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Full text of "Johann Jakob Bodmer: Denkschrift zum CC. Geburtstag(19. Juli 1898)"

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JOHANN JAKOB BODMER 



DENKSCHRIFT 



ZUM CC. GEBURTSTAG 



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Johann Jakob Bodmer 

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DENKSCHRIFT 

ZUM CC. GEBURTSTAG 

(19. JULI 1898) 



VERANLASST 
VOM 

LESEZIRKEL HOTTINGEN 

UND 

HERAUSGEGEBEN 

VON DER 

STIFTUNG VON SCHNYDER VON WARTENSEE 



ZÜRICH 

CoMMissroNsvERLA(; VON Alb. Müller 

1900 



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|m 18. Juli 1898 waren zweihundert Jahre seit der Geburt 
Johann Jakob Bodmers vergangen. Der Lese- 

iji^ Zirkel Hottingen hielt den Tag für geeignet, um 
dem Zürcher Publikum ein Bild zu entrollen, das die geistige Be- 
deutung der Stadt Zürich im vorigen Jahrhundert zeigen sollte. Bodmer 
war der Ausgangspunkt, und wie unter den Zeitgenossen seines langen 
Lebens fast alle bedeutenderen Geister in irgendwelcher Weise zu ihm 
Stellung genommen hatten, so sollten sie auch hier wieder neben ihm 
erscheinen. An Stoff fehlte es nicht. Die Stadtbibliothek Zürich 
hatte sich bereit erklärt, in Verbindung mit dem Lesezirkel das 
Arrangement der Ausstellung zu übernehmen und ihre reichen 
Schätze : Bodmers eigene Bibliothek, seine Manuskripte, die zahl- 
losen an ihn gerichteten Briefe, eine grosse Auswahl von Bildnissen 
zur Verfügung zu stellen ; eine Reihe anderer Institute, viele Kunst- 
und Litteraturfreunde in Zürich, Winterthur und anderwärts kamen 
hilfbereit herbei, und von besonderem Werte war es, dass die 
Familie Stadler-Vogel ein ganzes Stockwerk des Hauses zum 
Berg räumte, um der Ausstellung die würdigste Stätte zu bereiten. 

In den gleichen Gemächern, in denen Bodmer die Hauptarbeit 
seines Lebens vollbracht, wo er seine Freunde empfangen, wo er die Er- 
fahrungen langer Jahre einem jungen Geschlechte, das verehrungsvoll 
zu ihm emporblickte, freigebig mitgeteilt hatte, war nun alles vereint. 



VI VORWORT 

was irj^cndwie auf Bodmer und seine Zeit sich bezog. Man wandelte 
hier unter den Augen der gestrenge lächelnden Zürcher Bürgermeister 
des 18. Jahrhunderts, bewunderte einen „Prospekt" der Stadt, ver- 
senkte sich in die zahlreichen Werke des Gefeierten, in die Briefe 
Klopstocks und Wielands, Langes und Hagedoms, Gottscheds und 
der Neuberin, J. A. Schlegels upd Sulzers — und wie die fleissigcn 
Korrespondenten alle heissen. Die Wände eines zweiten Raumes waren 
bedeckt mit den Porträts von Zellweger, Sulzer, Waser, Künzli, Gess- 
ner, den verschiedenen Füssli u. a., während ein kleiner Mittelraum das 
„ Allerheiligste** barg: alle bildlichen Darstellungen Bodmers und Brei- 
tingers, Ansichten von Greifensee und Zürich, des Bodmerhauses und 
seiner Umgebung, dazu Stammbücher und Dedikationsexemplare. Ein 
letztes Zimmer war Lavater und seiner Generation eingeräumt. Von 
den Fenstern blickte man über Gärten und Abhang weg nach dem (Je- 
birge, auf See und Limmatthal, oder mit Klopstock in die Strassen der 
Stadt, die seit 150 Jahren noch kaum näher gerückt war. Nur schwach 
dran^ das Geräusch modernen Lebens in die heute noch einsame 
Hohe, und das Geflüster der Pappeln und Linden vernahm man 
so deutlich wie damals, als der Dichter des Noah hier seine holprigen 
Hexameter schmiedete. Wer mit Müsse und Liebe die Räume der Aus- 
stellung durchwanderte, der konnte den Wunsch kaum unterdrücken, 
es mochte Zürich diese schöne klassische Stätte auf immer unver- 
ändert erhalten bleiben. 

Aber von Anfang an stand bei den Veranstaltern der Ausstellung 
die Absicht fest, auch eine Bodmer-Denkschrift erscheinen zu 
lassen, mit deren Vorbereitung die Unterzeichneten betraut wurden. 
Auf den 18. Juli 1898 war das freilich unmöglich, ja auch nicht 
wünschenswert; denn gerade von der Ausstellung versprach man sich 



VORWORT VII 

wertvolle Anregungen. Dass es ein kühnes Unternehmen war, nach der 
gediegenen Darstellung Jakob Bächtolds noch einen ganzen Band 
über Bodmer zu veröffentlichen, wissen wir sehr wohl, und dennoch 
hoffen wir, die Kritik werde uns zugestehen, dass sich noch allerlei 
Neues bieten liess. — Dass die Bibliographie ganz auf Bächtold fusst, 
werden die Litterarhistoriker leicht erkennen ; doch sind zahlreiche 
Verbesserungen möglich geworden, und der Titel keines Werkes ist 
angeführt, ohne dass es uns vorgelegen hätte. 

Für die einzelnen Beiträge wurde allerdings im allgemeinen 
ein Plan entworfen ; doch war die Ausführung durchaus Sache der 
Beitragenden. Damit möge man etwa vorkommende Wiederholungen, 
ja Widersprüche entschuldigen. Uns lag daran, ein Buch zu bieten, 
das auf wissenschaftlicher Grundlage dem litteraturfreundlichen Laien 
wie dem kritischen Fachmanne von Wert sein könnte. 

Auch der Bilderschmuck ist so berechnet, dass der Laie eine 
niöglichst manigfaltige Darstellung des litterarischen Zürichs zu 
Bodmers Lebzeiten erhalten und der Fachmann die Möglichkeit 
gewinnen sollte, hier Bilder vereint zu sehen, die ihm bisher nur 
schwer zugänglich waren. Ganz neu ist das Goethebildnis 
auf Seite 69, das wir nicht seiner Vorzüglichkeit wegen aufgenommen 
haben, sondern wegen seiner Wichtigkeit. Wir wollen den Kennern 
nicht vorgreifen. Sie werden unsere Bleistiftzeichnung, deren ganzes 
Profil offenbar verbessert worden, neben diejenige von G. F. Schmoll, 
reproduziert im Goethe- Jahrbuch, Bd. IV (1883), halten und die 
Goethebildnisse in Band III der Quartausgabe (1777) von Lavaters 
Physiognomik und in Band III der Oktavausgabe (Winterthur 
1783 — 1787) herbeiziehen. Es würde uns freuen, wenn wir auf 
den 25. Juni 1774 zurückgewiesen würden und uns rühmen dürften, 



VIII VORWORT 

eines der frühesten Goethebildnisse zu besitzen. Der Zusammen- 
hang mit I-»avaters Physiognomik liegt sehr nahe ; wir machen des- 
wegen auch auf das Pestalozzibild auf Seite 96 aufmerksam. 

An Versehen wäre allerlei gutzumachen. Wir erwähnen nur 
zu Seite 74, dass der Fabeldichter Meyer von Knonau im Schloss 
zu Weiningen und nicht im Bodmerhause gestorben ist, und zum 
Bildnisse Hans Heinrich Füsslis auf Seite 101, dass die Unterschrift 
diejenige des „Londoner" Füssli, des Malers ist. Kleinere Irrtümer 
wird der wohlwollende Leser leicht selbst verbessern. 

So schliessen wir denn mit dem aufrichtigsten Danke an unsere 
verehrten^ Mitarbeiter, an alle diejenigen, die zu unserer Bodmer- 
Ausstellung und zur Ausschmückung dieses Bandes beigetragen 
haben, vor allem an die Leitung der Stadtbibliothek Zürich und 
ihr allezeit hilfbereites Bibliothekariat, an Frau L. Stadler-Vogel, 
ferner an den geduldigen und stets bereitwilligen Drucker, Herrn Fritz 
Amberger, endlich an die Stiftung von Schnyder von Wartensee, 
die in hochherziger Weise das Werk in ihre Publikationen 
aufnahm und damit seine Herausgabe ermöglichte, und fügen den 
Wunsch bei, es möge dieses Buch in allen gebildeten Familien 
Zürichs Eingang finden und auch von den Fachleuten ausserhalb 
unserer Stadt- und Landesgrenzen freundlich aufgenommen werden. 

Zürich, im Frühjahr 1900. 

Die Kommission für die Bodmer-Denkschrift : 
Theodor Vetter — Hans Bodmer - Hermann Bodmer. 



Inhalt 



Seite 

J. J. Bodmer, von Hans und Hermann Bodmer 1 

Das Bodmerhaus, von Hedwig Waser 4Q 

Bodmer als Vater der Jünglinge, von Otto Hunziker 79 

Bodmers politische Schauspiele, von Gustav Tobler 115 

Bodmer und die französische Litteratur, von Louis P. Betz . . . 163 

Bodmer und die italienische Litteratur, von Leone Donati .... 241 

Bodmer und die englische Litteratur, von Theodor Vetter . . . 313 

Bibliographie, von Theodor V^etter . . . , 387 

Register der Eigennamen, von Johannes Widmer 405 






Illustrationen 



Seite 
J. J. Bodmer, von A. Graff (TitelbUd) 

Greifensee 4 

Joh. Casp. Hagenbuch 7 

Titelblatt der „Discourse der Mahlern* (Beilage) 10 

Der Limmatspitz 13 

Eine Molkenkurgesellschaft in Trogen 17 

Johann Jakob Breitinger 22 

Ein Blatt aus dem Stammbuch von J. G. Schulthess mit Einträgen 

von Bodmer, Klopstock, Sulzer und Gleim (Beilage) . .26 

Medaille mit dem Doppelbildnis von Bodmer und Breitinger ... 31 

Bodmer und Breitinger, von J. C. Füssli (1754) 36 

Johann Heinrich Schinz 42 

Johann Jakob Hess (1741 — 1828) 46 

Das Bodmerhaus um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ... 52 

Johann Jakob Bodmer, von J. C. Füssli (um 17S0) 55 

Johann Gottlieb Klopstock 58 

Christoph Martin Wieland 59 

Christian Ewald von Kleist 61 

Zürich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts 66 

Der junge Goethe 69 



ILLUSTRATIONEN XI 

Seite 
Hodmer, Sulzer, Waser und Füssli im Wohnzimmer des Bodmer- 
hauses, nach einer Bleistiftzeichnung von J. H. • Füssli 

(um 17/0) 73 

Das Bodmerhaus, jetzt Wohnhaus der Familie Stadler- V^ogel ... 77 

Johann (jeorg Schulthess S4 

Johann Kaspar Hirzel . 87 

Medaille mit Bildnis von J. J. Bodmer 92 

^Heinrich Pestaluz im Berngebieth". Aeltestes Bildnis Pestalozzis . 96 

J. C. Lavater und Hans Heinrich Füssli 99 

Hans Heinrich Füssli, Bodmers Nachfolger 101 

Jakob Gujer, genannt Kleinjogg, Hirzels philosophischer 

Bauer 104 

Das Medaillon auf der Einbanddecke ist hergestellt nach dem auf der 
Stadtbibliothek befindlichen grossen Marmorrelief von Joseph Christen 
von Buochs (geb. 1769, gest. in Basel 1838). Das Original wurde 1794 im 
.Lesezimmer des grossen Conventes« (jetzt Arbeitszimmer des zweiten 
Bibliothekars) über der Türe angebracht. 

ji/imiui vjeorg Zimmermann 148 

Salomon Gessner (1765). 171 

Salomon Gessner (1781) 178 

Salomon Gessner (1781) 191 

Salomon Gessners Wohnung im Sihlwald 208 

Henri Meister, der Mitarbeiter Friedr. Melchior Grimms an der 

Correspondance litteraire 226 

Johann Georg Sulzer (1771) 245 

Graf Pietro di Calepio (1770) 260 

Johann Jakob Breitinger (1749) 279 

Johann Jakob Bodmer 298 

Laurenz Zelhveger, Bodmers P'reund, genannt „Philokles" ^17 



Illustrationen 



Seite 



J. J. Bodmer, von A. Graff (Titelbild) 

Greifensee 

Joh. Casp. Hagenbuch 
Titelblatt der -Discourse 




. . .11 

^. w. X uösii (i/r>4j 36 

j Uliann Heinrich Schinz 42 

Johann Jakob Hess (1741 — 1828) 46 

Das Bodmerhaus um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ... 52 

Johann Jakob Bodmer, von J. C. Füssli (um 1730) 55 

Johann Gottlieb Klopstock 58 

Christoph Martin Wieland 59 

Christian Ewald von Kleist 61 

Zürich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts 66 

Der junge Goethe 69 



ILLUSTRATIONEN XI 

Seite 

liodmer, Sulzer, Waser und Füssli im Wohnzimmer des Bodmer- 
hauses, nach einer Bleistiftzeichnung von J. H. - Füssli 

(um 17/0) 73 

Das Hodmerhaus, jetzt Wohnhaus der Familie Stadler- Vogel ... 11 

Johann Georg Schulthess S4 

Johann Kaspar Hirzel "^1 

Medaille mit Bildnis von J. J. Bodmer 92 

^Heinrich Pestaluz im Berngebieth". Aeltestes Bildnis Pestalozzis . % 

J. C. Lavater und Hans Heinrich Füssli 99 

Hans Heinrich Füssli, Bodmers Nachfolger 101 

Jakob Gujer, genannt Kleinjogg. Hirzels philosophischer 

Bauer 104 

Goldmedaille der Montagsgesellschaft in Berlin 107 

Johann Kaspar Lavater 109 

Bodmer im Greisenalter, von J. H. W. Tischbein (17X1) .... 119 
Hans Konrad Heidegger, Bürgermeister von Zürich (17^>X 

bis 1778) 125 

Bodmer im Schlafrock, von J. H. Füssli 130 

Albrecht von Haller . 139 

Johann (jeorg Zimmermann 148 

Salomon Gessner (1765). 171 

Salomon Gessner (1781) 178 

Salomon Gessner (1781) 191 

Salomon Gessners Wohnung im Sihhvald 208 

Henri Meister, der Mitarbeiter Friedr. Melchior Grimms an der 

Correspondance litteraire 226 

Johann Georg Sulzer (1771) 24 

Graf Pietro di Calepio (1770) 260 

Johann Jakob Breitinger (1749) 279 

Johann Jakob Bodmer 298 

Laurenz Zellweger, Bodmers Freund, genannt „Philokles" . . . . 317 



r» 



XI I ILLUSTRATIONEN 

Seite 
Johann Heinrich Waser und Martin Künzli, Bodmers F'reunde in 

Winterthur 335 

Hodmer im (besprach mit dem Maler Johann Heinrich Füssli. im 

Hintergrund die Büste Homers, von Füssli (17S1) . . . 342 

Hodmer im Greisenalter, von Fischer 359 

(;essnersche \'ignetten auf vSeite 48, 7«, 111, 158, 237, 303, 371 und 403 




J. J. BODMER 



SEIN LEBEN UND SEINE WERKE 



VON 



HANS UND HERMANN BODMER 




lohann Jakob Bodmer wurde am 19. Juli 1698 im Pfarr- 
hause zu Greifensee, einem zwei Stunden von Zürich im 
(ilattthal gelegenen Landstädtchen geboren. Seine Eltern 
waren Hans Jakob Bodmer, Pfarrer zu Greifensee, und Esther Orell, 
die beide aus angesehenen zürcherischen. Familien stammten. In 
dem kleinen Städtchen mit seinen idyllischen Umgebungen, seinen 
reizenden Ausblicken auf See und Gebirge verlebte der Knabe 
eine glückliche Kindheit, deren Erinnerungen spät noch den Greis 
umschwebten. 

In dem beim Pfarrhaus gelegenen Schlosse, das damals noch 
der Sitz einer zürcherischen Landvogtei war, und das später durch 
die wunderliche Wirtschaft Salomon Landolts zu einer gewissen 
Berühmtheit gelangte, fand Bodmer in den Söhnen des regierenden 
Landvogts Lochmann die ersten Jugendfreunde. Seine Lust war 
es, erzählt er, im Sommer mit ihnen im See sich zu kühlen, in 
Feld und Wald herumzustreifen und im Winter auf dem Stahlschuh 
über die glänzende Eisfläche dahin zu gleiten. 

Nach dem frühen Wegzug der Freunde beschlich den Knaben 
ein Gefühl der Vereinsamung. Der Mangel an Umgang mit 
Altersgenossen machte ihn leutescheu und in sich gekehrt. Er ver- 
tiefte sich in eine ungeordnete Lektüre, und seine Phantasie belebte 



HANS UND HERMANN BODMER 



sich mit Bildern aus den .Patriarchaden des alten Testamentes, aus 
Ovids Metamorphosen, die er in Jörg Wickrams Bearbeitung kennen 
lernte, und aus den phantastischen Romanen des siebzehnten Jahr- 
hunderts. An der Hand seines Vaters unternahm er die ersten 
Schritte auf dem Gebiete der lateinischen Sprache, und als es da- 
mit nicht recht vorwärts gehen wollte, wurde er der Obhut eines 




2. GREIFENSEE, BODMERS (JEHUKTSORT. 

Nach einem Kupferstich von F. Hejri. 

Oheims in der nahen Stadt anvertraut, wo er im Collegium huma- 
nitatis die angefangenen Studien fortsetzte. 

I licr, in der bescheidenen Lateinschule, legte Bodmer den Grund 
zu seiner umfassenden Litteraturkenntnis. Neben den römischen 
und griechischen Klassikern , auch Homer hatte er inzwischen 
kennen gelernt, beschäftigten ihn namentlich die neueren Schrift- 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 5 

steller. Durch Bayles Dictionnaire wurde er mit der französischen 
Sprache vertraut und befähigt, die Werke Lockes in französischer 
Übersetzung zu lesen. Unter den deutschen Schriftstellern zog ihn 
hauptsächlich Opitz an, der bald in dem Masse sein Herz gewann, 
dass ihn die Freunde nur noch beim Namen seines Lieblings- 
dichters riefen. 

Nach einigen Jahren bezog Bodmer das Carolinum, die zür- 
cherische Gelehrtenschule, welche die Stelle der fehlenden Univer- 
sität vertrat. Mit dem trefflichen Theologen Jakob Zimmermann 
und dem nachmaligen Kammerer Heinrich Meister verband ihn früh 
eine innige Herzensgemeinschaft, und die Schwärmerei für Opitz 
führte ihn mit dem grillenhaften und launischen Heinrich Keller 
von Maur zusammen, der mehr Kenntnisse in den neueren Litte- 
raturen als Manieren besass. Auch Hagenbuch und Breitinger 
zählten zu seinen Studiengenossen ; doch wurde erst später jener 
schöne Freundschaftsbund geschlossen, der Bodmer Zeit seines 
Lebens mit dem letzteren verband. 

Das Carolinum, das, von Chorherren geleitet, beinahe aus- 
schliesslich für das theologische Studium berechnet war, vermochte 
Bodmer wenig Anregung zu bieten ; denn die Engherzigkeit und 
Beschränktheit, der Fanatismus und der Aberglaube, denen er hier 
begegnete, waren ihm in der Seele zuwider. Von einer milderen 
und vernünftigeren Auffassung des Christentums, wie sie später ein 
Spalding und ein Semler predigten, war hier noch keine Spur 
vorhanden, und auch Leibniz und Wolff waren noch nicht über 
den Rhein gedrungen. Gotthard Heidegger, einer der aufgeklärtesten 
Männer seiner Zeit, der wohl grossen Einfluss auf Bodmers geistige 
Entwicklung hätte gewinnen können, war nicht mehr; er war ge- 



6 HANS UND HERBiANN BODMER 

Sterben, che Bodmer seinen persönlichen Umgang nutzen konnte, 
Scheuchzcr, der ausgezeichnete Naturforscher, musste seinen Schülern 
das beste vorenthalten; durfte er doch nicht einmal öffentlich sich 
zu der Lehre des Kopemikus bekennen. 

Bodmer empfand eine wachsende Neigung, den Kampf mit diesen 
misslichen Zuständen aufzunehmen, und bald wurde ihm klar, dass 
er zum geistlichen Amte weder Beruf noch Neigung besitze. Die ver- 
ständige Grossmutter sorgte dafür, dass ihm die Theologie nicht 
aufgedrängt wurde ; denn der Vater verzichtete nur ungern auf den 
ihm lieb gewordenen Gedanken, in seinem Sohne den künftigen 
(jehülfen und Amtsnachfolger zu erblicken. „Ich werde niemals 
vergessen," schreibt Bodmer noch im Greisenalter, „mit welcher 
Innigkeit er mir die Würde und Heiligkeit des Priesterthums schil- 
derte, da er bemerkete, dass ein anderer Hang mich davon entfernte," 

Nun wurde der Jüngling zum Kaufmannsstande bestimmt. Im 
Frühjahr 1718 verliess er das Carolinum und reiste nach Genfund 
Lyon, um hier die SeidenstofRabrikation kennen zu lernen. Allein 
schon nach zwei Monaten kehrte er zurück und begab sich nach 
Lugano, wo die Brüder seiner Mutter eine Seidenspinnerei betrieben. 
Doch auch hier fand er keine Befriedigung. Die neue Laufbahn 
vertrug sich so wenig als die vorige mit seinen innern Neigungen, 
Statt merkantilische Kenntnisse zu sammeln, trieb er sich in Ber- 
gamo, Mailand und Genua, wohin ihn gelegentlich der Weg führte, 
in den Buchläden herum. Den Zürcher Freunden schrieb er latei- 
nische, französische und italienische Briefe, in die er die Erstlinge 
seiner Muse einstreute, und wie er aus Genf eine französische Über- 
setzung von Addisons Spectator nach Hause gebracht hatte, nach 
seinem eigenen Geständnis der alleinige Vorteil seines Reisejahrs, 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 



SO nahm er aus der Lombardei die Gedichte Tassos mit, die bald 
sein Lieblingsbuch wurden. 

So kurz sich auch Bodmers Wanderzeit gestaltete, führte sie 
dennoch in seinem Entwicklungsgange eine bedeutsame Wendung 
herbei : Sie brachte den Ent- 
schluss in ihm zur Reife, sich 
einem litterarischen Berufe 
hinzugeben. Bald nach seiner 
Rückkehr finden wir ihn denn 
als Freiwilligen auf der zürche- 
rischen Staatskanzlei, eifrig 
bemüht, in den Archiven den 
Schätzen der vaterländischen 
Geschichte nachzugraben, und 
daneben eine Reihe von Plänen 
in seinem unruhigen Geiste 
hin- und herwälzend, von 
denen die Gründung einer 
Druckerei, einer Verlagsbuch- 
handlung und einer litterari- 
schen Zeitschrift die vor- 
nehmsten waren. 




3. Jugendbildnis von Job. Casp. Hagenbucb. 
Nach einem Kupferstich in der SUdtbibliothek in Zürich. 



Alle diese Pläne wurden indessen von einem andern überholt, 
der bald Bodmers ganzes Sinnen und Trachten in Anspruch nahm. 
Der Spectator hatte ihm die Idee eingeflösst, einen zürcherischen 
„Zuschauer" zu schreiben. Auf einer Herbstwanderung in den 
Aargau im Jahre 1718 nahm das Projekt, das anfänglich mehr einer 
„vom Geiste eines starken Weines eingegebenen Caprice" glich und 



8 HANS UND HERMANN BODMBR 

durch eine erträumte Aehnlichkeit Bodmers mit dem schweigsamen 
Spectator veranlasst worden war, bald feste Gestalt an. Gleich 
Steele und Addison beabsichtigte Bodmer, die Sitten und den Ge- 
schmack seiner Mitbürger zu verbessern, und das Journal sollte das 
erste Druckerzeugnis sein, womit er, der Buchdrucker und Verleger, 
als „ein neuer Elzevier" seine Freunde „auf Adlersflügeln zur Nach- 
welt tragen" wollte. Diese Freunde waren Hagenbuch, die Brüder 
Heinrich und Johannes Meister, Breitinger und einige andere, alles 
angehende Gelehrte, ehemalige Zöglinge der zürcherischen Chor- 
herrenschule. Mit ihnen gründete Bodmer im Frühjahr 1720 die 
„Gesellschaft der Maler", jenen litterarischen Klub, aus dem am 
3. Mai 1721 die erste Nummer der Diskurse der Maler hervor- 
gieng. Nach Locke kam jedem Schriftsteller, wie Bodmer ausführte, 
die Eigenschaft eines „Malers" zu, weil er das, was er mitteilen wolle, 
in die Imagination des Lesers „male", die bei der Geburt einem 
Stück weissen Zeugs, einer tabula rasa ähnlich sei. Dieser von 
einer recht kindlichen Auffassung des physiologischen Vorgangs 
zeugenden Deduktion verdankte die Gesellschaft und die von ihr 
herausgegebene Wochenschrift ihren mehrfach missverstandenen 
Namen. 

So klein und unscheinbar das Blättchen auch war, es wohnte 
ihm doch eine weittragende Bedeutung inne , nicht seiner all- 
gemeinen moralischen Betrachtungen und manchmal scharf beob- 
achteten Sittenschilderungen wegen, die allzusehr auf das zürcherische 
„Costume" zugeschnitten waren, vielmehr durch seine treffenden 
litterarischen Urteile, in denen bereits die Keime der zürcherischen 
Kunstanschauimgen verborgen lagen. Während Bodmer in den 
einen der hieher gehörenden Stücke gegen Hofmannswaldau, Lohen- 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN ü. SEINE WERKE 9 

stein und andere Vertreter des absterbenden Marinismus zu Felde 
zog und Canitz, Besser und vor allem Opitz als Repräsentanten 
eines natürlichen Stiles pries, entwickelte er in andern seine eigenen 
Ansichten vom Wesen der Poesie. Bereits war hier vom gegen- 
seitigen Verhältnis der Künste die Rede, die durch die Gleichheit 
des Vorhabens, die Nachahmung der Natur, verwandt, aber hin- 
sichtlich der Ungleichheit ihrer Ausfühnmg von einander verschieden 
sind. Bereits wurden hier der Phantasie und der Inspiration, der 
Tiefe und Gewalt der Empfindung, die ihnen eigentümliche Stellung 
angewiesen. 

Dem zürcherischen Zuschauer war nur ein kurzes Dasein 
beschieden, die Zensurbehörde machte es ihm von Anfang an schwer, 
das Publikum blieb kühl, und auch die Freunde, zu denen sich der 
Jurist Cornelius ZoUikofer in St. Gallen, der Arzt Laurenz Zellweger 
in Trogen und der Historiker Johann Jakob LaufFer in Bern 
gesellt hatten, Hessen es an dem nötigen Eifer fehlen. Anfänglich 
versammelten sich die in Zürich wohnenden Mitglieder wöchentlich 
zweimal, bald nur noch einmal, und schon 1/22, als die ersten 
Frühlingslüfte lockten, wurden die Sitzungen mit einem Abend- 
und Liebesmahl auf der Zunft zum goldenen Anker beschlossen. 

Die junge Freundschaft zwischen Bodmer und Breitinger be- 
stand hier ihre Feuerprobe. Als von dem kleinen Kreise die 
beiden allein übrig geblieben waren, da mochte es zuweilen sich 
fügen, dass sie den wöchentlichen „Diskurs*^ auf ihren Spazier- 
gängen unter den Linden des Platzspitzes ersannen, wo Limmat und 
Sihl sich vereinen. Ein volles Jahr noch besorgten sie die Heraus- 
gabe der Diskurse, sodass schliesslich von den 94 Stücken, welche 
diese umfassten, beinahe alle von ihnen herrührten. Ende Januar 



10 HANS UND HERMANN BODMER 

1723 erschien das letzte Stück der Wochenschrift, die bald in an- 
dern Schweizerstädten, in Bern durch Altmann, in Basel durch Spreng 
und im Ausland in den „Vernünftigen Tadlerinnen" Gottscheds eine 
Reihe von Nachfahren erhielt und endlich in den moralischen 
Wochenschriften überhaupt ein Heer von minderwertigen Nach- 
ahmungen erweckte. 

Nach dem geringen äusseren Erfolg, den die Diskurse auf- 
zuweisen hatten, machten die beiden Herausgeber ihrem Arger über 
die Anmassung einiger deutschen Konkurrenten durch ein paar 
Streitschriften Luft. Breitinger fiel über den unbedeutenden Leip- 
ziger „Spectateur" her, und Bodmer gieng mit dem Hamburger 
„Patrioten" und mit Gottscheds „Tadlerinnen" ins Gericht. Seine 
Schrift erschien, nachdem sie Jahre lang bei deutschen Verlegern 
liegen geblieben war, erst 1/28 unter dem Titel Anklagung 
des verderbten Geschmacks. Das kleine Pamphlet, das 
wenig Bemerkenswertes bot, brachte Bodmer mit dem sächsischen 
Hofpoeten Johann Ulrich König in Verbindung, und bald schien 
Bodmers Plan einer Allianz zwischen Zürich und Leipzig in Er- 
ftillung gehen zu wollen. Bodmer beabsichtigte die Gründung einer 
litterarischen Vereinigung, die Opitz zu Ehren „Bober feldische 
Gesellschaft" sich nennen und mit einem eigenen Journale, dem 
„Phantast", vor das Publikum treten sollte. Allein er hatte zu 
sehr auf König gebaut, an dessen Teilnahmlosigkeit das Unternehmen 
schliesslich in die Brüche gieng, worauf er desto enger an seinen 
bewährten zürcherischen Mitarbeiter sich anschloss. 

Der Spectator war es, welcher Bodmer für die litterarische 
Kritik gewonnen hatte. Die nämliche Zeitschrift übte noch in 
anderer Hinsicht einen bestinunenden Einfluss auf ihn aus. Was 




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eins zusammen, 
ide, nfi^"g ich 
Milton zu ver- 



12 HANS UND HERMANN BODMER 

deutschen, deren endlich so viel worden, dass ich plötzlich den Ent- 
schluss fassete, das ganze Werk zu übersetzen". Er vergräbt sich in 
seine ländliche Einsamkeit. Man hört und sieht nichts von ihm. 
Wie Opitz, Addison und der Spectator, so wird jetzt Milton sein 
Vorbild. Ein im Grunde ergötzlicher Zufall kommt ihm zu Hilfe. 
Über dem Gedichte des blinden Heroen brütend, soll er selbst, 
von einer plötzlichen Krankheit befallen, das Augenlicht verlieren. 
Er gefallt sich in dem Gedanken; er möchte wünschen, dass er in 
Erfüllung gienge, und malt sich aus, wie ihn die Nachwelt auch 
in den übrigen Stücken mit Milton auf eine Stufe stellen würde. 
Dass dies nie geschehen konnte, dafür hatte Bodmer selbst gesorgt, 
denn die Scheu vor dem Verse hatte ihm eine nüchterne und un- 
gelenke Prosaversion aufgezwungen, die sein künstlerisches Un- 
vermögen in hellem Licht erscheinen liess. Schon 1/24 war das 
Werk vollendet, allein weder in Deutschland noch in der Schweiz 
fand sich ein Verleger, und die geistliche Zensur in Zürich wies 
ihn mit seiner „allzu romantischen Schrift" vor die Thüre. Erst 
1732 konnte das Buch unter dem Titel Johann Miltons 
Verlust des Paradieses bei Markus Rordorf in Zürich, 
welchem der Autor selbst die nötige Unterstützung zur Gründung 
einer Druckerei gewährt hatte, erscheinen. 

Die Verbesserung seines Werkes liess Bodmer nie zur Ruhe 
kommen. Sechs verschiedene Ausgaben verliessen im Zeitraum 
von fünfzig Jahren die Presse. Die erste kam ihm selbst „schweize- 
risch", die zweite „deutsch" vor, aber schon die dritte schien ihm 
das Prädikat „poetisch" zu verdienen. Alle seine Bemühungen 
reichten indessen nicht aus, dem Werk einen bleibenden Platz neben 
dem Original zu sichern. Trotzdem war Bodmers Uebertragung, 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 



13 



durch welche Milton für die deutsche Litteratur gewonnen wurde, 
eine entscheidende That. Miltons Genius bildete fortan die Quelle, 
welche die Kunstanschauungen der Zürcher befruchtete und belebte. 
An den Gestalten seiner Phantasie rankte sich ihre Lehre vom 
Wunderbaren empor, seine poetische Natur verlieh ihnen das Über- 
gewicht im Kampfe mit Gottsched, in den Auseinandersetzungen 




5. Der Limmatspitz, Bodmers und Brei tingers Lieblingsspaziergang. 
Nach einem Kupferstich in der Stadtbibliothek in Zflrich. 

mit Voltaire und Magny, unablässig waren sie für die Ausbreitung 
seines Ruhmes thätig. An Milton entzündete sich aber auch Bodmers 
unheilvoller Wahn, selbst ein Dichter zu sein. Wichtig war da- 
gegen der Einfluss, den Bodmers Übersetzung auf Klopstock aus- 
übte. Dankbar bekennt der jugendliche Messiasdichter, dass erst 
durch sie das Feuer, das Homer in ihm angefacht habe, zur Flamme 
emporgelodert sei. 



14 HANS UND HERMANN BODMER 

Während Bodmer noch in seine erste Übersetzerthätigkeit 
vertieft war, gegen Ende 1723, wurde von ihm ernstlich das Pro- 
jekt erwogen, im Frühjahr mit Breitinger Zürich zu verlassen, 
Deutschland zu durchschwärmen, Milton und einige kleinere Stücke 
drucken zu lassen, in die Welt auszustreuen und gegen den Winter 
wieder zurückzukehren. Die unerträglichen Zustände, von denen 
sie sich umgeben sahen, und die Unsicherheit der eigenen Lage 
mochten ihnen diesen Gedanken nahe gelegt haben. „Ich muss 
sterben, wenn sie nicht fortgeht," hatte Bodmer, der in Greifensee 
„inter pecora campi" ein beschauliches Dasein führte, im Hinblick 
auf diese Reise dem Freund geschrieben ; doch scheinen die Pläne 
bald aufgeschoben und endlich ganz aufgegeben worden zu sein, 
nachdem für Bodmer die Aussicht auf eine Lebensstellung sich 
eröffnet hatte. 

Im Jahr 1 725 erhielt Bodmer den Lehrstuhl für vaterländische 
(jeschichte am zürcherischen Carolinum, zunächst in der Eigen- 
schaft eines Verwesers, 1/31 als gewählter Professor. Er er- 
langte damit ein seinen Neigungen entsprechendes Amt, das er ein 
halbes Jahrhundert lang mit Hingabe und Treue bekleidete. Seine 
Stellung war anfänglich nicht beneidenswert, da er als einziger 
Magister nicht geistlichen Standes von seinen Kollegen manche Zu- 
rücksetzung erfahren musste ; denn „ein Degen auf dem Katheder", 
das heisst ein Dozent in weltlicher Tracht, war ihnen in der Seele 
zuwider. Auch bei den Studenten begegnete Bodmer geringen 
Sympathien ; er fand sie voller Vorurteile, da seine Vorgänger 
ihnen nichts zu bieten vermocht hatten. Wie ganz anders wusste 
Bodmer das Interesse seiner Zöglinge zu wecken ! Der herkömm- 
lichen Historiographie, die sich auf die gewissenhafte Aufzeichnung 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 15 

von Feuersbrünsten und Wassemöten und auf die Abfassung von 
Lobreden auf alle verstorbenen Magistratspersonen beschränkte, war 
er gründlich abhold. Es ist erstaunlich, mit welcher Schärfe schon 
der zweiundzwanzigjährige die Mängel dieser Art von Geschicht- 
schreibung erkannte und hervorzuheben wusste. Was er vermisste, 
war die Erforschung der geheimen Triebfedern alles menschlichen 
Thuns, das Suchen nach dem ursächlichen Zusammenhang der 
historischen Ereignisse. Mit seinen Forderungen führte Bodmer, 
lange vor Montesquieus epochemachendem Buche, den Begriff des 
historischen Pragmatismus im vollen Umfang in die schweizerische 
Geschichtsforschung ein. Ebenso neu für seine Zeit war die schon 
in den Diskursen angeregte Sammlung von Nachrichten über alt- 
schweizerische Sitten und Bräuche, und es darf daher Bodmer füg- 
lich als der erste gelten, der einer kulturgeschichtlichen Betrachtung 
der Staatsentwicklung das Wort redete. 

Mit diesem modernen wissenschaftlichen Rüstzeug angethan, 
betrat Bodmer sein neues Wirkungsfeld und wusste bald über die 
Schule hinaus einen kleinen Kreis gleichstrebender patriotisch ge- 
sinnter Mitbürger zu interessieren, mit denen er im Jahre 1727 zu 
gegenseitiger Anregung und Förderung in der Erforschung vaterlän- 
discher Geschichte die „Helvetische Gesellschaft" in Zürich gründete. 
Zur Einführung in die gemeinsame Thätigkeit und zur Orientierung 
über das Quellenmaterial wurde mit der Erstellung eines nach prak- 
tischen Gesichtspunkten gross angelegten „Verzeichnisses aller zur 
eidgenössischen Historie dienenden Schriften" begonnen, das später 
eine der wertvollsten Vorarbeiten zu G. E. von Hallers „Bibliothek 
der Schweizergeschichte" bildete. Inzwischen bemühte sich Bodmer, 
von den Arbeiten, die aus der Gesellschaft hervorgiengen, dem ihm 



16 HANS UND HERMANN BODMER 

nahestehenden Verlage neue Publikationen zuzuwenden. 1735 er- 
schien der Thesaurus Historiae Helveticae, eine durch 
ihre äusserst glückliche Auswahl ausgezeichnete Sammlung selten 
gewordener lateinischer Quellenschriften zur Schweizergeschichte. 
Noch im nämlichen Jahre trat die Gesellschaft mit einer historisch- 
politischen Zeitschrift hervor, die unter dem Titel Helvetische 
Bibliothek in den Jahren 1735 bis 1741 es auf 6 Bände brachte, 
welche fast ausschliesslich Bodmers Werk sind. Ende der dreissiger 
Jahre gab sich Bodmer unendlich viel Mühe mit der Publikation 
des achtzehnbändigen LaufFerschen Geschichtswerkes, das er von 
der Witwe des Autors für seinen Verlag erworben hatte. Im An* 
schluss an diese Edition erschienen 1739 in 4 Bänden die Histo- 
rischen und Critischen Beiträge zu der Historie der 
Eidgenossen. In den darin enthaltenen Abhandlungen, wie in 
seiner gesamten überaus fruchtbaren Thätigkeit auf dem Gebiete 
der vaterländischen Geschichtsforschung erwies sich Bodmer als 
ebenso unerschrockener wie scharfl)lickender Forscher, der unbeirrt 
von fremden Autoritäten seine eigenen neuen Wege gieng. 

Als Bodmer seines Amtes wegen seinen Wohnsitz für immer 
nach Zürich verlegte , schritt er zur Gründung eines eigenen 
Hausstandes. Er vermählte sich 1727 mit Esther Orell, der Tochter 
des Felix Orell zum Spiegel, einer „lieben hauswirtlichen Frau**, 
wie er sagt, welche „die treue Gehilfin seines Lebens" wurde. 
Die Ehe war mit vier Kindern gesegnet, die alle, darunter ein 
Söhnlein, an dem der Vater mit besonderer Liebe hieng, in zartem 
Alter starben. In den ersten Jahren wohnte Bodmer mit seiner 
Gattin im Hause zum Gemsberg am Neumarkt, später im Strohhof, 
von 1739 an in dem am Abhänge des Zürichbergs reizend gelegenen 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 



17 



Landhause zum oberen Schönberg, das 1/56 in seinen alleinigen 
Besitz übergieng. 

Bald nach seiner Verheiratung verwirklichte Bodmer einen alten 




6. Eine Molkenkurgesellschaft in Trogen. 
J. C. Fflssli, der Maler des Bildes, J. J. Bodmer, I.. Zellwege r, SalomonGes'sner, 

H. K. Heidegger (?). 
Nach Ffisslis ölgemulde im Besitze des Herrn Eugen Zellweger in Trogen. 



Plan, indem er eine Buchdruckerei gründete. Allein er erweckte 
dadurch den Neid der alten Heideggerschen Offizin, die ihn bis 
vor den Rat verfolgte und 1731 zwang, die Pressen einem mit 

3 



18 HANS UND HERMANN BODMER 

seinem Kapital arbeitenden, berufsmässig ausgebildeten Typographen, 
Namens Markus Rordorf, auszuliefern. Als das Geschäft abermals 
nicht in Fluss kam, gründete Bodmer 1/34 mit seinem Neffen Konrad 
Orell und dem Landschreiber Konrad von Wyss die später berühmt 
gewordene und dem Namen nach heute noch bestehende Verlags- 
buchhandlung Orell und Kompagnie, in der die meisten seiner Publi- 
kationen erschienen. Bis* 1741 verblieb Bodmer in dieser Sozietät, 
von welcher der junge Goethe später urteilte, dass sie zu ihrer Zeit 
der wahren Litteratur mehr Dienste geleistet habe als der halbe 
Buchhandel Deutschlands. 

Die litterarische Kritik blieb Bodmers ureigenes Gebiet. Mit 
Breitingcr hatte er sich verbunden, die in den Diskursen der Maler 
begonnenen litterarisch - ästhetischen Untersuchungen fortzusetzen. 
Als Verbesser^r des Geschmacks wollten sie auftreten, das Wesen 
der Poesie ergründen und die Prinzipien einer Vernunft- und sach- 
gemässcn litterarischen Kritik in einem umfassenden Werke darlegen. 
Das Resultat der gemeinsam betriebenen Studien bilden jene umfang- 
reichen Abhandlungen, die um die Mitte des Jahrliunderts in den 
bisherigen Anschauungen eine bedeutsame Wendung hervorriefen. 
Diese Publikationen sind so sehr das gemeinsame geistige Eigentum 
der beiden Freunde, dass es unmöglich ist, von dem Anteil des 
einen zu sprechen, ohne auch des andern eingehend zu gedenken. 

Bodmer und Breitinger berechneten das ihnen vorschwebende 
systematische Werk auf 5 Bände, wozu ihnen das Programm schon 
1/26, also lange vor dem Erscheinen von Gottscheds Dichtkunst, 
detailliert vorlag. Zuerst erschien die Abhandlung Von dem 
Einfluss und (xebrauche der Einbi Idungskr aft (1727), 
ohne Angabe der Verfasser, lediglich mit den Initialen J. B. J. B. 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 19 

unter der Vorrede versehen. Man blieb indessen keinen Augenblick 
über die Urheberschaft im Ungewissen, und auf allen Seiten erhob 
sich die lebhafteste Opposition. Selbst die einsichtigsten unter den 
eigenen Landsleuten schüttelten ungläubig die Köpfe und betrachteten 
das Unternehmen als lächerliche Anmassung. 

Nach dem Erscheinen dieses ersten Teiles trat in der gemein- 
samen Unternehmung eine Pause von zehn Jahren ein. Bodmer 
knüpfte in dieser Zeit durch die Vermittlung des Berners Kaspar 
von Muralt einen wissenschaftlichen Briefwechsel mit einem fein- 
sinnigen italienischen Gelehrten, dem Grafen Pietro di Calepio in 
Bergamo, an. Aus dieser Korrespondenz, die sich über die ver- 
schiedenartigsten litterarischen Gegenstände verbreitete, veröffent- 
lichte Bodmer 1736 den Briefwechsel von der Natur des 
poetischen Geschmackes, nachdem er schon 1732 Calepios 
Paragone della poesia tragica d'Italia coi> quella di 
F r a n c i a in Zürich zum Druck befördert hatte. 

Erst die Jahre 1737 bis 1740 brachten den beiden Zürchern die 
Müsse, deren sie zur Ausführung ihres grossen Projektes bedurften. 
Das Kompagniegeschäft blühte. Skizzierte und ausgearbeitete Stücke 
wanderten hin und her. Bodmers Haus „zum Berg" und Breitingers 
Amtswohnung „zum grossen Paradies" in den Chorherrenhäusem 
an der oberen Kirchgasse lagen nur einige Minuten auseinander; 
auch führte Bodmers Schulweg an des Kollegen Schwelle vorbei. 
Täglich verbrachten die Freunde einige Stunden in gemeinsamer 
Arbeit. Das eine Mal stieg der Chorherr die steilen Stufen zu 
Bodmers Musensitz empor, ein andermal lud Bodmer den Freund 
zu einem abendlichen Spaziergang unter den Linden an der Limmat 
ein und wünschte dazu günstiges Frühlingswetter, damit er sein neues 



20 HANS UND HERMANN BODMER 

Kapitel „unter dem Schutz der Musen, die sich allda zu ergehen 
pflegten", dem Freunde zur Beurteilung unterwerfen könne. 

So wurde das gemeinsame Werk soweit gefördert, dass- die 
einzelnen Abschnitte in rascher Folge ausgegeben werden konnten. 
Im Frühjahr 1/40 erschien Breitingers Kritische Abhandlung 
von der Natur, den Absichten und dem Gebrauche 
der Gleichnisse und beinahe gleichzeitig Bodmers Kritische 
Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie, 
eine Schutzschrift für Milton, welche ursprünglich einen besondem 
Abschnitt der Kritischen Dichtkunst Breitingers bilden sollte. 
Diese selbst, das Hauptwerk der Zürcher, folgte noch im nämlichen 
Jahre, während der letzte Teil, Kritische Betrachtungen 
über die poetischen Gemälde der Dichter, von Brei- 
tinger begonnen und von Bodmer vollendet, 1741 zur Ausgabe 
gelangte. 

So wenig als das ästhetische System einem der Genossen 
allein seinen Ausbau verdankt, ebenso wenig kann eine dieser Ab- 
handlungen als das Eigentum eines Einzelnen betrachtet werden. 
Sie sind die Frucht gemeinsamer Forschung, der Niederschlag eines 
täglich sich erneuernden Gedankenaustausches. Oft lieferte der eine 
den (jcdanken, der andere die Form. Bei einzelnen Abschnitten 
schrieb Breitinger nur den dogmatischen Teil, während Bodmer den 
kritisclien ausführte, wie denn überhaupt Breitinger als der sichere 
Systematiker, Bodmer als der Erfinder und unablässig thätige An- 
reger in der Allianz erscheint. Selbst an der Kritischen Dichtkunst, 
die man bis dahin ausschliesslich Breitinger zuzuschreiben pflegte, 
ist Bodmers Anteil ein beträchtlicher, indem ganze Kapitel darin 
seiner Feder entstammen und zwar gerade diejenigen, denen Goethe 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 21 

in Dichtung und Wahrheit besondere Beachtung geschenkt hat. 
Wenn nun gleichwohl die einzelnen Abhandlungen jeweilen nur einen 
Verfasser nennen, so hat dies nur beschränkte Gültigkeit. Da die 
Freunde selbst das Bedürfnis empfanden, Hand in Hand vor das 
Publikum zu treten, so schrieb immer der eine zum Werke des 
andern die Vorrede, sodass die beiden Namen dann vereinigt auf 
dem Titelblatt erschienen. 

In den Mittelpunkt ihrer Poetik stellten die Zürcher die Lehre 
von der Einbildungskraft, der sie auch die erste Abhandlung widmeten. 
Leicht erregbare Phantasie und starke Neigung zum Gegenstand 
sind die Quellen aller wahren Poesie. Ihre Aufgabe ist Nach- 
ahmung der Wirklichkeit in Natur und Leben, und darauf beruht 
ihre nahe Verwandtschaft mit der Malerei. Bei der poetischen 
Malerei handelt es sich aber nicht um Wiedergabe aller Einzelheiten, 
sondern um die Betonung der charakteristischen Züge. Der Dichter 
übergeht alles Entgegenstehende und erhöht durch geschickte Zu- 
sammenstellung der hauptsächlichsten Vorzüge die Schönheit seines 
Gegenstandes. Auf dem Gebiet der Charakterzeichnung führt 
dieses Verfahren zur Darstellung von Typen. Die „abstractio imagi- 
nationis", wie die Zürcher dieses Kunstmittel nannten, bedeutet 
einen wichtigen Fortschritt in ihrer Lehre, wie in der deutschen 
Poetik überhaupt. — Ein weiteres Verdienst ihrer Kunsttheorie ist 
die Einführung des Begriffes des „Neuen". Nur das Ungewohnte, 
Seltsame und Ausserordentliche vermag zu ergötzen. Der Dichter 
muss seinen Gegenstand interessant machen; dafür steht ihm aber 
nicht allein die Wirklichkeit, sondern auch das Gebiet der „mög- 
lichen Welten", das unermessliche Reich des Wunderbaren, offen. 
„Die Nachahmung der Natur im Möglichen ist das eigene und 



22 HANS UND HERMANN BODMER 

Hauptwerk der Poesie." Mit dem Wunderbaren muss sich das 
Wahrscheinliche verbinden. „Der Poet muss das Wahre als wahr- 




7. Johann Jakob Breitinger. 

Nach J. II. I*fcnninjfcrs Zcichniin>^ für I.avaters Physioj^nomischc Fragrmente. 

Gestochen von J. R. Schellcnberjf. 

scheinlich und das Wahrscheinliche als wunderbar vorstellen." Darin 
beruht nach der Theorie der Zürcher das höchste Kunstgeheimnis 



J. J. BODMER, SE[N LEBEN U. SEINE WERKE 23 

der Poesie. „Es schlummert in demselben eine Ahnung von Goethes 
Entdeckung des Drangs nach Wahrheit und der Lust am Trug." 
(Servaes). Als Endzweck der Poesie betrachten die Zürcher nach 
altem Herkommen Nutzen und Ergötzen, wie ja selbst Lessing noch 
von ihr verlangt, dass sie den Menschen bessere. Die Poesie ist ein 
köstliches Werkzeug, die tiefsten Lehren der Weisheit und Moral 
dem Menschen auf angenehme Weise beizubringen. Hieraus ergiebt 
sich für Breitinger die irrige Konsequenz, die Poesie sei eine „ars 
popularis" und als solche nicht für diejenigen berechnet, welche an 
Verstand und Wissen über das gemeine Los der Menschen erhaben 
seien, weil für diese die ungeschminkte Wahrheit Anziehungskraft 
genug habe. Gerade hierin zeigt Bodmer indessen tiefere Einsicht, 
indem er viel eindringlicher das Ergötzen als Hauptzweck und den 
Nutzen als gelegentliche Wirkung betont. — Die Poesie sieht es auf 
die Erregung unseres Gemütes ab. Zur Darstellung von Leiden- 
schaften muss der Dichter sich selbst mittelst der Einbildungskraft 
in den betreffenden Gemütszustand versetzen, den er schildern will. 
Nur wer selbst im Affekt ist, vermag ihn auch beim Leser zu 
erwecken. 

In der Betonung der einzelnen Dichtarten zeigt sich eine starke 
Überschätzung der Fabel, der ein eigener Abschnitt gewidmet ist. 
Sie ist wunderbar und wahrscheinlich und zugleich voll Nutzen 
und Ergötzen und erschien ihnen so als vollkommenste Vereinigung 
ihrer Hauptforderungen. Als höchste Gattung wird einmal das 
Epos, ein andermal das Drama genannt, das letztere, weil seine 
Form der Wirklichkeit am nächsten komme. Für die formale Seite 
der Poesie, wovon der letzte, von Bodmer verfasste Abschnitt der 
Kritischen Dichtkunst handelt, entwickelten die Zürcher zeitlebens 



24 HANS UND HERMANN BODMBR 

wenig Verständnis. Die Abneigung gegen den Reim wurde bei 
Bodmer zur Manie. Richtig erkannte er dagegen, dass die deutsche 
Sprache accentuierend und nicht quantitierend ist. 

Wahrhaft überraschend wirkt die umfassende Litteraturkennt- 
nis der beiden Autoren. Breitinger war der gründliche Kenner 
des klassischen Altertums, und Bodmer verband damit seine uni- 
verselle Belesenheit in den neueren Litteraturen. Von den Griechen 
wird ausser Pindar und Longin namentlich Aristoteles herbeigezogen, 
aus dessen Poetik alle fruchtbaren Gedanken verwertet wurden. 
Den breitesten Raum beansprucht Homer, der als der geniale Ver- 
treter urwüchsigster Volkspoesie weit über Vergil, den klassischen 
Repräsentanten künstlerischer Formvollendung, gestellt wird. In 
diesem Urteile Hegt im Grunde schon das, was Herder später mit 
den Begriffen Naturpoesie und Kunstpoesie in die poetische Theorie 
einführte. 

Die lateinischen Gewährsmänner sind Cicero und Quintilian, 
von den Dichtern Horaz und Vergil. Seine Vertrautheit mit 
den Erscheinungen der italienischen Litteratur verdankt Bodmer 
vornehmlich seinem Korrespondenten Calepio, an dessen Paragone 
er seine Ansichten über das Drama gebildet hatte. Für die Ge- 
schmackslehre wird Muratori herbeigezogen, und unter den Poeten 
hält es Bodmer mit Dante und seinem erklärten Liebling Tasso. 
In der französischen Litteratur sind beide Zürcher wohl zu Hause. 
Französisch war ihre Bildung, französisch wird korrespondiert, und 
durch die Franzosen erst lernt man die Engländer kennen. Wichtig 
für die deutsche Kunstlehre ist namentlich die Einführung von Dubos, 
der zwar mehrfach höchst eigenmächtig interpretiert wird. Bekannt 
ist Bodmers Verdienst um die Propagierung der englischen Litteratur. 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 25 

Von Addison ist man ausgegangen, verdienstvoll ist der Hinweis 
auf Pope, später auf Blackwell, von der grössten Bedeutung ist der 
Enthusiasmus für Milton. Breiten Raum beansprucht die Kritik 
der deutschen Litteratur. Bodmer steht in der Hauptsache noch 
auf dem Standpunkt seiner kleinen gereimten Litteraturgeschichte 
Charakter der deutschen Gedichte, vom Jahre 1734, worin 
er in der Beurteilung der einzelnen Dichter bemerkenswertes Ver- 
ständnis bekundete. Opitz wird wie in den Diskursen überschwenglich 
gelobt, die Dichter des Marinismus werden scharf abgelehnt, und 
imter den Neuern erhält Brockes den Ehrenkranz, während Haller 
erst in der litterarischen Fehde zur Geltung gelangt. Die starke 
Überschätzung des Hamburger Poeten erklärt sich aus der über- 
mässigen Betonung der beschreibenden Poesie, die sich in der ge- 
samten zürcherischen Poetik ungebührlich breit macht. 

Nach dem Erscheinen der kritischen Schriften erhob sich jener 
heftige Litteraturstreit zwischen Zürich und Leipzig, der ein wichtiges 
Moment in der Geschichte des deutschen Geisteslebens bildet, in- 
dem er das Interesse für kunsttheoretische Fragen in den weitesten 
Kreisen geweckt und den Boden zur Aufnahme einer edleren Saat 
vorbereitet hat. Es war selbst den Zeitgenossen nicht sofort klar, 
worum eigentlich gestritten wurde, da doch Gottsched und die 
beiden Zürcher das gleiche Ziel, Popularisierung der Dichtkunst, 
verfolgten und ihre Theorien anscheinend so viele Berührungspunkte 
aufwiesen. Indessen waren die fundamentalen Anschauungen vom 
Wesen der Poesie so verschieden, dass ein Zusammenstoss erfolgen 
musste. Die Zürcher drangen von Anfang an auf tiefen Gehalt, 
Gottsched auf korrekte Form; jene stellten in den Mittelpunkt 
ihrer Lehre die Phantasie, diesem war die Dichtkunst Verstandes- 

4 



26 HANS UND HERMANN BODMER 

Sache ; er hielt sie nach den vielen vorhandenen Regelbüchem auch 
für eine Person „von mittelmässigen Begriffen" für leicht erlernbar, 
und der grösste Vorwurf, den er der Kritischen Dichtkunst der 
Zürcher zu machen wusste, war der, dass man aus ihr nicht ein 
einziges Gedicht machen lerne. Den Zürchem war die Poesie ein 
„köstliches Geschenke des Himmels" ; selbst im geringsten unter 
den Dichtem verehrten sie den göttlichen Funken und behandelten 
ihn mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu. Auf dem Gebiet 
der Theorie und Kritik aber galt ihnen keine Autorität; hier em- 
pfanden sie das imbändige Bedürfnis, sich am Bestehenden zu reiben. 
Das Erscheinen von Gottscheds Dichtkunst war ihnen kein Hinder- 
nis, die gleiche Materie nochmals von Grund auf zu behandeln, und 
die diktatorische Gewalt, die sich der Leipziger Professor ange- 
eignet hatte, reizte sie, ihm das Szepter zu entreissen. Den Zeit- 
schriften des Gottschedschen Kreises stellten die Zürcher die 
Sammlung kritischer, poetischer und anderer geist- 
voller Schriften gegenüber, die, von 1741 bis 1 744 erschienen, 
nicht nur Streitschriften, sondern auch Abhandlungen von bleibendem 
Wert, wie Bodmers trefflichen Aufsatz „Vom Ursprung und Wachs- 
tum der Kritik bei den Deutschen", enthielt. 

Gegen die Mitte des Jahrhunderts begann Gottscheds Ruhm 
zu sinken. Seine Anhänger verliessen ihn ; nur wenige blieben ihm 
treu, während sich um Bodmer und Breitinger die vornehmsten 
Vertreter des deutschen Parnasses scharten. Als endlich noch 
Klopstock, der verheissungsvollc Vorbote des goldenen Zeitalters 
unserer Litteratur, sich zu der zürcherischen Kunstauffassung be- 
kannte und dies öffentlich durch seinen Besuch bei Bodmer be- 
kundete, war die Machtstellung des Leipziger Diktators dahin. 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 27 

Die kritische Thätigkeit hatte Bodmer nach und nach mit der 
lebendigen, immer reicher sich entfaltenden deutschen Litteratur 
und ihren Vertretern in innige Berührung gebracht. Gegen die 
Mitte des Jahrhunderts schien sich sein Dasein förmlich mit ihr 
zu verwachsen. Er sah sich an der Spitze einer tonangebenden 
Partei, der die hervorragendsten deutschen Schriftsteller angehörten. 
Überall besass er Freunde, Mitarbeiter und Korrespondenten, die 
das Evangelium der zürcherischen Kunstlehre verkündeten. „Em- 
pfänglich nach den verschiedensten Richtungen hin," sagt Bemays 
in seiner trefflichen Charakteristik, „reizbar und aufreizend, rasch 
auflodernd in kindlicher Begeisterung für das verkannte oder nur 
von ihm erkannte Grosse, zäh im Festhalten seiner Ansichten und 
Absichten, von deren Verbreitung und Erfüllung er allein das Heil 
erwartete ; grillig und launenhaft, zuweilen ein griesgrämiger Habe- 
recht, und als solcher zu den schlimmsten Fehlgriffen fortgerissen, 
im Ganzen aber lebensklug und gewandt ; ungeachtet einer gewissen 
Neigung, sich in sich selbst scheu zurückzuziehen, doch in seiner 
Kampfeslust immer gleich bereit zum ernsten Gefecht wie zum 
leichten Scharmützel; hie und da zu kleinen versteckten Listen 
und Ränken sich herbeilassend, aber in seiner festbegründeten sitt- 
lichen Tüchtigkeit von allem Niedrigen und Gemeinen unberührt — 
so war er durch sein ganzes Wesen befähigt, die noch schlum- 
mernden Lebenstriebe einer werdenden Litteratur zu wecken, die 
Geister zum Vordringen in noch verdeckte Kunstregionen zu er- 
muntern und die Gemüter zur Aufnahme des erwarteten Neuen 
vorzubereiten." 

Von den Gegnern der zweiten schlesischen Schule bis auf 
Lessing gab es in Deutschland kaum einen Dichter, der nicht mit 



28 HANS UND HERMANN BODMER 

Bodmer in näherer Beziehung stand. Schon Besser, Brockes 
und König waren vorübergehend in seinen Kreis getreten. Bald 
nahmen DroUinger, Haller und Hagedom, die ersten, in denen 
sich das Wehen eines neuen Geistes ankündigte, ihre Stelle ein. 
Früh den Zur ehern zugethan, suchten sie doch in kühler Zurück- 
haltung dem Hader der Parteien aus dem Wege zu gehen. Bodmer 
sah in ihnen die Erben seines Lieblingsdichters Opitz, an dem er 
lange jedes Talent zu messen pflegte. Hallers Gedichte waren vor 
den Hauptwerken der Zürcher erschienen. Bodmer ahnte, welche 
Beweiskraft für seine noch unentwickelten Ideen in ihnen lag. Den- 
noch fand er zeitlebens für die ernste Gedankenlyrik seines Lands- 
manns weder das richtige Verständnis noch das rechte Wort. Es 
ist bezeichnend, dass er, der Milton- und Klopstocksch wärmer, 
später, als Haller gegen seinen Willen doch in den Litteraturstreit 
gezogen wurde, dessen Verteidigung dem bedächtigeren Breitinger 
übcrliess. Mit Hagedom wechselte Bodmer seit 1742 freundschaft- 
liche Briefe. Er schätzte in ihm den „wissefisreichen Litterator", 
der ihn von allen in seinem Bereiche auftauchenden neuen Er- 
scheinungen, vorzugsweise des englischen Geisteslebens, unterrichtete. 
Wie hätte er dagegen für seine Muse, die später die holde Ge- 
bieterin der Anakreontiker wurde, ein tieferes Verständnis besitzen 
können. Bald mehrten sich die Zeichen, dass Bodmer und Brei- 
tinger nicht nur diese älteren, sondern auch die Herzen der jüngeren 
Zeitgenossen für sich hatten. Liskow und Rost schlugen sich auf 
ihre Seite, Bodmer publizierte die Gedichte von Pyra und Lange 
(„Thirsis und Dämons freundschaftliche Lieder" 1745), die Brüder 
Schlegel erbaten sich sein Urteil über ihre Werke, Gleim schrieb 
ihm zärtliche Briefe, der Ästhetiker Meier in Halle, der, ein Schüler 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 29 

Baumgartens, die Poetik Gottscheds offen bekämpfte, trat mit ihm 
in intime Korrespondenz, Gärtner, Giseke, Geliert und Rabener, die 
Mitglieder des Leipziger Dichtervereins, der sich unabhängig von 
Gottsched gebildet hatte, bemühten sich um seine Gunst. In der 
Schweiz selbst war ein jüngeres Geschlecht emporgeblüht, das mit 
neuen Kräften in die Bewegung eingriff. In den Fabeln Ludwig 
Meyers von Knonau, die Bodmer 1744 veröffentlichte, boten 
sich willkommene Beispiele der bevorzugten Dichtungsart. J. G. 
Sulzer gieng in den Vorarbeiten zu seiner „Allgemeinen Theorie 
der schönen Künste" (1771 — 1774), die Bodmer zahlreiche Beiträge 
verdankt, von den Grundanschauungen der Zürcher aus. Den 
mustergiltigen Ausgaben der Gedichte von Canitz (1737) 
und Opitz (1745), die Bodmer und Breitinger gemeinsam veran- 
stalteten, reihte sich unter Bodmers Auspizien eine Erneuerung der 
Epigramme und Gedichte von Wernicke durch Johann Georg 
Schulthess an. An den Freimüthigen Nachrichten (1744 bis 
1763), die lange das erste kritische Organ der Zürcher bildeten, 
waren neben Bodmer und Breitinger die Winterthurer Martin Künzli, 
der Freund Wielands, und Johann Heinrich Waser, der geistreiche 
Übersetzer Swifts und Lucians, thätig. In Bern zählte neben 
Samuel König und dem unglücklichen Henzi, welche die Gottsched 
ergebene „Deutsche Gesellschaft" mit ihrer Satire verfolgten, der 
Übersetzer Hallers und Klopstocks, Vincenz Bernhard Tschamer, 
zu Bodmers Freunden. Stets waren auch einige junge Zürcher 
auf der Fahrt durch Deutschland begriffen, um als Sendboten 
Bodmers mit gewichtigen Empfehlungsbriefen ausgerüstet der Reihe 
nach bei den litterarischen Genossen vorzusprechen und das Band 
der Freundschaft mit den Musen an der Limmat immer fester zu 



30 HANS UND HERMANN ßODMER 

knüpfen, so 1746 Johann Kaspar Hirzel, der in Berlin mit Ewald 
von Kleist ein zärtliches Bündnis schloss, drei Jahre später Salomon 
Gessner, der von Ramler in seinen ersten poetischen Versuchen 
sich leiten Hess und gleichzeitig sein Freund Schulthess, Bodmers 
erklärter Liebling, der Geliert, Rabener, Gleim, Hagedom und Haller 
besuchte, in Berlin mit Sulzer und Ramler den berühmten Montags- 
klub gründete, dem Lessing später angehörte, und im Sommer 1750 
dem jugendlichen Messiasdichter, der nach Zürich in die Arme 
Bodmers eilte, das Geleite gab. 

Mit den Dichterbesuchen im Hause zum Berg fällt ein Schim- 
mer von Romantik in Bodmers Dasein. In ihnen gipfelt sein per- 
sönliches Verhältnis zur deutschen Littcratur. Wie oft hatte Bodmer, 
von Milton begeistert, der Nation das Bild des epischen Dichters 
vorgemalt, den sie so lange entbehren musste. In Klopstock war 
endlich der heilige Sänger erschienen, auf dem Miltons Geist ruhte. 
Noch bevor die ersten Gesänge des Messias in die Öffentlichkeit 
drangen, im Mai 1/47, lernte Bodmer durch Gärtner imd Hage- 
dorn handschriftliche Proben davon kennen. Seine Seele schwamm 
in Entzücken. In begeisterten Tönen pries er die Dichtung, die 
ihm der Unsterblichkeit gewiss schien, und sein Enthusiasmus trug 
nicht wenig dazu bei, auch die kühleren und bedächtigeren unter 
Klopstocks Freunden in sanfte Erregung zu versetzen. 

Nachdem im Sommer 1/48 die ersten Gesänge des Messias 
liervorgctreten waren, erwarb sich Bodmer durch die rührige Thätig- 
keit, die er für die Bekanntmachung des Gedichtes entfaltete, ein 
neues Verdienst. Alle befreundeten Autoren in Deutschland und 
in der Schweiz wurden in Bewegung gesetzt ; auch in Frankreich 
und England sollte für Klopstock Stimmung gemacht werden, und 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 



31 



in der Sprache Tassos wollte Bodmer selbst den Ruhm des Messias 
verkünden. 

Nicht nur zum ,,Evangelisten" auch zum „Glücksdirektor" 
Klopstocks warf sich Bodmer auf. Als er von der hoffnungslosen 
Liebe des Dichters hörte, schrieb er jenen merkwürdigen Brief, 
welcher „die göttliche Fanny" über die herrliche Rolle aufklären 
sollte, welche das Schicksal ihr als Muse des Messiasdichters zu- 
gedacht hatte. Und als alle Versuche misslangen, Klopstock einen 
Mäcen zu gewinnen, da lud er selbst ihn ein, in seinem stillen 
Hause sein Gedicht zu vollenden. Es lag so nahe, dass Bodmer 





9. Medaille mit dem Doppelbiidnis von Bodmer und Breitinger. 
In der MQnzsainmluti^ des Schweiz. Landesmuseums in ZQrich. 

in Klopstock „einen von ihm Erweckten und Gebildeten" sah. 
Und war er hiezu nicht berechtigt, wenn dieser ihm im Über- 
schwang seines Gefühls selbst gestand, er habe die Schriften der 
Zürcher zur Linken gehabt, wenn ihm Homer und Vergil zur 
Rechten lagen? 

Durch den Messias war auch auf Bodmers Haupt der göttliche 
Funke gefallen. Der Wahn, selbst ein Dichter zu sein, von dem 
er schon früher befallen war, hatte sich von neuem in ihm ent- 
zündet. „Klopstock erfüllte mich mit dem zuversichtlichsten Ver- 



32 HANS ITND HERMANN BODMER 

trauen", schreibt er in späten Tagen, „dass ein goldenes Alter an- 
gebrochen sei. Ich geriet von der Neuigkeit und der Anmut seines 
Hexameters und noch mehr seiner Poesie in Ekstase, und so ward 
ich begeistert, die Noachide auszuarbeiten." Seit dem Frühjahr 1749 
schrieb Bodmer an dem patriarchaUschen Gedichte, dessen Plan er 
schon früher entworfen hatte. Die im folgenden Jahre erschienenen 
Gesänge wurden von Klopstock beifällig aufgenommen, und Bodmer 
hoffte daher im Stillen, dass „an des heiligen Sängers Feuer", wie 
Baechtold sagt, „sich seine ältliche Muse zur Vollendung des „Noah" 
erwärmen sollte." 

Am 23. Juli 1/50 langte Klopstock, von Sulzer und Schult- 
hcss begleitet, bei Bodmer an. Man weiss, wie rasch die schwär- 
merische Freundschaft, die aus der Ferne angeknüpft worden war, 
einer tiefen Entfremdung wich, nachdem sich die beiden von An- 
gesicht zu Angesicht kennen gelernt hatten. Weder auf der einen 
noch auf der andern Seite konnte ein Gefühl der Enttäuschung 
ausbleiben. Klopstock war nicht der seraphische Jüngling, wie ihn 
Bodmer sich geträumt hatte ; dem heiteren I^ebensgenusse zuge- 
wandt, „verläugnete er", wie dieser bald einsah, „den Menschen 
allein in der Göttlichkeit seines Gedichtes." Bodmer hinwiederum, 
der schon das fünfzigste Jahr überschritten hatte, besass in der 
patriarchalisch nüchternen Einfachheit und Bedürfnislosigkeit seines 
Wesens, das nur ein geistiges Gcniesscn kannte, so ganz und gar 
nichts, was einen in Liebessehnsucht sich verzehrenden und dabei 
von Freundinnen und Freunden verwöhnten und verhätschelten 
jugendlichen Dichter fesseln und erwärmen konnte. Schon acht 
Tage nach Klopstocks Ankunft in Zürich fand jene berühmte See- 
fahrt statt, an welche heute noch die schöne Ode erinnert. Un- 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 33 

mittelbar daran reihte sich der von Bodmer gleichsam als Gegen- 
mittel veranstaltete Kongress zu Winterthur, wo Klopstock im 
ICreise ernster Männer seinem heiligen Berufe, dem er imtreu ge- 
worden war, wieder zugeführt werden sollte. Alle Bemühungen 
waren umsonst. Klopstock fuhr fort „den Mädchen Mäulchen zu 
rauben und Handschuhe zu erobern" und arbeitete an dem Ge- 
dichte, das Bodmer wie seinen Augapfel hütete, nur „inter strepitus 
diurnos atque noctumos". Als Bodmer ihm seinen mit der Messiade 
so arg im Widerspruch stehenden Wandel vorhielt, bemächtigte 
sich des Dichters eine dauernde Verstimmung. Gekränkt wandte 
er sich von seinem Gastgeber ab, wurde einsilbig und verdriesslich 
und verliess am 3. September im Unfrieden dessen Haus. Ver- 
geblich suchten Breitinger und andere zu vermitteln, nur eine äusser- 
liche Versöhnung kam zu stände. Während Klopstock leichten 
Herzens von Bodmer schied, vermochte dieser d^n Schmerz über 
den Verlust des gottbegnadeten Jünglings lange nicht zu verwinden, 
und spät noch klingt die stille Wehmut in seinen Briefen nach. 

Trotz des Zerwürfnisses mit dem Menschen Klopstock blieb 
Bodmers Verehrung für den Dichter unverändert fortbestehen, wie- 
wohl er für dessen Schwächen, zumal für seine nicht selten in Ver- 
schwommenheit ausartende Übersinnlichkeit keineswegs blind war. 
Desto eifriger bemühte er sich, in seiner eigenen Dichtung diese 
Klippe zu vermeiden, wobei er zuweilen der naiven Befürchtung sich 
hingab, sein Noah möchte einst den Messias in Schatten stellen. Er 
rühmt von ihm, er sei weder olympisch noch ätherisch, sondern 
irdisch, auch habe er kaum „die Kühnheit, sich aus dem körper- 
lichen, sinnlichen Weltall in die Gegenden zu schwingen, wo über 
den Orion und Sirius hinaus die reinen, leiblosen Intelligenzen 



34 HANS UND HERMANN BODMER 

schweben". Unter diesen Umständen musste sich die Noachide 
allmählich in bewussten Gegensatz zum Messias stellen, und es 
besteht, so paradox es klingt, die Thatsache, dass der aller 
Wcltlust ergebene Klopstock in seinem Dichten in übersinnliche 
Phantasterei ausartete, während der weitabgewandte Bodmer das 
Leben in seiner plattesten Alltäglichkeit erfasste. Sehnsüchtig hatte 
Bodmer einst die Vollendung der Messiade herbeigewünscht; als 
nach Jahren das Ereignis endlich eintrat, hatte sein Interesse längst 
andern Dingen sich zugewendet. 

Kurz nachdem Klopstock den Staub von den Füssen ge- 
schüttelt hatte, schickte sich der junge Wieland an, Bodmer 
den „verlorenen Lebbäus" zu ersetzen. Unter dem Schleier der 
Anonymität war er ihm genaht, im Sommer l/Sl, um sich ein Ur- 
teil über seinen „Hermann" zu erbitten, und ein demütiges Curriculum 
vitae folgte, als, Bodmer zum zweitenmale Feuer fieng. Dennoch 
verstrich noch mehr als ein Jahr , ehe er würdig befunden 
wurde, die Schwelle des Hauses im Berg zu überschreiten. Am 
25. Oktober 1/52 trat Wieland bei Bodmer ein, von diesem als 
ein Geschenk der Vorsehung als Ersatz für den Messiasdichter 
empfangen. Wie so ganz anders als der Norddeutsche weiss der 
junge Schwabe dem gastfreien Hausherrn zu Gefallen zu leben. 
Er trinkt nicht und raucht nicht und lebt so still und eingezogen 
häuslich, dass die anakreontisch angehauchte Jcunesse dor^e von 
Züricli sich über den „alten Jüngling'* mehr entrüstet als über den, 
der ihn „in einen Sack schieben" will. Dabei ist er bescheiden 
und llcissig, und mit seiner Muse wetteifert die des gereiften Mannes. 
Bald schreiben sie gemeinsam an einem Tisch, bald Bodmer in 
seinem Zimmer, Wieland „in der schattigten Laube an der äussersten 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 35 

Ecke der Reben". „Sein Leben stimmt mit seiner Seele in dem 
schönsten Wohlklang zusammen", meldet Bodmer dem Freund in 
Trogen. Allein diese Harmonie war nicht echt. So wenig als 
Bodmer kannte Wieland selbst sein Herz. Empfänglich für alle Ein- 
wirkungen seiner jeweiligen Umgebung, machte er jene merkwür- 
digen Wandlungen durch, die ihn mehr und mehr Bodmer ent- 
fremdeten. Im Umgang mit einigen vornehmen Freundinnen fiel er 
in jene süsslich tändelnde Schwärmerei, die nur zu bald in üppige 
Sinnlichkeit umschlug, von der sich Bodmer mit Ekel abwandte. 
„Wielands Muse ist eine Metze geworden", hören wir ihn sagen. Mit 
dem Dichter des „Don Sylvio" will er vollends nichts mehr gemein 
haben, er spricht von ihm wie von einem lieben Verstorbenen. So 
erlebte Bodmer den zweiten Abfall, der ihn jedoch weit weniger 
empfindlich als der erste traf; denn trotz des jahrelangen glück- 
lichen Zusammenseins mit Wieland hatte dieser seinem Herzen 
doch nie so nahe gestanden, wie der ungleich sympathischere 
Dichter des Messias. 

Ausser diesen beiden berühmtesten litterarischen Gästen des 
Hauses zum Berg kehrte noch ein dritter bei Bodmer ein, der 
Sänger des „Frühling", Christian Ewald von Kleist, der 1752 als 
preussischer Werbeoffizier vorübergehend in Zürich weilte. Die 
Anwesenheit Wielands, den Kleist nicht leiden mochte, verhinderte 
indessen eine weitere Annäherung. 

Es ist endlich ein schöner Beweis von Bodmers edler Ge- 
sinnung, dass er nach Wielands Weggang ernstlich den Plan erwog, 
den Sohn seines Widersachers, den jungen Triller, der kurz vorher 
seine Mutter verloren hatte, zu sich ins Haus zu nehmen, um auf 
diesem Wege eine Versöhnung mit dem Vater herbeizuführen. 



36 



HANS UND HERMANN BODMKR 




10. Büdincr und Brei tinger (1754). 
Nach dem Ölgcinüldc vun J. C. Füs&li, im BcsiUu der Thurgauischcn Kantonalbibliuthck in Frauenfeld. 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 3/ 

Wer Bodmer sehen wollte , musste zu ihm nach Zürich 
kommen. Er selber war fortzubringen; höchstens, dass er ein 
paarmal im Jahr seinen in Winterthur und Töss verheirateten bei- 
den Schwestern einen Besuch abstattete und mit den dortigen 
Freunden einige frohe Tage verbrachte. Später wurde beinahe jedes 
Jahr zur Sommerszeit mit guten Freunden eine Fahrt nach Trogen 
unternommen. Hier, in der „föhrenen Hütte" von „Philokles", 
wie Zellwegers gastliches Dach genannt wird, weilte man zur 
Molkenkur und erfrischte Leib und Seele im Umgang mit dem 
philosophischen Hausherrn und an den lieblichen Landschaftsbildem, 
welche ein Blick von den Höhen des Gäbris bot. Bodmers ver- 
trauteste Freunde, Breitinger, Heidegger, Künzli, Waser, Hess, 
Wieland und Gessner haben zu diesen „Trogisten und Schottländern", 
wie man sich nach dem mundartlichen „Schotte" für „Molke" 
scherzweise zu titulieren pflegte, gezählt und im Verkehr mit dem 
appenzellischen Volke „eine lebende psychologische Schule" gefunden. 

Als Begründer und Förderer der deutschen Litteratur, anerkannt 
und verehrt von seinen Zeitgenossen, stand Bodmer um die Mitte 
des Jahrhunderts da. Wie ganz anders würde die Nachwelt über 
ihn urteilen, wenn er sich mit diesem Erfolge begnügt hätte. Allein 
schon hatte ihn sein brennender Ehrgeiz auf ein Gebiet gelockt, auf dem 
er nur Enttäuschungen erleben sollte. Im Jahre 1/47 waren Bodmers 
Kritische Lobgedichte und Elegien, von J. G. Schulthess 
gesammelt, erschienen. Früh schon hatte er auch ein episches Gedicht 
von der „Sündflut" geplant; allein erst Klopstocks Messias entflammte 
seine eigene poetische Begeisterung. Es gebrach Bodmer weder an 
Phantasie noch an wirklichem Feuer ; „ aber seine Einbildung ist in 
ihren Erfindungen", wie Baechtold bemerkt, „seltsam, ungeheuerlich. 



3S HANS TND HERMANN BODMER 

die Beschreibungen langweilii^ und kleinlich, der Ausdruck sonderbar, 
geziert, schwcrföUig und nachlässig. Er verwechselte beständig das 
Xatürliihe mit dem Faden und Geschmacklosen, die Erhabenheit 
mit dem Schwulst. ** Alle diese Mängel hafteten in hohem Masse 
frleich der ältesten von Bodmers Patriarchaden, dem Noah, an, 
der im Jahre 1752 erschien, ohne den Beifall der Welt zu erringen- 
Schon die Freunde, mit w^elchen sich Bodmer eine lächerliche 
Mystifikation erlaubte, konnten ihm keinen Geschmack abgewinnen. 
Umsonst suchten Wieland und Sulzer seine Schönheiten in beson- 
deren Abhandlungen darzulegen. Haller urteilte mit unverkennbarer 
Ironie, auch in Berlin riefen „die postdiluvianischen Sitten der Anti- 
diluvianer" Kopfschütteln hervor, und die Gottschedsche Sekte 
jubelte über die Gelegenheit zu neuen Angriffen. Der Verbesserung 
der Noachide liess Bodmer die nämliche Sorgfalt angedeihen wie 
seinem Milton. Drei spätere Ausgaben legen von diesem Beginnen 
ein ehrenvolles Zeugnis ab. Die zweite von 1765 preist Herder als 
„ein Meisterstück kritischer Ausbesserung", die Muse Bodmers selbst, 
obschon er sie fortwährend mit der Homers vergleicht, ist ihm 
cla^etjen ^eine phrasenhafte Künstlerin". Seiner Kritik schliesst 
sich unser Urteil an, ohne dass wir die Vorzüge, die Bodmers Ge- 
dicht besitzt, und die namentlich in den idyllischen Schilderungen 
zu "^ra^e treten, darüber vergessen. 

Durch die Noachide wurden „die Wasser der epischen Sund- 
fliit" über Deutschland herauflieschworen. Bodmer selbst liess seinem 
ersten (Jcdichte bald eine Reihe anderer folgen. In der Stlnd- 
riut (1/5,?) variierte er das alte Thema. In einem Cyklus von 
kleinen Patriarchaden spiegelte sich das Leben Jakobs und seiner 
Söhne wieder. Auch in die Gefilde des weltlichen Epos liess Bodmer 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 39 

von seiner Muse sich verlocken. Im Sommer 1752 entstand die Co- 
1 o m b o n a , eine Verherrlichung der Entdeckung Amerikas. Als das 
Mittelalter seine funkelnden Schätze vor Bodmer aufschloss, gelangten 
romantische Dichtimgen in griechischem Gewände, ein Parzival 
(1753), ein Gamuret (1755) und spät noch Die Rache der 
Schwester (1765) ans Licht. Die zweibändige Calliope (1767) 
vereinigte alles, was Bodmer als epischer Dichter bisanhin hervor- 
gebracht hatte. Die Sonne Homers, die spät noch seinen Pfad 
erleuchtete, reifte die schönsten Früchte. In den siebziger Jahren 
behandelte er die Heimkehrsage in einer Reihe von Gedichten, 
besonders anziehend in Hildebold und Wibrade (1776), wo 
die idyllischen Ufer des Greifensees wieder auftauchen, und in 
Sigovin (1778), das sich an die Odyssee anlehnt. Zahlreiche 
Uebersetzungen giengen diesen seltsamen Versuchen, das antike 
Element mit dem romantischen zu vermählen, zur Seite. 

Der epischen Produktion Bodmers reiht sich als eine noch 
grössere Geschmacksverirrung die dramatische an. Was Bodmer 
hier geleistet, die fünfzig Dramen, die er in den letzten Jahrzehnten 
seines Lebens hervorgebracht hat, ist in der That, wie Bemays 
sagt, geeignet, uns mit „heiterem Entsetzen" zu erfüllen. Bodmer 
schrieb nicht für die Bühne, er legte sich den Begriff eines poli- 
tischen Schauspiels zurecht, das als „Lehr- und Lesedrama eine 
Art Bürgerschule zur Erweckung der Bürgertugenden" werden 
sollte. (Tobler). Sein Friedrich von Toggenburg (1761), 
seine Politischen Schauspiele (1768 — 1769), sein Karl 
von Burgund (1771), sein Arnold von Brescia (1775), 
endlich seine ungedruckten Dramen Stüssi, Brun und S c h ö n o 
legen von diesem Bestreben Zeugnis ab. Daneben behandelte 



40 HANS UND HERMANN BODMBR 

Bodmer Stoffe aus der Bibel, aus der griechischen und römischen 
Sage und Geschichte und aus der deutschen Vorzeit. So wenig 
seine formlosen Machwerke künstlerischen Wert beanspruchen 
können, ebenso sehr überraschen sie durch die Originalität der 
darin verwerteten Motive. Als einer der Ersten sucht Bodmer 
den Menschen in seinem Verhältnis zu Kirche und Staat filr das 
Drama zu gewinnen. Als erster bringt er die vaterländische Ge- 
schichte auf die Bühne. Am interessantesten ist aber sein Experiment, 
Elemente der antiken und der Shakespeareschen Tragödie, deren Be- 
deutung er mit scharfem Blick erkannte, in das Drama einzuführen. 
In der „Sammlung kritischer, poetischer und anderer geistvoller 
Schriften" erschien 1743 Bodmers bedeutungsvoller Aufsatz „Von 
den vortrefflichen Umständen für die Poesie unter den Kaisem aus 
dem schwäbischen Hause", worin der Verfasser, der damals weder 
Nibelungenlied noch Minnesingerhandschrift kannte, mit geradezu ver- 
blüffendem Spürsinn den Nachweis leistete, dass zur Zeit der Hohen- 
staufen die Litteratur schon eine Blüteperiode gehabt habe, und dass 
aus jener Epoche sicherlich noch eine Reihe herrlicher Dichtungen 
vorhanden sein müssten. Dieser Aufsatz eröffnete jene vielseitigen 
Bemühungen Bodmers um die Erweckung der altdeutschen Litteratur, 
welche mit ihren glücklichen Erfolgen eines seiner unbestrittenen 
und glänzenden Verdienste bildet. Unter Anspannung aller ge- 
eigneten Hilfskräfte gieng Bodmer mit viel Eifer und Geschick 
auf die Suche nach altdeutschen Texten, worin ihn Breitinger ge- 
treulich unterstützte. Ein glücklicher Zufall vermittelte ihnen die 
Bekanntschaft mit dem einflussreichen Strassburger Gelehrten Pro- 
fessor Schöpflin, dessen unablässigen Bemühungen beim französischen 
Hofe es schliesslich gelang, den Zürchem die grosse Liederhand- 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 41 

Schrift der königlichen Bibliothek von Paris zur Einsicht zu ver- 
schaffen. Auf diplomatischem Wege, durch Vermittlung des fran- 
zösischen Gesandten in Solothurn, traf der kostbare Codex im 
November 1746 in Zürich ein. Sein Anblick erfüllte die beiden 
zürcherischen Gelehrten mit „empfindlichem Vergnügen", das noch 
gewaltig zunahm, als Bodmer in Hadloubs Liedern die viel zitierte 
Stelle von den Liedersammlungen Rüdiger Manesses in Zürich 
fand und daran die nicht unwahrscheinliche Vermutung knüpfte, 
der Codex sei zürcherischen Ursprungs. Zu dem litterarischen In- 
teresse an der „Manessischen" Handschrift gesellte sich damit noch 
das patriotische. Schon im Laufe des Juli 1747 war das umfang- 
reiche Manuskript insbesondere durch Breitinger fertig abge- 
schrieben, und im Jahre 1748 erschien, mit Einleitung und Glossar 
versehen, eine Auswahl aus den gewonnenen Schätzen unter dem 
Titel Proben der alten schwäbischen Poesie des drei- 
zehnten Jahrhunderts. Zehn Jahre später folgte dann mit Unter- 
stützung eines kleinen Kreises zürcherischer Interessenten die Samm- 
lung von Minnesingern aus dem schwäbischen Zeit- 
punkte, die nahezu die gesamte Pariserhandschrift umfasste. In- 
zwischen aber hatten die rastlos betriebenen Nachforschungen noch 
andere Texte zu Tage gefördert, so die Fabelsammlung des Bemer 
Predigermönchs Bonerius, welche nach einem von Breitinger entdeckten 
Manuskript 1757 unter dem Titel Fabeln aus den Zeiten der 
Minnesinger herausgegeben wurden. Weit wichtiger aber ist die 
zweite Publikation des gleichen Jahres, Chriemhildens Rache 
und die Klage, samt Fragmenten aus dem Gedichte 
von den Nibelungen, worin Bodmer dem deutschen Volke sein 
herrlichstes nationales Epos wiedergab. Angeregt durch seine 



42 



HANS UND HBRMANN BODMBR 



Editionen hatte ihm ein Lindauer Arzt, J. H. Obereit, den Cod. C 
vom Schlosse Hohenems zur Herausgabe überlassen. Später erhielt 
Bodmer gleichfalls aus Hohenems auch noch die Handschrift A und 
von St. Gallen den Codex B, aus denen dann sein Schüler, Christoph 
Heinrich Müller in Berlin, die erste Gesamtausgabe der Nibelungen 
veranstaltete. 

Neben der Besorgung dieser 
Textausgaben wurde Bodmer nicht 
müde, durch Bearbeitungen und 
Nachdichtungen, besonders aber 
durch Aufsätze und Abhandlungen 
in den Freimüthigen Nachrichten 
und in den Critischen Briefen 
(1/46 und 1749) auf die Schön- 
heiten der altdeutschen Poesie auf- 
merksam zu machen. Im Auf- 
stöbern von alten Pergamenten be- 
wies er grosses (jeschick, so dass 
ihm von den Meisterwerken der mit- 
telhochdeutschen Litteratur ausser 
Gudrun nichts Bedeutenderes ver- 
borgen blieb. Neben der Heidel- 
berger Handschrift der Minnesinger 
lernte er auch noch den Wein- 
gartncr Codex kennen. Hagedorn verschaffte ihm Wigalois und 
Freidank; in einer St. Galler Handschrift fand er Willehalm und 
Parzival; durch Goethes Vermittlung erhielt er Veldeckes Aeneis, 
und schliesslich w'usste er noch die zürcherische Obrigkeit dahin zu 




z/.r^^ 



11. Johann Heinrich Schinz, 

Hodincrs Freund und \'crtrautcr. 
Nach uinciii Öl^crnfilde in der Stadthibliothck Zürich. 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 43 

bringen, einen Florentiner Codex, der Tristan, Iwein und den armen 
Heinrich in sich vereinigte, auf Staatskosten abschreiben zu lassen. 
Sein gesamtes Material vermachte Bodmer testamentarisch seinem 
Schützling Müller in Berlin, der daraus die grosse Sammlung 
deutscher Gedichte aus dem 12,, 13. und 14. Jahrhurfdert ver- 
öffentlichte. 

Was Bodmer in den Dichtungen des schwäbischen Zeitalters 
besonders entzückte, war die Prägnanz und der Bilderreichtum ihrer 
Sprache. Mit Genugthuung wies er auf ihre nahe Verwandtschaft 
mit seiner heimatlichen Mundart hin. An Klopstock richtete er 
die stolze Einladung : „Komm doch die Sprache zu hören, die vor- 
mals der fürstliche Hermann mit dem von Veldeck und Eschilbach 
redte." Und als Gottscheds Spott über die rohe und ungebildete 
Sprache der Zürcher kein Ende nehmen wollte, trug sich Bodmer 
sogar ernstlich mit dem Gedanken, den heimischen Dialekt zum Rang 
einer Litteratursprache zu erheben und der. deutschen Schriftsprache 
entgegenzustellen. Als er dann das Verfehlte eines solchen Unter- 
fangens eingesehen, bestand er dafür um so nachdrücklicher auf 
seiner schon in der Vorrede zu Breitingers Dichtkunst aufgestellten 
Forderung, die Sprache durch gute altertümliche Wörter und 
Wendungen zu bereichern und zu verjüngen. Interessant ist ferner, 
dass Bodmer schon 1/56 die Anlage eines „Idioticon Turicense 
oder Zurichgoviense" befürwortete und eine Probe, wie er sich die 
Ausführung dachte, in den Freimütigen Nachrichten veröffentlichte. 
Sein sprachgeschichtliches Wissen verwertete er in einer Reihe 
von Schulbüchern. Bodmers rastlose Thätigkeit für die Wieder- 
erweckung der altdeutschen Dichtung fand bei seinen Zeitgenossen 
nur geringes Verständnis. Erst Herder fand für ihn das rechte 



44 HANS UND HERMANN BODMER 

Wort der Anerkennung, als er schrieb, wenn Bodmer kein anderes 
\erdienst hätte, so müsste ihn dies „der Nation lieb und teuer machen''. 
Nicht ohne Staunen überblicken wir neben dieser der Pflege 
der heimischen Dichtung gewidmeten Thätigkeit das weite Gebiet, 
das Bodmer als unermüdlicher Propagandist fiir das Studium fremder 
Litteraturen beherrschte. Seiner Miltonübersetzung, die in Deutsch- 
land der Einführung Shakespeares bahnbrechend vorangieng, hatten 
sich mit der Zeit andere Übertragungen aus dem Englischen an- 
geschlossen, 1737 der Versuch einer deutschen Über- 
setzung von Samuel Butlers Hudibras und 1747 Alexander 
Popens Duncias, denen er im höchsten Alter, als Percys Volks- 
lieder bekannt wurden, seine Alt englischen Balladen (1780 
und 1781) folgen Hess. Von den neueren französischen Schrift- 
stellern fesselten Bodmer namentlich Montesquieu und Rousseau, 
die er ihren Ideen zuliebe mit seinen Schülern eifrig las. Seine 
Begeisterung für den verfolgten Genfer Philosophen gieng so 
weit, dass er in der Schweiz ein Asyl für ihn suchte und, wie 
seinerzeit an die deutschen Dichter, aus der Ferne seine Send- 
boten an ihn schickte. Nur Voltaire, mit dem er später oft 
verglichen wurde, vermochte nie seine Sympathie zu gewinnen. 
Die frühe Vorliebe für die italienische Litteratur Hess Bodmer sein 
Leben lang nicht los. Dante und Tasso zählten für ihn zu jenen 
^Urdichtern", die über allem Wechsel erhaben sind, und was Bodmer 
speziell über den erstem gesagt, ist überhaupt das Beste, was bis 
1703 in Deutschland über ihn gesagt wurde. Bodmer hatte in 
seiner Jugend französisch, italienisch und englisch gelernt, um die 
Werke der fremden Autoren verstehen zu können. „Hätte ich 
dreissig Jahre weniger**, schrieb er noch 1/52 an den Freund in 



J. J. BODMER, SEIN LEBEN TJ. SEINE WERKE 45 

Trogen, „so wollte ich spanisch lernen, nur däss ich Don Qüixotc 
in seiner Sprache lesen könnte. " Liess srch auch das Versäumte 
nicht mehr nachholen, so gehört doch das, was Bodhier von 
dem unsterblichen Manchaner geschrieben hat, zum Feiristen und 
Treffendsten, was wir über ihn besitzen. 

Seinem Verdienst um die Einbürgerung der hervorragendsten 
Vertreter der Weltlitteratur in Deutschland setzte Bodmer durch 
die 1778 erschienene Übersetzung von Homers Werken die 
Krone auf. Seit Klopstocks Messias hervorgetreten war, hatte 
Bodmer die heimliche Hoffnung genährt, dass nun auch Homer 
nicht länger säumen werde, sich den Deutschen in seiner wahren 
Gestalt zu zeigen. Schon 1755 hatte er in den mit Wieland heraus- 
gegebenen Fragmenten in der erzählenden Dichtart ein- 
zelne Proben aus seiner eigenen Übertragung der Odyssee veröffent- 
licht; 1767 Hess er denselben in der Calliope die ersten 6 Gesänge 
der Ilias folgen, bis im November 1776 das ganze Werk vollendet 
vor ihm lag. In seinem Homer hat der alte Patriarchadendichter 
sein Bestes geleistet. Namentlich die Odyssee ist leidlich gelungen, 
da das Idyllische seinem Geist besonders gemäss war. „Einen 
Nachgesang Homers" nennt Herder die Übersetzung, „wenn nicht 
von seinem Freunde und Mitsänger, so doch von seinem ehrlichen 
Diener, der ihm lange die Harfe getragen." Auch andere Zeit- 
genossen, Wieland und Merck, gaben Bodraers Übersetzung vor 
der gleichzeitig erschienenen von Bürger wie vor der Friedrich 
Stolbergs den Vorzug und glaubten „in den Zürcherischen Hexa- 
metern den echteren Ton epischer Einfalt zu vernehmen." Erst 
Vossens herrliche Verdeutschung vermochte den Ruhm des älteren 
Werkes zu verdunkeln. 



4/, 



HANS l-XD HERUASS BODSCKR 



War liffdincr infoltre seiner verfehlten dichterischen Produktion 
iiifl -.':inf:r kleinlichen Ancriffe auf das jüngere Geschlecht, nament- 
'.:(,\i ;iif Lepsin«:, Nicolai, d»e Anakreontikcr. Herder und Goethe, 
4i*: *:r nicht mehr zu würdisren verstand, mit Recht schon der Miss- 
ai.h» iwd anheimj^efallen, so brachte nun die trelungene Homerabcr- 
\K\'A\xu'z seinen .Vamen neuerdintrs zu Ehren, und mlliir gönnte man 

ihm. dem Nestor der deutschen 
Littcratur, sein spätes wohler- 
worbenes X'erdienst- 

Bodmer wollte nichts davon 
wissen, dass im Alter der Geist 
mit dem Körper verwelke. Im 
(ieirenteil, -mit seinen Lebens- 
tairen schien sich seine Lebens- 
rüstiirkeit zu steigern*. Das 
Schreiben war ihm so sehr zur 
Natur ireworden, dass leicht der 
Tod ihn -die Hand an der Feder 
mitten in einem Drama oder einer 
l^popöe" überraschen konnte. Und 
dabei schrieb er, der so schlinune 
\'erse verbrochen, eine Prosa, so 
frisi h iiiul k'bcndi«^, dass ihn mancher jünircre Zeitgenosse darum 
Ixiiridcn iiu)clUc. Welche Klarheit des Geistes spricht nicht aus 
iV^y Dciiknrde, die der (;reis 177^ auf den verstorbenen BtJrger- 
imistci I Icidc'm^^er liielt I W^ic dieser Kdle, so waren auch die übrigen, 
dir mit MoihiuT jun^ gewesen, Zellweger, Künzli, Waser, Sulzer 
und Mrister, dahin ^^'^aii^en, „unde ne«j;ant rcdiri''. Selbst Breitinger, 




'.".11 li • ifii-rn Oilt^i-rriiihl« im Mi:'<it/c ilc^ Herrn 
i'l.irri-r l':iiil IIi:sh in Füllanilcn. 



J. J. HODMER. SEIN LEBEN U. SEINE WERKE 47* 

der Vertraute seines Lebens, der Mitdenker seiner Gedanken, hatte 
ihm den grossen Schmerz angethan, ihn zu verlassen. Nach dieser 
Zeitlichkeit aber hoffte Bodmer mit allen wieder zusammenzukommen, 
vielleicht „in Gesellschaft Miltons, Tassos, Corneilles und selbst 
Appollonius und Homers", da einmal im Alter sein Christentum 
einen stark heidnischen Anstrich gewonnen hatte. Zuletzt ragte 
Bodmer allein noch aus dem nachwachsenden Geschlecht hervor, 
dankbar von ihm verehrt als „Beschirmer strebender Talente und 
urväterlicher Pfleger alles Guten". Seine Schüler, die Hirzel, 
Schulthess, Hess, Gessner, Füssli, Pestalozzi und Lavater, konnten 
ihm zwar nicht mehr zu Füssen sitzen, denn schon 1775, nach einer 
ein halbes Jahrhundert umfassenden Thätigkeit, hatte er seine Pro- 
fessur einem jüngeren Nachfolger, Hans' Heinrich Füssli, überlassen. 
Aber in seinem Garten pflegte er, „der unter freiem Himmel noch 
ein besserer Professor als auf dem Katheder" war, sie immer noch 
zu lehren. Sein glühender Patriotismus, sein für alle freiheitlichen 
Regungen empfänglicher Sinn hatten nicht gelitten. Wie er einst 
für die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Verminderung der bürger- 
lichen Lasten, die Pressfreiheit eingetreten war, so begrüsste er jetzt 
mit jugendlicher Begeisterung die Freiheit Nordamerikas. 

Trefflich hat Heinse den Alten im Berg geschildert: „Ein Greis- 
lein mit kahlem Vorhaupt und grauen Augenbraunen, die bis in 
die Augen hineinhängen, und eingefallenen Backen, zusammen- 
geschrumpften Lippen, die kaum noch die Zähne bedecken, kömmt 
er herangestabelt mit seinem kurzen spanischen Rohre im Schlaf- 
rock und in Pantoffeln von Tuch, das schwarzseidene Käppchen 
auf der hohen hintergehenden Stirn über der scharfen Nase, als 
eine der interessantesten Figuren von der Welt." So ist Bodmer 



48 



HANS UND HERMANN BODMER 



zuletzt noch den Besuchern seines Hauses entgegengetreten, den 
Brüdern Stolberg, Goethe und dem jungen Herzog von Weimar, 
so auch haben Graff, Tischbein, Füssli und andere seine Züge im 
Bilde festgehalten. 

In Gesellschaft der Musen imd seiner alten, fast blinden Frau, 
die wie Baucis die patriarchalische Wirtschaft besorgte, während 
er als Philemon „mit den Göttern schwatzte", verbrachte Bodmer 
seine letzten Lebensjahre. Dem Tod sah er mit der gleichen Neu- 
gier entgegen, wie. der „Entwicklung eines sophoklischen Dramas*. 
Er starb am 2. Januar l7S^. „Reif senkte sein Haupt sich wie 
die goldene Frucht", rief ihm Stolberg in die Gruft nach, die sich 
am 5. Januar, an einem stürmischen Abend, über ihm schloss. 

I 

Quellen. Bodmcrs und Breitingers Werke, autobiographische Aufzeichnungen, 
gedruckte und ungedruckte Hriefc, die Schriften von Bacchtold, Mörikofer, 
Bernays (Zur neueren Litteraturgeschichte 1898. S. 1 ff.), Servaes, Brait- 
rnaier u. a., die in diesem Bande vereinigten Abhandlungen und unsere 
eigenen Studien zur Biographie von Bodmer und Breitinger. 




DAS BODMERHAUS 

VON 

HEDWIG WASER 




s gibt Menschen, denen man auf den ersten Blick ansieht, 
dass sie gar vieles Merkwürdige zu erzählen wüssten, — 
I nur wollen sie grade meistens nicht, — und ebensolche 
Häuser trifft man zuweilen an, schade nur, dass die es nicht können ! 
Von ihrer Art ist unser alter „Schönenberg". Wer wäre schon 
auf dem ländlichen Fussweg von der Universität dem Garten der 
Blindenanstalt entlang zum „Schanzenberg" gewandert, der nicht 
über den Grünhag weg ein paar sehnsüchtig fragende Blicke hinüber- 
geworfen hätte zu dem altertümlichen Giebelhaus, das, von breit- 
schattenden Linden und Platanen bewacht, sich so würdevoll in 
seinen kühlen Garten zurückzieht, um vom Hügelrand herab in 
nachdenklichem Stillschweigen aus den kleinen hellen Fenstern über 
Stadt und See hinzublicken? — 

Nur ungern hat sich 's gewiss der ehrwürdige alte Kracher 
gefallen lassen, als man ihm jüngst eine aufdringlich weisse Tafel 
umhängte mit der Anzeige: Ich bin der und der, die und die haben 
mich ihres Umgangs gewürdigt, damit Ihr's wisst und den Hut vor 
mir zieht. 

Die Hausgeistlein aber, die im Mondscheine daran herun\- 
zifferten, mögen zornig gefragt haben: ob das Alles sei, was dies 
vergessliche vergängliche Menschengeschlecht noch aus ihrer Ver- 

r 



52 



HEDWIG WASER 



gangenheit wisse. Hätte man von den alten Geschichten, die sie 
sich nun zum hundertsten Mal wiederholten — eine Lieblingsbe- 
schäftigung aller Hausgeister — nur mehr verstehen können, dann 
wäre das Folgende wol etwas kurzweiliger geworden. 

Aus dem Archiv des Hauses ergibt sich, dass dasselbe samt 
einem kleinem Nebengebäude, nach der steinernen Wendeltreppe 
darin „Schneggli" genannt, um 1663 von Zunftmeister Heidegger 
erbaut worden ist. Dieser hatte das Grundstück, (früher „der Hart- 
männin Gütli", nach 1643 „zum Kronenberg", 1/29 zum „obem 
Schönenberg" genannt) von den „gnädigen Herren" gekauft, die es 
im Zeitalter des grossen deutschen Kriegs, der kunstgerechten Be- 
festigung wegen, er- 
worben, aber bald 
als dazu nicht not- 
wendig wieder ver- 
äussert hatten. 

Von einem Nach- 
kommen des Er- 
bauers, Ratsherrn 
Heidegger, erwarb 
Bodmer das Haus, 
in das er 1739 ein- 
zog, das er aber erst 
1 736 kaufweise ganz 
an sich brachte, und 
wo er bis zu seinem 

13. Das Bodmerhaus um die Mitte des achtzehnten Tru^f^ J.J. Talir*» 1o 

Jahrhunderts. *' & 

Nach einem KupfersUch in der Stadtbibliothek in ZQrich. gchaUSt hat« 




DAS BODMERHAUS 53 

Hier versammelte er als „Vater der Jünglinge" die aufstreben- 
den Geister Zürichs um sich, beherbergte die grossen Dichter des 
deutschen Mutterlandes, mit welchem die schweizerische Heimat 
wieder in innige geistige Berührung gebracht zu haben, eines seiner 
grössten Verdienste ist: 1/50 den sechsundzwanzigjährigen Klopstock, 
1752 bis 1754 den neunzehnjährigen Wieland, — hier besuchten ihn 
vorübergehend fast alle bedeutenden Fremden, die Zürich passierten; 
so 1775 Goethe und die Stolberge, 1779 Goethe mit Herzog Karl 
August von Weimar. 

Wie die Häuslichkeit beschaffen war, in welcher all' diese Gäste 
den Patriarchen „im Berg" angetroffen haben, mag uns ein Augen- 
zeuge schildern, Salomon von Orelli, der sie im Jahre 1790 der 
Helvetischen Gesellschaft in Ölten als Beispiel der Sitteneinfalt 
unserer Vorfahren pries. 

„Sein Haus auf einer anmutigen Höhe in der Vorstadt, auf 
allen Seiten frei, in einer ganz ländlichen Lage, ländlich gebaut, 
nannte er vorzüglich seine förrene Hütte, weil nur eine Seite gegen 
dem Westwinde steinern und die drei anderen von Riegelholz waren. 
Das Innere entsprach der äusseren einfachen Form. Drei kleine, 
doch nicht niedere Stuben neben grosse Säle gebaut, die unsere 
Vorfahren liebten, waren mit braunfimisstem oder nussbäumernem 
Holze vertäfelt. Die Balken in den Sälen und auf den Lauben 
mit Blumen bemalt. Die Mobilien im Stil des Täfelwerks; zwei 
Dutzend nussbäumeme Stühle, in jedem Zimmer ein Tisch von 
demselben Holz, in seinem Studierzimmer zwei, davon einer immer 
mit Handschriften schwer belegt war. Im grossesten Säle, wo ein 
Teil seiner Bibliothek stand, paradierte ein grosser altmodischer 
Lehnsessel mit seinem und seiner Gemahlin Wappen, von ihr selbst 



54 HEDWIG WASBR 

künstlich gestickt, und ein paar mit Ueberfuttem bedeckte 
In vier gössen nussbäumemen Schränken waren die Kleider, das 
Bett- und Tischzeug aufbewahrt, in einem kleinem seine |T^echischcn^ 
lateinischen und italienischen Lieblingsautoren, deren Bände weder 
funkelten noch bestäubt waren, so dass man deutlich sah, wie stark 
sie gebraucht worden. Hin und wieder waren die Wände mit 
Familiengemälden oder Copien aus der italienischen Schule behängen. 
F^ine Sanduhr diente ihm lange anstatt einer Wanduhr, bis er in 
seinem hohen Alter das stündliche Umkehren beschwerlich fand, 
und seine fast blinde (xattin das Sand nicht mehr deutlich sehen 
konnte. Da schenkte er ihr eine Schlaguhr, und auf sein Pult 
stellte er eine kleine, welche Minuten und Stunden wies, ohne xu 
schlagen. Da beide noch neu waren, versicherte er einst mit grossem 
Ernste ein paar Freunde: Er hätte ja nie geglaubt, in seinen alten 
Tagen so viel für Gerätschaft ausgeben zu wollen.** 

„In seinem Museo waren vier stroherne Stühle mit Polstern fttr 
die Fremden und andere Besuche; seinen Zöglingen war der Platz 
auf den hölzernen Wandbänken angewiesen." Hier stand wol auch 
die vielberufene „schwarze Kiste", worin Bodmer als teures Besitztum 
seine Korrespondenzen, Briefe „der Besten von Deutschland'' barer — 
dort am Fenster der Pult, wo die rastlose Feder jeden Tag ihr Pe n s um 
hinkritzelte, bis die sorgfältig geschnittene Spitze stumpf geworden,' 
und das abgediente Werkzeug etwa noch als Geschenk ftir einen 
Freund benutzt werden konnte, der so pietätvoll war wie Pfarrer Hess, 
„den gesegneten Kiel als den Mund der Bodmerschen Muse zu kOssen, 
wie mich dünkt, mit weit geistigerm Vergnügen, als der Tibullische 
Jüngling den Mund seiner Phyllis, wobei beide weiter nichts empfin- 
den, als dass zwei zarte Häute einander unmittelbar berühren.** 




14. Johann Jakob Bodmer (um 1750). 
Nach dem Ölgemälde von J. C. Füssli im Besitze der Geschwister Brändli in Meilen am Zflrichsee. 



56 HEDWIG WASER 

Das war ganz im Sinne Bodmers, der solch' bescheiden-geistige 
Vergnügungen den materiell-kostspieligen, ,, brausenden ''^ vorzog. 
Denn in allem war er, wie der Nekrolog von Rudolf Schinz 
rühmt, „dem Luxus herzlich übel an". „Sein Anzug, sein Gerät, 
seine Wohnung hatte höchstens das, was notwendig war, um eine 
gewisse Würde zu erhalten." 

So wird denn in dem Gedicht: „Bodmer nicht verkannt" der 
Poet, worunter natürlich er selbst zu verstehen, gepriesen als 

^ Reich in der armen Hütte, wo nichts entbehrliches da ist; 
Nichts, was ein Dieb ihm rauben könnt* und er es vermissen." 

Unentwendbar war allerdings der nach unsem Begriffen kost- 
barste Schmuck seines Hauses : die herrliche Lage und Femsicht, die 
ein schriftstellernder Besitzer der neuen Zeit wol in jeder Stimmung 
und Beleuchtung vorführen würde, während der nüchterne Sohn der 
Aufklärung, der Bodmer doch im Grunde immer geblieben ist, solch' 
nebensächliche Umstände nur hie und da einmal beiläufig erwähnt, 
- später wohl am gemütvollsten in der Trauerode um seinen Sohn: 

^Hier war sein Tummelplatz — o Hof, o Blumengarten, 
Wo bleibet euer Gast, wer wird jetzt euer warten ? . . . . 
Wie oftmals ging er hicrl Hier find ich noch die Spur 
Von seinem kleinen Fuss auf dieser grünen Flur." — 

Was ihm die Lage seiner Wohnung angenehm machte, deutet 
er wol in dem oben erwähnten „Bodmer nicht verkannt** durch die 
Worte an : 

„Ihn (den Dichter) ergötzt es, auf unbetretenen Wegen zu wandeln, 

Wo er verborgen, nur von sich selbst begleitet, das Volk flieht. 

Hier verschmäht er die Stadt voll Rauch, voll Schlamm und Gelermes,* 

Dementsprechend blieben die Fensterladen nach der Stadt zu 
immer geschlossen. Dann setzt er hinzu : 

„Nicht gering ist der Ruhm, der Edcln Bekanntschaft zu haben, 
Derer Lob zu erhalten, die selbst so würdig des Lobs sind.*' 



DAS BODMERHAUS 57 

Um eine solche edle Bekanntschaft heranzuziehen, findet er es 
der Mühe wert, nebst andern Annehmlichkeiten auch einmal die Lage 
seines Hauses zu schildern in der Ode an den sehnsüchtig erwarteten 
Klopstock : 

. . . „Sipha wird an des Zürichbergs Fusse mit freudigem Jubel 

Zwischen dem Land und der Stadt dich empfangen. 

Hinter dir hebt sich der Berg, mit Reben bekleidet gen Osten, 

Dunkel mit Fichten den Gipfel umwunden. 

Uto ragt gegen dir über erhöhter, wie seine Gefährten 

Albis und Heitel, empor zu den Wolken. 

An seinen Wurzeln erblickst du des Zürichsee*s glänzendes Hecken, 

Und an der Mündung die fruchtbarsten Ebenen, 

Welche die Limmat, nachdem sie den Wällen der Stadt sich entrissen 

Mit der verschwisterten Sihle durchgleitet. 

Fern an dem südlichen Himmel, auf sonnenbenachbarten Alpen 

Schimmert ein ewiger Schnee, der mit neuem 

Immer sich thürmt, doch von weitem zu deiner stillen Behausung 

Kühle dir sendet und freundliches Glänzen. 

Dies alles fand auch Klopstock freilich schön und angenehm, 
aber doch nur angenehmen Hintergrund; MenschenstafFage war 
ihm die Hauptsache. „Zu einer schönen Gegend", schrieb er 
ja an Bodmer, „gehören bei mir zwar auch Berge, Thäler, Seen, 
aber viel vorzüglicher die Wohnungen der Freunde; wie weit und 
in welcher Situation wohnen Breitinger, Hirzel, Waser, Tschamer 
um Sie her? Und noch eine Frage, die auch einigermassen bei 
mir mit zur Gegend gehört, denn : Mein Leben ist nun zum Punkt 
der Jünglingsjahre gestiegen; wie weit wohnen Mädchen Ihrer Be- 
kanntschaft von Ihnen, von denen Sie glauben, dass ich einen Um- 
gang mit ihnen haben könnte?" Und in der Zürichseeode heisst es: 

„'Schön ist, Mutter Natur, Deiner Erfindung Pracht 

Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh' Gesicht, 

Das den grossen Gedanken Deiner Schöpfung noch einmal denkt.** 



58 



HEDWIG WASER 



So wandte, wenn der gelehrte Freund, Professor 
.tubum'^ nach den Bergen richtete, Klopstock den 



den Fenstern der Stadt ; wir vermuten, um dort das «finohe 
zu entdecken, das ihn mehr entzückte als die ganze 




15. Johann Gottlieb Klopstock. 
Nach einem Kupferstich in der Stadtbibliothek in Zfirich. 

Versuchen wir es einmal, anderthalb Jahrhunderte zurück einen 
Blick in das Haus „zum Berg^ zu werfen, dessen Dach <i^"mlfl den 
von Bodmer ersehnten und verkündigten Messias der deutschen 
Littcratur beherbergte. — Eine herrliche Julinacht liegt über der alten 



DAS BODMERHAUS 



59 



Limmatstadt mit ihren Mauern und Türmen^ deren Lichtlein man 
vom Garten am Berg deutlich unterscheiden kann. Aus den ge- 
öffneten Fenstern des Bodmerschen „Musaeums** ergiessen sich im 
rauhen Gutturalton geröllschiebender Bergbäche Hexameter auf 




16. Christoph Martin Wieland. 
Nach einem Kupferstich in der Stadtbibliothek in ZQrich. 



Hexameter in ziemlich ununterbrochenem Fluss, hatte sich doch der 
Vortragende in der ängstlichen Erkenntnis, dass er „vornehmlich 
im Hochdeutschen ein ungeschickter Leser" sei, noch eine extra 
saubere Abschrift seines „Noah", der von dem heiligen Poeten 



60 HEDWIG WASER 

noch allerlei zu profitieren hofile, verschaff:. Plötzlich veratiunnit 
der Vortragende, stärkt sich durch einen tiefen Zug aus dem vor 
ihm stehenden Wasserglase, und wie Noahs haftet auch sein »vcr^ 
langender Blick hangend auf Japhets Gesichte, Und durchforscliet 
nachdenkend desselbigen Lineamente. ** Der junge Prophet aber 
thuet seinen Mund nicht auf; — statt kamelhärenem Gewände mit 
einem leichtsinnig-roten Sonunerhabit angetan, sitzt er da, von den 
Dampfwolken einer langen Pfeife eingehüllt, raucht und schweigt, 
den Blick starr in eine Ecke geheftet. „Ich muss ihm Zeit lassen, 
seine tiefen Eindrücke fttr ein Urteil zu sammeln**, so beschwichtigt 
der würdige Herr seine Autorenungeduld. Der Jüngling aber traum- 
versunken glaubt noch das leise Gleiten des Schiffes zu spüren, 
das ihn und die Gefilhrten über den mondbeglänzten See getragen 
hat unter Scherz und Geplauder und begeisterten Wünschen, dass 
doch diese glückselige Fahrt nie, nie ein Ende nehmen möchte, hdrt 
noch das Lied an Doris sanft verklingen, sieht in zwei schönen 
schwarzen Augen schwärmerischen Abschied glänzen und ftlhlt die 
schüchtern widerstrebenden Lippen seiner neuesten kleinen Zürcher 
Flamme. 

