anthologie •^••) 
und die Auswahl aus Adalbert Stifter von Fuchs*^) — sei unter zahlloser Fabrik- 
ware hervorgehoben. 70-142) — 



handlangen. Ansgew. n. für d. Sehulgebr. her. ebda. 12^ 154 9. M. 0.80. — 60) X H. Hand wer ok, Goethe, Beineke Faehs. 
FHT d. Sohnlgebr. her. ebda. 12«. 167 S. H. 0.90. — 61) X K. Schirm er, Goethe, Italien! sehe Reise (Auszng). FAi den 
Sohulgehr. her. ebda. 12«. 220 S. M. 0.90. — 62)Xn. Bnnrmann, Goethes Funsi 1. Tl. F&r d. Sehnlgebr. her. L., Renger. 1900. 
12«. 186 8. H. 1,00. — 63) X ^- Böhme, Fr. ▼. Schiller. Gesch. d. Abfalls d. verein. Nieder!. ▼. d. spaa. Regierung. Fftr 
d. Sohnlgebr. her. L., Frey tag. 1900. 12«. 226 S. M. 1,00. — 64) Alb. Attensperger, Ang. Graf ▼. Platen, Aasgew. 
Dioht. Fftr d. Sohnlgebr. ebda. 1900. 12«. 128 S. H. 0,80. — 65) X 0. H e 11 i n gh an s , L. Uhland, Ernst Herzog ▼. Schwaben, 
(s Meisterwerke nnserer Dichter N. 60.) tfftnster, AsohendoriT. 16«. 80 S. M. 0,30. — 66) X id., L. ühland, Ludw. d. 
Bayer. (» dass. N. 70.) ebda. 16«. 80 8. M. 0,30. - 67) X F. Jonas, W. Haaff, Das Bild d. Kaisers. (^ YoUcBsehriftea 
N. 12.) B., L. Oehmigke. 107 S. H. 0,40. -> 68) X Th. Stromberger, M. Greif; General York, Vaterland. Sohaaspiel. 
Schul- Ansg. L., C. F. Amelang. 1900. 88 S. M. 0,75. - 69) K. Fnohs, Ad. Stifter, „Studien** n. „Bunte Steine". Ausw. 
fftr d. Sohnlgebr. Wien, Tempsky. 12«. 200 S. M. 1,00. — 70) X A. Liohtenheld, Goethes Faust. 1. Tl. (» Graesers 
Sohulansg. klass. Werke, her. ▼. J. N e u b a n e r. 51. Heft.) Wien, G. Oraeser. XXYIU. 124 S. K 0,50. — 71) X A. ▼. W e i 1 e n , 
W. Shakespeare, D. Kaufmann t. Venedig, (»dass. N. 71.) ebda. XIV, 66 S. M.0,50. - 72) X K. Fuchs, F. G. Klopstock, 
D. Messias. (» dass. N. 57/8.) ebda. XU, 124 S. M. 0,50. - 73) X A. t. Weilen, W. Shakespeare, König Lear. (= dass. N. 60.) 
ebda. XVI, 91 S. M. 0,50. - 74) X Bd. Kuenen, Schillers Wilh. Teil. 5. Anfl. (« D. dtsoh. Klassiker, fftr höh. Lehr- 
anstalten her. V. E. Kuenen u. M. Et er 8. N. 1.) L., H. Bredt. 118 S. M. 1.00. - 75) X !>• Serin, Schiller, Wilh. Teil. 
4. Aufl. (s Meisterwerke d. dtsch. Utt. Begrftnd. v. K. Hol der mann. N. 2.) B.. Reuther A Reiohard. 1900. 12«. 123 S. 
M. 0,60. — 76) X id- . Goethe. Iphigenie auf Tauris. (^ dasa . 17. 4.) ebda. 1900. 12o. 74 S. M. 0,40. -77)XK.He88el, 
Gudrun, Schulausg. 8. Aufl. (= dass. N. 13.) ebda. 1900. 12«. 87 S. M. 0,60. — 78) X K. Hold ermann, G. E. Leesing, 
Minna t. Bamhelm. 8. Aufl. her. ▼. E. Schmitt. (» dass. N. 6.) ebda. 12«. 113 S. M. 0,50. — 79) X L- SoTin, Schiller, 
Wallenstein. Schulausg. (» dass. M. 8.) ebda. 12«. 163 S. M. 0,76. — 80) X A. Funke, Goethes Hermann u. Dorothea. 
10. Aufl. (s= SchÖninghs Ausgaben dtsch. Klassiker. N. 2.) Paderborn, SchGningh. 146 S. M. 1,00. — 81) X ^ Zftrn, 
Goethes Egmont. 4. Aufl. (» dass. N. 10.) ebda. 144 S. M. 1,20. — 82) X J- Heuwes, Goethes lyrische Gedichte, ausgew. 
2. Aufl. (s= dass. N. 16.) ebda. VIII, 175 S. M. 1,20. - 83) X A. F u u k e , Lessing, Minna ▼. Barnhelm. 8. Anfl. (^dass. N.5.) 
ebda. 164 8. M. 1,20. — 84) X id., Schiller, D. Jungfrau ▼. Orleans. 6. Aufl. (= dass. N. 9.) ebda. 192 S. M. 1^20. - 85) 
X Heinr. Heskamp, Schiller, D. Braut t. Messina. 4. Aufl. (»= dass. N. 11.) ebda. 172 8. M. 1,20. - 86) X J- Dahmen. 
Goethe, Aus meinem Leben. 2. Anfl. («= dass. N. 21.) ebda. IX, 178 S. H. 1,00. - 87) X J- Bn sehmann, Lessings Nathan 
d. Weise. (= dass. N. 24.) ebda. 234 S. M. 1,60. — 88) X Jos. Schiffe Is , Samralang raterländ. Dichtungen. (^ dass. Er- 
gftnzangsbd. 8.) ebda. XVIU, 282 S. M. 1,80. — 89) X H. Heiter. Lessing, Emilia Gulotti. 3. Aufl. (^ dass. N. 8.) ebda. 

102 S. M. 0,80. — 90) X J- Heuwea, H. T. Kleist, Prinz Friedrieh ▼. Homburg. 2. Aufl. (= dass. N. 17.) ebda. 1900. 
179 8. M. 1,20. — 91) X P- Sinnig, Walther T. Aquitanien. 8. Anfl. (» dass. N. 25.) ebda. 1900. XVII, 128 S. M. 1,20. 

— 92) X V. Valentin, W. Shakespeare, Macbeth. (» Deutsche Schulausgaben ▼. V. Valentin. N. 31/2.) Dresden, 
Ehlermann. 1900. 12«. 11,126 8. M. 0,50. — 93) X J^l- Ziehen, Fabelbuch. E. Auswahl dtsch. Fabeldichtungen. (== dass. 
N. 33.) ebda. 1900. 81 8. M. 0,50. — 94) X H. Leineweber, Goethes Hermann n. Dorothea. 3. Aufl. (= Schulausg. 
dtsch. Klassiker. N. 1.) Trier, Stephunns. 90 8. M. 0.60. -> 95) X Jal- Naumann, Schülers Wilh. Teil. 3. Aufl. 
(== Schulausg. ausgewählter klass. Werke. 1. Reihe. D. Meisterwerke d. klass. Periode. N. 8.) L., Siegismund & Volkening. 
142 S. M. 0,80. — 96) X Bau mann, F. ▼. Schiller, Wilh. Teil. 2. Anfl. (= Teubners Sammig. dtsch Dicht- u. Schrift- 
werke fftr höh. Töchterschulen. Her. ▼. G. Bornhake. N. 14.) L., Teubner. 1900. 12«. XXVI, 114 8. M. 0,80. - 97) X 
A. Hamann, Ussing, Minna t. Barnhelm. 2. Aufl. (s dass. N. 8.) ebda. 1900. 12«. XIX, 101 S. M. 0,80. — 98) X Bau • 
mann, Schillers Jungfrau v. Orleans. 2. Aufl. (» dass. N. 11.) ebda. 1900. 12«. XXXI, 123 S. M. 0,80. - 99) X E. Wetsel, 
Homers Odyssee, nach d. Ueberseiz. v. J. H. Voss. 4. Aufl. (= dass. N. 12.) ebda. 1900. 12«. X, 133 S. M. 0,80. - 100) X 
G. Hofmeister, Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung u. Wahrheit. 3. Anfl. (= dass. N. 27.) ebda. 1900. 12«. 201 S. 
M. 1,00. — 101) X 0. Lyon, Auswahl deutscher Gedichte. 2. Aufl. (= Velhagen A Klasings Sammig. dtsoh. Schulausgaben. 
N. 51.) Bielefeld, Velhagen A Klasing. 1900. VII, 527 S. M. 2,20. — 102) X J. Stoffel, Goethes Iphigenie auf Tauris. 
(bb Deutsehe Dramen u. episeUe Dichtungen. N. 6.) Langensalza, Beyer & Söhn«. III, 73 S. M. 0,80. — 103) X ^' Eber- 
hardt, D. Poesie in d. Volkssehule. Dtoch. Dichtungen fftr d. Sohnlgebr. 2. Reihe. 5. Anfl. ebda. VUI, 154 8. M. 1,60. — 
104) X C. Gude, Erlftuterungen dtsch. Dichtungen. Nebst Themen zu sehriftl. Aufs&tzen in Umrissen u. Ausffthrnngen. 
4. Reihe. 8. Anfl. L., Brandstetter. VIU, 419 S. M. 3,50. — 105) X 0. Schocke. D. allgem. litt. Stoffe. 1. Abt. Er- 
lftuterungen z. 1. Lesebuch fftr d. Mittelstufe. (Tl. ni) (= Erl&uterungen zu F. Hirts dtsch. Lesebache. Ausg. B I.) Breslau, 
Hirt. 1900. 320 8. M. 3,50. — 106) X Pr>- Frisch, EinfQhrung in d. Lesebuch. 4. Bd. Wien u. Prag, F. Tempsky; 
L., F. Freytag. XVI, 448 8. M. 6,50. — 107) X H. Rietz, Z. Einffthrnng in d. Litt.-Knnde. Erlftuterungen zu 230 ep. u. 
dram. Dichtungen fftr d. Schulpraxis. 2. Aufl. Langensalza, Schnlbuchhandlg. XVI, 480 8. M. 4,50. — 108) X B- Biaohnff, 
Erlftuterungen zu Voss „Luise" n. „D. 70. Geburtstag^ (= W. Königs Erlftuterungen zu d. Klassikern. N. 38.) L., H. Beyer. 
1900. 12«. 80 8. M. 0,40. - 109) X Ferd. Hoffmann, Erlftnt. zu Sophokles Antigene. (= dass. N. 41.) ebda. 1900. 12«. 

103 8. M. 0,40. - 110) X B- Stecher, Erl&ut. zu Uhlands Balladen. (= dass. N. 24.) ebda. 12«. 78 8. M. 0,40. — 111) 
X W. Böhme, Erlftnt. zu Herders Cid. (=r dass. N. 25.) ebda. 12«. 48 8. M. 0,40. — 112) X B- Bftttner, Erlftut. zu 
Shakespeares JnUns Caesar. (=s dsss. N. 27.) ebda. 12«. 72 S. M. 0,40. - 113) X E. Bischof f, Erl&ut. zu Schillers R&nbern. 
(=dass.K2a) ebda. 12«. 84 8. M. 0,40. - 114) X &- S t e c h e r , Erlftnt. zu Kleists Hermannsschlacht. (= dass. N. 26.) ebda. 
1900. 12«. 52 8. M. 0,40. -115) XE- Bisch off, Erl&ut zu Schillers Kabale u. Liebe. (= dass. N. 31.) ebda. 1900. 12«. 70 S. 
M. 0,40. * 116) X Ferd. Hoff mann, Erl&ut. zu Shakespeares Kaufmann ▼. Venedig. (= dass. N. 82.) ebda. 1900. 12«. 77 S. 
M.0,40. — 117) XChr. Leibbrand, Erl&ut. zu Shakespeares König Richard lU. (:=» dass. N. 85.) ebda. 1900. 12«. 68 S. 
M. 0,40. — 118) X E. Bisch off, Erl&ut. zu Lessings Laokoon. (= dass. N. 83/4.) ebda. 1900. 12«. 111 8. M. 0,40. — U9) 
X Chr. Leibbrand, Erl&ut zu Wielands Oberen. (= dass. N. 36.) ebda. 12«. 72 S. M. 0,40. — 120) X id., Erl&ut zu 
ühlands Ludwig d. Bayer. (= dass. N. 37.) ebda. 12o. 60 S. M.0,40. — 121) X^erd. Hoffmann, Erl&ut. zu Shakespeares 
Hamlet (» dass. N. 39.) ebda. 1900. 12«. 110 8. M. 0,40. — 122) X B- B&ttner, Erl&ut zu Shakespeares Koriolan. 
(s dasa. N. 40.) ebda. 1900. 12«. 72 8. M. 0,40.-123) X H- Stecher, Erl&ut zu Schillers Gedichten. (^ dass. N. 19.) 
ebda. 12«. 88 S. M. 0,40. - 124) X id., ErUnt zu Goethes Gedichten, (z^ dass. N. 20.) ebda. 12«. 90 8. M.0,40. —125) 
X E* Bischoff, Erl&ut zu Goethes Faust 1. Tl. (= dass. N. 21.) ebda. 12«. 91 S. M. 0,40. — 126) X &• Stecher, 
Srl&ttt zu Kleists Prinz ▼. Homburg. (<== dass. N. 22.) ebda. 12o. 72 8. M. 0,40. — 127) X F. Teetz, Schulwandkarte zu 
Sehillers Jungfrau ▼. Orleans. L., G. Lang. 1900. M. 6,00. — 128) X ^d. Kuenen, Goethes Hermann u. Dorothea. 4. Aufl. 
(a D. dtsoh. Klassiker, erl&utert usw. t. E. Kuenen usw. N. 4.) L., H. Bredt. VII, 123 S. M. 1.00. - 129) X K- Evers, 
Goethes Iphigenie nnf Tauris. 2. Anfl. («= dass. N. 5.) ebda. X, 226 S. M. 1,40. - 130) X id., Schillers Wallenstein. 2. Aufl. 
(=: dass. N. 8 ) ebda. 196 S. M. 1,60. — 131) X Rad. Peters, Lessings Nathan d. Weise. (= dass. N. 17.) ebda. VII, 180 S. 
M. 1.00. - 132) X Ed. Kuenen, Schillers Maria Stuart. 2. Aufl. (»= dass. N. 6.) ebda. 125 8. M. 1,00. -. 133) X M. Et eis 
Schillers Wallenstein. (== dass. N. 7.) ebda. 1900. 240 8. M. 1,50. - 134) X F. Vollmer, Goethes Torquato Tasso. (= dass. 
N. 15.) ebda. VII, 103 S. M. 1,00. — 135} X E- ^ e n n i g e s , Uhlands Herzog Ernst (« dass. N. 16.) ebda. 1899. 122 S. M. 1,00. 

- 136) X A. Zipper, Schillers Wilh. Teil. (= ÜB. N. 3788.) L., Reclam. 54 8. M. 0,20. - 137) X id., Schillers Brsut ▼. 
Messina. (= dass. N. 3812.) ebda. 64 8. M. 0,20. — 138)XP>'. Aohenbaoh, Pr&paratlon zur Behandlung dtsch. Gedichte 
in darstellender Unterrichtsweise. Mittel- n. Oberstufe. 2. Aufl. Cöthen, 0. Schulze. VIU, XXI, 08 S.; VIII. XXI, 184 8. M. 3,50. 



tl. Lehmann, Die Litter&tur in der Schule. 1899, 1900. I I0:i89.i6ä 

Auch die Anzahl der Lesebücher **^ *^^) ist überaus gross, und wie 
die Zahl der Auflagen beweist, kommen wenigstens die meisten derselben 
einem Bedürfnis entgegen. Neu erschienen ist das Lesebuch von Jaenicke '*•) 
für die drei unteren Klassen des Gymnasiums und ferner eine Anzähl von Port- 
setzungen bereits im Erscheinen begriffener Werke. — Unter diesen erregen besonderes 
Interesse die beiden von Spiess**'"**^) bearbeiteten Teile des Hellwig-Hirt-Zernialschen 
deutschen Lesebuches: das Prosa -Lesebuch für Obersekunda luid das für Prima. 
Beide zeichnen sich vor vielen ähnlichen Arbeiten aus durch eine planvolle Zusammen- 
stellung imd eine von umfassender Belesenheit zeugende Auswahl aus der wissen- 
schaftlichen Li tteratur des 19. Jh. und insbesondere der letzten Jahrzehnte. Auf diese 
Weise erhält die Sammlung einen sehr einheitlichen Charakter und erregt der Inhalt 
vielfach ein tiefergehendes Interesse. Aber in diesem ausgesprochenen wissenschaftlichen 
Charakter liegt doch auch wieder ein praktischer Mangel. Ich halte den grössten 
Teil namentlich der für Obersekunda zusammengestellten Stücke durchschnittiich für 
zu schwer für diese Stufe, und Sp. selbst scheint dieses Bedenken zu teilen, wenn er 
im Vorwort zu dem Primanerteil erklärt, dass in diesem „im Durchschnitt erheblich 
geringere Anforderungen an die Fassungskraft der Schüler, für die es bestimmt ist, 
gestellt werden, als dort". — Vergleicht man die Spiesssche Arbeit mit dem entsprechen- 
den Teil des deutschen Lesebuches von Biese ^*^), der inzwischen erschienen ist, so 
erscheint jene koncentrierter und eigenartiger, diese aber doch wohl für den Unter- 
richt leichter verwendbar, vor allem in dem ersten, zur Kulturgeschichte über- 
schriebenen Abschnitt. Am schwächsten ist bei B. merkwürdigerweise gerade der 
Abschnitt, welcher der deutschen Litteraturgeschichte gewidmet ist. Scherers Charakte- 
ristik des Nibelungenliedes muss Bedenken erregen, weil sie wesentlich eine ver- 
gleichende Uebersicht über die 20 Lachmannschen Lieder ist. Vilmars Inhaltsangabe 
der Gudrun gehört wohl eher in die Tertia; eine Charakteristik von Goethes Werther 
aber nur in die Prima. Warum ausser Schiller nur Mörike von allen modernen 
deutschen Dichtem in einer allgemeinen Charakteristik zur Darstellung kommt, ist 
auch nicht recht zu sehen. Bei einer neuen Auflage würde dieser Teil meines 
Erachtens einer gründlichen Sichtung und Umarbeitung bedürfen. Eine solche ist 
inzwischen von dem Primateil des B.schen Lesebuches bereits erschienen. Auch 
hier zeigt eine Vergleichung mit der entsprechenden Arbeit von Spiess, dass B.s 
Sammlung mannigfaltiger und in vielen Teilen leichter verwendbar, wenn auch freilich 
wenig gesichtet ist, während die Sammlung von Spiess dem grössten Teile nach den 
wissenschaftlichen Charakter wahrt, durchweg aus der Tiefe schöpft und hohe Ansprüche 
an den Ernst und die Fassungskraft der Schüler stellt. Mit besonders feinem ästhetischen 
und pädagogischen Takt ist die dritte Abteilung bei Spiess zusammengestellt, welche 
briefliche und sonstige persönliche Dokumente zur Geschichte der deutschen Klassiker 
enthält. *^®~^**) — Unter den übrigen hierher gehörigen Arbeiten weist das geschicht- 
liche Lesebuch von Stoll**^) einen eigenen Charakter auf. Dem mit dem Obertitel 
„Das 19. Jh." bezeichneten Bändchen, das bereits in 2., verbesserter Auflage vorliegt, hat 
der Vf. einen ersten Teil folgen lassen: „Von den Anfängen des Germanentums und des 
Christentums bis zum westfälischen Frieden". Beide Teile sind mit sachlicher Objek- 



— 139) X 0, Fol ts, D. disoh. Diohtang^ in d. Unterklassen. Ansgef. Pr&parationen n. Entwbrfe. Dresden, Bleyl ft Kaemmerer. 
1900. lY, 140 S. M. 24S5. — 140) X Ang. Lomberg, TJhUnd, Schwab n. Kerner. 3. Aufl. (s Pr&parationen sn dtsoh. 
Gediehten. N. 1.) Langensalza, Beyer « S6hne. 1900. 17,187 8. IL 2,40. — 141) X < d- • <3oBthe n. Sehiller. 2. Anfl. (»dass. 
H. 2.) ebda. Y, 216 8. M. 2,40. •> 142) X i^i Bflckert, Eichendorff, Chamisso, Heine, Lenan. Freillgrath n. Geibel. (-= dass. 
N. 3.) ebda. Y, 202 8. M. 2,40. - 143) X !>• ^tsch. Lesebnoh: Grensb. 8, 8. 562/9. — 144) XJB&chtold, Dtsoh. Lesebnoh fflr 
höh. Lehranst. d. Schweis. 1. Bd. Untere Stufe. Franenfeld, Haber. 1899. YIH, 820 S. IL 2,00. — 145) X i<-. l>tBoh. 
Lesebnohfftr höh. Lehranstd. Schweiz. 2. Bd. Mittl. Stufe. 4. Anfl. ebda. Y1I,489 8. M. 2.60. — 146) H. Jaenicke n. KLorenz, 
Lehr- n. Lesebnoh fftr d. dtsoh. Unterr. ia d. fttnf ontersten Klassen höh. Lehranst. 8. Tl. Fftr Qnarta. B., Weidmann. 1900. 
XIT, 262 8. M. 2,00. — 147) P. Hellwig, P. Hirt n. U. Zemial. Dtsoh. Lesebnoh fftr höh. Schulen. 1. u. 2., 6. u. 6. Tl. Bearb. 
V. H. Spiesif Dresden. L. Ehlermann. XII, 272 8.; XU, 316 8.; YUl, 128 8.; X, 178 8. M. 2,10; 2,80; 1,40; 1.80. 

- 148) id., Prosalesebnch für Prima. (« N. 147. 7. Tl.) ebda. 1900. XII, 876 8. M. 4,00. — 149) A. Biese. Dtsoh. 
Lesebuch fftr d. Prima d. höh. Lehransi u. Gymn. 2. Anfl. Essen, G. D. Baedocker. 1900. XIY, 448 8. H. 4,20. ^ 150) 
X Ed. Sohauenburg, Dtsoh. Lesebuch fftr d. Oberklassen höh. Schul. 1. Tl. bearb. ▼. B. Hoehe. 6. Aufl. ▼. H. Sinn, 
ebda. X, 888 8. M. 4,20. — 151) X I>t8oh. Usebnoh fftr d. unteren u. mittl. Klass. höh. Lehranst. 2. Abt Trier, J. Lina. 
1900. X, 230 8. M. 2,00. - 152) XlLBversu. H. WaU, Dtsoh. Lesebuch fftr höh. Lehranst. 8 Tic. L., Tenbner. I, 292 8.; 
X, 838 8.: XY, 886 8. M. 1.80; 2,20; 2,40. - 153) X K. Zettel, Dtsoh. Lesebuch fftr höh. Lehranst. Yollstind. umgearb. t. 
J h s. N 1 k 1 a s. 3. Tl. 9. Aufl. Mflncben, J. Lindaner. I Y, 302 8. M. 2,00. - 154) X L- ^ » i» P « 1 « I>tsoh. Lesebuch fflr d. oberen Klass. 
d. österr. Gymn. 1. Tl. Wien, A. Holder. XII, 356 8. M. 2.92. — 155) X i d., Dass. 2. u. 8. Tl. ebda. 1900. YI, 348 8. ; YI, 267 9. 
M. 2,70; 2,40. — 156) X Jos. Kehrein, Dtsoh. Leseb. fftr Gymn., Semin., Realschul. lU. Tl. 1. Altdeutsch. Lesebuch 
nebst mhd. Gramm, u. Wörterbuch v. Y. Kehr ein. L., 0. Wigand. XII, 686 8. M. 6,40. — 157) X^. Meyer n. L. Nagel, 
Dtsoh. Leseb. fftr Realschul, u. verwandte Lehranst. im Anschlnss an d. Lehrpl&ne t. 1891. Oberstufe. 8. Aufl. U, Dftrr. 
886 8. H. 2,60. — 158) X i^M Dtsoh. Leseb. fftr Realschul, u. rerwandte Ijehraasl im Anschluss an d. prenss. Lehrplftne t. 
1891. Unterstufe. 2. Aufl. ebda. 320 8. M. 2.50. — 159) X B. Becker u. and., Dtsoh. Lesebuch fflr Realschul, n. Tcrwaadte 
lichnuist 1. Tl. 3. Aufl. ebda. YI, 416 8. M. 2,50. — 160) X K. Janker n. H. Noö, Dtsoh. Leseb. fflr d. ob. Klass. d. Realschulen. 
1. TL 4. Aufl. Wien, Manz. 1900. YI, 842 8. M. 2,64. — 161) X^ Boesseru. Frz. Lindner, Yaterlftnd. Lesebuch fftr 
untere u. mittl. Klass. höh. Lehranst 4 Tic. Sexta bis Untertertia. B., Mittler Sk Sohn. 1900. YIU, 80 8.; YIIL 80 n. lY, 88 8.; 
YIII, 80 8.; lY, 88 u. lY, 118 8.; YDI, 80, lY, 88, lY, 118 u. UI, 119 8. M. 1,00; 2,00; 3,00; 4,00; 6,00. — 162) H. Stell, D. 
19. Jh. Geschichtl. Lesebuch, lusammengest. aus gross. Werken u. Aufs&tzen gesohiohtl. Inhalts. 2. Aufl. Hamburg, Boysen, 



t 10:168-198 R Lehmann, Die Litteratur in der Schule. 1800, 1000. 

tivität und unleugbarer Geschicklichkeit zusammengestellt; nur sieht man nicht recht, 
für welche Art von Schulen und für welche Stufe sie eigentlich bestimmt sind; nicht 
einmal das ist mit Sicherheit zu ersehen, ob der Vf. sie für den Geschichtsunterricht 
oder für die deutsche Stunde bestimmt hat: im ersten Falle dürften sie zuerst für die 
Oberstufe der sechsklassigen Realschule in Beti'acht kommen. ^^^) — E 1 b e 1 ^•*) hat 
ein psychologisches Lesebuch zusammengestellt. Auf eine sehr elementar gehaltene 
Einleitung „Üeber die Werke der Dichter als Hülfsquellen der Psychologie" folgt 
eine nach psychologischen Rubriken zusammengestellte Blütenlese aus deutschen 
Klassikern und Shakespeare, zumeist nur einzelne Stellen, aber auch eine Anzahl 
ganzer Gedichte und dramatischer Scenen. An Naivetäten fehlt es nicht, andererseits 
auch nicht an Wunderlichkeiten. Goethes Harfnerlied „Wer nie sein Brot" erscheint 
unter der Rubrik: „Apperception", König Lears Monolog: ,31ast. Winde, sprengt die 
Backen" unter der Rubrik : „Das Gefühlsleben im allgemeinen" und der besonderen Auf- 
schrift: „Schwächung der Gefühle durch ihre Aeusserung". Das berühmte Kinderlied 
Rochows: „Kinder, gerne wollen wir stets zur Schule gehen" für psychologische 
Belehrung in Anspruch zu nehmen, ist zum mindesten originell. Im ganzen aber 
mag die kleine Sammlung ihren Zweck, die Belebung des Unterrichts in der 
Psychologie, an den Seminaren immerhin erfüllen.**'*"*^®) — 

Von den Litteraturgeschichten und Lei tf äd en^^^~^®') sind 
mehrere in neuer Auflage erschienen, darunter die Uebersicht über die deutsche 
Sprache und Litteratur von Rudolf Lehmann^^*). Sie ist durch einen Anhang 
vermehrt, welcher die wichtigsten Daten der deutschen Literaturgeschichte in 
chronologischer Uebersicht enthalt.*®*"*®®) — 



1900. VI, 186 S. M. 1^0. - 163) X A. Florin, Teil- Lesebuch ffir h6h. Lehranst. 2. Aufl. Dsfos, Richter. 1900. 197 S. 
M. 1^0. — 164) J- El bei, Psycholog. Lesebaoh aas Dichtern alter n. neuer Zeit. Z. Gebr. an Lehrerseminaren. Altenharg 
i. S., Pierer. 1900. XII, 130 S. M. 1,50. — 169) X P- Votiert, Dtsch. Lesebach für höh. M&dchenschnlen n. verwaadte 
Lehranstalten in Bayern. 2/5. Scha\jahr. NArnberg, P. Korn. 1900. XV, 181 S.; XIX, 287 S.; XX, 326 S.; XV, 282 8. 
M. 1,25; 1,40; 1,50; 1,50. > 166) X A. Kippenberg, Dtsch. Lesebuch fflr höh. M&dohensohulen. Neue Bearb. Ausg. A. 
HannoTcr, 0. Goedel. VUI, 288 S. M. 2,30. — 167) X i^t Dtsch. Lesebuch ffir höh. H&dohenschulen. 27. Aufl. 1. Tl. der 
Ausg. A u. B. ebda. 184 S. M. 1,60. — 168) X i^« Dtsch. Lesebuch fttr höh. H&dohenschulen. Neue Boarb. Ausg. A. 4./6. Tl. 
Ausg. B. 2. n.4.TI. ebda. 1900. 264 S.; 290 S.; VIII, 288 S.; VUI, 304 u. VUI, 872 S. M. 2,20; 2,30; 2,40; 2,40 u. 2,80. — 
169) XJ-0- Mailänder, Dtsch. Lesebuch fftr höh. M&dohenschulen. 1. Bd. 2. Aufl. St., A. Bons & Co. 1900. X, 230 S. 
M. 1,20. — 170) X id., Dtsch. Lesebuch fflr höh. M&dchenschulea. 2. Bd. ebda. 1900. VIII. 342 S. M. 1,80. - 171) X E. 
Keller, B. Stehle, A. Thorbecke, Dtsch. Lesebuch fflr höh. M&dchenschulen. 2. u. 3. Tl. L., Freytag. XVI, 876 S.; XVI, 
384 S. ü M. 3,00. — 172) X P- Prinz, Dtsch. Leseb. fflr kathol. höh. M&dchenschuIen. 4. Tl. Paderborn, Schöningh. XU, 
245 S. M. 1,80. - 173) X id., Dtsch. Lesebuch fflr hath. höh. M&dchenschulen. 5. Tl. ebda. XI, 272 3. H. 1,80. - 174) 
X D. Kennerknecht u. J. Neubauer, Dtsch. Lesebuch f&r bayr. höh. Töchterschulen. 3 Tle. Bamberg, Baohner. 
XU, 275; Vm, 258; VU, 304 S. M. 2,40; 2,20; 2.60. - 175) XJHoinville u. J. Hfibscher, Dtsch. Lesebuch fflr höh. 
Klassen. Lausanne, Payot. 1900. IV, 316 S. M. 3,20. — 176) X K. Brandt. Dtsch. Lesebuch. Ausg. in 4 Tln. S. Aufl. 
2. Tl. Hamburg, Meissner. 1900. 208 S. M. 0,80. — 177) X Hessisches Lesebuch. Her. v. hess. Schulmännern. Ausg. A, 
Tl. 4. 4. Aufl. Oiessen, Roth. 1900. VI, 224 S. M. 0,85. — 178) X <>• Fleiter, Deutschland u. d. Deutschen. Dtseh. 
Leseb. mit bes. Rflcks. auf Dtsch. lernende Auslftnd. u. auf Deutsche, d. im Ausl. leben. Mflnster, Asohendorff. 1900. VUI, 
317 S. M. 8,00. - 179) X Prz- Knauth, Sieben Bflcher dtsch. Dicht, v. d. ältesten Zeiten bis auf d. Qegenw. 8. Aufl. 
D. „Drei BQcher dtsch. Diehtgn.'* t. G. Bernhardt. Halle a. S.. Hendel. 1900. XX, 784 S. M. 2,50. - 180) X W. Beuter, 
Perlen ans d. Schatte dtsch. Dichtgn. Proben cur Litt.-Knnde. 2. Aufl. her. v. L. Lftttcken. Freibnrg i. B., Herder. XII, 
172 S. H. 1,30. - 181) X Ad. Hager, Oesterr. Dichter d. 19. Jh. (= Graesers Sohn lausgaben klass. Werke.) Wien, Graeser. 
XXIX, 283 S. M. 2,40. — 182) X J- Kappold, D. am Gymn. auswendig zu lernenden dtsch. Gedichte. 4. Klasse. Wien, 
Piohlers Witwe A Sohn. VI, 46 8. M. 0,40. — 183) X J. Ried en, Dtsch. Gedichte nebbt e. Anhange ▼. Sprachen usw. 4. Aufl. 
L., P. E. Lindner. 1900. 216 S. M. 1.30. ~ 184) X K. Wacker, Saromlg. dtsch. Gedichte fftr d. Mittel- u. Oberstufe höh. 
Mftdchenschulen. Mflnster, Schöningh. XV, 127 S. M. 1,00. — 185) X Margarete Henschke, Dtsofa. Prosa. Ausgew. 
Reden u. Essays. Z. Lekt. an d. oberst. Stufe höh. Lehranst. Gera, Hof mann. 1900. XV, 415 S. M. 3,00. — 186) X 0. 
Stiller, Leitfaden s. Wiederholg. d. dtsch. Litt.-Gesch. 4 Hefte. 2. Aufl. B., L. Oehmigke. 332 S. M. 3.00. — 187) X 9* 
Both, Bilder aus d. dtsch. Litt.-Gesch. Fflr d. Gebr. in BQrgersohulen. Hermannstadt, W. Krafft. 1900. 46 S. M. 0,50. — 
)88) XA. Brunner n. H. Stöckel, Dtsch. Litt.-Gesch. fflr höh. Lehranst. Bamberg, Bachner. VIU. 178 8. M. 2,00. — 

189) X 0. König, Gesch. d. dtseh. Litt, in zusammenhftngend. Darstellg. 4. Aufl. L., Teuoner. VIII, 152 S. M. 1,60. — 

190) X ^' Brugier, Abriss d. Gesch. d. dtsch. Naiionallitt. Auf Grund eigener Studien bearb. v. £. M. Harms. 3. Aufl. 
Freibarg i. B., Herder. 1900. IX, 287 S. M. 2,50. — 191> X W. Mardner, Litt.-Gesch. fflr höh. Mädchenschulen u. z. Selbst- 
gebrauohe. 3. Aufl. Mainz, Kirohheim. III, 283 S. M. 2,20. - 192) XA. Hentschel u. K. Linke, Illusir. dtsch. Litt.- 
Kunde in Bildern u. Skiisen für Schule n. Haus. 4. Aufl. L., E. Peter. 271 S. M. 2,00. — 193) X J- Hense, Abriss d. 
dtsoh. Litt.-Gesch. Progr. Paderborn. 40 8. — 194) Rud. Lehmann, Uebersicht Aber d. Entwicklung d. dtsch. Sprache 
u. Litt. Fü^ d. ober. Klass. d. höh. Lehranst. 3. Aufl. B., Weidmann. 1900. VIII, 124 S. M. 1.40. — 195) X H. Lindner, 
Z. Einfflhrung in d. neuere Lyrik u. Epik usw. fflr d. weibl. Jugend. Langensalza, SchulbachhandIg. 1900. XVI, 221 S. 
M. 2,00. — 196) XJ- Buschmann, Abriss d. Poetik u. Aufsatzlehre fflr höh. Schulen. 3. Aufl. Trier, J. Lintz. IV, 68 S. 
M. 0,80. — 197) X H. Weber, Dtsoh. Sprache u. Dichtung od. Das Wichtigste flber d. Entwicklung d. Muttersprache, d. Wesen 
d. Poesie u. d. NationalUtt 11. Aufl, her. ▼. H. Schillmann. L., J. Klinkhardt. 80 S. M. 0,60. - 198) X Fr- Nadle r, D. 
Wichtigste ans d. Poetik. E. Leitfaden fftr d. Hand der Sohfller. 2. Aufl. Wiesbaden, Bohrend. 1900. IV, 44 S. M. 0,40. — 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11 :i.d 

1,11 
Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

Richard Weissenfeis. 

