(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Journal für Kinderkrankheiten"

This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



*^ 




hi ..'-^^ BORO ST. 



JOURJVALi 



FOR 

KINDE^I^NKrHEITEN. 

«Unter flitwirlMiüg -^er Herren 

0B. AbellB, Prolcstor der Pidiatrik »0 dem Kurolia liehen medii.- 
chir. Institut in StockhöUn und ObetRCSt an «fem ungemeinen Kinder- 
banse daselbst, IlartlieB, Arst aia Hoipiial St. Eufenie sn Paris, 
Faye, Frofeüor und Direktor der Gebftranslalt und der Klinik far 
kranke Kinder in Christiania , HAril^, Arzt an der Kinderheilanstalt 
lu Dublin, HüViier, Direktor der Kinderheilanstalt sn lonebea, 
Heivitt, Arst am britischen Geblirhause und Lehrer Ober Frauen- und 
Kinderkrankheiten am St. lar^^s Hospitnl in Lonilon, Mr^neiii^jpfp, 
Direktor der kaiserlichen Kinderheilanslalt in «Moskau, MAttner, 
dirifirender Arzt des Kinilerkrankenhauses su Dresden, iieÜArll« 
Her, Arst an der Findel- und WHisenaustalt su Bordeaux, liVSalaakx, 
dirifirender Arst der Kinderhc\(aWaH M^iahilf in Wien, SteflTeil, 
Direktor der Kinderheilanstalt su Xteti!» ,JKtlebel , Geheimerath, Di- 
rektor den Christ^schen Kinde rhospitales in Frankfurt am Main, UTellMM^, 
kaiserl. rnss. Geheimerath und vormals Direktor des Kinderhospitales 
sn St. Petersburg y und Cli. IVesi, erster Arst des KlnderspiUles in 
Great-Ormond-Street sn London, 

mm. Fr. J. ■ehfriikd -Vnjr-<ir. Ik. HUdmUwmnd 

in Berlin. 



Band XLVL (Januar— Juni 1866-) 



ERLAifGBir. Palm & EifKfi. 

(Adolph Enke.) 
1866. 




Jir/r 



DEC 14 1901 



Hrnck von Junf^e <fe Sohn iu Erlangen. 



lobaltsverzeicbniss zu Band XLVL 



l AkkaDdlngeB «ii4 Origiialanfstlie. 

Seite 
Statistischer Bericht aber die Leistuogeo des Kioderspi- 
tales zu Stettin im Jahre 1864. Von Dr. A. Steffen, 
erBtem Arxte an demselben 1 

Deber Inhalationen bei Tussis convulsiva. Von Dem- 
selben 6 

Ueber Darminvagination im ersten Kindesalter. Von 
Dr. W. Thomas in Ohrdruff 23 

Ueber die Anwendbarkeit einiger Mineralquellen in ge- 
wissen Krankheiten des Kindesalters, von Professor 
Abelin su Stockholm 47 

Ueber Bpispadias und angeborene Spalte der Harnblase 
(Auswftrtskehrung) und aber das Verfahren dagegen 59 



IV 

Seile 
Ein klinischer Vortrag über das Studium der Kinder- 
krankheiten, gehalten in dem Hospitale für kranke 
Kinder in London von Dr. Charles West daselbst 67 

Aus der Kinderstube. Von Dr. Robert Küttner in Dresden. 

I Die Appetite der Kinder 149 

II. Das nächtliche Blosliegen der Kinder 167 

Deber die Punktion des Thorax bei ganz kleinen Kin- 
dern, mit Hinweisung auf einen glücklich operirten 
Fall bei eineni 12 Monate alten Säuglinge, von Dr. 
H. GuinitBi^ln Montl3ellier ......... 171 

Beiträge zur Kenntniss der idiopathischen Nabelblutung 
bei Neugeborenen. Von Dr. A. Werber, Privat- 
dozent und Assistent der Poliklinik in Freiburg i/B. . 191 

Ueber die verschiedenen Formen des Stotterns im Kin- 
desalter und über die rationelle Behandlung derselben, 
von Dr. Erwin Schulz in Berlin 196 

iur Frage über Krup und Diphtheritis. Von Dr. Luz- 
sinsky, Direktor des ö. Kinder -Krankeninstitutes 
„MariahilP^ in Wien 221 

Noch einige Mittheilungen über die Esmarc hasche 
OperatioA gegen die Anehjlose des Unterkiefers . . 240 

üeber Diphtheritis, von Dr. Thoresen in Christiania 307 

T 

Tracheotomie in der letzten Periode des Krups duioh 
Fälle erläutert von Dr. Eugen Mojnier, früherem 
Oberarzte der Fakultätsklinik im Hotel -Dieu zu Paris 329 

Erlebnisse aus der Kinderpraxis. Von Sanitätsrath Dr. 
Joseph Bierbaum. 

I. SateritilB eholeriforttiiB r * • ^^ 

II. Er^sipelatöse Enteflndung der Ohrspeicheldrftae . • 373 



V 

Seit« 

n. BiidK&e littkdhugM. 

bife DiagDOBe des Keuchhostens aus den Ulzerationeti 
der Zotige und Ober die Behandlatilg dieser Krankheit 
durch InhaiatioD in GttsbereitungsaDstalten (Hr. Bou- 
ehat im Hospitale fflr kranke Kinder in Paris) . . 77 

Krebs dies Hodens bei efnem 16 Monate alten Kitode 
r Ebendaselbst Hr. Oiraldfcs) 81 

Deber die Proschgeschwulst bei kleinen Kinde)^ (Hr. 
Oirald^s ebendaselbst) 82 

Ueber Hydatiden der Leber und des Gehirnes bei Kin- 
dern (Hr. H. Roger ebendaselbst) 83 



n. Ithikea ni ItspItUer. 

üniversiiy Oollege-Hospital in London. 

Das Thermometer in akuten Krankheiten; Nierenentzflnd- 

ung anf Scharlach; klinische Bemerkungen .... 99 

Hospital für kranke Kinder in Paris. 

Oeber den Zusammenhang von Oütis und Entsflndong 

des Gehirnes and seiner Meningen 103 

Prof. BoQchnt, über die Syphilis der Nengeborenen % 375 



IT. Cekhrte fiesellsdtftea «4 Vtmtae. 

Gebnrtsblllfliefae OesMlsohaft in Doblin. 

VortH^ Aber Hj^oicephalas, dessen Diagtidte, Prbj^öBe 

und Bebandlang von H'eiiry Kenn'edy^'Hospitalafst . 117 



VI 

Seite 
Au8 den Verhandlungen der Akademie der Medizin zu 
Paris in den Jahren 1860-1865. 

Frühzeitige Vaccination 128 

üeber Chlorose und Anämie bei Kindern 128 

Ueber eine mit Hemeralopie verbundene, bisher noch nicht 
beschriebene Verminderung der Konjunktiva .... 132 

Syphilis übertragen durch; Vaccine 139 

Üeber die Anwendung des reinen Jodeums gegen skro- 
phulöae Anschwellung der Halsdrüsen und auch gegen 
syphilitische Anschwellung der Leistendrüsen, mitge- 
theilt von Dr. Prieur in Gray 385 

Ueber die Behandlung des Keuchhustens durch Einathmung 
der flüchtigen Substanzen, welche sich bei der Reinig- 
ung des Leuchtgases entwickeln 386 



V. Roth. 

Kopaivbalsam und Kubeben gegen die Diphtberitis und 
den Krup. ~ Theerräucherungen gegen diese Krank- 
heiten 143 



Tl. Literatur. 

Studien über die würgende Bräune oder den Krup. 
iEstudios sobre o garrotilho ou Croup, Memoria 
apreseniada ä Academia Real das Sciencias de Lis- 
boa por Antonio Maria Barbosa. Lisboa 1861. 
4«. XXIV. 189 S.) Mitgetheilt von Dr. J. B. üllers- 
perger 258 

Ueber den Kehlschnitt im Krup {Memoria sobrk a Tra- 
cheioiomia no Garrotilho apreseniada d Academia real 
das sciencias de Lisboa per Antonio Maria Barbosa 
etc. Usboa /863. 4^. XXX. 281 fiL). Im Aus- 
züge mitgetheilt von Demselben. 393 



vn 



Seil« 



Ueber Behandlung der Angina diphtherica durch Per- 
chlorure de fer von Dr. J. Oourdon. Aus dem Bulle- 
Hn de la Societe Imperiale de Medecine^ Chirurgie ei 
Pharmacie de Toulouse 1864 p. 33 mitgetheilt durch 
Dr. J. B. üllersperger 453 

Laithlen, Studien aber den Stimmritsenkrampf der Kinder 146 

Hanschild, die leibliche Pflege der Kinder sn HauBe and 
in der Schul« 147 

Hanck, die Heilquellen und Kurorte DeutechlandB .... 147 



JOURNAL 

JedM Jahr er- AvftltM, Ab« 

aAttaen 12 Hefte hMoäL, Schriften, 

in 2 Bdn. — Gute 1?fVn Werke, Jonmele 

OricinaUaftätze ^ ^^ etc. für die Re- 

flkKliidarkrenk- d*ktion dleaee 

Joamales beliebe 
maB derselbeD 
oder den Verle- 
gern einznien- 
den. 




/• Abhandhmgen und Originakmfsäts^. 

Statistischer Bericht über die Leistungen des Kin- 

derspitales zu Stettin im Jahre 1864. Von Dn A* 

Steffen, erstem Arzte an demselben* 

Im Jahre 1864 wurden in der stationären Klinik 213, im 
Ambulatorium 137 Kinder behandelt. 

A. Stationäre Klinik. 

Unter den 213 Kindern befanden sich 117 Knaben und 
96 Mädchen. Im Durchschnitte verblieb jedes Kind 53 Tage 
im Spitale; täglich wurden im Mittel 31 Kinder behandelt 

Die Aufnahme der Kranken gestaltete sich in den ein- 
Belnen Monaten wie folgt: 



Vom Jahre 1863 befanden sich noch in Behandlung: 


23 Kinder. 


Aufgenommen 


wurden 


im 


Januar 


1864 


21 


w 


• 


» 


11 


Februar 


n 


9 


n 


n 


11 


it 


März 


^^ 


13 


n 


» 


n 


n 


April 


ii 


21 


n 


w 


n 


11 


Mai 


yj 


23 


n 


11 


11 


n 


Juni 


11 


16 


11 


11 


n 


^y 


Juli 


ii 


17 


99 


n 


n 


n 


August 


^y 


15 


n 


n 


n 


n 


September 


n 


15 


11 


11 


n 


11 


Oktober 


^y 


9 


n 


11 


n 


n 


November 


n 


11 


99 


» 


n 


11 


Dezember 


n 


20 


11 




Summa 213 Kinder. 


XLVI. 18G6. 








1 







Selbstverständlich stellte die Stadt den grössten Theil zu 
dieser Krankenzahl. Der kleingre Jjieil wurde dem Spitale 
aus näherer und ierner^rfÜtti^e^eAd liiige1>cacht. 

tniss dWf i^in^r'^eTgfbt folgende Tabelle: 

Es standen im M^r von unter 1 Jahr / 16 Kinder. 
» '^^ •' .» •' 4^ iisitfen 30 
'^3-* 6 „ 52 
6- 9 „ 62 
9-12 „ 36 
über 12 „ 27 



Das Resultat der Behandlung war folgendes: 

Knaben. Mädchen« Summa* 



» 


» 


« 


« 


» 


?5 


» 


» 



Geheilt enUassen wurden 


60 


58 


118 


üngeheilt „ „ 


16 


11 


27 


Gestorben sind 


•23 


10 


33 


In Behandlung sind geblieben 


18 


17 


35 


Summa 


117 


96 


213 



Das Altersverhältniss der Gestorbenen gestaltet sich wie 
folgt: 

Knaben. Mädchen. Summa. 



Es standen im Alter 


von unter 1 Jahr 


9 


2 


11 


>' » 


„ 1 — 3 Jahren 


6 


i 


7 


" ." 


„ 3— 6 „ 


6 


2 


8 


»> V 


« 6- 9 „ 


2 


— 


2 


n n 


„ 9-12 „ 


— 


3 


3 


n' » 


„ Aber 12 „ 


— 


2 


2 



Wie gewöhnlich haben die drei ersten Lebensjahre das 
grösste Kontingent der Sterblichkeit (18 von 33) geliefert. 
Vom 6. Jahre ab zeigt die Mortalität ganz niedrige Ziffern. 



üebersiolit 
der im Jahre 1864 zur Behandlung gekommenen Krankheiten. 



Rrankhdlea, 



6 S 



O 



rt), u. m. t\ 



pa: 



Meningiüs tiiberculi>a& 

Tubereula cerebri .,,».., 

Apoplex^ia cerebri 

Mentngitia , ^ *,.,,,, . 

Chorea St. Viti 

PneumoDia 

Tubercnlosis polmanum > . , . . 
Cal&rrbu« bronchialls ,,..,. 
Titssii convtiläiva ,,,.«,* 

StamMidi uJcero«ia , , 

Stotuatitts uod Aiigiua nach OenusH 

von Lauge . .►*..,,, 
Strtetura oeaophagl nach Genuai von 

Lauge 

Catarrbus ventricuU ....,, 

Caiarrhiis iate^iinalja 

PcHtoüitia . . . . 

Typhus 

Variola and Variöloia . - . , , 

Morbilli 

Atropbia ,...,..... 

Uhlorosifl 

Hj'dropf ex inanitione 

Scropbuloiia . . ♦ 

EbachiUs - . . . 

Syphilis . . . * 

Scabies <<>.,. i, ^ * . . 
Halum Pottii ,,..««... 
RückgratsverkrümmuDgen , , , • 
Coxalgia *..,..*,.. 
GoEialgia . . . , h, . « . . » 
Tumor albus genu ...*,,. 

Gelenks- Ankylosen 

Fracturae , 

Gentt valgnm 

Karies , 

Doppalte Haeen ich arte und WoUs- 

luflamnaatio toJ. oeUyl. ..... 

Froatgeflcbwüre ,.»,**., 
Coinbustio 



1 
2 

ic 

2 

i 



1'— 
1 > 

-1^ 



l 
tl 

r 2 
•A' 1 
3, :4 



1 
4 
1 

1 
(^ 

1?- 

-'. 1 

3; 1 

I 

II- 
2. 3 
1| 1 
2i" 



2 
1 ' 
l - 

1 — 



— 1 

^1 2 

5' 6 
-' 2 
4, 3 

1 I 2 

2 — 
1, 2 

— I 1 

12] 9 
2' — 



1 - 






1 - 



1 - 



l 1-^ 



2|tI 



KmnkheiteTii, 



^i 



mjw. 



CD 



tu 

□ 






Pßonaeia * . * 

Eczema 

Tifieft eupitis . , 

Lupui , , , * , . 

Ophthalmia ecropbnlosa 

Coryunctsvitia diphtbericA , , . . 
^, gr&nuloia . . , . . 

Keratiti» 

Cardfiom dea Sehnerven . , . , 

Staphjloma corneae 

Strabieoiua »»,,«.... 
Ectrophim »...*,,.,. 
MyringltJä chronica **,,.*. 
Fremder Körper im Eeüt ftudit. ejct 
Oedema praeputil ,,.,.,♦ 
Simulatio ......... ^ 



18 



1 

3 
1 
1 
8 
1 
1 
6 
1 

t 1 

?^ 

21— 
-I 1 



B. Ambulatorium. 

Im Ambulatorium wurden 170 Kranke, 137 Kinder und 

33 Erwachsene, behandelt. 

Den Zuwachs in den einzelnen Monaten zeigt folgende 
Tabelle: 





Kinder. 


Erwachsene. 


Summa. 


Im Januar 


14 


4 


18 


„ Februar 


26 


3 


29 


„ März 


17 


4 


21 


„ April 


24 


7 


31 


„ Mai 


8 


2 


10 


„ Juni 


2 


2 


4 


„ Jiüi 


2 


— 


2 


„ August 


5 


— 


5 


„ September 


9 


2 


4 


„ Oktober 


12 


2 


14 


„ November 


7 


3 


10 


„ Dezember 


11 


4 


15 



Die geringe Zahl der Kranken war, namentlich in den 
Sommermonaten, von der unregelmässigen Leitung des Am- 
bulatorium abhängig. 



w 


w 


33 


» 


33 


33 


w 


33 


33 



Das AltersverhältnisB der Kranken war folgendes: 
Es standen im Alter von unter 1 Jahr 18 

i— 3 Jahren 44 

3— 6 „ 21 

6-10 „ 29 

33 33 33 ^^^ 10 „ 58 

Unter den 170 Kranken befanden sich 78 männliche und 

92 weibliche. 

üebersiolit 
der zur Behandlung gekommenen Krankheiten« 



Krankheiten. 



Männlich. 


Weiblich; 


1 


_ 


4 


1 


1 


2 


4 


5 


— 


1 


2 


._ 


2 


2 


1 


1 


2 


5 


3 


7 


1 


— 


-. 


1 





l 


1 


-. 


4 


2 


5 


3 


3 


3 


2 


—. 


2 


5 


2 


l 


1 


.^ 


2 


2 


— 


1 


5 


5 


4 


2 


— 


1 




-^ 




2 




l 




— 




— 


6 


17 


8 


4 



Summa« 



Hyperaemia cerebri et mening. . 
Krankheiten der peripher. Nerven 

Kehlkopfkrankheiten 

Cat. bronch 

Tnssis convulsiva 

Pneumonia 

Tuberculosia pulmonum . . . . 

Stomatitis 

Catarrh. ventriculi 

Catarrh. intestinal 

Anaemia 

Ghlorosis 

Hydrops ex inanitione .... 

Skorbut 

Scrophulosis 

Rhachitis 

Syphüis 

Bheumatismns 

Drüsenentzündung 

ZellgewebsentzÜndung . . • . 

Fnrunculosis 

Abszesse 

Lupus 

Chron. Hautausschlage • . • . 

Scabies 

Mastitis 

Geschwülste 

Gelenkentzündung 

Knochenbrüche 

Leichte äussere Verletzungen . . 

Henna inguinal 

Augenkrankheiten 

Ohrkrankheiten 



1 
5 
3 
9 
1 
2 
4 
2 
7 

10 
1 
1 
1 
1 
6 
8 
6 
2 
7 
3 
1 
4 
1 

10 
6 
1 
1 
3 
2 
1 
1 

23 

12 



Ueber Inhalationen bei Tussis convulsiva* Von 

Dr. A. Steffen, erstem Arzte am Kinderspitale 

zu Stettin, 

Zu den Kinderkrankheiten, denen der Arzt ziemlich hilf- 
los gegenübersteht, wenngleich im Laufe der Zeiten eine 
Menge von Rathschlägen und Mitteln dagegen angepriesen 
worden sind, gehört vornämlich der Keuchhusten. Es liegt 
nicht in meiner Absicht, eine gründliche Abhandlung über 
diese Krankheit zu geben; vielmehr sollen nur einige die 
Theorie betreffenden Punkte der Erörterung unterzogen wer- 
den. Unter den anderen Arbeiten ist die Tussis convulsiva 
namentlich von Biermer^) ausführlich und erschöpfend be- 
handelt worden. Ebendort ist die zahlreiche Literatur über 
diesen Gegenstand nachzusehen. 

Nachdem eine Menge von inneren und äusseren Mittein 
gegen den Keuchhusten angepriesen, für unfehlbar erachtet 
und wieder verworfen worden sind, theils weil ihre Empfehl- 
ung auf einer der Zahl nach zu geringen Erfahrung basirte 
und sich nicht stichhaltig erwies, theils weil sie sich in £}pi- 
demieen oder vereinzelten Fällen hilfreich erwiesen hatten, 
welche mit nur geringer Intensität aufgetreten waren, in 
schwereren Epidemieen aber ihre Wirkung versagt hatten, 
theils endlich, weil viele dieser Mittel nur im Stadium decre- 
menti des Keuchhustens versucht und sich wirksam gezeigt 
hatten, ein Stadium, in welchem die Krankheit, wenn keine 
Komplikationen vorhanden sind, von selbst und leicht abläuft, 
so lag es nahe, in einer Zeit, in welcher man mit Recht die 
örtliche Behandlung der pathologischen Prozesse überall, wo 
dieselbe irgend zu erreichen war, einzuführen suchte, diesen 
Weg auch bei dieser Krankheit einzuschlagen. 

Die Ersten, welche eine örtliche Behandlung der Tussis 
convulsiva einzuleiten versuchten, waren meines Wissens 



1) Virchow's Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie 
V« 1. 4te Lieferung. 



Walson^) und ep&ter Pearoe'). Beide gingen darauf aus, 
dureh Aetsung der Kehlkopfschleimhaut mittelst einer Höllen- 
Bteiolösung den Eraokheitsprozess abzukürzen und die Inten- 
sit&t der Anfälle zu verringern. Beide behaupteten, gute Er- 
folge von ihrer Behandlungsweise gesehen zu haben; Pearce 
will die Wirksamkeit in 75 Fällen (bei 32 Knaben und 43 
Mädchen) erprobt haben. Beide haben den Sitz der Krank- 
heit im Kehlkopfe gesucht, eine Ansicht, welcher in ihrer 
Exklusivität heutigen Tages nicht mehr beigepflichtet wird. 

Uebrigens können mit Recht gegründete Zweifel aufge- 
worfen werden , ob die Schleimhaut des Kehlkopfes oder ir- 
gend welche Rachenportionen diesen Bepinselungen mit Höl- 
lenstein unterzogen worden sind. Die zum Pinseln benutzten 
Stäbchen sollen mit einem Schwämmchen versehen gewesen 
sein, welches schon an und für sich in den Kehlkopf kleiner 
Kinder bei dem geringen Lumen desselben viel schwieriger 
einzuführen sein möchte als ein Pinsel. Dieser Einwurf ist 
in Bezug auf die örtliche Behandlung der Tussis convulsiva 
nicht v^on der Hand zu weisen, weil diese Krankheit allen 
statbtiachen Tabellen zufolge überwiegend bei Kindern jünge- 
ren Alters angetfoffen wird. Um aber mit Sicherheit in den 
Kehlkopf zu gelangen, bedarf man unter allen Umständen 
der Leitung des Kehlkopfspiegels, wenn man nicht den Hand- 
griff anwenden kann, die Spitze der Epiglottis mit dem weit 
genug eingeführten Finger gegen die Zungenwurzel zu drücken 
und dadurch den Eingang zum Larjnx frei zu halten und zu- 
gleich den Finger als Leitung für den einzuführenden Pinsel 
zu benutzen. Bei Kindern, namentlich jüngeren, ist nun die 
Einführung des Kehlkopfspiegels mit grossen Schwierigkeiten 
verknüpft und wegen der Unruhe und Ungeduld derselben oft 
ganz unmöglich* Meistentheils würde ausserdem die gemütb- 
liche Erregung, welche bei dieser Manipulation nicht zu um- 
gehen sein würde, Anlaas zu einem Hustenanfalle geben. Wenn 
sehon, wie konstatirt ist, das Verschieben des Kehlkopfes mit 
der Hand bei Erwachsenen im Stande ist, den Keudihusten- 



^) Monthly Journ. Dezbr. 1849. 
>) Unoet 11. April 1857. 



8 

anfall hervorzurufen, um wie viel leichter wtlrde der Eintritt 
dieser AnftUe durch den Reiz hervorgerufen werden, welchen 
man dem Kehlkopfe durch die Fixirung der Epiglottis mit 
dem Finger zufügt. Wenn nun diese beiden Massregeln, um 
mit Sicherheit in den Kehlkopf zu gelangen, schwer, in den 
meisten F&llen von Tussis convulsiva gar nidit ausführbar 
sind, so ist es lediglich dem Zufalle anheimgegeben, ob man 
mit dem Pinsel oder Schwämmchen in den Kehlkopf gelangen 
würde. In der Mehrzahl der Fälle wird dies nicht der Fall 
sein und die Bepinselung nur die obere Fläche des Kehl- 
deckels und deren Umgebung treffen. Ob diese Bepinselungen 
im ersten Stadium des Keuchhustens oder auf der Höhe des- 
selben angewendet worden sind, also die Entwickelung der 
Krankheit aufgehalten oder die eniwickelten AnfUle an Häufig- 
keit und Intensität gemindert und den Krankheitsverlauf ab- 
gekürzt haben, oder ob dieselben erst im Stadium decrementi 
erheblidie Dienste geleistet haben, darüber fehlen die Angaben 
und zugleich ein sicheres Urtheil über den "Werth dieses 
Mittels. 

Einen grösseren Spielraum für die örtliche Behandlung 
des Keuchhustens bieten die Inhalationen dar. Es lag nahe, 
als Anästhetikum die der Respiration speziell dienenden Ner- 
ven Einathmungen von Chloroform machen zu lassen. Die 
Anwendung dieses Mittels verlangt indess zu viel Vorsicht 
und lässt sich aus Rücksicht für die Gesundheit nicht oft ge- 
nug wiederholen. Roger liess deshalb das Chloroform im 
Jahre 1860 in seinem Kinderspitale innerlich gegen Tussis 
convulsiva verabreichen^ sein damaliger Interne Dr. A. J. 
Jacquart hat später^) die Erfolge dieser Behandlung 
veröfifentlicht, welche indess zweifelhafter Natur zu sein 
scheinen. 

Professor dar in Graz empfiehlt in einem Aufsatze 
„Ueber heilkräftige Inhalationen in Kinderkrankheiten'^ ') 
gegen Keuchhusten die Einathmungen von Kampher oder von 
Ol. terebinth. rectif.; dem letzteren Medikamente gibt er ent- 



Gaz. mddic. de Parls^ Mars 1892^ nr, SB, 

3) Jahrbach für Kinderheilkunde eto. Jahrgang IV 1881 p. 253. 



9 

sobieden den Vorzug, üeber die Resultate fehlen leider die 
speziellen Angaben» 

Dr. Ignaz Hauke hat im 8t. Annen -Kinderspitale Inha- 
lationsversnefae mit versehiedenen Oasarten bei Tussis convulsiva 
angestellt^). Er hat Sauerstofi; Leuefatgas, Wasserstoff, Stiek- 
Stoff und Kohlens&ure, einige Male auch Ammoniakgas, jedes 
ftar sich allein, sp&ter auch in versehiedenen Mischungen, 
einathmen lassen. Sauerstoff, Leuchtgas riefen nie Husten- 
anftUe hervor, Kohlensäure, Ammoniakgas stets, die abrigen 
hftufig. Er schliesst, dass die meisten der bei seinen Ver- 
suchen veranlassten Hustenan Alle durch Strömung der Eohlea- 
sftoreausscheidung aus dem Lungenblute bedingt waren. Es 
empfehlen sieh also gegen Tussis convulsiva die Maassregeln, 
durch welche den Respirationswegen eine möglichst sauer- 
stofieiohe Luft zugefahrt wird, also Lufk einathmen zu lassen, 
welche kOnstlich durch Aufstellung von gewissen Pflanzen 
oder auf chemischem Wege an Sauerstoff reicher geworden 
ist Ausserdem wftren Versuche mit der direkten fiinath- 
mung von Sauerstoff zu machen, wogegen die Kranken indess 
Widerwillen zu zeigen scheinen. 

Fieber') hat in einem Falle, in welchem der Keuch- 
husten bereits zwei Monate gedauert hatte, Inhalationen von 
einer Lösung von Extr. hyoscyami mit Erfolg angewendet. 

Lewin*) fahrt an, zwei Fälle von Keuchhusten mittelst 
Inhalationen behandelt zu haben; spezielle Angaben, nament- 
lich der Resultate, fehlen. 

In andtf ^ Zeit hat der Vorschlag gewisses Aufsehen ge- 
macht und manche Nachahmung gefunden, die an Keuch- 
husten erkrankten Kinder in die Reinigungskammer der öas- 
fabriken zu schicken, um dort die Ausdünstungen des zum 
Reinigen des Leuchtgases verwendeten Kalkes einzuathmen. 
Lochner ^) berichtet über eine Keuchhustenepidemie vom 
Sommer 1864. Er behandelte 43 daran erkrankte Kinder, 



^) Jahrbach für Kinderheilkunde etc. Jahrgang V, 1862, p. 41. 
^) Allgem. mediz. Centralzeitnng 1862 nr. 5t. 
>) Klinik der Krankheiten des Kehlkopfes etc. I, 1863, p. 354. 
«) Bayer. ftrztL InteUigenzblatt i, 1865. 



10 

23 Knaben ond 20 M&dohen. 11 Kinder war^n noch nieht 
ein Jahr alt. Die Erfolge waren grösstentheiU günstig, in- 
dem die Anfölle sehwächer und seltener wurden. Er hatte 
die Kinder theils in die Reinigungskammer der Gasanstalt ge- 
schickt, theils einen von den den Gasreinigungskasten ent- 
strömenden dampfförmigen Körpern, das PhenylhjdrQr (in un- 
gereinigtem Zustande Benzin), zu Hause mit gleichem Erfolge 
anwenden lassen. 

Co m meng e^) hat im zweiten Quartale 1864 in der Gas- 
anstalt von St. Maud^ 88 an Keuchhusten erkrankte Kinder 
inhaliren lassen. Das Resultat war folgendes: geheilt 54, ge- 
bessert 24, ohne Erfolg bei JO. Die Wirkung dieser Inhala- 
tionen soll von dem Stadium des Keuchhustens in den ein- 
zelnen Fällen unabhängig gewesen sein. Uebrigens würden 
▼on den Erfolgen die Fälle abzuziehen sein, in welchen die 
Krankheit sich bereits entschieden im Stadium decrementi be- 
funden hatte. Das Alter soll ebenfalls ohne Einfluss auf den 
Erfolg gewesen sein. Jede Sitzung dauerte etwa 2 Stunden 
und jeder geheilte Fall erforderte durchschnittlich 11—12 
Sitzungen. 

Blache, Bergeron, Barthez, Roger, Maingault^), 
haben weniger günstige Erfolge mit diesen Inhalationen auf- 
zuweisen, Ihre Erfahrungen basiren .indess nur auf wenigen 
Fällen, und ein endgültiges Urtheil dürfte erst nach einer 
grösseren Zahl genauer Beobachtungen abgegeben werden 
können. 

Ich lasse nun einige Versuche folgen, welche ich mit In- 
halationen im hiesigen Kinderspitale angestellt habe. 

1. 

Aeussere Verletzungen der Weiohtheile des Schädels. 
Später schleichend verlaufende Bronchitis und Tussis con- 
vulsiva. 

Otto Land, 5 Jahre alt, am 11. Mai 1864 aufgenommen. 
Kopfumfang 18 V2 Zoll, Brustumfang 21, rechts und links IOV21 



1) BuUei, de l'Jcad. XXX, p. 9, Oktob. 15, 1864. 
3) Ga%. des höpii. 121, 1864. 



11 

KöipeilftDge 37 Zoll. Kr&ftiger, wohlgebauter Soabe. Beträcht- 
liche V^letzusgen der Weichtheile des Schädels, welche sehr 
langsam zur Heilung gelangen. Im August doppelseitige 
Bronchitis mit langsamem Verlaufe und ohne charakteristische 
Vorboten des zu Anfang September auftretenden Keuchhustens. 
Nach dreiwöchentlicher Dauer des letzleren wurden Einath- 
mungen von Solutio natr. muriat. verordnet. Es wurde zu 
diesem Zwecke ein nach dem Bergs o naschen Prinzipe kon- 
struirter Inhaiations -Apparat benutzt. Ich überzeugte mich 
später, dass bei der nicht zweckmässigen Handhabung dessel- 
ben fast nur V^asserdämpfe und ausserordentlich wenig von 
der Kochsalzlösung eingeathmet worden war. Trotzdem finde 
ich verzeichnet, dass nach 4 Tagen (täglich Hess man den 
Kranken 10 Minuten inhaliren) ein wesentlicher Nachlass d^ 
An&lle an Häufigkeit und Intensität erzielt worden sei. Ich 
lasse nun den genaueren Nachweis folgen. 

Am 21. September wurde mit den Einathmungen von 
Kochsalzlösung (fast reine Wasserdämpfe) begonnen. 

Datum. Zahl der Anfälle. Pulsfrequenz. Temperatur. 

M. A. M. A. 

22. 9. Nachlass. Zahl nicht angegeben. 90. 37,«. 



23. 10 


94 


92 


38 


37„ 


24. 


90 


94 


37„ 


37„ 


25. 


90 


90 


37„ 


37,» 


26. 


94 


96 


37„ 


37« 


Yom 24. ab keine wesentliche 










Aenderung. 










27. 18 


96 


94 


37,« 


37„ 


28. 14 


92 


90 


37„ 


37„ 


29. 15 


96 


92 


37,5 


37„ 


30. 10 


94 


90 


37„ 


37„ 


1. 10. 8 


90 


92 


37,8 


37„ 



Statt der Kochsalzlösung wird 
eine Solut. acid. tannic. ge- 
nommen« 
2. 12 90 88 37,. 37« 



12 



Datt 


im. Zahl der AnftUe. 


Pnlsfreq 


uenz. 


Temperatur. 












M. 


A. 


H. A. 


3. 


10. 


13 






86 


80 


37„ 38 




Zar Tanninlösung 


werden drei 










Tropfen 


Tinet 


opii 


oroc. 










gesetst. 














4. 




14 






88 


82 


37^ 38,, 


5. 




9 






88 


90 


37 38 


6. 




12 






86 


92 


37„ 37„ 




Zusatz von 


Tiuct 


opiigtt.TI. 








7. 




10 






80 


88 


37n 38 


8. 




8 






82 


80 


37« 37„ 


9. 




14 






84 


82 


37,T 38 


10. 




10 






80 


84 


37n 37« 


11. 




9 






82 


82 


37« 38 


12. 




8 






80 


90 


38 37,1 


13. 




5 






88 


80 


37« 37« 


14. 




6 






88 




37„ 


15. 


• 


6 












16. 




5 












17. 




4 












18. 




1 












19. 




3 












20. 




2 












21. 




1 












22. 




1 












23. 




2 












24. 




2 












25. 




2 












26. 




2 













Bereite seit dem 20. hatten die AnftUe jedes charakteri- 
stische Zeichen der Tussis convulsiva verloren. Mit dem 
26. wurden die Inhalo^ionen ausgesetzt. Der durch die frühere 
Verwundung wie durch den Keuchhusten sehr herunterge- 
kommene Knabe erholte sich bald und wurde am 22. No- 
vember, nachdem sich bis dahin noch hie und da unbedeu- 
tende Spuren eines einfachen Bronchialkatarrhs bemerklioh 
gemacht hatten, völlig gesund entlassen. 



ta 



2. 

Scabies, Stomatitis aphthosa, Bronchitis, Tussis convul- 
siva, Fneumonia circumscripta duplex an der Hinterfläche der 
Lungen. 

Hemnann Starker, 1 Jahr 9 Monate alt, elend und ab- 
gemagert, wurde am 11. Juli 1864 wegen Scabies im Einder- 
spitale aufgenommen. Eopfumfang 18 Zoll, Brustumfang 16'' 
6'", rechts 8^2) links 8, Eörperlänge 27Vi Zoll. 

Nach beseitigter Skabies blieb der Enabe noch zur Heb* 
ung der Eörperkr&fte im Spitale. In Folge fraherer schlechter 
Ernährung trat Oedem der Eörperoberfläche auf. Bald folgte 
aphthöse Stomatitis, durch welche die Eräfte des Eindes, 
namentlich durch die Verweigerung der Nahrung, noch mehr 
herabgesetzt wurden. 

Am 22. September ist notirt, dass seit mehreren Tagen 
ein lebhaitor Bronchialkatarrh vorhanden gewesen sei. 

Am 23. hatten die HustenanfUle bereits die charakteri- 
stischen Zeichen des Eeuchhustens. Es wurden Inhalationen 
von Solut. natr. mnriat. verordnet, welche, wie ich mich nach- 
her überzeugte, ebenfalls wie im vorigen Falle wegen nicht 
geschickter Anwendung des Apparates, der Hauptsache nach 
nur aus warmen Wasserdämpfen bestanden hatten. 

Die Zahl der AnfMIe liess in den nächsten Tagen nach, 
nicht aber die Intensität derselben. Zugleich entwickelte 
sich doppelseitige Pneumonia circumscripta an der Hinterfläche 
beider Lungen, in Folge deren der Tod bereits am 27. froh 
eintrat 

Das Genauere über die Erankheitsgeschichte und den 
Sektionsbefund kann in meinem Werke „Elinik der Einder- 
krankheiten^^ I9 2, p. 298 nachgesehen werden. 

Selbstverständlich konnte in diesem Falle wegen der 
Eomplikation mit Pneumonie und wegen des rapiden Verlau- 
fes kein wesentlicher Erfolg der Inhalationen erwartet werden. 
Ich liess in diesem Falle viermal täglich, jedesmal 10 Minuten 
lang, inhaUren. 



14 



3. 

Eyphodis der unteren Brustwirbel, Rhachitis, Fareais der 
unteren Extremitäten, Tussis convulsiva. 

Marie Armknecht, 2 Jahre alt, am 1. September 1864 im 
Einderspitaie aufgenommen. 

Eopfumfang 19 Zoll, Brustumfang 19, rechts und links 
9V25 Körperlänge 25 Zoll. 

Eyphosis der unteren Brustwirbel, Parese der unteren 
Extremitäten soll seit mehreren Monaten bestehen. Beträcht- 
liche rhachitische Schwellung der Vorderarm - Epiphjsen. 

Am 13. Oktober finde ich angegeben, dass die Parese 
nachgelassen hat und das Kind sich bereits aufrichten und 
stellen kann. 

Am 20. Oktober Zeichen massigen Bronchialkatarrhs. 
Es wurden Inhalationen von Solut. natr. muriat. verordnet 
und dieselben täglich einmal 10 Minuten lang angewandt. 

Am 24. Oktober ausgeprägte Anfalle von Tussis convul- 
siva. Von diesem Tage, wie von den beiden folgenden, sind 
nur je 3 Anfälle notirt, von den späteren fehlt die Angabe 
der Zahl vollständig. So viel steht aber fest, dass trotz der 
rhachiüschen Grundlage ein schneller und leichter Verlauf 
des Eeuchhustens ohne Eomplikation stattfand und am 8. De- 
zember jede Spur von Tussis convulsiva, ja selbst von Bron- 
chialkatarrh, beseitigt war. 

In diesem Falle handelte es sich um Inhalationen von 
Solut« natr. muriat. und nicht von blossen Wasserdämpfen 
wie in den beiden vorhergehenden Fällen. 

4. 

Einfache Tussis convulsiva mit einem kurzen katarrhali- 
schen Vor- und Nachstadiumi 

Otto Schweder, ein gesunder kräftiger Enabe von 5 Jah- 
ren, wurde nach einem kurzen katarrhalischen Vorstadium 
Anfang Juni 1865 von Tussis convulsiva befallen, welche 
sict in 2—3 Wochen, während welcher Zeit nur leicht expek- 
torirende Mittel innerlich angewandt worden waren, so be- 
trächtlich gesteigert hatte, dass in den letzten Tagen vor dem 



16 

Beginne der Inhalationen bei den AnfUIen Blut ans Mand 
and Nase entleert wurde. Auf meine Anordnung wurde der 
Knabe vom 19. ab täglich zum Binathmen in das Kinder- 
spital geschickt. Jede Sitzung dauerte 10 Hinuten und fand 
täglich nur einmal Statt. 

Am 19. Juni, nachdem am vergangenen Tage 24 heftige 
AoMe stattgefunden hatten, athmete der Knabe zum ersten 
Male eine Solut. natc muriat. ein. 



Zusatz von Tinct. opii. croo. 



Am 20. 6: 


18 Anfülle 


„ 21. 


22 


» 


„ 22. 


19 


» 


„ 28. 


19 


n 


« 24. 


16 


r> 


« 25. 


16 


51 


„ 26. 


14 


» 


„ 27. 


16 


» 


» 28. 


12 


M 


„ 29. 


15 


)> 


„ 30. 


13 


» 


„ 1.7: 


12 


M 


„ 2. 


11 


M 


« 3. 


12 


» 


« 4. 


20 


» 


i> 0. 


12 


)J 


„ 6. 


13 


r> 


« 7. 


16 


n 


« 8. 


15 


n 


» 9. 


10 


1) 


„ 10. 


12 


» 


« 11. 


7 


» 


n i2. 


10 


n 


„ 13. 


8 


n 


„ 14. 


8 


5? 


„ 15. 


8 


n 


„ 16. 


6 


» 



Statt der Solut. natr, muriat. o. tinct. 
opii wird von jetzt ab eine Solut. 
tannin. pur. c. laud. inhalirt 



16 

Am 17. 7: 5 AnftUe. 

,, 20. 2 ,) Die An&Ue tragen nicht mehr die 
oharakteristifichen Zeichen des Keuchhustens an sich. Das 
katarrhalische Nachstadium währte kurze Zeit. Die Intensit&t 
der Anfälle nahm nach den Inhalationen schneller ab alt die 
Zahl derselben, namentlich hörten nach den ersten Inhalatio- 
nen die Blutungen vollständig auf, und das Erbrechen wurde 
allmählig seltener. 

5. 

Rhachitis, Tussis convulsiva, Bronchitis, Cat. intestinalis, 
Pemphigus. 

Max Braunasch, 1 Jahr 2 Monate alt, ein zarter schwäch- 
licher Knabe, wurde am 1. September 1865 im Kinderspitale 
aufgenommen. 

Kopfumfang 17 Zoll, Länge 9^/,, Breite 10. Brustumfang 
16, rechts und links 8 Zoll. Körperlänge 28 Zoll. 

Die Tussis convulsiva soll seit 9 Wochen bestehen. 
Hustenanfälle von mittlerer HefHgkeit. Die physikalische 
Untersuchung der Brust ergibt überall normalen^Perkussions- 
schall, hinten rauhe Rasselgeräusche, vorne vesikuläres 
Athmen. 

Vom 2. September ab werden Inhalationen von Solut 
tannin. c. tinct. Opii croc« angewendet. 

Datum. Zahl der Anfälle. Athmungsfrequenz. Puls. Temperatur. 







M. A. M. A. 


M. Ä. 


1. 9. 




28 120 


39 


2. 




40 32 112 124 


37 38„ 


3. 




30 32 110 108 


37„ 38 


4. 


18 


28 30 102 104 


37« 37« 


5. 


15 


30 30 104 104 


37« 37« 


6. 




28 28 102 104 


37 37« 


7. 




28 28 104 104 


37« 37« 


a 


8 


28 28 102 104 


37 37« 


9- . 


7 


26 30 102 108 


37 38« 


Die AnftUe lassen 


an Intensit&t nach. 




0. 


7 


30 30 112 112 


39 39« 



Datom. Zahl der AnAlle. Athmungsfrequeoz. Puls. Temperatar. 

H. A. M. A. M. A. 

11. 7 30 30 HO 112 39 39,, 

12. 6 30 30 HO 108 38« 38 

13. 6 28 28 104 108 37 37„ 

14. 6 28 30 104 108 37 37« 

15. 5 30 30 108 108 37,» 37,j 

16. 5 30 32 104 106 37 37« 

17. 5 ^ 30 28 104 104 37 37,, 

18. 5 28 28 108 108 37 37,» 

19. 5 26 26 104 108 37 37,, 

20. 5 26 26 104 108 37 37,» 

21. 4 26 28 104 108 37 37,» 

22. 4 26 26 104 104 37 37 

23. 4 24 24 100 102 36,» 37 

24. 4 24 26 100 102 36„ 37 

25. 4 24 24 102 104 37 37 

26. 4 24 24 100 104 36,» 37 

27. 4 24 24 100 102 36,» 37 

28. 4 24 24 100 100 36,» 37 

29. 4 24 24 100 102 36,» 37 

30. 3 24 24 100 100 36 37 
1. 10. 4 24 24 100 100 36 37 

Die Anfälle tragen kein charakterislisches Zeichen von 
Kenebhusten mehr an sich, sondern erscheinen als Symptome 
eines einfachen Bronchiaikatarrhs, welcher nach kurzer Zeit 
Tollstftndig aufhörte. 

Ais interessante Komplikation erwähne ich das Auftreten 
von akutem Pemphigus an verschiedenen Stellen des Körpers 
am 14. September, welcher Prozess sich unter immer neuen 
Machschaben hinschleppte, so dass die letzte Entwickelung 
frischer Blasen am 25. September zur Beobachtung kam. 

Der Knabe ist im Uebrigeo vollständig hergestellt worden. 

6. 
Rhachitis, Bronchitis, Tussis convulsiva. 
Martha Asmus, 4 Jahre alt, wurde am 18. September 
1865 im Kinderspitale angenommen. 
XI.VI. ISN. 2 



:<9 

Eopfumfang 18 Zoll, Breite 11, Lftnge 10; fintstumfang 
18, rechts und links 9, {[öqperl&Dge 32 Zoll. Dunkelblonde 
Haare, braune Augen. 

Zeichen massig entwickelter Rhachitis. Ausserdem Bron- 
chitis und Tussis convulsiva. Der Perkussionsschall der Lun- 
gen vorne etwas weniger hell als normal. Pie Auskultation 
gibt überall theils trockenes Schnurren, theils gross- und 
kleinblasige Rasselgeräusche. Herz und grosse Oefässe nor- 
mal. Die physikalische Untersuc|)|ing der Baucheingeweide 
liefert kein pathologisches Resultat. Outer Appetit, normale 
Verdauung. Sehr heftige Hustenanf&lle, welche bereits seit 
einigen Wochen aufgetreten sein sollen. 

Es wurde ein Dec. rad. Alth. c. liq. ammon. anis. und 
Inhalationen von Solut. tannin. pur. c. laudan. verordnet. Die 
Inhalationen wurden täglich 10 Minuten lang gemacht. 
Datum. Hustenanf&lle. Respiration. Puls. Temperatur. 

18. 9. 

19. 6 
20. 

21. 6 

22. 6 

23. € 
24 6 

25. 6 

26. 6 

27. 6 

28. 6 
29- 6 
30. 6 

1. 10. 5 

2. 5 

3. 5 

In den letzten Tagen haben die Anfalle keinerlei charak- 
teristische Zeichen von Keuchhusten dargeboten. Es folgte 
ein leichtes katarrhalisches Nachstadium und am 15. Novem- 
ber konnte deiß Kind gesund (Rhachitis gebessert) entrissen 
werden. 



M. 


A. 


M. A. 


M. 


A. 




24 


100 




37 


24 


24 


98 100 


36 


36„ 


24 


24 


98 100 


36 


37 


26 


26 


100 102 


37 


37« 


26 


24 


102 104 


38 


37 


24 


24 


100 102 


31„ 


36,5 


24 


24 


100 102 


36« 


36,5 


24 


24 


100 100 


3a 


37 


24 


24 


98 100 


36 


37 


24 


24 


98 100 


36« 


37 


24 




98 


36 





1» 

Wenn id diesem F^lle nncb kerne Verringerung der Zahl 
der Anfillle erzielt wurde, so sieht doch fest, dass bereits 
Dach den ersten Inhalationen die Anfälle gelinder wurden. 
Am 24. September ist notirt: die AniUlle werden täglich ge- 
linder, das Erbrechen am Schlusiie der Anfälle hört auf. Eine 
Woche sp&ter hatten die Anfälle keine Aehnliqhkeit mehr mit 
Tttssis convulsiva. 

7. 

Tuaais convulsiva, mit kurzem kalarrbalisehem Vorsladiw» 
uiid einem katarrhalischen Stadium deorementi. 

Herrmann Beutemann, ein kr&fkiger Knabe von 7 Jahren» 
war, nachdem kurae Zeit ein ein&cher Bronchialkatarrh vor« 
aagi^gungesi war^ von Tnasi« convulsiva befallen. Die Aar&Ua 
nahoMCi aohnell an Zahl wd Inteosit&t au« Nach 19tftgiger 
Dauer (in den letzten Tagen strömte bei den Anfällen BkiC 
aas Nase and Mund) wurden die Inhalationen im Kinders^- 
talfiy wohüft der Knabe täglich, selbst bei ungünstiger Witter- 
ung^ gebracht wurde, begonnen* Jede Sitzung dauerte 10 
llicMiten; zu den Binatbmungea wurde eine Soiut tannin. pur. 
c land« b«n(ttat. 

Datum. Zahl der Anftlle. 



16. 10. 


20 


17. 


20 


18. 


20 


19, 


22 


20. 


20 


21. 


17 


22. 


17 


23. 


17 


24. 


16 


25. 


17 


26. 


16 


27. 


16 


28. 


13 


29. 


13 


äo. 


13 


31. 


11 



2* 



Datum 


. z 


1. 


11 




2. 






3. 






4. 






5. 


u. 


6. 


7. 


u. 


8. 


9. 


u. 


10. 



20 

Zahl der AnAlle. 
11 

9 

9 

7 
13 
12 
12 

Auch in diesem Falle Hess die Inteusit&t der Ani&lle viel 
schneller nach als die Zahl derselben. Bereits nach wenigen 
Sitzungen hatten die Blutungen vollkommen aufgehört, die 
Anfälle dauerten kürzere Zeit, das Erbrechen wurde seltener. 
In den letzten Tagen, an denen noch inhalirt wurde, hatten 
die AnföUe bereits jedes charakteristische Zeichen des Keuch- 
hustens verloren und es folgte ein einfaches katarrhalisches 
Fachstudium. Die Eitern des Knaben waren durch den 
schnellen Nachlass der Intensität der Anfalle und den schnel- 
len Verlauf der Krankheit so sehr für die Inhalationen einge- 
nommen, dass sie, als ihr jüngstes Kind, ein kleines H&dchen 
von anderthalb Jahren, zu Anfang November an Tussis con- 
vulsiva erkrankt war, dasselbe unaufgefordert mitschickten in 
das Spital, um dort zu inhaliren. Bei diesem kleinen Miel- 
chen ist indess bis jetzt noch kein besonderer Erfolg ersielt 
worden, weil dasselbe bisher zu unregelmässig zu den Ein- 
athmungen gebracht worden ist. 

Ueberblicken wir diese sieben von mir kurz aufgeführten 
Fälle, so ergibt sich, dass im Falle 2 und 3 die Inhalationen 
Anwendung fanden, gleich nachdem die Anfälle der Tussis 
convulsiva deutlich ausgeprägt waren. In den Fällen 1, 4 
und 7 begannen die Inhalationen nach 2- bis 3 wöchentlicher 
Dauer der Tussis convulsiva. Im Falle 6 hatte die Krankheit 
etliche Wochen, im Falle 5 bereits 9 Wochen gedauert. Wenn 
die Dauer des Keuchhustens auch sehr variabel ist, so steht, 
abgesehen von den beiden gleich im Beginne der Erkrankung 
mit Inhalationen behandelten Fällen, doch fest, dass die übri- 
gen sich noch im Stadium der fintwickelung, oder höchstens 
auf der Akme, keiner von ihnen aber sich bereits im Sta- 
dium decrem enti befand. 



21 

In keinem Falle wurden durch die Inhalationen Husten- 
aofölle hervorgerufen. 

Im Falle 1 dauerte die Krankheit, nachdem sie drei Wo- 
chen lang vor Beginn der Inhalationen bestanden hatte, nach 
Einleitung derselben etwas über 7 Wochen, Oesammtdauer 
von circa 10 Wochen. Einathmungen von Wasserdämpfen 
(10 Tage hindurch) hatten keinen wesentlichen Einfluss. 
Schnellerer Erfolg wurde durch Inhalationen von Bolut. tannin. 
pur. c laud. erzielt 

Im 2. Falle wurden gleich im Beginne der Tussis con- 
vulsiva warme Wasserdftmpfe ^ngeathmet. Eine hinzutretende 
Pneumonie vereitelte die therapeutischen Bestrebungen. 

Im Falle 3 wurden gleich nach Entwickelung des Keuch- 
hustens Einathmungen von Solut. natr. muriat. instituirt. 
Schneller und leichter Verlauf. Sechs Wochen später keine 
Spur mehr von einem katarrhalischen Nachstadium. 

Im Falle 4 Anfang der Inhalationen (Solut. natr. muriat. 
0. tinct. Opii) 2 — S Wochen nach Auftreten des Keuch- 
hustens. Nach 16 Tagen wird der bisherigen Lösung eine 
Solut tannin. pur. c. laud. substituirt Nachdem im Ganzen 
Sinai inhalirt worden war (täglich Imal), waren die Keuch- 
hustenanfälle beseitigt. Die Krankheit hatte also, abgesehen 
von dem Vor- und Nachstadium, 6 — 7 Wochen gedauert Im 
Falle 5 soll die Tussis convulsiva 9 Wochen bestanden haben, 
ehe das Kind zur Behandlung kam Ich Hess Einathmungen 
von Solut tannin. c. laud. machen. Dreissig Tage nach der 
ersten Binathmung war bereits ein einfaches katarrhalisches 
Naehstadium eingetreten. Dauer der Krankheit circa 13 
Wochen. 

Im 6. Falle Tussis convulsiva seit etlichen Wochen. In- 
halationen von Solut. tannin. c. laud. beim Eintritte des Kin- 
des in das Spitat Vierzehn Tage später die charakteristischen 
Anf&Ue geschwunden. 

Im Falle 7 wurde die erste Inhalation (Solut tannin. c. 
laud.) 14 Tage nach Beginn des Keuchhustens gemacht. Drei 
Wochen später einfaches katarrhalisches Nachstadium. Dauer 
der Krankheit 5 Wochen (ohne die katarrhal. Stadien). 

In allen Fällen war weniger eine Abnahme der Zahl der 



n 

AnfUle nach den iDhalationen , als vielinehr eine ziemlich 
schnelle Abnahme der Intensität derselben boMerkbar. Die 
Daner der Krankheit schien überall, zum Th^l wesentlich, ab- 
gekürzt xa werden. Inhalationen von Wasserd&mpfeo, von 
einer Solut. natr. muriat. allein oder in Verbindung mit Tinct. 
Opii leisteten weniger als von Soint tannin, c. laud« Heisten- 
iheils habe ich täglich einmal (10 Minuten lang) etnathmea 
lassen. Von der letzteren Mischung wurden auf zwei Unzen 
Wasser Tannin, pur. gr. V und Tinct. OpIi gtt jjj genommen 
und diese Mischung bis auf einen kleinen Rest jedes Mal in- 
hmKrt. Unangenehme Folgen sind in keinem Falle beobachtet 
worden. 

Kinder, welche bereits einige Jahre alt sind, kann man 
durch Zureden zum Einathmen bewegen. Kleinere Kinder 
lasse ich von Erwachsenen auf den Schooss nehmen und bei 
passender Elichtung des Gesichtes und Mundes zum Schreien 
bringen. Bei den dem Schrei folgenden tiefen Inspirationen 
athmen dieselben vortreflflich ein, wenn man nicht die Geduld 
dabei verliert. 

Ich erwähne schliesslich noch, dass mir bei einer nidit 
kleinen Ziahl von an Tussis convulsiva leidenden Kin^^rn, 
welche ich nicht zum Inhaliren in das Spital schicken konnte, 
Einathmungen von Ol. terebinth. recht gute Dienste, nament- 
lich in Bezug auf die Heftigkeit der Anfiille und auch auf 
die Dauer der Krankheit, geleistet haben. Inhalationen von 
Solut. tannin. c. laud. scheinen vor diesen (Ober die mir lei- 
der die speziellen Angaben nicht zu Gebote stehen) jedodi 
den entschiedenen Vorzug zu verdienen. 

Es fällt mir nicht ein, aus meinen wenigen Beobacht- 
ungen allgemein gültige Schiasse ziehen zu wollen. Nach- 
dem aber die Inhalationstherapie in das Leben getreten war, 
und bei Vielen abertriebene Erwartungen und Hoffnungen 
geweckt hatte, welche sich zum Theil später nicht bestätigt 
hatten und auch nicht bestätigen konnten, hat man von 
manchen Seiten den entgegengesetzten Weg eingeschlagen 
und sucht die durch die Inhalationen erreichten Eh*folge mit 
einer skeptischen Miene abzuweisen. Es soll der Zweck die- 
ser Zeilen sein, auf den Werth der Inhalationen bei Keuch- 



23 

hmten aofmerksam zu machen und zu meinen exakten IJn- 
tersoebattgen und Forschungen auf diesem Gebiete, nament- 
lich in Einderkrankheiten, anzuregen. Man wird nicht dabei 
stehen bleiben dQrfen, die empfohlenen Mittel anzuwenden 
und zu prüfen, sondern es wird rathsam sein, auch andere 
zweckmftssige Medikamente auf diesem Wege in Anwendung 
zu ziehen. 

Stettin, im November 1865. 



üeber Darminvagination im ersten Kindesalter. 
Von Dn W. Thomas in Ohrdruflf. 

Wenn auch die Darmeinschiebung bei Kindern schon in 
älteren Abhandlungen und Lehrbüchern über Kinderkrankhei- 
ten wiederholt erwähnt wird, so wird in debselben eines- 
theils nicht genau unterschieden zwischen der sjmptomlosen, 
in Agone entstandenen, meist sehr vielfachen Einstülpung der 
dünnen Därme, und jenen Fällen, die längere Zeit vor dem 
Tode durch deutliche Symptome sich kundgeben, und die 
meist den Dickdarm betreffen; anderentheils wird die Symp- 
tomatologie der letzteren sehr ungenau aufgeführt, entweder 
zu allgemein und unbestimmt, oder thatsächlich unrichtig (es 
wird z. R Koth brechen als nicht seltenes Symptom dieser 
Krankheit angegeben), wie namentlich bei Billard und 
Meissner. Selbstverständlich ist auch von einer rationellen 
Therapie in jenen Werken noch keine Rede. Erst Dr. Gro- 
ham hat (6uy*s Hospital Reports 7. Oct. 1838) die wich- 
itigsten Punkte der Invaginadon zusammengestellt und nach 
hm hat Rilliet das grosse Verdienst, in einer Abhandlung 
{Gazette des hdpitaux Jan.-Febr. 1852), die in seinem Hand- 
buche wiedergegeben ist, diese Krankheit ausführlich erörtert, 
die Aufmerksamkeit der praktischen Aerzte, die sie in so 
hohem Grade verdient, ihr zugewendet, und namentlich in 
überzeugender Weise dargethan zu haben, wie besonders 
charakteristisch diese Krankheit im ersten Jahre auftritt, we- 
sentlich verschieden von ihren Aeusserungen im späteren 



24 

KiDclesalter, wo sie mehr die Erscheinungen, wie sie bei Er- 
wachsenen auftreten, zu zeigen päegl. Ich beschränke mich 
in Folgendem auf Besprechung dieser Krankheit, wie sie dem 
ersten Lebensjahre eigenthümlich ist, und die Veröffentlichung 
neuer derartiger Beobachtungen rechtfertigt sich wohl, wenn 
ich bemerke, dass die Abhandlung Rilliet's sich nach der 
eigenen Angabe des Autors auf nur 22 Fälle stützt, die zum 
Theile noch obendrein das spätere Kindesalter betreffen. Be- 
stätigen die nachverzeichneten Fälle auch im Ganzen die von 
Rilliet gewonnenen Resultate, so bieten sie doch einige 
nicht unwesentliche Verschiedenheiten in den Symptomen, 
und sind wohl auch für die Therapie nicht ganz ohne Be- 
deutung, obschon sie alle tödtlich abliefen. 

In Bezug auf die Häufigkeit des Vorkommens dieser 
Krankheit herrschen noch manche IrrthOmer. West sagt in 
seiner Pathologie und Therapie der Kinderkrankheiten (4. Aufl. 
herausgegeben von He noch) S. 354: „Dagegen kommen 
die Invaginationen des Colon bei Kindern so selten vor, dass 
Rilliet dieselben unter 500 Obduktionen bei Kindern von 
2 — 15 Jahren nicht ein einziges Mal antraft' R. hat, wie 
aus der betreffenden Stelle seiner Abhandlung deutlich her- 
vorgeht, mit dieser Angabe nur die Seltenheit der Dickdarm- 
invagination im Verhältnisse zu den weit häufigeren Einschieb- 
ungen des Dünndarmes, die fast immer eine mehrfache ist, 
und während der Agonie entsteht, darthun wollen. Im Oegen- 
theile ist diese Krankheit nicht so ganz selten; es mflsste 
sonst ein eigenthümlicher Zufall sein, dass mir, der ich in 
einer kleinen Landstadt praktizire und selbstverständlich nicht 
ausschliesslich Kinderpraxis treibe, in wenigen Jahren vier 
Fälle zur Beobachtung kamen. Nach einer mündlichen Mit- 
theilung des Prof. Weber in Halle sind einem dortigen älte- 
ren Arzte 20 Fälle in seiner Praxis vorgekommen. Rilliet 
selbst sagt , dass an den verschiedenen Arten innerer Ein- 
klemmung bei Kindern am häufigsten die Invagination beob- 
achtet werde, und dass es wissenschaftlich feststehe, dass 
diese Krankheit ein besonderes Vorrecht des Kindesalters sei, 
und im 1. Lebensjahre häufiger, als in jeder anderen Zeit des 
Kindesalters vorkomme, Dass sie aber von Vielen immer 



25 

Dpeh fOr 80 selten gehalten wird, mag seinen Grand darin 
haben, daas sie öfter (namentlich in den spontan, d. h. ohne 
mechanisehe Hilfe) in Genesung ttbergehenden Fällen über- 
sehen, oft auch verkannt wird. Um so mehr halte ich für 
nothwendig, die Aufmerksamkeit wieder einmal auf die so 
oharakteristischen, in ausgeprägten Fällen gar keiner anderen 
Deutung fthigen, Symptome hinzulenken. 

Erster Fall. Paul R., ein kräftiger Knabe von 22 
Wochen, bisher immer gesund, seit Kurzem mit Kuhmilch 
neben der Muttermilch genährt^ in Folge dessen waren die 
Stuhl ausleerangen öfter granlich, ohne wesentlich kopiöser 
oder dannflflssiger zu werden, nur am Tage vor dem Krank- 
heitsbeginne war der Stuhlgang ausnahmsweise hart. 

Am 14. Januar 1859 Abends 11 Uhr beginnt das Kind 
plötzlich hefUg zu schreien, wirft sich angstvoll hastig hin 
und her, mit krampfhaftem Strecken und Beugen der Schenkel, 
und ist auf keine Weise zu beruhigen. Der Leib ist gespannt, 
kein Fieber vorhanden, kein vermehrter Durst. Der Zustand 
wird fär eine Colica flatulenta angesehen, und warmes Bad, 
Öleinreibungen, Kataplasmen, Kalomel c. Extr. Hjoscjami 
verordnet. 

Am 15. 8 Uhr Morgens: Die Schmerzensäusserungen 
dauern, wenn auch weniger intensiv, fort, wiederholt ist bei 
reiner Zunge Erbrechen von Schleim und geronnener Milch 
eingetreten. Mittag 11 Uhr ist unter ängstlichem Wimmern 
und Drängen circa 1 Kaffeelöffel voll blutigen Schleimes durch 
den After abgegangen, und ähnliche Entleerungen, wenn auch 
in geringerer Menge, wiederholen sich mehrmals bis zum 
Abende. Der Leib ist jetzt weicher, etwas teigig, und lässt 
links neben dem Nabel eine Geschwulst fühlen von der Grösse 
eines kleinen Borstorfer Apfels, die nicht verschieblich ist, 
und bei der Perkussion keine wesentliche Dämpfung ergibt. 
Die Palpation des Leibes scheint keine Schmerzen zu verur- 
sachen. Nur mit Mohe wird dem Kinde eine kleine Menge 
Milch mit dem Löffel eingeflösst, die Brust nimmt es nicht 
mehr. Ord.: Arg. nitr. 

Am 16.: Die Geschwulst im Abdomen ist nicht mehr 



26 

aufzufinden; die Erscheinungen haben sich gemässigt, das 
Kind trinkt etwas m,ehr, jedoch nicht an der Brust; durch 
das seltener eintretende Erbrechen wird nur ein Theil der 
genossenen Milch entleert; nur einmal ist wieder eine kleine 
Quantität blutigen Schleimes durch den After abgegangen, 
das klägliche Wimmern wird seltener gehört, aber das Ge- 
sicht zeigt ein tiefes Ergriffensein, ist sehr verfallen, die Augen 
bedeutend eingesunken, bei noch gutem Emährungsstande des 
übrigen Körpers. 

Am 17.: Nach mehrsttlndigem Schlafe in der letzten 
Nacht scheint die bisherige Theilnahmlosigkeit des kleinen 
Kranken sich vermindert zu haben. Keine Stuhlentleerungen 
wieder, nur einige Male Erbrechen; Leib stärker aufgetrieben. 

Am 18. : Seit gestern Abend bedeutende Pulsbeschleunig- 
ung; Erbrechen seltener (geringe Quantität geronnener Milch 
und hellgrünlicher Schleim); kein Stuhlgang; Kiystire blei- 
ben ganz ohne Erfolg, der grösste Theil derselben fliesst 
neben der Injektionsröhre wieder ab, die Höhle des Rektum 
jedoch zeigt sich frei, so weit der untersuchende Finger 
reicht. 

Am 19.: Unter krampfhaften Erscheinungen trat Mittag 
1 Uhr der Tod ein. 

Sektion des Unterleibes: Nach Durchschneidung der 
Bauchdecken drängen sich die von Luft stark ausgedehnten 
Dünndarmsohlingen hervor und verdecken vollständig den 
Dickdarm ; erst in der Tiefe, auf und links von der Wirbelsäule, 
findet sich ein Stück Kolon, quer nach links zum Eingange 
des grossen Beckens verlaufend; dasselbe hat ein knolliges 
Ansehen, zeigt zahlreiche, mehr weniger dicke Wülste, durch 
scharfe, zum Theil tiefe Einschnitte von einander getrennt, 
und fühlt sich teigig an, wie mit halbfesten Fäkalmassen ge- 
füllt. Der Dünndarm stülpt sich in diese Darmwulst ein, und 
in der Oegend des Ueberganges des S romanum in das Rek- 
tum ist der zapfenartige untere Theil des eingestülpten Darm- 
stückes hindurch zu fühlen. Nach Aufschneiden der Scheide 
der Invagination zeigt sich der untere Theil des 3— 4" langen 
invaginirten Stückes dunkelroth, dick aufgewulstet, mit bluti- 
gem Schleime bedeckt; die Spitze des Intussusoeptum zeigt 



w 

die timnß tehief gefteltee Hflndimg des inneren Darrarohre«. 
UttgeCMir in der Mitte des Intussasceptum findet sich der Ein- 
gang des Prooessas vermiforinis , der, gerade nai^ oben ge- 
stellt, swisoben der mittleren and inneren Darmwand verläuft. 
Beim Versuche, das eingestttlpte Darmsiflck suraekzusdiieben, 
reisst an einer Stelle der erweichte Danndarm ein; nach voH- 
st&ndiger üntwiekelung zeigt der eingestülpt gewesene Darm 
•ine L&nge Ton nicht ganz 1 Puss. — Keine Zeichen von 
Entaflndung des Peritoneum, nur eine geringe Menge blatigen 
Serums in der Höhle desselben. 

Zweiter Fall M., Vt«'^^' ^^^ kräftiger Knabe, bisher 
immer gesund, mit Ausnahme von öfters wiederkehrenden 
Blähungsbeschwerden massigen Grades, von der Matter ge- 
stillt, bekam am 25. Februar 1865, Morgens 4 Uhr, plötzlich, 
einige Stunden nach einer normalen Ausleerung, inmitten des 
besten Wohlseins, Erbrechen, und gleichzeitig ging durch den 
After Blut ab, angeblich ^nige Esslöffel voll, dabei Kälte am 
K^er, und den ganzen Tag über (nach Angabe der Mutter) 
Fieber; er trank mehrmals an der Brust, aber jedes Mal er- 
folgte proftises Erbreehen von geronnener Milch. Eben so 
verlief der folgende Tag, es gingen circa 4 mal ein paar 
Tropfen Blut durch den After ab ; jedesmal nach dem Trinken 
folgte Erbrechen. 

Am 27. war das Erbredien mehr gelblich, der Oesichts- 
ausdruck ruhig, Temperatur nicht erhöht. Ungefähr 6 mal 
sind einige Tropfen Blut durch den After abgegangen, von 
nur massigen Schmerzensäusserungen begleitet. Der Leib 
war weich, nicht aufgetrieben, in demselben keine Geschwulst 
zu ftthlen. 

Am 28. Abends 5 Uhr erfuhr ich, dass nur einmal, und 
zwar am Morgen, Brechen eingetreten, seitdem nicht wieder. 
Den Leib fand ich mehr aufgetrieben, eine Geschwulst nicht 
nachweisbar. In der Umgegend des Afters findet sich etwas 
blutiger Schleim. Per Rectum fühlt man, 2" über der Münd- 
ung, bisweilen auch etwas tiefer, die Spitze des Intussuscep- 
tum. Die Schlundsonde mit Schwammknopf wird 5^' hoch 
hinauf, und das eingeschobene Dannstack zurückgeschoben, 



28 

00 dass es mit dem FiDger nieht mehr zu erreichen war; die 
Sonde fand hier einen Widerstand, dessen Ueberwindung eine 
grössere Gewalt erforderte, als anzuwenden rftthlich schien. 
Die Manipulation schien dem Kinde gar keine Schmerzen zu 
machen; nach derselben lag es vielmehr ruhig, nur leichtes 
Aufstossen war zu bemerken. Ord. : Tinct. Opii. — Von 
Abends 7 Uhr ab ist mehrmals dünner, gelblicher, kothiger 
Stuhl abgegangen in geringer Menge, ohne Blut, das Kind 
hat mehrmals getrunken, aber nicht mehr an der Brust. 
Nachts 2^2 Uhr Abgang blutig geükrbter Flüssigkeit durch 
den Mund, und ruhiger Tod. 

Sektion: 30 St. post mortem. Leib m&chtig aufge- 
trieben. Nach zurückgelegten Bauohdecken zeigte sich nur 
der stark aufgetriebene Dünndarm, hinter demselben in der 
Tiefe, fast gerade in der Mittellinie vor der Wirbelsäule, iknd 
sich die Invagination ; 8'' über der Aüteröffnung trat der 
Dünndarm als eintretendes Rohr ein, die Scheide bildete der 
untere Theil des Colon descendens und des Rectum, die so 
gebildete Geschwulst war sehr umfangreich und fQhlt sich 
sehr derb an. Es bedurfte eines ziemlich kräftigen und an- 
haltenden Zuges vom Dünndarme aus, unterstützt durch Nach- 
schieben von Unten nach Oben, um *das eingestülpte Stück 
zu entwickeln ; während dessen zeigte sich, dass die Einstülp- 
ung eine doppelte gewesen war, die innerste und jedenftills 
erste fnvagination hatte 3 — 4'' Länge. Die Schleimhaut war 
angeschwollen, aufgelockert, leicht blutend, die Oeftnung seit- 
lich. Zwischen dem eintretenden Rohre und der Scheide ragte 
der Proc. vermiformis heraus. In der Bauchhöhle mehrere* 
Unzen gelblichen hellen Serums, keine entzündlichen Er- 
scheinungen 

Mit kleinen Abweichungen geben die vorstehenden Fälle 
ein deutliches Bild der Symptome und des Verlaufes: plötz- 
licher Eintritt der Krankheit, heftiges, schmerzhaftes Auf- 
schreien, Krümmen und Winden des Leibes, Abgang von 
Blut oder blutigem Schleime durch den After, mit vorher- 
gehendem heftigem Zwängen und Drängen, Erbrechen, oft 
sehr profus, von meist geronnener Milch und Schleim (wohl 



29 

nur sehr selten tod ftkalen Maseen); in den meisten Fällen, 
(wenn auch nicht konstant während des ganzen Krankheits- 
?eriaufes) kleine, teigige Abdominalgeschwuist in der Nähe 
des Nabels, Ausdruck tiei'er Depression yai Gesichte, hohl, 
tiefliegende Augen ; Dauer bei ungünstigem Ausgange 4—5 
Tage, bei giücklichem Verlaufe Heilung nnch 1^/, — 4 Tagen. — 
Die eben geschilderte Sjmptomengruppe bietet mancherlei 
Modifikationen, bei deren Besprechung die angefahrten sowohl 
als die weiter unten mitzutheilenden Beobachtungen berflck- 
siditigt werden sollen, mit Hervorhebung der Abweichungen, 
die sie der Darstellung Rilliet's gegenaber darbieten. 

Das konstanteste Zeichen ist das Erbrechen: fast alles 
Genossene wird erbrochen, ohne dass es dem kleinen Kran- 
ken besondere Anstrengung verursachte ; oft ist das Erbrechen 
so starmisch, dass die Matter den Ausdruck brauchen: „was 
nur zum Munde herauswollte^^; die erbrochenen Massen be- 
stehen meist aus geronnener Milch, mit Schleim, der selten 
gallig gefärbt ist, letzteres meist erst in den späteren Tagen, 
nur in einem Falle enthielt gleich das zuerst Erbrochene 
grünen Schleim. Gewöhnlich verringert sich das Erbrechen 
in den späteren Tagen, wohl selten hört es ganz auf. Ob 
das in dem zweiten Falle von den Angehörigen mir berich- 
tete Auslaufen einer blutigen Flüssigkeit aus dem Munde, 
kurz Tor dem Tode, von dessen Spuren in der Wäsche ich 
mich selbst überzeugte, als blutiges Erbrechen aufzufassen ist, 
bleibt unentschieden ; in anderen Fällen beobachtete ich nichts 
der Art. Ebensowenig fand ich fötides, wie Fäkalmassen 
aussehendes, Erbrechen, wie es nach Rill iet bisweilen gegen 
Ende der Krankheit eintritt. 

Eben so konstant sind die blutigen Stuhlentleerun* 
gen; sie fehlten in keinem meiner Fälle, sie können als pa* 
thognomonisches Symptom angesehen werden. Das Blut ist 
meist mit zähem Schleime zu einer dünnbreiigen, aber durch- 
weg roth gefärbten Masse gemischt, selten rein; oft ist die 
einsehie Entleerung so gering, dass nur die untergelegten 
Windeln mehr weniger roth gefärbt sind, bisweilen wird bis 
zo einigen Unzen fast reines Blut entleert. Diese Entleerun- 
gen, und das ist wieder charakteristisch, finden unter ausser-^ 



3fl 

ordentlich heftigen SobmeramiftäiisaeffttBgen Stakt, die Kkidtr 
weinen in einer jftmaierlichen Weise laiil auf, sie krOasen 
and winden sieh, werfen den Leib aiif und ab, treten mit den 
Beinen; solche Anfiele haben eine längere oder kflraei« Dane», 
einige Minuten bis ^ne Viertelstunde, kehren alle VWrteK bie 
halbe Stunden oder nach Itogeren Zwiaekeaciuumen wieder, 
und enden jedes Mal mit dem beeohriebeiieB blutigen Akgange, 
um dann einem relajtiv rnbigen Zustande Plats au machen^ 
Im weiteren Verlaufe werden diese krampfhaften AnfUIe sel- 
tener, aum Theil in Folge der angewendeten Mittel (Opium), 
hören aber wohl erst mit Eintritt der Abdominalpafaljse 
gftnslieh auf. Auch die blutigen Abgänge nebmeo im Ver- 
laufe der Krankheit an Zahl und Menge ah, und zuletai tritt 
Verstopfung an ihre Stelle, selten kommen kothig gefitrbte, 
dflnne Ausleerungen in den späteren Tagen, die, wie im 
zweiten Falle, nicht immer als ein Zeieben der wicdarhar- 
gestellten Durchgängigkeit des Darmrobres ansusehen sind. 

In weniger konstanter Weise lässt sich die eingesobo« 
bene Darmpartie als kleine Abdominalgeschwulst durek 
die Bauchdecken durchfühlen; es soll dies zwar naeh RilLiet 
sehr selten der Fall sein , er selbst hat sie nur einmal beob- 
achtet. Ferner gibt B. an, dass die Geschwulst meist erst 
in der letaten Zeit der Krankheit und zwar in der weichen 
oder epigastrischen Gegend zu fohlen sei. Meine Baebach- 
tungen Uefern in dieser Besiehung andere Ergebnisse: in vier 
Fällen fehlte die Geschwulst nur einmal, m den drei Ubrigea 
war sie vorhanden, und zwar als ein wallnuss* bis tauben* 
eigrosser, rundlicher oder strangartiger Tumor, von derb-teigi* 
ger Konsistenz, der sich etwas verschieben liess, und einen 
gedämpften, selten ganz leeren Perkussionston gab. Die Ge- 
sehwulst wurde schon am ersten Tage, meist bald nach dem 
Eintritte der Krankheit, gefohlt, dagegen vom 2. resp. 3. Tage 
an nicht mehr, befand sich links vom Nabel, in zwei Fällen 
oberhalb, in einem Falle, wo sie sich strangartig darstellt, iiB'^ 
ierhalb desselben. Ineinem von Edward Cousins veröffinl- 
Uchten (in dw Wiener Wochensohr. 1862 Nr. 62 im Auszüge 
mitgetheilten) Falle fand sich ein derber, den Fingern leich* 
entseUQpfender Tumor in der Gegend der rechten Hälfte den 



31 

Colon tranaYerauin , und ferner eine fettere 2 Vi" ^osk dar 
reohten Regio iliaca senkreoht aufsteigende permanente Ge- 
aohwoisL Die nach fiilliet noch weit seltenere Afterge- 
sehwulst (d. h. das Hervorragen der Spitae des Intussusoep'« 
tum doroh den After) beobachtete ich in einem Falle schon 
3 Stunden nach Beginn der Affektion^ in einem anderen fand 
ich den unteren Theil der Einschiebung im Rectum 2" über 
der Afteröffnung, in den beiden übrigen Fällen war die Höhle 
des Rectum frei. — Der Unterleib bietet ausser diese« Ge- 
schwulst im Anfange meist keine Abweichung, ei* ist weich 
und wird erst in der Folge durch den immer mehr ^unehmeur 
den Verscblnss des Darmrohres und die damit verbundene 
Lähmui^ der Darmmuskeln tympanitisch aufgetrieben. Und 
diese zunehmende Auftreibung des Leibes ist sicher auch die 
Ursache, dass, wie meine Beobachtungen ergeben, in der 
späteren Zeit die Invaginationsgeschwulst nicht mehr gefühlt 
wird , die entgegenstehende Angabe R.'8 ist deshalb a priori 
auch nicht wahrscheinlich. ^ Im Allgemeinen ist der Druck 
auf den Unterleib nicht schmerzhaft, und vermehrt wohl auch 
die KolikanfUle nicht; bei Druck auf die Geschwulst beobach- 
tete ich aJber fast immer Schm^^ensäusserungen, was naob 
E. nicht der Fall sein soll. 

Die übrigen Symptome von Seiten der Digestionsorgaae 
sind von untergeordneter Bedeutung: die Zunge ist anfangs 
rein, pflegt sich erst in der Folge mehr weniger zu belegen; 
der Appetit fehlt oder ist gering, oft nehmen die Einder die 
Bmst nicht mehr, während sie die anderweitig eingeflösste 
Milch nicht gänzlich verweigern; doch tranken zwei meiner 
Kranken noch zwischendurch an der Brust, der eine trank 
sogar noch in der Nacht vor dem Tode noch kräftig an der 
Mutter. 

Die Krankheit verläuft fleberlos oder mit nur geringem 
Fieber; gc^en das Ende wird der Puls klein und frequent, 
und ooit zunehmenden Gollapsus treten allerlei nervöse und 
kmmpfhafie Erscheinungen ein. Dagegen spiegelt sich schon 
von Anfang an, wie bei ernsten Unterleibsafiektionen ge- 
wohnlich, das tiefe Leiden im Gesichte ab, die Farbe wird 
bleich, die Züge ved^en, die Lippen erbleichen,, die Augen 



32 

werden hohl, die Umgegend derselben bekommt ein dunkle- 
res Colorit, der übrige Körper aber behält seinen guten Er- 
nfthrungszustand , wie dies bei der kurzen Dauer der Krank- 
heit auch nicht anders erwartet werden kann. 

Was die anatomischen Verhältnisse betrifft, so 
verweise ich auf die Sektionsberichte bei den einzelnen Fie- 
len. Als wichtigstes Moment soll hier nur hervorgehoben 
werden, dass der Sitz der Invagination immer der Dickdarm 
ist, und wenn sie noch einen Theil des Danndarmes enthält, 
so ist dies nur ein wenige Zoll langes Stück des lleum un- 
mittelbar über der Klappe; in den drei Fällen, wo bei der 
Sektion die Einstülpung noch bestand, ragte der Processus 
vermiformis neben dem eintretenden Rohre hervor. Erschei- 
nungen von Peritonitis fehlten immer. Der oben angeführte 
Fall II ist interessant durch das seltene Vorkommen einer 
doppelten Einstülpung. 

