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Full text of "Japans Beziehungen zu China seit den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1600"

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Harold Jefferson Coolidge 

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STUDIEN UND SCHILDERUNGEN 

AUS CHINA 

HERAUSGEGEBEN VON DER 

KATHOLISCEN MISSION SÜDSCHANTUNG 



Nr. III 



JAPANS BEZIEHUNGEN 

ZU CHINA 



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JENTSCHOUFU 
1907 



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JAPANS BEZIEHUNGEN 

ZU CHINA 

SEIT DEN ÄLTESTEN ZEITEN 
BIS ZUM JAHRE 1600 



VON P. A. TSCHEPE S. J. 




JENTSCHOUFU 

DRUCK UND VERLAG DER KATHOLISCHEN MISSION 

1907 






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Begleitwort. 



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Hiermit übergeben wir der Öffentlichkeit die dritte Lieferung 
der „Studien und Schilderungen aus China". Das Werkchen ist 
die Frudit rastloser Arbeit, womit der hochbetagte, doch immer 
noch sdiaffensfreudige Herr Verfasser seine Mußestunden aus- 
gefüllt hat. An der Hand zuverlässiger Berichte madit derselbe 
uns mit den ältesten Beziehungen zwischen den in letzter Zeit 
so sehr in den Vordergrund der Gesdiidite getretenen Ländern 
China und Japan bekannt. 

Wenn etwas an Feinheit der Diktion und drgl. vermißt wird, 
so möge der freundliche Leser bedenken, dag der geehrte Herr 
Verfasser schon über 36 Jahre in China tätig ist, wodurch er 
von seiner Muttersprache wohl manches eingebüßt haben mag. 
Auch der Verlag bittet um gnädige Nachsidit für etwaige Fehler 
und Unkorrektheiten, die sich eingeschlichen haben mögen. 

Bei der Transkription der chinesischen Schriftzeichen be- 
folgten wir die Methode, welche in dem bei uns erschienen Deutsch- 
chinesischen Handwörterbuch angewandt ist, weil diese für uns 
Deutsche am einfachsten zu sein scheint. Unsere deutsche Sprache 
ist sicherlich viel mehr geeignet, die Aussprache der chinesischen 
Laute möglichst korrekt wiederzugeben, als die französische 
und englische Sprache. Wir glaubten also keinen Grund zu 
haben, uns der französischen oder englischen oder einer andern 
uns fremden Schreibweise zu bedienen. China ist groß und hat 
seine verschiedenen Dialekte; wir geben den hier gesprochenen 
wieder. So schreiben wir also statt kiao — djiau, statt an — ngan, 
statt Peking, Nanking, Foukien, etc. B4i-djing, Nan-djing, Fu- 
djien, Kuang-dung etc. — einfach nach dem grammatikalischen 
Grundsatze: „Schreibe so, wie du richtig sprichst!" 

Selbstverständlich wollen wir diese Methode nicht als die 
einzig richtige und beste anpreisen; auch sie wird ihre Unkor- 
rektheiten haben. 

Yentschoufu, den 1. August 1907. 

Die Missionsdruckerei. 



Nachtrag. 

Da man vergessen hatte, in der Vorrede die Quellen anzu- 
geben, die zur Bearbeitung benutzt worden sind, mögen sie hier 
kurz erwähnt werden. 

Zunächst sind es die vielen |S ä> und /ff ^, d. h. Chro- 
niken einzelner Provinzen und Bezirke Chinas, in denen viel 
von den Japanern die Rede ist ; ferner allgemeine Geschichtswerke 
und auch die große Geographie von China. Ganz besonders 
große Dienste leistete mir das mehrere hundert Bände umfassende 
chinesische Sammelwerk *^iH»||]5£:l5r|l|, vol. 404 seqq. 

Von europäischen Werken, aus denen ich meine Nachrichten 
über Japan geschöpft, nenne ich mit besonderer Anerkennung 
Papinot : Dictionaire japonais-fran9ais sur l'histoire du Japon — 
Steichen: Les daimios chr^tiens. 

Der Verfasser. 



derjenigen der Jg^ Tang (618—905) ... 51 
Zehntos Kapitel. Japans Bestreben, sich nach Chinas Muster 

zu bilden 

1. Die erste Gesandtschaft Japans unter den Tang. Zeit- 

weise Unterbrechung der freundlichen Bezie- 
hungen zwischen Japan und China ... 53 

2. Japan nimmt die freundlichen Beziehungen zu China 

wieder auf und pflegt sie mehr als je • . 55 

3. Die chinesenfreundliche und allmächtige Ministor- Fa- 

milie der Fujiwara 58 

4. Einige besonders bemerkenswerte japanische Qesandt- 

Schäften . . • 60 

5. Wachstum des Buddhismus in Japan; die Bonzen 

Japans unterhalten regen Verkehr mit China 71 

6. Die Fujiwara verlieren an Einfluß, und der allzu 

große Enthusiasmus für China vermindert sich 79 



^ 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Erste« Kapitel. Der Ursprung der japanischen Nation ... 1 
Zweites Kapitel. Die ersten geschichtlichen Beziehungen zu 

China unter der Dynastie ^ Han .... 6 
Drittes Kapitel. China und Japan unter der Dynastie f| WSi 

(220-264) 17 

Viertes Kapitel. China und Japan unter der Dynastie ^ Dsin 

(265^420) 24 

Fünftes Kapitel. China und Japan unter der Dynastie ffi ^ 

Liu-sung (420—479) 28 

Sechstes Kapitel. Japans Beziehungen zu China unter den 

zwei Dynastieen ^ ^ Nan-tsi (479—502) 

und ^ Liang (502—557) 35 

Siebentes Kapitel. Wie der Buddhismus aus China über Korea 

nach Japan eingeführt wird (554) . . . , 88 
Achtes Kapitel. Japans Beziehungen zu China unter der Dy- 
nastie f^ Sui (581—618) 42 

Neuntes Kapitel. Sturz der Dynastie Sui und Gründung 

derjenigen der J^ Tang (618—905) ... 51 
Zehntes Kapitel. Japans Bestreben, sich nach Chinas Muster 

zu bilden 

1. Die erste Gesandtschaft Japans unter den Tang. Zeit- 

weise Unterbrechung der freundlichen Bezie- 
hungen zwischen Japan und China ... 53 

2. Japan nimmt die freundlichen Beziehungen zu China 

wieder auf und pflegt sie mehr als je . . 55 

3. Die chinesenfreundliche und allmächtige Minister- Fa- 

milie der Fujiwara 58 

4. Einige besonders bemerkenswerte japanische Gesandt- 

schaften . . • 60 

5. Wachstum des Buddhismus in Japan; die Bonzen 

Japans unterhalten regen Verkehr mit China 71 

6. Die Fujiwara verlieren an Einfluß, und der allzu 

große Enthusiasmus für China vermindert sich 79 



— VI — 

Zehntes Kapitel. Japans Beziehungen zai China unter der 

Dynastie !^ Sung (960-1276) 

1. Unter den nördlichen ^ Sung (960—1126) . . . 88 

2. Die Zustände in Japan zu jener Zeit 85 

8. Japanische Gesandtschaften 88 

4. Die Tataren -^ JK Nü-dschen oder ^ Djin erobern 

die nördliche Hälfte Chinas und lassen den 
Sung nur mehr die südliclie Hälfte ... 97 

5. Die gleichzeitigen Zustände Japans (1124-1275) . 100 

6. Die Shogun und Shikken Japans 108 

7. Japans Beziehungen zu China während dieser Periode 105 
Elftes Kapitel. Japans Beziehungen zu China unter der Mon- 
golen-Dynastie der ^ Yüan (1275 1868) 

1. Die Mongolen erobern China 109 

2. Die ersten Beziehungen der Mongolen zu Jai)an . . 112 

8. Dschau-liang-bi und seine Gesandtschaft nach Japan 

im Jahre 1271 117 

4. Der erste KriegsxugKubiläs gegen Japan im Jahre 1274 126 

5. Der große Kriegszug Kubiläs gegen Japan im Jahre 

1281 und die große Niederlage .... 129 

6. Kubilä bereitet einen neuen Kriegszug gegen Japan 

vor, der aber schheßlich unterbleibt . . . 187 

7. Timur-Khan oder jffi ^ Tscheng-dsung (1295 - 1807) 

und die übrigen Mongolen-Kaiser in ihren 
Beziehungen zu Japan 145 

8. Die gleichzeitigen japanischen Zustände 147 

9. Die Handelsbeziehungen zwischen Japan und China 

unter den Mongolen 150 

Zwölftes Kapitel. Japans Beziehungen zu China untcM* dem 

Kaiser ^ ff^ Hung-u (1868—1398) ... 152 
Dreizehntes Kapitel. Japans Beziehungen zu China unter d(Mn 

Kaiser ^ i^ Yung-luo (1408—1425) . . . 171 
Vierzehntes Kapitel. China und Japan zur Zeit des Kais(»rs 

^ ^ Süan-dei (1426-1485) 181 

Fünfzehntes Kfipitel. Der Kaiser JE |^ Dscheng-iung 

(143(5—1464) 184 

Sechzehntes Kapitell. Der Kaiser jft {fc Tscheng-hua 

(1405 — 1487) 191 

Sielienzehntes Kapitel. Japans Beziehungen zu China unt(M' 

dem Kaiser 5/, Jg Hung-dsche (1488 -1505) 195 
Achtzehntes Kapitel. Der Kaiser jE ^ Dscheng-dei 

(1506—1521) 200 

1. Vorzeichen den- großen Kriege mit den Japanern . 205 

2. Zeitweise Handelsfreiheit unter Djia-dsing; ihre Auf- 

hebung 1580 210 



— vn — 

3. China in seiner AbgeschloHHonlieit 211 

4. JKÄYen-sung (1540— 1562 t 1567). Verschwörung 

im Harem " . . 212 

5. Wiederaufnahme der freundlichen Beziehungen zwi- 

schen China und Japan 214 

^' -^ ^ Dschu-huan wird Statthalter und Generalissi- 
mus von Dsche-djiang 216 

7. Neue Einfälle und Wirren in Dsche-djiang, Fu-djien 

und den andern Küstenprovinzen .... 226 
Ö. I "B? Wang-yü wird zum Statthalter und Generalis- 
simus der beiden Provinzen Dsche-djiang 

und Fu-djien ernannt 530 

a- i?:Ä:i{ Yü-da-yu 233 

b. Der General '^ 3£ !S Tang-k'o-k'uan . . . 235 

c. Die Einfälle der Japaner unter Wang-yü . . 236 

9. Politischer Mischmasch zu Bei-djing 243 

a. Der Statthalter Li-tien-tschung 244 

b. Der Generalissimus ^ 3^^ Dschang-djing . . . 246 
c- M ül Dschau-wen-hua 248 

d. Die Kriegstaten unter Dschang-djing 1554 — 1555 250 

e. Die dreiundfünfzig japanischen Eäuberhelden . 256 

f. Der Generalissimus jjü Jk £ Hu-dsung-hien . . 260 
^- 2S Üt Wang-dsche, der große Räuborgeneral . 262 
h. Wang-dsche fängt kriegerische Unterneh- 
mungen an 263 

i. Die Mannschaften und Banden des Wang-dselie 265 

j. Ilu-dsung-hiens Unterhandlungen mit Wang- 
dsche (1555) 268 

k. Die schrecklichen Einfälle und Kriege des Jah- 
res 1556 .273 

1. Fortsetzung der Kämpfe 282 

m. Dschau-wen-hua fällt in Ungnade (1557) . . 284 

n. Weitere Schicksale und Ende des Wang-dsche 

(1557) 286 

o. Weiteres Treiben der Seeräuber nach dem Tode 

des Wang-dsche 294 

p. Unglückliche Unternelmmngen der Japaner im 

Jahre 1559 297 

q. Siege Hu-dsung-hiens über die Japaner im Jahre 

1560 299 

r. Neue Erfolge dos Hu-dsung-hien im Jahre 1561. 

Yen-sung und Hu-dsung-liien fallen in Ungnade 300 

s. Die Einfälle der Japaner in den letzten Jahren 
der Kegierung des Kaisers Djia-dsing (1562 — 
1565); Ilinriclitung des Sche-fan .... 304 



— VIU — 

10. Tod des Kaisers Djia-dsing. Sein Sohn Lung-tching 

(1567—1572) 305 

IL Die Einfälle unter Kaiser ^ M Wan-li (1573—1620) 306 

a. Nobunaga stellt in Japan die Ordnung wieder 

her 307 

b. Taikausama wird der Nachfolger von Nobunaga ; 

er bereitet den Krieg gegen China vor 
(1583—1591) 311 

c. Taikausamas Kriegszug gegen Korea und China 

(1592-1597); seine Niederlage 315 

Anhang. Die Christenverfolger Tokugawa. Jeyasu 

(1542—1616) 324 




Erstes Kapitel. 

Der Ursprung der japanischen Nation. 




[a wir uns des längeren mit den Japanern beschäftigen wer- 
den, mÜHsen wir wohl einige Worte über den Ursprung 
r^Hsa^w dieses merkwürdigen Volkes sagen. Ich halte mich hier 
ABfVtfv S^^'^ ausschließlich an die Resultate der Gelehrten, welche 
mit vielem Eifer diese schwierige Frage wohl studiert, aber noch 
nicht endgültig gelöst haben. 

Nach der allgemeinen Ansicht war Japan ehemals von den 
Ainos bevölkeii;. >ino heißt in ihrer Sprache: „der Mensch, der 
Mann", eine Benennung, mit welcher auch andere wilde Völker 
sich selbst bezeichnen. Die Japaner heißen sie „Emishi'* oder 
,,Ebi8u" d. h. Barbaren. Die Chinesen nennen sie in ihren alten Büchern 
^ A Man je}}, d. h. die behaarten Mensehen oder auch Ift % Tun-i, 
d. h. die östlichen Barbaren. In der Tat mußten die so wenig be- 
haarten Chinesen über die Ainos erstaunt sein, da letztere die am 
stärksten behaarten Menschenklasse bilden. 

Verschiedene gelehrte Anthropologen zählen die Ainos unter 
die kaukasische Menschenrasse; sie seien irgendwann infolge beson- 
derer Umstände unter die mongolischen und altaischen Volksstäm- 
me verschlagen und weit von ihren Schwesterstämmen, welche In- 
dien, Iran und Europa bevölkerten, getrennt, nach dem fernen Osten 
gedrängt worden. Allerdings erinnert der erste Anblick eines 
Ainos an den inissisrhen Bauern, der ja auch stark behaart ist. 
Jedenfalls bilden die Ainos eine von den Japanern ganz verschie- 
dene Völkerrasse. Ob sie aber die allerersten Ureinwohner jener 
Insel waren, bleibt doch noch zweifelhaft, da man auch von den 
Koropok-guru, d. h. nach der Ainos Sprache, Hölüenbewohnern, spricht, 
welche noch vor den Ainos die Insel Yeso bewohnt hätten. In 
der Umgegend von der Stadt Eushiro findet man viele sonderbare 

Japans Beziebimgen zu China 1 



l 



— 2 — 

Jiuineii, welche man jenen ersten Ureinwohnern, von den Japanern 
-Kobito," d. h. Zwerge benannt, gewöhnlich zuschreibt. 

Wann sind die Ainos nacdi- tiefe japanischen Insehi gekommen ? 
Haben sie die ganze jetzige japaiiiache Inselgruppe besetzt, oder 
etwa nur die mittleren und nördUohen Inseln, während die südliche 
Insel Kiushiu ebenso wie die Liu-kiu und Formosa von der mon- 
golo-malayschen Rasse besetzt worden? Auf diese Fragen hat man 
noch keine sichere Antwort. Sind die Ainos, wie es wahrscheinlich 
ist, über Korea nach Japan ausgewandert, so haben sie wohl auch 
Kiushiu, welches gerade auf dem Wege, d. h. Korea gegenüber 
liegt, zuerst besetzt. Wären sie aus dem Becken des Amur nach 
Sachalin eingewandert und von da nach den japanischen Inseln 
gekomm(m, so hätten sie Kiushiu wohl schon von andern Völkern 
besetzt gefunden. Auf alle Fälle sind die Ainos schon in den äl- 
testem Zeiten nach Japan eingewandert d. h. gewiß schon 2000 Jahre 
vor Christus. 

Zum ersten Male erscheinen die Ainos gegen (-hristi Geburt 
in der. Geschichte als die friedlichen Besitzer Japans bis zum 35. 
Grade nördlicher Breite, d. h. bis südlich von Tokio, der jetzigen 
Hauptstadt. Im 7. Jahrhundert nach C^hristus sind die Ainos bis 
zum 88. Grade zurückgedrängt^ d. h. sie besetzton damals nur noch 
den Norden der Hauj)tin8el Honshiu. Im 9. Jahrhundert sind sie 
über die Meerenge Tsugaru nach der Insel Yeso zurückgedrängt, 
wo sie auch jetzt nocli Wohnsitze haben. Das zahlreiche V.olk ist 
auf 18000 Köpfe zusammen geschmolzen. Andere Ainos wohnen 
noch auf Sachalin, den Kurilen, auf Kamtschatka, sind aber als Volk 
ganz bedeutungslos. 

Als eine Rasse niedriger Kultur wurden sie von den Japanern 
zurückgeworfen, vermischten sich mit ihnen oder wurden ausgerot- 
tet und vertilgt. 

Aber wann und woher kamen die Japaner, welche diese Insel- 
gruppe allmählich in Besitz genommen? welches ist ihr Ursprung? 

Seitdem die Japaner mit den Europäern in enge Beziehungen 
getreten sind, haben die Gelehrten der Beantwortung dieser Fra- 
ge ein großes Interesse entgegengebracht. Die gebildeten Japaner 
traten selbst nur mit einer gewissen Scheu an das Studium und die Lö- 
sung derselben heran : sie fürchten vielleii^ht, mehr zu finden als ihnen 
oder ihren patriotischen Jjandsleuti^n lieb ist. Obwohl sie mit manchen 
Vorurteilen aufgeräumt haben, hängen die Japaner in dieser Frage auch 
j(»tzt noch an ihrer alten Legende: jpt ^ ^ ^ Jimmii-temio (660-585 
vor Christus) war, wenn nicht der erste Mensch, so doch der erste Kaiser 



von Japan, der als Sohn der Sounengöttin Aniatera^u mit legi- 
timer Macht und Herrschaft über alles Volk ausgestattet worden 
und seinen Nachkommen diese Macht überliefei*t hat; auch der jetzige 
Mikado sei ein direkter Nachkomme der Sounengöttin. 80 wird 
noch öffentlich in Japan gelehrt, und die Staatsregierung hält strenge 
an dieser alten Überlieferung, welche den Kaiser als ein göttliches 
Wesen darstellt. Als vor einigen Jahren ein japanischer Professor 
Zweifel an dieselbe erhob, wurde er allsogleich seines Lehrstuhles 
entsetzt als ein Mann, welcher die dem göttlichen Mikado gebüh- 
rende Ehrfurcht in seinen Zuhörern vermindere. Freilich wird die 
moderne Zeitströmung, welche in das japanische Geistesleben ein- 
gedrungen, nun doch wohl bald diese schmeichelhafte Aufstellung 
hin wegschwemmen, trotz der Zähigkeit, womit natürliche Eitelkeit 
sie bis jetzt festgehalten hat. 

Es ist wahrscheinlich, dass Jinimu einfach der HäuptUng der 
einwandernden Stämme und ein tüchtiger Krieger war, der seine 
Mannen von Sieg zu Siege führte und ihnen schöne Sitze-anwies. 
Man nimmt an, daß er von der südlichen Insel Kiushiu kam — 
ob gezwungen und von den kriegerischen Einwohnern dieser südlichen 
Insel verjagt und vertrieben, ob freiwillig und von Abenteuer-Lust 
getrieben, bleibt ungewiß. Sicher ist aber, daß im siebenten Jahrhun- 
derte vor Christus das südliche und westliche Gebiet der Hauptinsel 
Honshiu von den Japanern besetzt wurde. Andere Geschichtsforacher 
nehmen an, Jimmu sei ein frwnder Eroberer gewesen, der gegen 
620 in Japan einfiel und schließlich ein geordnetes Staatengebilde schuf . 

Diese Hypothese ist durchaus nicht so unwahrecheinlich. Kühne 
Führer von Abenteurern mögen aus China nach Japan gedrungen 
sein und die geordnete Vei^waltung eines Staates eingeführt haben. 
Spräche man vom Jahre 470 anstatt 620, so hätte man durch die 
chinesische Geschichte einen wertvollen Beweis. Denn im Jahre 
470 vor Christus wurde das mächtige chinesische Königreich von ^ [' 
mit der Hauptstadt jH ^ Su-tschou in Kiang-nan vom Könige jg| Yäo 
im jetzigen Tchi-kiang besiegt und unterw^orfen. Viele Großen und 
Prinzen, welche von dem neuen Könige, von dem sie sich nichts \ 
Gutes vorsahen, nichts wissen wollten, wanderten aus und zwar, 
wie die Geschichtschreiber ausdrücklich sagen, nach den östlichen 
Inseln, d. h. nach Japan, welches gerade gegenüber der Mündung 
des Jang-tse-kiang liegt. Da das Königreich U eine bedeutende 
Flotte besaß, mochten dessen KauMeute Japan kennen. 

Eines ist gewiß, daß Japaner im eigentlichen Sinne schon 
vor Christi Geburt im südlichen Teile der Jnsel Honshui einen ge- 



ordneten und mächtigen Staat bildeten^ dessen Bewohner immer 
zahlreicher wurden, und um geeignete Wohnsitze zu haben, die 
Ainos aus ihren Sitzen yertrieben. Yon Anfang an erscheinen die 
Japaner als unruhige, kühne Leute, welche mit dem Schwerte 
gleich dreinschlagen, wenn man ihnen nicht zu Willen ist. Dan 
gutmütige Volk der Ainos war ihnen nicht gewachsen. 

Woher kamen die Japaner? 

Da geschichtliche Dokumente oder auch nur Anhaltspunkte 
fehlen, so ist nichts anderes übrig geblieben, als die Anthropologie 
zu befragen. Diese Wissenschaft aber antwortet, daß die Japaner 
ein MiscliYolk sind, welches sich aus drei Elementen zusammensetzt : 

1. aus dem mongolisch -malayschen Typus 

2. aus dem koreanischen 

3. aus dem Ainos-Typus. 

Die geschlitzten Augen und hervortretenden Backenknochen 
sind die besondern Merkmale des mongolischen Typus. Der Kopf 
der Japaner ist nicht der der mongolischen Rasse, sondern weist 
vielmehr nach der polynesischen hin. Das Haar der Japaner ist 
zwar das schwarze, struppige und dicke Haar der Mongolen, aber 
nicht selten ist es kraus und weidt somit ebenfalls auf Negrito-Blut 
hin. Und während die mongolische Rasse nur wenig Barthaare 
zeigt, so besitzen nicht wenige Japaner einen prächtigen Bart. 
Yon den Ainos haben die Japaner uur wenig Blut empfangen. 

Unter den jetzigen Japanern unterscheiden die Gelehrten noch 
1. den feinen und 2. den gröberen Typus. 

Der feinere Typus findet sich meist unter den gebildeten, 
höheren Klassen des Volkes. Seine Merkmale sind ein schlanker, 
edler Wuchs, ein längliches Gesicht, schiefe Augen, eine feine konwexe 
Nase, ein kleiner Mund, eine dolichscephale Eopfbildung. Kurz, 
es ist fast dereelbe Typus, welcfien man unter den gebildeten Klas- 
sen Nord-China.^ und Koreas findet. Nach Beschreibung der An- 
thropologen wäre fg ^ Nobunaga ein vollendetes Beispiel des 
feineren Typus. 

Der gröbere Typus ist dem gewöhnlichen Volke eigen. Seine 
Merkmale sind ; eine untei*setzte stramme Natur, ein runder, starker 
Kopf, ein breites Gesicht, hervorstehende Backenknochen, ein wenig 
schief liegende Augen, eine eingedrückte Nase und ein weitgeschUtz- 
ter Mund. Es ist deraelbe Typus, der sich vielfach unter den 
Chinesen Mittel-Chinas und den indochinesischen Völkerschaften findet 
und malaysches Blut verrät. Die Merkmale des gröberen Typus 



würden also chinesisclie Einwanderungen aus Mittel-China wahrschein- 
lich machen. 

Alle diese verschiedenen Elemente haben sich vereinigt und 
schlieülioh den japanischen Typus gebildet, der im zweiten Jahr- 
hundert vor Christus fertig dasteht und sich von dem anderer Völker 
unterscheidet. 

Die Gelehrten finden, daß die japanische Sprache die Resultate 
der anthropologischen Forscher bestätigt. Es steht fest, daß die^ 
japanische Sprache von der chinesischen ausserordentlich beeinflußt 
worden ist, obwohl sie nicht zur chinesischen, sondern zur uralo-altai- 
schen Familie gehört. Wahrscheinlich war das altai-japanische diel 
Sprache der koreanischen Rasse, welche aus Zentral-Asien über 
Korea nach Japan auswanderte. 

Die malaysche Sprache hat keine sichtbaren Merkmale in der 
japanischen Sprache hinterlassen. Hingegen zeigen sich in den 
Xamen von Bergen, von Flüssen, von Oiisohaften u. s. w. viele 
Überbleibsel und Merkmale, die an die Sprache der Ainos, erinnern. 




Zweites Kapitel. 

Die ersten geschichtlichen Beziehungen 
zu China unter der Dynastie M Han. 



wir bereit» oben gesagt, ist es wahrecheinlich, daß 
liiiia und Japan schon vor Chriatue mit einander in Ver- 
ehr gestanden, daß Prinzen und Groliherren aus dem 
Königreiche Ow nach .fapan hIcIi geflüchtet, daselbst 
ein geordnetes Staat engebilde nach chinesischem Muster geformt. So 
erzählen die cliinesischen späteren Schriftsteller, so rühmen japanische 
Gene liichtBschiei her ihre nahe Verwandtuchaft mit ('hina. 

Unter dem Kaiser S| ife ^ # Tn'iu-sclie-huanif-ti (246—210) 
kam eine neue Kolonie Chinesin nach Japan, wie man allgemein 
erzäiilt. In meinem Werkciieo ^Histoire du rogamme de ThHd" habe 
ich erzählt, dall der berühmte Kaiser Ts'in ein Mittel gegen den Tod 
suchte. Nacbdeni it erfahren, daß auf den östlichen Inseln Un- 
sterbliche wohnten, welche sich rühmten, im Besitze eines Ehzirs 
gegen den Tod zu nein, schickte er einen seiner Leibärzte mit 
Namen JH Sä-/» nai-h jenen Inseln. I'm die b'nsterblichen 
zu gewinnen, «diickte ihnen Ts'in-sohe-huang-ti .SOO .Tiinglingc und 
ebensoviele Jungfrauen /.um Geschenke. 

Der Auftrag war natürlicli nii ausführbar, und ohne das ge- 
wünschte Elixir heimzukehren, mag der Arzt wohl für getfihrlich 
gehalten haben. So geschehen 122 vor Thiistus. 

Wohin ist nun Sü-fu mit seiner Schar junger Leute gegan- 
gen? Man behauptet, er sei nach Japan gegangen. Die Japaner 
nennen ihn Jofuku und erzählen das Gleiche. 

Da nun der schreckliche TB'in-!<che-huang-ti 210 starb und 
seine Dynastie schon 208 ausgerottet wurde, konnte SÜ-fu ohne 



alle Gefahr China wieder besuchen und freundliche Beziehungen 
zwischen den beiden Volkern vermitteln. 

(ranz gewiß iiatten die Japaner Verbindungen mit Korea und 
zwar seit langer Zeit. Diese Halbinsel stand aber unter der Ober- 
hoheit Chinas und galt als ein Anhängsel des großen Reiches seit 
den ältesten Zeiten. China war die glänzende Sonne, um welche 
alle Sterne kreisten. Was Rom um die Zeit Christi, Byzanz einige 
Jahrhunderte später für die kleineren und kleinen Fürsten war, das 
war seit dem Jahre 2000 vor Christus ungefähr China für alle 
benachbarten Staaten des asiatischen Ostens und ist es geblieben 
bis in die neueste Zeit, w^o die Europäer die S(*hwä<'he Chinas blos- 
gestellt und dessen Einfluß gemindert, jedoch nicht vernichtet haben. 

Die erten Kaiser der großen Dynastie ^ Hun (206 vor bis 
220 nach (^iiristus) waren mächtige Herrscher und stellten den 
alten Glanz des Reiches wieder her. ^ ji^ 1& Han-wn-ti (140 — S()) 
hatte das ganze Turkestan wieder erobert und die Handelsbeziehun- 
gen mit dein Römischen Reiche erneuert. Xach Osten hin hatte 
er einen Teil von Korea einfach unterworfen und zur chinesichen 
Provinz gemacht. Solch ein mächtiges Reich konnte den Japanern 
nicht gleichgültig sein. Wie alle benachbarten Staaten suchte auch 
Japan freundliche Beziehungen mit diina anzuknüpfen. 

Im Jahre 57 nach Christus kam die erste japanische Gesandt- \ 
Schaft nach China, um dem Kaiser jß ^ 1fr Kuang-wu-ti (25 — 58) 
die Aufwartung zu machen und reiche (fescjhenke darzubringen. 
Die Chinesen haben dies genau in ihrer Geschichte aufgezeichnet 
als eine neue Anerkennung chinesischer Hoheit und Größe. Von 
dieser Zeit an datieren die g(»8chichtlichen Aufzeichnungen über Ja- 
pan bei den chinesischen Schriftstellern. 

Der berühmt(^ alte (jeschichtsschreiber "^ J^ ^ Se-ma-fs^ien 
(161 — 85) hat einige charakteristische Tsotizen, welche die damalige 
Anschauung der Chinesen über das Japanervolk wiederspiegeln. 
Er nennt sie in seinen geschichtlichen Aufzeichnungen «die Hechte 
des Ostens", y^ |[| Tung-ti d. h. Räubergesellen, welche über die 
kleineren Leute herfallen und sie vernichten, wie Hechte es den 
kleineren Fischen tuen. Kr fügte hinzu ^ ^ iT ?S J- h. ^Men- 
schenleben gelten ihnen wenig und sie töten leicht andere, selbst 
wegen geringfügiger Ursache". Di(»ser ältc^ste Geschichtsschreiber 
stellt also den Japanern das Zeugnis großen Mutes und besonderer • 
Tapferkeit aus, zwei Eigenschaften, welche die Japaner auch jetzt 
noch als Nationaltugend betrachten, die sie aber freilich nach seiner 
Darstellung in ihrer Eigenschaft als Räuber und Schurken verwer- 



— 8 — 

ten. Er fügt noch hinzu, daß sich die Japaner durch große Köpfe 
und kurzes Haar von den Chinesen unterscheiden und keine Schuhe 
haben, sondern immer barfuß gehen. 

l*an-kon, der Nachfolger Semas als historischer Schriftstellei', 
war selber Augenzeuge der oben erwähnten japanischen Gesandt- 
schaft gewesen. Seine Eindrucke sind ebenso wenig schmeichelhaft 
für die Japaner; er nennt sie u. a. ^ JK Wo-nu: die Zwerge oder Sklaven 
nach dem japanischen Namen Wa, den sich die Japaner selbst gaben. 
Spricht man mit gebildeten Chinesen über Japan, so ermangeln sie 
nicht zu erinnern, daß die Japaner eigentlich Wo-nu: Zwerge, 
Sklaven sind. 

Da die Chinesen so höHich sind, schickte dei Kaiser gewöhn- 
lich eine Gesandtschaft, um die Aufwartung der Vasallenfürsten zu 
erwidern. So wurden also auch nach Japan Abgeordnete des Kai- 
sers geschickt, wohl auch mit der Nebenabsicht, das unbekannte 
Insekeich näher zu erforschen. Das Resultat war ein ausführ- 
licher Bericht an den Kaiser. Dieser Bericht nun ist in die chine- 
sische Geschichte aufgenommen und zugleich mit dieser bis auf 
unsere Tage gekommen. Geben w ir wenigstens einen Auszug, um die 
damaligen Japaner nach einem fremden Augenzeugen kennen zulernen. 

Nach der chinesischen Formel liegt Japan 12000 Li von China 
im östlichen Ocean d. h. es verlangte einen außergewöhnlichen Mut, 
um die Fahrt nach jenem fernen Lande zu unternehmen. Japan 
besteht aus einer Anzahl von Inseln, von denen acht größere ihm 
den Namen :^ A ^ H d. h. Reich der acht großen Inseln ge- 
geben. Diese Charaktere lesen die Japaner < )-ya-shima-kui, während 
die Chinesen Ta-dji-tschou-kui aussprechen. 

Es giebt an die 100 unabhängige Fürsten, welche auch den 
Titel 3E Wang fuhren und vordienen, da ihr Thron erblich ist. Alle 
aber unterstehen dem :X f;^ 3^ Ta-wo-wang^ d. h. dem Kaiser oder 
Mikado, ähnlich wie China unter den alten Dynsatien }{ Hia^ ]S|f 
Schang J^ Tchou 10000 Lehensfürsten hatte, welche dem Kaiser 
unterstanden und alljährlich Geschenke zum Zeicli^n der Unterwer- 
fung darbringen mußten. ..Der große König der Japaner hat 
seine Hauptstadt in if^^ Ja-ma'f'ai,'' wie die Chinesen nach der 
japanischen Aussprache Yamato schreiben, die Japaner aber schrei- 
ben ;Ä: ft ft: ^das große Yamato, die fruchtbare Ebene." Man 
behauptet, Jimmu selbst, der erste Mikado, habe dem Lande diesen 
Namen gegeben. Als er eines Tages auf einem hohen Berge stand 
und die prachtvolle Ebene vor seinen Augen ausgebreitet daliegen 
sah, rief er wie entzückt aus : :X; ft S ]9| 1^ «^ O-yurnais-totfO-akUsu- 



^- 9 — 

shitna d. h. das große Yamato, die fruchtbare Ebdllö der Libelle. 
Diese Fnsel Uonds (Nippon) erschien ihm nämlich unter der Form 
einer groben Libelle. Auch jetzt noch wird in der Poesie dieser 
Name nicht selten angewandt für ganz Japan. Eine Provinz tragt 
ebenfalls diesen Namen zum Andenken an den ersten hochheiligen 
Mikado ff^ f^, von den Chinesen Lumen gelesen, d« h. y,konigliche 
Pforte, kaiserlicher Palast.^ Es ist ein ähnlicher Ausdruck wie ;,die 
hohe Pforte^. Bei den Europäern wiegt die Leseart „Mikado^ 
vor. Die Japaner sagen ^yTenno*' 5S Jl T'ien-schang, wie die Chinesen 
lesen: ^Kaiser, der legitime, vom Himmel a^fgestellte Kaiser'^ 

Zur Zeit jener Gesandtschaft gab es keine eigentliche Haupt- 
stadt: der Mikado blieb da, wo er als Kronprinz residiert hatte. 
Sein Palast und die Wohnungen der Minister waren einfache, mit 
Stroh bedeckte Holzhäuser; aber iomier in der Provinz Yamato. 
Als man schließlich das Unbequeme einer unbestimmten Residenz, 
die manchmal ein einfaches Dorf war, allzusehr empfand, wurde Nara 
zur Hauptstadt erhoben und blieb es von 709 bis 784. Schließ- 
lich war auch diese Lage zu unbequem, und die Residenz wurde 
nach ^ 4K Kioto „Hauptstadt'^ verlegt und blieb es bis zur großen 
Reform Japans im Jahre 1868. 

Alle die hundert unabhängigen Lehensstaten hatten dieselben 
Sitten, Gebräuche nnd überlieferten Gesetze, dasselbe soziale Leben. 
Die Japaner bauten schon damals Reis, Hanf, Bohnen^ pflegten 
Maulbeerbäume, zogen Seidenwürmer und machten schöne Gewebe 
aus Seide und Hanf. An Kostbarkeiten brachten Japan Perlen, 
grüne Onyxe, Ocker u. s. w. hervor. 

Das Klima lobt der Gesandte als mild und angenehm und war 
als Nord-Chinese ganz erstaunt, daß die Gemüsepflanzen im ganzen 
Winter draußen blieben und noch gnt gedeihen konnten. 

Er behauptet, daß Japan weder Ochsen, noch Pferde und 
Schafe besitze, was allerdings sonderbar klingt. Ebenso wenig gab 
es im Lande weder Tiger noch Panther, welche doch in Korea und 
im Nord(m Chinas damals noch zahlreich waren. 

Das Land besaß prächtige Wälder, welche die zahlreichen 
Berge und große Strecken der Ebene bedeckten. Denn damals 
war Japan noch nicht so dicht bevölkert wie die Ebene von Ho- 
nan, woher der Gesandte kam. 

Die Soldaten hatten Lanze und Schild und zeigten sich sehi* 
geschickt im Gebrauche ihrer Pfeile, welche aus Bambus hergestellt 
waren, Spitzen von Eisen oder Knochen hatten und gefährliche 
Wunden verursachten. 



— 10 — 

\ Das Tätowieren wai* damals sehr verbreitet. Der ganze Kör- 

per war mit verschiedenen Figuren, Zeichnungen, Bildern und 
Abzeichen bedeckt. Die tätowierten Zeichnungen waren mit großer 
Kunst und nach ganz bestimmten Kegeln hergestellt. 

Waren die tätowierten Zeichnungen Unks oder rechts, größer 
oder kleiner, so erkannte man allsogleich den gesellschaftlichen 
Rang des Individiums, seine Würden und Großtaten; diese Zeich- 
nungen aul dem Körper waren gewissermaßen das Wappen. 

Auch die Kleider der Japaner fielen dem Gesandten sehr auf. 
Seit den ältesten Zeiten trugen die Chinesen lange Talaro, welche 
sie an der rechten Seite zuknöpften. Alle Leute, die nicht so ge- 
kleidet waren, selbst wenn sie auch nur links ihre Kleider zuknöpften 
galten ilmen als Barbaren. Nun aber weiß der Gesandte die 
merkwürdige Tatsache zu berichten, daß die Japaner gar keine, 
Knöpfe gebrauchten, sie warfen vielmehr ihre Kleider, welche sack- 
förmig zugenäht waren, durch das in der Mitte befindliche Loch 
einfach über den Kopf, auch gingen die Nähte der Kleider nicht 
horizontal, sondern transversal. Ihre Winterkleider waren gut wat- 
tiert und glichen waluen Bettdecken, welche eng am Leibe lagen. 
Männer und Weiber tragen dieselben Kleider. Aber während die 
Männer ihre Haare in einem Strang auf dem Wirbel zusammenraffen, 
lassen die Frauen ihre Haare frei herabfallen und im Winde wehen. 
Die Japanerinnen sind berühmt durch ihren reichen Haarwuchs ; 
sie tragen wahre, für die Kämme undurchdringliche Haarwälder. 
Sie sind stolz auf diesen ihren Haarwuchs und pflegen ihn mit der 
größten Sorgfalt. Jetzt lassen sie zwar ihr Haar nicht mehr im 
Winde flattern, bauschen es aber derartig auf, als wenn die Haar- 
masse auf dem Kopfe keinen genügenden Platz hätte. Die Poeten 
und dichterisch veranlagten Männer geraten aber beim Anblicke eines 
so überreichen Haarwuchses in eine ebenso große Begeisterung, wie 
die chinesischen Poeten beim Anblicke eines zierlich gebundenen, 
rot und grün bequasteten Weiberfußes. Multa licent stultis, pictori- 
bufi acu poetis. — Während die Männer sich tätowieren, verzieren 
sich die Frauen mit Ock(M\ 

„Die Eltern und verheirateten Söhne wohnen nicht in demselben 
Hause", schreibt der Gesandte ganz erstaunt, weil ihm dies wie eine 
Häresie vorkommen mochte. Nach alter Chinesenart bleiben alle 
Söhne und Nachkommen auch jetzt noch beisammen, um so ihren 
Eltern ihre Pietät besser bezeigen zu können. Nun kennt man 
wohl die großen (-beistände, welche ein so nahes Zusammenwohnen 
verursacht, aber man hält an den alten Gewohnheiten fest. Einzig 



~ 11 — 

das Königreich von JK Ts'in hatte verboten, daß verheiratete Söhne 
mit den Eltenn zusammen wohnten und zwar einzig in der Absicht, 
mehr Geburten zu erhalten. 

Obwohl Japan zu jener Zeit nocli keine eigentliche Hauptstadt 
besaß, so hatte es doch wahre Städte, große Marktflecken, deren 
Häuser aber insgesamt aus Holz gebaut und mit Schilf oder 
Stroh bedeckt waren. 

Während in China seit den ältesten Zeiten die Männer und 
Weiber sti'eng geschieden sind, oft die Eheleute nicht einmal mit- 
einander essen, niemals ein Mann öffentlich ein Weib anreden darf, 
fand der Gesandte in Japan vollständige, ungebundene Freiheit in 
dieser Beziehung. Die Frauen gingen frei und unbehindert überall 
herum, selbst die öffentlichen Wirtshäuser konnten sie inmitten der 
Männer besuchen. 

Die Chinesen rühmen sich ihrer Stäbchen, mit denen sie die 
Speisen geschickt erfassen und zum Munde führen, gleichwohl aber 
dabei oft ein sehr unangenehmes Geräusch verursachen. Nun be- 
merkte der Gesandte mit Abscheu, wie diese Wilden ohne Stäbchen, 
mit ihren bloßen Fingern essen: natürlich dankte er seinen gött> 
liehen Ahnen, in China geboren zu sein. Die Stäbchen zum Essen 
datieren in China seit dem alten, kaum historischen Kaiser jjKfi J| 
Schen-nung, lange vor 2000 vor Christus, (cf. '^ ^ $^jfy ^ ^ 
rol. pag. 20. Dieses Werklein giebt die Zeit der Einführung 
der verschiedenen Instrumente und Handgeräte an. Es ist ein 
treffliches Compendium größerer ausführlicher Werke.) Tische und 
Stühle kannten die Japaner damals auch noch nicht, obwohl sie 
kleme Untersetzer für Gefäße und Speisen kannten. Sie setzen 
sich noch auf Matten und legten, um einen Gast zu ehren, mehrere 
übereinander um den Sitz des Gastes zu erhöhen, also noch ganz 
wie in China zur Zeit des Konfuzius (551 — 477). Aber unter der 
Dynastie der Han, d. h zur Zeit unseres Gesandten, waren in China 
die Tische und Stühle schon ganz verbreitet, man besaß selbst schon 
Lehnstühle und bequeme für die Arme ausruhende Stützstühle. 
Trotz aller Kenntnisse der Stühle haben die Japaner bis jetzt an 
ihren Matten festgehalten. Die Fortschritfcler natürlich haben jetzt 
seit Jahren Stühle und Tische und wünschen, die Regierung möge 
mit den Matten aufräumen und die Stühle einführen. Sie glauben 
nämUch, die kleine unansehnliche Statur der meisten Japaner rühre 
von den Matten her und würde sich mit den Stühlen mehr entwickeln. 

Der Gesandte berichtet weiter: Alle Japaner groß nnd klein 
gehen immer barfuß. Wollen sie einen Gast besonders ehren, so 



^ lö - 

setzen sie sich naoh Tartarenart mit gekreuzten Füßen. So wie die 
Chinesen haben auch die Japaner Reiswein, eine Art alkoholhal- 
tiges Getränk, welches aus einer besonderen Art Reis hergestellt 
wird und sehr beliebt ist. Der Gesandte war sehr erstaunt, soviel 
neunzig- und hundertjährige Greise zu sehen und schloß daraun. 
daß das Klima von Japan gesund, die Lebensweise der Japanei 
vernünftig sei. 

Ebenso sehr war er verwundert über die große Anzahl ber 
Frauen, welche or für bedeutend höher hielt als in (-hina. Die 
Vielweiberei herrschte auch in Japan: größere Herren, sagt er, 
haben an die vier bis fünf Weiber, kleinere haben deren nur zwei 
bis drei. „Und was bemerkenswert ist, die japanischen Weiber 
sind sehr keusch und eingezogen, selbst die Eebsweiber sind nicht 
untereinander eifersüchtig,** schreibt der Gesandte. Wahrscheinlich 
hat ihm dies ein hoher Herr aufgebunden; denn die Japanesinnen 
haben wohl nicht gerade einen so glänzenden Ruf. W^o in aller 
Welt giebt es Kebsweiber, welche nicht eifersüchtig sind? 

Während Pankou unn eben gesagt, daß die Japaner Diebe, 
liallunken und freche, anmaßende Kerle seien, so behauptet hinge- 
gen dieser Gesandte, die Japaner seien aufrichtige, einfältige, wahreits- 
liebende Leute und fügt hinzu, es gebe fast keine Diebe im Lande. 
Die zwei sich scheinbar so wiedersprechenden Aussagen lassen sich 
dadurch erklären, daß Pankou hauptsächlich die handeltreibenden 
Küstenbewohuer- im Auge hatte, während der Gesandte von den 
einfachen Leuten im Innern spricht, welche mit der Außenwelt gar 
keinen Verkehr haben. Zwischen diesen ist ja der Tuterschied 
überall sehr groß, nicht nur in Japan. Die Küstenbewohner hatten 
üblen Ruf und scheinen ihn gar sehr verdient 7u haben. 

Da die Japaner noch nicht schreiben konnten, so besassen sie 
keine Klassiker, keine Gesetzessammlung, sie hielten aber strenge 
an die überlieferten alten Gesetzesvorschriften. Übertrat jemand diese 
uralten Überlieferungen, so nahm ihm die Obrigkeit zur Strafe Weib 
und Kind; beging jemand ein größere» Verbrechen, so zog die 
Obrigkeit sein Besitztum ein. 

Wenn Jemand stirbt, so behält man den Leichnam noch etwa 
zehn Tage im Hause, während welcher Zeit alle Verwandten 
weinen und weheklagen über den Verlust. Während dieser Zeit 
der Trauer ist es ihnen nicht erlaubt. Fleisch zu essen oder Wein 
zu trinken, noch Musik zu machen oder sich zu belustigen. 

Um das Los zu befragen über den Ausgang eines Unternehmens, 
legte man Knochen in« Feuer und las dann die Zukunft in den vom 



— 18 — 

Feuer verursachten Ritzen und Sprüngen. Die Chinesen hatten 
und haben jetzt noch etwas Ähnliches, nur bedienen sie sich dazu 
ausschließlich der Knochen von Schildkröten. 

Was dem Gesandten aber besonders auffiel unter den ver- 
schiedenen Gebrauchen Japans, war der ^ ^ Tsch'en-chonai: „A%v Gei- 
sel des Glückes'^. Von so etwas hatte er in seinem Leben noch nie 
gehört, noch nie gelesen. Die Sache bestand darin: Unternahmen 
die Japaner etwas Wichtiges, einen Krieg, eine Reise, ein wichtiges 
Handelsgeschäft, eine Seefahrt . . ., so nahmen sie einen Geisel des 
Glückes mit sich. Dieser Mann durfte sich weder waschen, noch 
baden, nicht kämmen, noch das Ungeziefer seines Körpers töten, 
weder Fleisch essen noch Wein trinken und zumal kein Weib an- 
rühren. Seine einzige Pflicht war, zu fasten, sich abzutöten und 
seinen Lieblingsgott zu verehren und von diesem einen glücklichen 
Ausgang des Unternehmens zu erflehen. 

Gelang das Unternehmen gut, so hatte der Glücks-Geisel sei- 
nen bestimmten beträchtlichen Anteil und wurde reichlich belohnt; 
war der Ausgang ein übler, so mußte der Geisel es entgelten. 
Brachen Krankheiten auf der Reise aus, gab es Stürme oder andere 
Gefährlichkeiten, so fiel die ganze Gesellschaft über den Geisel 
her. ».Der Kerl ist ein Heuchler, er hat nicht gefastet, obwohl er 
sich so verstellte; er hat geheime Vorbrechen begangen, welche 
die Götter nun rächen wollen, er ist ein dem Himmel verhaßtes 
Subjekt; nur drauf los." So wui-do der Geisel mörderisch durch- 
gehauen, nicht selten war die Wut über des Mißlingen das Unter- 
nehmens so groß, daß er zu Tode gebracht wurde. 

Die Gesandtschaft, welche von den sogenannten Lehensfürsten 
den Tribut an den Kaiserlichen Hof überbrachte, wurde gewöhn- 
lich aufs beste empfangen und reichlich belohnt. Nach alter Sitte 
gab der Kaiser den Zehnfachen Wert der dargebrachten Geschenke 
alls Gegengeschenk; überdies erhielt der Gesandte einen chine- 
sischen hohen Ehrentitel. Dieses System hat den Chinesen mehr 
Land erobert als die Ki-iegsunternehmungen. Denn alle Pursten 
beeilten sich, mit China in Verbindung zu treten, um die reichen 
Geschenke zu gewinnen. Diese nahen Beziehungen zu China ver- 
breiteten chinesische Sitten und Gebräuche in den Lehensstaaten; 
chinesische Prinzessinnen wurden diesen Fürsten nicht ungern bewil- 
ligt. Nach einigen Hundert Jahren war der Lehensstaat eine reife 
Frucht und wurde eingeheimst. 

So war auch der japanische Gesandte mit kostbaren Gegen- 
geschenken wahrhaft überhäuft worden : er sollte beweisen, was für 



— 14' — 

ein reicher, großmütiger und gnädiger Herr der Kaiser von China 
sei. Der Gesandte wurde ziita öroßwürdenträger ^ ^ Ta-fn 
ernannt und mit den. kostbaren Abzeichen dieser hohen Würde 
geschmückt, welche in einem wertvollen Siegel bestand, das 
an einer prachtvollen Seidenschnur vom Gürtel herabhing, auf daß 
alle Welt die Auszeichnung bewundern könnte. Natürlich gab es 
keinen glücklicheren Menschen auf der Welt als diesen Gesandten. 

Dies^ erste japanische Gesandtschaft war aber nicht vom 
Mikado, sondern von dem mächtigen Daimyo von Kiushiu ^ %^ der 
südlichsten der vier großen Inseln, geschickt worden. 

Der Mikado zur Zeit jener ersten Gesandtschaft im Jahre 
57 war Sl t 5^ ^- Suinin-fepuw, (29 vor Christus bis 70 nach Chri- 
stus,) der elfte Nachfolger desJimmu nach der offiziellen japanischen 
Chionologie. Suinin baute den ersten Tempel zu ^ ^ Ise^ dem 
seitdem so berülunten Nationalheiligtum der Japaner. Auch der 
jetzige Mikado maclite nach Abschluß des russischen Krieges seine 
Wallfahrt zu diesem Heiligtume, um die Götter, d. h. Altvordern 
vom glücklichen Ausgange des Krieges zu benachrichtigen. 

Suinin war ein verständiger Kaiser; er erheß das Gesetz, daß 
mim fortan keine Menschenopfer beim Tode des Mikado oder eines Dai- 
myo darbringen dürfe ; und eriaubte, daß man dafür kleine Statuen aus 
gebranntem Lehm dem Toten mit ins Grab gebe. Für die Dum- 
men war das keine üble Erfindung. Aber gleichwohl waren die 
Menschenopfer noch nicht für immer abgeschafft, ebenso wenig 
wie in China. 

Bald darauf waren Kriege gegen die wilden Kumoso auf der 
Insel Kiushiu ; kaum waren diese beendet, brachen Kriege mit den 
Ainos aus. Der Daimyo von Kiushiu hatte also trotz allen Verlan- 
gens keine Gesandtschaft mehr nach China senden können, um dem 
.,Sohn des Himmels*^ seine Aufwartung zu machen. Alles, was der 
Daimyo von seinem Gesandten gehört, und was er an dem chinesi- 
schen Gesandten bemerkt, erregte aufs äußerste seine Begierde, 
solch ein Wunderland wie China mit eigenen Augen zu sehen: fast 
glaubte er nicht alles, was sein Gesandte ihm erzählte. Er wollte 
sich überzeugen und mit eigenen Augen den so glänzenden Kai- 
serhof, die zahllosen überreich bevölkerte« Städte und Märkte sehen, 
sehen die aus Steinen oder gebrannten Ziegeln gebauten Häuser, 
wovon man in Japan noch keine Ahnung hatte. Und in der Tat 
unternahm der mächtige Daimyo im Jahre 107 diese Reise. 

Grade saß 58? W Ngan4i (107 — 126), ein tüchtiger Kaiser, auf 
dem Throne von China und konnte somit dem japanischen Fürsten 



15 



eine liohe Idee von ('hina einfiöüen. Die Hauptstadt war i^ 
Lo-yang in der fruchtbaren Ebene der Provinz fgf '^ Ho-nan. 
Diese blühende Stadt, das ganze Webiet, das ganze durchreiste Land 
mußten den tiefsten Eindruck auf den Japanerfürsten machen ; dieser 
fand gewiß mehr, als die stärkste Einbildungskraft^ ihm vorher aus- 
gemalt liaben mochte, im Vergleich zu den Chinesen waren da- 
mals die Japaner nur Wilde; und man kennt ja das wunder- 
bare Erstaunen der Wilden, wenn sie in ein zivilisiertes Land 
kommen. . . . 

l)ei' Daimyo wurde vom Kaiser aufs glänzendste und feierhchste 
empfangen: auf solche Paradestücke verstehen sich die Chinesen. 
Er erwies dem Kaiser die tiefsten Ehrenbezeugungen. Als Geschenke 
brachte er ihm die kostbai-sten Schätze seinem Landes, von denen die 
chinesisch. Geschichtsschreiber nur die 1 60 $J U ^cheng-kou, d. h. Skla- 
ven erwähnen. Die Sklaverei blühte also damals in Japan, ja sie war so 
eingefleischt, daß die mächtigsten Herrscher Jahrhunderte lang nicht 
vermochten, diese Einrichtung abzuschaffen. Nicht nur Ausländer fing 
man ab, um sie zu Sklaven zu machen^ Japaner fingen Japaner 
und verwendeten sie als Sklaven. In China gab und gibt qs auch 
jetzt noch Sklaven, aber mehr geheim, mehr vereinzelt^ .memals 
war Sklaventum eine chinesische Staatseinrichtung, Dedh9lb war 
man so erstaunt, und jenes Ceschenk von Sklaven wurde als höchst 
denkwürdig in den Annalen verzeichnet. Die Sklaverei sollte noch 
Jahrhunderte lang f(^rtdauern, im sechszehnten Jahrhunderte blühte 
sie wohl mehr als jemals. Wir werden sehen, wie die Japaner in 
jener Zeit in ( -hina wahre Sklavenjagden machon, ähnlich denen, 
welche die Araber in Afrika vollführen. 

Der Daimvo von Kiusliiu wurde natürlich vom kaiserlichen 
Hofe ganz verhätschelt, ujn ihn und seine Nation ganz für China 
zu gewinnen. Er erhielt möglichst hohe Titel und Würden mit 
den glänzendsten Abzeichen derselben, wozu in jener Zeit schöne, 
kunstreich verzierte Siegel gehörten. Die höchsten Würden hatten 
echt goldene Siegel, welche nicht selten an die zehn Zoll groß waren 
und einen bedeutenden Geldwert darstellten. 

Die wiederholten Besuche der Japaner in Korea und China 
machten sie mit den Staatseinrichtungen des so glorreichen Kaiser- 
reiches bekannt. So kam es, daß der dreizehnte Mikado ^JSStJi 
^ SeirnU'tenno (181 — 191) nach dem Beispiele Chinas das ganze 
Reich in zweiunddreißig genau begrenzte Kuni oder Provinzen ein- 
teilte, welche wieder in kleinere Bezirke geteilt wurden. Jeder 
Bezirk hatte seinen verantwortlichen Beamten, weiche insgesamt 



— le- 
dern Statthalter der ganzen Provinz unterstanden. So kam mehr 
Ordnung und Klarheit iu die Verwaltung. 

Im Jahre 199 hatte der vierzehnte Mikado '(iji ^ ^ J| Chu-ai- 
tenno wieder Krieg gegen die wilden Kumaso auf der Insel Kiushiu. 
Nachdem der Sieg über diese Empörer davongetragen, verlangte 
die siegreiche Armee, auf Anstiften der Königin Jingo, nach Korea 
geführt zu werden. Da der Mikado nichts von solcli einem Ejriegs- 
unternehmen in ein fremdes Land wissen wollte, starb er plötzlich 
bald darauf. ,,Der Himmel hatte also gesprochen'' und das Unter- 
nehmen gutgeheißen. Die nunmehr allmächtige Königin Jingo 
setzte mit der Armee nach Korea über und schlug mit Hülfe des 
tüchtigen Generals Tekenouchi die Koreaner. Natürlich war dies 
nur ein gesuchter und glücklich ausgeführter Raubzug, welcher 
viel Beute und Reichtümer an die armen Japaner brachte. Jingo 
wurde darum sehr populär und vom ganzen Lande gefeiert. 

Die Chinesen nennen diesen weiblichen Mikado 1^ JM 1^ Pei- 
mi'hou und machen aus ihr eine Jungfrau, eine Art Amazone, d. 
h. sie verheiratete sich nicht mehr, um ihre Freiheit ganz und voll 
zu genießen. Sie hatte tausend Frauen zu ihrem Dienste in ihrem 
Palaste, wohin niemals ein Mann zur Audienz zugelassen wurde. 
Sie übersandte ihre Befehle und Verordnungen an die Großen ihres 
Reiches durch ihren Tischdiener. Ihr Palast hatte mehrere Stock- 
werke nach Art der Pagoden. Eine königliche Wache hielt auf 
strengste Disziplin, so daß dieser Amazonen-Palast über allen üblen 
Verdacht erhaben war. Jingo war eine grolle Zauberin, der alle 
Geister zu Dienste standen. 

Im Jahre 218 kam der geleln-tc Koreaner pjf ^ (ij^ Achiki 
nach Japan, oder vielleicht haben ilm die Japaner nach ihrer Expedi- 
tion mit heimgenommen, um den Japanern die chinesische Schrift 
und Litteratur zu lehren. Er fand aber wenig Anklang bei diesen 
Insulanern, welche ein solches Studium zu mühsam und zu trocken 
fanden. Est später, d. h. nach einigen Jahrhunderten, sollte es an- 
ders werden. Unter der Dynastie der J^ Tawy (618—906) werden 
die Japaner mit einer wahren Wut OhinoHiseh lernen. 

Während Japan unter die-ser Semiramis (201—246) sich des 
Friedens erfreute, verfiel die große Dynastie der Han in Luxus 
und Wohlleben. Die Regierung befand sich in den Händen der 
zahlreichen Kebsweiber und Eunuchen, die natürlich bald abgewirt- 
schaftet hatten. 



Drittes Kapitel. 

China und Japan unter der Dynastie 

Ü Wei (220—264). 

Jingo's ßesandtschaft. Revolution. Die äreizehnjälirige I-yfi 




jach dem Falle der groben Dynastie Han zerbröckelte (-hina 
in eine Anzahl von größeren oder kleineren Staaten. Da 
der wilde Krieger f ^ Tsau-tsuu sich in den Besitz 
der alten Hauptstadt jfj ^ Lno-i/ang gesetzt und den größ- 
ten Teil des nördlichen Chinas j^ich unterworfen hatte, nahm er den 
Kaisertitel an, obwohl es ihm trotz aller Anstrengung nicht gelang, 
das ganze Reich zu unterwerfen. Vielmehr waren die Könige ^ 
^ U'Siiin^ d. h. die mächtige Familict ^ Suni, als Herren des alten 
Königreiches V im Kiang-nan, weit miiihtigcn* als Tsau-tsau und 
die von ihm gegründete Dynastie Wei, deren Armeen sie fast 
in allen Schlachten schlugen. 

In Japan kannte man wahrscheinlich nicht den wahren Zustand 
in China und vermeinte, es sei nur eine teilweise Revolution. Kurz, 
Jingo, der weibliche Mikado, die glorreiche Herrscherin von Japan, 
schickte im Jahre 288 eine feierliche Gesandtschaft an f| ^ 1^ 
WH-ming-di (227 — 240), den Sohn und Nachfolger des famosen 
Tsau-tsau. Die Gesandtschaften nahmen damals und durch mehrere 
Jahrhunderte ihren Weg über Korea und beigaben sich nach Luo- 
yang; denn für sie war der Herrscher der alten Hauptstadt Kaiser 
von China, da ja auch wirklich die nördliclien Provinzen, durch 
welche die Gesandtschaften kamen, dem Hause Wei unterthan waren. 

Unter den kostbaren Geschenken, welche die japanisclie Ge- 
sandtschaft überbrachte, werden zehn Sklaven, (vier Männer und sechs 
Frauen) wieder ausdrücklich angeführt, ohne daß man die anderon 

Japantt Beiciehim^^eu zu ('hina 2 



— 18 — 

Geschenke erwähnt. Diese Sklaven waren etwas Seltenes in China, 
mußten aber dem kaiserlichen Hofe besonders Wohlgefallen, da man 
fortfährt, ihm solche Geschenke darzubringen. 

Ming-di war natürlich hochbeglückt über diese Gesandtschaft, 
welche ihn und nicht seinen mächtigen Nebenbuhler in Eiang-nan 
besuchte. So empfing er dieselbe in feierlicher, pomphafter Audienz, 
um den ganzen Reichtum und den Glanz seines Hofes entfalten 
zu können. Der Kaiser belobte und beglückwünschte vor seinem 
ganzen Hofe die hehre Herrscherin von Japan, welche ihre Lehens- 
pfiicht nicht vergesse, trotz der so großen Entfernung, welche beide 
Beiche trenne. Auch dem Gesandten und seinem Gefolge sprach 
er seine Zufriedenheit aus, daß sie ihrer Herrscherin demütigst ge- 
horsam eine so lange und beschwerliche Reise zu unternehmen sich 
nicht gescheut. Er lud sie ein, sich nun auszuruhen, indem er 
ihnen versprach, daß man alles mögliche tun w^erde, um ihnen den 
Aufenthalt in China angenehm und nützlich zu machen. 

In der Tat blieben die Gesandtschaften nicht nur Monate, 
sondern nicht selten ganze Jahre lang im Lande, um alle Einrichtungen 
zu studieren. Dies war zumal bei den chinesischen Gesandten, 
welche nach Japan gingen, gewöhnlicli der Fall. Den Japanern 
mochte es in China gewiß Wohlgefallen, denn als Gäste des Kaisers 
wurden sie überall gut aufgenommen, mit Ehren überhäuft und 
aufs beste bewirtet und verpflegt. 

Vor der Abreise der Gesandtschaft ernannte der Kaiser die 
Jingo zur R H 6^ 3E : zur IVeundin und Anverwandten des kaiser- 
lichen Hauses Wei, d. h. er adoptierte sie, erkannte sie als ein 
Mitglied seiner Familie an. Eine größere Ehre war denn doch nicht 
denkbar. Dieser hohe Ehrentitel war auf ein goldenes, großes Siegel 
eingegraben, welches der Kaiser mit zahlreichen andern Geschenken 
an die Jingo sandte. 

Der Gesandte und die hohen Herren seiner Begleitung wur- 
den gleichfalls durch Ehrentitel des kaiserlichen Hofes ausgezeichnet, 
welche auf kostbaren silbernen Siegeln eingegraben waren. 

Um den Reichtum und Überfluß aller Kostbarkeiten seines 
Reiches zu zeigen, sandte Ming-di als Gegengeschenke eine beträcht- 
liche Menge Goldes, Silbers und Kupfers, sowie viele kostbare, 
fünf chinesische Fuß lange Schwerter, ausgesuchte, seltene Per- 
len von großem Werte, die feinsten Seidenzeuge und Staatskleider. 
Kurz, die prächtigen Gegenstände waren überaus kostbar und zahlreich. 
Der Gesandte und sein Gefolge wurden auch, ein jeder nach seinem 
Range, wahrhaft kaiserlich beschenkt. 



— 19 — 

Der chinesische Gesandte, welcher den Gegenbesuch machen 
sollte, ging mit der japanischen Gesandtschaft zugleich ab, weil er 
ja sonst zu viel Schwierigkoiton gehabt, den Weg zu finden. Bei 
so entfernten Reisen war dies fast immer der Fall. Natürlich war 
auch er in Begleitung eines zahlreichen Gefolges und mit kostbaren 
Sachen zu Geschenken reich beladen. Denn Asiaten müssen Ge- 
schenke darbringen, um gut empfangen zu werden. 

Wie wir schon oben bemerkt, blieben die chinesischen Ge- 
sandten zuweilen lange Zeit, oft ein ganzes Jahr in Japan, um 
das Land gut auszuforschen und zu studieren. So lernte also auch 
jetzt wohl der chinesische Gesandte Japan gründlich kennen. Sein 
offizieller Bericht ist in der Geschichte verwertet worden. Es lohnt 
sich also der Mühe, einiges davon mitzuteilen. 

Zu jener Zeit, d. h. 239 nach Christus, gab es nicht mehr 
hwidert und mehr Daimyo, d. h. unabhängige, erbliche Lehensfür- 
sten in Japan, sondern- nur mehr an die dreißig. Mit den andern 
hatte also die tatkräftige Jingo aufgeräumt, wie dies ja in Japan 
Brauch war und wir es im Verlaufe der Geschichte noch öfter sehen 
werden. 

Der (lesandte klagt über die. allzu schlechten Wege, d. h. 
kleine, enge, holperige Fußpfade, welche durch zahlreiche, lange 
und dichte Wälder, dann über hohe und niedrige Berge führen, so- 
daß man tagelang bergauf und bergab reise. Auch in Ebenen mit 
bestem Pruchtbodeu stehen oft ausgedehnte Wälder, da die noch 
dünn gesäete Bcivölkerung fruchtbares Land im Überflüsse besitze. 
Die zahllosen Flüsse, groß und klein, die keine Brücken haben, 
bilden eine andere Schwierigkeit für die Reisenden, ja eine noch 
größere als selbst die Berge und Wälder. 

Bevor die Gesandtschaft zur Hauptstadt der Königin «Jingo 
gelangte, kam dieselbe durch die Staaten mehrerer großen Daimyo, « 
an deren Höfen sie ebenfalls gut aufgenonmien wurde. 

Der Gesandte war wiederum höchlichst erstaunt, daß die 
Japaner sich tätowierten. Auf seine Fragen erzählten ihm die 
Japaner, daß ihre Ahnen in grauer Vorzeit fast ausschließlich 
vom Fischfang gelebt, weil sie noch nicht verstanden hätten, 
Ackerbiu zu treiben. Als kühne Fischer schwammen sie mei- 
sterhaft im Meere, wurden aber nicht selten von Meeresungeheuern 
gepackt und verzehrt. Um nun diese Ungeheuer zu erschrecken 
und in die Flucht zu schlagen, fingen sie an, sich zu tätowieren 
und allerhand fürchterliche Gestalten auf ihi-e Haut zu malen. So 
gewannen sie Übung in der Kunst des Tätowierens; und was 

2* 



— 20 — 

zuerst nur Schutzmittel gegen die Meereaungeheuer war, wurde 
schließlich Mode zur Verschönerung des Körpers. 

Was ihr Altertum anbelange, behaupteten die Japaner, schon 
seit 2069 vor Christus mit den Chinesen in Verbindung getreten 
zu sein. Denn auch sie seien bei der großen Fürstenvereinigung, 
welche der Sohn des Kaisers 9 jR Schau-k'ami (2079-2057) in 
der Stadt ^ IR? Kuei-dji in der Provinz Tschc-kiang versammelt, 
zugegen gewesen. Daselbst haben sie den Sohn des Kaisers mit 
kurzen Haaren und tätowiert gesehen und daraus geschlossen, dies 
sei der höchste (Irad der Kultur, und infolgedessen ihn nächgeahmt. 

Die besagte große Fürstenversammlung ist sehr problematisch 
und unwahrscheinlich mit allem, was man davon erzählt. Wahr- 
scheinlich haben die japanischen (Gesandten in (yhina davon reden 
gehört, sowie von den alten tätowierten Völkern, welche ehedem 
den Kiang-nan und Tschekiang bewohnten, und daraus ihre Legende 
gebildet. 

Was den Prinzen ;^ fß Tä-bei^ den Gründer des Königreiches 
^ U und seine Nachkonmien betrifft, so behaupten die Japaner 
steif und fest, Tä-bei sei der Ahne ihrer Mikado und mehrerer 
großen Daimyo, da Prinzen des königlichen Hauses und viele 
Großherren sich im Jahre 470 bei der Zerstörung des Reiches nach 
Japan geflüchtet hätten. 

Wäre dies reine japanische Überlieferung, so wäre der Beweis 
in Verbindung mit der oben schon erwähnten chinesischen Tberlie- 
ferung wohl vollgültig. Aber leider scheinen es nicht zwei unab- 
hängige Quellen zu sein, sondern einzig chinesische l' herlief erung, 
welche die Japaner von chinesischen Gelehrten gehört haben. 

Ganz erstaunt war der chinesische Gesandte, daß die Japaner 

nicht nach Chinesenart sich ganz demütig vor ihren Vorgesetzten 

auf die Erde werfen noch niederknioen ; ebenso daß sie sich zum 

^Zeichen der Freundschaft und Verehrung die Hand geben K| ^ 

BuO'Schou. 

Außerdem erzählt der Ge^jandte, daß es in jenen östlichen, 
fernen Regionen ein Land und Königreich von Zwergen gebe, welche 
nur drei bis vier Fuß groß sind. Darin stimmt er mit vielen ande- 
ren Reisenden überein, welche von Zwergen, Riesen, einäugigen 
Menschen u. s. w. zu erzählen wissen. Fabeln mußten schon 
einige mit unterlaufen. 

Aber bei t/ eitern merhviirdiger ist, was die offizielle Geschichte 
Chinas erzählt. 1 :i Jahre 230 ging eine Flotte des Königreiches 
^ Ä U-suin nach J.tpan, um Soldaten zu werben, weil die Japaner 



— 21 — 

als tapfere, unerschrockene, todesmutige Soldaten bekannt waren. 
Es hatten sich mehrere tausend aut der Insel H^ j^ I-dschou an- 
werben lassen, die um guten Lohn nach dem Eiang-nan gingen, um 
an den unaufhörlichen Kriegen Teil zu nehmen. Das setzte voraus, 
daß derEiang-nan häufige Verbindungen mit Japan hatte und daß die 
beiden Länder sich kannten und Vertrauen zu einander hatten. 
Dieses historische Faktum stützt die oben erwähnten Überlieferungen 
von Auswanderungen nach Japan schon besser. 

Im Jahre 240 schickte der Nachfolger des Kaisers Ming-di 
eine Gesandtschaft nach Japan, um die alte Freundschaft zu erneu- 
ern, und wenn möglich noch zu befestigen. Er übersandte der Jingo 
und deren Bruder die höchsten chinesischen Ehrentitel mit den 
entsprechenden kostbaren Abzeichen. Dieser jüngere Bruder der 
Jingo unterstützte dieselbe in der Regierung und war der mut- 
maßliche Nachfolger auf dem Throne. Es war also wichtig, ihn für 
China freundlich zu stimmen. Auch die japanischen Minister und 
einflußreichen Herren des Hofes erhielten Ehrentitel und die ent- 
sprechenden kostbaren Siegel und Abzeichen. 

Als Geschenke wurden geschickt: die feinsten Seidenzeuge 
und kostbare Staatskleidcr, feinste Gewebe von kostbaren Ziegen- 
haaren, welche vom fernsten Westen nach China gekommen,*) pracht- 
volle Siegel, große kostbare Schwerter, welche den kriegeri- 
schen Japanern sehr willkommen waren, und andere kostbare 
Gegenstände. 

Bei der Rückkehr überbrachte der Gesandte nicht nur Gegen- 
geschenke, sondern selbst einen Brief, worin Jingo in den demütig- 
sten Ausdrücken ihren Dank aussprach. Nach diesem Zeugnis 
hätten also die Japaner die chinesische Schrift schon erlernt, wenn 
nicht der Gesandte selbst für die Königin den Brief geschrieben hat. 

Im Jahre 243 sandte Jingo eine Gesandtschaft nach China, um 
dem Kaiser aufs feierlichste zu danken, die gebührende Ehre zu 
erweisen und angemessene Geschenke darzubringen. Die Gesandt- 
schaft bestand aus acht hohen Würdenträgern des japanischen Hofes 
und einem entsprechend zahlreichen Gefolge. Als Gegengeschenke 
brachten sie eine Anzahl Sklaven (diese waren somit in China ge- 
nehm und willkommen), Seidenstoffe, kostbare w^ohlriechende Hölzer, 
welche man in China nicht kannte, Prachtexemplare von Bogen, 
Pfeilen und viele andere kostbare Gegenstände. 

Wie immer wurde die Gesandtschaft ungemein glänzend empfan- 
gen, aufs freundlichste bewirtet und fürstlich beschenkt, ja mit Geschen- 

*) Es handelt sich n\no hier um kostbare Stoffe aus Kaschmir, wie es scheint. 



— 22 — 

ken überladen. Im Jahre 245 schickte der Kaiser seinerseits eine Ge- 
sandtschaft nach Jamato, um zwei der höchsten Herren die Abzeichen 
der hohen Würde eines chinesischen ;^ ^ Da-fu zu überreichen. 
Zugleich überbrachte sie auch reiche, eines chinesischen Kaisers 
würdige Geschenke für die mächtige Königin und die einflußreichen 
Herren des Hofes. 

Bald nach der Rückkehr dieser (xc^sandtsohaft starb die Königin 
Jingo, welche die ('hinesen Bei-mi-hu nennen. Die Japaner schrei- 
ben ihr eine Regierung von neunundsechzig und ein Alter von 
hundert Jahren zu. Die chinesischen Geschichtschreibcr dagegen las- 
sen sie nur regieren sedisundvierzig Jahre; und darin haben sie 
wohl recht. Denn in China war man sehr genau und pünktlich 
im Aufzeichnen geschichtlicher Tatsachen, und schon seit den älte- 
sten Zeiten war ein eigenei Beamter dafür angestellt. Diese Auf- 
zeichnungen eines jeden Tages wurden im sorgfältig verwahrten 
Archive niedergelegt. Die Japaner dagegen haben erst später ihre 
Geschichte geschrieben. 

Man errichtete der großen Herrscherin ein würdiges Grabmal 
nach chinesischer Art, indem man viel Erde zusammentrug, um 
einen künstlichen Hügel zu machen. Auch kam man wieder zu 
den schon verbotenen Menschenopfern zurück. Hundert Sklaven wur- 
den lebendig mit ihr begraben. Die berühmte Königin ist unter die 
Götter versetzt worden und trägt als Göttin den Namen Kashi> 
Daimyo-jin. 

Als ihren Nachfolger bezeichnen die chinesischen Geschichtsschrei- 
ber einen männlichen Mikado, w^ahrscheinlich ihren jüngeren Bruder, der 
auch schon zu ihren Lebzeiten das Staatsruder geführt hatte.*) Aber 
der neue Mikado nahm seine Würde allzu ernst und spielte den 
allmächtigen Autokraten. Das gefiel den mächtigen Daimyo natür- 
Hch nicht. Es kam zu einer Revolution und einem mörderischen 
Kriege, der viel Blut und Menschenleben kostote. Schließlich einig- 
ten sich die Parteien, um die dreizehnjährige Prinzessin ^ 51 
I-yü, eine Schwester der Jingo, auf den Thron zu erheben. So 
blieben die großen Lehensherren eigene Herren und Meister. Die 
Daimyo liebten solche ohnmächtige, unfähige, nur den Namen 
tragende Mikado, um selbst unabhängig zu bleiben. Wohl in der 

\^ In den japanischen (feRchichtstafeln regiert Jingo (201 — 269), dann 
folgt ihr Sohn 0-jin (270—310), der ebenfalls 110 Jahre alt, dann unter die Götter 
versetzt >vurde. (cf. Papinot p. 151 „O'jin".) Wie wir schon bemerkt, sind dir 
chinesischen Geschichtsschreiber glaubwürdiger. Bei den so intimen Beziehun- 
gen zu Japan war China ohne Zwoifel auf dem Laufenden. 



— 23 — 

Geschichte keines Volkes findet man soviel Kinder auf dem Thron, 
wie in Japan. 

Schon im Jahre 247 schickte die neue jugendliche Königin, 
d. h. ihre Partei, eine Gesandtschaft nach China, um dem Kaiser, 
als obersten Lehensherren ihren Respekt zu bezeigen und die 
üblichen reichen Geschenke darzubringen. Denn sie fühlte wohl, 
daß sie bei ihi'er Schwäche des Schutzes des mächtigen Kaisers 
bedürfe. Nichts konnte dem chinesischen Hofe erwünschter sein, 
als sich unter einem so schönen Voi'wande in die Angelegenheiten 
Japans mischen zu können. China schickte einen Gesandten, welcher 
Lyü belohnte und offiziell zum Mikado erkläi*te. 

Dank dem so großen Ansehen Chinas war alles nach Wunsch 
geglückt, und Lyü schien auf dem Thron befestigt. Sie beeilte sich 
daher, eine neue Gesandtschaft nach China zu senden, um dem Kaiser 
für seine Güte und wirksame Hilfe zu danken. Zwanzig Großfürsten 
des Hofes mit einem entsprechenden Gefolge umfaßte diese Dankes- 
Gesandtschaft der jungen Königin, welche hierdurch ihren Höflingen 
zugleich Gelegenheit bieten wollte, reich beschenkt zu werden. Ja, die 
Herren der Gesandtschaft machten außerdem noch sehr gewinn- 
reiche Handelsgeschäfte, indem sie japanische Waren in China 
teuer verkauften, die chinesischen billig erstanden, um solche 
dann in Japan teuer loszuschlagen. Es war also nicht nur eine 
große Ehre, Mitglied der Gesandtschaft zu sein, sondern auch die 
beste Gelegenheit, sich zu bereichern. Wie wir sehen werden, 
bestanden später die japanischen Gesandtschaften aus fünfhundert 
bis sechshundert, ja bisweilen aus tausend Mitgliedern. 

Als Geschenke übersandte die junge Königin unter anderen 
kostbaren Gegenständen dreißig Sklaven, Männer und Weiber zu- 
sammen, und fünftausend kostbare, in China sehr gesuchte weiße 
Perlen, 



Viertes Kapitel. 

China und Japan unter der Dynastie 
« Dsin (26S— 420). 

Sema-dschan in China. 0-jin in Japan, Berichte der Gesandten 
über Japan. Koreas wachsende Bedentnos;. 



hattPii in (.'hina dieOrÜDdei' und ersten Herrecher 
nastic vifl mit (xo^nprii zu kämpfen, um wich 
Throne zu behaupten. Sie hatten keine Zeit, 
in trügen Wohlleben hinzugeben. StetfB Ringen 
und Knmpfen stählte iliren Geist und Körper. Darum waren sie 
auch (turchgclieiida tüchtige, bvtkräftigc Männer, [hre Nafhfolger, 
die sich auf dem Thron sicher sahen, ergaben sich im Laute der 
Zeiten nicht eeiten einem wollüstigen l.pben, Sie liebten es, grollen 
Luxus zu eutfalton, fast götthcho Ehre sich erweisen zu lassen 
und ihre kostharo Zeit mit den zahlreichen Konkubinen zu vergeu- 
den. Dadurch ieffCen sie den Grund ztiiii l'ntergange ihrer Dynastie. 
So ging's iiuch mit der Dynastie H iiei. H X 1fr WH-yiian- 
di ('Jfid — 2fi-l) wurde im Jahre 2(14 von seinem fiPhensherrn, dem 
grollen ^ .^flg Se-ma-dfckoii beiseite geschoben. Dieser setzte 
sich selbst nnf den Thron. I-Ir gab seiner Dynastie den \ameii 
Dsin, weil <(r ^ ^ ]h'm-waH(i, d. h. (iroli-Vasall vom fjehen 
Dsin geweseil war. Er regierte bis 290 und ist der einzige wür- 
dige KeiTsclier dieses (ipschlechtes, das bis 4'20 auf dem Throne 
saß, J)er Süden Chinas wstr eiolert, Nanking zur Hauptstadt 
des Kelches erwülilt worden, aber ohne da(l mehr Tätigkeit und 
Verständnis in der Regierung des Reiches sich geltend machten. 
Der allps zersetzende Buddhismus wurde eingeführt und verdarb 
den Hof, zumal die Weiber, noch mehr. Kurz, die ("ieschichte 
dieser Dvuastie ist hiichst widerlich. 



— 25 — 

In Japan gab es auch Yeränderungen, um nicht zu sagen 
Revolutionen. ^ H l-yU ist entweder gestorben oder ha"; abgedankt, 
um jm jp|l O'jin auf den Thron zu bringen. Wollte man in Japan 
jemanden den Thron sichern, so dankte man ab : dann wußte das 
Volk nicht, oh noch der alte oder der neue Mikado herrschte und 
es gewöhnte sioli, ruhig zu bleiben und die Sachen gehen zu 
laßen. 0-jin war der Sohn der famosen Jingo und regierte bis 
310. Er war ein tatkräftiger Herrscher. Weil er viele glückliche 
Kriege geführt, wurde er nach dem Tode unter die Götter versetzt 
und unter dem Namen Hachiman als Kriegsgott verehrt. 

Im Jahre 266 kam eine neue Gesandtschaft von Japan nach 
China an den Hof der Dsin. Nach alter chinesischer Sitte und 
Politik wurde die (lesandschaft aufs beste empfangen, und die 
freundlichen Beziehungen zwischen den zwei Staaton dauerten fort: 
China war der mächtige, gütige Lehensherr, Japan der ergebenste 
Diener, der in diesem seinem Dienstverhältnisse den sichersten Vor- 
teil sah. 

Auch der Kaiser der Dynastie Dsin sandte einen Großfür- 
sten nach Japan, um den Mikado zu begrüßen und um das Land 
zu studieren und auszuspionieren, wie die chinesischen Gesandten 
es immer taten. ^Was wäre zu tun, wenn Schwierigkeiten mit die- 
sem Staate entständen? wie und auf welchen Wegen wäre anzu- 
greifen?^ waren immer Fragen, welche der Gesandte zu beantwor- 
ten hatte. 

Die Berichte der Gesandten der Dynastie Dsin bestätigen die 
Überlieferungen der Japaner, welche behaupten, ihre Könige stam- 
men vom ^heiligen^ |f| fß Tä-hei und seien 470 vor Christus nach 
Japan gekommen; ferner dah die Japaner schon 2069 in '^ ^ 
KuH'dji mit den Chinesen freundschaftliche Verbindungen gehabt. 
Kurz, sie rühmen sich chinesischer Freundschaft, chinesischer Bil- 
dung und sogar chinesischer Abstammung. 

Wiederum finden wir den chinesischen Gesandten erstaunt über 
das Tätowieren der Japaner, die ihrerseits behaupteten, diese täto- 
wierten Zeichnungen auf dem Körper der Fischer erschrecke die 
Drachen und Meeresungetüme und jage sie in die Flucht. 

Der Gesandte bemerkt über die Hochzeiten der Japaner: 
^Niemals gibt man den Eltern der Braut Geld oder kostbare Seiden- 
stoffe, wie dies in China oft, zumeist in Kiang-nan, der Fall ist, 
wo die Eltern beim Verheiraten der Töchter ein gutes Stück Geld 
einstecken unb ihre Töchter gewissermaßen an den Meistbieten- 
den verkaufen. Ifichts dergleichen war Brauch in Japan. Dort 



— 26 — 

schenkt der Bräutigam der Braut neue ihrem Stande entsprechende 
Kleider: das ist alles". 

Der Bericht kommt auch auf die Särge der Toten zu sprechen 
und bestätigt, daß die Japaner ihre Toten in Särgen begraben, 
so wie die Chinesen, „^nv kennen sie noch nicht die Doppel-Särge", 
fügt er triumphierend hinzu. Die Japaner waren also noch nicht 
ins Innere der Lehre des Konfuzius vorgedrungen, da letzterer 
dicke Särge verlangt und die Vollkommenheit der Kindesliebe 
in Doppelsärgen erblickt, wie wir dies eines längeren im Leben 
des Konfuzius erörtert haben. 

„Kommen die Verwandten vom Begräbnisse zurück, so beeilen 
sie sich, ein Bad zu nehmen, um alle Unreinigkeiten, womit sie sich 
möglicherweise befleckt, ganz abzuwaschen.^ ^J^i^ Japaner haben 
keinen Kalender, somit keine Monate und Jahre, sondern bestimmen 
ihre Daten nach der Aussaat und der Ernte." 

Auch nach dem Berichte dieses Gesandten war die B^i-mi-hu 
oder Jingo eine mächtige Zauberin, in derem Solde alle Geister 
standen. Deswegen war sie auch in allen ihren Kriegen sieg- 
reich und im stände, die stolzen Daimyo zu bändigen. Die Lehen 
der allzu widerspenstigen Großen zog sie ein und reduzierte so ihre 
Zahl bis auf einige dreißig ; kurz, sie stellte die Vollmacht der alten 
großen Mikado wieder her. 

Unter dem fünfzehnten Mikado 0-jin sollen die Koreaner pBf |§[ 
1^ Ächiki und J ^ Wani, das Webe-, Schmiede- und andere Hand- 
werke nach Japan eingeführt haben. 

Dieser Achiki wurde schon oben erwähnt, wo von Jingo die 
Rede war. Übrigens machten die Japaner schon selbst die schön- 
sten Seidenstoffe, verstanden also die Weberei, ja sogar die Kunst- 
weberei, und brauchten somit keinen Lehrmeister im Weben. 

Auch die Kunst des Schmiedens kannten die Japaner schon, 
da sie fähig waren, gute Schlachtschwerter und Lanzen zu hämmern. 

Es ist also bei weitem wahrscheinlicher, daß besagte zwei 
gelehrte Koreaner eine große Anzahl chinesischer Bücher nach 
Japan eingeführt und das Studium des Chinesischen sehr befördert 
haben, wie andere Geschichtsschreiber berichten. Augenscheinlich ist, 
daß diese Volksbildner, wenn sie bemerkten, daß den Japanern ein 
Handwerk, eine Kunst mangelte, dieselben aus Korea einführten, da 
ja der Verkehr zwischen diesen zwei Ländern ein bequemer war. 

Korea bestand zu jener Zeit aus drei Staaten: 

1. Koma, auch "S j(f Bei-dsi genannt, im Westen; 



— 27 — 

2. Eudara, auch jR '^ K Kau-dpi-li genannt, im Norden ; 

3. Shiragi, auch ^ jH| Sin-luo genannt, im Osten, das somit 
der Nachbar, aber auch der Erbfeind Japans war, während Bei-dsi 
der gewönliche Bundesgenosse Japans war. 

Im Jahre 265 machte Japan wieder emmal eine Expedition 
nach Korea, um die Shiragi zu erinnern den ihnen von Japan auf- 
erlegten Tribut regelmäßig zu zahlen. China sagte nichts zu diesen 
Kriegsunternehniungen behufs Eintreiben des Tributes, wozu es 
als oberster Lehensherr allein das Recht hatte. China verst md und 
versteht zu schweigen, um die günstige Gelegenheit abzuwarten. 
Zu jener Zeit hatte es andere Sorgen, als sich um Korea zu beküm- 
mern. Der tüchtige japanische General Kami-tsuke trug glänzende 
Siege über die Koreaner davon. Nach siegreich beendetem Kriege 
zog der glückliche Sieger gegen die Ainos zu Felde, fiel aber 
zum Leidwesen aller Patrioten in diesem Kampfe. Denn die sonst 
so gutmütigen Ainos wollten sich doch nicht ohne Widerstand 
aus ihrem angestammten Vateilando verjagen lassen. Sie verteidig- 
ten sich mit Mut und Ausdauer und brachten den Japanern mehr 
als eine Niederlage bei. 

Der chinesische Hof wußte sehr wohl, daß Japan eine ganz 
andere Macht sei, als eines der drei Königreiche von Korea oder 
andere kleine Vasallstaaten. Er hielt also darauf, mit Japan gut 
Freund zu bleiben und pflegte die alten Beziehungen zu diesem 
Lande. Den Japanern lagen diese freundlichen Verbindungen mit 
China noch mehr am Herzen, weil sie ihnen so viel materiellen 
Vorteil brachten und die Wissenschaften und die Staatskunst Chinas 
allmählich vermitteln halfen. 

War der Geschichtsschreiber der Dsin sparsamer mit Aufzäh- 
lung von Einzelheiten der verschiedenen Besuche, so werden wir 
sehen, daß der Verfasser der Geschichte ^ ^ Lin-sung alle Ge- 
sandtschaften unter dieser Dynastie ausführlich aufzählt und viele 
interessante geschichtliche Aufschlüsse gibt. 




Fünftes Kapitel. 

China und Japan unter der Dynastie 
SÜ Jß Liu-sung (420—479). 

Ausserordentliche feierliche Gesandtschaft nach Nanking. Widersprach 
zwischen chinesischen und japanischen Geschichtsschreibern. Erweiter- 
ung der Befugnisse Japans über Korea. Brief des Mikado U. 

(fi'ünder diooer Dynaatif^, ^ ^ Lin-ijii, war der Fortuna 

choUkind. In seiner Jugend war er ein in Lumpen gekleide- 

;r 8 trob sc hu hfl echter und Verkäufer und hatte niil der gröÜ- 

in Armut zu kämpfen. Jiald ergriff er dan Soldatenhand- 

wcrk, stieg rnsch von ü>tufe zu Utufe und zeigte i>ich zum Erstaunen 

aller aU ein Krirgw(Tenie erster GröHe, Zuerst diente er der Dynastie 

der Duiji in itller Treue. Als er nber den heillosen Wirrwar an 

diexeni Küixerhofe sult, setzte er sich schließlich selbst auf den Thron, 

um dem \'olkü Ordnung und Frieden zu geben. Er war wirklich 

ein großer Kaiser und ist in der Geschichte als 51; St ^ Siing-u- 

fli bekannt. Nur lebte er zu kurze Zeit, um fliina unter seinem 

Hcepter zu vereinigen und den alten Olanz dos Reiches in all 

seiner Fülle wieder herzustellen. Er starb schon 42:-l. Seine 

Xachfolger glichen ihm leider wenig "der gar nleht. 

Schon im Jahre 421 kam eine feierliche (Gesandtschaft aus Ja- 
pan an seinen Hof in .Banking, um ihm als hehren Lehensherren 
die schuldige Ehre zu enveisen und den gebührenden Tribut dar- 
zubringen. U-di war hocherfreut und empfing die (Jesiindtsehaft 
auf die ehrenvollste Weise mit wahrhaft kaiserlichem I'omp, ]n 
öffenthcher Audienz belobte er den Mikado ob seiner unentwegten 
Treue, di er alljährlich den schuldigen Tribut darbringe und zwar 
trotz der ungeheuren Entfernung, trotz der so gefährlichen Seereise. 
Ja, er erklärte den Mikado sogar als das unübertroffene Muster eines 



— 29 — 

Lehensfürsten. Er hatte auch schmeichelnde Worte für den Ge- 
sandten und sein (xefolge, die selbst in so «chweier 8ache ihrem 
Heirn und König so treu ergeben und gehorsam seien. 

Nach so großen Lobsprüchen, welche die Freude seines Her- 
zens allen kund gaben, ist es nicht überraschend, daß der Kaiser die 
reichsten (regengesi^henke machte. Ebenso wurde der Gesandte 
und ein jeder des zahlreichen Gefolges wahrhaft kaiserlich beschenkt. 
Er geruhte, dem Mikado die hohe Würde eines ^ H 3E ^ o-kui- 
wanfj: „Königs von Japan'' zu verleihen, und ihm als Abzeichen 
dieser Würde ein goldenes Siegel zu übersenden, auf welchem dieser 
Titel eingegraben war. 

Kaum jemals war eine japanische, Gesandtschaft mit so viel 
Ehrenbezeigungen und aufrichtiger Freundlichkeit ausgezeichnet 
worden. 

Wir sind im Jahre 421. Nun aber 'nennen die japanischen 
Geschichtsschreiber den neunzehnten Mikado ^ ^ Inseyo und 
lassen ihn von 412 — 458 regieren; diesem folgt der zwanzigste 
Mikado^ ^ Anko (454 — 456), und diesem als der einundzwan- 
zigsto 1$, ^ Jnriakn^ welcher von 457 —479 regierte. Während der 
Dynastie Liu-sung (420—479), kennen die japanischen Geschichts- 
schreiber nur drei Mikado, während die chin(»sischen deren sechs 
aufzählen. Die Chinesen nennen den Mikado, welcher 421 die 
(^rste Gesandtschaft an den Kaiser schickte, ^ Daiui^ welchem 426 
sein Hohn ^ l).9chen nachfolgt. Auf diesen folgt sein Bruder 
^W Mi, dann im Jahre 443 dov Mikado JJ Ds/, Sohn des Mikado 
Uschen, auf diesen gegen 458 der Mikado ^ Hhif/ und 467 der 
Mikado ^, Sohn des Hing. 

Wo ist die Lösung dieses Problems? Die europäischen Gelehr- 
ten werden das für mich unerklärliche Rätsel wohl erklären können. 
Nur bemerke ich, daß die chinesischen Geschichtsschreiber genau 
nach zeitgenössischen Dokumenten schrieben, somit Glaubwürdigkeit 
beanspruchen. 

Jm Jahre 425 schickte der Mikado Dsan eine feierliche (lesandt- 
schaft mit reichen GeschenkcMi an iUm neuen Kaiser ^JC ^ Wen-di 
(424 — 454), um denselben zu seiner Thronbesteigung Glück zu 
wünschen und die gebührende Ehre zu erweisen. Wen-di war so 
erfreut über diese Aufmerksamkeit, daß er den Gesandten mit Ehren 
und (ireschenken überhäufte, ja er bewilligte dem Mikado den bis 
dahin unerhörten Ehrentitel eines -^ ^ ^ Da-dsiani/'djün, d. h. 
eines Generalissimus von China und natürlich auch von Japan, er- 
teilte ihm also Vollmacht über alle Streitkräfte Japans. Nur sollte 



— 30 — 

Dsan diese hohe Ehre nicht lange genießen, da er bald darauf 
starb. 

Im folgenden J.ihre 426 Handte der Mikado £^ Dschen, welcher 
seinem Bruder auf dem Throne gefolgt war, eine feierliche Gesandt- 
schaft an Wen-di, um demselben seine Thronbesteigung anzuzeigen und 
die Bestätigung nachzusuchen. Natürlich überbrachte man die kost- 
barsten Geschenke, um dem Kaiser sich als getreuen und ergebenen 
Lehensuntertan zu erweisen. 

In seinem Briefe rühmte sich Dschen, der legitime Mikado von 
Japan ^ H X und außerdem noch der anerkannte Kriegsherr von 
fünf anderen unabhängigen Staaten zu sein, nämlich 1. von "^{IF Bi- 
dsi,2. von 1§\ j^ Sin-luo^ 3. von ftjRS J^f^'^f^^*)i ^-Von^® Dain-han 
und 5. von £ ^ Mu-han, Dschen behauptet also, der anerkannte Hen 
von Korea zu sein, was offiziel jedoch nicht der Fall war. Denn die 
Könige von Korea kamen seit Jahrhunderten al» chinesische Lehens- 
fürsten an den kaiserlichen Hof von China und wurden mit densel- 
ben Ehren empfangen als andeie tributpflichtige Fürsten. Indes 
erhob der Kaiser keinen offiziellen Einspruch dagegen : China ver- 
stand zu warten und wollte nicht unnütz den Mikado erzürnen. 
Es war genug für (liina, wenn die koreanischen Könige ihre 
Lehenspflicht nicht vergaßen und am Kaiserhofe ei*schienen. Und 
kamen sie manchmal nicht, so nahm man immer leicht Entschuldi- 
gungen. 

Was mehr überraschen kann, ist, daß der Kaiser dem Mikado 
die angemaßte Würde gewissermaßen wenigstens indirekt bestätigte, 
indem er demselben den demütigst erbetenen Titel $ ^ }MF 3C Ngan- 
dung-dsiang-djün offiziell verlieh, d. h. er ernannte den Mikado 
zum Generalissimus, welcher im ganzen Osten für Ruhe und Frie- 
den zu sorgen hat. Solche Titel wurden in China selten verliehen, 
weil sie eben eine allzu ausgedehnte Machtbefugnis erteilten, gewis- 
sermaßen volle Freiheit zu allen Kriegsunternehmungen gewährten. 
Solche dehnbare Rechte bewilligte das kluge China nur in kriti- 
schen Momenten. 

Außerdem erbat der Mikado für dreizehn seiner Hofherren 
den offiziellen Titel eines Generals, d. h. General des kaiserlichen 
Hofes. Auch diese Gnade bewilligte der Kaiser. 

Um für solche außerordentliche G unsterweisungen des Kaisers 
gebührend zu danken, sandte der Mikado 480 eine Gesandtschaft, 

*) Jeu-im fj^ jHJ (die Japntier leMMi Mimaiia) vrar auch oiii Staat von 
Korea, (cf. Papinot p. 123. Die beiden anderen Staaten befanden Rieh wahr- 
äoheiiilich ebendaselbst oder auf Japan oder Korea benachbarten Ineeln. 



— 31 — 

welche dem Kaiser alle nur erdenklichen kostbaren Geschenke 
aus Japan überbrachte. 

Als 439 wieder eine neue Gesandtschaft mit den herrlichsten 
Geschenken reich beladen ankam, billigte der höchst erfreute Wen- 
di neue Ehrentitel für den Mikado- und seine Großfürsten und sandte 
fürstUche Gegengeschenke. 

Der neue Mikado ^ Dsi schickte 443 alsogleich eine feierliche 
Gesandtschaft nach China, um seine Thronbesteigung anzuzeigen 
und die kaiserliche Bestätigung zu erbitten. Auch bat er gar 
demütig um die hohen Titel, welche seinen Vorgängern gnädig 
bewilligt worden waren. Der Kaiser geruhte, auch ihm die Titel 
@^ H X ^Konig von Japan *^ und eines $ }K Sff 9^ ^u verleihen; 
d. h. auch er wurde mit der Vollmacht ausgerüstet, Ruhe und 
Frieden im ganzen Osten zu erhalten mit den Mitteln, welche er 
dazu als geeignet ansehen werde. 

Bei Gelegenheit einer neuen Gesandtschaft im Jahre 451 
gei'uhte der Kaiser Wen-di, dem Mikado auch den Titel eines 
„Befehlshabers über alle Streitkräfte, selbst der fünf unabhängigen 
Staaten" zu erteilen. Die Staaten von Korea werden also für „un- 
abhängig" erklärt, um diesen Fürsten nicht zu mißfallen und um 
anzudeuten, daß sie im chinesischen Vasallenrechte verbleiben. An- 
drerseits gesteht der Kaiser dem Mikado den Überbefehl über sämtliche 
Truppen zu. Wie sich das vereinigen ließe, mußten die Herren 
selbst zusehen. China seinerseits suchte beiden Teilen aufs beste 
zu begegnen. Praktisch loste sich die Frage ganz (jinfach nach 
Asiatenweise. Fiel Japan mit Truppenmacht in Korea ein, so 
beeilten sich diese unabhängigen Fürsten, in den demütigsten Aus- 
drücken Lehenstreue zu schwören ; sobald aber die Japaner fort wa- 
ren, kümmerten sie sich nicht im geringsten um ihre Eidschwürc. 
War der Mikado ein energischer und tatkräftiger Fürst, welcher 
Gehorsam verlangte und im Notfalle erzwingen konnte, so waren 
diese Koreaner natürlich gehorsame Diener und erstarben in vollster 
Devotion. Im allgemeinen hatten die japanischen Könige daheim 
genug zu tun, um die unruhigen, zu Revolution und Verschwörun- 
gen geneigten Daimyo im Zaume zu halten. Gleichwohl behielten 
sie immer Korea im Auge und betrachteten dieses Land als eine 
ihnen notwendige Provinz. 

Der neue Mikado Dsi hatte auch Ehrentitel für dreiundzwan- 
zig seiner Günstlinge und Großfürsten erbeten. Der großmütige 
Kaiser verlieh denselben eine der höchsten Würden jener Zeit, denn er 
ernannte sie zu ;)(; ^ J9ö-/w, d. h. ;, Großfürsten des kaiserlichen Hofes." 



— 32 — 

Als 458 der Mikado Usi starb, folgte ihm sein Sohn J|. Hing 
auf dem Thron, der die freundlichen Beziehungen zu China auch 
seinerseits pflegte. Im Jahre 460 schickte er eine feierliche Ge- 
sandtschaft, um seine Thronbesteigung anzuzeigen und die Bestäti- 
gung von selten des Kaisers nachzusuchen. ^ Ä ^ hiau-u-di 
(454—465) war nicht nur erfreut über die reichen Geschenke, die 
man ihm überbrachte, sondern auch sehr erbaut über die Treue 
und den Eifer, mit welchem der Mikado trotz des so langen Weges 
so regelmäßig den Tribut übersandte und in so demütigen Worten 
die Oberherrschaft des Reiches anerkannte. Er geruhte, ihn öffent- 
lich darob zu loben und als ein Mustei hinzustellen und gewährte 
ihm mi"^ Freuden die hohen Titel eines ^ H I, d. h. König von 
Japan, und eines ^ ^M ^ '^ d. h. Schutzherrn aller östUchen Län- 
der, welche Würden seine Vorfahren schon erhalten und glänzend 
getragen hatten. 

Hing regierte nicht lange, denn ei starb schon 468. Sein 
Bmder ^ U folgte ihm auf dem Thron und nahm noch vor der 
kaiserlichen Bestätigung jene hohen Titel seinei Vorgänger an, da 
er ein selbstbewußter und tüchtiger Mann war, der sich stark genug 
fühlte, seine Rechte und Privilegien zu wahren. Er war wohl auf dem 
Laufenden der Zustände am k iiserlichen Hofe, wo die klägliche 
Unordnung und bhnde Sorglosigkeit ein nahes Ende der Dynastie 
voraussehen ließ. Gleichwohl schickte er 471 eine Gesandtschaft 
nach China, um dem Kaiser W ifr Ming-di (465 — 473) neine Thron- 
besteigung anzuzeigen und die gebülirenden Geschenke darzubringen. 

Als der Mikado U im Jahre 478 eine Gesandtschaft schickte, 
um den dreizehnjährigen neuen Kaiser )^ Ifr Schuifi-di (477 — 479) 
zu seiner Thronbesteigung zu begrüßen, ließ er zugleicli einen 
für einen Mikado bis dahin unerhört stolzen Brief übereichen. ^ Meine 
Vorfahren** sagte er, welche das Amt übernommen, Ruhe und 
Frieden in den östlichen Ländern zu wahren, haben eine gar drük- 
kende Last auf sich genommen. Um diese ihre Pflicht getreu zu 
erfüllen, waren sie fast die ganze Zeit ihres Lebens gezwungen, 
den Harnisch zu tragen und die Lanze zu führen, ohne Zeit zu 
haben, sich selbst zu leben. Unter unendlichen Mühen und Be- 
schwerden hatten sie fortwährende Kriege zu führen.*) Im Osten 

*) Kn waren Kriege gegen Stftmme der AinoB, welche dnmals nooii den 
OätcMi der In^el Nippon bewohnten. Die Wilden waren wohl Bewohner der 
westlichen Berge derselben großen Inseln oder Bewohner der zahlreichen klei- 
neren Inseln von Japan. Bemerkenswert ist, <lnb der Mikado schon damals seine 
Züge bis auf die Insel (rezo |^ ^ Hin-i d. h. bis zu den Crevetten-Inseln, und 
bis auf Hokaido ausgedehnt hat. 



— 33 — 

haben sie fünfundfünfzig unabhängige Staaten der '% A fnau-jiu 
(Ainos) bekämpfen und zur Unterwerfung und Ruhe bringen müssen; 
im Westen hatten sie sechsundsechsig Staaten der ^ A ^-ß^, d. h. 
Wilden zu bändigen« Nachdem sie so im Osten und Westen die 
Ruhe und den Frieden hergestellt, setzten sie über das nördliche 
Meer und unterwarfen dort nicht weniger als fünfundneunzig Staa- 
ten. Überall stellten sie die Ordnung und den Frieden her. Viele 
der benachbarten Staaten kamen dann von selbst, um sich um un- 
sere Freundschaft und Verbrüderung zu bemühen. 

„Jetzt nun sehe ich mich trotz meiner Unfähigkeit berufen, 
dieses große Land von Japan und seiner Bundesgenossen zu regieren. 
Ich erkläre mich gern als getreuen Vasall Ew. erhabensten Majestät 
5£ Sk Tien-djij und beeile mich, wie es meine Pflicht erheischt 
und meine Vorfahren es gepflogen haben, die gebührende Lehenstreue 
zu versprechen und die üblichen Geschenke darzubringen. Ich für 
meinen Teil wäre gera bereit, alljährlich eine Gesandtschft zu schik- 
ken, wenn nicht dieses abscheuliche Volk der Koreaner meinen 
Leuten allerhand Schwierigkeiten bereitete und auf alle nur erdenk- 
liche Weise sie belästigte. Die Koreaner sind Menschen ohne alles 
Gewissen; sie halten meine Schiffe an, lassen meine Leute nicht 
durch ihr Gebiet ziehen, ja sie bemächtigen sich selbst der Geschenke, 
welche ich Ew. kaiserlichen Majestät übersende. Der Kamm ist 
ihnen so geschwollen, daß sie selbst in mein Reich Einfälle unter- 
nommen und eine gute Anzahl meiner friedlichen Unterthanen ermordet 
haben. Alle diese Schwierigkeiten verzögern teils meine Gesandt- 
schaften, teils machen sie dieselben unmöglich, weil die Schiffe, 
wenn sie nicht den günstigen Wind benutzen, ummöglich nach 
China kommen können. Beim Abgang meiner Gesandtschaft weiß 
ich nimmer, wann oder ob sie überhaupt jemals an den kaiserlichen 
Hof gelangen werde. 

^Aufs höchste erzürnt über dieses widrige Gesindel von Korea- 
nern, welche uns immer den Weg versperren, haben meine Vor- 
fahren schon große Vorräte von Waffen aufgespeichert, um gegen 
diese gewissenlosen Horden in den Krieg zu ziehen. Alles war 
voibereitet, das Heer soUte den Kriegszug antreten : da starb plötz- 
lich mein Vater. Mein älterer Bruder folgte ihm auf dem Throne, 
und treu dem väterlichen Auftrage wollte or den Strafkrieg unter- 
nehmen : da raffte auch ihn der Tod hinweg, ehe er Zeit gehabt, sein 
Vorhaben auszuführen. 

^Solange ich, ihr iuifähig(M' ^N^achfolger, in TraiUM' um die teuren 
Toten mich befand, konnte ich einen Kriegszug nicht unternehmen. 

Japans Beziehuugeu zu Chlua 3 



— 34 — 

Jetzt aber, nachdem die übliche Trauerzeit vorüber ist, will ich 
meine Krieger üben, die Waffen schärfen und endhch die von 
meinen Vorfahren gefaßten Entschlüsse ausführen. Mein Volk 
glüht von Kriegs- und Kampfbegierde, und zwar nicht nur die Kriegs- 
leute, sondern auch das gemeine Volk. Niemand ist unter ihnen, 
der vor einem gezückten scharfen Schwerte Furcht hätte ; alle sind 
bereit und wünschen, sich mit Wut auf den Feind zu werfen*^. 

„Im Vertrauen auf die hohen Verdienste Ew. kaiserlichen Ma- 
jestät beim Himmel hoffe ich den Feind zu besiegen und mich nicht 
meiner Vorfahren, welche durch glorieich geführte Kriege hoch- 
berühmt sind, unwürdig zu zeigen. Um dieses schwierige Unter- 
nehmen mit der gebührenden Autorität und Vollmacht zu vollführen, 
bitte ich Ew. kaiserliche Majestät, mir die Titel eines kaiserlichen 
Staatsministers und kaiserlichen Generalissimus zu verleihen. Diese 
von der höchsten Autorität verliehenen hohen Würden werden ohne 
Zweifel jene Völker leichter zur Unterwerfung vermögen und in 
getreuem Gehorsame gegen mich erhalten^. 

Der kaiserliche Hof var also benachrichtigt, daß der Mikado 
die Koreaner mit Krieg überziehen werde. Nach chinesischer Auf- 
fassung mußte er „das Testament seiner Vorfahren^ vollstrecken, 
und war es also gewiß, daß er dies Unternehmen vollführen werde. 

Der schwache Kaiserhof war unfähig, dem Mikado Halt zu 
gebieten : er machte also gute Miene zum bösen Spiel und bewil- 
ligte ihm den Titel „Generalissimus von Japan und der fünf unab- 
hängigen Staaten*', den Titel eines kaiserlichen Staatsministers be- 
willigte ihm der schwache Kaiser jedoch nicht. 

Es war dies wohl die letzte offizielle Handlung der Liu-sung, 
welche bald darauf elend unterging. 




Sechstes Kapitel. 

Japans Beziehungen zu China unter den 

zwei Dynastieen W ^ Nan-tsi (479—502) 

und m Liang (502 — 557). 

Krieg zwischen Korea und Japan. Sieg Japans. Untergang der 
Dynastie Nan-tsi und Gründung der Dynastie Liang. 




gährend die Kriege in China wüteten und schließlich 
Jg Ä ^idu-dau-tscheng^ ein in vielen Beziehungen tüch- 
tiger Großfürst, die Dynastie ^ H Nan-tsi (479—502) 
g^§^|J^j^^ gründete, führte auch der Mikado seinen blutigen Krieg 
gegen die Koreaner, wobei er es hauptsächlich gegen den alten 
Erbfeind, das Keich Shiragi abgesehen hatte. Dieser Mikado, wel- 
cher bei den Chinesen "^ U genannt wird, heißt, wie wir schon 
gesagt, bei den Japanern JJ §L Yurataku^ und ist nicht nur durch 
seine kriegerischen Großtaten, sondern auch durch seine Vorsorge, 
die Kultur des Landes zu lieben, in der Geschichte berühmt geblie- 
ben. So viel als möglich, Ueß er Maulbeerbäume pflanzen, um die 
Seidenzucht immer mehr zu entwickeln. 

Sobald Yurataku in Erfahrung gebracht, daß in China eine neue 
Dynastie den kaiserhchen Thron bestiegen, schickte er eine feierliche 
Gesandtschaft dorthin, um ^ j;'^ ^ Tsi-kau-di (479 — 483) zu be- 
glückwünschen und seiner Ergebenheit zu versichern. Hocherfreut 
über diese Anerkennung seiner Würde, empfing der neue Kaiser 
die Gesandtschaft aufs ehrenvollste und verheh oder vielmehr be- 
stätigte dem Mikado den großen Ehrentitel eines kaiserhchen Ge- 
neralissimus. Um aber seine kaiserliche Vollmacht zu beweisen, 
gebrauchte er einen neuen Ausdruck in besagtem Titel. Anstatt 
^ Ngan: ;, beruhigen"^ schrieb er den Charakter |jE Vscheng: ^un- 



— 36 — 

terwerfeii^', so daß der Ehrentitel hieß fJE ^ :;^ 31 jB Kaiserlicher 
Generalissimus, welcher den ganzen Osten unterwirft.*^ 

Die Beziehungen Japans zu China blieben auch während der 
Zeit dieser Dynastie Tsi durchaus freundliche und dauerten regel- 
mäßig fort, da Japan nur Vorteil davon hatte. So schwache Kai- 
ser wie die, welche damals auf dem Throne Chinas saßen, hatten 
natürlich keinen Einfluß auf Japan, aber sie belästigten auch nicht 
den Mikado. Bei Gelegenheit jener Gesandtschaften konnten die 
Kaiser wieder einmal alle Pracht und Schätze des kaiserlichen Ho- 
fes entfalten, große Feste veranstalten und das Volk über die 
gerade nicht blühenden Zustande am kaiserlichen Hofe und unter 
den Großen täuschen. Zugleich hatten sie auch wieder einmal 
Anlaß, die Oberhoheit des ^Sohnes des Himmels^ über alle ande- 
ren Staaten der Erde zu zeigen und Ehrentitel zu verleihen. Darum 
war auch der Kaiserhof über diese häufigen Gesandtschaften sehr 
erfreut. 

Doch auch der damalige Mikado |K iBI Btiretsu (499 — 506) gab 
dem zeitgenossischen chinesischen Throninhaber an Ausschweifungen 
und grausamer Willkür in nichts nach, und hat ebenso wie dieser 
eine traurige Berühmtheit in der Geschichte erlangt. 

Nachdem der tüchtige fH © Siau-hien der elenden Dynastie 
Nan-tsi ein verdientes Ende bereitet, und sich selbst als Gründer 
der Dynastie m Liang (502 — 557) auf den Thron gesetzt hatte, 
beeilte sich Buret-.u, durch eine feierliche Gesandtschaft die alten 
freundlichen Beziehungen zwischen den zwei Ländern fortzusetzen. 
In der Geschichte ist Siau-hien als f^ ^ ^ Liang-u-di (502 — 550) 
bekannt. Er war, solange er sich nicht allzusehr vom Buddhismus 
beeinflussen ließ, wirklich ein großer Kaiser, eine glänzende Er- 
scheinung inmitten der elenden Machthaber jener Zeit. Er wußte 
die freundlichen Beziehungen mit Japan zu schätzen und begünstigte 
sie die ganze Zeit seiner langen Regierung. Wir haben schon 
oben bemerkt, daß Liang-u-di dem Mikado den offiziellen Titel 
(iE Ä AI 5L g^b- D^i' Charakter ^Dscheng: „unterwerfen" bedeu- 
tet, daß der Inhaber dieses Titels anstatt des Kaisei^s und ganz 
in dessen Auftrage kriegerische Aktionen gegen die Widerspensti- 
gen und Ungehorsamen des Reiches unternehme und daß seine 
Urteile als kaiserliche anzusehen seien. 

Wie immer begaben sich auch zu dieser Zeit chinesische 
Gesandtschaften nach Japan. Berichte drücken ihr Erstaunen über 
die prachtvolle seidene Kopfbedeckung des Mikado und seiner Großen 
aus und teilen mit, daß dazumal auch in Japan, wie schon seit 



— 37 — 

langer Zeit' in China, die neun Geschlechter, d. h. das ganze Haua, 
eines großen Verbrechers, z. B. eines Revolutionärs, eines Räuber- 
anführerB, ausgerottet wurden. Auch sprachen sie von einem im 
S&den Japans gelegenen Lande, dessen Einwohner nicht nur schwarze 
HauJ;farbe, sondern auch schwarze Äugen hätten. „Diese Leute," 
heißt es da, „sind zwar von abscheulichem Äußern, liefern aber ein 
höchst wohlschmeckendes Fleisch. Nicht wenige der Besucher jenes 
Landes schießen sie mit Pfeilen nieder, um ein so leckeres Mahl 
zu bekommen.'" 

Die Kriege der Japaner mit Korea dauerten fort, denn Japan 
wollte um jeden Preis Herr von Korea sein. Doch die Koreaner 
verteidigten sich mit großer Ausdauer und Entschlossenheit. Be- 
sonders bewiesen die Shiragi eine ungemeine Freiheitsliebe und 
einen nimmer zu bändigenden Patriotismus. So kam es denn gegen 
540 zu einem wahren Vernichtungskriege, in dem jedoch die Japaner 
die Oberhand behielten. 



Siebentes Kapitel. 

Wie der Buddhismus aus China über 
Korea nach Japan eingeführt wird (554). 

China kiim der BiiddliismuH unter doin Kaisor ^f^'Ü^ 
n-Ming-di (öS — 7ä), ohn<! jedoch anfänglich recht Wur- 
zii fassen. Iiiiiiier nlicr kamen neue Prediger dieaer 
iXf aiis Turkcstan durch das Tarym-Becken mit den 
Kaufli'iiten nach dein wesMichcn Cliina und gewannen alhnahlich 
Boden, ja liatten liaW schon einige oifrigo Anhänger uutor den 
Orolien der westlichen Provinzen. Der rege Verkehr mit dem Wes- 
ten fulirte imnior mehr Buddhisten imd Benzen nach der jetzigen 
Provinz tl' iK Kati-su und |^ 'g Scken-st, so daß gegen 320 
nach Christus fast das ganze Volk dem BudiihismuH gewonnen war. 
Der militaiiische Abenteurer ^ j^ Fu-djien, der im Jahre 351 in 
jener (regend das eine Zeitlang mächtige Keich $ 7 sin gegründet, 
ebenso wie sein Sohn ^' ^ Fu-djien, welcher ihm 385 auf dem 
Tliron folgte, waren fanatische Anhänger und Verbreiter dca Bud- 
dhismus. Vom Nordwesten Chinas verbreitete sich diese Religion 
dann ziendicli schnell in die andern Provinzen des Landes. Die erge- 
bensten Anhänger und gewaltsamen Verbreiter des Buddhismus 
wuitlen die Könige der Dynastie f ^ |S |ft Tuo-ba-irri, d. h. „die 
Könige dos Kelches W6i aus dem Hause Tuo-ba", welche im Norden 
Chinas ein mächtiges Jteich (380 — 550) gegründet hatten. Hätte 
der Buddhismus diese Könige und zumal deren Frauen nicht so 
fanatisiert, so wüitie jenes tungusische Königshaus wohl den Kai- 
serthron bestiegen haben. 

Bei dem ziemlich regen A'crkehre mit Korea hatte sich der 
Buddhisnms bald auch nach dieser Halbinsel ausgebreitet und lei- 
denschaftliche Anhänger gefunden. Von da kam er im sechsten 



^ 39 — 

Jahrhundert nach Japan und fand im mächtigen Daimyo jli|[%?@ g 
Soga-Iname einen Beschützer und Verbreiter, welcher den ersten 
Buddhatempel, ^ Se^ baute. Sein Sohn j^ -^ UmakOj Minister 
des Mikado Bidatßu (572 — 585), war ein ebenso fanatischer Buddhist 
wie sein Vater. Dagegen waren andere Daimyo und Großfürsten 
wie f^ ^ Monobe^ der- Prinz Anao u. s. w. eifrige Verteidiger des 
Schintoismus. Es kam zum Kriege; Mononobe und seine Partei 
wurden besiegt, Mononobe selbst getötet.*) So zog der Buddhis- 
mus siegreich in Japan ein. J% ^ Yomei (586 — 587) ist der erste 
Mikado, welcher den Buddhismus annahm. Aber der größte Ver- 
breiter war sein Sohn S ^ ic 7 Shotohi-Tcdshi (593 — 628), wel- 
cher ^aus reiner Tugend" sich weigerte, den Thron zu besteigen, 
gleichwohl aber unter dem weibUchen Mikado ^ "fe Suiko 
(593 — 628) die Regierung leitete. Bei seinem Tode gab es schon 
fünfundvierzig Buddhistentempel, achthundertsechzehn Bonzen und 
fünfhundertsechzig Bonzinnen. 

In Japan konnte der Buddhismus wohl die Sitte der Lei- 
chenverbrennung einführen, nicht aber in China, wo man bestrebt 
ist, die Leichen der Ahnen u. s. w. möglichst lange zu erhalten und 
zu verehren. So hat er sich denn bequemt, von einem seiner Grund- 
gesetze Abstand zu nehmen. 

Der sogenannte Schintoismus j)/lf Jg Schen-dau: „äie Geister- 
lehre" war und ist die alte nationale Religion der Japaner. Der 
Name kommt von der chinesischen Aussprache zweier Charaktere, 
welche die Japaner Kami-no lesen. Man behauptet, der sagenhafte 
Königssohn Yamato-dake habe nach seinen großen Siegen über 
die Ainos im Osten den ersten schintoistischen Tempel im Dorfe 
^ ^ Omija gebaut. Da dieser Fürst nun im Jahre 80 nach 
Christus geboren sein soll und im Alter von dreiunddreißig Jahren 
starb, so datieren die ersten schintoistischen Tempel höchstens 
aus dem Jahre 100 nach Christus. Aber alles ist zu legendenhaft, 
um etwas Bestimmtes zu behaupten. 

Ebenso vag und unbestimmt ist der Inhalt dieser 'Religion. 
Man faselt von Geistern, weiß aber nichts Haltbares zu sagen. 

^'; Eä waren dies keine reinen Religionskriege, sondern die Politik der 
Soga spielte darin eine große Rolle. Die so mächtigen Daimyo Soga wollten durch- 
aus ihre Rivalen und Gegner vernichten, was ihnen auch gelang. Soga Umako 
gelaug es |l^ ^ Sustum (588—592), einen siebenundsechzigjährigen, vom Bud- 
dhismus ganz fauatisierten Greis auf den Tiiron ku bringen. Während der Mi- 
kado mit seinen Leuten und buddhistischen Reliquien, die er mit vielen Kosten 
herbeigeschafft hatte, beschäftigt war, blieben die Soga die unumschränkten 
Herren des Staates. 



- 40 — 

Schließlich mag man wohl die Winde, das Meer, das Feuer, die 
Borge u. s. w. als Geister angesehen haben, weil diese Elemente 
da* Leben der Menschen so sehr beeinflussen. Man gibt die Zahl 
dieser Geister auf achthunderttausend an. 

Das große Gesetz dieser Religion ist: ;, Folge der Natur und 
gehorche dem Mikado". Folgt man seiner verdorbenen Natur, 
so hat man aber einen sehr üblen Lehrmeister. Diese Moral ist 
also nicht weit her. ^Gehorche dem Mikado" ist schon bestimmter 
gefaßt. Aber dieses Gesetz führt nur zur Vergötterung des Herr- 
schers und zu elender Schmeichelei, wie wir es ja noch immer 
in den öffentlichen Kundgebungen der Kammern selbst lesen können. 
Es ist eine Religion ohne erhebendes Ideal für Verstand und 
Herz, ohne alle Aussicht für's Jenseits. Der Mikado ist unumschränk- 
ter Herr und verteilt Güter und Ehren. In der Meinung, daß 
selbst die verstorbenen Mikado noch etwas vermöchten, bringt man 
ihnen Opfer dar. So läuft ' schließlich doch alles auf den chinesi- 
schen Almenkultus hinaus. 

Der Mensch steht kulturell um so höher, je wahrer, reiner 
und geistiger seine Anschauungen über sein eignes Wesen, seine Stel- 
lung im Weltall und seine Bestimmung, je erhabener seine Lebens- 
ideale und je edler die ethischen Motive sind, die sein ganzes Tun 
und Lassen bestimmen. Das ist wahr in Bezug auf den Einzelnen, 
auf ganze Völker und auf die Menschheit in ihrer Gesamtheit. 

Was will nun der Ahnenkultus, sei es in China, sei es in Japan? 
Ehre und Reichtum für sich und die Ahnen, sowie Nachkommen 
und ein langes Leben. Solche Ziele und Bestrebungen sind keines- 
wegs hoch und erhaben, noch fähig, den Menschen zu veredlen, 
rein, selbstlos und tugendhaft zu machen. 

Die Erhabenheit der christlichen Weltauflfassung, und der nie 
schwankende Mut, nach dem christlichen Tugendidealo sein Loben 
einzurichten, macht die Größe des Charakters aus. 

Ein so leeres, windiges Gebilde wie der Schintoismus konnte 
der Buddhismus mit seinen in gewissem Sinne eindrucksvollen Zere- 
monien und zahlreichen guten Lehr- und Kornsprüchen, zumal beim 
einfachen Volke, leicht verdrängen. So erhoben sich denn auch über- 
all große und schöne Buddhatempol und zogen das Volk noch 
mehr an, da die einfachen, kleinen Heiligtümer des Schintoismus 
dem Herzen durchaus nichts boten. Schließlich wurde ganz Japan 
buddhistisch. 

Diese ausländische Religion mißfiel den echten Stockpatrioten, 
die dem Auslände» nichts verdanken wollten. Um also dem Patrio- 



— 41 — 

tiHmu» und der lieirschendcn Religion genug zu tun, venaischtc 
man Schintoismus und Budiiliisnius zu rinor Religion, welche man 
(i^ IV M Bjfobu-sbmto nannte. Die alten Oötter des Hehintoisnius hat- 
ten Mich im Laufe der Jahrhunderte als Buddha entpuppt. Sehin- 
toiHDiu» und Buddhismus Bind also im Grunde nur eine und dieselbe 
Religion. So kam es denn auch, dali Bonzen auch den Kult in 
den schintoistischen Tempeln feierten und letztere allmählich ein 
buddhietiächefl Gepräge erhielten. 