„Ob er wohl, von meinem Noah angeregt, an seinem Messias 
arbeitet? behauptet er doch, nach heiterer Gesellschaft immer am 
besten schaffen zu können**, denkt sich Bodmer zwischen Ehrfiircht 
und Ungeduld schwankend. Bald siegt die letztere und erweckt 
den Gast mit direkter Frage. Dieser gibt schliesslich nach einigem 
Zögern sein entscheidendes Urteil dahin ab: dass er statt „Kasteo'' 
lieber „Arche" gesetzt haben möchte. Worauf Bodmer findet, dass 
es nun doch wohl besser sei, sich nach dieses Tages Arbeit und Ge- 
nüssen — das erste auf ihn, das zweite auf den Gast bezüglich — zar 



DAS BODMERHAUS 



61 



Ruhe zu begeben. Zum Schluss noch die Ankündigung, dass er 
sich nun am nächsten Tage selbst das Vergnügen machen werde, 
mit seinem Gaste über Land zu fahren und zwar nach Winterthur 
in die würdige Gesellschaft hochansehnlicher und gelahrter Herren 




17. Christian Ewald von Kleist. 
Nach einem Kupferstich in der SUidtbibliothek in ZQrich. 

und Freunde, lauter Pastoren und Professoren. Trockene Nachkur 
der feuchtfröhlichen Fahrt! Mit dieser etwas betrübenden Aussicht 
schliesst der glückliche Tag. — Freundliche Träume aber tragen 
den jungen Dichter hinweg aus dem stillen Hause, zurück an des 



62 HEDWIG WASER 

schimmernden Sees Traubengestade, in die kühlen Arme des schat- 
tigen Uferwalds, wo der Becher winkt und süsses Empfinden der 
Freundschaft und Liebe. Heitere Melodien umgaukeln ihn, aus 
deren Gewoge inmier wieder ein Ruf hell und verheissungsvoU 
emporsteigt: „des Ruhms lockender Silberton". 

Mit Gästen solcher Art aber konnten sich die würdigen Haus- 
geister des Schönenbergs auf die Länge nicht vertragen, sie ftlhlten 
sich in ihrem Herrn gekränkt durch allerlei „Verunglimpfimg seines 
Gemüts und seiner Wirtschaft", und nickten zustinunend, als sie 
den Störenfried abziehen sahen. 

Nur einmal noch erblicken sie ihn wieder, als er Abschied 
zu nehmen kommt, der Hausherr in wehmütig versöhnlicher Stim- 
mung ihn an der Hand hinaus geleitet, väterlich küsst, und noch 
lang am Pförtchen unter der Linde stehen bleibt, um dem Lebewohl 
winkenden nachzuschauen. Wie er dann das Haus, wo er einst 
den Jüngling so freudenvoll empfangen, allein wieder betritt, „ward 
ihm das Herz sehr gross." Noch ein Menschenalter später schildert 
er in seinem Tagebuch die Scene „vor dem Gatter an der Haupt- 
strasse, unter dem runden Gartenhause" und fügt hinzu: »Ich gehe 
selten über diesen Platz, dass ich nicht daran mit Zärtlichkeit denke.* 

Kaum zwei Jahre sind seitdem vergangen, da sitzt im Schflnen- 
berg als Ersatz für den „verlornen Lebbaeus" wieder ein deutscher 
Dichter] üngling, den Bodmer später von sich sagen lässt: 

„Kaum, dass ein sanftes Gauchhaar durch meine Wangen hervorstach, 
Da ich aus einer Schüssel mit Bodmer ass und des Weins trank, 
Der ihm in seinem Berg und nicht zu Langon gewachsen, 
Sah ich Gesichte Gottes, wie sie Ezechiel sahel«* 

Diesmal ist's einer, mit dessen Sitten man alle Ursache hat, 
zufrieden zu sein. Voller Anerkennung flüstern sich die Hausgeister 



DAS BODMERHAUS 63 

ZU, dass dieser Gast länger zu bleiben verdiene als der vorige, da 
er keinen lärmenden Schwärm junger Leute nach sich ziehe, nicht 
spät abends „bene potus", wie der Hausherr zu sagen pflegte, 
heim komme, kurz in allen Dingen die ehrwürdige Hausordnung 
respektiere. — Wieder „wetteifert die Muse eines alten Mannes mit 
der Muse eines jungen Menschen". 

Auf der einen Seite des Studiertisches sitzt der junge Pfarrers- 
sohn aus Biberach, Christoph Martin Wieland, und schreibt lauter 
himmelszarte, Bodmer fast zu zarte, Frömmigkeit und Tugend, oder 
er verbreitet sich in einer Abhandlung über die Schönheiten des 
Noah; während sein Gönner auf der andern Seite des Tisches 
dadurch angeregt, die Wasser der Sündflut zum zweiten Mal über 
das unglückliche Publikum heraufbeschwört. Nur zuweilen wird 
das einzig vom Kritzeln der beiden Federkiele gestörte Stillleben 
unterbrochen, zum Beispiel, wenn es Bodmer einfällt, dem jungen 
Freunde, geheimnisvoll lächelnd, ein neuentdecktes patriarchalisches 
Opus über den Tisch hinüberzureichen. Wieland errät natürlich 
sofort den anonymen Autor, er kennt solche Witze bereits, spielt 
aber gutmütig schlau, den Uebcrraschten, Entzückten: „O, mon 
Dieu, das ist artig! Der wird ein anderer Mann als ich! Der soll 
mein Freund sein! Ha, das ist ein gelehrter Teufel! Er versucht 
die Menschen mit Wissenschaft und Künsten ! Es jucket mich, dass 
Sie und der Chorherr das Stück auch lesen!" u. s. w. 

Mitunter schreibt man sich auch — o du tintenfrohes Saeculum ! 
— lange, gefühl- und gedankenreiche Briefe, die dem gegenüber- 
sitzenden Adressaten gleich ganz frisch und portofrei überreicht 
werden können. — Zum Glück aber „lesen und schreiben wir nicht 
immer", wie Bodmer seinem Hess berichtet, „wir bleiben auch nicht 



64 HEDWIG WASER 

immer in unserer Zelle. Wir nehmen auch Besuche an.* Damab 
eben den Frühlingsdichter Ch. E. von Kleist. Als dann Frühling 
und Sommer im Garten am Berg ihren Einzug halten, verzidit 
sich der junge Gast mit samt seiner Dichterei zunächst „in die 
schattige Laube an der äussersten Ecke meiner Reben**, und von 
da allmjllich zum Hause hinaus, ganz sanft und leise, nicht rück- 
sichtslos wie sein Vorgänger. So kann sich Bodmer nach und nach 
daran gewöhnen, „dass Wieland die Sonntage und Werktage unter 
mich und Junker A. Grebel teilet. Unter Jkr. A. sind aber auch 
immer noch ein Paar Frauenzimmer begriffen". Dass er an diese 
übrigens ältlich ehrbaren Damen sein Dichterfeuer in platonischer 
„ WTplämperung" verschwende, wirft ihm der Alte immer deutlicher 
vor, und als Wielands Verplämperungen ihre platonische Natur nach 
und nach abstreiften, war das ein schlechter Trost. — Schliesslich 
müssen die diesmal noch schlimmer enttäuschten Hausgeister allerlei 
bittere Reden anhören über den erneuten Fall eines Morgensterns 
vom 1 limmel deutscher Litteratur. Sie verschwören sich, nun ganz 
gewiss keinen Undankbaren mehr in den ehrwürdigen Frieden des 
Hauses einzuspinnen. 

Nur zu kürzerem Besuche betreten nun noch bedeutende Fremde 
die gastliche Schwelle. Ein ereignisreiches Viertel Jahrhundert nach 
Klopstocks Besuch, während welcher Zeit Bodmer sich fast um 
seinen kunstrichterlichen Ruf gedichtet, ist nicht mehr der Schönen- 
berg Hauptziel der (ieniereisenden, sondern das mit physiognomi- 
schem Wunderkram ausgestattete \ aterhaus Lavaters, wo der Magus 
von Süden jeden Ankömmling mit dem Bann seines seelenlösenden 
Zaubers umfängt. Dagegen kann freilich das zwar immer noch 
betriebsame Greislein im Berg nicht mehr aufkommen; doch ist 



DAS BODMERHAUS 65 

Lavater, der Mitbegründer einer neuen Litteraturrichtung, pietätvoll 
genug, seine Gäste in den Schönenberg hinaufzuschicken, um dem 
ehrwürdigen Haupte einer vergangenen Epoche ihre Aufwartung 
zu machen. — So begleitet er an einem herrlich-klaren Junimorgen 
des Jahres 1775 drei junge Freunde hinauf, denen gar mancher 
neugierige Blick folgt, forschend, wen da wol der „Herr Helfer" 
wieder bei den Merkwürdigkeiten unserer Ueben Stadt herumführe. 
Diese Fremdlinge dürfen sich freilich sehen lassen : zwei stattlich 
hochgewachsene hellblonde Jünglingsgestalten, augenscheinlich Brü- 
der, wol Junker aus dem deutschen Norden, während der Andere 
Kleinere, dem Lavater eben mit einem halb bewundernden, halb 
ermahnenden „Bis so guet" auf die Achsel klopft, mit seiner schlanken 
Lebhaftigkeit, den feurigen Dunkelaugen eher an den Süden erinnert. 
Dorthin würde überhaupt die ganze Gesellschaft in ihrer auffallenden 
Tracht : Blauer Frack, gelbe Weste und Beinkleider, und dem noch 
auffallenderen Benehmen : Lautreden, Stehenbleiben, Gestikulieren, 
und andern Extravaganzen, von denen man da und dort munkeln 
hört, besser passen als ins würdige Zürich. 

Trotz solcher zuweilen missbilligenden Kritik der guten Bürger 
schliessen wir uns an, denn in unterhaltenderer Gesellschaft als mit 
Lavater, Goethe, Christian und Fritz Stolberg wird man den Weg 
zum Bodmerhaus, den wir gerne kennen lernten, wol kaum je 
machen können. 

Es ist keine uninteressante Gegend, durch die er führt, wenn 
auch heute wenig mehr beachtet, da sie weitab liegt von den neuen 
eleganten Quais mit weissen und roten Schlössern, die so breit 
dastehen und doch so viel weniger zu erzählen wissen von Zürichs 
Vergangenheit, als diese traulich engen Gässlein mit den alten 

9 



66 



HEDWIG WASER 



Häusern. Einst ein Wallfahrtsort für so viele geist- und liebe^ 
bedürftige Menschen steht da am Spiegelgässchen das Lavaterhaus 
mit dem breiten Erker und der hohen Zinne, von der aiis unsre 
Freunde wol erst Ausschau nach dem Wetter gehalten, bevor sie 
in das dämmernde Gässchengewirr zu ihren Füssen hinabstiegen, um 
Bodmer ihren Besuch abzustatten. Auf eine Stätte Bodmerischer 
Wirksamkeit hatte Lavater sie schon nach wenig Schritten aufmerksam 
zu machen : das einfache Haus am Anfange des Neumarkts, an der 
Ecke der kleinen Brunngasse oder Froschaugasse, wo Bodmer im 
Jahre 1/21 jeden Donnerstag und Samstag seine Freunde, ^dic 
Mahler", versammelt und mit ihnen die ersten kritischen Versuche, 
„die Discourse", beraten hatte. Und nicht wxit dahinter lag Chri- 
stofFcl Froschaucrs Haus, von dessen Offizin die Zürcher Re- 
formatoren ihre gelehrten Werke hatten ausgehen lassen. 

Am Neumarkt, den sie nun durchwandern, hatte Meister Johannes 
Hadlaub sich einst nach langen Irrfahrten ein Haus gekauft, unfern der 
Stadtwohnung seiner Gönner an der Schoffelgasse, dem Turm der 
Manesse, jenes ritterlichen Geschlechtes, in dessen sangesfrohe Zeit 
der x\lte im Berg so gern sich zurückversetzte. Sie neu zu beleben 




18. Zürich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. 
Nach einem Kupferstich in der Stadtbibliothek, in ZQrich. 



DAS BODMERHAUS 67 

sollte freilich besser als dem alten Litterarhistoriker einem modernen 
Dichter gelingen, dessen Dasein ebenfalls an diesen „Neuen Markt" 
geknüpft ist, wo er im „goldenen Winkel" das Licht der Welt 
erblickte. Jenen Winkel, der uns in der Tat zum goldenen geworden 
ist, haben wol damals im Vorübergehen Goethes glückliche junge 
Augen gestreift — hätte er ahnen können, dass ihm daraus einst 
einer seiner wahrsten Verehrer und recht ansehnlicher Epigone, 
Gottfried Keller, hervorgehen werde, sie würden vielleicht einen Augen- 
blick darauf verweilt haben. Statt dessen eilen die Jünglinge ungeduldig 
vorwärts, den auftauchenden Türmen der Stadtmauer zu, um durch 
den Spitzbogen des Neumarkt- oder Kronenthors, dann auf hölzerner 
Brücke über den Stadtgraben hinaus ins Freie zu gelangen. Wie köst- 
lich der frische Gras- und Waldduft, der vom grünen Zürichberg 
herab über die Wälle einem entgegenweht! Während Lavater die 
aus der Zeit des dreissigjährigen Krieges stammenden Befestigungen 
erklärt, wird „auf immer steileren Pfaden die Höhe hinter den 
Wällen erstiegen, wo sich zwischen den Festungswerken und der 
alten Stadtmauer gar anmutig eine Vorstadt, teils in aneinander 
geschlossenen, teils einzelnen Häusern halb ländlich gebildet hat." 
Von städtischem Prunk dagegen zeugt das grosse Patrizierhaus im 
Stile Ludwigs des Fünfzehnten mit dem Gitterportal und statuetten- 
geschmücktem Garten, damals die „Krone", heute „Rechberg" ge- 
nannt. Oberhalb desselben, an der alten steil abfallenden Winter- 
thurer Landstrasse, heute noch nach dem einst dort aufgestellten 
Strafinstrument „Halseisen" genannt, öffnet sich nun endlich noch 
das „Kronenpörtlein", dessen Wölbung einen reizend eingerahmten 
Rückblick auf das hübsche Stadtbildchen gewährt. Dicht daneben 
liegt die Wohnung des Wachtmeisters an der Kronenporte (später 



68 HEDWIG WASER 

als Kaserne für vorübergehende Einquartierung, dann Korrektions- 
anstalt für liederliche Stadtbürger, heute noch als hübsch gelegenes, 
aussichtsreiches Haftlokal für Vagabunden verwendet). Dies Häus- 
chen bildete damals die einzige Nachbarschaft des Schönenbergs, 
dessen freie heitere Umgebung von unsem Gästen schon vor ihrem 
Eintritt „höchst vergnüglich überschaut" wird. Dann werden sie 
eine Stiege hoch in ein rings getäfeltes Zimmer geführt, wo sie 
ein bewegliches Greislein mit dem altmodig gezierten Kompliment 
empfängt, dass er schon siebenundsiebzig Jahre auf sie gewartet habe. 
Dagegen ist es ihr erstes höfliches und doch aufrichtiges Wort, 
den Hausherrn glücklich zu preisen, „dass er als Dichter, der 
patriarchalischen Welt angehörig und doch in der Nähe der höchst 
gebildeten Stadt, eine wahrhaft idyllische Wohnung zeitlebens be- 
sessen und in Gottes freier Luft sich einer solchen Femsicht mit 
stetem Wolbchagen der Augen so lange Jahre erfreut habe." 

Wir sehen den jungen Goethe am Fenster lehnen, mit schnellem, 
zugleich innigem Blick der mächtigen Augen Nähe und Feme in 
sich trinkend, so versunken wie noch keiner vor ihm an dieser 
Stelle in den Genuss der weitesten Umsicht, die er als erste Gunst 
von seinem Wirt erbeten, und „welche denn wirklich bei heiterem 
Sonnenschein in der besten Jahreszeit ganz unvergleichlich erschien. 
Man übersah Vieles von dem, was sich von der grossen Stadt nach 
der Tiefe senkte, die kleinere Stadt über der Limmat, so wie die 
Fruchtbarkeit des Sihlfeldes gegen Abend, rückwärts links einen 
Teil des Zürichersees mit seiner glänzend bewegten Fläche und 
seiner unendlichen Mannigfaltigkeit von abwechselnden Berg- und 
Thalufem, Erhöhungen, dem Auge unfasslichen Mannigfaltigkeiten; 
worauf man dann, geblendet von allem diesem, in der Feme die 



DAS BODMERHAUS 



69 



blaue Reihe der hohem Gebirgsrücken, deren Gipfel zu benamsen 
man sich getraute, mit grösster Sehnsucht zu schauen hatte. Die 
Entzückung junger Männer über das Ausserordentliche, was ihm 
so viele Jahre her täglich geworden war, schien Bodmer zu behagen ; 



^ 




19. Der junge Goethe. 
Nach einer anonymen Bleistiftzeichnung in der Stadtbibliothek in Zfirich. 



er ward, wenn man so sagen darf, ironisch teilnehmend, und wir 
schieden als die besten Freunde, wenn schon in unsern Geistern 
die Sehnsucht nach jenen blauen Gebirgshöhen die Ueberhand ge- 
wonnen hatte," 



70 HEDWIG WASER 

„Und wenn mich am Tag die Ferne 
Blauer Berge sehnlich zieht. 
Nachts das Uebermass der Sterne 
Prächtig mir zu Häupten glfiht, 
Alle Tag und alle Nächte 
Preis ich so des Menschen Loos" 

jenes Menschen freilich, fügen wir hinzu, zu dem Berg und Gestirn 
reden, der ihre Sprache versteht wie Goethe sie als einer der ersten 
und tiefsten Naturempfinder verstanden hat. Wie viel intimer und 
leidenschaftlicher ist seit der Entfesslung von Sturm und Drang das 
Verhältnis zur Natur geworden ! An Klopstock hatte Bodmer noch 
durchaus „keine Neugierigkeit bemerkt, die Alpen von weitem oder 
in der Nähe zu betrachten." Inmitten dieser Herrlichkeiten hatte jener 
sogleich nach Gesellschaft verlangt. Während bei ihm die Natur- 
freude von der Menschenfreude ganz in den Hintergrund gedrängt 
worden war, vergisst Goethe umgekehrt ob der Femsicht fast die 
ihn umgebenden Menschen. Allerdings sind es keine jungen Zürcher- 
schönheiten ! Wol aus diesem Grunde wird er von Bodmer etwas 
empfindlich als „Mann von wenig Worten** bezeichnet. Auch die 
Schilderung in Dichtung und Wahrheit erweckt den Eindruck, dass 
Cxoethe viel mehr vom schönen Land, als dem alten Bodmer ge- 
sehen, und sich dann, da er über diesen wenig zu sagen wusste, 
damit aus der Schlinge zog, er halte es für unschicklich, alle bedeu- 
tenden Leute, die man auf Reisen besuche, steckbrieflich zu sig- 
nalisieren. — Der werde ihnen wohl wieder kommen, meinten die 
Hausgeister, höchlichst befriedigt über das entzückte Gesicht des 
scheidenden Jünglings. Und als die Sehnsucht, jenen blauen Höhen 
nahe zu kommen, durch die (jotthardreise einigermassen befrie- 
digt war, kam er wirklich wieder, wohl, um sie aus der Feme 
noch einmal zu grüssen, einen Abschiedsblick zu werfen auf Ge- 



DAS BODMERHAUS 71 

birg und Land und See, wo er „frische Nahrung, neues Blut" 
gesogen.. 

Was ihm die Schweiz geboten, wollte er vier Jahre später 
seinem jungen fürstlichen Herrn zu gute kommen lassen. Und 
auch auf Goethes zweiter Schweizerreise, mit Karl August, deren 
„Siegel und oberste Spitze die Bekanntschaft mit Lavater" war, 
wurde im November 1779 der Schönenberg wieder besucht! — 
Hier war es indessen noch stiller geworden, die wenigen Besuche 
aber „desto empfindsamer", wie Bodmer 1777 an Sulzer berichtet. 
„Ich gehe selten von Haus, das Hausdach drückt mich so wenig 
wie die Schnecke, die es auf dem Rücken trägt. Ich vergesell- 
schafte mich mit mir selber, indem ich mich in den Papieren meiner 
Kindheit, meiner Jugend, meines mittleren Alters betrachte, und 
dann mich vielfältig nüancirt, doch immer denselben finde." Und 
dann tröstet er sich damit, dass sein Gefängnis docK das Haus 
Philemons sei, wo die zweiundachtzigjährige halbblinde Baucis dem 
Gatten noch immer getreulich die Wirtschaft besorge, während er mit 
den Göttern schwatze, denn nicht nur Jupiter und Merkur stiegen zu 
ihm herab, sondern alle Götter der Ilias und Odyssee. — Von der 
Homerübersetzung, dem Herzenskinde seines Alters, sprachen denn 
auch die edeln Gäste mit dem zu lebhafter Begeisterung sich ermun- 
ternden Greis, um ihm anzudeuten, dass die junge Generation seiner 
wirklichen Verdienste eingedenk sei. 

Wenige Jahre nachher, 1783, fiel dem Alten vom Berg endlich 
die Feder für immer aus der Hand, während noch ein angefangener 
Brief auf dem Schreibtisch lag. Dass er sogar im Tode noch nur 
ungern sein Schneckenhäuslein verlassen werde, hatte er früher 
einmal einem Freunde anvertraut: „wenn man mich in meinem 



n 



HEDWIG WASBR 



Rebenberg begraben wollte, so weiss ich, dass die Brde Über mir 
mich nicht drücken würde, und mehr Blumen würden auf meinem 
Hügel wachsen als unter einem Marmorstein hervor. • 

Schade, dass dieser Wimsch nicht erfiült werden konnte, ebenso- 
wenig wie ein anderer, der im Schönenberg einen lebaidigen Blumen- 
garten hätte erstehen lassen, zum Angedenken des Vaters nicht nur 
der Jünglinge, sondern auch Jungfrauen. In seinem Testament 
nämlich spricht Bodmer, der alte Freund der Frauenbildung, seinen 
„wohlüberlegten Willen" dahin aus, „dass mein oberes Haus und das 
kleinere an der Maur nebst Ausgeländ, Feldlin imd Gflrtcn, soviel 
in dem Zugbrief begriffen ist, zur Besitzung, Bewerbung und zum 
Gebrauch einer zweiten Töchterschule gewidmet werden. Die Ein- 
richtung bitte meine beiden Herren Neveux (Escher imd Orell) nach 
ihrem besten Willen und Wissen anzuordnen. Besonders dass sie 
in dieser Schule Töchter von unbemittelten, verunglückten Eltern, 
verwaiste, gebrechliche Töchtern aufnehmen, dass sie solche nicht 
ausschliessen, deren Mütter von Bürgern erzeugt waren,, selbst die- 
jenigen Kinder nicht abweisen, die von Vater und Mutter Landes- 
und Bauerkinder sind. Auch . bitte ich sie, mit Herrn Professor 
Usteri die erforderten Massregeln zu nehmen, wenn sie fanden, dass 
die erste von ihm instandgebrachte Töchterschule mit dieser zweiten 
kann vereinigt werden, dergestalt, dass die Lehrerinnen von beiden 
Schulen in diesem Haus ihre Bewohnungs- und Lehrzinuner ge- 
mächlich haben können, desgleichen die Gärten, das Feldlin und 
das Ausgeländ gemeinschaftlich benutzten." 

Auch sollten Bodmers „Manuscripte und kleine litterarische 
Bibliothek in einem Zimmer des grossen oder kleinen Hauses auf- 
gestellt und beisanunen behalten werden." Diese aber wanderten 




20. Bodmer, Sulzer, Waser und Füssli im Wohnzimmer des Bodmerhauses (um 1770). 
Nach einer Bleiatiftzeichnung: von J. H. Fflsali im Besitze der ZCIrcher Kunstgesellschaft. 

10 



74 HEDWIG WASKR 

in die Stadtbibliothek, und das Haus musste verkauft werden, denn 
die alte verdiente Vorsteherin der Töchterschule, Jungfer Goss- 
weilerin, bat wie verzweifelt, sie doch nicht das „traurige Opfer 
dieses zwar edlen patriotischen Sinnes '^ werden zu lassen, indem 
man sie aus ihrer alten lieben Stube in ein fremdes Schulhaas zu 
„zeuchen" zwinge. Auch war ja der Schönenberg damals fllr eine 
Mädchenschule viel zu — abgelegen, hatte doch sogar Bodmer sich 
veranlasst gesehen, seiner Magd, ftlr den Fall, dass sich etwas Un- 
gewöhnliches ereignen sollte, eine Trommel ziun Lärmschlagen xu 
geben. Die Hausgeister hätten sicher nichts dagegen gehabt, statt 
des alten würdigen Herrn einmal unserer Stadt ,, wolerzogene Töch- 
tern", „aufgeweckten, zierlichen und wolberedten Geistes •* durch 
Haus und Garten wandeln zu sehen. 

Zum Glück mussten sie es wenigstens nicht erleben, dass der 
Schönenberg an Menschen überging, die den herrlichen Besitz nicht 
zu schätzen wussten. Die alte Zürcher Patrizierfamilie Meyer von 
Knonau erwarb das Haus, wo der originelle Fabeldichter Junker 
Joh. Ludwig bei seinem verehrten Gönner Bodmer schon manches 
litterarische Plauderstündchen verlebt hatte. Wer hätte besser in 
den idyllischen Landsitz gepasst als der sinnige Tier- und N'atur- 
freund, der freilich schon im Jahr 1/85 für immer Abschied nehmen 
musste. Ein Menschenalter hindurch blieb der Schönenberg im 
Besitz jener Familie, bis er im Jahre 1811 überging an den cihr- 
samen Ratsherrn alt Zuckerbäckermeister David Vogel, der mit 
seiner Frau Magdalene dort im künftigen Tusculum des kxmst- 
begabten einzigen Sohnes glückliche Alterstage verleben sollte. 

Im Jahre 1813 wurde Ludwig Vogel, von Italien zurQck- 
kehrend, mit Stolz und Jubel in dem neuen Heim empfangen. »Ich 



DAS BODMERHAUS 75 

konnte nicht reden, und wie betäubt musste ich gleich an ihrer 
Hand unsere neue, wirklich paradisische Wohnung besehen. Der 
Lage nach ist unser Haus das zürcherische S. Isidoro. Die Stadt, 
die Umgebungen, der See, alles liegt unter uns und der grösste 
Teil der Alpenkette glänzt vor unsern Augen." 

Und als der Schönenberg genug bewundert war, da wurde 
Ludwig hinübergeführt in das „Schneggli", wo der Vater ohne sein 
Wissen das reizendste Atelier eingerichtet für den Sohn, der ja 
nun nicht mehr wie vordem „der Zuckerbeck Vogel" heissen wollte, 
„der auch dabei malt", sondern ganz eigentlich der „Maler Vogel". 

„Dieses (das Schneggli) besonders", schreibt Ludwig Vogel, 
17. August 1813, an seinen berühmten Freund O verbeck, „wünsche 
ich Dir zeigen zu können, denn es ist wirklich gar so niedlich und 
bequem; aussen ist eine artige kleine Laube oder Galerie mit einer 
Bank, dann das eigentliche Malzimmer, welches ein grosses hohes 
Licht hat und hoch genug ist, um ein grosses Bild darin malen zu 
können. Rechts sind zwei kleine Zimmerchen daneben, in einem 
davon hängt Dein Carton, der mich unaussprechlich freut, denn er 
erinnert mich an unser Leben in Wien, und links zwei andere gar 
heimliche, die vom nämlichen Ofen geheizt werden wie das Studio. 
In diesem habe ich meine Zeichnungen und Kupferstiche etc. und 
schreibe, zeichne und lese darin. Noch ist unten eine Küche, so 
klein wie Spielzeug, und oben unter dem Dache ist noch ein Zim- 
merchen mit Glasmalereien in den Fenstern und Aussicht ins Baum- 
gärtli und daneben ein Schlafwinkelchen mit Aussicht auf Stadt, 
See und Gebirge, kurz es wäre Platz für eine kleine Haushaltung 
oder wenigstens nebst mir für einen Freund." 

Sechsundsechszig Jahre lang sollte dies Haus, das Vogel im 



76 HEDWIG WASER 

Herbst 1813 so freudig betreten, der Schauplatz eihes uhennfldlich 
strebsamen, doch glücklich begrenzten, harmonischen Kflnstlerdaseiiis 
sein. Hier fand er sein ihm von Natur und Neigung angewiesenes 
Schaffensgebiet, vollendete seine wichtigsten Werke, verlebte gtae^ 
nete Tage des Alters und starb, von der Liebe und Verehrung 
seiner Familie umgeben. 

Mit der entzückenden Familienscene im Garten, die Vogds 
Pinsel im Jahre 1820 festhielt, wollen wir vom SchOpenbei^ Ab- 



schied nehmen. Das Original des Bildes, von dem das Neujahrs- 
stück der Künstlergesellschaft auf 1887 eine gelungene Copie ge- 
bracht, hängt dort im Hause als ein teures Erbstück, Der Künstler 
lässt uns in die lauschig kleine Rebenlaube neben dem „Schneggli* 
hineingucken, wo die ganze Familie sich beim Nachmitta^kaflcc 
gütlich thut, den das Grossmütterchen gerade von der dreibeiiiigen 
Chaufferette hinübergiesst, ihr schalkhaft rundliches Grübchengesicht 
in schneeweissem Häubchen und Halskrausen dem Beschauer voll 
entgegen wendend. Im Hintergnmd öffnet sich die Laube fenster- 
artig in weinlaubumranktem Ausschnitt, der den Blick liinaus- 
schweifen lässt zwischen der schlankbespitzten Predigerkirche und 
dem grauen Ketzerturm hindurch auf femverschwimmende sanfte 
Hügcllinien. Man glaubt, den Kaffee- und Nachmittagssonnenduft 
zu spüren, so deutlich, dass es einen recht gelüstet, sich mitten in 
dies bürgerliche Behagen hineinzusetzen. — Das ist die trauHch 
eingehegte kleine Welt unserer Grossväter und -mütter, die Zeit, 
da ein David Hess und Ulrich Hegner und Martin Usteri als liebe 
Gäste im Schönenberg aus- und eingingen, alles Leute, die es gar 
wohl verstanden, sich des Lebens zu freuen, weil noch das Liämp- 



DAS BODMERHAUS 



77 




21. Das Bodmerhaus, jetzt Wohnhaus der Familie Stadler- Vogel. Im Anbau links 

das Zimmer, in welchem angeblich Klopstock. wohnte, im Türmchen das sogenannte 

Goethezimmer, im Garten das Maleratelier Ludwig Vogels. 

Etwas von dieser Zeit und diesen Menschen ist an dem alten 
Haus zum Berg hängen geblieben, Duft der Vergangenheit, der 
einen mit traumhaft-wehmütigem Behagen anweht, wenn man aus 
dem Schatten der mächtigen, noch von Bodmer ge pflanzten Linde 
in die geräumig-kühlen Lauben hineinwandert. In niedrigen Ge- 
mächern stehen noch die Grossvatermöbel, an den Wänden hangen 
fast lauter Vogelsche Bilder und Skizzen, von seinen Kindern und 
Enkeln mit liebevoller Pietät aufbewahrt, und in dem reizenden 
Atelier drüben in dem halb in Grün versteckten „Schneggli" hat 
sich eine kunstliebende und -übende Enkelin häuslich eingerichtet. 



78 HEDWIG WASER 

— Weniger fühlt man sich an die Zeit vor Vogel erinnert, obgleich 
noch jetzt die Familientradition ein gegen den Zürichberg hinaus- 
gehendes Gemach im ersten Stockwerk „Klopstock-**, ein anderes 
auf dem Boden mit herrlichster Aussicht „Goethezimmer" benennt. 
Ob Goethe einmal da hinaufgeführt wurde, der noch vollkommeneren 
Rundsicht zu liebe? Jedenfalls muss man, um sie heute so zu ge- 
niessen, wie Goethe sie im achtzehnten Buch von Dichtung und 
Wahrheit beschrieben, da hinaufsteigen, denn im untern Stockwerk 
haben emporgewachsene Baumgruppen des anstossenden Rechberg- 
gartens, besonders aber das Gebäude zum Schanzenberg den Blick 
auf (jcbirg und See stark beschränkt. Auf der andern Seite stellt 
sich das Physikgebäude recht anmasslich, die grünen Höhen des 
Zürichbergs zum Teil verdeckend, vor das alte Haus, das einst so 
frei nach allen Seiten umschauen konnte. 

Nur mit Unwillen haben es sich unsere Hauswichtlein gefallen 
lassen, dass ihnen diese neumodigen Nachbarn allmälich so nahe auf 
den Leib rückten, denn sie halten was auf sich und ihren Schönen- 
berg, bilden sich sogar ein, damit ein gut Stück Litteraturgeschichte 
im (jcisterreich vertreten zu dürfen. Und wenn etwa in dunklen 
Nächten vom Physikgebäude her ein Schwärm feindlicher Kobolde 
auf (iläsern, Röhren, Stäben und andern seltsamen Instrumenten 
gegen sie angeritten kommt, verteidigen sie tapfer den Grünhag 
des Bodmerhauses, ihre scharfgeschnittenen Federkiele als Spiesse 
schwingend. Wer wohl am Ende den Sieg davon tragen wird? 



BODMER 
ALS VATER DER JÜNGLINGE 

VON 

OTTO HUNZIKER 




s ist eine charakteristische Erscheinung, die sich durch 
Bodmers ganzes langes Leben hindurch zieht, dass er 
nicht sowol in einsamer Spekulation als vielmehr im An- 
schluss an geistesverwandte Persönlichkeiten, gebend und empfangend, 
gleichzeitig andre und durch andre sich selbst anregend sich aus- 
zuwirken und das zur Gestaltung zu bringen sucht, was ihn nach den 
verschiedenen Seiten bewegt und was er als Lebensaufgabe ergreift: 
ohne vertraute Freunde, denen er sein Herz ausschütten, mit denen 
er alles besprechen kann, was sein Interesse erregt, ist er eigentUch 
gar nicht denkbar. Selbstverständlich sind es zunächst die ungefähr 
gleichaltrigen Genossen seiner Jugend, denen er sich zuwendet: 
Zimmermann, Breitinger, Meister, Heinrich Wyss u. A. ; bis ins 
höchste Alter hält er diese Freundschaften fest, überträgt sie, wenn 
ihre Träger früh von seiner Seite gerissen worden, auf deren Söhne 
und Enkel; noch als Greis sucht er aus eigner Initiative Ersatz, 
wenn der Tod aufs neue sein Recht geltend gemacht hat. „Seitdem 
Philokles [Dr. Laurenz Zellweger, f 1764] nicht mehr auf Erden 
ist, hat es mir an einem Vertrauten gefehlt, in dessen Schoss ich 
meine Arbeiten, Sorgen und Freuden verwahren könnte; zu diesem 
Amte wären Sie der rechte Mann, ille quem requiro", schreibt er 

1767 an Pfarrer Hess in Neftenbach. ^) — Zunächst sind es denn 

11 



82 OTTO HUNZIKER 

auch diese Jugendfreundschaften, von denen aus sich Bodmers Wirken 
auf weitere Kreise ausbreitet; aus ihnen geht die Gesellschaft der 
Mahler (1/20), die helvetische Gesellschaft für vaterländische Historie 
(1727) hervor; in der Entwicklung der deutschen Litteratur ist 
Bodmers und Breitingers Name unauflöslich verbunden. 

Diese ins öffentliche Leben sich umsetzenden Anregungen fiihrten 
von selbst dazu, dass auch strebsame jüngere Elemente, wie Kaspar 
Hess und Joh. Konrad Heidegger, unter den Einfluss seiner Persön- 
lichkeit traten, und frühe schon gab ihm seine Professur am Karo- 
linum Gelegenheit, einer noch jungem Generation, die annähernd um 
ein volles Menschenalter von ihm abstand, sich aufzuschliessen ; dass 
ihm 1735 der eigene einzige Sohn starb, scheint verstärkend nach 
dieser Richtung gewirkt zu haben. In diese Zeit ungefähr werden die 
ersten Beziehungen zu Johann Georg Sulzcr von Winterthur fallen, 
der damals die zürcherischen Schulen besuchte, wenig später die- 
jenigen zu Hans Kaspar und Salomon Hirzel, zu Johann Georg Schult- 
hess und zu Hans Heinrich Schinz. „Ich war ein Knabe**, schrieb 
der alternde Sulzcr 1774 aus Berlin an Bodmer, „da Sie als ein 
Mann mich Ihrer Gesellschaft würdigten, und meine Kindereien 
wurden von Ihnen ertragen, weil Sie damals schon hoffen mochten, 
ich würde künftig auch ein Mann werden. Ich w^eiss es nur gar 
zu wohl: was etwa auch mein späteres Alter in Ansehung der Ein- 
sichten mochte gewonnen haben, dass meine Jünglingsjahre äusserst 
schwach gewesen."^) 

„Den Schülern'*, schreibt aus den Erfahrungen einer etwas späteren Zeit sein 
Biograph, „war er nicht blos Lehrer, er war ihr Freund. Er hatte sie gerne um sich 
auf dem Spaziergang; er sparte keine Mühe, wenn er aus irgend einem Menschen etwas 
Edleres bilden oder eine schöne Anlage entwickeln zu können glaubte. Er lehrte niemals 
im Professorton, er führte nur Gespräche, und wies darin die Menschen, wie sie in ver- 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 83 

schiedenen Zeiten waren und taten. Sein Lehrreiches lag nicht in theoretischen Abhandlungen 
oder allgemeinen Sittenlehren ; aus den Handlungen der Personen lehrte er ihre Grundsätze 
erkennen, das Grosse und Edle oder das Schlimme in ihren Gesinnungen wahrnehmen. Er 
hatte wenig Äusserliches, ihn Empfehlendes, scheinbar Rednerisches, jedoch eine liebens- 
würdige Naivetät, und obschon er nicht zu imponieren wusste, hatten doch auch die 
schlechtesten unser seinen Schülern Ehrfurcht vor ihm. .... Aus allen Jahrzehnten der 
langen Zeit, in der er Gutes lehren konnte, war keins, daraus er nicht von ihm veredelte 
Freunde, Jünger und Schüler aufzuweisen hat, die ihm Ehre, dem Vaterland jetzt schon 

und in ihrer Vervielfältigung Heil bringen werden Bodmer war also unter freiem 

Himmel noch ein besserer Professor als auf dem Katheder; er entzog sich seinen Schülern 
nicht und diese suchten ihn, wo er war, weil alle abschreckende Professorwürde fem von 
ihm, hingegen alle Würde des gemeinnützigen Weisen allezeit in ihm war. So war dieser 
unser Mitbürger, der Lehrer unser und unserer Söhne, bis ins höchste Alter der Führer 
unserer^Führer, das Orakel für die ächten Patrioten.') 

Mit dem litterarischen Ruhm, den Bodmer im Kampfe gegen 
Gottsched sich erwarb, und der auch auf seine jungen Freunde 
belebend zurückwirkte, nehmen Bodmers Verhältnisse zu der jün- 
geren Generation zeitweise ein etwas verändertes Gepräge an. Unter 
den Studierenden Zürichs organisiert sich in der Mitte der vierziger 
Jahre eine Gesellschaft, die sich die „wachsende" nannte und von 
Bodmer geleitet wurde. Bodmer selbst ist von dem Bestreben ge- 
tragen. Schule zu machen; noch im Jahr 1/59 hat er „einen Preis 
für einige junge Leute ausgesetzt, welcher die Geschichte der Ruth 
am geschicktesten in Hexametern schreiben würde."*) Aber auch 
die Beziehungen zum Ausland nimmt er persönlich in die Hand. 
Mit seinen Empfehlungen, wol auch auf seine direkte Veranlassung 
geht 1749 ein ehemaliges Mitglied der wachsenden Gesellschaft, 
Johann Georg Schulthess, nach Berlin, wo schon seit einigen 
Jahren Sulzer die Anschauungen und Interessen der Zürcher vertrat, 
und wird dort „der Stifter eines literarischen Klubb, der nach dem 
Muster desjenigen seiner Vaterstadt gebildet, die ersten Geister 



84 



OTTO HUNZIKER 



Deutschlands, Lessing an ihrer Spitze, in sich fasste und dessen 
sämtliche Mitglieder ihm bleibenden Dank wussten."*) Als Schulthess 
1750 zurückkehrte, brachte er den Sänger des Messias Bodiner zu. 
Auf Klopstock folgte am 25. Oktober 1/52 der damals erst neunzehn- 
jährige Wieland. Achtzehn Monate lang blieb Wieland in Bodmers 

Hause, und als er, dem es gelungen 
Stetsfort mit dem altem Freunde das 
trutc Einvernehmen aufrecht zu er- 
halten, dasselbe verliess, sehen wir 
Bodmern eifrig bestrebt, ihm in 
der Schweiz eine bleibende Stätte 
zu bereiten. War der Gedanke 
selbständig in Wieland aufgetaucht, 
war er in Bodmers Umgang ange- 
regt worden, jener entschloss sich 
in der Schweiz als Erzieher seine 
Existenz zu suchen. So erschien 
denn 17*^4 anonym der „Plan einer 
neuen Art von Privatunterweisung", 
in welchem sich Wieland zur Er- 
23. Johann Georg Schulthess. zichung einer kleinen Gruppe von 

Nach einem Oeljjeni;il(lc unbekannter Herkunft in 

der Stadtbibliothek in zarich. Jünglingcn in irgend einer der 

schweizerischen Städte anbot, wo immer man sich bereit finden 
Hesse, ihm einige solche junge Leute anzuvertrauen. Bodmer warb 
auch nach auswärts, in seiner Korrespondenz mit Dr. L. Zellweger 
in Trogen, um Schüler aus der Nordschweiz, und noch in der 
Zusammenstellung seiner Tagebuchnotizen, die bis 1782 gehen, hat 
er nicht unterlassen, ausdrücklich zu erwähnen: „Im März 1/54 liess 




^g:/Mf^. 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 85 

ich Wielands Plan einer Privatunterweisung auf meine Kosten drucken, 
ihm einen Erwerb zu verschaffen."*) 

In der Tat machten Wielands Pläne und Bodmers Teilnahme 
an denselben fast mehr noch in Bodmers eigenem Leben Epoche, 
als in demjenigen Wielands, dessen pädagogische Tätigkeit mehr 
nur einen episodischen Charakter hat und wenigstens in dieser Form 
mit seinem Weggang aus der Schweiz 1760 abschloss. Für Bodmer 
dagegen lag hier die Überleitung zu einer neuen Belebung und 
Gestaltung seines Interesses für die junge Generation. 

Zunächst ist es der humanistische Gedanke einer auf den Geist 
des Altertums aufbauenden modern - liberalen Erziehung, den Wie- 
land ausgesprochen und für den Bodmer wirbt. Dem Plan zu einer 
Privaterziehung Hess der erstere, nachdem er einige Jahre zur 
Zufriedenheit der Eltern der ihm anvertrauten Zöglinge in Zürich 
gewirkt, 1738 eine gereifte und erweiterte Darstellung folgen: „Plan 
einer Akademie zur Bildung des Herzens und des Verstandes junger 
Leute". Mit Recht weist Mörikofer darauf hin, dass wenn die 
Abfassung derselben auch ganz Wieland angehöre, doch die Ansicht 
und Gesinnung der bedeutendsten Männer des damaligen Zürich, 
namentlich Bodmers, in ihm ausgedrückt erscheine.') 

Bodmer brachte Wieland nun in Beziehung zu Iselin, und nur 
die Frage der Aufbringung der nötigen Mittel hinderte die Ver- 
wirklichimg des Wunsches Iselins, eine solche Akademie unter Wie- 
lands Leitung in Basel erstehen zu sehen.®) 

Als Iselin mit Wieland in Beziehung trat, hatte sich ihm damit 
zugleich die Hoffnung verbunden, den „Patriotischen Traum eines 
Eidgenossen von einem Mittel, die veraltete Eidgenossenschaft zu 
verjüngen" ins Leben einzuführen. Die von dem Luzerner Balthasar 



86 OTTO HUNZIKER 

1746 aufgesetzte, eingehende Darlegung, wie die BegrOndiing dncs 
helvetischen Erziehungsinstitutes am besten dazu sich eigne, die ver- 
schiedenen Kantone einander näher zu bringen und einen nationalen 
Sinn zu erzeugen und zu pflegen, war von Iselin im gleichen Jahre, 
da Wielands „Plan einer Akademie** erschien, in Basel („Freistadt bei 
Wilhelm Teils Erben") durch den Druck veröffentlicht wordea 
Es ist bekannt, wie Iselin, auch nach Wielands Abgang aus der 
Schweiz, an dieser Hoffnung festhielt, und wie die „helvetische Ge- 
sellschaft", welche 1/61 zum ersten Mal als freundschafUiche Zu- 
sammenkunft von Baslern und Zürchem in Schinznach sich ver- 
sammelte, sobald sie sich einigermassen organisiert (1762), die Reali- 
sierung des Patriotischen Traums als Hauptzweck ihrer Vereinigung 
in Angriff nahm. 

Bodmer war so wenig wie Dr. J. K. Hirzel von Zürich, der 
die Anregung zu einer bleibenden Organisation der Gesellschaft gab, 
1761 in Schinznach gewesen ; er kam auch 1 762 nicht ; ebensowenig 
die folgenden Jahre, obgleich er in seiner Abwesenheit 1762 zum 
Mitglied ernannt worden war. Aber auch er war, schon ehe jene 
Organisation erfolgte, von Balthasars Patriotischem Traum ergriffen; 
auch ihm war bereits vor den Schinznacher Zusammenkünften der 
vaterländische Zweck einer nationalen Erziehung der schweizerischen 
Jugend in erste Linie getreten, wie uns Hirzels Mitteilungen über 
die Gründungsgeschichtc der Gesellschaft in seiner Präsidialrede von 
1/63 zeigen. In der Schilderung, was er beim Lesen des Patrio- 
schen Traums empfunden und wie er infolgedessen dazu gekommen 
sei, sich den Schinznachern anzuschliessen, berichtet Hirzel : 

„Mein Bodmer, dieser teure Vater, dem ich meine Einsichten, meine patiiotitchen 
Kinpfmdungen und meine Glückseligkeit meistens zu verdanken habe, kann Zeuge sein ron 
dem Entzücken meiner Seele, welches mich damals belebte. Er selbst empfand nicht weniger 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 



87 



die bezaubernden Wirkungen dieses Traumes, welcher ihm von Ferne die Glückseligkeit des 
Vaterlandes in «dem hellsten Lichte zeigte. Er half mir alle möglichen Mittel ausdenken, 
"wie dieser Traum könnte in Wahrheit verwandelt werden. Wir wollten nach und nach in 
allen Kantonen Gesellschaften errichten, welche die Beförderung der Staatswissenschaften zur 
Folge hätten ; dieselben soll- 
ten mit andern dergleichen 
eidgenössischen Gesell- 
schaften Briefwechsel un- 
terhalten. Alle Jahre sollte 
in jedem Ort eine öffentliche 
Versammlung gehalten wer- 
den, w^zu man ordentliche 
Beisitzer aus den Gesell- 
schaften der übrigen Orte 
ausbitten wollte.*^ 

Ob der föderalisti- 
sche Grundzug, wie 
er in diesen Plänen 
Hirzels undBodmers 
vorherrscht, auch 
noch in dem Organi- 
sationsentwurf, den 
Hirzel 1762 in 
Schinznachvorlegte, 
irgendwie zum Aus- 
druck gelangte, wis- 
sen wir nicht; sicher 




ist nur, dass Hirzels 
Entwurf keineswegs 



24. Johann Kaspar Hirzel. 

Nach einem Oelg;emälde von Felix Maria Dio^ im Besitze des 
Herrn Salomon Pestalozzi in Zürich. 



xinbedingte Zustimmung fand. Nach mühseligen Vorberatungen ge 
langte schliesslich eine Formulierung zur Annahme, welche den weit 
auseinandergehenden Anschauungen Rechnung tragend, den Gedanken 



88 OTTO HUNZIKER 

einer einheitlichen schweizerischen Gesellschaft verwirklichte, die sich 
jährlich im Frühling in Schinznach oder an einem andern gelegenen 
Orte versammeln sollte ; die Beschlüsse der Anwesenden sollten auch 
für die Abw.esenden Gültigkeit haben. Welche Stellung diese „hel- 
vetische Gesellschaft", die immerhin blos auf schweizerische Mit- 
gliedschaft beschränkt war, zu der eben damals von den nämlichen 
Hernern, die in Schinznach erschienen waren, geplanten „patriotischen 
Crcsellschaft" einnehmen sollte, die auch hervorragende Vertreter 
der Aufklärung im Ausland zu Mitgliedern warb und nun mehrere 
Jahre neben der „helvetischen** bestand, ist nicht klar.*) 

Die von Schinznach zurückkehrenden Zürcher wurden, wie es 
scheint, mit Spannung erwartet. Salomon Hirzel berichtet unmittelbar 
nach der Rückkehr an Iselin: „Jedermann ist zufrieden mit imserer 
Zusammenkunft und es hat sich alles zugedrängt, um Nachricht zu 
haben. Auch der alte Vater Bodmer kam und hatte innige Freude 
mit uns.**^^) 

^Eigentümlich ist aber doch, wie in dem Briefwechsel Bodmers 
aus den nächsten Jahren seine Bemerkungen über die Schinznacher 
gelegentlich durchaus nicht von ungetrübtem Wohlwollen zeugen, 
und in den Tagebuchnotizen findet sich zum Jahre 1762 die Notiz: 
^Im Mai nahmen die helvetischen Schinznacher mich ungebeten 
in ihre (Icsellschaft auf."") Immerhin suchte er bei der neuen Ge- 
sellschaft für die Durchführung des Patriotischen Traums zu wirken. 
Der Versammlung von 1/63 reichten er und Zellweger schriftlich 
diesbezügliche Anregungen ein. Als sich dann aber zeigte, dass die 
Schinznacher der nötigen Energie und Einigkeit entbehrten, das 
Projekt zu realisieren, weder in der Form eines Erziehungsinstitutes 
auf CJrund staatlicher Zuwendung der nötigen Mittel, wie Balthasar 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 89 

gewünscht, noch in der Form einer „helvetischen Tischgenossen- 
schaft", die für einige Monate die Zöglinge aus den verschiedenen 
eidgenössischen Orten zu gemeinsamem Leben zusammenführen 
sollte, wozu die Kosten durch die Mitglieder der Gesellschaft selbst 
zu decken gewesen wären — wie Bodmer seinen reduzierten Vor- 
schlag formuliert hatte, — als sie nach stürmischer Diskussion 1765 
zu keinem positiven Beschlüsse kamen und 1 766 auf jede eigne Initia- 
tive nach dieser Richtung endgültig verzichteten, da ist Bodmers Be- 
geisterung für die Schinznacher völlig erloschen; „wenn es sein 
kann", schreibt er am 6. März 1767 an Sulzer, „so schicke ich 
Ihnen durch die Messe die acta Schinznachensia vom Mai 1766; 
es ist schlechtes Zeug." 

Mittlerweile hatte er sich für das, was er erstrebte, längst anders 
geholfen. Wenige Zeilen nach den Mitteilungen über seine Auf- 
nahme in die Schinznacher-Gesellschaft 1762 folgt die Bemerkung: 
„Um diese Zeit (nach dem Zusammenhang Juni oder Juli 1762, 
thatsächlich in den ersten Tagen des Juli) stiftete ich mit etlichen 
jungen Herrn die zürcherische politische Gesellschaft, die ihre Ses- 
sionen auf dem Zunfthaus der Gerber hält und bis auf diesen Tag 
subsistiert. " 

Es scheint, dass Bodmer mit Gründung dieser Gesellschaft 
wieder auf die ursprünglich mit Hirzel besprochenen und verein- 
barten Gedanken zurückgekommen ist, wohl zunächst nicht im Gegen- 
satz, sondern zu lokaler Förderung der in Schinznach adoptierten 
Bestrebungen ; wie die Helvetier in Schinznach als Zweck sich vor- 
setzten: „die Gesetze und Staatsveränderungen in der Eidgenossen- 
schaft sowohl als die Sitten und die Gelehrsamkeit ihrer Bürger in 
den verschiedenen Zeitaltern der Republik nach den ächten Cjrund- 



90 OTTO HUNZIKER 

Sätzen der Geschichtskunde in ihr wahres Licht zu setzen und ihre 
Bemühungen zu dem Besten des Vaterlandes fruchtbar zu machen '^y 
also sich nach aussen als geschichtsforschende Gesellschaft mit 
patriotischer Abzweckung darboten, so diese zürcherische Gesellschaft 
Bodmers, nur mit viel stärkerer Hervorhebung der kritischen und 
der patriotisch-ethischen Tendenz : „Die Hauptabsicht dieser Gesell- 
schaft soll dahin gehen, die Grundsätze und Lehren einer wahren 
philosophischen Politik, die Vorteile, Fehler und Verbesserungen 
der verschiedenen Regierungsarten, besonders aber die Geschichte 
des Vaterlandes und den praktischen Nutzen derselben zu unter- 
suchen und genauer kennen zu lernen und hienächst zufolge dieser 
Kenntnis edle patriotische und gemeinnützige Gesinnungen in den 
Gemütern zu pflanzen und auszubreiten."^^) 

Diese zürcherische Gesellschaft Bodmers nannte sich die »Hi- 
storisch-politische Gesellschaft". Ihre „Ordnungen und Gesetze* 
datieren vom 1./9. Juli 17f>2. Als sie im Jahr 1765 diese Statuten 
revidierte — in eben dem Jahre, da die Schinznacher die ErftUlung 
des Patriotischen Traumes ad calendas graecas vertagten — änderte 
sie, wol kaum zufällig, auch den Namen und hiess von nun an 
„Helvetisch -vaterländische Gesellschaft". 

Im Wirken für diese Gesellschaft verklärte sich Bodmers 
Alter; um dieses Wirkens willen und in ihren Kreisen hat ihn Mit- 
und Nachwelt mit der typischen Bezeichnung „der Vater der Jüng- 
linge" geehrt. Zwei Faktoren wirkten vornehmlich zusammen, um 
dem an der Schwelle des Greisenaltcrs stehenden Mann einen das 
gewöhnliche Mass weit übersteigenden Einfluss auf die heranwach- 
sende Generation seiner Vaterstadt zu geben; sie hängen auch unter 
sich selbst zusammen. Das ist einerseits die ungemeine Beweglichkeit 






BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 91 

seines Geistes, der mit gleicher Liebe, wie er sich in die Ideale 
der Klassiker vertieft, in der Gegenwart lebt und webt und die 
aktuelle Strömung der Geister erfasst, soweit sie den freiheitlichen 
und vaterländischen Ideen, die ihn erfüllen, Nahrung gibt und das 
Aufdämmern einer bessern Zeit ankündigt; anderseits das herzliche 
Interesse des Mannes mit heiterm und reinem Sinn an der Jugend, 
das Bedürfnis, im Umgang mit ihr sich selbst innerlich jung zu 
erhalten; ein Bedürfnis, das um so stärker ihn gerade zu dem 
jungen Geschlecht hinzog, als er im öffentlichen Leben mit seinen 
Anschauungen sich isoliert, ohne durchgreifenden Einfluss ausüben 
zu können, unverstanden fühlte. Der Mann, der Zeit seines Lebens 
nur mit und in andern gelebt, fand nun im Alter unter den Jüng- 
lingen, deren Kindheit schon die Ahnung und die Morgenluft einer 
neuen Zeit umwehte, einen Zug innerer Geistesverwandtschaft mit 
ihm, der seinen gereiften Zeitgenossen abging; es ist schwer zu 
sagen, was von beiden bei ihm mächtiger wirkte, der Wunsch, für 
seine vaterländischen und freiheitlichen Ideen bei den Erben der 
Zukunft Propaganda zu machen, oder der erzieherische Drang, die 
Anhänglichkeit, die ihm entgegentrat, damit zu lohnen, dass er das 
Beste, was in seiner Seele lebte, rückhaltlos den jugendlichen Herzen 
zur Verfügung stellte. 



Die Organisation der Gesellschaft war laut den „Ordnungen 
und Gesetzen" von 1762 folgende: 

Die Gesellschaft hält wöchentliche Sitzungen in einem Zunfthaus mit geschäftlichem 
Teil von 5 bis 6 Vi abends und „soll an dem Ort und zur Zeit der Gesellschaft von keinem 
Mitgliede weder Thee noch Caf6 oder Wein getrunken, auch kein Tabak geraucht werden 
dürfen* ; an die Spitze der Gesellschaft beruft sie zu ihrer Leitung einen ordentlichen Vor- 
steher (Bodmer); ausserdem hat sie einen zweiten Vorsteher, Quästor und Sekretär; der 



92 



OTTO HUNZIKER 



Präses und zwölf Mitglieder (ordinarii oder consiliarii) bilden, wenn die Mitgliedersahl irächat, 
eine engere Gesellschaft, die sich alle zwei Monate besonders versammelt; beim Abgang 
eines Ordinarius rückt dasjenige Mitglied nach, das nach Urteil der ordinarii über ein vor« 
gelegtes Thema am besten geschrieben. In jeder Versammlung der Gesellschaft wird eine 
von der engern Gesellschaft vorgeprüfte Arbeit über ein historisches oder politisches Sujet 
verlesen und der Diskussion unterbreitet. Der Vorsteher ,wird ersucht die Mühe zu haben*, 
von Zeit zu Zeit der Gesellschaft grundlegende \'orträge über die vaterländische Geschichte, 
das Recht der Natur, die Politik und Jurisprudenz zu halten; die Mitglieder üben sich auch 
im Vortrag auswendig gehaltener Reden und bringen. Auszüge oder Rezensionen auf Grund 
ihrer Privatlektürc. Wei Aufnahme neuer Mitglieder soll ein guter und unsträflicher morali- 
scher Charakter besonders in Betracht fallen; die Aufnahme geschieht auf Grund einer der 
Gesellschaft vorgelegten Arbeit, nachdem der Kandidat einen Monat lang Auditor gewesen. 
Die Zahl der äussern Mitglieder (honorarii) ist unbestimmt, und kann auch, ohne besondere 
Achtung auf das Alter zu haben, jeder Jüngling als solcher aufgenommen werden; diese 
äussern Mitglieder sind, nachdem sie das erste Mal gelesen haben, zu keinen weiteren 
Arbeiten mehr verpflichtet. 







25. Medaille mit Bildnis von J. J. Bodmer, 

^otochcii von Johann Heinrich Holtshauser von Altenklin^en, im Besitze des Herrn Konsul 

H. Bodnicr-Zölly in Zürich. 

Im Ganzen zeij^t somit die Orijjanisation des Jahres 1762 bereits 
die Umrisse, die Bodmer nach der Statutenrevision von 1765 in 
einem Briefe an Sulzer namhaft macht: 

„loh liabe die politische (Tcsellschaft, die sich auf der CJerberzunft versammelt, in 
zwo KlasstMi geteilt: ordinarios et honorarios. Jene sind geschickte junge Männer, die sich 
zu gewissen Arbeiten verbindlich machen. Diese sind parterre. Doch haben sie auch 
Erlaubnis zum arbeiten, zu lesen und zu urteilen, aber auch ungetadelt zu schweigen.*^ ") 

Den eigentlichen Keni der Gesellschaft bilden die ordinarii, 



BODMER ALS VATER DER JUNGLINGE 93 

die Esoteriker ; und die honorarii sind nicht Ehrenmitglieder in unserm 
Sinn, sondern es ist der Kreis der Novizen, der aus neu hinzu- 
tretenden Jüngern bestehend, erst allmälig dazu kommt, des Ein- 
tritts in den engem Kreis gewürdigt zu werden. Im Centrum aber 
steht der Vorsteher, der von Zeit zu Zeit selbst das Steuer ergreift, 
um die Gedankenrichtung zu bestimmen und zu vertiefen. 

Und welches waren denn die Grundsätze, die Bodmer 
durch sein eigenes Thun bekannte und den Jünglingen einzuflössen 
suchte? Hören wir darüber den Mann, der am frischen Grabe 
Bodmers seiner Vaterstadt erzählte, was Bodmer seinem Zürich 
gewesen.^*) 

„Fürs erste war er ein Beispiel der Enthaltsamkeit. Hart gegen sich selbst, beob- 
achtete er die erste Regel der Weisheit, dass er sich wenig Bedürfnisse angewöhnte und 
die natürlichsten mit wenigem befriedigte. ... Er hatte deswegen Rousseaus Schriften so 
lieb, weil sie den Menschen in sich selbst stark zeigten und ihn in ausharrender Abhärtung 
des Körpers und Entwöhnung von allen unnötigen Bedürfnissen Freiheit und Unabhängigkeit 
finden lassen. Daher hielt er auf der Denkungsart der alten Spartaner so viel und begün- 
stigte deren Grundsätze so sehr! Dem Luxus war er herzlich übel an; er betrachtete ihn 
immer als ein grosses Uebel in Republiken, weil er Burger vom Burger unterscheidet, das 
Herz des Pöbels täuscht und fesselt, die Sittlichkeit untergräbt 

„Von der Freiheit des Menschen und Burgers zu reden, sie zu befördern, ihre 
verlorenen Rechte zu unterstützen, war sein Licblingsdiskurs. Für die Demokratie hatte 
er eine vorzügliche Hochachtung; „was ist Monarchie, sprach er, anders als dass viele 
Höflinge . . . den Willen des Fürsten stimmen und also eigentlich regieren ! Dem Volk ge- 
hört die Majestät, es hat sie nur ausgeliehen.** Das Zunftmeisteramt hatte nach seinem Er- 
messen bei uns eine hohe Würde, weil es die Rechte des Bürgers, mithin des Volkes gegen 
alle Eingriffe zu verteidigen heilige Pflicht hat. . . . 

„Edel denkende würdige Bürger haben keinen Freund und Verteidiger mehr, wie er 
war. Er widersprach laut allen politischen Krümmungen, Wendungen, verdeckten Machen- 
schaften, wenn sie nicht mit der ächten Weisheit und mit den Fundamentalgesetzen der 
Verfassung, dem Geiste nach, einstimmig waren, ins Angesicht, betraf es auch einen noch 
so gefürchteten oder gescheuten Staatsmann. . . . Wer gern freimütig Wahrheit redete, 
betral*s gleich Person oder Sach, Politik oder Religion, wer gern Wahrheit reden hörte. 



94 OTTO HUNZIKER 

musstc zu ihm gehen — er sprach frei, nicht nur auf dem öfTentlichen Lehrstuhl, anf dem 
Spaziergang, — und wer könnt* ihm widersprechen — selbst auf dem Rathaus. . . . 

„Er sah manche moralische und politische Wahrheit nicht nur tiefer ein als tot ihm 
und nach ihm die meisten ; nicht nur entdeckte und bewies er sie, sondern er wusste de 
auch in (}ang zu bringen und seinen Jüngern einzugriessen. Er wai von einem gesellschaft- 
lichen Geist belebt, der gern hatte, wenn man Willen und Kräfte zusammensetzte, sich ver- 
brüderte zu gemeinschaftlichem Wahrheitsforschen. Er war der Stifter, wie mancher g e icB - 
schaftlichen Verbindung, so besonders einer sogen, helvetischen Gesellschaft, die sich in 
Zürich schon seit 20 Jahren alle Wochen besammelt, historische und politische Aufsätie 
zusammenträgt, darüber mit unbeschränkter Freimütigkeit diskutiert, reflektiert, im Denken 
und Reden sich übet — Männer von 50 Jahren, die allbereits wichtige Staatsämter bekleiden. 
Handwerker, Jünglinge von 20 Jahren, die erst ihre Laufbahn anfangen, geist- und welt- 
lichen Standes sind derselben einverleibet — die einen lehren, die andern lernen; man siebet 
da in Beurteilung weder auf Rang noch Alter, sondern auf die Stärke und Wert der Gründe. 
Es war eine Zeit, dass man diese Innung für verdächtig hielt, sie schien allzufrei. . . . 

^l^nscr Weise verdammte nicht un verhört alle politischen und sittlichen Gahnmgen 
- auch selbst die Schwärmereien nicht, welche Rousseaus Schriften unter unsem Jüng- 
lingen entzündet hatten — , aus denen die Väter zu viel machten, vor denen man sich wie 
vor einem Gift fürchtete, vor denen vorurteilsvolle kurzsichtige Väter so treuherzig nnd 
gelbsüchtig warnten. „Sie werden sich schon läutern**, sprach Hodmer, wenn man hei ihm 
über diese politischen Schwärmereien jammerte, „die Schlacken fallen von selbst iveg und 
es bleibt uns Gold, Silber und Blei". 

„Wie liebte er jene mitten aus der Wallung der Rousseauschen Gährung empor- 
strebenden Schüler, wie vertraute er sich seinen Messen, seinem Füssli, Lavater, Professor 
Nüscheler, seinem Kaspar Rscher. Salomon Grell, Hans Bürkli und Schulthess, Weiss, Weber 
- - er spürte jeden bessern Jüngling auf und hielt ihn auf dem Pfade der Weisheit fest!* 

In der Aufzählung der Jünglinge, die durch die „Rousseausche 
Gährung" emporstrebten, wird man ausser dem Namen des Ver- 
fassers dieses Nekrologes vor allem denjenigen eines Mannes ver- 
missen, der, vielleicht Bodmers begeistertster Schüler, nur allmälig 
durch diese Gährung hindurchgedrungen : Pestalozzi. Erst die 
bittersten Lebenserfahrungen brachten ihn vom Rande des Abgrundes 
zurück; nicht in den Phantasien Rousseaus und im Idealflug des 
Altertums, wie ihn Bodmer den Jünglingen beigebracht, schaute er 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 95 

in reifen Jahren die Führung zu wirklicher Lebensweisheit, sondern 
im allmäligen Emporwachsen in den engen Verhältnissen des realen 
Lebens, in der Hütte der Gertrud. So tritt ihm die innere Ent- 
wicklung, in die er durch Bodmer hineingerissen worden, wesent- 
lich als Abweichung vom Gang der Natur in ihren Schattenseiten 
entgegen. Aus seinen Äusserungen spricht der Eifer wider die 
äussern Einwirkungen, die im Zusammenhang mit seinem eigenen 
Temperament das „Unglück seines Lebens" verschuldet, und es 
entspricht einem Grundzug seiner Individualität, dass er in seinen 
Urteilen stets nur von einem Gefühl beherrscht ist, ein objektives 
Abwägen des Für und Wider in gleichzeitiger Gegenüberstellung 
eigentlich nicht kennt; die Situation der jeweiligen Gegenwart ent- 
scheidet, ob das eine oder andre zum ausschliesslichen Ausdruck 
kommt. 

Bekannt ist die Darstellung der geistigen Atmosphäre seiner 
Jugendzeit im Schwanengesang; sie bezieht sich, auch wenn er als 
Begründer dieser Atmosphäre neben Bodmer Breitinger und Stein- 
brüchel nennt, doch vorzugsweise in dem, was sie lobend tadelt, 
auf Bodmer.^*) 

Noch schärfer und bezeichnender legt Pestalozzi den Einfluss 
Bodmers auf ihn in seiner unwiderstehlichen Stärke und in seiner 
idealen Einseitigkeit dar in einer Stelle, die der unvollendet geblie- 
benen Umarbeitung von „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" angehört:^®) 

„Der offene Gang des Zeitpunktes war wider diesen höhern Sinn (der häuslichen 
Kraft und Bildung) . . . Selbst Bodmer, mein Liebling und Vater, kannte das Thun und 
Treiben der Gegenwart nicht, indem er uns den Geist der Vorwelt öffnete. Er gab dem 
Jüngling keine Kraft für das Leben der wirklichen Welt; er hob ihn zu einem unermess- 
lichen Mut und Hess ihn entblösst von allen Mitteln. Sein idealisches Sein reizte uns un- 
aussprechlich. Scharen von Jünglingen hörten ihn ohne Schaden; ihre Väter kannten die 



96 



OTTO HUNZIKER 



Welt und sie lebten täglich in der Anschauung des Gegenteils von allem dem, wu 
I^odnier ihnen sagte. Kk konnte also nicht tief in sie greifen. Wie ein Hausvater, der auf 
sein ILiusbuch achtet und auf sein Gewerb. den Kalender allenfalls zur Ergötzung mit- 
nimmt, st) achteten die Söhne der (Jeschäftsmänner auf die Wahrheit der täglichen Ver- 
hältnisse, in denen sie in ihrem Mause lebten, und nahmen, was Bodmer Ihnen sagte, io 
mit, ohne dass es ihnen eigentlich weder kalt noch warm machte. Mir machte es mein 

Innerstes glühen. ") Es Icomite 

nicht anders. Es schloss sich 
an alle Träume, die in mir 
selbst lebten und an mein 
Herz, das wohlwollend war 
und Gutes zu thun und Gotn 
zu stiften mit einem Feuer 
suchte, das unauslöschlich 
war. So sah ich das Elend 
des Volkes, so sah ich den 
niedrigen selbstsüchtigem 
Sinn, der um mich her nieder- 
drOckte und elend mschte, 
was emporkeimen und glück- 
lich hätte werden können. 
Der Schein der Tage blendete 
mich ganz, ich glaubte an 
die Menschen, die schön rede- 
ten, und an die Jünelinac, 
2<). , Heinrich Pestaluz im Hcrnj^cbicth". ^ .^ o o 

AiMtestcs Hil.lnis IVstaloz/.i's nrioh einer vermullich für I.avatrr's ^^^ meinen Rodmcr VatCf 
riiYSio^tKirnik cntNtanficm'n, ahcr nachher nicht beniitzti-n l'rDlil- . „ 

/.eichnimtr ans der Ncuhof-Zcit (170K 17«0U Ini Bcsit/e der Stadt- nannien. 
bihliothek in ZQrich. 




Ks kann nicht unsere Auft^abe sein, hier eine Geschichte der 
historisch-politischen (Jesellschatt zu bieten. Materialien, auch be- 
reits veröffentlichte, sind in reicher Zahl vorhanden, die uns einen 
Blick in ihre Thätii^keit und die verschiedenen Stadien ihrer Ent- 
wickluntj^ Jüchen. Die X'erzeichnisse der Arbeiten zweier Jahrgänge 
(17()2, I77I)'**) zeigen uns, dass nicht nur in patriotischer Begeisterung 



BODMER ALS VATER DER JUNGLINGE 97 

und Kritik die Gemüter erregt, sondern gemäss dem ursprünglichen 
Zwecke auch auf dem Gebiete historischer Forschung und Betrachtung 
fleissig gearbeitet worden ist. Der Briefwechsel Bodmers mit Sulzer 
enthält manche Notizen, die uns auch für die Zwischenzeit über 
den Geist, der in der Gesellschaft herrschte, bezeichnende Streif- 
lichter bieten; z. B. wenn er unterm 18. September 1765 dem 
Freunde in Berlin schreibt: Ich gehe in die Versammlung der 
politischen Gerber, unter welchen das Problem aufgelöst wird: da 
die Reformation des Glaubens so viel Übles gestiftet hat, ist sie nicht 
selbst ein Übel?^*) Der Briefwechsel von Joh. Kasp. Escher und 
Hans Hch. Füssli^) zeigt freilich, in teilweise geradezu ergötzlicher 
Weise, dass schon frühe die idealische Hochflut gelegentlich in be- 
denkliches Stocken geriet, das nur durch den zähen Eifer der Besten 
überwunden wurde. Die Rede Füsslis vom Jahr 1769^') weiss dann 
aufs neue zu berichten, wie „Bodmer, der die Schicksale der Gesell- 
schaft wie ein Familieninteresse besorgte, die ersten Keime unsers 
Kaltsinns durch sein liebenswürdiges Feuer erstickte und beherzt 
genug ist, wenn sein umwandelbares Beispiel, seine Treue und sein 
Eifer nichts mehr über unsem Leichtsinn vermag, diese seine eigene 
Stiftung bis zu ihrem Untergang zu begleiten." — „Es war ein un- 
würdiger Anblick für Leute, die zarter Empfindung der Ehre fähig 
sind," so fährt er in dieser Rede fort, „zu sehen, wie öfters unter 
Sturm, Wind und Schnee ein ehrwürdiger Greis sich in diesen 
Versammlungssaal begab, weil er aber denselben beinah öd und 
leer fand, mit den Wenigen bald wieder heimging und auf dem 
Rückweg nicht selten an der Thür irgend eines Wirtshauses auf 
Glieder dieser Gesellschaft stiess, die, zu erhaben, um schamrot zu 
werden, grossmütig genug waren, ihn und seine Gefährten anzu- 

13 



98 OTTO HUNZIKER 

lächeln." Es kam im Herbst dieses Jahres so weit, dass Bodmer 
selbst den Antrag stellte, in Überlegung zu nehmen, „ob nicht ftlr 
die Ehre und das Ansehen der Gesellschaft weit besser gesoi^ 
wäre, wenn sie selbst sich durch eine wohlbedachte Entschliessung 
dissolvierte und aufhöbe, anstatt dass sie sonst in dieser Untätige 
keit und Blödigkeit gleich einem kranken decrepiten Körper viel- 
mehr agonisiert als lebet." Es wurde denn im Dezember auch 
wirklich nach Bodmers Vorschlag beschlossen, die Gesellschaft flir 
das Jahr 1770 zu suspendieren und die Sitzungen erst mit Ji 
1771 wieder aufzunehmen.^ Von da an aber kam sie unter 
Leitung wieder zu neuer Blüte; sie blieb auch, als Bodmer 
Altersrücksichten sich zurückzog, in Thätigkeit und nachdem sie 
während der Revolutionsjahre eingegangen war, lebte sie im An- 
fang des 19. Jahrhunderts in wenig veränderter Form als ^ vater- 
ländisch-historische Gesellschaft" wieder auf; noch im Jahr 1820 
finden wir ihrer patriotisch bildenden Wirksamkeit rühmend gedaGllt;^^ 
erst nach 1830 beginnen sich ihre Spuren zu verwischen. 

Aber wenden wir uns von diesen spätem Schicksalen der Ge- 
sellschaft wiederum der Zeit zu, da der Mann noch lebte und io 
ihr wirkte, 

— den sich zum Priester einst 
Göttin Freiheit geweiht, dass er Empfindungen 
Alten Adels, gekannt Griechenlands Sdhnen einst, 
In der Jünglinge Seele sang.**) 

Man weiss, wie diese Jünglinge sich nicht damit begnügten, 
zu hören und zu reden, dass sie gleichzeitig auch handelten. Schon 
im nämlichen Jahr, da die Gesellschaft entstand, brachten sie — 
Lavatcr und Heinrich Füssli voran — ihre „Klage gegen den un- 
gerechten Landvogt" vor die Öffentlichkeit und führten sie siegreich 



BODMER ALS VATER DER JUNGLINGE 



99 



zum Ziel; 1764 kam ein Zunftmeister an die Reihe, der sich am 
Pfrundgut des Krankenhauses zu St. Jakob vergriffen, 1765 ein 
pflichtvergessener Landpfarrer; im gleichen Jahre gründeten sie den 
„Erinnerer, eine moralische Wochenschrift", welcher der Censur 
viel zu schaffen machte und gelegentlich mit seinen Schilderungen 




27. J. C. Lavater und sein Jugendfreund Hans Heinrich Füssli, der spätere Londoner Maler. 

Nach einer Kreidezeichnung: aus dem Anfang der sechszig^er Jahre des XVIIl. Jahrhunderts von 
J. R. Schellenberg;^. In der Mitte die Klageschrift gegen den ungerechten Landvogi't Grebel. 

von Modethorheiten und mit durchsichtigen Angriffen auf hochstehende 
Persönlichkeiten den Grimm der Vornehmen und Regierenden über 
die naseweise Jugend herausforderte und hervorrief. Aus den Kreisen 
dieser Studierenden stammte auch das „Bauemgespräch", das um 
die Wende des Jahres 1766/67 geschrieben, entdeckt, als Aufruf 



100 OTTO HUNZIKER 

zur Rebellion gegen die Obrigkeit angesehen und behandelt, seinen 
Verfasser in die Verbannung brachte und die Ursache zu sofor- 
tiger Unterdrückung des „Erinnerer" wurde.**) Bodmers Saat war 
kräftig genug, Märtyrer zu schaffen. Auch Pestalozzi hat einige 
Jahrzehende nachher Niederer gestanden: zur Zeit, da er als 
Jüngling mit politischen Entwürfen umging, habe er sich oft bis 
aufs Blut gegeisselt, um, wenn er eingesteckt und der Tortur 
unterworfen würde, Gewalt über sich selbst zu haben.**) 

* * 

Unter solchen Umständen gewährt es ein eigentümliches In- 
teresse, den Spuren nachzugehen, welche uns von dem persön- 
lichen Verhältnis Bodmers zu einzelnen seiner jungen Freunde 
noch erhalten sind. Es sind ihrer selbstverständlich nicht viele; 
aber was ich davon zusammenbringen konnte, dürfte doch belegen, 
dass Bodmer auch nach Seite der individuellen Beziehungen nicht 
mit Unrecht „Vater der Jünglinge" genannt wurde. 

Der persönliche Anteil, den er an seinen jungen Leuten nahm, 
auch wenn sie nach Beendigung ihrer Studien in der Feme weilten, 
ist in seinem Briefwechsel mit Sulzer vielfach bezeugt. Aufs leb- 
hafteste tritt seine Freude zu Tage, wenn sie sich bewähren; um 
so schmerzlicher ist er bewegt, wenn sie von den Grundsätzen der 
Tugend abweichen. Einen solchen Fall lernen wir bezüglich eines 
jungen Zürchers, J. S., kennen, der nach Genf gegangen und 1766 
zurückgekommen ist: „O wie hat dieser Mann seinen Charakter 
verunstaltet!" klagen die Jugendfreunde;^) aber auch Bodmer selbst 
gibt seinem Unmut in Briefen nach Berlin Ausdruck: 

„Unser J. S. ist nicht mehr unser; ich habe ihn seit drei Monaten nicht mehr bei 
mir gesehen und das Schlimmste ist, dass ich nicht Ursache habe, ihn lu mir zu bitten. 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 



101 



Er hat ein eitles Herz und einen leeren Kopf. Wir sind ihm nichts mehr. Tanzen, sich 
Kleiden, Tändeln ist seine Arbeit.«*") 

Mit ehemaligen Schülern blieb Bodmer auch in der Feme in Brief- 
wechsel. Ein Brief an Hans Heinrich Füssli in Genf vom 4. Januar 
1763 legt Zeugnis ab, wie Bodmer mit seinen jungen Freunden 
sprach, und da er zugleich auch Bodmers Stellung zu dem Auf- 
treten seiner Schüler im Grebel- 
handel kennzeichnet, lassen wir ihn 
im vollen Wortlaut folgen: 

„Liebster Freund 1 
Was für ein gefahrlicher Mensch für die 
Sitten könnten Sie werden, wenn Sie bei der 
Geschäftigkeit und den Einsichten, die Sie schon 
haben und immer vermehren, auf die Seite von 
Voltaire treten würden 1 Aber ich thue Ihnen 
das Unrecht nicht an, das Sie selbst sichan thun, 
da Sie einige Sorge bezeigen, dass es geschehen 
könnte, wenn Sie nicht alle Wächter im Kopfe 
auf die Hut stelleten. Ihre gesunden Grundsätze 
und noch mehr Ihr gutes liebes Herz werden 
Sie von den Verführungen aller Franzosen, wenn 
sie gleich alle Voltaires wären, behüten. An 
obigen Eigenschaften muss es in Genf gemangelt 
haben, dass dieser einen so leichten Eingang 
daselbst gefunden hat. Gewiss hat er das Ver- 
derben bei den Genfem nicht hervorgebracht, 
sondern nur angebaut (?). 

„Aber, wenn Sie diese Tage bei uns gewesen wären, durch was für ein hinreissendes 
Exempel des Patriotisme wären Sie in volle Flammen gesetzt worden 1 Wie hätten Sie die 
Unschuld, die Redlichkeit, die Unerschrockenheit, die Gegenwart des Geistes in ihrer schönsten 
Gestalt imüberwindlich würken gesehen ! Jünglinge haben alle Männer aus dem politischen 
Schlafe geweckt; Söhne haben den Vätern, den Landesvätern Wahrheiten gesagt, die vielen 
von diesen unangenehm waren; sie haben Entdeckungen von Sachen gemacht, die nicht zu 
wissen ein grösser Übel war als sie zu wissen und dem Übel nicht zu steuern. Die 
Reinigkeit der Absicht hat mit der Ungerechtigkeit gestritten und obgesiegt 




28. Hans Heinrich Füssli, 

Bodmers Nachfolger. 

Nach einem Oel^emälde unbekannter Herkunft 

in der Stadtbibliothek in ZQrich. 



102 OTTO HUNZIKER 

^Ihr Namensverwandter hat zu seinem starken Verstand das beste Herz gezeigt; er 
ist wert, dass Sie ihn dafür ewig lieben. Aber auch unsere Regenten haben in diesem 
croustilleusen Mandel eine solche Grösse bezeigt, die ihrem patriotischen Herzen bei der 
gegcnwäi ti{;en und bei der Nachwelt Zeugniss gibt: und sie sind jetzt noch beschäftigt, 
aus der Ungerechtigkeit Gutes, Sicherheit. Liebe. Treue heraus zu leiten. Ich bedaure Sie, 
dass Sie nicht einen Monat länger bei uns geblieben sind, Szenen zu sehen, die mir die 
beste Hoffnung machen, dass unser Staat noch lange nicht in dem Verfall der Sitten ist, 
auf welchen sein eigener Fall folgen müsstc 

^Ich war eben in der politisch-historischen (jesellschaft. als Hr. Escher Ihren ein- 
gesandten Diskurs vorlas. Ich will Sie wegen einiger lebhaften Ausdrücke nicht tadeln; 
aber können Sie glauben, dass die kleinern (»eister. die in der Gesellschaft sind, Ihre Ge- 
danken in ihren Bestimmungen einschen und nicht durch eine ungeschickte Wiederholung 
verderben werden ? Im Übrigen sind die Briefe, die Sic an Ihre Freunde schreiben, überaus 
ermunternd, und das ist das rechte Mittel, dass Sie sich selbst und Ihre Jugendgenossen 
auf dem patriotischen Tugendweg en haieine behalten. Dadurch pflanzen (ich sagte schier: 
erschaffen) Sie sich gleichdenkcnde, gleich muntere Mitarbeiter für die Tage Ihres männ- 
lichen Alters. 

„Schreiben Sic mir öfters und allemal so republikanisch, so sittlich wie das erste Mal. 
Ich umarme Sie."^**) 

„Ich habe doch noch kürzlich Hexameter geschrieben**, schreibt 
der alte Bodmer 17f)7 an Sulzer, „als ein junger Mensch, der mir 
lieb war, ins Todbett kam." Der „junge Mensch** ist jener ICaspar 
Bluntschli, dessen Freundschaft in Pestalozzis Lebensschicksale so 
wohltluiend eingriff! Die Hexameter mit dem Begleitwort an den 
Überbringer, H. Weiss, V. I). M., liegen, von Pestalozzis Hand 
abgeschrieben, im Niedererschen Nachlass auf der Stadtbibliothek. 

.,Mein Freund! 
Wenn Sie es nicht ein hors d'oeuvre dünkt, so lesen Sie diese poetischen Zeilen 
unserni Sterbenden und bitten Sie ihn um Seinen letzten Segen für den Verlasser. 
den 15. April b'J'. Ihr ergebenster 

Bodmer. 
«Hluntschlins Ende war nicht wie der Tod des dichtrischen Adams, 
T')er auf die Szene gebracht erschreckliche Todesangst aussprach, 
C^ual und Jammer nur sprach; und die dunkeln Augen nur auftat, 
Traurige Felder zu sehn, ein Tal von Todten zu sehen. 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 103 

Todesblicke von starren auf ihn gehefteten Augen, 
Blut unschuldig Erschlagner, das laut anklagend zu ihm rief; 
Mütter, die mit gerungenen Händen zum Himmel emporsehn, 
Todte Jünglinge dann, die würdig geliebten der Eltern, 
Weggerissene Arme voll Bluts und rauchende Schädel. 

Bluntschli jammerte nicht kleinmütig, er lachte den Tod an. 
„Gerne geh ich**, so sprach er, „den Weg, den mein Bruder vorherging. 
Und mir winket, dass ich nicht zögre; ich ruh in der Wahrheit, 
Dass der Tod mir allein die Porte des Lebens eröffnet. 
Schon erblick ich sie offen und sehe mein Heil auf mich warten.** 

Also sagt' er. Ach, mög' er sterben, wie Sipha gestorben I 
Möge der sanfteste Pfeil des Todes in Balsam getunket, 
Ihn in das Herz auch treffen, und Sipha's sterbende Worte 
Seine letzten auch sein: .Welch zuckendes Zittern** rief Sipha, 
„Tönt durch meine Nerven, wie sanft gerühreter Saiten I 
O ich zerfliesse, mir schwimmt das Haupt in süsser Betäubung; 
Ist das der Tod? Wie ist er so leicht, mein Gott und mein Vater I** 

Selbst den Achtzigjährigen verliess die sorgende Freundschaft 
für die Söhne und Enkel seiner Freunde nicht, wenn sie ins öffent- 
liche Leben eintraten. Dem Enkel eines Jugendfreundes, dem nach- 
maligen jungem Bürgermeister D. v. Wyss, der 1781 zum ersten 
Mal als Sekretär zu einer diplomatischen Mission nach Genf ab- 
ging und der ihm von dorther geschrieben hatte : „ich erinnere mich 
mit lebhaftem Vergnügen einer Unterredung, der ich vor wenigen 
Wochen mit ein paar von meinen Freunden bei Ihnen beigewohnt, 
und wo sie uns Genf als eine Schule junger Politiker mit dem 
Wunsche empfahlen, dass wir davon profitiren möchten ; ich dachte 
damals nichts weniger, als dass ich wirklich in den Fall kommen 
würde, merkte mir aber doch einige Klugheitsregeln, die Sie uns 
bei gleichem Anlasse zu geben beliebt und befinde mich wirklich 
bei ihrer Beobachtung sehr wohl," — antwortete er unterm 21. April 



104 



OTTO HtJNZIKER 



1781 scherzend: „die Bedingung, unter welcher ich Sie, Landolt 
und Escher, habe nach Genf verschicken wollen, um politischen 
Cursus in den Zirkeln der Negatifs und der Repräsentanten zu 
machen, dass sie nämlich nur hören und in ihr Gedächtnis be- 
wahren, aber vor Urteilen und Festsetzen sich hüten sollten, will 
ich jetzt selbst beobachten" und es gereicht gewiss nicht nur dem 

Adressaten und seiner Fa- 
milie zur Ehre, sondern Bod- 
mer nicht minder, wenn er 
ein halbes Jahr später seinen 
letzten Brief an Wyss mit 
den Worten beginnen konnte 
und begann : 

«Es begegnet wenig Menichen, 
dass sie die Liebe und Freundschaft 
des Ahnherrn, des Sohnes, des Enkels 
und IVenkels gehabt haben. Dieses 
Cylück zu gemessen, muss man ein 
hohes Alter erreichen und grossmütige, 
freundschaftliche, liebenswürdige Men- 
schen in einem Haus antrelTen, in 
welchem diese Eigenschaften wie per 

„. , traductus von Enkel zu Enkel fort- 

29. Jakob (jujer genannt Klernjogg. Hirzels 

philosophischer Hauer. fliessen."*») 

Nacli einem Kupferstiche Chodowieckis aus dem Jahre 1775 

in der Stadtbibliothek in Zürich. * * 




Aber es gab, wie wir sehen, auch Fälle, wo seine jungen Leute, 
von ihren (Jcfühlen für Freiheit und Wahrheit hingerissen, die 
Staatsi^cwalt wider sich in die Waffen gerufen, in jugendlicher 
Unbesonnenheit sich ihre Carriere verdorben hatten und nun rat- 
und hülflos auf der Gasse standen. Ein solcher Fall trat ein, als 



BODMER ALS VATER DER JUNGLINGE 105 

1 767 der Verfasser des Bauemgespräches, der Cand. theol. Christoph 
Heinrich Müller, der Sohn armer Eltern, flüchtig werden musste und 
dann aus dem geistlichen Stand gestossen sowie lebenslänglich aus der 
Eidgenossenschaft verbannt ward, und zwei andre Studenten, Wolf 
und Tobler, bei dem nämlichen Anlass ihrer Stipendien verlustig 
erklärt wurden. Das Urteil über die Beteiligten beim Bauem- 
gespräch wurde am 11. Februar 1767 gefällt. Nun lebte eben 
damals als Hauslehrer in dem Hause des Herrn Landammann Jakob 
Zellweger in Trogen der junge Leonhard Meister; aber seinem 
phantasievollen Kopf fiel es ein, mit einem aus Winterthur gebür- 
tigen Commis hinter dem Rücken des beidseitigen Prinzipals und 
der beidseitigen Eltern einen lustigen Reiseplan zu entwerfen, um 
drüben im Tirol der goldnen Freiheit zu geniessen. Der Plan ward 
noch vor der Ausführung entdeckt, Meister, sobald es ohne Schädi- 
gung seines Rufs geschehen konnte, nach Hause gesandt. Der 
Landammann gelangte nun an Bodmer, um ihm für Ersatz zu 
sorgen. Der erste Vorschlag Bodmers fiel auf Tobler, der aber, 
bevor die Verhandlungen zum Ziel führten, eine andere Anstellung 
gefunden zu haben scheint, so dass er ^ jetzt nicht mehr kommen 
kann". Daraufhin grosse Verlegenheit im Zellwegerschen Haus. 
Bodmer scheint zuerst einiges Bedenken gehabt zu haben, den offen- 
bar minder begabten Wolf vorzuschlagen; aber schon acht Tage 
nachher ist dieser für Trogen engagiert (17. September 1767), und 
Zellwegers Bruder schreibt an Schwager Dr. Hirzel, um Mut ein- 
zuflössen: „wenn er auch nur so viel bon sens als Witz hat, so 
wird es schon gut gehen; es braucht kein g^nie sup^rieur für so 
junge KJnder; ich meine, dass es genug sei, wenn er wisse mit 
Kindern umzugehen, und wenn der Lehrer selbst tugendhaft ist, so 

14 



106 OTTO HUNZIKER 

müssen seine Schüler gewiss auch tugendhaft werden." 'Wolf kam 
und es ging gut; ich darf wol, den Ereignissen vorgreifend, hier 
beifügen, dass Wolf später in das Zellwegersche Geschäft eintrat, 
in die Zellwegersche Familie hineinheiratete und 1807 als hoch- 
angesehener Mann in Trogen gestorben ist. 

Hier haben wir nur noch einige Bruchstücke aus den Briefen 
des Landesfähndrichs Zellweger, des Bruders des Landammanns, an 
Bodmer*^ einzureihen, die zeigen, in welcher Weise Bodmer den 
nämlichen Kanal benützte, um auf dem Umweg über Trogen auch 
für Müller zu sorgen. 

9. Nov. 1767. „Als mein Bruder nach Genf um eine Kollekte für den H. Mfiller 
geschrieben, machte er eine kurze Historie von des Herrn Müllers Prozess und schrieb ihm 
(dem Adressaten in Genf) auch, dass Hr. Wolf, der bei ihm Hauslehrer wäre, in eben diesem 
(Geschäft von einem obrigkeitlichen Beneficio wäre beraubt worden. Nunmehr schreibt dieser 
Freund, dass er wirklich L. 500 beisammen hätte." 

26- Nov. 1767* TiOas bewusste Gespräch (das Bauerngespräch) ist durch Jemand den 
Sie wohl kennen, so gut als ihms möglich gewesen, ins Französische flbersetst und nach 
Genf geschickt worden. •* 

Aber bereits in der Zwischenzeit, in dem Briefe an Bodmer 
vom 19. November 1767, verrät er uns, wer diese ganze Aktion 
auf dem Gewissen hatte: 

„Herr Müller ist Ihnen den ersten Dank schuldig, da Sie den ersten Gedanken davon 
gehabt haben und ohne Sie Niemand an dieses Liebeswerk gedacht hätte.* 

Schon zuvor hatte Bodmer — es war am 6. März 1767, und 
er mochte wohl nicht lange vorher Müllers Aufenthalt und hülf- 
losen Zustand in der Fremde erfahren haben — nach einer andern 
Seite die Angeln ausgeworfen, um ihm Hülfe zu schaffen. Vor- 
sichtig tastend, lässt er in seinem Briefe an Professor Sulzer die 
Notiz einfliessen : 

, Indessen reist Müller ohne Geld und ohne Empfehlung im exilio herum; sein Äuaaer- 
liches verspricht nichts von dem innerlich Schönen. Man darf ohne Verdacht nicht sein 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 107 

Freund sein. La rie d*iin hcMiiiiie peat don€ ^tre Ul Tictime d*un instant «Tiinprudence. La 
bonne intention peut aroir Ics suites les phis funestes. On paidonne aux souples intrigues 
du crime. On ne pardoone point aux efforts de la rertu. La morale du monde a donc 
raison de dire: sorez lAches et prudents et tous serez au-dessus des lois et rous ▼irrez 
au gr^ de voa caprices et de voa passlons.* **) 

In seiner Antwort, die freilich mehr als ein Vierteljahr auf sich 
warten lässt, schreibt Sulzer unterm 21. Juli 1767 zurück: 

«Den von Ihnen verbannten Müller hat man mir von Winterthur aus näher bekannt 
gemacht und ich wünschte, dass es eher geschehen trire, da es bei mir stund, ihm hier 
eine Stelle an dem KgL Gvmnasio zu verschaffen. Man hatte mir aber von seinen Studiis 
nichts gesagt und ausdrücklich versichert, dass er sich von den Studiis zu der Landwirt- 
schaft begeben habe. Melleicht könnte ich ihn noch anbringen, aber er müsste unverzüglich 
hieher kommen. Wenn «fieses mögfich zu machen ist, so helfen Sie mit dafür sorgen; das 
Übrige nehme ich auf mich.***) 





30. Goldmedaille der Montags-Gesellschaft in Berlin; sie wurde dem Gründer 

dieser Gesellschaft, Johann Georg Schulthess, 1798 zugesandt. 

Im Besitze des Herrn Bochhsndlers Friedrich Schultbess in Zfirich. 

Bodmer griff zu, und Sulzer hielt Wort. Am 23. Januar 1768 
dankt Bodmer seinem Herzensfreunde nach Berlin; es ist als sähe 
man ein feines Lächeln um des Briefstellers Lippen, wenn man den 
Schluss der nachfolgenden Stelle liest: 

,Ich weiss es allein von unsers Exulanten Müllers Freunden, dass Sie mit Vaters- 
Freundschaft so glücklich für ihn gesorget haben. Als ich mein Letztes an Sic schrieb, 
kam noch Niemanden in den Sinn, dass er nach Breslau oder Berlin gehen würde. Seine 
Beförderung ist auch schon den representants bekannt und sie haben darüber so riele 
Freude als wenn er einer von ihnen wäre. Ein Ungenannter hat sein verurteiltes Gespräch 



:-trvz:K2a 




1 . 



Xfi.Icr -Air njn j?±r±^:;r. In meiner dD 

:-r-.:::/-r.ü" tr'-.:c-r. —iciiTc: :^r sich iurch cfie 
.T-.j-rr. Liedes c-r.cr. N.ir-.c;-.. X'^xtr tr "in an 
'.r -.r.ci r-.ehr der K'.Tich- r.dric. Sein V 
:>. e'.niiren [lihrer. dj.: j?e:- ■ cer : er ist ISOT 




[>>:-: z:ircheri>che Juirend. die r^ B- drrier? Füssen 
.:.--::r.s in ihren ti*:chtiir>:en RerrLUer.tJnien voll und 
li .'irr.'jr war und was er ihr ^re '.veser. : in ihm war 
, :*. ' as ihrem Leben Wer: :::i> jr.d \va< tur die V 

;— r:rc Zukunft hoffen lie>s. l:\ heller Beireistening ruft adion 

\i r : r. r. e r e r aus : 

.V. ' i'.r.. -.var.deit das \'eri;:v;:i:c:'. daher :. d >.■-, Ltf ,::*«! lic^eit ertireuct alle» die nm 
r.r .;::te gerui»; in sioh. ii:ii soir-cs Mc>v'j-. ru r^ürfen. und 



Paradies. Aber er lebt 



^^e!:. ur.-. :ür Menschen 



:"::t. dass er etwa* llrosses tut. uc:v. 
•.*.•:*. N. das weiss er fürs Auiiiber^ \\ : 



r >:.-h :u kleinen Seelen hermbUisL -~ 
<e"sohA:r. d:e reicht lur Tugend führt, 

* '■-. - In welche wfirdiuere Hände h.i::o die Muse e:r.e erhabene Lejer geben 

■ :,'. die seinigen? — (.) wie viel wetüi^er habe ich hier von dir gesagt, liebeni- 

- iJ'.drner. als ich weiss und einptiiule. l -.id wie >:e'. ist doch in dem enthalten« 

j,':y.'i[ft habe. — Lebe noch lan^e. Vater aller i:uten lilngUnge — achl wenn Ich 

':. T'/d nicht erlebe! — ich gönne dir die hinur.Usche Ruhe so wol als mir selber, 

:-.'in Vatcrlande gönne icli dich iloch noch Heber. Der Himmel freuet sich deiner 

..i^'-r das Vaterland bedarf deiner noch lange.- 




C.4t4k^mi^. rifh 



31. Johann Kaspar Lavater. 

Nach einem, rermutiich aus dem Jahre 17^1 oder 17^2 stammenden Oclgemätde von J. H. W. 
Tischbein, im Besitze AtM Herrn J. H. Larater- Wegmann in Zürich. 



MO OTTO HLNZIKER 

L'bcr Bodmers f jrabc denkt Schinz im Hinblick auf die viel- 
fach zcrfahmer gewordene Zeit des eigenen einzigen Sohnes: 

.O mein S^ihn. wie segne ich dich, dass du in deiner Kindheit die edle Einfalt des 
l^T'jSH^Ti iV^dmer noch in seiner ehm-ürdigen Greisengestmlt gesehen: das wird Eindruck 
rnarhfn auf' dich dein Lebenlang: wenn du dich nur Bodmers erinnerst und deinen Vater 
vori ihm erzählen hörst, so wird dir schon vor aller Tändelei ekeln!* 

Ciewiss mit Recht hat dieser nämliche Schinz in seiner Dar- 
stellung: -Was Bodmcr seinem Zürich gewesen •*, sein erzieherisches, 
\'äterlichcs Walten an der jungen Generation in den Mittelpunkt 
gestellt. Lavaters, aus frischer Erinnerung quellende und aus 
dem Herzen geschriebene «Ode an Bodmer** mag noch einmal das 
freundliche Bild in lebendiger Anschaulichkeit uns vorführen. 

Väterliche Geduld! Sanftmut und Weisheit im 
Tadel! Weisheit im Lob! Heiterkeit! Lockender 

Blick der zärtlichen Liebe! 

Sanfter attischer Tugendscherzi 

Stiller, flammender Ernst wider das Laster im 
Sanften, lichtvollen Augl Kreiheits- Verteidigung 

Von des Ruhigen Lippen! 

O was lehrt ihr, Tugenden, 

Eure Zeugen ! Was uns, horchende Jünglinge ? 
Wir. wir fassten sie auf; voll von EntSchliessungen 

Voller Freude, voll edler 

Triebe giengcn wir weg von dir! 

Niemals sähe dein Aug' mit dem entfernenden 
Hlick des Stolzes uns anl Höhere Weisheit, du 

Schrecktest niemals die Schwachen 

Die die Tugend nur suchten, weg! 

Liebreich eilte dein Aug\ eilte die sanfte Hand 
Uns entgegen, dein Mund redete brüderlich! 

Deiner Einsamkeit Wohllust, 

Vater, opferst du Jünglingen. 



BODMER ALS VATER DER JÜNGLINGE 



111 



Mein bewunderndes Herz redet jetzt Dank dir zul 
Mich auch lehrtest du, mich! lehrtest die seligen 

Hessen Weisheit und Tugend! 

FOr die Seligen dank ich noch. 

Weisheitslehrer sind jetzt, die du einst bildetest! 

Tugendlehrer sind jetzt, die du einst bildetest. 
Deine Söhne, sie glänzen 
Wie Gestirn um dich, Vater, her! 




Verzeichnis 

der in vorstehender Arbeit erw'ähnten zürcherischen Zeitgenossen Bödmen. 

Bluntschli, Joh. Kaspar, V. D.M. («Menalk*) 1743—1767. 

iirei tinger, Joh« Jakob (Professor und Chorherr) 1701 — 1776. 

BQrkli, Joh». (Zunftmeister) 1745—1804. 

Kscher, Kaspar v. (Pfr. in Bonstetten) 1737 — 1821. 

Füftsli, Heinrich (Kunstmaler, der .Londoner-Füssli') 1741 — 1825. 

FüsHÜ, Plans Heinrich (Professor, nachmals Senator) 1745 — 1832. 

Heidegger, Joh. Konrad (Bürgermeister) 1710 — 1778. 

Hc8«, Heinrich (1741 — 177^) und Hess, Felix (1742—1768), die .HcMen*. 

Hess. Kaspar (Pfr. in Altstetten, nachher in Neftenbach) 1709 — 1768. 

Hirzel, Hans Kaspar (1>r. med.) 1725 — 1803. 

Hirzel, Salomon (Staatsmann und Historiker) 1727 — 1818. 

Lavater, Joh. Kaspar (Pfarrer am St. Peter) 1741—1801. 

Meister, Joh. Heinrich (Pfr. in Küsnacht) 1700—1781. 

Meister, Leonhard (Professor) 1741—1811. 

Müller, Christoph Heinrich (Professor in Berlin) 1740 — 1807. 

Nu sc hei er, Felix (Professor) 1738—1816. 

Orell, Salomon v. (Gerichtsherr von Baldingen) 1740 — 1829. 

Pestalozzi, Heinrich 1746 — 1827. 

Schinz, Hans Heinrich (Pfr. in Altstetten) 1/26-1788. 

Schinz, Rudolf (Pfr. in Uitikon) 1745—1790. 

Schulthess, Joh. Georg (Pfr. in Mönchaltorf) 1/24—1804. 

Steinbrüche!, Joh. Jakob (Professor) 1729—1796. 

Sulz er, Joh. Georg, von Winterthur (Professor in Berlin) 1720 — 1779. 

Tobler, Franz Heinrich (Landökonom) 1/48—1828. 

Weiss, Heinrich (Pfr. und Lehrer) 1745—1808. 

Wolf, Konrad (Kaufmann) 1742—1807. 

Wyss, David v. (Bürgermeister, der jüngere dieses Namens) 1763 — 1839. 

Wyss, Heinrich v. (Landschreiber) 1707—1741. 

Zimmermann, Joh. Jakob (Professor) 1695 — 1756. 

Nicht bestimmbar: Escher (Seite 104), Landolt (Seite 104), Weber (Seite 94). 



Anmerkungen. 



>) Zehnder-Stadlin, Pestalozzi I. Band. (Gotha 1875.) S. 523/24. 

«) Zehnder-Stadlin a. a. O. S. 441. 

*) R. Schinz, Was Bodmer seinem Zürich gewesen, (1/83.) S. 6, 12, 13. 

*) Turicensia, Beiträge z. Zürch. Geschichte, (Zürich. Höhr 1891.) S. 196. 

*) Mörikofer, Schweiz. Literatur d. 18. Jhd. S. 143. 

«) Turicensia. S. 193. 

•') Mörikofer, a. a. O. S. 201/202. 

*) Für das Nähere und bezüglich des Innern Zusammenhangs all dieser Bestrebungen 
verweise ich auf meinen Aufsatz in Bühlmanns „Praxis d. Schweiz. Volksschule**, Jahrg. 188/, 
„Schweizerische Erziehungsbestrebungen des XVIII. Jhd.** 

•) Für das Nähere verweisen wir auf die Studie von Seminardirektor Keller in Wet- 
tingen „die Gründung der helvetischen Gesellschaft in Schinznach 1/61 und 1762", zuerst 
erschienen im Aargauer Tagblatt, dann in der Zeitschrift „Helvetia** von R. Weber. 1886. 
S. 510—525. 

>0) Morell, die helvetische Gesellschaft, (Winterthur 1861) S. 440. 

") Turicensia. S. 197/198. 

'') Die Statuten der Gesellschaft finden sich als Beilage V in ihrem W^ortlaut abge- 
druckt bei G. Tobler, J. J. Bodmer als Geschichtsschreiber, (Neujahrsbl. d. Zürch. Stadt- 
bibliothek 1891) S. 39 ff. 

») Zehnder-Stadlin, S. 416/417. 

") Schinz, a. a. O. S. 8 ff. 

") Ober Pestalozzis Antipathie gegen Steinbrüche! vgl. den Aufsatz „Pestalozzi und 
die zürcherischen Humanisten" in den Pestalozziblättern Jahrg. 1893 S. 25 ff. Aber auch 
Breitinger war ihm im Unterschied zu Bodmer persönlich nicht eben sympathisch. In einem 
Gespräch mit Niederer kam er zum Beleg dafür, dass ausnahmsweise die verschiedensten 
Persönlichkeiten (wie in der Gegenwart er, Niederer und Krüsi) zu gemeinsamem Wirken 
verbunden sind, auch auf Bodmer und Breitinger zu sprechen. Die Aufzeichnung Niederers 
lautet wörtlich: „Es sei ihm (Pestalozzi) selbst unbegreiflich und Niemand werde es be- 

15 



114 OTTO HUNZIKER 

greifen, wie wir uns so aneinander ketten können; aber die Wirkung werde auch unglmub* 
lieh sein. So etwas kenne er nicht, ausser etwas ähnliches in Breitinger und Bodmer. 
Dieser ganz der feurige empfängliche Ästhetiker, der herzlich gelacht, wenn Hreitin^r, der 

kalte schlaue Fuchs, einen Chorherrn in die Klauen bekommen.* 

»«) Abgedruckt in den Pestalozziblättern, Jahrgang 1889. S. 41 ff. 

") Statt „glühen** stand ursprünglich, ist aber durchgestrichen: ^brOhheiss'*. 

>») Bei Tobler a. a. O. S. 45 und bei Zehnder-Stadlin S. 130. 

»») ib. S. 419. 

«0) ib. S. 244 ff. 

»') ib. S. 294/95. 

22) Tobler a. a. O. S. 27. 

*'') Schinz, Präsidialrede in den Verhandlungen der helvet. Gesellschaft 1820. Der 
Passus über die helvet. (»eKellschaft ist aufs neue abgedruckt in den Pestalozzi blättern 
Jahrg. IHHl, S. /S ff. 

^*) Zehnder-Stadlin S. 531. 

^^) Kino eingehende Darstellung dieser Hinge findet sich bei H. Morf, ^Vor 100 
Jahren". (Neujahrsblatt der Hülfsgesellschaft Winteithur 1867). 

'^^) Man vergleiche damit auch die Aeusserungen, die Pestalozzi in Gegenwart Henninge 
getan, als er auf die fanatischen Anwandlungen seiner Jüngern Jahre zu sprechen kam. 
Pestalozziblätter Jhg. 1885, S. 66 und in unmittelbarer Aufzeichnung 16. Jhg. 1891 S. 54. 

5^^) Turicensia S. 173. 

*') Handschriftliche Korrespondenz Ikidmers. auf der Stadtbibliothek Zürich. 

^^) Die Originale dieser Briefe sind im Besitz von Herrn Prof. Dr. Fr. v. Wyss in 
Zürich. 



BODMERS 
POLITISCHE SCHAUSPIELE 

VON 

GUSTAV TOBLER 



[|^^^^^;odmer gieng bereits den Sechszigen entgegen, als er auf 
I ' r^^^^Sfl den Gedanken kam, seinen verblassenden Dichterruhm 
i^' - J ' . ' k-. " ^ ~ denn die Epen hatten die Zugkraft eingebüsst — durch 
poetische Wagnisse und Überraschungen aufs neue erglänzen zu 
lassen. Er wurde nämlich Dramatiker und schwang sich so mit 
jugendlicher Leichtigkeit und Leichtfertigkeit auf ein Gebiet, dem 
er bis jetzt — einige wenige Versuche abgerechnet — fremd gegenüber 
gestanden war. Nun sucht er die biblische und die profane Ge- 
schichte nach Stoffen ab und produziert mit erschreckender Frucht- 
barkeit von der Mitte der fünfziger Jahre an etwa ein halbes Hundert 
sogenannter Dramen und hält bei diesem Geschäfte trotz des Ge- 
spöttes der bösen Welt aus ; denn die Lobsprüche seiner paar 
Freunde, vor allem Sulzers in Berlin, brachten ihm die feste Über- 
zeugung bei, dass er seinen Pegasus mit grosser Eleganz reite und 
so dramatisierte er in rührender Unverdrossenheit drauf los.^) 

Uns sollen hier nur diejenigen Dramen beschäftigen, deren Stoffe 
er der vaterländischen Geschichte entnahm, oder wie er sie hiess, 
die „politischen Schauspiele". 

Als Vorbild dienten ihm hierin, nach seinem eigenen Urteile, 
die Griechen.^) Das griechische Theater war nach Bodmers Auf- 
fassung eine Erziehungs- und Lehranstalt, in der ein jeder Bürger 



118 GUSTAV TOBLER 

ein gehöriges Ausmass von Staatsweisheit und Rechtsgrundsltzen 




erhielt, das ihn befähigte, seine Stellung als freihandelndes Glied 
des Gemeinwesens würdig auszufüllen. Seine Gedanken über das 
Wesen des „politischen Trauerspiels" fasste Bodmer in folgoide 
Hauptsätze zusammen:") 

„Den Griechen diente das Theater dazu, beim Volke die Empfindungen toq dem WwfU 
populärer Grundsätze und Rechte zu unterhalten. Da das Volk sich an der Regierung be- 
teiligte, und Volks- und Staatsrechte identisch waren, so forderte eine gesunde PoBdk 
geradezu diese Zweckbestimmung des Theaters, um das Herz des Volkes zu env^intea» lo 
Monarchien aber, wo die Politik sich in die Staatskabinette zurückzieht und StaatsgeliiebtHdt 
bleibt, schien es gefährlich, dem Volke Neigung zu Regierungsgeschäften cirüEupHatifen« tind 
so sahen denn die Dichter in den Dramen von den politischen Absichten ab und bevchif* 
tigten sich nur mit persönlichen Angelegenheiten. In grössern Republiken denkt man ehemo^ 
in kleinem sind die Mittel zum Unterhalt einer Rühne nicht vorhanden. Alio 
die theatralische Vorstellung preis und begnüge sich für den stillen Leser ni 
das Drama wird alsdann nicht durch eine schlechte, mannigfachen Zufälligkeiten an 
Aufführung, nicht durch die ungeschickten Dekorationen unserer QuacksalboMfaMB ver- 
dorben. Der Dichter muss alsdann keine Rücksichten auf das Publikum und MlBtfB ^Ge- 
schmack nehmen, er darf von all den kleinen Kunstgriffen absehen, durch die 
Publikum unterhalten sein will. Dann wird das Drama wieder brauchbar wc 
tismus, Naturrechte, Staatsbegriffe und populäre Empfindungen zu erwecken und i 
Dies Lesedrama braucht sich auch nicht an die Einheit von Ort und Zeit su halfeany ^ Ji 
die Phantasie genugsam mitarbeitet; es gestattet zudem einen breiten Dialog; dM^ dv 

patriotische, seinen Gedanken überlassene Leser liebt. Ebenso wird das Drama don I^CMI 

-.1 .-■ 
des grossen Publikums entzogen und nur dem Gerichte d'^rer unterstellt, die aua de 

und der Beförderung der allgemeinen Glückseligkeit sich eine Angelegenheit doS 

und des Verstandes machen. Die Helden des Dramas müssen notwendig ttafto^ 

hcroisdie Seelen besitzen, wie Aristides. Epaminondas, Timoleon, Gracchua; aber 

Männer wie Sulla, Cäsar, C'atilina. die ihre Stärke zur Unterdrückung des Staatea i 

müssen derartige Seelen besessen haben. Doch bringt das Publikum solchen Mkuiani and 

ihren Hestrebungen kein Verständnis entgegen, für Vaterland und Rechte der Me 

gerät es nicht in Leidenschaft. Und weil die Dichter dies wissen, so sehen sie 

grossen ( Je^'enständen ab, sie lassen die Springfedern der Liebe spielen. WeiberHebe tritt 

an die Stelle der Vaterlandsliebe, um den Untergang von einem Staate abzuwenden oder 

zu befördern. Der Staat ist immer die untergeordnete Angelegenheit. So steigen die 





32. Büdmer im Greisenalter. 

Nach dem aus dem Jahre 1781 oder 1782 stammenden Oclbildc von J. H. W. Tischbein 
im Besitze der ZGrcher Kunst-Gesellschaft. 



120 GUSTAV TOBLER 

Dichter zum Publikum herunter, um noch zu Lebzeiten bewundert zu werden; denn wer 
will schreiben, was man erst lange nach seinem Tode bewundert?" 

Also Lehrdramen sollen die politischen Schauspiele sem, 
eine Art Bürgerschule zur Erweckung der Bürgertugenden. Diese 
Zweckbestimmung entspricht völlig Bodmers Auffassung von dem 
Wesen der Poesie, deren Aufgabe es ja vor allem sein sollte, zu 
nützen. Bodmers gesamte Thätigkeit stand überhaupt im Dienste 
dieser Idee: wie er durch seine Epen moralische Empfindungen zu 
wecken suchte, so predigte er auf dem Katheder, im Umgänge mit 
seinen jugendlichen Freunden, in seinen Lehrbüchern und histori- 
schen Erzählungen die Liebe für Freiheit, für Vaterland imd Tugend.*; 

Das Didaktische sollte sich aber auf einen weitem Umfang er- 
strecken. 

..... Icli besann mich, das» sich in dieser dramatischen Art Staatsveranderungec 
bearbeiten und p<ilitischc Wahrheiten, die den Regierungen vcrhasst sind, ungestraft sag» 
lassen, und srlirieb die politischen Dramen, ohne dass ich die geringste Prätension auf ihre 
theatralische Aufführung machte. Ich wusste zu wohl, dass unsere Zeiten nicht litten, dass 
rntertanen oder Bürger sich versammelten, um gemeinschaftlich und darum desto stärker 
die Würde und die Rechte der Menschen zu fühlen. Ich wollte zufrieden sein, wenn sie 
nur am Pulte gelesen wurden " ^) 

Seinem Freunde Meister schrieb er im Jahr 1768: 

.Auf die Schaubühne zu treten ist über meinen Wunsch. Ich hoffe es sei so viel 
Ernst und r«ilit!k in meinen Schausj/ielen, dass man die Logen und das Parterre leer stdien 
Hesse. Ich nehme mir allein vor, jioli tische und moralische Wahrheiten su schreiben und 
darm sie wirken zu Inssen, was sie können. Die szenische Form hat ihre Vorzfige: ich kaan 
so in AtHl'T'-r Mund Wahrheiten sagen, was positiv und in meiner Person selbst, Satrre 
oder g(rf;i}»riir.li vrÄrt-.'^'') 

]io(hncr will alsr> auf dramatischem Umwege, gleichsam aus 
einem sichf-rn Hiiiterhahe einit^e (Jedankenbomben in sein Zeitalter 
hineinwerfen, um durch sie aufklärend zu wirken. 