GesAhiohte der Poetik und Aesthetik: Chr. Stief N. 1. - I. Kftnt N. 8. — Ooethe N. 8. - Schiller N. 11. 
-> F. Th. Yisoher, A. Trendelenbnrg N. 18. — G. Th. Fechner N. 22. — H. von Stein K. 80. — Aesthetik: Psychologie und 
Qatnrwiflaenschaftliohe Methode N. 31; Richtungen der Forsohnng N. 89. -> Einzelantersaohangen ftathetisoher Ornndbegriffe: 
Spiel N. 42; ästhetische Anschannng N. 45; Oef&hl N. 47; Kunstgenass N. 52; Phantasie N. 55. — KanatsohalTea N. 68. — 
Genie N. 62. — Persönlichkeit des KQnstlers N. 68. — Allgemeines Ober das Wesen des Schönen nnd der Kunst N. 70; F. 
Kern M. 81; L. Tolstoi N. 83; J. Daboc N. 85. — Alte nnd neue Kanst N. 86. ^ Richtungen der neuen Kunst: Idealismus und 
Realismus N. 93; Naturalismus N. 98; Neu-Roroantik, Myslixismns N. 105; Symbolismus N. 107; Tart poar Tart N. 115; De- 
kadens N. 116. — Anarchie der modernen Kanst N. 122. — Wiedergeburt der Kunst: Siegmar Schnitte, U. Driesroans, W. 
Whitraan N. 127. — Volkskunst N. 134. — Aesthetische i«>kiehnng, Geschmack, Aesthetik dee t&gllchen Lebens N. 146. — 
Betiehungen der Kunst xnr Religion N. 161 i sur Moral N. 169; snr Wissenschaft N. 175; xnm wirtschuftltchen Leben N. 182. 
- Kunst nnd Publikum N. 184. - Kunst nnd Kritik N. 188. - Kunst und Censnr N. 207. Plagiat N. 211. - Aesthetische 
Stimmungen: Komik und Humor N. 213; Tragik K. 220. — Stil der Kunst N. 230. — Poetik: Allgemeines N. 233. — Form 
der Poesie: innere Form N. 248; Stil N. 252; Dialekt N. 256; Rhythmus N. 259. — Litteratur und Publikum N. 262. — Motive 
und Typen der Poesie N. 370. — Yolkspoesie N. 277. - Dichtgattungen: Lyrik N. 284; Elegie N. 292; Satire N 293; Roman 
N. 298; Drama N. 802. — Schauspielkunst N. 319. — Rhetorik N. 320. - 

Die drei Hauptabschnitte, in die mein Vorgänger diesen Bericht geteilt hat, 
Geschichte der Poetik und Aesthetik, Aesthetik, Poetik, behalte ich bei. Doch be- 
handle ich im zweiten Abschnitt, um Zusammengehöriges nicht voneinander zu 
reissen, auch Schriften, die es allein mit der Poesie zu thun haben. Zur Ge- 
schichte der Poetik und Aesthetik hat das Berichtsjahr nicht viel Bei- 
träge geliefert. Man ist heute mehr bemüht, eine neue Aesthetik zu bauen, als die 
alte forschend zu durchdringen. G. H e i n e ^) teilt nach R. M. Meyers Bericht 
mit, dass dem Vf. der Anleitung zur Poesie, die 1725 in Breslau erschien, das Ms. 
des Breslauer Dichters Chr. Stief, die Niederschrift eines Kollegs, vorlag.^) — 

Mit dem Verhältnis zwischen dem Inhalt und der Form der Darstellung in 
Kants Philosophie beschäftigt sich D a x e r 3). Es bestätigt sich, was Adickes 
(JBL. 1897 IV 5d:27) behauptet hat, dass Kants Hang zum Systematisieren und 
Klassifizieren, sein Streben nach Architektonik und Symmetrie der Darstellung 
Einfluss auf die Entwicklung seiner Gedanken geübt hat. Andererseits hat die 
Systematik der Darstellung auch einen Grund in den dargestellten Gedanken, und sie 
wird auch vielfach von der Entwicklung der Gedanken durchbrochen. D. weist das 
ah der transscendentalen Aesthetik in der Kritik der reinen Vernunft nach, indem er 
als das Ideal, das Kant für ihre Anlage vorschwebte, eine künstlich architektonische 
mit völliger Symmetrie der entsprechenden Teile erschliesst imd zeigt, dass und 
inwiefern die wirkliche Darstellung hinter dem Ideal zurückgeblieben ist.*"'*) — 

Goethes Kunstanschauung beleuchten einige Aufsätze in ihrem Unter- 
schied vom modernen Naturalismus. In der Abhandlung „Nach Falconet und über 
Falconel" kann Borinski®) nichts finden, was an den modernen Naturalismus 
gemahnt. Er sieht darin, im Gegensatz zu Witkowski (JBL. 1893 IV 8a: 58), Polemik 
gegen Falconets berninesken Geschmack und zwar vom Standpunkt der Kunst- 
anschauung Winckelmanns aus, den Falconet angegriffen hatte. Der Gegensatz zu 
Falconet ist allerdings in der Abhandlung deutlich ausgesprochen, aber die Kunst- 
anschauung Goethes, die darin zum Ausdruck kommt, scheint mir mit Winckelmanu 
ebensowenig zu thun zu haben, wie mit dem modernen Naturalismus. Es ist die für 
die ersten Weimarer Jahre charakteristische Auffassung der Kunst als intim gefühlter 
Natur. — O. Harnack^) fügt die 27 neuen Maximen und Reflexionen über Kunst, 
die aus Goethes Nachlass in der Weimarer Ausgabe (JBL. 1897 IV 8a: 32) zu den 
alten hinzugekommen sind, in den Zusammenhang der Kunstanschauung des Dichters 
ein. Er macht wahrscheinlich, dass einige von ihnen, die in derselben H.s 
erhalten sind wie einige der schon in den nachgelassenen Werken veröffentlichten 
„Aphorismen. Freunden und Gegnern zur Beherzigung", samt diesen bestimmt 
waren für eine Duplik gegen Schadow, den Goethe in den Propyläen angegriffen 



1) O C. Heine, KursgefassUr Unterr. ▼. d. dtsch. Poesie: ZVLR. 12, S. 27-42. I[R. M. Meyer: Enph. 5, S. 594.]| 
— 2) O X S. T. Coleridge. Notes on Flftgels history of comio lit. Edited by H. B. Forman. I, IL: Cosmopolis 9, 
S. 635-48; 10, S. 52-67. — 3) G. Daxer, Ueber d. Anlage u. d. Inhalt d. transscendental. Aesthet. in Kivnts Kritik d. reinen 
Vernunft. (JBL. 1897 lY 5d:32.) — 4) X J- Goldf riedrich, Kants Aesthetik. (JUL. 1896 I 11:20; 1897 I 14:14.) |[A. 
Sohwarse: ZPhP. 5, S. 387/9 (polemisiert gegen d. Auffassung ▼. Kants „Zweokm&ssigkeit ohne Zweck").]; — 5) X H. 
Romundt, E. Gesellsch. auf d. Lande. Unterhalt. Aber Schönheit u. Kunst mit besond. Bexieh. auf Kant. (JBL. 
1897 114:15.) UV. Valentin: BLÜ. S. 471/2.]| - 6) O X F. Unruh, Studien zu d. Entwlokl., welche d. Begriff 
d. Erhabenen seit Kant genommen hat. Progr. Königsberg. 33 S. — 7) O X (*= IV 8a: 94.) — 8) K. Borinski, 
Goethe nach Falconet u. Aber Falconet: GJb. 19, S. 309-12. — 9) 0. Harnack, Zu Goethes Maximen u. Reflexionen 
JahrMberiehte für neuere deutsche Litteraturgesohiohte. X. (1)17 



t 11 : 10-22 tl. Weissenlels, Poetik und ihre Öesohictite. ISdÖ. 

und der in der „Eunomia^^ erwidert hatte. H. hat reoht mit der Behauptung, dass 
diese Sprüche, die sich gegen den Naturalismus und engherzigen Patriotismus der 
damaligen berliner Denkmalskunst richten, für unsere Zeit neue Geltung gewinnen. 
Ebenso ein Spruch, der verlangt, dass das Stück Wirklichkeit, welches ein Kunst- 
werk wiedergebe, in seinem Rahmen abgeschlossen sei. — In Goethes Gespräch 
„Ueber Wahrheit imd Wahrscheinlichkeit der Kunst" findet ein Spectator 
secundus^^) alles gesagt, was sich gegen den heutigen Naturalismus vorbringen 
lässt. — 

Die gemeinverständliche (?) Analyse von Schillers philosophischen 
Schriften setzt Geyer^O fort. Er meint, der Dichter des Erhabenen stelle in 
seinen theoretischen Abhandlungen „einzig und allein vom Standpunkt des Ideals 
aus** das sittlich Schöne höher als das sittlich Erhabene. Mir scheint, es kommt 
dabei der beständige Hinblick auf Goethe in Betracht, unter dem Schiller seine 
Aesthetik entwickelte. Der Anhang des Buches enthält allgemeine Bemerkungen, die 
darthun sollen, dass Schillers Aesthetik mit ihrer psychologischen Grundlage und der 
centralen Bedeutung, die sie dem ästhetischen Gefühl in unserem Seelenleben zuweise, 
noch die heute gültige Aesthetik sei. G. selbst muss aber einräumen, dass Schiller 
über das psychische Zustandekommen der ästhetischen Wahrnehmung, den Haupt- 
gegenstand der modernen Forschung, nur Andeutungen macht, die neuerdings 
Gneisse (JBL. 1893 I 12 : 14) begründet und weiter ausgeführt hat. Richtig bemerkt 
er, dass Schiller von dem im Kallias gemachten Versuch, objektive Kriterien für das 
Schöne aufzustellen, bald wieder zurückgekommen sei. Ich glaube aber nicht, was 
G. anzunehmen scheint, dass Schiller selbst ein objektives Prinzip des Geschmacks 
für schlechterdings unvereinbar mit seiner Theorie gehalten hat. Gut wird die 
centrale Stellung beleuchtet, die bei Schiller das ästhetische Gefühl in unserem Seelen- 
leben einnimmt: als das Gefühl, das in der Mitte zwischen Empfinden und Denken 
liegt, das, weil aus der Thätigkeit der ganzen Seele entspringend, zu den anderen 
Sphären des Seelenlebens, der Sittlichkeit, der Religion, dem Glückseligkeitstrieb, die 
engsten Beziehungen hat Das ist allerdings ein Punkt, in dem Schillers Aesthetik 
sich mit der modernen berührt, und ihre Betrachtung erscheint dadurch besonders 
geeignet, dem Zweck zu dienen, den G. bei seinem Kommentar vor Augen hat, der 
Aufklärung über die Wirkungen, die das ästhetische Gefühl auf das innere und 
äussere Leben des einzelnen wie der gesamten Menschheit in socialer und sittlich- 
religiöser Hinsicht ausübt*^"*^) — 

F. T h. V i s c h e r s **) Vorträge über das Wesen des Schönen und der 
Kunst, aus seinen nachgelassenen Papieren und den Nachschriften von Schülern zu- 
sammengestellt, behandeln den Stoff der beiden ersten allgemeinen Teile einer grossen 
„Aesthetik" in leichterer, weniger fest gefügter Darstellung. Sie lesen sich gut, eine 
Fülle interessanter Beispiele belebt und veranschaulicht die abstrakten Ausführungen. 
Da das zu Grunde liegende Material hauptsächlich aus V.s letzten Lebensjahren stammt, 
so erscheinen seine Ansichten und seine Methode in diesen Vorträgen vielfach 
moderner als in seinem ästhetischen Hauptwerk. Immerhin ist es noch 
idealistische, spekulative Aesthetik, abstrahiert aus alter und neuer klassischer Kunst, 
überall zurückweisend auf Kant, Schiller, Schelling und Hegel. Den Unterschied 
dieser Aesthetik und der heutigen stellt Steiner in seinem Bericht fest. — Auch 
A. Trendelenburgs Aesthetik , die D e i k e ^®) aus zerstreuten Aeusserungen 
zusammengestellt hat, reiht V o 1 k e 1 1 unter die Gestaltungen der nachkan tischen 
spekulativen Aesthetik ein wegen ihres „einseitig objektivistischen, teleologischen und 
harmonistischen Charakters". 2« -21^ — 

Zur neueren Aesthetik leitet im Berichtsjahr der Abschluss der neuen Auf- 
lage von G. Th. Fechners^j Vorschule über. — Die beiden Weltanschauungen, 
die Fechner in seiner Schrift „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansiöht" 



ftber Kanst : ib. S. 125-32. (Vgl. I Y 8 a : lOS.) — 10) Spectator aeonadiis. Ueber Wahrheit u. Wahrsoheinliehkeit d. Kanstwerke : 
DramatQrgBil. 1, S. 266-70. — U) P. Geyer, Sohliiera isthet-sittl. Weltansohanang, ans seinea philoe. Schriften gemeia- 
Teratändlich erklftrt. 2. Tl. B., Weidmann. YIII, 72 S. M. 1,60. (Vgl. JBL. 1896 1 11:28.) - 12) O X E. Ranaoh, 

Religion u. Aesthetik bei J. J. Fries. E. Darstell, seiner relig.-ästhet. Weltansohaanng n. ihrer Weiterentwiokl. in Philos. 

Q.Theologie. Diss. Leipsig. 68 8. - 13) X H. Bischof f, Ladwig Tieok als Dranatarg. (JBL. 1897 lY 10:43; 1896 
lY 4:682.) |[Spectator: DraraaturgBll. 1. S. 73/6, 89-93 (nur Inhaltsangabe).]! — 14) O X H. Wenok. L. Tleck als 
Dramaturg: Geg. 27, N. 32. — 15) O X V. Schweizer, Ladolf Wieabarg. Beitrr. au e. jnngdtsch. Aesthetik. L.. Wild. 
156 S. U. 4,00. (UL W. ali> Aeslhetiker, lY. W. als Kunstkritiker.) - 16) X R- M. Hey er, F. Hebbels Knnstlehre. (JBL. 
1898 lY 4:315.) — 17) o X 0. Ludwig. Werke. Her. v. Y. Schweizer. 3 Bde. (JBL. 1898 lY 4:67.) (8. Bd.: Aesthe- 
tisches: Aus d. Shakespearestudieu; Aus d. Bomanstudien ; Z. eigenen SohaiTen.) — 18) F. Th. Yischer, Yortrftge. (JBL. 1897 
I 14:19.) HR. Steiner: ML. 67, S. 25/7; M. Dessoir: DLZ. S. 1851/2; LCBl. S. 1656/7; A. Drews: Geg. 53, 8. 62/3; E. 
Hallier: Yom Fels «. Meer 2, 8. 286/9.J| -19) W. Deike, D. ftsthet. Lehren Trendelenburgs. (JBL. 1897 I 14:20.) |[J. 
Yolkelt: DLZ. 19, 8.63/4.]; - 20) O X Chr. Oeser, Briefe an e. Jungfrau über d. HanptgegensUnde d. Aesthetik. 
26. Aufl. T. Julie Do hm ke. L., ßrundstetter. YIU, 622 S. M. 7,60. - 21) O X Q- Frey tag, D. Technik d. Dramas. 
8. Aufl. L., Hlrael. YI, 314 S. U. 6,00. — 22) O G. Th. Fechner, Yorschule d. Aesthetik. 2. Tl. 2. Anfl. L., Breit- 



R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 111: »-48 

kontrastiert, fände Wille''*), dem die Nacht nicht öde, oft lieber als der grelle Tag 
ist, richtiger bezeichnet durch die Worte Vernichtung luid Leben. Das Grauen vor 
der Vernichtung dessen, was unser Herz liebt, durch den Verstand macht für ihn 
das Eigentümliche der Feohnerschen Nachtansicht aus. Unter ihren charakteristischen 
Zügen ist ihm bei Fechner das Fehlen ästhetischer Qualitäten nicht genug betont. 
Sie möchte er der W^elt im Sinne der Tagesansicht retten, d. h. er möchte die Einig- 
keit der poetischen und der wissenschaftlichen Weltauffassung, z. B. den Erkenntnis- 
wert der poetischen Naturbeseelung nachweisen. Auch der Name „Gott", den 
Fechner seinem universalen Bewusstsein, seiner Weltseele gab, scheint ihm nicht ganz 
glücklich gewählt, weil Fechner den Pantheisten Spinoza und Goethe näher stehe als 
der christlichen Kirche.'*"**) Die Grundsätze der Fechnerschen Tagesansicht 
charakterisiert W. als neue Romantik, die jetzt gegen die Nachtansicht des Realismus 
und Materialismus reagiere.**"*®) — 

Die Gedanken des systematischen Teils der Vorlesungen H. von Steins'®) 
fasst Michel gut und straff zusammen. Carstanjen rühmt das Subjektivistische 
in ihnen, die Erklärung des ästhetischen Eindrucks als einer inneren Thätigkeit des 
Subjekts, und bedauert von seinem Standpunkt das „Schwanken zu objektivistischen 
Bestimmungen" an anderen Stellen. — 

Die Aesthetik'*) wird heute immer mehr Psy chol ogie'*"'*) und 
Psychophysik'*) mit naturwissenschaftlicher Methode »•-J^«). — 

In einem Bericht über die Raumästhetik von Lipps'®) unterscheidet 
K. Lange zwei Richtungen der neueren deutschen Forschung: eine 
ältere, die „Inhaltsästhetik" (z. B. Lipps), und eine jüngere, die „Illusionsästhetik" 
(z. B. Groos, Lange). Die erstere erklärt die ästhetische Lust durch unbewusste, 
also reale Einfühlung des Subjekts in das Objekt, die zweite durch bewusste Ein- 
fühlung oder, wie sie sagt, bewusste Selbsttäuschung. Nach der ersten, behauptet L., 
beruhe der ästhetische Genuss auf dem Inhalt der Kunst, nach der zweiten in erster 
Linie auf der ästhetischen Auffassung dieses Inhalts. Bei der Musik, dem Tanz und 
den tektonischen Künsten erweise die Inhaltsästhetik sich am deutlichsten als unzu- 
reichend, als gewaltsam. Sie trage Ethisches in die Aesthetik hinein, sei ein 
unorganisches Kompromiss zwischen älteren und neuen Anschauungen. Die Illusions- 
ästhetik dagegen trenne das Ethische und Aesthetische, entspreche dem modernen 
Kunstempfinden. ~ Auch Schaumkell*®) sieht in der Illusionsästhetik einen 
Fortschritt gegenüber der Inhaltsästhetik, weil sie die ästhetische Wirkung sowohl 
der naturalistischen wie der idealistischen Kunst erkläre, während die Inhaltsästhetik 
gegenüber der ersteren versage. — Die Fortschritte, deren die neue ästhetische 
Forschung sich rühmt, zweifelt Sand voss**) an. Uebertreibend beschuldigt er die 
moderne beschreibende Aesthetik, dass sie nur das Wahrgenommene registriere, ohne 
zwischen den Thatsachen das geistige Band aufzuweisen, dass sie keine Entwicklung 
darstelle, keine Gesetze erschliesse und für die künstlerische Praxis gebe. Er leitet 
daraus die Anarchie in der modernen, der naturalistischen Kunst ab. Als Anstifter 
all des Unheils in Theorie und Praxis klagt er W. Scherer an. — 

Einzeluntersuchungen ästhetischer Grundbegriffe. Sie 
betreffen die Prozesse, die bei der ästhetischen Stimmung und beim künstlerischen 
Schaffen in der Seele ablaufen. In einer Studie zur Psychologie des Spiels 
vermisst Zerboglio**) ein umfassendes Werk über diesen Gegenstand. Es sind 
aber mehr Vorarbeiten zu einem solchen vorhanden, als aus dem Aufsatz Z.s hervor- 



kopf Sc H&rtel. IV, 319 S. H. 6,00. - 23) B. Wille, Tiiges- n. Naohtansloht: Neuland 1, S. 86-96. — 24) O X W. Pastor, 
D. Weltansohannng Feohners: Zeit U, M. 221. — 25) O X H. Falokenberg, Ane Herrn. Lotsee Briefen an Th. n. Clara 
Feehner: ZPhK. 111, S. 177-90. — 26) O X E. Waohler, Darstellang n. Kritik d. Wagnersohen Theorie e. Oesamtkanet- 
werke: Kritik 18. S. 26-86. - 27) O X ^' Stirner, Kleinere Schriften. Aas d. J. 1842-47. Her. ▼. J. U. Mackay. B., 
Sohneter A Loeffler. VII, 185 3 H.3,00. (E. Abschnitt «Kamt u. Religion^) — 28)X^- Cppenheimer, D. t. Lilienoron. (JBL. 1808 
IV 2:678.) ,|J. .«.: HambCorr". N. 13 (Nietzsches Persönlichkeit).)! — 29)OX R. Mnmm. Wider d. Uebernensehen : Wahrheit 
2, N.6. — 30) K. U. Y. Stein, Yorlesnngen Aber Aesthetik. (JBL. 1897 I 14:42.) \\H, tfiohel: DranaturgBlI. 1, 8. 889-41, 
848/5; F. Carstanjen: YWPh. 22, S. 182/4; A. Höfler: ZPsych. 16, S. 417-24: F. X. Pfeifer: PhilosJb. 11. 8. 98/8; A. 
Biese: DWBI. 11, S. 404/5.J| — 31) OX Th. Lipps, Dritter fathet. Litt.-Berioht L: ASystematPhilos. 4, Heft 4. — 32) X 
R. Eisler, Psyohol. im Unriss. E. Darstell, d. Grnndgesetxe d. Seelenlebens. 2. Anfl. (s Wissenschaft!. Yolksblbl. N. 29-80.) 
L., Sehcurpfeil. YIII, 104 8. M. 0,40. — 33) O X C. Schneider, D. HaaptstrÖmnngen in d. heutigen Psyohol.: NorddAZg^. 
N. 48. — 34) X W. Prxibram, Yersnoh e. Darstell, d. Empfindungen. Wien, Holder. 23 S. M. 1,40. (Stellt e. mathemat. 
System d. SInnesempfindnngen anf, in dem sie darch Formeln beschrieben werden.) — 35) O X ^' Pr^TOst, E«sai d*nne 
noavelle ekth^tiqne basöe snr la physiologie. Paris, Roger & ChernoTis. 68 S. Fr. 1,25. — 36) O X ^- Nef. D. Aesthetik 
als Wissenschaft d. ansehanl. Erkenntnis. E. Vorschlag Aber d. Oegenstand, d. Methoden n. Ziele e. exakt-wissenschaftl. 
Aesthetik. L., Uaaoke. 52 S. M. 1,00. - 37)OX B- ^»labert. Les fondemente de resthMiqae scientiflqae. Paris, Giard A Bri^re. 
15 8. — 38) O X S. Obermann, Grundlinien e. psyohol. Aesthetik. Progr. Wien. 2. Bes. 69 S. |[0. Yogrint: Gymn. 

16, 8.637/SJl — 39) Th. Lipps. Ranm&sthetik n. geometr.-opt. Täasohnngen. (JBL. 1897 I 14:184.) |[G. Hey man s: ZPsych. 

17, S. 388-96; K. Lange: LCBl. 8. I812/4.]| — 40) E. Schanmkell, Ueber d. Fortschritt anf d. Gebiet d. Aesthetik: DWBI. 
11, S. 270/8. - 41) F. Sand VOSS, Yergleioheade Litt.-Gesch. n. beschreibende Aesthetik: PrJbb. 92, S. 361-73. ~ 42) A. 
Zerbogllo, Z. Psyehol. d. Spieles: FrBl^. N. 8, S. 18/4. - 43) O X J- Stlnde, D. Sinn d. Spiels: Daheim 33, S. 480/2. 



111:44-45 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

geht, der an Tiefe der Auffassung des Spiels hinter Groos (JBL. 1896 I 11: 132) und 
Lange (JBL. 1897 I 14 : 35/6) zurückbleibt.«"**) — 

Einen interessanten Beitrag zur psychologischen Analyse der ästhetischen 
Anschauung, den Lange der Inhaltsästhetik zuweisen würde, liefert P. Stern *^). 
Zunächst wird die Entwicklung der darauf bezüglichen Anschauungen und Begriffe 
in Deutschland dargestellt und kritisch betrachtet. Es handelt sich vor allem um die 
Begriffe der Einfühlung und der Association. Einige deutsche Romantiker fassten, 
wie St.s Einleitung nachweist, den Akt der ästhetischen Betrachtung zuerst auf als 
Einfühlung des Subjekts in das Objekt, das dadurch beseelt, zum Symbol wird. So- 
fern die Aesthetik nun diese Einfühlung vom Objekt aus zu erklären suchte, nennt 
St. sie noch mehr oder weniger metaphysisch. Die vom Subjekt ausgehende, jetzt zur 
Herrschaft gelangte psychologische Aesthetik, deren Entwicklung er im 1. und 2. Ab- 
schnitt seines Buches überblickt, hat nach ihm drei Hauptfragen zu beantworten: 
1. wie kommen wir zu dem seelischen Gehalt, mit dem wir das ästhetische Objekt be- 
leihen? 2. in welcher Form ist jener seelische Gehalt uns gegeben? 3. wieso sind die 
mit ihm beseelten Formen des Objekts für uns wertvoll? In der Beantwortung der 
ersten Frage findet St. bei Lotze ein Schwanken zwischen der Hypothese des inneren 
Nacherlebens und der Erinnerungshypothese. Er stimmt Robert Vischer zu, der diese 
beiden Hypothesen wissentlich auseinander hält, indem er den Prozess der ästhetischen 
Einfühlung in zwei Akte zerlegt: Emempfindung, d. i. Einsfühlung, Identifizierung 
mit dem Objekt, und Einfühlung, d. i. Uebertragung unseres aus jener Einempfindung 
resultierenden Gefühls in das Objekt. Vischers Erklärung dieser beiden Akte aber 
bedeutet für St. in mancher Hinsicht einen Rückfall in die metaphysische Aesthetik. 
Auch in der Beantwortung der zweiten Hauptfrage der psychologischen Aesthetik 
konstatiert St. insofern einen Fortschritt Vischers gegenüber Lotze, als jener es klar 
ausspricht, dass wir in der ästhetischen Betrachtung nicht nur geistig, sondern 
wirklich gefühlsmässig erregt werden. Für die dritte Hauptfrage, nach dem Wert 
der ästhetischen Erregung, pflichtet er der Annahme Lotzes wie Vischers bei, dass 
dieser Wert im Bereich der Ethik liege, tadelt aber, dass Vischer die Frage zu sehr 
vom Objekt der Betrachtung aus beantworte. Den Fortschritt, den Vischer gegenüber 
Lotze in der Beantwortung der ersten Frage gemacht hatte, sieht St. wieder aufgegeben 
bei Groos und Siebeck. Der Lehre des ersteren (JBL. 1892 I 11:37), dass unsere 
ästhetische Betrachtung der Dinge eine innere Nachahmung vermöge der Einbüdungs- 
kraft sei und das Gefühl des Aktes dieser Nachahmung den ästhetischen Genuss 
hervorrufe, hält er erkenntnistheoretische und psychologische Gründe entgegen. Er 
vermisst vor allem den Nachweis eines Zusammenhangs zwischen dem Gefühl der 
Thätigkeit des inneren Nachahmens und dem specifischen inneren Bild, dem „Schein" 
der Dinge, der nach Groos durch jene von ihnen abgelöst wird. In der Theorie des 
Herbartianers Siebeck scheinen ihm unsere äusseren Beobachtungen an anderen über- 
schätzt gegenüber unseren sonstigen Erfahrungen und den Erlebnissen an uns selbst, 
die zum ästhetischen Eindruck mitwirken. In Fr. Vischers Schrift über das Symbol, 
bei Biese und Volkelt wird nach seiner Ansicht das Rätsel der Gefühlsübertragung 
in das Objekt nur metaphysisch gelöst durch die Annahme einer nicht weiter ab- 
leitbaren inneren Nötigung, die uns zwingt, die Dinge für beseelt zu halten. Nach 
allem kann St. den Begriff der Einfühlung, mit dem die psychologische Aesthetik ihre 
Aufgabe zu lösen versuchte, nur als eine metaphorische und noch dazu missverständliche 
Bezeichnung für das Resultat des psychischen Aktes gelten lassen, der in der ästhetischen 
Anschauung vor sich geht. Auch der Erklärung jenes Aktes, die F^echner mit Hülfe 
der Associationstheorie gab, stimmt er nicht in allen Punkten bei. Aber die Ein- 
wände, die Volkelt, Biese, Fr. Vischer, Th. Ziegler gegen Fechner erheben sowie 
gegen alle Versuche der Associationspsychologie, den ästhetischen Eindruck zu erklären, 
führt St. auf Missverständnisse zurück, auf eine Auffassung des vieldeutigen Asso- 
ciationsbegriffes, die Fechner und seinen Anhängern nur untergeschoben werde. Er 
formuliert jene Einwände am Schluss des zweiten Abschnitts seiner Schrift: 1. Die 
Association involviere stets ein bewusstes Nebeneinanderstehen der associierten Vor- 
stellungen; 2. sie könne nicht als Vermittlerin von Gefühlen fungieren; 3 sie bedeute 
stets einen rein zufälligen Zusammenhang. Diese drei Einwände weist St. im dritten 
Abschnitt seines Buches zurück und versucht dabei nun seinerseits, Fechner 
ergänzend und immer im engen Anschluss an Lipps, den psychischen Akt zu analy- 
sieren, der uns Objekte ästhetisch anschauen lässt. In der Zurückweisung des ersten 
Einwands handelt er von Vorstellungen, die, durch Association angeregt, unbewusst 
bleiben, weil unser seelisches Wesen nicht Kraft genug hat, sie in das Bewusstsein 
zu erheben. Im besonderen beim ästhetischen Eindruck rege das Objekt, das wir 
wahrnehmen, gleichzeitig eine Fülle ungesonderter Vorstellungen an, die sich gegen- 

— 44)OXJ. Donath,D. Anf&Dge d. mensohl. OeUte«. Feet-Vortr. St., Enke. 47 3. M. 1,00. ~ 45) P. Stern, Ein- 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11:« 

seitig im Bewusstwerden hemmen, aber doch sowohl die Art der Erscheinung des 
Objekts für uns bestimmen wie das Gefühl modifizieren, das unsere Anschauung des 
Objekts begleitet. Also Association und doch Einheitlichkeit des Eindrucks, kein 
„Neben- oder Nacheinander" der angeregten Vorstellungen, sondern ein „Ineinander", 
das möglich erscheint, wenn man nur die Association nicht mit Volkelt als immer 
bewusste Erinnerung auffasst. In der Zurückweisung des zweiten Einwandes gegen 
die Associationstheorie erörtert St. genauer den Zusammenhang zwischen der Asso- 
ciation, dem Vorstellungsablauf, durch den der ästhetische Eindruck zustande kommt, 
und dem ihn begleitenden Gefühl. Dieses Gefühl, Lust oder Unlust, wird bestimmt 
durch die Leichtigkeit oder Schwierigkeit der allgemeinen Erregungsweise, die die 
Seele als Ganzes eingehen muss, um die durch Association angeregten Vorstellungen 
gleichzeitig resp. in unmittelbarer Folge hervorzubringen. Nun muss jedes gegebene 
Gefühl Vorstellungen anklingen lassen, die denen, an die es sich ursprünglich heftete, 
hinsichtlich der sie begleitenden allgemeinen psychischen Erregungsweise ähnlich 
sind. Diesen Associationen der Aehnlichkeit, die St. durch Beispiele von den Asso- 
ciationen der Gleichzeitigkeit und der Erfahrung sondert, spricht er die höchste Be- 
deutung für das ästhetische Verhalten zu, weil erst durch sie, durch das Anklingen 
ähnlicher Vorstellungskomplexe, das Gefühl zu einem dauernden Genuss und bei 
längerer Dauer zur „Stimmung" wird. In diesem Zusammenhang erscheint auch die 
alte Forderung psychologisch begründet, dass man sich während der ästhetischen Be- 
trachtung von allen empirischen Interessen freihalte. Denn diese würden das Ein- 
treten unähnlicher Vorstellungskomplexe bedeuten, das die allgemeine psychische 
Erregungsweise modifizieren und das durch jene bestimmte ästhetische Gefühl zu 
Gimsten eines anderen zurückdrängen würde. Die Aehnlichkeitsassociation ist nach 
St. ferner wichtig für die psychologische Erklärung der Phantasievorgänge, z. B. für 
die Erfindung eines Tanzes unter dem Eindruck einer Musik, für die Umsetzung 
einer Tonfolge in Worte oder einer Dichtung in Musik. Dabei wird vermöge der 
Aehnlichkeitsassociation an die Stelle des Gegebenen etwas gesetzt, dessen Vorstellung 
bei inhaltlicher Verschiedenheit die gleiche seelische Erregungsweise wie die Vor- 
stellung des Gegebenen verwirklicht. St. kritisiert weiter die übliche Einteilung der 
Gefühle in Lust- und Unlustgefühle und sieht in diesem Gegensatz psychische That- 
sachen bezeichnet, die ein Streben oder Widerstreben der Vorstellungen voraussetzen, 
also auch ein Streben oder Widerstreben unseres gesamten seelischen Wesens. In 
jedem Gefühl drückt sich danach eine der möglichen Modifikationen des Strebens aus. 
Beim ästhetischen Gefühl unterscheidet St. drei solche Modifikationen, je nachdem beim 
Vorstellungsablauf die seelische Kraft die von aussen eintretenden Hemmungen über- 
windet oder erfolglos gegen sie ankämpft oder der Vorstellungsablauf durch die 
Hemmungen sofort abgebrochen wird: Gefühl der Aktivität (Kraft und Befriedigung), 
Gefühl zugleich der Aktivität und Passivität (Kraft und Unbefriedigung), Gefühl der 
Passivität (Kraftlosigkeit und Unbefriedigung). Das Gefühl der Aktivität ist immer 
verbunden oder identisch mit einem Selbstwertgefühl, das Gefühl der Passivität mit 
einem Selbstunwertgefühl. Zu diesen ethischen Gefühlen, zu einer durchgreifenden 
Modifikation unseres Gesamtbewusstseins, der Art unseres Selbstgefühls, leitet also der 
durch das ästhetische Objekt in uns entfesselte associative Prozess, mit dessen Analyse 
St den Vorgang des „inneren Nacherlebens", Vischers Akt der „Einempfindung" 
wirklich psychologisch erklärt und geschildert zu haben glaubt. Der zweite zur 
ästhetischen Betrachtung gehörige Vorgang der „Gefühlsübertragung", Vischers Akt 
der „Einfühlung", d. h. die psychologische Thatsache, dass wir den durch die Wahr- 
nehmung des ästhetischen Objekts aus Elementen unserer eigenen Persönlichkeit in 
uns entbundenen Gefühlsinhalt in das Objekt selbst hineinfühlen, ist dann für St. 
nichts anderes wie die Thatsache, dass wir mit den Körpern lebender Wesen die 
Vorstellung ihres geistigen Lebens verbinden, die auch zunächst in uns auf Grund 
der Wahrnehmung jener Körper aus Elementen unserer eigenen Persönlichkeit erzeugt 
sei. Die Folge dieser Gefühlsübertragung ist den ästhetischen Objekten wie den 
lebenden Wesen gegenüber ein Gefühl der Sympathie. „Aller ästhetische Genuss ist 
schliesslich nichts als beglückendes Sympathiegefühl oder, was dasselbe besagt, ge- 
steigertes Selbst- oder Selbstwertgefühl." In der angedeuteten Weise erklärt St. den 
Prozess, der bei früheren Aesthetikern Einfühlung oder Symbolisierung des Objekts 
hiess, rein subjektivistisch, aus Vorgängen im betrachtenden Subjekt. Bei der Zurück- 
weisung des dritten Einwandes gegen die Associationstheorie, dass associative Ver- 
knüpfungen stets rein zufällige, keine objektiv gültigen seien, geht er von den 
Aehnlichkeitsassociationen über auf die Erfahrungsassociationen, die neben jenen die 
Eigenart des ästhetischen Gefühls bedingen sollen. In ihnen reproduziert das wahr- 
genommene Objekt uns Vorstellungen, die aus solchen früheren Erfahrungen stammen, 
die allgemein, mit Regelmässigkeit gemacht werden und sich deshalb aufs engste mit 
bestimmten Wahrnehmungen verknüpfen. Dahin gehören z. B. unsere Erfahrungen 