In China hatte man es noch besser gemacht: die drei Reli- 
gionen de8 Konfuzius, Buddhismus und Dauismus sind schon lange 
vom Kaiser offiziell als eine Religion erklärt worden. 

Allmählich wui-den die Patrioten in Japan mit den Shogun 
auM der Familie Takugawa, welche das Land nur für sich ausbeu- 
teten und von allem Fremdenverkehr und Fortschritt abschlössen, 
durchaus unzufrieden. Die Restauration kam im Jahre 1868. 

Der jahrhundertelang verhüllte, ja vergrabene Mikado wurde 
hervorgesucht und mit ihm auch der Schintoismus, die alte patrio- 
tische Religion. Die echten Patrioten sind somit nunmehr, wie der 
Mikado, eifrige Schintoistcn und besuchen die Tempel in ^ ^ Ise, 
die ältesten Heiligtümer der Japaner. Der Kaiser begibt sich da- 
hin, um die Ahnen von den Siegen über die Russen zu benach- 
richtigen; der neuernannte Statthalter für Kon^a fleht dort die all- 
mächtigen Vorfahren de« göttlichen Mikado um ihi-en Segen an. 



Achtes Kapitel. 

Japans Beziehungen zu China unter der 
Dynastie Sui PI (581—618). 

Untergang der Dynastie Liang. Gründung der Dynastieen Tschen, 

Bßi-tai, Böi-dsoliou und Sui. Wen-dl und Tang-djien. Verschiedene 

Mikado von Japan. Gesandtscliaft dee Sni-ko an Wen-di. 



den so' klägliclion Rogierungon der Liang im Süden 
der fö ^ ^ Tuo ba-wH im Norden konnte in China 
rlich keine Ordnung hernicheii. Vfii-schiedone tüchtige 
_ herren suchten Staaten zu gründen. So gründete 

W^ % Tschen-ba-sien (557—560) die Dynastie Tschen (557—587) 
und liß das Gebiet der g^ Liang mit der Hauptstadt Nan-king an 
Mich. ^ f^ Kau-yang (550— 56ü) legte den Orund zur Dynastie 
4t W BH-txi, welche aber nur bis 577 bestand. Sein Vaitor ^ fS 
KuU'huan hatte sich schon 534 gegen den in j^ ^ Luo-yang resi- 
dierenden schwaclieii König der J[ J5 l^vng-wH erhoben, ^ ^ ft 
Yü-wm-djiau gründete 557 die Dynastie ^t ^ Bn-dschou (557 — 581). 
Schon sein Vater ^ %^ Yii-wen-tä hatte angefangen, den Staat 
nach den alten bewährten (iesotzen der großen Dynastie Dschou 
zu verwalten. Daher erklärt sich auch der Name Dschou. Er 
folgte den 1$ iS| d. h. den westlichen Wei nach. Die Hauptstadt 
des Gebiet<'s war ^ ^ Tschang-ngan, das jetzige g ^ ^ fii-ngan-fu 
in der Provinz |^ "gf Schen-si. 

Wie immer, waren auch die Gründer dieser Dynastieen tüchtige 
Männer, welche etwas zu imtenichm((n imd zu vollführen fällig 
waren. Aber einesteils lebten sie zu kurze Zeit, um ilire Herr- 
schaft befestigen zu können, anderateils waren ihre Nachfolger 
unfähige und klägliche Lebemänner, welche zu glauben schienen. 



— 4ä — 

Herrschen bestände in der unbegrenzten Freiheit, allen Leistern 
frohnen zu dürfen. Darum wurden sie denn auch so bald weggefegt. 

i^ 5E Yang-JJiefi^ ein tüchtiger General der Dynastie J^ 
Dschou^ gewann solchen Einfluü im Staate, daß er seine Tochter 
dem Kaiser (578) verheiratete. Sich selbst liei3 er zum f^ ^ Sui- 
kung^ d. h. zum Herzoge von Sui und Inhaber eines großen Le- 
hens machen. Bald machte er dem Spiele ein Ende, setzte den 
Schattenkaiser ab und bestieg selbst im Jahre 581 den Thron. 
Nachdem er den elenden N( jR X Tschefi-schuo-lHiu^ Nachfolger 
des oben genannten Tschon-ba-sieii, in Nan-kiiig im Jahre 589 
besiegt hatte, war er wirklich der Kaiser von China. In der 
Geschichte ist er als pK j^ jfl ^ui-kau-ilsn oder 3SC flf HWi-r/* 
(581 — 605) bekannt. Er wurde von seinem ehrgeizigen Sohn j^ ^ 
Yang-di^ dem er nicht früh genug sterben wollte, ermordet. Yang- 
di war wohl ein außerordentlich tatkräftiger Kaiser, aber gewalt- 
tätig, sittenlos und dem Trünke sehr ergeben. Schließlich wurde 
er von seinen Hof leuteii erschlagen. So war es im Jahre 617 auch 
mit dieser in manchen Beziehungen so tüchtigen, ruhmreichen und 
glänzenden Dynastie Sui kläglich aus. 

In Japan saßen dazumal auf dem Throne des Mikado: 

BidatsH ^ ^ (572 — 585), dessen Minister Soga Umako ein 
großer Eiferer für den Buddhismus und der eigentliche Herr im Ijande 
war. 

Yomei (586— 587), sein Nachfolger, war der erste Mikado, 
welcher den Buddhismus annahm. 

Sushun (588 — 592) wurde vom Soga Uinako auf den Thron 
gesetzt und beschäftigte sich zumal mit buddhistivschen Bauten und 
Reliquien. 

Sui'ko (593 — 628) war ein weiblicher Mikado und dem Bud- 
dhismus ganz ergeben. 

Da unter allen diesen nominellen Mikado die mächtigen Dai- 
myo Soga das Regiment führten, blieben die Beziehungen mit dem 
buddhistischen Kaiserreiche China die allerfreundliohsten. Auch 
nachdem die Soga im Jahre 644 gestürzt und die Großfürsten 
Fujiwara bis 1050 als allmächtige Ministor an ihre Stelle getreten 
waren, unterhielt Japan noch immer die alten freundlichen Bezie- 
hungen zu China. Ja, die Besuche wurden noch häufiger, da die 
Japaner gemäß ihrem feurigen Naturell von fanatischem Eifer für 
den Buddhismus ergriffen, nach China kamen, um diese Religion 
in dem so hochberühmten Kulturlande zu studieren und daselbst 
Reliquien heiliger Bonzen zu erhalten. 



— 44 — 

Als der treueste und ergebenste aller chinesischen Vasallen- 
staaten, welche dem Kaiser Tribut brachten,*) wurde damals Japan 
besonders ausgezeichnet und belobt. 

Im Jahre 600 schickte Suiko eine ganz feierliche Gesandt- 
schaft mit reichen Geschenken an den großen Gründer der Dynastie 
Sui, um dessen besondere Gunst zu gewinnen. Japan führte näm- 
lich wieder einmal Krieg in Korea. Da nun von alters her China 
als oberster Lehensherr von Korea anerkannt war, auch von den 
Königen jener Halbinsel, wenn auch nicht sehr regelmäßig, besucht 
wurde, so mußte Japan Fürsorge treffen, nicht bei dem kriegs- 
tüchtigen, auf sein kaiserliches Ansehen stolzen Kaiser anzustoßen. 

Kau-dsu war von der japanischen Gesandtschaft ganz ent- 
zückt. Er bezeigte sich außerordentlich freundlich gegen die 
Gesandten und hatt(^ wiederholt Unterhaltungen mit denselben, um 
sich über Japan unterrichten zu lassen. Auf seine Frage über den 
Mikado, antworteten die Japaner sehr stolz : „Unser Herrscher nennt 
den Himmel seinen älteren und die Sonne seinen jüngeren Bruder. 
Noch vor Sonnenaufgang besorgt er die Staatsgeschäfte und ent- 
scheidet die Prozesse, indem er nach Art der Bonzen, welche in 
Betrachtung sind, mit verschränkten Beinen sitzt. Sobald die Sonne 
aufgegangen, hebt er die Sitzung auf und spricht: „Jetzt ist mein 
jüngerer Bruder, die Sonne, an der Reihe." 

In Japan waren solche schmeichlerische Phrasen bei Hofe 
gang und gäbe und gern gehört; aber dem selbstbewußten Herr- 
scher des himmlischen Reiches mußten sie sehr mißfallen. Denn 
ein chinesischer Kaiser ist nur ^ ^ Tien-dse: „der Sohn des Him- 
mels," während der Mikado sich für den Jüngern Bruder des Him- 
mels ausgab. Er erkannte also wenigstens dem Wortlaute nach 
nicht mehr die sich als einzig in der Welt dastehend denkende 
„himmlische Majestät" an, zerwarf sich mit den alten heiligen Ge- 
bräuchen und festen überlieferten Formeln des chinesischen Staats- 
rechtes. 

Vom Hofe des Mikado erzählten die Gesandten, daß derselbe 
nur eine Gemahlin, aber Hunderte von Kebsweibern hätte. So 
war also diese alte chinesische Sitte auch drüben in Japan bekannt. 
Auch jetzt noch besteht in China das Ansehen der eigentlichen 
Frau fort. Sie steht hoch über allen Kebsweibern, und nach 
alten Gesetzen darf und kann kein Kebsweib zur eigentlichen 
Ehefrau erhoben werden. Allerdings dispensieren sich große Herren, 
ja selbst Kaiser, wie z. B. .4g |y| Tschien-lung (1736—1796) von 

*) Eb waren ihrer ungefähr dreißig. 



— 45 — 

diesen alten Gesetzen, aber sie bestehen noch zu Rechte, und die 
Übertreter sind übel angesehen, selbst wenn sie Kaiser sind. 

Um den üblichen Gegenbesuch zu machen, schickte der 
Kaiser den Großfürsten || ^ Pei-tsing nach Japan, um dem Mika- 
do zu danken und ehrenvolle Gegengeschenke zu überreichen. 
Auch sollte der Gesandte Japan genau studieren und dem Kaiser 
eingehenden Bericht erstatten. Wir erwähnen nur, was andere 
Gesandte noch nicht mitgeteilt haben. 

Nach dem Berichte hatten die Japaner zu jener Zeit noch 
keine Längenmaße für die Entfernung eines Ortes vom andern. 
Befragte man sie über die Größe ihres Landes, so antworteten sie, 
man brauche fünf bis sechs Monde, um das Land von Westen nach 
Osten, und drei bis vier Monde, uro dasselbe von Süden nach Nor- 
den zu durchkreuzen.*) 

Die Hauptstadt wird ^^Vk Yanta-fsuei anstatt des ehemali- 
gen Yamato (japanisch |lj fß Yamado) genannt; d.h. es war der Ort 
in der Nähe der alten Königsgräber. Der Gesandte bemerkt, diese 
Residenz des Mikado habe nicht einmal Festungsmauern, welche 
ja nach chinesischen Begriffen zum Wesen einer Stadt gehören, 
sie sei nur durch Palisaden befestigt. Diese Bemerkungen mußten 
somit einen geringschätzenden Begriff vom Mikado geben. 

Der Bericht sagt ferner: „Aus Eifer für den Buddhismus studieren 
viele Japaner eifrig chinesisch, um die zahlreichen chinesisch ge- 
schriebenen buddhistischen Bücher lesen zu können und diese Lehre 
von Grund aus zu erforschen. Hatte man vor Einführung dieser Reli- 
gion wenig Geschmack an der schweren chinesischen Sprache, so 
brennen die Japaner nun von Eifer für das Studium derselben, sie 
lesen und schreiben chinesisch mit großer Ausdauer, bis zu voller 
Erschöpfung der Kräfte. Man führte viele chinesische Bücher 
ein, und das Studium derselben verbreitete sich aus den Pagoden 
auch unter das Volk". 

Wie ferner aus dem Berichte hervorgeht, liebten die Japaner 
schon zu jener Zeit den Reiswein (sake) und waren fähig, beträcht- 
Uche Quantitäten desselben zu sich zu nehmen, ohne betrunken zu 
werden. Auch dem Würfelspiele waren sie leidenschaftlich ergeben. 
Zum Fischen in den inneren Gewässern benutzter sie den Seera- 
ben, d. h. den Kormoran, den sie trefflich abzurichten verstanden. 
Dieser Vogel hatte einen Ring um den Hals, der ihn verhinderte, 

*j Dies ist nur eine prahlerische Phrase iiiul nicht ganz wörtlich zu neh- 
men, was man schon daraus erkennt, daß die größte Längenausdehnung des 
Landes die südwest-nordöstliche ist. 



— 46 — 

die größeren Fische zu verschlingen. Ein tüchtiger Kormoran sei fähig, 
bis an die hundert Fische im Tage zu fangen. 

Nach dem Berichte des Gesandten besaßen die damahgen 
Japaner weder Teller, noch Schüssel, noch Tassen, sondern legten 
die Speisen beim Essen auf große Pflanzenblätter. Aber es ist 
dies kein Beweis, daß die Japaner damals noch nicht die Töpfer- 
kunst gekannt haben. Sie konnten ja trotz TeUer und Tassen 
nach altem Brauch die Speisen auf Blätter legen. Denn ich selbst 
habe bei einem Mandarine einem Festessen beigewohnt, wo wir keine 
Teller noch Tassen hatten, obwohl jene Geschirre in China ganz 
allgemein verbreitet sind. Es gibt eben gewisse alte Gebräuche, 
an denen der eine oder andere hartnäckig festhält. 

Die Japaner werden als aufrichtige, ehrliche, gewissenhafte 
Leute gelobt, während sie ehemals von den Chinesen ganz andere 
Namen erhielten. Auch erbauten sie den Gesandten durch ihre 
Gebräuche bei den Todesfällen : die Trauerkleider seien auch weiß 
und dU) Totenfeier und Trauerzeit seien fast wie in China. 

Die Vulkane hatten die Chinesen gar sehr in Erstaunen 
gesetzt. Der Gesandte hatte Gelegenheit, solche in Japan zu sehen, 
wie den |ipf J| Ngo-su d. h. den Asojama auf Kiushiu in der Pro- 
vinz Higo, der 1 700 Meter hoch ist und 1884 sich durch seine 
Ausbrüche furchtbar machte. Die damaligen Japaner fürchteten 
die Vulkane außerordentlich, beteten sie an, brachten ihnen Opfer 
dar und baten sie flehentlich, ihnen nicht zu schaden. 

Der japanische Hof hatte die chinesische Hierarchie der Wüi'- 
denträger schon damals eingefühi't. Die zwölf verschiedenen Grade 
unterschieden sich durch ihre Abzeichen an der Kopfbedeckung. 
So erkannte man alsobald ganz genau, welchen Würdenträger man 
vor Augen hatte. 

Den Kalender hatten die Japaner damals noch nicht. Erst 
im Jahre 602 brachte der gelehrte Bonze Kanroku die Regeln des 
Kalenders aus Korea nach Japan. Später war es ein Privilegium 
des chinesischen Kaisers, das kostbare Geschenk des Kalenders an 
die Vasallenfürsten hei ihren Besuchen zu verteilen, und die Annahme 
des Kalenders war ein Zeichen der Anerkennung des Kaisers als 
höchsten Lehensherrn. 

Im Jahre 607 kam eine Gesandtschaft aus Japan, um den 
neuen Kaiser ;^ 1fr Yang-di in Luo-yang zu begrüßen. Yang-di, der 
Bruder- und Vatermörder, hatte wenig Lust, in ß ^ Tscha7i-ngan^ 
d. i- 'S ^ ^ Si-ngan-fii, dem Schauplatze seiner Verbrechen zu ver- 
weilen. Er verlegte seine Residenz nach i§ ^ Luo-gang in der 



— 47 — 

Provinz Honan. Der Gesandte wollte beim feierlichen Empfange 
am Kaiserhofe dem ^ Sohne des Himmels*' ein feines Kompli- 
ment machen, indejn er unter anderni sagte: ,,Wir haben bei 
uns daheim gehört, daß im fernen Westen des Meeres sich ein 
großes, blühendes Reich befinde, wo der Kaiser aller Buddha herrscht 
und von da aus überall hin diese tugendhafte Lehre verbreite. 
Wir sind gekommen, das hehre Haupt aller Buddhisten zu verehren. 
Eine ziemliche Anzahl . Bonzen ist mit mir gekommen, um diese 
tiefe, geheimnisvolle Lehre noch mehr zu studieren und hier an der 
Quelle möglichst zu ergründen^. 

Aber der Kaiser Yang-di, litteraiisch gebildet, glich nicht sei- 
nem Vater, und war durchaus kein fanatischer Buddhist, wie die 
Japaner sich vorstellten. Die buddhistische Begeisterung von ehe- 
mals hatte sich schon gelegt; der Kaiser und die gelehrten Klassen 
erklärten sich nach damaliger alter Mode wieder als Konfuzianer, 
was zu sein sie übrigens niemals aufgehört hatten. Aber auch bei dem 
Konfuzianismus bUeb viel von dem buddhistischen Aberglauben hän- 
gen, und wurde selbst in die Opfer, welche man dem Konfuzius dabringt, 
offiziell eingefühlt;. Buddhistisches Gepränge fällt mehr in die 
Aiigen und ist bei weitem feierlicher, als die ehemaligen kalten 
Verbeugungen vor dem Seelentäfelchen des großen heiligen Leli- 
rers Konfuzius. 

Das Kompliment, so ganz und gar buddhistisch gefärbt, konnte 
somit dem Kaiser schwerlich gefallen. Aber der Brief des Mikado 
erregte noch mehr sein Mißfallen. „Der König der aufgehenden 
Sonne^, hob dieser an, „schreibt an den König der untergehenden 
Sonne und wünscht ihm Frieden". Der Mikado stellte sicli somit auf 
dieselbe Stufe mit dem Kaiser, dem Sohne des Himmels, vergaß also 
den großen Abstand, der zwischen dem Lehensherrn und seinem 
Vasallen liegt. Ja, er maßte sich gewissermaßen sogar einen Vor- 
rang vor dem Kaiser an, indem er sich König der aufgehenden 
Sonne, den Kaiser dagegen König der tmtergehenden Sonne titulierte. 
Das hieß die alten Riten und Traditionen völlig mißkennen. Denn 
nach diesen steht der Kaiser als „der Sohn des Himmels" durch- 
aus einzig und über alles erhaben da, mit dem sich nichts ver- 
gleichen läßt; „er ist einzig, wie die Sonne am Himmel", sagen 
die alten Bücher. 

Bald aber hatte Yang-di seinen Groll über diese grobe Un- 
kenntnis chinesischer Riten, welche bei so „ungebildeten Ausländern" 
ja verzeililich war, vergessen. Er schickte 608 eine Gesandtschaft; 
nach Japan, um dem Mikado für seine Freundlichkeit und seine 



— 48 — 

Geschenke höflich zu danken und ihm auch seinersoit» Geschenke 
zu übersenden. Unter anderen kostbaren Sachen übersandte er ihm 
ganz prachtvolle, aus feinster Seide kunstreich hergestellte Kopf- 
bedeckungen, welche aufs feinste und geschmackvollste mit Gold 
und kostbaren Onyx-Steinen geschmückt waren. Es waren Pracht- 
exemplare und standen der Kopfbedeckung des Kaisers bei feier- 
lichen Festen nur wenig nach. Außerdem übersandte er dem Mi- 
kado auch die prachtvollsten Staatskleider aus geblümter Seide, 
»uf welchen die königlichen Abzeichen kunstvoll angebracht waren. 
Auch den Ministern und Großfürsten des Mikado übersandte er die 
der Würde eines jeden entsprechenden Staatskleider für die feier- 
lichen Empfänge bei Hofe. Man hatte nur die Kleider und Ab- 
zeichen derselben anzusehen, um sogleich den Rang und die Wür- 
den des Inhabers zu kennen. Diese Prachtgewänder erregten 
allgemeine Bewunderung, weshalb auch der Geschichtsschreiber 
eigens davon spricht. So wollte der prachtliebende Yang-di dem 
Mikado eine hohe Meinung von seinem Kaiserhofe beibringen. 

Zum Gesandten erwählte Yang-di den Großfürsten |g Jff Pei- 
tsing^ denselben, welchen sein Vater schon anno 600 nach Japan geschickt 
hatte. Das Wertvollste in seinem Berichte ist die genaue Angabe des 
Zeremoniells, mit welchem er empfangen wurde. Meines Wissens 
gibt kein anderer Geschichtsschreiber solche Einzelheiten. 

Als dem Mikado die nahe Ankunft des Gesandten angekündigt 
war, beeilte er sich, einen Hofwürdenträger mit mehreren Hun- 
dert Soldaten in den Seehafen zu schicken, wo der Gesandte lan- 
den sollte. Sie sollten ihn mit größtem Pompe und höchst feier- 
lich empfangen. Natürlich wurde dazu Lärm erfordert; manschlug 
große und kleinere Tam-tam, blies die Trompeten, wie es hier im 
Osten Asiens seit alters Brauch ist. 

Vom Ufer begleitete man den Gesandten höchst feierlich nach 
der vorbereiteten, schön verzierten Wohnung, wo man ihn zehn 
Tage von den Strapazen der Seereise ausruhen ließ. 

Nach Ablauf jener zehn Ruhetage kam ein höherer Hofwür- 
denträger, welcher sich als Abgesandter des Mikado ankündigte, um 
die Gesandtschaft feierlich nach der Kesidenz zu begleiten. Die- 
ser Mandarin hatte außer seinem Gefolge zweihundert Reiter, 
welche mit prächtigen, fliegenden Fahnen sich dem Gesandten vor- 
stellten und tiefste Reverenz machtea. Nachdem der Gesandte den 
Tag zur Abreise bestimmt, kamen dieselben Reiter auf prächtig 
aufgezäumten Pferden, um die Gesandtschaft zu begleiten. Mus'k- 
banden spielten dabei ihi-e schönsten Stücke, und die Reiter gaben 



— 49 — 

unterwegs manchmal ein Stückchon ihrer tüchtigen Reitkunst zum 
besten, um zu zeigen, was für wackere Kriegshclden sie wären. 
Kurz, es war ein ganz pomphaftes Geleite, das an Prunk und Lärm 
nichts zu wünschen übrig ließ. 

Sobald der Gesandte in der Residenz angekommen, wurde er 
alsogleich vom Mikado in Audienz empfangen und willkommen ge- 
heißen ; so ungeduldig war derselbe», seine große Freude und sein 
unaussprechbares Glück über die Ankunft einer so hohen Persön- 
lichkeit zu bezeigen. ^Wir wissen^', sprach der Mikado, „daß jenseits 
der Meere im äußersten Westen China hegt, das Reich der Tugend, 
das Reich der Riten und guten Sitten, das Reich der Gerechtig- 
keit. Wir Herrscher von Japan haben seit alter Zeit immer Ge- 
sandtschaften nach China geschickt in der Hoffnung, daselbst etwas 
zu lernen, durch diese freundlichen Beziehungen uns zu schulen 
und bestmöglich uns zu zivilisieren. Denn wir Japaner leben ja am 
Ende der Erde, ganz abgeschlossen von aller Verbindung mit 
gebildeten Völkern; wir sind nur AVilde, welche keine Kenntnis 
von Riten und höherem Zeremoniell besitzen, niemals Tugendlehrer 
gehört haben. Leider war es mir unmöglich, in eigener Person 
den hehren Abgesandten des Kaisers bei der Ankunft im HafcMi 
zu empfangen, weil ich alle Vorbereitungen zum feierlichen Emp- 
fang in der Residenz selber überwachen wollte. Wir haben die 
Straßen und Wege gekehrt, die Häuser geschmückt, die Soldaten 
eingeübt und im nötigen Zeremoniell zum Empfange unterichtet. 
Auch das Volk haben wir belehrt, wie es sich zur Zeit der Anwe- 
senheit eines so hohen Gastes zu benehmen habe. Wie glücklich 
bin ich, den hohen Abgesandten der kaiserlichen Majestät mit eige- 
nen Augen betrachten zu können. Wollen Sie mir doch etwas 
von Ihren hohen Weisheitslehren mitteilen; lehnMi Sie mich, wie 
ich mein Volk erneuern und auf den rechten Weg der Tugend 
und guten Sitten führen kann...'^ Bei-tsing antwortete: ^Wie der 
Himmel und die Erde, verbreitet auch dei Kaiser als Dritter seine 
Wohltaten bis ans Ende der Erde. Weil er nun vernommen, daß 
ihr Japaner Verlangen tragt nach der von euch hochg(^schätz':en 
chinesischen Bildung, hat er geruht, mich zum Gesandten auszu- 
wählen, um euch freundlichst zu begrüßen und einige kleine Ge- 
schenke zu überbringen als ein Zeichen, wie sehr er euch achtet 
und hebt.*^ 

Als Chinese und Abgesandter des Kaisers war sich Bei-tsing 
seiner W^ürde wohl bewußt, und so zeigte er sich bei weitem we- 
niger überschwänglich, als Chinesen sonst wohl zu sein pflegen. 

Jftpuu) BtzithimipM zu Chin» 4 



— 50 — 

Chinesische Beamten halten viel auf ihre Würde und rergeben 
sich nichts, wenn nicht ihr eignes Interesse sie anders zu handeln 
zwingt. 

Der Gesandte erhielt Wohnung in einem der königlichen Pa- 
läste und wurde in allem wie ein Fürst behandelt. So gefiel es 
ihm denn gar nicht übel im Lande, und er blieb, wie gewöhnlich 
damals die Gesandtschaften zu tun pflegten, lange in Japan. Eines- 
teils wollte er sich noch ausführlicher über Regierung, Volk, Sitten 
und L.indesboschaffenheit unterrichten, andernteils seinem Gefolge 
und sich selbst die Zeit gönnen, gute Handelsgeschäfte zu machen. 
Man verkaufte die mitgebrachten chinesischen Sachen zu guten 
Preisen und kaufte japanische Waren ein, um solche mit Gewinn 
in China wieder zu verkaufen. So war es damals Sitte. Die japa- 
nischen Gesandtschaften gewannen immer fabelhafte Summen bei 
ihrem Besuche in China. Die chinesischen Gesandtschaften mach- 
ten zwar in Japan weniger Gewinn, da die Geschenke des Mikado 
denen des Kaisers nicht gleich kamen, aber immerhin gewannen 
sie mit dem Handel beträchtliche Summen. 

Außer der ersten mehr privaten Audienz gab es auch noch 
eine offizielle, wobei der höchste Pomp entfaltet wurde. Da wur- 
den die Briefe und Geschenke überreicht, die feinsten Komplimente 
gemacht, das ganze Wissen und Können der beiderseitigen Großen 
im vollsten Glänze geyeigt. Zu Ehren des Gesandten wurden am 
Hofe große Pestessen gegeben. Man spielte auch Theater und 
zeigte dem Gaste die Sehenswürdigkeiten des Landes. 

Ganz gewiß hat Japan auch noch andere Gesandtschaften an 
den Kaiserhof der Sui in Luo-yang geschickt und der Kaiser die- 
selben beantwoi*tet. Aber der Geschichtsschreiber zählt sie nicht 
genau auf, weil nichts besonderes dabei vorgefallen ist. 




Neuntes Kapitel. 

Sturz der Dynastie Sui und Gründung 
derjenigen der @ Tang (618—905). 

Krieg mit Korea. Li-sche-miii (Tang-tä-dsung) reisst die Herrschaft 

an sich. 




» 

^jer selbstbewußte stolze p§ jl8 ^fr Sui-Yang-di hatte 612 eine 



Expedition gegen Korea unternommen, um auch dieses 
z'jKsa^^» Land zu unterwerfen. Um sein Ziel sicher zu erreichen, 
61i9Vltt^ hatte er, wie man erzählt, eine Arme von 1 130 000 Mann 
aufgeboten. Er wurde aber geschlagen und verlor iriele (man 
sagt ein Drittel) seiner Soldaten. Im Jahre 613 unternahm er 
eine neue Expedition gegen Korea, die aber nicht glücklicher war. 
Ein Jahr später galt es, einen neuen Vorstoß gegen diese hart- 
köpfigen Koreaner zu machen, welche nicht verstehen wollten, was 
für ein Glück es sei, chinesischer Untertan zu werden. Diesmal 
hatte die kaiserliche Armee wenigstens nicht allzu sehr „das Ge- 
sicht verloren*'. So konnte man denn allenfalls Frieden machen; 
aber die Autorität des sonst so gefürchteten Kaisers war hin. Das 
Land war durch diese kolossalen Kriegsunternehmungen ganz 
erschöpft. Überall herrschte Not und Elend im Reiche und erho- 
ben sich, wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, zahlreiche 
Räuberbanden, die mit revolutionären Elementen sich vermischten. 
An ihrer Spitze standen vielfach ehrgeizige, zum Throne sich beru- 
fen fühlende Streber. Das ganze Reich glich einem Bienenstocke, 
der schwärmen will. 

Damals war ^ t^ JS ^ Li-yüen-Tang-kung Statthalter in 
lij H Schen-si. Unter seinen vier Söhnen war der zweite, ^ # J£ 
Li'Sche-min^ ein wahres Genie. Er erkannte die ganze Sachlage. 
Ihnj war es klai', daß die Dynastie Sui verloren und somit der 

9* 



— B2 — 

Thron bald erledigt sein werde. Und wer wird den leeren Thron 
besteigen ? Der Mutigste und Geschickteste im' Zugreifen, wie es 
ja immer geschieht. Li-sche-min fühlte in sich die Energie, einen 
Staatsstreich zu wagen und den Thron an sich zu reißen. In der 
Tat offenbarte er sich als ein wahres Kriegsgenie und vermochte 
alle seine Gegner und Rivalen niederzuschlagen. Die damals 
mächtigen Türken, Chinas Nachbaren, trugen nicht wenig zu 
seinem schließlichen Erfolge bei. Kurz, im Jahre 618 war die 
Partie gewonnen. Als pietätsvoller Sohn setzte Li-sche-min seinen 
alten Vater auf den Thron; aber die Seele der Regierung blieb 
or selbst. Im Jahre 626 bestieg er endlich selbst den Thron und 
zeigte sich als ebenso großen Verwalter und Staatsmann, als er 
Kriegsheld gewesen. Selten oder vielleicht niemals hat China eine 
so glänzende und ruhmreiche Zeit erlebt: im Inneren vollkommener 
Friede und musterhafte Verwaltung unter den Augen eines so un- 
vergleichlichen Kaisers; nach Außen nie gesehener Glanz und An- 
sehen bei allen benachbarten Staaten, welche sich in der Tat glück- 
lich schätzten, die Untertanen eines so großen Reiches zu sein. 
Von allen Seiten, selbst von Sumatra und Indien, kamen Gesandt- 
schaften. 

Der nächste Nachfolger glich noch in vielem dem unvergleich- 
lichen JH >k ^ Tang-tä-ditunff^ wie Li-sche-min in der Geschichte heißt. 
Bald aber' nahmen die Weiber und Eunuchen und somit auch 
Zuohtlosigkeit überhand. Was diese Dynastie noch bis 905 auf 
d(^m Thron beließ, waren einige tüchtige Kaiser, welche dann und 
wann denselben innehatten. Besonders aber stützten tüchtige Mi- 
nister, große Staatsmänner und hervorragende Gelehrte den Thi-on, 
Bis jetzt wird die Dynastie der Tang als die große, unvergleich- 
liche, ruhmreiche, nie zu erreichende Muster-Dynastie gepriesen, welche 
noch die großen Dynastieen der ^ Sunc/ (960 — 1278) und die D^ 
Ming (1368—1648) übertrifft. Das mag ja wahr sein, aber im 
Grunde genommen will es doch nicht viel besagen. Denn auch 
die Dynastie der Tang hat nur drei bis vier tüchtige Kaiser aufzu- 
weisen, während die Mehrzahl entweder unfähig oder verdorben 
ist. Wie gesagt, waren es vielfach andere große Männer dieser 
Epoche, die den Thron stützten und China so berühmt und aller 
Bewunderung würdig machten. 



Zehntes Kapitel. 

Japans Bestreben, sich nach Chinas 

Muster zu bilden. 




I. Die erste Gesandtschaft Japans unter den Tang. Zeitweise 
Unterbrechung der freundlichen Beziehungen zwischen Japan 

und China. 

^ie Geschichtsschreiber geben die erste feierliche Gesandt- 
schaft Japans erst für das Jahr 630 an, d. h. 'zwölf Jahre 
rm^^^^i nach der Thronbesteigung der Tang. Wahrscheinlich ist 
Mi^Vtfv^^ die erste unter dem Kaiser Tä-dsung (627—650), oder 
sie wurde zuerst aufgezählt, weil sie besonders merkwürdig ward. 
Denn bis dahin waren die Japaner immer pünktlich gewesen, China 
ihren Tribut darzubringen, wui'den auch immer als musterhaft von 
den chinesischen Kaisern belobt. Tä-dsung selbst sagte den Japa- 
nern, es sei nicht nötig, alljährlich zu kommen. Wären sie durch 
zwölf Jahre nach der Thronbesteigung nicht erschienen, so hätte 
der Kaiser wahrlich nicht Grund gehabt, ihnen dieses Lob zu spen- 
den. Und zumal wissen wir ja, daß es nicht reine, uneigennützige 
Ergebung an den kaiseriichen Hof war, welche die Japaner zu den 
regelmäßigen Besuchen vermochten, vielmehr war es vielfach Eigen- 
nutz, der sie dazu antrieb.*) 

*) Seit dem ersten Jahre seiner Regierung gab Tä-dsung ein scharfes Edikt 
gegen die nicht autorisierten Kulte heraus, das zumal gogen dio Bonzen und 
Dau-8c)io gerichtet war, welche Streitigkeiten und politische Umtriebe verursachten. 
Unter ihm ging der famose Bonze ^ ^ 7rt7</n-r/sr/;/mwr/ (629 — 645) nach IndicMi 
und brachte von da an die sechshundert Bände buddhistischer Büclier zurück. 
Hüan-daohuang ist einer der berühmtesten Bonzen Chinas. Freilich wollte Tä- 
dsung keine Verfolgung gegen die Bonzen und Dau-sche ; denn dazu war er als 
kluger Politiker zu tolerant. 

Unter Tä-dsung fing das Christentum an, in (^hina zu blühen. Aber 
wahrscheinlich sind die Nestorianer schon früher nach China gekommen. 



— 54 — 

Tä-dsung war ganz erfreut über die Gesandtschaft vom Jahre 
639 und empfing sie aufs feierlichste. Er war der Mann, die Her- 
zen zu gewinnen durch seine so ungekünstelte Freundlichkeit, durch 
seine herablassende Güte, welche bei seiner imposanten Größe 
und Majestät nur um so mehr Eindi*uck machte. Seine wahrhaft 
kaiserliche Freigebigkeit trug nicht wenig bei, die Japaner zu 
gewinnen und ihm dieselben ganz ergeben zu machen. Auch er 
war wenig unterrichtet über die Lage und Größe Japans, über 
die weite Entfernung von (/hina, den langen Weg und die so 
beträchtlichen Unkosten und Beschwerlichkeiten der Reise. 

Um die Gesandtschaft und Geschenke des Mikado zu erwidern, 
und auch das Land und seine Bewohner besser kennen zu lernen, 
sandte Tä-dsung einen seiner Vertrauensmänner, den Großfürsten jSi fc 
^ KaU'jen^biau, mit zahlreichem Gefolge nach Japan. Die Geschenke, 
welche er überbringen ließ, waren zahlreich und ausgesucht aus 
den kostbarsten Gegenständen jener kunstreichen Epoche. Auch 
hatte Eau-jen-biau den Auftrag, dem Mikado mitzuteilen, es sei 
nicht nötig, alljährlich den gewohnten Tribut zu entrichten. 

Unglücklicherweise hatte sich der Kaiser in der Wahl des 
Gesandten ganz geiiTt. Eau-jen-biau bewies sich als ein so stolzer, 
anmaßender, das !N^ationalgefühl der Japaner rücksichtslos verlet- 
zender Mensch, daß er allerwärts sehr mißfiel, ja alle Welt gegen 
sich aufbrachte. Man fragte sich, was ein solcher Mensch in ihrem 
Lande zu suchen gekommen sei, ob China wohl noch mehr solcher 
Menschen habe. Eau-jen-biau war ganz von sich selbst und dem 
Bewußtsein seiner hohen Würde eingenommen und sah gering- 
schätzend auf die Japaner herab. Er gehörte zu der Elasse jener 
dünkelhaften Menschen, die durch ihr herrisches Wesen andern zu 
imponieren wähnen, während sie sich dadurch doch recht mißliebig 
und verächtlich machen. 

Hatte der Gesandte die Beamten und alle, welche mit ihm 
in Berührung kamen, durch sein barsches und grobes Wesen ge- 
stoßen, so setzte man doch voraus, daß er als chinesischer 
Literat und Hofmann sich wenigstens dem Mikado gegenüber wür- 
dig betragen werde. Doch weit gefehlt! Eau-jen-biau zeigte sich 
auch in Gegenwart des Mikado als ein unhöflicher Mensch und 
vergaß sich selbst soweit, mit dem Mikado zu disputieren. Als 
man ihm darauf Gelegenheit bot, seinen Fehler wieder gut zu 
machen und den Mikado durch höfliches Benehmen und gute Woite 
wenigstens äußerlich zu versöhnen, hielt er das unter seiner Würde. 
Der hartköpfige, eingebildete Literat glaubte sogar, sein herrisches 



^ 55 --. 

großtuendes Benehmen sei die rechte Axt und Weise ;,den Wil- 
den*^ einen hohen Begriff von chinesischer Bildung beizubringen. 

Stolz und Anmaßung aber empört die Menschen und stößt 
sie zurück. So brach denn der selbstbewußte Mikado Hf ^^ Jo-mei 
(629 — 641) alle Beziehungen mit China ab. Mit siebenundzwanzig 
Jahi*en war er auf den Thron gestiegen und war verständig und 
energisch genug, sich nicht von den Chinesen mit Füßen treten zu 
lassen. Im Jahre 637 hatte er eine Empörung der Ainos zu unter- 
drücken, die sich nicht so leichten Kaufes von den Japanern aus 
ihren alten angestammten Sitzen verdrängen lassen wollten und 
sich mit Mut verteidigten, aber schließlich doch unterlagen. 

Das gänzliche Mißlingen jener Gesandtschaft, von der Tä-dsung 
die besten Früchte erwartete, mußte den so klugen Staatsmann tief 
betrüben. Natürlich konnte auch er sich nichts von seiner chinesi- 
schen Hoheit vergeben, und so blieb nichts übrig, als die Ereignisse 
abzuwarten. 

Schließlich sei noch bemerkt, daß Tä-dsung im Jahre 635 den 
nestorianischen Mönch Olupun, welcher das Christentum in China 
predigte, freundlich aufnahm und 638 ein kaiserliches Edikt zu 
Ehren der christlichen Religion erließ. 



2. Japan nimmt die freundlichen Beziehungen zu China wieder 

auf und pflegt sie mehr als je. 

Auf Jomei folgt im Jahre 642 Kogyoku, die Enkelin des 
dieißigsten Mikado Bidatsu (572 — 585). Aber schon im Jahre 644 
überließ sie den Thron ihrem Bruder ^ ^ Ko-to-ku (645 — 654), 
der ein begeisterter Freund chinesischer Bildung war. 

Schon im ersten Jahre seiner Kegierung (645), führte Ko-to- 
ku die ^ 5J NengOj chinesisch ^nien-hau*' : Jahreszählung chinesi- 
scher Weise ein, um eine genaue und praktische Zeitrechnung möglich 
zu machen. Die erste Jahresberechnung war -J^ flj Taikwa^ chinesisch 
Da-hoa, d. h. ;,die große Reform*^, weil von dieser Zeit allmählich 
die chinesische Veiwaltung eingeführt werden sollte. Da er selbst 
schon 654 starb, war es ihm nicht möglich, viel zu tun. Wenig- 
stens hat er den Ruhm, die freundlichen Beziehungen wieder auf- 
genonmien zu haben. Er wagte nicht, nach so langer Unterbrechung 
direkt an den Kaiser eine Gesandtschaft zu schicken; sondern ver- 
ordnete, daß sein Gesandter sich dem des koreanischen Königs 
5gf jm Sin-luo anschließe. Dieser mußte dann klug anfragen, ob 



— 56 — 

beim kaiserlichen Hofe eine japauisclie (ilesandtschaft genehm sein 
würde. Auf die freudige^ Bejahung wagte es der japanische Gesandte, 
sich eine Audienz zu erbitten. Kf ^ Kau-dsung (650 — 683), der 
Sohn und Nachfolger von Tä-dsung, empfing die japanische Gesandt- 
schaft auf die feierhchste, ehrenvollste und zugleich herzlichste 
Weise: er wollte die Japaner gewinnen und die erlittenen Belei- 
digung(^n wieder gut machen. Der Gesandte überreichte einen demü- 
tigen Brief des Mikado, worin er die lange ITnterbrechung erklärte 
und zu entschuldigen suchte. Die Geschenke des Mikado bestanden 
aus den kostbarsten Sachen Japans. Unter anderen erwähnen die 
chinesischen Geschichtsschreiber als besonders kostbar ein ungeheuer 
wertvolles Stück 3^ JQ Hu-hei: Bernstein in der Größe eines Schef- 
fels ; ein Stück ^ ^ Ma-nan : Achat von der Größe eines halben 
Scheffels. 

Der hochbeglückte Kaiser schickte seinerseits auch außer- 
ordentliche, prächtige Gegengeschenke, um dem Mikado zu bewei- 
sen, wie hoch er seine Freundschaft schätze. Zum Beweise seines 
V(Ttrauen8 bat er ihn noch schriftlich, den von den Königen der 
Bei-tsi und Kau-djin-li angegriffenen Sin-luo mit Heeresmacht unter- 
stützen zu wollen. Dadurch ernannte er den Mikado, wenn nicht 
ausdrücklich, so doch dem Sinne nach zu seinem GeneraUissimus, 
um in dem östlichen Lande für Ruhe und Frieden zu sorgen — ein 
Titel, welclien ja die Mikado so sehnlich begehrten. Leider starb 
Ko-to-ku auf dem Wege dieser Expedition gegen Korea. 

Beim Tode ihres Bruders stieg Kogyoku wieder auf den Thron, 
hieß aber hinfür ^ Bj§ Seimei und regierte bis 661. Weil aber 
japanischen Patrioten die aus China eingeführten ^ Jg Nien-hau 
oder nengo mißfielen, unterließ sie's überhaupt, eine Zeitberechnung 
ihrer Regierung zu bestimmen. 

Aber trotz allem Patriotismus führte sie die aus China kom- 
menden Dachziegeln und Ziegelsteine ein und baute sich damit 
(iinen Palast. Bis dahin war selbst die Residenz des Mikado 
nur mit Stroh bedeckt und die Mauer aus gestampfter Lehmerde 
hergestellt. In China werden die Dachziegeln schon im Jahre 1818 
vor Christus erwähnt; die gebackenen Ziegelsteine sind sogar noch 
(un paar Jahrhunderte älter. 

Auch sie hatte die Ebisu oder Ainos zu bekämpfen. Als sie 
auf dem Punkte war, in eigener Person eine Armee nach Korea 
zu führen, starb sie im Alter von siebenundsechzig Jahren. 

Ihre Beziehungen zu (/hina waren die freundlichsten. Schon 
bald nach Wiederantritt der Regierung im Jahre 652 hatte sie eine 



— 57 — 

feierliche Gftsandtschaft nach China gesandt. Als Kuriosität füi* 
(Ion kaiserlichen Hof und ganz China hatte sie der Gesandtstchaft 
einen Aino-Ifäuptling mitgc^schickt, dessen Bart vier chinesische 
Fuß, d. h. ungefähr acht europäische lang war. Er war von dem 
Stamme der |g J^ hia4 d. h. der Crevetteft- Wilden auf einer Insel 
des Ozean, welche nich den Untersuchungen gelehrter Japaner 
die lns(»l Yezo oAvr Hokkaido, die nördlichste der japanischen In- 
seln ist. 

Dieser mit so langem Barte ausgezeichnete Häuptling war 
auch ein aulkrordentlich geschickter Pfeil-Schütze, dessen Pfeile 
auch nicht die Breite eines Haares vom bezeichneten Ziele abirrten. 
Zum Beweise seiner Kunst hielt einer seiner Leute in einer Entfernung 
von mehreren Dutzend Schritten eine Gurke in der Hand : immer 
traf sein Pfeil die Gurke, ohne die Hand auch nur zu streifen. 

Die chinesischen Ideen waren schon dermaßen in Japan ein- 
gedrungen, daß sie selbst unter den Prinzen ^chinesische Heilige^ 
hervorbrachten. Ein solcher war der Prinz ^ ^ Tien-chi, der Sohn 
der Seimei. Als pietätsvoller Sohn unterdruckte er die von ihm 
entdeckte Verschwöining der mächtigen Soga und rettete so seine 
Mutter. Im Jahre 645 dankte letztere ab, und der Thron kam 
ihrem Sohne als rechtmäßigem Erben zu. Aber nach dem Beispiele 
selbst in China seltener „Heiligen'^ lehnte er diese Ehre ab und 
überließ den Thron seinem Oheim Kotoku. Da nun letzterer 654 
starb, weigerte sich Tenchi aufs neue, den Thron zu besteigen 
und veranlaßte seine Mutter, wiederum die Regierung in die Hand 
zu nehmen. Bei ihrem Tode (661) beobachtete er nicht nur die 
dreijährige strengste Totentrauer, sondern zog sich durch sechs 
lange Jahre in die Einsamkeit zurück, um einzig seiner toten Mutter 
und ihrer Tugenden zu gedenken und den herben Verlust zu beweinen; 
die Kegierungsgeschäfte überließ er seinen Ministern, besonders 
dem Großfürsten Kamatari. Xach Beendigung der sechsjährigen 
Trauer nahm er endlich die Zügel der Regierung wieder in die 
Hand und bewies sich als der eifrigste Schüler und Bewunderer 
der Chinesen, obwohl letztere 660 eine Expedition nach Korea unter- 
nommen und so den Japanern entgegengearbeitet hatten. Im Jahre 668 
hatten sich selbst die Chinesen und Koreaner verbunden, waren 
vereint über die Japaner hergefallen und hatten denselben eine schwere 
Niederlage beigebracht. 

über solche Unfälle war Tenchi ganz und gar erhaben. Er 
eröffnete im ganzen Ileiche Schulen, wo koreanische und chinesische 
Lehrer chinesische Literatur und chinesische Bildung lehren sollten. 



--- »8 — 

Er gründete selbst eine Daigaku-XJniversität, wo außer der chine- 
sischen Literatur noch Recht, d. h. die chinesischen alten IJiten, Mathe- 
matik, Astronomie u. s. w. gelehrt wurden, und das sogar während 
die Chinesen im Jahre 670 Korea unterwarfen und die Japaner 
gänzlich aus diesem Lande vertrieben. 

Erstaunend ist, daß Tenchi bei seiner so begeisterten Vorliebe 
für alles Chinesische auch noch ein ausgezeichneter Kenner der 
japanischen Sprache und Literatur, ja selbst ein als klassisch be- 
wunderter Dichter war und noch jetzt als solcher gefeiert wird. Als 
er im Jahre 671, erst sechsundvierzig Jahre alt, starb, folgte ihm 
sein Sohn ?/^ $ Kobun auf dem Throne, der aber bald von Ji ^ 
Tenmau (673 — 686), einem Bruder des Tenchi, vertrieben und um- 
gebracht wurde. Auch dieser Mikado war ein überzeugter Bewun- 
derer alles Chinesischen und fuhr fort, die freundlichsten Beziehun- 
gen zu unterhalten und wiederholte Gesandtschaften an den Kaiser zu 
senden. 

3. Die chinesenfreundliche und allmächtige Minister- Familie 

der Fujiwara. 

Der erste Pujiwara, der in der Geschichte erscheint, ist der 
Großfürst Kamatari, derselbe, welcher dem Prinzen Tenchi die Ver- 
schwörung der Soga gegen Kogyoku mitteilte. Natürlich stieg er 
hoch in Gunst und Ehi'en, wurde Minister des Mikado Kotoku und 
bheb auch unter dessen Nachfolger in seiner einflußreichen Stellung. 
Tenchi liebte di(»sen klugen Staatsmann über alles und verlieh ihm 
und seinen Nachkommen den Namen H |g Fujiwara. Diese Fa- 
milie regierte ungefähr von 66') — 1050 unter allen Mikado ganz 
unbeschränkt das Land, indem sie die leitenden Staatsmänner, Groß- 
fürsten und Statthalter lieferte. Sie bewies eine große Gewandtheit 
und so diplomatisches Anpassungsvcimögen an die Charaktere der 
sich nachfolgenden Mikado, daß sie trotz aller Eifersüchteleien an- 
derer Üaimyo, trotz wahrtjr Verschwörungen mächtiger Persönhch- 
keiten das Staatsruder durch vier Jahrhunderte in Händen behielt. 
Da diese mächtigste Familie ganz für China und chinesisches Wesen 
schwärmte, so wurden natürlich die freundlichen Beziehungen fort- 
gesetzt, die Schulen des chinesischim Unterrichtes immer zahlreicher; 
kurz, Japan nahm immer mehr ein chinesisches Gepräge an. Wegen 
dieser Vorliebe für China und seiner Begeisterung, chinesische Ein- 
richtungen in Japan einzuführen, war sie auch in China selir beliebt 
und wurde immer durch besonders kostbare Geschenke ausgezeichnet. 



— 5Ö — 

Schon unter dem ersten Pujiwara änderte Japan seinen offi- 
ziellen Namen. Bis dahin hießen die Japaner ^ jK Wo-nUf was 
chinesisch ^Sklaven aus dem Zwergenlande '^ bedeutet. ;,Dieser 
Ausdruck war dem japanischen wo, wa: ^ Japan, japanisch*' nach- 
gebildet; wake: ^japanisches Lied*' ist ein auch sonst bekannter 
Ausdruck. 

Da nun die Japaner so eifrig Chinesisch studierten, fingen sie 
an, sich dieses Namens zu schämen und suchten nach einer ehren- 
volleren Benennung. Endlich wählte man, und zwar auf Anregung 
chinesischer Literaten, den Namen H ^ Je-beti: .,Ui*sprung (Heimat) 
der Sonne ^. So ist dies dann seit 670 der offizielle Name Japans.*) 
In gegenwärtiger Zeit nennen die Chinesen Japan vielfach auch 
yH p^ Dung-yang: ^Land östlich vom (im) großen Meere**, im 
Gegensätze zu Europa, das sie |f f^ Si-yang: ^Land westlich 
vom (im) großen Meere*' nennen. 

Auch die chinesische Etikette bei feierlichen Empfängen und 
dergl. wurde am Hofe des Mikado eingeführt. Ebenso wurde nach 
chinesischem Muster Japan in Provinzen und zwar zuerst in acht 
Provinzen geteilt. Die Beamten-Familien, welche ihr Amt erblich 
erhielten und erblich überlieferten, wurden auch in acht Klassen 
geteilt. Und weil China seit alten Zeiten Zollämter hatte, beglückte 
auch Japan sein Volk mit dieser heilsamen Einrichtung. Der in 
ganz Japan berühmte Schlagbaum mit Zollamt war der von ^ Jg 
Seki-ga-hara, einem Dorfe dreißig Li östlich von der Hauptstadt 
Eioto, der eine Art Vor-Polizei für die Hauptstadt war und das 
zu zahlreiche Gesindel abhalten sollte. Weltberühmt ist der Ort 
durch [die in Japan gelieferte größte Land-Schlacht, welche Jeyasu 
am 15. September 1600 gewann, und durch die er das shogunat, 
d. h. die autokratische Alleinherrschaft erlangte. 

Auf Temmu, den Bruder des Tenchi, folgte f^ j^ Jito, des 
letzteren Tochter, welche von 687 bis 696 regierte und dann, drei- 
undfünfzig Jahre alt, zu Gunsten des Mommu, eines Enkels des Temmu, 
auf den Thron verzichtete. Auch Jito führte verschiedene Reformen 
nach chinesischem Muster ein, um mehr Ordnung in das Kataster der 
Landbesitzungen, die Erhebung der Steuern und gerechtere Ver- 
teilung der Frohnarbeiten zu bringen. Als erklärte Bewunderin 
Chinas unterhielt sie die besten Beziehungen zum kaiserlichen Hofe ; 

'") Die Japaner lesen diese beiden Charaktere Nippon oder Nihon. Yub: 
,,Marco Polo Trawels^ pag. 238 möchte den Namen vom malayschen Ja-pun 
oder Ja-pang ableiten. Nach den chinesischen Erklfirungen kann wohl kein 
Zweifel melir über den Ursprung sein. Die Malayeu haben eben den seit 670 
geführten ofiPiziellen Kamen auch angenommen. 



— 60 — 

und hätte sio dieselben vergessen, so waren die Fujiwara da, die 
nicht unterlassen hätten, sie daran zu erinnern. Diese klugen Fuji- 
wara hatten es zu stände gebracht, daß 3t ^ Mmnmu (697—707) 
ein vierzehnjähriger Knabe, auf den Thron kam : ein Knabe als 
Mikado konnte ihre Alleinherrschaft nicht stören. Nun ist es aller- 
dings wahr, daß Fujiwara-no Fuhito ein ganz eminenter Staatsmann 
war und Japan mit (llanz erfüllte. Dieser große Minister war es, 
der endlich im Jahre 700 die Gesetzessammlung der @ Tang als 
allein gültiges Gesetz, nach welchem fortan regiert und gerichtet 
werden müßte, einführte. Schon 662 hatte der vielerwähnte Ten- 
chi befohlen, die japanischen Gesetze nach dem Muster der chine- 
sischen Gesetzessammlung der Dynastie Tang zusammenzustellen. 
Der Kodex wurde dann ins Japanische übersetzt, bewährte alte 
japanische Gesetze wurden beigefügt und das Ganze endUch im Jahre 
700 als allgemein verbindliches erstes Gesetzbuch offiziell veröfFent- 
Hcht. Diese Gesetzsammlung heißt japanisch Tai-ho-ryo, chinesisch 
^^ ^ Dä'hati'lingy weil sie unter dem Nien-hau ^^ 5[ eingeführt 
wurde. Bemerkens weit ist, daß sich diese Gesetzsammlung der Tang 
in China selbst aus den Bibliotheken verloren, während sie sich in 
Japan erhalten hat. Auch blieb diese Gesetzsammlung allgemeines 
Kocht in Japan bis 1858, wo die große Reform nach europäischem 
Muster verschiedene Abänderungen machte. 

Zwar hatten die Fujiwara auch manche Feinde, die sie zu ver- 
treiben suchten, aber sie blieben fast bis 1050 am Ruder. 



4. Einige besonders bemerkenswerte japanische Gesandt- 

schatten. 

Der große Minister Fujiwara-no-Fuhito, der unter dem jugend- 
lichen Mikado Mommu eigentlicher Herrscher von Japan war, hatte 
eine gute Wahl getroffen, indem er den Großfürsten m ^ Siü- 
tiefi an die Spitze der Gesandtschaft vom Jahre 701 stellte. Siü- 
tien war für das Chinesische sehr begeistert. Er sprach nicht nur 
vortrefflich chinesisch, sondern verfaßte auch chinesische* Gedichte 
und elegante Aufsätze, die dem Geschmacke der C<hinesen zusagten. 
Sein ganzes Leben und Streben ging ins Chinesische auf. Die Li- 
teratur, die Staatseinrichtungen und Gebräuche der Chinesen waren 
für ihn unübertroffene Muster, nach welchem ein Volk, falls es 
sich zivilisieren will, sich bilden muß. Die Staatskleider, welche 
er als Großfürst am Hofe des Mikado trug, waren ga'nz nach der 



— 61 — 

Art jener Kleider, welclie der Kaiser Sui-yang-di im Jahre 605 nacl) 
Japan geschickt hatte. Sie waren als offizielle Hoftracht in Japan 
eingeführt worden. Somit war Siü-tien nicht nur ein feiner und 
delikater Literat, sondern auch ein eleganter, stattlicher Hofmann, 
wohlerfahren in der Kunst der Rede, um in gewählten Worten ein 
angenelmes Kompliment zu machen und den Großen demütigst 
aufzuwarten. In China herrschte damals die ehrgeizige Kaiserin- 
Witwe Jlj 3^ Dsei'tiefL Siü-tien hatte diese eigenartige Alte ganz zu 
bezaubern gewußt. Sie war schier entzückt von seiner Höflichkeit, 
der Eleganz seines ganzen Auftretens, der Gewandtheit seiner Rede 
und seiner großen Kenntnis der so komplizierten chinesischen Riten. 
Sie gab ein großes Festessen am kaiserlichen Hofe zu Ehren des 
Gesandten, auf daß jedermann Gelegenheit hätte, diesen so außer- 
ordentlichen Mann kennen zu lernen, nicht minder aber auch das 
große Glück schätzen zu lernen, als Chinese, als Mitglied des Muster- 
Staates geboren zu sein. Außerdem suchte die Kaiserin jedwede 
Gelegenheit, diesen so gebildeten Mann zu unterhalten und auch 
über Japan zu befragen. Sie konnte nicht satt werden, ihn zu sehen 
und zu bewundern, ihn, der als „Wilder^ es den chinesischen 
Höflingen in Eleganz und Feinheit noch zuvortat. 

Bei der Rückreise empfing sie ihn noch einmal in feierlicher 
Audienz, überschüttete ihn mit den höchsten Titeln und Würden 
und den kostbarsten Geschenken für ihn selbst, den Mikado, die 
Minister und Großfürsten am Hofe. Kurz, bis dahin war noch keine 
Gesandtschaft so geglückt wie diese, keine hatte dem japanischen 
Hofe solche Ehre gemacht. 

Die alte Kaiserin hatte vor ihrem Tode noch einmal (im Jahre 
703) Gelegenheit, eine Gesandtschaft der ihr nun so lieben Japaner 
zu empfangen. Leider war der Gesandte kein so bezaubernder Hof- 
mann wie Siü-tien gewesen. 

Von 699 bis 713 wurde in China das Christentum verfolgt. 
Unter der alten herrachsüchtigeii Kaiserin waren nämlich Unruhen 
ausgebrochen. Diese Gelegenheit benutzte man, um über die Chri- 
sten herzufallen. Im Jahre 745 gab der Kaiser ein neues Edikt 
zu Ehren und zum Schutze der christlichen Religion. Die japanische 
Gesandtschaft vom Jahre 709 wurde vom Kaiser tp ^J)schmig-sun(i^ 
der früher von der ehrgeizigen Dsei-tien beiseite geschoben worden war, 
in höchst ehrenvoller Weise empfangen und wegen ihrer Regelmäßig- 
keit in Daibringung des Tributs schmeichelhaft belobt. Zu Ehren der 
Gesandtschaft gab Dschung-sung ein großes Festessen, bei dem er die 
Gäste mit den höchsten Ehren und Liebenswürdigkeiten überschüttete. 



— 62 — 

Der diesmalige Gesandte war auch ein großer Bewunderer chinesi- 
schen Wesens. Er hatte viel Chinesisch studiert und schließlich ge- 
funden, daß die Chinesen Recht hätten, auf ihren unvergleichlichen 
Konfuzius so stolz zu sein. Von Bewunderung für diesen Philosophen 
und ^Heiligen^ ganz hingerissen, wollte er ihm seine Ehrerbietung 
bezeugen. Er suchte also beim Kaiser um die große Gnade nach, 
den Tempel des Konfuzius besuchen zu dürfen, welche Vergün- 
stigung ihm natürlich gern gewährt wurde. Es war dies der Tem- 
pel des Konfuzius im kaiserlichen Schulkollegium der Haupt- 
stadt. Die Gesandtschaft besuchte aucli noch die andern großen 
Tempel der Hauptstadt, sowohl die buddhistischen wie dauistischen ; 
denn China sollte auch in der Baukunst das Muster für Japan wer- 
den, wo man damals anfing, allerorts prachtige Tempel und Türme 
zu bauen. 

Bei diesen Besuchen in der Hauptstadt begleitete ein hoher 
kaiserlicher Beamter die Gesandtschaft. Das Volk war durch eigene 
Edikte ermahnt worden, in jeglicher Beziehung ein musterhaftes 
Betragen zu zeigen, auf daß die fremde Gesandtschaft sehe, bis zu 
welch hohem Grade der Zivilisation China emporgestiegen, da auch 
das gemeine, nicht studierte Volk ein so musterhaftes Betragen be- 
säße, die Kiten der Alten kenne und in der Praxis ausführe*) 

Auch bewilligte der Kaiser ausdrücklich, daß die Gesandtschaft 
in der Hauptstadt alles kaufen könne, was sie wünsche. Es war 
dies die ausdrückliche Erneuerung eines Privilegiums, welches den 
Japanern, wie wir schon des öfteren bemeikt haben, außerordentlich 
lieb war. 

Der so berühmte Gesandte jjS^ % Siü-tien kam im Jahre 713 
noch einmal als Führer einer feierlichen Gesandtschaft nach China, 
um den Kaiser ^ ^ Häan-dsung (712 — 754) zu begrüßen. Als 
tüchtiger Literat und geschmeidiger Hofmann wußte er auch diesen 



*) Die Japaner nannten die wegen ihrer hohen Zivilisation hochverehrten 
('hinesen nach dem Namen der regierenden Dynastie Tang ganz einfach J|| ^ 
Tang'jen: „das Volk der Kaisor-Familie Tang*^. Auch jetzt noch benennen sie 
die Chinesen mit diesem Namen, obwohl die Dynastie der Tang schon lange auf- 
gehört hat, in China %\i herrschen. Die Chinesen jener Epoche waren eben die 
bewunderten Lehrmeister der Japaner; so wurde ihnen denn auch dieser Name 
erhalten. Etwas Ähnliches ist bei den Russen der Fall, welche noch jetzt China 
Eathay heißen, nach den ersten Beziehungen mit den Earaki'-tan, dem mächtigen 
Königreiche in Samerkand, Ili u. s. w. welches seit 1125 durch achtzig Jahre 
den ganzen Westen Chinas beherrschte. Die anderen europäischen Nationen 
haben mit dem Reiche Kathaya und dem Priesterkönig Johannes schon längst 
so aufgeräumt, daß nicht einmal im Namen Chinas sich eine Anspielung auf 
jene ersten Bekanntschaften der Kara-ki-taaen (1145) erhalten hat. 



— 63 — 

Kaiser ganz zu bezaubern und für sich einzunehmen. Obwohl so 
tüchtig im Chinesischen, bat er den Kaiser, ihm einen gelehrten 
Akademiker zu bewilligen, der ihn ins innerste Heiligtum der chine- 
sischen Literatur einführen könnte. Natürlich gewährte der Kaiser 
mit Freuden diese für China so ehrenvolle Bitte. Siü-tien, anstatt 
den Freuden und Grenüssen der Hauptstadt zu leben, war einzig 
bemüht, alle Geheimnisse der chinesischen Kompositionen zu ergrün- 
den. Sein ganz jugendlicher Eifer im Studium erbaute jedermann, 
ja riß zur Bewunderung hin. 

Ein solcher Eiferer für China stand natürlich in höchster Gunst. 
Bei der Abreise wurde er dementsprechond mit den kostbarsten 
Geschenken für den Mikado und für sich selbst im wahren Sinne 
des Wortes überladen. Doch dem ins Chinesische ganz verliebten 
Literaten waren chinesische Bücher lieber als die kaiserlichen Ge- 
schenke. Darum verkaufte er, wenn nicht alle, so doch viele der 
Kostbarkeiten, die mit Rücksicht auf den kaiserlichen Geber in den 
Augen der Käufer noch an Wert gewannen und somit teurer als 
sonst bezahlt wurden. Mit dorn Erlös kaufte Siü-tien sich chine- 
sische Bücher. Solch einen Bücherwurm hatte man selbst in China 
denn doch noch nicht gesehen. Der Kaiser war nicht nur nicht 
beleidigt, sondern bewunderte vielmehr solch unglaublichen Eifer, 
die chinesische Weisheit kennen zu lernen. 

^ flg Dschau-höng^ der Sekretär des Siü-tien, war nicht viel 
weniger füi das Chinesische begeistert als dieser. Während der 
ganzen Zeit seines Aufenthaltes in China hatte er aufs eifrigste Chi- 
nesisch studiert. Jetzt bei der Abreise erbat er sich die Vergün- 
stigung, in China bleiben zu dürfen, um die Sprache gründlich zu 
erlernen. Auch die Sitten und Gebräuche, die Staatseinrichtungen 
und die intimsten Geheimnisse der Verwaltung wollte er genau 
kennen lernen. Auch für ihn war China einfachhin das Muster- 
land, welches nachzuahmen die Bestrebung aller ernsten Leute sein 
müsse. 

Im Jahre 717 schickte der Mikado eine neue Gesandtschaft 
und ließ dem Kaiser, sowie dem Akademiker, welcher Lehrer des 
Siü-tien gewesen, angelegentlich danken, Siü-tien sei nun so tüchtig, 
daß er den japanischen Hof im Chinesischen unterrichten könne. 
Als Beweis des in Japan nun so eifrig gepflegten Studiums hatte 
er einen Hofmann geschickt, der vollkommen Chinesisch sprach, 
und mit dem ganzen Zermoniell der so verwickelten chinesischen Riten 
vollkonunen vertraut war. Auch der Ausdruck des offiziellen Dankes 
an den Akademiker, den Lehrer des Großfürsten Siü-tien, bewies 



— 64 — 

zur Gonügo, wie sehr die Japaner sich schon in cliinesisohe Tdeen 
hineingelebt hatten und wie fein sie» den Chinesen zn sclinieiclieln 
vei-standen. Der kaiserHche Hof und die ganze Literatenschaft, die 
ja in China bekanntlich den Ton angibt, wurden auf diese Weise 
für die Japaner eingenommen. 

Die folgenden Mikado verfolgten ganz di(*sc^lbe Pohtik. Das 
war ja auch natürlich. Auf Mommu folgte seine Mutter Yem- 
myo (708 — 714), die Tochter desTenchi; ihr folgte bei der Abdan- 
kung Gensho, ihre Tochter, Schwester des Momrau? w(»lche aber 
schon 723 zu Gunsten ihres Xeffen Shomii, d(»s Sohnc^s Monimu, 
abdankte. Die Namen der Mikado wechselten, das SA'stem bli(»b 
aber dasselbe, teils aus eigener persönlicher Tberzeugung, teils 
aus Anleitung der allgebietenden Minister Fujiwara. 

Eine der am schwersten geprüften (lesandtschaften war di(\ 
welche im Jahre 733 unter der Leitung des Großfüi*sten Kj| jj^ 
Kuang-tscheng nach China ging. Sie fuhr im September ab und 
begegnete auf dem Meere einem jener Typhone, welche di(^ Schiff- 
fahrt der ctiinesischen Meere so gefährlich machen. 

Der Gesandte und sein zahlreiches Gefolge von fünfhundert- 
neunzig Mann glaubten sich schon verloren. Aber siehe da! ein 
glückliches Geschick trieb die Schiffe an die schlammige und san- 
dige Meeresküste im Delta des Jangtsekiang, wo dies(^lben nicht 
zerschellten. So wurden alle Tj(»ute gerettet und nach t^ jVi ]^ 
Su'dscIioU'fu an den Statthalter der Provinz befördert. Dieser Herr 
^ IS IF- Tsien-wei-dcheng nahm die Schiifl)rüchigen fr(»undlich auf 
und benachrichtigte den Kaiser von diesem argen Unfälle. Der 
Kaiser ITüan-dsung breilt(» sich, (Mnen hohen Würdenträg(»r zum 
Empfange der unglücklichen Gesandtschaft abzusenden, der sie trö- 
sten und verpflegen und schhelJlich mit dem geziemenden Ehren 
an den Kaiserhof führen sollte. In der Hauptstadt bcv.eigten der 
Kaiser und alle \Vürd(mträger den unglücklichen Ja|)anern di(» zar- 
testen Aufmerksamkeiten und eine wahrhaft väterliche IFuld und 
Vorsorge. 

Nachdem sich die (Jesandtschaft lange von den Strapazen 
erholt und in China bestens umgesehen hatte, entließ sie der Kai- 
ser reich beschenkt und mit hohen Titeln geschmückt.*) 

Beachten wir die große Zahl des Gefolges, welche bei dieser 
(Gelegenheit genau auf fünfhundertneunzig Mann angegeben wird. 

♦) Wahrscheinlich wfir es diese GcHandtschnft, welche die Blattorn von 
China nach Japan einschleppte. Jedenfalls zeigte sich diefle Krankheit im Jahre 
735 zuerst und richtete große Yerheeriingon an, während sie his dahin in diesem 
luselreiche gaux unbekannt gewesen. 



— «5 — 

Unter denselben befanden sich 1. eifrige Studenten, welche nach 
China kamen, um das Chinesische gründlich zu lernen und später 
ihio Kenntnisse zum Besten ihres Yaterlandes verwerten wollten; 
2. Bonzen, welche in China unter berühmten Lehrmeistern den 
Buddhismus studieren wollten, um dann zu Hause wieder Bonzen 
gut ausbilden zu können; 3. zahlreiche Kaufleute, welche dem 
Scheine nach das Gefolge des Gesandten bildeten, in Wahrheit aber 
nur gute Geschäfte machen wollten. So bUdeten diese sogenann- 
ten Gesandtschaften wahre Karawanen geld - und wißbegieriger Leute. 
Ja später wurden sie noch zahlreicher. Solange die Japaner nicht 
allzu argen Mißbrauch trieben, sah China diese Handels-Karawanen 
nicht so ungern; denn China gewann ja auch dabei, und man war 
glücklich, japanische Handelsartikel kaufen zu können. Als aber 
diese Karawanen bis auf mehrere Tausend von Leuten anwuchsen, 
unter denen sich auch unruhige und gewalttätige Subjekte befan- 
den, so suchte China, sich dieselben vom Halse zu halten. Jedoch 
zur Zeit der Dynastie der Tang waren die Japaner noch beschei- 
den, und nicht so selbstbewußt und anmaßend, wie sie nach ihren 
großen Siegen über die Mongolen wurden. 

Die Gesandtschaft von 748 konnte lange Zeit nicht abreisen, 
weil der Piraten-Häuptling ^ >^ jfc ü-ling-kuang das Meer unsicher 
machte. Seeräuber gab es zwar immer in diesen Meeren; aber 
U-ling-kuang hatte viele Genossen und war zu einer wahren Macht 
gelangt, gegen welche einige Schiffe, selbst mit so tüchtigen Sol- 
daten bemannt, wie die Japaner waren, nichts vermochten. Erst 
im Jahre 744 wurden die Statthalter von Kanton, Tsche-kiang und 
Pu-kien, welche ihre Streitkräfte zur Bekämpfung der Seeräuber 
vereint hatten, derselben Meister. U-ling-kuang wurde gefangen 
und unter den so gräßlichen Martern der Hochverräter hingerichtet. 
Somit war für einige Jahre Ruhe und Sicherheit auf dem Meere. 

Im Jahre 748 .zwang Fujiwara-no-Nakamazo den Mikado 
Shomu (774—748), abzudanken und setzte dessen Tochter Koken 
auf den Thron, welche bis 758 den Namen Mikado führte. In die- 
sem Jahre zwang der allmächtige Minister auch sie, abzudanken 
und Bonzin zu werden, damit sie einzig der Tugend leben könne; 
er erhob Jummin, den Oheim des Shomu, auf den Thron (749 — 764). 
Der Bonzin aber gefiel es nicht in der Zurückgezogenheit des Klo- 
sters. Schon wollte sie 760 bei Gelegenheit der Expedition gegen 
Korea wieder mit Gewalt den Thron besteigen. Der angesehene 
und ehrgeizige Jg ^ Do-kyo gewann außerordentlichen Einfluß auf 
die Bonzin und stachelte sie an, wieder vom Throne Besitz zu er- 

Japans BeaiahuBgen zu China & 



— 66 — 

greifen. Es bildeten sich zwei mächtige Parteien, die sich gegen- 
seitig blutig bekriegten. Da Nakainoro 764 besiegt und getötet 
wurde, konnte die Bonzin wieder den Thron besteigen und regierte 
als Shotoku von 765 bis 769, d. h. sie führte den Namen Mikado, 
aber der eigentliche Herr und Meister war der Bonze Dokyo. Die- 
ser ^ Tugendlehrer'' behauptete, eine Offenbarung erhalten zu haben, 
infolge Thron und Titel des Mikado ihm selbst zukommen sollte. 
Indes wurde sein Lügengewebe entdeckt, und anstatt ihn auf den 
Thron zu erheben, schickte man ihn in die Verbannung. 

Trotz des Kiieges mit Korea, trotz der Revolutionen und un- 
glaublichen Intriguen am Hofe dauerten die freundlichen Beziehun- 
gen zu China fort. Im Jahre 760 war der Großfürst ^ fg Dschau- 
höng^ der 718 in China geblieben war, um das Chinesische gründlich 
zu lernen, Leiter der japanischen Gesandtschaft. Dieser alte Herr 
wäre lieber zu Land über Korea an den Kaiserhof gereist. Aber 
die Koreaner hatten ihm den Weg verlegt, und er mußte den See- 
weg nehmen. Er landete in 4^ i^ Ning-buo^ begab sich von da 
nach )ß H. Dschau-hing^ um dann auf dem Kaiserkanal nach der 
Hauptstadt zu fahren. Natürlich war er darob übler Laune und 
auf die Koreaner sehr schlecht zu sprechen. Darum schwärzte er 
sie am Hofe an. Infolgedessen war der Kaiser über die japanische 
Expedition nach Korea nicht ungelialten. 

Die Gesandtschaft von 780 ist bemerkenswert, weil bei dieser 
Gelegenheit die Japaner gewissermaßen zwei Siege über die Chine- 
sen davon getragen. Der Leiter der Gesandtschaft war ein tüchtiger 
Kenner der chinesischen Littf^ratur, da ja zu jener Zeit in Japan 
alles für diese Sprache schwärmte, alles diese Sprache erlernte und 
selbst die Damen Chinesisch sprachen. Außerdem war er auch 
ein unvergleichlich geschickter Kalligraph. Nun weiß man ja, wie 
viel die Chinesen auf Kalligraphie geben. Niemals aber \\urden 
die Kalligraphen höher in Ehren gehalten, als unter der Dynastie 
der Tang: ein geschickter Kalligraph wurde einem tüchtigen 
Literaten und einem ausgezeichneten Dichter gleichgeachtet. 

Der g(^scluckte Japanese gab unvergleichliche Proben seiner 
Kunst, aber keiner der berühmten Meister in der Hauptstadt vermochte 
es ihm gleich zu tun. 

Er hatte auch Papier aus Japan mitgebracht, welches durch 
seinen (flanz, seine Feinheit und Schönheit alles übertraf, was die 
Chinesen an Papier besaßen, wie sie selbst eingestehen mußten. 
Selbst Papierkenner und Papierfabrikanten wurden nicht müde, 
dieses Papier zu bewundern und von allen Seiten zu untersuchen. 



— 67 — 

konnten sich aber dessen Herstellung nicht erklären ; nur schien es 
ihnen aus Seidenstoff bereitet zu sein. OflFenbar waren die Japa- 
ner nicht wenig stolz, in diesen zwei Stücken die Chinesen über- 
troiFen zu haben. 

Auch mit dieser Gesandtschaft war eine Anzahl junger Studenten 
gekommen, welche in China verblieben, um sich im Chinesischen 
vollkommen auszubilden; andere, welche ihre Studien beendet hat- 
ten, kehrten mit derselben wieder in die Heimat zurück. Wie wir 
schon gesagt, kamen auch junge Bonzen nach China, um unter 
Leitung berühmter Lehrer das Studium des Buddhismus zu pflegen. 

Eine Gesandtschaft im Jahre 799 importierte die Baumwollen- 
Leinwand nach Japan. Es ist selbst überraschend, daß sie so spät 
eingeführt wurde, da die Baumwollen-Manufaktur in China schon 
lange bekannt war. Zuerst war sie in der Provinz Kanton be- 
kannt, wo der ^ fj^ Hoang-sche^ der vorgebliche Erfinder dersel- 
ben, einen Tempel hatte. Geschichtlich sicher erscheint die Baum- 
wollen-Leinwand zuerst unter dem Kaiser jfe |$ 16" Kuang-u-di^ 
(25 — 58 nach Christus). Wie dieser Kaiser, so liebte auch f^^% 
Liang-u-di (502 — 550) diese leichte, der Haut so wohltuende 
und schweißsaugende Leinwand sehr und trug sie immer. Von 
Kanton verbreitete sich die Baumwollenkultur allmählich nach Fu- 
kien und Tsche-kiang und schließlich nach dem Kiang-nan, allwo 
man sie seit 1280 mit vielem Erfolge pflegt. 

Um 780 hatten große, einflußreiche Daiiiiyo und andere 
eifersüchtige Großfürsten wieder einmal einen Vorstoß gegen die 
mächtige Familie der Fujiwara unt(»rnommon. Aber diese klugen 
Diplomaten saßen fest und hatten nach allen Seiten hin vorgearbeitet, 
so daß sie nicht erschüttert wurden. Sie besaßen zu viele in jeder 
Beziehung ausgezeichnc^te Männer, um so leicht vertric^ben zu wer- 
den. Und hätte man sie vertrieben, wäre es möglich gewesen, 
tüchtigere, oder auch nur gleich tüchtige Männer an ihre Stelle zu 
setzen?*) 

Im Jahre 784 ließ der Mikado Kwammu (782 — 805) nach 
chinesischem Beispiele allen seinen Vorfahren auf dem Throne ehren- 
volle Beinamen geben, unter welchen sie zumal in der Ahnenhalle 
und bei den Opferhandlungen bezeichnet werden. Es ist dies eine 
Art ägyptischer Kanonisation, welche auch bei den Chinesen in hohen 
Ehren gehalten wird. Kwammu wollte damit beweisen, wie sehr 



*) Nebenbei soi hier daran erinnert, daß im Jahre 78 1 das berühmte Mo- 
nument von U ^ Jj^ Si-nyan-fu in der Provinz Schensi errichtet wurde. 



5* 



— 68 — 

er schon in der Zivilisation vorangeschritten sei. Dabei war er 
auch, wie wir sehen werden, ein begeisterter Buddhist. 

In demselben Jahre 784 verlegte Ewammu die Hauptstadt 
von Narä nach Kioto, wo sie auch bis zum Jahre 1868 verblieben 
ist. Dieser sonst tatkräftige Herrscher wurde 789 von den Ebisu 
geschlagen, Beweis genug, daß selbst im achten Jahrhundert die 
Ainos noch tüchtig waren und sich zu verteidigen wußten. 

Seine drei Sohne folgten ihm der Reihe nach auf dem Throne : 
Heizei (806—808). Nach dessen Abdankung folgte Saga (810), 
der 823 auch abdankte und als Nachfolger den Junwa (824 — 833) 
bekam. 

Alle drei wai'en eifrige Buddhisten und dankten als solche 
ab, um der Welt abzusterben. Zugleich waren sie, wie ihr Vater, 
tüchtige Kenner der chinesischen Sprache und Literatur, wie über- 
liaupt zu jener Zeit Chinesisch die Sprache der Beamten, der Ge- 
schichtschreiber u. s. w. war. Wer immer eine Beamtenstelle 
erlangen wollte, mußte des Chinesischen mächtig sein. Saga war 
sogar ein berühmter Literat, Dichter und Kalligraph. 

Bei so ausgesprochener Vorliebe für alles Chinesische dauerten 
natürlich die freundlichen Beziehungen zu China fort. Die Ge- 
sandtschaft von 829 ist berühmt geblieben durch die große Menge 
von Perlen, welche die Japaner dem Kaiser überbrachten; ebenso 
die vom folgendem Jahre 820, welche einen ungemein demütigen 
Brief des Mikado überbrachte, worin sich dieser als ergebenen und 
gehorsamen Vasall des Kaisers erklärte. 

Das Studium des Chinesischen verbreitete sich immer mehr 
und drang selbst in die mittleren Schichten des Volkes ein. Eine 
der berühmtesten Schulen befand sich zu Ashicaga, welche bis in's 
sechzehnte Jahrhundert hinein blühte. Diese Epoche ist wohl 
der Höhepunkt des Paroxysmus für chinesische Gebräuche und 
Literatur. Die Pujiwara waren mächtiger als je, und sie begün- 
stigten nach alter Tradition alles Chinesische. Sie unterhielten 
beständigen Verkehr mit China, ja sie brachten es zustande, daß der 
Mikado Buntoku (851 — 858) im Jahre 853 selbst seinen Kronprinzen 
als Leiter der Gesandtschaft nach China schickte. Das war ja der 
höchste Grad von Ergebenheit und tiefster Devotion. 

Der Kaiser j^ ^ Süan-dsung (848 — 859) empfing den Prinzen 
mit allen nur denkbaren Ehren, gab zu wiederholten Malen Fest- 
gelage zu seiner Ehre, wobei man bis an die hundei*t Komödien spielte. 
Die Geschenke, welche der Kronprinz überbrachte, waren selbst- 



— 69 — 

Verständlich kostbarer und zahlreicher denn je; zumal fand man 
die kostbaren Yasen und verschiedene Musikinstrumente für sehr 
kunstvoll. 

Diese großen Feste am Hofe und in der ganzen Hauptstadt 
benutzten schmeichlerische Hofschranzen, um sich beim schwachen 
Kaiser noch mehr in Gunst zu setzen. Inmitten der großen Fest- 
versammlung brachten sie krystallklares Wasser des Huang-ho, 
d. h. des gelben Flusses. Nach einem alten Sprichwort; das als 
Orakel gilt, hat der Huang-ho nur dann krystallhelles Wasser, wenn 
ein seiner großen Vorfahren würdiger, von Liebe zu seinem Volke 
beseelter Kaiser auf dem Throne sitzt. Diese elende Schmeichelei 
soUte ein oiBTenkundiges Zeugnis für die seltene Tugendhaftigkeit 
und Tüchtigkeit des Kaisers sein. Leider war dieser unfähige 
Herrscher so kui'zsichtig und geblendet, daß er dieses trügerische 
Kompliment als wahr und berechtigt annahm. Er soll Tränen der 
Rührung vergossen haben. Infolgedessen wurden d'e Feste am 
Hofe noch zahlreicher und kostspieliger. Es regnete kaiserliche 
G-nadenerweisungen; Titel und Würden wurden mit nie dagewesener 
Freigebigkeit verteilt; eine Amnestie kündete dem Keiche an, daß, 
nachdem der Himmel gegen den Kaiser so gütig gewesen, dieser 
nun auch gegen sein Volk sich großmütig erweisen wolle. Kurz, 
nicht nur in der Hauptstadt, sondern allerwärts herrschten großer 
Jubel und inmierwährende Festlichkeiten. Die japanische Gesandt- 
schaft konnte mit eigenen Augen sehen, daß Kaiser und Volk 
sich zusammen freuten, wie dies in den alten Zeiten der heiligen 
Kaiser der Fall gewesen; ein klarer Beweis, daß Süan-dsung ein 
Musterkaiser sei. 

Seit langen Jahren hatte man keine so prunkhafte Feste am 
Hofe und in der Hauptstadt gesehen. Als der Kronprinz sich zur 
Rückkehr anschickte, wurde er nochmals höchst pomphaft in feier- 
licher Audienz empfangen und mit den seltensten Geschenken über- 
laden. Die Mitglieder der Gesandtschaft sowohl, als auch die Mi- 
nister und Großfürsten des Mikado erhielten hohe Titel und Aus- 
zeichnungen. 

Alles dies war nur eine große Komödie, welche von den 
Schmeichlern in Szene gesetzt und gespielt worden war. In Wahr- 
heit saß die ehemals so große und glänzende Dynastie der Tang 
nicht mehr fest auf dem Throne, wie die Gesandtschaft bei ihrer 
Rückkehr mit eigenen Augen sich überzeugen konnte. In Iffi jfi 
Hang-dschou nämhch, der Hauptstadt von Tsche-kiang, brachen 
schon 850 große Unruhen aus, wobei viele Mohamedaner, Juden 



— 70 — 

und Christen hingemordet wurden.*) Diese Unruhen vermehrten 
sich allmählich und breiteten sich nach allen Provinzen aus. Die 
Kaiser hatten nämlich schon längst verlernt, mit kluger und star- 
ker Hand die Zügel der Regierung zu führen und waren bald 
nur Schattenbilder alter Größe ohne Auktorität und Einfluß. 

In Japan regierten die Eujiwara, während die Mikado sich 
eifrig dem Studium der chinesischen Literatur hingaben. Unter 
Seiwa (850 — 876), der mit neun Jahren den Thron bestiegen, 
war Pujiwara Yoshifusa, des Mikados Großvater mütterlicherseits, 
der eigentliche Herrscher. Er vermochte es durchzusetzen, daß 
die legitime Gemahlin des Kaisers sowie der Kwampaku und der 
Seßho nur aus den fünf Zweigen Ichijo, Nijo, Kujo, Takatsukasa 
und Konoe der großen FamiUe Fujiwara gewählt werden sollten. 

I^^r gl J^ Kwampaku w^ar gewissermaßen der „Hausmeier" 
des Mikado, aer Herr und Meister im Lande, obwohl er nicht den 
Namen trug. Diese Würde ward eigens für die Fujiwara geschaf- 
fen und in dieser Familie erWich; eine andere Familie war unfä- 
hig, diese Würde zu bekleiden. Nur dem famosen Hideyoshi war 
es beschieden, im Jahre 1586 die Würde eines Kwampaku zu er- 
langen, aber auch nur deshalb, weil er von der Familie Fujiwara 
adoptiert war, um diesen Titel erlangen zu können. 

Der f{| ige Sessho war während der Minorität des Mikado „der 
Regent des Reiches". Gewöhnlich wurde der Kwampaku auch 
Seßho des jungen Mikado und regierte bis zur eigentlichen Thron- 
besteigung an seiner Statt mit unumschränkter Gewalt. Nach- 
dem der Mikado feierlich den Thron bestiegen, war der Seßho nur 
Kwampaku; d. h. die Namen wechselten und einige Formalitäten. 
So hatte die Faraihe Fujiwara die höchsten Würden und Amter 
im Reiche erblich erhalten, und behauptete sie auch jahrhun- 
dertelang trotz aller Eifersucht und Angriffe anderer mächtiger 
Daimyo. 

Die Usurpatoren suchen gewöhnUch das Volk und die öffentliche 
Meinung mit etwas anderem zu beschäftigen, um die Gedanken abzu- 
leiten und sich ihre Machtstellung verzeihen zu lassen. Die Fuji- 
wara pflegton das (!hinesische, bildeten Dichterzirkel, veranstalteten 
Hofspiele, gaben glänzende Feste, begünstigten Luxus und Wohl- 
leben, vereinten selbst gelehrte Damen zu literarischen Zirkeln. So 
gewannen sie mächtige Parteigänger, welche die Fujiwara und ihre 
Herrschaft als das goldene Zeitalter von Japan feierten. Die gelehrten 

*) So erzählen die arabischen Geschichtschreiber. In chinesischen BQ- 
chern habe ich bis jetzt noch nicht die Bestätigung gefunden. 



— 71 — 

Damen schrieben philosophische Aufsätze nach Art der berühmten 
Literaten Chinas. 

So hatten die Fujiwara freie Hand und sorgten dafür, daß 
nur Kinder oder junge Leute auf den Thron kamen. 8eiwa, kaum 
siebenundzwanzig Jahre alt, dankte 876 ab, um den Thron seinem 
zehnjährigen Sohne Yozei (877 — 884) zu überlassen. Aber auch 
diesen ließ Fujiwara Mototsum nicht lange auf dem Throne, son- 
dern setzte an dessen Stelle Koko (885 — 888), einen schon vierund- 
fünfzig Jahre alten gebrechlichen Mann. Diesem folgte sein Sohn 
üda (880 — 897), ein tatkräftiger junger Mann von einundzwanzig Jahren. 

Ln Jahre 895 wollte XJda eine feierUche G-esandtschaft unter 
der Leitung des Großfürsten und ausgezeichneten Sinologen Michi- 
zane (847 — 903) nach China senden, wo derselbe sicher als litera- 
rische G-röße geglänzt und für Japan Ehre eingebracht hätte. 
Aber Michizane überzeugte seinen kaiserlichen Gönner, daß es bei 
der bestehenden argen Wirtschaft in China unnütz, ja gefährlich 
sei, eine Gesandtschaft dorthin zu schicken. So unterbheb clenn 
die geplante Gesandtschaft, und Japan hatte keine offiziellen Be- 
ziehungen mehr mit China bis zum Jahre 984 unter der großen 
Dynastie der ^ Sung*) 

Michizane war ein ausgezeichneter Gelehrter; der geschicht- 
liche Werke in klassischem Chinesisch geschrieben ; auch war er ein 
geschickter Staatsmann und stand als solcher bei Uda in hoher 
Gunst. Er suchte den Mikado aus der unwürdigen Vormundschaft 
der Fujiwara zu befreien. Eitles Bemühen ! Uda mußte schließ- 
lich auch abdanken, und Michizane wurde auf einen unbedeutenden 
Posten in der Provinz Ejushiu geschickt. Die Fujiwara blieben 
Meister. Der Ex-Mikado war bei seiner Abdankung erst dreißig 
Jahre alt. Nachdem er die ffinfälligkeit irdischen Glückes und 
Ruhmes kennen gelernt hatte, wurde er Bonze, um nur der Betrach- 
tung der Eitelkeit dieser Welt zu leben. 



5. Wachstum des Buddhismus in Japan; die Bonzen Japans 

unterhalten regen Verkehr mit China. 

Zwar hatte der große ® Je 5^ Tang-tä-dsung (626 — 648), der 
eigentliche Gründer der so berühmten Dynastie, ein strenges Edikt 

'■'■"j unbedeutendere Gesandtschaften haben jedoch auch während dieser 
Zwischenzeit stattgefunden. Vielleicht waren es nur Besuche und Reisen Ton 
Studenten oder Bonzen, welche nach China kamen, um zu studieren. 



— ?a — 

gegen die nicht erlaubten Beligionen erlassen, worunter er zumeist 
den Buddhismus, den Dauismns und die damals so zahlreichen 
Wahrsager verstand, und so dem Eonfuzianismus öffentlich seine 
kaiserliche Gunst erklärte; aber der Buddhismus blieb gleichwohl 
in China bestehen, ja verbreitete sich selbst unter den Tang noch 
bis in die untersten Schichten des Volkes und herrscht auch jetzt 
noch. Die Konfuzianer haben schheßlich mit dem so mächtigen 
Gegner Frieden gemacht, indem sie erklärten, Eonfuzianismus, Dan- 
ismus und Buddhismus seien keine unter sich widerstreitende 
Lehren, sie seien alle drei nur eine Religion.*) 

Ein Beweis der Blüte des Buddhismus in China zur Zeit 
der Jlp Tang sind die Reisen der berühmten Bonzen wie £ $| 
Hüan-dschuang^ der 629 — 645 die blühenden Bonzenklöster im 
Tarym-Becken, Semerkand, ja sogar in Indien besuchte und von 
da mehr als sechshundert Werke buddhistischer heiliger Bücher 
nach China zurückbrachte. Von einer so langen Wallfahrt zurück- 
gekehrt, ward er ein hochverehrter und gefeierter Lehrer, der vielen 
Schülern den echten indischen Buddhismus erklärte. Er ward 
eben so hoch geschätzt, wie es seiner Zeit f^ jy| Fa-hien war, wel- 
cher von 399 — 414 Lidien und andere buddhistische Staaten im 
Westen Chinas besucht hatte. Ein anderer großer buddhistischer 
Heiliger und authentischer Lehrer des echten Buddhismus war der 
indische Eönigssohn Daruma, chinesisch ^ |g Da-muOy der gegen 
520 nach China kam. Es ist durchaus geschichtlich unbegründet, 
unter diesem Da-muo den hl. Apostel Thomas verstehen zu wollen. 
Auch wenn der hl. Thomas nicht nach China gekommen ist, so 
hat den Chinesen bei ihrem regen Handelsverkehr mit dem Westen, 
insbesondere mit Syrien und Eonstantinopel, wahrlich nicht die 
Gelegenheit gefehlt, das Christentum kennen zu lernen und anzu- 
nehmen, wenn sie nur gewollt hätten. $| ^ I-dsing heißt ein an- 
derer eifriger Bonze, der im Jahre 671 Studien halber eine lang- 
jährige Reise nach Lidien und in die buddhistischen Staaten des Westens 
unternommen, und von dort viele buddhistische Werke mitbrachte. 
Während einer langen Epoche der Dynastie der Tang blühte also der 
Buddhismus in China, und die Bonzen besaßen auch Eifer, ihre Reli- 
gion auszubreiten. Japan war ein weites Feld für ihre Propaganda. 
Die eifrigeren japanischen Bonzen kamen eigens nach China, um 
unter dem so berühmten Hüan-dschuang zu studieren, wie die 
Geschichtschreiber ausdrücklich hervorheben. 



*) Äluilioh machten und machen es auch andere Sekten in kritischen Mo- 
menten — gewiß ein ganz evidentes Kriterium der Unwahrheit. 



— 7d — 

Schon damals wurden die ^ |B( San-dsang, d. h. ^die drei hL 
Schätze^ in Japan eingeführt, d. li. 1. die buddhistischen Lehrbücher; 
2. die rituaUstischen und 3. die metaphysischen Bücher. Hüan- 
dschuang wurde von allen als unfehlbarer Lehrer des Buddhismus 
verehrt und übte unerhörten Einfluß auf alle Bonzen seiner Zeit 
aus. Seine Schüler fuhren nach seinem Tode fort, nach der Methode 
des Meisters den Buddhismus zu lehren. 

Im Jahre 653 kam auch der japanische Bonze |g[ J^, Doshd nach 
China, um die Lehren des echten Buddhismus zu ergründen. Nach 
Japan zurückgekehrt, verbreitete er sein System g^ ij/^ Hohso als 
die alleinige echte Lehre. ^ jj^ Chi4su, ein anderer japanischer 
Bonze, der in China buddhistische Studien getrieben hatte, stiftete 
im Jahre 658 die Sekte Kuslia, die er als die echte Religion ausgab. 

Verschiedene japanische Patrioten wollten nicht glauben, daß 
ihre Ahnen die wahre Lehre nicht gekannt hätten und daß dieselbe 
ihnen erst vom Ausland eingeführt werden sollte. Darum suchte 
der Bonze Gygogi-Bosatsu (670 — 749) dieselben zu trösten, indem 
er beweisen wollte, der japanische Schintoismus und der Buddhismus 
seien eine und dieselbe Religion; die Götter des Schintoismus hät- 
ten sich später einfach als zeitliche Offenbarungen eines Buddha 
entpuppt, somit schlössen sich diese beiden Religionen keineswegs 
aus^ sondern ergänzten sich vielmehr . . . Dieses bequeme System, 
das jedem die Freiheit ließ, zu glauben, was er wollte, fand natür- 
lich viele Anhänger und dauerte bis 1868, wo die Patrioten nichts 
als die uralte Religion ihrer Yäter gelten lassen wollten. 

Dieser berühmte Bonze brachte nicht nur den echten Buddhis- 
mus aus China, er führte auch die Töpfer -Drehbank ein, die Kunst, 
gewölbte Brücken zu bauen, kunstreiche Schnitzereien und andere 
Eunstsachen herzustellen, in welchen die Chinesen erfahiene Meister 
waren. Wahrscheinlich war er es, welcher den Gebetsturm t| |B( 
Rinzo aus China eingeführt hat. Es ist dies eine Art Gebetsmühle, 
ähnlich jener, welche in Tibet im Gebrauch ist. Dieser Gebetsturm 
ist im sechsten Jahrhunderte von dem chinesischen Bonzen f^ 
^ gjlr Fu-dä'Sche, eine Berühmtheit seiner Zeit, erfunden worden. 
Außer den heiligen buddhistischen Lehrbüchern ^ hatte man viele 
Kommentare derselben und andere sogenannte heilige Bücher, welche 
schon zu jener Zeit bis zur stattlichen Zahl von 6771 Bänden an- 
gewachsen waren. Kein Bonze fühlte mehr die Kraft; so viele Bücher 
zu studieren oder auch nur zu lesen. Und doch wollte man nicht 
gern auf das Yerdienst, sie gelesen zu haben verzichten. Der 
schlaue Fu-dä-sche wußte Rat. Er erfand den erwähnten Gebets- 



— 74 — 

turm. Es war dies ein Drehkasten, in den man die hl. Bücher 
legte. Wenn man denselben mit seinem Inhalte dreimal andächtig 
umdrehte, hatte man dasselbe Verdienst, als ob man die hl. Bücher 
alle gelesen hätte; man wurde von allem Übel bewahrt, und war 
sicher, ein langes, glückliches Leben zu genießen. 

Wie wir schon gesagt, waren die Bonzen zu jener Zeit noch 
sehi' eifrig. Weil in China fast alle Berge von Bonzenklöstern be- 
setzt waren, so baute man auch in Japan Tempel und Bonzenklö- 
ster mit Vorliebe auf den Bergen. Aber da die Berge in Japan viel- 
fach noch keine Tempel hatten, wollte der eifrige Bonze © ij> ^ 
En-no-Shotakxi, ein berühmter Wundertäter jener Zeit, wenigstens 
vorläufig alle berühmten Berge des Landes weihen und so nach 
Möglichkeit von ihnen Besitz ergreifen, fest überzeugt, daß die Pago- 
den später daselbst würden gebaut werden. 

Alle diese Bonzen waren tüclitig im Chinesischen und studier- 
ten eifrig die buddhistischen Schriften, welche ja insgesamt chi- 
nesisch abgefaßt waren. Sie eröffneten auch Schulen, in denen sie 
sowohl ihre jungen Bonzen, als auch auswärtige Schüler im Chi- 
nesischen unterrichteten. Während von Japan aus viele Bonzen nach 
China gingen und Jahre lang dort unter berühmten Lehrern dem 
Studium des Buddhismus oblagen, kamen von dort aus auch gelehrte 
Bonzen und andere tüchtige Literaten nach Japan, um Schulen 
zu eröffnen, wofür sie gut bezahlt wurden. So kamen auch Malerei, 
Skulptur, Musik und andere Künste ins Land. Alles, was zur Ver- 
zierung der Pagoden notwendig war, wurde von geschickten Bonzen 
hergestellt. Manche dieser Bonzen hatten selbst die Architektur 
in China erlernt und waren fähig, schöne große Tempel zu erbauen. 
Kurz, sie führten allerlei Handwerke und Künste in Japan ein, 
andere, welche man schon kannte, vervollkommneten sie nach chi- 
nesischen Mustern. Der Buddhismus verbreitete sich immer mehr 
und drang selbst in die unteren Schichten des Volkes, hatte er ja 
einen weit anregenderen Kultus, als der kalte Schintoismus. 

Auch sozialpolitisch hatte der Buddhismus einen gewaltigen 
Einfluß: er näherte die Klassen und riß die starre Scheidewand 
nieder, welche zwischen ärmeren Leuten, den Bauern und Gebilde- 
ten bestand. In Japan hatt(» man den Bauer und kleinen Mann 
bis dahin nur als ein Lasttier angesehen, welches zum Arbeiten be- 
stimmt ist. In China stand der Bauer bei weitem ehrenvoller da, 
war ja der Kaiser der erste Bauer seines Reiches, welcher nach 
althergebrachter Gewohnheit alljährlich selbst den Pflug wenigstens 
einmal führen mußte. So gewann der japanische Bauer durch die 



— 75 — 

buddhistischen Lehren, welche eine gewisse Gleichheit aller Men- 
schen predigten : „Alle müssen sich Buddha unterwerfen, alle können 
sich durch gute Werke eine ewige Glückseligkeit erwerben^. Kurz, 
die BonzeB verbreiteten verschiedene Wahrheiten der natürlichen 
Religion, wodurch das Volk sittlich gehoben wurde. Leider waren 
diese wenigen* Wahrheiten mit vielen groben Irrtümern vermischt, 
so daß das Ganze nur das Zerrbild einer Religion ist.*) 

Diese gelehrten Bonzen gewannen auch bei den Großen Japans 
sehr an Einfluß und Ansehen. So kam es, daß zu jener Zeit sogar 
Söhne höher gestellter Familien Bonzen wurden und so den Bud- 
dhismus immer mehr zu Ehren brachten. Schließlich gewannen 
verschiedene gelehrte Bonzen selbst großen Einfluß am Hofe des 
Mikado und wurden angesehene Räte der Krone, ohne deren weise 
Ratschläge nichts Wichtigeres unternommen werden konnte. So ist 
es nicht erstaunlich, daß Bonzen zu Gesandten des Mikado ernannt 
wurden und Japan ehrenvoll am kaiserlichen Hofe repräsentierten ; 
so schon im Jahre 753, 755. Später war dies noch viel häufiger. 

Oben haben wir schon gesehen, daß der Bonze Jg ^ Dokyo 
großen Einfluß über die Shotoku (764—769) gewann und gewis- 
sermaßen eigenmächtig regierte. Und hätte er es nicht so arg ge- 
trieben, daß er selbst versuchte, den Thron des Mikado zu besteigen, 
so hätte er wohl noch länger den allmächtigen Minister spielen 
können. So mußte er in die Verbannung gehen, wo er auch 772 
starb.**) 

Der fünfzigste Mikado Kwammu (782—805) war ein großer 
Bewunderer alles Chinesischen, wie wir gesehen, und zugleich auch 
ein sehr ausgesprochener Buddhist. Mit seiner Gesandtschaft gleich 
im ersten Jahre seiner Regierung ging eine beträchtliche Anzahl 
Bonzen nach China, um dort den Buddhismus gründlich zu studieren. 
Sie begaben sich in die große Bonzenschule auf dem Berge J^ -^ 
lll Tien-tä-schan, welcher drei Li nördlich von der Stadt ^C cf '^^^>*- 

'•'"i V\'rr flieh über den Buddhiaraus ein wenig unterrichten will, lese Ca- 
threin Ö. J. Moral-Philosophie vol. 1, pag. 522. 

**) unter dem buddhistisch gesinnten Mikado nimmt Shomu (724 — 748 
einen Ehrenplatz ein, weil er viele Tempel, auch eine gute Anzahl Türme zur 
Aufnahme von Reliquien berühmter buddhistischer Heilipjen gebaut hat. Ganz 
besonders wird er aber gefeiert, weil er den Daibutsu ^ -j^ IJa-fuo, d. h. eine 
ungeheure 15,90 Meter hohe Statue des Buddha gebaut hat. Zwar haben die 
Chinesen in ihren Pagoden kolossale Buddha-Statuen, aber bis dahin hatte man 
zu Ehren des Buddha noch nichts derartiges gemacht. Japan besitzt nur fünf 
solcher Rioaen-Statuen, von denen die letzte im Jahre 1891 gebaut worden. Die 
kleinste ist 6,60j^Me(;er hoch, die größte mißt 17,40 Meter und wurde in der 
Hauptstadt Kioto im Jahre 1801 hergestellt. 



— 76 — 

tä in der Präfektur -^ ^ /jj Tä-dschou-fu in Tsche-kiang liegt. 
Diese Schule war zu jener Zeit eine der berühmtesten in China. 
Sie besaß viele und seltene Heiligtümer und Reliquien buddhistischer 
Heiligen, eine reiche Bibliothek und ausgezeichnete Lehrer. 

Unter diesem Mikado fing der berühmte Bonze ^*f^ Saicho 
(767 — 822) an, einen Tempel auf dem famosen ^ ^ Hicischan, 
nordöstlich von Kioto zu bauen. Dieser ersten Pagode folgten bald 
andere, und so kam es, daß dieser achthundertdreißig Meter hohe 
Berg schließlich ganz von Tempeln und Bonzenklöstern bedeckt war, 
in denen bis zu dreitausend Bonzen lebten. Letztere entarteten 
allmählich derart, daß sie eher Raubrittern ähnlich waren, als Mön- 
chen, und daß Nobunaga sich gezwungen sah, 1573 gegen sie zu 
Felde zu ziehen. 

Saicho war lange Jahre in China gewesen. In sein Vaterland 
zurückgekehrt, stiftete er eine eigene buddhistische Sekte, % ^ 
Tendai genannt. Auch brachte er die Teepflanze aus China nach 
Japan herüber und lehrte seine Bonzen, wie der Tee zu pflanzen 
und zu behandeln sei. Der auf dem Bonzenberge Hici-schan und 
überhaupt in der Umgegend des H S tW Biwahu, des berühmtesten 
Seees von ganz Japan, gezogene Tee war der beste und gesuchteste 
im Lande. 

Als Bonze war Saicho so eifrig, daß er nach seinem Tode 
den Namen ^ HIl^^i d. h. ^der große Lehrer und Verbreiter 
des Buddhismus^ erhielt. Kwammu war so eifriger Buddhist, daß 
er bei seinem Tode (805) im Alter von siebzig Jahren von seinem 
Freunde, dem obengenannten Saicho, die buddhistische Taufe emp- 
fangen wollte, um aller Wohltaten dieser Religion in vollstem Maße 
teilhaftig zu werden. Diese Taufe wird an einem dunklen Orte 
vorgenommen, denn der Satan liebt nicht das Licht. Der Groß- 
Bonze gießt dem Neophyten ein wenig kanzo „süßen Tau'' auf das 
Haupt und bittet dabei aUe buddhistischen Gottheiten, dem Täuflinge 
alle Sünden zu verzeihen, ihm zu helfen, sein Herz von aller Sün- 
de zu befreien, um so zur Vollkommenheit zu gelangen. Hat Ter- 
tullian nicht Recht, Satan den Affen Gottes zu nennen ? Es wetr das 
erste Mal, daß in Japan diese Taufe erteilt wurde. 

In China war 16 Ä ^ Liang-u-di (502 — 550) ein außeror- 
dentlicher, begeisterter Anhänger des Buddhismus, der selbst die 
buddhistischen Bücher erklärte und sich sogar zweimal unter die 
Zahl der Bonzen aufnehmen ließ; niclitsdestoweniger wird nirgends 
erwähnt, daß er jemals die buddhistische Taufe empfangen habe. 
Diese Taufe mit ^ süßem Tau", welcher auf eine besondere Weise 



— 77 — 

gesammelt werden muß, und von dem in späteren buddhistisohen 
Büchern viel gefaselt wird, scheint also späteren Ursprungs und 
vom Christentum entnommen zu sein; denn das Christentum war 
im neunten Jahrhundert in China nicht mehr unbekannt : das Denk- 
mal von "JS ^ M Si-ngan-fu war 781 errichtet worden, und die 
Nestorianer hatten auch im Süden, z. B. in |§ ;^ Yang-dschou, An* 
bänger, und nicht weniger als drei Kirchen. 

Der allerberühmteste Bonze und Heilige des japanischen Bud- 
dhismus ist m, i^ J^tSi Kobo Daishi (774—834). Schon mit neun- 
zehn Jahren war er als Bonze nach China gegangen, hatte sich dort 
im Buddhismus gründlich unterrichtet und brachte ein von ihm 
selbst ausgedachtes System, Shin-gon genannt, als die ursprüngliche 
echte Religion mit nach Japan. So ging^s immer: jeder gab vor, 
allein den Geist des Buddhismus erfaßt zu haben und die orthodoxe 
Lehre vorzutragen. Geschieht es nicht auch jetzt noch so bei allen 
Sekten außerhalb der katholischen Kirche ? Und beweist nicht grade 
diese Uneinigkeit in der Lehre a posteriori, daß, um eine Lehre 
rein und unverfälscht zu bewahren, ein magisterium infallibile nötig 
ist, wie*s die katholische Kirche hat? 

Kobo Daishi war aber nicht nur als Gründer einer buddhistischen 
Sekte, sondern auch als Maler, Kunstschnitzer, Kalligraph und mehr 
noch als Erfinder des hira-kana^ d. h. eines japanischen Alphabets 
mit siebenundvierzig Buchstaben berühmt. Bis dahin hatte man sich 
der chinesischen Charaktere bedient, mußte ihnen aber verschiedene 
Zeichen beifügen, um sie japanisch aussprechen und lesen zu kön- 
nen. Es war dies äußerst unbequem und mühsam zu lernen und 
zumal zu schreiben. 

Nachdem Kobo sein Alphabet erfunden, konnte man das Ja- 
panische, ganz so, wie es gesprochen wurde, ohne Mühe nieder- 
schreiben. Von dieser Zeit an datiert die große Entwickelung der 
japanischen Literatur, die bis dahin nur als Kleinkunst und Liebha- 
berei einiger besonderen Geister war gepflegt worden. Nach solchen 
Verdiensten ist es kein Wunder, daß Kobo seinen großen Ehrentitel 
und unsterbliche Verdienste erlangt hat. 

Wahrscheinlich sind auch die Wassermaschinen tJC IR Schui- 
tsche von Bonzen eingeführt worden. Ganz gewiß aber kamen sie 
erst gegen 824 — 833 nach Japan. Die Chinesen hatten schon in 
uralter Zeit solche Maschinen zur Bewässerung der Felder benutzt. 
Anfangs waren dieselben freilich noch etwas unbeholfen, wurden 
aber mit der Zeit verbessert. So z. B. wird berichtet, daß der 
Fräfekt von ^ |^ Nan-yang in der Frovinz Ho-nan im Jahre 31 



— 78 — 

nach Christus bedeutende Yorbesserungen daran angebracht habe. 
Zur Zeit der Dynastie der /§ Tang im Jahre 828 glückte es, die 
Maschine weiter zu vervollkommen, so daß man auch die höher 
gelegenen Reisfelder mit weniger Mühe bewässern konnte. 

Aus dem vorher Gesagten ist ersichtlich, daß die Bonzen nicht 
wenig dazu beigetragen haben, Japan zu lieben. Sie zeigten für 
Pflege der Kunst und Wissenschaft — natürlich auch der Religion — 
mehr Interesse, als die gewöhnlichen Gelehrten und Künstler, ähn- 
lich wie in Europa und anderswo gerade die katholischen Klöster 
Pflegestätten nicht nur des religiösen Lebens, sondern auch der Kul- 
tur und Bildung gewesen und vielfach noch sind, obwohl Religionshaß, 
Mißgunst und Eigendünkel ihnen dieses Lob gerne schmälern wollen. 

Wie die ehemals so glänzende Dynastie der Tang durch ihre 
Sorglosigkeit und Genußsucht, sowie durcli die ärgerliche Eunuchen- 
und Weiberherrschaft allmählich verfiel, ebenso entartete auch der 
chinesische Buddhismus nach und nach ganz. Verschiedene Äußer- 
lichkeiten des Kultus blieben zwar noch in Brauch, weil das gemeine 
Volk viel darauf gab, aber der ehemalige Geist und Eifer war fast 
ganz verschwunden. Schon zur Zeit der Tang waren die Bonzen 
großenteils faule, unwissende Leute, welche nur Geld zu erhaschen 
suchten, um ein bequemes Leben führen zu können; höhere Ziele 
und Bestrebungen waren vielfach abhanden gekommen. 

Wenig erbaut über eine solche Erschlattüng des in China 
sechshundert Jahre lang bestehenden Buddhismus, suchten die noch 
jugendlich begeisterten »lapaner demselben neues Leben einzuhau- 
chen. So scliickten sie denn im Jahre 885 Bonzen nach China, um 
als buddhistische Prediger dem chinesischen Buddhismus wieder auf 
die Beine zu helfen und ihn vor dem gänzlichen Verfalle zu retten. 
Mit welchem Erfolge dieselben gewirkt, sagt die Geschichte nicht; 
aber gerade dieses Stillschweigen läßt uns ahnen, daß sie nicht 
viel ausgerichtet haben. Es ist ja allbekannt, daß es viel schwerer 
ist, ein zerfallenes Werk wieder zu seinem alten Glanz zu bringen, 
als etwas ganz Neues zu schaffen. Besonders gilt das auf religiösem 
Gebiete, wo einmal eingerissene Gleichgültigkeit mit Riesenschritten 
dem gänzlichen Ruin entgegenführt: so im Leben des Einzelnen, 
so bei ganzen Körperschaften. Nur die katholische Kirche steht 
unverwüstlich da. Einzelne, ja viele ihrer Glieder können lau wer- 
den und abfallen; aber sie, als religiöse Körperschaft, ist und bleibt 
lebensfrisch und existenzfähig. 

^Nihil novi sub luna", sagt ein altes Sprichwort. Und so 
sehen wir denn auch jetzt wieder japanische Bonzen nach China 



— 79 — 

kommen, um den „echten*' Buddhismus, d. h. den ihrigen, in China 
zu predigen. Allerdinga machen sie nicht wenig Lärm, um die 
Menge anzulocken. Auch chinesische Bonzen machen scheinbar mit, 
um das Volk für die Pagoden und deren Besitztum zu interessieren, 
die sonst Gefahr laufen, von fortschrittlich gesinnten, aufgeklärten 
Mandarinen für öffentliche Schulen verwendet zu werden. An der 
Erhaltung des Buddhismus als Religion wird ihnen gerade nicht 
sehr viel gelegen sein. Was sie befürchten, ist hauptsächlich die 
Gefahr, ihre Einkünfte zu verlieren und gezwungen zu werden, durch 
Arbeit ihren Unterhalt zu erwerben. Selbst bei den herübergekom- 
menen japanischen Predigern wittert man Absichten, die auf nichts 
weniger, als auf die Regeneration des chinesischen Buddhismus 
hinzielen. Man hält sie vielfach für Spione und Agitatoren für po- 
litische Zwecke. Ob mit Recht oder Unrecht, das muß die Zukunft 
zeigen. So viel ist aber sicher, daß sie dem abgelebten chinesischen 
Buddhismus keine neue dauernde Lebenskraft werden einzaubern 
können. 



6. Die Fujiwara verlieren an Einfiuss, und der allzu grosse 
Enthusiasmus für China vermindert sich. 

Wie wir schon oben erwähnt, brachten die japanischen Bonzen 
aus China gewohnlich einen andern als den chinesischen Buddhis- 
mus nach Japan. Die Japaner sind eben Patrioten und modeln 
als solche alles nach ihrem Geschmacke um, was immer sie aus 
der Frejnde einführen. Diese Eigenheit haben sie auch jetzt 
noch an sich. Der japanische Buddhismus war scliließlich etwas 
ganz anderes, als der in China. Auch viele japanische Großen 
wurden bis in die letzten Zeiten Bonzen; selbst nicht wenige Mi- 
kado, Prinzen und Prinzessinnen ließen sich in ihren letzten Lebens- 
jahren die Ilaare scheeren, um Bonzen zu werden. Der Mikado 
Uda (889 — 897) dankte, kaum dreißig Jahre alt, ab, um Bonze 
zu werden : er ist der erste ^ 3E I^^^-^^i oder, wie die Chinesen lesen, 
Fa-wang, d. h. Mikado, der sich in die Pagode zurückgezogen hat. 
Nicht selten war das nur ein scheinbares Abdanken, indem diese zu- 
rückgezogenen Fürsten die Regierung doch noch in der Hand 
behielten, ganz wie vordem. Immer aber war es eine wenigstens 
äußere Huldigung an den Buddhismus, welche ihren Eindruck 
aufs Volk nicht verfehlte. 

Obwohl während zwei bis drei Jahrhunderten die chinesische 
Sprache am Hofe und bei den Großen vorherrschend war, so 



— 80 — 

hatten verschiedene Patrioten doch auch das nationale Japanisch ge 
pflegt und schöne, wahrhaft klassische Werke geschrieben. So 
wurde 712 das !& ^ iE Kqjiki^ die erste japanische Geschichte 
nach den Erzählungen einer alten, gedächtnis&ischen Dame in klas- 
sischem Japanisch aufgeschrieben. Das Werk ist aber ganz nach 
dem Muster der großen chinesischen Historiker verfaßt. Da es 
viel gelesen und bewundert wurde, machte sich der Prinz Teneri 
(720) daran, die alten Chroniken Japans Q )4C i£ zu schreiben. Auch 
andere talentvolle Prosaiker und Dichter schrieben zu jener Zeit 
klassische Werke: Hitomazo wird selbst als Schutzgott der Litera- 
ten verehrt und hat seinen Tempel. 

Nachdem die Buchdruckerei im Jahre 770 von China ein- 
geführt worden war, konnten jene Werke leicht vervielfältigt und 
käuflich erworben werden. 

Selbst zur Zeit der größten Schwärmerei für China dichtete 
Otomo Takamochi am Hofe des Mikado, zu dessen Leibgarde er 
gehörte, seine noch jetzt bewunderten Werke. Er starb 784 und 
war in Politik und Literatur ein erklärter Gegner der allmächtigen 
Pujiwara. 

Nazihira (825 — 880), Enkel des Mikado Saga, war berühmt 
durch seine Dichtungen und ausnehmende Eörperschönheit, nicht 
minder aber auch durch sein unsittliches Leben berüchtigt. Auch 
er war ein erklärter Feind der Fujiwara, obwohl er nichts gegen 
diese mächtigen Herren vermochte. Ln Verlaufe dieser Geschichte 
haben wir zu wiederholten Malen gesehen, wie diese Herren, ihrer 
Macht allzusehr bewußt, ihre Gegner fast immer unschädlich zu 
machen wußten ; selbst die Mikado mußten sich ihnen fügen. Da- 
bei waren die Fujiwara aber klug genug, hier und da sich zurück- 
zuhalten, um sich nicht alles zu Feinden zu machen. Der allzu 
hartnäckige Nakamoro unterlag, wie wir gesehen haben, im Jahre 
753; denn er besaß nicht die sonst von den Fujiwara bewiesene 
kluge Geschmeidigkeit, die nur das Mögliche verfolgt und nicht 
trotzig alles aufs Spiel setzt. Gerade wegen ihrer Politik konnten 
sie länger als irgend eine andere Familie am Buder bleiben. 
Selbst einen so klugen Mann und feinen Politiker wie Michizane, 
den intimen Ratgeber des Mikado XJda (889 — 897), wußten sie zu 
entfernen und unschädlich zu machen. Uda selbst war, wie wir gese- 
hen, schließlich Bonze geworden, weil er keine Mittel sah, sich 
des aUzugroßen Einflusses der mächtigen Fujiwara zu erwehren. 

Daigo (898 — 939), der dreizehnjährige Sohn des Uda wurde 
von den Fujiwai'a auf den Thron erhoben. Anfänglich herrschten 



— 81 — 

diese Herren natürlich unumschränkt. Aber Daigo entwickelte sich 
zum tatkräftigen Manne, der in manchen Fällen klar bewies, daß 
c^r eines Vormundes nicht bedürfe. 

Mit dem Einflüsse der Fujiwara schwand auch allmählich der 
allzu große Enthusiasmus für China und chinesisches Wesen, und 
die nationale Literatur kam immer mehr zu Ehren. Unter der 
verhältnismäßig langen Beo;ierung des Daigo blüheton Taurayuki, dei 
so berühmte Verfasser i^ H fi& Tom-nikkaj d. h. d(»s Reise-Journals, 
des "j^T ^ ^ Ko-kin-shu d. h. Sammlung alter und neuer Dichtungen, 
und andere Schriftsteller, die als Klassiker noch jetzt viel bewundert 
und studiert werden.*) Die l'bormaclit des Chinesischen war für 
immer gebrochen. China überstand zu jener Zeit die unglückliche 
Epoche der Jl f^ U-dä (905 — 960), während welcher Zeit das 
ganze Reich von blutigen Kriegen verwüstet war und einen gar 
traurigen Anblick gewährte. In Japan sah es damals bei weitem 
gemütlicher aus. Überall herrschte Friede und Freude im Lande; 
alles strotzte sozusagen von Wohlleben. 

Beim frühen Tode des nur sechsund vierzig Jahre alten Daigo 
wurde Shujaku (931 — 946), sein siebenjähriger Sohn, von den Fu- 
jiwara auf den Thron erhoben. Sie glaubten ihrer Herrschaft aufs 
neue sicher zu sein. Aber es kam anders. Taira Masakado, 
ein berühmter Feldherr der großen Familie Taira, welche vom Mi- 
kado Kwammu (782 — 805) abstammte; erbat sich von dem allmäch- 
tigen Minister Fujiwara Tadahira das Amt und die Würde des Polizei- 
Präfekten von der Hauptstadt Kioto. Diese Würde war nicht beson- 
ders groß, hatte ja der Polizei-Präfekt nur auf Ordnung zu halten und 
die Diebe einzufangen und zu richten. Aber selbst ein solches Amt 
wollte Tadahira nicht einem Manne vertrauen, der nicht von seiner 
Sippe war. Masakada war darob so wütend, daß er sich empörte und 
den Fujiw^ara den Krieg auf Leben und Tod erkl|lrte, im Jahre 940. Zu- 
erst errang er Sieg auf Sieg, bemächtigte sich mehrerer Provinzen, und 
fest überzeugt vom glücklichen Ausgange seines Unternehmens, nahm 
er, der Sprößling der alten gloi reichen Mikado, deren Ehrentitel schon 
an, um anzuzeigen, er wolle das jetzige unnütze Herrscherhaus mit den 
unwürdigen Günstlingen und Machtinhabern hinwegfegen. Aber 
im folgenden Jahre unterlag er und wurde getötet. Tadahira hatte 
gesiegt, aber es war nur ein sogenannter Pyrrhus-Sieg. Diese Re- 
volution hatte den Unwillen und Haß des Landes gegen die allzu 

*} Taurayuki war der Sprößling einer alten angesehenen Familie, welche 
schon viele große Gelehte, Dichter und Staatsmänner hervorgebracht hatte. 
Er starb 946 im Alter Ton dreiundsechzig Jahren. 

Japans Beziehungen zu China 6 



— 82 — 

mächtige Familie offen an den Tag gelegt. Tadahira atarb Bohon 
949, und der Mikado Murakami (947—967) hatte den Mut und die 
nötige Energie, ihm keinen Nachfolger zu geben, weder aus der 
Familie Fujiwara noch aus einer andern Familie. Die AUeinherr- 
Bcbstt der Fujiwara, war gebrocben, und von nun an ging diese 
Familie immer mehr bergab. Jedoch wurde sie nicht vernichtet, 
wie ea mancher andern gefallenen Größe, sei es in Japan, sei es 
in China, so oft ergangen. Sie waren und blieben eben gewiegte 
Diplomaten, die ihre Segel nach dem Winde zu drehen veratanden, 
und Bo dem Schiffbruch geschickt entgingen, ja selbst noch ganz 
glückliche Staatsatreiche Tollbrachten. 



Zehntes Kapitel. 

Japans Beziehungen zu China unter der 
Dynastie ^ Sung (960—1276). 




I. Unter den nördlichen ^ Sung (960-1126). 

{ie ;, große *^ Dynastie der ^ Sung wurde von j® B J§[ 



m\iiA 



Dschau'k'uang't/in (917 — 975), dem Sprossen einer alten 
angesehenen Mandarinen - Familie, gegründet. Zum Ge- 
neralissimus der kaiserlichen Truppen der H J^ Hou- 
Dschou^ das heißt der zweiten Dschou (950 — 960), gegen die 
schrecklichen ^ -f^ Tchi-dan (907 — 1169) ernannt, war er von der 
Hauptstadt BS ^ ^ ICä-fung-Ju aufgebrochen und hatte kaum 
einen Tagesmarsch hinter sich, als er von den Truppen zum Kaiser 
ausgerufen wurde. Denn man war unzufrieden mit dem siebenjäh- 
rigö^ ^ ^ Kung-di^ unter welchem, wie auch sonst öfter, wieder 
die Eunuchen-Herrschaft geblüht hatte. Weil nun gerade am 
Himmel ein sonderbares Phänomen, eine Parhelie oder Nebensonne 
erschien, hielt man dies für einen Fingerzeig des Himmels, mit 
dem ohnmächtigen Knaben aufzuräumen. Man bekleidete Dschau- 
k^uang-yin mit dem gelben Kaisermantel nnd rief K jfK Wan-sui^ 
wan-sui : zehntausend Jahre langes Leben, dem Kaiser. Alsogleich 
kehrte man nach der Hauptstadt zurück, um den neuen Kaiser ein- 
zuführen. Dieser Dynastiewech^el vollzog sich, ohne daß viel Blut 
vergossen wurde, was in der chinesichen Geschischte ein seltenei 
Fall ist. Dschau-k^uang-yin zeigte sich von Anfang an als kluger 
und gemäßigter Herrscher. Weil er Statthalter von Ü ^ )^ Kui- 
dei-fu in ^ ^ Ho-nariy der alten Hauptstadt des ehemsdigen Staa- 
tes ^ Sung^ gewesen, nannte er zu Ehren dieses berühmten Staa- 
tes seine neue Dynastie ^ Sung, 



»6 



— 84 — 

Aber China bildete zu jener Zeit kein homogenes Reich, da 
von den zahlreichen, gegen Ende der Dynastie J^ Tang entstan- 
denen freien Staaten noch sieben übrig waren. Erst unter seinem 
Nachfolger im Jahre 979 wurde China unter dem Szepter des Blai- 
sers geeinigt, ^fc jjfl Tä-dsu^ wie Dschau-k'uang-yin in der Ge- 
schichte heißt, war ein kluger, bescheidener Herrscher, der im 
Stande war, den Thron seines Hauses fest zu begründen. Seine 
Mutter, tt Jß Dusche^ war eine tüchtige, von ihren Bändern viel- 
verehrte Frau. Der Kaiser pflegte sie persönlich auf ihrem Sterbe- 
bette. Sie bemerkte ihrem Sohne: „Hätte das Reich der Dynastie 
J^ Dschou kein Kind, sondern einen wirklichen Herrscher, einen 
erwachsenen, tatkräftigen Fürsten auf dem Throne gehabt, so hätte 
es nicht dich auf den Thron berufen. Dies sei dir zur Lehre. 
Ich wünsche also, daß bei deinem Tode dein zweiter Bruder und 
nach dessen Tode der dritte den Thron besteige und erst nach dessen 
Tode deine Söhne. So wird immer ein tüchtiger Mann den Thron 
inne haben und Friede und Ruhe im Lande bleiben.^ Sie starb 
im Jahre 961. 