Verlauf. Unter den charakteristischen Eigenthümlich- 
keiten nannte ich oben den plötzlichen Eintritt der 
Erscheinungen, und es ist dies jedenfalls die Regel; denn 
Rilliet führt nur drei Fälle an, in denen vorhergegangene 
Intestinalstörungen wohl in Zusammenhang zu bringen sind 
mit der späteren Invagination, in den übrigen Fällen sowohl 
als in den von mir beobachteten fanden sich keine Erschei- 
nungen, die man als bestimmte Vorboten der Krankheit an- 
sehen könnte; bei Besprechung der Aetiologie wird dies wei- 
ter zu erörtern sein. In allen Fällen ist das Erbrechen das 
erste Symptom, meist gleichzeitig tritt die Kolik auf, die blu- 
tigen Ausleerungen kommen gewöhnlich erst einige Stunden 
später (in meinen Fällen einmal gleichzeitig mit dem Erbre- 
chen, in den übrigen 3, 6 u. 12 Stunden nach dem Beginne 
der Krankheit). Der Verlauf ist ein sehr rapider, Brechen, 
Kolik und blutige Ausleerungen wiederholen sich sehr häufig, 
bis sie bei herannahendem Tode meist abnehmen und ein 
längeres Koma oder ein Krampfanfall die Szene schliesst. 
Bei Ausgang in Genesung ( den ich nicht beobachtete) , die 
nur durch Zurückweichen des eingestülpten Darmstückes mög- 
lich ist, steht das Erbrechen, an Stelle der blutigen Stühle 
und der Verstopfung kommen fäkale Ausleerungen, die ner- 



33 

vöaen Sjmptome hören aaf , und die Oenesung kann nach 
Angabe der Autoren so sobnell eintreten, daas man wohl, 
wenn die Erscheinungen nicht zu charakteristisch gewesen 
w&ren, an der Richtigkeit der Diagnose zweifeln könnte. 
Doch darf man sich nicht sogleich beim Nachlasse der Symp- 
tome zu der Hoffnung auf einen günstigen Verlauf bestimmen 
lassen. Ich fand in 3 Fftllen bei mehrstündigem Nachlasse der 
öftlieben Erscheinungen auch eine Abnahme der nervösen 
Symptome; die Kinder zeigten Verlangen nach Nahrung, nah- 
men die Brust wieder, bekamen ein munteres Aussehen, wur- 
den iheilnehfxiender, das eine Kind lächelte sogar wieder; trotz- 
deoi trat bald der alte Zustand wieder ein und führte zum 
Tode; in einem Falle erfolgt enfäkale Ausleerungen, ohne dass 
deshalb angenommen werden kann, das Darmlumen sei 
auch nur vorübergehend wieder hergestellt gewesen, und ein 
Fall (s. unten) endete tödtlich, obgleich, wie die Sektion aus 
wies, die Einschiebung vollständig sich zurückgezogen hatte. — 
Der Ausgang in Elimination des invaginirten Darmstückes 
kommt bei dieser Art der Invagination nicht vor; denn in 
der von R. mitgetheilten Beobachtung von Marage bei einem 
lämonatlichen Kinde war das abgestossene Stück ein Frag- 
ment des Dünndarmes mit Divertikel; da dieses Divertikel 
jedoch nur ein MeckeTsches gewesen sein kann, das seinen 
Sitz bekanntlich 18 — 24'' über der Valvula Bauhini hat, so 
gehört der Fall zu der Invagination des Ileum, nicht aber za 
der Invagination des Dickdarmes im ersten Kindesalter. 

Nach Rilliet ist die Dauer der Krankheit bei unglück- 
lichem Verlaufe selten über 5 Tage, bisweilen nur 3; in meinen 
(sämmlich tödtlichen) Fällen war die Dauer SVn 4, 4^/4, 
5'/i Tag. Bei Ausgang in Genesung ist die Dauer 1^/, — 4 
Tage. 

Bei Kindern, die über 2 Jahre alt sind, ähneln die Symp- 
turne der Invagination sehr denen bei Erwachsenen: es tritt 
öfter Ileus ein, Verstopfung ist Regel, der Leib ist von An* 
fang an aufgetrieben, eine Geschwulst ist selten zu fühlen, 
Sehinerz und Fieber sind beträchtlich , der Verlauf ist mehr 
^ner Peritonitis ähnlich, der Sitz des Uebels ist meist der 
Dünndarm, die Krankheit dauert bis zu mehreren Wochen, 
zLvi. 1S66. 3 



u 

die Heilung erfolgt fast immer durch Auestomuug des invu- 
giuirten DarmBtückes. 

Aetiologie. Während die Invagination im Altgemei- 
Den nicht häufig vorkommt, ist ihre relative Häufigkeit im 
1. Lebensjahre eine nicht zu bezweifelnde Thatsache: von 8 
in Genf beobachteten Fällen betrafen 6 das Alter von 4—9 
Monaten, von den 25 überhaupt von Rilliet Busammengestell- 
ten Fällen l^trafen 13 den 4. — 11. Monat. Meine Beobacht- 
ungen fielen in das Alter von 22, 23, 26 Wochen und 1^4 Jahr, 
während mir bei älteren Kindern derlei Fälle nicht vorkamen. 
Ausserdem habe ich noch 6 Erkrankungen an Kindern im 
Alter von 4 — 13 Monaten in der Literatur verzeichnet geftm- 
den (von Cousins und Groig). Wenn Rilliet den G^und 
dafür darin findet, dass die Verbindung des Goecum in der 
Fossa iliaoa im ersten Lebensjahre viel weniger umfang- 
reich und fest als im späteren Lebensalter ist, so ist das 
gewiss sehr einleuchtend. Dagegen kann über die nächste 
Veranlassung nichts Konstantes angegeben werden, in den 
meisten Fällen ist dieselbe nicht aufzufinden. R. beobachtete 
in zwei Fällen Diätfehler als Ursache, in zwei Fällen entstand 
die Invagination plötzlich, während der Vater das Kind auf 
den Arm springen liess. Nur in einem meiner Fälle wurde 
mir angegeben, dass mit dem Kinde eine schwingende Be- 
wegung gemacht worden sei, und dies als mögliche Ursache 
beschuldigt Wenig mehr Anhaltspunkte bietet die BerOck- 
sichtigung früherer Krankheiten und entfernterer Ursachen: 
unzweckmässige Ernährung, Oemüthsbjewegung der Mutter^ 
vorhergegangene Diarrhöen werden als solche entfernte Ur- 
sachen angegeben. Meine kleinen Patienten waren alle kräf- 
tig und gut genährt und tranken noch an der Mutter (mit 
Ausnahme des 1^4 Jahre alten); der eine hatte öfter grün- 
liche Stuhlausleerungen gehabt und die Mutter hatte sich am 
Tage vor seiner Erkrankung erkältet; der zweite hatte sich 
bis dahin wohl befinden bei habituellem reichlichem Abgänge 
von Blähungen; der dritte hatte bis 8 Tage vor der JSr* 
krankung drei Wochen lang an Diarrhoe gelitten, der vierte 
hatte öfter, wenn auch nur kurze Zeit hindurch, ^an Diarrhoe 
gelitten, und die Darmeinschiebung trat ein während einer 



35 

Mhon mehrere Tage bestandenen Diarrhoe« Wenn an» diesen 
Beobaehlangen ntm wohl ein Zusanninenhang hervorBiigebcMi 
•eheint swisefaen Unregelrnftseigkeiten der Darrofanktioo umi 
der Invagiaatlon , so ist dies doeh nicht dte Regel fttr »lle 
mite, die Krankheit ist Tie^mebr meist eine priro&re. — Airf- 
fiileBd ist das Oberwiegead häufige Vorkommen bei Knabe»: 
«afer dea 26 Kranken R.'s waren 22 Knaben, meine 4 Fälle 
betrafen ansa^lieselioh Knaben. 

Während die Diagnose öet Darmeinsehiebang bei Er 
wachsene» im Gsmzen schwierig, oft im Anfange sogar im- 
möglioh iflft, so ist die Erkennung dieser Krankheit im ersten 
Kindesalter fast immer, selbst im Beginne, für den aufmerk- 
samen Beobachter ohne besondere Schwierigkeit. Drei Reihen 
nm Krankheiten sind bei der Diagnose aa beraeksichligen: 
I) solche, dief iorit der Inragination das Erbreefaen gemein 
haben (Metfkigitis, Gastroenteritis, Peritonitis, Undurchgängig- 
keit des Darmes darch Anbänfting Ton Faeces, innere Ein- 
klemmung u. dergl.); 2) diejenigen, die einen Blatabgaog 
durch den After zeigen (ßhitzersetzung bei akuten Bxanthe- 
Hiea, Typhus, Ruhr, Darmgeschwüre, Schrunden des Mast- 
darmes); 3) die eine Aftergesehwulst bedingen (Vorfaii und 
Polyp des Mastdarmes). — Die genauere difierentielle Dia- 
gnose bat Rilliet in seiner schönen Arbeit so ausführlich 
und deotKch abgehandelt, dass ich darauf verweisen and hier 
lim so eher darfiber hinweggehen kann , als bereits im Vor- 
hergehendea die einzelnen Air die Diagnose wichtigen Mo- 
mente genOgevid erörtert sind. Nur noch einmal will ich 
kerTorheben, dass das kenstanteete Symptom die Blutentieer- 
ungen durch den After sind, und dass diese, wenn sie ii»t 
anhaltendem Brechen , periodisch auftretendem Aufschreien, 
aagstTollem Hin» und Herwinden rerbunden alnd, die Diagnose 
begrttnden, wenn auch Abdominalgeschwulst und Aufgetrieben- 
sein des Unterleibes fehlen. — Es ist hier am Platze, eine 
Bemerkung West's in seiner Path. u. Ther. der Kinderkrank- 
heiten (4. Aufl. bearbeitet von Henoch 8. 354 f.)) ^^^ nnir 
irrthaRtlieh erscheint, zn berichtigen; er sagt: „In der Kind- 
heit seheinen die rerschiedenen Ursachen, die bei Erwaoh- 
eine unaberwindliehe VeratopAmg hervormfhn, nicht 

3* 



36 

ZU existireD^ unsere Diagnose wird daher leichter - durch 
die Thatsache, dass Symptome von intestinaler Obstruktion 
bei Kindern fast niemals auf eine Invagination des Darm- 
kanales deuten/' Im Oegentheile, wenn im Kindesalter die 
Zeichen einer Dndurchg&ngigkeit des Darmrohres eintreten, 
so wird man als Ursache derselben zunächst eine Invagina- 
tion vermuthen dürfen, da die anderen au Darmverschluss 
fahrenden Krankheiten bei weitem seltener sind. Die Dia- 
gnose wird allerdings dadurch leichter, aber 2u Gunsten der 
Invagination. In noch viel bestimmterer Weise ist dies bei 
den Dickdarmeinsohiebungen im 1. Lebensjahre der Fall: die 
relative Seltenheit anderer Versoliliessungen des Darmlumens 
gegenüber der Einschiebnng ist in diesem Alter noch viel 
grösser, die von R. gesammelte, an sich schon geringe, Zahl 
von Beobachtungen von Einschnürung durch Divertikel, Ver- 
wachsung des Proc. vermiformis, Periton&alstr&nge und die 2 
Fälle von Darmverengerung vertheilen sich ja auf das ganae 
Kindesalter. 

Dass die Prognose eine höchst missliche ist, liegt auf 
der Hand ; denn obgleich auf der .einen Seite frühzeitiger eine 
Anwendung der geeigneten Mittel möglich, weil die charak- 
teristischen Erscheinungen die Krankheit früher erkennen las- 
sen, als im 2. '^indesalter und in späteren Jahren, so ist 
doch andererseits bei dem rapiden Verfaufe der Zeitpunkt, 
bis zu welchem eine erfolgreiche Behandlung noch zu er- 
warten ist, bald verstrichen, und es fehlt die Möglichkeit der 
in späteren Jahren häufiger eintretenden Heilung durch Eli- 
mination des invaginirten Stückes. Die glücklichen Ausgänge 
sind selten, und die Oenesung noch nicht einmal immer ge- 
sichert nach Wiederherstellung des Darmlumens (siehe Fall 4). 
Unter den von Rilliet aufgeführten 5 Heilungen unter 15 
Fällen befindet sich ein 4V2Jäl^i^g®^ Kind, welches nach Bii- 
mination des Darmes genas; da dieser Fall als nicht hierher 
gehörig ausgeschieden werden muss, so bleiben noch 4 Heil- 
ungen von 14 Fällen. 

West erwähnt 2 glücklich verlaufene Fälle, einön glei- 
chen berichtet Cousins, Oroigin Dundee heilte 4 FftUe 
von 5. Leider steht mir die Literatur, die wohl noch aieh- 



37 

rere geheilte P&lie bieten wird, nicht genOgend zu Gebote; 
d« aber sicher die grösste Zahl der tödilich verlaufenen PMle 
oiebt sur Veröflentliobung kommt , so wird es immer unmög- 
lieh bleiben, auf statistischem Wege die Mortalitftt ond danach 
die Prognose festzastellen. 
Behandlung. 

Da die Krankheit üast immer plötzlich eintritt, und die 
in einzelnen P&llen vorhergegangenen Erscheinungen zu wenig 
EigenthflmKches bieten, um auch nur mit einiger Wahrschein- 
liehkeit auf den wahren Eintritt einer Darmeinschiebung einen 
Schluss zu gestatten, so kann von besonderen Yerdauungs- 
massregeln kaum die Rede sein, sie beschränken sich yiel- 
mehr auf strenge Beobachtung eines guten difttetischen Ver- 
haltens. Sollten jedoch bei einem Kinde schon einmal Zu- 
Mle da gewesen sein, die denen der Invagination ähnlich sind 
(von welcher Art R. eine Beobachtung anführt), so wäre 
natarlieh eine noch grössere Sorgfalt auf zweckmässiges Re- 
gime zu richten. — Es wird sich demnach fast immer um 
die Behandlung der ausgebrochenen Krankheit handeln, und^ 
diese zerf&llt in die medikamentöse und mechanische, an letz- 
tere sehliesst sich die chirurgische an. 

a) Medizinische Behandlung. 

Nach R. soll die antiphlogistische Behandlung die ratio- 
nellste sein, weil die entzQndliche Kongestion des Darmes 
eine unaufhörliche Ursache der Steigerung der Invagination 
sei und ein permanentes Hinderniss für die Lösung derselben. 
Er empfiehlt deshalb Applikation von Blutegeln auf den Leib. 
Es ist aber nicht einzusehen, wie man mit einer solchen 
Blutentsiehung eine Verminderung der Stauungshyperämie 
und Schwellung des afSzirten Darmstückes herbeiführen 
könnte, dies wäre ja nur möglich durch direkte Blutentziebung 
(z. B. durch Skarifikation) an das bis in oder vor das Rec- 
tum herabgestiegene Intussusceptum. Indess, abgesehen von 
den Oefohren einer derartigen Blutentziehung, erscheint sie 
auch aberflüssig, da das Haupthinderniss der Reposition nicht 
sowohl in der Anschwellung des eingesiflipten Stückes, das 
immer noch leicht zu komprimiren ist, als in der Konstriktion 
des äusseren Darmrohres Hegt. Der so überaus schnell ein- 



treiendt Kollap«iM gibt «oeh auseerdem eine beatimoiie Coo- 
truDdikatioo gegen Blatentadehuogea Xlberhaapi Peraer em* 
pfiebli RUH et dasKalomel, ViB^^^ndliob 2 Gran, oder ietttad- 
liob 1 Kaffeelöffel O. BieiDi in Verbindung mit OalkljslireD, 
und verdankt nacb seiner Angabe in swei FiUien dieeer Valo* 
melanwendung die Heilung. Trotz dieser gewiobtigen Em- 
pfehlung ist der Gebrauch der Purganz^o als geftfarlioh xu 
widerratheO) da dieselben so leicht durch Beförderuug d«f 
periAtalftischen Bewegungen eine Zunah«ne der lavoginatioB 
beivirken können; es ist vielmehr West beizudtinmen, wenn 
er sofort beim Eintreten der Intussuszeptionss^rmptooie die 
Anwendung der Purgantia auszusetzen empfiehlt, indem et 
meint, dass sie im ersten Kindesalter viel wenigei* bu reeht« 
fertigen sind, als in der gleichen Krankheit bei Erwachsenen. 

Die sedative Behandlung ist die einzige, welche unbe- 
denkliche Empfehlung verdient: warmes Bad, Kataplasmen 
auf den Leib mit Zusatz von narkotischen Kr&utern und 
inoerüch Opium, theils um den Schmerz zu lindern, theils 
um durch Aufhebung der peristaltischen Bewegung eine et- 
waige Reposition zu ermöglichen, theils endlich, um Krämpfen 
vorzubeugen. Daneben muss man noch versuchen, djaa Bre* 
eben zu ermässigen durch Eis, Aq. Laurocerasi, in einigen 
FftUen hörte es nach Arg. nitr. auf. Durch reizmildemde 
Klyatire könnte die Behandlung unterstützt werden. 

b) Die mechanische Behandlung besteht ia Ein- 
blasen von Luft, Injektion von Wasser, und endlich EünfUhr- 
ung eines soliden Körpers (Pischbeinsonde mit Sohwamm- 
knopf). — 

Es ist gerathen, mit dem mildesten dieser Mittel au be- 
ginnen: durch ein hoch in das Rektum eingeführtes Gummi- 
rohr wird mittelst eines Blasebalges oder besser mit einer 
passenden Pumpe kräftig Luft eingeblasen, und schon Riiliet 
erwähnt einen Fall , io welchem auf diese Weise sofort wie 
durch einen Zauber Heilung eintrat. Cousins, der (Wiener 
WoeheoBchr. 1862 Nr. 26) gleichfalls einen durch InsufHation 
geheilten Fall mittheilt, hält dies für das einzig wirksame Mit- 
tel, gibt an, dass die Einblasung sehr langsam geschehen 
müsse, wenn sie das Colon ascendens erreichen soll, und 



4Mi die Uift einig« Zint serüekgehaUeD w^de, um $o 
eioeD Druck auf die «traoguliiie Partie auattben zu koiineD« 
Um etwaige Adhäsioaea in nicht gana frischen Fällen »i 
löseny soll ein saAtrftglioher kräftiger Stoss mit deaiSteBopei 
aasgvftlhrt werden. Nach David Groig soll die Insuiflation 
mit einem kleinen Doppelblasebalge ausgeführt werden, und 
swar so lange fortgesetat, ,)bis das Kind unruhig su werden 
beginnt and der Unterleib sich meteoristisch auftreibt^S 
SehwerUeh möchte es nöthig und rathsam sein, das Verfahren 
so weit auszudehnen. 

Blttbt der Erfolg aus, so ist auf dieselbe Weise in kräf« 
tig aofeteigendem Strahle Wasser zu injiziren , und jedealaUs ^ 
dorch niediige Temperatur desselben noch eine zusammen* 
»ebende Wirkung auf die eingestülpte Darmpartie hervorzM- 
briagen, die durch Zusata von Adstnngentiea (nach Einigen 
Plaflftbum aceticum) noch verstärkt werden könnte. 

Das dritte mechanische Verfahren, das sofort in Anwen* 
dang SU ziehen ist, wenn die beiden genannten ohne Erfolg 
waren, zuerst von Ibissen angegeben, besteht in Folgendem t 
eine biegsame, an dem einen Ende mit Schwaromknopf ver- 
sehene, Sonde (eine gewöhnliche Schlundsonde von Fischbein 
mit dickem Schwammknopfe erfüllt den Z^eck vollkommen) 
wird eingeölt in das Rektum eingeführt, bis zum invaginirten 
Darme vorgeschoben, und dieser nur vorsichtig nadi oben ge- 
drängt. Der Scbwammknopf muss ungefähr die Grösse einer 
kleinen Wallauss haben, damit er nicht etwa zwischen der 
eiaf^eetülpten Partie und der äusseren Wand ( der sog. Scheide) 
eindringt. In beiden Fällen, wo Nissen mit glücklichem 
Erfolge dieses Verfahren anwendete, mussle er es mehrmals 
wiederholen^ weil die Geschwulst Neigung hatte, immer wie^ 
der herabzusteigen. Dass dieses Verfahren bei der Zugängig- 
keit der uns beschäftigenden Art der Invagination vollkommen 
rationell ist, bedarf keiner Erörterung, und die glücklichen 
Erfolge Missen 's beweisen auch seinen praktischen Werth. 
Trotadem «ad die Bedenken, die R. dagegen ausspricht, nicht 
unbegründet, wenngleich sie nm* nach Versuchen am Kadaver 
aulgestallt sind; er sagt: die Sonde lässt sich schwer in den 
Darm vorwärts schiebep, sie stemmt sich gegen Winkel und 



40 

m^indungeo dieses Organee, und man muss sich eines sehr 
weichen und biegsamen Fisohbeinstabes bedienen, damit er 
sieh den ihm begegnenden Lagehindernissen anpassen kann. 
R. hatte unendliche Mühe, um den linken Winkel des Colon- 
bogcQs zu erreichen, darOber hinaus gehingte er nicht. Wenn 
Nissen dagegen die Geschwulst durch das ganse Colon 
traasversum und uoch einige Zoll in das Colon ascendens 
hineingeschoben haben will, so ist man versucht, dies kaam 
fOr möglich zu halten; denn es ist nicht anzunehmen, dass 
eine Sonde, die weich und biegsam genug ist, bis in das 
Colon ascendens den Windungen des Dickdarmes sich anzu- 
passen, noch fest genug sei, um bei der zum Fortsohieben 
des fest eingeschnürten Darmes nothwendigen Kraft sich nicht 
zu biegen. — Es ist also erklärlich , dass dieses Verfahren 
nicht immer zum Ziele fahrt, besonders wenn der Fall nicht 
mehr ganz frisch ist, wie in der oben mitgetheiilen zweiten 
Beobachtung, besondere Verhältnisse können aber den Erfolg 
dieses Verfahrens ganz unmöglich machen, wie die folgende 
Beobachtung darthun wird. 

Dritter Fall. St., 23 Wochen alt. kräftiger Knabe, 
an der MutterbruA genährt mit seltener Zugabe von etwae 
dttnner Suppe, litt seit 8 Wochen öfters an Diarrhoe, seit 8 
Tagen vor Eintritt der Krankheit aber nicht mehr. Am 
26. Mai 1862 Nachmittags 2 Uhr beginnt er plötzlich heftig 
anizuschreien , sich hin- und herzuwinden, die Beine krampf* 
haft zu beugen und zu strecken ; diese Anfalle dauerten immer 
circa 5 Minuten, kehrten ungefähr alle Viertelstunden wieder; 
in der Pause schlief er bisweilen und trank an der Brust. 
Zweimal, Nachmittags 3 und 7 Uhr, trat heftiges Brechen von 
geronnener Milch ein, nach der Aeusserung der Angehörigen 
„was nur zum Munde herauswollte^V Als ich Abends 8 Uhr 
das Kind zum ersten Male sah, schlief es gerade ruhig, so 
dass eine genauere Untersuchung unterblieb. Bald darauf 
ging nach einem Klystire eine bedeutende Quantität Blut ab. 
Die Untersuchung am anderen Morgen 11 Uhr ergab unmittel- 
bar am Nabel, links über demselben, eine etwa hohnereigrosse 
'derb -teigige Geschwulst, die einen nicht ganz leeren Per- 



4f 

koMionslon ergab uod bei Berflhning Schmerz so verursachen 
sebien. Die Untersuchung per rectum Hess nichts entdecken, 
es entleerte sich bei derselben wieder eine Quantität blutigen 
Schleimes. Sofort fahrte ich eine Schlundsonde mit Schwamm* 
knöpf ein und so hoch hinauf, bis ich einen W iderstand fiind, 
der sich mit der Kraftanstrengung, die ich nicht Oberschreiten 
so dürfen glaubte, nicht aberwinden Hess; ich hatte den 
Sehwammknopf deutlich im linken Hypochondrium fohlen 
können und war nach meiner Meinung bis snr Gegend des 
linken Winkels des Colonbogens gelangt. Die Geschwulst 
erschien nach dieser Manipulation kleiner und etwas nach 
oben gerockt. Hierauf wurde mittelst Klystirspritze wieder* 
holt durch ein weit hinaufgefQhrtes elastisches Rohr mit mög- 
liebster Gewalt Wasser eingespritzt und abwechselnd damit 
Luft eingeblasen, innerlich Tinct. Opii, SstOndlich 1 Tropfen, 
verabreicht. Nachmittags 4 Uhr hatte das Kind wieder ein- 
mal an der Hntter getrunken, ohne zu erbrechen; die Abdo* 
minalgeschwulst erschien wieder etwas grösser; die schmerz- 
haften Anfltlle kehrten in grösseren Zwischenräumen wieder; 
der Versuch mit der Sonde, so wie die Wasserinjektionen, 
wurden im Verlaufe des Tages mehrmals wiederholt. — In 
der folgenden Nacht trat nach einem Kaltwasserklystire ein 
Kolikanftül ein von Vs Stunde Dauer, mit heftigem Zittern, 
Schluchzen, veränderter Stimme, kühlen Extremitäten, worauf 
aber ein östflndiger, nur weni|; unterbrochener, ruhiger Schlaf 
folgte, so dass am anderen Morgen (28. Mai) der Zustand 
ziemlich befriedigend schien; Brechen und Blutabgang durch 
den After war nicht wieder erfolgt. Der Leib ist etwas em* 
pfindlich, etwas mehr aufgetrieben, als gestern, links resisten- 
ter als rechts, aber keine umschriebene Geschwulst mehr 
fiDhlbar. In der Nacht ist ein Zahn durchgebrochen. Es 
werden noch alle 3 Stunden je zwei Kaltwasserklystire ge- 
geben, das Wasser ist beim Abgange mit etwas Schleim ge- 
mischt, der anfangs schwach blutig, später leicht gelblich ge- 
fikrbt ist. Innerlich wird alle 3 Stunden 1 Tropfen Opium- 
tinktur gereicht, dazwischen öfter 1 Kaffeelöffel voll Ol. Uni 
und zweimal 1 Gran Kalomel. Abends findet sich links unten 
vom Nabel eine Stelle plessimetergross gedämpft, eine Ge- 



42 

«ehwylst ist aber Dieht ftthlb«r. Alle '/j**^ SUlMle wird 
Kinde ein Kaffeelöffel voll MiiUermilcb eingefldMl, dt ee nieht 
mehr saugen will; in der folgenden Naoht trinkt es aber wie- 
der einmal kr&(tig an der Brust, erbricht das Genossene je- 
doeh gleich wieder, und schläft darauf wiederholt mehrere 
Stunden ruhig. — Am 29. in der Nacht ist wieder ein Zahn 
durchgebrochen. Mit zunehmendem Meteorismus wird auoh 
der Kollapsus immer bedeutender, Gesicht dekomponirt, Augen 
eingefallen; wirkliches Erbrechen tritt nicht mehr ein, aber 
mit wiederholten Ruotus läuft das verabreichte (M aus dem 
Munde, und nach einem Klysttr geht noch einmal eine be- 
trächtliche Quantität Sch^eim ab, der stark mit Blot tingirt 
ist. Mittags UV, Uhr Tod. ^ 

Sektion der Bauchhöhle: Hoehgradiger Meteorismas; 
eine beträchtliche Quantität blutigen Serums im unteren Theile 
der Bauchhöhle. Die von Gasen sehr ausgedehnten Dttno- 
därme verdecken ringsum den Dickdarm. Der absteigende 
Dickdarm und die Flexura sigmoidea bedeutend koUabirt, lata- 
tere ganz beweglich, zeigen sonst keine Veränderung, eben- 
sowenig das Colon tranaversum, doch erstreckt sich letzteres 
nach rechts nicht ganz bis zur Leber, sondern wendet sieh 
schon links von der Mittellinie nach rechts herunter, quer 
durch die Bauchhöhle hindurch, und in diesem quer nadi 
der Fossa iliaca dextra hin verlaufenden Stücke befindet sich, 
am unteren Ende des Colon a'beendens, die Intussuszeption. 
Sie ist (unaufgelöst) circa 2'^ lang, das obere Ende des ein- 
tretenden Rohres bildet der Dünndarm, zwischen ein- und 
austretendem Rohre ragt der bedeutend angeschwollene Proc. 
vermiformis hervor, der die Scheide bildende Darm zeigt Ver- 
änderungen von nur geringem Grade, der unterste (hier nach 
oben gerichtetej Theil des Intussusceptum dagegen zeigt eine 
enorm geschwellte und verdickte Schleimhaut. Die Infiltration 
erstreckt sich auch auf die übrigen Darmhäute und nament- 
lich auf das Gekröse. Keine Peritonitis. 

Dieser Fall zeichnet sich aus durch den ungewöhnltckeo 
Sitz der Invagination im Colon ascendens und transversuai) 
wäihrend dieselbe gewöhnlich bis zum S romairam oder Rek^ 



«I 

Uutt focIgeselNriUen aageirofiBn wird, so daes in der Lsiohe 
(W vom CoeoaiD bis sui* Flexura signoidea beecliriebeoe Bo* 
ptu de6 Colon gaoz verschwuiMleD Ut, uod der Danndarin 
siah uanittelbar in das Rektvin oder den uoterea Theil des 
Colon fortsfitst. Die Lokaiit&t der in d^ ersten Tagen der 
Krankheit foblbaren Abdofnioalgesohwobt (links ttber dem 
Nabel) liess ein solebee Verh&Uniss nicht erwarten, vielmehr 
glauben, die Eiaeehiebung befinde sich im absteigenden Colon. 
Möglioh, dasB durch die Behandlung ein partielles Zurück- 
gehen der Einatalpung bewirkt wurde; diese Annahme Iftsai 
sich aber nicht begründen, die Beobaehtuag aeigt also, wie 
schwierig die Bestimmung des Sitae» der Einschnürung iet. 
Dass hier die Beposilion mit der Sonde uomögliob war, liegt 
«af der Hand. 

Aber selbai mit der glücklieh erreichten Reposition der 
Einschiebung ist die Genesung nicht nothwendig gesichert, 
wofür der folgende Fall einen Beleg abgibt. 

Vierter Fall. F., kr^tiger, bisher gesunder Knabe von 
IV4 Jahr, litt dAer an mehrtftgigem Durchfalle, und war seit 
einigen Tagen deshalb wieder in meiner Behandlung, als am 
12. Mai 1859 früh 8 Uhr (nachdem in der Nacht vorher 
öftere wftaserige Entleerungen erfolgt waren) mehrmaliges 
grüASchleimiges Erbrechen eintrat, dem nach 3 Stunden KoUk<^ 
an&lle folgtea, im dar oben beschriebenen Weise. Nachmittag 
2 Uhr fand iah die Zunge fast rein, Appetit fehlend, Leib 
nicht aufgetrieben, auf der rechten Seite weich und schmerz 
k>8, links vom Nabel abwftrts dne atrangartige Geschwulst, 
bei Druck auf dieselbe schreit das Kind auf. Sehr massiges 
Fieber. Aus dem offenstehenden After ragt das untere Ende 
der Einstülpung in Gestalt einer stumpf kegelförmigen, dunkel- 
rotben, teigigen Gesehwulst circa 2^' weit hervor. Ich schob 
diese Geschwulst sofort 2^' hoch über den Afterrand »irück, 
der After blieb aber offen und die versuchte Luftdouche bheb 
daher wirkungslos. Ordin.: Ti. Opii 3— 4stündl. 2 Tropfen. — 
Am 13. Mai: In der Nacht kamen die Kolikanf&lle seltener, das 
Kind hat mehrmals geschlafen, einmal 2 Stunden lang; auch 
das Erbrechen ist adtener (mehr auf Milch , als auf Zucker- 



44 

Wasser). Der Abgang blutigen Schleimes besteht noch fort. 
Der Unterleib ist mehr aufgetrieben, auf der linken Seite der- 
ber als rechts, eine Geschwulst daselbst aber nicht mehr 
deutlich abzugrenzen. Der After steht noch offen, eine Ge- 
schwulst in demselben nicht mehr fühlbar. Das Kind hat 
einige Male gelächelt, so wohl schien es sich zu fahlen. 
Contin. Opium. — 

Am 14. Mai: Kein Brechen wieder. After geschlossen. 

Am 15.: Das Kind liegt ruhig, schläft viel (Opium?), 
angstvolles Aufschreien ist nur noch höchst selten. Der Ab- 
gang blutigen Schleimes hat aufgehört, statt desselben wird 
alle 4—6 Stunden eine Quantität (bis zu mehreren Esslöffeln 
voll) von breiartigem schwach fäkal gefärbtem Schleime ent- 
leert. Auftreibung des Leibes wie gestern. Sichtlich ist ein 
Verfallen des Kindes, namentlich um die Augen. Puls klein, 
140. Zunge wenig weisslich belegt, mehrere Male sind einige 
Löffel Fleischbrühe genommen worden, sonst kein Appetit 
Vom 16. Morgens an liegt das Kind ganz ruhig, mit halbge- 
schlossenen Augen; am 17. erseheint der Meteorismus etwas 
geringer; Flatus sind nicht abgegangen, aber noch einige Male 
kleine Quantitäten fäkaler Massen. Unter zunehmendem Sopor 
erfolgt der Tod Abends 11 Uhr. 

Bei der Sektion findet sich die normale Lage der Ein- 
geweide, der Dickdarm ist in seiner ganzen Ausdehnung 
sichtbar. Der Dünndarm ist sehr von Gas aufgetrieben, der 
aufsteigende Grimmdarm massig kontrahirt, dagegen das Co- 
lon transversum und descendens in hohem Grade ausgedehnt, 
das S romanum aber und das Rectum wieder kontrahirt bis 
auf ein Lumen von circa ^y Durchmesser. Die am meisten 
ausgedehnte Dickdarmpartie (die grössere Hälfte des Colon 
transv. und das ganze Colon descendens) zeigt schon von 
aussen eine dunkelblaurothe Farbe und Trübung der Serosa; 
die Schleimhaut ist fast durchweg intensiv dunkelblauroth, 
bedeutend verdickt und sammtartig aufgelockert, mit zahl- 
reichen, hirsekorngrossen, seichten Erosionen, die durch eine 
noch dunklere Färbung von der übrigen Schleimhaut sich ab- 
heben. An den Grenzen geht diese Färbung der Schleimhaut 
allmählig in die normale des gesunden Darmes über. Kleine 



45 

Partieen von gelben, weichen Kothmassen, wie sie sich reich- 
lich in dem oberen Darmkanale finden, zeigen sich auch auf 
der verftnderten Dickdarmschleimhaut/ — Sonst nichts Be- 
merkenswertbes. 

Die Eracbeinungen waren so charakteristisch, dass die 
Diagnose der Invagination gesichert war, auch ohne das 
Heraustreten des invaginirten Darmes durch den After, und 
dass die Reposition bereits während des Lebens gelungen 
war, das beweist die anmählige Abnahme der Symptome: 
schon am 13. Mai wurde das Brechen seltener, hörte am 
folgenden Tage ganz auf; die Afteröfinung zeigte sich am 
14. geschlossen, die HOhle des Rektum frei, und vom 15. an 
wurden an Stelle des blutigen Abganges kolhige Hassen ent- 
leert, von solcher Konsistenz, dass ihr Durchgang durch den 
noch invaginirten Darmkanal nicht wohl denkbar ist. Wenn 
auch nicht behauptet werden kann, dass die mechanische 
Reposition mittelst der finger dieses Auseinandergehen der 
Einschiebung allein bewirkt hätte, so gab sie doch sicher 
den ersten Anstoss dazu, und die Opiumbehandlung beförderte 
die vollständige Reduktion. Dass trotzdem der Fall tödtlich 
endete, dass die normale perislaltische Bewegung nicht wie- 
der eintrat, ist durch die in Folge der längeren Einklemmung 
kerbeigefllhrte Entzündung und Paraljse des invaginirt ge- 
wesenen Darmsttlckes zu erklären. 

Während demnach diese Beobachtung beweist, dass mit 
der Reduktion des Darmes die Gefahr nicht immer beseitigt 
ist, so gibt sie doch einen neuen Beweis für die Möglichkeit 
der Reposition und fordert zu möglichst zeitiger Anwendung 
der zu diesem Zwecke empfohlenen Verfahrungsweisen auf. 
Nach West's Rath soll man, wenn nach 12, höchstens 24 
Stunden die sedative Behandlung ohne Erfolg blieb, zum Ein- 
blasen von Luft schreiten; in dieser Zeit kann aber schon die 
SänscbnOrung zu einer Paralyse des- Darmes geführt haben; 
demnach erscheint es geboten, sofort, nachdem man die Krank- 
heit erkannt hat, neben der allgemeinen auch die mechanische 
Behandlung in Anwendung zu ziehen. 



4ß 

c) ChirurgTsehe Behandlung. 
Obgleich die IniutnnBzaptwtt diejenige Aft der inneren 
Einkienriinung i»t, bei der von einem operativen Kingrifie am 
wenigsten erwartet werden kann, so ist er doch bei Erwach- 
senen in einzelnen Fällen von Erfolg gekrönt gewesen; ob 
die Operation auch bei Kindern ifti jttngsten Aher mH Olack 
ausgeführt worden, ist mir nicht bekannt. Jedenfells scheinen 
manche Umst&nde der Operation gttnstig zu sein : 1 ) die 
Diagnose \it früher und sicherer zu stellen, als bei Erwach- 
senen, und der ausnahmslose Site der Krankheit tm Dickdarme 
Iftsst weniger im Zweifel über den Ort des Bauchsehnittes; 
2) die EinSchiebung läset sich an d^ Leiche oft überraschend 
deicht entfalten; 3) etii^ spontane Heilung durch Elimination 
ist nicht zu erwarten. Darauf hin gibt auch Rilliet den 
Rath, nachdem 3 — 4 Tage lang die medizinische Behand- 
lung und die wiederholte InsufBation ohne Erfolg angewendet 
worden ist, die Operation auszuführen. Aber gewichtige Be- 
denken stehen der Wahrscheinlichkeit des Erfolges entgegen: 
1 ) wenn auch der Sitzf der Invagiulidon immer der Dickdarm 
ist, so kann er doch sf>wohi im Colon descendens, ala a«ch, 
wenngleich seltener, im Colon ascendens sein, ohne dass 
dies immer bestimmt vorhergesagt werden kann, und diese 
beiden Stellen sind nicht gleich gut von einem Einschnitlsorte 
aus zu erreichen; 2) die Schwierigkeit der Operation wird 
dadurch sehr gesteigert, dass die dünnen Därme in grosser 
Zahl sich zwischen die Intussuszeption und die Bauohdecken 
drängen. 3) Mit Recht empfiehlt R., 3-4 Tage abifawarten, 
weil bis dahin noch durch andere Behandlungsweisen Heilung 
herbeigeführt werden kann; aber in diesem Stadium der 
Krankheit ist die Schwellung des invaginirten DarmsiOckes 
so gross, dass die Reposition in den meisten Fällen höchst 
schwierig, wenn nicht unmöglich, sein muss. Und wie endlich 
der Erfolg einei' gelungenen Reposition durch die eingetretene 
Darmparalyse vereitelt werden kann, hat der zuletzt ersähice 
Fall gezeigt. — Trotzdem mag der Yersuck einer operalsvai 
Behandlung in einzelnen Fällen sh letztes Mittel zu feohtfe^ 
tigen sein. 



4Y 



lieber die Anwendbarkeit einiger Mineralquellen 

JD g^ewiss^a Krankheiten des Kindesalters, von 

Professor Abelin zu Stockholm*). 

Die Mineralquellen, welche sieb mit Recht ein immer 
gröfiseres Vertrauen «ia ausgezeichnete Mittel in den aller- 
meisten Formen ycsi chronischen Leiden bei Erwachsenen er- 
worben haben, sind dagegen bei Kindern nur höchst sparsam 
versucht worden. Da dieselben aber auch in einer Menge ver- 
schiedener Krankheilen dieses Alters für ausserordentlicli wirk* 
sam au halten sind und eine grössere Aufmerksamkeit ter^ 
dieoen, als ihnen bisher su Theil geworden, so will ich hier, 
am auch ein Scherfiein zur Kenntniss ihrer Anwendbarkeit 
beizutragen, die Erfahrungen kurz miüheilen, welche ich mir 
in den letzten sechs bis acht Jahren in dieser Hinsicht er- 
werben konnte. 

Die Mineralquellen, weloke in meinem Wirkungskreise 
hauptsächlich gebraucht wurden, sind folgende: 

1) Karlsbad (gewöhnlich der Schloss- oder Mühlbrun- 
nen). Dieses Wasser erwies sich ausgezeichnet wirksam 
gegen die im Kindesalter sehr allgemein vorkommenden, oft- 
mals höchet langwierigen und schwer zu behandelnden und 
nicht selten höchst gefahrlichen, chronischen Katarrhe 
der Gastro -intestinalschleimhaut, gegen hart- 
näckige Terstopfnng und bei träger Leibesöffnung, 
so wie gegen die bei Kindern oft vorkommenden Konvul- 
sionen, welche auf irgend einer Störung in der Thätigkeit 
der Digestionsorgane beruhen oder damit im Zusammenhange 
stehen, und fast immer für ein Symptom des Zahnens oder 
der Wurmreizung gehalten wurden und auch noch jetzt oft 
gehalten werden. 

Das Karlsbader Wasser hat in diesen Krenkheitsformen 
eine so aufifallend vortheilhaite Wirkung gehabt, dass ich 
kein anderes Mittel gefunden habe, welches sich mit dem- 
selben vergleichen lassen könnte, weshalb ich denn auch in 



^) Aas der Bygiea von Dr. v. d. Basch hi Bremen. 



den letzten Jahren, nachdem sich meine Ueberzeugung über 
den Vorzug desselben befestigt hatte, dieses Wasser mit Aua- 
sohliessung anderer Mittel, fast allein, natürlicherweise in Ver- 
bindung mit einer angemessenen Diät, gebraucht habe. 

Die Art und Weise der Anwendung des Wassers muss nach 
der Beschaffenheit der Krankheit und dem Alter des Kranken 
eingerichtet werden, aber als allgemeioe Regel dürfte festge- 
stellt werden können, dass dasselbe nicht, wie es bei Er- 
wachsenen gebräuchlich ist, in grossen Dosen innerhalb einer 
kurzen, begrenzten Zeit gegeben werde, sondern in kleinen, 
wiederholten Dosen während des Verlaufes des Tages längere 
Zeit hindurch. In den Fällen, in welchen Diarrhoe das am 
meisten hervorstechende Sjmptom war, habe ich dieses Was* 
ser immer in kleinen, oft erneuerten Dosen (von einem £s8- 
löffel voll im Säuglingsalter bis zu einem Punschglase voll im 
weiter vorgeschrittenen Alter) mit dem dritten bis vierten 
Theile frischer, aufgekochter, warmer Milch gegeben« Da, wo 
die Ausleerungen die eigenthümliche, wohl bekannte, zähe, 
kittartige Beschaffenheit, so wie den stinkenden Geruch hatten, 
welche die am meisten hervorstechenden Kennzeichen des 
chronischen Leidens ausmachen, das durch eine undienliche, 
zu zeitig angewendete künstliche Ernährung hervorgerufen 
wird , habe ich mit grossem Nutzen das Wasser kalt und in 
etwas grösseren Quantitäten gegeben. Bei Verstopfung habe 
ich es ebenfalls kalt und in steigender Dosis bis zur Erreich- 
ung der beabsichtigten Wirkung angewendet. Bei Konvul- 
sionen habe ich im Anfange der Kur solche grosse Quanti- 
täten nehmen lassen, dass sie so rasch als möglich eine de- 
rivirende Wirkung auf den Darmkanal hervorbrachten, Hess 
dann aber allmählig kleinere Dosen nehmen, welche ich 
längere Zeit, gewöhnlich 6 bis 8 Wochen, bis zur eintreten- 
den Gesundheit fortsetzen liess. 

Die nachfolgenden kurzen Krankheitsgesehiehten , welche 
ich absichtlich aus den verschiedenen, oben erwähnten Krank- 
beitsformen ausgewählt habe, mögen das Gesagte näher er- 
klären. 

Das Mädchen B., beinahe 2 Jahre alt, hatte, der Angabe 



4» 

der Mütter nadi schon .von der Zeit des Entwöhnens von 
der Brust im 8. Lebensmonate , an einer hartnäckigen ,,I>isff- 
rhoe in Folge des Zahnens^^ gelitten, obgleich während kur- 
ier ZwiscbenEeiten die Stahlaasleerungen etwas besser und 
der allgeoieine Zustand des Kindes ein mehr befriedigender 
gewesen war. Während der letzten 3 Monate hatte der Zu- 
steod aber trots des beständigen Oebraaches von Arsneien 
sich immer mehr, obgleich langsam, verschlimmert. Die Stahl- 
aaaieerungen, welche im Anfange nur dünn und mit Schleim 
vermischt gewesen waren, hatten späterbin einen aashaft 
stinkenden Geruch angenommen und bestanden nun hanpt- 
sächlich ans unverdauten -Speiaen und einem mit Blut ge- 
mischten Schleime^, '^'^-l^i^üfi^ä^ im Anfange geirässig 
gewesen war^'WMte nun; das Kiui^ Hatte starken Durst und 
schien die baU^diffaJ^nnike^itfjdas ^mmervolle Wimmern 
desselben daftuf hinzudeuten , dass Sk /anhaltende Schmerzen 
habe. Als dasWikd in der Poliklinik /des allgemeinen Kinder- 
haueee vorgezeig^^i^|rde,^e^D-^icb, dass dasselbe sehr ab- 
gemagert und kraftlos war; die Haut war trocken und schlaff, 
und deutete der Ausdruck des Gesichtes auf ein tiefes Leiden 
hin. Die Behandlung, welche verordnet wurde, bestand aus 
einer fiDr das Alter und den Zustand des Kindes passenden 
DilU nnd dem Karlsbader Schlossbrunnen, von welchem es 
drei- bis viermal täglich ein Spitzglas voll mit einem Dritt- 
theile warmer, gekochter Milch nehmen musste. Schon nach- 
dem das Wasser eine Woche lang gebraucht worden war, 
fing das Kind an, sich zu bessern, und in Zeit von 2 Monaten 
war dasselbe hergestellt. 

Der Knabe A., 17 Monate alt, hatte sehr wohlhabende 
Eltern, und da die Mutter denselben nicht selbst säugen 
konnte und man für ihn keine Amme halten wollte, so be- 
schlossen die Eltern, das Kind kUnstlieh zu faUem. Im An- 
ftmge sdiien audi Alles gut zu gehen, denn das Kind ass 
vortrefflich, sowohl Milch als auch ganz besonders grosse 
Qui&ntitäten von einem Pfeilwurzelbrei (Arrow-root), welcher 
um so heilsamer sein sollte, weil das Pfeil wurzelmehl „acht 
engliseh^^ war. Bald schien das Kind aber blasser zu werden, 

TLYL 1S66. 4 



e» wurde Terdrieselich uod unrohig; ohachon es niolrt tflhlaoht 
hei Fieiaoh w«ir, so blieb es dooh sohlaff uod aufgeduoseti, 
b^Ue einen diokeq und gespannten lieib, wurde von Blihungs- 
bßsol^werden und Abgang von BUÜiungen geplagt und da- 
durch oft aus dem Sohlafe aufgesobrecict Bei Untersuchung 
der Sluhlauaieerungen ergab sich , dass dieselben weiasgrau, 
püiie^ mit Sohleim aberzogen waren, so wie einen etgenthasi- 
Uohen ranzig stinkenden Qeruch hatten. Lange Zeit kindureh 
iprar das Kind mit verschiedenen Mitteln, wie Karminativ- 
mitteln, Hydrarg. cum Greta mit Bheum, Bismuth u. s, w. 
ohne eigentliche Besserung behandelt worden. Nachdem es 
%ber einige Wochen das K^^jgtlH^'' WoAUAr gebraucht hatte 
und 4eine Di&t verändefit^^f^^ÖiÄf^^s. 

Der Knabe 8., i MoOe(]Mt^haUa^vd|H|^^ Gfaburt an 
an einer solchen harMIbkigen Veratopmi^ gellten, dass er 
ohne Anwendung voi^RMnusöl oder andAp iBnertich ge- 
gabepen Laxirmitteln , sJ^'^j gjitiftl^fl ftihTO oder Klystiren 
keine OeShung bekommen konnte. Die Ausleerung der ha^ 
ten Eothklumpen war in der letzten Zeit mit solchen heft^en 
Qualen verbunden gewesen, dass das Kind schon mehrere 
Stunden vorher zu jammern begann und mehrere Male wiUi^ 
rend der Ausleerung selbst unter gewaltigem Schreien gelinde 
Konvulsionen gehabt hatte. Nachdem das Kin4 auf mein An- 
rathen das Karlsbader Wasser gebraucM hatte, sehiieb mir 
unter dem 14. Nov. 1864 der Vater desselben Folgendes: 

„Da Sie gewtlnschjt haben zu erfaluren, wie aioh mein 
Sohn nach dem Gebrauche des von Ihnen verordneten Karls- 
bader Wassers befindet, so erlaube ich mir, Ihnen Folgendes 
mitzutheilen: Nachdem das Kind viermal tilglioh eki Punsch- 
glas voll Wasser bekommen hatte, bemerkten wur nach dem 
Verbrauche des ersten Kruges keine Veränderung, allein . wAh* 
read. des Gebrauches des zweiten und dritten Kruges stellte 
sich die Besserung immer mehr ein, die denn aueb nach V^- 
lauf eines Monates, in welchem die Kur geschlossen wurde, 
glQcklicherweise noch ehielt/- 

Die nachfolgende Krankheitsgescbftehte ist von dem Vater 



M 

de» Ktftüken titedergöschriebeD utid m!^ gfltigdt rttitg^theflt 
worden : 

,,Der KnftbeB., geboren am S.Jan. 1858, warde von d^ 
Halter ein Jashr lang gesäugt und ^ar in dieser Zeit im All- 
gemeinen gesnnd und hatte keine anderen ZafUle, als eineti 
Ausschlag im Gesichte, welcher mit Unterbrechung von eini- 
gen Monaten beständig fortdauerte, sich dann haaptsEchlidi 
auf der Stinne fhtirte, aber als das Kind 1^2 J^bre alt wai^, 
versehwand, jedoch von einem Augenabel ersetzt wurde, 
Welches eigehtlioh bcfim Gebrauche des Seebades im Sommer 
1854 ausbrach und bis zam Sommer 1855 fortdauerte. Dte 
Rinder der Augenlider waren entzflndet und sonderten Sit^ 
ab und von Zeit tu Zeit zeigte steh ein dtfnkler Fleck aalf 
der Iris des rechten Auges. Das Sind wurde von Dr. L. mit 
einem stfhwaehen Augenwasser und Leberthran behandelt. 

Im Fi^ühjahre 1856 litt dad Kind l&ngere Zelt 
SB Durchfällen^ mit schleiniigen Ansleerunge«« 
Wir glauben, dass die Diät in den ersten Jahreti 
tn stark animalisch üäd die Mahlzeilen zu reieh- 
lieh und dann gewesen sein dflrften. Das Kind war 
dick, sab eher bleich als frisch aus. Seine Gemüthsatimmung 
fing an «nglei^h zu werden; bisweilen stellten sich AnfUie 
V0a Eigensinn nnd Widerspenstigkeit ein, sonst war es swhSt 
und fitgsam. Am 26. März 1856 wurd^ daa Kiad ohne voran- 
gegangenes Unwohlsein plötzlich am Vormittage ohnmächtig 
and waren seine Lippen dabei blau. Daraaf schKef es einige 
Standen antfd erwachte völlig hergestellft. ^ Am 30. Aprü 
Bteliten sich diesdben Bfscheinüngto wieder ein, jedoch war 
die Kyanos« stärker, die Bewusstlosigkeit dauerte länger ttnd 
bemerkte man gelinde Zucktmgen. — Am 18., 20., 28. Mai 
nnd 5. Juni zeigten sich dieselben Erscheinungen, jedoeh 
waren die Zuckungen stärker. Dr. L. behandelte das Kind 
mit gefind auflösenden und stärkenden Mitfein. -^ Am iS. 
and 20. Juni stellten sich früh am Morgen unmittelbar nach 
dem Schlafe neue Anfälle &^, — Am 30. Jnni hatte das 
Kind mehrere AnfUI^, die sich nach Zwisehenpäusen vot 
einigen Standen einfanden und denen heftiges Brbreöheh 
voran ging. Wik* beAwdetf uns damals tn London, woselbA 

4* 



wir nach einer stttnniscben Ueberfabrt von Gothenborg aas eni 
kürzlich angelangt waren. Die Diät des Kindes dürfte 
au reich gewesen sein. Das Kind war immer ge. 
neigt gewesen, bei der geringsten Veranlassuag 
abel zu werden und Brechreiz zu haben. Es wurde 
Dr. S. zu Rathe gezogen, welcher aDfl(toende Mittel und 
irgend ein Mineralsalz verschrieb und vorschlug, ein Seebad 
mit Regendouche zu gebrauchen, was denn auch wahrend 
des Sommers 7 Wochen lang gebraucht wurde. W&hrend 
dieser Badekur stellten sich am 6., 20. und 27. Juli fast regel- 
mässig um 6 Uhr Morgens, gleich nach dem Erwachen, die 
Anfälle ein. — Am 24. August stellte sich am Nachmittage, 
nachdem das Kind vorher mehrere Stunden lang auf der 
Eisenbahn gefahren und einen langen Weg zu Fusse zqrtlck- 
gelegt hatte, ein gelinder Anfall ein. — Am 31. Sept trat 
/am Morgen ein gelinder Anfall ein. Während der nun fol- 
genden Zeit des Jahres blieben die Anfälle ans. Im Allge- 
meinen war die Gesundheit des Kindes gut, aber mitunter 
war es ungemein heftig und gerejizt und stotterte dann 
und wann. Im Herbste hatte es einen gelinden Anfall von 
Windpocken. -— Am 3. Januar 1857 stellte sieb wieder ein 
Anfall ein. — Am 26. März fing der Anfall am Morgen an 
und dauerte, nachdem er einige Stunden aufhörte, bis zum 
folgenden Morgen ; es war öfter heftiges Erbrechen dabei vor- 
handen. Wiederholte Gaben von Laxirmitteln hatten keine 
Wirkung. Nach einem warmen Bade und erfolgter Stuhlans- 
leerung hörte der Anfall um 6 Uhr Morgens am 27. auf. 
Vielleicht hatte sich das Kind die Füsse erkältet, indem es 
am 2ö., als Schnee lag, ausgegangen war. — Am 18. Sept. 
hatte es am Morgen und am Abende gelinde Anfälle und am 
20. stellte sich ebenfalls am Morgen ein gelinder Anftill ein. — 
Am 2. Oktober stellten sich wie im März wiederholte heftige 
AnfHJle den ganzen Tag hindurch ein, weshalb Dr. P. zu F. 
gerufen wurde. Beim Laxiren kamen eine Menge von Aska- 
riden zum Vorscheine, — Am 11., so wie am 23., stellten 
sich zwef gelinde Anfälle ein. — Im November fing daa 
Kind an Zinkblumen in ateigenden Doaen zu gebrauchen und 
erhielt es mitunter Kljstire mit Quassia y dureb welche grosae 



53 

Massen eines sfthen, gelbbraunen Schleimes ausgeleert wurden. 
Beim Mondwechsel wurde drei Tage lang Wurmsarnen, darauf 
Rhabarber und ein KIjstir gegeben, worauf gewöhnlich As- 
kariden abgingen. Die Würmer zeigten sich fast nur nach 
dem Rhabarber, der s&he Schleim aber fast immer nach dem 
Klystire. Beim Mondwechsel wurde eine merkwQrdige Un- 
ruhe im Schlafe mit Auffahren, Kauen und Zusammenbeissen 
der Zfthne und starker blauer P&rbung unter den Augen be- 
merkt; die Augen wurden unter den halbgeschlossenen Augen- 
lidem, die fast "durchsichtig erschienen, hin und her bewegt 
ond waren die Pupillen sehr ausgedehnt Dabei war denn 
auch noch sehr hftufiges Drängen zum Urine, bisweilen 
auch zum Stuhlgange, vorhanden und klagte das Kind 
oft aber Schmerz im Bauche. — Am 16. und 26. M&rz 
1868 hatte dasselbe gelinde Anfiele. — - Am 16. April stell- 
ten sich frflh am Morgen drei Anftlle mit krampfhaften Zuck- 
oogen und starker Kyanose mit Zwischenpausen von drei 
Stunden ein. Die H&nde waren dabei zusammengeballt, je- 
doch nicht so stark, wie dieses frflher einige Male der Fall ge- 
wesen war; der Schlaf war ungleich und schnarchend. — 
Am 30. April hatte das Kind nach einem ausserordentlich 
heftigen Fieber einen Anfall von ungewöhnlich langer Be- 
wusstlosigkeit, jedoch ohne Konvulsionen. — Dieses so wie 
das vorige Mal fahlte die auf den Bauch gelegte Hand 
ganz deutlich eine nach dem Halse hinaufstei- 
gende Bewegung wie von einer Kugel, von Neig- 
ung zum Erbrechen begleitet. — Am 14. Mai trat 
ein gelinder Anfall ein; am Morgen des 16. stellte sich ein 
gelinder, am Nachmittage aber ein starker Anfall von Ohn- 
macht mit starker blauer F&rbung und langer Bewusstlosigkeit 
ein, dem ein unruhiger Schlaf von mehreren Stunden folgte. 
Der Tag war kalt und windig und befanden wir uns am 
Bord eines Dampfschiffes auf der Reise nach Stockholm. 
Nachdem hier die Professoren M. und A. zu Rathe gezogen 
waren, wurde das Trinken von kaltem Karlsbader Wasser 
aod hmterher der Gebrauch von Rönneby verordnet. Dieses 
wurde drei Jahre hintereinander fortgesetzt und war nun die 
Gesundheit des Kindes durchaus gut und seine Verdauung 



regelmttsaig* Mit ADsoAbme eiue« gelMw Apfalles am 
26. Sept. 1858 b^ die Krackheit g^m aafg^rt. AiKstn im 
Jalire 1864 dauert die Geaundheii des ^aben fort.^^ 

lojti habe diese Krankheitageachiebte in exteoao mitge^ 
tbeiU) denn sie ist, wenn wir sie analysirep, aehp lehreeich. 
Wir sehen n&mlich, dass die aufo^erkaamea Sltem mehrmals 
g^z richtig das Wesentliche in der Krankheit (die Symptome 
der gestörten Verdauungsth&tigkeit) bemerkt haben, ohn^ je- 
doch die rechte und wichtige Bedeutung davon zu verstehen. 
8üe haben vielmehr die oSK^ste Ursache zu den Konvulaioaeft 
bald in einer beschwerlichen und stürmischen DampibouoXfahrt) 
bald in einer mühsamen Reise aaf der Ei6.e^bah^, bald in 
Brkftitung, und endlieh auch in Wurmkrankheit gesucht und 
oft zu finden geglaubt. Zwar wird die kr&ftige uad rei<^* 
liehe Kost erwähnt, aber weder diese noch die deutlichen 
Symptome des Unterleibsleidens scheinen irgend eine Unter- 
suchung der Stuhlausleerungen des Kindes eher als nach 
dessen Ankunft in Stockholm veranlasst zu haben. Eine Ver- 
sftumniss in dieser Hinsicht dürfte leider nicht selten den 
Sltem, manchmal aber auch dem Arzte, zur Last gelegt we^ 
den müssen, obgleich er oft allein nur auf diesem Wege sioh 
volle Oewissheit über die wahre Hatur der Krankheit ver- 
achafien kann, weshalb denn im Kindesaiter eine solche Un- 
tersuchung von Seiten des Arztes niemals unterbleiben sollte. 
Es ist durchaus nicht genug, wenn die Eltern versichern, 
dass die Stuhlgänge ordentlich sind; der Arzt sollte selbst 
nachsehen und untersuchen, ob dem so sei. 

Wiederholte genaue Untersuchungen, welche mit den 
Stuhlaualeerungen des kleinen Kranken nach seiner Ankunft 
in Stockholm vorgenommen wurden, ergaben, dass dieselben 
niemals normal beschaffen waren. Die reichlichen Kotbmas- 
sen waren nämlich ganz heterogene^ sie wechselten in der 
Farbe, waren gewöhnlidi graulich, hatten einen unnatürlichen, 
widerlichen Geruch, und waren mit unverdauten Nahrungs- 
stoffen vermischt.. Die Diagnose war daher leicht geslelU 
und wurde die in ihren Folgen glückliche Behaadhiiig sofoiit 
veicordnet« 



Dm Härtebäder Wa^Mir i»t fehler von mir teit Vorfheit 
iift eiBfaobem Magenkatarrh^ in alten, oft rttckfäfli- 
gea Wecbaelfiebern und in der Chlorose als VoiW 
reitaiigskttr für Anwendung des Ghinins bei jenen uad de» 
Eieene bei dieser gebraueht worden, besonders wenn diese 
Mittel schwer yertitegen wurden oder sieh wenig wirksam er- 
wieeen. 

BodUeli habe ich dasselbe aaoh noch in dem ehroni- 
sehen oder Vorbotenstadiam der tuberkulösen 
Meningitis nOtali^ befanden, soferne dieses nftmliob mit 
völliger Gkwissheit als solches erkunnt werden konnte^ Ob^ 
gleieb ich gerne anerkenne, dass ein diagnostischer IrrtbMl 
in leteterer Hinsicht stattgefunden haben kann, so bin ich 
doch fest ttberaeugt, dass es mir mehrere Male gelungen isl^ 
durch einen zeitigen Gebrauch des Karlsbader Wassers die 
EntwM^elung einer vielleicht unterdrfickten oder sohluramem- 
den tub^kulösen Anlage zu hemmen und aufeahalten. 

Wie, fragt man wohl^ ist eine solche Wirkung denkbar? 
Wie soll man sich dieselbe erkllkren? 

Ich habe mir diese Frage mehrmals vorgelegt, mussKe 
aber zur Beantwortung derselben bis auf Weiteres auf die 
Hesullate) die aus der klinischen Erfahrung gewonnen wurden 
und eich tener gewinnen lassen können, verweisen, welche 
doch aaeh ans theorettrohen Gründen dürften erklärt werden 
können. Die tuberkulöse Anlage bei« Kinde, sie sei nuD 
one ererbte (welches sie nach Ansicht verschiedener Schrift« 
steller jederzeit iet), oder eine erworbene, kann unter 
günstigem diittetischen und hygienischen Verbalten kürzere 
oder längere Zeit schlummernd bleiben, vielleicht sogar ganz 
überwunden werden. Kommt jedodi ein Funke hinzu, der 
xttndist, ein Impuls, welcher dieselbe zürn Leben erweckt, so 
entwickelt sie sich bald rasch, bald langsam, öfter jedoch 
ohne Aufenthalt, zu einer allgemeinen Tuberkulosis. 

Die entfernteren und allgemeineren Veranlassungen ztt# 
EntwidiehiBg der Anlage sind ungesunde Wohnungen, unge- 
sunde und undienliche Nahrung, nicht vortheilbafte kHmatiscbe 
Verhftlteisse und eine schwache Konstitution. Nähere und 
mehr spenelle Ursache sind gewisse Krankheiten, wie Masern, 



M 

Schli-laeh, Kett4)hhu8teD, langwierige Brust '^ and Unterleibs- 
leiden u. s. w. Der allemftohste Gmiid daaa dttiAe jedoeh 
wohl die auf einer krankhaft veränderten Digestion und Assi- 
milation beruhende Nutritionsstörung sein, wdohe sieh deut- 
lich durch das schlaffe Fleisch und die saaehoiende Abmager- 
ung an erkennen gibt, die beim Kinde im Allgemeinen längere 
Zeit hindurch wahrgenommen werden, bevor die ttbrigen 
Symptome der allgemeioen Tuberkulosis sich einfinden. In 
diesen Fällen, so wie auch in manchen anderen Krankbeilen, 
beruht der mehr oder minder glackliche Ausgang der Kur 
auf der IKVglichkeit, die Ursachen entdecken sa können und 
ihnen entgegen au wirken und sie aasaurotten. Die Haupt* 
saehe ist also hier die, das Digestions- und Assimilationsver- 
mögen sur Norm wieder herstellen au können und dadurdi 
die Nutrition su erhöhen und au verbessern. 

Wenn wir nun im Karlsbader Wasser ein in dieser Sicht- 
ung wirksames Mittel besilaen, so ergibt sich denn wohl auch, 
dass man annehmen kann, es könne dasselbe in Verbindung 
mit einer passenden Diät, in der weitesten Bedeutung des 
Wortes, dazu beitragen, der Entwickelung der Tuberkulosis 
entgegen su wirken und sie au hemmen. 

2) Bmser Brunnen. Dieses Wasser ist von mir mit 
besonderem Nutaen und ausgeaeichneter Wirkung gegen 
dwonische Leiden der Schleimhaut der Luftröhre und Bron- 
chien der Kinder angewendet worden und nicht allein in den 
gelinderen Formen, sondern auch, wenn sie eine drohende 
Beschaffenheit angenommen hatten, wodurch diese Krankhei- 
ten sich nicht selten im frühen Kindesalter ausaeichnen, und 
nachdem andere Mittel fruchtlos versucht waren. 

So ist es mir sehr oft gelungen, mit diesem Mittel alte, 
oft wiederkehrende, Katarrhe im Larjnx, welche durch 
ihre Heftigkeit und Stärke in den ErstickungsanfiUlen und der 
Heftigkeit der Symptome im Uebrigen fdr einen wirklichen 
Krup gehalten wurden, sowie auch Fälle von chronischer 
Bronchitis, in welchen eine reichliche Sekretion von der 
Schleimhaut der Bronchien, so wie im Uebrigen hektische 
Symptome, wie Mach tsch weisse, Abmagerung, unregelmässtge 
Fieberan&lle u. s. w. vorhanden waren, au besiegen* — 



vr 

Aneh in udereii Leiden der Be^pinitioDflorgsne, wii in 
PBeamoaie und Taberkalosis, liat dieses Wasser sieh' 
wobllhMig erwiesen, wenn aaeh eine yollsiftndige HeUnng 
vUbi dadurch xn erreiehen war. 

Was die Dosis and Anwendungsart anbelangt, so habe 
ieh in Allgemeinen in Besag auf dieses Wasser dieselben 
Vorsehriften erlheih wie fttr den Oebraueh des Karlsbader 
Wassers, nftmlioh von 2 bis 3 BsslOffel voll (sogenanntes 
Krtnehen) im Sftuglingsalter bis zu einem halben Trinkglase 
▼oll iBr fttftere Kinder 3- bis 4 mal tftglieh, und wurde diese 
Doeis immer sur Hftlfte oder einem Drittel mit warmer, ge» 
koehter Milch gemischt. 

3) Eisenhaltige Wässer. -— Von diesen habe ich 
hauptattehlieh iwei von unseren einheimischen Brunnen, näm« 
lieh Porla und Ronnebj, allein auch manche von den all* 
gemeiner gebrauchten ausländischen Brunnen, wie Marien- 
bad, Bpaa, Pjrmont u. s. w. versucht. 

Da leider Anämie und Chlorosis so wie andere Krank» 
heitsformen» welche den Gebrauch von Eisen erfordern, im 
Kindesatter (besonders in dem mehr vorgeschrittenen) sehr 
gewöhnlich sind, so haben auch die Eisenmittel im Allgemei« 
nen eine ganz grosse und ausgedehnte Anwendbarkeit, Um 
nun eine einigerraassen sichere Erfahrung ttber die Wirksam* 
keit der eisenhaltigen Wasser su gewinnen, habe ich diesel- 
ben in den letzten Jahren fast ausschliesslich in allen den 
Fällen gebraucht, in welchen ich den Gebrauch von Eis«t 
(tir angezeigt hielt und habe mich nun aber&eugt, dass sie 
nicht allein mit anderen Eisenmitteln zu vergleichen sind, 
sondern dieselben audi noch wohl an Wirksamkeit übertreffen, 
so dass ich mit gutem Grunde dieselben als Mittel empfehlen 
kann, welche die grösste Aufmerksit verdienen. 

Was die Anwendungsweise dieser Wasser anbetrlA, so 
habe ich zu finden geglaubt, dass man den grOssten Yortheil 
dann erlangt, wenn man sie längere Zeit hindurch in kleinen 
Quantitäten gibt, wenn man mit einem schwächeren Wasser 
den Anfang macht, wonach das stärkere besser vertragen 
wird, Bo wie, dass man in den Krankheitsfällen, in welchen 
kerne» von diesen Wassern angezeigt ist, aber Symptome von 



8« 

eiDer gestörten Thätigkeii in den Unterieibeorgaoeii siob vor- 
finden, die Kranken zuerst und bis diese Symptome vor* 
scb wunden sind, da« Karlsbader und darauf das eisenhaltige 
Wasser trinken lässt, welches dann eine raseheiie und siebe- 
rere Wirkung ausObt. 

Die grosse Furebt, wekhe manche Aerste in Bezug auf 
den Gebrauch des Eisens in allen Arten von chronischen Lei« 
den der Respirationsorgane hegeu, muss ich, was die chro* 
nische Bronchitis anbelangt, für übertrieben und unbefugt hair 
ten, indem ich nicht selten Fälle der Art beim Gkbrauebe' 
milder, eisenhaltiger mit Milch gemischten Wasser habe ver- 
schwinden sehen. 

Vom Porlawassjer habe ich gewöhnlich einem Kinde 
von 5 bis 12 Jahren drei* bis vier Male täglich ein Spitzglas 
hm ein Punschglas voll verordnet, vom Rönneby wasser 
hingegen Hess ich drei bis vier Male täglich 1 bis 2 Bselöffel 
bis zu 1 Spitzglase voll nehmen;, jüngere Kinder erhielten 
eine noch kleinere Quantität. Die übrigen eisenhaltigen Was* 
aar wurden in demselben Verhältnisse gebraucht. 

4) Jodhaltige Wasser. Diese sind schon längst als 
auAgezeichnete Mittel gegen die für das Kindesalter eigen- 
thflmlichen, unter reicher Abweehshing auftretenden Aeusser- 
ung^n dvr skrophulösen Djskrasie empfohlen worden. Sie 
haben mit Recht diesen ihren guten Ruf behalten, müssen 
aber, wenn ihre Wirkung voUatändig sein soll, besonders 
inneriich und in Form von Bädern angewendet werden, wie 
dieses denn auch mit grossem Nutzen an den natürlichen 
Quellen von Kreuznach, Nauheim^ Salzbrunn u. s. w. 
gesehieht, welche Brunnenörter alljährlich von einer grossen 
Anzahl von Kranken, die dem Kindesalter angehören, besucht 
werden. Unser Torpa-Waeser ist von mir versueht worden 
und hat es mehrmals eine gute Wirkung gehabt, wenn andere 
Mittel vergeblich gebraucht worden waren. Die Dosis und 
Anwendungsart desselben ist mit dem Rönneby- Wasser 



Ein grosses Hindemiss für den allgemeinen Gebrauch 
der natürlichen Heilquellen ist ihre Thaierung^ da ich 
«JiKer auch mit Nutzen die verhältnissmttssig viel billigerea 



m 

kdnalliofaeo Mioejcalwilb^aer aogewemdai babe^ 00 dttrftea 
dteae in den weniger beiPiUelten Yoiksklaaaeii wohl ver«uobt 
werden können. 



NacbUag der Herausgeber. Es iat dieses der erste 
Aufsato» den wir Ober den Oebrauob der Heilquellen im Kin- 
desalter eriangt haben. In Deulsehkind, das ao reieh mit 
den scböQslen Quellen gesegnet ist, ist sicherlich viel Er- 
fahrung darüber gesammelt worden. Wir wttrden deo Herren 
Brunoen&ratem sehr dankbar sein, wenn sie uns davon fitr 
dieses Journal gute MittbeUungen machen wolltenu 



Ueber Epispadias und angeborene Spalte der Hariir 
Uase (AuswärtskehruDg) und aber das Veiiahren 

dagege». 

Wir besiehen uns auf unsere Mittbeilung im Journal für 
Kinderkrankheiten, Novembev und Desember-Heft 1863, 8. 400,^ 
und fügen nur noch einige Fälle hinsu, welche iheils von 
Hrn. Wood im. Kings -College -Hospital in London und voqj 
Hrn. Holmes daselbst behandelt wordi^n sind. Das Ver- 
iabren des Hrn. Wood schliesst sich an das des Hrn« Pan- 
coaat in New- York an und besteht darin, aus der Haut über 
den Leistengegenden Lappen zu bilden, diese über die freie. 
Schleimhautflfkhe der Harnblase au bringen und so eine Arl 
vordere Wand-Brücke herzustellen. Diese Lappen stehen mit 
ihrer Basis nach unten, so dass sie vaa den Zweigen der ge- 
meinsamen Femoralarterie ernährt werden; um dann noch 
bei Knaben eine Art Harnröhre oder vielmehr Rinne uim 
Ablaufe des Urines zu bilden, wird die Haut des Skrotuma 
herangezogen. Gelingt die Operation, so wird dadurch schon 
viel gewonnen. Ea wird die freiliegende Sohleimhautfläche 
gegen das Reiben der Kleidungsstücke geschützt und dem 
Urine ein. bestimmter Ablauf gegeben, so dass es möglich 



wird, ihn in ein wohl angebrachtes and tragbares OefklAS 
hineinsuleiten. Die folgenden F&ile zeigen, dass dieses Ziel 
erreicht werden kann. 

Erster Fall. Ein Knabe, 6% Jahre alt. Die vordere 
Wand der Blase mit ihrer Bedeckung fehlt; die hintere Wand 
steht frei, ist etwas vorgedrängt und zeigt deotlich die Oeflf- 
nungen der Ureteren. Der Penis ist klein and schlecht ent- 
wickelt; die obere Wand der Harnröhre und Corpora caver- 
nosa fehlen; Schaambogensjmphjse nicht vorhanden; die 
beiden Schaambein&ste stehen 2^,^ Zoll auseinander; in jedem 
Leistenkanaie ist ein Hode zu ftahlen. Die erste Operation 
wurde am 17. Oktober 1863 gemacht Hr. Wood bildete 
an jeder Seite nach der Leiste za einen dreieckigen Haut- 
lappen mit der Basis nach unten; diese beiden Lappen wur- 
den dann nach der Mittellinie hin gezogen und mit Silber- 
draht Ober einander befestigt; das obere Ende wurde eben- 
Mls befestigt; die B&nder der Wundfl&che wurden darauf 
durch Hasenschartnadeln an einander gebracht und die Por- 
tion, welche dadurch nicht bedeckt wurde, der Granulation 
Oberlassen. Eine zweite Operation wurde am 21. Novem- 
ber vorgenommen. Da die Flächen an mehreren Stellen bei 
dieser Gelegenheit sich trennten, so wurden sie durch eine 
kleine Zapfennaht in der Tiefe und durch gewöhnliche Draht- 
sutur in ihrem oberflächlichen Theile an einander gebracht. 

Eine dritte Operation fand am 5. Dezember Statt. Bei 
dieser Gelegenheit wurde aus der Bauchhaut aber der Blase 
ein Lappen herausgeschnitten und mit der tiefen Fläche der 
Lappen, welche weiter unten schon zur Bedeckung der Blasen- 
spalte angelegt waren, vereinigt. Eine vierte Operation 
endlich wurde am 17. Januar 1864 gemacht Es wurde näm- 
lich ein viereckiger Lappen aus der Skrotalhaut an einer 
Seite des Penis und ein zweiter kleinerer an der anderen 
Seite gebildet; beide Lappen wurden nach oben gewendet 
und mit den älteren, schon festliegenden, Lappen vereinigt. 
Es wurde auf diese Weise eine Art Rinne hergestellt, durch 
welche der Urin ablaufen sollte. Durch diese Rinne oder 
kOnstlich gebildete Harnröhre (welche aus diesen Seitenlappen, 



■ — 1 



Theile der ttUereo angelegten Lappen and der unteren 
Pl&ehe der mdimeniöaen Urethra beslandj wurde ein kleiner 
gebogener Katheter eingeaohoben, um den Urin und den in 
der Blase sieh etwa bildenden Schleim absusiehen. Alle die 
Lappen verwuehsen gut und schnell und das Hauptaiel war 
erreicht. Die Schleimhautflftche der hinteren Blasenwand war 
niebi mehr derBeiiung ausgesetat, sondern mit Haut bedeckt; 
fllr den Abflnss des Urines war eine Rinne geschaffen, durch 
welche er in ein Gefitss, welches der Knabe an sich trug, 
abtröpfelte, so dass also die Hauptabelstftnde des angeborenen 
Fehlers beseitigt waren. 

Der Knabe wurde noeb aur weiteren Beobachtung in der 
Anstalt behalten und befand sich bis aum 23* Februar gans 
wohl. An diesem Tage aber bekam er eine bl&uliche Ge- 
schwulst auf einer Seite des Gesichtes dicht unter dem Auge; 
die Zunge war belegt, der Puls beschleunigt, der Appetit ging 
yerloren und es stellte sich Erbrechen ein, ohne dass der 
Knabe delirirte oder aber Scbmere klagte. Aus diesem Zu- 
stende kam er nicht wieder heraus , sondern storb am 27.) 
nachdem er noch bis xum Tage vorher Urin gelassen hatte. 

Die Untersuchung der Theile ergab, dass die Operation 
an sich gelungen war; die Ureteren waren frei und, wie die 
beiden Nierenbecken, etwas erweitert Man konnte sich den 
Tod nicht anders erklären, als durch den Eintritt eines Ery* 
sipelas, welches zu der Zeit im Hospitale herrschte und woran 
der annftchst gelegene Kranke gelitten hatte. 

Zweiter Fall. Ein 12 Jahre alter Knabe von schw&ch- 
lidier Konstitution, blassem und kacbektisehem Aussehen, 
wurde aus einem der Arbeitshäuser Londons in das Hospitaf 
gebracht. Der angeborene Fehler war fast ganz so wie in 
dem vorigen Falle, und ein einige Jahre vorher im Middlesex- 
Hospitale gemachter Operationsversuch war ohne Erfolg ge- 
wesen. Am 17. Januar 1864 unternahm Hr. Wood die erste 
Operation, die darin bestand, dass er aus dem oberen Theile 
jeder Leiste einen dreieckigen blutigen L^pea bildete, welcher 
mit seiner Basis nach unten stend , und dass er diese beiden 
Lappen nach vorne über die Blasenwand legte, und zwar in 



der Art, dass er den linken Lappen mit seiner kotan<*n FIftdie 
gegen die Sebleinnhaat der Blase wendete üttd anf seiner hin- 
tenden Plftciie den rechten Lappen ebenfalls mit der bluten- 
den Fi&che auflegte, und einen dritten Lappen, welchen er 
ans der Bauchhaut ol)erhaib der Blase halbtcreisförmig aus- 
schnitt, nach unten umschlug und zwischen die beiden erste- 
ren Lappen einschob, sö dass er mit seiner kutanen Fl&ehe 
gegen die hintere Blasenwand stand. Die Befestigung der 
Lappen geschah durch Hasenschartnadeln und es wurde dann 
ein kleiner Katheter, wie im »ersten Falle, eingeschoben. Die 
Ränder der Lappen wurden aber brandig und eine Verwachs- 
ung geschah nur an der unteren Hälfte. Es wurde deshalb 
«wei Monate später eine zweite Operation gema^^t, um den 
oberen Theil, wo die Vereinigung nicht geschehen war, zu- 
zudecken. Es geschah dieses ganz ebenso ^ie Mher, näm- 
lich durch Bildung eines Lappens von oben her. Das ftesul- 
Cat war diesmal ein besseres, und obwohl der Knabe an einem 
Sehr üblen Husten mit eiterigem Auswurfe litt und dadurch 
sehr geschwächt wurde, so geschah doch die Verwachsung 
ganz gut; die Bchleimhautfläche der hinteren Blasenwand 
hatte eine gute Fleischdeoke erlangt und zeigte nur nach 
oben, nach der Scbaam zu, eine kleine freie Stelle und, um 
auch diese zu bedecken, wurde am 21. Mai eine dritte Ope- 
ration unternommen, die darin bestand, dass die Ha^fränder 
wund gemacht und durch Suturen itu einander gebracht wur- 
den. Es kostete viel Habe, diese SteMe zu schKessen; die 
Suturen eiterten aus, aber zuletzt bildete sich Granulation 
und die Stelle schloss sich bis auf eine kteine Fistelöffhung, 
aus der einige Tropfen Urin heraustraten. Der Knabe wurde 
dann entlassen und befand sich in einem weit behaglichefen 
Zustande als froher, besonders nachdem er sich in einer An- 
stalt auf dem Lande erholt hatte. 

Dritter Fall. Ein Knabe, 13 Jahrö alt, ganz mif detfl- 
selben Fehler und ausserdem mit einer Hernie in det rt^ehten 
Leiste. Erste Operation am 15. Oktober 1864. Es' wurde 
ein Einschnitt, der am Hodensacke begann, qver Ober den 
Bruehsack gemacht nnd dann aofwäita und einwärts gisgeb 



den oberen Rand der freistehenden Blasenwand geftthrt. Der 
durch diesen Scbnltt erlangte Hauthippen wurde dann bis ^/^Zoll 
Ton der Blasenwand abgelöst und umgeschlagen , so dass er 
nrit seiner kutanen Flüche gegen die Blasenschleimhaut lag. 
Bin «weiter Lappen wurde von der linken Leiste her, eben- 
falls Bsit der Basis abwftarts, gebildet, «ber so weit nach unten 
abgelöst, dass er einen Theil der Skrotalhant und der Haut 
v<m der inneren Ftitohe des Obersehenkels mitnahm, um zu- 
gleich eine Art Urethra bilden £u helfen. Dieser zweite Lap- 
pen wurde aber umgedreht, so dass er mit seiner blutenden 
PIftehe auf die des ersten Lappens zu Hegen kam. Die bei- 
den Lappen verwudisen mit einander ganz vortrefflich; nur 
oben und links geschah die Vereinigung nicht und es blieb 
hier eine etwa oollgroese SteHe offen. 

Um diese zu schliessen, wurde am 19. Nov. eine zweite 
Operation gemacht; es wurde nämlich der obere Rand der 
vereinigten Lappen etwa ^j^ Zoll aufgeschlitzt und ein kleiner 
rundlicher Lappen aus der Bauchwand oberhalb der Blase 
auspräparirt , in die Schlitze hineingeschoben und hier durch 
Drahtsuturen befestigt. Die Verwachsung geschah nur theil- 
weise und es blieb immer noch eine kleine Stelle unbedeckt, 
die zwar durch eine dritte am 10. Dez. unternommene Ope- 
ration verkleinert wurde, aber immer noch eine Stelle von 
ungefähr ^{^ Zoll offen liess. Damit wurde der Knabe ent- 
lassen und konnte als geheilt angesehen werden, da der Urin 
fast ganz durch die künstlich gebildete Harnröhre abging. 
Vielleicht wird man später noch die genannte kleine Fistel zu 
schliessen im Stande sein. 