I 11:46-55 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

über die allg'emein im Raum wirkenden Kräfte, die bei der Wahrnehmung" geometrischer 
Formen durch Association in Wirksamkeit treten und zur ästhetischen Anschauung 
jener Formen führen. Es handelt sich also um unvermeidliche Associationen, die 
nach Fechner dem Menschen durch die allgemeine Natur der menschlichen, irdischen 
und kosmischen Verhältnisse auch allgemein aufgedrängt werden. Aus dieser Un- 
vermeidlichkeit der Verknüpfung allgemeingültiger Erfahrungen mit bestimmten 
Wahrnehmungen folgert St. die Allgemeingültigkeit, die objektive Gültigkeit des 
durch sie bedingten ästhetischen Gefühls und Urteüs. Er leitet daraus das Recht ab, 
von richtigen und falschen ästhetischen Gefühlen und Urteilen zu sprechen, und deckt 
die Fehlerquellen auf, aus denen die falschen entspringen: Stumpfheit der Empfindungen 
eines Menschen (z. B. eines unmusikalischen), unzureichende und unbestimmte all- 
gemeine Erfahrung des Betrachters (also Mangel der nötigen Erfahr ungsassociationen), 
mangelnden Sinn für das W'esentliche und Ganze der Erscheinungen, Unfähigkeit, ein 
gefordertes Gefühl ausklingen zu lassen. Wenn bei zwei Menschen alle diese Mängel 
nicht vorhanden sind und dennoch ihre ästhetischen Urteile demselben Objekt gegen- 
über verschieden ausfallen, so beruht das nach St. auf der Differenz der Persönlich- 
keiten. Objektiv gültige ästhetische Urteile könne nur jemand fällen, der als 
Persönlichkeit so reich und mächtig sei, dass er jedes denkbare menschliche Gefühl 
in höchster Stärke in sich zu erleben vermöge. Hier kommt St. zum Schluss auf den 
Unterschied der ästhetischen und der ethischen Persönlichkeit, der trotz der früher 
nachgewiesenen psychologischen Gleichartigkeit des ästhetisch befriedigenden Gefühls 
mit dem ethischen Selbstwertgefühl nicht übersehen werden dürfe. Er konstatiert das 
Unmoralische aller rein künstlerischen, das Unkünstlerische aller rein moralischen 
Betrachtungsweise. Das Ideal der Betrachtung scheint für ihn in der Mitte zwischen 
beiden Weisen zu liegen, doch mehr nach der ästhetischen als nach der moralischen 
zu. Für das Kunstwerk ergiebt sich die Regel: die ethischen Forderungen dürfen 
in ihm nicht so ganz ausser acht gelassen werden, dass sie gerade dadurch dem Be- 
trachter sich aufdrängen und die ästhetische Erregung zu nichte machen. V o 1 k e 1 1 
lobt in seiner ausführlichen Kritik Sterns Methode, die psychologische Analyse der 
Bewusstseins Vorgänge im gereiften Kulturmenschen. Er nennt sie exakt im Vergleich 
mit dem unsicheren Herumtappen der entwicklungsgeschichtlichen Aesthetik. Nicht 
einverstanden ist er mit der „ethizistischen" Richtung Sterns, mit der Gleichsetzung 
des ästhetisch befriedigenden Gefühls und des ethischen Selbstwertgefühls. Und in 
zwei Punkten hält er gegenüber Sterns Ausführungen eigene frühere Ueberzeugungen 
fest. Erstens sieht er in den Associationsvorgängen, mit denen allein Stern den Akt 
der ästhetischen Beseelung des Objekts erklärt, nur seine Vorbedingung, nimmt für 
die Vollziehung des Akts noch eine eigene, von der Association verschiedene 
Bewusstseinsfunktion an: eine innige Verschmelzung der sinnlichen Anschauung, die 
das Aeussere des ästhetischen Objekts bestimmt, und der Gefühlserregung, des gefühls- 
mässigen Erlebens, das dem Objekt das Innere, die Bedeutung verleiht, ein Eingehen 
des Gefühls in das Anschauen, eine Aneignung des Angeschauten durch das Gefühl. 
Zweitens verteidigt V. seine von Stern bestrittene Ansicht, dass zur ästhetischen Be- 
seelung von Raumgebilden Leibesempfindungen mitwirken, Bewegungs-, Tast-, 
Temperaturempfindungen, oder vielmehr Reproduktionen von solchen, die der sinn- 
liche Eindruck von Raumgebilden, z. B. einer schlank aufstrebenden Tanne, einem 
schwer lastenden Gewölk, in uns auslöst. Sie sind nach V. den Raumgebilden 
gegenüber die Brücke zwischen dem sinnlichen Anblick und den Gefühlen, zu deren 
Erklärung Sterns „psychische Resonanz" allein nicht genüge.**) — 

Zieglers*^) Buch über das Wesen des Gefühls ist in neuer Auflage 
erschienen.**"**) — 

Das Specifische des Kunstgenusses hat nach B r ö m s e*^) seinen 
Grund in der Form des ästhetischen Objekts, unter der er die gesamte künstlerische 
Neuprägung des gegebenen stofflichen Inhalts versteht.^'"**) — 

Die Erkenntnis des Wesens der Phantasie versucht Siedentop f **) 
dadurch zu fördern, dass er ihr Verhältnis sowie das Verhältnis des logischen 
Denkens zum Gedächtnis darstellt. Die allgemeine Beziehung des Gedächtnisses zur 
Pharttasie findet er darin, dass jenes vermöge der Vorstellungen, die aus ihm bei 
einem Eindruck oder einer Empfindung durch Associationen reproduziert werden, die 



ffihlang n. Association in d. neueren Aesthetik. E. Beitr. i. psyohol. Analyse d. &sthet. Ansehanang. (= Beitrr. s. Aestheiilr. 
Her. T. Th. Lipps a. R. M. Weroer. V.) Hamburg n.L., Voss. YHI, 81 S. M. 2.00. |[J. Volkelt: ZPhE. 113. S. 161-79.]| 
— 46) OX H.Pape, Aesthet. Ililfrn: NR^. N. 31. — 47) O Th. Ziecler. D. Gef&hl. E. psycho!. Untersnelinng. 3. Anfl. L.. 
Göschen. 328 S. H. 5,20. rVgl. JBL. 1898 1 12:74.) — 48) O X J- H Oben er. D. Wesen d. Geftthls: PaedStnd. 19, 
S. 107-56. — 49)OX Cb. Le noble. L^Enthoasiasne. Orleans, Herlnison. 19 S. — 50) O X P. F. Thomas, L^ednration 
des sentiments. Paris. Alcan. 291 S. Fr. ö.OO. — 51) O X P- J- Helwig. P. kombinatorische ft»thet. Funktion n. d. Formeln 
d. Symbol. Logik: ASystematPhilos. 4. Heft 4. 52) U. Brömse, Z. Psyohol. d. Knnstgenasses: NIS. 87, S. 186-31. — 53) OX 
W. Holzamer, Kanstgeniessen : Yer sacrnm 1, N. 9, S. 19-22. — 54) O X G. t. Olasenapp, Aesthet. Stimmungen: 
BaltMsohr. 1897, 39. Heft 11. - 55) H. Sieden topf, Phantasie, Denken o. GedSohiais. E. psychol. Studie: WestöstIRs. S. 



k. Weissenf eis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I U -. öä-öo 

Stimmung erweckt, aus der heraus die Phantasie sich bethätigt. Als besondere Eigen- 
schaften des Gedächtnisses, vermöge deren es direkt auf die Phantasiethätigkeit ein- 
wirkt, bezeichnet S. dann seinen Umfang, seine Treue, sowie die Leichtigkeit und 
Festigkeit, mit der die Erinnerungen aus ihm aufsteigen und sich associieren. Auf 
mehr oder weniger unbewusste, automatische Gedächtnisreproduktion führt er die 
Gewandtheit zurück, mit der manche Künstler arbeiten, imd bemerkt, dass sie weniger 
für die schöpferische Erfindung in Betracht komme als für die phantasie volle 
Ausgestaltung und damit für den Stil des Künstlers. Besonders stark erscheint die 
Phantasie durch das Gedächtnis beeinflusst, wenn ein specieller Teil des letzteren vor 
den anderen entwickelt ist, wodurch die Phantasie in eine bestimmte Richtung gedrängt 
wird. Indem S. auf das Verhältnis des Gedächtnisses zum logischen Denken, zum 
Urteilen übergeht, hebt er zunächst hervor, dass, während es für die Phantasie- 
thätigkeit wesentlich auf die leichte Associierbarkeit der im Gedächtnis vorhandenen 
Vorstellungen ankommt, für das Denken vor allem ihre leichte und treue Reproduzier- 
barkeit wichtig ist, dass das Denken, weil mehr dem Willen unterworfen, dem Ge- 
dächtnis selbständiger gegenübersteht als die Phantasie, dass diese ihm vielfach erst 
den Gedächtnisinhalt vermittelt, indem sie die zur Begriffsbildung und Urteilsfällung 
notwendigen Vorstellungen durch Association aus dem Gedächtnis reproduziert. Bei 
der Untersuchung des Einflusses des Gedächtnisses auf das logische Denken unter- 
scheidet S. im letzteren Begriffsbildung, Urteilen und Schliessen. Für das Urteilen 
und Schliessen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften erkennt er, wie für die 
Phantasie, Reichtum und Treue des Gedächtnisses als wesentliche Eigenschaften. Und 
dieselbe Bedeutung, wie für die Phantasie, weist er hier einem entwickelten Speoial- 
gedächtnis zu, wenn er von der Uebung für specielle Urteils- und Schlussformen 
spricht, wie sie besonders Fachgelehrte durch reiche ins Gedächtnis aufgenommene 
Erfahrung erwerben. Dann aber kommt er wieder auf einen Unterschied des logischen 
Denkens von der Phantasie zu sprechen, indem er untersucht, inwiefern das Denken 
durch das Gedächtnis auch schädlich beeinflusst werden könne, was bei der Phantasie 
ausgeschlossen ist. Kürzer behandelt er die Rückwirkung der Phantasie- und der 
Denkthätigkeit auf das Gedächtnis. Durch beide wird infolge der Anregung mannig- 
facher Associationen das Gedächtnis bereichert und sein Stoff leichter reproduzier- 
fähig. Aber die durch Denken geschaffenen apperceptiven Vorstellungsverbindungen 
haften, weil schärfer aufgefasst, sicherer und länger im Gedächtnis als die lockerer 
angeknüpften, flüchtigeren und häufiger wechselnden Phantasiebilder, wiewohl diese 
durch ihre Anschaulichkeit zum Behalten geeigneter sind als der abstrakte Inhalt der 
Denkthätigkeit. Störend wirkt die Phantasiethätigkeit auf das Gedächtnis insofern, 
als sie uns hindert, bei der Reproduktion früherer Bewusstseiuszustäude diese un- 
verändert, ganz so, wie wir sie früher erlebt haben, noch einmal zu erleben.*®"*'') — 
Siedentopfs Aufsatz berührt das Problem des künstlerischen Schaffens. 
Vorgänge bei diesem, die schon früher beobachtet und geschildert sind, will Sighele*^) 
mit Hülfe der neuen Lehre von der Suggestion positivistisch erklären. Den schöpferischen 
Akt der plastischen Phantasie, d. h. die intensive spontane Thätigkeit, mit der sie im 
Gedächtnis aufbewahrte und zerstreute Eindrücke ordnet und zu Erscheinungen, zu 
Figuren zusammenzieht, charakterisiert er als Autosuggestion, die Affektion des 
Künstlers zu seinen Lieblingsfiguren, sofern er sich mit seinem Empfinden an die 
Stelle seiner Personen setzt, als suggestive Veränderung des Persönlichkeitsbewusst- 
seins, sofern er seine Persönlichkeit durch die Phantasiegestalten völlig verliert 
(E. Th. A. Hoffmann), als krankhafte Zwangsvorstellung. Indem er die durch un- 
willkürliche Phantasiethätigkeit hervorgerufenen künstlerischen Zwangszustände mit 
denen des gewöhnlichen Lebens vergleicht und von der Entladung nach aussen spricht, 
die beide verlangen, will er die seit Goethe gern wiederholte Theorie von der be- 
freienden Wirkung des Kunstwerkes auf seinen Schöpfer naturwissenschaftlich be- 
gründen. Das Schaffen des Künstlers selbst vergleicht er dem hypnotischen Rapport 
und Traum, die damit an die Stelle der alten mystischen Vorstellungen von göttlicher 
Inspiration treten. Mir scheint, auf dem Wege dieser „positivistischen" Erklärung 
liegt die Gefahr, dass man den Vorgang des künstlerischen Schaffens, der ja aller- 
dings Abnormes aufweist, schlechthin als einen Krankheitsprozess darstellt. — In dem 
Vergleich des künstlerischen Schaffens und des Traums berührt Sigheles Aufsatz sich 
mit einer vorjährigen Abhandlung Borinskis^^). Valentin liest aus dieser, wohl 
nicht richtig, heraus, dass Boriuski den Traum und die allem künstlerischen Schaffen 
zu Grunde liegende poetische Vision völlig identifiziere. Er betont dem gegenüber 
die bewusste schöpferische Mitwirkung des Künstlers bei seinen Visionen, sowie das 
BewuRStsein des Unwirklichen, das er dabei habe, während dem Träumenden alles 
wirklich erscheint. — Die Ansichten, die Wulckow*®) über den Prozess des 

8. 461-70. — 56) OX J- Zahlfleisoh, üaber Aaalogie n. Phantasie: ASyatematPhilo«. 4, Heft 2. — 57)OX ^- ^^eoÄria 8, 
Vom freien geistigen Sohaffen: Kw. U\ S. 209-12. — 58) S. Sighele, Snggestioa im kQnstler. Schaffen : Zakanft 22, 8.471/5. 
- 59) K. Bor in Ski, üeber poet. Vision n. Imagination. (JBL. 1897 I 14:132.) |[Y. Valentin: BLÜ. 8. 27S/7.]| ~ 60) R. 



t 11 : 61-67 R Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

dichterischen Schaffens, über Konception und Ausgestaltung, über die Rolle der 
Phantasie und des Verstandes dabei, vorträgt, hat er sich besonders aus Scherers 
Poetik und O. Ludwigs Selbstbekenntnissen gebildet. Von den äusseren oder inneren 
Eindrücken, durch die in der Regel die Phantasie zur Produktion angeregt werde, 
bespricht er ausführlicher die, die von der Kunst, namentlich von der die Nerven 
und durch sie das Gefühl erregenden Musik kommen. Er belegt die wechselseitige 
produktive Wirkung der verschiedenen Künste mit den bekannten Thatsachen, dass 
man beim Anhören von Musik Architektur- und Naturbilder sieht, beim Anblick 
eines Bildwerkes Musik, beim Anhören einer bekannten Dichtung zugleich fremd- 
artige rednerische oder musikalische Klänge vernimmt. Die Schwierigkeit der 
dichterischen Arbeit, die W. gegen Helmholtz (JBL. 1892 IV 8a: 73) hervorhebt, leitet 
er aus den von der modernen psj^chologischen Aesthetik viel erörterten associativen 
Vorgängen in der Phantasie her, vermöge deren ihr bei jedem starken Eindruck, bei 
jeder geweckten Vorstellung unzählige andere damit zusammenhängende Vorstellungen 
einfallen. Zur Ordnung und Sichtung dieses Materials, die die Voraussetzung der 
Entstehung eines einheitlichen Kunstwerks ist, brauche der Dichter in mühevoller 
Arbeit seinen urteilenden Geschmack, seine Beobachtungen, ja seinen gesamten 
geistigen Lebensinhalt.**) — 

Das Psychologische ist die schwächste Seite an T ü r c k s®^) Buch vom Genie, 
das in einer neuen Auflage umfangreiche Zusätze erhalten hat. Sie wenden teüs T.s 
allgemeine Genielehre auf einzelne Persönlichkeiten an, auf Goethe (JBL. 1898 IV 8e: 108), 
Alexander, Cäsar, Napoleon, teils bringen sie neue allgemeine Erörterungen. In einem 
Anhange zu den drei ersten Abschnitten seines Buches versucht T., seine Auffassung 
vom Wesen des Genies unter Wiederholung der Gedanken einer älteren Schrift 
metaphysisch zu begründen. Nach seiner zugleich pantheistisch und christlich ge- 
färbten Metaphysik sind alle endlichen, bedingten Wesen dieser Welt nur Selbst- 
vorstellungen des unendlichen, unbedingten Gottes, die nach dem für das Bewusstsein 
geltenden Gesetz des Kontrastes zustande kommen. Als Vorstellungen Gottes haben 
die endlichen Wesen ein mehr oder weniger deutliches Bewusstsein ihrer wahren, 
göttlichen Natur, der Unendlichkeit und Unbedingtheit, sowie ihrer Einheit in Gott, 
zu der die Welt aus der Vielheit der Erscheinungen zurückstrebt. Aus diesem Ver- 
hältnis zwischen Gott und der W'elt, das T. noch weiter ausführt, leitet er nun die 
Eigenschaften her, die er dem Genie zuschreibt: das „klare Bewusstsein von der 
eigenen überweltlichen Existenz*', die selbstlose, der Gesamtheit dienende Liebe zu 
allen anderen endlichen Wesen, die innere Freiheit trotz äusserer Abhängigkeit von 
der Welt der Erscheinungen, das phüosophische, auf den Zusammenhang der Er- 
scheinungen, die Einheit gerichtete Denken, das ästhetische d. i. uninteressierte, 
allein den Schein der Dinge erfassende Empfinden der Schönheit, die T. hier mit 
bewusstem Anklang an Schillers „Freiheit in der Erscheinung" als „Sichtbarkeit der 
Freiheit an den Dingen" definiert, das altruistische und um Erfolg oder Nichterfolg 
unbekümmerte, nur „spielende" Wollen und Handeln. Auch die metaphysische Be- 
gründung ändert nichts daran, dass T.s Definition des Genies sich teils als zu weit 
teils als zu eng erweist, dass sie nicht das trifft, was dem Genie specifisch eigen ist, 
dass andere Definitionen des Genies, die das auch nicht treffen, doch mindestens ebenso 
richtig erscheinen wie die seinige, die er so selbstgefällig als die einzige richtige, alle 
anderen in sich schliessende Definition vorträgt. Er setzt sich mit solchen anderen 
Definitionen in der Schlussbetrachtung des Buches auseinander. Da betont er be- 
sonders die Selbstlosigkeit, die Objektivität des Genies gegenüber dem von ihm blind 
gehassten Subjektivismus Stirners und Nietzsches, Allein dem objektiv gerichteten 
Geist, wie dem mit den Thatsachen rechnenden Napoleon L, offenbare sich das Wesent- 
liche, die wahre Natur der Dinge, und das sei auch die unerlässliche Vorbedingung 
alles Schaffens. Der subjektive Geist dagegen wird dem Vogel Strauss verglichen, 
der den Kopf in den Sand steckt, um seinen Feind, die Wirklichkeit, nicht zu sehen. 
Er, der Egoist,' soll nur zerstören können, wie Nietzsche, dieser „schwachsinnige 
Mensch, den seine Professorenpensipn vor der Not schützt". Nichts beleuchtet so grell 
die Unzulänglichkeit von T.s Definition des Genies wie dies Urteil, das er von ihr 
ausgehend über Nietzsche fällt. Oder war sein Urteil über Nietzsche der Ausgangs- 
punkt seiner Definition des Genies? *3"*') — 

Die Persönlichkeit des Künstlers nimmt in der Litteratur des 
Berichtsjahrs breiten Raum ein. Die meisten Arbeiten, die von ihr handeln, knüpfen 

Wnickow. E. Blick in d. Werkstatt d. Dichters: ML. 67, d. 178-82, 204/9. — 61) O X S Epstein, D. Psycho!, d. kftnst- 
lerisohen Schaffens bei Zola: Oes. 1, S. 307-20. — 62) H. Tfirok, D. geniale Mensch. (JBL. 189S IV 8«: 106.) |[F. KdhUr: 
Christi Welt. 12, S. 786/7; E. KQhnemann: ZPhK. 113, S. 267,9. j| - 63) O X C. Lombroao, Oenio e degenemsioae. 
NnoTi stadi e nnore battaglie. Palermo, Sandron. 800 S. L. 4,00. ^ 64) X ^ Landau. Abermals Qenie n. Wahnsinn?: 
Oeg. 27. N. 52. - 65) X K- Batka, Vom Verkennen: Kw. ll^ S. 38-40. (Erkl&rt psychologisch d. langsame Durchdringen d. 
Genies, ohne Neues zu bringen.) — 66) X U. Maync, D. Unsterblichkeit d. Genius: DWBl. 11, 8. 548/9. (Konstruiert d. 
Unsterblichkeit als befruchtende Seelenwandernng durch d. Zeitalter.) - 67) O X ^ Mnellenbaeb, DSchterruhn: ÜLAM. 80, 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre (ieschichte. 1898. I 1 1 -. A8-:ä 

an das moderne Kunstleben an, in dem sieh ein empfindlicher Mangel an Persönlich- 
keit bemerkbar macht, und finden ihre Stelle besser in späteren Abschnitten dieses 
Berichts. Allgemein gehalten ist ein Vortrag Emersons*^) aus dem J. 1838, der 
jetzt als zeitgemäss in seinen Hauptgedanken verdeutscht wurde. E. fasste darin seine 
optimistischen Ansichten über den in allen bedeutenden Erscheinungen, besonders 
Persönlichkeiten der Weltgeschichte hervortretenden üniversalgeist und über die 
einzelne ethische Persönlichkeit, die sich in der Betrachtung jener Erscheinungen und 
Persönlichkeiten als selbständigen Teil dieses Universalgeistes erkennen und empfinden 
soll, mit Bezug auf Forscher und Schriftsteller zusammen. Er fordert diese auf, zur 
Ausbildung jener ethischen Persönlichkeit und des zu ihr gehörigen Glaubens an sich 
selbst die Einsamkeit zu suchen. Er versteht darunter nicht die örtliche, nicht völliges 
Sich-Zurückziehen aus der Gesellschaft, die vielmehr auch auszunutzen sei, sondern 
Unabhängigkeit des Geistes von der störenden Umgebung. Die Aufgabe des schrift- 
stellerischen Genius ist nach E. Vermittelung zwischen Gott und der uneingeweihten 
Menge, zwischen der unendlichen Vernunft und dem gesunden Menschenverstand. 
Aus jener muss er seine Kraft ziehen, in diesem sein Ziel suchen, ohne jene würde 
seine Philosophie niedrig, ohne diesen zu abstrakt erscheinen. Sein Werkzeug, die 
Sprache, nennt E. das tiefste, zarteste und zugleich unzerstörbarste Werk menschlicher 
Schöpfung, das aber seine Allmacht verliere, wenn man mit ihm nur spiele, statt in 
Wahrheit denkend mit ihm zu arbeiten,*^) — 

Auch die allgemein gehaltenen Arbeiten über das Wesen des 
Schönen und der Kunst nehmen immer entschiedener den Charakter und 
die Methode der modernen Psychologie, der exakten Wissenschaft an. Ein Haupt- 
hindernis für eine Verständigung über das Wesen des Schönen und der Kunst sieht 
E r d m a n n'®) in dem Gebrauch des Wortes „schön", das ja schon seit längerer Zeit 
in der Aesthetik das frühere Ansehen verloren hat. Er zeigt, wie es als Ausdruck 
für allgemeine Wertschätzung jeder Art gebraucht wird. Es müsste auf ästhetische 
Wertschätzung beschränkt werden. Aber auch wo es für eine solche absolut ge- 
braucht wird, ist es unklar, unbestimmt. Es ist ein relatives Wort, das eines Zu- 
satzes bedarf, wenn es einen bestimmten Begriff bezeichnen soll. Es wird subjektiv, 
komparativ, vieldeutig gebraucht. Man denkt stillschweigend hinzu, für wen, für 
welchen Geschmack, im Vergleich womit, in welcher Hinsicht etwas schön ist. So 
entstehen Missverständnisse, unfruchtbare Diskussionen, weil von mehreren Personen 
nicht jede dieselbe nähere Bestimmung zu dem Wort „schön" hinzudenkt, weil der 
eine diesen, der andere jenen Begrifi" damit verbindet, ohne des Unterschiedes bewusst 
zu sein. — Helwigs"'*) mathematisch -psychologische Studien über das Schöne 
knüpft K. Lange an Fechners und Witimers (JBL. 1895 I 10:194) Arbeiten auf 
dem Gebiet der experimentellen Aesthetik. Er erhebt begründete Bedenken gegen 
diese Art der ästhetischen Forschung, gegen Methode und Ergebnisse. Wenn Helwig 
durch Experimente festgestellt haben will, dass das Schöne für den Menschen der 
Mittelwert sei, den er sich als Durchschnitt aus den zahlreichen ihm durch das Leben 
gebotenen Anschauungen bilde, so weist L. darauf hin, dass er damit von den beiden 
ästhetischen Faktoren der Gewöhnung und des Wechsels nur den ersten in Betracht 
gezogen habe. Ausserdem beschränke er damit auch die Kunst auf das Gewöhnliche, 
während doch ihre höchsten Wirkungen und auch die des Naturschönen auf Ab- 
weichung vom Gewöhnlichen, vom Mittelwert beruhen. — In Milthalers'^) Studie 
vermisst ein anonymer Recensent die Ergründung des Mystischen, das dem Schönen 
anhaftet. — Inwiefern Jos. M ü 1 1 e r ''3) in seiner Theorie katholisch befangen ist und 
worin er sich über den katholischen Standpunkt erhebt, zeigt'Ov erm ann.''*"''*) -— 
Die Untersuchungen und Gedanken von Groos (JBL. 1892 I 11:37; 1896 I 11:132) 
und Lange (JBL. 1893 I 11:2; 1895 I 10: 170; 1897 I 14:35/6) auf dem Gebiet der 
entwicklungsgeschichtlichen Aesthetik macht Beer'®) in gefälliger Darstellung einem 
grösseren Publikum zugänglich. Besonders ausführlich behandelt er die Folgerungen, 
die sich aus dem Satz, dass allen Spielen der höheren Tiere und aller Kunst der 
Menschen das Gefühl der bewussten Selbsttäuschung zu Grunde liege, für die moderne 
Kunst ergeben, für das Recht des Hässlichen in ihr, für die durch unseren Kultur- 



a. 748/4. > 6S) B. W. Emerson, üeber litterar. Ethik. Uebers. y. W. Sohölermann: WRs. 4, S. 75S/8. ^ 69) X ^^ 
AreDarliis, BanalitAteD: Kw. IIS 8. 241/8. (Freiheit «. Würde d. Kflnstlerpersdnllokkeit, gegen Anaahme staatl. Ehroagen, 
wie Titel. Medaillen nsw.) — 70) K. 0. Erdmann, D. Wort aeh6a n. seine Unbranohbarkeit. (JBL. 1807 I 14:83.) — 71) 
P. J. Helwig, E. Theorie d. Schönen. (JBL. 1807 I 14:40.) UK. Lange: ZPaych. 16, S.400-17.|| ~ 72) J. Mllthaler. D. 
Uteel d. Sohftaen. (JBL. 1806 I 11 :83.) |[r: ÖLBl. 6, 8. 428; B. Dehmel: DDtohterheim. 16, N. 2L]| - 73) Jos. Müller, 
E. Philoa. d. Sohönen in Natnr n. Kunst. (JBL. 1897 I 14:41.) |[A. Obermann: PrJbb 92. 8. 856/8; J. Gntberlet: LBs. 
84, B. 989-42; Vögele: HPBU. 121, 8. 846-62; F.X.Pfeifer: PhilosJb. 11, 8. 93/6.J| -74) X <3- Gietmann, Gmndrise d. 
Stilistik, Poetik n. Aesthetik. (JBL. 1897 1 14:34.) |[S. Widmann: LRs. 24, 8.48/9; J. Brann: StML. 54, 8. 206-lO.JI - 75) 
X H. Spltter, Krit Stadien m. Aesthet d. Gegenw. (JBL. 1897 I 14:39.) |[Y. Valentin» BLU. 8. 471.J| — 7«) Th. 

Jahxesharioht« fUr neuere dentseke litteraturgeiehieht«, X. (l)l^ 



111:77-88 tl. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 18dÖ. 

stand bedingte Notwendigkeit des Naturalismus sowie für seine durch das Wesen der 
Kunst gebotenen Grenzen.''"®^) — 

Andere allgemein gehaltene Schriften über das Wesen des Schönen und 
der Kunst zielen auf eine bestimmte Art von Kunst, die sich von der modernen 
mehr oder weniger unterscheidet. Die Frage, was die Kunst ist, verwandelt 
sich dabei in die Frage, was sie sein soll. F. Kerns®*) Schilderung der drei 
menschlichen Ideale des Wahren, des Schöoen und des Guten, die Erörterung 
des specifischen Wertes jedes der drei für die menschliche Kultur und Ge- 
sittung sowie ihres Verhältnisses zu einander kommt auf eine Verherrlichung der 
ästhetischen Erziehung hinaus, wie sie Goethe und Schiller konstruierten. Auch die 
Kunst, an die dabei gedacht wird, ist die klassische, wie sie Goethes imd Schillers 
Ideal war. Ihr gegenüber sieht K. die moderne, in der das Böse und Hässliche „sich 
breiter macht, als die Wirklichkeit zeigt, oder gar ausschliesslich die Herrschaft hat", 
auf einem Irrwege.®^ — - 

Vom socialen Standpunkt tritt L. Tolstoi®^) an die Frage nach dem 
Wesen der Kunst heran. Wie sie heute ist, verdient sie seines Erachtens nicht 
die Opfer an Menschenarbeit, Menschenleben und moralischen Gütern, die ihr 
gebracht werden, Opfer, die er übertreibend als ebenso gross schildert wie die Opfer, 
die die heutige Kriegskunst fordert. Im besonderen wendet er sich gegen Richard 
Wagner, Ibsen, gegen die Kunst der Dekadenten und gegen Tart pour Tart, d. h. 
gegen alle Kimst, die nur für wenige Privilegierte da ist. Die Kunst, für die das 
ganze Volk Opfer an Arbeit und Geld bringt, soll auch auf das ganze Volk berechnet, 
soll volkstümlich, allgemein verständlich sein. Aber zum Zweck darf sie nicht den 
Genuss haben, auch nicht den uneigennützigen, Kants uninteressiertes Wohlgefallen. 
T. findet diesen Genuss als Zweck der Kunst in allen deutschen, englischen, französi- 
schen ästhetischen Theorien von Baumgarten bis in die neueste Zeit, die das Wesen 
der Kunst im Schönen suchen. Für ihn haben sie gar nicht den Begriff der Kunst 
definiert, vielmehr nur das als Kunst anerkannt, was einem gewissen Kreise von 
Menschen gefiel oder gefällt. Er stellt die unhaltbare Behauptung auf, dass alle die 
Aesthetiker, die das Wesen der Kunst auf den Begriff der Schönheit gründen, ihre 
Theorien aus einer gewissen Reihe von Werken abstrahieren, die einem bestimmten 
Kreis von Menschen schön erscheinen, gefallen, und verlangt, dass man aus der De- 
finition der Kunst den Begriff der Schönheit und den Zweck des Genusses ausscheide, 
und ausgehe von der Thätigkeit der Kunst. Diese Thätigkeit der Kunst findet er 
darin, dass sie, wie die Sprache die Gedanken, so die Gefühle von Menschen zu 
Menschen vermittelt. Die Kunst erscheint ihm damit als eine der Bedingungen des 
menschlichen Lebens, als eines der Mittel zum Verkehr der Menschen unter einander, 
zu ihrer Einigung. Wie die Sprache auf dem Gebiete des Gedankens, so soll die 
Kunst auf dem Gebiete des Gefühls dem Menschen alles zugänglich machen, was die 
Menschheit vor ihm durchlebt hat und zugleich mit ihm durchlebt Die scharfe 
Scheidung von Sprache und Gedanken einerseits, Kunst und Gefühlen andererseits 
muss verwundem, zumal wenn man bedenkt, dass die Sprache doch auch eines der 
Mittel der Kunst ist. Künstler ist aber für T. noch nicht, wer durch die Aeusserung 
seines Gefühls unmittelbar in dem Augenblick, wo er selber es empfindet, einen an- 
deren ansteckt, sondern derjenige, der ein einmal empfundenes Gefühl wieder in sich 
hervorruft und es in Bewegungen (Tanz), Linien (Skulptur), Farben (Malerei), Tönen 
(Musik) oder Worten (Poesie) so wiedergiebt, dass andere es nachempfinden. Zur 
Kunst gehört danach Reproduktion des Gefühls und bewusste Mitteilung mit der Ab- 
sicht, das Gefühl auf andere zu übertragen. Von solcher Kunst im weitesten Sinne 
sieht T. das ganze Menschenleben erfüllt, er rechnet dazu z. B. auch das Wiegenlied, 
den Wohnungsschmuck, die Kleidung. Kunst im engeren Sinne sieht er da, wo wir 
den ausgedrückten Gefühlen eine besondere Bedeutung beimessen. Die höchste Kunst, 
„Kunst im vollen Sinne dieses Wortes", ist ihm die religiöse. Das stimmt zu der 
Weltanschauung, die er jetzt vertritt. Aus der ganzen Abhandlung spricht mehr der 
sociale und religiöse Ethiker als der Künstler Tolstoi, geradeso wie aus seinem letzten 
grossen Roman. Seine früheren Romane, die den Sätzen der ästhetischen Abhandlung 
nicht entsprechen, bedauerte er selbst geschrieben zu haben in einem Gespräch, das 
der deutschen Uebersetzung der Abhandlung angefügt ist. Steiner wendet sich 
gegen Tolstois Methode. Man müsse, um das Wesen der Kunst festzustellen, nicht von 
ihrer Wirkung ausgehen, sondern von ihrem Ursprung, von dem im Menschen 



Be«r, Spiel u. Kungt: »PPr. V. 11993'4, 12001/2. - 77) O X A. Heaton, Beauty and art. London (kein Vorl. an^egeb.). 
8h. 7/6. - 78)0 X R- M- Rilke, üober Kunst: Vor saoram 1, S. 22/8-79) OX H- »-«»»r, Qu'est oe qua l'art: RChr«tienne. 
8, S. 176-91. - 80) O X C. Patmore, Prlnolple in art. London, Bell. 274 S. Sh. 6,00. - gl) F. Kern, D. drei meniohl. 
Ideale. (JBL. 1898 IV 8d:22, S. 187 205.) — §2) X A. Hofaoker. D. Elemente d. Knntt: ML 67. 8. 65/9. (Schildert d. 
Verbiltoui d. Kunst au Wissenschaft, Moral, Natur im Sinn unserer Mass. Aesthetik.) - 83) L Tolstoi, Was ist d. Kunst? 
Dtsoh. ▼. A. Markow. B., Steinit«. 112 8. M. 1,00. |[E. Steiter: ML. 67, 8. 404/6; F. ATonarius: Kw. 11«, 8. 1/2; 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11 : 84-85 

liegenden Trieb, Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens nicht passiv an- 
zusehen, sondern aktiv aus dem Eigenen etwas hinzuzuthun, sich mit der Phantasie 
ein Bild davon zu machen, das der eigenen Individualität entspricht. Da haben wir 
also Zolas Theorie von der durch ein Temperament gesehenen Natur. 8*) — 

J. Duboc®*) nimmt die Theorien voin Wesen des Schönen und der Kunst 
durch, die seit Kant in Deutschland aufgestellt worden sind. Das Ergebnis ist, wie 
bei Tolstoi, die Erkenntnis, dass sie in wesentlichen Punkten von einander abweichen, 
und dass sie ihre Aufgabe, die Festsetzung dessen, was Kunst ist, nicht gelöst haben. 
Er schlägt deshalb vor, einmal einen anderen Weg einzuschlagen und zu fragen, 
was der Künstler ist. Er selbst antwortet: ein Bildner, der, was ihn bewegt, was 
ihm vorschwebt, in eine Form giesst, der den geistigen Gehalt seines Wesens oder 
seine Stimmung, einen ihn bewegenden „Impuls" oder einen, der seine Zeit bewegt, 
versinnlicht. Diese Versinnlichung eines Impulses, diese „Beleibung des Geistes" 
nennt D. das Wie in der Kunst und versteht darunter sowohl die Erfindung oder 
Wahl des Motivs, des Stoffes, an dem der Künstler den Impuls versinnlicht, wie die 
Ausführung im engeren Sinn, den Ausdruck in Worten oder Tönen, die malerische 
Niederschr&t, die plastische Formgebung. Das Was in der Kunst dagegen ist für 
D. das Geistige, das im Stoff und seiner Gestaltung versinnlicht wird, fdles, was er 
in den Ausdruck „Impuls" zusammenfasst. So verstanden, meint er, mache aller- 
dings, wie die modernen Aesthetiker behaupten, allein das Wie den Künstler aus. 
Jedes Kunstwerk sei als solches vollendet, wenn der Impuls, das Geistige durch den 
Stoff und seine Gestaltung so beleibt sei, dass der Leib als Ganzes und in allen 
seinen organisch zusammenhängenden Teilen einen echten, treuen Ausdruck und Ab- 
druck des Geistes darstelle. Das ist der Naturalismus oder Verismus, zu dem D. 
sich bekennt, imd von ihm aus polemisiert er gegen Kritiker und Publikum, deren 
Urteil über ein Kunstwerk in unzulässiger Weise durch das Was beeinflusst sei, in- 
dem sie z. B. seinen Wert danach bemessen, ob das darin zum Ausdruck kommende 
Geistige modern oder unmodern ist. Auch die staatliche Censur greift D. von diesem 
Standpunkt aus an, wenn sie in ihr Urteü politische Rücksichten einfliessen lässt, 
die sich immer auf das Was beziehen. Andererseits hält er sie nicht für ganz ent- 
behrlich, solange nicht die Famüie und in ihr vor allem die Frau ein Vetorecht in 
Kunstsachen in Anspruch nehme und geltend mache. Dieses Vetorecht hat allein 
mit dem Was der Kunst zu thun. D. fände es z. B. am Platze gegenüber Skarbinas 
,,Erwachen in einer Leichenhalle", gegenüber Ibsens „Gespenstern" und „Klein Eyolf", 
überall da, wo des Dichters Impuls auf etwas geht, was unser ästhetisches oder sittliches 
Gefühl beleidigt. Denn wenn er dem Wie in der Kunst zügellose Freiheit lässt, so 
verlangt er für das Was gewisse Schranken. Und zwar deshalb, weil die Kunst mit 
ihrem Was, wie D. es auffasst, nicht etwas für sich allein Bestehendes ist, sondern 
ein Teil der ganzen Kultur eines Volkes, weil das Kunstwerk als ein „geistiges 
Nahrungsmittel" einwirkt auf unsere gesamte sittliche und sinnliche Existenz. Als 
solches geistiges Nahrungsmittel bedarf die Kunst nach D.s Ansicht in Bezug auf 
ihr Was einer ähnlichen Kontrolle wie die materiellen Nahrungsmittel, damit sie keinen 
Schaden anrichte. Jeder derartige Schaden würde verhütet werden, wenn das Was 
der Kunst von der Lebens-Beiahung sein Gepräge erhielte, die D. in einer früheren 
Schrift als Ergänzung und Korrektur der Ich -Bejahung vom einzelnen Menschen 
verlangt hat. Die Ich-Bejahung, d. h. die Entfaltung der Anlagen, die Befriedigung 
der Triebe des Individuums, ist beim Künstler zu respektieren, soweit nur seine 
Künstlerschaft, also das Wie der Kunst, in Frage kommt. Lebens -Bejahung, d. h. 
Innehalten der Lebensgesetzlichkeit, die D. in der Gesundheit und im sittlichen Fort- 
schritt des Ganzen findet, Unterordnung des Individuums unter dieses Ganze, Ein- 
ordnung in die Gesamtpersönlichkeit der Menschheit, verlangt er vom Künstler, so- 
fern sein Werk als ein geistiges Nahrungsmittel, also im Hinblick auf das Was der 
Kunst betrachtet werde. Ist dieses Was in D.s Sinn lebenbejahend, so hat das für 
die Kunst als solche keine Bedeutung, da ihr Wert nur durch das Wie bedingt 
wird, aber „es wächst ihr ein von der Kunstvollendung unabhängiger sittlicher Wert 
zu". Diese Ausführungen richten sich, wenn es auch nicht deutlich ausgesprochen 
wird, sowohl gegen pessimistische Kunst, die dem Optimismus D.s lebenswidrig er- 
scheint, wie gegen eine Kunst, in der der moderne Persönlichkeitskultus sich aus- 
prägt, welchen der Nietzsche -Gegner als Verherrlichung persönlicher Willkür ver- 
urteilt, wie endlich gegen eine Kunst, die dem Grundsatz Tart pour Tart folgt. D.s 
Ideal der Kunst bleibt im Gegensatz zu vielen modernen Kunstwerken eine optimis- 
tische, die vom Glauben an den Fortschritt der Menschheit erfüllt ist, und eine Kunst, 
aus der eine ethische, fest im Leben stehende und ihm dienende Persönlichkeit spricht. 