Das war also die als Testament auferlegte Hausordnung der Dy- 
nastie Sung, welche der Gründer als heilig und unantastbar anerkannte. 

Tä-dsu bewies sich als tüchtigen Krieger und ausgezeichneten 
Verwalter und brachte Ordnung ins Reich. Er gewann die Lite- 
raten durch seine Vorliebe für Konfuzius und durch Errichtung 
zahlreicher Schulen. Auch ließ er Statuen zu Ehren des Konfuzius 
und anderer „Heiligen*^ seiner Schule herstellen. Hierdurch wich 
er von den alten Gepflogenheiten der Chinesen ab, da diese nach 
altem Brauche nur Gedenktäfelchen hatten. Er adoptierte also 
einen buddhistischen Ritus, was ihm später der Gründer der Ming- 
Dynastie sehr übel nahm. Doch hat Konfuzius bis jetzt noch seine 
Statue im großen Heiligtume seines Vaterlandes behalten. 

Weil das Volk immer mehr buddhistisch wurde, fing es auch 
an, die Leichname nach Hindu- Art zu verbrennen. Tä-dsu ver- 
bot diese Unsitte durch ein öflFenthches Edikt und ordnete wieder 
die von Konfuzius so sehr empfohlene Leichenbestattung im Sarge 
an. So unterschied sich denn der japanische Buddhismus ganz er- 
heblich von dem chinesischen. Noch jetzt ist der Sarg in China 
ein äußerst wichtiges Requisit zu einem ordentlichen Leichenbe- 
gängnisse. Kinder geben durch frühzeitige Schenkung eines Sarges 
den Eltern einen ganz besonderen Beweis ihrer kindlichen Liebe. 

Tä-dsu, kaum fünfzig Jahre alt, übergab auf seinem Todes- 
bette den Thron an seinen Bruder, den eben so tüchtigen Kaiser 



— 86 — 

^ ^ Tä-dsung (976 — 997). Der aber räumte seinen jüngeren 
Bruder und die Söhne seines älteren Bruders aus dem Wege, 
um seinem eigenen Sohn den Thron zu sichern. J| ^ Dschen-dsung 
(998 — 1022), so hieß dieser nämlich, war jedoch ein ungeschick- 
ter und schwacher Mensch. Seine Nachfolger waren nicht besser. 
Im Verlaufe eines Jahrhunderts hatten alle abgewirtschaftet. 

So geht's ja immer, wenn die Herrscher sich der Sorglosig- 
keit und Wollust hingeben und die llegierungsgeschäfte in Hän- 
den ihrer Günstlinge lassen. 

In der ., Geschichte des hl. Berges ||f |]j Tä-schan^ haben wir 
ja Gelegenheit gehabt, zu erzählen, ein wie unverschämtes Spiel 
der kaiserliche Günstling 3E ^ ^ W ang-tchin-jau (f 1025), durch 
seine ., Briefe des Himmels^ mit dem leichtgläubigen Kaiser ge- 
trieben und wie er ihn so bei der Mit- und Nachwelt verächtUch 
gemacht hat. Ein solcher Kaiser war natürlich unfähig, die Ehre 
des Reiches zu wahren. Er zahlte den Tchi-dan einen jährlichen 
Tribut von 100 000 Unzen Silber und 200 000 Rollen Seide, da- 
mit sie nicht über das Land herfallen möchten. Wie bei zügel- 
losen Banden vorauszusetzen wai*, erlaubten sich diese kecken Horden 
auf Rechnung des Kaisers später noch größere Erpressungen. Die- 
ser war mit seinen „ Himmelsbriefen ^, mit Verordnungen über Zere- 
monien und Titel sowie mit den Inschriften des Konfuziustempels 
zu sehr beschäftigt, als daß er Zeit gehabt hätte, das Reich gegen 
feindliche Überfälle und Verheerungen zu schützen. 

Eine solche Sorglosigkeit und Unfähigkeit der Kaiser war 
niemand willkommencjr, als den vielen Intriguenten, sowie den Tchi- 
dan und ähnUchem Räubergesindel. Daher litten unter der Herr- 
schaft der Sung sowohl Thron als Reich. SchUeßlich fielen die 
tungusischen Tataren der -f^ jjt Nü-dschen (1115—1235) in den 
nördlichen Teil des Landes ein, rissen denselben an sich und stürz- 
ten den Kaiser vom Throne. 

So war es also aus mit dem nördlichen Zweige der Sung. 
Im Süden blieb ein anderer Zweig dieser Dynastie noch bis 1278 
am Ruder. 



2. Die Zustände in Japan zu jener Zeit. 

Wir haben gesagt, daß der zweiundsechzigste Mikado Murakami 
(947 — 967) den Mut hatte, beim Tode des Kwampoku Tadahira 
(t 949) demselben keinen offiziellen Nachfolger, weder aus der all- 
mächtigen Familie Pujiwaia, noch aus einer andern Familie zu 



— 86 -- 

geben. Er zeigte also aufs deutlichste, daß er keinen Herrn und 
Meister haben wollte. Leider starb er kaum zweiundvierzig Jahre 
alt, nachdem er hatte erleben müssen, daß der Palast der heiligen 
Mikado im Jahre 960 ein Raub der Flammen geworden. 

Ihm folgte sein Sohn Reizei (968 — 960), ein junger Mann 
von siebenzehn Jahren, der ein so eingefleischter Buddhist war und 
so unter dem Einflüsse der Bonzen stand, daß er sich nicht ^ ^ 
Tenno: ^vom Himmel eingesetzter Kaiser" nannte, sondern sich 
demütig mit dem Titel „Klosterzögling" begnügte. Übrigens dankte 
er schon im nächsten Jahre ab und wurde. Bonze. Doch beküm- 
merte er sich die vierundvierzig Jahre, welche er noch lebte, auch 
noch um die Staatsangelegenheiten und die öfFentlichen Hof- 
feierlichkeiten. 

En-yu, der vierundsechzigste Mikado und Bruder des vorher- 
gehenden, war bei seinem Regierungsantritte (970) ein Knabe von 
elf Jahren, dankte 984 ab und starb sieben Jahre später. 

Kwazan, der fünfundsechzigste Mikado (985 — 986), war ein Sohn 
des Reizei. Wie sein Yater dankte auch er alsbald ab und wurde 
Bonze. Er liebte die Dichtkunst und schrieb viele Verse. Eine 
von ihm herausgegebene Anthologie japanischer Dichtungen ist 
noch jetzt berühmt. 

Zu jener Zeit schwärmte man am Hofe des Mikado und in 
den vornehmeren Familien um poetischen und literarischen Ruhm. 
Zumal die Damen wollten als literarische Großen glänzen. Die 
Frauen und Kebsweiber des Mikado ließen sich nichts angelege- 
ner sein, als Verse machen. Es gab öffentliche dichterische Wett- 
kämpfe, und der Mikado geruhte, bei denselben den Vorsitz zu 
führen, wobei er natürlich byzantinische Schmeicheleien in Hülle 
und Fülle zu hören bekam. Feste und Schmausereien folgten als 
Anerkennung solcher dichterischen Anstrengungen. Solch ein lu- 
stiges Leben wirkte entsittlichend, so daß selbst hohe Damen sicli 
nicht schämten, in Wort und Schrift ünsittlichkeiten und Laster 
zu verbreiten. Auch Fujiwara No-kinto (968 — 1016) glänzte unter 
diesen Schöngeistern als japanischer und chinesischer Dichter, Ma- 
ler und Musiker, überhaupt als allseitiger Künstler. Kurz, es 
war ein wahres Schlaraffenleben, welches die Japaner den Chi- 
nesen noch schneller abgelernt hatten, als Gesetze und Staatsein- 
richtungen. Ist aber in China die strenge Trennung der Geschlechter 
ein heilsamer Damm wenigstens gegen öffentliches Schandleben, so 
fehlte in Japan bei dem so freien Verkehr der Geschlechter jede 
Rücksicht auf gute Sitte. Kleiderpracht, Genußsucht^ Liebesaben- 



— 87 — 

teuer uud dergleichen waren überall an der Tagesordnung, sowohl 
bei den Herren, als auch bei den Damen. Selbst die Herren schmink- 
ten sich und verwandten überhaupt eine lächerliche Sorgfalt auf 
äußere Schönheit, zumal der Augenbrauen, auf daß diese dem 
Schönheitsideale der Chinesen, einer Seidenraupe, glichen. Ja, sie 
waren sogar so verrückt geworden, daß sie sich die Zähne künstlich 
schwärzten und suchten, diese Lächerlichkeit in die Mode zu bringen. 

Die mächtige Familie Fujiwara war diesem tollen Treiben 
nicht abhold, da sie unter solchen Umständen unbehindert ihre 
Herrschaft ausüben konnte. Der Hof hatte ja keine Zeit und 
noch weniger Lust, sich um die ernsten Angelegenheiten des Rei- 
ches zu kümmern. Fujiwara Michinaga, f ^^ Jahre 1027, hatte 
einem jeden der drei Mikado seiner Zeit, dem sechsundsechzig- 
sten, siebenundsechzigsten und achtundsechzigsten eine von seinen 
Töchtern zur Frau gegeben und sich so seinen großen Einfluß 
bei Hofe gesichert. Fujiwara Yorimichi, eines der berühmtesten 
Glieder dieser Familie, hatte das Talent, sich fünfzig Jahre hindurch 
an der Spitze der Regierung zu halten. Go-Ichijo (1017 — 1036) 
der achtundsechzigste Mikado ließ ihn ganz nach seinem Kopfe 
regieren. Zwar fing auch der Donner des über die Fujiwara 
schließlich hereinbrechenden Gewitters an zu grollen: Taira Tadatsune 
empörte sich nämlich in Shimosa, wurde aber von Minamoto 
Yorinobu besiegt. 

Während die Fujiwara allmählich auch ihres alten Eifera ver- 
gaßen, befestigten die Taira ihre Macht und ihr Ansehen im Westen; 
die Minamoro taten dasselbe im Osten des Reiches. 1044 führten 
sie glorreiche Kriege gegen die Ainos und gewannen großen Ein- 
fluß und Kriegsruhm. Beide vereint werden die Fujiwara stürzen 
und dann untereinander ihr so famoses Duell ausfechten, bei wel- 
chem Japan mit Blut getränkt wurde. 

So weiß man denn schließlich nicht, welchem der beiden 
Länder man die Palme des Sieges reichen soll. Gewiß waren die 
Regierungen der beiden Länder erbärmlich; beiderseits beutete man 
das Land zu eigenem Vorteil aus, während man vorgab, für das- 
selbe zu sorgen und sich für das Vaterland aufzuopfern. 

Shirakawa, der zweiundsiebenzigste Mikado (1073 — 1086) bestieg 
den Thron mit neunzehn Jahren, dankte mit dreiunddreißig Jahren 
ab, regierte aber gleichwohl sowohl unter seinem Sohne Horikawa 
(1087 — 1107), der kaum achtundzwanzig Jahre alt starb, als auch 
unter seinem Enkel Toba, der im Jahre 1123 auch scheinbar 
abdankte. 



— 88 — 

So hatte Shirakawa die Zügel der Regierung noch bis zu 
seinem 1129 erfolgten Tode in Händen. Er war ein eifriger Bud- 
dhist und wollte den Buddhismus zur Herrschaft bringen. Darum 
verbot er aufs strengste, Tiere, gleichviel welcher Art, zu töten. 
Ein so törichter Erlaß konnte natürlich nicht befolgt werden. Er 
gab nur Anlaß, das Volk vielfach zu drangsalieren. 

Beim Tode des Shirakawa ergriff' Toba trotz seiner Abdan- 
kung die Zügel der Regierung und behielt sie bis zu seinem Tode 
1156 in Händen. Sein Vertrauensmann und Minister war Taira 
Tadamori, tll52, der eigentliche Gründer dieser großen Familie. 
Schon unter Shirakawa war derselbe allmächtiger Minister gewesen. 



3. Japanische Gesandtschaften. 

Obwohl in den Jahren 921 und 952 auch Gesandtschaften 
aus Japan nach China gekommen sind, so hatten sie doch keine 
besondere Bedeutung und werden kaum erwähnt. Die erste bedeu- 
tende Gesandtschaft unter der Dynastie der 5|c Sung war die, 
welche der Oberbonze ^ ^ Diau-jan^ von fünf bis sechs anderen 
Bonzen begleitet^ an den Kaiserhof in K'ä-fung-fu führte. 

Dieser Diau-jan war aus der hochmächtigen Familie Fujiwara 
und in das berühmte Bonzenkloster des Berges Hici-zan eingetreten, 
doch blieb er mit dem Hofe und seiner eigenen Familie immer 
in nächster Berührung. Fünf Jahre hatte er in China fleißig bud- 
dhistische und literarische Studien getrieben. Nicht nur in der 
Literatur, sondern auch in der chinesischen Kalligraphie war er tüch- 
tig und gab gern Proben seiner Geschicklichkeit und Kunst vor 
den staunenden Chinesen. Ein solcher Mann brachte den Chinesen 
nun eine hohe Meinung von Japan bei, als von einem nunmehr 
hochzivilisierten Lande, das in der Schule Chinas viel gelernt habe. 
Die Bonzen, welche Diau-jan begleiteten, sollten in China bleiben, 
um den Buddhismus und das Chinesische zu lernen, und auch um 
berühmte buddhistische Heiligtümer Chinas zu besuchen. China 
besaß nämlich viele Reliquien buddhistischer Heiligen. 

Als Geschenke überbrachte Diau-jan ein Dutzend kostbarer 
Ig 3f Tung-tchi, d. h. Bronzegefäße, und einen mehrere Bände 
umfassenden Hofkatalog, welcher die Namen, Würden und Ämter aller 
japanischen Beamten und Würdenträger nebst deren Aufenthalte 
aufs genaueste angab. Ein anderes Werk enthielt die genaue Lebens- 
beschreibung, alle Reden und Handlungen des damaligen vierund- 



-— 89 — 

sechzigsten Mikado ^ Ift En-yn^ welcher im Jahre 870 als Knabe 
von elf Jahren den Thron bestiegen hatte. Auch ein Prachtexem- 
plar der Ueschichte Japans befand sich unter den Geschenken. 
Ferner waren darunter mehrere chinesische Werke, die infolg(^ der 
zahlreichen Revolutionen in C.hina selbst verloren gegangen waren, 
sich aber in Japan erhalten hatten, so z. B. das Werk jS 3E ^* ff 
Jjf H, d. h. jener Kommentar, den der Kronprinz des Kaisers J§ -j^ 
'^ Tang-Td-dsung (627 — 650) mit Hilfe seines Lehrmeisters fi t§ 
■§ Jen-sing-ku verfaßt hat. Dies Werk wai* prächtig eingebunden 
und aufs kunstreichste verziert, wodurch man bewies, in wie hohen 
Ehren es gehalten wurde. 

Die Gesandtschaft wurde vom Kaiser ^ j^ ^ Sung-Tä-dsung 
(976 — 998) in öffentlicher Audienz aufs ehrenvollste empfangen. 
Diau-jan trug ein prachtvolles grünes Gewand, welches in China, 
wo nur Weiber und Kinder grün gekleidet sind, an einem Bon- 
zen, d. h. bei einem der Welt abgestorbenen Manne, nicht wenig 
Aufsehen machte. 

Da Diau-jan dem Kaiser durch seine Manieren und seine Gelehr- 
samkeit so sehr gefiel, wurde er später auch noch in Privataudienz 
empfangen. Die Einzelheiten dieser Audienz sind vom Geschicht- 
schreiber der Sung niedergeschrieben worden. Da wir das Meiste 
schon kennen, folgen wir natürlich nicht der langen Unterhaltung, 
sondern begnügen uns, das zu erwähnen, was wir noch nicht mit- 
geteilt haben. 

Damals studierten die Japaner fleißig die 3E )K, d. h. die fünf 
klassischen Bücher, welche ihnen aus China gekommen. Von den 
modernen Dichtern gefi(^len ihnen am meisten |^ J^ ^ Bei-djü-i 
(772 — 846), von dem sie, behauptete Diau-jan, mehr als siebenzig 
Bände Dichtungen besäßen. Er war der Lieblingsdichter der Japa- 
ner und bei weitem höher geschätzt als ^ ^jfc ^ Li-tä-bei (699 — 
762), den die Chinesen im allgemeinen über Bei-djü-i stellen. 

Die Japaner hatten nach dem Berichte Diau-jans auch Mün- 
zen, ähnlich den chinesischen. Gold und Silber fanden sie im 
eigenen Lande. Es diente hauptsächlich dazu, die Steuern zu 
bezahlen. 

Auf die bei den Chinesen so gewöhnliche Frage, ob's in Japan 
auch die verschiedenen Getreidearten, wie Weizen, Gerste, Hirse, 
Reis, ferner Bohnen, Hühner, Gänse und Enten gäbe, antwortete 
Diau-jan: ;,Wir haben nicht blos dieses, sondern auch noch vieles 
und schönes Kindvieh, Esel, Schafe, auch Rhinozerosse und Ele- 
phanten. Die Seidenraupe wird bei uns mit besonderem Fleiße 



— 90 — 

gepflegt, und die Seide, die sie spinnt, ist sehr fein. Was Musik 
anbelangt, so haben wir eine eigene nationale und eine andere, 
welche aus Korea herüber gekommen ist. Die Jahreszeiten, sowie 
Saat und Ernte sind dieselben wie in China^. — Auch erkundigte 
sich der Kaiser sehr eingehend über die Ureinwohner Japans, die 
wilden Ainos. 

Daß die Schrift im Jahre 284 aus Korea in Japan eingeführt 
worden sei, wissen wir schon. Der Buddhismus wurde 552 nach 
Japan gebracht und 586 vom Mikado angenommen. Die meisten 
buddhistischen Bücher wurden unter den ^ Sui (589 — 618), und 
zumal unter den japanfreundlichen Kaisern der ^ Tang gekauft. 
Seit 630 studierten japanische Bonzen, zumal unter dem vielgerühm- 
ten "TQ ^ Yüan-dschuang^ der 629 — 645 Indien besucht hatte, auch 
die von den Japanern hochgeschätzten 3 SR San-tsang^ welche zu 
den heiligen Buchen des Buddhismus gehören. Im Jahre 752 haben 
die Japaner um die ritualistischen Bücher ^ Jj^ Tschuan-djiä 
bezüglich der buddhistischen Weihe der Bonzen in China nach- 
gesucht und dieselben erhalten. Darin werden auch die Einsiedler- 
regeln sowie die buddhistischen Pasttage genau angegeben. 

Die von den Japanern bevorzugten Heiligtümer und Bonzen- 
schulen, sagte der Gesandte, seien die von 3^ -^ |ll Tien-tä-schan 
in Dsche-djiang*) und 3£ ^ ÜJ U-tä-schan in Schan-si.**) Dort 
seien die tüchtigsten Lehrer, der unverfälschte Buddhismus und 
der schönste Kult. Aber noch andere Heiligtümer würden ihrer 
Beliquien wegen von den japanischen Pilgern auch gern besucht; 
nur sei an nicht wenigen Orten jetzt in China der Buddhismus sehr 
verfallen, weil die Bonzen zu faul und unwissend wären. 

^In Japan *^, so sagt der Bericht weiter, ;,gibt es jetzt (anno 984) 
an die 3 772 Städte und Marktflecken, 414 Postanstalten und 88 329 
steuerzahlende Familien.^ 

Als Wohnung hatte der Kaiser dem Gesandten das große 
kaiserhche Kloster ^jfc ^ Tä-ping: ^zum großen Frieden*^ in K'ä- 
fung-fu augewiesen, wo derselbe auf kaiserliche Kosten wie ein 
Prinz traktiert wurde. Auch schickte er ihm, wahrscheinlich um ihn 

♦) Vergleiche Seite 75. 

**) Der 3l I^ iIJ befindet sich hundertyierzig Li nordöstlich von der 
Unter-Präfektur 3£ ^ U-tä, welche zu der Präfektur f^ «Hi D&^dschou in Hfc 
^ Jjfip Tä-yüan-fu gehört. "Wie schon der Name besagt, wird dieser Berg durch 
fünf übereinander aufgetürmte Bergkuppen gebildet, deren höchste Gipfel die 
Wolken überragen. Auf denselben gab es schon seit den Zeiten der ersten 
Einführung des Buddhismus yiele Bonzen und Klöster. 



— 91 — 

zu veranlassen, die auffallenden grünen Kleider abzulegen, praoht- 
voUe Hofgewänder von violetter Farbe. 

Db. jE jH |ll U'tä'Schan und seine Pagoden ein altverehrter 
Wallfahrtsort war, erbat sich Diau-jan vom Kaiser die Erlaubnis, 
dahin gehen zu dürfen. Der Kaiser erteilte nicht nur gnädigst 
diese Erlaubnis, sondern befahl allen Beamten, den Gesandten mit 
den einem Großwürdenträger gebührenden Ehren zu empfangen. 

Schließlich kehrte Diau-jan auf einem Schiffe von ^ fl^ 
Ning-hä^ einer Stadt der Ästuar von 1g(, jHk Hang-dschou nach Japan 
zurück. 

Was den Kaiser am meisten verwunderte, war die von Anfang 
an ununterbrochene Reihenfolge der Mikado auf dem Throne und 
die Erblichkeit der Beamtenstellen. 7,Die Japaner^, bemerkte er 
ganz erstaunt, ^sind im Grunde genommen doch nur Wilde, die 
nichts von der hohen Bildung der Chinesen verstehen. Wie haben 
diese Wilden es nur fertig gebracht, die königliche Würde unun- 
terbrochen in derselben Familie zu erhalten und immer die Beam- 
tenstellen erblich einem Sprößling des Inhabers zu übermitteln, ohne 
jemals gezwungen worden zu sein, dieses System abzuschaffen? 
Ist das nicht einfachhin bewundernswert? Wie viele Dynastieen hat 
nicht hingegen unser China gehabt? und unter diesen wie viele 
kurzdauernde? Die Erblichkeit der Beamtenstellen hat aber bei 
uns schon seit langen Jahrhunderten abgeschafft werden müssen. 
Mir wäre es schon recht, das unfehlbare Mittel ausfindig zu machen, 
um den kaiserlichen Thron ohne Unterbrechung in meiner Familie 
zu vererben . . .* 

Zwar sagt der Geschichtschreiber nicht ausdrückhch, daß Tä- 
dsung eine Gegengesandtschaft nach Japan geschickt habe, um sei- 
nerseits den Mikado zu begrüßen. Jedoch ist dies bei der großen 
Höflichkeit der Chinesen ganz wahrscheinlich, wenn nicht sogar 
ganz gewiß, wenn wir die verschiedenen Mitteilungen lesen, welche 
der Geschichtschreiber noch über Japan hinzufügt. — Doch fahren 
wir mit dem Berichte fort. 

^Die Japaner lieben sehr den Baum ^ K J^ Sin-luo-sung 
(eine Art der im östlichen Asien vorkommenden Fichten) dessen 
Holz und Harz so wohlriechend sind. Der Fußboden und die Decken 
der Zimmer sind immer aus solchem Holze gemacht. Tritt man 
also in ein Zimmer, so strömen einem die angenehmsten Wohl- 
gerüche entgegen. Diese Vorsicht ist durchaus notwendig und 
geboten, weil die japanischen Frauen von Natur aus übel riechen. 
Um diesen üblen Geruch los zu werden, pflegen sie sich noch den 



--.öS — 

ganzen Körper mit dem wohlriechenden Harze jenes Baumes ein- 
zureiben. '^*) 

;,Die Japanerinnen haben kein Haarnetz, sondern lassen der 
Schönheit und des üppigen Haarwuchses wegen die Haare los im 
Winde flattern''. 

„Beide Geschlechter essen gemeinsam miteinander an demsel- 
ben Tischlein, aus derselben Schüssel. Da sie nicht, wie die Chi- 
nesen, Stäbchen zum Essen haben, bedienen sie sicli einfachhin der 
Finger. Verschiedene Leute bedienen sich indessen sehr geschickt 
der Bambusschlingen, womit sie die Speisen umroUen und an sich 
ziehen.**) Anstatt der Teller bedienen sich die Japaner großer 
Blätter, sowohl grüner als auch trockener^'. 

^Die Japaner haben keine Schuhe, sondern nur Pantoffeln, 
welche aus Stroh oder Holz gefertigt sind, ganz nach dem Beispiele 
des buddhistischen Heiligen jj^ ^ Liio-han, eines Lieblingsjüngers 
des großen Buddha selbst*'. 

;,l)ie japanischen Fächer sind wirkliche Kunstwerke, welche 
mit großem Ofeschick und feinem Geschmack meisterhaft hergestellt 
werden. Dcu* Griff dos Fächers ist aus echtem Elfenbein und wird 
ganz kunstvoll geschnitzt, so daß er die verschiedenartigsten Ver- 
zierungen darstellt. Die Blätter der Fächer sind mit Malereien von 
Vögeln, Blumen, Porträten, Landschaften oder anderem Schmucke 
bedeckt. Diese Malereien sind von berühmter Künstlerhand mit 
feinster Vollendung hergestellt. Oft bringt man zur größeren Zier 
und Kostbarkeit darauf noch Gold und Edelsteine an, welche durch 
ihren Glanz und Schimmer ganz feenhaft wirken. Kurz, diese feinen 
japanischen Fächer sind wahre Meisterstücke der Kunst und Gegen- 
stände des raffiniertesten Luxus, welchen sich nur die reichsten Fami- 
lien erlauben können; sie übertreffen alles, was man in China von 
derartigen Sachen zu machen versteht*^. 

Wir haben schon oben erwähnt, daß es selbst unter den Bon- 
zen tüchtige Kunstschnitzer, Maler und andere Künstler gab, welche 
diese Künste in Japan eingeführt und gelehrt hatten. Wie alles 

*) Anderswo hnbe ich derartiges noch nie geleHun, Überlasse also die Yer- 
nntwortlichkeit dem chinesischen Berichterstatter. Hingegen habe ich gehört, 
daß die Japanerinnen in Schanghä gefährliche Kebsweiber abgeben, und habe 
selbst auf den Dampfern feine europäische Herren gesehen, welche mit Japa- 
nerinnen verkoppelt waren. Die obige Behauptung scheint somit nicht bestä- 
tigt. Die Chinesen lieben es übrigens, dasselbe auch von den Europäern zu behaup- 
ten. Ganz sicher ist, daß die chinesischen Hunde von dem Gerüche der Europäer 
ganz bösartig berührt werden. 

**) Auch die Chinesen haben ähnliche Bambus-Reifchen oder Schlingen, 
deren sie sich zum Spielen sehr geschickt bedienen. 



— 93 — 

aus der Fremde Eingeführte, bildeten die Japaner diese Künste dann 
nach ihrem nationalen Genie eigenartig aus und schufen so die 
japanische Kunst. Denn die Japaner sind keine sklavischen Nachäffor, 
sondern haben das Bewußtsein, selbst auch etwas schaffen zu können. 

Im Jahre 988 schickte üiau jan einen seiner LieblingsscluUer 
mit Namen -^ Schan nach China, um dem Kaiser für seine ihm 
erwiesene große Liebenswürdigkeit gebührend zu danken. In 
dem an den Kaiser addressiertoii Briefe zählt er zuerst alle seine 
hohen Titel und Würden auf und dankt ihm liierauf in ganz em- 
phatischen Ausdrücken für alle seine Wohltaten und Ehrenbezei- 
gungen. Zugleich übersandte er demselben auch eine ganze Menge 
von buddhistischen Andachtsbüchern, Gebetsschnüre und andere Kul- 
tusgegenstände, weil er wußte, daß dergleichen Sachen an dem 
buddhistischen Kaiserhofe, zumal bei den Weibern höchst willkommen 
waren. Kurz, er tat, als ob er der intimste Freund des Kaisers sei. 

Im Jahre 1002 kehrte der chinesische Kaufmann J^ IB: fi 
Dschou-sche-tschang, der vordem von einem Sturme nach Japan ver- 
schlagen worden war, in sein Vaterland Fu-jien zurück. Es hatte 
ihm in Japan so gut gefallen, und er hatte daselbst so gute Geschäfte 
gemacht, daß er sieben Jahre lang dort blieb. Als er nach China 
heimkehi'te, benützte der Japaner j| ;t^ pT Tefig-mu-dji^ (nach dem 
Namen zu schließen ein Sprößling der großen Familie Fujiwara) diese 
Gelegenheit, eine Studienreise nach China zu machen. Er schrieb 
sehr gut chinesisch und verfaßte schwungvolle Verse zu Ehren des 
chinesischen Kaisers. 

Der Statthalter bericht(»te das Ereignis an den Kaiser JK ^ 
Üschen-dsuny (908 — 1022), der die beiden Herren an den Hof rief, 
um sich des Genaueren über Japan belehren zu lassen. Der Ja- 
paner führte immer Pfeil und Bogen mit sich und prunkte damit 
nicht wenig. Der Kaiser, neugierig die Kunststücke eines so vollen- 
deten japanischen Schützen zu bewundern, bat ihn, eines zum be- 
sten zu geben. Da zeigte sich nun, daß er keineswegs ein so ge- 
wiegter, vollendeter Schütze war, als den er sich breit gemacht: 
er bewies weniger Kraft im Weitwerfen und weniger Geschicklich- 
keit im Treffen, als die Chinesen. Als ihn der Kaiser fragte, wie 
es koname, daß er so wenig in dieser für den Krieg so wichtigen 
Kunst geübt sei, gab ihm der Japaner unverblüfft zur Antwort, daß 
es in Japan gar keine Kriege gebe, das Land vielmehr ewige Ruhe 
genieße. Ob dem Kaiser diese Aussage glaubwürdig geschienen, mag 
dahingesteUt sein. Doch beschenkte er den Fremden mit einer 
Ehrengabe an Silber. 



— 94 — 

Im Jahre 1004 kam der Bonze ^ ü^ Dsi-dschau als Haupt 
einer japanischen Gesandtschaft nach China, unter deren Mitglie- 
dern sich noch sieben andere Bonzen befanden. Dsi-dschau konnte 
nicht chinesisch sprechen, aber er war ein vollendeter Kalligraph 
und konnte sich so aufs beste mit den Chinesen unterhalten. 

Der Kaiser war ganz erbaut und erfreut über das reiche Wis- 
sen dieses Bonzen und verlieh ihm einen prächtigen Ehrentitel, 
welcher seine hohen Kenntnisse aufs feierlichste belobte und aller 
Welt verkündete. Auch gab er ihm Geschenke, unter anderen ein 
Prachtgewand von violetter Farbe. 

Da der Kaiser bei solchen Besuchen immer viele und kost- 
bare Geschenke gab, versuchten mehrere Japaner auf Schleichwe- 
gen an den Kaiserhof zu gelangen. Sie kamen mit reichen Geschen- 
ken beladen nach Fudjien und gaben vor, Abgesandte des Mikado 
zu sein, um dem Kaiser die gebührenden Geschenke zu überreichen. 
In Japan saß damals Go-Ichijo, d. h. Ichijo der Zweite, (1017 — 1036) 
auf dem Throne; Minister aber war Pujiwara Torimichi, welcher 
fast fünfzig Jahre Japan unumschränkt beherrschte und eines der 
berühmtesten Mitglieder dieser großen Familie ist. Der damalige 
Kaiser von China war t ^ Jen-dsung (1023 — 1064). Gewiß hätte 
es dem kaum sechzehnjährigen Kaiser und seiner Mutter |H Liu eine 
Unterhaltung und Abwechslung gewährt, die Japaner zu sehen und 
zu sprechen. Aber da dieselben keine Legitimation hatten, war 
es doch nicht statthaft, sie vorzulassen; man hätte sich sonst ja 
eine Blöße gegeben. Und das durfte man doch nicht tun. 

Es war damals gerade die Blütezeit der großen chinesischen 
Literaten: f^ fff fllt Fan-dschung-ien (989 — 1052), $|B5 flbn-focAi 
(1008—1075), itl91^ Ngou-yang-siu (1007—1072), ^ .^^ Se- 
morkuang (1019—1086), ^ jgj Su-süin (1009—1066) mit seinen noch 
berühmteren Söhnen llliC Su-sche (1036 — 1111) und tj^^ Surdsehe 
(1039—1112) U.S.W. 

Die Literaten machten verzweifelte Anstrengungen, die alte 
Kaiserin, welche an Staatsgeschäften soviel Yergnügon fand, beiseite 
zu schieben. Vergebenes Unterfangen. Im Jahre 1033 wagte diese 
verpichte Alte es selbst, mit den kaiserlichen Staaiskloidem ange- 
tan, den Ahnen feierUch zu opfern. Glüklicherweise kam ein Komet, 
welcher sie schon im dritten Monate desselben Jahres mit seinem 
Schweife wegfegte, wie die Chinesen glauben. 

Der schwache Jen-dsung saß, ohne etwas Besonderes geleistet 
zu haben, vierzig Jahre auf dem Throne. Seine hauptsächlichste Be- 
schäftigung war der Harem, Trotz, oder vielmehr wegen seiner 



— 96 — 

\ieleD Frauen hatte er keinen Sohn. Es kostete ihm Mühe, seinen 
Vetter zum Bjonprinzen zu ernennen. Kaum vierundfünfzig Jahre 
alt, starb er fast plötzlich im dritten Monate des Jahres 106B. 
Die Tataren Tchi-dan hatten ihm durch ihre Einfälle ins Land das 
Leben recht vergällt. 

Sein Nachfolger ^ ^ Ymg-dsung (1064—1067), der große 
Freund und Gönner der Konfuzianer, hatte zwar guten Willen, dem 
Reiche Ruhe und Frieden zu erhalten, erreichte aber nicht viel. 
Er starb erst sechsunddreißig Jahre alt. 

Sein zwanzigjähriger Sohn jp|i ^ Schen-dsung (1068 — 1085) 
folgte ihm auf dem Throne. Unter diesem machte der den Literaten 
so verhaßte Staatsminister I ^ /ff Tf ang-ngan-sche seine mißglückten 
Reformversuche. 

Ln Jahre 1072 war der Bonze ^ ^ Tscheng-süin mit mehre- 
ren Begleitern nach 3^ -^ lU Tien-tä-schan in Dschß-djiang gekom- 
men, um an jener heiligen Stätte des Buddhismus und der Wissen- 
schaft seiner Frömmigkeit und seinem Wissensdurst Genüge zu tun. 
Da der Statthalter der Provinz hierüber an den Kaiser berich- 
tete, rief letzterer diese Bonzen an den Hof, um sich die Japaner 
ein wenig genauer anzusehen. Tscheng-süin wußte sich ganz höfisch 
zu bewegen, und gewann dadurch und durch seine Gelehrsamkeit 
die Gunst des Kaisers. Er überreichte dem Kaiser ein prachtvolles 
silbernes Weihrauchfaß, Gebetsschnüre mit Perlen aus wohlriechen- 
dem Holze, allerlei weiße Glassachen, wohlriechende Essenzen, San- 
delholz, auserlesene Seidenzeuge und andere Kuriositäten. 

(t^ Schen-dsung^ ganz erfreut über den Bonzen und seine 
Geschenke, schenkte ihm und seinen Genossen violette Staatsklei- 
der und tmdere Wertsachen, und verlieh ihm ehrenvolle Titel und 
Abzeichen. 

So große Gnadenerweise gegenüber den Bonzen veranlaßte 
den Hof des Mikado, im Jahre 1078 wiederum einen Bonzen als 
Leiter der Gesandtschaft nach China zu schicken. Diesmal war es 
der Oberbonze fijf [eJ Dschmig-hiiei, ein gelehrter, allseitiger Mann, 
der auch gut chinesisch sprach. Ein chinesischer Kaufmann, ^ ^ 
Suin-dschung, welcher, vom Sturme nach .lapan verschlagen, daselbst 
sehr liebreich aufgenommen worden war, kam mit dieser Gesandt- 
schaft nach China zurück. Sie wurden vom Kaiser in feierlicher Au- 
dienz empfangen und überreichten den Brief und die Geschenke 
des Mikado, wovon zweihundert Rollen feinster Seide und fünftausend 
Unzen Quecksilber als besonders kostbar hervorgehoben werden. 
Schen-dsung sandte dem Mikado auch sehr kostbare Gegengeschenke 



— 96 — 

und sprach seine volle Zufriedenheit über den getreuen Lehens- 
fürsten aus. Dem Bonzen schenkte er kostbare Sachen und verlieh 
ihm einen hohen Ehrentitel. Der Kaufmann aber erhielt den erbe- 
tenen kaiserhchen Brief an den Mikado nebst Geschenken für ihn 
und die Hofherren. Als praktischer Weltmann wußte er, daß er 
sich als kaiserlich privilegierten Kaufmann ausgeben konnte, und 
80 alle Tore und Häfen geöffnet finden wüi'de, um Großhandel 
zu treiben. 

Trotz allen inneren Elendes, trotz aller kläglichen Schwäche 
der Regierung glänzte China damals nach außen. So schickte 
Tong-king im Jahre 998, Korea 1071, und 1081 selbst der Kaiser 
von Konstantinopel Gesandtschaften und Geschenke an den Kaiser 
von China. 

Im Jahre 1085 starb Schen-dsung kaum achtunddreißig Jahre 
alt. Sein zehnjähriger Sohn f5" m DacMi-dsuyig folgte ihm auf 
dem Throne. Die Zänkereien und Eifersüchteleien der Literaten 
höchsten Ranges machten alle ersprießliche Arbeit und rationelle 
Staatsverwaltung unmöglich. Der so unbändig stolze, gefeierte 
HH ^ Su-sche^ f 1101, trägt einen großen Teil der Schuld an dieser 
Unordnung und dem schließliclien Verderben des Staates. 

Auf den kaum vierundzwanzig Jahre alten ohne Nachfolger 
verstorbenen Dschei-dsung folgte sein Hruder ^ ^ Hnei-dsiivg 
(1102 — 1125) traurigen Andenkens. Er und sein Nachfolger ^ 
^ Tchin-dsung wurden 1120 von den Tataren -^ JK Nä-dscheu 
gefangen abgeführt. Hun-di^ung starb, vierundfünfzig Jahre alt, in 
der Tatarei im Jahre \\)\b, Tchin-dsung wurde einundsechzig 
Jahre alt und starb 1156 ebenfalls in der YerVjannung. Beide tru- 
gen selbstverschuldetes Leiden. 

Die Dynastie der Sung hat die dem Menschen angeborene 
Gottesidee immer mehr in den Herzen der Untertanen verflacht und 
verwischt, und statt ders(^lben die so absurde Geomantie allgempin 
verbreitet. So wurde das arme, sonst so gute Yolk in den törich- 
sten Irrtum verstrickt, in dem es noch jetzt gefangen liegt. 



97 



4. Die Tataren ^ J^ NQ-dschen oder ^ Djin erobern die 
nSrdlicIie Hälfte Cliinas und lassen den Sung nur melir die 

südliche Hälfte. 

• 

Nicht die so furchtbaren ^ f} Tchi-dan^ welche China seit 
langem drangsalierten und ihm sogar Tribut auferlegt hatten, sollten, 
wie man hätte erwarten können, das morsche Beich zusammen- 
schlagen, sondern ihre Vettern, die -^ K ^M-d5cAew-Tataren und Vor- 
fahren der jetzigen Mandschu-Tataren, welche 1644 China das zweite- 
mal erobert haben. 

Dieser tungusische Stamm der Nü-dschen hatte sich 991 den 
mächtigen Tchi-dan klug uüterworfen und benutzte die dadurch 
erlangte Ruhe, um seine Streitmacht zu vergrößern. Um das Jahr 
1092 erfüllten sie das ganze Stromgebiet des ;|^ ^ ^ Sungari^ 
oder Sung-hua-djiang, wie die Chinesen lesen, und die Täler des 
Gebirges :^ Ö lÜ Tschang-bei-schan^ welches die Grenze zwischen 
China und Korea bildet. 

Ihr Khan XU S Ä Hä4Uh40 hatte elf Söhne. Nachdem der 
älteste als Nachfolger des Vaters im Jahre 1113 gestorben war, 
folgte der zweite Sohn ^^ ff Ngo-ku-da (1113—1123) als Khan. 
Ngo-ku-da war in jeder Beziehung ein Genie. Nachdem er vor- 
erst mit den Koreanern ein Friedensbündnis geschlossen, erhob er 
sich im Vollbewußtsein seiner Macht gegen die Tchi-dan und schlug 
sie in wiederholten Kämpfen ganz mörderisch aufs Haupt. So war 
er unabhängiger, ruhmgekrönter Fürst. Er nannte seine Dynastie 
ÄUchouk^ oder ^ [fj ^ Ngan-tschu-hu, wie die Chinesen schreiben.*) 

Kaum sechsundfünfzig Jahre alt starb Ngo-ku-da. Sein Bruder 
5i ^ H U'tschi-^mä folgte ihm auf dem Throne. 

Nun hatten 1123 die Chinesen die Torheit begangen, einen 
verräterischen und rebellischen Statthalter der ^ Djin freundlich 
aufzunehmen und das von demselben verwaltete Gebiet unter ihren 
Schutz zu nehmen. Dies Verfahren war dazumal nichts Neues, wie 
es ja heutigen Tages noch hie und da geschieht. 

U-tschi-mä ließ sich das nicht gefallen und rückte mit seinen 
kampfeslustigen Reiterscharen in China ein. Bald war die Provinz 
jg ^ Dsche-li und der nordöstliche Teil von [1] f| Schan-si in den 
Händen der Djin. Um sein Unrecht wieder gut zu machen und 
den Sieger zu versöhnen, dankte '^ ^ Hueudsung zu Gunsten 

*) Deu Sinn des Wortes AUohouk Qbersetxen die Chinesen mit ^ Djin 
Gold; daher der Name dieser Dynastie. 

Japan» Beziehungen au China 7 



— 98 — 

seines Sohnes ^ ^ Tchin-dsung ab. Doch half's ihm nichts gegen 
die wilden Krieger. Da der gelbe Fluß zugefroren war, setzten dio 
Djin zu Pferde über den Fluß und stürmten nach der Hauptstadt 
BS ii M K'ä-fung-fu. Trotz der (»londen Befestigungen war die 
Stadt für di^se Steppeureiter schwer zu nehmen. So machte man 
denn Frieden. Die Chinesen bezahlton fünf Millionen Unzen Gold, 
fünfzig Millionen Unzen Silber und eine MiUion Rollen Seide. U- 
tschi-mä erhielt überdies den Elirentitel fjQ 32 , Oheim des Kaisers^, 
so daß der Kaiser ihn als solchen ehren mußte. 

So zog denn U-tschi-mä ab, ohne China eine Handbreit Lan- 
des genommen zu haben. Doch jetzt reute es die Chinesen, den 
Frieden so teuer erkauft zu haben. Ungeachtet aller Verträge und 
Versprechungen, die ihnen wohl nicht ernst gemeint gewesen, fielen sie 
über die friedlich abziehenden Djin her. Durch solche infame Treu- 
losigkeit gereizt, kehrten die Djin wieder zurück, nahmen K'ä-fung- 
fu ein und schleppten die beiden Huei-dsung und Djin-dsung samt 
deren ganzem Hofpersonal, mehr als dreitausend Köpfe, in die Ge- 
fangenschaft, aus der nur wenige zurückkehrten. 

So bestieg denn ^ i^ Dschau-kou^ kaiserlicher Prinz und Ge- 
neralissimus aller kaiserlichen Armeen, den Thron. Er ist in der 
Geschichte als JK ^ Kau-dsung (1127—1162) bekannt. Natürlich 
suchte er sein Heil in der Flucht. 

Die Djin eroberten den ganzen nördUchen Teil des Reiches. 
Im Jahre 1129 setzte eine zahlreiche Armee der Djin unter der 
Leitung des Generals % M ü-xchu über den Yang-dse-djiang, nahm 
Nan-djing, Hang-dschou, Ning-buo, plünderte und raubte alles und 
legte dann Feuer an. Der trostlose Kaiser floh wie» ein gehetztes 
"Wild aus einer Stadt in die andere. 

Wäre U-tschi-mä nicht 1134 gestorben, und wären bei dieser 
Gelegenheit keine Thronstreitigkeiten unter den Djin ausgebrochen, 
so wäre schon damals ganz China von diesen Tataren erobert wor- 
den. So retteten die Sung wenigstens die südliche Hälfte des 
Reiches. ]0i f^ Hang-dschou wurdo nach langen Beratungen mit den 
Wahrsagern endlich zur Hauptstadt erklärt. Die chinesischen Ge- 
nerale ^ yi Dschang-dsän, ^ 1^ Yau-fei, ^ ^ U-djä und andere» 
fingen an, die Armee zu reorganisieren und leistungsfähig zu machen. 
Schließlich waren sie auch imstande, den Djin W^iderstand zu 
leisten, ja dieselben manchmal sogar zu schlagen. 

Hätte der Hof auch an sich selbst vernünftige Reformen vor- 
genonmien, so wäre das gewiß zum Nutzen des Landes gewesen. 
Aber dazu fehlte der gute Wille und der nötige Mut. So blieb's 



— 99 — 

denn bei dem gewohnten Saus und Braus und weichlichen Hofleben 
mit dem ekelhaften Frauenkult und der elenden Eunuchenwirtschaft. 
Von ersprießlicher Reichsverwaltung war keine Rede. Hatte eine 
Partei abgewirtschaftet, dann ergriff die andere das Ruder. Die 
Hauptbeschäftigung des Kaisers waren die Riten, um den Gottheiten 
der Erde, der Ernte und den Ahnen nach richtigem, d. h. sei- 
nem, Gebrauch Opfer darzubringen. Mit dem Kaiser hatte auch 
die Familie des Konfuzius auswandern müssen. TL MB iXl ICung- 
duan-juy der achtundvierzigste offizielle Nachkomme des Konfuzius, 
war dem Kaiser nach dem Süden gefolgt. Das Heiligtum des großen 
heiligen Lehrmeisters wurde in 2. ff San-tschiü^ der jetzigen Prä- 
fektur fJISJViJ^ Tschiü-dschou-fu in Tschß-djiang errichtet. Der Kaiser 
konnte bei seiner Armut nicht mehi als fünfhundert Morgen Landes 
für den Kult des Konfuzius und den Unterhalt seines Nachkommen 
bewilligen. 

Da im Jahre 1161 die Djin wiederum eine Armee von 600 000 
Mann auf China warfen, dankte der schwache Kau-dsung ab. Sein 
Sohn ^ ^ Hiau'dsung (1163 — 1189) folgte ihm auf dem Throne. 
Dieser war ein überzeugter Konfu«ianer und zwang die Buddhisten 
und Dauisten, Steuern zu zahlen, wie die andern Leute auch. ^ jj| 
Dschu-hi (1130—1200) erscheint 1193 auf der Bildfläche, indem er 
Lehrer an der Militärschule ward. Er überreichte dem Kaiser ein 
Memorandum, um demselben die Lehre des Konfuzius in Erinnerung 
zu bringen: er müsse den schmachvollen Tod der beiden Kaiser 
Huei-dsung und Tchin-dsung in der Gefangenschaft der Djin rächen 
und diesem den Krieg erklären. Der Schöngeist und unkluge 
Schwätzer wurde aber, wie er es wohl verdient hatte, abgewiesen. 
Die Sung, welche sich vor Schwäche kaum auf den Beinen halten 
konnten, sollten den Djin, deren König m Yung (1161 — 1189) so 
allseitig tüchtig war, den Krieg erklären, allein darum weil die chau- 
vinistischen Literaten an der Lehre des Konfuzius ^man müsse sich 
an den Feinden rächen^ pedantisch festhielten. Dschu-hi, unzweifel- 
haft einer der besten Prosaiker Chinas, war trotz seiner ausgedehnten 
Gelehrsamkeit doch unfähig, um im Staatsdienste verwendet werden 
zu können. Seine Theorieen und die harte Wirklichkeit gerieten 
in argen Widerspruch. Er und seine Parteigänger vermehrten noch 
die Streitigkeiten in dem ohnedies schon geschwächten Reiche. 

Dieser Streitigkeiten und der Regierungssorgen müde, dankte 
Hiuu-dsung im Jahre 1189 ab und setzte seinen Sohn ^^Kuang- 
dsung (1190 — 1194) auf den Thron. Doch wie übel wurde ihm das 
von seinem Sohne belohnt! Dieser ließ sich nämlich ganz von 



— 100 — 

seiner Gemahlin ^ R Li-sche^ einer wahren Xantippe, beherrsclien 
und wurde von ihr sogar dazu verleitet, mit seinem Vater zu brechen. 
Mcht einmal in der letzten Krankheit und auf dem Todesbette 
besuchten beide, den alten Kaiser; selbst dem Begräbnisse wohnten 
sie nicht bei. Kuang-dsung schützte vor, krank zu sein. Der 
Skandal war derartig, daß die Kaiserin-Mutter den ungetreuen Sohn 
absetzte und seinen siebenundzwanzigjährigen Sohn S^ i^ Ning-dsung 
(1194—1224) auf den Thron erhob. ^ {"^ ^ Han-tuo-dschou^ der 
Schwager des Kaisers, wurde oberster Staatsminister ; er beeilte sich, 
Dschou-hi, den Lehrmeister des Kaisers, als unnützen Schwätzer zu 
entlassen. Darob gerieten die Literaten in großen Zorn. Aber 
Han-tuo-dschou war nicht der Mann, der sich vor ihnen fürchtete. 
1198 erließ der Kaiser ein Edikt, worin er die sogenannten Phi- 
losophen, Dschu-hi und seine Anhänger, eine Sippschaft von Tauge- 
nichtsen nannte. Dschu-hi starb 1200 in der größten Ungnade deH 
Kaisers. 

Alle diese Streitigkeiten unter den tüchtigsten Köpfen des 
Landes lähmten nur noch mehr die schwachen Kräfte des Reiches. 
Ein tatkräftiges Zusammenwirken aller wäre kaum genügend gewe- 
sen, um den Staat zu heben und die Schäden in der Verwaltung 
auszubessern. Statt nützlicher Arbeit obzuliegen, befaßte man 
sich mit philosophischen, oder besser gesagt, mit ganz unphiloso- 
phischen Theorien und gehässigen Streitigkeiten. 

Schließlich kamen die Mongolen, schaflFten die entnervte Sung- 
Dynastie beiseite und rissen ihre Herrschaft an sich. 



5. Die gleichzeitigen Zustände Japans (1124 — 1275). 

Oben haben wir erzählt, daß der Großfürst Taira Tadamori 
bis zu seinem 1152 erfolgten Tode der allmächtige Günstling des 
Mikado Shirakawa und Toba geblieben. Obwohl er darauf hinarbeitete, 
und es auch erreichte, seiner Familie eine bevorzugte Machtstellung 
im Reiche zu sichern, so hat er sich doch auch ums Vaterland 
verdient gemacht. Denn er ist es, welcher 1150 den großen und 
gefährlichen Einfall der koreanischen Seeräuber siegreich zurück- 
schlug. 

Obwohl der Mikado Toba 1253 zu Gunsten seines Sohnes 
Sutoku (1124 — 1141) abgedankt hatte, behielt er doch die Zügel 
der Regierung bis zu seinem 1156 erfolgten Tode hartnäckig in 



— 101 - 

« 

Händen. Nachdem er yon seinem Kebsweibe Bifuku einen Sohn 
bekommen, zwang der alte Tor den sechsundzwanzigjährigen Mikado 
Sutoku abzudanken, um seinem zweijährigen Söhnlein Eonoe (1142 
— 1155) Platz zu machen. Als letzterer 1155 gestorben, wollte Suto- 
ku wiederum den Thron besteigen, wurde jedoch auch jetzt wieder 
von Toba daran gehindert. So kam es zu einem blutigen Kiriege 
(1156—7 1158). Die mächtigen Minamoto waren für ihn, gegen ihn 
aber die eben so mächtigen Taira und Pujiwara. Letztere siegten 
und Fujiwara Tadamichi brachte es zustande, daß Go-Shirakawa 
(1156—1158), ein anderer Sohn des Toba, als neunundzwanzigjähri- 
ger junger Mann auf den Thron kam. 

Kaum war der Krieg beendet, so dankte Go-Shirawa ab und 
setzte seinen sechzehnjährigen Sohn Nijo (1159 — 1165) auf den 
Thron, während er selbst nach alter Weise die Regierung in den 
Händen behielt und zwar noch unter den drei folgenden Mikado. 
Go-Shirakawa starb erst 1192 im Alter von siebenundsechzig 
Jahren. 

Die Taira nutzten leider ihren Sieg ganz egoistisch aus. 
Ki-yomori (1119—1181), ein unehelicher Sohn des Tadamoj) und '^^ 
einer ehemaligen Konkubine des Mikado Shirakawa, wurde nach 
dem Tode seines Vaters Haupt der FamiUe Taira. Während er ein 
Mann von ebenso außerordentlichen Talenten wie sein Vater und 
ein ebenso tüchtiger Krieger wie kluger Diplomat war, hatte er doch 
einen abscheulichen Charakter. Er war ein rücksichtsloser Autokrat und 
herrschsüchtiger Tyrann, ergab sich der schamlosesten Wollust und Un- 
zucht und kannte bei seinem ungestillten Geize selbst mit den Ärmsten 
kein Mitleid. Wohlanstand, Gerechtigkeit und Recht waren ihm Pflich- 
ten, deren Beobachtung nur für gewohnliche Menschen passe. 

Weil er wußte, daß einzig die Familie Minomoto fähig sei, 
der seinigen den Rang streitig zu machen, so beschloß er, dieselbe 
zu vertilgen. Im Jahre 1159 ließ er also sämtliche Mitglieder der 
Minomoto umbringen, mit Ausnahme des zwölfjährigen Yoritomo, 
den er verbannte, und der drei kleinen Söhne des Yoshitomo, welche 
er in ein Bonzenkloster einsperrte. Das war das einzige Mitleid, 
welches er seinem alten Freunde und Waffengefährten Yoshitomo 
bezeigte. 

Nachdem Kiyomori unangefochtener Herr von Japan geworden, 
baute er Schlösser und Festungen und besetzte alle wichtigen Äm- 
ter mit Sprößlingen seiner Familie. Mehr als dreißig seiner Familien- 
angehörigen waren Statthalter von Provinzen, andere dreißig amtier- 
ten am Hofe als Minister und Großwürdenti'äger. 



— 102 — 

Schon 1168 befiel ihn ein schleichendes Fieber, von dem ihn 
alle angerufenen Götter und Gottinnen nicht befreien konnten. Um 
die Macht seiner Familie zu befestigen, verheiratete er seine Tochter 
an den siebenjährigen Mikado Takakura (1169—1180), den er auf 
den Thron setzte und später zwang, mit neunzehn Jahren zu Gun- 
sten des dreijährigen Antoku (1181 — 1183) wieder abzudanken. 

Es war dies der letzte Akt des verabscheuten Tyrannen. Auf 
seinem Todesbette bereute er, nicht auch Minamoto Yoritomo ge- 
tötet zu haben; ja, er empfahl seinen Söhnen, den Kopf desselben 
ihm aufs Grab zu legen, damit er in Frieden ruhen könne. Dieser 
junge Minamoto Yoritomo war 1180 aus dem Exile entschlüpft, und 
das ^verbitterte so sehr die Sterbestunde des abscheulichen Ki^omori. ^ 

Es kam zu einem fürchterlichen Kriege von fünf langen Jahren, 
da aUe Daimyo entweder für die Taira oder für die Minamoto Partei 
ergriflFen. Die Taira hatten keinen tüchtigen Mann an ihrer Spitze, 
während die Minamoto ein so seltenes Genie wie Yoritomo besaßen. 
Nach vielen blutigen Schlachten kam es 1185 zur Seeschlacht von 
Dan-no-ura, nahe bei Shimonsseki, wo die Taira besiegt und ver- 
nichtet wurden. Als alle Aussicht auf den Erfolg der Taira in der 
Schlacht verloren war, ergriff die ebenso schreckHche Großmutter 
Nie-no-ama, das würdige Weib des schrecklichen Kiyomori, den 
siebenjährigen Mikado Antoku und stürzte sich mit ihm ins Meer. 

Der Sieg der Minamoto war vollständig: Yoritomo war der 
Herr von Japan und fing an, alle Taira abzuschlachten, um seine 
Rivalen ganz zu vernichten. Ja, er veranlaßte den Mikado, als 
höchster Herr von Japan die Taira offiziell zu verfluchen und für 
immer, selbst bei der Nachwelt, zu entehren. Aber doch blieb ein 
Samenkorn der Taira übrig, aus dem Japans größter Mann, Oda 
Nobunaga (1553 — 1582). entspringen sollte. 

Yoritomo erhob den vierjährigen Sohn des achtzigsten Mikado 
Takakura auf den Thron, der als Go-Toba (1184—1198) in der 
Geschichte bekannt ist. Dieser belohnte seinen Beschützer 1192 
mit der Würde eines Shogun, oder besser gesagt, Yoritomo gab sich 
selbst diesen Titel. Um in seijier Regierung nicht inkommodiert 
zu werden, veranlaßt« dieser den neunzehnjährigen Go-Toba, zu 
Gunsten seines dreijährigen Sohnes Tsuchimikado (1199 — 1210 abzu- 
danken. Aber Yoritomo starb schon 1199, kaum dreiundfünfzig Jahre 
alt, an einem Sturze vom Pferde. Dieser Tod brachte neue Ver- 
wickelungen. 



103 



6. Die Shogun und Shikken Japans. 

Als Yoritomo im Jahre 1192 den Titel Shogun jjf jg Dsiang- 
djün erhielt oder vielmehr annahm, hatte dieser alte Titel eine ganz 
andere Bedeutung als ehemals. Denn seiner eigentlichen Bedeutung 
nach heißt Shogun 3$ 5f , chinesisch Dsiang-djün gelesen, einfach 
„General" oder „Anführer einer Armee". Im achten Jahrhundert 
jedoch wurde dieser Titel nur jenen vier Generälen vorbehalten, 
die an den vier Grenzen des Reiches über den Frieden des Staates 
zu wachen hatten. Denn zu jener Zeit waren die Ainos noch 
mächtig und wehrten sich mannhaft gegen die immer mehr vor- 
dringenden Japaner. Yoshiie (1041—1108) aus der Familie der 
Minamoto, einer der berühmtesten Krieger seiner Zeit, war durch 
viele siegreiche Feldzüge berühmt, ganz besonders durch diejenigen 
über die Ainos im Jahre 1050. 

Vielleicht ist es zum Andenken an diese Berühmtheit seiner 
Familie, daß Yoritomo den Titel JShogun annahm. Kurz, seit 1192 
ist dieser Titel nur der FamiHe Minamoto eigen. Die Familie Ashi- 
kaga hat zwar Japan von 1338 — 1573 fünfzehn Shogun, die der 
Tokugawa von 1603 — 1868 ebenso viele gegeben, aber sie erhielten 
diesen Ehrentitel einzig, weil sie sich rühmten, von den Minamoto 
abzustammen. Ebendeswegen ist weder Nobunaga noch Hidegoshi 
Shogun geworden. Letzterer setzte alle Hebel in Bewegung, um 
von den Minamoto adoptiert zu werden, damit er diesen Ehren- 
titel erlangen könnte. Da aber alle seine Bemühungen verge- 
bens gewesen, ließ or sich von den Fujiwara adoptieren. So 
wurde er denn fähig, wenigstens Kwampaku und Taikosama zu 
werden, unter welch' letzterem Ehrentitel er ja in der Geschichte 
genugsam bekannt ist. 

Seit Yoritomo bedeutet Shogun soviel als das lateinische ^Impe- 
rator" - „oberster Feldherr". Und wie bei den Römern das Wort 
Imperator schließlich den Sinn von „Kaiser" angenommen, so bekam 
bei den Japanern der Titel Shogun auch die Bedeutung „der höchste 
Machthaber des Reiches". Der einzige Unterschied ist der, daß 
die Shogun trotz aller angemaßten Vollmacht „des Volkes wegen" 
doch niemals es wagen konnten, Hand an den hochheiligen, von 
der Sonnengöttin abstammenden Mikado zu legen. In größter Ar- 
mut und Entbehrung, in elende Lehmhütten zurückgedrängt, blieb 
der Mikado beim Volke doch immer der hochheilige Herrscher, 
dessen Stellvertreter die Shogun nur waren. Die Epoche vom Jahre 
1180—1600 heißt |gC ?K Kfft d- h. die Kriegs- oder besser Feudal- 



— 104 — 

Zeit.*) Denn ganz wie zu jener Zeit in Europa wurde von Yoritomo 
das Lehen- und Peudal-System eingeführt, und einzig der Eriegsadel 
stand in Ehren. Infolge hoher Begünstigung des Eriegsadels und 
der Ehren, welche den Kriegern zu teil wurden, entwickelte sich 
der kriegerische Geist des Volkes so sehr, daß er schließlich 
in Rauflust ausartete. Wie der Name „Kriegszeit'' selbst bezeugt, 
dauerten größere oder kleinere Kriege allzeit fort. 

Yoritomo hinterließ zwar bei seinem Tode 1199 seinem Sohne 
Yorii6 (1181 — 1204) alle seine ungeheuren Besitztümer und hohen 
Würden, nur konnte er ihm sein Genie nicht vermachen. Yoriie 
trug zwar den Titel eines Shogun, aber die Macht lag in den Händen 
seiner Mutter, der vielgenannten Masako (1157 — 1225), die mit 
Hilfe ihres Vaters Hojo Tokimasa, eines ehrgeizigen Mannes, unum- 
schränkt herrschte. 

Als 1203 Yoriie kränklich wurde, zwang ihn sein Großvater 
Tokimasa, Bonze zu werden, und um ihn ganz los zu werden, ließ 
er ihn 1204 toten. 

Nun wurde Sanetomo (1192 — 1219), der elfjährige zweite Sohn 
des Yoritomo zum Shogun erhoben. Als Tokimasa 1206 auch Sane- 
tomo zu töten versuchte, wurde der Unwille des Landes so groß, 
daß er abdanken mußte. Yoshitoki folgte seinem Vater Tokimasa 
nach, war aber vielleicht noch schlechter als dieser; 1219 tötete er 
Sanetomo. Nun war es mit den Minamoto aus. 

Es war in Japan Mode, daß große Herren aus Gram über 
erlittenes Mißgeschick Bonzen wurden, wie wir ja schon oft erwähnt 
haben. So wurde atich Masako beim Tode ihres Mannes Yoritomo 
Bonzin. Ihr Vater Tokimasa, der Meuchelmörder, wurde nach 
erzwungener Abdankung Bonze. Das waren Spiegelfechtereien, 
gemeine Heucheleien, um das Volk zu täuschen. Die Hojo waren und 
blieben die Herren im Lande. Sie taten den Minamoto, wie diese dem 
Mikado getan, nur hatten sie einen andern Titel ^ ;S Shikken, 
d. h. Minister des Shogun. Von 1200 — 1333 behielten sie das Heft 
in den Händen und regierten tatsächlich in Japan. Zwar gab es im- 
mer noch Shogun, aber sie waren es nur dorn Namen nach. Da 
die Mikado sowohl als auch die Shogun vielfach Kinder oder un- 
fähige Leute waren, so wurden die Shikken in ihrer Verwaltung 

*; Dieses Fendal-System wurde gesetzlich geordnet durch das Gesetzbuch 
K !^ ft ji§ Bukeseißy welches Yorimoto als Kodex der Kriegerkaste yerSfFent- 
lichte. ^ ^ heißt im allgemeinen „Kriegsmann." Während die Chinesen es „U- 
djia** lesen, sprechen es die Japaner ,,Buke" aus. Die wohlbekannten Samurai- 
Krieger, welche als Ehrenabzeichen zwei Schwerter im Gurte fahrten, lebten auf 
dem SohloMe ihres Daimyo und wurden yon ihm besoldet. 



— 105 — 

nicht gestört. Durch dieses egoistische System einer einzelnen 
Familie, welche das ganze Reich für sich und ihre Parteigänger 
ausbeutete, konnten Ruhe und Friede im Lande natürlich nicht aufrecht 
erhalten werden. Daher diese immerwährenden Bürgerkriege. Trotz 
aller Verschwörungen, Intriguen und Bürgerkriege blutigster Art 
blieben die Hojo Meister; der Mikado und der Shogun mußten 
ihnen gehorchen oder wurden abgesetzt. Mit den großen Daimyo 
machten die Hojo noch kürzeren Prozeß: sie schlugen ihnen die 
Köpfe ab. Erst in dem großen Kriege von 1333 wurde der Palast 
der Shikken angezündet, wobei der besiegte Tikatoki, der letzte 
Hojo, verbrannt wurde. 



7. Japans Beziehungen zu China während dieser Periode. 

Die erste offizielle Gesandtschaft Japans während dieser Periode 
kam im Jahre 1173, d. h. unter dem Kaiser ^: ^ Hiau-dsung 
(1163 — 1189) nach JK ^ Hang-dschou an den kaiserlichen Hof. 
Dieser war hocherfreut, daß die Japaner ihm treu geblieben und 
sich nicht an die Djin gewendet hatten, welche den Norden, d. h. 
das alte eigentliche China mit seinen ehemaligen Hauptstädten und 
National-Heiligtümern, besetzt hatten. Die Japaner mochten ja die 
Djin, welche seit 1127 auch in Korea Meister waren, aus eigener 
Erfahrung als böse Nachbarn kennen gelernt haben. Die Djin waren 
bei ihrer angeborenen Schneidigkeit leicht zur Hand, mit dem 
Schwerte dr einzuschlagen, die Chinesen hingegen höfliche Leute, 
welche sich nicht viel um Korea, noch um andere überseeische 
Besitzungen kümmerten, sondern daheim den Freuden des Lebens 
ganz ergeben waren. Mit den Chinesen konnten also die Japaner 
leichter auskommen: überdies waren es alte Bekannte. 

In Japan war damals Taira Kiyomori (1119 — 1181) oberster 
Staatsminister, dem es auch am Herzen liegen mußte, mit den von 
den Japanern hochgeschätzten Chinesen Freundschaft zu unterhalten; 
hatte er ja schon genug Gregner unter den Großfürsten seines Landes, 
und wollte diesen natürlich keinen neuen Vorwand geben, ihn in 
der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Go-Shirakawa, der 1158 
abgedankte siebenundsiebenzigste Mikado, der bis an sein Lebens- 
ende (1192) tatsächlich Mikado blieb, mußte auch darauf sehen, 
auswärtige Freundschaft zu pflegen und zu erhalten, um seinen 
einheimischen Rivalen möglichst viel Boden zu entziehen. 

Die japanische Gesandtschaft landete in Ning-buo uud wurde 
natürh'ch herzlich empfangen. Die kaiserlichen Schiffe, welche die 



— 106 — 

Steuern von dieser Stadt nach Hang-dschou abführten, nahmen die 
japanischen Herren mit nach der Hauptstadt, wo sie alsbald in 
feierlicher Audienz empfangen wurden. 

Wie sehr der kaiserliche Hof auf die freundschaftlichen 
Beziehungen mit Japan hielt, zeigt ein sich im Jahre 1175 abspie- 
lender Vorfall. Der japanische Großfürst Bl ic ÖJ TengMi-ming^ 
nach seinem Namen zu schheüen, ein Sprößling der Familie Fujiwara, 
hatte einen Chinesen getötet. Nun weiß man ja, was in solchen 
Fällen die Chinesen für Lärm schlagen. Die Beamten hetzen das 
Volk zu den ärgsten Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten auf 
und waschen sich dann die Hände, indem sie sagen: „Es ist uns 
unmöglich, das ergrimmte Volk im Zaume zu halten; nur eine 
exemplarische Strafe des ITbeltäters kann es wieder besänftigen und 
zur Ruhe bringen . . "! So kann die Regierung ihre Forderungen hoch 
spannen und eine des Reiches würdige Genugtuung herausschlagen. 
Im Falle des Teng-tä-ming geschah nichts dergleichen : alles blieb 
in Ruhe und Frieden, selbst in Ning-buo, dessen Bevölkerung sonst 
doch so übel beleumundet ist. Der Kaiser begnügte sich, den 
Schuldigen zum Halsblock zu verurteilen uijd nach Japan zurückzu- 
schicken, mit der Bitte, denselben nach den Landesgesetzen zu 
richten. Man wollte den Japanern gegenüber lieber auf das Recht, 
als auf die Freundschaft verzichten. 

Das gute Einvernehmen zwischen den beiden Ländern dauerte 
also offiziell fort, obwohl die Gesandtschaften nicht mehr vom Ge- 
schichtschreiber erwähnt werden. Aber aus seinen Berichten erhellt, 
wie sehr sich der Handel mit China entwickelt hatte. So erzählt 
er, daß im Jahre 117H japanische Kaufleute von einem Sturme an 
die Küste von Ning-buo geschleudert worden und daselbst Schiffbruch 
gelitten. Mehr als hundert Leute retteten dabei nur ihr nacktes Leben. 
Sie brachen bettelnd nach Hang-dschou auf, um den Kaiser über ihr 
Unglück und Elend zu unterrichten, ist er ja doch ,, Vater und Mutter 
des Volkes**. Hiau-dsung bewi(»s sich großmütig. Er bewilligte 
einem jeden der Schiflfbrüchigen eine* tägliche Unterstützung von 
fünfzig Pfennigen und zwei Liter Heis, und zwar bis zur ersten 
Gelegenheit, nach Japan heimzukehren. Sonst ist alte Resfel in China, 
daß ein Liter Reis für den Tag mehr als genügend ist zum Leben. 

Im Jahre 1188 wurden japanische Schiffe an die Küste von 
^ ^ Djla-hing geschleudert. Dreiundsiebenzig japanische Schiff- 
brüchige wandten sich in ihrer großen Dürftigkeit wieder an den 
„Vater und die Mutter des Volkes". Und der Kaiser geruhte, 
auch diese großmütig zu unterstützen. 



— 107 — 

Als im Jahre 1193 japanische Schiöe von einem Orkan in den 
Yang-dse-djiang getrieben worden und an der Küste von J^ jHi Tä- 
dschou gescheitert waren, verbot der Kaiser ^E ^ Kuang-dsung 
(1190 — 1198) aufs strengste, sich etwas von den Giiceru und Schätzen 
der SchifFbrüohigen anzueignen, da diese unter seinem kaiserlichen 
Schutze ständen. Er befahl den Beamten, den Leuten in allem 
behülflich zu sein, damit sie schnell heimkehren könnten. 

Derselbe Sturm hatte andere Schiffe nach Djia-hing geschleu- 
dert, deren Besatzung nur das nackte Leben hatte retten können. 
Diesen bewilligte der Kaiser Geld und Lebensmittel und besorgte 
ihre Rückkehr ins Vaterland. 

Auch der Kaiser ^^ Ning-dsung (1195—1225) erwies sich 
so mitleidig gegen die japanischen Schiflfhrüchigen, deren Schiftf» 
im Jalire 1200 an die Küste von ^ ji{ Su-dschou und gegen 
andere, welche 1202 an die Küste von ;S ^ Bing-hä, gegenüber 
Ning-buo, waren geworfen worden. Alle diese Unglücklichen betrachte- 
ten sich als unter dem hohen Schutze des Kaisers, dem hehren 
Lehensherrn ihres Reiches, stehend und wurden in der Tat großmütig 
unterstützt. Chinesen sowohl wie Japaner rühmten die Gnade des 
Kaisers. Diese zahlreichen aufgezeichneten Schiffbrüche beweisen 
aber auch, wie lebhaft der Handel schon in jener Zeit war. 

Nicht nur in Ning-buo und Hang-dschou, diesen schon seit dem 
achten Jahrhunderte bekannten und viel besuchten Häfen, trieb man 
Handel, sondern auch und vielleicht weit mehr noch in den Häfen von 
^ fj^ Dscha-pn, zwanzig Li südöstlich von der Unterpräfektur ^ ^ 
Ping-hu und äi tS Kan-pu, achtzehn Li südöstlich von j^ ^ Hä-ien^ 
von derselben Präfektur ^ ^ Djia-hing in Usche-djiang abhängig. 
Denn diese zwei Häfen vermittelten den Handel und Verkehr mit 
dem Kaiserkanal des Südens und dem Meeren Schiffe der kaiserlichen 
Flotte hielten die Seeräuber fern und wachten über den Frieden 
und die Ordnung unter den zahlreichen Kaufleuten. Xahe bei jedem 
der zwei Häfen befand und befinde! sich annoch eine Festung, deren 
Besatzung ebenfalls zum Schutze und zur Sicherheit der Handelsleute 
diente. Bis zum sechzehnten .Jahrhunderte hatten diese zwei Häfen 
nach den verschiedenen Epochen der Versandungen des Ästuars von 
Hang-dschou eine sehr große Bedeutung. Schang-hä war damals 
ein nur wenig besuchter Marktflecken, der erst 1292 zur Unter- 
präfektur erhoben wurde. Jetzt hat es schon lange jene zwei Häfen 
des alten Kulturlandes von Djia-hing überflügelt. 

Aber auch die Bonzen unterhielten beständigen Verli'^.hr mit 
China, um ihrer Andacht zu genügen. Verschiedene derselben kamen 



— 108 — 

wie ehemals nach China, um literarieche und religiöse Studien zu 
machen. Der berühmte Bonze Eisai (1150 - 1215) stiftete als Ergebnis 
seiner in China gemachten buddhistischen Studien eine neue Sekte, 
H Zen genannt, die er bei seiner Rückkehr 1191 in seinem 
Vaterlande zu verbreiten suchte. 

Einen andern Beweis der freundlichsten Beziehungen beider 
Länder haben wir in der Einführung des Porzellans in Japan. Toshiro*) 
hatte sechs Jahre in China die Kunst der Porzellanfabrikation erlernt 
und war in alle Geheimnisse dieser Kunst eingeweiht worden : ein 
Beweis der intimsten Freundschaft zwischen Japanern und Chinesen. 
Letztere sind ja bekanntlich ganz eifersüchtig auf die Wahiung ihrer 
Geschäftsgeheimnisse, selbst ihren Landsleuten teilen sie dieselben 
auch um Geld nicht mit. Tashiro hingegen erlernte diese Kunst 
und konnte sie ums Jahr 1230 in Japan einführen. Er gründete 
in JS ^ Seto, einer kleinen Stadt der Provinz Owari, seine ersten 
Fabriken, welche sich allmählich außerordentlich entwickelten. 

Das dort produzierte Porzellan ist von besonderer Güte und 
einfach unter der Marke Seto bekannt. Durch Anlage eigener 
Fabriken machte sich Japan vom chinesischen Markte ganz unab- 
hängig. 

'■^j öciu ei^enÜicher Xame ist Kato Shirozaemon. Toflhiro int eine Abkürzung 
des langen Namens. 




Elftes Kapitel. 

Japans Beziehungen zu China 
unter der Mongolen-Dynastie der tc Yüan 

(1275-1368). 






I. Die Mongolen erobern China. 

^lie Mongolen ^ "jS' Muny-ku waren ein tungusischer Volks- 
stamm, wie die -^ ^ Nü-dschen oder Mandschu ^ i)/tw, 
CTwBI B und wohnten nordwestlich von denselben in dem 8trom- 
6ii}Vtt^ gebiete des Onom und des Kersulan, d. h. im oberen Amur. 
Zum erstenmale werden sie im Jahre 1147 in der chinesischen 
Geschichte erwähnt unter ihrem Khan ff kan ^ ^^ Je-su-kä, 
Dessen Sohn ^'y^ M Tie-tnu-dschen oder Temondjin, 1162 geboren, 
wurde von den versammelten Großen auf dem Kouriltai, d. i. Keichs- 
tage, im Jahre 1206 zum Gengis-Khan }^ ^ Jg. ff 7 scheng-dji-se- 
kan, d. h. zum Großen der Größten erwählt. Dieser außerordent- 
liche Haudegen sollte als Anführer der wilden Mongolenhorden bis 
zu seinem 1227 erfolgten Tode viele Menschen hinschlachten und 
für alle seine Nachbaren eine Gottesgeißel werden. 1210 fiel er 
über die ^ Djin her, deren König ^ 'gif Tung-dsi er als einen 
stolzen, eingebildeten Schwachkopf schon vordem kennen gelernt 
hatte. Er schlug die sonst sieggewohnten Mandschü-Djin in allen 
Schlachten, nahm -J^Wi M i^^-tung-fu und den ganzen Nordwesten 
und Norden der jetzigen Provinz |ll |g Schan-si. 1212 warf er 
sich auf die Provinz Dsche-li und schlug allen Widerstand nieder. 
1214 aber versuchte Gengis Khan vergebens, die stark befestigte 
Stadt IS ^ Xf K^ä'fung-fu zu nehmen; dagegen gelang es ihm, 
die ganze Mandschurei, das heißt das Stanmüand der Djin, zu 
unterwerfen. 



— 110 — 

rberzeugt, daß die Macht der Djin gebrochen sei, übergab 
Öengis-Khan die Eroberung Chinas als eine leicht zu bewältigende 
Sache seinen Generälen, während er selbst zu neuen Eroberungen 
nach dem Westen vordrang. Er unterwarf das ganze Becken des 
Tarim, ja selbst einen Teil des nördlichen Indien. 1227 starb er 
im Alter von Sechsundsechzig Jahren in seiner Sommerfrische auf 
dem Berge /^ jjf ill Liu-pan-schan. 

Sein Sohn Ogdai wurde vom Keichstage auf den Thron er- 
hoben. Denn das Reich der Mongolen war ein Wahkeich. Og- 
dai, obwohl sonst ein tüchtiger Ki'ieger im Sinne der Mongolen, 
war dem Trünke ergeben und starb 1241 kaum sechsundfünfzig 
Jahre alt im Rausche. Seine (Jemahlin Tonrakina, chinesisch 56 M 
* jW Tu4i'dji-na, eine Christin, führte die Regentschaft bis zum 
Reichstage, wo es ihr gelang, ihren Sohn Gayun auf den Thron 
zu bringen. Der aber starb schon 1248 im Alter von dreiundvierzig 
Jahren. Der Reichstag erhob nun ^ ^ Mung-ko^ den ältesten 
Sohn des jft ^ Tuo4ei, somit Enkel des Gengis-Khan auf den Thron. 
Dieser befahl alsogleich seinem Bruder Kubilä, oder chinesisch ^ 
^ 3f]l Hii-bi-lif. die Eroberung Chinas tatkräftig zu verfolgen. Der 
Kaiser ^ ^ Li-dsimg (1226 — 1262) war so unklug, den Mongolen 
seine Infanterie zu leihen, da sie derselben zum Belagern der Festun- 
gen bedürften. ^Es gilt nur die Djin zu bändigen", sagten die 
Mongolen. Aber nachdem diese unterworfen, galt (is den Chinesen 
des Südens. Mung-ko war ein kluger, tüchtiger Fürst, dem Gengis- 
Khan als Ideiil vorschwebte. Aber er war und blieb bis zur Lächer- 
lichkeit abergläubisch: nichts unternahm er, ohne seine Wahrsager 
befragt zu haben. Er starb 1259. 

Auf dem Reichstage der Mongolen wurde Kubilä auf den 
Thron erhoben, da dieser im Kriege und in der Diplomatie sich 
allzeit sehr tüchtig gezeigt hatte. 

Der ganze Norden und Westen von China war erobert. ^ 
$J- )^ K'ä'fufig-fu^ wohin sich nach den Berichten der Geschicht- 
schreiber bis fünf MiUionen Menschen geflüchtet hatten, wurde erst 
nach einer ^nühsanien Belagerung mit Hilfe der chinesischen Infan- 
terie erobert. Ganz gegen den alten Brauch der Mongolen wurden 
aber die Einwohn(»r nicht schonungslos niedergemetzelt, nur die 
königliehe Familie wurde bis zum letzten Sprößling ausgerottet. 
Somit war im Jahn» 1234 das Reich der Djin erobert. 

Km diese erob(»rten Provinzen im Zaume zu halten, bedienten 
sich die Mongolen chin(»sischer Literaten. Ogdai hatte 4 080 Studierte 
die nötigen Examina machen und sie dann zu Staatsdiensten ver- 



— 111 — 

wenden lassen. Diese neuen Beamten gaben ihm auch Mittel und 
Wege an, sich des südlichen Chinas zu bemächtigen. 

l^ald nach seiner Thronbesteigung wählte Kubilä Peking zu 
seiner Hauptstadt (1273). Auch er achtete die chinesischen Lite- 
raten s(»hr und restaurierte ihnen zu liebe überall die Tempel des 
Konfuzius. Weltbekannt ist, wie freundlich und großmütig Kubilä 
gegen Fremde war, welche an seinen Hof kamen. Marco Polo, 
der 1275 von ihm so liebreich aufgenommen worden und an die 
zwanzig Jahre bei ihm geblieben, hat dies ja ausführlich beschrieben. 
Ohinesisch heiüt Marco Polo ^jü Puo4uo\ er hatte den Titel ^ fg 
j^^f]^ Koii-tschti'mi'fu-sche d. h. kaiserlicher Inspektor, der nachsehen 
mußte, was und wie alles im II eiche vorginge, namentlich sollte er 
die Verwaltungsbeamten kontrollieren. Wirklich leistete er in 
dieser Stellung dem Kaiser vorzügliche Dienste. 

Die Mongolen wurden zwar bald allgemein anerkannt, ver- 
standen es aber nicht, sich so beliebt zu machen, wie später die 
Mandschu es verstanden haben. Die zahlreichen Europäer fi'eilich, 
welche ins Land kamen, wurden am Hofe immer freundlich auf- 
genommen, weshalb dieselben auch voll des Lobes über die Mongolen 
sind. 

Besondere Klugheit und Billigkeit zeigten die Mongolen da- 
durch, daß sie nicht nur in Worten, sondern tatsächlich Kultus- 
freiheit gewährten. Daher ^schickten auch Päpste und weltliche Für- 
sten wiederholte Gesandtschafton nach Peking. So z. B. entsandte 
Innocenz IV. im Jahre 1245 den ilohann du Plan de Carpin, Nicolaus 
IV. 1292 den Johann von Monte Corvino, dessen Mission besonders 
erfolgreich war. Clemens dov V. weihte 1307 eigens fünf Franzis- 
kaner zu Bischöfen und sandte sie mit großen Vollmachten ver- 
sehen nach China. 1339 schickte Benedikt XH. wieder eine neue 
Gesandtschaft an den kaiserlichen Hof. Von weltlichen Fürsten 
erwähnen wir nur den hl. Ludwig von Frankreich, der 1254 den 
Wilhelm von Rubruck nach China sandte. Wie dieser berichtet, 
waren dazumal schon sehr viele Nestorianer in Karakomm,« wie 
Peking früher hieß. Bis zum Falle der Dynastie ^jj Yäan läßt 
sich das Christentum ziemlich genau verfolgen, aber dann verschwin- 
det seine Spur fast gänzlich. 

Gegen die Chinesen waren die Mongolen sehr mißtrauisch, ja 
benahmen sich in vielen Fällen unklug. So verboten sie den Chi- 
nesen, sich im Armbrustschießen zu üben oder auch nur Waften 
im Besitz zu haben. Ferner zerstörten sie alle Festungsmauern 
der Städte im Süden des Yang-dse-djiang. Diese unerschrockenen 



— 112 — 

Reiter hatten nämlich eine instinktive Furcht vor den Festungen, 
welche sie trotz allen Mutes nur schwer zu nehmen verstanden. 
80 hat die Dynastie der Yüan nach Verlauf von neunundachtzig 
Jahren unter zehn Kaisern abgewirtschaftet, während die Herrschaft 
der nationalen Kaiser aus der Familie Sung dreihundertzwanzig Jahie 
gedauert hat, nämlich hundertsiebenundf>echzig Jahre in K'ä-fung-fu 
unter neun Kaisern und hundertdreiundfünfzig Jahre in Hang-dschou 
ebenfalls unter neun Kaisern. 



2. Die ersten Beziehungen der Mongolen zu Japan. 

Kubilä-Khan hatte die Eroberung von China noch nicht ganz 
vollendet und erst eben 1^A§ den Thron bestiegen, als er sich schon 
in den Kopf setzte, das Goldland Japan zu erobern*)- Er war so 
arm, daß er das Gold monopolisierte und dem Volke wertlose Geld- 
scheine aufzwang. Auf diese Weise wollte er seine und des Reiches 
finanzielle Not heben, bedachte aber nicht, das er dadurch den 
Handel lähme nnd den Wohlstand des Landes ruiniere. Marco Polo 
berichtet, man habe Kubilä vorgemacht, Japan sei ein wahres Goldland, 
indem man ihm vorlog, der große Palast des Königs von Japan 
sei ganz mit Goldplatten bedeckt, die Fußböden der kaiserlichen 
Säle und Zimmer seien mit Platten aus reinstem Golde belegt, selbst 
Fensterrahmen und dergleichen seien aus diesem edlen Metalle herge- 
stellt ; kurz, der Wert des Goldes am Palaste sei unberechenbar groß. 

Lüstern nach diesen Reichtümern, wollte Kubilä als kluger 
Diplomat es zunächst in Güte versuchen, ihrer habhaft zu werden. 
Wohl wissend, was für einen Schrecken der Name des Mongolen- 
Klian zu damaliger Zeit überall verbreitete, wünschte er zuerst 
einen klugen Gesandten nach Japan zu schicken, um die Japaner 
durch das Ansehen und den Schrecken des mongolischen Namens 
zur Unterwerfung zu vermögen. Der koreanische Hofherr gjj[ ^ 
Dsch'iu-i^ der sich für einen großen Kenner Japans ausgab und 
auch zu sein schien, behauptete, die Japaner, welche von alters her 
mit China in den besten Beziehungen gestanden hätten, würden 
sicher dem allmächtigen Khan sich als Vasallen und Diener gehorsam 
unterwerfen. 

*) Bemerktin wir, daß auch die ho arme, bedürftige Kegierttug Japans 
in der Jetztzeit schon Heit langem selbst mit Hilfe europäischer Ingenieure Gold 
gesucht, aber bisher nichts Nennenswertes entdekt hat. Japan scheint nur wenig 
Gold Bu bergen. 



— 113 — 

Alles was Kubilä über Japan ertragen konnte, interessierte ihn 
und bestärkte ihn in seinem Entschlüsse. Denn es bleibt nun einmal 
wahr, daß der Wunsch der Vater des Gedankens ist. 

Nach reifer Überlegung und vielem Suchen wählte er jü^ ^ 
JEßt-di, einen mongolischen Würdenträger des Eriegsministeriums, 
^od JU 5/» Jing-hung^ Sekretär des Ministeriums der Kiten, als 
Gesandte, fest überzeugt, daß, wenn der eine unterwegs stürbe, doch 
der andere an Ort und Stelle kommen würde. Kubilä gab den 
beiden Gesandten ein zahlreiches, pomphaftes Gefolge, wie es sich 
für die Stellvertreter des Herrn der ganzen Welt geziemte. Der erste 
empfing ein ^Tiger-SiegeP, um seine hohe Machtstellung anzudeuten, 
und auch der zweite hatte ein besonderes Siegel zur Beglaubigung. 

Ganz fest überzeugt, daß sie bald beim Mikado anlangen 
würden, übergab ihnen Kubilä einen Brief für denselben und 
sandte sie 1264 über Korea nach Japan, wo damals (1260 — 1274) 
Kameyama auf dem Throne saß, aber nur dem Namen nach regierte. 
Er war als Knabe von elf Jahren zur Regierung gelangt, dankte 
aber schon mit sechsundzwanzig Jahren wieder ab. Doch starb er 
erst im Alter von siebenundfünfzig Jahren. 

Nomineller Shogun war der kaiserliche Prinz Koreyasu 
(1266 — 1287); aber eigentlicher Herr im Lande war Hojo Tokimune 
(1250 — 1284), oder vielmehr der Hausrat der Familie Hojo, da To- 
kimune nur ein Knabe von elf Jahren war. 

Kubiläs Brief, ein Meisterstück der chinesischen Sprache, ist 
uns erhalten geblieben. Wir geben hier eine Übersetzung davon 
wieder. „Die Alten in ihrer Weisheit haben uns gelehrt, daß alle 
benachbarten Staaten, selbst die kleinsten, unter einander Frieden 
und Freundschaft unterhalten und sorgsam pflegen müssen. Seitdem 
meine Ahnen vom Himmel das Mandat erhalten, ganz China zu 
regieren, sind auch in der Tat alle Nachbarstaaten des Reiches an 
unseren Hof gekommen, um uns ihre Verehrung und Huldigung 
zu bezeigen und Geschenke darzubringen, in Anerkennung der hohen 
Dienste, welche das Reich ihnen leistete. Die Staaten, welche sich 
um unsere Freundschaft und unsern Schutz beworben, sind so zahl- 
reich, daß wir sie nicht einzeln erwähnen können. Einzig Koreas wollen 
nur wir gedenken, da dies Land Japan wohl bekannt ist. Das 
Volk von Korea litt unaussprechlich unter einem grausamen Bürger- 
kriege. Sobald ich den Thron bestiegen, habe ich mich beeilt, 
diesem Lande den Frieden wieder zu schenken. Ich habe seinem 
Könige das alte Reich in seiner ganzen Ausdehnung wieder gege- 
ben und Frieden und Ruhe im Lande wiederhergestellt. Die 

JapaoB üeziehongen za China 8 



— 114 — 

Greise und Kinder, welche man während des Bürgerkrieges in die 
Sklaverei abgeführt hatte, habe ich befreit und in ihre Heimat zu- 
rückgeschickt. So große Wohltaten von meiner Seite sind mit größter 
Dankbarkeit anerkannt worden. Nicht nur die Großen des Landes, 
sondern auch der König selbst kam in eigener Person, mir seinen 
tiefgefühlten Dank auszusprechen. Obwohl nun nach dev hierarchi- 
schen Würde ich ihr Hen* und Vorgesetzter bin, so machte ich mir 
bei meiner Herzensgüte ein Vergnügen daraus, ihr liebender und 
gütiger Vater zu sein und sie nicht als meine Untertanen, son- 
dern als meine teuren Kinder zu behandeln. Ich habe Grund zu 
glauben, daß nicht nur der japanische Hof und die Großen, sondern 
das Volk selbst diese meine Güte und Großmut kennen, da ja Ko- 
rea der nächste Nachbar von Japan ist. 

„Japan seinerseits hat seit den ältesten Zeiten freundschaft- 
liche Beziehungen zu China unterhalten und zahlreiche Gesandt- 
schaften an den kaiserlichen Hof geschickt, um sich als gehorsamen 
Vasall zu bekennen. Um so mehr bin ich erstaunt, daß seit meiner 
Thronbesteigung noch keine Gesandtschaft an meinen Hof gekom- 
men, um mir die schuldigen Ehren zu erweisen, und darzutun, 
daß Japan mit mir in Freundschaft und Frieden leben wolle. Viel- 
leicht habt ihr meine Thronbesteigung noch nicht erfahren; vielleicht 
auch ist eure Gesandtschaft 8chon abgereist und noch unterwegs. 
Ich sende euch also diese meine Gesandtschaft und meinen Brief, 
um euch meine Gedanken wissen zu lassen. Ich schmeichle mir 
mit der Hoffnung, daß ihr euch beeilen werdet, zu kommen, um 
euch mit mir über die Bedingungen zu verständigen, unter welchen 
Friede und enge Freundschaft unter uns bestehen kann. Denn 
die alten Heiligen haben den Grundsatz ausgesprochen, daß alle 
Länder und Reiche zwischen den vier Meeren nur eine einzige 
Familie ausmachen. Wenn ihr also nicht kämet und keine freundUchen 
Beziehungen mit mir unterhieltet, wie könnten wir dann eine Familie 
bilden und friedlich miteinander leben? Ihr würdet mich zu meinem 
großen Bedauern zwingen, euch mit den Waffen in der Hand die Lehre 
der alten heiligen Kaiser und Lehrer ins Gedächtnis zurückzurufen. 
Wäre das nicht ein großes Übel? Erwäget also die Sache gut^. 

Da Korea seit 1219 von den Mongolen erobert war, hatten 
die Könige dieser Halbinsel nur mehr den leeren Königstitel und 
regierten nur im Namen und unter der Kontrolle des Großkhans. 
Es scheint, daß infolge des verhaßten Mongolenjoches Revolutionen 
im Lande ausgebrochen und die Japaner sehr gut über die Lage 
der Dinge unterrichtet waren. 



— 115 — 

Als die Gesandtschaft in Korea angekommen war, heuchelte 
der König 3EÄ ^(^ng-dsche treue Ergebenheit und Freundschaft. Dem 
Befehle Kubiläs gemäß gab er der Gesandtschaft seinen zweiten 
Minister 5|g :g m Sung-djüin-fei und den Generalsekretär des Riten- 
ministeriums als Führer und Begleiter bei. Jedoch hatte er die 
Japaner heimlich von den Machenschaften des Großkhan benach- 
richtet, damit sie auf ihrer Hut seien und die nötigen Mittel ergrif- 
fen, der Sklaverei der Mongolen zu entgehen. Auch suchte 
er auf jegliche Weise die Gesandtschaft zu hintertreiben. Als er 
von den Gesandten nicht erlangen konnte, die Reise ganz aufzu- 
geben, bat er gar freundlich, wenigstens so lange zu warten, bis 
guter Wind zur Abfahrt gekommen. Aber dieser günstige Wind 
wollte sich in jenem Jahre durchaus nicht einstellen. Wang-dsche 
tröstete die Freunde und sagte: „Später kommen die Winde ganz 
gewiß. Mit ungünstigem Winde ist es absolut unmöglich, nach Japan 
zu gelangen und sogar gefährlich, sich aufs Meer zu wagen. Im 
Falle eines Unglückes fiele dann die Verantwortlichkeit vor dem Groß- 
khan auf mich. Wie kann ich nun erlauben, das kostbare Leben der 
Gesandten einer Gefahr auszusetzen..!^ Die Gesandten glaubten 
diesen trügerischen Reden und warteten gutes Wetter ab. Schließ- 
lich gaben sie die Überfahrt sogar ganz auf und kehrten unver- 
richteter Sache in die Heimat zurück. Kubilä war klüger, als die 
Gesandten und vermutete Hinterlist. Darum wurde er auch gegen 
Wang-dsche aufgebracht. 

1267 schrieb er demselben einen strengen Brief und tadelte 
ihn scharf ob seines Ungehorsams. Er gab ihm die gemessensten 
Befehle, zwei hohe Würdenträger in Bereitschaft zu halten, welche 
nach Ankunft seiner Gesandtschaft am Hofe von Korea dieselbe 
alsbald und ohne alle Verzögerung nach Japan zu führen hätten. 
„Die Gesandtschaft", schrieb er, „muß durchaus schleunigst nach 
Japan reisen ; denn ich wünsche vom Mikado eine klare und bestimmte 
Antwort zu erhalten, auf daß ich weiß, woran ich mit ihm bin und 
welche Maßregeln ich zu ergreifen habe". 

Kubilä zeigte also die Zähne. Doch der schlaue König von 
Korea verstand es, den grimmigen Löwen nicht zu sehr zu reizen 
und zugleich den Japanern sowie sich selbst einen Dienst zu erweisen. 
Unter denselben Vorwänden wie früher hielt er die Gesandtschaft zurück. 
„Dieses Meer", sagte er, „ist allzu gefährlich, um so kostbare Leben 
der Gefahr auszusetzen. Geschähe ein Unglück, wie könnte ich mich 
rechtfertigen y Ich wäre ja der Mörder so großer Herren und treuer 
Diener seiner Majestät . . . Andrerseits ist der Befehl des Kaisers sehr 

8* 



— 116 -^ 

gemessen und bestimmt. ISim wohl ! gilt es im Dienst des Kaisers zu 
sterben, so mögen es meine Leute tun, damit so berühmte und 

teure Diener dem Kaiser erhalten bleiben Der Kaiser verlangt 

auf jeden Fall eine Antwort aus Japan, um sich orientieren zu 
können. Gut; ich schicke meinen großen Minister U J$, Pan-Ju 
nach Japan, der den Brief des Kaisers überreicht und mit der 
gewünschten Antwort zurückkommt. Ist das nicht das Beste ?^ 

Die Mongolen hatten infolge dieser Einschüchterung einen 
panischen Schrecken vor dem gefähriichen Meere und waren leicht 
überzeugt und über die Dienstfertigkeit des koreanischen Hofes 
hocherfreut. 

Pan-fu sollte also mit dem ersten günstigen Winde nach Japan 
abfahren. Natürlich ließ dieser Wind lange auf sich warten. Endlich, 
im neunten Monate des Jahres 1267, segelte er ab. Daß er die 
Interessen Kubiläs am japanischen Hofe nur sehr flau vertreten werde, 
war vorauszusehen. Er wurde freundlich aufgenommen und übergab 
auch den Brief aus China; im übrigen jedoch kümmerte er sich 
nicht um den eigentlichen Zweck seiner Sendung. So vergingen 
Monate, ohne daß auch nur eine einzige politische Unterredung 
zwischen ihm und dem Hofe zustande gekommen. Endlich kehrte 
Pan-fu ausgangs 1268 nach Korea zurück. 

So waren wiederum zwei Jahre verstrichen, ohne daß der 
ungeduldige Kubilä wußte, woran er mit Japan war. Wütend über 
den Mißerfolg seiner Gesandtschaft, schickte er dieselbe wieder fort 
mit dem Befehle : „Führt meine seit Jahren gegebenen Befehle aus 
und gehet nach Japan, es mag kosten, was es will. Ich will eine Ant- 
wort von Japan, und ohne eine solche kommt mir nicht wieder zurück!^ 

Noch weit drohender war der Brief Kubiläs an den König 
von Korea, der diesmal wirklich Furcht bekam. Aber trotz allem 
fuhr die Gesandtschaft erst im neunten Monate ab. Bald war sie 
an der Insel 3| ^ ,^j Dui-tnc^dau, japanisch Tsushima, angelangt. 
Diese Insel, nahe bei Korea, einige Meilen südöstlich von Fusan, 
gehörte ehemals zu Korea. Weil sie aber für den Übergang nach 
dem asiatischen Kontinente gar so wichtig ist, haben die Japaner 
sie seit langen Jahrhunderten besetzt. Die Mongolen stießen also 
daselbst auf eine japanische Besatzung. Deren Antwort war kurz und 
bündig: ;,Zurück! Dir dürft nicht weiter!^ Die Gesandten suchten 
zu erklären, wer sie seien, was sie wollten ; sie seien Freunde von 
Japan — *^ ^Zurück! Ihr dürft nicht durch!" „Aber fragt doch wenig- 
stens um Verhaltungsbefehle bei eurem Mikado an " Immer beka- 
men sie nur die barsche Antwort: „Zurück! Ihr dürft nicht passieren!^ 



— 117 — 

Als die Gesandten sahen, daß sie so noch monatelang warten 
könnten, ohne eine andere Antwort zu erhalten, zogen sie kleinlaut 
ab. Was sie fürchteten, war die Wut des Eubilä. Da gelang es 
ihnen am Ende, noch zwei Japaner zu fangen. So hatten sie we- 
nigstens einen handgreiflichen Beweis, daß sie nach Japan zu gehen 
und unter Lebensgefahr den Befehl ihres Herrn auszuführen versucht 
hätten. Selbst die Namen der zwei Japaner hat der Geschicht- 
schreiber erhalten : i^ n fiß Da-öl-lang und jjj H ||B Mi-öUlang. 

Nach langen Beratungen wollte Eubilä die Japaner durch Güte 
und Großmut gewinnen. Er ließ seinen Minister einen Brief ganz 
im Sinne des seinigen schreiben, übergab denselben und die zwei 
Gefangenen dem koreanischen Großfürsten ^ >|f jft Djin-ythtscheng, 
der nunmehr als Gesandter nach Japan gehen mußte. Dieser reiste 
im sechsten Monate des Jahres 12.69 ab. In der Hauptstadt Japans 
angelangt, übergab er den Brief und die zwei Gefangenen. Er wurde 
im Palaste des Ministers höchst ehrenvoll einquartiert, auf daß man 
ihn gut überwachen könnte. An freundlicher Bedienung fehlte es 
ihm nicht. Aber das war auch alles. Über das Ziel seiner Beise 
und den Zweck des Briefes, sowie dessen Beantwortung wurde gar 
nicht weiter mit ihm unterhandelt. 

Nachdem so Monate verstrichen waren, langweilte er sich doch 
und entschloß sich zurückzukehren, um Kubilä von dem fruchtlosen 
Versuche zu benachrichtigen. Er bekam weder schriftliche noch 
mündliche Antwort auf den Rückweg mit. 

Kubilä war natürUch verlegen, was nun anzufangen sei. Nach 
langen Beratungen entschloß er sich, diesmal einen chinesischen 
Literaten auszuwählen. Schließlich fand er auch den geeigneten 
Mann, nämlich den schlauen und liebenswürdigen j6 S % Dschau- 
liang-hi, dessen Gesandtschaft nach Japan in der Geschichte berühmt 
geblieben ist. 



3. Dschau-liang-bi und seine Gesandtschaft nach 

Japan im Jahre 1271. 

Während der Eubilä>Ehan und alle seine Großen auf der 
"^ Suche nach einem geeigneten Gesandten für Japan waren, kam j® 
f^ Ä 5S5 BschaU'liang-bi, der Statthalteijder Provinz ßfc S Schen-si aus 
^ freien Stücken und bot sich dem Kaiser für diesen gefährlichen 
Posten an. Dschau-liang-bi war ein tüchtiger chinesischer Literat 
und feiner Politiker, der alle Umstände sofort durchschaute und zu 



-i 



— 118 - 

seinem Zwecke auszubeuten verstand ; damit verband er eine seltene 
Rednergabe, die er wundervoll zu gebrauchen wußte, bald um 
sirenenhaft zu flüstern, bald um zornig zu donnern und zu erschrecken, 
grade wie die Umstände es erheischten. Er war den Mongolen ganz 
ergeben und hatte wie so viele andere bei den neuen Herrschern 
sein Glück gemacht. 

Eubilä trug Bedenken, einen so treuen, aber schon ziemUch 
alten Mann den Gefahren dieser mühsamen und langen Reise nach 
Japan auszusetzen. Dschau-liang-bi bestand gleichwohl auf seinem 
Anerbieten. ^Selbst wenn ich dabei mein Leben lassen müßte, werde 
ich es nicht bereuen, im Dienste Ew. Majestät zu sterben^, erwie- 
derte er. „Was mir im Falle meines Todes höchstens Kummer 
machen könnte, wäre, daß ich den vier im Dienste Ew. Majestät 
während der Kriege gegen die ^ Djin gefallenen Familienmitgliedern 
noch kein ihren hohen Verdiensten würdiges Denkmal habe errichten 
können. Geruhten Ew. Majestät, einem kaiserlichen Akademiker zu 
befehlen, die Ehren- Inschrift zu verfassen, auf daß ich sie zum ewigen 
Gedächtnis auf Stein gravieren lassen und bei deren Grabe aufstellen 
könnte, so wären alle noch möglichen Wünsche dieses Lebens erfüllt, 
und ich könnte ohne alles Bedenken mein Leben für Ew. Majestät 
hingeben*''. 

Kubilä gewährte diese Bitte. Bei solchen Inschriften zu Ehren 
der Ahnen oder anderer Personen muß der Schreiber es verstehen, 
zwar deren Heldentaten und unsterbliche Verdienste zu feiern, noch 
mehr aber die unvergleichliche Tugendhaftigkeit und Tüchtigkeit 
des Errichters bis zum Himmel zu erheben. Um diesen lächerlichen 
Stolz einigermaßen zu verdecken, umkleidet man die Prahlerei mit 
dem Mäntelchen der demütigsten Phrasen und sagt schließlich : ;, Aber 
diese so unvergleichliche Größe seiner Verdienste verdankt der N. N. 
den Tugenden und Taten seiner Vorfahren^. Man nehme einmal 
die Denkadresse der japanischen Kammer zur Hand, welche sie dem 
Mikado nach dem letzten Kriege überreichte. Sie ist ein getreues 
Faksimile chinesischer Lobhudelei und Selbstberäucherung. Einen 
vernünftigen Menschen muß derlei versteckte Eitelkeit anekeln. 
Eigenlob stinkt, selbst wenn es noch so berechtigt erscheinen sollte. 

Nachdem Dschau-liang-bi seinen Ahnen und zumal sich selbst 
das erwähnte Ehrendenkmal gesetzt, schickte er sich zur Ab- 
reise an. Kubilä verlieh ihm alle nur möglichen Titel und Aus- 
zeichnungen, auf daß die Japaner vor einem so großen Würden- 
träger und Repräsentanten des chinesischen Kaisers auch den 
gehörigen Respekt bekämen. Zu seinem Gefolge gab er ihm 



^- IIÖ — 

dreitausend erprobte, tapfere jkloiigolen- Krieger. .,Neiil, nein !^ rief 
Dschau-liang-bi aus ; ein so kriegerisches Gefolge würde meine Ge- 
sandtschaft gewiß in Verlegenheit bringen und mißlingen lassen. 
Erlauben mir Ew. Majestät, nur vierundzwanzig chinesische Litera- 
ten nach meiner Wahl mitzunehmen. Mit deren Hülfe verspreche 
ich einen glücklichen Erfolg meiner Gesandtschaft^. 

Kubilä ließ ihm freie Hand. Und der Erfolg bewies, wie gut 
Dschau-liang-bi seine Literaten kannte : Leute, klug wie die Schlan- 
gen bei scheinbarer Tauboneinfalt. 

Der Brief, w^elchen der Kaiser an den Mikado mitgab, ist uns 
erhalten. ;,Alle Fürsten sind meine Untertanen und werden von 
mir mit Wohltaten überhäuft. Erwähnt sei nur der König von Korea, 
der Nachbar Japans. Dieses Land litt viel unter der Empörung 
des elenden ^ flf Lin-hien. Alsogleich nahm ich mich der Sache 
an, und die Kevolution war bald erstickt. Eben weil ich mit diesem 
Liebesdienste meines Nachbars beschäftigt war, konnte ich keine 
weitere Gesandtschaft nach Japan schicken. Meine erste war nämlich 
an eurer Grenze angehalten worden, bei welcher Gelegenheit zwei 
von euren Leuten in meine Hände fielen. Diese euch als meinen 
Freunden zurückzuschicken, war meine erste Sorge. Ihr eurerseits 
habt mir vielleicht schon pine Gesandtschaft geschickt: indes ist 
sie noch nicht an meinem Hofe angekommen. Vielleicht wurde sie 
auf dem Wege durch unvorhergesehene Schwierigkeiten aufge- 
halten; vielleicht ward sie selbst gezwungen, unverrichteter Sache 
heimzukehren^. 

;,Auf alle Fälle habt ihr, wie ich weiß, meine Botschaft erhal- 
ten. Da ihr nun so hochgebildete Leute seid, kennt ihr die alten 
Riten und ihre Forderungen, welche verlangen, daß man auf einen 
empfangenen Brief antworte. Warum denn . zaudert ihr so lange, 
mir eine Antwort zukommen zu lassen? Wißt ihr denn nicht, daß 
so langes Zaudern bösen Willen verrät und auch Unannehmlichkei- 
ten verursachen kann, ja, mich gewissermaßen herausfordert. Die 
Empörung in Korea ist, wie ihr wißt, unterdrückt, die Ruhe imd 
der Friede sind in diesem Lande wiederhergestellt, der König sitzt 
wieder in aller Sicherheit auf dem Throne. Somit habe ich die 
Hände frei und kann mich mit euch beschäftigen*^. 

;,Ich sende euch eine neue Gesandtschaft, deren Führer der 
Großwürdenträger Dschau-liang-bi ist. Dieser wird euch meinen 
Brief überreichen und meine Gedanken mitteilen, die ganz in Liebe 
zu euch aufgehen. Das allerbeste wäre, daß ihr seine Rückreise 
benütztet, um mir eine Gegengesandtschaft zu schicken. Dies würde 



^ 120 — 

ein prompter Beweis eurer aufrichtigsten Liebe gegen mich sein. 
Dann konnten wir, die wir ja Nachbarn sind, uns auch nach allen 
Regeln der Humanität und gegenseitigen Freundschaft miteinander 
verständigen'^. 

„Fahrt ihr aber fort, meinen freundlichen Vorschlägen gegenüber 
widerspenstig zu bleiben und keine Rücksicht auf meine dargebotene 
Freundschaft zu nehmen, so w^erdet ihr es nur euch selbst zuschreiben 
müssen, wenn ich schließlich stramme Maßregeln ergriffe. Erwäget 
alles dieses in Weisheit, und wählet, was euch als das Beste erscheint^. 

Der Brief ist ganz chinesisch und ohne Zweifel von Dschau- 
liang-bi selbst verfaßt. Die Krallen waren je nach dem beabsichtig- 
ten Zwecke eingezogen oder hervorgestreckt. Kubilä war, wie wir 
wissen, schon längst entschlossen^ das vermeintlich goldreiche Japan 
zu annektieren, um seiner Armut abzuhelfen. Der schlau abgefaßte 
Brief läßt diese Absicht auch unzweideutig hervorblicken. 

Dschau-liang-bi hatte sich auch vom Tribunal der Riten An- 
weisungen erbeten, nach welchen er sein Betragen bei dieser Ge- 
sandtschaft einrichten müsse. Dieses antwortete : ^Die Japaner, zu 
welchen Sie gehen, sind ja nur Wilde, und als solche haben sie 
keinen Begriff von Riten und Wohlanständigkeit, dem Vermächtnis 
unserer heiligen Ahnen. Wie können mr also eine Anleitung ge- 
ben, wie Sie sich bei solchen Leuten betragen müssen. Handeln 
Sie nur einfach nach allen Regeln der Klugheit, gemäß den Umstän- 
den, in welchen Sie sich befinden werden^. Kubilä bestätigte diese 
Anweisung. Somit hatte Dschau-liang-bi durchaus freie Hand. 

Die Befehle an den König von Korea waren gemessen und 
stramm. Kubilä verordnete, daß er seinem Gesandten Führer und 
ein Ehrengeleite nach Japan gebe. Da derselbe ausdrücklichen 
Befehl habe, nach Japan vorzudringen, koste es was es wolle, so 
möge der König ihm möglichst Vorschub leisten ; denn diesmal wün- 
sche er, der Großkhan, durchaus eine klare und unzweideutige Ant- 
wort. Eine militärische Eskorte müsse den Gesandten bis ans Meeres- 
ufer begleiten und daselbst seine Rückkehr erwarten. 

Zu Anfang des Jahres 1271 befand sich Dschau-liang-bi am 
koreanischen Hofe, um seine letzten Vorbereitungen zu treffen. Da- 
selbst machte er die Bekanntschaft eines Japaners, ^f ^ ^ Tsaii- 
djiä'Scheng mit Namen, der Chinesich verstand. Eines Tages bemerkte 
dieser Herr dem Gesandten : ^ Indem Sie Ihren Weg durch Korea 
nehmen, imi nach Japan zu gelangen, machen Sie einen Umweg. Ich 
kenne einen Weg, auf welchem man bei gutem Winde in einem halben 
Tage nach Japan gelangt. Hätten Sie eine Armee, so wäre ich 



— 121 — 

bereit, Sie diesen Weg zu führen. Gehen Sie ohne Armee, ao kann 
ich Sie weder führen noch begleiten^. 

Diese AVorte hatten einen solchen Eindruck auf Dschau-liang- 
bi gemacht, daß er alsogleich einen Eilboten an Eubilä abschickte, 
um diesem jene Mitteilung zu berichten. Kubilä antwortete : „Ihre 
Depesche verlangt lange und reife Erwägungen, so daß wir erst 
später darauf zurückkommen werden. Für jetzt gehen Sie nur nach 
dem von uns vorgeschriebenen Programm nach Japan". 

Im neunten Monate, Ende August oder Anfang September 1271, 
reiste Dschau-liang-bi in Begleitung eines Großwürdenträgers des 
koreanischen Hofes nach Japan ab. Seine Reise war voll von Aben- 
teuern, wie er sie selbst beschrieben hat. Vielleicht* hat er ein 
wenig ruhmrednerisch aufgeschnitten, um seine Verdienste und seinen 
Mut etwas ins klare Licht zu stellen. Im übrigen jedoch scheint 
seine Erzählung nicht so ganz unwahrscheinlich. 

Als er der Insel ^W ^*) Djin-dsin-daii nahte, traf er daselbst 
eine zahlreiche japanische Garnison. Bei seiner Landung eilten die 
Soldaten mit Lanzen bewaffnet herbei, um ihn zu ergreifen. Er 
aber hatte nicht die geringste Furcht. In gemessener Ruhe und 
mit freundhcher Miene stieg er ans Land, sodaß er dadurch selbst 
den Japanern unwillkürhch Ehrfurcht und Achtung einflößte. Bald 
aber erinnerten sich die Soldaten wieder der gegebenen Weisung und 
drohten, die Ankömmlinge niederzumachen. Dschau-liang-bi nahm 
jedoch die freundlichste Miene an und sprach: ,Ich bin ja euer 
Freund, euer aufrichtiger Freund, und komme einzig, um euren 
Tenno (Kaiser) zu begrüßen..." Kurz, er verstand es, durch sein 
würdevolles und furchtloses Benehmen die Leute zu besänftigen 
und zu gewinnen. 

Am andern Morgen nahm ihn der Statthalter der Insel mit 
sich und führte ihn auf einen künstlichen Hügel, von dem aus er 
gewohnt war, den militärischen Übungen seiner Soldaten zuzusehen. 
Kaum waren sie oben angekommen, als eine Unzahl Soldaten mit 
drohenden Mienen und Gebärden sich dort zusammendrängte. Sie 
schwangen die Speere, fuchtelten mit den Schwertern, als ob sie 
wütend über den Gesandten herfallen wollten, um ihn in Stücke zu 
zerhauen. Aber Dschau-liang-bi verzog keine Miene und sah sich 
in aller Gemütsruhe die Gegend an. Während der Nacht machte 



PH Ä >fir ^ Sl iSc ^**^* ^^ P* ^^ ^'^' ^'*®^® Nachrichten und Belehrun- 
gen über Japan, aber eine insel Djin-dsin-dau erwähnt er nicht. Er sagt aus- 
drücklich, daß der gewöhnliche Weg zwischen den zwei Ländern über Tsushima 
führt. Djin-dsin-dau ist also wohl ein Inselchen nahe beim Hafen von Tsushima. 



man um die Wohnung des Gesandten einen solchen Auflauf und 
Lärm, als gelte es, das Haus zu stürmen und den Gesandten zu 
töten. Alles das war für Dschau-liang-bi nur ein Kinderspiel, das 
gar keinen Eindruck auf ihn machte, und ihn ruhig schlafen ließ. 
Am andern Morgen wiederholte sich derselbe Lärm. ;,Was will 
dieser Mensch in unserem Lande?^ schrie man, „hier hat er nichts 
zu tun; nur fort mit ihm...!^ 

Schließlich zeigte sich Dschau-Uang-bi und hielt ihnen ihr 
Gebaren vor mit den Worten: „Hir seid denn doch ein grobes, 
ungebildetes Volk, das von den Riten und guten Manieren der alten 
heiligen Weisen noch nichts gehört zu haben scheint..." Aber siehe 
da! kaum hatte er der Riten der alten Weisen erwähnt, als das Volk 
zum Schweigen gebracht wurde und zu Tode beschämt dreinblickte. 

Als Dschau-liang-bi sein Publikum so ruhig sah, belehrte er 
die Leute, daß er vom Großkhan einen Brief an den Tenno von 
Japan überbringe. 

„Also nur her mit dem Briefe!" schrie man ihm zu. 

„Nie und nimmer! Ich habe Befehl, denselben dem Tenno eigen- 
händig zu überreichen". 

Überwältigt von solchem Mute und so unerschütterlicher Festig- 
keit verlief sich schließlich die Menge. Aber bald kamen andere 
unverschämtere Leute, um ihn aufs neue zu belästigen und einzu- 
schüchtern. 

„Übergeben Sie uns den Brief !^ 

„Niemals; denn ich habe Befehl, ihn persönlich dem Tenno 
einzuhändigen". 

^Aber nach unsern Riten und Gewohnheiten kann kein Aus- 
länder den Tenno sehen, noch viel weniger besuchen ..." 

Aber da waren die Schreier in ihren eigenen Netzen gefan- 
gen. Dschau-liang-bi zitierte ihnen aus der Geschichte die ehema- 
ligen Besuche der Japaner in China und der Chinesen in Japan und 
sagte: „Haben denn beide Höfe nicht schon seit der Dynastie der 
Han freundliche Beziehungen zu einander gehabt? Die japanischen 
Gesandten wurden ganz freundlich von unserem Kaiser empfangen 
und ebenso unsere Gesandten von eurem Tenno. Oder wißt ihr nicht, 
mit welch außerordenthchen Ehren im Jahre 608 unser Gesandter 
H fff Bei'tsing vom Tenno in Person empfangen wurde?" Dann 
erzählte er seinen Zuhörern den ganzen Verlauf dieser Audienz. 

Diese gelehrte Zitation machte auf diejenigen Zuhörer, welche 
die Geschichte kannten, einen tiefen Eindruck und hob in ihren 
Augen das Ansehen dieses mutigen und gelehrton Gesandten noch 



« 123 — 

mehr. Kur die unwissenden Soldaten fuhren noch fort, ihn zu bela- 
stigen und den Brief zu verlangen. 

^Gut, ich will euch eine Abschrift geben, auf daß ihi sehet, 
was für eine zarte Freundschaft unsern Großkhan mit dem Tenno 
verbindet^. 

„Nein, wir verlangen den vom Kaiser selbst geschriebenen 
Briefe 

.,Den bekommt ihr nie und nimmer^. 

„So kommt unser General morgen mit hunderttausend Soldaten, 
um ihn mit Gewalt zu nehmen^. 

„Er mag nur kommen! Meinen Kopf gebe ich ihm; aber den 
Brief nie und nimmer". 

Doch man merkt gar zu deutlich die Absicht üschau-liang-bi's, 
sich als Helden hinzustellen, ganz wie ihn der alte Horaz schon 
beschrieben in Odarum III. 8. 

^Justum et tenacem propositi virum 
Non civium ardor prava jubentium, 

Non vultus instantis tyranni 

Mente quatit solida, neque Auster 
Dux inquieti turbidus Hadriae, 
Nee fulminantis magna manus Jovis: 

Si fractus illabatur orbis 

Impavidum ferient niinsB"'. 

Nun, es mag ja schon sein, daß Dsohau-liang-bi sich in diesem 
Falle mutig gezeigt hat. Schließlich wurde er mit großen Ehren 
nach der Hauptstadt geleitet und daselbst sehr feierlich und freund- 
lich empfangen, jedoch auch mißtrauisch bewacht. 

Schon zu Ende desselben Jahres 1271 beeilte sich der japanische 
Hof, den Großfürsten ^ IS tfi Mi-se-lang als Gesandten an Kubilä 
zu schicken, um ihm die glückliche Ankunft seiner Gesandtschaft 
zu melden und für seine Freundschaft untertanigst zu danken. 

Kubilä empfing die Japaner mit größtem Pomp und erwies 
ihnen alle nur erdenklichen Ehren. Auch gab er ihnen ein großes 
Festessen im kaiserlichen Palast und entließ sie mit kostbaren 
Geschenken bereichert. 

Allein diese Gesandtschaft war nur gekommen, um die Zu- 
stände am mongolischen Hofe auszuspionieren. Die Herren konnten 
leicht bemerken, daß Kubilä-Khan aus anderem Holze war, als die 
ritenbeschlagenen Kaiser der Sung-Dynastie. 

Das ganze Jahr 1272 blieb Dschau-liang-bi noch in Japan, um 
das Land gründlich kennen zu lernen. Da er ein so geriebener 



— 124 — 

Diplomat war, tat er seine Augen und Ohren überall gut auf und 
suchte auch den Kaiser genau auf dem Laufenden zu halten. So 
sandte er ^ i^ Dschang-duo, einen seiner treuen Begleiter, an Eubilä 
mit der Nachricht: ^Einer der Herren des Ministeriums ließ sich 
unlängst gegen mich aus und sagte erbost: , Diese Lügner und Be- 
trüger von Koreanern haben uns bisher abscheulich;über die Absich- 
ten des so guten Großkhans getäuscht. Immer sagten sie, daß die 
Mongolen in unser Land einfallen wollen, um uns alle tot zu schla- 
gen, und stellten den Großkhan als einen fürchterlichen, abscheu- 
lichen Tyrannen dar. Wie hätten wir ahnen können, daß Seine 
Majestät von so großer Güte gegen jedermann und zumeist gegen 
uns beseelt sei? Er hat geruht, einen Gesandten an unsern Hof zu 
senden, in eine solche Ferne, und dies einzig, um uns seine Liebe 
und Freundschaft zu bezeigen, wie auch sein Schreiben so klar 
beweist...^ Welch verschlagene Diplomatenhöflichkeit! — Wahr 
mag sein, daß die Koreaner die Japaner gegen die Mongolen auf- 
gehetzt haben. Und hatten sie hierin Unrecht? 

Dschang-duo, welcher diese und andere Depeschen brachte, 
gelangte im zweiten Monate des Jahres 1272 in Begleitung von 
sechsundzwanzig Japanern nach Peking, wo Kubilä residierte 
Dachau-liang-bi bat den Kaiser, diesen Japanern eine feierliche 
Audienz zu bewilligen, um denselben den Glanz und Euhm des 
Reiches zu zeigen. Die Staatsminister hingegen waren anderer 
Meinung. ^ Gewiß ist es nicht die reine und ungeheuchelte Freund- 
schaft Japans, welche uns diese Leute schickt. Es sind einfach 
Spione, welche sich unterrichten wollen über unsere Streitkräfte 
zu Lande und zur See. Sie verdienen also keine so freundliche Auf- 
merksamkeit von Seiten des Kaisers^. Auf diese Bemerkung seiner 
Minister bewilligte Kubilä den Japanern keine feierliche Audienz. 

In demselben zweiten Monate 1272 riet der König von Korea 
dem Mikado, in jedem Falle sich mit Kubilä auf freundlichem Fuß 
zu halten, um sein Land vor Krieg zu bewahren. Dasselbe tat er 
nochmals im fünften Monate desselben Jahres durch einen zweiten 
Brief, da er wohl wußte, daß im Falle eines Krieges mit Japan 
die Mongolenarmee durch Korea ziehen und auch dort Elend und 
Not heraufbeschwören würde. 

Dschau-liang-bi hatte schließlich alle japanischen Großen durch 
sein kluges und freundliches Benehmen gewonnen, so daß diese 
ihm bei Hofe eine ehrenvolle Audienz erwirkten ; ja zwölf aus ihnen 
geleiteten ihn sogar pomphaft zum neunzigsten Mikado Kameyama 
(1269 — 1274). Dieser zeigte sich ihm gegenüber auf Anraten des 



— 125 — 

allgewaltigen Hojo Tokimune (1257 — 1284) auch äußerst liebens- 
würdig. 