Wir könnon aus diesen Äusserungen aber noch etwas anderes 
entnehin.:n. Wohl hatte auch Lessing die Aufführbarkeit eines 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPlELfel 121 

Dramas durchaus nicht für notwendig erachtet, um die tragische 
Wirkung hervorzurufen, aber Bodmer dürfte doch als dem Ersten die 
Ehre zufallen, den Begriff des Lesedramas aufgestellt, in gewisser 
Hinsicht historisch begründet und durch praktische Beispiele belegt 
zu haben. Mit einem gewissen Rechte durfte er auf seine neue 
Erfindung des Lehr- und Lesedramas stolz sein.') 

In dem Folgenden wollen wir, chronologisch vorschreitend, 
über Bodmers politische Schauspiele Heerschau halten; wir wollen 
beobachten, wie er die ihm vorliegenden historischen Quellen be- 
nutzte und von welchen poetischen Vorbildern er sich beeinflussen 
Hess. Der Gang der Untersuchung wird dann von selbst die Frage 
lösen, ob Bodmer berechtigt war, die Bewunderung der Nachwelt 
für seine Leistungen in Anspruch zu nehmen. 

Ende des Jahres 1 756 entwarf Bodmer den Plan zu dem Trauer- 
spiel Friedrich voti Toggenburg und führte ihn im Ver- 
laufe des nächsten Jahres aus.®) 

Den Stoff zu Friedrich von Toggenburg entnahm Bodmer der 
Erzählung des Konrad von Pfäfers.®) Demnach besassen der alte 
Graf Diethelm und dessen Gemahlin zwei Söhne, Diethelm und 
Friedrich. Der ältere Sohn Diethelm machte den Eltern schwere 
Sorgen; er soll einmal auf die Mutter mit einem Pfeile geschossen, 
den Vater eingesperrt und den Jüngern Bruder beständig verfolgt 
haben. Als er gegen den Willen des Vaters eine Gräfin von Neuen- 
burg heiratete, so schürte diese, eine wahre Jesabel, den Hass gegen 
Friedrich, da dieser es verschmäht hatte, ihre Schwester zu nehmen 
und da er sich nach dem Willen der Eltern mit einer Tochter aus 
dem reichen Hause Montfort verlobt hatte. Sie dringt in ihren 
Gemahl und beschwört ihn bei ihrer Liebe, den Feind aus dem 

16 



\2i GUSTAV TÖ6LÄR 

Wege zu schaffen, der schuld sei, wenn ihre Kinder verarmen 
sollten. Sie dingt einige Getreue, beweist ihnen, wie sie von ihrem 
Schwager beleidigt worden sei, sie schenkt und verspricht. Der 
Gemahl geht wirklich auf ihre Gedanken ein, und lockte im Dezember 
1226 den ahnungslosen Friedrich auf die Burg Rengerswil, wo er 
ihn, Frieden und Freundschaft heuchelnd, drei Tage lang mit aus- 
gesuchter Herzlichkeit bewirtete. Da überfallen die Mörder den 
wehrlos Schlafenden in der Nacht vom 12. Dezember. Kr ruft 
vergebens den Bruder zu Hülfe. Dieser war bereits weggegangen^ 
um die Toggenburg und die Stadt Wil für sich in Besitz zu nehmen. 
Aber das CJerücht war ihm vorausgeeilt und die beiden Ortschaften^ 
derentwillen er den Mord hatte geschehen lassen, verschlossen ihm 
die Thore. 

Man darf wohl sagen, dass der Stoff zur Herausgestaltung 
tragischer Charaktere und belebter Szenen ungemein geeignet ist. 
Bodmer hatte hierin wirklich einen glücklichen Griff gethan.*®) Aber 
schon in diesem Drama zeigt es sich auf das deutlichste, dass der 
gute Mann das Zeug zu einem Tragödiendichter nicht besass : er 
versteht es nicht, Charaktere sich entwickeln zu lassen, die Hand- 
lung spinnt sich nicht folgerichtig, sondern sprunghaft ab, die ein- 
zelnen Szenen nehmen sich aus^ wie zufällig aneinandergereihte 
Bilder, der Dialog trägt gelegentlich den Stempel kindlicher Naivität 
Und doch verdient der „Friedrich von Toggenburg" Beachtung, 
weil Bodmer in diesem Werke griechische Form mit shakespearischem 
Geiste füllen wollte. Dem griechischen Drama, mit dem er sich 
dazumal eingehend beschäftigte, entnahm er die strenge Einheit des 
Ortes : alle fünf Akte spielen sich in einem Zimmer des Schlosses 
Rengerswil ab. Sonderbar genug nimmt sich zu dieser formellen 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 123 

Gebundenheit die in die Augen fallende Nachahmung Shakespeares 
aus. Der böse Diethelm von Toggenburg und sein ehrgeiziges 
Weib Isota sind leibhaftige Copien des Ehepaares Macbeth auf 
Schloss Invemess, Bodmer nahm nicht nur das Gesamtbild d^r 
beiden Charaktere, sondern auch einzelne Umstände — wie das 
Bankett im Hintergrund — und sogar gelegentlich den shakespe^ri- 
schen Wortlaut unbedenklich in sein toggenburgisches Trauerspiel 
hinüber. Z. B. sagt 

Klinsor: Dieses Schloss hat die angenehmste Lage und die reine Luft hier erquickt das 

Herz mit ihrem erfrischenden Einfluss. (Macbeth I., 6.) 
Isota: Doch wenn sein Rabenherz es ihm in sein Ohr gekrächzt hätte, dass der Eingang 

unter unser Dach sein Untergang sein könnte? (Macbeth I., 5.) 

Mit Macbeth (I., 7.) überlegt 

Diethelm: Das Werk hat seine Schwierigkeiten; wäre es gethan, wenn der Streich ge- 
schehen ist, so möchte es sein. Aber der Schlag endet die That nicht, sie ruft einen 
Richter aus unserer Brust hervor, der uns verurteilt, dass wir mit eigener Hand den 
Dolchen aus dem Leibe des Erschlagenen herausziehen und wieder in unsern eigenen 
Busen stossen. Wir wollen unserm Vorhaben einen Anstand geben ; ich habe diesen 
Abend eine Güte in seinen Augen gelesen, mein Vater hat sich so lebhaft in seinem 

lachenden Munde gezeiget, dass ich izo nichts bewerkstelligen kann Da er 

mein Gast ist, so lebt er in meinem Schirm, doch wäre er nichts mehr als mein 
Gast, so Wer den Bruder schlägt, der schlägt sich selbst. 

Und wie die Lady Macbeth (IL, 2.) sagt 

Klinsor: Die Schlafenden sind nicht besser als Gemälde und schon halb tod. 

Nur in derartigen Äusserlichkeiten verstand Bodmer den grossen 
Engländer nachzuahmen, seine eigene Arbeit, der Aufbau der Hand- 
lung, darf als kindliche Spielerei betrachtet werden. Zwar sucht 
er durch Einführung einer interessanten Person, den Zauberer Klinsor 
aus Ungarn ^^) und durch Schaffung von Gegensätzen eine gewisse 
Spannung hervorzurufen: der Sohn des bösen Ehepaares steht auf 
der Seite des braven Oheims, wie auch die Schwester der Isota, 



124 GUSTAV TOBLER 

die dem Friedrich als Braut zugedacht war, durchaus nicht die 
Beleidigte spielt, sondern grossmütig fiir ihn eintritt; als nach Fried- 
richs Tode — er war durch Gift herbeigefiihrt worden — die wirk- 
liche Braut auf ihrem „Klepper" dahergeritten kontimt, schliessen 
die beiden Frauen sogar einen innigen Freundschaftsbund. Aber 
was Klinsor eigentlich will und soll, weiss man nicht, und jene 
Gegensätze verstand Bodmer so wenig herauszuarbeiten,, dass man 
sie gar nicht ernst nehmen kann. 

Der Dichter muss die Mangelhaftigkeit seines Dramas selbst 
erkannt haben. Es sei nicht so, dass er sich dazu bekennen dürfe, 
schrieb er an Zclhvegcr, und doch fand er den Mut, mit diesem Drama 
bei einem Wettbewerb, den Nicolai in Berlin ausgeschrieben hatte, sich 
zu beteiligen. Als es dann im Jahr 17f>l mit zwei andern Dramen im 
Druck erschien, erfuhr es von Seiten Gerstenbergs eine geradezu ver- 
nichtende Kritik. ^^) 

Hatten die Anfflnge der toggenburgischen Grafengeschichte den 
Stoff für Bodmers erstes vaterländisches Schauspiel geliefert, so 
entnahm er nach dessen Vollendung den Vorwurf für sein zweites 
Drama dem toggenburgischen Erbfolgestreite, der nach dem Aus- 
sterben des gräflichen Hauses im Jahr 1436 ausbrach und den 
ersten grossen Bürgerkrieg in der Eidgenossenschaft entzündete. In 
dem Mittelpunkte der zwischen dem Oktober 1/37 und dem März 
des folgenden Jahres^'*) entstandenen Dichtung steht der Bürger- 
meisler Stüssi von Zürich; der Titel lautet: Die Schweizer 
über dir, Zürich, ein politisches Trauerspiel.^*) 

Mit dem Gegenstande war Bodmer schon längst vertraut; er 
kannte die Durstellung Fründs, er selber hatte einige wichtige Akten- 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 



125 



stücke zur Geschichte des alten Zürichkrieges veröffentlicht**), mit 
Tschudi, BuUinger und Rahn war er bekannt. 

Mit dem ersten Akt fährt er glücklich mitten in die Situation 
hinein. Die beiden Gegner Stüssi und Reding treffen sich am 9. 
März 1437 auf dem Rathause in Luzern vor dem Saale, in dem 
das eidgenössische Schiedsgericht 
sein Urteil in der streitigen An- 
gelegenheit spricht. Es kommt zu 
einer heftigen Auseinandersetzung 
der beiden, die der Sachkenntnis des 
Geschichtsprofessors ein besseres 
Zeugnis ausstellt, als dem Drama- 
tiker. Sie lautet verkürzt: 

Stüssi: Wer hätte das geglaubt, dass Schwyz 

isich ein Geschäft daraus machen würde, 

Zürich an seinen ältesten Rechten zu 

kränken ? 
Reding: Warum habt ihr Uznach und die 

andern Herrschaften des Toggenburgcrs 

nicht mit uns teilen wollen ? 
Stüssi: Sollten wir Ränke und Tücke be- 
lohnen? Sollten wir euch die Hälfte von 

Windeck geben, weil ihr uns nicht alles 

aus der Hand genommen habt? Ihr selbst 

habt die Gräfin von Toggenburg als Erbin 

betrachtet und sie hat uns Uznach gegeben. 

Das Recht auf Windeck haben wir von Kaiser Sigismund. 
Reding: Aber wir haben die Pfandschaft auf Windeck von Österreich erhalten, dem es 

von Alters her gewesen und mit diesem könnt ihr es ausmachen. Und Uznach habt 

ihr nie besessen. Ja, wir betrachteten eine Zeitlang die Gräfin allerdings als Erbin. 

bis wir ihre wurmstichigen Ansprüche auf die Erbschaft erkannten. Die Gräfin hat 

euch fremdes Gut verschenkt. Auf Bitten der Landsleute und aus Gnade des Grafen 

sind wir mit seinen Unterthanen in ein Burgrecht getreten. 




33. Hans Konrad Heidegger, Bürger- 
meister von Zürich (1768—17/8). 

Nach dem Bildnis eines unbekannten Malers 
in der Stadtbibliothek in Zürich. 



126 GUSTAV TOBLER 

Stüssi: Eben dies bestreiten wir, das liegt noch im Recht. Wodurch habt ihr die Gnmdc 
des Toggcnburgers verdient, dass er gestattete, dass ihr euem Fuss so tief in seine 
Lande hineinsetzt? 

Keding: Uns erwies er die Crnade, um euch seine Ungnade zu x^gen. Euer Rechtsspruch 
für Werner von Sigbert hat ihn so verdrossen, wie euch die Schalkheit, die man am 
Hofe von Rüti dem jungen Herrn Stüssi erwies. 

Stüssi: Wir konnten nicht unbillige Ansprüche unterstützen. Zudem haben wir ihm viele 
gute Dienste gegen Oesterreich, gegen Wilhelm von Hregenz, gegen die Appenxellcr 
und andere getan. Er hat uns manche schöne Herrschaft zu verdanken. 

Keding: Ihr schmeicheltet euch, für diese Ritterdienste für euch selber zu arbeiten, ihr 
hoft'tet, einige dieser Länder selber zu erwerben. Überhaupt ist in die Zürcher ein 
(»eist der Herrschaft seit einigen Jaliren gefahren. Zwingherr und Graf sollen sich 
unter ihre Botmässigkeit schmiegen. Aber Schwyz will nicht sklavisch leiden, dass 
ihr es und seine Thäler von allen Seiten einsackt. 

Stüssi: Was wir bis jetzt thaten, thaten wir immer aus Rücksicht für das Ganze. Wir 
erwarben die Herrschaft Kiburg, wir erstrebten Windeck und Gaster, um Oesterreich 
zurückzudrängen. Wir thaten es für die Sicherheit des Vaterlandes, für die Ver- 
stärkung der Kantone. Unsere Macht und unsere Grösse sollte euere Macht und 
euere Grösse sein. 

Rcding: Das ist überfreundlich von euch. Zu verhüten, dass uns kein anderer vor die 
Sonne steht, steht ihr davor u. s. w. 

Ks crfolf^ der für Zürich unti^ünstitife Spruch der Schiedsrichter, 
worauf Stüssi, Stäbler und Schwcnd den Schwur leisten, alles daran 
zu setzen, um die Rechte und die Ehre der Stadt Zürich wieder 
herzustellen. 

Der zweite Akt spielt vor dem Rathause in Zürich im Jahr 
1 430 : Volk und Gemeinde wollen den Spruch der Eidgenossen, 
wonach Zürich den Markt ge^en Schwyz öffnen sollte, nicht an- 
nehmen. Es kommt zum Kriefj^e, die Zürcher unterliegen, worauf 
Stüssi und Stäbler den Entschluss fassen, wieder gut zu machen, 
was Hrun verdorben habe und mit Oesterreich anzubinden. 

Der dritte Akt führt auf das Rathaus in Schwyz (1442), wo 
über die beunruhigenden Nachrichten gesprochen wird. Der Bemer 



60t)M£RS POLITISCHE SCHAUSPIELE 127 

Franz von Scharnachthal sucht vergebens, Stüssi in persönlicher 
Unterredung von dem Bunde abzubringen. 

Der vierte Akt ist der bewegteste und führt grosse Szenen 
vor : eine Audienz der eidgenössischen Boten in Waldshut bei dem 
König Friedrich, den Einzug des Königs in Zürich, eine Tagsatzung 
in Luzem^ auf der Reding energisch zum Kriege treibt, während 
Ringoltingen für den Frieden spricht. 

Ebenso bilderreich gestaltet sich der Schlussakt (1443). Re- 
ding erscheint im Heerlager der Berner in Langenthai und sucht 
sie auf seine Seite herüberzuziehen. Stüssis Wohnung in Zürich : 
Erlach bringt die freudige Nachricht, dass Bern zu Zürich halten 
will; da erscheint ein Bote rtiit der niederschlagenden Meldung, 
dass Bern sich den Eidgenossen anschliesse. Lager der Eidgenossen : 
heftiger Streit; die Berner werfen den Schwyzern die begangenen 
Grausamkeiten vor. Aeneas Silvius, Abgesandter des Concils, 
erscheint und wird von Reding höhnisch empfangen und abgefertigt. 
Mit dem Tode Stüssis und Stäblers schliesst die Handlung ab. 

An Stelle des toggenburgischen Familiendramas steht hier eine 
ins Grosse gearbeitete Staatsaktion, die eine Masse von Gegen- 
sätzen, von physischen und seelischen Kämpfen hervorruft und 
verschiedene Kräfte gegeneinander in Bewegung setzt. Die Zürcher 
im Gegensatz zu den Eidgenossen, Berns vermittelnde Stellung, die 
Haltung der Eidgenossenschaft gegen Österreich, die Stimmung der 
stüssifeindlichen Partei in Zürich, alles dies kommt historisch treu 
geschildert zum Ausdruck, und zwar in Bildern, denen der Ansatz 
zu dramatischer Grösse gewiss nicht abgesprochen werden darf. 
Aber eben nur der Ansatz. Zwar mangelt dem herb brutalen 
Charakter Redings nicht eine gewisse Konsequenz in der Durch- 



128 GUSTAV toBlER 

führung. Doch fehlt dem Drama die Ganzheit der AufTassung 
und der innere Zusammenhang. Die Personen handeln weniger, 
weil sie so handeln mussten, sondern weil es in den historischen 
Quellen so steht. Auch hält sich der Dichter streng an die zeit- 
liche Folge der Ereignisse und dialogisiert chronologisch vor- 
schreitend die diplomatischen und kriegerischen Verwicklungen der 
Jahre 1437—1443. 

Die Massenhaftigkcit des Stoffes und die Art desselben stellten 
dem Dichter Schwierigkeiten entgegen, mit denen er sich abfinden 
musstc. Da Bodmer glaubte, alles Geschehene vorführen zu müssen, 
anderseits aber die Unmöglichkeil dieser Forderung einsah, so kam 
er auf den Ausweg, das nicht Darstellbare erzählen zu lassen. 
Die Anregung hiezu gab ihm wohl das griechische Drama, wo 
bald ein Bote oder der Chor die Rolle des Erzählers übernimmt; 
vielleicht brachte ihn auch Shakespeares Heinrich V. auf diesen 
(iedanken. Nämlich, Bodmer lässt den Ritter Friedrich Jakob von 
Andwil, der zur Reformationszeit eine helvetische Chronik ge- 
schrieben hatte, dreimal das (Jrab verlassen, auf die Bühne treten 
und das für den Dichter Undarstellbare erzählen.^®) Die Einführung 
dieses (Jcistes ist sonderbar genug: 

,Was befehlen uns unsere teuren Zuhörer? sollen wir die Formen des Krieges auf 
die IJühiie bringen? sollen wir fliehende Scharen mit weggeworfenen Waffen über den 
Schauplatz jagen? Wollet ihr die t'belthaten der Wut sehen, vom Rumpf gespaltene Köpfe, 
Dörfer, die zu den Wolken hinaufbrennen, Mütter, die ihre Söhne, Töchtern, die ihre 
Schande beweinen? . . . Dieses Mal lasst mich lieber erzählen, ihr dürft meinen Reden 
glauben. Habet ihr nicht von dem von Anwyl gehört? ich bin es, der den einheimischen 
Krieg der Cantons geschrieben hat und ich habe meine (Jeschichte aus dem Munde solcher, 
die selbst im Felde gewesen sind. Das Vertrauen, welches der Poet in meine Treue 
setzete, hat ihn bewogen, mich aus dem (Jrabe zu nehmen. Es hat ihm nicht mehr Arbeit 
gemacht, als es ihn kostete, den Stiissi und den Reding ins Leben zurückzuführen; ich 
war nicht toter als sie — lasset mich denn erzählen ! ** 



BODAiERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 129 

Nun folgt eine trockene Erzählung von den Niederlagen Zürichs. 
Darauf geht der Geist mit den Worten ab: 

„Zürich ward genötigt, die Forderungen derer von Schwiz zu unverdingeten Rechten 
vor die Cantons kommen zu lassen. Die Richter sind schon erwählt und halten ihre 
Session unter den Zelten im Schlachtfelde, die Ruhe durch einen Spruch, der Zürich 
Gesetze geben soll, herzustellen. Aber ich denke, dass ihr den Erfolg lieber aus dem 
Munde der Personen vernehmt und so gehe ich in den Winkel, in welchem der Chorus 
der alten Tragödien aufpasse te.*^ 

Der Ritter von Andwil behält im Drama das letzte Wort. 
Nach Stüssis Tod erscheint er noch einmal und hiebei begieng 
Bodmer die Geschmacklosigkeit, sich selber mit dem Geiste zu 
verwechseln. Dieser hat eben erzählt, welche Grausamkeiten die 
Schwyzer auf dem Schlachtfelde an der Sihl sich erlaubten und 
schliesst dann die Tragödie mit den Worten ab: 

„Ich sehe in euern Geberden, dass die Wut der Schwizer nach drei vollen Jahr- 
hunderten euch die Ader noch aufschwellet. Ich will nicht mehr erzählen, dass nicht 
Funken in euere Herzen fallen, die voller Brennmaterialien sind. Diese Geschichten sind 
nur für Männer, die ihr Herz in ihrer Gewalt haben, die sie zum Stoff ihrer Betrachtungen 
zu machen wissen, Lehren für ihre Zeiten daraus zu ziehen. Auch ist unser Trauerspiel 
nicht dem Lichte noch dem Parterre gewidmet. Für dieses gehöret Josias Murers belagerte 
Babilon.") Der Dichter bittet sich nur eine kleine Zahl auserlesener Freunde, die sein 
Werk in dem verschwiegenen Cabinet lesen oder aufführen. Er denket an Malleoli *•) 
Schicksal, der von der nackten Wahrheit nicht geschützt ward, als seine Hasser, welche 
die Erzählung ihrer eigensten Geschichte erzürnte, ihn dem geistlichen Gerichte, dem grau- 
samsten, zu plagen gaben. Es waren grimmige, von Ehre, Natur und Empfindungen ver- 
lassene Zeiten. Wer kann sie betrachten und Malleoli Gedanken verwerfen: Wenn ein 
Mensch von einer Schlange getötet wird, so muss man sie darum nicht tadeln, denn sie 
handelte ihrer Natur gemäss, die ihr das Gift in das Zahnfleisch gelegt hat. Aber wenn 
der Mensch, der durch göttliche Gesetze, durch die angeschaffene Güte seines Herzens, 
durch die Rechte der Gesellschaft zum Wohlthun angeführt wird, übel am andern thut, 
wenn derjenige, den Gott gerecht und zur Freundschaft erschaffen hat, ein krummes Urteil 
spricht, so vergreift er sich an der Natur und dem Urhaber der Natur und an ihren Geboten." 

Ausser diesem gründlich verfehlten, aber sehr interessanten 
Versuche, den griechischen Chor im deutschen Drama einzuführen, 



130 



GUSTAV TOBLER 




.U. r>«i(liji«'r im Schlafrock. 
Nach v\:\rt lilfi- titt/« icliriuui^ von J. II. I'ü^^li, im llisit/i: 



wagte Bodmer andere Neuer- 
ungen, die er Shakespeare ab- 
geschaut hatte. Er opferte die 
Einheit des Ortes und führt eine 
überraschende Mannigfaltigkeit 
des Schauplatzes ein, wodurch 
die Handlung an Ungezwungen- 
heit und Lebendigkeit unstreitig 
gewann. Und hatte er es früher 
für lächerlich erklärt, Kämpfe 
auf die Bühne zu brinjjen,") so 
kam er jetzt von dieser Meinung 
ab und konstruierte nach shake- 
spearescher Manier den Tod 
Stüssis auf folgende Weise: 

(Jclecht, Lärm, Flucht. 

S h \v c n d : Beschützet die Fallbrücke ! Zur 
Sihlbrückc! Lasset euch die Brücke 
nichl ablauten 1 

Conrad Mever von Knonau: O l'ii- 
j^liirk über Unglück! Alles ist in l'n- 
Ordnung, das I*anncr ist in de» Feindes 
Hand. Sohand und ewige Schmach 
sit/en spottend auf unserm Angesichte! 
Lasset uns lieber im Feld, als vor Scham 
sterben I 

S l ü SS i : Lasset ims so viele Leute, als -.vir 
kr»nnen, auf einen Haufen saninncln. die 
Sihlbrücke zu behaupten, dass wir 
\viMii«;stens den andern Zeit geben, sich 
in tlie Stadl /.u ziehen. Wer es gut 
meint mit Zürich, der stehet zu mir! 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 131 

StÜ88i (auf einem Stein an der SihI): 
Hier will ich sterben .... Heiliger Jacobus, nimm mich in deine Fürbitte und wenn 
du mein Herz und meine Thaten billigst, so lass nicht zu, dass diese Grimmigen sich 
in ihren Tücken der Falschheit erfreuen. Strafe sie für den Betrug, den sie vor 
deinen Augen begangen haben. 

S t ä b 1 e r : O des Jammers I Seid ihr es mein Teuerster I in welchem Zustande 1 mit welcher 
Farbe des Todes I 

Stüssi: Ich stritt mit den andern auf der Brücke, bis ich einen Stich durch den Brücke- 
laden herauf empfing. Der Tod liegt in meinem Eingeweide. — Ich habe nicht mit 
Kaltsinn dulden können, dass die Rechte der Stadt zu Boden getreten würden. Das 
hat mir den Tod gebracht .... Schwyz ist über dir, Zürich I . . . . Nehmt mein Haupt 
auf euern Schoss, es ist mir süsse, an eurer Brust zu sterben. Sind unsere Völker 
in der Stadt? 

St ab 1er: Ich sehe wenige Leute an dem Rennwegertor streiten. 

Stüssi: Das Licht der Sonne, das Leben sind mir nichts mehr, — aber Zürich — sei so 
glücklich, als ich dir es wünsche — rettet euch — ich sterbe. 

Zurkinden**): Ha! Da liegt die österreichische Pestilenz, die Furien mögen seine Seele 
holen, ihm haben wir alle diese Not zu danken. Ich muss es ihn noch geniessen 
lassen. (Gibt ihm einen Streich.) 

Stäbler: Ei doch nicht! Du schlägst den besten Zürcher. 

Zurkinden: Er der beste? Beim Satan! Du bist wie er, du hast allemal Öl ins Feuer 
gegossen, halte ihm zu allen Malen Gesellschaft! (Er schlägt ihn.) 

Stäbler: Der Himmel liebte mich, dass er mich diesen Jammer nicht überleben Hess. 
So raset Zürich in sein Eingeweide und tödtet seine Beschützer. " (Stirbt.) 

Überhaupt stand Shakespeare auch sonst dem Dichter zu Ge- 
vatter. In shakepearescher Art erzähh Trinkler dem Meiss den 
Einzug König Friedrichs in Zürich: 

Trinkler: Kann Meisen die feierlichste Neuigkeit nicht in seinem Landhause wissen? 
Ihr seid der einzige Züricher, der Füsse. Augen und Zunge hat und nicht dem Könige 
entgegenging, der ihn nicht angaffete und ihm nicht zujauchzte. 

Meis: Ich habe blöde Füsse, ein kurzes Gesicht und eine heisere Zunge; ich hätte den 
Einzug verderbt. 

Trinkler: Die Tauben drängeten sich hinzu ihn zu sehen und die Blinden ihn zu hören. 
Die Fräulein des Frauenstiftes, die selten ausser ihrem Kloster gesehen werden, 
duldeten in ihren langen Stolen die Blicke der Profanen, damit sie ihn sähen. Alle 
Zugänge, Fenster, Dächer waren besetzt. Die zartesten Damen setzten das Weisse 



132 (iUSTAV TOBLER 

und das Rote ihrer Wangen den schwärzenden Küssen der Sonne aus, die Kfichen- 
magd hängte ihre kostbarsten Korallen um den russigen Hals. Haufen und Reihen 
von allen Gesichtsfarben und Mienen bedecketen die Strassen. 

Eine Volksszene gestaltet Bodmer auf folgende Art: 

Gumpist: Es ist unsem Herren unanständig, dass ihre Mitbürger, von denen sie ihre 
obrigkeitlichen Würden haben, von einer Gebetglocke zur andern so auf dem Stuhl 
gar angeklaumt sitzen. Sie sollten dankbarer dafür sein, dass sie alle Tage auf das 
Kathaus gehen und da über unser Ehr und Gut miteinander Hocuspocus machen 
können. Aber so nehmen sie uns noch den Bissen Brodes aus dem Munde, wenn 
sie uns beim Eide und noch 1 Schilling oben drauf in der Gemeinde gebieten, wo 
wir nichts zu thun haben, als die Mäuler aufzusperren, wenn sie so hochgelehrte und 
unverständliche Reden halten. 

Zay: Warum klagst du die Obrigkeit nicht geradezu an, dass sie nicht Korn und Geraten 
und Haber macht, weil sie doch alles können soll? Für solche Schlingel wie du 
und Aeblv- und (Jumpist (sie!) sind, war es eine göttliche Erfindung um das Arbeiten. Was 
wolltet ihr Kalbsköpfe, ihr Menschenfiguren mit euerm Leben machen, wenn euch 
das Saarwürken **) und Hosenstricken abgenommen würde? Es ist eine blutige 
Schande für die Stadt Zürich, einer Stadt, die so alt ist, als Abraham wäre, wenn 
er noch lebete^), dass man solche Schurken mit an die Gemeinde lässt; man sollte 
die mit Hunden von dem IMatze hetzen, die so wenig Gefühl haben von der Ehre, 
die ihnen damit geschieht, dass man ihre Stimmen zählet. 

Hanisen: Mir gehet eine Freude durch die Seele, wenn ich an die Gemeinde lauten höre. 
loh fühle meine bürgerliche Würde in einer solchen Versammlung. Warum lässt 
man die wackere Bürgerschaft zusammenkonmien ? als weil die Räte sich nicht ge- 
trauen, dass sie dem Geschäfte im Rate gewachsen sind, oder weil sie nach ihrer 
Weisheit erkennen, dass sie unsere Hülfe vonnöten haben. 

Stadtwcibel: Was stehet ihr da zu plaudern? in die Gemeinde, ihr faulen Bäuche ! Die 
Glocke hat schon das dritte Zeichen gegeben. Soll ich euch bei den langen Ohren 
fortziehen, dass sie noch länger werden ? 

Griechische, bibh'schc und shakespearische Reminiszenzen schmol- 
zen dem Dichter in den Worten Redin^s zusammen: 

..Der Krieg ist das Widerspiel des Friedens und seine Gesetze sind das Stillstellen 
der ( icsetze, seine Ordnung ist Zerrüttung und sein Hauen Zerstörung. Er selbst ist Strafe, 
(rcriclit und Tod. Anders würde er sich liebenswürdig machen und das soll er nicht sein. 
Die Kxzosse sind ihm notwendig, sie schleifen die mütterliche Weiblichkeit ab und legen 
eine stählerne Rinde um das Herz des Mannes. Was für einen frommen Eifer heget ihr, 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 133 

die Werke einer trunkenen Freude auszufilzen, die der Wein verübete, als der Kopf sich 
seiner selbst nicht mehr bewusst war ? Auch Lot, der Patriarch trank Wein und that, was 
er nicht wusste. Die Toten bekümmern sich um ihre Beine nicht. Beine des Grafen von 
Toggenburg und des Buben, der an die Wand pisst*'), sind Beine und verächtlicher als 
Elfenbein.«* 

Erinnern wir uns daran, dass das vorliegende Drama ein 
,, politisches" Trauerspiel ist, mit dem also Bodmer gewisse Ab- 
sichten erreichen wollte. Es hält nicht schwer, dieselben zu er- 
kennen. Wie er in den soeben zitierten Reden der Bürger die 
Teilnahmslosigkeit des Volkes an den Staatsgeschäften brandmarkt, 
so gibt er dem Bedauern über die politische Kurzsichtigkeit der 
alten Schweizer hinsichtlich der rechtlichen Minderstellung der 
eroberten Landschaften entschiedenen Ausdruck. Er legt diesen 
Gedanken dem Bürger Trinkler in den Mund. Dieser sagt: 

„Der erste und gröste Staatsfehler, den die Cantons begangen haben, war dieser, 
dass sie nicht so bald ihre eigene Freiheit befestiget hatten, als sie sich in den Kopf 
setzeten, sie wollten sich ein Gebiet machen. Sie konnten sich mit Frfeunden, denen sie 
die Freiheit gegeben hätten, wahrhaftig stärken und sie schwächten sich mit Unterthanen, 
denen sie bisweilen Anlass gaben, die Bürde der Unterthänigkeit zu fühlen. Notwendig 
muss einer unterthänigen Provinz die Herrschaft 'eines populären Standes verhasst werden, 
denn sie ist nicht nur an sich selbst hart und vielleicht härter als die königliche, sondern 
die Nachbarschaft, in der sie mit der Freiheit steht, machet ihr die Knechtschaft uner- 
träglich.*^ — »Wie glücklich wären die Eidgenossen geblieben, wenn sie, anstatt sich ein 
Gebiet zu machen, andern Provinzen zur Freiheit und zum Gebrauche der menschlichen 
Rechte geholfen hätten; alsdann wären sie wahrhaftig gross uud mächtig geworden, weil 
alle diese Völker in der Notwendigkeit gestanden hätten, die Rechte ihrer Bundesgenossen 
zu verteidigen, die dann ihre eigenen gewesen wären." 

Ja sogar den König Friederich lässt er zu den Eidgenossen 
sagen : 

„Noch hätte euer Thun einige Farbe, wenn ihr den Bezwungenen die Freiheit mit- 
teiltet; aber ein herrschsüchtiger Dämon heisst euch für die Überwältigten einen Szepter 
schmieden, der eiserner ist, als eines Herrn. Aargau kann weder die Vorteile der Republik, 
noch der Monarchie unter euch gemessen. ** 



134 GUSTAV TOBLER 

Derartige Äusserungen dürfen als kecke Angriffe gegen die 
bestehende Staatsordnung betrachtet werden, als politische Ketzereien, 
für die die gnädigen Herren und Obern der dreizehn Orte sehr 
empfindlich waren. Wohl am meisten aber war es Bodmer darum 
zu thun, durch den Verlauf der Handlung immer und immer wieder 
die Lehre zu predigen, dass das Ziel der Eidgenossenschaft im 
engen Zusammenschluss der Glieder, in der Stärke des Einzelnen, 
in der neidlosen Freundschaft Aller und im Fernhalten des aus- 
ländischen Einflusses liege. Als ein Sympton der allmälig durch- 
brechenden Reformideen verdient deswegen das Drama „Stüssi" 
noch heute Beachtung, gerade so wie das im März 1758**) ent- 
standene politische Trauerspiel „Rudolf Brun". 

Den Stoff hiezu fand Bodmer allerdings in den damals vor- 
handenen Bearbeitungen der Schweizergeschichte, namentlich bei 
Tschudi vor;- aber er kannte auch die Akten des Staatsarchivs, 
von denen er seiner Zeit eine der wichtigsten Urkunden selbst ver- 
öffentlicht hatte ;^) aus dem Ratsverzeichnisse des Jahres 1336 
entnahm er ganz richtig die Namen der handelnden Sommer- und 
Winterräte."^) 

Die in reichem Szenenwechsel sich abspielende Handlung ist 
im (Grunde genommen recht dürftig: die Bürgerschaft, an deren 
Spitze Brun steht, verlangt Rechnungsablage, die Räte wollen nicht 
darauf eintreten, darauf werden sie abgesetzt und des Landes ver- 
wiesen. Das Drama endigt mit zwei rührend sein sollenden Szenen: 
der Dichter Fladloub beklagt den Hereinbruch einer sangesunlustigen 
Zeit und der verbannte Rudolf Biber nimmt von seiner Frau und 
seinem alten Vater Abschied. 

Ein einziger Abschnitt der magern Handlung erweckt unser 



BODAiERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 1 35 

Interesse und dies nur deswegeen, weil er eine dürftige Kopie einer 
der bedeutendsten Shakespeareszenen darstellt. Bodmer vermass 
sich, eine Volksversammlung auf dem Lindenhofe nach dem im 
dritten Akte des Julius Cäsar gegebenen Muster auf die Bühne zu 
bringen und entnahm diesem unbedenklich folgende Einzelheiten: 

Wechsler: Stille doch! Horchet auf! Der Leinenweber Erishaupt will uns sagen, wie wir 
es mit den Räten haben sollen. (Erishaupt steigt auf einen Tisch und hält eine 
Rede.) Dann : 

Ölhafen: Man verwirrt uns mit diesen seidenen Reden; wir wollen mit Vorsatz Niemandem 
Unrecht tun und am wenigsten den Räten, aber Gott und die liebe Frau mögen 
wissen, wer Recht hat. Herr Rudolf Brun soll es uns sagen, wir wollen ihn bitten, 
dass er sage, was unsere Meinung ist. 

Riemo: Herr Brun meint es mit uns so gut. als der hl. Felix und die hl. Regula. Er ist 
unser Prophet 1 Steiget auf den Tisch, Herr Brun! und saget uns, was Recht ist. 

Sämann, Hammerstein, Händeli: Was Herr Brun sagt, soll Recht sein. 

Die Volksversammlung wird auf folgende Weise geschlossen : 

Ölhafen: Ein Gerücht ist von dem Rathause gekommen, dass die Herren es mit Bewaff- 
neten besetzt haben, unsere Abgeordneten seien in Bande geschlossen und Herr Brun 
habe einen tödtlichen Streich empfangen. 

Riemo: Brun in Lebensgefahr I Auf, auf, unsern Freund, unsern Erretter, unsern Vater 
zu retten I Lasset uns unser Gewehr holen 1 Ein Teil bemächtige sich der Waffen im 
Zeughaus, ein anderer besetze die Brücken und die Stadttore 1 Wir wollen das Rat- 
haus bestürmen und die Mörder darin alle auf ihren Ratsbänken verbrennen. 

Wechsler: Aufruhr I Mordl Brand I Auf den Fischmarkt, wem die Stadt lieb istl Vor das 
Rathaus, liebe Zürcher 1 Holet Feuerbrände 1 

Maness: O Himmel 1 hilf uns aus dieser Zerrüttung I Die Zwietracht hat der guten Zürich 
den Fuss auf den Nacken gesetzt. 

An Stelle der Reden des Brutus und des Antonius stehen die- 
jenigen der beiden Volksagitatoren Erishaupt und Glockner, des 
Rüdiger Maness und des Rudolf Brun, deren Inhalt natürlich die 
Wünsche des Volkes bilden. Hier, wie überhaupt im ganzen Drama, 
findet nun Bodmer Gelegenheit, seine Ansichten vom Verhältnis 
des Bürgers zur Regierung an den Mann zu bringen, die man an 



136 GUSTAV TOBLER 

massgebender Stelle allerdings als staatsgefährlich betrachten konnte. 
Die Volksagitatoren sprechen von der ,,schafsmässigen Güte" der 
Masse, sie vergleichen sie mit „guten Schöpsen, die Holz auf sich 
hacken lassen", sie weisen auf den Reichtum und das ungestörte 
(irlück der Vornehmen hin, die nur durch den Schweiss, die Arbeit und 
die Armut des Volkes erkauft werden konnten. Erishaupt wagt 
sogar den Vorschlag, das Vermögen „der wenigen auf Rosen 
Sitzenden" unter die Masse der Armen zu verteilen. Dem Glockner 
legt der Dichter folgende Worte in den Mund: 

^Wer den Räten von einem neuen Mittel sagt, das Wohl der Stadt su befördern. 
den sehen sie für einen Menschen an, der sie in ihrer Ruhe stören will, sie schelten ihn 
einen politischen Träumer; es ist schön auf der Zunge, sagen sie, aber schwer In der Aus- 
übung. Und wer Entdeckungen in Polizeimängeln macht, muss dafür so viel leiden, all 
wenn er sie in die l^olizei gebracht hätte, als ob sie nicht darin gewesen wrären, wenn 
man sie nicht entdeckt hätte. Man ruft den für einen gefährlichen Politlcus aus, der laut 
sagen darf, die Bürger wären einem Grissleri sehen") Befehl keinen Gehorsam schuldig, die 
Räte wären den Gesetzen nicht weniger unterworfen, als der gemeine Mann, es wäre eben 
keine Todsünde, einen eingeschlichenen Gebrauch anzugreifen.** 

Dann wird mit grosser Kühnheit dem Gottesgnadentum der 
Regenten die Volkssouveränetät gegenüber gestellt, „die alte Wahr- 
heit, dass die Bürger die eigentlichen Obern sind," Erishaupt fragt: 

^Wer war zuerst da, die Gemeinde oder die Räte? Saget ihr die Räte? Wen regierten 
diese, che sie eine Bürgerschaft hatten ? Können die Räte ohne die Gemeinde sein ? Wenn 
das Volk Räte haben will, so muss es sie rufen : die unberufenen sind gewaltth&tiige Ein- 
dringlinge, die gerufen worden, sind seine Geschöpfe.** 

Als Folge dieser Forderung wird der geheiligten Stabilität des 
gesetzlichen Zustandes der den jeweiligen Volksbedürfnissen ent- 
sprechende lebendige Fluss der Gesetzgebung gegenübergesteDt. 

^Alle (resetze sind da um des Nutzens der (>emeinde willen; wenn sie den lücht 
mehr bt* fördern, sind sie keinen Faden wert, ja sie werden schädlich, sobsld sie aufhören 

nützlich zu sein", sagt Erishaupt. 

Ist das Volk souvcrlln, so muss es auch das Recht haben, 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 13/ 

in die Regierung zu gelangen; Bodmer-Bruns schöner Glaube an 
die Bildungsfähigkeit des Volkes wird unterstützt durch die Lehre 
von der ursprünglichen Gleichheit der Menschen. Es sagt 

Brun: Wir müssen glauben, dass der Umgang mit dem Vornehmen das Volk bald ge- 
sitteter, adelicher und ehrenfester machen würde; es würde in dem Rat den pöbel- 
haften Rost abschleifen und Ehre und Lebensart lernen. — Ich habe ihnen (nämlich 
den Leuten aus dem Volke) nicht mehrere, sondern allein nicht wenigere Fähigkeiten 
zulegen wollen, als denen Leuten, die aus den Familien geboren sind. Wann sie 
erst zu Ämtern kämen, so würdet ihr sehen, in welch kyrzcr Zeit ihre Talente sich 
entwickeln und unter der guten Pflege zu grossen Tugenden emporsteigen würden. 
Wenn ihre Voreltern einmal Leibeigene waren, so waren doch die Väter dieser Leib- 
eigenen zuerst frei und die edlen Regungen verloren unter der Leibeigenschaft der 
Söhne ihren Keim nicht. Die besten Familien werden sich nicht anmassen, dass 
ihre Voreltern Freiheit und Adel in einer fortlaufenden Linie vom Japhet zum Pilgrim 
und Biber gebracht haben, dass ihr Stammbaum durch keinen Zufall, durch keine 
Übelthat, keine Schande entehret worden. 

Hatte auf diese Weise Bodmer für die politische Freiheit eine 
Lanze gebrochen, so entwickelte er in dem politisch - religiösen 
Trauerspiel „Arnold von Brescia in Zürich" seine freigeistigen 
Gedanken über Religion und Kirche, die den damaligen Orthodoxen 
sehr unangenehm sein mussten. Er entwarf es im Jahre 1759,^) 
mit „Brun" sandte er es später seinem Freunde Sulzcr nach Berlin, 
der beide Manuskripte am 1. Juni 1761 mit bestem Danke nach 
Zürich zurückspedierte.^) Es erschien mit der Bezeichnung: „Ein 
religiöses Schauspiel" im Jahre 1775 in Frankfurt im Druck.^^) 

Die heutige Forschung muss noch immer mit den paar dürf- 
tigen Nachrichten rechnen, die Bodmer über den Aufenthalt Arnolds 
in Zürich zur Verfügung standen. Die Zürcherurkundcn wissen 
von dem Brescianer gar nichts, sein Name kommt nicht ein einziges 
Mal vor. Die spätem Chronisten dagegen wissen von der Wirk- 
samkeit Arnolds in Zürich immer mehr zu erzählen und schliesslich 

18 



138 GUSTAV TOBLER 

stand es bei den protestantischen Geschichtschreibem fest, dass 
Arnold eigentlich der Vorläufer Zwinglis gewesen sei.") Man 
schrieb ihm einen Einfluss zu, der mit der Dürftigkeit der be- 
glaubigten Überlieferung in einem auffallenden Gegensatze steht.") 
Im Jahr 1757 hatte Johann Konrad Füessli die Aufmerksamkeit 
auf Arnold gelenkt,^) ein Jahr später gestaltete eine Fälschung 
Arnolds Bild wesentlich um;^*) wohl unter dem Eindruck dieser 
Schriften kam Bodmer auf den Gedanken, diesen „ersten Zwingli" 
zu dramatisieren. 

Mit der Überlieferung verfuhr Bodmer durchaus frei ; seiner 
Phantasie blieb es überlassen, die paar Thatsachen zu beleben und 
ins Spiel zu setzen; er glaubte im Anhang zu dem gedruckten 
Drama sich deswegen sogar rechtfertigen zu müssen. Er hätte 
eine derartige Entschuldigung nach dem Erscheinen der Hamburger 
Dramaturgie gewiss nicht von nöten gehabt. Wichtiger dagegen 
lautet ein anderer Einwurf, den der Dichter von gewisser Seite 
glaubt befürchten zu müssen: der, dass die Fragen der Religion nicht 
auf die Bühne gehören, dass der tragische Poet kein Kanzelredner 
werden dürfe. Und was weiss Bodmer darauf zu antworten? „Dieser 
Arnold ist auch nicht gemacht, auf die Bühne zu treten, er macht 
allein Anspruch an den einsamen Leser im Cabinet." Da hat Liessing 
etwas später den Kern der Sache besser ergriffen, als er, im theo- 
logischen Kampfe gegen Pastor (jötze lahm gelegt, seine alte Kanzel, 
das Theater, wieder bestieg und von dort herab unerschrocken der 
Welt seine Ansicht von richtiger, getrübter und falscher Auffassung 
des Wesens der Religion verkündigte. 

Die Handlung des Dramas verläuft durchaus reizlos. Sie zeigt 
uns die Anhänglichkeit der Zürcher an Arnold; die Gegenpartei 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 



139 



findet ihren Vertreter in dem Abgesandten des Bischofs von Kon- 
stanz. Arnold rettet die Stadt vor Interdikt und Krieg, indem er 
auf Anraten des Kar- 
dinals Guido frei- 
willig nach Rom geht 
und die dort ausge- 
brochene Bewegung 
in das richtige Ge- 
leise bringen will. 
Wie Bodmer in den 
früheren Dramen 
durch Vorführung 
interessanter Persön- 
lichkeiten, wie Klin- 
sor, Andwil und 
Hadloub, eine be- 
deutende Spannung 
erwecken wollte, so 
griff er hier in der 
gleichen Absicht zu 
einem ganz beson- 
deren Kunststück- 
lein, auf das er sich 
nicht wenig zu gute 
that: er verwendet 
das Motiv eines Traumes, um durch ihn auf den Feuertod Arnolds 
hinzuweisen. Aber dieser kleinliche Aufputz wirkt nicht, er vermag 
der ledernen Handlung keinen Schwung zu verleihen. Nun muss man 




36. Albrecht von Haller. 
Nach ßauscs Kuptcrstich nach dem Oel^cmälde von S. Freudenber^er. 



140 GUSTAV TOBLER 

wissen, dass das im Jahre 177*^ gedruckte Drama nur ein Auszug 
aus dem in der Handschrift noch vorhandenen Entwürfe ist. Der 
Wortlaut des letztem ist viel ausführlicher; es wird uns unter 
andcrm auch von einem Religionsgespräche vor dem Rate berichtet, 
in dem Arnold sich ausschliesslich auf die Bibel beruft, die Dekrete 
der Päpste und Konzilien verwirft, die Brotverwandlung, den Reich- 
tum der Kirche und die Frechheit der Päpste bekämpft, sich als 
„ Nachfahrer ** des Heilandes auszugeben. Die Vorgänge des Jahres 
1523 wurden unbedenklich in das 12. Jahrhundert hineinversetzt 
und dem Prediger Arnold die Denkweise Zwingiis angedichtet. 
Hodmer Hess diese Szene später entweder aus Rücksicht gegen die 
Katholiken fallen, oder weil er den bedenklichen Anachronismus 
vielleicht selber fühlte. 

Mit seiner religiösen Überzeugung steht Bodmer durchaus auf 
rationalistischem Boden ; er glaubt, dass njede Religion ihre Ver- 
nunft und ihre Wahrheit habe*^ und er nimmt für einen jeden 
Menschen das Recht in Anspruch, Kirchenlehren mit dem Mass- 
stabe der X'emunft zu messen. So sagt 

Arnold: -Man hat den Leuten von Kindheit an eine Furcht beigebracht, den Verstand. 
der in ihnen denket, zu brauchen : man hat ihnen verboten, dieses schöne Feld anzu- 
bauen, dadurch ist es wüste geblieben oder ins Wilde gewachsen. Man gebe den 
Leuten von (Jeburt oder vom l*öbel nur die Freiheit, das Ding, das in ihnen denket. 
zu üben, so wird man sehen, wie es sich durch den Gebrauch schärfen wird; man 
wird sehen, dass Vernunft eine allgemeine (rabe ist und dass es nicht Prahlerei ist, 
der Mensch sei ein vernünftiges Wesen, welches der Religion und der Wahrheit 
f.'ihig ist.** 

Deswegen darf die Kirche auch nicht die geistig und finanziell 
herrschende Macht sein ; denn 

.Allemal ist ein \'()lk da am unwissendsten gewesen, wo der Klerus am mächtigsten war. 
Je mehr Kinkünfte die Kirchendiener hatten, je weniger sorgetcn sie für die Unterrichtung, 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 141 

und wo sie unter dem Namen der Religion sich Meister von der Regierung gemacht haben, 
da haben sie die Religion gänzlich abgeschaffet und den Betrug und Aberglauben in ihre 
Stelle eingesetzt." 

Die Frage des Reichtums der Kirche führt den Dichter dazu, 
im Sinne Rousseaus diejenige des Eigentums überhaupt zu streifen: 

Graf Werner: Ist es notwendig, dass unter Mitgliedern eines Staates einige viel be- 
sitzen, andere wenig oder nichts? Haben die Menschen nicht unter sich verteilt, 
was die Natur allen hat gemein lassen wollen? 

Arnold: Ihr habet da eine icitzliche Sache berührt. Es ist ganz offenbar, es sind die 
ewigen Gesetze des Universi, dass dem Menschen nichts für sich gehört, als was 
sein gegenwärtiger Zustand bedingt, was ihm jeden Tag zum Unterhalt oder zum 
Ergötzen genug ist. Das Feld ist nicht dessen, der es pflügt, ihm gehört selbst 
von den Werken seines Fleisses nichts, als was er braucht, das übrige und seine 
Person selbst sind des ganzen menschlichen Geschlechtes. 

Graf Werner: Mein Gottl dann sind alle politischen Anordnungen, die diesen göttlichen 
Dekreten entgegen sind, Verbrechen. Ist nicht das harte, das unempfindliche Eigen- 
tum die Hebamme der Laster, die von der Verzweiflung und einem wütenden Mangel 
geboren werden? Warum hebet die Religion, das teure Christentum, diese verderb- 
liche Einführung nicht auf, diese Ungleichheit, die den Menschen so von dem Men- 
schen unterscheiden? 

Nach dem Gesagten werden wir nicht anstehen, die beiden 
Schöpfungen „Brun" und „Arnold^ als Glaubensbekenntnisse des 
ideenstarken und furchtlosen Bodmer zu betrachten und Sulzer hatte 
mit dem Wunsche nicht unrecht, dass der Verfasser seinem poli- 
tischen Testamente gerade diese Dramen als Anhang beigeben 
möchte.^) 

Gegenüber diesen Leistungen fällt das im Juli 1761 entstandene 
Schauspiel „Rudolf Schöno" bedenklich ab; es besteht nur aus 
einem handlungslosen Geschwätz für und gegen den Bund mit 
Österreich^) und endigt mit dem Siege der eidgenössischen Partei. 
Bodmer hatte hiezu die Akten des Archives zu Rate gezogen ; er 
entnahm aus dem Rat- und Richtebuch die Namen der handelnden 



142 GUSTAV TOBLER 

Personen^^ und den infolge der kleinen Revolution des Jahres 1393 
entstandenen Richtebrief hatte er selber seiner Zeit in der Hel- 
vetischen Bibliothek veröffentlicht.^) Aber diese historische Treue 
entschädigt nicht für die Mattigkeit und Blödigkeit der dramatischen 
Durchführung, die sich wie eine blosse kleinliche Spielerei ausninunt. 
Von den in dem Stücke niedergelegten Gedanken interessieren 
uns nur zwei. Dem einen sind wir schon begegnet: man soll das 
den Österreichern abzunehmende Gebiet zu unabhängigen Staaten 
mit freien Verfassungen machen, so dass diese neuen Republiken 
auf das deutsche Reich derart einwirken könnten, dass schliesslich 
in Europa lauter Republiken bestehen würden. Ein solcher Krieg 
sei ein gerechter; denn Fesseln abzunehmen sei mindestens so er- 
laubt, wie sie aufzulegen ; alle Nationen seien einmal von Natur 
frei gewesen. Viel überraschender nimmt sich eine Äusserung 
Schönos aus, wenn schon sie weder dem Charakter des Sprechenden 
entspricht, noch sich durch den Gang der Handlung rechtfertigen 
lilsst. Schöno sagt: 

«Man muss den Cantons einen allgemeinen Senat geben, in welchem die Majestät 
aller Cantons vereiniget ruhe. Die Ratsglieder desselben müssen in proportionierter Anzahl 
von dem Volke in den Cantons erwählt werden. Von diesem Senate müssen alle obrig- 
keitlichen Amter in denselben erwählt werden. Oadureh werdet ihr eine Einigkeit bei ihnen 
erhalten, die sonst die Ungleichheit der Macht, wenn sie bald Herrschaften bekomnien, zu 
zerstören droht. Ihr werdet so der Ehrsucht und dem Neide zuvorkommen, ihr werdet 
mehr Mässigung, mehr System in die Unternehmungen des Senates und mehr Gerechtigkeit, 
mehr Kcchtschaffenheit in die gerichtlichen (»eschäfte bringen. 

Heinrich Meiso: Die Cantons werden schwerlich zu bereden sein, dass jeder von ihnen 
die Hoffnungen, die er haben mag. sich selbst grösser zu machen, der Begierde auf- 
opfere, das ganze Corps mächtiger zu machen. 
Schöno: Fürchtet ihr selbst, dass der eigene Nutzen schon so festen Fuss bei ihnen ge- 
wonnen habe.^ Könnet ihr ewige Dauer einem verbundenen Corps versprechen, 
welches die Tugend nicht besitzt, seine Begierden dem allgemeinen Wohl zu vergeben, 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 143 

die Tugend, die jeden freien Staat für sich erhalten muss? Ihre sicherste Macht 
würde sein, wenn sie jede eroberte Provinz zu der freien Regierung erhöben, die sie 
selbst geniessen. ^A.ber wenn sie die Eroberungen behalten wollen, so sollte das in 
gemeinem Namen geschehen, sie sollten das Corps und nicht ein Mitglied desselben 
vergrössern. Die Missform in einem menschlichen Körper, wo der Kopf oder ein 
Arm eine Riesengrösse haben, ist nicht hässlicher oder hinderlicher, als die Ungestalt in 
einem alliirten Corps, in welchem etliche Mitglieder eine übermässige Grösse bekommen. 

Der Gedanke, den losen Föderativbund durch eine zu schaffende 
Zentralgewalt in einen Bundesstaat- überzuleiten, wurde unseres 
Wissens zum ersten Male im Jahre 1/38 in ganz allgemeiner, viel- 
leicht nicht einmal ernstgemeinter Weise ausgesprochen.^®) Aber 
Bodmer dürfte der Erste sein, der mit einem praktischen Vorschlage, 
bei dem allerdings noch unendlich viel in Diskussion stand, her- 
vortrat. Nachher lieh der Schaffhauser Stockar diesem kühnen 
Gedanken auf einer Versammlung der helvetischen Gesellschaft 
beredte Worte und keiner von beiden konnte denken, dass die 
Zeit der Erfüllung dieses Wunsches in unmittelbarer Nähe sei. 

Noch auf einen, den drei Dramen Stüssi, Brun und Schöno 
gemeinsamen Punkt wollen wir hier aufmerksam machen. Der 
Wahl gerade dieser Stoffe lag nicht nur ein ausschliesslich histo- 
risches Interesse zu Grunde, sondern hier tritt das lehrhafte tenden- 
ziöse Moment mit wünschenswerter Deutlichkeit in den Vordergrund. 
Bodmer lässt das Volk als solches auftreten, seine Wünsche aus- 
sprechen, lässt es handelnd in den Gang der Ereignisse eingreifen, 
sogar Regierungen stürzen und sucht so an praktischen Beispielen 
aus der Geschichte der Vaterstadt darzustellen, wie weit man sich 
zu seiner eigenen Zeit von der ursprünglichen Demokratie entfernt 
hatte. Es geht ein wohlthuendcr demokratischer Zug durch diese 
Bilderreihe, die mit einer solchen Tendenz in der damaligen deutschen 
Lfitteratur wohl einzigartig dastehen dürfte. 



144 GUSTAV TOBLER 

Hatte bis jetzt Bodmer die Stoffe zu seinen Schauspielen aus- 
schliesslich der Tog^enburger- und altem Zürchergeschichte ent- 
nommen, so wandte er sich im Jahr 1/62 der Behandlung einer 
geschichtlichen Episode zu, die allgemein schweizerisches Interesse 
beanspruchen konnte. Er schrieb nämlich „Die gerechte Zusammen- 
s c h w ö r un g " , d. h. die Entstehungsgeschichte der £idgenossenschaf\.^ 

Bodmer ist nicht der erste, der diesen Stoff dramatisch zu 
verwerten suchte. Das 16. Jahrhundert erzeugte sogar zwei Teilen- 
spiele: „Das Urnerspiel von Wilhelm Teil** und Jakob Rufs „Neues 
Tellenspiel"* (1545);**) dann nahm J. C. Weisscnbach in sein „Eid- 
genössisches Contrafeit der auf- und abnehmenden Jungfrau Helvetia** 
(1()72) ein kleines Telldrama auf.*") Darauf folgt wieder eine lange 
Pause ; die Dramatiker scheinen keine Lust besessen zu haben, in 
einer freilicitsarmen Zeit den Freiheitsbringer von Uri zu verherr- 
lichen. Aber eine neue Zeit brach herein, man kämpfte mit wuch- 
tigen Schlägen gegen die geistige, politische und soziale Gebundenheit 
des Menschen an, man untersuchte mit kritischem Auge jegliche 
Tradition auf ihre historische und vernunftmässige Berechtigung. 
Auch die Person des Wilhelm Teil wurde von diesen beiden Strö- 
mungen ergriffen : willirend die Flistoriker die Überlieferung sezierten 
und den Schützen von Uri auf eine Linie mit dem sagenhaften 
Toko von Dänemark setzten,*'^) wandten sich die Dramatiker dem 
schweizerischen Tyrannenmörder zu und machten ihn zum Träger 
modern freiheitliclier Ideen und lieferten, indem sie „den idealen 
(relialt der herrlichen Überlieferung in ein glänzendes laicht zu 
stellen sich bestrebten, eine (rcgenleistung zu den negativen Resul- 
taten der Kritik.^ 

Der Erste, der mit einer durchaus eigenartigen Auffassung die 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 145 

Teilgeschichte dramatisch behandelte, war der Bemer Samuel Henzi 
(f 1749), ein Freund Bodmers. Schon im Jahre 1748 wusste der 
letztere, dass Henzi an einer Tragödie „Wilhelm Teil" arbeite; 
er kannte sie noch nicht, sprach aber die Befürchtung aus, dass 
sie nur eine Rapsodie von Ddclamations en forme de dialogue 
werden könnte. Unmittelbar nach Henzis Tode äusserte sich Bodmer 
in einem Briefe: 

„Er hatte seit Anfang dieses Jahres (1749) eine französische Tragödie geschrieben : 
^Grisler, ou la libert^ conserv^e, wovon er mir ein paar Fragmente communiciret hat. 
Seine sentiments de libert^ herrschen darinnen. Diese wollte er zu Paris auf das Theater 
bringen. Die pihce ist wirklich zu Paris, dass sie da retouchiert würde. Ohne Zweifel 
wird sie auch publi eiert werden.****) 

Ob nun dieser „Grisler, ou la libert^ conservde" identisch ist mit 
dem im Jahr 1762 anonym erschienenen „Grisler, ou Tambition punie", 
kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, doch schrieb man im 
letzten Jahrhundert die gedruckte Tragödie dem geistreichen Berner 
zu.^) Dann bleibt es ebenfalls zweifelhaft, wer die Ausgabe be- 
sorgte, wie weit die Retouche sich erstreckte, von der Bodmer 
schon im Jahr 1/49 sprach, zweifelhaft, ob dies Drama Bodmer 
zur Behandlung des gleichen Stoffes veranlasste, um gegenüber der 
unhistorischen Auffassung des Welschen der deutsch-schweizerischen 
Tradition wieder zum Rechte zu verhelfen, oder ob es nur ein 
zufälliges Zusammentreffen war. Bodmer bemächtigte sich des 
Stoffes, weil er auf der wissenschaftlichen Tagesordnung stand, und 
weil er auch die Bemerkung des Franzosen Mercier kannte und in 
sein Handexemplar eintrug: „Si jamais les Suisses (^tablissent chez 
eux un th^atre, il devront commencer avec Guillaume Teil.** 

Nun, Bodmer konnte im Juli 1762 nach Berlin melden, dass 
er die gerechte Zusammenschwörung geschrieben hättc.^®) „Ich 

19 



146 GUSTAV TOBLER 

schildere die Eidgenossen in ihrem schönsten Gesichtspunkt. Jetzt 
muss ich Hlrchten, dass Teil, Baumgartner und StaufTacher in 
Rousseau's Gericht gefallen seien. "*^ 

Stofflich hielt sich Bodmer allerdings mit einiger Freiheit an 
die durch Tschudi und dessen Nachfolger ausgebildete Erzählung. 
Das spielende Personal trägt die Tschudischen Namen Gessler,**) 
Beringer von Landeberg, Heinrich und Arnold von Melchthal, 
Walter Fürst, Werner von Stauffach, Conrad von Baumgarten. 
Für Teil dagegen bevorzugt er die Form Tello, die er aus der 
Controvcrse des Jahres 1760 kennen gelernt haben mochte; dem 
Attinghauscn legt er den Vornamen Wolfram bei, der Stauffacherin 
gibt er eigenmächtig den Vornamen Mechtild,^®) Teiles bis jetzt 
namenlose Frau heisst er Hedcwig*®) und gibt ihr nur ein, ebenfalls 
namenloses Kind,^^) den erschlagenen Wolfenschiessen nennt er Hugo 
und dichtet ihm einen Bruder Eberhard an. An und für sich sind 
diese Änderungen durchaus gleichgültig; aber sie beweisen doch, 
in welcher Unklarheit man sich dazumal über das Personal der 
Befreiungszeit befand. 

Das Drama spielt sich in 5 Akten ab. Gessler und StaufTacher 
treffen sich vor dem Hause. Der Vogt ist natürlich als scheuss- 
lieber Unmensch dargestellt. So sagt er zu StaufTacher: 

^Das ist zu stolz gebauet für Hüter des Viehs; euch geziemet es nicht in hohen 
Stockwerken und vertäfelten Zimmern zu wohnen, noch das Dach mit gebrannten Ziegeln 
zu decken. Ihr solltet euch begnügen, in einem Stalle mit den wiederkauenden Tieren zu 

liegen, mit welchen ihr solche Sympathie habet Die guten Zeiten haben euch ver- 

leckert, aber die Tage sind da, dass ihr es für ein (ilück halten sollet, wenn ihr den Füchsen 
in ihre Gruben einsitzen könnt, aus welchen sie selbst die Dachse vertrieben haben." 

Um von vornherein das Scheusal in der ganzen Grösse zu 
zeichnen, sucht Bodmer folgendes neue Motiv aus: 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 147 

G essler: Man sagte mir, du habest eine Tochter, eine blühende Rosenknospe; ich bin 

den Rosenknospen hold; heiss sie zu uns hervorkommen. 
^W e r n e r : Mein Kind ist ein ländliches Mädchen und hat niemals einem Herren ins An- 
gesicht gesehen. Itzt ist sie in dem Dienste der Frau Äbtissin in Zürich, dass sie 

da höfliche Sitten und Aufwartung lerne. 
G e s s 1 e r : Lass sie ungesäumt wieder heimkommen. Wenn sie mir gefallt, so will ich sie 

zu meiner Favoritin machen, sie soll die Ausspenderin meiner Gunstbezeugungen 

werden, um ihretwillen will ich dich gross machen, du sollst über deine Landleute 

herrschen. 
Werner: Ich hielte das für die grösste Schande, die mir begegnen könnte, und sie mit 

der Schande eines Kindes zu erkaufen! Was mutet ihr mir zu, Herr Gesslert Das 

Herz blutet mir. 
G e 8 s 1 e r : Bist du so zärtlich an Gefühl ? Denke, dass meine Worte Befehle sind. Wenn 

du selbst in dem Lande bleiben willst, so lass' deine Tochter zurückkommen. 
Werner: Sind wir so tief herabgesetzt, dass unsre Kinder nicht mehr unser eigen sind? 

(Gessler geht.) 

Darauf tritt Mechtild auf; sie erzählt, wie sie heimlich der 
Unterredung zugehört hätte, wie ihr dann der Gedanke gekommen 
sei, dem fürchterlichen Manne einen Ziegel auf den Schädel zu 
schmeissen, oder ihn trunken zu machen und dem Schlafenden 
dann mit einem grossen Hammer einen Hufnagel durch die Schläfe 
zu schlagen.*^) Darauf erzählen dann Walter Fürst und Conrad 
von Baumgarten ihre Begegnisse und Leiden und die drei Männer 
verabreden nun eine Zusammenkunft der „Ältesten und Tapfersten 
in allen drei Waldstätten". Darin besteht die „Zusammenschwörung'^, 
von der wir in Zukunft nichts mehr hören. 

Der zweite Akt bringt die Blendung Melchthals, der dritte 
den Apfelschuss, der vierte den Tod Gesslers, der fünfte die Er- 
oberung Samens. 

Wir wollen gleich von vornherein sagen, dass diese Dichtung das 
schwächste und zugleich das geschmackloseste Produkt des alternden 
Dichters war, der, gleichsam von Gott und allen guten Geistern 



148 



GUSTAV TOBLER 



verlassen, mit diesen dramatischen Schmarren eine schwere Ver- 
sündigung an der herrlichen Poesie unserer Volkssage begieng. 

Sein Pegasus ist lahm, er bringt 
ihn weder mit Rezepten aus der 
shakespeareschen Apotheke, noch 
eigens erfundenen Reizmittelchen 
auf die Beine. Als derartige Kunst- 
griffe betrachten wir die Forder- 
ung Gesslers an StaufTacher, ihm 
die Tochter auszuliefern ; die auf 
der Bühne stattfindende Misshand- 
lung des alten Melchthal, dem 
die Augen ausgestampft werden; 
die Verteidigung des Melchthal 
durch Eberhard von Wolfen- 
schiessen ; den Tod Gesslers im 
Schosse einer Landstreicherin;**) 
die shakespearesche, aber durch- 
aus unwürdige und unpassende 
Einführung Teils als eines Halb- 
narren^) und des Minnesängers 
Rost von Samen, der den 
ganzen seichten Jammer mit 
dem schlechtesten Tellenliede 
abschliesst, das je das Licht 
der Welt erblickte. Es thut einem wahrhaftig um den verblendeten 
Alten in der Seele weh, ihn an einer Arbeit zu erblicken, bei der 
sein Ansehen nur Schaden nehmen konnte. 




M^. Johann (icorg Zimmermann. 

Nach Gcyscrs Kupfcr.stich nach dem Bildnis 
von Schröder. 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 149 

Wir wollen das Gesagte mit zwei Beispielen belegen. Beringer 
von Landenberg hat den Befehl erteilt, den alten Heinrich von 
Melchthal gefangen zu nehmen, als dieser gerade hercintritt. Jetzt nun : 

Beringer: Bindet ihm die abgelebten Arme! 

Heinrich: Gnädiger Herr, schonet einen unschuldigen Alten. 

Beringer: Unschuldig, wie die beiden Mörder, der Baumgartner, der meinen Augapfel, 
den braven Hug von Wolfenschiessen erschlagen hat, nachdem er ihn durch seine 
tückische Metze entwaffnet hatte, und der junge Bösewicht, dein Sohn, der meinen 
Diener angefallen hat, wie man einen Hund schlägt. Du selbst hast dem mördrischen 
Konrad von Baumgarten dein Haus eröffnet, du hast ihm Brod zu essen und Wein 
zu trinken gegeben. Wohin hast du ihn und den Nichtswürdigen verstecket, der von 
dir den Ungehorsam gelernt hat? Zeige mirs an oder leide für sie! 

Heinrich: Ich bezeuge bei meinem Schöpfer, dass Konrad von Baumgarten keinen Tritt 
über meine Thürschwelle gethan ; Gott weiss, in welche Firste der Alpen er sich ge- 
flüchtet hat, und mein Sohn ist nach dem unglücklichen Schlage in der Angst seiner 
Seele davon gelaufen, ohne dass er mir den letzten Kuss gegeben hätte. Ich habe 
geeilet, Euer Gnaden um Verzeihung für ihn und mich zu bitten. Begnüget Euch 
daran, gnädiger Herr, dass ich des Trostes, der Hülfe meines Alters beraubet bin. 
Ich habe befohlen. Euch den Ochsen zu bringen und alles mein Vieh ist Euer. 

Beringer: Falscher Mann! Mit dieser Heuchelei kommst du bei mir nicht aus. Ich wusste 
lange schon, dass du Verräterei brütetest. (Beringer zupft ihn beim Bart.) 

Heinrich: Es ist klein, sehr klein, dass Ihr mich so bei dem Barte zupfet. 

Beringer: Die grauen Haare haben dich nicht vor Falschheit bewahrt. 

Heinrich: Diese Haare, die ihr aus meinem Barte gerauft habet, sollten Euch tür mich 
besänftigen. Denket an den grauen Kopf euers Vaters und schonet mir um seinetwillen. 

Beringer: Ich will dir schonen wie dein gottloser Sohn mir schonen würde, wenn er mich 
in seiner Gewalt hätte. Bindet ihn auf diesen Stuhl! Was für Eide habet Ihr zu- 
sammen geschworen? Nenne mir die Verräter, die mit dir in dem Komplotte sind. 
einen nach dem andern, verhäle mir nicht Einen! 

Heinrich: Von was für einem Komplot redet Ihr? Ich kam viele Jahre nicht vom Hause, 
meine alten Schenkel haben mich kümmerlich genug hieher getragen. Was wollet 
Ihr mir thun ? O, das hat der König Euch nicht aufgetragen, die Fürsten von Habs- 
burgs Geblüte misshandeln das unvermögende Alter nicht so. König Albrechts Vater, 
der grosse Rudolf, fürchtete Gott und ehrete die Unschuld und das Alter. O, ich 
war in seinem Gefolge, als ihm in dem Sihlwalde der Priester begegnete, der unsern 
Herren Gott trug und itzt in den Fluss treten wollte, hinüber zu watten. Das wolle 



150 GUSTAV TOBLER 

Gott nicht! rief der fromme Graf, dass ich zu Pferde bin und sehen sollte, wie mein 
Erlöser in dem Flusse wattet. Augenblicklich stieg er vom Pferde und hiess den 
Priester aufsitzen, er selbst folgete ihm zu Kusse durch das Wasser nach. Nein, Ton 
diesem guten Fürsten konnte kein Sohn gezeuget werden, der uns für Regenten bÖie 
Feinde sendete. (Beringer zwickt ihn mit einer Gerte beständig.) Aber diese feind- 
seligen Regenten sollen der Rache nicht entfliehen, ich will sie noch, eh* ich sterbe, 
an ihnen geoffenbaret sehen. 

Beringer: Ich weiss gute Mittel zu verhüten, dass du es nimmer sehest. Werfet ihn auf 
den Boden, haltet ihn fest, ich will ihm die Augen mit meinem Fuss zerstampfen. 

Heinrich: Ist jemand da, der alt zu werden hoffet, der lasse mich nicht so misshandeln. 

Eberhard von Wolfenschiessen: Beringer, Beringer seid nicht unmenschlich, fürchtet 
(iott, wenn Ihr die Menschen nicht fürchtet, fürchtet Oesterreich, das Euch diese 
Grausamkeit nicht geboten hat. Ihr ladet den Hass Gottes und der Menschen auf 
Euch und dieses grosse Haus. 

B e r i n g e r : Das eine von den Augen ist zerquetscht, gieb' itzt auch das andere her. 

Heinrich: Seid Ihr aus der Hölle auf die Erde gekommen, die Unschuldigen zu plagen? 
Was ist mein Verbrechen? Wo ist der Beweis der That, die mir angeschuldiget wird? 
Was für eine gerichtliche Untersuchung ist meiner Verurteilung vorhergegangen? 
Mich ohne alle Form Rechtens so zu blenden, mich so des lieblichen Tageslichts 
zu berauben, ohne dass ich einer Übelthat überwiesen sei, ist teuflische Ungerechtigkeit 

Beringer: So lange er noch ein Auge hätte, würde er es brauchen wollen, seine Rache 
an mir zu sehen. Das soll nimmermehr sein. 

Eberhard: Ich beschwöre Euch bei der Hofl*nung, die Ihr habet, erlöst zu werden, dass 
Ihr von ihm ablasset und ein Genügen habet. Die That, die Ihr vornehmt, verdient 
die ewige Verdamnis. O des höllischen Grimms! mein Herz bricht. (Er f%Ut in 
Ohnmacht nieder 1) 

Beringer: Schleppet den weibischen Zärtling ins Schloss hinein I 

Heinrich: I leiliger. gerechter Cjott ! Göttliche erbarmende Mutter des Heilands, in welches 
rnmenschen Hände bin ich gefallen! Ihr kennet meine Unschuld. 

Bcringer: Itzt hört dich kein Heiliger im Himmel, auf Erden, noch unter der Erde. Das 
andere Auge muss auch heraus I 

Heinrich: In der Gewalt dieser bösen Feinde, von aller Hülfe verlassen, zu Boden ge- 
worfen, muss ich mich zertreten lassen, wie mein (?) zertreten wird. O Licht des 
Himmels, o Glanz des Tages, wie vergehest du! dunkel! dunkel! 

Bering er: Die linke Seite hätte die rechte verspotten mögen, wenn ich das andre Auge 
nicht auch ausgetreten hätte. Itzt magst du lange warten, bis dass du die göttliche 
Rache über mich kommen siehst. 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 151 

Heinrich: Alles ist Nacht um mich, für mich ist kein Licht, keine Freude mehr auf 
Erden. O Arnold, o mein Sohn, wenn du mich sehen solltest, was würdest du finden und 
was wirst du leiden, wenn du diese grausame That hörest. (Eberhard kommt wieder.) 

Eberhard: Ist die grausame That und in diesem Lande der alten Freiheit geschehen ! Niemand, 
was für Ungerechtigkeit er verübet haben mag, lasse sich mehr bange dafür sein, wenn 
diese ungestraft bleibt. Möchte mir einer, der noch Eingeweide hat, einen Flocken Flachs 
und das Weisse vom Ei bringen, dass ich sie auf die blutigen zerknirschten Augäpfel 
legete. Der gütige Gott mache ihn so stark an der Seele, als er am Leibe krank ist ! 

Beringer: Eberhard, ihr habet zu viel Mitleiden mit einem Rebellen, eure Barmherzigkeit 
beleidiget mich, ihr werdet selbst strafwürdig. 

Eberhard: Habet ihr nur die Bildung eines Menschen und ist ein Tiger darunter verborgen? 

Beringer: Durch sein Gesichte wären nur seine Sünden vervielfältiget worden, ich habe 
ihm eine Wohlthat gethan. Doch ich will die That bessern : er mag die beiden Ochsen für 
sein paar Augen behalten. Diese standen auf dem Spiel und so hat er das Spiel gewonnen. 

Eberhard: Ungeheuer! Monstrum! Ich bleibe nicht länger hier, ich müsste fürchten, dass die 
Erde sich unter ihm eröffnete und mich mit ihm verschlänge. Armer, jammervoller Hein- 
rich, gieb mir deine alte Hand, dass ich dich in dein trauriges, verlassenes Haus führe. 

Auf diese Weise verballhornte Bodmer König Lear, Act III, Sc. 7! 

Eine andere Szene des ersten Aktes gab ihm die Idee, den 
Teil auf folgende Weise als eine Art Tölpel einzuführen: 

Gessler: Woher bist du, Kerl? 

Wilhelm: Von Bürgein, unweit von hier, Eure Gnaden nehmen es mir nicht zur Ungnade. 

Gessler: Wasjst dein Namen? 

Wilhelm: Wilhelm bin ich der Teile, mit Euer Gnaden Vergünstigung. 

Gessler: Was ist dein Thun? 

Wilhelm: Ich stehe an das Steuer und treibe das Schiff durch die stürmischen Wellen, 

ich schiesse mit dem Armbrust einen gewissen Schutz. 
Gessler: Was schiessest du? 
Wilhelm: Enten, Fasanen, Hirschen und Rehe. 

Gessler: Halsbrechend t Alles Gewild ist in meinem Schutze, es sind meine Tiere. 
Wilhelm: Ich habe sie auch nur für Euer Gnaden Küche geschossen, wenn Ihr Koch, mit 

Ehren zu reden, es mir befohlen hat. 
Der Wächter: Es ist kein geschickterer Schütz in diesen Bergen, er schiesst ein Reh im 

Laufe und eine Ringeltaube im Kluge. 
Gessler: Bist du verheiratet? 



152 GUSTAV TOBLER 

Wilhelm: Ach ja, gnädiger Herr, mit einem Weibesstück. Es sind schon acht Jahre, dass 
ich in dem ehelichen Joche gehe. 

Gesslcr: (last du Kinder? 

Wilhelm: Sie hat im achten ^^) Monat einen Knaben geboren, sie sagte, dass ich sein 
Vater wäre, ohne Ruhm zu melden. 

Gessler: Ist es wahr, dass du vor der Mütze das Knie nicht gebogen hast? 

Wilhelm: Eure Worte in Ehren gehalten, gnädiger Herr! ich kann es nicht leugnen. 

Gessler: Wusstest du nicht, dass es dir an das Leben gienge? Du bist ein Rebell I 

Wilhelm: Ich gicng daher und dachte nichts Böses, ich dachte ganz und gar nichts; ich 
pfiff und unterm Pfeifen vergass ich, dass die Mütze Augen hätte. Ich will gleich 
gehen und ihr so viele Knickfüsse scharren, als wenn Euer Gnaden gnädiger Kopf, 
mit Erlaubnis zu sagen, in der Mütze sässe. 

(} es H 1 e r : Bei Gottes Elementen ! Der Kerl will spassen. Aber mit einem Spasse k0mmt man 
mit mir nicht aus. (jeh* heim und hole dein Armbrust und nimm deinen Knaben mit 
dir; ich will ihm einen roten Apfel auf das Haupt legen. Wenn du den triffst, so sollst 
du mein Leibschütze sein ; erschiessest du dein Kind, so kostet es dich deinen Kopf, und 
thust du einen Fchlschuss, so werf ich dich in meine Gefangnisse in Küssnacht. 

Wilhelm: Der Knabe ist mir lieber als mein Leben; wenn ich ihn töte, so darf man mich 
nicht erst hinrichten lassen, der Unmut wird mich töten. Ihr grossen Leute meint, 
wir ländlichen Väter haben kein Eingeweide. (Er gehet.) 

Der Apfelschuss vollzieht sich im Hintergrunde, der Knabe 
Teils tritt nicht persönlich auf. 

Auch die Landstreicherin, in deren Schoss Gessler stirbt, be- 
sitzt einen englischen Heimatsschein. Als Teil die Meinung äussert, 
den Leichnam in den nahen Sumpf zu tragen, um ihn den Hamstern 
und Feldmjlusen zu überlassen, tritt die arme Frau mitleidig filr 
den Toten ein und spricht mit Macbeth (V, 5) : 

„Siehe, wie der Tod seinen hohen Stand verspottet, wie er auf sein prächtiges Kleid 
herabblickt, nachdem er ihm ein kurze» Leben gegönnt hat auf einer elenden Schaubühne, 
wo er den König nachniachete und mit seinen Blicken tötete.** 

Ks Hesse sich gegen diese poetische Pfuscherei wenig ein- 
wenden, wenn Bodmer sie in dem tiefsten Grunde seines an Hand- 
schriften unergründlichen Pultes vor den Augen der Welt versteckt 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 153 

gehalten hätte. Aber es trieb ihn mit aller Gewalt, sich öffentlich 
blosszustellen ; er arbeitete den Balg um und Hess ihn im Jahr 1775 
unter dem Titel erscheinen: Schweizerische Schauspiele. Es 
sind ihrer drei, die folgende geschmacklose Überschriften tragen: 
Wilhelm Teil, oder Der gefährliche Schuss; Gesslers Tod, 
oder Das erlegte Raubtier; Der alte Heinrich von Melch- 
thal oder Die ausgetretenen Augen. Als Schlussstück folgte 
dann nach: Der Hass der Tyranney und nicht der Person, 
oder Sarne durch List eingenommen. Der ursprüngliche erste 
Akt fiel zum grössten Teil weg und, was übrig blieb, wurde mit 
dem dritten zusammengekittet, und dies gab den „Wilhelm Teil". 
Neu wird dann noch die Person des „Wilhelmchen" eingeführt, 
das nach dem gelungenen Apfelschuss triumphierend hereingehüpft 
kommt. Der zweite Akt des Entwurfes wurde zum „Heinrich 
von Melchthal" zusammengezogen und demselben noch eine 
Schlussszene angehängt, in der, eine besondere Finesse, eine Vision 
auf das Zukünftige vorbereitet. Der ehemalige vierte Akt bildet 
den „Gessler", der Schlussakt den „Hass der Tyrannei". So. 
hatte Bodmer die fünf Akte in vier Einzelstücke verwurstet und 
er schmeichelte sich, dass sie nicht nur durchaus historisch, sondern 
dass die mannigfachen Lücken der Tradition aus dem Charakter der 
Personen und der Zeit sorgfältig ergänzt seien.^) Und dies wollte 
er einer Zeit weiss machen, die bereits eine Minna von Barnhelm, eine 
Hamburger Dramaturgie und einen Götz von Berlichingen hatte er- 
stehen sehen ! Nicht „Abscheu gegen die Tyrannei und Gefühl für den 
Wert der Freiheit und die Rechte des Volkes" erweckt diese traurige 
Bilderfolge, sondern Bedauern mit dem alten Manne, der seine Fähig- 
keit überschätzt und die Forderungen seiner Zeit nicht versteht. 

20 



1 54 GUSTAV TOBLER 

Doch nicht mit diesem Missklang müssen wir glücklicherweise 
von dem vaterländischen Dramatiker scheiden. 

„Im Dezember sann ich auf Carl von Burgund", schrieb 
er im Jahr 1769 in sein Tagebuch ein,*") und zwei Jahre später 
Hess er das neue Trauerspiel im letzten Hefte des von J, G. Walther 
redigierten „Schweizer -Journal" erscheinen.^) Voraus schickte er 
einen Auszug aus einer Abhandlung des Herrn von Burigny, „Über 
das Trauerspiel des Aeschylus, die Perser,**^) in welchem besonders 
auf die nationale Bedeutung des äschyleischen Werkes hingewiesen 
wurde. Schon dies würde uns genügend auf die Quelle hinweisen, 
aus der Bodmer geschöpft hat, wenn er es nicht selber in dem 
\^)rbericht des Dramas verraten würde: „die Ökonomie in diesem 
Trauerspiele ist ganz des Aeschylus ; selbst die Gedanken und ihre 
Ausbildung."^ In der That behielt er die ganze Form des Vor- 
bildes bei, die Aufeinanderfolge der Szenen, ja sogar sehr oft den 
Wortlaut, nur füllte er die antike Form mit schweizerischem Inhalte. 
So eng schloss er sich an den athenischen Dichter an, dass der 
„Karl von Burgund** geradezu als Übersetzung und mithin als die 
erste deutsche Übertragung der Perser gelten kann.^) 

Es war ein glücklicher (Jedanke, die Perserkriege durch die 
Burgunderkriege zu ersetzen, wurde ja sogar in der neuesten Zeit 
auf die historische Analogie der beiden Vorgänge aufmerksam 
gemacht.*'^) Dieser Tausch bedingte eine vollständige Änderung des 
Ortes der Handlung und der handelnden Personen. Anstatt am 
persischen Hofe spielt sich der Vorgang im herzoglichen Palast zu 
Brüssel ab. An der Stelle des Chores stehen die drei Burgunder 
Imbcrcurt, Hugonet und Ravenstein, den Platz der Königinmutter 
.Vtossa nimmt die Herzogstochter Maria ein, Karl ersetzt den 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 155 

Xerxes, der Geist Philipps des Guten denjenigen des Darius, der 
Bote heisst hier Chaligni. Nicht von Athen, sondern von Bern 
wird erzählt, nicht von der Schlacht von Salamis, sondern von den 
Niederlagen bei Grandson und Murten, des Xerxes Rückzug an 
die SchifTbrücke wird durch Karls Rückzug über den Jura ersetzt, 
der Hinweis auf die Schlacht von Platää mit einem solchen auf 
die Katastrophe bei Nancy vertauscht. 

Mit der Veränderung des Stoffes mussten noch eine Reihe 
kleinerer Züge in ein modernes Gewand gebracht werden. Die 
Religion der Griechen nimmt die christlich - katholische Form an, 
des Xerxes Frevel an Poseidon wird durch die frevelhafte That 
des burgundischen Ahnherrn ersetzt, der Falke durch einen Habicht, 
der Köcher durch eine Tasche; die griechischen Waffen weichen 
den Helleparten und Feuergeschossen ; während der griechische Adler 
an den Herd des Phöbus floh, rettet sich der burgundische unter die 
Hennen des herzoglichen Fasanenhofes. Wurden die Perser durch 
einen bösen Dämon, die List der Griechen, zum Angriff gereizt, so 
bestand der böse Dämon Karls aus Zorn und Ungeduld. Die Art, 
wie die persischen Greise gleichsam auf Befehl der Atossa den Geist 
des Darius aus der Unterwelt heraufbeschworen, behagte Bodmer 
ebenfalls nicht. Maria äussert in ihrem Schmerze den Wunsch : 

„O wolle der Himmel sich unser erbarmen! Möchte mein Ahnherr, der gütige 

Philipp den Unfall seines Sohnes hören ! Möchte der fromme Mann von dem Höchsten 

gewürdiget werden, dass er uns Erquickung zu bringen, in menschlicher Gestalt vor uns 
erscheinen und Worte der Irdischen mit uns wechseln dürfte." 

Darauf erscheint der Gewünschte und die unerwartete Erscheinung 
ruft in Maria psychologisch ganz richtig das Gefühl des Schreckens 
hervor, das sich in den Worten äussert: „Heilige Mutter Gottes, 
welche Erscheinung."^ Die szenisch lang ausgearbeiteten Klage- 



156 GUSTAV TOBLER 

particn des Chores hat Bodmer beinahe vollständig unterdrückt. 
Das Auf- und Abtreten der Personen sucht er gar nicht unge- 
schickt, einigemale eigenartig, zu motivieren. Da ihm im Traixm- 
bilde der Atossa das Anschirren von zwei Frauen nicht zusagen 
mochte, ersetzte er die beiden Frauen durch Pferde. Es sind dies 
Änderungen, die Nachdenken und Verständnis verraten. 

Soweit der veränderte Gegenstand den Dichter nicht zwang, den 
griechischen Wortlaut durch etwas ganz Neues zu ersetzen, wie bei 
der Erzählung der Schlachten von Grandson und Murten, hielt er sich 
möglichst an die Form des Originals, manchmal nur zu gewissenhaft, 
im CJanzcn steif, prosaisch und schwunglos. 

^Abcr es darf dabei zu einiger Entschuldigung nicht vergessen werden, dass ent 
später die Übersetzungskunst lernte, sich einem Original anzuschmiegen. Ja es lässt sich 
sogar nicht leugnen, dass Bodmer die so eigentümlich geartete Aufgabe mit einem gewissen 
(leschicke gelöst hat. Jedenfalls aber ist „^^rl von Burgund** ein interessanter Versuch, 
das antike Drama zu erneuern zu einer Zeit, wo Shakespeares Name das Ansehen der 
alten Klassiker zu beschatten begann. Ein Versuch, der jetzt ohne Folge blieb, aber 
Jahrzehnte später wiederum angestellt wurde.**") 

Welche Wirkung übten nun diese politischen Schauspiele auf 
ihre Zeit aus? 

Hodmer that sich auf die in ihnen enthaltenen „Wahrheiten** 
nicht wenig zu gute, und wirklich müssen im Zeitalter der Zensur 
seine sozialen, religiösen, politischen und staatsrechtlichen Lehren 
als kühn und staatsgefährlich bezeichnet werden : die Lehre von 
der ursprünglichen (Gleichheit der Menschen, von der Volks- 
souveränetät, von der Unrechtmässigkeit der Unterthanenlande, 
von der Notwendigkeit einer Bundesreform, von der religiösen 
Toleranz. Aber das Feuerwerk, das er in seinem Studierzimmer 
fabrizierte, blieb durchaus ungefilhrlich : er wagte nicht, die Bomben 
zu werfen und platzen zu lassen. Als er den ^Arnold von Brescia" 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 157 

veröffentlichte, merzte er die kühnsten Stellen aus, und den „Brun**, 
den „Stüssi", den „Schöno" behielt er in der Heimlichkeit seines 
Pultes zurück, weil sie „gegen die Begriffe von leidendem Gehor- 
sam und von Respekt in gefährlicher Weise, sagt man, anstossen",^) 
weil er sie „für republikanischer und historischer hielt, als unsere 
Kadaver von Republiken vertragen können."^) Somit haben sie 
den von ihrem Verfasser erhofften Nutzen nicht getragen. Und 
trotzdem verdienen sie als Zeugnisse von Bodmers kräftiger Ge- 
sinnung und als Belege für die beginnende Kritik an dem Bestehenden 
die volle Beachtung des Historikers, der den vereinzelten Spuren 
der geistigen Vorläufer der Umwälzung des Jahres 1798 nachgeht. 

Was sollen wir nun schliesslich zu Bodmers Dramen im All- 
gemeinen sagen? 

Es war ein Grundirrtum des Dichters, wenn er sich für einen 
Dramatiker hielt: alle seine Dramen sind formlos im Aufbau, ledern 
im Dialog, roh und unfertig in der Charakteristik, armselig in der 
Motivierung, kümmerlich in der Erfindung, und die Gabe des 
Genies, untergegangene Zeiten und Menschen lebenswahr darzustellen, 
besitzt der Dichter vollends nicht. Zudem kann er das Beste nicht 
einmal als sein Eigentum beanspruchen : Aeschylos, Shakespeare und 
Rousseau sind seine geistigen Gläubiger. Bodmer ist eben litterarischer 
Kommunist, der alles, was ihm gefällt, sich ohne weiters aneignet 
und unter seiner Marke wieder in den Handel bringt. Weil er 
aber die Berufung zum Dramatiker nicht besass, so lässt sich bei 
ihm nicht die mindeste Entwicklung verspüren : in naiver Schaffens- 
freude dialogisiert er Bild für Bild und die historisch-dramatischen 
Bastarde des Jahres 1775 sind sogar noch schlechter als der 
„Friedrich von Toggenburg", mit dem er beinahe 20 Jahre vor- 



138 CJUSTAV TOBLER 

her debütiert hatte. Und doch bieten diese Dramen des Lehr- 
reichen genujif, weil trotz des dramatischen Unvermögens Bodmcrs 
scharfer Blick für alles wirklich Grosse und Schöne deutlich zu 
Tage tritt: er stand unter den Ersten, die die Bedeutung Shakes- 
peares erkannten, bevor die Wielandsche Übersetzung erschien, 
bevor Lessings kräftige Trompetenstösse ertönten ; als einer der 
Ersten verkündigte er die Schönheit der griechischen Dichtung; 
als unerschrockener Denker hatte er das tiefe Verhältnis des 
Menschen zu Kirche und Staat zum Gegenstände der Bühnen- 
behandlung erhoben ; als weitsichtiger und braver Patriot predigte 
er von seiner Theaterkanzel Wahrheiten, die der Lauf der Geschichte 
als solche anerkannte; er hat die vaterländische Geschichte der 
Bühne förmlich zugeführt. Denn jetzt kommen sie nun, unsere 
vaterländischen ])ramatiker, sie stehen alle auf Bodmers Schultern, 
und so hatte er, wie auch anderwärts, auf diesem Gebiete die 
(Jcnugthuung, Schule gemacht zu haben. Und wenn die Mitwelt 
ihn auch verspottete, und wenn wir heute die Schwächen des guten, 
alten, schreibseligen Herrn am Zürichberge belächeln, so aner- 
kennt man doch herzlich gerne das wirkliche Verdienst des Mannes, 
der bald mit einer hellleuchtenden Rakete, bald mit einem trüber 
schimmernden Lämpchen, zu dem er das Ol entliehen hatte, in die 
Wirrnisse seines Jahrhunderts hineinzündete und wenigstens stellen- 
weise den Weg, der in die neue Zeit hineinführte, beleuchtete. 



Anmerkungen. 



») Siehe Baechtolds Geschichte der deutschen Litteratur in der Schweiz, S. 636 ff. 

*) Siehe beispielsweise ^Bodmers persönliche Anekdoten", herausgegeben von Theodor 
Vetter im Zürcher Taschenbuch 1892, S. 113 f. 

') In Sulzers „Theorie der schönen Künste" 1/71 — 1774. Ich citiere' nach der neuen 
Auflage von 1787» Band 3, S. 592 ff. Bodmer gesteht in seinem „Arnold von Ikescia in 
Zürich", S. 47, dass er den Artikel geschrieben habe. 

*) Siehe „Bodmer als Geschichtschreiber" im Neujahrsblatt der Stadtbibliothek in 
Zürich auf das Jahr 1891. 

*) Zürcher Taschenbuch 1892, S. 114. 

•) J. C. Mörikofer: Die schweizerische Litteratur des achtzehnten Jahrhunderts, S. 220. 

■') Sulzer schrieb am 1. Juni 1761 an Bodmer: „Sie haben ein neues Geschlecht von 
Drama an den Tag gebracht. Ein Drama zum Lesen, das seinen grossen Nutzen haben 
kann." W. Körte, Briefe der Schweizer Bodmer, Sulzer, Gessner, S. 340. 

») Turicensia, S. 194 f. 

•) Herausgegeben von G. Meyer von Knonau im 17. Bande der Mitteilungen zur vater- 
ländischen Geschichte des historischen Vereins von St. Gallen. Es kommen die Kapitel 26 — 29 
in Betracht. Diese Quelle lag Bodmer in der Ausgabe von Goldast vor in den Rer. Alamann. 
Script. Pars I p. 85 (Ausg. von 1730). Siehe Helvetische Bibliothek, fünftes Stück, S. 3, 
(1/36). Tschudi I, 120 verlegt den Brudermord in das Jahr 1228. Über Rengerswil vgl. 
J. Nater, Geschichte von Aadorf und Umgebung, S. 88 und 95. (1898). 

*^ Zwei handschriftliche Kopien, die eine mit eigenhändigen Verbesserungen Bodmers, 
befinden sich in seinem Nachlass auf der Stadtbibliothek in Zürich. 

•*) Auch später liebte es Bodmer, Persönlichkeiten, die er aus seinen Studien über 
die mittelalterliche Litteratur kennen gelernt hatte, in seinen Dramen einzuführen, z. B. 
Hadloub, Rost von Sarnen. 

") Drey neue Trauerspiele. Zürich, 1761. Vgl. Baechtold S. 640 und Anm. S. 191. 
Die deutschen Zeitschriften, auf welche sich Baechtold beruft, standen mir leider nicht zu 
Gebote. 

*•) „Ich entwarf in dem October (1757) das Drama von Stüssi". Im März 1758 war 
schon ein anderes in Arbeit. Turicensia, S. 195. 



160 GUSTAV TOBLER 

^*) Ist nicht gedruckt worden. Mscr. auf der Stadtbibliothek in Zürich. Erster Teil 
8", 94 S. (mit Bodniers Bemerkung: relegi martio 1770); zweiter Teil 8*, 1/3 S. (Bemerkung 
Bodmers: recognovi martio 1770.) 

*^) Züricherische Instructionen in dem Streit mit Schweitz 1437 und Note! der Botben 
gemeiner Eydsgenossen 1439, im dritten Teil der historischen und critischen Bey tr&ge zu der 
Historie der Eidsgenossen. 1739. 

*•) Cber diesen Chronisten vgl. Job. Meyer in den Thurgauischen Beitrigen zur 
vaterländischen Geschichte 26, 124—36 (1886) und besonders P. Albert, Fritz Jacob von 
Andwil. ein verschollener Chronist? in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins 49, 
(N. F. 10), S. 671—674. Darnach ist die bei G. von VVyss, Geschichte der Historiographie 
in der Schweiz auf S. 119 stehende Bemerkung zu verbessern. 

*') Cber Jos. Murers Drama „Belagerung der Stadt Babylon", siehe Baechtold, S. 35i 

**) Felix Hcmmcrli. 

*•) Im zweiten seiner Critischen Briefe von 1746. 

'-«<^) \^gl. Tschudi II, 384. 

-') Rüstungen machen. 

'''^) Anspielung auf das sagenhafte Alter der Stadt. Siehe J. Amiet, die Gründlings- 
sage der Schwesterstädte Solothurn, Zürich und Trier. 1890. 

23) Siehe 1 Könige 14, 10: 16, 11; 11 Könige 8, 8; 1 Samuel 25, 22, 34. 

-*) Turicensia S. 195. Manuscript in 8", 57 S. auf der Stadtbibliothek in Zürich. 

-^) In „Historische und Critische Bey träge zu der Historie der Eidsgenossen. Zweyter 
Thcil, S. 69 ff. (1739.) 

'"'') Siehe das von H. Zeller- WerdmOUer veröffentlichte Verzeichnis im Zürcher Taschen- 
buch auf das Jahr M98, S. 112. 

-') Gcsslerisch. 

2^) Turicensia, S. 204. 

^^) Körte, Briefe, S. 340. Das Manuscript auf der Stadtbibliothek in Zürich in «•, 
134 S., mit Nachtrag von 12 Seiten, endigt mit dem Eintrag: Revidi Aprili 1768. 

•'*") 8", 38 S. Die Seiten 39-47 enthalten unter dem Titel „Erinnerungen*^ einige 
Erläuterungen Bodmers über das Verhältnis des Dramas zu den historischen Quellen und 
eine Art Kcchtfertigimg über die Wahl des Stoffes. 

'') Dies hat im Einzelnen Th. von Liebenau in einer sehr lehrreichen Studie nach- 
gewiesen: ^Arnold von Brescia und die Schweizer" in den Katholischen Schweizer-Blättern, 
N. F. I, 17—26. 90-104 (1S85). Vgl. ebenfalls Hausrath, Arnold von Brescia, S. 64—80; 
H. Zcller- Werdmüller, das ehemalige Augustinerchorherrenstift St. Martin auf dem Zürichberg 
(Zürcher Taschenbuch 1892, S. 59 — 60); K. Dändliker, l'niversalhistorische Anknüpfungen 



BODMERS POLITISCHE SCHAUSPIELE 161 

der Zürcher Geschichte vom 8. bis 13. Jahrhundert. (Festgaben für Büdinger. 1898. Sep. 
Ausgabe S. 5 — 6.) 

**) Doch ist es nicht unwahrscheinlich, dass Arnold an dem Wiederausbruch des 
Gi'enzstreites zwischen Schwyz und Einsiedeln im Jahre 1143 einigen Anteil hatte. Die 
Gründe, die Odilo Ringholz dafür anführt, sind bestechend. Vgl. dessen Abhandlung „Ge- 
schichte des furstl. Benediktinerstiftes U. L. Fr. zu Einsiedeln unter Abt Johannes I. von 
Schwanden" im Geschichtsfreund 43, S. 211 f. (Sep. Ausgabe S. 83 f.) 

»•) Freymüthige Nachrichten von Zürich. 1757. S. 132 ff. 

**) Die Fasti Corbeienses. Vgl. hierüber Th. von Liebenau a. a. O. S. 93 ff. 

•*) Körte, Briefe, S. 410. Bodmer widmete seinen „Arnold'* dem Pfarrer J. S. Meister 
in Küssnach. Er erlaubte sich in der Zueignung eine deutliche missbilligende Anspielung 
auf Lavater. Meister antwortete mit einem „Schreiben an den Verfasser des religiösen 
Schauspiels Arnolden von Brescia in Zürich." Zürich 1776. (Datum: 14. Weinmonat 1775.) 
Stadtbibl, Zürich Gal. III, 374. Baechtold, S. 646, Anm. S. 194. 

*•) Manuscript Bodmers auf der Stadtbibliothek in Zürich in 8®, 65 S. Dabei eine 
dreissigseitige Kopie in 4® mit Verbesserungen von Bodmers Hand. 

'^) K. Ritter hat in seiner Schrift „die Politik Zürichs in der zweiten Hälfte des 14. 
Jahrhunderts", S. 88, dieselben verzeichnet. 

w) Sechstes Stück, S. 12 ff. (1741). 

••) G. Meyer von Knonau, Aus mittleren und neuern Jahrhunderten, S. 171. 

*•) Turicensia, S. 204. 

*^) Die neuesten Ausgaben besorgten Hans Bodmer im dritten Bande von Baechtolds 
Schweizerischen Schauspielen des 16. Jahrhunderts, S. 1 — 48 und Baechtold S. 49—136. 
Über die Entstehungszeit des Urnerspiels vgl. die Rezension in der Schweizerischen Biblio- 
graphie 1893, No. 5. 

«) Bei Rochholz, Teil und Gessler, S. 187. 

*•) Über die historische Kritik seit 1607 und namentlich die intimen Vorgänge, die 
die Herausgabe von Freudenbergers Schrift über Wilhelm Teil (1760) begleiteten, vergl. die 
»ehr interessanten* Ausführungen von Dr. Theodor von Liebenau : Alte Briefe über Wilhelm 
Teil, in den Katholischen Schweizerblättem 1887. Über die Teilbearbeitungen vor Schiller 
schrieb zuletzt Otto von Greyerz in dem Zofinger Centralblatt Bd. 25, (1885), No. 7—9, 
wo die weitere Litteratur sich verzeichnet findet. Vgl. auch A. Gisler, die Teilfrage, S. 2 ff. 

**) J. Zehnder-Stadlin, Pestalozzi 1, 342 und Intelligenzblatt der Stadt Bern 1897, 
No. 58 f. 

*•) Haller, Bibliothek der Schweizergeschichte V, No. 78. 

*•) Mscr. in 4^ 70 S. Stadtbibliothek in Zürich, nebst einer Kopie in 8®, 103 S., mit 
eigenhändigen Verbesserungen Bodmers. 

21 



162 GUSTAV TOBLER 

^^ Zehnder-Stadlin, S. 397- Das wird wohl heissen : Rousseatis Urteil unterstellt Mien. 

*^) In den Dramen der 50er Jahre brauchte Bodmer immer die Form Grisler. Über 
die mutmassliche Entstehung dieses Namens siehe A. Gisler, Die Teilfrage, S. 114. 

^') Sonst war sie im 18. Jahrhundert die Margaritha Herlobiginn, nach Kaspar Lang, 
Historisch-theolog. Grundriss I, 808. Ebenso bei Johannes Müller. Über die wirkliche 
Margrethe H erlobig imd ihre Verbindung mit der Familie der Stauff acher siehe M. Styger, 
die Stauffacher im Lande Schwyz, in den Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons 
Schwyz X, S. 129—131. 

^) Bodmers Beispiel folgten J. J. Zimmermann in dem Drama ,, Wilhelm Teil*' (1777) 
und Schiller. 

»1) In Fei. Balthasars Defense de G. Teil, 1760, S. 9 steht doch die vielberufene SteUe, 
in der die beiden Kinder Teils Guilielmus und Gualterus heissen. 

^*) Dies Motiv entnahm Bodmer aus dem Buche der Richter 4, 22 (JaSl und Slssera). 

^>) Vorbildlich war hier die Erzählung Tschudis (I, 242) vom Tode König Albrechti. 

'^*) Bodmer Hess sich offenbar von Teils Wort leiten: Wäre ich witzig u. s. w. 

^^) Steht an Stelle des durchgestrichenen „dritten". 

**) In der Einleitung zu den Schweizerischen Schauspielen. 

^^) Turicensia, S. 202. 

*») Schweizer-Journal. Sechstes Stück, S. 33—83. Brachmonat bis Christmonat 177!. 
Bern, bei Walthard. Dass nicht Leonhard Meister, wie Breitinger in der Allg. Deutschen 
Biographie Bd. 21, 263 mitteilt, der Herausgeber des Journals ist, sondern Walther in Bern, 
geht aus meiner Biographie Walthers am gleichen Orte Bd. 41. 118 hervor. 

*») Schweizer-Journal. Sechstes Stück, S. 28—32. 

®") Karl von Burgund ist, mit einer trefflichen Einleitung versehen, von Bernhard 
SeutTert im Jahr 1883 neu herausgegeben worden in den Deutschen Litteraturdenkmalen 
des 18. Jahrhunderts, Heft 9. 

^*) Byron in Harolds Pilgerfahrt, Gesang 3, Str. 64 und Hans Delbrück, Die Perier- 
kriege und die Burgunderkriege. 1887. 

«2) Worte Seufferts a. a. O. 

«») Zürcher Taschenbuch 1892, S. 114. 

*■■*) Mörikofer, Die schweizerische Litteratur, S. 223. 



J. J. BODMER 



UND DIE 



RANZÖSISCHE LITTERATUR 

EIN LITTERATURBILD 

DER KULTURMACHT FRANKREICHS 

IM XVIII. JAHRHUNDERT 



VON 



LOUIS P. BETZ. 



C^est un Suisse, un vrai Suisse, mais un Suissc anglais et 
fran9ai8 en mdme temps; c^est-ä-dire qui s^est form6 Tesprit 
dans le commerce des deux nations. 

(Abb6 Desfontaines über Beat von Muralt.) 

Wie lange sollen wir noch auf den deutschen Boileau 

warten, der die Deutschen von diesem üblen Geschmack heile ? 

(Der Mahler der Sitten 66. Blatt.) 




it den litterarischen „Gemählden" verhält es sich wie mit 
den wirklichen, ohne Rahmen sind sie nicht gattlich. Ich 
H hielt mich um so mehr berechtigt, auch mein Bild mit einem 
bescheidenen litterarischen Rahmen schmücken zu dürfen, als die mir 
zugefallene Aufgabe einförmig und von wenig bestrickender Art ist. 
Die hier gesammelte Serie von Einzeldarstellungen soll uns ein Ge- 
samtbild J. J. Bodmers geben, ein Bild mit Licht und Schatten. 
Ich werde sehr viel Schattenumrisse zu skizzieren haben. — In das 
erhebende Konzert dieser Gedenkblätter, geweiht von dem auf 
seine litterarische Vergangenheit mit Recht stolzen Zürich, muss 
ich manchen schrillen Misston hineinklingen lassen. Zu alledem 
kommt noch, dass ich an einer althergebrachten Tradition rütteln 
werde, die in Bodmer alles andere als einen Schüler und Nachahmer 
der französischen Litteratur erblickt. Auch ich sah in ihm stets 



166 LOUIS P. BETZ 

nur den Widersacher des französisierenden Gottsched, den Bewun- 
derer und Übersetzer Miltons, den geistigen Vater des „Messias^, 
den Entdecker der altdeutschen Dichtkunst, d. h. den Bekämpfet 
des französischen Einflusses in Deutschland. Erst als ich Bodmers 
Werke zur Hand nahm, — dann aber sofort — ward ich gewahr, 
dass ich mich geirrt, dass Bodmers Verhältnis zur französischen 
Litteratur durchaus nicht blos ein negatives gewesen. Ich fand in 
dem Zürcher Geschichtsprofessor ein echtes Kind seiner Zeit, der- 
selben Zeit, die einen Gottsched hervorgebracht, jener Zeit, da 
Nord und Süd, Ost und West Europas im Zeichen des französischen 
Klassicismus stand, da Frankreich souverän über die Weltlitteratur 
herrschte und fast allen Geisteswerken seinen Stempel aufdrückte. 
Als Litteraturmensch, der ausgefahrene Geleise scheut, ging ich 
nun, nachdem ich einen andern Bodmer gefunden, mit Lust und 
Liebe an die Arbeit. 

Dieser andere, mir wenigstens neue Bodmer soll und kann 
nicht die Verdienste des alten Bodmer schmälern. Diese sind ja 
so gross, dass sie ganz gut einige „aber" und „leider" ertragen. 

Damit Bodmers enge Beziehungen zur französischen Geisteskultur 
nicht zu grell beleuchtet werden, sei uns gestattet, zuvor von der 
unbeschränkten litterarischen und kulturellen Macht und Herrschaft 
Frankreichs in allen deutschen Landen jenes Zeitalters kurz zu reden, 
von den Htter arischen Überlieferungen, von dem geistigen „ Milieu '^ 
— um mich dieses Modewortes zu bedienen, das Bodmer sicherlich 
gar zu gerne gekannt hätte. — In der deutschen Dichtkunst war 
der französische Geschmack schon seit Opitz massgebend. Die 
„deutsche Poetcrci" des Begründers der ersten schlesischen Schule 
beruhte in der Hauptsache auf der Poetik Scaligers und Ronsards. 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 167 

Mit Hülfe der Regeln Boileaus bekämpfte später Canitz die zweite 
schlesische Schule. Nach französischen Mustern, mit den Ideen 
der Franzosen, „welche in der Poesie die sinnreichste Nation sind", 
schrieb Morhof seinen „Unterricht von der teutschen Sprache imd 
Poesie**. — Französischer „Goüt und bei esprit" hatte den ephemeren 
Einfluss der italienischen Dichtkunst rasch verdrängt. Boileaus 
Werke sind schon vor Bodmers Auftreten „in jedermanns Händen". 
Auch Wemigke, Morhofs Schüler, ist ein Anhänger der Poetik 
Racines und Boileaus; ebenso Joh. Burkhard Menke, der Leipziger 
Gönner Gottscheds. In einer 1725 erschienenen „Anleitung zur 
Poesie**, die „als Ausdruck einer litterarischen Strömung aufgefasst 
werden darf", ist Mr. Boileau als Brecher der Tyrannei des ver- 
derbten Geschmackes hingestellt, als zweiter Petrarca, der der 
gothischen Barbarei ein Ende macht. Seit Beginn des XVIII. 
Jahrhimderts war ganz Deutschland mit französischen Büchern und 
mit elenden Übersetzungen aus dem Französischen überschwemmt. 
Die letzteren bildeten neben den einheimischen Machwerken von 
minderer Güte die geistige Nahrung der untern Schichten. Die 
Gebildeten lasen nur französisch. Beat von Muralt vergleicht diese 
sich über ganz Europa ergiessende Flut der französischen Bücher 
„ä ces arm^es formidables qui ravagferent autrefois l'Europe, et qui, 
aprhs en avoir d^truits les plus beaux ornements, la remplirent 
d'ouvrages gothiques. Les romans principalement fönt du ravage, 
et par lä les Fran9ais ressemblent k des conqu^rants qui ne se 
contentent pas d'emporter les richesses qu'ils peuvent ravir eux- 
mdmes, mais qui envoient leurs troupes mettre le feu dans les pays 
dloign^s, et se rendent tout tributaire" (IV lettre sur les Anglois 
et les Fran9ois. 1728). — Wie es dagegen mit der deutschen 



168 LOUIS P. BETZ 

Litteratur stand, das sagt uns ein Zeitgenosse Bodmers, der Marquis 
d'Argens, Autor der M^moires secrets de la r^publique des lettres, 
der langjährige Freund Friedrich II. Er behauptete — und Bodmer 
sprach es ihm nach — „dass nicht einer von den deutschen Poeten 
ins Französische, oder ins Italienische, oder ins Englische, oder 
ins Spanische noch sonst in eine Sprache übersetzt sey. Dahin- 
gegen Milton, Boileau, Pope, Racine, Tasso, Molifere in die meisten 
Europäischen Sprachen übersetzt worden wären." 

An allen Höfen des hofreichen Deutschland wird die franzö- 
sische klassische Tragödie gepflegt; der junge Kronprinz Friedrich 11. 
spielte selbst in Racine'schen Theaterstücken mit. Molifere wird seit dem 
Ende des XVII. Jahrhundert ausgeplündert und verballhornt. Mit 
den Übersetzungen und plumpen Nachahmungen der Moliöreschen 
Lustspiele jagt man den Hans Wurst von der deutschen Bühne. Der 
grosse Mime wird auch in Deutschland der Vater der Sitten- 
komödie. Kein geringerer als Devrient sieht in ihm auch den 
Vater der deutschen Schauspielkunst. 

Boileaus Poetik hatte in Deutschland, wie in England und 
Italien, kanonische Geltung und sie behielt sie, bis Lessing kam. 
Der Anakreontiker Hagedorn, der Lessings erster und geliebtester 
Lehrer gewesen, war noch ganz im Banne der Boileauschen Regeln. 
Viel schuldete Hagedorn als Satyriker, als Fabel- und Lieder- 
dichter Frankreich, er, der am 19. Mai 1753 an Bodmer schrieb, er 
habe mehr französische Dichter gelesen als deutsche und hinzu 
fügte: „ich hatte Recht". Ein gelehriger Schüler Boileaus war 
auch Neukirch, der allerdings gelegentlich auf Seiten der französi- 
schen Gegner derselben, der „Modernes" stand, z. B. wenn er 
behauptet, es sei Fenelon, der Autor des Tclemaque, „in vielen 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 169 

Stücken* höher zu stellen als Homer, Die meisten aber hielten 
es mit Boileau, der ihnen im Kampfe gegen die „Modernes** als 
ein „Brutus des Geschmacks" erscheint. — Die ersten Märchen, 
die die Deutschen in ihrer Muttersprache zu lesen bekamen, waren 
Uebersetzimgen aus dem Französischen und französischen Ursprungs 
sind die seit den sechsziger Jahren in Deutschland eingeführten 
Musenalmanache. Als Thomasius mit seinen „Monatsgesprächen" 
eine neue, von theologischer Pedanterie und scholastischem Phrasen- 
kram befreite, deutsche populärwissenschaftliche Journalistik ins 
Leben rief, dienten ihm die „Nouvelles de la R^publique des Lettres" 
Pierre Bayles als Vorbild. Und keiner schätzte den „Dictionnaire 
historique et critique" desselben Bayle höher als der Preussenkönig 
Friedrich der Grosse. In Bayles Schriften wurzelt die heute so 
märchenhaft klingende Toleranz dieses HohenzoUemfürsten — von 
ihnen geht die Berliner Aufklärung von anno dazumal aus. Es gab 
eine Zeit, da der krasse und flache Materialismus eines Helvetius, 
der seichte Atheismus der Pariser Hof- und Salonphilosophen in 
der Preussenstadt tonangebend war. 

In der deutschen Kunst begegnen wir demselben Nach- 
ahmungstriebe. Der französische Abb^ Dubos ist es, der den deut- 
schen Aesthetikem die erste Kunstlehre liefert. Dann wurden 
Batteux' Schriften ausgenützt, deren Macht erst Herder zu brechen 
vermochte. 