G. MaUowsky: DtsohKiinst. 2. S. 407-11: B.Panxaoohi: NAnt. 75, 8. 70516; Wage 1, S. 63/4.]| — 84) X F- Schroeder, 
1). Tolstoismas. Dresden, Beyer. 118 8. M. 1.50. |[P1.: ChristlWelt. 12, 8. 42S]| (üebersetxt aas d. Französ.. schildert d. 
Fntwlelcl. Tolstois n. seiner Lehre.) — 85) J- Dnboo. O. Emaneipation d. Kanst. Drei Briefe an e. Freand. Nebst e. Naeh- 

(1)18* 



111:86 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

Deutlicher zeichnet er sein Ideal in einer Nachschrift, in der er sich mit Dessoirs 
Zerg'liederung des Kunstgefühls der Gegenwart (JBL. 1896 111: 152) auseinander- 
setzt. Er meint, die Kunst einer Zeit habe nur dann einen mehr als ephemeren 
Wert, stelle nur dann eine notwendige Stufe in der Kunstentwicklung dar, wenn in 
ihr das Fundamentale der Menschennatur, durch den Kulturfortschritt erhöht und 
erweitert, erscheine. An diesem theoretischen Ideal misst er die heute moderne 
Kunst. Er erkennt die Bereicherung der Stoffwelt als Folge unserer „social- ethischen 
Umstimmung" an, ferner den geschärften Wirklicbkeitssinn, die Befreiung von manchen 
konventioneUen Rücksichten, die für uns keine Bedeutung mehr haben, endlich den 
Symbolismus, sofern er den „Tiefsinn des Weltengeheimnisses" zum Ausdruck bringt. 
Neben diesen berechtigten Zügen aber weist er die unberechtigten auf, die er haupt- 
sächlich auf drei Eigentümlichkeiten des modernen Menschen zurückführt. Erstens 
auf seine Sucht, unter allen Umständen ein anderer zu sein als die früheren Menschen, 
unbekümmert um Wert oder Unwert des Neuen. Daraus leitet er manche gekünstelte 
Unarten im Stil der modernen Kunst ab, die häufige gewaltsame Behandlung 
der Menschennatur, die das Fundamentale in ihr ausser acht lässt, auch die heute 
beliebte hochmütige Geringschätzung aller früheren Kunst, z. B. imserer Klassiker, 
der Liebespoesie bis zum Beginn der achtziger Jahre, der früheren Landschafts- 
malerei, der Lieder Mendelssohns und Schuberts. Was D. gegen diesen Hochmut 
sagt, wird vielen aus der Seele gesprochen sein. Die zweite Eigenschaft des modernen 
Menschen, auf die er Mängel der heutigen Kunst zurückführt, ist seine Sucht nach 
Erregung, nach Nervenkitzel, die mit der modernen Krankheit der Neurasthenie in 
Zusammenhang gebracht wird. Die Aufregung, meint D., dürfe beim Kunstgenuss 
nur das Mittel sein, durch das der Geniessende sich des Kunstobjekts bemächtigt, 
nicht das Ziel, das er durch das Kunstobjekt zu eireichen sucht. Seine Behauptung, 
dass es, um die sich abstumpfenden Nerven zu reizen, einer beständigen Steigerung 
des ungesund Erregenden in den Gegenständen der Kunst und in der Art ihrer 
Behandlung bedürfe, findet in manchen Erscheinungen unserer Kunst ihre Bestätigung. 
Wenn er zu ihnen aber Richard Wagners Musik rechnet, so werden heute nur noch 
wenige beipflichten. Mit dem dritten Zug der modernen Zeit, aus dem D. Mängel 
unserer Kunst herleitet, kehrt er zum Kultus der Persönlichkeit, des Individuums 
zurück. Er polemisiert dagegen, dass man heute vom Menschen und vor allem vom 
Künstler und seinen Helden nur Eigenart verlange, ohne zu bestimmen, in welcher 
Richtung sie zu Tage treten soll. Er nennt das eine nur negative Bestimmung, da 
sie nichts anderes besage, als dass der Mensch kein Herdenmensch sein soll. Wenn 
er aber fortfahrt, dass man heute unter den Persönlichkeiten die kraftvollen und die 
absonderlichen bevorzuge, so sind darin doch positive Bestimmungen gegeben. »Negativ 
bleibt die moderne Bestimmung der Persönlichkeit allerdings vielfach in Bezug auf 
ihre sittliche Qualität, während D. verlangt, dass in Leben wie Kunst ein starkes 
sittliches Wollen zum Ausdruck komme. Schliesslich spricht er eine beherzigens- 
werte Warnung aus vor Nebelhaftigkeit der Zielpunkte, in die der moderne Kunst- 
geschmack bei dem Streben, der Kunst neue, nie vorher gelöste Aufgaben zu stellen, 
sich leicht verliere. — 

Die zuletzt erwähnten Schriften leiten über zu denen, die alte und neue 
Kunst vergleichen und die Richtungen der letzteren besprechen. P. Ernst**) 
will das verschiedene Wesen alter und neuer Kunst aus der verschiedenen Stimmung 
ihrer Zeiten ableiten. Er zeigt zunächst, wie diese in der Auffassung vom Wesen 
der Kunst zum Ausdruck kommt. Dem harmonischen Optimismus unserer Klassiker 
war die Kunst Darstellung des Schönen, dem krampfhaften Optimismus unserer 
Romantiker Darstellung des Göttlichen, dem Pessimismus gegen Ende des 19. Jh. 
Darstellung des Wirklichen. Der neuesten Zeit, als deren ästhetische Vertreter 
E. Ruskin und Tolstoi nennt, soll die Kunst Sprache einer Seele zur anderen sein. 
Diese Auffassung der Kunst bringt er mit dem socialen Zug unserer Zeit in Zu- 
sammenhang. Wie wir im Leben heute uns aus unserer Isolation hinaussehnen, mit- 
fühlen wollen mit den anderen, so forsche der Künstler heute nur in seiner eigenen 
und den fremden Seelen, um das herauszufinden, was direkt von seiner Seele aus 
auf die fremden zu wirken vermöge. Ist das wirklich eine Eigentümlichkeit nur des 
Künstlers der neuesten Zeit? Und ist wirklich die Kunst des Malers Munch und des 
Dichters Mombert, die E. in ihrem Absehen von der Wirklichkeit zu Gunsten des 
seelischen Eindrucks, in ihrer Unbestimmtheit und Verschwommenheit charakterisiert, 
ein Ausdruck unserer Zeitseele, die allem Festen, Geschlossenen abgeneigt sei, weil 
alles, Sittlichkeit, künstlerisches Ideal usw., sich ihr als relativ erwiesen habe? Nach 
meinen Beobachtungen ist jene Kunst nur Ausdruck der Seele einer recht kleinen 
Minorität unserer Zeitgenossen. Besser entspricht den Thatsachen Es Kontrastierung 



■ehr. aber ,4>. Mod«rBe^ L..Wig«ad. 98 S. M. 1.60. |[S. Schal tse: InternatLB. 6, S. 36S/9.]| - M) P. Ernst Kvift n. 



R. Weissenfelß, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 1 1 -. st-w 

der alten und der neuen Romane und Dramen : dort fest umrissene Gestalten, direkte 
Charakteristik, die Handlungen streng motiviert, hier indirekte und deshalb un- 
bestimmtere Charakteristik, die Handlungen nicht aus bestimmten Motiven, sondern 
aus dem komplizierten Ganzen der Menschen entwickelt. Zusammenfassend charak- 
terisiert E. die alte Kunst als die Kunst grosser geistiger oder sittlicher Persönlich- 
keiten, die ihr Ich in die anderen Menschen hineingössen, die die Geister auf einen 
bestimmten Weg zwangen, sie unter Umständen über sich selbst erhoben, die neue 
Kunst als eine solche, die uns nichts Positives sagt, die nur bewirkt, dass wir etwas 
empfinden, die die Geister auf eine blumige Wiese fuhrt und sie dort sich selbst 
überlässt E. giebt zu, dass diese neue Kunst, als deren Vertreter er nun sowohl die 
konsequenten Naturalisten wie auch Scheerbart, Stefan George, Hofmannsthal nennt, bis 
zu einem gewissen Grade ein Resultat der Verlegenheit (d. h. doch wohl des Mangels 
an grossen Künstler persönlichkeiten und an Gestaltungskraft) und in mancher Hinsicht 
weniger wert sei als die alte Persönlichkeitskunst. So ergiebt sich als Ideal eine Ver- 
bindung der Eigenschaften beider Künste, wie sie für E. in Dostojewskis „Raskol- 
nikow" verwirklicht ist. — Auch Steine r®'') gebt in einem Vergleich alter und 
neuer Poesie auf die zu Grunde liegenden Weltanschauungen zurück. Er leitet 
Schillers Gestaltung der tragischen Katastrophe als Strafe einer Schuld aus seinem 
Glauben an eine moralische Weltordnung her, die im heutigen Drama herrschende 
moralfreie Notwendigkeit aus unserer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Inner- 
halb der neuen Dichtung imterscheidet er wieder den Naturalismus der achtziger 
Jahre, der die Thatsacheu genau so schilderte, wie sie der Beobachtung sich boten, 
und den jetzigen Individualismus, der den Zusammenhang der Dinge nicht giebt, wie 
die Beobachtung ihn zeigt, sondern wie die Persönlichkeit, das Temperament des 
Dichters ihn herstellt. — Ein Anonymus®*) bestreitet das Vorzugsrecht, das manche 
Lebende vor den Toten der Kunst beanspruchen. Ihm scheint alle frühere Kunst, 
die mit unserem Volkstum unmittelbar zusammenhängt (z. B. Nibelungenlied), sowie 
alle, die grosse Persönlichkeiten abspiegelt (z. B. unsere klassische Dichtung), nach 
wie vor ein notwendiges Element unserer Bildung, unentbehrlich zumal bei der Er- 
ziehung der Jugend und der unteren Volksklassen.®®"*^) __ 

Richtungen der neuen Kunst. Die nicht neue Forderung einer 
Verbindung von Idealismus und Realismus stellt G a u 1 k e^^) für die Be- 
handlung der Kunststoffe.®^"^'') — 

Den Naturalismus, sofern er sich in den Grenzen des Künst- 
lerischen hält, kennzeichnet alles, was O s b o r n ®®) in einem an anderer Stelle 
der JBL. besprochenen Aufsatz an der modernen Kunst rühmt als berechtigten 
Gegensatz zur unkünstlerischen Absichtlichkeit der früheren Kunst. Die Ueber- 
treibungen des Naturalismus trifft sein Tadel der Künstler, die im Bemühen, ab- 
sichtslos zu sein, so weit gehen, dass sie gerade dadurch wieder absichtlich werden: 
„Gigerl der Modernität". Fontane ist für O. das Ideal eines absichtslosen Künstlers. 
Er weist das Unabsichtliche aber, wie in der Dichtung, so in der modernen Malerei 
(Leibl, Liebermann), der Plastik (Meunier), der Architektur, dem Kunsthandwerk 
nach und führt es zurück auf eine Wandlung unseres gesamten Empfindungslebens. 
So wird der gedankenreiche und geschmackvolle Aufsatz ein Beitrag zur Psychologie 
unserer Zeit. — Jaffö**) unterscheidet in einer Untersuchung der Wirkung, die die 
naturalistische Theorie auf unsere moderne Litteratur geübt hat, ästhetischen Naturalis- 
mus und Gesinnungsnaturalismus. Eine nachteilige Wirkung des ersteren sieht er in 
einer Häufung von Details, die die erstrebte Anschaulichkeit gerade verhindere, seine 
heilsame Wirkung in der derben Gegenständlichkeit, die das übertriebene Abstrakte 
und Ideale sowie das Pathos zu Gunsten des Humors verdrängt habe, und in der 
grösseren Kühnheit, die an die Stelle der „specifisch deutschen Reinheit und Naivetät, 
ja Kindlichkeit" getreten und, wie diese der Lyrik, so der grossen Epik und Dramatik 
förderlich sei. Auf den Gesinnungsnaturalisraus, der wissenschaftliche, sittliche, 
politisch-sociale Probleme naturalistisch auffasst und darstellt, führt er den modernen 
Realismus in der Motivierung zurück, den er in der einseitigen Betonung des 
Physiologischen, besonders des Pathologischen widerwärtig findet, aber als Gegen- 
gewicht gegen die frühere „kleinstädtische Zimperlichkeit in natürlichen Dingen", 

SMle: ML. 67, 8. 865-78. 87) B. Stelner, Einflass d. Weltanechanang e. Zeit auf d. Technik Ihrer Dlohtang: ib. 8. 189-90. 
— M) D. Toten n. d. Lebenden: Kw. 11«, S. 293/7. — 89) Q X J- L«8«in?> !>• Moderne in d. Kunst. Yortr. (= Volke- 
wlrteohaftl. Zeitfragen. Yortrr. n. Abhandlungen, her. ▼. d. TolkswirtHohaftl. Ges. in Berlin. Heft 157.) B., Simion. 82 S. 
M.1,00. — 90) X Rioarda Hnoh, Ueber mod Poesie n. Malerei: Yer eacram 1, N. 9, S. 15/7. - 91) O X 0. Schalk, Y. 
unserer mod. Dichtkunst: Land 7, N. 6. - 92) O X K- Spitteler, D. Epigonentam : DWorte 18, N. 8.9. - 93) J. Ganlke, 
üeber Bealism. n. Ideallsra. in d. Kunst: ML. 67, 8 252/7. — 94) O X H. Sohreyer, D. Yerh&Unis swisohen Reulism. n. 
Ideallsrnns in d. Kunst: DBIkhnenkanst. 1, Heft 1/2. — 95) OX R- A« Drnween, R^flexions snr la faillite de IMdial: Revae 
de Belgiqne 24, 8. 242-53. — 96) O X H. BAgli. Aphorismen Aber d. Idealism. anf d. Grundlage d. eropir. Psychol. Bern, 
Neukomm ä Zimmermann. II. 60 8. M. 1,50. ~ 97)X<'»QlineChiger, E. Stunde Realistik: NAS. 87, S. S6I/7. — 98) 
M. Osbora, U«ber d. »Absiohtliehe'* in d. Kunst. (JBL. 1896 lY 4:414.) - 99) R. Jaff«, D. Natoralismus: MeohrNLK. 2, 



I 11:100-108 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

gegen alle „ästhetische Verlogenheit'' willkommen heisst. Die Tendenzlosigkeit, die 
in das Programm des künstlerischen Naturalismus gehört, erklärt J. aus dem Zu- 
sammenwirken des ästhetischen und Gesinnungsnaturalismus, in welchem jener die 
scharfe Tendenz, die diesem innewohnt, unter seiner breiten gegenständlichen Dar- 
stellung verhülle. Sein Ideal der Dichtung ist: Kraft und Stärke des Naturalismus 
verbunden mit glatter, vollendeter Kunstform, unter der die Tendenz und Technik des 
Naturalismus sich verbergen. Aber er hält eine extreme naturalistische Bewegung 
immer wieder für notwendig als Reaktion gegen unnatürlichen und schwächlichen 
Idealismus.^®®"^®*) — In wenigen Worten behandelt Lier^®^) erschöpfend und sehr 
verständig die Milieutheorie des Naturalismus, die er auf unsere Sensibilität gegen 
alle Eindrücke unserer Umgebung und auf die Fortschritte der psychologischen 
Wissenschaft zurückführt und als Reaktion gegen die konventionell unwirkliche 
Gesellschaftsschilderung in der Modelitteratur der siebziger Jahre des 19. Jh. für 
begreiflich und berechtigt erklärt. Er erkennt auch das Verdienst an, das sie um 
Beobachtung und Wiedergabe des äusseren Lebens hat. Aber er bestreitet den 
„Modernen" das Recht, ihre Verwendung des Milieus als Kunstmittel rühmend für 
etwas unerhört Neues auszugeben. Er weist auf die „Alten** hin, die sich dieses 
Mittels bedient, haben: Fritz Reuter, Klaus Groth, Storm, Fontane, Keller, Anzen- 
gruber, Griilparzer in der „Medea", H. von Kleist im „Prinzen von Homburg", sogar 
Schiller schon im „Wilhelm Teil". Und er findet bei diesen das Milieu künstlerischer 
verwendet als bei den Modernen, denen er vorwirft, dass sie der Milieuschilderung 
zuliebe künstlerische Forderungen preisgeben, und dass das umständlich beschriebene 
Milieu meist, z. B. in den modernen Berliner, Wiener, Münchener Romanen, nur 
äusserlich mit dem Leben der Individuen und der Handlung verbunden, nur zufallig 
danebengestellt erscheint. Er deckt in der Milieutheorie, sofern sie verlangt, dass 
der ursächliche notwendige Zusammenhang zwischen der verschiedenen Artung der 
Individuen und dem sie umgebenden Milieu vor den Augen des Lesers, des Zu- 
schauers unmittelbar lebendig werde, dass die Poesie also überzeuge wie ein wissen- 
schaftliches Experiment, einen doppelten Irrtum auf. Erstens eine Verkennung und 
Verwischung der Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft, da von jener verlangt 
werde, was nur Aufgabe dieser sei und sein könne. Zweitens eine Ueberschätzung 
der Fortschritte der Wissenschaft, da diese selbst bisher nur in beschränktem Masse 
geleistet habe, was von der Poesie gefordert werde. Die naturalistische Poesie, sagt L., 
kam mit ihrer Milieutheorie an Thatsachen, die überhaupt noch nicht erklärt waren 
oder zu ihrer Erklärung eines für ein Kunstwerk zu umständlichen Apparates bedurft 
hätten. In dieser Verlegenheit sieht er den Anlass zur romantischen, symbolistischen 
Personifikation von Milieumächten, die schon inmitten des Naturalismus begann. Er 
sieht also in der Milieutheorie des Naturalismus etwas, das diesen in seinem Wesen 
zerstörte. Noch in anderer Beziehung. Treffend weist er auf die Einseitigkeit der 
Lebensschilderung bei den konsequenten Milieudichtem hin, eine Folge davon, dass 
durch die strikte Milieutechnik das Heldentum, die Persönlichkeitsgestaltung aus- 
geschlossen wird (Hauptmanns „Florian Geyer"!), und eine Erscheinung, die den An- 
spruch des Naturalismus, das Leben ganz so darzustellen, wie es ist, zunichte 
m acht. »0'*-» 04) — 

Die Bedenken, die mehr und mehr auch von Anhängern der modernen 
Kunst gegen den Naturalismus ausgesprochen werden, bezeugen die schon in 
JBL. 1897 I 14 : 288 festgestellte Thatsache, dass seine Herrschaft zu Ende, dass 
die Moderichtung eine neue Schönheitskunst geworden ist, eine Neu-Romantik, 
die in vielen Zügen an die alte Rom antik ^o^) erinnert. — Den ihr eigenen 
Mystizismus, wie er bei Maeterlinck auftritt, vergleicht von Oppeln- 
B roniko w ski^ö®) mit dem Neuplatonismus der späten Antike und der katho- 
lischen Reaktion des 16. Jh. — 

Andere Haupteigentümlichkeiten der Kunst, die jetzt den Naturalismus ablöst, 
bezeichnen die Namen Symbolismus, Tart pour Tart, Dekadenz. Den die 
Mysterien des Lebens gestaltenden Symbolismus R. Wagners, Maeterlincks und 
Hofmannsthals rühmt Ria Ciaassen ^<*') als die wahre Kunst, in der wir „gött- 
liche Stimmen" vernehmen. — Charakteristisch für die schönheitsfrohe Richtung der 
modernen Poesie ist die optimistische Auffassung des menschlichen Wesens, die 
M ae t er lin ck^**®) selbst in einem wort- und phantasiereichen Hymnus auf die 



S. 774-80.— 100) OXL Todtonhaupt, Alte« u. Nene» ▼ora NatariiHsmns : DUchKanit 2, S. 47/3. — 101)OXLe Blond. 
Eesai aar le naturisme: Neoglotti» 1897, 1, N. 1/7. — 102) L. Lier, Vom Milieu: Wagre 1, S. 85S-A0. - 103) X K. Kinxen- 
bach, A. Strindberg, ein Mann d. „mod. Dnrohbmohs": Pfarrhan« 14, S. 69-72 (Spricht dem „radikaleten Vertreter d. peeil- 
miat. n. natnralist Storm- u. Drangperlode d. Oeg." OeroQt, Seele ab ) - 104) OXA- Bosenberg.E. nener Streiter wider d. Natoralis- 
mna: Qreasb. 57, N. 43. — 105) O X^ioarda Hoch, Symbolisiik ?or lüOJ.: Ver sacmm 1, Heft 1. - 106) F. t. Oppeln- 
Bronikowiki, M Maeterlinck n. d. Mystizisrons: N&S. 87, S. 317-23. — 107) Ri» Olaaesen, Symbolik in Lyrik n. Drama 
y. Hago T. Hofmannsthal. Vortr. I[R. Steine r: ML. 67. S. 1143/5.]] - 108) M. Maeterlinck, D. Innere Schönheit. Ueberi. 



fe. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11: 109-120 

innere Schönheit ausspricht. Nichts, heisst es da, sei begieriger nach Schönheit, 
nichts lasse sich leichter von ihr beherrschen als unsere Seele, die ursprünglichen 
und natürlichen Beziehungen von Seele zu Seele seien Schönheitsbeziehungen, 
Schönheit die einzige Sprache unserer Seelen. Die Thatsache, dass es trotzdem 
recht viel Hässliches im Leben giebt, leitet M. daher, dass wir die Arbeit unserer 
Seele unaufhörlich stören, weil wir Furcht haben vor der Schönheit, d. h. Furcht, 
uns so zu geben, wie wir im tiefsten Wesen unserer Seele sind. — Wichtig für die 
neue Schönheitspoesie ist auch Maeterlincks ^^^) optimistische Ansicht des 
menschlichen Lebens, die er in seinem Buch „La sagesse et la destin6e" nieder- 
gelegt hat. Wenn er darin behauptet, das Glück sei überall im Leben zu finden, 
sofern man es nur zu ergreifen wisse, wenn er klagt, dass das Glück noch der 
Stimme entbehre, während das Unglück alle Sprachen spreche und alle Worte kenne, 
so weist er damit die Dichter über die Darstellung des menschlichen Elends hinaus, 
in der der Naturalismus schwelgte. Wenn er unter entschiedenem Einfluss Emersons 
und der italienischen Renaissancekultur die Ausbildung der mehr im Gefühl als im 
Verstand wurzelnden selbstbewussten Persönlichkeit als Aufgabe des „Weisen" ver- 
kündet, durch deren Erfüllung er sich als Sieger über jede Ungunst des Schicksals 
erhebe, so bedeutet das, auf die Poesie angewandt, einen Protest gegen die natura- 
listische Milieutheorie. — Opp eln-Br on iko w ski **^~***), der aus seiner Ueber- 
setzung des Maeterlinckschen Buches einige Stücke mitteilt, macht darauf aufmerksam, 
dass die Weise, wie der mystische Stimmungs- undTraumdichter jetzt Freude und kräftige 
Teilnahme am wirklichen Leben, Berichtigung der Ideale an der Realität, Ueberwindung 
des schwächlichen Mitleids und der schwächenden christlichen Entsagungslehre predigt, 
an den von ihm nicht gekannten Nietzsche gemahne. Zu wünschen wäre, dass die 
Kraft, die Maeterlinck in die Moral zurückführen möchte, nun auch in die von 
ihm vertretene neue Poesie, in ihre Gestaltung der Persönlichkeiten und des Lebens, 
einzöge. Vorläufig ist davon in ihr weniger zu spüren als in der alten naturalistischen. 

— Diesen Mangel rügt M au cl air **2^. Er sieht im Symbolismus und in den ver- 
wandten Richtungen nur Spielereien der Talente, nur Worte, nur kalte Intelligenz, er 
vermisst in den Schriftstellern Charakter, Persönlichkeit, das warme Herz, in ihren 
Werken den Ausdruck des Charakters, den Zusammenhang mit dem Leben. Er fasst 
seine Vorwürfe und zugleich die Gründe des von ihm getadelten Zustandes der 
Litteratur zusammen in den Satz: „Viele können schreiben, aber wenige können 
leben." Die Ratschläge, die er zur Besserung dieses Zustandes erteilt, sind ein 
Protest gegen die heute viel gepriesene rein ästhetische Kultur und gegen das mehr 
als je blühende litterarische Cliquenwesen. Die Schriftsteller sollen vor dem Litteraten 
den Menschen in sich ausbilden, den Charakter, ihre Existenz ethisch begründen, 
indem sie beobachtend und moralisch handelnd im wirklichen Leben stehen. Sie 
sollen den Charakter, den sie sich erobert haben, in ihren Werken ausdrücken, indem 
sie freimütig imd einfach, ohne Herumreden, ohne Ziererei über alle Dinge sprechen, 
die für das Leben der Zeit Bedeutung haben. Sie sollen sich nicht auf den Verkehr 
mit Litteraten beschränken, sondern sich als Gesellschaft Charaktere suchen, die ihnen 
gleichen, mögen sie einen Beruf haben, welchen sie wollen. — Hauseggers***) 
Forderungen in Bezug auf die künstlerische Persönlichkeit, die sich mit denen 
Mauclairs beinahe decken, nennt der Kritiker des LCBl. berechtigt gegenüber 
formalistischer Kunst. Andererseits warnt er, die Form über dem Ausdruck der 
Persönlichkeit zu vernachlässigen, was zum Dilettantismus**^) führe. — 

Gegenüber dem Hochmut der Künstler, die der Losung Tart pour Tart 
folgen, vertritt Dresdner***) die Ansprüche des Publikums, das in der Kunst 
Lebenswahrheit, vom einzelnen Kunstwerk Brauchbarkeit für einen bestimmten 
ästhetischen Zweck verlangt. — 

Die Dekadenz ist kein fest umschriebener Begriff. K r a 1 i k * *•) 
schildert sie als das Hinabsinken der Kunst in die Tiefen der tierischen Natur 
des Menschen. Er glaubt aber schon wieder ein Emporstreben zu sehen, eine 
Regeneration der ethischen Ideen, einen Aufschwung der geistigen Natur, dessen 
letztes Ziel das positive katholische Christentum sei.***^"**^) — Benzmann**®) 
nennt dekadent den Individualismus, Okkultismus, Mystizismus der Barres, Bourget, 
Verlaine, Lemaitre, Huysmans, die mit ihrer Abkehr von Zolas Naturalismus stark 

V. CUra Tkenm»nB: WBa. 4, 8. 106-16. — 109) id., La uigeHe et la destinee. BrnxelleB, Laoombles. 200 8. — 
UO) id., Weisheit n. Sehioksal. Eingeleit. ▼. F. t. Oppeln-Bronikoweki: NDR«. 11, 8. 1200-12. („D. kleine Gemeinde". 
„D. OlBok d. Weisen".) — 111) id., D. Ideale n. d. Leben. Uebers. ▼. F. t. Oppeln-Bronikoireki: NAS. 87, 8. 324/7. 
(A«B N. 109 ) - 112) Camille Maaolair. BetraobtnnKen Qberd.Ziele nniererZeit. Uebera v.St. G.: WR«. 3, 8. 121/8. - 113) 
F. V. Haaaegger, D. Kftnstler-PeriAnliohkeit. (JBL. 1897 I 14 :87.) |[B. Groise: DLZ. 8. 1668-70; H. W.: LCBI. 8. 1046 ]| 

— 114) OX H. Scbmidknns, Dilettanten n. Virtnosen: DOlchterheim. 17, N. 11. — 115) A. Dr eidner, D. AneprQohe d. 
Pablikana: YeriAhnang 8. 92-101. — 116) R. Kralik, Dekadens n. Begeneration d. mod. Kunst: Leben 2, 8. 49-55. — 117) 
X F. Noteig-Proohnik, D. Dekadeni a. e. Niobtdekadent: NZSt. 16', 8. 564/9. — 118) X ><• Kranss. Fin de li^ole: 
ÜIWkM. 78, 8. 763. — 119) U. Bensmann, J. G. Hnyamant: W&s. 4, 8. 103/7. — 120) L. Tolstoi. Gegen d. mod. 



I 11:121-127 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

auf die jüngste deutsche Litteratur herübergewirkt haben. Er findet bei ihnen keine 
neue positive Weltanschauung, vielmehr Skepsis, Ironie, nur passive Lebens- 
beobachtung. — Schärfer geht Tolstoi *^®) von seinem schon früher (N. 83) ge- 
kennzeichneten Standpunkt aus mit der dekadenten Kunst ins Gericht. Er kann in\ 
ihr keine naturwüchsige, dem Drang des Künstlers entspringende Kunst sehen, 
sondern nur „Nachahmung der Kunst", die das unersättliche Unterhaltungsbedürfnis 
der höheren Klassen befriedigen will. Als ihre Hauptfehler rügt er die Unklarheit, 
die die Neugier errege, und das Raffinement in Gehalt und Form, durch das sie nicht 
auf das Gefühl, sondern physiologisch auf die Nerven wirke. Sehr weit ist der Kreis 
der Künstler und Kunstwerke, die für T. dekadent sind: Baudelaire und Verlaine, 
Dramen wie Baumeister Solness, Klein Eyolf, Versunkene Glocke, Romane und 
Novellen von Huysmans und Kipling, die impressionistischen Maler Pizarro, Puvis 
de Chavannes, Manet, Monet, Renoir, die Symbolisten Böcklin, Stuck, Klinger, die 
Musik von Liszt, Berlioz, Brahms, R. Strauss. — In Tolstois Gruppe der dekadenten 
Künstler und Werke fehlen ebenso Unterscheidungen, wie in Nordaus Buch von der 
Entartung (JBL. 1893 1 12:389), in dem Perri^*») sie vermisst. Er verlangt Unter- 
scheidung zwischen den grossen Schöpfungen der Genies und ihren sekundären 
Werken, in denen das allem Genie anhaftende Pathologische zuweilen als geistige 
und künstlerische Störung sich kundgebe. Er verlangt vor allem Unterscheidung 
zwischen drei Gruppen der modernen Schriftsteller: den genialen Führern (R. Wagner, 
Tolstoi, Zola, Ibsen usw.), den Halbtalenten, d. i. „halb genialen und halb verrückten 
oder verbrecherischen Menschen" (Baudelaire, Verlaine, Maeterlinck, Oskar Wilde usw.) 
und ihren geistig vollkommen zerrütteten, pathologischen Nachahmern, die aus Mangel 
an Schöpferkraft den ödesten, tollsten dekadenten Theorien, einem nebelhaften Sym- 
bolismus, dem Satanismus verfallen. Der ersten Gruppe dürfe man nicht, wie Nordau 
thut, die Torheiten und Verbrechen der beiden anderen zur Last legen. Der ersten 
Gruppe, den Genies, spricht F. das Recht und die Pflicht zu, die Ergebnisse der neuen 
positivistischen Wissenschaft, im besonderen der Kriminalanthropologie in die Poesie 
zu übernehmen. Nur darf die von der Wissenschaft erschlossene Wirklichkeit in der 
Poesie nicht photographisch getreu abgebildet werden, bloss die Konturen der 
Wirklichkeit sind wiederzugeben, doch so, dass ihre Beziehungen und Verhältnisse 
nicht in einer der wissenschaftlichen Wahrheit widersprechenden Weise verändert 
werden. Eine solche Verbindung von Kunst und Wissenschaft bringt beiden Vorteil: 
sie popularisiert die Wissenschaft und erhält die Kunst lebensfähig. F. stellt als 
Musterbeispiel einer solchen Verbindung Dostojewskis „Schuld und Sühne" und Zolas 
„Bete humaine" mit ihrer Schilderung des Verbrechertums hin. Milieu-Kunst fordert 
F. in der Schilderung anormaler oder krimineller Kundgebungen des Lebens als not- 
wendige Folge der auf wissenschaftlichem Studium beruhenden Apotheose der Gesell- 
schaft, die am Ende des 19. Jh. an die Stelle der früheren Apotheose des Individuums 
getreten ist. Grosse Bedeutung hat deshalb für den Dichter die wissenschaftliche 
Kollektiv Psychologie, die F. in die Mitte zwischen die individuelle und die sociale 
Psychologie stellt. Die Schilderung des Arbeiteraufstandes in „Germinal" rühmt er 
als ein „Dokument kriminalistischer Kollektivpsychologie, worin die Kunst die Wahrheit 
der neuen Wissenschaft wiederspiegelt". — 

Das Durcheinander der modernen Kunstrichtungen ruft die Frage wach, was 
in Wahrheit heute zeitgemäss sei-^^"^^^), und weckt manchem den Eindruck, dass die 
Kunst sich in völliger A n ar chie*^*^*^^) befinde. — Steiner^^e) erklärt die 
Theorien der Modernen, zuerst Naturalismus, dann Symbolismus, jetzt Goethea- 
nismus, also Rückkehr zum früher geringgeschätzten Alten, in einem ungeduldigen 
Aufsatz für blosse Redensarten, durch die begabte Leute auf den Holzweg gelockt 
würden. — 

Einen Ausweg aus der Wirrnis will Siegmar Schnitze in zwei 
Schriften weisen, die beide ein zu düsteres Gemälde unserer Zeit entwerfen und 
eine hellere Zukunft, eine Wiedergeburt unseres geistigen Lebens und unserer 
Kunst konstruieren. Der Vf. hat eine Neigung zum Verallgemeinern und Uebertreiben, 
die ihn manches nicht richtig sehen und darstellen lässt. Sein Wortreichtum ruft 
nicht selten den Eindruck der Phrase hervor. Aber beide Schriften enthalten auch 
richtige Beobachtungen und Urteile, wirken anregend mit dem weiten Gesichtskreis, 
den sie umspannen, und geben manche beherzigenswerte Winke und Vorschläge. 
In dem Programm, das die erste Schrift ^^'*) für eine Wiedergeburt der deutschen Kunst 
entwirft, ist ein strenger Gedankengang trotz der Einteilung in drei Abschnitte (Vom 