Vierter Fall. Bin Knabe, 7 Jahre alt. Die erste 
Operation wurde auf ähnliche Weise am 10. Nor. 1864 ge- 
maeht. Die Verwachsung der Hautlappen geschah sehr 
sehoell und fast vollständig durch Adhäsion; nur eine kleine 
Portioa der Blase ebenfalls oberhalb, un4 zwar rechts, bHeb 
offra. Biiie ■ weite Operation, die am^ 17. Dezember vor- 
genomnMO wurde, bestaand darin, ^s der obere Rand der 
Obergelegtoi Lappen au%e8ehlilat und wie in einem Mheren 



«4 

Falle ein kleiner aus der Baucbbaiii gebildeler und umga- 
drehter Lappen in die SchliUe hineingebracKi wurde. Hi^r 
wurde er durch Gkituren festgehalten, welche, aus Silberdraht 
bestehend, nur den oberen der Obereinander gelegten beiden 
Seitenlappen durchdrang, w&hrend der untere nach dem Rande 
der Bauchhaut hingezogen und dort durch eine kleine Zapfen^ 
naht befestigt wurde. Am 23* Januar 1865 befand sich der 
Knabe noch in der Anstalt, weil noch immer eine etwa halb- 
aollgrosse Fistel oben am Rande vorhanden war, aua der der 
Urin hervorquoll. Der Knabe selbst ist kräftig und im Uebri- 
gen vollständig gesund und ist auch von einem Ausschlage 
befreit, den er beim Eintritte an sieh hatte. 

Bs scheint nach diesen vier Fällen das Operalionsver- 
fahren, welches man in England gegen das angeborene Feh- 
len der vorderen Blasen wand, oder, wie es auch genannt 
wurde, die Auswärtskehrung oder Umstfilpung oder Vorfall 
(Ektopie) der hinteren Blasenwand, in Gebrauch zieht, überall 
darin zu bestehen, dass man die Scbleimhautfläche mit Haut- 
lappen bedeckt und so gewissermassen eine vordere Wand 
oder Brücke bildet, unterhalb welcher der Urin nach unten 
abtröpfelt und in einem angebrachten Behälter sich ansammeln 
kann. Eine eigentliche Harnblase wird dadurch nicht gewon- 
nen, sondern nur eine Decke gegen die Reibung der Kleid- 
ungsstücke, was freilich auch schon viel werth ist. In unserer 
früheren Mittheilung über diesen Gegenstand haben wir auf das 
Verfahren von Demme hingewiesen, welcher darauf ausgeht, 
durch Druck auf die Schaambeine ihre horizontalen Aeste 
einander zu nähern und so, wenn auch nicht eine vollständige 
Symphyse, doch eine Berührung ihrer Endpunkte zu Stande 
zu bringen, und aus der Fläche, welche die freie Blasen wand 
gewöhnlich darstellt, eine Vertiefung oder eine Art Behälter 
zu erzielen, der gewissermassen die Blase ersetzen kiöainte. 
In England scheint man dieses ganz rationale Verfahren gasz 
und gar nicht zu kennen: auch Hr. Holmes, ein ausgezeich- 
neter Chirurg am Kinderkrankenhause und am St. Georgs- 
Hospitale in London, (4)erirt nodi jetzt in derselben Weise, 
wie angegeben worden ist (s. unseren Artikel in Joum. flar 



u 

Kiiiderkrattkh. Nov. • Des. 1863 S. 400). Wir mOgseu auch 
diese Pftlle kors aageben. 

Der erste Fall des Hra. Holmes betraf eitten 9 Jahre 
alten Knabeo, der im Uebrigen gesund und kräfüg war. 
Ausser dem angeborenen Fehler der Blase uad des Penis war 
kein anderer Fehler, aueh keine Hernie, vorhanden. Die Ope- 
ration bestand darin, dass aas der Haut der Leistengegenii 
an jeder Seite ein viereckiger Lappen gebildet wurde. Diese 
beiden Lappen wurden dann aber die freie Sehlein^autflftohe 
der Harnblase gelegt und zwar so , dass sie sich einander 
deckten und mit ihren Wundfl&chen in Berührung kamen. Zu 
diesem Zwecke wurde der eine Lappen umgedreht und mit 
seiner kutanen Fl&ohe nach unten, und der andere, nicht um- 
gedreht, mit seiner kutanen Flftche nach oben aufgelegt. Beide 
Lappen wurden hierauf an ihrem oberen und unteren Rande 
durch Silberdraht «Suturen mit einander befestigt. Nachdem 
so eine feste Fleischbrüoke hergestellt worden war, wurde 
spUer der obere Rand wieder wund gemacht und an den 
ebenfalls wund gemachten Rand der Bauchhaut herangezogen 
und hier eine Verwachsung erzielt. Die Wunde wurde durch- 
aus nicht besonders verbunden; es wurde auch kein Versuch 
gemacht, den Soatakt des Urines mit den Wundrändern zu 
verhindern, weil frahere Erfahrungen gezeigt hatten, dass 
durch solche Versuche mehr Schaden als Vortheil gebracht 
worden. Alles ging ganz gut; nur dass die Verwachsung 
der Fleischbrücke oben mit der Bauchhaut nicht erreicht wurde. 
Zwei sp&tere Operationen wurden nöUiig, um auch hier eine 
feste und dauerhafte Narbe zu bewirken, und es blieb zwar 
in dieser Narbe noch eine feine Oeffnung übrig, durch welche 
eine AneTsche Sonde hindurchgeführt werden konnte, abei* 
kein Tropfen Urin austrat. Der Knabe wurde in einem sehr 
guten Zustande entlassen; er hatte nur noch mit der Unbe- 
quemlichkeit zu k&mpfen, dass ihm unten der Urin fortwäh- 
rend abtröpfelte und dass er deshalb ein Oefäss tragen musste, 
um ihn aufzufangen. 

Etwa ein Jahr nach der Operation starb der Knabe an 
einer Qesckwulst, welche sich im Gehirne gebildet hatte; die 
operirie Gegend an der Harnblase wurde genau besichtigt 

XLVI. iS66. 5 



6« 

und ea sind jetzt diese Theile alt Pr&parat in der anatoni- 
Bohen Sammlung des KinderhospilaleB aufbewahrt, uachdein 
vorher in der pathologischen Geselhchaft darüber Bericht ab- 
gestattet worden ist. 

Der zweite Fall, den Hr. Holmes am 20. Mai 1863 
operirte, betraf einen 1^/, Jahre alten Knaben. Hier war 
ausser dem Fehlen der vorderen Blasenwand noch eine Hernie 
Ml einer Seite vorhanden. Die Operation unterschied sich 
von der vorigen darin, dass keiB Versuch gemacht wurde, 
die erlangte Fleiscbbrücke oben mit der Bauchhaut in Ver-' 
bindung zu bringen. B!s wurde durch die Operation gleich 
eine vortreffliche Fleischbrttcke erlangt, welche die freistehende 
Blasenschleimhaut vollständig bedeckte. Oben, vom oberen 
Bande, tröpfelte allerdings Urin ab, und da ein Versuch, durch 
eine sp&tere Operation, hier eine Verwachsung mit der Bauch- 
baut zu erzeugen, inisslang, so wurde der Knabe im Hospitale 
behalten, um vielleicht noch einmal den Versuch zu wieder- 
holen. Er wurde aber von einem typhösen Fieber ergriffen 
und, eben erst in der Genesung befindlich, von seinen Ange- 
hörigen nach Hause geholt. Man erftihr dann, dass er wenige 
Tage darauf verstarb. 

Zwei andere Fälle wurden von Hrn. Holmes ganz auf 
dieselbe Weise im St. Oeorgs-Hospitale operirt, aber der Er- 
folg war nicht so zufriedenstellend. In dem einen Falle war 
das Subjekt bereits 21 Jahre alt, und zwar ein Bauerbursche 
von kräftigem Körperbaue und durch die grossen Besehwer- 
den , die ihm der angeborene Fehler brachte , angetrieben 
worden, nach London zu gehen, um Hülfe zu suchen. Er 
hatte neben dem angeborenen Fehler der Harnblase noch an 
jeder Seite eine grosse Hernie; die Haut darttber war so 
dQnn, dass bei Bildung der Hautlappen grosse Sorge getragen 
werden musste, den ßruchsack selbst nicht zu verletoen. Ob- 
gleich sie fest ganz ohne alles Bindegewebe waren, so schien 
es doch, dass sie mit einander verwachsen und eine gute 
Fleischbrttcke bilden wollten, aber dann eiterten die Suturen 
heraus, die Ränder der Lappen wurden theil weise brandig 
und diese gingen auseinander. Einige Wochen später wurde 
derselbe Versuch wiederholt, aber mit keinem besseren Er- 



«7 

folge. Znin dritteii Htle wurde dahin .gewirkt, die UebM- 
Ueibsel dar Lappen y&a beiden Seiten naoh dar MütelliBie 
hio zu ziehen, aber auch dieses gelang nicht und de? Mann 
Mussie ungeheilt entlassen werden. 

Der letzte Fall endiieh bettaf einen 7 Jahre alten sehr schw&eli- 
üeben Knaben; aueh hier war die DeformiUU mit einer grosaae 
Beraie an jader Seite verbunden. Die Operation wurde gana 
so vollzogen, wie in dca froheren Fällen, hatte aber ebenfalls 
heineo Bsfolg; dia fturtlappen gingen wieder auseinander 
uad eine Fleiseiibrflehe wurde nicht erzielt. Zu bemerkea 
ist Boeh sefaliesslich, dass in diesen beiden letzten FltUen die 
Abtvagung dar Hautlappen von beiden Seiten her und die 
darauf folgende Granulation uad Vemarbung dieser Wunden 
fiel daau beiau tragen schien, die Bruchgesohwulsi zu vmr- 
kieinern. 

Vori&oflg möge die Mittfaeilnng dieser Tbatsaohen ge- 
■agen; wir werden später 6elegenheit haben, auf diesaa 
Gegenstand zurückzukommen und das Verfahren von Demme, 
die horizontalen Aeate der Sohaambeine aneinander zu drän- 
gen, noch einmal in Betracht ziehen. 



Eid klinischer Vortrag über das Studium der Kin- 
derkrankbieiteD, gehalteu in dem Hospitale für 
kranke Kinder in London von Dr. Charles West 

daselbst. 

M. HHrn.! Bin sehr weiser und guter Mann, Hr. La- 
tham, mein Lehrer, dem ich sehr viel von dem, was ich 
weiss, Terdanke, maoht irgendwo die Bemerkung, dass er 
beim Beginne seiner Laufbahn sieb sehr betroffen fühlte, als 
er sah, wie viel Etkenatniss in einem grossen Qospitele aus 
Mangel an Solehen, die sie in sieh aufnehmen konnten, tftg- 
keh verloren ging. Er sagte zugleiefa, dasa diese Wahmehm- 
sag ihn in späteren Jahren noeh viel gewaltsamer ergriff; — 
es ist dieses die alte Klage, ausgedrOokt in dem Satze „are 

5* 



longa, Tita brevis^^ die itnnier stärker und st&rker hervortritt, 
wie die Schatten des Lebens l&nger werden und der Tag ui 
dämmern beginnt. 

Ich fühle dieses ganz besonders in Bezug auf unser Ho- 
spital, weil es jetzt gerade 25 Jahre sind, in denen, in Unter- 
suchungen, wie sie die Krankensäle liefern, meine Zeit, mein 
Denken und Bestreben in Anspruch genommen worden, uAd 
ich freue mich, gerade heute Sie hier zu sehen, m. HHrn., 
da ich weiss, dass ich in Einigen von Ihnen Mitarbeiter b»- 
grassen kann, — Männer, bereits durch frühere Studien ge- 
schult und fähig und beeifert, zum allgemeinen Besten mög- 
lichst viel von der Erkenntniss, die sonst leicht verloren 
gehen würde, in sich aufzunehmen. Eben so angenehm aber 
ist es mir, noch Andere hier zu erblicken, welche noch nicht 
so weit ausgebildet, und eben darum, weil sie noch viel za 
lernen haben, gerade hier an der rechten Stelle sind, wo sie 
Gelegenheit finden, die Krankheiten in ihren einfachsten For- 
men zu studiren. 

Es ist von einigen besonders urtheilsfähigen Männern 
angerathen worden, den der Arzneikunst Beflissenen die An- 
weisung zu erlheilen, mit dem Studium der Augenkrankheiten 
den Anfang zu machen, weil hier durch die durchsichtigen 
Häute, wie durch ein Glas, die verschiedenen Krankheitspro- 
zesse in allen ihren Akten deutlich wahrgenommen und „viele 
kleine wundervolle Einzelnheiten dabei erkannt werden können, 
welche anderswo mit den Sinnen zu erfesseu gar nicht möglich 
ist.^^ Die Abtheilung für Augenkranke in dem Hospitale muss 
später allerdings noch einmal zur Erlangung spezieller Kennt- 
niss durchgenommen werden , aber sie ist in der That zur 
Erlernung der elementaren Veränderungen schon gleich im 
Anfange des Studiums der praktischen Medizin zu besuche. 

Etwas Aehnliches gewährt in den beiden Perioden des 
medizinischen Studiums der Besuch einer Anstalt für kranke 
Kinder. Zuerst zur Beobachtung der Kinderkrankheiten in 
ihren einfachsten Bedingungen; später zur Erforschung der 
Eigenthümlichkeiten ihrer Sjmptome, die aus dem zarten 
Alter der Patienten hervorgehen, — und der dadurch nöthig 
werdenden Modifikationen der Behandlung. 



Zuerst, tagte ich, iitn die Krankheiten in ihren ein- 
faebsten Formen zu studiren. Der Chemiker, der einen Stoff 
lerlegl, nnterwirft ihn verschiedenen Prozessen, um alles 
Fremdartige von ihm wegzuschaffen und prüft erst dann seine 
wahre Natur. Was der Chemiker hier thut, ist jedoch bei 
Erforschung der Natur der Krankheiten überaus schwierig. 
Beine Pathologie ist die Ldire der Krankheit an sich, d. h* 
der durch das Hinzutreten von äusseren oder inneren Ur- 
saehen nicht gestörten oder modiflzirten Krankheitsvorg&nge. 
Bei Erwachsenen gelangen wir hierzu wohl kaum irgend 
einmiU; denn bei anscheinend ganz guter Gesundheit strebt 
der Körper unmerklich zum Zerfallen und wir studiren dann 
die Krankheitsprozesse an Organen oder Theilen, die bereits 
in grösserem oder geringerem Grade eine Veränderung er- 
litten haben. Die Thorheiten der Jugend, die Laster und 
SQnden des reiferen Alters, die Sorgen und Kümmernisse der 
Existenz, das Fehlschlagen von Hoffnungen, alle diese Mo- 
mente sind von irgend einem Eindrucke auf den Körper, ver- 
mindern die Kräfte des Wiederersatzes und machen die ver- 
schiedenen Organe mehr oder minder unfähig, ihre Pflicht zu 
thun, so dass jede Krankheit in einer komplizirten, kaum je- 
mals wohl in einer einfachen. Form vorkommt 

Die Sorge, welche, so zu sagen, fast immer am Bette 
eines erwachsenen Kranken steht, trägt viel dazu bei, den 
Gang der Krankheit zu verändern und die Genesung zu ver- 
zogern. In der Kindheit findet sich wenig oder nichts da- 
von, — kein Bedauern der Vergangenheit, keine Angst vor 
der Zukunft;, die Gegenwart ist die Welt, in welcher die 
kleinen Kinder leben ; die Pein, die vergangen ist, ist so gut 
wie vergessen und diese Seelenruhe trägt nicht wenig zur 
Genesung bei. 

Ich will jedoch Ihre Zeit nicht länger mit Dingen in An- 
spruch nehmen, welche Sie hier bald selbst kennen lernen 
werden; ich will lieber einen raschen Ueberblick ttber einige 
FUle versuchen, die sich jetzt im Hospitale befinden oder 
vor Karzern hier gewesen und Ihnen wohl noch erinnerlich 
sind. Ich wähle solche aus, welche geeignet sind, einige 



noch uogel(^te Fragen kervorEukeben^ deren Lösang Sie Sich 
inr Aufgabe maeben können. 

Ein kleiner Knabe, 10 Monate alt, wurde am vierten Tage 
eines AnftklleB von Pneumonie beider Lungen in das Hospital 
gebracht Athemzttge 60, Pülsschläge 148 in der Minute; 
Dftmpfiing des Tones in beiden Lungen, besonders rechts*, 
feines Knistern unter beiden Schulterblättern hörbar. Ich 
brauche kaum zu sagen, dass der Knabe sehr krank dalag; 
er War schlummersüchtig, aber zugleich unruhig, hatte grosse 
tlitze und eine trockene Haut; Husten nur sparsam. Ein 
Senfteig wurde auf den hinteren Theil der Brust gelegt; ver- 
ordnet wurde etwas Ammoniak mit kleinen Dosen Ipeka- 
kuanha, dabei Fleischbrühe und etwas Wein. 

In der Nacht wurde die Angst und Unruhe des Kindes 
sehr gross und milderte sich erst, als von selbst Erbrechen 
eintrat. Die Zahl der Athemzüge ging herab bis auf 44 und 
der Perkussionston der Brust wurde heller. Die Besserung 
ging vorwärts. Am 9. Tage war die Zahl der Athemzüge 
bis auf 21 und die der Pulsschläge bis auf 124 gefallen ; die 
Perkussion ergab einen ganz natürlichen Ton und nur ein 
geringes Knistern war der einzige noch gebliebene Zeuge der 
gefthrlichen Krankheit 

In diesem Falle nun ging die Genesung schnell und ent- 
schieden vor sich, und zwar in einer Art und Weise, die we- 
niger auf die angewendeten Heilmittel, als auf einen Natur- 
prozess hinwies. Ein solcher Fall steht nicht vereinzelt da; 
er ist einer von den vielen, auf welche in den letzten Jahren 
die Aufmerksamkeit hingerichtet worden ist und welche zu 
der Frage, ob und wann bei Lungenentzündung eine eingrei- 
fende Behandlung einzutreten habe, Anlass gegeben haben. 
Es knüpft sich daran die Wichtigkeit, das Stadium der Pneu- 
monie festzustellen, in welchem Besserung oder Lösung der 
Krankheit von selbst einzulreten pflegt und wo ein expekta* 
tives Verfkhren oder im Gegentheile eine eingreifende Be^ 
kandlung mehr anzurathen sein dürfte. Ferner scbliesst sich 
auch noch die wichtige Frage an, ob die Besserung, die von 
selbst, oder ohne alle Behandlung eintritt, nicht fraber und 



volbttadiger eiagetieten wAre, wenn man eine aktivere Be- 
bandittog eiDgeleitet hftUa. 

Eiii MädcheD, 7Vs Jahre alt, wurde aufgenommett mit 
folgender Oeschiohte: Stwa 9 Monate vorher litt die Kleine 
an Oiiederechmeraen, lag aber dabei nicht fortwährend im 
Bette, sondern stand jeden Morgen auf, fahlte sich aber am 
Kaohmittage kränker und musste sich dann niederlegen. Wäh- 
rend dieser Zeit hatte sie viel Herzpoehen und gegen Ende 
des Monates, als die Oliederschmeraen sich schon verloren 
kalten, litt sie so sehr am Herxen, dass sie wohl 6 Wochen 
im Bette bleiben musste. Nachdem sie besser geworden war, 
besnohte sie noch einige Monate naser Hospital als poliklini- 
8ohe Kranke, aber 6 Monate nach diesem Leiden fingen ihre 
Beine an zu schwellen; ihre Athemzüge wurden kurz und 
»iletzt erlangte sie die Aufnahme in unserer Anstalt 

Der Anschlag des Herzens war im vierten, fBnften und 
sechsten Zwischenräume sichtbar; die Herzspitze schlug im 
sechsten Zwischenräume, und zwar 1^/, Zoll seitwärts und 
aussen von der Linie der Brustwarze an. Die obere Grenze 
des gedämpften Herztones reichte bis zur dritten Rippe, und 
die innere Grenze bis zur Breite eines Fingers rechts vom 
Brustbeine. Der schiefe Durchmesser des Herzens betrug 
5^/4, der quere ö und der Längendurehmesser 3^/4 Zoll, wäh- 
rend, wie Sie Sich jetzt selbst überzeugen können, eine deut- 
liche Aoftreibung der Herzgegend auch noch vorhanden ist 
An der Herzspitze hört man ein zischendes systolisches Ge- 
räusch von einiger Dauer, welches gegen die Basis hin rasch 
sich vermindert; der zweite Herzton war an der Herzspitze 
anhörbar, aber an der Basis des Herzens deutlich zu ver- 
nehmen. 

Ich will die Krankengeschichte des Kindes nidit ins Ein- 
sehie schildern. Die eingeleitete Behandlung hatte so weit 
Erfolg, dass das Kind nach 3 Monaten unsere Anstalt gebes- 
sert verlassen konnte, aber es kam bald zurück, und zwar in 
einem Zustande grosser Angst, und es zeigte sieh, dass Peri- 
karditis eingetreten war. Eine Zeit lang schien die Kleine 
dem Tode verfallen zu sein, aber es wurde noch einmal 



n 

besser, und jetzt sehen Sie sie im 18. Monate naoh Btotritt 
des rheamatischen Leidens der Glieder. 

Hier haben Sie nun also einen Fall von Herzkrankheit 
mit sehr grosser Erweiterung des Organes in Folge eines 
▼erh&ltnissmässig geringen Anfalles von Rheumatismus. Jedes 
Jahr fügt etwas hinzu zu dem Leiden des Kindes, von dem 
es wohl nur in einem frühzeitigen Grabe erlöst werden wird. 
Warum ist das so? Warum kann eine selbst nur sehr ge- 
ringe Herzklappenkrankheit in manchen F&llen eine so grosse 
Erweiterung des Organes herbeifOhren ? Denn es ist dieses 
durchaus kein Ereigniss, welches immer in solchem Falle ein- 
tritt. Es ist dieses in der That so wenig der Fall, dass 
Dr. Latham in dem jungen Herzen die Existenz einer kom- 
pensirenden Kraft annimmt, durch welche die Wirkungen des 
Klappenfehlers einigermassen ausgeglichen werden, „eine dem 
noch im Wachsen begriffenen Herzen möglicherweise inne- 
wohnende Schutzkraft, wodurch es bef^lhigt wird, die Form 
und Art seiner Yergrösserung den materiellen ZufUlen zu 
accommodiren und so deren üble Wirkungen zu hindern oder 
zu beschränken.^' 

Warum aber geschieht dieses nur zuweilen? Warum 
nicht immer? Warum nicht oft? ist dieser glückliche Aus- 
gang jetzt seltener als früher? Und wenn dem so ist, kann 
es wohl sein, dass die allmählig herbeigeführte Aenderung 
des Heilverfahrens, — die Scheu vor Blutentziehungen, die 
geringe Verwendung des Merkurs, die Heilung der rheuma- 
tischen Affektionen des Herzens weniger vollständig, weniger 
gründlich als früher hat werden lassen? Oder liegt es nur 
darin, — und das ist, glaube ich, der Fall, — dass unsere 
jetzige diagnostische Geschicklichkeit und pathologische Kennt- 
niss weit Ober unsere therapeutischen Hilfsmittel hinausge- 
gangen ist, und dass wir die Uebel entdecken, welche wir 
nicht zu heilen im Stande sind? 

Ein kräftig aussehendes, wohlgestaltetes Mädchen, 10 
Jahre 9 Monate alt, fing 3 Wochen vor seiner Autnabme in 
das Hospital an, stark an Chorea zu leiden. Ceber Rheu- 



t3 

niBlisimiB in der Familie war nkbts z« beriehten and die 
Kraiike aelbat aeigte auch kein Symptom desselben, obwohl 
ein sohwaehes systolisches Oer&aseh an der Spitse des Her- 
seiis hörbar war, welches Oer&usch zwar beharrlich sich 
zeigte, aber w&hrend der ganzen Daaer der Krankheit weder 
an Stärke, noch an Ausdehnung zunahm. Die choreischeo 
Bewegungen waren zuerst auf den linken Arm beschr&nkt, 
aber steigerten sich schnell, trotz aller Behandlung, so dass 
einen Monat nach der Aufnahme das Kind im Bette, welches 
nach allen Seiten hin gepolstert war, gelagert werden muaste, 
«m sich bei seinen heftigen Bewegungen keinen Schaden zu 
tban. Mit diesen starken Bewegungen zugleich war das 
Schlucken sehr unvollkommen und das Sprechen fast ver- 
nichtet 

Die Kleine blieb im Hospitale drei Monate; nach Verlauf 
dieser Zeit war sie ganz wohl und wurde aufs Land geschickt, 
am sich ganz zu erholen. Es ist zu bemerken, dass die Be- 
handlang dieser Kranken sehr wechselnd gewesen war, aber 
nichts geleistet hatte, und dass zuletzt eigentlich ihre Besser- 
mig von selbst kam. Eine Zeit lang ging es mit ihr auf dem 
Lande auch ganz vortrejOTlich, aber nach Verlauf von 2 Mo* 
Baten trat ein Rflckfall ein und zwar kamen alle Symptome 
wieder wie früher, nur dass sie schw&cher waren. Von selbst 
trat hier aber am Ende eines Monates wieder Besserung ein 
und noch 2 Monate spftter konnte man das Kind fOr ganz 
gesund erklftien, und in der That ist es bis jetzt auch noch 
ohne weitere Anfechtung geblieben, obwohl man wegen der 
KOree der Zeit auf diese Heilung sich noch nicht verlassen 
kann. 

Hier treten uns wieder mehrere Fragen entgegen, die 
eine Antwort erwarten. Warum ist der erste Anfall des 
Veitstanzes fast immer stärker als die späteren Anfälle? Wo- 
her kommt es, dass zwischen der Heftigkeit des choreischen 
Anfalles und der Herzafifektion kein bestimmtes Verhältniss 
obwaltet, und dass bisweilen sogar bei ganz heftigem Veits- 
tanze das Herz ganz und gar nicht aflflzirt erscheint? Endlich, 
worin liegt der Grund, dass das Herz bei dieser Krankheit 
überhaupt alBzirt ist, da doch die Annahme eines zu Grunde 



T4 

liegenden Rheumatisaias, wenn aaoh in vielen F4lien niobi 
abealeugnen, doch nicht in allen haltbair endieiiit? In Besog 
auf die Behandlung haben wir ferner uns die Frage aufaui- 
stellen, welche Indikationen, ausser der durch die Verstopf- 
ung und die Anämie oder Schwäche bedingten, sich noch 
klar herausstellen? Zink und Antimon, Strjohnin und Bella- 
donna, Kneten der Oliedniassen und Schwefelbäder, sind gegen 
den Veitstanz empfohlen worden. Wann ist das eine Mittel 
recht, wann das andere, und wann eine Verbindung ver- 
schiedener ? 

Zum Schlüsse noch zwei Fälle, von denen der eine im 
Hospitale gewesen, der andere noch darin ist. 

Ein Knabe, 8V4 Jahre alt, war immer leidend und hatte 
beim Zahnen drei KrampfanMle gehabt. ^ Vor drei Monaten 
wurde er wieder leidend, blieb 14 Tage mOrrisoh und bekam 
dann Erbrechen. In den \nächsten 6 Wochen kam das £r* 
brechen entweder täglich oder einen Tag um den anderen 
wieder. Es war verbunden mit zunehmender Schwäche, mit 
Schläfrigkeit und Schmerz im Hinterkopfe, welcher immer 
vorhanden war, aber bisweilen sich so verstärkte, dass der 
Knabe laut aufkreischte. Einen Monat nach dem Beginne 
dieser Symptome bemerkte man zuerst ein Schielen und zwei 
Monate später hatte der Knabe einen Krampfanfall, der eine 
halbe Stunde dauerte. In dem folgenden Monate kam dieser 
Anfall sechsmal wieder. Das Erbrechen hörte nach dem er- 
sten Anfalle auf, aber die anderen Symptome verblieben und 
verbanden sich mit Schmerz in den Gliedern, der bei jeder 
Bewegung eintrat. Dann bemerkte man eine Erweiterung der 
Pupillen und endlich Verlust des Sehvermögens. Der Knabe 
war blase und mager, hatte einen eigenthamlich kläglichen 
Gesichtsausdruok ; das Schielen war auffallend, indem das 
rechte Auge geradeaus, das linke einwärts stand und b^de 
oft in eine rollende Bewegung geriethen. Von den Olied- 
massen war aber keines gelähmt, der Appetit war gut und 
es wurde nichts mehr ausgebrochen. Fflr den Augenblick 
schien <]em Knaben Alles gleichgültig zu sein und es wurde 
ihm gestattet^ wieder zu den Seiniges zu gehen, da man von 



74 

der Behaodlimg und also von aeineBi weiteren Aufenthalte 
nn Hospitale doeh niohte erwarten konnte. 

Was war das nun fttr ein Fall? Man konnte natttrlioh 
suerst an Tuberkeln im Oehirne denken, allein die erbliohe 
Anlage war nicht erwiesen und ein bestimmtes Zeichen fttr 
diese Krankheit war nicht yorhanden. Von dner Entzünd- 
uDg konnte auch ganz und gar nicht die Bede sein, weni^ 
stens nicht von einer akuten Entzflndung, für welche kein 
Sjmptom sprach, und ich bin sehr geneigt anzunehmen, dass 
die EiBtwickelttng einer Oesdiwulst, Yielleicht einer tuberket 
artigen, an der Basis des Gehirnes der eigentliche Grund 
der Symptome sei, und dass die Steigerung der letzteren 
durch Zunahme und Druck dieser Geschwulst auf die opti* 
sehen Nerven bewirkt worden. Es ist möglich, dass hier die 
Geschwulst stationär bleibt, oft aber wächst sie immer wei* 
ter und es folgt dann der Tod, entweder plötzlich durch 
irgend einen Bluterguss im Gehirne oder langsamer durch 
chronische Entzündung oder durch Erguss in den Gehirn- 
höhlen in P'olge des Druckes auf die galenischen Venen. 

Bin Mädchen, 8Vt Jahre alt, dessen Vater und zwei Brfl- 
der unter Symptomen von Oehirakrankheit gestorben sind^ 
und welches etwa 14 Tage an einem beschwerlichen Husten * 
gelitten hatte, schien mit einem Male ungewöhnlich scbwer- 
ni^llig zu werden und hatte häufige AoftUe von Uebelkeit, 
womk sich Kopfschmerz verband und wozu sich allmählig 
ein Zustand von Stumpfheit gesellte und bisweilen sogar stiUc 
Delirien hinzutraten, in denen dann die Kleine wohl 36 Stuü*' 
den umherschwatzte. Zu Ende dieser Zeit kam das Bewusst» 
sein wieder; das Kind sass im Bette auf und zeigte sieh so- 
gar etwas freundlich; der Puls aber, welcher während der Zeit 
des Stupors unregel massig gewesen war, blieb noch so und 
den Kopf hielt das Kind immer hinten etwas Übergezogen. 
Schmerz im Kopfe mit dieser Retraktion desselben blieb auch 
noch^ als das Kind schon so wohl war, dass es aufstehen 
und im Saale umhergehen konnte. 

Auf den Wunsch der Mutter wurde das Kind nach 14 
Tagen nach Hause geschickt, ab^r nach wenigen Wochen wie* 



7« 

der in das Hospital zurttokgebraoht. Eb war sehr abgemagert 
und klagte fortwährend über Schmerlen, und zwar jetst we- 
niger im Hinterkopfe, als in den Ohren, im Nacken und in 
der rechten Schulter, gegen welche auch der Kopf hingeneigt 
war. Die Kleine blieb nun 4 Wochen im Hospitale; während 
dieser Zeit wurde sie immer magerer; die Kutis wurde trodcen 
und rauh; der Bauch nach innen gezogen und bei der Be- 
rührung empfindlich; die Respiration zeigte sich überall 
schwach, besonders aber an dem Gipfel der Haken Lunge 
und der Perkussionston war hier gedämpft. Erbrechen war 
jedoch nicht vorhanden. Verstopfung, die bis dahin mehr 
oder minder existirte, hatte sich verloren, der Stuhlgang 
wurde regelmässig; die Klagen Ober Kopfsohmerz Hessen 
etwas nach und der Puls verlor seine Unregelmässigkeit. All- 
gemeine Tuberkulose war nicht zu bezweifeln; das Gehirn- 
leiden halte ich fUr ein bleibendes. 

Was bedeutet nun dieses plötzliche Hervortreten der Zei- 
chen eines Oehirnletdens und was der freiwiUige Uebergang 
in einen Nachlass? Wären wir im Stande, diese Fragen 
richtig zu beantworten, so würden wir auch wohl einiger- 
massen im Stande sein, die Krankheit aufzuhalten, selbst 
wenn wir auch nicht eine Heilung herbeizuAlhren vermöchten. 
Also wieder ein Problem , welches ich Ihrer weiteren Be- 
trachtung anheimstelle. 

Nun werden Sie aber mir sagen, Sie seien hierher ge- 
kommen, damit ich Ihnen sage, was ich weiss, und ich habe 
Ihnen bis jetzt nur vorgehalten, was ich nicht weiss; das sei 
nicht der Zweck einer Vorlesung, diese müsste vielmehr Po- 
sitives vorbringen. Dem ist aber nicht ganz so, denn die Er- 
langung von Kenntnissen erfordert eine gewisse Thätigkeit, 
nicht bloss ein passives Verhalten, und diese Thätigkeit ist 
es, zu welcher ich Sie anregen will. Sie sollen an Kennt- 
nissen reich zu werden suchen; Sie sollen sich um verbor- 
gene Schätze bemühen, und wenn Sie darnach streben, so 
werden Sie sie erlangen, und wenn der Lehrer seinen Schü- 
lern gesteht, dass es noch Räthsel zu lösen gibt, und wenn 
er ihnen diese Räthsel aufzählt, die er selbst nicht zu lösen 



TT 

im Stande ist, »o hat er zu ihnen das Vertrauen, dass sie 
sieh beeiferu werden, immer weiter und weiter zu dringen 
und der Wissensohaft grosse Dienste au leisten. Das war 
die Absicht meiner heutigen Vorlesung und ich werde das 
Meinige thon, Sie, meine Herren, auf den Weg zu fOhren, 
auf dem Sie suchen und finden können. 



//. KUmsche MUtheikingen. 

Die Diagnose des Keuchhustens aus den Uizera- 
tionen der Zunge und Ober die Behandlung dieser 
Krankheit durch Inhalation in Oasbereitungsan- 
Btalten. (Hr. Bonchut im Hospitale tut kranke Kinder in 

Paris.) 

Das, was hier folgt, schiiesst sich an die Mittheilung an, 
welche sich im vorigen Bande dieser Zeitschrift (Journ. für 
Kinderkrankh. 8ept.-0ktbr. 1865 S. 281) befindet. 

yßs ist demaaob,^^ bemerkt Hr. Bouchut, „leicht zu be- 
greifen: 1) Dass die Ulseration von dem Dasein der Zähne 
abhängig ist; 2) dass folglich keuehhusten kranke Kinder, die 
noeb keine Zähne haben, die Gesehwflre nicht darstellen und 
auch selbst solche mit Zähnen unter gewissen Umständen 
von diesen Oeschwüren frei bleiben, und endlich 3) dass nur 
Reibung die Ursache dieser Geschware ist« loh habe zwei 
Formen angenommen, nämlich die granulöse und die ve- 
sikulöse Form, und ich glaube, dass das Stadium des Keuch- 
hustens, in welchem die Ulzeration au Stande kommt, die 
bedingende Ursache ist. Die granulöse Form schien uns 
mehr dem katarrhalischen Stadium, die vesikulöse dagegen 
mehr dem konvulsivischen anzugehören. Es findet hier wohl 
etwas Analoges Statt, wie beim Arbeiten mit Händen und 
Fassen bei Menschen, die daran wenig gewöhnt sind; es er- 
zeugt sich daselbst bei anhaltend fortgesetzter, aber nicht 
flk>ertriebener, Arbeit eine immer grössere Ablagerung von 



78 

Epidemiie, während bei rascher, Obermässig angestrengter 
Arbeit, mit der starke Reibang Terbundeu ist, sieh Blasen 
bilden. Ganz dasselbe findet auf der Schleimbaut des Mundes 
Btatt, welche bei den HastenanfUlen gegen die Z&hne sich 
reibt. In der katarrhalischen Periode dieser ErAnkheit, wo 
die Hustenanfölle sich oft zeigen, aber nicht sa anhaltend and 
heftig sind als später, entsteht eine dauernde Reizung des 
Zungenbändchens an der unteren Zahnreihe, wogegen in der 
konvulsivischen Periode die Hustenani^lle sparsamer, aber viel 
heftiger auftreten, und sich also hier die Bläschen bilden, 
während dort die granulöse tllzeration sich erzeugt. Es ist 
wohl begreiflich, dass diese Verhältnisse nicht absolut sind, 
sondern, dass es unter Umständen aoißh anders sein kann, je 
nachdem die Huslenanfäile in dem einen oder dem anderen 
Stadium heiliger oder milder sind als gewöhnlich. Eine Ver- 
wechslung dieser Ulzerationen am Zupigenbändchen oder dicht 
an demselben ist nur mit den Aphthen möglich, allein die 
übrigen Erscheinungen genflgen, die Diagnose zu begründen. 
Pflr eine Art Exanthem, welches dem Keuchhusten eigen- 
thümlich sei., oder gar fdr einen kritischen Aussehlag-, hat 
man diese Ulzerationen anzusehen nicht das Recht, da sie, 
wie erwähnt, nur ganz mechanisch durch Reibung entalehen 
und von selbst verschwinden, sobald die Hustenanfillle auf- 
hören; dagegen kann man den Satz fssthalten, dass ein Kind, 
welches hustet und Ulzerationen an oder neben dem Zungen- 
bändohen hat, ganz bestimmt an Keuchhusten leidet.*^ 

„Nur noch einige Bemerkungen über die Behandiung dea 
Keuchhustens. In dieser Krankheit wirken zwei E^lemente, 
nämlich das katarrhalische und das nervöse; es passen deno- 
nach die Brechmittel und dann die beruhigenden Mittel. Whb 
die ersteren betrifft, so ist die Ipekakuanha, weil sie weniger 
gefährlich ist, dem Bredi Weinsteine vorzuziehen Einem 2 
Jahre alten Kinde verordne ich ein Säftchen aus SOGran^men 
Ipekak.-Sjrup mit 20 bis 30 Centigrammen Ipekakaanha-Pul- 
ver. Dieser Brechsaft wird wöchentlich dreimal gegeben. 
Vom Brechweinsteine darf man nicht mehr als 25 Milligram- 
men bis höchstens 5 Centigrammen in 40 bis 50 Grammen 
Wasser aufgelöst kinderlöffelweise geben und man mass aa- 



fort dftTOD abstehen, wesn Durefafkll eintritt. Als betuhigen* 
de» Mittel hat sich das Zinkoxyd einen gewissen Ruf er- 
worben, ausserdem aber die Belladonna und das Morphium, 
deren Dosen nattlrlioh dem Alter angemessen sein massen. 
Aoeb frisehe Landluft hat sieh wirksam geseigt und in neue- 
ster Zeit hat man die Einathmung der bei der Reinigung des 
Leucbtgasee sieh entwiekehiden D&mpfe sehr empfohlen. We- 
sigstens haben die Zeitungen davon viel gesprochen und in 
der Tbat sind die Rinder, die am Keuehbusten litten und 
tftgliob in die Oasanstalten geschickt wurden, um dort eimn- 
athmen, raseh davon befreit worden; bei Einigen war aller- 
dings eine Besserung eingetreten, bei Anderen gar keine und 
Manche sind sogar mit wirklichen Pneumonieeo nach Hause ge- 
kommen. Ich selbst kann Aber dieses neue Mittel noch nicht 
sftheilen; die bei der Reinigung des Leuchtgases entstehenden 
Dtaipfe, die von den Kindern in den Oasanstalten eingeathmet 
werden, sind sehr zusammengesetat; sie bestehen ausKohlen- 
wassersloffgas , Schwefelkohlenatoff, Schwefelwasserstoff ond 
Ammoniak. Diese Oase wirken reifend auf die Athnnings- 
wege und erseugen auch wohl, wie Beispiele geseigt haben, 
Bronchitis und Pneumonie. Die Kur verlangt, dass die Kin- 
der tftgtleh awei Standen in der Oasanstalt verbleiben und 
dieses 8 bis 12 Tage fortsetzen mflssen. Man hat gefunden, 
dass, wenn das Kind kaum in diese Atmosphäre hineinge- 
kommen und einige Athem^ttge gethan hat, es in Folge des 
Reises, welchen das eingeathmete Oas auf die Luftwege aus- 
Qbt, mit aller Gewalt zu husten anfiingt und eine ganse Weile 
forthastet und auch bisweilen dabei sich erbricht. Erleich- 
terung tritt allerdings darauf ein , aber doch ist im Oansen 
die Kur so l&stig, dass sie ihre wenigen Anhänger schon 
wieder verloren zu haben scheint; wenigstens haben die 
Matter oder FBegerinnen, welche die kleinen am Keuch- 
husten leidenden Kinder in die Oasanstalt brachten und dort 
bei ihnen geblieben waren, erklärt^ dass sie es vor Stechen 
in den Augen und vor Kitzeln und Schnüren im Halse nidit 
lange haben aushalten können. Jedenfalls gebt hieraus her- 
vor, dass die genannten Oase reizend wirken und dadurch 
die Ebcpektoration bewirken und auch durch Erregung von 



80 

Brbrecbeo eine gewiese Erleiohlerung versöhaffeD. LetslereB 
wird auch auf manche andere Weise erzielt und man kann 
sagen, dass das Verfahren des Herrn Ducros in Marseille 
ganz dasselbe thut. Dieser fiUirt nlLmlich mit einem in Sal- 
miakspiritus gelunkten Pinsel dem Kinde in den Hals hinein 
und kiUeit dort ein wenig herum; es folgt sofort ein starker 
Husten und Erbrechen und darauf allerdings eine Zeit lang 
ein Naehlass des Hustens. Die Binathmungeu der oben er- 
wähnten Oase sind darum auch nur als Beize aazusebeo, 
weiche Erbrechen erregen. Ob sie, namentlich das Kohlen- 
wasserstofi^as, auch noch eine beruhigeude oder anästhesi- 
rende Eigenschaft besitzen, ist fraglich; bewiesen ist diese 
Eigenschaft durch nichts. Dagegen ist die ganze Kur durch- 
aus nicht gefahrlos, denn es sind viele Kinder, die eine Zeit 
lang diQse Kur in der Oasaustalt durchgemacht hatten, nach- 
her in das H ospital gekommen, um weitere Hülfe zu suchen. 
Bei allen hatte sich der Husten sehr verschlimmert; bei 
einigen war Lungenentzflndung eingetreten und mehrere prak- 
tische Aerzte haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Ko- 
tizen, die ich Ober die Wirkung dieser neuen Kur gegen den 
Keuchhusieu erlangt habe, sind folgende: Hr. Dr. Com min- 
ges hat in etwa vier Monaten 142 Kinder, die am Keuch- 
husten litten, der Inhalation in der nächsten Oasanstalt unter- 
worfen; nach lange fortgesetzter Kur erlangte er 54 Heil- 
ungen, 24 Besserungen, und 10 Nicht-Heilungen; die abrigen 
Kinder sind von selbst fortgeblieben, ohne dass sich featstel- 
len Hess, welches Besultat bei ihnen erreicht worden ist und 
warum sie die Kur aufgegeben haben. Nach dem Berichte 
des Hrn. Dr. Berthols sind in Summa 901 Kinder, die am 
Keuchhusten litten, behufs derselben Kur in die Oasanatait 
geschickt worden; hier mussten sie täglich etwa zwei Stun- 
den in dem Räume, worin das Oas gereinigt wird, athinen. 
Von diesen 901 Kindern sind 210 geheilt und 122 gebessert 
worden; von den übrigen konnte keine Auskunft gegeben 
werden, und sie sind vermuthiich aus der Kur weggeblieben. 
Wie eß diesen Weggebliebenen, die die Mehrzahl bilden, nach- 
her noch ergangen ist, wissen wir nicht; wir können also 
eigentlich über dieses neue Heilverfahren gar kein Urtheil 



Okil«», da jß gerade bei-dieaea Weggebliebenen die flbelsten 
Felgen emgeftreten sein können. 

Krebs des Hodens bei einem 16 Monate alten 
Kinde. (Ebendaselbst Hr. eirald&s.) 

„Unter den Kindern, die heute operirt werden sollen, be- 
llndet sich auch eines, welches ich Ihrer Aufmerksamkeit be- 
flonders empfehle. Es ist ein Knabe von 16 Monaten mit 
einer grossen Hodengeschwulst, uns zugesendet vor wenigen 
Tagen mit der Angabe, dass er an Hjdrokele leide. Statt 
der birnförmigen oder zylindrischen Gestalt der gewöhnlichen 
Hydrokele, statt der glatten und ebenen Fl&ehe derselben und 
des Anibfeigens der Geschwulst bis zum äusseren Leistennnge, 
findet sich ein eif&rmiger, in querer Richtung abgeplatteter, 
etwas höckeriger Tumor, welcher genau umgrenzt ist. Durch 
fldne derbe Beschaffenheit, seine Schwere, seine Unebenheit, 
and auch durch den Mangel der Durchsichtigkeit unterscheidet 
er sich deutlich genug von der eben genannten Krankheit. 
Die H&nte darflber sind gespannt, zeigen an den abhängigsten 
Theilen eine röthliche Färbung und die Hautvenen treten sehr 
entwickelt hervor. Schon Letzteres erweist, dass die Venen- 
zirknlation eine Stockung erlitten hat und dass wir es hier 
ziemlich sicher mit einer krankhaften Neubildung zu thun 
haben. Im Saamenstrange keine, merkliche Veränderung; die 
Leistendrasen ebenfalls gesund. Beim Drucke gewährt der 
Tumor einen elastischen Widerstand, allein an gewissen Stel- 
len erkennt man eine dunkle Fluktuation. Wenn man den 
Hodensack frei herabhängen lässt, so sinkt der Tumor nach 
unten wie eine schwere Masse, und unterscheidet sich auch 
darin von einer Hjdrokele. Ein starker Druck auf die Ge- 
sehwulst erregt einen kaum merklichen Schmerz. Ein Probe- 
einsUeh mit einer langen Stecknadel erwies uns, dass sie 
nicht in eine freie Höhle drang und es trat aus der kleinen 
Btichöflhung auch kein Serum oder Eiter, sondern eine zähe 
blutige FIflssigkeit aus. Das Allgemeinbefinden war sonst 
ganz gut.^^ 

„Die Diagnose erschien uns etwas schwierig; an eine 
Hydrokele war nicht zu denken, eine Hämatokele oder eine 

ZLVl. ISM. 6 



m 

feete Si^hwelluDg des Hodens aBBunebmen, »Iwilto nichi mit 
dem Alter überein und dennocb bUeb nur die Mstope Dia- 
gnose übrig, und da die Kutis gar keine Veränderung seigte, 
d^ Saamenstrang eben&Us unverftnderi wap ««d das Allge- 
meinbefinden nichts zu wünaehea OMg Hess, so glaubte man 
den Tumor für eine gutartige Balggesch^rulst 4^ Podens 
halten zu müssen^ Bei der Zweifelhaftigkeil der Diagnpae 
jedoch wurde nicht gleich an eine Abtragung d^ Eod^ 
gedacht, sondern beschlossen, so zu operiren, als wenn ipan 
es mit einer Hämatokele zu thun hätte und dann erst duroh 
nähere Besichtigung der inneren Theile des Hodeas nötbigi»)- 
falls mit der Operation weiter zu gehen. Es wurde a^oh in 
der That nach dieser ersten Operation erkannt, dass von 
einer Hämatokele keine Spur vorhanden war, sondern dass 
0er Hoden selbst in eine krankhafte Msase sich unigewandelt 
hatte; er wurde deshalb vollständig fortgenommeo und bei 
genauer Besichtigung ergab sich, dass er aus einer krebsjgiep 
Masse bestand, und zwar aus SQgepannter M^duUc^i^asse, 
untermischt mit anderen Gtewebselementen. Der FaU i|t bf- 
roerkenswerth wegen des zarten Alters des Kiqdes iii^d wegen 
der dunklen Entstehung, da in der Familie gelbst davoQ nie 
etwas vorgekommen war. Welchen Erfolg die Operation 
haben werde, steht dahin/' 

Deber die Froschgescfiwulst bei kleinen Einderi|. 
(Hr. 6iraldes ebendaselbst.) 

„Wir haben einen Knaben von 6 Jahren yor uns, wei- 
cher mit einer Ranula behaftet ist. Bei der Untersuchung des 
Mundes erblickt man unter der rechten Hälflie der Zunge etwas 
über den Rand derselben hinausgehend eine rundjicbe, genau 
begrenzte Geschwulst von dem Umfange einer grossen Han- 
del. Die obere Fläche dieser Geschwulst isi; bläulich un4 
von kleinen Oefässen durchzogen und zeigt auch kl^ne iso- 
lirte Papillen; die untere Fläche gebt in die Schleino^Aiit Ober; 
die Bewegungen der Zunge sind überall frei, nur hier uil4 
da etwas modifizirt. Wird die Zunge ausgestreckt, so weodet 
sie sich ein klein wenig nach links. Die Z6hne und der 
Unterkiefer sind normal, die Speichelabsonderung nicbt Ter* 



■Mhffi wa4 4«s #pw«befi s» wi^ 4m Sehlooketi mbe^chwert. 
fai d icao Bi Falte wie M atirei anderen Kindern waren also 
üe SjwptOQie selbet ron geringer Bedeutung/^ 

yJDie B a^u kt kommt in allen Lebenealtem Tor; eie lat 
bisweilen angeboren. Ifefetene iet die O^eehwuki nioht 

1^ bitw^ien aber bekoannt eie eine gröseeve Aiiedebnnng 
4Mi4 ferbnidat sieb mit serOsen Kyeten am Halee, wedardh 
cjü miNMdresflr AnbKck bei^drkt wird.^' 

llr. Qt. «immt dann die versehiedenen Ansiehten durch, 
welebe ttber den Sita «ad die NaUir der fianala bieher ▼or- 
gabraebt «r<efdeB eiad. Auch ttber die verschiedenen Opera- 
lioaeaiethadeD eprioht er eieh ans und enteeheidel sieh dafbr, 
von der Tordareo Wand der Oesehwalst so viel als mögKeh 
aaaaueehtteidea «od dann den Reet mit Hdllenetein krikftig ra 
kaot^riaiven. 

lieber Hydaitiden der lieber und de» Gehirnes bei 
KiDdern« (Sr« S, R^ger ebejndaselbit.) 
^füehraials 4iabe ieh Ihnen, m. HHrn.) ein kleines Mftdehen 
vioa 6 JWireii vorgeetellt, welehes mit einer Hydatidenkyste 
4ar Leber behaftet ist. Die Kleine befindet sieh seit dem 
26. April 'in uasere« Hospitale. Mach den dttrftigen Nach- 
fiafaten, 4ie wir empfan gen haben, ist sie seit langer Zeit 
kttakUah; worüber sie aber klagte, ist uns nieht mitgetheilt. 
Oleldi hei der ersten Untersuobvng erkannten wir eine i»e- 
d e ai ead e Ansehwellung in der Lebergegend; die Geschwulst 
biog oiEonbar ant der Lei>er ausammen, deren tmteren Rand 
«MB 45wei oder drei Querfiager breil unterhalb des Thorax ftlh- 
iea 'kanate; der Make Leberiappen, ebenfalls hypertrophisch, 
nahm die Mageograbe ein und erstreckte sich links bie sur 
MHxgagend um) na«^ «inten bis ^om Nabel Die Mitte dieses 
giioesen Tumore, fast der Mittelportion der Leber entsprechend, 
madita daaelbet einen grossen Vorsprang; sie fthlte sich 
vand, gMt, hart und gaos eigenthttmliefa widerstrebend an. 
Weder dateh Palpatien, noch durch Perkassioo liess sidi ein 
hydatidisches 0ebwin«en < fr^miseement hydatique) verneV 
man, -^ Obgideh ieh eohon einige Male bei Kindern eine ftbn- 
liohe flypertvefhie der Leber beobachtet hatte, konnte ieh 

6» 



M 

doch am ersiea Tage nkikt genau boatiniflieD, ob wir e» luer 
mit einer einfachen, in der Kindheit allerdiog» seltenea, 
Hypertrophie der Leber oder mit einer, aUerding« auch selte- 
nen, Hydatidengeschwulst dieses Organe» «u (bun hatten.^^ 

„Eine sweite Untersuchung neigte mich mehr su letite- 
rer Meinung, die mir durch die Gesichtsfarbe der kletnen 
Kranken, durch das matte Weiss bestätigt wurde | welches 
ich in mehreren Fällen von Acephalokjsten der Leber ange- 
troffen habe, und welches von der gelblichen oder suhikteri- 
Bchen Hautfärbung bei fast allen übrigen mit Störung der 
Gallensekretion verbundenen Leberleiden Torhanden ist, sich 
deutlich unterscheidet. Es wurde ein Probeeinstich besohlos- 
sen. Hr. Simon machte diese Punktion gerade in die Mitte 
des Tumors mit einem kleinen Troikar, den er 1 bis 2 Cen- 
timet. einsenkte, und es kam sofort aus der Kanüle eine Quan- 
tität Ton etwa 400 Grammen Flüssigkeit, deren ToUständige 
Klarheit und Farblosigkeit uns keinen Zwdfel mehr Hess. 
Offenbar war der Troikar in einen Hydatidensack der Leber 
eingedrungen und die mikroskopische Untersuchung eines am 
unteren Ende der Kanüle gefundenen Hautfetzens seigte deut- 
lich die Hydatidennatur, denn der Hautfetzen bestand am* 7 bis 
8 konzentrischen Schichten und zeigte auf der inneren Fläche 
3 bis 4 kleine Säckchen voller Echinokocken. Mehrere cha- 
rakteristische Häckchen dieses Blasenwurmes wurden ebenfaiUs 
auf dem Grunde der Flüssigkeit gefunden. Die zahlreichen 
Fettkörnerchen , welche die meisten Echinokocken ausftUlton, 
und die eigen thümhche Färbung, welche sich an der Krone 
der Häckchen gewahren liess, führten zu dem Schlüsse, dass 
der Sack seit lange vorhanden gewesen und die Echinokocken 
schon auf dem Wege der Zerstörung sich befanden/^ 

„Nach der erwähnten Punktion hat die Kleine keine be- 
sonderen Zufälle gezeigt; der Tumor ist in Folge der Ent- 
leerung des Hydaüdensackes viel kleiner geworden, und es 
ist möglich, dass durch diesen Eingriff in ihren eig^tliohea 
Heerd die Echinokocken ihre Vitalität verlieren und dass die 
Kyste, anstatt sich su vergrössern, was ohne die Punktion 
wohl durch neue Erzeugung von Echinokocken geschehen 
wäre, im Gegentheile sich verkleinert, dass ihre Wände dn- 



85 

fliDkea and vielleicht nur noch ein kleiner ansch&dlicher Sack 
lortckbleiht/' 

,^Bdet aber dieser günstige Aasgang nicht Statt, füllt 
«eh and wftehst im Oegentheile der Sack von Neuem, so wird 
man sa einer abemaligen nnd vollständigeren Punktion schrei- 
ten nnd sogleich das Innere des Tumors mit ätzendem Kali 
ktuterimren mOssen, am anch die tieferen Schichten zu treffen, 
80 dass sich zwischen der Bauchwand und der Leber Ver- 
waohsungen bilden, die es dann möglich machen, dass ein 
grosserer Einschnitt in die Kyste geschehen und Jodeinspritz- 
angen in dieselbe vorgenommen werden können, ohne dass 
man deren Erguss in die Bauchfellhöhle zu fürchten habe/^ 

„Eis ist also in der That in diesem interessanten Falle 
eine Heiliuig zu hoffen und werden wir, da uns einmal der 
Sitz des Uebels genau bekannt ist, ganz gewiss die Operation 
in kräftigerer Weise wiederholen ; wir hoffen guten Erfolg zu 
haben und die Kleine von einer Krankheit zu befreien, welche 
offenbar tödtlieh ist, wenn nichts gegen sie gethan wird/^ 

(ESner späteren Mittheilung zufolge war der Verlauf 
in der That ein sehr günstiger. Nach der ersten Punktion 
hatte die Kyste sich bedeutend verkleinert, dann aber von 
Neaem sich gefüllt. Man konnte daraus schliessen, dass man 
es nicht mit einem einfochigen Hydatidensacke zu thun hatte, 
sondern mit einem vielfhchigen (multilokularen), und dass eine 
blosse Punktion an derselben Stelle die Wiedererftlllung des 
Sackes nicht hindern würde. Deshalb machte Hr. Simon 
wiederholte Kauterisationen mit Aetzkali und etwa 40 Tage 
später, als er annehmen konnte, dass sich feste Adhäsionen 
mit der Bauchwand gebildet hatten, stach er einen dickeren 
Troikar in den Tumor hinein. Dieser Einstich genügte aber 
Moh nicht und erst, als Hr. S. mit einem geknöpften Bistouri 
den Einstich nach mehreren Punkten hin erweiterte, trat eine 
Quantität von ungefähr 200 Grammen einer grünlichen, eiteri- 
gen, mit Hydatidentrflmmern gemischten Flüssigkeit aus. Es 
warde darauf sofort ein Kautschukkatheter in die Kyste ge- 
führt und dort erhalten , aber als er bald darauf herausgezo- 
gen würde, am ihn zu reinigen, konnte man ihn nicht wieder 
hineinbringen. Um nicht in Gefahr zu kommen, durch ge- 



walteames Zudräogea eines InsInriulieBtes 4ie Adfaütiono» wBt 
zerstören, nahm Hr. S. lieber zu erneuerten KaatemAtiooen 
seine Zufluebt und stach nach einigen Tagen eiMii dicken 
Troikar abermals in den Tumor hinein« DiessMl aber trat 
nicht wieder Flüssigkeit aus, aber als man am foigendea 
Tage das auf die kleine Wunde gelegte Katafflaama weg-^ 
nahm, kam wohl ein Oias toII einer serös -eiterigen FlOseig- 
keit, welche wohl an 30 leere zusammengeMlene kleine Hy- 
datidenbälge Ton der Grösse eines Rosineok^Pnes entfaielty 
zum Vorscheine» Von diesem Tage an besserte sieb die kleine 
Kranke sichtlich und befindet sieh je»t auf dem besten Wege 
zur Gtenesung/^ 

%,Ich will jetzt/^ sagt Hr. Roger, y,Ton einer Hytfatiden- 
geschwulst sprechen, welche ich vor Kmrzem in det Leiehe 
eines kleinen Mädchens, das wir in unserer Klinäl hatten^ 
vorgefunden habe. Es war dieses ein M&dohen von 6 Miven, 
welches wegen diphtheritischer Br&une in unsere AnsiaU ge*' 
kommen und wiederholt mit Aetznatron (Olyzerio mit ^4 
Natron caustioum) kauterisirt worden war. Wtthcend ich 
innerlich zugleich eine schleimige Mischung mit Natron an* 
wendete, erreiehte die Diphtheritis den Kehlkopf Ufkd es ent^ 
standen so bedeutendB ErBtickungsanAlle, dass wir uns aebov 
zur Traoheotomie entschlossen, allein es folgte dann ein Nach* 
lass und endlich wirkliche Heilung. Etwa 3 Wochen dataoft 
als die Kleine schon in Genesung begriffen wat, ersehieD 
Lähmung des Pharynx und Gaumensegels, deutliiek erkenn* 
bar durch Aufsteigen der genossenen FlQssigkeitea in di% 
Nase und durch näselnde Stimme. Diese Paralyse erstreckte 
sich nicht auf die Gliedmassen und verschwand nsM^h etwa 
14 Tagen, allein das Allgemeinbefinden wurde scdileehter; die 
Drüsen am Halse und im Nacken gingen in Eiterung ttber 
und die Kleine starb bald darauf an einer Bronohio-Pneuinoniel 
Während des Lebens dieser Kranken machte sich kein Symp- 
tom eines wirkliehen Gehirnleidens bemerklieb und wir 
waren daher nicht wenig flberrascht, als wir bei der Leicdien- 
untersuchung in der vierten Hirnhöhle, welche merklieh er* 
weitert war, eme kleine lappige Gesehwulst von der Grösse 
einer Haselnuss vorfanden, die mit einer gelblieh •wtiaaefi, 



m 

UweD H i Miigk t t i gdfeM war uad bei aftherer Uiitersuohaiig 
dmlUob iri« OfMteerottfip eAMnt warito. Ba wäre gewiss ton 
Itttantstfe g€PWei6<i, mi WiBsiea, ob in Folge des Sitzes dieses 
VkranteD ma, Htferde der vdso-uraleritfMien Nerven Hodifika- 
tioBen in dev K^mablfottd^uiig eingelreten waren; Leider 
aber wafde dm Diiti in Besag aaf Zoekergehalt, weteher 
dooh bei AffsMoaea der tieriett Hirnböhle häufig vorkommen 
soH, mUblb «»lersteht; nar in Besag aof Eiweissgehalt wurde 
im Brid wiedaili<rit g^M^ aber es wurde kein Biweiss ge^ 

^^Dieaer aweite FaH ist hi kliniseher und auch in patho* 
lagi a eh - anatoiaiaehar Beaiehung von grossem Interesse. Ob- 
fjtmck IS der vierten Hireihöhfe sttaend und diese dareb sein 
Waefialbuaii aasdebneaid, bat der Parasit doch keine charak- 
terieliaehen Symptome hervorgerufen, und vireder die geringe 
Vefdkkang des Bpendyttes nooh das altmähRgeZurackdrttngen 
der Nen^eoüibstailz verrMh sich wihrend des Lebens dnrob 
beioadera Kerveoersebenrnngen.^^ 

,^ dem' folgenden Falle eiber zeigt sieh das ßegentheil; 
eiae HjdaMenkyste im OeMrne erzengte ganz entschiedene 
Zttflttle, welAe uns zur eümer beeftimmien Diagnose bef&higten. 
Vor Muger «k awei Monaten hallten wir in unserer Abtheii- 
aag einen Kaaben von 13^/^ Jahren, dessen Oescbichte fol- 
gende war: Blase uAd sehw&ehlieh, hatte der Knabe seit JalüP 
reu fcrtwiteead Kopfschmerz und. nicht selten auch Erbrechen. 
hm i. Mm im Hospitale, war er drei Tage vorher sohOtf 
betUftgerig gewesen und wiedeAoit von Erbrechen uiM 
htüiR em Kopfechmerae geplagt worden. Am 2. M&rz be- 
merkte man, dass der Kopf hintenfibergezogen war und der 
KMibe tb«r Schmerz im Nacken klagte. Am 3. hatte er 
wahrend einer Stande einen heftigen Krampfanfall, welcher 
sMi, obwohl aieht so heftig, auch am 4. wiederholte. — Am 
§., dem Tage nach der Aufnahme des Knaben, bemerkte ich 
Sem eiet^ Male die starke Rflökbeugung des Kopfes bei 
aberautf grosser und sohmerzhafter Starrheit der Muskeln des 
Mbekeiia. Dteee Symptome, so wie der Schmerz in der Stirn- 
«od Htmerhaoptsgegend, die Sehlummersucht, die Verstopf- 
mig bei' fortwährender Neigung zom Erbrechen, und die Lang- 



8» 

samkeit des Pulses (64 in der Minute) liessen nioh eine 
Spinal -Meningitis, die cerebral zu werden s4irebte, diagnosti- 
ziren. loh verordnete 4 Blutegel hinter die Ohren und Kalo- 
mel zu 10 Centigramin. mit 40 Centigramm, Soammoniain 
(in 10 Dosen getheilt, stflndliob eine zu nehmen)/' 

„In den n&chsten Tagen markirten sich die Gehimsymp- 
tome noch mehr (Sub-Delirien, Aufregung, pausen weises Auf- 
kreischen, deutlicheres Koma), wogegen die Rückbeugung des 
Kopfes seit dem 10. M&rz sich vermindert hatte. Sret um 
diese Zeit begann das Sehvermögen abzunehmen und war 
am 15. März ganz vernichtet, ohne dass in den Augeo selbst 
irgend eine Veränderung zu erblicken war. Das Koma wurde 
deutlicher, Fieber stellte sich ein und der Tod erfolgte am 
20. März unter den scheinbaren Symptomen eines keftigeo 
typhösen Fiebers." 

„Bei der Leichenuntersuchung fanden wir sofort grosse 
Injektion der Meningen und des Gehirnes, besonders an der 
Basis; an einigen Punkten zeigte sich unter der Araohnoidea 
eine geringe serös -blutige Infiltration; — im Ganzen also 
starke Kongestion, aber keine deutliche Entzündung, wenig- 
stens keine Eixtzündungsprodukte, wie sonst bei Meningitis« 
Das Wichtigste war eine Kyste des Gehirnes. An der 
Basis nämlich, hinter dem Chiasma, fand sich ein gefilUter 
Sack, der beim Herausnehmen zerriss, da er mit der SeUa 
turcica verwachsen war; aus demselben flössen etwa 50 Gram- 
men einer bräunlichen Flüssigkeit ab, die glänzende, offenbar 
aus Cholestearin gebildete Flitterchen enthielt. 

Bei genauer Untersuchung des Platzes, den der Sack 
einnahm, ergab sich, dass er von der Seite des Schädels aus 
sich entwickelt und in der Gegend der Sella tureica eine 
Höhlung formirt hatte, indem er die Knoohentextur etwas 
zurückdrängte, ohne sie zu verändern. Nach dem Gehirne 
zu hatte er die optischen Streifen komprimirt, besonders links, 
wobei die Nervenfäden erweicht und zerstört wurden. Von 
diesem Mittelpunkte (Sella turcica, Chiasma) aus, der wfth^ 
'scheinlich die Ursprungsstelle gewesen, hatte sieh die Kyste 
nach oben entwickelt und die dritte Hirnhöhle erreieht and 
sie ausgedehnt. Von da aus hatte sie sich naoh links ge- 



m 

Mgen ood w der Gegend des etwas erweilerten Monro*0CiBen 
Loebes siek m die seMkiie Hinihöhle eisgedräogt und dort 
mit sehr Terdiektem Ependjine sich umgeben. Das Ende die- 
wr V^ftKgenuDg hatte, indem sie die Oehimsubstanz vor 
aieh hindrtagte, an der Basis des vorderen Lappens etwas 
nash Amseo an den Wnrzeln des Gternchsnerven einen Vor- 
sprang gebildet; an dieser Stelle war derSaok nur von einer 
dannen Sehieht dmr grauen Snbstans und von der Araehnoidea 
bedeekt, daroh welofae hindureb die gelbHehe Wand des 
Saekes dnrebsehimmerte/^ 

„Weleher Art war nun wobi diese Kyste? I>ie Selten- 
bett von anderen Balggesehwfllsten als Hydatidenb&lgen im 
OeUrae Kessen gleieh zuerst an letztere denken. Man snehte 
demnaeh sofort an den Wftnden der Kyste naeh etwa an- 
ätzenden Eehinokoeken; diese fttnden sieb aber nicht und 
sbensowenig fanden sich in der mit grosser C^nauigkeit 
besiditigten FlOssigkeit die cbarakteristisehen Hftekehen, die 
sieh sonst naoh der Zerstörung der Eehinokoeken sonst wohl 
isMoer noch finden. Dieses war aber kein (rruhd, die Kyste 
nieht ftlr eine hydaUdisehe zu erkl&ren. Das Fehlen der 
BsiMnokoeken und Hftekehen kann darin beruhen, dass es ent- 
weder noch nicht zur Entwiekelong derselben gekommen ist, 
wie es z.B. in den sterilen Bftlgen der Fall ist, die Laennee 
Aeephalakysten genannt hat, wo die dünne, halbdurch- 
siditige Wand des geschlossenen Sackes nur die gewöhnli<^e 
nfissigkeit der Hydatiden umgibt, aber auf ihrer inneren 
FIftche keine Spur von Blasenwürmern enih< oder darin, 
dass die Kyste sich bereits vollständig verändert bat und die 
Helminthen zerstört sind. Die Untersuchung der Wand des 
Balges und seines Inhaltes muss in sol<^m Falle weiteren 
Aofschluss gewähren. Hier war die Wand von einer Be- 
schaffenheit und von einer Dicke, dass sie durchaus für nichts 
Anderes gehalten werden konnte, als für die Wand eines 
Hydatidenbalges; auch war die Flüssigkeit dieses Balges röth- 
lieh -gelb, etwas zähe und klebrig und es schwamm darin 
eine grosse Menge glitzernder Flitterdien von Cholestearin; 
aosser diesen zeigte das Mikroskop auch noch darin Blut- 
kflgelehen in verschiedenem Zustande der Veränderung, Fett- 



9» 

kfi0»kheD «bd graoukkw Körperehed, ale^ Bltahtiito, w^Ubm 
nMui in alte», terftnderten HyAitidMkysieii gowöhnUdi an* 
tritt.'' 

,^uo komart nooh hinzu, dasB neben dieser grossen' 
Kyste noch am miUlereo Oehimlappen eine rusdlMie Hasse, 
welAe au» 4 oder & hleineB ^ mit gane Abnlieher aiHtorphi* 
sober Materie aogefblken Kysten* aasaaimengesetst war, ange- 
troffen wurde, nur dass hier diie Masse zum: grossen Theile 
aebon stecdomatös war. Mari weiss jetzt, dass man die stea> 
tomatösen oder atheromatösen Oescbwttlste des €Miinies ak 
eatattete Hydatideotoysten zu betraohten bat, weil man» sie in 
ihrer Stttfenfotge von der einfachsten Akephalokyste bis z» 
dieses honigartig odisr grOtzig gefttllten oder speckig gewer> 
deae» Balgigeschwaiste TCrfolgt tnid nicht selten noeii in 
ihnen bei aHev Entartung deatlidhe Tr*mtf»ev vom Behino- 
koohen oder Hftckohen< gefuBden hat. Schon Ruyseh halte 
diiSse UmwaadluDgen der fiydatidenkysten erkannt: ,,Hyda* 
tide» m atheromata, steatomiatlk et meliceridks mutantnr.'' -^ 
Wird durch das Absterben der ESchinokocken die HydaMe 
aevstöfft, so wkd der Inhalt in seine flieeigere Theile ab- 
sorbirt^ er wird immer diekUehev, znletat wie Maslhi oder 
Kreide. Der Balg legt sich darmn immer enger an und vcf' 
kalkt sieh mit zu einer üsst homogenen MasSe.^^ 

,,Bei unserem kleinen Krankeft haben wir in der Mute 
der gnanalösea Massen Bindegewebsmasehen g^ooden, in 
denen deutlich erkennbare kleine Kalkablagerungei» sidi 
zeigten/' 

„Ueber die Diagnose wsor also kein Zweifel; wir hatten 
es hier ni)t einem Falle von alter Hydatidenkyste ded 
öehirnes zu thuo«'' 

„Wir kommen nach dieser Dan^feellung nun zu einer An- 
zahl praktisch wichtiger Fragen. 

1) Ist es mö'glieh, das Dasein von Hydatiden- 
gescbwüisten des Gehirnes bei Kindern w&'hrend 
des Lebens zu diagnostiziren*? 

In der grösseren Mehrheit der Fälle enthaW uns erst die 
Leiehenunlersttchung die Bidstenz dieser Parasiten, indem die 
ZaAlie, selbst yeu den erfeihveiistett Aenten^ gewöhntieh deü 



tl 

MenNi^tiffy dem CMMmly^^hM vier 4%f Wtmkii^tk^o^ srage« 
0ollrieb6ft wevden/^ 

),Daflrfl der iÜMeiiwiMn (Gystioero»» o4ei^ EeUnocooeui) 
seine Ezistraz im GkUtne^ wo &t seinen Wotesit» geMnunenv 
Mehdeaf et ü» toik^oskopieelMfl Oebilde dahin von Schicht 
w Sehieht gewaitdtrt o<Mr dnreh den Blutstrom iattgsn« d»' 
hin g^fahfi im4 abgebeert worden, ftnseern k6nn«, Hrnss et 
w einer gewissen Grösse gewachsen oder TishMhr dareb 
Abaato ton SpvössUngen su einigem Um&nge sieh entwiokeH 
liehen. Kein Waihmebmbares Sjmptom beneiohnet das BSn*' 
dringen des Parasiten in der HhrnsubstaiKK; kein erkennbaien 
Merkmal beknndet wftbrcüd des Lebens He Aosiedetung 
dsssetben und den Beginn smnes Daseins am Ofte sehmr 
Wahh*^ 

^^Dfesee evtfte Zeit kann man Uio die latente Periode 
der Hydatidenkrankheit des Gehirnen nennen« Die Daner 
dieser Periode ist versehieden nach der Seh^eUigkeit der 2n* 
nähme des Wurmes und nach dem Orte des Gehirnes, den 
er einitimmt. In den Hit tthöUen t. B. kann der Blaeelisaeky 
Welcher biet biewetten schwimmt, mehrere Wodmn , ja Me^ 
sate^ bttotehei^^ 6hne irgend ein auffallendes Sjtnptnm za yev* 
anksste, wie es bei unserem! kleinen Mischen der FaH gn« 
wesen (das an Asphyxie durch Bronchio-PneunHmie, mebk 
aber an den Konvulsionen dnreh GehlmhengestieA oder 
ahnten Hydrooepfaalos den Tod land); die Terdiehnng des 
mneren Membran der 4. Himh6kle, ihr Slaigee Ausseheit be» 
sedgteii den lango bMandenen Sitz des Parasiten .^^ 

„Nach dieser latenten Periode kommt die zweite, nämlaeii 
die Periode der Irritation oiler leichten Kompres^ 
81 on des Öehirties. Ich sage: leichte Koikipretfsion, weil die 
Hydatide ans einem weichen, mit einer HalbflQsMgkett ge*' 
fMhen Balge b^stebt, der btar langsam und aihn«hltg witcbst.. 
Die FunklionsstöFungeb nnd deren Symptome stehen natör« 
U^ im Verhftltntsse zu den paikologisehen Verindemngen^ 
aber inildem sieh dadur<di, dass diese letnteren gewöhnlieb 
nur nach und riach sich erzengen^ Sie verrathen sieh, wie 
slle im Chehime entwiekekea OeschwalBte, durch Kopfisehmerz^ 
Störungen der kMelligem und der Empfindung, so wie eiBf 



n 

seiner Sinnesorgane , ferner dnreh Störnngen in der Beweg* 
ungsephäre, and endlich duroh einige Zeichen, welche bei 
Affektion des Gehirnes und seiner H&ate selten fehlen, näm- 
lich Erbreehen, Schwindel und Ohnmacht.^ 

„Von allen diesen ZbAllen ist ohne Zweifel eines der 
wichtigsten der Kopfschmerz. Man findet ihn in allen 
beobachteten Fällen notirt und oft vom Beginne der Krank- 
heit an; auch ist seine lange Dauer ein Moment yon grösster 
Wichtigkeit für die Diagnose. Bei unserer kleinen Kranken 
bestand der Kopfschmerz schon seit langen Jahren und hörte 
erst in den letzten Tagen auf, als die Intelligenz selbst sieh 
verloren hatte. Der Charakter des Kopfechmetzes ist übrigens 
sehr wandelbar. Qewöhnlich ist er heftig; und zwar oft der* 
massen, dass er dem Kinde tiefes Klagen und Stöhnen en(- 
reisst; er ist auch gewöhnlich mit Benommenheit verbanden 
and steigert sich anfallsweise. Gewöhnlich ist er in der. 
Zwischenzeit während dieser Anfälle auch noch dumpf und 
im geringen Grade vorhanden, oder fehlt auch wohl ganz 
und dann machen sich die Anfälle in grösseren oder ge- 
ringeren Pausen bemerklieh und entsprechen wahrsoheinlioh 
der Zunahme des Druckes), d^ Zerrung nnd vielleicht auch 
d^ Zerreissung von Nervenfäden durch die wachsende Hy* 
datidenkyste^^ 

„Was die Intelligenz betrifft, so zeigt dieselbe sieh im 
verschiedenen Grade geschwächt. Gewöhnlich verliert sich 
das Gedächtniss und das Kind erscheint oft blödsinnig oder 
stumpf, und es sind Fälle notirt, wo auch Aphasie vorhanden 
war. In einem Falle, der von Hm. Faton beobachtet wor- 
den and den ich noch näher mittheilen werde, zeigte sich, 
nachdem die Krankheit ein Jahr bestanden hatte, Aphasie, 
die zwei Monate anhielt; fi^eilich war auch zugleieh die In* 
telligenz vernichtet. Bei unserer kleinen Kranken wurde das 
Vermögen zu sprechen erst in der letzten Zeit und zwar 
während des Koma unterbrochen; der vordere linke Gehim- 
lappen war jedooh sehr verändert und zwar seit langer Zeit/^ 

„Die Störungen des allgemeinen Empfindens sind nicht 
konstant; meistens sind sie wenig markirt und entgehen oft 
der Beobachtung. Anästhesie und Hyperästhesie sind ange- 



troSMi wofdeQi aber nur m&Mig; oft teigaa M die heouplegiMtie 
Form iiod treffea mit Siöniiigen der Bewegung suaaaimen. 
In eioem von D&vaine aAgeffthrteii Falle iat auob von einer 
Alt rbeomatiseher Sobmerzen die Bede, die w&bread einer 
liemlich langen Zeit bestanden haben.^ 

,iDie q^eaieUen Sinneaempflndiingen werden besonders 
beeintiiditigti und »war bftngt die Art und der Orad dieser 
Störung, wie man leiebt denken kann^ von den Kerven ab, 
welche innerhalb des Sobftdels oder mebr am Austritte aus 
demselben gerade eine grössere oder geringere Kompression 
erleiden« Manche Sinnesorgane leiden, wenigstens naoh den 
bisher beobachteten FMlen au urtheilen, mehr, manche weni« 
gßr; einen Sinn gibt es, nftmiicb den Geruchssinn, dessen 
Störung nicht ein einaiges Mal notirt ist. Der Gehörsinn ist 
sach meistens unversehrt geblieben und es liegt dieses wohl 
an der Stelle, wo die akustischen Nerven entspringen; die 
ferhftltnissmässig leichte Entwiokelung der Blasenwürmer in 
der vierten Himfaöhle lässt eine Kompression der aus dem 
Bulbus entspringenden Nervenmuskeln nicht eu und dies ist 
der Grund, weshalb bei unserer kleinen Kranken das Gehör 
immer unversehrt geblieben ist. Dagegen ist Blindheit sehr 
kftufig^ nach den Beobachtungen von Davaine ist sie in 5 
Fällen viermal gefunden worden und im filnften Falle ist nicht 
gesagt worden, dass sie nicht vorhanden gewesen; der in 
diesem Falle notirte Stmbismus lässt das wohl vermnihen. 
lo der Segel ist die Blindheil ein sp&t auftretendes Breigniss, 
welehes man dem äussersten Fortschritte der Kysle oder der 
Wasseransammlung in der Hirnhöhle, wo sie durch die Gegen- 
wart grosser HydatidengeschwUlste veranlasst wird, zuschrei- 
ben mnss.^^ 

„Die MotilitlUsstörungen markiren sieh bisweil^i durch 
Konvulsionen, welche unregelmftssig auftreten und wirkliehen 
epileptisehen An Allen gl^ohen, aber sie aeigen noch mehr 
die Form des Veitstanaes, und in einem Falle hat ein solcher 
halbseitiger Yeitstaaa awei Monate bestanden. Endlieh liahrt 
Davaine nach Zeder noch die Beobachtung eines jungen 
MAdcheos an, welches an Kopfsehmerz und Sehwindel litt, 
die sich altanfthlig steigerten; bald wurde die Kranke unfthig, 



M 

«ich aufrecht zu erhailtoo, «(e cticM daiift mi die imige(»ea4eii 
OcgciMtäade, gerade wie eki fl«liaaf, welchee am Drehwarm 
leidet. Man weise ja, da«« auch dieser Drehwofoi nur ein 
im Gehiroe ekzender Biaeenwum iet und «an bat cito hier 
gewissermassen dasselbe.^ 

„Unter den fielen Modifikationen, welche 4ie Hotükftt er- 
leidet, bilden die Paralysen die erste Keihe der ZoMle hei 
der hier in Rede stehenden Krankheit; leider aber iel ihr 
Auftreten, wetefaee für die Diagnose so wichtig ist, gewöhn- 
lich ein sehr spfttes. Der Verlust der Bewegung iet nur 
wenig markirt, so lange die Hydatiden klein sind oder zer- 
streut liegen. Ist die Hydatidengesehwulst gross, so wirkt 
sie komprimirend auf das OeMrn und wegen Ihres etnseiitigen 
Sitzes erzeugt sie Hemipte^e. So war es in dem von iPaton 
berichteten Falle, dessen ich schon geda<^t habe; es handelte 
8»eh hier um einen Knaben von li Jahren, welcher 4 Jahre 
voiber, ehe er in die AbtheHung des Hrn. B lache kam, an 
Schwache im linken Ajrme und Beine litt und diese 0chw&ohe 
nicht los werden konnte, Ws spftter ein lebhafter und unregel- 
iBifcssIger Schmerz in der rechten Seite des Kopfes eSntrat 
tind mit wiederholtem iSrbreohen, jedoch nicht mit Verlust 
des BewttsstseiDs, sich verband» Der Kopfschmerz «eigis eich 
von Neuem ein Jahr spftter und nun geeettte siiAi Aphasie 
und Blindheit hinzu, welche 2 Monate wtthrte. Die Muskel- 
schwftcke nahm bis zum Tode ailmfthttg zu und war in den 
letaten Tagen mit auffallender Hypevftsfhesie veitmnden. Bei 
Besichtigung der Leiche fand man in dem vorderen Theiie 
der rechten Hemisphäre eine Ikustgrosse •Oeechwulst, be- 
stehend in einer mit vielen Acephalokysten gefaHten Kyste. 
Das Corpus callosum, der Thalamus opticus und das Corpus 
trigonum waren verletzt; die Hirnhdhlen waren der Sitz eines 
grossen serösen Ergusses/^ 

„Obgleich der Verlust der Bewegung gew4hirllch eiae 
Kövperhftifte betrifft, so beobachtet man doch bisweMen ascAi 
Paralysen emer ^wissen Orappe von Muskeln und besonders 
der Muskeln der Orbita. Jedenfalls ist die P^alyse, weficbe 
Form sie auch haben möge, selten gleich von AnAmg an 
sehr bedeutend. Oewöholich steigert de sieb «adh und nach 



mui b c ti dit AaStMf^ ««• etnem QMbie von Sehwftcbe oder 
Piareae, die iumt zur Paralyse sich geetattet. In dem luletst 
nitgetbciltea Falle Migte «loh dieaee deoilieh/^ 

,y2ngleieh »it d^t Paraljrse und oft noeh Tor iKnti^t 
daaelhMi beobachtet man fest inmw Erbreehea. IMeees bo 
ibemas hJUiflge 8y oiptooi von Gehirafleiden feMt jedooh h&oflg 
in Begiiiae und »igt sieb eret wiedeibolt in weiteren 
Tflriaafe der Krankheit ^- Brwünieii ibom ieh noeh einiger 
weniger wiehügen, nichl tminer vorhandenen ZufUNe, wie 
des Sehwindeis, der Delirieti u. s. w., welche gegen finde 
der zweitett Periode, and im Anftinge der dritten, auftreten/^ 

„Ztt den ByBfeptomen einer langsam und allmUhHg znneh- 
■MMidon Kompression des Qehimes kommen noeh die ge- 
wöhnlichen der Meningitis und Meningo-Cepbalftis hinzu. Bei 
nMiner Mittheiteng der Oesebichte des kleinen Knaben habe 
iflh Oelegeoheil grii^bt, diejenigen Symptome zu beschreiben 
■nd bervorzttheben, weldie ftlr Peststellung der Diagnose von 
gswisaer Bedenluag sein können, in Folge ehies bisweHen 
lasoken Wachsens der Kjste steigern sieh dann rasc4i die 
Paialyaen oder treten, wenn sie noch nicht da gewesen sind, 
gleieb ganz entsefaieden hervor. Die Störungen der Intelli- 
gsnn, die DeKrien and besonders «die komatösen Zuf&lle er- 
reichen dansi den höcheten Orad und der Tod eifelgt im 
Koma nach 6 bis 14 Tagen.^ 

,,Die Diagnose des Daseins von Blasenwttrmem m Qe- 
hime ist nioht leicht, selbst wenn man von den PäUen ab- 
rieht, wo diese Parasiten sieh fkodtk latent erhalten, das 
heisst, noch keiiie Störungen im OeUme erzeugen. Wenn 
aber aaoh die Symptome, die eben geschildert worden sind, 
ganz deutlich sich kund thun, so kann noch nicht mit Be- 
stimmtheit <ron Hydatiden gesprochen werden, da auch andere 
Geschwülste oder sogenannte Oew&chse im Gehirne dieselben 
Breefadnungen veranksseB. Bei Kindern indessen bat man, 
wenn man zu dieser Diagnose gekommen ist, in der Regel 
aar au wählen swisdien TubeAeln oder Hydatiden im Oehime, 
da andeiB pathologische €kibilde daselbst gewöhnlieh nicht 
voikoaasen. Was nan die Tuberkeln betrifit, so sind sie ge- 
wfihttUeh mk aUgemeineB Symptomen und besonders mit 



M 

Natritionastörangeo begleitet; die Auakultelian ergibt biswei- 
len das Dasein von nicht zweifelhaften VerftaderungeD in 
Oipfel einer Lunge, und oft auch findet man die Zeichen einer 
allgemeinen Tuberkulose. Bei den Hydatiden des Oehirnes 
dagegen zeigen sich bisweilen auoh noch in mehreren aade 
ren Organen diese Parasiten. Becquerel und S^guin ha- 
ben sie zugleich im Gehirne, in der Lunge, der Leber und 
im Mesenterium angetroffen« Die Dauer der beiden Krank- 
heiten ist auch nicht dieselbe; das Leben erhUt sich in der 
Regel langer bei der Hydatidengeschwulst des Gehirnes, aU 
bei Tuberkeln daselbst, weil bei diesen gewöhnlich noch 
anderswo Tuberkeln sich bilden und in Folge der gestörten 
Ernährung der Widerstand nicht aber einige Monate hinaiiB 
sich halten kann.^^ 

„Die Hydatidenkrankheit hat einen au£faUeiid langsamen 
Gang, theils weil überhaupt die Entwickelung dieser I^rasi- 
tcQ eine langsame und allmfthlige ist, mag er in einer Hirn- 
höhle freien Raum haben, oder mag er in der Hirnaubstanz 
auf Widerstand stossen, oder mag er in seiner Vitalitit be- 
einträchtigt worden sein, — immer wächst die Kyste, aber 
nur schwach, nur langsam, und die Krankheit dauert deshalb 
sehr lange. So kann man in den bekannt gemachten FUlen 
meistens die Krankheit oder vielmehr den Beginn der Symp- 
tome auf ein oder mehrere Jahre zurOekdatiren. Der vob 
Faton erzählte Fall ist in dieser Besidiung besonders inter- 
essant, da das Leiden vier Jahre bestanden hatte. In unse- 
rem Falle können wir sogar das Hervortreten der ersten 
Symptome in früher Kindheit ausfindig machen/^ 

2) „Welches ist der Ausgang dieser Parasiten- 
bildung in einem Organe, dessen Integrit&t für 
die Erhaltung des Lebens so wesentlich ist? Die 
Antwort auf diese Frage wird Jeder sich selbst geben, wel* 
eher dergleichen Fälle beobachtet und die allmählige Steiger- 
ung der Symptome wahrgenommen hat Der Tod ist tot 
immer die unvermeidliche Folge dieser Steigerung. In ihre« 
weiteren Wachsthume strebt die Kyste nothwendigierweise 
allmählig zu den Meningen hin, die sidi einer sollen Naeh- 
barschaft nicht anbequemen. Ausserdem ist auch die Aue- 



9T 

treHumg der Hydaüden hier nicht, wie bei den Kjeten der 
Leber, der Longe oder der Pleura, durch die Nachbarschaft 
der Därme, der Kutis, der Bronchien begünstigt. Man hat 
indessea einen Fall angefahrt, wo durch Ausleerung der hier 
io Rede stehenden Helminthen Heilung bewirkt worden, aber 
io diesem ausserordentlichen Falle erklärt der Sitz der Kyste 
ao der Konvexität des Gehirnes den glücklichen Ausgang. 
Hr. Moalini6 hat die €kschichte eines 15jährigen Mädchens 
enähit, welches in einem komatösen Zustande in das Hospi- 
tal gebracht worden war; durch Anreden konnte man es aus 
diesem Zustande erwecken und es klagte dann über befugen 
KopÜBchmers; dabei hatte es Strabismus. Am Sohädelgewölbe 
entdeckte man eine Geschwulst, in die man einschnitt und 
aus der wohl an 20 Hjdatiden austraten; darauf verschwan- 
den die beunruhigendsten Zufälle; die Vernarbung geschah 
siemlich schnell und die Kranke konnte vollkommen geheilt 
entlasseii werden/^ 

3) Wie entstehen diese Hydatidenkysten? Wie 
bilden sie sich? Was sind diese Blasenwürmer 
und auf welche Weise gelangen sie in den mensch- 
lichen Organismus? (Auf diese Frage folgt eine Dar- 
stellttug der von deutschen Forschern zuerst ergründeten 
und jedem deutschen Arzte gewiss wohlbekannten Metamor- 
phose der Kysticerken, Bchinokocken, Tänien u. s. w.) 