Dschau-liang-bi blieb im ganzen eineinhalb Jahr in Japan. 
Nachdem die ersten Schwierigkeiten überwunden und die großen 
Vorurteile gebrochen waren, hatte er die freundlichsten Beziehungen 
sowohl zu den Großen, als zu dem Volke und erfreute sich allgemeiner 
Beliebtheit. Natürlich vergaß der kluge Diplomat nicht, seinen 
langen Aufenthalt möglichst auszunutzen und Land und Leute gründ- 
lich zu studieren. Erst im Jahre 1273 kehrte er nach China zu- 
rück. Wie sehr er alle Herzen gewonnen, zeigte sich recht bei 
seiner Abreise. Zahlreiche Freunde begleiteten ihn und nahmen 
aufs herzlichste von ihm -Abschied. Eine offizielle Ehreneskorte 
gab ihm das Geleite bis zur Insel Tsushima, also bis zur Grenze 
des Reiches. 

Kubilä war aufs höchste über Dschau-liang-bi und seine glück- 
lich vollendete Gesandtschaft erfreut. Vor aller Welt lobte er 
dessen vollendeten Takt, diplomatische Klugheit und selbstlose 
Treue im Dienste des Staates. So ist es denn nicht erstaunlich, daß 
er ihn mit Titeln, Geschenken und Gnaden überhäufte. Natürlich 
durfte Dschau-liang-bi auch an den Japan betreffenden Staatssitzun- 
gen teilnehmen, was nicht wenig zur Kenntnis und Förderung der 
diesbezüglichen Aufgaben beitrug. 

^Die Japaner sind", sagte er, .^sehr mutige Leute. Wie sie auf 
ihr eigenes Leben wenig haiton, so gilt ihnen auch das Anderer nicht 
viel. Auch kennen sie nicht jene zarte Liebe, welche Eltern und 
Kinder so enge verbindet, daß es unmöglich ist sich zu trennen. 
Für die Japaner ist dies die leichteste und einfachste Sache der 
Welt. Ebensowenig haben sie vor Reichen und Vornehmen einen 
allzu großen Respekt, wie dies wohl in China der Fall ist, denn 
Ehre gilt ihnen als das Höchste. Das Land selbst ist voll von Ber- 
gen und Flüssen, welche das Reisen sehr beschwerlich machen. 
Von Goldreichtum habe ich wenig erfahren; hingegen habe ich mit 
eigenen Augen gesehen, daß das Land arm ist und wenig einträgt. 

„Japan erobern zu wollen, würde sicher sehr schwer sein. 
Denn dazu muß man übers Meer setzen, welches unberechenbar' lau- 
nisch und gefährlich ist. Dazu sind die Japaner wirkfich tapfere Leute , 
von Geburt aus Soldat, welche wegen ihrer häufigen Kriege im 
Kriegshandwerk sehr erfahren und ausgebildet sind. Diese würden'sich 
gewiß aufs unerschrockenste verteidigen und eine Unterwerfung 
kaum möglich machen- Überdies würde ein solches Unternehmen, 
selbst wenn es nach vielen und schweren Opfern glückte, unnütz 



— 12Ö ~ 

sein; denn das arme Land würde uns gar keinen Nutzen ge- 
währen^. 

Dschau-liang-bi war also nach langen und eingehenden Be- 
obachtungen durchaus gegen jedes kriegerische Unternehmen wider 
Japan und gab für seine Meinung die besten Gründe an. Vielleicht 
hat er auch einige Grroßherren überzeugt, aber Eubilä blieb bei 
seinem Entschlüsse, das reiche Goldland möglichst bald zu er- 
obern. 



4. Der erste Kriegszug Kubiläs gegen Japan im Jahre 1274. 

Trotz aller Abmahnung, war Eubilä entschlossen, den Krieg 
gegen Japan zu unternehmen. Er war eben ein Eroberer und als 
solcher bis dahin immer glücklich gewesen. China war zwar noch nicht 
ganz unterworfen, aber im Grunde war aller ernsthafte M^iderstand der 
südlichen JlR Sung schon gebrochen. Übrigens versicherte ihm auch sein 
kühner Generalissimus Bayan, Japan sei nicht stark genug, um 
einen ernsten Angriff abzuwehren. Kubilä konnte also an neue 
Eroberungen denken. 

Schon anfangs 1274 ernannte er den bewährten mongolischen 
Feldherrn ^ ^ Sin-du zum Generalissimus der Truppen, welche 
Japan erobern sollten. Überzeugt, daß Dschau-liang-bi als furcht- 
samer Literat die Macht Japans überschätzt habe, glaubte er, fünf- 
zehntausend seiner sieggewohnten Mongolen seien mehr als genug, 
um das kleine Inselvolk zu bändigen. Übrigens mußten auch 
die Koreaner Hilfstruppen stellen und Führer in diesem Kriegs- 
unternehmen sein, da sie allein den Weg kannten. Auch hundert- 
fünfzig Seeschiffe der gewöhnlichen Art schienen ihm genügend, 
um die Soldaten überzusetzen und die nötigen Lebensmittel für die 
erste Zeit mitzuführen. Später mußte nach seinen Plänen Japan 
selbst die Armee ernähren, wie die Mongolen ja immer auf Kosten 
der eroberten Länder lebten. 

Damals war tÜ jK M t^uo-luo-huan^ d. h. entweder Nikolaus 
Polo oder sein Bruder Matteo, zweiter Staatsminister 4' 1J 'S ^5 
während der erwähnte Bayan dritter Staatsminister 4' H £ ^ ^'^^r- 
Welchen Teil die am Kaiserhofe damals so mächtigen Polo an dem 
japanischen Kriege genommen, wird nicht gesagt. Verschiedene chi- 
nesische Großherren der Zentralprovinz, welche an den kaiserlichen Hof 
gekommen waren, um da ihr Glück zu machen, wurden von Kubilä über 
einen etwaigen Krieg mit Japan befragt. Er dachte, diese Herren 
welche doch auf* dem Laufenden sind, könnten am besten Bescheid 



— 127 — 

geben. Diese jedoch kannten die Eroberungsucht und Energie ihres 
kaiserlichen Gönners und wagten wohl nicht, ihm von dieser Expedi- 
tion abzuraten, um sein Mißfallen nicht zu erregen. So war denn Ku- 
bilä ganz und gar überzeugt, daß seine Truppen den Sieg leicht 
davontragen würden und daß er bald im Besitze dieses reichen Gold- 
landes sein würde. 

Die Armee brach im siebenten Monate auf, kam aber erst im 
zehnten Monate an dem Gestade des japanischen Meeres an. Die 
nahe Inselgruppe Tsushima war bald erreicht und ziemlich leicht 
(Tobert. Von da setzten die Mongolen nach der Insel £ |^ $j 
Ikishitna^ nordwestlich vom jetzigen Nagasaki über und trugen auch 
da ohne große Schwierigkeit den Sieg über die wenigen Besatzungen 
der Japaner davon. Doch als sie ihre Siege weiter verfolgten und nach 
der Insel 351 IST ('hihizeti^ deren Hauptstadt Puknoka ist, übersetzen 
wollten, wurden sie zu ihrem größten Erstaunen kräftig zurückgestoßen 
und am Landen verhindert. Sie befanden sich einer zahlreichen Armee 
gegenüber, mit der es nun galt, auf Tod und Leben zu kämpfen. 
Niemals hatten sie geglaubt, einer solchen Menge bewaffneter und 
kampfeslustiger Krieger zu begegnen. Da sie in der Minderzahl 
waren und dazu auch keine Pfeile mehr hatten, so befahl Sin-du, 
nach Beratung mit seinen Generälen der ganzen Armee, sich zu- 
rückzuziehen, um sich nicht einer totalen Vernichtung auszusetzen. 
Nach Peking zurückgekehrt, berichteten die Feldherren einstimmig 
dem Kaiser, Japan sei ein bei weitem größeres Land als man 
anzunehmen gewohnt sei; es besitze eine bedeutende, kriegsgeübte 
Armee, wogegen einige Tausend Mann nichts vermöchten; zur Unter- 
werfung wäre ein großes tüchtiges Heer notwendig. Ein solches 
hatte aber Kubilä damals nicht zur Verfügung, da China nocli 
nicht vollständig unterworfen war, was erst im Jahre 1278 erreicht 
wurde. So wußte er nicht, was zu machen sei. Nach langen Be- 
ratungen entschloß er sich, 1276 wieder eine Gesandtschaft nach 
Japan zu schicken, um zu verlangen, daß Japan nach alter Gewohn- 
heit seine Lehensuntertänigkeit gegen China durch eine demütige 
Gesandtschaft und durch llberreichung der üblichen Geschenke bezeige. 
Einzelheiten werden nicht angegeben, weil man wahrscheinlich selbst 
am Kaiserhofe keine hatte. Nur erfuhr man schließlich, daß die 
ganze Gesandtschaft von den Japanern war getötet worden. Diese 
waren nämlich wütend gegen Dschau-liang-bi, der eineinhalb Jahre 
in Japan so vertraulich mit allen (hoßen und dem Hofe selbst 
verkehrt hatte. Weil kurz nach seiner Rückkehr nach China Ku- 
bilä die Expedition gegen Japan unternommen, vermeinten die 



— 12Ö — 

Japaner, Dschau-liang-bi sei nur ein Spion gewesen und habe zum 
Kriege geraten. Wir haben gesehen, wie falsch solche Voraus- 
setzungen waren. Als die neue Gesandtschaft ankam, glaubten sie, 
auch diese seien wieder Spione und töteten sie deshalb. Durch 
den Rückzug der Mongolen war die Furcht und Achtung vor dem 
Großkhan und seinen für unüberwindlich gehaltenen Kriegern dahin. 

Trotz der Feindschaft zwischen den Regierungen hatten die 
Kaufleute beider Länder doch noch beständigen Verkehr mit einander. 
So kamen 1277 japanische Schiffe nach Dsche-djiang, um Gold gegen 
Sapeken umzuwechseln. Die Lokal-Behörden, welche vom Ingrimm 
des Kubilä gehört hatten, beeilten .sich, am Hofe anzufragen, was 
mit jenen Leuten dieser Qoldschiffe zu machen sei. Der kluge 
Kubilä unterdrückte seinen Zorn und sagte: ;,Die Leute bringen 
Gold in mein Reich. Behandelt man sie gut, so werden sie 
wiederkommen und uns noch Gold bringen". So befahl er, sie aufs 
beste zu behandeln. Die Ankunft dieses Goldschiffes bestärkte den 
Khan noch in seiner einmal fest gewonnen Überzeugung, daß Ja- 
pan ein reiches Goldland sei. Da nun seine Gesandtschaft gegen 
alles Völkerrecht war hingeschlachtet worden, gebrauchte er diesen 
Vorwand vor seinen Großen, um sie für einen Krieg gegen Japan 
zu stimmen. 

Wir haben schon gesagt, das die Uroßherren der Mongolen 
durchaus gegen einen Krieg mit Japan waren. Diese unermüd- 
lichen Reiter fühlten sich nur wohl, wenn sie zu Pferde sitzen konnten 
und hatten eine instinktive Abneigung gegen das Meer. Die Er- 
fahrung des letzten Abenteuers hatte sie in ihrer ( berzeugung nur 
bestärkt. Überdies waren selbst die Mongolen dieser unaufhörlichen, 
immer wieder neu unternommenen Kriege müde. Bei Beginn eines 
jeden Ki'ieges hatte man gesagt, dies sei der letzte, und man werde 
dann einmal der Ruhe pflegen können. So sage man nun schon 
seit Jahren, und doch sei der Kriege kein Ende. Infolgedessen 
wagte denn ^ ^ Ili-liang^ einer der einflußreichsten mongolischen 
Großen am Hofe des Kubilä, dem Großkhan vorzustellen, daß die 
fortwährenden Kriege doch allgemein Mißfallen im Reiche erregten. 
^Man muß denn doch das Volk einmal ruhig aufatmen und aus- 
schnauben lassen, bemerkte er dem Kaiser. Das flache Land ist 
entvölkert, daß Volk ist nach allen Windrichtungen zerstreut, die 
Familienbande sind gelöst, das Land wird nicht bebaut, das Gesindel 
nimmt überhand, weil keine Ruhe und Ordnung mi Reiche herrscht. 
Solchen I^ beiständen können nur die Segnungen des Friedens 
abhelfen". 



— 129 — 

Kubilä war klug genug, einen solchen Freundesrat zu verste- 
hen und zu würdigen. Trotz seiner Eriegswut, welche immer nur 
von neuen Eroberungen träumte, hielt er sich jetzt zurück und 
schenkte seinem Reiche einige Jahre des Friedens. Er begnügte 
sich, die Verwaltung Chinas und der anderen eroberten Gebiete zu 
regeln, auf daß ilim diese Länder möglichst viele Steuern und reiche 
Abgaben zu liefern im stände wären. Natürlich vergaß er darüber 
keineswegs der Eroberung Japans, denn er war nun einmal ein gebore- 
ner Krieger und tapferer Eroberer und besaß einen eisenfesten 
Willen, der sein Ziel immer im Auge behält. 



5. Der grosse Kriegszug Kubiläs gegen Japan im Jahre 1281 

und die grosse Niederlage.'*') 

Kubilä war von der Eroberungssucht wie besessen. Er träumte 
nur von der endlichen Besitznahme des goldreichen Japan. Es 
war ein böser Dämon, der ihn verfolgte, ähnlich dem, welcher den 
Xerxes gegen Griechenland, und den Napoleon zum Kriege gegen 
Rußland aufstachelte, um diese stolzen Herrscher von ihrer eigenen 
Ohnmacht zu überzeugen und für ihren unbändigen Stolz zu strafen. 
„Leidenschaft schafft Leiden^, sagt das Sprichwort sehr wahr. Wer die 
Leidenschaft nicht bändigen will, der wird durch sie oft schon hier 
auf Erden gestraft werden. So hat es Gott nun einmal festgesetzt. 

Obwohl Kubilä seinen Großen versprochen hatte, nach der 
Eroberung Chinas das Reich in Ruhe und Frieden einmal aufatmen 
zu lassen, so führte er doch fast ununterbrochen Krieg gegen Bir- 
manien, gegen Tibet, gegen Annam. Seine Ländergier und Erobe- 
rungssucht ließen ihm eben keine Ruhe ; ihnen brachte er Gut und 
Leben unzähliger Menschen zum Opfer. Mit der bisherigen Er- 
oberung noch nicht zufrieden, sammelte er ein großes Heer gegen 
Japan. 3E "J Ä Fanwin-hu^ einer der angesehensten Generäle, 
war beauftragt, den Kriegszug gegen Japan vorzubereiten. Dieser 
Fan-win-hu war der Schwiegersohn des vielberüchtigten Stäatsministers 
S ftl JS Djic^'Se-dau. Als General der kaiserlichen Truppen hatte er 

*) Dieses Kapitel über die große Niederlage Kubiläs im Kriege gegen Ja- 
pan ist allen Europäern wohlbekannt aus den Berichten Marco Polo^s, (cf. Pan- 
thier, Marco Polo p. 537 — 544, der auch Auszüge ans den japanischen Schrift- 
steUem gibt). P. de Mnillac, S. J. gibt in seinem neuntem Bande der 
chinesischen Geschichte p. 409. 418. 428 verschiedene Einzelheiten über diesen 
yerunglückteu Kriegszug an. 

Japans Beziehimgen zu China 9 



— 130 — 

sich immer geweigert, gegen die Mongolen vorzugehen. )| Hß Siang 
yang im nordlichen jj^ ;|t Hu-bei wurde seit 1268 von den Mongo- 
len belagert und hielt sich wacker. Weder Fan-win-hu noch Djia- 
se-dau kamen der Stadt zur Hülfe. Fan-win-hu floh selbst 1251 
vor dem Feinde, anstatt zu kämpfen. So mußte endlich diese 
Stadt, die so lange und so w^acker widerstanden hatte, nach einer 
fast fünfjährigen Belagerung im Jahre 1273 sich ergeben. Darob 
wurde Fan-win-hu dann aber doch offiziell vom Kaiser getadelt. 

Im Jahre 1275 war er Statthalter von ^ J|| Ngan-tsching und 
sollte als solcher helfen, die Mongolen nach dem Norden zurück- 
zuwerfen. Sein Schwiegervater Djia-se-dau, nunmehriger kaiser- 
licher Generalissimus, stand mit einer zahlreichen Armee bei H^ jj^ 
U-hu und erwartete Hilfe zum gemeinsamen Kampfe. Fan-win-hu 
hatte schon längst an der Sache der Sung verzweifelt und wollte 
seine Zukunft sichern. Er ging also zu den Mongolen über, von 
denen er natürUch mit offenen Armen empfangen wurde. Djia-se- 
dau ward geschlagen und ins Gefängnis geworfen, wo man ihn 
im zehnten Monte desselben Jahres 1275 tötete. Das Verbrechen 
seines Schwiegersohnes hatte natürlich auch zu diesem schmählichen 
Ende beigetragen. 

Fan-win-hu hatte also Befehl erhalten, alles zum Kriege ge- 
gen Japan Notwendige vorzubereiten. Dafür waren aber seetüchtige 
Schiffe und Mannschaften durchaus notwendig. Diese zu finden 
war nicht leicht, da di(» Mongolen soviel wie gar nichts vom 
Seewesen verstanden. Doch Fan-win-liu zeigte großen Eifer im 
Dienste seines neuen Herrn: überall baute er Schiffe, hob Soldaten 
aus und übte sie möglichst gut in allen Seemanövem. Man entwik- 
kelte eine fieberhafte Tätigkeit. 

Schon im Jahre 1279 glaubte der ungeduldige Kubilä alles 
zur Expedition gegen Japan wohl vorbereitet. Auf einer großen 
Versammlung der mongolischen Großen erklärte er, daß er die 
Zeit gekommen glaube, um gegen Japan aufzubrechen und sich 
. dieses reichen Goldlandes zu bemächtigen; denn alles Notwendige und 
Nützliche für dieses Kriegsunternehmen sei wohl vorbereitet. 

Wir haben schon mehrmals gesagt, daß die mongolischen Großen 
gegen diesen neuen Kriegszug übers Meer waren. Fan-win-hu 
erklärte aber dem Kaiser, daß noch keineswegs alles Wünschens- 
werte dafür bereit sei. „Übrigens*', fügte er hinzu, „habe ich 
gerade zwei Boten mit einem japanischen Bonzen nach Japan 
geschickt, auf daß diese dem dortigen Hofe unsere Vorbereitungen 
zum Kriege verraten sollen. Ich habe diesen Leuten geboten, 



— 131 — 

daß sie spätestens im vierten Monate des nächsten Jahres wieder 
zurück seien und mir authentische und sichere Nachrichten aus Japan 
überbringen. Warten wir also ab, ob Japan Furcht hat und bereit 
ist, sich zu unterwerfen. Diese Zeit ist auch kostbar für uns, um 
alles Notwendige noch besser vorzubereiten. Noch genügen die 
Schiffe nicht für die zahlreiche Armee, welche Befehl hat, gegen 
Japan aufzubrechen. Trotz allen Eifers im Schiffsbau werden wir 
noch die minderwertigen Seeschiffe der ersten Expedition benutzen 
müssen^. 

Im zweiten Monate 1280 gaben die Japaner eine klare Ant- 
wort auf die Wünsche Eubiläs: sie töteten den geheimen Gresandten 
it # J& Du-sche-dschung und sein Gefolge und zeigten somit, daß 
sie keineswegs gewillt seien, die Vasallen oder Untertanen der 
Mongolen zu werden. 

Bei der Ankunft dieser betrübenden Nachricht am kaiserlichen 
Hofe wollte {^ ^ Sin-du, der Generalissimus der ersten unglückU- 
chen Expedition im Jahi*e 1274, nun alsogleich racheschnaubend 
gegen Japan aufbrechen. Eubilä hielt diesen allzugroßcn Eriegseifer 
zurück. Diesmal wollte er sicher vorgehen, um ganz gewiß den 
Sieg davonzutragen. Bevor nicht alles wohl vorbereitet war, durfte 
der Eriegszug nicht unternommen werden. Um seinen kaiserlichen 
Gönner zu befriedigen, beeilte sich Fan-win-hu, alle Vorbereitungen 
schleunigst zu beenden. Im zehnten Monate 1280 bestimmte Eubilä 
hunderttausend Mongolen-Erieger für diesen Eriegszug. Denn auf 
seine kühnen, siegfgewohnten Mongolen hatte der Eaiser das größte 
Vertrauen. Aber auch zahlreiche chinesische Soldaten waren von 
Fan-win-hu ausgebildet worden. Schon seit langem hatte der 
Eönig won Eorea den Befehl erhalten, fünfzehntausend Mann bereit 
zu halten, welche unter dem General ^ 3i5r JS Dji^-fc^^g-^sching an 
dem Eriegszuge teilnehmen müßten. 

Fan-win-hu bat den Eaiser um zweitausend mongolische Rei- 
ter, welche bei Verfolgung des fliehenden Feindes von großem 
Nutzen sein würden. Solche Reiter erwiesen auch ausgezeichnete 
Dienste, um den Feind zu beunruhigen und den Nachrichtendienst 
schleunigst zu besorgen . . . Eubilä glaubte, Eavalleric sei in die- 
sem Eriege über Meer unnütz, und die Armee sei ohnedies schon 
übergroß. Ebenso verweigerte er ganz entschieden, mehrere hundert 
Muhanunedaner mit in diesen Erieg ziehen zu lassen, welche sehr 
geübt waren im Dienste der Eatapulte, und große Steine auf eine 
beträchtliche Entfernung zu schleudern verstanden. Er war über- 
zeugt, daß Japan seiner Armee nicht widerstehen könne. 



— 132 — 

Schließlich versammelte Kubilä seine Großen in dem Audienzsaal 
und ernannte den Mongolengeneral M M ^ A-la-han, feierlich 
zum Generalissimus der Expedition. Es ist dies wahrscheinlich 
der „Abacan*^ des Marco Polo, der ^Asican" der Japaner. Der P. 
Ganbil nennt ihn „Argan^, welches wahrscheinlich der echte mongo- 
lische Name ist. Die Chinesen heißen ihn Ngo-la-han. Fan-win-hu 
war auch einer der ;höchsten Generäle. Kubilä gab jedem derselben 
seine Reiseroute an, auf daß sich die Unmassen von Soldaten auf dem 
Wege nicht belästigten. Der nötige Proviant war für die verschiede- 
nen Truppenteile an festbestimmten Orten schon seit langem vorbereitet. 
So fanden sie auch die erwünschten Quartiere, um sich auszuruhen. 
Kurz, alles war für eine bequeme Reise bis ans Meeresufer wohl 
vorbereitet. 

Ganz entgegen den Grundsätzen der alten Mongolenkhane, 
welche befahlen, alles Volk niederzumetzeln, wohin immer sie kamen, 
um so große und schöne Weideplätze für ihre Herden zu gewinnen, 
empfahl Kubilä seinen Generälen, das Volk nicht nur zu schonen, 
sondern selbst liebreich zu behandeln; er kannte ja seine wilden 
Horden. „Das kleine Volk zumal, bemerkte er, ist das sichere 
Fundament eines Reiches, ein Land ohne Volk ist unnütz; ein wohl- 
bevölkertes Land allein gibt Einkünfte und Steuern ..." Die letzte 
Empfehlung Kubiläs an seine Generäle war, immer einmütig zu han- 
deln und sich gegenseitig zu unterstützen, denn ohne Einigkeit und 
gegenseitige aufopfernde Unterstützung sei die größte Armee ohn- 
mächtig und unfähig, etwas Großes auszuführen. 

Diese Reise der Armee von Peking durch Korea bis an das 
Meeresufer von ^ lij Fusan (Fu-schan) war glücklich. Die verschie- 
denen Truppenteile blieben auf den ihnen angewiesenen Marschrouten 
und fanden so alles Notwendige in Bereitschaft. Das einzige 
Unglück, welches die Annee traf, war die Krankheit des Genera- 
lissimus A-la-han. Er mußte zurückbleiben und starb schließlich 
auch an dieser Krankheit. Den Oberbefehl hatte er an (B^ ^ j$ A- 
ta-hai übergeben, w^elcher dann von Kubilä in seiner Würde bestätigt 
wurde. 

Im sechsten Monate 1281 hatte die ganze Armee Korea pas- 
siert und befand sich nahe am Hafen |^ lli {$ Fii-schan-pu im Süd- 
westen von Korea, von wo man seit den ältesten Zeiten nach Japan 
übersetzt. 

Die Truppen schifften sich allmählich ein. Denn die neunhun- 
dert Seeschiffe genügten nicht, die hundertdreißigtausend Mann mit 
dem nötigen Proviant auf einmal einzuschiffen. Man verteilte sich 



auf die verechiedenen Inseln der inselgrtippe Tsushima, um sich 
freier zu bewegen und um sie zu besetzen und als Stützpunkte zu 
benutzen. Die ' Insel fj ^ Dschu-dau liegt südwestlich von der 
Stadt ^ W Tsching-dschou ; S 91 & Djü-dsi-dau liegt östlich von 
derselben. Auf letzterer Insel befand sich seit den ältesten Zeiten 
eine kleine Festung mit einer Besatzung, um Pusan zu beschützen. 
Die große Insel Tsushima ward auch besetzt. Allmählich drang 
die Armee ganz glücklich bis zu den Inseln ^. ^ Ping-hu, Pirando, 
und iE fil ft U-lung-dau^ d. h. ^den fünf Drachen"^ vor. Die 
große chinesische Geographie,*) welche wir schon oben erwähnt, 
bezeichnet vol. 94 pag. 27 diese Insel als dieselbe, welche man 
Goto 3l % ü-dau^ d. h. ,die fünf Inseln^ nennt. Aus der Ferne 
sieht man nämlich, sagt sie, fünf Gipfel aus dem Meere empor- 
tauchen, welche man als fünf Drachenköpfe bezeichnet. Die T 'her- 
fahrt war ohne bemerkenswerten Unfall glücklich verlaufen. Nirgends 
fand man japanische Truppen, die sich der Landung entgegengesetzt 
hätten. Auch das Volk zeigte sich keineswegs feindselig. Bis 
dahin glich also der Feldzug einem Spaziergange. 

Fan-win-hu war der Meinung, diese gute Zeit benützen und 
vordringen zu müssen, wenn möglich, sogar bis zur Hauptstadt. 
Schließlich aber ließ er sich von den andern Generälen bereden, 
von einem so planlosen Vordringen abzustehen, wußte man ja nicht, 
wo der Feind und wo die Hauptstadt war. Man bescliloß also, vor 
der Hand zu warten und die Soldaten ausruhen zu lassen; denn, 
wolle der Feind kämpfen, würde er sich wohl schon zeigen, 
meinte man. 

Die Generäle begingen den Fehler, die Soldaten sich selbst 
zu überlassen, ohne sie durch Kriegsübungen, durch Bauen von 
festen Lagern oder Schanzen zu beschäftigen. Es war im Monat 
August, wo die Zeit noch sehr heiß ist. So taten die Soldaten den 
lieben langen Tag nichts, als ausgelassen der Freude und dem Spiele 
zu leben. Einzig der chinesische General 5i Ä Dschang-hi machte 
eine Ausnahme. Er hielt strenge auf Ordnung und Disziplin, beschäf- 
tigte seine Soldaten mit dem Bau eines befestigten Lagers und mit 
militärischen TTbungen. 

Am ersten Tage des achten Monates, d. h. nach den Berech- 
nungen unseres P. Chambeau am 16. August 1281, erhob sich 

*} Auch vol. 38 pag. 9 beschreibt diese große Geographie den Schauplatz 
der großen Niederlage der Mongolen. Jetzt kennt ihn jedermann, weil ja die 
Russen am 27. und 28. Mai 1905 an derselben Stelle wie die Mongolen geschlagen 
wurden. 



— 134 — 

plötzlich einer jener rasenden Typhone, welche ja auch den Euro- 
päern nunmehr sattsam bekannt sind. Die Mongolen als Steppen- 
bewohner bekümmerten sich um nichts, als nur sich vor dem Sturme 
und Regen zu schützen. Der General Dschang-hi hingegen, mit 
derartigen Stürmen besser bekannt, sah vomus, daß derselbe am 
folgenden Tage noch ärger rasen würde, und traf somit weise Vor- 
sichtsmaßregeln. Er ließ alle seine Schiffe gut verankern und am 
Ufer mit festen Seilen und Tauen an Bäumen und Pfählen befestigen. 
Zwischen jedem Schiffe ließ er einen leeren Raum von fünfzig Schritt, 
auf daß die Schiffe im Falle des Zerreißens eines Taues nicht 
aneinander schlügen und sich so gegenseitig zertrümmerten. Als 
am andern Tage der Orkan noch wütender raste, suchten nun auch 
andere Generäle ihre Schiffe zu sichern. Aber die Wut des Windes war 
schon derartig, daß man keine Manöver mehr ausführen konnte. 
Trotz der verzweifeltsten Anstrengungen, welche man machte, als man 
die Schiffe vom Sturme gepeitscht aneinander oder ans Ufer prellen sah, 
glückten die Rettungsarbeiten nicht: es war eben zu spät. Viele Soldaten 
fielen dabei ins Meer, ohne daß man sie hätte retten können. Am dritten 
Tage raste der Orkan wie am vorhergehenden und vollendete das 
Vernichtungswerk. Alle Schiffe der Armee mit alleiniger Ausnahme 
dei- des Dschang-hi waren vernichtet. Verschiedene Schriftsteller spre- 
chen von dreitausend Schiffen, die kleineren mit eingerechnet; wir 
begnügen uns mit der wahrscheinlicheren Zahl von ungefähr neun- 
hundert. Auch behaupten sie, die Hälfte der Armee sei dabei 
ertrunken. Auch dies klingt nicht wahrscheinlich. ' Die Soldaten 
befanden sich zumeist am Lande, wie ja die des Meeres so unge- 
wohnten Mongolen es lieben mußten. Als sie sahen, daß die 
Schiffsmannschaften des Sturmes nicht Meister werden konnten, eilten 
ihnen wohl manche zu Hilfe und gingen zugleich mit diesen und 
den Schiffen unter; doch konnte ihre Zahl schwerlich die Hälfte der 
Armee betragen. Kurz, am vierten Tage des achten Monates, als der 
Orkan sich legte, konnte man die ganze Größe des Unglückes über- 
sehen: fast alle Schiffe auf den verschiedenen Inseln waren zertrümmert, 
Mannschaften, Proviant und Waffen verloren. Selbst die Mutigsten 
verloren bei einer so unerhörten Katastrophe den Mut. Man befand 
sich in Feindesland, ohne genügend Leute, Schiffe und Hilfsmittel, 
um weiter vordringen oder auch nur um heimkehren zu können. 

* 

Um das Unglück voll zu machen, kam die Nachricht vom 
Herannahen des feindlichen, hunderttausend Mann starken Heeres 
der Japaner. Nun galt es, einen Entschluß zu fassen. IfSf '^ ^ Ä- 
ta-hai wußte auch nicht wo hinaus, auch hatte er zu wenig Ansehen, 



— 136 — 

um die andern Generäle zu leiten. Die meisten derselben waren 
der Ansicht, man solle auf den geretteten Schiffen schleunigst 
heimkehi'en und von Korea aus Schiffe herüberschicken, um die 
Soldaten heimzubringen. 

Dschang-hi hingegen urteilte: ^ Haben wir auch wohl die 
Hälfte der Truppen verloren, so besitzen wir denn doch noch ein 
stattliches Heer wackerer, entschlossener Krieger, mit denen man 
etwas ausrichten kann. Sehen diese, daß uns jetzt nichts als Mut 
und tapfere Gegenwehr retten kann, dann werden sie alle wie ver- 
wundete Tiger kämpfen und gewiß den Sieg davontragen. Also 
gehen.wir vorwärts dem Feinde entgegen. Zudem dürfen wir Generäle 
denn doch nicht unsere Truppen im Feindesland und ohne Proviant 
feige im Stiche lassen. BUeben sie hier ohne erfahrene Führer, 
so müßten sie alle insgesamt zu Grunde gehen... ^ 

Fan-win-hu gebot ihm zu schweigen, da er als untergeordneter 
General nichts zu sagen, sondern nur zu gehorchen hätte. Das 
einzige, was Dschang-hi schließlich durchsetzen konnte, war, daß 
man die Pferde der Generäle und höheren Offiziere ausschiffte und 
dafür eine Anzahl Soldaten aufnahm. 

Am fünften Tage des achten Monates schifften sich Fan-win- 
hu und die andern Generäle auf den von Dschang-hi geretteten 
Schiffen nach Korea ein und Ueßen mehr als fünfzig bis sechzig- 
tausend Mann ihrer Truppen (wahrscheinlich mehr) im Stiche und 
gaben ihre Leute einem gewissen Tode preis, obwohl sie schöne 
Worte? machten und eiligste Hilfe aus Korea versprachen. Doch 
dazu wäre nicht nötig gewesen, daß alle Generäle abgingen. 

Was für eine Wut in den Herzen der so schmählich verlassenen 
Soldaten diese unerhörte Feigheit der Generäle erregte, läßt 
sich wohl denken, aber nicht beschreiben. Was erstaunen macht, 
ist, daß auch der sonst so tüchtige Dschang-hi mit den andern 
Generälen abging, obwohl er vorher doch alle zum Bleiben ermuntert 
hatte. Vielleicht fürchtete er, von den andern Generälen beim Kaiser 
verleumdet und als die eigentliche Ursache des Unglücks verklagt 
zu werden, wie das ja gar nicht selten vorkommt. 

So mußten denn die Soldaten selbst auf Mittel sinnen, ihr 
Leben zu retten; denn von Siegen und Eroberung Japans konnte 
augenscheinlich keine Rede mehr sein. Nachdem sich die Gemüter 
etwas beruhigt hatten, kam man überein, einen Fülirer und Leiter 
zu wählen, unter dessen Beaufsichtigung man mehrere große Flöße 
bauen wolle, um so die Überfahrt nach Korea zu unternehmen; 
denn Hol? befand sich damals auf diesen Inseln in Menge. Aber 



— 166 — 

leider konnte dieser unter günstigen Umstanden vielleicht mögliche 
Plan nicht ausgeführt werden; denn schon am siebenten Tage desselben 
achten Monates kam die zahlreiche japanische Armee unter dem 
Oberbefehl des Shoni Eagesuka an. Natürlich waren die führerlosen 
Truppen bald überwunden. E« war keine regelrechte Schlacht, 
sondern ein wütendes Gemetzel und wildes Hinschlachten dieser 
armen Truppen. Zumal über die Mongolen fielen die Japaner mit 
größter Wut her. Als sie vom Gemetzel müde wären, machten sie 
an die zwanzigtausend Gefangene^ von denen sie etwaige Dienste 
und nützliche Verwendung hofften. 

Als man am neunten Tage desselben Monates nach der Insel 
7\ ;P| ^ Ba-djäO'daUy d. h. dem jetzigen Fakata, Fonkuoka der 
Provinz Chikuzen kam, fanden die <lapaner, daß es doch beschwerlich 
sei, eine solche Masse von Gefangenen zu überwachen und zu ernähren; 
ja, es sei selbst gefährlich für den Staat, einer solchen Menge kräf- 
tiger Männer zu schonen, die in kurzem gewiß versuchen würden, 
mit Gewalt heimzukehren. So tötete man also noch die wenigen 
verechonten Mongolen und Koreaner insgesamt. Von den Chinesen 
verschonte man einige Tausend junger Leute, von denen man nütz- 
liche Dienste erwartete und nichts zu fürchten hatte. Es waren 
eben J^ A Tang-jen^ also alte Freunde und Untertanen der noch 
jetzt in Japan geschätzten Tang-Dynastie.*) 

Wie immer selbst bei ho großen Unfällen doch noch der eine 
oder andere Mann mit heiler Haut davonkommt, um Überbringer der 
Hiobspost zu sein, konnten von den gefangenen Chinesen nach 
einigen Jahren drei Mann entschlüpfen und nach China heimkehren. 
Der erste war ein gewisser ^ |Q Jj^Jü-dschang-duei, der die Umstände 
der Nicdermetzelungen mitteilen konnte. Einige Zeit später kam 
der zweite und dritte Flüchtling an, welche den erzählten Hergang 
bestätigten. Spätere Schriftsteller sagen, die Japaner hätten diese 
drei Leute zum Hohne an Kubilä geschickt. I)ie ältesten Geschicht- 
schreiber wissen nichts von einer solchen Beleidigung. Die Japaner 
wollten mit den hinterlistigen Mongolen nichts zu tun haben. 

Eine derartige Katastrophe war unerhört im fernen Osten. Der 
Himmel selbst hatte die Mongolen vernichtet und ihre rasende 
Eroberungssucht bestraft, — eine Überzeugung des Volkes, welche den 
Mongolen nicht wenig geschadet hat. 

*) Echte Chinesen heißen noch heute bei den Japanern j^ \ Tang-jen, 
obwohl die Chinesen selbst sich ^* ^ Han-dae, d. h. „Söhne der Dynastie 
Han**, oder ff* Sl A Dschuntj-kui-Jen, d. h. „Bewohner des Reiches der Mitte" 
nennen. 



Wie beim letzten ru88i8ohen Kriege die Japaher viel in den 
Pagoden zu ihren zahlreichen Göttern und Göttinnen gebetet, so 
auch zur Zeit der Mongolenkriege. Und weil der rasende Sturm 
den Feind geschlagen und vernichtet, wurden seitdem die Gottheiten 
der Winde sehr populär und viel verehrt. 

Wie wir schon gesagt, wurde dieser unerhörte Sieg unter dem 
damals allgebiotenden Shikken ^ ^ Hqjo Tokimune (1251 — 1284) 
gewonnen. Zum Andenken an diesen großen Erfolg und aus Dank- 
barkeit gegen den so berühmten Patrioten haben die Japaner im 
öffentlichen Garten des Hafens ^ {$ $ Ha-ka-ta in der Provinz 
Chikuzen ein öffentliches Denkmal zu Ehren Tokimunes errichtet. 

Bis zu den großen Siegen über die Russen war die Katastrophe 
von Tsushima der größte Erfolg, den Japan über einen Feind gewonnen, 
und war als solcher natürlich allgemein gefeiert. Weil der Himmel 
sie ganz speziell beschützt hatte, wurden sie von ihrer hohen natio- 
nalen Würde noch mehr bestärkt und glaubten, die besonderen 
Pfleglinge des Himmels zu sein. Diese Überzeugung artete schließ- 
lich in unbändigen Stolz aus. 



6. Kubilä bereitet einen neuen Kriegszug gegen Japan vor, 

der aber schliesslich unterbleibt. 

Nach einer so schmählichen Niederlage war der sieggewohnte 
Kubilä ganz außer sich vor Arger. Zwei seiner Generäle ließ er 
als feige Flüchtlinge und Verräter hinrichten. Ihre Namen werden 
freilich nicht erwähnt, aber man nimmt an, daß Pan-win-hu einer 
der Verurteilten gewesen. Nach allem, was die Geschichtschreiber 
erzählen, war er in der Tat nicht schuldlos. Dschang-hl war der 
einzige, der von Kubilä als pflichttreuer Feldherr belobt und aus- 
gezeichnet wurde. 

Ln siebenten Monate 1282 kam der König jfon Korea an den 
Hof, um seinen Lehensherrn zu begrüßen und ob des großen Unglücks 
zu trösten. Er wußte sehr wohl, wie Kubilä zu trösten sei. Darum 
sprach er von einem demnächst gegen Japan zu unternehmenden 
Kriegszuge wie von einer selbstverständlichen Sache, bot sich als 
Bundesgenossen an und versprach, diesmal hundertfünfzig Seeschiffe 
zu liefern. Das zu stellende Truppenkontingent sollte der Kaiser 
selbst bestimmen. 

Das war dem rachesinnenden Großkhan ganz aus der Seele 
gesprochen und bestärkte ihn in seinem Plane, einen ferneren Feldzug 



— 188 — 

gegen Japan zu unternehmen. Freilich wußte er, daß man für ein 
solches Unternehmen grade keine große Sympathie hegte, besonders 
daß die höheren Beamten dagegen waren. Aber was brauchte er 
sich viel darum zu kümmern? War er denn nicht unumschränkter 
Herr und Gebieter? 

So befahl er denn bald allen Statthaltern seines Reiches, Soldaten, 
Waffen, Geld, Proviant u. s. w. vorzubereiten. An die Statthalter 
der Provinzen längst der Meeresküste erging der stramme Befehl, 
möglichst viele Seeschiffe zu bauen, sowohl solche für Prachtverkehr 
und Beförderung von Soldaten, als eigentliche Ejriegsschiffe, auf denen 
man kämpfen und eine Seeschlacht liefern könnte. Die Seesoldaten 
sollten sich schon bald im Kriegsdienste zu Schiffe ausbilden. Im 
neunten Monate 1282 fing man in der Provinz Fu-djien einen japa- 
nischen Spion, den Schwiegersohn eines hohen Würdenträgers. Der- 
selbe wurde nach Peking geschickt. Eubilä hielt es für besser, ihn nicht 
zu töten, damit er bei dem nächsten Exiegszuge behilflich sein könne. 

W i]^ ?ft A-ta-hai (chinesisch Ngo-da-hä) war trotz seiner 
schmähliehen Flucht bei der letzten Expedition in der Gunst des 
Kaisers verblieben, weil er ohne Zweifel es verstanden hatte, die Schuld 
auf andere abzuwälzen. Zu Anfang des Jahres 1283 wurde er von 
Kttbilä zum Generalissimus des nächsten Kriegszuges ernannt und 
als solcher beauftragt, alles gut vorzubereiten, um den Erfolg diesmal 
sichern zu können. 

Den König von Korea wies Kubilä an, 200 000 Scheffel Reis 
vorzubereiten, da die Truppen ganz sicher nächstes Jahr, d. h. 1284, 
durch Korea nach Japan ziehen würden. Auch in allen Provinzen 
Chinas ließ er große Vorräte von Lebensmitteln aller Art aufspeichern, 
auf daß seine Truppen mit allem Notwendigen reichlichst versorgt 
werden könnten. Kurz, er entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit, damit 
im ganzen Reiche die nötigen Vorkehrungen zum Kriege pünktlich 
getroffen würden. 

Im fünften Monate 1283 wurde Kubilä benachrichtigt, daß die 
Unzufriedenheit und Aufregung in den Küstenprovinzen äußerst groß 
und ein allgemeiner Aufstand zu befürchten sei. 

Diese Befürchtung war sehr begründet. Infolge des strammen 
Befehles aus der Hauptstadt hatten die Beamten, um sich die Sache 
leichter zu machen, einfach alle tauglichen Schiffe nebst Bemannung 
beschlagnahmt. Kaufleute, Handwerker und Arbeiter wurden eben- 
falls ohne alle Umstände herangezogen und gezwungen, Geld, Zeit 
und Kräfte in den Dienst des Staates zu stellen. Das wäre schließlich 
ja auch nicht so schlimm gewesen, wenn man etwas rücksichtsvoller 



— 139 — 

dabei zu Werke gegangen wäre und besonders, wenn man den Leuten 
eine genügende Entschädigung geboten hätte. Aber das war eben 
nicht der Fall. Darum war man allgemein unzufrieden. Wem es 
eben möglich war, zu entfliehen, der entfloh, um sich dem Zwang- 
dienste zu entziehen. So irrten denn viele scharenweise umher, 
die schließlich, um ihren Hunger zu stillen, anfingen zu rauben. 
Leicht begreiflich begnügten sich dieselben nicht mit dem Notwen- 
digen, sondern unternahmen regelrechte Raubzüge und machten 
das Land unsicher. Die Obrigkeiten standen ihnen macht- und 
tatlos gegenüber. Besonders stark waren diese Unruhen in Djiang- 
nan, Dsche-djiang und Pu-djien. 

Glücklicherweise wurde Eubilä noch bei Zeiten von diesen 
bedrohlichen Zuständen benachrichtigt, und zwar wahrscheinlich 
von Marco Polo, welcher ja zu jener Zeit gewissermaßen der große 
Polizei-Inspektor des Reiches, nämlich ]Sl M ^ Wi M^ ^- ^- zweiter 
Untersuchungsrichter war. War er es ja auch, der den Kaiser 
über die Untreue seines 1282 ermordeten Finanzministers Achmed 
aufgeklärt hatte. Überhaupt leisteten die Polo im Gegensatze zu 
vielen anderen Staatsbeamten dem Kaiser und dem Reiche ganz 
eminente Dienste. 

Kubilä ergriff alsogleich Maßregeln, um das Volk zu besänfti- 
gen. Er veröffentlichte ein Edikt, in welchem er erklärte, daß 
kein Mandarin das Recht habe, Schiffe von Privatleuten in Beschlag 
zu nehmen, noch auch die Eigentümer zu zwingen, ihre Schiffe der 
Regierung zu verkaufen. ;,Wenn ein Eigentümer*, heißt es darin, 
„sein Schiff verkaufen will, kann der Mandarin es kaufen, ist aber 
verpflichtet, den Kaufpreis genau und baar auszuzahlen, ganz wie 
es sonst bei Käufen geschieht. Wollen femer die Mannschaften 
solcher Schiffe kaiserliche Dienste nehmen, so steht ihnen dies auch 
frei, aber die Mandarine sind gehalten, den Sold genau und baar 
auszuzahlen ohne etwas zurückzubehalten. Ist es jemanden nicht 
gefällig, auf den 'kaiserlichen Schiffen Dienst zu nehmen, so darf 
ihn niemand zwingen noch ihn irgendwie belästigen*^. 

Dieses kaiserliche Edikt brachte eine gute Wendung zuwege. 
Das Volk beruhigte sich, und die gefürchtete -Revolution brach nicht 
aus. Gewiß trugen auch die zahlreichen Mongolentruppen, welche 
nach dem Süden geschickt wurden, das ihrige zur Beruhigung des 
Landes bei. Denn diese fürchterlichen Reiter hieben eben alles 
nieder, was ihnen den geringsten Widerstand leistete. 

Diese Furcht vor einer Revolution und die darob angewandten 
Maßregeln verursachten eine gewisse Pause in den Vorbereitungen 



zum Itriege gegen Japan. Eubilä sah ein, daß man die Staats- 
maschine nicht überanstrengen durfte. 

Die Großen benutzten ihrerseits diese Gelegenheit, um neue 
Versuclie zu machen, dem Kaiser den Ki'iegszug gegen Japan aus- 
zureden. Doch Eubilä ging nicht von seinem Plane ab. Er schärfte 
seinen Beamten von neuem ein, die früheren Befehle auszuführen, 
jedoch mit mehr Klugheit und Billigkeit, widrigenfalls sie selbst 
sich der strengsten Strafen zu gewärtigen hätten. 

Die Beamten kamen in Verlegenheit. Einesteils verlangte 
Eubilä viele und gute Seeschiffe mit geübten Soldaten; andernteils 
bekümmerte er sich wenig um die Bestreitung der nötigen Eosten. 
Letztere sollten durch die Steuereinnahmen gedeckt werden. Man 
verzweifelte fast an einer guten Vorbereitung zum Eriege. Zu 
wiederholten Malen wagte man es, dem Eaiser Vorstellungen zu 
machen und ihm eine Bittschrift folgenden Inhaltes zu unterbreiten : 
^Die tatki'äftigen Eaiser der p|^ Sui hatten beschlossen, Eorea zu 
unterwerfen. Dazu mußten sie drei Feldzüge unternehmen und 
sich selbst an die Spitze des Heeres stellen. Diese Ei'iege kosteten 
vielen Tausenden von Soldaten das Leben und verschlangen unge- 
heure Summen an Geld, dabei war der Erfolg klein und unbedeutend; 
es dauerte nicht lange, so war Eorea wiederum verloren. Nun ist 
aber Eorea im Vergleiche zu Japan ein kleines Land, und man kann 
es direkt auf dem Landwege erreichen. Die Eoreaner sind auch 
kein kriegerisches Volk.^ Bei einem Exiege mit Japan hingegen 
heißt es über das so gefährliche Meer setzen, wobei man nie auf 
sicheren Erfolg rechnen kann. Japan ist ein großes, dicht bevöl- 
kertes Land und kann eine zahlreiche Armee ins Feld stellen, 
deren Erieger, wie man seit alten Zeiten weiß, tapfer und todesmutig 
kämpfen. . .^ 

Alle diese Vorstellungen brachten Eubilä von seinem Vorhaben 
nicht ab. Solchem Starrsinn gegenüber waren die Minister und Generäle 
ganz ratlos. Endlich ersann einer derselben, ft gj Siang-wei, eine 
List. Er sprach zu Eubilä: ^Das erste Mal sind wir geschlagen 
worden, weil wir uns zu sehr übereilt haben. Wir waren zu unge- 
duldig und hitzig, zu vorschnell und gebrauchten nicht die bei einem 
derartigen Unternehmen notwendige Vorsicht. Unser erster Peld- 
zug war nicht reiflich überlegt und nicht nach allen Seiten 
geprüft. Diesmal müssen wir diese Fehler vermeiden. Übereilen 
wir nichts, sehen wir alle Möglichkeiten voraus, bereiten wir alles 
vor. Unsere Schiffe und Waffen müssen sich im besten Zustande 
befinden ; Land- und Seetruppen müssen vorti'eflFlich eingeübt sein ; kurz, 



— 141 — 

wir müssen eine siegesgewisse Armee haben . . . Dazu bedarf es 
der nötigen Zeit. Lassen wir uns nicht wie das letzte Mal von der 
Ungeduld hinreißen, und vereitlen wir nicht selbst unsere eigene 
Sache. Was nützen SecschiflPe, wenn sie nicht tüchtig und kampf- 
fähig sind, und wenn sie den Sieg nicht wirklich gewährleisten?... 

.ylJnd sind wir vorbereitet, so verkünden wir mit lautem Schalle, 
es gehe in den Krieg gegen Japan, schon kommen wir . . . 

„Alsdann werden die Japaner herbeieilen, um uns zurückzu- 
werfen. Wir aber werden nicht so töricht sein, vorzudringen. Wir 
werden die Japaner vor Ungeduld wegen unserer Ankunft sich 
langweilen lassen, bis sie alle Kampfcslust verloren haben und 
ihnen die Lebensmittel mangeln. Dies ist der rechte Augenblick, 
über sie herzufallen; ein glorreicher Sieg ohne große Verluste ist 
uns gewiß. " 

Der schon siebenzigjährige Kaiser lächelte vor Freude über 
diese Siegesgewißheit. In der Tat hatte dieses Verfahren, wie 
die alten Kriegsbücher berichten, in früheren Zeiten manchmal zum 
Siege verhelfen. In unserem Falle war es eben nur eine kluge 
List der Beamten, um Zeit zu gewinnen. Der Kaiser war sehr 
alt, er konnte bald sterben, oder von andern politischen Er- 
eignissen in Anspruch genommen und von Japan abgezogen werden. 

Um Kubilä vorläufig zu beschäftigen, schlugen ihm die Minister 
vor, wieder einmal eine Gesandtschaft nach Japan zu schicken, 
um diplomatisch zu verhandeln; vielleicht hätte sich Japan beson- 
nen und werde durch diese Gesandtschaft veranlaßt, die früheren 
guten Beziehungen mit China wieder anzuknüpfen und auch die 
lange versagte Lchenstreue leisten. Schließlich ging Kubilä auf 
diese Idee ein. 

Daraufhin wurde in der Tat einer der höchsten Beamten, 3E 
iSf ^ W ang-dsi-wung^ als Gesandter nach Japan geschickt. Er war 
von einem Bonzen begleitet, da die Bonzen damals in Japan sehr 
angesehen waren. Der Kaiser schrieb einen sehr liebenswürdigen 
Brief, schickte sehr kostbare Geschenke mit : Gold, Prachtgewänder 
aus Seide, kostbare Ringe aus Onyx, Prachtstücke von Pferdesät- 
teln, wie sie nur die Mongolen zu machen verstanden. So, hoffte 
man, würde die Gesandtschaft wohl willkommen sein; jedenfalls 
hätte sie Gelegenheit, Erkundigungen über die Befestigungen des 
Landes, über die öffentliche Meinung des Volkes und dergleichen 
einzuziehen. 

Sie schiffte sich auf einem japanischen Schiffe im Hafen von 
f^ ^ DschoU'dschou, dreihundertsechzig Li südwestlich von «^ ^ 



:^ 



— 142 — 

Tä-dschou in Dsche-djiang ein. Die Fahrt war so glücklich, daß 
das Schiff schon nach ein paar Tagon Japan nahte. Aber da fiel 
die Schifisbemannung über den Gesandten und sein Gefolge her, 
tötete sie alle und warf sie ins Meer. Die Veranlassung zu 
diesem Verbrechen weiß man nicht. Die einen vermuten, der 
Schiffsherr habe Furcht gehabt, von der japanischen Regierung zur 
Strafe gezogen zu werden, weil er chinesische Spione eingeschmug- 
gelt habe. Andere glauben, die Schiffsleute seien Rauber gewesen, 
die es zumal auf die reichen Geschenke abgesehen hätten. 

Selbstverständlich war Kubilä sehr unzufrieden über den trau- 
rigen Ausgang jener GesandtBchaft und über jene, die ihm diesen 
unklugen Rat gegeben. 1285 schickte er an den König von Korea 
Befehl, sechzehntausend Mann Soldaten marschfertig zu stellen, 
sowie sechshundertfünfzig Schiffe in den Häfen des Überganges nach 
Japan bereit zu halten, um die ankommenden Truppen übersetzen 
zu können. 

Für die Auswahl der chinesischen Truppen verordnete er, nur 
starke und tüchtige, den Strapazen eines langen und harten Feld- 
zuges gewachsene Leute auszuwählen, zudem müßten dieselben aus 
guten, ehrbaren Familien und kein Straßengesindel, welches nichts 
zu verlieren hätte, sein. Dieselben sollten auch tagtäglich einexerziert 
werden, um kampfestüchtig zu sein. Die Küsten-Provinzen waren 
verpflichtet, tausend gut bemannte Kriegsschiffe zu stellen. Diese 
Flotte hatte Befehl, sich im Yang-dse-djiang zu vereinigen und 
täglich Seemanöver vorzunehmen. Alles sollte so bereit sein, um 
beim ersten Signal des Kaisers aufbrechen zu können. 

Der Kaiser versammelte den großen Staatsrat, um die ganze 
Unternehmung und die gemachten Vorbereitungen vorzulegen und 
noch einmal durchzuberat^n : die Erfahrungen der weisesten Männer 
des Reiches sollten beitragen, den Erfolg dieses großen Feldzuges 
zu sichern. 

Da man nichts dagegen einwendete, im Gegenteil dafür stinamte, 
so wurde der erste Tag des ersten Monates des Jahres 1286 alt« 
Datum festgesetzt, an dem alle Truppen in Peking versammelt sein 
mußten, um von da beim ersten guten Reisewetter aufzubrechen. 
Dieser große Staatsrat bestimmte auch, daß die Auszeichnungen für 
Verdienste und die hohen Titel als Belohnungen nur in Gegenwart 
der Truppen verliehen werden konnten, welche Augenzeugen der 
hohen Taten jener gewesen, die belohnt werden sollten. Es hatte 
sieh nämlich viel Lug und Trug bei diesen Belohnungen und Aus- 
zeichnungen eingeschlichen: die tüchtigsten Schreier und Prahler, 



— 143 — 

die Verwandten großer Hofherren wurden gewöhnlich ausgezeichnet, 
während das wahre, bescheidene Verdienst leer ausging zur großen 
Unzufriedenheit der Truppen. 

Um den Ausgang des Feldzuges noch mehr zu sichern, ver- 
mehrte Eubilä die Armee um zehntausend Mann. Er bewilligte 
auch diesmal fünfzig seiner geschicktesten Meister in der Leitung 
der Kriegskatapulte, welche im stände waren, große Steine auf eine 
ziemlich wcjite Strecke zu schleudern. Da die Japaner damals 
diese Maschinen noch nicht kannten, vei*sprach man sich davon einen 
außerordentlichen Erfolg. 

Unterdessen kamen auch die Rechnungen diT Statthalter für 
alle diese Kriegsvorbereitungen an : es waren unerhört hohe Zahlen, 
welche selbst Kubilä erschreckten, der nicht ersah, wie es möglich 
sein würde, solche Rechuungen zu begleichen; war ja das reiche 
Goldland Japan vorläufig noch nicht in seinem Besitze. Kluge 
Minister benutzten diese Gelegenheit, um dem Kaiser nochmals den 
Peldzug abzuraten. ^Schon allein die Vorbereitung^, sagten sie, 
^hat schon so riesige Summen verschlungen; was wird erst der 
Krieg noch kosten! Wie viele tausend Menschen werden dabei zu 
Grunde gehen? Das ganze Reich wird in Mitleidenschaft gezogen. 
Und dabei ist man nicht einmal des Erfolges sicher, da es sich darum 
handelt, über ein tückisches Meer zu segeln, mit einem tapfern, 
kriegsgewohnten, todesverachtenden Volke zu kämpfen**. 

Wer hätte es gedacht? Diesmal machten diese Bemerkungen 
der treuen Beamten endlich Eindruck auf den bis dahin hartnäckigen 
Kubilä; er fühlte sich niedergeschlagen, entmutigt. Dazu kam, daß 
im zwölften Monate des Jahres 1285 sein vielgeliebter Kronprinz 
M ^ Dschen-djin starb, was ihm alle Lebensfreude raubte. Außer- 
dem kamen auch noch Nachrichten vom Aufstande der Annamiten, 
welche zu unterwerfen man 1282 so viel Mühe gehabt, und welche 
zu bändigen er seinen Sohn JgJ JJ[ Tuo-huan schon im Sonmier 
1284 nach Annam geschickt hatte. Die Armee ging dabei elendiglich 
zu Grunde und Tuo-huan kam schmachbedeckt heim. Das Reich 
Annam unter der regierenden Familie ^ Tschen war mächtiger denn 
je, und nahm infolge seiner großen Siege über die Mongolen den 
Titel ^ )S Da-yüo an. Die große Furcht vor den Mongolen war 
in den Staaten Indo-Chinas dahin. Kubilä rief wütend aus: „Japan 
gehorcht uns nicht, das ist wahr; aber Annam, "^ Ht Djau-dsche 
wagt, sich wider uns zu erheben und uns mit Krieg zu überziehen. 
Eine solche Schmach können wir nicht dulden. Also drauf los: 
zuerst auf Annam I*^ 



— 144 — 

Übrigens hatte er auch erfahren, daß auch die Japaner sich 
gut vorbereiteten. Im neunten Monate 1286 hatte der König von 
Korea japanische Spione ergriflfen und nach Peking geschickt. Im 
zehnten Monate fing er sechzehn solcher Spione, welche er ebenfalls 
an den Kaiser schickte. Von diesen hatte man verschiedene Nach- 
richten zu erpressen gewußt. 

Kui'z, das ganze Unternehmen gegen Japan war für damals 
aufgegeben, obwohl die Japaner glaubten, der geplante Feldzug für 
1286 würde statthaben und sie die Ankunft der Mongolen erwarteten. 
Kubilä hatte geschworen, Annam zu vernichten. Mehr als drei- 
hunderttausend Mongolen hatte er unter der Oberleitung seines Sohnes 
Tuo-huan und zweier tüchtiger Generäle gegen Annam geschickt. 
Ansteckende Krankheiten brachen unter den Mongolen aus; man 
mußte sich zurückziehen und verlor in unaufhörlichen kleinen 
Kämpfen die ganze Armee. Mit Not hatte Tuo-huan sein Leben 
gerettet. Kubilä war so betrübt und aufgebracht, daß er denselben 
nach jYang-dschou verbannte und die Zeit seines Lebens nicht 
wiederaah. 

Man versteht die Wut Kubiläs, wenn man bedenkt, daß im 
neunten Monate 1286 „vierzehn^ Staaten der südlichen Wilden, d. h. 
Malakka, Sumatra u. s. w. nach Peking gekommen waren, um den 
Kaiser als ihren allmächtigen Lehensherrn anzuerkennen. Die 
klägliche Niederlage der Mongolen in Annam 1287 mußte nun 
sein Ansehen bei diesen und anderen Völkern und seine langersehnte 
und mühsam erreichte Oberherrschaft über die südlichen Inseln ver- 
nichten. 1288 war Tuo-huan trotz kleiner Erfolge nicht glückli- 
cher als vordem. Dazu hatte Kubilä noch die Empörung des Prin- 
zen "Pj Nä-yen zu unterdrücken. Er hielt es für nötig, persön- 
lich dieselbe zu bekämpfen und zwar an der Spitze von vierhun- 
derttausend Mann im vierten Monate 1287. Es war eine der größ- 
ten Schlachten, welche Kubilä gewonnen. 

Auch die Kriege gegen Birmanien nahmen kein Ende und 
waren auch nicht glücklich. 

1291 trat Kubilä in freundliche Beziehungen zu den Inseln 
S|3IK TJou-kiou (Liu-tschiu), welche mit Japan auf gespanntem 
Puße standen. Aber es war diesen Insulanern nicht ernst um die 
Freundschaft der Mongolen zu tun : sie hatten für ihre Freiheit von 
diesen noch mehr zu fürchten als von den Japanern. 

So viele Kriege, Sorgen, Enttäuschungen und Schicksalsschläge 
ließen Kubilä schließlich Japans vergessen. Hatte er ja kaum Zeit, 
die sich aufdrängenden Kriege zu führen. Und auch sein Glück 



— 145 — 

schien den Zenith schon übersehritten zu haben: es glückte nicht 
mehr alles wie ehedem. 

So kam es, daß er 1292 den japanischen Handelsschiffen er- 
laubte, ruhig und ungestört in China zu landen. Man hatte ihm 
nämlich berichtet, diese japanischen Schiffe seien voll Waffen und 
Soldaten. ^Lalit sie ruhig Handel treiben, bringt ja der Handel 
Geld ins Land", war seine beruhigende Antwort. Von Feind- 
seligkeiten gegen Japan war keine Rede mehr. 

Er begnügte sich, in den Küstonprovinzen einen General zu be- 
auftragen, der die Schiffe zu beschützen und die Häfen zu überwachen 
hatte, daß nicht die schon damals häufig erwähnten Seeräuber sich 
einschmuggelten und Unglück verursachten. So entwickelte sich der 
Handel zwischen China und Japan ungemein schnell. 

Jetzt liatte Kubilä wenigstens mit Japan Ruhe. Sonst gab 
es noch fortwährend Kriege, z. B. mit Annam. Auch ein Prinz erhob 
sich im zwölften Monate 1292 wider den alten Kaiser, der seinen 
Vertrauensmann, den tüchtigen General Bayan, gegen den Empörer 
schickte. 

Schon im ersten Monate des Jahres 1294 starb Kubilä nach einem 
achtzigjährigen vielbewegten Leben. Im zwölften Monate desselben 
Jahres starb auch Bayan, der alte Kriegsheld. Es waren ungefähr 
alle großen Männer, welche China erobert und die Mongolenherr- 
s<*haft zu so hohem Glänze gebracht hatten, mit ihnen verschwunden. 
Gewiß waren sie die größten Männer jener Mongolen- Epoche. 



7. Timur-Khan oder j^ ^ Tscheng-dsung (1295 - 1307) und 
die übrigen Mongolen-Kaiser in ihren Beziehungen zu Japan. 

Dem alr(m tüchtigen Kubilä folgte sein Enkel Timur, ^ ?(c 
5J Tie-mu-örl, wie die Chinesen schreiben, der dritte Sohn des ver- 
storbenen Kronprinz(^n 9k ^ Dschen-djin. Doch starb er schon 
nach einer kaum zwölfjährigen Regierung im dreiundvierzigsten Jahre 
seines Alters. Timur suchte mit den Japanern wieder freundschaft- 
liche Verbindungen anzuknü])fen. Weil nun die Bonzen in Japan 
' sehr angesehen waren, auch verschiedene japanische Bonzen die 
Heiligtümer der Provinz Dsche-djiaug besucht hatten, betraute der 
Kaiser — llj I-schmiy den Haupt- Bonzen dieser Provinz, mit der 
Gesandtschaft nach Japan. Auch in China waren dazumal die Bonzen 
mächtig und angesehen. »Schon früher hatte Kubilä eine feierliche 

Jax>&ns Btziehangen zu China lU 



— 146 — 

G-esandtechaft nach Ceylon geschickt, um authentische Reliquien 
zu holen. Auch Marco Polo wurde Mitglied jener Gesandtschaft, da der 
Kaiser sicher sein wollte, echte ReUquien und keine Rinderknochen 
zu erhalten. Wie mag sich Marco Polo dabei benommen haben? 

Gleich seinem Großvater Kubilä wollte auch Timur die öf- 
fentliche Meinung für sich stimmen. Darum war er liebenswürdig 
gegen die machtigen Literaten, sowie gegen die nicht minder ein- 
flußreichen Bonzen. Daß er die Leitung der Gesandtschaft nach Japan 
dem Groß-Bonzen — [ll I-schan übertrug, sollte auch dazu dienen, 
den Buddhisten einen eklatanten Beweis seines Wohlwollens zu 
geben. 

Wir geben hier einen Auszug aus dem Briefe, den Timur 
der Gesandtschaft mitgab. „Schon im Jahre 1284 hat unser kaiser- 
licher Hof eine freundliche Gesandtschaft nach Japan geschickt, um 
die ehemaligen, durch lange Jahrhunderte bestandenen gegenseitigen 
freundlichen Beziehungen wieder aufzunehmen, welche durch einige 
Zeit waren unterbrochen worden. Seitdem ich selbst den Thron 
meiner Yäter bestiegen, habe ich mir angelegen sein lassen, mit 
allen Nachbarn meines Reiches den allerfreundschaftlichsten Verkehr 
zu unterhalten. So habe ich's denn für meine Pflicht gehalten, auch 
mit Japan auf freundlichem Fuße zu stehen. Diese Gesandtschaft 
ist ein klarer Beweis meiner Freundschaft für Japan. Der tugend- 
hafte Bonze I-schan wird meinen Brief überbringen und eventuell 
die nötigen Erläuterungen dazu machen, da er alle meine Herzens- 
wünsche kennt. Er schifft sich auf jiipanischen Schiffen ein und 
wird hoffentlich von euch freundlich aufgenommen werden und das 
alte Freundschaftsverhältnis zwischen unsem beiden Ländern wieder 
herstellen. Mein Großvater (Kubilä) hat mir in seinem Testamente 
verordnet, Frieden und Freundschaft mit Japan zu unterhalten; also 
ist dies meine heiligste Pflicht. 

^Wird es nicht auch eurem Hofe genehm sein, dem Volke 
den Frieden zu schenken?^ 

Gewiß ein freundlicher Brief , allenfalls geeignet, eine schwache 
hülfsbedürftige Regierung zu einem Bündnisse zu bewegen. Aber 
das war Japan schon längst nicht mehr. Im Gegenteil. Seit dem 
glorreichen Siege des Tokimune üder die Mongolen fühlte sich Ja- 
pan ungemein stark und brauchte sich um Freund- oder Feind- 
schaft der von ihm Besiegten nicht viel zu kümmern. Darum fand 
Sadatoki, der nach dem Tode des eben genannten Tokimune 1284 als 
Shikken mit kräftiger Hand das Staatsruder lenkte, sich auch gar nicht 
bemüßigt, eine Gegengesandtschaft an den Großkhan zu schicken — 



— 147 — 

nicht einmal eine Antwort schrieb er ihm. Wir sehen, wie sehr das 
Ansehen der Mongolen in Japan gelitten. Timur steckte diese Blamage 
stillschweigend ein und begnügte sich, eine Faust in der Tasche zu 
machen. So kam es denn glücklicherweise zu keinen weiteren Feind- 
seligkeiten. Auch kann man sagen, daß dieser Vorgang auf den Han- 
del zwischen beiden Ländern absolut keinen beengenden Einfluß 
ausgeübt hat, denn der gegenseitige Handelsverkehr blieb immer 
ein sehr reger. 

Früher galt bei den Mongolen das Gesetz, daß der tüchtigste 
der Fürsten auf dem Reichstage aller Großen zum Großkhan erho- 
ben werben mußte. Aber seit^Eubilä war das Reich ein Erbreich, 
und bei den kurzen Regierungen schwacher Fürsten hatten die 
Intriguen einen weiten Spielraum. Das Einzige, was bei den Mon- 
golenkaisern gefällt, ist die Religionsfreiheit, welche sie allen Unter- 
tanen gewährten, trotzdem sie selbst persönlich der eine dem Bud- 
dhismus, der andere dem Dauismus und wieder ein anderer dem 
Eonfuzianismus huldigten. 

Die Mongolenherrschaft in China dauerte nur neunundachtzig 
Jahre (1280 — 13t) 7) unter zehn Kaisern. Wir sehen, die Chinesen 
können schon etwas leisten, wenn sie nur gute Führer haben, wie 
das bei der Vertreibung der Mongolen der Fall gewesen. 

In Rußland herrschten die Mongolen während zweihundert- 
fünfzig Jahreu und wurden erst nach langen schweren Kämpfen 
anno 1480 von Iwan IH. besiegt. 



8. Die gleichzeitigen japanischen Zustände. 

Herrschte in China ein schrecklicher Wirrwar, so sah es in 
Japan vielleicht noch ärger aus. Infolge seines glorreichen Sieges 
über die gefürchteten Mongolen nahm Hojo Tokimune eine ganz 
bevorzugte Stellung unter den Großen im Reiche ein. Nicht blos 
diese, ja sogar den Mikado setzte er in den Schatten. Er war auf 
dem Gipfel seines Glückes angelangt, als er kaum vierunddreißig 
Jahre alt, im Jahre 1284 starb. Wie wir schon früher erwähnten, 
wurde Sadatoki sein Nachfolger als Shikken. Dieser aber dankte 
1301 zu Gunsten seines Sohnes Mortoki (1301 — 1311) ab, jedoch 
behielt er wie gewöhnlich noch die Macht in Händen, um so im Yereine 
mit seinem Sohne seine Familie leichter in die Höhe zu bringen. 

Die Mikado mußten bei Zeiten abdanken, damit immer Kinder 
auf dem Throne säßen und die Hojo allein regieren könnten. Wollte 



— 148 — 

ein Mikado dem Shikken nicht gehorchen, so wurde er verbannt. 
Kurz, alle Gewalthaber und Würdenträger traten gegen die Hojo 
in den Hintergrund. 

Wären diese Hojo solche Genies gewesen wie Tokimune, so 
hätte ihre Familie die Alleinherrschaft wohl länger behalten. Aber 
sie waren nur stolz, anmaßend und rücksichtslos gegen den höchsten 
Daimyo, ohne zu bemerken, welch ein Ungewitter sie gegen sicli 
selbst heraufbeschworen. Denn es bildete sich eine starke Gegen- 
partei, welche die tüchtigsten Männer zu Anführern hatte. 

Im Jahre 1308 war Hanazono, der fünfundneunzigste Mikado, 
als Knabe von elf Jahren von den* Hojo auf den Thron erhoben 
worden; aber schon 1318 zwangen sie ihn, abzudanken und ernann- 
ten Go-Daigo zu seinem Nachfolger. Als dieser die schmähliche 
Bevormundung seitens der Hojo abscliütteln wollte, schickte der 
Shikken sogar eine Armee nach Kioto, der Residenzstadt des Mikado. 
Go-Daigo konnte entfliehen, wurde aber bald gefangen, abgesetzt 
und nach den einsamen Inseln Okishima verbannt. An seine Stelle 
ernannte Takatoki, der neunte und letzte Shikken, den Kogon zum 
Mikado (1331—1333). 

Diese tyrannische, durch nichts gerechtfertigte Willkür dei 
Hojo rief die öffentliche Meinung gegen sie auf und vermehrte die 
schon zahlreichen Gegner dieses Hauses. 

Es glückte Go-Daigo, aus seiner Verbannung zu entkommen 
und nach Nippon, der Hauptstadt des Reiches, heimzukehren. So 
kam es zum offenen Bürgerkriege, der während sechzig Jahren 
Japan verwüstete und mit Blut tränkte. Die Partei des Mikado 
schwor den Hojo und zumal ihrem Stammhalter Takatoki Tod und 
Verderben. Auch der Daimyo Nitta Yoshisada (1301 — 1338) stand 
auf Seiten des Mikado. Nachdem er die Armee der Gegenpartei 
geschlagen, zog er gegen Kamakura, wo die Familie der Hojo 
residierte. Er bemächtigte sich der Stadt und legte Feuer an, um 
sie samt dem Palaste der Hojo zu vertilgen. Takatoki selbst fand 
dabei den Tod am 12. Mai 1333. So waren also die Hojo vernichtet. 
Dieser Erfolg war zumal das Verdienst des Nitta Yoshisada. Aber 
auch Kunosoki Masashige (1294 — 1336), Generalissimus der Truppen 
des Mikado, und der Daimyo Ashikaga Takauji hatten zum Sturz 
der verhauten Hojo mitgewirkt. 

Go-Daigo war ein guter Mann, der nicht leicht Arges von 
jemandem dachte. So sclienkte er denn, trotz der Warnungen des 
treuen Masashige, dem Ashikaga Takauji zuviel Vertrauen und 
ließ ihm zuviel Freiheit. Doch dieser ehrgeizige Mann mißbrauchte 



^ 149 — 

alsbald die Gutmütigkeit seines Herrn. Weil die Hojo vernichtet waren 
und es den nominellen Shogun der kaiserlichen Familie an der nöti- 
gen Energie fehlte, so fühlte Takauji sich berufen, die Verwaltung 
des Beiches in die Hand zu nehmen. Es kam bald zum offenen 
Aufstand. Takauji wurde vom Mikado als Rebelle erklärt, und da 
er sich nicht unterwarf, begann der Krieg von neuem. Masashige 
und Nitta Yoshisada waren zuerst siegreich. Aber der kluge und 
energische Takauji verstand seine Heereamacht zu reorganisieren, so 
daß er in der großen Schlacht von Minato-gawa, einem kleinen 
Flusse zwischen Kobe und Hyogo, über die Truppen des Mikado 
den Sieg davontrug. Masashige blutete an elf empfangenen Wunden, 
aber gleichwohl weigerte er sich, sich zu ergeben. Um zu verhin- 
dern, daß die ganze Armee des Mikado niedergehauen werde, 
mußte Nitta sich zurückziehen. Es war eine der blutigsten Schlachten 
Japans. Go-Daigo mußte fliehen, während Takauji ihn absetzte 
und Komyo (1836 — 1348) zum Mikado erhob. Infolgedessen ent- 
stand ein Schisma: Go-Daigo, der legitime Mikado, im Süden von 
Kioto, und Komyo, die Kreatur der Ashikaga, im Norden. So 
kennen wir nun die südlichen und nördlichen Mikado. 

Takauji blieb allmächtiger Shogun im Norden des Reiches 
und verstand es, alle Feinde zu nichte zu machen. Nitta Yoshinado 
wurde 1338 von einem Pfeile getötet. Somit war der tüchtigste 
Feldherr des echten Mikado verschwunden. Takauji starb am 
Krebse, kaum dreiundfünfzig Jahre alt. Zwanzig Jahre lang hatte 
er unumschränkt regiert und seiner Familie Ashikaga die Würde 
und Macht der Shogun gesichert. Aber auch ihm war des Lebens 
ungemischte Freude nicht zu teil geworden: sogar in seiner eigenen 
Familie hatte er Widersacher. Außerdem ließ ihm die Partei des südli- 
chen Mikado in den gebirgigen Gegenden von Yamato, Yoshino u.s.w. 
keine Ruhe. Sein Sohn und Nachfolger Yoshinori (1359 — 1367) 
war ein tüchtiger General und ein geschickter Diplomat, der es 
verstand, fast alle mächtigen Daimyo von der Partei des Mikado 
an sich zu ziehen. So ward die Partei der Ashikaga von Tag zu 
Tag mächtiger, während die des legitimen Mikado in demselben 
Verhältnisse abnahm. 

Der schreckliche Bürgerkrieg dauerte fort bis zum Jahre 1392, 
in welchem Yoshimitzu (1368 — 1394), der größte und berühmteste 
Shogun aus der Familie Ashikaga, dem Lande endlich den so erwünsch- 
ten Frieden zu geben vermochte, ' Er bestimmte nämlich den 
südlichen und legitimen Mikado Go-Kameyama-, zu Gunsten des 
nördlichen Go-Komatsu abzudanken, unter der Bedingung, daß 



— 150 — 

abwechselnd immer ein Glied der südlichen und dann der nördlichen 
Familie den Thron des Mikado besteigen sollte. Doch hielten die 
Ashikaga ihr geschworenes Versprechen nicht. Als 1412 Go-Eomatsu 
gestorben war, erhob der vierte Shogun, Ashikaga Joshimochi 
(1395—1423), Shoko, den Sohn des Go-Kamatsu auf den Thron. 
Es drohte wohl ein neuer Bürgerkrieg zu entstehen, aber die Ashikaga 
waren mächtig genug, denselben im Keime zu ersticken. Die folgen- 
den Mikado waren alle aus der nördlichen Familie. 

Die Ashikaga haben von 1338 — 1573 Japan fünfzehn Shogun 
gegeben. Wie wir schon gesagt, waren sie ebenso wie ihre Nach- 
folger im Shogunat, die Tokugawa (1603 — 1868), Seitenlinien der 
großen Familie Minamoto, welche den Titel Shogun erbUch beses- 
sen hatte. 



9. Die Handelsbeziehungen zwischen Japan und China 

unter den Mongolen. 

Wie wir schon oben gesagt, hatte sich der Seehandel unter 
der Dynastie der 5R Sung (960 — 1275), zumal mit Japan, außer- 
ordentlich entwickelt. Zwar hatte der Krieg anfangs eine merkliche 
Stockung, ja Unterbrechung verursacht, aber noch zu Lebzeiten des 
Eubilä wurden die Handelsverbindungen zwischen Japan und China 
wieder hergestellt und sogar so rege, daß die mongolische Regierung 
es für notig erachtete, einen eigenen Generalintendanten in jedem 
der geöffneten Häfen einzusetzen. Dieser Beamte hatte volle Gewalt, 
alle Streitigkeiten zu schlichten, Ordnuiigs- Maßregeln festzusetzen 
und die Polizei in den Häfen auszuüben. 

Die beiden meistbesuchten Häfen waren '^ JH| Dscha-pu, zwan- 
zig Li südöstlich von ^ ^ Ping-hu und {j|t f$ Han-pu, sechsund- 
dreißig Li im Süden von ^ Jfi Hä-ien, beide Unterpräfekturen von 
jK Ä Djict-hing. Der Grund, warum dieselben sich so außerordent- 
Hch entwickelten, lag in der Verbindung mit dem Kaiscrkanal, der 
alle nur erwünschten chinesischen Handelsartikel herbeiführte. Die 
Städte längs dieses Kanales, wie Su-dschou, Djia-hing, waren blühend. 
Aber Hä-ien hatte sich bei diesem lebhaften Handel dermaßen 
entwickelt, daß seine Bevölkerung um ein Fünftel größer ward als 
die von Djia-hing und die Stadt vom Kaiser zum Range eines Dschou, 
d. i. Prafektur zweiten Ranges, erhoben wurde. Auch in den zwei 
Häfen von Kan-pu und Dscha-pu wuchs die Bevölkerung beständig: 
man konnte nicht genug Häuser bauen, um den Leuten die notwen- 



— 151 — 

digen Wohnungen zu verschaffen. Die so selbstbewußten, stolzen 
Japaner wurden bei ihrer großen Zahl kühn und unverschämt und 
glaubten, ihnen müsse alles erlaubt sein. Da sich unter den japa- 
nischen Eaufieuten auch viele herabgekommene Samurai, d. h. Leute 
der Kriegerkaste befanden, welche mit dem Schwerte gut umzugehen 
wußten, hatten sich allmählich gefährliche Elemente in den Häfen 
angesammelt. Es kam zu Totschlägen, Balgereien und andern Un- 
ruhen, wobei das zahlreiche (lesindel sich angelegen sein ließ, 
tüchtig zu rauben. Die Unverschämtheit der Japaner wuchs mit 
der Schwäche der Regierung. So kam es, daß zahlreiche Banden 
Japaner mit den Waffen in der Hand sich im Jahre 1310 der Stadt 
tt X Tsching-yüan^ d. h. des jetzigen Ning-buo, bemächtigten, das- 
selbe ausplünderten nnd verwüsteten. Sie konnten ihren Kaub 
bergen und nach Japan heimbringen, ohne daß chinesische Truppen 
sie daran gehindert hätten. 

Nachdem ihnen dieser verwegene Streich so gut gelungen und 
so reichen Gewinn gebracht, wuchs ihre Raublust noch immer mehr. 
Zahlreiche bewaffnete Banden kamen nach Dsche-djiang und plün- 
derten dies reiche Land. Niemand wagte sie anzugreifen oder sich 
ihnen zu widersetzen. Aber endlich kamen denn doch kaiserliche 
Truppen, um ihnen das Handwerk zu legen. 

Die Japaner warfen sich in verschiedenen Gefechten mit solcher 
Wut und Macht auf die Kaiserlichen, daß sie allen Widerstand 
brachen. So konnten sie ihr Unwesen ohne Hindernis weiter treiben. 
Rauben brachte mehr ein als Handel. Manchmal machte ein ein- 
ziger Raubzug aus bettlerhaften Hungerleidern reiche Leute. 

Als nun 1360 China sich fast überall gegen die Mongolen 
erhob, waren die japanischen Räuberbanden in ihrem Treiben noch 
weniger gehindert. Das chinesische Gesindel machte mit den japa- 
nischen Räuberbanden Chorus. Sie führten die Japaner in die reichen 
Flocken und Dörfer und benutzten die Gelegenheit, mitzurauben. 
An befestigte Städte wagten sich diese Räuber damals noch nicht. 

Unterdessen hatte der ehemalige Bonze :3c 7C fli Dschu- 
yüan-dschang alle Rivalen um den Kaiserthron besiegt und die Mon- 
golen aus China vertrieben. So bestieg er denn den Kaiserthron 
(1368 — 1398). Dieser tüchtige Kaiser, g^ |^ Hung-u^ d. h. ^großer 
Krieger*' wie er in der Geschichte heißt, fing bald an, Jagd auf 
die Räuberhorden zu machen; aber vernichten konnte auch er sie 
zu seinem großen Leidwesen nicht, wie wir dies des weiteren sehen 
worden. 



Zwölftes Kapitel. 

Japans Beziehungen zu China unter dem 
Kaiser » n Hung-u (1368-1398). 

Wiederholte Eiufälle japanischer Seeräuber in die KUstenprovinzen 

Chinas. Gründung einer chinesischen Kriegsflotte. Unterhandlung 

mit Japan. Vergebliches Bemühen des Kaisers, das Ränberweaen 

auszurotten. Sein Tod. 

(loiii .\iifiinfjo soiiirs Vt'rkolirs iiiitCliiiia unter der Dyna.'itic 
I llan im Jnliro .">7 nach Ohristiis bis zur Dynii.«lio 
f 'l'anf, f(;18— !I07} Wiir .Iai>au l.oi (Jliiiiii in die Schul.- 
;ffanfjen und hiitti; zuinfti unter der gliiii/eiiden Dynasiii' 
Tang viel von 'Üiina gelernt. Bcsimdcrs bat es sieb die cbinrsischi' 
Litovafiir und die Kunst der Keiflisverwultung ungeeignet, dabei 
jed()cb seine eigene Xatiiinalitiit nirlit nufgogcbon. Denn der .Tiipani'r 
war und iüt ein Henker und l'raktiliiis; iIhs <iiite nimmt er, wo rr"n 
findet, aber er siii'lit es mit di^r Zeit soinon vatorlfindisciien Tra- 
ditionen anzupassen iiml nn<'h vatcHändiscltem Typus umzugestalten 
und zu vorvidlkommnen. Naiib fler entsetzliclieri >'iederlage der Mim- 
golen im Jabre 1281, w« von einer Armee von bundcrtdroilügtausond 
Kriefforn sag' und si'breibe nur drei llann nach Jiinger (Jefiingcn- 
scbafl in rbr Vaterbind ziirüi^kki'brten, waren die Japaner siObsi- 
bowullt lind stolz gewiirden, obwidd dieser Sieg ntleidiar nicht ein- 
zig ihrem .Mute, somlern zinneist giitHielter Schickung zuzusebreihen 
war. Denn wer weifl. wenn jeni'r ungeheure Typbon ilie Flotte 
der Mongolen nicht /.ersiiirt und nicht die Hälfte der Krieger im 
Meero begraben hatte, wie's dann Japan ergiiiifjon wäre, .letzt iiat- 
ten sie nur die Mühe, <lie andere fülii-erioso Hälfte der Armee 
iibzuschlaiditen. Infolge ibnw Solbstbewnlitseius wurd<Hi in Zukunft 



HBMi 



— 158 — 

die Japaner die Angreifer. Die Nachfolger des gewaltigen Kubilä 
waren zumeist unbedeutende Herrscher. Überdies verstanden die 
Mongolen es nicht, sich dem chinesischen Charakter anzubequemen. 
Somit war ihre Herrschaft wenig volkstümlich und stand nur auf 
schwachen Füßen. Kleine Aufstände wiederholten sich oft. Seit 
1350 fanden solche fast in allen Provinzen statt. Die Japaner 
waren dank ihrer guten Spionage betreffs China immer auf dem 
Laufenden. Sie benützten also diese Unruhen, um im Trüben zu 
fischen. Anstatt Handel zu tieiben, machten viele von ihnen regel- 
rechte Kaubzüge in die reichen Provinzen Chinas längs der Meeres- 
küsten. Solche razzie brachten ihnen weit mehr ein, als ehrlicher 
Handel. Tnd da es bei schändlichen Unternehmen gewohnlich nur 
den ersten Schritt kostet und das Gewissen bald überhört wird, so 
fuhren die Japaner mit diesen Raubzügen fort. Ja, als sie sahen, 
daß die kaiserlichen Truppen ausblieben, wurden sie immer kecker 
und fielen mit noch größeren Mannschaften ins Land ein. 

Aber endlich (im Jahre I2G8) saß Hung-u, der große Gründer 
der Dynastie H^ Ming^ fest auf seinem Throne. Er war ein kluger 
und tatkräftiger Herrscher und einer der tüchtigsten Kaiser, die 
China je gehabt. Leider stand ihm noch keine Kriegsflotte zu Gebote, 
mit der er das Räuberwesen hatte vernichten können. Daher 
sann er vorläufig auf andere friedliche Mittel. Er schickte im Jahre 
1869 den Crroßherrn ^ ^ Yang-dsä als Gesandten nach Japan. In 
s(»inem Briefe an den König oder, wie man jetzt sagt, Kaiser von Japan, 
t(Mlte er demselben den Wechsel der Dynastie und seine Thron- 
besteigung mit. Hätte Japan sich über die vorige Dynastie zu 
beklagen gehabt, so werde die neue Dynastie zu keinen Beschwer- 
den Anhiß geben; er, der Kaiser, habe den besten Willen, mit 
seinem Nachbar Japan in Frieden zu leben. „Aber,**' fuhr er klar 
und deutlich fort, „japanische Seeräuber machen noch immer Kaub- 
züge in die Provinzen längs des Meeres, berauben und töten mein 
Volk, schleppen viele Leute, zumal Frauen und Kinder, in die Ge- 
fangensciiaft, verwüsten ganze Kreise, ja ganze Provinzen. Ein 
solches lläuberwesen kann ein seines Namens würdiger Herrscher nicht 
dulden". Er bat also ganz freundlich, die japanische Regierung 
möchte diesem Unwesen ihrer Untergebenen steuern. 

Aber die japanische Regierung würdigte ihn nicht einmal einer 
Antwort. 

Von einem „ Kaiser*' von Japan konnte zu jener Zeit keine 
Rede sein. Damals gab es zwei Mikado, einen südUchen legitimen, 
Clu)-kei (lBG9-.18(i2), und einen nördlichen, Go-Kogon (1323—1373), 



— 154 — 

unier denen die seit 1331 geführten Bürgerkriege fortdauerten. 
Der eigentliche Herr im Lande war aber seit langer Zeit, zumal 
seit 1192, nicht mehr der Mikado, sondern der Shogun. Seit 1^38'^ 
hatte, wie wir wissen, die Familie Ashikaga das Shogunat inne. 
Zur Zeit, die uns jetzt beschäftigt, war Yoshimitzu (1368 — 1408) 
Shogun. Als er diese hohe Würde erlangte, war er ein Kind von 
zehn Jahren. Aber der als Feldherr und Diplomat so berühmte 
Daimyo Hosokawa Yoriguki, war sein Ratgebor und der eigent- 
liche Regent. Unter seiner Leitung und GUlfe hat Yoshimitzu sich 
zum größten Shogun der Familie Ashikaga, welche von 1338 bis 
1573 Japan beherrschte, entwickelt. Der Mikado hatte nichts mehr 
mit der Regierung zu tun. Er sollte sich nur um seine verstorbenen 
Ahnen bekümmern und über die Eitelkeit und Vergänglichkeit dieser 
Welt Betrachtungen anstellen. Deswegen hatte man ihn ja der 
schweren Sorgen der Regierung enthoben. — Gewiß ein sehr liebens- 
würdiger Vorwand, um die eigenen Intriguen zu bemänteln! 

Der Shogun und seine Ratgeber waren sich ihrer Stärke bewußt. 
Sie gaben sich nicht einmal die Mühe, dem chinesischen Kaiser 
zu antworten. Die Raubzüge ihrer Landsleute mochten ihnen auch 
nicht gerade mißfallen, brachten dieselben ja beträchtlichen Reichtum 
in das arme und durch die fortgesetzten Bürgerkriege noch mehr 
heruntergekommene Land. Während der chinesische Gesandte noch 
in Japan war, machten zahlreiche Banden ihre Raubzüge teils in 
der nördlichen Provinz llj TR Schan-dung^ teils in der Provinz fjfi 2t 
Dscke-djiang wo sie in den Gebieten von ^ "^ Ning-htw und ;gj 
jHi Win-dschoUj schrecklich hausten. Zwar waren Truppen in den 
Küsten-Provinzen, um dieselben gegen die Einfälle der Japaner zu 
schützen; zwar hatte Hung-u gemessene Befehle zur Ausrottung des 
Räuberweeens gegeben und die Ausführung fähigen und getreuen 
Generalen übertragen: aber das alles half nichts. Die Japaner waren 
durch Spione gut unterrichtet, wo die Truppen ständen und wichen 
der Gefahr eines Kampfes immer aus, so daß, wenn die Soldaten ihnen 
entgegenzogen, sie mit ihrer Beute schon davon gelaufen waren. Zu 
gleicher Zeit plünderten und verwüsteten andere Räuberbanden aus 
Japan die ungefähr fünfhundert Li weiter nördlich gelegene Präfck- 
tur von fH[ jfh Su'dschou^ und wieder andere beraubten die Insel 
.^ ^ Tschung-miftg im Astuär des Yang-dse-djiang, ohne von den 
Kaiserlichen gehindert werden zu können. Nur die Banden, welche 
im Gebiete von ;;fc ^ Tä-tsang hausten, ließen sich überraschen. 
Ein Hauptmann mit wenigen Soldaten hatte gute Landleute mit 
allerhand Instrumenten bewaffnet und in einen Hinterhalt gelegt. 



— 155 — 

Die Japaner, allzu vertrauensselig, hatten keine Wachtposten aus- 
gestellt, während sie, über die gemachte Beute hocherfreut, sich 
dem Schmausen überließen. Plötzlich fiel man aus dem Hinter- 
halte über sie her, tötete eine gute Anzahl und trieb die andern 
ins Wasser, wo sie ertranken oder gefangen genommen wurden. 
Nur wenige entkamen mit einiger Beute. Der Kaiser war so er- 
freut, daß er den tapfern Hauptmann mit seinen Gefangenen sich 
vorstellen ließ. Um die anderen Befehlshaber und Soldaten anzu- 
feuern, belohnte er den Offizier reichlich. Gern hätte er jenes 
Räubergesindel mit Stumpf und Stiel ausgerottet, denn er glaubte sich 
von demselben geneckt und seiner kaiserlichen Würde verhöhnt. Darum 
war sein Zorn auch nicht zu besänftigen, wenn er erfuhr, daß einer 
seiner Generäle den Räuberhorden gegenüber seine Pflicht nicht 
tue. War derselbe überführt, dann wurde er ohne Gnade und Barm- 
herzigkeit geköpft. G«wiß eine harte Strafe, besonders wenn man 
sich in den Aberglauben der Chinesen hineindenkt. Denn wie sollte 
einer ohne Kopf sich seinen Ahnen im Totenreiche vorstellen können P 
Und wie sollte er, der ja infolge der Seelenwanderung nach so und 
soviel Generationen wieder auf der Erde erscheinen wird, sich da 
ohne Kopf sehen lassen können? Schon allein der Gedanke an eine 
solche Schmach bringt ihn fast zur Verzweiflung. 

Hung-u war über die Japaner umsomehr ergrimmt, als sie 
das einzige Reich waren, welches sich weigerte, vor dem hohen 
Sohne des Himmels in den Staub zu sinken. Alle benachbarten 
Staaten hatten sich beeilt, ihm ihre demütigste Aufwartung zu 
machen. „Selbst bis zu den Inseln j^ ^ Liu-tchiu im fernsten 
Ozean war der Wohlgeruch der erhabenen kaiserlichen Tugenden 
gedrui\gen und hatte die Fürsten dieser Inseln angelockt, den neuen 
Herrscher zu begrüßen und sich ihm für ewige Zeiten zu unter- 
werfen^, sagt der höfische Geschichtschreiber. Japan hingegen, das 
seit vielen Jahrhunderten so viele Wohltaten von China erhalten 
und sich stets als untertänigsten Yasall anerkannt hatte, weigerte 
sich nun, an seinem Hofe zu erscheinen, ja es sandte ihm sogar 
unliebsames Gesindel herüber, um China zu plündern. 

Hung-u war ein vernünftiger Mann, der sich von allem Rechen- 
schaft geben ließ. Er forschte also nach, warunl die Japaner sich 
gar so anstößig benähmen. Da er erfuhr, das sie ehedem in den 
Häfen von -^ Jffl Dscha-pu, ^ ^ Kan-pu^ Ning-buo u. s. w. hatten 
nach Belieben Handel treiben dürfen, gab auch er diesen Handel 
frei, jedoch setzte er eine Hafen-Ordnung fest, um die Ruhe in diesen 
großen Handelszentren aufrecht zu erhalten. Die Gebühren für 



— 156 — 

Einfuhr und Ausfuhr setzte er gleichfalls fest und bestimmte, welche 
Artikel nicht zulässig seien, z. B. Salz u. s. w. 

Kurz, auch hier zeigte sich der Kaiser als ein weiser und 
vorsichtiger Herrscher. Er wollte die Japaner durch Güte gewinnen. 
Der Wohlgeruch seiner erhabenen Tugenden sollte auch sie bekehren. 

Nachdem er sich lange mit seinen Räten und Diplomaten bera- 
ten hatte, fand er's fürs beste, einen neuen Gesandten nach Japan 
zu schicken. Denn in der Diplomatie sind die Chinesen alte, äußerst 
erfahrene Meister. So begab sich denn der Groß Würdenträger ^' 30^ 
DschaU'dsche im Jahre 1370 mit einem stattlichen Gefolge als Ge- 
sandter nach Japan. Er sollte den Mikado bestimmen, den Kaiser 
Hung-u als seinen Lehensherm anzuerkennen, ihm als solchem eine 
Ehrongesandtschaft und angemessene Geschenke zu schicken, natürlich 
auch seinen Untertanen ihre Räubereien zu verbieten. 

Ein solches Ansinnen beweist aufs klarste, daß der kaiserliche 
Hof von China durchaus die japanischen Zustände nicht kannte. 

Dsohau-dsche wurde von Japan sehr unfreundlich aufgenommen. 
Bei seiner Ankunft im Hafen von ;^ TfC ^ Si-mu-yä (Shimonoseki) 
wurde er angehalten und ihm trotz aller kaiserlichen Empfehlung 
und Beglaubigung der Zutritt zum Lande verweigert. Nach langen 
Verhandlungen wurde er endlich zugelassen, weil wahrscheinlich 
der Shogun seine Zustimmung ausgesprochen. Der junge Herrscher 
wird vom* chinesischen Geschichtschreiber ß. «^ Liang-huä genannt. 
Es kann aber kein anderer sein als Yoshimitzu, der jugendliche 
Shogun, von dem wir oben gesprochen. Er benahm sich sehr freund- 
lich und lud zum größten Erstaunen aller Chinesen den Gesandten 
sogar zum Sitzen ein. 

Dschau-dsche hub an, die Tugenden des hehren. Sohnes des 
Himmels auf dem chinesischen Throne zu preisen und die zu 
beglückwünschen, denen es vergönnt sei, ihn als ihren Lehensherrn 
anzuerkennen. Japan möchte seiner Geschichte doch nicht vergessen 
und sich einfach als Vasall von China erklären, wie ehemals die 
Herrscher e.s so gerne getan. 

„Wir Japaner," erwiderte der Shogun, „befinden uns in einer 
so großen Entfernung von China und leben gewissermaßen an den 
fernsten Enden der Erde, aber gleichwohl haben wir von der 
hohen Zivilisation Chinas gehört und mit großer Vorliebe freundliche 
Beziehungen mit diesem eiche Runterhalten. Nach den alten freund- 
lichen und tugendreichen Kaisern Chinas haben sich aber die wilden 
Mongolen Chinas bemächtigt. Nachdem sie dieses Reich unterjocht 
hatten, wollten sie es nach Unterwerfung noch anderer Staaten 



— 157 — 

auch mit uns yerduchen. Zu diegem Zwecke Bandten sie uns im 
Jahre 1271 den verhaßten j@ Jft. $S$ Dschau-liang-bi als Gesandten. 
Dieses Mannes einzige Aufgabe bestand darin, uns aufs schwärzeste 
zu belügen und während seines langen Aufenthaltes unser Land 
und seine Streitkräfte auszuspionieren. In der Tat; wenige Zeit 
nach seiner Rückkehr nach China schickten die Mongolen ihre 
erste Armee zur Unterjochung Japans, im Jahre 1274. Nachdem 
die Götter und unser Mut diesen ersten feindlichen Einfall zurückge- 
schlagen, kam wenige Jahre später, im Jahre 1278, eine unzählige 
Flotte mit mehr als hundertdreißigtausend Mann zu einem neuen 
AngriflFo auf Japan. Glücklicherweise schickte der Himmel einen 
«einer wütendsten Typhone, vernichtete die ganze Flotte und ertränkte 
die wilden Räuber im Meere. Dem Himmel allein verdanken wir 
es, von jenem mongolischen Tyrannen befreit geblieben zu sein. 
Nach solch einer Untat haben wir natürlich alle Beziehungen mit 
China abgebrochen. 

„Aber da kommt uns heute abermals ein Gesandter mit Namen 
jB Dschaiil Sind Sie nicht etwa aus der Familie jenes verhaßten 
Dschau-liang-bi? ein verkappter elender Verräter, mit Honig auf der 
Zunge und Gift im Herzen, ein abgefeimter Meister im Lügen und 
Betrügen, dem es einzig darum zu tun ist, unser Land auszukund- 
schaften, um es dann mit Heeresraacht zu unterjochen . . . ** 

Nach diesem wütenden Ausfall rief der Shogun seine Leibwache : 
„Ergreift diesen Yerräter,^ schrie er, ;,und führt ihn alsogleich zum 
Tode! ^ 

Dscliau-dsche antwortete mit der größten Ruhe: „Unser erha- 
bener jetzt regierender Kaiser ist ein Kraftgenie und Tugendmuster, 
welcher gleich der Sonne am Firmament das Weltall erleuchtet. 
Er ist ein echter Chinese, der gleich den alten Kaisern ganz der 
Tugend und dem Wohle seines Volkes lebt und nichts von den 
Untugenden eines Mongolen an sich hat. Was mich selbst betrifft, 
so trage ich zwar den Namen ifi Dschau^ bin aber keineswegs von 
der Familie des übel beleumundeten Dschau-liang-bi. Wenn Sie 
Gründe haben, an der Wahrheit meiner Worte zu zweifeln, gut, 
dann ergreife man mich und führe mich zum Tode. Sie würden 
aber nur ein himmelschreiendes Verbrechen begehen, indem Sie mich, 
einen Gesandten und Friedensboten, einen aufrichtigen Freund, zum 
Tode führten. Der Sch&den würde nur Sie selbst treffen; denn 
unser Kaiser könnte eine solche Untat nicht ungesühnt vorüber- 
gehen lassen: es würde zum Kriege kommen. Und gerade im 
Kriegeführen steht unser Kaiser glänzend da. Einer seiner Leute 



V 



— 158 — 

schlägt hundert Feinde zu Boden; eines seiner Kriegsschiffe über- 
trifft hundert solcher, welche die Mongolen hatten. Überdies ist 
unser Kaiser der Abgesandte des Hinunels: wer aber hätte je dem 
Himmel widerstehen können? Der Unterschied zwischen unserem 
jetzigen Kaiser und den Mongolen ist der denkbar größte: die Mon- 
golen wollten euch nur ausrauben und bedrücken, während unser 
Kaiser euch nur liebt und alles Gute wünscht^. 

Diese kluge ßede des chinesischen Diplomaten gewann aller 
Herzen und zerstreute alles Mißtrauen. Fortan ward Dschau-dsche 
aufs freundlichste behandelt: die japanische Regierung bewies auf 
alle Weise, daß sie mit China auf freundlichem Fuße stehen wolle. 
Die japanische Geschichte bestätigt ausdrücklich, daß der Shogun 
Toshimitzu wieder freundliche Beziehungen mit China angeknüpft 
habe. 

In diesem Jahre 1370 hatte ein starker Nordost-Sturm, der 
zugleich mit der großen Meeresflut zusammenfiel, den alten großen 
Meeresdamm von Hang-dschou nach Schanghä teilweise niedergeris- 
sen und die Ebene von M 9lM J^ßa-hing-fu in Dsch^-djiang über- 
schwemmt. Das Meerwasser hatte die ganze Ernte verdorben und 
somit furchtbaren Schaden angerichtet. 

Der für sein Volk so sorgsame Kaiser nahm alsogleich das 
lange vernachlässigte Werk in die Hand. Erst ließ er die notwen- 
digen Reperaturen machen. Dann baute er an den am meisten 
ausgesetzten Stellen einen Steindamm. Die Steine waren gut und 
glatt behauen, sechs bis acht chinesische Fuß lang und mehr als ein 
Fuß breit und hoch. Obwohl sie aufs beste zusammenpaßten und 
keine Lücken ließen, wurden sie noch mit eisernen Klammern ver- 
rammt, die wieder mit Blei begossen und befestigt wurden. Der 
Damm war ein Fuß höher als die höchste jemals beobachtete Flut- 
welle. Hinter dem Steindamm befand sich ein fünfmal breiterer, 
fest geschlagener Lehmdamm, der den Steindamm an Höhe noch 
überragte. Außerhalb des Steindammes wurden an verschiedenen Stel- 
len noch Wogenbrecher gebaut. Auch große Baumstämme wurden 
eingerammt, da sich diese immer so gut bewährten. Es war ein Biesen- 
werk, an dem man bis 1381 baute. Soldaten und Bauern in einem 
Kreise von etwa hundert Meilen wurden herangezogen, um an dem 
so nützUchen, ja notwendigen Unternehmen zu arbeiten. 

Trotz der wieder erneuerten Freundschaft und während der 
Gesandte noch in Japan weilte, fuhren die Japaner fort, China zu 
plündern. Li diesem Jahre hatten sie die Provinz Schantung aufs 
ärgste verwüstet. Hung-u war daher heftig ergrimmt. Xoch im 



— 159 — 

Herbste 1370 schickte er eine neue Gesandtschalt nach Japan. In 
seinem Schreiben sagte er: »Der Herr des Himmels, t ^ Schang-di^ 
liebt alles, was er geschaflFen und verabscheut alle die, welche seinen 
Geböten zuwider handeln und keine Menschenfreundlichkeit üben. 
So hat er die unmenschUchen Mongolen weggefegt, welche sich die 
Herrschaft über China angemaßt, um das Volk zu unterdrücken. 
Der allgemeine Unwille des Volke^-^teigerte sich allenthalben zu Haß 
und Aufruhr, das ganze Reich cftitbehrte der Kühe und des Friedens. 
Gewissenlose Japaner benutzten diese Gelegenheit, um wieder, statt 
ruhig Handel zu treiben, wi^ ihnen erlaubt war, das friedliche Volk 
zu berauben und zu plündern und so die Unruhe und Unsicherheit 
Chinas noch zu vergrößern. So waren seit 1351 im Reiche die 
inneren und äußeren Unruhen fast allgemein. Das Volk wurde 
bedrückt und konnte sich in seinem Unglücke nicht mehr des Le- 
bens freuen. Beim- Anblick einer so schmählichen Unfähigkeit der 
Regierung ergriff mich Scham und zugleich Mitleid mit dem so 
unglücklichen Volke, das der Willkür innerer und äußerer Bedrücker 
hilflos preisgegeben war. So ließ ich mich endlich bewegen, den 
Harnisch anzulegen und die Streitaxt zu ergreifen, um die elenden 
Bedrücker des Volkes zu bekämpfen. Während zwanzig langer 
Jahre war ich vollauf im Anspruch genommen, die Revolutionäre 
und unruhigen Elemente des Reiches zu unterdrücken. Ich mußte mich 
bewaffnet zur unentbehrhchen Ruhe niederlegen und hatte kaum 
Zeit, ein wenig Nahrung zu mir zu nehmen. Dieser tatkräftige Eifer 
und meine aufrichtige Liebe für das unglückliche Volk gewannen 
mir viele Freunde, mit deren Hilfe ich endlich nach mühsamer Ar- 
beit alle Empörer und öffentlichen Feinde des Reiches niederge- 
schlagen habe. 

^Alle Nachbarn meines Reiches kamen, um mir Glück zu wün- 
schen zu jener Friedenstat. Japan allein hielt es nicht der Mühe 
wert, sich über den in China wiederhergestellten Frieden zu freuen. 
Im Gegenteil fährt es fort, Unordnung und Unfrieden in meinem 
Reiche, wenn möglich, wieder anzufachen. Immer wieder kommt 
Raubgesindel aus Japan, verwüstet, plündert und brandschatzt 
die ganze lange Meeresküste meines Reiches. Nicht zufrieden, die 
bewegliche Habe des Volkes zu rauben und unbewaffnete Leute 
ganz auszuplündern, wagen es diese Übeltäter noch, unschuldige arme 
Greise zu töten und Kinder und Frauen in die Gefangenschaft ab- 
zuführen; ja ihre Bosheit ist so arg, daß sie die ausgeplünderten 
Häuser sogar noch anzünden. Wo diese Horden eindringen, lassen 
sie nur eine Wüste zurück. 



— 160 — 

^Seit Anfang meiner Thronbesteigung liabe ioli Japan ersuch t, 
solche Leute im eigenen Lande zu behalten. Weil nun trotzdc^m 
immer noch so verruchtes (Gesindel mein Volk zu bedrücken wagt, 
habe ich die strengsten Befehle gegeben, die Küsten gut zu bewachen 
und Angreifer mit der Schärfe des Schwertes zurückzuweisen: denn 
solche l'ntaten kann ich über mein Volk nicht ergehen lassen, ist 
es euch mit eurer Freundschaft Ernst, so schickt mir, eurem Lchejis- 
herrn, eine Gesandtschaft mit den» üblichen Geschenken. Weigert 
ihr euch dessen, so übt eure Krieger, und schärft eure Schwerter 
im eigenen Lande, und lasset eure Nachbarn nur in Ruhe. Denn 
der Himmel liebt den Frieden und verlangt, daß die Volker in Ruhe» 
das Leben genießen. Fahren eure Räuberhorden fort, ihr schwarzes 
Handwerk zu treiben, so werden meine Kriegsschiffe ihnen ohn(* 
Barmherzigkeit zu Leibe rücken; ja es kann geschehen, daß sie bis 
zu euch kommen und euch als Helfershelfer der Räuber bestrafc^n. 
Indem sie dies tun, werden sie nur die Befehle des hehren Him- 
mels vollziehen, welcher die vertilgt und ausrottet, welche der Mensch- 
lichkeit vergessen und seine Gesetze mißachten". 

Der Stil ist ganz der eines Konfuzianers, was zu sein Hung-u 
seit Anfang seiner Regierung ja feierlich erklärt hatte. 

Das im Innern so zerrüttelte und durch Parteien gespaltete 
Japan wollte mit dem kampfgeübten, einigen (Jhina keinen Krieg. 
Somit schickte der Shogun Yoshimitzu endlich eine Gesandtschaft 
nach China, deren Haupt der gelehrte und angesehene Bonze jQ 3j$ 
Dsu-lä war. Sieben andere Bonzen und ein zahlreiches Gefolge 
begleiteten ihn. Zu jener Zeit waren die Bonzen in Japan sehr 
angesehen und mächtig. Yoshimitzu wurde im Jahre 1394 auch 
Bonze, um so Hoffnung und Anrecht zu haben, in den westlichen 
Bonzenhimmel kommen zu können. Diese Bonzengesandtschaft w ar also 
nach japanischer Anschauung sehr elirenvoll, obwolü sie nicht im Ge- 
schmack der Chinesen war. Denn in China war der Buddhismus lange 
verfallen, und die Bonzen galten kaum für ehrenhafte Leute. Als G(^- 
schenke brachte die Gesandtschaft prachtvolle japanische Pferde und 
kostbare Landesprodukte. Auch siebenzig früher gefangene Chin(^scii 
brachte sie mit und übergab sie dem Kaiser. 

Aber selbst zur Zeit dieser freundlichen Gesandtschaft ftelcm 
japanische Räuberhorden in der Provinz Fu-djien und Hsche-djiang 
ein, wo sie besonders im Gebiete von f^ jVi ^^ in-dschou schreck- 
lich hausten. Andere plünderten unter der Leitung zweier (/hinesen 
fli IB ^ J^schnng-fU'tsüan und 4^ ^ A I^i-fu-jen die Küste von 
Kuang-dung. Sie hatten auf zweihundert Schiften eine Anzahl Japaner 



— 161 ~ 

ins Land geführt, denen sich noch eine Unmasse chinesischen Ge- 
sindels anschloß. Glücklicherweiso war der Statthalter jener Provinz 
ein tatkräftiger und entschlossener Mann. Sich wohl hewuik, um was 
es sich handelte, hatte er brauchbare junge T^eute ausgehoben 
und gut geschult. Mit ihnen schlug er die zahlreichen Banditen bei der 
Stadt IJI §t Ihchan-tching aufs Haupt und vortrieb das ganze 
Gesindel aus dem Lande. Die Nachricht dieses Sieges erfreute den 
Kaiser aufs- höchste. Andererseits aber mußte er sich auch mit Recht 
darüber ärgern, daß einheimisches Gesindel es mit den Japanern 
hielt und dieselben' unterstützte. 

Da Hung-u gesehen hatte, daß die Japaner so viel auf gelehrte 
Bonzen hielten, versuchte er mit Hülfe solcher Leute auf dieselben 
einzuwirken. Er suchte acht kluge und tugendhafte Bonzen aus 
und schickte sie 1372 anscheinend als Ehrengeleite mit der heim- 
kehrenden Gesandtschaft nach Japan, in der Tat aber um, wie 
gesagt, durch si(». Stimmung für China zu machen. Der Obere der- 
selben war der gelehrte ß^ ^ HJ Tschin-k^o-djin, Alle erhielten vom 
Kaiser ganz prachtvolle Dienstkleider geschenkt, auf daß sie die 
buddhistischen Feste recht pomphaft feiern und das buddhistisch 
gesinnte Volk gewinnen könnten. Zum Abschied gab er ihnen 
noch folgende Lehre mit: ^('betdie Tugend, verachtet die Güter 
dieser Welt, beweist euch in eurem Betragen als untadelhaft, be- 
zeigt eine wahre Leidenschaft im Dienste eures Kaisers, der euch 
in jenes ferne Land sendet. Da ihr auf seinen Befehl dahin geht, 
80 wird Buddha euch beschützen. Nur laßt euch nicht von eitler 
Ehre blenden; nehmt keine Geschenke an, denn diese verführen 
das Herz''. 

Anfangs taten die Bonzen natürlich, als ob sie aus Interesse 
für ihre japanischen Amtsbrüder gekommen seien ; bald aber suchten 
sie durch ihre Predigten China und seinen Kaiser beliebt zu 
machen. Dadurch, so wie durch splendid<^ Geldspenden gewannen 
sie in Bälde einen großen Anhang. Ihre Freunde machten indes 
eine so offenkundige Propaganda füi" China, daß die Regierung 
argwöhnisch gemacht, schließlich diese Bonzen ins Gefängnis warf 
und zwei Jahre lang i^^efangen hielt. Erst auf Verwenden Hung-us 
wurden sie aus der Haft entlassen. 

Wie vorhin bemerkt, plünderten zahlreiche Räuberbanden trotz 
der Gesandtsoliaft docli noch die Küstenstädte von Fu-djien und 
Dsche-djiaug. Chinesische Spione unterrichteten sie genau, Vo kai- 
serliche Truppen standen und führten sie sogar in die reicheren 
Flecken und Ortschaften, wo sie in kurzer Zeit reiche* Tknite machen 

Japans Beziehungen zu China 11 



— 162 — 

und wieder eilig abziehen konnten. Der chinesische Räuberhaupt- 
mann 2t i)jc £ Schin-haU'tung kam mit seinen Banden auf einem 
großen Floße und griff die Stadt ^ jf$ Ning-hä nördlich von Hang- 
dschou an. Auf so ein großes Floß konnten sie eine Unmasse von 
Beute laden. Sie fuhren erst ab, als das Floß fast bis zum Unter- 
sinken beladen war. Solche großartige Plündereien waren das Werk 
von einigen Tagen. Die B(mte war geborgen, ehe auch nur ein 
kaiserlicher Soldat sichtbar wurde. 

Die Notwendigkeit einer Kriegsflotte hatte Hung-u seit dem 
Antritte seiner Regierung erkannt. Er hatte also verordnet, mög- 
lichst bald eine solche zu bauen. Aber wo sollte man die SchilFs- 
bauleute hernehmen? Handwerke müssen gelernt und geübt sein. 
Aber seit zwanzig bis dreißig Jahren lagen wegen der beständigen 
Unruhen die Handwerke danieder, und von Kunstfleiß konnte keine 
Rede sein. In versteckton Häfen baute man zwar große SeeschiflPe, 
die aber um schweres Geld an die Seeräuber verkauft wurden. 
Es hielt also schwer, eine Anzahl seetüchtiger Schüfe zu bekommen. 
Man mußte daher vorderhand sehen, die vorhandene kleine Flotte 
möglichst diensttauglich zu maclien. An ihrer Spitze stand damals 
der Admiral ^ ^ TJ-dscheng, Derselbe hielt auf dem Yang-dse- 
djiang eifrig Marinemanöver ab, so daß die Räuber es nicht wagten, 
in seiner nächsten Umgebung ihr Unwesen zu treiben. Vielleicht 
darum wandten sie sich im folgenden Jahre 1373 nach der Küste 
von Schan-dung, welche nicht genügend geschützt war; denn die 
Truppen lagen alle im Inneren der Provinz. Ehe es gelang, sich 
ihnen zur Wehr zu setzen, waren sie schon mit einiger Beute beladen 
abgesegelt. Grerade so machten es andere Banden in Dsch^-djiang. 

Als aber im achten chinesischen Monate, d. h. ungefähr im 
September, des Jahres 1374 diese japanischen Seeräuber in das Ge- 
biet von Su-dschou einfielen, sich also sozusagen bis unter die Augen 
des in Nan-djing residierenden Kaisers wagten, wurde es demselben 
dann doch zu toll. Er befahl seinem Admiral U-dscheng, die Ban- 
diten zu verfolgen und zu vernichten. U-dscheng hatte sein*^ Leute 
besser ausgebildet, als man geglaubt. Es gelang ihm, die Räuber 
auf offener See zu verfolgen und bis zu den Inseln Liu-tchiu zu 
treiben, wo er einen glänzenden Sieg über sie errang, mehrere 
Schiffe erbeutete und eine ziemliche Anzahl Gefangener machte. 

Während dieses Sieges chinesischer Watten plünderten verschie- 
dene Bunden die Küsten von ^ ^ Djiau-dschou^ dem jetzigen 
Pachtgebiete Deutchlands in Schan-diing, ohne von den kaiserlichen 
Soldaten behelligt zu wt^rdon. Die Seeküste Chinas ist eben zu 



— 163 — 

ungeheuer ausgedehnt, um von Landtruppen auf der ganzen Linie 
beschützt zu werden. Der Admiral T-dscheng hatte Befehl und 
Vollmacht erhalten, die Flotto immer mehr zu verstärken, Häfen 
zu befestigen, kurz alle geeigneten Vorsichtsmali regeln zu treffen, 
um die Küstenprovinzen gegen jegliche Einfälle zu schützen. 

Unterdessen kam wieder einmal eine ja])anische Gesandtschaft 
nach China. Da aber die mit den (leschenken abgeschickten Bonzen 
keinen authentischen, d. h. mit dem Siegel des Shogun versehenen 
Brief überbrachte, verweigerte Hung-u nicht nur die übliche Audienz, 
sondern nahm auch deren Geschenke nicht an. Gleichwohl machte 
der Kaiser den enttäuschten Gesandten schöne Geschenke, um 
ihren guten Willen zu belohnen und seine Großmut zu beweisen. 

Noch waren diese Bonzen nicht heimgekehrt, als andere Schiffe 
aus Japan ankamen und von verschiedenen Daimyo allerhand kost- 
bare Geschenke brachten. Diesen Gesandtschaften gegenüber ver- 
hielt sich Hung-u ebenso wie gegen die vorherige. Er beauftragte 
das Ministerium der Rit(m, dem japanischen Hofe und den Daimyo 
eine gute Lektion zugeben: .,e8 dürfe doch wohl männiglich bekannt 
sein, daß nach altem Herkommen die Gesandten authentische Be- 
glaubigungsschreiben mitbringen müßten, und daß diese Schreiben 
auch in sehr demütigen Ausdrücken abgefaßt sein müßten, wie es 
eben einem Vasallen seinem Lehensherrn gegenüber gezieme. Seit 
wann aber sei es denn Brauch, daß Untertanen, wie die Daimyo 
es ja sowohl dem Shogun als auch dem Mikado gegenüber seien, 
sich erlauben dürften, mit dem Kaiser in direkten Verkehr zu tre- 
ten? Der chinesische Hof nehme Ehrenbezeugungen und Geschenke 
nur von gekrönten Häuptern an*^.. 

Dieser energische Brief machte Eindruck. Im Jahre 1376 
sandte der Shogun Yoshimitzu eine ehrenvolle (TJMandtschaft nach 
China, an deren Spitze der Großwürdenträger B§ ^ jS Kni-ting-yung 
stand. Er überreichte ein demütiges Schreiben, worin der Shogun 
sich als g, d. h. Vasallen Chinas erklärte. Der Gesandte sollte auch 
wegen der fortwährenden Einfälle japanischer Räuberbanden um Ver- 
zeihung bitten und erklären, daß es nicht in der Macht des Shogun 
stehe, solche Räubereien zu beseitigen. Und in der Tat war letz- 
teres auch der Fall. Die blutigen Bürgerkriege zwischen dem süd- 
lichen, legitimen Mikado und dem nördlichen dauerten noch immer 
fort. Der Shogun stand auf Seiten des revolutionären Mikado, 
beide Parteien bekämpften sich mit einer wahren Wut. Leben und 
Besitztum wurden sehr gefährdet und geschädigt, sodaiS gar manche 
reiche Familie verarmte. Die allgemeine Verarmung iles Landes 



— 164 — 

■i 

in diesem Bürgerkriege war auch eine I^rsache jener zahlreichen 
Raubzüge nach China, wo man in weniger Zeit sich bereichem konnte. 
Mitglieder großer Familien, selbst aus denen der Daimyo, hielten es 
nicht unter ihrer Würde, an solchen Raubzügen teilzunehmen. 

Hung-u war sehr erfreut über die Gesandtschaft, doch erlaubte 
er sich die Bemerkung, der Brief des Shogun sei noch nicht so devot 
abgefaßt, wie es sich für einen Vasallen gezieme. 

Als in den beiden folgenden Jahren 1879 und 1380 wieder 
andere nicht beglaubigte Gesandtschaf ton kamen, machte Hung-u 
kurzen Prozeß mit ihnen: er schickte dic^solben einfach ins Exil 
nach den entlegensten Provinzen 5 ]§ Yün-tian, Q /l[ Se-tschuaji 
und 0i "g Schen-si. Durch eine neue Gesandtschaft stieg der Un- 
wille des Kaisers aufs höchste. Diesmal begnügte Hung-u sich nicht, 
dieselben zu bestrafen; er schrieb auch noch einen sehr scharfen 
Brief an den Shogun, in dem er sich eine solche Geringschätzung 
seiner Person ernstlich verbat. 

Aber diesmal hatte er sich verrechnet. Yoshimitzu zeigte auch 
die Zähne und schrieb an den Kaiser folgenden geharnischten Brief: 

^China hat seine vom Himmel eingesetzten Herrscher, ebenso 
liaben Japan und die übrigen Staaten die ihrigen. Denn diese Erde 
ist so groß, daß ein einziger Herrscher unfähig ist, sie zu regieren. 
China liebt zwar, sich «die Welt" zu benennen, aber gleichwohl ist 
es nur ein kleiner Teil dieser unermeßlichen Welt, die sich nach 
allen Richtungen hin ins Ungeheure ausdehnt. Unser Japan ist an 
sich und auch mit China verglichen ganz klein, hat es ja nicht 
(iinmal sechzig befestigte Städte und nur kaum dreitausend Li im 
Umfange. Aber wir sind zufriedea mit dem Wenigen, das wir haben; 
und die Zufriedenheit und Genügsamkeit sind ja nach den alten 
chinesischen Weisen das wahre Glück des Kinzelnen wie der Staaten. 
Oanz im Widerspruche mit der Lehre der alten heiligen Weisen 
ist China trotz seiner ungeheuren Ausdehnung und seines unermeß- 
lichen Reichtums noch gierig nach dem Besitztume anderer. China 
besitzt Tausende von befestigten Städten, hat einen Umkreis, der 
bis zu Millionen Li berechnet wird ; und gleichwohl ist sein Herz 
noch nicht zufrieden gestellt. Es brennt vor Begierde, sich des 
Eigentums anderer zu bemächtigen, selbst mit Gewaltmitteln, sogar 
durch ein (Ml grausamen menschenmordenden Krieg. 

,.Ihr (yhinesen rühmt euch, die erhabene Lehre des Konfuzius 
und Menzius zu besitzen; auch wir rühmen uns dieser Lehre. Ihr 
vertraut auf die Kriegskunst des ^^ ^ Suin-u und des ^ jg U- 
fchi\ auch wir ktMinen und üben diese Kriegskunst, die sich seit 



— 165 — 

langen Jahrhunderteu als die beste bewährt hat. Ihr bereitet den 
AngriflF unseres Landes vor. Wir begnügen uns, Vorbereitungen 
zu treflFen, um uns wacker zu verteidigen. Denn wir sind keines- 
wegs gesonnen, uns vor euch in den Staub zu werfen und unser 
Land als ein Geschenk eurer Gnade zu empfangen. Da vfii nicht 
sicher sind, was für ein Los unser wartet, wenn wir uns demütigen, 
lassen wir es lieber auf einen Kampf ankommen. Und eine Gott- 
heit hat euch auch noch nicht des Sieges versichert. Kommen eure 
Soldaten an, dann beginnen wir mit Freuden den Kampf. Wir ei*war- 
ten euch am Fuße des Berges ^ N |lj Huo-lanschan. Schon heute 
jubelt mein Herz vor Freude in Erwartung dieses Kampfes. Gewinnt 
ihr den Sieg, so ist unser Land euer, und hoffentlich wird alsdann 
eure Ländergier befriedigt sein. Werdet ihr von uns geschlagen, so 
seid ihr vor der ganzen Welt mit der schmählichsten Schande bedeckt. 