Kanet. Uebers. ▼. A. ElTerfeldt: Ge^. 54, S. 166/9. - 121) Earieo Ferri, Yerbreoher in d. Litt: Zakanfk 85, S. 842-51. 
- 122) X A. BiirtsU, Was ist settgemftss?: Ver iMonim 1. S. 19-28. - 123) X Wo «teken wir?: Kw. 11'. S. 1/8, 87-42 — 
124) O X F- A. Bridgeman, L^aaarohie daas Tart. Paris, May. 252 S. Fr. 8,60. ~ 125) O X C. Beoolin, L'Anarehie 
littAraire. Paris, Perrin. XV, 312 8. - 126) B. Steiner, Nene n. alte Dramatilc. (JBL. 1898 lY 4:418.) •> 127) 
Siegnar Sehnltae. Y. d. Wiedergeburt dtsoh. Kansl Qmnds&Ue n. YorsobUffe. B., Dunoker. lY, 84 S. M. 1,50. — 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 1 1 .- 128-120 

Wesen der Kunst, Das Volk und die Kunst, Der Künstler und die Kunst) nicht ein- 
gehalten. Auf wenige Hauptgedanken kehrt Seh. von verschiedenen Seiten her immer 
zurück. Die Formulierung ist dabei nicht immer präcis. Kommt es allein daher, 
dass sich manche Aussprüche nicht leicht miteinander vereinigen lassen? Mit den 
modernen Aesthetikern leugnet Seh. im ersten Abschnitt ein allgemein gültiges 
Schönheitsprinzip und verlangt für jede Epoche ihre eigene Kunst. Später findet sich 
der Satz: „Es giebt doch nur eine wahre Kunst", und diese ist für Seh. — das 
ergiebt sich aus allen Erörterungen — die kraft- und lebensvolle, konkrete, einfache, 
nationale Kunst und zwar eine idealistische, die über der bestehenden Welt eine neue, 
verklärte, harmonische aufbaut und den Zweck hat, zugleich die Persönlichkeit des 
Künstlers und das Leben und den Geist seiner Zeit zu steigern, zu erhöhen, zu ver- 
vollkommnen. Natürlich, dass der Vf., indem er an diesem Ideal die heutige deutsche 
Kunst und das ihr zu Grunde liegende Leben der Zeit misst, der Mannigfaltigkeit 
beider nicht gerecht wird. Zwei Vorbedingungen stellt er für eine Wiedergeburt 
unserer Kunst. Die erste, hauptsächlich im zweiten Abschnitt behandelt, ist ein 
innigeres Verhältnis zwischen dem Volk und der Kunst, als es in Deutschland seit 
der Heformationszeit besteht. Die Kluft zwischen beiden, die in der Zeit des deutschen 
Klassizismus und der Romantik nicht ganz so gross war, wie Seh. sie sieht, soll 
überbrückt werden durch künstlerische Erziehung des Volkes, die schon in der 
Schule zu beginnen hat. Seh. stimmt in die moderne Forderung ein, dass die ganze 
Umgebung des Menschen künstlerisch gestaltet werde. Ich kann seine optimistische 
Hoffnung nicht teilen, dass dadurch die Kunst eine ähnliche Stellung in unserem 
Volksleben erhalten werde, wie sie in Griechenland zu des Perikles Zeit eingenommen 
hat. Die wichtigsten Ergebnisse, die er von einer künstlerischen Volkserziehung 
erhofft, sind die folgenden: Empfindung und Phantasie werden in ihre Rechte ein- 
gesetzt werden, aus denen sie nach seiner Ansicht heute der Verstand, der 
Intellektualismus, verdrängt hat, die heute beliebte skeptische Kritik wird dem Genuss 
und der erhebenden Freude an der Kunst Platz machen, die Freude an der Farbe, 
der Seh. die grösste Bedeutung für die Kunst beimisst, wird sich heben, das Volk 
wird durch nationale Kunst zum Bewusstsein seines Deutschtums, seiner Eigenart 
kommen. Deshalb wird z. B. unserer Baukunst das Anknüpfen an den alten 
nationalen Stil empfohlen, in dem das echt deutsche Individualitätsprinzip, der Drang 
nach persönlichem Sichausleben zum Ausdruck komme, während in der romanischen 
Baukunst die Regelmässigkeit und formale Schönheit herrsche. Und die Bauten der 
italienischen Gotik und Frührenaissance, die Paläste von Florenz und Siena — spricht 
aus ihnen etwa keine Individualität, kein Drang der Persönlichkeit, sich auszuleben? 
Wenn nun das deutsche Volk in der von Seh. angedeuteten Weise durch die Kunst 
erzogen ist, dann wird es seinerseits auf die Kunst zurückwirken, diese wird aus dem 
Volksleben die ihr zuträglichste Nahrung ziehen. Dje zweite Vorbedingung für eine 
Wiedergeburt der deutschen Kunst sieht Seh. in möglichst freier Entfaltung und Er- 
starkung der Künstlerpersönlichkeit. Von ihr handelt hauptsächlich der dritte 
Abschnitt. In einem vielfach übertreibenden Gemälde unserer Zeit wird alles Un- 
künstlerische in ihr aufgezählt, das der Entwicklung freier und starker Künstler- 
persönlichkeiten hinderlich ist oder sein soll: die Tyrannei des Verstandes, des 
Wissens, unter der die „Psyche" des Menschen verkümmere, der allen Idealen feind- 
liche Materialismus, die nervöse zwischen Extremen hin und ner pendelnde Unrast, 
die krankhafte Hyperästhesie, die zum Feminismus ^^^"^^^j führe, die in der Kunst nur 
Stimmungen, Träume, Schatten gebe statt Thatsachen und plastischer Gestalten, die 
selbst aus der Kritik eine Stimmungssache mache, indem sie an die Stelle des klaren 
Denkens und des Urteilens nach allgemeinen Kunstregeln die reine Subjektivität, eine 
frauenhafte Geistreichigkeit, ein ,,gewisses Gigerltum*' setze. Manche Erzeugnisse 
der modernen Kunst und der berliner Kritik lassen die in den letzten Behauptungen 
enthaltenen Vorwürfe nicht unberechtigt erscheinen. Dagegen wird der Vf. weder 
den Fortschritten, die unser Schulwesen gegen früher gemacht hat, noch den Vorteilen 
und Erfolgen der modernen wissenschaftlichen Arbeitsteilung gerecht, wenn er unserer 
Schule kurzerhand vorwirft, dass sie die harmonische Ausgestaltung der Persönlich- 
keit hindere, und wenn er in dem modernen Specialistentum nur „grässliche Einseitig- 
keit" des Wissens, Beschränktheit des Horizontes, Mangel an „Humanität" sieht. Nicht 
neu ist das Rezept, das er dem Künstler verschreibt, damit er den geschilderten Ge- 
fahren des modernen Lebens entgehe: Rückkehr zur Natur. In der Einsamkeit der 
landschaftlichen Natur soll er sich verjüngen, beruhigen, die notwendige Sammlung 
für sein Schaffen finden. Die Natur im weitesten Sinn, d. h. die gesamte Wirklich- 
keit, soll ihn von allen falschen Autoritäten und Vorbildern lösen, er soll sie so dar- 
stellen, wie er sie in sich aufgenommen hat, auf seine Weise, originell und als 
Hen*scher über d ie Natur, nicht von ihr beherrscht, wie der Naturalist. Die Natur 

12t) X Kftthe Sohirmaoher, Le fiminisme en Allemagne: RParii. lö. Jnni. — 129) X ^ I'Ory, D. Fran v. d. Kunst d. 
J»hr«tb0riohte fftr Beaere deataohe LitteratargeMhiehte. X. (l)!*«^ 



1 11:130 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

soll ferner dem Künstler das Konkrete, Gestalten und Farben, liefern und ihn be- 
wahren vor dem Abstrakten, Reflektierten, Gelehrten, an dem Seh. die moderne 
Kunst, im besonderen den Symbolismus, kranken sieht. Beherzigenswert sind die 
Forderungen, dass unsere Künstler männlicher werden, um die Stimmungs- und 
Empfindunffskunst, den Feminismus, zu überwinden, und dass sie sich von der 
modernen Originalitätssucht frei machen, die sieb ins Aparte und Kapriciöse verirre 
(Mystizismus und Symbolismus, manierierte Märchendramen, Prärafifaelitismus). Daran 
schliesst sich eine Warnung vor dem Haschen nach Effekten und Sensationen, das 
auch in Zusammenhang mit dem modernen Ausstellungswesen und Theaterbetrieb 
gebracht wird. Endlich verlangt Seh. vom Künstler Universalität, eine philosophische 
Weltanschauung, insbesondere vom Dichter, damit wieder Ideen in unsere Dichtkunst 
einziehen, deren Seltenheit mit Recht ihr bedeutendster Mangel genannt wird. Die 
Schuld daran giebt der Vf. zum Teil dem Eiufluss der modernen Naturwissenschaft. 
Wohl erkennt er die Vorteile an, die diese unserer Dichtkunst gebracht hat, vor allem 
die exaktere und mannigfaltigere Psychologie, aber grösser noch scheinen ihm die 
Nachteile. Auf die naturwissenschaftlichen Lehren von der Verwandtschaft des 
Menschen mit dem Tier, vom Milieu, von der Vererbung führt er es zurück, dass 
die freie Persönlichkeit in der modernen Dichtung eine zu unbedeutende Rolle spielt, 
dass der Mensch zu oft als willenloser Sklave unheimlicher Naturmacht erscheint. 
Begründet ist seine Klage, dass die Dichter jene naturwissenschaftlichen Theorien 
einseitig, nur nach der Seite des Hässlichen, verwerten. Im Schlusskapitel 
charakterisiert er die beiden Richtungen unserer modernen Kunst, die er 
Naturalismus und Psychismus nennt, als die beiden notwendigen Etappen zu einer 
Wiedergeburt der Kunst. Im Naturalismus sei der Kunst das wiedergegeben worden, 
was er unter Form versteht: die Fähigkeit, den von der modernen Wirklichkeit ge- 
botenen Stoff selbständig und naturgetreu zu gestalten, im Psychismus das, was er 
Inhalt nennt: die Idee, die Empfindung. Beide Richtungen seien einseitig, übertreiben 
ihre Art. In der naturalistischen Kunst fehle in der Form der Geist, die Seele; die 
Individualität des Künstlers komme nicht zum Ausdruck. Der Psychismus sei eine 
Kunst, die, in den feinsten Nuancen des Seelenlebens schwelgend, die Form, über- 
haupt alles Feste verflüchtige (Impressionismus). Die Errungenschaften beider 
Richtungen sollten und werden nach Sch.s üeberzeugung miteinander verschmelzen, 
Inhalt und Form sich dann das Gleichgewicht halten in der wahren harmonischen 
nationalen Kunst. Dem Litterarhistoriker ruft die Schrift an vielen Stellen Streit- 
schriften des jungen Herder und seiner von rousseauschem Geist erfüllten Gesinnungs- 
genossen gegen die Aufklärung des 18. Jh. ins Gedächtnis. Aber unsere Zeit ist 
jener Aufklärung nicht so ähnlich, wie Seh. sie als Folie für seine Idealkunst 
zeichnet. — Auch die zweite Schrift Schultzes »^®) predigt Rückkehr zur Natur, und 
zwar als Heilmittel für die Krankheit unserer Zeit, die er als sexuelle Neurasthenie 
charakterisiert. Er schildert diese Krankheit und beleuchtet die Möglichkeit ihrer 
Heilung, indem er die Auffassung des Weibes und die Auffassung der Natur in der 
modernen Litteratur und bildenden Kunst einer kritischen, vor allem ethisch werten- 
den Betrachtung unterzieht, weit umblickend über die jetzt für Litteratur und Kunst 
wichtigsten Länder, in historischen Skizzen zurückblickend bis zur Antike. Die 
Stimmungen und Zustände, die jenen beiden Auffassungen in der Gegenwart zu Grunde 
liegen, sind ihm die beiden grossen Kennzeichen der modernen Zeitseele. In der 
Aulfassung des Weibes erkennt er ein Zeichen des Niedergangs, sofern sie auf üeber- 
handnahme des Sinnlichen und Sexuellen, auf sinnliche üeberreiztlieit und Nerven- 
schwäche im modernen Leben zurückweist. Welche Kreise des Volkes hat er im 
Auge, wenn er behauptet, das Weib habe heute wieder, älmlich wie bei den alten 
ihrem Untergang zuciinkenden orientalischen Völkern, bei den entarteien Griechen 
und Römern, die Macht eines dämonischen, satanischen Wesens, sei Leben und Tod 
für den degenerierten Mann, eine „männermordende Astarte"? Besser der Wirklich- 
keit entspricht die Schilderung der Rolle, die das Weib in der modernen Litteratur 
und bildenden Kunst spielt. Seh. unterscheidet da einen düsteren und einen lichten 
Weibtypus. In beiden sieht er Erneuerungen romantischer Typen, in beiden Unnatur. 
Beim düsteren Typus unterscheidet er wieder zwei Nuancen: die Sirene, die den 
moralisch entarteten, „masochistischen" Mann zu Grunde richtet aus Wollust, Goldgier, 
Rachsucht, Verachtung (Barbey d'Aurevilly, Baudelaire, Zola, Flaubert, Swinbume, 
Rider Haggard, R. Wagner, Goya, F61icien Rops, Stuck), und die Schlange, die den 
Mann beherrschen will durch Intellekt (Ibsen, Strindberg, Tolstoi, Maupassant). Neben 
der düsteren Weibauffassung tritt die lichte weit zurück, die das Weib ins Aetherische, 
Uebersinnliche, Mystische erhebt (Dante Rosetti und die Präraffaeliten, Maeterlinck, 
R. Wagner, bei dem der düstere und der lichte Typus kontrastieren). In der Natur- 



Q%e.: Leben 2. Heft 4.-130) Blegm. Sohnltse. D. Zeitoeele in d. nod. Litt. n. Knnit. Zwei Kapitel: D.Weib- n. d. Natnr- 



R. Weissenfels, Poetik und ihre Oesohiohie. 1898. I ]1:18M41 

auffassung der modernen Litteratur und bildenden Kunst unterscheidet Soh. drei 
Richtungen: naturalistische oder materialistische, seelische und mystische Natur- 
betrachtung. Die erste ist iiim unsympathisch als Produkt des reinen Verstandes, 
als £}rzeugnis einer Zeit, in der die Naturwissenschaft die Naturempfindung und 
Naturliebe überwog, in der die Natur immer nur seciert und analysiert wurde und 
deshalb der Blick an den Einzelerscheinungen haften blieb. Die Reaktion gegen 
diesen Naturalismus stellen ihm die beiden anderen modernen Naturbetrachtungen 
dar, in denen er, wie in den beiden Weibtypen, — und mit Recht — ein Zurück- 
greifen auf Tendenzen der Romantik sieht. Er scheidet sie nicht überall scharf von 
einander. Er will wohl unter seelischer Naturbetrachtung dieienige verstanden wissen, 
die menschliche Stimmung und Empfindung in die Natur hineinsieht, sie als einen 
lebendigen, mit einer Seele begabten Organismus erfasst, mit dem der menschliche in 
geheimnisvollem Zusammenhang steht. Als Hauptvertreter solcher Naturbetrachtung 
Hihrt er an: von Dichtern Jonas Lie, Ibsen, Bjömson, Turgenjew, Tolstoi, Maeterlinck, 
Storm, Detlev von Liliencron, von Malern die Künstierkolonie von Barbizon mit ihrem 
„paysage intime", Corot mit seinem Satz „le paysage est un 6tat d'äme'S Claude 
Monet, Liebermann, Leistikow, die Worpsweder. Zur mystischen Naturbetrachtung 
scheint die seelische für Seh. zu werden, wenn sie der Natur selbständiges, vom 
Menschen unabhängiges Leben verleiht, das in objektiven Mächten ihm entgegentritt 
und sein Schicksal bestimmt. Beispiele sind Knut Hamsuns „Pan^*, Schlafs „Sommer- 
tod'^ Gemälde Böcklins und Stucks. In dieser seeUsch-mystischen Naturbetrachtung 
nun, die Seh. aus wachsender Sehnsucht nach der wahren Natur erklärt, erkennt er 
ein Zeichen des Aufgangs. Wenn sie erstarkt sein wird zu einer Naturauffassung, 
in der der Mensch sich nicht mehr an eine übermächtige Natur verliert, sondern mit 
Phantasiekraft ihr grosses, ewiges Wesen in sein Gemüt aufnimmt, dann soll diese 
Naturauffassung die herrschende Weibauffassung berichtigen, und dann soll unsere, 
im besonderen unserer Kunst „grosse Entwicklung" eintreten. Eine Konstruktion 
der Zukunft, die auf sich beruhen bleibe. Der Wert der Abhandlung für die 
Aesthetik liegt in der vielseitigen Beleuchtung zweier der wichtigsten Stoffgebiete 
aller Kunst, des Sexuellen und der Natur, und beherzigenswert für unsere Kunst ist 
in ihr, wie in der vorher besprochenen Schrift Sch.s, der Ruf nach grösserer Kraft 
der Künstierpersönlichkeiten. — Die Sehnsucht nach einer kräftigeren, männlicheren 
Kunst ausgeprägter Persönlichkeiten liegt heute in der Luft. Wir begegneten ihr, 
ausser bei Schultze, schon bei P. Ernst (N. 86), Mauclair (N. 112), Hausegger (N. 113). 
Auch H. Driesm ans^^*) spricht sie leidenschafüich aus in seiner Vernerrlichung 
der plastischen, d. h. gestaltenden Kraft und erhofft ihre Erfüllung in naher Zukunft. — 
Mit ihm berührt sich Walt Whitman '^*) nahe. Er zeichnet, indem er die Ent- 
stehung seiner „Grashalme" schildert, das Ideal einer nationalen, „rassigen", persön- 
lichen, männlichen, optimistischen, vor „heroischer Nacktheit" nicht zurückschrecken- 
den Dichtung, die im Leser kräftige reine Männlichkeit, Religiosität und ein frohes 
Gemüt weckt und stärkt. Es ist das Programm des Dichters eines jugendlichen 
Volkes, an dem die Dichter der altgewordenen Kulturvölker, auch unsere jüngsten, 
sich erfrischen könnten. ^'^) — 

Das immer beliebter werdende Thema der V olksk unst*^*"*'*) wurde 
schon bei Tolstoi (N. 83) und S. Schultze (N. 127) berührt. Die beiden wichtigen 
Fragen, die man zu beantworten versucht, sind: welche Kunst kann volkstümlich 
werden? und: wie wird das Volk zum Verständnis der Kunst erzogen?'''^')Bölsche*3'') 
hat aus den Verhandlungen des gothaer socialdemokratischen Kongresses über die 
Litteratur (vgl. JBL. 1896 I 11:219—26; 1897 I 14:297/9) den Eindruck gewonnen, 
dass der Naturalismus sich zur Volkskunst auswachsen könne. Er berühre sich mit 
der Stimmung des durch die Socialdemokratie vertretenen Volkes in seiner freiheit- 
lichen Richtimg, auch in der freien Moral. Nur sein Pessimismus müsste gemildert 
werden. >^®) — Ernestine Pick ^'•) betont in einem Bericht über den ersten 
Kongress für Volksunterhaltung (1897 in Berlin), dass die specifisch moderne Kunst 
mit ihren unerquicklichen Stoffen, ihrer „Problemklauberei", ihrem „psychologischen 
Nüsseknacken" keine Kunst für das grosse Publikum, zumal für die arbeitenden 
Klassen sei. — Dasselbe behauptet Dehmel**®) von der vornehm thuenden Kunst, 
die dem Grundsatz Tart pour Tart huldigt. Er verlangt, dass die heute erstrebte 
künstierische Gestaltung der Dinge, die unseren alltäglichen Bedürfnissen dienen, 

tLUtttMung. Halle, Kftnnertr. VI, 74 S. M. 1,20. — 131) H. DrisananB, D. plattiMhe Kraft in Kaait, WlsBenaoh. 
«. Leb0B. (JBL. 180S lY 6b: 81.) j[A. Mattk«!: Yersöhnang 31, S. S82/5 (Tertoldigi aamre Zeit gegea D.e Vorwftrfe).]| 
— 133) Walt Whitmaa, Wie ieh e. Bnek Mhrieb. Uebera. ▼. K. Federn: WBf. 8, B. 428-88. — 133) O X A. 
Fogasiaro. Le grand po^te de Tafenir: BPL. 1, S. 322;9. - 134) X (^ l ^'^^') — 139) X A. A. Naaff, VoIksknnBt 
V. Oipfelknnet: Lyra (Wien) 22, K. 4. - 136) X J- Hart. D. k&netler. Eniebnng d. Yolkea: Wage 1, N. 89. - 137) W. 
BAUobe, D. Natnraliimns ala Volkskanit: Neuland 1897, 1, S. 20i/8. - 133) OX E. Seilli^re« Litt, et morale daas le 
parti aoeiulieto allemand. Berate. Paria, Plön, Noarrit et Cie XXllI. 361 S. Fr. SM — 139) Brneatlne Piok, Yolkannter- 
haltnng: NFPr. N. 18181. - 140) R. Dehmel, Bedarfaknnat?!: NDBa. 9, 8. 97-101. - 141) X ^' Conrad, Angewandte 

(1)19* 



I 11:142-100 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

eine wirklich jenen Bedürfnissen entsprechende, eine „Bedarfskunst'' praktischen 
Stiles *^') werde. An ihr werde das ideale Kunstbedürfnis sich steigern. Dieses 
müsse dann durch eine Kunst befriedigt werden, die auch Bedarfskunst ist, durch 
eine Kunst fürs Leben, die den reinen, unverstellten Menschen zum Ausdruck bringt 
und das Leben lieben lehrt. Sie werde nicht sofort volkstümlich werden, sondern 
erst, wenn alle Schranken gefallen sind, die der natürlichen Liebe zwischen den 
, Menschen im Wege stehen. Ein klares Bild dieser Kunst tritt mir aus D.s Worten 
nicht entgegen. — Auch Jostenrode ^*') hält unsere jungen Künstler mit der 
Losung Tart pour Tart nicht für iahig, die ersehnte Volkskunst zu schaffen. Die 
künstlerische Erziehung des Volkes macht er abhängig vom Sturz der noch immer 
mächtigen „Tyrannei der Juristen und Schulmeister", und besonderes Gewicht legt er 
auf eine ästhetische und charakteristische Kleidung. Eine antiästhetische Missethat des 
deutschen Schulmeisters ist ihm auch das streng historische Kostüm, in dem heute 
geschichtliche Dramen und Opern aufgeführt werden. Die Sorge um die historische 
Richtigkeit dürfe die charakteristische Schönheit nicht beeinträchtigen. J. meint, wir 
seien aus einer langen unkünstlerischen Periode jetzt in eine künstlerische über- 
getreten, und fordert uns auf, sie national zu gestalten unter Emancipation von den 
bisherigen romanischen und antiken Mustern, unter Verwertung der Ergebnisse 
germanistischer und volkskundlicher Studien und im Anschluss an den Bahnbrecher 
Richard Wagner. ^^^) — Dix***) verspricht sich von den sich mehrenden Ver- 
anstaltungen, in denen dem Volk der Genuss von Kunstwerken zugänglich gemacht 
wird ***), erst dann den beabsichtigten Erfolg, wenn das Volk zuvor zum Kunstgenuss 
fähig gemacht worden ist. Er weist diese Aufgabe der Politik zu und fasst die Mittel 
zu ihrer Lösung zusammen in die Formel: „Zurück zur Natur!" Sicherung der 
materiellen Wohlfahrt der Arbeiter, Verkürzung der Arbeitszeit, also die social- 
politischen Tendenzen, die der Staat sich jetzt zu eigen gemacht hat, seien Schritte 
auf dem Wege, auf dem die Freude am Leben und damit die Fähigkeit zum Kunst- 
genuss dem Volke geweckt werde. Die Hauptsache sei, dass der Arbeiter der Gross- 
stadt zu seiner geistigen Regsamkeit den verlorenen Zusammenhang mit der Natur 
zurückgewinne. Ein Ausgleich zwischen seinem Wesen und dem des Bauern, zwischen 
Stadt und Land sollte erfolgen durch Decentralisation der Städte und Verpflanzung 
der Industrie auf das Land. Die Frage bleibt doch, ob die erträumte Mischung von 
Industriearbeitern und Kleinbauern wirklich, wie D. prophezeit, eine kunstfähige Rasse 
ergeben würde. — 

Das Problem der ästhetischen Erziehung i<«-i52^, das heute für den 
Menschen überhaupt, nicht nur für die unteren Volksklassen, eifrig erörtert wird, 
spielt in Fürsts'*'^) Aufsatz über den Geschmack hinein. Er zeigt, dass der 
physiologische Geschmack viel konstanter in seinen Einzelheiten ist als der Geschmack 
im übertragenen Sinn, der psychologisch-ästhetische. Aber wenn dieser relativ ist, 
mit dem Wesen und der Stimmung seiner Besitzer wechselt***), so giebt es für F. 
doch einen „guten" Geschmack, der den altbewährten Gesetzen der ästhetischen und 
sittlichen Schönheit folge und ausgebildet werden müsse.***'**') — Avenarius '**) 
weist dem Variete-Theater eine Rolle in der Bildung des Geschmacks zu. Er be- 
hauptet, dass seit einiger Zeit sich engere Beziehungen zwischen ihm und der idealen 
Kunst knüpfen. Er schlägt vor, es in den Kreis der emslhaften Kritik zu ziehen, 
so auf seine Veredlung einzuwirken und es zu einer Vorschule für höhere Kunst 
zu erheben.**^) — Die modernen Bestrebungen, den Kunstgeschmack des Menschen 
durch ästhetische Gestaltung des Milieus, in dem er lebt, zu bilden, lassen 
Weitbrecht *•*) eine Aesthetik des täglichen Lebens als ein Be- 
dürfnis erscheinen. Er zieht die Grundlinien einer solchen mit Hülfe der Methode 
und der Ergebnisse der neueren psychologisch- ästhetischen Forschung. Eine 
Aesthetik, wie er sie im Sinne hat, müsste erstens das psychologische Wesen des 

Kunst: Oea. 14. Heft 20/1. - 142) H. A. ▼. Jostenrode, D. Hanger nach Knnst: WBs. 3, S. 566-71. — 143)X<}- Fachs, 
Nationale Knnst: Ges. 14, Heft 19.-144) A. Dix, Betonr k la natnre!: MschrNLK. 2, 8. 440/4.- 145) X A. K.. Litterar. 6e- 
Rellsehaft xn Hamburs^: ML. 67. S. 140/1. (Volksunterhaltnngsabende, neiroatkande, Terbnnden mit Unterr. in bildender Knnst.) 

- 146) X H. Sohenker, Mehr Knnst: NR^. 8. N. 40. - 147) X ^f. Stock, üeber Ästhet. Bildung als Aufgabe d. Gymn. 
(JBL. 1897 I 14:179.) \\3. Golling: Gymn. 16. 8. 526.]| - 148) X A. Fleiner, B. Wort Ober volkstftral. Kunst Vortr. 
Zürich u. L., Henokell & Co. 44 8. M. 0,60. |fH. A. Köstlin: ChristlWelt. 12. 8. 427/8.]| (Verlangt vor allem Pflege d. 
Phantasie, in der d. M&tter bei d. Kinderersieh. Tiel wirken können.) - 149) O X W- Lau kämm, Bedeut. u. Pflege d. 
Phantasie: PraklSchulmann. 47, Heft 7. — 150) X A. Liohtwnrk, üebungen in d. Betracht. ▼. Kunstwerken nach Ver- 
suchen mit e. Schulkl. (JBL. 1897 I 12:79.) IFA. Biese: DWBl. 11, 8. 405/6.]| — 151) O X A. Kjellant, Kunst u. Kunst- 
sinn: DKunst 2, N. 8. — 152) O X R- ▼• Schubert-Soldern, D. eoc. Bedeut. H. Ästhet. Bildung. (= HoehschalTortrr. fflr 
Jedermann. Heft 2.) L., Seele A Co. 14 8. M. 0,30. |[S. 8ohult»e: InternatLB. 5, 8. 859-60. I| — 153) L Pflrst, D. 
Geschmack: DR. 23«, 8. 242-Ö0. — 154) X E Vely« Berliner u. Wiener Geschmack in d. Kunst u. Litt: NPrauenBI. N. 20, 
8.4189. (Verschiedenheit d, Geschmacks beider Stftdte entsprechend d. Charakter ihrer Bewohner.) - 155) OX F. Bettex, 
Vom Geschmack. B. Plauderei. Bremen, C. E. Müller. 93 8. M. 1,50. - 156)XO. Bie, D. Geschmack: WIDM. 88, 8. 571-88. 

- 157) X D. gute Geschmack q. Tom gesunden MensohenTerstand : Grensb, 1, 8.20,7. - 158) F. A?enarius, Varl4t4: Kw. 
11', 8. 869-72. - 159) X E. Pia! «hoff, Soldaten u. Kunst: ib. 11«, S. 18-20. (Wünscht d. Aesthetische mehr berücksichtigt 
beim patriot Theaterspielen u. Gesang d. Soldaten, sowie bei d. Bildern in d. Kaserne) - 160) C. Weitbrecht, D. Aesthetik 



R Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11:16M«7 

ästhetischen Verhaltens im täglichen Leben untersuchen und darstellen. Es unter« 
scheidet sich nach W. vom ästhetischen Verhalten auf dem Gebiete der Kunst dadurch, 
dass es in hohem Masse unserem jeweiligen Belieben überlassen, von unserem Willen 
abhängig ist. Doch nicht durchaus. Dafür, dass ihm auch ein weit verbreiteter, oft 
unwillkürlich sich geltend machender Trieb zu Grunde liegt, sieht W. den Beweis im 
Kunsthandwerk, Kunstgewerbe, das von seinen primitivsten, rohesten Formen an 
immer das tägliche Leben mit dem eigentlichen Herrschaftsgebiet des Aesthetischen 
verbunden hat. Ihm wirft er vor, dass es in seinen Erzeugnissen vielfach sowohl 
den praktischen Zweck wie die ästhetische Wirkung verfehle, weil es dem willkür- 
lichen, subjektivistischen Modegeschmack huldige. Auch er giebt zu, dass Geschmack 
etwas Subjektives ist, aber auch er hält doch ein objektives Urteil über ihn für 
möglich, weil das in ihm sich äussernde ästhetische Verhalten unter ganz bestimmten 
äusseren und inneren Bedingungen, nach psychologischen, physiologischen und 
physikalischen Gesetzen, zustande kommt. Die Feststellung jener Bedingungen, die 
Untersuchung und Darstellung der thatsächlichen Prinzipien aller ästhetischen 
Wertung, aus der sich Regeln für die thatsächliche ästhetische Gestaltung des 
täglichen Lebens ergeben müssen, würde den zweiten Hauptteil der neuen Aesthetik 
ausmachen. Die Grundbedingung alles ästhetischen Verhaltens wird hier dahin 
formuliert, dass der Eindruck die ästhetische Schwelle, die höher liege als die 
Bewusstseinsschwelle, überschreiten müsse. Dabei hilft oft ein Eindruck dem anderen, 
oft tritt auch die ästhetische Lust erst ein nach Ueberwindung ästhetischer Unlust 
(Prinzipien der ästhetischen Hülfe, des ästhetischen Konflikts und der ästhetischen 
Versöhnung). Die Ursachen der ästhetischen Wirkung, ihres Zustandekommens und 
ihrer besonderen Art, teilt W. in objektive und subjektive ein. Die objektiven, in der 
modernen psychologischen Aesthetik vernachlässigt, liegen in der Beschaffenheit des 
wirkenden Gegenstands, in Farbe, Form und anderem, was direkt auf unsere äusseren 
Sinne wirkt (Prinzip der einfachen Sinneserregung), oder in der Anordnung der 
Farben und Formen, die unser Gefallen oder Missfallen weckt (Prinzip der Harmonie: 
Einheit in der Mannigfaltigkeit, Widerspruchslosigkeit, Klarheit, lebendige Bewegung). 
Von den Prinzipien, die in den subjektiven Ursachen der ästhetischen Wirkung, in 
der Reaktion unseres Bewusstseins auf den äusseren Eindruck wirksam sind, werden 
die folgenden als die wichtigsten behandelt: die Associationsvorgänge, die Wirkung 
von Dauer und Wechsel der Eindrücke auf unser Gefallen oder Missfallen (wichtig 
für die Mode), das ökonomische Gesetz des kleinsten Kraftmasses, nach dem die 
Mühelosigkeit der Aufnahme eines ästhetischen Eindrucks uns mit Lust, ein dazu 
erforderlicher unverhältnismässiger Kraftaufwand uns mit Unlust erfüllt (wichtig für 
den Stil), endlich der Prozess der Beseelung, Einfühlung, Symbolisierung, für den 
die dem ästhetischen Gegenstand eigene Stimmung, sein Persönlichkeitsgehalt mass- 
gebend ist (Zimmereinrichtung, Jn der die persönliche Lebensstimmung des Bewohners 
sich ausdrückt). Ein dritter Hauptteil der Aesthetik des täglichen Lebens würde die 
Lehre von den ästhetischen Modinkationen enthalten, d. h. von den Gruppen der ver- 
schiedenen Möglichkeiten, wie die im zweiten Teil unterschiedenen ästhetischen 
Prinzipien im Einzelfall zum ästhetischen Gesamtergebnis zusammenwirken. Solche 
Modifikationen sind: Schön und Hässlich, Erhaben und Anmutig, Komisch und 
Tragisch. Die Modifikationen des Erhabenen und Tragischen kommen für die 
Aesthetik des täglichen Lebens nicht in Betracht. Eine Aesthetik des täglichen 
Lebens, wie W. sie sich vorstellt, soll nicht rein theoretisch sein, sondern zugleich 
Anweisung zu ästhetischer Gestaltung des Lebens geben. Sie soll damit die 
Aesthetik überhaupt gegen das heute verbreitete Vorurteil verteidigen, dass sie eine 
unnütze und eine spitzfindige, schwer fassbare Wissenschaft sei. Gegenüber W.s 
klaren, leicht fliessenden Ausführungen, die das Abstrakte durch geschickt ge- 
wählte, unterhaltende Beispiele veranschaulichen, hat jenes Urteil allerdings keine 
Berechtigung. — 

in mehreren der bereits angeführten Schriften spielen die Beziehungen des 
Schönen und der Kunst zu anderen Sphären des geistigen Lebens eine Rolle, so die 
Beziehung zur Religion bei Tolstoi (N. 83), zur Moral bei Stern (N. 45), Duboc 
(N. 85), zur Wissenschaft bei Lier (N. 102), Ferri (N. 121), S. Schnitze (N. 127, 130). 
Aufsätze verschiedener Vff., die das Verhältnis der Kunst zur Religion 
behandeln, hat Weber^'*) in einem Sammelband herausgegeben. ^•2""^®®) — Aus 
D iss elhof f s'* *^) Nachlass liegt der erste Teil eines Werkes vor, das die klassische 

d. Mgl. Lebens: Hie gat WQrttemberg allewege 1, 8. 63-86. (Abgedr. »och Kw. 11*, S. 8104, S426, 369-73.) — 161) O L. 
Weber, D. Wiesensehaften n. Kflnste d. Oeg. \n ihrer Stellung z, bibl. ChriHtentnra. ZaeamnienhftngeDde Einzelbilder t, 
▼erechied. VIT GQteriloh. Bertelsmann. VII. 411 S. M. 4.50. - 162) OX^Tappenbeck.D. Relig. d. Schönheit. Ihr 
Fundament. L., Haacite. 96 S. M. 2,00. ![R. Thiele: ThLB. 21, S. 4667.]| — 163) OX R<» Claaeeen, Religiöie Knnit : 
SoolalfitMh. 2, 8. 317. — 164) O X A. B. Parione, Paraifal, d. Weg zn Christai darch d. Kunst. E. Wagner- Stodie. Aus 
d. Engl, naeh d. 2. Aufl. Bbers. t. R. Frhr. t. Lichtenberg. B.-Zehlendorf, Zillmann. 1897. III, XV, 212 S. H. 8,00. 
KJbPhSTb. 12, 8. 489-90.] - 165) X J- Claassen, D. Poesie im Lichte ohristl. Wahrheir. U. : BOl. 84. S. 41-60. 102-26. 
(Vgl. JBL. 1897 I 14:170.) — 166) X J- Bnrggraf, D. Predigt d. Dichter: Protestimt 2, H. 83-90. - 167) J. BisseU 