4) Was ist gegen diese Parasiten zu thun und 
wie sind besonders die Hydatiden des Gehirnes 
zu bekämpfen? Dass die sogenannten Wurmmittel oder 
Antheloiinthica nichts ausrichten können, braucht kaum gesagt 
zu werden, da diese höchstens auf Helminthen im Darmkanale 
wirken können« Die Merkurialpräparate haben wegen ihres 
mäehtigen Einflusses auf die niederen Organismen auch gegen 
die Hydatiden Empt^shlung gefunden. Man hat jedoch von 
ihnen hier keinen wirklichen Nutzen gesehen und der Grund 
davon ist sehr einfach. Könnte man nämlich das Queck- 
ttlberpräparat direkt und in gehöriger Quantität auf den Pa- 
rasiten bringen, so würde man ihn tödten können, aber wenn 
man das Mittel innerlich gibt, wie es doch hier nicht anders 
sein kann, so kann man doch nur eine Form und eine Dosis 

XLVL 1S6S. 7 



96 

Wählen, welche die menschliohe Bsistenz zaiässt, and davon 
kann dann nur ein kaum merkliches Partikelohen durch die 
Cirkulation bis an die Hjdaiidengeschwulst gelangen. Dabei 
ist auch noch zu* bedenken, dass, wenn es gar gelänge, ge- 
wöhnliche Merkuriaimittel an die Kjste in gehöriger Menge 
heranzutreiben, doch nichts erreicht werden wird, weil 
ihre dicken, aus mehreren Schichten bestehenden Wände ge- 
wiss nichts durchkommen lassen, so dass der Paraait in sei- 
nem Innern sich doch weiter entwickeln wird. Das Ghlor- 
natrium ist deswegen gerühmt worden, weil angeblich die 
Seeleute vom Bandwurme verschont seien und weil man den 
Grund davon in der grossen Menge des genannten Salaee 
suchte, welche sie täglich mit ihren gepöokelten Fleischspei- 
sen zu sich nehmen. Es würde, meinte man, durch dieses 
Mittel mehr erreicht werden, weil man ja mit demselben in 
weit grösseren Mengen umgehen könne, als mit den Merku- 
rialien; man wisse ja, dass Menschen sehr viel Kochsalz den 
Tag über zu sich nehmen können, ohne sich irgendwie zu 
schaden. Es ist aber in dieser ganzen Annahme schon die 
Prämisse falsch, da nicht erwiesen ist, dass die Seeleute von 
Parasiten der Art freibleiben, und dann ist die Folgerung, 
dass das Salz bis zu diesen gelangen und sie vemiehteo 
werde, ebensowenig anzuerkennen. Ausserdem ist zu be- 
merken, dass die Flüssigkeit, in weleher die Helminthen leben 
und gedeihen, eine ziemliche Portion Ghlornatrium enthält. 

Wenn nun die medizinische Behandlung nichts auszu- 
richten vermag, kann die Chirurgie etwas bewirken? Handelt 
es sich um Hjdatidenk^sten der Leber oder um dergleichen 
Parasiten an irgend einer anderen Stelle des Körpers, wohin 
die Hand des Chirurgen leicht gelangen kann, so lässt sieh 
Hülfe schafifen. Die Punktionen mit einem mehr oder minder 
dicken Troikar, die Einspritzungen von Jodlösungen oder 
anderen passenden Flüssigkeiten, die Aufschlitzung des Sackes 
haben gute Resultate geliefert; die Versuche mit der Elektro- 
punktur sind bis jetzt noch nicht zu einem guten Ergebniese 
gelangt und müssen deshalb noch weiter fortgesetzt werden. 
Gegen die Hydatiden im Gehirne kann aber auch von chirur- 
gischen Eingriffen nichts erwartet werden. Wie wtU man 



dfthaa gokmgen 7 Soll man etwa trepaniren? Niemand wird 
e« wagen , wenn er eelbst in der Diagnose ganz sicher w&re, 
weil doch niemals genau die Stelle bestimmt werden kann, 
wo die Trepanation zu machen sei und ob sie direkt zu der 
Ejata fahren wird, und weil die Gefahren dieser Operation 
flbenMia gross sind. Meiner Ansicht nach lässt sich gegen 
Hydaüden des Gehirnes weder durch die Therapie noch durch 
die Chirurgie etwas ausrichten. 

Eine andere Frage ist, ob eine Prophylaxis möglich sei. 
Bb komnit natürlich darauf an, dass Alles vermieden werde, 
was die mikroskopischen Eierchen in den menschlichen 
Oi^aDismus einfahren könnte. Sie gelangen, wie es scheint, 
vonugsweise mit den Getränken hinein und es ist daher noth- 
wenAg, dass stets für möglichst reines Trinkwasser gesorgt 
werde, und es wird hier das reine Quellwasser oder das 
aehr genau flltrirte Wasser vorzuziehen sein. Ferner muss 
der Gennss rohen, oder geschwellten, oder halbgekochten 
Fleisches sireng untersagt werden. Kur durch die vollkom- 
men durchdringende Koehhitze werden die Eier oder auch 
sehen die vorhandenen Parasiten vernichtet. Dasselbe gilt 
auch von Pisten, wobei zu bemerken ist, dass die blosse 
Btaehemng, namentlich die sogenannte Schnellr&ucherung, 
Biehi den geoOgenden Sehutz gewährt 



///. KHnihen und Hospitäler. 
UnhersUjf College ^Hospital in London. 

Das Thermometer in akuten Krankheiten; Nieren- 
entzündung aufScharlach; klinische Bemerkungen. 

Das Thermometer, bei Krankheiten zuerst von de Haen 
in Anwendung gebracht, in neuerer Zeit von Wunderlich 
und Virchow in Deutschland und von Parkes und Rin- 
ger in England vielfach dabei benutzt, wird für die Diagnose 
tl^lich immer wichtiger» Schon jetzt werden wir durch sorg- 

7* 



100 

filliige Benutzung dieses Instrumentes in den Stand gesetzt, 
die verscbiedenen Fieberformen zu unterscheiden, die Heftig- 
keit des akuten Rheumatismus, der Pneumonie, der Tuberku- 
lose u. s. w. zu erkennen und schon früh eine ungünstige 
Wendung in sehr verschiedenen pathologischen Vorgängen 
wahrzunehmen. Hoffentlich wird es bald dahin kommen, 
dass die Ausdrücke: „Haut heiss'^, „Haut kühl^^ u. s. w. viel 
genauer bestimmt werden, als es bis jetzt zu geschehen pflegt. 
Einige klinische Bemerkungen von Herrn Stoney Ringer 
über einen Fall von Scharlach werden in dieser Hinsicht von 
Interesse sein. 

Ein Mädchen von 10 Jahren wurde am 3. April von 
Scharlach befallen. Die Krankheit verlief günstig und Alles 
ging gut bis zum 30. April, als die Temperatur der Haut auf 
105° F. stieg und sich so bis zum 4. Mai hielt, dann aber 
wieder bis zur Norm zurückging. Am 2. Mai verlor die Kleine 
Blut mit dem Urine, welcher sparsamer wurde, als sonst; 
erst am 12. Mai verlor sich das Blut^ am 10. und 11. sah 
man noch mit dem Mikroskope Blutkörperchen im Urine, aber 
dieser war wolkig, zeigte jedoch kein Albumin, als er ge- 
kocht und mit Salpetersäure behandelt wurde. Sowie die 
Hauttemperatur abnahm, trat überhaupt Besserung ein und es 
folgte Genesung, ohne dass Wassersucht oder sonst ein übles 
Symptom sich bemerkbar machte. 

Während der akuten Entzündung irgend einer Textur 
des Körpers ist die Temperatur immer gesteigert, manchmal 
sogar in sehr bedeutendem Grade. Von dem normalen Stande 
von 98 "" oder 99'' F. in der Achselgrube steigt die Wärme 
dann wohl bis auf 103° oder 105 "^ F. — Die Steigerung 
steht im Verhältnisse zur Höhe der Entzündung und es bildet 
also die Temperatur ein Mittel zur Schätzung ihrer Intensität 
und Dauer. Bei akuter Nierenentzündung, wie in dem mit- 
getheilten Falle, haben wir dieses Mittel der Erkenntniss auch 
wirklich benutzt. Beim Nachlasse der Entzündung wird die 
Temperatur massiger und kehrt endlich zur Norm zurück, in- 
dem die chronischen Folgen der akuten Nephritis auf sie kei- 
nen Einfluss ausüben. In vielen Fällen der Art ging noch 
lange, nachdem die akute Entzündung der Niere scdion vor- 



101 

ober und die Temperatur den Normalstand schon erreicht 
hatte, Blut mit dem Urine ab. Diese Nierenblutung ist ge- 
wöhnlich als ein Beweis von noch vorhandener akuter Nephri- 
tis angesehen worden und man hat in Folge dessen Schröpf- 
köpfe in die Lumbargegend angesetzt und eine schmale Kost 
angeordnet. Der mitgetheilte Fall hat aber den Beweis ge- 
liefert, dass der Blutabgang mit dem Urine zu diesem Schlüsse 
nicht berechtigt. Es ist im Gegentheile eine derartige anti- 
phlogistische Behandlung der chronischen Folgen einer statt- 
gehabten akuten Nephritis noch nachtheilig« Man muss nicht 
vergessen, dass die Ursache, welche die letztere herbeigefahrt 
hat, aueh gewöhnlich schwächend auf den ganzen Organismus 
gewirkt hat, und die Erfahrung hat gelehrt, dass gerade, wenn 
Letzteres der Fall gewesen, die chronischen Veränderungen 
in den Nieren sich bilden, während im Gegentheile da, wo 
die akute NierenentzQndung selbstständig aufgetreten ist, diese 
Polgen selten sind. Das Verfahren, welches die Ernährung 
herabsetzt und die Anämie noch fördert, beseitigt nicht die 
chronischen Veränderungen der Niere, sondern begünstigt sie. 
Hr. Ringer hat gefunden, dass gegen diese gerade die Mittel 
am besten thun, welche die Ernährung unterstützen, und man 
kann also sagen, dass die Behandlung der akuten und die der 
chronischen Nephritis sich gerade entgegensteht. Es kommt 
nnr darauf an, genau die Gränze zu erkennen, wann die 
akute Botzflndung aufhört, und hier dient, wie bereit« erwähnt, 
ganz besonders das Thermometer zur Feststellung der Tem- 
ratnr. Ist diese in der Achselgrube bis zur Norm zurückge- 
sunken, so ist die akute Periode vorüber und Blutabgang oder 
Abgang anderer Elemente mit dem Urine ist kein Gegenbe- 
weis. Ein anderes Merkmal ist die Menge des Urines; dieser 
ist, so lange das akute Studium dauert, in der Regel sparsam 
und nimmt an Quantität erst zu, wenn dieses Stadiunv vor- 
über ist; dieses Merkmal ist jedoch nicht so sicher und kon- 
stant, als das erstere. 

Was nun die Hautwassersucht betrifift, so steht sie im 
Verhältnisse zu dem Grade der Anämie. Ist diese sehr merk- 
lich, so ist auch der Hydrops bedeutend. In vielen Fällen 
ist während des akuten Stadiums und im Beginne des chro- 



103 

Bisobeo kein Hydrops vorhanden^ aber dieser entwickeU rieb, 
wie die Anäoiie vorschreitet. Das Hauptziel der Behandlung 
bleibt die Verminderung der An&mie. Warme B&der und 
Abführmittel mflssen mit Vorsicht gegeben werden. Der Hy- 
drops selbst indizirt viel weniger die Wahl der Mittel als die 
Menge des abgebenden Unnes und das schlummersaehtige 
Darniederliegen des Kranken. Allgemeine Wassersucht, die 
oft sehr rasch auftritt, ist entweder die Folge der akuten 
Nephritis oder der Verarmung und Verdünnung des Blulee. 
Bb ist dieses leicht zu ermitteln. Es kommen allerdings FftUe 
vor, in denen bei ganz normaler Besohafifenbeit des Urines 
plötzlich Hautwassersucht auftritt, aber in diesen Fällen ist 
die Hautwärme normal und der Hydrops hat einige Tage an* 
gedauert. Das akute Stadium ist in der That vorttber, denn 
gar nicht selten VMt bei der akuten Nephritis die Hauttem* 
peratur ganz plötzlich und der Urin wird normal, indem we- 
der Blut noch Albumin mehr in demselben sich zeigt; diese 
Veränderung tritt bisweilen in wenigen Stunden ein. Hat die 
Entzündung aufgehört, so ist Blut im Urine nicht ein so ern- 
stes Symptom als Albumin in demselben, da letzteres mehr 
auf eine chronische Affektion der Niere hinweist, während 
Ersteres vielleicht nur aus einigen noch offenen Kapillarien 
kommt. Jedenfalls hat sich ergeben, dass Blutabgang meistens 
in kurzer Zeit aufhört und die Niere schnell wieder ihre nor- 
male Funktion übernimmt, wogegen bei Anwesenheit von 
reichlichem Albumin im Harne diese Rückbildung der Niere 
nur sehr langsam sich einstellt. Demnach ist die Prognose 
ungünstig, wenn mehr Albumin im Harne sich findet, als etw« 
dem ergossenen Blute zugemessen werden kann, und je länger 
dieser Albuminabgang währt, desto ernster wird die Prognose. 
Ee muss bemerkt werden, dass der Urin sehr stark mit Blat 
gefärbt und doch wenig Albumin vorhanden sein kann; der 
Orund davon ist, dass unter Umständen eine ganz geringe 
Blutung aus der Niere dem Urine schon eine sehr tieftothe 
Farbe geben kann. 

Die Dauer des akuten Stadiums der Nephritis nach Schar- 
lach ist 3 bis 6 Tage und während dieses Stadiums tritt sehr 
selten der Tod ein; dieser erfolgt, wenn der FÜl tödtlich 



103 

m6^y im ebronwohea StMlium. Ee i«t daher von grösster 
Wichtigkeit, dafOr zu eorgeo, dase dieses letztere Stadium 
§MB ausbleibe oder weoigstens so viel als möglich verkürzt 
werde* Die geaaoe Beobaebtuog der Hauttemperatur des 
Krankeu gibt, wie schon erwähnt, die beste Auskunft übet 
dea Beginn des ohroniseben Stadiums. Zungenbelag, Mangel 
m Appetit, Blut im Urine sind keine so zuverlässigen Beweise 
des noeh bestehenden akuten Zustandes. — 



Hospital für kranke Kinder in Paris. 

Ueber den Zusammenhang von Otitis und Ent- 
zündung des Oehirnes und seiner Meningen. 

Wir machen die Leser zuvörderst auf eine Abhandlung 
von Melchior über diesen Gegenstand in diesem Joumate 
(Journal f. Kinderkrankh. Juli— Dezember 1857) aufmerksam. 
An diese Abhandlung schliesst sich folgender klinischer Vor- 
trag des Herrn H. Roger, dirigirenden Arztes des obenge- 
nannten Hospitales genau an. 

,^m Gegensatze zur Pleuritis und Perikarditis, die bei 
Kindern wie bei Erwachsenen oft primär sind, ist die Me- 
ningitis und die Peritonitis fast immer sekundär, das heisst 
die Folge einer anderen Krankheit. Vor Kurzem habe ich in 
dieser Klinik über einen Fall mich ausgesprochen, in welchem 
bei einem kleinen Knaben in Folge einer Hjdatidengeschwulst 
im Gehirne eine Meningitis sich gebildet halte. Häufiger sind 
die Plllle von Meningitis in Folge von Tuberkelablagerung; 
heute will ich aber über die aus Otitis sich herausbildende 
Meningitis bandeln/' 

„Am 8. April 1865 zeigte sich in unserer Poliklinik ein 
grosses und starkes Mädchen von 14 Vi Jahren, welches über 
lebhaften Schmerz im rechten Ohre klagte ; dieses zeigte einen 
starken eiterigen Ausfluss. Die Kranke wurde sofort in das 
Hospital gebracht. Schon am folgenden Tage erkannte ich 
den sehr ernsten Zustand, den ich gleich schildern werde. 



104 

I>er Angabe nach war das MAdcheo immer sehr gesand ge- 
wesen und auch seine Mutter hat sich stets wohl befnoden. 
Das Ohrenleiden bestand seit 4 Monaten. Das Uebel begann 
mit einem plötzlich auftretenden sehr lebhaften Sehmerse im 
Ohre. Dann folgte Ohrenfiuss, der seit 2^', Monaten immer 
fortdauerte; dann trat Besserung ein, die etwa einen Monat 
anhielt, seit 3 Wochen aber wieder eine Verschlimmerong. 
Vor 8 Tagen begann die Kranke über heftigen Kopfschmere 
zu klagen und fühlte sich sehr niedergeschlagen; dazu ge- 
sellte sich seit 3 Tagen lebhaftes Fieber und wiederholtes 
Erbrechen/' 

,,Bei unserem ersten Besuche fanden wir Folgendes: Pa- 
tientin klagt fortwährend über einen sehr starken Schmerz 
im rechten Ohre und im rechten Theile des Vorderkopfes; sie 
schreit fortwährend laut auf und fürchtet die geringste Be- 
wegung des Kopfes oder eine Berührung desselben; sie liegt 
fortwährend unbeweglich auf dem Rücken. Aus dem rechten 
Ohre fliesst fortwährend ein gut gebundener, aber sehr stin- 
kender Eiter aus, der sich besonders dann reichlich ergiesst, 
wenn dicht vor dem Oehörgange ein wenig aufgedrückt wird. 
Mit dem Ohrenspiegel, dessen Einführung wegen des Schmer- 
zes sehr schwierig war, entdeckte man keine auffallende Ver- 
änderung. Man erkennt jedoch, dass der Eiter aus der Tiefe 
des Ohres kommt; das Paukenfell ist durchbohrt; an seinem 
Ansätze sieht man einige bläuliche, sehr geftkssreiohe, leicht 
blutende Granulationen.'' 

„Das Antlitz, welches einen leidenden Ausdruck hat, ist 
sehr geröthet und belebt; die Gesichtszüge sind etwas nach 
links gezogen; die Falten und Runzeln sind sehr markirt und 
die Kontraktionen der Muskeln deutlicher als an der anderen 
Seite. Dieser Unterschied ist besonders dann auffallend, wenn 
die Kranke spricht oder jammert, oder wenn durch irgend 
etwas die Gesichtszüge in Bewegung gerathen; die rechten 
Augenlider schliessen sich nicht vollständig; kurz, es existirt 
eine unvollständige Lähmung der rechten Gesichtshäifte." 

„Der Verstand der Kranken scheint ziemlich klar zu sein 
und ihre Antworten sind richtig, werden aber mit einer ge^ 
wissen Hast gegeben, und gleich darauf verfällt sie wieder in 



iOft 

den Balbtehlummer, der nur vom Stöhnen, Jammern ond 
Aufkreischen unterbrochen wird. Empfindung und Bewegung 
scheint aber gar nicht gelitten zu baben/^ 

„Ea ist Fieber vorhanden; die Haut heiss, mit Schweiss 
bedeekt; der Puls ziemlich hart, etwa 80; die Respiration 
regelmässig und die Perkussion und Auskultation ergibt nichts 
Besonderes. — Appetit fehlt; die Flflssigkeiten werden, so- 
bald sie niciiergescblaokt sind, gleich wieder ausgebrochen 
and ee kommt dabei etwas Oalle zum Vorscheine. Der Bauch 
etwas aufgetrieben; bisweilen unfreiwilliger Kothabgang.'^ 

„Die Diagnose ist nicht schwierig. Es ist eine akute 
Otitis vorbanden, and zwar ist ofienbar das sogenannte 
innere Ohr von der Entzündung ergrüOfen, was die Zerstörung 
des Paukenfelles und die, wenn auch schwache, halbseitige 
Gesichtslähmung darihut. Die Symptome deuten auf eine 
weit gediehene Veränderung der weichen und wohl auch der 
knochigen Theile mit einer Affektion des N. facialis und ver- 
BMilblieh der benachbarten Portion des Gehirnes. Vor 4 
Honaten hat die Kranke schon einmal eine sehr akute 
Otitis durchgemacht und die Wiederkehr dieser letzteren ist 
mit eben so heftigen Symptomen begleitet. Die chronische 
Otorrhoe ist mit geringem oder gar keinem Schmerze beglei- 
tet und die damit behafteten skrophulösen Kinder leiden fast 
gar nicht, seUist wenn sie einen gewissen Grad von halbsei- 
tiger Gesichtslähmung darbieten. Bei den aberans heftigen 
Symptomen in unserem Falle aber wird man an eine mit der 
tiefgehenden Otitis verbundene Meningitis denken müssen. 
Hierauf deutet der Charakter d^s Schmerzes, dessen Heftig- 
keit, Sitz und Ausdehnung; dazu kommt das Subdelirium, 
der fortwährende, nur durch Jammern und Aufkreischen unter- 
brochene Halbschlummer; femer das wiederholte Erbrechen, 
weiches bei der einfachen Otitis nicht vorhanden ist. Dann 
muss ich noch bemerken, dass in der Regel die einfache 
akute Otitis, wenn sie einen Rückfall macht oder sich wieder- 
holt, nicht dasselbe Ohr betrifil; ist Erkältung die Ursache 
der Otitis, so wechselt sie auf das andere Ohr über, oder es 
steigert sich nur ganz einfach der Ausfluss aus dem schon 
affizirten Ohre unter geringem Schmerze und etwas lästiger 



Spannung, nicht aber unter starkem Fieber und anderen en- 
8ten Zuftllen/' 

„In unserem Falle wurde übrigens die Diagnose von 
Tage zu Tage klarer. Grosse Gaben Opium, die Einreib- 
ung einer Ghloroformsalbe auf die Stime, die wiederholte 
Anwendung von Blutegeln u. s. w. vermochten die Leiden 
der Kranken nicht zu mindern. Der Schmerz im Kopfe war 
so lebhaft und wurde durch die geringste Bewegung so sehr 
gesteigert, dass selbst eine Untersuchung des Thorax aus 
diesem Grunde unterbleiben musste/' 

„Die Nacht vom 10. April war eine sehr schlechte^ die 
Kranke war sehr aufgeregt , schlief keinen Augenblick , doli« 
rirte und schrie fortwährend. Am 11. April war der koma- 
töse Zustand sehr markirt; man konnte von der Kranken 
kaum eine einsilbige Antwort erlangen. Sie verfiel sofort 
in die tiefe Sehlummersucht oder murmelte einige unverständ- 
liche Worte. Die geringe Paraljrse der Gesiehtshälfte erschien 
etwas vermehrt; sonst war die Bewegung und Empfindung 
überall frei, so dass man gleich erkennen konnte, es sei ein 
reines Gehirnleiden vorhanden. Ein typhoider Zustand sprach 
sich deutlich aus; Durchfall, aber kein Erbrechen mehr; 
Zahne russartig belegt; Zunge trocken, schwärzlich rissig; 
Respiration etwas unregelmässig und schwer&llig; Puls hart,92i^^ 

„Am 12. wurde der Zustand immer schlediter; die G«- 
sichtslähmong nahm zu und am 14. erfolgte der Tod in tie- 
fem Koma, ohne dass Konvulsionen sich einstellten.^^ 

„Welche Verschiedenheit bietet diese Meningitis gegen 
<Ke tuberkulöse dar? Zuvörderst die vorangegangenen Um- 
stände, die ganz charakteristisch sind. Bei unserer Kranken 
war vorher ein vortrefilicher Gesundheitszustand vorhanden; 
kein Symptom von Tuberkulose Hess sich bemerken; die 
Kranke war bis zu ihrem Ohrenleiden fHsoh und munter^ 
während bei der tuberkulösen Meningitis die Kinder vorher 
mager werden, blass aussehen und längere Zeit vorher apa- 
thisch sich verhalten und ausserdem oft schon etwas husten, 
wenn die Menigitis eintritt.'^ 

„Auch beider einfachen Meningitis ist der Vorgang 
em anderer. Die Symptome unterscheiden sich au<^ in ihrer 



MT 

ioftfrickehiDg; dfts Fieber ist aahakeud und sehr heftig. Man 
geirabK nicht den eigenthttmlicheii Verlauf der taberkuk>8en lie- 
UBgitiB, auch nicht die last immer durch gastrisehe Symptome 
(M denen sich nur der Kopfsohmerz hiozugesellt) charakieri- 
sirte erste Periode; ebensowenig sieht man die eharakteristisoben 
Erscheinungen der zweiten Periode, nämlich das mehr tor« 
pide Verhalten der Funktionen, den langsamen und unregel- 
missigen Puls, die beschwerliche und trftge Respiration und 
die allmfthlig bis zum tiefen Koma sich steigernde Schlummer- 
sucht.'' 

„Der Fall, den wir vor uns hatten, gew&hrt das sehr 
tusgeprftgte Bild eiuer einfachen Meningitis, das beisst einer 
BntzOodung der Meningen, verursacht durch lokale Einwirk' 
DDg und nicht durch dyskrasische Ablagerungen. Der Tod 
ist Oberans rasch erfolgt und zwar etwa 4 oder 5 Tage nach 
dem Beginne des Subdeliriums und des komatösen Zustandes. 
Dieses ist charakterisiisch , denn bei der tuberkulösen Menin- 
gitis zieht sidi das Ende des Lebens bis zum 14., 16», selbst 
22. Tage hin und es wechselt gewöhnlich ein komatöser Zu* 
stand mit Konvulsionen.'' 

„BUitten wir es nun hier unzweifelhaft mit einer einfachen, 
dnroh Otitis herbeigeführten, Meningitis zu thun, so werden 
wir nun auf diesen Bjtusalnexus nfther einzugehen haben. 
Jeder praktische Arzt weiss, dass akute Otitis bei Kindern 
sehr häufig vorkommt Im Allgemeinen werden diese, selbst 
in den wohlhabenden Klassen, fdr unser Klima viel zu leicht 
gekleidet, besonders was Kopf und Hals betrifft. Namentlich 
werden die Ohren zu wenig geschützt Bronchitis, steifes 
Oenick, Angina, Pneumonie, besonders aber Otitis, sind die 
Folge davon. Das Kind wird an kfihlen windigen Tagen aus- 
gefnhrt au Spaziergängen oder zu Besuchen und dann Abends 
anscbeiBend noch ganz gesund zu* Bette gebracht In der 
Nacht aber oder am Morgen erwacht es schreiend und alle 
Mohe, es zu besänftigen, ist vergebtich. Nachdem es einige 
Stunden geschrieen, beruhigt es sich von selber, weil der 
Sohmerz anftngt nachzulassen, allein gegen Abend oder in 
der Nacht geht das Schreien von Neuem los, indem der 
Sehmerz sich wieder verst&rkt Nach einigen Tagen zeigt 



109 

sich die Ursache dieseB Schreiens deutlich, indem aus einem 
oder aus beiden Ohren eine eiterige Flflssigkeit henrortritt, 
weiche deutlich die Otitis nachweist; dieser Ausfluss kann 
Wochen und Monate daue» und in ein chronisches Leiden 
übergehen, welches manche sehr ttble Folgen haben, ja Schwer- 
hörigkeit oder Taubheit bewirken kann, die vielleicht das 
ganze Leben hindurch währt/^ 

„Neben der Erkältung sind die häufigsten Ursachen Ma- 
sern und Scharlach, und hat bei dieser akuten Otitis die Ent- 
zündung sich bis auf das mittlere Ohr ausgedehnt, so erzeugen 
sich nicht selten solche pathologische Veränderungen, welche 
das Gehör, wie schon angedeutet ist, vernichten, und tritt 
dieses Ereigniss ein, bevor das Kind schon geläufig sprechen 
gelernt hat, so ist auch Stummheit die Folge/' 

„Die chronische Otitis folgt nicht immer auf die 
akute, sondern tritt auch gleich von Anfang an als solche 
auf, und es ist dann bei Kindern gewöhnlich eine auf skrophn- 
löser Grundlage beruhende Affektion der Schleimhaut des 
Gehörganges in Form eines Ekzemes oder einer Impetigo die 
Ursache, oder es bilden sich auch kleine Tuberkeln. In letz- 
terem Falle hat die chronische Otitis wegen der Nähe des 
Gehörnerven und besonders des Gesichtsnerven, welche durch 
den Aquaeductus Fallopii hindurchgehen, einen eigenthüm* 
liehen Verlauf, und die Gesichtslähmung ist oft eine der ersten 
Erscheinungen, welche bei Tuberkelablagerungen im Felsen- 
beine sich kundthut. Bei unserer jungen Kranken gewährt 
uns die Anamnese keine Andeutung von^Skrophulosis, Tuber- 
kulosis oder sonstigen Leiden. Die genaueste Untersuchung 
hat nichts davon ergeben und auch die Besichtigung nach 
dem Tode hat nur eine einfache akate Entzündung nachge- 
wiesen. Wir fanden nur geringe Merkmale von Meningitis 
oder Entzündung der Ge&irnsubstanz. Nur an den Sphenoidal- 
lappen zeigten sich einige Spuren von Injektion mit sehr ge« 
ringem Blutergusse, aber keine eigentliche entzündliche Aus' 
schwitzung. Die meiste Veränderung fond sich an der hin- 
teren Fläche des Felsenbeines und an der entsprechenden 
unteren Hinterhauptagrube. Etwas grünlichen, dicken und 
Stinkenden Eiters bedeckte die Knochenflächen; die das Felsen- 



100 

bein bedeckende Dura mater war erweicht, mit Eiter getränkt, 
theilweise losgelöst; dieSpitae des Skalpelles trai auf die blos- 
gelegte Knochensubstana. Der rechte Raud des kleineu ße- 
hirnes ist iu dieser Gegend mit der Dura mater Terwaofasen; 
die Araehnoidea durch eine geringe Schicht dicken Biters 
loagelöst; die darunter liegende Mervensubstanz ist erweicht, 
fast zerfliesend; die Blutgefässe reichlicher entwickelt und 
mit Blut aberfallt; die Kortikalschicht allein ist krank; die 
centralen Tfaeile sind vollkommen gesund/^ 

„Der rechte seitliche Sinus so wie die. Sinus petrosi sind 
mit schwftrdichen lockeren Blutklumpen erfüllt; an verschie- 
denen Stellen hat sich das Fibrin unter der Form von gelb- 
ticben, fast durchsichtigen mit Serum getränkten Schichten 
abgelagert; diese geronnene Masse verlängert sich nicht bis 
in die Vena jugularis interna hinein. An der gesunden Seite 
findet sich eine ähnliche pathologische Veränderung, jedoch 
in geringerem Grade. Nirgends wo anders finden sich Spu- 
ren von Eiterung oder Fibrinablagerung. Die Jugularvenen 
am Halse sind nur an ihrem unteren Theile mit weichen, 
schwärzlichen, nach oben hin kegelförmig verdünnten Blut- 
klumpen erfüllt; eben solche Blutklumpen finden sich in den 
Herzhöhlen, obwohl dieses Organ ganz gesund ist. Die Bauch- 
eingeweide zeigen einen sehr starken Kongestionszustand; 
die Milz ist ziemlich gross und erweicht; die Leber ist eben- 
falls weicher als gewöhnlich; die Nieren zeigen keine andere 
Veränderung als eine gewisse Weichheit; der Darmkanal ist 
ganz gesund; die Pejer'schen Drüsenplatten sind auch nicht 
▼ertadert; die Hesenterialdrflsen sind zwar etwas erweicht, 
aber nicht vergrössert. Die wichtigsten Veränderungen aber 
zeigen von allen Eingeweiden die Athmungsorgane; die Lun- 
gen sind der Sitz einer sehr bedeutenden Kongestion, und 
zwar nicht bloss in ihrer hinteren Portion, sondern überall 
und vorzüglich in ihren unteren Lappen. An der Oberfläche 
beider Lungen finden sich drei oder vier Knoten von der 
€hr6sse einer Nuss bis zu der eines Hühnereies. Einer dieser 
Knoten, der am unteren Rande einer Lunge sitzt, ist mit der 
Pleura verwachsen, und kann von ihr nur durch das Messer 
getrennt werden. Diese verschiedenen Knoten bestehen aus 



HO 

erweichter brandiger Lttügentextur; bei ihrer DurohsehaeidiMig 
flieset eine schw&nBliehe and sUnkende, mit Luftbläscheo ge- 
mischte Flüssigkeit aus; einige dieser brandigen Punkte sind 
mit verdichteten, dunkeirothen, deutlich apoplektischen Läpp- 
chen umgeben. Die Pleurahöhlen sind durch alte Verwachs- 
ungen fast ganz geschlossen, besonders an der linken Seiie/^ 

„Wie sind alle diese Veränderungen zu erklären? Wie 
sind besonders diese apoplektiscben und brandigen Knoten 
in den Lungen entstanden? Der natürlichste Qedanke, der 
sich hier aufdrängt, ist der einer Embolie der Lungengefitose. 
Leider konnten die Ijungenarterien nicht geöflhet werden, 
aber diese Vermuthung hat viel für sich, weil die Sinus der 
Dura mater ihre Integrität vollständig bewahrt haben und 
deren Thrombose zur Bildung einer Embolie geführt haben 
würde; die weichen und schwärzlichen Blatklumpen so wie 
das frisch geronnene Fibrin, welche in den seitlichen Sinas 
sich fanden, vereinigen sich sehr gut mit dieser Annahme; 
dazu kommt auch, dass die Jugularvenen frei von Koagula- 
tionen waren, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass der ver. 
stopfende Blutpfropfen sich hier losgelöst hätte, ohne Spuren 
zu hinterlassen. Weder die Subklavikular - und Axillarveaen 
noch die oberen und unteren Hohlvenen zeigten Blutklumpen 
etwas älteren Ursprunges; überall waren diese weich und 
schwärzlich und hatten also vollständig den Charakter der 
erst nach dem Tode entstandenen Gerinnungen. Die Geneee 
des Lungenbrandes also ist uns nieht klar geworden.^^ 

„Abgesehen aber von diesen Veränderungen in den Lun- 
gen, die nicht in einer deutlichen Verbindung mit deijenigen 
Affektion bestehen, die uns hier beschäftigt, nämlich mit der 
Meningitis und Otitis, fand sich in der Deutung der übrigen 
pathologischen Veränderungen keine Schwierigkeit. Nachdem 
das Felsenbein der Länge nach durchsägt worden war, konnte 
man die verschiedenen Veränderungen deutlich wahrnehmen. 
Die Wand des äusseren Gehörganges war etwas verdickt und 
noch mit einer Schicht Biter bedeckt, und unter dieser Sohioht 
war die Schleimhaut sehr geröthet und stellenweifle erodirt. 
Das Paukenfell vollkommen zerstört und nnr noch eiAige 
Mäuliobe, von vartrocknetem Eiter v^Uebte Karunkeln dar- 



bieteod; die Gebörknö^tieloheD yersohwunden; die Paiik«i- 
liöhle ebenfalls mit einer eiterigen Aussohwitaung überwogen; 
die obere Wand des mittleren Ohres sehr verändert und die 
Knoehentextnr daselbst mit Eiter inflltrirt. Die grössere Ver- 
änderung aber seigte sieh an der hinteren Fläehe des Felsen- 
beines; hier war die Dura mater abgelöst und der Knochen 
an seiner Oberfläche unregelmässig, rauh und mit Euter infU- 
triri; etwas weiter nach hinten fand sich eine kleine Perfora- 
tion der Enoehenteztur, so dass eine feine Sonde bis in das 
Vesübnlum und das Labyrinth eindringen konnte; auch die 
letateren Gänge waren mit Biter erfüllt, welcher offenbar 
durch das runde und ovale Fenster, die beide vergrössert wa- 
ren, sich eingesenkt hatte/^ 

„Der Tod ist also in diesem Falle unsweifelhaft die Folge 
einer durch Otitis herbeigeführten Meningitis gewesen. Der- 
gleiehen Fälle sind sowohl bei ELindern als bei Erwachsenen 
beobachtet worden. Bei ersteren kommen sie häufiger vor 
als bei letsteren, und zwar in akuter und chronischer Form 
nach Attssohlagsfiebern, oder dureh Skrophulosis , herpetische 
Dispositioa oder durch Tuberkelablagerung im Felsenbeine ver- 
anlasst. GHflcklieherweise ist der tödtliche Ausgang in Menin- 
gitis im Verhältnisse zu dem Vorkommen der Otitis nur ge- 
ring. Jedes Jahr finden sich in unseren Sälen mehrere Kiü- 
der mit dem letzteren Leiden, zu dem sich Gesichtslähmung 
als Folgekrankheit hinaugesellt, aber einen tödtlichen Ausgang 
des Ohrenleidens haben wir selten zu beklagen, obwohl die 
Sinder mrätens durch die Tub^kulose auf andere Weise zu 
Grunde gehen >^ 

„Der Uebergang der Otitis in Meningitis verdient aber 
noch eine besondere Erwägung, da man sich sehr leicht darch 
die alte Lehre, dass nur die Eintsündung des inneren Ohres 
dasa filhren könne, einer zu ge&hrliohen Sicherheit hingibt. 
Auch die äussere Otitis, d. h. die Entzündung des äusseren 
Gehörganges und der Paukenhöhle, so wie der Höhlungen 
oder Zellen im Mastoidfortsatsie, kann dazu fähren.^^ 

„Die anatomischen Verhältnisse des äusseren Gebörganges 
erklären die Erscheinungen hinlängUeh, welche in Folge der 
äusseren Otitis, selbst wenn die Entzündung Anfangs ober- 



112 

flftchlich i8t, sich kundthun. Die SeUeimhaut bekleidet hier 
das Innere eines knöchernen Kanales, dessen balbschwammige 
Textur in die des Felsenbeines abergeht und also auf dieses 
seinen eigenen entzündlichen Prozess übertragen kann, und es 
ist dazu nicht noth wendig, dass dieser Prozess ein sehr leb- 
hafter und starker sein müsse. Wir besitzen F&Ue yod 
Tojnbee, wo eine massige, akute Otitis die Entzündung 
auf das Felsenbein und von diesem auf die Hirnh&ute herbei- 
geführt und den Tod verursacht hat; in einem Falle dieser 
Art fand sich nichts weiter als eine Hyperämie des Felsen- 
beined mit Loslösung der Dura mater durch eine seröse Flüs- 
sigkeit.^^ 

,)Die Entzündung des mittleren und inneren Ohres ist in 
der hier angegebenen Beziehung noch bedenklicher, indeoi 
dabei das Gehirn oder die Gehirnhäute auf sehr verschiedene 
Weise aflfizirt werden können. In einer Reihe von Fällen, 
die von Tojnbee zusammengestellt sind, hat sich die Ent- 
zündung nach Veränderung der Knochentexiur gleichsam dureh 
Kontinuität, und zwar entweder durch die obere Wand der 
Paukenhöhle oder durch die felsige Portion des Schläfenbei 
nes, auf die Meningen übertragen. Die Veränderung der 
Knochentextur war hierbei sehr verschieden: bald eine ein- 
ziehe Osteitis, bald Nekrose oder Karies in Folge einer ka- 
tarrhalischen Entzündung der Paukenhöhle, und diese Entzünd- 
ung konnte vom fi^isseren Gehörgange auf diese Höhle flb^- 
tragen oder in dieser sdbst entstanden sein. Hr. Bonnafont 
behauptet freilich, dass die katarrhalische Entzündung der 
Paukenhöhle niemals Karies der unterliegenden Knoohentextur 
bewirken könne, und dass die Veränderungen des Felsenbeines 
imsier primär seien.^^ 

„In einer anderen Reihe von Fällen erzeugt sich die 
Meningitis nicht durch Kontinuität der Entzündung des Obres, 
sondern dadurch, dass die Knochensubstanz, welche das Ge- 
hörorgan bildet, entbiösst, erodirt und zerstört wird und dem 
Eiterergusse ein Weg bis in die Sohädelhöhle gebahnt wird. 
Bin solcher fistelartiger Weg erzeugt sich bald durch die Per- 
foration der oberen Wand des mittleren Ohres, bald auch 
durch eine Kommunikation mit dem Aquaeductus FaUopit, so 



113 

dkM der Büer eindriogeD und auf den Faualnerven wirken 
kann, den er, wie in mehreren F&Ilen naebgewieaen ist, bis 
aam inneren Gebörloobe begleitet und sich von hier aus in 
die Hohle der Araohnoidea ergiesst; bald endlich gelangt der 
Eiter in diese Höhle, indem er nach dem Verschwinden des 
Steigbügels durch das ovale Fenster eindringt und in den la- 
bjrinthisohen Gängen längs des Gehörnerven sich ergiesst 
oder auch das Felsenbein selbst, wie es bei unserer kleinen 
Kranken stattgefunden hat, angreift und perforirt. Auf welche 
Weise aber auch der Biter in die Gehirnhöble gelangt, so 
eraeogt sich jedenfalls eine Meningoeephalitis gauE auf dieselbe 
Weise, wie sich Pleuritis durch Brguss von Eiter in den Pleu- 
rasack, oder Peritonitis durch Darmperforatioa erzeugt» Ein 
eiaaiger Tropfen Eiters, der in die Arachnoidea gelangt, ruft 
die uns bekannten ZufUle hervor, die so h&u6g zum Tode 
fahren/* 

„Tojnbee hat aber noch auf eine andere Entstebungs- 
weise der Gebirnentsflndung bei Otiüs aufmerksam gemacht, 
nämlich auf die vermöge des innigen Zusammenhanges der 
BlutgefiUse des Ohres mit den Blutgef^sen im Innern des 
Schädels. Durch diese Kommunikation kann, ohne dass eine 
Zerstörung der Knochenwand des Gehörorganes und ein di- 
rekter Eitererguss in das Innere des Schädels stattgefunden 
bat, doch hier eine Eiterablagerung bewirkt werden. Es 
kann nämlich eine Phlebitis entstehen, welche Absaessbildung 
im Gtehirne und Meningitis zur Folge hat; es kann dieses ge- 
aehehen, ohne dass das Paukenfell irgend eine Veränderung 
erlitten hat. Diese Fälle sind gewiss verschieden, je nachdem 
eine Embolie oder eine direkte Eiterinfektion vor sich ge- 
gangen ist.^^ 

„Auch über die Entzündung des Mastoidfortsatzes ver- 
möge der Verbindung seiner Zellen mit dem mittleren Ohre 
spricht Hr. Roger eich aus, aber er repetirt hier nur das, 
was Toynbee viel ausführlicher in der von uns angeführten 
Abhandlung gesagt hat. Durch den letztgenannten Aulor ist 
das Verfaältniss zwischen Otitis und Gehirnleiden sehr aufge- 
klärt worden; früher hat man geglaubt - und Itard war noch 
der Heinaag — , dass das Gehirnleiden bei dieser Komplikation 

XLVI. 1S6S. g 



114 

das Prim&re und der Olireiifliies da« SekundSt« sei, dass 
also die OehirneDfsOudang auf da« Oebörorgao Obergehe, tu- 
dem der Eiter, /der sich unter der Hirnsdiaale bildet, l&ngs 
des Gehörnerven und des Fasialnenren sich seinen Weg durch 
das Felsenbein hindurch bis in das mittlere Ohr bahne und 
durch Perforation des Paukenfelles nach aussen gelange.. Ob 
dieses yorkommen könne, ist sehr in Zweifel zu riehen, und 
Hr» Roger selbst meint, dass Bonnafont ddch wohl im 
Irrthume sei, wenn er annimmt, dass in den sehr bösartigen 
Fiebern, wo sich ein eiteriger Ohrenfluss bemerklich maeht, 
die Eiterung unter den Meningen in der N&he des Scfaiftfen- 
beines begonnen und die Materie den eben erwähnten Weg 
genommen habe; yiel wahrscheinlicher ist wohl die Ansicht 
▼on Toynbee, welcher den umgekehrten Weg als den rieh- 
tigen beseichnet und den auch schon Morgagni, und später 
Berard, Kramer und dessen Uebersetser Moniere ange- 
geben haben. Lallemand hat noch einen dritten Weg ver- 
muthet : er nimmt nämlich an, dass beim Zusammentreifen von 
Meningitis und Otitis erstere lediglich die Folge einer Kon- 
gestion des Gehirnes ist, die gleichzeitig mit der GeflLssüber- 
füllung im Gehörorgane eintritt, so dass also beide gleidnei- 
tig entstehen/^ 

„Was nun die Prognose betrifft, so ist wohl keinem Zwei- 
fel unterworfen, dass bei der eben erwähnten KompKkation 
die Meningitis das entscheidende Moment bildet, und daas, 
wenn diese als eine einfache angenommen werden kann, die 
Prognose sich noch immer etwas günstiger stellt, als wenn 
Tuberkulose mit im Spiele ist. Bei ersterer lässt sieh eine 
Zertheilung der Entzündung und eine Resorption der Bnt- 
zttndungsprodukte allenfalls noch erwarten, während bei ^r 
tuberkulösen Meningitis dieses gar nicht zu erwarten ist Je- 
denfalls ist die Prognose stets eine äusserst bedenkliche und 
es wird Rettung gewiss nur selten möglidi werdent 

Die Behandlung richtet sich nach den Symptomen und, 
je akuter der Fall sich zeigt, desto entschiedener muss das 
antiphlogistische Verfahren eintreten. Blutentziehungen sind 
gewiss nothwendig, und dne gewisse Rücksicht bei ihrer An- 
wendung ist nur da erforderiieh, wo man anndiinen kann, 



«16 

4mB T«b«riaiio0e mitwirkead iat Die Bluiegei eu 2 bia 6 
weidea mm besten an 4it Maetoidfortafttee oder aa die Behlife 
angesetst und tieeb Umetindeii wiederholt Zegieiob wer- 
dem Binreibaogeii reo Merkamkalbe, die mit Beiladoonaex- 
«nkt venetzi iet, auf den ganzen Kopf geuoacbt. Will der 
KopfaehflierE oiekt oacUaaaeii, ae empfiehlt aioh, io die Nfthe 
dea bankeik Ohaea, auf die Siiro und die Sehlftfe reiaea 
Ohferofbm oder ein« L^kNing voa Cyaakttlium (30 Oentigramm. 
auf 39 6ramiBcn deatiUirten Waaaera) örtlieh eiDwirkeii sm 
iaaeen. Helfen 4ieae MiUel nicht, ao aiad Narkotica innerlich 
an geben mmi man bntaeht wahrlich auch nicht dea Opinim 
mn aebeuen, trotzdem man ihm die Wirkung zügeachrieben 
ba«, daaa ea die Kongeatfon dea Oehirnea noch eib(A«. 
¥on groaaer Wiobtigkeit endlich aind die Ableitungamittel auf 
dbn Darmkaml, die jedoch nur ala gute Mebenmittel aagf- 
neben wenden kö«nen/^ 

,^ der sweiten Periode, wo aidb aobon ISiter in der HOble 
der Aradmeidea und vieUeieht «uch in den Hirahöhien ange- 
eftmnelt btU und die Eraoheinimgen der Gehirnkompreaaion 
•iob bemerUkh machen , lätaat sich wohl noch von der Aa- 
weadttng iron Blaaenpflaatem im Naeken und aaf dem Kopfe 
etwaa erwarten. Daneben kann man allerdinga kühlende Qe- 
Mtnke geben, aber die Hoffnung auf Rettung dea Kranken iat 
aJadnim imflser eehr gering/' 

^,I>ie Hanptthftt^eit dea Anstea bei der Otitia bleibt immer, 
ih» Uebeolragnng auf die Gehimbtate ui verhüten , und eß 
'M immer «n groaaer Fehler, die Otatia, waa leider bei klei- 
naa Kindenn oft tvorkomiat^ gan« zu ahersehea oder für ein 
«snbedentendea Leiden zu halten^ welchea yjoq aelbat vorüber- 
geht. Wenn dfaa äuaaere Obr aehr entaündet iat und lebhafter 
flohraen eo wie etwaa Fieber aieb dabei l^ssert, ao iat ea 
aefaon noibwendig, einen bia zwei ßlutegel, je nach dem Alter 
dea Kmdea, ea den Maatoidfortaal« anzueeUen und die Kacb- 
blutung einige Zeit zu unterhalten. Auf daa Ohr aelbat wer- 
den erweichende Fomente gemacht und in den äuaaeren Oe- 
hOrgang mit mildem Oele befeuchtete Watte eingelegt; dabei 
werden innerlich milde Abführmittel gegeben. Geht die Ent- 
zündung dea Ohrea tiefer hinein, ao daaa man annehmen kann, 

8» 



116 

da88 das mittlere Ohr ergriffen ist, so muss man diesen anti- 
phlogistischen Apparat noch viel krftftiger anwenden und na- 
mentlich die Blutegel recht oft wiederholen/^ 

„Die Frage, ob bei katarrhalischer Entsflndang des mitt- 
leren Ohres das Paukenfell zu durchbohren sei, um dem Se- 
krete einen Ausweg zu verschaffen, ist vielfach erwogen wor- 
den; Kram er und Bonnafont sind dafür und empfehlen, 
nach der Punktion Einspritzungen zu machen, um die Pau- 
kenhöhle auszuspOlen. Bei Kindern ist dieses gewiss viel 
schwieriger als bei Erwachsenen, aliein man darf auch hier 
nicht zögern, wenn man die grosse Gefahr bedenkt, welche 
die Entzündung des mittleren und inneren Ohres, besonders 
die Anhäufung von Eiter in der Paukenhöhle, mit sich ftthrt.^^ 

„Bei chronischer Otitis, möge sie selbstständig oder in 
Folge einer anderen Krankheit aufgetreten sein, oder möge 
sie bei bereits vorhandener Karies sich zeigen, sind adstrin- 
girende Einspritzungen aus Tannin, Alaun u. s. w«, oder auch 
eine Lösung von Höllenstein anzuwenden, um fortwährend den 
Eiter auszuspülen. Die Innerlichen Mittel, die dabei in Ge- 
brauch zu ziehen seien, hängen von den Umständen des Falles 
ab. Bei vorhandener Skrophulosis oder Tuberkulosis wird 
man Leberthran geben, oder Ghinapräparate , oder Bisen/^ 

„In manchen Fällen von phlegmonöser Entzündung der 
Paukenhöhle haben sich Abszesse gebildet, welche sich ent- 
weder in die Eustachische Trompete oder in die Zellen des 
Mastoidfortsatzes ergossen haben. Soll man in diesen Fällen 
die Eustachische Trompete katbeterisiren oder den Maatoid- 
fortsatz anbohren, um den Eiter wegzuschaffen? Bei Kindern 
ist diese Operation sehr schwierig, ja fast unmöglich, da 
einerseits die Eustachische Trompete bei ihnen schwer zu 
erreichen ist, und andererseits der Mastoidfortsatz sich sehr 
wenig entwickelt zeigt. — Es möge diese Skizze genügen, um 
die Bedeutung der Otitis im Kindesalter bemerklich zu machen/^ 



in 

IV. Gelehrte GeseUschaßen und Vereine. 
Geburtshüliliche Gesellschaft in Dublin. 

Vortrag über Hjdrocephalus, dessen Diagnose, 

Prognose und Behandlung von Henry Kennedy, 

HospitalarzI (gehalten im Februar 1865). 

Zweimal sehon, m. HHrn., war die Aufmerksamkeit auf 
die Betrachtung des Hydrooepbalus hingerichtet. Das erste Mai 
spraoh ich von einer eigenthOmliohen Form dieser Krankheit, 
welche darin besteht, dass sie in einer späteren Zeh des Le^ 
bens, als der gewöhnliche Hydrocephalus, vorkommt, und zwar 
in dem Alter von 18 bis 25 Jahren, und dass sie einen sehr 
heiffltttekischen und schleichenden Charakter hat und gewöhn- 
Heh zum Tode fahrt. Da dieser Vortrag durch den Druck 
veröffentlicht ist, so brauche ich mich hier darauf nicht wei- 
ter einzulassen. Das zweite Mal wurden einige Fälle von 
Hydrocephalus vorgebracht, welche die Kindheit auch nicht 
betrafen und zur Genesung gelangten, obwohl die Umstände 
diese kaum erwarten Hessen. Zum richtigen Verständnisse des 
Hydrocephalus überhaupt muss ich noch einmal auf diese 
letztere Phas^ der Krankheit zurückkommen; jede Aufklärung 
ist von Wichtigkeit, da, wie zugegeben werden muss, diese 
Krankheit viele Opfer fordert. Ich erinnere mich sehr wohl, 
dass vor etwa zwanzig Jahren sie von mir und Anderen für 
hoffnungslos angesehen wurde; nach meinen jetzigen Erfahr- 
ungen halte ich sie auch noch für ein sehr bedenkliches Lei- 
den, aber sie erscheint mir etwas weniger ungünstig, da Heil« 
nngen vorgekommen sind und besonders, da diese Heilungen 
der richtigen Behandlung zugeschrieben werden müssen. 

Es handelt sich hier hauptsächlich um den Hydrocepha- 
lus aus skrophulöser Grundlage. Diese letztere ist oft deut- 
lieh nachweisbar, bisweilen aber auch nicht, und es ist als- 
dann schwierig, sie festzustellen. Es lässt sich nicht genau 
diejenige Konstitution angeben, in welcher der skrophulöse 
Hydrocephalus ganz besonders häufig ist, und es ist das um 
so mehr zu bedauern, als gerade vorzugsweise die Diagnose 



und Prognose darauf beruht und die Behandlung davon be- 
stimmt #ird. loh kab^ tahbt alf 2D Fftito UMk deiil Tode 
zu untersuchen gehabt und in allen Leichen ftind ich ausser 
den pathoilogischen Vet&iKlerottgefn im Gähimt' Aueh noch 
andere Organe erkrankt, und besonders die Lungen, die Leber 
and die Milz mit Tuberketablagerungen behaftet, wie es in 
der Kindheit gewöhnlich ist, aber auch bei Erwachsenen vor- 
kommt, und ich muss sagen, dass ich jetzt j^den Fall von 
Hydroeephalus gerieigt bin^ für öliie Folge von Skrophnlosis 
zu halten. Ich habe schon angedeutet, dtes die Prognose 
von der Ansicht abhikngig ist, di^ wir Ober die Naiur tieser 
Krankheit hegen, und einige Bemerkungen hierüber *nd Aber 
die Diagnose werden hier wohl an riehiiger Stelle seiti. 

Die Diagnose des Hydrooephalas ist oft, wie sügestendeii 
werden mues, recht schwierig. Ich spreche nicht von ^emf 
vollkommen ausgebildeten Hydrocephalus, den man wdail 
kaum verkennen kann, sondern von dessen frOberei» Periodes^ 
wo gerade die richtige Erkennung von grosser WiofatigkeM 
ist. Ich darf wohl voraussetzen, dass unter den Atfweseiifdeil 
wohl Keiner ist, welcher nicht Fälle von Wurmleiden oder 
scheinbarem gastrischem Fieber zu behandeht gebabi hau, 
m denen Symptome von Wassererguss im Oebirae einirateri 
und den Tod herbeiführten. Dieselbe Bemerkung gilt aoeh 
von einigen anderen Krankheiten der Kinder, namerftliob von 
Scharlach, Masern und Keuehbusten. Es ti'at dar Hyd!Foc«^ 
phalus hier sehr oft wider alles Erwarten bei aosobeiDenA 
gütstigem Verlaufe der Krankheit aaf, und es folgt daransy 
das6 der Arzt bei jeder ernsten Kinderkrankheit mit der 
Prognose sehr auf seiner Hot sein und den Verlauf atraDf 
überwachen miiss, und fragt man mich, ob diese ptotzliobc 
Veränderung in mild auftretenden odei* in itiehr sofawerea 
Fiebern sich häufiger zeige, so würde ich das Erstere mehr 
bejahen als das Letztere. 

Die Frage, die sich hier uns entgegenstellt« ist, wanlm 
und woher diese Veränderung zum Schieohten so plötslioh 
auftHtt, und ob wir im Stande seien, dieses vorherzusehen? 
loh antworte darauf, dass der Hydrooephalas in dieser Be- 
ziehung sich gerade so verhält, wie andere Affektionen, dass 



m 

Mine Sjinptonie variirel^ und daaa von den obaraktemtieehsten 
Merkmalen einige gaiw fehlen oder so «chwaeh markirt sind, 
dasa iie leiohi abetBehen werden. Man wird noch von dem 
Gedanken beherr^obt, da«8, wenn ein Qehirnleiden einCri^ 
aneb Erbrechen sich einstellt, aber obwohl dieses Zeichen 
sehr htafig ist, so ist es durchaus nicht konstant, und Der- 
jenige, welcher mit den pathologischen Veränderungen des 
Gehirnes in solchen Fällen sich vertraut gemacht hat, wird 
sogleich erkennen, warum das Erbrechen nicht immer da ist; 
üobt in allen Fällen nämlich ist das Gehirn selbst wesent- 
lidk mit in die Krankheit hineingezogen und auch der Ur- 
sfMrung dee achten llervenpaares belästigt worden. Daher 
kommt ea, dass, gerade wie die Pneumonie oder Perikarditis, 
auch der Hjdrocephabis eine lange Zeit latent bleiben kann, 
bevor, er sich ganz deutlich kund thui. 

Um uns zu einer wichtigen Diagnose zu verhelfen, — und 
ich kann hier nur diejenigen Fälle meinen, in denen die 
Diagnose dunkel ist, — glaube ich, dass man ganz besonders 
daran denken mus4, ganz genau zu erfahren, was mit dem 
Kranken in der Macht vorgehe. Alle Krankheiten sind in 
der Nacht zu Verstärkungen geneigt, aber bei Kindern wissen 
wir, dass der Schlaf theilweise durch seine Veränderung der 
Blutzirkulation im Gehirne im Gegensätze zu dem Zustande 
derselben während des Wachens herbeigeführt wird. Daher 
ist eine Krankheit, wie der Hydrocephalus, sehr geneigt, mit 
besonders aufifUligen Symptomen gerade zur Nachtzeit auf- 
zutreten. Ob meine Erklärung richtig sei oder nicht, will ich 
dahiuigestellt sein lassen ^ jedenfalls lehrt die Erfahrung, dass 
die 12 Stunden^ welche wir als nächtliche Zeit bezeichnen 
können, meistens den Aussehlag in der Diagnose geben. 

In die allgemeinen Symptome der Krankheit mag idi 
hier nicht eingehen; sie sind genügend von vielen Autoren 
beschrieben worden, namentlich durch Cbeyne, dessen vor- 
trefiniches Werk noch jetzt als eines der besten über diese 
Krankheit anzusehen ist Nur über 2 oder 3 Punkte will 
iah einige Bemerkungen machen. So habe ich in denjenigen 
Fällen, in denen, wie ich schon erwähnt habe, die Krankheit 
mit gaatrisehem oder sogenanntem Wurmfleber zu beginnen 



schien, oft Gelegenheit gehabt, eine aufiallende Aenderung im 
Typus des Fiebers wahrzunehmen, sobald die eigentliehen 
Gehirnsjmptome im Anzüge waren. Der Puls wurde ntUnKoh 
merklich stärker, die Haut heisser und die Zunge noch weisser. 
Das Fieber trat, wenn ich so sagen darf, viel entzündlicher 
hervor, — und zwar zeigte sich dieses, ehe noch vom Kranken 
ttber den Kopf geklagt wurde, — so dass ein solches Ereigniss 
den praktischen Arzt sehr wachsam machen muss. — Femer 
ist der Kopfschmerz, von dem wir wissen, dass er ein sehr 
konstantes Symptom der Krankheit ist, doch nidtii immer 
gegenwärtig, und ich habe mehrere Fälle gesehen, wo das 
Kind zuerst aber die Nackengegend klagte, bevor es zum voll- 
ständigen Hjdrocephalus kam. Es ist dieses ein Punkt von 
einiger Wichtigkeit, da hierdurch der Theil des Oehirnes an- 
gedeutet wird, welcher von der Krankheit gewissermassen in 
Angriff genommen ist, nämlich der Theil dicht am Pons Va- 
rolii und die obere Portion des Rückenmarkes, und da ferner 
unsere Behandlung dadurch nach dem Sitze des Uebels hin- 
dirigirt werden kann. Gerade dann, wenn der Schmerz in 
der Nacken gegend sich kundthut, finden wir sehr oft, dass 
das Kind mit dem Kopfe hintenüber gezogen liegt und ihn 
mehr oder minder steif hält. Ehe ich von der Erörterung 
der Diagnose des Hjdrocephalus abstehe, muss Ich noch auf 
einen Zustand aufmerksam machen, der jedenfalls grosse Aehn- 
lichkeit mit der hier besprochenen Krankheit hat, wenn er 
nicht die Krankheit selbst ist. Ich bin mit diesem Znstande 
schon seit lange vertraut, aber erst in neuerer Zeit darüber 
zu einer grösseren Klarheit gekommen. Ich meine nämlich 
hier eine Mischung von Typhusfieber, sich kundgebend durch 
das Typhusexanthem , mit sehr deutlichen Gehirnsymptomen. 
Zu manchen Zeiten waren Fälle der Art sehr häufig vorge- 
kommen, und ich will als Beispiel zwei davon schildern. 

Erster Fall. Fitzgerald, 7 Jahre alt, aufgenommen im 
März 1863 mit dem schwersten Fieber, wie es nur vorkommen 
konnte; Zunge trocken wie ein Brett und die Lippen mit 
Sordes bedeckt. Hierbei hatte der Knabe alle Symptome von 
Hydrocephalus ; nur Erbrechen fehlte. Er hatte erwdterte 



»1 

PüpiHeii, un4 iwiir eine mclir ab die andere; daM SeafreS) 
ZAhnekniraoheB und Schielen. Endlioh traten KonTuMonen 
eiii und es erfolgte der Tod. 

Zweiter Fall. Im Juli 1855 wurde ein Knabe von 
10 Jahren in das Dans-Hospital gesendet. Als ich ihn zuerst 
aah, hatte er ein sehr schweres Fieber und die Haut voller 
Typhusfleoke. Er lag gans sUU da und war schwer zu er* 
wecken; seine Stirn hatte ein eigenthfimlich gerttnaeltes An- 
sehen und sein Stöhnen deutete auf den Kopf. Seine Pupillen 
waren beide erweitert, Puls schnell, Dannausleerung schw&n- 
lidi, dann und wann ein sehr deutliches hydrooephalisches 
Aafsehreien, aber kein Erbrechen, kein Knirschen mit den 
Zfthnen. Es soll hier nur noch mitgetheilt werden, dass der 
Knabe nicht starb, sondern zur Genesung kam, obwohl sehr 
langsam, indem die Papillen allm&hlig ihre runde Form und 
normale Reaktion wieder annahmen. 

Der folgende Fall sohliesst sich dem eben mitgetheilten 
in gewissem Betrachte noch an. 

Dritter Fall. C, 10 Jahre alt, im November 1855 
aufgenommen. Der Knabe hatte einen ganz regelmässigen 
l^phus durchgemacht; seine Haut hatte die Typhusflecke und 
aus Lippen und Zahnfleisch schwitzte Blut aus. Etwa zwei 
Tage später traten Zeichen von Oehimleiden ein; der Knabe 
klagte ttber seinen Kopf und kreischte manchmal auf; der 
bis dahin schnelle Puls (lel bis auf 60. Aus diesem Zustande 
erhob er sich sehr langsam; Erbrechen war auch in diesem 
Falle nicht vorhanden. 

Sehr viele ähnliche Fälle könnten noch mitgetheilt wer^ 
den, aber die eben berichteten genagen wohl fttr meinet 
Zweck. Sie zeigen, dass während des Verlaufes des Typhus- 
flebers Symptome eintreten können, die eine grosse Aehn- 
tickheit mit denen des Hydrocephalus haben. Der Unterschied 
Hegt nur darin, dass nicht immer ein tödtlicher Ausgang folgt, 
sondern dass die Mehrheit zur Genesung gelangt, was beim 



in 

HydroeeplMiki« umgekehrt ist. I«h kann nur aDttebmeO) daM 
bei erftterec Krankheit, n&mlicb beim TyphuB^ das einge- 
druDgene Gift, welches doch nicht abgeleugnet werden kann, 
im Organismus eine Revolution hervorruft, die die Tendenz 
xan Hydroeephalus überwindet, und dass eine solche Tendenz 
in diesen Fällen vorbanden ist, erscheint mir nicht zweifelhaft. 
Wenn nun wirklich hier die Diagnose des Hydroo^halus 
festgestellt ist, wie ist dann die Prognose? Muss sie nothr 
wendigerweise als sohlecht angesehen werden oder sind 
Ghründe vorbanden, warum wenigstens in einigen Fällen bes- 
sere Hoffnung zu hegen sei? Ich glaube diese Frage bejahen 
au müssen und ich kann meinerseits nicht zweifeln, dass ich 
m<lhrere Fälle gesehen habe , wo die ^anz deutlich markirte 
Kfankheit doch mit Genesung endigte; ich werde am Sehlasse 
einige Fälle der Art mittheilen. Zugegeben also, dass solche 
Fälle vorkommen, so ist die Frage: wie sie zu erkennen seien» 
oder mit anderen Worten, wodurch die günstige Prognose 
vor der ungünstigen sich begründen lasse? Ich habe hier 
Bwei Anhaltspunkte vorzugsweise zu nennen, und zwar zuerst 
der durch die Dauer der Krankheit gegebene, der darin be- 
steht, dass, je länger die Krankheit vor Eintritt der Gehirn- 
Symptome angedauert hat, desto schlimmer das Resultat ist. 
Aus dem bisher Mitgetheilten ersieht man, dass die Krankheit 
wesentiioh eine konstitutionelle ist, und obwohl ich aus den 
Ldehenuntersuchungen den Beweis nicht führen kann, so 
habe ich doeh die feste Ueberzeugung, dass in vielen Fällen 
die anderswo vorgegangenen Veränderungen die Gebirnkrank- 
heit gewissermassen eingeleitet haben oder, mit anderen Wor- 
ten, dass das Gehirnleiden bloss das Ende eines lange vorher 
vorhandenen Krankheitszustandes ist Hieraus ergibt sich die 
Wichtigkeit, in einem gegebenen Falle alle vorher stattge- 
habten Umstände und BreigniBse im Kinde zu ermitteln. Ich 
■NMS sagen, daes ich diese Ermittelung für viel besser zur 
Feststdlung der Prognose halte, als irgend ein besonders auf- 
Mlendes Symptom. Da dieses jedoch nur ei« allgemeiner 
Grundsatz ist, den ich hier aufstelle, so ist es mir nickt mög* 
lieh, in alle Einzelnheiten genau einzugehen^ und ich will nur 
bemerken, dass Abmagerung, Appetitmangel, wandernde 



tS3 

SAmeneBy Störaüg^n im DanükaHale und vor AHen die ge- 
ririgsle ÄDdeiitiing eme$ Hwiene die wiehttgsteD Byrnpione 
tiad^ dmA denen wiv su duehen haben. Belbet iin HospHale) 
w0 wit Letten in der Lage sind, Ober die Yeigangenbeit dee 
KrankeD genaa^ und siirtiere Ke&ntniss zu erhsgefi) «itliaUl 
«08 ein einiger Blick auf den Kranken aekr viel. Br zeigt 
«ne die Forin des Thorax und die aligeaMine OeeiaUnng des 
Kdrpei8) ferner die kteinen Merkaeieben, welabe die dkropbu^ 
l6ee oder taberknlöee Dieposkion bezeieknen, die gerade beioi 
HjdrdcepbalDe die wiofatigste Rolle spielt. Im Allgemeinen also 
glaube ich, dass, wenn Oehimajmptome ganz obarakleriali« 
scher Art bei einem Kinde eich äussern, welches sonst ganz 
gesimd ist oad bis dahin keines vom den Symptomen gezeigt 
hall, die eben von mir angegeben wotden sted, wir eine bee« 
s^re Ftognose stellen kennen ab da^ wo es sich aaders ww- 
kBit 

I^ wiU nur aocb einige Bemerkuagen ttbei die Behaad^ 
lang kiazuftlgen. Es wird dieses am besten durah kurze An« 
fllkrong ensiger klinischer FftHe sieb machen lassen. 

Vierter Pall^ Dieser Fall ist der einzige von akuieff 
Araehoftis des Gehirnes, den iöh bei Kindern wahrgenommen; 
ieh flihre ihn deskalb an^ weil er einen auflüi^UeDdea Kontrast 
ml den folgenden Fallen bildet and meinen fr ttberen Angaben 
zur Stmze diemt« — Ein habsch gestalteter Knabe voa 3 Jahren 
soll einen heftigen Fall gethan haben und klagte drei Tage 
Baehher aber Kopfweh. Der Kopfsohmerz nahm rasch uk 
uod es steUte sich heftiges Erbrechen ein. Zwei Tage, bevor 
der Knabe Ober den Kopf zu klagen begann, war er gaaa 
still und trabselig gewesen« Eine sehr eingreifende Behand- 
lung hatte nur wenig Erfolg; am 2. Tage, nachdem das Er^ 
brechen eingetreten war, vetflel das Kind in Konvukttonen 
aad starb am 4. Tage^ Die Unlersaehung Migte eine Menge 
reinen Biters, be#ondert in den vorderen Lappen des Oehirnes, 
uad zwar an 4w einen Seite mehr, als an der anderen« 
Mehrere kleine Bliltklumpen gewahrte man beim Durchschnitte 
des eefeimes; etwas trttbe FlOssigkeit fi»nd sich in den Him^ 
h4rtiten. 



134 

Pttofter Fall. Bin Knabe von llJahren wurde, naeh- 
dem er sich etwa 8 Tage unwohl befunden hatte, in das 
Hospital aufgenommen. Eine Behandlung hatte bis dahin 
nicht stattgefunden; alle Symptome des Hydrocephalus im 
zweiten Stadium waren vorhanden; die Pupillen sehr erwei- 
tert, besonders die linke; Puls 64. Die Krankheit ging in 
das dritte Stadium über und es folgte der Tod. Ich erv^ähne 
diesen Fall nur deshalb, weil er der erste gewesen war, an 
den ich nodi einige Hoffnung knüpfte; er verlief allerdings 
tödtlich, aber der Kampf hatte sehr lange gedauert. Dieser 
Fall datirte sich vom Jahre 1841. 

Sechster Fall. Ein Knabe von 9 Jahren fing an su 
fiebern, klagte dann Ober Kopfsehmerz und konnte eine Be- 
wegung des Kopfes nicht ertragen. Seine Augen waren wie 
verschwommen und das Licht war ihm sehr peinigend. Er 
hat zwar einmal sich erbrochen, aber das Erbrechen war 
kein hervorragendes Symptom. Dass das Gehirn sehr einge- 
nommen war, war nicht zu bezweifeln, und der Fall war um 
so bedenklicher, als zwei Kinder derselben Familie schon an 
Hydrocephalus gestorben waren. Es veranlasste mich dieses 
zu einer sehr aktiven Behandlung; dreimal in 36 Stunden 
Hess ich Blutegel ansetzen und wendete noch andere sehr 
eingreifende Mittel an. Die Folge war, dass die Oebirnsymp- 
tome nachliessen, und am 11. Tage konnte ich den Knaben 
für gerettet erklären. Seine vollständige Genesung zog sich 
aber sehr in die Länge. Dieser Fall datirt sich vom Jahre 
1844, und ich moss heute erklären, dass ich jetzt mit der Be- 
handlung etwas massiger sein würde; der Knabe blieb, wie 
gesagt, sehr lange Zeit schwächlich, obwohl er jetzt ein sehr 
kräftiger Mann ist. 

Siebenter Fall. Im Jahre 1849, zu einer Zeit, als 
viele Fälle von Hydrocephalus vorkamen, wurde ein 6 Jahre 
altes Mädchen mit allen Symptomen dieser Krankheit in das 
Hospital gebracht. Es schien diese im zweiten Stadium sich zu 
befinden. Das Kind hatte eine merkliche Steifigkeit deft Nackens 
und lag mit dem Kopfe hintenüber gebogen; die Pupillen 
waren erweitert, eine mehr als die andere, und das hydroce- 



m 

phalisebe AufechreieD war aiobt su verkennen; Puls loiigaain 
und ea seigten aich Krampfanfiüle an einer Seite. Ich gestehe, 
daas ioh diesen Fall für hoffnungslos hielt und ich war nicht 
wenig verwundert, als ich nach zehntägiger Andauer dieser 
Symptome eine allmählige Besserung eintreten sah. Die In- 
telligenz wurde klarer, das Stöhnen, Aufkreischen und Steif- 
sein des Nackens verschwand und endlich folgte Genesung. 

Aehter Fall. Ein Knabe von 6 Jahren hatte bei seiner 
Aufiaahme in das Hospital alle Zeichen von Wasser im 6e- 
hiroe. Anoh hier trat Oenesung ein. 

Neunter Fall. Dieser Fall bat, obwohl er zuletzt tödt- 
Hch ablief. Vieles, was mich veranlasst, ihn zu erwähnen. 
Im Januar 1855 wurde ein Mädchen von 12 Jahren mit allen 
Zeichen von Wasser im Gehirne aufgenommen. Sie hatte 
ein viel lebhafteres Fieber, als es sonst in solchen Fällen da 
SU sein pflegt, aber sie klagte fortwährend über Kopfschmerz; 
ihre Pupillen waren bis auf das Aeusserste erweitert und die 
vorhandene Blindheit war nicht zu verkennen; auch war Er- 
brechen vorhanden, ferner das charakteristische Aufkreischen; 
Harn und Koth machte das Kind unter sich. Dennoch er- 
holte es sieh aus diesem Zustande, — aber wie die Gehirn- 
ajmptome verschwanden, traten Affektionen der Lungen und 
des Bauches hervor, welche aller Abwehr ungeachtet nach 
einigen Wochen den Tod herbeiführten, und ich kann nicht 
zweifeln, dass Tuberkulose in beiden Höhlen die Ursache ge- 
wesen ist. 

Dieser Fall ist in der That bemerkenswerth und er ist 
der einzige, in dem ich die Tuberkulose diesen Gang habe 
maeben sehen. Ich will nur noch den folgenden Fall mit- 
theilen. 