Wie es mitten im XVIII. Jahrhundert um die Unabhängigkeit 
der deutschen Dichter bestellt war, geht aus den Berichten des 
in Braunschweig niedergelassenen Hugenotten Mauvillon hervor, die 
Bodmer sehr gut kannte und gelegentlich schadenfroh citirte. Wer 
dieser französischen Quelle nicht traut, der lese, was ein Deutscher, 

22 



170 LOUIS P- BETZ 

mit Namen Leibniz, schon ein Menschenalter vorher in seine 
„Unvorgrcifliche Gedanken" schrieb: 

^Nach dem münsterschcn und pyrenäischen Frieden (1659) hat sowohl die fnuuteiache 
Macht als Sprache bei uns überhand genommen. Man hat Frankreich gewinennauen mm 
Muster aller Zierlichkeit aufgeworfen; und unsere jungen Leute, auch wohl junge Herren 
selbst, so ihre Heimat nicht gekannt und desshalb bei den Franzosen Alles bewundert, 
haben ihr Vaterland nicht nur bei den Fremden in Verachtung gesetzt, sondern eeÜMt auch 
verachten helfen und einen Ekel der deutschen Sprache und Sitten aus Ohnerfahrenhelt 
angenommen, der an ihnen auch bei zunehmenden Jahren behenken geblieben.* 

Hiermit hätten wir schon die soziale und kultiirelle Scdte der 
französischen Einwirkungen berührt, die womöglich noch tiefer 
sassen und zersetzender wirkten als die litterarischen. Geschmack, 
Kleidung, Sitten und Unsitten, das Leben im Hause und aus- 
wärtige Vergnügungen, Tanz, Musik und Theater — alles musste 
bei den Reichen und Vornehmen französisch sein — ja sogar die 
Krankliciten, wie eine Schrift aus jener Zeit zu berichten weiss: 
„der stolze, falsche und lüderliche Franzosengeist hat uns durch 
schmeichelnde Reden gleichsam eingeschläfert. Die meisten deutsöheh 
Höfe sind französisch eingerichtet und wer an denselben versorgt 
sein will, muss französisch können ..." Schon unter der Regierung 
des Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz, der nur französisch 
schrieb, wurde im stolzen Schloss Alt-Heidelbergs weidlich der Franz- 
mann nachgeäfft. Und nicht minder französisiert waren später die 
hessischen, anhaltschen und andere deutsche Fürstenhäjuser. Die 
in den Privatbibliotheken der Residenzschlösser aufgespeicherten 
Massen französischer Bücher, besonders solcher erotischen Inhalts, 
von Crebillon fils bis Restif de la Bretonne, erklären gar manches. 
Nach französischem Muster war der Hof des ersten Preussen- 
königs zurecht gestutzt. Auch dessen Nachfolger, der urdeutsche 




No. 32. Salomun Gessner. 
Nach einem 1765 g^emalten Oelporträt von Anton Graff, im Besitze des Kunstvercins Winterthur. 



172 LOUIS P. BETZ "* 

Soldatenfürst, der nichts von „Blitz- und Schelmenfranzosen ^ 
wissen wollte, brachte es nicht zu stände, der Französelei in der 
vornehmen Welt Einhalt zu gebieten. „Tout le pays sera ruin^,** 
lautete der Schlusssatz einer Bittschrift, die der deutsche Adel 
diesem Könige zu überreichen wagte. Und nun gar Friedrich ü.! 
Seine Vorliebe ftir die französische Sprache und Litteratur — seine 
CJcringschätzung für die deutsche ist ja allbekannt Unter ihm 
sprach und schrieb nicht nur der Hof, sondern auch die Ber- 
liner Akademie, die ganze hoffähige Gelehrtenwelt französisch. — 
Nicht nur in der preussischen Hauptstadt, sondern auch in allen 
Residenzen Deutschlands wimmelte es damals von französischen 
Künstlern, Litteraten, Philosophen, Banquiers und Glücksrittern 
jeder Sorte. Zahlreiche Deutsche pilgerten seit dem XVII. Jahr- 
hundert nach dem Mekka des guten Geschmacks und der feinen 
Sitten. Reisten deutsche Litteraturfreunde nach dem Paris des 
Louis XIV., so galt ihr erster Besuch der Scud^ri, „sie war ein 
Weltwunder, das man gesehen haben musste." 

In der Schweiz gab es allerdings keine tonangebenden Fürsten; 
hier aber sorgte das Patriziat für den Import und die Pflege franzö- 
sischer Sitte und Bildung. Die Gallomanie in der Schweiz war bis ins 
XVIII. Jahrhundert hinein um nichts geringer als im Mutterlande. 
Auch später wurde es nicht viel besser, wie die bitter ironischen 
^Schwcizerlieder'* Lavaters bezeugen. Sogar unser Bodmer begrflsste 
noch in seiner „Geschichte der Stadt Zürich" „den belebenden 
Einfluss des goldenen Zeitalters von Ludwig XIV. ** auf die gebil- 
deten Schweizerstände : 

„Die häufigen Reisen der jungen Herrchen in Frankreich brachten zwar Moden und 
Leichtsinn, doch auch Artigkeit, Bekanntschaft mit den klassischen Schriftstellern der 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 173 

Franzosen und Geschmack in unsere Stadt. Die Liebe zum Lesen ward nicht mehr das 
Geschäfte derer allein, die von Gelehrsamkeit leben, sondern Personen in allen Ständen 
macheten sich damit eine angenehme und lehrreiche Belehrung. ** 

Allerdings machte sich in den zwanziger Jahren eine starke 
Reaktion gegen die Franzosenschwärmerei in der deutschen Schweiz 
geltend, die besonders in den „lettres" des Beat von Muralt 
zum Ausdruck kam. Dem glänzenden, aber hohlen „esprit*", dem 
„savoir vivre** der Franzosen, stellt er Englands „bon sens", weit- 
herzige Regierung etc. gegenüber. Sehr bezeichnend sind folgende 
Worte, die ich in der Vorrede der deutschen Übersetzung (1761) 
jener „lettres** Muralts finde: 

,iMögten sie doch (nämlich Muralts , liebenswürdige Wahrheiten*^ über die FVanzosen) 
bei vielen unsem Landsleuten einen Eindruck machen, damit sie endlich einsähen, wie klein, 
wie eitel, und wie verächtlich sie in den Augen vernünftiger Männer durch eine übel- 
eingerichtete Nachahmung der französischen Thorheiten werden" .... 

Wie durchdringend und weittragend die Stimme Frankreichs 
bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts in allen europäischen 
Litteraturen erklang, dies verdeutlicht uns am besten die ver- 
mittelnde Rolle der französischen Litteratur, ihr indirekter 
Einfluss, unter dem vor allem auch Bodmer gestanden. Das 
Vermittlimgswerk Frankreichs, das bis zur grossen Revolution die 
erste Münzstätte weltbewegender Gedanken gewesen, ist ein zwei- 
faches: entweder es leitet das geistige Gut anderer durch das 
Medium der französischen Prosa oder Poesie in die Weltlitteratur, 
oder es überträgt Frankreich seinen Einfluss auf eine Nachbar- 
litteratur, die dann ihrerseits die europäische Vermittlung der fran- 
zösischen Ideen und Theorien übernimmt. 

Zimächst sei die letztgenannte Art des indirekten Einflusses 
durch ein unserem Thema sehr naheliegendes Beispiel erläutert. 



174 LOUIS P. BETZ 

Bekanntlich gab es in England nicht nur in der Dichtung eine 
französische Schule sondern auch eine Zeit, da das ganze gesell- 
schaftliche Leben und Treiben nach französischem Muster gemodelt 
war. Auch in England herrschte Boileau durch Dryden und Pope. 
Schon seit William Davenant, dem ersten Schüler Comeilles, war der 
dramatische Stil der Franzosen massgebend für die englische Bühne. 
Der gefeierte Wicherley ist ein roher und geschmackloser Plagiator 
Molitjrcs. Dryden geht in der Nachahmung der klassischen Tragödie 
Frankreichs soweit, dass er den Blankvers fallen lässt und den 
Reim einführt. Die litterarische Diktatur des französischen 
Klassicismus herrschte noch im XVIII. Jahrhundert in England 
weiter. Samuel Johnson war ein erklärter Anhänger der klassischen 
Harmonie des „grand siJjcle**. Keiner schätzte die französische 
Dramaturgie höher als Addison, der nicht nur als Dichter 
sondern auch als Kritiker und Verfasser des „Spectator" stark unter 
französischem Einfluss stand. Seine Lehrmeister waren Dryden 
und Pope, Boileau und Bouhours. Und Addison schrieb die Worte: 
pich würde es bcgrüssen, dass wir die Franzosen nachahmten, in- 
drm wir von unserer Bühne den allzugrossen spektakelhaften Lärm 
verbannten.'* Der „Spectator** Addisons aber wurde das Evan- 
gelium Bodmers — mit Addisons Kritik soll Bodmer Front gegen 
das französisicrende deutsche Schrifttum gemacht haben ! 

Auch die Beispiele, in denen Frankreich die vermittelnde Rolle 
übernimmt, werden uns zu Addison und zu Bodmer führen. Die 
jüngere Edda gelangte zuerst durch eine Übersetzung aus dem Fran- 
zösischen nach Deutschland. Fast ausschliesslich durch die fran- 
zösische Aufklärungslitteratur, durch die Propaganda der Encyklo- 
pädisten drang die wichtige und einflussreiche englische Philosophie 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 175 

nach Deutschland. Lockes „on human understanding" las man 
dort entweder in der französischen Übersetzung oder in einer aus 
dieser übertragenen deutschen. „Nur von Frankreich aus und nur 
durch das Mittel seiner Sprache konnten jene Ideen, mochten sie 
auch noch so starken Teils englischen Ursprungs und Gepräges 
sein, ihren Rundgang über das alte Europa machen . . . ." Durch 
den französischen Abb^ Dubos wurden neue ästhetische Anschau- 
ungen nach Deutschland verpflanzt, die englischer Herkunft waren. 
Durch den Marquis Bouflers, der die vornehme Welt in den Wiener 
Salons mit seiner Uebersetzung der „Grazien" zu begeistern wusste, 
erfuhren die Wiener zuerst von dem deutschen Dichter Wieland 
etc. etc. Aus dem Modelande musste endlich auch der Spectator 
nach Deutschland kommen, das von dem seit 1/10 erscheinenden 
englischen Original nichts wusste. Wer las denn damals Englisch 
in Deutschland! Pie erste französische Ausgabe des Spectator 
erschien 1714 in Amsterdam bei David Mortier.^) Der Titel des 
I. Bandes lautete: „Le Spectateur, ou le socrate moderne, oü Ton 
voit un Portrait naif des moeurs de ce siJjcle. Traduit de TAng- 
lois". Es waren im Ganzen 6 Bände mit 417 Stücken — die 
fehlenden 218 Stücke des Originals wurden erst in zwei später er- 
schienenen Bänden aufgenommen; es befand sich darunter Addisons 
Essay über Milton (VII. Bd. III. XXVI). Diese französische Aus- 
gabe war es, die in tausenden von Exemplaren den englischen Spec- 
tator auf dem ganzen Continente vermittelte. Der Erfolg dieses 
verstümmelten französischen Spectators war ein durchschlagender. 
Auf die französische Ausgabe gehen die zahlreichen Übersetzungen 
in andere europäische Sprachen zurück. Und der französische 
Spectateur war es auch, den der junge Handlungsbeflissene Bodmer 



176 LOUIS P. BETZ 

entdeckte, als er sich behufs weiterer kaufmännischer Ausbildung 
in Genf und Lyon herumtrieb. 

Nachdem wir nun den Rahmen geformt und hiermit bereits 
zum Bilde gelangt, wird es unsere erste Aufgabe sein, den fran- 
zösischen Einfluss auf den Bildungsgang des jugend- 
lichen Bodmer zu skizzieren. 

Schon in seinen Jünglings jähren hatte sich Bodmer, wie damals 
alle Welt, in die französischen Abenteuerromane vertieft. Beson- 
deren Gefallen fand er an dem Weltromane Amadis, an La Cal- 
prenede's zwölfbändiger Cleopatra-Geschichte. Auch die deutschen 
Nachahmungen dieser französischen Moderomane wurden gierig 
verschlungen. Sie unterhielten „mächtig seinen romantischen Drangt, 
wie er später selbst gesteht. „Ich segnete den Tag und die Stunde 
- erzählt er in den „persönlichen Anekdoten" — in der ich in 
einem staubigen Winkel unter den verworfenen Skarteken meines 
Vaters den Teil der Geschichte des Amadis aus Frankreich ent- 
deckte, welcher von Dom Fulgaron etc. . . . handelte. Ich schloss 
ihn zu meinen geheimsten Papieren mit der Ängstlichkeit ein, mit 
welcher ein Harpax sein Geld bewahrt.** Man kann sich leicht 
denken, dass diese Lektüre nicht sonderlich geeignet war, den jungen 
Studiosus der seiner harrenden Theologie in die Arme zu fllhren! 
Als Schüler des Collcgium Humanitatis scheint er sich wenig mit 
der Sprache und mit der Litteratur Frankreichs beschäftigt zu haben. 
Dergleichen frivole Dinge duldete das Gymnasium' damals noch nicht. 
Als Bodmer geläufiger französisch lesen gelernt, wurde F^nelon's 
Avcntures de Tel^maque eines seiner Lieblingsbücher. Auch Mon- 
taigne, ^dcr seine Neigung gewann", lernte er frühzeitig schätzen. 
„In der französischen Übersetzung des Englischen Spektator und 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 177 

in Montaigne^s Essais sandte ich meine ersten Blicke in das mensch- 
liche Herz", (Pers. An.) Ebenso „würkte St. Evremond stark auf 
meinen Geschmack". Zu den Büchern, die den zum Prediger be- 
stimmten Scholaren ganz besonders der Gotteswissenschaft entfrem- 
deten, an denen er mehr Geschmack fand als an den ^scholastischen 
Thematibus, die nicht zu meinem Geiste stimmten", gehörten, 
neben Lockes „Christianisme raisonnable" und Le Clercs „Arte 
critica", Pierre Bayles „Dictionnaire historique et critique". Wie 
es scheint, gab es von diesem weit verbreiteten und das grösste 
Aufsehen erregenden Werke, das um dieselbe Zeit in den Caf^s 
Genfs aufgelegt war, in Zürich bloss ein Exemplar. 

Dem litterarischen Frankreich wurde der junge Bodmer auch 
durch Gotthard Heidegger zugeführt, den man den ersten zürcher- 
ischen Journalisten modernen Stils genannt hat. Heideggers Zeit- 
schrift „Mercurius" brachte, „mit einer wohlgewürzten Brühe", 
politische und litterarische Neuigkeiten aus Frankreich, die reichlich 
mit französischen Citaten und französisch-deutschem Sprachmisch- 
masch versehen waren. 

Als aus der Theologie nichts wurde, sandte man Bodmer, der 
nun Kaufmann werden sollte, auf Reisen. Allein auch der Handels- 
stand sagte ihm nicht zu. Ihm hatte es die Litteratur angethan, 
„Lust und Liebe zur Bücherei". „Anstatt merkantilischer Studien", 
schreibt er später, „brachte ich aus Frankreich Addisons Spectator 
imd Comeillens Theater; aus der Lombardei Tassos Gierusalemme 
nach Haus" .... 

Manch „zierliches" französisches Briefchen schrieb er aus der 
Fremde an seine Zürcher Freunde. Besonders eifrig korrespon- 
dierte er (in französischer Sprache) mit seinem Freunde und Schul- 

23 



178 



LOUIS P. BETZ 



genossen Heinrich Meister (Le Maitre), Es ist dies der spätere Pfarrer 
in Küsnacht und der Vater des Heinrich Jakob Meister, der mit 
Diderot, Grimm und Mme. de Stael befreundete langjährige Mitarbeiter 
und Herausgeber der berühmten „Correspondance litt^raire**. Mit 
jenem Heinrich Meister plante Bodmer gleich nach seiner Rückkehr 
mehrere journalistische Unternehmungen. U. a. sollte eine Zeit- 
schrift gegründet werden, „um 
das Urteil der Franzosen über 
die deutsche Poesie zu berich- 
tigen.** Bodmer mag wohl bei 
Zeiten eingesehen haben, dass 
sich mit der deutschen Litteratur 
jener Tage wenig Staat machen 
Hess. Immerhin ist es im In- 
teresse der Aufklänmg der fran- 
zösischen Kritik, die von der 
zeitgenössischen deutschen Dich- 
tung so viel wie gar nichts wusste, 
oder ganz schlecht, nach Bouhours 
Manier, unterrichtet war, zu be- 
dauern, dass diese nützliche 2^- 
tung, in der er übrigens auch 
„den Gout der Deutschen ver- 
bessern" wollte, nicht zustande kam. 

,Ich wollte daneben auch, — schreibt er am 27. Dez. 1720 an Meister — dats <Ue 
Franzosen von den Deutschen vortheilhafter urtheilen und nicht länger Ursache hatten, 
ihnen den bei esprit abzusprechen, sonderbar den Schweitzern nicht. In diesem Absehen 
habe ich dahin geschlossen, dass wir beyde, wenn wir müssige Zeit kriegen, eine IMsser- 
tation von den besten deutschen Poeten in französischer Sprache aufsetzen könnten, und 




No. 33. Salomon Gessner. 

Nach einer von Oclenhainz herrQhrcnden Cupie des 

17H1 von Anton GrafT g'cmalten OclbildeN. Im Besitz 

des Herrn Prof. Otto Iliinziker, ZQrich. 



J. J. BODMER UND DIR FRANZÖSISCHE LITTERATUR 179 

die Exempely die wir aus dem deutschen nähmen, ebenfalls in französische Verse über- 
setzten. Die Franzosen nehmen sich selten die Mühe, deutsch zu lernen. Unsre Arbeit 
aber könnte ihnen die Lust erwecken, die Originale selbst zu sehen.** 

Auch aus den „Nouvelles littdraires", die Bodmer 1719 mit 
Breitinger herausgeben wollte, — obgleich dieser „kein Sentiment 
von dem Fort de la Poesi" hatte (Brief an Meister) — wurde nichts. 
Aber es lehren ims doch diese Pläne erstens einmal, dass die franko- 
germanische Geistesvermittlung das erste litterarische Ideal Bodmers 
war imd zweitens, dass seine schöngeistigen Bestrebungen von An- 
fang an aufs engste mit der Litteratur Frankreichs zusammenhiengen. 
Die spärlichen Kenntnisse, die Bodmer damals von der englischen 
Litteratur besass — von Milton oder gar von Shakespeare hatte 
er noch keine Ahnung, da die betreffenden Abschnitte in den 
ersten 6 Bänden des „Spectateur" fehlten — verdankt er der ver- 
stümmelten französischen Ausgabe der Zeitschrift Addisons. Eng- 
lisch begann er erst seit 1/20 zu lernen und in den Besitz eines 
Originfd-Spectators gelangte er erst, als die Discourse längst zu 
erscheinen aufgehört. Am 3. Mai 1/21 kam das erste Stück der 
Discourse der Mahlem in den Buchhandel, und damit tritt Bodmer 
in die deutsche Litteraturgeschichte ein. 

Bevor wir nun bei dem Mitherausgeber dieses zürcherischen 
Spectators, bei Bodmer, dem Litterarhistoriker, Ästhetiker und Dichter, 
nach Frankreichs unmittelbarem und vermittelndem Einfluss forschen 
imd dann versuchen, Bodmer als Kenner der französischen Littera- 
tur imd deren Vermittler in Deutschland zu würdigen, möchten 
wir ims ein wenig bei seiner deutschen Sprache aufhalten, die 
uns gleich die sicherste Kunde geben wird, wes Geistes Kind der 
Autor der Discoiu-se in erster Linie ist. Auch hier bedarf es 



180 LOUIS P. BETZ 

einiger einleitenden Worte nebst Belegen über die deutsche Schrift- 
sprache zu Beginn des XVm. Jahrhunderts. Wer es nicht übers 
Herz bringt, dies trostlose Bild deutscher Sprachbarbarei zu schauen, 
der überschlage diese Seite, oder lese, zur Beruhigung seines patrio- 
tischen Gemütes, zuvor eine Seite italianisiertes Französisch aus dem 
XVI. Jahrhundert oder ein wenig vom Französisch-englischen zur 
Zeit der englischen Gallomanie. „Partout comme chez nous*' — 
würde Bodmer hinzugefügt haben. 

Als Bodmer unter das Federvolk ging, gab es eine wahrhaft 
deutsche Schriftsprache nicht. Wer sich herbeiliess, sich des heimat- 
lichen Idioms zu bedienen, der schrieb ein barbarisches dreisprachiges 
Durcheinander. Lappenflickwerk war die Sprache Luthers geworden; 
sie glich klein Rolands buntscheckig zusammengeflicktem Gewände. 
Sie wurde nicht geschrieben, sondern mit lateinischen und fran- 
zösischen Wörtern misshandelt. Was Wunder, wenn ein solches 
Allerweltskauderwelsch verachtet war und wie begreiflich das 
^pfui der Schand", das der ob diesem sprachlichen „Fremdenzen** 
entrüstete Moscherosch seinem verfremdelten Vaterlande zurief. 
Die Wahrheit ist's, nicht chauvinistische Aufschneiderei, was Vol- 
taire einmal aus Deutschland schrieb: „Ich befinde mich hier in 
Frankreich. Man spricht nur unsere Sprache. Das Deutsch ist 
bloss für die Soldaten und die Pferde.... ** - Der derb-deutsche 
Friedrich Wilhelm L, der die „Blitz- und Schelmenfranzosen" so 
gründlich auf dem Strich hatte, sprach also zu seinem Sohne: 
„ Wenn ein junger Mensch Sottisen thut im Courtoisieren, . . . solches 
kann man ihm als Jugendfehler pardonnieren ; aber mit Vorsatz 
Lacheteten und dergleichen geistige Action zu thun, ist impardonable.' 
Das grösste Aufsehen erregte der treffliche Thomasius, der nicht 



J. J. BODMRR UND DIE FRANZÖSISCHE LITTER ATIIR 181 

müde wurde, seine Landsleute zu ermahnen, es den Franzosen 
nachzuthun und sich honetter Gelehrsamkeit, beaut^ d'esprit . . der 
Galanterie zu befleissen, als er es wagte, am schwarzen Brett der 
Leipziger Universität in deutscher Sprache eine Vorlesung anzu- 
kündigen, in der er seine Studenten lehren wollte, wie die — Fran- 
zosen die Wissenschaft ins Leben einführen. Dies war in den 
letzten Jahren des XVII. Jahrhunderts. Ende des XVIII. Jahr- 
himderts durfte sich ein Gymnasialprofessor in Berlin folgende 
„Verdeutschung" Caesar 's leisten: „Cäsar hazardierte es den 
publiken tresor zu spoliiren." — 

In der Schweiz stand es womöglich noch schlimmer um die 
deutsche Sprache, denn nirgends war die Sprachmengerei so ein- 
gerissen, wie in den süddeutschen Sprachgebieten. Das Schrift- 
deutsch der Schweizer war ganz besonders verwahrlost. Jeder halb- 
wegs Gebildete schrieb bloss französische Briefe. Um die Wende 
des XVn. Jahrhunderts galt das Französische bei den höheren 
Ständen als Umgangssprache. Die beiden besten Freunde Bodmers, 
Heinrich Meister und der feingeistige Zellweger, schrieben nur 
französisch. Zellwegers Beiträge für die Discourse mussten über- 
setzt werden, ebenso wie die Beiträge des bemischen Mitarbeiters 
Lauffer. In dem einige zwanzig Bändchen umfassenden Tagebuch 
Heinrich Meisters, das die Zürcher Stadtbibliothek aufbewahrt, sucht 
man vergebens nach einem deutschen Satze. Bekanntlich bediente 
sich auch Haller in seinen Briefen mit Vorliebe der französischen 
Sprache. Der Bemer Beat von Muralt wollte der Franzosen- 
schwärmerei entgegen treten und schrieb seine — lettres sur les 
Anglois et les Fran9ois ! — Kurz, um mich Bodmers eigener Worte 
zu bedienen: „Die deutsche Sprache war verachtet und verdiente 



182 LOUIS P. BETZ 

die Verachtung''. Die Reaktion gegen diese Französelei, gegen das 
^ Pariserlen'' in Sitte und Sprache, gieng von den protestantischen 
Orten der Deutsch-Schweiz aus, namentlich von Zflrich und Bern. 
AUein es bedurfle eines guten Jahrhunderts, bis deutscher Stammes- 
stolz, unabhängiger Schweizersinn, die Gallomanie ausrotteten — 
freilich nicht mit Stumpf und Stiel, denn sie wuchert noch heute 
da und dort. Erst musste die Allherrschafl des Patriziats gebrochen 
werden, das französische Bildung, Sprache und Umgangsformen als 
Privilegium des angesehenen „Burgers** betrachtete, — und damit hatte 
es noch gute Weile. Von Anfang an fehlte es nicht an MSnnem der 
Wissenschaft, die den Bestrebungen der für deutsche Sprache und 
Litteratur kämpfenden Vereine feindselig gegenüber standen« Zu 
jenen gehörten u. a. der Gelehrte Samuel König und Samuel Henzt, 
der einmal an Bodmer schrieb : „Ich verstehe keine Sprache minder 
als die deutsche". — 

Dass auch Bodmer in französisch-deutscher Sprachmengerei 
ganz Erkleckliches leistete, dass Gottsched Recht hatte, als er diese 
den Herausgebern der Discourse vorwarf, soll hier rasch erörtert 
und an einigen Beispielen dargethan werden. 

Schon als junger Mann bediente sich Bodmer in seinen Briefen 
vorzugsweise eines Potpourri-Stils, indem er sich abwechselnd auf 
deutsch und auf französisch ausdrückte. Bedenklicher macht sich 
sein mit französischen Brocken gespickter familiärer „deutscher" 
Briefstiel. „Ich flattiere mir, — schreibt er an Meister — dass 
ich ein besserer Poet worden wäre als Canitz, wenn ich ä mon 
aisc und content leben könnte. Aber meine andern Ocupationen 
gatieren meine Verve etc.** — Ebenfalls keine „sopra fine mar- 
chandise** deutschen Stils, aber um so charakteristischer, ist der 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 183 

köstliche, oft zitierte Brief (1750), in welchem Bodmer seinem 
Freunde Zellweger das tragi-komische Ende des einst so ersehnten 
Besuches des Messiasdichters berichtet. Wir lesen da u, A. : 

„Ein halbes Dutzeiid galopins hatten keine Mühe, ihn (Klopstock) von mir zu führen . . . 
bei den jüngeren Herren war er ganz badin .... Von Egards, von Consideration weiss er 
sehr wenig .... Ich hatte dem gottseligen Jüngling, dem wehmütigen frommen Lebbäus 
meine Freundschaft, Liberalität und Segen zugedacht; aber gegen den bonvivant, den 
rislonnaire, den estourdi. den impoli habe ich mich zu nichts anheischig gemacht*^ .... Er 
habe ihn nicht „invitirt'', dass er den „grand seigneur'^ spiele und „sein Haus derangire*^ etc. . . 

Bodmer, dem wir den heute nicht gerade geschmackvoll lau- 
tenden Satz verdanken: „Die Rose, die erst den Morgen ihr Closet 
verlassen (Closette = Kämmerchen), begnügt sich keineswegs damit, 
seine Briefe französisch herauszuputzen. Auch in den Discoursen 
imd in seinen übrigen Schriften wimmelt es von französischen 
Fremdwörtern und Ausdrücken. Wer nicht lateinisch und fran- 
zösisch verstand, konnte den Discoursen gar nicht folgen. Zell- 
weger musste sie seinen Appenzellem übersetzen: „il n'y avoit que 
le Stile, qu'ils n'entendoient pas partout, parce qu'il n'^toit pas assez 
coulant et naturel pour eux . . . . " Man schlage die erste beste 
Seite der Discourse auf, ein Blatt des XIII. Stückes z. B., da 
finden wir in 8 kleinen Zeilen: „Ich observiere — der Narr flattiert 
sich selbst — der wird den grössten Concept von seiner Capacität 
hegen." — Wie Jungfrau Clelia (XVI. Discours, I. Ausg.) „wirft 
er zu viel französische Wörter in seine Rede", wenn er sie auch 
nicht, wie diese, „unrecht applicicret. " — 

Gottsched traf den wunden Punkt der Discourse, als er deren 
Sprachmengerei tadelte. Überhaupt waren des Leipziger Professors 
Ansichten hierüber wenn nicht gescheiter, so doch patriotischer 
als die Bodmers. Gottsched war es, der für das reine Deutsch 



184 LOUIS P. BETZ 

eintrat und laut verkündete, dass die deutsche Sprache ebenso 
reich und harmonisch sei wie die griechische und lateinische, dass 
sie die französischen und englischen Idiome, in denen er nur eine 
Vermengung von Mundarten sah, sogar übertreffe. Bodmer da- 
gegen wies auf die Franzosen hin, die ihre Sprache bereicherten, 
indem sie die schönsten Wörter aus dem Deutschen, Griechischen 
und Lateinischen entlehnten. In dem interessanten 94. Blatt der 
Discourse („Von der erforderten Genauigkeit beym Übersetzen"), 
wo von dem Genius der verschiedenen Sprachen die Rede ist, ver- 
tritt er die Ansicht, dass es einer Sprache von Nutzen sei, wenn 
dieselbe sich „ poliere und bereichere** und fremde und unbekannte 
Ausdrücke und „ kräftige Redensarten", ,,was eine Sprache vor der 
anderen eigenes und schönes an sich hat", entlehne. Er denkt hier 
nicht etwa bloss an seinen schweizerischen Dialekt, sondern auch 
an die Fremdwörter. „Wir leben in einem Lande, da wir gerne 
die Freyheit der Wörter eben so gross, als der Sachen, haben 
wollen**, sagt er. Der wahre Wert der Sprache, wie ihrer Schön- 
heiten bestehe nicht „aus der Buchstäblerey der Wörter" ! Insofern 
Bodmer damit die pedantische Sprachfegerei meint, dürften auch 
heute noch vernünftige Schriftgelehrte mit ihm übereinstimmen. 
Wie aber aus dem 97-, 102. und 104. Blatte der Discourse 
(IL Ausgabe) hervorgeht, scheint er den ausländischen Einmisch- 
ungen doch allzugrossen Spielraum zu geben. So schreibt er im 
104. Blatt, nachdem er einige Fremdwörter angeführt, deren deut- 
sche Übersetzung nicht den ganzen Begriff deckt: „Wenn man in 
Verdeutschung dieser und einer Menge dergleichen Wörter, keine 
genauen und biegsamen Wörter von deutschem Stamme hat aus- 
finden können, warum hat man sich ein Bedenken gemacht, die 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 185 

fremden Wörter mit deutschen Endungen in die Sprache aufzu- 
nehmen." — In der Theorie also bleibt Bodmer 1/46, da die 
n, Ausgabe der Discourse erschien, auf demselben Standpunkte, 
den er ein Vierteljahrhundert zuvor eingenommen. Er begnügt 
sich nicht damit, denselben zu rechtfertigen, sondern er treibt auch 
seinen Spott mit dem sächsischen Puristen Gottsched. Entmutigt 
lässt er ihn in dem satyrischen Gedichte „das Vorspiel" (V, Gesang) 
ausrufen : 

^Dem Schicksal Griechenlands, der finstern Barbarey» 

„Geb ich ins künftige diess Land gelassen frey. 

^Der Deutschen Klugheit mag den Kränzen zinsbar bleiben! 

^Mein Landsmann möge selbst nicht orthographisch schreiben I 

^Man treff ein fremdes Wort in deutschen Schriften an I 

^Genug, ihr alle wisst, was ich umsonst gethan.** 

Durch die That aber bewies er, dass er sich die unliebsamen 
Lehren des Leipziger Professors dennoch zu Herzen genommen. 
Er müsste indessen nicht der rechthaberische Kampfhahn Bodmer 
gewesen sein, hätte er gestanden, dass ihm der verhasste Gegner 
am Zeug geflickt. In der IL Ausgabe hat Bodmer eine ganz ge- 
hörige Fremdwortsäuberung vorgenommen — was ihn nicht hinderte, 
in der Vorrede durchblicken zu lassen, dass er sich um Gottscheds 
Kritik einen Pfifferling geschert.^) Dagegen blieb er dem Misch- 
masch-Deutsch seiner Jugend für seinen Privat- und Hausgebrauch 
bis ins hohe Alter treu. Wie einst an Zellweger, so schrieb er 
noch als /Ojähriger im franko-germanischen Patrizier- Jargon an 
Schinz : 

^Was sagen sie zu den Liedern Gleims und des Jacobischens ? Es ist hier die doucereuse 
Sprache einer verliebten Grisette, dort einer Cocotte. die mit F^ob unersättlich ist und beide 
halten im Loben und Lieben kein Alass. Nichts desto weniger sagen sie einander Ics plus 
jolis rien. Gleim ist ein ph^noniene von einem Maulverliebten. ** 

24 



186 LOUIS P. BETZ 

Und nun zum litterarischen Einfluss Frankreichs. 
Dieser ist keineswegs meine Entdeckung. Wiederholt wurde von 
Bodmerforschem betont, dass sich die Schweizer vielfach an franzö- 
sische Vorbilder angelehnt, dass Bodmer mancherlei der französischen 
Litteratur, den Ideen Frankreichs entnonmien. Ich aber möchte 
nachweisen, dass Bodmer bis an den Hals darin Stack, dass seine 
litterarischen und ästhetischen Anschauungen grösstenteils französi- 
schen Ursprungs sind und dass es einer der merkwürdigsten littera- 
rischen Irrtümer gewesen, in ihm einen Gegner des französischen 
Geschmackes und Einflusses zu sehen. 

Goethe nannte Bodmer „eine Henne für Talente**. Das war 
hübsch und richtig gesagt. Weniger sinnig aber desto richtiger 
ist es, wenn wir bei dem TJoetheschen Bilde bleiben und sagen: 
Bodmer war eine Henne, die ihrer Lebtag fremde Eier ausbrütete! 
— Gewiss hat Bodmer der deutschen Kritik manchen fruchtbaren 
Gedanken zugeführt; er hatte sie aber selbst von Boileau, Fontenelle, 
Dubos, von Locke, Addisson etc. etc. bezogen. Dass ihm das 
klassisch-typische der Franzosen stets näher lag als der freiere, 
charakteristische Litteraturstil der Engländer, dass ihm im Grunde 
das richtige Verständnis für das wahrhaft Grosse der englischen 
Originalschöpfungen fehlte, bewies er einmal durch seine ungeschickte 
Verteidigung Miltons gegen Voltaire und dann dadurch, dass er 
Shakespeares Grösse nicht erkannte. 

Bodmer als Kritiker und Litterarhistoriker war die Unselb- 
ständigkeit in Person. In seinen reifsten Abhandlungen geht er nie 
von eigenen Ideen aus. Er citiert, vergleicht, bejaht und verneint 
beständig und zieht dann seine Schlüsse daraus. Parallelen sind seine 
Lieblingsbeschäftigung. Unabhängig von andern abstrakte ästhetische 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 187 

Grundbegriffe zu behandeln, ist nicht seine Sache. Er ist ein auf- 
spürkundiger Ideensammler, ein fleissiger und geschickter Ideen- 
verarbeiter, der mit litterarischem Instinkt in Frankreich und Eng- 
land die neuen poetischen Theorien witterte. 

Über die Rechts- und Prinzipienfrage vom geistigen Eigentum 
anderer hat er die weitherzigsten Ansichten, die er wiederholt in 
deutlichster Weise zum Ausdruck brachte. So lesen wir schon in 
dem 43. Blatt der Discourse, in dem er Fontenelles Totengespräche 
nachahmt : 

,ilch habe allezeit einen gewissen Vorwitz gehabt, der gemacht, dass ich gern meine 
Kräfte an einer neuen Schreibart versucht habe, sobald mir eine solche vor das Gesicht 
gekommen. Also habe ich auch etliche Gespräche der Toten geschrieben** 

Noch offener plaidiert er für das Recht, sein geistiges Gut zu 
holen, wo man es finde und wann es einem beliebe, in dem 66. der 
„Neuen kritischen Briefe" : 

„Sic sind zu strenge, wenn sie auch denjenigen des Plagiats beschuldigen, welcher 
irgend ein paar Verse oder einen zufälligen Gedanken aus einem ausländischen Verfasser 
in sein Werk eingetragen hat, ohne denselben anzuzeigen .... Ich wollte nicht gerne, dass 
in den Sachen des Witzes und Verstandes das Recht des Eigenthums mit dem Ernst ein- 
gefuhret würde, wie es in den Glücksgütern geschehen ist ... . Sind denn die Gedanken 
nicht unser, die wir bei einem andern schon finden, die wir aber mit dem Wahren und 
Schönen und unsern Begriffen von demselben übereinstimmend sehen, und die wir für unsere 
erkennen, so bald wir sie nur gelesen haben (1) .... ? 

Den bequemsten und sichersten Gradmesser des in Bodmers 
Bildungsgang vorherrschenden litterarischen Geschmackes, giebt uns 
der XV. Discours des „vierten und letzten Theiles" der „Discourse 
von den Sitten der Menschen", in dem Bodmer seinen Leserinnen 
eine Damenbibliothek vorschlägt. Denn einmal pflegt man 
nur das anzupreisen, was man selbst mit Genuss und Gewinn ge- 
lesen, und dann giebt ein verständiger Mann, wie Bodmer, doch nur 



188 LOUIS P. BETZ 

solche Ratschläge, von denen er annimmt, dass sie willige Ohren 
finden d. h. befolgt werden. 

In den einführenden Worten lernen wir zunächst in Bodmer 
einen Vorkämpfer der Frauenemanzipation kennen, (natürlich nur 
nach der schöngeistigen Seite hin), die ja auch ein Werk Frank- 
reichs ist, wo die litterarische Bildung der Frau, deren litterarischer 
und sozialer Einfluss in den Salons des XVII. Jahrhunderts ge- 
gründet wurde. Bodmer lässt „die ernsthafteste von dem lemens- 
bcgierigcn Klccblatte seiner Freundinnen" u. a. folgende vernünftige, 
noch immer aktuelle Dinge sagen : 

^Ich will nicht, dass die Personen meines Geschlechtes es weiter treiben, als datt 
sie aus den Küchern geistreiche und angenehme Freundinnen, Bräute und Ehefrauen werden. 
Ich räume gerne ein, dass eine Pedantin ein lächerliches Thier sey, wie wohl man auch 
gestchen muss, dass sie eine widrige Gesellschaft für einen Pedanten sey. Die Männer 
werfen uns öfters vor. dass unsere l-nterredungen nur Bagatellen betreffen, und sie selber 
haben doch Schuld daran, indem sie uns alle Mittel abschneiden, die Kräfte des Verstand« 
und des Witzes hervorrufen, und durch die Uebung stärker und fertiger machen." 

Bodmer hofft, dass es ihm gelungen sei, Werke zu vermeiden, 
„in welchen das männliche Vermögen der Seele, der Verstand, 
allzu abstrakt gearbeitet hätte". Seine Freundinnen mögen auch 
die Bibliothek nicht für zu klein halten. Es seien darin die besten 
Muster in der Wahl der Materien zu finden. Grundwahrheiten 
gicngen überhaupt auf einen kleinen Raum. Ausserdem sei ihr 
(Jcschmack reiner und unverdorbener als der der Männer, da er 
^nicht durch das Lesen schlimmer Muster aus der natürlichen Ein- 
falt gesetzet worden.** „Weil man sie nicht krank gemacht hat, so 
müssen sie keine Arzneyen einnehmen, wieder gesund zu werden. 
Es ist leicht zu begreiffen, was vor eine grosse Zahl Bücher sie 
daher cntbähren können." „Aber — bemerkt Bodmer schliesslich, 
indem er gelassen die Armut der zeitgenössischen deutschen Litteratur 



J. J. BODMER UND DIE P^RANZÖSISCHE LITTER ATUR 189 

zugiebt — ich hätte nichts destoweniger diese Bibliothek um ein 
halbes Duzend Werke verstärket, wenn ich in unserer deutschen 
Sprache alle die vortrefflichen Schriften gefunden hätte, 
welche man in der französischen und der englischen hat." 
In dieser „Bibliothek der Damen" empfiehlt Bodmer in der 
I. Ausgabe 34 Bücher, und zwar gehören der deutschen Litteratur 
5, der englischen 4 (der französische Spectator mit inbegriffen), 
der französischen dagegen siebzehn Bücher an! Dazu kommt 
noch, dass die alten Klassiker in französischen Übersetzungen an- 
geführt sind*); es fallen also auf 34 Bücher eigentlich 23 franzö- 
sische. Bodmer hatte demnach alle Ursache sich zu entschuldigen, 
so wenig empfehlenswerte deutsche Werke gefunden zu haben. Die 
französische Lektüre seiner Leserinnen soll sich nun auf folgende 
Autoren erstrecken (wörtlich citiert): 

Le Thresor de la Sagesse par Charron. 

Le» Lettres de Voiture. 

Fönte nelle de la pluralit6 du Monde. 

Die Historie de Severamben (deutsche Uebersetzung des französischen Staatsronians 

von Vairasse, Histoire des Severambes 1677)- 
Les Caracteres de ce si^cle, par la Bruy^re. 
Reflexions morales du Duc de la Roche foucault. 
Les dialogues des Morts par F o n t e n e 1 1 e. 
Les dialogues des Morts par GaudeviUe. 
Les Avantures de Telemaque par Fenelon. 
Les Eclogues de Fönten eile. 
Les Oeuvres de Moliere. 
Le Theatre de Pierre Corneille. 
Les Oeuvres de Racine. 
Les poesies de Mad. des Houlicres. 
Les Oeuvres de B o i 1 c a u D e s p r e a u x. 
Les fahles choisies de la Fontaine. 
Les fahles nouvelles de la Motte. 



^: U:r Z-iiTirr:- i* _ :;^ ' "jrri'jiiw-rmi- zmcr r-üTiim -3imiciiidc" 

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J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 



191 



tsche Litteratur lange nicht so glimpflich behandelt, wie in der 
sterbibliothek, die Gottsched seinen Leserinnen in den „ Ver- 
fügen Tadlerinnen" zusammenstellt. Dort empfiehlt der viel 
schrieene Franzosenschwärmer fast nur deutsche Bücher, von 
französischen Schriftstellern blos Fontenelles „Gespräche von 
ir als einer Welt** — 

Schon früh ist Gottsched 
der Vorwurf gemacht worden, 
er habe die Franzosen aus- 
geschrieben und zwar nicht ein- 
mal die rechten. Von Bodmer 
lässt sich das gleiche sagen. 
Auch er hat es verstanden, am 
frisch sprudelnden Quell der 
französischen Kritik Weisheit 
und Kenntnis zu schöpfen ; auch 
er war inkonsequent in seinen 
Entlehnungen, wie dies aus seinen 
Beziehungen zu einigen der 
Hauptkämpfer in der „Que- 
rellc des Anciens et des 
Modernes" hervorgeht. 
Man ist gewohnt, die neue Acra der deutschen Kritik und 
fatung mit der litterarischen Thätigkeit der Schweizer in Ver- 
lang zu bringen, wobei besonders der durch Bodmer ver- 
leite englische Einfluss als entscheidendes Moment betrachtet 
i. Mit diesem Lehrsatz kann ich mich nicht ganz einverstanden 
lären; denn die Vertiefung der littcrarischen Kritik inDeutsch- 




No. 39. Salomon Gessner. 

einer 1781 entstandenen Rotstiftxeichnung: von 
I Graflf^ im Besitze des Herrn Conservatur Alfred 
Ernst in Wintertliur. 



192 LOUIS P. BETZ 

land, die Thatsache, dass sich im Beginn des XV 111. Jahrhunderts 
allenthalben das Interesse für die ästhetischen und litterarischen 
Probleme in weitere Kreise dringt und nicht mehr in die Gelehrten- 
stube der Fachmänner gebannt ist, kurz, dass die litterarische Kritik 
geradezu Modesache wurde, das scheint mir, mittelbar wenigstens, 
das Werk der langjährigen und so „Querelle des Anciens et des 
Modernes" in Frankreich zu sein. Die zahlreichen Streitschriften 
der beiden litterarischen Lager in Paris, die polemischen und ver- 
mittelnden Abhandlungen, die sich mit den brennenden litterarischen 
Fragen beschäftigten, waren das Arsenal, in dem die deutschen 
Litteraten ihre kritischen Waffen holten — König und Gottsched 
ebenso wie Bodmer und Breitinger. Fast alle französischen Gew^ährs- 
männer der Schweizer, — es befand sich auch eine Frau darunter, 
die Mme Dacicr — waren direkt an dem berühmten Litteratur- 
streitc beteiligt. Bodmers Sympathien sind geteilt. Bald hält er es 
mit den „Modernen**, mit Houdart de la Motte, dem geschmack- 
losen Homcrverstümmlcr, mit Fontenelle, St. Evremond etc., bald 
mit den „Alten**, mit Boileau, Mme. Dacier, der tapfem Hüterin 
des echten, alten Homer. Daher hat auch die ganze Poetik Bodmers 
etwas Schwankendes, Unsicheres. Er tritt für die Freiheit der 
Poesie in die Schranken und ist selbst im Grunde noch im Banne 
der Schablone; er plaidiert für spontane, natürliche Dichtkunst und 
kann sich doch nicht selbst von den methodisch-akademischen Re- 
geln des klassischen Frankreich losreissen. Homer und Milton feiert 
und verteidigt er mit dem gleichen kritischen Apparat ; St. Evremond, 
der Moderne, hilft ihm, Milton gegen Voltaires und Magnys Angriffe 
zu schützen, und mit Hülfe ßoileaus widerlegt er die Anfeindungen 
der französischen Modernen. Wie Breitinger, der die einschlägige 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 193 

Litteratur genauer kannte als sein Mitarbeiter, hat auch Bodmer die 
Hauptfrage dieser Litteraturfehde keiner prinzipiellen Erörterung 
unterzogen. Den „Modernen" gegenüber, die die Abweichungen 
des Geschmackes bei den einzelnen Menschen sowohl wie bei ganzen 
Völkern in den verschiedenen Zeitaltem von der Kultur und den 
klimatischen Verhältnissen ableiten und demgemäss erklären und 
den „ Anciens** gegenüber, für welche die antike Kunst und Litteratur 
ftlr alle Zeiten imd Länder mustergültig ist, unternimmt es Bodmer, 
in dem „Briefwechsel von der Natur des poetischen Geschmackes** 
Kompromissthesen aufzustellen, die aber nichtsdestoweniger auf der 
Erkenntnis fussen, dass es im Grunde nur einen richtigen Geschmack 
giebt. Auch Bodmer konnte sich keine Poesie ohne Pathos denken. 
Der Nachahmer imd Verteidiger Miltons bewegt sich auf klassisch- 
französischem Boden. Im Grossen und Ganzen bleibt er Anhänger 
des Boileauschen Regelkatechismus. Bis zum Begriff des reinen 
Empfindimgsurteils hat er sich nicht aufzuschwingen gewusst. — 

Folgen wir nun, nach diesen allgemeinen vergleichenden Be- 
trachtungen, den Spuren der einzelnen führenden Litte- 
raturgrössen Frankreichs in Bodmers Werken. 

Hier gilt es an erster Stelle auf den Einfluss des lächelnden 
Weltphilosophen Montaigne hinzuweisen. An den geistvollen 
Essays desselben schulte sich die Beobachtungs- und Schilderungs- 
weise des Verfassers der „Mahler der Sitten", — und schon vor 
ihm die des Engländers Addison. . Gewiss nicht ohne Absicht hat 
Bodmer seinen Damen das Buch dieses gefährlichen Skeptikers 
vorenthalten. Dafür fehlt es in den Discoursen nicht an vorsichtig 
ausgewählten Stücken aus den ersten Essays der Weltlitteratur. 
Wiederholt citiert er seinen Lieblingsautor, der ihn „das mensch- 

25 



194 LOUIS P. BETZ 

liehe Herz kennen lehrte ** und von dem er im 20. Blatt der 11. 
Ausg. sagt: 

^Er hat ein gantzes Buch geschrieben, dessen Inhalt Er selber ist. Er hat tod den 
Menschen schreiben wollen, und er hat geglaubt, dass er^s nicht besser angreifen könnte, 

als wenn er sein eigenes Herz durchblätterte Niemand als ein grossmüthiger Mensch, 

der über tausend Vorurtheile des Pöbels weg ist, konnte dieses Vorhaben fassen.** Denen 
die Montaignes Essays losen Zusammenhang vorwerfen, erwidert Bodmer : „eine sorgfältigere 
Verknüpfung hätte nicht den Menschen, sondern den Schullehrer und Skribenten gezeiget '^ 

Auch die Weltweisheit Lockes wurde Bodmer durch Mon- 
taigne erläutert und näher gerückt, denn die 1700 in Amsterdam 
erschienene Übersetzung der Werke des grossen Briten von Pierre 
Coste war mit Parallelstellen aus den Essays versehen. 

Wie dem Meister, so folgt er auch dem Schüler. Manche 
Anregung empfieng Bodmer von C h a r r o n , dem Autor des Buches 
„De la Sagesse", der ihn — und schon vor ihm Pope — gelehrt: 
„La vraye science et le vray estude de l'homme c'est Thonune". 

Bescheidenheit war nicht gerade Bodmers schwache Seite. So 
soll er nicht abgeneigt gewesen sein, sich den Namen eines 
Homer unter den deutschen Dichtern beilegen zu lassen. Gelegent- 
lich Hess er auch durchblicken, dass er auserlesen sei, Deutschlands 
Boileau zu werden. Dies letztere klang in seinen Tagen noch etwas 
anmassend. Heute, da wir nicht mehr die gehorsame Ehrerbietung 
für Boileaus Grösse und Bedeutung hegen, die ihm das XVIII. 
Jahrhundert zollte, würden wir Bodmer diesen Ehrentitel gerne 
lassen, — wenn er nur richtig wäre. Allerdings, wenn wir Bodmers 
Abhängigkeit von Boileaus Lehren in Betracht ziehen, dann enthält 
jene Bezeichnung ein Stück Wahrheit; nicht aber, wenn wir damit 
auf eine analoge Stellung der beiden zu ihrer heimatlichen Dichtung 
hinweisen wollen. Dann ist die Parallele falsch, genau so verkehrt 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTER ATUR 195 

wie Bodmers Ausruf: „Wie lange sollen wir noch auf den deutschen 
Boileau warten, der sie (die Deutschen) von diesem üblen Gesckmack 
(der unnatürlichen schlesischen Schule) heile". Hat denn Corneille, 
der seine Meisterdramen ein Menschenalter vor dem Erscheinen der 
art po^tique geschrieben, hat Pascal mit seinen Provinciales, Molifere 
mit seinem Misanthrope, Lafontaine mit seinen Fabeln, Racine mit 
seinem Britanniens — haben alle diese grossen Künstler und „Mahler" 
der menschlichen Seele auf den Geschmacksherold des französischen 
Klassizismus gewartet? Kam Boileaus Poetik-Botschaft etwa nicht 
post festum? Wenn wir uns in der Weltlitteratur umsehen, besonders 
im benachbarten England und Deutschland, so will uns überhaupt 
bedünken, es sei die Ansicht, Boileau habe seine Poetik nicht für 
Frankreich, sondern fürs Ausland geschrieben, im Grunde so paradox 
.doch nicht. „So haben es unsere grossen Dichter gemacht", ver- 
kündete er, — „Ihr alle sollt sie euch zum Vorbild nehmen!" 
Boileaus art po^tique ist das litterarische Schlussfacit der Poesie 
des „si^cle de Louis XIV.". Er schloss die Thüre hinter dieser 
blühenden Dichterepoche zu. Bodmers Wirken aber steht im um- 
gekehrten Verhältnis zur deutschen Litteratur, denn es öffnete 
die Pforten, die zur neu erstehenden deutschen Dichtkunst führten 
und liess fremde Geisteskinder ein, auf dass sie die einheimische Poesie 
aufrütteln, leiten und fördern. Dies zur rechten Zeit gethan zu 
haben, ist das grosse Verdienst Bodmers — und Gottscheds. Das 
Hineintragen fremder Litteraturen kann eine blühende, lebenskräftige 
Dichtungsepoche schädigen, zersetzen - einer unfertigen oder ver- 
siegenden aber nur nützen, aufhelfen. 

Was Boileau lehrte, war Bodmer sacrosanct; der Verfasser 
der art po^tique schwebt ihm stets als Lebensideal vor. Unentwegt 



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J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTER ATUR 197 

die auf gegenwärtiges Werk appliciert wird." — Die „Applikation" 
der IX Satire (A son esprit) lässt in der That in Bezug auf freie 
Nachahmung nichts zu wünschen übrig. Von der Bodmerschen 
Verkleidung der Boileauschen Verse nur ein Beispiel: Aus den 
Versen : 

„Mais r^pondez un peu. Quelle verve indiscr^te 
Sans Taveu des neuf soeurs vous a rendu poSte? 
Sentiex*vous, dites-moi ces violents transports 
Qui d*un esprit divin fönt mouvoir les ressorts ?*' wird : 
^Sage mir doch, was vor ein böser Geist hat dir in den Sinn geleget, dass du den Engel- 
Ilndischen Zuschauer nachahmen solltest ? . . . . Kanntest du auch den gantzen Werth der 
Sdirift, die du dir zum Muster genonunen?** etc. 

Auch Boileaus komisch - satyrisches Epos „le Lutrin** hat er 
getreulich kopiert und zwar in dem „Vorspiel, Ein episches Ge- 
dichte", das er seinen „Kritischen Betrachtungen und freye Unter- 
suchimgen zum Aufnehmen und zur Verbesserung der deutschen 
Schaubühne'' (1743) vorausschickte. Hier hat er indessen sein 
Vorbild nicht verschwiegen, wie aus folgender ironischen Notiz 
hervorgeht : 

Der Verfasser wollte diese Art von Gedichten nicht auf eine knechtische Art so 
nachahmen, dass er sich der Freiheit beraubete, etwas schönes, wovon er das Muster nicht 
bcj seinem Vorgänger gefunden, anzubringen. Sein Vorhaben war, ein solches Gedichte 
so schreiben, welches den Regeln des Helden -Gedichtes gemäss, wiewohl nicht eine eigent- 
liche Epogen sejn sollte; welches dem Pulte des Boileau (Boileaus „Lutrin") ähnlich. 
jedoch von einer edleren Materie wäre.** 

Und schliesslich muss Boileau noch für Bodmers unkünstlerisches 
Eifern gegen den Reim verantwortlich gemacht werden, so un- 
glaublich dies auch scheinen mag. Der versgewandte Boileau, dem 
nichts femer lag als reimfreie Poesie zu befürworten, hat sich bloss 
über die sog. „frferes chapeau", d. h. jene Reimversc lustig gemacht, 
die nur dem Reime zu Hebe da sind. Bodmer aber hat sein Orakel 



1% LOUIS P. HTTZ 

missver<itanden. Ea soll indes dieser Ausfall Botleaus den ersten 
Anstoss zu Bodmers Abneiguns: gegen den Renn g^eben haboi. 
Wahrscheinlich haben hier doch eher die einschlägigen Schriften 
der «.Modernes*^ und vor allem die en^ischen Blankverse nach- 
gewirkt, — 

Xach Boileau hat, wie gesagt, Fontenelle, ^^^^ Unver- 
gleichliche^^, den grössten und nachhaltigsten Einfluss auf Bodmers 
litterarische Anschauungen ausgeübt. Überall begegnen wir dem 
Xamen dieses nüchternen Litteraturmenschen, den nicht nur Bodmer 
und Gottsched, sondern auch alle deutschen Theoretiker mehr 
oder weniger ausgeschrieben haben. Nicht dem Vorläufer der 
französischen Aufklarungslitteratur, nicht dem Vulgarisator natur- 
wissenschaftlicher Errungenschaften, nicht dem Neuen imd Lobens- 
werten in Fontenelles Schriften folgt Bodmer, sondern dem frostigen, 
poesielosen Ästhetiker, dem preziösen Dichterling, der hinter seiner 
Zeit zurückgeblieben. So kann er Fontenelles galante Eklogen nicht 
genug rühmen. Nach diesen altvaterisch tändelnden Schäfergedichten 
ä la Astree werden die deutschen Eklogendichter abgeurteilt. 

^X)€H Fierrn von Fontenelle vernünftige l'ntersuchung der EUoge kann für den betten 
Oimmcntar dieser Art von Gedichten dienen. Er hat die Schäferpoesie In ihrer Natur be- 
trarhtet, und Regeln derselben auf ihr ursprüngliches Wesen gebauet. E« ist Terdriessfich, 
daftft unsere Deutschen, die sich in dieser Gedichtesart zu unsem Zeiten versuchen, entweder 

diese Srhrift nicht kennen, oder die Gründlichkeit ihrer Lehrsätze nicht begreifen* 

«Mahler der Sitten I. 50). 

Und im 66. Blatt wartet Bodmer sogar mit „einer unbereimten 
und einfältigen Übersetzung" eines Fontenelleschen Poems auf. 
Scluni im fünften Blatt, in dem er Boileaus Verse über die Ekloge, 
ICIcgic und Ode verdeutscht, hält er den deutschen Dichtem Fon- 
tenelles „vernünftige und delikate" Lehren vor. . . . „Es verdriesst 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 199 

mich, dass unsere Deutschen den Nachdruck seiner Raisonnements 
sich nicht bewegen lassen, indem sie ihren Schäffem den Caractere 
geben, welcher von diesem Franzosen verworfen wird" etc. 

Bis zum Überdruss ahmt Bodmer die Totengespräche Fontenelles 
nach, „der seine Toten so vortrefflich moralisieren lässt" und „den 
man wegen seiner Gespräche der Toten mit allem Rechte gelobet, 
dass ein jedes von denselben eine, und nicht mehr als eine sonder- 
bare Idee in sich schleusst, welche, nachdem man sie eine kurtze 
Zeit lang erwartet hat, zuletzt eröffnet wird*' (69. Blatt d. M. d. S.). 
Ihm und Lucian dankt Bodmer, dass sie einen neuen Weg gefunden, 
„der in das imterirdische Reich und wieder aus demselben zurück- 
filhrt** imd den er, Bodmer, „schon oft und wieder zurücke gemessen''. 
Er war nicht der erste in Deutschland, der Fontenelles Toten- 
gespräche nachbildete, aber keiner hat seine Leser so oft und so gerne 
unterhalten, von dem was er „von den Toten gehöret und gelemet** 
hat, wie unser Bodmer, der übrigens den Geistern der Dahingegangenen 
zuweilen ganz pikante Dinge abzulauschen wusste. 

Was Bodmer in dem Aufsatze „von dem Manigfaltigen, 
welches bei der Einheit Platz findet" (Neue kritische Briefe XXXIII) 
lehrt, ist stellenweise aus Fontenelles „Reflexions sur la po^tique" 
herübergenommen. Er sucht in dieser dramaturgischen Skizze unter 
anderem den Satz zu beweisen : „je mehr ein Ding Verschiedenes 
in sich hat, und dabei nicht aufhört, einfach zu bleiben (in der 
Tragödie), je mehr gefällt es uns" — um dann am Schlüsse seiner 
Beweisführung zu bekennen : „Ich habe dieses von dem unvergleich- 
lichen (!) Herrn von Fontenelle gelernt, der uns überdies noch 
lehret, wie die Manigfaltigkeit der Handlung erhalten werde".^) 

Ungleich fruchtbarer erwiesen sich die Anregungen, die Bodmer 



200 LOUIS P. BETZ 

und seine Fachkollegen im Mutterlande von dem ersten Kunst- 
philosophen der Neuzeit, von dem aus Beauvais gebürtigen AbM 
Jean Baptiste Dubos (1670 — 1742) empfiengen. Dieser fem- 
sinnige Gelehrte, der Diplomat, Historiker und Ästhetiker zugleich 
war, hat in seinen 1719 erschienenen „R^flexions critiques sur la 
po^sie et sur la peinture" zuerst das Wesen des Kunstschönen einer 
ernsten Prüfung unterzogen. Dadurch, dass er zuerst nach Grimd und 
Recht der bestehenden Kunstforderungen und Formen forschte, 
dadurch, dass er die Grundfragen der modernen Ästhetik als 
erster vorausgeahnt, ist er der Begründer der Kunstkritik, ein Vor 
läufer Diderots und Lessings geworden. — Tiefer in das Wesen 
der Kunst drang dann Charles Batteux, der in seinen Schriften 
„Los beaux-arts r^duits k un meme principe" (1746) und „Cours de 
helles lettres" (1777) zielbewusst den wichtigen Lehrsatz der 
Ästhetik auf die einzelnen Dichtungsarten anwendet: „Das Wesen 
der Kunst liegt in der Nachahmung der Natur imd zwar der 
schönen Natur." Melchior Grimm berichtet in seiner „Correspon- 
dance litt^raire" (Sept. 1780), dass Batteux Werke in Deutschland 
noch mehr bekannt seien als in Frankreich. Der Einfluss derselben 
tritt besonders in Sulzers berühmter Theorie der schönen Künste 
klar zu Tage. 

„Dubos, sagt Servaes, war ein überaus feinsinniger, in Litteratur 
und Kunst aufs beste bewanderter Mann, der, auf der vollen Cultur- 
höhe des damaligen Frankreich stehend, seine lebhaften und geist- 
vollen Augen forschend und geniessend auf alle Gegenstände warf, 
die je in seinen Gesichtskreis traten. Der Geist der italienischen 
Renaissance war in ihm wieder aufgelebt ....'* Dubos brachte 
wieder warmes Leben, Herz und Gefühl in die starren Kunstgebilde 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 201 

des klassischen XVII. Jahrhunderts, in Boileaus kalten Regelpalast. 
Er beginnt den langwierigen Kampf gegen den Rationalismus des 
klassischen Zeitalters. Er ist der Theoretiker der Gefühls- und 
Sinnesreaktion, die in Rousseau ihren dichterischen Vertreter ge- 
funden. 

In Deutschland waren Dubos Kunstlehren schon 13 Jahre vor 
dem Vermittlungswerk der Schweizer bekannt und zwar durch 
Königs Schrift „Von dem guten Geschmack in der Dicht- und 
Redekunst". Es gelang aber König nicht, sich auf die Höhe der 
Dubosschen Lehren zu schwingen. Das Verdienst Bodmers und Brei- 
tingers bleibt es daher, Dubos Grundgedanken der deutschen Kritik 
zugeführt zu haben, wenn auch ihnen die Feinheiten der Ästhetik 
Dubos verschlossen blieben. 

Die Bodmerforscher sind der Ansicht, dass die Herausgeber 
der Discourse Dubos Schriften noch nicht gekannt. Wohl mög- 
lich. Die Parallele zwischen Malerei und Poesie ist ja an und für 
sich keine Erfindung des XVIII. Jahrhunderts — sie wurde damals 
nur zum ästhetischen Gemeinplatz. Die Lehre des Simonides, dass 
die Poesie eine redende Malerei, die Malerei eine stumme Poesie 
sei, hat die Renaissance wieder erneuert. In Deutschland war sie 
von Opitz poetisch und kritisch aufgeputzt worden. Es kann also 
ganz gut sein, dass Bodmer das allbekannte Horazsche Wort „ut 
pictura poesis erit**, unabhängig von Dubos, der es für seine „Re- 
flexions" benützte, dem 20. Discours des ersten Jahrganges der 
„Mahler der Sitten" voraussetzte. Später allerdings kann über den 
Einfluss der Dubosschen Kunstanschauungen kein Zweifel bestehen. 
Zuweilen unternimmt es Bodmer, diesen nicht gerade geschickt zu 
widersprechen, wie z. B. in der Vorrede zu Breitingers kritischer 

26 



• . - LOn? r. BETZ 

I>jj.hik:uTisu «die nota bene Dubof die izlückfichstcn Ideen dankt), 
"w . Lr £J5 iretreuer Schüler Boileaus die Behauptung Dubos anficht, 
ef >;i die Natur vor der Kunst, die ffeniak Schöpfung vor der 
Ri'i^^ ijwA^esLTn. Hüuni: dAireiren foliri er wilfig Dubos kritischen 
Si^r-L^rhrur^in, u. a. irci 11. «.einer Neuen kritischen Briefe, wo 
v.ir. dtr. pbysiali5cht!n Ursacien des schnellen Wachstums der 
ii^^isjh:^" P.K^e rr- XIll. jahrhunöer: die Rede ist. ^Ich habe, 
NivC: ;*' i.«r:, diLSt pr.ys:k£Ü>chir: AnmerkuniTien vornehmlich auf 
s:*:r)i W..r:t aTct» :<jt:.* - - Dtr>i-rr*i B;«dn3er. der in den Discoursen 
>;*r^:*r. l^:^^:s»:hiTr, Fjir.:Lr>i.'.Jit> Lih-i-r iSer die Büopen empfiehlt, 
■k ;».r_-::\r. dnsi k.-^r.Virr.ti'.oclii S^rJ-firp-^esie der Franzosen im 38. 
i:^" N;^L*r. kr:r:s^^^i^T-. }^r:i:\, ^Xi-;; {hr. I>-b:»5^ ier die süssen Herren 
r.-. : >. :-.:.-V~s:J:"r»i^. r.^:*: -i^iiT. K.r.r.ii, •'wrjrhe in unsem meisten 
i".ii.'.'^v:- >. \--;-. V ^.->i:-r.:-vrJ,r:: , r;"^ .^i h':»rj>x^i?eschinackxes Zeug 
>;<l::*. '. : r^i> r»;^>i*~^ "Xji h"^, A-jr. vi5 -n äe= ^poedscben Ge- 
.-.:.•..;'• \;V _-.',:: \v;i Ix- ^- , -ir^ji-.ijhi Beschaffenheit der 
»• : *.,::::.' :-i*" ^^^s^,^. *. .-m, j. - j:.; /-.-:sjju..,r:i?ir: und Nei^nm^en, 
:. . I. ,. ..k-::*'^.^:....^i: :.:> ^::■->:•--- rus^rrjr::. is: sicbcrBch nicht 
-/ ... ,: : >.^-' ■":-■- >...-:;>>,-_-■_< >.o-';-t. i^:h öji- 3>2i»os zurück- 
. .. ,-•.■:■ ,. ; s . •• :.-.^-, -,• : -;. : :.■;■— y. .--■_>> i»;r TihyÄcaBschen und 

- • - -- :. -. ^* •». - /-: >:i>.«;'.r.i.ir-r. jgr frsr.rjsäschcn 

- -> \ • --- ..V '^,. -, ■>. .:•, :- ^jnr Esr.-oa. nicht 

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• ^ . - . - " V..* -.,->,* ^.^roi SoirEfi ^esprit 

>■...-,■ ..-...'. .>^.ri>cib:sä£Cr«r«i; sie 

-^- >. . ■ - -. • , .1 ■-.^x.rurs^ BN>dmcr 



J. J. BODMBR UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 203 

gehört zu den erfolgreichsten und frühsten Vermittlem von Montes- 
quieus und Voltaires geistvoller Geschichtsauffassung, von deren 
pragmatischer Methode, nach Ursache und Wirkung der Erschein- 
ungen zu forschen. — Voltaire war ihm nicht S3nnpathisch ; auch 
hatte der Miltonschwärmer alle Ursache, dem Mächtigen zu grollen. 
Nichtsdestoweniger stellte er den Autor des „sifecle de Louis XIV.** 
sowohl als Historiker als auch als Meister der Charakteristik und 
der Schilderung sehr hoch. Von Voltaires politischen und mora- 
lischen Gedanken ist mancher in Bodmers Prosa und Poesie über- 
gegangen. Weit mehr aber dankt der Zürcher dem grossen Weisen 
von Bordeaux. Ideen Montesquieus sind es, die er in der „Beob- 
achtimg des Nationalcharakters** (Poetische Gemälde XIV) ver- 
wertet hat. Wie er sich hier an den Verfasser der „Consid^rations** 
hält, so geht er in seinem epischen Gedichte auf die Entdeckung 
Amerikas, „Colombona** (1753), auf den Autor des „Esprit des 
lois** zurück. „Was ich ausserdem noch andern schulde, bemerkt 
er dort, das selbst zu entdecken mag gewissen Leuten eine Freude 
sein, und dieses Vergnügens will ich sie nicht berauben." Das klingt 
heute noch ironischer, als es damals wohl gemeint war! — Auch 
die „Lettres persanes" zieht er gelegentlich herbei, so z. B. in dem 
37. der Neuen krit. Briefe, wo er die Unsitte der Franzosen ver- 
pönt, alles Fremde nach französischem Muster umzumodeln, alles 
nach französischen Empfindungen „umzugiessen*- : 

«Der starke Beyfall, mit welchem sie die „Lettres Persannes** aufgenommen haben, 

deren Art sich auszudrücken, und die Sachen vorzustellen sich von gewöhnlichen Vor- 
stellungen und Ausdrückungen der Franzosen so weit entfernen ; entdecket mir, dass sie die 
Sitten der fremden Völker, und die eigene Ausbildung derselben noch mit Vergnügen in 
französischen Worten ausgedrückt lesen.** 

Viel tiefer indessen als der Einfluss Montesquieus und Voltaires 



204 LOCIS P. BETZ 

ofierm der des genialen Genfers J. J. Roasseau. Hat auch Bodmer 
bereit.^ in den Discoursen, als anirio-firanzösiscfaes Echo^ Rückkdir 
zur Xamr. Vereinfachung der Sitten srepredist. so wizicte nichts* 
desto wenisrer Rouaseaus ..Emile- wie eine OäTenbaning auf ihn. 
Rousseau hat aus dem Sänger der Patriarchaden einen feurigen 
Demokraten gemacht: Jtein anderer Schriftsteller hat den republi- 
kanischen Bodmer so riet ergriffen-. Rousselu weckte in ihm den 
religiösen und den politischen Freisinn, den Büi^ersinn überhaupt. 
Der alternde Bodmer nimmt nun regen Anteil an den öfientlichen 
Dingen, am Wohl und Wehe seiner engeren und weiteren Heimat 
Im Geiste Rousseaus behandek er in seiner Gesellschaft für vater- 
ländische r^eschichte politische und volkserzieherische Fragen. Er 
plant ein helvetisches Institut zur Heranbildung von tüchtigen 
sch^^eizerischen Staatsmännern. Hier sollte das* was Rousseau im 
-Emile- über Politik und Erziehung gelehrt, verwirklicht werden. 
\'eri:eblich suchten kühler denkende Staatsmänner dem Rousseau- 
Enthusiasten ..die platonischen Träume* aus der Seele wegzuspötteln. 
Rousseau war und blieb für ihn der Prophet der neuen^ aufgeklärten 
^'olk.scrziehung. ,Er hatte deswegen Rousseaus Schriften so lieb, 
s.:hr:r;b Rud. Schinz in seinem Bodmer-Xekrolog, — weil sie den 
Mfm sehen in sich selbst stark zeigten und ihn in ausharrender Ab- 
hört un er des Körpers und Entwöhnung von allen unnötigen Bedürf- 
nissen l'Veihcit und Unabhängigkeit finden lassen."" — Ein „plato- 
nischer Traum- ä la Rousseau blieb auch der schöne Plan, von 
dem in einem Briete an Füssli (1763^ die Rede ist: 

, i ■ h r./ih*» f.\nen Enn-xyiri' gftm*icht. eine Oesel'sohaft Insulaner zu stiften^ <fie in derWaiaer- 
'.'■■'■.f z .Narr..T.^ -.kämen, -ir.cl rr. .natlich politische Abhantilungen der Besten unter den Alten und 

' - .f.'r. .i^. r. ■.:.r\ H.ar,ih*er redeten \^'e:l wir drjch Flar.dwerker im Senat haben miiaien« so 

s«:./r. .« ;r .v/':^..'.ht *c:rj. ihr.cn der. Mi; th zu erh« ihen. den die mühäame Lebensart niederschlägt * 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 205 

Da der PoKtiker und Pädagoge in der Praxis keinen Erfolg 
mit seinen Rousseau-Ideen erzielte, versuchte er diese im Drama 
umzusetzen. Er wollte als Dichter für Freiheit in Staat und Kirche 
kämpfen, in politischen Schauspielen Volkslehrer werden und Rousseaus 
raenschenbeglückende Wahrheiten verkünden. Bald genug zwar 
kam er zur Erkenntnis, dass sich seine „hingesudelten dramatischen 
Machwerke** niemals die Bühne erobern würden. Aber weder Miss- 
erfolg noch abmahnender Freundesrat vermochten den steckköpfigen 
Eifer des schreiblustigen Dramaturgen zu brechen. Seine lang- 
weiligen Helden mussten fortfahren, über Rousseauschc Menschen- 
rechte und -pflichten zu psalmodiercn, die „positiv und in meiner 
Person gesagt — so schreibt er 1768 an Meister — gefährlich 
wären". Inhaltlich jedoch, d. h. als aufklärende Tendenzdramen, 
die die Mängel bestehender staatlicher und kirchlicher Einrichtungen 
bekämpften, als Vorläufer der kraftvollen dramatischen Tendenz- 
dichtungen Lessings, haben Bodmers zahlreiche Schauspiele eine 
nicht zu unterschätzende Bedeutung. 

„Rousseau und die durch diesen in den sechsziger Jahren veranlassten Unruhen in 
Genf haben den Greis in Feuer gesetzt, und er tritt als kühner Vorkämpfer für die Volks- 
rechte und die Demokratie, und für die Freiheit in Staat und Kirche auf. Von dieser Seite 
wenigstens sind Bodmers politische Schauspiele b^merkenswerth, weil sich in denselben eine 
glühende Freiheitsliebe, ein kühner Hass gegen jede Tyrannei kund giebt. wie er sich damals 
in Deutschland nicht leicht hätte Luft machen können. ** (Mörikofer pag. 228.) 

Rousseau- Werk ist auch Bodmer der Erzieher und der 
Freund der Jugend.' Urquell der gemeinsam mit Breitinger be- 
arbeiteten Schulschriften, die das zürcherische Krziehungswcscn er- 
heblich förderten, ist ebenfalls der ^ Emile". 

Nicht nur dem Bürger, dem Sozialpolitikcr und Pildagogen, 
sondern auch dem kleinen Poeten, der in Bodmer lebte, brachte 



i^^> LOUIS P. BETZ 

Roussoaus Genie neue Anregung. Die letzten dichterischen Wall- 
ung^M) lies Greises gehen von dem Genfer aus. Folgende Notiz 
trügt der Aehi/.igjilhrige 177^* in sein Tagebuch ein: 

.MoiilttMi >tin lirncxx hatte mir Ritusscau's porme. le lerite d^Ephraim, wenigstem 
•,111 Kinxuht. \ri>privhon. nhrr nii^ht Wort pehalten. Mfin Verlangen nach diesem Ge^ficht 
».lAMt! in Jörn \oihÄltiü»sc mit lirr au«nchnirndrn Meinung, die ich von Rousseau*s Geilt 
Ti;(!s-. KiMnom Aiulnn Kr;(n7oi^n trAiiic ich 7u. da«» er ein so dürres Feld bearbeiten könnte. 
)»N?«-ninM:i viji;^ «n*l «uoh Kaxnald ulor bekannte Abbe» der im May in ZOrich war, dan 
,!!o^,^x »i/ix* ?iirklK'hc >ii?ri mit oiricr rcir enden l.ehhafte geschrieben sey. Ich würde mit 
i ,':v>o! :»::".]£ «IrsNoltv*;"; :vr-.">r jv^etisrhc Li.i:!'bahr. bef»rhlosscn haben*. 

;;:^.i : w oi Jahre später noiien er sich: 

■ 1 r* •:.' ,; !VV-A:n-. r.7rh: v.ir M.iu^rm. sondern in der Edition too 
N: ;.vx ..Sf >f::rf t^ .t m.: lerLnäerrar Plan.* 

n^a: oT-schk^r. « i-r.iirt Monate vor seinem Tode: 
^ V^'.^V.v;. -.v. r.,:> r:ir.-. Fr£.r.2^si>chen des Rousseau in 
•^i^v: \ .v: lvxv.-:^ir. /Ulrich 17S2^ — natürlich in 
>,v. -», X ;^^:^-N,, -. ,/'.', ;:i.v-'* •-*i\;.7Pi:irr-. Aus dem erläuternden 
^ * ^'•., v,.,'< :\vi^\",., ",. >.o.rpi-^ ierzernge Geistesrichtung 





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J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 207 

Der Zürcher Bodmer einen französischen Idylliker kopierend! 
Wir stehen hier vor einer der merkwürdigsten Erscheinungen des 
immerwährenden litterarischen Wechselverkehrs, des ewigen Hin 
und Her in der Weltlitteratur. Bodmer begeistert sich für die 
„lachende Grazie" und die „einnehmende Blüthe" der Rousseauschen 
Idylle — und kaum einen Pfeilschuss von Bodmers Haus lebte 
Salomon Gessner, der deutsche Sänger der Idylle, derselbe Gess- 
ner, der den Franzosen die „lachende Grazie und die einnehmende 
Blüthe" wieder gelehrt! — Rousseau hatte eine grosse Vorliebe 
filr sein „pofeme en prose", an dem wir heute höchstens die naive, 
farbenfrische Sprache bewundem können. „Le Ldvite d'^phraim, 
— lesen wir in den Confessions (IL 11.) — s'il n'est pas le 
meilleur de mes ouvrages, en sera toujours le plus cheri". Er 
schrieb das Poem auf der Flucht von Montmorency nach der 
Schweiz. Kurz vor seiner Abreise hatte er eines Abends in dem 
Buche der Richter geblättert — Rousseau las bekanntlich vor dem 
Schlafengehen stets in der Bibel — aber auch in Gessners von 
Huber übersetzten Idyllen: 

„Je mc rappelai aussi les Idylles de Gessner .... Ces deux id^es me revinrent si bien 
et se m^l^rent de teile sorte dans mon esprit, que je voulus essayer de les r^unir, en traitant 
k la mani^re de Gessner le sujet du „L6vite d'^phralm**. Le style champetre et naif nie 
paroissoit gu^re propre k un sujet si atroce, et il n'etoit guere ä pr6sumer que ma Situation 
pr^ente mc foumtt des id6es bien riantes pour T^gaycr .... 

Es musste also Huber zuerst den Franzosen Gessners Idyllen 
übersetzen, diese Übersetzung Rousseau in die Hände fallen, Rousseau 
sich von ihr inspirieren lassen, Bodmer sich mit vieler Mühe das 
Ergebnis dieser Begeisterung verschaffen — bis dieser die fraicheur 
charmante der wahrhaft naiven Idylle entdeckte — ohne auf die 
Idee zu kommen, dass die „einnehmende Blüthe" im Hause seines 



208 



LOUIS P. BETZ 



Xachbars und befreundeten Schülers, Salomon Gessners, gewachsen. 
— Doch war denn die Gessner-Idylle wirklich ein echtes, schwei- 
zerisches Bodengewächs? Bewahre — die Irrfahrten der Schäfer- 
idylle beginnen schon lange vorher. Sie kam von Italien nach 
Frankreich gewandert ; dort weideten wohl hundert Jahre lang galante 
und geistreich tändelnde Schäfer und Schäferinnen ihre gepuderten 




No. 40. Salomon (^essiiers Wohnung im Sihlwald. 
Nach cinciii Kupferstiche von J. II. Mcycr in der Stadtbibliothek in ZSrich. 

I lerdcn auf zierlich und kunstvoll abgezirkelten Rasen, — dort hat 
sich flessner die Idylle geholt. Kräftigende Alpenluft, würziges 
Kraut der Schweizcrbcrgc gaben dann der verhätschelten Idylle 
wieder blühende, echte, naiv^e Xaturfrische. Solcherweise von 
höfischer Bleichsucht gründlich geheilt, kehrte sie wieder nach Frank- 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 209 

reich zurück, wo sie alles entzückte und wo sie niemand wieder 
erkannte! — 

Rousseau müssen wir für Bodmers imerquickliche und öde Buch- 
dramen verantwortlich machen — die Klassiker der franzö- 
sischen Tragödie trifft dagegen keine Schuld. Obgleich sich 
Bodmer wiederholt mit den beiden grossen dramatischen Dichtem 
des XVn. Jahrhunderts beschäftigt hat, auch mit Racine, nicht nur 
mit Corneille, wie schon behauptet wurde, haben diese keinen 
Anteil an seinen Schauspielen. Bodmer, der so viel an Gottscheds 
Dramen auszusetzen wusste und diese mit ebenso geschickter als 
boshafter Elritik den Meisterwerken Comeilles und Racines gegen- 
flber stellte, er hat selbst nichts von den beiden Tragöden gelernt. 

Bitteres Unrecht begiengen wir an Frankreichs genial-heiterem 
Fabulisten, am wackem Lafontaine, sprächen wir ihn nicht frei 
von aller Schuld an „Hermann Axels" kläglich trockenen Fabeln. 
Bodmers Ideal und Vorbild war Houdard de la Motte, ein 
Dichter und Elritiker ohne Wärme und Kunstsinn, der von wahrer 
Poesie nicht viel mehr verstand als ein Blinder von Farben. Ihm 
cnflchnte auch Breitinger die in der „Kritischen Dichtkunst" ent- 
wickelten Fabeltheorien. Bodmer liebt es zwar, Lafontainesche 
Kemsprflche filr seine Motti zu verwenden; die Verdienste des 
Dichters und Theoretikers La Motte stellt er aber höher, wie aus 
dem 51. Blatte der Mahler der Sitten ersichtlich ist. Nachdem er 
dort die Geschicklichkeit La Mottes in „dieser Art Gedichte" (in 
^^historischen Anekdoten" wie Bodmer die Fabeln zuweilen nennt) 
gepriesen, fUhrt er fort: 

„Seine Fabeln haben den Vorzug über des la Fontaine, dass sie ihn zum Erfinder 
haben; er ist der Schöpfer und Urheber, und verdient darum mit mehrerm Rechte den 

Nahmen eines „Fabelbaumes ** als la Fontaine, welchen die scharfsinnige Madame de la Fayette 

27 



210 LOUIS P. BETZ 

mit diesem Titel beehret, ungeachtet er seine Fabeln nicht als ein Erfinder henrorgebracht 
sondern alleine mit der aufgeweckten und schertzreichen Ausbildung ausgezieret hatte.*' 

Noch schiefer lautet Hermann Axels Urteil in dem 10. der 
Krit. Briefe, wo er auf die geschmacklose Idee kommt, eine besondere 
Fabel „for the female sex" zu dichten. 

Dagegen hat Bodmer von La Bruyfere zu lernen gewusst. 
Er sieht in dem Charakter und Sittenschilderer des ,,grand sifecle" 
einen grossen Kenner der Menschheit. „Ich halte sehr viel auf 
den Herrn de la Bruiere" sagt er einmal von diesem litterarischen 
Portraitisten, dessen Kunst, Typen mit satyrischer Färbimg zu 
zeichnen, er nicht ohne Glück in seinen Zürcher Kulturbildem nach- 
ahmte. Auch hier ist die französische Geistesschulung Bodmers 
nicht zu leugnen. Denn typisch zu schildern ist spezifisch franzö- 
sisch, während der Anglogermane sich an die individualisierende 
Methode hält. 

Wie alle freigeistigen Zeitgenossen Friedrichs des Grossen, so 
kannte und schätzte auch Bodmer den Autor des encyklopädistischen 
Lehrbuches der Aufklärungslitteratur, des „Dictionnaire historique 
et critique". Pierre Bayle „sagt" und „schreibt" lesen wir hin 
und wieder. Er hält sogar grosse Stücke auf die nichts weniger 
als gcschmackssichere Litteraturkritik Bayles. In den Neuen krit. 
Briefen, in denen er von der „schweren Kunst zu tadeln" spricht, 
von den Rechten und Pflichten der Kritiker, beruft er sich mehr- 
mals auf die Autorität Bayles. Ebenso dort, wo er die Frage zu 
entscheiden sucht, ob der allgemeine Beifall die Vollkommenheit 
einer litterarischen Leistung beweise. Auch von Bayles skeptisch- 
ironischer Art scheint mir etwas an Bodmers Schriften zu haften. 
Der alternde Patriarchadendichter hat sich wiederholt respektwidrige 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 211 

Äusserungen über reUgiöse Dinge zu schulden kommen lassen. So 
versichert er seine Leser — und hier glauben wir den berüchtigten 
„Heiden" Bayle zu hören — „dass er sich nicht die geringste Klage 
erlauben würde, dass seine Erwartungen betrogen seien, wenn die 
höchste Güte ihn nach diesem Leben für einmal in die Gesellschaft 
Miltons, Tassos, Comeilles und selbst Appollonius' und Homers 
brächte". Und schliesslich liegt auch die Annahme ziemlich nahe, 
dass Bodmer es Bayle gleich zu machen suchte, wenn er seine 
Prosa gelegentlich mit pikanten, nicht übermässig geschmackvollen 
Junggesellenscherzen zu beleben suchte. — Nicht einmal Beat von 
Muralt, von dem er sich so gerne belehren Hess, brachte es fertig, 
ihm seinen Bayle zu verleiden, dessen Sprache, nach dem Dafür- 
halten des Bemers, oft nur geeignet sei „k charmer la canaille", 
während er als Denker der grösste „charlatan" aller Zeiten gewesen. 

Weder Bodmer noch Breitinger waren dazu veranlagt, sich 
tief in das System des Cartesianismus zu versenken, den sie 
beide wohl aus zweiter Hand kannten, wahrscheinlich nur durch 
Fontenelles „Entretiens". Wenn auch in Bodmers Denken, wie in 
das fast aller klaren Köpfe jener Zeit, etwas von dem philosophi- 
schen Geiste Descartes drang, so war er doch weit davon entfernt, 
Cartesianer zu werden. Nicht nur in litterarischen, sondern auch 
in philosophischen Fragen blieb Bodmer Eklektiker. 

Auch an den Schriften des gescheuten und toleranten St-6vre- 
mond gieng Bodmer nicht achtlos vorüber. Mancherlei dankt er 
diesem sympathischen und nicht unbedeutenden französischen Ver- 
mittler der englischen Kultur, der ihn u. a. über die individuelle 
Verschiedenheit der Menschen aufzuklären half. St-^vremond ge- 
hört bekanntlich zu jenen Franzosen, die sich den klassischen Tra- 



212 LOUIS P. BETZ 

ditionen des XVII. Jahrhunderts gegenüber auf litteranschem wie 
auf philosophischem Gebiete, zum grossen Teil unter englischem 
Einfluss, folgenschwere Unbotmässigkeiten zu Schulden kommen 
Hessen. Da nun Bodmer des öftem die Gedanken jener Männer 
der neuen Zeit entlehnte, so bekam seine litterarische Kritik, wie 
bereits hervorgehoben, naturgemäss zuweilen einen antiklassischen 
Anstrich. Auch hier sehen wir, wie unrichtig es war, aus diesem 
„antiklassisch" ein „antifranzösisch" zu machen. 

Nachdem wir noch erwähnt, dass Bodmers Prosaerzählung 
Pygmalion und Elise (neue Ausgabe 1 749) von dem Pygmalion 
des vielgewanderten, eifrigen „Modernen" Chevalier Saint Hyacinthe 
(1684 — 1746) angeregt wurde — ein Vorwort belehrt uns, dass 
„gegenwärtiger Pygmalion nicht so höflich, noch so prächtig, als 
der Französische" sei, dass er aber „menschlicher empfindet und 
denket", — und nachdem wir daran erinnert, dass sich Bodmers 
Ansichten über den Baustil — für das Gothische, das er wie Boileau 
mit „grotesk" übersetzt, hat er nur Spott — sich ganz mit den 
nüchternen Kunstanschauungen der klassischen französischen Archi- 
tektonik decken, so glauben wir die Grundlinien des französischen 
Einflusses im litterarischen Werdegang und Wirken Bodmers in der 
Hauptsache skizziert zu haben — bis auf eine letzte französische 
Anregung. Sie ist an und für sich unbedeutend; ich habe mir sie 
aber wegen ihres geradezu pikanten litterarischen Beigeschmackes 
als Schlusseffekt aufbewahrt, „pour la bonne bouche", wie Bodmer 
im vertraulichen Briefstil gesagt haben würde. Sie geht nämlich. 
den Förderer der deutschen Sprache an. Ich meine damit nicht 
etwa, dass uns auch der Entdecker der mittelalterlichen deutschen 
Dichtung nach Frankreich führt, nach Paris, dessen königliche 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 213 

Bibliothek einen berühmten Minnesängercodex barg, nach Strass- 
burg, wo Schöpflin und Elias Stöber, der „r^gent au coUfege de 
la ville de Strasbourg", wirkten, die dem Züricher bei der Aus- 
grabimg deutscher Sprachdenkmäler behülflich waren, — nein, dies 
sind ja rein äusserliche Momente. Ich möchte hier nur noch daran 
erinnern, dass Bodmer in der „Vorrede" seiner 1768 gemeinsam 
mit Breitinger verfassten deutschen Grammatik: „Die Grundsätze der 
deutschen Sprache" erklärt, dass er in dieser Sprachlehre den Grund- 
sätzen und der Methode „gefolget habe", die der Abb^ Girard 
(1677 — 1748) in seinen sprachlichen Abhandlungen angewandt. (Vrais 
principes de la langue fran9aise, 1747.) Im 11. Abschnitte dieses 
Büchleins weist Bodmer auch auf das Beispiel der Franzosen hin, die 
es verstanden, die Sprachschätze vergangener Zeiten zu verwerten. 

„Wie leicht, sagt er da, hätte man auch die itzige deutsche Sprache bereichern 
können, wenn man die Sprache der Minnesinger .... so gebraucht hätte, wie la Fontaine 
und andere von den anmuthigsten französischen Poeten, die ma rotische Sprache, nenilich 
diejenige, welche in den Zeiten Franciscus I. die Sprache des Hofes war, gebraucht haben ; 
wenn man in derselben artige Kleinigkeiten, zierliche, höHiche Scherze, mit angenehmer 
Einfalt, mit eben so unschuldigem, als schalkhaftem Witze ausdrückete*^ .... 

Wir gelangen nun zu Bodmer dem Kritiker und deut- 
schen Vermittler der französischen Litteratur. Bei 
der grossen Stoffesfülle müssen wir uns hier auf Wichtiges und 
Charakteristisches beschränken. Manches, was hierher gehört, ist 
bereits erwähnt worden, und umgekehrt ergänzt dieser Abschnitt 
vielfach den vorhergehenden. 

Hier gebührt B o i 1 c a u der Zeit und der Bedeutung nach der 
Vortritt. ^Von dem Mangel, den Deutschland an einem Boileau 
hat", ist das 5. Blatt der Discourse (II. Ausg.) betitelt, aus dem 



214 LOUIS \\ HETZ 

ich einige bemerkenswerte Stellen, in denen er die deutschen Dichte i 
mit der Rute der Boileauschen Poetik züchtigt, herausgreife: 

n Deutschland sieht sich noch allezeit des Mannes beraubet (,|Bezieht sich auf da« 
Jahr 1721'* bemerkt Bodmer in der IL Ausg.)* der seiner Poesie den IHenst thue, welche 
Krankrcich von Hoileau empfangen hat Die Franzosen rühmen von cUeseni, das« er di^^ 
Vernunft mit den Pfeilen der Satvre bewafnet, und dass er in einem Verse auf «nmahl die- 
Lehre und das Kxempcl vor Augen geleget habe. Wenn jemahls die Natur die deutsche- 
Poesie mit einem solchen ihr so sehr nothwendigen Kunstrichter versehen will, so wünsche 
ich nur, dass sie ihm mit den übrigen Gaben des Französischen Satyrici ein gütigeres Herts 
verleihen wolle.** .... 

.... „Man muss in der französischen und der deutschen Poesie gantz unerfahren 
sc VI), wenn man nicht gestehen wollte, dass unsere Poeten einer satyrischen Ruthe, wie 
Hoilcau eine gebraucht hat, weit mehr verdient haben, als die Französischen, auf welche 
er zugeschlagen hat. ITnserc Gedichte sind zweifelsfrey überhaupt ungeschickter, als die 
Franzosen zu der Zeit waren, da er seine ersten Satyren geschrieben hatte. Und je länger 
dieser erwünschte deutsche Boileau seine Ankunft verzögern wird, desto grössere Mühe 
wird er haben, dem Vcrdcrbniss Einhalt zu thun** .... 

^Wollen meine Landsleute in der Zeit, dass sich ein solcher unter ihnen formiert, der im 
Hestrafen ihren (reschniack verbessert, sich mit den Französischen Poeten bekannter machen, 
als bis jetzo geschehen ist, so würde dieses ohne Zweifel einen nflzlichen Einfluss auf ihre Ge- 
dichte haben, welche sich dann mit soviel empfindlicherem Vergnügen würden lesen lassen* .... 

Nachdem Bodmer das, was Boileau in seiner „Art po^tique* 
über die Eklopc, Elej^e und Ode lehrt, in holperige deutsche 
Alexandriner gekleidet, die also beginnen : 

„Wie eine Schciferin an Florens Hlumenfeste 

Sich nicht mit Seide deckt, mit Perlen nicht behängt. 

So lang ein Blumenthal ihr seine Kräntze leiht. 

So ist die Ekloge geziert, doch ohne Stoltz .... etc." 

fahrt er fort: 

„Man kann überhaupt anmerken wie Boileau in diesen Versen das Exemfiel mit der 
Lehre vereinigt habe, indem er von jeder dieser Gedichtsarten mit der Schreibart und den 
Bildern redet, die ihr eigentlich zukommen." 

Angelegentlich empfiehlt er den deutschen Dichtem die „schöne 
Unordnung", die Boileau für die Ode forderte. 



J. J. BODMER ITND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 215 

»Damit will Boileau anbefehlen, sagt er, dass man die Ordnung darin durch die 
iunst, sowohl als die Kunst selbst verberge. Das wird geschehen, wenn der Poet .... 
ur derjenigen Ordnung folget, welche ihren Grund in den Aufwallungen seines Hertzens 
nd dem Bande seiner Empfindungen und Neigungen haben. ** 

Die „schöne Unordnung**, führt er weiter aus, ist eben die 
)rdnung der Empfindungen. — Über den Satyriker Boileau urteih 
todmer (in den Neuen krit. Briefen p. 394) folgendermassen : 

«Boileau hat die beiden Römischen Satyriker glücklich in sich vereiniget, (nämlich 
oraz — „der das Leckerhafte in höherem Grade hat, als kein anderer'' und immer bey 
rr besten Laune ist — und Juvenal, „der seinen grössten Werth von seiner Wolredenheit 
id seiner Sittenlehre hat") — aber er hat zu viel vom Juvenalis in seiner sehr ernsthaften 
itjrre auf die Frauen, welche die munterste von allen sollte gewesen sein.** 

Was Bodmers kritische Betrachtungen über die dramatische 
> ich tun g Frankreichs anbetrifft, so vermag ich nicht so gering- 
::hätzig darüber zu urteilen, wie dies vielfach geschehen ist. Dass 
r weder Corneille noch Racine verstanden haben soll, ist ent- 
chieden zu viel gesagt. Bodmer hat Corneille, dessen Auffassung 
om Tragischen er nicht ganz teilte (im Gegensatz zu Gottsched), 
iberschätzt, und die Tragödien Racines nicht in ihrer wahren 
Jrösse erfasst; das wird wohl das gerechtere Urteil sein. So 
inreif Bodmers kritische Erörterungen über diesen so einflussreichen 
Zweig der französischen Litteratur auch sein mögen, so haben sie 
loch als Merkmal und Wertmesser der vorklassischen dramatischen 
Critik in Deutschland, als Gegenstück der einige Jahrzehnte später 
erschienenen hamburgischen Dramaturgie, die Bodmer noch als 
üstig schaffender Sechzigjähriger erlebte, eine nicht unwichtige 
lymptomatische Bedeutung. — In den Discoursen blieb die drama- 
ische Litteratur Frankreichs noch so gut wie unbeachtet. Da- 
gegen sollten die Kritischen Briefe (1746) „etwas ordentlicher und 
gründlicheres" von den Grundsätzen der Tragödien enthalten, „als 



216 LOUIS P. BETZ 

dasjenige was wir im Deutschen noch davon haben**. Veranlasst wurde 
fiU:sc kleine Dramaturgie, in der zum ersten Male vor Lessing in 
lJ<;utschland die grossen Fragen der Tragödiendichtung eingehende 
Erörterung fanden, durch den regen litterarischen Briefverkehr 
iJodincrs mit einem Bergameser Edelmanne, dem kunstsinnigen 
Giraten di Calepio. Auf Bodmers Anregung schrieb di Calepio 
die dramaturgische Studie ,,paragone della poesia tragica d'Italia 
rrjiHjuclIo die Francia**, in der, wie der Titel besagt, die französische 
iiiul italienische Tragödie verglichen und an Hand der aristotelischen 
Poetik beurteilt wird. Aus dieser Schrift nun, deren Drucklegung 
IJodmer 1732 besorgen half, giengen die ,, Kritischen Briefe** her- 
yor. Der erste derselben ist lediglich ein Auszug jenes Paragone. 
Der zweite Brief befasst sich mit der Kritik der Theorien Calepios. 
Da die litterarischen Beziehungen Bodmers und Calepios von der 
kundiiicn Feder des Herrn Dr. Donati eingehende Berücksichtigung 
finden werden, sehe ich hier sowohl von einer näheren Besprechung 
liicscr sich vornehmlich auf das Wesen der tragischen Effekte b^ 
ziehenden Meinungsverschiedenheiten ab, als auch von einer Unter- 
suchunir über den schon vier Jahre nach der Herausgabe des 
Paragone, 173<) erschienenen Briefwechsel Bodmers und Calepios 
über den (Jeschmack ^Briefwechsel von der Natur des Geschmackes). 
Aus diesen und aus andern Schriften geht hervor, dass Bodmer 
l'oini'illes I lelden^esialieii als unübertroffene Vorbilder typisch- 
IuiuIm lui l'harakterislik vorschwebten. 

„Silur Kui!Urt|;rj uDil KtMuor sind bossorc Karthager und Körner mls die geschicht- 
•»•'>•" NN II il.nnii M-u;lru'ht. was Titus l.i\ ins \on diesen Personen meldet, wird leicht 

n .tiiiiu liiiM II, \Mi i .HMciUr ilon !»i\toriso!u'n Charakter durch seine Kunst «uf das allgenaD 
W.ilui iitiiilirii, iiitii tu iMurn por(is\*l\-nit»ralischo:i \ orwandelt hat.*' 

I.i la-.^i si» li soirar einmal /u der Behauptung hinreissen, dass 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 217 

die französische Tragödie an Hoheit der Gesinnung und der 
Sprache selbst der griechischen überlegen sei. Derselbe Bodmer 
aber vertritt in der Vorrede zur „kritischen Dichtkunst" die An- 
sicht, es könne der Cid „vor der nachträglichen Prüfung der 
Kimstkenner nicht bestehen". Ein reiferes Urteil bekundet er in 
dem 31. der Neuen kritischen Briefe, wo Comeilles Horatier mit 
Recanatis Demodice verglichen wird. Er rügt dort an Comeilles 
Römertragödie, dass der letzte Aufzug ganz aus Klagen und Ant- 
worten bestehe; es sei der letzte Aufzug einer Tragödie „kein 
Ort flttr lange Reden oder Prozesse. Er verlanget vielmehr Werke 
imd Thaten, als Worte". Von Recanati aber sagt er: 

„Ich fürchte sehr, dass der grösste Ruhm, den er davon getragen, dieser sey, dass 
er mit Corneille hat streiten dürfen, und eine neue Tragödie über dieselbe Geschichte 
gemachet hat. Was er aus derselben eigenes hervorgebracht hat, reicht bey weitem nicht 
an Comeillens Erfindungen.'' 

Moli^re, den Bodmer mehrmals citiert und aus dessen „Ecole 
des femmes" er eine Szene für seine „scherzhaften Betrachtungen 
der Eifersucht" (Mahler der Sitten 53. Bl.) übersetzt, rühmt er 
nach, dass er Terenz an tiefer Kenntnis des menschlichen Herzens 
und trefflicher Zeichnung der Charaktere gleichkomme. Für die 
tiefe imd lebenswahre Komik, für den genialen Humor Moliferes 
hatte der Mann mit der nüchternen Verständigkeit und dem 
scharfen Witze keinen Sinn. Bodmer sieht in dem Lustspiel 
lediglich eine moralische Lektion. Es soll die Gebrechen des 
Menschen durch „Aufführung fremder Beispiele" an den Pranger 
stellen. Molifere ist ihm zu possenhaft; er bequemt sich allzu- 
oft dem niedrigen Geschmacke des Publikums an - meint das 
Zürcher Echo Boileaus. 

Dass Bodmer den derben Humor Rabelais und die Bedeutung 

28 



218 LOUIS P. BETZ 

des „ Gargan tua**, dieses ,, Manifestes einer neuen Weltanschauung", 
nicht verstand, darf uns nicht wundem. Im 18. Blatt der „Mahler 
der Sitten" citiert er die bekannten Worte, die der 70jährige ster- 
bende Humorist seinem treuen Gönner, dem Kardinal du Bellay 
durch einen Pagen ausrichten liess : .... je m'en vais chercher un 

grand Peut-Etre Tire le rideau ; la farce est joude" und fiigt 

hinzu: „diese Worte dienen uns statt eines Commentarii über seine 
Schriften". Damit ist der „curd von Meudon" für Bodmer abgethan. 
Unterhaltender als litterarisch lehrreich, aber bezeichnend filr 
Bodmers Geschmack ist eine Parallele zwischen „den beyden Eklogen 
der Herren von Fontenelle und Pope, in welcher jeder zweene 
Schäfer in die Wette von ihren Schönen singen lässt." (Neue krit. 
Briefe, 36.) Während uns die Wahl weh thut, weiss Bodmer, der 
„ziemliche Verschiedenheit zwischen beyden Stücken gefunden", 
beiden Dichtem Lob zu spenden: 

^Kontenellens Schäfer lassen uns in das Gemüthe ihrer Schäferinnen sehen; sie streiten, 
welche es der andern an Artigkeit, an Manieren bevorthue. Wir lernen au8 ihren Reden 
den ganzen Geschmack ihrer Schäferinnen und zugleich ihren eigenen auf eine beatiinnite 

Weise erkennen Es scheint, dass Popens Hirten nur um den Vorzug im Gesänge 

gestritten haben: die Fontenellens hingegen um den Vorzug ihrer Schönen stritten . . . .' etc. 

Über die tiefe Unnatur dieser galanten Schäferpoesie wusste 
der Landsmann Gessners nichts zu sagen! 

Bodmer erwähnt auch eine Reihe von französischen Schrift- 
stellern, die heute vergessen sind, deren Namen aber in seinen Tagen 
einen guten Klang hatten. Zu diesen gehört der 1712 in Tarascon 
geborene Hugenotte Eleazar Mauvillon, der sich in Deutschland 
mit Privatstunden und Übersetzungen durchschlug und in Braun- 
schweig starb. Wiederholt bezieht sich Bodmer auf die auch in 
einer deutschen Ausgabe erschienenen „lettres fran9aises et germa- 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 219 

niques" dieses Refügi^s. Diese „Briefe von der deutschen Sprache 
und den deutschen Poeten" — so lautet Bodmers boshafte Bemerkung 
im „Vorspiel" (p. 33) — wurden zum grossen Ärgernisse derer, die 
sich selbst nicht gerne kennen wollen, und reluctante Lingua ins Deut- 
sche übersetzt. In dem 32. Blatt der Mahler der Sitten, das sich gegen 
die Reim- und Verskünsteleien wendet, kommt Bodmer auf den einst 
in Frankreich berühmten, angeblichen Erfinder der sogenannten 
„bouts-rimez", Dulot zu reden, der um die Mitte des XVII. Jahr- 
hunderts lebte. Die geschmacklosen Versspielereien dieses Dichter- 
lings gehörten eine Zeitlang zu den litterarischen Modeartikeln der 
französischen Schöngeister. Dieser Mode machte Sarrasin mit seinem 
Gedichte in vier Gesängen „Dulot vaincu ou la defaite des bouts- 
rim^s", das sich eines grossen Erfolges erfreute, ein Ende. Indessen 
wurde diese Reimkunst der bouts-rim^s (Gedichte mit gegebenen 
Endreimen) — in der die gefeierte Dichterin Mme. Deshouli^res 
Meisterin war, auch noch gelegentlich im XVIII. Jahrhundert ge- 
pflegt, von Fontenelle, La Motte, Marmontel u. A. — Diesen Dulot 
nennt Bodmer einen — geistreichen Poeten ! „Die Franzosen waren 
zu einer gewissen Zeit in diese Scharfsinnigkeit recht vernarret, bis 
Sarrazin in einer poetischen Schlacht den Dulot überwunden und 
ihm alle seine Sonnette in albo zu Schanden gehauen. (Dulots „in 
albo" Sonnette sind uns nicht erhalten.) In Deutschland hat man 
sie bis dahin noch versäumt zu treiben." Bodmers ungenaue und 
dimkle Erklärung von Dulots Verskunststücken : „Wenn man diese 
bouts-rim^ vor Augen hat, so werden sie uns freywillig mit den 
mehreren Worten versehen, die man zur Ausfüllung des Sylben- 
masses nöthig hat" — war glücklicherweise nicht dazu angethan, 
in Deutschland Schule für Dulot zu machen. 



220 LOUIS P, BETZ 

Wir kommen nun zu dem Interessantesten und Neuesten, das 
Bodmer seinen Lesern über die französische Litteratur zu erzählen 
wusste, zu jenen Neuen krit. Briefen (X — XIV), in denen der 
Wiederentdecker der deutschen Minnesänger den Zusammenhang 
der deutschen und französischen Lyrik und Epik des 
Mittelalters untersucht. Dass er noch vielfach im Dimkeln 
tastet und manche schiefe Ansicht verficht, wird keinen wundem, 
der weiss, wie schlecht die damalige Forschung über die proven- 
zalische und altfranzösische Sprache und Litteratur unterrichtet war. 
Erst unser Jahrhundert, erst die junge Wissenschaft der romanischen 
Philologie, von dem Franzosen Raynouard angebahnt und von dem 
Deutschen F. Dietz begründet, räumte mit althergebrachten Irrtümern 
auf und schuf Klarheit. Auch die Schriften und Glossare des unermüd- 
lich fleissigen Sammlers La Cume de Sainte-Palaye (f 1781), der flir 
die später kommenden Forscher, für den Abb^ Millot, den Autor 
der ersten provenzalischen Litteraturgeschichte, und fiir Raynouard 
massenhaftes Material gesammelt, konnte Bodmer noch nicht be- 
nützen. Seine Kenntnisse über die provenzalische Litteratur schöpfte 
er einzig und allein aus Jean de Nostradamus' Sanmilung unglaub- 
würdiger Biographien: „Vie des plus c^lfebres et anciens poetes 
provenceaux qui ont floury du temps des comtes de Provence" 
(1575) und aus den Nachträgen, die Crescimbeni der italienischen 
Übersetzung dieses Werkes beifügte. Des Nostradamus (Bruder 
des bekannten „Zauberers") „Missverstand und luftige Einbildung'* 
finden wir daher auch in Bodmers „Neuen krit. Briefen" wieder. 
„Es war eine Sprache — die provenzalische ist gemeint — welche 
von dem Französischen, das in dem mitternächtlichen Frankreich 
geredet ward, ganz unterschieden war." Den Roman de la Rose 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 221 

könne man noch ziemlich verstehen, „hingegen braucht es eine 
eigene Bemühung, die provenzalischen Gedichte von eben derselben 
Zeit (!).... zu begreifen". Der Unterschied zwischen dem Deutsch 
der Minnesinger und dem „izt gewöhnlichen Hochdeutschen" sei nicht 
viel grösser, als die Ungleichheit zwischen der provenzalischen und 
der französischen Sprache im XIII. Jahrhundert. — Etwas sonderbar 
nehmen sich heute folgende Hypothesen Bodmers aus: 

»Woher die Provcnzalen ihre Poesie genommen haben, mögen andere untersuchen, 
ob der Graf Berlinger (d. h. Raimon B^ringuier, Graf v. Provence) sie aus Spanten mit sich 
in die Provenze gebracht habe, wenn er sie aus Spanien gebracht, woher und durch wen 
üe in Spanien gekommen sey, ob durch die Mauren aus Afrika (I); oder ob dieser Herr 
lie hey seiner Ankunft in der Provenze schon vor sich gefunden habe.'' 

Was er uns über den Zusammenhang des provenzalischen und 
deutschen Minneliedes zu sagen weiss, lässt sich schon eher hören. 
Sehr richtig sind die gemeinsamen, die internationalen Merkmale 
mittelalterlicher Lyrik angedeutet. 

^In dem genauen Umgange, den sie (die europäischen Nationen während der Kreuz- 
zfige) mit einander hatten, wurden die Vorzüge, die Gebräuche, die Künste eines Volkes 
geschwinder zu dem andern gebracht. Die Deutschen mussten, wo nicht in Italien, und 
der Provenze, doch in den ZQgen über Meer mit den provenzalischen Dichtern bekannt 

werden Die schwäbischen Dichter hatten (die Gewohnheit mit seiner Muse in dem 

Lande herumzuwandem) mit den Provenzalen gemein. Wie in der Provenz die Troubadours, 
die Jongleurs, und die Chanteurs sich zusammengesellcten, den fürstlichen und gräflichen 
Höfen nachzuziehen, also machten in Deutschland die Tichter, die Fideler, und die Singer 
eben dergleichen Gesellschaften." 

Im XIII. und XIV. Brief sucht nun Bodmer darzulegen, was 
die Dichter des schwäbischen Zeitalters der Provence denken. Am 
Schlüsse seiner Beweisführung sagt er dann, nachdem er verschiedene 
Dichtarten der Minnesinger und der Troubadours verglichen : 

»Da diese Dichtarten sich eben so und nicht änderst bey den Schwaben befinden, 
wie bej den Provenzalen, so muss man glauben, dass die Deutschen sie von diesen empfangen 
haben, oder man wolle es lieber umgekehrt sagen." 



222 LOUIS V. BETZ 

Eingehend behandelt Bodmer hier auch das provenzaltsche 
Epos, oder, wie er sich ausdrückt, „die Romane der Troubadors". 
Seine Quelle scheint hier die „lettre sur l'origine des romans" von 
dem Bischof und Litteraten P.-D. Huet (1630—1721) zu sein, die 
zuerst in Madame de Lafayettes Roman „Zalde** (16/8) erschien. 
Auch hier ist Bodmer schlecht berichtet. Fast alle bekannten franzö- 
sischen Epen, und die betreffenden deutschen Nachdichtungen, 
werden da mit mehr oder weniger Sicherheit auf provenzalische 
Urepen zurückgeführt: der Roman von der Tafelrunde, welcher 
der älteste sein soll, die Geschichte von Gamuret und seinem Sohne 
Percifal, das (Jedicht von Alexander dem Grossen, ebenso wie der 
Roman vc^n Lancillot vom See, „der unleugbar eines Provenzalcn 
ist, iiilmlich des Aniaut Daniel". Für Bodmer ist „welsch" gleich- 
bedeutend mit provenzalisch. So sagt er von dem Epos Wigalois 
von Wirnt von Gravenberg, es sei aus dem Provenzalischen ge- 
nommen, weil am Schlüsse desselben ausdrücklich stehe: 

Da si geschriben hat ein Man 
l>er ir im wol ze tichtenne gan 
Von der wdlsch in tusch Zungen. 

Im .\I\\ Brief endlich geht er näher auf die provenzalische 

Lyrik v'm. Im* macht uns mit einigen wirklichen Sängern der Pro- 

viMue bekannt, mit Ansolm Faidit, Arnaut Daniel, Folquett de Mar- 

sciIK\ und /war damit wahrgenommen werde, „dass in der schwä- 

bisv hon und drr proven/alischen Poesie eine wimderbare Gleichheil 

diM All :'u denken, sioh Dinge vorzustellen, und sie auszudrücken^ 

brNli'hi* 

i^Uiil»»' S,.ii;r iiii ilu' Mnr *loi \»o!iobicn. jrleiche Verschwiegenheit, gleiclie Höhe 
»U » St!\i^Nurht. ,;li I, lu- Si,iiulh;iHij;k«Mt in *'.or Aufwartung, gleiches Lob der Uebcf- 
:•» V, 'u\» .,1» 11 \\ ti \\,i,i,ii i»Uii\ tiiu' M^lohc };onauo l'ebereinstimmung in dem Elirfalle 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCrfE LITTERATUR 223 

und seiner Ausbildung beobachten, dass man sich kaum enthalten kann, den einen für eine 
Uebersetzung des andern zu halten.* 

Und nachdem er zwei Strophen des „Rudolf von Nüwenburg" 
denen Folquets de Marseille gegenüberstellt, schliesst er seinen Brief 
mit den Worten: „Können sie sich länger entschlagen zu glauben, 
dass der von Nüwenburg den Folquet vor Augen gehabt habe?" 
Es bleibe auch nicht unerwähnt, dass Bodmer mehrmals auf die „in 
allen Bibliotheken'* brach liegenden Handschriften provenzalischer 
und altfranzösischer Sprachdenkmäler aufmerksam macht. Ob dies 
schon vor ihm in Deutschland geschehen, ob man schon vor ihm 
so eindringlich auf den Zusammenhang der französischen und deut- 
schen Minnedichtung hingewiesen, weiss ich nicht zu sagen. Jeden- 
falls that es keiner, dessen Wort so weit drang und solche Be- 
deutung hatte, wie das Bodmers. Also dürfen wir in dem Zürcher 
auch auf dem Gebiete der romanischen Litteraturforschung einen 
spürkundigen Pfadfinder, einen Vorläufer der Herder, Schlegel und 
Diez sehen. 



Es erübrigt mir noch von Bodmers Beziehungen zu 
Gottsched, soweit diese geeignet sind, sein Verhältnis zur 
französischen Litteratur zu kennzeichnen, zu reden, und im An- 
schluss hieran von seiner Voltaire fehde, die uns schliesslich 
zu dem traditionellen Bodmer, dem Bekämpfer des franzö- 
sischen Einflusses in Deutschland, dem angeblichen An- 
tagonisten des französischen Geschmackes führen wird. 

Schlimm steht es um das Andenken Gottscheds im blauen 
Buche der litterarischen Überlieferungen. Schonungslos sind dort 
die Schwächen des einst so mächtigen Geschmacksrichters und 



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J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 225 

lübsche Prophetenspruch aus dem Jahre 1776' „Entweder muss 
n Deutschland eine notorische Barbarei entstehen, oder Wieland, 
Herder, Goethe fallen." Vergessen seine rechthaberischen und 
>edantischen Zänkereien — alles wegen einer befreienden That. 
üat er auch oft ungeschickt und geschmacklos für die dichterische 
Freiheit gekämpft — für den zwanglosen Flug des Genies — die 
?hantasie wusste dennoch dem Zürcher Kämpen für seine Dienste 
SU danken : sie schützte seinen Nachruhm vor jeglicher Lächer- 
ichkeit; sie warf einen Schleier über die kleinen Sünden und Ge- 
brechen des Kritikers, des Poeten und des Menschen. 