I 11:168179 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

Poesie aller Zeiten und Völker vom Standpunkt des rechtgläubigen Christen über- 
blickt und untersucht. Klassisch oder weltgeschichtlich heisst hier die Poesie, in 
der das Grundwesen des Menschen und der Grundinhalt seines Strebens sich aus- 
spricht. Aus ihrer Betrachtung ergiebt sich für D., dass die wichtigste Lebensfrage 
der Menschheit von jeher die göttliche Offenbarung gewesen ist, d. h. „die Einlebung 
Gottes in die Menschheit, durch welche die Einlebung der Menschheit in Gott bedingt 
und bewirkt wird". Das weist er im vorliegenden Band an der heidnischen Poesie 
nach, indem er die klassische Dichtung der Iranier, Inder, Griechen und Römer auf 
ihre religiös-sittlichen Bestandteile prüft. Er findet einerseits darin überall die aus 
dem Gewissen, dem „geistig-sittlichen Centralorgan", kommende Sehnsucht nach einem 
solchen lebendigen, persönlichen Gott und einem solchen Verhältnis zwischen ihm 
und der Welt, wie sie im Christentum Glaubenswirklichkeit wurden. Andererseits 
ist ihm die heidnische Poesie ein Beweis für die Unfähigkeit des Menschen, aus 
eigener, natürlicher Kraft sich Gott und sein Verhältnis zu ihm so zu gestalten, wie es 
jene Sehnsucht verlangt. Aus dem Unbefriedigenden der heidnischen Religion, wie 
es selbst bei Homer, Pindar, Aeschylos, Sophokles hervorbricht, leitet er den „Huma- 
nismus" ab, auf den die Antike sich seit Euripides in Philosophie (Platon, Aristoteles) 
und Poesie (Virgil, Horaz) zurückzog, indem sie, von aller religiösen Grübelei ab- 
sehend, sich allein durch die menschliche Vernunft zur Wahrheit führen lassen wollte. 
Zu einem befriedigenden Ergebnis gelangte sie auch auf diesem Wege nicht. D. kann 
in der ganzen heidnischen Poesie und Philosophie nichts entdecken, was in seinem 
inneren Sinn den Gedankenkern der biblischen Offenbarung vorausgenommen hätte. 
Wer derartiges bei Platon oder Virgil oder anderen finde, lege, getäuscht durch den 
äusseren Gleichklang der Laute, den eigenen Sinn hinein. Mit der „Offenbarungs- 
poesie der Hebräer" beginnt für D. eine ganz neue Entwicklung, die er auf die 
„lebendige Erlösungsthat des persönlichen Gottes" zurückführt. Jene Offenbarun^- 
poesie, sagt er, „wird in ihrer ewigen Hoheit und Herrlichkeit zweifelsohne wesentlich 
besser verstanden, nachdem wir gewiss erkannt haben, dass sich an der Erwerbung 
der Kleinodien, die sie der Menschheit gegeben hat, die Poesie wie die Philosophie 
des geistig gebildetsten Volkes (der Griechen) vergebens bis zur Ohnmacht abgearbeitet 
hat". Auch wer den kirchlichen Standpunkt des Vf. nicht teilt, wird seine oft fein- 
sinnigen Betrachtungen gern lesen, die sich auf genaue Kenntnis der Poesie, Philo- 
sophie und Geschichte gründen.^'®) -— 

Die Specialarbeiten über die Beziehungen der Kunst zur Moral**^"^''*) 
sind mir nicht zugänglich geworden. — 

Eine Reihe vergleichender Aufsätze über Kunst und Wissenschaft 
hat Benedikt begonnen. Wie Ferri (N. 121), weist er der Kunst die Aufgabe zu, 
die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum dauernden Besitztum der Menschheit zu 
machen. In einem dieser Aufsätze*'^) betont er die Wichtigkeit anatomischer Kennt- 
nisse für den bildenden Künstler, der für seine Arbeit neben dem Gesichtssinn den 
Tastsinn zu Hülfe nehmen soll. — In einem zweiten Aufsatz handelt Benedikt*'*) 
von modernen Gespenstern wie Vererbung, Alkoholismus, widernatürlicher Unzucht. 
Er stimmt wieder mit Ferri überein, wenn er dem Dichter veristisohe Nachbildung 
dessen, was die heutige Medizin darüber lehrt, verbietet. Er rühmt Ibsens „Gespenster" 
trotz der „klinischen Sünden", die er darin aufdeckt. — Ein dritter Aufsatz 
Benedikts *''') beschäftigt sich mit Willensfreiheit und Determinismus und führt 
aus, dass die Poesie zwar die Thaten der Menschen aus ihrer Anlage, ihrer Ent- 
wicklung und bestimmten Gelegenheiten ableiten müsse, aber in der Nachsicht gegen 
Uebelthäter nicht so weit gehen dürfe, wie die extremen Vertreter der modernen 
Kriminal- Anthropologie. Verbrecher sollten unter allen Umständen in der Poesie 
wie im Leben für die Gesellschaft unschädlich gemacht werden.*"®) — Der Türmer*'*) 
erhebt Protest gegen die heutige Neigung, die Kunst mit der Wissenschaft, ins- 
besondere der Naturwissenschaft zu verwechseln. Charakteristisch dafür findet er 
Steigers (JBL 1898 IV 4:409) rühmenden, schon in den Grenzboten angefochtenen 
Vergleich moderner Schilderung des Seelenlebens in seinen unscheinbarsten Regungen 
mit den Aufgaben, die in der Naturwissenschaft durch das Mikroskop gelöst werden. 



hoff. D. klasB. Poesie a. d. göUI. OfTenbarnnfr. KaUenwerth, Oiakonissen-AiitUlt. VI, 562 S. M. 7,50. —168) X A. Bonne, 
Aeethet. Randgloasen: OhrUtlWelt. 12, S. 073 8. (Verh&ltnii d. Kanet s. sittL-relig. AttfTase. d. W»lt u. d. Lebern, Sohwlerig- 
keit e. anf d. Sittl.-lUligifiM gehenden Knnitkritik.) — 169) O X M. Aronn, Ethik n. Aeethetik: EthEnlt. 6, S. 867/8. — 
170) O X U- J- BerdyczewBki, Ueber d. Zneamraenhang swieohen Ethik n. Aeethetik. (JBL. 1897 I 14:158.) 
- 171) OX £• Fagnet, Esthetique et morale: BPL. 2. S. 450-63. — 172;OX P- Brnnetidre. L'art et la morale. Paria, 
Hetsel ä Co. 104 S. - 173) O X Irma t. Troll-Borostyani, D. eth. Wert d. Wahrheltediehtnng: EthKnIt. 
6, 8. 171/3. - 174) X R- Lothar. Briefe an e. Dame. UI.: Wage 1, S. 501,3. (Haeht «Ar d. Nadil&ten im Theater n. anf 
ADeiohtspoetkarten die Lfisternheit d. Groseetadt ?erantwortlich, die sieh hinter Knnstliebhaberei veratecke.) — 179) M. 
Benedikt, D. Skelett in d. Knost n. in d. WiMensohaft: DR. 23V S. 37-44. - 176) id., Üeapenetor in d. Knnat n. in d. 
Wiasenaehaft: ib. 23', S. 48 u5. - 177) id., D. Znrechnnngaf&higkeit a. Kriminal -Anthropologie in d. Knnat n. in d. Wiae: ib. 
8. 165-77. - 178) X id-* Charakterbilder in d. Knnat n. in d. Wiss. (JBL. 1808 IV 4:159.) - 179) D. Mikroekop in d. Kunst: 



tl. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I ll-.iso-iM 

Der Künstler, meint der Vf., möge das Mikroskop gebrauchen bei der Beobachtung 
des Lebens, aber beim Schaffen muss er die geschauten Einzelheiten wieder zusammen- 
fügen zum Ganzen, zum Charakter, zur Menschenerscheinung, wenn er ein Kunstwerk 
liefern will.»»«-»»») — 

Die Bedeutung der Kunst für das wirtschaftliche Leben hebt 
Sisyphus*82) hervor. Er erkennt den Dichtergeist als Erzeuger wirtschaftlicher 
Werte in den grossen Kaufleuten, die neue Bedingungen des Warenverkehrs schaffen, 
in Erfindern wie Gutenberg, in den Italienern der Renaissance, die die noch heute 
gültigen Formen des Geldverkehrs begründeten. Den ersten Platz unter den Wert- 
erzeugem dürfen aber die Künste und unter ihnen wieder den ersten die Dichtkunst 
und Schriftstellerei beanspruchen, deshalb, weil keine andere Thätigkeit mit so 
wenig kostbarem Material so grosse Werte zu gestalten vermag. Der Vf. belegl das 
mit Zahlen nnd erhebt dann Klage, wie weit Oesterreich infolge einer von der 
Reaktionsepoche und ihrer Censur herstammenden Engherzigkeit und Indolenz in 
der wirtschaftlichen Verwertung seiner Dichtergeister hinter Deutschland zurückstehe, 
wobei zum materiellen Schaden ein unberechenbarer idealer sich geselle. — In einem 
zweiten Aufsatz, der gleichfalls von der wirtschaftlichen Bedeutung der Kunst aus- 
geht, beklagt derselbe Vf.'®^) den unnötigen Import berliner Kunst nach Wien, im 
besonderen auf das wiener Theater. •— 

Ueber die Beziehungen zwischen Kunst und Publikum lernen wir 
ein pessimistisches Urteil Helios*^*) kennen, eines selbständig denkenden, freilich 
oft zu rasch und zu unbedingt formulierenden französischen Feuilletonisten aus der 
Mitte des 19. Jh., den die junge pariser Schriftstellergeneration sich als Autorität 
ausgegraben hat. Er klagt in einem jetzt verdeutschten Aufsatz über Missachtung 
der Kunst im grossen Publikum, bei den Kritikern, bei den Künstlern selbst. Er 
versteht unter dieser Missachtung nicht Nichtachtung, sondern eine Bewunderung, 
der man sich hingiebt, ohne sie ernst zu nehmen. Das thut das Publikum, wenn es 
die Kunst nur bewundert, solange es nichts anderes zu thun hat, von Berufs- 
geschäften frei ist, der Künstler, wenn er etwas anderes erstrebt als Verwirklichung 
der Wahrheit, der Kritiker, wenn er dem Künstler das verzeiht, wenn er z. B. die 
Trivialität einer Darstellung des heiligen Sebastian damit entschuldigt, dass die Marter 
dieses Heiligen in der Kunst niemals als das, was sie in Wirklichkeit war, sondern 
immer vom rein malerischen Gesichtspunkte ins Auge gefasst sei. In allen drei Fällen, 
meint H. übertreibend, verbinde die Bewunderung der Kunst sich mit der Vor- 
stellung, dass sie, verglichen mit der Wirklichkeit, lügen dürfe. Und dieselbe Vor- 
stellung und damit grausamste Schmähung der Kunst hört er aus Redensarten wie 
„Das ist Poesie", „Das ist ein Künstler" heraus, mit denen man den Irrtum, die Lüge 
oder die Unklarheit eines Menschen zu entschuldigen pflege.*®*"*®'') — 

Dem Teil des Publikums, der von je viel Unangenehmes zu hören bekommen 
hat, den Kritikern, gilt auch in diesem Berichtsjahr eine beträchtliche Zahl von 
Arbeiten *»8-*ö2). Schon bei S. Schnitze (N. 127), Hello (N. 184) usw. war von ihnen 
die Rede. Die alte Streitfrage, ob die Kunstkritik nur von Künstlern ausgeübt werden 
solle, beantwortet St eine r*^^) dahin, dass die ITähigkeit zur Kunstkritik und die 
zum künstlerischen Schaffen nicht notwendig verbunden seien. — Ein Aufsatz Lands- 
bergs^®*), der im wesentlichen das Herder-Schlegelsche Ideal der Kritik erneuert, 
enthält den beachtenswerten Satz: „Der beste Kritiker wird der sein, dessen dichte- 
rische Eigenschaften aus Mangel an positiver Schaffenskraft latent geblieben sind." 
-— Eine Erwiderung Steiners *^^) richtet sich gegen die berufsmässige Kritik, 
mit besonderer Schärfe gegen die berliner. Der Angriff wäre wirksamer, wenn St. 
sich nicht zu solchen Uebertreibungen hätte hinreissen lassen wie: „Kritik als Haupt- 
beschäftigung ist Unsinn". ^^•"*^^) — An Herders und der Brüder Schlegel Auffassung 
der Kritik erinnert auch ein ausgegrabener Aufsatz Helios*®*'). Kleine und grosse 
Kritik werden darin unterschieden. Die kleine oder die Kritik, wie sie ist, wird des 



Tftnner 1, 8. 171/8. — UO) X If • I> • * •<> ^ '« B«itrr. b. Aeathetik. H. Vom OegansAtz swlsohen WiBsenaohaft a. Knnat : ASyaUmatPhiloB. 4, 
N. 8 (ygl.JBL.1897 I 14:1567.) - 181) X Chr. t. EhrenfeU, D. Wahrheit in d. Kanst: Leben 2, Hefk3. — 182) Siiy phn s, 
D. Dichter n. seine wirtsohnftl. Bedeot.: Wage 1. 8. 228/5 - 183) id.. Kamt n. Geich&ft: ib. S. 129. — 184) E. Hello, D. 
Miusehiang d. Knnet. Uebers. ▼. Clara Thenmann: WRs. 8, S. 4d6-60. — 185) X ThereseSchlesinger-Ecketein, D. 
Pabliknm: SeeialistMh. 2, S. 579-83. - 186) O X Panla Seber, Beifall: NZMoaik. 94, S. 49-50. - 187) X (» I 0'21.) — 
188)OXK.Fnehi, Kfinstler n. Kritiker: MHasikZg. 19, S. 141,2. l[Siegm. Sohnltse: InternatLB. 6, S. 8d9.]| — 189) X 
B. Batka. Kunst n. Kritik: Kw. 11«, 8. 852,4. - 190) O X C. Fninel, Art et eritioisme. Paris, Bibl. d'art de la oritiqne. 
XY, 828 8. — 191) XW. B. Worsfold, The prinoiples of oritioism. (JBL. 1897 I 14:62.) |[Ao. 54, 8. 121; SatardayR. 85, 
8. 50;l.J| — 192) O X F> Olachant, L^avenir de la oritiqne. Nancy, Orimand. 16 3. — 193) B. Steiner, E. patriot. 
Aesthetiker: ML. 67. 8. 79Sy6. - 194) H. Landsberg, Wtssensohaftl. Kritik. (JBL. 1898 IV 4:502). — 195) R. Steiner, 
WlsMnaehaft n. Kritik. (JBL. 1898 IV 4:503.) — 196) X H. Landsberg, Wer soll Kritiker sein? (JBL 1898 IV 4:504.) 
(Kritik sollte mehr darstellen n. entwickeln als arteilen, sollte Tornehm sein.) — 197) X^- Afenarins, Vornehme Polemik: 
Kw. HS 8. 837,9. - 198) O X^ ^ Basins. Rechte n. Pflichten d. Kritik. Philos. Laien-Predigten für d. Volk d. Denker. 
L., BagelBUuin. VII. 171 8. M. 3,20. |[F. CartUs: ChristlWelt. 12, 8. 978/9.]] (1. Intellektnelle od. log., 2. Ästhet., 3. eth. 
Kritik.) — 199) K Hello, D. KriÜk. üebers. ▼. Stanf ?. d. Maroh: WBs. 8, 8. 2628. - 200) R. Jaff4, Kritik n. 



I 11:199-211 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

unfruchtbaren Negierens, des Haftens an Einzelheiten, der Feindschaft oder Gleich- 
gültig-keit gegen jedes neue Genie bezichtigt. Genie erkenne sie nur in der Ver- 
gangenheit an, in der Gegenwart verurteile sie alles, was über den Durchschnitt, die 
Mittelmässigkeit hinausrage. Ein Grund dieses Verhaltens wird richtig bezeichnet 
mit dem Satz: „Sie urteilt nicht, um zu urteilen, sie urteilt, um ihren eigenen Richtern 
zu gefallen.** Die grosse Kritik oder die Kritik, wie sie sein sollte, nennt H. das 
Gewissen der Kunst. Sie ist negierend nur dem Nichtigen gegenüber, positiv gegen- 
über dem Bedeutenden, sie hat immer, auch wenn sie Einzelheiten beurteilt, das 
Ganze im Auge, das Genie begrüsst und umfasst sie mit Enthusiasmus, mit dem sie 
ihm eine Trösterin wird in den Leiden seiner Schöpferthätigkeit. — Jaff6"®) 
nennt die Kritiker Beamte, die als solche sowohl zu befehlen wie zu dienen haben. 
Er unterscheidet zwei Fälle: entweder dient der Kritiker dem Künstler und befiehlt 
dem Publikum, oder er dient diesem und befiehlt jenem. Die sehr verständige Unter- 
suchung, wann das erste, wann das zweite Verhalten am Platze ist, d. h. wann der 
Kritiker das Publikum, wann den Künstler zu erziehen hat, lässt auch da, wo keine 
Namen genannt sind, auf Thatsachen unseres modernen litterarischen Lebens durch- 
blicken. Für den in alter und jüngster Zeit nicht seltenen Fall, dass ein Künstler 
durch Misserfolge bestimmt wird, seine Originalität dem Geschmack des Publikums 
unterzuordnen, rät J. der Kritik, abzuwarten, bevor sie den einen von beiden Wegen 
einschlägt, weil in diesem Fall oft künstlerischer Rückschritt und Fortschritt eng ver- 
kettet sind (Beispiele: Goethes Clavigo, Hauptmanns Versunkene Glocke). Endlich 
handelt er von der souveränen Kritik, die weder dem Künstler noch dem Publikum 
dient. Er spricht von dem Kritiker, der ein Kunstwerk nur als Vorwand benutzt, 
„uns kokett in halbdunklen Andeutungen und Scherzen von sich und seinen persön- 
lichen Angelegenheiten zu plaudern". Er bedauert die Fehden der Kritiker, in denen 
sie „blind vor Sympathien und Antipathien" einander mit Lob und Spott überschütten. 
Ersichtlich zielt das auf berliner Persönlichkeiten und Verhältnisse. Manche Erzeug- 
nisse der berliner „Mittemachtskritik" rechtfertigen die Mahnung zur Bescheidenheit, 
die J. schliesslich an die Kritiker richtet und damit begründet, dass die Kritik „in der 
Hast des modernen Betriebes nur sehr selten ganz ausgetragen werde, so dass sie 
sich aus einem Grundgedanken oder einer Grundstimmung, die durch das Kunstwerk 
hervorgerufen worden, organisch entfaltete". — In Polemik gegen R. von Gott- 
schall*^*) verlangt Steiner für die Kunstkritik Freiheit von aller ästhetischen 
Dogmatik. Er ist stolz darauf, Gottschalls Vorwurf, dass die bestehenden littera- 
rischen Zeitschriften Tummelplätze für eine Kritik sind, die nach allen Richtungen 
der Windrose auseinanderstrebt, aufsein Magazin beziehen zu dürfen.^^^'^o*) — Lands- 
berg^®*) fordert gründlichere Kritik der Schauspieler unter Hinweis auf die be- 
deutende Entwicklung, die die Schauspielkunst jetzt durchmache.^®«) — 

Ueber die polizeiliche Kunstkritik, die Censur, hörten wir schon Dubocs 
(N. 85) Urteil. A v e n ar i us^®^) tritt für Freiheit der Kunst ein gelegentlich der 
Unterdrückung eines Dehmelschen Gedichtes durch den Staatsanwalt, die auf Denun- 
ciation wegen Unsittlichkeit erfolgte. Was er über das Bedenkliche und Vergebliche 
eines solchen staatlichen Eingreifens sagt, ist nicht neu. — D riesm ans^®*) deckt 
den Widerspruch auf, der darin liegt, dass die Polizei ein Drama wie Tolstois Macht 
der Finsternis, das durch Darstellung des Schlechten von diesem abschrecke, ver- 
bietet, ein unanständiges Ballet, das die Sinnlichkeit reize, erlaubt. M o 1 e n a a r da- 
gegen billigt jenes Verbot. Er bestreitet die abschreckende Wirkung des Dramas, die 
nur dann vorhanden sein würde, wenn von der dunklen Folie des Schlechten das 
Gute sich abhöbe. — Als unvereinbare Gegensätze erweist Moczan^®*) Censur und 
Kunst, da die Censur die Tradition, das Gesetz, die Notwendigkeit vertrete, die Kunst 
ihrem Wesen nach im Reiche der Natur und der Freiheit lebe, einen höheren Menschen 
und eine neue menschenwürdigere Zeit verkünde. Das stimmt nun allerdings nur 
für einen kleinen Teil der heutigen Kunst.^io) — 

Die Neigung, stoffliche oder stilistische üebereinstimmung eines Kunstwerkes, 
besonders eines litterarischen, mit einem anderen früheren oder gleichzeitigen ohne 
weiteres unter den Gesichtspunkt des Plagiats zu stellen, schildert Witkowski^'') 
als eine „geistige Epidemie" unserer Zeit. Er versucht ihre Ursachen aufzudecken: 
das Verlangen nach Originalität in der Kunst, das er in seiner Entwicklung von 



Kritiker: MsobrNLK. 2, S. 669-68. — 201) R. ▼. GottBoh»!!, Litterar. Bildang: LE. 1, N. 1. IfR. Steiner: ML. 67, S. 986;7.]| 
— 202)XP Boieffirer, Freie Kunst n. freie Kritik: Wage 1, S. 226 ff. - 203) X Theater o. Kritik: DramntargBlI. 1, 8. 41;i. 
-204) XB-M. Sillard, Coneerning theatric«! oritieism: WeatnK. 150. S. 634-40. —209) H. Landeberg, Kritik n. Sehaa- 
epielkanit. (JBL. 18»8 IV 4:605.) - 206) X A. Bartels, H. Bahr, d. Kritiker: Kw. 11>, 8.276-81. (Beningelt d. payehol. 
Q. ftitbet Urteile in Bahre „Uenaissaace" n. in d. Samnlang seiner Fenilletons ans d. „Zeit^*'.) - 207) F. Afeaarins, Oeber 
d. Denvncieren: Kw. 11', 8. 109-12, 269-60. — 208) U. Driesm.ins, „D. Haoht d. Finsternis'* n. d. BuIletUnxerin : Ver- 
söhnnag Heft 28, 8. 141/4. |£B. Uoleaaar: YersAhnnng Heft 29, 8. 181/3.J| - 209) M. Moosan, Kanet n. Ceasar: 
DramatargBll. 1, 8. 170,4. - 210) X ^ I'i«'« KQnstlorlsohe. nicht polisciUcbe Ceasar: Kw. 11>, 8. 186;8. (Vorsehlag c. Bei- 
rats ▼. Saehferstftndigen, der d. Urteil d. Polisei fom kftnstler. Standpankt riobtig xa stellen hfttte.) — 2U) (}. Witkewski, 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 1 11: 212213 

der berechtigten Reaktion des Sturmes und Dranges gegen die nachahmende 
Gelehrtenpoesie durch die Tage der Romantik und des jungen Deutschland bis zur 
heutigen ITebertreibung verfolgt, femer die Gesetzgebung zum Schutz des geistigen 
Eigentums, die die Vorstellung verstärkt haben soll, dass jede Benutzung fremder 
Gedanken ein strafbares Vergehen sei, endlich die Sucht unserer aufgeregten Zeit 
nach möglichst verachiedenartigen starken Eindrücken, nach immer neuen Sensationen. 
Die schädlichen Folgen des „Plagiatwahnsinns" für die schriftstellerische Produktion 
sind nach W. : Streben der Schrittsteller nach Originalität um jeden Preis, nach dem 
Neuen, Unerhörten, Einschränkung der Freiheit des Produzierens, des Unbewussten 
im künstlerischen Schaffen durch das ängstliche Bemühen, Anklänge an Früheres 
zu vermeiden, Ausschluss dankbarer Stoffe, die schon einmal gestaltet worden sind, 
von neuer künstlerischer Behandlung. W. übertreibt, wenn er die Besorgnis aus- 
spricht, dass der Plagiat Wahnsinn uns schliesslich die künstlerische Produktion über- 
haupt abtöten könne.^*^) — 

Von den ästhetischen Stimmungen, wie sie in der Kunst zum Aus- 
druck kommen, stehen Komik und Humor im Vordergrund der Erörterungen. 
Lipps2>3) hat seine Aufsätze über die Psychologie der Komik (vgl. JBL. 1896 
I 11:264) umgearbeitet und erweitert zu einem Buch, das unter den ästhetischen 
Schriften des Berichtsjahres weitaus die bedeutendste Leistung ist. Im ersten Ab- 
schnitt zerpflückt er mit scharfer Kritik die früheren Theorien der Komik: die Theorien 
des Gefühlswettstreits (Hecker), des Ueberlegenheitsgefühls (Hobbes, Groos, Ziegler), 
des Vorstellungskontrasts (Kräpelin, Wundt, Schopenhauer, Melinaud, Herkenrath). 
In allen findet er Richtiges, aber in allen vermisst er ^ine präzise Bezeichnung 
dessen, was für die Komik specifisch ist, sie abschliesst gegen andere Er- 
scheinungen und Gefühle. Die Definitionen und die Begriffe, mit denen sie ope- 
rieren, sind ihm zu unbestimmt, zu allgemein gehalten, die Definitionen in der Mehr- 
zahl zu weit, wie die Heckers, die ebenso gut auf die Tragik wie auf die Komik 
passe, andere, wie die M6linauds, zu eng, so dass sie nicht das ganze Gebiet des 
Komischen umfassen, wieder andere, wie die Zieglers, nur Umschreibungen dessen, 
was erklärt werden soll. Wichtige allgemeine psychologisch -ästhetische Probleme 
werden in dieser Kritik berührt, nicht minder in den vier übrigen Abschnitten des 
Buches; die Komik erscheint fest eingefügt in den Zusammenhang des psychologisch- 
ästhetischen Systems des Vf. Doch ist die Darstellung keine systematische, sondern 
eine freiere. L. gewinnt seine Begriffe meistens in der Weise, dass er Definitionen 
seiner Vorgänger korrigiert, sie einschränkt und erweitert, sie genauer bestimmt, bis 
sie ihm das Specifische der betreffenden Erscheinung bezeichnen. Die Abschnitte 2/4 
enthalten die Psychologie der Komik, der Abschnitt 5 die Aesthetik, d. i. die Be- 
trachtung der humoristischen Komik. Im zweiten Abschnitt analysiert L. die Vor- 
stellungsbewegung in uns, die das Gefühl der Komik auslöst. Er beantwortet damit 
die Frage: was ist komisch? Als gemeinsames Kennzeichen alles Komischen ergiebt 
sich nicht ein Kontrast von Vorstellungen, in dem man früher sein Wesen sah, 
sondern ein Kontrast der Bedeutungen, die ein und dieselbe Vorstellung für uns hat, 
ein Kontrast, dessen erstes Glied wirkliche oder scheinbare Bedeutsamkeit, dessen 
zweites Glied scheinbare oder wirkliche Nichtigkeit ist. Nach der Art, wie die Vor- 
stellungsbewegung vom ersten zum zweiten Glied dieses Kontrastes zustande kommt, 
unterscheidet L. drei Gattungen des Komischen: objektive Komik, subjektive Komik 
oder Witz und naive Komik. Bei der objektiven Komik ist es unsere Wahrnehmung 
des Objekts in einem objektiven Zusammenhang, die den komischen BedeutungSr 
kontrast für uns hervorruft. Wir erwarten ein für uns Bedeutungsvolles, an dessen 
Stelle wir ein für uns im Augenblick Nichtiges eintreten sehen. Wichtig ist hier 
der Begriff der Erwartung. So, wie L. sie charakterisiert, als die durch Erfahrungs- 
oder Aehnlichkeitsassoziation zustande kommende aktive Bereitschaft zum Vollzug 
einer Wahrnehmung oder zur Erfassung einer Thatsache, ist sie auch da vorhanden, 
wo das dio Erwartung Erregende und das für das Erwartete Eintretende dem objek- 
tiven That bestand nach gleichzeitig sind. Denn auch da findet eine subjektive Suc- 
cession statt, ein zeitliches Nacheinander in den Wahrnehmungen des Subjekts, den 
seelischen Vorgängen. Heymans Einwände gegen seine Definition der objektiven 
Komik (JBL. 1896 1 11:264) entkräftet L., indem er zeigt, dass diese Definition auch 
auf die von Heymans dagegen geltend gemachte Komik des befreiten Selbstgefühls, 
des Neuen und der Unterbrechung eines Bedeutungsvollen durch ein Unbedeutendes 
passt, dass diese Fälle des Komischen nur besondere Arten seiner objektiven Komik 
darstellen, sofern sie überhaupt komisch sind. Der Neuheit des Objekts weist er 
dann aber doch eine positive Bedeutung für die Komik zu, wenn auch eine andere 



D. Plagiat wahnfinn: Wage 1, S. 484^6. — 212) OX K- Bobrty&ski, Z. Htterur. Plagiatfrage. Progr. Erakan, Zwoli&skl ä Co. 
84 S. M. 0,20. — 213) Tli. Lipps, Konilc n. Hnmor. E. psyohol .-Ästhet Untersnohang. (s Beltrr. s. Aesthetik, her. ▼. Th. 
Jahreab«riehte fUr neuere dentaohe Litteraturgeaohichte. X. (1)''^0 



t 11:218 R. W eissenf eis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

als Heymans. Er findet sie, indem er auf die Lehre von Aufmerksamkeit, psychi- 
schen 'Abflusstendenzen und psychischer Stauung in seinen „Grundthatsachen des 
Seelenlebens" zurückgreift, darin, dass das Neue an einem uns durch Gewohnheit 
gleichgültig gewordenen Objekt diesem wieder die Bedeutsamkeit verleiht, die das 
eine Element des komischen Kontrastes bildet Er unterscheidet in der Wirkung 
des Neuen zwei Momente, die Heymans in seiner „Verblüffung" nicht trennt, zuerst 
das erstaunte Haltmachen vor dem Neuen, die psychische Stauung, dann die Samm- 
lung, die Spannung der Aufmerksamkeit auf das durch die Neuheit uns bedeutungs- 
voll Erscheinende. Nur aus der Lösung dieses zweiten Moments der Verblüffung 
durch Erkenntnis der thatsächlichen Bedeutungslosigkeit des Objekts für uns ergiebt 
sich nach L. die Komik, nicht, wie Heymans will, aus der Lösung der Verblüffung 
überhaupt. Von der objektiven Komik scheidet L. den Witz als subjektive. Bei 
ihm kommt die für das Komische charakteristische Vorstellungsbewegung nicht durch 
unsere Wahrnehmung des Objekts zustande, sondern durch das Thun des Subjekts, 
des Witzmachers, und der Zusammenhang, in den dieses eintritt, besteht nicht in der 
Wirklichkeit ausser uns, sondern nur in uns, in unserem Denken, ist also kein objek- 
tiver, sondern ein subjektiver, logischer Zusammenhang. In diesem Zusammenhang 
wirkt jenes Thun als solches, entweder eine Aussage (z. B. Schleiermachers Definition 
der Eifersucht), oder eine Handlung (z. B. des Diogenes Menschensuchen), oder eine 
Gebärde, komisch, sofern es uns zugleich den Eindruck eines Bedeutungsvollen, 
Sinnvollen und eines Bedeutungslosen, Nichtigen macht. Entweder besitzt die durch 
Aussage, Handlung oder Gebärde bezeichnete Vorstellung wirklich die Bedeutung, 
die sie zunächst für uns hat und dann, wenn wir sie logisch nach ihrer Ausdrucks- 
form beurteilen, plötzlich verliert (Wortspiele wie Schillers Kapuzinervers „Die Abteien 
sind geworden zu Kaubteien"); oder wir leihen der Vorstellung, wenn wir sie logisch 
nach ihrer Ausdrucksform beurteilen, eine Bedeutung, die sie in Wirklichkeit nicht 
besitzt und deshalb auch für uns wieder verliert (Lichtenbergs „Messer ohne Klinge, 
woran der Stiel fehlt"). Die Einwände von Heymans gegen seine Theorie entkräftet 
L. in ähnlicher Weise wie bei der objektiven Komik, in die Mitte zwischen objektive 
und subjektive Komik stellt er die naive. Auch sie haftet an einer Aussage oder 
Handlung, aber bei ihr kommt im Unterschied vom allein als Thun wirkenden Witz 
die Persönlichkeit, von der das Thun ausgeht, für die Entstehung des komischen 
Bedeutungskontrastes in unserer Vorstellungsbewegung in Betracht. Wir beurteilen 
eine naive Aeusserung oder Handlung als bedeutsam, wenn wir sie vom Standpunkt 
der naiven Persönlichkeit betrachten, die Bedeutsamkeit zergeht für uns, indem wir 
sie von unserem eigenen Standpunkt ansehen. Es ist also bei der naiven Komik 
ein Gegensatz der Standpunkte, durch den die für das Komische charakteristische 
Vorstellungsbewegunß: in uns zustande kommt. Und die Betrachtung von dem einen 
wie dem anderen Standpunkt erweist L. als Hineinstellen der naiven Aeusserung 
oder Handlung in einen sowohl objektiven wie subjektiven Zusammenhang. So be- 
rührt die naive Komik sich nach L.s Analyse einerseits mit der objektiven, anderer- 
seits mit der subjektiven und ist eben darum von beiden verschieden. Den Unter- 
schied zwischen den drei Arten der Komik formuliert L. auch für ihre Gegenstände 
und persönlichen Träger. Doch sind in Wirklichkeit die drei Arten nicht so streng 
geschieden, wie es nach diesen Formulierungen scheinen könnte. L. zeigt an Bei- 
spielen, dass sie in einander übergehen. Im dritten Abschnitt analysiert er das Gefühl 
der Komik, das die im zweiten Abschnitt analysierte komische Vorstellungsbewegung 
in uns begleitet. Es ist ihm nicht, wie anderen, ein Wechsel von Lust und Unlust, 
kein gemischtes Gefühl, sondern, wie jedes Gefühl, ein einheitliches und ein eigen- 
artiges, von Lust wie von Unlust verschiedenes, das allerdings Lust- und Unlust- 
färbung annimmt. Es umfasst also verschieden gefärbte Gefühle, die aber ein Ge- 
meinsames haben, eine Grundfarbe, die für das Gefühl der Komik specifisch ist, wie 
für andere Gefühle Lust, wieder für andere Unlust. Diese Grundfarbe, dieses Ge- 
meinsame aller komischen Gefühle findet und analysiert L., indem er seine allgemeine 
Theorie vom psychischen Geschehen entwickelt. Danach sind die unbewussten Vor- 
gänge des Empfindens und Vorstellens, die durch die Perception eines Reizes aus- 
gelöst werden, das eigentliche psychisch Wirkungsfähige. Ob sie die Schwelle des 
Bewusstseins erreichen, zu von Gefühlen begleiteten Bewusstseinsinhalten werden, 
zur Apperception gelangen oder nicht, wie weit sie im letzteren Falle von jener 
Schwelle entfernt bleiben, wie weit im ersteren sich darüber erheben, die grössere 
oder geringere „Wellenhöhe" der Vorgänge des Empfindens und Vorstellens hängt 
ab von dem Mass der in uns vorhandenen psychischen Kraft, das sie sich durch 
eigene Energie oder durch die Gunst der Umstände anzueignen vermögen. L.s 
scharfsinnige und ergebnisreiche Erörterung der verschiedenen Verhältnisse, unter 
denen diese Aneignung stattfindet, kann ich hier nur andeuten. Er unterscheidet 
qualitatives imd quantitatives Verhältnis zwischen dem percipierten psychischen Ge- 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11 : 218 

schehen (d. h. den unbewussten Vorgängen des Empfindens und Vorstellens) und 
den Bedingungen der Kraftaneignung, des Bewusstwerdens, der x\pperception, die 
es im Zusammenhang unseres psychischen Lebens vortindet. Je mehr qualitative 
Uebereinstimmung zwischen beiden besteht, um so mehr Grund zum Lustgefühl ist 
bei der Apperception gegeben, je weniger qualitative Uebereinstimmung, um so mehr 
Grund zum ünlustgefühl. Für das quantitative Verhältnis, unter dem L. das Ver- 
hältnis zwischen der eigenen Energie des unbewussten psychischen Geschehens und 
dem im Zusammenhang unseres psychischen Lebens für seine Apperception verfüg- 
baren Mass psychischer Kraft versteht, ergeben sich drei Möglichkeiten. Entweder 
hält dieses Mass jener Energie das Gleichgewicht oder es ist geringer als sie oder 
grösser. Wenn es geringer ist, wie z. B. beim Anblick des Meeres, so entsteht bei 
der Apperception das Gefiihl der Grösse mit seinen verschiedenen Nuancen (des Ge- 
wichtigen, Mächtigen, lieber mächtigen usw.). Ist das Mass der in uns verfügbaren 
psychischen Kraft grösser als die Energie des psychischen Geschehens, so vollzieht 
die Apperception sich spielend und ist von einem Gefühl des Heiteren begleitet. 
Beide Gefühle, das der Grösse und das des Heiteren, können sowohl lust- wie un- 
lustgefärbt und beides in verschiedenem Masse sein, je nach dem Grad der qualitativen 
Uebereinstimmung oder Verschiedenheit zwischen dem psychischen Geschehen und 
den Bedingungen seines Vollzuges, seiner Apperception im Zusammenhang unseres 
psychischen Lebens. Beide Gefühle werden gesteigert, wenn wir im ersten Fall etwas 
Kleineres, im zweiten Fall etwas Grösseres erwartet haben. Es entstehen dann die 
Gefühle des überraschend Grossen und des überraschend Kleinen. Letzteres, also 
ein Gefühl ausgeprägter Heiterkeit, ist das Gefühl der Komik. Es entsteht nicht 
nur, wenn wir etwas Grösseres erwartet haben f objektive Komik), sondern auch, wenn 
ein an sich für uns Kleines, Nichtiges uns zuerst als etwas Grosses, Bedeutungsvolles 
erscheint (Witz, naive Komik). Das Mass psychischer Kraft, das in uns für die Ap- 