Zehnter Fall. Ein M&dehen von 12 Jahren wurde vor 
Kurzem in das Hospital gebracht; es war fUr sein Alter ma- 
ger und schmächtig und litt zu der Zeit am Typhus, der 
diireh die charakteristischen. Flecke sich deutlich kund that; 



t0S 

das Oehirn war sehr eiBgeaoaiBMn. Grosse Cmrake, IMirisii, 
fortw&kreades Aufkreisohen waren die Beweise. Dieser Zo- 
stand dauerte Itoger als sonst, Hess «iber endHoh nach «od 
alle Symptome des Tjphos verloren sich, so daas die Kleine 
schon aufensteben verlangte. Nun aber fing sie an aber 
Koprschmerz za klagen, besonders in der Stirngegend, «od es 
verband sich damit ein iBeberhafter Zustand; der Puls war 
beschleunigt, die Haut heiss; die Zunge belegt. Bald auch 
kamen alle Symptome von GFehimwassersuöht sum Vorseheine. 
Der Puls Änderte sich allmftblig; die Papillen erweiterten sieh ; 
die Kranke lag stumpf und anscheinend vollkommen taub da 
und das eigenthamliche Aufkreisohen hörte man fortwährend; 
die Arme waren steif, obwohl nidit in bedeutendem Grade, 
aber keine Konvulsionen zeigten sich. Obwohl sie schwierig 
schluckte, so verlor sich dieses Vermögen dodi nicht ganz. 
Aus diesem Zustande, der etwa 9 Tage andauerte, erhob sie 
sich allmählig, und sehr interessant war es, die tAgUdie Bes- 
serung zu beobachten. Die Erweiterung der Pupillen war 
das letzte Symptom, welches sich verlor, und selbst als die 
Kleine das fiospital verliess, waren diese nooh sehr trftge. 
Vom Beginne der Oehimsymptome bis zur Entlassung der 
Kranken aas dem Hospitale war eine Zeit von 5 WoolMn 
vergangen. Es war dieses ein Fall von grossen Interesse; 
er wnofcs so zu sagen unter «nseren Augen auf und «rreMite^ 
eine Höhe, von der nur wenige gerettet werden. 

Ich glaube nun woM genug angefahrt zu haben ^ shbi za 
zeigen, dass wir bessere Hoffiiung hegen können, als gemrUhm- 
lieh gelehrt wird. Jedenfalls dürfen wir nicht verzagen, selbst 
wenn der Hydrocephalus das höehste Stadium erreieht zu 
haben scheint. Was nun die Behandlung betrifik, ao 
glaube ich, dass, wenn die Krankheit frih genug zur Beob- 
achtung kommt, auch sehr viel ausgerichtet werden kann, 
aber um Erfolge zu gewinnen, muss die ärztliche Einwirkung 
auch eine sehr strikte und konsequente sein. Kaum irgend 
eine andere Krankheit erfordert dieses so sclir, als der dBy- 
drocephalus; jede Vemaehlftssignng oder Zögenng veraebaffi 
der KrarfdieM mehr «rand nad Boden. Bhitegsl «n den Empt 



ist 

oder in den Nacken dürfen eigentlich nie unterlassen werden ; 
die Zahl der anzusetzenden Blutegei ist verschieden Je nach 
den Umstftnden dee Ftiiles, und tch glaube geflindeil zu haben, 
dasa zweimal eine kleine Anzahl besser wirkt, als einmal 
eine grosse. Neben der örtlichen Blutentziehung sind Abführ- 
mittel in Anwendung zu bringen, uud zwar empfiehlt sich die 
von Gheyne angegebene Mischung von Kalomel mit Jalape. 
Blaaenpflaster sind hoth wendig, sobald die Zeit dazu gekom- 
men ist; dann aber werden sie gehöng angewendet, und es 
lohnt sich dann nicht, ein Blasenpflaster von kleinem Umfange, 
etwa von der Grösse einer halben Krone, aufzulegen, sondern 
der ganze Kopf muss damit belegt werden {lei the rvhole 
head be hlistered) \ die offene Stelle wird mit reizender Salbe 
verbunden. Nur das hat Wirkung. 

Diese Massregeln sind nicht neu, und indem ich sie wie- 
der empfehle, glaube ich etwas hinzufügen zu müssen, was 
vielleicht überraschen wird, was ich aber gerade als einen 
Gewinn meiner Erfahrung betrachte. Während ich die eben 
angegebenen Mittel anwende, gebe ich innerlich Wein, und 
zwar im Verhältnisse zum Alter des Kindes; hierzu bin ich 
nach und nach gekommen und ich kann den Nutzen bestäti- 
gen. In allen Fällen, die glücklich endigten, verfuhr ich auf 
diese Weise, und im letzterzählten gab ich 6 Unzen Wein 
täglich 12 Tage hintereinander. Ich will nicht behaupten, 
dass der Wein allein den glücklichen Erfolg gebracht, aber 
ich zweifle nicht, dass er ausserordentlich viel dazu beigetra- 
gen hat. Der Wein muss gegeben werden so früh, als nur 
irgend die Symptome es gestatten. Er dient dazu, den Or- 
ganismus aufrecht zu erhalten , während wir die kräftigsten 
Antiphlogistica anwenden. Beides zusammen bildet nach mei- 
ner Ansicht die richtige Medikation. Das Kalomel gebe ich 
nur als Purgans, selten als Alterans; dazu passt das Jod- 
kalium besser. Zu jeder Dosis dieses letzteren Mittels setze 
ich einige Tropfen Tinctura Digitalis hinzu, um die Diurese 
zu befördern. 



1S8 



Aus den VerhaDdluDg^en der Akademie der Medizin 
zu Paris in den Jahren 1860- 1864. 

(Fortsetzung.) 

Frühzeitige Vaccination. 

Bei Gelegenheit eines Berichtea de« Herrn Depaul 
aber die in Frankreich während des Jahres 1860 statt- 
gehabten Vaccinationen wird Bezug genommen auf die auch 
in dieser Zeitschrift mitgetheilte Diskussion in der Gesell- 
schaft der Hospital&rzte zu Paris über die Vortheile und 
Nachtheile der frühzeitigen Vaccinatlon. Nach Hrn. Depaul 
ist diese nicht gefährlicher als die nach dem dritten Monate 
des Lebens yorgenommene. In Privatkreisen könne die Vac- 
oination später gemacht werden, aber in den Hospitälern, 
Waisenhäusern, Kinderpflegeanstalten, kurz überall, wo viele 
Kinder beisammen sind, gewähre die Frühvaccination einen 
grösseren Schutz gegen Pockenansteckung und verdiene den 
Vorzug. — Hr. Roger meint, dass Brjsipelas nach der 
Frühvaccination allerdings nicht selten ist, aber es sei 
mehr der zu grossen Zahl von Impfstiohen zuzuschreiben als 
dem zarten Alter; schon Legroux habe verlangt, dass man 
sich bei ganz kleinen Kindern mit einem einzigen Impfetiche 
an jedem Arme begnüge. 

Ueber Chlorose und Anämie bei Kindern. 

Eine Abhandlung über diesen Gegenstand unterliegt einem 
Berichte des Hrn. Bouillaud, welcher im Namen einer 
Kommission^ zu der auch Blache und Barth gehören, Fol- 
gendes bemerkt: 

Obwohl die Krankheit, die man Chlorose nennt und mit 
der so oft Anämie verbunden ist, häufig in unserer Akademie 
besprochen worden ist, so ist doch noch viel über diesen 
Gegenstand zu sagen. Zuvörderst spielen diese beiden patho- 
logischen Zustände sowohl in diagnostischer als therapeuti- 
scher Hinsicht eine grosse Rolle; sie werden oft verkannt, 
vermischt, mit eigentlichen organischen Krankheiten, ja mit 



12» 

BhitkoDgestioiien und BntoflDduogen verwechseH, so dasi 
jeder Beitrags der sa einer grösseren Klarheit fahrt, willkom- 
men sein inu«s. Hr. Nonat hat sich folgende 11 Fragen 
gestelll: 1) Was ist Chlorose? 2) Unterscheidet sie sieh 
von der An&mie? 3) Welches sind die unterscheidenden 
Charaktere dieser beiden KrankheitszusUtnde? 4j Oibt es 
wirklich zwei Varietäten der Chlorose: eine idiopathische und 
eine symptomatische? 5) Ist die Chlorose ausschliesslich 
dem weiblichen Oeschlechle eigen? 6) Kann die Chlorose 
die Folge einer UnterdrOokung oder Zurflckhaltung der Men- 
struation sein? 7) Ist es wahr, dass die Chlorose eine ģfek- 
tion der Pubertätszeit ist? 8) Kommt Chlorose bei Kindern 
▼or? 9) Welchen Binfluss hat die Chlorose auf die organi- 
sehe Entwickelang und Konstitution? 10) Welchen Einfluss 
hat umgekehrt die organische Entwickelung auf die Chlorose? 
11) Bndlieh: gibt es eine spezifische Behandlung der Chlorose? 
Hr. N. definirt diese folgendermassen : Die Chlorose ist 
eine Krankheit, welche sich funktionell durch Verminderung 
der Kraft der Blutbereitung und anatomiscfa durch eine 
Verminderung des Verhältnisses der Blutkagelchen charakte- 
risirt. Die Kommission ist mit dieser Definition nicht ganz 
zufrieden; sie nimmt den ersten Satz gerne an und findet ihn 
mit den Prinzipien und den gewonnenen Thatsachen über- 
einatiffimend, aber sie glaubt, dass der zweite Satz yerwerflich 
sei, weil er etwas sehr Unbestimmtes ausspreche, indem man 
nicht wisse, was man unter „Kraft der Blutbereitung'' 
eigentlich zu verstehen habe, und es nicht rathsam sei, ohne 
Noihwendigkeit die Zahl der im Organismus spielenden Kräfte 
noch zu vermehren. Abgesehen hiervon hat aber Hr. N. sehr 
lehrreiche und interessante Betrachtungen über dfe verschie- 
denen Grade der Olobulation des Blutes in den verschie- 
denen Thieren und auch beim Menschen nach Öeschlecht 
and Alter aufgestellt; nur die Kindheit hat er nicht dabei er- 
wogen, weil wir hier der Analysen noeh ermangeln, die uns 
gestatten, das normale Verh&ltniss der BlutkQgelchen festzu- 
stellen. Der Berichterstatter bemerkt dann, dass Hr. K. alles 
Mögliche gethan hat, um die Fragen zu lösen, die er sich 
selbst aui^estelH hat, und er lobt ihn dafür, dass er die Chlo- 

XLVL 1S66. 9 



130 

rose von der An&mie streng unterMheide^ und da«« er, guie 
gegen die allgemeine Annahme, dieChloroae dem weiblielMii 
Oesohleebte nicht als ansschlieaslich zukommend eraohtet und 
«ie auch durchaus nicht für die Folge der Unterdrückang 
oder Zurückhaltung der Menstruation ansieht. 

Die sechste Frage f ob die Chlorose nur eine Affektioa 
der Pubertätszeit sei, verneint Hr. N. ganz entschieden, und 
in der That gibt es Beobachtungen genug, welche beweisen) 
dass die Chlorose in allen Altern yorkommt; Hr, Monat fügt 
sogar hinzu, dass, ganz gegen die gewöhnliehe Ansicht, diese 
Krankheit im Kindesalter häufiger sei als in den anderen 
Lebensaltern; er stützt sich dabei auf eine neuere Arbeit von 
Marohand und Chenveau, welche behaupten, dass das an* 
haltende pustende Geräusch, sogenannte Nonnengeräuseh der 
Halsarterien, welches sich bei jedem Pulsschlage veratörkt^ 
nicht eine abnorme, sondern eine normale Erscheinung bei 
Sondern ist, und der Berichterstatter bemerkt, dass, wenn er 
dieses auch zugibt, er doch diese Erscheinung nicht fillr ein 
pathogttomonisches Zeichen desjenigen Zustande« des Blutes 
Misehen kann, den man mit dem Ausdrucke Chlorose, Anä- 
mie oder Chloro- Anämie bezeichnet hat, sondern glaubt vielr 
mehr, dass das Blut der Kinder, vermöge «einer eigenthüm- 
liehen Zusammensetzung, gewisse Bedingungen gewährt, wei* 
che fittr das Zustandekommen jenes Oer&uache« in gewi8«en 
Arterien, namentlich in den Karotiden und in den Subklavial* 
arterien, sprechen. Wie dem aber auch sei, so steiles naob 
dem Berichterstatter die Chlorose und die Chloro-Anämie der 
Kinder, wenn sie in geringem Grade vorhanden sind, weniger 
eme wirkliche Krankheit dar, als vielmehr einen Hitteluistand 
zwischen Gesundheit und Krankheit, und er möchte deshalb 
sie mehr als Temperament als Körperanlage beaeicbnen. 
Hr. N. scheint das auch anzunehmen, indem er mehrmals die 
Chlorose als eine besondere organische Disposition bezeichnet^ 
welche manchen Individuen, die man als chlorotisch ansieht, 
von Geburt an eigenthümlich ist. Die Chlorose ist also ein 
angeborener Zustand und vorzugsweise durch Erblichkeit ge- 
wonnen. 

Hr. N. belichtet fünf Fälle von Chloroae bei Kindern 



131 

gus tuflfbhrlidi^ die Gesanintoabl der von ihar seit 1868 
geMtmiiielteD BeobaebtauigeD betittgt 68 und aus dieaen Be- 
obeehtaDgeD »eht er folgende Schlüsse : 1 ) Di& Chlorose 
komml in der Kindheit vor und man triül sie schon in den 
ersten Monaten des Lebens (er hat 4 Fälle bei Kindern, die 
Doeb nicht 1 Jahr alt waren). 2) Die Chlorose ist bei Kin- 
dern beider Oeachleohter häufig. 3) Sie ist aber bei Mäd* 
eben häufiger als bei Knabeo (unter den 68 ehioro tischen 
Kndem waren 41 Mädobcn und 27 Knaben). 

Indem der Beriohterslatter die yersohiedenen Paragraph* 
durchgeht, in denen Hr. Nonat über den gegenseitigen Einfluss 
der Chlorose auf die organische Entwickelung und diese Entr 
Wickelung auf den chlorotidchen Zustand sich ausspricht, 
stimmt er den therapeutischen Schlüssen bei, zu welchen der 
Autor gelangt. Die Lehre des Hrn. Nonat kommt auf fol- 
gende einfache Sätxe hinaus: 

1 ) Die Chlorose besteht anatomiseh in einer Verminder« 
nag des normfeilen Yerhältnissea der Blutkttgelchen und pby* 
•iotogiscb io einer Schwächung der Hämatose, so dass niebt 
ein voUkomroen kräftiges, mit reifen BlutkQgelchen versehenes 
BInt bereitet wird. 

2} Die Chlorose ist von der Anämie formell verschieden« 

ä) Die Chlorose ist nicht eigentlich eine Krankheit, son« 
dern eine angeborene Art und Weise der Biutbeseitungi die 
Mh ¥on der Blutbereitung anderer ladividuen ebenso unter-» 
scheidet wie Bildungsschwäche von grösserer Kraft des 
Bildang. 

4) Die Chlorose kommt awar bei beiden öesohlechtera 
vor, aber sie ist häufiger beim weiblichen als beim man»- 
lieben. 

6) Sie ist keines weges die Folge der Unterdrückung 
oder des Zurückbleibens der Menstruation, sondern weit öfter 
deren Ursache. 

6) Sie ist nicht eine Eigenthümlicbkeit des Pubertätsalters, 
sondern kommt m allen Altersperiodeu vor. 

7) 'Sie ist sehr häufig im Kindßsaller, wo sie bis jetet 
noch nicht genug siodirt worden ist« 

8) Das Bisen ist durchaus kein eolches Speaificum fegen 

9» 



1^2 

die Chlorose, wie etwa der Mericur gegen die Syphilis oder 
die diinarinde gegen das Weckdelfleber. Dennoeh aber sind 
die Eisenpräparate gegen die Giiiorose in Anwendung bu brin- 
gen, da wir bis jetzt kein anderes Mittel besitsen, welches 
so wolilth&tig auf dieselbe wirkt. 

Enthält die Arbeit des Herrn Nonat aueh nichts Neues, 
so ist sie, wie der Berichterstatter meint, doch immer als 
eine sehr werthvolle zu betrachten, indem sie auf gewisse 
Punkte aufmerksam macht, welche in der Lehre von der 
Chlorose bis jetzt nicht genüg hervorgehoben sind. 

Ueber eine mit Hemeralopie verbundene, bisher 
noch nicht beschriebene Veränderung der Kon- 
junktivs. 

Unter dieser Ueberschrift hat Hr. Bitot, Prof. der Ana« 
tomie an der medizinischen Schule zu Bordeaux, eine Ab- 
handlung eingereicht, aber welche die HHrn. Larrey, Bo- 
ger und Oosselin Bericht abstatteten. — Hr. B. bezieht 
sich auf einen am 15* Juli 1862 in der Akademie von Hra. 
Oosselin abgegebenen Bericht über eine Arbeit des 
Dr. Despons, betreffend die Behandlung der Hemeralopie. 
Hr. Oosselin hat damals die Verbindung einer katarrhali- 
schen Konjunktivitis mit der Nachtblindheit hervorgehoben. 
Diese Störung wird gewissermassen als abhängig von der 
Reizung der Augenlider angesehen und es lässt sich damit 
auch das epidemische Vorkommen der Krankheit und ihr 
häufiger Rückfall erklären. Auch Hr. Bitot hat die Absicht, 
den Zusammenhang oder wenigstens das Beisammensein der 
Hemeralopie mit einer Erkrankung der Konjunktiva nachzu- 
weisen; aber es ist nicht die von Hrn. Oosselin früher be- 
zeichnete Konjunktiva der Augenlider, sondern die des Aug- 
apfels, welche der Sitz dieser Erkrankung ist, die nicht in 
einer Entzündung besteht, sondern in einer an einander ge- 
drängten Oruppe kleiner glänzend weisser Punkte, die wie 
ein silberartig oder perlmutterartig schimmernder Fleck neben 
der durchsichtigen Hornhaut erscheint. Bis jetzt ist hierauf, 
wie Hr. B. behauptet, noch nicht aufmerksam gemacht wor- 



438 

Aro. Bk«t im Hoepis für hfiMose und verlasseoe Kinder in 
Bordeaux hatte Hr. B. C^legenheit, genaue Beobachtungen 
aber die Hemeralopie anzustellen, welehe bis dahin der Auf- 
merksarokeit oder wenigstens der Berttcksichtigung in der 
genannten Anstalt gans entgangen war. Im J. 1859 wurden 
ihm vier kleine Knaben rorgestellt, welehe nichts mehr zu 
sehen vermochten, sobald es Abend wurde; diese Nachtblind- 
heit erregte sein Interesse: er bemflhte sich von da an, 
die Ursache bu ermitteln, und kam sehr bald auf die er- 
wähnten perlmuttergl&nzenden Punkte der Konjunktive. An- 
^g* glaubte er nicht, dass diese Veränderung mit der He- 
meralopie etwas zu thun habe, aber das beständige Vorkom- 
men derselben wurde ihm zuletzt ein pathognomouisches 
Zeichen der Nachtblindheit, und in der That fehlten sie in 
keinem einzigen Falle. Nach und nach waren ihm nach den 
erwähnten vier Knaben noch 25 Kinder mit demselben Fehler 
vorgekommen und er hatte nun Gelegenheit, diese Krankheit 
genau su studiren. 

Mit den meisten Autoren nimmt er auch zwei Grade von 
Hemeralopie an, je nachdem die Blindheit vollständig ist oder 
noch die Gegenstände in dunklen Umrissen erkannt werden. 
IHe vollständige Nachtblindheit fand sich besonders bei Mäd- 
chen, die unvollständige häufiger bei Knaben. Von letzteren 
Mirt er 15, von ersteren (Mädchen) 10 Beobachtungen an. 
Die Knaben waren alle in dem Alter von 9 bis 16 Jahren, 
die Mädehen in dem von 8 bis 18 Jahren. Wir wollen nur 
einige wenige Fälle genauer anführen, welche genügen mögen, 
da die übrigen ihnen so ziemlich ähnlich sind. 

t) Sebastian V., 16 Jahre alt, ein Findling, von lympha- 
tisch-sanguinischem Temperamente, ziemlich kräftiger Kon- 
stHation, fast immer gesund, auf dem Lande erzogen und bei 
einem Sehneider in die Lehre gegeben, wurde am 29. Juli 
1859 in die Anstalt gebracht, weil er an unvo4lständiger He- 
meralopie litt. Sowie die Sonne unterging oder der Tag zu 
ESnde war, konnte er die Gegenstände nicht mehr recht unter- 
scheiden; sie erschienen ihm wie mit einem Nebel umhüllt 
und er konnte nicht mehr arbeiten. Die Untersuchung der 



flSft 

Augen ergab a4if beiden Augäpfeln, auete» an 4er Hornhavl, 
kleine lusammengedrängte weisBliehe Erhebungen, weMe 
einen perlmutterartig glänzenden Fleek von dreteekiger Fom 
bildeten, der mit «einer Spitze nach dem ftussere» Augeii^ 
Winkel, mit seiner Basis naeh innen siand und der Hoirnhaat 
parallel und von ibr nur 1 Millimet. entfernt war; er naaes 
in horizontaler Richtung 8 und in aenkrechter RiohtuDg 5 
IfilHmet. Auf der inneren Seite der Hornhaut fand naan auf 
dem linken Augapfel keinen Fleck, dagegen auf de« rechten 
dnselbst auch noch einige tthnliehe Punkte, auseer di^emi 
Veränderungen zeigte der Knabe noch einen gana dentlieben 
Arcus senilis. Im Verlaufe eiqes Monates war er geh«Ut. 

2) Casimir B., 14 Jahre alt, sanguinisch, Sehneiderlahrling, 
am 31. März 1856 aufgenommen, leidet an unvolletandiger 
Hemeralopie. Auf der Bindehaut de« rechten Augapfels aueaen 
von der Cornea sieht man deutlich einen eben solchen Fleok, 
wie im vorigen Falle. Der Fleck ist auch dreieckig nad 
innen von der Cornea zeigen sich auch eiaige weiaeliche 
Punkte von analoger Beschaffenheit. Auf dem linken Aug- 
apfel erkennt man aussen von der Cornea einen von oben 
nach unten gestreckten länglichen Fleck, der silberartig gNka* 
zend diese Membran gewissermaasen umgibt; er misat 8 Mil- 
limet, von oben nach unten und 4 Millimet in der Breite. 
Der an die Hornhaut anstossende Btnd de» Fleckes isA deut« 
lioh dicker als der übrige Theil ; Arcus senilis beiMtkbar, be« 
sonders links. Die Behandlung dauert einige Monate; daaa 
tritt Heilung ein, indem mit allmähliger Beseitigung der Flecke 
auch die Blindheit allmählig verschwindet. 

3) Mathilde Marly, ein Findelkind, jetot 15 JaJbre alt, 
sanguinisch, von guter Konstitution und gehörig meoitrairt, 
mit Näharbeit beschäftigt, aufgenommen am 16. April 1860 
wegen vollständiger Hemeralopie, die fast schon seit einem 
Jahre besteht. Mit Sonnenuntergang ist sie vollständig blind, 
während sie bei Tage ganz gut sehen kann. Auf der Innen- 
seite der Hornhaut keine Flecke, dagegen am äusseren Bande 
derselben so grosse, dass sie fast diese ganae Partie der 



US 

OkttlarhiDdebaiii aismehfluen; sie. erreioben faat die Bornbattl 
8cU>«(, sind nahe an davsetben silberartig g^naend. Di^ 
üachtbliadbeit Teischwiiidet allmäbUg unter der vcnrgeoon- 
meneii Behaodlaog, und xwar in dem Maasse^ wie die Fleeke 
aal der Bindehaut sieh verlieren, und es ist keine Spur mehr 
davon da, als das li&dehen im November 1861 geheilt tot- 
lassen wurde. 

Kaohdem Hr. £. sämmtliehe Fälle, von denen wir hier 
nur einige Beispiele gegeben, angefahrt hat, bemerkt er, dass 
die sohw&ehlichen Kinder weniger von der Krankheit ergriffen 
au werden seheinen, als die Kinder von kr&ftiger Konstitution« 
Yoraagsweise fand sie sieh bei den jugendliehen Subjekten, 
die mit Sefaneiderei oder Mäharbeit beschäiligt waren, abet 
sie aeigte sieh auch bei den Kindern, welche zum Auslesen 
von Balsenfrüehten benutat wurden. 

Was die dgenthflmliehe Veränderung der Okular -Binde* 
kaot betrifft, so gibt Hr. B. darüber Folgendes an: 

„Sie hat immer ihren Sitz auf den sichtbaren oder wäh* 
rend des Abends dem Kontakte der Luft ausgesetzten Theile 
der Okularbindehaut. Gewöhnlieh findet sie sich neben dem 
äoseeren Rande der Hornhaut; ich habe sie niemals oberhalb 
oder unterhalb dieser Membran angetroffen. Mit ihrem Cen- 
trum gewöhnlich dem Aequator des Augapfels entspreehend 
findet sich diese Veränderung bisweilen unterhalb, seltener 
ob^liaU) dieses Kreises« Man erkennt diese Veränderung 
gana deutlich, wenn man sieh vor den Kranken stellt und 
ihn, während man ihm in's Auge sieht, dieses nach Innen 
drehen läset. Man bemerkt dann auf der Bindehaut einen 
Fleek, der wie Perlmutter oder Silber glänzt und bei ganz 
genauer Besichtigung aus kleinen, ganz dicht zusammenge- 
drängten Erhebungen oder dünnen kurzen Lineamenten zu 
bestekan scheint, so dass man ihn fast mit halbgeronnenem 
Sebamne vergleichen könnte. Dieselbe Farbe des Fleckes 
zeigt sieh immer, nur, je nach dem Subjekte und nach der 
Dauerndes Bestehens, bald mehr, bald minder lebhaft. Beim 
aJlmähUgen Verschwinden des Fleckes nimmt die Farbe da- 
durch ab, dass sie immer mehr an Glanz verliert, immer 



13« 

maller wird und die Stelle endlich oiohl mehr von der übri<< 
gen Portion der Bindehaul sich unlersoheidel. — Was die 
Form des Fleckes betrifft, so unterscheide! sie sich niohl nur 
nach den Individuen, sondern auch auf den beiden Augen 
desselben Individuums. Gewöhnlich ist der Fleck dreieckig 
und steht mit seiner Spitze nach Aussen, mit seiner elwa« 
konkaven Basis nach der Hornhaut zu. In einigen F&llen 
war er kreisrund oder oval, in anderen hatte er die Form 
einer einfachen Linie. Meistens sind die Pünktchen, die den 
Fleck bilden, so an einander gedrängt, dass er wie gekörnt 
erscheint; bisweilen aber sind sie in Reihen geordoel, so 
dass sie etweis erhabene Linien darstellen, die neben einander 
gelagert den Fleck runzelig oder wellenförmig erscheinen 
lassen. Diese verschiedenen Formen können durch Einger- 
druck auf die Augenlider einigermassen modifizirt werden. 
Diese Formveränderung beruht darauf, dass die Punkte, wel- 
che die Flecke bilden, nicht frei von einander sind, sondern 
nur neben einander stehen und gewissermassen verschoben 
oder verdrängt werden können. Es ist mir mehrmals vor- 
gekommen, dass ich den Fleck durch Druck bis auf eine ein- 
fache Linie oder ein senkrechtes oder horizontales Bflndel 
reduzirt hatte, dann aber bald durch Druck auf die Augen- 
lider in entgegengesetzter Richtung eine andere Oestalt an- 
nehmen sah. 

Der hemeraloptische Fleck, wie er wohl genannt werden 
kann, ist um so grösser, je vollständiger die Nachtblindheit 
ist. Er war sehr gross bei zwei unserer Kranken, welche 
nach Untergang der Sonne auch nicht das Oeringste mehr 
sehen konnten. Bei ^den Personen, welche am Abende noch 
Gegenstände unterscheiden konnten, wenn diese auch ihnen 
etwas undeutlich erschienen, hatte der Fleck niemals eine 
solche Grösse. Beim Beginne dieser Nachtblindheil sieht man 
ihn kaum ; höchstens gewahrt man dann einige silberglänzende 
Punkte, deren Sitz immer auf der Bindehaut nahe am äasseren 
Rande der Cornea ist. Mit der Zunahme und längeren Dauer 
der Nachtblindheit vermehren sich diese Punkte und gruppiren 
sich zu den schon beschriebenen Flecken. Bei einer im Jahre 
1861 im Hospiz zu Bordeaux angestellten Besichtigung der 



IST 

AmgHk aUer Kinder fand ieh bei drei deraelben sehon die«e 
Anftoge dee hemeraloptischeB Flecke», obwohl von Naoht- 
UiBdbeii bei ihoeD noch nicht die Rede war. Ich erklärte 
aber, das« dieses Uebel sich einfinden werde, und in der That 
seigte sich meioe Voraussage aach als ganz richtig. Hieraus 
geht herror, dass es möglich ist, die Krankheit in ihrem Ent- 
stehen anaugreifen, bevor noch der Kranke selbst sie an sich 
verspflrt. 

Das weitere Verhalten der hemeraloptischen Flecke steht 
in gans genauer Beziehung zu den Oesichtsstörungen , von 
denen sie nur eine äussere Kundgebung darstellen. Indem 
sie sich während der Zunahme der Nachtblindheit alimählig 
vergrössem und von der neben dem äusseren Rande der Hörn- 
baut belegenen Portion der Konjnnktiva sich auch auf die- 
jentge Portion ausdehnen , die an den inneren Rand der 
Cornea angränzt, verkleinem sich diese Flecke, sobald das 
Sehvermögen wieder zur Norm zurOckkehrt, und diese Ver- 
nunderung geht bald rascher bald langsamer, je nachdem die 
Heilung mehr oder weniger sehneil geschieht. Bei mehreren 
Kindern verloren sich diese Flecke ganz alimählig, und sobald 
die Nachtblindheit vollkommen beseitigt ist^ ist auch von ihnen 
keine 8pur mehr zu sehen. Das Bestehen der Flecke ist also 
der genaue und vollständige Ausdruck der Krankheit selbst 
und sie bilden also ganz bestimmt den Anhaltspunkt zur Be- 
urtheilung der letzteren. 

Von Anfang an, bevor ich zu dieser Erkenntniss kam, 
habe ieh mich gefragt, ob diese Flecke nicht eine blosse Zu- 
fUHgkeit seien, die zur Nachtblindheit hinzutrat, und ob sie 
wirklich als pathognoraonisches Zeichen dieser Krankheit be- 
trachtet werden durften? Natürlich war es die Skrophulosis, 
welche mir dabei in Brwägnng kommen musste, da diese 
Diathese bei den Kindern in unserem Hospiz überaus häufig 
ist, allein eine genaue und unbefangene Untersuchung erwies 
gerade im Oegentheile, dass bei den an Nachtblindheit leiden- 
den Kindern die Konstitution eine verhäUnissmässig sehr gute 
war. Die Kinder zeigten die beste Gesundheit, mit Ausnahme 
von zweien, die etwas skrophulös waren. Unter der grossen 
Zahl derjen^en Kinder im Hospiz , die man wirklich als 



138 

lymphatiooh , rhaohitisoh oder skrophulös bMeitfhiMi kaBSte, 
habe ich gerade keines. gefunden , welches irgend eine An- 
deutung von diesen hemeraloptischen Fleeken geseigt hat, 
nnd ich kann mich auch nicht erinnern, daf^s irgend Jemand 
diese Veränderung der Eonjunktiva m den Augan skrophel- 
sflcktigef Kinder angemerkt h&tte. 

Endlich will ich noch bemerken, dass ich im Jahre 1862 
die Augen der im Jahre vorher mit Nachtblindheit behauet 
gewesenen Kinder, die das Hospiz noch nicht verlassen hatten, 
noch einmal genau untersucht und die früher dagewesenen 
Flecke ebensowenig mehr bemerkt habe, als eine Spur der 
genannten Krankheit selbst. 

Worin bestehen nun diese hemeraloptischen Granulalio« 
nen? Liegen sie im Gefttge der Bindehaut selbst oder sind 
sie nur auf ihr abgelagert? Eine genaue Untersuehong hat 
ergeben, dass Partikelchen dieser kleinen Produktionen von 
selbst oder durch Reiben mit einem festen Körper abgestossen 
werden können. Bei fast allen Kranken gewahrte ich bei sehr 
genauer und längerer Untersuchung, sobald die Augenlider 
gegen die Flecke nach versohiedener Richtung hin gedrflokt 
wurden, kleine losgelöste, perlmutterartig glänsende TrOmmer, 
theils auf dem freien Rande der Augenlider, theils auf der 
Hornhaut. Auch wenn man mit dem Nagel des Fingers über 
den Fleck hin und ber Mrt, löst man einige Partikelohen 
dieser Art los , allein weder auf jene noch auf diese Weise 
kann man ihn gana beseitigen. Die Granulationen sitaen also 
» Gefüge der Membran selbst und zwar in deren oberQäeh» 
Hohen Maschen und sind o£fenbar gans anderer Natur als das 
fipithelium. Die mikroskopische Untersuchung hat dieses auoh 
erwiesen und ich halte diese Produktion für eine eigenthümliehe, 
bisher noch nicht besohriebene schuppenartige Veränderung 
des E^itheliums der Konjunktiva. lek will noch bemerken, 
dass um den Fleck herum, besonders naeh dem äusseren 
Augenwinkel su, die genannte Membran ni<dit einen gauK nor- 
malen Charakter zeigt; sie ist weniger feucht, Weniger weich, 
weniger glänzend als gewöhnlich; Sie siebt etwas trübe aus, 
fiist pergamentartig , lässt sieh schwer falten .und zeigt nach 



«nen nlM^en Druche a«f die Augesiider eine avAiNestk 
V«r8«bMeoh«it yen der Oimgen geeunden Portion. 

Nach dieser toh Hrn. B^ g^ebeoee Darstelhing erachcint 
also die Hemeralopie nicht als ein blosses Nervenleiden, aber 
e« fragt sich, wenn alle adiie Angaben richtig sind, wie denn 
dieae eigenthaniUcbe Verftndemng des Bpitfaeliums der Koi»- 
juakÜTa mit der Modifikation des Behyermögcns , die ak 
NacblbHsdbelt erscheint, im Zusammenhange stehe? Das be- 
darf noch der nlkheren PrOfbng und mflssea wir auch be- 
dauern, nichts Genaues ober die Art der Behandlung, welche 
Hr. B. wirksam gefunden hat, in seinem Aufsatse zu fladea. 

SjpJiilis abertragen durch Vaccine. 
Hr. Deyergie theik folgenden Fall mit: 8«, ein Knabe, 
1& Jahre ah, Tischlerlehrling, kommt am 11. März 1863 naoh 
dem Hospitale 8t. Loais. Der Vater ist an emet Verwundung 
gestorben , die Matter befindet sieh wohl. Als der Bursche 
8 Jahre alt war, war er wegen einer Pleuritis im8t,Eagenien* 
Hospitale gewesen und nach Verlauf von 23 Tagen von dovt 
geheUt entlassen worden. Etwa 8 oder 10 Tage nach seiner 
Aufnahme in die eben geaannte Anstalt wurde er daselbst 
vaoeinirt, und swar mit awei Impfstiehen am rechten Arme; 
die Materie daau war aus einer Vacoinepustel vom Arme 
eines Sftuglinges genommen worden. An demselben Tage wurde 
mit der Materie aus derselben Quelle noch eine Anzahl Kin- 
der geimpfi:. Die Lanzette, welche dazu diente, wurde ledig* 
Keh- zu diesem Zwecke benutzt und nicht noch anderswo ge- 
braucht Am dritten Tage nach der Vaccination desKnabed^ 
yen dem hier die Rede ist, zeigte sich eine kleine braune 
Kruste auf din Impfstiohen. Die Kruste vergrösserte sieb, 
die Haut umher werde roth , aber der Knabe kflmmerte sich 
darum nicht und eeigte seinen Arm weder beim Austritte aus 
dem Hospitale, noch spftter in dem Hause, wohin er seiner 
Erholung wegen gebtacht worden war. Während dieser Zeit 
hatte sich die Röthe der Haut nicht nur sehr ausgedehnt, 
sottdern auch der Knabe mancherlei Beschwerde im Arme 
geüElhlt. Etwa 5 bis 6 Wochen später trat ein Pustelausschlag 
aaf den Armen und Beinen hervor; an der gerötheten Stelle 



14« 

des Armes verdickte sieh die Haut; zwei neue Ausbrilehe von 
Pusteln folgten nach ; Halsaffektion stellte sieh gegen den 
dritten Monat ein und dazu gesellten sich Kncohen- und Oe- 
lenkschmerzen. 

Bei der dann folgenden Aufbahme des Burschen in das 
Hospital St. Louis notirte man einen weit verbreiteten papu- 
lösen Ausschlag; eine Impetigo von elliptischer Form auf der 
Oberlippe; drei ziemlich frische und indurirte Tuberkeln auf 
der Vorhaut und einige angeschwollene DrOsen in der linken 
Leiste. In derN&he der ursprünglichen Impfstiche am rechten 
Arme ist die Haut verdickt, hart, uneben und dunkelroth ; die 
Achseldrüsen daselbst vergrössert und verhärtet; am After nichts 
Verdächtiges. Eine antisjphilitische Kur wird eingeleitet; der 
Kranke bekommt Jodkalium und Dnpnytren'sche Pillen und 
ist nach sechs Wochen geheilt; wenigstens sind zu dieser 
Zeit alle verdächtigen Symptome verschwunden. 

Die Diagnose, behauptet Hr. D., war in diesem Falle durch- 
aus nicht zweifelhaft, und es fragt sich nur, auf welche Weise 
der Bursche zu der Syphilis gekommen ist? Darf man der 
Vaccination die Schuld beimessen ? An den Genitalien des 
Burschen keine Spur eines stattgehabten Schankers; dagegen 
spricht Alles dafür, dass der Arm, an dem vaccinirt wor* 
den ist, die Eintrittspforte für das syphilitische Gift gebil- 
det hat. 

An diese Mittheilung knüpft sich eine Diskussion. Hr. 
Ricord gesteht, dass er Anfangs die Uebertragbarkeit der 
Syphilis durch die Vaccine geläugnet hat; lange haben ihm 
die Beweise dafür gefehlt, allein die Fälle, die dafür sprachen, 
sind immer häufiger gekommen, und jetzt kann er diese lieber- 
tragungsweise nicht mehr bestreiten. Erst vor Kurzem sei in 
der Klinik des Hrn. Trousseau ein ganz ähnlicher Fall vorge- 
kommen; nur fehle in diesem, wie in dem Falle von De vergie, 
der genaue Nachweis des Ursprunges; es ergebe sieh nur, 
dass bei beiden Kranken die allgemeine Syphilis ihren Ur- 
sprung vom Arme aus genommen habe und zugleich mit den 
Wirkungen der Vaccine eingetreten sei. Wenn nun aber der 
Vaccine ein Theil der Schuld beizumessen sei, so frage sich 
immer noch, wie weit diese Schuld eigentlich gehe? Hat 



1«1 

die Vaocinatioo die »ehon vorbandene, aber latente, ayphili» 
tisebe Diatbese nur erweckt und zur Manifestation gebraoht, 
oder bat sie sie erzeugt ? Bin mit angeborener Sp^hUis be- 
baftetes Kind kann bei seiner Geburt sowobi als aucb noeh 
lange nadiber ganz gesund erscbeinen und erst diese Krank- 
heit Bur Manifestation bringen , wenn in ihm durch irgend 
einen Einfluss eine grosse Erregung erzeugt worden ist. Aucb 
die Untersuchung der Eltern zur Zeit der Geburt des Kindes 
gibt keine bestimmte Auskunft, denn es kann vorkommen, 
dass zu dieser Zeit weder Vater noch Mutter irgend eine 
siebtbare Spur der Krankheit darbieten« Dann aber auch bleibt 
die Frage, ob der gesetzliche Vater des Kindes auch immer 
der wirkliche Vater desselben ist? Wir wissen, dass sich das 
nicht immer behaupten iässt, und dass also von der Gesund- 
heit des gesetzlichen Vaters nicht immer auf das Kind, wel« 
ches das Gesetz ihm zuschreibt, zu schliessen ist. 

LftBst sich aus dem Alter des Kindes zu der Zeit, wann 
die Syphilis bei ihm zum Vorseheine kommt, ein Schiuss 
ziehen ? Keinesweges ! Die Zeit, wann die angeborene oder 
ererbte Sjphilis bei einem Kinde zum Vorscheine kommt, ist 
sehr verschieden ; selten zeigen sich die Symptome gleich bei 
der Geburt; meistens treten sie erst 6 bis 8 Wochen und 
selbst im 5. bis 6. Monate nachher hervor. Dieser Umstand 
lehrt, dass das Alter, in welchem die Syphilis sich ftus^erlicb 
bei einem Kinde kundgibt, nicht zu einem bestimmten Schlüsse 
berechtigt, ob sie ererbt oder später erlangt sei. Auch die 
Beschaffenheit der durch die Vaocination erzeugten Pusteln 
and Geacbwüre gibt keine genügende Auskunft. Wenn auch 
in einigen Ausnahmsfällen die Impfpusteln verdächtig er- 
scheinen, so hat doch in der grösseren Mehrheit der Fälle 
die dorob die Vaccine erzeugte Eruption durchaus nichts Be- 
sonderes dargeboten, und die Syphilis ist erst hinzugetreten 
gleichsam wie eine Komplikation oder wie eine aus der Ver- 
borgenheit erweckte Krankheit. Jedenfalls ist es, wie Hr. R. 
behauptet, sehr gewagt, das Hervortreten der Syphilis der 
eingeimpften Vaccinematerie beizumessen und den Impfarzt 
dafilr verantwortlich zu machen. 

Hr. Gössel in ist sehr geneigt, anzunehmen, dass die 



IM 

Syphilis duroh die Vac«»« (lb«rCrageii werden kaso, aber um 
daa za beweisen , masse ki jedem speaiellco Falle eiae ganz 
genaue Untersuehung der Eitern des vaeoiBirten Kindes,, so 
wie auch desjenigen Kindes stattfinden, von dem die Materus 
genommen ist^ und ferner mttsse man auch erst ermitteln, ob 
auch alle übrigen Kinder, welche mit der Materie au« der* 
selben Quelle vaccinirt worden sind, mit Syphilis behaftet 
wurden oder nicht 

Hr. Depaul ist, wie er sagt, schon lange von der Am- 
steoknngsfiihigkeil der sogenannten sekunderen Syphilie. und 
namentlich von der Uebertragbarkeit der Syphilis durch die 
Vaccine dberzeugt. Die Wissenschaft besilat jetzt FftUe ge- 
nug, die das beweisen. Seiner Meinung nach könne man in 
der Regel an ganz sicheren Zeichen erkennen, ob ein Kind mit 
^erbter Syphilis behaftet sei oder nieht« Zuvörderst iat es ein 
Irrthum, wen« behauptet wird, dass die Mehrzahl der an die- 
ser Krankheit leidenden Kinder bei der Geburt und lange nach- 
her noch ganz gesund erscheinen. Im Oegentheile: gerade die 
Meisten dieser Kinder zeigen gleich bei der Gebart oder kurz 
nach derselben die unzweifelhaftesten Symptome der SypUlts« 
Nur müsse man jedes Kind auf das Genaueste unteiaachan^ 
und zwar von der Ferse an bis zum Kepfe, und nach seinen 
Erfahrungen sei sehr zu bezweifeln, ob die angeerbte Syphilis 
l&nger latent bleibe, als höchstens 6 bis 8 Wochen; endlMi 
mOsse auch noch die Mutter jedes Kindes ganz genau HAter- 
sucht werden, bevor man zu einem Schlüsse sich berechtigt 
halten darf. 

Hr. Ricord bestreitet die letztere Angabe; se»er Meiar 
ung nach kann die angeerbte Syphilis viel länger latent 
bleiben; dieser Meinung ist auch Hr. Cloquet, welcher von 
Fällen erzählt, wo diese Diathese bis zum Alter dar Pubertät 
latent geblieben ist. Hn Devergie fügt hinzu, dass gar 
nicht selten im Hospitale St. Louis jugendliche Personen taa 
14 bis 15 Jahren vorkommen , welche sehr späte oder ver^ 
wischte Symptome von angeborener Syphiiia darbieten > <m> 
das« er für diese die Bezeiobnang Skrophulo-Syphilideii brau- 
chen möchte. Die weitere Diskussion wird vertagt. 



143 



V. Notw. 

Kopaiv baisam und Kubebeu gegen die Diphtheritis 

and den Krup* — Theerräucherungen gegen diese 

Krankheiten. 

Ein^ leicht begreifliche Analogie hat einen Arzt in An- 
donilliö, Hm. Trideau, dazu gebracht, den Kopaivbalsam 
und die Kubeben, die doch gegen Bchleimbautaffektioueu 
gute Dienste leiateu, gegen die diphtherische Angina und den 
Krop zu versuchen. Die von ihm erlangten Resultate ver- 
dienen einige Aufmerksamkeit, und wir entnehmen darüber 
SUIS der ^azeUe des HdpUaux de Paris vom 6. Januar 1866 
folgeode N#tiz. 

„Zeuge einer furchtbaren Epidemie, welche vor etwa 5 
Jahren in dem Departement der Mayenne geherrscht und in 
kurzer Zeit an 200TodesmUe bewirkt hat, hatte Hr. Trideau 
nur zu sehr Gelegenheit, von der Unzulänglichkeit und 
Unsicherheit aller bisher gegen die Diphtheritis des Halses 
Mipfohlenen Mittel, und besonders der Kauterisationen, sich 
zu aberzeugen. In der durch vielfache Beobachtung gewon- 
neoeo Ueberzeugung, dass gegen die eigenthttmliohe Blutkrase, 
weiche doch offenbar der Diphtheritis zum Grunde liegt, nur 
eine allgeiaeine Behandlung, nicht eine bloss topische, etwa« 
leisten könne, und dass eine katarrhalische Affektion der be* 
troffenen Sohleimhäute als Urs&ehe mitspiele, glaubte er die 
Balsamica anwenden zu müsaen, welche einen grossen modi* 
fizirtan Einfluss auf die Sekretion der Schleimhäute auszuüben 
pflegen. Erwachsenen, die an Diphtheritis des Halses litten, 
gab er daher alle zwei Stunden einen Esalöffel voll einfachen 
Synips, welcher 1 Gramm frischgepulverter Kubeben enthielt, 
and dann ebenfalls alle 2 Standen einen Esslöffel voll eines 
mit Kopaivbalsam versetzten Sjrups, beides nicht zu gleicher 
Zeit, sondern von Stunde zu Stunde abwechselnd. Seine Yer«> 
ordMingen sind folgende: 1) Rec. PSperis Cubebae reeenter 
pulverati 12 Gramm., Syrap. simplic. 240 Gram«. MDS. Um- 



144 

gerahrt alle 2 Stunden 1 Eeslöffel voll; 2) Rec. BaUam. 
Copaiv. 80 Gramm., Gumm. arabic. pulverat. 20 Gramm., Aq. 
destillat. 50 Gramm., Olei menth. piperit. 16 gutias, Synip. 
sacohar. 400 Gramm. M. 1. a. DS. Alle 2 Stundeo, abwech- 
selnd mit dem Sjrup Nr. 1 einen Esslöffel voll su geben. 
Kindern werden geringere Dosen gegeben, und zwar zu einem 
Kaffeelöffel voll alle zwei Stunden, so dass sie in 24 Stunden 
ungefähr 6 Grammen Kubeben verbrauchen. In schwereren 
Fällen kann die Dosis bei Erwachsenen sowohl ab bei Kin- 
dern auf das Doppelte gesteigert werden. Dabei kommt es 
gewöhnlich, dass nach Verlauf von 24 Stunden der Kopaiv- 
baisam vom Kranken nicht mehr vertragen wird. Alsdann 
muss man das Mittel aussetzen oder man fügt zu 30 Gram- 
men des Kopaivbalsam-Syrups 2 bis 3 Tropfen Laudanum 
hinzu, welches das Mittel erträglicher macht. In der Regel 
ist nach 2 oder 3 Tagen durch diese Medikation die Krank- 
heit beseitigt; in Ausnah msf&lien leistet diese wohl eine 
Woche lang Widerstand; dann führt der fortgesetzte Gebrauch 
der Balsamica zu einer eigenthümlichen Erscheinung. Es er- 
zeugt sich nämlich ein Jucken über den ganzen Körper, der 
Halsschmerz nimmt zu, Fieber stellt sich ein uod endlich 
tritt ein Ausschlag hervor, der bald wie Scharlach, bald wie 
RoseQjia aussieht, bald Aehnliehkeit mit Urticaria hat. Dieser 
Ausschlag ist immer ein Zeichen, dass es mit der Ausschwitz- 
ung auf den Schleimhäuten zu Ende ist, denn sowie er sich 
einstellt, verschwindet diese letztere, und nicht ein einziger 
Fall ist vorgekommen, der hiervon eine Ausnahme machte, 
und es erscheint als eine nothwendige Bedingung, dass der 
Kopaivbalsam und die Kubeben so lange fortgegeben werden, 
bis der Ausschlag entsteht, den Hr. Tr. nicht nur für einen 
ableitenden, sondern auch für einen kritischen hält. Der Aus- 
schlag kommt noch viel häufiger, wenn, statt der Kubeben 
allein, diese in Verbindung mit Kopaivbalsam in Form von 
Boli oder in sonstiger Weise gegeben werden. Bei vielen 
Kranken hat der Gebrauch des gewöhnlichen Kaffees viel zur 
Wiederherstellung der Kräfte beigetragen. Der Kaffee dient 
also zur Nachbehandlung. Auffallend ist es gewesen, dass 



I 



iW 

die eben angegebene Medikation bei den meisten Kranken 
die Wirkung hatte, sie in einen tiefen und langdauernden 
Schlaf zu versenken, der aber nicht berunruhigend sein kann, 
denn diese Wirkung ist auch bei Denen eingetreten , welche 
den Kopaiybalsam ohne Znsatz von Laudanum bekamen. Hr. 
Tr. gibt an, dass er im Laufe mehrerer Jahre, während deren 
die Diphtheritis' in seiner Gegend mehr oder minder herrschend 
gewesen, diese Medikation bei mehr als SOO Kranken ange- 
wendet hat. Jedesmal trat Heilung ein, wenn die Krankheit 
sich noch im ersten oder zweiten Stadium befiind, und die 
Genesung war dann nur von kurzer Dauer. EiA wichtiger 
Unterschied zeigt sich hier aber zwischen dem einfachen 
genuinen Krup und dem sekundären oder auf die diphtheri- 
sche Angina folgenden Krup; der letztere wide^teht auch 
dieser neuen Medikation, während der genuine Krup durch 
die Balsamica immer beseitigt wird. Jedenfalls muss bei 
Diphtheritis des Halses sowohl als auch beim genuinen Krup 
die Medikation so weit fortgeführt werden, dass der Ausschlag 
entsteht, weil sich gezeigt hat, dass das Halsleiden nicht eher 
verschwindet, und dass, wenn es inzwischen nachzulassen be- 
ginnt, e^. gleich wieder sich verstärkt, sobald man mit der 
Medikation aufhört. Steigt bei der Diphtheritis der Aus- 
schwitzungsprozess bis in den Kehlkopf und in die Luftröhre 
hinab, also bei dem diphtherischen Krup, so kommt die neue 
Medikation in der Regel zu spät, und es tritt der Tod ein, 
bevor sie wirken kann, aber sie ka!nn doch jedesmal versucht 
werden.** 

N^ch den letzten Nachrichten, die wir aus Paris erlangt 
haben, ist diese neue Behandlungsweise von Hrn. Trouss e au 
im Hötel'Dieu daselbst erprobt worden und es sollen bis jetzt 
in der That ganz günstige Resultate erlangt sein ; wir werden 
bei Gelegenheit das Nähere hierüber mittheilen, glauben aber 
auch unsere deutschen Kollagen auffo'/dern zu müssen, mit 
dieser Medikation in geeigneten Fällen ''vorzugehen. Uns ist 
Dämlich hier in Berlin die Mittheilung gemacht worden, dass 
in einer engen Durchgangsgasse , wo sich mehrere Häuser 
befinden, die nur von Arbeiter- und armen Handwerker-Fami- 

ZLVL 1866. JO 



146 

Hen bewohnt sind, die Dipfatheritis verhältnissmäseig viele Kin* 
der fortgerafit hat, dass aber in einem der Häuser im unteren 
Geschosse, wo ein Böttcher wohnte, welcher Jahr aus Jahr 
ein damit beschäftigt war, Eimer und Tonnen mit Theer und 
Pech zu tiberziehen, und wo fortwährend der stärkste Theer- 
geruch verbreitet ist, die Fälle von Diphtheritis Oberaus milde 
verliefen, so dass zuletzt die Nachbarn sich die Erlaubniss 
ausbaten, ihre von Katarrhen und Diphtheritis befallenen Ein- 
der den Tag über dort verweilen lassen zu dürfen. Nähere 
Beobachtungen sind über die "Wirkung der Theerdämpfe in 
diesen Fällen noch nicht angestellt worden; ich glaube aber, 
dass wohl hierauf aufmerksam gemacht zu werden verdient, 
da ja eine gewisse Wahrscheinlichkeit des guten Erfolges 
nicht bestritten werden kann. 

Dr. Fr. J. Bebrend. 



VI. Lüercdmr. 

Studien Über den Stimmriteenkrampf der Kinder (Asthma tb^nDicum), 
von Dr. Wilhelm Luitblen, prakt. Arzte ond Oberamts- Wund- 
ärzte in Oebningen. Tübingen, 1865, bei H. Laupp, 8., 56 Seiten. 

Diese kleine Schrift ist den praktischen Aerzten sehr zu 
empfehlen. Der tonische Krampf der Muskeln, welche die 
Stimmritze verengern und schliessen, bildet das Wesen der 
Krankheit, die also nichts Anderes ist, als eine Neurose. 
Die Ursachen dieses Krampfes können sehr verschieden sein, 
wie bei jedem anderen Muskel krampfe. Das „Asthma thjmi- 
cum" von Kopp, — die „Convulsion interne" von Valleix, 
Trousseau, Pidoux, Rilliet und Barthez, — der 
„Laryngismus stridulus" oder „Crowing inspiration" von 
Hugh Ley, der „chronische Krup", der „nervöse Krup" und 
„Asthma infantum^' vieler Autoren gehört wohl hierher; viel- 
leicht ist auch das „Asthma Millari" nichts Anderes als ein 
Stimmritzenkrampf. In wie weit die Thymus die Schuld trägt, 



14T 

wird kure erörtert. Ueber Alter, Geschlecht und Erblichkeit, 
femer aber den EidAqss der Ernährung, der schlechten Luft, 
des Klimans und der Jahreszeiten, der Dentition, der Konsti- 
tation finden sich kurze, aber sehr klare Notizen. Es werden 
dann 8 Fälle mitgetheilt, aus denen der Verfasser das Vor- 
handensein einer Dyskrasie (Tuberkulose, Skrophulose, Rha- 
chitis) in den Eltern oder nächsten Blutsverwandten als Ur- 
sache nachweisen will. Die Behandlung zerfällt in die wäh- 
rend des Anfalles und die zwischen den Anfällen. Die 
letztere richtet sich natürlich nach den Umständen des Falles; 
die erstere besteht in Anwendung krampfstillender Mittel und 
der Verfasser hält das Zinkoxyd für ein gutes Mittel, lobt 
auch den Moschus, macht aber auch auf die Anwendung 
des Chloroforms aufmerksam, das besonders bei sich steigern- 
den Erampianfällen angewendet zu werden verdient. 



Die leibliche Pflege der Kinder zu Hause und in der Schule, grnnd- 
sätzbch dargestellt und mit 40 Abbildungen erläutert, von Dr. 
E. J. Hanschild, Direktor der 4. Btirgerschule in Leipsig. 
Zweite Auflage. Erstes Heft Leipzig, Verlag Yon Priber. 1866. kl. 8. 

Das Werk scheint gut zu sein; ob wir es empfehlen 
können, wird eine Analyse desselben zeigen; diese Analyse 
können wir aber nicht eher geben, als bis auch die fehlenden 
vier Hefte von der Verlagsbuchhandlung uns zugesendet sind. 



Die Heilquellen und Kurorte Deutecblands. Mit Anscbluss von Abano. 
Baden, Helgoland, Interlaken, Leuk, Nizza, Ofen, Pffiffers, Poschiavo, 
Spaa, Venedig, Weggis. Von Dr. Gustav Hauck. Leipzig, 
Amold'sche Buchhandlung, 1865, 8., mit Register 273 Seiten. 

Eine geistvolle wissenschaftliche und klar durchdachte 
Zusammenstellung in lexikalischer Form, besonders brauchbar 
für den praktischen Arzt. Auch alle unsere deutschen See- 
bäder sind mit in Betracht gezogen. Die Form ist sehr zweck- 

10* 



148' 

massig; nur würden wir wünBchen, dise der Herr Verfasser 
noch eine alphabetisch oder in anderer Weise geordnete 
Debersieht der Krankheiten, für welche gewisse Bade- oder 
Brunnenorte besonders empfohlen su werden verdienen oder 
wo sie im Texte erw&hni sind, nachfolgen Hesse. Viel- 
leicht ist' der Heri' Verfasser noch in unserem Interesse so 
gütig, besonders über die Verwendung der Mineralquellen, 
Kui'orte. Seebäder u. s. w. im Kind es alt er sich aassulassen. 



BericlLtigtiBgeil 

zu vorigem Hefte des Journals für Kinderkrankheiten. 

(Band XLV [1865 Nov.-Dez.]). 

8. 389 obere Anmerkung Z. 3 von oben lies wahrer 
vor „und'*; — Z. 6 I. „Herz- und Leibschmerz, Herz- und 
Miaigenschmerz, Magenschleimhaut und Herzschmerz'* statt 
Erschöpfungs- von Schmerzen begleiteter. 

8. 401 Z. 3 V. 0. ist „so** zu streichen. 

8. 403 Z. 8,v. u statt „nicht** 1. dürftig. 

8. 411 >Z. 11 V. o. l Mandschü statt „Mongolen.** 

8. 416 Z. 14 V. o. 1. Eier statt „Hoden*^ 



JOURNAL 

J«dM J«hr tr- Aviatie, Ab- 

•ehd»eal2H«fke Undl., 3«lurlftai, 

inSBdn. — Gnte pfVl) Werko, Jonrnale 

0rigiiuüAMUtB6 ^ ^^ «to. Ar die Re* 

iU».Kliid«riv«]ik- dftktion dl6Mg 

heften werden er- Jonrnale« beliebe 

-meRKRMHEIIHI; 



"•*» «»' ''«»«-iiiiiiiniiiin./iiiiinni i nii. «•"• •'«<»<" 

iM. 



[BAHD XLVI] ERLAKGEir, If AERZ u. APR. 1866. [HEFT 3 n. 4] 

/• AbhamUunffen und Originakmfoäfjse. 

Aus der Kinderstube. Von Dr. Robert Küttner 
in Dresden. 

Die naohstebenden Blfttter beanaprachen durohaua ntoki 
eine Förderang der Wissensohaft im höheren Style su bieten. 
Dasu wflrde ihrem Verf. die Müsse, vieUeieht anch der Beraf 
fehlen. Nur Brfahrangen wollen sie bringen, welche wiUurend 
einer langjährigen haua&rstlichen Thftügkeit aameist in der 
Kinderstube gesammelt wurden, Erfahrungen aber Dinge, von 
denen die Werke der Kinderheilkunde als nicht in den Bah* 
nen einer bestimmten Krankheitsform passend in der Begel 
Bu schweigen pflegen. Ihre rein praktische Natur wird ihnen 
▼ielleiobt eine freundliche Beachtung der Leser erwerben und 
es entschuldigen , dass sie ohne jedwede logische oder syste- 
matische Ordnung an einander gereiht sind. Wie die Biene 
Dach WillkOhr oder Zufall aus den verschiedenartigsten Bla- 
then ihr Tröpfehen Honig ausammentrftgt, so sind auch diese 
Blfttter aus den suf&lligea Anregungen hervorgegangen, welche 
bald die wechselnden Eindrucke des Berufslebens, bald die 
zwanglose Ideenfolge einsamer Stunden darboten. Möchten 
sie doch gleich der kleinen Biene wenigstens einen TropfSsn 
nutzbaren Honigs liefern! 

I. Die Appetite der Kinder. 
Die Appetite — d. i. die Vorliebe fOr bestimmte Nah- 
rnngs- und Oenussmittel — sind, wie so viele unserer Nei- 

XLVI. 1S66. II 



ISO 

gangen nnd Abneigungen, etwas Wandelbares. IndividaaHt&t, 
Gewohnheit, die wechselnde Beschaffenheit der OesundbeiU' 
Verhältnisse, selbst Jahresseiten, Klima und andere äussere 
Einwirkungen machen dabei ihren Einfluss geltend. So auch 
insbesondere das Lebensalter. Bs ist eine unbestreitbare 
Thatsaohe, dass die Appetite mehr weniger mit den Jahren 
sich ändern, dass z. B. die frühere Vorliebe fQr milde und 
sQsse Genüsse später der Neigung su gewürzten, stärker rei- 
zenden Speisen weicht, der Widerwille gegen Blätter- und 
Wurzelgemüse später in das Oegentheil umschlägt, dass, mit 
einem Werte, Kinder andere Nahrungssioffa au lieben pflegen, 
als Erwachsene und Oreise. Diese Erscheinung als etwas 
bloss ton Gewöhnung, Erziehung oder sonstigen äesseren GrOn- 
den Abhängiges betrachten zu wollen, kann wohl keinem 
Physiologen in den Sinn kommen. Vielmehr weist die nur 
seltene« Ausnahmen bietende Gleichartigkeit insbeaondere der 
kindKchen Appetite - um hier bei diesen steheo zu blei** 
ben — entsebiedea darauf bin, dass ihr ein phjsiologiaobes 
Gebot, ein wirkliebes Natoibedfirfniss zum Grunde liege, des^ 
sen Regungen wir gemeinhein als Instinkt zu bezeichnen pfie* 
gen. Das Kind verlangt oflenbar fiDr seine gesetzmftsaige Er- 
nährung andere StofiVerbindungen alz der gereifte oder al- 
ternde Mensch, die BeMbaffenh^t seiner Verdanungso rg— e 
ebensowohl, als die AnsprOche, welche der kindliebe Org»» 
niemus an deren Thfttigkeit machen muss, sind vielfach ver- 
schieden von dem, was der KOrper in späterer Zeit bedarf 
nnd leistet. 

Ist von diesem Gesichtspunkte aua eine nähere Betracht- 
nng der individuellen Versohiedenheit und EfgenthOoiliehkeiteo 
der Appetite sehen im AHgemeinen nicht ohne wissensohaft» 
Kches und praktisehes Interesse, so gewinnt sie ein aolcbes 
zweiftieh in Bezog aof das Kindeealter, indem sie fSr dieses 
ebenso*wohl Fragen der Diätetik als der E^iekong zu beant- 
worten hat. Der oft gehörte, von manchen Aeltern uad Er- 
ziehern mit einer gewissen Selbstbefriedigung gethane Aus- 
spruch: „Die Kinder müssen essen, was wir essen", oder 
„Kinder müssen AHes essen lernen^, ist physiologisch offen- 
bar ein Irrthum und pädagogisch nicht selten eine Graoeam- 



\6i 

geDiesten, wm üirMii BedOrfnid^e froitfmt ümt werMf der 
doiAr ttaTerdorbene OeBchtnackmitrr — ihr liwfittkt -^ sie 
hinireiBt/^ Preflicfa wird leMer diese mnere Mmtne bald 
diireh die Gtew&iiroDgeii einer tböHcfatea Lrebe, bitld dttfeh 
du eiserne Gebot dee Mangels rietfecb getrttbt und geMsebl; 
mn so mehr ffins« es daher iLafgabe der Wissensebsrft seH^ 
dieselbe in ifafrer Reinfaeft anfeu^vehen nnd nach ürrem WertÜM 
so wflrdigBu. Mögen die folgenden Blätter efnen kleinen Bei* 
trag hieran fieftm! 



Seine erste Nahrung empftngt das Kind oaturgeM&ss aus 
dem Büaen der Mutter oder einer Amme. Dass sein hsfiakt 
es diese Quelte sueben und jeder sraderen Brnihrmgsweise 
roniAen lehrt, spricht sich deiitlioh in dem Behagen aus, 
mit welchem der Sltugling die ttinf dargebotene Brasi erfasut 
mid die Befriedigung seides Bedürfoissee aas* derselben eiii>- 
pfkogt, bis er mit eintretender MUfigung in Sohhiamier v»^ 
AnkL Bei keiner anderen Brntthrungsweise hletner Klttder 
(hdet cReser* Ausdruck des Wohlbehagens w&ihrend des Oe« 
nasses in gleichem Grade Statt, und nnr die aümablig efaflre>* 
tende Gewöhnung Iftsst ein gewissem Widerstreben rerschwinh 
den, das sich anfangs üBist stets gegen die kftnsvKch« £maihf>i> 
ung, selbcrC wenn sie noch so aweckmftssig nnd sorgftLkig ge* 
leitet wird, an dem Kinde kmid au gebe» p€egt Mag aifeh 
manches Kind bei seiner Milchflasche, seinem Brei oder gaif 
mit dem Zolp im Munde befriedigt erscheinen und einsohla« 
feu, der feinere Beobachter der Kinderphysiogttoarie' wird gar 
wohl erkennen, dass nicht jeder Ausdruck der Rtthe hier 
gleichbedeutend sei. Nur erst durch Mkogere Gewöhnang ftn- 
dert sieb dieses und cwat bisweilen bis au 4e» G^de, dam 
dem Kinde i&uletzt sogar die GescbieirKehkeit ies Saugens an 
der Brust verloren gehen kann. Kommt aber endlich mit dar 
Zahnentwickelung fUr den Säugling die Zeit das natorgeanaa«- 
8en Ueberganges zu einer anderen Nfthrweise heran, mil 
welchem Widerstreben unterwirft er siekr oft selbst dann nooh 
derselben, indem er unter kIftgKcihem Gesohrei oder mit sehn« 
sQchtigen Blicken auf seine bisherige Enifthrarinr den ihn 

11* 



m 

«oUogenen Oenuss zurückverlangt und oft Tage lang nur müh- 
sam cur Annahme der neuen Nahrung zu vermögen. ist. 

Man musa demnach wohi annehmen, daas das Kind in 
der als Sänglingsalter bezeichneten Lebensperiode naturge- 
mäss keinen anderen Appetit besitze und besitzen künne, als 
den n»ch der Milch, welche es s&ugend aus den Brüsten seiner 
Ernährerin empAngt, Ist ihm dieser Em&hrungsweg ver- 
adilossen, dann tritt ohne Widerrede die Thiermilch am zweck- 
massigsten an die Steile der Frauenmilch, denn beide sind 
sich doch unbedingt in Geschmack und Zusammensetzung 
weit ähnlicher, als alle anderen für diesen Zweck vorge- 
schlagenen, zum Theil ziemlieh abenteuerlichen Surrogate. 
Dies gilt insbesondere von allen vegetabilischen, vorzugs- 
weise aus Stärkemehl, Pflanzensohleim und Zucker bestehen- 
den Zubereitungen, für deren vollständige Verdauung und 
Verwerthung dem Organismus in diesem Lebensalter noch die 
Mittel fehlen. Das Kind ist bis zur Entwickelung seines Kau- 
apparates von der Natur nur an den Genuss eines leicht ver- 
daulichen animalischen Stoffes gewiesen, wie solches ja über- 
haupt bei allen Säugethieren und selbst bei den später aus- 
schliesslich pflanzenfressenden der Fall ist, Wenn daher 
kleine Kinder bei dem Genüsse der Thier-, allermeist Kuh- 
milch auch nicht das gleiche Wohlbehagen und Gedeihen zei- 
gen, wie da, wo sie ihre Nahrung aus dem Busen der Mut- 
ter oder einer Amme saugen, so bleibt es doch unbestreit- 
bar, dass ihnen in jener der natürlichste und für ihre Assi- 
milations- wie für ihre Geschmacksorgane bestmögliche Er- 
satz der Frauenmilch geboten werde. Wenn es aber ~ wie 
man vielleicht einwenden könnte — doch auch Kinder gibt, 
die dem Genüsse der Kuhmilch ofifenbar widerstreben, ebenso 
wie solche, denen dieselbe nicht einmal zusagt, indem sie 
ihnen Säure, Kolik, käsiges Erbrechen, Durchfall oder Ver^ 
stopfuDg, kurz allerlei djspep tische Zufälle erzeugt, so ist es 
in solchen Fällen, st^tt die Milchdiät kurzweg zu verwerfen, 
doch gewiss weit richtiger, danach zu forschen, ob nicht eine 
fehlerhafte Beschaffenheit und Darreichungsweise der Milch 
die Schuld trage. Nur selten wird diese Prüfung erfolglos 
bleiben. Vielleiebt dass die Milch, in Folge schlechter Fflt- 



153 

lerung und Verpflegung der Thiere schon ursprünglich alv 
norm gemischt, einen widrigen Oeschmacic und Geruch be- 
sitzt, oder durch zu langes Stehen, durch Unsauberkeit und 
F&lschungen aller Art verderbt ist, vielleicht auch, dass sie 
EU verdfinnt und fettarm, zu wenig oder zu stark versQsst^ 
zu kohl oder zu warm geboten, vielleicht nur in einer unpas* 
senden, dem bloss des Sangens kundigen Kinde unbequemen 
Weise dargereicht wird. Auf alle diese Punkte möge man 
sorgf&ltig achten und es sich nicht verdriessen lassen, seine 
Forschungen sefbst bis in den Kuhstall auszudehnen, der na- 
mentlich in grossen Städten und deren Umgebung keines- 
wegs eine solche St&tte ehrlicher Einfalt zu sein pflegt, als 
es vielleicht den Anschein hat. Kaum jemals wird es dann 
misslingen, den Grund aufeuflnden, warum der Milchgenuss 
dem Kinde unangenehm oder selbst nachtheilig werden musste, 
und die Beseitigung der entdeckten Uebelstände wird, mit 
äusserst seltenen Ausnahmen, beweisen, dass nicht die Milch 
Überhaupt, sondern nur deren besondere Beschaffenheit und 
Darreichungsweise dem Kinde unzuträglich gewesen sei. Je- 
denfalls aber steht so viel fest, dass während des Säuglings- 
alters der Appetit des Kindes naturgemäss nur auf den Ge- 
nuas von Milch gerichtet ist, und dass nur die Macht der Ge- 
wöhnung ihm allmählig andere Nahrungsstoffe erträglich und 
selbst angenehm zu machen vermag. 

Anders gestalten sich die Verhältnisse mit dem Eintritte 
der Zähneentwickelung. Wie das Kind jetzt allmählig eine 
grössere Freiheit in seinen Bewegungen, in den Aeusserungen 
seines Begehrens und Verabscheuens erlangt, wie die ersten 
Spuren des Selbstbewusstseins in ihm dämmern, so auch 'e^ 
weitert sich mit der fortschreitenden Entwicklung seiner Ver- 
danongsorgane der Kreis der fQr seine Ernährung tauglichen 
Stoffe. Beweist ja doch schon das Hervorbrechen zuerst der 
Beiss - und später der Kauzähne, dass das Kind in diesem Al^ 
ter nicht mehr auf das Saugen an der mfltterlichen Brust an- 
gewiesen sein könne, sondern sich konsistenteren Nährstoffen 
zuwenden solle. Wie aber dieser Entwickelungsprozess des 
Organismuss nur allmählig und schrittweise erfolgt, so rouss 
auch der Uebergang zu einer mehrartigen Nahrung söhritt- 



i5« 

weise und allnifthlig geschebeii. Lange oaeh behMt das Kind 
eine besondere Vorliebe für die Milch, welche während des 
iiweiten und dritten Lebensjahres ja noch immer den wesent- 
lichsten Theil seiner Oeofisse bildet oder wenigstens bilden 
sollte, und ihren Beiz selbst in den sp&teren Perioden der 
Kindheit bis eum Eintritte der Geschlechtsreife behält, wenn 
sie nicht durch den wenig empfehlenswerthen Kaffee* oder 
Tbeegebrauch verdräogt wird. 

In demselben Verhältnisse aber als die fortschreitende 
Ausbildung der Verdaaungsorgane eine grössere Mannichfal- 
tigkeit der Nahrungsstoffe zulässig macht, die Empfindung 
klarer, ihr Ausdruck verständlicher, überhaupt das Selbstbe- 
wusstseifl mehr entwickelt wird, treten auch die Appetätsrich- 
tungen bei dem Kinde mehr und mehr hervor nnd gewinnen 
in diätetischer wie ip_ pädagogischer Beziehung eine grössere 
Bedeutung, um einerseits ihre Stimme richtig zu wflrdigen 
qnd das Naiurverlangen zu berücksichtigen, andererseits aber 
auch den Ueberschreitungen, der Verwöhnung und dem Eigen* 
siane su steuern. Sie machen sich, wie verschiedenartig auch 
die den Kindern gebotenen Nahrungsmittel sein mögen, in 
einer so auffallenden Allgemeinheit und Debereinatimmung 
geltend, dass sie schon aus diesem Grunde als ein Ausdruck 
des kindlichen Bedürfnisses angesehen werden müssen und 
eine um so sorglichere Beachtung Seitens des Arztes, wie der 
Erzieher, verlangen, je einflussreicher Gewährung und Ver- 
sagung hier nothwendigerweise werden. 



Die erste und allgemeinste Appetitseigenthttmliobkeit der 
Kinder ist ihre Vorliebe für das Süsse* Zucker bietet in 
der Begel die willkommenste Würze alier kindlichen Genüsse 
und mit sehr seltenen Ausnahmen aind Kinder weit mehr 
Freunde von Süssigkeiten, als von pikanten, reizenden Stofen. 
Nur bei einer krankhaft verminderten Erregbarkeit der Ver* 
dauungsorgane, wie sie bei Verschleimungszuständen , bei 
Wurmkrankheit und bei den torpiden Formen der Skropbel- 
sucht sich zu zeigen pflegt, findet da« Geg^ntheil Statt, indem 
solche Individuen öfters einen Widerwillen gegen alles Süsse 
zu erkennen geben und geaalzane «amre Speiseft vorzieheo. 



tSft 



Daaa diaatr so aUgemeuien Yotlidb« der Kibdet für das 
Sine &n wttkliobes BedOrfiiias vua Qrande Mege, dafür lie- 
fert sobon der reiohliohe, gegen 4 Proseat betragende Zacker* 
gebalt d«r FraneMaileh den deoiliohsten Beweis. Sie über* 
Mk dam die meisteD TbiermilcharieB ^ iasbesondere aber 
die Ktthmileh) M'elcha in Mittel bot wenig über 2 Prozent 
Za^er aa enthalten pflegt« Das Kind ist somit sobon von 
der Natur au einen süsseren Mahrungsstoff gewiesen and 
wean itai derselbe daieb Eubmileh ersetst wwden soll, roass 
letaterar folgerichtig so viel Zucker augemisoht werden, als 
ndtbig iat, um das ProoentverhiÜtnisB der Fraueaaiilcb zu er- 
feicheii. Kieht araoiger flberaeugead spricht aber aucb die 
eheoiiaofae and phj^stologisehe Würdigung des Zuckers und 
die BetrachtiMf der Umwandlungen, welche er in den Ver- 
dannngsorganen eifäbK, für dessen grossen Wertb als Nähr- 
stoff des kindlichen Kc^rpers. Durch sein grosses Lösungs- 
vermögen für den kohlen- und phosphorsanren Ealk sehliessi 
er nlkaAUak aunäehst diese den Organismus sehr wichtigen 
Saiia in den Nahrungsmitteln auf, ermöglicht deren Aufnahme 
in den Blutstron und fit^dert somit insbesondere die Bil- 
dung der Knocbeaaubstana* Es ist daher auch — am dieses 
gleieh hier au berübr^i -^ durchaus irrig, den Kindern den 
Zuokar aus dem Grunde entliehen zu wollen, weil er die 
gesuoden KAhne verderbe« Zucker fördert im Oegentheile 
darch seine lösende Einwirkung auf die in den Nahrungsmit- 
teln enthaltenen Kalksalae die Bildung und Festigkeit der 
ZabneobstaüB, wfthrend der gesunde Zahn in seinem Schmelz- 
ttboraage den vollsten Schutz gegen diesen chemischen Einflass 
das Zaekei» hesitat. 

Yen gleich hoher Bedeutung ist ferner der Zucker dem 
kiadliehea Organismus in sdner eigenen Verwertfaung alä 
NahrungsstoC Unter Einwirkung der Oalle verwandelt er 
sieh nftmlich in Milehaäore, die sich im weiteren Verlaufe des 
Danakanaks wiederum in Buttersfture ansetzt und als solche 
das erste Glied in der Reihe der im Körper vorhandenen 
Fettstoffs darstellt. Der Zucker liefert somit dem Organis- 
maa Feti. Das Fett aber ist, neben der Wichtigkeit, welche 
es als geschraeidigender, die Beweglichkeit der Theile erhöh- 



ender, als durch sdoe Zerlegung Wftrme erseugender und 
durch sein schlechtes W&nneleitaDgsTermdgen Wirme erhal- 
tender Stoff für den organischen Haushalt Oberhaupt hat, 
dem kindlichen Organismus insbesondere durch seine IfHwir^ 
kung bei der 2^11enneubildung ein gans entschiedenes Bedflrf- 
niss zur Förderung des Wachsthums. Denn Oberall, wo sieh 
Zellen bilden sollen, muss der Eiweissstoff mit einem Fettr 
Stoffe in Verbindung treten, um sur organischen Gestaltung an 
gerinnen. Wie daher in jedem Pfiansensamen neben den 
Eiweissstoffen Fettstoffe und awar oft in sehr bedeutender 
Menge vorhanden sind, so auch in dem Dotter des Eies, in 
der Milch der Tbiere, im Chylus, Eiter, kun allerw&rts, wo 
es sich um die Bildung organischer Zellen handelt. In keiner 
Lebensperiode gehen aber diese Bildungsproaesse lebhafter 
und Oppiger von Statten, als in der des Körperwaohstbums, 
in keiner wiederum erfolgt dieses rascher, als in den Jahren 
der Kindheit, und somit ist auch für kein Lebensalter die 
reichliche Zufuhr fettbildenden Materiales so sehr Bedflrftiiss, 
als für das kindliche. Indem aber diese üppige 2jellenbilduog, 
dieses fortwährende Wachsthum des organischen Baues noth- 
wendig auch mit einem rascheren Blutumlaufe, mit einem be- 
schleunigteren Athmen als den unerlftsslichen Bediogungen 
eines lebhafteren Stoffumsatses verbunden ist, tritt wiederum 
das Fett als ein wichtiger Faktor ein, da es dem respirato- 
rischen Verbrennungsprozesse die erforderliehe Nahrung biete!. 
So lässt die physiologische Betrachtung nach beiden Seiten 
hin — ftlr die Oewebsbildung wie ftlr den organischen Oxjda* 
tionsakt — die reichUchere Zufuhr fettbildender Nfthrstofle 
als ein wesentliches BedQrfniss des kindlichen OrganiemuB 
erkennen, und erklärt uns, da der Zucker den leichtverdau- 
lichsten Körpern dieser Gruppe angehört, die instinktive Vor- 
liebe der Kinder ficir sflsse Genttsse. Hienu kommt endlich 
noch, dass er die mildeste, dem an stftricere Beize noch nicht 
gewöhnten Geschmacksorgane der Kinder entsprechendste 
Wttrze bietet, während er zugleich eine mässigende Einwirk- 
ung auf die so leicht erregbare Herz- und Gefhssthätigkeii 
des Kindes äussert, wie dieses ja schon die alltägliche Be- 



löT 

uMsoDg des Zuekerwaasera als kohlendes, niedersohlagende« 
Mittel dartbnt 

Diese Aiideatangeii mdgeo hinreiobeo, um den hohen 
Wertb des Zuckers als Nährstoff fbr das Kindesalter zu be- 
weisen und den Irrthum Derer xu bek&mpfen, die in ihm 
Biir einen Gegenstand der Outschmeokerei und Naschhaftig- 
keit erblicken, welcher aus der Einderstube verbannt werden 
mflsse. Keinesweges soll jedoch damit auch ausgesprochen 
sein, dass das Maass nicht überschritten, oder io der Art der 
Darreichung nicht gefehlt werden könne. Führt ja doch 
schon ein Zuviel des Süssen leicht zur Uebersättigung und 
SUSI Widerwillen. Ebenso bringt ein zu reichlicher Zucker- 
genuss durch übermässige Hilchs&ureerzeugung im Magen 
Nachtheil und veranlasst, wo solche wegen ungenügender 
Gallenelnwirkung nicht erfolgen kann, einen Gtthrungsprozess, 
als dessen Wirkungen Hagensfture, Blähsucht, Elrbrecben und 
Durchfall, kurz die Erscheinungen der Dyskrasie (Djspepsie 
aeMe), auftreten. Die Gh'cnze dieses Zuviel von vornherein 
festzustellen ist freilich nicht möglich, da Lebensalter, Indivi- 
daalitftt und die Beschaffenheit der sonstigen Nahrungsmittel 
dabei von wesentlichem Einflüsse sind. Je jünger das Kind, 
desto onehr ist es im Allgemeinen auf das Süsse angewiesen, 
je normaler sein Verdauungsprozess , desto besser wird es 
dasselbe vertragen und verwerthen. Rhachitische und skro- 
pbulöse Individuen dagegen, ebenso auch im höheren Grade 
Anämische bedürfen in dieser Beziehung um so mehr der 
Vorsicht, als die geringere Energie ihrer Verdauungssäfte, 
insbesondere der Galle, an sich schon die Gährung der In- 
geela und «ne abnorme Säurebildung begünstigt. Unter sol- 
ehen VerhMtnissen verschlimmert natürlich der Zucker leicht 
die djspeptischen Erscheinungen, indem den Digestionsorganen 
dessen normale Metamorphose nicht gelingt. Am richtigsten 
wird man also jedenfalls thun, des Zuckers nur so viel zu 
gewähren, dass ihm keine der oben geschilderten Verdau- 
ungsstörungen folgt. 