Gottsched schuldet der französischen Litteratur nicht mehr 
ind nicht weniger als Bodmer. In ihr gründen die Pfeiler des 
isthetischen Gedankenbaus des einen wie des andern. In vielen 
Fällen ist ihr Verhältnis zu derselben ein ähnliches. Wie Bodmer, 
jo schliesst sich auch Gottsched prinzipiell den französischen Vor- 
kämpfern der Alten an — denn beide waren Schüler Boileaus und 
^rerehrten das Alte als unantastbares, ewig gültiges dichterisches 
Gut, Beiden vermittelte die französische Klassizität das klassische 
A.ltertum. Wenn Gottsched in seiner Übersetzung der ars poetica 
jagt: „Was bei den Römern die Griechen waren, das sind für uns 
üe Franzosen", so sagt er uns nichts anderes als die Frauen- 
Bibliothek Bodmers. Da beide einer Übergangsperiode angehörten, 
äie bald zwischen alten Kunstidealen und neu erwachendem Kunst- 
^eschmack schwankte, bald versuchte, gegensätzliche Anschauungen 
zu versöhnen und dadurch auf allen Gebieten der Kunst Wider- 
sprüche gebar, so verwickelten auch sie sich in Widersprüche, und 
lies um so mehr, als sie beide kompilatorisch arbeiteten. Sie suchten 
;ich ihre Vorbilder im Frankreich des alten und neuen Geschmackes. 

29 



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J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 227 

niedrigen Niveau, und als sie aneinander gerieten, da fochten sie 
ihren Federkrieg nicht etwa mit eigenen Geisteswaffen aus, sondern 
zumeist mit den Ideen der französischen Theoretiker. Wenig ruhm- 
voll war der Streit fiir beide Teile und wenig gewann dabei die 
deutsche Litteratur, Die Schweizer hatten Gottscheds Kreise ge- 
stört ; er allein wollte die deutsche Dichtkunst, das deutsche Theater 
aus dem Sumpfe reissen. Die Erfolge der Zürcher verstimmten den 
ehrgeizigen Leipziger. Gottsched wurde anmassend, jene zahlten 
ihm mit Zinsen heim und drängten ihn gleichsam in die Verschanz- 
ungen seiner engsten kritischen Theorien zurück. Durch die Schweizer 
stets zu neuem Widerspruch gereizt, ergab er sich auf Gnade und 
Ungnade der klassisch-französischen Regeltyrannei. Dass die Phantasie 
durch den Verstand im Zaume gehalten werden müsse, war ja an 
und far sich keine unvernünftige Forderung; eine solche entstand 
erst, als der Begriff des Verstandes in bornierter Weise eingeschränkt 
wurde. 

Anstandslos soll zugegeben werden, dass Bodmer verständnis- 
voller als Gottsched über die französische Litteratur urteilte, dass 
seine Kenntnisse ausgedehnter und vielseitiger waren. Dagegen hat 
Gottsched dem deutschen Theater durch sein Vermittlungswerk 
unstreitig grössere Dienste geleistet. Beide aber haben sich in Bezug 
auf ihre Abhängigkeit von der französischen Litteratur nichts vor- 
zuwerfen. Bodmer dankt es seinem Miltonenthusiasmus, einigen 
aufgeklärten Franzosen, seinem gesunden Schweizersinn, dass er 
nicht wie Gottsched die äussersten Konsequenzen des französischen 
Klassizismus zog, von dem auch er ausgieng. Er hat zwar nichts 
vergessen, aber doch Neues gelernt. Gottsched hielt am Alten 
fest und blieb vom neuen Geiste unberührt. - Wie wenig tiefgehend 



2r»:Tiin XT TUT Äe ins KKzbsI 

A-ich iicr -vtritir: -nr nur Tnr Miroe 
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J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTER ATUR 229 

zm'schcn Original und Nachdichtung Hegt. „Die traurige Erfah- 
rung anderer Poeten hätte ihn lehren sollen, kein Original zu er- 
kiesen, das seine Übersetzung notwendig beschämen musste." Er 
hatte einen französischen Gottsched als Vorwurf wählen sollen. 
Und nun zählt Bodmer eine ganze Reihe französischer Tragödien- 
dichter zweiten und dritten Ranges auf, denen Gottsched allenfalls 
gewachsen gewesen wäre. Es sei ja kein Mangel an Iphigenien- 
Dramen; musste es denn gerade das Racine's sein! 

«Auch in diesem Falle hätte er seinen Zweck ohne den Racine erreichen können. 
Rotrou, Gaumin, Lpe-Clerc und Coras haben Iphigenien geschrieben, und die mir bekannte 
Fähigkeit des Herrn Professors erlaubet mir nicht zu zweifeln, dass er an Stärke und Zier- 
lichkeit dem ersten würde ähnlich geworden seyn und die andern drey rühmlich übertroffen 
haben.* 

Im XXrV. Kapitel seiner Kritischen Betrachtungen, das einer 
Parallele zwischen Corneille und Racine gewidmet ist, gönnt er 
seinem Opfer einige Ruhe. Hier schreibt er Longepierres „Parallele 
de Mr. Corneille et de Mr. Racine" aus. Diese Vergleichung ist 
seines Erachtens 

^unpartheyischer, als diejenige, welche Fontenelle angestellt hat .... Man findet, ohne 
grosse Mühe, dass Fontenelle, ein naher Verwandter des Corneille und heimlicher (»egner 
des Racine, als eines Freundes des ihm damals verhassten Boileau, ein grosses Thcil des 
Lobes, das Racine verdient, dem Corneille aufopfert.* 

Den SO nach Longepierre bearbeiteten „ausführlichen Charakter 
des Racine" beschliesst er mit dem 51. Sinn-Gedicht Boilcaus : 

Du Th^atre Franyois Thonneur et la merveille, 
II fit ressusciter Sophocle en ses Ecrits, 
Et dans Part d'enchanter les coeurs et los esprits, 
Surpasser Euripide et balanccr Corneille. 

Bodmer, der früher nur für Corneille Sinn hatte, ist jetzt ge- 
neigt, Racine höher zu stellen. Damals war eben Fontenelle sein 
Gewährsmann, jetzt ist es Longepierre. Das folgende Kapitel, das 



^ 



230 LOUIS P. BETZ 

uns eine Vergleichung der Iphigenia Racines mit der des Euriptde- -^ 
bringt, ist ebenso original wie das vorhergehende. — Euer hol t 

sich Bodmer Ideen und Citate in dem Th^ätre des Grecs des „be 

rühmten" Brumois und aus dem „Entretien sur les Trag^dies" -3 
„das man dem P. Villiers zuschreibet". - Dann muss GottscheSl 

wieder mit seiner Iphigenia herhalten und für den „wohlfeilen Bei 

fall" gewisser „gar9ons beaux-esprits" (ein Ausdruck La Bruyferes^ 
büssen. Die Kritik des fünften Aufzuges wird mit einer aus- 
gesucht boshaften Anekdote eröffnet, die Bodmer der „Histoire 
de l'Acad^mie fran9oise" des Abb^ Olivet entninmit. Womöglich 
noch schlimmer ergeht es dem unberufenen Übersetzer Racines in 
dem zweiten Schriftchen (desselben Bandes) : „Lob der angenehmen 
Nachlässigkeit und der glücklichen auffahrenden Hoheit in Herrn 
Gottscheds übersetzten Iphigenia." Hier ergiesst sich ein wahrer 
Platzregen von Spöttereien und Gehässigkeiten auf den Leipziger 
Professor. Bodmer, der in Bezug auf possierliche Metaphern 
recht achtungswerte Leistungen aufzuweisen hat, ist filr die ver- 
unglückten bildlichen Ausdrücke Gottscheds unerbittlich. Ob der 
Leipziger im dritten Pamphlete: „Durchgängige Critik über den 
W Aufzug der Iphigenia nach Hr. G.'s Übersetzung**, glimpflicher 
behandelt wird, wissen wir nicht zu sagen. Uns ist die Geduld, an die 
Bodmer zuweilen allzugrosse Anforderungen stellt, ausgegangen. — 
Und nun ist es die höchste Zeit, dass wir den Bodmer 
der a n t i f r a n z ö s i s c h e n Propaganda in Deutschland, kennen 
lernen, den Zürcher Gallophagen, der, wie die Litteratur- 
geschichtc berichtet, „in kritischen und polemischen Schriften 
dem herrschenden französischen Geschmack in Kunst und Poesie 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTER ATUR 231 

In dieser Eigenschaft tritt er uns in seiner Schrift „Kritische 
[landlung von dem Wunderbaren in der Poesie" (1740) ent- 
en. Sie soll Milton gegen die Angriffe Voltaires und Magnys 
teidigen. Aber auch gegen Gottsched (obgleich dieser nur im 
^ster genannt ist) und die Deutschen, die Milton nicht schätzen, 
l sie „ihre Neigung zu den philosophischen Wissenschaften 

zu den abgezogenen Wahrheiten so vernünftig und regel- 
it** gemacht, dass sie „zugleich matt und trocken" geworden. 
1 bekenne", schreibt Bodmer im März 1/40 einem Bekannten, 
SS ich mich an Herrn Voltaire, Gottsched u. a. ziemlich ver- 
digt habe." Voltaire konnten diese „Versündigungen" nichts 
aben; sie drangen nicht bis nach Frankreich — nicht einmal 
nach Potsdam. Desto wirkungsvoller war der Erfolg des Buches 
litterarischen Deutschland, desto sicherer traf dieser kritische Hieb 
5 Deutschen, die die poetische Dürre der französischen Aufklärungs- 
ratur auf germanischen Boden verpflanzten und dem ästhe- 
hen Empfinden der England stamm- und geistesverwandten Rasse, 
valt anthaten. Bodmer tritt für die von Voltaire missachteten 
:hte der Phantasie ein und kämpft gegen die nüchterne Vcr- 
idespoesie des nachklassischen Frankreich jedoch ohne sich 

i dem Banne hergebrachter Kunsttraditionen zu befreien, ohne 
ch einen genialen Wurf die litterarische Kritik in neue Bahnen 
lenken. — Die Grundidee seiner Gegenkritik hat er in folgenden 
)rten niedergelegt (pag. 12): 

„Die Französischen Critici haben sich vor allen Dingen an den Vorstellungen der 
:htbaren Wesen in dem Miltonisrhen Gedichte gestossen. Dieses weitläufige Reich von 
dersamem erweckte bey ihnen keine Neugier es zu verkundschaften; und sie wollten 
r diese gantze Welt wüst und inigebauet stehen lassen. Der berühmte Herr Voltaire 
it, der als ein Dichter-König (I) vor andern eine Begierde haben sollte, die (iräntzen 



232 LOUIS P. BETZ. 

der Poesie zu erweitem, stehet in diesen kleinmüthigen Gedanken, und wenn ihm GUuber» 
zuzustellen, so ist dieses die gemeine Meinung der Französischen Kunstrichter.* 

Als es aber galt, den ^«kleinmütigen Gedanken^^ des „Dichter- 
Königs^* mit selbständiger, geistesfreier und siegesgewisser Kritilc: 
entgegenzutreten, sich auf höhere Zinnen ästhetischer Anschauung* 
zu schwingen, da versagten die Kräfte und die Fähigkeiten des 
Zürchers. Er verstand es nicht« das, was er als das Richtige 
empfand, geistig zu beleben, beweiskräftig zu gestalten - - denn. 
mit grobkörniger Sprache, die mit Ausdrücken, wie „unverschämte 
Dreistigkeit*", „unverdaute Begriffe** um sich warf, mit pedantischer 
Splitterrichterei und moralischen und biblischen Argumenten, konnte 
er den „gewandten Fechterkunststücken'* \'oltaires nicht beikommen. 
Er verteidigte die gute Sache Miltons ebenso ungeschickt und weniger 
geistreich als sie von Voltaire angegriffen worden war; seine „Ab- 
handlung über das Wunderbare** ist ,,eine ungereimte Verteidigung 
gegen ungereimte Angriffe** und wer sie liest, kann sich des Ein- 
drucks nicht entschlagen, dass Bodmer, trotz aller Bewunderung 
für den genialen puritanischen Dichter, dessen wahre Grösse nicht 
völlig erkannte, bei seinem Bildungsgange nicht erkennen konnte. 
Denn dieser offenbart sich nirgends so deutlich und zugleich so 
ungcrufcn wie in diesem gegen den französischen Geschmack ge- 
richteten Buche. Eine ganze Anzahl von französischen Dichtem 
und Theoretikern ich nenne nur Fenelon, St. Evremond und 

de la Mr>tte müssen ihm im Kampfe gegen \'oltaire und Magny 

beistehen I 

Gegenüber dieser entschlossenen Htterarischen That, die trotz 
aller Mängel sowohl für die in Deutschland beginnende Reaktion 
gegen die französische (ieschmacksherrschaft, als auch für die 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR. 233 

rleichzeitige Annäherung an die stammverwandte englische Dicht- 
kunst, von nicht zu unterschätzender Bedeutung wurde, ist das, 
ras Bodmer sonst noch gegen französische Litteratur und Art 
"orzubringen wusste, nicht sehr wichtig. Dahin gehören seine im- 
aerhin bemerkenswerten AusföUe gegen den „Flitterzierat" und 
ie „Galanteriekünste", 

„mit deren Erfindung eine benachbarte Nation sich so witzig dünket, und welche 
idere Nationen, die mehr natürliches in ihrem Charakter haben, eben so verkehrt, als 
berflflsaig nachahmen .... Wir müssen die Natur aus den griechischen und römischen 
sribenten wieder lernen (aiso dock nickt bei dem Eugländernl) Sie müssen unsem Er- 
ichtungen, den Pfiansen eines allemanischen Bodens, eine Art imd Manier nach ihren 
tten und Denkensarten mittheilen ** (Pygmalion und Elise. 1749, pag. 9). 

Harmloser äusserte er sich im 52. der Neuen krit. Briefe über 
ie Galanterie der Franzosen: 

,Sie sind grosse Meister in dieser Kunst, ihre Verse und ihre Prosa überfliessen von 
lesen Artigkeiten. Andere Nationen machen sich nicht viel daraus .... Es gehört dazu 
ine sehr schlaue Art Witzes, der mit grosser Geschicklichkeit von den kleinsten Sachen 
jilmis nehmen kann, dem andern zu schmeicheln." 

Dagegen fiihrt er im 37. Brief derselben Sammlung die ent- 
chiedene Sprache des Milton Verteidigers. Seine Betrachtungen über 
die Verändenmgen, welche Gresset (der bekannte Autor des 
lomischen Epos vert-vert) in Virgils Eklogen gemacht hat", sind 
ine ebenso richtige wie scharfe Charakteristik der konventionellen 
\xt der Franzosen in der Wiedergabe und Nachahmung fremder 
/"orbüder. Da diese auch einige feine sprachpsychologische Be- 
nerkungen enthalten, gebe ich Bodmer, dem Kritiker, zum letzten 
ilale das Wort, überzeugt ihm hiermit einen ehrenvollen Abgang 
;esichert zu haben: 

„Gresset hat dem Poeten (Virgil) das Naturell und die Sitten der Franzosen mit- 
etheilet; Er hat ihm Ideen und Bilder genommen, welche für die Denkensart, und die 
egierende Mode der Franzosen anstössig schienen, und andere, die ihnen geläufiger waren, 

30 



2M UXTS P. BETZ 

-iaflr a=tencfiob€s. Dieses heistt -räch Snz. dexa Poctea Schnnhritcn mictlirileii. deren &1 
c^ejeri^en aeruxbecen. £e sZxxi Kr^^Jd^ warec. die laTrfnfirhe Art oad Manier des (^^ 
yr.a.< ZTi behalten .... EXe 5ra-rön«rhf Spracfse hat emea 4 1 ■ Iiim ihr eigenen SchiL.S.t 
^,w^A icrödes ^zr.d :nbte^iasies. eine Menge icLeLxer Rcdettsarten. and genUi er Wendung ^ 

T.r. wt'jzrjtr. ixe -richz ibweic&en darr IXe La.aemx9che Sprscfae hat ebenso irohl . ^ ., 

eir.e:! eigetarr-.igen Gang : also zsc kein Wender, dass <5e Ueberscaer in «fiesen bei^^ 

Scra.:hen nicht lange auf e^e=i gleiches Pfade mii dem Originale fortge h en können .... 
Aber der Herr Gressec scnrtrt mir zxx weit zc gehen, wenn er die alten Poeten auch ia 
der Manier cSe Sachen anzusehen ccd sich ▼omsteilcn. nach WnuMschen Sitten natiirafi- 
iier»n will .... \%1e einförmig, cnd rogieich ongeschmackt wörde die Geschichte der 
Mer. 4chen und der Nationen werden, wenn sie in der französischen Sprache und nach den 
Elegrifen des Gresset geschrieben werden soLIce ^ 



Noch sei mir gestattet, das, was ich auf der Suche nach Frank- 
reichs Anteil am Werke Bodmers gefunden, kurz zusammenzufassen. 
Ganz nach dem Geschmacke der Verfasser der .Mahler der SittcnS 
möchte ich mit einem der darstellenden Kunst entnommenen Gleichnis 
beginnen. Wie jedermann weiss, besteht ein chromolithographisches 
Bild, ein Farbendruck, aus mehreren übereinandergedruckten Farben- 
platten. Unter dem ganzen Bilde aber liegt, in verschiedenen Ab- 
tönungen natürlich, die Grundfarbe, der sogenannte Fleischton. Diese 
wird in dem fertigen Bilde durch andere, grellere Farben meist 
{:anz verdeckt und ist nur dem Auge des Fachmannes kenntlich; 
sie ist aber nichtsdestoweniger die Grundfarbe, die wichtigste Farbe 
des Ganzen, denn nur durch sie und durch die mit ihr skizzierten 
L'mrisse kommt das Bild zu stände, sie ist es, welche die andern 
P'arben harmonisch verbindet und zur Geltung bringt: die Grund- 
färbung, der Grund- und Urton des Litteraturbildes, 
das uns Bodmers Schriften darbieten, ist französi- 
sche Geschmacks- und Geistesbildung vereint mit 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 235 

der durch die französische Klassizität zum grossen 
Teil vermittelte und erneuerte Antike. 

Irrig, oder doch nur auf rein äussere Momente gegründet, ist 
die Behauptung, der man so oft begegnet, dass Bodmer von Eng- 
land und Frankreich zugleich ausgegangen sei. Englands Litteratur 
lernte er erst kennen und würdigen, als er im stände war, den eng- 
lischen Spectator zu lesen, als sich ihm die Schönheiten des „Paradise 
lost** offenbarten. Was ihn für die englische Litteratur begeisterte, 
das, was ihn zum deutschen Vermittler derselben machte, hatte der 
Übersetzer im französischen Spectator, der den Discoursen zu Grunde 
liegt, gestrichen. Unrichtig ist femer, wenn gesagt wurde, dass 
Bodmer das Verdienst zukomme, bei den Deutschen die englische 
Litteratur an Stelle der französischen zur Geltung gebracht zu 
haben. Er hat den englischen Einfluss nicht auf Kosten des franzö- 
sischen vermittelt, wohl aber mit Hülfe des letzteren. Milton und 
Addison machten dem Einwirken des französischen Schrifttums 
weder in den Werken Bodmers noch in der deutschen Litteratur 
ein Ende. Klopstock hatte seinen „Messias" noch nicht vollendet, 
als Wieland schon die „Drei Grazien" gedichtet — nachdem er 
zuvor Shakespeares Übersetzer geworden — um kaum 10 Jahre 
darauf, noch zu Bodmers Lebzeiten, das französischste aller deut- 
schen Epen, — den „Oberon" zu schreiben. Und beide waren Schüler 
und Freunde des Zürchers gewesen ; beide waren Kinder ein und der- 
selben Zeit — sie folgten nur verschiedenen litterarischen Strömungen. 
Als Verfasser und Herausgeber der „Discourse", die er dem 
Spectator Addisons nachbildete, ist Bodmer ein wirksamer Populari- 
sator des — französischen Geschmackes geworden. Aber auch in 
seinen spätem Schriften hat er der französischen Litteratur manchen 



236 LOUIS P. BETZ 

fruchtbaren Gedanken entlehnt, das Verständnis derselben in Deutsc "Ä- 
land verbreitet und vertieft, und dadurch der gesamten geistig^^Q 
Entwicklung seiner litterarischen Heimat wesentliche Dienste g"^- 
leistet. Denn dort lag die fade, inhalts- imd geschmacklose DicKn- 
tung an hochgradiger Anaemie darnieder. Frisches Blut that Nc^^t, 
neuer Nährstoff musste zugeführt werden. Joh. Scherr würc3e 
gesagt haben : der deutsche Litteraturboden musste gedüngt werde 
Bodmer, auch der Miltonschwärmer, hat nie aufgehört, fttr franzc 
sischen Geistes-Guano zu sorgen. — 

Bodmer ist nicht der Schöpfer der Ideen, die er der deutsch^^sn 
Litteratur zugefilhrt hat. Er war ein fleissiger und gelehrterer 
litterarischer Ableger fremder Gedanken, der sorgfältig „über d -ie 
laufenden Kunstforderungen Buch geführt". Einen solchen Manr — in 
brauchte jene Zeit. Dass sich Bodmer als originaler Reformatu mr 
des deutschen Geschmackes aufspielte, müssen wir der hohen Me^^^* 
nung, die er von seiner litterarischen Mission hatte, zu Gute Halter ^^ai« 
Der eitle Gottsched war bescheidener; er ist sich klar bewusL. ■ ^t, 
dass er in seiner „kritischen Dichtkunst" nichts Neues bietet. 

In Bodmers kritisch-litterarischer Polemik, in dem Streite n: — =3it 
Gottsched, in der im XVIII. Jahrhundert auflebenden deutsch^^icn 
Kritik, sehe ich mittelbare Folgeerscheinvmgen der „Querelle d es 
Anciens et des Modernes". Bodmer und Gottsched befehden sic=::^h 
mit dem in diesem Streite verwerteten kritischen Material d^— ^r 
Franzosen. Wie Gottsched so beugt sich auch Bodmer vor de :^d 
Regelkatechismus Boileaus und Fontenelles. Dem Zürcher ab ^r 
war die reifere französische Poesie eine schätzenswerte Freundix?, 
dem Leipziger eine knechtende Tyrannin. 

Dass die Bedeutung des französischen Einflusses auf Bodmer? 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 237 

chriften bisher übersehen oder unterschätzt wurde, dass der Autor 
er Discourse als Bekämpfer des französischen Geschmackes in 
ie Litteraturgeschichte eingegangen ist, dass man ihm nur .für das 
ankte, was er für die Vermittlung englischer Geisteskultur gethan, 
ies alles begreifen wir gleich, wenn wir uns vergegenwärtigen, 
ie selbstverständlich es damals war, Frankreich zu bewundern 
id nachzuahmen, wie sehr dagegen sein Eintreten für die eng- 
jche Dichtkunst neu, überraschend und Aufsehen erregend war. 
Sein Verhältnis zur ausländischen Litteratur überhaupt und 
ir französischen im Besondem, hat er selbst in einem hübschen 
id wahren Bilde gekennzeichnet, das ich in der kurzen Vorrede 
er „Neuen kritischen Briefe" finde, und mit dem ich von diesem 
lerkwürdigen und so einflussreichen Sammler internationaler Ideen 
:heiden will: „Der Verfasser — so bekennt er dort — will gerne 
Ir einen nüzlichen Kaufmann angesehen seyn, der zu den vor- 
ehmsten europäischen Nationen gereiset ist, und bey ihnen kost- 
are Waaren von Witz und Kunst gesammelt hat, welche er izt 
ach Hause bringt, und seinen Landsleuten überliefert, ihrem ein- 
eimischen Bedürfniss damit zu Hülfe zu kommen." — 




\ 



Anmerkungen. 



Vielfache Anregung und nützliche Winke verdanke ich noch folgenden Schriften: 
J. (\ Mörikofer: Die Schweiz. Litteratur des XVIIf. Jahrhunderts. Leipzig 1861. 
J. J. Honegger: Kritische Geschichte der französischen Kultureinflüsse in den letzten Jat^i^f- 

hunderten. Berlin 1875. 
K. B o r 1 n s k i : Die Poetik der Renaissance und die Anfange der litterarischen Kritik *^ 

Deutschland. Berlin 1886. 
Franz Servaes: I>ic Poetik Hodmers und Breitingers. Diss. Strassburg 1887- 
Friedr. Brait maier: (beschichte der Poetischen Theorie und Kritik von den Diskurs- -^^ 

der Maler bis auf Lessing. 1. Tbl. Frauenfeld 1888. 
J. Baechtold: (»eschichte der deutschen Litteratur in der Schweiz. Frauenfeld 1892. 
Hans Bodmer: Die (lesellschaft der Maler in Zürich und ihre Diskurse (1721 — 172^— ^^ 

Frauenfeld 1895. 

*) Lc Spcctateur ou Ic Socratc moderne, oü Ton voit un portrait naif des moeurs ^^ * 
ce siccle. Traduit de Tanglois. Amsterdam, D. Mortier, 1714, in 12*. — Autre ^ditic^^^"* 
Odem). Amsterdam. 171*> — 18, 3 vols. in 12^ — Autre Edition (idem). Paris, Papillon 17 ^^ 

bis 26. 6 vols. in 12». — 4' edition. Amsterdam, D. Mortier, 1722—30, 6 vols. in 12». — 

5« Edition. xVmsterdam, Wctstein & Smith, 1731—36. 5 vols. in 12 •. — 6« Edition. YbiC:^'* 
1744, 6 vols. in 12». 

Le Spectatcur ou lc Socrate moderne traduit de Tanglois. Nouvelle Mitio^^* 

corrigcc et augmentee d'uii nouvcau voIumc. Paris, Leloup. 1754, 8 vols. in d •. — Idei^'*- 
Paris. Mcrigot, 1754 — 1755, 9 vols. in 12». — Idem, Amsterdam et Leipzig, Arkst^e ^^ 
Mcrkus, 1754 — 55, 7 vols. in 12». 

^) Zahlreiche Cjallicismen sind ausgemerzt oder verdeutscht. Man vergleiche beispiel^' 
weise den XVII. Disc. III. Thl. I. Ausg. mit dem 48. Blatt der Mahler der Sitten. IL Ausg. ' 
(Bericht, den ein C<implinientierteufel in der höllischen Versammlung ableget), (1. Ausg.: Von 
den Orirnatzen der Complimentcn). I. Ausg.: Humaniteten absolviren — II. Ausg.: Humani- 
täten vollenden. I. Ausg.: dass sie Tvpcn nicht allein imitirten — 11. Ausg.: data .... nach- 



J. J. BODMER UND DIE FRANZÖSISCHE LITTERATUR 239 

tuneten. — Sätze Im Stile des folgenden : dass beste seye noch, dass die Haranguen, mit 
eichen man einander, plaget und genieret, nach eigenen Formularen gemacht werden, die 
:hier durchgehends gebraucht würden, und wo auch die Periodi marquiert wären, bey welchen 
an sich nach der Cadantz bfickete — sind in der II. Ausg. ganz weggelassen. — 1. Ausg. : 
iscourse — II. Ausg. : Vortrag. I. Ausg. : neue Charge — II. Ausg. : neues Amt I. Ausg. : 
cupation — II. Ausg. : Bedienung. — Schädliche Consekuentz — schädliche Folge etc. 

') Nämlich: Les Caract^res de Theophraste, traduits par la Bruyhre; Les oeuvres 
i Luden, trad. par d*Ablancourt; Traduction de TEncide par Segrais; La Pharsale 
i Breboeuf; Les com6dies de Terence, trad. par Mad. d'Acier; Les oeuvres d*Horace, 
ad« par Tarteron. 

^) Ob Fontenelles dramaturgische Theorien auf Bodmers Dramen eingewirkt haben, 
es XU untersuchen fehlte mir die Forscherlust und der Forschermut. Bei der sehr massigen 
edeutung der Bodmerschen Schauspieldichtung hat eine solche Untersuchung wenig Zweck. 
agegen würde es sich wohl der Mühe lohnen, einmal in gründlicher Weise dem so selt- 
jnen Einflüsse Fontenelles auf Bodmer und seine Zeitgenossen, d. h. auf die werdende 
putsche Litteratur nachzugehen. Es ist dies eines der vielen unbeschriebenen Blätter der 
Tgleichenden Litteraturgeschichte. Das Gleiche gilt von dem für die junge deutsche 
unstkritik so wichtigen Einwirken der Schriften des Abb6 Dubos. über das auch nach den 
chtigen Arbeiten von Braitmaier und Servaes noch sehr viel zu sagen wäre. 



J. J. BODMER 



UND DIE 



LIENISCHE LITTERATUR 



VON 



L. DONATI 




EINLEITUNG. 

der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts stimmen die 
deutsche und die italienische Kritik, trotz der verschieden- 
t artigen Entwicklung beider Litteraturen, in drei Bestreb- 
ingen überein: Bekämpfung des Schwulstes, Reform des Theaters, 
ALuflehnung gegen den französischen Pseudo-Klassizismus. In der 
Ausartung der Metapher zu einem Firlefanz und der Oper zu einem 
Schauer- und Spektakelstück, in den zügellosen Lizenzen der „Com- 
Tiedia dell' arte", welche die gebildete Klasse vom Theater ver- 
scheucht hatten, in den Schlüpfrigkeiten der herumziehenden deut- 
chen Komödianten liegen die Keime der Reaktion. Hier wie dort 
^nsste aus Unordnung Ordnung entstehen. 

Der Schwulst. Gegen den Schwulst (Marinismus) zog in 
talien die im Jahre 1/90 gegründete „Accademia degli Arcadi" 
Ut Erfolg zu Felde. Freilich verfielen dann die Arkadier in Albem- 
eiten, als sie, Eifer mit Genie verwechselnd, dem „cattivo gusto" 
-infachheit und Natürlichkeit entgegenstellen wollten. In Deutsch- 
ind wird der Marinismus durch die Gegner der zweiten schlesischen 
^ichterschule beseitigt, was nicht ganz ohne Anregung seitens der 
^alienischen Arkadier geschah. 

31* 



244 L. DONATI 

Das Theater. Als die feinem Sitten des franzOsisc 
Theaters beim gebildeten Publikum auch im Ausland Ankl 
fanden, schämten sich die Freunde der guten Litteratur sowoh 
Italien als auch in Deutschland über den Geschmack ihrer Lai 
leute ; sie waren über die Nahrung, womit die Schaulust des Vo 
gesättigt wurde, empört und schickten sich an, mit allen Krit 
dem verdorbenen Geschmacke entgegenzutreten. Wenn es erb 
ist, die angestrebte Reform mit den Namen ihrer Hauptverfec! 
zu bezeichnen, so nenne ich MafTei und Gottsched, die Ehepj 
Riccoboni und Neuber. 

Im Jahre 1/1 1 begab sich Luigi Riccoboni, als er mit se 
Frau Elena Balletti in Verona spielte, zu Scipione Mafiei, um 
bei ihm über die Wahl zur Aufführung geeigneter Stücke Rat! 
erholen. Die Folgen dieser Zusammenkunft waren die Wie 
aufführung älterer italienischer Tragödien und die Dichtung der ^ 
rope", welche, vom Herzog Rinaldo I. begünstigt, am 12. 
1713 in Modena eine begeisterte Aufnahme fand und in der 
schichte des italienischen Theaters eine neue Epoche eröfibete. 
ganz ähnlicher Weise waren wenige Jahre später in Leipzig 
in Deutschland überhaupt Gottsched und das Ehepaar Neuber thi 
Mit der Rückkehr zur altem italienischen Tragödie (Triss 
Sofonisba etc.) dachte man in Italien auch an eine Rückkehr 
griechischen Einfachheit, von der sich das französische The 
in den Augen der italienischen Kritiker so sehr entfernt hatte. 1 
aber griechische Einfachheit nicht so leicht zu erreichen ist 
dass Kritik und Dichtung zwei ganz verschiedene Dinge sind, 
weisen die längst begrabenen Versuche der italienischen Tragöd 
dichter aus jener Zeit. Gottscheds Cato und Maffeis Merope 




No. 42. Johann Georg Sulzcr. 
Nach dem 1771 von Anton Graff gemalten Oelhildc in der Stadtbihlinthck in Wintcrthur. 



246 L. DONATI 

danken ihre Entstehung einer ähnlichen reformatorischen Bewegung, 
und wenn sie auch jetzt nur noch historisches Interesse haben, so 
bedeuten sie doch für ihre Zeit eine Läuterung des herrschenden 
Geschmackes. 

Der Kampf gegen den französischen Pseudoklassizismus 
hatte sowohl in Italien als auch in Deutschland die gleiche Ursache: 
verletztes Nationalgefühl. Der berechtigte Stolz auf eine glänzende 
nationale Litteratur einerseits und die thatsächliche Entartimg der 
italienischen Litteratur, deren Auswüchse auch in Frankreich sich 
fühlbar machten, andererseits, verleitete die französische Kritik zu 
leichtfertigen, scherzhaften und ernsten Angriffen gegen die Litteratur 
der Schwesternation : Boilcau und Bouhours und nach ihnen weniger 
begabte Epigonen wussten an den italienischen Dichtem, hauptsäch- 
lich an Tasso, nur Mängel hervorzuheben. Der gleiche Bouhours, 
dann d'Argens und Mauvillon, erlaubten sich, den Deutschen den 
„bei esprit" und die „belle science dont la politesse fait la principale 
partie" abzusprechen; sie schreiben von dem „g^nie g^n^ralement 
peu vif des AUemands", sie behaupten, man könne keinen deutschen 
Dichter nennen, „qui ait tir^ de son propre fond un ouvrage de 
quelque rdputation". Italiener, Schweizer und Deutsche fanden den 
Moment für gekommen, sich als geistig mündig zu erklären.^) Gravina, 
Muratori, Orsi, Maffei, Fontanini, Riccoboni, Calepio u. a. treten in 
ihren Werken den Prätensionen der französischen „Beaux esprits" 
entgegen und freuen sich, in diesem Kampfe an der Seite deutscher 
Gelehrter zu stehen. Freilich bleibt man in Deutschland und in 
Italien vorderhand immer noch unter dem Einflüsse der franzö- 
sischen Litteratur, sogar in Sachen der Kritik; das nationale Be- 
wusstsein aber wird hier wie dort immer stärker. Wenige Jahre 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 247 

noch, und beide Litteraturen werden definitiv in die Bahn ihrer 
Traditionen zurückgeführt. 



BODMER IN ITALIEN. 

Nach einem längeren Aufenthalt in Genf reiste Bodmer im 
Sommer 1/18 über den Gotthard nach Lugano. Er war zwanzig 
Jahre alt. Die Herren von Orelli, seine Onkel, hatten dort eine 
Spinnerei; dort sollte er für den kaufmännischen Beruf Neigung 
bekommen, denn Pfarrer wollte er nicht werden. Die Neigung 
blieb bekanntlich aus. Über sein Schicksal klagt er dem Freunde 
Heinrich Meister in einem Briefe aus Lugano vom 20. October 
I7I8: „Salutem abs me petis, et salutem nusquam invenio quam 
tibi mittam. At tibi mitto, quas et ipse conjugio stabili mihi junxi : 
Patientiam et spem". Geduld und Hoffnung, ruft er aus. Vida, 
der elegante Dichter der Renaissance, scheint ihn schon jetzt über 
die Widerwärtigkeiten des Lebens zu trösten. Er entnimmt dem- 
selben eine Stelle, die er dem Freunde mitteilt, über die Strenge 
der Väter, die ihre Kinder, der natürlichen Neigung zum Trotz, 
„den süssen Studien" entreissen, um sie zur Betreibung eines gewinn- 
bringenden Berufes zu zwingen.^ Mehr als dem Handel scheint 
er sich dem Studium der italienischen Sprache und Litteratur zu 
widmen. In Bergamo hat er bei einem Trödler Vidas Werke ge- 
kauft; diese bilden vorläufig seine ganze Bibliothek. Von Lugano 
aus macht er von Zeit zu Zeit Abstecher in die benachbarten 
italienischen Städte, nach Mailand, nach Genua. In seinen Briefen 
beklagt er sich darüber, dass die Italicner wenig drucken lassen; 
das Lesen werde als Verrücktheit angesehen; er ärgert sich über 



248 L. DONATI 

die Leute, über ihren Aberglauben.*) Die Briefe aus dieser Zeit 
sind leider nicht zahlreich. Aus den aufbewahrten Handschriften 
Bodmers habe ich mich überzeugt, dass Füssli*), dem ich teilweise 
folgen muss, in seinem Lebensabriss des jimgen Zürchers das Wich- 
tigste ausgezogen hat. Meister hatte seinen Freimd gebeten, ihm 
über die Ambrosianische Bibliothek in Mailand zu berichten. 

„Touchant la bibliothöque Ambroisienne*^, schreibt Bodmer^), „je vous ai dit tout 
ce que j^ai scü. Elle porte le nom de Saint Ambroise. Je ne m^y suis pai arrdt^, ne 
voulant pas oter aux vers la iibert^ de la rogner. J*ai M plus charm^ des admirablet 
portraits qu'il y a des plus fameux peintres, d'Holbein, de Dürrer. O que grands mattreil* 

Und als Ausdruck seiner Bewunderung für die Malerei führt 
er die bekannte Stanze aus dem „Orlando furioso" an: 

„Leonardo, Andrea Mentegna. Gian Bellino, 
Duo Dossi, e quel ch' a par sculpe e colora, 
Michel, piü che mortale, Angel divino* etc.*) 

Er selbst versucht italienische Verse zu dichten und scheint 
sich mit italienischer Prosodic zu beschäftigen. 

„Je ne sais pas**, so schreibt er im gleichen Briefe an Meister, ,8i Totre hypocondrie 
agr^era, que je donnc une page enticre ä une certaine pauvret^. Au reste, si je n'ai pas 
^crit sagement, j'ai 6crit galamment comme Anacr^on. Je prens donc la libert6 de vou« 
d6dier les premices de mes vers italiens. IIs vous feront connaitre, que dans ces sortet de 
Poesie le pratique sert bien plus que la Theorie. Enfin si vous Tordonnez, je vous enverrai 
un avis de la Pogsie italienne, en tant qu'elle est diff6rente de Tallemande: 

Ancora ch* io son pallido e sottile, 

Non sono pur sprezzevole ed huom \ilel 

Ma io son ferito d* un crudel amore, 

Dove che quel mio cuor languisce e muore. 

Io moro 6 Diol e IMnhumana il vede 

E par pietä di lei non trova sede.** 

„Ich brauche meine Leser nicht erst aufmerksam zu machen'', 
schreibt Füssli über diese litterarischen Produkte Bodmers, „wie 
ein deutscher Schweitzer von zwanzig Jahren, noch eh er recht 



J, J, BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 249 

von Haus gieng, einen ziemlich guten französischen Brief, und 
nach einem dreymonatlichen Aufenthalt jenseit des Gotthards ein 
nicht unfeines welsches Sonnet (sie) schreiben konnte, " ^) Über die 
Vorzüge dieses Sonetts kann man verschiedener Meinung sein; 
soviel aber steht fest, dass neben dem Französischen der jimge 
Bodmer schon zu dieser Zeit das Italienische genugsam beherrschte, 
um die italienischen Klassiker in der Ursprache zu lesen und sie 
auch zu würdigen. Diese frühzeitige Gewandtheit in den zwei 
damals wichtigsten Sprachen und Litteraturen musste Bodmer später 
zu grossem Vorteil gereichen. Wenn er — mit Recht — be- 
hauptete, Hofmannswaldau sei ein Italiener, so betete er niemand 
nach: richtig fühlte er bei dem Schlesier das abgeschmackte Zeug 
der zeitgenössischen italienischen Poesie heraus. Zum Spass schrieb 
er Verse im arkadischen Geschmacke. 

Seine Bibliothek vergrösserte sich nach und nach. Tassos 

„Gerusalemme liberata" wird zu einem seiner Lieblings werke. Noch 

mehr als die Litteratur studierte Bodmer indessen die Menschen 

in ihren Sitten und Gebräuchen, und hiefür bot sich ihm unter 

italienischem Himmel ein reiches Material. ^ Quant aux Artisans, 

aux PaYsans", schreibt er an Meister®), „je vous rdplique que la 

Nature nous a appris des principes qui sont suffisans pour mettre 

les gens au chemin de la philosophie. J'ai parl^ k des gens ill^trds 

qui m*ont fait des discours de Doctcur. J'en ^tais surpris." Oft 

und in verschiedener Fassung kehrt in seinen Briefen an Meister 

der Gedanke wieder : die Menschen handeln nicht, wie sie denken ! 

„Je suis toujours de votre sentiment que la plupart des hommes 

n'agit pas selon ce qui (sie) lui dicte la conscicnce." Und in den 

„persönlichen Anekdoten" wird später erzählt, auf einer Reise nach 

32 



250 L. DONATI 

Genua habe er statt Menschen nur Paläste, statt Schiffe bloss die 
See gesehen. 

Ohne den Naturmenschen, den er suchte, gefunden zu haben, 
versehen mit einigen italienischen Schriftstellern und einer franzö- 
sischen Übersetzung des „Spectator", kehrte der Schweizer Diogenes 
nach der Mitte des Jahres 1719 in die Heimat zurück, um sich 
von nun an nicht mehr dem Handel, sondern ausschliesslich seinen 
geliebten Studien zu widmen. 

Mörikofer hat mit Recht Bodmer gegen diejenigen verteidigt, 
die, wie z. B. Wieland, ihm vorwarfen, er habe seine Zeit in Italien 
zur Lektüre frommer Ascetiker verwendet, anstatt sich mit den 
grossen Dichtem des Landes bekannt zu machen.®) Gewiss hat 
Bodmer seinen dortigen Aufenthalt auf die beste Weise ausgenutzt. 
In den zahlreichen Briefen, die er unmittelbar nach seiner Rück- 
kehr an seine Freunde richtet, finden wir eine Fülle kühner, refor- 
matorischer Gedanken, die auf eine umfassende Kenntnis des dama- 
ligen litterarischen Italiens schliessen lassen. Bei der Betrachtung 
und Bewunderung der italienischen und deutschen Kunstwerke in 
der Brera-Galerie zu Mailand, mögen zuerst die Gedanken in ihm 
aufgestiegen sein, die später in seinen kritischen Anschauungen eine 
so wichtige Rolle spielen sollten : die Poesie sei eine Nachahmung 
der Natur und zugleich eine redende Malerei; der Deutsche dürfe 
in Sachen der Kunst einen berechtigten Stolz haben, jedenfalls 
könne er leicht auf den Weg gebracht werden, seine latente Kraft 
mit Erfolg zu entfalten. Zur Zeit der italienischen Renaissance 
hatten auch Scaliger und Vida die Forderung der Natumachahmung 
von der zeitgenössischen Malerei auf die Poesie übertragen.^®) Von 
solchen Erwägungen ausgehend, schrieb der feinsinnige Danzel: 



J. J. BODMKR UND DIE ITALIENISCHE LITTER ATUR 251 

«Die Schweizer sind in Deutschland die ersten, welche die Poesie als eine Kunst 

betrachten : . . . . sie gehen yon einer Vergleichimg mit der Malerei aus. B o d m e r war 

eine Zeit lang in Italien gewesen und blieb dort innerlich immer heimisch, und in Italien 

hat bekanntlich im 16. und 17« Jahrhundert die Malerei ganz dieselbe Stelle im Leben ein- 

ir^nommen, welche bei andern Nationen die poetische Litteratur einnimmt. B o d m e r hatte 

<^8 Kunstleben in der Malerei begriffen — und dieses brachte ihn auf den Gedanken, es 

"Jüsse auch ein solches in der wahren Dichtung zu Grunde liegen. Daher der Titel der 

•raten Zeitschrift der Schweizer — Discurse der Mahlern. •* ") 

Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien will Bodmer den 
n Goüt** der Deutschen verbessern, er will, dass die Franzosen 
fc^esser über die Deutschen urteilen und nicht länger Ursache haben, 
iHnen den „bei esprit" abzusprechen, „sonderbar den Schweitzern 
^icht".^^ Mag auch Addisons Einfluss dabei im Spiele gewesen 
Sein, sicherlich hat die ablehnende Haltung der italienischen Kritik 
gegenüber französischer Anmassung in dem jungen Zürcher den 
Cjcdanken an eine deutsche nationale Kunst wenn nicht geweckt, 
So doch genährt und befestigt. Wir haben an einem andern Orte 
gesehen, wie die zwei sich regenden Litteraturen hierin einen ge- 
Yueinsamen Zug aufweisen. 

Im Jahre 1/21 und 22 erschienen die „Discourse der Mahlem", 
in denen Addisons Einfluss durchschlagend war. Die Natur des Stoffes 
Xässt neben dem englischen Vorbild eher auf Benutzung franzö- 
sischer Moralisten schliessen, als auf italienische Quellen. Dass in 
^er üblichen Bibliothek für Damen kein italienischer Autor auftritt, 
erklärt sich dadurch, dass es an guten Übersetzungen aus dem Italic- 
Tiischen fehlte, und dass auf genügende Kenntnis dieser Sprache 
bei einem grösseren Publikum nicht zu rechnen war. 

Seit der Herausgabe der „Neuen Zeitungen aus der gelehrten 
Welt" (1723) scheint auch Breitinger mit der italienischen Sprache 
und Litteratur vertraut zu sein. Das von Maffci und Zcno heraus- 



252 L. DONATI 

gegebene ^Giornale de'lctterati d'Italia", welches bekanntlich ein 
Gegenstück zum ^Journal de Trdvoux" war, und welches gegen 
leichtfertige Angriffe der französischen Zeitschrift Stellung nehmen 
sollte, ist in den Händen der Zürcher. 

BODMER UND GRAF CALEPIO. 

Ich übergehe hier die zwei Schriften Bodmers und Breitingers 
„Anklagung des verderbten Geschmackes" und „Über die Ein- 
bildungskraft", um speziell Bodmers Beziehungen zu einem italie- 
nischen Gelehrten zu beleuchten, der, wohl wegen der massenhaften 
Produktion der italienischen Kritik im XVIII, Jahrhundert, in seinem 
eigenen Vaterlande noch nicht die verdiente Würdigung gefimden 
hat. Gerade wegen des Einflusses, den er auf die spätere Ent- 
wicklung der poetischen Theorien der Zürcher ausübte, gehörte er 
bis jetzt mehr der deutschen als der italienischen Litteratur an. 
Ich meine Pietro de' conti di Calepio, gewöhnlich kurzweg Gral 
Calcpio genannt, geboren zu Bergamo i. J. 1693, als Spross eines 
vornehmen, jetzt männlicherseits erloschenen Geschlechts, gestorben 
daselbst 1762. Auf der zürcherischen Stadtbibliothek wird eine 
grössere Anzahl Briefe aufbewahrt, die der bergamaskische Graf 
an Bodmer schrieb; sie reichen mit Unterbrechungen von 1728 
bis 1761, also bis kurz vor Calepios Tode. Leider ist mir nicht 
gelungen, Bodmers Briefe an Calepio aufzutreiben. Die Biblioteca 
civica zu Bergamo, wohin sie mit dem Archiv des Grafen Calepio 
gelangt sein müssen, wurde gerade in diesem Sommer neu ein- 
gerichtet, was erfolgreiche Nachforschungen unmöglich machte. Ich 
muss mich daher mit der Besprechung der Briefe Calepios be- 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 253 

gnügen.^*) Sie erörtern die verschiedensten Gegenstände. Die zahl- 
reichsten sind rein theoretischen Fragen gewidmet: dem Wesen des 
poetischen Geschmackes, den Ursachen des ästhetischen Ergötzens, 
dem Trauerspiel und dem Theater überhaupt; einige handeln über 
antike Litteratur, über Ausgaben alter Klassiker, über Inschriften; 
andere liefern Beiträge zur Bibliographie italienischer Poetiken, oder 
befassen sich mit italienischer Metrik, sogar mit Orthographie, Von 
den neueren Klassikern werden besonders Dante und Milton erwähnt, 
hauptsächlich mit Bezug auf ihre Einführung der Engel in mensch- 
licher Gestalt. 

Da die zwei Korrespondenten sich persönlich nicht kannten, 
hat der Briefwechsel einen rein wissenschaftlichen Charakter. Bodmer 
lisst sich über Fragen unterrichten, die mit seinen kritischen Schriften 
in engem Zusammenhang stehen : er sucht Waffen für seinen Kampf 
um Milton, er teilt Calepio seine litterarischen Pläne mit, er will 
erfahren, wer über ähnliche Materien ex professo geschrieben habe ; 
von seiner Schrift über die Einbildungskraft übersetzt er einige 
Kapitel ins Französische und bittet den Freund um seine Meinung 
darüber. Viele Briefe enthalten nichts als Mitteilungen über neu 
erschienene Werke oder berichten über Büchersendungen, die meistens 
von Orellis Agenten in Bergamo besorgt werden. Selten ist von 
persönlichen Angelegenheiten die Rede, wie z. B. von Bodmers 
Vorhaben, eine Buchdruckerci einzurichten, vom Hinscheiden des 
Sohnes Bodmers, an dem Calepio lebhaften Anteil nimmt. Bodmer 
war ein Litterat von Beruf; Calepio verwaltete seine Güter, die 
Lfitteratur war für ihn eine blosse Liebhaberei. Um so erstaun- 
licher waren seine Sprach- und Litteraturkenntnissc. 

Wie Calepio daran gelegen ist, Bodmer über die zeitgenössische 



254 L. DONATI 

italienische Litteratur auf dem Laufenden zu erhalten, so bemüht 
sich Bodmer bei Calepio Interesse für die deutsche Litteratur zu 
wecken : er schickt ihm alles, was er an französischen und latei- 
nischen Übersetzungen deutscher Werke auftreiben kann, denn 
Calepio versteht kein Wort deutsch; er rät Bodmer, lateinisch oder 
französisch zu schreiben, um seinen Schriften eine grössere Ver- 
breitung zu verschaffen ! Calepio erhält die erste Kunde von dem 
Erscheinen von Klopstocks Messias. Nach Tschamers französischer 
Übersetzung der ersten drei Gesänge desselben überträgt er einen 
Teil des neuen Epos in italienische Verse; das Manuskript geht 
leider auf dem Wege nach Venedig, wo es in den „Novelle letterarie" 
gedruckt werden sollte, verloren.^*) Als Bodmer erfahren hat, 
dass der Abatc Quadrio eine Art allgemeiner Litteraturgeschichte 
herausgebe, muss Calepio sich bei demselben dafür verwenden, dass 
er das litterarischc Ereignis - nämlich Klopstocks neue Dichtimg — 
bekannt machet*) 

Viele von den Fragen, worüber sich Bodmer und Calepio 
unterhalten, haben für uns gar kein Interesse mehr ; für Bodmer aber 
war dieser Briefwechsel von nicht zu unterschätzender Bedeutung. 
Erstens war Bodmer, als der Meinungsaustausch begann, kaum 30 
Jahre alt, und zweitens vertrat Calepio, obschon durchaus arkadisch 
gesinnt, die gesunde Richtung der damaligen italienischen Kritik. 

In den Briefen Calepios ist auch von Breitinger oft die Rede. 
Letzterer schickte ihm eine (jedenfalls lateinisch verfasste) Schrift, 
die nachher, auf Wunsch des Verfassers, mit Randbemerkungen 
von Calepios Hand wieder nach Zürich wanderte. Einige franzö- 
sische Briefe Breitingers an Calepio sind auf der Biblioteca civica 
in Bergamo vorhanden. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 255 

In verschiedenen litterarischen Abhandlungen über diese Zeit 
Kest man von einem Grafen Conti, der mit Bodmer einen Brief- 
wechsel über die Natur des poetischen Geschmacks geführt habe. 
So bei Mörikofer, Danzel (Lessing), Braitmaier, Baechtold, Heinrich 
von Stein u. a, m. Der Leser wird schon bemerkt haben, dass 
die Unterschrift der Briefe „Pietro de' conti di Calepio" falsch 
übersetzt wurde. So lange bei der Behandlung der gleichen Sache 
auch die gleiche Person gemeint war, konnte die Namensfrage 
gleichgültig sein. Die Verwechslung gieng aber so weit, dass Heinrich 
von Stein ^•) die Führung des Briefwechsels mit Bodmer einem Zeit- 
genossen Calepios, dem Paduaner Antonio Conti (1677 — 1749, 
diesmal wirklich Conti!) zuschrieb. 

Wie aus dem ersten Brief Calepios an Bodmer (vom 17. No- 
vember 1728) zu ersehen ist, wurde die Bekanntschaft der zwei Ge- 
ehrten durch Kaspar von Muralt vermittelt, der mit Calepio bereits 
'*> Briefwechsel stand und ihn wahrscheinlich auch persönlich kannte. 
^is zu jener Zeit hatte Calepio nichts veröffentlicht, und voraussicht- 
lich waren es seine umfassenden Kenntnisse auf dem Gebiete der alten 
^^^>d neueren Litteratur gewesen, die Muralt zu ihm geführt hatten. Es 
'^"t auch nicht ausser acht zu lassen, dass die Beziehungen Zürichs mit 
^«rgamo immer lebhaft waren. Agenten der Zürcher Kolonie in Bcr- 
S'-^mo übermittelten den Zürchcrn Bücher und Briefe und brachten 
^^i^lche nach Bergamo zurück. Es ist in Calepios Briefen oft auch 
^^^e Rede von Verwandten Bodmers, die in geschäftlichen Ange- 
^^j^enheiten hin und her reisten. Kaspar von Muralt^') hatte den 
^^-^rafen Calepio gebeten, eine Abhandlun«:; über die Sitten der Italiener 
^Vi schreiben. Die „Lettrcs sur les Anglais et Ics Franc;' ais" seines 
^^erwandten L. B. von Muralt hatten ilm offenbar angeregt, ein 



256 L. DONATI 

umfassendes Werk über die Sitten verschiedener Völker Europas 
in Angriff zu nehmen. Der Plan Muralts wurde nicht ausgeführt. 
Calepio aber übersandte seinem Freunde Muralt das Manuskript 
„Carattere degli Italiani^, das schliesslich in Bodmers Hände kam 
und jetzt in der Zürcher Stadtbibliothek aufbewahrt wird,^ Auf 
der letzten Seite der Handschrift steht von Bodmers Hand: „Habe 
dieses Msc. an Herrn Seigneux nach Losanne gesandt, der es über- 
setzen und der „Bibliotheca Italiana" beydrucken liess''. In der 
That finden wir die 236 Oktavseiten umfassende Arbeit Calepips, 
auf mehrere Bände verteilt, in der „Bibliothfeque italique"'*) abge- 
druckt.^) Der Übersetzer sagt in der Einleitung zu diesen Briefen: 
„Cet ouvrage n'auroit besoin d'aucime autre recommandation que 
le nom de son auteur, s'il nous eüt permis de le mettre k la tete," 
Über die Aufrichtigkeit und den Freimut, sowie über die ruhige 
Objektivität des Verfassers hat der Übersetzer nur Worte des Lobes. 

^Si le Gentilhomme Suisse''**), bemerkt er, ^a de Tavantage aur Tltalien par le 
brillant de son style et la force de ses r^flexions, ce demier Ta peut>£tre par la difficulti 
de son entreprise. L'un a peint des nations qui se montrent en 8*abandonnant assez k leur 
naturel. L^autre a eu peut-^tre plus besoin d'une plus grande p6n6tration pour d6m^ler des 
caracteres qui se montrent moins." 

Der Übersetzer begleitete die Abhandlung mit einem reich- 
haltigen Commentar über die citierten Dichter und ihre Werke. 

nj'ai cru**, schliesst er, „qu^il ^toit utile de savoir ce que les Savants de cette parüe 
de TEurope ont fait, soit pour les consulter au besoin, lorsqu'on a les mdmes vües, soit 
pour tourner ses vües ailleurs, lorsqu^elles se trouvent di}k remplie».'* . 

Eine bessere Verbreitung als durch die „Bibliothfeque italique^ 
hätte Calepios Arbeit nicht finden können.^) Überhaupt ist diese 
Zeitschrift als Vermittlerin italienischen Geistes von nicht geringer 
Bedeutung gewesen. 

Der uns zugemessene Raum gestattet eine nähere, sachliche 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 257 

Würdigung des Aufsatzes nicht. Nur eines sei hervorgehoben. 
Schon der Titel „Carattere degli Italiani" deutet auf die Absicht, 
nicht bloss eine historische Darstellung der Litteratur, sondern eine 
Art psychologischer Studie über ihre Eigentümlichkeiten zu bieten. 
So spricht Calepio ziemlich ausführlich von dem Einflüsse des Klimas 
und überhaupt von dem, was man später „Theorie du milieu" nannte. 
Wie aus der Einleitung zu der Schrift über die Einbildungs- 
kraft hervorgeht, hatten die Schweizer einen umfassenden Plan 
zu einer vollständigen ästhetischen Systematik ausgearbeitet, zu 
emer Poetik, die auf allgemein gültige Prinzipien gegründet wäre. 
Sie sollte handeln: von der Einbildungskraft, von dem Witz als 
von einer besonderen Kraft des Gemütes, von der Kraft zu dichten, 
von den Dichtungsarten, von dem höchsten Grade der Vollkommen- 
heit in der Wohlredenheit. Dieser Plan, der schliesslich nur teil- 
weise ausgeführt wurde^), wird von Bodmer Calepio zur Begut- 
achtung vorgelegt, • mit der Bitte, ihm über die einschlägige italie- 
nische Litteratur Nachricht zu geben. Calepio billigt das Programm 
und gratuliert zu dem kühnen Vorhaben^*); niemand habe in Italien 
über diesen Gegenstand ex professo gehandelt, die Methode sei 
durchaus neu, das Werk verspreche vieles zur Förderung der 
schönen Wissenschaften beizutragen. 

Im zweiten Brief^) fängt Calepio an über das Wort Geschmack 
zu sprechen und orientiert hernach über die vorhandene Litteratur. 
Die Briefe Calepios über diesen Gegenstand bilden mit den be- 
treffenden Antworten Bodmers den Inhalt des von letzterem im Jahre 
1736 herausgegebenen „Briefwechsels über die Natur des poetischen 
Geschmackes". Gleichzeitig mit den Briefen über das Wesen des 
Geschmackes verfasste Calepio einen „Paragone della Poesia tragica 

33 



258 L. DONATI 

d'Italia con quello di Francia". Ich verfahre hier chronologisch 
und behandle zuerst diese Schrift, die als gedrucktes Buch dem 
Briefwechsel um 4 Jahre vorausgieng. 

CALEPIOS PARAGONE 

Von Bodmer angeregt, beabsichtigte Calepio das französische 
und italienische Trauerspiel einer Vergleichung zu unterziehen und 
an beide den Massstab der aristotelischen Poetik und griechischer 
Dramatik anzulegen.^') Am 9. April 1731 schickte er das fertige 
Manuskript seinem Freunde nach Zürich, der die Schwierigkeiten 
der Drucklegung beseitigte. Am 26. Mai 1732 war das Buch fertig 
gedruckt in Calepios Händen. 

„II piccolo dono ch' io vi feci — so schreibt dieser an Bodmer — mi viene da voi 
reso di hello stampo, e delle vostre lodi talmente ornato, ch* io duhito assai (convertendo 
ad altro uso Timpressa del Frontispicio) che la gualdrappa sia piü pregievole del cavallo. 
Comunque egli sia io non dehbovi avere poca obligazione deir onorevole spaccio che gli 
procurate, ed animato daVostri presagi ardisco di sperargli una fortuna, per cui nato non 
Io credeva." 

Bodmer stellte den Verfasser, der sich nicht nennen wollte, in 
einer lateinischen Einleitung dem Leser vor. 

Als Calepio diese Schrift verfasste, hatte die italienische Kritik 
der französischen gegenüber bereits Stellung genommen. Was die 
Auffassung der Tragödie anbelangt, so hatte S. Maffei in seinen 
„Osservazioni sopra la Rodoguna, tragedia francese" schon im Jahre 
1700, bei Anlass einer italienischen Aufführung derselben, einen 
kräftigen Angriff gegen Corneille und das französische Theater 
unternommen. Mit grösserer Sicherheit und Bestimmtheit trat er 
nach dem glänzenden Erfolge seiner Merope im Jahre 1723 in 
seinem „Discorso intorno al teatro italiano" gegen die französische 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 259 

Theorie auf. An die Aussetzungen Maffeis knüpfte nun Calepio 
an") und verfasste, der Strömung der italienischen Kritik folgend, 
eine Schrift, die, obschon mit philosophischer Ruhe geschrieben, vor 
dem Erscheinen der Hamburgischen Dramaturgie als der wichtigste 
Beitrag zur Auflehnung gegen den französischen Pseudoklassizismus 
zu betrachten ist. 

Der ^Paragone" ist besonders gegen die ^ Discours" Corneilles 
gerichtet. Dieser hatte sich in der schwierigen Lage befunden, 
seine Schöpfungen, die einmal den Beifall des Publikums gefunden 
hatten, mit den Prinzipien der aristotelischen Poetik in Einklang 
zu bringen, und da er mit den guten Argumenten bald zu Ende 
war, hatte er sich bemüht, „quelque moddration k la rigueur de 
ces rfegles du Philosophe" ausfindig zu machen. 

Calepios Definition der Tragödie ist nicht wesentlich von der- 
jenigen Corneilles verschieden; doch beeilt er sich, die Erregung 
beider Leidenschaften zu betonen, während der französische Dra- 
matiker sich mit der „compassion" oder mit der „terreur" allein 
zufrieden gab. Nach Calepio hat Corneille und mit ihm andere 
Franzosen keine echten tragischen Helden geschaffen. Ihre Helden 
eignen sich vielmehr für ein Epos, indem sie nur Furcht oder 
nur Mitleid oder endlich keines von beiden und dafür bloss 
Bewunderung erwecken. Bewunderung aber vermag so wenig 
als moralische Tendenz die echte tragische Wirkung, Schrecken 
und Mitleid, hervorzubringen. Calepio giebt zu, dass die Erkennungs- 
szenen kein wesentlicher Teil der Tragödie sind, aber in geschickter 
Hand vermögen sie die Pei'ipetie ergreifender zu gestalten. Die 
Fanzosen lieben dieselben nicht und haben daher den Fehler der 
älteren Italiener, ermüdende Einförmigkeit, vermieden. Das tragische 



260 



L. DONATI 



Leiden des Helden erfährt in französischen Stücken oft eine Ab- 
schwächung durch die Einführung mitleidender Nebenpersonen. Dann 
schädigt das geteilte Interesse die Wirkung des Ganzen. — Die 
Erörterungen Calepios über das Mass und die Art der zulässigen 

Episoden in einer kunst- 
gerechten Tragödie zeugen 
für seine kritische Schärfe. Er 
verurteilt die müssig herbei- 
gezogenen Vertrauten- und 
Liebesszenen nicht bloss, weil 
sie die Einheit der Handlung 
stören, sondern auch weil sie 
den stürmischen Lauf der 
IQ^ J| Ereignisse, die unauflialtsam 
*^^ zur Peripetie hintreiben sollen, 
verlangsamen, ohne ihr Ein- 
treten zwingender oder nur 
packender zu gestalten. Auch 
in der Behandlung der Epi- 
soden verfährt eben die Tra- 
gödie ganz anders als das 
Epos. Während einerseits 
der Epiker durch eine breite 
Fülle von Einzelheiten an- 
genehm unterhält, sofern 
nur die Einheit der Handlung gewahrt bleibt, muss andererseits 
der Tragiker sich auf diejenigen Episoden beschränken, welche 
das Eintreffen der Peripetie beschleunigen und dazu Schrecken 




Nr. 43. CJraf Pietro di Calepio. 

Nach einem Kupferstiche aus der zweiten Auflag^c des 
I*arag:one (1770). 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTER ATUR 261 

und Mitleid wuchtiger gestalten. — Der erste Satz des Kap. XV 
der Poetik des Aristoteles erklärt: „Das erste und wichtigste ist, 
dass der Charakter gut sei." Calepio fasst diese verlangte „Güte 
des Charakters" nicht wie die französische Schule auf als „tugend- 
haften Charakter" überhaupt. Mit einer Stelle aus der Moral des 
Aristoteles zeigt er in Bezug auf die VoUkonunenheit des Helden, 
dass dem „abito vizioso" (oder „malvagitk abituale") die „colpa 
accidentale", nicht aber ein „innocente errore" entgegensteht, (janz 
schuldlos darf der Held nicht sein : Cid und Oedipus sind nicht, 
wie Corneille behauptet, ohne Schuld, wäre diese auch nur eine 
jiColpa accidentale". — Von den übrigen aristotelischen Forder- 
ungen an eine gute Zeichnung des Charakters, dass er konsequent 
dem Geschlecht, Alter und Rang der Person angemessen sei und 
oei Helden aus Geschichte und Sage der Überlieferung entspreche, 
'nissachten die Franzosen namentlich die letztere: sie verletzen oft 
^ie historische Treue. Die Kunst aber, Charaktere überhaupt gut 
^U zeichnen, ist den Franzosen in viel höherem Masse eigen als 
^en Italienern und selbst den Griechen, denen ja schon Aristoteles 
Stücke ohne Charakterzeichnung vorwirft. 

Neben den bisher angeführten Aufstellungen Calepios, welche 
eine Interpretation der Hauptpunkte von Aristoteles Poetik dar- 
stellen, erscheinen die übrigen Ausführungen des „Paragone" über 
die Technik, Metrik und den Stil als weniger wichtig. Er konstatiert 
in dieser Beziehung einen lobenswerten Fortschritt der Franzosen, 
Während er die Italiener — etwa Maffei ausgenommen - - allzu 
sklavische Nachahmer der Alten nennt. 

In Lessings Urteilen über die Bewunderung im Trauerspiel, 
die moralische Wirkung desselben, über den Helden Cato, darüber. 



262 L. DONATI 

ob die Erregung von Mitleid und Furcht getrennt oder gleichzeitig 
und durch eine Person geschehen solle, in seiner Interpretation des 
aristotelischen Kapitels über den Charakter, in den Einwänden gegen 
die Discours Corneilles, in dem Tadel über die Episodenhäufung, 
in der Darlegung mancher Fehler an der Figur der Cleopatra in 
der Rodogune, in den Ansichten über Peripetie, Wiedererkennung 
und tragisches Leiden, in all diesen Dingen besteht nicht nur Überein- 
stimmung mit Calepio dem Inhalte nach, sondern gar oft sind die 
Beispiele gleich gewählt.^®) Ueber das Verhältnis der beiden Männer 
spricht sich Prof. Walzel zusammenfassend folgendermassen aus: 

^ Hamburgische Dramaturgie und Paragone spielen beide die aristotelische Poetik 
gegen das französische Drama aus, speziell gegen Corneille und seine Discourse. Für 
Lessing wie für Calepio ist Aristoteles Canon. Man hat mit Recht behauptet, Lessing 
habe in der Poetik des Aristoteles erst die wesentlichen Gesetze der dramaturgischen Kunst 
entdeckt, die man vor ihm in Deutschland nur entstellt und entkräftet durch die willkGr- 
liehen Erklärungen und Einschränkungen der Franzosen gekannt habe. Wenn diese An- 
nahme richtig ist, dann darf auch der Mann nicht vergessen werden, der vor Lessing auf 
eine richtige Anwendung der aristotelischen Sätze gedrungen und mit einer der Lessing^hen 
Interpretation nahestehenden Auffassung die französischen Unterstellungen nachzuweisen 
versucht hat. Nicht dass auch andere, wie Dacier oder Du Bos, sich haben entgehen 
lassen, wie Corneilles Behauptungen zu Aristoteles stimmen I Allein keiner ausser Calepio 
hat mit gleicher Energie wie Lessing Satz für Satz die französische Theorie vermittelst der 
aristotelischen Poetik über den Hauten geworfen. '**<^) 

„Sub finem 1732" schreibt Bodmer an Gottsched:") 

„Ew. Hoch Edl. können die Opern nicht besser wiederlegen, als mit Trauer-Spielen 
von der vollkommenen Art. Was ich eine vollkommene Tragödie heisse, können Sie aus 
dem Paragone deUa Poesia Tragica wahrgenommen haben, denn der Verfasser 
dieser Critik hat mich zu einem Proselyten von seiner Lehre gemacht, statt dass ich 
von dem Exempcl des Corneille und anderer verführt, zuvor gantz andere Gedanken von 
dieser Art (redichte gehabt hatte. Als ich ihm einst Addisons Cato als ein Muster der 
vollkoninicnen Tragödie angepriesen, gab er mir Folgendes zur Antwort: lo non saprei 
affermare che il Catone dell' Addison sortisca pienamente il suo effetto, o riguardisi il 
tcrrore o la pietä; il primo e inutile perche patisce un innocente e rispetto alla seconda 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 263 

quinto il merito della persona e la gravezza della calamita vagliano a muoverla, tanto la 
reprime 1* intrepidezza del suo animo : avegnach^ non desti perf ettamente Taltrui dolore, 
Chi non lo mostra. Nondimeno sMo paragono il lavoro deir Addison al lavoro di M. De- 
champs trovo appresso 1' Inglese maggiore arüfizio nel rendere compassionevole la calamita 
di A grande uomo che appreaso il Francese, perciocch^ quegli nel dar maggior luogo al- 
resercido della sua costanza lascia apparir meglio il peso della calamita. Ein Grundsatz 
mdnea vornehmen Freundes ist , dass das Trauerspiel poema popolare und vor die 
Bürgerschaft gewidmet sey, zumahlen die Zuhörer aus allerley Leuten bestehen." 

Dieses längere Citat war ganz dazu geeignet, bei Gottsched 
einen verstimmenden Eindruck hervorzubringen, was vermutlich 
nicht ohne Bodmers bestimmte Absicht geschah. Aus welchem 
Grunde hätte er sonst aus dem ganzen Paragone gerade die eine, 
nicht einmal besonders wichtige Stelle über den „Helden" Cato dem 
Leipziger Dictator vorhalten können ? Hier wird jede Catotragödic, 
also auch Gottscheds Lieblingswerk, am wunden Punkt getroffen. 
Calepio hatte Bodmer belehrt. Es ist wohl keine Frage: Bodmer 
kannte schon den neuen Cato und hatte ihn im Stillen verurteilt. 
Er konnte aber nicht gerade heraussagen: Du hast ein verfehltes 
Stück geschrieben! Mit einer gewissen Ostentation wiederholt 
Bodmer sechs Jahre später in einem Briefe an Gottsched den 
gleichen Gedanken^): 

„Von Ihnen können wir die Einführung der Teutschen Tragödie hoffen. Haben wir 

einmal (üese, so wird die Oper von sich selbst fallen Bei dieser Gelegenheit kann 

Ich mich nicht enthalten, Ihnen zu sagen, dass nach meinem Urteile die Trauerspiele, welche 
nach den Grundsätzen des Paragone della poesia tragica verfasset sind, einen weit schnelleren 
imd gewissem Eindruck auf die Zuseher thun werden, als solche, welche nach dem Muster 
des Corneille eingerichtet sind. Jedermann aus dem vornehmen und schlechten Pöbel ist 
fähig durch den Schrecken und das Mitleiden in heftige Bewegunj^en gesetzet zu werden ; 
hingegen braucht es schon hohen Verstand und Grossmuth dazu, die erhabenen und oft 
mehr als menschlich tönenden (?) Entschlüsse und Gedanken von Nicomedes, Antiochus u. 
a. nur zu begreiffen.'' 

Und gleich nachher ergeht sich Bodmer in einer Besprechung 



264 L. DONATI 

des damals gepriesenen Trauerspiels „UUsse il giovane" von Ltazza- 
rini, welches er später selbst ins Deutsche übertrug. Vom „Cato" 
ist wiederum nicht die Rede. Am 3. Januar 1734 schreibt Gottsched 

an Bodmer^): 

^Die italienische Critik des franzosischen Theaters Paragone etc. . . . hat auch [neben 
anderen Werken, die erwähnt werden] einen Übersetzer gefunden, der meinen Anfang, den 
ich dazu gemacht, fortsetzen wird.** 

Diese Übersetzung kam jedoch nicht zu Stande; sie wurde 
wenigstens nie gedruckt. Es konnte nicht im Interesse Gottscheds 
und seiner Theorien liegen, dem Paragone eine grössere Verbreitung 
zu sichern. Die Herausgabe dieser italienischen Schrift, deren 
Lehren Bodmer zu den seinigen machte, verschärfte die zwischen 
ihm und Gottsched vorhandenen Gegensätze. Von Gottsched wurde 
der Paragone, so viel ich weiss, nirgends besprochen. Doch mit 
Stillschweigen durfte er ihn nicht übergehen. In dem Vorworte 
zur ^weiten Auflage seiner Dichtkunst (1737) wird Calepios Schrift 
unter den neueren Quellen angeführt. Vergebens aber sucht man 
im Abschnitte über das Trauerspiel Gedanken, die an den Paragone 
erinnerten. Ein einziges Mal beruft sich Gottsched auf diese Schrift 
in der V^erteidigung der niedrigen Sprache seiner Phamaces \md 
Portius im „Cato".'*^^) Er meint irrtümlich, Calepio vertrete die An- 
sicht, das Trauerspiel, als poema popolare, lasse eine niedrige 
Schreibart zu. „Auf die (sie) Paragone — ruft ihm Pyra zu — darf 
er sich nicht bezichen. Der grosse Verfasser verlangt nichts weniger 
als die pöbelhafte Schreibart; sondern macht den feinsten Unter- 
schied unter dem poetischen der Trauerspiele und der übrigen 
Gedichte. '^'^') 

Durch die Förderung der besprochenen Schrift erwarb sich 
B(jdmcr ein wirkliches Verdienst. Er begnügte sich aber nicht 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATüR 265 

damit; er wollte zeigen, dass er die Sache doch noch besser ver- 
stehe. Im Jahre 1746 gab er in den „Critischen Briefen" Aus- 
züge aus Ehn. G. von C.'s Abhandlung von der Tragödie, d. h. 
aus Calepios Paragone (66 Seiten). Der Auszug ist, wie Brait- 
maier schon bemerkte, wenig getreu. Bodmer führt uns mit be- 
sonderem Nachdruck diejenigen Züge vor, die in seinen Augen 
das „Wesentliche" der Schrift ausmachen. In einer kurzen, an 
Herrn P. L. gerichteten Einleitung bemerkt Bodmer, Calepio gehöre 
zu den „vortrefflichsten Geistern seiner Nation", er sei der erste, 
der die Lehrsätze der Tragödie der philosophischen Untersuchung 
unterwerfe. Seinem System müsse man dennoch nicht „mit einem 
blinden Glauben beyfallen". Darum werde sich der Rezensent er- 
lauben seine eigenen Einwände vorzubringen. Das geschieht in 
einem zweiten critischen Briefe^), den wir hier resümieren. Die 
Tragödie als ars popularis und als Mittel die Sitten des ge- 
meinen Volkes zu bessern, ist in ihrem Apparate viel zu umständ- 
lich. Eine historische Erzählung, ja eine äsopische Fabel, ist min- 
destens ebenso wirksam wie das Trauerspiel. Letzteres kann unter 
Umständen sogar zu Fehltritten verleiten. Calepio schreibt der 
Fabel eine viel zu grosse Wichtigkeit zu. Gut gezeichnete Charaktere 
können zur Besserung der Zuhörer ebensoviel beitragen. Gestützt auf 
die Autorität Pembertons polemisiert Bodmer gegen des Aristoteles 
Behauptung, die Handlung, nicht aber die Charaktere, sei das 
Haupterfordemis der Tragödie. Der Vorzug, den Aristoteles der 
Fabel giebt, verkleinert die Würde des Trauerspiels. Wie die Physik 
uns eine gründlichere Kenntnis der Natur verschafft, so kann uns 
die Tragödie in die tiefsten Winkel der Seele schauen lassen. 
Überdies empfinden wir noch vor gewissen Handlungen Hoch- 

34 



266 L. DONATI 

achtung und Bewunderung oder Abscheu und Widerwillen und 
erlangen dadurch eine grössere Fertigkeit im Urteil über nützliche 
und schädliche Leidenschaften. Die Folge davon ist eine Ver- 
mehrung der Tugend. In der Geschicklichkeit des Dichters liegt 
die Kraft, uns so zu bewegen, dass der Sieg der Tugend über das 
Laster gesichert sei. Und das alles kann eher eine gute Charakter- 
zeichnung als die Macht der Fabel bewirken. Bodmers Gründe 
zu diesem langatmigen Worterguss sind ziemlich weit hergeholt. 
Weder Aristoteles noch Calcpio haben den Wert einer guten 
Charakterzeichnung unterschätzt. Calepio sagt deutlich: „Sc Ari- 
stotele narra essersi composte da certi poeti del suo tempo molte 
|sc. tragedie] senza costumi; non vuolsi intendere se non che essi 
ne trascuravano assai 1' uso, ch' avrebbon potuto fare. " Der Mei- 
nungsunterschied ist folgender: Bodmer befilrwortet in der Dar- 
stellung der Charaktere eine moralische Absicht des Dichters; 
Calepio sieht darin „un omamento, che avvalora V utile dei drammi, 
senza lasciare apprendere al popolo, che si voglia istruirlo".'^) Wenn 
die Fabel hingegen zur moralischen Besserung beiträgt, so wird das 
von den Zuhörern nicht als Absicht des Dichters ausgelegt« Sie 
ist „di sua natura unita ai fatti e perö necessaria a qualunque 
favola. " 

Von der Bewunderung will Bodmer in der Tragödie nicht ab- 
sehen. Damit mag er nicht ganz Unrecht haben. Zu seinen 
Gunsten deutet Braitmaicr auf Goethes Iphigenie und auf die herr- 
liche Gestalt der Antigone von Sophokles hin, die beide mehr Be- 
wunderung als Mitleid erwecken.^) 



J. J. BODMBR UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 267 

DER BRIEFWECHSEL ÜBER DEN GESCHMACK. 

Vier Jahre nach der Herausgabe des Paragone folgten Bodmers 
und Calepios Briefe über den Geschmack. Zuerst ein Wort über 
die Übersetzung. Nach Vergleichung mit den Originalbriefen Calepios 
kann sie in jeder Hinsicht als musterhaft bezeichnet werden, besonders 
wenn man bedenkt, wie unsicher, unentwickelt damals noch die 
deutsche philosophische Terminologie war. Auch dort, wo die 
Meinungen beider Gelehrten stark auseinander gehen, auch dort, 
wo schliesslich die Wahl des Ausdrucks der Willkür des Über- 
setzers anheimgestellt ist, überträgt er als Freund, nicht als Gegner. 
Wenn man überhaupt den Takt, die Rücksicht sieht, womit er den 
des Deutschen unkundigen italienischen Gelehrten behandelt, kann 
man fast nicht begreifen, den zukünftigen hitzigen Gegner Gottscheds 
Vor sich zu haben. Genus irritabile vatum. Doch zur Sache. 

Danzel*^), Heinrich von Stein ^®)5 Baechtold^^) und besonders 
Braitmaier**) haben sich mit dem Inhalt des gedruckten Briefwechsels 
Ober den Geschmack eingehend beschäftigt. Der Charakter dieser 
Abhandlung erlaubt mir nicht, diese Frage zu übergehen. Über- 
dies bildet sie den Kern des ganzen Briefwechsels mit Calepio. 

Eine Definition des Begriffes Geschmack ^^) gab Cicero mit 
folgenden Worten: „Alle Menschen sind mittelst geheimer Empfind- 
ung ohne Kenntnis theoretischer Kunstregeln im stände, über das 
Richtige und Unrichtige an Kunstwerken und deren Verhältnisse 
2u urteilen."**) Unter den Modernen folgt Dubos dieser Auf- 
fassung des Altertums; aus der „geheimen Empfindung" (tacito 
sensu quodam) entsteht bei ihm „cc sixiemc sens qui est en nous 
Sans que nous connaissions ses organes".*^) Dubos vertritt jene 



268 L. DONATI 

demokratische Richtung, die dem Kenner und dem Laien das Recht 
zuspricht, nach der eigenen Empfindung ohne Kenntnis der Regeln 
über ein Kunstwerk zu urteilen. Diese Theorie aber war nicht 
ohne Gefahr, was Bodmer wohl einsah. Ihm schien, das ästhetische 
Urteil sei der individuellen Willkür, einem imbestimmten „sentiment" 
(Meinung, Ansicht), ja dem „je ne sais quoi" der französischen 
Ästhetik preisgegeben.^) Der Geschmack, auf eine solche Em- 
pfindung herabgesetzt, wird schliesslich zu dem Grundsatz filhren: 
de gustibus non est disputandum! Und gerade dieser „Will- 
kür", gerade diesem „je ne sais quoi" erklärt Bodmer als Verstandes- 
mensch den Krieg. Schon Muratori*') und später Addison*®) hatten 
das ästhetische Urteil dem „Verstände" zugeschrieben. Diesen 
schliesst sich Bodmer an. Er geht von der Thatsache aus, dass 
der Geschmack schon zu wiederholten Malen verdorben worden 
ist; daher müssen allgemein gültige Regeln aufgestellt werden, die 
keiner Mode unterworfen sind. 

„Der figürliche Geschmack — so schreibt Bodmer — ist das Vermögen und die 

Fertigkeit des Gemüths, vermittelst welcher der Mensch die unterschiedlichen Gattungen 

und Arten der Wohlredenheit [die Poesie ist inbegriffen] und aller ihrer Theile mit Ver- 
nunft unterscheiden, und sein Urtheil darüber fällen kann."*') 

Stimmt diese Definition inhaltlich mit derjenigen Muratoris und 
Addisons übercin, so lässt sie doch Bodmers bestimmte Absicht 
erkennen, gegen eine subjektive Auffassimg Stellung zu nehmen. 

Calcpio scheint sich der Gefahr einer allgemein gültigen Defi- 
nition bcwusst zu sein; er unterscheidet „gusto" und „buon gusto" 
und denkt dabei an Laien und an Kenner. Er schreibt: 

„Der (Jeschmack in der Metaphora heisset die Empfindung (sentimento), welche in 
dem Gemüthe (animo) durch die Beredtsamkeit verursachet wird, und guter Geschmack Ist 
die Wahl (discernimcnto), durch welche, mit BeyhüUfe der Vernunft, die Vollkommenheiten 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 269 

Die „Wohlredenheit" wirkt auf den Menschen durch einen 
sinnUchen Eindruck, und das sowohl beim Kenner, als beim Laien; 
die ganze Kunst der „Wohlredenheit" muss auf den Grund der 
sinnlichen Empfindung gebaut werden. Durch die Reflexion des 
Verstandes erwirbt sich der geübte Kenner dazu noch die Einsicht 
in die Kunstmittel des Dichters und damit einen höheren Genuss. 
Auch Bodmer giebt zu, die „Wohlredenheit" wirke auf den Men- 
schen durch „einen sinnlichen fühlbaren Eindruck". Bis hieb er 
gehen also die Ansichten beider Freunde nicht stark auseinander. 
Bodmer aber begnügt sich nicht mit einer blossen Bestimmung des 
Begriffes. Nachdem er den „Sitz" der Urteilskraft festgesetzt hat, 
will er über die Prinzipien, nach welchen sie verfährt. Genaueres 
angeben: er fragt sich, wodurch die ästhetische Freude — das 
Ergötzen — entstehe, die ein Kunstwerk in uns hervorbringt. 

Addison*^) hatte unter Anführung des Mottos „causa latct, vis 
est notissima" auf eine Erklärung des Ergötzens verzichtet; ja 
er behauptete, eine solche sei überhaupt nicht möglich, weil wir 
weder die Natur einer Idee noch die Substanz unserer Seele kennen. 
Dieser Verzicht Addisons reizte Bodmers Denklust. 

Diese Frage steht mit der Natur des „Schönen" in engem 
Zusammenhang, und bekanntlich waren es die Schweizer, die sich 
zuerst mit ihrer Ergründung beschäftigten. Schon in der Schrift über 
die Einbildungskraft (1727) rühmte sich Bodmer, Addison überholt zu 
haben, imd gab von dem „ Ergötzen " folgende P>klärung : Nach dem 
sinnlichen Eindruck stellt das „Gemüth" eine rasche Vergleich ung 
zwischen der Darstellung [dem poetischen Gemählde] und dem Urbildc 
an. „Und je näher denn die Ähnlichkeit ist, so es zwischen beyden 
wahrnimmt, je grösser wird sein Ergötzen darüber. "^ Der Alensch 



270 L. DONATI 

ist von Natur aus am meisten zufrieden, wenn er „mit einem Ge- 
schäfte umgehet, das ihm eine gute Meinung von seiner Fähigkeit 
und Vollkommenheit erwecket**. Das Auffinden von Ähnlichkeiten 
zwischen einer Darstellung und dem Dargestellten betrachtet er 
als eigenes Werk und das „kitzelt" seinen Ehrgeiz. Der Verfasser 
hat die „Demuth" gehabt, uns seine „Gemähide" zur Beurteilimg 
vorzulegen. „Mithin eignen wir \ms eine HerrschafFt über den 
Verfasser an".^) 

Aus verschiedenen Stellen älterer und neuerer Poetiken, die 
Orsi in seinen „Considerazioni"*^) gegen Bouhours angeführt hatte, 
lässt sich Bodmers Theorie leicht zusammenstellen; doch bildet sie 
seine eigene Überzeugung. Er wiederholt sie im „Briefwechsel" imd 
später in den „Poetischen Gemählden"^), wo er sich teilweise auf 
Aristoteles stützt. Er kommt überhaupt über dieselbe nie hinaus. 
Sein Systema intellectuale lässt sich in zwei Sätze zusammenfassen: 
Der Geschmack ist ein Urteil des Verstandes; das Ergötzen wird 
durch eine rasche Vergleichung hervorgebracht. 

Calepios Erklärung des „Ergötzens" (diletto, piacere) weicht 
gänzlich von derjenigen Bodmers ab. Er schreibt: 

„Zum Beweise meiner Meynung gebe ich euch allein eine physicalische Eigenschaft 
zu betrachten anheim, welche nach der gesunden Philosophie unsem Leidenschaften zu- 
kömmt: Wie dass nemlich eine jede menschliche Regung ein inwendiges Vergnügen be- 
gleitet, solches mag nun von der Befahrung eines Übels, oder Erwartung eines Gutes ent- 
stehen. Also sehen wir, dass einem Zornigen nichts lieber ist, als zu thun, was ihn der 
Zorn heisset. einem Verliebten nichts vergnüglicher, als den Genuss seiner Liebe zu be- 
fördern. Der Beyfall [consentimento], den unser Gemüth den Trieben dieses oder jenes 
Affectes giebet. kommet von keiner andern Ursache her, als von dem Ergetzen, mit welcher 
die Seele die Uebereinstimmung wahrnimmt, so zwischen dem Geist und seinen Gegen- 
ständen regieret. Der rechte Grund dieser Wahrheit, welche die Erfahrung einen jeden 
lehret, ist kein anderer, als dass alle Regungen, welche die Erhaltung unseres Leibes und 
derer sinnlichen Dinge, so ihm zudienen, zum Zwecke haben, der Seele eine Lust und Freude 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 271 

über diese Disposition des Geistes bringen, mittelst welcher sie bald dem Cörper zu Steuer 
kömmt, bald von ihm Hülffe empfängt"^) 

Ich habe absichtlich dieses lange Citat angeführt. Bekanntlich 
geht auch Lessing von dem Satze aus: alle Leidenschaften, auch 
die unangenehmsten, sind als Leidenschaften angenehm.^) 

Calepio spricht hier von einem „Wahrnehmen dfer Seele", was 
Bodmer sofort aufgreift und ihn zu folgender Bemerkung veranlasst : 
„Nun kann ja diese Übereinstimmung nicht anders als eben durch 
die Reflexion und Überlegung wahrgenommen werden." Er miss- 
versteht aber Calepios Gedanken. Dieser unterscheidet im Folgenden 
ganz genau das „Ergötzen", welches uns die Erregung der Leiden- 
schaften verschafft, von demjenigen der „Reflexion", welches „alle 
Gattxmgen der Nachahmung, die den Menschen betrügen", mit 
einander gemeinsam haben. Dass auch die Reflexion der Erregung 
unseres Innern beständig folgt, dass sie je nach ihrer Befriedigung 
den Genuss erhöht, ist für Calepio selbstverständlich. Darüber 
würde er gewiss kein Wort verloren haben, wenn Bodmers Drängen 
ihn nicht dazu gezwungen hätte. 

Bodmer flüchtet sich zur „Verwunderung" fammirazionc], als 
zu einer Ursache des Ergötzens, besonders beim Trauerspiele. 
Freilich, antwortet Calepio, trägt dieselbe zum Vergnügen bei, doch 
nur „begleits weise", nach einer Betrachtung des Verstandes. „Das 
Vergnügen hingegen, das dem Trauerspiel eigen und sein Vorrecht 
ist, besteht in einer schmeichelnden ununterbrochenen Zufriedenheit, 
die ein mitleidiger Mensch in der Ausübung seines Mitleides fühlet."^") 
Mit Nachdruck wiederholt Calepio seine Ansicht : Eine süsse Em- 
pfindung [dolce sentimento| begleitet jede Leidenschaft und versetzt 
unsere Seele in einen angenehmen Zustand ; dies sowohl bei der 



272 L. DONATI 

Freude als auch bei der Traurigkeit. Darum ist auch Mitleiden 
ergötzlich. 

An einen „süssen Schmerz" will Bodmer nicht glauben. Er 
muss an Calepio hierüber einen weiteren Brief geschrieben haben. 
Aus der ungedruckten Antwort Calepios führe ich noch folgenden 
Satz an: 

^Dalla vostra lettera del 29 di ottobre comprendo che non rimanete pago delle cose 
addottevi nella miai ancorch6 v* asteniate dal replicare. lo dirovvi solamente non essere 
mia sentcnza che il dolore sia assolutamente piacevole ; poich6 tal proposizione suona male: 
ma che le passioni della tragedia recan seco un immediato piacere, cagionato in parte dal- 
r intcresse che prendiamo ne* funesti successi de* miseri, ed in parte dalla conformitä d6 
sentimenti che secondano il nostro dolore."") 

Wie aus den angeführten Stellen zu ersehen ist, kommen die 
zwei Freunde auf das Wesen des Trauerspiels zu sprechen. Calepio 
bleibt seiner Ansicht treu und sieht die Wirkung des Dramas in der 
Erregung von Leidenschaften; Bodmer will beweisen, dass „die Tra- 
gödie den Menschen nicht unmittelbar durch eine sinnliche Empfindung 
rühret und beweget, sondern hier nicht minder als in den andern 
Theilen der Wohlredenheit die Betrachtung und Überlegung des 
Verstands vor der Empfindung hergehet". Zum Schlüsse hat Calepio 
allein das Wort: Untersuchung, inwie ferne das Erha- 
bene in den Trauerspielen Platz haben könne; wie 
auch von der Poetischen Gerechtigkeit. Er kommt zu 
der Folgerung: das Erhabene [sublimitä] darf nur dann in der 
Tragödie Anwendung finden, wenn es zur Erregung von Affecten 
mithilft; es würde dagegen der tragischen Wirkung schaden, wenn 
es sich Selbstzweck bliebe. 

Ueber das innere Wesen der Tragödie enthält der „Brief- 
wechsel" manches, was den „Paragone" ergänzt. Schade, dass der 



J. J. BODMBR UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 2/3 

Wunsch Calepios, dem Freunde soviel als möglich entgegenzukommen, 
oft seinen eigenen Gedankengang hemmt oder ihn von seinem ur- 
sprünglichen Standpunkt abdrängt. Im „Paragone" bewegt er sich 
viel freien Daher kommt es, dass z. B. hier die Bewunderung 
durch den Hinweis beseitigt wird, dass sie der Tragödie einen 
untragischen moralischen Zweck unterschiebe; während er im „Brief- 
wechsel" — wie später Lessing, der ohne Zweifel an Calepios 
Briefe anknüpft") — die Bewunderung als eine Gefahr für die 
moralische Wirkung des Dramas ansieht. Im letzteren Falle ver- 
steht Calepio unter moralischer Wirkung diejenige, die sich unge- 
künstelt bei jeder guten Fabel einstellt und die deswegen auch nicht 
untragisch ist. 

Eine Frage mag hier am Platze sein : Kannte Calepio Dubos 
„R^flexions critiques etc." (1719)? Man wäre geneigt es anzunehmen, 
wenn Calepios Ansichten sich aus italienischen Quellen nicht er- 
klären liessen, worüber später. Hingegen scheint es mir ausser 
Zweifel, dass Bodmer, schon als er den Briefwechsel begann (1728), 
Dubos ganz genau kannte; ja, es ist wahrscheinlich, dass er, 
gerade von der Rolle verblüfft, die dieser der Empfindung beim 
ästhetischen Urteil zuweist, den Plan fasstc, die für Litteratur und 
Kunst so wichtige Frage auf dem Boden philosophischer Speku- 
lation zu lösen. Mit deutlichem Anklang an Dubos spricht er im 
„Briefwechsel" von einem „vcrmeynten sechsten Sinn, dessen 
Organe dem Menschen verborgen sind."^) Man vermag kaum zu 
begreifen, wie Calepios Erklärung des Ergötzens von Bodmer 
zurückgewiesen werden konnte. Ein (Grundsatz der Schweizer 
lautet: die Poesie muss Leidenschaften (Affekte) erregen. Calepio 
ergänzt den Satz und sagt: die Erregung der Leidenschaften bringt 

35 



274 L. DONATI 

Ergötzen hervor. Bodmer antwortet : Nein ; das Ergötzen ist Sache 
des Verstandes ! Den Schlüssel zu diesem scheinbaren Widerspruch 
finden wir in einem andern Grundsatz der Schweizer: die Poesie 
ist gleichsam eine redende Malerei. Und dass bei der Malerei das 
Prinzip der „Vergleichung" leicht in den Vordergrund tritt, mag 
jedem natürlich erscheinen. Liest man den ^Briefwechsel" mit 
Aufmerksamkeit, so bekommt man die Überzeugung, dass Bodmer 
bei allen seinen Erörterungen und Behauptungen an poetische 
Malerei, Calepio hingegen an dramatische Poesie denkt. 
Man versuche einmal von dem einen oder von dem andern Kunst- 
gebiete auszugehen, und man wird erkennen, wie leicht man zu 
dem einen oder zu dem andern Resultat unserer beiden Theoretiker 
gelangt. 

Nun einen Blick auf Gottsched. Er bespricht im gleichen 
Jahre (1736) den Briefwechsel in seinen „Beyträgen"^) und zwar 
in der anerkennendsten Weise. Hypsäus (Calepio) dringe mit vollem 
Verständnis in die Natur der theatralischen Dichtkunst ein; der 
Streit über die Natur des Geschmackes sei von den geschicktesten 
Gegnern der Welt geführt. Er legt, wie begreiflich, mehr Gewicht auf 
Bodmers Ansicht als auf die Calepios und will selbst, im dritten Kapitel 
seiner Dichtkunst, das gleiche „gelehret und behauptet" haben. Mit 
diesem Prioritätsanspruch war jedenfalls Bodmer nicht einverstanden! 

In der „Sammlung critischer, poetischer und anderer geistvollen 
Schriften" etc. gab Bodmer im Jahre 1742 eine „Apologia del- 
r Edippo di Sofocle contra le censure del Signor di 
Voltaire" heraus, die Calepio in seinen jüngeren Jahren (um 1720) 
verfasst und Kaspar von Muralt zugeschickt hatte. Die Handschrift 
kam in Bodmers Hände und ist noch auf der Zürcher Stadtbibliothek 



J, J. BODMBR UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 2/5 

vorhanden. Die Abhandlung erschien in italienischer Sprache, was 
Bodmer in einer Anmerkung rechtfertigt 

Der Kampf gegen das französische Theater wäre lange nicht 
so heftig geworden, hätten sich nicht die französischen Kritiker 
zu Gunsten ihrer Dramatiker so leichtfertige Angriffe auf die Kunst- 
prinzipien der Griechen erlaubt; denn, abgesehen von Shakespeare, 
der damals noch so ziemlich eine unbekannte Grösse war, hatten 
doch die Franzosen unter den Modernen das Beste auf drama- 
tischem Gebiete geleistet Voltaires „Lettres sur TCEdipe" (1719) 
veranlassten den jungen Calepio, die Verteidigung des griechischen 
Tragikers zu übernehmen. Es schien ihm, Voltaire sei in seiner 
Kritik des vollkommensten Musters griechischer Trauerspielkunst 
zu weit gegangen« Die gründlichen Kenntnisse, die er in der 
griechischen Sprache und Litteratur besass, setzten ihn in den Stand, 
alle Missverständnisse der französischen Übersetzung von Dacier, 
nach welcher Voltaire seine Ödipustragödie teilweise ausgearbeitet 
hatte, zu brandmarken und Voltaires schiefe Auffassung zu wider- 
legen. Hierin war Calepio wiederum ein Vorläufer Lessings und 
Schlegels.*") Auf eine nähere Analyse dieser „Apologia" müssen 
wir verzichten. Punkt für Punkt werden Voltaires Angriffe zurück- 
gewiesen. Voltaire kritisiert, was er nicht versteht, „L' esempio 
di Perrault — bemerkt Calepio — dovrebbe aver persuaso a bastanza 
ogni Francese della insufficenza della Critica scompagnata dalla 
cognizione delle Lingue.^ 

Über das Wesen des Trauerspiels im allgemeinen enthält die 
Schrift nichts von Bedeutung. Doch sieht man aus derselben deutlich, 
dass der junge Calepio, schon lange bevor er in Briefwechsel mit 
Bodmer trat, über die Erregung der Leidenschaften die gleiche Theorie 



276 L. DONATI 

vertrat, die er in den schon besprochenen Schriften ausföhrte. Selbst 
die Hallischen Bemühungen^ gaben zu, Calepio habe den Sophokles 
„sehr wohl vertheidiget", 

BODMER UND DANTE. 

Wir kommen nun auf Bodmers eigene Studien über die italienische 
Litteratur zu sprechen, vor allem auf seine Stellung zu Dante Alighieri.**) 

Um das Machtvolle in Dantes poetischem Vermögen anzudeuten, 
vermied Goethe das Wort Talent oder ein ähnliches und nannte 
den Dichter der „Commedia" eine „Natur"^). „Diese poetische 
Naturmacht ist es nun vor allem, für welche Bodmer fühlt. Es 
ist die Dichtweise, welche er an den von ihm sogenannten Ur- 
dichtem verehrt. "*•) 

Bodmers Schritt von Milton zu Dante muss jedem, der den 
Stoff des „Paradise lost" und der „Commedia" auch nur von ferne 
kennt, als natürlich erscheinen. Die Vergessenheit aber, in welche 
der grosse Trecentista bei seinen Landsleuten selbst geraten war, 
könnte jeden entschuldigen, der sich überhaupt mit ihm nicht be- 
fasst hätte. Zu der Zeit, die uns hier beschäftigt, war in Italien 
ein Danteverehrer eine seltene Erscheinung. Im Schosse der „ Ar- 
ea dia" waren als Kampfmittel gegen den „cattivo gusto" die Sonette 
des Petrarkisten Angelo da Costanzo als Canon poetischer Weis- 
heit aufgestellt worden, und es ist bekannt, dass der Vorschlag des 
Akademikers Lorenzini, auf Dante zurückzugehen, abgelehnt wurde. 
Trotz den Bemühungen Lorenzinis, Gravinas imd weniger andern, 
die gegen die Strömung des falschen Petrarkismus ankämpften und 
sich fest an Dante anklammerten, sollte dieser, wie Homer in 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 277 

Frankreich, seinen italienischen La Motte finden: der Mantuaner 
Jesuit Francesco Bettinelli durfte es wagen, im Jahre 1758, mit 
seinem „Giudizio degli antichi poeti sopra la moderna 
censura di Dante" herauszurücken und den Academici 
arcadi anzuraten, aus der Commedia etwa drei oder vier 
„wirklich poetische Gesänge" herauszuziehen, sie nach Möglichkeit 
zu ordnen, als „Sentenze" noch eine Anzahl schöner Verse hinzu- 
zufügen und das übrige als barbarischen Ballast fahren zu lassen. 
Bettinelli konnte sich der völligen Zustimmung Voltaires erfreuen.®') 
Das Mass war somit voll; Dante fand in G. Gozzi seinen Rächer. 
Im gleichen Jahre veröffentlichte dieser seine „difesa di Dante", 
und die Wtlrde des italienischen Parnasses war gerettet. 

Unter solchen Umständen müssen Bodmers Verdienste um 
Dante um so grösser erscheinen. Nicht zu übersehen ist noch die 
Thatsache, dass seine Würdigung Dantes das Beste ist, was auf 
deutschem Boden bis zum Jahre 1763 über diesen Dichter ge- 
schrieben wurde.*) 

Bodmers erste Erwähnung Dantes geht auf das Jahr 1729 zurück. 
In einem der Briefe an Calepio über den Geschmack^) führt er die 
bekannte Episode des Ugolino an, zum Beweise dafür, dass das Er- 
götzen, welches diese „Beschreibung" hervorbringt, keine andere Ur- 
sache haben könne, als „die Harmonie und vollkommene Überein- 
stimmung der Bilder mit der Sache, die sie vorbilden". Aus einem 
Briefe Calepios (24. April 1730) ersehen wir, dass Bodmer sich nach 
einer guten Danteausgabe umgesehen hat. „Fra le cdizioni di Dante — 
antwortet Calepio — niuna ^ piü buona e piü acconcia, per mio 
parere, al vostro intento di una fatta dai Signori V^olpi in Padova 
nell' anno 1727." Bald nachher übersendet ihm Calepio die er- 



278 L, DONATI 

wähnte Ausgabe, und Bodmer kann sich nun dem Studium des 
Dichters widmen. 

Die erstrebte Rechtfertigung von Miltons Engelsgestalten leitete 
Bodmer zu Dante. Er wollte den Gegnern Miltons beweisen, dass 
„dem Poeten erlaubet sey, die Engel, diese unsichtbaren Geister, 
in cörperliche Gestalt einzukleiden, damit er dieselben der Phantasie 
auf eine sichtbare Weise vorstelle", ein Grundsatz, auf welchen 
sich später auch Klopstock stützte. Bodmer legte Calepio seine 
Meinung über diesen Punkt vor. Die Antwort Calepios vom 16. 
März 1733 kann man in der Schrift „Von dem Wimderbaren in 
der Poesie" (1740, S. 58) nachlesen. Der Richter Miltons, „der 
seinen Nahmen hier nicht will offenbaret wissen", ist Calepio selbst 
Freilich lässt Bodmer folgende Stelle weg, damit ja sein lieber Milton 
nicht zu kurz komme: 

;,In Dante cercherebbonsi invano simili sconci [nämlich das Verwunden in den KAmi^fen 
der Engel]. Egii ha regulato con assai piü di giudizio le idee della fantaaia; egli inoltre 
le rende piü pregievoli per li vcri significati che comprcndono ; li quali tovente non si 
sanno rin venire in quelle del Milton." 

Dante, Tasso und später Ceva'°) hatten wie Milton das „Hertz" 
gehabt, die unsichtbaren und körperlichen Engel einzuflihren ; sie 
hatten kein Bedenken getragen, ihnen mittelst des Körpers sichtbare 
(xestalt mitzuteilen. „Die drey Gedichte des Florentinischen Poeten 
von der Hölle, vom Fegefeuer und dem Paradies, die vom Anfang 
bis zum Ende aus der unsichtbaren Welt hergenommen 'sind, ver- 
kleiden alle Wesen derselben in körperliche Gestalten." 

Ist hier Dantes Werk als Argument zu Gunsten von Miltons 
Verfahren angerufen, so finden wir es in einer andern Schrift als 
Beispiel anschaulicher poetischer Darstellung herbeigezogen und 
zwar an einem Orte, wo Bodmers Theorie von der Einbildungs- 




No. 44. Johann Jakob Breitinger (1/49). 

Nach einem Kupferstich von Val. Dan. Preisler zum Bildnis J. C. Fflsslis. 
Stadtbibliuthek in ZOrich. 



280 L. DONATI 

kraft ihren klarsten Ausdruck erhalten sollte. Der Dichter soll in 
dem Leser oder Zuhörer die gleichen Eindrücke, die gleichen Ge- 
fühle, die gleichen Leidenschaften erwecken, wie wenn das Urbild 
vor seinen Augen stünde. Wahrhaftig hätte Bodmer zur Ver- 
anschaulichung seiner Lehre kein passenderes Beispiel finden können, 
als die von ihm erwählte Episode Francesca von Rimini: 

n Dante — schreibt er — führet .... eine Frauensperson ein, welche ihm erzehlet, 
wie sie durch die blosse Beschreibung einer feurigen Liebe in gleichmässige Flamme gesetzt 
worden: „Wir lasen eines Tages, sagt sie, zur Lust mit ein ander von der Geschichte 
Lancilotts. wie die Liebe ihn verstricket, wir waren gantz alleine und hatten keine böse 
(bedanken [senza alcun« sopetto I] ; dieses Lesen schlug uns zu mehreren Mahlen die Augen 
nieder und jagte uns eine Röthe ins Gesicht. Aber was uns besiegete, war ein einüger 
Umstand.** Ich will das Übrige mit des Poeten Worten erzehlen: Quando leggemmo, il 
disiato riso — Esser baciato da contanto amante, — Questi, che mal da me non fia divlso, — 
r^a bocca mi baci6 tutto tremante. — Galeotto fu* 1 libro, e chi lo scrisse. — Quel giomo 
piu non vi leggemmo avante. — (Inf.. C. V.) Bey welchem letztem Verse ich mit wenigen 
zu merken bitte, wie geschickt dieser Poet schweigend zu gedenken giebt, was ein grober 
Ausdruck nicht mit solchem Nachdruck gesagt hätte.** ^*) 

Ebenso bietet Dante zu der beliebten Vergleichung ^ut pictura 
poesis" erläuternde Beispiele, die Bodmer in deutsche Prosa über- 
setzt.'*^) Will der Dichter die Personen und Dinge „in solchen 
Umständen beschreiben, welche dem Decoro und ihrer Würdigkeit 
gemäss sind, so ist es vonnöthen, dass er sich den Charakter der 
verschiedenen Völker und der Zeiten, aus Welchen er seine Personen 
nimmt, ihre Gewohnheiten und Gebräuche genau bekannt mache.**") 
In dieser Hinsicht wurde die Kunst Homers und Dantes verkannt 
liodmer zeigt, w^ie gerade das, was Dante vorgeworfen wird, nämlich 
die ausführliche Darstellung der Zustände seiner Zeit, ein Vorzug 
seiner Dichtung sei. Er ist gerade über dasjenige entzückt, was 
z. B. Voltaire ,,profonddment obscur, ennuyeux, assomant'^ nennt 
Der Gedanke Bodmers, Dante aus und mit seiner Zeit zu erklären, 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTER ATUR 281 

verdient ganz besonders hervorgehoben zu werden; dieser Gedanke 
wird zum Leitmotiv seiner Kritik. Dass er Miltons, ja sogar Cevas 
Lucifer demjenigen Dantes vorzieht, dass ihm Dantes Hölle zu 
klein vorkonunt, wollen wir ihm nicht verdenken.'^) Als mildernder 
Umstand müssen wir zu Gunsten Bodmers erwähnen, dass Dantes 
Vorstellimg des dreiköpfigen „Imperador del doloroso regno" (Inf. 
C. XXXIV), mit der damit verknüpften, heute noch unklaren alle- 
gorischen Bedeutung, jedem unbefangenen Leser anstössig werden 
kann. Auch hier gilt de Sanctis Spruch : Quello solo h hello che 
h chiaro.^*) Eine Anzahl weiterer Erwähnungen Dantes, wie auch 
mehrere Übersetzungen von einzelnen Stellen der Commedia 
müssen wir hier übergehen.'®) 

Die „Neuen critischen Briefe" vom Jahre 1749 (mir liegt die 
neue Auflage von 1/63 vor) enthalten als 29. Brief eine umfang- 
reiche Studie Bodmers: „Von dem Werthe des dantischen drey- 
fachen Gedichtes" (S. 242 — 254). Der Verfasser wendet sich — 
wie es scheint — an Klopstock in der Absicht, dem Sänger der 
Messiade eine reiche Quelle von Anregungen zu bieten, die er in 
seinem Epos verwerten könnte. Nach einer kurzen Biographie des 
Dichters geht er zur Besprechung der Commedia über. Er giebt 
sich auch hier als Verehrer Miltons zu erkennen, besonders da, 
wo das gleiche Thema von beiden Dichtem behandelt wurde. Ich 
fasse den Inhalt in wenigen Zügen zusammen. Die „Commedia" 
hat ein mehr dramatisches als beschreibendes Gepräge. Alle Welt- 
stände, alle Königreiche sind angeführt. Wie Michelangelo hat 
Dante wirkliche Personen dargestellt. Die innersten Winkel des 
Lebens wurden hier ans Licht gestellt. Wir gewöhnen uns die 
Bewegungen zu empfinden, welche jede Sache von uns erfordert, 

36 



282 L. DONATI 

und lernen also unvermerkt billige und unparteiische Urteile über 
Handlungen und Leidenschaften fassen. Alle Schreibarten: die 
erhabene, die tragische, die komische, die satirische, die lyrische 
sind vertreten. Dante schont niemand! Er entlehnt der latei- 
nischen „ Bärmutter ^, ja selbst ausländischen Quellen, die ihm 
fehlenden Wörter für abstracte Begriffe. Wenn Petrarca und 
Boccaccio über so tiefsinnige Materien geschrieben hätten, wären 
diese entlehnten Ausdrücke landläufig geworden; aber zu ihrem 
„verliebten Zeuge" brauchten sie solche Wörter nicht. Diesen 
Gedanken entnahm Bodmer, wie manche andere, der ,, Ragion 
poctica" von Gravina, dem tapfersten Danteverehrer jener Zeit.") 

Bodmer hatte „einen in der scholastischen Philosophie und Theo- 
logie gelehrten Freund G." bewegen wollen, eine Übersetzung der 
Commediazu unternehmen. Klopstock schrieb am 7- Juni 1 749 : „ Wie 
sehr wünschte ich, dass Ihr Freund den Dante übersetzte. Ich habe 
schon lange ein grosses Verlangen gehabt, diesen Poeten zu lesen.** 
Wer mag wohl dieser Freund G. sein ? Ich glaube nicht fehl zu gehen, 
wenn ich darin den biblischen Exegeten Simon Grynaeus von Basel 
sehe. Er war ein eifriger Korrespondent Bodmers und besass in hohem 
Grade die vorzüglichen Eigenschaften, die ihm dieser zuschrieb.™) 

Das Beste, was über Dante aus Bodmers Feder floss, ist ein 
bis heute verborgen gebliebener Artikel in den „Freymüthigen Nach- 
richten", dem litterarischen Organ der Zürcher, vom Jahre 1763. 
Hier ist Bodmers Urteil zur Reife gelangt. Es ist eine wirkliche 
Apologie unseres Dichters. Sie trägt zwar keinen Namen des 
Verfassers; ich hoffe aber, dass alle Kenner unseres Kritikers ohne 
Mühe ihren Autor erkennen werden. Die Danteforscher werden 
für den vollständigen Abdruck des Artikels dankbar sein. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 283 

UEBER DAS DREYFAGHE GEDICHT DES DANTE.") 

Das ausserordentliche Gedicht des Dante hat mit der Ilias einerley Schicksal gehabt. 
Man hat bejdeo vorgerücket, dass sie nicht in unsere Denkensart, in den gegenwärtigen Ge- 
schmack gedichtet sejn. Dante und Homer sollten in ihre Poesie und in die Charakter 
ihrer Personen gewisse Vorspiegelungen der Sitten, einen tugendbedeutenden Wolstand, eine 
Artigkeit, die von der Einfalt der Natur sehr entfernt ist, subtile Gedanken eines Geistes 
dem es an Stof fehlet, gebracht haben, Sachen von welchen sie keine Offenbarung hatten, 
(Utt sie in einem folgenden Weltalter von einem besondern Geschlecht der Menschen würden 
geiucht und hoch gehalten werden. Die Kunstrichter unserer artigen Welt setzen voraus, 
dais ihre Zeiten die aufgeklärtesten und gründlichsten seyn, darum nehmen sie ihre Begriffe 
nun Massstabe aller Denkensarten und alier Charakter der Völker und Zeiten. 

Also herrschet nach ihrem Ausspruch in des Dante Grundrisse übler Geschmack, und 
in den Verzierungen gothische Külinheit Es sind Ungereimtheiten darinn, die sich nur 
dtinit ausnehmen, dass sie einem mittelmässigen Kopf nicht einfallen könnten. Er verirrt 
lieh, er fällt; aber er zieht Aufmerksamkeit auf sich. Diese sich selbst gefälligen Tadler 
Icdnnen nicht läugnen, dass Dante nicht Genie habe, dass er nicht Feuer der Einbildungs- 
Ivaft besitze, starke Bilder der Natur, richtig nachgeahmte Leidenschaften aufzuführen ; sie 
bekennen, dass von. diesem feuer häufige Funken durch sein Gedicht schimmern, und seine 
Dunkelheit erhellen. Ihr Herz wird durch starke Empfindungen gerührt, sie entdecken da 
^e Quelle von Reichthum für die besten Dichter, und den Stifter einer poetischen Sprache. 
Wu war natürlicher als zu denken, ein Werk von dieser Art könnte nicht ohne Plan ge- 
schrieben seyn ; aber da sie nicht ihren Plan in dem Gedicht entdeckten, schlössen sie lieber, 
e« beleidigte alle Regeln die zum mechanischen Baue eines Gedichtes gegeben worden. 
Zugleich erklärten sie sich, die Regein machten nicht das Wesentliche der Kunst aus; sie 
^crgasaen dass sie nichts anders wären als Ordnung und zusammengestimmte Verhältnisse. 
Gewisse Leute haben von Regeln keinen höhern Begriff als wir andere von Recepten zu 
Q«dichteo, von der luUianischen Kunst, von poetischen Mühlen haben. Wo sie die Kunst 
nicht. sehen, die Arbeit nicht greifen, dem Grundrisse nicht in jede Linie folgen können; 
Wo die- Proportionen für ihr eingeschränktes Auge zu verwickelt oder zu verworffen sind, 
dm klagen sie über Unordnung und Verwirrung. Ein Gedicht muss dann die Vorwürfe leiden, 
welche gleich eingesperrte (Jeister sich nicht gescheuet haben dem Baue des Himmels und 
der Erde zu machen, den sie zu ihren kleinen Ideen von Mechanik nicht haben herabbringen 
können. Weil sie die physische Ursache einiger vermeinten Irregularitäten nicht entdeckt 
haben, so haben sie geläugnct, dass sie eine Ursache haben. Ihr Stolz hat ihnen nicht zu- 
gelassen zu bekennen, dass diese anscheinende Unrichtigkeiten von (besetzen entstehen, die 
wir nicht wissen, welche aber die Natur mit derselben (Genauigkeit beobachtet, wie die- 
jenigen, die uns bekannt sind ; von irgend einer Springfeder die wir nicht bemerken, die in 



284 L. TX)NATI 

ihren Würkungen ein bestimmtes Mass haben, nach welchem sie ein Ding aufhalten oder 
befördern. 