Eerception des erwarteten oder anscheinenden Grossen, Bedeutungsvollen bereit ge- 
alten war, wird von dem an seiner Stelle eintretenden oder erkannten Bedeutungs- 
losen, Nichtigen angeeignet, dieses wird dadurch zunächst auf die Stufe des 
Bedeutungsvollen emporgehoben, und nachdem der Schein der Bedeutsamkeit ge- 
schwunden ist, erfreut es sich jener psychischen Kraft in seiner Nichtigkeit, es 
breitet sich leicht, ungehemmt, spielend durch den Raum aus, der in unserer Seele 
für das erwartete oder scheinbare Bedeutungsvolle frei gemacht war. Indem es sich 
ausbreitet, löst sich die Spannung, die die Erwartung oder der Schein des Bedeutungs- 
vollen erzeugte, und das Gefühl, das diese Lösung begleitet, enthält in der aus- 
geprägten Heiterkeit die Grundfarbe, das Specifische des Gefühls der Komik. In den 
folgenden beiden Kapiteln des 3. Abschnitts vervollständigt L. das Bild sowohl der 
komischen Vorstellungsbewegung wie des Gefühls der Komik, das sich bisher er- 
geben hat. Die komische Vorstellungsbewegung ist nicht ein einmaliger Uebergang 
vom Bedeutungsvollen zum Nichtigen, wie es nach den bisherigen Erörterungen 
scheinen könnte, sondern sie geht gemäss dem allgemeinen Gesetz von der rück- 
läufigen Wirkung der psychischen Stauung zwischen dem erwarteten Bedeutungs- 
vollen oder dem, was das Nichtige zuerst bedeutungsvoll erscheinen liess, und dem 
unerwartet eingetretenen oder erkannten Nichtigen, also zwischen der Erwartung 
und Enttäuschung hin und her, erneuert sich immer wieder, bis sie in sich selbst 
erlahmt oder von eintretenden ernsten Wahrnehmungs- oder Gedankeninhalten ge- 
waltsam aufgehoben wird. Seine Analyse des komischen Gefühls vervollständigt L. 
durch genauere Betrachtung der Lust- und Unlustelemente, die darin in verschiedener 
W^eise sich mischen. Wenn die komische Vorstellungsbewegung nur ein inhaltlich 
gleichgültiges, leichtes und leicht verklingendes Spiel ist, hat das sie begleitende Ge- 
fühl der Komik entschiedene Lustfärbung, die ihren Grund in der qualitativen Ueber- 
einstimmung und dem quantitativen Gegensatz zwischen den beiden Gliedern des 
komischen Vorstellungskontrasts hat und gegen die das schwache, aus dem qualita- 
tiven Gegensatz zwischen jenen beiden Gliedern stammende Ünlustgefühl nicht auf- 
kommt. Nun kann das komische Gefühl aber modifiziert werden durch Lust- oder 
Unlustelemente, die nicht im komischen Vorstellungszusammenhang selbst liegen, 
sondern an positiven oder negativen Werten haften, die den Gliedern des komischen 
Vorstellungskontrasts an sich, also auch ausserhalb des komischen Vorstellungs- 
zusammenhangs, eignen. Dann wird die Lust- oder die Unlustfärbung im Gefühl 
der Komik verstärkt, und es kann ein Umschlag in ernste Lust oder Unlust eintreten. 
Ernste Unlust kann entstehen, wenn das erwartete Bedeutungsvolle, an dessen Stelle 
das Nichtige eintritt, für uns inhaltlich wertvoll ist, vor allem, wenn sittliche Forde- 
rungen durch das Eintreten des Nichtigen negiert werden (Witz an heiligem Ort), 
ernste Lust, wenn solche sittlichen Forderungen durch das Eintreten des Nichtigen 
erfüllt werden (Fall des Uebermütigen). An diesem Punkt ergiebt sich für L. ein 
neuer Unterschied zwischen seinen drei Gattungen des Komischen, insofern als jene 

(1)20* 



111: 21S R. Weißsenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

Modifikation oder jener Umschlag des komischen Gefühls bei der objektiven Komik 
und dem Witz gelegentlich, unter bestimmten Umständen stattfindet, während bei der 
naiven Komik Anlass dazu jederzeit in gewissem Grade gegeben ist, da bei ihr jeder- 
zeit Forderungen von unbedingtem Wert, sittliche oder intellektuelle, negiert und 
erfüllt werden. Nach allem dient die Komik, deren Gefühl nicht allein aus dem 
komischen Vorstellungszusammenhang resultiert, sondern gefärbt wird durch Werte, 
die auch ausserhalb der Komik bestehen, dazu, diese Werte in ihrer Erhabenheit 
recht zum Bewusstsein zu bringen. Sie erfüllt damit eine höhere Aufgabe als die 
inhaltlich gleichgültige reine Komik, sie erhebt sich zum Humor, der, wie die Tragik, 
in Leben und Kunst durch Dissonanz erst der Konsonanz, d. h. dem Guten oder 
Vernünftigen die rechte Kraft giebt. Bevor L. auf diesen Humor näher eingeht, 
scheidet er im vierten Abschnitt Unterarten seiner Gattungen des Komischen. Unter- 
arten der objektiven Komik scheidet er nach ihrer Form, sofern unsere Erwartung 
oder Voraussetzung eines Erhabenen auf Aehnlichkeits- oder Erfahrungsassociation be- 
ruhen kann ; nach ihrem Inhalt, sofern sie Charakterkomik oder Schicksals-, Situations- 
komik und sofern die in nichts zergehende Erhabenheit eine nur dynamische od^r 
geistige und als geistige wieder eine intellektuelle oder sittliche oder gefühlsmässige 
sein kann; endlich nach der Art oder dem Grund ihres Auftretens, sofern die Komik 
auf natürlichem Wege sich einstellen oder künstlich hervorgerufen werden kann. Zur 
künstlichen oder gewollten Komik gehört z. B. die K'omik der Nachahmung, die 
komische Gruppierung von Zügen einer wirklichen oder erfundenen Sache oder 
Person (Karikatur, Travestie, Parodie), das Possenhafte, das Burleske. Beim Witz 
unterscheidet L. vom logischen Gesichtspunkt aus fünf Arien: Begriffs- oder Wort- 
witz (I), witzige Begriffsbeziehung (II), witziges Urteil (111), witzige Beziehung zwischen 
Urteilen (IV), witzigen Schluss (V). Bei allen fünf Arten des Witzes beruht der Vor- 
stellungszusammenhang, wie bei der objektiven Komik, entweder auf Aehnlichkeits- fl) 
oder Erfahrungsassociation (2), und in jedem dieser beiden Fälle wieder kann er ent- 
weder durch äussere, sprachliche Momente (A) oder durch sachliche (B) begründet 
sein. So ergeben sich für jede der vom logischen Gesichtspunkt aus unterschiedenen 
fünf Arten des Witzes nach den Mitteln, durch die der Witz zustande kommt, vier 
Unterarten: W^itze, die durch Aehnlichkeit resp. Gleichheit der sprachlichen Form 
zustande kommen (A 1), Witze, die darauf beruhen, dass wir Sprachformen eine er- 
fahrungsmässige Bedeutung gewohnheitsmässig auch da zugestehen, wo sie ihnen 
nicht zukommt oder nicht zuzukommen scheint (A 2), Witze, bei denen eine sachliche 
Uebereinstimmung (B 1) , Witze, bei denen ein erfahrungsgemässer sachlicher Zu- 
sammenhang die logische oder scheinbare logische Grundlage bildet (B 2). Es hat 
keinen Zweck, hier die Namen all der W^itzarten anzuführen, die L. unter den ein- 
zelnen Rubriken ausführlich charakterisiert und mit Beispielen belegt, so seinen Be- 
griff des Witzes erst in helles Licht rückend. Unter II A 1 fallen z. B. witzige Wort- 
verwechselung und Wortkarikatur (Fischarts Wortbildungen wie „Jesu wider"), Klang- 
witze (in Schillers Kapuzinerpredigt), unter II A 2 witzige Wortverschmelzung („re- 
volutionärrisch"), witzige Wort- oder Begriffsteilung („Demo-, Bureau- und andere 
Kraten"), witzige Wortzusammensetzung („Sprechruhr"), unter II B 1 witzige ver- 
allgemeinernde, vergleichende oder individualisierende Bezeichnung durch Begriffe, 
die mit dem, was sie bezeichnen, sich teilweise decken, zugleich aber ihm irgendwie 
inkongruent sind. Diese „Begriffssubstitution" kann eine logische, eine bildliche 
oder eine parodische (parodische Citate aus Dichtern) sein. Sie ist oft karikierend, 
hyperbolisch („Kilometernase"), bald nur spielend, bald charakterisierend, indem 
sie eine wesentliche Eigenschaft des gemeinten Begriffs treffend hervorhebt, bald 
ironisch , indem sie dies erreicht durch Anwendung des gegenteiligen Begriffs 
(„lobenswert" für tadelnswert), in den beiden letzten Fällen entweder nur ge- 
legentliche witzige Bezeichnung oder ausdrückliche witzige Charakteristik, die 
sich erweitem kann zur witzigen Charakterzeichnung (Falstaffs Beschreibung 
der von ihm angeworbenen Soldaten). Die Witze, die unter III besprochen werden, 
geben entweder Unsinn im Gewände der Wahrheit (Münchhausiaden) oder 
Wahrheit im Gewände des Unsinns (Schleiermachers Definition der Eifersucht). 
Der fünfte Abschnitt des L.schen Buches behandelt die Frage, inwiefern die Komik 
ästhetischen Wert hat. Die Vorfrage lautet: was ist ästhetischer Wert? Sein Specifisches 
findet L. in der Fähigkeit des Objekts, unmittelbar durch das, was es an sich ist oder 
uns zu sein scheint, durch seinen Eigenwert so auf uns zu wirken, dass wir es in 
unserem Gemüt miterleben und dadurch unser Gemüt bereichert, geweitet, erhöht 
fühlen. Danach kann die Komik als solche keinen ästhetischen Wert beanspruchen. 
Denn die komische Lust haftet nicht am komischen Objekt als solchem, das ebensogut 
unwert wie wertvoll sein kann, sie ist also kein auf das Objekt bezogenes W^ertgefühl, 
wie das ästhetische. Sie haftet aber auch nicht an unserer spielenden Auffassung 
des Objekts, d. h. an unserer für die Komik charakteristischen Thätigkeit als solcher, 



R. Weißsenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I ll:8ia 

sie ist also auch kein auf das Subjekt bezogenes Wertgefühl, wie das ethische. Sie 
haftet vielmehr sowohl am Objekt wie an unserer inneren, vorstellenden Thätig-keit, 
d. h. sie haftet an der Beziehung jenes zu dieser, an dem Gelingen unserer Thätig- 
keit, und gehört damit zu den logischen Wertgefühlen. Den ästhetischen Wert, den 
die Komik an sich nicht hat, gewinnt sie, wenn an sich Wertvolles in die komische 
Vorstellungsbewegung eingeht, wenn sie also nach dem früher Gesagten zum Humor 
wird. Zur genaueren Bestimmung seines Wesens gelangt L. jetzt auf dem Umweg 
durch die Tragik, die „Schwester" des Humors. Er wirft die alte Frage auf: wie 
kann Leiden, Untergang Gegenstand unseres Genusses sein? Er analysiert zunächst 
den ästhetischen Genuss überhaupt, der nach Groos (JBL. 1892 111: 37) zustande 
kommt durch unser „inneres Nachahmen", sofern es ein Spiel ist. L. lässt das innere 
Nachahmen als Mitmachen, Miterleben gelten. Aber an die Stelle des „Spiels" setzt 
er die S.vmpalhie, durch die wir zu jenem Miterleben genötigt werden. Diese 
Sympathie ist ihm das Entscheidende für den ästhetischen Genuss, ja ist dieser selbst. 
Er ist vorhanden, wenn wir bei ästhetischer Betrachtung eines Objekts darin, auch im 
sächlichen Objekt, etwas Persönliches, ein positiv Menschliches empfinden, das mit 
unseren eigenen Möglichkeiten und Antrieben des Lebens und der Lebensbethätigung 
im Einklang steht. Das Speci fische des tragischen Genusses erklärt L. dann mit 
seinem Gesetz der psychischen Stauung. Eine solche, also eine Hemmung unserer 
Vorstellungsbewegung, findet sowohl beim Tragischen des Leidens, resp. Untergangs 
wie beim Tragischen des Bösen statt. Beim ersteren ist die Vorstellungsbewegung, 
die durch den Eintritt des Leidens gehemmt wird, der Zusammenhang zwischen der 
Vorstellung des Persönlichen, des positiv Menschlichen, mit dem wir sympathisieren, 
und der durch sie notwendig in uns erzeugten Vorstellung seiner Dauer, seines freien 
Sichauslebens. Beim letzteren ist die Vorstellungsbewegung, die durch die Wirk- 
samkeit des Bösen gehemmt wird, der Zusammenhaner zwischen dem Menschen und 
der sittlichen Forderung. Die Hemmung der Vorstellungsbewegung an sich ist in 
beiden Fällen Grund zur Unlust. Aber weit überwiegende Lust wird dadurch geweckt, 
dass die Vorstellungsbewegung von der Stauung zurückläuft, sowohl zu dem durch 
das Leiden negierten positiv Menschlichen wie zu dem durch das Böse negierten Guten 
hin. Beides wird dadurch emporgehoben, wird uns eindrucksvoller, wertvoller, und 
vermöge unserer Sympathie mit ihm bedeutet diese Steigerung seines Wertes zugleich 
eine Steigerung, Erhöhung, Ausweitung unseres eigenen Wesens. Wichtig für das 
Verständnis des Gegenbildes der Tragik, des Humors, ist es, dass L. unter ihr nicht 
nur äusserlich ungelöste ernste Konflikte versteht, sondern auch solche, die sich lösen. 
Bei ihnen gewinnt die Lösung durch die Stauung grössere psychische Bedeutung, 
als sie bei ungehemmter Vorstellungsbewegung haben würde. Der Humor nun hat 
nach L. mit der Tragik zunächst das allgemeine Wesen gemein. Er definiert es jetzt 
als „Erhabenheit in der Komik und durch die Komik", anknüpfend an das, was er 
früher über das Eingehen ausserkomischer Werte in die komische Vorstellungs- 
bewegung gesagt hat. Schon aus der früheren Betrachtung der auf dem Wege zum 
Humor liegenden naiven Komik geht hervor, dass auch beim Humor, wie bei der 
Tragik, ein positiv Menschliches, ein Gutes, Schönes oder Vernünftiges, durch die von 
seiner Negierung bewirkte psychische Stauung und die darauffolgende Rückwendung 
der Vorstellungsbewegung uns eindrucksvoller, in seinem Werte offenbarer und fühl- 
barer gemacht wird, so dass es uns „erhaben" erscheint. Zugleich erscheint dieses 
Erhabene aber vermöge der früher erörterten Eigentümlichkeit der komischen Vor- 
stellungsbewegung, ihres Hin- und Hergehens, als ein solches, das jederzeit wieder 
zum Gegenstand der Komik, unserer spielenden Auffassung werden kann, es wird 
gemildert, uns vertrauter, liebenswert. Wenn der Humor, der diese doppelte Auf- 
gabe erfüllt, allein am Thun oder Verhalten einer Persönlichkeit haftet, so ist er 
gewöhnlich unbewusst (in Falstaffs Rede über die Ehre), zuweilen aber auch bewusst 
(bei Hamlet, Mephisto). Wenn er nicht allein am Thun oder Verhalten der Per- 
sönlichkeit haftet, sondern diese selbst ihn hat als ihre Denkweise, Gemütsverfassung, 
Weltanschauung, so ist er vollbewusst. Der Träger des Humors selbst ist sich dann 
sowohl des Rechtes wie der Beschränktheit seines Standpunktes, sowohl seiner Er- 
habenheit wie seiner relativen Nichtigkeit bewusst, lacht mit den anderen über sich 
selbst und zugleich über das Lachen jener (Sokrates, der bei der Aufführung der 
Wolken sich dem Gelächter der Zuschauer geflissentlich preisgab). Die Hauptarten 
des Humors scheidet L. nach zwei Gesichtspunkten: nach seiner „Daseins weise" (I) 
und nach seiner Stufe, seiner Färbung (II). Nach I unterscheidet er humoristische 
Weltbetrachtung (1, 1), bei der der Humor, sowohl das Positive, Erhabene wie das 
komische Zunichte werden, in mir ist als meine Stimmung; humoristische Darstellung 
(1, 2), bei der der Humor in der Weise der Darstellung ist und zugleich in mir, 
sofern ich jene innerlich miterlebe; und objektiven Humor (I, 3), der nicht allein in 
mir und der Weise der Darstellung, sondern auch in den dargestellten Objekten ist. 



111: 214 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

Nach II unterscheidet er den versöhnten oder konfliktlosen Humor (II, 1), bei dem die 
Komik harmlos und die Erhabenheit da ist ohne Konflikt zwischen dem Positiven 
und Nichtigen; den in sich entzweiten oder satirischen Humor (11,2), bei dem die 
Komik an sich verletzend ist, das Nichtige in Macht und Geltung steht, der Konflikt 
zwischen ihm und dem Erhabenen äusserlich ungelöst bleibt, aber doch das höhere 
Recht des Erhabenen ins Licht tritt; und den wieder versöhnten oder ironischen 
Humor (II, 3), bei dem der Konflikt zwischen dem Erhabenen und Nichtigen äusser- 
lich so gelöst wird, dass das Nichtige sich selbst vernichtet. Die nach I und II 
geschiedenen Hauptarten des Humors kreuzen sich, so ergeben sich dreimal drei 
Unterarten. Unter 1,1 ergeben sich, je nachdem sich 11, 1,2 oder 3 damit verbindet, 
die harmlos humoristische, die satirische und die ironische Weltbetrachtung, die 
letztere nach L. die „im tiefsten und höchsten Sinn humoristische Weltanschauung", 
unter I, 2 die harmlos d. i. im engeren Sinne humoristische Darstellung, die satirische 
Darstellung des anma^slichen und in Geltung stehenden Nichtigen, d. i. die Satire 
im üblichen Sinne, und die ironische Darstellung des Nichtigen. Für die Scheidung 
der Unterarten des objektiven Humors (1, 3), den L. schlechtweg als Komödie be- 
zeichnet, kommen neben den unter 11 festgestellten Stufen des Humors noch andere 
Gesichtspunkte in Betracht, vor allem der früher festgestellte Unterschied der 
Situations- oder Schicksalskomik und der Charakterkomik, die freilich auch oft in 
demselben Kunstwerk verbunden sind. I, 3 verbunden mit II, 1 ist die harmlose, im 
engeren Sinn humoristische Schicksals- oder Charakterkomödie, in der das Positive, 
Erhabene im Menschen sich ohne Konflikt über das Nichtige, das ihn komisch macht, 
die Tücke des Schicksals oder die Verkehrtheit in ihm seihst, erhebt. Ihr Gebiet ist, 
eben weil Konflikt und Entwicklung fehlen, nicht das Drama, sondern epische Poesie 
und bildende Kunst. I, 3 verbunden mit II, 2 ist die satirische Schicksals- oder 
Charakterkomödie, in der ein äusserlich ungelöst bleibender Konflikt zwischen einem 
Positiven, Erhabenen und einem Nichtigen innerlich überwunden wird, sofern der 
Erhabenheitsanspruch des letzteren in unserem Bewusstsein, zuweilen auch im 
Bewusstsein dargestellter Personen zergeht. Der Träger des Positiven ist da ent- 
weder ein unpersönlicher, abstrakter, nämlich der natürliche Verlauf der Dinge, der 
notwendige Zusammenhang des GcFchehens, dessen Idee wir uns aber personificieren, 
oder ein persönlicher. Im letzteren Fall ist die satirische Komödie entweder Schicksals- 
komödie, wenn der Held mit seinem Positiven innerlich siegt über seine nichtige Um- 
gebung, die ihn lächerlich macht fMolieres Misanthrope), oder Charakterkomödie, 
wenn der äusserlich ungelöste Konflikt zwischen Positivem und Nichtigem im Helden 
selbst spielt und ihn zur Erkenntnis des Nichtigen als solchen, zur Anerkenntnis des 
Positiven bringt, wodurch er beschämt erscheint (Mephisto), oder zugleich Schicksals- 
und Charakterkomödie (Lear). Humor und Tragik berühren sich hier unmittelbar. 
Der satirischen Schicksalskomödie entspricht eine Schicksalstragödie (Antigone, Maria 
Stuart), der satirischen Charakterkomödie eine Charaktertragödie (Macbeth), der Ver- 
einigung der beiden Arten der Komödie eine solche der beiden Arten der Tragödie 
fWallenstein, Coriolan). I, 3 verbunden mit II, 3 ist die ironische Schicksals- oder 
Charakterkomödie, der auf tragischem Gebiet das Schicksalsschauspiel und das 
Charakterschauspiel entsprechen. In ihr wird der Konflikt zwischen Positivem und 
anmasslichem Nichtigen auch äusserlich gelöst, so dass nicht nur der Anspruch des 
Nichtigen, sondern dieses selbst in seiner objektiven Thatsächlichkeit umschlägt, zu- 
nichte wird. Das kann — entsprechend den drei früher unterschiedenen Arten der 
witzigen Ironie — auf dreifache Art geschehen. 1. Das Nichtige zergeht ohne be- 
sondere Anstrengung eines Positiven, allein durch den Zusammenhang, den natür- 
lichen Verlauf der Dinge. In einer derartigen Schicksalskomödie löst sich die komische 
Verwicklung in ihrem eigenen Verlauf (Komödie der Irrungen), in einer derartigen 
Charakterkomödie wird der Held von seiner Thorheit durch Zufall geheilt (Molieres 
„Femraes savantes".) 2. Das Nichtige wird zu Fall gebracht durch ein ihm geflissent- 
lich entgegentretendes Positives, Gutes oder Vernünftiges.' So in „Der Widerspenstigen 
Zähmung", die zugleich Schicksals- und Charakterkomödie ist, weil in ihr sowohl die 
Komik des Geschicks wie Käthchen selbst besiegt wird. 3. Das Nichtige wird in 
seiner Nichtigkeit und Machtlosigkeit offenbar durch seinesgleichen, d. h. durch das 
Positive im Gewand des Nichtigen (Minna von Barnhelm, des Aristophanes „Vögel"). 
— Von anderer Seite als Lipps fasst Schleich^**) das Problem des Humors an. 
Er will zunächst den rein physischen Akt der Humoräusserung, als den er kurzweg 
das Lachen bezeichnet, physiologisch- funktionell definieren, um von dem Ergebnis 
den Rückschluss auf den psychischen Vorgang zu machen, der dem physischen Akt 
zu Grunde liegt. Er versteht dabei unter Humor das, was Lipps unter Komik versteht. 
Ist für diesen der Humor eine besondere Form der Komik, so bezeichnet Seh. an 



Lipps n. B. V. Werner. Bd. 6.) Hambarg n. L., Voss. YHI, 264 S. M. 6,00. — 214) K. L. Schleich, Psychophysik 



tl. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11 : 2U 

einer Stelle seiner Abhandlung die Komik als eine besondere Form des Humors, 
ohne doch ihr Specifisches einleuchtend bestimmen zu können. Er definiert da den 
Hiunor als subjektive oder objektive Gemütsverfassung", die Komik als subjektives 
oder objektives Mittel, diese Gemütsverfassung herbeizuführen. Aber weiterhin 
erscheint die Komik doch auch als Gemütsverfassung, da sie vom Temperament ab- 
hängig gemacht wird. Ein phlegmatisch-pedantischer Rhythmus der Aktion soll zu 
ihr gehören, wie er den Komikern unserer Bühnen eigen ist. Aber dann ist doch 
wieder die Rede von einer Komik mit sanguinischem Rhythmus, wie sie z. B. Hunde 
und Katzen an sich haben. Sch.s Behandlung des schwierigen Problems lässt 
empfindlich die Klarheit vermissen, die bei Lipps so wohlthut, der Wort- und Bilder- 
reichtum, der sie schaffen soll, dient vielmehr gerade zur Verdunkelung der Ge- 
danken und ihres Fortschreitens. Bevor Seh. in die physiologische Untersuchung des 
Lachens eintrat, hätte er beweisen müssen, dass dieses wirklich der notwendige 
physische Ausdruck jedes Gefühls der Komik sei, dass es kein Gefühl der Komik 
ohne Lachen gebe. Jene entwicklungsgeschichtlich gefärbte Untersuchung ergiebt das 
Lachen als eine rudimentäre Funktion. Seh. stellt sich den Höhlenmenschen vor, 
wie er bei plötzlicher Lebensgefahr den Mund aufreisst, den Atem tief einzieht und 
anhält, dann, wenn die Lebensgefahr plötzlich aufhört, in freudigster Gemütsverfassung 
den inspirierten Sauerstoff stossweise wieder exspiriert. Es wird dabei also eine 
durch den plötzlichen Konirast von Lebens Verneinung und Lebensbejahung im Gehirn 
hervorgerufene Spannung auf das Muskelgebiet der Atmung, des ZwerchfeUs entladen. 
Derselbe physiologische Vorgang findet beim Lachen statt, mag das Atmungscentrum 
nun durch äusseren Reiz (kalte Douche, Kitzeln) oder durch einen Reiz im Gehirn 
(beim Humor) erregt werden. Den Kontrast, der beim Humor die Spannung hervor- 
ruft, bezeichnet Seh. als einen Vorstellungskontrast, der dem Kontrast von Lebens- 
vemeinung und Lebensbejahung verwandt ist. In seiner näheren Bestimmung führt 
er nicht, wie Lipps, über frühere Definitionen des Humors hinaus. Er nimmt nun an, 
unter der Spannung, die der humoristische Kontrast hervorrufe, gerate die Gehirn- 
funktion in ähnliche „Zickzack Vibrationen" wie in der Lebensgefahr, und das Gehirn 
suche deshalb denselben Ausweg, auf dem bei dieser die Spannung sich löst, d. h. es 
befreie sich von der Spannung, in die der logisch unvereinbare Kontrast es versetzt, 
indem es gewohnheitsmässig und instinktiv den „ganzen Krempel" auf den Lastträger 
Zwerchfell ablade. Während dieser Befreiung des Gehirns entstehe in der Seele ein 
von herzhaftem Lachen begleitetes Gefühl der Heiterkeit, das ansteckend wirke, ganz 
ebenso wie bei der Befreiung aus Lebensgefahr. Den physiologischen Grund dieses 
Gefühls der Heiterkeit, das also bei Seh., wie bei Lipps, als specifische Färbung des 
Gefühls der Komik erscheint, findet er im Rhythmus der exspirierten Atemstösse. 
Alle rhythmische d. h. gleichmässige und oft wiederholte Muskelthätigkeit, sagt er, 
bezeichne und wecke uns heitere humoristische Lebensstimmung, die Stimmung starker 
Lebensbejahung. So die Kunst, sofern sie Rhythmus ist, vor allem die Musik. 
Seh. weist auf die Heiterkeit hin, die die grössten musikalischen Rhythmiker, Haydn, 
Mozart, ausdrücken und erregen. Er konstatiert also eine Verwandtschaft zwischen 
Humor und Musik, ja er nennt das Lachen mit den rhythmischen Stössen des 
Zwerchfells die wahrscheinliche Quelle der Musik, „der Seele ersten Jodler". Wegen 
der Lebensfreude, der Lebensbejahung, in deren Gefühl alle humoristische Spannung 
der Seele wurzelt, erklärt Seh. die Komödie für hygienischer als die Tragödie. Er 
scheidet dann, wie Lipps, aber viel unklarer, die einzelnen Formen des Humors d. i. 
der Komik überhaupt. Zunächst nach der dabei vorhandenen Grundstimmung der 
Seele. Unter den Formen, die Aeusserungen eines Gefühls der Ueberlegenheil über 
andere sind, hebt er die Schadenfreude hervor. Der Kontrast, der bei ihr den 
physiologischen Vorgang des Lachens auslöst, stehe dem ursprünglichen Kontrast 
von Lebensverneinung und Lebensbejahung, auf den jener Vorgang entwicklungs- 
geschichtlich zurückgehe, noch nahe. In anderen Formen des Humors sieht Seh. 
von dem ursprünglichen Kontrast nur noch das überraschend Unlogische übrig ge- 
blieben, die Funktion des Lachens also von ihrem ursprünglichen Vollwert weit 
entfernt. Er hält unter diesen Formen des Humors drei Arten auseinander, je nachdem 
der überraschend unlogische Kontrast in einem einzelnen Wort (a) oder in ganzen 
Sätzen (b) liegt oder in längerer Dauer durch zwei Ideen, zwei Weltanschauungen (c) 

febildet wird. Unter a gehören W^ortspiel, Bonmot, Kalauer („leider weit verbreitete 
'orm von Geisteskrankheit"), unter b Antithese, Paradoxon, Aphorismus, Apergu, 
humoristische Anekdote, obscöner Witz (Kontrast zwischen der Idee der guten Sitte, 
im besonderen konventioneller Prüderie, und dem Bedürfnis der menschlichen Natur), 
unter c humoristische Novelle und Roman, Lustspiel. Der Versuch Schs, hier die 
Humoreske abzugrenzen gegen die Tragödie und das Problemstück, die auch den 
Konflikt von Weltanschauungen gestalten, verdient keine Beachtung neben dem durch 
Lipps gezogenen Vergleich von Tragödie und Komödie. Schliesslich überblickt Seh, 



I 11:215-224 R. Weissenfels, Poetik und Ihre Öeschlohte. 1898. 

die unendlichen Schattierungen des Humoristischen nach Sprache, Personen und 
Situationen. Nach dem Temperament des Individuums oder der Rasse, von dem der 
Rhythmus des Kontrastes abhängt, unterscheidet er sanguinischen Humor (Franzosen), 
cholerischen (Ironie, Satire), graziös wehmütigen (Spanier: Don Quijote), gemütvoll 
sentimentalen ^Germanen: Dickens, Reuter, Keller, Raabe), gemischt cholerisch- 
sentimentalen (Ileine), phantastischen, grossdimensioualen (Amerikaner: Edgar Poe, 
Marc Twain), resignierten (Galgenhumor). — ßusse^'*) findet alle Definitionen des 
Humors ebenso ungenügend wie die der Liebe. Im besonderen bestreitet er die 
kürzlich wieder von K. Strecker aufgestellte Behauptung, dass zum Humor eine 
grosse Weltanschauung gehöre. Er halt der humoristischen Weltanschauung, wie sie 
in Leben und Kunst auftritt, drei Schwächen vor. Erstens färbe sie das Weltbild, 
verschiebe als ein „Gefühlsverwirrer" die Grössen Verhältnisse, da sie im Grossen das 
Kleine, im Kleinen das Grosse sehe. Zweitens enthalte sie mit ihrem beständigen 
Reflektieren und Moralisieren, mit ihrem schrankenlosen Subjektivismus kunstfeind- 
liche Elemente, sprenge die Kunstform (Jean Paul). Drittens lähme sie als eine 
passive Weltanschauung, die nie auf einen Punkt, sondern immer nach mehreren 
Seiten blicke, den Willen, die That, die Begeisterung, zersetze den Idealismus. Man 
wird zugeben, dass die humoristische Weltanschauung diese Schwächen haben kann. 
Der Beweis, dass sie sie haben muss, ist von B. nicht erbracht. — Büttner^«») 
möchte den Begriff des Humors aus der Aesthetik in die Ethik verweisen. So wie 
er ihn auffasst, hat er allerdings mit der Aesthetik nichts zu thun. Der Humor ist 
für ihn nämlich eine Weltanschauung, die erst möglich wurde, als der christliche 
Begriff von Sünde und Erlösung in die Welt kam, er ist die „bunte, leuchtende, 
lichte Brücke zwischen Sünde und Gnade*', der „Reflex der Gnadenoffenbarung Gottes 
im Bewusstsein des Menschen'*. Ueber die biblische Darstellung von Christi Tod 
und Auferstehung heisst es: „Wer hier den Humor nicht herausfindet, der ist für 
Humor rettungslos unempfänglich/' — P. Ernst^^^) verteidigt die deutsche komische 
Kunst gegen den Vorwurf der Grobheit und Roheit, den ihr, wie der englischen, 
Meredith (JBL. 1897 I 14 : 125) gemacht hat, indem er sie der feineren französischen 
gegenüberstellte. E. weist darauf hin, dass es ein absolutes Ideal der Komik nicht 
geben kann, solange die Kultur der Völker verschieden ist, dass alte Kulturvölker 
wie die romanischen andere Begriffe von Komik haben müssen als jüngere wie 
Engländer und Deutsche. Er warnt die deutschen Komödiendichter vor Nachahmung 
der französischen, durch die die uns natürliche derbere Komik verloren gehe, ohne 
dass die für uns unnachahmliche feinere gewonnen würde. 2*^" 2*^) — 

Auch über Tragik hat Lipps-^o) im Berichtsjahr das Eigenartigste und 
Wertvollste gesagt, da, wo er sie mit dem Humor vergleicht. — Volkelts***) 
Aesthetik hat noch Besprechungen gefunden. —An Mauerhofs"^) Arbeit über das 
Wesen des Tragischen tadelt Valentin das Dogmatische, oft Phrasenhafte. Die 
Definition der Tragödie, die verlangt, dass der Held gern sterbe, die Leidenschaft 
durch sein Leiden überwinde, nennt er das einseitige Ergebnis pessimistischer Welt- 
anschauung. E. Wolff stimmt der Behauptung zu, dass in des Aristoteles Erklärung 
der tragischen Wirkung mit den na&r]uaTa, von denen die Tragödie uns befreien soll, 
nicht Furcht und Mitleid gemeint sein können. Gegenüber der weiteren Behauptung 
Mauerhofs, Aristoteles deute mit dem toiovrcav vor na^iifi6nw auf die Leidenschaften 
überhaupt hin, die in vorangehenden verlorenen Teilen seiner Poetik behandelt worden 
seien, hs&t W. seine eigene frühere (JBL. 1890 1 3:60) Erklärung der nad'rjfinra = „Leidens- 
empfindungen, wie sie in unserem Busen ruhen", fest und wiederholt seine frühere 
Erklärung der tragischen Wirkung = „Entladung von eigener immanenter Wehmut ver- 
mittelst Vorstellung eines starken, zur Katastrophe führenden Leidens eines anderen 
Menschen, durch den blossen Schein der Vorstellung losgelöst von aller im Leben da- 
mit verbundenen Unlust". Weiter opponiert W. unter Hinweis auf Oedipus und 
Richard III. der von Mauerhof vertretenen Ansicht, dass der Inhalt einer Tragödie, 
um zu wirken, sich mit einer Leidenschaft des Zuschauers begegnen müsse, dass die 
tragische Wirkung um so stärker sei, je mehr der Zuschauer an den gleichen Leiden- 
schaften wie der tragische Held kranke. Notwendig sei nur, dass es sich in der 
Tragödie überhaupt um eine menschliche Leidenschaft handle, zu der die Disposition 
in uns allen ruhe. Richtig bemerkt W., dass, wenn wir unter der Herrschaft der- 
selben Leidenschaft wie der tragische Held stünden, die Wirkung aufhöre, eine rein 
ästhetische zu sein.^^^j — Schon im vorigen Berichtsjahr haben A. von Berger (JBL. 1897 

des Hamon: Zakonft 25, 8. 374-93. - 215) K. Basse, Hontor u. Kunst: DWB1 11, 9.843,6. —216) A. Bfitiner, Z. Ehren- 
rettangr «• VieWerkattBtea : Pfarrhaas 14, S. 177>84. — 2l7l P. Ernst, Vom Komischen: ML. 67, S. 433/7. - 218) O X H. 
Landsberg. Dtseh. LUt.-Kom6dien : DraniatargBll. 1, N. 51,2. — 219) O X A. Hallays, L'Iroole: BPL. 1, 8. 515-31. — 
220) (« N. 213, 5 Absehniti.) — 221) J. Volkelt, Aesthetik d Tragischen. (JBU 1897 I 14:128) ([V. Valentin: 
NJbbKlAItQL 1«. Heft 4;0. Uinriohsen: VWPh. 22, S. 124;5.]i - 222) E. Manerhof, D. Wesen d. Tragischen in alter 
n. nener Zeit. (JBL. 1897 I 14:120) [V. Valentin: BLU. 8. 470;l; F. Crönert: DWBl. 11, 8.359 60; E. Wolff: 
tfambCorr. N. 18.J| - 223) O X E* Sehlaikjer, D. mod. AnffaMnng d. Tragieohen: NB*^. 7, N 47. - 224) J. Volkelt« 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. I 11:225-227 