.yDie alten Weisen haben gesagt, daß der Friede das höchste 
Gut eines Staates ist; ebenso, daß ein wahrhaft starker Herrscher 
es seiner unwürdig halte, Krieg anzufangen, denn der Krieg ist das 
schrecklichste Unglück eines Landes : bringt er ja vielen Tausenden 
von friedlichen Bürgern den Tod und über das ganze Volk unsäg- 
liches Unglück und Not. Ein guter Fürst hat die heilige Pflicht, 
sein Volk zu lieben und für sein Wohlergehen zu sorgen. 

^Ich sende heute einen Gesandten an Ew. kaiserliche Majestät, 
um Hochdieselbe dejnütig zu begrüßen und die gebührenden Geschenke 
zu überreichen. Aber zu gleicher Zeit hielt ich es für Pflicht, meine 
unmaßgeblichen Gedanken der erhabenen Weisheit Ew. kaiserlichen 
Majestät zu unterbreiten mit der demütigen Bitte, mich gütigst belehren 
zu wollen**. 

Hung-u sah wohl ein, daß seine Drohungen den Shogun äußerst 
kaltblütig gelassen. Ebenso war es ihm auch klar, daß im gegc»- 
benen Falle es am geratensten sei, wieder klug einzulenken und ein<» 
Kollision mit dem unerschrockenen Japan zu vermeiden. Kr stellten 
sich also über diese Gesandtschaft überglücklich und überhäuft«» 
den Bonzen und sein Gefolge mit den höchsten Beweisen seiner 
kaiserüchen Gunst. Beim Abschiede bewies er durch die Pracht 
und Anzahl der Geschenke, wie hoch er den Shogun und seine 
(Gesandtschaft schätze. 

Auch Yoshimitzu erwies sich seinerseits erkennthch ob solcher 
kaiserlichen Güte. Im nächsten Jahre 1382 sandte er den gewand- 
ten Ifj ji y^ Kui'ting-yung, den wir schon kennen, mit einem zahlrei- 
chen Gefolge nach China, um dem Kaiser durch ('herbringen sehr 
kostbarer Geschenke aufs verbindlichste zu danken. 



— 166 — 

Diese schmeichelhafte AufmcM'ksamkeit gefiel Hung-u sehr. 
Seine Gegengeschenke waren so überaus zahlreich und kostbar, 
daß seine Ilofleute einen wahren Schmerz darüber empfanden, daß 
solche Schätze nach Japan, in das Land der verhaßten Seeräuber, 
wanderten. 

Um sich dieser kaiserlichen Kostbarkeiten bemächtigen zu 
können, erdachten diese Herren einen feinen Kriegsplan. Der 
General i^ ^ Lin-hien, Befehlshaber der Schutztruppen der Seeküste 
in Dsche-dj.iiig verfaßte einen offiziellen Bericht, er habe in Erfahr- 
ung gebracht, Kui-ting-yung sei kein Gesandter, sondern ein 
nichtswürdiger Räuberhauptmann, der den Kaiser schmähHch betio- 
gen; deshalb habe er, der General, die Geschenke mit Boschlag 
belegt. 

Dieses Memorandum hatte er an seinen Freund, den Staats- 
minister ^ j^ ^ Ilu-ui-i/ufig gesandt, mit der Bitte, dasselbe dem 
Kaiser zu übermitteln. 

Aber Hung-u war ein kluger und arbeitsamer Herrscher^ 
der sich der Geschäfte annahm und sich nicht so leicht täuschen 
ließ. Er fand heraus, daß Lin-hien ein infamer Verleumder war. 
Alsogleich entsetzte er ihn aller Ämter und Würden, verdammte 
ihn zu ewiger Verbannung und übergab ihn dem japanischen Gesand- 
ten, daß dieser ihn in aller Strenge nach den japanischen Gesetzen 
verurteile. 

Hu-ui-yung, den selbst auch ein Teil an der Verschuldung 
des Generals traf, wollte seinen unglücklichen Freund retten. Er 
schickte heimlich eine falsche Gesandtschaft mit Geschenken und 
einem falschen kaiserlichen Beglaubigungsbriefe an den Shogun, um 
von diesem die Freilassung Lin-hiens zu erwirken. Außerdem 
sollte die (lesandtschaft auf ihrer Rückreise noch vierhundert der 
tapfersten Krieger Japans, angeblich als Ehrenbegleiter des Bonzen 
fß ^ Ju't/iien, mitbringen. Dieser fromme Bonze sollte für einen 
berühmten Buddhatempel in Dscho-djiang ungeheure Kerzen über- 
bringen, in deren Innerem die WaflFen jener Krieger künstlich versteckt 
waren. Kurz, es war eine wahre Verschwörung, die von Hu- 
ui-yung veranstaltet wurde. 

Wäre Hung-u nicht so umsichtig und klug gewesen, so wäre 
er wohl getäuscht worden. Aber da er von allen wichtigeren Staats- 
geschäften selbst Kenntnis nahm, entdeckte er diese Intriguen. 
Aufs tiefste betrübt, selbst von seinen ausgewählten Vertrauens- 
männern so arg betrogen zu werden, während er vermeinte, das 
goldene Zeitalter chinesischer Tugend wieder eingeführt zu haben, 



— 167 — 

verdammte er trotz aller mächtigen Fürsprecher den Minister zum 
Tode. Auf dem öffentlichen Markte in Nan-djing sollte er mit Stei- 
nen zu Tode geschlagen werden. 

In seiner Wut vergaß er selbst ein wenig der Diplomatie 
und schrieb einen zornigen Brief an den Shogun und seine Minister, 
die sich von solchen politischen Gauklern so leicht hätten täuschen 
lassen. Er war ganz aufgebracht gegen Japan und fragte sich 
schließlich, ob nicht etwa die japanische Regierung selbst die 
Verschwörung angezettelt hätte. Er wußte nicht, ob Japan es 
aufrichtig mit ihm meine oder ob es sich zu seinem Verderbe^ 
verschworen hätte. Denn trotz aller Liebesbewerbungen von so 
vielen Jahren dauerten die japanischen ßäubereinfälle doch fort. 

Die japanischen Kaufleute, die mit den Räubern unter einer 
Decke steckten, hatten sich schon lange in den geöffneten Häfen 
sehr widerborstig benommen, schließlich Händel angefangen und 
wahre Kämpfe geliefert, worin natürlich die unvorbereiteten Chine- 
sen den kürzeren zogen. Die Japaner gaben gewöhnlich vor, von 
den Chinesen betrogen worden zu sein. Diese Schwierigkeiten 
begannen schon im Jahre 1888 und dauerten in den folgenden 
Jahren fort. Güte von Seiten der chinesischen Regierung machte 
die Japaner nur noch unverschämter. Der kaiserliche Hafenmeister 
konnte dieser unruhigen Elemente selbst mit Soldatengewalt niclit 
Herr werden. 

Nachdem der Kaiser diese Sache untersucht, fand er, daß die 
Schuld die Japaner treffe, welche sich nicht an seine Hafenordnung 
halten wollten. Schließlich wurde er so ergrimmt, daß er ein 
Dekret erließ, wodurch jeglicher überseeischer Handel unter den 
schwersten Strafen durchaus verboten wurde. ^Kein Schiff", selbst 
nicht das kleinste, darf mehr in die See gehen". Doch blieb dies 
Dekret ohne Ausführung; aber dem Ansehen des Kaisers hat es 
geschadet. 

Im Jahre 1387 begab sich Hung-u in höchsteigener Person 
zu seinem alten Waffengenossen f^ ft Tang-huo^ um demselben 
den ganzen Schutz der Küstenprovinzen anzuvertrauen. Was es 
in China heißt, wenn der Kaiser in eigener Person einen Besuch 
macht, weiß man ja: es ist die denkbar größte Ehre. Hung-u w^ollte 
seinen alten Waftengefährten verpflichten, noch einmal auf den Kampf- 
platz zu gehen, obwohl demselben nach so vielen Kämpfen und 
Verdiensten um das Vaterland bei seinem Alter die Ruhe hätte 
vergönnt sein sollen. Lange hatte der Kaiser nach dem rechten Mann 
für eine so verantwortungsvolle Stellung gesucht. Schließlich glaubte 



— 168 — 

er, keinen besseren zu finden, als seinen alten Freund. Vordem liatte 
(u- zwei Generäle nach üsche-djiang beordert und ihnen befohlen, 
Festungen und andere befestigte Lager zu bauen, sowie kampfcs- 
fähige Männer zum Kriegsdienste auszuheben und einzuüben. Aber 
seine Befehle wurden vernachlässigt. Man hatte nur fünfzehntausend 
Soldaten angeworben und nur secbzehn Befestigungen errichtet. 
Im übrigen konnten die Japaner mit einiger Vorsicht doch noch 
weiter plündern und brandschatzen. 

Tang-huo baute neunundfünfzig andere Festungen, die er nach 
der Größe und Wichtigkeit in drei Klassen teilte: 

1- ^ ^^ welche eine Besatzung von 4640 Mann hatten. 

2. J^ff Schno, mit einer Besatzung von 1200 Mann. 

8. gj Se, die nur eine Besatzung von 100 Bogenschützen erliielten. 

Diese größeren oder kleineren Festungen waren so angelegt, 
daß die Häfen und kleineren Landungsplätze gut bewacht werden 
konnten. Tang-huo begnügte sich, den vierten kampffähigen Mann 
auszuheben, und doch hatte er alsbald eine Armee von 58 700 
Mann, welche er gut einexerzieren ließ und dann in die Festungen 
und Lager verteilte. 

Auch eine Flotte brachte der energische Feldherr bald zusammen. 
Außer den Seeschiffen, welche der Kaiser gebaut hatte oder noch 
baute, verlangte er von der Provinz Fu-djien allein hundert große 
seetüchtige Schitt'e, von der Provinz Kuangdung verlangte er deren noch 
mehr, alle natürlich mit der notwendigen Besatzung, welche diese 
zwei handeltreibenden Provinzen leichter als andere stellen konnten. 
Da aller Seehandel verboten war, fanden die ehemaligen Seeleute 
auf den Kriegsschiffen ausgiebige Beschäftigung. Die Häfen der 
Küste wurden möglichst ausgebaut und in guten Stand gesetzt. 
So hatte man schließlich für die Flotte dreiunddreißig gegen alle 
Winde geschützte Häfen und achtzehn andere, welche wenigstens 
von zwei Seiten Schutz gegen die Orkane gewährten. 

Die Flotte bestand aus Kriegsschiffen, Lastschiffen und leichten 
Schiffen zum Aufklärungs- und Nachrichtendienst!). Jeder Hafen 
erhielt hiervon eine vom kaiserlichen Inspektor festgesetzte Anzahl. 
Besonders ausgesetzte Häfen, wie Ning-buo, Win-dschou u.s.w., waren 
den Bedürfnissen entsprechend besser ausgerüstet als andere. Übungen 
im Waffendienst, längere Ausfahrten ins Meer zum Rekognoszieren; 
besonders wenn für die japanischen Seeräuber günstiger Wind 
wehte, waren ebenfalls von dem klugen Kommandanten angeordnet. 

Das System des Tang-huo in der Verteidigung der Küsten 
fand so allgemeinc^n Beifall, daß es bis in die neueste Zeit in Gebrauch 



— 169 — 

blieb. Die zahlreichen Festungen und Lager längs der Meeresküste 
von Kuang-dung bis zur Mandschurei sind entweder von ihm oder 
doch wenigstens nach seinem System gebaut worden. Doch trotz 
all dieser Vorsichtsmaßregeln glückte es den Japanern, Raubzüge 
zu unternehmen, weil treulose chinesische Spione ihnen gute Verräter- 
dienste leisteten. Ihre Schiffe lagon in den zahlreichen kleinen 
Buchten der Inseln im Meere gut versteckt. Erfuhr man, daß die 
kaiserlichen Truppen zum Empfange von Grroß Würdenträgern, zu 
rbungen oder großen Feierlichkeiten sicli eine oder zwei Tagereisen 
entfernt hatten, so brach man aus dem Versteck hervor und fuhr 
auf Beute aus. So verheerten denn die kecken Piraten im Jahre 
1389 wieder das Gebiet von Jft ^ Ning-hä in Dsche-djiang, während 
ihre Genossen in der Provinz Kuang-dung ungestraft große Raubzüge 
vollführten. 

1892 verlor der schon bejahrte Kaiser seinen Thronerben, den 
auch vom Volke vielverehrten hotfnungsvoUen Prinzen %| Biau. 
Hung-u war über diesen Verlust untröstlich. 

Vier Jahre nach dem oben erwähnten Einfalle, 1893, kamen 
wieder andere Seeräuber und raubten und plünderten in der Provinz 
Dsche-djiang. Es fehlte wenig, so wären sie sogar bis Hang-dschou 
vorgedrungen. Auch diesmal zogen sie wieder ganz mit Beute 
beladen unbehelligt ab. Da sie in der Mehrzahl waren, wagten 
die chinesischen Truppen nicht, gegen sie vorzugehen. Um doch 
endlieh einmal mit dem Räubergesindel vollständig aufzuräumen, 
schickte Ilung-ii noch zwei andere seiner tüchtigsten Generäle, 
^ fil U-djie und ^^ ^ Dschang-djin, in die Küstenprovinzen. Doch 
auch diese konnten gegen die Spionage und Keckheit der Piraten 
nicht viel ausrichten. Zudem starb 1395 auch der tüchtige Tang- 
huo und der nicht minder große ^ JH Fung-scheng. 

Hung-u mußte zusehen, wie seine Provinzen verwüstet wurden; 
seine Truppen waren entmutigt, und seine Untertanen in Menge 
in die Sklaverei abgeführt; er selbst aber war ein altersschwacher 
Greis und dem Grabe schon nahe. Noch kurz vor seinem Tode, 
im zweiten Monate des Jahres 1398, mußte er einen großen Einfall 
in Dsche-djiang erleben. Mit diesem Dom im Herzen starb er im 
fünften Monate desselben Jahres. 

Mit ihm ging einer der größten Herrscher Chinas zu Grabe. 
Trotz aller Größe und Machtfülle war es aber auch ihm gleich den 
meisten Sterbhchen nicht vergönnt, den Becher reiner ungetrübter 
Freuden zu trinken. Gar mancher Tropfen Galle war darein gemischt. 
Zum Glück wurde ihm durch den Tod noch eine andere ganz 



170 



bittere Erfahrung gespart. Als nämlich, wie oben gesagt, 1892 sein 
ältester Sohn Biau starb, designierte Hung-u dessen minderjährigen 
Sohn schon im voraus zum Thronerben. Daß der Bruder des ver- 
storbenen Biau sich eine solche Umgehung seiner Person nicht 
gefallen ließe, war wohl vorauszusehen. Doch davon im nächsten 
Kapitel. 




Dreizehntes Kapitel. 

Japans Beziehungen zu China unter dem 
Kaiser ^ m Yung-luo (1403—1425). 

Timg-lno anerkennt 1406 den Shognn TosUmitzu als König von 
Japan. Seeränberwesen. Gresandtscliaften. Sein Tod 1425. 




lung-ii ffi jjäC war kaum gestorben, so brach der Bürgerkrieg 
I aus. Denn sein Sohn ^ m Yung-luo: ^die ewige Freude*' 
[| war durchaus nicht gesinnt, einem Knaben, oder vielmehr 
dessen Höflingen zu gehorchen. Er glaubte Mut und 
Fertigkeit zu besitzen, das große Werk seines Vaters fortzusetzen. 
Als Statthalter von Bei-djing hatte er sich seit dem Tode seines 
älteren Bruders heimlich auf einen Staatsstreich vorbereitet. Nachdem 
durch den Tod seines Vaters für ihn alle Schranken pietatsvoller 
Rücksicht gefallen waren, trat er an der Spitze einer großen Ar- 
mee den Weg nach Nan-djing an. Allen Widerstand schlug er mit 
dem Schwerte nieder. Es heißt sogar, ot habe in Nan-djing und den 
südlichen Provinzen an die achthundert Großmandarine und Literaten 
unter ausgesuchten Qualen umbringen lassen. 

1408 war er Meister des Reiches Nan-djing. Doch der Schau- 
platz seiner unerhörten Grausamkeiten konnte ihm nicht gefallen. 
Darum verlegte er seine Hauptstadt nach Bei-djing, woselbst sie bis 
jetzt geblieben ist. Nan-djing, die Hauptstadt des Gründers der Dy- 
nastie, behielt jedoch alle Privilegien und Vorrechte einer Hauptstadt. 
Während der oben erwähnten Vorgänge hatten die japanischen 
Seeräuber ungestört ihre Raubzüge fortsetzen können. Schon im sel- 
ben Jahre 1408 ordnete Yung-luo eine Gesandtschaft nach Japan 
ab, um genaue Erkundigungen betreffs der dortigen Stimmung ge- 
gen China einzuziehen, damit er wisse,, welche Politik er mit Japan 
zu verfolgen habe. Noch war sie nicht abgefahren, als eine japanische 



— 172 — 

Gesandtschaft in Xing-buo eintraf. Ein hoher Würdenträger des 
Tribunals der Riten benachrichtigte den Kaiser von ihrer Ankunft, 
teilte aber auch zugleich seinen Zweifel an der Zuständigkeit der- 
selben mit, sowie daß sie bis an die Zähne bewaffnet sei und außer- 
dem noch viele Waffen auf den Schüfen verborgen hätte. Zwar 
habe sie auch sehr kostbare Geschenke für den Kaiser; aber allem 
Anscheine nach sei es eine falsche Gesandtschaft. Er schlug vor, 
alle nicht erlaubten Gegenstände im Xamen des Gesetzes mit Be- 
schlag zu belegen. Jedoch werde man nichts unternehmen, bevor man 
vom Hofe Vorhaltungsmaßregeln erhalten. 

Yung-luo wollte die Japaner nicht sogleich beim Antritte sei- 
ner l^egierung vor den Kopf stoßen. Er befahl also, die japanische 
Gesandtschaft schleunigst nach Bei-djing zu schicken. Sie übergab dem 
Kaiser einen Brief vom Daimyo iS j£ j| yUan-dau-i und überreichte 
kostbare Geschenke. Yung-luo übersah gütigst, daß Yüan-dau-i zwar 
aus der Familie des Shogun war, aber keine amtliche Stellung be- 
kleidete. Nachdem er die Gesandtschaft mit Auszeichnung empfan- 
gen und bewirtet hatte, entließ er sie schließhch mit reichen Gegen- 
geschenken. Unter Letzteren werden besonders Schildkröten zum 
Wahrsagen erwähnt, wie solche nur Fürsten haben dürfen. 

Da China so reich war, kamen die Seeräuber auch, um ihren 
Teil zu holen. Y^ung-luo war doch ungehalten über solche Undank- 
barkeit. Er schickte seinen Lieblings-Eunuchen K %] Dscheng-hno 
mit 208 KriegsschiflFen und 28000 Mann Besatzung gegen die 
Seeräuber. Letztere waren von der Ankunft so beträchtlicher 
Streitkräfte benachrichtigt und versteckten sich in ihren Schlupfwin- 
keln. Der Eunuch glaubte, das Meer gesäubert zu haben; aber 
nur zu bald sollte er seine Täuschung einsehen, denn die Seeräuber 
kamen bald wieder aus ihren Verstecken hervor und fielen wieder 
ins Land ein. Es waren dies zumeist ») apaner von S| ,^ ^j Dui- 
ma-dau^ d. h. Tsushima und andern Inseln jener Gruppe. 

Bald darauf kam eine neue Gesandtschaft von Japan, um dem 
Kaiser zu seinem neu ernannten Thronfolger Glück zu Avünschen. 
Trotz aller Liebenswürdigkeit konnte Yung-luo sich diesmal denn 
doch nicht enthalten, sich über die fortwährenden Einfälle zu beklagen. 
Er schrieb auch dem Shogun, er möge diese llbeltäter fassen und 
nach der Strenge der japanischen Gesetze verurteilen. 

Auch an die Fürsten von Liu-tchiu, Formosa, den Philippinen 
und verschiedenen malayischen Staaten u.s.w. schrieb Yung-luo; denn 
aus allen diesen Ländern kamen auch Seeräuber. Kr forderte die- 
selben auf, in ihrem Lande Ordnung zu halten und auch darauf 



— 178 — 

zu sehen, daß das Räubergesindel von China fern bleibe. Auf dieses 
große Aufgebot hin, erzählte man, seien zweiundzwanzig Räuber- 
hauptleute gefangen und eine unzählige Menge ihrer Mannschaften 
getötet worden. Wo und wie, sagt man nicht. 

Gewiß ist, daß die japanische Regierung zwanzig Rauber- 
anführer mit der nächsten Gesandtschaft nach China schickte, mit 
der Bitte, Tung-luo selbst möchte sie nach seiner hohen Weisheit 
verurteilen. Ob's aber wirklich Banditenführer oder andere Misse- 
täter waren, ist noch zweifelhaft. Yung-luo dankte verbindlich für so 
promptes* Entgegenkommen, lehnte aber die Bestrafung der Delin- 
quenten ab; das überlasse er der japanischen Behörde. Daraufhin 
verbrannten die Japaner jene zwanzig Rädelsführer bei langsamem 
Feuer, und zwar in Ning-buo, zum abschreckenden Beispiele aller 
Japaner. 

Um den Bhogun für seinen so lobenswerten Eifer zu belohnen 
erließ ihm Yung-luo aus besonderer kaiserlicher Gnade die Ver- 
pflichtung, alljährlich eine Gesandtschaft nach China zu schicken. 
Nur aUe zehn Jahre sollte eine solche kommen, aber nur auf zwei 
Schiffen mit einem Gefolge von höchstens zweihundert Mann, und 
ohne alle WaflFen. In Ning-buo sollte sie landen, um von da von 
chinesischen Würdenträgern an das kaiserliche Hoflager begleitet zu 
werden. So das offizielle Schriftstück. 

In Wahrheit aber hatten der Kaiser und alle Beamten diese 
{Sogenannten Gesandtschaften bis zum ärgsten Widerwillen satt. Die- 
selben verschlangen ungeheure Summen, und zudem trieb das zahl- 
reiche Gefolge allerhand Unfug beim Handel, indem es die 
Käufer überforderte und Verkäufer schlecht oder gai* nicht bezahlte. 
Darum suchte Yung-luo sich von solchen ^yPreundschaftsbesuchen*' 
zu befreien. Durch einen hohen Würdenträger ^ >S ft Dschau- 
djü'jen schickte er dem Shogun eine Königskrone, prächtige Fest- 
gewänder, wertvolle Altertümer, schöne Gemälde u. s. w., um ihm 
dadurch einen Beweis seiner Zufriedenheit und Huld zu geben. 
Zugleich sollte der Gesandte mit aller ihm zu Gebote stehenden 
Beredsamkeit dem Shogun die häufigen Gesandtschaften ausre- 
den. Dschau-djü-jen setzte durch seine hohe Tugend alle in Ver- 
wunderung. Geschenke nahm er selbst nicht einmal vom Shogun 
an. Einen so tugendhaften Mann, meinten die Japaner, hätte man 
noch nicht gesehen; ein solches Ereignis sei es wert, in der Reichs- 
geschiohte verewigt zu werden. 

Wir haben oben erwähnt, daß Hung-u den großen Damm von 
Hang-dschou nach Schanghä aufs beste wieder hergestellt hatte, um 



— 174 — 

die fruchtbaren Ebenen von Dsche-djiang gegen die Überschwem- 
mungen des Meeres zu schützen. Im Jahre 1406 hatte ein Orkan 
im Vereine mit der großen, an sich schon so furchtbaren Flut von 
Hang-dschou diesen Riesendamm durchbrochen. Die ganze Ebene 
von Djia-hing und Ning-buo wurde überschwemmt; viele Menschen 
kamen dabei um oder erlitten anderen unberechenbaren Schaden. Schon 
bei diesem ungeheuren Unglücke schlugen Sachverständige vor, alles 
Wasser nordöstlich von Hang-dschou nach ^ ^ Sung-djiang abzu- 
leiten. Aber schließlich schreckte man doch von solch einem unge- 
heuren Unternehmen zurück. Gleichwold wurde dieser Plan später 
unter dem Kaiser K Jß Wan4i (1573 — 162 ausgeführt und dadurch 
der großen Ebene von Dsche-djiang gute Ernten gesichert. Unter 
Yung-luo begnügte man sich, den vom Kaiser Hung-u errichteten 
Damm wieder in guten Stand zu setzen. Hunderttausende von Ar- 
beitern aus den drei großen Präfekturen Djia-hing, Sung-djiang und 
Su-dschou mußten lange Monate daran arbeiten. Dieser Damm 
diente auch, die Japaner abzuhalten. Denn man hatte daselbst 
Wachttürme eingerichtet, welche durch Rauch bei Tage, durch Feuer 
bei Nacht die Ankunft jener zwei gleich schrecklichen Feinde, näm- 
lich der Seeräuber oder der wilden Meeresflut, meldete, damit die 
Bewohner sich beizeiten retten könnten. 

Da Yoshimitzu um das Jahr 1406 wieder einige Banditen- 
führer zur Aburteilung nach China überlieferte, war Yung-luo so 
erfreut, daß er ihm ein herrliches goldenes Siegel schickte, worauf 
der Titel „König von Japan^ eingegraben war. Somit war Yoshi- 
mitzu 1406 offiziell als eigentlicher Selbstheri*scher von Japan aner- 
kannt. Yung-luo geruhte sogar, mit eigner Hand eine Ehren-In- 
schrift für den König von Japan zu schreiben, welche zum ewigen 
Gedächtnisse in Stein eingegraben werden und allen späteren Ge- 
nerationen bezeugen sollte, daß China durch einen Gnadenakt 
Japan selbständig gemacht habe. Bei der Unmasse von kostbaren 
Geschenken schickte diesmal auch die Kaiserin, eine literarisch fein 
gebildete Dame, als besonderen Freundschaftsbeweis je hundert 
Exemplare ihrer zwei Werke über die Tugend und Pflichten der 
Frauen für die Königin und ihren Hof mit. 

Yoshimitzu, oder wie die Chinesen ihn nennen, ^ K j{| Yüan- 
i-man^ war der dritte Shogun aus der Fam'die Ashikaga. Da er 
1408 im Alter von einundfünfzig Jahren starb, folgte ihm sein Sohn 
Yoshimochi, chinesisch ^ H^ Yüan-i-tsche (1395 — 1423) als vierter 
Shogun. Sein Vater hatte freilich, wie wir oben gesehen, 1394 
scheinbar abgedankt und war Bonze geworden; tatsächlich aber hatte 



— 175 — 

er doch noch alle Gewalt in Händen behalten. Erst nach seinem 
Tode konnte Yoshimochi selbst regieren. Doch war seine Autori- 
tät bei diesen fortdauernden Wirren und Kriegen und bei so zahl- 
reichen, mächtigen Daimyo eine ziemlich beschränkte. 

Die Seeräuber griffen in diesem Jahre (1408) die Stadt ifi ^ Ning- 
M nordostlich von Hang-dschou an. Gewöhnlich liebten die Seeräuber 
es nicht, Städte zu belagern, weil ihnen dies zu viele Zeit kostete 
und sie der Gefahr aussetzte, überrumpelt zu werden. Die Besat- 
zung und Einwohnerschaft der Stadt, wohl wissend, was sie erwar- 
tete, leistete tapfern Widerstand. Die Räuber waren aufs äußerste 
aufgebracht ob ihrer bedeutenden Verluste. Mit außerordentlicher 
Wut warfen sie sich wiederholt auf die Stadt und eroberten sie 
endlich. Soldaten wie Volk wurden niedergemacht und dann die 
Stadt ausgeplündert. Die Beute war eine ungeheuer große, wie 
man solche kaum jemals gemacht. 

Als im zehnten Monate des Jahres 1409 die Räuberbanden 
in die Provinz Euang-dung einfielen, um sich der Einkünfte der reichen 
Ernte zn bemächtigen, wollte ein schon bejahrter, tugendhafter 
Literat, 5 Ijj) Wang-han mit Namen, die Kraft der heiligen Lehre 
des Konfuzius erproben. ^ Diese Chinesen, welche sich als Hand- 
langer japanischer Seeräuber hergeben, haben gewiß noch nie die 
Lehre des hl. Konfuzius gehört^, sagte er, „ich werde sie bekehren^. 
Während nun die ganze Bevölkerung ihr Heil in der Flucht suchte, 
zog Wang-han seine Festkleider an und setzte sich so in sein Em- 
pfangszimmer, um die Räuber zu erwarten. Als diese ankamen, 
rezitierte der alte Gelehrte seine klassischen Sprüche über Tugend, 
Gerechtigkeit, Humanität und anständiges Betragen hoffend, diese 
Bande würde alsogleich vor Reue in den Staub sinken, wie 
man solches im Leben des Konfuzius manchmal lesen kann. 
Aber diese frechen Gesellen lachten den Alten nur aus. Dieser 
ward zornig und fing nun an, dieselben mörderisch auszuschimpfen. 
Einer dei* Räuber verlor die Geduld, ergriff sein Schwert und schlug 
ihn nieder. Ob dieser ^ Tugendprobe** wird Wang-han unter die 
heiligen Literaten jener Gegend gezählt. 

Ganz entgegen dem Prinzipe seines Vaters liebte Yung-luo die 
Eunuchen und vertraute ihnen hohe Staatsämter an, welches System 
Hung-u das Verderben einer Dynastie genannt hatte. Wir haben 
schon oben einen Eunuchen an der Spitze der Flotte gesehen. 
Im Jahre 1411 schickte der Kaiser seinen Günstling, den Eu- 
nuchen I JH Wang-dsin^ als Gesandten nach Japan, um am Hofe 
wieder einmal Vorstellungen zu machen ob jener wiederholten Einfälle 



— 176 — 

und die Hoffnung auszusprechen, man möge wie früher auf die 
Räuber Jagd machen und die Rädelsführer festnehmen. 

Aber dieser kaiserliche Freund wollte auch gute Geschäfte 
machen. Er kaufte allerhand japanische Kuriositäten und Altertümer, 
bezahlte aber wenig oder nichts, gerade so wie es die japanischen 
(lesandten in China zu tun pflegten. Die Japaner sind aber we- 
niger gutmütig und devot als die Chinesen. So bekam denn der 
Eunuch trotz seines hohen Titels, trotz seines riesigen Mentors, der 
ihn bei seinen ^Einkäufen'' begleitete, nicht nur Grobheiten zu 
hören, sondern auch Schläge zu fühlen. Übrigens hatte er sich 
auch bei dem Shogun durch anmaßendes Auftreten mißliebig gemacht. 
Anfangs freilich hatte der Shogun sich bezwungen und Geduld 
geübt; schließlich aber suchte er diesen unverschämten Menschen 
in Frieden zu entlassen. Aber der Eunuch hatte es keineswegs 
eilig, den Abschied zu nehmen. Bei einer großen Schlägerei wäre 
er fast erschlagen worden. Er verdankte sein Leben einer alten 
Frau, die ihn versteckte und ihm dann zur Flucht verhalf. 

Heimgekehrt reizte er durch lügenhafte Berichte den Kaiser 
gegen Japan auf, so daß dieser mit den wilden Affen und Zwergen, 
wie er die Japaner nannte, nichts mehr zu tun haben wollte. Der 
japanische Hof seinerseits war ungehalten, daß China ihm einen 
solchen Gesandten geschickt. Somit hörten tatsächlich die beider- 
seitigen Verbindungen für eine Zeit auf. 

Jetzt konnten die Räuber erst recht ungeniert ihr unsauberes 
Handwerk treiben. Im Jahre 1411 fielen sie wieder in die Provinz 
Kuang-dung ein. Doch diesmal leisteten ihnen die kaiserlichen Truppen 
kräftigen Widerstand. Der Sieg war lange zweifelhaft, wurde aber 
schließlich, da der General gefallen war, den Räubern zu teil. Nun 
fielen diese Banditen über die Festungen her, um die daselbst hin- 
terlegten Waffen zu erbeuten. Waffen waren ihnen eben lieber als 
Gold und Silber. Denn ihre zahlreichen Rekruten mußten doch 
Waffen haben, um an den Einfällen teilnehmen zu können. 

Im fünften Monate griffen andere Banden (»benfalls eine Festung 
in Dsche-djiang an, um Waffen zu bekommen. Die Festung wurde 
verbrannt, die Umgegend ausgeraubt. 

Einen anderen größeren Einfall wagten die Banditen im ersten 
Monate des Jahres 1416 auf ^J^ ^ Tschunff-ming, Wähnmd die 
Stadt wegen der Xeujahrsfeierlichkeiten in der fröhlichsten Stimmung 
war, wurde sie auf einmal von zahlreichen Räuberhorden über- 
rumpelt und ausgeplündert. Ganze Schiffe voll Beuti^ sowie an die 
dreihundert Gefangene, unter denen sich auch (iin Mandarin befand. 



— 177 — 

wurden mitgenomnieD. Ein General der mit tausend Mann Truppen 
von ^ fC Dschen-djiang gekommen war, um wenigstens den Mandarin 
zu befreien, konnte gegen das Eäubergesindel nichts ausrichten. 

Andere Banden waren in Schan-dung eingefallen, stießen dort 
aber auf kräftigen Widerstand des Militärs und der Bevölkerung, 
so daß sie zur Flucht gezwungen wurden. Im allgemeinen liebten 
die Räuber nicht die nordlichen Provinzen anzufallen, weil dort das 
Landvolk viel kräftiger und energischer ist als im Süden. 

Bei einem Einfalle in Dsche-djiang im Jahre 1417 war ein 
Bandenführer mit zehn anderen Räubern gefangen worden, l^ber- 
glücklich ob dieses großen Ereignisses, schickte die Provinzialbeliörde 
die Gefangenen nach Bei-djing. Alle Welt vorlangte deren peinhche 
Hinrichtung. Aber Yung-luo benutzte diese Gelegenheit, um eine 
Gesandtschaft nach Japan zu schicken und seine gefangenen Unter- 
tanen auszutauschen. Der Großherr g ^ Lii-ymn wurde für dieses 
Unternehmen ausgewählt. Yung-luo gab ihm einen Brief an den 
Mikado mit, worin er diesen als seinen Vasallen zur Tugend und 
zur guten Regierung seines Volkes ermahnte. 

Dieses diplomatische Zwischenereignis gab Veranlassung, die 
freundlichen Beziehungen zwischen China und Japan wieder anzu- 
knüpfen. Doch das Räuberwesen dauerte auch diesmal fort. So 
wurde gerade um jene Zeit die Provinz Dsclie-djiang wieder tüchtig 
ausgeplündert. Durch den guten Erfolg dieses Überfalles ermutigt, 
kamen im nächsten Jahre 1418 die Räuber mit mehr als zehn großen 
SchifFen, um die Festung ^ |ll Djin-schan^ südlich von Sung-djiang, 
zu nehmen und dann ohne Gefahr die Umgegend auszuplündern. 
Aber der Hauptmann f| H Hou-duan zog ihnen mit seinen gut 
geübten und mutigen Leuten entgegen. Absichtlich dehnte er den 
Kampf in die Länge bis zur Zeit, wo die Ebbe einzutreten pflegte. 
Sobald diese nun eingetreten war und die Schiffe im Sande fest 
lagen, schhcheu sich einige mutige Soldaten zu den Schiffen hin 
und steckten sie in Brand. Nun rückten die anderen nach und 
machten die verzweifelten Japaner nieder; nur wenige entkamen. 
Selten war ein Schlag so gut gelungen. Hätte China viele solcher 
Offiziere gehabt, so wären wiederholte Einfälle der Japaner unmög- 
lich gewesen. Aber selbst die größten kaiserlichen Belohnungen 
vermochten oft nicht, dem höheren und niederen Militär Mut und 
Begeisterung zur treuen Pflichterfüllung einzuflößen. 

Kehren wir jetzt zu der Gesandtschaft zurück. — Der Shogun 
Yoshimochi, der noch soeben den legitimen Mikado um den Thron, 
d. h. den Ehrenthron, betrogen und deswegen wieder Aufstände im 

Japans Beziehungen zn China 12 



— 178 — 

Lande erregt hatte,*) schrieb an Yung-luo einen sehr demütigen 
Brief, den die japanische Gesandtschaft 1419 endlich in B^i-djing 
(iberreichte, obwohl sie schon im vierten Monate des vorigen Jahres 
von Japan abgereist war. In diesem Briefe entschuldigte sich der 
Shogun mit seinem Unvermögen, so viele und freche Seeräuber zu 
bändigen. „Mein Land*^, schreibt er, „ist ebenfalls von dieser Plage 
heimgesucht. Nicht nur das Küstenland wird von ihnen belästigt, 
sondern selbst das ganze Meer ist voll von ihnen, so daß ich dies- 
mal es nicht wagte, die herkömmlichen Geschenke an Ew. kaiser- 
liche Majestät zu senden, denn es würde ja doch alles unterwegs 
von den Räubern geraubt werden. Es tut mir äußerst leid, daß 
auch China so viel von diesen Übeltätern zu leiden hat ; und stände 
es in meiner Macht, so würde ich gar gern diesem Mißstande ab- 
helfen. Zwar bin ich leider ganz unfähig, dies zu tun; aber mein 
Herz ist noch das alte und strömt, wie ehedem, ganz über von Liebe 
zu China ..." 

Yung-luo gab sich mit diesen Entschuldigungen zufrieden, da 
er überzeugt war, nicht mehr von Japan erlangen zu können. Denn 
er wußte ja aus Erfahrung, wie schwierig es sei, dieses Gesindel 
zu bändigen. Zudem waren ja auch nicht alle Seeräuber Japaner, 
sondern viele gewissenlose Untertanen machten mit ihnen gemein- 
same Sache, indem sie ihnen mit Rat und Tat beistanden. 

Schon lange hatten die Seeräuber nicht mehr die Küsten von UJ 
}|[ Liati'dung besucht. Darum glaubten sie 1419 durch einen un- 
verhoflFten Einfall wieder einmal gute Beute machen zu können. 
Es bekam ihnen aber übel. Der General der Küstenwache ließ sie 
unbehelligt ans Ufer steigen. Als sie nun vertrauensselig plünderten, 
fiel er mit seinen Leuten über sie her und schlug sie alle tot. 
Dieser Mißerfolg hielt die Japaner lange Jahre ab, noch einmal wieder 
zu kommen. 

Wie schon früher oftmals, waren auch um diese Zeit wieder 
zahlreiche Räuberbanden in Dsche-djiang eingefallen. Der kaiser- 
liche Befehlshaber gl| i£ Liu-djiang sah ein, daß er in offenem 
Kampfe mit seinem Häuflein Soldaten gegen eine solche (Jberzahl 

*) "Wie wir früher (Seite 149) Bchon erwähnt, wurde 1892 bestimmt, daß 
der Mikadu abwechselnd einmal ans der südlichen und einmal aus der nördlichen 
Familie gewählt werden sollte. Als nun Komutsn 1412 starb, hätte der folgende 
Mikado ans der südlichen Familie genommen werden sollen. Aber Yoshimochi 
setzte gegen aUos Recht Shoko, den zwölfjährigen Sohn des Komutsn auf den 
Thron, um desto ungehinderter schalten und walten zu können. Das erregte 
nun die Gemüter. Aber die Partei des Sho^n war zu mächtig, um gegen sie 
vorgehen zu können. 



— 170 — . 

von Banditen nichts vermöge. Er legte sich also in deu Hinterhalt. 
Die Seeräuber ließ er sich nach allen Seiten zum Rauben zerstreuen ; 
dann fiel er zuerst über die Schiffe her und steckte sie in Brand; 
hierauf griff er die zerstreuten Banden an, tötete mehr als tausend 
Räuber und nahm ihrer achthundertsiebenundfünfzig gefangen: nur 
wenige entkamen. Die abgeschlagenen Köpfe der tausend Gefallenen 
sowie die achthundertsiebenundfünfzig Gefangenen brachte er nach 
Bei-djing. Niemals hatte Yung-luo einen solchen Sieg erlebt. Im 
Übermaße seiner Freude empfing er Liu-djiang in Audienz, verlieh 
ihm große Ehrentitel und gab ihm ein erbliches Lehen von eintau- 
sendzweihundert Bauernfamilien. 

Yung-luo wollte dadurch andere fähige Offiziere anspornen, 
ebenso eifrig im Dienste des Vaterlandes zu sein. Belohnungen wären 
schon gut gewesen, sich dieselben zu verpflichten. Leider war 
Yung-luo so unklug und richtete zu diesem Zwecke im Jalu*e 1420 
auch ein eigenes Staatsamt, X IK Dung-tschang genannt, ein, welches 
sich aus lauter Eunuchen zusammensetzte. Dieselben hatten alle 
Beamten zu überwachen und dem Kaiser diejenigen zu bezeichnen, 
welche ilir Amt nicht getreu verwalteten. Natürlich war damit 
dem Kalfaktertum, der Zuträgerei und anderen Mißständen Tür 
und Tor geöffnet.*) 

So war dieses Spionagensystem eine durchaus verfehlte Ein- 
richtung, weil nicht immer das Verdienst, sondern das Geld dabei 
in Betracht kam. Besser wirkten die großen kaiserlichen Auszeich- 
nungen des Liu-djiang. Dieselben waren natürlich von der Hof- 
zeitung im ganzen Reiche bekannt gemacht worden. Daraufhin 
gaben sich dann die Truppenanführer verschiedene rseits Mühe, um 
ähnliche Ehren zu erlangen. Als dann 1421 die Japaner in die 
Provinz Kuang-dung einfielen, wandte der General ^ ^ Li-kui auch 
die bewährte Kriegslist des Liu-djiang an. Er legte sich mit seinen 
Leuten in den Hinterhalt, ließ die Räuber sich zerstreuen und fiel 
dann über sie her. Obwohl letztere sich sammelten und wacker 
kämpften, wurden sie doch bei der Präfektur jU ^ Tschau-dschou 
geschlagen. Dieser Sieg war aber nicht besonders glänzend: nur 
fünfzehn Räuber wurden gefangen, und fünf Gefallenen wurden 
die Köpfe abgeschlagen. Doch wurde Li-kui vom Kaiser glänzend 
belohnt. 



*) Von diesem Jahre and toxi dieBem Akte an datieren die offizieUeu 
Qeschichtschreiber deu Verfall der Dynastie Ming. Es ist ein von den Geeohiohtfi- 
kennem anfgesteUter und von der Oesohichte praktisch bewiesener Grondsatz, 
daß Ennnchen- und Weiberregiment der Rnin einer Dynastie sind. 

J2» 



— 180 — 

Während Yung-luo sich selbst an die Spitze seiner zahli-eichen 
Armee gestellt hatte, um die Mongolen, welche den Verlust des 
reichen China noch nicht verschmerzt hatten, tüchtjg zu schlagen, 
trugen auch seine Generäle im Jahre 1422 nicht unbedeutende Vorteile 
über die Japaner davon. Letztere waren in das Gebiet von jg j^ Win- 
dschou in Dsch^-djiang und in das von ^ ^ Yung-tschuin in Fu- 
djien eingefallen. 

Nach so vielen Niederlagen rüsteten sich die Räuberbanden 
im Stillen, um die chinesischen Küstenprovinzen in vermehrter Zahl 
wieder einmal zu überfallen. 1424 kamen sie in solcher Menge 
und so gut vorbereitet, daß sie wagten, die große Stadt Ning-buo 
trotz ihrer Besatzung und trotz der nahen Festungen anzugreifen, 
Sie känlpften mit einer solchen Wut, daß sie die ganze Besatzung, 
sowie alle Hilfstruppen zurückschlugen und fast ganz vernichteten. 
In kurzer Zeit war die Stadt genommen; darauf war große Plünderung. 

Die Nachricht dieser Untat war die letzte, welche Yung-luo 
vom Kriegsschauplatze im Süden erhielt. Denn schon im siebenten 
Monate desselben Jahres (1424) starb er im Alter von fünfundsechzig 
Jahren. Dieser energische Mann und feine Diplomat hatte alle 
Mittel versucht, das Land von den Räubereien zu befreien, ohne 
sein Ziel nur halbwegs erreichen zu können. Er und sein Kriegsrat 
waren zu sehr in den alten chinesischen. Ideen befangen. Da die 
früheren Helden nur mit Hülfe von Landtruppen über alle Feinde 
des Reiches Meister geworden und in den klassischen Büchern nir- 
gendwo eine Flotte erwähnt werde, müsse man auch jetzt ohne 
Flotte jenes Raubgesindel vernichten können. Zudem waren die 
Mißerfolge der mongolischen Reichsflotte noch in aller Erinnerung 
und tmgen auch zu jener Apathie gegen eine Marine bei. 

Doch Hung-u war weitsichtiger und praktischer gewesen und 
liatte eine Flotte eingerichtet, die sich bei verschiedenen Anlässen auch 
bewährte. Im Laufe der Zeit wurde sie jedoch so vernachlässigt, daß 
sie am Ende der Regierung Yung-luos fast ganz leistungsunfähig war. 
Schade, daß China so wenig Verständnis für eine gute Flotte hatte. 
Hätte man derselben mehr Aufmerksamkeit und Interesse geschenkt, 
das Räuberwesen wäre zweifelsohne unterdrückt worden. Denn die 
Chinesen sind nach dem l^rteile von Europäern tüchtige Seeleute. 
Erst unter der Dynastie der ^ Sung (960 — 1274) fingen die Chine- 
sen an, sich mit Meeresschiffahrt ernstlich zu beschäftigen und Häfen 
längs der Küste anzulegen, aber auch nur einzig, um sich der 
Seeräuber zu erwehren. 



Vierzehntes Kapitel. 

China und Japan zur Zeit des Kaisers 
i: m Süan-dei (1426—1436). 

Tosliimocilis verfehlte Begrüssimgsgesandtschaft an den neuen Kaiser. 
Zweite Gesandtschaft von Toshinori. Dankgesandtschaft Siian-deis. 




[ach dem Tode Yung-luos kam 1425 sein Sohn ^ {g^ Hung-hi: 
^großer Glanz*' zur Regierung. Als er aber schon nach 
einigen Monaten starb, folgte ihm sein Sohn^ ^Süan-dei, 
In Japan herrschte damals nochYoshiniochi als vierter Shogun 
aus dem Hause Ashikaga. Vm den Thron seinem Sohne zu sichern, 
hatte er im Jahre 1423 abgedankt, aber, wie herkömmlich, als 
Bonze doch noch die Regierung weitergeführt. Als aber sein 
Sohn Yoshikazu 81 1| S Yüan-i-liang schon 1425, kaum achtzelm 
Jahre alt, starb, war Yoshimochi wieder alleiniger Inhaber des 
Shogunats und souverainer Autokrat von Japan. Jedoch währte 
diese Herrlichkeit nur mehr drei Jahre, denn schon 1428 starb 
Yoshimochi kaum zweiundvierzig Jahre alt. 

Die Unruhen und Bürgerkriege dauerten immer fort. Denn 
die großen Daimyo waren während derselben zu mächtig geworden 
und kümmerten sich oft wenig um ihren nominellen Herrn, den 
Shogun. Sie taten ihm, wie er dem Mikado getan. Somit gab es 
fortwährend Eifersüchteleien, Reibereien und Kriege, manchmal um 
der geringfügigsten Ursachen willen. Der Shogun hatte zu wenig 
Kraft, seinen Willen durchzusetzen. 

Yoshimochi lag's am Herzen, gute Beziehungen mit China zu 
unterhalten, um den vorteilhaften Handel weiter treiben zu können. So 
schickte er denn im Jahre 1426 eine Gesandtschaft, um den neuen Kai- 
ser Süan-dei zu begrüßen. Aber das Gefolge des Gesandten war so 



— 182 — 

zahlreich und dermaßen bewaffnet, als gälte es ein Land zu erobern. 
Doch der Kaiser unterdrückte sein Befremden und seine Unzufrieden- 
heit, nur um die Japaner nicht zu reizen. Er entließ die Gesandt- 
schaft in Ehren; jedoch schrieb er, um sich in Zukunft derartige 
Besuche fern zu halten, einen Brief, worin er die alten kaiserlichen 
Erlasse ins Gedächtnis zurückrief, denen gemäß nur drei Schiffe 
mit Geschonken und mit einer Besatzung von höchstens dreihundert 
ManU; von denen nur dreißig Waffen tragen dürften, in den Hafen 
zugelassen werden würden. Auch in den Häfen seines Reiches ließ 
Süan-dSi diese alten Bestimmungen wieder veröffentlichen und ein- 
schärfen. Dadurch verstimmte er aber sowohl die chinesischen 
Kauileute als auch den japanischen Hof. Die Beziehung des letzteren 
mit China wurden auf lange Jahre hin unterbrochen, aber nicht so 
die Besuche von seiten der japanischen Räuber. 

Trotz dieser lächerlichen Schwäche gegenüber den Seeräubern 
hatte Chinas politische Größe nichts von seinem Ansehen und 
Einfluß bei seinen Nachbarn eingebüßt: seine Landmacht blieb 
unberührt und galt für unüberwindlich, was sie auch zumeist war. 
Somit kamen alle Nachbarn, um als Chinas Vasallen dem neuen 
Kaiser Ehre und Geschenke darzubringen. Yiele kamen in eigener 
Person oder entschuldigten sich wenigstens in den demütigsten Worten 
und schickten um so kostbarere Geschenke, um ihre große Verehrung 
zu bezeigen. Auch von Japan hatte Süan-dei erwartet, daß es statt 
der oben erwähnten Gesandtschaft, die doch wahrlich nicht den 
Anschein einer Glückwunschgesandtschaft hatte, eine andere mehr 
ordnungsmäßige geschickt hätte. 

Aber bis zum Jahre 1432 wartete er vergebens auf eine zweite 
Gesandtschaft Japans. Da ging ihm denn doch die Geduld aus. 
Er schrieb an den König der Inseln Liu-tchiu einen Brief, den er 
dem Gesandten ^ ilj Tschä-schan übergab. In dem Briefe erklärte 
er, der Shogun von Japan sei gehalten, ihm dem Kaiser, zu seinem 
Regierungsantritte einen ordnungsmäßigen Besuch und Geschenke 
zu machen, bisher aber noch nicht erschienen; der König von Liu- 
tchiu, der so leicht und oft mit Japan verkehre, möge den Shogun 
doch an diese seine Pflicht erinnern. 

Yoshimochi war unterdessen (1428) gestorben. Sein Bruder 
WiHk ik Yoshinori (chinesiscli Yüan-i-djiau) folgte ihm im Alter 
von fünfunddreißig Jahren (1429-«-1441). Da dieser in seinem 
Übermute sich an dem großen Daimyo Akamatsu Mitsusuko zu 
vergreifen wagte, um diesem seine Lehen zu nehmen, wurde er von 
demselben 1441 bei einem Festmahle erschlagen. 



— 183 — 

Unter den großen Sorgen des eigenen Landes hatte Yoshinori 
China leicht vergessen können. . Sobald er aber vom Könige der 
Inseln Liu-tchiu an seine Pflicht gemahnt worden war, beeilte er 
sich, eine Gesandtschaft nach China zu schicken. Djirch widrige 
und starke Winde wurde dieselbe nach i§ jHi Tung-dschou auf dem 
linken Ufer des Yang-dse-djiang verschlagen. Sie blieb daselbst, 
bis der Kaiser in seiner Güte ihr den Eintritt ins Reich und den 
Zugang zur Hauptstadt bewilligte. 

Süan-dei war über die Nachricht ihrer Ankunft hocherfreut. Er 
hatte die Aufmerksamkeit, einen seiner eigenen Hof koche bis nach Tung- 
dschou zn senden, um dem Gesandten alle Genüsse chinesischer 
Kochkunst zu bereiten. .Mit größtem Pompe und zahlreichem chinesi- 
schen Ehrengeleite wurde die Gesandtschaft auf dem Kaiserkanale 
nach Bßi-djing geführt. Als sie in JH J^ jH^ Dsi-ning-dschou in der 
Provinz Schan-dung ankam, wurde sie aufs neue vom Kaiser willkom- 
men geheißen. Ein neuer kaiserlicher Koch, weit erfahrener in der 
kulinarischen Kunst als d(5r erste, kam an und meldete. Seine Majestät 
habe ihm die Sorge für das Wohlergehen und die Gesundheit der 
Gesandtschaft unter strengem Befehl anvertraut. 

Neben so außergewöhnlichen Ehrenbezeigungen fehlte es dem 
Gesandten auch nicht an (freilich selbst verschuldeten) Unannehm- 
lichkeiten. Er war mit dem chinesischen Zeremoniell nicht genug 
vertiaut. Dieser Mangel brachte ihm manches Belächeln und 
Bespötteln seitens der Chinesen ein, was ihn natürlich ärgern mußte. 
Selbst bei der kaiserlichen Audienz fehlte es nicht an derartigen 
Auslassungen der ritenfesten Höflinge, so daß schließlich der Kaiser 
selbst seine Leute mahnen mußte. Doch dadurch machte er die 
Sache nur noch ärger. Ganz Böi-djing sprach von dem unbeholfenen 
Gesandten. Sobald ein Japaner sich zeigte, machte man das lächerliche 
Benehmen der Gesandtschaft nach. Kein Wunder also, daß die Gesand- 
ten diesmal froh waren, als sie abreisen konnten. 

Süan-doi seinerseits beeilte sich, eine Dank-Gesandtschaft unter 
der Führung eines Eunuchen nach Japan abzuordnen, die auch 
noch in demselben Jahre 1438 abging. 

Da auch SÜ jS H Yüan-dau-i, Sohn des Shogun, in diesem 
Jahre gestorben war, ließ der Kaiser sein Beileid ausdrücken und 
verlieh dem Verstorbenen nach Chinesensitte posthume Ehrentitel, 
welche zum ewigen Andenken in Stein eingegraben wurden. Der 
ganze Hof des Shogun war außerordentlich erfreut über diese so 
große kaiserliche Auszeichnung. 



Fünfzehntes Kapitel. 

Der Kaiser iE ifct Dscheng-tung 
(1436—1464). , 

Sein Feldzng gegen die Mongolen. Siebenjälirige Qefangenscliaft. 
Abdankung nnd zweite Thronbesteigung. TosMmasa. 

war kaum einige Monato tot, so kam eine Gesandt- 
aus Japan an, um dem noch lebend gedachten 
zu danken für sein Beileid zu dem oben erwähnten 
dos Prinzen YOan-dau-i. Dscheng-tung, der untur- 
depsen seinem Vater in der Regierung gefolgt war, empfing die 
Gesandtschaft sehr freundlich und entließ sie mit grollen Ehren. 
Eigentlich kam er als achtjähriger Knabe hierbei wenig in Betracht, 
als vielmehr die an seiner Stelle wirtschaftenden Eunuchen, an deren 
Spitze der berüchtigte I £ W'ang-dachen stand, der sich auf den 
Namen des jungen Kaisers hin manche ün gehörigkeiten erlaubte. 
Infolge der freundliciien Aufnahme der oben erwähnten Gesandt- 
schaft kam im folgenden Jahre eine zweite Gesandtschaft, worüber 
man bei Hofe grade nicht sehr erbaut war. Docli wagte man seine 
Unzufriedenheit nicht zu äutiern, um die Japaner nicht zu reizen. 
Man emaun ein anderes Mittel, um sich in Zukunft gegen Betrüge- 
reien nicht offiziöser GesandtBchnften zu schützen. Sehr genial war 
das Mittel gerade nicht. Man schickte nämlich dem Shogun ein 
^ Fu, d. h. die Hälfte eines Hambusstückes, von dem man die 
andere Hälfte in Bri-djing behielt. Kam also eine echte Gesandl- 
schaft, HO mulite der Gesandte jene übersandte Hälfte mitbringen, 
die natürlich ganz genau nacli Kerb und Inschrift auf die andere 
Hälfte passen mußte. Palite sie nicht, so war die Gesandtschaft 
falsch. Anstatt der Hälfte eines Bambusstückes bediente man sich 
später zu diesem Zweck eines halben Siegels. AU' diese Vorsicht 



— 185 — 

half nicht, denn die Japaner verstanden es, solche Siegel ganz tau- 
schend nachzuahmen. Zudem wußten die Japaner auch sehr gut, 
daß die chinesische Regierung sich fürchtete^ g^g^ii falsche Gesandt- 
schaften vorzugehen und ließen sich also nicht stören. 

Auch die japanischen Seeräuber trieben ihr Unwesen noch 
immer fort. Einen der furchtbarsten Einfälle machten sie im Jahre 
1430. Mehr als vierzig große Seeschiffe hatten eine wahre Räuber- 
armee nach der Provinz Dsche-djiang gebracht. Die großen und 
reichen Städte -^ jf\ Dä-dschou, Jf ^ Ning-buo und -J^ {K Da-sung 
wurden trotz ihrer Befestigung genommen und ausgeplündert. Sehr 
oft schon hatten, wie wir gesehen, die Räuber diese reiche Provinz 
besucht und teilweise ausgeraubt. Aber so arg wie diesmal, hatten 
sie es noch nicht gemacht. Ehedem hatten die kaiserlichen Besat- 
zungen den Eindringlingen noch etwas Furcht eingejagt und auch 
schon manche Schlappe beigebracht, aber bei diesem Einfalle haben 
sie sich mit Schmacli bedeckt. Aus allen Festungen und Lagern 
waren sie nach kaum scheinbarem Widerstand entflohen und. hatten 
den Japanern alles preisgegeben. 

Der Unwille des Volkes darüber war aufs höchste gestiegen: 
das Unglück betraf zu viele, waren ja drei ganze Präfekturen aüfs 
ärgste ausgeplündert worden. Hab, Gut und Lebensmittel waren 
fort, die Häuser zumeist verbrannt, viele Leute getötet, Frauen und 
Kinder in die Gefangenschaft abgeführt. Es drohte eine Empörung 
auszubrechen. Da griff die Regierung alsogleich ein, um das Volk 
zu besänftigen: sechsunddreißig Mandarine, welche ihre Pflicht nicht 
getan, wurden enthauptet. Das besänftigte die Gemüter in etwa. 

1442 kam schon wieder eine neue japanische ;, Gesandtschaft^ 
auf neun Schiffen, deren Besatzung mehr als tausend Mann betrug, 
die bis an die Zähne bewaffnet waren. Alle sagten, sie gehörten 
zum Gefolge und seien gekommen^ um den Kaiser zu begrüßen. 
Aus Furcht wagten die Mandarine es nicht, etwas einzuwenden und 
beförderten diese sonderbare Gesandtschaft eiligst nach Bßi-djing. Am 
Hofe war man auch in großer Aufregung. In der Hoffnung, sie 
um so schneller los zu werden, empfing sie der Kaiser mit Pomp, 
belobte und belohnte sie. Aber er hatte sich verrechnet. Die sau- 
bere Gesellschaft gab vor, von ihren großen Strapazen ausruhen zu 
müssen. So blieb sie denn bis zum sechsten Monate des Jahres 
1443 und nutzte diese Zeit aus, um gute Handelsgeschäfte zu 
machen. 

Unterwegs traf sie ein Unglück. Nachdem die Schiffe von 
Ning-buo abgesegelt waren, legten sie wie gewöhnlich, wenn der 



— 186 — 

Wind nicht günstig war, bei den Inseln an. Viele Leute stiegen 
aus, um sich am Lande etwas zu erholen. Bei dieser Gelegenheit 
verirrten sich zwei hochgestellte Mitglieder der Gesandtschaft und 
blieben zurück. Wie es scheint, ertrugen sie ihr Mißgeschick sehr 
philosophisch. Sie machten Verse und kratzten ihre Elegien auf 
Steinplatten ein. 

Vom fünften bis zehnten Monate dieses Jahres 1443 plün- 
derten zahlreiche Seeräuberbanden das Gebiet von M 9i M ^'<*- 
hing-fu in der Provinz Dsche-djang. Die Stadt j$t M Ning-hä 
wurde genommen und die Festung 'p ^ Dscha-pu zerstört und ver- 
brannt. Kurz, diese fruchtbare und reiche Ebene wurde während 
fünf langer Monate ausgeraubt. Lnmer kamen neue Banden mit 
leeren Schiffen an, und alle fanden noch genug Beute. Die Führer 
bei diesen Plünderungen waren zwei dem Gefängnisse entflohene 
Sträflinge, J^ JfS fic Dschou-lä-bau und fl| ^ IR Dschung-pu-fu^ welche 
Land und Leute gut kannten, also wußten, wo etwas zu holen 
war. Diese Verbrecher. wollten nicht nur plündern, sondern auch an 
ihren Anklägern und Verfolgern sich rächen. 

Endlich, nach fünf langen Monaten, waren einige kaiserliehe 
Truppen bereit, den Seeräubern entgegen zu treten. Nach alt 
bewährter Weise legten sie sich in den Hinterhalt und suchten so 
den Feind zu überfallen; denn sie wagten nicht die furchtbaren 
japanischen Krieger direkt anzugreifen. In der Tat gelang ihnen 
ihr Vorhaben. Die Räuber wurden besiegt und in die Flucht ge- 
schlagen. Oben erwähnte verräterrische Sträflinge hatten ohne zu 
kämpfen alsogleich das Weite gesucht. Als Bettler verkleidet 
suchten sie sich der Verfolgung zu entziehen. Doch wurden sie 
erkannt und unter ausgesuchten Qualen hingerichtet. 

Schon Kaiser Yung-luo (1403 — 1424) hatte den Japanern 
einige Häfen zu freiem Handel geöffnet. Die Seeräuber aber ;, ver- 
irrten^ sich immer in andere nicht freie Häfen. Sahen sie, daß 
das Land von Soldaten besetzt und bewaffnet war, so gaben sie sich 
für Kaufleute aus und boten Waren feil.*) War dagegen das Land 
nicht bewacht, so gingen sie alsogleich ans Rauben und suchten 
dann eiligst das Weite. 

Wie wir schon gesehen^ waren manche jener Gesundtschaften 
nichts anderes als verkappte Bäuberbanden. Wenn man sein Be- 
fremden über ihre zahlreichen Waffen ausdrückte, gaben sie vor, das 

*) HftuptsächUoh waren dies Schwefel, indisches Cocsalpinis-Holz und andere 
leicht entsQndbare Artikel. Zunächst waren dieselben bestimmt, um Schüfe und 
Häuser anzustecken. Nur wenn sich dazu keine Gelegenheit bot, oder wenn man 
'Verdacht ablenken wollte, wurden sie zum A^crkanfc feil geboten. 



— 187 — 

Meer sei so voll von Seeräubern, daß man solcher Waffen sehr 
bedürfe. 

Während an der Meeresküste die Japaner plünderten, fielen 
die Mongolen an der Nordgrenze des Reiches ein. Yerschiedene 
chinesische Generäle, die gegen sie gezogen waren, virurden geschla- 
gen. Schließlich riet der schon früher erwähnte Groß-Eunuch Wang- 
dschen dem Kaiser, sich selbst an die Spitze seiner Armee zu 
stellen und in höchsteigener Person den Feind zu vernichten. Der 
zweiundzwanzigjährige unerfahrene Kaiser glaubte seinem Günstlinge 
und zog 1446 ina Feld. Doch er w^urde geschlagen, ja selbst 
gefangen genommen. 

Die Bestürzung darob war außerordentlich. Da man Wang- 
dschen als den Urheber dieses Unheiles ansah, wurde er mit einigen 
Hauptmitschuldigen grausam hingerichtet; andere weniger Schuldige 
wurden mit Ehrenverlust und Einziehung ihrer Güter bestraft. Die 
Weiber und Kinder der Hingerichteten wurden als Sklaven unter 
die Großen oder an die Pagoden verteilt. 

Die Mongolen waren zu klug, um sich aus dem Tode des 
Kaisera einen merklichen Nutzen zu versprechen. Darum schonten 
sie seines Lebens und führten ihn in die innerste Mongolei, daß 
es ilmi nicht möglich wäre, zu entfliehen. Dscheng-tung blieb in 
dieser Gefangenschaft bis zum Jahre 1453. Unterdessen sparten 
die treuen Untertanen nichts, um ihrem Kaiser die Gefangenschaft 
möglichst zu erleichtem und ihn aus derselben zu befreien. Doch die 
Mongolen ließen ihn nicht so leichten Kaufes frei. Sogleich nach 
der Gefangenschaft Dscheng-tungs hatte sein Bruder f^ ^ Dä-dsung 
den Thron bestiegen. Als nun Dscheng-tung 1453 heimkehrte, war 
er klug genug, keine Unordnung in die Regierung zu bringen: 
er zog sich zurück und lebte als Privatmann. Erst als sein Bruder 
1457, kaum dreißig Jahre alt, gestorben war, bestieg er wieder den 
Thron und regierte noch ungefähr acht Jahre, bis auch er, erst 
achtunddreißig Jahre alt, 1465 starb. Sterbend verordnete er noch 
ausdrücklich, daß kein Diener und keine Konkubine bei Gelegen- 
heit seines Todes oder Begräbnisses dürfe getötet werden — ein Be- 
weis, daß dieser abscheuliche Gebrauch zu jener Zeit wohl noch 
existierte. Theoretisch hatten freilich die chinesischen Weisen sol- 
chen Brauch für verabscheuungswürdig erklärt, aber es gab doch 
immer Leute, die aus Schmeichelei den Großen gegenüber solchen 
Unfug noch zu rechtfertigen und zu biUigen wagten. 

Unter seiner Regierung ereignete sich die furchtbare Über- 
schwemmung des Huang-ho, im Jahre 1462. Fast ganz ßfl if j|^ 



— 18Ö — 

K'ä-fHng-fu war überschwemmt und verwüstet. Schon seit 1448 
zeigte der eigensinnige Huang-ho verschiedene Male Lust, den Süden 
zu besuchen. Doch richtete er nie so großes Unheil an, als durch 
die Überschwemmung von anno 1462. 

Doch kehren wij zu den Japanern zurück. Im Jahre 1453 
kam wieder eine sogenannte japanische Geeandtschaft. Dieselbe 
war sehr zahlreich und aufs beste bewaffnet. Sie zogen auf dem 
Kaiserkanal nach Norden. Als sie bis ^ ^ lAn-dsing in Schän- 
dung, siebenhundertsechzig Li von Bßi-djing gekommen waren, ge- 
brauchten sie Gewalt und plünderten die Stadt. Der Mandarin, wel- 
cher diese Unholde beschwichtigen wollte, wurde fast totgeschlagen. 
Trotzdem empfing sie der Kaiser in feierlicher Audienz, weil er 
sie nicht zu anderen Gewalttaten reizen w^ollte. Nur erlaubte er 
sich, in Erinnerung zu bringen, daß ehedem festgesetzt worden sei, 
es sollen nur drei Schiffe mit einer Besatzung von höchstens drei- 
hundert Mann kommen, von denen aber nur dreißig Waffen tragen 
dürften. 

Die Japaner hatten schon längst bemerkt, daß der Kaiser 
und sein Hof eine entsetzliche Furcht vor ihnen hatten. Diese 
wollten sie sich zu nutze machen. Sie stellten sich also erstaunt, 
wie der Kaiser ihnen diesmal so geringfügige Geschenke mache 
für die zahllosen Geschenke, welche sie aus Japan gebracht; so ge- 
ringe Gegengeschenke könnten sie ohne Schande nicht annehmen. 

So fing denn das Riten-Ministerium Unterhandlungen mit den 
Japanern an. Letztere forderten, die Gegengeschenke sollten gleich 
ihren Geschenken einen Wert von 217 000 Unzen Silber darstel- 
len. Die Chinesen dagegen meinten, 34 700 Unzen Silber sei schon 
mehr als der zehnfache Wert der aus Japan mitgebrachten Geschenke. 

Die Sache ging bis an den Kaiser. Dieser bewilligte noch ein 
Geschenk von 10 000 Unzen Silber. Die Japaner nahmen dies Ge- 
schenk an, verlangten aber noch mehr; sie lärmten und drohten. 
Um sie endlich los zu werden, gab ihnen der Kaiser noch 1 500 
Rollen Seide. Selbst jetzt noch stellten sich die unverschämten 
Kimden unzufrieden, zogen aber doch schließlich ab. 

Entrüstet über das vorerwähnte räuberähnliche Gebaren machte 
der Kaiser Vorstellungen bei der japanischen Regierung. Wahr- 
scheinHch hat er diese Note durch den König von Korea übermit- 
telt. Denn die demütige Antwort aus Japan kam auch über Korea. 
Der Shogun bat um Verzeihung über solch unerhörtes Betragen 
seiner Leute und erklärte sich unwürdig, noch fernerhin vor des 
Kaisers Angesicht zu treten. Auch hatte or den König von Korea 



— 189 — 

um seine Vennittelung und Fürsprache gebeten. Welch' ein Ge- 
gensatz zu dem selbstbewußten Auftreten mancher seiner Vorgänger! 
Die Shogune waren damals eben lange nicht mehr jene mächtigen 
Herren von früher. 

Froh über eine solche Genugtuung antwortete das Riten- Mi- 
nisterium schleunigst und gnädigst, alles sei vergessen und verziehen, 
nur möge der Shogun einen vernünftigen und erfahrenen Mann 
zu seinem Gesandten auswählen, der auch mit den Regeln diplo- 
matischer Missionen gut bekannt sei; sei der Leiter der Gesandt- 
schaft ein zuverlässiger Mann, so würden ähnliche Ungehörigkeiten 
niemals wieder vorkommen. 

Ganz erfreut über so unerwartet große Güte, sandte der Sho- 
gun im folgenden Jahre 1458 eine Gesandtschaft, um dem Kaiser 
innigst zu danken. Der Brief war in den denkbar demütigsten 
Ausdrücken abgefaßt; die Geschenke waren auch überreich und 
kostbar. 

D<5r Kaiser empfing die Gesandtschaft mit größtem Prunk 
und mit aufrichtiger Freude, hoffte er ja, daß die Beziehungen 
zwischen den beiden Regierungen von nun an sich besser gestalten 
würden. Leider hatte er sich geirrt. Der damalige achte Shogun war 
Yoshimasa jg H jl^, chinesisch Yüan-i-dscheng (1445 —1472), aus der 
Familie Ashikaga. Er war seinem Bruder m Jjf Yoshikatsu, der 
nach zweijähriger Regierung als ein Kind von zehn Jahren 1443 
gestorben war, gefolgt. Auch der neue Shogun war ein Kind von 
acht Jahren. Somit konnte von Herrschen keine Rede sein. Die 
großen Daimyo-Familien der Hosokawa, Hata-Keyama, Shiba und 
andere, die vom vierzehnten bis sechzehnten Jahrhundort so mächtig 
waren, machten sich fortwährend den Vorrang streitig und bekriegten 
sich fast ohne Unterlaß. Die kleinen Daimyo mußten sich der einen 
oder anderen Partei anschließen. So dauerten denn die Bürgerkriege 
in Japan immer fort. Von ordentlicher Regierung, von Ruhe und 
Frieden im Lande konnte keine Rede sein. Japan verarmte und 
verwilderte immer mehr; kein Wunder also, daß das Räubergesindel 
überhand nahm und seine Raubzüge nach China weiter fortsetzte. 

Da Yoshimasa bis 1464 noch keinen Sohn hatte, ernannte er 
seinen Bruder Yoshimi zum Thronfolger. Aber siehe da! im fol- 
genden Jahre 1465 wurde ihm ein Sohn Yoshihisa geboren. Der 
abgesetzte Yoshimi hatte aber unter den Daimyo mächtige An- 
hänger, mit deren Hülfe er dem jungen Kronprinzen den Thron 
streitig zu machen suchte. Dadurch veranlaßte er einen zehnjähri- 
gen wütenden Bürgerkrieg. Im Jahre 1474 dankte Yoshimasa zu 



— 190 — 

GuDBten Beines nun zehnjährigeD Sohnes Yoshihisa ab und wurde 
BoQze, fuhr aber gleichwolil fort zu regieren. Er wollte seiuem 
Sohne den Thron sichern. AIr eraterer aber 1489 starb, verBÖhntc 
»ich Yoshimaaa mit Boinem Bruder Yoshimi und erklärte dessen 
Sohn Yoshitane K tÜ ^1^ Thronfolger. AI» v.r nun 1490 im Älter 
von fflnlundsechzig Jahren starb, folgte ihm der eben erwähnte 
Yoshitane in der Regierung. Wie sohwaeh damals die Shogune 
gewesen, ersieht man aus dem Umstand, daß, wie wir wissen, manche 
Daimyo auf eigene Faust im Namen des Shogun Gesandte nach 
China schickten. Andere Daimyo waren durch die vielen Bürger- 
kriege moralisch und materiell herunter gekommen, daß sie ea nioht 
unter ihrer Würde hielten, gleich dem verkommensten Q-esindel vom 
Raube zu leben. 



Sechzehntes Kapitel. 

Der Kaiser jsJt Ä Tscheng-hua (1466-1487.) 

Famose RäubergesandtsolLaft. Grandimg des |g fj^ Si-tschang. 

Tod des Kaisers. 




Is Tscheng-hua nach seinem Vater zur Regierung kam, war 
er ein junger Mann von achtzehn Jahren. Das Eunuchen- 
und Weiber- Regiment dauerte auch unter ihm fort. Da der 
Groß-Eunuche V n' j^ Tsau-dji-siang es schließlich doch 
zu arg trieb, wurde er wegen seiner Tyrannei und wegen Mißbrauch 
kaiserlicher Geheimnisse zum Tode verurteilt. Auch seine Freunde 
und Helfershelfer wurden nach dem Maße ihrer Verbrechen bestraft. 
Das ungeheure Vermögen des Tsau-dji-siang wurde eingezogen 
und der Kaiserin zum Unterhalt ihres Hofstaates geschenkt. Seit 
dieser Zeit hatten die Kaiserinnen der Ming ihr so beträchtliches 
Privat-Vermögen. 

Anstatt des abgeurteilten Eunuchen Tsau-dji-siang führte nun 
die Konkubine K ^ Wan^sche das Regiment am Hofe, ja sogar 
im Reiche. Selbst der Kaiser wurde von ihr tyrannisiert. Gern 
hätte er sich ihrer erledigt; aber er fürchtete ihre mächtige Partei 
und Verwandtschaft. 

Dieses Weib war derartig gefürchtet, daß, als im Jahre 1470 
dem Kaiser yon einer anderen Konkubine, |g Dji genannt, ein Sohn 
geboren wurde, man nicht wagte, dies Freudenereignis bekannt zu 
machen, aus Furcht, der kleine Sprößling würde mit seiner Mutter 
von der eifersüchtigen Wan-sche umgebracht. Diese Furcht war 
nicht unbegründet; denn sie hatte schon einen Sohn des Kaisers 
vergiftet. So erzog man denn den Knaben heimlich bis zum fünften 
Jahre. Da endlich erfuhr der Kaiser sein Glück. Seine Freude 
kannte keine Grenzen. Mutter und Sohn wurden mit Ehren und 



— 192 - 

Titeln beschenkt und der Prinz alsogleich zum Thronfolger erhoben. 
Sonderbar; kurze Zeit darauf starb die Dji ohne vorherige Krank- 
lieit. Die Geschiehtschreiber sagen, sie sei von der Wan vergiftet 
worden. Dank der guten Bewachung entging der Prinz dem Tode 
durch Verbrecherhand. 

Außer den Eunuchen und Weibern liebte Tscheng-hua beson- 
ders die Jft -j: Bausche^ durch deren Vermittlung er die Zukunft 
zu erfahren und ein langes Leben zu erlangen hoffte. Die Dau- 
sche gaben vor, das Geheimnis zu besitzen, Unsterblichkeitspillen 
bereiten zu können. Trotz dieser „Unsterblichkeitspillen^ starb Tscheng- 
hua schon im Alter von einundvierzig Jahren. 

Sehen w:ir uns nun diesen Kaiser in seinen Beziehungen mit 
den Japanern an. 

Im zweiten Jahre seiner Regierung, d. h. im Jahre 1466, kam 
eine falsche Gesandtschaft, aus lauter verkappten Räubern bestehend, 
mit Schätzen reich beladen in Ning-buo an. Diesmal merkten die 
Beamten sofort den Betrug und sannen auf Mittel, der Schiffe und 
Mannschaften habhaft zu werden. Doch ehe ihnen der Streich 
gelang, waren die Japaner schon davongeeilt. 

Von Ning-buo begab sich die „Gesandtschaft* nach Pu-djien. 
Dort ließen sich die Mandarine täuschen. Sie berichteten die An- 
kunft der ^Gesandtschaft* an den kaiserlichen Hof, zählten die 
schönen, kostbaren Geschenke auf, fragten nach Verhaltungsmaß- 
regeln für die Weiterbeförderung nach Bei-djing. Unterdessen wurden 
die .yGesandten* aufs beste bewartet. Nachdem sich dieselben 
das Land gut angesehen und in Erfahrung gebracht hatten, wo die kai- 
serlichen Truppen standen und in welcher Zahl, fielen sie über 
die Stadt ^ ^ Da-sung^ die heutige Kreisstadt ^ }5 Hd-dschenfj^ 
her und plünderten sie. Die Stadt liegt fünfzig Li südöstlicli von 
der Präfektur 21^ jH) ^ Dschang-dschou-fu, Die »lapaner beeilten sich, 
denn sie wußten wohl, daß die kaiserlichen Truppen in Bälde an- 
kommen müßten. Und richtig ; noch am selben Tage, freilich schon 
ziemlich spät am Abende, kamen dieselben an. Wie groß war nicht 
die Freude der Soldaten, als sie am Meere die Schiffslaternon bren- 
nen sahen. Sie glaubten, die Japaner seien ganz sorglos und wüßten 
nichts von ihrer Ankunft. Darum hatten sie'« mit der Verfolgung 
derselben auch nicht sehr eilig. Erst des anderen Morgens, als 
die Sonne schon ziemlich hoch stand, begaben sie sich siogesgewiß 
ans Meer, um das Piratennest auszuheben. Doch wie groß war 
ihr Staunen, als sie die Schiffslaternen noch brennen sahen. Aber 
noch größer war ihre Enttäuschung und Wut, als sie beim Herannahen 



— 193 — 

sahen, daß die Laternea nicht an den Mastbäumeu, sondern an den 
liohen Bäumen am Ufer aufgehängt waren und daß das ganze Räuber- 
nest ausgeflogen war. Die Räuber hatten, durch Spione gewarnt, 
den tapferen Vaterlandsverteidigeru einen Streich gespielt. 

Die Wut des Volkes war unbeschreiblich; es fehlte nicht viel, 
so hätte es sich gegen das Militär erhoben und die Wohnungen der 
Beamten ei-stürmt. 

Am meisten waren die Mandarine geprellt und verlegen. In 
der Hoffnung auf Belohnung waren sie etwas zu voreilig und zu 
diensteifrig gewesen und hatten allzufrüh die Ankunft oben erwähnter 
„Gesandtschaft^ bei Hofe angemeldet. Was nun tun, um sich aus 
der Verlegenheit zu helfend Alles Hin- und Hersinnen half nichts; 
man mußte den Hof auf den Irrtum aufmerksam jnachen. Doch das 
bekam ihnen gar übel. Der Kaiser wurde, als er von der Sache 
hörte, begreiflicherweise grade nicht in die beste Laune versetzt. 
Um seiner Beamtenschaft ein für allemal eine gute Lektion zu 
geben, verfügte er die Absetzung und Bestrafung der beteiligten 
Zivil- und Militärbeamten. 

Im Jahre 1468 kam aber eine echte Gesandtschaft mit einem 
authentischen Schreiben des Shogun Yoshimasa. Derselbe hatte 
nämlich auch Kunde von dem eben erzählten Vorfalle erhalten 
und schickte diese Gesandtschaft, um sich demütigst zu entschuldigen 
und unfähig zu erklären, das raffinierte Räubergesindel im Zaume 
zu halten. 

Tsclieng-hua wollte es mit Japan nicht verderben; darum 
verbiß er seinen Arger und zeigte sich durch den Brief des Shogun 
und die überbrachten stattlichen Pferde und die anderen kostbaren 
Geschenke befriedigt. Ja, als er bemerkte, daß die drei Dolmetscher 
der Gesandtschaft so trefflich Chinesisch sprachen, wurde er sogar 
gesprächig und erkundigte sich, wo sie die Sprache so gut erlernt 
hätten. Es stellte sich nun heraus, daß sie aus Ning-buo gebürtig 
und in ihrer Jugend bei einer großen Plünderung der Stadt als 
Gefangene nach Japan entführt worden waren. Sie sagten, daß es 
ihnen in Japan sehr wohl ergehe. Dann erbaten sie sich vom 
Kaiser die Gnade, die Gräber ihrer Ahnen in I )Bche-djiang besuchen 
zu dürfen, um denselben ihre Verehrung zu bezeigen und Speiseopfer 
darzubringen. Der Kaiser belobte ihre kindliche Frömmigkeit und 
gab die erbetene Erlaubnis. Da man aber die Listen und Kniffe 
der verschmitzten Japaner kannte, kam die ganze Beamtenschaft 
über diese Erlaubnis in Aufregung. Es wurde verordnet, daß einzig 
die drei Dolmetscher ohne Bewaffnung, ohne alle Begleitung von 



— 194 — 

eigens dazu bestimmten Chinesen, an dem von den Ortsbeamten 
ausgewählten Tage, zur bestimmten Stunde zu den Gräbern ihrer 
Ahnen geführt würden. So groß war die Furcht, die man vor den 
Japanern hatte. 

Kaum war diese Gesandtschaft abgereist, als nocli in demselben 
Jahre 1468 im elften Monate eine andere ankam, welche unter 
der Leitung des Großherrn J^ j@t Tsing-tschi stand. Obwohl dieselbe 
allem Anscheine nach eine falsche war und nur der kaiserlichen 
Gegengeschenke und des Handels wegen kam, ließ Tscheng-hua 
sie doch zu. Schon unterwegs hatte dieselbe in den Städten und 
Marktflecken längs des Kaiserkanals arge Streitigkeiten veranlaßt. 
Selbst in Bei-djing, sozusagen unter den Augen des Kaisers, benahmen 
sie sich so herausfordernd und beleidigend, daß es nicht nur zu 
Zänkereien und' Streitigkeiten, sondern sogar zu Schlägereien kam. 
Wurde einer ihrer Leute verwundet, so machten diese säubern Herren 
viel Aufhebens davon, klagten über Verletzung des Völkerrechtes und 
verlangten die Auslieferung der Schuldigen. Wenn dann die Mandarine 
versprachen, sie wollten die Schuldigen nach der Strenge der Gesetze 
bestrafen, gaben sich die Japaner damit nicht zufrieden, sondern 
bestanden gebieterisch auf ihrem Begehren und drohten mit Rache. 
Die Sache kam bis an den Kaiser, der so schwach war, den unver- 
schämten Forderungen des frechen Gesindels nachzugeben und 
die Schuldigen auszuliefern. Dieselben wurden dann nach Japan 
mitgeführt. Was dort mit ihnen geschehen ist, hat man nicht 
erfahren. 

Solch eine Nachgiebigkeit seitens des Kaisers machte die 
Japaner nur noch frecher und herausfordernder. Darum berichten 
auch die Geschichtschreiber, daß es bei der im Jahre 1475 angelang- 
ten Gesandtschaft noch ärger zugegangen habe. Um des lieben 
Friedens willen verordneten die Mandarine, das Volk solle sich 
von jenen Unmenschen fem halten, damit doch ja kein Anlaß zu 
Streitigkeiten gegeben werde. Und der kaiserliche Hof tat in 
seiner schwachen Gutmütigkeit nichts anderes, als daß er die Ge- 
sandtschaft an die alten Bestimmungen für derartige Besuche erin- 
nerte. Was Wunder, wenn die Japaner über die Schwäche des 
Kaisers und die erwähnten Verordnungen nur lachten. 

Daß unter Tscheng-hua die Eunuchen und Konkubinen viel 
zu sagen hatten, läßt sich leicht denken. Um den Eunuchen noch 
mehr gewinnreiche Amter verschaffen zu können, errichtete der 
Kaiser ein neues Beamtenkollegium, das |f % Si4schang. Im Jahre 
1420 haben wir schon von dem ^ % Dung4schang gesprochen, 



— 196 — 

Das Si-tschang war gewissermaßen nur eine Erweiterung des Dung- 
tschang. (Vergleiche Seite 179.) 

Waren die Eunuchen vorher Inspektoren der Mandarine und 
ihrer Verwaltung, d. h. gewisnenlose Angeher und Verleumder ge- 
wesen, so wurden sie jetzt noch zu Hafen- und Handelsintendanten 
ernannt. Kaum gab es gewinn reichere Posten. Die jährlichen 
Haupt- und Nebeneinkünfte sollen ganze Millionen betragen haben. 
Diese Amter waren ausschließlich für die Eunuchen geschaffen worden. 
Wir werden später sehen, wozu das führte. Der Leiter diesei neuen 
Einrichtung war der Hauptgünstling des Kaisers, nämlich der Groß- 
Eunuche f£ K Wang-dschen, der leider seine Stellung schnöde miß- 
brauchte, um nach WHlkür schalten und walten zu können. Seine 
Dreistigkeit ging sogar soweit, daß er's wagte, dem Kaiser zu wider- 
sprechen. Zum Glück für andere fiel er infolgedessen in Ungnade. 

In eben diesem Jahre 1477 kam zum Ijeidwescn aller eine 
neue ^Gesandtschaft^ aus Japan. Sie brachte reiche Geschenke 
und verlangte dafür buddhistische Hücher. Der Kaiser gab ihnen 
daher das große Sammelwerk f^MH^^ Fa^yilan-dschu'lin, Als 
die unbescheidenen Menschen sich beschwerten, das sei zu wenig, 
ließ ihnen der Kaiser, um ihrer los zu werden, noch fünfhundert- 
tausend Sapeken, d. h. nach heutigem Gelde mehr als tausend 
Dollar geben. Solche Güte des Kaisers gefiel den Japanern so 
wohl, daß sie im Jahre 1484 wieder kamen. Dank der Geldgier 
der Eunuchen war es ihnen leicht, an den .Kaiserhof zu gelangen. 
Hier wurden sie ehrenvoll empfangen und mit Geschenken für sich 
selbst und den Shogun sowie dessen Gemalüin entlassen. Diesmal 
benahmen sie sich anständiger wie früher, aber trotzdem traute man 
ihnen nicht gar zu ^^el. Im doch ja allen Anlaß zu Zänkereien 
zu vermeiden,' hatten einige höhere Mandarine ihnen all ihre mit- 
gebrachten Waren en gros abgekauft und gut bezahlt. So blieben 
denn die früher so häufigen Ungehörigkeiten aus, und die Gesandt- 
schaft zog zufrieden und friedlich ab. 

Das war der letzt(3 Besuch, den Tscheng-hua von den Japanern 
erhalten; denn nachdem im ersten Monate 1487 seine böse Konku- 
bine jSS^ J3^ flansche gestorben war, starb auch (^r im achten Monate 
desselben Jahres, im dreiundzwanzigsten Jahre seiner Regierung, 
im einund vierzigsten seines Alters. 

Werfen wir jetzt noch einmal einen kurzen Kückblick auf 
Yoshimasa. 

Wie wir am Schlüsse des vorigen Kapitels gesehen, hat er 
seinen Sohn nicht lange überlebt. Während seiner fünfundvierzig- 

J3* 



— 196 — 

jährigen Regieining hat er sehr viel Leid erleben müssen, das er 
aber meistens selbst verschuldet hatte. Denn auch er lebte dem 
Vergnügen und vergeudete die Staatseinkünfte. Wegen seines wetter- 
wendischen Charakters kam er selbst mit seinen Freunden öfters 
in Konflikt und verursachte langjährige Kriege. So war sein Tod 
gerade kein großes Unglück, weder für seine Familie noch für das Reich. 




Siebenzehntes Kapitel. 

Japans Beziehungen zu China unter dem 
Kaiser 3t fh Hung-dsche (1488—1505). 

Anfhebnng des IK f^ Dung-tschang. YosUtane und O-uchi Toshioki. 






mÄk' 



|uf Tncheng-hua folgte sein Sohn Hung-dsche. Bei seinem 
Regierungsantritte (er zählte erst achtzehn Jahre) hob er 
nach altem Brauch die Kaiserin-Mutter und Großmutter 
zu den höchsten Würden und ernannte seine erste Frau 
zur Kaiserin. Dann erhob er seine an Vergiftung verstorbene Mut- 
^6^' IG JB Dji'Sche nachträglich auch noch zur Kaiserin und gab 
ihr alle nur wünschenswerten posthumen Titel.*) Dann räumte er 
mit der ganzen Verwandtschaft der Wan, die seine Mutter vergiftet 
hatte, auf. Seit 1466 war K ^ Kan-^f^an Staatsminister gewesen : 
er wurde jetzt mit all seinen (Günstlingen entlassen. An seine 
Stelle trat ^ J8 Siä-pu. 

Früher hatten die Eunuchen im Namen des Kaisers überall 
im Reiche die schönsten Mädchen für den kaiserlichen Harem ein- 
gezogen. Das war oft eine so große Anzahl, daß man sie im 
Harem nicht alle unterbringen konnte. So trieben denn die Eu- 
nuchen Handel mit diesen Mädchen und verschacherten sie um 
große Summen an reiche Familien. Siü-pu veranlaßte den Kaiser, 
diesen Unfug zu verbieten. 

Auch hob der Kaiser das 1420 von Yung-luo errichtete J^ fj^ 
Dung-tschang auf, weil die Eunuchen mit der Bestechlichkeit und 

'-\i Kuuiinfc der Sohn einer Konkubine nnf den Thron, so vrird seine Mvtter 
zugleich geadelt und erhSlt trotz ihrer niedrigen Abkunft eine Ansnahmestellnng. 
Dji-sche war die Tochter eines kleinen Unterprftfekten und nur als Dienst- 
dame in den Harem gekommen. Sie war aber klug genug gewesen, die so 
eifersüchtige ' Wan-sche zu tftnschen. 



^ l98 -^ 

dem Stellenhandel es doch gar zu bunt getrieben hatten. Nach- 
dem man sie gezwungen, die unrecht erworbenen Gelder herauszu- 
geben, wurden sie aller Ämter und Ehren verlustig und unfähig 
erklärt, jemals wieder ein Staatsamt bekleiden zu können. 

Leider ging s hierbei wie bei so vielen anderen Reformbestim- 
mungen neuer Herrscher. Was auf dem Papiere stand, war ja alles 
hübsch und recht. Aber nachdem das erste Interesse vorbei und 
die Schneide des Eifers abgestumpft war, lenkte alles allmählich 
wieder in die alten Bahnen ein. Die neuen Beamten waren viel- 
fach nicht merklich besser, als die alten abgesetzten. Doch genug 
von diesen unerquicklichen Zuständen. 

Als im .lahre 1495 eine neue Gesandtschaft aus Japan kam, 
zeigten sich diese Leute hochfahrender als jemals. Auf dem gan- 
zen Wege gab ihr übermütiges Betragen Anlaß zu Streitigkeiten 
und Händeln, trotzdem das Volk, von den Mandarinen vorher ge- 
mahnt, sich recht in acht genommen hatte. 

Zu 'S¥ ^ iHt Dsi-nlng-dschon in der Provinz Schau-dung kam 
es zu blutigen Kämpfen, weil das dortige Volk sich die Schikanen 
der wüsten Japaner nicht gefallen lassen wollte. Auf eine Be- 
schwerde hin, die man beim kaiserlichen Hofe eingereicht hatte, 
war derselbe so schwach und nachgiebig, daß er die ganze Schuld 
gegen seine l-berzeugung, nur um den Japanern nicht auf die Zehen zu 
treten, der Unklugheit der Beamten in die Schuhe schob, die Mandarine 
absetzte und den Dolmetscher in die Verbannung schickte. Dagegen 
wurde die Gesandtschaft mit Ehren und Geschenken entlassen, was 
sie doch wahrlieh nicht verdient hatte. Aber so geht's oft in der 
Welt. Die Unschuldigen oder Minderschuldigen müssen nicht selten 
für die Schuldigen büßen, während diese in Amt und Ehren bleiben, 
vielleicht sogar noch steigen. Es ist wahrlich gut, daß unser Herr- 
gott allmächtig ist, sonst hätte er wirklich viel zu tun, wenn er die 
unzähligen derartigen rngerechtigkeiten alle nach Recht und Ge- 
rechtigkeit bestrafen wollte. Jahrhunderte wären dazu nicht genü- 
gend; aber er bringt's in einem Schi. ige fertig und zwar ganz gründ- 
lich. — Doch schweifen wir nicht zu weit ab, sondern kehren wir 
zu unserer netten Gesandtschaft wieder zurück. Durch die in der 
Hauptstadt verfügte Freisprechung eimutigt, übte dieselbe auf ihrer 
Rückreise durch Dsi-ning-dschou blutige Rache, wobei sie mehrere 
Chinesen tötete. Auch jetzt tat der Kaiser nichts zum Schutze 
seiner Untertanen. Er beschränkte sich nur, den Hafenbeamten 
Vorsicht einzuschärfen. Aber was konnten die tun, wenn sie an 
der Regierung keinen Rückhalt hatten? Man sieht, der schwache 



— 199 — 

Kaiser wollte sich nur den Ivücken decken und die Verantwortung 
für spätere Vorkommnisse auf die Beamten schieben. 

In Japan regierte damals (1490—1493), wie wir schon im vorigen 
Kapitel berichtet haben, der Shogun ^ ^ Yoshitane aus dem Hause 
Ashakaga. Aber der eigentliche Herr im Lande war nicht er, son- 
dern der große Daimyo Hosokawa Masamoto (1466—1507), Haupt 
der Familie Hosokawa, welche von 1370 — 1553 eine außerordentliche 
Rolle gespielt. 

Masamoto, unzufrieden mit Yoshitane, setzte denselben im 
Jahre 1493 kurzweg ab und ernannte an seiner Stelle g|| ^ Yoshi- 
zumi (1494 — 1507). Als aber 1507 Masamoto ermordet w^orden war, 
konnte sich Yoshizumi nicht halten und floh nach Omi, einer In- 
sel im innern Meere Japans. 

Jetzt machte der abgesetzte Yoshitane wieder seine Ansprüche 
auf das Shogunat geltend. Mit Hülfe des mächtigen Daimyo 0-uchi 
Yoshioki (f im Jahre 1528) gelang es ihm zum zweiten MiJe in Amt 
und Würde sich zu behaupten. Aus Dankbarkeit ernannte er den 
0-uchi Yoshioki zu seinem Minister. Die Bürgerkriege dauerten 
aber fort, indem die mächtige Familie der Hosokawa sich durchaus 
nicht dem 0-uchi unterordnen wollte. 

So sah es denn in Japan wieder sehr schlimm aus, schlimmer 
als in China, wo wenigstens keine Bürgerkriege, die ja immer die 
schrecklichsten sind, hausten. 



Achtzehntes Kapitel. 

Der Kaiser iE ü Dscheng-d6i 
(1506-1521). 

Liu-djing. Oeeandtschaft von Korea und Japan. Dscbn-I 
Tod des Kaisers 1521. 



Kaiser, von dem wir jf't;^t sprechen, tmpt den achöueii 

amen iE ^ D.iehenij-diV. d. h. .die rechte, echte Tugend". 

'm sidi als piotfitsvollon Sohn dem Volke /.a beweisen, 

Qganu der (ünfxolnijähri^ Dscheng-di'i seine iteplerung 

I er unter großem Pompe weine kaiferlicheOrolimutter 

und Mutter zu liöchsteD Ehren erhöh und mit den schönsten Titein 

sclimüekte. Dann begrub er im zehnten Monate seinen Vater. 

Hierauf ointing er die jiipaniwche Geaandtschaft. welche schon in 

Bei-djing angekommen war. Um die Japaner zu gewinnen, bewies 

er sich auliürst huldvoll nnd herablassend und lieli es an reichen 

(lefichenken nicht Fehlen; besonders wertvoll war ein Siegel von 

massivem Golde undikunatreichcter Arbeit für den Shogun. 

Nach diesen Feierlichkeiten wandte sich der junge Monarch 
der Regierung zu. Leider sollte dieselbe nicht sehr glänzend ver- 
laufen. Denn Dsilieng-dei war ein schwaclier Charakter und üoD 
sich von Gnnatlingen zu sehr beeinflussen, besonders von einem 
gewissen 93 ^ hhi-il/in;/. Dieser war ein habgieriger und ränke- 
vollcr Mensch und milibnuichte die Gutmütigkeit seines Herrn sehr 
übel. Da er sich nämlich in d(!r Gunst des Kainei-s so fest wuUte, 
zeigte er allen Gioliwürdcnträgern gegenüber die höchste Anmaltung 
und tat, als ob weine Wünsche andern als Befehle gelten müUten. 
Entrüstet über solche AnmaOung, nahm der erste Minister H ^ 
L'u-djien mit /.wei seiner Kollegen, sowie einundfünfzig Groliinan- 
darine bald ihre Entlassung. Liu-djing hingegen, wollte sich nun 



— 201 - 

rächen. Darum verklagte, d. h. verleumdete er diese achtbaren 
Beamten. 

Es scheint, daß ÜHcheng-dei anfangs den Eunuchen nicht beson- 
ders hold war; jodenlalls hätten diese ihn gern anderswohin gewünscht. 
Und richtig; es gelang ihnen, auf eine ganz unauffällige Weise 
sich seiner zu entledigen. Dscheug-dei war Liebhaber wilder Tiere. 
Die Eunuchen beredeten ihn also, daß er außerhalb der Haupt- 
stadt eine Menagerie für Leoparden und dergleichen einrichten und 
für sich selbst in der Nähe ein Palais bauen ließe, um ja recht oft 
dem wilden Treiben der Bestien zusehen zu können. So hatten 
die schlauen Eunuchen (irreicht, was sie wünschten; besondere war 
das dem Liu-djing Wasser auf der Mühle. Um aber jede Möglich- 
keit abzuschneiden, daß der Kaiser etwas von seiner Mißwirtschaft 
erführe, ließ er niemand zu demselben gelangen, der ihm in etwa 
verdächtig erschien. Doch man fand andere Mittel, den KAiser auf- 
zuklären. Überall in seiner Nähe, selbst in seinen inneren Gemächern 
heftete man die in China so gebräuchlichen fS SB 'fÄ Mu-toii-tif^ 
d. h. anonyme Anklageschriften, an, oder man ließ solche beim 
Vorübergehen des Kais(»rs auf den Boden fallen. Trotz aller Un- 
tersuchung konnte Liu-djing die Täter nie ausfindig machen. Außer 
sich vor Wut vergaß (m- sich sogar so weit, im sechsten Monate 
des .Jahres 1508 mehr als dreihundert ihm verdächtige Palastbeam- 
teu ins Gefängnis zu werfen. An ihre StelU» setzte er ihm gefügige 
Leute. Kntweder hat der Kaiser nichts davon erfahren, oder die 
Sache hat ihn absolut nicht altcriert; denn er ging seinen V'ergnü- 
gen nach und ließ jenen Unmenschen weiter wirtschaften. 

Als gegen Ende laOO eine neue Gesandtschaft aus Japan ankam, 
ließ man dieselbe warten bis nach Neujahr, wo die Vasallen und 
Würdentniger des Reiches in feierlicher Audienz zur Beglückwün- 
schung des Kaisers empfangen wurden. Der Gesandte von Korea erhielt 
bei dieser Audienz den siebenten Platz zur Rechten des Kaisers, der von 
Japan den gleichen Platz zur Jjinken. Diese Gleichstellung mit den 
Koreanern mochte den Japanern wohl gerade nicht sehr angenehm 
gewesen sein. Auch mit den vom Kaiser gegebenen Geschenken 
waren sie unzufrieden, so daß Dscheng-dei befahl, ihnen noch mehr 
zu geben. 

Das Dankschreiben an den Shogun verfaßte der Kaiser nicht 
persönlich, sondern beauftragte das Ritenministerium damit, um 
wenigstens auf diese Weise seine Unzufriedenheit durchblicken 
zu lassen. Wahrscheinlich hatte der Shogun den Wink verstanden, 
denn schon im nächsten Frühjahr schickte er eine neue Gesandtschaft 



— 202 — 

unter Führung des M^ fK ^ Swig-su-hiang, Diesmal lief bei Hofe 
alles glatt ab. Aber auf der Heimreise gab es Schwierigkeiten. 

Sung-su-hiang war nämlich Von Geburt ein Chinese und hieß 
ursprünglich ^ |g Dschu-kau, Sein Oheim ^ ^ Dschu-tscheng 
war früher Kaufmann in Ning-buo und schuldete den Japanern eine 
beträchtliche Summe für Waren. Da er diese nicht bezahlen konnte, 
hatte er ihnen seinen Xeff'en verkauft. Auf der Heimreise traf nun 
der Neffe seinen Oheim in m ^ Sii-dschou und gab sich zu erken- 
nen. Das Wiedersehen war ein denkbar freudiges. Hatte ja der 
Neffe eine sehr glückliche Carriere gemacht und sich zum Groß- 
würdenträger und Günstling des Shogun emporgeschwungen. Es 
gab also freudige und glänzende Feste in Su-dschou, um dieses 
Wiederfinden gebührend zu feiern. Alle Welt sprach von dem 
großen Glücke des ehemals so armen Knaben. Aber siehe da! 
Eiferer des Gesetzes kamen und störten die Festfreude. Die Man- 
darine ließen nämlicli den Oheim verhaften und richteten ihn als 
Menschenverkäufer, worauf schwere Strafe stand. Aber der kluge 
NeflPe wußte Auswege. Bei seiner Anwesenheit in B6i-djing hatte 
er dem großen kaiserlichen Günstling fß ^ Li-djing tausend Unzen 
Goldes und ein höchst seltenes kostbares Gewand ^ fji tH Fei-yü- 
fu d. h. ^ Kleid von Flügeln fliegender Fische"' und andere kost- 
bare Geschenke gemacht. Sobald nun sein Oheim gefangen gesetzt 
worden war und die Sache seines Prozesses höchst bedrohlich 
wurde, beeilte er sich, wieder ein schönes Geschenk an Liu-djing 
zu schicken. Das wirkte. Bald traf ein kaiserliches Reskript ein,' 
welches erklärte, ^seine Majestät kenne sehr wohl alle Umstände 
dieses Handels, habe aber schon alles verziehen, und man solle darob 
niemand behelligen". 

Ein Glück, daß Sung-su-tsching sofort die Geschenke nach 
Bei-djing geschickt hatte, denn einige Monate nachher wäre es zu 
spät gewesen. Der zu anmaßende Liu-djing war nämlich gegen 
Ende desselben Jahres 1510 in Ungnade gefallen und sofort hin- 
gerichtet worden. Auch an ihm bewahrheitete sich das Wort des 
Dichters: ^Mit des Glückes Mächten ist kein ew'ger Bund zu 
flechten". 

Als 1512 eine neue Gesandtschaft aus Japan in Ning-buo 
landete, wandten die Mandarine alle Kniffe an, dieselbe nicht ins 
Innere gelangen zu lassen. Sie gaben vor, es gäbe große Unru- 
hen im Reiche; die Banditen zumal in Schan-dung seien so zahlreich, 
daß man des Lebens nicht sicher sei ; ganz gewiß aber würde man 
ihre kostbaren Geschenke unterwegs rauben. Aus Bei-djing kam 



^ SOS -- 

au«h eine Weisung in ähnlichem Sinne, man solle die gebrachten 
Geschenke in Nan-djing hinterlegen und bessere Zeiten abwarten. 

So gaben denn die Japaner die Weiterreise auf; und da die 
Mandarine ihnen die mitgebrachten Geschenke nach gerechter Ab- 
schätzung erfahrener Kaufleute bezahlt hatten, kehrten sie friedlich 
wieder nach Japan zurück. 

Im folgenden Jahre 1513 wollten sie aber den entgangenen 
Gewinn wieder einbringen. Sie kamen mit drei vollbeladenen Schiffen 
an. Diesmal aber half alles Einschüchtern und Abraten der Manda- 
rine nichts. Die Gesandten sagten, sie hätten Auftrag ihres Herrn, 
persönlich die Geschenke dem Kaiser zu überreichen, und dieses 
Auftrages müßten sie sich um jeden Preis entledigen. Das half. 
Trotzdem man ihnen in der Hauptstadt alle Ehre angetan hatte, 
war man doch froh, als man dieser Krämergesandtschaft los war. 
Denn auch sie hatte gute Geschäfte gemacht. 

Das folgende Jahr 1514 war wieder ein Tnglücksjahr für die 
ganze Provinz Dsche-djiang, besonders aber für die Städte jpt jff 
Ning-hii und 1^ Ui Fung-hua, Japanische Räuberbanden fielen 
nämlich plündernd über sie her. Doch diesmal sollten sie sich nicht 
lange ihr^^r Beute freuen. Der energische Mandarin ^ -jf Lu-fang, 
der sich in aller Stille gut gerüstet hatte, fiel unversehens über 
sie her, entriß ihnen fast allen Raub, tötete eine große Anzahl 
ihrer Leute und jagte die andern aus dem Lande. Jetzt hatte man 
wieder für einige Zeit Ruhe. 

Kehren wir jetzt wieder zu üscheng-dei zurück. An den 
Regierungsgeschäften schien er keine große Lust zu haben, denn 
er verwandte seine Zeit vielfach zu unnötigen Studien und Unter- 
nehmungen. Nachdem er glaubte, durch eifriges Forschen die 
Geheimnisse des Buddhismus ergründet zu haben, verlegte er sich 
auf das Studium der mongolischen, indischen und arabischen Sprache. 
Von Schmeichlern in seinem Eigendünkel noch mehr bestärkt, glaubte 
er ein wahres Genie zu sein. Darum reiste er auch nach *M.^M 
Silan-hiui-fu^ um dort die Kriegskunst zu erlernen. 

Als nun 1511) einer seiner ehemaligen Günstlinge sich empörte, 
zog Dscheng-dei in eigener Person gegen die Rebellen zu Felde, 
um sieh kriegerische Lorbeeren zu sammeln. Kaum war er nach 
Djiang-nan gekommen, als er erfuhr, die Empörung sei schon längst 
erstickt. Nachdem er nun einige Zeit in Nan-djing verweilt hatte, 
brach er schließlich auf, um nach Bei-djing zurückzukehren. Unter- 
wegs wollte er in ?^ ^ ^ Huä-ngan-fu auf den dort zahlreichen 
Seen Spazierfahrten unternehmen und sich im Fischen üben. Bei 



— 204 — 

einem solchen Fischfange im Öeo |ff ?fC Jfe Tsi-schui-tsche fiel er ins 
Wasser und wäre beinahe ertrunken. Da dies sich im neunten 
Monate, d. h. im Spätherbste ereignete, wo es manchmal schon 
kühl und selbst* kalt sein kann, hatte der Kaiser sich erkältet und 
kränkelte seitdem. Mit Mühe erreichte er im zwölften Monate noch 
seinen Palast, außerhalb Bei-djing, nahe bei der erwähnten Mena- 
gerie. Dort blieb der Kranke. 

Im dritten Monate 1521 gab es eine Sonnenfinsternis. In China 
gilt ein solches Ereignis als Vorbote eines großen Unglückes. In 
der Tat, bald darauf starb der Kaiser im Alter von einunddreißig 
Jahren. Trotz, oder besser gesagt, wegen seiner vielen Frauen und 
Kebsweiber hinterließ er doch keinen Sohn. Sein Nachfolger wurde 
sein Vetter, der in der Geschichte als j£ ^ Djia-dsing bekannt ist. 

In Japan regierte damals noch f| ff[ Yoshitane als zwölfter 
Shogun des Hauses Ashikaga. Die Bürgerkriege zwischen den 
Hosokawa und 0-uchi waren noch nicht beendet. Im Jahre 1520 
wurde Yoshitane dermaßen bedrängt, daß er, um dem Tode zu 
entgehen, fliehen mußte. Er zog sich nach der Insel ^ W^ Awqji in 
Sicherheit zurück und starb 1523 im Alter von achtundfünfzig Jahren. 

Der siegreiche Hosokawa Takakuni ernannte 1521 f| RJ Y^oshi- 
harn zum Shogun. Derselbe lag fast fünfundzwanzig Jahre lang 
mit den 0-uchi im Kampfe und mußte schließlich zu Gunsten seines 
elfjährigen Sohnes ^ Q[ Yoshiteru (1546 -15()5) abdanken. Aber 
auch unter dessen Regierung wütete der Bürgerkrieg fort. Schon 
einmal (1558) fast für ein ganzes Jahr aus seiner Residenz verjagt, 
wurde er im Jahre 1505 wieder von den mächtigen Daimyo in sei- 
nem Palaste belagert. Als er nun keinen Ausweg zu entkommen 
sah, legte er Feuer an und suchte in den Flammen den Tod, um nicht 
in die Hände seiner Sieger zu fallen. Er war erst dreißig Jahre alt. 

Daß bei einer solchen Regierung keine Ordnung in Japan 
herrschte, ist selbstverständlich. Es war die Zeit des Faustrechtes: der 
Mächtige unterdrückte den Schwachen, ohne Bestrafung fürchten zu 
müssen. Selbst die Bonzen mischten »ich in diese Kriege ein. Anfangs 
hatten sie nur einige bewaffnete Leute, um in unruhigen Zeiten ihre 
Besitzungen zu schützen. Allmählich aber übten sie selbst sich auch im 
Kriegshandwerke und griffen mit bewaffneter Hand in die Bürgerhändel 
ein. So fanden sie auch Gelegenheit, sich für die wegen der Xot- 
Isge des Landes spärlich fließenden Almosen zu entschädigen. Wegen 
ihres Mutes und ihrer großen Anzahl waren sie überall im Lande 
gefürchtet. 



— 205 — 

I. Vorzeichen der grossen Kriege mit den Japanern. 

Auch unter Djia-dsing trieben die Japaner ihr Unwesen nach 
gewohnter Art weiter. Waren es im Jahre 1522 Räuberbanden, 
welche ungestört das Gebiet von Ning-buo und andere Städte in 
der Provinz Dsche-djiang ausplündern konnten, so kam im fünften 
Monate des folgenden Jahres 152:^ eine glänzende Gesandtschaft 
von Japan, um dem kaiserlichen Lehensherni die Aufwartung zu 
machen und kostbaie (xeschenke zu überreichen. Der Führer der 
Gesandtschaft hieß ^ fj Dsung-sche und brachte ein mit dem Siegel 
des Kaisers Dscheng-dei versehenes Legitimationsschreiben vom Sho- 
gun mit. 

Kaum waren einige Tage verflossen, als eine andere Gesandt- 
schaft von Japan eintraf, und zwar unter der Leitung des früher 
schon erwähnten :3c iH Ihchn-kau oder *|c ^ M?P ^nng-su-hiang. 
Dieser behauptete, einzig und allein vom Shogun geschickt zu sein, 
obwohl sein Beglaubigungsschreiben nicht mit dem Siegel des 
Kaisers Dscheng-dei, sondern mit dem seines Vorgängers, von 5A Jß 
Rung-dsche (1488 — 1506), versehen sei. Dies sei nicht befremdend, 
denn das von Dscheng-d^i übersandte Siegel sei früher unterwegs 
in Hände von Seeräubern geraten. Daß dies sich wirklich so ver- 
hielt, werden wir später sehen. Trotz seines Rechtes war Dschu-kau, 
wie man sich denken kann, in der größton Verlegenheit. Darum 
versuchte er das allbewährte Mittel mit dem Silber. Tn verzüglich 
meldete er sich beim Hafenintendanten von Ning-buo fl| Bl Lä-ngen. 
Nachdem er demselben ein anständiges Geschenk gemacht hatte, 
beriet er sich mit ihm, was da zu tun sei, um die Authentizität 
seiner Mission behaupten zu können. Infolge dieser Beratung hielt 
der Intendant auf allen Schiffen die vorgeschriebene Tutersuchung, 
und zwar fing er, um Aufsehen zu vermeiden, bei denen des Dschu- 
kau an. Nachdem er bei diesem alles in Ordnung gefunden, ließ 
er ihn einhiufen und begab sich dann auf die Scliiffe des Dsung- 
sehe. Bei dieser Tutersuchung hielt er sich geflissentlich lange auf, 
um IJschu kau einen Vorsprung zu gewähren. 

Als Dsung-sche dies Manöver durchschaute, wurde er wütend, 
daß er den reichen Gewinn der kaiserlichen Geschenke seinem 
Nebenbuhler überlassen sollte. Somit war sein Entschluß rasch 
gefaßt. Er holte Dschu-kau ein, fiel über ihn und seine Leute 
her und tötete mehrere derselben. Als Dschu-kau mit den übrig- 
gebliebenen entkam, verfolgt!» ihn Dsung-sche noch weiter. 

In der Präfektur J|g Jj Schau-hing angelangt, sah Dschu-kau 
ein, daß er keine Hoffnung auf Erfolg seiner Gesandtschaft habe. 



— 206 — 

Somit verkleidete er sich und entließ seine Genossen, damit joder 
sein Heil in der Flucht suche. 

Dsung-sche und seine Bande zogen unterdessen raubend, sen- 
gend und mordend umher. Ein Unterpräfekt, der für sein Volk 
um Erbarmen flehte, wurde von den Unholden gefesselt und den 
gefangenen Frauen und Kindern beigezählt. Mit reicher Beute 
beladen fuhren die Räuber endlich ab. Es ist unverzeihlich, daß das 
chinesische Militär nicht schon früher energisch einschritt. Erst 
nachdem die Schilfe abgefahren waren, kamen kaiserliche Truppen 
unter der Führung des Generals SJ ^ Liu-djin an. Freihch holten 
sie die Rauber noch ein und griffen sie an, wurden aber geschlagen. 
Liu-djin selbst verlor dabei das Leben. So büßt<» er für seine unverant- 
wortliche Saumseligkeit. Doch, um gerecht zu sein, muß man 
bemerken, daß die Schuld nicht ihn allein traf. Schon seit langen Jah- 
ren war die KüstenvcMteidigung sehr vernachlässigt worden. Das hierfür 
bestimmte Militär war nicht vollzählig und auch nicht ausgebildet, 
so daß es einen ernsten Angriff nicht aushalten, viel weniger einen 
solchen unternehmen konnte. Kam der Feind, die Japaner, so 
nahmen sie Reißaus. Wurden ihre Befestigungswerke nicht vom 
Feinde verbrannt, dann legten sie selbst Feuer an, um so zu bewei- 
sen, daß sie in der größten Gefahr gestanden und nur mit knapper 
Not dem Feuertode entronnen seien. 

Mit der Kriegsflotte stand es noch ärger. Statt der unbrauch- 
baren Schifle neue zu bauen, fiel den leitenden Persönlichkeiten 
nicht ein; dafür hatten sie kein Geld. Nachdem diese Übelstände 
schon Jahrzehnte lang bestanden hatten, konnte man an Liu-djin 
auch gerade keine allzu hohen Anforderungen stellen. 

Der chinesischen Regierung kam es natürlich sehr darauf an, 
sich über die Authentizität der beiden oben erwähnten Schreiben 
Gewißheit zu verschaffen. Dschu-kau wurde darum gerichtlich ver- 
nommen. Das Resultat dieser Untersuchung war folgendes: West- 
lich von Japan befand sieh ein kleiner Staat ^ ül J9^ Duo-luo-sche^ 
dessen Fürst f| ^ 1-hing hieß.*) Dieser war Japans Vasall und 
suchte schon seit langer Zeit Verbindungen mit di^n chinesischen 
Hofe anzuknüpfen, um d(^r üblichen reichen Geschenke habhaft zu 
werden. Anlaß dazu gaben ihm die unermeßlichen Schätze, welche 
er die japanischen Gesandten durch sein Gebiet heimschleppen sah. 

*) Wftr dieser Dmniyo nicht ein Mi^lied des Hauee» Asliika^^n? Was mich 
dies glauben macht, ist sein Name ^ / (von den Japanern Yonhi gelesen, wel- 
chen alle Ashikaga trugen und andere Familien lücht gewagt hätten eu tragen. 
Und den anderen Grund gibt Goethe im Faust: „Gewiß ist i>r ans edlem Haus, 
er war auch sonst nicht so keck gewesen''. 



— 207 — 

Als nun der Kaiser j£ ^ Dscheng-dH (1506 — 1522) zu Anfang 
seiner Regierung dem Shogun ein neues Siegel übersandte, hatte 
der Daimyo von Duo-luo-sche Mittel gefunden, dieses Siegel zu 
erbeuten. Der Shogun wagte nicht, den Kaiser darauf aufmerksam 
zu machen, weil er dann ja keine Gesandtschaft mehr hätte schicken 
dürfen. Man bediente sich also des älteren Siegels von Hung-dsche 
(1488—1506). 

Nicht lange nach dem oben erzählten Ereignisse schickte der 
König won Korea zwei Gefangene von der Bande des Dsung-sche 
an den Kaiser. Ein großer Sturm hatte nämlich die Bande auf 
ihrer Heimfahrt überrascht und eines ihrer Schiffe an die Küsto von 
Korea geschleudert. Die Koreaner töteten einige dreißig Mann und 
schickten die zwei erwähnten Räuber an den Kaiser. Der kaiserliche 
Rat beschloß, diese Gefangenen nach Dsche-djiang zu schicken und 
alle Schuldigen wechselseitig auszufragen, um so die Wahrheit aus- 
findig zu machen. Als der Kaiser damit' einverstanden war, wurden 
eigens zwei der tüchtigsten kaiserlichen Zensoren nach Dsche-djiang 
geschickt, um die ganze Sache nochmals aufs genaueste zu unter- 
suchen. Der Prozeß dauerte vier Jahre. Endlich wurden sowohl 
Dschu-kau als auch die zwei Gefangenen zum Tode verurteilt. Während 
das Urteil dem Kaiser zur Bestätigung überschickt wurde, starben 
die Verurteilten im Gefängnisse. So war diese unangenehme Sache 
auf eine einfache Weise erledigt. 

Als kurze Zeit darauf der Gesandte der Inseln g| ^^ Liu- 
tchiu nach Bei-djing kam, um dem Kaiser seine Aufwartung zu 
machen, beauftragte der Kaiser den Konig dieser Inseln, den Sho- 
gun von Japan benachrichtigen zu wollen, er solle den ^ R Dsung- 
sche möglichst bald an China ausliefern, damit er daselbst nach der 
Strenge der Gesetze gerichtet werde. Zugleich solle der Shogun 
auch den ünterpräfekten von Ning-buo und alle anderen Gefangenen 
möglichst bald nach China zurückschicken. Geschähe dies nicht, 
dann bräche China alle Beziehungen ab, infolgedessen fernerhin 
kein japanisches Schiff mehr einen chinesischen Hafen anlaufen dürfe. 
Dazu behalte sich der Hof von Bei-djing das Recht vor, zu überle- 
gen, ab ein so schwerer Ungehorsam es nicht verdiene, mit den 
Waffen in der Hand bestraft zu werden. Di(?se Antwort war sehr 
schneidig, aber es waren nur leere Worte. Die Seeräuber verwü- 
steten die Küsten wie ehemals, ohne daß China im stände gewesen 
wäre, sich zu verteidigen. 

Im Jahre 1530 reiste der Gesandte der Inseln Liu-tchiu über 
Japan, um sich persönlich über die Gesinnungen des Shogun zu 



— 208 — 

informieren und dem Kaiser zuverlässige Mitteilung machon zu 
können. Der Shogun Yosliiharu benützte die Gelegenheit, um dem 
Kaiser einen Brief zu schreiben. Er bezeugt, daß die Sendung 
Dschu-kau's echt gewesen sei und entschuldigt sicli, nicht eher 
geantwortet zu haben, weil er von den unaufhörlichen Bürgerkriegen 
gänzlich in Anspruch genommen sei. Auch gesteht er ein, daß das 
von Dscheng-dei übersandte Siegel unterwegs entwendet worden 
sei; allein deshalb habe er es nicht gewagt, weitere Gresandtschaften 
zu schicken; aber vorher wie nacjiher sei und bleibe er der getreue 
und demütige Vasall Sr. kaiserlichen Majestät. Daraufhin bittet er, 
den Dschu-kau zurückzuschicken und gütigst ein neues Siegel über- 
senden zu wollen. 

Als der Kaiser dem Ministerium der Riten diesen Brief des 
Shogun zur Einsicht überreichte, meinte dasselbe, man könne das 
doch wohl nicht gut glauben, sond(»rn müsse auf der Hut sein, 
da die Japaner schon öfters betrogen hätten. Der König der Inseln 
Liu-tchiu möge die Japaner benachrichtigen, daß sich dieselben an 
die ehemals bestimmten Verordnungen halten sollten, welclie alle 
möglichen Vorfälle geregelt hätten; was endlich den sogenannten 
Gesandten Dschu-kau beträfe, so babe das Tribunal in Dsche-djiang 
schon längst sein (xutachten darüber abgegeben. Diese Frage sei 
also wohl erledigt. 

So unzutreffend diese Antwort auch gewesen, schien sich die 
japanische Regierung doch darein zu fügen, wenigstens hat sie keinen 
Einspruch dagegen erhoben. Yoshiharu (1521 — 1545) schickte sog \r 
1538 eine weitere von Bonzen geführte Gesandtschaft nach China. 
Als dieselbe in Ning-buo anlangte, gab es wi(Mler lange Beratungen 
unter den dortigen Beamten betreffs der Zulassung. Schließlich 
hielt man es doch für geratener, die Japaner nicht zuzulassen. Darauf- 
hin verlangten die Bonzen, man möge ihnen wenigstens den letzten 
Gesandten Dschu-kau und die von ihm üb(M-brachten kostbaren Ge- 
schenke wi(Mler herausgeben. Um sich aus der Verlegtmheit heraus- 
zuziehen, leugneten nun di(^ Mandarine, von Dschu-kau und seinen 
Geschenken etwas zu wissen. Sie seien ja damals noch nicht in 
Ning-buo gewesen. Jetzt, nach fünfzehn Jahren könne man sie doch 
wohl nicht für die Sache verantwortlich machen. Die Gesandt- 
schaft kehrte also un verrieb teter Sache wieder heim. Nichtsdesto- 
weniger traf im nächsten Jahre 15159 eine feierliche neue Gesandt- 
schaft in Ning-buo ein. Jetzt hielten es die dortigen Beamten für 
geratener, die Sache nach Bei-djing zu berichten und Verhaltungs- 
maßregeln zu erbitten. 



— 209 — 

J3er Kaiser antwortete, der Gouverneur der Provinz möge mit 
den kaiserlichen Zensoren und den übrigen höchsten Provinzial- 
beamten diese Sache genau untersuchen und nach den gegebenen 
Umständen einen Entschluß fassen. Im Falle der Echtheit und 
wenn die Gesandtschaft sich au die ehemals erlassenen Verordnungen 
halten wolle, dürfe sie zugelassen, werden. Jedenfalls aber müsse 
dem Volke aufs strengste untersagt werden, Beziehungen mit der 
Gesandtschaft zu unterhalten; es dürfe bei derselben nichts kaufen, 
noch auch derselben etwas verkaufen. 

Da man an der (fesandtschaft nichts Ordnungswidriges bemerkte, 
durfte sie nach Bei-djing Weiterreisen, wo sie im zweiten Monate 
des Jahres 1540 vom Kaiser feierlich empfangen wurde. 

Der Gesandte bat nun zunächst um ein neues Siegel, auf daß 
der Shogun seine Briefe offiziell beglaubigen könne. Dann aber 
ersuchte er auch wieder, man möge den ehemaligen Gesandten 
Dschu-kau und die Geschenke nach Japan zurücksenden, da die 
damalige Gesandtschaft ja nicht empfangen worden sei. 

Hierauf berief der Kaiser die Präsidenten der vier Ministerien 
der Riten, des Krieges, der Justiz und der kaiserlichen Zensoren zu 
einer Beratung. Diese gaben zur Antwort: 1. man solle dem 
Shogun nicht eher ein neues Siegel übersenden, als bis er alle 
ehemals empfangenen Siegel zurückschicke; 2. man solle sich an die 
alten Bestimmungen halten, nach denen nur alle zehn Jahre eine 
Gesandtschaft aus Japan zuzulassen sei, deren Gefolge aus drei 
Schiffen mit höchstens hundert Mann bestehen dürfe. 