Kann man aber schon in dem Zuviel sündigen, so noch 
weit mehr in der Art der Darreichung. Hier ist zunächst 
das reine Zackeressen verwerflich, indem es nicht bloss das 



168 

rioblige Maass iaicht übereobreiiet, Eckel imd Uebeirsilltfguog 
herbeiführt, sondern auch um so eher djspeptieeke Ertehei- 
Dungen veranlasst, als die sauren Produkte der Zaekerver- 
dauung dann nicht durch andere, besonders eiweissbaltige, 
Stoffe gemildert und auf ihr richtiges Maaee zurftckgefiihit wer- 
den können. Immer verwende man daher den Zocker aar 
als Zusatz anderer Nahrungsmittel, für welche er, nameatüeh 
in Verbindung mit etwas Kochsalz, die dem Kinde zweek* 
BHtosigste Würze bild^ und den Reiz ihres Genuasee erhöht 
Noch schädlicher müssen sich aber natürlich aUe jene vielar- 
tigen Erzeugnisse der Zucker- und Kuchenb&ckerei beweiseo, 
ia denen derselbe mit rohem Amjlum, Mandeln, ätheriscbeo 
Oelen, erhitzenden Gewürzen, und anderen Bdiwerverdauliohee 
Substanzen verbunden ist, die neben der übergrossen Säure* 
erzeugung auch noch eine ranzige Yerderbnias des Magenin« 
haltes herbeiführen. Ein Gleiches gilt von cingeKuekerten 
Früchten, Marmeladen und überhaupt von allen Süssigkeiten, 
die, nur auf Zungenkitzel bereohnet, zwar recht anganehai 
schmecken, aber niemals zur Bildung eines normalen GhyiiHis 
beitragen können und um so naehtheiliger werden, je reiek- 
lieber n&d häufiger ihr Genuss erfolgt, und je mehr dadureh 
der Appetit zu anderen, dem Geschmackssinne minder schmei- 
chelnden, aber gesünderen Nahrungsmitteln beeinträchtigt wird« 



Im Ans^usse an das Vprstehende mögen hier einige 
Worte über die Verwendung der Fette in der Kinderdtätotik 
Platz finden. Denn wenn man auch nicht behaupten kaan, 
<lass Kindern eine besondere Vorliebe für deren Genuss eigen 
sei, so lässt sich doch ebensowenig abläugnen, dass sie fette 
Milch der abgerahmten, ein mit Butter gestrichenes deas 
trockenen Brode vorzuziehen pflegen, während andererseits 
in mannen Familien und Erziehungshäusem graadsätaUeh 
die Verabreichung alles Fetten ebenso wie die des Zuckers vmr* 
saieden wird. Und doch bietet die Natur selbst schon dem 
neugeborenen Kinde in der Muttermilch über 3 Frozeat Fett 
dar. Das genossene Fett aber liefert dem OrganisaMia wie- 
derum Fett, es ist gleich dem Zucker ein FettbÜdner, unter* 
seheidet sich aber von letzterem durdi die grössefe Ainfiteli- 



Ift9 

hdC md Mmellifkeii Beioer MctemorphoBe. Nach den att- 
gesteMen DotamiobQiigeii werden die Fette der NaliriMig»> 
mittel dureh die Binwirkung des Beuohepeiohek und der Galle 
sam grössten Ilieile und auf das Feintte sertbeiit, gietehaan 
enaulgiTif durohdringen dann in diese» Znatande mki Leidrtig- 
keit die von Oalie beneixte Darmhaut und gelangen eo un- 
mittelbar in die aulbangenden GteAase, wahrend ein ander», 
kleinerer Tbeil dureh das Alkali der Oalle TersOest und wirk* 
lieh au^elöst als Brn&brungsmaterial dem Blutstroine äuge- 
llihrt wird. In wie weit sich alle Fettarten, insbesondere die 
pflansllohen und thierischen, in dieser Beziehung gleieh verhalten, 
ist wissenschaftlieh noch nicht festgestellt, leicht mögKch aber, 
dass die letsteren als Nahrungsmaterial den Yoraug veijüeneo. 
Bei der grossen Widitigkeit, welche, wie bereits firflher 
nachgewiesen wurde, das Fett für den organischen Haushalt 
•berhttupt, gane besonders aber für das Kindesalter hat, kann 
es daher woU keinem Zweifel unterliegen, dass es irrig sei, 
Kindern grunds&tsUoh den Fettgenuss möglichst su entsiehen. 
Bs beruht entsohieden auf einem Irrthum , die Milch fflr klei- 
nere Kinder absurabmen, weil fette fflr sie zu schwer, d. h. 
unverdaulich sei. Frauenmilch ist namentlich in den ersten 
Wochen fast ebenso fisttreich als Kuhmilch, welche letatere 
noch ausserdem der Verkäufer nur bu oft magerer su machen 
pflegt Ja in F&Uen, wo die weissstackigen, gehackten Aas* 
leemngen der Kinder eine mangelhafte Lösung und Verdau- 
ung des Kftsestoffids nachweisen, ist es sogar von entschiede 
nem Nutsen, statt Rahm su entliehen, der Mildi vielmehr 
noch Bahm suBusetsen, indem diese Fettbeigabe die lösende 
Wirkung des Magensaftes auf die Albuminate befördert. Oanx 
das Gleiche findet bcBflglieh der digestiTcn' Umwandlung des 
Stftrkemebles in Fett Statt, auch sie wird durch einen m&ssi- 
gen Fettzusats uniersttttst, daher das Verabreichen des Bro* 
des oder der Kartoffeln ohne Butter, wie (Iberhanpt die Wahl 
einer möglichst ungeschmelBten , mageren Kost filr Kinder 
durchaus nicht zu empfehlen ist. Bestfttigt wird dieser Aus- 
spruch auch dureh die heilsam^i, oft aberrasohenden Wirk* 
ungen der arsneiliehen Anwendung reiner Fette, insbesondere 
des Leberthranes, bei Kindern. Je weniger dw chemisehe 



160 

Analyse nur irgend erhebliche Sparen solcher Stoffe nachsu- 
w^sen yermocht hat, denen die unbestreitbare Heilkraft des 
Lebertbraoes auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit sage* 
schrieben werden könnte, um so mehr wird man su der An- 
sidit gedrängt, dass dieselbe einsig das Ergebniss des Fett- 
genusses s^. Darum sagt das Mittel auch vorzugsweise 
schlecht ern&hrten, hauptsächlich mit mehligen Substanseo 
gegitterten, an einer fehlerhaften Blutmischung und Stoffbil- 
dung leidenden Kindern, die mit den Erscheinungen der Rha- 
ohitis, Skrophulosis oder Tuberkulosis behaftet sind, su; es 
ist eine Panaoee in den Hatten der Armuth, während es in 
den Familien der Wohlhal>enden und Reichen oft eine über- 
flassige, selbst belästigende, Zugabe bildet 

Wie aber in der Verabreichung des Zuckers, so kann 
auch in der der Fette leicht gefehlt werden. Unter den ver« 
sdiiedenen als Speisensusatz dienenden Substanzen dieser 
Gruppe steht jedenfalls die frische Butter schon aus dem 
Grunde obenan, weil sie einen Bestandtheii der Milch bildet. 
Ihr zunächst reihen sich die animalischen Fette de» Rindes, 
Schaafes, Schweines, während die pflanzlichen, die Oele, 
Kakaobutter u. dgl. am wenigsten leicht verwerthbar für den 
menschlichen Organismus zu sein scheinen. 

Indess sind die Akten über diesen Punkt noch lange 
nicht geschlossen. Unpassend muss ferner die Verbindung 
der Fette mit solchen Stoffen erscheinen, welche, wie der 
Essig oder reichlicher gleichzeitiger Wassergenuss , deren 
Emulgirung und Eintritt in die Darmhäute erschweren, ja 
selbst das Zusammentreffen mit grösseren Mengen Zuckers 
in den Verdauungsorganen dürfte aus gleichem Grunde ihrer 
Verwerthung hinderlich sein. Schädlich aber endlieh mttseea 
sich alle Speisen erweisen, in welchen, wie in fetten Kuchen 
und anderen Backwerken, das Fett mit schwerverdaulichen 
ungegohrenen Mehktoffen verbunden, ebenso, wenn dasselbe 
durch Einwirkung der Hitze brenzlich, durch Räuchern oder 
längeres Stehen ranzig geworden ist, indem dann der Chj- 
mus eine gleiche Beschaffenheit annimmt und bei dem direk- 
ten Uebergange der Fette in den Blutstrom auch dieser eine 
fremdartige Mischung erhält 



t61 

Die meiaton Kiador zidien nehlige Spttiaeo dem Geiosse 
der fineehen Vegetehilien, inabesoodere der BKUterarten, vor, 
Geb&oke, Mehbpeisen, Karto£Ma, Reie und die yerachiedeiiea 
mit dem Namen ,,lrockene öemttse^^ befieidioeten Produkte 
der OereelieD sied gewöhnlieh ihre lieblinge. In eilen dieeen 
NahniDgemitlelii bildet das 8t&rkemehl einen HauptbestandtheU 
and bestimmt weaentlich deren N&hrwerthe. Stärkemehl aber 
ist der dritte in der Gruppe der fettbildenden Nahrungastofie, 
stellt daher dem Zueker und den Fetten ^ur Seite, unter- 
seheidet sieh aber Ton beiden durch den umst&ndlieheren und 
darum langsameren Gang seiner Assimilation. Unter der Ein- 
wirkung des Speiehels, Bauohqpeichels und Darmsaftes muss 
es sieh n&miteh zun&ehst in Gummi, dieses dann wiederum in 
Zucker, und der Zueker endlich in Milchs&ure umwandeln, 
bcTor seine Yerwertbung als fettbildendes Material beginnen 
kann. Dabei ist femer der Grad der Verdanliehkeit der stftrke- 
mehlhaitigen Substanzen, je nach der Besdiaffenheit despflana- 
Kehen Gewebes, der beigemischten Stoffe und der gewählten 
Bereitmigsweise, ein sehr versehiedener. Je mehr die einzel- 
nen AmjlumkOgelchen in einen festen Fettstoff oder wirkliche 
Hoisfaser (wie in älteren Wurzelgemüsen) eingebettet, je 
reichlieher sie von Pflanzenschleim und Fett umgeben sind| 
desto schwerer zugtoglieh müssen sie natürlich den Verdau- 
ungseftften werden, während durch Formen tirea (Sauerteig)i 
BMken und Kochen ihre Hülle erweicht und gesprengt, theil- 
weise auch die Umsetzung in Gummi schon vor dem Genüsse 
Tcrmittelt wird. Ebenso stellen derbe, schliffige Mehlgerichte 
(Kartoffeln, Klose, Backwerke) und frische Gebäcke dem 
Assimilationsprozesse eine wesentlich schwerere Aufgabe, als 
lockere, poröse, altbackene. Endlich ist auch die Fortbe- 
wegung der mehligen Nahrungsmittel im Darmkanale schon 
wegen der stärkeren Aubaugung der Darmflüssigkeiten durch 
dieselben eine langsamere und mit einer reichlicheren Gasent- 
wiekelung verbundene. Dagegen darf mau nicht übersehen, 
dass in den meisten mehligen Nahrungsmitteln, insbesondere 
den Cerealien, dem Organismus neben dem Stärkemehle auch 
stickstoffhaltige Nährstoffe (der Kleber) in mehr oder minder 
bedeutender Menge zugeführt werden, welche deren Nfthrwerth 
wesentßeh erhöhen. 



IM 

.DiBfed« Alle» nminaieii{|e»oiainea MMt lioh gcmss tiehi 
beeweiMn, dass dem Veriangeii der Kmi mf nach meUiger 
Hoeft im AUgemehi^ zwar ohne Bedenken enltpirechefi wef-» 
de» könne, dabei aber eine besendere Rftoksiekt aof die Iii4h 
yidoalili&t jener, wie auf die phjsikalisdie Besebaffesheit die* 
eer, su nebaaen sei. Im ANgemeineii werden Kinder mehMge 
SabetaAzen vm so besser Terwertheo , je ftker ate sind , je 
kviftiger ihte Verdaoangasftfte, je energiseber ihre Darmmua« 
kein wirken. Kinder im Säuglingsaker ebenso wie pkleg^ 
matiaehe, torpide, skrophulöee, blutatme ladividualiUUen veriaa- 
gen in dieser Beziehung grosse Versiebt und eine vorwiegend 
animaHs«^ Kost. Besflglieh der Zubereitungsweise erapfeblea 
sioh fftr Kinder am meisten die grOndlieh weieh gebooblen 
Produkte der Oerealien, Reis, Ortttee, Ories, Nudeln, 6rftu|^- 
ehe» und, in Verbimhtng mit MHcfa oder FletsehbrObe, von 
den Backwerken besonders Brod und Semmel, jedoch a«tt 
altbacken, und namentlich Zwieback, in welchem dureb das 
nachträgliche Rösten die Umsetaung des Stärkemehles schon 
wesentlich geASrdert ist Kartoffeln, ein Hochgenuss der 
meisten Kinder, yerdienen, sobald sie locker and dvreh ihns 
Zubereitungsweise (namentlich Basig) nioht schwer oder 
völlig nnverdaulieh gemacht worden sind, gewiss um so weni- 
ger die gegen sie erhobenen Verdächtigungen, je mehr sie mar 
als Zukost, nicht als fiist aoescMiesstiches Nabningsmaterial 
verwendet werden. In gar rieiea FaaulieD erhalten die Kia* 
der jeden Mittag einige Kartofibln au ihrem Fleische und ge« 
deihen dabei trefflich. Dass hingegen Kuchen «id andere 
' Ekiltergebaeke Kindern wenig aotrftglieh und dieiher nur aus- 
nahmsweise an gewithren seien, bedarf wohl kaum dar fir- 
wfthnung. 



Keine grossen Freunde pflegen Kinder von den söge* 
nanmten grünen Oemasen und Waraeln, wie den Spinat^ 
den KohU und Krftuterarten , der Petersilie, den Raben und 
Btöhren tvt sein, ja es wird vielen selbst bei dem besten 
Willen unmöglich, solche Dinge au genlessen. Sollen sie, wie 
dieses woM oft geschieht, dasu gezwungen werden, oder ist 
diese Abneigung als Stimme eines Naturtriebes au beaebten? 
Die Antwort auf diese Frage wird durch die physiologischa 



BitniriliuBfr cks BUMPwevttwe derartiger Vegeäkbiliaii einetieilB 
wd des kkuflicheB Verdaniingevennögeiie filr selbige andere»» 
0«l8 gegebes. Bei eiaem durchsciiirililieheD Waeeergebalte Ton 
neen Zebntheilen ihres Gewiohtes bieten die ftischen grünen 
G^Ose ausser den in ihnen reiehUch rorhandeiien pflanaeo* 
o a a r o n Salaen verhUtnissinAssig a«r wenig Nabrangsstofl^ 
haapls&chhdi Ptoneneiweiss , dar. WuraelgeBiAee enthalten 
iwar eine vial grössere Menge von St&rkemehl, Oamini^ «od 
beseadtt« Znoknr, als Btetter und 8cb(issliiige, skid dabe» 
nahrhafter, auch Wehter verdaatieb als diese, stehen aber doch 
ia beider Beaiehnng den Cerealien und selbst den Httlsea- 
fetehten (Erbeen, iinsen, Bohnen), sobald nur letatere von 
ihrer Sobaaie befreit sind, weit nach. Zu diesem geriagen 
Nftbrwertbe der grünen Pfkaaaenkoet kommt aber auoh nooh 
die 8oiKw«rverdauliebkeit des reioblieb darin enthaltenen ZM» 
Stoffes, welcher eine langfortgesetste Einwirhang der Dih 
gestioBsakte für deren Verwerthung fordert. Pflanaenfressende 
Thiere haben daher einen 4 bis 7 mal lltogeren Verdauungs* 
kanal als fleischfressende usd besitzen in ihrem stark ent* 
wiekelten, buebtigen Magen und Blinddarme kryüg wirkende 
LOsangsapparate, deren letatere nicht bedürfen. Aehnliehe 
Yerh&liiiisae finden sieh aneh bei dem Menschen je nach sei* 
nen Altersstufen. Im Kinde bat , und awar um so mehr, je 
jünger es ist, der Mag«D noch eine beinahe cylindriaehe 
Form y der Anfang des Dickdarmes nooh keine erbebtichea 
Ausbuchtungen, das Verdauungsrohr gleieht dem der Caroi- 
?aren. Kur aUmilMig bilden sieh mit yorschreitenden Jahren 
der BBndsack des Magens asid die umfi^gUchen Erweiterungen 
des BlMsddarmes aus, in denen, wie bei den Pflanaenfressem, 
die langsamer assimilirbarea vegetabilischen Ingesta einer ver* 
lungerten und wiederholten Binwirkung der lösenden Ver- 
daaoogssMte unterworfen werden können. Freilich kann durch 
easen ▼onseiligen und Torwiegeoden Genuss gröberer vegeta- 
bilisdMr NahrungsmUtel, der Kartoffeln, Blätlergemüse, Hüben* 
Mobte, groben Sehwarabrodes und dergleichen diese normal 
erst spftter sieh ausbildende Bntwickelung des Magenbllndsaokes 
und Coeenan auch sehr verfrüht werden, wie dieses namentlich 
bei akropirolösen Kindern so häufig der Fall ist, die oft schon 



164 

10 den erston Lebeoqahren die FormTerh&ltaiaae des VevdM«- 
uagskanales Erwachsener wahmehmen lassen* Allein nnmög- 
lioh dürfen doch solche o£fenbar pathologische Zast&nde «im 
Maassstabe der Beartheilung gemacht werden, sondern mOssen 
weit mehr als Warnung dienen, di&tetische Fehler lu ver- 
meiden. Der normale anatomische Bau bekundet unsweifel 
haft, dass das Eind in seinem ersten Lebensjahre nur auf 
den Qenuss animalischer und der rascher assimilirbaren vege- 
labilischen Nahrungsstoffe (des Zuckers, Stärkemehles) ange- 
wiesen sei, und dass es nur später erst allm&hlig die Fähigkeit 
sur Yerwerthung der schwer löslichen aellstoflEreichen Pflanaen- 
theile erlange. Darum ist es auch gewiss nicht richtig, ihm 
seinem Instinkte zuwider den Genuss derartiger Nahmngsmittel 
aufiiunöthigen, die leicht zu Indigestionen und Blähongsbeschwer^ 
den fahren, ohne, wie bereits erwähnt, einen erheblichen Nähr- 
werth zu besitzen. Weit mehr scheinen die in vielen dersel- 
ben reichlich enthaltenen pflanzensauren Sahse, welche sich im 
Organismus in Kohlensäure umwandeln und als solche mit 
dem Harne ausgeschieden werden, fördernd auf die Umsetzung 
der stickstoffhaltigen und stickstofffreien Bestandtheile des 
Organismus einzuwirken und daher besonders da von Nutzen 
zu sein, wo es auf eine Förderung der rttckbitdenden Meta- 
morphose des Körpermateriales ankommt. Letzteres ist aber 
namentlich in dem reiferen und absteigenden Lebensalter der 
Fall und so sehen wir denn auch die grttnen Oemflse in die> 
sem ihren Werth und ihre Würdigung erhalten. 

Einen Lieblingsgenuss gewährt Kindern last* ohne Aus- 
nahme das Obst. Beeren, Kern- und Steinfrüchte gelten ihnen 
darin gleich, und selbst was dem Gktumen Erwachsener nur 
wenig zusagt, findet bei ihnen Abnehmer. Der sehr reichliche 
Wassergehalt, verbunden mit Zucker und Pflanzensäuren, ver- 
leiht den Flüchten offenbar eine mehr kühlende, blntverdfln- 
nende, die Darmausscheidungen fördernde, als wirklich näh- 
rende. Eigenschaft und madit sie dadurch zu einer paaaenden 
Zukost filr andere, namentlich mehlreiche NahningamitteL Je 
zarter ihr Zdlgewebe, je grösser ihr Gehalt an Zucker, je 
vollständiger ihre Reife, um so leichter werden sie verdaut, 
und um so weniger sind Nachtheile von ihrem Gennsae zu be- 



filrchieo. Sobaaleo uad Kerne gehen zwar unverändert wieder 
ab «ad können als nutslose Masse bei grösaerer Ansammlung 
selbst beiästigend wirken > doch acheinen insbesondere die 
kleinen sahlreichen Saamen der Beeren auch einen wohithibta- 
gen mechanisehen Reiz auf die Darmwftnde auszuüben und 
die peristaltische Bewegung zu fördern, wie dies wenigstens 
der nicht selten ihrem Genüsse folgende Abgang von Schleim 
oad Würmern vermuthen Iftsst. Jedenfalls ist kein Grund vor- 
handen, die Darreichung der Früchte an Kinder weiter zu be- 
schr&nkeny als es die JßüoksiQht auf deren abführende Wirkung 
fordert. Man verbindet sie daher am zweckmftssigstw mit 
dem Genüsse von Brod, Semmel, Zwieback und überhaupt sol- 
chen Dinges, welche im Darmkanale reichlich Flüssigkeit ein- 
sangen oder durch ihren Alkaligehalt die freien Pflanzens&u- 
ren neotcal|si|»B. Selbstverständlich wird man dabei stets 
auf -eine gute Beschafienheit , namentlich gehörige Reife, zu 
achten haben, härtere Obstarten lieber gekocht als roh ge- 
messen lassen, überhaupt aber die Früchte nie zu demHaupi- 
bestandtbelle einer Mahlzeit, sondern nur zu einer angenehmen 
Beikoal machen dürfen. 



Bezüglich des Fleisohgenusses bedarf es wohl nar 
weniger Worte. Sein reicher Gehalt an eiweissstoffigen Sub- 
staazen, verbunden mit seiner Leichtverdaulichkeit, machen das 
Fleiseh neb^ Milch und EU zu einem Nahrungsmittel ersten 
Banges. Es sohliesst sich als solches naturgemäss der Periode 
der Milehnahrung an, so zwar, dass mit dem allmähligen Auf- 
hören des anssohliesslichen Milchgenusses, d. i. mit dem fiir- 
seheinen der Schneidezähne , der Fleischgenuss beginnt , um 
dem Körper das reichlich erforderliche stickstoffhaltige Material 
für seinen Aufbau zu liefern. Mit der allerdings nur einen 
Theil des Fleiohwerthes gewährenden, aber durch ihre flüssige 
Form «oh der Milch am nächsten anschliessenden Fleischbrühe 
anfangend, bietet man dem Kinde allmählig zunächst das zarte, 
fettarme und darum am leichtesten verdauliche Fleisch von 
Tauben, Hühnern in Substanz, und geht erst später zu den 
etwas reizenderen und schwerer assimilirbaren, dunklen Fleisch- 
arten über. Sehr fettes, insbesondere aber gesalzenes, ge- 

XLVL 186S 12 



pOckeltes und geräuchertes Fleisch eignen sich itirer Hdhweren 
Löslichkeit wegen gar nicht fflr Kinder. Ueberhaupt aber darf 
man nicht übersehen, dass die Fleischnahnfng nelyen ihrem 
hohen Nährwerthe auch einen reisenden Einfluss, wie auf die 
gesammte Huskelsubstanz, so insbesondere auf den Herzmus- 
kel ausübt und hiedurch die im Kinde so schon Torhandene 
Neigung zu einer erh?^hten Oeftssthfttigkeit, zu sttinniscfaen 
Pieberbewegungen , kongestiven und entzündlichen Ztfstftitden 
erhöht, ja durch ihr Uebermaass selbst den Grund zur Hyper- 
trophie des Herzens legen kann. In gleicher Weise beacht« 
man bei älteren Kindern die erregende Einwirkung des Fleiseh- 
genUBses auf die Oeschleohtsfnnktionen, um nicht durch Ueber- 
treibung des Guten eine vorzeitige Erweckung derselben mit 
ihren Yerirrungen zu f5rdem. 

Aus diesen Gründen ist es gerathen, den Kindern ^s 
Fleisch immer nur in Verbindung mit vegetabflisoher Nahrung, 
und zwar zunächst mit Mehlstoffen, zu verabreichen, übcfhaupt 
aber dessen Verwendung nicht zu übertreiben, denn auch des 
Outen kann zu viel geschehen. Als ein solches Kirviel mnss 
es aber sicherlich bezeichnet werden, wenn man Kkidem mit 
dem Schlüsse der Säugung statt Zwieback oder Semmel nur 
Fleisch bietet, sie vom Morgen bis zum Abende an solchem 
bcfiebig herumkauen lässt, und jede vegetabilische Kcal aus- 
schliesst. Die auf diesem einseitigen Wege angestrebte firitf- 
tigung führt nicht selten später zu sehr wenig effreuKchen Fol- 
gen, ja gelingt gewöhnlich nicht einmal, denn das Kind be- 
darf, wie oben nachgewiesen wurde, für seine gehörige Elit- 
wickelung auch eines reichlichen Maasses fettMMender, also 
stickstofifreier, Nahrung. Der Fleischappetit ist übrigens bei 
Kindern sehr verschieden; während Qaanohe eine besondere 
Vorliebe für Fleischkost haben , verschmähen andere dieselbe 
und zeigen selbst einen unüberwindlichen Widerwillen dagegen, 
wie insbesondere viele blutarme und skrophulöse In^dividfien, 
während doch gerade fdr sie das natüritchste Heilmittel ihres 
Kfankheitszustandes im Fleischgenusse liegt. 



Zum Schlüsse noch einige Worte über den starken Durst 
und das Wassertrinken der Kinder. Kinder •dmnteii be- 



m 

kttuMlieh wek leiohtv aod lebhafter als firwac^iAene, viele 
derselbeo worden am liebsten jeden Bissen mit Wasser bin- 
•ntersptlk» «nd salbst den Genuss von Flflssigkeüen noch 
dareh Waasertrinken vervoilstäadigen. Es mag dies in sej- 
aer Uebeptraibung eine Uagesogenheit sein, zum Grunde liegt 
ihm aber ein wirkliches Bedürfniss. Ist ja doeh dem Kinde 
seine «rate Iliahrnng bis zum Erscheinen der Zähne von der 
Katnr ia flüssiger Form bereitet und der Uebergang zu festen 
Speisen natorgemitos gewiss nur ein allmfthliger. Wie daher 
das Kind in seiner ersten Lebensperiode eigentlich nur Dural 
empfinden kann, so bleibt auch noch später fOr längere Zeit 
die ses QelOhl in ihm Forwaitend und verschwistert sich out 
dem des Kmgers. Der raechere Blutumlauf, der lebhaftere 
SleAinuiatz und die reichlioheren AossoheiflfiDgan, mit eio^^ 
Worte , dttr siebrwunghaftere Lebensprozess , erklären dieses 
giAmeffe Bedarfniss des FlOsaigea im Kinde , und drän- 
gen ttna, deinsett>en ftechaung zu tragen, Dass kein Getränk 
ftr dieaeo Zweck geeigneter sei, als reines Wasser, bedatf 
woU kaum der Brwäbnung, auch pflegen Kinder solches jeder 
anderen Flüssigkeit voraaziehen, wenn es sich darum handelt, 
ihren immer regen Durst zu löschen. Die frühere Meinuiig, 
dass öA&ns Wassertrinken während der Uahkeit die Magen- 
verdavoDg beeinträchtige, ist längst durch Forschung und £r- 
Uutung wideorlegt, vielmehr wird dadurch die Absonderung 
der Verdanungasäfke vermehrt, die Digestion besonders troek^- 
aar, sseUbaltigeir Stoffe gefördert. Und so lasse man den 
Kiadam desn anbedenklieh ihr Glas Wasser bei der Mahlzeit 
oder bei ihrem Butterbrode, und sorge nur dafür, dass nicht 
dnrcfa Uebermaass eine zu starke Abkühlung oder Ausdehnung 
des Magens veranlasst werde, Bier oder gar Wein gesunden 
Kfiadern als durstlöschendes Getränk zu geben, ist unbedingt 
fehlerhaft, beide können, und zwar nur ausnahmsweise, als 
Geiweemifttel, o49r filr therapeutische Zwecke dienen. 



II. Das nächtliche Blosliegen der Kinder. 

,,Aah, ich lumn keine Nacht ruhen, weil sich das unart^e 
Kind iomier blos legt, und ich nicht aufhören darf, es zuza- 

12* 



decken", hören wir häufig sorgsame Mtttter klagen. Meine 
Antwort darauf lautet dann immer: „liebe Frau, lassen 8ie 
nur Ihr Kind ruhig gewähren, und seien Sie versi^ert, dass 
ihm sein Biosliegen keinen Schaden bringt." Damit dringe 
ich nun freihch nicht immer durch und selbst mandier meiner 
Herren Kollegen mag (Iber diesen Ausspruch den Kopf schüt- 
teln, da es ja auf der Hand Hege, dass sich solch' ein ent« 
blösstes Kind erkälten müsse. Altein man mache den Ver- 
such, man beobachte vornrtheilsfrei. und man wird sich über- 
zeugen, dass ich Recht habe. 

Die Thatsache selbst, um welche es sich hier handelt, 
ist einfach folgende: Kinder, namentlich gesunde und gut ge- 
nährte, bis gegen das 9. oder 10. Lebensjahr hin, pflegen sehr 
häufig bei dem Einschlafen die über sie gebreitete wärmende 
Decke sur Seite zu schieben, und nicht eher ruhig zu schlafen, 
als bis sie dies erreicht haben. Wird dieselbe wieder über 
sie gebreitet, so fangen sie, auch ohne wirkhoh zu erwachen, 
Ton Neuem an, unruhig zu werden, sich herumzuwerfen, und 
schlafen nicht eher sanft weiter, als bis es ihnen gelungen 
ist, sich abermals der wärmenden Hülle zu entledigen. In 
dieser Weise geht die Sache oft stundenlang fort, bis endlich 
die Wärterin ermüdet und das Kind gewähren läest, oder 
dieses selbst in einen tieferen Schlaf rerfttllen ist. Offenbar 
liegt der Grund dieser Störung ihres ruhigen Schlafe« in einem 
Hissbehagen, welches die Kinder empfinden und- durch Blos- 
liegen zu beseitigen bemüht sind. Dieses Missbehagen kann 
aber wohl kaum ein anderes sein, als das durch die Bedeckung 
veranlasste zu grosse WärmegefQhl, da ja mit Beseitigung 
der ersteren fast augenblicklich Ruhe einzutreten pflegt. Bs 
fragt sich nun, ob und inwiefeme durch dieses Entblöstliegen 
den Kindern ein Nachtheil erwachse, und wie sich demgemäss 
dabei zu verhalten sei. 

Wie schon bemerkt wurde, sind es namentlich kräftige, 
gut genährte, und demnach eine energische Wärmeentwioke- 
lung besitzende Kinder, an- denen dieses Verhalten wahrge- 
nommen wird, während schwächliche, dürftig genährte, blut- 
arme meist geduldig unter den Federn zu Hegen, ja sich recht 
behaglicb darunter zu verkriechen pflegen. Bbenso' legen siA 



«6» 

kranke Kinder gern Mos, sobald durch einen Piebenuaiand 
die Temperatur und das Oemangefühl gesteigert werden. Es 
tat somit ein instinktiver Drang nach Abkühlung, der hierbei 
wirkt und Beachtung fordert. Von diesem Orundsatse ans- 
gehend bin ich daher« freilich im Widerspruche mit manchem 
meiner Herren Kollegen, dahin gelangt, fOr alle Kinder, ge* 
sttode wie kranke, sobald sie sich im Schlafe biosiegen, eine 
leichtere Bedeckung anzuordnen, und wenn auch diese den 
kleinen Schläfern noch zu viel zu sein scheint, den £ath zu 
geben, dass man sie, sofern nur die Temperatur des Zimmers 
keine allzuniedrige (unter f 10® R.) ist, unbedenklich ent- 
blösat Gegen lassen, oder höchstens durch Ueberspannen eines 
Tacfaes Aber das Bett, vor zu starker Abkühlung schützen 
möge. Die Zweckmässigkeit und — Gefahrlosigkeit dieses 
Verfahrens hat sich mir so vielfach bestätigt, dass ich mich, 
namentlich denjenigen Aerzten gegenüber, welche darin eine 
entschiedene Veranlassung von Erkältungen zu erblicken ge- 
wohnt sind, zu dessen öffentlicher Empfehlung gedrungen 
fahle. Gesunde Kinder erkälten sich, wie ich dies hundert- 
foch erprobt habe, dadurch nicht, schlafen viel ruhiger und 
sehwitaen weniger leicht, als im entgegengesetzten Falle. Sie 
fühlen sich offenbar in dieser Entblössung behaglich, selbst 
bei einer ziemlich niedrigen Zimmertemperatur, und bewähren 
dadurch ihr grösseres Wärmeentwickelungsvermögen als Er- 
wadisene. Fangen sie aber wirklich an Kälte zu empfinden, 
dann pflegen sie schon von selbst nach Bedeckung zu suchen, 
•ie zu verlangen und sich dieselbe gefallen zu lassen. 

Selbst bei kranken Kindern empfiehlt sich das gleiche 
Verfahren, und zwar um so mehr, je lebhafter sie fiebern 
und je entschiedener sich deren Hautorgan in einem Zustande 
kongestiver oder entzündlicher Reizung befindet, wie solches 
namendioh bei Scharlach, Rothlauf, Pocken der Fall ist. Die 
noeh sehr allgemein verbreitete , leider selbst bei manchen 
Aerzten Unterstützung findende Sitte, solche Kranke möglichst 
warm zu halten und sie in dem reichlich erwärmten Zimmer 
mit dicken Federbetten zu bedecken, aus denen sie, um sich 
nicht zu erkälten, kaum das Gesicht, geschweige denn die 
Arme oder gar die Beine hervorstrecken dürfen , ist eine 



ebeft so qualvolle als gefthrliche Unaitle. Auf die«e IMm 
wird ja doeh offenbar Oel in daa Feuer gegoBsea, die Haot- 
reiauDg gesteigert, der Fieberstorm erhöht und eine an sieh 
▼ielleiefat milde Krankheit leicht zu einer das Lebe» geiUir- 
denden Heftigkeit gebracht. Als Beispiel dieser Art schwebt 
mir ld[)endig der folgende Fall vor. Ein geiltig und körper^ 
lieb frisches öjähriges Mädchen war am Scharlach erkraakt 
and unter den heftigsten Fiebererseheinungen s^tm aach weni* 
gen Tagen gestorben. Die Orossn^ntter des Kindes, deren 
Hausarzt ich war, berichtete mir diesen Traueriall, der auch 
mich um so schmerzlicher Überraschte , als ich die Kleine 
öfter bei ihr gesehen, und mich ihrer Munterkeit gefront hatte« 
„Bin Versäumnisses tröstete sieh die gute Fran sdbst, „haben 
wir uns wenigstens dabei nicht vorzuwerfen , sondern jede 
Vorschrift des Arztes auf das Pünktlichste befolgt, um B^ 
kältung und das Zurttcktreten des Ausschlages zu verhttfeen. 
Thflren und Fenster des Zimmers haben wir sorglichsi ▼«^ 
hängt, das Feuer ist im Ofen nicht ausgegangen, das Bett 
durch zwei Bettschirme gegen jede Zugluft geschlitzt und 
ausserdem ängstlich von uns darüber gewacht worden, dass 
die sehr unruhige Kranke sich ja nicht blos legte. Auch etasd 
der Ausschlag sehr schön , denn das Kind war ja über und 
über roth wie ein Krebs, aber seine Unruhe dabei grenzen* 
los, indem es immer aus dem Bette verlangte, statt des Tbeee 
nach kaltem Wasser schrie und grässlioh phantasirte, bis es 
endlich einsehlummerte, um nicht wieder zu erwachen. Aoh, 
es war eine schwere Zeit für uns, und doch hat trotz alles 
unseres Mühens der Himmel seinen Engel au sich genommenes 
loh schwieg, da Rücksichten der Humanität und KollegialiM; 
mir nicht erlaubten , meine Ueberzeugung auszusprechen , im 
Innern aber sagte ich mir, dass der Ausgang doch wohl ein 
anderer gewesen sein könnte, wenn man gerade das Gegen* 
theil von dem gethan hätte, was hier als sorgHltige Pflege 
bezeichnet wurde. Das Naturgemässeste ist es wenigatens 
immer. Kranke um so mehr kühl zu halten, je lebhafter sie 
fiebere, je erhöhter ihre Wärmeentwickelung sich zeigt, gleich- 
viel, ob ein innerer Entzflndungs-, ein exan thematischer, oder 
ein anderer Blutvergiftangsprozess den Grund dafür gibt. Ein 



QimPke^ gilt Mfl^ vow der I^ufteroeuerung im Krao]f;eQKiiniDer 
uad gßttm bw,ou4ßTs. um das Krm)keDb«tt. Darum ist das 
Ah«yenreo 4e9 letetfreo durch Vorbau g^ oder Schirme käu 
eaipfetilenswerttier ^r^uchi indem dadurch aothweudig die 
im Kraukm uffigei^ende LuftAefaicht mit den ga9förmig!ea 
AuMcbeidangvpKpdukteu desaelben erfüllt, mau darf wohl 
sagea^ vergiftet wird. 

fio viel fOi; jetaX Qber diesen wichtigen ^Gegenstand. Zum 
SchUisaa mr noch die Bemerkung, dass meiner Ueber^agung 
naeib ii^ Uoruhe kleiier in Wiokelbette^ eingebundener Rin- 
der and deren aolbrtiges Buhigwerden, sobald man jene \69^ 
und Utfitet, nicht bloss in der Beschränkung der freien Bewe- 
gung ibrer Glieder) «ondern zu ain^m grossen Theile auch in 
dar abargroysen Wärme zu suehen ist, welcher sie in jenem 
daebteOf rii^a ^bg^chloasenen Federkerker unterworfen sind. 
Wenigatens spricht die spätere Neigung der Kindar, sich im 
Schlafe blo^^legan, entschieden zu Gunsten dieser Anqahma 
und des Vorschlages, die dicken Wickelbetten mit vvoUenei^ 
fiinachlagiüchern zu vertauschen. 



üeber die Punktion des Thorax bei ganz kleinen 

Kindern, mit Hinweisung auf einen glücklich ope- 

rirten Fall bei einem 12 Monate alten Säuglinge, 

von i>r* H. Guinier in Montpellier*). 

Umter den Operationen, die am lebenden Menschen vor- 
genooimen werden, gibt ee wenige, welche so vielen Wechsel 
der BeurtheiUing erfahren, au so vielen Streitigkeiten Anlass 
gegeben habßn 'und mehr stiidirt und durchgearbeitet wordeu 
sind, als die Punktion des Thorax oder die Thoracooentese. 
Seit 4 Jalurep mit Vorträgen über Kinderkrankheiten au der 



*) Aus einem nnter der Presse befindlichen Werke des Verfas- 
sertl <n^er klinische Ifedizin, nach der Gam. hebdom, de M^dechtt 
19*. Jan. 18W. 



medizioifichen Fakullftt zu Montpellier b^schftftigt und daher 
auf ein sorgfältiges Studium aller der in dieses Gebiet ein- 
schlagenden Fragen angewiesen, hat Hr. Guinier sehr bald 
erkannt, dass die hier in Rede stehende Operation, naoient- 
Kch in Bezug auf das erste Kindesalter, noch durchaus nicht 
erprobt worden ist, obwohl gerade daran mandies wissen- 
schaftliche Interesse sich knüpft. Der Fall, der gleich mitge^ 
theik werden wird und ein Kind von noch -nicht yolleA 12 
Monaten betrifft, ist deshalb von nicht geringer Wichtigkeit, 
zumal da er noch mit ganz eigenen Umständen verknüpft 
war, die an sich schon Aufmerksamkeit verdienen. 

„Nach den Untersuchungen^', sagt Hr. 6 u., „die wir vor- 
genommen haben, können die F&lle, welche bis jetst bei 
Säuglingen die Punktion des Thorax veranlasst haben , nur 
als Ausnahmen angesehen werden. Wir haben jedenfalls kei- 
nen gefunden, der dem unsrigen an die Seite zu stellen ist; 
jedenfalls ist uns kein Fall bekannt geworden, wo bei einem 
Kinde unter drei Jahren die Punktion des Thorax einen glück- 
lichen Erfolg gehabt hätte. Die Beobachtung eines Empjemes 
bei einem ^^l^i^hr alten Kinde, welche 1852 von Marotte 
veröffentlicht worden ist; ferner diejenige, welche Archam- 
bault in seiner Inauguraldissertation, und endlich die, welche 
H. Roger 1864 kundgethan hat, scheinen die einzigen zu 
sein, welche eine gewisse Annäherung an unseren Fall 
zeigen/^ 

„Abgesehen hiervon ist überhaupt in dem Alter unter 
14 Jahren der Anstich des Thorax verhältnissttiässig selten 
gewesen. Der älteste Fall, der bekannt ist, welcher ein Em- 
pjero bei einem Kinde betrifft, ist bei Galen zu finden. Das 
Empyem soll bei dem Kinde die Folge eines Stosse^ gewe- 
sen sein, den dasselbe auf die Brust erlitten hatte; ein Arzt 
machte eine Oeffnung in den Thorax, liess ' die Flüssigkeit 
heraus und wartete die Vernarbung der Wunde ab, aber es 
stellte sich dann wieder Entzündung ein, es bildete sich ein 
neuer Abszess in der Tiefe und man sah sich genöthigt, die 
Punktion zu wiederholen, konnte aber die gemachte Oeffnung 
nicht wieder zuheilen. Galen, der herbeigerufen wurde, 
fand das Brustbein kariös, entfernte die kariöse Stelle glück- 



tt9 

HA darefa den Trepan und heilte das Kind, obw<4i1 das Hers 
ganz bloßgelegt zu sehen war, indem die Eiterung einen Theif 
des Hersbeutels ^rstdrt hatte/^ 

,,In unserem FaHe aber handelt es sich nieht um ein 
Empyem aus trauroatisober Ursache. In den Fällen, die dem 
yon Galen analog sind, Iftsst sieb mit Wahrscheinliehkeit 
dasselbe Verfuhren nachahmen, aber es wird dieses sicherltch 
nur yon den wenigen Anh&ngem geschehen, welche die Ope- 
ration des Empyemes bei Kindern überhaupt besitzt. Seit Oa«* 
1 e n findet sich die einzige Erwähnung, die wir haben auffin- 
den können, im Jahre 1712. R. H. Linguet hat diese ge- 
wiss an Kindern vorgenommen, denn er bemerkt, dass, da 
bei diesen Kindern wohl die Knochen weich und knorpelig 
sind, statt des Trepans ein gewöhnlicher Troikar genommen 
werden kann." 

,)Um etwas Genaueres zu erlangen, muss man bis zum 
Jahre 1835 herabgefaen und man findet dann, dass der eigent- 
liche Beförderer der Punktion des Thorax bei Kindern der 
englische Arzt Thomas Davies ist; er eropfiehU die Ope- 
ration sehr warm beim Hydrotborax, beim Bmpjeme und zeigt, 
dass sie gerade in diesem Alter erfolgreich ist. Freiman 
(1812), Delpech (1825) und Henfelder (1835) standen 
nicht an, bei jugendlichen Subjekten diese Operation vorzu- 
nehmen, aber erst seit den zahlreichen und günstigen Erfol- 
gen des Herrn Prof. Troussesiu in Paris sind mehrere Beob- 
achtangen ganz genau mitgetheilt worden, unter denen s\eh 
jedoch keine findet, welche ein Kind im Säuglingsalter be- 
trifft. tHese Lücke soll nun durch die folgende Mittheilung 
ausgefüllt werden, die jedenfalls, wie ich glaube, das Ver- 
dienst hat, noch einzig in ihrer Art zu sein." 

„Kranklieitsgeschichte. Heinrich J. ist das dritte 
Kind einer FamiKe, in welcher die beiden älteren Kinder, 
etwa im 9. Monate ihres Lebens, an einem Darmleiden ge- 
storben sind. Der Knabe ist 11^/2 Monat alt und wird von 
seiner eigenen Mutter gesäugt, die 30 Jahre alt, sehr lympha- 
tisch und sehr nervös ist; er ist ein hübsches Kind, beweg- 
lich, intelligent und aufmerksam für sein Alter; er scheint 



m 

elfte gute EoMtitttlioo zu haben, k^t bereite BoetHi Jlcbaeide* 
attboe ued ist in yolier Zahnentwiekeiung; er ifi itocb beceito 
vaccinirt.^^ 

„Am 4. M&rz 1863: Wir werden z«. dem Kinde gerufen 
uttd finden es in Fieber; es bat im Laufe des Tages drei Ua 
vier Durcbf&Ue gehabt. ( Verordnet : 0^01 Kalomet ftweistüod- 
liah in einem Kaffeelöffel voll Quittensjrup, Eselinnenmileh; 
die Brust weiter zu geben, Kataplasmen auf den Bauofa, eia 
kleines erweichendes Klyatir.)'' , 

i,Am & ; Der Dureh&ü bat aufgehört, weiche Darinaus- 
leerung. Das Fieber dauert fpri, es vermehrt sich etwa« am 
Abende, Das Kind befindet sich in dem nach Kordep gelege- 
nen, im untersten Geschosse auf ebener £rde beflodUehen Lo- 
kale der Familie, worin ein Tabakshandel betrieben wird (die 
Behandlung wird fortgesetzt, nur das Kalomel wird fortge- 
lassen}.^^ 

„Am 7.: Deutliche Vermehrung des Fiebers zu der Zeit 
wie gestern, so dasa es die Form eines Anfalles hat. (Ver- 
ordnet: 4 «Grammen sohwefelsauribn Ghinine w^read der 
Nacht in die Aehselgruben und Kniekehlen einaureiben, die 
übrige Behandlung wie früher.)^' 

„Am 8.: Sehr starker Fieberanfall gegen 11 Uhr Mor- 
gens; das Kind ist hlass und kalt über eine Stande laag; 
dann folgt lebhafte Hitze dei* Haut mit scharlachartiger Bötbe 
des Angesichtes und nach 3 Stunden ein starker Schweias, wel- 
eber Ober 2 Stunden anhält. Die bei Jedem Besuche vorge- 
nommene Prüfung der Brust ergibt nichts Verdächtiges (ver- 
ordnet: 8 Grammen schwefelsauren Chinins wie vorher) .^^ 

„Am 9.: Bin kaum merklicher Anfall des Fiebers gegeq 
11 Uhr Morgens; die Kälte und die Hiiae nicht so stark und 
statt des übermässigen Schweisses ein feuchtes Duften der 
Haut. Die Untersuchung der Brust ergibt ein knisterndes 
Rasseb in der linken Schulterblattgrube und eine geringe 
Dämpfung des Tones an dieser Stelle; das Kind hustet ein 
wenig (6 Grammen schwefelsauren Chinins wie früher ansu- 
wenden; Blasenpflaster auf den ArmV^ 

„Am 10.: Kein Fieberanfall mehr, dagegen deutlieber 
I}/9steo, der aber nicht anstrengf^ld ist; fiaohtige Rötbe auf 



ITI 

im WttogeB. VornMeitag de« ptslenAen Atboinngsgeria* 
ffliie« an ekler elwa tbaiergioeseö Stelle ia der liaken Paeta 
iaflaspinata (dae sobwefMsaare Chinin wird fortgelaetaa; scm« 
stige BahandfaiBg wie frflker.^ 

f,Aai 11.: HusIeD feuoht und »okleiaiig, aber settaaer; 
der putende Ton beiei Aihnea fehlt noch an der Btelie, da* 
gegen knisterndes Rasseln (fliegende« BlasoBpflaster aaf die 
Knke Sahnlterblattgegend ; ein foustsyrnp)/^ 

,,Aai 12.: Sehr denUiche Besserung; da« Kind wird an«' 
gedoMig nnd hat Appetit, Dannausleernag regelmässig, 
Behleiaurasaeh, Perkassionston normal/^ 

,,Ani 13.: Die Besserung beetlUjgt sich, so das« unsere 
Besage seltener werden und die Ehern da« Kind ohne an* 
sere Brlaubttits aastragen lassen/* 

,,Zwei Tage später, am 15*, finden wir da« Kind etwas 
angegriffbn. Es wird uns berichtet, dass es sich wahrsehein* 
Heb am Abende vorher erk&ltet habe, da man e« mit «einer 
W&rteria bis 6 Uhr auf der Strasse gelassen hat. Haut hei««, 
fieberhaft; Aagesielit abgespannt; die Mutter bemerkt, das« 
«s dem Kinde »ekwierfg wird, ihre Unke Brust aa nehmen 
und in der That findet sieh, dass es, auf seine rechte Seile 
gelegt, sehr unruhig und aufgeregt wird. Perkussionstan an- 
tcAalb des unteren Winkel« des liaken Schulterblattes merk- 
lieh gedämpft; Athmufigsgeräu«ch dunkel und wie umschleiert; 
kein Baasdn; e« ist offenbar ein begiaaender Brguss von Flfla- 
sigkeit im Haken Pleurasäcke vorhanden ^fliegendes Blasen- 
pflaster da, wo der Ton gedämpft ist, ausserdem Syrapa« 
Digitalia).'' 

„Am 29. März, am 10. Tage des Ergusses in der Pleura, 
hat die Dämpfung de« Tones an Stärke und Ausdehnung 
sehen einen hohen Orad erreicht; Hosten und Dyspnoe ha- 
ben sich eingesteiit, sind aber noch nicht sehr belästigend; 
jedoch kann das Kind nicht auf die rechte Seite gelegt wer- 
den nnd daher nicht die linke Brust nehmen, indem es dabei 
SU grosse Beängstigung erleidet. Es ist Cbrigens nicht ab- 
gemagert, zwar etwas UcsgIi, aber munter, spielt und 
nimmt die ihm gereichte flttssige Nahrung gern su sich. Die 
Verdaoimg geht gut von {katten, eine Ms zwei Darmausleer- 



17« 

UDgen in 24 Stunden; Urin normal und rei<^lich, ohlie AI- 
biimin; die Wärme der Haut natOrlioh; der Pols etwas leth 
haft, jedoch nicht über 100 in der Minute (verordnet: 3 flie- 
gende Blasenpflaster auf die linke Schultergegend haben eine 
vorOfaergehende Besserung gebracht, indem das Athmen etwas 
freier und der Schlaf ruhiger wurde, aber nach 24 Stunden 
war der Schlaf wieder wie früher)." 

„Am 25. finden wir das Kind etwas matt und still; es 
will Nahrung nicht nehmen und immer nur an der Brost lie* 
gen ; der Oesichtsausdruck etwas verändert, die Augen liegen 
hohl, der Blick trübe; die bleiche Farbe des AntliUes geht 
in^s Fahle ; die Bewegungen der Lippen sind links viel weniger 
bemerklich als rechts; die Räume zwischen den lippen er* 
scheinen dort mehr ausgefüllt als hier; überhaupt ist die 
ganze linke Seite des Thorax auffallend ausgedehnt; die durch 
das Schreien erzeugte Vibration ist daselbst vermindert, was 
besonders auflUllt, wenn man in dieser Beziehung die rechte 
Brustseite damit vergleicht. Das Schütteln des Thorax ge- 
währt uns kein Merkmal; Verschiebung der Brustorgane war 
nicht vorhanden; die Athmungsgeräusdie sind in der ganzen 
Ausdehnung, in der der Perkussionston gedämpft ist, nicht 
hörbar." 

„Die Oesammtheit der allgemeinen Erscheinungen lässt 
uns fürchten, dass sich im linken Pleurasäcke mit dem Ergüsse 
Eiter gebildet habe, und dass uns nichts übrig bleiben werde, 
als die Punktion des Thorax zu machen, um diesen Brgttss 
wegzuschaffen. Wegen des zarten Alters des Kindes aber, 
ferner wegen der kurzen Dauer des Ergusses, der erst seit 
10 Tagen besteht, zögern wir, die Operation vorzunehmen, 
zumal da uns kein analoger Fall bei einem so kleinen Kinde, 
der uns zur Richtschnur dienen könnte, bekannt ist, und da 
wir auch keine Instrumente besitzen, die für diese kindliche 
Gestaltung der Organe geeignet erscheinen. Wir versuchen 
also noch durch andere Mittel über die Krankheit Herr zu 
werden, legen grosse fliegende Blasenpflaster auf, umhüllen 
den ganzen linken Theii des Thorax und geben innerlich ge- 
hörige Dosen Digitalis." 

„Ab 27. hat sidi aber der Zustand bedeutend versohlim- 



•in 

mert Die Blasciipflaster haben zwar bedeatend gewirkt und ee 
hat ^ch aUerdioga etwas Beaserung, namentüeh der Djspaoe, 
eingestellt, aber diese Besserung hat nur 7 bis 8 Stunden ge- 
dauert. Dann stellte sieh die Dyspnoe wieder ein ; ein kalter 
und klebriger Seh weiss bedeckt au Zeiten den ganzen Körper; 
Oedem an den Beinen ist nicht zu bemerken, das Angesicht 
sieht erc^hl aus; die Dyspnoe steigert sich; das Kind kana 
nicht auf der rechten Seite liegen und sowohl auf dem Sehoosse 
der Mutter als in der Wiege vermag es nur auf seiner lin- 
ken Seite liegend zu athmen; 56 A themzage und 134 Puls- 
schl&ge in der Minute; wenig Schlaf und plötzliches Auffah- 
ren aus demselben. Die Erhebung der linken Brustseite ist 
sehr deutiich; die Rippen stehen jlaselbst unbeweglich; die 
Messung des Brustumfanges in der G^end der Brustwarae 
gibt links 15 Millimeter mehr als rechts. Die Dilmpiung des 
PerkttssioDstones ist an der linken Brustseite vorn vom Schltta- 
selbeine und hinten von der unteren Schulterblattgrube ganz 
deutlich bis zur Basis. Die Milz ist etwas nach unten ge- 
drtogt und springt unterhalb des Halses der letzten Rippe 
etwas vor; die Herzspitze sehlägt rechts vom Brustbeine an. 
Die Athmongsger&usche an der Unken Brustseite nirgends 
vernehmbar; nur ein etwas dunkles Röbrengeräusch vernimmt 
man hoch oben; kein Rasselgeräusch; rechts dagegen eine 
verst&rkte Respiration.^' 

„Wir ei^Llären der Familie, dass uns zur Rettung des 
Kindes nichts übrig bleibt, als die Ehmktion der Brust; die 
Eltwn haben nichts dagegen und wir veranstalten noch eine 
Konsultation, in der ebenfalls die Operation als nothwendig 
erkannt wird/' 

„Am 28. März: Das Kind bat die Nacht nicht geschla- 
fen; die Symptome sind dieselben, nur noch etwas verstärkt. 
Bs wird nun unter Beistand eines Kollegen zur Operation 
geschritten. Wegen des zarten Alters des Kindes wird 
Ohlorolbrm nicht angewendet.'' 

(Es wird nun ganz genau die Operation beschrieben, 
wie das Kind gehalten und gelagert und wie die verschiede- 
nen Geholfen angestellt worden sind; wir bemerken nur, dass 
ein platter Troikar^ wie- ihn J. Gn^rin fOr Erwachsene an- 



178 

gegebeiL hat, bendtsi wurde; die Kanäle dieMS TVoikaro.hAl 
eiiieD Kand, »n wekhem JS&ader afigebraobt werden« fii 
wurde ia deip ZwiBohenraume awieehen der dritten uad vier- 
ten falschen Rippe ein aubkiiianer Einfltioh gemaeht, inden 
die Eutis in einer Falte naoh oben gezogen und iiad das In- 
atrament von unten nach oben eingeführt wurde ^' der Paukt 
des EinsUcbes in den Pleurasaek befsnd sich da, wo die bei- 
den vorderen Drittel der Rippen mit dem hinteren Drittel su* 
samnenstoasen , oder ungefthr in der Mitte swiaehen den 
Brustbeine und den Wirbeln. Daduroh, dass die Euüa in einer 
Falte etwae nach oben und hinten gesogen worden war, kam 
der Einstich in die Pleurah(>hle gaii2 bu liegen.) 

„Nachdem das Inatrqpent eingestochen und dae Stilett 
herausgecogen war, kam aus der Kanüle eine grflnlich-^w^isse, 
seröB-eiterige, geruchloae Flüssigkeit in einem dünnen Strahle 
hervor, die in einem dünnen Oefiisae gesanunelt wurde. Oleieh 
auf der Steile wird das Athmen länger und tiefer and das 
Sahreien des Kindes so wie die Bewegung des Thorax freier. 
Bin heftiger troekeaer Husten stellt aieh sofort ein und scheint 
dam Kinde sehr peinigend zu aeia; er wiederholt aieh wlkh* 
read der Dauer der Operation und bei jedem Hustenatosse, 
bei jedem Aufschrei des Kindee verst&rkt sich das Aaatretea 
des Ergusses aas der Kanttle.^^ 

„Nach einigen Minuten fühlen wir deutlich das Anaiiassen 
eines harten Körpers an das innere Bade der Kanüle bei je- 
dem Hustenstosse. Der aus dieser Kanüle auiitei^eBde Stiahl 
unterbricht sieh dabei und hört eodliidi gana auf« Vergeblich 
siehea wir die Kanüle ein wenig in die Höhe, vergeblich ma- 
chen wir mit ihr mehrere Bewegungen, aber Plfisstgkeil triü 
nicht mehr hervor. In Samma haben wir 175 Qrammen ent- 
leert.'' 

„Wir mussten nun die Kanüle entfernen, obgleidi wir 
fürchten durften, noch eine Quantitikt des Ergusses im dar 
Brusthöhle zurückzulassen , aber die Schwierigkait, das Kind 
in der aöthigen Lage ruhig au erhidten und über seine Be- 
wegungen Harr au werden, hinderte uns, die KaoOla l&ngar 
liegen au lassen. Sie wurde deshalb langsam hataasgos og e n 
und »war so, daas die zurüekgehakena HaMlialie aafott über 



t9» 

die innere Wandöfibmig ktnabergeMhoben wurde. Trotz des- 
sen trat am der taseefen WundOfibung etwas Fittssigkeit aMS 
imd dieses AnsfliesseD steigerte si^ bei jedem Husten und 
Schreien, und eiamai kam es so reichlich, dass in einer un- 
tergehaltenen Schaale an 90 Grammen gesammelt wurden. 
IHe Menge des ausgetretenen Sekretes, den Verlust mit ein- 
gerechnet, Iftssl sich in Summa wohl auf 300 Orammen ab- 
sehfttaen. Die letaten Tropfen waren in ihrer Konsistenz 
fthnUeh den ersten nnd zeigten nur einige Blutstreifen.^^ 

Der Verband und die Maohbehandlung wird sehr weit- 
l&nflg geschildert. Wir geben nnr kurz an, dass etwas Dia- 
ehylonpflaster und Scharpie aufgelegt wurde und dass man 
dem Kinde anfangs erquickende Mittel gab. Interessant wa- 
ren aber die Verftndernngen, welche sich bald nach der Ope- 
ration einstellten. Das Herz gerieth wieder in seine normale 
Lage, die Milz war nicht mehr hervorragend. Der Perkas- 
sionston war hell und klar im oberen Drittel des Thorax, je- 
doch Unks etwas weniger als rechts; in den beiden unteren 
Dritteln der afflsirten Seite war nnr noch eine sehr geringe 
Dftmpfang zu bemerken. Athmungsgerftusche pustend «nd 
rauh vom ScMflsselbeine abwftrts bis zur Brustwarze. Der 
Tag verKef ruhig; der Husten bat fast ganz aufgehört and 
das Kind zeigt den Ausdruck des Friedens auf seinem Ant- 
litze; es hat VI2 Stunde ruhig nnd unter starkem Schweiase 
geschlafen; die Dyspnoe ist fast ganz verschwanden and das 
Kind hat die unke Brust genommen. 

Der weitere Verlauf war ein ganz guter; die äussere 
Wunde scMoss sich jedoch etwas zu frUh und musste, da 
sich wieder E)rter unter ihr ansammelte, mit einer Lanzette 
spftter noch einmal geöfibet werden, am denselben herausza- 
(assen; eine Zeit lang musste ein Docht von Scharpie einge- 
igt werden, um den Ausfluss des Eiters zu unterbaiteu ; diese 
Materie war von gntw Beschaffenheit und nach mehrmonat- 
Hcher Behandhittg ist das Kind vollständig geheilt, obgleich 
man während dieser Zeit noch mit manchetiei Schwierigketten 
zu kämpfen haltte. 



1:80 

Dieser Fall ist gewiss ein sehr belebrefider; das zarte 
Alter des Kindes, in der die Oparation vorgenomoien worden 
ist, — die schnelle Heilung, das Ausbleiben, aller ZufiUle, 
welche sonst wohl einzutreten püegen, die Umslände endlich, 
unter denen das Empyem sidi gebildet hat, geben ihm ein 
ganz besonderes Interesse. In diagnostischer Hinsicht finden 
wir hier das bestätigt, was bei kleinen Kindern so h&ufig 
sich kundgethan bat, nämlich dass die lokalen Veränderungen 
zu den allgemeinen Erscheinungen gar niebt im Verhältnisse 
stehen. Der Knabe hatte Anfangs nur eine leichte gastro- 
intestinale Beizung dargeboten, welche durch Kalomel schnell 
beseitigt wurde, und dann zeigte er ein deutliches Wechsel- 
fieber. Zu dieser Zeit waren keine Symptome wahrzunehmen, 
welche auf ein ernstes inneres Leiden hinwiesen. Jedoch ge- 
gen Ende des letzten heftigen Fieberanfalles erzeugt sich, 
wahrscheinlich unter dem Eiufiusse desselben, eine AiTektion 
der linken Lunge. Die parenchymatöse Entzündung derselben 
nimmt ihren gewöhnlichen Verlauf, jedoch ohne dass Fieber 
sich einstellt, und verschwindet fast ohne Behandlung. Dem- 
iiach ist es nicht die Lungenaffektion, welche das Fieber ver- 
anlasst hat, da sie erst nach demselben eingetreten; es ist 
vielmehr umgekehrt die Fieberbewegung selbst, welche die 
Lungenentzündung herbeigeführt hat, nachdem erstere durch 
Chinapräparate bekämpft worden. 

Was den pleuritischen Erguss betrifit, so ist Einiges noch 
über die diagnostischen Zeichen, über die Quantität und Be- 
schafienheit dieses Ergusses zu bemerken. Das erste auffal- 
lende Zeichen, welches sich darbot, war die Beschwerde, die 
das Kind beim liegen auf der rchten Seite empfand. Sowie 
es auf dieser Seite lag, war es dem Ersticken nahe, konnte 
nicht schlucken und daher auch die linke Brust nicht neh- 
men. Man weiss, dass in der Regel auch Erwachsene auf 
der gesunden Seite, das heisst, auf der, wo sich das Empyem 
nicht befindet, sich nicht lange liegend halten können. Von 
dieser Begel kommen aber viele Ausnahmen vor^ wir haben 
solche Ausnahmen vielfach erlebt, allein nur bei Erwachse- 
nen, wir glauben aber nicht, dass bei ganz kleinen Kindern 
solche Ausnahmen vorkommen; in den bisher bekannt ge- 



m 

wordenen Fftileo von Empyem bei Kindern unler 6 Jahren 
war die Unmöglichkeit, längere Zeit auf der aflßzirten Seite zu 
liegen, immer das erste Stichen, welches zugleich mit der 
Dyspnoe die Aufmerksamkeit des Arztes auf sich gezogen 
hat. Bei neugeborenen oder ganz kleinen Kindern, die noch 
mehr oder minder gewickelt sind und ihre Körperlage nicht 
nach Belieben verändern können, liefert die Schwierigkeit des 
Athmens in einer gewissen Lage, die man dem Kinde in sei- 
ner Wi^e gibt, ein sehr wichtiges Zeichen^ welches der Arzt 
nicht unbeachtet lassen darf und welches ihn veranlassen 
muss, die Brust ganz genau zu untersuchen. Es ist wohl 
anzunehmen, dass bei Kindern so zarten Alters Empyem 
leicht abersehen wird, und es mag sein, dass diese Krankheit 
dort öfter vorkommt, als man annimmt. Bemerkt also der 
Arzt, dass ein Säugling in einer gewissen Seitenlage in Ath- 
mungsnoth verfällt, so wird er, um sich davon zu überzeugen, 
das Kind mehrmals die Lage wechseln lassen müssen, dann 
aber, wie schon gesagt, eine genaue Untersuchung des Thorax 
vorzunehmen haben. 

Belehrend ist die Perkussion desselben, denn neben der 
Athemnoth bei dem Liegen auf der kranken Seite ist es die 
Dämpfung des Perkussionstones, die sich zuerst bemerklioh 
macht. Sie ist in dem mitgetheilten Falle sehr deutlich ge- 
wesen. Dieses Zeichen fehlt niemals, wie die bisher beob- 
achteten Fälle deutlich dargethan haben. Die Auskultation 
ergibt eine Schwächung oder vielm^r eine Art Umhüllung 
der Atbmungsgeräusche ; diese hören sich nämlich dumpfer 
an, gleichsam als wären sie entfernter vom Ohre des Hör- 
ehenden, und es wird dieses besonders auffallend, wenn man 
die kranke Brustseite in dieser Beziehung mit der gesunden 
vergleicht. An dieser letzteren vernimmt man das in so zar- 
tem Alter schon an sich so laute Athmungsgeräusch noch 
?iel stärker und deutlicher in dem Maasse, wie die Lunge 
der kranken Seite von dem pleuritischen Ergüsse komprimirt 
wird und ihre Funktion weniger zu erfüllen im Stande ist. 

Das begleitende Fieber gibt keinen diagnostischen An- 
halt; es steht nicht im Verhältnisse zu der Affektion der 
Brust. Der pleuritische Erguss kann schon sehr beträchtlich 

, XLVL ISM. 13 



M2 

«eiii, ehe das Kind im AUgemeiBeQ bedesiend afBrirt evsebeint. 
Es wird bleich; seine Haut aber Meibt sanft und aataiiiel^ 
und sein Puls zeigt sich kau« beschleunigt, aber eine ge- 
wisse Lebhaftigkeit desselben yerrathet doch die BeeinMeh- 
tigung der Hämatose. 

Wenn der Ergass resorbirt wird, so venniiideni sich alle 
diese Sympiocne und versch winden nach und nach; wenn er 
aber bestehen bleibt oder gar Buninmt, so tritt eise fimhe 
von ErsefaeJnangen von grosser Bedeutung hervor, welche für 
«die Diagnose und Prognose von Wichtigkeit sind. Die Za- 
nafame des Ergusses verrathet sich durch Zeichen, welche 
kaum EU verkenaen sind. Die Dämpfung des Perkussions- 
tones nimmt an der kranken Seite des Thorax einen immer 
grösseren Etaa« ein und wird scharf begrtoat; nur noch an 
flchlflBselbeine und in der Fossa supra-spinata gibt es iieeh 
•einen hellen Perkussionston ; das Atbmnngsgerftusch vernimmt 
mm niif^end« mehr. Die kranke Brustseite eeigt gegen die 
^swnde eine gewisse Fülle «nd diese EftUe wird immer deut- 
licher; sie zeigt sich darin, dass die B&ume cwisdien den 
Sippen grösser werden und diese selbst <an der Athmungsbe- 
wegung nicht tbeilnehmen, sondern festst^en bletbeo, vmB 
gegen die grosse Beweglichkeit der Rippen an der gesunden 
fieiie einen auffaUenden Kontrast bildet. Bei ganz kleioen 
Kindern kann man selbst durch die Brustwand hmidureh «Ke 
Elukteation der Flflssigkeit fühlen, gerade wie bei Ascites 
dureii die Bauohwand <bindurch 4ie W^sseransammiung. Bnd- 
.lioh noch ttiit die Verschiebung des Heraens, der Leber üntd 
der MUz, leizterer beider Orgaue durch das Hinabgedrftcktwer- 
dem dts Zwerehfelles, als «nverkemibares Hülfsseieben hinaa. 

fat der Ergnss bis bh diesem Grade gelaogfC, so ist er 
wich sdion in seiner Beschaffenheit verändert. Alle Beob- 
a«hter haben dieses wahrgenommen und man kam «agen: 
je jittnger das Kind ist, desto schneller seigt sich der Eiter 
im Pleurasäcke. Seine Anwesenheit daselbst verrathet sieh 
durch lölgende Zeichen : Das Kkid magert schnell ab , die 
Zuge seines Gesichtes verändern sich, die Augen liegen hohl, 
>der BUek wird 4rabe, die Abhemaoth wird stärker und kams 
einen sehr ihohen Grad erreichen; war HnsAepi iMch nicht 



im 

vorhanden, so kommt er dann woU in Form von höohst be- 
Mfawerliofaen AaflUIen and hat dabei einen gan^ eigeathttw- 
liehen Ton. Das Atbmen geschieht schnell und der Puls 
wird beschleunigt; die Haut wird in den Handflächen und in 
der Höhlung der Ellenbogen heiss; flüchtige Böthe zeigt sieh 
auf den Waagen und diese letsteren Symptome kommen und 
▼erlieren sich täglich zu bestimmten Stunden. Kurs, sämmir 
liehe Erscheinungen »isammen gew&hren das Bild der Hektik 
oder des sogenannten Zehrfiebers. 

Nach den bisher bekannt gewordenen Beobachtungen ist 
es no^ schwierig, genau die Zeit 2u bestimmen, ttber welche 
hinaus in den Pleurasack eines Kindes die Beimischung von 
Eiter eich erseugt. Bd dem BLnaben, dessen Geschichte hiar 
nitgetheill ist, trat dieses Ereigniss erst nach 13 Tagen ein, 
aher es kans auch viel früher eintreten. Der Freundlichkeit 
des Dr. Moynier in Paris danken wir die Oeschichte eines 
3 Monate alten Kindes , bei dem schon am 4. Tage Biter- 
eigttss in der Pleura vorhanden war. Danach nun können wir 
die Panktiaa des Thorax beim kleinen Kinde noch für viel 
berecditigter und dringlicher erachten, als bd Erwachsene«, 
indem möglicherweise eine Zögerung von einigen Stuaden 
eine Komplikation herbeiführen kann, welche entweder das 
Leben des Kindes direkt gefährdet, oder die Operation viel 
misslieher gestaltet und das Ergebniss derselben im grösseren 
oder geringeren Grade beeinträchtigt. Unser Fall, den wir 
oben nitgefteilt haben, wirft auf einige Punkte der Thoracea- 
tese ein neues Licht Zuvörderst ist nicht zu leugnen, daas 
dieser Fall in Betreff der Operation ein sehr ermuthigender 
ist. Man wird ohne Zweifel bemerkt haben, dass bei dem 
Knaben, wie auch bei den etwas älteren Kindern, von wel- 
chen wir Beobachtungen besitzen, die unmittelbaren Folgen 
der Punktion sehr befriedigend genannt werden können. Die 
Erleichterung, welche die Operation brachte, war augenblick- 
lich und so vollstftodig, dass das Kind, das seit 24 Stunden 
keinen Schlaf hatte, sofort in einen friedlichen Schlaf verfiel, 
der den ganzen Tag w&hrte. Die absolute Unschädlichkeit 
der Eröffiiung der Pleura bei einen so zarten Kinde ist ge- 
wiss eine sehr merkwünlige Thatsache und vecdient ganz t»e- 

13* 



184 

sonders notirt zu werdeiK In dem hier mitgetheilten F^rfle 
waren die Zufli>üe, welche nach der Operation eintraten, fast 
nur äusserliche, die sich lediglich auf das subkutane Binde- 
gewebe und die Kutis an der Wundstelle bezogen. Die bei 
dem kleinen Kinde so zarte Haut hatte durch die Fixirung 
der Hautfalte während der Operation und durch den ausge- 
übten Druck etwas gelitten und es wäre vielleicht ohne die- 
sen Druck nicht einmal zu diesen lokalen Erscheinungen ge- 
kommen. Jedenfalls entnehmen wir die Lehre, dass man bei 
einem Säuglinge die Punktion des Thorax vornehmen kann, 
ohne irgend eine ernste traumatische Reaktion zu besorgen. 
„Eine andere Frage aber ist, ob die Operation selbst in 
dem mitgetheilten Falle unumgänglich nothwendig gewesen ? 
Wir glauben mit Bestimmtheit behaupten zu können, dass 
ohne die rasche Entleerung des pleuritischen Erguases das Kind 
dem Tode verfallen gewesen wäre. Ganz abgesehen von der 
augenblicklichen Gefahr der Asphyxie, deren erste Merkmale 
zur Zeit der Operation sich deutlich kundthaten, war die Re- 
sorption einer Ansammlung von 300 Grammen einer eiterigen 
Flflssigkeit ganz gewiss nicht zu hoffen. Die fruchtlosen Be- 
rotthungen der inneren Behandlung, der bestimmte Nachweis 
der Zunahme des Ergusses und endlich die Symptome der 
beginnenden Hektik machten die Prognose sehr IrQbe und 
zeigten in der Operation das einzige Rettungsmittel. Die 
Ansicht aller Autoritäten ist in dieser Hinsicht klar und tesL 
Baron, Rilliet und Barthez, Barrier, Bouchut er- 
kennen die grosse Gefährlichkeit des chronischen Ergusses in 
der Pleura bei kleinen Kindern, besonders wenn dieser Br- 
guss eiterartig wird. Thatsachen zum Beweise finden sich 
hinlänglich; ausser den eben erwähnten Autoren nennen wir 
noch Auvergne, welcher noch mehrfache Bestätigungen 
geliefert hat (Bulletin gen&al de TherapeuHque 1860 pag. 73 
und 132). Alle die daselbst erwähnten Fälle haben viel 
Aehnlichkeit mit dem von uns erzählten, mit dem Unter- 
schiede jedoch, dass in unserem Falle das Alter des Kranken 
und die Dauer des Bestehens der Krankheit die Sache viel 
ernster gemacht hat. Der Tod, welcher in den Fällen durch 
den pleuritischen Erguss herbeigeführt ist, trat allerdings in 



186 

Terschiedeoer Weise ein, aber wir zweifeln kaum, dass daroh 
die Operation alle die Kinder h&tten g^erettet werden können. 
Unserem kleinen Kranken wäre der Tod ganz sicher gewesen, 
wenn die Operation nicht gemacht worden wftre/^ 

„Angenommen aber anoh, dass, wie wir nicht annehmen 
können, in unserem Falle eine rein klinische Behandlung ohniB 
Operation den Tod abgewendet haben wttrde, so wftre die 
Genesung doch eine äusserst langsame und beschwerliche ge- 
wesen. Eüne so grosse Menge Flüssigkeiten von eiteriger 
Besefaaffenheit, w&re sie jemals absorbirt worden ? Wir ver- 
neinen diese Frage entschieden. W&re sie nicht absorbirt 
worden, dann hätte sie, um wegzukommen, einen Weg sieh 
nach aussen bahnen mttysen, und dieses kann nur dadurch 
geschehen, dass der Eiter sich eine Bahn nach den Bronchen 
bildet and durch diese sich entleert wie eine wahre Vomica, 
oder es hätte sich ein Fistelgang nach aussen durch die 
Brustwand herstellen mtlssen. Der erste Prozess kommt zu 
selten za Stande, als dass man auf ihn irgend wie rechnen 
könnte; der zweite Prozess ist ja derjenige, den man durch 
die Operation künstlich herbeiführen will , wobei man die 
Wahl des Ortes und der Zeit selbst bestimmen kann, während, 
wenn man diesen Prozess der Natur überlässt, sich Eitergänge, 
Zerstörungen im Bindegewebe und verschiedene kleine Oeff- 
nungen bilden können , welche dennoch einer künstlichen 
operativen Nachhülfe bedürfen. Man findet interessante Bei- 
spiele hiervon in der Abhandlung von Freleau in Nantes 
(Armales clinigues de Montpellier 1816^ p. 121)^ femer in 
der Abhandlung von Delpech über. das Empyem (Memorial 
des h^taux du Midi Bd. I) und endlich in der Mittheilung 
von Marotte (Revue medic. Chirurgie. XII 1832 p. 128)'^ 

„Bei dem Knaben in unserem Falle war es anders, und 
wir können mit Recht behaupten , dass die rasche Heilung 
vor allen Dingen der Punktion des Thorax beizumessen ge- 
wesen, dann aber auch der Frühzeitigkeit der Operation. Sie 
ist kurz nach der Entstehung des pleuritischen Ergusses vor- 
genommen worden, und dieser Umstand erscheint dann be- 
sonders von Wichtigkeit, wenn man die bis jetzt bekannt ge- 
wordenen Fälle von Thoracentese bei Kindern durchgeht und 



deutlieh erkenal, dasfl die spttAer« eiterige BeMhaffenbeit des 
Bvgosses dw Pleura viel dazu beitr&gt, die Folgen der Opera* 
tiea etwas sehwieriger ku machen und jedenibUfl <tie Oeneaung 
sehr in die Lftnge zu sieben. Unsere Uebeneugiuig, dass der 
Brfolg der Operation ein viel günstigerer ub4 die Qenesung 
viel kflraer ist, wenn man den plenrillsehen Ergaes nieht bis 
zor Bilerbildang kommen lässt, sondern vorher operirt, steht 
nieht allein; vielmehr bezeugen die Fälle von Trousseau^ 
Blaehe, Horganti, Bouley U.A., dass die Heilung dann 
immer schnell und gut war, wenn der pleuritiscbe Erguss 
neeh keine eiterige Beschaffenheit darbot, sondern mtehT wäs- 
serig war." 

„Allerdings beziehen sieh diese letzteren Fftlle, wie sobon 
erwähnt, nicht auf Säuglinge , sondern auf etwas ältere Kin- 
der, allein wir glauben doch den Schluss für alle Kinder machen 
zu mflssen. Wir wollen hier nur den Fall anreihen, den Hr. 
Arokimbault in seiner Inaugural-Dissertation (1852} aus 
der Klinik des Herrn Blaehe mitgetheilt hat; es handeUe 
sich hier um einen 2^/3 Jahr alten Knaben , weldMr am 9. 
Tage der Krankheit der Punktion der linken Brustseite unter- 
worfen wurde; die abgezogene Flüssigkeit hatte eine serös« 
eiterige Beschaffenheit; der Knabe starb am 8. Tage nach 
der Operation in Folge von Lungentuberkeln und bei der 
Autopsie fand man noch 300 Grammen Eiter im linken Pleura^ 
sacke." 