Das erste Unrecht, das sie dem Gedichte thaten ist, dass sie einet von ihren bekann- 
ten Systemen, eine Action, einen Helden, darinnen suchten. Da sie das nicht fanden, was 
der Poet sich nicht hatte einfallen lassen, in dasselbe zu bringen, entblödeten sie sich nicht 
zu sagen, Dante habe sich selbst zum Helden seiner Epopee gemacht Al>er ihm wmr nie- 
mals in den Sinn gekommen zu zweifeln, dass ihm nicht erlaubt wäre einen eigenen Plan 
zu ersinnen, der ihm Gelegenheit gäbe sehr besondere Urtheile über die politischen Ver- 
fassungen, vornehmlich in seinem Vaterlande, über allerhand philosophische und theologische 
Materien, über alles was in seinen Zeiten der Gegenstand der Gelehrsamkeit war, anzu- 
stellen; alle Arten Von Leidenschaften, von Tugenden und Lastern, eine Menge Charakter, 
viele von seinen bekannten Gönnern oder Feinden, auf den Schauplatz zu bringen; und 
jedermann nach seinen Werken Lob oder Tadel auszutheilen. Er hatte einen Gnindriss 
nöthig diese grosse Verschiedenheit der Materien in eine gewisse Verbindung zu bringen; 
der Mittelpunkt seiner Linien war nicht ein absonderliches grosses Stück der Politik oder 
der Murale, für die er einen besondern Charakter, einen Held, oder eine interessante Hand- 
lung nöthig gehabt hätte; seine Absicht begriff alles, was in der Natur wahr, schön und 
gut ist. Alle diese Dinge in der verschiedensten Schattierung zu zeigen, dünkte ihn eine 
phantasievolle Reise durch die Hölle, das Fegfeuer, und den Hinunel, ganz bequem. Dieser 
Grundriss hatte den Vorzug, dass der Poet alle Gattungen des Styls anbringen konnte. 
Man muss sich in jeder Classe von Dichtarten stark wissen, wenn man vor diesem Unter- 
nehmen nicht erschreken soll: und welche Ungerechtigkeit, da der Poet sich in jeder der- 
selben stark gezeiget hat, dass man ihn aus jeder Classe ausschliessen will, weil er sich 
nicht an die absonderliche Form einer einzeln gehalten hati und wai um schreibt man dem 
Eigensinn und den Leidenschaften diesen Plan zu, welcher aus so tüchtigen Ursachen ge- 
wählt worden? Mit ein wenig Gerechtigkeit hätte man das, was man in dem Gnindriss 
und der Ausbildung eigensinnig, gothisch, widersprechend und affectirt nennt, neu, fremd, 
und original benennen können ; man hätte eine Encyclopädie der Wissenschaften, man hätte 
die feinsten Verstandeskräfte seiner Zeitgenossen, die lebhaftesten Beyspiele, die ihre WÜrk- 
lichkeit, ihre (regenwart, einnehmend macht, da gefunden, wo man jzt nur einen Pomp von 
unzeitiger Gelehrsamkeit siehet, eine Begierde Personen durchzuziehen, von denen man keine 
Kenntniss mehr hat. Dante war so gut berechtiget seinem Werke die Tinktur der Wissen- 
schaften, der Sitten und des Geschmackes seiner Zeitverwandten zu geben, als unsere izt- 
lebenden Dichter sich eine Pllicht daraus machen in dem Charakter ihrer Zeiten zu dichten. 
Und wenn er für die Leser des izigen Zeitalters zu gelehrt, zu dunkel, zu verdriesslich ge- 
worden, so können die Dichter die in diesem herrschen, einem künftigen Alter des mensch- 
lichen Geschlechtes zu künstlich, zu leicht, zu leer, vorkommen. Der Einfall, dass man die 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 285 

schönsten Stellen des I>ante ausziehen, und in ein Werk von drev oder vier Gesängen ver- 
binden sollte, würde uns ein Gerippe geben, wie die Ilias unter des Lamotte Sense, und 
das verlorene Paradies imter der Düboccage Scheere geworden sind. 

Wenn man Virgil bekennen iässt, dass seine Aeneis verdunkelt worden wäre, wenn 
Dante sein Gedicht regelmässiger und in dem Styl wie die Francisca von Rimini oder den 
Graf Ugolino geschrieben hätte, so ist dieses so viel gesagt: Dante sollte Charakter und 
Helden wie diese beyden Personen sind, in Virgils Plane gedichtet haben. Aber des Dante 
Absicht war nicht so ungereimt noch so unnüzlich, dass er die Aeneis hätte verkleinern wollen. 

Man kann nicht sagen, dass die Regeln zu seiner Zeit oder dass sie ihm unbekannt 
gewesen, da er die Aeneis gehabt hat, in welcher dieselben in der Ausübung vorhanden 
waren; ein Lehrgel>ande konnte sie nicht so geschickt und so lebhaft vortragen, als ein 
Auge, wie des Dante war, sie in dem Werke selbst entdeckte. Dante wollte nicht ein Stück 
eines Charakters oder einer Leidenschaft singen, sondern die Welt: 

Und das ist nicht ein Unternehmen für lustige Köpfe, 

Singen die Grundgesetze der Welten, der Geister und Menschen. 

Ist denn der Plan unsers Poeten, die Reise durch diese Welten, die ihn zu den seltsamsten 

und wunderbarsten Scenen und Handlungen und Schicksalen führte, darum wild, unregeU 

missig, und ungleich, weil es nicht des römischen Poeten Plan ist? Und weil er nicht 

gelernt sclavisch in die Tritte von Virgils Bahn zu treten, hat er die wahren Verdienste 

desselben darum nicht empfunden, hat er ihn nicht mit gebildetem Geschmack gelesen, hat 

tr nur gar zu wenig von ihm genommen, und ihm eine Dankbarkeit bezeuget, die er ihm 

nicht schuldig war? Man muss nur den Ton der Worte gehört haben aber den Sinn nicht 

erreichen und die Sache nicht fühlen, dass die grosse Schönheit der Poesie in 

der richtigen und wahren Vorstellung der Natur bestehe, wenn man leugnen 

kan, dass Dante sie in seiner Gewalt gehabt habe, er mag sie von Virgil genommen oder 

für sich erfunden haben. Die grosse Entfernung der Sprache, der Sitten, der Gebräuche, 

der Religion verbarg dem Dante die Schönheiten in Virgils Poesie nicht; und sein originales 

Oenie hinderte ihn nicht, eben dergleichen in sein Gedicht zu bringen, ohne dass er ihn 

Übersetzete. Unsere Kunstrichter sollten sich eine geschickte Hand erwerben, den Schleyer, 

den die Verschiedenheit des dantischen und unsers Weltalters über seine Poesie gezogen 

hat, wegzuziehen. Die eigene Manier, die er hat die Sachen zu sehen, erforderte nicht 

Virgils absonderlichen Geist, sondern nur einen Ausdruck im virgilischen (Jeiste. Das 

«chümmste, das man sagen kan, ist, dass, wo er nicht in Virgils Tone gestimmt ist. des 

Homers ihm aushilft. 

Niemals wird ein Catholik errathen, worinn das Ungereimte liege, das unser Poet, 
so sagt man, nicht auf halbem Wege stehen lasse, wenn er einst ungereimt 
seyn wolle, da er dichtet Lucia, die erleuchtende Gnade, oder die H. Märtrerinn, habe 



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J. J. BOÜMER ITND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 287 

wer -da nicht nur die blizenden, ■ blendenden Schönheiten vermisst, nach welchen unsere 
ichwindlichten Köpfe so begierig sind, wer auch das sanfte Ucht, den stillen, sittsamen, 
doch rinniichen und- starken Ausdruck nicht entdecket, der mitten in der scholastischen Ge- 
lehrsamkeit aus einer poetischen Ader fliesst, der mag zusehen, wenn er gleich an dem 
Innhalt und der Sache keinen Geschmack findet, ob er mehr Recht habe, von dem Poeten 
wilde, und stürmische Schönheiten zu fordern, als der Poet hatte ihm sanfte, das Gemüth 
beruhigende, den' Verstand erhiellende, das Leben leitende Vorstellungen zu geben. Wer in 
dogmatischem Ernst Unsinn findet, und unwillig wird, dass Dante sein Genie nicht gebraucht 
hat ihn in die tragische Unruh ungestümer Leidenschaften zu stürzen, der muss wissen, 
dass der Poet sich niemals vorgenommen hat sich mit dieser Art Leser auszusöhnen. Ich 
verweise ihn zu den Theater-Helden, die auf dem höchsten Grade der Schmerzen die Scene 
mit ihrem unsinnigen Geschrey betauben, sich wie Weiber betrüben, und wie Kinder weinen. 
Dante wusste dass der Mensch klein genug, unglücklich genug, schwach genug wäre, dass 
man seiner Blödigkeit nicht noch Weihrauch wie einer Tugend streuen müsste. 

Das aiebenzehnte, und das achtzehnte Capitel des Fegfeuers haben das Unglück 
gehabt, dass man leere Distinctionen und harte Verse darinnen gesehen hat. Wer Geduld 
genug hat mit ernstlichen Augen zu sehen, der wird da abstrakte Begriffe in poetische 
Worte eingekleidet finden. Die Härtigkeit liegt hier nicht in dem Sylbenmasse oder den 
knarrenden Tönen, sondern in der Metaphysik der Ideen, und diese ärgert nur unmeta- 

physiache Ohren. 

Ogni forma fuflanzial, che fetta 

fe da materia, ed fe con lei unita, 

Speciiica virtude ha in fe colletta 

La quäl, fenza operar, non h fentita. 

Die Klage ist nicht des Ohres sondern des Geistes, der für diesen Begriff zu irdisch ist. 

Wer in dem Triumphe Christi, oder in dem Anschauen der Gottheit, und andern 
Stücken des Paradieses Miltons und Klopstockes Pinsel vermisst, der verlangt was nicht in 
des Poeten Plan passete. In demselben war, das Intellectuale in dem Verstand zu bilden 
und nicht vor die Sinnen zu schildern. 

Artige Leser finden Reden trocken und abgeschmackt, die durch und durch mit Ernst, 
mit Sittlichkeit angefüllt sind; ernsthafte Männer finden da nichts weiter, als dass der Poet 
von keinem Taumel der Passion hingerissen war. Selbst die Passion gegen die Guelfcn, 
welche die Passion für die Rechte seines Vaterlands war, beherrschte ihn nicht so mit 
voller Gewalt, dass sie ihn für die Rechte der Wahrheit betäubet hätte. Ich weiss nichts, 
das das grosse, das menschlichre (lemüth unscrs Poeten in stärkcrm Lichte zeigete, als dass 
er in einem so langen Gedichte den strengsten Eifer für das Wahre und Gute behalten hat, 
ohne dass er durch irgend eine kleine Leidenschaft habe aufgebracht werden müssen, damit 
die Aufmerksamkeit ihn nicht verliesse. 



288 



L. DONATI 



Ihm war nicht verborgen, das« ungemein viel Wurkung von dem Ausdruck abhängt, 
dass der Ausdruck Wunder thut, und die Schönheit oft nur in der Art eine Sache zu sagen 
bestehet, sein Uebersetzer erlaube mir darum zu denken, dass hier und da Schwünge des 
Poeten von ihm verabsäumt worden, wo die Gelenksamkeit der deutsdien Sprache erlaubte 
sie anzubringen. Er hätte sagen können: 



Damals ward meine Furcht ein wenig 
ruhiger — — 

Amor der keinem Geliebten erlaubt, nicht 
wieder zu lieben. 

* * 

O sie war so voll Harms, kaum kann der 
Tod so voll Harms seyn. 

Will ich wie einer thun, der beydes weinet 
und redet. 

, * ♦ ♦ 

Und ich kam an den Ort, der stumm an jeg- 
lichem Licht ist 

Aber o sag, in den Tagen da ihr die lieb- 
lichen Seufzer 

Athmetet, wie und woran verhängte der Gott 
der Verliebten 

Dass ihr die Triebe, die in dem Herzen 
laurten, erkanntet? 

Als wir lasen, wie dieser berüchtigte Diener 
der Liebe 

Einen Kuss auf das Lächeln der liebsten 
Lippen gedrücket, 

Gab mir der Mann, den von mir kein künf- 
tiger Tag trennt, mit Zittern 

Kinen der feurigsten Küss' auf den Mund. 
Der Verfasser des Buches 

War für uns * Galeotto. Wir lasen nach 
selbigem Tage 

In dem Buche nicht weiter. — 



Der Nahmen eines Kupplers. 



Zahllose Zungen, erschreckliche Töne, die 

Stinmie des Schmerzens, 
Worte des Zorns, Accente von sterbendem 

Klange, das Klatschen 
Ringender Hand, erhol>en ein wildes wüstes 

Getünunel, 
Das in dieser entfärbten, der Zeit beraubeten 

Luftbahn 
Wirbelte wie der Sand wenn die Windsbraut 

im Kreis ihn herumtreibt. 

Wer du seyst, der die obem Theile so unter- 
wärts kehret. 

Trauriger Geist, wie ein Pfal in den FeUen 
gegraben, so sprach ich. 

Wenn du es kanst so rede. . . . 

Und er schrie : Wenn du an Lesern unseligen 
Orte, 

Schon auf den Füssen stehst, Bonifacius, wenn 
du hier aufrecht 

Stehest, so hat die Schrift mir auf viele 
Jahre gelogen. 

Alsobald trat ich näher zu dem bezeichneten 
Dichter, 

Und ich sagte, die Ehrfurcht die seinen Ver- 
diensten gebührte 

Hätt ihm den besten Plaz in meinem Herzen 
bereitet. 

* ♦ ♦ 

Und er ward so in seiner Gestalt wie Ju- 
piter würde. 

Wenn er und Mars in Vögel verwandelt die 
Federn vertauschten. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 289 

Mit diesem Aufsatze verschaffte Bodmer dem Dichter der 
„Commedia" das Bürgerrecht in Deutschland. 

Einige Jahre später hatte Bodmer den unglücklichen Gedanken, 
ein Drama, betitelt „Der Hungerthum von Pisa" (1769), zu ver- 
öffentlichen, fürwahr ein schlechtes Stück! Es war keine Parodie 
auf Gerstenberg, wie angenommen wurde.®^) Bodmers Drama und 
Gerstenbergs Ugolino wurden fast gleichzeitig verfasst. Der Stoff 
selbst ist höchst undramatisch. Das beste an dem Stücke sind die aus 
Dante entlehnten Gedanken und Verse, die der Verfasser hie und 
da eingestreut hat. Aus dem Inhalte sei nur erwähnt, dass der 
Schlüssel zum Turme in einem Fische aufgefunden wird, und dass 
Ugolino thatsächlich den toten Anselmo anfrisst! Doch soll diese 
schwache Leistung des alten Dramatikers seine Verdienste um Dante 
nicht schmälern! 

Bodmers und Voltaires Stellung zu Dante bilden einen auf- 
fallenden Gegensatz. Die poetische Natur, von der sich Bodmer 
angezogen flahlt, bezeichnet Voltaire schlechtweg als ein „monstre". 
Das philosophische und historische Interesse der „Commedia" wird 
von Voltaire ganz und gar übersehen^ während Bodmer gerade in 
diesen zwei Faktoren eine unerschöpfliche Quelle poetischen Lebens 
erblickt. Voltaire ergehts mit Dante wie mit Shakespeare: für 
diese zwei Kolosse der Dichterwelt hat er keinen rechten Sinn. 
Der Umstand, dass die „Commedia" sich in kein „genre d^fini" 
Unterbringen lässt, genügt, um ihn von vornherein gegen sie ein- 
zunehmen. Wie ganz anders bei Bodmer! Er lässt einzig die 
jeglicher Schablone spottende Gewalt der Dichtung auf sich wirken, 
und was er dabei empfindet, steht ihm höher als die Erfüllung 
aller Vorschriften der überlieferten kritischen Weisheit. Die ver- 

37 



290 L, DONATI 

schiedenartige litterarische Erziehung beider Männer musste zu diesem 
Resultat führen,®^) Bodmer ahnt zuerst eine gewisse Analogie zwischen 
den grossen Dichtem der Briten und der Italiener. Auch musste 
er das Vorhandensein einer zweiten Analogie in dem damaligen 
ästhetischen Denken beider Völker empfimden haben; denn das 
ästhetische Denken der Italiener weist mehr imd mehr auf Dante, 
dasjenige der Engländer auf Milton und Shakespeare zurück. 
Shaftesbury und Gravina, Addison und Muratori erleichtern die 
Rückkehr zu der mehr oder weniger verlassenen nationalen 
Litteratur. 

BODMER UND TASSO. 

Und nun zu Tasso, Bodmers Lieblingsdichter unter den Ita- 
lienern. Warum nicht Ariost, der so viel Phantasie, so viel künst- 
lerischen Sinn besass? Ich bin diesem Namen in den Schriften 
der Schweizer ein einziges Mal begegnet. An Liebesgeschichten, 
an chimärischen Erzählungen fand Bodmer keinen Geschmack. 
Wir haben eine charakteristische Stelle erwähnt, wo er von dem 
„verliebten Zeug" Petrarcas und Boccaccios spricht. Bodmer hatte 
eine besondere Vorliebe für heroische Grösse, und Tasso galt unter 
den modernen Epikern immer als der glücklichste Nachahmer der 
Alten. Überdies war Tasso der erste italienische Dichter, den 
Bodmer kennen lernte, eine Jugendliebe, eine süsse Erinnerung an 
seinen Aufenthalt in Italien. Ich werde hier weder Citate aus 
Tasso, noch Erwähnungen desselben in Bodmers Schriften anführen. 
Wir sind über Bodmers Stellung zum Dichter der „Gerusalemme 
liberata" ganz im Klaren : er hat ihn stets hochgeschätzt und, was 
noch mehr heissen will, fleissig gelesen. Verglichen mit Gottsched^), 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 291 

aus dessen Erwähnungen Tassos man die angelernten Vorurteile 
Boileaus deutlich heraus liest®^), hatte Bodmer für die poetischen 
Freiheiten Tassos in der Wahl des Stoffes ein weit tieferes Ver- 
ständnis, er nahm in der Beurteilung des Dichters einen viel höheren, 
weitherzigeren Standpunkt ein. Im Jahre 1/44 erschien die Über- 
setzung des „Befreiten Jerusalems" von Koppe in gereimten 
Alexandrinern. Rost schrieb an Bodmer®^), Koppe sei „ein Mensch, 
auf welchem Gottscheds Geist ruhe", und teilte ihm folgendes herum- 
gebotene Epigramm mit: „Den welschen Tasso hatte letzt — Herr 
Sekretär Kopp übersetzt. — „Trau'n !" sprach er, „Herr, nun lassest 
du — Dein'n Knecht im Frieden fahren zu. — Und wenn die Welt 
voll Schweizer war, — So fürchteten wir uns nicht so sehr." — 
Koppe hatte die Einfalt gehabt zu behaupten, die alte Übersetzung 
(1626) in „ottava rima" von Dietrich von dem Werder entstelle 
das italienische Original. Bodmer macht sich in den „Freymüthigen 
Nachrichten"®*) über den „Königl. Poln. und Churfürstl. Sächsischen 
Hof- und Justitien-Secretär Joh. Friedr. Koppe" lustig und erklärt, 
die mehr als hundertjährige Übersetzung von Werder sei „nach- 
drücklicher" und doch nicht weniger deutsch als die Koppesche. 

Aus dem Jahre 1753 stammt ein Artikel Bodmers: „Tassos 
Jerusalem vertheidigt".^®) Die Anklage, Tasso sei ein sklavischer 
Nachahmer der Alten, weist Bodmer durch den Hinweis auf das 
Verhältnis von Vergil zu Homer entschieden zurück. Gegenüber 
den Nachbetern Boileaus, die Tasso vorwerfen, er habe Christentum 
und Heidentum unvernünftig vermengt, Glauben mit Aberglauben 
Verwechselt, den Hexenmeistern wie der Gottheit die Macht Wunder 
zu thun verliehen, die Gottheit zur wirklichen Ursache der Kreuz- 
züge gemacht etc., macht Bodmer das heilige Recht des Dichters 



292 L. DONATI 

geltend, die Sachen so darzustellen, wie sie geglaubt werden, 
die Sage geht, wie es scheint.®') 



BODMER UND DIE „ARCADIA". 

Die schon erwähnten „Neuen critischen Briefe", aus welc 
wir einiges über Dante entnommen haben, enthalten etwa ein Dutz 
kürzere und längere Abhandlungen über italienische Litteratur. ] 
„Italia liberata" von Trissino allein widmet Bodmer 18 Seiten, 
polemisiert gegen Gravina, der für dies unglückliche Epos < 
unbegreifliche Schwäche hatte. Es ist doch merkwürdig, wie 
feine Ästhetiker (und Gravina war ein solcher) mit ganz verfeh! 
Schöpfungen ihren Kultus treiben. Gravina schwärmt für Trissi 
Winckelmann bewundert die geschmacklosen Tragödien Gravii 
Sulzer Bodmers „Noachide" ! Bodmers Kritik könnte jetzt n- 
von Interesse sein, wenn das Werk, an welchem sie geübt wui 
nicht schon längst der Vergessenheit anheinigefallen wäre. 

Von den andern „Briefen"^) führen wir nicht einmal 
Titel an. Sie behandeln alle Fragen, die damals von einer gewis 
Aktualität waren, die aber heute jeglichen Interesses entbehren. Übe 
zeigt sich Bodmer in seinen Urteilen unabhängig. Dies gesch: 
besonders in einer Parallele, die er zwischen der Geschmacksrefc 
in Italien und in Deutschland zieht.**^) Darüber nur wenige Zei 
Bodmer giebt zuerst nach Crcscimbeni eine kurze Geschichte 
römischen Arkadia und ihrer Colonicn (S. 99 — 118), woran er sc 
geringschätzigen Bemerkungen knüpft. Gravina bietet ihm gC] 
Crcscimbeni hilfreich die Hand. Die zahlreichen Prälaten, die ihi 
Rocke den Dichternamen verdanken, die lukullischen Gelage 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 293 

Gesellschaft, ihr Pomp, ihr ostentatives Auftreten, ihre Hirten- 
pfeifen, ihr ganzes Thun und Treiben, für das alles hat Bodmer 
nur Spott und Hohn, Nicht nur der Kritiker, sondern auch der 
Republikaner entrüstet sich. Eine Maskerade, „eine Procession von 
geistlichen und weltlichen Herren, welchen nur die Paniere und 
Bildnisse der Heiligen zu ihrem Aufzuge fehlen" ! Die äusserlichen 
Ausschreitungen würde er schliesslich verzeihen; „aber noch unge- 
reimtere Dinge fliessen von dieser Vorstellung in ihre Schriften". 
Ihre „Denkensart", ihre Schreibart ist hirtenmässig. 

Von der „Arcadia" geht Bodmer zur „Deutschen Gesellschaft" 
in Leipzig über. Die italienischen Arkadier zählten unter sich 
vortreflliche Köpfe: Guidi, Zappi, Gravina; die „Deutsche Gesell- 
schaft" hatte nichts als elende Reimer. Zum Schluss Cicero pro 
domo sua: Niemand wird mehr zweifeln, dass zu der Reform der 
deutschen Poesie und Kritik „etliche wenige, absonderliche Personen, 
die von einander entfernt lebeten, und die nicht alle aus Saxen 
waren", beigetragen haben. 

^Ich kann mich nicht enthalten — schreibt Bodmer zum Schluss — bey dieser Ge- 
legenheit den Unterschied zwischen der Art zu bemerken, womit die Arkadia ihre Ver- 
besserung in Italien, und einige Deutschen eine gleichmässige in Deutschland unternommen 
haben. IMe Arkadier nahmen die Maske, ihr Vorhaben zu verbergen; sie fürchteten den 
Zorn und die Eifersucht der Reimer; sie liebeten die Feyerlichkeiten, damit sie die Augen 
auf sich zögen; sie hielten viel auf Anzahl, Macht und Ansehen; ein Cardinal in ihre Ge- 
sellschaft dünkete sie ein so guter Erwerb, als ein Poete; sie waren zu gefallig, als dass 
•ie öie Satire gebraucht hätten; sie bogen den Naken unter Geseze, und liessen sich eine 
herrschaftliche Einrichtung gefallen, ungeachtet sie selbst eine Lust zu herrschen verrathen. 
Gravina sagt von der Arkadia : Abbondante di titoli e maestosa di colore, misura la sua 
ragione dal merito e potenza dci gran personaggi, del cui nome e splendore tutto df si 
vale. Hingegen zeigeten die Deutschen sich in ihrem wahren (jesichte; sie zogen wider 
die Reimer öffentlich zu Feld ; sie hatten lauter Verachtung für dieselben, und suchten 
nichts weniger als sie mit Gefälligkeit zu gewinnen ; hier war nichts feierliches, nichts 



294 



L. DONATI 



brausendes; sie schmeichelten keinem Grossen, sie wünschten dem Geschmacke knnen 
Beyfall durch fremde Macht, oder durch fremdes Ansehen; sie machten einen starken Ge- 
brauch von der Satire; sie waren von allen Verbindungen und Comploten entfernt; sie 
hielten alle die vor ihre Freunde, die der Wahrheit Freunde waren: sie waren dem Ge- 
schmacke getreu, ob sie gleich durch kein Geseze dazu genöthiget war^; üe Tertraueten 
allein auf die Untersuchungen, womit sie den Geschmack unterstüzeten.* 

Gewiss hat niemand von der Arcadia mit weniger Anstand 
(creanza, das Wort ist von Carducci) gesprochen als Bodmer. 
Und doch fand er Zeit und Lust, Lemenes Giacobbe al fönte, 
eine Quintessenz arkadischen Gustos, in deutsche Verse zu 
modeln, was ihm nicht übel gelang. Ein Musterehen davon sei 
hier angeführt. Jakob trifft Rahel an, die gerade einen Blumen- 
kranz flicht: 



Rac. 
Lia. 
Rac. 



Giac. 



Lia. 



Rac. 
Lia. 
Giac. 



Ahi lassa, comel 
IM che ti lagni? d\* 
Uscf di quella rosa 
Un'ape ivi nascosa, 
E un labbro mi fert. 

Vol6 qucU'ape scaltra 
Da una rosa alP altra. 
Mora queirape ardita 
Che di ferirti osö, 
Che dopo la ferita 
L'ape durar non pu6. 
Giä morta, ecco casc6. 
E per fortuna ha pieno 
Di melc il picciol scno, 
E se col mele s'unge 
La dove Tape punge 
Sempre il dolor cess6. 
Ungimi il labbro. 
11 fo. 

Rendon le labbra intanto 
Piü dolce il mele e il canto. 



Rahel. 

Lia. 

Rahel. 



Jakob. 



Lia. 



Rahel. 

Lia. 

Jakob. 



Wehe mir, o weh! 

Was fehlet dir? 

In dieser frischen Rose 

Verbarg ein Bienchen sich; 

Nun krochs hervor und stach 

mich in die Lippen. 
Von einer Rose floh das Bienchen 

zu der andern. 
Das Bienchen wird nicht leben, 
Dass dich verwunden durfte. 
Ihm ist der Tod gesprochen, 
Wenn es gestochen hat. 
Schon föllt es zu Boden, 
Und hat zu gutem Glücke 
Den kleinen Fuss voll Honig. 
Wenn man sich mit dem Honig 
Bestreichet, wo es stach, 
So lässt der Schmerze nach. 
Bestreiche mir die Lippen. 
So thu ich gleich. 
Noch fliesset von den Lippen 
Gesang, der süsser ist als Honig. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 295 

Lia. Cessö il dolor. Kahel, Lia. O gütige Natur, du hast 

Rac. Ce886. verfüget, 

Rac, Lia. O provvida natura Das nahe beym Übel das Mittel 

Tu Tuoi sempre vicina al mal la ligt. 

medicina; Und so die Stiche zu heilen 

Quindi per risanar la lor puntura, I>ie kurz zwar, aber doch schmerz- 

Breve 8\ ma crudele. haft sind, 

Dan le rose la foglia e Tape il Giebt die Rose das Blatt her, das 

mele. Bienchen den Honig. 

(Giacobbe al fönte, EMalogo per musica, (Jakob beym Brunnen, ein Schäferspiel des 

Lodi 1700). Lemene, Zürich 1780). 

Selbst der den Arkadiern freundlich gesinnte Monsignor Carini 
weiss sich bei solcher Geschmacksverirrung nicht mehr zu raten. 
Wie oft aber widerspricht sich Bodmer, wenn er die kritische Feder 
aus der Hand legt und sich in das Dichtergewand hüllt! 



Am Schlüsse des ersten Briefes über den Geschmack (7. Januar 
1729) führt Calepio eine grössere Anzahl italienischer Abhandlungen 
über Poetik an, darunter: Sforza-Pallavicinos „Trattato dello stile" 
(1646); Gravinas „Discorso suU' Endimione" (1692), „Della ragion 
poetica" (1708), „Discorso suUa tragedia" (1715) und Muratoris 
„Della perfetta poesia" (1706). Wir können mit Sicherheit annehmen, 
dass Gravinas und Muratoris Werke frühzeitig in den Händen der 
Schweizer waren. Nicht nur hebt sie Calepio in seinem Briefe 
mit besonderem Nachdruck hervor, sondern die poetischen Theorien 
der Schweizer stehen auch zu ihnen nachweislich in naher Beziehung. 
In welchem Masse dies der Fall, das können wir freilich hier nur 
andeuten. Denn vor allem käme dabei Breitingers Dichtkunst in 
Betracht, und eine vergleichende Untersuchung derselben liegt ausser- 
halb der Grenzen der uns gestellten Aufgabe. 



2% L. WlNATl 

Alle von Calq)io angefilhrten Abhandlungen über Dichtkunst 
— bis auf eine einzige — gehen dem englischen Spectator (1711), 
den Schriften Shaftesbur\-s «171 iL Dubos 0719>, sowie den meisten 
Schriften La Mottes (von 1707 an) voraus; sie stehen in engem 
Zusammenhang mit den Poetikem der Renaissance, mit Vida, 
Scalifirero, Castelvetro, hauptsächlich aber mit Tassos , JMscorsi del- 
r arte poetica** und „del poema eroico'\ in welchen alle wichtigen 
ästhetischen Fragen von berufener Feder besprochen und abgewogen 
werden. Da jeder dieser italienischen Theoretiker von einem be- 
sonderen Standpunkte ausgeht, ergänzen sich ihre Werke gegen- 
seitig und bieten« als ein ganzes betrachtet« eine nach damaligen 
Criterien erschöpfende Behandlung der HauptbegrifTe der Ästhetik. 
Bei Sforza -Pallavicino finden wir z. B. die ersten Versuche, das 
Schöne und das Ergötzen zu ergründen; Muratori führt uns 
in die Geheimnisse der schöpferischen Phantasie ein, an Sforza- 
Pallavicino anknüpfend« idebt er uns eine Theorie des Schönen 
auf der Grundlage des Neuen und des Wunderbaren, die wir 
später mit auffallenden Übereinstimmungen bei Breitinger wiederfinden. 

Gravinas .«D^scorso suir Endimione" ist ohne Zweifel die wich- 
tigste unter allen kritischen Abhandlungen des 17. Jahrhunderts, den 
• Trattato- von Sforza- Pallavicino (1646) nicht ausgenommen. Sie 
erschien 5 Jahre nach Bouhours Werk .La mani^re de bien penser 
dans les ouvrages de fesprif (1687)« aber welch ein Unterschied 
zwischen den beiden Kritikern I Bouhours« der damals von vielen 
als Autorität gefeiert wurde, plaudert in geistreicher Weise über 
einzelne auf Geratewol herausgein"iftene Stellen berühmter Autoren« 
über allerlei zusammengelesene Brocken aus älteren und neueren 
Poetiken, während Gravina als selbständig denkender Kopf eine 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 297 

Geschmacksreform auf Grundlage des neuen Prinzips der Natürlich- 
keit herbeizuführen unternimmt. Sein Discorso sull' Endimione 
enthält im Keime die in der „Ragion poetica" (1708) ausgeführten 
Prinzipien. Die Phantasie wird hier in ihre Rechte eingesetzt, 
„ohne der leitenden Vernunft die ihren zu nehmen". Gravina spricht 
von Homer, von Dante, von Ariost mit der Begeisterung eines 
Verliebten, er dringt in das Wesen ihrer Werke ein mit einem 
Scharfsinn, mit einer Klarheit des Blickes, wie man sie nur bei 
Winckelmann und Lessing zu finden gewohnt ist. Keine Citate, 
keine Autorität, sondern Selbsterfahrung und Genialität. So begreifen 
wir, dass Winckelmann Gravinas ästhetische Schriften allen andern 
vorzog. „Lassen Sie sich," rät er von Berg, „des Gravina seine 
Ragion poetica anbefohlen sein — , lesen Sie dieselbe zehnmal bis zum 
Auswendiglernen; sie verdient in alle Sprachen übersetzt zu werden.^) 
An dieser frischen Quelle hat sich Calepio gebildet. Er brauchte 
keine ausländischen Lehrer, um zu lernen, dass die Poesie Leiden- 
schaften erregen muss, und dass die Erregung aller Leidenschaften, 
auch der unangenehmsten, von einem inneren Vergnügen begleitet 
ist,") dass die Poesie Handlungen, Sitten, Affekte zu ihrem Gegen- 
stande hat, dass alle Gesellschaftskreise, alle Vorstellungswelten, 
alle Stufen menschlichen Charakters, alle Tugenden, alle Laster in 
ihrem Bereiche liegen ; dass unsere Phantasie nach dem Belieben 
des Dichters Wallungen und Wandlungen durchmacht wie die Wellen 
des Meeres, je nach dem Ungestüm des Windes. Man wäre wohl 
"versucht, aus diesem feinsinnigen Werke eine ganze Reihe trefflicher 
Gedanken anzuführen ; denn zum ersten male seit der Renaissance 
weht hier ein neuer, frischer, wohlthuender Geist.^) 

Aus dieser raschen Musterung der Hauptmotive, die in den 

38 



298 



L. DONATI 



hier in Frage kommenden italienischen Poetiken erörtert werden, 
wird jeder Kenner der kritischen Schriften der Schweizer die Folge- 
rung gezogen haben, dass letztere den Italienern bedeutsame An- 
regungen verdanken. Statt vieler nur ein Beispiel. 

Mit Recht wird den Schwei- 
zern nachgerühmt, dass sie in 
Sachen der Poesie statt des 
nüchternen Verstandes Phan- 
tasie und Empfindung ver- 
langten. Dieses Verdienst er- 
scheint uns noch grösser, wenn 
wir bedenken: erstens, dass 
gerade in dem Reichtum der 
Phantasie und in der Tiefe 
des Empfindens wir Neuem 
den Kern und Quellpunkt aller 
Poesie erblicken ; zweitens, 
dass in den Poetiken des 
Aristoteles und des Horaz 
von diesen Hauptfaktoren 
überhaupt nicht die Rede ist.**) 
Ihre Einführung in die Poetik 
wird allgemein als ein bedeutender Fortschritt bezeichnet. 

Addison sagt — sicher im Hinblick auf die phantasievolle 
Litteratur der englischen Renaissance - : English are naturally 
fancyfuP^); doch gesteht er seinen Lesern®'"^), es gebe im Englischen 
wenige Wörter, die eine so vage Bedeutung haben, wie fancy 
und i m a g i n a t i o n , und findet es für angezeigt, den Begriff zu 




No. 45. Johann Jakob Bodiner. 

Nach cinctii Kupferstich aus Lavatcrs Physio^nomischcn 
Frajfnientcn in der Stadtbihliothek in Zflrich. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 299 

bestimmen. Was er darunter versteht, geht nicht etwa aus einer 
Definition hervor, sondern aus dem Ganzen, was er „o n imagination" 
sagt. Einbildungskraft ist für ihn ein Vermögen, vieles mit 
lebhaftem Sinn zu sehen und das Gesehene geistig 
aufzubewahren. Vor allem also „ein erweiterter Gesichts- 
sinn".^) Er spricht ausführlich von der Welt der Fiktionen als von 
einem Gebiete der Poesie und, aber nur vorübergehend^^), von 
dem Vermögen der Einbildungskraft, aus vorhandenen Ideen 
neue zu gestalten. Seine imagination ist eine receptive Gabe, 
noch nicht eine schöpferische Kraft. Dieser Meinung ist 
auch H. von Stein.^) Allerdings hätten die Schweizer von den 
Vorläufern Addisons, von F. Bacon, Th. Hobbes einiges über 
schöpferische Phantasie lernen können; doch ist kaum anzu- 
nehmen, dass sie in umfangreichen philosophischen Schriften das 
gesucht haben, was ihnen in den zeitgenössischen Poetiken leicht 
zugänglich war.^) 

So lange der Geist der Renaissance auf die französische Ästhetik 
wirkte, wurde die Bedeutung der imagination für die Dichtkunst 
erkannt, so z. B. von Ronsard. Boileau tritt auf; sein Canon 
aimez la raison gewinnt rasch allgemeine Gültigkeit, seine Ab- 
neigung gegen das Phantastische wird zu einem Hauptzug der 
französischen Kritik, eine Folge davon ist die Geringschätzung der 
Phantasie im Reiche der Dichtung. Noch mehr. Es fehlte nicht 
an beredten Moralisten, die in der „force de Timagination" eines 
Schriftstellers nur eine Gefahr für die guten Sitten des Lesers 
erblickten.^^) 

Bei den Italienern hingegen wurde die „fantasia che crea" zu 
allen Zeiten als die erste Bedingung dichterischen Schaffens ange- 



300 L. DONATI 

sehen. Dante spricht von der alta, Ariosto von der divin a 
fantasia. Aus Dantes Schriften lässt sich eine ziemlich ausführ- 
liche Theorie der schöpferischen Phantasie in ihrem Verhältnis zum 
Verstände zusammenstellen.^®^) Die reichen Motive der Kunst der 
Renaissance bleiben, trotz dem darauf folgenden Verfalle der Dicht- 
ung, stets in lebhafter Erinnerung. Wenn in den Controversen 
über den Primat in der epischen Poesie Ariosto und nicht Tasso 
die Palme zuerkannt wird, so siegt das Phantastische über das 
Vernünftige, das Zügellos-Romantische über das Mass voll-Klassische. 
Der junge Galilei, der die „Gerusalemme liberata** abschätzig be- 
urteilt, kennt den Furioso auswendig ; er erhebt den Sänger Rolands 
bis an die Sterne, entzückt vom Zauber seiner Phantasie. Verehrer 
und Gegner des Marino stimmen im Lobe seiner üppigen Ein- 
bildungskraft überein. Die Theoretiker J. Mazzoni, T. Tasso, die 
schon erwähnten S. Pallavicino und Gravina, räumen in ihren Schriften 
der holden Göttin den gebührenden Ehrenplatz ein. Die Tradition 
der Renaissance wurde somit bis über die Schwelle des XVIIL 
Jahrhunderts fortgepflanzt. Muratori liefert zuletzt eine eingehende 
Abhandlung über schöpferische Phantasie im Dienste der Dichtung, 
sodass die italienische Ästhetik, was diesen Begriff anbelangt, in 
dem ersten Jahrzehnt des XVIII. Jahrhunderts eine Art Abschluss 
findet, während man sich in England und Deutschland erst 
fragen muss, ob und in welchem Masse der Dichter die 
Grenzen der Wirklichkeit überschreiten und sich dem Fluge seiner 
Phantasie selbst in die Regionen der nur möglichen Welten 
überlassen dürfe. 

Kehren wir nach diesem Seitenblick in die Schweiz zurück. 
Die wohl genährte, die wohl kultivierte Imagination der 



J. /. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 301 

Discourse der Mahlern ist wie diejenige Addisons, von dem 
die Schweizer ausgehen, eine reproduktive Kraft, ein mit recht 
vielen Eindrücken bereichertes („angefülltes") Gedächtnis. Erst in 
den späteren Jahren, nachdem die Zürcher mit den italienischen 
Poetikem bekannt geworden sind, sprechen sie von der schö- 
pferischen Phantasie und unterscheiden diese ausdrücklich vom 
Gedächtnis. Diesen Fortschritt verdanken sie hauptsächlich Muratori. 
In den „Poetischen Gemählden" (1741) führt Bodmer in dem 
Kapitel über die Einbildungskraft die gleichen Citate aus Cevas 
„Puer Jesus" *^ an, die er bei Muratori gefunden hatte. Auf der 
Zürcher Stadtbibliothek liegt eine Ausgabe der „Perfetta poesia" 
vom Jahre 1/24 (dieselbe, welche Calepio empfiehlt), höchst wahr- 
scheinlich Bodmers Handexemplar^®*), worin Bodmer nach seiner 
Art alle wichtigen Stellen über Phantasie und ihren „äussersten 
Schwung" (voli poetici), über poetischen Enthusiasmus, über Nach- 
ahmung des Möglichen und Wahrscheinlichen, über Erregung von 
Affekten, über den unmittelbaren Zweck der Poesie, d. h. den des 
Ergötzens u. a. m. angezeichnet hat, lauter Stellen, die in mehr 
oder weniger umgestalteter Form in Bodmers Schriften wieder- 
kehren.^^) Sogar in der Terminologie erkennt man die Abhängig- 
keit Bodmers von Muratori. „Regge dunque la fantasia quel- 
lt arsenal privato ed erario segreto della nostra anima", schreibt 
Muratori, und Bodmer nennt die Phantasie „Schatzmeistcrin der 
Seele". Für Muratori muss der Verstand als „bussola" die allzu- 
kühnen Irrfahrten der Phantasie leiten ; für Bodmer ist der Ver- 
stand der „Leitstern und Compass", der das gleiche Amt ver- 
richtet. Das „poetische Gemähldc", von dem die Schweizer so 
oft sprechen, soll nach Servaes^^'*) eine kühne Übersetzung des 



302 L. DONATI 

englischen Wortes „description" sein, dessen sich Addison bedient. 
Muratori hat dafür „dipintura poetica", wovon Bodmers Bezeich- 
nung eine wörtliche Übersetzung ist. Noch mehr: Bodmers 
Erklärung eines „poetischen Gemähides" stimmt fast wörtlich mit 
derjenigen Muratoris überein. ^^) 

Was das „Empfinden" anbetrifft, können wir die gleiche Ab- 
hängigkeit konstatieren. Addison unterscheidet die „materialische" 
und die geistige Welt. Bodmer soll hier eine wichtige Lücke aus- 
gefüllt haben, indem er auf die menschliche Welt aufmerksam 
machte, aus der allein das Empfinden geschöpft werden könne.^^) 
Muratori unterscheidet den mondo Celeste, umano und materiale 
und berichtet darüber ausführlich. Auch Bodmers Bezeichnung des 
poetischen Stoffes ist fast wörtlich der „Perfetta poesia" entlehnt.^^) 
An Gravinas Ragion poctica erinnert Bodmer hauptsächlich in 
seiner Kritik über Dante und Homer. 

Auch die Breitingcrsche „Dichtkunst" weist eine Menge solcher 
Übereinstimmungen auf: über den Unterschied zwischen der Poesie 
und den Wissenschaften (an einer Stelle verweist Breitinger selbst 
auf Muratori), über die Wahl der Materie, über Verschönenmg 
derselben (wobei Breitinger aus Muratori das Beispiel von einer 
Frau entlehnt, die durch Schmuck, also durch Kunst, das ersetzt, 
was ihr die Natur versagt hat), über das Neue^^), über das Wahr- 
scheinliche und das Wunderbare (nach Krüger das Beste, was Brei- 
tinger geleistet hat), über das Schöne, über Homers und Virgils Schreib- 
art u. a. m. ; überall sind die Ausführungen beider Kritiker von auf- 
fallender Ähnlichkeit. ^^^) Ich habe mir eine Anzahl Parallelstellen 
notiert, auf die ich andernorts zurückzukommen gedenke. Auch 
in der Art und Weise, wie die Schweizer ihre Theorien durch 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 303 

Beispiele aus nationalen zeitgenössischen Dichtern erläutern, mag 
ihnen Muratori als Vorbild gedient haben. 

Addison hatte den Wunsch ausgesprochen, dass ein „witziger 
Kopf aufstehen möchte, welcher die verschiedenen Arten der Schön- 
heit in einem vortrefflichen Werke . . . untersuchte und entwickelte." 
Als die Schweizer Addisons Wunsch zu verwirklichen begannen, 
fanden sie in Muratori bereits einen Vorläufer, der diese Aufgabe 
im wesentlichen gelöst hatte. Doppelt erklärlich erscheint es nun, 
dass sie sich diese Vorarbeit, soweit sie ihren Ansichten entgegen- 
kam, zu nutze machten. Dass schon damals das soeben angedeutete 
Verhältnis zwischen den Zürchern und Muratori erkannt worden 
ist, erhellt aus jenem „Schreiben eines Schweizers an einen Fran- 
zosen von dem critischen Kriege der witzigen Köpfe in der Schweiz 
und in Sachsen" in dem vierten Stücke der „Hallischen Bemüh- 
ungen" (1743), wo es heisst: 

„Sie (die Schweizer) haben gethan, was Herr Muratori applicare con accuratezza 
gl* insegnamenti universali ai lavori particolari, e andare miniitamentc osservando il tutto 
e le parti per iscoprirn le proporzioni, la novitä e 1' altre virtü della materia e deli' arti- 
fizio nennet. '^ 

Zum Schlüsse sei noch bemerkt, dass die Schriften Gravinas 
und Muratoris in Deutschland schon vor denen der Schweizer be- 
kannt waren. Die Acta Eruditorum (Anno 1709 und 1711) be- 
sprachen dieselben ausführlich. In einem Brief an Mcnke (Oktober 
1705) versprach Muratori, ihm ein Exemplar seiner „Perfetta poesia" 
zukommen zu lassen."^) 




Anmerkungen. 



Ich führe hier einige Litteraturwerke an« auf die ich im Laufe meiner Daratellung 
öfters verwiesen habe: 

Danzel: ^Gottsched und seine Zeit**. Auszüge aus seinem Briefwechsel. Leipzig 1848. 
F. Braitmaier: Geschichte der Poetischen Theorie und Kritik von den Diskursen der 

Maler bis auf Lessing. Erster Teil. Frauenfeld 1888. 
O. Walzel: Anzeiger f. d. Alterthum* und d. Litteratur XVII. 1. Januar 1891. 
H. von Stein: Die Entstehung der neueren Ästhetik. Stuttgart 1886. 

Die ausführlichen Titel von Bodmers Werken sind in Baechtolds „Geschichte der 
deutschen Litteratur in der Schweiz**, Frauenfeld 1892, nachzusehen, event. hier im bibliogr. 
Anhang. 

») Vgl. H. von Stein, Entst. d. n. Aest. S. 310. 

*) Nonne vides, duri natos ubi saepe parentes — Dulcibus am6nint studiis, et 
discere avaras — Jusserunt artes, mcntem si quando libido — Nota subit, solitaque animum 
duicedine movit, — Ut laeti rursum irriguos accedere fontes — Ardescant studiis, et nota 
revisere Tempe ? — Exultant animis cupidi , pugnantque parentum — Imperiis, nequit 
ardentes vis ulla morari. — Vida, in Art. poet. L. I. v. 290 — 97. 

') Commoror apud gentem, quam gentem Di, Deaeque? Superstitiosam, pseudulam, 
informem, rabidam, voluptuosam, cuius regula Anacreonteium : Vivamus, cras morimuri 
Apud quam primam personam obtinet, scholastica illa intricata spinosa docendi ratio seculorum 
ignurantium. Quin tarnen, meä fortunä, domestici mei honestissimi optimi homines sunt. 
Sed littcrae jaccnt. Jesuitae hie non dantur. Hergomo expulsi sunt. Scis antea, Italos 
rarenter libros edere. Neque librarius hie est. Quin Milani frustra aut Molsae aut Fra- 
castoris aut Stellae opera quaesivi. Forte Bergomi Vidae opera emi, qui nunc unice meam 
bibliothecam absolvit. An Meister, den 28. October 1718. 

*) Schweizerisches Museum, Erster Band, Zürich 1783. S. 18 u. ff. 

^) An Meister, 19. November 1718. 

«) Ariostü, Orl. für. C. XXXIII, st. 2. 

^) A. a. O. S. 21. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 305 

*) Ohne Datum, doch aus dieser Zeit. 

*) Mörikofer, Die Schweiz. Litterat. d. achtzehnten Jahrhunderts, Leipzig 1861, S. 74* 

»«) H. V. Stern, Vorlesungen über Aesthetik. Stuttgart 1897, S. 76. 

11) Danzel, Gottsched, S. 206. 

»*) Vgl. Brief an Meister vom 27. Dezember 1720. 

") Hoffentlich kann ich später noch einiges vorhandene Material nachtragen. Der 
erste Brief Calepios ist lateinisch geschrieben, alle folgenden italienisch ; die Briefe Bodmers 
wurden in französischer, selten in lateinischer Sprache abgefasst. 

^*) Die „Novelle letterarie** gaben über Klopstocks Messias nur folgende Notiz: 
„Con lettera dl Zurigo [von Bodmer] si rileva, esser uscito in lingua Alemana un raro 
e pregevole Poema, lavorato sul gusto di quello Inglese del famoso Milton : senonch^ Tautore 
Tedesco, che si dice essere il signor Clopestoc, prendendo un soggetto differente da quello 
del Paradiso perduto, o sia della disgrazia delP uomo, in questo si fa vedere la di 
lui Salute e Redenzione; onde il Poema viene intitolato il Messia. Noi, stante il giudizio 
di un Cavalier Alemano addottrinato [BodmerJ , per le bellezze peregrine che trovansi in 
questo Poema, speriamo di vedeme presto nella nostra Italiana favella un* opportuna tradu- 
zione.' Diese Anzeige entnehme ich einem gedruckten Zeddel, den ich unter Calepios 
Briefen fand. Die Novelle letterarie lagen mir nicht vor. Nach meiner Berechnung mag 
diese Notiz aus dem Jahre 1749 stammen. 

") In der That finden wir in VII. Bd. S. 284 der „Storia e ragione d^ogni poesia*^, 
Milano 1752 folgende Stelle: II Messia, Poema Epico in versi tedeschi. Non 
mi h per6 noto n^ il nome delP autore, n6 il luogo della stampa. So a ogni modo che in 
tal Poema la dignitä de' caratteri h perfettamente osservata: la dottrina che vi h esposta 
racchiude la piü profonda teologia: e gli oracoli delP Evangelio non perdono niente della 
loro beltä in bocca del poeta, come mi scrive il signor Jacopo Bodmer, Professore nel- 
Tuniversit^ di Zurigo della storia della Patria, e di Politica. Insomma a giudizio del detto 
chiarissimo Letterato, questo Poema se non precede di merito, certamente non h secondo 
a quello del Milton.*' Hier mag noch bemerkt werden, dass Calepio über Klopstocks Epos 
das Entzücken Bodmers gar nicht teilt. In einem Briefe an denselben, 8. Jan. 1749, spricht 
er sich über die Wahl des Stoffes ungünstig aus. 

••) Entst. d. n. Aesthetik, S. 311. 

") 1698—1739, im Jahre 1724 war er Sekretär der Bürgerbibliothek. 

*•) Bodmer, Fremdes, I 39. 

") A Gen^ve, 1728—1734. 

*®) In der französischen Übersetzung heisst der Titel : „Lettres de Monsieur ***** 
sur le caract^re des Italiens.*^ 

. **) B. L. von Muralt, Verfasser der „Lettres sur les Anglais et les Fran9ais.** 

39 



306 L. DONATI 

") Der gleiche Übersetzer übertrug den „DiBcorso sm migUori poeti italiani* von 
Scipione Maffei auch mit reichhaltigem Commentar. Vgl. Pindemonte «Elogi di letterati 
italiani« (Maffei), Firenze 1859, S. 177. 

>3) Über die Ausführung dieses Entwurfes vgl. Heiniich von Stein, Entst. d. n. Aetth. 
S. 283. 

>^) So im ersten lat. Brief Calepios an Bodmer, 17. November 1728. 

") Vom 7. Januar 1729. 

«•) Bei Bächtold S. 540, der BibUographic Num. 13 S. 175. Der volle Titel lautet: 
Briefwechsel Von der Natur Des Poetischen Geschmackes. Dazu kömmt eine Untersuchung 
Wie ferne das Erhabene im Trauerspiele Statt und Platz haben könne; Wie auch von der 
Poetischen Gerechtigkeit. Zürich Bey Conrad Orell, und Comp. 1736. 

") Vgl. Braitmaier a. a. O. S. 187 ff. und Walzel a. a. O. S. 58 ff. 

2») Vgl. Paragone S. 2. 

^) Walzel, dem ich hier inhaltlich folge, giebt a. a. O. genau die Stücke aus der 
Dramaturgie an, welche Übereinstimmungen mit Calepios Paragone aufweisen. 

30) A. a. O. S. 67, 

»*) Abgedruckt in „Gottsched und seine Zeit" von Danzel, Seite 188 — 9. 

M) 28. März 1738, abgedruckt bei Danzel, a. a. O. S. 191. 

") Stadtbibl. in Zürich, Briefe Gottscheds an Bodmer. 

") Bey träge etc. fünftes Stück, 1733. Seite 42 u. 55. 

'^) Fortsetzung des Erweises, dass G * ttsch * dianische Sekte den Geschmack ver- 
derbe etc., Berlin 1744, S. 33. 

«) Seite 67—94. Vgl. darüber auch Braitmaier a. a. O. S. I 194. 

") Paragone, S. 116. 

'*) Die Beurteilung des Paragone in Italien zog dem Verfasser viel Verdruss zu. 
Mancher zeitgenössische Tragödienkritiker und Tragödiendichter fühlte sich getroffen und 
griff zur Feder. Der Paduaner Giuseppe Salio antwortete mit einem „Esame criüco" 
(Padova, 1738). Calepio schrieb seinerseits eine Replik, die nach seinem Tode In einer 
zweiten Auflage des „Paragone** (Venezia 1770) samt einer grösseren Anzahl Nachtr&ge 
herausgegeben wurde. Wohlwollende Kritik übte Antonio Conti (Einleitung zu dessen 
Prose e Poesie, Venezia 1 739) und Scipione Maffei (Osservazioni letterarie, Tomo I, Verona, 
1737, S. 265 — 308). Doch ganz zufrieden gab sich Maffei nicht Hatte sich doch Calepio 
eriaubt, auch der Merope bloss bedingten Beifall zu spenden. In einem langen Briefe 
an Maffei wollte Calepio seinen Standpunkt rechtfertigen. Der Brief wurde, so viel ich 
weiss, von Maffei nicht publiciert. Unter den Briefen Bodmers befindet sich von dieser 
Gegenschrift eine Copie an Bodmer von Calepios fland. Maffei zeigt sich als Anti- 
aristoteliker, während Calepio, ganz wie Lessing, von Aristoteles ausgeht und ihn nur 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 307 

richtig interpretiert haben will. — Aus einem französischen Kritiker entnehme ich folgende 
Stelle : „Le comte Pietro Calepio, dans son Paragone etc. . . compos^, ce qui est caract6- 
ristique, a la pri^re de Bodmer, le pr^curseur de Klopstock, pr^ludait aux injustices de 
Lessing ; dans cette froide comparaison des difT^rentes parties de la trag^die chez les auteurs 
Italiens et chez les n6tres, il ne se souciait pas plus de sentir les beaut^s de nos chefs- 
d*oeuvre que de respecter la Chronologie; comme Lessing, il jugeait nos classiques d^apr^s 
leurs mauvaises pi^ces tout aussi bien que d'apr^s leurs chefs-d*oeuvre. Charles Dejob, 
Etudes sur la trag^die, Paris, Armand Colin, s. a. (1897?) Seite 114. 

»•) A. a. O. S. 224 ff. 

*•) A. a. O. S. 285 ff. 

«) A. a. O. S. 540. 

«) A. a. O. Cap. 3 u. 4. 

**) Die Lateiner brauchen das Wort „gustus** nur für den sinnlichen Geschmack. 
Interessant ist hingegen die Anwendung des Wortes „intellectus'^ in der Bedeutung vom 
sinn liehen Geschmack, also gerade umgekehrt wie es bei den Modernen der Fall ist. Vgl. die 
Belege bei Forcellini, meistens aus der Naturgeschichte von Plinus d. J. Die übertragene 
Bedeutung von „gustus** hat sich erst in den neueren Litteraturen gebildet und zwar zuerst 
in den romanischen, dann in den germanischen. Schon Ariost (15161) bedient sich des 
Ausdruckes „buon gusto** (L'aver avuto in poesia buon gusto, Orl. f. C. 35 St. 26), was 
Salvini (Anm. zur „Perfetta poesia** Muratoris, letzte des III *«" Bandes) und Trevisano 
(Einleitung zu Muratoris Riflessioni sopra il buon gusto, 1708) übersahen. Irrtümlicher- 
weise Hess Trevisano den Ausdruck aus Spanien herstammen. Für andere Belege aus ital. 
Schriftstellern vgl. Tommaseo-Bellini unter „gusto — buon gusto.** Die Entwicklung der 
Metapher auf ital. Boden kann man also nachweisen. Über die Geschichte der Metapher 
„Geschmack** in Deutschland findet man alles beisammen in einem Aufsatz Rudolf Hilde- 
brands in der Zeitschrift f. d. deutschen Unterr. 6, 665 (Leipzig 1892). Auch Hildebrand 
lisst sich von Trevisanos Annahme irre führen. Ibid. 667. Dieser Aufsatz findet eine 
philologische Ergänzung vom gleichen Verfasser im Grimmschen Wörterbuch unter „Ge- 
schmack*. In den Deutschen Acta eruditorum vom Jahre 1713 (S. 977) u. 1716 (S. 480), 
also bald nach des Thomasius Discours „Von der Nachahmung der Franzosen** wird die 
Metapher ohne Bedenken gebraucht. Über die Theorie des Geschmackes im Zusammenhang 
mit Spanien vgl. Borinski „Baltasar Gracian" Halle 1892 und dazu Farinellis wichtige Be- 
sprechung in der „Revista critica de Historia y Literatura espaholas etc. Anno I num. 2, 
Madrid 1896. 

**) Omnes tacito quodam sensu sine ulla arte aut ratione, quae sint in artibus ac 
rationibus prava aut recta, dijudicant. Cic. de orat. 3, 50. 

*') R^flexions critiques sur la poesie et sur la peinture, T. II, p. 1 79 der Ausgabe von 1 TU. 



308 L. DONATI 

**) Darüber H. von Stein, a. a. O. S. 286. 

*'') Perfetta Poesia L. I cap. 6. ^Consiste dunque il buon gusto nel conoscere, 
distinguere e assaporare il hello poetico , cio^ nel saper giudicare in teoria e in 
pratica ci6 ch*^ hello, ci6 ch*^ deforme in poesia. ** 

^) Spectator N. 409. That faculty of the soul, which discerns the Beauties of 
an Author with Pleasure, and the Imperfection with Dislike. 

*•) Briefwechsel, S. 11. 

»0) Briefwechsel, S. 5. 

**) Spectator, N. 413; franz. Übersetzung N. 44. 

") Einbildungskraft, S. 29 u. ff. 

") Mir liegt die Ausgabe vom Jahre 1735 vor. Vgl. B. I, S. 175 ff. Die erste 
Auflage der Osservazioni ist vom Jahre 1703. Bodmer führt Orsi in der Einl. zur Schrift 
über die Einbildungskraft an. 

**) Seite 131 u. ff. 

") Briefwechsel, S. 75—76. 

*•) Vgl. Brief an Mendelssohn vom 2. Febr. 1757, Hempel 20, I, S. 94. Darüber 
Sommer, Grundzfige einer Geschichte der deutschen Psychologie und Aesthetik etc., Würz- 
burg 1892, S. 192. 

^^) Ma quello (diletto) ch*io chiamo proprio e primario dclla tragedia, consiste nella 
continuazione lusinghiera della pace, che prova un pietoso neiresercizio della sua pieta. 

w) 6. November 1729. 

*•) „Lessing wie Calepio suchen beide das unfruchtbare, wirkungslose der Bewun- 
derung aus dem Beispiele eines Athleten zu erweisen.'* Walzel a. a. O. S. 66. Man ver- 
gleiche Briefwechsel S. 98 und Lessings Brief an Mendelssohn vom 18. Dez. 1756. Im An- 
schluss an seine Ausführung behauptet Calepio, Addisons Cato sei sehr dazu geeignet, die 
Selbstmordsucht der Engländer zu vermehren. 

«<>) Vgl. oben, S. 268 und Anm. 

") 15. Stück, S. 444—456. 

«*) Fast ein Jahrhundert später unterzog sich A. W. Schlegel einem ähnlichen Unter- 
nehmen mit seiner „Comparaison entre la Phödre de Racine et celle d' Euripide." Wegen 
dieses Verbrechens an der klassischen Litteratur der Franzosen wurde Schlegel bekanntlich 
von Napoleon aus dem Hause der Frau von Stael entfernt. 

") 1743, zweites Stück, S. 60—63. 

**) Sulger - Gebing in der Zeitschrift f. vgl. Litteraturgeschichte von Max Koch, 
Neue Folge, IX. Bd., S. 4/1 u. ff. hat Bodmers Stellung zu Dante behandelt. Auf seine 
Ausführungen werde ich mich teilweise stützen. 

«*) Vgl. Eckermanns Gespräche mit Goethe, I 130 der Reclam- Ausgabe. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 309 

**) H. von Stein, Entstehung d. n. Aesthetik, S. 2/5. 

•') Über Voltaires Stellung zu Dante vgl. Eugene Bouvy, Voltaire et Tltalie, Paris, 
Hachette 1898, S. 36-96. 

••) Anno 1763—64 erschienen die „Versuche über den Charakter und die Werke der 
besten ital. Dichter" von J. N. Meinhard. Gödeke IV S 157. 

••) Erschienen im Briefwechsel erst im Jahre 1736. Vgl. daselbst, S. 50—51. 

'<>) Pater Ceva (Mailand 1648—1737) Mathematiker, Dichter (Puer Jesus) und Kritiker 
(^Memorie del conte Francesco di Lemene. 1706**, eine Art „Poetik** mit feinsinnigen Be- 
trachtungen über den Geschmack). Man hiess ihn den Poeta della natura; er war mit 
Muratori befreundet und wird von diesem in der „Perfetta poesia** oft citiert und gepriesen. 
Bodmer, wie Muratori, hatte für ihn eine besondere Verehrung. In den „poetischen Gemählden** 
führt er die gleichen Stellen Cevas an, wie Muratori in der „Perfetta poesia**. Er widmet dem 
Dichter Lemene und dem Kritiker Ceva drei seiner „Neuen critischen Briefe** (Brief 40 
bis 43, S. 313 — 336). Da ich später diese drei Briefe aus Mangel an Raum nicht mehr 
besprechen kann, begnüge ich mich, hier folgende von Bodmer wiedergegebene Stelle Cevas 
anzuführen : „Die Kunst muss so verborgen werden, dass der Erfahrne, der sie in ihren 
feinsten Zügen wahrnimmt, alle Hoffnung verliert, etwas gleichmässiges zu machen; und 
der Unwissende, wenn er die Leichtigkeit sieht, sagt : ist es nur das ? So wollte ichs auch 
machen.*» („Neue critische Briefe**, Auflage von 1763, Seite 330. 

''*) Critische Betrachtungen über die poetischen Gemähide etc., 1741, S. 43—44. 

«) Grit, Betr. S. 30—31 aus Inferno C. XXXIII (Ugolino), v. 49—75. 

") A. a. O. S. 79. 

'*) A. a. O. S. 474. 

") Nuovi saggi critici, Napoli 1888, p. 3. 

'•) Vgl. Poet Gemähide passim u. dazu Sulger-Gebing a. a. O. 

") Vgl. ibid. Libro secondo, cap. VIII, in der Ausgabe Emiliani-Giudici p. 109 u. passim. 

™) Vgl. Baechtold a. a. O. S. 544—5. 

™) Freymüthige Nachrichten von neuen Büchern und anderen zur Gelehrtheit gehörigen 
Sachen, 24. u. 31. Augstmonat 1763. 

**) Darüber Sulger-Gebing a. a. O., wo der Fachgelehrte eine ausführliche Inhalts- 
angabe des Stückes findet. Eine ungedruckte gegen Gerstenberg gerichtete Parodie „Das 
Parterre des Ugolino** ist unter Bodmers Handschr. vorhanden. 

•*) Treffend sagt A. W. Schlegel: Ein orthodoxer Kunstkritiker des Geschmackes 
weiss sich recht viel damit, wenn er darthut. die Divina Commedia des Dante, Michelangelo's 
iingstes Gericht oder Shakspeare's Macbeth sey geschmacklos; und er sagt doch weiter 
damit nichts, als dass er diese Werke nicht begreift, weil sie über den Horizont seiner 
erlernten Regeln u. Conventionen hinausgehen. Vorlesungen (Minors Ausg.), Erster Teil, S. 33. 



310 L. DON ATI 

w) Vgl. I. Auflage seiner Dichtkunst, 1730, S. 545. 

»s) Vgl. Art po^tique eh. III, 205—218 und die IX. Satire ^A mon esprit*, darüber 
meine kleine Schrift „L'Ariosto e il Tasso giudicati dal Voltaire.«* Halle 1889, S. 32 u. ff. 

^) Am 14. Jan. 1744; vgl. Stäudlin, Briefe berühmter und edler Deutschen an Bodmer, 
Stuttgart 1794. 

*^) Bd. I, 1, 405. Die Rezension ist ohne Zweifel von Bodmer. 

*•) Zuerst in den Freym. Nachrichten Bd. X, 14. Wintermonat 1750, dann wieder abge- 
druckt im Archiv der Schweizerischen Kritik 1768, S. 115 ff und 124 ff. 

*^) Vgl. Tassos Discorsi del poema eroico, Ausgabe Guastis, Firenze 1875, S. 100 der 
Prose diverse I. Bd. 

W) 39, 40, 41, 42, 48, 51, 65. 

»») Brief 15—19. 

'<*) Vgl. Winckelmann an Herrn von Berg, Rom 9. Juni 1762, in der Ausgabe 
Fernows N. 210. 

**) „E perch^ Timmagini sono affezioni del nostro corpo e vestigia delle cose, quando 
per via della reminiscenza, e per riscontri d*oggetti simili ravvisati nelle parole, si eccitano 
in noi moti corrispondenti alle impressioni delle cose, e con le parole si svegliano le ve8ti|^a 
degli oggctti, allora si rinnovano V istesse passioni, che furon giä mosse dagli oggetti reali, 
perch^ cosi i moti della fantasia corrispondono ai moti veri, e perci6 la poesia h possente 
a muoverci gli affetti col finto a paragone del vero. Ma la commorion degli affetti anche 
dolorosi h sempre mista col diletto, quando ci stimola lentamente, e f a leggiera titiUazione : 
onde a molti affetti quantunque mesti e per lo piü innestato il diletto, quando 11 moto agita 
insensibilmente le parti, senza distrarle, e quando air affetto non h congiunta la oplnlon 
del danno che distrae le parti, ed accresce troppo i punti del dolore; n^ tanto h atto a 
titillare, quanto a sciogliere. Perci6 dalle tragedie e dalle mestizie rappresentate si trae 
diletto, e godiamo d*affliggerci, perch^ Tanimo e da leggier titillamento stimolato, senza 
che sia scosso e costernato dair opinion del danno.«* (rravina, Della Ragion poetica, L. I. Cap. XI. 

•*) Irrtümlicherweise ist (vgl. H. von Stein, a. a. O. S. 319 u. dazu Reichs wertvolle 
Monographie: Gravina als Aesthetiker, ein Beitrag zur Geschichte der Kunstphilosophie, 
Wien 1890, S. 14 u. ff.) Gravina als Vermittler zwischen Shaftesbury imd Winckelmann be- 
zeichnet. Die Sache liegt vielmehr umgekehrt. Wenn in den Werken des italienischen 
und englischen Kritikers Übereinstimmungen vorhanden sind, so konunt die Priorität dem 
Italiener zu; denn Gravinas „Ragion Poetica** geht chronologisch den Schriften Shaftesburys 
voraus. Gravina verstand kein Wort Englisch, Shaftesbury aber verlebte die letzten Jahre 
seines Lebens in Neapel in regem Verkehr mit italienischen Gelehrten und starb daselbst 
1713. Jedoch können, gerade auf unserem Gebiete, vereinzelte Anklänge zu falschen 
Schlüssen führen. 



J. J. BODMER UND DIE ITALIENISCHE LITTERATUR 311 

••j Vgl. auch Theodor Gomperz „Aristoteles Poetik übersetzt u. eingeleitet**. Leipzig 
1897» Vorwort, 

»*) Spectator N. 419. 

»») Ibid. No. 411. 

••) Die schwache Seite in Addisons Auffassung der Phantasie hebt Voltaire mit Ge- 
schick hervor, indem er sagt: „un aveugle n6 entend dans son Imagination Tharmonie qui 
ne frappe plus son oreille." Encyclop6die, Artikel Imagination. 

•') Ibid. 411. 

**) A. a. O. S. 130 ff. und ganz ausdracklich S. 278: „Addisons Imagination aber ist 
noch nicht schöpferische Einbildungskraft. Bei Bodmer liegt ein neuer Nachdruck auf dem 
schöpferischen Vermögen, der Kraft, in den poetischen Fähigkeiten.' 

**) Über Addisons Vorgänger sei bemerkt: I. Bacon von Venilam schreibt die Poesie 
der Einbildungskraft zu. De augmentis scientiarum Liber II, caput 1 und 13. Nach Über- 
wegs Grundriss (1896) zuerst englisch (1605), dann lateinisch und vollständiger ausgeführt 
(1623). Über Bacons „Poetik" vgl. Kuno Fischer „Baco von Venilam'*, Leipzig 1856, S. 167 ff. 
Mir lag die II. umgearbeitete Auflage von Fischers Werk nicht vor. Bei Bacon finden wir das 
AusführUchste über das Wesen der Poesie in ihrem Verhältnis zur Einbildungskraft. 
IL Bacons Zeitgenosse und Freund Thomas Hobbes (1668, Ueberweg) kennt die Imagination 
als Vermögen bildliche Vorstellungen in sich aufzunehmen und als „spontane geistige 
Thätigkeif*. Stein a. a. O. S. 129. III. Dujon (Franciscus Junius), auf den Breitinger 
bei der Parallele „ut pictura poesis** (Krit. Dichtkunst I, S. 14) verweist, verlangt in seinem 
Werke „De pictura veterum** (zuerst 1637) vom Maler und Dichter als conditio sine qua 
non Einbildungskraft; er hat mit Riesenfleiss alle diesbezüglichen Stellen aus dem 
Altertiun zusammengestellt. Darüber Blümner, Laokoon, II. Aufl., S. 35. Das Werk des 
Junius ist auch deutsch erschienen, Breslau 1770. 

»<») So Malebranche „De la recherche de la v^rit^«* (1674), II. Partie, chap. 5, 
III. Partie chap. 3, 4, 5. Er handelt ausführlich und mit Scharfsinn über die Imagination; 
er wittert aber überall Gefahren, die Lichtseite der Imagination wird von ihm ganz ver- 
nachlässigt; darum warnt er den Leser vor Montaigne, den er einen „Pedant** nennt. Seine 
Qnteilung der Imagination in active und passive giebt Voltaire in seinem Artikel 
„Imagination ** wieder. Vgl. Encyclop^die und jedenfalls im „Dictionnaire philosophique". 

'***) cf. Scartazzini Enciciopedia dantesca, „Fantasia" und Poletto Dizionario dantesco 
unter dem gl. Worte. 

"•) Vgl. Anmerkung 70. 

*••) Dr. H. Escher, Stadtbibliothekar in Zürich, bestärkte mich in meiner Annahme. 

*®*) Die Art der Bezeichnung ist dieselbe wie in anderen Handexemplaren Bodmers. 
Vgl. die Schrift über die Einbildungskraft, Stadtbibliothek Zürich, Sign. III, 302 b. 



312 L. DONATI 

*o^) Die Poetik Gottscheds und der Schweizer, Strassburg 1887, S. 82. 

*^) Perfetta poesia L. I cap. 6 u. U; Poetische Gemähide S. 52—53. 

»0') Senraes ibid. 

»•») L. I cap. 6, Poet Gemähide S. 55. 

*^) Ich führe nur ein frappantes Heispiel an : Muratori : ,,La noviti h madre della mera- 
viglia e questa h madre del diletto''. Perf. p. L. I, c. 7 ; Breit : ,, . . die Neuheit ist eine 
Mutter des Wunderbaren, und hiemit eine Quelle des Ergetzens.** Ciit Dichtkunst, S. 110. 

^^^) Auch Braitmaier nimmt Muratoris Einfluss auf die Schweizer an. A. a. O. 
S. 176, 178. 

"*) Vgl. Saggio di corrispondenza epistolare fra L. A. Muratori e Letterati stranieri, 
Nozze Cämpori-Stanza, Modena 1884, S. 77- 



J. J. BODMER 



UND DIE 



ENGLISCHE LITTERATUR 



VON 



TH. VETTER 




^Ich wollte nicht gerne, dass in den Sachen des Wizes 
und Verstandes das Recht des Eigenthums mit dem Ernst 
eingeführet würde, wie es in den Glüksgütern geschehen 
ist. Sollte niemand kein Recht auf einen Gedanken oder 
Einfall haben, als der ihn zuerst in Besiz genommen hat, 
was für ein kleiner Antheil bliebe denen übrig, die etwas 
späte in die Welt gekommen sind?** 

Bodmer, Neue Grit. Briefe 1749, S. 45?. 

f >^ chon ZU wiederholten Malen sind einzelne Werke Bodmers 
^i auf ihre Abhängigkeit von englischen Quellen geprüft 
!^. worden, und noch viel älter ist die in fast allen Litteratur- 
geschichten als Lehrsatz aufgenommene Ansicht, Bodmer und sein 
Kreis seien die Vertreter und Vorkämpfer des englischen Ge- 
schmackes im Gegensatze zu Gottsched und seinen Anhängern, 
die ihre Heilslehrc von den Franzosen bezogen. Aber noch fehlt 
uns eine Quellenuntersuchung, die sich auf alle Produkte Bodmcr- 
schen Fleisses erstreckte; und sie wird sich auch nicht so weit 
führen lassen ohne Herbeiziehung der umfangreichen und zu einem 
grossen Teile immer noch ungedruckten Korrespondenz Bodmers. 
Denn der sonderbare Mann liebte es bekanntlich nicht nur, mit der 
Autorschaft seiner Schriften - in gelegentlich für ihn recht ver- 
hängnisvoller Weise ^ Versteckens zu spielen, sondern noch viel 
eifriger verbarg er die weitverzweigten Leitungen, die ihm das 

40* 



316 TH. VETTER 

Wasser für seine zwar stets reichlich aber nicht immer ganz rein- 
lich fliessenden Brunnen lieferten. Nur ganz intimen Freunden 
gewährte er zuweilen Einblick in das System seiner Röhren. 

Ob die minutiöse Arbeit zur Entdeckung des letzten Quellen- 
geheimnisses sich lohnen würde? Hier jedenfalls wird sie nicht ge- 
boten. Als Hüter über den Umfang dieser Denkschrift darf ich 
mir nach den wertvollen Überschreitungen meiner Vorredner nur 
knappen Raum gewähren. Doch lässt sich eine Übersicht auch in 
engen Grenzen geben, und eine solche wenigstens erscheint mir 
wünschenswert als Gegengewicht zu dem wohlbegründeten Sturm 
gegen die alte, schablonenhafte Anschauung, damit beim berechtigten 
Hinweis auf Bodmers französische und andere Quellen die bisherige 
Ansicht nicht ins Gegenteil umschlage. 



I. DIE KRITISCHEN SCHRIFTEN. 

Als ich vor zwölf Jahren mit unzureichenden Mitteln die 
„Discourse der Mahlern" nach ihrem Zusammenhange mit 
dem „Spectator" durchforschte^), glaubte ich die zürcherische Zeit- 
schrift ohne Bedenken neben eine bequeme Ausgabe der englischen 
halten zu dürfen, obgleich mir hinlänglich bekannt war — schon 
aus der in jener Abhandlung öfter zitierten „Chronick"*) — , dass 
den Zürchern nicht das englische Original, sondern nur die ver- 
kürzte französische Übersetzung vorgelegen hatte. Da seither wieder- 
holt betont worden, es könne „das richtige Quellenverhältnis nur 
aus einer Vergleichung mit dieser Vorlage"'*) festgestellt werden, 
so will ich mein 1887 gewonnenes Resultat nicht wiederholen, ohne 
die angefochtenen Stellen nachgeprüft zu haben. 




<, <Ww^*v%t^ 



46. I.aurcnz Zcllwc^cr, HodmLT's Freund, i^cnannt «Tliiloklcs- 
Nach einem Ol^cmrilde von uubekaniitor Herkunft in der Kantonshiblidthck in ' 



Die Maler haben in den viti ^ 
herausgegeben, und nach den Aufzeichnungen Breitingcia ^. 
„Chronick" kommt in 46 Fällen die Autorschaft Bodmer zu. Hiebei 
glaubte ich in 12 Diskursen die Entlehnung aus dem Spectator sicher 
nachgewiesen zu haben, bei 7 weiteren hielt ich die Entlehnung 
für möglich.*) Die zwölf Diskurse der ersten Kategorie ftlhrte ich 
sämtlich auf Nummern des Spectator zurück, die sich auch in der 
französischen Ausgabe finden. Eine Ausnahme bilden Band I, Dis- 
kurs 14 und Band III, Diskurs 1. Im erstgenannten Diskurse spricht 
Bodmer von der verkehrten Erziehung, dem Mangel an Berück- 
sichtigung des angebomen Talentes und dem Eifer mancher Väter, 
ihre Söhne in Lebensstellungen zu bringen, in die sie nach Anlage 
und Neigung nicht passen. Ist als Quelle hiefür No. 157 des 
Spectator preiszugeben, weil sie in den ersten sechs Bänden der 
französischen Ausgabe fehlt, so bleibt immerhin der Ausspruch 
Addisons"^): „Lc malheur est que dans une des plus importantes 
affaires de la vie, les p^res et les mferes ont plus d'egard k leur 
propre inclination, qu'au g^nie et k la capacite de leurs fils." Und 
welchen Wiederhall musste diese Klage des Engländers im Herzen 
des jungen Bodmer wecken, der den Kampf um eine Laufbahn 
nach eigenem Geschmacke noch gar nicht weit hinter sich hatte! 
Dass dazu auch Vida, mit dessen Hauptwerk er sich in Italien 
vertraut gemacht, einen Gedanken beigetragen haben kann*), soll 
nicht unerwähnt bleiben. 

Der erste Diskurs von Band III, „Wahre und scheinbare 
Tugend", oder wie Bodmer ein Vierteljahrhundert später im „Mahler 
'^'T Sitten"'') das Stück nennt, „Von der Annehmlichkeit tugend 

'--^ allerdings mit seinem einleitenden Ge 



J. J. BODMER UND DIK ENGLISCHE LITTER ATUR 319 

danken nicht mehr auf No. 104 des Spectators zurückgeführt werden; 
aber die weitere Erörterung, dass der Lasterhafte „mit einer curiosen 
Sorgßtltigkeit** bemüht sei, in seinem Auftreten das Wesen des 
Tugendhaften „nachzubilden", war auch im französischen Spectateur 
zu finden^, und jedenfalls hat sich Bodmers Erfindungsgabe an der 
ganzen Abhandlung nur unbedeutend beteiligt. 

Für sieben weitere Diskurse hatte ich auf Stellen in 13 Num- 
mern des Spectator als auf mögliche Quellen hingewiesen und von 
diesen sind nur drei^) in der französischen Wiedergabe nicht 
reproduciert. 

'Es bleibt also auch nach erneuter Untersuchung mit dem 
Zugeständnisse dieser kleinen Einschränkung, das Schlussresultat 
durchaus gleich: nicht nur äussere Form und Anlage des 
Spectator haben als Muster gedient, sondern auch gerade 
die wertvollsten Diskurse, jene für die späteren theoreti- 
schen Werke der Schweizer so bedeutungsvollen Aufsätze über 
das Wesen der Dichtkunst, atmen ganz den Geist Addisons^^), 
und Bodmer ist es, der sie aus dem englischen Spectator mit Hilfe 
der französischen Übersetzung in die deutsche Litteratur ein- 
geflahrt hat. 

Mit dem Studium der englischen Sprache hatte Bodmer einen 
Anfang gemacht, bevor der erste Diskurs in die Presse gieng^^) ; 
und mochte diese Tätigkeit auch während der Herausgabe der 
Zeitschrift unterbrochen werden, weil die beiden Freunde in ihrer 
redaktionellen Arbeit jedenfalls weit weniger Unterstützung fanden 
als sie gehofft hatten, so kehrte doch Bodmer fast unmittelbar 
nach Abschluss des vierten Bandes der ^ Discourse der Mahlern" 
wieder zu „Ludewigs Grammatik" zurück und hatte nun sein Ziel 



320 TH. \'ETTER 

beim Erlernen des Englischen viel sicherer im Auge. Welche 
Schriftsteller er zuerst in dieser Sprache las, entzieht sich unserer 
Kenntnis und Vermutung, doch wissen wir, dass wenigstens unter 
den ersten Kritiker und Dichter gleich vertreten waren. Der Deist 
Toland und der satirische Graf Rochester erscheinen neben 
M i 1 1 o n und Samuel Butler. ,Ich verlange Tolands und Rochesters. 
Endlich vermeine ich, dass Miltons Paradis lost, oder Buttlers 
Hudibrass mein Ergötzen seyn würde *^, schreibt Bodmer am 30. 
Mai 1723 an seinen Freund Dr. Zellweger in Trogen"), der selbst 
eine hübsche Sammlung englischer Bücher schon damals besessen 
zu haben scheint und durch seine guten Verbindungen mit Holland 
sich jederzeit leicht das Neueste aus England verschaffen konnte. 
Ebenso sorgfältig als ansprechend hat uns Hans Bodmer vor sechs 
Jahren geschildert^^), wie eifrig J. J. Bodmer seine englischen Sprach- 
und Litteraturkenntnisse zu mehren bemüht war, und ich darf unsere 
Leser wohl auf jene hübsche Darstellung verweisen. 

Als Bodmer 1727 seine zweite kritische Schrift verfasste: 
„Von dem Einfluss und Gebrauche der Einbildungs- 
K rafft", da bedurfte er französischer Vermittlung nicht mehr, 
wenn er aus englischen Quellen schöpfen wollte, imd es waren 
namentlich Addisons wertvolle Essays on Imagination — im Spectator 
die Nummern 411 — 421 - die er jetzt im Original benutzte**). 
Nachdem Bodmer sich in der einleitenden Dedication als Verehrer 
Miltons bekannt, der wie so viele berühmte Männer noch lange 
nicht nach Verdienst gewürdigt werde '^), schildert er, von Locke*') 
ausgehend, den Wert der Eindrücke, die der Mensch diirch seine 
Sinnesorgcinc in sich aufnehme. „Das Gesicht ist der vornehmste 
Sinn, welcher das Gcmüthc nicht nur mit der grösten Menge von 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 321 

Dingen anfüllet; sondern sie auch femer ablanget, am schnellsten 
zu ihnen fortgehet, und am längsten in seiner Arbeit anhaltet, ohne 
dass er müde oder matt werde", — eine Definition, zu deren genauem 
Verständnis wir schon auf den englischen Text im Spectator") 
zurückgreifen müssen. — Aber die Sinneseindrücke wären von ver- 
gänglicher Bedeutung, wenn uns nicht eine weitere Fähigkeit ver- 
liehen wäre, sie später wieder zu reproducieren : die Einbildungs- 
kraft. „Durch ihr Mittel kan ein Mensch in einer unterirdischen 
Hole, da die Sonne mit keinen Strahlen hinein zudringen vermag, 
sich mit den prächtigsten Schau-Gerüsten und Jagd-Gefilden, als 
er immer vor der Zeit gesehen, unterhalten" — abermals in Addisons 
Worten^®). Darum muss es Ziel eines Dichters sein, sich einen 
möglichst grossen Reichtum an Bildern für die Einbildungskraft zu 
erwerben. Und nun werden Malerei und Dichtkunst mit einander 
verglichen — ut pictura poesis — , auch der Wert der Plastik 
gegen den der Malerei abgewogen, wobei ein Beispiel aus dem 
Spectator (No. 416) gute Dienste leistet. — Auf die Beschreibung 
muss der Dichter seine Sorgfalt verwenden ^^) und er vermag die 
Schönheit zu erhöhen, indem er schön schildert^). Mit einer Reihe 
nachahmenswerter wie abschreckender Beispiele^*) werden diese Sätze 
belegt 

Indessen braucht sich die Schilderung nicht auf die Schönheit 
zu beschränken, auch das Traurige, Hässliche, Schreckliche^) kann 
Gegenstand der Darstellung werden; die Leidenschaft zumal wird 
dem Dichter oft schwere und doch dankbare Aufgaben stellen, 
wenn er sie beschreiben soll, und dabei hat er die Verschiedenheit 
der Charaktere genau zu beobachten. Als Meister der Charakter- 
schilderung werden neben Theophrast, La Bruyere, Shaftesbury 

41 



322 TH. VETTER 

und dem Spectator noch Swift und Moli^re genannt (pg, 154), 
und für Einzelheiten finden sogar Congreve, Cibber, Ben Johnson (sie) 
Erwähnung (pg. 208). Und das war bei Bodmer offenbar kein 
Prahlen mit geborgter Gelehrsamkeit. Schon vier Jahre früher — 
1723 — hatte er sich von Zellweger „Addison's Cato, Dryden's 
All for Love, Congreve's Double Dealer, Cibber's Careless 
Husband"^) etc. dringend erbeten und die empfangenen Werke 
sicher gewissenhaft studiert, so dass er jetzt aus eigener Erfahrung 
sprechen konnte. Das eifrige Streben nach Erweiterung seines 
Horizontes zeigt sich in dieser Schrift namentlich da am deut- 
lichsten, wo er (pg. 228-233) die Behandlung eines bestimmten 
Charakters — Sophonisbe — durch einen Franzosen (Corneille), 
einen Italiener (Trissino), einen Engländer (Nathaniel Lee) und einen 
Deutschen (Lohenstein) nebeneinanderstellt.") 

Der Antipatriot oder — wie der Buchtitel lautet — die 
„Anklagung des verderbten Geschmackes** etc., jene 
Streitschrift gegen den hamburgischen Patrioten und die halUschen 
Tadlerinnen, kann sich an Wichtigkeit mit dem eben besprochenen 
Buche nicht messen. Er hat einigen Wert wegen der Skizze der 
Entstehungsgeschichte der englischen, deutschen und französischen 
moralischen Wochenschriften und wegen der Ausführungen über 
die schöpferische Phantasie, die den rechten Dichter begleitas müsse. 
Wirklich neue Ideen finden sich in geringem Masse, und auffallend 
ist, dass der gestrenge Kritiker, der sich bisher so kühn fremde 
Gedanken angeeignet, dem Hamburger Patrioten wegen einer Ent- 
lehnung aus Foiitenelle das harte Wort entgegenschleudert (pg. 144): 
„Dieses ist was die Lateiner Plagium und wir einen gelehrten Dieb- 
stal heissen**. Bodmer ist zu diesem Vorwurfe keineswegs besser 



J. J. RODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 323 

berechtigt als früher, weil er nun anfängt seine Quellen — und 
zwar hier hauptsächlich wieder den Spectator, bald im Original, 
bald in der französischen Bearbeitung — genauer zu nennen.**) 

Obgleich die etwa tausend Verse, die Bodmer 1734 unter dem 
Titel „Character der Teutschen Gedichte** erscheinen 
liess, formell seinen Dichtungen beizuzählen sind, dürfen wir sie 
nach ihrem Inhalte doch ohne Bedenken zu den kritischen Schriften 
rechnen; sie sind ^ einer der ältesten Versuche zusammenhängender 
historisch-kritischer Betrachtung**^) und als solcher sehr wichtig, 
während der poetische Wert kaum hoch anzuschlagen ist. Die 
Versuchung ist bei der engen Bekanntschaft Bodmers mit Addison 
sehr gross, in des letztem „Account of the Greatest English Poets** 
den Ausgangspunkt der Bodmerschen Dichtung zu sehen. Zwar 
ist der junge Addison — das Gedicht erschien 1694 — lange nicht 
so weitiäufig, und seine Kritik beschränkt sich auf wenige Zwischen- 
bemerkungen; doch ganz wie er „A short account of all the Muse- 
possest*^ zu geben beabsichtigt, will auch Bodmer „Der Dichter lange 
Reyh, die Teutschland aufgestellt**, an uns vorüberziehen lassen. 
Für Einzelheiten zeigt er uns seine Quellen in den beigefügten An- 
merkungen; wenn er die Schönheit in Opitzens Dichtung Zlatna 
preist, sie sei (Vers 189 ff) 

y, erfüllt mit sanfften Zügen. 

Das menschliche Gemüth in neue Lust zu wiegen, 
Wovon der Bürgers-Mann in einer grossen Stadt 
Bey Jahren eingesperrt ein schwach Empfindniß hat. 
Well mancher dicker Hau und stinckend wüster Graben 
Die Lüffte da gehemmt, mit Gifft erfüllet haben. 
Falls er dann eines Tags sich auf das Land verfügt, 
So wird er jeden Schritt mit neuer Lust vergnügt : 
Die wechslende (restalt der frisch-gekleidten Erden 
In Dörffer außgesetzt, in Wälder, Gärten, Heerden, 



324 TH. VETTER 

Der liebliche Geruch von Blumen, Graß und Kraut, 

Ein Mägdgen, welches melckt, ein jeder SchHÜ und Laut, 

Ein jedes Land-Gesicht, erquicket sein Gemüthe, 

Und giesst ihm frische Krafft und Kühlung ins Geblüte,** u. s. w. 

SO hat er damit in Miltons Verlorenem Paradiese IX, 445 ff. eine 
Anleihe gemacht, wo die Schlange in ihrem Entzücken über die 
Schönheiten des Paradieses geschildert wird: 

As one who, long in populous city pent, 
Where houses thick and sewers annoy the air, 
F'orth issuing on a summer*s mom, to breathe 
Among the pleasant villages and farms 
Adjoined, from each thing met conceives delight — 
The smell of grain, or tedded grass, or kine, 
Or dairy. each rural sight, each rural sound — 
If Chance with nymph-like step fair virgin pass, 
What pleasing seemed for her now pleases more, 
She most, and in her look sums all delight, etc.*'') 

Und wiederum Vers 2/3, wo Opitz als Phönix dargestellt 
wird, muss Milton (Par. Lost V, 2/1 — 2/4) das passende Gleichnis 
liefern. Auch dem satirischen Swift, den Bodmer schon früher^ 
als feinen Charakterschilderer gelobt, verdankt er ein gelungenes 
Bild. In der „ Bücherschlacht "^) reitet dem glänzend gerüsteten 
Vergil ein Mann auf einem alten, magern Gaule entgegen; der 
grosse Panzer klirrt, wie er die Mähre ansprengt: es ist Dryden, 
der beim Öffnen des Visiers einen komischen Anblick darbietet. 
„The helmet was nine times too large for the head, which appeared . . . 
like a mouse undcr a canopy of State, or like a shrivelled beau 
from within the pent-house of a modern periwig: and the voice 
was suited to the visage, sounding weak and remote." In gleich 
trauriger Gestalt hat nun der deutsche Dichter Amthor zu erscheinen 
(Vers 405 ff.): 

Auch du o Amthor bist von Lohsteins Stamm und Hauß 
Ein nicht geringes Haubt, doch siehst du mager aus, 



J. J. RODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 325 

Wann sich dein kleiner Kopf mit Marons Helme decket; 
Wie wann ein Liebes-Geck das welcke Haubt verstecket 
In einen Wald von Haar. Die Stimm ist leiß und matt. 
Wir greiften lauter Schwulst und Wind an Fleisches statt. 

Ja sogar der von Alexander Pope in seiner Dunciade dem 
Gespötte der Welt überlieferte Theobald wird herangezogen : aus 
seiner 1714 zum ersten Male erschienenen „Höhle der Armut" — 
Cave of Poverty — wird eine Stelle mit Erfolg geborgt.""*) 

Im „Brief-Wechsel von der Natur des poetischen 
Geschmackes" (1736), der aus dem anregenden Verkehr mit 
dem geistreichen und belesenen Calepio hervorgewachsen, bewegt 
sich Bodmer auf dem für ihn recht glatten Parkett philosophischer 
Beweisführung. Er hofft zu zeigen, dass der ächte und wahre 
Geschmack aus dem Verstandesurteil gebildet werden müsse, also 
bestinmite, allgemein gültige Gesetze habe, während der aus dem 
Empfindungsurteil entwickelte Geschmack der falsche sei. Englische 
Anleihen macht er dabei mit Ausnahme einer einzigen, unbedeu- 
tenden Stelle aus Addisons Essays on Imagination'**) nicht. Um 
so öfter wird dagegen auf englische Autoritäten Bezug genommen 
in den Schriften, die sich um die „Critische Dichtkunst" Breitingers 
gruppieren. Bei der Verteidigung Miltons in der „Grit i sehen 
Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie" 
(1740) wird das mangelhafte Interesse der deutschen Leser am 
Verlorenen Paradiese damit entschuldigt, dass auch die Engländer 
der Dichtung nicht das richtige Verständnis entgegenbringen, „un- 
geachtet diese Nation an ihrem Saspar und andern, den Geschmack 
zu diesem höhern und feinern Ergetzen zu schärffen, eine Gelegen- 
heit gehabt hatte, der unsere Nation beynahe beraubet ist" (pg. 6). 
Bodmer rühmt hier seine eigene Milton-Übersetzung nicht, meint 



326 Ta VETTER 

aber, man sollte trotz ihrer Unvollkommenheit doch den Wert des 
Originales darin erkennen können, xmd diesen Wert hebt er, nament- 
lich gegenüber den Angriffen Voltaires und Magn3rs, teilweise mit 
den Worten Addisons hervor (pg. 15). Merkwürdig ist im weiteren 
Verlaufe, dass Bodmer zu Gunsten der Miltonschen Dichtung weit 
eher französische, lateinische oder griechische Autoritäten anfilhrt 
als englische ; er wollte der ungläubigen Gemeinde, zu der er sprach, 
nicht mit Propheten imponieren, die sie weder kannte noch ver- 
ehrte. Nur einmal macht er eine Ausnahme, welche ein neues 
Zeugnis seiner Belesenheit bildet: Milton^) lässt bekanntlich Adam 
nicht ein Opfer der Verführung Evas werden, sondern er sündigt 
freiwillig und bewusst, aus Liebe zu seiner Lebensgefährtin. Bodmer 
glaubt diesen Zug tadeln zu müssen. ^Miltons Adam scheinet mir 
von seiner ersten Hohheit und Obermacht des Verstandes einen 
plötzlichen Sprung zu solcher ausschweiffenden Leidenschaft zu 
thun**"'*'^); doch ist das eine Verirrung, während ein Anderer „in 
solchen ungereimten Ausschweifungen beständig gleich" ist, nämlich 
„der lose Dryden" in seinem merkwürdigen Versuche, das Ver- 
lorene Paradies zu dramatisieren: „The State of Innocence and 
Fall of Man" (1674). Er „hat seinem Adam durch sein gantzes 
Gedicht eine verzärtelte und aus sich selbst gesetzete Liebe zu- 
geschrieben, in welcher er beynahe die gröste Vortrefflichkeit und 
das höchste Gut der ersten Menschen zu setzen scheinet****). Dass 
Bodmer das sonderbare Drama wirklich gelesen, ergiebt sich daraus 
freilich noch nicht. 

Die „Critischen Betrachtungen über die poeti- 
schen Gemähide der Dichter" (1741) werden von den 
Littcrarhistorikern gewöhnlich als „bloss eine erweiterte Umarbeitung 



J. J. BODMER UND DIK ENGLISCHE LITTERATUR 327 

der älteren Abhandlung über die Einbildungskraft "**) mit einiger 
Geringschätzung abgetan. Mir scheint das Werk wertvoller zu 
sein, als man nach derartigen Äusserungen schliessen sollte, zum 
mindesten ist es ein hervorragendes Denkmal Bodmerschen Fleisses 
und Bodmerscher Gelehrsamkeit, zumal auch mit Rücksicht auf 
englische Autoren. Indem er das Wort des Horaz: 

Scriptonun cborus omnis amat nemus et fugit urbes**) 

paraphrasiert, bedient er sich Addisonscher Wendungen^'), und beim 
Aufstellen nachahmenswerter poetischer Bilder und Gleichnisse muss 
natürlich das gerade damals in verbesserter Übersetzung zum Drucke 
vorbereitete Verlorene Paradies Miitons das Notwendige liefern ; für 
die Ueblichste Landschaft wie für die schrecklichsten Schrecken der 
Hölle finden sich dort die treffendsten Beispiele.^) 

Zur Illustration seiner Ansichten bezieht sich Bodmer wiederholt 
auf englische Schriftsteller, deren Werke ihm in Übersetzungen vor- 
gelegen haben werden, wie Bacon (pg. 307), Locke (pg. 33 u. 437), 
Shaftesbury (373), Defoe (309), oder die er durch Vermittlung kennen 
gelernt hatte^ wie z. B. Shakespeare. „Der Engelländische Sasper 
— sagt Bodmer pg. 170 — hat in seinem sommemächtlichen Traume 
eine Beschreibung von Hunden, die wegen etlicher gantz besonderer 
Pinselzüge obiger ( — d. h. einer Beschreibung der Spürhunde durch 
Gratius Faliscus in seinen Halieutica; richtiger: Ovid, Halieutica 
Vers 75 ff.) an der Seite zu stehen verdienet" ; und nun folgen 
Theseus* Worte 

My hounds arc bred out of the Spartan kind, etc. 

aus der ersten Scene des IV. Aktes des Sommernachtstraumes — 
kein Wort mehr oder weniger als in No. 116 des Spectator^'^). 
Und ebenso abhängig ist Bodmer später in der Äusserung (pg. 593) : 



328 TH. VETTER 

„Unter den Engelländem hat Sasper den Ruhm, dass er in der 
Vorstellung solcher Geister und Phantasie- Wesen, derer Ursprung 
auf den Aberglauben und die Leichtgläubigkeit gegründet ist, etwas 
besonderes gehabt habe" etc. ; denn er hat auch hier wieder aus 
seinem beliebten Not- und Hilfsbüchlein, dem Spectator geschöpft*^. 
Trotz aller Bekanntschaft mit teilweise recht ephemeren englischen 
Grössen und auch mit Shakespeares Werken selbst, war er dem 
Gewaltigsten persönlich noch nicht nahe genug getreten, um 
selbständig aus seinen Dramen zu citieren. 

Ohne fremde Hilfe verkehrte er dagegen mit Pope, dem er 
längst Sympathien entgegengebracht hatte, und aus dessen Locken- 
raub (pg. 593), wie aus dessen poetischer Epistel „Eloisa to Abelard****) 
er Stellen anführt. — Ambrose Philips (1671 — 1749) konnte er aus 
dem Spectator*^) wie aus dem Tatler (No. 12) kennen, seine Eklogen 
aber muss Bodmer im Original gelesen haben, und das Citat vom 
Wettstreite des Schäfers mit der Nachtigall (pg. 186 — 187) ist wohl 
eine direkte Übersetzung. Ben Jonson (pg. 380) hatte ihn schon 
früher beschäftigt, ebenso Nathaniel Lee und dessen Sophonisbe 
(pg, 425); als neuen Bekannten zeigt er uns dagegen John 
Sheffield Duke of Buckinghamshire (1649 — 1721), dessen „Essay 
on Poetry" heute kaum mehr gelesen wird, während der Zürcher 
Kritiker (pg. 380) eine recht treffende Äusserung daraus beizu- 
bringen weiss. *^) 

Wer wollte sich wundern, dass unter der reichen Zahl der 
benützten Schriftsteller auch einmal ein Irrtum mit unterläuft? dass 
Bodmer jene dramatische Satire gegen Dryden, The Rehearsal, die 
unter dem Namen von George Villiers, Duke of Buckingham, geht, 
an der aber auch Samuel Butler, Martin ClifFord und Thomas Sprat 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 329 

ihren Anteil haben, dem Grafen von Rochester zuschreibt (pg. 594) ? 
Der Spectator (No. 419), an den er sich anlehnte, sprach zu einem 
Publikum, dem die Verfasserschaft des „Rehearsal" nicht erst ge- 
nannt zu werden brauchte.**) 

Indem wir unsere Betrachtung der „Sammlung critischer, poe- 
tischer, und andrer geistvollen Schriften" und dabei zunächst der 
„Abhandlung von der Schreibart in Miltons ver- 
lohrnen Paradiese" zuwenden, wo gleich zu Anfang gesagt 
wird, Milton habe die Metapher besonders gepflegt, „er bemäch- 
tigte sich solcher in Spensers, Fletschers, und Sakspers Schriften" 
(pg. 79), ist es notwendig, endlich im Zusammenhang etwas von 
der Bekanntschaft Bodmers mit Shakespeare zu sagen. 

In den gedruckten Schriften des Zürchers erscheint der Name 
des grossen Britten in folgenden Formen : 1 732 Shakespear, 
der Engelländische Sophocles*"'^), 1 740 S a s p a r und S a s p e r*^), ein 
Jahr darauf Sasper (vgl. oben) und Saksper, 1747 Shakespear*^) 
und 1749 Schake spear*^). Ich habe schon bei früherer Gele- 
genheit**) darauf hingewiesen, dass Shakespeareforscher wie August 
Koberstein, Stahr, der Freiherr von Friesen^) ein Unrecht begiengen, 
indem sie aus diesen unsichcrn Schreibungen auf eine ebenso un- 
sichere Shakespearekenntnis Bodmers schlössen. Wer so eifrig sich 
unter den Engländern umsah, dessen Auge konnte der Grösste 
wahrhaftig nicht entgehen. Aus dem französischen Spectateur kannte 
Bodmer den „fameux poete anglois", das „grand genie du premier 
ordre", den Dichter „qui excellc sur tous les autres poetes anglois 
pour la composition cnchant^e", den „poete inimitable^ und wie 
die lobenden Erwähnungen alle heissen mögen. Solches Lob 
musste Bodmers Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und er besass 

42 



330 TH. VETTER 

denn auch unter den ersten englischen Büchern, die Zellweger ihm 
aus Trogen sandte, einen Shakespeare, wie ein Brief vom 28. 
Januar 1/24 beweist.") Dass aber Bodmer sich nun nicht sogleich 
an den Dramatiker wagte, erklärt sich aus den grossen Schwierig- 
keiten, die zu überwinden waren und auch aus dem Umstände, 
dass der Spectator trotz aller Bewunderung für Shakespeare doch 
Milton derart in den Vordergrund stellte, dass diesem das erste 
und intensivste Interesse zugewandt werden musste. Übrigens war 
auch Bodmer bei allem Fortschritte ein Kind seiner Zeit, der zunächst 
durchaus nicht im Drama den Höhepunkt poetischer Leistung zu 
erblicken vermochte. 

Im Allgemeinen haben Karl Elzes Ansichten über Bodmers 
Shakespearekenntnisse *"') auch heute noch Geltung, wenn wir auch 
vielleicht Grund haben, von Bodmers Wissen noch günstiger zu 
denken^); dagegen halte ich den Übergang von „Shakespear" im 
Jahre 1724 und 1/32 zu den Formen „Saspar, Sasper, Saksper" 
in den Jahren 1/40 und 41 nicht wie Elze für eine Umdeutschung, 
sondern — nach meiner früheren Auseinandersetzung") — für einen 
verunglückten Versuch phonetischer Schreibung. — Was Shake- 
speare später für Bodmer wurde, werden wir im Kapitel der Nach- 
ahmungen zu erwähnen haben. 

Die Abhandlung von Miltons Schreibart, die uns zu diesem 
kleinen Exkurse veranlasst hat, steht übrigens ganz im Zeichen des 
Spectators, dessen Milton-Nummern — insbesondere No. 285 — 
Anregung gebracht hatten und nun Citate liefern mussten.***) Die 
Schrift der beiden Jonathan Richardson (Vater und Sohn) über 
Miltons Verlorenes Paradies scheint Bodmer, nach der Art der 
Anführung — pg. 80 - nur durch den Auszug in der Biblioth^ue 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 331 

Britannique 1737 und nicht im Original kennen gelernt zu haben .^) 
In schwungvollen Worten, wie sie bei unserm Zürcher Kritiker 
nicht allzu häufig sich finden, schliesst er die Lobrede auf Milton 
mit dem Ausblick auf eine nahe Zukunft, die von feinerem poetischen 
Verständnisse werde geleitet werden. 

In einem späteren Stücke (No. 7) »Von dem wichtigen 
Antheil, den das Glück beytragen muss, einen Epi- 
schen Poeten zu formiren*' schliesst sich Bodmer an den 
englischen Philologen Thomas Blackwell an, dessen Inquiry into the 
life and the writings of Homer Jahrzehnte später (1776) Joh. Heinr. 
Voss noch einer Übersetzung ins ' Deutsche würdig erachtete ; und 
in der Schilderung „von den vortrefflichen Umständen für die 
Poesie unter den Kaisem aus dem schwäbischen Hause" wird zur 
Erklärung mittelhochdeutschen Versmasses das Metrum des „Engli- 
schen Schaser" beigezogen. Hier prunkt Bodmer mit einer Kenntnis, 
die er nicht besass ; denn er borgt ganz einfach aus Alexander Popes 
Bearbeitung des Chaucerschen „Temple of Fame""). Auch hier 
handelt es sich um eine verfehlte phonetische Wiedergabe des Namens, 
den Bodmer in seiner richtigen englischen Form aus Pope ganz genau 
kannte.*^) Alt und acht dagegen, wenn auch in Bodmers Eigenart, 
ist seine Begeisterung für das Volkstümliche in der Poesie, obgleich 
er sich beim Ausdrucke dieses Gedankens (pg. 57) Addisonscher 
Worte bedient (Spectator No. 85). 

Das grosse Hauptwerk der Zürcher, die „Cri tische Dicht- 
kunst" (1740), zwar von Breitinger verfasst und von Bodmer nur 
mit Vorreden für jeden der beiden Bände versehen, aber doch auch 
unter seinen Werken wenigstens zu erwähnen, atmet häufig durchaus 
englischen Geist, ja man kann sich ganze Partien ohne den Spectator 



xsr rScizz derJk^r^ tidesien. har «cii der Horisxxt nach der Seite 
rier -tr^irichen Litrerar.ir nfcat erweiEerr- Locke cmd Jonathaa 
R:chards<-.n. Addisoc und SwifL MfTton und Pope äind von den 
En^iänderr. rast die ernzraea Auroren, die zum Worte koannen. 

Etald nachher wurde eine XeuaiisHjabe des Josendwcrkes der 
beiden Freunde vorbereitet, das jedoch erst 1746 ab ^Mahier 
der Sitten* in z^rei Banden erschwn. Für die Geschichte der 
Enr-Ä-^rokei-nüT de<» Sprachgebrauches bei Bodmer and Breitmser 
'JLv\r ^ich kaum etwas Interessanteres denkten als ein Vergleich dieser 
Bände mft den -.Drscoursen der Mahlem*. EKe firühere Unbeholfen- 
heit :^t fast j^nz ver^ch^-ur.den. 'an Stelle des unsicheren Tastens 
:<kZ efne oft nur zu ;^osse Sicherhett ^jetreten. von den Ursprung- 
lichte Quellen hat iich di^ neue Fassung; entfernt* oder wo gebcH^ 
%ird. findet ^:ch auch der tjtfene Hinweis auf den Ur5|Hamg. Von 
df:n ^P4 N'^mmem der Diskurse sind 75, «iKier wenn man gerin^^ 
Ankläncre mitrechnen will, 77 in den , Sitten mahler "^ über g e g angen^ 
'A'khr^rnd 3*i re^p. 28 neu sind. \'on den neuen Xummem weisen 
et'A-a ein halbes Dutzend Entlehnungen aus dem Englischen auf*^K 
aber nj.r z-Äei in der intensiven Weise, wie wir das bei den Dis- 
kur^.en beobachtet haben. Das IM. Blatt wird mit einem Citat 
lib^rr ''i:^; Träume aus Epiktet eröffnet, das vrir aus Xo. 524 des 
S:ie-cta*ors kennen : dann folirt die hübsche Geschichte von Ithuriels 
Sp^'^•r •.vör-:::.,h nach dem Tatler «Xo. 2,^7».*) Von der hQbschen 
St.f'A'j: im \'erloren':n Paradiese IW 7^7 ausgehend, wo Ithuriel 
mit -oincm Speere die Kröte berührt, welche der schlafenden Eva 
boH*; ^jf-A^nkcn zuraunt, worauf die Kröte in die wahre Gestalt 
rlf:H Satans verwandelt wird, erzählt der Tatler, wie er im 
Tr^umf: in den Besitz einer solchen Lanze gelangt sei, durch 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTER ATUR 333 

deren Berührung seine Mitmenschen gezwungen worden, sich in 
ihrem wirklichen Wesen zu zeigen. Der Sittenmahler bringt 
alle Beispiele seines Vorbildes wieder und erlaubt sich nur im 
Interesse der guten Sitte eine kleine Abschwäch ung, die dem 
Ganzen durchaus keinen Eintrag tut. Der Ton des Erzählers 
ist viel glücklicher getroffen als bei ähnlichen Entlehnungen in 
den Diskursen. 

Eine starke Zumutung an das Interesse seiner Leser stellt der 
„Sittenmahler", indem er im 86, Blatte die Übersetzung einer 
längeren Stelle aus Garths Armenapotheke**) bietet. Die Dichtung 
ist aus einem ziemlich gewöhnlichen Streite zwischen Ärzten und 
Apothekern hervorgewachsen, wobei beide Teile sich bemühten, 
das Menschenfreundliche ihres Standpunktes möglichst zur Geltung 
zu bringen. Die Apotheker hatten sich erlaubt, auf eigene Faust 
Medikamente zu verabreichen, die Ärzte antworteten mit Errichtung 
einer Armenapotheke, wo überdies an Bedürftige ärztlicher Rat 
imisonst erteilt wurde. Samuel Garth, ein Mediziner, später Leib- 
arzt Georg I. und Oberfeldarzt, machte sich (1699) in einem nur 
allzu langen Gedichte *^^), im Stile von Boileaus Lutrin, lustig über 
die Apotheker und verteidigte mit Geschick das Recht und die 
guten Absichten der Ärzte, ohne für deren Schwächen blind zu 
sein. Die Dichtung fand Ungeheuern, aber unverdienten Anklang, 
der sich nur durch die Lücke erklärt, die zwischen Drydens letztem 
Auftreten und Popes ersten Werken klafft. Die von Bodmer aus 
der zweiten Hälfte des vierten Gesanges*^) übertragenen Verse 
(etwa 200) sind geschickt wiedergegeben, aber ohne Kommentar 
kaum verständlich ; ihm mochte besonders an der Schilderung der 
»glückseligen Inseln** gelegen sein. 



334 TH. \-ETTER 

Etemal spring with smüniff le idm c here 
Wjums the mild air. and crowna tfae rooti&fiil j^mr. 
Frotn crjstal rocks transparent rirlets flow; 
The tnb'rose erer breathea. aod vioLet» blovr, etc. 

Von Bodmer übersetzt: 

Hier wärmet ein ewi g er Frühling <fie milde Luft, und krönet das btfihcnde Jahr mit 
einem lachenden Grün. Von cristallenen Felsen ffiessen durchsichtige Kche. Immerfort 
hauchet die Tuberose ihren Geruch aus, und die Molen blühen ohne Anfhören. 

Was aber die Leser aus dem LT)rigen gewinnen sollten, ist schwer 

zu begreifen. 

Mit der Cberschrift ^Von der Menschen Neigung zum Ver- 
bothenen. Erzehlunor von der neuen Eva* bringt der Sittenmahler 
in den Blättern 88, 89 und 90 eine Reihe ansprechender Be- 
trachtunsren und Erzählungen, von denen eine, die Fabel Ton der 
alten Henne und dem jungen Hahn, Gays Sanunlung entnommen 
ist.**> Nach meinem Gefühle ist jedoch der Stil der drei Nummern 
wesentlich verschieden von allem Übrigen, so dass ich einen andern 
\'erfasser vermute, wobei mir J. H. Waser vorschwebt, der gerade 
damals in regstem Verkehre mit Bodmer stand. Die Frage bedarf 
aber noch genauerer Prüfung. 

Sonst weisen die 28 oder 30 neuen Blätter keine nennens- 
werten enirlischen Entlehnungen auf, ausser etwa Blatt 84 den Hin- 
weis auf einen englischen Scherz «Spectator No. 504) und Blatt 94 
die Bemerkuni: über die bei den Engländern so beliebten „figürlichen 
Redensarten vom Blut, Metzlung, Tod etc.*" und den blutigen Aus- 
gang englischer Tragödien. 

Die aus den «Disooursen der Mahlem** herübergenommenen 
Stücke zeitren fast regelmässig dann die stärksten Veränderungen, 
wenn sie ursprünglich aus dem Spectator hervorgegangen waren, 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTER ATUR 



335 



und das Bestreben ist unverkennbar, diese Herkunft zu verwischen. 
Man vergleiche z. B. nur Blatt 1 des Sittenmahlers („Von der 
Schwierigkeit jedermanns Beyfall zu erhalten") mit Disk. I, 1, oder 
Blatt 23 („Uebereinstimmung der Mahler und der Scribenten") mit 
Disk. I, 20, Blatt 41 mit Disk. II, 11 u. a. m. Ein früher (Disk. 
n, 19) in französischer Sprache aus dem Spectator (No. 98) 



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47. Diakon Johann Heinrich Waser und Rektor Martin Künzli, 

Bodmers Freunde in Winterthur. 

Nach einem Kupferstiche von J. K. Schellenber^^ in der Stadtbibliothek in Zürich. 

gegebenes Citat, erscheint jetzt in Blatt 29 nur in deutscher Über- 
setzung; in den wenigen Fällen, wo neue Citate hinzukommen, sind 
sie immer von besonderem Interesse oder aus neu eingeführten 
Dichtem. Aus Addisons Reise durch Zürich konnte sich der 
Sittenmahler — und zwar gewiss Bodmer — die Anführung über 
unser Rathaus bei Anlass der Acrosticha und Anagramme (Blatt 



336 TH. VETTER 

32 Vgl. Disk. I, 12) nicht versagen: „Es ist zu bedauern, dass 
man die Schönheit der Mauern mit einer Menge kindischer Sprüche 
in Latein, welche manchmahl in einem Wortgeklingel bestehen, 
verderbt hat. Ich habe in der That verschiedene Aufschriften in 
diesem Lande wahrgenommen, die Zeugen sind, dass die gelehrten 
Leute hier ein großes Belieben tragen, mit Worten und Figuren 
zu tändeln ; die geistreichen Köpfe in der Schweitz sind noch nicht 
über das Anagramma und das Acrostichon hinaus."**) — 

Als Dichter, die in den Diskursen noch nicht bekannt waren, 
erscheinen hier Cowley^), Dryden*') und Prior •^. 

Wiedt^rholt ist daraufhingewiesen worden, welche Veränderungen 
die „Frauenbibliothek" (Disk. IV, 15 = Blatt 76 des Sittenmahlers) 
erfahren ; denn hier zeigt sich die Erweiterung der Kenntnisse in der 
englischen Litteratur so klar wie sonst nirgends. Im Jahre 1723 (eigent- 
lich 1722) wissen die beiden Zürcher nur den Spectateur und Locke, 
de Teducation des enfans in französischer Sprache und die Geschichte 
des Robinson Crusoe in deutscher Sprache zu empfehlen ; neben 
diese spärliche Auswahl treten nun dreizehn neue englische Werke: 

Der Hofmeister, von Addison und Steele. 

Pamela, von Richardson. 

Der Freydencker, aus dem Englischen. 

Der Haarlockenraub, von Pope. 

Addisons Cato. 

Thomsons Jahrszeiten. 

Joseph Andreas Abentheurc, von Fielding. 

Miltons verlohrnes Paradies. 

Charakteristica, von Schaftsbüry. 

Popens Versuch vom Menschen. 

Tillotsons Predigten. 

Clarks geistliche Reden. 

Derhams Naturleitung zu (Jott. 