Daß die Gesandtschaft gerade nicht in sehr gehobener Stimmung 
nach Japan zurückkehrte und dort auch keine besonderen Sympa- 
thien für China weckte, läßt sich leicht denken. Einerseits wäre 
es auch gewiß nobeler von den Herren Ministerpräsidenten gewesen, 
wenn sie dem Kaiser einen versöhnlicheren Rat gegeben hätten 
nach dem alten „Est modus in rebus, quos ultra citraque nequit 
consistere rectum^. Andererseits aber kann man das Benehmen 
Chinas sehr leicht entschuldigen, wenn man die vielen Betrügereien 
und Plackereien seitens japanischer Gesandtschaften und die rechts- 
widrigen verheerenden Einfälle japanischer Seeräuber bedenkt. 



Japans üeziehunt^en zu China. 14 



— 210 — 

2. Zeitweise Handelsfreiheit unter Djia-dsing; 

ihre Aufhebung 1530. 

Wir haben zum Jahre 1523 die große Verwüstung in der 
Provinz Dsche-djiang erwähnt. Alle Welt stimmte überein, daß 
ein solches Unglück nur dem Geize des Eunuchen j|| JR Lä-ngen 
zuzuschreiben sei. Darum erhoben sich nun alle Beamten und alle 
einflußreichen Familien der Provinzen Dsche-djiang und Fu-djien 
gegen ihn und seinen Anhang, um die verhaßte Eunuchenwirtschaft 
abzustellen. In Anbetracht der großen Gewogenheit des Kaisers 
war es kein Leichtes, gegen seine Günstlinge vorzugehen. Auf 
beiden Seiten wurden Anschuldigungen vorgebracht, die gerade 
nicht allemal der Wahrheit entsprachen. Die verschmitzten Eunu- 
chen parierten die Angriffe ihrer Gegner so geschickt, daß sie 
selbst, wenn auch nicht siegreich, so doch ungeschoren aus der 
Affaire herauskamen und die ganze Geschichte allmählich sich ioi 
Sande verlief. 

Um für die Zukunft einem ähnlichen Unglücke wie das vom 
Jahre 1523 vorzubeugen, schlug man dem Kaiser vor, nach dem 
Beispiele des Kaisers ßß 3!C ^ Weiwen-di (222 — 226) Handelsfreiheit 
zu gestatten; China könne daraus nur Nutzen ziehen, denn erstens 
fiele damit der Vorwurf der Habgier und Gewinnsucht weg, und 
zweitens käme mehr Geld ins Land. Ahnlich habe ja auch vor nicht gar 
zu langer Zeit der Kaiser Yung-luo sich zur Freigabe des Handels 
bewogen gefühlt. Die Minister haben ihm nämlich begreiflich 
gemacht, daß die Handelsfreiheit unbeschäftigten Untertanen Arbeit 
und Verdienst verschafiFe nnd so den Wohlstand hebe; daß dadurch 
ferner mit einem Schlage die so blühende Schmuggelei*) abgeschafft und 
das bisher dagegen aufgebotene Militär überflüssig werde; zudem werd«^ 
Japan freundlich gestimmt und seine räuberischen Einfälle unterlassen. 

Diese Gründe leuchteten dem Kaiser ein. Er verfügte sofort 
die Abschaffung der Hafeninspektoren und proklamierte Handelsfrei- 
heit; gleiches Recht gälte für Ausländer und Reichsangehörige; die 
Warenpreise sollten von den Kaufleuten selbst frei und friedlich 
festgesetzt werden. 

Doch jetzt wurden die letzten Dinge schlimmer als die ersten. 
Die Großhändler und Geldmänner in Dsche-djiang und Fu-djien 
bildeten Gilden und monopolisierten den Handel. Natürlich war 

*) £a gilb schon in älterer Zeit in China ganz rnffinierte Schmugglerban- 
den. BeRonderH berühmt ist der Snlxschmuggeler 0| ^ Tsien-liu (851—939) 
Ferner ^ ';;(^ ||{c Dschang^sche-tschengf der unter den Dynastieen YQan und 
Ming sein UnweBen trieb. 



— 211 — 

das der Ruin der kleinen Kaufleute. Was Wunder, wenn sich die- 
selben gegen «ine solche Bedrückung auflehnten und nicht selten 
zu Tätlichkeiten sich hinreißen ließen. Prozesse gab's mehr als 
früher. Die Japaner waren natürlich auch gegen das ungesetzliche 
Monopolunwesen aufgebracht und schürten die Unzufriedenheit unter 
den chinesischen Kleinhändlern. Es drohte eine blutige Revolution 
auszubrechen. Auf die Nachricht hiervon berief der Kaiser seinen 
Staatsrat. Man kam zu der Überzeugung, das Verfahren des Kaisers 
Hung-u sei das richtige gewesen. Dieser habe, der vielen Placke- 
reien seitens der Japaner überdrüssig, den Handel mit dem Auslande 
ganz untersagt, zumal da China ja selbst alles Notwendige im eigenen 
Lande besitze. 

In der Tat ließ Djia-dsing im Jahre 1530 sich dadurch bestim- 
men, nicht nur den Freihandel aufzuheben, sondern jeglichen 
Handel mit dem Auslande strengstens zu verbieten. Ob er hiermit 
dem Lande gedient habe, muß sich später zeigen. 



3. China in seiner Abgeschlossenheit. 

So war nuii Djia-dsing von einem Extrem ins andere gefallen. 
Das Interdikt war hart. Tausende von Kleinhändlern wurden dadurch, 
wenn gerade nicht brotlos gemacht, so doch vorläufig sehr schwer 
betroffen. Ihre Unzufriedenheit war nicht gering und veranlaßte 
sie, mit den ebenfalls unzufriedenen Japanern gemeinsam Schmug- 
gel zu treiben. Die Großhändler kümmerten sich auch wenig um 
den kaiserlichen Erlaß, sondern trieben ihren Handel fort. Daß 
die japanischen Seei-äuber solchen Wirren nicht müßig zusehen wür- 
den, ließ sich leicht denken. Und richtig; ihre Einfälle wurden 
von jetzt ab immer zahlreicher und umfangreicher. Selbst eigentliche 
Kaufleute verbündeten sich mit ihnen, um an chinesischen Kaufleuten, 
von denen sie schikaniert worden waren, Rache zu nehmen. So 
waren also wieder alle Puppen am tanzen und zwar sechsundzwanzig 
lange Jahre hindurch, bis 1566. Das Bedauerlichste dabei ist noch, 
daß gewissenlose Chinesen mit den Räubern gemeinsame Sache 
machten und ihnen Spionen- und Führerdienste leisteten. Besonders 
taten das zwei dem Gefängnis entsprungene Subjekte, ^ß ft SS. ^^' 
hiang-tou und f|p Jt Hü-dung. Sie wüteten wie losgelassene oder 
entlaufene Bestien, besonders gegen die Beamten und reichen Leute. 
Lange Jahre hindurch waren sie der Schrecken von DschS-djiang und 
Pu-djien. 

14» 



— 212 — 

Also blühte der Handel weiter wie ehedem. Bot sich Gelegen- 
heit, so raubten selbst chinesische Kaufleute ihre Landsleute aus, 
um sich an der Regierung zu rächen. Die Seeräuber trieben 
ihr frevles Handwerk auch ungescheut fort, bald hier, bald dort, 
ohne daß es den wenigen kaiserlichen Truppen möglich gewesen, 
sie daran zu hindern. Hätten die Großkaufleute die Japaner nicht 
gereizt und zur Kache gegen sie herausgefordert, so wäre es violleicht 
lange so fortgegangen. Aber die großen Herren mißbrauchten ihre 
Stellung: oft bezahlten sie nicht die von den Japanern gelieferten 
Waren, oder doch nicht den versprochenen Preis. Niclit selten auch 
luden sie die Japaner zum Empfange des Geldes an Stellen, wo 
sie kaiserliche Truppen verstockt hatten, die dann herausbrachen, 
die Japaner gefangen nahmen und ihre Schiffe und Habe mit Bes(;hlag 
belegten. 



4. ig ^ Yen-sung (1540—1562. f 1567). Verschwörung 

im Harem. 

In der Geschichte des Kaisers Djia-dsing können wir seinen 
langjährigen Kanzler Yen-sung nicht mit Stillschweigen übergehen. 
Derselbe war 1482 in >9^ 5iC Fen-i^ Unterpräfektur von "^^ fVi J^ 
Yüan-dschou-fu in der Provinz üjiang-si geboren. Nach ausgezeichne- 
ten Studien wurde er 1505 Doktor und bald darauf Akademiker 
und nahm unter den großen Gelehrten eine der ersten Stellen ein. 
Wegen Überanstrengung beim Studium wurde er krank und sah 
sich genötigt, seine Heimat wieder aufzusuchen. Nachdem er 
wieder hergestellt war, betrieb er wieder eifrig seine Lieblingsstudien 
und erwarb sich durch Verse und philosophische Aufsätze großen 
literarischen Ruhm. 1528 wurde er an den kaiserlichen Hof geru- 
fen, um die Klassiker zu erklären. Von nun an war sein Lebenslauf 
ein walirer Triumphzug: er stieg von Würde zu Würde und war 
eine der angeschensten Persönlichkeiten des Hofes. Nachdem er 
fünf Jahre lang I^räsident des Ministeriums der Riten zu Nan-djing 
gewesen, wurde er in derselben Eigenschaft nach Boi-djing gerufen 
und bekleidete zugleich die Präsidentschaft der Akademie und andere 
höhere Amter. Wenn Djia-dsing vorhindert war, seinen Ahnen die 
althergebrachten Opfer darzubringen, beauftragte er Yen-sung, seine 
Stelle zu vertreten, während sonst nur kaiserliche Prinzen zu diesem 
Amte auserlesen wurden. 

Da es allerlei Schwierigkeiten im Reiche gab, im Süden von 
selten der Japaner, im Norden von selten der Mongolen, vermeinte 



— 213 - 

Djia-dsing, seine Ahnen seien vielleicht mit den ihnen bis jetzt 
erwiesenen Ehren und Opfern unzufrieden und hätten seinetwegen 
so grofies Unglück über das Reich kommen lassen. Er beschloß 
also, seinen Vorfahren dieselben Opfer darzubringen, welche man 
bisher nur dem Himmel und der Erde dargebracht. 

So etwas war bisheran noch nie dagewesen. Darum äußerte 
das Ministerium der Kiten auch seine Bedenken. Aber der Kaiser 
bestand auf seinem Vorhaben, und so gab das Ministerium auch wohl- 
weislich nach. 

Yen-sung hatte es verstanden, den Kaiser so für sich einzuneh- 
men, daß er bald ic "F :^ Ä Tä-dse-da-hau^ d. h. Lehrer des 1539 
ernannten Kronprinzen, und erster Staats minister wurde. Er war 
damals schon sechzig Jahre alt, aber noch stark und rüstig, wie in 
den besten Jahren. Er war ein großer stattlicher Herr, hatte große 
Augen und eine ungewöhnlich starke Stimme. Ein so vorteilhaf- 
tes Äußere hatte nach chinesischen Begrififen nur einen Fehler: 
seine Augenbrauen waren nicht dicht noch struppig. Sonst war 
Yen-sung ein geld- und ehrsüchtiger Schmeichler. 

Iin zehnten Monate des Jahres 1542 wurde von Eunuchen 
und Konkubinen ein Mordanschlag auf das Leben des Kaisers 
gemacht. Als nämlich Djia-dsing im Gemache seiner Lieblingskon- 
kubine ijF 5^ TsdU'Sche schlief, schlich sich eine dazu gedungene 
Dienerin des Harems i^ ^ ^ Yang-djin-ying heran, warf dem Kaiser 
eine Schlinge um den Hals und lief dann eiligst davon. Doch 
erstickte der Kaiser nicht, sondern wurde nur besinnungslos. Jetzt 
nahm die Kaiserin-Mutter strengte Bestrafung der Schuldigen vor. 
Selbst die Tsau-sche wurde nach chinesischem Gesetze in Mitschuld 
gezogen und mit den andern auf einem öffentlichen Platze mit Steinen 
zu Tode geschlagen. Doch erklärte Djia-dsing später die Tsau-sche 
für unschuldig. Dieser Vorfall machte den Kaiser ganz furchtsam. 
Außer Yen-sung wurde kein Minister vorgelassen. Dieser wußte 
sich in der Gunst seines Herrn so zu befestigen, daß derselbe ihm 
eine eigenhändig geschriebene Ehrentafel mit dem Spruche: Jß» JA 
Ht JS Dschung-djm'ining'da^ d. h. „dem getreuen, dienstbeflissenen 
und klugen Minister'^ schenkte. Zugleich erhob er ihn auch zum 
dfc •? *fc 1Ä Tä-dse-fä-tschiian^ d. h. dem obersten Lehrer des Kron- 
prinzen. Um nicht den Neid der übrigen Minister zu erregen, 
ersuchte der kluge Yen-sung schheßlich selbst den Kaiser, auch 
diese in Staatsangelegenheiten zu Rate zu ziehen. Außerdem war 
es ihm bei diesem Ersuchen auch darum zu tun, nicht persönlich 
alle Verantwortung für fehlgeschlagene Pläne tragen zu müssen. 



— 214 — 

Überhaupt war die Politik des Yen-&ung eine Friedenspolitik. Bei 
verschiedenen Anlässen riet er dem Kaiser, selbst mit einiger Ein- 
buße in strittigen Angelegenheiten nachzugeben. Einen Minister, 
¥i Wi Vt Yang-dji'Scheng^ der den Kaiser einmal gegen diese Friedens- 
politik einzunehmen gewußt, räumte Ycn-sung 1555 aus dem Woge. 

Trotz aller Geldgier blieb Yen-sung doch immer klug und 
vorsichtig, um sich nicht bloszustellen und zu Anklagen Anlaß zu 
geben. Leider war sein vielgeliebter Sohn -jH: H^ Sche-fan um so 
unkluger und unvorsichtiger.. Im Vertrauen auf seines Vaters 
Ansehen verkaufte er die höchsten Stellen an den Meistbietenden. 
So kam es denn zu verschiedenen Anklagen gegen Vater und 
Sohn. Zwar wußte Yen-sung sich beim Kaiser zu entschul- 
digen und die verdiente Strafe abzuwenden, aber trotzdem konnte er 
nicht verhindern, daß 1545 an seiner statt J^ "g* Hia-ien zum ober- 
sten Staatsminister ernannt wurde. Doch schon nach drei Jahren 
gelang es Yen-sung, seinen Rivalen zu stürzen, ja sogar dem 
Henkertode zu überliefern. Jetzt war er mächtiger als je zuvor. 

Yen-sung war sicherlich einer der schlauesten aber auch bieg- 
samsten Diplomaten Chinas. Sein Durst nach Gunst und Ehren war 
so groß, daß er keinen Rivalen neben sich duldete. Mancher hohe 
Beamte mußte das an sich selbst erfahren. 



5. Wiederaufnahme der freundlichen Beziehungen zwischen 

China und Japan. 

Da die Politik Djia-dsings eine sehr friedliche, ja nachgiebige 
war, so glaubten die Japaner, auch wieder mal ihr Glück versuchen 
zu müssen. So kam denn im Sommer des Jahres 1544 eine Gesandt- 
schaft von hundertachtundfünfzig Mann in Dsch^-djiang an. Da 
sie aber kein Schreiben vom Shogun hatte und zudem die festgesetzte 
Frist von zehn Jahren noch nicht verstrichen war, wurde sie nicht 
vorgelassen, mußte vielmehr auf offener See liegen bleiben. Sie 
benutzte diese Gelegenheit, um ihre Handelsartikel loszuschlagen. 
Und in der Tat steuerten zahlreiche chinesische HandelsschifiFe und 
Boote herbei und trieben regen Handel mit den Japanern, trotzdem 
dies durch frühere Erlasse strengstens untersagt war. Die kaiserlichen 
Zensoren sahen sich veranlaßt, einzuschreiten und erwirkten vom 
Kaiser ein erneuertes Handelsverbot. Doch das Volk kümmerte sich 
jetzt noch viel woniger um dasselbe als vorher. Wer nicht öffentlich 



— 216 — 

das Verbot zu übertreten wagte, trieb heimlich Schmuggclhandel. 
Ja, dieser wurde bald offen unter den Augen der Beamten getrieben. 

Gleichsam zum Spott der Regierung und um Rache zu üben 
für den diesmaligen schlechten Empfang, kam zwei Jahre später 
nochmals eine Anzahl Japaner nach Ning-buo, plünderte und verwü- 
stete die ganze Gegend und schleppte viele Gefangene mit sich. 
Ein Gleiches taten andere Banden in -^ jH^ Tä-dschou, jg ßi Schau- 
kifig^ jfi 9h Weti-dschou und an andern Orten, besonders der beiden 
Provinzen Dsche-djiang und Pu-djien. 

Das veranlaßte die Zensoren, dem Throne eine Denkschrift 
zu unterbreiten und die Verheerungen zu beschreiben. Unter 
anderm heißt es darin: ^Zwar hat man ehedem viele Festungen 
und befestigte Lager dreier Arten gebaut, auch eine beträchtliche 
Armee zum Schutze der zwei Provinzen ins Land geschickt und 
allerhand Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um die verderbUchen Einfälle 
und Verwüstungen der Japaner unmöglich zu machen. Doch die 
getroffenen Maßregeln haben sich nicht bewährt. Die hinterlistigen 
Japaner sind wohl unterrichtet und wissen, wo Truppen sich befin- 
den und hüten sich, dort zu landen. Sie suchen besatzungslose 
Bezirke auf und plündern gewohnlich mit. einer solchen Eile und 
Wut, daß sie schon fort sind, ehe die benachrichtigten und herbei- 
gerufenen Truppen ankommen. In andern Fällen kommen die Japaner 
nicht zo zahlreich an, daß nicht zwei bis drei zu Hilfe gerufene 
Posten mit der angegriffenen Besatzung den Feind zurückwerfen 
konnten, wenn die zu Hilfe gerufenen Hauptleute nur mit ihren 
Leuten bereitwillig herbeieilten. Aber diese Offiziere steifen sich 
auf die Militärverwaltung, welche ihnen untersagt, die ihnen ange- 
wiesenen Bezirke ohne höheren Befehl zu verlassen. So helfen 
sich denn die benachbarten Posten und Lager nicht gegenseitig aus. 
Ja, es sind Fälle vorgekommen, wo kaiserliche Truppen mit gekreuzten 
Armen zusahen, wie die Japaner plünderten und mordeten, ohne 
sich nur zu rühren, einzig weil dies nicht in ihrem Bezirke geschah 
und die Sache sie nichts anginge. Solches Unwesen ist nur möglich, 
weil es keinen Generalissimus für die zwei Provinzen gibt. Aber 
nicht nur die Militärgewalt ist zu zersplittert und zerstreut, um Nut- 
zen zu bringen, sondern auch die oberste Zivilbehörde hat nicht die 
unerläßliche Vollmacht, um die notwendigsten Maßregeln zur Landes- 
verteidigung schleunigst treffen zu können. Die Zensoren schlagen also 
dem Kaiser vor, sowohl die oberste Zivil- wie Militärverwaltung iji die 
Hand eines tüchtigen, für das Wohl des Vaterlandes besorgten und 
dem Kaiser treu ergebenen Statthalters zu legen. Nur ein mit solcher 



-^ 216 — 

Vollgewalt ausgerüsteter tatkräftiger Mann würde im stände sein, 
die Seeräuber mit Erfolg zu bekämpfen und dem Lande die nötige 
Ruhe wiederzugeben". 

Dieses sorgsam ausgearbeitete Memorandum der Zensoren 
überzeugte den Kaiser. Er beauftragte also den Staatsrat, sich zu 
beratschlagen und ihm die betreffenden Vorschläge zu unterbreiten. 
Nach langer Beratung machten denn die hohen Herren endlich dem 
Kaiser Vorschläge zur Errichtung einer Statthalterei in Dsche-djiang 
und überreichten auch eine Liste von Beamten, welche für diesen 
wichtigen Vertrauensposten fähig und würdig schienen. Der Kaiser 
erwählte und bestimmte schließlich den Zensoren ^ ^ Dschu-huan, 



6* ^ ^i Dschu-huan wird Statthalter und Generalissimus 

von DschS-djiang. 

Dschu-huan war aus ^ ^ Dschang-dschon in der Präfektur 
jij^ ^ Su'dschou gebürtig und stammte aus einer angesehenen 
Familie. Dem Studium lag er mit solchem Eifer und Erfolge ob, 
daß er im Jahre 1521 mit der Würde des Doktorates ausgezeichnet 
und 80 für alle Staatsämter befähigt wurde. Schon 1528, d. h. zu 
Anfang der Regierung des Kaisers Djia-dsing, wurde er ins Justiz- 
Ministerium nach Nan-djing berufen. Bekanntlich ließ die Dynastie 
Ming aus Verehrung für ihren Gründer, welcher in Nan-djing resi- 
diert hatte, auch nach Verlegung der Hauptstadt nach Bei-djing, die 
sechs großen Ministerien mit ihren Anhängseln in Nan-djing bestehen 
und zwar nicht nur dem Namen, sondern auch der Sache nach, 
obgleich diese Höfe denen von Bei-djing nachstanden. 

Im Jahre 1527 wurde Dschu-huan als General nach der Provinz 
\S )\\ Se-fschuan beordert, um die daselbst ausgebrochene Revolution 
zu unterdrücken. Er rechtfertigte die auf ihn gesetzten Hofifnungen 
aufs glänzendste. Nachdem er gebührend belohnt und mit höheren 
Titeln ausgezeichnet worden, schickte ihn der Kaiser als Provinzial- 
Schatzmeister nach Kuang-dung. Das war natürlich ein hoher 
Vertrauensposten, da man hierzu nur gewissenhafte, vertrauenswür- 
dige Männer auswählt. Dschu-huan erwies sich des geschenkten 
Vertrauens würdig. Zum Lohne für seine musterhafte Amtsführung 
wurde er mit höheren Titeln ausgezeichnet und nach Bei-djing in 
das Kollegium der Zensoren gerufen, welche dem Kaiser und den 
hohen Würdenträgern mit ihrer Erfahrung und Menschenkenntnis 
beizustehen haben. Darauf ernannte ihn der Kaiser zum Statthalter 



— 217 — 

und zum Generalissimus aller Truppen in der Provinz Dsche-djiang 
und jener fünf Präfekturen der Provinz Pu-djien, die den Einfällen 
der Japaner zumeist ausgesetzt sind. Somit war sowohl für die 
Zivil- als für die Militärverwaltung Einheit geschaffen. Djia-dsing 
bezeigte seinem Auserwählten grenzenloses Vertrauen und stattete 
ihn mit allen nur wünschenswerten Vollmachten aus. Auch trug 
er seinem neuen Statthalter ganz angelegentlich auf, mit den Japanern 
endlich einmal gründlich aufzumumen und ihnen alle Lust zu beneh- 
men, fürderhin China nochmals heimzusuchen. 

Dschu-huan wußte also, was er zu tun habe. Jetzt kam ihm 
sein früheres Verweilen in Nan-djing und Kuang-dung sehr zu 
statten: die notwendige Vertrautheit mit Land und Leuten des 
Südens ging ihm wenigstens nicht so ganz ab, wie das leider bei 
manchen andern Beamten oft der Fall ist. Doch als er die gro- 
ßen Mißstände der bisherigen Verwaltung gewahrte, verzweifelte er 
fast an seiner Aufsfabe. Die kaiserliche Kriegsflotte hatte kaum ein 
Zehntel der amtlich angegebenen Stärke; von den wenigen Schiffen 
waren manche kaum brauchbar; das MeuBchen-Material w^ar noch 
unbrauchbarer. Bei der Landarmee sah es nicht besser aus. 

Das erste, das Dschu-huan am Herzen lag, war die Bildung 
einer tüchtigen Armee zu Wasser und zu Lande. Sofort erwählte 
er den vielfach bewährten General ^ ^ Lu-tang zu seinem General- 
leutnant und Stellvertreter, der die Kekruten auswählen und tüchtig 
schulen mußte. Diesem unterstellte er noch vier Kommandanten. 

Lu-tang w^ar aus Jjf ^ Ju-ning in der Provinz Hu-nan gebürtig 
und entstammte einer alten Pamilie, die dem Vaterlande schon manche 
ohrenwerte Männer und dem Heere tüchtige Offiziere gestellt hatte. 

Er war in der Kriegskunst auch gut beschlagen und hatte sich 
schon w^irklich ausgezeichnet. Als kluger Offizier hielt er bei sei- 
nen Soldaten nicht nur auf strenge Disziplin und sorgsame Aus- 
bildung, sondern er bezeigte ihnen auch eine wohltuende väter- 
liche Fürsorge in allen Bedürfnissen. So gewannen die Soldaten 
Liebe zu ihrem Berufe und auch zu ihren Vorgesetzten und kam ein 
ganz neuer, bis jetzt ungewohnter Geist in die Truppen. In dem Hä- 
fen und auf den Werften war man eifrig beschäftigt, Schifl'e zu bauen. 

Nicht zufrieden, alles geregelt zu haben und in guten Händen 
zu wissen, nahm der Statthalter auch alles selbst in Augenschein, 
ermunterte die Leute und spornte sie zu tüchtiger Arbeit an. Auch 
die Offiziere ließ er tüchtig in den altbewährten Kriegskünsten oder 
besser gesagt Kriegslisten ausbilden. Denn früher fußte die Kriegs- 
führung doch wohl mehr auf Überlistung des Feindes als auf Tapferkeit 



— 218 — 

und systematischer Schulung. Damit soll nun nicht gesagt sein, 
daß die persönliche Tapferkeit nicht auch großen Anteil an errun- 
genen Erfolgen gehabt habe. 

Schließlich berief der Statthalter viele einflußreiche Persön- 
lichkeiten zu sich zu einer gemeinsamen Beratung. Diesen eröffnete 
er des Kaisers festen Willen, mit dem bisherigen Systeme durchaus 
zu brechen und alle Schmuggelei, ja allen Yerkehr mit den Japa- 
nern aufzugeben. ;,Es ist eine unaussprechliche Schande^, sagte er, 
^daß große Familien mit dem Erbfeinde des Yaterlandes auf freund- 
schaftlichem Fuße stehen, demselben verraten, wo und wieviele 
kaiserliche Truppen bereit sind, dem Feinde boim Rauben als Führer 
dienen, indem sie sich einen beträchtlichen Teil des Raubef^ ausbe- 
dingen, Räuber und Raub in ihren Häusern verstecken, dem Feinde 
Waffen besorgen und es ihm so möglich machen, das Yaterland 
zu verwüsten und das gute Volk zu töten oder in die Sklaverei 
zu schleppen. Kein Herrscher kann ein solches Verfahren dulden, 
vielmehr muß er um jeden Preis damit aufräumen. . Nicht minder 
verrucht ist der Schleichhandel, der die Japaner immer nach China 
lockt. Auch dieser ist aufs strengste verboten. 

^Und jetzt, da die Flotte bereit und das Heer ausgebildet ist, 
gilt es die kaiserlichen Verordnungen insgesamt auszuführen und 
das Land vor den Einfällen zu sichern. Tun wir, ein jeder in 
seiner Sphäre, unsere Pflicht, so wird dies nicht nur möglich, son- 
dern selbst leicht sein^. 

Dann wurden auch die großen und kleinen Bürgermeister; die 
Dorfschulzen und Flurschützen für die Ordnung in ihren respek- 
tiven Bezirken verantwortlich gemacht. Auch erneuerte der Statt- 
halter wieder das altbewährte System flj ^ Bau-djia^ wonach je eine 
Gruppe von zehn benachbarten Familien für die Vergehen eines 
ihrer Glieder verantwortlich gemacht wird. Man geht dabei vom 
Grundsatze aus, daß der eine Nachbar, ohne gerade Inquisition zu 
treiben, sehr wohl wisse, was bei dem andern geschieht, ob ein Be- 
such kommt u. s. w. Die Nachbaren waren also verpflichtet, An- 
zeige zu machen, wenn etwas Verdächtiges vorkam. 

Natürlich hatte Dschu-huan nicht verfohlt, dem Thron ausführ- 
lichen Bericht über den früheren und jetzigen Zustand der beiden 
Provinzen zu erstatten. Djia-dsing war selbstverständlich hocher- 
freut über den vorteilhaften Umschwung und zollte seinem treuen 
und klugen Statthalter das höchste Lob. 

Endlich fand sich auch Lu-tang bereit, etwas gegen die Ja- 
paner zu unternehmen. Seit länger als einem Jahre hatte man 



— 219 — 

SeescbiiFe und Festungen gebaut oder restauriert, die See- und Land- 
soldaten tüchtig eingeübt und kriegstüohtig gemacht. 

Nach langer rastloser Arbeit und Vorbereitung glaubte Lu- 
tang, daß das Landheer und die Marine fähig seien, mit den Japanern 
sich zu messen. Bevor jedoch Dschu-huan seine Zustimmung zu ei- 
nem AngriiF gab, reiste er überall hin und besichtigte die Flotte und 
die Festungen. Auch befahl er seinen Offizieren, die See- und 
Landtruppen immer nur vereint und nach übereingekommenem 
Plane operieren zu lassen. 

Lu-tang fuhr dann mit seiner Flotte in den Hafen H tH r$ 
Schtmng-sü'djiang, einer Inselgruppe gegenüber Ning-buo. Dort 
suchte er mit Ajiwendung aller ehemaligen Kriegslisten die Japaner 
zu einem Angriff zu reizen; doch vergebens: die Japaner rührten 
sich nicht. Zum Unglück brach in einer finstern Nacht ein furcht- 
barer Sturm aus. Jetzt kamen die Japaner zum Vorschein und 
warfen sich mit ungeheurer Baserei auf di« Flotte des Lu-tang. 
Wäre der General nicht selbst auf dem Posten gewesen, so hätte 
der wütende Angriff der Japaner wohl die Kaiserlichen über den 
Haufen geworfen. Da aber derselbe den Feind gewissermaßen er- 
wartete, standen alle seine Leute auf ihrem Posten. Trotz Finster- 
nis und Unwetter und dem heulenden Andrängen des Feindes ent- 
stand keine Unordnung; man schlug den Angriff siegreich zurück, 
tötete mehrere Hundert Japaner und war so glücklich, die so ge- 
fürchteten Räuberhauptleute ff aC Hii-liu, <^ :7c Ä Yao-da-dsung und 
. andere gefangen zu nehmen. Nach diesem eutbclieidenden Siege ließ 
Lu-tang die Hehler und Helfershelfer der Seeräuber auf dieser Insel 
gefangen nehmen oder niedermachen und verbrannte das Heiligtum, 
das die Räuber der Meeresgöttin Jl jfi Tien-Jei^ ihrer und aller See- 
fahrer Beschützerin, zu Ehren erbaut hatten.*) 

Dann beeilte sich Lu-tang, den Feind zu verfolgen. Er traf 
ihn im Hafen f^fft V-sü in der Provinz Fu-djien und schlug ihn 
aufs neue, ohne jedoch ihn gänzlich vernichten zu können. 

Nachdem er gehört, daß auf der Inselgruppe |& Jl |ll Nan-dji- 
schan^ gegenüber der Unter-Präfektur ^ |^ Ping-i/atiy (in Dschß- 
djiang) sich andere Seeräuberschiffe befänden, beeilte er sich, diese 
aufzusuchen und zu schlagen. 

Solche Erfolge waren seit langen Jahren ganz unerhört. Man 
war gewohnt, die Japaner für unüberwindlich anzusehen; Lu-tang 
zeigte nun, wie man sie angreifen und schlagen müsse. Er war der 

-^y NVogen der vielen Rfluber nannten die Portugiesen das ganze Ingelroich 
Japan anfangs IUirr dps Ladrunes, d. i. Piraten-Insel. 



— 220 — 

Held des Tages; sein Ruhm drang bis nach Bei-djing. Freilich war 
nach chinesischen Begriffen Dschu-huan der erste Sieger und wurde 
als solcher belohnt; aber Lu-tang erhielt auch beneidenswerte Aus- 
zeichnungen. 

Im sechsten Monat des Jahres 1547 kreuzte einer der Komman- 
danten des Lu-tang im Ocean, als er eine Anzahl japanischer Schifte 
in der Ferne bemerkte. Alsogleich machte Lu sich auf, um sie zu 
verfolgen und anzugreifen. Er schlug sie und hatte das unerhörte 
. Glück, den schon lange gesuchten Räuberhauptmann ^ 1^ Hü-dung 
und einen der listigen Hehler und Helfershelfer jjtt |^ Schen-u^ auf 
dessen Kopf schon seit Jahren ein hoher Preis gesetzt war, gefangen 
zu nehmen. Die gewöhnlichen Seeräuber wurden immer unverzüg- 
lich geköpft. Die Führer dagegen wurden an den Statthalter ab- 
geliefert, der sie dann als lebende Beweise seiner Siege nach Bei- 
djing ablieferte. 

Bisher hatte Dschu-huan Triumphe gefeiert. Doch das Blatt 
sollte sich anders wenden. 

Im 11. Monate desselben Jahres 1547 kam wieder einmal 
eine Gesandtschaft von Japan unter Führung des )^ ^ Dscho%i4iang 
mit einem Gefolge von sechshundert Mann. 

Weil aber seit 1539 noch keine zehn Jahre verflossen waren, 
wie der kaiserliche Erlaß bestimmt hatte, ließ der gestrenge Dschu- 
huan die Gesandtschaft nicht einmal in den Hafen einlaufen, son- 
dern hieß sie auf offener See vor Anker zu bleiben. Er traute ihnen 
eben nicht. Zudem handelte er ja ganz im Auftrage und Sinne 
seines kaiserlichen Gebieters. Freilich wußte er wohl, daß er da- 
durch niclit nur die Japaner, sondern sogar viele reiche Familien 
und Kaufleute seiner beiden Provinzen gegen sich aufreizen werde, 
weil beide Teile den Verlust ihres erhofften Gewinnes nicht ver- 
schmerzen könnten. Aber Dschu-huan blieb fest und fürchtete sich 
nicht. 

So segelte die japanische Gesandtschaft unverrichteter Dinge 
wieder ab. Aber anstatt bis zum Jahre 1549 zu warten, kam sie 
schon im sechsten Monate 1548 wieder zurück. Der Statthalter 
wollte nicht allzu stramm sein: er ließ also die Gesandtschaft 
in den äußeren Hafen einlaufen, um die Antwort des kaiserlichen 
Hofes zu erwarten. 

Das Ministerium der Riten antwortete auf das Memorandum 
des Statthalters an den Kaiser: ;,Zwar ist der für den Empfang ja- 
panischer Gesandtschaften festgesetzte Termin noch nicht gekommen, 
zwar sind der Schiffe und zumal d(T Leute allzuviele, aber der 



— 221 — 

Brief des Shogun ist so demütig, so ergeben, daß es intolerant erschei- 
nen mübte, wenn die Gesandtschaft nicht zugelassen würde. Man 
sehe also über die wenigen Monate hinweg, von dem Gefolge aber 
lasse man nicht mehr als fünzig Mann zu, um etwaigen Schwierig- 
keiten vorzubeugen*^. 

Djia-dsing billigte dieses Gutachten, ließ jedoch dem Statthalter 
große Freiheit in dieser ganzen Sache. Als kluger Beamter wollte 
dieser ebensowenig wie der Kaiser die Japaner reizen, damit sie 
nicht mit Hilfe der Seeräuber Xing buo und die ganze Provinz 
wieder überfielen, wie sie das ja schon öfter getan hatten. Er zeigte 
sich also entgegenkommend; statt der fünfzig Mann ließ er ein Ge- 
folge von hundert Mann zu und erlaubte den andern unter strikten 
Bedingungen, in Ning-buo Handel zu treiben. 

Die zugelassenen hundert Mann zogen nun nach der Hauptstadt, 
wo sie vom Kaiser sehr feierlich und freundlich empfangen wurden. 
Wie fast immer, gab es auch diesmal bei Übergabe der kaiserlichen 
Gegengeschenke Schwierigkeiten. Dem Shogun sandte der Kaiser 
weit mehr und weit kostbarere Geschenke, als er empfangen. Während 
er den hundert Mann aus dem Gefolge ebenfalls reiche Geschenke 
machte, weigerte er sich aber, den in Ning-buo zurückgebliebenen 
fünfhundert Mann ebenfalls solche zu bewilligen. Doch da die 
Beschenkten ihren Genossen <^egenüber dadurch in große Verlegen- 
heit gekommen wären, so ruhten sie nicht, bis der Kaiser schließlich 
nachgab. 

Das Ministerium der Riten hatte während des Aufenthaltes 
dieser Gesandtschaft in der Hauptstadt viele Beratungen betreffs 
des königlichen Siegels, das der Gesandte für den Shogun erbe- 
ten hatte. 

Bis dahin hatte man bei Anlaß der zahlreichen Gesandtschaften 
schon mehr als zweihundert Siegel an die Shogun geschickt, die 
einen ganz enormen W^ert repräsentierten, da sie aus reinem Golde 
sorgsam gearbeitete Kunstwerke waren. Darum bedeutete man 
dem Gesandten, er solle die alten jetzt unbrauchbaren Siegel vorerst 
zurückgeben, ehe er ein neues bekäme. Dieser hatte eine solche 
Forderung vorausgesehen und einige Siegel mitgebracht. Er über- 
gab sie mit den Worten: „Verschiedene Siegel sind gar nicht in 
die Hände des Shogun gelangt, weil die Seeräuber sich derselben 
bemächtigt haben. Andere sind vom Sohne des Gesandten ^ Jfj^ 
DschU'kmi (siehe oben zum Jahre 1510) entwendet worden, ohne 
daß es der Regierung bisher möglich gewesen sie wieder zu erhal- 
en. So bringe ich denn nur fünfzehn Siegel aus der Regierungszeit 



— 222 — 

des Kaiser» 5/. JIS Hung-dsche (1488 — 1505) zurück. Fünfzehn 
andere aus der Regier ungszoit des KaiHers jE ^ Dscheng-dei (1506 — 
1522) dienen dem Shogun noch jetzt, um seine Briefe zu beglaubigen^. 
Aber das Ministerium war schlauer als die Japaner, die die kostbaren 
Siegel gern für sich behalten wollten. Darum gab es dem Gesandten 
kurzweg zur Antwort: „Wenn ihr die alten Siegel zurückgebracht 
haben werdet, bekommt ihr ein neues^. Der Kaiser bestätigte diesen 
Entschluß des Ministeriums. 

Unterdessen trieben die im Süden zurückgebliebenen fünfhundert 
Mann nicht nur profitlichen Handel, sondern sannen auch auf Rache 
gegen den energischen Dschu-huan. An den chinesischen Q-roß- 
händlern und sonstigen mit dem Vorgehen des Statthalters unzu- 
friedenen Geistern fanden sie die treuesten Helfer. Man hatte es 
auf nichts Geringeres als auf eine Revolution in den beiden Pro- 
vinzen abgesehen. 

Doch in China gibt es keine Geheimnisse, oder wie das 
Sprichwort sagt, ^keine luftdichte Mauer^. So wurde auch der 
ganze geschmiedete Plan an den Statthalter verraten, der somit 
Gelegenheit hatte, sich vorzubereiten. Lu-tang machte, wie immer, 
eifrig Jagd auf japanische Piraten. Aber in der Person des Haupt- 
anführers, des Generalissimus aller Banditen, hatte sowohl er als 
Dschu-huan sich gründlich geirrt. Sie glaubten, Jf ZL Hü-örl stehe 
an der Spitze, während in der Tat ein ganz anderer die Fäden des 
ganzen Gaunertums in Händen hatte und alle Unternehmungen leitete. 
Dieser Mann war f£ J( Wang-dschen, von Profession ein Kaufmann. 
Hü-örl war nur das Werkzeug dieses Meisters. Ihn wollte Lu-tang 
um jeden Preis fangen oder töten. Im dritten Monate 1549 ver- 
breitete sich das Gerücht, Hü-örl sei mit seiner Bande auf der 
Insel ;^ lü DJiuschan, Fu-djien gegenüber. Lu-tang überraschte 
die Banditen, schlug sie, versenkte eine Anzahl ihrer Schiffe ins 
Meer; aber Hü-örl war entwischt. Als es im sechsten und sieben- 
ten Monate desselben Jahres hieß, der gefürchtete Bandit befände 
sich mit zahlreichen Genossen in ^t ^ Bei-djiau^ einem Hafen von 
Fu-djien, beorderte Lu-tang zahlreiche KriegsschiflFe, um den Hafen 
zu sperren, während andere Truppen denselben von der Landseitc 
her umstellen sollten. Am bestimmten Tage zur festgesetzten Stunde 
schlug man los. Die überraschten Banden schlugen sich wie Löwen, 
mußten aber doch schließlich der Übermacht weichen. Lu-tang 
hatte mehr als tausend Räuber getötet und achtzig Gefangene gemacht; 
aber der schlaue Hü-örl war wieder entschlüpft. „Er kann hexen 
und sich unsichtbar machen^, sagten und glaubten die Leute Lu-tangs. 



— 223 — 

Naclidem Dschu-huan 8o mit den Räuberbanden ein wenig 
aufgeräumt hatte, machte er sich endlich an die Verbündeten und 
Helfershelfer der Itäuber. Er ließ deren neunzig aus sonst angesehenen 
Familien der zwei Provinzen ergreifen. Im Vertrauen auf seine 
Vollmachten, sowie in der Überzeugung voller kaiserlicher Gunst, 
die Djia-dsing so oft beteuert hatte, wagte er, dieselben hinzurichten, 
um so allen Freunden der Japaner zu zeigen, wessen sie sich zu 
gewärtigen hätten. 

Nach allem, was die Geschichte sagt, hatte Dschu-huan voll- 
kommen Recht, diese großen Herren am Kragen zu packen. Fragt 
man sich, warum er sie so schnell hinrichten ließ, obwohl er Verwik- 
kelungen befürchten mußte, so scheint mir der wahre Grund darin 
zu liegen, daß er befürchtete, dieselben mochten wegen ihres Einflus- 
ses in Bei-djing Begnadigung erhalten. Dann wären die letzten 
Dinge allerdings ärger als die ersten gewesen. Nachdem er ihnen 
den Kopf abgehauen^ war er sicher, daß sie ihm nicht mehr 
schaden würden. Übrigens schrieb er alsbald einen langen Bericht an 
den Kaiser, worin er sein strammes Verfahren zu rechtfertigen suchte. 

Natürlich schickten die großen Familien auch Abgesandte nach 
B6i-djing, um ihre Sache zu verfechten und den verhaßten Dschu- 
huan, wenn möglich, auch in den Tod zu bringen-, denn ihn nur 
zu stürzen, genügte ihrer Rachsucht nicht. 

Philipp von Macedonien hat einmal gesagt: ;, Keine Mauer ist 
so hoch, daß nicht ein goldbcladener Esel liinüber kommen könnte^. 
Djia-dsing war um jene Zeit von Familienkummer niedergebeugt. 
Sein Sohn und Thronfolger war nämlich gestorben. Im Norden 
pochten die wilden Mongolen mit gewaltigen Schlägen an das mor- 
sche Kaiserreich. Zudem drangen bezahlte Höflinge in den Kaiser 
ein, Dschu-huan zur Verantwortung zu ziehen und seine Tat mit 
dem Tode büßen zu lassen. Zur Hinrichtung seines bisher so treuen 
Statthalters konnte Djiä-dsing sich nicht verstehen. Gleichwohl ließ 
er sich bewegen, den Ober-Zensor J?| ^ Dachou-liang mit der Unter- 
suchung der Sache zu betrauen. Das endgiltige Urteil jedoch 
behielt er sich selbst vor. Dieser Dschou-liang war aus Fu-djien 
gebürtig und zählte Verwandte und Freunde unter den von Dschu- 
huan Hingerichteten. Die erteilte Mission war ihm daher die an- 
genehmste seines Lebens. Er erbat und erhielt vom Kaiser einige 
Assessoren, unter andern auch den f$ -ft f& Tschen-djin-dei: alles ge- 
schworene Feinde des Statthalters. Was Wunder also, daß dei Bericht 
dieser Männer an den Kaiser so sehr zu Ungunsten des Verklagten 
ausfiel. 



— 224 — 

ÜHohu-huan kam gerade von einer Expedition gegen die Ja- 
paner in f3 W /ff ^Ven-dschou-fn und lj^f\J^ Dschu-dschou-fu zu- 
rück, als er das kaiserliche Dekret seiner Absetzung und seiner 
hochpeinliehen Anklage erhielt. In herben Worten warf ihm Djia- 
dsing Mißbrauch kaiserlicher Vollmachten, willkürliches Hinschlach- 
ten so vieler rnschuldigen, Vergeudung und Veruntreuung der kai- 
serlichen Steuern und des Staatsschatzes und noch andere Verbrechen 
vor, von denen schon eines genügt hätte ihn zu vernichten. 

Wie das gewöhnlich geschieht, zogen sicli seine Freunde jetzt 
schweigsam zurück; seine getreuen Diener, wie Lu-taug u. s. w. 
waren mit ihm auf Hochverrat angeklagt. Mit der Ungnade seines 
früheren kaiserlichen Gönners beladen und alles Schutzes baar, sah 
Dschu-huan keinen bessern Ausweg, um dem Henkertode zu entrin- 
nen und seine Familie vor dem gänzlichen Ruin zu retten, als Selbst- 
mord. Denn wäre er verurteilt und hingerichtet worden, so wären 
alle seine Besitzungen vom Fiskus eingezogen, seine FamiHe und 
Kinder als Sklaven verteilt worden. Nahm er sich selbst das Leben, 
so konnte er hoffen, einige alte Freunde würden für seine Familie 
ein gutes Wort einlegen, und auch der Kaiser sich vielleicht seines 
alten Günstlings erinnern. 

Er trank also Blut aus dem Kopfe eines Kranichs ^ ho. 
Andere vornehme Personen tauchen die Federn des JÜ Dschen 
(eines dem Pfau ähnelnden Vogels) in Wein und saugen das so 
entstandene Gift ein. Dies ist nach der Auffassung der Chinesen 
ein ehrenvoller Tod. Überhaupt ist der Selbstmord in den Augen 
der Chinesen kein so großes Verbrechen, ja oft sogar das beste 
Mittel, sich zu verteidigen oder zu rächen. 

Dschu-huan endete auf so tragische Weise in den letzten Mo- 
naten des Jahres 1549. Seine beiden Provinzen hinterließ er im 
besten Zustande der Verteidigung. Er hatte einundvierzig Festungen 
erbaut oder restauriert und eine Flotte von vierhundertneununddrei- 
ßig Kriegsschiffen geschaffen, zu denen noch viele andere Schiff'e 
zu zählen sind, die zur Verfolgung des Feindes bestimmt waren; 
Ijand-und Seetruppen waren in bester Ordnung. Seine stramme 
Militärverwaltung ist später als musterhaft anerkannt und wieder 
eingeführt worden. 

An Stelle des unglücklichen Dschu-huan kam kein neuer 
Statthalter. So blühte denn das Schmugglerwesen wie kaum je zu- 
vor. Trotzdem berichteten eigens abgesandte Zensoren dem Kaiser, 
die Provinzen genäßen seit dem Tode Dschu-huans des tiefsten 
Friedens, alles käme nur darauf an, die Japaner nicht unnötig zu reizen. 



— 226 — 

Ehe wir dies Kapitel beenden, können wir^H nicht unterlassen, 
wenigstens wie im Vorbeigehen einen Mann zu erwähnen, der von 
Gott berufen war, segnend nicht nur auf Japan, sondern auf fast 
ganz Ostasien einzuwirken und vielen Ländern und Provinzen das 
größte Glück, den alleinseligmachenden Glauben, zu bringen. Wir 
meinen den großen Heidenapostel Franz Xaver. 

Am fünfzehnten August 1549 landete dieser von Gottes- und 
Menschenliebe glühende Missionar in J|g ^ Jg^ Kagoshima auf der 
Insel Eiu-shiu. Seit dem zwölften Jahrhunderte war diese Stadt 
die Kesidenz der Daimyo J^ ^ Schiniaru. Der damalige Daimyo 
Takahisa nahm den Heiligen sehr freundlich auf, weil er Vorteile 
aus dem Verkehre mit den Nambanjen, d. h. den Wilden des Sü- 
dens, erhoffte. Franz Xaver konnte frei predigen und machte im 
Verlaufe eines Jahres etwa hundert Bekehrungen. Dies schon ge- 
nügte, um die Bonzen aufzubringen. Sie zwangen schließlich 
den Daimyo, den Heiligen zu verjagen und ihm den Aufenthalt in 
Kagoshima zu verbieten. 

Franz Xaver begab sich also nach Hirado, wo Matsura Taka- 
nobu, ein armer Daimyo, ihn mit ganz außerordentlichen Freuden- 
bezeugungen empfing; denn er hoffte, durch ihn Geld gewinnen zu 
können. Von dort begab sich der Heilige nach |1] U Hamaguchi, 
einer damals sehr berühmten Stadt und Residenz der mächtigen Dai- 
myo 0-uchi. Der damalige Daimyo Yoshitaka (1533 — 1551), ein Mann 
von sehr großen Talenten, nahm ihn auch sehr freundlich auf. 

Nach kurzem Aufenthalte begab Xaver sich nach Kioto, um 
den Mikado zu sehen und die Briefe des Vizekönigs von Indien 
und des Erzbischofs von Goa mit den Geschenken zu überreichen. 
Nachdem er während zwei Wochen alle Umstände genau studiert und 
sich überzeugt hatte, daß eine Audienz beim Mikado Go-Nara(1527 — 
1557) und beim Shogun Yoshiteru (1546 — 1565) nur mit vielen Ge- 
schenken zu erkaufen und überdies ganz unnütz sei, weil weder der 
eine noch der andere irgend welche Autorität besäße, sondern die Dai- 
myo die eigentlichen Herren wären, kehrte er nach Yamaguchi zurück. 
Er überreichte die Briefe und Geschenke dem Daimyo Yoshitaku, 
der von den Geschenken: einer Uhr, einer Armbrust, 8 Kanonen und 
anderen bis damals nie gesehenen Sachen bis in den Himmel entzückt 
war. Innerhalb zwei Monaten bekehrte Xaver daselbst fünfhundert 
Neophyten, unter welchen sich samurai*) höheren Ranges befanden. 

Alle diese Angaben bestätigten aufs genaueste die Erzählungen 
der chine^^ischen Geschichtsschreiber und besagen uns zugleich, daß 

*) Leute aus der Kriegerkaste oder auch aua dem Adel. 
Japans Bezishongitfi za China. 15 



— 226 — 

nicht alle Einwohner von Eiushiu Piraten waren, sondern daß auch 
viele ehrliche Leute sich dort vorfanden. 

Am 19. September 1551 begab sich Franz Xaver nach Bungo 
Ä H) wo der Daimyo Otomo-Yoshihige von 1528 — 1587 herrschte. 
Dort war es, wo im Hafen von Tunai die Portugiesen ihn mit so 
großem Pompe empfingen und nach dem Palaste des mächtigen und 
ausgezeichneten Daimyo begleiteten. Der kluge, ernste und religiös 
vemnlagte Yoshihige war fähig, den Heiligen zu veratehen und zu 
würdigen. Er wurde sein bester Freund in Japan. Dort war es, 
wo Xaver so viel über Gott, Hölle, Vorsehung u. s. w. vor Ge- 
lehrten, Bonzen und hohen Herren zu disputieren hatte. 

Am 22. November 1551 mußte der Heilige sich nach Indien 
einschiffen. Yoshihige wurde am 28. August 1578 auf den Namen 
Franz getauft und ward ein Musterchrist. Er baute viele Kirchen 
und Hospitäler. Zugleich war er ein wahrer Apostel. Die mächti- 
gen und anmaßenden Bonzen suchten überall, selbst in Bungo, Haß 
gegen das Christentum zu säen. Sogar Yoshihige mußte aus Po- 
litik Rücksichten auf diese mächtige Partei nehmen, die zu allem 
fähig war und vor keinem Verbrechen zurückschreckte. 

Japan verdankt dem gottbegeisterten demütigen Missionar mehr 
als air seinen Herrschern und Volksbeglückern vorher und nachher. 
Schade, daß grausame und andauernde Verfolgungen die herrlich auf- 
blühende Gottessaat so bald fast gänzlich vernichtet haben. Doch 
auch jetzt noch finden wir in Japan merkbare Spuren de« segens- 
reichen Wirkens unseres Heiligen. 



7. Neue Einfälle und Wirren in DschS-djiang, Fu-djien und 

den anderen Kustenprovinzen. 

Wie wir schon gehört, hatten die kaiserlichen Zensoren ihrem 
Gebieter fälschlich berichtet, der Süden des Reiches sei in Frieden 
und Kühe. Djia-dsing konnte also Soldaten nach dem Norden be- 
rufen, wo er sehr bedrängt war. Denn 1550 kam f| ^ Ngan-da^ 
der mächtige Chan der Mongolen, mit seinen zahlreichen Horden 
bis nach Bei-djing. JH )U Yen-sung wußte dem Kaiser keinen bes- 
seren Rat zu geben, als den Eindringling durch reiche Geschenke 
zur Rückkehr zu bewegen. Es ist eine Schmach, daß das große 
Cliinesenreich sich so schwach zeigte und dem Feinde nicht mutig 
entgegentrat, wie's ji|c||| Yung-lno (1403 — 1424) einstens getan. 
Dieser energische Herrscher begnügte sich nicht, die Mongolen mutig 



— ni — 

zurückzuweiHen ; er suchte sie selbst in ihren Steppen auf und unter- 
nahm in eigener Person verschiedene Feldzüge. Djia-dsing hingegen 
war zu sehr mit seinem Harem und seinen Eunuchen beschäftigt, 
um sich um die Staatsgeschäfte bekümmern zu können. 

Dsche-djiang und Fu-djien erhielten also keinen mit kaiserlichen 
Vollmachten ausgestatteten Vizekönig oder Generalgouverneur, ^weil 
das Land im Frieden war*', wie die Zensoren dem Kaiser berichtet 
hatten. In der Tat verabscheuten die großen Familien jener Pro- 
vinzen einen tatkräftigen Statthalter, weil ein solcher ihre Schmug- 
geleien nicht ungestraft durchgehen lassen konnte. So ging denn 
alles, was der tüchtige Dschu-huan geschaffen, elend zu Grunde. 
Die Disziplin im Heere und in der Marine war dahin. Expeditionen 
gegen die Seeräuber wurden keine unternommen, die Hafenanlagen 
wurden vernachlässigt, und die einst so tüchtigen Schiffe ließ man 
verkommen. Der Schmuggelhandel mit den Japanern blühte wie 
nie zuvor, und das angemaßte Handelsmonopol brachte den Reichen 
große Summen ein. 

In Dsch^-djiang bewiesen sich die Japaner den Magnaten zulieb 
weniger wild. Dafür hausten sie aber in andern Provinzen um so 
unmenschlicher. Im Jahre 1551 hatte besonders die Provinz Ö! Ä 
Djiang-nan zu leiden. Schon im zweiten Monate plünderte eine 
Räuberbande das Gebiet von ^ fH Tschang-schu ; eine andere warf 
sich auf die Stadt 2C |^ Dfiang-t/in. Aber der Mandarin £| ^ 
Tsien-schuifi, wohl wissend, daß er vom Kaiser würde zum Tode 
verurteilt werden, falls die Stadt verloren ginge, verteidigte sich 
mit Mut und Geschick. Er schlug die Seeräuber zuerst bei >ß ^ 
Sche-tschuang, zwanzig Li östlich von obiger Stadt. Dann verfolgte 
er den Feind und schlug ihn abermals beim Flecken H |2 ^'«*^ 
schu, sechzig Li südlich von Djiang-yin. Die Seeräuber zogen sich 
jetzt nach Osten zurück, um sich mit ihren Kameraden in Tschang- 
schu zu vereinigen. Nun waren sie mehr als tausendfünfhundert 
Mann stark und hofften, diesmal die Stadt Djiang-yin zu überrum- 
peln. Aber sie hatten sich verrechnet. Der kluge Mandarin war 
an seinem Posten, er verteidigte sich wacker. Während eines langen 
Monates machten die Japaner wütende Angriffe auf die Stadt; aber 
alles vergebens. Nachdem sie eine ziemliche Anzahl der ihrigen 
verloren hatten, mußten sie abziehen. Doch das war dem tapfern 
Tsien-schuin nicht genug. Er verfolgte die Flüchtlinge, schlug sie 
wiederum und tötete eine große Anzahl derselben. Unglücklicher- 
weise geriet sein Pferd in eine morastige Stelle und blieb im Moraste 
stecken. Jetzt aber stürzten sich die Japaner auf ihren verhaßten 

15« 



— 228 — 

Besieger und töteten ihn mit zehn Lanzenstichen. Die Soldaten 
waren wütend über den Tod ihres Führers und wollten sich und 
ihn rächen. Sie stürmten also mit Wut auf die Japaner los und 
verjagten sie vom Gebiete der Unterprafektur Djiang-yin. 

Trotzdem kamen dieselben im siebten Monate desselben Jahres 
1551 noch einmal und zwar in größerer Anzahl zurück. Sie woll- 
ten um jeden Preis der Stadt Herr werden und hoflFten, dies werde 
nun nach dem Tode ihres tüchtigen Oberhauptes möglich sein. Die 
zweimalige Niederlage schien ihnen eine wahre Schande; ein glo- 
reicher Sieg und reiche Beute sollten sie dafür entscliädigen. 

Während vierzig Tagen stürmten sie gegen die Stadt, aber alle 
Angriffe wurden mit großem Mute zurückgeschlagen. Als die Belager- 
ten sahen, daß sie die Stadt nicht lange mehr würden halten können, 
fanden sich zwei geschickte und mutige Taucher, welchen es in der 
Tat glückte, durch die Truppen der Belagerer unbemerkt durchzu- 
kommen und dem Statthalter in ^ ^ Sn-dschou von der verzwei- 
felten Lage der Stadt Bericht zu erstatten. Dieser schickte alsogleich 
tausend Mann kaiserliche Truppen, um im Rücken über die Japaner 
herzufallen. Sobald die Japaner von deren Ankunft hörten, machten 
sie sich eiligst davon. Man verfolgte sie und tötete noch eine Anzahl. 

Selten hat eine Stadt sich mit solchem Mut und solcher Ausdauer 
verteidigt. Zum Lohne für seinen Heldenmut wurde der siegreiche 
Tsien-schuin zum Schutzgott der Stadt ernannt. Zu jener Zeit blühte in 
Japan der Sklavenhandel, da Portugiesen, Spanier und andere Eu- 
ropäer um schweres Geld Sklaven zu kaufen suchten. Selbst die 
Daimyo und ihre Verwandten hielten es nicht unter ihrer Würde 
und gegen ihr Gewissen, ganze Jagden auf Menschen zu machen. 
Als Tauschobjekte verlangten sie von den Europäern Waffen und 
dgl. Die Hauptzentren dieses schmählichen Handels waren Naga- 
saki und Hizado. Als die Bischöfe gegen diesen Menschenhandel 
auftraten, verweigerten die gewissenlosen Europäer den Gehorsam, 
während die christlichen Daimyo sich durchaus fügten. Ein großes 
Kontingent für den Sklavenhandel stellten auch die in zahlreichen 
Kriegen gemachten Gefangenen. Man konnte den Europäern nie 
genug Sklaven Uefern. 

Im Jahre 1551 nahmen die jetzt so zahlreichen Räuberbanden 
ihre Plünderungen in Dsche-djiang, Fu-djien, ja fast in allen Küsten- 
provinzen in gewohnter Weise wieder auf. Selbst der vorteil- 
hafte Handel konnte einer solchen Menge von Räubern nicht ge- 
nügen; die Lust nach Abenteuern trieb sie hinaus, ihr schnödes 
.jHandwerk** zu treiben. 



-^ 229 — 

Zahlreiche Banden plünderten das Gebiet von 3|^ ^ Fung-htia^ 
ünfzig Li südlich von der Präfektur Ning-buo. Die Bauern nah- 
men alle Reißaus und flüchteten ins Innere. Nicht, daß sie nicht Mut 
genug gehabt hätten, ihr Hab und Gut zu verteidigen : das wünschten 
sie von Herzen gem. Dazu aber brauchte es einige Kompagnien 
geschulter Soldaten, da Landleute nun einmal nichts von der Kriegs- 
führung verstehen. Wo immer sie allein über die Japaner herfie- 
len (und mochten sie auch noch so zahlreich und todesmutig sein), 
wurden sie geschlagen und oft bis auf den letzten Mann getötet. 
Übrigens sagt auch ein chinesisches Sprichwort: „Von den sechs- 
unddreißig Rettungsmitteln ist die Flucht das allerbeste^. 

Im fünften Monate desselben Jahres fielen verschiedene Ban- 
den heimlich über die Unterpräfektur SchuUngan ^ $ her. Aber 
die Einwohnerschaft schlug mit Hülfe einiger Soldaten die Banditen 
zurück. 

Andere Banden plünderten die Gebiete von «^ flJ| Tä-dschou^ 
1^ lll Siang-schan^ ^ ^ Ding-hä u. s. w. Fast die ganze Seeküste 
wurde von den Räubern heimgesucht. Während verräterische Sub- 
jekte den Feinden als Führer und Angeber dienten, boten nicht we- 
niger gewissenlose reiche Familien ihnen WaflFen und Unterkom- 
men an und blieben so von Überfällen verschont. Die reiche Stadt 
J^ jg HiMfig-ien wurde durch Verrat des dem Gefängnisse entsprun- 
genen B5 i ^ Deng-wen-süin überrumpelt und sieben Tage lang 
geplündert. Die Räuber fanden mohr Schätze, als sie fortschleppen 
konnten. Doch der Verräter, der mit seiner schweren Beute den 
abziehenden Japanern nicht hatte folgen können und deshalb weit 
hinter ihnen herging, fiel in die Hände der Beraubten und wurde 
von ihnen, wie das gewöhnlich geschieht, unter den gräßlichsten 
Martern umgebracht. 

Als im siebenten Monate dieses Jahres 1552 drei Schiffe voll 
Räuber die Stadt Schang-hä angreifen wollten, wurden sie zurück- 
geschlagen und mußten sich begnügen, das Woichgebiet der Stadt 
und ^ )|[ Pti'dtmg zu plündern. Anderen kleinen Banden erging 
es ebenso auf der Insel ^ ^M Tschung-tning und in den Häfen von 
:}^^ Da-tsang. 

Die Jahre 1551 und 1552 zählten zu den unglücklichsten Jahren 
der Südprovinzen. Das Geschrei des unglücklichen Volkes drang 
bis zum Throne des Kaisers, der sich schließlich doch gezwungen 
sah, Maßregeln zur Verteidigung der Küstenprovinzen zu treffen. 
Er erließ aufs neue die strengsten Verordnungen. Kein fremdes 
Schiff sollte in einen Hafen zugelassen werden; die Hafenmeister 



— 23Ö — 

mußten alle Schiffe genau untersuchen, ob sich nicht ein Fremder, 
ein Spion der Seeräuber eingeschhchen. 

Da haben wir den wahren Grund, weshalb der hl. Franziskus 
Xaverius nicht nach China eindringen konnte. Da Todesstrafe auf 
die Übertretung dieses kaiserlichen Erlasses gesetzt war, wagte nie- 
mand, ihn einzuschmuggeln. Auch die Portugiesen wußten wohl, 
welchen Gefahren ihr eigener Handel ausgesetzt sein würde, wenn 
Franz Xaver als Spion aufgegriffen würde. Daher ersuchten sie den 
Heiligen, zu warten, bis alle ihre Schiffe von ^ ilj San-schan (Sancian) 
abgezogen seien. Wie die Portugiesen jener Zeit bei ihren Reisen 
nach Japan sich mit den Piraten abgefunden, wird von den chine- 
sischen Schriftstellern nicht gesagt. Aller Wahracheinlichkeit nach 
mußten sie entweder von Piraten-Lotsen geführt worden und so 
gewissermaßen unter Piraten- Flagge geschifft sein, oder sie haben den 
Piraten eine gute Summe Geldes gezahlt, um ungehindert durch- 
gelassen zu werden. Der hl. Franz Xaver fuhr auf einem Piraten- 
schiff nach Japan. Der Pirat Avan, der Frau und Kind zu Malacca 
hatte, versprach dem Statthalter von Malacca, den Heiligen und 
seine sieben Genossen sicher nach Japan zu bringen. Aus den 
Briefen des Heiligen wissen wir, wie er dies Versprechen gehalten. 

Versuchten Europäer in China einzudringen, so wurden sie 
ganz einfach ins Gefängnis geworfen. So wissen wir, daß der den 
Chinesen gut bekannte Louis d' Almeida mit P. Melchior Nunez 
im Jahre 1555 sich in das chinesische Gefängnis in Euang-dung 
begaben, wo der portugiesische Edelmann Matthaeus de Britto seit 
langer Zeit an Händen und Füßen gefesselt und mit einem Hals- 
block belastet, ein trauriges Dasein führte. Sie konnten ihren Lands- 
mann zwar trösten aber nicht befreien. Die chinesische Regierung 
ließ nicht so leicht mit sich sprechen. Kamen Kriegsschiffe mit 
Kanonen, welche sich Gehör erzwingen konnten, so war man natür- 
licli freundlicher und nachgiebiger. 



S* 3E tf Wang-yu wird zum Statthalter und Generalissimus 
der beiden Provinzen DschS-djiang und Fu-djien ernannt. 

Wang-yü war der Sprosse einer großen Familie in ^Jj ^ Tä- 
fmng in Djiang-nan, welche auch jetzt noch Mitglieder in hohen 
Beamtonstellen hat. Sein Vater war Vizepräsident des Kriegs- 
Ministeriums in Nan-djing, bekleidete also eines der höchsten 
Ämter in den Contral-Provinzen. 



— 231 — 

Wang-yü liebte die Studien und machte darin so große Fort- 
schritte, daß er nchon 1541 zum Doktor promovierte. Da sein Ya- 
ter als ein rechtschaffener Mann bei Hofe in hoher GFunst stand, 
wurde der neue Doktor alsogleich in Bei-djing angestellt. Wenige 
Jahre später, nachdem er Proben eines fähigen und diensteifrigen 
Beamten abgelegt, wurde er in das Zensoren-Kollegium gewählt. 
Als Zensor fürchtete er sich nicht, den Kaiser über das üble Bo- 
tragen des Kronprinzen zu unterrichten. Der junge Prinz verließ 
nämlich in Gesellschaft einiger Eunuchen ohne Erlaubnis den kai- 
serlichen Palast und gab durch sein Betragen dem Volke Ärgernis. 
Der Kaiser dankte dem mutigen Zensor, der nicht gefürchtet, sich 
dem künftigen Herrscher verhaßt zu machen, und trug seitdem die 
größte Hochachtung gegen ihn. Der • Kronprinz kam in einen in- 
nern bewachten Palast, die Eunuchen wurden exemplarisch bestraft. 
Bald darauf wurde Wang zum General-Intendanten edler kaiserlichen 
Salznünen in der Provinz ilj "gf Hchcm-si ernannt. Diesen gewinn- 
reichen Posten überwies ihm der Kaiser zum Lohne für seinen eben 
erwähnten Freimut. Leider wurde er daselbst so krank, daß er 
um seine Entlassung einkommen und heimkehren mußte. Nach- 
dem er wieder hergestellt war, wurde er zum Provinzial-Oberrichter 
in jjd H Hu'kuang^ d. h. von ^ 4b Hu-hH und ^ ||f Hu-nan ernannt. 
Da er sich in diesem hohen Posten ganz musterhaft bewiesen, wurde 
er in derselben Eigenschaft nach Bei-djing berufen. 

Als der gefürchtete Mongolen-Khan ^ ^ iV^an-da, immer fort- 
fuhr, die Provinz llj |f Schan-si zu plündern, bemerkte Wang-yü 
dem Kaiser, man würde gut tun, die Stadt j( ^ Tung-dsclwu nahe 
bei Bei-djing zu befestigen, denn die Mongolen seien schon so weit 
in der Provinz Dscheli vorgedrungen, daß sie nur mehr eine dop- 
pelte Tagereise von der Hauptstadt entfernt wären. In dieser Gefahr 
erbot er sich, dahin zu gelien und die Stadt zu schützen. Der Kaiser 
nahm mit großer Freude einen solchen Vorschlag an und schickte 
Wang-yü alsogleich nach Tung-dschou. Dieser befahl nun, alle 
Schiffe an dem westlichen Ufer anzulegen. Als nun nicht lange 
darauf von Osten her Mongolenhorden kamen, um die Stadt ganz 
unverhofft in der Nacht zu überrumpeln, so fanden sie keine Schiffe 
am Ufer, um überzusetzen und mußten unverrichteter Sache wieder 
abziehen. Der Kaiser war ganz erstaunt über die Findigkeit sei- 
nes Schützlings. Auf dessen Vorschlag hin ließ er auch noch die 
Hauptstadt durch eine starke Kingmauer mit Verteidigungstürmen 
befestigen. Ebenso wurden die andern Städte im Norden der Pro- 
vinz in guten Verteidigungszustand gesetzt und auch die Signal- 



— 232 — 

Türme wieder hergestellt, um die Ankunft des Feindes bei Zeiten 
anzumelden. Da der Kaiser sich immer besser von der Klugheit 
und Tüchtigkeit Wang-ins überzeugte, so ernannte er ihn anfangs 
1552 zum Gouverneur der Provinz [Ij ]K Schan-dung. 

Als aber die üblen Zustande von Dsche-djiang und den übri- 
gen Küstenpro\'inzen dem Kaiser endlich doch einmal bekannt wur- 
den, ernannte er im siebten Monat des Jahres 1552, nach kaum 
dreimonatlicher Verwaltung in Schan-dung den Wang-in zum Statt- 
halter und Generalissimus jener Provinzen. Er verlieh ihm dieselben 
ausgedehnten Yollmachten, welche ^ ^ Dschu-huan besessen. 
Auch legte er ihm ans Herz, mit diesem verruchten Gesindel end- 
lich einmal aufzuräumen. Leider unterschätzte man damals noch 
am kaiserlichen Hofe die Gefahr, die dem Reiche, ja dem Throne, 
von jenen Seeräubern drohte; man glaubte, es nur mit von Hunger 
getriebenem Gesindel zu tun zu haben. 

Wang-in erwählte zu seinen Anführern im Kampfe mit den 
Seeräubern die zwei tüchtigen Feldherren -^f :;R; ®{ Yü-da-yu und 
^ !% 1t Tang-k'o'k'uan, Lu-tang, der fiüher die rechte Hand Dschu- 
huan's gewesen und gegen die Banditen immer so siegreich ge- 
kämpft hatte, lebte damals noch. Aus Furcht vor den Aristokraten- 
familien wagte Wang-in vor der Hand nicht, diesen ihnen so verhaßten 
Offizier in seinen Dienst zu nehmen. Eist später, als er einsah, wie 
sehr er eines so tüchtigen Mannes bedürfe, trug er ihm ein Kom- 
mando an. 

Wir werden im Laufe dieser Geschichte noch Gelegenheit 
haben, von Lu-tangs Siegen und Mißgeschick zu sprechen, ebenso 
auch von den Erfolgen und den ganz unverhofften Niederlagen des 
Statthalters. Hier nur einige Worte seines fernem Lebenslaufes 
und der schließlichen Ungnade des Kaisers. Der schlaue Wang-in 
hatte bald bemerkt, was für eine Löwenhöhle der Statthalterposten 
von Dsche-djiang sei. Er ließ daher seine Freunde Mittel und 
Wege suchen, um gelegentlich beim Kaiser seine Versetzung in 
einen nicht so augenscheinlich totbringenden Posten zu erwirken. 

In der Tat wurde er 1554 als Statthalter und Generalissimus 
nach |lj If Schan-si versetzt, weil der Kaiser sich seiner ehemaligen 
Erfolge gegen die Mongolen erinnerte. Wie sehr Wang-in Grund 
hatte, sich über diese Versetzung zu freuen, zeigt das traurige Loos 
seines Nachfolgers ^ 5c Ä Li-tien-tschung, Dieser war weniger 
Diplomat als er und verlor seinen Kopf. Im Kampfe mit den Mon- 
golen hatte Wang-in wenig Erfolg. Er war eben kein Kriegsgenie, 
wie Djia-dsing geglaubt. Darum sank er von nun immer mehr in 



— 338 — 

der kaiserlichen Hochschfitzong. Als 1559 noch Erdbeben die Pro- 
vinz Schan-si heimsuchten, schien auch der Himmel selbst den un- 
glücklichen Statthalter verworfen zu haben. Somit fiel er ganz in 
Ungnade des Kaisers, wurde in den Kerker geworfen und zur 
Rechenschaft gezogen. Während die augendienerischen Richter ihn 
zur Verbannung verurteilten, war der Kaiser gnädiger und begnügte 
sich, ihn heim zu schicken. Sein Solm 3E ffi: jR Tf" ang-sche-dsckeng war 
intimster Freund des ft H Sche-fan^ des berüchtigten Sohnes des 
Yen-sung, und hatte die Unklugheit gehabt, demselben blosstellende, 
gefähi liehe Familiengeheimnisse mitzuteilen, die dieser alsogleich sei- 
nem Vater verriet. Yen-sung war indiskret genug, dieselben auch dem 
Kaiser mitzuteilen, in der Absicht, seinen Rivalen ganz zu vernichten. 

Als im Jahre 1555 ein anderer Rivale des Kanzlers, der Groß- 
mandarin ^11^ Ht Yang-dji-Bcheng auf Anstiften Yen-sung^s war 
getötet worden, hatte 3E 1& JA 1^ ang-sche-dsclieng den thörichten 
und frivolen Einfall Trauerkleider anzulegen. Yen-sung verstand 
den Apolog und war rasend vor Wut. Wäre es auf ihn angekom- 
men, so hätte er den jungen Mann alsogleich geköpft. Von da 
an verfolgte der in Ungnade gefallene Yen-sung die Familie des 
Wang-in. 1559 erreichte er bei Gelegenheit der Erdbeben endlich 
seinen Zweck. Der arme Günstling, der ja nichts anderes kannte 
als die Gnade seines Herrn, nahm sich seinen Fall so zu Herzen, 
daß er nicht lange nachher starb. 

Selbst nach dem Tode wurde ihm, wie es bei unglücklichen 
Höflingen oft der Fall ist, seine Ehrentitel nicht zurückgegeben: er 
mußte ohne offizielles Zermoniell begraben werden. Seine Ehren- 
titel und die für die geleisteten Dienste schuldigen Auszeichnungen 
wurden ihm erst unter dem Kaiser H| ^ Lung-tsching 1567- 1572 
aus besonderer kaiserlicher Gnade bewilligt. So kam die Familie 
wieder in Ansehen. 

Sein Grab ist auf dem westlichen Teile des großen Kanales 
H ^ IS Yang-ling-tang. Oft befahre ich diesen Kanal und habe auch 
bei den tüchtigsten Gelehrten jener Gegend. Nachforschungen an- 
gestellt. Aber diese Herren wissen nichts mehr von jenen gefal- 
lenen Größen. Die Familie Wang hat aber gewiß den Ort des 
Grabes genau in der Famielienchronik ingetragen: doch ist es 
schwer, zumal für einen Fremden, dieselbe einzusehen. 

a. St :/v IR Yü-da-yu. 
Yü-da-yu ist ohne allen Zweifel der tüchtigste Feldherr, wel- 
chen China den Japanern entgegenstellen konnte. Die Seeräuber 



— 234 — 

fürchteten sich, mit ihm zusammen zu stoßen. Denn Yü-da-yu hat 
sie oft geschlagen; und selbst wenn er wegen verschiedener Ursachen 
sie nicht schlug, so zog er sich doch immer ehrenvoll aus dem 
Kampfe zurück, so daß er trotz Überzahl des Feindes nie eine 
eigentliche Niederlage erlitten hat. Auch die andern tüchtigen Feld- 
herren, wie IlH ^ Lu'tang und ^ j£ X Tang-k'o-k'uan anerkannten 
voll und ehrlich, daß Yü-dä-yu ihnen überlegen sei, und ordneten 
sich deshalb gern demselben unter. 

Yü-da-yu war aus Q gc Dsin-djiang der Präfektur ^ ^ Jff 
IJjien-tsüan'fu in Fu-djien gebürtig. Er stammte aus einer armen 
Familie und hatte somit wenig Freunde und Beschützer. Und da 
er auch nicht ehrgeizig war, so ist sein späterer Ruhm hauptsächlich 
seinem Talente zuzuschreiben. In seiner Jugend zeigte er sich sehr 
wißbegierig und studierte eifrig die Klassiker, besonders des J^ ^ 
T'djing, aus dem er die Regeln der Kriegskunst kennen lernte. 
Aber es war ihm nicht genug, dieselben blos theoretisch zu wissen, 
sondern er ging auch zu einem tüchtigen Fechtmeister in die Lehre 
und übte sich im Pfeilschießen, Lanzenwerfen und Schwertfechten. 

Nach dem Tode seines Vaters fiel ihm die Ernährung der Fa- 
milie zu. Im Jahre 1555 begab er sich nach BSi-djing, um dort 
nach bestandenem Examen in irgend einer Stellung Verwendung 
und Brot zu finden. Doch da er keine Empfehlungen und hohen 
Beschützer hatte, mußte er trotz seiner großen Befähigung noch 
froh sein, ein kleines Amt im Ministerium der Justizverwaltung zu 
erhalten. Weil er die Leute vom Prozessieren abhielt und ihre 
Zwistigkeiten und drgl. friedlich beizulegen pflegte, so Wieb er ein 
armer Schlucker. 

Als nun 1542 der Mongolen-Chan ^ ^ Ngan-da die Provinz 
Ül 9 Schan-si heimsuchte und furchtbar verwüstete, rief der Kaiser 
das Volk zu den Waffen. Alle, welche Mut und Geschicklichkeit 
hätten, sollten sich melden, er würde alle Verdienste gebührend zu 
belohnen wissen. Yü-da-yu glaubte die Gelegenheit gekommen, 
sich im Dienste des Kaisers auszuzeichnen. Er meldete sich also 
beim Kommando. Leider hatte er keine Empfehlungen, und so bot 
man ihm nur einen unbedeutenden Unteroffiziersposten an, den er 
aber nicht annahm. Mißvergnügt kehrte er, an seinem Glücke fast 
verzweifelnd, in seine Heimatsprovinz Fudjien zurück und gewann 
seinen Lebensunterhalt, indem er als Fechtmeister junge Leute im 
Waffenhandwerk und in der Kriegskunst unterrichtete. Zu Hause 
war ihm das Glück günstiger. Er wurde zum Hauptmann des ganzen 
Militiurs einer ünterpräfoktur befordert. In dieser Stellung fand er 



— 236 — 

endlich Gelegenheit, seine Talente zu zeigen. Es glückte ihm näm- 
lich, die japanischen Seeräuber in verschiedenen Angriffen zuschla- 
gen, 80 daß er der Provinzialbehorde schließlich mehr als dreihundert 
abgeschlagene Köpfe von Seeräubern als Trophäe vorzeigen konnte. 
Daraufhin wurde er ein berühmter Mann. Durch Belohnungen und 
andere Auszeichnungen noch mehr angefeuert, bewies er einen noch 
regeren Eifer in Verfolgung des Feindes und vertrieb die Räuber- 
banden aus Fu-djien. Wegen dieser Erfolge wurde er nach Kuang- 
dung geschickt, woselbst er auch wieder verschiedene Räuberbanden 
besiegte, ja sogar in einem Zweikampfe persönlich mit eigener Hand 
einen sehr gefürchteten und unbesiegbar geglaubten Riesen tötete. 
Da er nun auch noch verstanden, die aufrührerischen Landleute 
wieder zu Ruhe und Gehorsam zu bewegen, war Yü-da-yu wirklich 
ein berühmter Mann geworden. Somit rief ihn im Jahre 1549 der 
vielgenannte Statthalter und Generalissimus ^ ^ Dschti'huan in 
seinen Dienst. Da die Seeräuber nicht nur von^ der Meerseite in 
die Provinzen einfielen, sondern auch auf Umwegen durch Annam 
nach dem Innern von H JUi Kuang-dung und H |g Kuang-si vor- 
drangen, YTurde Yü-da-yu beauftragt, diese Gegenden von dem 
Räubergesindel zu befreien. Es war dies keine leichte Aufgabe, 
da die Räuberbanden zahlreich waren und an dem Landvolke in 
Annam einen Rückhalt hatten. Aber Yü-da-yu schlug die vereinigten 
Banden von Japanern und Annamiten und schnitt 1 200 Köpfe ab, 
welche er dem. Statthalter von Euang-dung vorzählte. Dieser bedeu- 
tende Sieg wurde aber dem Kaiser von jg ^ Yen-sung verheimlicht, 
weil Yü-da-yu ihm nicht genehm , war. Anstatt also Ehren und 
Auszeichnungen zu erlangen, wurde Yü-da-yu von Yen-sung nur 
mit einem Geschenke von fünfzig Unzen Silbers abgefertigt. 

^8 3E t"? Wang-tfil 1552 Statthalter wurde, wählte er Yü-da- 
yu zu seinem ersten Feldherm. Wir werden sehcn^ wie tüchtig 
derselbe in dieser Eigenschaft sich bewährt hat. 

b. Der General '^ )£ Ä Tang-k'o-k'uan 

stammte aus einer alten Soldatenfamilie in ^ |Hl Bi-dschou im Norden 
von Djiang-su, nahe an der Grenze von Schan-dung. Auch er widmete 
sich früh dem Kriegsdienste. Wegen seiner Tüchtigkeit stieg er 
bald von Stufe zu Stufe. Gegen die Seeräuber war er inuner glück- 
lich: mehr als achthundert derselben hieb er die Köpfe ab, die er 
dann als Siegestrophäen an den Statthalter ablieferte. Deswegen 
war er von ^ 0[ Dschang-djing sowohl als auch von Wang-yü 
sehr geschätzt. Letzterer empfahl ihn auch dem Kaiser zu Gnaden« 



-^ 236 — 

Im Verlaufe dieser Geschichte werden wir noch öfter Gelegenheit 
haben, von seinen Siegen und seinem ruhmvollen Tode für's Vater- 
land zu roden. 

c. Die Einfälle der Japaner unter Wang-yü. 

Die Zeit der Statthalterschaft Wang-yü ist eine der unglück- 
lichsten Porioden der chinesischen Geschichte. Die Seeräuber waren 
zahlreicher als jemals; einige chinesische Schriftsteller und Geschicht- 
schreiber behaupten, daß sie im Jahre 1552 circa hunderttausend 
Mann stark gewesen seien. Doch scheint diese Zahl für jenes Jahr 
übertrieben. Gewiß ist, daß die Banden von Jahr zu Jahr wuchsen 
und ihre Einfälle inuner fürchterlicher wurden, bis daß endlich im 
Jahre 1556 einer der gefürchtetsten Bandenführer, ^ jff Sü-hä, und 
schließHch (1557) die Seele aller Unternehmungen, der berüchtigte 
JJ K Wang-dschen, gefangen und getötet wurde. 

Die Raubzüge waren ein ganz profitables Geschäft und reich 
an Abenteuern. Was Wunder, daß die Zahl der Banditen immer 
mehr zunahm? Aus den verschiedensten Gegenden kam das Gesindel 
zusammen und schloß sich den Japanern an, so von Korea, von den 
Inseln Kiu-shiu, Formosa, den Philippinen und den Küsten von Annam; 
ja selbst aus dem eigenen Lande taten, wie wir schon früher sagten, 
viele mit; besonders war es die Provinz Fu-djien, welche die zahl- 
reichsten und verwegensten Käuber stellte. 1552 waren sie so 
zahlreich, daß sie die ganze Meeresküste von Kuang-dung bis Schän- 
dung plündern und verwüsten konnten. 

Leider verkannte man am Hofe die Gefahr, die dem Lande 
von jenen Banditen drohte, denn die Beamten waren oft so gewissen- 
los, beim Kaiser die Sache zu vertuschen oder wenigstens nicht 
wahrheitsgetreu darzustellen. Auch ^ j|c Yen-sung gehörte zu 
diesen Leuten, die den Kaiser mit solchen Nachrichten nicht beun- 
ruhigen, und besonders sich selbst keine Schwierigkeiten bereiten 
wollten. Er sprach nur im allgemeinen von Einfällen in die See- 
provinzen. Da es deren in China immer gegeben, war der Kaiser 
über solche Nachrichten auch nicht besonders erstaunt. 

In Dsche-djiang ging es, wie fast inuner, ärger her, als anderswo, 
weil diese Provinz Japan gerade gegenüber liegt; aber der Kaiser 
hoffte alles von der Tüchtigkeit seines lieben Wang-yü. Doch dieser 
hatte weder genügend Soldaten noch Geld; auch konnte er es nicht 
wagen, den Kaiser um beträchtliche Summen anzugehen, da der 
Schatz, wie inmier, leer war, und kaum für den kaiserlichen Haus- 
halt genügte. Auch wußte Wang-yü, wie erbost der Kaiser gegen 



— Ö87 — 

seinen Vorgänger ^ i^% Dschu-huan gewesen, weil derselbe so beträcht- 
liche Summen unnütz für Soldaten und Marine ausgegeben habe. 

M :h Wi Yü-da-yu^ als der tüchtigste Krieger, hatte natürlich 
den schwierigsten Posten bekommen: er sollte die Provinz Dschß- 
djiang beschützen. Nun ist aber das Küstengebiet dieser Provinz 
sehr ausgedehnt; eine ziemliche Anzahl von Inseln erschwerte noch 
die Verteidigung, da der General nur eine geringe Anzahl von 
Seeschiffen hatte, welche kaum genügten, die größeren Häfen zu 
halten. Gleichwohl trug Yü-da-yu einige Vorteile über vereinzelte 
Räuberbanden davon. Denn er hatte es verstanden, die Landbevöl- 
kerung zu gewinnen und zu Unternehmungen gegen die Räuber 
auszubilden. Er brachte es selbst zu stände, pfiffige Bauern als 
sehr geschickte Spione zu benützen. Diese Bauern blieben einige 
Tage als rührige Mitglieder unter den Räubern und führten sie 
schließlich dem General in die Hände. Natürlich mußte er immer 
wieder auf neue Kniffe und Kriegslisten sinnen. 

Zu Anfang des Jahres 1558 sollte er selbst auf Befehl des 
Statthalters Wang-yü einen großen Schlag gegen die Seeräuber 
ausführen. Der berüchtigte f£ JK Mang-dschen befand sich nämlich 
mit einer Flotte von japanischen Seeräubern im Hafen von ^J[ \t^ 
Lie-djiang^ welcher fünfzig Li hordwestlich von der Insel ^ ^ 
Ding-hä liegt. Wang-dschen hatte versucht, diese Insel zu über- 
raschen und zu plündern. Aber Yü-da-yu hatte so gut gewacht, 
daß jener Schlag mißlang. Der Räuberhauptmann, sich seiner Stärke 
bewußt, hatte sich begnügt, nach Lie-djiang zurückzuziehen, um 
eine gut(5 Gelegenheit zu einem tüchtigen Schlage zu erspähen. 
Wang-yü glaubte schon, ihn in der PiilltJ zu haben. Um sich dem 
Kaiser durch eine Heldentat zu empfehlen, wollte er um jeden Preis 
diesen berühmtesten Räuber zum Neujahrsfest nach B£i-djing schicken. 
Der Statthalter rief also die besten Führer und tüchtigsten Truppen 
zusammen und befahl, man sollte den Feind gleichzeitig zu Lande 
und zu Wasser umzingeln und mit libermacht angreifen, um so des 
Sieges sicher zu sein. Yü-da-yu hatte verachmitzte Landleute als 
Spione in das Lager des Wang-dschen geschickt, welche sich als 
getreue Freunde der Japaner erklärten. Diese hatten Befehl, bei 
den Japanern zu bleiben, bis zu einem allgemeinen Angriff der 
Kaiserlichen auf die Japaner. Alsdann sollten sie in dem Lager 
der Japaner Feuer anlegen, um die Verwirrung und den Schrecken 
möglichst groß zu machen. Während einer stürmischen Nacht 
überfiel nun Yü-da-yu das Lager des Feindes; die kaiserlichen Schiffe 
griffen ebenso unverhofft die japanische Flotte an : die Japaner waren 



— 238 - 

wirklich überratscht worden. Aber diese geübten und todesmutigen 
Krieger hatten sich unter der Leitung ihres unvergleichlichen Führera 
Wang-dschen bald von ihrem Schrecken erholt. Sie kämpften furcht- 
los und töteten viele Kaiserliche, mußten jedoch der Überzahl wei- 
chen, zumal das Feuer im Lager sie hart bedrängte. Sie schlugen 
sich zu ihren Schiffen durch und entkamen den Chinesen trotz aller 
Umzinglungen. Es ist dies die einzige Niederlage, wenn man^s so 
nennen will, des famosen Wang-dschen. Yü-da-yu hatte den Sieg 
gewonnen, wurde aber gleichwohl vom Statthalter schwer getadelt, 
weil er den berüchtigten Führer nicht gefangen genommen. Um 
sich von den Strapazen der Belagerung und des strammen Kampfes 
zu erholen, machte Wan-dschen einen Abstecher nach ^ SjJj Tschang- 
schu und ft fi Oßang-in, um daselbst zu plündern. Mit sechs 
Schiffen warf er sich auf den. Hafen jf^ |Il Fu-schan^ vierzig Li 
nördlich von der Unterpräfektur Tschang-schu. Die kleine Garnison 
war bald geschlagen und vertrieben. So konnten die Seeräuber 
nach Herzenslust plündern und Schiffe mit Schätzen anfüllen. Als 
der tüchtige Unteqiräfekt £ ^ Wang-fu mit seinen gesammelten 
Streitkräften anlangte, suchten die Seeräuber das Weite, weil sie 
ja genug geraubt hatten und sich keineswegs der Gefahr eines Kampfes 
aussetspen wollten, denn sie kannten den unerschrockenen Mandarin 
Wang-fu sehr gut 

Die chinesischen Geschichtschreiber erzählen, der Mandarin 
von Tschang-schu hätte einen ausgezeichneten Scharfschützen mit 
Namen ^ß ^ Li-ngan in seinem Gefolge gehabt, der sich drei 
Bandenführer aufs Korn genommen und alsogleich zu Boden gestreckt 
habe; daraufhin seien die Japaner erschreckt davon gelaufen. 

Im vierten Monate 1553 empfing Wang-dschen neue Vc Stär- 
kungen aus Japan; auf einmal kamen fünfzehn Schiffe japanischer 
Krieger an. Andere Banden, wie Chinesen, Malaien, Koreaner u. 
s. w. waren wohl tüchtig, um keck und schnell zu plündern, galt 
es aber den Feind anzugreifen, so waren doch die Japaner die tüch- 
tigsten Krieger; auf sie konnte sich Wang-dschen verlassen. Als 
bald darauf noch größere Verstärkungen aus Japan anlangten, führte 
der listige Anführer einen längst gehegten Plan aus. Er eroberte 
alle befestigten Lager und kleinen Festungen der Chinesen längs der 
Meeresküste von Hang-dschou bis |j( ö! Dschen-djiang, So hatten 
die Kaiserlichen keine Stützpunkte mehr, während die Räuber im- 
mer mehr Plätze gewannen, wo sie ausruhen und ihre Beute sicher 
hinterlegen konnten. Einer der bedeutendsten dieser Lagerplätze 
war j|C If: Dsche-lin^ siebzig Li südöstlich von "f^Ü J^ Sung-djiang-fu. 



— 239 — 

Hier hielten sich immer Tausende von japanischen Eriegeni auf; hier- 
hin gelangten gewöhnlich die aus Japan kommenden neuen Vcr- 
Htärkungen; von hier aus wurden gewöhnlich die großen Raubzuge 
unternommen. Außerdem hatten sie noch andere bedeutende Lager, 
wie ^ |ll Djm-schan, ^ gl Nan-hui^ }\\ g? Tschuan-scha, u. s. w. 
Alle lagen an der Meeresküste und waren zahlreich besuchte Märkte, 
wo die Seeräuber die unnötigen Kleidungsstücke und Lebensmittel 
vorteilhaft verkauften. Allerhand Handwerker wurden durch gewinn- 
reichen Lohn angelockt, um für die Japaner zu arbeiten. So wur- 
den Schiffe ausgebessert, neue gebaut, Pfeile geschnitzt, WaflFen 
aller Art geschmiedet, Katapulte und Belagerungsmaschinen gebaut. 

Im Sommer des Jahres 1553 plünderten sie die Städte ;;Xc ^ 
Dchtsang, J^ fff Schang-hä, j|f H Nan-hui und deren Gebiete, zu- 
mal j0 IR Pu-dung. Die Kaiserlichen waren zu wenig, um Banden 
von mehreren Tausenden anzugreifen. So. beschränkten sie sich 
zumeist, die befestigten Städte zu besetzen und von da aus, wenn 
möglich, kleinere Banden zu überrumpeln. Die Städte verteidigten 
sich meist mit vielem Mute, wußten ja ihre Bewohner, was für ein Lok 
sie erwartete, wenn die Räuberbanden sich der Stadt bemächtigten. 

Aber die kaiserlichen Truppen reichten nicht aus, um die 
Städte auch nur mit einigen Hundert Mann zu besetzen. So kam 
im Sommer jenes Jahres 1553 der Bandenführer f/l S Siau-hieti 
mit seinen Leuten nach 49 ^ 29 Liu-djia-ho, einem großen Hafen 
70 Li südöstlich von Da-tsang, und konnte das Land ausplündern, 
ohne auch nur einen kaiserlichen Soldaten zu sehen. Hierauf 
wagte man es sogar, Da-tsang zu belagern. Die Stadt bekam keine 
Hilfe und fiel nach siebzehntägiger Belagerung in die Hände der 
Räuberbanden. Wütend über die hartnäckige Verteidigung, machten 
sie eine Anzahl der Bewohner nieder, führten andere gefangen mit 
sich und verbrannten alles,was sie nicht mit fortschleppen konnten. 

Andere Banden plünderten ijg ^ Sung-djiangy j|j| jfi Surdschou, 
j£ ^ Djta-hing, kurz das ganze Delta. Die gefürchtetsten Baudon- 
führer waren ^ H /l[ Lin-bi-fschtian, 2t ?^ llJ Schefi-nan-schan, H 
:f^ 3E San-da-tvany^ /^ :Ä: 3E Liu-da-frang und andere. 

Im siebten Monate suchten die Räuber die Stadt ^ jVi Tä- 
dschou in Dsche-djiang zu überrumpeln. Es glückte ihnen nicht; 
vielmehr gelang es dem Yü-da-yu, sie in mehreren Scharmützeln zu 
schlagen. Auch seine Kriegsschiffe trugen mehrfach kleine Vorteile 
über die Seeräuber davon. 

Aber bei einer Verfolgung der feindlichen Schiffe auf's hohe 
Meer war die kaiserliche Flotte unglücklich. Mit vollen Segeln 



— 240 — 

hatte sie den fliehenden Feind übermütig verfolgt und durch aus 
Katapulten geschleuderte große Steine viele Japaner getötet. Aber 
die Kaiserlichen hatten dadurch allzugroßen Lärm gemacht und dio 
Meeresdrachen*) erschrekt. Diese fuhren vor Furcht und Schrecken 
auf und verursachten so den SchiiFbruch mehrer großer chinesischer 
KriegsschiiFe. So wenigstens besagte der offizielle Bericht über das 
Unglück an den Kaiser. 

Bei den Einfällen der Japaner in das Gebiet von Su-dschou 
hatte der Ortsmandarin ^ ^ Jen-htum wieder Gelegenheit, sich aufs 
vorteilhafteste auszuzeichnen. 

Jen-huan war aus der Provinz Schan-si gebürtig und hatte 
sich von Jugend auf ausgezeichnet. Im Jahre 1544 hatte er das 
Doktor-Examen mit Auszeichnung bestanden und war als ein tüch- 
tiger Gelehrter sofort in die Verwaltung gekommen, worin er alle 
auf ihn gesetzten Hoffnungen übertraf. Von der Provinz j|" jf^ 
Kui-dschou wurde er nach tg j\\ Yang-dschou versetzt, also mitten 
in eine von den Japanern heimgesuchte Gegend. Weil vorher 
viele feige Mandarine geköpft worden waren, befanden sich damals 
die Statthalter in großer Verlegenheit, tüchtige Lokalmandarine zu 
finden. Das war der Grund, warum Jen-huan auf den gefährUchen 
Posten von J^ ^ Su-dschou vereetzt wurde. 

Kaum war er in seiner neuen Stellung angekommen^ so kamen 
auch schon japanische Banden von £ ^ Ljia-hing herüber. Jen- 
huan griff sie mutig an, tötete einige und verjagte die anderen. Durch 
seine umsichtigen und erfolgreichen Anordnungen und Angriffe 
hatte er bald das vollste Vertrauen seiner Soldaten und der Land- 
leute gewonnen. Wo er war, glaubte man sich vor Besiegung sicher. 
Als 1552 die Japaner gegen ;^ j^ Da-tmng anstürmten, eilte Jen- 
huan dieser Stadt zu Hilfe, griff den Feind mutig an und kämpfte 
in den ersten Reihen so tapfer, daß er drei gefähUche Säbelhiebe 
erhielt. Schon betrauerte man ihn als tot, aber der wackere Mann 
erholte sich wieder zur größten Freude seiner Mannschaften. 

Zum Lohne für solche Beweise seiner Tüchtigkeit und seines 
unerschrockenen Mutes wurde er zum General aller kaiserlichen 
Truppen m ^ f\ Su-dschou und i^ ^ Sung-djiang ernannt. Das 
Delta des Yang-dse-djiang gegen so zahlreiche Räuberbanden zu 
beschützen, war keine kleine Aufgabe. Denn gerade auf dieses Ge- 
biet schienen die Japaner und ihr tüchtigster Bandenführer f^ JK 

*) Diese Meerdraclieii «iud viroohe Unholde nnd ganz unberechenbar. Be- 
gegnet man ihnen in übleu Stunden, 8o ist mau verloren, wie die Chinesen fest 
glauben. 



— 241 — 

Wany-dschm es abgesehen zu haben. Zwar kamen Yü-da-yu, Lu-tang, 
Tang-k'o-k'uan und andere tüchtige Generäle dem bedrängten Delta 
zu Hülfe, aber die Räuberbanden waren zu zahlreich und mit ihren 
Schüfen allzu beweglich, um zurückgeschlagen werden zu können. 
Jen-huan kämpfte mit ungebrochenem Mute während der ganzen 
Zeit des Statthalters 3E W Wang-yll^ d. h. 1552 — 1554, im Gebiete 
des Deltas. Die Japaner fürchteten und haßten ihn dermaßen, daß 
sie einen Preis auf seinen Kopf setzten. Trotz alldem warf sich Jen- 
huan immer als einer der ersten ins Handgemenge. Man erzählte 
sich, er sei schon mehrmals von den Japanern getötet worden, aber 
er sei immer wieder vom Himmel zum Leben erweckt worden, um 
(las chinesische Yaterland gegen die Japaner zu beschützen. 

Im letzten Jahro der Statthalterschaft des Wang-yü, d. h. im 
Jahre 1554, warfen sich die Japaner mit neuer Wut auf das Delta. 
Gleich im ei*stcn Monate fielen zahlreiche Banden über ^ |^ Tschang- 
schu^ J^ ^ Da-tsang her und wollten um jeden Preis diese Städte 
nehmen. Aber der wackere Mandarin von Tschang-schu, mit Namen 
3EÄ ^cLnff'ßi^ den wir ja schon kennen, ward noch von Jen-huan 
unterstützt, so daß die Räuber trotz aller wütenden Angriffe die 
Stadt nicht mehr nehmen konnten. 

Andere Banden verwüsteten £ ^ Djia-ding^ ^ ^ Hua-ting^ 
Schang-hä und ganz {^ ]£ Pu-dung. Zwei höhere Offiziere waren 
bei der Verteidigung von Schang-hä so schwer verwundet worden, 
(laß sie an ihren Wunden starben. Trotz solcher Tapferkeit ward 
Schang-hä, w^elches damals noch wenig befestigt war, von den Ja- 
panern genommen und ausgeplündert. Wie immer warf man sich 
mit besonderer Wut auf die Tribunale der Mandarine und ver- 
brannte sie. 

Die Stadt Da-tsaug war genommen und verwüstet worden. 
Von da gingen die Räuberbanden zum Angriffe auf ^ llj Kuin-schan 
über. Mehr als siebentausend Japaner auf mehr als sechzig Schiffen 
belagerten unter der Leitung des berüchtigten Pühres pf A IE 
Ngo-ba-wang die Stadt. Der Ortsmandarin JiZ4^ ^ Dschii-tchien' 
schon war ein tüchtiger Mann, welcher die Bevölkerung zu tapferer 
Verteidigung ermunterte. Die Ankunft der Japaner war so un- 
verhofft erfolgt, daß er nicht einmal Zeit gehabt, den Statthalter 
in Su-dschou zu benachrichtigen. Nun aber hielten die Japaner so 
gut Wache, daß niemand durchkommen konnte. Wer immer an- 
kam, wurde gefangen und zu Bclagerungsarbeiten gezwungen oder 
getötet. Schließlich aber fand der Mandarin einen tüchtigen Taucher, 
der es wagte, das Schreiben des Mandarins nach Su-dschou zu 

Ja|iiUis lieziehungeu zu China,. X^ 



— 242 — 

befördern. In solchen Fällen schrieb man auf feinstes Papier und 
umhüllte das zusammengerollte Schreiben mit einer tüchtigen Masse 
Wachs. Der mutige Taucher war glücklich genug, durchzukom- 
men ; aber um die Strecke von siebzig Li zu machen, hatte er acht 
Tage und acht Nächte schwerster Mühen aushalten müssen : er hatte 
eben kein anderes Versteck gehabt, als das Wasser mit einigen 
Überresten von Schilfrohr. 

Der Statthalter ^ Du war hocherfreut über diese mutige 
Tat. Alsogleich beorderte er den Stadtkommandanten :^ g, Liang- 
fung, mit seinen Mannschaften der bedrängten Stadt Kuin-schan zu 
Hilfe zu eilen. Dieser ging mit seinen Leuten bis JK m Dschen-i, 
zwanzig Li westlich von Kuin-schan, und bezog daselbst ein Lager. 
Schon diese weite Entfernung verriet, welcher Mut Liang-fung be- 
seelte. Die Japaner fielen unverhofft über ihn her und schlugen 
ihn ganz schimpflich. Sie erbeuteten ^ ^ jK l^n-wei-dsn, d. h. 
Pfeile, deren Spitzen den Schwalbenschwänzen glichen; j^^ {H ^ 
Fu'lang-dji, europäische Maschinen, welche man von Malaien oder 
Arabern erworben hatte; ^tt^Kclit' len-si-da-tschung, d. h. große 
Maschinen, womit man vermittels Pulvers große Kugeln aus weiter 
Entfernung auf den Feind werfen konnte. Es handelt sich augen- 
scheinlich um Katapulte, mit welchen man große Steine, und um 
Kanonen, womit man Blei und Eisenkugeln auf den Feind schleu- 
dern konnte. Kubilä-Chan hatte schon Katapulte, welche von Mo- 
hammedanern bedient wurden. Kanonen bei den Chinesen werden hier 
zum ersten Male erwähnt, fj Jt Tfang-dschen besaß jedoch schon 
seit mehreren Jahren einige Kanonen auf seinen großen Kaubschiffen. 

Trotz erneuten und noch schrecklicheren Angriffen, als bisher, 
hielt der wackere Ortsmandarin die Stadt. Schließlich wurde Jen- 
huau dem bedrängten Kuin-schan zu Hilfe geschickt: er vermochte 
aber nichts mit seinen wenigen Leuten gegen die (überzahl der 
Japaner. 

Wie die Japaner um jeden Preis Kuin-schan erobern wollten, 
so lag auch den Chinesen sehr am Herzen, diese Stadt zu halten, 
weil sie ein wichtiger Knotenpunkt des Deltas ist. So zogen schließ- 
lich von allen Seiten kaiserliche Truppen zusammen, um über die 
Japaner mit Übermacht herzufallen. Letztere hatten schon einen ihrer 
tüchtigsten Führer ZI :hlL Orl-da-wang verloren, welcher lebendig 
gefangen unter den entsetzlichsten Peinen zu Tode gemartert 
wurde. Die Belagerung hatte schon fünfundvierzig Tage lang 
gedauert, ohne daß Hoffnung war, sich derselben baldigst zu be- 
mächtigen. Somit hielten sie's für klug, abzuziehen und ihre große 



— 248 — 

Beut(^ in Sicherlieit zu bringen. Auf sechzig Schiffen waren sie 
nach Kuiu-schan gekommen. Beim Abzug waren mehr als drei- 
hundert Schiffe mit allerhand Schätzen bis zum Untersinken bela- 
den. Diese kehrten über 9i M^ TAu^jpt-ho und den Tang-dse- 
djiang nach |g \^ Dsche-lin, ihrer famosen Festung, zurück. 

Während derselben Zeit hatten andere Banden das Gebiet von 
Ifc i£ Sung-djiang^ andere die Gebiete von Su-dschou und dem großen 
^^^ >fc M Tä'hu geplündert, ohne daß kaiserliche Truppen im- 
stande gewesen wären, sie daran zu hindern. Als ihre SchifFe mit 
Leuten voll beladen waren, zogen sich die Japaner über ^fZ U- 
djiang und den südlichen Eaiserkanal ebenfalls nach Dsche-lin zu- 
rück. Zwar gab es unterwegs auf den engen Kanälen einige Schar- 
mützel, wobei etliche unvorsichtige Japaner getötet wurden. Im 
Ganzen aber hatten die Japaner nur wenige Leute verloren und 
eine bis dahin unerhörte Beute gemacht. Diesen Erfolg schrieben 
sie dein listigen Wang-dschen zu, der es verstanden, die Kaiserlichen 
anderswo zu beschäftigen, während seine Banden ungestört plün- 
derten. 

Die kaiserlichen Truppen schlugen sich bei Gelegenheit sehr 
tüchtig, wie wir schon des öftern gesehen. Denn sie hatten wirk- 
lich mehrere fähige Führer. Aber es waren ihrer zu wenig, und 
die unerhörten Strapazen rieben sie schnell auf. Jen-huan selbst 
unterlag i»ch zw^ei Jahren fortwährender Reisen und beschwerlicher 
Kämpfe den Strapazen. Sein Rücken war ganz von giftigen Ge- 
schwüren bedeckt, welche die Arzte nicht heilen konnten. So starb 
er kaum vierzig Jahre alt noch im Jahre 1554. Zur Anerkennung 
seiner Verdienste wurde er vom Kaiser mit posthunien Ehren und 
Titeln ausgezeichn(*t und erhielt in Su-dschou, als dessen Schutzgott 
er ernannt wurde, einen Tempel. Auch sein Sohn wurde wegen der 
außerordentlichen Verdienste des Vaters mit großen Titeln und 
Gütern vom Kaiser belohnt. Jen-huan ist einer der wenigen Be- 
amten, welche von Djia-dsing wahrhaft kaiserlich belohnt wurden, 
währoiid viele wegen ihrer NiVchlässigkeit und Feigheit geköpft 
wurden. 



9. Politischer Mischmasch zu BSi-djing. 

J j^ Wang-gü war trotz allen guten Willens und redlicher 
Bemühung in seinen Unternehmungen unglücklich gewesen. Es war 
ihm nicht geglückt, die Japaner zu besiegen, noch weniger, sie zu 
vernichten, wie der Kaiser von ihm gehofft. Im Gegenteil waren 



— 244 — 

die Seeräuber niemals mächtiger gewesen, als gerade wahrend sei- 
ner Statthaltei*8chatt. Glücklicherweise hatte er weder ^ ll| Kuin- 
schan noch -^ jfi Tä-dschou an die Japaner verloren. Gingen Städte 
verloren, so kostete es in der Regel den Mandarin den Eopf. 

Wang-yü war klug genug, um einzusehen, daß man unter den 
obwaltenden Umständen niemals Herr der Japaner werden wurde. 
Dazu hätten nach seiner Yertrauten Schätzung hunderttausend Mann 
kaum genügt. Da er überzeugt war, daß der Kaiser sich nicht 
dazu verstehen würde, eine so große und kostspielige Armee in 
die Eüstenprovinzen zu schicken, so suchte er aus dieser Lowen- 
hohle bei Zeiten herauszukommen. Auf seinen Wunsch sclüugen 
seine einflußreichen Freunde am kaiserlichen Hofe ihn für |lj fg 
Schan-si vor, wo er ja ehedem glücklich gegen die Mongolen ge- 
kämpft hatte. Das war in der Tat auch das einfachste und sicher- 
ste Mittel, aus Dsche-djiang heraus zu kommen, ohne den Kopf ver- 
loren zu haben. 

Ein vde wenig beneidens- und begehrenswerter Posten die 
Statthalterei von Dsche-djiang gewesen, beweist uns die Tatsache, 
(laß nach den Berichten der Geschichtsschreiber, der Kaiser seit 
1554 — 1561, also innerhalb sieben Jahren, nicht weniger als zehn 
Statthalter dorthin geschickt habe, um die Japaner zu vertilgen. 

Einige dieser Herren, welche über die dortigen Zustände auf 
dem laufenden waren, suchten unter allerhand Vorwänden das 
Damoklesschwert abzuwehren. Jene dagegen, welche diese Würde 
annahmen, wurden sämtlich vom Kaiser entweder zum Tode ver- 
urteilt oder wenigstens ihres Amtes entsetzt und von jeder andern 
Beamtenstelle ausgeschlossen. 

Im fünften Monate 1554 ernannte der Kaiser ^ ^ IfE Li- 
tien-tschung zuiii Statthalter von ^ ö! Dsche-djiang und ^ g 
Dschang-djing zum Oberbefehlshaber aller kaiserlichen Truppen im 
Süden. Sehen wir uns diese beiden ebenso unglücklichen wie 
hochgestellten Herren ein wenig näher an. 

a. Der Statthalter Li-tien-tschung 

war der Sprosse einer großen Familie aus ^ ^ Mung-dsin in der 
Provinz ipf jß Ho-nan. Er hatte ausgezeichnete Studien gemacht 
und sich auch in der Verwaltung so tüchtig bewährt, daß er in das 
Kollegium der kaiserlichen Zensoren aufgenommen wurde. Da er 
auch als ein tüchtiger Kriegsmann galt, so wurde er als zweiter 
Kommandant aller kaiserlichen Truppen in 1^ jVi J^ SUi-dscliou-fH 
ernannt. Als nun im Jahre 1553 japanische Banden j§ jHl Tung- 



-^ 245 — 

dschou und ^ J^ Ju-kati im Norden des Yang-dsc-djiang plünder- 
ten und verwüsteten, wurde Li-tien-tschung vom Kaiser beauftragt, 
das Land won jenem Gesindel zu säubern. Da damals jene Banden 
gerade nicht zahlreich waren, so konnte Li leicht ihrer Herr wer- 
den. Seine Freunde bauschten nun diese unbedeutcmden Scharmützel 
zu großen Siegen auf und stellten den Truppenführer als ein mili- 
tärisches Genie dar. Daraufhin wurde er vom Kaiser mit Titeln und 
£hren aufs reichlichste belohnt und als neuentdecktes Kriegsgenio 
schließlich zum Statthalter von Dsche-djiang ernannt. 

Kaum auf seinem Posten angelangt, berichtete er an den 
Kaiser einen großen Sieg über die Japaner, weil seine Soldaten 
einigen der bei der Plünderung des Gebietes von )^ -^ jj^ Schau- 
f^i^g-f^ beteiligten Räubern die Köpfe abgeschlagen hatten. Bald 
darauf aber fielen zahlreiche Banden von Seeräubern über die Ebene 
von ^ 9^ ]^ Djia-hingfu her und verwüsteten mörderisch das ganze 
Gebiet mit all seinen Unterpräfekturen. Sämtliche gegen sie aus- 
gezogenen kaiserlichen Truppen wurden geschlagen; die Mandarine 
nahmen Reißaus. Infolgedessen stieg der Unwille und Zorn der 
Bevölkerung aufs höchste. 

Unglücklicherweise kam gerade j@ "^ i||S Dschau-wen-hua als 
spezieller kaiserlicher Visitator nach Dsche-djiang. Als großer Günst- 
ling des Kaisers glaubte er, sich seinem hohen Gönner verbindlich 
zu machen, indem er in schmarotzerischem Eifer den armen Li-tien- 
tschung als einen faulen und inhabilen Menschen darstellte, der sich 
mehr mit der Weinflasche, als mit den Regierungsgeschäften abgebe, 
die Staatseinkünfte verschleudere, ganz unfähigen Freunden und 
Günstlingen wichtige Posten anvertraue, Stellen und Ämter um Gold 
verkaufe, u. s. w. Daraufhin wurde Li-tien-tschung alsogleich abgesetzt 
und ihm wegen Hochverrat der Prozeß gemacht. Mit ihm kam 
auch eine Anzahl anderer Mandarine ins Gefängnis, weil sie vor 
dem Feinde geflohen. 

Anstatt Li-tien-tschung wurde ^ 'S Yang-i, ein guter Freund 
von Dschau-wen-hua, zum Statthalter von Dsche-djiang ernannt. 
Yang-i war der Sprößling einer großen Familie und erfahrener 
Höfling. Als Statthalter der Provinz jpf ]§ Ho^an und in andern 
hohen Würden hatte er sich ziemlich gut bewährt, weil er eben mit 
keinen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. 

Nach Dsch^-djiang versetzt, kam er mit einer großen Anzahl 
nördlicher Soldaten, zumeist aus Schan-dung gebürtig, um alle 
Japaner in Bälde zu vertilgen. Diese Soldaten drangsalierten wohl 
das Volk, zeigten aber wenig Mut, um gegen die Japaner vorzugehen. 



— 246 — 

Alsbald schickte er Spione nach Japan, um genaue Nachrichten 
über die Seeräuber und deren Leiter einzuziehen und zu erforschen, 
ob etwa die japanische Regierung solche Einfälle kenne und billige, 
oder gar selbst anordne. Wenn es die Umstände erheischten, sollten 
dieselben sich als Gesandte ausweisen und ihre Beglaubigungsschreiben 
vorzeigen. Ihr Chef tat dies vor dem Daimyo von U ^ Fung- 
hou^ der in Oita residierte. Dieser Daimyo schickte als Gesandten 
einen Bonzen an Yang-i, um ihm für sein freundliches Schreiben 
zu danken. ^Wenn unlängst^, schrieb er, „verschiedene Banden 
losen Gesindels von hier nach China abgegangen sind, so kommt 
dies von den Bösewichten, die aus China nach Japan gekommen 
sind, um schlechte Subjekte anzuwerben und durch die schönsten 
Versprechungen zu verlocken. Chinesen sind die Verführer und 
Leiter dieser angeworbenen Banden ..." Daraufhin empfahl er dem 
Statthalter Yang-i, die Küsten besser bewachen zu lassen, damit 
ähnliche Verführer nicht nach Japan kämen; er seinerseits werde 
das Möglichste tun, um solche Unternehmungen zu hintertreiben. 
Um seine Vollmacht zu zeigen, setzte Yang-i ganz nach Will- 
kür sowohl Zivil- als Militärbeamte ein und ab, je nachdem sie 
zahlten. Er trieb es mit dem Stellenhandel so arg, daß selbst sein 
Freund Dschau-wen-hua ihm zürnte. Denn dieser war sich seiner 
hohen Würde als kaiserlicher General-Inspektor aller Eüstenprovinzen 
doch gar zu gut bewußt und wollte auch seine Schäfchen scheeren. 
So kam es denn, daß er bei seiner Kückkehr nach Bei-djing seinen 
ehemaligen Freund Yang-i beim Kaiser als Gelderpresser verklagte. 
Zur Strafe für sein ungesetzliches Vorgehen wurde Yang-i, naclidem 
er nur einige Monate Statthalter gewesen, ins Exil geschickt. 

b. Der Generalissimus ^ ^ Dschang-djing 

entstammte einer großen Familie aus JÜ )Vi J^ Fu-dschou-fu in der 
Provinz Fu-djion. Schon 1517 hatte er sein Doktor-Examen mit 
Auszeichnung bestanden. Als man ihm die Würde eines Unter- 
präfekten in J^ $1 Djia-hing anbot, verweigerte er deren Annahme 
als seiner hohen Fähigkeiten unwürdig, deren er sich gar sehr 
bewußt war. Acht Jahre hierauf wurde er durch Vermittlung mäch- 
tiger Freunde seiner FamiUe nach Bei-djing berufen. Hier wußte 
er sich seinen Vorgesetzten für verschiedene hohe Amter zu empfeh- 
len. Ja, wegen seines Verwaltungstalentes und seiner Gelehrsam- 
keit wurde er sogar in das Kollegium der kaiserlichen Zensoren 
aufgenommen. Auch erhielt er verschiedene hohe Ämter am kaiser- 
lichen Hofe und war überhaupt beim Kaiser in hoher Gunst. 



— 247 — 

Nachdem er im Jahre 1537 ins Kriegsministerium berufen 
worden war, wurde er bald darauf als Höchstkommandierender nach 
der Provinz Kuang-dung geschickt, um in jenem unruhigen Gebiete 
wieder geordnete Zustande herzustellen. In diesem Amte bewies 
er sich als ein durchaus tüchtiger und tatkräftiger Mann, denn er 
hatte bald Ordnung geschaffen. Der Kaiser war so zufrieden, daß 
er ihn bald darauf in derselben Eigenschaft nach der Provinz B9 jl[ 
Se-tschnan sandte, denn auch dort hatte das Räuberwesen überhand 
genommen, so daß eine geordnete Regierung unmöglich war. Leider 
hatte Dschang-djing in dieser Provinz weniger Erfolg, weil seine 
Unterbeamten ihm nicht kräftig genug beistanden. Ja, man ver- 
klagte ihn sogar bei Hofe, daß er seine Pflicht nicht tue, viele 
unnütze Ausgaben mache und auch betrachtliche Summen beiseite 
geschafft habe, besonders während seines Kommandos in Kuang-dung. 

Über diese verleumderischen Anklagen war Dschang-djing so 
erbost, daß er sich vom Kaiser die Entlassung erbat. Nachdem er 
so üble Erfahrungen gemacht, wollte er den Staatsdienst für immer 
verlassen, um einzig den Wissenschaften zu leben. Aber der Kaiser 
wußte ihn zu besänftigen, verlieh ihm höhere Titel und Würden 
und bezeigte öffentlich, wie hoch er ihn schätze, ja sogar liebe. 
So wurde er denn zum Beweise besonderen Vertrauens 1533 zum 
Finanz-Minister in Nan-djing ernannt. Bald darauf übertrug ihm 
der Kaiser das Oberkommando über alle kaiserlichen Truppen der 
Provinz Djiang-nan, wo die Japaner mehr als je zuvor wieder ihr 
Unwesen trieben. Er sollte im Einverständnisse mit dem Statthalter 
von Dsche-djiang mit den Seeräubern vollständig aufräumen. 

Wir haben oben gesehen, wie wenig Erfolg I ^ Wang-yü 
während seiner Amtsverwaltung gegen die Japaner gehabt. Als 
der Kaiser über die großen Schwierigkeiten mit den zahlreichen 
Räubern der Küstenprovinzen endlich ein wenig mehr aufgeklärt 
war, hielt er mit seinen Ministern und Staatsräten lange Beratungen 
über die notwendigen Mittel und Wege, um endlich einmal dauern- 
den Frieden und Ruhe in den Küstenprovinzen herzustellen. 

Hierbei stellte sich nun heraus, daß das Vorgehen ^ j|^ Dschn- 
huans denn doch das beste gewesen. Aber wo sollte man den 
rechten Mann finden, der nach dem Vorbilde Dschu-huans Flotte 
und Heer organisieren und gegen die Eindringlinge führen könnte? 
Man schlug Dschang-djing vor. Sehr zufrieden über diesen Vor- 
schlag übertrug Djia-dsing seinem Günstlinge in früheren Zeiten 
kaum gewährte Vollmachten: «alle kaiserlichen Truppen, nicht nur 
von Dsche-djiang und Fu-djien, sondern auch die von Djiang-nan, 



— 24Ö — 

Schan-dung und *^ ^ Hu4cuang wurden ihm unterstellt. Dies ge- 
schah im fünften Monate des Jahres 1554, als BEt? ^^ang-yu nach 
der Provinz Schan-si versetzt zu werden das (ilück gehabt. Es 
war ein gefährlicher Posten, welchen Dschang-djing im Andenken 
früher eriningener Lorbeeren und im Bewußtsein hoher kaiserlicher 
Gunst antrat. Aber dieser tatkräftige Mann hatte keine Furcht« 
Leider sollte aber auch er wieder einmal erfahren, daß, wer sich auf 
Menschen verläßt, wirklich verlassen ist. 

Derselbe ^ $ ^ Dsc/iau-wen-hua^ welcher Li-tien-tschung ge- 
stürzt, brachte auch Dschang-djing zum Falle. Nachdem wir diesen 
famosen Höfling schon parmal zu erwähnen Gelegenheit gehabt, 
müssen wir uns ihn, der auch in den Kriegsunternehmungen gegen 
die Japaner eine (wenngleich nur indirekte, aber doch nicht unbe- 
deutende) Rolle gespielt, etwas näher ansehen. 

c. ^ 'S: m Dschau-wen-hua. 

^ jgj liing-biio in Dsche-djiang ist die Heimat diesi»s Mannes, 
der, nachdem er 1529 Doktor geworden, wegen sciiner eminenten 
Wissenschaft alsobald im kaiserlichen Staats-Eollegium in BSi-djing 
angestellt wurde. ^ ^ Ye7i-sung, der damals auch Mitglied die- 
ses Kollegiums war, gewann den jungen Gelehrten so lieb, daß er 
ihn seinen Sohn nannte. Dschau-wen-hua war klug und geschmeidig; 
in verzweifelten Lagen kam er niemals in Verlegenheit. So glaubte 
denn Yen-sung, an ihm eine Stütze und ein tüchtiges Werkzeug 
seiner rühm- und ränkesüchtigen Pläne gefunden zu haben. 

Als nun gegen Mitte des Jahres 1554 der Kaiser in betreff 
der Schwierigkeiten, welche in den Küstenprovinzen zu überwäl- 
tigen waren, den Rat seiner Minister einholte, ermangelte Dschau- 
wen-hua nicht, seine hohe Staatsweisheit leuchten zu lassen. Er 
schlug dem Kaiser sieben Mittel vor, welche ganz unfehlbar allem 
Unglück abhelfen sollten. 

Oben haben wir schon mit Staunen gesehen, daß die Meeres- 
drachen mit der chinesischen Kriegsmarine unzufrieden waren und 
manches Schiff versenkten. Es kam also sehr viel, ja alles darauf 
an, diese Meeresungeheuer zu versöhnen, dem chinesischen Geschwa- 
der geneigt und den Japanern feindlich zu machen. Dazu gibt es 
aber kein besseres Mittel, als wenn der Kaiser einen freundlichen 
Brief an jene grimmigen Meeresherrscher schreibt und sie seiner 
innigsten Liebe und Freundschaft versichert. Denn alle Gottheiten, 
sei es zu Lande oder Wasser, buhlen um die Gunst und Gnade 
des Sohnes des Himmels. So schlug denn Dschau-wen-hua als erstes 



— Ä4d — 

und wirksamstes Mittel vor, der Kaiser möge jenen Meercsdrachen 
ein {eierliches Opfer darbringen, während welchem sein Brief an sie 
abgesandt, d. h. verbrannt werden solle. 

Zweitens sollte der Kaiser verordnen, daU sämtliche Knochenüber- 
reste gefallener oder verstorbener Soldaten aufs sorgsamste beerdigt 
würden; auch sollten dem Volke weniger Fronarbeiten aufgebürdet 
werden. 

Drittens sollte man die Flotte und deren Besatzung in besse- 
ren Stand setzen. 

Viertens: Damit der Staatssäckel nicht gar zu sehr in Anspruch 
genommen v/erde, schlug Dschau-wen-hua vor, alle Besitzer des Deltas 
zu reicherer Beisteuer heranzuziehen. Alle die, welche mehr als hun- 
dert Morgen Land besäßen, sollten nach dem Verhältnisse ihres 
Besitzes um ein beträchtliches Mehr besteuert werden. 