„Das Operationsverftthren, dessen wir uns in unserem 
Falle bedient haben, unterscheidet sich in manchen Punkten 
von der gewöhnlichen Art der Thoracentese bei Kindern. Wir 
haben keinen vorgängigen Einschnitt in die Haut gemacht. 
Nachdem wir die Kutis in einer Falte nach oben gezogen 
hatten, um später beim Fallenlassen der Falte die Hautwunde 
nieht parallel mit der Interkostalwunde zu haben, vielmehr 
letztere von der Kutis bedeckt zu sehen, haben wir uns mit 
einem einzigen Einstiche begnügt, wie bei der Baachwasser* 
sucht. Die Schwierigkeit hierbei liegt darin, dass, wenn vor- 
her Blasenpflaster aufgelegt waren, eine solche Hautlalte nicht 
gut zu bilden ist. Wir glauben demnach auch, dass diese 
AMeitungsmittel mehr schädlich als nützlich sind ; hat sich die 



m 

ftb#F«ipfMrti8che BehMdluBf ^ikoniM^btig efwieses, hak öd em* 
maliKe« BlMen^ifikvIier nicbU g^n^Ut, Migt sich, 4aAfl oku^ 
Pvnktioii 64 doob oicbt gehen werd^ «o muaa wo» 9ieh httten, 
««Uere Bteft»»pfl^ter aafaal^en, dia doob weile? keioa Wirk« 
uAg halUAt 1^9 lediglich die VareD&wonliobheit des Arzte« m 
deeken und die Femilie glaubea au laaeen, daas AUee ge- 
sehebeo aei, waa irgend gefchehen köQoe, und dasa nun oioU» 
ftfirig bleibe) i^la die Operation. Damit aber wird die letztere 
miilfltswweiae bineuageaehoben , und das Leben dea Kindea 
geftbrdel, indem der Eiterbildung in der Pleura mehr Zieit 
gawfthrl und die Operation dadurch erschweii wird, daaa imn 
die darch Blaaenpflaaier wund gemachte Haut nur unter Sr^ 
regung von Schmerz in eine Falte aufnehmen kann. Aus 
dieeem Qrnnde also sind wir entachieden gegen Wiederholung 
von Blaaanpflasiem bei Kindern, die mit einem pleuritiscke^ 
Srgusae behaftet sind und bei denen die Punktion möglichst 
frtth gemacht werden mu^s/^ 

„Wir halten die Bildong einer Haotfalte mit einem ein- 
ligen direkte» Einstiche bis in den Pleurs^ack für viel besser, 
als erat einen Hautsehnitt zu machen nnd dann den Troikar 
eiasuaenken. Zuvörderst ist der Schmerz viel geringer und 
dann haben wir auch, indem wir die Spitze des Troikars aiif 
unseren linken Zeigefinger als a^f einen Stutzpunkt aufsetzen, 
eine viel grossere Sicherheit als beim gewöhnliehen ISinstiche.^^ 

y^bald wir das StMett herausgezogen hatten, kam die 
FIfisaigkeit in einem vollen Strahle aus der Kanüle, aber sehv 
bald wurde der Strahl unterbrochen, und zwar fflhlten wir, 
dass daa Anstossen eines harten Körpers an das untere Ende 
der Kanüle die Ursache war. Wir konnten annehmen, dass 
dieser harte Körper irgend ein inneres , aus seiner Lage ge- 
schobenes Organ war, aber welches ? Die Lage der Kanüle, 
der 9red der Hftrte des vorliegenden Körpers, der sieh uns 
duroh die Kanüle bemerklich macbie, Hessen uns kaum zwei^ 
bin, dass es das Herz mit seinen Hüllen war, welches sich 
ifor die-Kenüle vorgelegt hatte. Freilich stand dieser Annahme 
entgegen , dass sich uns weder eine Pulsation , noch irgend 
ein Hcbwjbppen durch die Kanüle bemerklich machte, aber 
wegen dier gr.os6en Menge der Docb im Pleurasäcke vorhimdenen 



188 

FlQssigkeit konnte es nicht die Lunge sein. Wie dem aoeh 
war, so hörte der aus der Kanfile kommende Strahl nach 
einigen Stössen endlich ganz auf, und es kam keine Flüssig- 
keit mehr. Aehnliches zeigte sich in verschiedenen anderen 
FUUen von Thoraoentese bei Kindern, und zwar fand dieses 
sich immer, wenn die Punktion an der linken Brustseite ge^ 
macht wurde. Um über diesen Punkt Klarheit zu haben, 
müsste man die Fälle vergleichen, wo die Punktion an der 
rechten Brustseite gemacht worden ist; es kann ja sein, dass 
sich eine Falte der Pleura oder irgend ein fibrinöses Exsudat, 
namentlich der Fetzen einer Pseudo- Membran, innerhalb des 
Pleurasackes vor die Oefinung der Kanüle vorlegte.^^ 

„Das Herausnehmen der Kanüle geschah so , dass von 
Aussen keine Luft in die Pleura eindringen konnte. Wir 
rechneten hierbei vorzugsweise auf die vor der Operation ge- 
bildete Hautfalte und wir zogen die Kanüle gewissermassen 
in zwei Akten heraus, nämlich zuerst aus der Interkostalöff- 
nung, und dann, indem wir die Falte fahren Hessen, die sich 
sogleich wieder glatt legte, aus der äusseren Wunde; diese 
letztere war etwa 25 Millimeter unterhalb der Interkostal- 
wunde, so dass diese vollständig von der Kutis bedeckt wurde. 
Nach Fortnahme der Kanüle trat sofort etwas Flüssigkeit aus 
der Wunde, aber kein Zischen, und keine Luftblase zeigte sich 
dabei, und wir hatten also die Ueberzeugung^ dass von Aussen 
nach Innen keine Luft eindringen konnte. Der Austritt der 
Flüssigkeit kam wahrscheinlich von der nunmehr eintretenden 
Ausdehnung der Lunge her, welche bis dahin von der Flüssig- 
keit komprimirt gewesen ist und nunmehr unter dem Geschrei 
und den Bewegungen des Kindes sich hob und senkte. Die 
nachher aus der Wunde austretende Flüssigkeit blieb, wie ge- 
sagt, ohne Luftblasen und behielt ein gutes Ansehen.^^ 

„Die äussere Wunde vernarbte sehr schnell, — die Inter- 
kostalwunde aber blieb glücklicherweise noch offen. Was 
wir erst für einen Uebelstand hielten, dass uns bei der Opera- 
tion nur ein Troikar zu Gebote stand, der für Erwachsene 
und nicht für Kinder berechnet war, erwies sich später gerade 
als günstig, denn die dadurch etwas gross gewordene Inter- 
kostalwunde hinderte deren zu rasche Vernarbung, und wäh- 



fmmI dareh die sehoelle ScblieMung der Hautwunde jede Kom- 
mamkatioD mit der ftusseren Luft abgeschlossen war, konnte 
sich noch Flüssigkeit aus dem Pleurasäcke hinaus in das sub- 
kutane Bindegewebe begeben, und aus diesem alsdann leicht 
mittelst kleiner Lanzettstiche entfernt werden. Dadurch wur- 
den wir der Nothwendigkeit tiberhoben , die Punktion des 
Thorax zu wiederholen , was in ähnlichen F&llen erforderlich 
gewesen ist. Wir konnten es auch wagen, in die ftussere 
Wunde einen Docht einzulegen, nachdem sie wieder geöfinet 
worden, um deren abermalige Vemarbung zu verhüten, das 
Bindringen der Luft von Aussen hatten wir dabei in Folge 
der nicht parallelen Lage dieser ftusseren Wunde mit der 
Interkostalwunde keinesweges zu fürehten, und es konnte, wie 
es auch wirklich geschah, nach vollständiger Entleerung der 
Flüssigkeit aus dem Pleurasäcke und voller Ausdehnung der 
Lunge, die Wunde in der Pleura sich schliessen, was ver^ 
mnthlich durch Bildung von Adhäsionen bewirkt worden ist/^ 

„Injektionen in den Pleurasack zu machen hatten wir 
nicht nöthig, was für unseren Fall sehr günstig war; denn 
da* wo diese Injektionen gemacht worden sind, waren die 
Folgen sehr zweifelhaft, und jedenfalls war die Genesung eine 
sehr schwierige und langweilige/^ 

„Es ist schliesslich noch zu bemerken, dass bei Kindern 
in Fällen von Kompression durch pleuritischen Erguss die Lun- 
gen weit länger zugänglich für die Luft bleiben, als bei Er- 
wachsenen, und dass dieser Umstand der Thoracentese bei 
jenen sehr zu Statten kommt; in unserem Falle dehnte sich 
die Lunge nach Abzug der Flüssigkeit sehr rasch wieder aus, 
und hatte am 13. Tage schon so ziemlich ihr normales Vo- 
lumen; in anderen Fällen trat dieses erst viel später ein/^ 

Der Verfesser schliesst diese seine Abhandlung mit fol- 
genden Sätzen : 

1 ) Bei Säuglingen haben die pleuritischen Ergüsse, welche 
nach viertägiger Dauer nicht resorbirt zu werden beginnen, 
die Seigung, purulent zu werden, und es ist darum bei ihnen 
die Punktion vorzunehmen. 

2) Die Punktion bei ihnen ist sofort nothwendig, wenn 



der plenritisobe Ergiun so bedeutend i«l, 4aM durck ihn die 
benachbarten Organe verschoben werden. 

3) Die hier genannte Operation wird von 8ä«gUngen 
sehr gut ertragen und erzeugt durchaus keine grosse traw 
matiscbe Reaktion. 

4) Da« beste Operations verfahren besteht darin, ähnlich 
wie bei der Bauchwassersuoiit, den Troikar mit einem einaigen 
Akte einzusenken, jedoob so, dass durch Aufnahme einer 
Falte der Kutis der Einstich in den Pleurasack subkutan 
wird. 

5) Bei den kleinen Kindern bleibt die durch den BIrguss 
zusammengedruckte Lunge wegsam für die Luft und nimmt 
bei ihnen noch viel spftter ihre Funktion wieder auf, als bei 
Erwachsenen, und es folgt hieraus, dass die schon etwas lange 
Dauer des Ergusses und die eiterige Beschaffenheit desselben 
keine Gegenanzeige gegen die Operation bildet. 

6) Hat man bei einem kleinen Kinde mit einem eiterigen 
Ergüsse innerhalb der Pleura zu thun, so muss man diese 
Ansammlung wie einen gewöhnlichen Prozess betrachten, und 
in die subkutane Wunde einen Docht einlegen, der jedoch 
nicht bis in die Pleurawunde hineinzureichen braucht und 
dennoch ganz gut den Zweck erfüllt, wogegen das Liegen« 
lassen einer Kanüle viel Nachtheil hat und nicht einmal im 
Stande ist, das Eindringen der Luft von Aussen nach Innen 
vollständig zu verhüten. 

7) Dieses letztere Ereigniss ist auf das Strengste zu ver- 
hindern , da es gewöhnlich mit sehr üblen Folgen beglei- 
tet ist. 

8) Nach der Operation ist bei kleinen Kindern der ein- 
fachste Verband der beste und wird in der Regel auch am 
besten ertragen. 

9) Die Krümmung der Wirbele&ule, welche durch das 
Empyem so oft herbeigeführt wird, verschwindet bei Kindern 
sehr schnelL, und es ist nicht nöthig, dagegen etwas Besonderes 
zu thun. 

10) Die chemische Analyse der ergossenen Flüssigkeit 
erweist, dass die Menge des Eiters, welche sich darin be- 
findet, mit der Zeit abnimmt und sich endlich ganz verliert, 



wilireDd die Me^gs des AiiMniiu sieh gewöbolieb in deoi* 
selben Verfa&ibdigee steigert. 

12j Der Ausflass des Ergusses aus der Punktionswunde 
kuD SU Zeiten plötilicli stocken, ohne dass man die Ursache 
davon gleich ermitteln kann. Das Herausnehmen der Kanüle 
ist das beste Mittel dagegen und es kann der Best des Er- 
gusses in das subkutane Bindegewebe sich inflltriren, 

12) Bei kleinen Kindern ist h&uflg Eiter im pleuritisohen 
Ergüsse und es beruht darauf die neue Bildung dieser Materie 
naoh gemachter Punktion. Dieser neue Erguss erfordert die 
Wiederholung der Punktion, so oft die Flüssigkeit bis zu 
einer gewissen Höbe im Pleurasäcke sich angesammelt hat, 
falls nicht durch einen richtigen Verband und einen eingeleg- 
ten Docht sie abgeleitet wird. 



Beiträge zur Kenntniss der idiopathischen Nabel- 

blutuDg bei Neugeborenen. Von Dr. A. Werber, 

Privatdozent und Assistent der Poliklinik in 

Freiburg i/B. 

Bei der ausserordentlichen Seltenheit dieser Affektion 
des ersten Kindesalters (Roger sah sie bei 10,000 Kindern 
im Pariser Findelhause nur einmal) ist es, glaube ich, gerecht- 
fertigt, jeden dahin bezüglichen Fall zu veröffentlichen, um 
80 das Material zu statistischen Uebersichten zu vergrössern. 

Der erste Fall betrifft einen ausgetragenen Knaben von 
3 Wochen, *Aer an chronischem Magendarmkatarrh litt in 
Folge schlechter, unpassender Nahrung; die Mutter, eine ge- 
sunde Erstgebärende, war als Amme eingetreten. Ich sah 
das Kind, welches das bekannte Bild äusserster Atrophie dar- 
bot, nur 2mal. Kurz nach meinem letzten Besuche, um 5 
Uhr Abends, trat eine ziemlich starice Blutung aus dem Nabel 
ein, welche von den Angehörigen mit Fettumschlägen und 
durch festes Wickeln mit der Binde gestillt wurde. Vier 



litt 

StuDden später, am 9 Uhr Nachts, wiederholte sieh die Blat- 
UDg viel heftiger und dauerte fort, bis Morgens 1 Uhr der 
Tod erfolgte, am 37. Tage. Aerziliche Httlfe war bei dem 
ohnehin hoffnungslosen Zustande des Kindes nicht mehr ver- 
langt worden. 

Sektion. 

Der Körper ist äusserst abgemagert ; in der Tiefe der Ma- 
belfurohe dunkles Blutgerinnsel ; die Lungen sind sehr anämisch, 
aber überall gesund und lufthaltig. Herzklappen normal, Fora- 
men ovale noch offen, Ductus Botalli geschlossen. Die Darm- 
wandung sehr verdünnt, die Schleimhaut blass, die Follikel 
des Dickdarmes massig geschwellt; Leber normal, nicht ver- 
grössert, Ductus venosus Arantii durchgängig. 

Die Nabelvene ist durchgängig bis ^/^ Zoll gegen den' 
Nabelring, wo sich völliger Verschluss durch Verwachsung 
der Wände findet. Die linke Nabelarterie ist schon beinahe 
2 Zoll nach rückwärts vom Nabelringe fest geschlossen. Die 
rechte Nabelarterie dagegen ist völlig durchgängig; l'/s Zoll 
von ihrer äusseren Mündung entfernt ist ihr Lumen von einem 
etwa halbzoll langen, hellrothen, frischen, ziemlich weichen 
Gerinnsel ausgefüllt, ein kleineres ähnliches findet sich in der 
Nähe der Mündung; weiter tritt die Sonde ganz frei durch 
den Nabel nach aussen. 

Zweiter Fall. — Bei einem sehr kräftigen, von der 
Mutter gestillten, Mädchen, welches in Folge einer vorüber- 
gehenden Verdauungsstörung sehr viel und anhaltend schrie, 
trat am 10. Tage aus dem völlig geheilten Nabel (der Nabel- 
schnurrest war am 5. Tage abgefallen) eine nicht unbedeutende 
Blutung ein« Ich begnügte mich bei der wahrscheinlichen 
Veranlassung der Blutung, eine kleine Kompresse und darüber 
eine gestrickte, elastische Binde fest anzulegen, gab innerlich 
zur Beruhigung des Kindes einen halben Tropfen Opiumtink- 
tur, worauf mehrstündiger Schlaf eintrat und die Blutung 
nicht wiederkehrte. 

Jeder dieser beiden Fälle nun bietet in seiner Art Be- 
merkenswerthes dar. Der erste Fall ist besonders interessant 
durch dass späte Auftreten der Blutung, nämlich am 37. Tage. 



193 

In der Ton Orandidier 1859 erechieneoeD Ueberaioht der 
damals bekannten Fälle (Joarn. f. Kinderkrankbt. 1859 Heft 
5 und 6) wird nur eines Falles erwähnt, der aber nicht 
weiter mitgetheilt wird, wo die Blutung noch später auftrat, 
nämlich am 56. Tage; nach diesen beiden Fällen fällt das 
späteste Auftreten auf den 27. Tag. 

Was nun die Aetiologie in unserem ersten Falle betrifft, 
so ist sie, wie in so manchen anderen Fällen, nicht zu eruiren. 
Denn während als nächste Quelle der Blutung unzweifelhaft 
die völlig durchgängige rechte Nabelarterie zu betrachten ist, 
lässt sich aber ihre Ursache kaum etwas anführen; denn 
Blutdissolotion oder Lebererkrankung, die beiden häufigsten 
Komplikationen der Nabelblutung, lassen sich nicht annehmen, 
weil weder Eochymosen unter die Haut und an inneren Orga- 
nen, nqch Icterus, vorhanden waren, die Leber ausserdem beider 
Sektion sich gesund erwies, und das Offenbleiben des Foramen 
ovale und Ductus venosus Arantii ist eine auch ohne Nabel- 
blutung zu häufig beobachtete Erscheinung, als dass sie direkt 
bescbaldigt werden könnte, besonders bei dem Mangel jeder 
Lungenerkrankung, wodurch Kreislaufsstörungen verursacht 
werden könnten. 

Im zweiten Falle dagegen darf wohl sicher das anhaltende 
Schreien und die dadurch bedingte Blutstauung im venösen 
Oeflksasysteme als Ursache der Blutung und als ihre Quelle 
mit Wahrscheinlichkeit die Nabelvene angesehen werden. Ich 
glaube, dass in derartigen Fällen, die vielleicht nicht so gar 
selten sind, neben der örtlichen Behandlung besonders auch 
die vorsichtige innerliche Anwendung derNarcotica empfohlen 
werden dtirfte, dadurch die darauf erfolgende Buhe einerseits 
die Ursache der Blutung entfernt, anderseits die Bildung und 
Konsolidation eines obstruirenden Gerinnsels ermöglicht und 
befordert wird. 

Bei dem Durchgehen der betreffenden Literatur begegnete 
ich, nach der schon erwähnten Zusammenstellung vonOran di- 
d i e r im Jahre 1859, und 3 Fällen, von Dr. H a g e n in Leipzig be- 
obachtet (vgl. Böttger, de omphalorrhagiaidiopathica, Leipzig 
1859), nur 3 neuen Fällen von Nabelblutung , die ich hier 
kurz anfahre. 



IM 

Die zwei erstell mnd von Hennig in Leipzig beaohrieben 
<6chmidt'6 Jahrb. 1860, I). 

1) Bei einem frühgeborenen M&dehen begann am iB. 
Tage die Blutung; es wurde die kreuzweise Naht angelegt, 
aber 3 Tage darauf trat der Tod ein unter Biutung aas* den 
Stichwunden und einer Rhypiapustel am Hinteriiattpte. Die 
Sektion ergab das Hers gesund, Foramen ovale und Ductus 
Botaili geschlossen; Leber blutleer, in den Lungen zafalreiehe 
atelektatische Stellen ; die linke Nabelarterie am Ende weit offen, 
in der Mitte von einem Gerinnsel erfüllt und verdickt. 

2) Bei einem Mädohen, dessen Mutter gesund, der Vater 
ein Säufer war, fiel am 6. Tage der Nabelsehnurrest ab; am 
9. Tage trat eine Blutung ein, gegen welche sogleich die 
kreuzweise Durchstechung und umschlungene Naht angewen- 
det wurde, nachher aber noch Olühnadel, Höllenstein, KoHo 
dium und andere Styptica nöthig wurden. Endlich am 14. 
Tage stand die Blutung, worauf rechts vom Nabel eine gulden- 
grosse ödematOse Stelle sich bildete; am 16. erfolgte brandige 
Abstossung der Naht, am 20. der Tod. 

Bei der Sektion fand sich Icterus aller Theile, an der 
Stelle des Nabels ein thalergrosses brandiges Geschwür; die ge- 
raden Bauchmuskeln bis zum Ansätze des Zwerehfelles and 
ein Theil des letzteren an der oberen Fläche brandig; Leber 
stark ikterisch. In der durchgängigen Nabel vene weder Bkit 
noch ein Gerinnsel. Nabelarterien an der Mündung so g4it 
als geschlossen, die Gefässhäute infiitrirt. Herz blutleer, Duc- 
tus Botaili geschlossen. 

3) Der dritte Fall, von Amtsarzt Dr. v. Walker mitge- 
theilt, findet sich in den ärztlichen Mittheilungen aus Baden 
1863, 8, und ist dadurch bemerkenswerth , dass er Veranlas- 
sung zu gerichtlicher Untersuchung gab. 

Bei einem frühgeborenen Knaben einer gesunden Multi- 
para, der scbeintodt zur Welt kam, sich aber doch kräftig 
entwickelte, trat am 12. Tage eine starke Blutung ans dem 
Nabel ein, die von einer Hebamme durch Zunder and eiae 
Binde gestillt wurde, Bich aber am folgenden Tage wieder 
holte und den Tod des Kindes am 14. Tage zur Bolge balle; 



495 

MigleMii war eine Blutung aus d«in HiiDie aufgetreten md 
am Kopfe eine ziemlich ausgedehnte Geschwulst entstanden. 
Die Sektion ergab Offenstehen des Foramen ovale, Durch- 
gangigkeit des Ductus BotalH und Arantii, der Mabelvene und 
der beiden Nabelarterien von der Aorta an bis an*s Ende; 
am Gaunw eine braune Ecohymose, Gephalämatoma ^ J^ebfr 
wie im fötolen Zustande das rechte Hypochoudrium fast ganz 
ausfallend. Das gerichtsärztliche Gutachten sprach sich nach 
diesem Befunde dahin aus, dass der Tod ohne Verschulden 
der Mutter erfolgte und hob zugleich dabei das Vorkommen 
der Ecchymose und des Gephal&matoms hervor. 

Ueberblioken wir kurz noch diese 5 Fälle zusammen, so 
finden wir in Hinsicht auf das Geschlecht 3 Mädchen und 2 
Knaben; das Alter der Kinder betreffend, so trat die mutuqg 
zuerst auf am 9. Tage 1 mal 



10. 


5) 


1 


12. 


1» 


1 


13. 


» 


1 


37. 


11 


1 



In 1 Falle tratGeuesung ein, in den 4 auderen der Tod, 
und zw.ar nach dem ersten AuAreten der Blutung 
nach 8 Stupiden i lual 
^ 2 Tagen 1 „ 

» »^ 1» *- r> 

11 ^1 M '- 1» 

Als Quelle der Blutung ergab sieb 
Alle Nabelgef&sse wegsam 1 mal 
Rechte Arterie i ^ 
Luike ^ 1 „ 

Nabelvene 1 „ 

Das Poramen ovale fand sich 2 mal, Ductus Botalli 1 mal 
noch durchgängig; in 2 Fällen war zugleich' Blutdissolution 
zugegen mit ihren Erscheinungen, Ecchjmosen und Hämorrha- 
gieen aus anderen Organen, und in einem Falle Icterus. 
Erblichkeit oder Verwandtschaft mit Blutern ist nirgends er- 
wähnt; 4^gegeD ist aebli^sslich auffaJUend un^l viellaicbt nicht 
ohaa Bezug zur Entstehung dieser Blutungen, dass 2 dieser 



196 

5 Fälle frühgeborene Kinder betrafen, welches Verhältnisa auch 
in Orandidier's Tabelle 3 mal sich verzeichnet findet. 



üeber die verschiedenen Formen des Stotterns im 
Kindesalter und über die rationelle Behandlung der- 
selben, von Dr. Erwin Schulz in Berlin ♦)• 

In neuester Zeit hat das Ausbleiben des Sprechvermö- 
gens bei vorhandener HörfÜhigkeit, bei nicht mangelhafter 
Intelligenz und bei voller Integrit&t der zur Sprachbildung 
dienenden Organe grosse Aufmerksamkeit erregt und man hat 
sich namentlich mit derjenigen Form beschäftigt, welche als 
Unterbrechung dieses Vermögens in Folge verschiedener aku- 
ter oder chronischer Kränkelten bei Erwachsenen, besonders 
aber bei. Kindern, einzutreten pflegt. Es ist eine gewiss von 
jedem praktischen Arzte gemachte Erfahrung, dass ein Kind, 
welches eben erst zu sprechen angefangen und auch schon 
darin vielleicht einige Debung gewonnen hat, nach irgend 
einer akuten Krankheit rolikommen stumm erscheint und zu 
grosser Bekümmerniss der Eitern lange Zeit stumm verbleibt. 
Man hat diese Form vorübergehende AI alle genannt, 
und hat sie lediglich als Folge der Abspannung und Erschöpf- 
ung des Kindes durch die vorangegangene Krankheit betrach- 
tet, gerade so wie man den Verlust des Vermögens zu gehen 
bei Kindern nach aberstandenen schweren Krankheiten aufge- 
fasst hat. Es ist aber nicht bloss Stummheit Sprachlosigkeit, 
welche auf diese V^eise bei Kindern herbeigeftlhrt wird, son- 
dern ein wirkliches Stottern, welches vor der Krankheit 



*) Das hier Mitgetheilte ist ein Abschnitt aus einer grösseren 
Arbeit des Hrn. VerfasserB, die derselbe behufs seiner Habili- 
tation als Docent an der Berliner Universität denanächst ver- 
öffentlichen wird. Seine Absicht ist, besonders Über Krank- 
heiten der Stimm- nnd Sprachorgane (Taubstummheit, Stot- 
tern, Aphonie, Aphasie a. s. w«) Vorträge za halten. 

a Hfl. 



nicht vorhanden gewesen und nun bleibend su werden 
droht. Wir haben vor 2 Jahren ein 4 Jahre altes Mädehen 
behandelt, weiehea bcH^eits ganz allerliebst und ohne jegliches 
Stottern sprechen konnte, aber dann von einem schweren 
Scharlach befallen wurde, das mit seinen Nachkrankheiten 
fast 5 Wochen dauerte und eine sehr langsame Genesung 
hinterliess. Das Spreeheu hatte das Kind nicht verloren, aber 
es stotterte dabei in sehr aufi&lliger Weise, wie es früher 
durchaus nicht gethan, und dieses Stottern ist noch heute vor- 
handen, obwohl das Kind schon lange wieder ganz kräftig 
und blähend ist, und es ist tu befürchten, dass dieses Stottern 
SU einem bleibenden Fehler sieh gestaltet, da die verschie- 
densten Mittel, namentlich Unterricht und eine Art Gymnastik 
der Sprachorgane, bis jetzt fruchtlos geblieben sind. In wie 
weit diese Djslalle oder Paralalie, wie man das schwie- 
rige oder stolpernde Sprechen auch nennen kann, sich mit der 
Zeit von selbst verlieren werde, steht dahin, aber wir glau- 
ben, dass aolches Stottern bei Kindern nach aberstandener 
Krankheit oder im Laufe ihrer Entwickelung sehr häufig vor- 
kommt und nicht die Beachtung gefunden hat, die es verdient. 
Es erscheint uns daher von Interesse, diesen Gegenstand nach 
dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft vorzunehmen und 
ihn wo möglieh der rohen Empirie der sogenannten Stotter- 
lehrer zu entziehen. 

Die Definition, die wir bis jetzt von dem Stottern be- 
sitzen, ist eine sehr oberflächliche und äusserliohe; sie ist 
mehr deskriptiv, als in das Wesen eingehend. Magen die 
definirt das Stottern als eine mehr oder minder grosse Schwie- 
rigkeit beim Sprechen (Dyslalie) mit plötzlichem Anhalten, stoss- 
weiser Wiederholung einzelner Sjlben oder Worte, oder auch 
gänzlicher Unterbrechung. Nach Golombat ist das Stottern 
eine Nervenafifektion , die dadurch sich äussert, dass beim 
Sprechen eine Art Krampf entsteht, wodurch einzelne Selben 
stossweise wiederholt werden oder gar nicht zur Formation 
kommen können, so dass dann eine plötzliche Unterbrechung 
im Sprechen, ein sehr peinliches und beängstigendes Anhalten, 
entsteht. Aehnlich ist die Definition von Ru liier, und wir 
glauben wirklich, dass wir uns mit einer solchen zufrieden 
XLYI. 1S66. 14 



196 

geben rnüasen, bis wir das Wesen dieses Fehlers und seine 
eigentlichen Ursachen genau kennen. Genaue Beobachtung 
und anatomische Untersuchung im Leben und nach dein Tode 
hat noch nicht genügenden Aufechluss gegeben. In der R^el 
finden sich alle zum Sprechen nothwendigen Organe voli- 
kommen normal beschaffen, namentlich wenn das Uebel iioeh 
nicht zu lange bestanden hat, und es ist bemerkeaswertb, daes, 
wenn Formfehler der organische Veränderungen in den Sprach« 
Organen oder neben denselben bestehen, z. B. Ver&nderuagea 
der Zunge, eine zu dicke fleischige Beschaffenheit derselben, 
oder umgekehrt Atrophie, oder Mangelhaftigkeit der Zähne^ 
oder Fehler in den Lippen, im Gaumengewöibe, im GktumeD- 
segel, in den Kiefern u. s. w., nicht gerade Stottern (Pael- 
lismus) einzutreten pflegt, sondern meistens irgend eine andere 
Belästigung des Sprechens. Es ist ferner bemerkenswertb, 
dass gewöhnlich ein mit Stottern behaftetes Kind, sobald es 
für sich allein spricht und seine Aufmerksamkeit nieht an^ 
Personen hinzurichten braucht, zu denen es spricht, in der 
Regel den Fehler nicht zeigt. Ich habe noch jetzt einen 8 
Jahre alten Knaben vor Augen, der ganz vortrefflich ent- 
wickelt ist, aber nicht in die Schule geschickt werden kann, 
weil er ganz entsetzlich stottert. Als im letzten Sommer die 
Familie eine Sommerwohnung bezog, machte mich die Mot- 
ter auf diesen Knaben aufmerksam, der auf dem Hofe mit 
einer jungen Ziege spielte und ihr lange Reden hielt, ohne 
im geringsten zu stammeln. Als ich zu ihm trat und er ganz 
unbefangen zu mir lief, um mir von seiner Ziege zu erzählen, 
stotterte er eben, so entsetzlich als wie fVüher. Ich kann nicht 
sagen, dass der Knabe vor mir irgend eine Scheu oder Angst 
hatte; ich war ihm bekannt genug und er scherzte und spielte 
oft mit mir. Auch wcur das Stottern nicht Folge der Ueber- 
eilnng, da er wusste, dass ich ihn immer dazu anhielt, langsam 
und ruhig zu sprechen und er es auch diesmal zu thun sich 
bemühte. Bs muss also noch eine besondere Einwirkung auf 
die Sprachorgane mit im Spiele sein, über welche das Indi- 
viduum nicht gebieten kann, und es will uns scheinen, 
dass hier an eine krankhafte Reflexthätigkeit gedacht wer- 
den muss. 



Bevor ^r versuchen, über diesen Punkt uns Äufschluss' 
zu vefschaffen, intlssen wir uns die verschiedenen Formen vor- 
halten, in denen das Stottern sich kundthut, indem wir viel- 
leicht schon dadurch einige Einsicht in das Zustandekommen 
dieses Uebels erlangen. Aus der Bintheilutig, die von Golom- 
bat aufgestellt worden ist, geht deutlich hervor, dass er das 
Wesen des Stottems in einem Krämpfe der der Artikulation 
dienenden Muskeln annimmt. Er hat nämlich zwei Hauptfor- 
men: das choreische und das tetanische Stottern; Bei 
der ersteren Form verhalten sich die Muskeln wie beim Veits- 
tanze : sie gerathen n&mlich in Eontraktionen wider den Willen 
des Individuums, welches vergeblich sich bemüht, sie zur Ruhe 
2U bringen, und es entstehen dabei, je nach der Lage dieser 
Muskeln, stotternde Wiederholungen desselben artikulirten 
Lautes, und es sind vorzugsweise die Lippen und die Zunge, 
welche hier ins Spiel treten. Darumnennt Colombat diese 
Form auch I a b i o - choreisches Stottern {^Be0aiement labio- 
choretque)^ welches vier Varietäten darstellt. Die erste Va- 
rietät nennt er geschwätziges oder sprudelndes 
Stottern {Begaiement lahio-choretque loquace avec bredonU- 
lement") und die an diesem Fehler Leidenden sind in der Regel 
sehr lebhaften Geistes, etwas feurigen Charakters, sehr nervös 
und sprechen sehr lebhaft, halten dabei niemals an und stot- 
tern, indem sie vorzugsweise die Labial- und Linguallaute 
bbb, ppp, ttt und ddd wiederholen, aber auch viele andere 
Sylben stotternd vorbringen und die Worte gewissermassen 
aberehiander stürzen, so däss sie halb erdrückt oder halb ar- 
tikulirt hervorkommen. Diese Varietät ist nach Colombat 
eme der häufigsten. — Die zweite Varietät wird von 
ihm labio-choreisches Stottern mit Gesichtsverzer- 
rung (^. labio choretque äifforme') genannt und charakteri- 
sirt sich durch krampfhafte Bewegungen der Muskeln des 
Antlitzes, der Augenlider, der Stirn, der Augenbraunen, der 
Nase und der Lippen. — Die dritte Varietät heisst er 
labio-choreisches Stottern ohne Laut {B. labio-cho- 
reHque muei)^ wobei die Zunge, die Lippen und der Unterkie- 
fer in so krampfhafte Bewegung gerathen, dass kein artiku- 
lirter Laut sich vernehmbar macht, und endlich die vierte 

14* 



200 

Varietät: languides choreisches Stottern iB.labio* 
choretque languid)^ wobei die Zunge nach Aussen hervorge- 
stossen wird. 

Die andere Hauptform gibt sich nach C o 1 o m b a I dadarch 
kund, dass die Muskeln der Aspiration, besonders die des 
Pharynx undLarynx, slarr werden oder in eine Art Teta- 
nus verfallen, so dass vorzugsweise die Kehllaute g, ch, k 
und qu entweder gar nicht oder mit gewaltiger Anstrengung 
hervorgebracht werden, und dass auch die Vokale nur mtth- 
sam und zögernd sich kundthun und durch Pausen unter- 
brochen werden, in denen die Stimme ganz ausbleibt. Man 
erblickt dann, sagt C o 1 o m b a t, den Stotternden in einer pein- 
lichen Angst und in der vergeblichen Bemühung, ein Wort 
hervorzubringen; er selbst fühlt sich in grosser Verlegenheit 
und Noth, während beim choreischen Stottern gerade im Ge- 
gen theile eine gewisse Keckheit und ein Plappern sich be- 
merklich macht. 

Dieses tetanische Stottern bringt Colombat in sechs 
Varietäten, die er folgendermassen bezeichnet: B6gaiement 
gutturo-t6tanique 1) muet, 2) intermittent, 3) cho- 
reiforme, 4) canin (wobei die Stotternden Töne heraus- 
bringen, die wie das Bellen eines Hundes klingen), ö) epi- 
lepti forme (wobei Zuckungen der Muskeln der Brust, des 
Bauches, der Oliedmassen und des Halses eintreten, während 
bei der hier genannten dritten Varietät auch Zuckungen der 
Muskeln eintreten, aber nur in kleinen Bewegungen, in soge- 
nannten Grimassen, bestehen), und endlich 6) barypho- 
nique oder balbutieux, welche Varietät in einem unver- 
ständlichen halberstarrten Sprechen besteht und bei ernsten 
Gehimleiden vorkommen soll. 

Man sieht, dass diese Eintheilung eine sehr kanstliche 
ist und dass sie für die Praxis kaum brauchbar sein wird. 
Bei den meisten Stotternden findet man ein Gemisch dieser 
angeblich verschiedenen Varietäten und Colombat hat das 
auch erkannt, denn er nimmt selbst ein B^gaiement mixte 
an, welches eine Mischung von choreischem und tetanischem 
Stottern darstellt. Man kann nur annehmen, dass das Stottern 
in einem Mangel an Willenseinfluss auf die der Artiku- 



20i 

lation dienenden Muskeln besieht, und wenn man dabei auch 
an eine Art Chorea dieser Muskeln denken wollte, so kann 
man doch nicht Tetanus annehmen. Ein solcher ist in den 
Muskeln des Kehlkopfes und des Halses gewiss nicht vor- 
handen, sondern nur eine krampfliafte Bewegung, und dieser 
Krampf betrift meistens oder fast immer die Muskeln der 
Zange und der Lippen, indem der Krampf der anderen (re- 
spiratorischen) Muskeln erst nach und nach mit ins Spiel ge- 
sogen wird. A. Bonnet nimm*t sogar an, dass die krank- 
haften oder fehlerhaften Bewegungen der Zunge allein den 
Ausgangspunkt des Stotterns bilden, und dass selbst die^der 
Lippen sekundär sind. Auf diese Ansicht stützt auch 
Bonnet seine Behandlung des Stotterns, die vorzugsweise 
in einer Art Ojmnastik der Zunge besteht. 

Deleau erkennt drei Arten von Stottern, und zwar: 
1) Eine schon in der Kindheit angenommene üble Gewohn- 
heit, die Laute schlecht oder fehlerhaft zu artikuliren und 
einen für den anderen einzuschieben, z. ß. 1 für n, oder n für 
I, oder 1 für r u. s. w.; er nennt diese Art Orasseyement 
Lambdacisme, Sessejment, Hotten to tisme; auch 
das Lispeln gehört nach ihm hieher. — 2) Das gelähmte 
Sprechen, Stottern in Folge von Lähmung bei Apoplektischen, 
Paralytischen, Idioten und bei Denen, welche eine wirkliche 
organische Veränderung der Zunge und der anderen Theile 
des Mundes haben, und endlich 3) das Stottern, hervorgehend 
aus mangelhaftem Willenseinflusse «uf die der Artikulation die- 
nenden Muskeln. Diese letztere Art stellt also das Stottern 
dar, welches wir hier meinen, und Deleau erkennt drei Varie- 
täten desselben: a) Linguales oder geschwätziges Stot- 
tern: es charakterisirt sich dadurch, dass die Worte mehrmals 
hintereinander mit grösster üebereilung ausgesprochen und wie- 
derholt werden, und dass sich dabei unverständliche Laute, Zi- 
schen, stossende Unterbrechungen u. s. w. bemerklich machen, 
und man erkennt deutlich, dass hierbei nur die Zunge mit ihren 
angeordneten Bewegungen ins Spiel tritt. — b) Labiales 
oder difformes Stottern. Hierbei scheint der Stotternde 
nicht den Mund öffnen zu können; er kann nur halberstickte 
Laute hervorbringen, welche mehr einem Brüllen oder Bellen 



268 

als der inenschlicbeo Summe gleichen; dabei werden die 
Muskeln des Antlitzes mit ins Spiel gezogen und es machen sich 
die wunderlichsten Verzerrungen bemerklich. — c) Schmerz- 
haftes Stottern, wobei trotz der grössten Anstrengungen 
und unter gleichzeitigem Kampfe der Brustmuskeln und des 
Zwerchfelles auch nicht der geringste Laut hervorgebracht 
wird, ja durch krampfhafte Schliessung der Stimmritze der 
Atbem ausbleibt und endlich ein unartikulirter Schrei höchstens 
zum Vorscheine kommt; diese letzte Varietät nennt Deleau 
auch stummes Stottern, was allerdings nichts weiter be* 
> deutet, als dass der Krampf, der dem Stottern zu Grunde 
liegt, bis zur Aphonie sich steigert. 

Wir erwähnen nur noch, dass Malebouche eine £in- 
theilung des Stotterns nach der Unmöglichkeit oder Sciiwie- 
rigkeit, bestimmte Laute zq bilden, versucht hat, und zwar 
je nachdem Vokale im Anfange eines Wortes oder gewisse 
Konsonanten oder Aspirata nicht ausgesprochen, oder nur stoss- 
weise vorgebracht werden können , oder mit Zischen beglei- 
tet sind u. s. w. 

In dem hübsch geschriebenen Artikel von Merkel io 
Leipzig über Sprachfehler (Medizinisch-chirurgische Encjklo- 
pädie für praktische Aerzte von Frosch und Ploss, Leip- 
zig 1856, Bd. III S. 525) werden nur drei Hauptarten des 
Stotterns aufgestellt: 1) Paralalia respiratoria s. syl- 
labaris, eigentliches Stottern^ 2) P. articulatoria 
s, literalis, Unfähigkeit, gewisse Laute zu bilden, oder Stam- 
meln, und 3} P. commiaatoria s. verbau s, anzusam- 
menhängendes, zögerndes oder stossendes Sprechen. 

In diese Eintheilung, die uns besonders zusagt, weil sie 
einfach und praktisch ist, wollen wir etwas näher eingeben. 

1) Das eigentliche Stottern, P. respiratoria s, 
sjf Ilabaris. „Bei diesem sehr häufig, besonders in jüngeren 
Jahren, vorkommenden Stottern,'^ sagt Hr. Merkel, „sind alle 
zum Sprechen erforderlichen Organe, wenigstens wenn das 
Uebel noch nicht sehr veraltet ist, anatomisch vollkommen 
normal beschaffen und fähig, ihren Funktionen völlig Genüge 
zu leisten, was dieselben auch oft, besonders wenn das behaf- 
tete Individuum für sjch allein spricht, wenn es spricht) mi 



M3 

•doptirftem PMlios dekiamirt and iberhaupt beim Sprechen 
niohi 9em^ eigeiie Rolle spielt, ohne Tadel oad Anstos« 
aa Iban pflegen. Sobald aber jene das ladividaam sieher und 
unbefangeo «vaehenden Einflösse wegAülen, tritt ein bestimmtes 
MiBsyerh&llnis swisohen Artikulation und Emission des expi- 
ratoi%»ohen Loftstr<»mes ein, wobei das Individuum bei seinen 
Versnekea , ea spredien , uDwillkarlioh auf der jeweiligen Ar- 
tikulation der Spraoborgane ni lange verweilt aad derselben 
den ¥okal nicht unmittelbar anzufOgen vermag, so dass 
der expiratorisolie Pluss der Sprache durch die artikulato- 
riseben Muskelaktionen nicht momentan, wie bei dem nor- 
■nden Sprechen, sondern anhaltend unterbrochen und da- 
durch eine Quelle verschiedener anderer widerw&rCiger Symp- 
tome erölibet wird.^^ 

Merkel hat an sich selbst EiTfahrungen gemacht und be- 
merkt nun weiter : „Der Mechanismus des Stottems ist nach mei- 
nen an nvir selbst und an Anderen angestellten Beobachtungen 
im Wesentlichen folgender: Der Thorax ist entweder bei 
der Inspiration nicht hinl&oglich mit Luft geftlilt and nament- 
Keh sind die oberen Lappen der Lungen nicht gehörig aus- 
gedehnt worden; die Rippen hängen au sehr herab, nur der 
untere Theil des Thorax ist dilatirt, das Zwerchfell gesenkt, 
die Lafistale drfickt im entschiedenen Momente mit verhält- 
nissm&ssig au wenig Kraft auf diejenigen Artikulationsorgane, 
welche in Verbindung mit dem nachfolgenden Vokale die be* 
abMchtigte Sylbe geben sollen. Oder wenn auch selbst un- 
onttelbar vor der aussusprechenden Sylbe inspirirt worden 
war und die Luftsäule des Expirationskanales die gehörige 
Spannung erhalten hatte, so lässt doch der Stotternde beim 
ersten Artikulationsversnche dadurch, dass er su lange darauf 
verweilt (bei den Consonnemtes conämtae)^ oder dass er (bei 
den Oansonnantes explomae) in zweckwidriger Weise den 
Nasentheil des Ansatarohres öffnet, die Luft sum grossen 
Tbeile vor der Vokalbildung entweichen lässt, so dass die 
rOckstäadige Luft, die er auch nicht gehörig su verwerthen 
versteht, die artikulatoriscfaen Muskelkontraktionen um so we* 
aiger fiberwioden kann, je mehr dieselben gleichseitig an In- 
tensität sunehmen und krampfhafte Debermacht gewinn^.^^ 



204 

Hieraus geht also hervor, dass das Stotiern in einen 
Maogel an UebereinstimmuDg der [expiratorischen, ins 
Tönen gebrachten Luftsäule mit den Artikulationsbewegungen 
der sogenannten Sprachmuskeln besteht Merkel deflnirt 
das eigentliche Stottern als einen Sprachfunktionsfehler, welcher 
dadurch entsteht, dass die artikulatorisohen Muskelkontraktionen 
von den expiratorischen nicht überwunden werden können, 
indem er annimmt, dass die Nerventbätigkeit der den expi- 
ratorischen Druck bewirkenden Muskeln gegen die der arti- 
kuiirenden im Missverhältnisse steht. „Dieses Missverhältniss be- 
ruht,^^ wie erglaabt, „zum grossen Theile in einer falschen Ersieh- 
ung und Gewöhnung der beiden genannten Muskelgruppe». 
Ist in der Kindheit einmal der Fehler entstanden, so wächst er 
von der Zeit an, wo sich die Oemüthsregungen lebhafter ent- 
wickeln, wo das Gefahl der Angst, Schaam u. s. w. mächtig 
wird , bis zu einem gewissen , oft entsetzlichen Grade , ohne 
dass jedoch die Fähigkeit, jenes Missverhältniss durch Ruhe 
und Willenskraft zu besiegen, jemals verioren geht/^ 

Unserer Ansicht nach scheint dieses Missverhältniss, wel- 
ches wir auch einräumen mttssen, auf einer krankhaften oder 
abnorm gesteigerten Reflexthätigkeit zu beruhen, welche be- 
sonders den respiratorischen Muskelapparat betri£fl. Wir haben 
dieses ganz deutlich bei einem sehr sensiblen Knaben ge- 
sehen, der in der Regel, wenn er sich ganz wohl befand, 
niemals stotterte, aber bei irgend einem Unwohlsein, bei .Er- 
kältung, bei Ueberbitzung, bei einer leichten Gastrose oder 
nach einer unruhig verschlafenen Nacht in ein ganz entsetz- 
liches Stottern verfiel, zu dem sich ungeregeltes Athmen, 
Herzklopfen und Kopfschmerz gesellte. Wurde der Knabe 
dann aufs Land geschickt, so verlor er das Stottern vollstän- 
dig, und zwar in dem Maasse, wie er sich körperlich erholte. 
Unterabiheilungen dieses eigentlichen Stotterns au&ustellen, 
hält Merkel nicht fQr rathsam; es wird sich, sagt er, je 
nach Individualität, Bildungsgrad, Charakter und Gemaths- 
Stimmung verschieden äussern und eben so verschieden wird 
sich auch die Art und Weise darstellen, in welcher clie Stot- 
ternden in ihrer Angst und Verlegenheit sich zu helfen suchen. 
Aehnliches gewahrt man auch bei Personen, welche im ge- 



206 

wöhDiiehen GespT&che und bei gewökQlichen geselkehaftliehen 
Unterhateungen durehans nicht stottern, aber »obald sie iq;eod^ 
wo öffentlich eine Rede oder einen freien Vortrag halten ood 
die Angen vieler Henechen auf sieh gerichtet sehen, in diesen 
Fehler mehr oder minder verfallen und dann dadurch sich 
helfen, dase sie entweder Qbereilt Athem holen und schein- 
bar husten oder sich räuspern oder krächzen, oder , irgend 
welche halbartikulirte Laute, z. B. &, ä, &, oder he, he, he, 
oder hm, hm, hm, oder ne, ne, ne, oder irgend einen lang- 
gedehnten Ton immerfort einschieben, um wo möglich im so- 
genannten Flusse der Rede zu bleiben. Bei Kindern, die am 
Stottern leiden , findet dieses Alles in weit höherem Orade 
Statt und sie. bleiben nicht selten mitten in der Rede stecken, 
was bei Erwachsenen bisweilen auch geschieht, indem trotz 
aller Mühe und Anstrengung die Reflexthfttigkeit auf die der 
Artikulation dienenden Muskeln einen so gewaltigen Binfluss 
bekommt, dass der eigene Wille sie nicht zn beherrschen 
vermag. 

2) Neben diesem Stottern, mit ihm zugleich, aber auch 
aasser ihm, kommt noch die UniUiigkeit vor, gewisse Sprach- 
laute zu bilden, Merkel nennt diese Unfthigkeit Paralalia 
articulatoria oder literalis und, wenn man zwischen 
den beiden dentschen Ausdrücken Stottern und Stammeln 
einen Unterschied machen will, so könnte man dieses Unver- 
mögen mit dem letzteren Ausdrucke bezeichnen , und wenn 
man will, kann man hier Unterabtheilungen je nach der Lage 
der Laute machen, welche schlecht oder mangelhaft vorge^ 
braoht werden, und man wQrde ein linguales, dentales und 
gutturales Stammeln haben. Merkel gibt auch hier ganz 
interessante Andeutungen, welche für die Praxis von Wich- 
tigkeit sind. „Zu dem lingualen Stammeln,'^ sagt er, „gehört 
die durch stärkere Entwickelung des Oenioglossus oder durch 
Laxität der Hebemuskeln der Zunge bewirkte Unthätigkeit, 
die Gaumen-Bxplosivlaute zu bilden, ein Fehler, der sich durch 
Durcfaschneidung jenes Muskels oder durch eine in die zu hoch 
gewölbte Gaumenbildung eingesetzte Platte heilen lässt ; ferner 
die Schwierigkeit bei Bildung des sogenannten Zungen -r, 
des s und t, in welchen Fällen oft die Durohschneidung des 



ZuBgenbäftdohens von Natieo iai ; das bei Verlust der Zoogen- 
•pitoe Yorbaadeoe UnvermOgeD, 1, r, n, s, t^ seibat i und j 
und das weiche g zu bilden, welche Fehler meist unheilbar 
«iad. Endlich gehört hier noch her das undeutliche Sprechen 
durch Sohwer&lligkek der Zunge {ArtieuloHan empäiee) tn 
Folge vonHjpertrofhie derselben, ein oft durch Einreibungen 
{SL. B. niit Jodtinktur) oder durch Unterbindung der 8«bUn- 
gual-Arterien heilbarer Fehler/' 

Das dentale und labiale Stammeln betrifft theile die Ziseh- 
«ad theils die Lippenlaute und dann die sogenannten Liquida. 
Merkel sagt darüber: „Bei völligem Mangel der Zfthne su- 
nüK^hst der Sehneidezähne kann t, s, f und v nicht gut pro- 
Aoosirt werden, Fehler, die sich nach dem ESnsetzen künst- 
licher 2iähne sofort heben. Aber aueh bei vollständigen 
Zürnen kommt zuweilen das s nicht deutlich hervor, wenn 
die unteren Schneidezähne so dicht stehen, dass sie gar keine 
Lücken zwischen eioh haben; in diesem Falle hilft Auafidilen. 
Fehlen die Lippen ganz oder theil weise, so können f, v, w, 
b, p, m gar nicht, o, u und soh nur schlecht gebildet werden. 
Siine ähnliche Wirkung haben die Hasenscharte und groase 
Lippengesoh Wülste, bei deren Operation man sich jedoch 
vor jedem unnülzen Hantverluste zu hüten hat, wenn nicht 
an die Stelle der bisherigen Sprachfehler neue gesetat wer- 
den sollen.^' 

Endlich haben wir noch das gutturale Stammeln ins 
Auge zu fassen; es betrifflb dieses die Gaumenlaute und die- 
jenigen Laute, welche im hinteren Theile des Mundes gebildet 
werden. Gaumenspalte, chronische Laxität und Verlängerung 
des Zäpfebens, Hypertrophie oda: chronische Wulstung des 
Gaumensegels, Löcher im Gaumengewölbe und grosse An* 
Schwellung der Mandeln bedingen diese Fehler. 

8) Eine dritte Art des Stammeins besteht nach Merkel 
in der Unfähigkeit, die Selben mit einander zu Worten 
und die Worte mit einander zu fliessenden Sätzen 
zu verbinden; er nennt diesen Fehler P. combin^toria 
s. verbalis und meint, dass diese Art des Stottems vieler« 
lei Fehler darbietet, und er unterscheidet: a; P. chorei'ca s. 
cloniea (Pseliiamui, Battarismns, eigentliehes Stammeln oder 



am 

SioUero) und b) P. balbutia (Lallen, DaUen). Wir loifts- 
660 gestehen, dass wir gegen diese letztere Art viel einiair 
wenden haben, denn wir meinen , dass die eine Variet&t, die 
hier P. choreica s. clonica genannt ist, in das respirato- 
rische oder syllabarische Stottern hineinfollt, während die an- 
dere Variet&t zum artikulatorischen oder literalischen Btam- 
mehi gehört. Man darf nur die Schilderungen lesen , die 
Merkel von diesen beiden Varietäten gibt „Die P. cho- 
reSoa s.eloniea, gewöhnliehauchStammelnoderStottern 
genannt, gibt sich im Allgemeinen dadurch zn erkennen, 
dass zwar, wie beim Stottern, alle Lante fSr sich richtig aas» 
gesproefaen werden können, auch ohne Anatoss gesungen und 
deklamirt werden kann, beim gewöhnlichen konversationellen 
SfNreobeo dagegen aus einer gewissen Befangenheit, Heftigkeit 
and Aeugatliclikeit der normale Flnss und Bhytbmus dergestalt 
gestört wird, dass manche Sylben uod noch mehr Vokale veiv 
sehfaiokt, uaterdrOckt, apostrophirt, andere dagegen and selbst 
ganze Worte noohmals und zwar in grosser Sehnelligkeit wie* 
derholt werden, bis endlich das nächste, eine Art Stein des 
Aastosaes darbietende, Wort glacklich heraosgebraoht ist Von 
den dem Stottern eigenthOmlichen Gksichtsverzerrnngen und sol* 
friien HitbewegungeO' findet sich hier, wenigstens bei Brwaeh^ 
senen, die an diesem Fehler leiden, wenig oder nichts. Bei Kin* 
dern, besonders bei Mädchen von 9 bis 10 Jahren, kommt ein 
ähnlieher Sprachfehler oft als Symptom der Chorea (Ballis- 
mns), zuweilen auch in Folge von Warmem, vor und weicht 
dann mit dem primären Leiden. Gebildetere Individuen, 
die an einem solchen Fehler in der Jugend litten, lernen 
zuweilen allmiüilig den Fluss der Rede dadurch herstellen, 
dass sie beliebige fremdartige Töne, Sylben oder selbst he- 
terogene Worte stellenweise ihrer Rede einmischen und damit 
die Pausen oder Unterbrechungen, die sonst entstehen wttrden, 
ausfttllen/^ — Von der zweiten Varietät sagt Merkel, dass 
sie nichts Krampfhaftes darbiete, sondern lediglich in Folge 
von Laxität, Atonie oder anderen pathologischen Veränder* 
ungen der artikulatorischen Organe ein Unvermögen, gewisse 
Laute zu bilden oder klar und deutlich zu sprechen. 

Wir können nach dem bisher Mitgetheilten und nach 



208 

unseren eigenen Beobachtungen nur zwei Arten des Stotlems 
anerkennen : 

1) Das Reflexstottern, bei vollkommen wohlgestalte- 
ten 8p räch Organen 5 entspringend aus Einwirkung der Nerven- 
thätigkeit des Rückenmarkes auf die respiratorischen und ar- 
tikulatorischen Muskeln, ohne dass der Wille diese Nerven- 
thätigkeit zu beherrschen vermag. 

2) Idiopathisches Blottern, erzeugt durch patho- 
logische Veränderungen, At>Iagerungen oder Bildungsfefalnr 
in der Artikulationssphäre, 

Beide Arten können auch zusammen vorhanden sein und 
es kommt dann ein sogenanntes gemischtes Stottern zu 
Stande. Das Reflexstottern, also darin bestehend, dass die 
Muskelthätigkeit, dem Einflüsse des Willens entzogen, anderen 
Reizen folgt, die vom Rttckenmarke ausgehen, kann in sehr 
verschiedenem Grade und verschiedener Form sieh kundthnn, 
je naehdem mehr die respiratorischen oder mehr die artiku- 
latorischen Muskeln betroffen sind, und je nachdem von diesen 
Muskeln eine grössere oder kleinere Ornppe oder auch nur 
ein vereinzelter Muskel affizirt ist. Das klarste Bild des 
Refleacatotterns gewährt derjenige , welcher bei ganz ruhigem 
Gemathe, geläufig und ohne allen Anstoss spricht, selbst 
in einer grossen Versammlung^ aber heftig zu stottern an- 
fängt, sobald er in Leidenschaft gerathet und in Folge dieser 
Leidenschaft Herzklopfen, Andrang des Blutes nach dem 
Kopfe bekommt u. s. w. Bei dieser leidenschaftlichen Erreg- 
ung geht momentan der Einfluss des Willens auf die Muskeln 
verloren und diese gerathenjn eine sogenannte exoito-motorische 
Thätigkeit und es ist demnach hier ganz genau so, wie im 
Delirium oder wie bei den automatischen Zuckungen der 
Glieder bei leidenschaftlicher Aufregung. Die Muskeln geratheu 
hierbei entweder in kurze Zuckungen oder Stösse (choreisches 
Stottern) oder sie werden ganz starr und für kurze Zeit steif 
und unbeweglich (telanisches Stottern)« 

A e t i o l o g i e. Ueber das Wesen und die nächsten Ursachen 
des Stottems sind die wunderlichsten Theorieen aufgestellt wor- 
den. Abgesehen von den organischen oder Formationsfehlem 



m 

des sogenfkunlen artikuiatorischeD Apparates kommen diese The- 
orieen im Gründe alle auf unsere Anschauung vom Reflex* 
stottern hinaus. ,,Um die Ursache des Stotterns au ermitteln/^ 
sagt Itard, „genagt es, auf die Haupterscheinungen, welche 
dasselbe begleiten, einen Blick zu werfen. Durch Vergleich- 
cbung der Stotternden mit Denen, die gel&uflg sprechen, 
wird man finden, dass in den Sprachorganen gewisse Beweg* 
ungen eintreten, die nicht beabsichtigt sind und also gegen 
den Willen sich kundthun und die daher deutlich eine vor- 
handene nervöse Schwäche der einzelnen Muskeln verrathen/^ 
Sp&ter fagt er noch hinzu: „In den Fällen, wo das Stottern 
zttfiülig in Folge einer Apoplexie oder eines adynamischen 
Fiebers oder als Vorzeichen irgend einer Oehirnaffektion auf* 
tritt, sieht man, dass alle Bewegungen der Zunge geschwächt 
sind. Der vollständig asthenische Charakter, den das zu- 
fi^llige Stottern darstellt und das deutlich in das Gebiet der 
Paralyse Mit, wirft auch ein Licht auf das angeborene Stet- 
tern und man kann nicht zweifeln, dass das Wesen oder die 
nächste Ursache davon Schwäche der Muskeln ist, und 
zwar beim angeborenen Stottern kongenitale Schwäche, 
bei dem später erlangten Stottern symptomatische 
Schwäche.^^ Man sieht hieraus, dass Itard zwischen an- 
geborenem und durch krankhafte Einwirkung erlangtem 
Stottern unterscheidet, allein er gibt nicht an, wie er, wenn 
oi^nische oder Formationsfehier in den Sprachofganen nicht 
vorhanden sind, das Stottern als angeboren erkennen will, 
da dasselbe sich dpch erst kundthut, wenn die Kinder so 
weit im Alter vorgertlckt sind, dass man von ihnen ein ge- 
läuBges Sprechen erwarten kann. Wirkliche Schwäche der 
Muskeln kann unmöglich die Ursache sein, da gerade in 
grossen Schwächezuständen Stottern nur selten als Symptom 
erscheint. 

Rnllier setzt die Ursache des Stotterns in das Gehirn. 
„Im normalen Zustande,^^ sagt er, „sind die Phänomene der 
Stimme und der Sprache stets in einem bestimmten Verhält- 
nisse zu den verschiedenen Graden der Erregung des Gehirnes 
und entsprechen in ihrer Genauigkeit und Leichtigkeit immer 
der Energie der Empfindungen und der Klarheit der Ideea« 



214 

Bei 'dem Stottetnden dag^ed steigt die BrregoDg dies Gehirnes, 
welche dem' Oedanken folgt und die Sprachmoskehi diesem 
Gedanken gemäss in Bewegung setzen soll, gewissermassen 
stOrmiscb hervor und erzeugt sieh mit so grosser Bchnelligkeit, 
dass sie eine grössere Beweglichkeit verlangt, als die Agentien 
der Artikulation m leisten vermögen; diese werden daher 
durch diese Ueberstttrsung in ihren Bewegungen gewisser- 
massen erstickt und yerfallen in eine krampfhafte Unbeweg*- 
liehkeit oder in konvulsivische Zuckungen, welche das Stot- 
tern charakterisiren. 

Nach dieser Theorie ist also das Stottern nichts weiter 
als ein Missverhäitniss zwischen der Befähigung der Sprach- 
muskeln und der raschen Entwiokelung der Ideen, der sie 
nicht folgen können, und es würde daraus folgen müssen, dass 
behufs der Behandlung de^ Stotterns die zu lebhafte 
Brregung des Gehirnes vermindert und die Ideenbildung ver- 
langsamt werden muss. Zur Stütze dieser seiner Theorie be- 
hauptet Rullier: 1) dass die meisten Stotternden durch 
grosse Lebhaftigkeit ihres Geistes und durch etwas Stür- 
misches sich bemerklich machen und dass sie weit weniger 
siettern, wenn sie sich in Gemüthsruhe befinden; 2) dass 
mit dem zunehmenden Alter dass Stottern in dem Maasse 
sieh verliert, wie das Gemüth ruhiger wird und die Phan* 
taste an Lebhaftigkeit vertiert; B) das das Stottern sehr 
naiohlässt und ganz und gar aufhört, sobaid das Individuum 
beim Sprechen ganz auf sein Gedächtniss hingewiesen ist und 
si<^ bemüht, aus demselben erlernte Gedichte, Zahlen, Lieder 
u. 8. w. herauszubringen und darauf seine ganze Geistes- 
thfttigkeit zu konzentriren ; 4) dass langgezogene Töne, welche 
den Stotternden nöthigen, die Muskeln der Stimme und 
Sprache nach einer bestimmten Richtung hin zu üben, das 
Stottern dadurch vermindern, dass sie die Thätigkeit derselben 
gewissermassen mit dem auf sie emgeübten Einflüsse des Ge- 
hirnes in ein richtiges Zeilverhältniss zu bringen suchen; 
5) dass, wenn heftig auftretende Leidenschaften bisweilen 
das Stottern ganz beseitigen und während dieser Zeit einen 
geiftttilgen Redefluss erzeugen, dieses lediglich von einer sehr 
leUiafken Einwirkung auf die Muskeln herkömmt und beson- 



211 

den auf ^e der Zunge, m das» diese augeniflioklieli mit der 
Oemathsaffektion in Harmonie geralhen; 6) endlidi, dase 
Frauen, welohe raaeli denken, aber von der Natur eine leioiitere 
imd gel&uAgere Pronuneialion bekommen haben, in der Re« 
gel nur seit»! stottern. EHese Angaben sind aber nieht rieh- 
tig; man sieht viel stotteDnde Kiodec, die durchaus nicht leb- 
haften €k)istes, sondern im Gegentheile befangen evsoheioen 
and erat stupide zu nennen sind, uad während einige fortw&h< 
rend stottern, sowohl im Zustande der Oemttthsrnke, als in 
dem der Aufregung, findet bei anderen das Oegentheil Statt, 
indem aie entweder im letateren Zustande stottern und im 
ersteren nicht, oder umgekehrt, und wir haben Kinder beobaohtet, 
die nur stotterten, wenn sie unwohl geworden waren, während' 
sie bd vollem gesundem Zustande diesen Fehler nicht zeigten^ 
Btwaa näher unserer Ansicht kommt schon Magendie, 
Astrid und Ch. Bell. „Von den Muskeln,^^ sagt Magendie, 
„die das Sprechen bewirken und deren Aktion beim Stottern, 
mehr oder minder verändert ist, wirken einige unter dem 
Eättflttsse des Willens, während andere sich diesem Einflösse 
geradesu entziehen^ die meisten davon, die zum Sprechen 
wie zum Schlucken dienen, verrichten ihre Funktion, ohne 
dass wir genau die Rolle kennen, die jede von ihnen dabei 
spielt; wir erzeugen einen Ton, wir artikulire» diesen Tod, 
ohne gsBZt genau zu wissen, welche Bewegung dabei im KehU 
köpfe und weiter oben im Munde vorgeht. Wir wollen den 
Zweok, wir erreichen ihn, und das istAUes.^^ Magendiebetrach* 
tet also noch das Hervorbringen von artikulirten undunartiku- 
lirten Tönen als eine uns unbekannte Mechanik, über die wir 
tbeilweise gebieten, theilweise nicht zu gebieten vermögen. Letz- 
terea findet z.B. Statt im Augenblicke der Aufregung, der Leiden- 
schaft, wo der freie Wille nicht wirkt, also der Gehirneinfluss 
geaehwäeht oder abgeschnitten ist, und wir wider Wissen und 
Wollen einen Schrei ausstossen. Aehnliches findet Statt im 
Delirium, im Fieber, bei Krämpfen u. s. w., und was von der 
ganzen Gruppe der Muskeln der Stimme und Sprache gilt, 
gilt nach Magendie auch von einzelnen Muskeln dieser 
Gruppe, und es ist demnach das eigeotliche Stottern nichts 
Anderes, als dass einzelne der Artikulation dienende Muskeln 



212 

dem WilleoseinOusse sich entzogen haben. Felii^Voisin 
und Astrid finden die Ursache des StoUerns. in einer unvoll- 
kommenen Einwirkung des Gehirnes auf die Muskeln der Stimme 
und Sprache. Viel deutlicher spricht sich Ch. Bell aus, 
,,Wenn wir,^' sagt er, „alle die Theile in's Auge fassen, die su- 
sammenwirken mflssen, um auch nur den einfachsten artiku- 
lirten Ton zu bilden^ so erkennen wir sofort die Mothwendig- 
keit eines sehr komplizirten Nerveneinflusses, und es wird uns 
nicht überraschen, wenn in Folge irgend einer Störung in 
dieser komplizirten Nerventh&tigkeit die Summe und die Sprache 
eine Veränderung erleiden. Das Stottern beruht offenbar in 
einem Hangel der Zusammenwirkung oder Koordination der 
verschiedenen Th&tigkeiten und keinesweges in einer orga* 
nisohen Veränderung eines der Theile selbst.'^ Dieser Mangel 
an Koordination hat aber seinen Orund darin, dass einzelne 
Muskeln dem Willenseinflusse nicht gehorchen, sondern ihren 
Reiz zur Thätigkeit anderswoher durch das Rückenmark em- 
pfangen. Golombat, Jourdant, Bonnet und Oraves 
finden ebenfalls die nächste Ursache oder das Wesen desStot- 
terns in einer Mangelhaftigkeit oder Störung des Nervenein- 
flusses auf die Muskeln der Summe und Sprache und behel* 
fen sich hier mit sehr verschiedenen Theorieen, und nur einige 
andere Autoren, wie z, B. Hervez de Ch^goin, Merkel 
u. A., glauben , manche Arten des Stotterns auch von wirk- 
lichen Formfehlem oder organischen Veränderungen in dem 
zur Bildung der Stimme und Sprache dienenden Apparate 
herleiten zu müssen. 

Wir wollen in diese verschiedenen Theorieen hier nicht 
weiter eingehen, sondern die Sätze aufstellen, die wir fü? 
richtig halten und von denen wir glauben, dass sie gerade 
für die Praxis von Wichtigkeit sind: 

1) Das eigentliche Stottern, ganz unabhängig von Form- 
fehlern oder organischen Veränderungen im Stimm- und 
Sprachapparate, hat lediglich seinen Orund in einem Mangel 
an Willenseinfluss auf die betreffenden Muskeln, oder, mit an- 
deren Worten, in einer vorwiegenden Reflexthätigkeit des 
Rückenmarkes. 

2) Dieses Verhältniss kann dadurch erzeugt werden, dass 



213 

der EiDflnss dee Gehirnes ao sich nicht ver&odert, aber der 
Einfloss des Rückenmarkes durch irgend einen peripherischen 
oder centralen Reiz weit über das gewöhnliche Maass momeu- 
taii oder dauernd gesteigert ist. Hieher gehört das Stottern 
im Zustande der leidenschaftlichen Aufregung (bei Zorn, 
Wuth, Angst, Schaam, grosser Gespanntheit u. s. w.), bei 
Delirium, Fieber; hierher gehört ferner das Stottern bei der 
durch peripherische oder entfernt liegende Reize erhöhten 
Thätigkeit des Rfickenmarkes , also das Stottern bei Wurm- 
leiden, bei gastrischen Störungen und bei manchen anderen 
ähnlichen Leiden. 

3) Es kann aber das Verhältniss auch darin beruhen, 
dass die Gehirnthätigkeit oder der Einfluss des freien Willens 
direkt vermindert und dadurch dem an sich normalen Ein- 
flüsse der Rückenmarksthätigkeit ein Uebergewicht gegeben 
wird. Hierher gehört das Stottern in apoplektischen , narko- 
tischen, schlnmmersOchtigen Zuständen. 

4) Zum eigentlichen Stottern gar nicht zu rechnen ist 
die in Folge von Formfehlern oder organischen Veränderungen 
innerhalb des Stimm- und Sprechapparates eingetretene Un- 
möglichkeit, gewisse artikulirte Laute zu erzeugen. Hier ist 
eine rein lokale Ursache vorhanden, obwohl bei der Anstreng- 
ung des Individuums, diese Unvollkommenheit zu besiegen, 
sich das eigentliche Stottern einmischen kann. 

Es gibt aber auch noch ein Stottern durch Gewohn- 
heit oder durch Nachahmung, ohne dass noch ein Miss- 
verhältniss zwischen Gehirn- und Rückenmarksthätigkeit oder 
ein organischer oder Formfehler vorhanden ist. 

Behandlung des Stotterns. Aus dem eben Gesagten 
ergibt sich, dass die Behandlung des Stotterns eine thera- 
peutische, eine chirurgische und eine mechanische oder gym- 
nastische sein muss, und zwar je nach den Ursachen, die dem 
Stottern zu Grunde liegen. Die therapeutische- Einwirkung 
ist bis jetzt fast ganz und gar ausser Augen gelassen worden 
und doch tritt sie, namentlich im Eindesalter, besonders noth- 
wendig hervor. In jedem einzelnen Falle wird der Arzt sich 
SU fragen haben, ob Reize vorhanden seien, die besonders 
auf das Rückenmark einwirken und dessen Thätigkeit krank- 

ZLVL 1866. J5 



211 

baft steigern, oder auch irgend ein Binflass deprioairend auf 
das Gehirn einwirkt. Er wird demnaoh auf den Zustand des 
Verdauungsapparates , auf die Funktion der Nieren und der 
Eutis und auf die Art der Hftinatose sein Auge hinsurioliten 
haben und danach die «Mittel bemessen , die er anzuwenden 
hat; er wird ferner das Verhftltiiiss der Zirkulation des Blutes, 
namentlich die Entstehung von Kongestionen nach dem Ge- 
hirne oder nach dem Herzen and den Lungen, so wie endlich 
den Zustand des Drüsensystemes in Betracht zu ziehen haben. 
Dattach wird er zu bestimmen haben, ob Abfuhrmittel, Ant- 
helmintica, Alterantia, Bäder, Eisenpräparate u. s. w. «oau- 
wenden seien, ob ferner eine beschränkte oder im Gegentheile 
eine st&rkende Diät. Die Anwendung von Mineralbädem, 
die Veränderung des Aufenthaltes, die Ueberweisung an die 
Seekttste oder auf das Land wird ebenso in Erwägung zu 
ziehen sein, als auch die EinwiiHkung auf das Gehirn bei etwa 
vorhandenen Erkrankungen oder Veränderungen desselben. 

In zweite Reihe kommen dann die mechanischen oder 
gymnastischen Mittel; mit diesen haben sich die Autoren am 
meisten oder fast ausschliesslich beschäftigt. 

Bekannt ist aus Plutarch, dass Demosthenes Kiesel- 
steine in den Mund genommen, um über eeine Sprachfehler 
Herr zu werden; Felix Voisin empfiehlt dieses Mittel von 
Neuem, ohne genau anzugeben, wo es eigentlich passt; er 
will nur, dass der Stotternde dabei zugleich mit lauter Stimme 
deklamire. 

Im Jahre 1817 empfehl Itard eine kleine Klammer oder 
Gabel aus Piatina oder reinem Golde, welche so gestaltet ist, 
dass sie gegen die innere Fläche des vorderen Bogens des 
Unterkiefers sich ansetzt und mit einem kaum zolllangen plat- 
ten Stiele, der eingekerbt ist, gegen das Zungenbändchen hin- 
ragt und durch eine kleine bohnenförmige Verdickung am' 
Ende hebend von unten gegen die Zunge wirkt. Itard be- 
hauptet, dass, sowie man das Instrument angelegt hat, das 
Stottern sogleich aufhört, aber nach Wegnahme des Instru- 
mentes auch wiederkommt. Dabei soll das Kind laut und 
langsam sprechen, und zwar Sjlbe für Sjlbe, und er deutet 
an, dass es rathsam sei, das Kind ganz fremde Ausdrücke, 



deren Sioo es nicht versteht oder die keinen Sinn 
nudisprecben z« lauen, oder ihm eine Erzieherin z« geben, 
weiohe eine fremde Sprache spricht, die das Kind nicht kennt. 

Hervez de Chegoin empfiehlt theiis die Ourchsohnei- 
dang des ZangeDbftndchens, theiis das Einlegen eines kleinen. 
Bogens von Silber an die konkave Seite des Unterkiefierbogens 
zur Heilung «des Stottems, indem er glaubt, dass dieses Uebel 
kaupisäohlich abhängig sei von der zu geringen Beweglich- 
keit der Zimgenspitze oder von nicht genügender Länge der- 
selben. Der Gedanke, dass die Zungenspitze sich beim Spre- 
chen nicht genug nach oben erhebe, sondern sich zu tief in 
Unterkiefer halte und dadurch das Stottern erzeuge, hat auch 
Wutzer veranlasst, einen Apparat anzugeben, den erGlossa- 
aeehlioii saante und der aus einer dünnen Scheibe von Piatina 
oder Oold besteht und , an der inneren Seite der unteren 
Sabneidezttuie angebracht, den vorderen und beweglichercii 
Tbeile der Zunge zur Stütze dienen soll. Von anderen Seiten 
üdooeh ähnliche Mittel angegeben worden und haben wir auch 
hier in ueiiieater 2ieit einen Lehr^ für Stotternde gehabt, der 
sein VerfahrcD in den Zeitungen anpries, aber nur das eine 
Mittel hatte, dass er einen kleinen, aus Elfenbein gefertigten, 
glalt abgerundeten Bogen vorne unter die Zunge schob und 
damit zugleich eine Art Gymnastik verband. 

Es ist^un keinem Zweifel unterworfen, dass bei man- 
chen Stotternden die Zungenspitze während des Sprechens 
sieh nicht leicht und hoch genug hebt, sondern etwas schwer- 
ftllig im viorderen Theile des Unterkiefers liegen bleibt, und 
es können die untergeschobenen fremden Körper allerdings 
dazu dienen, die Muskeln der Zunge mehr in Aktion zu setzen 
und man hat auch versucht, diesen letzteren Zweck dadurch 
zu erreichen, dass man die Zunge mit einer etwas beleben- 
den Tinktur, z. B. Zinntinktur, bestreichen Itess. Dass aber 
dadurch dem eigentlichen von der Nervensphäre ausgehenden 
Stottern nitht begegnet werden kann, liegt auf der Hand, 
ob^ich es, namentlich das Bestreichen der Zunge mit irgend 
tnner leicht erregenden Substanz, als Nebenmittel benutzt zu 
werden verdient. Eine grössere Hülfe neben der oben ange- 
gebenen inneren Einwirkung verspricht die Gymnastik der 

15* 



216 

Zunge, namentlich bei Kindern. Es sind hier sehr versehie- 
dene Methoden angegeben, welche Ore (in dem schon er- 
wähnten Artikel: „Begai^ment^^ in dem „Nouvean Dictionnaire 
de m^decine et de Chirurgie pratiques Tome IV, Paris 1866'^) 
zusammengestellt hat. Die Methode von Deleau besteht 
darin, dass der Willenseinfluss des Stotternden auf die Mus- 
keln der Artikulation durch fortwährende Uebung gekräftigt 
wird; dem Stotternden soll gezeigt werden, wie er den ein- 
zelnen Laut zu artikuliren oder, mit anderen Worten, welche 
Stellung er den einzelnen Theilen des Mundes zu geben habe, 
um einen bestimmten artikulirten Laut hervorzubringen, und 
es soll diese Uebung methodisch so lange fortgesetzt werden, 
bis der Stotternde klar und ohne Anstoss sprechen kann. 

Cor nach empfiehlt eine tiefe Inspiration und die Wie- 
derholung aller Laute während derselben. Arnolt rathet, 
jedem Laute während der Bemühung, ihn zu artikuliren, einen 
singenden Ton zu geben, so dass gewissermassen Sylbe fiSr 
Sylbe langgezogen in Form eines Gesanges vorgebracht 
wird. Archet glaubt, dass es hauptsächlich darauf ankomme, 
die Respiration zu regeln ; sein^ Meinung nach athmen die 
Stotternden nur mit der Nase und ziehen nicht Luft genug 
ein ; er will demnach, dass der Stotternde geObt werde, lang- 
sam und tief während des Sprechens einzuathmen, und er 
behauptet, auf diese Weise Heilung bewirkt zu haben. 

Bekannt ist das Verfahren der Frau Leigh in New- 
York, welches von Mal ebou che in den Niederlanden, Lach 
in London und anderen europäischen Aerzten aufgenommen 
worden ist. Nach Malebouche muss die Heilung des Stot- 
tems und der anderen Fehler der Sprache weniger in den 
Resultaten einer chirurgischen Operation, als in denen einer 
lokalen Gymnastik der Sprech- und Stimmorgane, gesucht 
werden. Wenn diese Gymnastik das erwartete Ergebniss bis 
dahin nicht geliefert hat, so liegt der Grund darin, dass diese 
nicht von richtigen Prinzipien ausgegangen ist. Die Einthei- 
lung der Konsonanten in labiale, linguale, dentale und guttu- 
rale erscheine durchaus nicht praktisch , sie müsse vielmehr 
davon ausgehen, ob bei Bildung der Konsonanten die Zunge 
nach vorne, nach oben, nach hinten und zugleich nach hinten 



217 

and oben gelegt ist. Seine Gymnastik besteht nun darin, die 
Zunge des Stotternden so su üben, dass sie alle diese Be- 
wegungen mit grösster Leichtigkeit vollziehen könne. In je- 
dem einzelnen Falle muss erst untersucht werden, welche 
von den nöthigen Bewegungen der Zunge am schwierigsten 
werden, und auf diese ist dann die Uebung besonders hinzu- 
riehten. Dabeihat Ma leb ou che das Verfahren der Frau Lei gh 
verbessert oder zu einer Art Methode erhoben; Frau Leigh 
achtete vorzugsweise darauf, dass der Stotternde beim Spre- 
chen immer bemüht sei, die Zungenspitze nach oben zu rich- 
ten und sie hinter den oberen Schneidezähnen zu halten; 
sie glaubte dadurch allein schon, der Zunge mehr Beweglich- 
keit zu geben. Dadurch aber, sagt Malebouche, gewinnen 
die nach hinten im Munde artikulirten Laute ebensowenig 
als die, zu deren Bildung die Lippen beizutragen haben. 
Letztere werden bekanntlich beim Stottern viel zu sehr an- 
einander gepresst und M. will daher, dskss der Stotternde ge- 
übt werde, beim Sprechen die Lippen möglichst zurückgezogen 
zu halten, so dass die Mundspalte gleichsam vergrössert er- 
scheine; dabei muss die Zungenspitze nicht bloss gegen die 
hintere Fläche der oberen Schneidezähne, sondern gegen das 
Oaumengewöibe gehoben und möglichst zurückgezogen sein; 
und die Bewegungen müssen so eingeübt werden, dass die 
Theile bei aller Artikulation nur von hinten nach vorne und 
von vorne nach hinten gehen und der Mund sich gehörig 
öffinet. Es ist gut, wenn während dieser Uebungen der 
Stotternde vor einen Spiegel gestellt wird, um die Bewegun- 
gen seines Mundes und die Stellung seiner Lippen stets selbst 
zu beobachten. Dabei muss natürlich das Aus- und Einath- 
men regulirt werden. 

Colombat will ebenfalls die Erhebung der Zungenspitze 
nach oben und möglichst nach hinten gegen das Gaumenge- 
wölbe ; dabei soll darauf gesehen werden, dass der Stotternde 
geübt werde, beim Beginne jedes Redesatzes lief Athem zu 
holen und die eingeathmete LufL langsam zu verbrauchen und 
zu diesem Zwecke in einem gewissen Oleichmaasse oder Takte 
zu sprechen, den er durch regelmässige Bewegungen des 
Daumens und Zeigefingers, gleichsam wie beim Zählen, sich 



selbst aosugeben habe. Ist die Zange zu beweglich^ xu 
schDell, 2u plappernd) so soU sie in ihren Bewegungen durch 
einen mechiwisehen Apparat, den Colombat ,,Brise-laDgue^ 
nennt, gehemmt werden. 

8er re von Alais will, dass, wenn das Stottern nur leidit 
isl, alle Sylben rasch, scharf und kräftig vorgebracht werden, 
indem die zur Artikulation der Laute nothwendigen Bewegun- 
gen gewissermassen angestrengt und verlängert werden; ist 
das Uebel bedeutend, so soll der Stotternde mit diesen stark 
ausgeprägten Bewegungen seine Arme zugleich bei jeder 
Sylbe stark nach vorne stossen. Serre will auf diese 'Weise 
sieh selbst vom Stottern geheilt haben. 

Oraves schlägt vor^ die Aufmerksamkeit des Stottern- 
den während des Sprechens auf irgend einen anderen Punkt 
hin zu fesseln. Er gibt also demselben ein Stück Holz in 
die rechte Hand und lässt ihn damit bei jedem Worte, das 
er vorbringt, auf den linken Zeigefinger wie mit einem Takt- 
stocke aufklopfen. Er übt ihn ein, bei jedem Laute, auf dem 
der Accent ruht, etwas stärker aufzuklopfen, als bei den 
schwächer accentuirten, so dass der Stotternde genöthigt ist, 
seine Aufmerksamkeit fortwährend auf diesen Akt hinzurioh- 
ten. Bei der heranwachsenden Jugend soll diese Methode 
von grossem Erfolge sein, aber sie muss sehr eingeübt wer- 
den, und nicht nur beim Sprechen, sondern auch beim Lesen. 

Nach Jourdant soll darauf geachtet werden, dass die 
eingeathmete Luft bei ihrem Austreten während des Sprechens 
von den Stotternden besser verwendet werde, als es ge- 
wöhnlich bei ihnen der Fall ist. Zu diesem Zwecke soll 
daraufgehalten werden, dass der Stotternde, bevor er zu 
sprechen beginnt, ruhig und langsam einathmet, bis die Brust 
ausgedehnt und der Bauch durch die Senkung des Zwerch- 
felles ein wenig hervortritt; dann soll er den Athem einen 
Augenblick anhalten und nun beim Sprechen dafür sorgen^ 
dass während des Satzes, den er spiicht, er den Bauch mög^ 
liehst vorhalte, damit die eingeathmete Luft nicht zu schnell 
entweiche und er sich nicht genöthigt sehe, immer wieder 
während des Satzes Luft zu fangen. Hat er aber seinen 
Sprechsatz beendet, so soll er die noch in der Brust verhal- 



teile Luft raaeb ausaiaafteo und eine ueue ruhige loqpiraüoq 
»aehen, um in derselben Weise weiter au reden ^ er musa 
deshalb sieh aueb bemühen, seine Warte ml^g tönend oder 
etwas gedampft vonubringea. Jeden Spreebsatz tbeilt Joar* 
dani in mehrere kleinere Sätae, je nachdem eine Pause für 
eine neue Inspiratian nöthig erscheint. Jourdant hat alaa 
gewiaaermassen drei Akte: Inspiration, Sprechen bei möglichst 
uurückgehaltener Luft und Ausstossen der übrigen Luft nach 
beendigtem Satze. Bei jugendlichen Subjekten empfiehlt er, 
diese drei Ahte mit dem Daumen zu markiren , und er be* 
hauptet, dass dieses Mittel genügt, die Aufmerksamkeit dea 
Stotternden mehr zu fixiren und ihn besser einzuüben. Bei 
den meisten Stotternden, denen sonst nichts fehlt, bringt, wie 
Jaurdant angibt, diese Gymnastik schon in drei Tagen Er- 
folg. Natürlich muss der Stotternde selbst bemüht sein, von 
seinem Fehler sich frei zu machen und das nöthige VerstiAd- 
niaa eowie auch die gehörige Willenskraft besitzen. 