Wahrhaftig eine reiche Fülle für jene Zeit! 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 337 

Dass alle in dieser „Frauen-Bibiiotheck" empfohlenen englischen 
Schriften unter deutschem Namen erscheinen und in ihrer Mehrzahl 
auch damals schon in deutscher Sprache zugänglich waren, ändert 
an der Thatsache nichts, dass der „Sittenmahler" seine Ansicht, 
im Vergleiche zu den „Mahlern" vor einem Vierteljahrhundert, 
wesentlich zu Gunsten englischer Schriftsteller geändert hat : damals 
empfahl er 4 englische und 17 französische Werke, jetzt 18 engli- 
sche oder von England handelnde Bücher und 18 französische. 
Auffallend bleibt dabei allerdings die Qualität der empfohlenen 
englischen Litteratur : bei den Franzosen finden wir Corneille, Racine, 
Moli^re, bei den Engländern auch nicht einen einzigen Dramatiker ! 
Für die Bühne suchte Bodmer die Vorbilder nicht jenseits des Kanals. 

Eis scheint indessen, als hätten ihn die englischen Theoretiker 
auf diesem Gebiete doch gefesselt; denn in den „Critischen 
Briefen*' (1746) schöpft er wieder mit vollem Eifer an englischer 
Quelle. Diese wichtige Schrift ist -^ ich finde die Thatsache noch 
nirgends genügend hervorgehoben — an Pastor Lange in Laub- 
Ungen gerichtet. Dieser ist darüber nicht wenig entzückt. „Ich 
bin vor die mir erwiesene Ehre in den Critischen Brieffen zum 
höchsten verbunden, und werde durch meinen Fleiss mich derselben 
würdig zu machen suchen", schreibt er am 4. Januar 1/46 aus 
seinem Pfarrhause in Laublingen an Bodmer, und am 14. April 
wiederum: „Welche grosse Ehre haben Sie mir zugedacht! Diese 
Abhandlung von Schauspielen und von Trauerspielen soll bey mir 
eine gute Würdigung haben. "^^) — Im Verkehr mit dem geistreichen 
und belesenen Calepio hatte Bodmer viel gelernt, mochte aber auch 
den Eindruck davon getragen haben, dass er da und dort mit 
seinen Ansichten den Kürzeren gezogen. So musste ihm daran 

43 



338 TH. VETTER 

liegen, seine Meinung nach anderer Seite hin zur Geltung zu bringen. 
Darum bietet er hier seinen Anhängern diesseits der Alpen einen, 
allerdings weder erschöpfenden noch zuverlässigen Auszug aus dem 
Werke des italienischen Freundes : Paragone della poesia tragica 
dltalia con quella di Francia, dem er vor 14 Jahren in Zürich zum 
Erscheinen verholfen. Und daran knüpft er einen Versuch der 
Widerlegung, wozu ihm Hagedorn die beste Waffe in die Hand 
drückte.'^) 

Der Londoner Kaufmann und Politiker Richard Glover hatte 
im Jahre 1737 ein Heldengedicht „Leonidas" erscheinen lassen, 
das in gewissen Kreisen einen Beifall fand, den wir heute kaum 
begreifen können. Schon im folgenden Jahre knüpfte der Freund 
Newtons, Henry Pemberton, ein tüchtiger Anatom, damals Professor 
am Gresham College, an Glovers Epos Betrachtungen über die 
Poesie, besonders die epische, welche Bodmer sehr willkommen 
erscheinen mussten. Denn er hatte nun einmal die feste Ansicht, 
nicht die Handlung sei Endzweck im Drama, sondern die sorg- 
fältige Charakterzeichnung, und dafür lieh ihm Pemberton Worte, 
die dort gegen Aristoteles gebraucht worden waren, die Bodmer 
aber hier trefflich gegen Calepio anwenden konnte. 

„Aristoteles sagt, weil der Charakter eine Eigenschaft sey, könne er nicht der End- 
zweck des Trauerspieles seyn, denn der Endzweck müsse eine Handlung seyn, darum sey 
die Handlung in dem Trauerspiele, wie der Endzweck in allen Dingen das vomehmste Stück. 
Aber er hat zwischen dem Endzweck der Personen in dem Gedicht und der Hauptabsicht 
des Poeten nicht unterschieden. Jener ist die Vollziehung des Vorhabens, welches sie 
gefasset; diese ist der Charakter derselben in ihrem besten Lichte mittelst der Handlung 
vorzustellen" 

sagt Bodmer in den Critischen Briefen (pg. 71) und übersetzt dabei 
wörtlich aus Pemberton's Observations on Poetry, pg. 6 : 

„His (sc. Aristotle*s) reasons are, that character being a quality cannot be the end 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 339 

of tragedy, for the end must be an action ; and the end is in every thing of chief impor- 

tance When he asserts the preheminence of the fable from its being the end of 

tragedy, he has certainly not distinguished between the end pursued by the actors in the 
poem, which is the accompUshment of the affair, whereto they are parties, and the primary 
intention of the poet; whose end in writing may, notwithstanding this argument, be to 
ezhiblt by means of the action the characters and suitable conduct of the personages, he 
employs in it, 

nur mit dem Unterschiede, dass die Beweisführung des Engländers 
den Vorzug grösserer Klarheit hat. Ein langes Gleichnis (pg. 75) 
ist ebenfalls Pemberton (pg. 11) entnommen, und die Definition des 
Unterschiedes zwischen Epos und Drama ist weiter nichts als ein 
Auszug aus dem dritten Abschnitte von Pemberton's Observations : 
Of the fable of epic and dramatic poems. Bodmers dritter Brief 
bringt die „Lehrsätze von dem Wesen der erhabenen Schreibart" 
und beruht wesentlich auf Pemberton's Section VIÜ : Of the sublime ; 
und wenn er den folgenden Brief „Vom Erhabenen in der Sprache" 
etwas gespreizt eröffnet: „Es ist mir nicht unbekannt, was vor 
prächtige Sachen Longinus von der Erhabenheit in der Sprache 
und dem Ausdruck gesagt hat", so hätte er ehrlicher Weise hinzu- 
feigen dürfen: „und ich bin durch Pembertons Observations pg. 15v3 
darauf aufmerksam gemacht worden." Indessen ist Newtons Freund 
doch nicht der Einzige, der Beiträge zu den Critischen Briefen liefern 
musste, auch andere englische Schriftsteller Hessen sich mit Vorteil 
benutzen. 

Allerdings enthält die zweite Hälfte des Bändchens an englischen 
Entlehnungen oder Citaten nur eine geringe Zahl. Bei der Erörterung 
des Unterschiedes zwischen IHas und Aeneis — pg. 112 — werden 
Worte Alexander Popes aus dessen „Preface to Homer's IHad" 
erwähnt; in der „Vertheidigung der Haupthandlung des verlohrnen 
Paradieses" (Brief 7 und 8) wirken Addisons Ideen und wohl auch 



340 TH. VETTER 

solche von Jonathan Richardson, die Bodmer aus der Biblioth^ue 
Britannique (1737) kennen gelernt; Verse aus Popes Essay on Man 
(I, 223 — 228) werden zur Definition der Grenze zwischen Instinkt 
und Vernunft (pg. 167) herbeigezogen; und schliesslich liefert bei 
der Besprechung der Fabeln (Brief 9, 10 und 11) der englische 
Fabeldichter John Gay das Material : The Lady and the Wasp, the 
Poet and the Rose, the Fox at the Point of Death^*) werden ihrem 
Inhalte nach mitgeteilt, und zuletzt folgt die poetische Übersetzung 
von „The wild Boar and the Ram** — der Eber und der Widder. 
„Unser Freund, der Herr "^ aber (pg. 177), dem man die Über- 
tragung zu verdanken hat, ist Johann Heinrich Waser, damals 
Exspektant, aber noch im selben Jahre Diakon in Winterthur.'^) 

Kann schon in den Critischen Briefen des Jahres 1746 Bodmers 
Verfasserschaft da und dort fraglich erscheinen, so ist fremde 
Mitarbeiterschaft offen verkündet in den „Neuen Critischen 
Briefen über gantz verschiedene Sachen, von ver- 
schiedenen Verfassern^" aus dem Jahre 1749. Einmal sind 
die mit „Eubulus" unterzeichneten sieben Briefe ^^) nach Bodmers 
eigener Angabe'*) von Martin Künzli in Winterthur verfasst, einer 
stammt sicher von J. H. Waser '^) und auch J. G. Sulzer dürfte 
seinen Beitrag geliefert haben; es ist daher sehr leicht möglich, 
dass ich bei der Besprechung Dinge auf Bodmers Rechnung schreibe, 
die irgendeinem aus dem Kreise seiner jüngeren Freunde zukommen. — 
Eine Verherrlichung Miltons (pg. 8 — 17) eröffnet würdig einen Band, 
der so oft auf die Schönheit englischer Poesie hinzuweisen bestimmt 
war. Dann empfangen wir den „Rath, Thomsons Jahreszeiten auf 
dem Lande zu lesen" (pg. 55 — 57), weil uns in dem „gelehrten 
Kerker" niemals das rechte Verständnis zu Teil werden wird. Gut 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 34 1 

ausgewählte und meist auch gut übersetzte Proben aus Thomsons 
Dichtung werden später geboten (pg. 359 ff.). Es sind natürlich 
nicht die ersten, die man in deutscher Sprache zu lesen bekam; 
schon seit 1740 hatte Barthold Heinrich Brockes in "Hamburg 
kleinere Stücke gelegentlich veröffentlicht, im Jahre 1744 hatte er 
die ganze Dichtung folgen lassen.'*) Auch der junge Sulzer übte 
sich an dem Stoffe: „Ich habe angefangen, etwas aus Thomson's 
Englischen zu übersetzen. Es soll ein Beweis seyn, dass wir ebenso 
kurz und nachdrücklich schreiben können, als die Engländer. Ich 
übersetze nicht nur Vers auf Vers, sondern auch in derselben 
Versart des englischen Originals", schreibt er am 18. November 
1743 an Gleim"), und ich vermute, obgleich diese Angaben nicht 
in jeder Hinsicht zutreffen, dass Bodmer schon im Jahre 1745, als 
er „Thirsis und Dämons freundschaftliche Lieder" (von Pyra und 
Lange) mit einem Anhange „Erzehlungen aus Thomsons Englischem" 
versah, einfach eine Sulzersche Übersetzung abdrucken licss^^) und 
sich abermals der Sulzerschen Mitarbeit erfreute, indem er den 
Neuen Critischen Briefen Übersetzungsproben aus den Jahreszeiten 
einverleibte. — 

Zum ersten Male wird nun auch Edward Young in den Kreis 
der Betrachtung gezogen und zwar zunächst der Satiriker mit der 
Dichtung „Love of Fame, the Universal Passion", deren Haupt- 
gedanken im 56. und 57. Briefe reproduciert und mit kurzen 
Übertragungen erläutert werden. Die poetische Wiedergabe von 
etwa 35 Versen aus dem Anfange der zweiten Satire -- die Neuen 
Grit. Briefe sagen S. 398 irrtümlich: „aus der ersten"* — ist aber 
kaum Bodmer selbst zuzuschreiben. - Im ()4. Briefe werden uns 
dann die „Nachtgedanken", auf die schon S. 398 hingewiesen 



342 



TH. VETTER 



worden, näher gebracht. Von der eigenen Dichtung „Der ehliche 
Dank**'") ausgehend bespricht Bodmer die Schilderung der Unsterb- 
lichkeit bei Young im sechsten Gesänge der Nachtgedanken. Unter 
dem Titel „The Infidel Reclaimed" hat der englische Dichter erst 
den Tod seiner geliebten Gattin beklagt und sich das traurige Bild 




48. Bödmen im (Gespräch mit dem Maler Johann Heinrich 
Füssü (1741 — 1825), im Hintergrund die Büste Homers. 

Nach Fa.sslis Öly^cmiilde vun 17H1 im BcsiUe der Zflrcher Kuust- 
{^esellschaft. 



der (Teschiedenen verü;eij;cn\värti<^t ; aber andere Bilder, so föhrt er 
fort, können die Schrecken des Todes verscheuchen: Bilder der 
Unsterblichkeit. Wer könnte so töricht sein, sich dieses Trostes 
zu berauben ? 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 343 

Are there on earth (let me not call them men) 
Who lodge a soul immortal in their breasts; 
Unconscious as the mountain of its ore; 
Or rock, of its Inestimable gern ? (Night 6, 628 ff.) 

Was in ftlnffüssigen, ungereimten Jamben wiedergegeben wird: 

l8t*8 möglich, giebts auf Erden solche Leute, 

Die eine Seele, so nicht sterblich ist, 

Sich unbewusst, in ihrer Brust bewirthen? 

So wie der Berg nicht weiss, dass er Gold trägt; 

Die Klippe nicht, dass sie Saphiren hegt. 

Wenn Klippen schmelzen, Berge weichen werden, 

So werden die erst ihren Schaz erkennen, 

Der aber dann nicht mehr ein Schaz sein wird. 

Giebts Leute denn, und das ist mir noch fremder. 
Die dem Gedanken aufzusteigen wehren, 
Dass unser Geist den Tod nicht sehen wird. 
Die diese Wahrheit, die so herrlich ist, 
In der Geburt aus aller Macht erstiken ? u. s. w. •®) 

Im 21. Briefe wird, offenbar nach Hans Sachs ^'), die Geschichte 
von dem Körbchenmacher erzähh, der mit grossem Eifer vor 
Sonnenuntergang einen Korb zu Ende flicht und seine Frau ver- 
geblich auffordert zu sagen: „Gott Lob, das Körbchen ist gemacht". 
Schläge sollen sie dazu zwingen, als der Amtmann eintritt und 
Zeuge der Scene wird, die er nachher zu Hause seiner Frau erzählt. 
Die Frau Amtmännin stellt sich auf Seite der Frau Korbmacherin, 
auch sie kriegt ihre Tracht, bis sie nach dem Wunsch des Herrn 
Gemahls die Worte spricht. Draussen wiederholt sich die gleiche 
Scene noch einmal zwischen dem Diener Kunz und der Köchin. — 
Bekanntlich hat der fruchtbare Nürnberger diese Geschichte auch 
dramatisch verarbeitet^"), und wo immer in neuerer Zeit dieser 
„Krämerskorb" herausgegeben oder auch nur besprochen worden, 
hat man nicht versäumt auf Roderich Benedix' Lustspiel „Eigen- 



344 TH. VETTER 

sinn" oder „Gott sei Dank, der Tisch ist gedeckt" als auf eine 
geschickte Neubearbeitung hinzuweisen.®*) Auch Bodmer hat also 
diesen fröhlichen Scherz gekannt und da er, ganz wie wir's heut- 
zutage zu thun pflegen, gerne verglich und nachwies, wie Andere 
sich zum gleichen Gegenstande verhalten, so wies er auf den Eng- 
länder Samuel Wesley (1690 — 1739), der die Geschichte unter dem 
Titel ^TheBasket: A Tale" wenige Jahre vorher erneuert hatte.®*) 
Woher Wesley sie wohl empfangen haben mochte? Seine Fassung 
steht dem Drama des Hans Sachs wohl näher als dessen „Lied 
von einem Körblemacher". — Eine zweite Zusammenstellung aus 
verschiedenen Litteraturen findet sich im 36. Briefe, wo Fontenelle 
und Pope mit ihren Eklogen verglichen werden. Aus des Letzteren 
„Spring, or, Dämon" wird eine Reihe von Versen in deutscher 
Prosa wiedergegeben.^"^) Trotz eifriger Anerkennung der Schön- 
heiten bei Pope, scheint Bodmer (ihn dürfen wir hier . gewiss als 
Verfasser annehmen) doch schliesslich Fontenelle den Vorzug zu geben. 

Bemerkenswert ist endlich, dass Bodmer auch das Werk des 
Mannes kannte, der als religiöser Flüchtling unter der blutigen Maria 
das schweizerische Asyl genossen, den „Scriptorum illustrium maioris 
Brytanniae .... Catalogus" des John Bale oder Baleus, jenes wert- 
volle Buch, das als erster Versuch einer umfangreichen Litteratur- 
geschichte Englands 1557 — 59 aus der Presse des Oporinus in Basel 
hervorgegangen.^) Dass er (Neue Grit. Briefe pg. 84) gerade eine 
der schwächsten Partien desselben citicrt, kommt für uns nicht in 
Betracht. 

Vierzehn Jahre später — 1763 — erscheinen die Neuen Grit. 
Briefe nochmals und zwar mit allen Druckfehlern und Versehen 
der 1749er Ausgabe: es ist lediglich eine Titelausgabe mit Vorwort 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 345 

und einem Anhange. Trotz des Selbstbewusstseins, mit dem der 
Herausgeber auftritt, fühlt er doch, dass bei den wichtigen Er- 
scheinungen, welche die deutsche Litteratur in den anderthalb 
Dezennien hervorgebracht — Fortsetzung von Klopstocks Messias, 
Kleists Frühling, Lessings Miss Sara Sampson, die ersten Bände 
von Wielands Shakespeare-Übersetzung — eine Umarbeitung wohl 
am Platze wäre. 

,Izo dürften die Verfasser die Gegenstände ihrer Beurtheilung, und die guten Muster 
nicht in fremden Ländern und fremden Sprachen suchen. Selbst auf die Aeschylus, die 
Euripides, und die Sophocles, und den der mit diesen so gütig in eine Zeile gesetzt wird, 
den in Absicht auf Geschmak zweyzüngigten, wo nicht zweyseeligten Shakespear haben 
wir durch starke Uebersezungen Ansprache bekommen. M 11 ton selbst hat sich unter den 
deutschen Hexameter gebükt Und eine Poesie in Prose ist entstanden, die Wohlklang in 
die I^chtung bringt, ohne sich mit dem Hexameter oder dem Alexandriner zu überwerfen, 
und ohne dass sie die Poesie des Ausdrukes so sehr nöthig habe, wie die metrischen Ge- 
dichte. Wenn wir endlich gewissen Arbeiten feuriger Köpfe, die an der Geburt sind, im 
Geiste entgegen rüken, so sehen wir uns so reich an Exempeln und Mustern, dass wir, da 
wir die Werke selber haben, die Kegeln, wie man sie verfertigen muss, leicht entbähren 
können.* 

Gleichwohl verharrt der 65jährige Bodmer bei den alten Vor- 
bildern und Mustern; und was er als Anhang in einem 79. Briefe 
bringt, „Einige Gespräche im Elysium und am Acheron", gehört 
erst recht der alten Mode an, auch wenn ein neuer englischer 
Schriftsteller durch sein Beispiel dazu aufgemuntert hat. Wie mochte 
man die Lucian'schen Nachahmungen eines F^nelon und Fontenelle 
in den „Dialogues des morts", die wiederum so oft nachgeahmt 
worden, satt haben, als Lord l^yttelton 1/60 mit seinen „Dialogues 
of the Dead" hervortrat! Er Hess zwar nicht nur Vespasian und 
Scipio Africanus, Marcus Brutus und Pomponius Atticus miteinander 
Zwiesprach halten, sondern cr^h auch Moderneren ihr Recht, indem 
Addison und Swift, Boileau und Pope, Locke und Bayle zum 

44 



346 TH. VETTER 

Worte kommen ; und doch war es eine erzwungene Sache, freiKch 
noch erzwungener, wenn Bodmer Lyttelton nachahmt. Das erste 
Gespräch zwischen Arria und Octavia schliesst sich an Lytt^ltons 
XV. Dialog an, das zweite zwischen Atticus imd Brutus an den 
XVII., das dritte und vierte sind ähnlicher Art. Die Unterhaltimg 
zwischen Cicero und Vergil ist grösstenteils Lytteltons dreizehntem 
Dialoge nachgebildet, obgleich dort Cicero nicht auflritt, sondern 
(neben Scaliger) Horaz und Mercur, welch Letzterer in Bodmers 
sechstem Stücke spricht. Eigene Erfindung dürfte der Dialog zwischen 
Cato und Homer sein (No. 7)? in welchem die Klage über den 
Mangel an wirklich grossen Patrioten den Grundton bildet, und die 
Begeisterung für Homers Gedichte bei dem künftigen Übersetzer 
durchklingt; auch die beiden Schlussdialoge stehen mit dem eng- 
lischen Vorbilde in keinem Zusammenhang. 

Bodmers kritische Ader war nach den Neuen Critischen Briefen 
nicht eingetrocknet. Der seine Erwartungen weit übersteigende 
Aufschwung in der deutschen Litteratur reizte mehr als einmal 
seinen Widerspruch. Doch setzte er nur noch selten die Feder 
an zu theoretischen Erörterungen, sein System war fertig und ab- 
gerundet. Aus Misstimmung und Zorn lässt sich kein Lehrgebäude 
errichten; der Alte vom Berge empfand auch kein Bedürfnis mehr 
dazu, er begnügte sich, einem stürmischen jungen Geschlechte seinen 
festen Bau zu zeigen oder den Ungefügigen mit derben Worten 
die Thüre zu weisen, die aus dem Tempel deutscher Dichtung, 
wie er ihn geweiht, hinausführte. Dass Bodmer zu solchem Wächter- 
amte berufen gewesen, dass er es würdig und zu seiner Ehre ver- 
waltet, wird man kaum zu behaupten geneigt sein. Es drängt sich 
vielmehr oft das Gefühl des Bedauerns und Mitleides in den Vorder- 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 347 

grund, wenn man beobachtet, wie der Greis vom Gebäude seines 
Ruhmes einen Stein nach dem andern abbricht und schliesslich fast 
als lächerlicher Polterer vor uns steht Wer sich bemüht, Bodmers 
Stimmung und Lebensarbeit durchzudenken, wird milder urteilen 
und Manches verzeihen. — Wir haben nur noch von einer kriti- 
schen Schrift etwas zu sagen, die im Jahre 1/69 unter dem Titel 
„Von den Grazien des Kleinen** das Licht erblickte. Die 
Wendung, die Wieland in seiner Musarion genommen, und was 
sich daran anschloss, die neue Anakreontik Gleims, dessen zärtliche 
Freundschaft mit Johann Georg Jacobi (dem Herrn Säugling in 
Nicolais Sebaldus Nothanker), des Letzteren Flugblätter und Briefe 
— das Alles mit Mehrerem waren Auswüchse, die Bodmer be- 
schneiden musste. In höhnischer und teilweise recht plumper Art 
verherrlicht er das Kleine. „Ein Freund ist nur ein Freund, ein 
Schmeichler ist nichts mehr als ein Schmeichler, Jacobi ist nur 
ein Name; aber ein kleiner Freund ist liebenswürdig, ein kleiner 
Schmeichler ist ein süsser Mann, ein kleiner Jacobi ist ein Liebling, 
und ein Jacobitchen ist der Auszug des Lieblings.**®') Natürlich 
hat ja nur das Grossartige, der wuchtige Vers die Bodmerschen 
Patriarchaden nicht zur Anerkennung kommen lassen; hätte er den 
Grazien des Kleinen geopfert, so wäre ihm der Erfolg zugefallen. 
Ergeht es Homer nicht ebenso? „Wiewohl die Liebesgötter so 
klein sind: so thun sie doch dem Poeten grössere Dienste, als dem 
Homer die Götter des Olympus, und der wölken thürmen de Vater 
der Götter gethan haben. **^) Und nun muss sich auch die Kälte 
der Engländer gegen ihren Milton erklären: „Milton hat seinem 
grossen Gedichte die Grazien des Kleinen geben wollen, als er 
die gefallenen Engel, in der Pygmäen-Gestalt, ins Pandämonium 



348 TH. VETTER 

zusammengepakt : aber er hat es damit verderbt, dass er ihre 
Häupter, die Hierarchen, in ihrer wahren Grösse zu ihnen gesezt; 
und noch weit mehr, dass er sie mit der grossen Berathschlagung, 
dem Ausfalle in die Welten Gottes, beschäftiget hat.****) Alexander 
Pope ist's mit seinem Haarlockenraub schon besser gegangen, weil 
„ein kleines süsses Herrchen" die Locke geraubt, während die 
geraubte Europa des Moschus (von Bodmer 1/53 übersetzt) kein 
Verständnis fand, weil hier der grosse Jupiter raubt. 

Wir wenden uns von diesen letzten, unbedeutenden Erwähnungen 
englischer Dichter in Bodmers kritischen Schriften zu Wichtigerem : 
zu seiner Übersetzerthätigkeit ; doch sei zum Schlüsse nochmals 
betont, wie gross die Zahl englischer Schriftsteller ist, mit deren 
Werken sich Bodmer ganz oder teilweise bekannt gemacht hat, 
wie zahlreich die Entlehnungen, wie wichtig der Einfluss, den sie 
in ihrer Gesamtheit auf den Zürcher und durch ihn auf die deutsche 
Litteratur ausgeübt haben. Durch Hervorhebung dieser Thatsache 
wird keineswegs bestritten, dass Bodmer auch noch zahlreiche andere 
Götter vor sich gehabt habe. 

IL ÜBERSETZUNGEN AUS DEM ENGLISCHEN. 
In der schon erwähnten hübschen Studie von Hans Bodmer, 
„Die Anfänge des zürcherischen Milton"^) ist gezeigt, wie der 
junge Bodmer schon früh dem Englischen näher tritt und wie eifrig 
er bemüht ist, eine Sprache kennen zu lernen, die ihm als Schlüssel 
zu einem grossen Schatzhause dienen sollte; wie der Plan in ihm 
reift, die grösste epische Dichtung der Engländer, die Addison so 
hoch gepriesen, den Deutschen zugänglich zu machen, und wie er 
im Winter 1/23 auf 24 in der Stille des väterlichen Pfarrhauses 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 349 

ZU Greifensee über der ernsten Arbeit sitzt, wobei er sich durch 
die „allzuverpichte Begier über diess Werck eine schlimme Unge- 
legenheit in die Augen gezogen".*^) Schon im März 1724 war die 
grosse Arbeit durchgeführt und musste nur noch „vollends in das 
Nette" gebracht werden.^ Dann begannen die Verlegemöten, die 
erst nach acht langen Jahren zu einem Ziele führen sollten. Die 
Weigerimg der Herren Censores mochten den ersten Anstoss zu 
den Schwierigkeiten gegeben haben. „Es ist hier ein Herr Bodmer, .... 
welcher des verrühmten Miltons Carmen Heroicum de paradiso 
perdito in Englisch beschrieben in das Deutsche in ungebundener 
Rede übersetzt, es hat sollen hier gedrukt werden, die geistlichen 
Censores aber sehen es für eine allzu romantische Schrifft an in 
einem so heiligen Themate. Es ist etwas Extra-Hohes und Pathe- 
tisches, aber nicht recht, dass man es nicht gestattet hat in Druk 
zu geben"**) — wird von Zürich nach St. Gallen gemeldet, nachdem 
Freund Zell weger schon vorher erklärt hatte: „Les libraires sont 
des sots gens de ne vouloir pas imprimer Milton, Autheur si connu 
partout et traduit en aucune langue encore, j'espfere pourtant que 
vous trouverez encore quelqu'un qui s'en chargera, une belle pr^face 
sur la nature du poeme heroique et la critique du Spectateur sur 
Milton, et quelques notes, ^claircissements etc. de votre fa9on, sur 
des endroits difficiles et choisis, l'embellisseroient encore de beaucoup. 
Songez-y, s'il vous plait" . . . .^) Brockes sollte in Hamburg einen 
Verleger finden, J. U. König wurde um den gleichen Dienst in 
Dresden ersucht - Alles umsonst.^^) Erst 1/32 erschien das von 
den Freunden so sehnsüchtig erwartete Werk „gedruckt bey Marcus 
Rordorf" in Zürich in zwei kleinen Octavbändchen von je 240 
Seiten. Das erste enthält ausserdem noch eine vierzehnseitige Vor- 



350 TH. VETTER 

rede; das Titelblatt des zweiten ist ohne Ort und Jahr. ^Johann 
Miltons Verlust des Paradieses. Ein Helden-Gedicht 
In ungebundener Rede übersetzet" ist bei aller Unbeholfenheit eine 
grossartige Leistung, und das Lob, das ihr zu Teil wurde, wohl- 
verdient, von Übertreibungen, wie Gottschied sie lieferte**), natür- 
lich abgesehen. Dem Rate Zellwegers folgte Bodmer nur zum 
kleinsten Teile: seine Einleitung orientiert kurz über den Dichter 
und sein Werk, über die Übersetzungen ins Lateinische, Holländische, 
Französische, Italienische, Deutsche. Von dem „inwendigen Wesen** 
des Gedichtes will er später „in einer absonderlichen Abtheilimg** 
reden. 

Die Art der Bodmerschen Übersetzung und die Verbesserungen 
der späteren Auflagen sind von einer Reihe von Litterarhistorikem 
erörtert worden; der grosse Eifer des Zürchers ergiebt sich am 
deutlichsten aus einem Dutzend von Briefen, die der Leipziger 
Magister Clauder an Bodmer gerichtet, und aus dem Exemplar 
unserer Stadtbibliothek, das mit zahlreichen Korrekturen versehen 
ist, zu denen der Übersetzer eigenhändig bemerkt: „Emendationes 
grammaticas manu sua addidit Clauderus, magister Lipsiensis, a quo 
nonnullas epistolas ad me scriptas conservavi". Die zweite Auflage 
erschien als „Episches Gedichte von dem Verlohmen Paradiese** 
1742 (resp. teilweise schon 1741), die dritte, abermals veränderte, 
1754 als „Johann Miltons verlohmes Paradies"; eine weitere, hier 
nicht vorhandene Auflage von 1759 soll ein blosser Nachdruck 
sein. Die fünfte Auflage von 1769 zeigt neuerdings bemerkenswerte 
Verbesserungen, während die sechste (1780) fast wörtlich mit ihrer 
Vorgängerin übereinstimmt. 

Indessen glauben wir dem Leser besser zu dienen, wenn wir ihm 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTER ATUR 351 

selbst die Möglichkeit eines Vergleiches schaffen durch Zusammen- 
stellung eines kleinen Abschnittes in vier Fassungen. Wir wählen dazu 
die ergreifende Rede der Eva nach dem Sündenfalle (Buch 10,91 4-927). 

1732 1742 1754 1769 

Vertäfle mich nicht Vertaß mich doch Vertaß mich nicht fo, Vertaß mich nicht fo 
alfo Adam, der Him- nicht Adam. Ich ruffe Adam, der Himmel fey Adam, der Himmel 
mel ift mein Zeuge, den Himmel zum Zeu- Zeuge, was für auf- fey Zeuge, was für 
welche aufrichtige gen der aufrichtigen richtige Liebe und Ehr- aufrichtige Liebe und 
Liebe und Ehrfurcht Liebe, und der Ehr- furcht ich in meinem Ehrfurcht ich in mei- 
ich in meinem Hertzen erbiethigkeit, die ich Herzen zu dir trage. Ich nem Herzen zu dir 
zu dir trage, und daß im Hertzen zu dir habe dich unwiflend trage. Unwiffend habe 
ich dich unwiflend be- trage. Ich habe un- beleidiget, und bin ich dich beleidiget, 
leidiget habe, nachdem wiflend übertreten.und unglüklich betrogen unglücklich ward ich 
ich felbft unglücklich bin unglücklich betro- worden. Ich bitte dich betrogen. Ich bitte 
betrogen worden ; ich gen worden. Erhöre flehend, und umfafle dich flehend, und um- 
flehe dich demütlüg an, mein Flehen, ich halte deine Knie; beraube fafle deine Knie; be- 
und umfchliefle deine mich feft an deinen mich deiner freund- raube mich deiner 
Knie, beraube mich Knien, beraube mich liehen Blicke nicht, gütigen Blicke nicht, 
deflen nicht, woran deines freundlichen woran mein Leben an denen mein Leben 
mein Leben hängt, Angeflehtes nicht, hangt, deiner Hülfe, hängt, deiner Hülfe, 
deiner freundlichen woran mein Leben deines Rathes in diefer deines Rathes in diefer 
Blicke, deines Rathes hängt, deiner Hülfe, höchflen Noth, meiner äuflersten Noth, mei- 
in diefer iulferflen Be- deines Rathes in diefer einzigen Stärke und ner einzigen Stärke 
trflbnifi, meine eintzige höchflen Noth. Du Stüze. Verläfl*efl du und Stütze. Verläflefl 
Stärcke und Zuver- bifl meine Stärcke und mich, wo foll ich hin- du mich, wo foll ich 
ficht; werde ich von Stütze allein. Ver- gehen, wo bleiben? hingehen ? wo bleiben ? 
Ar yerlaflen, wo foll läfleft du mich, wo Weil wir noch im So lange wir noch im 
ich mich hinwenden, foll ich hingehen, wo Leben flnd, vielleicht Leben flnd, vielleicht 
wo foll ich bleiben? bleiben? Weil wir kaum eine kurze kaum eine kurze 
So lange wir noch noch im Leben find, Stunde, laß zwifchen Stunde, laß zwifchen 
leben, vielleicht kaum vielleicht nur eine uns beyden Friede uns beyden Friede 
eine kurtze Stunde, kurtzc Stunde, ey laß feyn ; fo wie wir durch feyn ; fo wie wir durch 
laß Frieden und Einig- zwifchen dir und zwi- einerley Leid ver- einerley Unglück ver- 
keit zwifchen uns fchen mir doch F'ricde knüpfet find, fo wollen eint find, fo wollen wir 
zweyen fchweben, daß feyn. Laß uns, fo wie wir beydc uns in der beydeunsinderFeind- 
wir beyde, fo wie uns wir in dem Leid ver- Feinfchaft wider einen fchaft wider den ver- 



352 TH. VETTER 

1732 1742 1754 1769 

ein gemeinfchafft- knüpfet find, beyde Feind vereinigen, der einen, den unfer Ur- 

liches Leid getrofTen, mit einer gemeinfamen uns in unferm Ürtheil theil uns ausdrüddicli 

zu Einer Feindfchaft Feindfchaft wider ausdrüklich angewie- zum Feind beftim- 

wider unfern Beleidi- unfre Gegenpart ver- len worden, die grau- met, die graufame 

ger uns vereinbahren, knüpfet fe/n, wider die fame Schlange. Schlange. 

der durch das aus- graufame Schlange; 

drückliche Urtheil des der Himmel felbft hat 

Richters für unfern verordnet, daß wir lie 

Feind erkläret wor- anfeinden follen. 

den, diefe graufame 

Schlange. 

Dabei darf man die Zuthaten nicht übersehen, die Bodmer 
den einzelnen Ausgaben als Geleite mitgiebt. Zwar vermissen wir 
1742 eine Vorrede, dafür aber finden wir reiche Anmerkungen, in 
denen sich der zürcherische Übersetzer mit Voltaire und Magny, 
Dryden und Gottsched auseinandersetzt, Erklärungen Addisons und 
Popes, Bentleys und Jonathan Richardsons bietet imd sogar Ver- 
gleiche aus Alcimus Avitus und Ceva, Tasso imd Haller herbei- 
zieht. Die Ausgabe von 1/54 bringt eine ausführliche „Critische 
Geschichte des Verlohrnen Paradieses" und vermehrte Anmerkungen 
„von dem Uebersezer und verschiednen andern Verfassern", wie 
das Titelblatt meldet. Später glaubte Bodmer dieses Apparates 
nicht mehr zu bedürfen, der- Worte über Miltons Bedeutung waren 
^enug gewechselt, er konnte sich 1/69 mit wenigen einleitenden 
Bemerkungen begnügen und befriedigt feststellen: „das verlohme 
Paradies hat in Deutschland so fühlende Leser gefunden als in 
irgend einem Königreiche, Engelland ausgenommen. Wir haben 
öffentliche Proben, dass man sich mit allen seinen Schönheiten be- 
kannt gemacht hat. Und wir haben Gedichte in Miltons Art ge- 
dichtet"^'). — Wie musste der Gedanke wohlthuend sein neben all 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 353 

den schmerzlichen Erfahrungen, die sich für Bodmer in jenen Jahren 
zu häufen anfiengen ! 

Unter den ersten Sendungen englischer Bücher, die Zellweger 
durch den „Hundwiler Uli" an Bodmer nach Zürich gelangen Hess, 
befand sich auch ein Exemplar von Samuel Butlers Hudibras.®**) 
Bodmer hatte schon durch den Spectateur etwelche Kenntnis von 
dieser Dichtung und mochte durch eine lobende Anmerkung des 
französischen Herausgebers der Zeitschrift noch begieriger gemacht 
worden sein.^) Dazu kamen persönliche Sympathien. Wie eng- 
herzig waren seinem ersten Unternehmen, den Diskursen, die Männer 
entgegengetreten, die sich als Verteidiger und Beschützer der Re- 
ligion geberdeten ; wie lächerlich war ihr Widerstand gegen die 
Miltonübersetzung gewesen ! Hatten diese Glaubenswächter nicht 
Vieles gemein mit den Heuchlern, die Butler an den Pranger stellt? 
Und hatte sich nicht jetzt schon in Bodmers Schriften da und dort 
ein Zug hervorgewagt, der mit der Satire in Butlers Hudibras 
auffallende Ähnlichkeit besitzt? Überdies lag es im Wesen des 
Zürcher Kritikers, ein Zeitalter oder eine Litteraturgattung nicht 
einseitig zu betrachten, und so gehörte Butler unbedingt als Er- 
gänzung zu Milton, Hudibras zu Don Quixote, zum Lutrin. Noch 
hatte Bodmer seinen Milton nicht gedruckt, als ihm Hudibras schon 
so nahe stand, dass er (1729) Stellen daraus citierte oder über- 
setzte.*^) Der grossen Schwierigkeiten, die sich einer deutschen 
Wiedergabe der originellen englischen Knittelverse entgegenstellen 
würden, war er sich aber wohl bewusst, und man erhält den Ein- 
druck, als wollte er seine eigenen Bedenken wegdisputieren, wenn 
er in der Vorrede seine l'bersetzung zu rechtfertigen sucht. Es 
war umsonst, er sollte schon nach dem zweiten Canto des ersten 

45 



354 TH. VETTER 

Teiles an diesen Klippen scheitern. Wer jedoch über Bodmer als 
Hudibras-Übersetzer den Stab brechen will, der möge die späteren 
deutschen Wiedergaben der Butlerschen Knittelverse (von Waser, 
Soltan, Gruber, Eiselein) daneben halten, oder selbst den Versuch 
einer deutschen Version auch nur bescheidensten Umfanges wagen. 
In mehreren Hunderten von Versen, die ich mit dem Originale 
verglichen, finde ich nur unbedeutende Versehen, keine Fehler, 
und das holprige Deutsch spiegelt oft das absichtlich holprige Eng- 
lisch recht glücklich wieder. Man prüfe folgende Verse aus dem 
Anfange von Canto II: 

His death-charged pistols he did fit well, Er zog seine Todes-schwangere Pistohlen 

Drawn out from life-preserving victual; zwischen den Lebens-erhaltenden Victualien 

These being primed, with force he laboured hervor, und streuete frisches Zünd-Pulver auf 
To free's blade from retentive scabbard; die Pfanne. Hernach arbeitete er mit allen 

And after many a painful pluck, KräfFten, dass er das Schwerdt aus der wider- 

He cleared at length the rugged tuck; haltenden Scheide gewönne, und lösete nach 

Then shook himself. to see that prowess manchem schmertzlichen Ansatz das verhafftete 

In scabbard of his arms sat loose; Kapier aus seinem rostigen Gefängniss loss. 

And, raised upon his desperate foot, Er erschütterte sich, als er sah, dass die Dapfer- 

On särrup-side he gazed about, keit von der Scheide ledig, ihm jetzo in den 

Portending blood, like blazing star. Armen sass,, und sich ihm anvertrauet hatte. 

The beacon of approaching war. Er stellte sich auf seinen verzweiffeiten Fuss, 

an derjenigen Seiten, wo sein Steigbügel war, 
und sah um sich herum, Blutvergiessen ankün- 
digend, wie ein flammender Stern, der einem 
angezündeten Holtzstoss auf einer hohen Warte 
gleich, Krieg ansagt 

Als Diakon Johann Heinrich Waser fast dreissig Jahre später 
(1705) die gleiche Aufgabe zu Ende löste, da hatte das Studium 
des Englischen einen ganz andern Aufschwung genommen, und auch 
die litterarischen Hilfsmittel waren weit besser geworden. 

Drei Jahre nach seinem Hudibras fügte Bodmer der „Critischen 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 355 

Abhandlung von dem Wunderbaren" (1740) eine vollständige Über- 
setzung jener Milton-Artikel, die Addison im Spectator 
hatte erscheinen lassen, bei — eine sehr sorgfältige Arbeit, die für den 
entbrennenden Kampf die wichtige Rüstkammer der Zürcher werden 
sollte, aus der sie übrigens schon früher ihre Waffen geholt hatten. 
Aber offenbar lag dem grossen Rufer im Streite noch viel mehr 
am Herzen, die Gegner an der Pleisse mit einer Satire an den 
Pranger zu stellen, wie es in England dem mächtigen Pope mit 
Hilfe seiner Dunciade gelungen war. Das war ein kühnes Unter- 
fangen, zu dem Bodmers Sprachgewandtheit und Witz nimmermehr 
ausreichten. Hatte er im „Complot der herrschenden Poeten" 
wesentlich mit Derbheit operiert, so sollte nun in „Alexander 
Popens Duncias" der immerhin noch etwas weniger derbe Eng- 
länder das Wort führen und nur die Namen und einzelne Anspielungen 
sollten den deutschen Verhältnissen angepasst werden. Doch nicht 
einmal so viel liess sich erfolgreich durchführen, und nach den 
wenigen Proben, die uns J. D. Oberek d. h. Bodmer in der Ein- 
leitung bietet, kann man froh sein, dass er auf diese aussichtslose 
Arbeit verzichtete und sich mit einer Übersetzung begnügte. Diese 
selbst beruht noch auf der ersten, kürzeren Fassung der Popeschen 
Satire und besteht nur aus den drei Büchern „der gesalbte Barde'', 
„die Tumierspiele der Dummheit", „Gesicht von der künftigen 
Herrlichkeit des Reiches der Dummheit"; der Spott richtet sich 
somit gegen Theobald, den Shakespeare-Herausgeber (1688 — 1/44), 
der als König im Reiche der Dummen erst später durch Collcy 
Cibber (1671 — 1757) ersetzt wurde. Haben schon frühe englische 
Ausgaben der Dunciade (eine Erstausgabe ist mir nicht zur Hand) 
erklärender Anmerkungen dringend bedurft, so war ein Kommentar 



356 TH. VETTER 

für den Leser der deutschen Übersetzung noch weit notwendiger; 
aber Bodmer bietet nur wenige Erklärungen und es ist sicher, dass 
seine Zeitgenossen eine Reihe von Anspielungen zumal im zweiten 
Buche nicht verstehen konnten, in die wir uns heute selbst mit 
Hilfe eines umfangreichen Apparates nur schw^er hineinarbeiten. 

Bemerkenswert ist für Bodmers „Duncias" die Anwendung des 
Blankverses. Schon 1725^^^) hatte er in dem nie gedruckten „Schau- 
spiel" „Marc Anton und Kleopatren V^erliebung" sich dieses Verses 
bedient, aber doch erst hier liegt uns nun m. W. ein umfangreicheres 
Beispiel des Gebrauches dieser Versart vor. Und Bodmer handhabt 
sie mit Sicherheit, obgleich die beinahe gänzliche Abwesenheit des 
Enjambements dem Ganzen eine gewisse Eintönigkeit verleiht. 

Mit zunehmendem Alter überlicss Bodmer die vermittelnde 
Thätigkeit des Übersetzens mehr und mehr andern, jungem Kräften, 
deren er sich eine ganze x\nzahl herangezogen hatte. Er selbst 
wandte sich — leider - - immer eifriger eigener litterarischer Pro- 
duktion zu. Doch nie erlosch in ihm die warme^ Teilnahme für 
fremde, zumal englische Litteratur, und der briefliche Verkehr mit 
Hagedom wird bis zu dessen Tode (1/54) immer zu einem guten 
Teile von Fragen und Antworten über neue englische Erscheinungen 
in Anspruch genommen. Wenn Bodmer dann zu eigener Über- 
setzerarbeit sich cntschloss, so musste es etwas sein, das er besonders 
hoch schätzte. Das traf nur noch zweimal ein. Von Hagedorn 
hatte er Thomas P a r n c 1 1 s Poems on Se veral Occasions ^^) 
erhalten, die Alexander Pope drei Jahre nach dem Tode (1718) 
des Dichters 1721 herausgegeben hatte. Der Freund Swifts und 
Popcs, zuletzt „Archdeacon of Clogher'% war weder ein bedeutender 
noch ein sehr fruchtbarer Dichter gewesen ; ohne Schüler Popes 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 357 

ZU sein, waren doch seine besten Werke unter dessen Einfluss in 
den letzten Jahren seines Lebens entstanden (1713 — 1718), und die 
Zeitgenossen schätzten 'The Hermit' als das vorzüglichste. Die 
Nachwelt hat dieses letztere Urteil durchaus bestätigt, und ein 
Kritiker unserer Tage . nennt die Dichtung „a very perfect piece 
of sententious narrative work in the heroic couplet, not easily to 
be matched for polish, elegance, and symmetry.*^^*"*) Dieses wählte 
sich Bodmer zur Übertragung aus, verwandelte aber die paarweise 
gereimten fünfFüssig-jambischen Verse in Hexameter, deren Qualität 
nicht immer unanfechtbar ist. Er beginnt: 

In dem entlegensten Wald, fern aus der Leute Gesichte 
Wuchs ein Einsiedler vom Jyngling hinan zum alternden Greise, 
Moos war sein Bett, ein hohler Fels sein demythiges Zimmer, 
Obst die Speise, sein Trank der Krystall der rinnenden Bache etc. 

was er schon drei Jahre später (1755) verbessert in: 

In der tiefeften vvildniß, fern aus der leute gefichte. 
Lebt' ein ehrvvyrdiger Klaufner durch alle ftuffen des lebens; 
Moos war fein bett, ein holer Fels fein demythiges zimmer, 
Obft die fpeife, fein trank der Kryftall des rinnenden baches etc. 

So genau es das Versmass gestattete, folgte er dem Texte; nur 
am Schlüsse richtete er wenige Zeilen an Hagedorn, die ich nach 
der zweiten Fassung hier wiedergebe: 

Alfo fang ich im antliz der Stadt, jedoch ihr verborgen, 
Einfam, ich hatte bei mir nur mich und die heilige Mufe; 
Von ihr hcurt' ich den fchcL'nen gefang des briftifchen Barden. 

H ha'ttelt du da bei uns der dritte gefeflen, 

O wie ha!tt' ich viel Ihi'rker, viel angenehmer gefungen. 
Deinen her neigenden wink, dein laufchendes ohr zu verdienen! 
Hietteft du meinen gefang durch deine laute beherrfchet, 
O fo hii'tt' ich von dir ermuntert mich felbfl ybertroffen, 
l^nd nur von dir ybertroffen die bahn des lobes vollendet. 

Und erst nach Jahrzehnten gab der greise Bodmer nochmals 



358 TH. VETTER 

Übersetzungen heraus. Das Erscheinen der Ossianschen Dichtungen, 
der Reliques of Ancient English Poetry von Percy, musste die 
Teilnahme des Mannes aufs Lebhafteste wecken, der für die Wieder- 
belebung der heimischen Poesie durch Hervorziehen des Alten, 
Urwüchsigen unendlich Grösseres geleistet hatte als durch den Strom 
der eigenen Verse. Bei aller Sonderbarkeit blieb ihm doch das 
Gefühl für das Achte. Er lehnte Ossians Werke ab als „eine 
magere, dünne, wässerichte Nahrung", als „eine Mahlzeit, wo einem 
nur Wildbrät, wiewohl in starken, gewürzten Brühen, aufgetischt 
wird"^^, während er in Bezug auf Percys Volkslieder die Hoffnung 
ausspricht, „man werde in diesen Balladen hundert Züge der Auf- 
richtigkeit, der Güte des Herzens, der Rechtschaffenheit, der Mensch- 
lichkeit auffassen", und gerade das „Naife in der Schreibart** 
besonders hervorhebt. Bodmer versprach sich viel von seinen 
„Altenglischen Balladen", und da während des Druckes 
derselben zufällig der junge Goethe mit seinem Herzoge in Zürich 
Besuch gemacht hatte, schrieb er an seinen Freund Schinz: „Ich 
hoffe, Göthe bleibe bey uns, die Geburt aller dieser Werke zu 
erwarten, damit er die Deutschen hernach darüber praeoccupiere".^^) 
Man kann sich billig wundern, wie Bodmer des Glaubens sein 
konnte, es bedürfe bei den jungen deutschen Dichtem noch eines 
besondern Hinweises auf diesen Schatz, der ihnen sofort bekannt 
geworden war, nachdem Percy ihn gehoben. ^^*) Was war, um nur 
das Wichtigste zu nennen, noch zu thun nach Herders Volksliedern 
(1778 und 79) und gar nach dem Erscheinen der „Balladen und 
Lieder altenglischer und altschottischer Dichtart, herausgegeben von 
August Friedrich Ursinus" (1777)? Und doch hat Bodmer auch 
hier wieder der deutschen Litteratur einen Dienst geleistet. „Die 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 



359 



Bedeutung dieser Sammlung beruht wesentlich auf ihrer Reich- 
haltigkeit, durch die sie alle bisher erschienenen übertraf. Auch 
Herder bleibt in der Zahl der aus Percy übersetzten Stücke gegen 
ihn zurück.*"*^') Im ersten Bändchen bot Bodmer 25, im zweiten 13 
Balladen, und die Auswahl aus der grossen Menge ist nicht minder 
bemerkenswert. Da finden wir die Balladen, die Bürger zu so 

gelungenen Nachdichtungen ver- 
anlassten : „ der * Mönch vom 
grauen Orden" (Bruder Grau- 
rock und die Pilgerin, 1777) j 
„der Abt von Kantelburg" (der 
Kaiser und der Abt, 1784); 
Stoffe, die der Lenorensage nahe 
stehen: „des süssen Williams 
Geist" und „die schöne Margreth 
und der süsse William"; „Robin 
Hood" (II, 128—139) ist ver- 
treten ; auch finden wir jene drei 
Balladen von „ Adam Bell, Clym 
of de Clough, and William of 
Cloudesly" (bei Bodmer: „Die 
Wildschützen" II, 78— 1 1 1), 
deren Schlussscene wegen ihrer Ähnlichkeit mit Teils Apfelschuss 
wahrscheinlich ihre Aufnahme in die Sammlung bewirkte; an den 
Hof des Königs Artus führen uns „Gawilns Heyrath" (I, 110 — 126), 
„der Mantel der Keuschheit" (I, 18—26) u. a. m., während „König 
Liar" (I, 3 — 11) sicher mit Rücksicht auf Shakespeare übersetzt 
wurde. Das Versmass des Originales sucht Bodmer im Allgemeinen 




49. Bodmer im Greisen alter. 

Nach einer Bleistiftzeichnung- von H. C. Fischer 
in der Stadtbibliothek in Zürich. 



360 TH. VETTER 

wiederzugeben, der Anwendung des Reimes hat er sich unterzogen, 
doch haben die englischen Dichtungen gerade in diesen beiden 
Dingen viel eingebüsst ; den richtigen Ton in Sprache und Ausdruck 
wusste er vollends nicht zu finden. 

So schliesst Bodmers Übersetzerthätigkeit mit einer Leistung, 
die der Kritik mehr als einen Angriffspunkt bietet, und doch wird 
auch auf diesem Gebiete der Tadel des Könnens mit vollem Rechte 
übertrofFen werden durch das Lob des aufrichtigen, idealen Wollens. 

III. NACHAHMUNGEN UND ENTLEHNUNGEN IN 
BODMERS POETISCHEN WERKEN. 

Es ist nicht ohne Verdienst, einen Vers aus dem Orte, 
wo er gleichsam gewachsen war, herauszunehmen, und in 
einen andern Boden zu verpflanzen, wo er so gut als in 
seiner Geburtsstatt aufkömmt. 

Bodmer, Neue Grit. Briefe, 1749, S. 455. 

Wenige werden heutzutage diesem Grundsatze Bodmers zu- 
stimmen, Wenige in solchem „Verpflanzen" ein grosses Verdienst 
erkennen ; aber auch das Verdienst dürfte unbedeutend sein, das 
letzte fremde Reis zu entdecken, das Bodmer seinen Bäumen auf- 
gepfropft hat. Ein allgemeiner Hinweis, durch Einzelbeispiele ge- 
stützt und verstärkt, muss den Zielen dieser Denkschrift genügen. 

„Addison hatte mein Herz" singt der Greis von seinen Jüng- 
lingsjahren, und nicht nur der Kritiker und Ästhetiker Addison 
beherrschte den Sinn des jungen Zürchers, auch der Dichter 
Addison scheint ihm als Muster vorgeschwebt zu haben. Zu 
einem seiner früheren poetischen Versuche „Character der Teutschcn 
Gedichte" dürfte, wie gesagt (S. 323), Addison Vorbild gewesen 
sein und er begleitete auch die weiteren Schritte des Vierzigjährigen 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 361 

auf der Dichterlaufbahn. In Breitingers critischer Dichtkunst hatte 
er eine Probe für die Gattung des Heldengedichtes geliefert (Ein- 
gang zu Königs Gedicht auf das Lager) und bei der Schilderung 
der Ruhe eines Schlachtenlenkers sich teilweise der Worte bedient, 
die Addison in dem Gedichte „The Campaign" erfolgreich, wenn 
auch übertrieben, auf Marlborough angewendet hatte ^^): 

So when an Angel by divine command 
With rising tempcsts shakes a guilty land 
Such as of late o'er pale Hritannia past, 
Calm and serene he drives the furious blast; 
And, pleasM th' Almighty's Orders to perform, 
Rides in the whirl-wind, and directs the storm 

was Bodmer wiedergicbt: 

So wenn ein Cherubim die böse Welt zu straffen. 
Aus Gottes Zeughaus selbst versehn mit feurgen Waffen 
Ein schwarzes Wolkenheer im West zusammenzieht. 
Behält derselbe stets die Ruh in dem Gemüth u. s. w. 

Einige Zeit nachher preist er r,Die DroUingerische Muse**^^): 

Wenn etwann der Poet mich an ein Ufer bringet. 
Woran die Flut zerfällt, und fallend wiederklinget. 
Verführt zuweilen mich das wolgestimmte Lied, 
So dass mein Aug umher, und nach dem Strome sieht — 

mit einem Gleichnisse, das /Vddison im „Letter from Italy"^^^) schon 
1701 geboten hatte. Von Swift borgt Bodmer ein Bild aus der 
„Bücherschlacht" (s. oben S. 324/25), während Pope ihm weit 
häufiger vorschwebt. So ist namentlich die oft erwähnte witzige 
Bemerkung über den Alexandriner"^), 

„Der in sechs Gliedern geht und in der Mitte bricht: 
Am Körper lang genug, behültlich desto minder. 
Mit Füssen wohl verschn, doch darum nicht geschwinder .... 
.... Nicht änderst si-hk-ppt die Schlang, an einem warmen Bach. 
Die Mitte durchgebohrt. {.\cn Schwanz beschwerlich nach** 

nicht Eigentum Bodnicrs, sondern Alexander Popes : 

46 



362 TH- \£i JKit 

der sie m seinem ^Essäv cc Crrccism* i35h 57« zuerst sebracht 

hane- 

Das in Bc^hners grosgrem epischen Gedicfate« cicin .Noah*, 
sich hesoodcT? die Enrüsse dreier eaigfischer EHchter verbunden 
haben- dürfie iecen: KerrDer enirSscher Lhtcrarur bald kl^r sein. 
Pioe. Mfhoc^ sTjd Y-*izii: habe^i reichHch dazu beisetrasen, dass sich 
r: dem Werke we:iiirster::s ParrfeE nnden, ^< wohl lesenswert und 
5*t*rsc .^enressbÄT s^d. m ihrerid dzs Ganze vc«3 uns ebenso bestimml 
ih^rtiecnt Trird -»ie zur Zeh des Erscheinens durch die nüchterne 
Krrri- P z z -c =-2^=: — ziriz ~ AZirtTr^eEner: — die QueOe niancher 
-r_ili:-s:ccf-'i*:h«it: Erlnerunin^t: r:: dfe^^r r>:chrj3Xi: sein, ohne dass man 
t.i.t»t: i>^ ':rr?fmr:te Sttl-er: hrn-* eise::: klcnte, ex eine direkte Ent- 
jt^^.'j: --rr-ieirr. - : M:It:r: ist daneben die wesenlHche Veran- 
^t-y-jT-g r^ irrm rrrlfschcn Ep:ts -r^rhiurt und hat nach Bodmers 
c::^r3^rr:i Vt^^iinir.LSie ' rerschfectn?: Scenen und SctuatioDen i^^EeferL 
'^'^ j:: r.i.'i't ju: c-* Z'trz L^r^rrsetzer des \'er>>reaen Para<iieses die Elr- 
•ri.:r=i!-rc r^ trr^rr:^"-;-::. lie i : n in den letzten zwei Büchern prophetisch 
v-:^klr:ict': A -rrirm' Wie sicher musste er d<zi ^ranzen Apparat der 
r-ii^ihin '*'*\h .r. i u^^ riter ier Er.^^rel hindhaben! Japhet- N»D«ahs 
'InjTr'.^ >:hr_ -j^rt i«:' ri-.^ömrr Wir.crr,:::!^ die drei Töchter seines 
'/z-rrz-t ^zr^h jT.z 'r-. *r«r:'lll: •ein slsscr. :e<tü eher Schauer, ils er 
:i:- ^'.T—,:.-: Pri.h: irr -r'rl'.hL:: Schlrheit erblückie* : denn n«>ch 
-.r h-ir.' tr --.- H:"- 1::: .r. I^r^- icrs Tempest" ein Mädchen 
jr>-r.t-: - .-i-'f: r.rr r..r: ü-. \[livhrn bestürzt"^, die vrfeich 
Mri'.:.! -.•:-_ -.. r::: 'l-^-lir^cn j-^^in:n:;;:r:,^tr:nen waren. Später 
:1'-—. i: --: >7— . :- ..r- r^zLLzz i- ir-. NLAivhen und nach lan^^en. 



J. J. BODMER UNI) DIE ENGLISCHE LITTERATUR .^63 

langen Zwischenerzählungen kann die dreifache Hochzeit in Noahs 
Wohnsitz stattfinden : 

„Die Jünglinge führten die Mädchen 
In die hochzeitlichen Kammern; die Rosenfarben des Morgens 
Färbten ihr Antlitz, indem sie der Hand des Leitenden folgten.**^'*) 

Das holde Erröten haben die drei Bräute von Miltons Eva gelernt, 
wie Adam erzählt: 

— — — — To the nuptial bower 
I led her blushing like the mom.***) 

Auch die übrigen Umstände dieser Hochzeitsnacht, die den Unter- 
gang des Menschengeschlechtes verhindern sollte, entsprechen dem, 
was Milton von einer andern Nacht dieser Art zu erzählen weiss. 
Bei einem letzten Besuche, den Noahs Söhne mit ihren Frauen 
dem Paradiese abstatten (Gesang VI), bietet sich Gelegenheit, das 
Schicksal der ersten Eltern in Miltons Weise kurz zu schildern, 
und mehr als einmal muss das grosse Vorbild auch die Worte 
leihen, so bei der Erzählung vom Sündenfalle (VI, 314 — 319): 

Als itzt Adam den Fehltritt vernahm, den Eva begangen, 

Stand er erschlagen, er bebt', er schwankt', ein blitzender Schauer 

RAin ihm kalt durch die Adern, die Sehnen wurden entstricket. 

Nieder zum Fuss fiel der Kranz, den er für Eva gewunden. 

Aus der schlaffen Hand, und die Rosen verwelkten im Fallen. 

Sprachlos stand er und blass; zuletzt erhielt er die Sprache. 

Und bei Milton (IX, 888—896): 

— — — — Adam, soon as he hcard 
The fatal trespass done by Eve, amazed, 
Astonied stood and blank, while horror chill 
Ran through his veins, and all his joints relaxed. 
Froni his slack band the garland vvrcathed for Evc 
Down dropt. arul all the fadcd roses shed. 
Spcechless he stooil and pale, etc. 

Und was Adam nun zu seiner unglückliclien (jemaliHn sagt, konnte 



364 TH. VETTER 

ja allerdings nicht schöner und ergreifender gegeben werden als mit 
den Versen in Miltons Verlorenem Paradiese (IX, 896 — 907). 
Auch geniesst Adam hier wie bei Milton aus freiem Entschlüsse die 
Frucht, um sein Schicksal mit Eva zu teilen (Noah VI, 408 — 417). 
Dann folgen die Vorbereitungen auf die verheerende Flut ; und 
wie Eva beim Verlassen des Paradieses die schönen Blumen beklagt, 
die Niemand mehr pflegen wird (XI, 273 — 279), so jammern hier 
die Frauen (VI, 707—713): 

O der Blumen, die schwerlich in andern Gegenden wachsen. 

Die ich am frühen Morgen, und späten Abend besuchte, 

I")ie ich mit sanfter Hand von der ersten öffnenden Knosp' an 

Wartet' und Nahmen, die nur mein zärtliches Herze mich lehrte, 

Ihnen erdacht; sie soll ich nicht mehr nach der Sonne hinlenken, 

Nicht mehr nach ihren Arten sie ordnen, und nicht mehr sie tränken 

Aus dem ambrosischen Brunn 1 

Genau nach göttlichem Plane wird die Arche gebaut „In der Länge, 
der Breite, der Höh, nach Füssen" (VI, 798), wie bei Milton 
„Measured by cubit, Icngth, and breadth, and highth" (XI, 730), 
und wie Milton den Erzengel Michael einen Ausblick in die künftige 
Welt schildern lässt, so finden wir hier an den Wände» der Arche 
zwanzig Gemälde der künftigen Zeiten (Noah VII, 48 fF.). 

Von den Schrecken der Sintflut wird uns keine Einzelheit 
erspart, und aufatmend ruft Bodmer zu Anfang des zehnten Ge- 
sanges die Muse an, nach deren Hilfe Milton schon in der Mitte 
seines Werkes (Beginn von Buch VII) aufgeschaut. Der lange 
Aufenthalt in der Arche wird durch Erzählungen und Träume über 
die spätem Geschlechter, zumal auch über die Erlösung ausgefüllt, 
wie wir sie aus dem zwölften Buch des Verlorenen Paradieses - 
in kürzerer Form kennen; im Schlussgesang des „Noah** wieder- 
holen sich die Zukunftsbilder, die Geretteten verlassen die* Arche, 



J. J. BÜDMER UNI) DIE ENGLISCHE LITTERATUR 365 

jede der Frauen gebiert Zwillinge, und Noah dankt dem Herrn 
(XII, 1060 ff), wie Adam dem Engel dankt, der ihm das Kommende 
prophezeit hatte (Verl. Parad. XII, 552—573). 

Dass neben solch allgemeinen Zügen, die sich im Noah wie 
im Verlornen Paradiese finden, noch eine Unmenge teils wörtlicher 
Entlehnungen, teils auffallender Ähnlichkeiten nebenher gehen, braucht 
kaum gesagt zu werden, und vielleicht wäre das Verdienst grösser, 
diesen Zusammenhang im Einzelnen zu verfolgen als der genaue 
Nachweis des Zusammenhanges von Bodmers Noah mit Edward 
Youngs Nachtgedanken. Der gelehrte Johann Arnold Ebert hat 
als Übersetzer Youngs sich dieser minutiösen Arbeit unterzogen, 
die in Bodmers seltsame Arbeitsweise einen interessanten Einblick 
gewährt^**). 

Für Bodmers kleinere biblische Epen, wie die „Syndflut" (175v?), 
Jacob und Joseph (1751), Jacob und Rachel (1752), Joseph und 
Zulika (1753) u. s. w., steht mir der Einfluss von Milton und Young 
durchaus fest, und ich empfinde beim Lesen Bodmers englische 
Reminiscenzen leicht nach, doch überlasse ich die genaue Unter- 
suchung des teilweise herzlich spröden Stoffes gerne Andern. ^'^) Nur 
auf eine weitere Quelle sei noch hingewiesen: Aus der Bibliothfeque 
britannique (1737 II, pg. 250 — 204) schon kannte Bodmer den Inhalt 
der Dichtung der Elizabeth Rowe, „ The History of Joseph " , 
und seit jener Zeit waren ihm die Werke dieser schwärmerischen 
Milton-Verehrerin und Nachahmerin sicher auch im Original zu 
Gesichte gekommen, kannte sie doch Wieland gut genug zur Zeit, 
da er als Bodmers Gast seine süsslichen, daneben ganz in Young 
getränkten, religiösen Dichtungen verfasste.^^*^) 

Während V^atcr Bodmer bei seinen Patriarchen weilte, fiel ihm 



366 TH. VETTER 

eine neue englische Dichtung in die Hände, die einen alten Wunsch 
in ihm wieder erweckte. Schon 1734^^^) hatte er die Entdeckung 
Amerikas als einen Gegenstand erwähnt, der sich zur epischen 
Behandlung eigne, und nun sah er seinen Traum teilweise ver- 
wirklicht in J. Kirkpatricks „The Sea-Piece, a narrative, philo- 
sophical and descriptive poem. In five cantos. London 1750." 
Mit Anstrengung arbeiten wir uns heute durch die 2364 Verse, 
die ein merkwürdiges Gemisch von Homerischen Anschauungen, 
Vergilscher Geziertheit und Miltonschen Wendungen darbieten; aber 
die Anstrengung dürfte noch grösser sein bei Bodmers Nachahmung, 
der „Colombona". Die alttestamentliche Luft mischt sich schlecht 
mit dem fi^ischen Seewinde, der immerhin durch Kirkpatricks Sea- 
piece weht, das patriarchalische Gewand steht dem kühnen Ent- 
decker übel, die ganze Engelswirtschaft, die der Zürcher hinein- 
getragen, ist so abgeschmackt, dass man daneben das unbestreitbare 
Verdienst Bodmers, dem englischen Epos einen eigentlichen Helden 
und einen richtigen Mittelpunkt gegeben zu haben, beinahe über- 
sieht. Ist auch Vieles direkt übertragen und die Einteilung des 
Originales beibehalten, so sind die Bodmerschen Zuthaten immerhin 
so zahlreich, dass er hier auf den Dichternamen — in seinem Sinne — 
Anspruch erheben darf und nicht als blosser Übersetzer behandelt 
werden kann. Aber wenn Bodmer hoffte, „den kleineren Namen 
eines verwegenen Räubers^, den die Geschichte dem neuen Erdteile 
aufgedrückt, durch seine Colombona zu verdrängen, so hat er sich 
bitter verrechnet. 

Weit glücklicher war Bodmer 1756 mit der Geschichte von 
„Inkel und Yariko", die er der 11. Nummer des Spectator ent- 
nommen, wo Steelc eine Scene aus Richard Ligons „True and 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 367 

Exact History of the Island of Barbadoes" (1673) wiedererzählt.^^) 
Geliert hatte sich vor Bodmer des Stoffes bemächtigt und Salomon 
Gessner unmittelbar nachher die kurz abgebrochene Geschichte mit 
Geschmack vervollständigt. Trotzdem bleibt Bodmer das Lob, 
seine Vorlage ansprechend und ohne den üblichen Schwulst wieder- 
gegeben zu haben. 

Für eine der fröhlichsten Streitschriften gegen die Sekte Gott- 
scheds und die Noah- Verächter, „Edward Grandisons Geschichte 
in Göriitz" (1755), borgte Bodmer nicht blos den Namen des Helden 
aus Richardson, sondern auch die Briefform und gelegentlich 
die Stimmung ^^^) ; am kühnsten jedoch werden seine Entlehnungen 
mit dem Übergang zur dramatischen Dichtung. Milton und Young, 
bis dahin die am reichlichsten fliessenden Quellen, waren uns wenigstens 
in erträglicher Mischung geboten worden, so aufdringlich sie uns 
Bodmer auch immer wieder vorgesetzt hatte; wie er aber Shake- 
speare verwendet hat, das übersteigt die Grenzen des guten Ge- 
schmackes. Hören wir nur wenige Proben. 

In „Friederich von Tokenburg" (verfasst 1756/57, gedruckt 
1761) wird der Brudermord, den Diethelm III. (1256) an Friedrich 
begeht, dargestellt und dabei Diethelms Gattin, Isotte, zur Lady 
Macbeth gestempelt.^") Nicht mit den Worten, aber im Sinne 
Shakespeares spricht sie die Sorge aus, dass es ihrem Gemahl an 
Mut fehle: 

^Ich fürchte die Natur meines (Tcmahls. Etwas von der Sanftmut seines Vaters 
hat ihr sich angehänget. Kr wollte sich •^urn an dem Bruder rächen, wenn es nur auf eine 
fromme Art seyn könnte. Kr fürchtet sicli zu thun was er doch wünschet, dass es gethan 
wäre. Ich muss ihn mit der Munterkeit meiner Zuni^e in Hewegunj^ setzen." (Akt III, Sc. 1). 

Diethehn antwortet ihr : 

^Das Werk hat seine Schwierigkeiten, Cirätin, wäre es gethan, wenn der Streich ge- 



368 TH. VETTER 

schehen ist, so mochte es seyn. Aber der Schlag endet die That nicht, sie ruft einen 
Richter aus unserer Brust hervor, der uns verurtheilet, dass wif mit eigener Hand den 
Dolchen aus dem Leibe des Erschlagenen herausziehen, und in unsern Busen stossen. Wir 
wollen unserm Vorhaben einen Anstand geben. Ich habe diesen Abend eine Güte in seinen 
Augen gelesen, mein Vater hat sich mir so lebhaft in seinem lachenden Munde gezeiget, 
dass ich itzo nichts bewerkstelligen kan.** 

Wie schwach gegenüber dem Shakespeareschen : „If it were done 
when 'tis done, then 'twere well it were done quickly** (I. 7, l.) 
und „Had he not resembled my father as he slept, I had done't" 
(II. 1, 12)! Isotte höhnt über die schwachen Nachkommen, die 
der Bruder erhalten wird (pg. 146), wie Macbeth umgekehrt von 
seiner Gattin sagt (Schluss von Akt I): „Gebär' mir Söhne nur! 
Aus deinem unbezwung'nen Stoffe können nur Männer sprossen." 
— Und nachdem die That vollbracht (Isotte hat Friedrich ver- 
giftet), beruhigt sie den ängstlichen Gemahl (pg. 170): „Was ge- 
schehen ist, das ist geschehen. Sachen, für die kein Mittel mehr 
ist, muss man aus dem Sinne schlagen **, was bei Shakespeare (HI. 2, 12) 
heisst: „Things without all remedy should be without regard: what's 
done is done." — Und neben diesen nur allzu deutlichen Anklängen 
eine Reihe anderer Übertragungen aus dem Drama des grossen 
Britten, die wiederholt hervorgehoben worden sind.^^*) — In „Oedipus" 
(1761) lässt Bodmer die Jocasta enden wie Ophelia: „Sie schwamm 
eine Zeitlang über den Wellen von ihren Kleidern aufgehoben, 
dann verschlang sie ein Wirbel in seinen reissenden Schlund, dass 
sie nicht mehr gesehen ward"* (pg. 295), nur fehlt leider die Poesie 
des Gesanges, die in Hamlet so ergreifend wirkt (Schluss des IV. 
Aktes): „Long it could not be, tili that her garments, heavy with 
their drink, pull'd the poor wretch from her melodious lay to muddy 
dcath." — Und Oedipus selber, von dem der Dichter sagt: „er 
strafet sein unschuldig Verbrechen an seinem theuersten Gliedmass", 



J. J. RODMBR UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 369 

hat Gloster im König Lear zum Ahnen. — Sicher geht auch 
„Julius Caesar" (1763) auf das grosse englische Vorbild zurück, 
obgleich es nur die drei ersten Akte des Shakespeareschen Trauer- 
spieles umfasst, also mit dem Tode Caesars schliesst. Die Prophezeiung 
des Antonius „they would go and kiss dead Caesar 's wounds and 
dip their napkins in his sacred blood" erfüllt sich hier, denn als 
Calpurnia Marc Antons blutbefleckten Mantel erblickt, schneidet sie 
ein Stück aus, küsst es, und legt es auf ihre Brust. — Am zahl- 
reichsten sind wohl die Entlehnungen in ^Marcus Brutus" (1768). 
Marc Anton spricht dort (Akt 11, Sc. 1) von Brutus: „Brutus hält 
nichts auf einigem Spiele, nichts auf Musik; er lachet selten, und 
wenn er lachet, geschiehet es mit so verdriesslichen Zügen, in seiner 
Miene u. s. w." — wie bei Shakespeare Caesar vonCassius redet 
(Akt I, Sc. 2). — Die schlimmen Vorzeichen, die dem Tode Caesars 
vorangehen, meldet bei Shakespeare Calpurnia (Akt 11, Sc. 2) : 

Wildglüh'nde Krieger fochten auf den Wolken, 

In Reihen, Geschwadern und nach Kriegsgebrauch, 

Wovon es Blut gesprüht auf's Kapitol. 

Das Schlachtgetöse klirrte in der Luft; 

Da wiehern Rosse, Männer röcheln sterbend, 

Und (.Teister wimmerten die Strassen durch. 

Bei Bodmer verkündet der Priester (Akt. IV, Sc. 3): „Wilde 
feurige Krieger fochten in den Wolken, in Glieder geschlossen, 
von ihrem Streite tröpfelte Blut auf das Capitol hernieder; das 
Klirren der Waffen pfiff durch die Luft, Rosse wieherten, und 
sterbende Männer röchelten. Nachtgeister heuleten in den Strassen." 
— In der folgenden (4.) Scene des „Brutus" ist abermals allerlei 
aus Shakespeares Caesar Akt II, Sc. 2 herübergenommen, und 
den Anfang seines V. Aktes bildet Bodmer wesentlich aus der 
4. Scene des IL Aktes bei Shakespeare, während er dann die 

47 



370 TH. VETTER 

Ermordung Caesars nur melden lässt. Aber die wirkungsvolle 
Rede des Marc Anton durfte nicht unbenutzt bleiben : wir finden 
sie in der ersten Scene des zweiten Aktes von „Tarquinius Superbus" 
verwertet, indem Lucretius am Leichnam seiner geschändeten Tochter 
ausruft: „Sehet, durch diese Öffnung drang der scharfgeschliffene 
Dolch! — Sehet diesen kleinen Mund — — er ist auf ewig stumm; 
— — aber an seiner Statt öffnet diese tiefe Wunde einen neuen 
Mund" u. s. w. „Aber ich greife euch zu heftig an, edle Römer, 
ihr fühlet den Stachel des Mitleidens, es sind gutherzige Tropfen, 
die ihr weinet.'' — Einer wahren Mishandlung des schönen Stoffes 
kommt es gleich, wenn Bodmer die beiden letzten Akte des Julius 
Caesar zu dem Trauerspiele „Brutus und Kassius Tod" breitschlägt; 
ich verschont die Leser mit Einzelheiten, indem ich ihnen lediglich 
die prächtigen Schlussworte des Antonius bei Shakespeare : 

„Dies war der beste Römer unter allen — 
— — Sanft war sein Leben, und so mischten sich 
Die Element' in ihm, dass die Natur 
Aufstehen durfte und der Welt verkünden: 
Dies war ein Mann!" 

in Bodmers Fassung wiedergebe: 

„Brutus war der edelste in der Zusammenschwörung; es war nicht Neid, nicht 
Herrschsucht, was ihn bewog, den Dolch in dem Husen seines Wohlthäters umzuwälzen. 
Es war katonischer Fanatisme, der übertriebene Begriff von den Worten Freyheit und dem 
Namen Rom. Sein Leben war Ernst, sein Charakter zu dem schönen und guten gestimmt, 
dass die Natur laut rufen durfte: sie habe einen Menschen gebildet." 

Selbst bis in die vaterländischen Dramen hinein drängen sich 
Shakespeare-Erinnerungen. Im dritten Auftritte von „Gesslers Tod, 
oder das erlegte Raubthier" (1775) liegt das Haupt des toten 
Tyrannen auf dem Schosse einer Landstreicherin, die über das 
Leben philosophiert: ^Was ist das Leben? Ein wandelnder Schatten! 
Ein Mährgen, das ein Dichter erzählt!" - ^Life's but a Walking 



.J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 



371 



shadow ; it is a tale told by an idiot ! ^ sagt Macbeth (Akt V, 

Sc. 5). Und das sonderbare Drama „Der alte Heinrich von Melch- 
thal oder: die ausgetretenen Augen" (1775) schliesst sich, wie schon 
der zweite Titel vermuten lässt, nur allzudeutlich an jene grausame 
Mishandlung * Glosters an (König Lear, Akt III, Sc. 7), so dass 
Heinrich von Melchthal nicht auszurufen brauchte: „Wollet ihr 
die Missethat der grimmigen Rägan wiederholen?"^^) 

Und endlich ist noch Ossian zu nennen, dessen Stil Bodmer 
für ein Cherusker-Drama „Italus" (1768) reichlich verwendet: 

„Warum sitzest du auf dem einsamen Steine, Tochter des Siqueds? Kummervoll 
blickt dein Auge nach dem Hügel, an welchem die streitgebährende Stadt, das Wunder in 
den Wäldern der Cherusken, angelegt ist; und ganz Ohr horchet deine Seele dorthin, wo 
das Rufen der Kämpfer, und das Klirren des Eisens hertönet. Steh auf von dem bemosten 
Stein, und geh in die Laube Westmars, streue Heiterkeit in sein Angesicht durch die 
Sanftmuth deiner Worte und erfreue das Ohr des Greisen mit Gesängen, die des hohen 
Alters Schwermuth erleichtern.** 

Das Ohr des greisen Bodmer aber verstand den Klang einer 
neuen Zeit nicht, er verschloss sich den Harmonien, die ein junges 
Geschlecht durch Sturm und Drang ertönen Hess, und was dem 
jungen zürcherischen Vorkämpfer zum Heile war, der Anschluss 
an englische Poesie, das sollte den Greis dem Spotte überliefern. 
So wollte es das Verhängnis ! 




V/Jff^en 



Anmerkungen. 



») Der Spectator als Quelle der „Discurse der Maler". Frauenfeld 1887. 

*) Chronick der Gesellschaft der Mahler. Nach dem Ms. hg. von Th. Vetter. 
Krauenfeld 1887. pg. 14. 

*) Bächtold, Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz.* 1892. J>g. 529, 

*•) Der Spectator als Quelle der „Discurse" etc. pg. 33. 

^) Spect. 21, französ. Ausg. 1, 16. 

«) Vida, de arte poet 1, 290—297. 

') Es ist dort No. 2. 

•) 111, 25 (= Spect. 243): „En effet rhvpocrite ne chercheroit pas tant a se couvrir 
des apparences de la vertu, s*il ne savoit que c^est le plus sür moTen de gagner les bonnes 
graces et Testime des hommes. 

•) Spect. No. 10, 425, 461 sind nicht in der französ. Ausgabe. 

*®) Vgl. Der Spectator als Quelle etc. pg. 34. 

»») Schweiz. Museum 1783. Vol. 1, 142; Brief an Heinrich Meister. 

**) Brief in der Trogener Sammlung. 

*') Die Anfänge des zürcherischen Milton. S.-A. aus den Studien zur Litteratur- 
geschichte. Michael Bernays gewidmet. Hamburg 1893, pg. 179—199. 

**) Vgl. Von dem Einfluss und Gebrauche der Einbildungs-Krafft 1727, pg. H, wo 
der „Engelländische Zuschauer No. 416" citiert wird; in der französ. Ausg. Bd. IV, No. 47. 

**) Ploravere suis non respondere favorem Speratum meritis Hör., Ep. II, 1, 9. 

**) Essay of Human Understanding. 

^'') Spect. 411: Our sight is the most perfect and most delightful of all our senses. 
It fills the mind with the largest variety of ideas, converses with its objects at the greatest 
distance, and continues the longest in action without being tired or satiated with its proper 
enjoyments. 

*®) Spect. 411: . . . by this faculty a man in a dungeon is capable of entertaining 
himself with scenes and landskips, etc. 

") Spect. 416, zweite Hälfte. 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 373 

«>) Spcct 418, Mitte. 

«*) Dabei pg. 49 Citat aus Addison. 

") Spect 412, Anfang. 

«») Brief in Trogen. 

*♦) Weitere Entlehnungen aus dem Englischen finden sich in der Schrift „Von dem 
Einfluss und Gebrauche der Einbildungs-Krafft* : pg. 209 die Bemerkung Steele's über 
Tcrcnz, Spect. No. 502; pg. 212 der Brief Shalum*s an Hilpa von Addison, Spect. No 584; 
pg. 225/26 Übersetzung von Stellen aus Addison^s Cato. 

**) Antipatriot pg. 5: die Geschichte von Coverly's Bild als Wirtshauszeichen nach 
Spect. No. 122; pg. 6 werden zwei Verse aus Butler*s Hudibras angeführt; pg. 4/ : Hinweis 
auf Spectateur 1, No. 49 = No. 62 des Originals; pg. 116 ff. wird das 34. Stück des 
Patrioten als Plagiat aus dem französ. Spectateur III, 42 = No. 281 des Originals nach- 
gewiesen; ebenso pg. 150 das 7* Stück der Tadlerinnen als geborgt aus dem französ. 
Spect. IV, 62 und 63; pg. 137 ist das Gesicht des Mirzah aus Spect. No. 159 herüber- 
genommen. 

••) s. Bächtold, Einleitung zu : Vier kritische Gedichte von J. J. Bodmer. Heilbronn 
1883. Seufferts Deutsche Litteraturdenkmale des 18. Jahrhunderts, No. 12. 

*') Vgl. Bächtolds Ausgabe pg. 41. 

"•) Von dem Einfluss und Gebrauche der Einbildungs-Krafft pg. 154. 

") Battle of the Books in Swift's Works edited by Hawkesworth. London 1755. 1, 2S2. 

•®) Vers 481 ff.; vgl. Anm. auf pg. 43 der Bächtoldschen Ausgabe. 

•*) Citat auf pg. 50 aus Spect. No. 418. — Milton erwähnt pg. 45. 

»«) Par. Lost IX, 896 ff. 

••) Critische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie, 1/40, pg. 195. 

»♦) Ebenda pg. 194-196 und 190. 

•*) Kächtold. Geschichte der deutschen Litteratur in der Schweiz, pg. 550; vgl. 
auch Braitmaier, Geschichte der poetischen Theorie und Kritik von den Diskursen der 
Maler bis auf Lessing. I, 154. 

»•) Epist. II. 2, 77. 

•■^ pg. 19/20 zu vergleichen mit Spect. No. 414. 

••) In den „Grit. Betrachtungen über die poet. (remählde der Dichter'' wird auf Milton 
Bezug genommen pg. 25, 78, 79. 110, 119, 165, 232, 581, 583 ff., 591, 59/. 

") Von Budgell. 

*0) No. 419, französ. Ausgabe IV. 50. 

**) pg» 358; es handelt sich um die Verse 99—106. 

") No. 400, 523 etc. 

**) „Expose no single fop but lay the load | More equally, and spread the foUy broad; | 



374 TH. VETTER 

Mere coxcombs are too obvious: oft we see | A fool derided hy as bad aa he.** Works of 
John Sheffield, etc. in 2 vols. London 1/40. I, 140. 

**) In den „Grit. Betrachtungen" wird pg. 443 auch noch Swifts Fabel ,Ay and No* 
in Hagedoms Übersetzung erwähnt. 

*^) Miltons Verlust des Paradieses. 1732 pg. 5 und 10. 

**) Grit. Abhandlung von dem Wunderbaren etc. 1740 pg. 6 und 246. 

*'^) Neue Erzählungen verschied. Verfasser 1747 pg. 36. 

**) Neue Aufl. obiger Schrift pg. 65. 

*•) Zürich als Vermittlerin englischer Litteratur. Zürich 1891, pg. 16 ff". 

'^) Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft I, 3 (1865); S t ahr in der National- 
zeitung vom 23. April 1864; H. von Friesen, Briefe über Shaksperes Hamlet. Leipzig 
1864, pg. 164. 

^*) Abgedruckt in: Hans Bodmer, die Anfange des zürcherischen Milton, pg. 193. 

^*) Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft I, 337—340 (1865). 

**) Das harte Urteil Kobersteins aus dem Jahre 1865 wirkt immer noch fort; siehe O. 
Seidensticker in der hübschen Übersicht: English and German Literature in the 18. 
Gentury. Poet-Lore II, 169. New York 1890. 

**) Zürich als Vermittlerin etc. pg. 17. 

^^) Aus No. 285, in der französ. Ausgabe Vol. VII, No. 6 und 7, finden sich Stellen 
auf pg. 79 und 1 19. 

^*) Die pg. 130 genannte Übersetzung von „Popens Versuch von dem Men- 
schen** wird diejenige von B. H. Brockes sein. 

") Vers 27 und dazu die Popesche Anmerkung. 

**) Bei Anlass dieser immerhin sonderbaren Wiedergabe englischer Eigennamen weise 
ich noch auf eine Form hin, die ich nicht erklären kann : Bodmer spricht wiederholt von 
„Dantes" im Nominativ. So in den „Grit. Betrachtungen von den poetischen Gemähide n 
der Dichter" 1741 pg. 43: „Der Florentinische alte Poet Dantes"; ebenso pg. 81, 586 und 
öfter. Auch in den „Neuen Grit. Briefen** 1749 pg. 94, 163. Und doch war der Name 
„Dante" Bodmer so geläufig, zumal seit dem Briefwechsel mit Galepiol 

^») Die Blätter No. 19, 84, 86, 88, 89, 90 und 94. 

^^) Nicht „Spectator", wie aus Versehen bei Bächtold, Gesch. der deutsch. Litteratur 
in der Schweiz 533 steht. 

®*) The Dispensary. A Poem in Six Ganto*s. By Sir Samuel Garth. Mir liegt vor: 
The 14^ edition. Glasgow 1750. 

♦'2) Etwa 1900 Verse in VI Gantos geteilt. 

•'•*) Auch ein moderner Kritiker — Edmund Gosse — wählt als Beispiel die gleiche 
Stelle: History of Eighteenth Gentury Literature. London 1889 pg. 34. 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 375 

•♦) The old hen and the cock. Fahles by John Gay. Paris 1800, pg. 39, No. XX. 
Die ^Erzählung von der neuen Eva*^ hat als Quelle Caesarius von Heister- 
bach, in dessen „Dialogus miraculorum** (ed. Strange, Coloniae 1851) sich unter „Distinctio 
quarta, de tentatione, cap. LXXVl" sich folgende Geschichte findet: 

De uxore militis, quae tentatione victa paludem a marito 
prohibitam intravit. 

Henricus de Wida miles Cuit dives valde, potens et nominatus, ministerialis Henrici 
Ducis Saxonum. Ad huc plures vivunt, qui illum noverunt, et rei, quam recitaturus sum. 
forte recordantur. Habebat enim uxorem nobilem ac dilectam. Die quadam cum sermo 
inter eos haberetur de culpa Evae, coepit illa, ut mos est mulieribus, eidem maledicere et 
de inconstantia iudicare animi, eo quod pro modico pomo, gulae suae satisfaciens, tantis 
poenis ac miseriis omne genus humanum subdidisset. Cui maritus respondit: Noli illam 
iudicare. Tu forte in tali tentatione simile fecisses. Ego volo tibi aliquid praecipere. quod 
minus est, et propter amorem meum minime poteris custodire illud. Respondente illa : Quod 
hoc est mandatum? ait miles: Ut die illa qua balneata fueris, paludem curiae nostrae non 
ingrediaris nudis pedibus. Aliis diebus, si übet, intres. Erat enim aqua putens et fimosa, 
«X totius curiae sordibus collecia. Illa subridente, et praecepti transgressionem etiam 
abhorrescente, subiunxit Henricus: Volo ut poenam addamus. Si tu fueris obcdiens, 
quadraginta marcas argenti a me recipies; sin autem, totidem mihi solves. Et bene plaruit 
ei. nie vero, ipsa ignorante, secretos custodes paludi adhibuit. Mira res. Ab illa hora 
matrona tam honesta et tam verecunda nunquam per curiam transire poterat, nisi ad 
praedictam paludem respiceret. Et quotiens balneabatur, totiens graviter de eadem palude 
tentabatur. Die quadam exiens de bulneo, dixit pedissequae suae: Nisi ingressa fuero 
paludem illam, moriar. Statinique succingens se, cum circumspexisset, et neminem videret, 
separata comitante ancilla, aquam illam foetidam usque ad genua intravit. et huc illucque 
deambulando, bene concupiscentiae suae satisfecit. Quod statim nunciatum est marito eius. 
lUe gaudens, mox ut eani vidit, ait : Quid est, domina ? Fuistisne hodie bene balneata ? 
Respondente illa: Fui; adiecit: In dolio, vel in palude? Ad quod verbum confusa tacuit, 
sciens eum suum excessuni non latere. Tunc ille: Ubi est, domina mea. constantia vestra, 
obedientia vestra, iactantia vestra ? Eva vilius tentata fuistis, tepidius restitistis, turpius 
cecidistis. Reddite ergo quod debetis. Et cum non haberet illa quod solveret, omnia 
vestimenta eius pretiosa tulit, et per divcrsas personas distribuit, sinens eam per aliquod 
tempus bene torqueri. 

Bodmer giebt hievon (Mahler der Sitten II, 441-443) eine beinahe wörtliche Über- 
setzung; poetisch wurde der Stoff zunächst bearbeitet von Du C-erceau unter dem Titel 
„La nouvelle Eve. Histoirc'* (Tocsies divt^rses du Pcre Du C'erceau. Amsterdam 1749, pg. 
234-241). — Das breit ausgeführte (Jegenstück „Der neue Adam** (Mahler der Sitten 11, 



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riA^^Ar^rr. ^Z-ir-^iri. ** . Karz .7^^. riazeti-in-* '**'»rk.-* 5. :'j5» brtagt Bodmrr ein Gtexchms 

^^ X*. ir. der Scadtbi'/i:-iiek Zlrlrh- O.e Wir^iung der Bo<2merscim l»Tdaran^ war. 
-ia-w r^ar.s^» r-a.-::! dcrr. Lorbeer d»?» drarza.tffch-»:: TXrhter» Lüstern wTzr«£e: ^Ich habe micli 
«trrjif^i.-.h er.tAchIo*ier.- -a.:h ihrer Ar.Treäur.g. die ich erwarte. Tranenpieie o<fer Tiefaiielir 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 3/7 

Tragödieii zu verfertigen. Ich habe im Sinn eines zu verfertigen unter dem Titel Jonatan 
oder die Freimdschaft^ Brief vom 1. Mai 1746. 

^ Hagedoms Name, von ihm selbst geschrieben, steht auf dem Exemplar der Zürcher 
Stadtbibliothek der ^^Observations on Poetry, Especially the Epic: Occasioned by the Late 
Poem upon Leonidas. London 1738," Verfasser ist Henry Pemberton. 

^») Es sind die Nummern 8, 45 und 29 der „Fahles by John Gay«*. Paris 1800. 

'«) Vgl. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Zürich 1898, zu welchem ich jetzt allerlei 
zu ergänzen habe, seit mir die — der Stadtbibliothek Zürich verlorenen — Critischen Briefe 
zu Gesicht gekonunen. 

«) No. 58, 59, 60 (pg. 402—428): Von der schweren Kunst zu tadeln; No. 75, 76, 77 
(pg. 507 — 535): Ob der allgemeine Beyfall die Vollkommenheit einer Schrift beweise; No. 
78 (pg. 535 — 542): Von einem Urtheil, das nichts als witzig ist — sind „Eubulus" unter- 
zeichnet und stammen von Martin Künzli. 

'*) Bodmers Persönliche Anekdoten, hg. v. Theod. Vetter. Zürcher Taschenbuch 
1892. pg. 118. 

''*) No. 61 (pg. 429 — 442): Abgesonderte moralische Einfälle. Vgl. Neujahrsblatt der 
Stadtbibl. Zürich 1898, pg. 14. 

''•) Vgl. Knut Gjerset, Der Einfluss von Thomsons „Jahreszeiten** auf die deutsche 
Literatur des achtzehnten Jahrhunderts. Heidelberger Diss. 1898. 

") Briefe der Schweizer Hodmer, Sulzer, Gessner, hg. v. Körte. Zürich 1804. 

™) Man vergleiche den Schluss von Bodmers Vorwort. — Die Übersetzungen sind : 
L pg» 75—82. Lavinia = Thomsons Autumn 177 — 310. Nur wenig weggelassen; 
im Ganzen genau und gut übersetzt. 

2. pg. 82 — 85. Dämon = Thomsons Summer 1268 bis ca. 1330. Sehr frei, mit 
Weglassungen und Abänderungen. 

3. pg. 85 — 88. Celadon und Amali a = Thomsons Summer 1 171 — 1222. Genau 
übersetzt. 

Es ist mir wohlbekannt, dass A. Sauer diese Übersetzung Bodmer zuschreibt — siehe 
dessen Vorrede (pg. VI) zum Neudrucke in den Deutschen Litteraturdenkmalen des 18. und 
19. Jahrhunderts No. 22 — , aber die ausreichende Begründung dieser Ansicht fehlt mir 
einstweilen. 

'•) Critische Lobgedichte und Elegien. Zürich 174/. pg. 122, Vers 85 ff. 

^) Tn der hübschen Schrift von Johannes Barns torff, Youngs Nachtgedanken und 
ihr Einfluss auf die deutsche Litteratur. Bamberg 1895 wäre das nachzutragen. Erst nach- 
träglich sehe ich auch, dass Brief XXXV, pg. 2S7— 289 inhaltlich aus Young, Night II, 
462 — 538 entnommen ist. 

48 



378 TH. VETTER 

") Vgl. Goedeke, Gnindrisz 11«, 420 No. 27: Ein Schön New Lied, Von einem 
Körblem acher. In des Römers gesangweyß. 

*') Ein fafnacht spiel, mit 6 personen zw spielen vnd halft : Der kremer korb. Hg. 
V. E. Goetze, Halle 1886: Hans Sachs, Zwölf Fastnachtspiele aus den Jahren 1554 bis 1556, 
pg. 41—62. 

*•) Bei Goetze pg. VII; auch bei Goedeke 1. c. 

**) Samuel Wesley, Poems on several occasions. 2. edition, Cambridge 1743, pg. 
287—294. 

**) Alexander Pope, Pastorais. I. Spring, v. 69 sqq. 

««) Vgl. Englische Flüchtlinge in Zürich etc. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek 1893, 
pg. 19. 

*"') Von den Grazien des Kleinen. In der Schweiz 1769, pg. 4. 

**) Ebenda pg. 10. 

*») Ebenda pg. 13. 

»<>) Siehe pg. 320 und Anmerkung 13. 

•*) Brief vom 28. Januar 1724, abgedruckt bei Hans Bodmer, Die Anfänge des 
zürcherischen Milton, pg. 190 ff. 

»«) Ebenda pg. 197. 

»*) Moritz Füssli an Huber in St. Gallen. Dat. Zürich, 25. Jan. 1725, abgedruckt bei 
Josephine Zehnder-Stadlin, Pestalozzi. Gotha 18/5, pag. 235. 

»*) Zell weger an Bodmer, 1. Okt. 1724. Ms. in Zürich. 

•*) Gustav Jenny, Miltons Verlornes Paradies in der deutschen Literatur des 18. 
Jahrhunderts. Leipziger Diss. St. Gallen 1 890 ; und B ä c h t o 1 d , Geschichte der deutschen 
Literatur in der Schweiz, pg. 541 — 544. 

•«) Vgl. Jenny pg. 23. 

•■^) Bescheidenere Urteile Bodmers s. Sammlung der zürch. Streitschriften etc. Neue 
Ausgabe. Zürich 1753. Bd. II, Stück VI, 56. Vgl. auch: Zürich als Vermittlerin etc. pg. 6 ff. 

9«) Brief Zellwegers an Bodmer dat. 23. Aoüt 1724. Stadtbibl. Zürich. 

••) Tome II, 414: [Hudibras] C'est le titre et le principal personnage d'un fameux 
poeme anglois, qui contient une satire fine et piquante contre la r^bellion de Cromwell, 
les Ind^pendans, les Fanatiques et autres qui suivirent son parti. 

*<^) Bodmers Brief vom 12. Januar 1729 an Johann Michael von Löen; s. Blätter für 
literar. Unterhaltung 1856, pg. 34. — Die Übersetzung des Hudibras wird besprochen: 
Gottscheds Beiträge 5, 167 (1737); warum Bodmer das Werk nicht zu Ende geführt, sucht 
er zu erklären in einem Briefe an Zellweger, 22. Juli 1 747. Vgl. Bächtold, Gesch. d. deutsch. 
Litt, in d. Schweiz. Anm. pg. 1 75. 

^^^) Siehe Brief von J. U. König an Bodmer, dat. Leipzig, den 30. April 1725: 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 37^ 

AngUa I, 460. und Blätter für literar. Unterhaltung 1856. 32. Vgl. Bächtold. Geschichte etc., 
Anni. pg. 181. 

^^) Das Exemplar der Stadtbibliothek trägt Hagedoms Namenszug. 

*~) Edmund Gosse, History of Eighteenth Century Literature. 1889, pg. 136. — 
Ich wäre nicht im Stande, der Dichtung das gleiche Zeugnis auszustellen, sie erscheint mir 
bei aller äussern Glätte inhaltlich plump und roh. 

*^) Zweifel gegen die Ächtheit der Kaledonischen Gedichte erhoben, in Bodmers 
Apollinarien hg. von G. F. Stäudlin. Tübingen 1783, pg. 357 — 366. 

"*) Vgl. Goethe-Jahrbuch Bd. V, 215 (1884) und Zürich als Vermittlerin etc. pg. 13 ff. 

io6j Vgl. H. F. Wagener, Das Eindringen von Percys Reliques in Deutschland. 
Diss., Heidelberg 1897. 

i<") Wagener, 1. c. pg. 47. 

*^) Addison, Miscellaneous Works. In 3 vols. London 1736. I, 78. 

>•») Critische Lobgedichte und Elegien. 1747, pg. 69. 

"*) Addison, ebenda pg. 45. 

"») Crit. Lobgedichte etc. pg. 14. 

"•) Vgl. Noah IX, 584. 

**•) Grundriss eines epischen Gedichtes von dem geretteten Noah. In der Sammlung 
critischer, poetischer, und andrer geistvollen Schriften. 1742. IV, 1 — 17. 

"*) Gesang IV, 700 ff. Ich zitiere nach der Ausgabe von 1752. 

»») Milton, Par. Lost VIII, 510. 

»«) Obgleich kein Bewunderer dieser Art der Litteraturbehandlung glaube ich doch 
durch einen Gesamtüberblick der Parallelstellen im Noah und in den Nachtgedanken nach 
Eberts Übersetzung (Braunschweig 1760—69) vielleicht da oder dort einem Litterarhistoriker 
die Mühe eigener Nachprüfung zu ersparen. Dass auch hier die Zitate sich noch vermehren 
Hessen, scheint mir zweifellos; aber ich- mache keine Versuche es zu thun. 
Bodmers Noah (Ausgabe von 1752). 
II, 647 — 650. Ehe der Mensch die Helfte der fliehenden Jahre gemessen, 
Hat er allen verschiedenen Reitz der Wollust genossen; 
Keine Wollust, die noch die Anmuth der Neuigkeit hätte I 
Sondern er muss sich mit Aufwärmen der alten behelfen. 

V o u n g*s Night-thoughts. 
111,317 — 321. Ere man has measur'd half his weary stage, 
His luxuries have left hini no reserve, 
No maiden relishes, unbroacht delights ; 
On cold-serv'd repetitions he subsists. 
And in the tasteless present chews the past. 



380 TH. VETTER 

Ganz anders wirkt die Tugend: 

Noah II, 652—657. Die in das gleichgestaitete Leben Verschiedenheit bringet. 
Bey den Seelen, die an den Stralen der Tugend erwärmen, 
Hängt sich kein Ecke! an das, worfur das Herz ihnen pochet 
Jeder kommende Morgen sieht ihr gutartig Gemüthe 
Durch die Hoffnung des Himmels entflammt sich höher erheben. 
Jeglicher Tag, der kömmt, bringt ihnen ein eigenes Neues. 

Night III, 385—389. Nothing hangs tedious^ nothing old revolves 

In that, for which they long; for which they live. 
Their glorious efforts, wing'd with heavenly hope, 
Each rising morning sees still higher rise; 
Each bounteous dawn its novelty presents, etc. 

Noah II, 679—680. Dort glüht goldene Frucht auf ambrostalischen Ranken 
Im vollkommensten Glanz und reift für redliche Herzen. 

Night I, 141 — 142. What golden joys ambrosial clust*ring glow, 
In his füll beam, and ripen for the just. 

Noah II, 693—702. Gebet der Zeit nicht die Sorgen, die ihr der Ewigkeit sollet; 

Macht nicht aus diesem Leben das Ziel von eurer Erschaffung u. s. w. 
Night III, 405—417. We give to time eternity's regard; 

And, dreaming, take our passage for our port, etc. 

Noah II, 697 — 699. Mässigt die Lust — — — — umfasset die Freuden, die dauern. 

Wenn die Zeit nicht mehr ist. 
Night 1, 340 — 341. Beware what earth ealls happiness; beware 

All joys, but joys that never can expire. 

Noah II, 704 — 706. (Die Engel, die) in dem selgen Genuss doch an die Menschen gedenken. 

Für sie besorgt, in ihren Geschäften ist Raphael öfters 

Vom Olympe gestiegen. 
Night IV, 543 — 546. Nor are our brothers thoughtless of their kin, 

Yet absent; but not absent from their love. 

Michael has fought our battles; Raphael sung 

Our triumphs. 

Noah II. 734 — 735. (Die Engel) sind auch Menschen, allein von höherm Adel gebohren ; 

Menschen mit hellerm Gewand bekleidet, durchsichtig und leuchtend. 
Night IV', 533 — 534. Angels are men of a superior kind; 

Angels are men in lighter habit clad. 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 



381 



Noah 111, 844—849. du (Sipha) hast Töchter, den Ausbund der weiblichen Tugend; 

Sie hat der Himmel beschenkt mit seinen lieblichsten Gaben, 
Sanfbnuth und Huld, und mit der Weisheit, dem männlichen Vorrecht 
Diesen Kranz von unschuldigen paradiesmässigen Fruchten 
Banden wir oft in unsern mit Kühnheit wünschenden Herzen 
In ein Gebund zusammen. 

Night III, 94 — 96. Song, beauty, youth, love, virtue, joyl this group 
Of bright ideas, flowVs of Paradise, 
As yet unforfeitl in one blaze we bind. 

Noah IV, 39 — 40. Einsam fürchtet^ ich sonst, es möchten meine Gedanken, 
Wie die Waar, der die Luft gesperrt ist, erstiken. 

Night II, 467 — 468. Good sense will stagnate. Thoughts shut up, want air, 
And spoil, like bales unopenM to the sun. 

Noah IV, 43 — 44. Ehmals erschlich uns der Abend an Perats kühlendem Ufer, 

Wenn wir in freundlichem Streit der tiefen Wahrheit nachspürten. 

Night II, 451 — 452. How often we talk*d down the summer's sun, 
And coord our passions by the breezy streaml 

Noah IV, 301 — 304. (Ewiger 1) der unerschaffen die Ewigkeiten bewohnet; 

Einer, in dessen Geist ungebohren die Schöpfung gewohnet. 

Und der verschiedene Zufall der Dinge zugegen gewesen. 

Als sie noch künftig waren u. s. w. 
Night V, 98 — 101. Great antemundane father! in whose breast 

Embryo creation, unborn being, dwelt. 

And all its various revolutions roll'd 

Present, tho' future. Cf. VI, 663—664. 

Noah IV, 306—308. (Der Ewige) hiesch mich dem Dunkel, 

Hiesch mich der Nacht, die nicht zeugt, worinn ich tiefer versteckt lag. 

Als die Würmer im Staub u. s. w. 
Night IV, 140—142. (The Creator's) all-prolific beam late call'd me forth 

From darkness, teeming darkness, where I lay 

The worm's inferior, etc. 

Noah IV, 338—339. (Der erbarmende (Jott) nahm das Erbe der Menschen 

Auf sich, und wälzte den Herg von einer sündigen Welt ab! 

Night IV, 182—183. He seiz'd our dreadful right; the load sustain'd; 
And heav'd the niountain from a guilty world. 



382 TH. VETTER 

Noah ly, 421 — 423. Wenn ich selber mit Stralen des Lichts umkränzet seyn werde, 
Wird mein Gemöth die Art des Spiegels bekommen, darinnen 
Werd ich die göttlichen Wunder in ihren Tiefen erblicken u. s. w. 

Night VI, 156—160. In an etemity, what scenes shall strikel 

What webs of wonder shall unravel, therel 
What füll day pour on all the paths of heaven, 
And light th* Almighty^s footsteps in the deepl etc. 

Noah IV, 431. (Vom Tode erwarte ich das, was) 

— die Arbeit und Hoffnung zu mehr als schönem Gespinst macht u. s. w. 
Night III, 518—519. Rieh Death, that realizes all my cares, 

Toils, virtues, hopes — — etc. 

Noah IV, 445 — 447. (Sipha beim Hinschiede seiner Gemahlin:) 

Meine Gestorbene macht die Wege zum Hause des Todes 

Ebner, so sagt' er, sie hebt den Riegel, den Schrecken, den Abscheu, 

Die die Natur vorgelegt. 
Night III, 281 — 284. Our dying friends are pioneers, to smooth 

Our rugged pass to death; to break those bars 

Of terror, and abhorrence, nature throws 

Gross our obstructed way. 
Noah IV, 522, 23, 26. (Ich war) nicht allein, nicht hoher Gesellschaft beraubet, 

Bey mir war die Vernunft, die schützenden Engel, der Hinmiel. — — 

Wünscht' ich den Vierten, so wars ein Freund — — 
Night III, 9. 10, 17. — — — — Communion large, and highl 

Cur reason, guardian angel, and our God! — — 

Or if we wish a fourth, it is a friend. 
Noah IV, 548. — — — Nur der ist allein, der sich fremd ist. 

Night III, 19 Alone indeed, the banisht from himself. 

Noah IV, 553 & 554. Sollen die strengen Gedanken nicht in der Irre verwildem, 

Muss sie der Umgang des Freunds zu rechte weisen und sammeln. 

Night II, 491 & 504— 505. Rüde thought runs wild in contemplation*s field. 
Friendship, the means of wisdom, richly gives 
The precious end, which makes our wisdom wise. 

Noah IV, 555—558. Sipha du hast mich selbst den Werth des Kleinods gelehret, 

Das ein Freund in sich fasst; „Wie die Bienen Nektar in Blumen, 
Also sauget der Mensch in der Freundschaft Weisheit und Freude, 
Zwillinge von der Natur verknüpft, die geschieden bald sterben.** 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 383 

Night II, 462 — 465. Know'st thou, Lorenzol what a friend contains ? 
As bees mixt Nectar draw from fragrant flowVs, 
So men from friendship. wisdom and delight; 
Twins ty'd by nature, if they part, they die. 

Noah IV, 561 — 562. Aber die schönste Frucht der Freundschaft ist Unschuld und Tugend, 
Welche sich bei der eifernden Glut des Freundes entzünden. 

Night II, 528—529. Of friendship's fairest fruits, the fruit most fair 
Is virtue, kindling at a rival fire. 

Noah IV, 577—580. Für die Kinder sind ihrer Vorältern Fehler verlohren. 

Unbesorget für sich, mit ruhigen Sinnen, wünscht mancher 

Als ein getreuer Sohn mehr Weisheit dem Vater; er selber 

Säumt sich von Jahr zu Jahr des Vaters Sünden zu lassen. 
Nightl, 412— 417. 421. When young, indeed. 

In füll content we, sometimes, nobly rest, 

Unanxious of ourselves; and only wish, 

As duteous sons, our fathers were more wise, 

At thirty man suspects himself a fool; 

Knows it at forty, and reforms his plan — — 

Resolves, and re-resolves; then dies the same. 

Noah VI, 626— 627. Aber was würdigers bleibt von meiner gestorbenen Freundinn; 

Balsamische Lehren der Wahrheit, und heilende, hohe Gedanken. 
Night III, 262— 263. There let my thought expatiate; and explore 

Balsamic truths, and healirtg sentiments. 
Noah VI, 636. Also emdtete Milca vom Tod der seligen Ereundinn 

Himmlische Frucht u. s. w. 
Night III, 2/1. This harvest reap from thy Narcissa's grave. 

Noah VI, 640—642. Diese vortreffliche Frucht — 

— hat der brittische Barde mit vollen Händen gesammelt. 
Der im Schatten des Kirchhofs den Staub Philanders gesungen u. s. w. 
Bezieht sich natürlich auf Youngs ganze Dichtung, speziell jedoch 
auf II, 12 — 22 (ursprüngliche Fassung). 

Noah VII, 314—315. (Eine Seligkeit) 

Gegen die selbst die hcllesle Lust des irdischen Lebens, 

Die aus ihr fernher fleusst. ein blasses verwelkendes Licht ist. 

Night III, 430 — 431. Her (the Earth's) joys, at brightest, pallid, to that fönt 
Of lull etVulgciit glory, whencc they flow. 



384 TH. VETTER 

Noah VII,-325— 327. Hat die Erde noch Werth für die den Himmel recht schätzen? 

Wo uns die Ruh in Lauben des festlichen Friedens erwartet, 

Nektar funkelt, die Engel zu uns freundtschaftlich sich halten. 
Night III, 482-^484. Lorenzo! blush at terror for a death, 

Which gives thee to repose in festive bowers, 

Where nectars sparkle, angels minister. 
Noah VII, 330—333. — o wie schmal ist die Gränze 

Von den Lebenden zu den Todten hinüber 1 Sind^s Jahre, 

Sind*s Jahrhunderte gleich, so sind's Minuten und mehr nicht. 

Gegen der unermässlichen Ewigkeit Langen betrachtet. 
Night 111, 433—43. A good man, and an angel! These between 

How thin the barrier? What divides their fate? 

Perhaps a moment, or perhaps a year; 

Or, if an age, it is a moment still; 

A moment, or eternity's forgot. 
Noah VII, 345, 347 — 349. Sollte der schwachen Natur verwehrt sein, in Thränen zu schmelzen, 

— — Ob die Erwartung des Lebens in helleren Auen gleich lehret, 

Dass man die Todte glückseliger preis^ und festliche Kränze 

Auf ihr Grab im Triumph verstreue? 
Night III, 493—496. (At my funeral) Where feeble nature drops, perhaps, a tear, 

While reason and religion. better taught, 

Congratulate the dead, and crown his tomb 

With wreath triumphant. 
Noah VII, 394 & ff. Das Leben des Menschen 

Ist zwar ein Sieg des Staubs u. s. w. 
Night III, 468 sqq. Life is the triumph of our mouldVing clay, etc. 

Noah VII, 551—553 u. 566—570. Die Verherrlichung des Todes nach Young, Night III, 512—517. 
Noah VII, 645—646. Aber ob meinen Staub die Winde gleich streitend verwehen, 

Werd ich von ihren Fittichen ihn einmal wieder begehren. 
Night III, 523 & 525, Tho' the four winds were warring for my dust 

Yes, and from winds — my dust too I reclaim. 
Noah VII, 673. (Krankheiten) die an den Nerven reissen, den zarten Saiten des Lebens. 

Night III, 490, (Disease) that plucks my nerves, those tender strings of life. 

Noah XI, 549 — 550. Diese Geschöpfe nach Gottes Ebenbilde geschaffen, 

Itzt in die Klüfte der Berge versenkt, des Tagliechts enterbet u. s. w. 
Night I, 244 — 245. God's image, disinherited of day, 

Here, phing'd in niines, forgets a sun was made, etc. 



J. J. BODMER UND DIE ENGLISCHE LITTERATUR 385 

Noah XI, 556 — 559. Aber der Schmerzen ergreift nicht bloss die rasenden Schaaren, 
Die ihn durch eigne Schuld auf ihre Häupter einladen; 
Selbst die Massigkeit kann nicht von der Krankheit beschützen, 
Noch die Unschuld vom Anfall der Strafe retten. 
Night I, 266—269. Happyl did sorrow seize on such alone. 
Not prudence can defend, or virtue save; 
Disease invades the chastest temperance: 
And punishment the guiltless. 
Noah XI, 567—570. Aber Gott hat in diesen irdischen Wirbel die Wahrheit 

Hoch von den Wolken gesandt, die bracht in der Linken dem Menschen, 
Diese Welt, in der Rechten die künftige her. Der Gerechte 
Nimmt den Himmel von ihr und lässt die Erde fortwälzen. 
Night IV, 350—552 & 561—562. Descending from the skies 

To wretched man, the goddess in her left 

Holds out this world, and, in her right, the next. 

-- His band the good man fastens on the skies. 
And bids earth roll, nor feels her idle whirl. 
*") Barnstor ff, Youngs Nachtgedanken etc. Bamberg 1895, erwähnt (pg. 56) noch 
folgende Stellen: Sündflut (nach dem Neudruck in der Calliope I, 91) V, 126 = Night IX, 
389 = Joseph I, 61—63; Rede der sterbenden Rahel V, 350 = Night IV, 135—137; Jakobs 
Worte am Leichnam der Rahel = Night III, 316—324 und 373—395. — Aus Youngs Nacht- 
gedanken stammen endlich auch — nach Bodmers eigenen Angaben — verschiedene Stellen 
in dessen Trauerspiel Johanna Gray (1761) Seite 77, 89, 94. 

"*) Vgl. meine Abhandlung : Die göttliche Rowe. Zürich 1894. 
"•) Charakter der deutschen Gedichte. Am Schlüsse. 
"®) s. Zürich als Vermittlerin, pg. 13. 
'") Vgl. Bächtold, pg. 616—618. 
>") Vgl. Bächtold, pg. 639 f. 

"•) Vgl. diese Denkschrift pg. 123/24 und Bächtold, pg. 640. — Wenn man in Betracht 
zieht, dass Wieland zu der Zeit, als Bodmer für seine Dramen Shakespeare so erbärmlich 
auszuschlachten begann (Winter 1756/5/), in Zürich weilte, so wird man kaum geneigt sein, 
Wielands Bekanntschaft mit Shakespeare lediglich auf Voltaire und Muralts Lettres sur les 
Anglais zurückzuführen, wie das durch M. Koch (Engl, Stud. 24, 318) und Simpson 
(Vergleichung der Wielandschen Shakespeare-L'bersetzung mit dem Orig. München 1898, 
pg« 7) geschieht. 

***) Für das kleine Epos „Maria von Braband" (17/6) weist Bodmer in den Fussnoten 
selbst wiederholt auf Othello und das Wintermärchen. — Maria, Gemahlin Herzog Ludwigs 

49 



386 TH. VETTER 

von Bayern, wird von dem Truchsess Isolred verleumdet, sie verkehre in verbrecherischer 
Weise mit dem schönen Jüngling Baude von Lillo. Der Herzog wird wütend darüber: 
^Ludwig blikte sie an; und: o du giftiges Unkraut, 
Rief er, warum ist deine Gestalt so lieblich gebildet, 
Warum giebst du den süssen Geruch, der die Sinne benebelt?** 
So tobt Othello gegen Desdemona (Akt IV, Sc. 2, Vers 65 ff.): 

— — — — — — — O thou weed, 

Who art so lovely fair and smelPst so sweet 

That the sense aches at thee, would thou hadst ne'er been borni 
Die Eifersucht, „das Ungeheuer von grünen Augen*» (pg. 67), bei Shakespeare ,the green-eyed 
monster" (Othello III. 3, 165) wird Ludwig zur Verzweiflung bringen: 

O wie wird dann die Ruh des Gemüths, die Stille der Seele 
Ihn verlassen, der Reiz nichts reizendes mehr für ihn haben ! 
Unmuth die Stirn ihm falten, und alles schöne verdunklen! 
Jeglichen Glanz der Feldschlacht, die seine Seele sonst schwellte, 
Ihr hochfliegendes Panner, die Muth erhöhnde Trompete, 
Unter dem Feldgeschrey das Wiehern der Rosse! — 
Ganz wie auch Othello von allem Schönen des Krieges sich verzweifelt wegwendet: 
— — — — — — — — O, now, for ever 

Farewell the tranquil mindl farewell content: 
Farewell the plumed troop, and the big wars, 
That make ambition virtue! O, farewell! 
Farewell the neighing steed, and the shrill trump, 
The spirit-stirring drum, the ear-piercing fife, 
The royal banner, and all quality, 
Pride, pomp and circumstance of glorious war! 
Das Verbrechen, das lago an Desdemona begeht, wird hier von Isolred an Maria 
begangen, und selbst das „Schnupftuch, gestikt mit goldenen Erdbeeren** (a handkerchief 
spotted with strawberries ; Othello III. 3) fehlt als Beweismittel nicht. 