Fünftens: Die reichen Kaufleute und Grundbesitzer sollten nach 
dem Verhältnisse ihres Reichtumes patriotische Spenden darbringen, 
um so ihre Vaterlandsliebe und ihren Diensteifer für den Kaiser 
zu beweisen. Nach Beendigung des Krieges sollten sie dann auch 
nach dem Maßstabe ihrer Verdienste gebührend belohnt werden. 
Diejenigen aber, welche Land des Fiskus in Pacht hätten, sollten 
ihren Pachtzins für drei Jahre im voraus bezahlen. Auf diese Weise 
werde dem Staatsschatze erfolgreich aufgeholfen werden. 

Sechstens solle man fähige Männer auswählen, um die Sol- 
daten gut auszubilden. 

Siebtens solle man sich bemühen, japanische Dolmetscher in 
Dienst zu nehmen, selbst wenn man schweres Geld dafür zahlen 
müßte, um sie als Spione im Nachrichtendienste zu verwenden. 

Diese Ratschläge schienen dem Kaiser äußerst weise und auch 
leicht ausführbar. Alsobald beriet er sich mit seinem Großkanzler 
Yen-sung, der dann sofort seinen Gesinnungsgenossen Dschauwen- 
hua als den geeignetsten Mann bezeichnete, der imstande wäre, all 
diese weisen Vorschläge auch auszuführen. 

So wurde denn Dschau-wen-hua zum speziellen kaiserlichen 
Delegaten der Küstenprovinzen ernannt. Zuerst mußte er im Auf- 
trage und Namen des Kaisers den Meerosdrachen die großen Opfer 
darbringen. Als er dann daran ging, den Staatssäckel zu füllen, soll 
ihm, wie die Fama erzählt, manches Stück Silber an den Händen 
kleben gebliebep sein, so daß er sich ein ganz fabelhaftes Vermö- 
gen erworben habe. Wer immer gut mit ihm stehen wollte, mußte 
reiche Geschenke darbringen. Dschang-djing, der mächtige Gene- 
ralissimus und zugleich auch ein tüchtiger und stolzer Gelehrter, 



— 260 — 

glaubte, nicht notig zu haben, Dschau-wen-hua den Hof zu machen, 
war er ja überzeugt, auch in der Gunst des Kaisers zu stehen. 
Dschau-wen-hua mochte das wohl gemerkt haben. Denn in Zukunft 
suchte er verschiedene Anlässe, um Dschang-djing zu diskreditieren. 
Gegen die Soldaten desselben war er auffallend freigebig in Ver- 
leihung von Auszeichnungen und Geschenken, um dadurch all ihre 
Sympathie von ihrem tapfern Oberbefehlshaber abzulenken und für 
sich selbst zu gewinnen. Zudem suchte er den Dschang-djing auch 
in Bei-djing herabzusetzen, indem er einen Verlust von vierzehn 
Soldaten in einem kleinen Gefechte mit den Raubern zu einer gro- 
ßen Niederlage desselben aufbauschte. So verwandelte sich dann 
die einfache Abneigung im Herzen Dschang-djing^s in tödlichen Haß. 

d. Die Kriegstaten unter Dschang-djing 1554 — 1555. 

Seit dem für die Seeräuber so glückUchen Jahre 1552 wuchs 
ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1554 waren es sicher mehr 
denn hunderttausend Mann, welche China heimsuchten. Nach so 
unerhörten Erfolgen führten die eigentlichen Leiter jener Einfälle 
nichts Geringeres im Schilde, als die Dynastie der Ming zu stürzen 
und sich an ihre Stelle zu setzen. Es schien ihnen leicht, sich des 
Yang-dse-djiang zu bemächtigen und so China in zwei Teile zu 
trennen. Wenn dann einmal alle Ausfuhr nach dem Norden und 
zumal nach der Hauptstadt auf dem Eaiserkanal und auf offener 
See abgeschnitten wäre, müßte selbst die Hauptstadt wegen Mangels 
an Lebensmitteln sich ergeben. Im Norden arbeiteten die Mongolen 
durch ihre zahlreichen Einfälle ins Land am Sturze der Ming. Doch 
waren sie weniger politisch, als die Japaner: denn nach Empfang 
reicher Geschenke und ergiebiger Razzia ließen sie sich immer be- 
stimmen, wieder abzuziehen ohne ihre Übermacht auszunützen. 

Als Dschang-djing im Sommer 1554 nach den Südprovinzen 
kam, befanden sich allein im v^ Tlf Pu-dnng^ d. h. im Gebiete öst- 
lich von Schang-hä, nicht weniger als zwanzigtausend Seeräuber. In 
/l( ^ Tschuan-scha hatten sie eine fast so große Festung als in 
{g $|C Dsche-Ufi, Kleinere Festungen und Lager hatten sie an allen 
günstig gelegenen Häfen längs des Meeres und dem Ästuar des Yang- 
dse-djiang. Von diesen Festungen aus unternahmen sie Züge ins 
Innere. ;)^ ^ Da-tsang, ^ fJB Tschung-mmg, JS^ j^ Su-dschou, ^ ^ 
Tung-dschou, -^ ^ Tä-dschou^ selbst ?{| $ jj^ Htiä-ngan-ju im 
Norden wurden, wie wir wissen, besucht imd ausgeplündert. In Dscho- 
djiang wurde zumal die fruchtbare Ebene von ^ ^ Djin-hing und 
^ j/ifiT^ TTu-dschoU'fu heimgesucht. 



— 251 — 

Dschang-djing hatte schnell die kriegerischen Talente und 
den patriotischen Eifer der uns schon bekannten Generäle Yü-da- 
yu, Lu-tang, Tang-k'o-k'uan u. s. w. erkannt und schenkte ihnen 
sein ganzes Vertrauen. Tang-k'o-k'uan mit nur dreihundert Kaiser- 
lichen und einer Anzahl freiwilliger Bauern war fähig gewesen, an 
die tausend Schiffe der Seeräuber auf dem j|[ ffS Huang-pu in 
Schach zu halten und größere Plündereien zu verhindern. Lu- 
tang seinerseits war ihm allerdings zu rechter Zeit zu Hilfe gekom- 
men. Tang-k'o-k'uan hatte das Glück gehabt, fast die ganze Bande 
des berühmten Räuberhaüptmanns JN £\ Liu-san zu vernichten. 
Yü-da-yu kämpfte im Gebiete von Su-dschou. Aber alle diese Ge- 
neräle hatten zu wenig Leute, um mit Kraft und Erfolg die Japa- 
ner angreifen zu können: sie errangen nur kleine teilweise Erfolge. 
Um diesem Übel abzuhelfen, zog Dschang-djing zahlreiche Truppen 
aus den verschiedenen ihm unterstellten Provinzen zusammen und 
ließ sich angelegen sein, selbige gut auszubilden und kriegstüchtig 
zu machen. Unterdessen fuhren die Japaner fort zu plündern. Mehr 
als dreitausend Räuber hatten Su-dschou geplündert und schifften 
mit Schätzen reich beladen nach ihrer Festung ](^ 1^ Dsche-lin^ um 
daselbst ihre Beute zu bergen. Der Mandarin von ^ ö! l^-djiang 
griff sie an. Die Japaner, welche zahlreicher waren, als man ge- 
glaubt, warfen sich wütend auf die Stadt, nahmen sie, plünderten 
sie aus und legten dann Feuer an. Solche Taten jag^ten natürlich 
allen Leuten vor den Japanern Furcht und Schrecken ein. 

Eine andere Bande Japaner kam mit ihren reich beladenen 
Schiffen in die Nähe von ^ Sg Ping-wang, einem großen Markt- 
flecken am Kaiserkanal, und traf dort eine ziemliche Anzahl kaiser- 
licher Truppen. Alsogleich beeilte sich der japanische Führer, 
sehr beträchtliche kostbare Geschenke an den chinesischen Befehls- 
haber und seine Leute zu senden. Letztere verstanden den Wink 
und zogen sich bescheiden zurück, auf daß die Japaner mit ihrem 
Raube gemütlich heimkehren könnten. So schmähliches Verfahren 
seitens chinesischer Anführer war nicht sehr selten; diese Herren 
wollten eben Geld machen. Es ist selbstverständlich, daß die Ja- 
paner und ihre Raubgenossen niemals ihr Unwesen hätten ungestraft 
treiben können, wenn die chinesischen Mandarine immer ihre Pflicht 
getan hätten. Die Japaner waren so gut auf dem laufenden, daß 
sie einzig Yü-da-yu, Lu-tang und Tang-k'o-k'uan fürchteten: denn 
diese nahmen keine Geschenke an, sondern fielen mutig über 
den Feind her. Der leider zu früh verstorbene ff ^ Jen-huan 
war ebenfalls ein mutiger und unbestechlicher Gegner der Japanejr ; 



— Ö52 — 

WO er sie nur traf, griff er sie sogleich an. Deswegen hatte er den 
Beinamen jiütjl^ Jen-ping^niny von den Japanern erhalten, d. h. 
der Oeneml Jen, der sich immer auf Leben und Tod wehrt. 
Hatten die Japaner eine Schlappe erlitten, so ließen sie ihre Wufe 
darüber gewöhnlich am Volke aus, das sie unbarmherzig und ganz 
unnötig niedermetzelten. 

Von den neu herbeigezogenen Truppen des Generalissimus 
wußten viele nichts von Ebbe und Flut und ließen sich, von den 
witzigen Japanern verlockt, in unzeitige Gefechte ein und wurden 
dann von denselben niedergemacht. Selbst die Soldaten aus Fu- 
djien wurden in Djiang-nan und teilweise auch in Dsche-djiang nicht 
selten von den Japanern gründlich angeführt, weil die Seeküste 
letzterer Provinzen von jener Fu-djiens ganz verschieden ist. Die 
Schulung dieser Truppen war somit nicht leicht. Aber ehe seine 
Leute gut ausgebildet wären, wollte Dschang-djing sich durchaus 
nicht in einen aussichtslosen Kampf einlassen, der nur entmutigend 
auf dieselben gewirkt hätte. 

Als nun der Kaiserliche Delegat Dschau-wen-hua den Gene- 
ralissmus zu einer tüchtigen Expedition gegen die Japaner anzu- 
feuern suchte, gab ihm dieser seine Gründe an, warum er noch 
warten wolle: er müsse eben noch mehr Truppen heranziehen, tüchtig 
schulen und an das Land und den Feind gewöhnen. In der Tat 
hatten die Kaiserhchen mit vereinten Kräften an verschiedenen Or- 
ten die Räuber mit Erfolg angegriffen, so bei ^ fg U-sung^ wo sie 
elf Schiffe derselben versenkten und zweihundercvierundfünfzig Räu- 
ber töteten. Bei Su-dsohou hatten sie den berüchtigtsten Banden- 
führer R A I Ngo-ha-wang zurückgeschlagen und auch die Stadt 
j^ JE Djia-ding gegen zahlreiche Räuberbanden siegreich ver- 
teidigt. Vielfach waren die Seeräuber besser bewaffnet als die Kai- 
serlichen. So hatten sie z. B. schon einige Flinten, j^ ^ Niau- 
tschung^ durch welche sie heillosen Schrecken und Verwirrung unter 
den Kaiserlichen anrichteten, und sie zwangen, Reißaus zu nehmen. 
Dschang-djing suchte seine Leute besser zu bewaffnen und eine 
Anzahl Flinten und Kanonen für sie zu besorgen. Darum zögerte 
er noch immer mit seinem Angriffe. 

Die ärgsten Verwüstungen wurden in jener Zeit in Djiang- 
nan und dem benachbarten Dsche-djiang von den Seeräubern an- 
gerichtet. Während diese aber in Djiang-nan manchmal ziemlich 
derbe Schläge von den Kaiserlichen erhielten, waren sie in den Ge- 
filden von Dsche-djiang gänzlich Meister und konnten nach Herzens- 
lust rauben, ohne irgendwie beunruhigt zu werden. So kam es, 



— 253 - 

daß sie 8iebzehninal Djia-hing-fu*) heiinsuohten and vci'schiedene 
Gebiete durchaus verwüsteten und verbrannten. 

In der Provinz Kuang-dung waren es zumeist Räuber aus Fu- 
djien'und Annam, welche das Land plünderten. Manchmal aber 
ging es denselben übel, da das Landvolk sich den Soldaten ange- 
schlossen hatte und sein Eigentum mutig verteidigte. So hatte man 
in jenem Jahre bis an eintausendzweihundert Seeräuber totgeschla- 
gen, inehrere Bandenführer gefangen und unter wilden Todesqua- 
len hingerichtet. 

Was dem Höchstkommandierenden Dschang-djing am meisten 
zu Herzen ging, war die gänzliche Unerfalirenheit seiner Binnen- 
landsoldaten mit dem Seewesen. Die Soldaten im Delta des Yang- 
dse-djiang mußten verstehen, das Ruder zu führen, wissen, wann die 
Flut kommt und geht, wann sie groß und gefährlich ist, u. s. w. 
Die Unkenntnis dieser Regeln, welche die Seeräuber aufs genau- 
este kannten, kam den Kaiserlichen sehr teuer zu stehen. Sie ver- 
loren dadurch nicht nur ziemlich viele Leute, sondern auch viele 
Waffen und manche Schiffe. 

Gleich im ersten Monate des Jahres 1555 führte % j^ SiU- 
ha, einer der geschicktesten und einflußreichsten Führer, zahlreiche 
Banden von IfJ "ijf^ Dsche-lin aus zum Angriffe nach Dsche-djiang. 
Um nichts zu fürchten zu haben, hatte er sich aller Schiffe der Chi- 
nesen bemächtigt. Somit war er Herr des Meeres und konnte seine 
Leute ohne alle Gefahr nach der Festung Dsche-lin bringen, auch 
neu angekonmiene Räuber leicht herbeiziehen, um größere Züge zu 
unternehmen. Denn fortwährend kamen neue Seeräuber, sei es aus 
Japan, sei es aus Korea, Formosa u. s. w., welche insgesamt nach 
Dsche-lin sich begaben und von da nach verschiedenen Gegenden 
verteilt wurden. Siü-hä plünderte die Ebene von Djia-hing und 
Hu-dschou; andere Banden verwüsteten das Gebiet von Sung-djiang, 
Da-tsang und Su-dschou. Von Su-dschou gingen zahlreiche Banden 
auf den j^ jD 7ä-hu und plünderten von da die dichtbevölkerte 
und reiche Umgegend. Auch zu Lande drang man vor nach ^ ^ 

*) Während ihrer Einfälle in Djia-hing ereignete es sich, daß die Japaner 
sich auch an den Bienenkasten yergriffen. Wütend ob solchen Hausfriedensbruch 
warfen sich diese liebenswürdigen Tierchen über die unwirsciien Angreifer und 
zerstachen sie ganz mörderisch. Diese Erzählung hatte mich zuerst stutzig ge- 
inucht, weil ich nicht glauben konnte, daß die Bienen und ihr Treiben den Ja- 
panern damaliger Zeit unbekannt gewesen sein sollten. Nun aber lese ich im P. 
Trois, der wenige Jahre nach dem hl. Franziscus Xaverius nach Japan kam, 
daß zu seiner Zeit (1553) die Japaner die Bienen nicht kannten. Somit ist obi- 
ges Abenteuer, welches die Chinesen erzählen, keine Erfindung, um sich etwa 
über die Japaner, als über ein ungebildetes Volk, lustig zu maoheu. 



— 254 — 

Tschangschu^ ^ j£ U-si, ^ ^ Djiang-in^ ^ ^ Tschang^schon 
u. 8. w., um sich schließlich zu vereinigen und den gemachten Baub 
in Sicherheit zu bringen. Wieder andere Banden besuchten dio 
Insel ^ B^ Tschung-ming^ wurden aber daselbst übel empfangen. 
Der Mandarin, ein mutiger und entschlossener Mann, hatte das Land- 
volk unter die Waffen gerufen und führte es selbst in den Kampf. 
El ward dabei schwer verwundet und starb an seinen Wunden, 
ein Umstand, welcher das Volk nur um so mehr zum Kampfe gegen 
die Seeräuber begeisterte und sie so zum Siege führte. 

Der kaiserliche -Delegat Dschau-wen-hua drang verschiedene- 
male in Dschang-djing, doch endlich einmal einen entscheidenden 
Schlag gegen die Japaner auszuführen. Dschang-djing kannte diese 
todesmutigen und erfahrenen Krieger, welche ihm noch zu Anfang 
des Jahres 1555 mehrere seiner besten Feldherren aus Schan-dung 
geschlagen und getötet hatten. Auch fürchtete er seine lieben 
Chinesen, welche imstande waren, für Geld alles zu verkaufen und zu 
verraten. Ja selbst den Dschau-wen-hua hielt er für fähig, ihn den 
Japanern zu verraten und dann beim Kaiser anzuklagen. Und in 
der Tat schrieb derselbe an den Kaiser: ^Dschang-djing gibt sich dem 
Nichtstun hin, während die Japaner das Land ausrauben; er ver- 
geudet fabelhafte Summen ganz unnütz, drückt das Yolk mit un- 
geheuren Abgaben und Fronarbeiten, u. ä." 

tSt jft YeU'Sung, den der Kaiser ob dieser Anklage befragte, 
unterstützte die Verleumdung seitens seines Freundes noch und ver- 
nichtete Dschang-djing ganz in der Gunst des Kaisers. ^Es ist'^, sagte 
er, ..ein Mensch, welcher das Vertrauen und die Vollmacht Ew. Kai- 
serlichen Majestät gänzlich mißbraucht, den Feind ruhig gewähren 
lälJt, aber das Volk aussaugt und bedrängt. Seine Berichte und 
Klagen über die Schwierigkeiten der Kämpfe mit den Japanern 
haben einzig den Zweck, ihn recht lange in jener hohen Stellung 
zu belassen, und sich als den notwendigen Mann beim Kaiser an- 
zupreisen". 

Während diese Dingo in B^i-djing vor sich gingen, hatte 
Dschang-djing ein Meisterstück ausgeführt. Mit Hilfe seiner treuen 
Generäle Yü-da-yu, Lu-tang und Tang-k'o-k'uan hatte er die Ja- 
paner bei Ü ö! iS Wang-äßang-djing, dreißig Li nördlich von Djia- 
hiug-fu, mörderisch aufs Haupt geschlagen und die ganze große 
Bande vernichtet. Fast sämtliche Schiffe der Japaner wurden ver- 
senkt oder verbrannt, die Besatzung entweder ertränkt, verbrannt 
oder sonst getötet. Zweitausend Köpfe lebendig (Tcfangenor zeigte 
er als Trophäe vor. Kurz, dieses war der größte Sieg, den die 



— 265 — 

Chinesen jemals über die Japaner davongetragen. Bis dahin hatte man 
als größten Sieg den von Dschang-schu gefeiert, der zweihundert- 
aehtundachtzig Köpfe heimbrachte.*) Was war aber dies gegen den 
großen Sieg bei Wang-djiang-djing? Noch jetzt feiert man densel- 
ben als ein großes Ereignis. 

Kaum war der Sieg erfochten, als Dschau-wen-hua sich be- 
eilte, an den Kaiser zu berichten, er habe unter dem besonderen 
Schutze der Schutzgotter des Kaiserhauses und in Anbetracht der 
großen Tugenden seiner Majestät des Kaisers mit Hilfe des tüchti- 
gen Generals Hu-dsung-hien einen glänzenden Sieg bei Wang-djiang- 
djing erfochten. Kurz, der Elende schrieb sich selbst den Sieg zu; 
und Yen-sung war gewissenlos genug, auch seinerseits diese infame 
Lüge zu bekräftigen. 

Dschang-djing hatte natürlich auch seinen Bericht an den Kai- 
ser abgeschickt und hoffte für solchen Dienst gebührende Beloh- 
nung. Während er ganz der Siegesfreude lebte, kamen endlich die 
kaiserlichen Briefe an, welch'e ihn schmählich absetzten, zu Ketten 
und Gefängnis verurteilten, während er sich in Bei-djing noch außer- 
dem wegen Hochverrat zu verantworten habe. Sein treuer Gene- 
ral Tang-k'o-k'uan, welcher dem Dschau-wen-hua besonders verhaßt 
war, wurde ebenfalls ins Gefängnis und in Ketten geworfen und mit 
andern nach Bei-djing abgeführt. 

Die Freunde des Dschang-djing versuchten den Kaiser aufzu- 
klären; aber das verleumderische Zeugnis seines infamen Kanzloi*s 
Yen-sung und seines diesem gleichgesinnten Delegaten Dschau-wen- 
hua galt ihm mehr als alle Gegenvorstellungen. Weil aber Dschang- 
djing selbst sich sehr gut verteidigte und dadurch seine Yerleumder 
und auch den Kaiser in Verlegenheit brachte, wurde letzterer um 
so unwilliger, so daß er auf dem hochpeinlichen Prozesse gegen 
Dschang-djing und Li-tien-tschung bestand. Und um für die Zukunft 
allen und jedem die Lust zu benehmen, ihn, den unfehlbaren Kai- 
ser, eines Bessern belehren zu wollen, vernichtete er mit einem 
Pinselstriche an die fünfzig Mandarine, die er in die unterste Volks- 
klasse degradierte, wodurch sie lebenslang aller, selbst der klein- 
sten. Amter ganz unfähig erklärt wurden. Das sei, wie er bemerkte, 
noch ein purer Gnadenakt, denn eigentlich hätten sie den Tod verdient 

Da kann man wieder sehen, wie weit der Neid und die Ei- 
fersucht einen Menschen bringen können. Mag der unschuldigste 

*) Denn den weit größeren Sieg des Yu-da-yu Qber die verbündeten Japa- 
ner und Annnniiten in Knang-dnng (1200 Räuberköpfe) hatte, wie wir oben ge- 
sehen^ der eifersQchtige Yeu-suiig dem Kaiser ja yerheimlicbt. 



— 266 — 

Ehrenmann um Ehre und Leben kommen, ilen Noider und EifcM- 
süchtigcn läßt das kalt; wenn nur »einer Leidenschaft Genüge ge- 
leistet wird, dann liegt ihm am Wohl und Wehe seiner Mitmenschen 
nichts. Zugleich haben wir aber auch wieder ein ganz korrendos 
Beispiel von den Folgen blinden Vertrauens, das hohe Herrschaften 
auf Augendiener und Schmeichler setzen. Blindes Vertrauen macht 
auch den Verstand und die Vernunft blind. Darum ,Trau', schau\ 
wem!" 

e. Die dreiundfünfzig japanischen Räuberhelden. 

In die Zeit, von der wir soeben sprechen, fällt ein Faktum, 
das in der chinesischen Geschichte und Literatur viel Aufsehens 
macht, nämlich der abenteuerHche Zug von dreiundfünfzig japanischen 
Käuberhelden bis ins Innere Chinas nach ^ jVi )^ Huei'dschoU'/u. 
Ohne auf die romantische Ausschmückung seitens der Literaten Itürk- 
sieht zu nehmen, wollen wir einfach die historische Wahrheit reden 
lassen. 

Wie wir schon oben andeuteten, gingen die Seeräuber, durch 
ihre Erfolge übennütig gemacht, mit dem Gedanken um, die herr- 
schende Dynastie ^ Mlng zu stürzen. Durch Eroberung der Küsten- 
provinzen allein ging das nicht; das Innere nuißte auch unterworfen 
werden. Darum unternahmen dreiundfünfzig kühne Japaner einen 
abenteuerhchen Zug von Jrt jVi Hang-dschou aus längs des Flusses 
5ft f£ Dsche-djiang bis nach den Gebirgen von Huei-dschou. Sie 
wollten den Lauf der Flüsse, die Berge und deren Engpässe und 
Durchgänge erforschen, die Wasser- und Landwege kennen lernen. 
Von Huei-dschou drangen sie durch die Berge bis an den Yang- 
dse-djiang und kehrten über |C ^ t -/m, Nan-djing, Tschang-dschou, 
U-si nach ihren Festungen am Yang-dse-djiang zurück Bis dahin 
hatte noch keine Bande einen so vei'wogenen Mut an den Tag 
gelegt. Diese Hand voll Leute zog ins Innere von China und 
erforschte das Land auf eine Strecke von niohr als dreitausend Li. 
Sie raubten nicht, sondern zogen ruhig ihres Weges dahin. So 
durchzogen sie sieben Präfekturen und achtzehn Unterpräfekturen: 
überall staunte man sie an und wußte Tiicht, was das Erscheinen 
dieser Leute zu bedeuten habe. Am meisten waren die Mandarine 
in Verlegenheit. Sie schickten Eilboten nach allen Seiten hin, um 
die Abfahrt der dreiundfünfzig Männer zu melden und ihre mut- 
maßliche Ankunft in dieser oder jener Stadt anzukündigen. In 
Nan-djing hatte man versucht, sie umzubringen. Aber siehe da! 
diese wenigen Leute schlugen sich mit der Wut einer gereizten 



— 257 — 

Tigerin und jagten allen Angreifern einen heillosen Schrecken ein. 
Doch der Statthalter von Nan-djing, 9 ^ ü Tsau-bang-fu, hatte 
Befehl gegeben, sie überall auszuweisen und wo möglich zu töten. 
Schließlich hatte das Häuflein keinen Führer mehr, um die Festungen 
um Yang-dse-djiang auf kürzestem Wege zu erreichen. Sie schlugen 
sich also nach langen Irrfahrten bis nach U-si, wo sie sich auf dem 
M lÜ Huei'Schan, einem Berge, fünf Li westlich von der Stadt, 
festsetzten und von ihren Strapazen ein wenig ausruhen wollten, 
Sie wurden aber von einer Menge kaiserlicher Truppen von allen 
Seiten dermaßen drangsaliert, daß ihres Verbleibens daselbst nicht 
länger war. Da sie nun nicht wußten, wo ihre Festung (^ ^ i# 
BH'fnaU'djiang lag, flohen sie während der Nacht längs des Kaiser- 
kanales und gelangten am folgenden Tage nach dem großen Markt- 
flecken Sf S? Huschuy dreißig Li nordwestlich von Su-dschou, Dort 
erwartete sie eine wahre Armee kaiserlicher Truppen unter der Lei- 
tung der tüchtigsten Generäle Yü-da-yu und anderer, von denen 
sie bald umzingelt wurden. In dem klaren Bewußtsein, daß sie sich 
doch nicht mehr retten könnten, wollten sie ihr Leben aber nicht 
so leichten Kaufes hergeben. Mit verzweifelter Wut und Tapferkeit 
wehrten sie sich upd hauten manchen Kaiserlichen nieder, bis sie 
selbst endlich der Überzahl erlagen. So geschehen im neunten 
Monate des Jahres 1555. 

Tsau-bang-fu, wohl wissend, daß Dschau-wen-hua sich die Siege 
anderer anzueignen pflegte, schickte sofort den schnellsten Eilboten 
direkt nach BSi-djing ab, um diesen großen Sieg dem Kaiser 
mitzuteilen. Der erste Bote wurde immerdar als der echte Sieges- 
boto betrachtet und erhielt kaiserlichen ^Botenlohn*'. Dschau- 
wen-hua kam diesmal zu spät und erhielt nichts. Djia-dsing selbst 
sali seinen Siegesbericht etwas mißtrauisch an, während Tsau-bang- 
fu in der kaiserlichen Gunst stieg. Natürlich konnte Dschau-wen- 
hua diesen üblen Streich nicht vergessen und suchte dem Tsau- 
bang-fu eine Falle zu stellen, um ihn beim Kaiser der Nachlässigkeit 
anklagen zu können. Doch gelang es ihm nicht, denn Tsau-bang-fu 
war vorsichtig und hatte auch Freunde in der Hauptstadt. 

Es ist unglaublich, wie sehr man diesen Sieg über dreiund- 
fünfzig Japaner aufgebauscht hat. Nach den Berichten der chine- 
sischen Geschichtschreiber wäre China, hätte es nicht diesen außer- 
ordentlichen, wunderbaren Sieg davongetragen, einfach verloren 
gewesen. Denn diese dreiundfünfzig Japaner wären für das nächste 
Jahr 1556 ebenso viele verhängnisvolle Bandenführer geworden, 
welche China ganz sicher an den Hand des Verderbens gebracht 

Japans Beziehungen zu Chiuü. 17 



— 358 — 

hätten. Dank den außerordentlichen Tugenden Seiner Majestät des 
Kaisers hat aber der Himmel Erbarmen geübt und diese dreiund- 
fünfzig giftigen Vipern vernichtet. . . 

Nun; habeat sibi. 

Kehren wir jetzt wieder in die Räubergebiete, die wii in Beglei- 
tung der dreiundfünfzig Helden für kurze Zeit verlassen haben, zurück. 

Dschau-wen-hua gelüstete es nach Ruhm; er wollte daher, 
bevor er nach B£i-djing zurückkehrte, auch noch einen großen 
Sieg gewinnen. Er vereinigte also eine große Anzahl kaiserlicher 
Truppen und griiT die Japaner an. Doch Mars und Bellona hatten 
sich gegen ihn verschworen: er wurde nämlich bei tlLi|K Tschuan- 
tchiau in Sung-djiang-fu schmählich geschlagen. 

Obwohl nun die Gefilde von jß H Schau-hing^ Ning-buo, Hang- 
dschou, Djia-hing in der Provinz Dsche-djiang von zahlreichen Ban- 
den verwüstet wurden; obwohl Jg $ Huä-ngan im Norden des 
Yang-dse-djiang und selbst die Provinz Schan-dung von andern Ban- 
den heimgesucht wurden; obwohl sechs- bis neuntausend Japaner 
den Pu-dung und Schang-hä plünderten und andere Banden Su- 
dschou aufs ärgste verwüsteten und in ^ ^ Tsehang-schu den 
tapfem 3E Ä Wang-fu an der Spitze seiner Leute getötet hatten, 
errötete Dschau-wen-hua doch nicht, an den Kaiser zu berichten, 
daß das Land infolge seiner entscheidenden Siege über die Japaner 
nunmehr beruhigt sei. Er bat also demütigst, nach B^i-djing zurück- 
berufen zu werden, um Seiner Majestät an einem anderen Orte mit 
mehr Nutzen dienen zu können. 

Da der Kanzler jg |K Yen-sung die Bitte; unterstützte, rief 
der Kaiser den Dschau-wen-hua zurück und ernannte ihn zmn Lohne 
für seine hohen Verdienste zum Präsidenten des Ministoriunis der 
öiFentlichen Arbeiten. Außerdem verlieh er ihm noch den hohen 
Rang des >fc ip :^ fijc Tä-dse-da-bau^ d. h. des Lehrers des Kron- 
prinzen. Yen-sung hatte gewünscht, daß sein lieber „Sohn*' Dschau- 
wen-hua auch noch Geheimsekretär des Kaisers geworden wäre. 
Doch ging Djia-dsing auf diesen Wunsch zum Glück nicht ein. Da, 
wie das Spmchwort sagt, Lügen kurze Beine haben, so konnte der 
schmähliche Betrug Dschau-wen-huas nicht lange verborgen bleiben. 
Und in der Tat kam bald eine Hiobspost über die andere aus dem 
Süden nach Bei-djing, zumal aus Dsche-djiang und Djiang-nan. Der 
Kaiser wurde schließlich ganz mißstimmt, unterließ es aber, den Be- 
trüger sofort zur Rechenschaft zu ziehen und verdientermaßen zu 
strafen. Um so eifriger aber wurde der Prozeß gegen Dschang- 
djing und Li-tien-tscbung betrieben. 



— 2»9 — 

E« ist wahrlich empörend und jeder Gerechtigkeit Hohn 
Hprechend, daß der kurzsichtige Kaiser sich verleiten ließ, so ver- 
dienstvolle Ehrenmänner des Todes schuldig zu erklären. Er war 
der einzige, der von ihrer Unschuld nichts wußte, aber auch nichts 
wissen wollte. So ?ehr hatten Yen-sung und Dschau-wen-hua ihn 
geblendet. 

Endlich nahm sich der kaisersUche Zensor |§ tt f^ Yang-dji- 
sdieng das Herz und verfaßte ein Memorandum, worin er dem Kaiser 
zehn große Verbrechen und fünf kleine Vergehen des Kanzlers Yen- 
sung auseinandersetzte.' Leider übergab der Eunuche, der dieses Me- 
morandum dem Kaiser überbringen sollte, dasselbe nicht diesem, son- 
dern dem Kanzler. Natürlich war's jetzt um den treuen Zensor 
geschehen. Auch sein Name kam mit denen des Dschang-djing 
und Li-tien-tschung auf die Totenliste. Djia-dsing war so vorein- 
genommen, daß er das Todesurteil seiner treuesten Diener unter- 
zeichnete. Alle Schritte der Freunde des Yang-dji-scheng zu dessen 
Rettung wurden überwacht und vereitelt, alle Bittschriften unter- 
drückt. Im zehnten Monate des Jahres 1555 wurden die Opfer 
der Verleumdung zur Richtstätte geführt und enthauptet.*) 

Wer denkt beim Tode dieser Ehrenmänner nicht an das Sprich- 
wort: ., Undank ist der Welt Lohn?^ Und wenn's mit dem zeitlichen 
Unglück, in das die Welt ihre treuen Diener nicht selten stürzt, 
noch getan wäre! Doch nein; das größte Unheil bricht oft erst 
nach dem Tode über solche Unglückliche herein, in dem Falle 
nämlich, wenn sie über dem Dienste ihres irdischen Herrn den 
des allerhöchsten Herrn Himmels und der Erde vernachlässigt oder 
ganz vergessen haben. 

Außer dem Tode dieser drei Ehrenmänner hat nach dem Zeug- 
nisse der Geschichtsschreiber der ehrlose Yen-sung auch noch den 
Ruin von sechzehn Großmandarinen auf dem Gewissen, welche er aus 
Eifersucht an den Bettelstab brachte. Die Zahl der durch ihn ab- 
gesetzten oder in ganz untergeordnete Stellen degradierten Manda- 
rine ist nach historischen Berichten ganz fabelhaft groß. So lange 
er in Gunst war, entfernte er alle Mandarine, welche es nicht mit 
ihm und seinen Freunden hielten, und schreckte vor keinem Ver- 
brechen zurück, wenn er nur Gefahr für seine Existenz argwöhnte. 
Der alte Tor verlangte sogar von Dschau-wen-hua, daß dieser 
seine und seiner Freunde erlogenen Siege über die Japaner vor dem 

*} Um seine Familie nicht in seine Ungnade zu yerwickeln, dichtete der 
iin);lQckIiche Yan^-dji-scheng, bevor er zur Richtstätte geführt wurde, schöne Verse 
zum Lobe der Güte und Tugend des Tielgeliebien und viel verehrten Kaisers. 

17* 



— 260 — 

Kaiser der weisen Anleitung des klugen Kanzlers verdanke, der ihn 
mit allen Kriegsrcgeln der alten Helden aufs genaueste unter- 
richtet habe. „Asinus asinum fricat^ sagt der Lateiner. Indem wir 
dieses Dictum accoptieren, wollen wir von einer weiteren Kritik des 
eingebildeten Yen-sung diesmal abstehen. 

f. Der Generalissimus ]Si ^ iS Hu-dsung-hien. 

Nachdem Dschang-djing in der Mitte des Jahres 1555 abge- 
setzt worden war, ernannte der Kaiser dep Großmandarin ^ $K 
DscJtoiA-dung zu seinem Nachfolger. Dieser Herr war der Sprößling 
einer großen Familie in JH j|| Ymg-tscheng^ einem Orte derPräfektur 
Ig 5gc XSF Dei-ngan-fu in der Provinz ^ ^t Hu-beL Er hatte 
eine ruhmvolle Laufbahn hinter sich, war dam ils Vizepräsident des 
Kriegs-Ministeriums und eine beim Kaiser wohlangeschriebene Per- 
sönlichkeit. Diese Ernennung aber mißfiel dem Kanzler {g jgg Yen- 
sung und seiner Sippe, die einen der ihrigen in jener hohen Stel- 
lung wünschten. Dschau-wen-hua überreichte deshalb dem Kaiser 
ein langes Memorandum, in dem er den Neuernannten ganz gehörig 
verdonnerte und als einen treulosen Beamten darstellte. Alsogleich 
wurde Dschou-dung abgesetzt, ob seiner Treulosigkeit im Staats- 
dienste aller Titel und Würden beraubt und in die letzte Klasse 
des Volkes versetzt, d. h. unter das Gesindel und den Abschaum 
der menschlichen Gesellschaft. Er w'ar nur vierunddreißig Tage 
Vizepräsident und Geneialissimus gewesen. An seine Stelle trat nun 
Hu-dbung-hien, der ein großer Verehrer Yen-sungs und ein intimer 
Freund seines Sohnes, sowie des Dschau-wen-hua war. 

Hu-dsung-hicns Familie war eine der reichsten und mächtig- 
sten in K^ Dsi-tchi, einer Unterpräfektur von |K iHl ){f Hiiei- 
dschoU'fu im südlichen $ ^ Ngan-huei, dem Vaterlande des Kai- 
sers J^ ^ Dschu-hi, 

Nachdem er sein Doktorexamen im Jahie 1538 mit Glanz be- 
standen hatte, wurde er sofort mit der Verwaltung verschiedener 
Posten in Schan-dung und Dsche-djiang betraut. Weil er sich in 
diesen Amtern auszeichnete, wurde er ins Kollegium der kaiserlichen 
Zensoren gewählt. Yen-sung hatte bald die Tüchtigkeit des neuen 
Zensors erkannt und gab sich deshalb Mühe, ihn für sich zu gewin- 
nen. Hu-dsung-hien war seinerseits auch begierig, eine ruhmreiche 
Laufbahn zu machen und hielt die Freundschaft und Gunst des 
mächtigen Kanzlers als ein wirksames Mittel zur Erreichung seines 
Zweckes. Damm schloß er sich ihm und seiner Sippe an. Yen- 
sung verfehlte nicht, seinen neuen Verehrer dem Kaiser als einen 



-- 261 — 

tüchtigen Beamten und ausgezeichneten General Torzuschlagen, von 
dem man hoffen könne, daß er mit den Japanern in Bälde auf- 
räumen werde. 

Hu-dsung-hien bewies sich in der Tat sehr tüchtig, tüchtiger, 
als seine hohen Gönner selbst geahnt. Mit seiner Ankunft in 
DschS-djiang traten die Kriegsunternehmungen in ein ganz neues 
Stadium. Er ermutigte die Generäle tu gemeinschaftlichem Vor- 
gehen gegen die Japaner. Letztere befuhren mit ihren bewaffneten 
kleinen Schiffen selbst die inneren Kanäle und zumal den ^Großen 
See*' Tä-hu. Die Kaiserlichen schleuderten Feuerbrände gegen diese 
Schiffe, konnten dieselben aber nicht in Brand stecken, da sie 
ganz mit dicken Fellen übeizogen und mit nassen Teppichen be- 
dockt waren. Schon erzählte man sich, die Japaner besäßen Zau- 
berformeln, vermöge welcher sie sich und ihre Schiffe unverwund- 
bar machen könnten. Doch Hu-dsung-hien hatte Leute, welche 
solchen Zauber zu zerstören wußten und den Soldaten wieder Mut 
machten. Man erzählte, daß die Kaiserlichen bei der Verteidigung 
der Festung H lll San-schan in )g j| Schau-hing Pfeile und große 
Steine auf die Japaner abgeschossen, aber keinen einzigen hätten ver- 
wunden können. Als nun jemand behauptete, man müsse einen 
Hund töten und dessen Kopf auf den Feind schleudern, dann wäre 
das Zaubermittel wirkungslos, ließen sich die Mannschaften durch 
diesen Hokuspokus so animieren, daß sie den Feind mutig angriffen 
und wirklich auch einige Vorteile davon trugen. Bei (^ |S ^ Lm- 
djing-ha, dreißig Li östlich von Su-dschou, bohrten sie fünfunddrei- 
ßig Schiffe der Japaner in den Grund und töteten an die achthun- 
dert Mann. Bei j^ f£ U-djiang südlich von Su-dschou überraschten 
sie eine große Bande Ja])aner und töteten derselben an die tau- 
send; auf der Insel jg 0| |lj JUa-dsi-achan im Tä-hu überrum- 
pelten sie eine andere Bande und töteten an hundertfünfzig Mann. 
Lu-tang seinerseits machte auf den Inseln des Yang-dse-djiang 
Jagd auf die Japaner und tötete deren an vierhundert. Als abei 
Hu-dsung-hien seine Mannschaften anfeuerte, die große Festung 
Ig i^ Dsche-lin zu nehmen, mißlang dies Unternehmen vollständig, 
indem die Kaiserlichen schmählich zurückgeschlagen wuiden und 
eine große Anzahl ihrer Mannschaften verloren. Infolgedessen waren 
sie für eine Zeitlang ganz entmutigt. Um sich für diesen Angriff 
zu rächen, überfielen die Japaner wieder einmal Schang-hä und plün- 
derten es aus. Hierauf vergifteten die Chinesen die Brunnen der 
Festung Dsche-lin. Es gewährte ihnen große Freude, zu erfahren, 
daß an die tausend Japaner an dem vergifteten Wasser gestorben seien. 



— 262 — 

Hu-dsung-hien gab sich alle erdenkliche Mühe, um zu erfahren, 
wer der eigentliche Anführer der Japaner wäre. Gefangene ver- 
rieten ihm scliließlich, daß öE Üt Wang-dsclve alle Fäden der Ober- 
leitung in Händen habe, Zeit und Ort der einzelnen Ausfälle, sowie 
die Anzahl der Mannschaften bestimme, denen er auch die schlau- 
esten Mittel und Kniffe angebe, wie sie die Chinesen teils tauschen 
oder überrumpeln, teils angreifen oder allmählich aufreiben sollten. 

Es wird der Mühe wert sein, daß wir uns mit diesem Manne 
etwas näher bekannt machen. 

g. ifS Bt Wang-dsche, der große Räubergeneral, 

hieß mit seinem Ehrennamen 513^ IJ-fiing ^ ^d\Q fünf Berggipfel ** 
und war aus IK jHt /i^ Huei-dschou-fu im südlichen Ngan-huei zu Hause, 
also ein Chinese, und zwar aus einer nicht grade begüterten Fa- 
milie. Regelmäßige Studien scheint er nicht gemacht zu haben; 
aber er war klug, höflich und munter. Böse Streiche ließ er sich 
trotz seines abenteuerlichen Charakters nicht zu Schulden kommen. 
Darum war er von seinen Altersgenossen und Freunden, unter de- 
nen *^ ^ A Ye-dsimg-man^ f^ 4jt 4^ Sii-ivei-hUo^ ^ ^ Sie-huo^ 
^ j^ Sü'hä und andere waren, geliebt. 

All diese jungen Leutchen waren a la Kobinson voll der 
abenteuerlichsten Pläne. Den Zwang der Gesetze und Moral haßten 
^e und wollten sie abschütteln. Freie Männer wollten sie sein, die 
nach keinem Menschen etwas zu fragen kätten. So drängte es sie 
denn hinaus ins stürmische Leben, um ihr Glück zu erjagen. Wang- 
dsche, dessen Überlegenheit sie kannten, sollte ihr Führer sein. 
Doch Wang-dsche besann sich lange, ehe er einen Entschluß faßte. 
Schli(?ßlich gab ein Traum seiner Mutter den Ausschlag. „In der 
Nacht vor seiner Geburt^, erzählte sie, „fiel ein schöner Stern in 
meine Arme, und ein Mann von hehrer Statur sagte erklärend zu mir: 
„Es ist der Stern %, -^ Husche = Bogen und Pfeil." Während der- 
selben Nacht fiel ein reichlicher Schnee, daß alle Bäume und Sträu- 
cher ganz vom gefrorenen Schnee bedeckt waren." 

„Ich habe nun mein Orakel," rief Wang-dsche aus. „Der Stern, 
der sich in Eure Arme geworfen, bedeutet, daß ich kein AUtags- 
kind bin. Die Bäume, welche des Morgens vom gefrorenen Schnee 
hell glänzten, bedeuten, daß meine Laufbahn von kriegerischem 
Glänze erhellt sein wird." 

Nun war er vollkommen überzeugt, daß ihn der Himmel zu 
großen Taten auservvählt habe. Er verließ also mit seinen intimsten 



— 263 — 

Q-enossen seine Vaterstadt und begab sich nach Hang-dsohou 
und Ning-buo, in welchen Seestädten zu jener Zeit (1530) ein reges 
Leben herrschte. Aus Vorliebe für ein abenteuerliches Leben nah- 
men sie Dienst auf Handelsschiffen. Bald hatten sie Erfahrung und 
auch ein kleines Vermögen gesammelt, um sich selbständig zu machen. 
Wang-dsche baute ein großes Schiff, einen Fünfmaster, und trieb 
einen ausgedehnten Handel nach Japan, nach dem Königreiche 
Slam und schließlich auch mit den Portugiesen. Dabei gewann 
er ein ungeheures Vermögen; ja, in fünf bis sechs Jahren war er 
vielfacher Millionär geworden, freilich nicht allein durch ehrlichen 
Handel, sondern auch durch Schmuggel. Überall war er als der 
^ große Kaufmann^ bekannt. 

h. Wang-dsche fängt kriegerische Unternehmungen an. 

Wer hätte geglaubt, daß ein so angesehener reicher Mann wie 
Wang-dsche schließlich noch Räubergeneral würde? Und doch 
haben wir an ihm ein ganz frappantes Beispiel, wie unzuverlässig 
der Charakter eines Menschen ist, der seinen Leidenschaften keine 
Zügel anlegt. 

Wang-dsche verabscheute anfangs das Räuberwesen der Ja- 
paner. Auf seinen Reisen war er immer stark bewaffnet für den 
Fall, daß er und sein Schiff einmal von Piraten angefallen würde. 
Da er mit Hülfe seiner verwegenen Schiffsmannschaft, unter denen 
sich nicht immer grade die besten Elemente befanden, wie z. B. 
^^^ R( }R Tschm-dung^ ein Dt j^ Sü-häj ein P^ $ ||t Men-duo-lang 
u. ä., stets siegreich alle Angriffe der Seeräuber abgewehrt hatte, 
bekam er schließUch selbst Lust an solchen Abenteuern. Während 
er sich bisheran nur gegen Angriffe verteidigt hatte, ging er von 
jetzt ab selbst auf Raubzüge aus, bei denen ihm die oben Erwähn- 
ten als Bandenführer dienten. So war denn der reiche Großkauf- 
mann zum Räuberhauptmann resp. Räubergeneral geworden. 

Sein erstes Unternehmen war ein Rachezug. Der Mandarin 
^on 1^ K Huang-ien, sechzig Li südlich von der Präfektur "^ jfiJff 
Tä-dschou-fu in DschS-djiang, hatte in einer Angelegenheit seine Eauf- 
leute ungerecht behandelt. Wang-dsche wurde darüber ganz wü- 
tend und schwor blutige Rache. Er rief alle seine Leute zusam- 
men, lud noch einen Haufen Gesindel ein und zog in aller Stille 
gegen Huang-ien, das er überrumpelte. Nachdem er das Tribu- 
nal des Mandarins verbrannt hatte, ließ er seine Bande weidlich 
plündern, dann zog er wieder ab. Alles das geschah im Laufe 



— 264 - 

zweier Tage, ohne einen einzigen Mann verloren zu haben. Seine 
Leute waren überglücklich ob der so geschickten Leitung und der 
reichen Beute, die &ie in so kurzer Zeit gemacht. 

Natürlich wurde Wang-dsche von der Obrigkeit zur Rede ge- 
stellt. Er ging persönlich hin, um sich gegen so ;, infame Verleum- 
dungen*' zu verteidigen. Beim Verhöre beteuerte er, daß er von 
der ganzen Sache nichts gewußt, daß vielmehr freche Japaner, die 
auch seine Feinde seien, ein so verruchtes Unternehriien gewagt und 
ihm schließlich diese Untat aufbürden wollten. Durch Bestech- 
ungen glückte es ihm, den Präfekten von seiner Unschuld zu 
^ überzeugen.^ Da ihm diese Verstellung so gut gelungen war, 
verlegte er sich in Zukunft öfters darauf, durch keckes Auftreten den 
Unschuldigen zu spielen und die Beamten zu hänseln. — Hören 
wir, wie ihm das im Jahre 1547 gelang. 

In Kuang-dung lebte damals ein Kaufmann $ R R^ Tschen- 
ngen-pän, der von demselben Kaliber wie Wang-dsche und diesem 
als Nebenbuhler verhaßt war. Der Statthalter der Provinz hatte 
auf den Kopf desselben einen Preis gesetzt — gewiß eine für Wang- 
dsche zu verlockende Gelegenheit, um, wie man sagt, ^zwei Flie- 
gen mit einem Klapp zu schlagen." Nachdem er seinen Neben- 
buhler heimtückisch ermordet hatte, war Wang-dsche noch so dreist, 
das Haupt desselben dem Statthalter zu überbringen und den aus- 
gesetzten Preis einzufordern. Auch erbat er sich mit Rücksicht 
auf dieses „Verdienst" von der liegierung das Privilegium, Handel 
mit den Fremden treiben zu dürfen. Freilich erhielt er dasselbe 
nicht, da Djia-dsing . unter den schwersten Strafen diesen Handel 
verboten hatte. Trotzdem kam Wang-dsche immer wieder auf 
jenes Privilegium zurück. £r erklärte sich als den demütigsten 
und gehorsamsten Diener Seiner Majestät des Kaisers, nur möge 
man ihm zum Lohne seiner außerordentlichen Dienstleistungen doch 
seine Bitte gewähren. 

Bei seinen häufigen Besuchen in Japan hatte Wang-dsche mit 
verschiedenen tonangebenden Persönlichkeiten der Inseln Yoto £ 
$^ U-dau, d. h. den fünf Inseln nordwestlich von Nagasaki, Streit 
bekommen. Seine Bemühungen, die Sache gütlich beizulegen, schlu- 
gen fehl. Schimpf und Drohungen waren die Antwort seiner Gegner. 
Da er nun diese Menschen für fähig hielt, ihre Drohungen auch 
auszuführen, und ihn bei nächster Gelegenheit zu töten, änderte 
Wang-dsche schließlich seine Taktik. Er wandte sich an den chine- 
sischen Admiral j^ Sif K 1^ Uä-fang-dsiang-knan und benachrichtigte 
ihn, daß auf jenen Inseln Yoto ein gefährliches Räubernest sich 



— 265 — 

befinde, welches auszuheben von größter Wichtigkeit sei. Er bot 
sich alflo dem Admiral an, mit Hilfe einiger EriegsschifFe auf eigene 
Faust, oder wenn diese nicht zu haben seien, wenigstens im offiziellen 
Auftrage des Admirals und im Namen des Kaisers jene Räuberbande 
zu vernichten. Auf den zweiten Teil des Angebotes ging der Ad- 
miral gerne ein. 

Wang-dßche hatte seine Expedition seit langem vorbereitet 
und führte sie mit seiner gewohnten Klugheit aufs glücklichste aus. 
Die Räuber wurden mit Stumpf und Stiel ausgerottet, was ihm bei 
den Japanern nicht wenig Ehre eintrug. 

Nun kam er noch zum chinesischen Admiral und verlangte 
die einem so großen Dienste entsprechende Belohnung. Der 
Admiral schickte ihm zweihundert Säcke Reis. Wang-dsche ward 
so unwillig über eine derartige Engherzigkeit, daß er vor aller 
Augen den Reis ins Meer werfen ließ. Das war das Zeichen eines 
oflFenen Bruches mit der Regierung. Anfangs hielt Wang-dsche sich 
wohlweislich noch etwas zurück und tat äußerlich noch freundlich 
mit den Beamten. 

i. Die Mannschaften und Banden des Wang-dsche. 

Schon seit langen Jahren wußte Wang-dsche, daß die Japaner 
die tüchtigsten Seeleute und zumal ganz unerschrockene Krieger 
waren. So nahm er denn soviel als möglich Japaner unter seine 
Mannschaften auf. Freilich boten sich auch Koreaner, Malayen, und 
zumal Chinesen und Annamiten an und wurden auch angenommen, 
weil man eben China auf der ganzen Länge der Meeresküste heim- 
suchen wollte ; aber der Kern seiner Truppen bestand aus Japanern. 
Galt es, einen wichtigen Schlag auszuführen, so wählte Waiig- 
dsche seine Japaner und stellte sich selbst an ihre Spitze: alsdann 
war man sicher, daß das Unternehmen gelingen würde. Die Ge- 
schichtschreibcr haben uns genau überliefert, daß nur drei Zehntel 
der Mannschaften echte Japaner waren ; die übrigen sieben Zehntel 
bestanden aue Koreanern^ Malayen, Annamiten und Chinesen, zumal 
aus der Provinz Fu-djien*.) Letztere bildeten manchmal mehr als 

'^j Als man doii japanischen BandeniQlirer ^ ^ Dung-M gefangen hatte, 
verbot Hn-dsnug-liien ihn Qbel su behandeln; im Qü^cAtcil, er machte ihm Htifinung 
auf Entlassung, wofern er nur die schuldigsten Chinesen angebe. „Ihr Japaner*^, 
sagte er, „seid Ausländer, auf die der Kaiser keine Macht beansprucht; im Gegen- 
teil, er wiU mit Japan im Frieden leben*^. Dung-örl ließ sich seine GtrheimniHsn 
entlocken. Nachdem er alles veiTaten hatte, wurde er trotzdem unter den grau- 
samsten Feinen umgebracht. Dies alte chinesische System ist noch jetzt in 
Gebrauch. 



— 266 — 

die Hälfte der Banden. Zum Rauben, Plündern und Feueranlegen 
waren sie sehr geschickt und willig; galt es aber, einen kühnen 
Streich auszuführen, so hielten sie nicht stand, %umal wenn keine 
Japaner sich bei ihnen befanden. Kurz, die Japaner bildeten das 
zuverlässigste Element, wie Führer und Mannschaften einstimmig 
zugestanden. Aber alle Räuberbanden wurden einfach j^ 7* Wo^se, 
d. h. „Japaner (eigentlich ein Spitzname = Zwerge)" genannt, weil 
sie sich alle japanisch kleideten, und so bei ihren Einfällen den 
Chinesen um so größeren Schrecken einjagen wollten. Ihre Kriegs- 
fahnen und WafiFen waren ebenso echt japanisch. Die Banden- 
führer trugen rote Kleider und vergoldete eiserne Helme, wozu 
zu Zeiten großer Gefahr noch ein fester Panzer kam. Die gemeinen 
Seeräuber trugen gelbe Turbane. 

Allgemeine Regel war, daß man zuerst eine Anzahl Chinesen 
fing und in die ersten Linien stellte, auf daß sie ihren Landsleuten 
von der Gegenwehr abrieten und versicherten, es seien ja keine 
Seeräuber, sondern gute Freunde, die vorüberreisten. Hauptsächlich 
aber geschah es, um im Falle eines Angriffes die eigenen Leute 
zu schonen und statt dessen die Gefangenen töten zu lassen, sowie 
uui sie als Führer in die reichen Flecken und Familien zu gebrauchen. 
Wer sich nicht fügte, wurde ohne weiteres niedergehauen. Ein 
anderes Prinzip war, daß man urplötzlich über die Ortschaften oder 
Truppen herfiel und die Leute vor Schrecken gewissermaßen lähmte 
und widerstandsunfähig machte. 

Anfänglich hatte Wang-dsche auch die Küsten von Japan heim- 
gesucht und ausgeplündert. Aber die Japaner verteidigten sich 
mit Mut und Ausdauer; auch war in Japan nicht viel zu rauben. 
China war bei weitem reicher und ergiebiger für die Seeräuber; 
oft leisteten auch die Chinesen nicht den geringsten Widerstand. 
„Die Flucht ist das beste Rettungsmittel", sagt ein altes chinesisches 
Sprüchwort. Gewöhnlich befolgten sia auch diesen alten Rat. 
Kam Wang-dsche nach chinesischen Häfen, so war er gewöhnlich 
als Chinese gekleidet und verwünschte in den derbsten Ausdrücken 
die Seeräuber, um glauben zu machen, er habe mit denselben 
nichts zu tun. So täuschte er viele Jahre hindurch die Chinesen. 
Schmuggel treibend spionierte er aus, wo die kaiserlichen Truppen 
sich befänden, um darnach seine Pläne zu machen. Dann wechselte 
er die Kleider und fiel unversehens über die reichen Flecken her. 

Wang-dsche baute auch große Seeschiffe, welche mehr als 
zweitausend Mann fassen konnten und richtete sie auf die Art von 
Festungen ein, hinter denen man sicher kämpfen konnte. Auch 



— 267 — 

traf er alle Yorsichtsmaßregeln, damit brennende Pfeile sie nicht 
anzündeten. Selbstrollende Türme und Kavallerie befanden sich 
auf diesen Schiffen. 

Seit 1549 war Wang-dsche fast bestandig auf Raubzügen. 
Dieselben gelangen ihm durchweg; so kam es, daß er im Laufe 
der Zeit ein großer Mann wurde, der über sechsunddreißig Inseln, 
japanische wie chinesische, herrschte und eine ungeheure Flotte 
mit achtzig- bis hunderttausend Mann zur Verfügung hatte. Überall 
hieß er ^ j|8f ^ Lau-tschuan-dschu^ d. h. ^der große Schiffsherr'', 
oder auch ^ I HuSi-wang, = ^der König von Huei*' (seiner Heimat). 

Bei solchen Erfolgen ist es nicht zu verwundern, daß Waiig- 
dsche und Konsorten sich mit dem Plane beschäftigten, die mor- 
sche Dynastie der Ming zu stürzen und selbst das große Staatsschiff 
zu lenken. Sowohl in China als auch in Japan schienen jhncn die 
Umstände günstig. 

In Japan hatten unter f| i^ Yoshi-tane, dem zwölften Shogun 
des Hauses Ashikaga, die Bürgerkriege von 1490 — 1520 gewütet. 
Eigentlicher Herr im Lande war Hosokawa Taka-kuni, der den f| fff 
Y^oshi'haru einsetzte, sich Iselbst aber alle Autorität behielt. Die 
furchtbaren Bürgerkriege zwischen seiner Partei und der seines 
Vorgängers Yoshi-tane dauerten fünfundzwanzig Jahre lang, von 1521 
— 1545. Schließlich sah sich Yoshi-haru gezwungen, zu Gunsten 
seines Sohnes Yoshiteru abzudanken. 

H JV Yoshiteru (1545 — 1565), der vierzehnte Shogun, war 
ebenso schwach, wie sein Vorgänger: die großen Daimyo waren 
und blieben Meister und führten unausgesetzt Bürgerkriege. Be- 
sonders waren die großen Daimyo 2 4jf Miyoshi, Herren von Awa, 
den letzten Shogun der Ashikaga feind. Miyoshi Yoshitsugu und 
Matsunaga Hisahide hatten schon einmal im Jahre 1558 den Shogun 
aus seiner Hauptstadt Kyoto vertrieben. 1565 griffen sie denselben 
aufs neue an. Yoshiteru legte aus Verzweiflung Feuer an seinen 
Palast und gab sich, kaum dreißig Jahre alt, den Tod. Somit war 
Japan unter den letzten Ashikaga ein Herd von Bürgerkriegen; 
alles verarmte und verwilderte. Darum suchten viele Japaner, darun- 
ter selbst solche aus hohen und höchsten Familien, in China ihr 
Glück zu machen. 

So hatte Wang-dsche Gelegenheit, sich japanischer Inseln zu 
bemächtigen und sie lange Jahre in Besitz zu halten, ohne daß 
die japanische Regierung sich darum bekümmern konnte. Der 
sogenannte Shogun hatte eben gar keine Macht, und die großen 
Daimyo suchten sich nur gegenseitig zu vertilgen; selbst die Bonzen 



— 268 — 

wurden Krieger und ergriffen eifrig Partei für ihre Freunde. Es 
war eben eine ^kaiserlose und schreckliche Zeit*', wo nur Willkür 
und brutale Gewalt herrschte, die zwar viel zerstörte aber nichts 
aufbaute. 

Wang-dsche nahm alle, die zu ihm kamen, gerne auf und 
gab ihnen Gelegenheit, durch abenteuerliche Unternehmungen sich 
zu bereichern, so daß sie schließlich ihre Freude an diesem viel- 
bowegten Leben hatten. 

Übrigens finden wir bald nach Wang-dsche einen ähnlichen 
Abenteurer in der japanischen Geschichte. Yamada Nagamasa 
(1578 — 1633) war auch ein reicher Kaufmann, der über eine ganze 
Flotte von Handelsschiffen und zahlreiche Mannschaften verfügte. 
Er hatte seinen Hauptsitz auf Formosa und war seiner Zeit auch 
eine Art ;,König des Meeres.*' Im Jahre 1618 zog er mit seinen 
zahlreichen Banden dem Könige von Siam zu Hilfe und vertrieb die 
Kebellen; welche dessen Hauptstadt bedrohten. Zum Danke gab 
ihm der König von Siam seine Tochter zum Weibe und verlieh ihm 
den Titel eines Yizekönigs. Nagamasa nahm ein trauriges Endo; 
er wurde nämlich vergiftet. 

Solche abenteuerliche Figuren begegnen uns immer wieder in 
der Geschichte. Gleich Meteoren glänzen sie einige Zeit am Himmel 
in vollstem Licht, um bald darauf für immer zu verschwinden. 

j. Hu-dsung-hiens Unterhandlungen mit Wang-dsche (1555). 

Sobald £9 ^ SE Hu-dsung-hien sicher wußte, daß der Chinese 
Wang-dsche JJ 4j| die Seele jener furchtbaren Einfälle in China war, 
sann er auf Mittel, diesen Mann ins Garn zu locken oder wenig- 
stens aus Japan vertreiben zu lassen. Er schrieb also ein langes 
Memorandum an den Kaiser, in dem er demselben vorschlug, eine 
Gesandtschaft an den König von Japan zu schicken und diesen zu 
bitten 1. die japanischen Untertanen, welche nach China kämen, 
um das Land auszuplündern, strenge nach den Gesetzen zu bestra- 
fen; 2. die chinesischen Untertanen, welche als Räuber in Japan 
eine Zuiluchtstätte suchton, den chinesischen Behörden auszuliefern 
oder sie doch wenigstens des Landes zu verweisen. 

Der Ministerrat war mit diesem Vorschlage im allgemeinen 
einverstanden und empfahl ihn dem Kaiser zur Beachtung; nur 
meinte er, der Kaiser solle nicht selbst offiziell eine Gesandtschaft 
schicken, sondern der Generalissimus sollte das einfach in seinem Na- 
men privatim tun. So sähe es wenigstens nicht aus, als ob China eines 
leidigen Räubergesindels halber noch die Hülfe Japans ansprechen 



— 869 — 

müsse; zadom könnton die Gesandten bei dieser Gelegenheit an Ort 
und Stelle auch Erkundigungen über Land und Leute einziehen 
und nach Wang-dsche und Eonsorten sich erkundigen und fahnden. 
Daraufhin schickte Hu-dsung hien zwei tüchtige und kluge Lite- 
raten aus Dsche-djiang hin. Es waren dies H |Ki Dsiang-dschou 
und BK pj IS Tschen-k'o-yuan. Als Beweise ihrer hohen Würde 
erhielten sie ein ziemlich zahlreiches Gefolge. 

Schon bevor Hu-dsung-hien den Oberbefehl übernommen, hatte 
man die Mutter, Frau und Kinder Wang^-dsche's in das Gefängnis 
von ^llk )^ Djin-hua-fu^ einer Stadt in Dsche-djiang, vierhundert- 
fünfzig Li südlich von Hang-dschou, gebracht. Wang-dsche wollte 
anfangs die Stadt erstürmen. Weil aber dabei seine Familie von 
den Behörden unfehlbar sofort umgebracht worden wäre, stand er 
von diesem Racheakte ab. 

Hu-dsung-hien wollte mit Hülfe dieser Familie dem schlauen 
Räubergeneral eine Falle legen. Er ließ den Gefangenen in seiner 
Residenz Hang-dschou eine gute Wohnung einrönmen und für ihren 
Unterhalt sorgen, weil, wi(5 er freundlich herablassend bemerkte, sie 
ja seine Landsleute aus Huei-dschou wären. Als seine Gesandten 
nach Japan abgingen, riet er ihnen außerdem, einen schönen Brief 
an Wang-dsche zu schreiben und demselben zu erzählen, wie gut 
und ehrenvoll sie von ihrem Landsmanne Hu-dsung-hien gehalten 
würden; es sei jetzt an der Zeit, nach China zurückzukommen, denn 
Hu-dsung-hien werde alles ins reine bringen und vom Kaiser volle 
Verzeihung für ihn erlangen. Die Gesandten kamen im elften Mo- 
nate des Jahres 1J555 in jEL ]^ Go4o an und gaben sich als die offi- 
ziellen Leiter internationaler Kaufmannsgilden aus. Man wollte eben 
Japaner wie Chinesen täuschen und glauben machen, der Handel sei 
wieder frei gegeben, wofern nur die abscheulichen Plünderungen auf- 
hörton. Sie hatten bald Gelegenheit, öE QJ Wang-ngan^ den Adop- 
tivsohn des Wang-dsche, zu sprechen. Diesem setzten sie das Ziel 
ihrer Reise auseinander: sie wollten den König von Japan besuchen, 
um ihn zu ersuchen, die Einfälle in China abstellen zu lassen. 

Der verschmitzte Wang-ngan gab ihm zur Antwort: „Es gibt 
in Japan keinen Shogun mehr, denn dieser und seine Minister sind 
im letzten Aufstande umgekommen. Jetzt kennt man nur mehr 
Daimyo, deren Zahl aber so groß ist, als die der Inseln und Pro- 
vinzen des Landes. So viele Daimyo zu besuchen ist äußerst schwer 
und übrigens ganz unnütz, weil sie keine Macht besitzen, um jene 
Einfälle abstellen zu können. Die meisten der Seeräuber sind Leute 
aus Kiu-shiu und eigentlich auch keine pi'ofessionellen Freibeuter 



— 270 — 

Sie rächen sich an China nur deswegen, weil es den Freihandel 
aufgehoben hat, den sie mit Gewalt wieder hersteUen wollen. Be- 
willigt China den Freihandel, so werden die großen Kaufleute den 
Kaiser aufs kräftigste unterstützen, um die Seeräuber gänzlich zu 
vertilgen. Übrigens haben wir hier den „König des Meeres*', der 
über alle diese Fragen offiziellen Bescheid geben kann*'! 

Wang-ngan versprach, daß Wang-dsche, denn dieser war damit 
gemeint, morgen kommen werde und somit die Gesandten Gele- 
genheit haben würden, mit ihm, wenn sie wollten, sich zu verstän- 
digen. 

In der Tat kam Wang-dsche am folgenden Tage zu ihnen. 
Er zog auf wie ein Fürst: ein großer Tam-tam kündete ihn von 
weitem an, zahlreiche Hofbediente trugen allerhand Fahnen und 
Ehrenabzeichen, endlich kam er selbst. Es war ein stattlicher, ehr- 
furchtgebietender, selbstbewußter Mann, dessen Kleidung ebenso 
kostbar und prächtig war, wie die eines Königs. Die Haare trug 
er nach japanischer Art auf dem Scheitel dos Kopfes mit einer 
zierlichen Spange zusammengehalten. Nachdem er sich an einem 
Tische niedergesetzt, unterhielt er sich mit seinen Genossen aufs 
freundlichste. Man erzählte verschiedene Abenteuer und sprach 
dabei dem Weine gut zu. Bei Übergabe der mitgebrachten Briefe 
sagten die beiden Abgesandten zu Wang-dsclie : „Wir bringen Briefe 
und Nachrichten von Ihrer Mutter und Familie, sowie Briefe und 
Grüße von Ihrem Freunde und Landsmanne Hu-dsung-hien, der sich 
außerordentlich für Sie interessiert^. 

Wang-dsche antwortete: „So, so; die große Exellenz, der Gene- 
ralissimus, hat Sie also nicht hierher geschickt, um mich zu fangen, 
weil ich aus jenem Lande der verhaßten Tyrannei und des verknöch- 
erten Bureaukratismus entflohen bin^. Auf die Mitteilung hin, daß 
er in dem Verdachte und unter der Anklage stehe, Räuberbanden 
nach China geführt zu haben und mit ihnen das Land geplündert 
zu haben, gab er zur Antwort: .^Das ist durchaus unwahr. Ich selbst 
habe von den Räuberbanden zu leiden und strenge alle meine 
Kmfte an, jenes Gesindel auszurotten. Was ich will, das ist der 
Freihandel, wie er ehemals bestanden. Wird derselbe bewilligt, 
so bin ich alsogleich der gehorsamste Untertan Seiner Majestät des 
Kaisers". 

K jlH Dsiang-dschoii schickte seinen Begleiter |$ Pj fl| Tschen- 
k'o-yüan nach China zurück, um Hu-dsung-hien von allem genaue 
Nachrichten zu geben. Dieser schrieb ein langes Memorandum an 
den Hof und bat um Yerhaltungsbefehle, 



— 271 — 

Das Kriegs-Ministerium gab die vom Kaiser bestätigte Ant- 
wort. ^Wang-dsche ist nur ein Privatmann ohne irgend welche Au- 
torität und ohne irgend welches Amt. Seine Antwort hat somit gar 
keinen offiziellen' Wert. Spricht er von Unterwerfung, so muß er 
diese dadurch betätigen, daß er die WaflTen niederlegt und die feind- 
lichen Untertanen gegen China nie mehr unterstützt. Übrigens 
spricht er nicht einmal in klaren Worten von Unterwerfung, noch 
gesteht er reuevoll seine vorhergehenden Missetaten ein : er fordert 
nur Freihandel und zwar das Monopol dieses Freihandels für sich 
und seine Freunde. Er, ein einfacher Privatmann, nimmt sich her- 
aus, Unterhandlungen mit der Staatsregierung zu versuchen, als wenn 
er eine gebietende Macht wäre. Einem solchen Manne kann man 
keinen Glauben schenken. Das beste Mittel, mit solchen Leuten 
zu verhandeln, ist ein tüchtiges, schlagfertiges Heer, das fähig ist, 
alles Gesindel ins Meer zu werfen. Übrigens sollen die Mandarine 
von Dsche-djiang es auch mit dem Wang-dsche nicht verderben, 
ihm vielmehr freundliche Briefe schreiben, Hoffnung auf Amnestie 
und große Würden und Ehrenämter machen, wofern er sich nur 
aufrichtig unterwirft und kräftig dazu beiträgt, die Seeräuber aus- 
zurotten. ** 

Der kaiserliche Hof gab dann die Weisung, den Räuberführern 
die schönsten Versprechen auf Titel und Ehrenämter zu machen, 
mit Geld und Geschenken nicht zu sparen, Zwietracht und Eifer- 
sucht unter ihnen auszustreuen, falsche Briefe und Spione möglichst 
klug anzuwenden, um diese Leute zu fangen und zu vernichten. 
Jedes Mittel wurde gutgeheißen, wofern es nur zum Ziele führe. 

Selbstverständlich waren Wang-dsche und Konsorten schlau 
genug, den Pferdefuß herauszufinden und auch ihrerseits die Ge- 
sandten hinters Licht zu führen. 

Dsiang-dschou besuchte auch den Daimyo von |R J^*) Fung- 
hou und teilte ihm die Wünsche der kaiserlichen Regierung mit. 

*^ S ^ f^^nff-dschou [yov den Japanern Hoshu aasgesprochen) umfaßte 
die zwei Provinzen ^ 'fj^ Fung-tsieyi — Busen, deren Hauptstadt KoKura, und 
S tft f'^ung-hou — Bungo, deren Hauptstadt Oita ^ ^ Da-ftm war. 

In jeder Provinz war eine Anzahl größerer und kleinerer Daimyo; von 
den letzteren waren manche nur Herren eines Schlosses und seiner Umgebung. 
Gab es schlechte und gewissenlose unter den mehr als dreihundert Daimyo jener 
kaiserlo^eii Zeit, so gab es auch gute unter ihnen. So war Otome Sorin, der 
Daimyo von Bungo, ein vortrefflicher Fürst, der den hl. Franziskus Xaverius im 
Jahre 1550 sehr freundlich aufnahm. In glQcklichen Kriegen hatte er fflnf japa- 
nische Provinzen erobert. Fir regierte von 1528 - 1587 und wurde 1578 getauft, 
bei welcher Gelegenheit er zu Ehren seines vielverehrten ersten Meisters den 
Namen Franziskas annahm. Sein Sohn, ihm ganz uufthnlich an Kopf und Energie, 



— 372 — 

An den Dairayo von llj P d. h. Yamaguchi, schickte er einen Bon- 
zen ab,, um diesem Fürsten, die Befehle seines kaiserlichen Herrn 
mitzuteilen, nämlich, daß die Daimyo 1. ihre Untertanen von Ein- 
fällen in China abhalten; 2. die in ihr Gebiet geflüchteten chinesi- 
schen Seeräuber an China ausliefern und 3. etwaige gefangene 
chinesische Untertanen freigeben sollten. Diese Daimyo bezeigten 
sich sehr freundlich gegen Dsiang-dschou. Sie siegelten ihre offi- 
ziellen Schreiben mit den königlichen Siegeln, welche aus China 
gekommen waren, sandten reiche Geschenke und einige gefangene 
Chinesen zurück und entschuldigten sich wegen der Räubereien 
ihrer Untertanen ; kurz sie waren ganz freundlich und bezeigten auf 
alle Weise ihr Bestreben, mit der chinesischen Regierung auf freund- 
schaftlichem Fuße zu leben. 

Hu-dsung-hien gab dem Kaiser von allem genauen Bericht. 
„Es ist nun schon das zweite Jahr, daß Dsiang-dschou in Japan ist, 
und nur möglich gewesen, zwei Daimyo zu besuchen, ihnen die 
Befehle Ew. Majestät mitzuteilen. Andere Daimyo haben zwar 
Geschenke geschickt, aber keinen Brief; wieder andere haben 
zwar Briefe geschickt, aber dieselben tragen nicht das offizielle 
Siegel. In vielen Punkten weichen also diese Fürsten von den 
ehemals festgesetzten Regeln ab. Indes scheinen alle guten Wil- 
len zu haben, mit China auf freundschaftlichem Fuße zu stehen, 
wie teils die Geschenke und Briefe, teils die befreiten Gefangenen 
bezeugen. Koaimen Gesandte von Japan nach China, so wird man 
aufs freundlichste mit ihnen verkehren müssen, um diesen guten 
Willen zu erhalten und zu bestärken; man muß die Daimyo ver- 
anlassen, den Shogun zu bewegen, hinfür dem Kaiser zu gehorchen 

verlor zuerst die von seinem Vater gemachten Eroberungen. "Wegen seines fei- 
tcen Betragens im Kriege gegen Korea, wurde er von Hideyoshi, dem damaligen 
Herrn und Meister von Japan, aller Besitzungen beraubt (im Jahre 1593). Er 
hatte seinem Namen Konstantin, auf den er 1587 getauft worden, wenig Ehre 
gemacht. 

In Yamaguchi regierte 1550 der Dai-myo 0-uchi Yoshitakn, welcher auch 
den hl. Franziskas Xaverius sehr freundlich aufnahm. Leider entleibte sich 
dieser tüchtige Krieger schon 1551 bei Gelegenheit eines unglQoklichen Krieges. 
Seitdem verfolgte ein böses Geschick die Familie der 0-uchi, welche im Jahre 
1569 gfinzlich vernichtet wurde. 

In llj n Yamaguchi hatte der hl. Franziskus Xaverius eine blühende 
(Miristengemeinde gegründet. Im Jalire 1555 zählte dieselbe mehr als zweitau- 
send Christen. In anderen Städten dieser großen Insel Kiushiu befanden sich 
ebenfalls blühende Christengemeinden von zweihundert bis fünfhundex't Christen. 

Unter den Daimyo waren dreißig Christen, welche im Verlaufe eines 
Jahrhunderts die hl. Kirche erbauen oder durch ihr unwürdiges Betnigen ent- 
ehren sollten. 



— «3 — 

und die drei mitgeteilten Wünsche wirklich zu erfüllen; geschieht 
dies, dann sind freundliche Beziehungen zwischen beiden Ländern 
wieder möglich. Die Yorschlägö des Hu-dsung-hien wurden vom 
Kaiser hochlichst belobt und als Grundsätze erklärt, nach welchen 
man im Verkehre mit den Japanern handeln müsse. 

Aber trotz aller Freundlichkeiten und aller feierlichen Verspre- 
chen auf gänzliche Verzeihung und Aussichten auf Würden hütete 
sich der kluge Wang-dsche, nach China zu gehen, um seinen Freund 
und Gönner Hu-dsung-hien zu besuchen. Kach langen Beratungen 
mit seinen intimsten Freunden entschloß er sich, kluge und er- 
fahrene Führer nach China zu schicken, um die Gesinnungen des 
Hu-dsung<hien und der Regierung zu erforschen. Er wählte ^ ^ JH 
Ye-dsung-man, 3E A !K Wang-ju-hien und seinen Adoptivsohn 
Wang-ugan, obwohl letzterer ein wenig zu vertrauensselig und zu 
enthusiastisch war, weil er hoffte, nun endlich einmal mit £hren und 
Gütern reich bedacht ins Vaterland heimkehren und eines ruhigen 
freudigen Lebens genießen zu können. 

k. Die schrecklichen Einfalle uiid Kriege des Jahres 1556. 

Während Wang-dsche mit den chinesichen Behörden schön 
tat, um sie glauben zu machen, er gehe schließlich doch auf den 
Leim, hatte er ganz andere Pläne im Kopfe. Seine besten Ban- 
denführer, voran sein intimer Freund |^ jff Sü-häy sollten mit 
verdoppelter Wut in China einfallen. Sü-häs Programm war. Hang- 
dschou und jgg ^ Hu-dschou in Dsch^-djiang zu nehmen, um dann 
über )!( H ^ Ning-kui-fu nach Nan-djing vorzudringen und diese 
südliche Hauptstadt im Verein mit andern Banden zu nehmen. 
Alsdann würde es wieder Zeit sein, sich gemeinschaftlich zu be- 
raten. Sein Sohn und die beiden intimen Freunde Ye-dsung- 
man und Wang-ju-hien, scheinbar abgeschickt um zu verhandeln, 
sollten hauptsächlich ausspionieren, ob Hu-dsung-hien ein kluger, 
tüchtiger Mann sei, der sich dem furchtbaren Anstürme dieses Jahres 
gewachsen zeige, ob er genügend Truppen und Geld habe, um mit 
Erfolg Krieg zu führen. 

Weil nun Wang-dsche an die hunderttausend Seeräuber hatte, 
ließ er die ganze Küste von Kuangdung bis Schan-dung angreifen, 
um die chinesische Regierung ganz ratlos zu machen.*) Für die 

*) Die PortugieBeii benntBten die schwierige Lage Chinas, um sioh der 
Halbinsel Makan eu bemftchtigen. Später wurde diese Angelegenheit freund- 
sohaftlioh mit China beigelegt. Portugal bezahlte an China alljährlich fünfhun- 
dert TaSl als Steuer oder Ehrengeschenk und blieb der Bundesgenosse Chinas in 

Japans Beziehungen zu China. 18 



wichtigeren und sdiwierigeren Posten hatte er die besseren Ban- 
denführer ausgewählt. Den schweraten Posten erhielt 8ü-hä in 
Dsche-djiang. Denn dort sollte der Hauptschlag gegen den Gene- 
ralissimus selbst ausgeführt werden, der an der Spitze zahlreicher 
Truppen stand. Sü-hä erhielt zu seinem Zwecke dreißigtausend 
Mann auserlesener Truppen mit den zwei ausgezeichneten Banden- 
führern 1^ yji Tschen-dung und JK H Ma-ye. 

Diesmal zeigten die Seeräuber überall eine unerhörte Wut; 
sie drangen weiter ins Innere ein als je zuvor. So fuhren zahlreiche 
Banden den Ynng-dse-djiang hinauf und plünderten ^ ;S Ä ^'-^^'^'- 
dschou, Jdt !Hi jiif Lu-dschou-fu in der Provinz Ngan-huei. -f} ^ Dan- 
If^^^fff ^ äC Dschefi'djiang und |^ ^ Yang-dschou wurden besetzt, 
um Meister des Yang-dse-djiang und des Kaiserkanals zu sein. 
Mehr als siebzig Schiffe von Seeräubern plünderten ftJS$ U-si, ^ 
j^ Tschang-dschou und i£ J^ Djiang-yin, Eine andere Flotte von 
über fünfzig Schiffen überrumpelte Schang-hä und hatte schon die 
Plünderung begonnen, als sio von den Kaiserlichen angegriffen und 
vertrieben wurde. In fö il ^ Svng-djiang-Ju schlug man sich mör- 
derisch, denn die Kaiserlichen hatten sich allmählich doch an den 
Krieg gewöhnt. Auch führte Hu-dsung-hien mit Erlaubnis des 
Kaisers ein neues System in der Verteilung der Belohnungen ein. 
Bis dahin mußte jeder Soldat, welcher eine Belohnung beanspruchte, 
den Kopf des getöteten Feindes vorzeigen. Mit dem Abschneiden 
und Überbringen des Kopfes aber verlor man viel Zeit; zudem wurde 
die Linie durchbrochen und Lücken verursacht, so daß der Feind 
in die Reihen einbrechen konnte. So hatte man sogar schon gewon- 
nene Schlachten wieder verloren, weil die lohnbegierigen Soldaten 
mit dem Kopfabschneiden beschäftigt und nicht darauf bedacht 
waren, den errungenen Sieg zu sichern und auszunutzen. Nach 
Ilu-dsung-hiens neuer Methode sollte von nun an jeder Truppenteil, 
welcher den Feind zurückgeschlagen hatte, besonders belohnt wer- 
den; hatte sich der eine oder der andere vor den Augen des 
Truppenteils noch besondere Verdienste erworben, so hatte dieser 
Anspruch auf eine besondere Belohnung. Solche Verdienste ganzer 
Truppenteile konnten den Führern nicht verborgen bleiben, ebenso- 
wenig wie Großtaten einzelner Leute voi- den Augen aller Genossen. 

Mehr als sechzig Schiffe Seeräuber waren nach ;fv; j^ Da-tsang 
vorgedrungen. Aber sie gerieten in einen Hinterhalt und wurden 

<1eii Kriegen gegen die Seeräuber. Nur der stolse ^ ^ Tchien-Iumf (MSfi — ll^ß) 
war Auf dem Punkte, die Schwäche PortugalH seinerseits zu benutzen, um die 
Portn^esen zu verjagen. Aber klu^^e Diplomaten wußten die Sache beizulegen. 



— 275 — 

• 

alle von den Kaiserlichen und den angeworbenen Bauern entweder 
ertränkt oder niedergehauen. Andere Banden waren glückhcber 
und konnten ungestört die Ebene zwischen ^ ^ Tschang-schu und 
Üa-tsang ausplündern, wobei die zwei großen Marktflecken f}f IIR 
Scha-tou und ^ ^ Hung-iijing besonder» verwüstet wurden. . ' 

Andere zahlreiche Banden plünderten f§ P*J Hä-tnen, ^ ^ 
Tung-dschoUy ^ .^ Ju-kau, wandten sich dann nach Norden, plünderten 
JgJ i|5 Kau-ytf, ff JK Briu-ing, fff ^ Huä-ngan und vereinigten sich 
dort mit den zahlreichen Banden, welche Jf5 f^ Miau-wan*) besetzt 
hatten. Jene nördlichen Banden bestanden aus Japanern, weil es 
galt, einen wichtigen und schwierigen Schlag auszuführen. Man 
sollte nämlich bis nach HJ. Rß |3^ Fung-yayig-fu vordringen und daselbst 
das berühmte Grab des großen Gründers der Dynastie Ming, des 
Kaisers ^ |^ Ilung-u, zerstören, um so gewissermaßen das Vorzeichen 
zu liefern, daß es mit der Dynastie aus sei. 

Das Kaisergrab ^ ^ Htumg-Iin befindet sich zwölf Li süd- 
westlich von der Stadt Fung-yang und ist nach allen Regeln der 
Cfeomancie von den berühmtesten Geomanten ausgewählt worden, 
weil von diesem Grabe das Schicksal der ganzen nachfolgenden 
Dynastie abhinge. Nördlich vom Grabe liegt der Berg 3t ^ Wan- 
suH, d. h. .yder Berg von zehntausend Jahren" - von ewiger Dauer. 
Alle Hügel der Umgegend stellten in der Phantasie der abergläu- 
bigen Gaukler aufs vollkommenste die Sonne, den Mond und andere 
Sterne vor. Somit konnte es nach ihrer Aussage im ganzen Reiche 
für ein Kaisergrab keinen zweiten so günstigen Ort geben. Als 
die Japaner das Grab zerstören wollten, machten die Mandarine 
ihrerseits ungeheure Anstrengungen, sie daran zu hindern, wußten 
sie ja, daß die Zerstörung des Grabes sie alle den Kopf kosten 
würde. Die Japaner konnten nur bis fB jff{ Se-dschou, etwa zwei- 
hundert Li vom Grabe entfernt, vordringen. Weiter kamen sie 
nicht, weil die Behörden ihnen mit allzuviel Truppen sich wider- 
setzten* So mußten sie also von ihrem Vorhaben abstehen und sich 
zurückziehen. 

Nirgends aber war der Krieg wütender als in der Ebene von 
M Ä Djia-hing, wo Sü-hä mit seinen vortrefflich geübten und todes- 
nmtigen Banden die Kaiserlichen hart bedrängte und fast immer 
schlug. Weil es galt, einen wichtigen Schlag zu führen, hatte er 
auserlesene Japaner aus ;?^ ^ Osumi von Kiushiu erhalten, welche 
$ Jl flP Sin-U'lang, der eigene Bruder dos Daimyo von Osumi, als 

'*'; Miaa-wan ist ein großer Marktflecken, hundortachtzig Li nordöstlich 
von Huft-ngau und vermittelt die Verbindung mit dem Meere. 



— 276 — 

• 

Unterfeldherr anführte. Sü-hä plünderte und vei'wüstete das Gefilde 
von Ning-buo und Schau-hing und bedrohte Ilang-dschou. Da aber 
letztere Stadt von einer Unmasse kaiserlicher Soldaten besetzt war, 
Wandte sich Sü-hä mehr nach Norden in die Ebene von Djia-hing-fu. 
Um Lebensmittel zu gewinnen, galt es, noch nicht ausgeplüudertii 
Marktflecken zu nehmen. Darum wandten die Räuber sich nach 
^ IK U-dscheriy einem großen Marktflecken, neunzig Li südöstlich 
von iSl 9H /19f Hu'dschoU'fu ; doch war derselbe von zahlreichen 
Soldaten besetzt. Sü-hä stellte darum seine Mannschaften in einen 
Hinterhalt und schickte einige Hundert seiner Leute wie zum Über 
faU nach U-dschen. Nach geringem Widerstände mußten diese fliehen. 
Die unklugen Kaiserlichen folgten in Masse den Flüchtlingen nach 
und gerieten so in den Hinterhalt. Mehr als tausend von ihnen 
vrurden niedergemacht, die übrigen zersprengt. Dieser schlaue 
Streich brachte Sü-hä und seinen Leuten reiche Beute an Lebens- 
mitteln und Waffen ein. 

Bald darauf griff Sü-hä die Kaiserlichen an, die unter der 
Leitung des großen und ehrenwerten Literaten j^ H Yiien-ngo stan- 
den. Dieser war kaiserlicher Provinzial-Examinator und Haupt aller 
Literaten von Dsche-dj^ang. Als die Japaner die Ebene von Schau- 
hing verwüsteten und Hang-dschou bedrohten, wollten viele Land- 
leute in die Stadt Hang-dschou fliehen, um ihr Leben zu retten, 
aber die Torwachen ließen die Bauern nicht hinein. Als Yuen- 
ngo dies horte, ergriff er ein großes Schwert, ging zum Stadttore 
und bedrohte die Wache mit dem Tode, wenn sie nicht alsogleich 
öffnete. Daraufhin ließ man denn die Flüchtlinge ein. 

jg ^ in Dschati-wen-htM teilte dem Kaiser diese lobenswerte 
Tat seines Freundes mit. Sofort wurde dem Retter und Beschützer 
des Volkes die Statthalterschaft von Fu-djien überwiesen. Da nach 
chinesischer Anschauung ein großer Gelehrter selbstverständlich auch 
ein großer Kriegsmann ist, so übertrug man in diesem Jahre (1536) 
Yuen-ngo j^ H eine kleine Abteilung der kaiserlichen Armee. Trotz 
aller Wissenschaft wurde er von Sü-hä mörderisch gesclilagen und 
in die Stadt fjfi fl^ Dung-hiang^ sechzig Li westlich von Djia-hing, 
gedrängt. Von vier Seiten belagert, hatte er keine Hoffnung auf 
Entkonunen; und weil die Stürme sich tagtäglich wiederholten, war 
es. klar, daß er mit dem Reste seiner Truppen bald in die Hände 
der Japaner fallen und niedergemacht werden würde. 

Das war eine schlimme Lage für Hu-dsung-hicn, welcher nörd- 
lich von Hang-dschou zum Schutze seiner Hauptstadt kampierte. 
Denn es war klar, daß Sü-hä nach dem Siege über Yuen-ngo auch 



— 277 — 

Hang-dschou angreifen und erobern würde. Und wenn Yuen-ngo 
getötet worden wäre, hätte Hu-dsung-hien wohl Grund gehabt, für 
sein eigenes Leben zu fürchten. Zudem war Yuen-ngo ebenso wie 
Dschau-wen-hua zugleich mit Hu-dsung-hien zum Doktorat befor- 
dert worden. Somit mußten sie nach chinesischen Begriffen als 
die intimsten Freunde sich gegenseitig mit Bat und Tat, ja sogar 
mit eigener Lebensgefahr, beistehen. Hu-dsunghien war also ge- 
zwungen, seinen bedrängten Kollegen Yuen-ngo aus der E[lemme 
zu ziehen. Den Sü-hä anzugreifen wagte er nicht. So suchte er 
denn auf diplomatischem Wege zum Ziele zu kommen und schickte 
den uns von Japan aus schon bekannten Rft Pf Tschefi'k'o-yuen 
an Sü-hä ab, um mit ihm über den Frieden zu verhandeln. Der 
verschmitzte Tschen log dem Räuberhauptmann nun vor: ;, Hu-dsung- 
hien meint es gut mit Ihnen und will Sie retten. Wünschen Sie 
Ehrenämter? wünschen sie Geld? Sie sollen alles erhalten, was Sie 
wünschen. Auch der Kaiser meint es gut mit Ihnen und schätzt 
Ihr Feldherrntalent sehr hoch, darum möchte er Sie an die Spitze 
einer Armee stellen. Unterwerfen Sie sich, so wird Ihnen der Kai- 
ser gnädigst wie ein guter Vater verzeihen". 

^ y Dung-hua kam seinerseits auch noch und sprach : „Wang- 
dsche, ihr alter Waffenfreund, hat das sicherste Mittel zum Heile 
seiner selbst und seiner Familie schon ergriffen. Er erhält Würden 
und Titel und ist ein gemachter Mann. Lassen sie selbst diese Ge- 
legenheit nicht entschlüpfen, um sich zu unterwerfen und so Ehren 
und Reichtum zu erlangen. Oder wissen sie etwa nicht, daß unter 
Ihren Leuten, ja selbst unter Ihren sogenannten Freunden, sich die 
ärgsten Verräter verstecken"? 

Sü-hä war gerade ein wenig unpäßlich, und so war das La- 
gerleben ihm doppelt verdrießlich. Er antwortete somit sehr freund- 
lich „Ich habe immer .gewünscht mich dem Kaiser zu unterwerfen; 
nur schulde ich den Japanern ungeheure Summen. Man versprach 
ihm große Summen, um alle seine Schulden zu bezahlen und da- 
zu noch große Besitztümer. War Sü-hä wirklich gewillt, sich zu 
unterwerfen? oder wollte er nur große Summen Geldes gewinnen? 
Es ist unmöglich das eine oder andere zu behaupten. 

Für den Augenblick schickte ihm Hu-dsung-hien reiche Ge- 
schenke und vor allem auch mehrere schöne Kebsweiber, welche 
unterrichtet waren, den Sü-hä gut zu unterhalten und zu beschäf- 
tigen, um ihm *o das Kriegshandwerk zu verleiden. Sü-hä wurde 
in der Tat verführt. Er schlug seinen Freunden vor, die Bela- 
gerung aufzuheben. Als Tschen-dung und Ye-man nichts davon 



hören wollten, sondern darauf bestanden, den Feind zu vernichten, um 
sich dann auf Hang-dschou zu werfen, zog Sü-hä mit seinen Trup- 
pen ab. Da blieb den beiden andern Bandenführern nichts übrig, 
als auch ihrerseits abzuziehen. Yuen-ngo war also durch diesen 
diplomatischen Schachzug des Ilu-dsung-hien gerettet, l'berdies w^ar 
zwischen den bisher so engbefreundeten Bandenführern Zwietracht 
und Eifersucht ausgebrochen, wodurch nicht nur sie selbst, son- 
dern auch ihre Mannschaften dem Tod und Verderben entgegen 
liefen. 

Sü-hä wartete und wartete auf die feierlich versprochenen 
Summen Geldes; aber vergebens. Höchst unzufrieden, sich so ge- 
täuscht zu seilen, fing er wieder an, zu plündern. Als man ihm 
daraufhin vorhielt, warum er, nachdem er seine Unterwerfung doch 
-schon schriftlich erklärt und den Kaiser um Verzeihung gebeten 
habe, wieder anfange, das Land zu plündern, gab er zur Antwort; 
„Man hat mir Geld versprochen, aber nichts gegeben; ohne Geld 
kann ich nicht bestehen." 

„Wenn es sich nur um Geld handelt**, sagten die Unterhändler, 
„so sollen Sie dessen haben, soviel sie wünschen, wofern Sie nur ihr 
Versprechen halten und zum Beweise Ihrer aufrichtigen Unterwer- 
fung nun auch helfen, die Seeräuber zu bekämpfen". Daraufhin 
kam man überein, daß Sü-hä die Räuberbanden von Schang-hä und 
dem Pu-dung vernichten sollte, um das versprochene Geld zu er- 
halten. In der Tat fiel Sü-hä mit seinen Japanern über die Räu- 
berbanden von ^ ^ Dschu-djitig her, tötete an die dreitausend 
Räubergesellen, erbeutete aber zu seinem Leidwesen weder die in 
Dschu-djing aufgehäuften Schätze, noch die Schiffe, deren er so sehr 
bedurfte, um freie Hand zu haben. Von seinem Gönner Hu-dsung- 
hien bekam er aber immer noch kein Geld, weil jener Herr vor- 
schützte, noch keines erhalten zu haben ; sobald er solches erhalten 
habe, werde er nicht ermangeln, ihm sofort große Summen zu schik- 
ken. Für den Augenblick sende er ihm, w^as er grade zur Hand 
habe, verschiedene kostbare Sachen. 

Unterdessen hatte Ye-miny ^ H^, der dritte Bandenführer dem 
Hu-dsung-hien auch einen argen Streich gespielt. Der Generalissi- 
mus hatte alle Vorbereitungen getroffen, eine schöne Konkubine zu 
heiraten und sollte sie bald abholen lassen. Ye-ming hatte von der 
Sache Kunde erhalten. Er ließ also das Siegel des Generalissimus 
nachmachen, schrieb einen Brief und setzte das Siegel darauf. Mit 
diesem falschen Briefe schickte er eine Anzahl kluger Chinesen 
zum Vater der Ikaut und holte diese für sich ab. 



— S7Ö — 

Hu-dsung-hien war über, diesen Schabernack natürlich sehr 
aufgebracht, auch schon deswegen, weil er darob weidlich ausge- 
lacht wurde. Um sich zu rächen, suchte er Sü-hä wider Ye- 
ining aufzuhetzcm. Er ließ falsche Briefe in die Hände von 8ü-hä 
fallen, als wenn Tschen-dung und Ye-ming sich schriftlich verbun- 
den hätten, denselben bei nächster Gelegenheit gebunden auszulie- 
fern. Ohne von diesem falschen Briefe ein Wort zu verlieren, 
kamen die Unterhändler wieder zu Sü-hä, um ihn zu bewegen, jene 
zwei Bandenführer an Hu-dsung-hien zu überliefern. ^ H| Dung- 
htia sagte ihm: „Tschen-dung und Ye-ming, werden Sie bei näch- 
ster Gelegenheit dem GeneraUssimus aushefern, um sich die Gunst 
und Gnade des Kaisers sowie Ehrenämter zu erwerben. Aber Hu- 
dsung-hien verabscheut beide Männer, er wünscht vielmehr, daß 
Sie der kaiserlichen Gnade teilhaftig werden. Besuchen Sie doch 
einmal seine Exzellenz; gewiß Sie werden sich mit ihm verständi- 
gen können^. 

Nach langen Unterhandlungen kam man überein, daß Sü-hä 
am zweiten Tage des achten Monates Hu-dsung-hien und seinen 
Stab in Zp ^ Piny-hu, einer Unterpräfektur achtzig Li südöstlich von 
Ä Ä /fip m^-hing-fu^ besuchen würde, um seine Fehler einzu- 
gesteliuu und die kaiserliche Amnestie zu erhalten. Sü-hä, die 
chinesische Beamtenwelt und ihr ränkevolles Verfahren wohl ken- 
nend, begab sich schon am ersten des achten Monates zum Besuche 
nach Ping-hu, um die Herren in ihren verräterischen Vorbereitungen 
gegen ihn zu überraschen. Er wandte natürlich die größten Vor- 
sichtsmaßregeln an: mehrere hundert auserlesene gut bewaffnete 
Krieger begleiteten ihn bis ins Stadttor, wo sie seine Rückkehr 
abwarten mußten. , Sü-hä selbst hatte den besten Panzer angelegt, 
den er mit den bei solchen feierlichen Besuchen üblichen Staatsklei- 
dern zu bedecken suchte. 

Hu-dsung-hien und sein Stab bereiteten Sü-hä den besten und 
ehrenvollsten Empfang; man zerfloß ganz in Liebenwürdigkeiten und 
Ehrenbezeugungen. Schließlich kniete Sü-hä vor der Ehrentafel 
Seiner Majestät des Kaisers, welche die Inschrift "% ^ Wan-stiei 
( - zehntausend Jahre — ewiges Leben) trug, demütig nieder und be- 
kannte, daß er sich gegen Seine Majestät den Kaiser grob verfehlt 
habe und jetzt demütigst um Verzeihung und Gnade bitte. Hu- 
dsung-hien erhob sich von seinem Sitze, trat zu Su-hä hin, legte 
ihm seine Hand aufs Haupt und sagte: ^Allerdings haben Sie ge- 
gen Ihr Vaterland und den Kaiser vielfach und schwer gesündigt, 
jetzt aber gewährt Ihnen der Kaiser vollen Nachlaß für alle Ihre 



Vergehen. Beweisen Sie sieh dankbar für solche Gnade und Güte, 
denn ein zweitesmal würden Sie eine solche Gnade nicht mehr 
erhalten.*' 

Sü-hä erhob sich von der Erde, um die neun üblichen Knie- 
falle vor der Ehrentafel, wie vor dem Kaiser in eigenster Person 
zu machen und auf diese Weise seinen Dank zu bezeigen. 

Der Unterhändler H ||| Dung-hua war für die Dauer des Be- 
suches als Geisel im Lager der Japaner geblieben. Als Sü-hä zu- 
rückkam, teilte er seinen Freunden die Eindrücke des Besuches 
mit. ^Es ist alles Lüge und Falschheit; sobald sie können, werden 
Sie uns mit allen nur möglichen Mitteln verderben.^ Er wünschte 
sich Glück, aus der Löwenhöhle mit heiler Haut heraus gekom- 
men zu sein. Doch wollte er nicht alsogleich wieder plündern und 
alle Unterhandlungen gewaltsam zerschlagen. Da nun seine Leute 
keine Lebensmittel hatten, schickte er zweihundert Unzen Gold an 
seinen Freund und Gönner Hu-dsunghien und bat ihn, Reis, Mehl, 
Wein u. s. w. zu schicken. Die Chinesen waren gewissenslos ge- 
nug, diese Lebensmittel zu vergiften. Außerdem schickte Hu-dsung- 
hien einen geheimen Brief an ^ X Tschen-dung und Genossen: 
^ Sü-hä hat Euch verraten und wird Euch bei der ersten Gelegen- 
heit gebunden der kaiserlichen Regierung ausliefern ''. An Sü-hä 
aber schrieb er. „Nächstens werde ich, wie wir vereinbart, Tschen- 
dung und seine Banden angreifen. Stellen Sie dessen Streitkräfte 
östlich vom Flusse, die Ihrigen aber westlich, damit kein Irrtum 
möglich sei^. 

Nun hatte Hu-dsung-hien so viele Truppen zusammen gezo- 
gen, daß alle Welt sehen mußte, es gelte einen Kampf auf Leben 
und Tod. Sü-hä war sich wohl bewußt, daß man ihn trotz aller 
Versicherungen und verbindlichen Worte nicht verschonen würde. 
Somit war er entschlossen, sich von seinem alten Freunde nicht zu 
trennen. Zwar kam es zu harten Auseinapdersetzungen zwischen 
den drei gewaltigen Führern, aber im Angesichte einer solchen 
Masse feindlicher Truppen einigten sie sich wieder. Eine Feld- 
schlacht konnten sie bei der so großen Übermacht des Feindes nicht 
wagen. Sie zogen sich also in die Festung ffi ^ ^ Schen-dfia- 
dschuang östlich von Ning-buo zurück, wo die Japaner vielen Vor- 
rat an Waffen und Lebensmitteln hatten« Hu-dsung-hien folgte 
ihnen auf dem Fuße und schloß die Festung alsogleich ein. Da 
er selbst einige Kanonen hatte, setzte er den Japanern fürchterlich 
zu. Diese fochten wie Löwen, vermochten aber doch nichts gegen 
die erdrückende Übermacht, zumal nachdem ein Teil der Ringmauer 



— 481 — 

oingestürzt war und immer neue Massen Eaiseriicher eindrangen. 
Schließlich gebot Hu-dsung-hien : ^Ein jeder Soldat nehme ein Bün- 
del Stroh und lege überall Feuer an.^ Der Wirrwarr stieg aufs 
höchste. Die Kaiserlichen machten alles nieder, selbst den drei- 
hundert Leuten, welche von dem vergifteten Reis genossen hatten und 
krank darnieder lagen, gaben sie den Todesstoß. 

Als Sü-hä bemerkte, daß alles verloren sei, warf er sich in 
den Fluß und ertränkte Mch. Hu-dsung-hien wollte durchaus den 
Kopf des Sü-hä haben, er fürchtete nämlich, daß dieser, erschreck- 
liche Feind wieder auferstehe, wenn ihm der Kopf nicht abgeschnit- 
ten würde. Die Weiber des Sühä gaben schließlich den Ort an, wo er 
in den Fluß gesprungen. Man fand auch wirklich den Leichnam und 
schnitt ihm zur größten Beruhigung des Generalissimus den Kopf ab. 

Verschiedene Banden von Japanern standen außerhalb der 
Festung in Schlachtordiiung und erwarteten todesmutig den Angriff. 
Hu-dsung-hien hatte Furcht, diese gewaltigen Krieger anzugreifen: 
er hätte wohl Tausende seiner Leute opfern müssen. Er griff also 
wieder zu diplomatischen Kniffen. ;,Ihr seid Japaner^, ließ er ihnen 
sagen; mit den Ausländern führt der Kaiser nicht Krieg. Ich werde 
euch Pässe geben, damit ihr unbehelligt heimkehren könnet.^ 
Die Japaner gaben sich dessen zufrieden, da hier ja nichts mehr 
zu gewinnen war. Dem General fjt f/^ Lii-tang aber gebot Hu- 
dsung-hien : ^Halten Sie sich am Ausgange des Hafens in das Meer. 
Wenn die Japaner ankommen und ihre Pässe vorzeigen, so lassen 
Sie alle bis auf den letzten Mann töten. ^ 

Als nun die Japaner ankamen, hielt Lu-tang sie an. Die 
Japaner zeigten ihre Pässe, welche vom Generalissimus unterzeich- 
net waren. ^ Ach^, rief er aufs freundlichste aus, ;,Ihr seid Freunde, 
Ihr werdet vom Höchstkommandierenden allen Generälen als ehren- 
werte Leute empfohlen. Als solche muß ich euch doch auch in 
etwas bewirten; kommet mit mir ins Tribunal, da werden wir uns 
ein wenig stärken.^ Die Japaner nahmen mit Vergnügen diese 
freundliche Einladung an und begaben sich auf kleine Schiffe, da 
große nicht in die zum Tribunale führenden kleinen Kanäle ein- 
laufen konnten. 

Seinem Sohne hatte Lu-tang befohlen: „Du wirst Sorge tragen, 
daß alle Japaner auf den kleinen Schiffen, welche auf Umwegen 
und weit von einander geführt werden müssen, insgesamt getötet 
werden. Ist dies geschehen, dann hissest du zwei Laternen an 
deinem Hauptmaste auf. Alsdann werde auch ich mit mein^i Ghä- 
sten aufräumen.^ 



-- 28Ö — 

So wurden denn alle meuchlerisch umgebracht. Nur 1^ ff^ 
Sii'hutig, der Bruder des 8ü-hä, |5t jR Tschm-dang und i§| uy IV 
ming, die zwei berühmten Bandenführer, ^ Jl% Sin-u-lang^ der 
Bruder des Dahnyo von Osumi, wurden lebendig nach Bei-djing 
geschickt. Sü-hung wurde enthauptet und sein Kopf ebenfalls an 
den Kaiser ausgeliefert. 

Die Freude in der Hauptstadt war ungeheuer : Dankopfer und 
große Festlichkeiten, wurden angeordnet. Der Kaiser benachrichtigte 
in dem Ahnentempel seine Ahnen offiziell von diesem so wichtigen 
Siege. Hu-dsung-hien wurde mit Ehren und Ruhm gekrönt. Auch 
Lu-tang, .der eigentliche Sieger, wurde mit Ehren und Geldge- 
schenken ausgezeichnet. 

Der offizielle chinesische Geschichtschreiber schließt seinen Be- 
richt mit folgenden Worten: „Man muß in Wahrheit eingestehen, 
daß Hu-dsung-hien, der solcher Kriegslisten fähig war, kein gewöhn- 
licher Mensch genannt werden darf; er war vielmehr ein Geist, 
welchen der Himmel zum Heile des teuren Vaterlandes China ge- 
sandt hat.'' — 

1. Fortsetzung der Kämpfe. 

fiU ^ S Hu-dsung-hien hatte natürlich seinen Sieg über ^ jff 
Sii-Iiä seiir aufgebauscht, um seine vermeintlichen Verdienste ans Licht 
zu stellen. Darum glaubte man in Bei-djing auch, daß nunmehr 
der Krieg beendet und der Sieg gewonnen sei. Doch konnte davon 
keine Kede sein. Gewiß war der Erfolg Sü-häs und seiner Banden, 
ungefähr an die zwanzigtausend Mann umgebracht zu haben, kein 
kleiner; aber man war weit davon entfernt, die Japaner vernichtet 
zu haben. In den verschiedenen Provinzen raubten und plünderten 
noch an die achtzigtausend Mann. Auf diese hatte die Niederlage 
des Sü-hä einen niederschlagenden Eindruck gemacht; aber keines- 
wegs waren sie entmutigt. Verschiedene Banden in Dsche-djiang 
waren darob nur um so racheglühender geworden. Hu-dsung-hien 
mit seinen zahlreichen Truppen war vollauf beschäftigt, um den 
Feind zurückzudrängen. In Djiang-nan, wo die kaiserlichen Truppen 
eine erdrückende Übermacht bildeten, hatten die Seeräuber ihre 
liebe Not, zu rauben und zu plündern; manchmal wurden kleine 
Banden von nur einigen hundert Mann bis auf den letzten Mann 
gänzlich vernichtet. Aber andere größere Banden waren desto glück- 
licher. So plünderten und verwüsteten zahlreiche Banden das Gebiet 
von S 9H /flf \Mn-dschou-fu in DBche-djiang, also unter den Augen 
des Generalissimus, ohne daß dieser der Banden Herr werden konnte. 



— ä83 — 

Die Seeräuber waren daselbst kühn und glücklich genug, einer ziem- 
lichen Anzahl von Seeschiffen sich zu bemächtigen, worauf sie nur 
um HO freiere Hand zum Rauben hatten. 

Der große Gelehrte j^ 5| Yuen-ngo^ der trotz aller Gelehr- 
samkeit von den Japanern bei f!3 HH Dung-hiang mörderisch geschla- 
gen worden war, hatte das Unglück, von diesen Feinden aufs neue 
belästigt zu werden. Er. wurde in seiner Hau])tstadt |ß ^ Fu-dschou 
von den Japanern belagert uud hart bedrängt. Um sich von dem 
lästigen Feinde zu befreien, machte er schöne Worte und gab reiche 
Geschenke. Doch all die vielen empfangenen Seidenstoffe und die 
Tausende von Unzen Goldes hatten nicht vermocht, die Japaner 
zum Abzüge zu bewegen. Darum schickte Yuen-ngo ihnen sechs 
Schiffe voll von Gold, Silber, Edelsteinen, Seidenstoffen und aller- 
hand anderen kostbaren Sachen. Damit konnten sich die Japaner 
schon zufrieden geben: stand es ihnen ja frei, ein anderes Mal wieder 
zu kommen, um Nachlese zu halten. Daß sie dies nicht vergaßen, 
werden wir später sehen. 

Dieses feige Verhalten kam aber trotz aller mächtigen Freunde 
in Dsche-djiang und Bei-djing zu Ohren des Kaisers, der dem großen 
Gelehrten den Prozeß wegen Vaterlands verrat machen ließ. Weder 
der Kanzler ^ ^ Yen-sung, noch ^ *$ IH Dschau-wen-hua und 
Hu-dsung-hien, die doch des Kaisers Gunst besaßen, wagten Fürbitte 
einzulegen. Sie kannten ja ihren Herrn allzugut und wußten, daß 
sie von demselben nichts Gutes, wohl aber vielleicht ihre eigene 
Verstoßung zu erwarten hätten. So wurde denn Yuen-ngo aller 
seiner W^ürden und Titel beraubt und in die letzte Klasse des Volkes 
versetzt. 

Überdies machte der Kaiser aufs neue öffentlich bekannt, 
wer immer den JJ £ Jf afig-dsche oder andere Hauptbandenführer 
fangen würde, sollte mit der Würde eines ^ Bei, d. h. mit dem 
dritten Range in der Hierarchie chinesischer Würdenträger, etwa 
unserem „Greii" gleich, ausgezeichnet werden und dazu noch ein 
Geschenk von zehntausend Unzen Goldes erhalten. 

Solche Versprechen, selbst aus dem Munde des Kaisers, nahmen 
die Chinesen nicht zu ernst, wohl wissend, wie viel Lügen und 
Heuchelei darin steckten; gleichw^ohl beweisen solche öffenthche 
Kundgebungen des kaiserlichen Hofes, wie sehr Djia-dsing wünschte, 
die Japaner und ihre Räubergenossen endlich los zu werden. In 
den Provinzen Kuang-dung und Schan-dung dauerten die Kriege 
ebenso fort, waren aber weniger blutig und hartnäckig als in Dsche- 
djiang und Djiang-nan. 



— S84 — 

m. Dschau-wen-hua fällt in Ungnade (1557). 

Die Freude des Sieges über die Banden des Sü-hä war, wie 
gesagt, ungeheuer am kaiserlichen Hofe. Natürlich riUimte sich der 
ehemalige kaiserliche Delegat iS ^ ^ Dschau-wen-hua, der ja immer 
von Siegen prahlte, die er gar nicht erfochten, auch dieses Sieges. 
Er brachte feierliche Opfer dar, um dem Himmel für diese ganz 
besondere Gnade zu danken. Auch rühmte er dabei die Kriegs- 
kunst des alten Kanzlers ^ ^ Yen-sung, der sich gewürdigt, ihn 
die Geheimnisse der Kriegskunst zu lehren, infolgedessen er selbst 
dann auch ein so unübertrefflicher Kriegsmann geworden. Über 
alles aber erhob er die Verdienste und Tugenden des Kaisers, welche 
dem Himmel gleichsam Gewalt angetan und diesen unvergleichlichen 
Sieg errungen hätten. 

Für diese elende Schmeichelei stieg er noch höher in der kaiser- 
lichen Gunst. Auch sein Sohn erhielt kaiserliche Auszeichnung. 
Dschau-wen-hua mißbrauchte wiederum die hohe kaiserliche Gnade 
in egoistischer Weise. Er und sein intimer Freund -ffi: H Sehe- 
fan^ der Sohn des alten Kanzlers Yen-sung, verkauften Amter und 
Würden an den Meistbietenden; selbst der ärgste Verbrecher war 
sicher, mit heiler Haut durchzukommen, wofern er nur diesen Herren 
gut bezahlte. 

Aber siehe da! urplötzlich zieht sich an dem Horizonte seines 
Glückes ein gefährliches Gewitter zusammen. Eines Tages nämlich 
hatte der Kaiser seinem teuren Günstling Dschau-wen-hua kostbare 
Geschenke geschickt und erwartet, daß derselbe alsogleich kommen 
würde, um unter Thränen der Rührung nach alter Sitte demütigst 
zu danken. Aber Dschau-wen-hua kam nicht, weil er bei Ankunft 
der kaiserlichen Geschenke gerade betrunken danieder lag. Er hatte 
nämlich bei seinem so häufigen Verkehre mit Sche-fan von diesem 
das Trinken gelernt. Infolge der Trunkenheit hatte er also die 
kaiserlichen Geschenke nicht mit der gebührenden Ehrerbietung 
nach den Vorschriften der alten Riten empfangen, was natürlich 
ein Kapitalverbrechen war. 

Die Chinesen sagen: ;,||| ^ fö ff Hua-bu-dan-hing" = ^Ein 
Unglück kommt nicht allein^. So ging's auch unserm Dschau-wen- 
hua. Verschiedene Vorfälle erregten noch mehr den Unwillen des 
Kaisers. 

Djia-dsing lebte, wie wir schon gesagt, ganz im Banne der Dau- 
isten, welche vorgaben, das Geheimnis zu besitzen, Unsterblichkeits- 
pillen bereiten zu können. Gewöhnlich besorgte Dschau-wen-hua 
diese kostbaren Medizinen für den Kaiser. Nun hatte er aber einmal 



— 285 — 

es unterlaBBcn, seinem hohen Gönner dieselben zu besorgen. Der 
Kaiser schickte daher einen Eunuchen, um sie holen zu lassen. Aber 
o weh! auch zu Hause hatte Dschau-wen-hua keine dieser Pillen. 

Als Minister der öffentlichen Arbeiten war Dschau-wen-hua 
mit Sche-fan beauftragt worden, die Ringmauern der Hauptstadt 
Beidjing in guten Stand zu setzen. Schon ein Jahr war verstrichen, 
ohne daß die Arbeiten ausgeführt worden waren. Ferner hatte er 
im kaiserlichen Palaste eine Ehrenpforte aufrichten lassen, die durch- 
aus nicht nach dem Geschmacke des Kaisers war. 

Als innerhalb der kaiserlichen Residenz ein Palast abgebrannt 
war, zeigte Dschau-wen-hua nicht den gewünschten Eifer, denselben 
wieder aufzubauen, trotzdem die Haremsdamen und Eunuchen schon 
die Tage zählten, nach welchen sie in jenen neuen Palast würden über- 
siedeln können. Dieselben lagen nun dem Kaiser in den Ohren 
und klagten über die Fahrlässigkeit des Ministers. 

Eines Tages bestieg nun der Kaiser einen der Türme seines 
Palastes, um sich ein wenig zu erholen. Yon da aus bemerkte er einen 
neuen hohen und schönen Palast und fragte seine Umgebung, was 
das für ein Palast sei. ^^Das ist der Palast des Herrn Ministers 
Dschau-wen-Ima*^, antwortete man ihm. ^Mit dem Baue seines 
Palastes ist er dermaßen in Anspruch genommen, daß er keine Zeit 
liattC; weder die Festungsmauern der Hauptstadt auszubessern, 
noch den Bau dos kaiserlichen Palasteb zu überwachen. Ja, was 
noch ärger ist, das Material für den kaiserlichen Palast wird von 
ihm zum Baue seines eigenen Palastes verwandt, weil er es eilig 
hat, ihn in Bälde zu beziehen . . .^ 

Selbstverständlich erregte diese Mitteilung den gerechten Zorn 
des Kaisers. Der Minister wurde in Anklagezustand versetzt. Sobald 
dies bekannt wurde, regnete es von Anklagen aller Art gegen den 
bis dahin unantastbaren Günstling des Kaisers. Jetzt erst erfuhr 
Djia-dsing, welchen Mißbrauch Dschau-wen-hua mit seiner Macht 
und Stellung getrieben. Kein Mensch wagte es, ein gutes Wort 
für den Angeklagten einzulegen. Yen-sung, der ^ Vater" des Dschau- 
wen-hua, hielt sich mäuschenstill, vor Furcht zitternd, daß nicht 
auch ^ein wirkHcher Sohn und schließlich er selbst noch in die 
Ungnade des Kaisers verwickelt würden ; denn Sche-fan war in der 
Tat ärger als Dschau-wen-hua. 

So wurde der ehemalige GünstUng aller Würden und Güter 
beraubt und in die unterste Klasse des gemeinen Volkes degradiert; 
aus Gnade wurde, da er selbst schon zu alt war, sein Sohn an 
die äußerste Grenze des Reiches verbannt. 



— 286 — 

.Diese SohickHalsscliläge 80wie allerhand Krankheiten schmetter- 
ten den ehemals so stolzen und mächtigen Minister vollends nieder. 
Kein Mensch besuchte oder tröstete ihn in seinem Elende. Schließ- 
lich starb er an der so schmerzlichen Wassersucht, wobei sein Leib 
sogar platzte und dieEingeweide hervorkamen. Wir sehen hier wieder 
das Wort des Dichters bewahrheitet: 

„Donec felix eris, multos numerabis amicos; 
Tempora si fuerint nubila, solus eris^. 

Ebenso ruft das tragische Ende dieser gefallenen Größe uns 
wieder einmal recht eindringlich die alte Wahrheit zur Boherzigung 
zu: ^Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam aber trefflich fein; 
was durch Langmut er versäumte, holt durch Streng' er wieder ein". 

Glaubst du's auch, werler Leser? 

n. Weitere Schicksale und Ende des Wang-dsche (1557). 

Wie wir oben gesagt, leugneten die Abgesandten des- gE iS 
Wang-dsche alle Beziehungen zu den Japanern und Seeräubern ab. 
AS ^ % Hu-dsung-hien gab sich den Schein, als glaube er dies 
ganz und gar. Bei jeder Gelegenheit verkündete er laut: „Wang- 
dsche ist kein Seeräuber, noch weniger Anführer derselben. Er ist 
Kaufmann und ein etwas stolzer Herr, der sich mit den Verord- 
nungen des Kaisers nicht zufrieden gibt und trotz aller Verbote 
fortfährt, mit den Fremden Handel zu treiben. Darin hat er zwar 
Unrecht, aber dies ist auch alles, was man ihm vorwerfen kann. 
Käme er nun, um diesen Fehler einzugestehen, so würde ihm der 
Kaiser nicht nur Verzeihung angedeihen lassen, sondern selbst eine 
hohe Würde verleihen, da er ein tüchtiger Kopf ist und dem Staate 
große Dienste leisten könnte". 

Alle Beamten in Ning-buo hatten strengen Befehl, nur in 
diesem Sinne zu sprechen. Auch das Volk sagte, Wang-dsche sei kein 
Räuber, sondern nur ein etwas stolzer Kaufmann, der, nachdem er 
so riesige Summen gewonnen, nur ein wenig zu selbstbewußt sei; 
jetzt aber sei der Kaiser gesonnen, den Handel wieder frei zu ge- 
ben und, was noch besser sei, er werde den Wang-dsche, einen so 
erfahrenen Mann, an die Spitze der Kaufmannsgilde setzen, in wel- 
chem Falle der Handel sich ganz außerordentlich entwickeln werde". 
Es war dies die von den Beamten künstlich gemachte öffentliche 
3Ieinung, um die Abgesandten des Wang-dsche zu täuschen. 

Diese gingen in der Tat in die öft'entlichen Versammlungs- 
lokale, um die Gerüchte und Meinungen des Volkes zu hören. Da 
nun das Volk ganz so wie die Beamten sprach, waren sie hocherfreut 



— 28.7 — 

und ermangelteD nicht, Wang-dsche von dieser günstigen Meinung in 
Kenntnis zu setzen. Nach wiederholten Berichten glaubte Wang- 
dsche schließlich selbst fast an die Aufrichtigkeit der Beamten und 
des Volkes. 

Auch seine Leute, die von Hu-dsung-hion mit ausgesuchter 
Freundlichkeit behandelt worden waren, beteuerten ihm, daß der- 
selbe sein aufrichtiger Freund und wohlmeinender Landsmann sei. 
Auf die Geschenke des Hu-dsung-hien schickte Wang-dsche noch 
schönere und kostbarere, wie es ja dem „Könige des Meeres^ ge- 
zieme. Als eines Tages Hu-dsung-hien anfragte, ob die Gesandten 
nicht bereit wären, ihm zu helfen die Seeräuber, welche in j^- iJj 
Dschu-schan eingefallen wären und das Land verwüsteten, zu be- 
kämpfen, willigten sie alsogleich ein. %' ^ jj( Ye-dsung-mun, ein 
sehr erfahrener Räuberführer, ging alsobald mit den wenigen Mann- 
schaften, die sie begleitet hatten, hin, um im Vereine mit den Leu- 
ten dos Hu-dsung-hien die Seeräuber zu bekämpfen. Wie immer, 
zeichneten sich diese bewährten Krieger aufs glänzendste aus. Der 
Generalissimus wollte sie für diesen außerordentlichen Dienst be- 
lohnen. Wang-ngan, der Adoptiv-Sohn des Wang-dsche, wollte 
keine Belohnung zulassen. „Das ist nichts und nicht der Rede 
wert. Aber wann mein Vater gekommen sein wird, muß er ge- 
ehrt und belohnt werden; ein goldenes Beamten- Siegel von der 
Größe eines Scheffels muß er bekommen.*' 

Als nun gerade zu dieser Zeit der schreckliche % ^ SiUliii 
die Ebene von Djia-hing verwüstete, schlug der listige Gonenilis- 
simus den „Freunden** vor, ihm auch zu helfen, diesen Seeräuber 
und seine Bauden zu bekämpfen. „Dazu haben wir", sagte Wang- 
ngan ausweichend, „zu wenig Leute. Aber sobald der Friede und 
die Freundschaft mit Wang-dsche besiegelt sein wird, soll die Be- 
kämpfung dieser wilden Banden der erste Beweis unserer aufrich- 
tigen Freundschaft sein.** 

Naclidem die wiederholten Briefe auf den Wang-dsche noch 
nicht den notwendigen Eindruck gemacht, um ihn zur Reise nach 
China zu bestimmen, fuhr Wang-ngan nach Japan zurück, um sei- 
nen Vater zu überzeugen, der rechte Augenblick zur Versöhnung 
und Rückkehr in das Vaterland sei nun gekommen, die Gelegen- 
heit sei so günstig, wie man sie nicht besser wünschen könne. 