I 14: 1) und Volkelt (JBL. 1897 1 14: 123) die Befreiung von Affekten, die Entladung 
der Affekte, wie beide im Anschluss an J. Bernays des Aristoteles xad'a^aig t(üv rotovrcav 
Tirtd-rifidrcov Übersetzen, als pathologische Wirkung der Tragödie von ihrer ästhetischen 
unterschieden. Aber Berger weist nach Volkelts"*) Ansicht dieser Entladung 
der Affekte noch immer zu allgemeine Geltung und einen zu hervorragenden Platz 
in der tragischen Wirkung zu, da er behauptet, dass bei jedem Zuschauer zurück- 
gehaltene, aufgestaute, belästigende Tendenzen des Affektlebens durch die Tragödie 
in Pluss kommen, und so Erleichterung geschaffen werde. Nach V. erfolgt die tragische 
Entladung nur in manchen Fällen, unter gewissen Bedingungen. Die erste Bedingung 
ist, dass im Zuschauer ein ungelöster Gemütszustand sich mit starker Unlust geltend 
macht, die zweite, dass dieser Gemütszustand eine bestimmte Beschaffenheit hat, die 
dritte, dass der Zuschauer, der an solchem Gemütszustand leidet, die Wirkung der 
Tragödie nicht, wie es häufig vorkommt, als Vermehrung und Aufreizung der eigenen 
Schmerzen empfindet. Der Entlad ungs Vorgang ist danach keine typische Wirkung 
der Tragödie, sondern immer zufällig, individuell abhängig. Unter den ungelösten 
Gemütszuständen, die durch die Tragödie in uns gelöst werden können, unterscheidet 
V. zwei Typen: 1. den Typus des Angehäuften, d. h. eine Fülle schmerzlicher Er- 
regungen in uns, die zu äussern und herauszuschaffen wir keine Kraft oder Gelegen- 
heit haben, 2. den Typus des Erstarrten, d. h. eine schwere, unbewegliche, verhärtete 
Masse schmerzlicher Erregungen, deren lastendem Druck wir unfrei hingegeben sind, 
ohne Macht, ihn uns objektiv zu machen, uns betrachtend von ihm zu lösen. In 
beiden Fällen tritt die erleichternde Entladung durch die Tragödie um so sicherer ein, 
je weniger das innerlich Bedrängende eine bestimmte persönliche Erfahrung, je mehr es 
eine allgemeine Lebensstimmung ist. V. versucht nun eine Psychologie des Vorgangs 
der tragischen Entladung zu geben. Er hält darin vier Momente auseinander. 1. Durch- 
rüttelung unserer öeele, in der alles Gestaute und Starre sich dadurch löst, dass der 
tragische Vorgang seine Bewegung in sie überträgt. 2. Formale Erweiterung unseres 
gequälten Ichs, das sich auf den Standpunkt der Personen der Dichtung versetzt 
und dadurch seinen eigenen Schmerzen gegen übertritt, sie sich objektiv macht. 
Dieser Prozess findet besonders bei dem zweiten der vorher unterschiedenen Typen 
von ungelösten Gemütszuständen statt. Eine Rolle spielt dabei das Mitleid mit uns 
selbst als Mittel, durch das die erstarrten Gefühlsmassen aufgelockert werden. 
3. Materiale Erweiterung unseres gequälten Ichs, das die Kämpfe, den Jammer 
und das Verderben der tragischen Personen mitlebt, in sie seine eigenen ähnlichen 
Schmerzen projiciert und mit ihnen zugleich davon entladen wird. Dieser Prozess 
findet namentlich bei dem ersten Typus der ungelösten Gemütszustände statt. Das 
Mit-Leiden mit den Personen der Dichtung, das V. hier ebenso, wie in seiner Aesthetik 
des Tragischen, vom Mitleid unterscheidet, nennt er die Form, unter der das Abströmen 
der eingeengten Affekte sich vollzieht. 4. Erhebung unseres gequälten Ichs durch 
die erhebenden Momente der Tragödie, die wir auch miterleben und die indirekt zur 
Entladung der schmerzlich beängstigenden Affekte mitwirken. Soweit handelt V. 
von der pathologischen Katharsis. WiQ ästhetische Katharsis, die daneben durch die 
Tragödie bewirkt wird, ist keine andere als die Reinigung des Gefühlslebens, die bei 
jeder ästhetischen Wirkung stattfindet: Reinigung des Gefühls vom Individuellen 
durch das Menschlich-Bedeutungsvolle im Gehalt des Kunstwerks und Reinigung vom 
Stofflichen durch das Stofflose, Bild- und Scheinhafte der Kunst. Diese Katharsis, 
die V. in seinen Aesthetischen Zeitfragen (JBL. 1895 I 10:105) eingehend untersucht 
hat, wird durch die tragische Dichtung kräftiger und vollkommener als durch jede 
andere vollzogen, weil der Charakter des Menschlich-Bedeutungsvollen ihr in besonders 
hohem Grade anhaftet und weil die durch sie erregten Gefühle eine besondere 
Intensität haben. ^^s) — \}qi\ Begriff der trag-ischen Schuld will R. Strauss'^^ö) ^ug 
der modernen Aesthetik entfernt wissen im Hinblick auf die moderne Wissenschaft, 
für die nach der Milieu- und Vererbungstheorie kein persönliches Verschulden mehr 
existiere (Stirner, Nietzsche, Ferri, Lombroso, Liszt), sowie im Hinblick auf die 
moderne Litteratur, in der nicht tragische Schuld, sondern tragische Unschuld des 
Helden uns ergreife (Ibsens Gespenster, Hauptmanns Vor Sonnenaufgang). — Der- 
selbe Vorschlag wird von S p e c t a t o r ^^"^ mehr philosophisch begründet und erörtert. 
Er leitet die alten ästhetischen Forderungen tragischer Schuld und Vergeltung aus 
der früheren Art des Empfindens her, wie sie in Herbarts Lehre von den fünf Ver- 
hältnissen des WoUens und den durch sie hervorgerufenen sittlichen Grundempfindungen 
sowie in dem Verlangen, dass das Drama sittlich befriedige, zum Ausdruck kam. 
Dem stellt er die moderne Art des Empfindens gegenüber, die auf die Wahrnehmung 
von Willensverhältnissen nicht mehr mit sittlichen Empfindungen reagiere, die 



D. tragische EntUdung d. Affekte: ZPhK. 1)2, S. 1-16. — 225) OX^^-^^oje«. Aristotle and modern tragedy: MLN. 18, 
S. lS-23. — 226) R. Stranss, D. trngisehe Schuld: DraraatargBU 1, S. 2G5,0. — 227) Spectutor, D. Imgisobe ünschald : ib. 
Jahreaberlohte für neuere denUohe litteraturgeachicbte. X. (1) 21 



t 11:228-287 R. Weisseofels, Poetik und itire Geschichte. 1898. 

beim Anblick des Leidens nicht nach Schuld, sondern nach der Ursache frage. Er 
geht so weit, zu behaupten, dass eine Schuld des leidenden Helden uns heute sogar 
die reine Empfindung störe, weil sie, von uns als Zufall empfunden, vom natürlichen 
und notwendigen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ablenke, und gelangt 
zu dem doch immer noch nur für einen kleinen Teil des Publikums gültigen Sohluss: 
„Wir kennen heute tragische Wirkungen, aber keine tragische Schuld/^ ^'^^'^^^j — 

Wie der Stil der Kunst in der Eigenart der Zeiten und Völker wurzelt, 
führt Kralik^^®) wieder einmal aus. Er sieht das Wesen und Leben des Kunststils 
einer Zeit darin, dass er einerseits die überkommenen Formen schematisiert und stili- 
siert, andererseits Neues aus dem Volkstum der Zeit aufnimmt. Die richtige Mischung 
jener konservierenden und dieser fortschrittlichen Funktion bedinge die Klassizität 
des Stils. Durch einseitiges Ueberwiegen der einen von beiden Funktionen entstehe 
Manierismus oder Naturalismus. Der letzte grosse historische Stil ist für K. das 
Empire gewesen. Der darauf folgende romantische Stil hat sich seiner Ansicht nach 
deshalb nicht zu einem organischen ausgebildet, weil er nicht fest im Volkstum 
wurzelte. Seine Entwicklung sei um 1850 durch den „Musealstil" unterbrochen 
worden, d. h. durch Versuche, bestimmte historische Stile, deren Erzeugnisse in 
Museen gesammelt wurden, neu zu beleben. Zu dem, was K. unter Stil versteht, 
konnten diese Versuche ebensowenig führen, wie der Versuch der „verzweifelnden" 
modernen Phantasie, einen ganz neuen Stil frei zu erfinden. Hoffnungen aber weckt 
der neueste Secessionsstil. In ihm sieht K. mit anderen den alten romantischen auf- 
leben, der sich nun zum organischen Zeitstil entwickeln könnte, wenn er den im 
vorigen Jh. fehlenden festen Zusammenhang mit unserem Volkstum und der Natur 
gewönne.^^*"^^**) — 

Poetik: Allgemeines. Die Poetik Gott schall s^ss) ist in einer 
neuen Auflage, wie vorauszusehen war, auf ihrem alten Standpunkt, dem klassi- 
zistischen, geblieben. — Der Grundriss E. Wolffs^^*), der die Gesetze der Poesie 
in ihrer geschichtlichen Entwicklung darstellt, ist mir nicht zugänglich geworden. — 
Ebensowenig B r uc h m anns^^*) Naturlehre der Dichtung. J. Schultz lobt sie 
als ein Beispiel der modernen beschreibenden Aesthetik, die nicht das Wesen der 
Poesie konstruiert, sondern nur schildert, was sie thatsächlich in ihren verschiedenen 
Epochen gewesen ist, die nur bedachtsam aus den Thatsachen Schlüsse zieht, skeptisch 
gegen alles Generalisieren. Bruchmann handelt nach Sch.s Bericht zuerst vom Ur- 
sprung der Poesie^36j^ ^{q überall zunächst eins mit Gesang, imd Sache einer Mehrheit 
von Menschen sein soll, geübt bei Tanz, Arbeit, ernster und heiterer Feier. Weiter 
schildert er ihre Verselbständigung dadurch, dass der Rhythmus sich vom Tanz, dann 
vom Gesang löst, und ihre Entwicklung in ihren verschiedenen Arten, Realismus, 
Idealismus usw. Diese Arten stellt er als gleichberechtigt nebeneinander und findet 
den einzigen gemeinsamen Charaklerzug aller Dichtung darin, dass sie steigere, wenn 
nicht durch Redeschmuck oder Hyperbel, so doch wenigstens durch Auswahl. Das 
Kapitel über die verschiedenen Arten dieser Steigerung rühmt Seh. als besonders 
gelungen. Endlich bespricht Bruchmann die einzelnen poetischen Gattungen, die 
Tragödie in ihren höchsten Erscheinungen als „Kompensation des Weltlaufs, als 
Idealbild, wie wir es sonst nicht sehen, mit allen Farben des Lebens gemalt, über- 
glänzt von der Vernunft des Welllaufs". Das Kapitel über die Tragödie hebt R. M. M ey er 
als besonders wichtig hervor, ferner die reichen Materialsammlungen für Poetik und 
vergleichende Litteraturgeschichte. Er tadelt, dass alles zu sehr vom Standpunkt der 
Gegenwart und die Poesie zu wenig im Zusammenhang mit den anderen Künsten be- 
trachtet werde. „Steigerung" z. B. sei für alle Künste charakteristisch und auch für ver- 
wandte Lebensäusserungen. Eine Poetik kann er in dem Buch nicht sehen, weil es 
nie über das ferüge Kunstwerk zurückgehe auf sein Entstehen. — Dagegen richtet 
L a c o m b e^^") in einem umfangreichen Werke über Litteraturgeschichte nach 
R M. Meyers Bericht sein Hauptaugenmerk auf die Vorgeschichte der Kunstwerke 
und lieferte so eine Darstellung der Grundbedingungen des dichterischen Schaffens 
mit vortrefflichen psychologischen Analysen. Als charakteristisch für das Werk hebt 
M. hervor, dass darin die intellektuelle Fähigkeit als die Hauptsache beim Dichter 

S. 27S6. ~ 12t) O X Blbing, ApborisoieD ftb«r d. Tr«g«dU: DiobUrftimmen d. Gftg. H. N. 6. - 229) O X 0- 
rAs«mb«ja, L'art du p«tbos: L*Univcn et le Mond« 13. Dm. 18^7. - 230) R. ▼. Kralik, Ueber Stil a. Stile: Lebtn 2, 
S. 16&-7i. - 231) O X H. Sebmidkani, Tot« n, lebende Stile: Kw. II*, a 116-20. - 232) O X W. Holiamer. SUI e. 
iBdiTidulittt: Ver iMrem 1, N 10, S. 2SS. - 232a) O X H. Drieemeae, AeeeetTerteilnnf : DKenst. 2, 8. 4268. (Verleoft 
» AeeehUc« an Barekbardte .,Rnbeor* im Keeetwerk e. Verteilung d. „Aeoente", dnreb die d. «aerlisaliehe AeqniTaleni niebt 
l«eeintr«elitift wird, „TerbehHe Symmetrien) - 233) B. ▼. Qettaobell« PoeUk. D. Diobtkanet n. ibre Teebnik vom Stud- 
pMkte d. Neuseit 6. veraehrto u. verbeee. Anfl. 2 Bde Breelen, Trewendt. XXI Y, 383 $1.; IV, 34i 3. IL 1(»,00. |[J. B. 
Wee kerne II: ÖLBI. «, S. 332 3.J! 2S4l O B. Wolff. Poetik. D. Qesetae d. Poeeie In ibrrr getoblobtl Entwicklung. & 
Qniadrien. (Hdeabnrg, Scbalse. VII, 286 S. M. 4.00. - 235) O K Braebmenn, Poetik Naturlebre d. Diebtang . B.. Beeeer. 
V, 406 a IL 6,00. (J. Scbnltt: ML. 67, a 6oä4: R. M. Meyer: DLZ. 19, a 149.^«: R. L.: KCr. N. 48: Qrensb. 67S 
a 2130, 78-86, 13^46 1. - 23€) X E> Mnaerbof. D. Ur«pronf d. Poeeie. (JBL 1897 I 14:211.) ;[P. CrAnert: DWBl. 
U, S. 859>60lJj - 237) O P. Lneembe, latrodacUon k Vbletoire littirnlre. (De Ibieteire eeneidir^ eomme edenee IL) 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 111: 288-248 

erscheine, dass die Phantasie unterschätzt und die Poesie der Wissenschaft angenähert 
werde.2'®"^*') — M illenko vics^*^) beendet seine von R. Wagners Geist erfüllten 
Erörterungen des Verhältnisses der Poesie zur Musik. Die speoifisch poetische 
Wirkung kennzeichnet er als Gedanken Wirkung, zeigt aber, dass sie in jeder wahren 
Dichtung, z. B. bei Shakespeare, noch mehr bei den spanischen Dramatikern, sich 
mit musikalischer Wirkung verbindet, zumal in unserer Zeit, in der eine gewisse 
musikalische Stimmung das Grundelement des ganzen Kunstschaffens sei. Er weist 
auch auf die Berührungen zwischen dem Schaffen des Dichters und dem des bildenden 
Künstlers hin, ferner auf die musikalische Wirkung grosser Architektur, auf die nicht 
rein malerische, sondern zugleich poetische und musikalische Wirkung vieler Bilder. 
Je vollkommener ein Kunstwerk ist, je mehr ein Ganzes, das eine natürliche Einheit 
zur Anschauung bringt, um so mehr vereinigt es nach M. die Wirkungen der ver- 
schiedenen Einzelkünste und gleicht darin der Natur, die wir auch mit allen Sinnen 
als Ganzes empfinden, nicht mit einem einzelnen. Der Aufsatz, dessen Ausführungen 
oft an den auch citierten Herder sowie an die Kunstlehre der Romantiker erinnern, 
ist ein Protest gegen willkürlich gezogene Grenzen zwischen den Künsten. „Es 
giebt keine Sonderkunst, die nicht genötigt wäre, ihre eigenen sogenannten Gesetze 
zu überschreiten, wenn die tief erregte Seele eines wahren Künstlers nach Ausdruck 
ringt."243-247) _ 

Den Hildebrandschen Begriff der Form, den RiehP^®) im vorigen Berichts- 
jahr für die bildende Kunst entwickelt hat, wendet er nun auf die Poesie an in 
psychologisch-ästhetischen Erörterungen, die das Wesen der Dichtkunst, ihre innere 
Form, hell und eigenartig beleuchten. Dieselbe Bedeutung, die er imAnschliiss an 
Hildebrand dem räumlichen Fembild für die bildende Kunst zugewiesen hat, schreibt 
er für die Poesie dem zeitlichen Fernhild zu, dem Erinnerungsbild. Die Erinnerung, 
führt er aus, sondert durch die zeitliche Feme die Erscheinung des Gegenstandes 
von seiner Wirklichkeit, objektiviert ihn und ebenso unsere Gefühls- und Willens- 
beziehungen zu ihm, die dadurch zu bloss vorgestellten, unpersönlichen, allgemeinen, 
zum „reinen Anteil am Objekt" werden. D. h. im Vorgang der Erinnerung liegen 
die Vorbedingungen des ästhetischen Zustandes. Nach den Gesetzen der Erinnerung 
verfährt der echte Dichter in seiner Darstellung. Er geht vom Fernbild der Er- 
innerung aus, hält in seiner Darstellung die Erscheinungsweise des Erinnerungs- 
bildes fest und giebt auch den Gegenständen, die seine Phantasie frei schafft, den 
Charakter eines solchen Bildes. Eine derartige poetische Darstellung weckt auch 
im Leser Erinnerungsvorstellungen und die mit ihnen verbundenen Gefühle, durch 
die er das Werk des Dichters, wenn er es ästhetisch geniesst, von neuem hervor- 
bringt. Um so sicherer wird seine Erinnerung und Phantasie zu solcher Repro- 
duktion in Bewegung gesetzt, je anschaulich- allgemeiner, je typischer die dichterische 
Darstellung verßihrt. Diese allgemeinen Sätze, die eine idealisierende Poesie als 
die wahre verkünden, wendet R. auf die poetische Schilderung, den poetischen Aus- 
druck der Gefühle, die poetische Darstellung von Handlungen an, wobei der Auf- 
satz vielfach eine wissenschaftliche Streitschrift gegen den modernen Naturalismus 
wird. Die Schilderung, deren Verurteilung durch Leasings Laokoontheorie für ein- 
seitig erklärt wird, soll, wie die Erinnerung, vereinfachen, nur die wesentlichen Züge 
des Bildes, diese aber in vollster Deutlichkeit geben (Goethe!). Die Affekte sind 
nicht, während sie erlebt werden, zu schildern, sondern erst, nachdem sie vergangen, 
zum zeitlichen Fernbild geworden sind. Für die Darstellung von Handlungen, für 
das Drama sind nach R.s Theorie Stoffe aus der Vergangenheit die günstigsten. 
Auch Stoffe aus der Gegenwart müssen nach dieser Theorie, wenn sie -künstlerisch, 
nicht bloss stofflich wirken sollen, zur „Historie", zu Erinnerungsbildern erhoben 
werden. Die Form der dramatischen Gestaltung muss für beide Arten der Stoffe 
wesentlich dieselbe sein: typische Gestaltung, die, wie die Erinnerung, nur das 
Wesentliche ohne umständliche Motivierung, aber in klarster Anschaulichkeit giebt 
f Schiller!). Beim Drama verweilt R. am längsten. Er erweist die Zeit, in der seine 
Handlung spielt, als eine ideale, vorgestellte, die andere Mass Verhältnisse hat als 
die reale. So stimmt er der Polemik Lessings gegen die französische Einheit der 
Zeit bei. Die wahre Einheit der Zeit, die er die „einheitliche zeitliche Tiefe" nennt, 
findet er in der einheitlichen Fortbewegung der dramatischen Handlung von der 

Paris, Hachette. VUI, 420 8. Fr. 7,50. ||R. M. Meyer: DLZ. 19, S. 14950.]| - 238) O X ^- C- Byranck. H. aorteri. 
Soliool der Poesie: Oids l, 3. 166-80. — 239) O X In d ins, Poetry, poets and poetical power: WestniR. 149. S. 667-79. 

— 240) O X B. Dehmel, Licentiu poetica: DDiohterbeim. 17, N. 19. - 241) X £• Sohlaikjer, üeber tendennöse n. 
fendenxlose Dichtung: CbristlWelt. 12, S. 804'8. (Stellt in Terteidignng gegen d. ihm gemachten Vorwurf antireligifiser 
TeBd«ns d. Merkmale tendencifiser Dichtung fest.) - 242) M. ▼. MillenkoTies, Poetisch n. musikalisch. IV.: BayreuthBlI. 
21. 8. 88*61. (Vgl. JBL. 1897 I 14:242.) - 243) O X S. Lanier, Mnaio and poetry. Essays. New-Tork, Maemillan. 
900 8. -. 244) XO Karpeles, Litt. Wanderbnch (JBL. 1898 IV la:51.) (D. Frau in d. Weltlitt.) - 245) O X P* 
Reroer. Frauendichtunfr. (JBL. 1898 IV 2:787.) — 246) X EHa Mensch, D. Frau in d mod. Litt. (JBL. 1898 IV la: 18.) 

— 247) O X U- Ströbel, Errungensobaften d. mod. Litt.: NR^. 8, N. 12. — 248) A. Riebl, Bemerkungen zu d. Problem 

(1)21* 



1 11:249-252 R. Woisöenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

Anfangslage aus, die in der Exposition gegeben wird, zu einem Schluss hin, der 
schon im Anfang der Handlung ideell gegenwärtig sein müsse. Er konstruiert eine 
Analogie zwischen dem Drama und der bildenden Kunst, zwischen der Zeitdarstellung 
dort und der Raumdarstellung hier, die mir etwas gewaltsam erscheint. Er meint, 
auch im Drama gelte die „Reliefauffassung", er vergleicht die Gegenüberstellung der 
Anfangslage und der Schlusssituation im Drama mit dem Gegensatz zwischen der 
Hauptfläche und der Hintergrundsfläche in der bildenden Kunst, die einheitliche 
Fortbewegung der Handlung zwischen Anfangs- und Endpunkt des Dramas mit der 
wechselseitigen Beziehung zwischen jenen beiden Flächen. Energisch betont er 
gegenüber der modernen Dramatik die Handlung. Ihre einheitliche Fortbewegung 
müsse auch in analytischen Dramen, in denen eine Vorgeschichte nach und nach 
aufgedeckt wird, gewahrt werden. Der einheitlichen Gesamtbewegung dürfe nichts 
mit Uebergewicht entgegenwirken, wie bei einem Gemälde nichts aus dem Bild heraus 
und auf uns zuzukommen scheinen dürfe. Des Sophokles „König Oedipus" ist ihm 
das Ideal eines analytischen Dramas im Gegensatz zu Ibsens „Gespenstern", in denen 
er Erzählung anstatt Handlung findet. Den Werken der bildenden Kunst vergleicht 
er das echte Drama auch darin, dass es ein „Wirkungsganzes" ist, zu dem die 
einzelnen Scenen und Gestalten zusammenwirken wie die Teile und Glieder eines 
Baues, die Figuren eines Gemäldes. Wir erfassen dieses Wirkungsganze als Grund- 
stimmung des Werkes, die ihm einen bestimmten zeitlichen Charakter giebt, ver- 
gleichbar dem Tempo eines musikalischen Werkes. Beispiele: F^angsamkeit des 
„Hamlet", Presto des „Macbeth". Endlich unterscheidet R. in der Poesie, wie in der 
bildenden Kunst, Stoff und Gehalt und weist darauf hin, dass der letztere, d. h. das 
im Werk zur Anschauung gebrachte reine und tiefe Gefühl des Künstlei*s für alle 
Zustände des Lebens, und die Form in der Poesie noch enger zusammenhängen als 
in der bildenden Kunst. Durch die Form, die Sprache gewinnt der Gedanke erst 
poetisches Leben. Er ist nach R. in der Poesie nie an sich selbst Zweck, nicht 
durch seinen Inhalt, sondern nur durch sein Anschauliches, als Bild. Daraus folgt, 
dass jeder Gedankeninhalt poetisch dargestellt werden kann. Das behauptet auch 
die naturalistische Theorie. Aber R. rückt wieder weit von dieser ab, wenn er bei 
der Darstellung des Niedrigen, Gemeinen, Hässlichen ein Darübersch weben des 
Dichters fordert. „Die Kunst adelt, was sie berührt." — Auch Scheu ^49) getzt die 
innere Form der Poesie in Beziehung zu der der bildenden Kunst. Er beleuchtet 
die Thatsache, dass die redende Kunst, deren Werke sich in der Zeit entwickeln, 
in höherem Grade als die plastische der Gefahr ausgesetzt ist, durch Planloses, 
Absichtsloses, Folgenloses irrezuführen, zu enttäuschen. Damit sie dieser Gefahr 
entgehe, verlangt er ihre Annäherung an die plastische Kunst, vor allem in der 
Zeichnung der Charaktere des Dramas lind des Romans. In der Plastik sieht er 
die schwerste, aber auch höchste Tugend des Schriftstellers Ihre erste Forderung 
formuliert er dahin, dass alle Züge des geschilderten Charakters harmonieren, die 
zweite dahin, dass jeder folgende Zug auch mit dem Totalbild harmoniere, das ein 
vorhergehender erzeugt hat. Die Erfüllung der zweiten Forderung macht er ab- 
hängig von der Bändigung des Mittels der redenden Kunst, des Wortes. Es hat 
die Eigentümlichkeit, sofort, wenn es ausgesprochen ist, eine Vorstellung, ein Bild 
in unserer stets „voreiligen" Phantasie hervorzurufen. Der Schriftsteller soll nun 
dafür sorgen, dass nicht durch irgendwelche W^orte eine Vorstellung in uns geweckt 
werde, die zum Gesamtbild des geschilderten Charakters nicht stimmt. Als Mittel 
dazu empfiehlt Seh. schnelles Tempo, das die Phantasie verhindert, voreilig aus einem 
Wort ein falsches Bild zu entwickeln, und das Nacheinander der redenden Kunst 
der Gleichzeitigkeit der plastischen annähert. Das sicherste Mittel zu demselben 
Zweck aber ist nach Seh., gleich das erste Auftreten des Charakters so zu gestalten, 
dass die Schilderung alles Kommende dem Wesen nach schon in sich birgt, dass 
das Gesamtbild des Charakters schon als ein Lebendiges vor uns steht, welches durch 
alles Spätere nur noch analysiert wird. Der Hauptwert des in seiner Kürze gedanken- 
reichen Aufsatzes liegt in hübschen, durch Vergleiche gut erläuterten Bemerkungen 
über das Verhältnis des Schriftstellers zu seinem Kunstmittel, dem Wort, ^^^^siy _ 
lieber das Verhältnis des Stils der Poesie zu ihrem Inhalt stellt H ä f k e r ^^') 
Betrachtungen an, deren Sinn und Ergebnis besser einleuchten würde, wenn der 
Gedankengang straffer und die Ausdrucksweise präciser wäre. Da der Inhalt der 
Poesie die Hauptsache ist, meint er, muss ihr Stil so beschaffen sein, dass die Ge- 
danken deutlich und eigenartig durch ihn hervortreten. Ebensowenig neu, wie diese 
Forderung, ist die andere, dass der Stil ein Ausdruck der Persönlichkeit des Dichters 

d. Form in d. DichUnnsi: VWFli 22, S. 96-lU. (Vgl. JBL. 1897 I 14:218.) — 249) R. Schea, Redende Kftnste: Waye l. 
8. 2666. — 250) X J- Niejahr, Methode n. Sehnblone: Euph. 5. S. 433-60. (Erwtderang aaf JBL. 1897 I 14:22!. metbedo- 
logioch ftber Kritik d. inneren Form Ton Dichtungen.) — 251) X M. U. Jellinek n. C. Krsat, Hfthere Krittle n. höhere 
Krittlclosiglteit: Ib. 8. 461,8. (Erwiderttng aof N. 250.) -> 252) H. Hftflcer, Stil n. Wnhrheit. E. Flmiderei fiber d. ftathet 



R. Weissenfeis, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 111: 253-255 

sei. Da aber für H. ein wahrer Dichter nur der ist, der mit festen Füssen im Leben 
seiner Zeit steht und aus dieser Wirklichkeit heraus schafft, so betont er besonders 
stark eine dritte Forderung", in der er sich mit Kralik (N. 230) berührt, dass der Stil 
sich, wie das ganze Kunstwerk, natürlich aus dem Milieu entwickle, in welchem es 
erwächst. Der Stil der Poesie ist danach, auch bei ähnlichen Gegenständen, not- 
wendig verschieden nach Zeitaltern und Individuen, und verfehlte Experimente sind 
alle Versuche, bereits historisch gewordene Stilformen wiederzubeleben. Als solche 
Experimente charakterisiert H. den antikisierenden Stil unserer Klassiker und die 
formalen Künsteleien unserer Romantiker. Dagegen ist ihm G. Fre^'tags Stil der 
Idealstil des 19. Jh., ein realistischer Stil, entsprechend der empirischen Richtung 
der Zeit. Er klagt, dass er jetzt wieder in Frage gestellt werde durch den nicht 
natürlich gewordenen, sondern nach ästhetischen Prinzipien unter Ueberschätzung 
der Form gewählten Stil der Dichter, die den Grundsatz „Part pour Tart" vertreten. 
Er verweist die Dichter für die Ausbildung ihres Stils auf die gesellschaftliche Unter- 
haltung und die öffentliche Rede, die Parlamentsrede, die Kanzelrede. Diese beiden 
grossen Gewalten des realen Lebens müssen nach H.s Ansicht mit ihrer Sprache 
suggestiv auf die Entwicklung des poetischen Stils wirken, in derselben Weise, wie 
die gesellschaftliche Unterhaltung auf den Stil Goethes, wo er nicht antikisiert, die 
öffentliche Rede auf den Stil der griechischen Dramatik, Shakespeares, Schillers 
gewirkt habe. Als Stilideal für die zukünftige deutsche Poesie ergiebt sich ihm 
aus allem ein naturalistischer Stil, der sich bilden werde aus dem zu erwartenden 
gesunden socialen Milieu heraus, in welchem Gesellschaft und öffentliche Rede höher 
entwickelt sein werden als jetzt. — Knauths^^^) Buch über Goethes Altersstil 
enthält manche allgemeine Betrachtungen über den Unterschied der poetischen Sprache 
von der prosaischen. Er bemerkt z. B., dass die Verbalformen, die der alte Goethe 
gern an Stelle von Substantiven gebraucht, der Einbildungskraft des Lesers weiteren 
Spielraum lassen, weil sie den Begriff weniger bestimmt bezeichnen, und weist auf 
eine Stelle der Farbenlehre hin, wo Goethe selbst die griechische Sprache mit ihren 
Infinitiven und Participien geschickter zum ästhetischen Vortrag nennt als die 
lateinische mit ihren Substantiven. Ausserdem macht er darauf aufmerksam, dass 
durch die Verwandlung des nominalen Substantivs in das verbale der ruhige Gegen- 
stand zu einem sich bewegenden wird und dass deshalb Frau von Stael und andere 
jene Umwandlung als ein wirksames poetisches Darstellungsmittel empfehlen. — 
Das Gebiet des Metaphorischen findet E. Stern ^^*) auch bei Biese (JBL. 1893 I 
12: 107) noch zu eng umgrenzt, weil er nur die anthropomorphistische Metapher, die 
Beseelung des Körperlichen und die Verkörperung des Seelischen, berücksichtige, 
nicht auch das Eintreten von Körperlichem für Körperliches, von Geistigem für 
Geistiges. St. geht bei der Erklärung der Metapher von dem ps^^chischen Vorgang 
der Assimilation einer neuen Wahrnehmung aus, d. h. von der Thatsache, dass alte Vor- 
stellungen, die durch Association mit einer neu eintretenden Wahrnehmung verknüpft 
sind, auf diese assimilierend wirken, dass also das neu in unser Bewusstsein Tretende 
durch unsere Subjektivität beeinflusst, gefärbt wird. Derselbe Vorgang findet nach 
St. bei der dichterischen Phantasiemetapher statt, nur bringe es der Zustand psychi- 
scher Steigerung, der die Vorbedingung für das Schaffen wie Geniessen einer solchen 
Metapher ist, mit sich, dass die durch Association wachgerufene naheliegende Vor- 
stellung sich nicht damit begnügt, die eigentliche Vorstellung zu beeinflussen, sondern 
geradezu an ihre Stelle tritt, dass psychisch Naheliegendes für einen Augenblick 
die Stellvertretung von psychisch Entfernterem übernimmt, dass also die Subjektivität 
für einen Augenblick gesiegt hat. Eine Sprache des Augenblicks nennt St. die 
Metapher, den Ausdruck des extremsten sprachlichen Individualismus. Er spricht 
dann von den Versuchen, wegen der Subjektivität der Metapher aus der Bilder- 
sprache eines Schriftstellers seine Individualität zu erschliessen, wobei die Bilder 
und Vergleiche besonderes Interesse erregen, die der Schriftsteller aus dem Leben 
seines Standes und Berufes, seiner Heimat und Zeit herholt. Er bemerkt, dass die 
derartig subjektive Metapher das ganze menschliche Denken beherrsche, dass man 
aber nicht berechtigt sei, sie in der Poesie überall, als die Regel, zu erwarten. Bei 
Moliere z. B. sei keine Metapher aus dem Theaterleben nachzuweisen. Molieres 
Lustspiele sind dem Vf. auch ein Beweis für das Unberechtigte des Verlangens der 
Metaphemforscher, dass die Gestalten der Dichtung sich selbst durch subjektive Meta- 
phern charakterisieren. Nur im Volksstück sei das in ausgedehntem Masse der Fall. 
Sonst dagegen, zumal in klassischer Poesie, gebe der Stil, in dem eine Dichtung ab- 
gefasst ist, den Ausschlag für den Charakter ihrer Bildersprache, ferner die Dicht- 
gattung, der sie angehört, endlich, besonders in der Epik, der darzustellende Stoff, 
in den der Dichter sich so versenke, dass er nicht einmal in der subjektivsten Aus- 



Entwiclcl. d. Gegenw.: HL. 67, S. 5648. - 253) P. Knanth, Ooethes Sprache n. Stil im Alter. (JBL. 1898 IV 8e:104.) — 
254) E. Stern, Uetapher n. Sabjektiritftt: Eaph. 5, 3. 217-26. — 255) OXA. Förstemiinn, Ueber popnl&re Hetonymiea. II 



111: 25C-259 R. Weissenfels, Poetik und ihre Geschichte. 1898. 

drucksform, der Metapher, aus seiner Sphäre loskommen könne. Der Aufsatz macht 
den Eindruck einer Skizze, die durch breitere Ausführung ein wichtiger Beitrag zur 
Poetik werden könnte. ^^^) — 

Die aktuelle Frage nach der Berechtigung des Dialektes in der Litteratur 
findet in verschiedenen Aufsätzen, entsprechend dem Standpunkt der Vff., verschiedene 
Beantwortung, lieber Gottschall s^^*) von seinem Standpunkt begreifliches Ver- 
dammungsurteil ist an andererstelle der JBL. berichtet. — Auch Ser vaes^*') 
spricht sich in einem flotten Aufsatz gegen die heutigen IJebertreibungen im Ge- 
brauch des Dialekts aus. Andererseits betont er die schon von Herder und den 
Romantikern hervorgehobene Wichtigkeit der Dialekte für unsere Schriftsprache, die 
immer in Fühlung mit ihnen bleiben, aus ihnen immer wieder neues Leben, neue 
Kraft schöpfen müsse. — Einen fanalischen Verteidiger hat die moderne Dialekt- 
dichtung in Selten''^*). Er verurteilt sogar die Mischung von Dialekt und Schrift- 
sprache, wie sie z. B. Hauptmann der Bühnenbearbeitung seiner Weber gab, als 
eine unkünstlerische Koncession an das Publikum. Es fragt sich doch, ob es nicht 
eine notwendige Koncession war, ob eine solche Mischung, wo es sich um einen 
dem Publikum schwer