Die Beteuerung der Unschuld wird wiederholt mit Worten des Wintermärchens gegeben : 
„Wenn die Herzogin untreu war, so haltet mich gleich falsch, 
Jede für falsch, in welcher ein Tropfe weiblichen Bluts fliesst„ (pg. 56) 
„For every inch of woman in the world, 
Ay, every dram of woman's flesh is false, 
If she be. (Winter's Tale II. l.) 
Und so zu verschiedenen Malen. — Die Geschichte selbst, in welcher die unglückliche 
Maria untergeht, wie Desdemona untergehen musste, hat Bodmer aus Meister Stolle geborgt. 



BIBLIOGRAPHIE 



DER 



SCHRIFTEN J. J. BODMERS 



UND DER 



VON IHM BESORGTEN AUSGABEN 



VON 



TU. VETTER 



Bibliographie. 



Schriften von J. J. Bödmen 

Die Nummern in [] nach den Ordnungszahlen — z. B. [III. 301] — sind die Signaturen 
der betreffenden Bücher in der Stadtbibliothek Zürich. 



1. [III. 301.] Die Discourse der Mahlern. Erster Theil. Zürich. Drückts 
Joseph Lindinner, 1721. Zweyter Theil 1722. Dritter Theil 1722. Die Mahler. Oder: 
Discourse Von den Sitten Der Menschen. Der vierdte und letzte Theil. Zürich, in der 
Bodmerischen Druckerey. 1723. — Vgl. Hans Bodmer, Die Gesellschaft der Maler in 
Zürich und ihre Diskurse. Zürcher Diss. 1895; Th. Vetter, Der Spectator als Quelle der 
Discurse der Maler. FVauenfeld 1887; Braitmaier, Geschichte der poetischen Theorie und 
Kritik von den Diskursen der Maler bis auf Lessing. 2 Bde. Frauenfeld 1888/89. 

Vom ersten Diskurse des ersten Teiles wurde später für den buchhändlerischen Ver- 
trieb ein Neudruck veranstaltet. Ein solches Exemplar befand sich z. B. in der Bibliothek 
des f Prof. Zarncke in Leipzig. 

Von Bodmer, Breitinger u. a. — Neue Auflage [III. 322 u. a.] : Der Mahler 
Der Sitten. Von neuem übersehen und starck vermehret. Zürich, verlegts Conr. Grell 
u. Comp. 1746. (Zwei Bände.) Zu dieser Ausgabe vgl. die Züricher Freimüthigen Nach- 
richten 2, 37 ff. (1745), 4, 257 f. (1747). — [Xlll. 1524 (2)]. Neudruck der Discourse durch 
Theodor Vetter in der zweiten Serie der Bibliothek älterer Schrittwerke der deutschen 
Schweiz 1891. Bis jetzt nur Teil I erschienen. 

2. [in. 302 u. III. 302a.] Von dem Einfluss und Gebrauche Der Ein- 
bildungs-Krafft; Zur Ausbesserung des Geschmackes; Oder Genaue 
Untersuchung Aller Arten Beschreibungen, Worinne Die ausserlesenste 
Stellen Der berühmtesten Poeten dieser Zeit mit gründtlicher Freyheit 
beurtheilt werden. Franckfurt und Leipzig 1727 (mit dem Schmutztitel: Vernünff- 
tige Gedancken und Urtheile Von der Beredsamkeit). — Von Bodmer und 
Breitinger. Am Schlüsse des Vorwortes steht: Der Verfasser dieses Werkes J. B. J. B. 

3. [III. 303.] Anklagung Des verderbten Geschmackes, Oder Cri- 
tische Anmerkungen t-ber Den Hamburgischen PATRIOTEN, Und die 



390 TH. VETTER 

Hallischen TADLERINNEN. [Motto aus Horaz Lib. II, Epist. 2.] Frankfurt und 
Leipzig 1728. (Mit dem Columnentitel : «Antipatriot**.) — Von Bödmen Vgl. Neue 
Zeitungen von Gelehrten Sachen 1728. Anderer Theil S. 871. Einzelne Abschnitte aus 
der Anklagung sind neu gedruckt in der Zürcher Sammlung crit. poet. und a. geistvollen 
Schrifften 1741 — 1744, so der Abschnitt von dem Sinnreichen und Scharfsinnigen in Stück 1, 
von der verblümten und possenhaften Schreibart in Stück 2, von den Dichtungen über- 
haupt in Stück 5. 

4. [IIL 304.] Johann Miltons Verlust des Paradieses. Ein Helden- 
Gedicht. In ungebundener Rede übersetzet. Zürich, Gedruckt bey Marcus 
Rordorf, 1732. (2 Teile. Der zweite [III. 304a], Buch 7—12, trägt den Titel: „Johann 
Miltons Verlust Des Paradieses'^. Für Deutschland Hess Bodmer auf dem Titelblatt als 
Druckort Frankfurt und Leipzig angeben). — Vgl. Gottscheds Beiträge 2, 292 — 305, von 
Gottsched; s. Brief von Clauder an Bodmer, Leipzig, 17* Juni 1732, Msc. der Stadtbibl. ; 
Leipziger Zeitung von gelehrten Sachen 1732 S. 702 ff. — 2. Auflage [IIL 304b]: Johann Miltons 
Episches Gedichte von dem Verlohrnen Paradiese. Uebersetzet und durchgehends mit An- 
merckungen über die Kunst des Poeten begleitet von Johann Jacob Bodmer. Zürich bey 
Conrad Orell und Comp. 1742. und Leipzig bey Joh. Friederich Gleditsch. Das erste 
Buch dieser Auflage steht auch in der Sammlung kritischer und poetischer Schriften (1741) 
1. Stück und zwar in dem gleichen Satz der zweiten Ausgabe. — 3. Auflage [III. 304cJ : 
Johann Miltons verlohrnes Paradies. Ein Episches Gedicht in zwölf Gesängen. Neu über- 
arbeitet, und durchgehends mit Anmerkungen von dem Uebersezer und verschiednen andern 
Verfassern. Zürich, verlegts Conrad Orell urtd Compagnie, 1754. Dazu Freimüthige Nach- 
richten 1754 S. 334 ff. — 4. Auflage: 1759 (mit gleichem Titel wie die dritte). — 5. Auf- 
lage [III. 304d.]: Johann Miltons verlohrnes Paradies. Verbesserte Uebersetzung. Zürich 
bey Orell, Gessner, u. Comp. 1769. — 6. Auflage [III. 304e.]: Johann Miltons verlohrnes 
Paradies. Verbesserte Uebersetzung. Zürich, bey Orell, Gessner, u. Comp. 1780. — 
J. U. Königs Brief an Bodmer vom 30. April 1725 in der Anglia, Zeitschrift für engl. 
Phil. 1, 460 ff. (1878), Bodmer an J. M. von Loen vom 12. Januar 1729 in den Blättern für 
lit. Unterhaltung 1856 S. 32. Vgl. Gust. Jenny, Miltons verlornes Paradies in der Literatur 
des 18. Jahrh. (Leipziger Dissertation 1890) S. 17 ff".; Th. Vetter, Zürich als Vermittlerin 
engl. Lit. im 18. Jahrh. (1891) S. 5 ff.; Hans Bodmer, Die Anfange des zürcherischen 
Milton (Studien z. Litt.-gesch. Michael Bernays gewidmet). Hamburg 1893, 179—199. 

5. [III. 30/.] EVERGETAE. Die Wohlthäter des Stands Zürich (5 BU. in Fol. 
o. O. u. J.). (1733, auf Statthalter Hofmeisters Erhöhung zum Consul. Am Schluss: Jo- 
hann Jacob Bodmer.) Wiederholt in den Schriften d. d. Ges. in Leipzig 3, 66 ff. und 
in den critischen Lobgedichten 1747. 

6. [III. 308 (4).] Character der Teutschen Gedichte (Motto aus Persius) 
o. O. u. J. (1734). Ueber die vier verschiedenen Ausgaben vgl. die Einleitung zu Bäch- 
tolds Neudruck in Seufferts deutschen Litteraturdenkmalen Nr. 12: Vier kritische Gedichte 
von J. J. Bodmer (1883). 

7. [III. 328 (3).] Elegie An Herren Doctor Haller, Auf Das Absterben 
Seiner Mari an e. O. O. u. J. (1737). — Von Bodmer. Wieder abgedruckt in der 
Helv. Bibliothek 6. Stück, S. 240 ff. (1741) und darnach bei L. Hirzel, A. v. Haller S. 334 ff.; 
ebenso in Hallers Gedichten seit der 3. Auflage. 



BIBLIOGRAPHIE 391 

8. [III. 309 u. III. 309a.] Helvetische Bibliotheck, Bestehend In Histo- 
rischen, Politischen und Critischen Beiträgen Zu den Geschichten Des 
Schweitzerlands. Zürich, Bey Conrad Orell und Comp. MDCCXXXV (l.— 3. Stück). 
4.-5. Stück MDCCXXXVL 6. Stück MDCCXLI. Von Bodmer und Breitinge r. Vgl. 
(Gustav Tobler) J. J. Bodmer als Geschichtschreiber (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek in 
Zürich 1891. Mit dem Porträt von Anton Graff). 

9. [III. 310 (2).] Brief-Wechsel Von der Natur Des Poetischen Ge- 
schmackes. Dazu kömmt eine Untersuchung Wie ferne das Erhabene im 
Trauerspiele Statt und Platz haben könne; Wie auch von der Poetischen 
Gerechtigkeit. Zürich, Bey Conrad Orell, und Comp. )736. — Von Bodmer und 
Calepio. Vgl. Leipziger Zeitung von gelehrten Sachen 1735 S. 773. Gottscheds Beiträge 
15. Stück S. 444 (1736). 

10. [III. 310 (3).] Versuch einer Deutschen Übersetzung von Samuel 
Butlers Hudibras, Einem Satyrischen Gedichte wider die Schwermer und Indepen- 
denten, zur Zeit Carls des Ersten. Franckfurt und Leipzig, 1737- — Von Bodmer. 
VgL Gottscheds Beiträge 5. 167 (1737). 

11. [in. 313 u. 313a.] Historische und Critische Bey träge Zu der 
Historie Der Eidsgenossen u. s. w. 1. — 4. Theil. Zürich, Verlegts Conrad Orell 
und Comp. 1739. — Von Bodmer und Breitinge r. Vgl, G. Tobler, Bodmer als Ge- 
schichtschreiber S. 21 ff. 

12. [III. 314.] Joh. Jacob Bodmers Critische Abhandlung von dem 
Wunderbaren in der Poesie und dessen Verbindung mit dem Wahrschein- 
lichen In einer Vertheidigung des Gedichtes Joh. Miltons von dem verlohrnen Paradiese; 
Der beygef üget ist Joseph Addisons Abhandlung von den Schönheiten in 
demselben Gedichte. Zürich, verlegts Conrad Orell und Comp. 1740. Vgl. Gottscheds 
Beiträge 6 (24. Stück), 652 ff.; Göttinger gelehrte Zeitungen 1740 S. 419 ff.; Leipziger 
Zeitung von gelehrten Sachen 1740 S. 339 ff. 

13. [III. 317.] Joh. Jacob Bodmers Critische Betrachtungen über die 
Poetischen Gemähide Der Dichter. Mit einer Vorrede von Johann Jacob Breitinger. 
Zürich verlegts Conrad Orell und Comp. 1741, und Leipzig bey Joh. Fried. Gleditsch. 1741. 
Vgl. Gott. gel. Ztg. 1741 S. 258 ff. 

14. [111.319 u. III. 319a.] Sammlung Critischer, Poetischer, und andrer 
geistvollen Schriften, Zur Verbesserung des Urtheils und des Wizes in den Wercken 
der Wolredenheit und der Poesie. Erstes— Zweytes Stück. Zürich, Bey Conrad Orell und 
Comp. 1741. Drittes bis Sechstes Stück 1/42, Siebendes— Eilfftes Stück 1743, Zwölfftes 
und leztes Stück 1 744. Von Hodmcr, Breitinger u. a. Vgl. Hallesche Bemühungen 
1. Bd. 1743 (ausführliche Besprechung); Kritische Versuche der deutschen Gesellschaft in 
Greifswalde 1. 510 ff., 2, 403 ff. — flll. 319c und d.| Sammlung der Zürcherischen Streit- 
schriften zur Verbesserung des deutschen Geschmackes, wider die Gottschedische Schule, 
von 1741. bis 1744. Vollständig in XII. Stüken. Neue Ausgabe. Zürich, Bey Conrad 
Orell und Comp. 1753. 2 Bde. 

15. [Gal. Tz 1033 (7)]. Schreiben an die C'ritickverst.indige (Gesell- 
schaft zu Zürich, über die Critischen Bey träge Hrn. Prof. Gottscheds. Zürich 1742. - 
Von einem Obersachsen. 



392 TH. VETTER 

16. [111.320(1)]. Critische Betrachtungen und freye Untersuchungen 
zum Aufnehmen und zur Verbesserung der deutschen Schau-Bühne. Mit 
einer Zuschrift an die Frau Neuberin. Bern 1743. (Enthält: Rosts „Vorspiel", critische Be- 
trachtungen über Gottscheds übersetzte Iphigenie von Racine, Lob der angenehmen Nach- 
lässigkeit in Gottscheds übersetzter Iphigenie, Critik über den fünften Aufzug der Iphigenie, 
Von der innerlichen Beschaffenheit des Gottschedschen Cato.) Vgl. Züricher Freimüthige 
Nachrichten von neuen Büchern 1744 S. 57 f. 

17. [III. 321a (2)]. Auf richtiger Unterricht von den geheimsten Hand- 
griffen in der Kunst Fabeln zu verfertigen. Dem Hr. Johann Wursten von Königs- 
berg mitgetheilt von Hr. Daniel Stoppen aus Hirschberg in Schlesien, und Mitgliede der 
deutschen Gesellschaft in Leipzig. Bresslau, Verlegts Johann Jacob Korn 1 745 (d. h. Zürich. 
Korn war der Verleger Stoppes gewesen); vgl. Freimüthige Nachrichten 6, 212 ff. (1749). 
Von Bödmen 

18. Beurtheilung der Panthea, eines so genannten Trauerspiels, nebst einer 
Vorlesung für die Nachkommen, und einer Ode auf den Nahmen Gottsched. Zürich 1746 
(wiederholt Köln 1746 und Halle 1/49). 

Von Breitinge r. Vgl. Lange, Sammlung gelehrter und freundschaftlicher Briefe 
(1769) 1, 122, 139; 2, 53; an dieser Stelle schreibt sich freilich Bodmer die Panthea, zu der 
er eben die Idee gab, selbst zu ; Schnorrs Archiv 4, 295 f. Seufferts Vierteljahrschr. 2, 33. 
Dagegen ist die angehängte Ode auf den Namen Gottsched von Bodmer; Lange a. 
a. O. 2, 53. 

19. i'ritische Briefe. Zürich, bey Heidegger und Comp. 1746. — Von Bodmer 
und Breitinger. (In Zürich nicht mehr vorhanden.) 

20. [III. 327.] J. J. B. Critische Lobgedichte und Elegien. Von J. G. S. 
besorgt. Zürich, Hey Conrad Orell und Comp. 1747. — Neue Auflage [III. 327a (4)]: 
J. J. Bodmers Gedichte in gereimten Versen, Mit J. G. Schuldheissen Anmerkungen; Dazu 
kommen etliche Briefe. Zweyte Auflage. Zürich, bey Conrad Orell und Comp. 1754. 
Bodmer an Zellweger 26. August 1753: „Orell hat meine gereimten Gedichte wieder unter 
die Presse geleget, Wieland wird eine Vorrede dazu schreiben.** Am 1 1. Nov. : Die neue 
Ausg. sei erschienen, bringe jedoch nichts Neues ai^sser einigen Verbesserungen und einer 
Zugabe von Briefen. Gott. gel. Anz. 1754 S. 270. 

21. [III. 328 (2)]. Alexander Popens Duncias mit Historischen Noten und 
einem Schreiben des Uebersezers an die Obotriten. Zürich, bei Conrad Orell und Comp. 1747. 

22. [III. 326 (1)]. Pigmalion, Oder die belebte Statue. Hamburg, 1748. 
Bey Johann Adolph Martini. 

[III. 326 (2)]. Neue Erzählungen verschiedener Verfasser. Frankfurt und 
Leipzig 1747. Enthält: „Pygmalion und Elise** von Bodmer mit einer Zuschrift an 
den „Mädchenfreund** (Sulzer); etc. etc. (von Andern). Die Drucklegung der zweiten Aus- 
gabe des Pygmalion hat ebenfalls Sulzer besorgt. Zweite Auflage: 

[III. 326 (3)]. Pygmalion und Elise. 1749 (Beriin). Vgl. Freimüthige Nachrichten 
1749 S. 420 f. Ueber den Pygmalion vgl. Körte, Briefe der Schweizer S. 49 f., 88, 104, 110, 141. 

23. [III. 331.] Neue Critische Briefe über gantz verschiedene Sachen, von ver- 
schiedenen Verfassern. Zürich, bey Conrad Orell und Comp. 1749. — Von Bodmer, Künzli 
11. a. Vgl. Freimüthige Nachr. 6, 154 ff. (1749). Andere Auflage: Neue Critische Briefe, 



BIBLIOGRAPHIE 393 

über ganz verschiedene Sachen, von verschiedenen Verfassern. Mit einigen Gesprächen im 
El/sium und am Acheron vermehrt. Neue Auflage. Zürich 1763. (Blosse Scheinausgabe 
mit neuer Vorrede und Register. Dazu die neun Gespräche. Vgl. auch F*reimüthige 
Nachr. 6, 154 flF. (1749). 

24. [III. 332.] Noah ein Helden-Gedicht. Frankfurt und Leipzig, 1/50 (der 
erste und zweite Gesang des „Noab**). Vgl. Freimüthige Nachr. 7, 209 ff., 234 ff., 242 ff. 
(1750): Besprechung von J. C. Hirzel. Ueber die Entstehungsgeschichte dieser beiden 
Gesänge vgl. Körte, Briefe der Schweizer S. 108 ff., 118 ff., 122 ff., 12/ ff. — [111. 332a]. 
Die Unschuldige Liebe. (O. O. und J.) (Der dritte und vierte Gesang des „Noah".) 
Vgl. Kritische Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit. 1750. Nummer 12 — 14: 
von Ramler — [III. 332b und IH. 332i, mit handschriftlichen Verbesserungsvorschlägen 
von?] Der Noah. In Zwölf Gesängen. Zürich, bey David Gessner, 1/52 (gross 
Oktav). Erste vollständige Ausgabe. Hallers Besprechung in den Göttingischen gel. Zeitungen 
voin 26. Juni 1752. Vgl. auch das erste Stück des ^Crito" von 1751, nicht von Bodmer. 
Hausenstocks erdichteter Brief an den Verfasser des Noah in den Freim. Nachr. 1753 S. 318 f. 
(von Bodmer und Wieland). Ueber Wielands Abhandlung von den Schönheiten des epischen 
Gedichts der Noah (1753) vgl. Freim. Nachr. 1754 S. 353 ff. Dazu Bodmers [111. 332c (5)] 
, Vermehrungen und Veränderungen in dem epischen Werke: Der Noah" 
(o. O. u. J. 1752). — [III. 332k]. Die Noachide in Zwölf Gesängen. Berlin bey 
Christian Friedrich Voss. 1765. Vgl. Herders Werke (Hempel) 24, 207 ff. Auch [111. 366 (4)] 
Die Töchter des Paradieses, Zürich, bey Orell, Gessner, und Comp. 1766, bilden 
nur einen Bestandtheil der Noachide. — [III. 332e]. Die Noachide in Zwölf Gesängen* 
von Bodmer n. Neuste, von dem Verfasser verbesserte Auflage. Zürich, Gedruckt bey 
David Bürgkli 1772. — [III. 332f]. Die Noachide in Zwölf Gesängen von Bodmern. 
Aufs neue ganz umgearbeitet und verbessert vom Verfasser. Basel, Gedruckt mit Haasischen 
Schriften bei Johann Jacob Thurneysen, Jünger. 1781. 

25. [in. 332c (1)]. JACOB UND JOSEPH: EIN GEDICHT IN DREI GJESyENGEN. 
Zyrch Bei Conr. Orel und Compagnie. MDCCLI. (Exemplar mit Bodmers handschriftl. 
Verbesserungen und Zuthaten.) Erweitert als : [III. 335a] JACOB UND JOSEPH : EIN 
GEDICHT IN VIER GKS.'ENGEN. Zyrch bei Conrad Orel und Compagnie. MDCCLIV. 
Auch in der „Calliope". 

26. [III. 347 (5)]. Der Land-Husem (o. O. und J.). Auch in Nr. 42 (4. Stück) 
des „Crito". 

27. [III. 332m (2)]. JACOB UND RACHEL: EIN GEDICHT IN ZWEEN GE- 
S-^NGEN. Zyrch Hei Conr. Orel und Compagnie MDCCLII. Auch in der „Calliope". 

[III. 336 (2)]. JACOB und RAHEL : Ein Gedicht Jn zween Gesängen. Zürich, bey 
Gessner. 1759. 

28. [III. 332c (4)]. DER EREMITE. VON DR. T. P. Hamburg, bei C^ari Samuel 
Geisler. 1752. Wiederholt in Nr. MK Ueber diese Uebers. Bodmers aus Parncll vgl. Freim. 
Nachr: 10, 259. 

29. [III. 333a (2)]. DIE SYNDFLUT. EIN (JEDICHT. IN FYNF GES.ENGEN. 
ZYRICH, bei Heidegger und C'omp. MDCCLIII. Die zwei ersten Gesänge erschienen 1751. 
Vgl. Gott. gel. Anz. 1753 S. 11H8 t. Die Vorrede zur 2. Ausgabe ist von Wieland. Auch 
in der „Calliope*. 

50 



394 TH. VETTER 

30. LI"- 337 (7)]. DIE GERAUBTE HELENA VON COLUTHUS. Zyrich, bei 
Conr. Orel und Compagnie. 1753. Auch in der ^Calliope". 

31. [111. 337 (8)J. DIE GERAUBTE EUROPA, VON MOSCHUS. DIESELBE 
VON NONNUS (o. J.). Die „Europa" des Moschus steht auch in der „Calliope". 

32. [III. 337 (4)]. DIE COLOMBONÄ. EIN GEDICHT IN FYNF GESÄNGEN. 
Zyrich, bei Conrad Orell und Comp. MDCCLIII. Auch in der ,.Calliope**. 

33. [III. 337]. JOSEPH UND ZULIKA IN ZWEEN GES-^NGEN. Zyrich, bei 
Conr. Orel und Compagnie. 1753. Auch in der „Caliiope**. Vgl. Gott gel. Anz. 1753 
S. 1189. 

34. [III. 333a (3)]. DER PARCIVAL EIN GEDICHT IN WOLFRAMS VON 
ESCHILBACH DENCKART Eines Poeten aus den Zeiten Kaiser Heinrich VI. ZYRICH, 
bei Heidegger & Comp. MDCCLIII. Auch in der „Calliope**. 

35. [III. 332m (4)]. DINA UND SICHEM. IN ZWEEN GESÄNGEN. Trosberg 
(d. h. Zürich), bei Wachsmuth. 1753. Auch in der „Calliope". Vgl. Gott. gel. Anz. 
1754 S. 112. 

36. [in. 401]. Conrad Orells und Comp. Buchh. in Zürich Auf- 
forderungs-Schrift, wegen einer Auflage der sogenannten Manessischen Sammlung von 
Gesängen und Gedichten aus dem dreyzehnten Jahrhunderte. 8 Seiten. Am Schlüsse: 
Zürich den 10. Septemb. 1753. 

37. [in. 337 (2)]. lACOBS WIEDERKUNFT VON HARAN; EIN GEDICHT. 
.Trosberg, bei Wachsmuth. 1753. Auch in der „Calliope". 

38. [III. 333a (1)]. DER ERKANNTE JOSEPH, UND DER KEUSCHE JOSEPH. 
ZWEI TRAGISCHE STYKE IN FYNF AUFZYGEN Von dem Verfasser des JACOB und 
JOSEPHS, UND DES JOSEPH und ZULIKA. Samt verschiedenen BRIEFEN yber die ein- 
fyhrung dCs CHEMOS, und den character JOSEPHS, in dem gedichte JOSEPHund ZULIKA. 
ZYRICH, bei Conrad Orell und Comp. 1754. Die Briefe rühren von Wieland her. 

39. [III. 332m (3)]. FRAGMENTE in der erzählenden DICHTART; Von ver- 
schiedenem Innhalte. MIT EINIGEN ANDERN GEDICHTEN. Zyrich, verlegene Conrad 
Orell und Comp. MDCCLV. Von Bodmer und Wieland. (Von diesem: Gesicht vom 
Weltgerichte; Cidli und Lazarus; die sterbende Rahel: Hymne; Schreiben von der Würde 
und Bestimmung eines schönen Geistes. Von Bodmer : ausser den Proben aus der Odyssee 
Cygnus und Herkules; Gamuret; der satyrische Hexameter; der Eremit von Doctor Pamelle.) 

40. [III. 335a (3)]. Die gefallene Zilla. In drei Gesängen. Amsterdam bei 
Janson Sinwel, 1755. Auch in der „Calliope", 

41. [III. 346]. Edward Grandisons Geschichte in Görlitz. BERLIN, bey 
Christian Friedrich Voss. 1/55. Vgl. L. Hirzel, Wieland und Martin und Regula Künzli 
S. 73 ff.; C. Schüddekopf, Kari Wilh. Ramler S. 49 ff. (1886); Lessings Urteil, 12, 610 
(Hempel). 

42. [III. 347 (7)]. Arminius-Schönaich, ein episches Gedicht. Von Herman- 
fried. 1756. o. O. In Frankfurt gedruckt; vgl. Bodmers Tagebuch S. 194. 

43. [III. 347 (6)1. INKEL UND YARIKO. 1756. o. O. 2 Teile. Bodmer an Zell- 
weger 16. April 1756: „Der Inkel und Yarico ist in Lindau gedruckt und der Verfasser 
davon hält sich so geheim, als ob er eine Sünde damit begangen hätte.** 



BIBLIOGRAPHIE 395 

44. [III. 347 (8)]. Die Larve, ein Comisches Gedicht. 1758. o. O. Vgl. Frei- 
müthlge Nachr. 15. 363 f. 

45. [in. 347 (9)]. Das Banket der Dunse. 1758. Vgl. Freimüthige Nachr. 15. 
3/2 f. — Wielands ».Schreiben an den Verfasser der Dundade** neugedruckt bei L. Hirzel, 
^^leland und Martin Künzli S. 217 ff. 

46. [IIL 332h (2)]. Vierter Gesang; und Sechster Gesang der llias. In 
Hexametern übersezt. Zürich, bey Conrad Orell, und Comp. 1760. Vgl. Nicolais Bibl. d. seh. 
W. 8. Bd. 2. St. S. 303 ff. - 

47- [III. 353]. Lessingische unäsopische Fabeln. Enthaltend die sinn- 
reichen Einfalle und weisen Sprüche der Thiere. Nebst damit einschlagender Untersuchung 
der Abhandlung Herrn Lessings von der Kunst Fabeln zu verfertigen. Zürich, bey Orell 
und Compagnie. 1760. (Neue Titelaufiage Zürich 1767 bei Gessner. Vgl. Klotz, deutsche 
Kibl. 2. Stück S. 182 f. 1767). Neuestes aus der anmuthigen Gelehrsamkeit 1760 S. 748; 
Freimüthige Nachr. 1760 S. 220 f., vgl. auch S. 268 f. Danzel, Lessing 1, 415 ff.; Erich 
Schmidt, Lessing 1, 396; Lessings Werke (Hempcl) 9, 329 ff. Auf diesen J27. Litteratur- 
brief antwortet Bodmer in den Freimüthigen Nachr. 1761 S. 147. 

48. [III. 354]. Electra, oder die gerechte Uebelthat. Ein Trauerspiel. Nach 
einem neuen Grundrisse. Zürich, bey Conrad Orell, und Comp. 1760. 

49. [III. 354 (2)]. Ulysses, Telemachs Sohn, Ein Trauerspiel, Nach einer neuen 
Ausbildung. Zürich, bei Geßner, 1760. 

50. [III. 354 (3)]. Polytimet. Ein Trauerspiel. Durch Lessings Philotas, oder 
ungerathenen Helden veranlasset. Zürich, bey Conrad Orell und Comp. 1760. Die zweite 
Vorrede dazu: „Urtheil eines Kunstrichters über Lessings Philotas*' stand zuerst in den 
Freimüthigen Nachr. 16, 298 ff. (1759). Vgl. auch 17, 126 f. Eine Anzeige von Bodmers 
Polytimet ebenda 16, 395 f. 

51. [III. 359], Drey neue Trauerspiele. Nämlich: Johanna Gray. Friede- 
rich von Tokenburg. Oedipus, Zürich, bey Heidegger und Compagnie, 1761. 
Vgl. die Besprechung Gerstenbergs in Nicolais Bibl. d. schönen Wissensch. 7» 2. St.. 318 ff. 
(1762). Bodmers grobe Antwort in den Freimüthigen Nachr. 19, 236 ff. (1762). Er hielt 
Nicolai oder Weisse für den Recensenten. Vgl. A. v. Weilen in der Einleitung zu den 
Briefen über Merkwürdigkeiten der Litterat., No. 30 der Seuffertschen Litt. Denkmale 
S. XX f. (1890). 

Prof. B. Seuffert in (Jraz besitzt ein sauber geschriebenes Manuscript des Dramas 
Johanna Gray, jedoch mit dem Titel: „Maria von England, ein politisches Trauerspiel. 1/58**. 

52. [III. 360 (2)J. Gespräche im Elysium und am Acheron (o. O. u. J.) 
Inhalt: l. Arria. Octavia. 2. Atticus. Brutus. 3. Corvinus. Brutus (auch im 1. Stück der 
Lindauer Nachrichten S. 78 (1 763). 4. Matius. Brutus. 5. Cicero. Virgil. 6. Virgil. Mercur. 
7. Cato und Homer (schon vorher in den Freim. Nachr. 18. 22^ ff. (1/61). 8. Pätus, Horaz. 
9. Cäsar. Augustus. Diese Gespräche ersrhienen als Anhang zur 2. Aufl. der Neuen crit. 
Briefe (1763). Das 10. Gespräch, zwischen CMcero und Montaigne, steht im 6. Stück der 
(Lindauer) Ausführlichen und kritischen Nachrichten S. 56.^ ff. Das 1 1. (respräch, zwischen 
Julius Cäsar und Ik'liogabalus im 5. Stück der Züricher Wöchentl. Anzeigen zum Vortheil 
der Liebhaber der Wissenschaften und Künste (Hd. 2. 55 tT. (1765). Das 12. Gespräch, 
zwischen Cäsar und Claudius Tacitus, im 7- Stück der Lindauer Nachrichten. Das 13. 



396 TH. VETTER 

Gespräch, zwischen Cato von Utica und Cäsar, im 40. Stück der WöchentL Anzeigen Bd. 
3, 474 ff. (1766). 

53. [III. 360 (3)]. Julius Cäsar, ein Trauerspiel; herausgegeben von dem Ver- 
fasser der Anmerkungen zum Gebrauche der Kunstrichter. Leipzig, bey M. G. Weidmanns 
Erben und Reich. 1763. Vgl. Nicolais Bibl. d. seh. Wissensch. 10, 1. Stück, 133 ff. (1763); 
Minor, Chr. F. Weisse S. 270. Briefe vom Herausgeber Gellius aus den Jahren 1765 — 66 
im Bodmer-Nachlass ; vgl. Sievers, akademische Blätter S. 550 (1884); A. v. Weilen im 
Neudr. d. Briefe über Merkw. der Litt. S. LXXXI f., sowie den dritten dieser Briefe selbst. 
Auch in Nicolais 285. Litteraturbrief ist das Stück besprochen. Gegen die Weissesche 
Recension richtet sich der Aufsatz in den Züricher Wöchentl. Anzeigen zum Vortheil der 
Liebhaber der Wissenschaften l, 245 ff. (1764). 

54. [III. 360]. Marcus Tullius Cicero. Ein Trauerspiel. Zürich, bey Orell, 
Gessner und Comp. 1764. Vgl. Freimüthige Nachr. 20, 388 (1763); Züricher Wöchentl. Anz. 
2, 408 (1765). 

55. [III. 362 und 363]. Calliope von Bodmern. Zürich, bey Orell, Gefsner 
und Compagnie. 1767, 2 Bde. In Bd. 1 : Die Sündflut, Jacob (vorher Jakob und Joseph 
betitelt), Rahel (früher Jakob und Rachel), Joseph (früher Joseph und Zulika), Jacobs Wieder- 
kunft, Dina (früher Dina und Sichem), Colombona. — In Bd. 2: Die geraubte Helena von 
Koluthus, die geraubte Europa von Moschus, der Parcival, Zilla (vorher die gefallene Zilla), 
die sechs ersten Gesänge der Ilias, „Die Rache der Schw est er", Proben daraus in den 
Wöchentl. Anzeigen 3, 250 ff., 2/1 ff. (1766); (Neudruck der „Rache** von Jobs. Crueger in 
Kürschners D. National-Lit. 42. Bd., S. 186 ff); Inkel und Yariko, Monima. Lange Be- 
sprechung der Calliope im 15., 16., 17-, 18., 19., 20. Stück der Lindauer Ausführl. und krit. 
Nachrichten (1767-1769). 

56. [in. 360 (4)]. Neue theatralische Werke, von Herrn Bodmer Professor 
in Zürch. Erster Band. Lindau im Bodensee bey Jakob Otto. 1/68. Inhalt: 1. Der Vierte 
Heinrich, Kaiser, und Cato der Aeltere oder der Aufstand der römischen Frauen. 
Zwey politische Dramata. 3. Atreu s und Thyest. 4. Eindrücke der Befreiung 
von Theben, eines leipzigischen Trauerspieles auf einen Kenner der Griechen. — V^gl. 
Klotz, deutsche Bibliothek 2, 5. Stück, 90 ff. (1/68). I>ieselbe Ausgabe trägt in einer Anzahl 
von Exemplaren ein verändertes Titelblatt: [III. 365] „politische Schauspiele der 
Vierte Heinrich Kayser, Cato der Aeltere, samt dem humanisirten Atreus und den Eindrücken 
des Leipziger Epaminondas tragischen Satyren. von verschiedenen Verfassern Erstes Bändgen. 
Lindau und Chur bey der typographischen Gesellschalt 1768. — Alles von Bodmer. Ueber 
Gerstenbergs Besprechung in der Hamburger Neuen Zeitung Nr. 168 von 1768 vgl. A. v. 
Weilens Neudruck der Briefe über Merkw. der Litt. S. LXXXIV. Ueber die Parodie des 
„Atreus" vgl. Minor, Chr. F. Weisse S. 273 f.; Weisses Selbstbiographie S. 109; Klotz, Bibl. 
d. seh. Wissensch. 2, 5. Stück 101 ff. 

57. [III. 364]. Politische Schauspiele. Marcus Brutus. Tarquinius 
Superbus. Italus. Timoleon. Pelopidas. Zürich bey Orell, Gessner und Comp. 
1768. — Vgl. Klotz, deutsche Bibliothek. 2. Bd. 5. Stück, S. 209 ff. (1768). 

58. [III. 365]. Politische Schauspiele. Zweytes Bändgen. Aus den Zeiten 
der Cäsare. Lindau und Chur bey der typographischen Gesellschaft. 1769. — Enthält: 
Octavius Cäsar, ein Drama; Nero, ein politisches Drama; Thrasea Pätus, ein 



BIBLIOGRAPHIE 397 

Trauerspiel. Vgl. Klotz, deutsche Bibl. d. seh. Wissensch. 3, 395 ff. (1769). Zusätze zu 
dem Drama Nero in den Lit. Denkmalen S. 154 (1779). 

59. [III. 365.] Politische Schauspiele. Drittes Bändgen. Von. Griechischem 
Innhalt. Lindau und Chur, bey der typographischen Gesellschaft. 1/69. — Enthält: Die 
Tegeaten; die Kettung in den Mauern von Holz; Aristomenes von Mes- 
se nie n. 

60. [III. 369 (13).] Die Grundsätze der deutschen Sprache. Oder: Von 
den Bestandtheilen derselben und von dem Redesatze. Zürich; bei Orell, Gessner und Comp. 

1768. Vgl. Herders Werke (Hempel) 23, 53. 

61. [III. 367 und 367a.] Archiv der schweitzerischen Kritick. Von der 
Mitte des Jahrhunderts bis auf gegenwärtige Zeiten. Erstes Bändchen. Zürich, bey Orell, 
Gessner und Comp. 1768. Vgl. Klotz, Deutsche Bibl. 2, 326 ff. 

62. [IlL 366 (5).] VON DEN GRAZIEN DES KLEINEN. In der Schweiz. 
MDCCLXIX. 22 SS. — Nicolais Allg. deutsche Bibl. 11. Bd. 2. Stück S. 183 ff, (1770); 
Klotz. Deutsche Bibl. d. seh. Wissensch. 17. Stück S. 183 (1770). Aeltere Angriffe Bodmers 
auf die Anakreontiker in den Freimüth. Nachr. 1761 S. 92 f., S. 403 ff. — Allgemeines 
über den Streit Wielands und der Schweizer gegen dieselben bei A. Sauer, sämmtl. poetische 
Werke von J. P. Uz S. XX ff. (1890). 

63. [III. 365a (2).J Der Hungerthurn in Pisa, ein Trauerspiel. Chur und 
Lindau, bey der typographischen Gesellschaft. 1769. 

64. [III. 365a (3).] Derneue Romeo. Eine Tragicomödie. Frankfurt und Leipzig 

1769. Vgl. Klotz, Bibl. d. schönen Wissensch. 4, 14. Stück S, 344 f.; Minor, Weisse S. 279 f. 

65. [III. 371.] Historische Erzählungen die Denkungsart und Sitten der 
Alten zu entdecken. Zürich, bey Orell, Gessner und Comp. 1769, Vgl. Klotz, Bibl. 3, 749. 

66. [III. 372 (4).] Die Botschaft des Lebens. In einem Aufzuge. Der zärt- 
lichen Unschuld gewiedmet. Zürich, gedruckt bey David Bürgkli, 1771. 

67. [III. 373.] Conradin von Schwaben ein Gedicht mit einem historischen 
Vorberichte. Carlsruhe, verlegts Michael Macklot. 1771. 

68. [III. 368a.] Die Gräfinn von Gleichen ein Gedicht mit einem historischen 
Vorberichte. Carisruhe, veriegts Michael Macklot, 1771. 

68a. [III, 374 (7).l Der neue Adam. Bern 1771. — Ueber Caesarius von Heister- 
bach als Ausgangspunkt, die Behandlung des Stoffes im Mahler der Sitten, Blatt 88, 89 
und 90. die poetischen Bearbeitungen von Du Cerceau und Hagedorn s. Anm. 64 pg. 375. 

69. [III, 375.] Der Fussfall vor dem Bruder, Ein Trauerspiel, In drey 
Aufzügen. Der blühenden Unschuld gewiedmet, Zürich, gedruckt bey David Bürgklj, 1/73, 

70. [III. 374 (8).] Karl von Burg und ein Trauerspiel, o, O. u. J. — Auch 
gedruckt im Schweizer- Journal (Hern 1771) und in L. Meisters Schweizer- Allerlei (1787). 
(Letzteres nur eine scheinbar neue Ausgabe, Die Boj^en des ersten Druckes sind einfach in 
das neue Sammelwerk hinüber genommen,) N'cudruck von B. Seuffert in dessen deutschen 
Litteraturdenkmalen Nr. 9 (1883). 

71. [III, v^7^ (4).] Cajus (Tracchus. ein politisches Schauspiel. Zürich, Gedruckt 
bey David Bürgklj. 1773. 

72. Cimon. ein Ji^chäferspiel von Bodnier. (In Schirachs Magazin d. deutsch, Critik 
2. 2. Theil S. 101 IT. 1773); Körte, Hriefe der Schweizer S. 43, 68. 



398 TH. VETTER 

73. [III. 369 (3).] Anleitung zur Erlernung der deutschen Sprache. Für die 
Real-Schulen. Mit hoher Approbation. Zürich. Gedruckt bey David lArgkli. MIX^CLXXIII. 
Auch Ausgabe von 1776: [III. 378 (2)] und von 1788: |1II. 379 (2).] 

74. [III. 369 (2).] Die Biegungen und Ausbildungen der deutschen Wörter. 
Für die Real-Schulen. Mit hoher Approbation. Zürich. Gedruckt bey David Bürgkli. 
MDCCLXXIll. Auch Ausgabe von 1776: [111, 378 (3)]. 

75. [III. 369 (7).] Sittliche und gefühlreiche Erzählungen. Für die 
Real-Schulen. Mit hoher Approbation. Zürich. Gedruckt bey David Bürgklj. MDCCLXXIll. 
Ein Pendant zu Nr. 65; kleine Erzählungen aus der biblischen und Profangeschichte. 

76. [IIL 369 (8).] Geschichte der Stadt Zürich. Für die Real-Schulen. Mit 
hoher Approbation. Zürich. Gedruckt bey David Bürgkli. MDCCLXXIll. Auch Ausgabe 
von 1774: [IIL 378 (5).] 

77| [in. 369 (9).] Unterredung von den Geschichten der Stadt Zürich. 
Für die Real-Schulen. Mit hoher Approbation. Zürich. Gedruckt bey David Bürgkli. 
MDCCLXXIll. 

78. [III. 366.] Wilhelm von Oransein zwey Gesängen. Frankfurt und Leipzig 
1774. Vgl. AUg. d. Bibliothek 32. 127 (1777). 

79. [III. 374.] Schweizerische Schauspiele. Wilhelm Teil; oder: der 
gefährliche Schuss. Gesslers Tod; oder: das erlegte Raubthi er. [Auch III.372 (2).] Der 
alte Heinrich von Melchthal; oder: die ausgetretenen Augen. [Auch III. 372 (6).] 
Im Jahr 1775. Vgl. die anonyme Schrift: Von den drey Dramen: Wilhelm Teil, Gessler, 
Heinrich von Melchthal (o. O. u. J.). Bodmers Teil ins Französische übersetzt von Lionin 
1775 (handschriftlich). 

80. [IIL 374 (4).] Der Hass der Tyranney und nicht der Person, Oder: 
Same durch List eingenommen. Im Jahre 1775. Vgl. auch Rochholz, Teil und Gessler 
S. 245 f. (1877). 

81. [IIL 374 (5).] Arnold von Brescia in Zürich. Ein religiöses Schauspiel. 
Frankfurt, 1775. Am Schlüsse mit einer Widmung: „An Herrn J. H. Meister, Prediger bey 
der Evangelischen Kirche Küssnach am Zürichsee." Vgl. [III. 374 (9)] Schreiben an den 
Verfasser des religiösen Schauspiels Arnolden von Brescia in Zürich (von J. H. Meister 
in Küssnach). Zürich 1776. 

82. [III. 374 (6).] Arnold vonBresciain Rom; samt Ueberbleibseln von seiner 
Geschichte. Im Jahr 1776. — Bodmer nannte das Stück auch .Friedrich der Rothbärtige. ** 

83. [III. 385 (8).] Das Begräbniss und die Auferstehung des Messias, 
Fragmente. Mit Vorbericht und Anmerkungen des Herausgebers. Frankfurt und 
Leipzig. 1775. 

84. [III. hn (2).) Der Tod des Ersten Menschen; und die Thorheiten 
des weisen Königs. Zwey religiöse Dramen. Zürich Bey Johann Kaspar Zicgler, 1776. 

85. [III. 360(5).] Hildebold und Wibrade. Maria von Braband, von Bod- 
mer. Chur, bey Jakob Otto 1/76. Die Parallelstellen zu Maria von Braband in den Bei- 
trägen in das Archiv des deutschen Parnasses 3. Stück S. 141 ff. (Bern 1777). 

86. [III. 366 (2).] Evadne; und, Kreusa. Zwey griechische Gedichte. Zürich, 
In der Hür^klischen Drukerey. 1777. Im Anhang: Telemach. (Mit besonderer Pagi- 
nierung). 



BIBLIOGRAPHIE 399 

87. [in. 374 (10).] Drey epische Gedichte. Makaria. Sigowin. und 
Adelbert. Zürich, bey Orell, Gessner, Füesslin und Comp. 1778. — Erinnerungen zu 
Sigowin in den Lit Denkmalen S. 181 ff. 

88. [IIL 377 (4).] Der Vater der Gläubigen. Ein religiöses Drama. Zürich, 
bey Orell, Gessner, Füesslin und Comp. 17/8. 

89. [111. 357.] Patroclus, Ein Trauerspiel; nach dem griechtechen Homers. Von 
einem längst bekannten Verfasser. AUGSBURG Bey Johann Jakob Mauracher. 1778. 

90. [III. 357 (2).] Die Cherusken. Ein politisches Schauspiel. Von einem längst 
bekannten Verfasser. AUGSBURG Bey Johann Jakob Mauracher. 1778. 

91. [111. 357 (3).] Odoardo Galotti, Vater der Emilia. Ein Pendant zu Emilia. 
In einem Aufzuge: und Epilogus zu Emilia Galotti. Von einem längst bekannten Ver- 
fasser. AUGSBURG Bey Johann Jakob Mauracher. 1778. 

92. [III. 386.] Homers Werke. Aus dem Griechischen übersetzt von dem Dichter 
der Noachide. Zürich, bey Orell, (lessner, Füesslin und Compagnie. 1778, 2 Bde. Vgl. 
Degen, Lit. der deutschen Uebersetzungen der Griechen 1, 348 ff.; Allg. d. Bibl. 37, 131 ff.; 
über die Controverse, die sich an diese Beurteilung Köhlers anschloss, vgl. O. Hellinghaus, 
Briefe Friedrich Leopolds. (Jrafen zu Stolberg, an Joh. Heinrich Voss, S. 371 (1891). 
Wielands deutscher Merkur. Juniheft 1778, S. 282 ff. 

Ueber Bodmers Homerübersetzung vgl. die Einleitung von Michael Bernays 
zur Säkularausgabe der Vossischen Odyssee; Homers Odyssee von Joh. Heinrich Voss 
(1881); dazu Erich Schmidt im Anz. f. d. A. 8, 52 ff.; Adalbert Schröter, Geschichte der 
deutschen Homerübersetzung im XVIII. Jahrh. (1882); bes. Cap. 3. S. 33 ff. und Cap. 5 S. 
197 ff.; O. F. Gruppe, deutsche Uebersetzungskunst (1859) S. 42; Cholevius, Gesch. der 
deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen 2, 81 ff. 

93. [111. 389.] Die Argonauten des Apollonius. Zürich, bey Orell, Gessner, 
Füsslin, und Comp. 17/9. 

94. [III. 390.] Literarische Denkmale von verschiedenen Verfassern, bey 
Orell, Gessner, Füsslin, und Comp. 1/79. — Vgl. Allg. d. Bibliothek 41, 454 ff. — 
Bodmers Tagebuch zum Jahr 1777 (Turicensia S. 206). 

95. [in. 351 (13).] Der (Gerechte Momus. Frankfurt und Leipzig, 1780. (In- 
halt: das verschmähte (redicht Chriemhilden Rache, Homer-Stolberg, Homer- Bürger, 
Vossens Spannen des Ulysses-Bogen, Voss-Ulysses, Hermes-Faunus, Homer-Bodmer, Smodi- 
keion, Herders Meinung, Tellow-Eustathius, Selmer-Priscian.) 

96. [HI. 385 (3).] Jakob beym Brunnen. Ein Schäferspiel des Lemene. Zürich, 
bey Orell, Gessner, Füssli und Compagnie. M.D.CC.LXXX. 

97. [III. 393.] Altenglische Balladen. Fabel von Laudine. Siegeslied der 
Franken [Ludwigslied]. Zürich und Winterthur, bey J. C. Füessli und H. Steiner u. Comp. 
1780. Vgl. Th. Vetter. Zürich als Vermittlerin engl. Lit. im 18. Jahrh. (18^1) S. 13 ff. 

98. [III. 394.] Altenglische und altschwäbische Balladen. In Eschil- 
bachs Versart. Zugabe von Fragmenten aus dem altschwäbischen Zeitalter, und Gedichten. 
Zweytes Bändchen. Zürich, bey J. C Fücssly. I7HI. — Im Anhang stehen zwei Schweizer- 
lieder von Bodmer: „Die Mädchen im Harnisch-' und „Die Schlacht vor Murten" ; sodann: 
„Empfehlung der alten Balladen'*, „An Sulzer, als seine (Jattin starb'*, „Dem Neide** 
„Humford", „Brutus und (Jracchus.'* 



400 TH. VETTER 

99. [III. 384.] Litterarische Pamphlete. Aus der Schweiz. Nebst Briefen 
anBodmem. Zürich, bey David Bürgkli. MDCCLXXXI. Vgl. Göttinger gel. Anz. 1782 S. 384. 

100. [III. 332g (2).] Der LEVIT von EPHRAIM aus dem Französischen des 
ROUSSEAU in dem Plane verändert von BODMER. Zürich, bey Orell, Gessner, Füssli 
und Compagnie. 1782. In Hexametern. Im Anhang: ^MENELAUS bey DAVID nebst 
zwo kritischen Abhandlungen von Bodmer und Grifo an Meinrad. " 

101. [III. 357 (4).l Brutus undKassiusTod. Von dem Verfasser der Noachide. 
Basel, Bey Carl August Serini, 1782. Im Anhang: ^Brutus und Anton*^, ein kleines Ge- 
dicht in Hexametern. 

102. [III. 396.] Bodmers Apollinarien. Herausgegeben von Gotthold Fried- 
rich Stäudlin. Tübingen, bei Johann Georg Cotta. 1/83. — Über den hier S. 357—366 
enthaltenen Aufsatz „Zweifel gegen die Achtheit der Kaledonischen Gedichte erhoben" 
s. Brief von Boie an Bodmer, Hannover 24. April 1780, Mscr. Stadtbibliothek. 

In (Bürklis) Schweitz. Blumenlese 1. Teil 1780 stehen folgende Gedichte unter 
Bodmers Namen: „Auf Hagedorns Tod", „An Sulzers Meyerhof an der Spree**, „Ode 
an H. Füssli", „Der Greis", „Empfindungen bei Blarers Grabe", „Seh'n ohn* Augen", „Der 
schäferische Wettstreit". Aber „der Pudelhund" S. 129, vorher im Maler der Sitten 101. 
Blatt, und „Die Matrone von Ephesus" sind nicht von Bodmer. 

Der zweite Teil der Blumenlese (1781) enthält von Bodmer: „Phillis, Amor und 
Venus", „Sendschreiben an Herrn Meister in Paris", „Verlangen nach Klopstocks Ankunft", 
„Sendschreiben an Herrn Prof. Sulzer über die Geburt seines Sohnes", „Ode an den Czar 
Peter III.", „An Klopstock." 

Der dritte Teil (1783): „Ueber Tischbeins Götz von BerUchingen", „Dem Neide", 
„An Sulzer, als seine Gattin starb", „Auf Blunschlis Hinscheid", „Ode wider die Feinde 
des Wassers", „Auf seinen noch ungebornen Grossneffen.'* 

In Boies Deutschem Museum, Jahrg. 1779 II, 457 f. Brief Bodmers an Gemmingen: 
S. 575 Brief Bodmers über altdeutsche Gedichte. Jahrg. 1780 I, S. 28 ff. Zur Geschichte 
der Minnesinger; S. 340 Die Gedichte von Twein und Tistran. Jahrg. 1780 II, 120 ff. 
Pindars Olympische Ode auf Theron von Agrigent: S. 124 Etwas Persönliches von den 
Poeten des altschwäbischen Zeitalters. Jahrg. 1781 I, 287 Auszug aus einem Brief vom 
8. Nov. 1780, Altdeutsches betreffend. Jahrg. 1781 II, 76 ff. Heinrich von Veldecks Aeneis. 
Jahrg. 1782 II, 485 An Tischbein über seinen Götz von BerUchingen. Jahrg. 1784 I, 
S. 511 ff.: Denkmaal dem Uebersezer Buttlers, Swifts, und Luzians er- 
richtet von Joh. Jak. Bodmer. 

Denkrede an den seel. Bürgermeister Heidegger; in dem grossen 
Convent auf der Bürgerbibliothek zu Zürich, den 2/. Junius 1778 gehalten von dem seel. 
Bodmer. Im Schweitzerschen Mus. 1/84 7- Stück S. 653 ff. und gleichzeitig in Boies 
Deutschem Museum. Erstes Stück. Januar 1/84. Bd. 1. S. 1 ff. 



Nachgelassenes von Bodmer steht in Füsslis Schweitzerschen Museum. 
Jahrg. 1783, Augustheft: „An seinen noch ungebornen (»rossneffen" (Hexameter von 1782). 
— Jahrg. 17H3 November: „Anekdoten von Michael Zink." — Jahrg. 1784 August- bis 



BIBLIOGRAPHIE 401 

Novemberheft: „^»^ Hauptepochen der deutschen Sprache seit Karl dem Cirossen.*' — 
Jahrg. 1786 Augustheft: ^Die sechs Zeitpunkte der Geschichte deutscher Poesie.** — 
Jahrg. 1789 S. 634: „Abstammung einiger alter, meist zürcherscher Familiennamen** ; Fort- 
setzung dazu im Jahrg. 1/90 S. 43 ff. — Neues Schweitzersches Mus. 1795 S. 604 ff.: 
,Ueber die Natur der Glossare**; S. 701 ff.: „Summarien der Schweitzerischen (Jeschichtc. 
Mit Anzeige ihrer bessten Geschichtschreiber.** 

In Conz Museum für die griech. und römische Lit. (1794) St. 1, 87 ff. steht ein 
Aufsatz Bodmers: Ueber Virgil und die Aeneis; dazu S. 104 ff. 

Handschriftliche Dramen von Bodmer im Nachlass: Rudolf Brun. 
Im März 1758 entworfen. — Die Schweizer über dir, Zürich. Ein politisches 
Trauerspiel in zwei Abtheilungen. (Gleichbedeutend mit „Stüssi".) Laut Tagebuch schon 
im October 1757 entworfen, 1770 im März revidiert („relegi Martio 1770", ist in die Hand- 
schrift eingetragen). — Rudolf Schön o. Ein Trauerspiel. Im Juli 1761 geschrieben. 
— Der Tod des Brittannicus. Trauerspiel. — Das Parterre in der Tragödie 
Ugolino. Ein Nachspiel. (Die Personen des Parterre sind: Gerstenberg, Klotz. Nicolai, 
Ramler, Weisse, Riedel.) — Nicolais Monologen unter der Absingung der Alcestc 
(darin treten auf: Nicolai, Riedel, Goethe [gestrichen. und dafür Märicc gesetzt], Stolberg). 



IL 

Von J. J. Bodmer besorgte Ausgaben. 

1. [III. 305.] PARAGONE DELLA POESTA TRAGICA D' IT ALI A CON QVELLA 
DI FRANCIA. Zurigo, Marco Rordorf MDCCXXXII. — Verfasser ist der Graf Pietro 
de' conti di Calepio. Neue Auflage 1770. Vgl. auch Walzel im Anz. f. d. A. 17» 58 ff. (1891). 

2. [III. 306."! Gotthard Heideggers kleinere deutsche Schrifften. Zürich, 
1732. Druckts MARX RORDORF. 

3. [WY2212.] Des Freiherrn von Canitz satirische undsämmtlichc 
übrige Gedichte, mit einer Vorrede von der Dichtart des Verfassers. Zürich 1737. 

4. [III. 315. 1 Job. Jac. Hrei tingers Cri tische Abhandlung Von der 
Natur den Absichten und dem (lebrauche der Gleichnis sc. Mit Hcyspielcn 
aus den Schriften der berühmtesten alten und neuen Scribenten erläutert. Durch Johann 
Jacob Bodmer besorget und zum Drucke befördert. Zürich 17-10. 

5. [111. 316 & a.] Johann Jacob Breitingers CRITISC'HE Dichtkunst 
VVorinnen die Poetische Mahlcrey in Absicht auf die Erfindung Im Grunde untersuchet und 
mit Beyspielen aus den berühmtesten Alten und Neuem erläutert wird. Mit einer Vorrede 
eingeführet von Johann Jacob Hodemer. Zürich, bey Conrad Orell und Comp. 1740. und 

51 



40i 'TH. VETTER 

Leipzig bey Joh. Fried. Gleditsch. 1740. Band 2 trägt den Titel: Johann Jacob Brei tingers 
Fortsetzung Der Critischen Dichtkunst Worinnen die Poetische Mahlerey In Absicht auf 
den Ausdruck und die Farben abgehandelt wird, mit einer Vorrede von Johann Jacob Bodemer. 
Zürich, bey Conrad Orell und Comp. 1740. und Leipzig bey Joh. Fried. Gleditsch. 1740. 
Vgl. Leipz. gel. Ztg. vom Jahre 1740 S. 509 ff., 7/1 ff.; Gott gel. Ztg. 1740 S. 410 ff., 809 ff. 

6. [XXV. 13 (3).] Ein halbes Hundert Neuer Fabeln. Durch L. M. v. K. 
Mit einer Critischen Vorrede des Verfassers der Betrachtungen über die Poetischen Gemähide. 
Zürich 1744. — Die zweite verm., vom Verf. illustrierte Ausg. erschien 1754 [III. 321 a]; 
die schöne dritte 1757 (mit einer erweiterten Vorrede. Freim. Nachr. 14, 268 (1757). 

7. [111. 398.] Thirsis und Dämons freundschaftliche Lieder. Zürich, 
bey Conrad Orell und Comp. 1 745. 2. vermehrte Aufl. : 1 749. Vgl. Hallesche Bemühungen 
2, 654 ff., 714 ff.; Freimüthige Nachrichten 1745 S. 278. Einleitung zu Sauers Neudruck 
in Seufferts Lit. Denkm. Nr. 22 S. III ff. Von Pyra und Lange. — Die drei „Erzehlungen 
aus Thomsons Englischem** pg. 75—88 dürften eher von Sulzer übersetzt sein. 

8. [111.321.] Martin Opitzens Von Boberfeld Gedichte. Von J. J. B. und 
J. J. B. besorget. Erster Theil. Zürich, verlegts C'onrad Orell und Comp. 1745. 

9. [III. 323.] Vom Natürlichen in Schäfergedichten, wider die Verfasser 
der Bremischen neuen Beyträge verfertigt vom Nisus einem Schafer in den Kohlgärten einem 
Dorfe vor Leipzig. Zweyte [d. h. erste] Auflage, besorgt und mit Anmerkungen vermehrt, 
von Hanns Görgen gleichfalls einem Schäfer daselbst. Zürich, Bey Heidegger und Com- 
pagnie, 1746. — Verfasser ist J. Adolf Schlegel. Herausgeber namentlich Breitinger. Der 
Briefwechsel darüber in Bodmers litt. Pamphleten 1/81 S. 73 ff. und Schnorrs Archiv f. 
Litteraturgesch. 4, 289 ff.; vgl. Netoliczka in Seufferts Vierteljahrschrift 2, 31 ff. Frei- 
müthige Nachrichten 1746, S. 1 1. 

10. [III. 330.] Proben der alten schwäbischen Poesie des Dreyzehnten 
Jahrhunderts. Aus der Manessischen Sammlung, Zürich, Bey Heidegger und Comp. 
1748. — Von Bodmer und Breitinger. Vgl. Freimüthige Nachrichten 5, 298 ff. (1/48). 
Einige Proben stehen schon in den Freimüthigen Nachrichten 2, 118 ff. (1745). 

11. [III. 330b.] N. Wernikens, ehemaligen Königl. Dänischen Staatsraths, und 
Residenten in Paris. Poetische Versuche in Ueberschriften; Wie auch in Helden- und Schäfer- 
gedichten. Neue und verbesserte Auflage. Zürich, bey David Gessner, Gebrüdere, 1749. 
Weitere Auflage: 1763. 

12. [III. 334.] Critü. Eine Mo nat -Schri f t. Erster Band. Zürich, bey David 
Gessner, (Gebrüder, Anno MDCCLl. Bodmer an Zellweger 10. Juni 1751: „Dr. Hirzel u. 
8. Freunde haben ein crit. Journal unter dem Titel ,Crito' an der Geburt." August 1751: 
von Hirzels Arbeit sei bis jetzt nichts im ,Crito'. Bodmer sendet regelmässig die einzelnen 
Stücke an Zellweger. Er ist zweifelsohne der eigentliche Herausgeber. 

13. [III. 399 (1).] POETISCHE BLICKE IN DAS LANDLEBEN. Zyrich, bei David 
Gessner, 1752. Verfasser ist Eberhard Freiherr von Gemmingen, Bodmer ist Herausgeber. 

14. [111. 348.J FABELN aus den Zeiten der MINNESINGER. Zürich auf Kosten 
der Gesellschaft gedruckt bey Orell und Compagnie. 1/57. — Herausgeber dieser Bonerschen 
Fabeln sind Breitinger und Bodmer. 

15. [IlL 333 a (4).J CHRIEMHILDEN RACHE, UND DIE KLAGE; ZW^Y HELDEN 
GEDICHTE Aus dem schwaebischcn Zeitpuncte. SAMT FRAGMENTEN aus dem Gc- 



BIBLIOGRAPHIE 403 

dichte von den NIBELUNGEN und aus dem JOSAPHAT. Darzu kommt ein Glossarium. 
Zyrich, Verlegens Orell und Comp. 1757. — Mutmassungen von der Person des Dichters 
der Chriemhild aus Bodmers Nachlass in Canzlers und Meissners Quartalschrift für ältere 
Litteratur. 2. Jahrg. S. 85 ff. 

16. [III. 350.] SAMMLl^NG VON MINNESINGERN AUS DEM SCHW.^BISCHEN 
ZEITPUNCTE CXL DICHTER ENTHALTEND; DURCH RUEDGER MANESSEN, WEI- 
LAND DES RATHES DER URALTEN ZYRICH. Aus der Handschrift der Königlich- 
Franzoesischen Bibliothek herausgegeben. Durch Vorschub einer ansehnlichen Zahl von 
Freunden des Minnegesanges. Zyrich, Verlegt von Conrad Orell und Comp. 1758 — 1759« 
2 Teile. — Herausgeber sind Bodmer und Breitinger. Vgl. auch No. 36 der Schriften 
Bodmers; Monatl. Nachr. 1753 S. 127; Mus.Turicum 1, 113 ff.; Freim. Nachr. 15, 145 ff., 156 ff 




^3J 



Register der Eigennamen 



von 



J. Widmer 



Ablanoourt, d', Übersetzer der Werke Lu- 
cians, 239. 

Addison, Joseph. Sein Spectatur wird I7I8 
in Genf Bodmer bekannt und weckt in 
ihm den Plan eines Zürcher Zuschauers, 
6. 7- 25. Der französische Spectateur 
mit Beziehung auf Shakespeare und 
Milton, 179. 186. 193. 329. Französi- 
sche Elemente in Addison, 235. 238. 
251. Cato, 262. Der Verstand und 
das ästhetische Urteil, 268. 269. 296. 
Der ^erweiterte Gesichtssinn'*, 299. 
301—303. 308—31 l. 316—320. Account 
of the Greatest English Poets. 323. 
360—361. 325. Stilistisches, 327- 329. 
Das Volkstümliche in der Poesie, 331. 
Addison im ^Mahler der Sitten", 332 
bis 335. In der „Frauen-Bibliothek** 
erneuert aufgeführt, 336. 346. Addison 
in Bodmers Milton, 352, im Spectator. 
355. 372-373. 376. 379. 

Aeschylus, 154. 157. 

Altmann, Joh. Georg (1697- 1758), Prof cssor 
in Bern ; Herausgeber einiger morali- 
scher Wochenschriften, 10. 



Argons, Marquis d', Litterat aus dem Kreise 
Voltaires. Urteile über die deutsche 
Litteratur, 168. 246. 

AriOStO, Ludwig, Brief Bodmers an Meister 
aus Italien, 248. 290. 300. 310. 

Aristoteles, vielfach wegen seiner ästhetischen 
Lehren genannt, 259. Bei Calepio, 
262—266. Bodmer und Aristoteles, 
über Handlung und Charaktere in der 
Tragödie, 255—256. 270. 298. 306. 
311. Bei Pemberton, 338. 



Bacon von Verulam, Francis, 327. 

Bale (Baleus), John, Verfasser des in Basel 
1557 — 1559 gedruckten „Scriptorum 
illustrium maioris Britanniae catalo- 
gus**, 344. 

Ballett!, Elena, ital. Schauspielerin, Gattin des 
Riccoboni, 244. 

Balthasar, Franz Urs, luzernischer Staats- 
mann, entwirft den Plan eines helvet. 
Erziehungs-Institutes, 86. 88. 

Batteux, Charles, 169. Seine kunstkritischen 
Erfolge in Deutschland, 200. 



406 



J. WIDMER 



Baumgarten, A. G.. Gründer der systemati- 
schen Ästhetik, 29. 

Bayle, Pierre, die Wirkungen seines Dic- 
tionnaire historique et critique, 5. 169. 
1/7. Seine Litteraturkritik, 210. Seine 
Philosophie, 211. 224. 345. 

Bentley, Richard, von Bodmer erwähnt, 352. 

Bester, Johann von, Beziehungen zu Bod- 
mer, 9. 

Bettinelli, S. J., greift 1758 Dante an, 277. 

Blackwell, Thomas, Bodmer benützt seine 
Homer-Studien, 25. 331. 

Bluntsohli, Kaspar (1743 — 1767), Schüler Bod- 
mers und Freund Pestalozzis, 102. 112. 

Boccaccio, Giovanni, 282. 290. 

Bodmer, Hans Jakob, Bodmers Vater, Pfarrer 
in Greifensee, 3—4. 

Bodmer, Johann Jakob, Bildnisse : von Ant. 
Graf f (vor dem Titelblatt); von J. C. 
Füssli, 17. 36. 55; Medaille. 31.92; 
von J. H. Füssli, 73. 130. 342: von 
Tischbein, 119; aus Lavaters 
Physiognomik, 298; von J. C. Fischer, 
359. 

Boileau-Despr^aux, Nicolas, 167—169. Wirkt 
auf Addison, 174. Auf Bodmer, 186. 
In der „Bibliothek der Damen" von 
1723, 189; aus deren Neubearbeitung 
von 1745 verschwunden, 190. 192. 197. 
Vom' Reime, 198. Boileau und Dubos, 
202. 212. 217. Boileau, Bodmer, Gott- 
sched, 225—226. 236. Boileau und die 
ital. Poesie, 246.291. „Aimez la raison", 
299. 345. 353. 

Boner, Ulrich (ca. 1340), Berner Mönch und 
Fabeldichter. Sein „Edelstein" von 
Bodmer neu herausgegeben, 41. 



Bouflers, Marquis, übersetzt den Wienern 
Wielands „(»razien", 175. 

Bouhours, Dominique. Bouhours und Addison, 
174. 178. Bouhours und die Italiener. 
246. 270. 296. 297. 

Breitinger, Joh. Jakob (1701-1776), Bod- 
mers Studienfreund am Carolinum 5. 
Mitherausgeber der Diskurse, 8. 9. 
10. 360. Plant mit Bodmer eine Reise 
durch Deutschland, 14. Mitarbeiter 
an der Abhandlung „Von dem Ein- 
fluss und Gebrauche der Einbildungs- 
krafft", 18. 19. (Jemeinsame Arbeiten 
und Studien, 20—23. Beider Quellen 
und Sammlungen, 24 — 26. Mitarbeiter 
an den „Freimüthigen Nachrichten", 
29. Versöhnungsversuche zwischen 
Bodmer und Klopstock, 33. Teilnahme 
an Bodmers altdeutschen Studien, 40. 
46. 57. 81. In Pestalozzis, in Bod- 
mers Urteil, 95. 112. 11,^. 179. I>ie 
Franzosen, 192. Dubos, 201. Houdard 
de la Motte, 209. Pädagogisch-gram- 
matische Arbeiten, 213. Breitinger, 
Bodmer, Gottsched, 225—228. 238. 
Italienische Studien; Calepio; Muratori, 
251. 254. 295. 296. 302. 311. Sein 
Bildnis, 22. 31. 36. 279. 

Brockes, Barthold Hch. Von Bodmer gefeiert, 
25. Brockes und Bodmer, 28. Über- 
setzt Thomson, 341. Anteil an Bod- 
mers Milton, 349. 

Bruy^re, La, in der Bibliothek der Damen, 
189. 210. 230. 239. Als Charakteristiker 
erwähnt, 321. 

Burkli, Johannes, Zunftmeister (1745—1804). 
Politischer Jünger Bodmers, 94. 112. 



REGISTER DER EIGENNAMEN 407 

Butler, Samuel, ßodmer versucht 1737 Hudi- | Chauoer, Geoffroy, in Popes Bearbeitung hat 
bras zu übersetzen, 44; das Werk ist Bodmer dessen Temple of Fame be- 

ihm von Zellweger zugekommen, 320. j nutzt, 331. 

328. 35v^. I Cibber, Collcy, «Careless hushand»* von ZelU 

1 weger Bodmer geliehen, 322. 

CalepiO, Pietro, Graf (1693-1762). Bodmer | «^'»••"^ "•« Ästhetiker erwähnt, 24. 267. 

befördert 1732 dessen ,Paragone- zum Clarke. Samuel, .geistliche Reden- in der 

Druck. 19. Calepio eröffnet Bodmer ! Krauenbibliothek empfohlen. iMu 

........ T -1.1. ä. rti r- Clauder, Joh. Chr. Vertrauter liottscheds, 

die itahenische Litteratur, 24. Gemem- i ' -^ 

. . .. Au'i. r»i- t»"itt auch mit Bodmer anlässlich des 

same dramaturgische Arbeiten, 21/. j 

j V r j« tr nt£^ Milton in Beziehung, 350. 

Im Kampf gegen die rranzosen, 246. ** 

Seine Persönlichkeit, 252 -254. Calepio ' *''«''*'' '-•'• dessen , Ars critica" von Bodmer 
und Kaspar von Muralt, 256. .„Caratterc ^ "» />• 

degU Italiani«. 256. 257. Paragone. 258 ; Clifford, Martin, schreibt mit Butler eine Satire 

bis 262. Briefwechsel mit Bodmer über i S^^'" Dryden, 328. 

den guten Geschmack, 267-276. Cale- ■ Congreve, William, sein „Double Dealer« von 
pio als Vorkämpfer Lessings, 270-271. Zellweger an Bodmer geliehen, 322. 

Cber das Erhabene, 272. Calepio und ! ^°'**' Verfasser einer Iphig^nie. 229. 

Gottsched, 274. Bod.ner druckt 1742 \ Corneille. Pierre, 47. Corneille und die engl. 

die .Apologia dell'iEdippo«, 274. Cale- \ ^"'^"''' ^^*-^ "■ Corneille in der Damen- 

pio und Voltaire, 275-276. 29.5. Cale- : bibliothek. 189; nicht mehr in der 

pio und die Schweizer; die italienische ' Krauenbibliothek, 190. 195. c:orneille 

Kritik. 295-297. 301. 306. 325. 337- ""** '^" Paragone, 216. Corneille in 

338. Sein Bildnis, 260. ''*" .Kritischen Betrachtungen". 229. 

Calprenöde, La. dessen Cleopatra als Bodmers , Corneille u. Calepio. 259-262. 332-337. 

Jugendlektüre, 1/6. Cowley, Abraham, erscheint im Sittenn\aler. 

Canitz, Ludwig von. 9. Bodmer gibt seine , . . 6. . / . 

Gedichte heraus. 29. Canitz und Boileau, , Cresolmbeni, Giovanni Mario, in den , Neuen 
1^., Ig, kritischen Briefen". 292. 

CarinI, 295. 

Castelvetro, 296. Dacler, Madame, „Homer-. 192. 262. 27.5. 

Cervantes,Migueldc, von B()dmerbeurteilt.45. Dante. Ein „Urdichtci". 44. Seine „Engel", 

Ceva, Tommaso. führt die „Engel" in Meii- 253. Hodmer und Dante, 276 — 2**0. 

schengestalt inseinGcdiohtein,27S.2SI. Dante in den „Krcymüthigen Nach- 

Charron, Pierre, „Lc tresor de la sagesse" in richten" von 1763. 283 — 288; aus ihm 

der Damenbibliothek. 18'l; als psycho- stammt der Stoff zum „Hungerthurm 

logischer Anreger Bodmers. 194. von Pisa", 289. Bodmer im Gegen- 



408 



J. WIDMER 



satze zu Voltaire, 289. 290. Dante 
als Ästhetiker, 300. 374. 

Davenant, William, Schüler Corneilles, 174. 

Defoe, Daniel, in den „Kritischen Betrach- 
tungen**, 327. Sein Robinson Crusoe 
schon 1 723 empfohlen, 336. 

Derham, William, seine „Naturleitung zu Gott** 
empfohlen, 336. 

Descartes. Den Zürchern durch Fontenelle 
überliefert, 211. 

Deshoulidres, Antoinette. Meisterin in bouts- 
rim^s, 219. 

Destouches, Philippe, 226. 

Diderot, Denis, 200. 

Drollinger, Karl Friedrich (1688—1/42). 28. 

Dryden, John, Schüler Boileaus, 174. Bodmer 
erhält durch Zellweger „All for Love", 
322. 324. Dramatisiert Milton, 326. Fehde 
gegen Dryden, 328. Im Sittenmaler, 
336. 352. Spuren in der Noachide, 362. 

Dubos, Jean-Baptiste, 24. 169. 175. Einfluss 
auf Bodmer. 186. Vorläufer Diderots 
und Lessings. 200—202. 239. Dubos und 
Calepio, 262. Seine „geheime Em- 
pfindung**, 267. 273. 296. 

Dulot, Erfinder der „bouts-rimez**, 219. 



Escher, Joh. Caspar (1737 — 1821), Schüler 
Bodmers, 94. Briefwechsel mit Hans 
Heinrich Füssli. 97- 104. 112. 

Euripides, in der französ. Litteratur, 229- 230. 

F^nelon, Fran^ois, sein Tel^maque, 168. 176. 

In der Damenbibliothek, 189. 232. 
Fielding, Henry, „Joseph Andreas Abenthcure" 

in der Fraiienbibliothek, 336. 



; Fontanini, kämpft gegen den Pseudoklassi- 
zismus, 246. 

! Fontanelle, Bernard le Bovier, 186. Vorbild 

! für Bodmer in den Diskursen, 187- 

I „Les 6clogues'*, 189. Gottsched, 191. 

Bodmer, 192. Boileau und Fontenelle 
wirken zusammen in Bodmers Definition 
des Schönen, 196. Die Totengespräche, 
198 — 202. Cartesianismus in den „entre- 
tiens**, 211. Pope, 218. „bouts-rim6s'*. 
219. 226—227. 229. 236. 322. Drama- 
turgisches, 239. 

I FmssII, Hans Heinrich (1745—1832). Bodmers 

i Nachfolger in der Professur, 47. 94. 

Schüler Bodmers, Freund Lavaters, 97- 

! 101. 112. 248. Sein Bildnis, 101 (wobei 

I irrtümlich die Unterschrift des «Lon- 

j doner** Füssli). 

I FQssli, J. C, Maler, Wiedergabe eines Öl- 

I gemäldes von ihm, 17. 

Füssli, Joh. Heinrich, Maler (1741—1825), 112. 
Von ihm ein grosses Bild Bodmers, 
dessen Jünger er war, 48. 342. Sein 

• Bildnis, 73. 99. 342. 

I 

Garth, Samuel, „Armenapotheke** im ^^Mahler 
' der Sitten-, 333. 374. 

' Gay, John, einige seiner Fabeln im „Mahler 
der Sitten**, 334. In den „Critischen 
! Briefen**, 340. 374. 377- 

Gärtner, Karl Christian, korrespondiert mit 
I Bodmer, 29; empfiehlt Klopstock, 30. 

Geliert, Christian Fürchtegott, schliesst sich 
I Bodmer an, 29. Empfangt Bodmers 

Sendung, J. G. Schulthess, 30. 

Gerstenberg, Heinrich Wilhelm, rezensiert 
, Bodmers Drama Friedrich von Toggen- 



REGISTER DER EIGENNAMEN 



409 



bürg, 124. ,Ugolino** und der ^Hunger- 
thurm von Pisa* gleichzeitig, 281. 

GeMner, Salomon (1730—1787), 37. Umgang 
mit Bodmer, 47. 207. 218. Sein Bildnis, 
17. 171. 178. 191. 

Girard, Jean-ßaptiste, vorbildlich für Bodmers 
Bemülvmgen um den Sprachunterricht, 
213. 

Giteke, Nikolaus Dietnch, 29. 

Qleim, Johann Wilh. Ludw., im Verkehr mit 
Bodmer, 28. 30. 185. 341. In Bodmers 
„Von den Grazien des Kleinen**, 347. 

Glover, Richard, sein Epos „Lconidas", er- 
wähnt, 338. 

Goethe, Johann Wolfgang, sein Urteil über 
die Buchhandlung „Orell und Kom- 
pagnie*, 18. Über die ^Critische 
Dichtkunst", 20— 21. Er vermittelt die 
Lieferung von Veidekes „Aeneis** nach 
Zürich, 42. 46. Besuche Goethes in 
Zürich, 48. 53. 65. 68—71. 153. Bodmer, 
die „Henne für Talente-, 186. 225. 266. 
276. 308. Sein Bildnis, 69. 

Gottsched, Joh. Christoph, seine „Vernünf- 
tigen Tadlerinnen** als Nachahmung der 
Diskurse, 10. 13. 18. Beginn des Kampfes 
mit Zürich, 25. Ästhetische Grund- 
anschauungen. 26. Abtrünnige aus 
seiner Garde, 29. Spottet über die 
Sprache der Zürcher, 43. 83. 166. 182. 
183. In Bodmers satirischem Vorspiel 
als Purist, 185. 191. Die Franzosen, 
192. 195. 198. 209. 223-225. 227—231. 
236. Als Theaterreformer, 244. 262 bis 
264. 267. Über Calepio, 274. Die 
Itaiiencr, 291. 304. 312. In Bodmers 
Milton, 352. 



Gottsched, Luise Adelgunde Victoria, aus 
einem Brief, 224. 

Qozzi, Gasparo, schreibt eine Verteidigung 
Dantes, 277- 

Qraff, Anton (1736 — 1813), Portraitmaler, von 
ihm ein Portrait Bodmers, 48. 

Qravina, kämpft gegen die französischen 
Klassicisten, 246. Streitet für Dante, 
276; in der „Region poetica**, 282. 
Bodmer gegen Gravina*8 Schützling 
Trissino, 292. Sein „discorso sulP Endi- 
mione** früh in den Händen der Schwei- 
zer, 295. Calepio und Gravina, 296. 
Bodmer kennt Gravinas Schriften. 302. 

Qresset, Jean-Baptiste-Louis de, Autor des 
komischen Epos ^Vert-Vert**, 233. 
Bodmer tadelt seine Übertragung der 
Eklogen Vergils. 233. 

Grimm, F. Melchior, Encyclopädist, über Bat- 
teux, 200. 

Grynaeus, Simon (1725 — 1799). mit Bodmer 
im Verkehr; Danteliebhaber, 282. 

Gujer, Jakob, genannt Kleinjogg, sein Bild 
nach Chodowiecki, 104. 



Hadloub, Johannes. Zürcher Minnesinger (um 
1300), über den manessischen Codex, 
41. Im „Rudolf Brun", 134. 159. 

. Hagedorn, Friedrich von, im Briefwechsel mit 
Bodmer, 28; empfängt 1749 J.G.Schult- 
hess, 30. Hagedorn und die französische 
Litteratur, 168. Hagedorn verschafft 
Bodmer Wigaiois und Freidank, 42. 
Er vermittelt Bodmer die Kenntnis 
Pemberton's, 338. 377. 

' Hagenbuch, J., Studiengenosse Bodmers, 5. 

52 



410 



J. WIDMER 



Mitglied der GeselUchatt der Maler, 8. 
Sein Bildnis, /. 

Haller, Albrecht von (1708— 1777). im Kampf 
der Schweizer mit Gottsched, 25. 28. 
Übersetzt von Tscharner, 29. Urteil über 
^Noah**, 25. 38. 181. Sein Bildnis, 139. 

Haller, Gottlieb Emanuel (geb. 1735), benutzt 
Bodmers historische Arbeiten zu seinem 
Sammelwerk, 15. 181. 

Hagi, F., Bild von Greifensee, 4. 

Hegner, Ulrich (1749—1840), Freund der 
Familie Vogel, 76. 

Heidegger, Gotthard ( 1 666 —1711). Sog. erster 
Journalist Zürichs, 5. Seine Zeitschrift 
Merkurius, 177- 

Heidegger, Johann Konrad (1710—1778), 
Freund Bodmers und Zellwegers, 37. 
Bodmers Rede, 46. Bürgermeister und 
politischer Gesinnungsgenosse Bod- 
mers, 82. 102. 112. Sein Bildnis, 17(?). 
125. 

Heinse, Wilhelm, Schüler Wielands, Autor des 
Ardinghello, bei Bodmer in Zürich, 47. 

Helvetius, Claude- Adrien, 169. 

HenzI, Samuel (f 1749), Freund Bodmers, 29. 
145. Arbeit an einem Teildrama, 145. 
183. 

Herder, Johann Gottfried. Urteil über „Noah**, 
38. Würdigung von Bodmers altdeut- 
schen Studien, 43. 44. Über Bodmers 
Homer-Übertragung, 45. Erwähnt 24. 
46. 169. 223. 225. 

Heet, David (1770—1843). Biograph Salomon 
Landolts, 76. 
, Heinrich (1741 - 1770) und Felix (1742— 
1768), die „Hessen", Schüler Bodmers, 
94. 112. 



HeS9, Job. Caspar ( 1 709 — 1 768), Pfarrer. Über 
Bodmers Feder, 54. Freund Bodmers, 8 1 . 
82. 112 , 

Hess, Joh. Jacob (1741—1828), Antistes, 
Schüler Bodmers, 47. Sein Bildnis, 4b. 

HIrzel, Joh. Caspar (1725—1803), Litteratur- 
sendling, 30. Philosophischer Schüler 
Bodmers, 47. 57. 82. Sein Verhältnis 
zur helvet. Gesellschaft, 86 ; er legt ihr 
1762 einen Organisationsentwurf vor, 
87. 89. 105. 112. Sein Bildnis, 87. 

HIrzel, Salomon (1727—1818), Schüler Bod- 
mers, 82. Über Bodmer an Iselin, 88. 
112. 

Hofmannswaldau, Christian H. von, von Bod- 
mer befehdet, 8. Hofmannswaldau als 
ein „Italiener" bezeichnet, 249. 

Homer, als Vertreter volkstümlicher Poesie, 
24. Homer und Klopstock, 13. 31. 
Homer und „Noah**, 38. Von Bodmer 
übertragen, 45. 47. Neukirch, F^nelon, 
Homer, 168— 169. DieDacier, 192.2/2. 
276. Dante und Homer, 280. 291. 302. 
331. 

Horaz, 24. „Ut picturapo5sis^ 211. 298. 327. 
Huet, Pierre-Daniel, „lettres sur Torigine des 
Romains**, 222. 

Hyaointhe, St., Pygmalion als Vorbild für 
Bodmer, 212. 



Itelin, Isaak (1728—1782), Philanthrop und 
philosophischer Historiker; plant eine 
Reorganisation der Eidgenossenschaft, 
85. Schrift über ein Erziehungsinstitut 
für Helvetien, 86. 88. 



kfiGlStßR DßR EIGENNAMEN 



411 



Jaoobi, Joh. Georg, seine Dichtung im Urteil 
Rodmers, 185. 347. 

Johnson, Samuel« Anhänger der französischen 
Klassizität, 174. 

Jonson, Ben, «Von dem Einfluss und Ge- 
brauche der Einbildungs-Krafft** er- 
wähnt ihn 172/: 322. 328. 

Karl August, Herzog von Weimar, mit Goethe 
in Zürich und bei Bodmer, 48. 53. 71. 

Keller, Heinrich, ein Studienkamerad Bodmers 
am Carolinum, 5. 

Kirkpatrick, J., sein Epos „Sea-piece", Lon- 
don 1750, ist Quelle für Bodmers 
Colombona, 366. 

Kleist, Ewald Christian von, durch J. G. 
Schulthess mit Bodmer bekannt, 30. 
1752 als Werbeoffizier in Zürich, 35. 
Besuch bei Bodmer, 64. 345.. Sein Bild- 
nis, 61. 

Klopstock, Friedr. Gottlieb. 13. Anschluss an 
Bodmer, 26. 28. 57. Von Tscharner 
übersetzt, 29. Fahrt nach Zürich mit 
J. G. Schulthess, 30. Von Bodmer auf- 
genommen, 53 — 57. Er befruchtet Bod- 
mers Phantasie, 31. 32. 37. Zerwürfnis 
mit Bodmer, 33. 60. Von Bodmer auf 
altdeutsche Studien hingewiesen, 43. 
45. 84. 183. 235. Calepio und der 
„Messias", 254. Dante, Klopstock und 
Bodmer, 28 1—282. 305. Sein Bildnis, 58. 

König, Johann Ulrich, Plan einer Allianz mit 
Bodmer gegen Gottsched. 10.28. König 
und die franz. Litteratur, 192. 

König, Samuel, aus Bern, Freund Bodmers, 29. 

Koppe, Johann Friedrich, übersetzt 1744 
Tasso's „befreites Jerusalem", 291. 



KQnzH, Martin (1709—1765), Freund Wie- 
lands und Bodmers, 29. Ein „Trogist", 
37. 46. 340. Sein Bildnis, 335. 

Lafayette, Marie-Madeleine. der Roman 
„Zaide-, 222. 

Lafontaine, Jean de, seine „fahles choisies" 
in der Bibliothek der Damen. 189. 190. 
195. 209. 

La Motte, Antoine Houdart de, in der „Biblio- 
thek der Damen**, 189. 192. 196. »od- 
mer über ihn, 209, „Bouts-rimes**, 219. 
232. 277. 285. 296. 

Landolt, Salomon. der „Landvogt von (rreifen- 
see« (t 1818), 3. 104. 

Lange, Samuel Gotthold. Bodmer gibt 1745 
„Thyrsis und Dämons freundschaftliche 
Lieder** von Lange und Pyra heraus, 
28; er widmet ihm seine „C'ritischen 
Briefe**, 337. 345. 

LaufTer, J. J., Historikerin Bern (1688—1734), 
9. Bodmer gibt sein Geschichtswerk 
heraus, 16. 

La Vater, Johann Caspar ( 1 74 1 — 1 80 1 ), 64.65. 
Beziehungen zu Bodmer, 47. 94. Ode 
an Bodmer, 98. 1 1 0. 1 1 2. 1 6 1 . Schweizer- 
lieder, 172. Sein Bildnis, 99. 109. 

Lazzarini, „Ulisse il giovane** von Bodmer 
übersetzt, 264. 

Lee, Nathaniel, seine Sophonisbe mit der von 
Corneille, Trissino, Lohenstein ver- 
glichen, 322. 328. 

Leibniz, Gottfried Wilhelm von, 5. 1/0. 

Lemene, „Giacobbe al fönte** von Bodmer 
übersetzt, 294—293. 

Lessing, GotUiold Ephraim, als (jlied der 
Monlagsgesellschaftin Berlin, 30. 46. 84. 



41^ 



j. WlÜMßR 



153. Lessing und Shakespeare, 158. 168. 
Vorläufer seiner Kunstkritik, 200. 205. 
Dramaturgisches aus Bodmers Kreis vor 
Lessing. 215-216. 238. Lessing und Ca- 
lepio. 259. 261-262. 2/1. 273. 275. 304. 
306. 345. Lessing und die Noachide, 362. 

ügon, Richard, ein Exzerpt des Spectator aus 
seinem Buch über Barbadoes (1673) als 
Quelle von Inkel und Yariko, 366. 367. 

Limmatspitz. Bildnis, 13. 

Liscow, Christian Ludwig, hält zu den 
Schweizern, 28. 

Lochmann, Landvogt zu Greifensee, 3. 

Locke, John, von Bodmer am Carolinum ge- 
lesen, 5. 177. 186. Locke und die 
„Mahler", 8. 175. 345. Locke und 
Montaigne, 194. 327. 336. 

Löen, Johann Michael von, in Verbindung mit 
Bodmer, 378. 

Lohenstein, Daniel Caspar von, von Bodmer in 
den Diskursen angefochten, 8, 196. 322. 

Longinus, ästhetische Autorität für Bodmer 
und Breitinger, 24. 339. 

Longuepierre, von Bodmer benutzt. 229. 

Loreniini, kämpft für Dante, 276. 

Lukian, seine Werke von J. H. VVaser über- 
setzt,^29. Seine Unterwelt, 199. 

Lyttelton, Lord, „Dialogues of the Dead** von 
Bodmer nachgeahmt, 345 — 346. 



Maffei, Francesco Scipione, marchese, Litte- | 
raturrcformer, 244. 246. Bodmer ' 
kennt seine Zeitschrift „Giornale de' 
letterati d'Italia**. 252. Angriff auf das 
französische Theater. 258-259. Calepio ' 
und Maffei, 261. 306. 



Magny, greift mit Voltaire Milton an, 13. 

Zurückgewiesen von Bodmer, 1 92 — 1 93. 

231. 232. Addison gegen ihn benützt. 

326. 352. 
Manesse, Zürcher Rittergeschlecht, ihr angeb- 
licher Codex von Bodmer benutzt, 40. 
Marino, Giambattista, abweisend behandelt 

im „Charakter der teutschen Gedichte**, 

25. Marinismus, 243. 
Marivaux, Tierre de, „Bouts-rim^s*', 219. 
Mauvillon, EliSazar, „Lettres fran^aises et 

germaniques**, 169. 218-219. 246. 
Mazzoni, über Tasso. 300. 
Meier, (i. F.. Schüler Baumgartens, neigt zu 

Bodmer, 28. 
Meister, Heinrich, der Kammerer (1698-1746), 

Jugendfreund Bodmers, 5.8 1 . Mitarbeiter 

an den Diskursen. 8. 46. 1 12. Bodmer an 

Meister über seine Dramen, 120. 205. 

Plan journalistischer Unternehmungen, 

178. 179. 181. 182. Bodmer aus Italien, 

247-248. 304. Sein Bruder 
Meister, Johannes (1 700 -1781), Mitglied der 

„Gesellschaft der Mahler«*, 8. 
Meister, Job. Heinr. (Henri), sein Bildnis, 226. 
Meister, Leonhard (1741 — 1811), Bodmers 

Schützling, 105. 112. 162. 
Mendelssohn, Moses, Parallele zu Calepio, 

271. 308. 
Menke, Job. Burkhard, Freund Gottscheds, 

Anhänger der Franzosen, 167. Menke 

und Muratori, 303. 
Mercier, empfiehlt den Schweizer Dichtern 

den Tcllstoff, 145. 
Merk, Johann Heinrich, beurteilt Bodmers 

Homer, 45. 
Meyer von Knonau, Ludwig (1705—1785), 



REGISTER DER EIGENNAMEN 



413 



Fabeldichter, seine Fabeln gibt 1747 
Kodmer heraus, 29. 74. 

Milton, John. Bodmer erhält ihn durch Zell- 
weger, 11. 12. Weisheitsquelle, 13. 14. 
Schutzschrift Bodmers, 20. 25. Haller 
und Milton, 28. Versuch einer Über- 
tragung, 44. 47. 166. 168. Ein Essay 
im Spectator, 175, 1/9. Bodmer gegen 
Voltaire, 186. 192. 193. 196. 22/. 231 
bis 233. Allgemeines, 235. 236. Dante- 
Miltons Engel 253. 276. 278. 281. 320. 
Bodmer gegen Gottsched für Milton, 
325-326. „ Abhandlung von der Schreib- 
art in Miltons verlohrnen Paradiese**, 
329. Im „Mahler der Sitten«, 332. 
In der Frauenbibliothek. 336. 340. Die 
„kritischen Briefe«, 345. ,Von den 
Grazien des Kleinen«, 347-348. „Johann 
Miltons Verlust des Paradieses«, über- 
setzt von Bodmer, 350—352. 353. Ein- 
fluss auf die Noachide, 362—363. 

Moliöre, Jean-Baptiste Poqueün, in deutscher 
Übersetzung, 168. In der Damenbiblio- 
thek, 189, 337; doch nicht mehr in der 
Frauenbibliothek, 190. 195. Moli^re, 
Bodmer und das Lustspiel, 217. 322. 

Montaigne, Michel Eyquem de, früh von Bod- 
mer studirt, 176. 177. Er führt Bodmer 
zu Locke, 194. Montaigne und Male- 
branche, 311. 

Montesquieu, Charles de Secondat, 15, 44. 202. 

Morhof, Daniel Georg, Lehrer Wernike's, 
Schüler von Racine und Roileau, 167. 

Moscherosch, Johann Michael, über das ,,Frem- 
denzen«, 180. 

Müller, Christoph Heinrich - Myller — (1744 
bis 1807), Schützling Bodmers, 43. 105 



bis 108. 1 12. Besorgt die Herausgabe der 
Nibelungen und erhält den litterar- 
historischen Nachlass Bodmers, 43. 

Muralt, Beat Ludwig von (1665—1749). Über 
das Franzosentum in ganz Europa, 
167—168. 173, 181, „Lettres sur les 
Anglais et les Fran^ais" in der Frauen- 
bibliothek, 190, Muralt über Bayle, 211; 
seine Briefe als Anregung für 

Muralt, Kaspar von. Mit Bodmer und Calepio 
bekannt und sie befreundend, 19. Er 
plant eine europäische Ethik, 256. Be- 
stimmt Calepio zu ähnlichen Studien, 
256. 305. 

Muratori, Ludovico Antonio. 24. I ^er Verstand 
bestimmt das ästhetische Urteil, 268. 
Muratori und die Schweizer, 295. 296. 
Quelle für Bodmer und Breitinger, 
301—303. 312. 



Neube\ Karoline, 244. 

Neukirch, Benjamin, Schüler von Boileau, 168, 

und F6nelon, 169. 
Nibelungen, 1757 teilweise von Bodmer edirt. 

41. Gesamtausgabe von Müller in 

Berlin 42. 
Nicolai, Friedrich, 46. Bodmer bewirbt sich 

um seinen Dramenpreis, 124. 
Niederer, Gehülfe Pestalozzis, berichtet von 

einer Äusserung seines Meisters über 

Bodmer und Breitinger, 113. 114. 
Nostradamus, Jean de. als Quelle für die 

Kenntnisse Bodmers in der provenzali- 

schen Litteratur, 220. 
Nuscheier, Felix (1738 — 1816), Professor, 

Schüler Bodmers, 94. 112. 



414 



J. WIDMER 



Obereit, J. H., verschafft Bodmer die Nibe- 
lungenhandschrift C aus Hohenems, 42. 

Olivet, Abb6, 230. Verfasser einer Histoire 
de TAcad^mie, auj der Bodmer eine 
Anekdote auf Gottsched kehrt, 230. 

Opitz, Martin. Liebling des jungen Bodmer, 
5. Plan einer litterarischen „Bober- 
feldischcn Gesellschaft«*, 10. Tritt vor 
Milton zurück, 12. Im „Charakter der 
teutschen Gedichte", 25. 28. Kritische 
Ausgabe durch Bodmer und Breitinger. 
29. 166. 201. Bewunderung seines 
Werkes „Zlatna**, 324. 

Orell. Esther, Bodmers Mutter (f 173/), l. 

Orell, Esther, Bodmers iiattin, 16. 

Orelll, Salomon von (1740-1829), philo- 
sophischer Schüler Bodmers, 102. Er 
schildert 1790 in Schinznach Bodmers 
Häuslichkeit, 53. 94. 112. 

Orsi, „Considerazioni", 270. 

Overbeok, der Maler und Freund Ludwig 
Vogels, 75. 

Ovid, 4. 327. 

Pallavicino, 296—297. 300. 

Parnell, Thomas, dessen ,Hermit" von Bod- 
mer 1752 übei setzt, 357. 

Pascal, Blaise, „Provinciales", 195. 

Pemberton, Henry, ^Obscrvations on Poctry*» 
von Bodmer gegen Calepio benutzt, 
338—339. 377. 

Percy, Tiionias, seine Volkslieder in Bodmers 
„Altenglischcn Balladen", 44.358.379. 

Pestalozzi, Heinrich (1746—1827), von Bod- 
mer beeinflusst, 94. 95. Urteilt über 
Bodmer, 95-96. 100. 112. 115. Sein 
Bildnis, 96. 



Petrarca, 167. Bodmer und der Petrarkismus, 
276. 282. 290. ^Verliebtes Zeug-, 290. 

Philips, Arabrose, ist Bodmer sowohl aus dem 
Spectator, wie im Original bekannt, 328. 

Pope, Alexander, 25. Bodmer übersetzt seine 
Duncias, 44. 168. 174. 194. Seine Eklo- 
gen, 218. 325. 328. Der „Temple of 
Käme«* als Quelle für Bodmer, 331-332. 
Der „Versuch vom Menschen" in der 
Frauenbibliothek, 336. 339-340. Fonte- 
nelle und Pope verglichen, 344. 345. 
In Bodmers Milton, 352. Nochmals 
die Duncias, 355 — 356. 361. In der 
Noachide, 362—363. 378. 

Prior, Matthew, im Sittenmahler, 336. 376. 

Pyra, Immanuel Jacob, mit Bodmer befreundet, 
der auch seine und Langes Gedichte 
herausgibt, 28. Pyra über den Para- 
gone des Calepio, 264. 



Quadrio, Abate, Beziehungen zu Calepio, 
wegen Klopstock sondiert, 254. 

Quintilian, als klassische Stütze für die Ästhe- 
tik der Zürcher, 24. 



Rabelais, Fran«;ois, Bodmers Urteil Ober den 
„Gargantua und Pantagruel** im „Mah- 
ler der Sitten*', 217. 

j Rabener, Gottlieb Wilhelm, neigt sich zu Bod- 

I mer, 29 ; empfängt J. G. Schulthess, 30. 

I Racine, Jean de, seine Verbreitung in Deutsch- 
land, 168. In der „Bibliothek der 
Damen", 1 89 ; nicht mehr in der Frauen- 
bibliothek, 190. 195. 209. Bodmer und 

I Racine, 215. 229. 230. 

I Ramler, Karl Wilhelm, nähert sich Bodmer 



REGISTER DER EIGENNAMEN 



415 



und empfängt dessen Sendlinge Schult- 

hess und Gessner, 30. 
Recmiatiy „Demodice"; Corneille, Recanati, 

Bodmer, 217* 
Restif de la Bretonne, 170. 
Ricooboni, ital. Schauspieler unter Maffei*s 

Einfluss, 244. 246. 
Richardson, Jonathan (Vater und Sohn), in 

der kritischen Dichtkunst, 339 —340. In 

Bodmers Milton, 352. 
Richardson, Samuel, „Pamela*' in der Frauen- 
bibliothek, 336, „Edward (irandison**, 

367. 
Rochefoucauld, Fran9ois Duc de la, seine 

„R^flexions morales" in der , .Bibliothek 

der Damen", 189. 228. • 
Rochester, J. Wilmot, Graf, 320. 329. 
Ronsard, Pierre. Ronsard und Opitz, 166. 

Von der „Imagination", 299. 
Rost, schliesst sich Bodmer an, 28. 
Rotrou, Verfasser einer „Iphig^nie", 229. 
Rousseau, Jean-Jacques. Bodmers Begeisterung 

und Agitation für dessen Ideen, 44. 93. 94. 

204-209. Rousseau in Bodmers Dramen, 

141.157.161. Rousseau und Dubos,201. 
Rowe, Elizabeth, „History of Joseph" Bodmer 

aus der Bibliotheque britannique be- 
kannt, 365. 

Sachs, Hans, als Quelle für Bodmer, 343. 3/8. 

Saint-Evremont, Jean Marguetel, Lektüre des 
jungen Bodmer, 177. 192. 211. 232. 

Sarrasin, „Dulot vaincu", 219. 

Scaliger, Julius Caesar, Ronsard, Opitz, 166. 
„Ut pictura poesis". 250. 296. 

Scheuchzer, J., Naturforscher in Zürich, in Bod- 
mers Jugend Lehrer am Carolinum, 6. 



Schinz, Hans Heinrich (1726— 1788), Schüler 
und ?>eund Bodmers, 82. 112. Rede 
über Bodmer in Schinznach, 1 14. Sein 
Bildnis, 42. 

Schinz, R udolf (1745 — 1 790), Schüler Bodmers, 
schreibt dessen Nekrolog, 56. 93. 110. 
112. 204. Brief über Gleim und 
Jacobi, 185. 

Schlegei, Joh. Adolf, und sein Bruder 

Schiegei, Job. Elias, erklären sich für die 
Schweizer, 28. 

Schlegel, Aug. Wilhelm, die romanische Lit- 
teraturforschung, 223. Calepio und 
Schlegel, 275. 308. 309. 

Schöpflin, Joh. Daniel, Bodmers Freund, ver- 
schafft ihm den Manesse-Codex, 40. 2 1 3. 

Schulthess, Job. Georg (1724 — 1804), Littera- 
tursendling, 29. 30. 83 ; zu Klopstock, 32. 
82. Montagsgesellschaft in Berlin, 83. 
bis 84. 85. 94. 112. Medaille, I07. Sein 
Bildnis, 84. 

Segrais, Übersetzer der En^ide, 239. 

Semier, Joh. Salomo, 5. 

Sövlgnö, Madame de, Briefe im „Verzeichnis 
einer Frauenbibliothek, 190. 

Shaftesbury, Anthony Ashley Cooper, Karl of 
290. Bei Calepio, 296. 310. Als Charak 
teristiker gelobt, 321. 327. In de 
Frauenbibliothek, 336. 

Shakespeare, William, 44. 179. 186. 235. 275. 
Dante, Shakespeare, Voltaire, 289, Bod- 
mer 290. 309. „Saspar", 325. Phone- 
tische Schreibversuche Bodmers, 329. 
In den kritischen Werken der Zürcher. 
329. 330. Wielands Übersetzung, 345. 
Theobald, (1688-1744), Herausgeber 
Shakespeare's, in Bodmers Übersetzung 



416 



J, WIDMER 



und Bearbeitung der Duncias, 355. 359. 
In Bodmers Dramen, 123. 130. 131. 132. 
151. 157—158. 366—371. 372. 385. 

Sheffield, John, Duke of Buckinghamshirc, 
„Essay on Poetry'*, 329. 

Sihlwald, Bildnis 208. 

Spalding, Joh. Joach., 5. 

Spenser, Edmund, 329. 

Spreng, J. J., (1699—1768), Professorin Basel. 
Er ahmt in Basel die Zürcher ,, Dis- 
course*' nach, 10. 

Stfiudlin, Gotthold Kriedr., gibt 1794 „Briefe 
berühmter und edler Deutschen an 
Bodmer** heraus, 310. 

Steele, Richard, gibt den „Tatler**, mit Ad- 
dison den „Spectator" heraus, 8. 332. 
„Der Hofmeister" in der Frauenbiblio- 
thek, 336. 366. 372. 

Steinbruohel, J. J. (1729—1796), Philolog in 
Zürich, thätiger Übersetzer; von Pesta- 
lozzi beurteilt, 95. 112. 

Stolberg, Christian, Graf. Sein Homer, 45. 

Stolberg, Friedrich, Graf, mit Goethe und 
seinem Bruder Christian in Zürich und 
bei Bodmer, 48. 53. 65. 

Stöber, Elias, als Kollege Schdpflins unter- 
stützt er Bodmer in dessen altdeutschen 
Studien, 40. 213. 

Sulzer, Joh. Georg (1720—1779), 31. 32.38. 
46. Mit Klopstock bekannt, 57. Freund 
und Gehilfe Bodmers, und als solcher 
vielfach thätig, teils werbend, rühmend, 
teils nachahmend und theorctisierend, 
S2. 8.3. 89. 92. 100. 106 — 10/. 112. 117. 
137. 146. 200. 292. 340—341. 377- 
Sein Bildnis. 7S. 245. 

Swift, Jonathan, 29. Als Charakteristiker ge- 



feiert, 322. Quelle für einige Verse in 
,,Character der teutschen Gedichte**, 
324. „In der Critischc^n Dichtkunst**, 322. 
in den „Neuen kritischen Briefen**, 345. 



Tarteron, übersetzt die Werke des Horaz, 239. 

Tasso, Torquato, des jungen Bodmers Lek- 
türe in Italien, 7- 30. 177- 249. „Ur- 
dichter**, 44. 47. Übersetzungen, 168. 
Tasso in der ital. Kritik des 17. und 18. 
Jahrhunderts, 246. Tasso und Bodmer. 
290-292. Tasso und Ariosto. 300. 3in. 

Thomasius, Christian, begründet die „deut- 
schen Monatsgespräche**, 169. Deut- 
sche Vorlesungen, 180 — 181. 

Thomson, James, in der Frauenbibliothek, 336. 
In den „Neuen kritischen Briefen** an- 
gepriesen, 340 — 341. 376. 

Tlllotson, John Robert, seine Predigten in der 
Frauenbibliothek empfohlen, 336. 

Tischbein, Joh. Heinr. Wilh., von ihm ein 
Portrait Bodmers, 48. 

Tobler, Franz Heinrich (1748—1828). 105. 112. 

Toland. Bodmer erbittet seine Schriften von 
Zellweger, 320. 

Trissino. Giovanni Giorgio, „Sophonisba**, 244. 
322. Gravina und Trissino, 292. 

Tscharner, Vincenz Bernhard, Übersetzer Klop- 
stocks, 29. 57. 254. 



Usteri, Joh, Martin (1763 — 1827) und die 
F'amilie Vogel im „Schönen Berg**, 76. 



Vergll, mit Homer verglichen, 24.291. Klop- 
stock und Vergil, 3 1. In der Übersetzung 



REGISTER DER EIGENNAMEN 



417 



von Gresset, 233. Vergil und Dante, 285, 
In der krit. Dichtkunst Breitingers, 303. 

Vida, Marco Girolamo. Bodmer erwirbt seine 
Werke in Bergamo, 247.318. „Utpictura 
poesis*', bei Vida und Bodmer, 250. 
Einfluss auf Calepio, 296. 304. 

Villiers. ,,Entretien sur Ics trag^dies*' als 
Quelle für Bodmer, 230. 

Vogel, Ludwig, Maler in Zürich, seine F'amilie 
erwirbt u. bewohnt den „Schönenberg**, 
Bodmers einstiges Wohnhaus, 74. 

Voiture, seine „lettres** in der Damenbiblio- 
thek, 189. 

Voltaire, Fran9ois-Marie Arouet. Bodmers Ab- 
neigung, 44. 203. Voltaire über „Frank- 
reich in Deutschland**, 180. Von Bod- 
mer als Historiker und Charakteristiker 
geschätzt, 203. Voltaire und Calepio 
im Gegensatz, 275. Voltaire's Abneigung 
gegen Dante, 277.280.289. Bodmer ver- 
teidigt Milton gegen ihn, 13. 186. 192. 
203. 223. 231-233. 309. 311. 325. 

Voss, Joh. Heinrich, 45. Sein Homer erst ver- 
mag den Bodmers zu verdrängen, 331. 

Walther, J. G., Herausgeber des „Schweizer- 
Journal", 154. 162. 

Waser, Joh. Heinr. (1713— 1777), Mitarbeiter 
an den „Freymüthigen Nachrichten*', 29. 
Übersetzt Swift, (iay, Lukian, 334. 340. 
Freund Zellwegers und Bodmers, 46. 
317. Waser und Klopstock, 5". Sein 
Bildnis, 73. 335. 

Weiss, Heinrich, Pfarrer (1745— IKOS), Schü- 
ler Bodmers. 94. 102. 112. 

Werder, Dietrich von dem, übersetzt 1626 
Tasso zuerst ins Deutsche. 291. 



Wernioke, Christian, seine Werke von Schult- 

hess erneuert, 29. Anhänger von Racine 

und Boileau, 167. 
Wesley, Samuel. Bodmer kennt „The Basket : 

A Tale", 344, 378. 
Wioherley, William, Plagiator des Moli^re, 

174. 
Wiokram, J^rg, bearbeitet die Metamorphosen 

Ovids, Bodmers Jugendlektüre, 4. 
Wieland, Chr. Martin, in Zürich, 34. 37. 62— 

64. Verteidigung des „Noah", 38. 53. 

63. 64. Zerwürfnis mit Bodmer, 35. 
! Urteil über Bodmers Homer, 45. Päda- 

j gogische Pläne, 84—85. Übersetzung 

! Shakespeares, 158. WHeland und 

i 

Bouflers in Wien, 175. 225. Sprache 

Bodmers, Klopstocks, Wielands, 235. 

Sein Bildnis, 59. 
Winokelmann, Joh. Joach. und Gravina, 292. 

300. 
Wirnt von Gravenberg, dessen „Wigalois" 

von Bodmer als „provenzalisch'* erklärt, 

222. 
Wolf, Konrad, Kaufmann (1742-1807), Schüler 

und Schützling Bodmers, 105. 106. 112. 
Wolff, Christian, 5. 
Wyss, David von, (1763-1839), Bürgermeister 

(der jüngere), Bodmers Schüler, 103. 

104. 112. 
Wyss, Heinrich von (1707 — 1741), Freund 

Bodmers, 81. 112. 

Young, Edward, als Satiriker in den „Neuen 
kritischen Briefen" behandelt, 34 1 . Seine 
„Nachtgedanken*' ebenda, 342. In der 
Noachidc benutzt, wie von J. A. Kbert 
nachgewiesen ist, 365. ^'Jl. 37^ — 3H5. 

53 



418 J. WIDMER 

Zappi, Mitglied der Arcadia, 293. < Liefert und vermittelt Bodmer eine 

Zellweger, Jacob. Bruder von Laurenz Zell- ' Menge englischer Litteratur, 320. 330. 

weger und Landamann in Appenzell a R. i 350. 353. 3/8. Sein Bildnis, 17. 317. 

Seine Kinder unterrichtet Leonhard ' Zeno, Freund Maffei's, 251—252. 

I 

Meister, 105. Er nimmt Bodmers Schütz- I Zimmermann. Jacob, Professor imd Theolog 

ling Wolf bei sich auf, 105 — 106. , in Zürich, Studienfreund und Gesin- 

Zellweger, Johannes, Landesfähndrich, 106. j nungsgenosse Bodmers, 5. 81. 112. 

ZeHweger, Laurenz, Arzt und Philanthrop in | Zimmermann. Johann Georg, sein Bildnis, 148. 

Trogen (f 1764), Freund Bodmers, 9. , Zimmermann, J. Ignaz, S. J. (1737—1797). 

46.81. Mitarbeiter an den Diskursen, Schrieb nach Bodmers Mustern 1777 

9. Bericht Bodmers über Wieland, 35. einen Wilhelm Teil in 5 Akten, 162. 

Wirt der „Scholtländer", 37. 46. 84. I Zollikofer, Cornelius, Freund Bodmers und 

Verhältnis zu den Schinznachern, 88-89. I Mitarbeiter an den Diskursen, 9. 

Brief Bodmers über dessen dramatische | Zwingli, Ulrich, und Arnold von Brescia in 

Arbeiten, 124. 181. Bericht Bodmers der Zürcher Lokaltradition. 138. 140. 

über Klopstocks Benehmen, 183. 185. ' 



SCHRIFTEN 



Herausgegeben durch die Stiftung von Schnyder von Wartensee, 
verwaltet von der Stadtbibliotheic Zürich. 



(Die Stiftung bezweckt Förderung aller Wissenschaften und KGnste nach Massgabe ihres Statuts vom 
11. September 1847, in Kraft getreten am 8. Oktober 1884.) 



1. LEBENSERINNERUNGEN VON X. SCHNYDER VON WARTENSEE nebst musika- 

lischen Beilagen und einem Gesamtverzeichnis seiner Werke. 8^ Zürich, Gebr. 
Hug 1888. 

2. LES DISLOCATIONS DE L'^CORCE TERRESTRE; DIE DISLOKATIONEN DER 

ERDRINDE. Essai de d6finition et de nomenclature ; Versuch einer Definition 
und Bezeichnung. Französisch und deutsch. Von Emm. de Margerie und Prof. 
A. Heim. 8«. Zürich, Wurster & Cie. 1888. 

3. SCHWEIZERISCHE SCHAUSPIELE DES XVI. JAHRHUNDERTS, bearbeitet durch 

das deutsche Seminar der Hochschule Zürich unter Leitung von J. Bächtold. 
3 Bde. 8«. Frauenfeld, J. Huber 1890—93. 

4. SIEGELABBILDUNGEN ZUM URKUNDENBUCH DER STADT UND LANDSCHAFT 

zCRICH, bearbeitet von Dr. P. Schweizer und H. Zeller- Werdmöller. 1.— 4. Liefg. 
40. Zürich, Fäsi & Beer 1891 — 95. 

5. BIBLIOTHEK DER GEDRUCKTEN WELTLICHEN VOKALMUSIK ITALIENS AUS 

DEN JAHREN 1500—1/00, enthaltend die Litteratur der Frotole, Madrigale, 
Canzonette, Arien, Opern etc. Von Dr. E. Vogel. 2 Bde. 4^. Berlin, A. Haak 1892. 

6. UNTERSUCHUNGEN ÜBER DAS VERHÄLTNIS DER KNOCHENBILDUNG ZUR 

STATIK UND MECHANIK DES VERTEBRATENSKELETTS. Von E. Zschokke. 
Preischrift. 4^. Zürich, Art. Institut Orell Füssli 1892. 

7. DIE ZÜRCHER BÜCHERMARKEN BIS ZUM ANFANG DES XVII. JAHRHUNDERTS, 

zusammengestellt von Paul Heitz. 4<*. Zürich, Fäsi & Beer 1895. 

8. ZWINGLI- BIBLIOGRAPHIE. Verzeichnis der gedruckten Schriften von und über 

Zwingli, zusammengestellt von Georg Finsler. 8". Zürich, Art. Institut von 
Orell Füssli 1897. 

9. DIE SCHWEIZERISCHEN BILDERCHRONIKEN UND IHRE ARCHITEKTUR-DAR- 

STELLl'XGEN. Von Jos. Zemp. 4^. Zürich, F. Schulthess 1897. 

10. JOHANN JAKOB BODMER. Denkschrift zum CC. (Jeburtstag (19. Juli 1898). Ver- 
anlasst vom Lesezirkel Hottingen. Zürich, Alb, Müller 1900. 



PTia20.Ba.277 



C.1 




3 6105 035 916 084 



DATE DUE 


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Z 1986 






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