Wang-dsche war im Grunde genommen das abenteuerliche 
Leben satt. Er war nicht mehr jung, hatte viele Reichtümer ge- 
sammelt und wäre glückUch gewesen, derselben nun in Ruhe und 
Ansehen zu genießen. Seine Leute und Mannschaften waren schließlich 



— ä88 - 

ja auch nur Lumpengesindol, welches durch seine Unwissenheit, 
Grobheit, Unbotmäßigkeit, anmaßendes und hochfahrendes Wesen 
ihm oft schwere Stunden bereitete. War eine Unternehmung ge- 
glückt, so schrieben sich alle in ihrem Dünkel selbst den Erfolg zu. 
War ein Unglück vorgekommen, was zumeist geschah, wenn die 
Führer der Expedition klüger sein wollten, als der so erfahrene 
Wang-dsohe, so schob alle Welt die Schuld auf ihn. So war es 
noch voriges Jahr 1556 geschehen. Ganze Banden aus dem und 
dem Dorfe, von der und der Insel waren bis auf den letzten Mann 
getötet worden. Sie waren ausgezogen, um nach ein paar Mona- 
ten mit Schätzen reich beladen zurückzukehren. Und jetzt erhielt 
man die Nachricht von ihrem Tode, ohne den Trost zu haben, auch 
nur ihre Gebeine zu besitzen. Andere Banden waren auf See un- 
tergegangen und im Bauche der Fische begraben worden, was für 
ein noch größeres Unglück betrachtet wurde. Alle jene Unzufrie- 
denen ließen ihren Zorn an Wang-dsche aus. Und dann diese Eifer- 
sucht und dieser Neid unter den einzelnen Führern! Jeder glaubte 
sich mißkannt und nicht nach Fähigkeit und Verdienst angestellt 
zu werden; nichtsnutzige, aufgeblasene und verkrachte Elemente 
waren die unlenksamsten und anmaßensten Leute, welche nicht sel- 
ten ihre Genossen derart aufbrachten, daß Wang-dsche sich klug 
verstecken mußte, um nicht niedergestochen zu werden. 

Und nun lachten ihm das Vaterland^ hohe Ehren und Titel, 
Ruhe und Behaglichkeit in seiner Familie entgegen. Wessen Men- 
schen Herz sollte da nicht gerührt und schließlich verführt werden P 
Hu-dsung-hien hatte im Namen des Kaisers den Handel wieder frei 
gegeben, Wang-dsche war zum Gildenmeister ernannt worden, der 
mit einem Personale von vierzig Unterbeamten alle Angelegen- 
heiten des Fremdonhandels endgültig regeln sollte. Was für eine 
Würde! was für eine Gelegenheit, Reichtümer aufzuhäufen! selbst 
die glücklichsten Einfälle in China hatten ihm nie soviel eingebracht. 

Entschlossen nach China abzureisen, rüstete er verschiedene 
Schiffe mit Waren zum Verkaufe aus, um alsogleich Freihandel zu 
treiben. Die chinesischen Beamten als abgefeimte Lügner wohl 
kennend, nahm er zweitausend ihm ganz ergebene japanische Krie- 
ger als Leibwache mit. ^Es sind Kaufleute^, sagte man, ^und diäses 
große Kriegsschiff, das nach geschlossenem Frieden nunmehr unilütz 
ist, dient ihnen als KauflPahrteischiiF''. Mit solchen Mannschaften 
war er fähig, eine Armee Kaiserlicher zu besiegen. Auch zWei 
der tüchtigsten japanischen Bandenführor, ^ g l-mun-u und H jjf 
Schan-miau, begleiteten ihn. 



— 389 — 

Wani^-dsche begab nich ako nach China; aber anstatt nach 
Xing-buo zu seinem Freunde und Landsmanne Hu-dsung-hien sich 
zu begeben, zog er sich in den Hafen von J^ fJj^ Tschen-djiang auf 
der Insel fit llj Dschon-sclian zurück. Dieser befindet sich auf der 
nordwestlichen Seite jener Insel und war seit langen Jahren in den 
Händen der Seeräuber. Von Natur aus schon befestigt, hatten die 
Japaner durch angelegte Befestigungen ein uneinnehmbares Boll- 
werk gemacht, das ihnen immer als ein sicherer Zufluchtsort diente. 
Von dort aus wollte Wang-dsche selbst die Unterhandlungen leiten 
und Einsicht gewinnen, ob er deii letzten Schritt wirklich w^gen 
konnte. 

Hu-dsung-hien wandte alle Mittel an, um ihn zu täuschen: 
freundschaftliche Besuche von den geriebensten Diplomaten, wie 
3fr :h !& Fang-da-dschtmy, einem wahren Ulysses in der Kunst de« 
Wortes und der Vei-stellung. Der schmeichlerische JjJtS^. /'"-^«wy, 
welcher sich nie mit den japanischen Führern verfeindet, besuchte 
ihn ebenfalls, zeigte sich aber weniger als kluger Diplomat. Er 
war scheinbar gut freund mit dem Japaner Schan-miau und sagte 
diesem vertraulich: ..Aber liefern Sie mir doch Wang-dsche aus^. 
Dieses unkluge Wort hätte fast alle Unterhandlungen scheitern ge- 
macht, da es ja die wahre Absicht der Chinesen veriet. Schan-miau 
war ein freundlicher und höflicher Diplomat, wollte aber durchaus 
nicht seine Partei verraten. Alle Besucher überbrachten immer die 
süßesten Briefe und die schönsten Geschenke von Hu-dsung-hien. 

Unterdessen zog der Generalissimus möglichst viele Truppen 
zusammen, die er aufs beste versteckte. Seine Kriegsschilfe wurden 
insgesamt in die Nähe der Inselgruppe Dschu-schan beordert, mit 
dem strammen Befehle, sich allen Blicken zu entziehen. 

Seit zwei Monaten war Wang-dsche schon in Tschen-djiaiig, 
ohne daß es möglich gewesen, ihn nach Ning-buo zu locken. Hu- 
dsung-hien schickte den Großwürdenträger J jE Hia-dschetig, einen 
ehemaligen Führer von Seemubern, an Wang-dsche, um als Geisel 
in dessen Lager zu bleiben. .,Sehet mich selbst an", sprach dieser, 
,wie gut der Kaiser ist, wofern man sich nur ehrlich unterwirft. 
Ich habe Würden und Geld im Überfluß, und ich bin doch noch 
nicht am Ende meiner Laufbahn*'. Wohl wissend, daß Wang-dsche 
seinen Leuten so oft den Fatalismus gepredigt, sagte er ihm: ;,lhr 
wißt ja sehr gut, wenn das Schicksal bestimmt hat, daß Ihr heute 
sterben müßt, sterbet Ihr so gut in Eurem Hause wie auf dem 
Schlachtfelde; hat es Euren Tod nicht bestimmt, so kann Euch nie- 
mand etwas anhaben. Hu-dsung-hien ist Euer Freund; da aber der 

Japans Bezlehungeu zu China. 19 



— 290 — 

Kaiser als unumgängliche Bedingung zur Erlangung seiner Gnade 
festgesetzt, daß Ihr ihm einen Besuch macht, könnt Ihr nicht umhin, 
Euch nach Ning-buo zu begeben.^ Wang-dsche zauderte immer noch. 

Da wandte Hu-dsung-hien einen letzten Kniff an. Seit langem 
schliefen Wang-ngan, Ye-dsung-man und die andern Vertrauten 
des Wang-dsche mit ihm in einem Hause, um zu beweisen, welches 
Vertrauen er in sie habe. Nun hatte Hu-dgung-hien seinen Gene- 
rälen befohlen, äußerst bissige Briefe gegen Wang-dsche zu schrei- 
ben, um dem Generahssimus zu beweisen, wie kriegsbereit man sei, 
diesen Gegner endlich zu vernichten. 

Einige Tage darauf gab Hu-dsung-hien ein großes Gastmahl 
und tat scheinbar dem Weine solche Ehre an, daß er von seinen 
Bedienten in sein Schlafzimmer getragen werden mußte. Während 
nun der große Herr ganz ^betrunken** in seinem Bette schnarchte 
machten sich seine werten , Freunde" daran, seine Sachen gut zu 
durchsuchen. Da fanden sie nun die erwähnten Briefe von mehr 
als zehn Generälen und waren nicht wenig erregt. Der arme Be- 
trunkene bekam selbst den Katzenjammer und beschmutzte Bett 
und Stube. Nachdem er wieder weidlich geschnarcht, zankte er 
sich im Traume mit den Generälen und sagte: .Ich weiß, daß 
Wang-dsche ein edler Mensch, nur ein wenig zu selbstbewußt ist." 
Dann sprach er wieder: ^Der Himmel weiß, wie sehr ich wünsche, 
Ihnen das Leben zu erhalten, zu hohen Ehren zu verhelfen und 
darob den Generälen nicht erlaube, Sie anzugreifen. Wenn Sie 
halsstörrig verweigern, mich zu besuchcjn und die Verzeihung des 
Kaisers aus meinem Munde anzunehmen, so haben Sie sich die 
Schuld selbst zuzuschreiben; ich habe alles versucht, um Sie zu ret- 
ten; ich habe mich Unannehmlichkeiten ausgesetzt, um einem ge- 
liebten Landsmanne einen Dienst zu erweisen". 

Nun waren Wang-ngan, der Sohn des Wang-dsche, und die 
andern abgesandten Spione ganz von der Aufrichtigkeit des Genc- 
ralissinms überzeugt. Um seinen Vater zu bewegen, den großen 
Schritt endlich zu wagen und in eigener Person zu kommen, s'jlirieb 
Wang-ngan ihm mit seinem Blute einen rührenden Brief. ^Sie 
wissen, daß Hu-dsung-hien, unser Landsmann und aufrichtiger Freund, 
Sie seit Jahren beschützt und verteidigt, sich selbst der Gefahr aus- 
setzt, Ihretwegen beim Kaiser verleumdet und verklagt zu werden. 
Die einzige Bedingung ist, daß Sie kommen, Ihre Fehler einge- 
stehen, Besserung geloben und dem Kaiser für seine große 
Güte zu danken. Nicht nur Verzeihung werden Sie erlangen, sondern 
auch mit großen Würden und Ehren geziert werden. Kommen 



— 291 — 

Sie aber nicht, so setzen Sie sich selbst und uns den größten Ge- 
fahren, Ihre Familie aber dem Tode aus. Hu-dsung-hien hat ge- 
schworen bei allem, was heilig ist, daß man Ihnen keine Falle 
stelle, sondern nur auf den vom Kaiser festgesetzten Bedingungen 
bestehen müsse, unter welchen Ihnen die kaiserliche Gnade zuge- 
sichert wird. 

Dieser Brief vorfehlte seinen Eindruck nicht und bestärkte 
Wang-dsche in der I.H>erzeugung, daß wenigstens sein Landsmann 
Hu-dsung-liien es aufrichtig mit ihm meine und daß doch vermit- 
telst dieses hohen und mächtigen Herrn gegründete Hoffnungen der 
Rettung für ihn und seine Familie vorhanden seien. Einen ausschla- 
genden Beweis für die Aufrichtigkeit des Hu-dsung-hien sah Wang- 
dsche in dem erwähnten Monologe während der vermeintlichen 
Trunkenheit. Aber das alles war nur eine Komödie, wodurch Hu- 
dsung-hien die Freunde des Wang-dsche und durch diese auch ihn 
selbst zu täuschen suchte. 

Aber trotz allem zweifelte Wang-dsche immer noch, den letzten 
Schritt zu wagen, kannte ei ja seine Landsleute zu gut. J[ JF, 
Hia-dscheng und "fi 'Jz & Fang-dc^dschung^ boten alle Beredsam- 
keit auf, um ihn zum entscheidenden Entschlüsse zu vermögen. Auch 
hörte er von seinen Freunden, daß eine große Anzahl von Kriegs- 
schiffen zusammengezogen sei, gegen welche seine zweitausend Ja- 
paner schwerlich etwas vermögen würden. Wer konnte ihm jetzt 
mit Erfolg beistehen, nachdem ^ j^ Su-hä und seine Truppen 
vernichtet waren. Er kam schließlich wieder zu seiner fatalistischen 
Philosophie: ..Ehemals ging ^ i^ M Han-kau-dsu den J^ fi Hiang- 
yil in ^ P^ Hung-tnen*) besuchen, begab sich also in die Höhle 
des Tigers. Aber da ihn das Schicksal erwählt hatte, Kaiser und 
Gründer einer groben Dynastie zu werden, entkam er heil und 
wohlbehalten dem grimmigen Hiang-yü. Selbst wenn Hu-dsung-hien 
mir übel wollte, was vermöchte er gegen das vom Himmel festge- 
setzte Geschick?*^ 

Daraufhin schrieb Wang-dsche an Hu-dsung-hien: „Da ich 
entschlossen bin, Sie nächstens zu besuchen, schicken Sie mir meinen 
Sohn zurück, damit dieser während meiner Abwesenheit für die 
Truppen Sorge trage. . .^ 

*} Hung-meu lag siebenzehn Li östlich von der Unter-Präfektur m ||| 
Lin-dtinff, welche Stadt siebzig Li östlich von der Prftfektur fj ^ Jff Si-ngan- 
fu in 1^ in Schen-si liegt. Hiang-yQ hatte vier hunderttausend Mann Krieger. 
Hnii-kau-dsu dagegen nur hunderttausend. Dieser historische Besuch mit seinem 
epochemachenden Ausgange wird von den Schriftstellern und fatalistischen Phi- 
losophen viel erwfthnt. 



— 292 — 

Hii-dsung-lnen vei*stand dieöe List wohl. Aber er wußte auch, 
dalj die eigentliche Seele der Räuberbanden doch Wang-dsche sei, 
während dessen Sohn durchaus nicht die Fähigkeit besitze, jene wil- 
den Banden zusammenzuhalten und mit ihrer Hülfe dem Lande viel 
zu schaden. Auch die andern Generäle bemerkten ihm: ^Tragen 
Sie doch nur ja keine Bedenken, einen Hund gegen einen Tiger 
auszutauschen, und lassen Sie die gute Gelegenheit nicht ent- 
schlüpfen^. 

Als Bedingungen seines Besuches und seiner Unterwerfung 
unter den Gehorsam gegen den Kaiser verlangte Wang-dsche für 
sich, seinen schon verstorbenen Vater, sowie für seine Mutter, Frau, 
Kinder und Verwandten hohe Ehrentitel, ferner die Intendantur über 
den ganzen Handel mit den Fremden, sowie Freigabe desselben, wie 
in früheren Zeiten, und schließlich volle Amnestie für sich und alle 
seine Freunde. Alles wurde ihm im Namen des Kaisers zugesagt. 
Auf diese kaiserlichen Versicherungen hin entschloß sich Wang- 
dsche, seinen Gönner Hu-dsung-hien zu besuchen, und um Verzei- 
hung seiner Missetaten zu bitten. 

Um nicht als ein Bettler zu erscheinen, legte er seine prächtig- 
sten Amtskleider an und ließ sich von einem zahlreichen Gefolge 
begleiten. So zog er im elften Monate des Jahres 1557 durch <len 
Engpaß % j^ 98 Ding-hä-kuan und begab sich in das Lager des 
Hu-dsung-hien, wo dieser mit einem zahlreichen Stabe hoher Wür- 
denträger ihn erwartete. Der Besuch war höchst feierlich und 
ehrenvoll für Wang-dsche. Hu-dsung-hien ei'klärte seinem „Freunde", 
was für außerordentliche Gnaden Seine Majestät der Kaiser ihm zu 
gewähren geruht habe, unter der einzigen Bedingung, daß er nunmehr 
als ein aufrichtiger Diener des Kaisers sich bewähre und nach Kmf- 
ten beitrage, die Seeräuber zu vernichten. Man hielt ein pomphaftes 
„Freudenmahl aufrichtiger Aussöhnung" und wechselte gegenseitig 
die kostbarsten Geschenke aus. 

Schließlich sagte Hu-dsung-hien, anscheinend in wohlmeinender 
Absicht, zu Wang-dsche: „Nun gehen Sic auch noch nach Hang-dschou, 
um seiner Exzellenz, dem Provinzialgroßrichter 3E 4^ US Ifang-beti' 
Im, Ihre Aufwartung zu machen". Wang-dsche begab sich, da er 
vom Kaiser in Gnaden aufgenommen und dekoriert worden war, ganz 
arglos nach Ilang-dschou. Dort aber wurde er verräterisch fest- 
genommen, ins Gefängnis geworfen und bald als Hochverräter 
öffentlich in Hang-dschou hingerichtet. Nachdem sein Haupt abgeschla- 
gen war, atmeten die Beamten endlich einmal auf, da es jetzt 
sicher sei, daß der gefürchtete liäubergeneral nicht etwa mit Hilfe 



— 298 — 

von Zaubermitteln wieder auferstehen und sich an ihnen rächen 
könne. Man feierte einen wahren Triumph. Dies geschah ira-zwölf- 
ton Monate des Jahres 1557. 

Zur Rechtfertigung des Hu-dsung-hien müssen wir indessen 
hinzufügen, daß er dem genialen Manne das Leben ernstlich zu rot- 
ten suchte. Er hegte eine aufrichtige» Wortschätzung gegen diese 
seltenen Talente und unternahm deshalb Schritte an gehöriger Stello, 
um ihn der drohenden Hinrichtung zu entziehen, um so mehr, da ja 
auch der Kaiser ihm öffentlich Onade bewilligt hatte. 

Aber Djia-dsing und seine Minister wollten davon nichts hören, 
und Wang-ben-ku ließ ihn kurzwegs hinrichten. 

Für dieses verräterische Betragen ließen die Japaner ihre Wut 
am Großmandarine J IE Hia-dscheng aus, der als Geisel in ihrem 
Lager sich befand. Hierauf suchten sie in Eile das Weite; denn 
die Chinesen hatten bei Ning-buo zuviel Truppen zusammengezo- 
gen. Aber auf der Flucht nach Japan ereilte sie ein groß(!r Typhon, 
in welchem mehrere Schiffe, unter anderen das große des JJ ff^ 
Wang-ngaUf untergingen. 

Mehrere der Genossen des Wang-dsche waren mit ihm zugleich 
hingerichtet worden, andere wurden nach Bei-djing geschickt, um 
dort dem Kaiser gezeigt und dann hingerichtet zu werden. Die 
Frau und die jüngeren Kinder des Wang-dsche wurden als Sklaven 
an große Familien verteilt. Seine Mutter und nächsten Verwand- 
ten köpfte man. So war die ganze Familie auf einmal ausgerottet. 

Zum Lohn für seinen glücklichen Fang wurde Hu-dsung-hien 
vom Kaiser und seinen Ministem aufs höchste beglückwünscht und 
feierlich zum "ic T :^ fic Tä-dse-da-bau^ d. h. ^Lehrer des Kronprin- 
zen^ ernannt. Ebenso wurde er in das Kollegium der kaiserlichen 
Zensoren berufen; auch erhielt er ein Lehen mit tausend Bauern- 
familien, sowie das Privilegium, daß immer einer seiner Söhne Man- 
darin sein würde. Eine solche Mandarinenwürde ist in der neueren 
(leschichte Chinas etwas ganz Seltenes und wird nur für außeror- 
dentliche Dienste bewilligt. Der General Lu-tang, der Vertraute 
und treue Helfershelfer des Generalissimus, wurde auf dessen Em- 
pfehlung auch mit großen Ehrentiteln ausgezeichnet. 

Wer hätte jetzt gedacht, daß die Dinge so bald eine andere 
Wendung nehmen würden ? Wohl keiner, am wenigsten Hu-dsung- 
hien selbst, hätte geahnt, daß dieser Held des Tages schon 1561 
im Gefängnisse sterben und sein Genosse Lu-tang nur aus ganz be- 
sonderer Gnade des Kaisers, dem Henkertode entrissen, ein elen- 
des Dasein fristen mußte. Doch davon später. 



— 294 — 

o. Weiteres Treiben der Seeräuber nach dem Tode des 

Wang-dsche. 

S3 ^ Ä Hu'dsung-hien hatte dein Kaiser versichert, daß nach 
dem Tode des genialen Führers ^ g Wami-dsche die Einfälle der Ja- 
paner ein für allemal beendet sein würden. Der Kaiser und seine Mini- 
ster wünschten das auch sehr; denn der Krieg und die zahlreichen 
Truppen verschlangen unglaubliche Summen, und dazu brachten 
sämtliche Küstenprovinzen dem Schatze nichts mehr ein, ja sie wur- 
den ungeheuer verwüstet und einer großen Anzahl ihrer Einwohner 
beraubt. Die Schatzmeister des Kaisers erklärten, daß es unmög- 
lich sei, Geld für die großen bisherigen Auslagen eintreiben zu kön- 
nen. Nun war Wang-dsche freilich vernichtet, aber der Krieg dauerte 
gleichwohl mit erneuter Wut fort. Die Japaner hatten noch andere 
tüchtige Führer an der Spitze, wie "^ 5e}( Mati-He^ ^ ^ Maulau, f/f ^ 
Hü-lau und andere, welche an ihiem Glücke durchaus nicht verzwei- 
felten. Denn sie hatten todesmutige Leute, auf die sie sich verlassen 
konnten. Das sollte Hu-dsung-hien gar bald selbst erfahren. 

Dieser hatte seine besten Generäle und tapfersten Truppen 
in Ning-buo versammelt und fiel mit ITngestüm über Tschen-djiang 
her, das er mit Leichtigkeit nehmen zu können glaubte. Aber 
siehe da! Die Japaner verteidigten sich mutig und töteten eine große 
Anzahl seiner Mannschaften. 

Schließlich machte Hu-dsung-hien mit seinen Generälen einen 
Plan. Er bestimmte, daß man den Feind von fünf Punkten zugleich 
angreifen solle. 

Niemals waren die Japaner mutfger angegriflFen worden : aber 
sie schlugen sich wie Löwen und warfen zuerst alle Angriffe mit 
Erfolg zurück, indem sie viele Kaiserliche tot hinstreckten. Aber 
da immer neue Scharen Kaiserlicher nachrückten, mußten sie der 
Ubei-macht weichen. Abet ihre Führer verloren durchaus nicht den 
Kopf; sie ordneten ihre Scharen und zogen sich mit ziemlichen 
Verlusten in Ordnung auf ihre Schiffe zurück. Trotz aller Anstren- 
gung gelang es den Kaiserlichen, nur vier Schiffe der Japaner zu 
versenken; die andern zogen ruhig ihres Weges, um mehr südlich 
in Dsch^-djiang ans Land zu gehen und dort für die vorhin erlittenen 
Verluste Rache zu üben. Hu-dsung-hien hatte zwar den Sieg gewon- 
nen, aber doch sehr teuer bezahlen müssen. 

Diejenigen Japaner, welche, wie eben erwähnt, sich nacli Dsche- 
djiang gewandt hatten, waren dort auch nicht besonders glücklich. 
Hu-dsung-hien war schnell zur Abwehr da ; ja es gelang ihm sogar, 



— 296 — 

noch einige alte Freunde und treue Gehilfen des JJ J|[ Wang-dsche 
zu fangen und hinzurichten, so den PK ^ lll Tsclien-siu-schan und 
ä fi" Wang-sm, welche als tüchtige Bandenführer berühmt waren. 
'IVotz dieser errungenen Vorteile war man* in Bei-djing doch nicht 
besonders zufrieden mit Hu-dsung-hien, weil die Plünderungen und 
Verwüstungen in den Provinzen Fu-djien und Euang-dung ärger 
waren als in den vorhergehenden Jahren und die kaiserlichen Zen- 
soren mörderisch über den Generalissimus herfielen, der wohl fabel- 
hafte Summen für Kriegskosten verausgebe, aber das Land noch 
immer nicht von den Seeräubern befreie. 

Die Japaner hatten eine Unterstützung von zwanzig Schiffen 
erhalten und konnten trotz alles Eifers von Seiten des Generalissi- 
mus das Gebiet von -^ jHi iff Tä-dschou-fu ausplündern und diese 
Stadt selbst angreifen. Mit großer Anstrengung war es Hu-dsung- 
liien gelungen, sich der bedeutenden Festung der Japaner 3 g f|} 
I)fichang-kui-wn, achtzig Li südwestlich von der Unterpräfektur ^ lü 
Sinng-schan (Präfektur Ning-buo) zu bemächtigen. Er konnte also 
wieder einen schönen Sieg nach Bei-djing melden. Aber auch dies- 
mal blieb man am Hofe ob der anderen zahlreichen Plünderungen 
und Verwüstungen verstimmt. 

In der Tat ging es im Süden wieder übel her, zumal in Fu- 
djien. Zahlreiche Banden, welche immer wieder Verstärkungen 
aus Japan erhielten, plünderten und verwüsteten diese Provinz. 
Nirgends war das chinesische (Gesindel den Japanern freundlicher 
<>;osinnt als da. Um dem Volke um so größeren Schrecken ein- 
zujagen, kleideten sich die Chinesen nach Japanerart: rote Kleider 
und gelbe Turbane, während die Führer einen vergoldeten Helm 
trugen. Diese landesverräterischen Chinesen dienten den Banden 
als Führer, da sie ja alle reichen Familien und Marktflecken kannten. 
So konnten die Iläuber auch unerwartet durch Engpässe und auf 
Schleichwegen über die Flecken herfallen, sie ausplündern und ebenso 
schnell sich wieder aus dem Staube machen. Xachdem wieder drei- 
zehn Schiffe aus Japan angekommen waren, warfen die Banden 
sich sogar auf die Präfekturen i^ fll ji?p Iflng-hua-Ju und ^ jVi )^ 
Ihchang-dschou-fu, die sie ausplünderten. Ja, sie (lehnten ihie 
Raubzüge bis ins Innere und selbst nach der Provinz ^ ^ Hu-na?i 
aus, was bis dahin unerhört war. Das Geschrei und die Anklagen 
der kaiserlichen Zensoren wären für jeden anderen weniger in der 
Gunst des Kaisers festen Großmandarin gefährlich gewesen. Aber 
Hu-dsung-hien bekam doch auch scharfe Briefe. Natürlich entschul- 
digte er sich aufs beste und klagte seine rnterfeldhen*n der Nach- 



— 296 — 

lässigkeit iin, weshalb sein tüchtigster General -jftf :;fc ^ Yu-da-ffu 
wieder einmal degradiert wurde. 

Der Hauptgrund so unerhörter Erfolge der Japaner war aber 
die listige Beihülfe der eingeborenen Chinesen in Fu-djien, welche 
die Banden so gut führten, daß die Kaiserlichen sie niemals erwi- 
schen konnten. Die Japaner kamen beutebeladen mehrere Tagereisen 
aus dem Innern, fielen in einem Hafen über chinesische Schiffe her, 
erbeuteten auch diese und brachten so ihren Raub in Sicherheit; 
Männer, Frauen, Kinder, alles wurde mitgeschleppt und geborgen, 
ehe die Kaiserlichen auch nur Nachricht erhielten. Der Geschiohtschrei- 
ber bemerkt, daß die Chinesen trotz aller vertrauten Freundschaft 
mit den Japanern zwar mit diesen wacker kämpften, aber im Lager 
und bei den Mahlzeiten sich immer an ihre chinesischen Lgndsleute 
hielten und man selbige trotz ihrer japanischen Verkleidung leicht 
erkennen konnte. 

In der Provinz Kuang-dung befanden sich zu wenig Truppen 
und so konnten die zahlreichen Banden aus Fu-djien auch dahin ihre 
Einfälle ausdehnen. Der fteschichtschrciber fällt arg über die Kai- 
serlichen her und nennt sie unnützes Gesindel, das ganz kriegsun- 
tüchtig und faul sei, und nur verstehe zu rauben und zu plündern. 
Das Landvolk zeigte sich überall mutig gegen die Seeräuber; nur 
mußte es gut geführt sein und an den regulären Truppen einen 
Rückhalt haben. Allein waren sie oft mutiger als die Soldaten, 
eben weil sie ihr eigenes Hab und Gut verteidigten. 

Waren die Kriegserfolge an verschiedenen Orten und zu wie- 
derholten Malen gar so kläglich, so wußte der kluge Hu-dsung- 
hien dies durch Schmeicheleien gut zu machen. So hatte er das 
Glück, einen weißen Hirsch zu fangen. Solche erscheinen nach 
chinesischer Auffassung nur, wenn ein weiser und tugendhafter Kai- 
ser auf dem Throne sitzt. Der gute Djia-dsing war ganz erbaut 
und gerührt von diesem Geschenke und verzieh seinem Generalis- 
simus nicht nur alles Unglück, sondern zeichnete ihn noch durch 
hohe Ehren aus. 

Siehe da! bald fing Hu-dsung-hien wieder einen zweiten wei- 
ßen Hirsch und sandte ihn voll Devotion an den Kaiser. Der ganze 
Hof jubelte vor Freude : alle großen Staatsbeamten kamen, um den 
Kaiser ob seiner Tugend offiziell zu beglückwünschen; selbst die 
sechzigjährigen Greise der Provinz Dsche-li ließen sich es nicht ver- 
drießen, nach BSi-djing zu pilgern, um dem Kaiser ob seiner Weis- 
heit und hehren Tugend Glück zu wünschen. Der Kaiser fühlte 
sich verpflichtet, seinen Ahnen feierliche Opfer darzubringen und 



sie von dem an^i^hörten Glücke ihres Nachkommen in Kenntnis zu 
setzen. Auch gewährte er in übergroßer Freude allgMndne Am- 
nestie für das ganze Reich. Zahlreiche Auszeichnungen und Titel 
wurden an die großen Mandarine verschwendet. Natürlich wurde 
Ilu-dsung-hien am reichlichsten damit bedacht. 

p. Unglückliche Unternehmungen der Japaner Im Jahre 1559. 

Zu Anfang des Jahres 1559 wurden die japanischen Seeräu- 
ber von einem Sturm nach ^ ^ Tsehnng-ming verschlagen. Sie 
sahen das als eine Fügung des Himmels an und fingen an, die In- 
sel zu plündern. ^ ^ Lu-tang wurde dem bedrängten Lande zu 
Hülfe geschickt. Man kämpfte während eines ganzen Monates sehr 
wacker, aber Lu-tang wurde der Seeräuber nicht Herr. Nachdem 
aber fjj^ ^ i^ Hu-dsung-hien Verstärkungen geschickt hatte, gelang 
es den Kaiserlichen, die Japaner zurückzudrängen und ihre SchifTo 
zu verbrennen. Aber auch die Japaner bemächtigten sich schließ- 
lieh einiger chinesischer Fahrzeuge und bauten sich trotz neuer Angriffe 
der Chinesen genügend Schiffe, um mit ihrer Beute nach Norden 
über den Yangdse-djiang zu setzen. Dort fuhren sie fort zu plündern, 
ohne daß die Kaiserlichen imstande gewesen wären, sie daran zu hin- 
dern, noch weniger zu vertreiben. Zweitausend Mann verwüsteten 
das Gebiet von fn 9^ Jn-kau bis jj| j/l\ Tung-dschou. Hu-dsung-hien 
wurde ungehalten über die Unentschiedenheit der Kaiserlichen und 
tadelte seinen Feldherrn Lu-tang ziemlich scharf. Daraufhin wagte 
letzterer einen entscheidenden Kampf, wurde aber bei §m il] Lang» 
üchun, dreißig Li südostlich von Tung-dschou^ von den Japanern 
gänzlich geschlagen. 

Andere zahlreiche Banden Japaner waren wieder nach jH |fl| 
Miau-tran eingedrungen und hatten daselbst ein Zentrum und be- 
festigtes Lager errichtet. Es galt eben einen neuen Versuch, das 
Grab des Kaisers ^ ^ Hung-n m f^y^ f^ Fung-tfang-fn zu zer- 
stören, wozu die Banden von H^ jfi Tung-dschau auch helfen soll- 
ten. Wir haben schon oben gesagt, welch^ unerhörte Anstrengungen 
die Mandarine machten, das Palladium ihrer Dynastie zu retten. 
So beeilten sich jetzt auch alle, zahlreiche Truppen nach flk^ ffi 
Hm-ngan-fii zu schioken, um den Japanern den Weg zu ver- 
sperren« Auch Hu-dsung-hien schickte neue zahlreiche Verstär- 
kungen unter tüchtigen Führern. Diese schlugen endlich die Ja- 
paner und töteten ihrer mehr als achthundert Mann. Nach diesem 
empfindliehen Verluste zogen die Besiegten sich nach Miau-wan zurück. 



— 298 - 

Da sie aber auch dort hart bedrängt wurden, so hielten sie es für 
das Beste, während der Nacht sich zurückzuziehen. 

Um diese Zeit kam 7V ;/c I Ba-da-wang mit einer Anzahl 
Japaner, um das berühmte Kaisergrab zu zerstören. Aber sie wur- 
den von einem Sturme nach dem 'p fpf Hia-ho der Tiefebene zwi- 
schen Miau-wan und Tung-dschou verschlagen. Als sie hier nun 
alsogleich anfingen zi. plündern, wurden sie von den Kaiserlichen 
geschlagen; sogar Ba-da-wang verlor dabei das Leben. Hierauf ver- 
einigten sich verschiedene Banden Japaner aus Tschung-ming und 
Ju-kau mit ihnen, wurden aber aufs neue von den Kaiserlichen ge- 
schlagen, wobei sie mehr als Tausend Mann verloren. Dieser Schlag 
war so entscheidend, daß ihnen nichts übrig blieb als abzuziehen. 
So war das Grab des Gründers der Dynastie wiederum gerettet. 

Wenden wir uns jetzt wieder einmal nach der Provinz Dsche- 
djiang; dort hatten mehr als dreihundert Japaner sozusagen unter 
den Augen Hu-dsung-hiens auf dem {( ilj Siang-schan ein befe- 
stigtes Lager gebaut, und von da aus plünderten und verwüsteten sie das 
Land. Andere Banden trieben auf ji}- Jj Dschou-schan ihr wüstes 
Handwerk, trotzdem Hu-dsung-hien sich gerühmt hatte, endlich ein- 
mal Meister dieser Inselgruppe geworden zu sein. Vom vierten bis 
achten Monate hielten sich die Japaner in Dsche-djiang. Schließlich 
zogen sie sich, nachdem sie ihre Beute in Sicherheit gebracht hatten, 
zurück; denn die Kaiserlichen wurden ihnen durch steten Nach- 
zug doch zu zahlreich. In den Provinzen Fu-djien und Kuang-dung 
plünderten auch zahlreiche Banden, welche aber zumeist aus Chi- 
nesen und Malayen bestanden. Als diejenigen von Fu-djien einen 
Abstecher nach Dsche-djiang machen wollten, wurden sie zurück- 
geworfen und beeilten sich, nach Fu-djien zurückzukehren, wo sie 
weniger mit den Kaiserlichen zusammen kamen. Immerhin aber 
hatten sie reiche Beute gemacht. 

Die Einfälle dauerten also von Kuang-dung bis nach Schän- 
dung in allen Küstenprovinzen fort, wie in den schlimmsten Tagen 
^1^^ 9: S U ang-dsche. Die kaiserlichen Zensoren griffen Hu-dsung- 
hien aufs schärfste an: er sei nachlässig in seinem Amte, habe 
er doch selbst vorhergesagt, daß nach dem Tode des großen Ban- 
denführers f^ ^ Sü-hä und Wang-dsche die Einfälle von selbst ver- 
schwinden würden; und nun habe er mehr als hunderttausend Mann 
kaiserlicher Truppen unter seinem Befehe, olme daß er im stände 
sei, das Land gegen Einfälle zu sichern. Solche Saumseligkeit be- 
weise auch seine Unfähigkeit, das Amt weiter führen zu können; 
vielleicht liege selbst Verräterei vor und geheimes Einverständnis 



— 299 — 

mit den Japanern. Der große Herr wolle sein hohes Amt möglichst 
lange besitzen, um sich in Verbindung mit den Japanern zu einem 
entscheidenden Schlage gegen das Reich gut vorzubereiten. Darum 
sei es nicht mehr wie recht, daß er zur Strafe geköpft werde. Und 
in der Tat, hätte der Generalissimus nicht in so hohem Orade die 
Gunst des Kaisers besessen, so würde sein Kopf^ wolil schon in 
jenem Jahre 1559 gefallen sein. 

q. Siege Hu-dsung-hiens über die Japaner im Jahre 1560. 

Da in Dsche-djing und anderswo zuviel kaiserliche Truppen 
standen, warfen sich die Seeräuber im Jahre 1560 zumeist auf die 
Provinzen Fu-djien und Kuang-dung. Schon gleich zu Anfang des 
Jahres brachen mehr als tausend Japaner in Fu-djien ein; durch 
einheimisches chinesisches Gesindel wurden sie bald so sehr ver- 
stärkt, daß sie mehrere Städte nehmen und ausplündern konnten, 
ohne daß die Kaiserlichen in dieser Provinz etwas gegen sie zu 
unternehmen wagten. Sie machten also reiche Beute und luden 
noch andere Genossen ein, in diese Provinz zu kommen. 

Allmählich aber vermehrte Hu-dsung hion die Truppen, so 
daß sie weit in der l'berzahl waren, die Japaner anzugreifen wag- 
ten und was mehr ist, in mehreren Kämpfen schlugen. Die See- 
räuber zogen sich mit Beute reich beladen auf ihre Schiffe zurück, 
um heimzukehren. Aber siehe da! Die Flotte des Genralissimus 
setzte ihnen arg zu: zwanzig Schiffe der Japaner wurden verbrannt 
oder versenkt, an die dreitausend Japaner wurden getötet und drei 
berühmte chinesische und ein japanischer Bandenführer gefangen 
genommen. Es war ein entscheidender Sieg, der Hu-dsung-hien b(»i 
den kaiserlichen Zensoren wieder zu Ehren brachte. 

Die Banden, welche in Kuang-dung einfielen, waren von den 
Kaiserlichen und den zahlreichen Landleuten, welche sich diesen 
anschlössen, ziemlicji unwirsch empfangen worden und hatten wenig 
Beute machen können: selbst eine Anzahl ihrer Mannschaften hat- 
ten sie in den wiederholten Kämpfen verloren. Sie beschlossen 
also, sich nach Fu-djien zurückzuziehen, wo gewöhnlich die Räu- 
bergeschäfte besser glückten. Es ging ihnen aber übel. Die sieg- 
reichen Kaiserlichen fielen mit Ungestüm über sie her und schlugen 
sie in fast allen Treffen. 

Die Japaner waren ganz betroffen von diesen wiederholten 
Schlappen und glaubten, die Götter zürnten ihnen. Daher brach- 
ten sie feierliche Opfer dar, flehentlich um Sieg bittend, auf daß 
sie den Tod so vieler Kameraden rächen könnten. Aber trotz d(»r 



— 300 — 

Glücksorakel ihrer Wahrsager, und trotz aller Opfer wurden sie 
aufs neue geschlagen. Während sie so immer mehr an Mut ver- 
loren, wurden die Kaiserlichen um so begeisterter und verfolgten 
ihre Sieger immer weiter. Sie töteten noch tausend Japaner und 
zwangen die andern, sich zurückzuziehen. 

Dieses Jahr war für Hu-dsung-hien also glänzender als die 
vorhergegangenen. Er wurde zum Lohne für seine Verdienste zum 
Präsidenten des Kriegsministeriums ernannt und erhielt somit alle 
Autorität über die gesamten Streitkräfte des Reiches. Ebenso 
bekam er freie Hand in allen Zivil- und Militärangelegenheiten der 
Küstenprovinzen, wo er an Stelle des Kaisers alles endgültig regeln 
konnte. Auch noch andere Auszeichnungen erhielt er. Der schon 
so alte Kanzler JH ^ Yen-sung wollte eben eine feste, unerschütter- 
liche Stütze an Uu-dsung-hien haben; deshalb besorgte er ihm diese 
große Auszeichnungen beim Kaiser. Denn Djia-dsing bekümmerte 
sich wenig um die Regierung des Staates; er unterzeichnete, was 
sein Kanzler ihm vorlegte. Sein Herz war ganz dem Dauismus 
und dessen Torheiten ergeben. Er war fest überzeugt, dali die 
Dauisten das Geheimnis besäßen, Unsterblichkeitspillen zu machen; 
nichts konnte ihn davon abbringen, selbst nicht der Tod der be- 
rühmtesten Meister in jener vergeblichen Kunst. Selbst die gelehr- 
testen Konfuzianer mühten sich vergeblich ab, den Kaiser von 
jenen Torheiten abzubringen. Statt die einheimische Litteratur gut 
zu studieren, vertiefte sich der Kaiser in die Zauberbücher der Dau- 
isten. Er schrieb an die Mandarine des Reiches, Nachforschungen 
über solche Zauberbücher anzustellen und ihm solche zuzusenden. 
Da diese Herrn ihm zu wenig Kifer zu bezeigen schienen, wählte 
er einige Vertraute aus, die er in die Provinzen schickte mit dem 
Auftrage, alle alten Bücher über Zauberformeln, Magie, Wahrsage- 
rei, Astrologie u. s. w. zu sammeln und ihm zuzuschicken. Für 
Yen-sung war diese abergläubische Manier des Kaisers Wasser auf 
der Mühle. Denn so hatte er selbst freie Hand und konnte nach 
eigenen Konzepten regieren. 

r. Neue Erfolge des Hu-dsung-hien im Jahre 1561. Yen-sung 

und Hu-dsung-hien fallen in Ungnade. 

Ende des Jahres 1560 war in der Provinz f£ "g Djiang-i^i 
eine Empörung ausgebrochen^ die sich immer mehr ausdehnte und 
anfangs 1561 so groß war, daß nur ein Mann wie Hu-dsung-hien 
für fähig gehalten wurde, sie zu bewältigen. Der Generalissimus 
beeilte sich^ mehrere seiner besten Generäle mit auserlesenen Truppen 



— 301 — 

Yorauszuschicken ; er selbst folgte! mit zahlreichen VerstÄrkungen. 
Als er in der Provinz ankam, war die Empömng niedorgenchlagen, 
Friede und Ordnung in der Provinz wieder hergestellt. Er konnte 
somit nur Erfolge und Triumphe nach Bei-djing berichten. Der 
Kaiser war überglücklich über diesen schnellen Sieg: fast hatte er 
keine Ehrentitel mehr, um seinen Günstling zu belohnen. 

Auch in den Küstenprovinzen trugen die Truppen des Hu- 
dsung-hien neue Erfolge davon. Im Laufe der Zeit hatten sie in 
den zahlreichen Kämpfen mit den Japanern nämlich etwas von 
deren Kniffen gelernt, und so gelang es ihnen zuweilen, ihre Pläne 
zu vereiteln. Auch hatten die Japaner allmählich ihre großen ein- 
flußreichen Bandenführer verloren, welche einheitlich und klug zu 
Werke gingen. Jetzt aber zogen die Bandenführer auf eigene 
Faust hinaus, ohne sich um die anderen Banden zu kümmern. Die 
Kaiserlichen wurden natürlich mit solchen vereinzelten Banden 
hMchter fertig als mit gut geleiteten großen Haufen, zumal sie einige 
Kanonen besaßen, welche selbst den mutigsten Japaner einen 
großen Hchrecken einjagten. Auch die Flotte des Generalissimus 
hatte sich vermehrt und gut ausgebildet: sie hielt öfters mit meister- 
hafter Taktik die Japaner ab und verfolgte sie auf offener See und 
versenkte oder verbrannte deren Schiffe. 

Auch das so ausgebildete Spionagensystem hatten die Kaiser- 
lichen den Japanern abgelernt. Jeder Spion, welcher zum Fangen 
oder Besiegen der Japaner beigetragen, wurde von Hu-dsung-hien 
ebenso reichlich belohnt, wie der Führer, welcher den Sieg davon- 
getragen. Somit hatten die Kaiserlichen zahlreiche und gute 
Spione, ja schließlich bessere als die Japaner. 

Mehr als zweitausend entschlossene Japaner waren wieder in 
Dsche-djiang eingebrochen und plünderten mit wahrer Wut die Ge- 
biete von Ning-buo, Tä-dschou, und Win-dschou. Aber es gelang 
den Kaiserlichen, mehr als die Hälfte derselben zu töten und meh- 
rere ihrer besten Führer zu fangen. Hu-dsung-hien beeilte sich, 
dieselben als neue Trophäen uuch Bei-djing zu schicken. Ebenso- 
wenig richteten die Banden in Fu-djien aus. Die verruchtesten und 
kühnsten chinesischen Führer, welche die Seeräuber immer beglei- 
teten und auf Abwegen unbehelligt durchbmchten, waren dem Ge- 
neralissimus namhaft gemacht worden. Dieser setzte eine unge- 
heure Sunune auf die Köpfe dieser Verräter und hatte schließlich 
auch die Freude, ihrer habhaft zu werden. So war es den Japa- 
nern bedeutend schwieriger, ihrem Herzenswunsche entsprechend 
weitere Einfälle zu machen. 



— 302 — 

In der Hauptstadt war um diese Zeit der Sturm gegen den 
altgjn Kanzler und seine Sippe losgebrochen; auch Hu-dsung-hicn 
war darin verwickelt. 1561 war der kaiserliche Palast abgebrannt 
und ^ ^ Yeyi-sumj hatte dem Kaiser gernten, seine Wohnung im 
südlichen Paläste zu nehmen, wo ehemals der Kaiser 3^ /^ Tien- 
.^chuin (1457 — 1464) gewohnt hatte, weil es gar zu lange dauern 
würde, den verbrannten Palast wieder herzustellen. Aber siehe da! 
Der Minister |jt PB Sn-djä fand Mittel, den Palast aufs schleunigste 
und schönste wieder herzustellen zur größten Freude des Kaisers, 
in dessen Gunst er somit gewaltig stieg, während Yen-sung in dem- 
selben Verhältnisse sank. Als nun bei dieser Gelegenheit ein 
Dau-sche, der ob seiner Unsterblichkeitsmedizinen "beim Kaiser in 
großer Gunst stand, über Yen-sung klagte, bemerkte Djia-dsing, er 
werde denselben bald entlassen. Ein Groß-Eunuche hatte dies ver- 
schiedenen hohen Herren mitgeteilt. Alsbald regnete es eine wahre 
Flut von Anklagen gegen Yen-sung, da man nichts mehr von ihm 
zu fürchten hatte. Hauptsächlich waren es zehn schwere Verbre- 
clien, deren er angeklagt wurde. Auch wurde ihm das unwürdige 
Treiben seines Sohnes ^ |^ Sche-fan zur Last gelegt. 

Im fünften Monate 1561 wurde er in Anbetracht seines ho- 
hen Alters abgesetzt; er war nämlich schon vierundachtzig Jahre 
alt; statt seiner wurde sein ungeratener Sohn in die Verbannung 
geschickt.*) Nur ein Enkel wurde dem Greise zum Dienste und 
Tröste gejassen. 

Djia-dsing wurde durch die gemachte bittere Erfahrung der- 
maßen erschüttert und außer Fassung gebracht, daß er dem Throne 
entsagen und sich ins Privatleben zurückziehen wollte. Während 
zwanzig langer Jahre hatte er mit Yen-sung auf vertrautem Fuße, 
ja sogar in enger Freundschaft gelebt, und nun mußte er erfahren, 
daß dieser sein Vertrauen so arg mißbraucht hatte. So verlor er 
alles Vertrauern in die Menschen. Doch wissen war aus früheren Vor- 
kommnissen, daß Djia-dsing sich von den augenblicklichen Eindrük- 
ken allzusehr überwältigen ließ. So auch diesmal. Schon ehe 
er sein Vorhalx^n ausführte, reute es ihn, und die Lust am Regiir- 
ren und an dem genußreichen Leben in dieser Welt wurde wieder 
so lebhaft, daß tu* hätte ewig leben mögen. 

Nachdem Yen-sung gefallen war, wollte man auch seinem in- 
timsten Freund und Schützling Hu-dsung-hien stürzen. In dieser 

'^ Duell hatte niaii die Rücksicht, daß 8che-fnn bei seinem Ynter in der 
lleimatprovinz Djiaiig-si sich aufhalten durfte. Leider beschwor er 15B5 durch 
sein fortgesetztes anstößiges Treiben, wie wir später erzälilcn werden, großes 
Unglück über sicli und seine Familie herab. 



— 303 — 

Äbsiclit reichte der kaiserliehe Oroli-Zensor JJ Wa7ig eine Kla^e 
ein, worin er ihn auch zehn großer A^erbrechen beschuldigte. 

Wirklich befremdend ist es, daß der Kaiser nach so traurigen 
Erfahrungen mit seinem treulosen Kanzler es versuchte, Hu-dsung- 
hien zu verteidigen. Nicht ohne Erbitterung sagte er zu den An- 
klägern: ^Ich kenne den Hu-dsung-hien doch schon acht bis neun 
Jahre und habe seinen Eifer und seine Geschicklichkeit im Dienste 
des Staates bewundert; auch hat vorhin niemand ihn je ange- 
klagt, niemand sich über ihn beschwert. Ihr, seine heutigen An- 
kläger, seid nur eifersüchtig gegen ihn und seine hohen Verdiensten; 
denn wer hat größeres geleistet, um Ruhe und Frieden wieder her- 
zustellen, als dieser Mann?^ 

Für diesmal schwiegen die hohen Ankläger, um nicht vom Zorne 
des Kaisers vernichtet zu werden: kannten sie ja ihren Herrn gut genug. 

Dann sprach er zu Hu-dsung-hien gewandt freundlich: .,Gehen 
Sie heim, bis dieser Sturm sich gelegt hat und diese hohen Herrn 
ein wenig versöhnt sind*'. 

Einige Zeit darauf war das Geburtsfest des Kaisers, wobei 
jeder Mandarin die schönsten (ileschenke darbingen mußte, um seine 
Verehrung und Liebe zu bezeugen. Die Geschenke des Hu-dsung- 
hien übertrafen die aller andern an Zahl und Kostbarkeit. Beson- 

« 

ders gerührt war Djia-dsing von dem kostbaren Geschenke höchst 
seltener iledizinkräuter, ^welche nur zur Zeit eines tugendhaften 
Kaisers aus besonderer Gnade des Himmels wachsen". 

Jedermann sah, daß Hu-dsung-hien fester als je in der Gnade 
des Kaisers stand, so daß seine Ankläger um ihren Kopf fürchten 
iimßten. Jetzt nahm sich der erwähnte Groß-Zensor fj Wan(/ ein 
H(M*z und übergab dem Kaiser einen vertraulichen alten Brief, von 
Hu-dsung-hien eigenhändig geschrieben, worin (fieser seinem Un- 
mut gegen Djiii-dsing und seinen unerträglichen Launen Luft machte. 
Ganz entrüstet über diese Charakterlosigkeit seines Günstlings be- 
fahl Djia-dsing, denselben sofort ins Gefängnis zu werfen und sei- 
nen Prozeß eirizideiten. Aber auch der Zensor Wang, der nach 
des Kaisers Auffassung die Unverschämtheit gehabt, ihm einen «ler- 
artigen Brief zu überreichen, mußte seine Pflichterfüllung mit Ker- 
kerhaft büßen. 

Hu-dsung-hien, infolge dieses harten Schlages geistig und leiblich 
gebrochen, wurde so krank, daß er noch vor dem Endurt(^ile starb. 
.,I)er Himmel selbst hat ihn gerichtet und verdammt^, sagten seine 
Feinde triumphierend. Hierauf wurde der Groß-Zensor Wang wieder 
aus dem Gefängnisse entlassen. 



— 804 — 

Wer denkt bei Ei*zähluiig de» traginolieii Schicksaleä unseres 
Hu-dsung-^hien nicht an Peter de Veneis, den augendienerischen 
Minister des Hohenstaufenkaisers Friedrich IL Leider gibt^s noch 
immer unzählige Menschen auf Erden, die solche und ähnliche 
traurige Beispiele aus der G^eschichte nicht zur Lehi*e nehmen wol- 
len. Allzuerst yerstehen es grade die unwürdigsten Menschen, sich 
das Vertrauen hoher Herrachaften zu erschmeicheln, um dasselbe 
nachher auf die charakterloseste Weise zu mißbrauchen. Und trotz- 
dem gibt's noch immer Leute, die sich solchen Schmeichlern blindlings 
vertrauen. Die Welt will eben betrogen werden. Um gerecht zu 
sein, müssen wir gestehen, daß Hu-dsung-hien trotz mancher ver- 
werflicher Tat doch viele und große Verdienste um Kaiser und 
Ueich hatte. Darum wurde ihm denn auch von 3)[ }§^ Wan-li 
(1572 — 1620) die verdiente Ehrenrettung zuteil. 

s. Die Einfälle der Japaner in den letzten Jahren der Regierung 
des Kaisers Djia-dsing (1562—1565); Hinrichtung des Sche-fan. 

Es ist wirklich erstaunlich, daß die Japaner trotz mancher 
unangenehmen Erfahrungen doch noch immer fortfuhren, Chinas Süd- 
Provinzen auszuplündern. Freilich trugen einzelne größere Banden 
unter geschickten Führern noch leidliche Erfolge davon; aber ihr 
WaflFenglück von ehedem war doch dahin. JSo sprechen die chinesi- 
sbhen Geschichtschreiber mit Erbitterung von den Erfolgen der japani- 
schen Banden in Fu-djien im Jahre 1562. Unversehens waren sie 
über die Festung ^ jff ^ Ping-hä-wH^ neunzig Li osthch von der 
Präfektur J| ^|1J|^ Hing-hua-fu^ hergefallen und hatten die Kaiser- 
lichen vertrieben, um sich daselbst festzusetzen. Bald darauf belager- 
ten sie die Präfektur selbst und einstürmten sie schließlich. Alles 
wurde verwüstet, verbrannt oder niedergeschlagen. Als die Kaiser- 
lichen ankamen, zogen sich die Japaner zunächst in ihre Festung 
zurück; aber als jene immer mehr Verstärkungen erhielten, zogen 
sie sich mit der ungeheuren Beute aufs Meer zurück und kehrten 
heim.*) 

Andere Banden von Japanern in Dsche-djiang und im Norden 
des Yang-dse-djiang waren schneller unterlegen und von den Kaiser- 
lichen vertrieben worden, eben weil sie zu wenig zahlreich waren 
und sich nicht gegenseitig unterstützten. 

Auch in der Provinz Kuang-dung kam es zu Kämpfen zwischen 
den Kaiserlichen und den aus Japanern und Chinesen bestehenden 

*) Um ihrer Herr sii werden, hatte man sohließUoh den tüchtigsten Ocneral, 
nämlich YU-da-yn, gegen sie Bohicken rnUssen. 



— aos — 

Räuberbanden. Als orstcro ^(3nug gc^plündort hatten, zogen sie mit 
der Beute heim, worauf die Kaiserlichen mit den cinheimifichen 
Räubern bald fertig wurden. Infolge dieser Niederlagen wurden 
b(5sonders die großen Einfälle von mehreren Tausend Mann immer 
seltener, zumal auch, weil es an tüchtigen Führern fehlte. 

Im Jahre 1565 kreuzte eine Flotte von siebzig japanischen 
Schiflfen außerhalb des Yang-dse-djiang. Die kaiserliche Flotte hielt 
sich in respektvoller Entfernung. Aber siehe da! eben kommt die 
chinesische Fischerflotte von ihrer Fahrt ' zurück. Da sie sich mit 
den Kaiserhchen verband und beide zusammen Miene machten, auf die 
Japaner loszugehen, hielten letztere es für geraten, sich zurückzuziehen. 

Damals als diese große japanische Flotte am Ausflusse des 
Yang-dse-djiang erschien, sprach man, ob mit Recht oder Unrecht, 
ist nicht nachweisbar, der berüchtigte flfc ^ Sclie-fan^ Sohn des Yen- 
sung, stehe mit dem Japanern in Verbindung und habe sie zu einem 
großen Einfalle in Djiang-si eingeladen, um sich mit seinen Freun- 
den zu ihnen zu schlagen und am Vaterlande Rache zu nehmen. 
Infolge^ dieses Verdachtes wurde er zwar zum Tode verurteilt, aber 
das ist noch kein tatkräftiger Beweis, daß er wirklich jenes Verbrechen 
am Vaterlande vtirübt habe; weiß man ja, daß die Richter in solchen 
Fällen meistens ganz im Sinne des Kaisers aburteilten. Sche-fan 
wurde also im dritteln Monate des Jahres 1565 enthauptet. Das 
ganze ungi^heure Vermögen der Familie wurde eingezogen und 
diese selbst in die unterste» Volksklasse versetzt. Der alte Yen- 
sung lebte noch bis ins Jahr 1567, wo ihn der Tod von den Leiden 
dieser Welt befreite. 



10. Tod des Kaisers Djia-dsing. Sein Sohn Lung*tching 

(1567— 1572). 

Zu Ende seiner Lebenstage wurde Djia-dsing wieder einmal 
von dem bekannten Ngan-da iieimgesucht. Durch große und kost- 
bare Geschenke bewog er diesen Quälgeist und seine Mongolenhor- 
den, heimzukehren, ohne größeres Unglück über das arme China zu 
bringen (1567). 

Im vierten Monate dieses Jahi^s fand eine Sonnenfinsternis 
statt, aus der man, wie gewöhnlich, großes Unglück prophezeite. 
Und in der Tat kam im sechsten Monate auch eine große Trocken- 
heit über das Land, welche der Ernte sehr schadete und eine teilweise 
lIung(?rsnot zur Folge hatte. 

Japans 13e;siehuugeu zu Chiua. '.^U 



— 306 — 

Aber wie nun einmal dan Sprichwort sa^, ^ein Unglück kommt 
nie allein*', wurde Djia-dsing im elften Monate krank, und starb 
trotz aller Unsterblichkeitspillen im zwölften Monate, kaum sechzig 
Jahre alt. Leider war sein Sohn und Nachfolger m j^ Lmig-tching 
nicht tüchtiger als der Vater. Er war bei seinem Regierungs- 
antritte neunundzwanzig Jahre alt und regierte nur sechs Jahre 
(1567—1572). 

Die Japaner benutzten diese Zeit, um wieder einmal einen 
furchtbaren Einfall in die Provinz Euang-dung zu machen. Sie 
kamen so zahlreich und so unvermutet an, daß sie sich in Bälde 
aller Festungen und befestigten Lager längs der Meeresküste be- 
mächtigen konnten. Einmal Herren dieser Stützpunkte und siche- 
ren Zufluchtsorte, dehnten sie ihre Plünderungen und Verheerungen 
immer weiter aus. • Drei Präfekturen mit sieben Unterpräfekturen 
wurden gänzlich geplündert und ausgeraubt, ein großer Teil der 
Einwohner wurde in Gefangenschaft geschleppt, ein anderer Teil 
wurde niedergemetzelt. Die wenigen kaiserlichen Truppen hatten 
nicht gewagt, sich mit diesen wilden Horden zu messen. Kaum 
jemals hatten die Seeräuber ärger gehaust. Ermuntert durch ihre 
großen Erfolge setzten sie ihre Einfälle auch unter dem folgenden 
Kaiser Wan-li fort. 



II. Die Einfalle unter dem Kaiser |S M Wan-li 

(1573 - 1620). 

Im Jahre 1574 fielen einige Banden in Dsche-djiang ein und 
plünderten «^ ff( Tä-dscJiou und Jg JH Win-dschou, andere drangen 
in Kuang-dung ein, wo sie 1575 besonders in der Präfektur jg jVi 
J(f Kau-dschon-fu ihr Unwesen trieben.*) 

Das Jahr 1588 bringt uns den letzten, großen Einfall der 
Japaner in China. Man erzählte sich überall in China, daß nicht 
nur japanische Banden, sondern der japanische Kaiser in Person an 
der Spitze seiner zahlreichen, sieggewohnten Armeen baldigst in 
China einfallen würde, um dieses Reich zu erobern.**) Auf Befehl 

*) In diese Zeit fSllt auch die Gefangennahme und Einkerkerung den 
spanischen Gesandten Mendoza. Nur auf die wiederholten und ernsten Vorstel- 
lungen der Portugiesen wurde derselbe 1580 entlassen. Ebenso erlaubten die 
Mandarine nur mit Rücksicht auf Portugal dem gelehrten Jesuiten Matthaeus 
Ricci 1583 ins Innere von der Provinz Kuang-dnng zu kommen. 

**) Dieses Gerücht war nicht aus der Luft gegriffen, (cf. infni p. 348 sqq). Wie 
wi; sehen werden, wollte Hideyoshi, nachdem er im Jahre 1586 Herr von Japan 



— 307 — 

des Kaisern setzte man die Festungen und Häfen in guten Stand 
und übte die Truppen ein. 

So kam es, daß 1588 japanische Seeräuber, als sie versuchten, 
Dsche-djiang zu überfallen, mit vielen Verlusten zurückgeschlagen 
wurden. In der Provinz Kuang-dung hatten ]^7^^ Leang-ben-hau 
und ß|[ 9 Tschen-schui, zwei chinesische Banditenführer, große Schaa- 
ren von Seeräubern um sich gesammelt, um mit ihrer und der Ja- 
paner Hilfe die Gegend auszurauben. Aber der Statthalter fiel 
mit seiner Armee über sie her und tötete ihrer ungefähr 1600 
Mann. Auch die kaiserliche Flotte war glücklich in ihrem Kampfe 
gegen die Räuber, von denen sie mehr als hundert Schiffe ver- 
senkte. Leang-ben-hau selbst war unter den Getöteten. Tschen- 
schui war gefangen worden. Kaum jemals hatten die Chinesen so 
glorreich gegen die Japaner gekämpft: sowohl zu Wasser als zu 
Lande waren sie entschieden Sieger. Ohne Zweifel hatten die Por- 
tugiesen mit ihren Kanonen und großen Kriegserfahrung bedeutenden 
Anteil an diesen entscheidenden Siegen, aber wie gewöhnlich sa- 
gen die chinesischen Geschichtschreiber nichts davon. 

Der Kaiser Wan-h war so erfreut, daß er ein großes Opfer 
zu Ehren des Himmels darbrachte, seine Ahnen offiziell von diesem 
Siege benachrichtigte und auch ihnen feierliche Opfer darbrachte. 
Wie es in solchen Fällen geschieht, brachte man im ganzen Reiche 
solche Opfer dar und schickte Dankadressen an den Kaiser, um ihm 
für seine hehre Tugend zu danken, welche einzig und allein den 
Himmel bewogen, dem geliebten Vaterlande solche entscheidende 
Siege zu gewähren. 

a. Nobunaga stellt in Japan die Ordnung wieder her. 

Oben haben wir gesehen, daß Yoshitcru, der vierzehnte Shogun 
aus dem Hause Ashikaga, im Jahre 1565, kaum dreißig Jahre alt, 
verbrannt wurde. Sein Bruder ^ ^ Yoshia/ci war Bonze und Vor- 
steher des Tempels Ichijo in Nara. Als dieser den Tod seines 
Bruders Yoshitcru erfuhr, entfloh er aus dem Tempel und suchte 
das glorreiche Erbe des Shogunats, das schon seit Jahrhunderten in 
der Familie war, zu erhalten. Er wandte sich an den mächtigen 

^rewordcii, in Korea und von da au» in China einfallen. Nach allem, was wir 
gesehen, wäre nichts leichter gewesen als das. Hideyoshi war ein großer sieg- 
gewohnter General und hatte eine auserlesene Armee zur Verfügung. Er war 
aus Kiushiu geb&rtig und betroifs der Zustände in China durchaus auf dem lau- 
fenden. Auch seine Genossen sehnten sich sehr nach der beabsichtigten Expe- 
dition nach China. Doch mußte Hideyoshi seinen Plan Andern zum Glucke Chinas« 

20» 



— 308 — 

Daiinyo Sasaki Yoshikata in Omi (Provinz "^ |lj ^ Tosundo — Ge- 
gend östlich der Berge) und später an Nobunaga, welch letzterer 
entschlossen war, den Daimyo Miyoshi Yoshitsuga, den Mörder d(»s 
Yoshiteru, zu bekriegen und wenn möglich zu vernichten. Da Yo- 
shikata sich nicht entschließen konnte, mitzutun, wurde er von No- 
bunaga kurzweg seiner Besitzungen beraubt. Der gloreiche Sieger 
aller Feinde, Nobunaga, führte 1568 Yoshiaki nach Kyoto und erwarb 
ihm den Titel eines öhogun. Im folgenden Jahre baute ihm No- 
bunaga anstatt des alten verbrannten Palastes einen prachtvollen 
neuen und vertraute dessen Schutz dem tüchtigen Hideyoshi. Es 
war also augenscheinlich, daß Nobunaga der eigentliche Herr von 
Japan war. 

jg ^ Nobunaga, im Jahre 1583 geboren, war der Sohn der 
kleinen Daimyo-Familie j^ H Oda in üwari.*) Der schlanke Wuchs, 
das empfindsame und empfängliche Naturell machten Nobunaga zum 
Musterbild und Uriypus eines ersten Japaners. Sein kriegerischer 
Geist wurde noch mehr angespornt durch einen grenzenlosen Ehr- 
geiz; sein Mut kannte keine Furcht und schreckte vor keiner Schwie- 
rigkeit oder Gefahr zurück. In seinen Urteilen war er entschieden 
und selbstbewußt. Durch sein großes Feldherrn- und Diplomaten- 
talent wurde Nobunaga innerhalb weniger Jahre der mächtigste Dai- 
myo von Japan, ja der eigentliche Herr des Landes, obwolü Yoshiaki 
den Titel des Shogun trug. Im Jahre 1571 räumte er schließlich mit den 
Bonzen des Gebirges Ilici-zan nordöstlich von Kyoto auf; wie man 
behauptet, befanden sich dort damals bis an dreitausend Bonzereien. 
In den so langen Bürgerkriegen und unruhigen Zeiten hatten die 
Bonzen zu ihrer Verteidigung f^ in Sohei, d. h. Bonzensoldaten au- 
gestellt, sei es daß Bonzen das Kriegshandwerk erlernten, sei es 
daß geschulte Soldaten Bonzen wurden. Weil nun die Bürgerkriege 
so lange dauerten und viele Schutzsoldaten nötig machten, griffen 
schheßlich die Bonzen selbst auch zu den Waffen und beteiligten 
sich an den Kämpfen. Sie verbanden sich mit dem mächtigen 
Daimyo Asakura in Echizen, um zusammen den Nobunaga zu be- 
kriegen und zu vernichten. Doch nicht er, sondern sie kamen um. 

Als am neunundzwanzigsten September 1571 Nobunaga über 
die ihm bis in den Grund der Seele verhaßten Bonzen herfiel, 
schickten der Mikado Oginiachi (1558 — 1586) und der Shogun Yoshiaki 

*) Die Fnmilie Oda besaß ilamals freilich nur ein kleines Lehen, gehörte 
aber zum höchsten Adel, d. h. den Z[i Taira^ welche vom Mikado Kwanimu (782 — 
805) abstammten. Die Taira waren die Nebenbuhler derMinanioto und wurden von 
den letztem in der ho botühmten Seeschlacht Dan-no-ura 1185 besiegt. Die Re- 
sidenz war in |Ij jült jH^ OifUj östlich von Kyoto. 



— 309 — 

(1569 — 1573) Höflinge zu ihm, um ihn zu besänftigen. Die Bonzen 
selbst boten ihm fabelhafte Summen Geldes an, wenn er sie ver- 
schone; doch nichts konnte seine Wut besänftigen. Mehr als drei- 
tausend Bonzen mit ihren Kebsweibern und Kindern wurden nie- 
dergehauen, die Bonzercien verbrannt, die ungeheuren Besitzungen 
Akechi Mitsuhide übergeben. Elf Jahre lang wütete er so gegen 
die Bonzen. Infolgedessen ging der Buddhismus in Japan sehr 
zurück, trotzdem Jeyasu und seine Nachfolger ihn wieder aufzu- 
ricliten versuchten. 

Nobunaga vernichtete auch die ihm feindlichen Daimyo Asa- 
kura und bemächtigte sich ihrer Besitzungen. Dann fiel er über 
die Bonzen von Hici-zan her und verbrannte alle Bonzereien, be- 
freite somit die Hauptstadt Kyoto von der lästigen Plage dieser 
Raubritter. Bisher hatte kein Shogun gewagt, Hand an sie zu le- 
gen. Yoshiaki (1569 — 1573) war ein schwacher Mensch, dabei aber 
doch von sich selbst eingenommen. Er wollte selbständig regie- 
ren, beging aber, wie vorauszusehen war, Torheiten. Als Nobu- 
naga ihn auf seine Fehler aufmerksam machte, verdroß ihn das 
gar sehr; zumal da er noch von seinen Schmeichlern Asai und 
Asakura aufgehetzt wurde. Er wollte sich also seines übermächti- 
gen Vormundes entledigen, bediente sich aber so törichter Mittel, 
dali ihm schließlich nichts übrig blieb, als zu fliehen. Nobunaga 
setzte ihn ab; er lebte noch, freilich ganz vergessen, bis 1597. 

Nobunaga führte neue und glückliche Kriege. Von seinen 
tüchtigen Generälen Hideyoshi und Jeyasu*) unterstützt, unterwarf er 
sich den größten Teil von Japan, indem er mit einer großen An- 
zahl Daimyo aufräumte 1576. 

Aber trotzdem wurde er nicht Shogun, weil er nicht von der 
Familie ^ Minamoto abstammte. Er mußte sich mit dem Titel 
IJI ^ Kwampaku — „Hausmeier^ begnügen, welche Würde für die 
hüchadelige Familie der Fujiwara im Jahre 886 geschaffen worden 
war. In der Geschichte heißt Nobunaga immer der :^ ft :ÄC A 
Duijo - Daijin, d. h. ;,der große Minister*'. Sein offiziell ihm 1576 

'^) Dio Japaner chnrakterisioroii die drei großen Männer jener Obergniigs- 
periodc durch ein hUbaches Bild. 

Nobunaga, der ungeduldige, aufbrausende, junge Held ruft aus: Wenn 
die Nachtigall nicht Ringen will, töte sie Hofort. 

HidoyoHhi, durch Erfahrung und Alter ein schon mehr gedämpfter 
Krieger ruft ans: Will die Nachtigall nicht singen, so mache es derart, daß sie 
singt. 

Jeyasu, der Fuchs ruft: Will die Nachtigall nicht singen, so werde ich 
warten, bis sie singt. Stuchan p. 297. 



— 310 — 

vom Mikado erteilter Titel ist ^ ;^ g Naidaijin d. h. ;, Vorsit- 
zender des Kronrates''. 

Nobunaga wollte nicht nur geordnete Zustände wieder her- 
stellen, sondern auch in Zukunft Friede und Ruho im Lande ge- 
sichert sehen. Er veröffentlichte also eine gute Anzahl von Geset- 
zen, welche so verwirrte Zustande für immer unmöglich machten 
und den Frieden sicherten. Dieselben galten für alle Provinzen; 
Willkür und wetterwendische Eigenmächtigkeit waren abgeschafft, 
Privatfehden und bewaffnete Streitigkeiten aufs strengste untersagt. 
Einen letzten Krieg unternahm Nobunaga gegen den mächtigen 
Daimyo Takeda Katsuyori, den er 1582 besiegte und dessen Be- 
sitzungen er unter seine Generäle verteilte. 

Drei Monate später wurde er von seinem Schützlinge, dem 
Genorale Akechi Mitsuhide*) verräterisch angegriffen, im Tempel 
Honno-ji (Kyoto) belagert. Durch einen Pfeilschuß verwundet, ver- 
brannte er in dem angezündeten Tempel, kaum fünfzig Jahre alt. 
Allem Anscheine nach hatte der Mikado die Hand im Spiele, weil 
er sich von einem solchen Manne wie Nobunaga gefährdet wähnto. 

Dieser Meuchelmord warf Japan um dreihundert Jahre zu- 
rück. Denn Nobunaga war den Europäern günstig, anerkannte 
deren höhere Zivilisation und sah, daß die Japaner etwas von ihnen 
lernen könnten: kurz er war entschlossen, nähere Verbindungen mit 
ihnen einzugehen. Alles dieses geschah nicht aus Freundschaft, son- 
dern aus Politik, um sein Volk zu gleicher Höhe zu erheben. Aus 
derselben politischen Absicht begünstigte er auch die Missionäre, 
die er ausnutzen wollte: denn was Religion anbelangt, glaubte er 
weder an den Hinmiel, noch an die Hölle, sondern nur an sein scharfes 
Schwert. Er hatte keineswegs Furcht vor einer handvoU Missio- 
näre und Kaufleute, wie sein Nachfolger Taikausama, welcher die 
blutige Verfolgung des Christentums anfing, und die Shogune To- 
kugawa, welche die Verfolgung fortsetzten und die hl. Kirche im 
Blute ertränkten. 

Von den drei Söhnen des Nobunaga tötete sich 1. Nobutada, 
der erstgeborene, (1554 — 1582) vermittelst harakiri am Todestage 
seines Vaters, um nicht in die Hände des Verräters zu fallen. 

2. Nobuo, der zweite, erklärte sich als Anhänger des Jeyasu, 
wurde somit Daimyo. 

3. Nobutaka kämpfte gegen Hideyoshi und fiel im Kriege 
1583. Nobutada hatte einen Sohn, Nobuhide, hinterlassen, der von 

*) Die Tochter jenes Verrftters ist die in den alten Berichten der MisBio- 
nare violerwfihnte Donnn Gracia, die IßOO starb. 



— 311 — 

Hideyoshi zum Erben des ^obunaga erklärt wurde. Als aber Je- 
yasu 1600 Herr von Japan geworden, beraubte er denselben seiner 
Güter und verbannte ihn. Nach den Missionsberichten ist Nobu- 
hido 1595 getauft worden. Des Lebens Glück und Bitterkeit hat 
er nicht nur in seiner Familie, sondern auch an sich selbst erfah- 
ren. Er war ein eifriger Christ und baute Kirchen und Hospitaler. 
Akechi Mitsuhide war von armer Geburt und verdankte alles, Wür- 
den und Wohlstand, seinem Gönner und Herrn Nobunaga. Der 
Grund seiner schwarzen Tat war Neid und Ehrgeiz. Er hoffte, 
wenn möglich, sich an die Stelle seines hohen Herrn zu setzen. 
Aber schon in Kürze, zwölf Tage nach seiner Schandtat, wurde er 
von Takayama Ukon*), Dairayo von Takatsuki und General des 
Nobunaga, bei Yamasaki geschlagen und von den wütenden Bauern 
umgebracht, weil er seinen samuj*ai die Erlaubnis gegeben, die letz- 
teren nach Belieben zu berauben und zu drangsalieren. 

b. Taikausama wird der Nachfolger von Nobunaga; 
er bereitet den Krieg gegen China vor (1583—1591). 

-j^ (^ Tai'hau war der Ehrentitel eines DK j^ Kwampaku^ d. h, 
„Hausmeiers'' oder „obersten Ministers*', welcher seine Würde nieder- 
gelegt hatte; es ist also gleich „Hausmeier a. D.* Sama bedeutet 
„Herr*', „Exzellenz*'. Taikausama bedeutet also „Seine Exzellenz, der 
Hausmeier a. D.'^ Dieser Name wird in der Geschichte dem Hide- 
yoshi, dem General, Freund und Nachfolger des Nobunaga gegeben. 

Hideyoshi war 1536 geboren, also nur drei Jahre jünger als 
Nobunaga. Wie man sagt, war sein Vater ein armer Holzhauer 
aus Kiushiu. Weil Hideyoshi ein fratzenhaftes, häßliches Gesicht 
hatte, nannte man ihn den kleinen Affen. Eines Tages ging No- 
bunaga jagen, als er unter einem Baume einen jungen Mann fand, 
der eingeschlafen war. 'Von dem Jagdlärm aufgeweckt, wollte er 
entfliehen. Aber die Leute des Nobunaga hielten ihn fest. Auf 
die Frage, wer er sei, gab er zur Antwort: „Ich heiße ^ 'S" Hide- 



*) DicHür Daimyo war einer der erlauchtesten nnd eifrigsten Christen im 
Honh zehnten Jahrhunderte. Er wurde um des Glaubens willen von Hidetada 
(1605—1622), dem zweiten Shogun Tokugawa, aller seiner Würden und ungeheu- 
ren Besitzungen beraubt und wirklich an den Bettelstab gebracht Im Jahre 
1614 wurde er selbst des Vaterlandes verwiesen. Seine Reise nach Nagasaki, 
wo er sich einschiffen sollte, glich einem wahren Triumphzuge, so sehr war die- 
ser große Mann von allen verehrt und geliebt. Im November 1614 kam er in 
Manila an, starb aber schon am dritten Februar 1615. Es ist der in den alten 
Missionsberichten violgenannte Justus Ucondono. 



-— 312 — 

ifoshi (kleiner Affe) und bin ein Sklave aus KiuHhiu. Xolmnaga 
fand Wohlgefallen an dem jungen Manne und nahm ihn als Pferde- 
knecht in seinen Dienst. Statt des früheren Namens erhielt er 
den hübschen Namen 7fw T A Kinshita, d. h. „der Mann, den wir 
unter dem Baume gefunden.^ Dieser Name Kiushita wurde später 
von zwei Daimyo-Familien, welche von der Schwester des Jlidi- 
yoshi abstammten, mit Ehre und Stolz getragen. 

Hideyoshi versah seinen Dienst ganz musterhaft. Und da ei* 
auch sonst alles, was man ihm vertraute, mit Klugheit und Ge- 
schicklichkeit zur allgemeinen Bewunderung ausführte, stieg er im- 
mer mehr in der Gunst seines Herrn, der ihn schließlich unter die 
Zahl seiner samurai, d. h. Krieger aufnahm. Im Kriege übertraf 
ihn keiner an Tapferkeit, Umsicht und List, so daß er sich sehr 
auszeichnete und immer höhere Ehren erlangte. Jedes Unterneh- 
men, groß oder klein, mit dem er betraut wurde, glückte ihm ; im- 
mer war er seinem Gegner gegenüber im Vorteile. So schwang 
sich denn Hideyoshi nicht nur zur Würde eines Generals, sond(nn 
1577 selbst zu der eines Daimyo, d. h. kleinen unabhängigen Für- 
sten empor. Bald wurde er Generalissimus und war auch als sol- 
cher immer siegreich: er unterwarf seinem Herrn mehr als zwanzig 
Daimyo. Als der mächtige Daimyo R -^ i* Nyo-ki-tche den No- 
bunaga beleidigt hatte, beauftragte letzterer keinen andern als Hi- 
deyoshi damit, seinen Feind zu züchtigen. Eben nun während die- 
ses Krieges wurde Nobunaga von seinem verräterrischen Freunde 
Akechi in Kyoto getötet und verbrannt, 1582. 

Hideyoshi, an der Spitze seines siegreichen Heeres zurück- 
kehrend, hatte bald seinen Entschluß gefaßt: er schob die Söhne 
seines Gönners beiseite und setzte sich an seine Stelle. Natürlich 
war er klug genug, sich mit fy ß Konishi Yukiuaga und andein 
einflußreichen Persönlichkeiten zu verbinden. Selbstverständlich 
konnte es nicht ohne Kampf abgehen. Aber da Hideyoshi auch 
ein ebenso tüchtiger Diplomat wie General war, gewann er doch 
die Oberhand und war 1586 der von allen anerkannte ^ ^ Kwam- 
paku. Gerne wäre er Sliogun geworden. Aber diese hohe W^ürd(» 
konnte nur von einem Mitgliede der Familie Minamoto bekleidet 
werden. Er wandte also alle Mittel an, um vom ehemaligen Shogun 
Yoshiteru adoptiert zu werden. Aber niemals konnte er, trotz 
der glänzendsten Versprechungen, diese Gnade von dem armen 
Yoshiteru erlangen. Um Kwampaku zu werden, mußte er von der 
Familie Fujiwara adoptiert werden. Für ein schönes Ehrengi»- 
schenk war diese Familie bereit, ihn unter ihre zahlreichen Mitglieder 



— 313 — 

aufzunehmen. Gleichwohl nahm Hideyoshi nicht den Namen Fujiwara 
an, sondern nannte seine Familie ^ g ^Toyotomi^. 

Da Hideyoshi mit ganzer Seele Soldat war und sich natürlich 
zumeist auf seine Armee stützen mußte, war er mit nichts mehr 
beschäftigt, als mit der Ausbildung und Vervollkommnung seiner 
Truppen: nichts als Übungen und Manöver. Was Zahl und Ausbildung 
der Armee anbelangte, hatte Japan nie etwas derartiges gesehen. 

Aber seine unermüdliche Tätigkeit wurde von der Armee nicht 
ausschließlich in Anspruch genommen. Er baute auch Festungen, 
Schlosser und feste Türme für Kriegszeiten, wo er Waffen und Oeld 
hinterlegte, um auf alle Fälle gerüstet zu sein. Auch Parke und 
andere Vergnügungsplätze legte er an, auch baute er neunstöckige 
Türme, um von da aus mit seinen Kebsweibern sich am Anblicke 
scliöner Landschaften zu erfreuen.. 

Da er aber auch ein ausgezeichneter Finanzmann war, der 
immer wußte, wie und wo Geld einzutreiben sei, hatte er noch die 
nötigen Mittel, eine große Flotte zu bauen. Kurz, es herrschte eine 
fieberhafte Tätigkeit im ganzen Lande unter dem Antrieb eines sol- 
chen Mannes, für welchen Arbeit ein Bedürfnis war. Zeitweise unter- 
nahm er Kriege; in w^enigen Jahren hatte er mit Sechsundsechzig 
Daimyo aufgeräumt. Wer immer von den Daimyo eine andere 
Meinung zu haben wagte als die seine, wurde abgesetzt oder be- 
kriegt. Ebenso kurz und tyrannisch verfuhr er mit seinen nächsten 
Verw^andten und Bekannten: entweder gehorchen oder sterben. 

J)a er von der Insel Kiushiu gebürtig war, von wo immer 
die meisten Räuberbanden nach China ausgezogen waren, wußte 
er die chinesischen Zustände ganz genau: von Jugend auf hatte er 
g(diört, ein wie reiches und gesegnetes Land China sei, wie leicht 
anzugreifen und zu plündern, was für einen Schrecken daselbst der 
japanische Name verbreite. 

Somit war schließlich in Hideyoshi der Entschluß gereift, China 
zu erobern. Die Armee nach Dsche-djang und Fu-djien sollte von 
chinesischen Spionen, eine andere von Korea nach Bei-djing von 
Koreanern geführt werden. Damit nicht etwa sein Plan vom König 
der Inseln JJjjf 3^ Llu-fchiu nach Bei-djing verraten würde, verbot 
er diesem, oine Gesandtschaft an den Kaiser abgehen zu lassen. 

Aber das Geheimnis wurde doch verraten. Der Großkauf- 
mann 1^ ^ Tschen-djia aus Fu-djien befand sich nämlich dazumal 
gerade auf den Inseln und erfuhr von seinem intimen Freunde, 
dem Großmandarin JSJJ j]@ Dseheng-dschiunff, das ganze Geheinmis 
und die großen Rüstungen von Hideyoshi. 



— 314 — 

Sobald Tschen-djia nach China zurückgekehrt war, benach- 
richtigte er die Regierung von der drohenden Gefahr. Daraufhin 
verordnete der Kaiser, alle Festungen und Häfen in Stand zu set- 
zen, die Soldaten gut einzuüben, kurz alle Vorsichtsmaßregeln zu 
treffen, um sowohl im Süden wie im Norden den Feind gebührend 
zu empfangen. 

Hideyoshi verordnete, daß man sich beeile, die nötigen Le- 
bensmittel und Waffen vorzubereiten und zu vervollständigen, und 
zwar für eine Dauer von drei Jahren. Denn soviel Zeit, glaubte 
er, würde die Eroberung Chinas in Anspruch nehmen. Auch ver- 
kündete er, daß er sich selbst an die Spitze der Eroberungsarmeo 
stellen und jede Nachlässigkeit in Vorbereitung und Ausführung 
streng bestrafen würde. 

Viele der Daimyo glaubten nicht an eine Expedition nach 
China. Sie vermeinten, Hideyoshi bereite so große Streitkräfte 
vor, einzig um noch mit den übriggebliebenen Daimyo aufzuräu- 
men. Wußten sie ja, wie klug der verschmitzte Hideyoshi seine 
wahren Absichten zu verbergen pflegte. Sie waren überzeugt, daß 
er das Feudalsystem, wie es bis dahin in Japan bestanden, abschaf- 
fen wollte, um an dessen Stelle die Autokratie, wie sie in China 
bestand, zu setzen. Jeyasu war ganz dieser Überzeugung und wei- 
gerte sich deshalb, am Kriege in Korea teilzunehmen. 

Diese allgemeine Überzeugung der Daimyo beweist schon, 
wie aufgeregt der hohe Adel in Japan war. Hideyoshi fürchtete 
nun, daß sich das Land gegen ihn erheben würde, wenn er sich 
entfernte und daß man ihn nicht mehr zurückkehren lassen würde. 

Um also die Kördgswürde seiner Familie sicher zu erhalten, 
adoptierte er, weil er keinen Sohn hatte, seinen Neff'en ^ :^ //i- 
detsugu, legte die Würde des Kwampaku nieder, welche Hidetsugu 
verliehen wurde, während er sich mit dem Titel Taikausama begnügte. 
Hidetsugu sollte also 1591 die Regierung offiziell übernehmen. 

Der stolze Taikausama glaubte Herr der ganzen W^elt zu sein. 
Er schrieb einen anmaßenden Brief an den Statthalter der Philip- 
pinen, um Geschenke und Unterwürfigkeitseide zu verlangen. Und 
da erleben wir das schmähliche Treiben, wie Spanien Portugal ver- 
leumdet, es wolle vermittelst seiner Missionäre in Japan dieses Land 
erobern. Es ist eine Schande, wie Spanier, Portugiesen, Holländer, 
Engländer um die Wette logen, um Handel treiben zu können. 
Infolgedessen zerstörte Taikausama 1591 einige katholische Kirchen. 

Taikausama hatte auch dem Daimyo von J^ ^ Fung-hou- 
Bungo seine schöne Frau Yodo-gimi, eine Nichte des Nobunjiga, 



— 315 — 

geraubt und lebte nunmehr einzig und allein dieser Eroberung, so 
daß er sowohl Korea als China darüber vergaß. 

Endlich, nachdem seine Leidenschaft ein wenig ausgetobt, ver- 
kündete er am dreizehnten Februar 1592, daß in Bälde der Krieg 
gegen Korea und China beginnen werde; alle Daimyo hätten ihre 
Truppenteile in bestem Kriegszustande nach der Hauptstadt zu 
schicken. Wer immer sich widerspenstig zeige, sei dem Tode verfallen. 

c. Taikausamas Kriegszug gegen Korea und China (1592 — 1597); 

seine Niederlage. 

Nachdem Taikausama am dreizehnten Februar 1592 alle Streit- 
kräfte aufgerufen hatte, zog er im vierten Monate, d. h. im Mai 
desselben Jahres, mit großer Freude und Siegesgewißheit ins Feld. 
Es war eine statthche Armee von hundertdreißigtausend Mann, treif- 
lich ausgerüstet und gut geübt, 

Generalissimus der ganzen Armee war j!^ B3 ^ ^ Ukida-IIU 
deie, Daimyo von Okayama in der Provinz Bizen. Andere Gene- 
räle waren : ^WjS ff "^ Konishi- Ynhinaga, Sohn eines einfachen 
Apothekers, der durch seine Tapferkeit und kriegerischen Talente 
sich zu den höchsten Ehrenstellen emporgeschwungen. Ihm wurde 
die Ehre zuteil, den Vortrab des Heeres zu führen, was bei den 
Japanern die beneidenswerteste Würde und die höchste Auszeich- 
nung war. Konishi war aber nicht nur ein tapferer FeldheiT, son- 
dern auch ein überzeugungstreuer Christ. Schon im Jahre 1584 
war er getauft worden. 

jJn jg| (}j^ JE) Kato (Kiyoinasa), Sohn eines Schmiedes, war 
Vetter dos Ilideyoshi und in demselben Dorfe Nakamura in Owari 
geboren. Schon im Alter von fünfzehn Jahren begab er sich zu 
diesem, um dessen Laufbahn zu folgen. Er war ein stürmischer, 
fürchterlicher Krieger, der von den Koreanern den Beinamen ;,der 
General- Teufel^ erhielt. Er und Konishi hatten eine sozusagen 
angeborene gegenseitige Abneigung und konnten sich nie verstän- 
digen. Im Kriegshandwerke waren sie erklärte Nebenbuhler und 
suchten sich gegenseitig auszustechen. Auch in Religion waren sie 
starke Gegner: war Konishi ein eifriger Christ, so war Kato ein 
eingefleischter Heide, welcher das Christentum aufs ärgste verab- 
scheute und verfolgte.*) Die in der Geschichte bekannten Agnes, 

*j Audi ihr Ende war ganz verRchieden. In dem großen Erbfolgekriege 
ergriff Kato die Partei Yon Jeyasu und erhielt nach dem Siege aUe Besitzungeu 
von Konishi. Aber JeyaHu traute seinem Freunde, dem falschen Parteigänger, 



— 316 - 

Magdalena und Ludwig Takeda sind von ihm gemartet worden. 
Andore Generäle waren nocli a|| ^ Y-dtiche, f^ ;5C 'S^''<7-.yM^"> & 
^^ Su-ihung-i^ Ishida- Mitsunari, der tüclitige (Jouverneur von 
Kyoto u. s. w. 

Man schlug den gewöhnlichen Weg über die Inselgruppe ^J^ 
7'üushima ein, um nach Korea zu gelangen. Dort war man gewillt, 
den Japanern Widerstand zu leisten, und eine Armee sollte deren 
Landung verhindern. Doch in offenem Felde waren die Koreaner 
auch nicht im entferntesten imstande, gegen die Japaner zu kämpfen. 
Anders war es bei befestigten Plätzen, wo die Koreaner hinfcer den 
schützenden Mauern hartnäckigen Widerstand leisteten. So wurden 
die Japaner bei der Belagerung von ^ |1| Djin-schan nicht wenig 
aufgehalten, bis sie dieser Festung Herr wurden. 

Ln offenen Felde war der Vorgang der Japaner ein wahrer 
Triumphzug: wo immer sich Koreaner zeigten, wurden sie mit l'n- 
gestüjn über den Haufen geworfen und total zersprengt. 

Schon im fünften Monate waren die Japaner Herren der Pro- 
vinz 5 f^ Fung-dM und hatten die Städte ßfr ^ Lin-dsin^ gg ^ 
ICn-fscIietig u. s. w. besetzt. Schließlich hatten die Koreaner eine 
solche Furcht vor den Japanern, daß sie in offenem Felde nicht 
mehr zu kämpfen wagten, sondern alsogleich das Weite suchton. 
Der Generalissinms nahm die Hauptstadt von Korea jH jjj| Hau- 
fschetigj- Seul. Diu* König ?f5 Rft JA-sung war geflohen und hatte 
sich in die feste Stadt ^ ^ Ping-yang zurückgezogen. Aber dit? 
Japaner waren mit solcher Eile über die Hauptstadt hergefallen, 
daß weder die Weiber noch die Kinder des königlichen Hausos 
hatten entfliehen können. Diese also w^urden zu G(»fangenen ge- 
macht und dienten als Geisel. 

Um auch den König zu fangen, nahm die japanische Arinoo 
alsbald nach heftigem Widerstände auch Ping-yang; aber der König 
war schon wieder entflohen und hatte sich njich j| |Hi Y-di^chini 
begeben. 

Schon bald nach der Landung der Japaner hatte Li-sung Eil- 
boten über Eilboten nach Bei-djing geschickt, um seinen kaiserlichen 

niclit niid cnlledigte sicli doHselbcii duroh Gift, um furneron Umtriol>en vorzu- 
beugen. 

Konishi nnhni Partei für Hideyori. Nach der großen Niederlage von 
Seki*gA-harn wurde er mit Andern mächtigen Parteihaiipteni geköpft. 

1632 wurde der Sohn des Kato der Würde eines Daimyo entsetzt nii«l 
seiner grolJ<*n Besitzungi*n beraubt; er selljHt und seine Nachkommen waren von 
nun an mehr bloße Samurai — L«uite der Kriegskaste. Die liuddhisten verehren 
den Kato als einen milehtigen Rnddha und haben ihm Tempel gebaut. 



— 317 — 

LchcnsheiTn übcM' dio Lage aufzuklären, und um Beistand /ai bitten. 
Xatürlich hatte der kaiserliche Hof wenig Lust, mit den Japanern 
anzubinden und sie zu reizen, aus Furcht, dieselben mochten ihren 
Triumphzug auch nach Bei-djing, dem eigentlichen Ziele der Ex- 
pedition ausdehnen. So beratschlagten sich die hohen Herrn in Bei- 
djing gar lange und gestanden sich ein, daß es gefährlich sei, mit 
d(m Japanern sich in einen Kampf einzulassen. Schließlich schickte 
der Kaiser doch den General £ ji^ IM Dsu-tsclienff-hiiin den Kore- 
anern zu Hilfe. Schon im ersten Kampfe unter den Mauern von 
Ping-yang wurde er mörderiscli geschlagen, so daß kaum einige 
Leute sich durch die Flucht retten konnten. 

Im achten Monate kamen zwei andere chinesische (reneräle 
mit beträchtlicheren Truppen an; auch ihnen widerfuhr dasselbe 
Schicksal. Da nun China, wie immer, weder QM noch Waffen 
oder Vorräte besaß, überdies im Gebiete von '^ S Ning-hia, im 
westlichen 05 'S Sclwn-si auf der linken Seite des Gelben Flusses, 
einen großen Aufstand zu bekämpfen hatte, der leicht zu gefähr- 
lichen Verwicklungen mit den Mongolen führen konnte, so schlug 
5 g Sche-siny^ Präsident des Kriegsministeriums, vor, Japan viel-' 
mehr mit der Kunst der Diplomatie als mit der Gewalt der Waf- 
fen anzugreifen. In Anbetracht der großen Erfolge aus jüngster 
Zeit, die ,yj ^' ^ Hn-dmng-him auf diesem Gebiete errungen, 
stimmten ihm alle Kollegen bei und fingen an, einen für solches 
Amt tüchtigen Diplomaten zu suchen. 

Unterdessen hatte die japanische Armee ganz Korea (vrobert 
und besetzt und erwartete mit Ungeduld die Ankunft von Taikau- 
sama, der bei der Abfahrt im Frühling versproclien, möglichst 
schnell mit Vei-stärkungen nachzukonmien. Nun stand man schon 
am Ende des Herbstes, ohne daß der oberste Kriegsherr erschienen, 
odcM" Nachricht von seiner zu erwartenden Ankunft geschickt oder 
irgend welche Anordnung getroffen hätte. Doch Taikausama hatte 
keine Eile, sein Versprechen auszuführen und nach Korea zu 
ziehen. Die .Gründe dafür sind folgende: 

1. Er fürchtete, wenn er Japan verlassen habe, möchten sich 
die andern Daimyo wider ihn erheben und ihn nicht mehr nach 
Japan zurückkehren lassen. Der chinesische Geschiclitschreiber 
fügt hinzu, daß Taikausama wegen seiner Tyrannei und weg(m sei- 
nes Geizes auch beim Volke äußerst verliaßt gewesen ; daß er aus 
Furcht, (M'kannt zu werden, auf seinen Reisen sein Gesicht verhüllt, 
oft die Kleider gewechselt und des Nachts nie in demselben Zimmer 
geschlafen, sondern aus vielen Zimmern selbst eines ausgewählt 



— 318 — 

habe, um darin zu «chlafcn. So wonig vertraute er selbst seiner 
nächsten Umgebung. Kurz, man macht ihn zu einem ähnhchen Tyran- 
nen, wie den ^ ji§ £ $ Tsin-sche-huang-di, von dem man ähnliches 
erzählt. Aber die Berichte scheinen an Übertreibung zu leiden. 

2. Ein anderer Grund war der plötzliche Tod seiner Mutter. 
Trotzdem Taikausama sich grade nicht sehr viel an Äußerlichkeiten 
hieltj kam ihm diese Trauerzeit doch so gelegen, daß er sie als 
Grund vorschützte, Japan nicht verlassen zu können. 

3. Der dritte Grund war, daß ihm 1593 von seiner geliebten 
Yodo-gimi ein Sohn geschenkt wurde, den er wie seinen Augapfel 
liebte und nicht verlassen zu können glaubte. Taikausama hatte 
kein Interesse mehr an der Unternehmung in Korea. 

Die Generale hatten ihm ihre Siege berichtet und um fernere 
Maßregeln gebeten, auch wohl ein Zeichen wohlverdienter Aner- 
kennung für ihre und der Soldaten Tapferkeit erwartet; aber Tai- 
kausama schwieg. Natürlich erregte das Unzufriedenheit bei hoch 
und niedrig. 

Auch die Disziplin ließ nach. Da die so notwendigen Lebens- 
mittel und Winterkleider ausblieben, blieb den Soldaten nichts an- 
deres übrig, als sich dieselben zu verschaffen, wo sie nur konnten. 
Das gab dann natürlich Anlaß zu Räubereien und andem Gewalt- 
tätigkeiten. 

Endlich hatte die chinesische Regierung einen Gesandten ge- 
funden in der Person des {t Hl 9k Schen-wei-djing. Derselbe war 
aus M $^ f^ D/ia-hing-fu gebürtig und mit den Japanern bekannt. 
Vorläufig blieb er bei der Armee des Generals ^ ^|i jjg^ Li-ju-sung, 
um eine günstige Gelegenheit zu Verhandlungen abzuwarten. 

Als dieser General die Unordnung der japanisclien Armee sah, 
welche ohne Nahrung, Kleidung und Waffen wie Bettlerbanden im 
Lande herumschwärmten, fiel er über sie her und schlug sie. Durch 
diesen Sieg ermutigt, führte er seinen Feldzug weiter, schlug zu 
wiederholtem Malen die Japaner und eroberte die vier südlichen 
Provinzen Koreas, welche die Japaner im vorigen Jahre besetzt 
hatten, wieder zurück. 

Erstaunt über seine Erfolge, fing Li-ju-sung an zu glauben, 
er sei ein kleiner Kriegsgott und suchte seine Siege zu verfol- 
gen. Als er aber nach Ä 85 uS Bi-di-kuan*) vordrang, stieß er auf 

*} Die große chinesische Geographie ^ ^ ifr ^1 i|fi 5c ^^^' ^^ P* ** 
in verno sagt, daß Bi-di-knan dreißig Li von der ihiuptstadt Söul liegl. Östlich 
von diesem Flecken befindet sich eine große steinere Brücke ^ jß j^. Dirft 
ist der Ort, wo man die Schlacht lieferte. Diese Geographie bestätigt auch, daß 



— 319 — 

Reste der eigentlichen, organisirtcn Japaner Armee, von denen er 
ganz mordoriHcli geschlagen wurde. Jetzt glaubte er, es sei die 
Zeit gekommen, die Diplomatie statt der Waffen vorgehen zu lassen. 

Schen-wei-djing betrachtete sich als den Gesandten der Sieger, 
da ja Li.-ju-8ung die vier südlichen Provinzen zurückerobert hatte 
und die japanischen Truppen ganz entmutigt bei |^ lll Fu-schan 
warteten, um mit der ersten Gelegenheit nach Japan zurückzukehren. 
Trotz einer Verstärkung von fünfzigtausend Mann vermochten die 
Japaner in Korea nichts auszurichten, da zu viele Mannschaften er- 
froren, verhungert, getötet, oder von Krankheiten hingerafft worden 
waren. Sie mußten in ihren Yerschanzungen verbleiben und ihre 
Wut über den Taikau verbeißei;i. Andererseits wagton aber auch 
die Chinesen nicht, die Japaner zu reizen. 

Taikausama wußte von den Niederlagen und der Entmuti- 
gung seines Heeres nichts. Denn kein Mensch hatte es gewagt, 
ihm davon etwas zu sagen, ebenso wenig, daß viele seiner Mann- 
schaften vor Kälte und Hunger gestorben seien. 

Er war im Gegenteil der festen Überzeugung, sein Heer habe 
gesiegt, uud der chinesische Gesandte komme, um demütigst die 
Frieden§voi*schläge entgegen zu nehmen. Daher diktierte er auch 
ganz großmütig folgende vier Priedensbodingungen: 

1. Der Kaiser von China müsse ihm eine kaiserUche Prin- 
zessin zur Frau geben. 

2. Den Freihandel für die Japaner bewilligen. 

3. Die vier südlichen Provinzen Koreas an Japan ü|)erlassen. 

4. Ihn als seinen Lehensherrn betrachten und ihm einen jähr- 
lichen Tribut bezahlen, über den man später genauer übereinkom- 
men werde. 

Schen-wei-djing tat, als ob er alles bewilligte, und da er dcun 
Taikausama prachtvolle Festkleider schenkte, meinte dieser, er sei 
wirklich zum Kaiser von China ausgerufen worden. 

Als aber der chinesische Gesandte schließlich auch mit seinen 
Friedensbedingungen herausrückte und verlangte, daß Ilideyoshi 
offiziell als König von Japan anerkannt werde, der Krieg gegen 
Korea aufliören solle und alle Gefangenen herausgeben werden 
müßten, nahmen die japanischen Generäle diese demütigenden Be- 
dingungen zwar an, verhehlten diese .aber Taikausama. Vielmehr 
sorgten sie, Yodogimi und die Höflinge dafür, daß er aus seinem 

die Chinesen von 1592 — 1598 wacker gegen die mutig sich wehrenden Japaner 
gekämpft und diesen viele Niederltigcn beigebracht haben. Er lobt auch beson- 
ders den chinesischen Feldherrn fj^ -j^ Ma-kuu 



— 320 — 

FreiKlcntuiiniKjl nicht liomuskoniiuo. Als am zwjinzi|^stnn Oktober 
1596 dio prunkhaftc dreihundert Mann starke Gesandtschaft aus 
China ihm den , Kaisermantel'' überbrachte, war im* »;anz außer sieh 
und legt(^ denselben mit höchstem Wohlgefallen an. Für ihn war 
dies der glorreichste Tag seines Lebens: er war in seiner Einbil- 
dung Kaiser von China und .Herr der Welt. Doch war er noch 
gütig genug, Wau-li liuldvollst grüßen zu lassen. 

Im Besitze einer so hohen Würde wollte er dieselbe auch 
seinem geliebten ^ j^ Hideyori (ISiu-lä) vererben. Leider hatte 
er aber schon seinen Neifen Hidetsugu zu seinem Nachfolg(*r ein- 
gesetzt. Darum suchte er diesen zu veranlassen, den kleinen Hi- 
deyori zu adoptieren, und demselben den Titel Kwampaku zu über- 
lassen. Aber Hidetsugu weigerte sich, von seinem Erbteile irgcmd 
etwas abzutreten. Es kam deshalb zu Unzufriedenheiten und Strei- 
tigkeiten. Doch Taikausama war nicht verh^gen. Er ließ den 
Hidetsugu wegen Verschwörungen gegen ihn anklagen und daraufhin 
in die Bonzerei des famosen Berges Bj Sf |ll Kor/a-mn^ wohin 
gewöhnlich in Ungnaden gefallene Daimyo und Höflinge geschickt 
wurden, verbannen. Noch nicht zufrieden, sandte er demselben noch 
den Befehl, sich vermittelst harakiri zu entleiben. Zul(»tzt ließ der 
Tyrann 1595 sogar die ganze Familie und Verwandtschaft des Hi- 
detsugu töten, wobei an einem Tage fünfunddreißig adelige Frauen 
und selbst die Kinder an der Mutterbrust hingeschlachtet wurdi^n. 

Wie vorauszusehen war, konnte es dem Taikausama auf die 
Dauer doch nicht verborgten bleiben, welch schnöde» Komödie; man 
mit ihm getrieben. Und in der Tat erhielt er durch die von ihm zur 
Ratifikation des Friedensvertrages beauftragten vier Bonzen endlich 
docli Kenntnis von dem Betrüge. Xatürhch kannte sein Zorn keine 
Grenzen; er raste zwar vor Wut, doch seine liebe Yodo-gimi hatte ihn 
bald wieder besänftigt. Er schickte im Jahre 1597 noch andere hundert- 
tausend Mann nach Korea, um den Krieg mit Erfolg fortzusetzen. 

Um sich dafür zu rächen, daß die Kor(*aner seine Armei» 
nicht nach Gebühr verpflegt hatten, befahl er, den Schuldigen die 
Ohren abzuschneiden. Diese Schandtat verübte man denn auch zu- 
mal an Frauen und Kindern, da die Männer sich b(M Zeitim aus 
dem Staube gemacht hatten. Natürlich war ganz Korea (Uirüber 
ergrimmt und suchte sich zu rächen. Wo immer sich ein Japaner 
zeigte, wurde er mißhandelt un<l getötet. Aber zumal war es der 
Hunger, welclier unter den Japanern aufräumte, da die Koreaner 
alle Lebensmittel vor ihnen verbargen und selbige lieber verbrann- 
ten als ihren Feinden auslieferten. 



— 321 — 

• 

Nachdem in diesem unsinnigen Feldzuge, von dem man im- 
mer noch keinen Ausweg sah, wiederum an die fünfzigtausend tapfere 
Krieger durch Hunger, Kälte, Nachstellungen der Koreaner und 
Mangel an Leitung im Verlauf von sechs Jahren aufgerieben wor- 
den, sah selbst Taikausama ein, der Rest der Armee müsse zurück- 
gerufen werden. 

Ganz Japan war erbittert über einen so schändlichen Aus- 
gang, an welchem einzig die Nachlässigkeit des Taikau schuld war. 
Hätte er sich während der sieben Jahre (1592 —1599), in denen 
seine Armee in Korea weilte, sich derselben angenommen, gewiß 
wäre sie nicht so schmählich zu Grunde gegangen. Ein so statt- 
liches Heer von hundertdreiüigtausend Mann wäre, falls er sich an 
die Spitze gestellt und dasselbe gut geführt hätte, leicht im stände ge- 
wesen, in drei Monaten Bei-djing zu erreichen und China zu erobern. 

Mehr als alle waren die Daimyo gegen Taikausama aufge- 
bracht, da sie sich in diesem langen Kriege ruiniert hatten, mußten 
sie ja ihre Soldaten auf eigene Kosten ausrüsten und nähren. Nun 
hatten sie so viele Unkosten gehabt und einen großen Teil ihrer 
Leute verloren, ohne auch nur den geringsten Vorteil gewonnen 
zu haben. Auch mehr als fünfhundert große Schiffe waren wäh- 
rend dieses Krieges verloren gegangen. 

Taikausama war unwilliger und mißmutiger als je. Obwohl 
selbst aus Kiushiu gebürtig, nahm er seinen Landsleuten das alte 
Privileg, zwei scharfe Messer am Gürtel zu tragen, wie die Samu- 
rai (Kriegerkaste) der andern Provinzen. Auch christliche Daimyo 
tütete der Tyrann, immer in der Furcht, sie mochten sich mit den 
Portugiesen gegen ihn verbinden. Aus eben dieser Furcht ließ er 
auch eine große Anzahl Missionare und Ordensleute, worunter auch 
Japaner waren, am fünften Februar 1597 auf dem hl. Hügel bei 
Nagasaki im Jahre 1597 kreuzigen. 

Endlich starb er selbst am fünfzehnten September 1598 im 
Alter von vierundsechzig Jahren. Seinen sechsjährigen Sohn ver- 
traute er der Vormundschaft des Großdaimyo Sjf J^ JeycLsu, seines 
lieben Freundes und Schwagers*) an. Doch dieser vergalt ihm, 
wie Hideyoshi seinem Gönner Nobunaga vergolten hatte. Die 
Vormunde des kleinen Hideyori beeilten sich, Frieden zu schließen 
(1599), d. h. sie riefen die Truppen heim, ohne irgend welchen Ver- 
trag mit Korea oder China geschlossen zu haben. Jeyasu ergriff 
bei der ersten Gelegenheit die Waffen gegen sein Mündel Hideyori. 

*} Im Jnhre 1586 hntte ihm HideyoHhi seine jilngore Schwester zur Frim 
gegebon. 

Japans Beziehungen zu China. 21 



— 322 — 

Die großen Dainiyo stellten sich teilweise auf die Seite des 
Ilideyori, den sie für den legitimen Nachfolger hielten, aus Abnei- 
gung gegen Taikausama, teilweise auf Seite des Jeyasu. 

Ishida Mitsunari, einer der Generäle der Expedition gegen 
Korea, stellte sich an die Spitze der Partei des jungen Hideyori 
und sammelte eine Armee von hundeitdreißigtausend tapfern Kri(»- 
gern um sich. Jeyasu hatte nur achtzigtausend Mann. 

Am fünfzehnten September 1600 kam es zur großen Schlacht 
von IJg Jj^ Seki-gahara, einem Dorfe in Mino. Jeyasu trug einen 
entscheidenden Sieg davon, indem er dreißigtausend Mann seiner 
üegner niederschlug. Es ist dies die größte Landschlacht, die je- 
mals in Japan geliefert worden. Die hauptsächlichsten Führer der 
Gegner wurden von Jeyasu, dem nunmehrigen Herrn von Japan, 
zum Tode verurteilt. 

Jeyasu ist der Gründer der Dynastie Shogun Tokugawa, 
welche unter fünfzehn Shogun Japan bis 1868 beherrscht hat. 

Nach alter japanischer Gewohnheit dankte Jeyasu bald (1604) 
ab, um den Thron seinem Sohne Hidetada zu sichern. Nominell 
und zum Scheine war Hidetada (1605—1622) Shogun, aber Jeyasu 
behielt gleichwohl alle Macht in Händen. Er wollte nur seinen 
Sohn an die Regierung gewöhnen und ihm den Thron unter sei- 
nen zahlreichen Brüdern und den feindlichen Daimyo sichern. 

Aus kluger Berechnung hatte Jeyasu nach seinem Siege Hi- 
deyori ganz ruhig auf seinem festen Schlosse, von Osaka gelassen 
und wartete eine gute Gelegenheit ab, um mit ihm aufzuräumen, 
ohne sich der Gefahr eines neuen gefährlichen Krieges auszusetzen. 
Dieso Gelegenheit bot sich 1615. Jeyasu belagerte die für unein- 
nehmbar gehaltene Festung Osaka und nahm sie nach einem Kampfe 
von mehreren Monaten. Hideyori und seine Mutter Yodo-gimi 
kamen in den Flammen um. So war das Geschlecht von Hide- 
yoshi ganz vertilgt. 

Um Japan seinem Hause Tokugawa für immer und ewig zu 
erhalten, schloß Jeyasu sein Land von allem Fremdenverkehr ab: 
kein Japaner durfte hinaus und kein Fremder hinein. Diese Furcht, 
seine Familie möchte den Thron verlieren, machte ihn auch zu einem 
der wütendsten Verfolger des Christentums. Das strenge Ver- 
folgungsedikt von 1614 ist sein Werk.*) Er starb 1616 im Alter 
von vierundsiebzig Jahren. 

*) Manche ScliriftstoUor vernioincii, Jeyasu habe das ChriHtentum verfolgt, 
weil die christlicheii Dainiyo auf Seiton neiiies Gcg[nerfl gestanden, also seine 
politisohen Feinde gewesen. Das ist nicht der Fall. Von den zwanzig ehrist- 
lichon Dnimyo hatten nur drei die Partei des Hideyori ergriffen, alle andern 



— 323 — 

Jeyasu wurde von seinen Nachkommen nnter die Schutzgötter 
der Familie versetzt. Ilidetada baute ilmi einen prachtvollen Tem- 
pel in Q jlß Nikkv, einem Dorfe von Shimotöuke, das durch die 
unvergleichliche Pracht seiner Landschaft noch jetzt berühmt ist. 

Die Absperrung des Landes gegen alles Fremde dauerte bis 
1863. Im Jahre 1868 war es endlich mit dem 8hogun Tokugawa 
aus, und Japan wieder dem Fremdenverkehr geöffnet, wobei der 
größte Vorteil natürlich Japan selbst zukommt. 

wartiii auf Seite dos Jeyasu. Audi war die dffentliche Meiuniif!^ iiioht dem ('iiri- 
Bteiitum feindlich. Denu vou den danialigeu dreihuudert Daimyu von Japan waren 
nur vier bis fünf dem Christentume feindlich gesinnt und verboten es unter To- 
desstrafe. Yodo-gimi aber war eine fanatische Buddhistin und geschworene Fein- 
din des Christentums. In jenem Bürgerkriege spielte die Religion gai* keine Holle, 
sondern einzig die Politik. 




/ 



2V 



Anhang. 

Die Christenverfolger Tokugawa. Jeyasu (1542-1616). 



% 0, don wir i^clioD kennen, wai* der erute Shugun und 
idcr der Familie Tokugawa und stammte, wie wir auch 
1 gesagt haben, von einer äoitenliuic Minamoto ab. Er 
ein Augendiener und absclieuliclier Heuchler, der cmpor- 
Mtrebte. Als kleiner Daimyo diente er zuernt Nobuuaga, 
(1582), und bewies sich als ein tüchtiger Kriegsmann. Nach dessen 
Tode erklärte er sich tür Hideyoshi und war dessen ergebener Par- 
teigänger. ScblieUhch war er nach sehr glücklichen Kriegen einer 
der mächtigsten Uaimyo. Hideyoshi traute dem gar so ergebenen 
Höflinge nicht allzusehr, und so machte er ihm scliließlich, um ihn 
bcaaer überwachen zu lassen, ein kostbares Geschenk: er gab 
ihm nämlich seine schon viemig Jahre alte Schwester zur Gemahlin 
(1586). Jeyasu nahm mit vielem Dank diesea alte, abgenutzte Qe- 
Bclicnk an; hatte er ja docli Pläne für die Zukunft, zu deren Verwirkli- 
chung ihm die Verwandtschaft mit Hideyoshi bchülflich sein konnte. 
Als Hideyoshi im Jahre 1598 auf dem Sterbebette lag, ernannte 
er Jeyasu zum ersten Vormund seines sechsjährigen Sohnes, den er 
auch mit der Enkelin des Jeyasu verlobte. Bei allen Güttcru und 
Göttinnen Japans schwur Jeyasu, dem jungen Waisen Vater und 
Beschützer sein zu wollen, und zeigte sich ganz gerührt über das 
ehrenvolle Vertrauen des Hideyoshi zu ihm. In Anbetracht über 
don bevorstehenden Verlust »eines königlichen Freundestat er, «Is 
ob er ganz untröstlich sei. 

Kaum hatte Hideyoshi die Augen geschlossen, als der Heuch- 
ler sein Mündel beiseite schob und sich selbst auf den Thron setzte. 
Es kam infolgedessen zur großen Schlacht von Seki-gahara, (1600). 
Jeyasu war Singer und allgemein anerkannter Herr von Japan. 
Er vernichtete alle seine Gegner: entweder köpfte er sie, oder wenn 
die Uaiständu weniger Aufsehen verlangten, vergiftete er sie. Seine 



— 325 — 

Spione und geheimen Angeber durchstreiften ganz Japan und wur- 
den für ihre Judasgeschäfte königlich belohnt. Wer immer ver- 
dächtig und gefährlich schien, wurde in nicht zu langer Zeit auf 
die eine oder andere Weise umgebracht. 

Seine abscheuliche Heuchelei erhellt zumal aus seinem Erlasse 
betreffs des Mikado, d. h. seines Kaisers und obersten Herrn. Die- 
sem ließ er siebzehn Artikel zugehen, d. h. er ließ dieses oben 
im Palaste des Mikado ohne weiteres ankleben. 

;,In Anbetracht des gottlichen Charakters des Mikado kann 
und darf dieser sich nicht mit der Verwaltung irdischer Dinge be- 
schäftigen. Infolgedessen darf er nicht aus seinem Palaste, 
, seinem Himmel^ herausgehen und dies nicht einmal, wie es bis 
jetzt erlaubt und Gebrauch war, um seine Vorfahren in Ise zu ver- 
ehren. Auch darf er keinen Daimyo oder Großherrn in Audienz 
empfangen, noch auch darf er Ehrentitel verkaufen. . . . ^ 

Letzteres Vorrecht war dem armen Mikado verblieben, um 
wenigstens sich ernähren zu können. Jeyasu nahm ihm auch die- 
ses Vorrecht, diesen letzten Schatten eines Kaisers. So wird das 
Verfolgungsdekret dieses heuchlerischen Tyrannen gegen die Chri- 
sten wolü niemand überraschen: 

^Die Missionare sind gekommen, um ein sittenwidriges Ge- 
setz 2U predigen, welches im vollsten Widerspruch zu den alten 
Göttern und der buddhistischen Religion steht. Ihre schließliche 
Absicht läuft einzig darauf hinaus, sich Japans zu bemächtigen und 
es den Fremden zu überliefern. . . . ^ 

Die Holländer und zumal der englische Lotse William Adams 
und andere Verleumder hatten ihm allerdings solche Dinge vorge- 
schwätzt. Aber Jeyasu selbst mußte die Torheit solcher Anklagen 
am besten verstehen. Denn welchen Schaden konnte eine Handvoll 
Christen ihm und dem Staate zufügen? Nur purer Haß gegen 
das Christentum stachelte Jeyasu zur Verfolgung und Vernichtung 
der christlichen Religion auf. Er wollte nichts neben sich dulden, 
niemandem erlauben, einer anderen Meinung zu sein als er. 

Die grausige Ausführung dieses teuflischen Dekretes überließ 
er seinem Sohne und Nachfolger Hidetada, (1605 — 1622). Denn er 
selbst hatte, um einzig der Tugend zu leben, bald die Regierung 
diesem übergeben und sich nach Sumpu, dem heutigen Shizuoka, 
als Einsiedler zurückgezogen. Natürlich behielt er das Heft der 
Regierung bis an sein Ende stramm in seinen Händen. Er kannte 
die Eifersucht seiner anderen Söhne, zumal des sechsten Sohnes 
Tadateru gegen den zweiten, Hidetada, den bestimmten Thronfolger, 



— 326 — 

So wolUe er denBelben beizeiten anerkennen lasnen und an die 
Regierung gewohnen. 

2. Hidetada (1605 — 1622), vollführte getreu das Progi-amm «ei- 
nes Vatei'8, verfolgte mit blutiger Grausamkeit die Christen und schloU 
Japan gegen allen Fremdenverkehr ab. Auch er dankte zu Gun- 
stön seines Sohnes Jemitzu ab und lebte noch zehn Jahre .,ganz 
der Tugend*'. 

3. Jemitzu (1623 — 1649), wohl der ärgste Tyrann des schänd- 
lichen Tokugawa, Ueß 1640 selbst die portugiesische Gesandtschaft 
hinrichten. Verschiedene Empörungen gegen seine unerhörte Ty- 
rannei erstickte er im Blute. Das Christentum hat nie einen wüten- 
deren Feind gehabt. Das große Blutbad (1637—1638) von Shi- 
mabara, auf der Halbinsel südlich von Hizen, kostete dreißigtau- 
send Christen das Leben. Der in den Martyrerakten so berüchtigte 
Berg mit den heißen Schwefelquellen Ungenus- Onsen, von einer 
Höhe von 1450 Meter, befindet sich ebenfalls in der Provinz Shi- 
mabara. Jemitzu starb 1651 kaum fünfzig Jahre alt. 

4. Jetsuna (1650 — 1680), verbot aufs strengste, ausländische Bü- 
cher ins Japanische zu übersetzen oder auch über die Regierung 
oder über Sittenverhältnisse der Hauptstadt Yedo, dem jetzigen 
Tokio zu schreiben. Er starb kaum vierzig Jahre alt und hinterließ 
den Thron seinem fünf Jahre jüngeren Bruder. 

5. Tsunayoshi (1681 — 1709), war ein Freund der Wissenschaf- 
ten und Künste, ein so eifriger Buddhist, daß er verbot, lebende 
Wesen zu töten. Um dem Staatsbankerott abzuhelfen, fälschte er die 
Münzen und bestalil so das Volk. Er wurde von seiner Gattin erdolcht, 
die nach dieser Schandtat sich dann selbst auch so umbrachte. 

6. Jenobu (1709 — 1712), Neffe der beiden Vorgänger, starb 
kaum fünfzig Jahre alt. 

7. Jetsugu (1713 — 1716), Sohn des vorigen, starb kaum sieben 
Jahre alt. Weil das erschöpfte Land versuchte, durch Außenhan- 
del einigen Gewinn zu machen, erneuerte der Kronrat der Toku- 
gawa das strengste Verbot dieses Handels. Die egoistische Haus- 
politik ging über das Wohl des Landes. Japan mochte untergehen, 
wenn nur die Tokugawa den Thron behielten. Nachfolger wurde 
sein alter Oheim 

8. Yoshimune (1717 — 1745). Dieser ist wohl der populärste 
aller Tokugawa. Er ^'ar ein Freund der Gelehrten, begünstigte 
europäische Wissenschaften, wünschte das Volkswohl auf alle Weise 
zu Heben, verlangte auf die Fehler seiner Regierung aufmerksam 
gemacht zu werden, ganz nach dem Beispiel der alten ^Heiligen*' 



— 327 — 

Chinas. Er dankte 1745 zu Gunsten seines Sohnes ab und starb 
1751 im Alter von vierundsiebzig Jahren. 

9. Jeshige (1745 — 1761), sein Sohn, starb kaum fünfzig Jahre 
alt, dessen Minister 0-oka Tadasuke einer der berühmtesten Hechts- 
gelehrten war. 

10. Jeharu (1762 — 1786), köpfte verschiedene Gelehrte, welche 
vom Mikado als dem wahren Inhaber der Staatsgewalt gesprochen. 
Er ließ medizinische Bücher übersetzen und baute ein Observatorium. 

11. Jenari (1787 — 1837), Neffe des vorgehenden, weigerte sich 
hartnäckig, mit Rußland in Handelsverbindungen zu treten und ließ 
alle Küsten aufs strengste bewachen, daß kein Premdenschiff lan- 
den könnte. Er hatte mehr als fünfzig Kinder. Die Nachkommen- 
schaft der unsterblichen Tokugawa war also gesichert. Sein. Sohn 

12. Jeyoshi (1838 — 1853), machte alle Anstrengungen, die Kü- 
sten Japans gegen Landungen fremder Schiffe zu sichern; denn 
diese erschienen imjner zahlreicher in den Gewässern Japans. Trotz- 
dem drangen französische Schiffe 1846 in den Hafen von Nagasaki, 
und am achten Juli 1853 legte das amerikanische Geschwader in 
der Bai von llraga, also vor der Hauptstadt Yedo selbst, sich vor 
Anker. Bald darauf starb Jeyoshi, einundsechzig Jahre alt. 

13. Jesada (1853 — 1858), sah sich trotz allem Widerstreben 
genötigt, einen Handelsvertrag mit Amerika zu unterzeichnen. Er 
starb kaum fünfunddreißig Jahre alt. 

Sein mächtiger Minister, Ji Naosuke (1815 — 1860), war durch- 
aus der Ansicht, Japan müsse dem Fremdenhandel geöffnet werden. 
So kam der Vertrag zustande. 

Beim Tode des Jesada der keinen Sohn hinterließ, setzte er 
durch, daß der Prinz Jemochi auf den Thron kam. Infolgedessen 
wurde er von eifersüchtigen Parteigegnern 1860 ermordet. 

14. Jemochi (1858 — 1866), ein junger Herrscher von zwölf Jah- 
ren, war der ohnmächtige Zuschauer der innern Unruhen, welche 
Japan durchzuckten. Das Land wollte endlich das Joch des blu- 
tigen Tyrannen Tokugawa abschütteln. 1863 mußte er sich nach 
Kioto zum Mikado Komei (1847 — 1866) begeben, um Rechenschaft 
abzulegen und um dessen Befehle zu empfangen: eine seit z'^^ei- 
hundertsechzig Jahren unerhörte Begebenheit. Er starb kaum 
zwanzig Jahre alt. 

15. Kei-ki (1866 —1868), unfähig, der Schwierigkeiten Herr zu 
worden, reichte seine Entlassung ein. Der Mikado nahm sie ap 
und hob zugleich für immer die Würde des Shogun auf. Aber ^Herr- 
schen ist süß*'. So bereute er bald seinen Schritt. Aber alle 



— 328 — 

Eniporui)geu waren unnütz. Die Restauration vollendete sich unter 
dem jetzigen hundertzweiundzwanzigsten Mikado. 

Die zahlreichen Tokugawa hatten natürlich während der zwei- 
hundertsechzigjährigen Herrschaft gut für sich gesorgt; so befinden 
sie sich jetzt zumeist unter dem hohen Adel. Die alten Daimyo 
von Owari, Kii, Mito, direkte Nachkommen von Jeyasu, hatten das 
Privileg, den Shogun zu ersetzen, wenn der letzte Shogun keinen 
Sohn gehabt. 

Alle Daimyo Japans waren schließlich Verwandte der Sho- 
gun Tokugawa. Denn diese hatten so zahlreiche Töchter in ihrem 
wohlbesetzten Harem, daß sie alle Daimyo mit einer solchen be- 
glücken konnten. Japan war Eigentum dieser Familie, sollte nur 
für die Tokugawa leben und arbeiten, gemäß dem Kegierungs- 
Testamente des tugendhaften Jevasu. 




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