Das Verfahren von Becquerel erinnert an die Gymnastik 
von Colombat und Serre. Es begreift folgende Momente : 
i)die Respiration, 2) die Gestikulation, 3) die Pronunciation, 
4) den Ansatz. Die Respiration soll so geleitet oder geübt wer- 
den, daaa der Stotternde vor Beginn jedes Redesatzes Luft genug 
einzieht, um sie während des Redens vorräthig zu haben und, 
falls üe ihm in Folge irgend eines besonderen Umstandes zu 
früh entweicht, ohne Schwierigkeit und ohne ins Stocken zu 
gerathen, sie wieder einholt; diese Regulirung der Respiration 
ist von grosser Wichtigkeit, weil der Stotternde in der Regel 
bei seinen Kämpfen mehr Luft verbraucht oder unuüiz aus- 
strömen lässt als Solche, die geläufig sprechen. Was die 
Gestikulation betrifft, so ist sie insoferne von Wichtigkeit, als 
doch in der Regel, namentlich beim eifrigen Sprechen , fast 
jedem Worte, ja manchmal gewissen Sjlben, durch eine be- 
stimmte Geberde Ausdruck gegeben wird, und als wir ja mei- 
stens ohne unser Wissen und Wollen diese Geberden beim 
Sprechen selbst machen. Es gehört zur Gymnastik des Stot- 
ternden, dieses Geberdenspiel zu benützen und es so einzu- 
üben, dass es rhythmisch oder harmonisch im bestimmten 
Maasse an das Aussprechen von Sylben oder Wörtern sich 



220 

BDSchliesst. Einen erwachsenen Knaben, welcher atottert, 
bringt man z. B. durch beharrlichen Unterricht dahin, dass 
er eine bestimmte leichte Handbewegung oder, wie 8er re 
will, ein leises Aufklopfen mit dem rechten Zeigefinger auf 
die linke Hand bei jedem Worte oder auch bei jeder Sjlbe 
macht. Die Pronimciation soll durch richtige Stellung der 
Zunge und der Lippen bei jedem Konsonanten besonders ein- 
geübt werden, und was endlich den Ansatz anlangt, so soll 
der Stotternde, wenn er sich durch ein sehr schwieriges Wort, 
durch Mangel an Oedächtniss oder durch irgend einen ande- 
ren Umstand aufgehalten fühlt, den ganzen Sprechsatz ent- 
weder von vorne wieder beginnen oder mit einigen ihm ge- 
läufigen Ausdrücken anfangen, um in den Redefluss hinein- 
zukommen. Dieser sogenannte Ansatz oder Anlauf zum Spre- 
chen soll dadurch erleichtert werden, dass der Stotternde ein- 
geübt wird, vorher zu inspiriren und zugleich die ihm vorge- 
schriebene Handgeberde zu machen. Er soll gewöhnt wer- 
den, die erste Sylbe etwas kräftiger auszusprechen als die 
folgenden, aber auch alle diese einzeln und mit einer be- 
stimmten Handbewegung begleitet vorzubringen. 

Diese von Beequerel und den anderen Autoren ange- 
gebenen Vorschriften für die Gymnastik der Stimm - und 
Sprachorgane sind, wie man sieht, sehr komplizirt, und ich 
kann über ihren Werth nichts Genaues angeben. Jedenfalls 
aber bildet diese Gymnastik ein sehr wichtiges Hülfsmittel 
für die Heilung des eigentlichen Stotterns. Bei Kindern wird 
diese Gymnastik anders geleitet werden müssen als bei Er- 
wachsenen , und sie hat sich in jedem konkreten Falle nicht 
nur nach der Art und Form des Stotterns, sondern auch nach 
der Intelligenz und dem Auffassungsvermögen des Individuums 
zu gestalten. 

Indem wir für jetzt von den chirurgischen Opera- 
tionen abstehen , welche gegen das Stottern vorgenommen 
oder vorgeschlagen worden sind, schliessen wir diesen unse- 
ren Artikel mit folgenden Sätzen : 

1) Das eigentliche Stottern, bei dem weder Formfehler 
noch organische Veränderungen in dem artikulatorischen Ap- 
parate wahrzunehmen sind, hat seinen Grund in einer geatei- 



221 

gerten exeito-moCorisohen Tb&tigkeit oder yorwaltendem Bin- 
fliisse des Rfiokeninarkes auf die reepiratorischen und artiku- 
latorisehen Muskeln. 

2) Die Behandlong des Stotieros muss damit beginnen, 
diese vorwaltende Tbfttigkeit des Rückenmarkes zu vermin- 
dern und somit die peripherisehen oder centralen Reise, die 
auf das RQokenmark einwirken, su beseitigen, also nacb Um- 
ständen AbfELhrmittel, Alterantia, Wurmmittel, Bftder, Di&t, Luft- 
wechsel oder im Oegentheile Eisen und St&rkungsmittel u. s. w« 
aocnwenden. 

3) Der Einfluss des Gehirnes oder der Willenskraft auf 
die genannten Muskeln muss zugleich erhöht werden und es 
geschieht dieses theils durch die eben genannten Mittel, theils 
durch systematische Gymnastik. 

4) Endlich muss durch diese Gymnastik dem zurückge- 
bliebenen Gewohnheitsstottern mit Kraft und Ausdauer 
entgegen getreten werden. 



Zur Frage über Krup und Diphtheritis. Von Dr. 

Luzsinsky, Direktor des ö. Kinder-Krankeninstitutes 

„Mariahilf" in Wien. 

Krup und Diphtheritis sind stehende Artikel in der medi- 
siniscben Literatur. Seit diese Krankheit durch einige Jahre 
in mehreren Ländern Europas und Amerikas stationär ge- 
worden ist und einen epidemischen Charakter angenommen 
hat, sind wenigstens die Kinderheilkunde betreffenden Jour* 
nale mit Berichten darüber angefüllt. Bei so vielem Materiale, 
bei so vielen Arbeiten, betreffend diesen Gegenstand, soUte 
man glauben, in der Krankheit bereits Klarheit erlangt zu 
haben, und was deren Wesenheit, Erscheinungen, Verlauf und 
Behandlung anbelangt, zu einigen positiven Resultaten gekom- 
men zu sein. Aber mit den sich mehrenden Berichten wächst 
die Verwirrung und Unsicherheit; ich halte es daher der Mühe 
wertb, die verschiedenen Erfahrungen und Ansichten der Au* 



toren in eine Parallele xu etellen, «m daiauB va. einigeii (Bioberen 
Schlüssen %u gelangen. 

Zwei Punkte eind es vornehmlich im Anbetraehte unseres 
fraglichen Gegenstandes, wo dieAerzte auseinander weichen: 
Der erste betrifiFIt die Wesenheit der Krankheit, der zweite 
ihre Behandlung. Während französische und englische Aer^te 
so ademlich allgemein in der Ansicht übereinstimmen, daas 
Krup und Dipbtheritis identisch, dass sie nur Modifikation 
eines und desselben Krankheitsprozesses sind, halten sie die 
meisten unserer deutschen Kollegen für von einander wesent- 
lich verschiedene und bringen dafür in historischer, ätiologi- 
scher, symptomatischer, pathologiscb-anatomischer und thera- 
peutischer Beziehung Gründe vor, die wir nun näher erör- 
tern wollen. 

Prof. Abelin sagt in seinen gediegenen Vorlesungen 
über Krup, deren Bekanntschaft wir Hm. Dr. von demBusch 
in diesem Journale 1865, 1., 3. und 4. Dappelheft verdanken, 
in Betreff des ersten Punktes Folgendes: „Vor etwa hundert 
Jahren hat in Schweden eine bösartige Halskrankheit geherrscht, 
die allem Anscheine nach Diphtheritis gewesen ist, später er- 
losch sie als Epidemie, es kamen jedoch Fälle von Halsleiden 
sporadisch vor, die man nun Krup nannte, und in den letzten 
Jahren trat wieder eine Halsaffektion mit den der Diphtherie 
zugeschriebenen Charakteren epidemisch auf.'^ — Sollten wir 
nicht nach diesen Bemerkungen gerade glauben, dass der Krup 
unter epidemischen Einflüssen sich zur Diphtheritis gestalte, wie 
dies unter Anderen Hil 1er in London behauptet? Auch bei uns 
ist der Lar jngealkrup alljährlich sporadisch vorgekommen, so dass 
er im Ganzen als eine ziemlich seltene Krankheit gelten konnte; 
seit 4 Jahren tritt sie häufig auf, ist stationär endemisch ge* 
worden, bietet das'Bild der Diphtheritis dar, und ich erinnere 
mich seit langer Zeit nicht einen einfachen Laryngealkrup ge- 
sehen zu haben. Sollte diese Erkrankung mit einem Male 
aufgehört haben? Es ist doch kaum glaublich, dass die, wenn 
auch in nicht sehr zahlreichen Fällen alljährlich vorgekommene, 
Krankheit nun ganz verschwunden wäre ; im Gegentheile mehr 
als wahrscheinlich, dass sie sich unter epidemischen Einflüs- 
sen zur Diphtherie entwickelte. Es spricht dafür schon der 



Uawlaiid, den Pro! Abel in selbst au0hlleBd findet, daes die 
Beriehte aber die krvpöee („sporadisehe^^) Halsaffektion vor* 
x§glieh vom Lande, die über die diphtheritisehe („epidemisehe^) 
aus deo 8t&dten kommen, da die hier herrschenden Einflüsse 
auf diese Erkrankung modifizirend wirken. Auch Dam- 
merie*) sagt: ,fDas Yerhftltniss des Kmps zur Diphtherie 
ist das einer sporadischen Krankheit zu derselben Form in 
epidemischer Herrschaft, wie z. B. des gewöhnlichen Puer- 
peralfiebers zu dem epidemischen und kontagiös auftretenden, 
oder der sporadischen Kolitis zur epidemischen Ruhr^^ etc. Fin- 
det sieh der Krup w&hrend einer Epidemie, so ist er immer 
der Ausdruck der Diphtherie. Welche Wirkung atmosphft- 
risch-epidemisehe Einflfisse auf die Erscheinungen, den Gang 
und Verlauf der Krankheiten ausüben, sehen wir nicht nur 
bei den miasmatisch-kontagiösen, wie Scharlach, Typhus, son- 
dern aecb bei anderen, wie Pneumonie u. dgh, und ich mnss 
hier wiederholen, was bereits Jacobi"^*) ganz richtig aussprach. 
Es waltet eine grosse Verschiedenheit ob, je nachdem eine 
Krankheit sporadisch vorkommt, oder auf der Höhe der Epi- 
demie sich einstellt. Demnach kann die Diphtherie in spora- 
dischen Fällen oder am Anfange und am Ende einer Epidemie 
als ein blosses Lokalleiden seheinen, wenn auch ein allgemeiner 
Zustand zu Grunde liegt. Die Diphtherie in der Form einer 
bloss lobilen Ausschwitaung innerhalb des Kehlkopfes ist viele 
Dezennien hindurch fast immer nur sporadisch vorgekommen 
and deshalb auch bloss als eine rein lokale Krankheit ange- 
sehen worden; anders ist es, seitdem sie als Epidemie auf- 
tritt. Es hat sich ergeben, dass sowohl Pharyngeal- als 
Laryngealdiphtherie die Form einer lokalen Krankheit und 
auch die Form einer allgemeinen Krankheit darbieten können; 
im ersten Falle ist sie nur der lokale Ausdruck einer nicht 
weiter kund gegebenen allgemeinen Krankheit, und wir müssen 
hier wieder an das Scharlachfieber erinnern, wo 'ganz dasselbe 
vorkommt 

Auch Berthe z***), der genaue, skrupulöse Beobachter, 



*) Joornal für Kinderkrankheiten 1861 II. Th. 
**) Journal fdr Kinderkrankheiten 1861 I. Band. 
••*) Mediun.-chinirg. Monatshefte 1860 I 462. 



224 

gibt wohl zu, dass die krupösen Exsudate manche äussere 
Verschiedenheiten darbieten, sie jedoch in einer Wesenheit -^ 
der abnormen Blutbeschaffenheit — wurzeln. Barbosa*) un- 
terscheidet den einfachen, lokalisirten (genuinen) Krup und 
den infektiösen, generalisirten , bösartigen. Beide beruhen 
nur auf einer Verschiedenheit der Erkrankung, welche immer 
eine allgemeine, durch Intoxikation erzeugte, ist. 

Auch in ätiologischer Hinsicht sucht man vergebens 
nach einem Unterschiede zwischen Krup und Diphtheritis ; 
dass der Krup nicht ausschliesslich dem Kindesalter zukomme, 
wird jeder in der medizinischen Literatur einigermassen Be- 
wanderte wissen. Es sind uns selbst historische Beispiele 
von hervorragenden Persönlichkeiten aufbewahrt, welche ihr 
Opfer geworden sind. Dass Krup bei Erwachsenen unendlich 
seltener vorkomme, ist Thatsache **) , aber auch was man 
Diphtheritis nennt, ist bei letzteren keine allzuhäufige Erkran* 
kung und vielleicht nur darum öfter vorkommend als der 
einfache Krup, weil sie eben epidemisch auftritt, daher 
mehr Individuen im Allgemeinen befällt. Wer bei Säuglingen 
keinen Krup gesehen, dem mangelt eine grössere Erfahrung. 
Ich habe in meinen Berichten über den Krup Kinder mit 4, 
6 und 8 Monaten angeführt, die davon befallen waren. Wenn 
in diesem Alter auch selten, ist hier auch nicht viel häufiger 
die Diphtheritis, und ich kann mich bloss zweier kleiner Säug- 
Unge erinnern , die daran erkrankt und gestorben sind. Bei 
der Zusammenstellung der Berichte verschiedener Schriftsteller 
über Diphtheritis ergibt sich die auffallende Mehrheit der Fälle, bei 
Kindern zwischen 2 und 7 Jahren***) gerade so wie beim Krup; 
und es dürfte das häufige Vorkommen dieser Krankheiten im 
Kindesalter einen physiologischen Orund in einer reichlicheren 
Chyliflkation und der grossen Plastizität lymphatischer Flüs- 



*) Hediz.-chiriirg. Rundschau 1863 HI. 
**) Uebrigens findet man bei J. Frank und Andral Beispiele 

genug von Krup bei Erwachsenen. 
***) Vor und nach diesem Alter wird sie immer seltener. Das 
Vorkommen der Diphtheritis bei Erwachsenen verhält sich zu 
dem bei Kindern nach Jacobi wie 30—40; 200. 



22ß 

sigkeiten , W'elohe diesem Alter eigenthümlioh ist , finden , in 
Folge dessen die einiaretenden Enteündangen sehr rasch einen 
exsudativen Charakter erlangen*). Damit stimmen auch die 
Versuche von Schmidt und Marsch zusammen, welchen 
es nur bei jungen Thieren gelang, die Bildung einer Pseudo- 
membran hervorzurufen. 

BesflgUch der Verbreitung, dass der Krup bloss spo- 
radisch, die Diphtheritis epidemisch auftrete, ist zu erwidern: 
dass der Krup, wenn er sich epidemisch zeigt, eben ja die 
Charaktere der Diphtheritis annehme, und ich verweise auf 
die oben gemachte Bemerkung, dass der einfache Laryngeal- 
krup hier in Wien, der sonst alljährlich sporadisch vorkam, 
nunmehr seit ungeßkhr 4 Jahren verschwunden ist und alle 
dergleichen Halsaffektionen unter dem Bilde der Diphtheritis 
verlaufen. Uebrigens sind schon früher von mehreren Schrift- 
stellern Epidemieen von Krup beschrieben worden und man 
findet eine Zusammenstellung derselben in chronologischer 
Ordnung und mit Angabe ihrer Beobachter bei J. Frank: 
Prax. med. univ. praec. 

Manche Aerzte glauben ein wichtiges , ja das einzige 
Kriterium zwischen Krup und Diphtheritis in der Kontagio- 
sit&t gefunden zu haben. Der Krup, behaupten sie, ist nicht 
kontagiös, wenigstens ist seine Kontagiosität nicht bewiesen 
und wird schwerlich bewiesen werden können. Lässt sich 
nicht dasselbe auch von der Diphtheritis sagen? Wenn meh- 
rere Familienglieder von ihr ergriffen werden, können wir 
nicht den Orund davon in der Aehnlichkeit ihrer Organisation 
suchen, wie in dem Umstände: dass sie unter denselben 
krankmachenden Einflüssen lebten. Dieser Ansicht ist auch 
Bouillon**). Ich habe unter anderen einmal in einer Familie 
zwei Knaben hintereinander an Larjngealkrup behandelt — 
an genuinem Krup, wie die Autoren wollen, denn jede weitere 
pseudomembranöse Ausschwitzung fehlte im Rachen, wie im 
übrigen Körper — von denen der eine starb. Steckte der 
einer den anderen an? Man wird gewiss sagen, dass, nach- 



*) Joomal r. Kinderkrankheiten 1861. 
♦•) Bouillon La Grange: Joum. f. Kinderkr. 1860 II, 



295 

dem beide unter dtnselben Verh&Mnisflen lebten, sie aaoh 
von deraelben Schädlichkeit betroffen wurden. — Wer kann 
es beweisen, dass der Krup nicht durch miasmatisoheo Einflnas 
enstehe! Ist er doch in manchen Gegenden in der TiMt en- 
demiseh und wfthlt mit Vorliebe feuchte, sumpfige Gegenden, 
die Gestade von Flüssen, Seen, die Efislen des Meerea, tiefe 
Thalsehluohten, namentlich am Fusse steiler Gebirge, die Schat- 
tenseite von Thälem, wie uns dies von den Tfaftlern der Schweiz 
und SaFOjens, von den Küsten Frankreichs, Englands, Schott- 
lands u. s. w» bekannt ist In hochgelegenen Gegenden gehört der 
Krup nach Schönlein'sZeugnisszu den Seltenheiten. DerKmp 
bindet sich auch an keine Jahresseit, und wenn er an man- 
chen Orten im Frühjahre oder Winter hftofiger yorgekoadmen isC, 
wurde er an anderen — wie von Hauner — gerade in 
Sommer und Herbste am häufigsten beobachtet. Mag der Krop 
durch Erkältung Terursaoht werden, in vielen Fällen lässt 
sich dies nicht mit Sidiwheit nachweisen und seine Entsteh- 
ung scheint entweder gleichzeitig von gewissen atmosphä- 
rischen Verhältnissen abzuhängen, oder diese müssen häufig 
allein als die Veranlassung dazu angenommen werden*). Vor 
mehreren Jahren behandelte ich ein 4 jähriges Mädchen an 
Koxalgie, welches, nachdem es in Folge seines Leidens mdirere 
Wochen das Bett hütete, durch einen heftigen Larjngealkrup 
in Lebensgefifthr gerieth, ohne dass man im mindesten des- 
halb eine Erkältung beschuldigen konnte. Möglich, dass die 
in Bede stehende Krankheit, wenn sie sich durdn epidemiscfae 
Einflüsse zur Diphtherie potenzirt, ansteckend werden kann: 
wir sehen ja dies auch bei anderen Sjrankheiten , wenn sie 
sich zur Epidemie steigern. Aber selbst bei epidemiseher 
Herrschaft ist diese muthmassliehe Uebertragung nicht so häu- 
fig, dass sie zur Norm gemacht werden könnte, davon hat 
man in der Armen-^Praads vielfache Gelegenheit zur Ueberzeug- 
ung, wo die Familienglieder eng beisammen wohnen , ja fast 
in * beständiger Berührung mit dnander sind und doch von 
der Krankheit verscdiont bleiben, während ihr eines oder das 
andere anheim gefallen ist. Auch Bouillon LaGrange 



') Can statt, spes. Path. n. Ther. 



«2T 

beobaolitela in 4er v^m ihm beschriebeDen Epidemie wenig 
Neigung, bei der Krankheit ▼(» einem Indiridinim auf dae 
andere Qberzugeben, und er gelangte zu dem Schlüsse, dass 
sie dorch epidemische Einflttsse entstehe und gleichartig dis- 
ponirte IndiTiduen ergreife*)* Noch weniger wird man die 
Uebertragung erweisen können bei sporadischer Diphtheritis, 
wenn bmui die pseudomembranösen Ausschwitzungen im Ra- 
chen und Pharynx mit oder ohne gleichzeitige Erkrankung 
des Laiynx so nennen will. 

Endlieh fUlt entscheidend in die Wagschale, dass Inoka- 
btionsversuehe mit dem diphtheritischen Produkte bisher alle 
erfolglos gewesen sind. Wenn in seltenen Fällen A^rzte 
und W&rter bei ihren mit Diphtheritis behaiteten Kranken 
von demselben Uebel befallen wurden, lässt sich noch immer 
nicht behaupten, dass die Krankheit auf dieselben unmittel- 
bar übertragen worden sei. Wie oft ist es mir gesch^en, 
dass ich bei Inspektion oder Kauterisation des Rachens eine 
ganze Ladung mit diphtheritischen Exsudaten vermischten 
Schleimes in das Gesicht bekam, welche mir Augen, Nase und 
Mund besudelten, 80 wird es ohne Zweifel mehreren KoHe- 
S^Q gegangen «ein, ohne dass ihnen ein Machthdl daraus er- 
wuchs; und wenn einer oder der andere davon wirklich dar- 
auf von DiphUieritis befallen worden ist, lässt es sidi mit 
Recht annehmen, dass das diphtheritische Oift, welches die 
Haut im Gesichte traf, den Krankheitsprozees im Rachcin er- 
zeuge? Ich erwähne hierbei die vielen Versuche, welche mit 
der Inokulation des diphtheritischen Exsudates, einige Male 
mit einen staunenswerthen Heroismus, gemacht worden sind, 
namentlich von Peter^*), der sich in die skariflzirte Rachen- 
schleimhaut das frisch ausgenommene diphtheritische Exsudat 
einrieb, und die alle ein negatives Resultat geliefert haben. 

Es wird femer behauptet, dass Krup gesunde, starke 
Kinder befalle, IXiphtheritis dagegen schwächliche, herabgekom- 
mene Individuen, welche in Noth und Unreinlichkeit leben. 
Hag dies immerhin für viele Fälle gelten, aber auch hierin 



*) Can statt, spei. Path. u. Ther. 
♦♦) a. a. O. 



228 

gibt es die entgegengesetzten Erfahrungen. Man findet in 
mehreren klinischen Handbaohern (wie von Canstatt) Nie- 
mejer, Gerhard) die Beobachlnng ausgesprochen, dass 
der genuine Erup gerne schwächliche, tuberkulöse, oder, von 
tuberkulösen Eltern abstammende Kinder heimsuche. Was 
die Diphtheritis betrifift, so zeigte sie sich nach Barbosa 
und Simas in Lissabon bei schwächlichen Kindern nicht 
häufiger als bei robusten*). Ich habe in besseren, wohl- 
habenden Familien die traurigsten Erlebnisse zu verzeichnen, 
in' denen zwei und drei Kinder von dieser schrecklichen 
Krankheit hinweggeraÖt worden sind; desgleichen fand 
Bouillon La Orange**), dass kräftige Kinder in den 
besten äusseren Verhältnissen von ihr ergifien wurden und 
erlagen. Auch Simple***) sah in der von ihm beobach-- 
teten Epidemie die Diphtheritis in einer sonst den hygieni- 
schen Verhältnissen nach vortheilhaft gelegenen Gegend, bei 
kräftigen, gut genährten Individuen, die unter der Gesundheit 
ganz angemessenen Verhältnissen lebten, am ärgsten wOthen. 
Desgleichen bericht-et Füller****), dass in einem Dorfe, 
welches fiber die Hälfte aus elenden, schmutzigen, schlecht 
ge^uten Hütten und zum übrigen Theile aus gut gebauten, 
sauberen, sogenannten Musterhäusem besteht, sich die da- 
selbst herrschende Diphtheritis fast fast ganz auf die letzteren 
beschränkte. 

Auch im Verlaufe der Krankheit glauben die Autoren 
einen Unterschied zwischen Krup und Diphtheritis zu finden, 
indem der erstere rasch, ohne merkbare Vorboten, gleich mit 
den Symptomen der ausgebildeten Krankheit auftrete und 
einen kurzen, aber intensiven Verlauf habe. Hauner erwähnt 
eines Falles, der in 12 Stunden tödtlich abgelaufen ist. Er 
hat sich aber sicherlich getäuscht, wenn er den Angehörigen 
des Kranken in dieser Hinsicht vollen Glauben schenkte, de- 
ren Angaben, wie ich mich oftmals überzeugte, sehr unver- 



*) Jonmal für Kinderkrankheiten 1862 U. ^ 
♦•) 1. c. 
••«) Journal für Kinderkrankheiten 1861 II pag. 286. 
^^^*) Journal fQr Kinderkrankheiten 1861 11 pag. 297. 



l&sslicb sind. Ich wurde eines Abends zu einem krupkranken 
Knaben bemitie]ter Eltern gerufen. Er lag in der fürchter- 
lichsten Athemnotli, mit kleinem, kaum fühlbarem Pulse, livi- 
den Extremit&ten, von kaltem Schweisse bedeckt — sterbend. 
Auf die Frage, wie lange das Kind krank sei, versicherte 
mir die Mutter, erst seit dem heutigen Morgen, da es noch 
gestern am Abende ganz heiter und munter spielte; von den 
Hausgenossen jedoch erfuhr ich, dass der Knabe schon seit 
3 Tagen eine heisere Stimme hatte, auch etwas rauh hustete. 
— Durch strenges Examiniren bringt man bei solchen schein- 
bar rapid verlaufenden Krupfällen es fast jedesmal heraus, dass 
die Krankheit sich mit den ersten Erscheinungen von 1, 2 
bis 3 Tagen angekündigt habe und meistens durch Sorglosig- 
keit oder Unerfahrenheit der Angehörigen des Kranken zu 
der augenblicklichen gefllhrlichen Höhe angewachsen ist. 
P&lle, die, obschon von heftigen Kruperscheinungen begleitet, 
in 12 bis 24 Stunden mit Genesung endigten, wird man wohl 
nicht für Krup halten. Es sei hier eines solchen der Merk- 
würdigkeit wegen erwähnt. Im v. J. wurde ich zu einem 
Knaben auf das Land gerufen, dessen Eltern daselbst den 
Sommeraufenthalt nahmen. Der Knabe litt öfter an Kehl- 
hopfkatarrhen , welche stets leicht verlaufen sind und des- 
halb keine weiteren Besorgnisse einflössten. Da ich dieses Mal 
wieder einen solchen Zustand vermuthete, traf ich, durch 
meine übrigen Stadt -Patienten zurückgehalten, erst Mittags 
bei dem Kranken vom Lande ein. Aber wie erstaunle ich, 
als ich ihn in grosser Unruhe, mit angstvollem Blicke, hoch- 
wogender Brust, beklommenem Athem, rauh hustend fand 
und seine klagenden Worte der Heiserkeit wegen kaum ver- 
nehmen konnte. Ich erfuhr nun, dass der Knabe den vor- 
hergehenden Abend im Garten munter spielte, aber schon 
etwas heiser war; in der Nacht stellte sich bellender Husten 
und pfeifendes Athmen ein und steigerte sich zu solchem 
Grade, dass man es bis in die ober dem Krankenzimmer be 
findlichen Lokalitäten hörle, und die Bewohner derselben des- 
halb nicht schlafen konnten. Zum grösseren Missgeschicke 
war die Apotheke weit und zu fürchten, dass die Krankheit, 
bis die versehriebeuen Heilmittel anlangten, eine nicht zu be- 

XLVI. 1S66. , IQ 



230 

wftUigende Höhe erreichen werde. Gegen Abend eilte ich 
sorgerfalU zu dem Schwerkranken. Er hatte von dem Medi- 
kamente beinahe nichts genommen, denn er verfiel bald nach 
meiner Anwesenheit in Schlaf, in welchem ich ihn noch ruhig 
athmend fand; Tage darauf verliess er, kaum mehr etwas 
looker hustend, das Bette. Fälle derart, wo eine einfache 
Schwellung des Larynx respektive der die Stimmritze um- 
kleidenden Schleimhaut die Erscheinungen der Laryngostenose 
in hohem Grade hervorrief und somit einen höchst akuten 
Krnp simulirte, könnte ich aus meiner Praxis mehrere an- 
führen, wenn ich nicht wüsste, dass sie auch anderen be- 
schäftigten Kollegen schon vorgekommen sind. Die Beispiele, 
wo sich der Laryngealkrup über 8, 14 bis 21 Tage hinaus- 
sohleppte, sind nicht gar so selten, und wie mir sind sie an- 
deren Aerzten gewiss auch schon begegnet. Dagegen tritt 
die diphtheritische Exsudation oft genug rasch, unerwartet, ohne 
Vorboten ein. Ich wurde im verflossenen Herbste zu der 
12jährigen Tochter einer angesehenen FamiUe gerufen, die 
ich noch am Morgen ganz frisch und munter sah. Sie ass 
Mittags mit bestem Appetit, fühlte sich aber einige Zeit dar- 
auf unwohl, bekam Hitze und erbrach die genossenen Spei- 
sen , in Folge dessen der Zustand für einen Gastrizismus im- 
ponirte. Bei Inspektion des Rachens zeigte sich aber ein 
pseudomembranöser Anflug «uf dem Velum und den Tonsil- 
len ; die Exsudation steigerte sich rasch und troizte hartnäckig 
der energisch eingeleiteten Behandlung. Ich sah Rachen- mit 
LarjngealdiphtheriHs bei sehr jungen Kindern in 2 bis 3 Ta- 
gen einige Male tödtlich ablaufen. B allard*) versichert, dass 
die Krankheit in manchen von ihm beobachteten Fällen ohne 
Vorboten eingetreten ist; er hat deren aufgezeidinet, wo sie 
i, 2> 3 bis 28 Tage dauerte; bei Kindern, die noch nicht ein 
Jahr alt waren, ist die mittlere Dauer 4 Tage gewesen. 
Ranking**) sah in zwölf Stunden von den ersten Halsbe^ 
schwerden an den ganzen EUicheu mit einer Pseudomembran 
bedeckt. 



♦) Ballard, Journal für Kinaerkrankheiten 1860. IL 373. 
**) Joamal für Kinderkrankheiten 1861. I. 109. 



331 

Auch die Kraokheite Symptome werden als ultimt 
Diflerentia Bwischen Krup und Diphtheritis angeführt. Den 
Krap sollen charakterisiren : der sogenannte Krupalhusien, 
die Heiserkeit, die Lautyeränderang bei der Inspiration und 
die Brstickungsanftlle , welche fast gieichKeitig auftreten; im 
Kmp ist die Pseudomembran auf den Larynx und die Tra- 
<Aea besehr&nkt, oder zeigte sich nebenbei in geringem Dm- 
fiiDge an den Tonsillen. In der Diphtheritis werden der Pha- 
rynx, die Uvula, die Tonsillen, nicht selten die Schleimhaut 
der Nase, mitunter auch andere Schletmh&ute und die äussere 
Haut, namentlich an ihren wunden Stellen, mit einem pseado* 
membranösen Exsudate überzogen. Sie äussert sich dureh 
Schmerz im Halse, Erbrechen, erschwertes Schlingen, Nasen* 
stimme, einen Ausfluss aus der Nase, nicht aber mit den 
den Laryngealkrup bezeichnenden Symptomen, ausser wei^i 
das Exsudat sich auf die Luftröhre ausgebreitet hat, wo sich 
diese Symptome gleichen. — Wer sieht nicht aus dem Ge- 
sagten, dass die angeAlhrten Erscheinungen nicht aus der 
Wesenheit der Krankheit, sondern aus ihrem Sitze in dem 
?ersehiedenen Organe, welches sie befallt, resultiren! Ist 
in Larynx und Trachea das pseudomembranöse Exsudat, müs- 
sen nothwendig die erstgenannten, ist es in Pharynx und 
Rachen, die letztgenannten Erscheinungen zum Vorscheine kom- 
men. Beschränkt sich das Exsudat auf den Larynx oder die 
IVachea, so ist der Krankheitsprozess zu einem minderen 
Orade entwickelt, als wenn es auch in anderen Organen 
gieiehzeitig auftritt, denn die Sektion zeigt uns gewöhnlich 
im obigen Falle eine geringere Menge schwächerer Membra- 
nen als in letzteren, und die Affektion wird nur dadurch so 
gefährlich, dass sie ein überaus wichtiges Organ befallen hat. 
Je intensiTer der Krankheitsprozess ist, desto extensiver wer- 
den in der Regel seine Aeusserungen, die sich dann in mehr- 
faeber Art im Organismus kundgeben ; daher sind auch die 
fieberhaften Erscheinungen bei allgemeiner Diphtheritis stärker 
Als beim einfachen Laryngealkrup (blosser Exsudation in die 
Luftröhre). Steppuhn"*) erzählt uns: er behandelte zwei 



*) Joarnal tär Kinderkrankheiten 1864. I. 173. 

16* 



aa2 

iGtesehwister su gleicher Zeit ao Krup, bei einem mit sicht- 
barem Exsudate im Pharynx, bei dem anderen ohne eine 
Spur daTon im Rachen. Beide wurden zu derselben Zeil 
be&llen, lagen in demselben Zimmer, und beide starben. 
Waren dies zwei verschiedene F&lle — fragt er — der eine 
wahrer, der andere diphtheri tischer Krup, weil bei dem einen 
die pseudomembranösen Bildungen auf den Larjnx beschränkt 
blieben, bei dem zweiten sie diese Grenze überschritten? In 
der That wird so willkürlich die Grenze für den Krup ab- 
gesteckt, dass die Autoren als Merkmal des einfachen Krups 
Begrenzung der Pseudomembranen auf den Kehlkopf nach 
unten , ihre geringe Ausbreitung auf deu Mandeln und dem 
Gaumensegel nach oben, annehmen. — Der exsudative Pro- 
zess jedoch — welchen wir Krup oder Diphtheritis nennen 
wollen — wenn er die Luftwege beüillt, strebt dieselbe in 
ihrer ganzen Ausdehnung einzunehmen und bleibt nur dann 
an eine Strecke derselben beschränkt, wenn er sich hier 
gleichsam erschöpfte; . gewöhnlich findet man ihn in all' 
seinen Entwickelungsstufen von der Hyperämie bis zur Aus- 
sohwitzung von Faserstoff nebeneinander. Ein lehrreiches 
Beispiel für das Gesagte, welches zugleich für die Identität 
von Krup und Diphtheritis das klarste Zeugniss gibt, will 
ich aus meiner jüngsten Erfahrung anführen. Am 10. Okto- 
ber 1865 wurde ich als Konsiliarius zu dem öjährigen Töch- 
terchen eines hiesigen Fabrikanten gerufen, welches — nach 
Aussage der Eltern — etwa drei Tage vorher an einem 
Halsleiden erkrankt war. Bei der Inspektion des Rachens 
zeigten sich das Zäpfchen, die Tonsillen, das Velum, die hin- 
tere Wand des Pharynx mit einem dicken, weisslichen, pseu- 
domembranösen Exsudate überzogen. Das Kind war heiserj 
konnte nur lispeln und hustete rauh und bellend. In der ver- 
flossenen Kacht war grosse Athemnoth zugegen und auf ein 
gereichtes Emeticum wurde eine ziemlich grosse Pseudomem- 
bran ausgeworfen mit augenblicklicher Erleichterung des 
Athmens. Gegen Abend war die Respiration wieder müh- 
samer, pfeifend; in Folge dessen wuchs die Unruhe und Angst 
des Kindes. Das Emeticum wurde wiederholt und abermals er- 
brach die Kranke eine komplete membranöse Röhre, dicker und 



233 

länger (gegen 3") als die frühere, worauf wieder grosse Er- 
leichterung folgte ; doch auch diese sollte nicht lange dauern. 
Gegen fbnf Uhr Nachmittags fand ich die Kleine mit dem 
Aihem in furchtbarem Kampfe: die Unruhe, die Angst hatten 
den höchsten Grad erreicht, die Kranke lag mit stark nach 
rückwärts gestrecktem Kopfe, die Augen stier, die Extremi« 
täten kalt und livid , der Puls klein , fadenfi)rmig , die Haut 
mit kaltem, klebrigem Schweisse bedeckt — ein Zustand, den 
Bouchut als Anaesthesia asphyctica so genau schildert und 
als den Moment bezeichnet, wo die Tracheotomie angezeigt 
ist, zu welcher jedoch die Kitern ihre Einwilligung nicht ge- 
ben wollten. Ich fürchtete, dass das arme Mädchen unter diesen 
Umständen bald ausgerungen haben dürfte und empfahl die 
nochmalige heroische Anwendung des Brechmittels; dodh 
obschon dasselbe in grosser Dosis die ganze Nacht hindurch 
fleissig verabreicht wurde, wollte es keinen Dienst mehr lei- 
sten. Erst gegen Morgen erbrach die Patientin unter starkem 
Wulfen eine Haut in vollständiger Röhrenform, etwa 4" lang 
und noch dicker als die früheren. Auf diese heftige Expul- 
sion folgte ein leichter Schlummer, der Husten ward selten 
und locker, das Athroen ruhiger, der Puls etwas voller, die 
Temperatur der Extremitäten eine wärmere, der Gesit;htsaus- 
druck ein frischerer ; das Kind nahm etwas Nahrung und 
schon gab man sich der Hoffnung hin , dass der exsudative 
Prozess in der Luftröhre beendigt sei, es wenigstens zu kei- 
ner Bildung von Pseudomembranen mehr kommen werde, sie 
bestätigte sich auch insoferne, als der Husten locker blieb 
und keine Erstickungsnoth eintrat ; aber ein neu eintretendes 
Fieber , beschleunigtes Athmen mit den physikalischen Zei- 
chen bei der Perkussion und Auskultation Hessen eine sich 
rasch verbreitende Bronchopneumonie erkennen, welcher die 
erschöpfte Kranke am nächsten Morgen zum Opfer fiel. Die 
Pseudomembranen im Rachen waren bei diesem Ausgange in 
voller Lösung und Zeriliessung. 

Dieser Fall zeigt uns die pseudomembranöse, krupöse 
Attsschwitzung vom Munde bis in die Bronchien und Lungen 
verbreitet, und zwar im Rachen zuerst beginnend, dann Schritt 
für Schritt sich bis zu den Lungeualveolen verbreitend , so 



dass, während die Ausscheidung des fibrinösen Produktes hier 
begann, die Abstossung und Zerfliessung desselben im Rachen 
und Luftröhre staltfand. Die ausgeworfenen Membranen tru- 
gen alle Charaktere an sich, wie man sie dem krupösen Ex- 
sudate zuschreibt. 

Vor 2 Jahren hatten wir ein 6 Jahre altes Mädchen in 
Behandlung, bei dem das Velum, die Tonsillen, die Uvula und 
die hintere Rachenwand, so weit man sehen konnte, ein 
dickes diphtheritisches Exsudat überzog, nebenbei waren die 
Symptome eines Larjngealkrups zugegen. Während der Be- 
handlung würgte das Kind eine lange Pseudomembran her- 
aus, welche vom Larynx angefangen bis zu den Bronchien 
reichte und ein baumartiges Oezweige darstellt. An dem 
oberen dem Kehlkopfe entsprechenden Theile ist die Membran 
dünner und bildet kein zusammenhängendes Ganzes, die Tra- 
chealstrecke stellt eine dicke komplete Röhre dar, welche 
sich an der Bifurkation in zwei hohle Aeste theilt und am 
Ende dieser in schnürförmige Zweige übergeht. Diese beiden 
Präparate haben wir in unserer Sammlung aufbewahrt 

Mehrere derartige Fälle werden uns auch von Jacobi*) 
und insbesondere von Peter**) angeführt, wo der plastisoh- 
exsudative Prozess im Rachen und Kehlkopfe beginnend sich 
bis in die äussersten Endigungen der Bronchien, bis in die 
Lungenalveolen fortpflanzte, und zwar entweder Schritt vor 
Sehritt, so dass er in verschiedenen Partieen des Luftröhren- 
gezweiges alle Phasen dieser Krankheit zeigte, oder den gan- 
zen Luftwegen - Trakt auf einmal befiel. Ballard***) sab 
bei dem grössten Theile seiner Kranken mit dem Auftreten 
der Rachendiphtheritis gleichzeitig den Larynx mitergriffen 
werden, und Ranking****) sagt: Der milde Anschein der 
diphtheritischen Symptome ist sehr trügerisch, indem das 
Kind plötzlich von Krup befallen wird und in wenigen Stun- 
den hofinungslos daliegt. 



*) Journal fflr Kinderkrankheiten 1861. L 163. 
*^) Jonmal ftir Kinderkrankheiten 1863. II. 227 u. f 
«*•) Journal fEir Kinderkrankheiten 1860. 11. 375. 
****) Journal für Kinderkrankheiten l c. 186J. I. 111. 



93« 

Was die Kardinalaymptome des Krup, den sogenaiinteii 
Krupalbusten ^ die Heiserkeit, die LautverlUideruDg bei der 
lospiratioD und die gewaltsamen ErstickungsanfiÜle anbelangt, 
so muss anerkannt werden, dass sie ausser dem Krup, wo 
sie gewiss von hoher diagnostischer Wichtigkeit sind, aueh 
anderen Zost&nden des Larynx und der Trachea sukommen. 
Abelin*) erzählte uns einen Fall, der für hochgradigen Krup 
ioiponirte, auch dafttr behandelt wurde und sich bei der 
Sektion als ein in den Kehlkopf durebbrechender Abszess er- 
wies. Stiebel der Aeltere erwähnt in seinen „kleinen Bei- 
trägen^^ eines 9 Jahre alten Knaben, der den eigen thamliohea 
Ton der Stimme, das angstvolle Atbmen, die Lage im Bette, 
das Klopfen der Karotiden, kurz alle Zeiehen eines heftigen 
Krup darbot, wogegen man das nöthig scheinende Mittel 
nicht schnell genug herbeiholen zu können glaubte, aber trotz 
aller Bile kam es doch zu spät, denn ehe man es brachte, 
war derKrupan&U vorüber und kam, ohne dass etwas ange- 
wendet wurde, nicht wieder. Ich erinnere an dieser Stelle 
an den oben erwähnten Knaben, den ich Morgens mit allen 
Zeichen eines schweren Larjngealkrups und Nachmittags ganz 
wohl fand, ohne dass eines von den verordneten Mitteln ge- 
braucht worden wäre. 

Ich muss hier noch eines Umstandes erwähnen, den ich 
sehen in verschiedenen Journalen mehrfach zur Sprache 
brachte, der aber bis jetzt nicht die gehörige Beachtung ge- 
funden. Bei jedem Laryngealkrup — also auch bei dem eia- 
achen, wo von der diphtheritisohen Exsudation im Rachen keine 
Spur vorhanden — bedeckt sich, wenn man durch ein Vesikans 
die äussere Haut exkoriirt und mit einem epispastisehen Yeu 
bände bedeckt hat, die wunde Fläche mit einer Pseudomem- 
bran, die um so dicker erscheint, je intensiver der Krankheits* 
prozess, und die so lange besteht, bis dieser erloschen ist. 
Einen interessanten Fall in dieser Beziehung erlebte ich vor 
einiger Zeit bei einem Knaben, dem wegen eines Kehlkopf- 
fkrups di&es Mittel applizirt wurde. In Folge der Unruhe 



*) Journal für Kinderkrankheiten 1857. 11. 295. 



23« 

des Patienten zerstückelte sich die Charta eptspastica und al- 
ler Orten auf der äusseren Haut, wo sie hinkam, entstanden 
kleine Exkoriationen mit deutlichem pseudomembranösem Ueber- 
zuge, welche mit dem Laryngeaikrup heilten. Soll man dar 
aus nicht erkennen , dass jedem Krup (pseudomembranöser 
Laryngitis) eine eigenthümlich alterirte Blutmischung zu 
Grunde liegt? 

Auch in den physikalischen, mikroskopischen 
und anatomischen Eigenschaften der exsudirten Pseudo- 
membranen sehen manche Aerzte pathognostische Unterschiede. 
Altred Vogel sagt in seinem trefflichen Lehrbuche der Kin- 
derkrankheiten, dass der Unterschied zwischen krupösem und 
diphtheritischem Exsudate einzig und allein in der mikro- 
skopischen Beschaffenheit desselben zu finden ist, indem das 
knipöse aus Eiterzellen und Fibrinsträngen gebildet sei, das 
diphtheritische hingegen wenig solche Elemente enthalte, da- 
gegen grösstentheils aus einem amorphen Detritus bestehe. 
Es scheint sich dieses auf verschiedene Stadien des Exsudates 
zu beziehen ; denn in Wirklichkeit zeigen die fraglichen Pro- 
dukte in bestimmten Stadien sowohl unter dem Mikroskope 
als den chemischen Reagentien keinen so bestimmten Unter- 
schied , und wenn sie auch in dieser Hinsicht manchmal et- 
was auseinanderweichen, so nähern sie sich wieder in ande- 
ren Fällen derart, dass man auf diesem Wege die gesuchte 
Differenz am wenigsten wird finden können. Nach Roki- 
tansky haben beide Exsudate die grösste Aehntiohkeit und 
Virchow sagt, dass der anatomische Unterschied zwischen 
dem krupösen und diphtheritischen Exsudate häufig ver- 
loren geht.*) 

Der Parbenunterschied der Pseudomembranen von 
weiss in das Gelbliche und Grauliche ist nicht konstant rein 
zufikllig, von seiner Massenhaf^igkeit , beigemischtem Blute, 
Veränderung durch Luftzutritt, Nekrosirung des Exsudates 
u. s. w. abhängig; ebenso verhält es sich mit dem Gerüche, 
welcher in dem erwähnten Umstände, so wie in der Zersetz- 
ung der Speisen im Munde, seine Erklärung findet. 



*) Mediz.-chirarg'. Monatshefte 1861 I 307. 



23T 

Binen wichtigen Anhaltspunkt sehien der pAthoio- 
gisch- anatomische Befand zu bieten: dass tn einem 
Falle das Exsudat auf der Schleimhaut abgelagert (Krup), in 
dem anderen aber in die Substanz derselben inflltrirt erscheint 
(Diphtherie). Aber auch diese Beobachtung hält keinen 
Stand. Man wird oft diphtheritisehe Exsudate im Rachen 
finden, namentlich bei Scharlach und Pocken , die so ober- 
flftchlich auf der Schleimhaut aufgelagert sind, dass man sie 
mit einem Pinsel oder dem Pinger leicht abstreifen kann. Bei 
geringeren Exsudaten ist dieses immer der Fall; dagegen ad- 
härirt das krupöse Exsudat in der Luftröhre manchmal sehr 
fest, deren innere Bekleidung oft in hohem Grade gewulstet, 
exkoriirt, das submuköse Gewebe inflltrirt erscheint und die 
Pseudomembran auf ihrer mit der Schleimhaut Terbandenen 
Stelle Blutpunkte darbietet. Auch spricht Oppolser*) die- 
ser Trennung vom nosologischen und diagnostischen Stand- 
punkte jeden Werth ab, weil man nicht selten beide Formen 
des Exsudates bei einem und demselben Individuum, ja sogar 
in demHelben Organe, vereint findet. Am häufigsten ist die 
sogenannte diphtheritisehe Infiltration in weichen Organen: 
Tonsillen, Uvula, Velum, Pharynx, wahrscheinlich schon ihrer 
anatomischen Verhältnisse wegen. 

Die Anschwellung der Submaxillardr üsen, 
welche manche Schriftsteller der Diphtheritis vindiziren wol* 
len, findet sich bei vielen anderen Halsafiektionen; audi beim 
Laryngealkrup wird sie beobachtet, wahrscheintich in Folge 
einer konsekutiven entzündlichen Reizung der Fauces. 

Die eigenthümliche Farbe und Ausseben mancher dipk- 
theritiacher Kranker dürfte sich auf die in Folge gehemmten 
Athmens veränderte Blutbesohafifenheit reduziren. Im Stadio 
pervecto des Erup stellt sie sich ebenfalls mit der gleichzei- 
tigen Entstellung des Aussehens des Kranken ein. 

Was die Paralyse betrifft, findet sie sich bei Diphthe- 
ritis bald häufiger, bald seltener. Und wenn Donders in 
der kleinen Epidemie von Bennekom bei allen von ihm 



^) Wiener medizinische Presse Vi. Jahrgang Kr. 13 a. f« 



•238 

beobachteten DiphtheritischeD Paralyse fand^) und Stein bö- 
ner dieaelbe in einem leichten Orade — auf den Gaumen 
uad Pharynx beschränkt -- bei sämmtlichen Yon der Diphthe- 
ritis Genesenen beobachtete; so konnte sie de Winelt kaana 
bei dem dritten Theile und Roger bei dem siebenten nach- 
weisen**), Hi liier***) kam sie unter 34 Fällen dreimal, 
8 edle unter 39 Fällen zweimal vor, und ich habe sie selbst 
in keiner grösseren Anzahl gesehen. Unstreitig befällt sie 
mehr Erwachsene als Kinder. Es scheint also die Paralyse in 
der Diphtheritis eine sehr inkonstante Erscheinung au sein 
und ihr häufigeres oder selteneres Vorkommen von besonde- 
ren Bigenthümliohkeiten des Individuums oder der Epidemie 
abiuhängen. Uebrigens sind in letzterer Zeit, als mehr Auf- 
merksamkeit dieser Erscheinung zugewendet wurde , von 
Gubler, Mayer, Marquez, Contour, Broohin, Leroy, 
Macarius u. A. Paralysen auch nach einfacher Angina, 
Scharlach, Masern, Pocken, Typhus, Pneumonieen und Pleuri- 
tis beobachtet worden, wodurch ihre Spezifizität bei Diphthe- 
ritis wegfällt. *♦•*) 

Aehnlich verhält es sich mit der Albuminurie; und 
wenn sie Hillierf) fest bei allen an Diphtheritis schwe- 
rer Erkrankten beobachtete, hatte sie Ballardft) unter 59 
Fällen einmal gefunden, und ich konnte sie nur dreimal kon- 
statiren. In dieser Beziehunng hätte die Albuminurie, wie 
Barbosaftt) bemerkt, die Diphtheritis mit den meisten In- 
fektionskrankheiten gemein; indessen wissen wir, dass sie 
auch bei vielen anderen Erkrankungen auftritt und bei Krup 
ebenfalls vorkommt Oppolzerffff ) sagt: Albuminurie ist 
kein konstanter Begleiter der Diphtherie ; ihre Häufigkeit 



*) Mediz.-chir. Honatahetle 1862. I. 306. 

**) Hedizinisch-chirorg. Monatshefte 1862. I. 308. 

•**) Medical Times and Gazette 20. August 1864. 

•♦♦•) Mediz.-chir. Monatshefte 1861. I. 318. 

f ) Medical Times 1. c. 

tf ) Journal fflr Kinderkrankheiten 1. c 

tft) Medizinisch-chirurgische Rundschau 1868. III. 215. 

fttt) Wiener me<ttz. Fresse 1. c 



weehselt mit dem Chontkier der Bpidemie. Sie koronit nadi 
deo leichteBten Erkrankuageo ebeo so gut wie oaob den 
sckwerateD vor (gleich der Paralyse). Der Urin ist Irtlbe^ 
brmuDroth, reich an barasaureo Balzen, zeigt saweileo Fibrin- 
Cylinder, maucbmal auch Blutk(Hrperohen. Anasaroa und» 
ur&mische Erscheioaogen sind selten. (Die Albuminnrie ist 
demnach auch hier eine Folge von Stase in den Nieren.) 
O ppolzer hat im Krup häufig Albuminurie beobaditet und 
Fälle von Diphtheritis gesehen , wo keine Spur von Albumia 
im Harne zu finden war. 

Endlich soll die Therapie ganz ungleiche Resultate 
haben. Im Krup seien die antiphlogistischen Mittel, besonders 
Vefiikatorien, Brechmittel, namentlich Breohweinstein, ferner 
die Merkurialien, vorzüglich nützlich; in der Diphtheritis ver* 
schlimmem sie den Krankheitszustand , und nur eine antidys- 
krasische, stärkende, wie eine zweckmässige lokale Behand- 
lung können Heilung bringen. Es gibt aber gewichtige Aerzte 
aus der Gegenwart, welche die obengenannten Mittel gerade 
in der Diphtherie sehr anpreisen: so applizirte Bouillo n La 
6 range^) Blutegel mehreren seiner von Diphtheritis befallenen 
Patienten, desgleichen thun Zimmermann'), Bart he z'), 
Göbell*), West*), Boens*), welcher Letztere dieselben zu 
einem der wichtigsten Heilmittel bei diphtheritischem Krup 
erhebt und einem 7jährigen Kinde deren zwölf Stttcke setzen 
Hess. Brechweinstein iu grossen Dosen wird von Bouchut^), 
Martens»), Peter Beaupoil»), Bridgeri*^), Barthez"), 



1) Journal f. Kinderkr. 1860. 11. 332 u. f. 

3) Journ. f. K. 1861. II. 216. 

3) Journ. f. K. 1861. IL 234. 

<) Journ. f. K. 1865, Marx. 

») Hediz.-chir. Monatshefte 1868. I. 481. 

•) Journ. f. K. 1861. IL 218. 

1) Journ. f. K. 1861. I. 435. 

•) Jbnm. f. K. 1861. IL 421. 

•) Journ. f. K. 1863. IL 418. 
1») Journ. f. K. 1864. IL 269. 
>i) Medis..chlr. MonsUhefl« 1860 L 472. 



240 

Kflcheo meiater'), Ormeroel*), Barbosa'), Boeos*) 
aogeweodet. Den Merkurialien reden Hillier^}, Beau- 
poil«), Peter^J, Larsen»), Tardieu^J, Barthe»'«), 
Bridges"!), Steppuhn"), Camps«»), Möller^«) das 
Wort. Auch fehlt es nicht den Derivantien und Exutorien 
an Lobrednern. 

Aus dieser Auseinandersetzung erhellt zur Genüge, dass 
sich in Wirklichkeit die aufgeführten Unterschiede zwischen 
Krup und Diphtheritis nicht herausstellen, dass vielmehr die 
beiden als der Ausdruck Eines Krankheitsprozesses, oder 
höchstens als Modifikationen desselben Krankheitsprozesses 
angenommen werden können. 

In dem zweiten Theiie dieser Arbeit will ich die The- 
rapie der Diphtheritis weiter besprechen. 



Noch einige Mittheilungen über die E s m a r c h'sche 
Operation gegen Anchylose des Unterkiefers. 

[He Anchjlose des Unterkiefers wird in diesem unseren 
Journale besonders deshalb besprochen , weil sie in der 



>) Mediz.-chir. Monatshefte 1863. 1. 481. 

Mediz.-chir. Monatsb. 1863. II. 43. 

^) Mediz.-chir. Rundschau 1. c. 

*) I. c. 

») Jonrn. tür KinderkrankheiUn 1862. 11. 191 und 1864. 1 113. 

•) Jonrn. für Kinderkrankh. 1863. II. 418. 

n 1. c. 

«) Jonrn. für Kinderkrankh. 1864. IL 452. 

*) Medizinisch-chir. Monatshefte 1860. I. 305. 
'•) 1. c. 

IM Medical Times and Gazette, 20. Angust 1864. 
"i 1 c. 

13) Journal für Kinderkrankheiten 1861. II. 280. 
><) Medizinisch-chirurgische Randschau 1863» IV. 180 



241 

grösseren Mehreahl der Fälle in dem Eindeaalter sur Entsteh- 
ung gelangt und zwar in Folge von Krankheiten^ welohe die- 
aem Alter eigen sind, nftmliel) in Folge von Mundaffeklionen 
Dach Masern oder sogenanntem Wasserkrebse, Stomatitis u. a. 
w., die Operation selbst wird freilich sehr oft erst vorgenom- 
men, wenn das Kindesalter schon vorüber ist, aber auch Kin- 
der sind nicht selten der Gegenstand derselben. 

Die Operation selbst, darauf ausgehend, die Beweglich- 
keit des Unterkiefers durch Erzeugung einer Pseudarthrose in 
der Kontinuität des Knochens herzustellen, ist, wie es scheint, 
an zwei verschiedenen Punkten erdacht und ausgeführt wor- 
den, nämlich in Italien durch Rizzoli und in Deutschland 
durch Esmarch; beide Operationsmethoden unterscheiden 
sich aber wesentlich von einander und es hat sich daran noch 
ein Streit über die Ehre der Priorität dieser Idee geknapft. 
Zn den Schriftstflcken und Notizen, die wir in diesem Jour- 
nale darüber bereits gesammelt haben, kommen nun noch die 
folgenden Mittheilungen, welche wir theils aus französischen, 
theils aus englischen Quellen entnehmen. 

1) Zuerst ein Aufsatz von Herrn Verneuil in Paris, 
welcher viel dazu beigetragen hat, den Franzosen diese neue 
Operation, besonders die Methode von Esmarch, zugänglich 
zu machen. Dieser Aufsatz ist durch und durch polemisch 
und zwar gegen Herrn O. Heyfelder gerichtet, welcher die 
Priorität der Operation für Dieffenbach in Anspruch nahm. 
Merkwürdigerweise will Verneuil den Prof. Esmarch in 
Kiel nicht als einen Deutschen gelten lassen , sondern be- 
trachtet ihn als einen Dänen. Es war dieses 1863, und Hr. 
Verneuil ist einigermassen zu entschuldigen, als Holstein 
damals noch unter Gewalt der Dänen stand. Wir würden 
diesen Aufsatz, der aus dem Jahre 1863 stammt und in der 
Gazette hebdom, Nr. 45 enthalten ist, nicht aufgenommen 
haben, wenn er nicht einige gute historische Notizen 
enthielte. 

„Als ich,^' schreibt Hr. V., „i. J. 1857 anfing, die deutsche 
Sprache zu studiren, las ich im Originale eine Monographie, 
welche unter dem Titel ,9 „Die Resektion des Oberkiefers^^ ^^ 



242 

erBohtenen war. Der Autor, Hr. Oscar Heyfelder, welcher 
in 8t. Petersburg eine hohe wissensehaftiiche Stellung ein- 
nimmt, war mir persönlich bekannt; er hatte sich in Frank- 
reich lange aufgehalten und bei den Chirurgen, sowohl bei 
den jüngeren als bei den älteren, eine gute Aufnahme gefun- 
den und ist auch sp&ter Mitglied der chirurgischen GeselU 
Schaft in Paris geworden. Meiner Meinung nach müsste also 
Hr. Heyf eider zu denjenigen fremden Kollegen gehören, 
welche, nachdem sie uns aus der Nähe kennen gelernt haben, 
unserem Lande, allen internationalen Vorurtheilen gegenüber, 
die Völker, die in gutem Einvernehmen leben sollten, nur zu 
oft trennen und die Geister herabwürdigen, ein freundliches 
Andenken bewahren. Nicht ohne Ueberraschung und nicht 
ohne Bedauern las ich daher auf S. 99 der erwähnten Mono 
grapbie einen fdr unsere nationale Wissenschaft verletzenden 
Satz. Bs handelt sich nämlich an dieser Stelle um die Re- 
sektion des Qaumengewöibes , als eines Voraktes zur Aus- 
rottung der Polypen im hintersten Theile der Nasengänge, 
also um ein Verfahren, welches Hrn. N^laton zugeschrieben 
wird. Hr. Hey fei der bemerkt, dass der erste Versuch N ^- 
laton's vom Jahre 1848 datirt und fügt dann hinzu: „„im 
Jahre 1844 hat Adelmann auf ganz ähnliche Weise operirt, 
obwohl mit einem nicht so guten Erfolge, wovon aber N^- 
laton als Franzose natürlich nichts weiss^^^S Die- 
ser Ausdruck erschien mir etwas zu lebendig und klang fast^ 
als ob Franzose und unwissend sein für gleichbedeutend 
gelten sollten, was natürlich als ein bitterer Vorwurf zu einer 
Zeit gelten musste, wo die Wissenschaft bei allen gebildeten 
Nationen gleich regsam ist und wo jeder Fortschritt an ver- 
schiedenen Punkten sehr wohl zu gleicher Zeit zum Ausdrucke 
kommen kann. Ich bin etwas zweifelnden Geistes und wollte 
daher, bevor ich meiner patriotischen Empfindlichkeit Raum 
gab und den Vorwurf aufnahm , erst wissen , was Wahres 
daran war. Ich Hess mir daher von Leipzig den Aufsatz von 
Adel mann (Untersuchungen über krankhafte Zustände der 
Oberkieferhöhle, Dorpat und Leipzig 1844) kommen und las 
die Beobachtung des jungen Wilhelm Meoke, wo sich das 
angegebene Operations verfahren erzählt findet, genau durch. 



243 

Ich konstatire KVTörderst , dass die Operation am 7. Aagiitft 
1843 und nicht 1844, wie Hey fei der gemeint hat, gemaoht 
worden ist, aber ich erkannte auch sofort, dass Adelmann 
nioht von vorne herein und mit Ueberlegung die Resektion des 
Gaomengewölbes vorgenommen , sondern dass dieses dureh 
den Polypen aerstört worden ist; Adel mann hat eben nichts 
weiter gethan, als die durch das Gewächs vorgetriebene und 
in der Mitte schon etwas durchbohrte Schleimhaut bu spalten; 
er hat also nur einen pathologischen Vorgang nntersttttzt, aber 
keineswegs die wirkliehe und bewusste Idee einer Resektion 
des Oaumengewölbes zur Entfernung oben befindliche Polypen 
in sich erzeugt. Es ist also unrecht , zu behaupten , dass 
Adel mann und N61aton in ganz ähnlicher Weise operirt 
hatten, und man kann daraus ersehen, was von dem Vorwurfe 
der Ignoranz, der hierbei den Franzosen gemacht wird^ za 
halten sei. Die Kritik hat ihre geheiligten Rechte und die 
Wissenschaft, die nach Wahrheit strebt, kennt keine Rtiek* 
sichten, aber wenn man glaubt, losschlagen zu müssen, so 
muss man auch gerecht sein und nicht gerade die Hftnde Der>- 
jenigen treffen wollen, die, obwohl fremd, doch freundlich entr 
gegengestreckt worden sind. Uebrigens hat Herr O. Hey- 
felder sich ganz besonders darauf gelegt, unseren Landsmann 
aus seiner Ehre zu bringen, indem er nicht daran gedacht 
oder nicht erw&hnt hat, dass der Erste, welcher zur Ekilfem- 
ung der hochsitzenden Rachenpolypen das Ganmengewölbe 
absichtlich durchbohrt hat, Ifichaux in Löwen gewesen war, 
welcher am 9. April 1846 tu demselben Zwecke eine Portion 
des Knoohengewölbes weggemeisselt hatte (Bullet, de V Aca- 
demie de medec. de Belgique, /. /F, p, 116^ et i. Xll, p.346^ 
385. Lehrbuch der Resektionen, Wien 1863, 2. Ausgabe). 
Hier w&re nun allerdings die Reklamation besser begründet 
und wenn HerrO. Heyfelder hierauf nicht hingewiesen hat, 
80 mag es wohl darum geschehen sein, Weil Herr Michaux 
ein- Belgier und nicht ein Deutscher ist, oder vielleicht, weil 
Herr Hey fei der davon nioht einmal etwas gewusst hat, was 
fQr ihn dann auch ein Vorwurf der Ignoranz sein könnte.^^ 
„Da ich aber nicht gerne etwas nachtrage und da auch in der 
That ein so ausgezeichneter Chirurg, wie Herr Oscar Hey« 



244 

felder, wohl Nachsicbi verlangen kann, wenn er einige kleine 
Irrthümer begeht, so hatte ich alles Dieses vergessen, in der 
Ueberzeugung , dass in Zakuuft, wenn dieser unser Kollege 
wieder etwas schriebe , er sich einer grösseren historischen 
Genauigkeit befleissigen werde. Wie gross aber war mein 
Erstaunen, als ich beim Durchlesen der zweiten Ausgabe sei- 
nes „,, Lehrbuches der Resektionen^^ ^^ den Paragraphen durch- 
las, welcher über die Geschichte der Resektion des Unter- 
kiefers als eines Mittels zur Herstellung der Beweglichkeit die- 
ses Knochens bei Anchylose handelt. In wenigen Zeilen fand 
ich so viele Ungenauigkeiten und Auslassungen, dass ich 
doppelt aufmerksam wurde, um mich selbst sicher zu machen, 
und ich bin überzeugt, dass, wenn Herr Oscar Hej felder 
nach längerer Zeit diesen Abschnitt wieder überliest , er des 
Glaubens sein werde, dass derselbe von einem „„Fran- 
zosen'^^' geschrieben sei, das will sagen, von einem Men- 
schen, der „„von Hause aus nicht viel weiss''''. 

„Ich will es nur gestehen, ich hatte die boshafte Absicht, 
einen Gegenangriff zu machen. Ich sagte mir, dass, wenn 
man Sätze niederschreibt, wie die, die ich oben angeführt 
habe , man sich sehr in Acht nehmen müsse , nicht in den 
Tadel zu verfallen, den man in so bitterer Weise gegen Andere 
ausspricht. Um unsere wissenschaftliche Ehre zu retten, hätte 
ich nur nöthig gehabt, den Text unseres Verächters Satz für 
Satz durchzunehmen , seine Irrthümer vor Augen zu stellen 
und alle Paragraphe meiner Widerlegung mit der allerdings 
wenig artigen Bemerkung : „„Wovon aber 0. He} felder 
als ein Deutscher natürlich nichts weiss'^^', zu schliessen. 
Aber es hätte das ausgesehen als ein absichtlich herbeige- 
zogener Streit, und ich stand deshalb davon ab; ausserdem 
dachte ich mir, dass bei möglichem Mangel an gründlicher 
Gelehrsamkeit die Franzosen jedenfalls eine Eigenschaft be- 
sessen haben , noch besitzen und immer besitzen werden, die 
man Höflichkeit nennt, und dass es folglich, ohne die Reohte 
einer gehörigen Vertheidigung aufeugeben , geziemender sei, 
die besprochenen historischen Notizen einer ernsten, soliden 
und mit aller der Ruhe, die die Wissenschaft gebietet, ge- 
schriebenen Kritik zu unterwerfen. Ich schlug dieses Ver 



246 

fahren om so lieber ein, als es sowohl der Wahrheit, wie 
aueh dem Herrrn 0. Heyfelder selbst nutzbringend sein 
koante. Sein Lehrbuch der Resektionen wird gewiss noch 
in neuen Ausgaben zu Tage treten, die es vollständig ver- 
dient, and es kann dann der Autor die zahlreichen Fehler 
und IrrthOmer darin wieder gut machen, und ich werde ihm 
also durch die Vertheidigung unserer nationalen Wissenschaft 
einen ganz guten Dienst erwiesen haben/^ 

Herr Yerneuir führt nun zur Begründung seiner Kri- 
tik gegen Herrn 0. Hejfelder die SS. I — VII aus dessen 
schon erwähntem Werke: „Lehrbuch der Resektionen 2. Aufl. 
Seite 383^^ in getreuer französischer Uebersetzung an und 
fährt dann weiter fort: 

„Ich habe die Paragraphe angefahrt, um sie einzeln durch- 
zunehmen. Beginnen wir mit dem ersten, welcher fürDief- 
fenbach eine doppelte Priorität in Anspruch nimmt, und 
zwar 1) fUr die Formation der Pseudarthrose, und 2) für die 
Durchschneidung des Masselers« ^Das ist viel auf einmal. 
Sicherlich war Dieffenbach ein grosser Chirurg, eben so 
geistvoll als geschickt und hätte wohl alles Das erfinden kön- 
nen, aber wo es sich um Priorität handelt, gilt der Wortlaut 
und das Datum mehr, als die blosse Nachrede, und gewährt 
den eigentlichen Beweis. Nun weist Herr Hey fei der auf 
das grosse Werk von Dieffenbach „Die operative Chirur- 
gie'^ hin, deren erster Band 1840 erschienen ist, und ich 
kann nun leicht beweisen, dass die genannten beiden Opera- 
tionen damals schon seit mehreren Jahren in der Wissenschaft 
bekannt gewesen sind. Es wird sich dieses gleich klar her- 
ausstellen, wenn wir die beiden Punkte, um die es sich hier 
handelt, der Reihe nach durchgehen.^^ 

„1) DieDurchsohneidung des Masseters als ein 
Mittel gegen die Kiefersperre. Vor 1840 hatte die 
Veröffentlichung der schönen Arbeiten von Stromeyer die 
Muskel- und Sehnendurchschneidung zur allgemeinen Kennt- 
niss gebracht und eine wahre Wuth dafür erregt; wo irgend 
ein kleines Huskelbündel , irgend ein kleiner Sehnenstrang 
eine gewisse Straffheit erzeugte, wurde flugs die Durchschnei- 
XLVL ISM. 17 



2M 

dang gemacht. Die Tenotomie herrschte ttber gane Buropa 
und Dieffenbach folgte, wie alle ttbrigea Chirurgen, dieser 
Bewegung, ohne den Impuls dazu gegeben zu haben. Ohne 
eine vollständige Geschichte der Durchschneidung des Mas- 
seters hier geben zu wollen, kann ich eine gute Zahl von 
Fällen dieser Art aus Europa und Amerika vor 1845 vor- 
bringen. Wenn ich mich nicht täusche, ist zuerst auf fran- 
zösischem Boden der Masseter durchschnitten worden. Es 
fand dieses 1838 zu Toulouse Statt und der würdige Dieu- 
lafoy ist es, dem diese Ehre zukommt. Sein Verfahren er- 
innert an das von Delpech zur Durchsohneidung der Achil- 
lessehne und es wurde der Muskel in der Absicht durchschnit- 
ten , um den Unterkiefer beweglich zu machen (^Joum. de 
Medecine et de Chirurg. praL 1839, X, 319). Kurze Zeit 
nachher durchschnitt Mutter in Philadelphia vom Munde aus 
die vorderen Bündel des genannten Muskels (^American Joum. 
of medic, Sciences^ Mai 1840), Im Beginne des Jahres 1840 
durchschnitt 6. Busch in New-Tork ebenfalls vom Munde 
aus den Masseter in seinem mittleren Theile und es wurde 
hier in einer französischen Zeitschrift (_ Annales de Chirurgie^ 
1844, /, 232) j wie es scheint, von Hrn. Velpeau die Be- 
merkung hinzugefügt, dass die Operation wohl nicht viel lei- 
sten werde, da sie vielfach schon ohne bleibenden Erfolg ge- 
macht worden, so auch von ihm selbst in drei Fällen ohne 
Resultat. In derselben Zeitschrift wird über eine solche Durch- 
schneidung, welche 1840 von Fergusson gemacht worden 
ist, berichtet, und welche mit einem sehr bedeutenden Bluter- 
gusse begleitet war. Im Oktober 1841 operirte J. W. Schmidt, 
ein amerikanischer Chirurg , auf dieselbe Weise ein junges 
Mädchen (American Joum.^ Octob.^ 1842). Ebenfalls i. J. 
1841 veröffentlichte Bonn et in Lyon sein Werk über die 
Sehnen- und Muskeldurchschneidung und widmete ein langes 
Kapitel der sogenannten Kieferklemme und ihrer Behandlusg 
durch die Sektion der Kaumuskeln; er sohliesst dieses Ka- 
pitel mit der Geschichte eines Falles, welcher die Ueberschrift 
hat: „ „Kieferklemme, seit 10 Jahren bestehend, Durchschnei- 
dung des Massetera an beiden Seiten und des Schlftfenmus- 
kels an der rechten Seite; keine Zu&Ue; massige Besserung^^ ^S 



,^Was wird nuo aus derPrioriiät Dieffenbach's vor allen 
diesen ZeugniBsen? Ich überlasse das Urtheil dem Hrn. Hey- 
felder selbst. Es ist sehr möglich, dass irgead ein mir un- 
bekaDDl gebliebener Journal -Artikel über die Klinik dieses 
Berliner Chirurgen für die Priorität, die ich hier bekämpfe, 
den Beweis liefern mag, aber ich möchte doch, dass man mir 
dann diesen Artikel vorhalie. Wenigstens findet sich in der 
ausführlichen Analyse, welche Hr. Borchard in der medi- 
zinischen Gesellschaft z\x Bordeaux über das 1839 erschienene 
Werk von Dieffenbaoh „,, Beiträge zur subkutanen Ortho- 
pädie^^ ^^ gegeben bat, auch nicht ein Wort über die Durch- 
schneidung des Müsseters. Ebensowenig findet sich in 
dem von Philips, einem Schüler Dieffenbach's, bei uns 
in Frankreich herausgegebenen Werke über die subkutane 
Tenotomie irgend eine Angabe über die genannte Opera- 
tion» Aus allem Dem geht nun, wie ich glaube, bestimmt 
hervor, dass Dieffenbach nicht der Erste ist, welcher 
die DurchschneiduDg des Hasseters gegen die Eieferklemme 
angerathen hat, dass vielmehr diese Operation von 1838 — 
1841 von mehreren fransösiscben , amerikanischen und eng- 
lischen Aerzten gemacht worden ist, dass die deutsche 
Chirurgie keinen Anspruch auf diese Priorität hat, und dass, 
wenn Hr. 0. Hey fei der von den von mir vorgebrachten 
Dokumenten eine bessere Kenntniss gehabt hätte , er den 
Irrthum nicht begangen haben würde , den ich ihm vor- 
werfe". 

„2) Die Bildung der Pseudarthrose im Unter- 
kieferknoohen. Ich bedauere, sagen zu müssen, dass Hr. 
Hey fei der hier ebensowenig zuverlässig gewesen ist. 
Im Jahre 1850 habe ich in den Ajxhives yenercU. de Mede- 
eine einen Aufsatz veröfientlicht, in welchem ich bemüht 
war , die Frage der Pseudarthrose des Unterkieferknochens 
als eines Mittels gegen die Anchylose desselben genau zu 
studireu. Ich habe mein Möglichstes gethan, um das Ge- 
schichtliche ganz unpartheiisch zu behandeln. Diese meine 
Arbeit ist von Hrn. O. Hey fei der nicht in Betracht gezogen 
worden, und ich wundere mich darüber kaum, denn nach der 

17* 



248 

Ansicht, welche er sich von den wissenschaftlicben Erseug- 
nissen der Franzosen gebildet cu haben scheint, hat er wohl 
nichts Besonderes darin finden zu können geglaubt« Dennoch 
rathe ich ihm diese Lektüre an, und zwar kann ich das um 
so eher thun , als ich für mich selbst keinerlei Priorität in 
Anspruch nehme und eben nichts weiter wollte, als nach 
meinen besten Kräften den Standpunkt der Wissenschaft in 
dieser Sache klar zu machen. * Er wird daraus ersehen, dass 
A. B^rard i. J. 1838 auf Orund der Idee eines Amerikaners 
(Rhea-Barton) ganz deutlich die Bildung eines kflnstlichen 
Gelenkes in der Kontinuität des Unterkieferknochens yorgc- 
schlagen hat, dass diese Idee 1839 von Velpeau in seinem 
Werke über operative Chirurgie und 1841 von Malle in 
Strassburg wieder aufgenommen, in Frankreich schon vor der 
Veröffentlichung der operativen Chirurgie von Dieffenbach 
bekannt war und ferner, dass i.J. 1840 Carnochan in New- 
York, welcher auch auf die Priorität-^ler Durchsch neidung des 
Masseters Anspruch erhebt, den Nutzen der Pseudarthrosen- 
bildung zufällig zu erkennen Gelegenheit hatte und mit klaren 
Worten die partielle Resektion zu diesem Zwecke vorschlug. 
Wollte Herr Heyfelder sich herbdlassen, meine Arbeit bis 
zu Ende durchzulesen, so wird er erfahren, dass ein berOhmter 
italienischer Chirurg, Herr Rizzoli in Bologna, ohne die 
E s m a r c h'schen Ideen zu kennen , zu demselben Schlüsse 
kam, und im Jahre 1857 fQr die nicht besonders komplizirten 
Fälle von Kieferanchylose ein eben so einfaches als wirksames 
Verfahren angab, welches nun schon fünfmal von ihm ausge- 
abt worden, und zwar viermal mit gutem Erfolge. Ich bin 
aberzeugt, dass Herr Heyfelder, gleich nachdem er meine 
bescheidene Kompilation gelesen hat, den 6. Paragraphen sei- 
ner historischen Notiz abändern wird^ Dieffenbach wird 
dann aufhören, der intellektuelle Urheber zusein; A. B^rard 
wird dann diese ehrenvolle Stelle einnehmen; Bruns (in, 
Tübingen) wird der Erste sein, der die Idee ausgeführt hat, 
aber der grösste Theil wird immer dem Prof. Esmarch ge- 
bühren, der nicht, wie Herr Heyfelder angibt, ein „,YSti- 
fälliger Wiedererfinder oder Entdecker^' ^^ des Verfahrens ist^ 



249 

sondern als der wahre Vater der Methode anerkannt werden 
muss, welche allein den Erfolg zu sichern vermag/^ 

„Es sei mir hier gestattet, ein wenig nachzuweisen, wie 
und wodurch Herr H« dazu gekommen ist, ohne alle Absicht 
gegen Esmarch ungerecht zu sein. Von der Regel, die 
Quellen selbst zu studiren, wenn man Geschichte schreiben 
will, abgehend, hatte er die Ideen des letztgenannten Chirur- 
gen nur aus Auszügen sich zur Kenntniss gebracht und nicht 
das Eamarch'sche Werk selbst (Die Behandhing der narbi- 
gen Kieferklemme durch Bildung eines künstlichen Gelenkes 
im Unterkiefer, Kiel, 4., 1860) durchgenommen. Diese Ver- 
nachlässigung blieb nicht ohne Folgen und veranlasste offen- 
bar bei Hrn. H. eine Verwechselung von Thatsachen und 
eine Vermischung von zwei Esmarch'schen Beobachtungen 
in eine. Herr H. bemerkt nämlich, dasa Esmarch i. J. 
1858 folgenden Fall gehabt habe: Ein Bursche von 16 Jahren 
mit einer narbigen Verwachsung der beiden Kiefer und grossem 
Snbstanzverluste der Wange, so wie auch des horizontalen 
Astes des Unterkieferknochens in Folge von Noma. Es sei 
dann von Esmarch das grosse Loch in der Wange durch 
eine plastische Operation ausgefüllt, aber auch mittelst der 
Kettens&ge der Rand der kranken Partie des Kochens weg- 
genomaien worden, so dasa eine zollgrosse Lücke entstand; 
es folgte Heilung und künstliches Gelenke, und 9 Monate nach- 
her habe man sich überzeugt , dass der Bursche die Kiefer 
einen Zoll weit auseinandersperren, kauen und selbst Nüsse 
knacken konnte. Später fügt Herr H. hinzu, Esmarch 
habe ein künstliches Gelenk erzeugt, ohne es beabsichtigt 
oder vorhergesehen zu haben, habe aber die ganze Wichtig- 
keit dieser Thatsache sogleich begriffen und sofort ein regel- 
mässiges Operationsverfahren in Vorschlag gebracht. Wer 
aber daa genannte Esmarch'sche Werk liest, ohne vorher 
mit der Frage überhaupt sich beschäftigt zu haben, wird glau- 
ben, dass der genannte Autor erst auf sein Verfahren gekom- 
men sei, nachdem er 1850 die Folgen eines zuflblFTg zur Beob- 
achtung gekommenen Falles kennen gelernt hatte, und dass 
er wirklich in dem genannten Jahre die Ausschneidung eines 



2S0 

StttckeB des Unterkieferknocbens vorgenomiiieD habe, ohne die 
Bildung eines künstlichen Oelenkes zu beabsichtigen, dessen 
Dasein er erst 9 Monate später kennen gelernt habe. Wenn 
dem so wäre, so würde Rizzoli, welcher 1857 operirt hat, 
das Verdienst der Priorität haben. Allein die Sache war 
anders; im September 1854 beobachtete Esmarch seinen 
ersten Kranken, einen Burschen von 14 Jahren; Brand des 
Mundes, Folge eines drei Jahre vorher stattgehabten Typhus- 
fiebers , hatte einen grossen Substanzverlust der Wange er- 
zeugt und den entsprechenden Tbeil des Kieferknochens ne- 
krotisirt. Während der Genesung hatte sich ein Sequester 
von 5^2 Centimet. von selbst lossgestossen und sich ein künst- 
liches Oelenk gebildet, welches so grosse Bewegungen des 
Unterkiefers gestattete, dass der Kranke sehr gut kauen und 
selbst Nüsse knacken konnte. Nach den Daten hat sich die- 
ses künstliche Gelenk nicht 1850, sondern wahrscheinlich gegen 
Ende 1851 gebildet, und zwar ganz von selbst, ohne dass 
eine Kettensäge benutzt worden. Esmarch that hier weiter 
nichts, als einige verschobene Zähne auszuziehen und das 
Loch in der Wange plastisch zu schliessen ; er brauchte wahr- 
lich nicht 9 Monate, um die ganze Wichtigkeit dieses Falles 
zu begreifen, denn schon gegen Ende desselben Monates, Sep- 
tember, setzte er in der Naturforscherversammlung in Göttingen 
sein neues Operations verfahren auseinander. Im Jahre 1858 
trat er schon in vielfacher Weise damit thätig auf, und zwar 
zuvörderst durch eine bestätigende Nachricht über die Heilung 
seines ersten Kranken, dann durch die Anregung, die er sei- 
nem Freunde Wilms in Berlin gab, welcher am 30. März 
eine solche Operation vollzog, und endlich dadurch, dass er 
selbst am 4. Mai einen Burschen von 16 Jahren auf diese 
Weise operirte, bei dem er die Kettensäge znr Entfernung 
der rauhen Knochenränder benutzte, und ein zollgrosses Stück 
aus dem Unterkiefer wegnahm." 

„Wahrscheinlich sind in den Auszügen, aus denen Hr. 
Heyfelder schöpfte, diese Data nicht genau auseinander ge- 
halteo worden ; es würde sonst Hr. H. vor diesem sonderbaren 
Anachronismus sich bewahrt haben. Es müsste ja gleich auf- 
fallen, dass Wilms, welcher am 30. März 1858 seine Opera- 



25« 

tioB »acble, niobt'dasii duroh die OperalioD, die vod Esmareh 
mm 4. Mai desselben Jahres verftht wurde, hfttle veranlasst 
Bein könneo. Wesn Es mar eh übrigens seme neue Opera- 
tionsiiiethode aueh wirkUoh einem ZufeHe verdankt, der ihm 
in seiner Klinik voi^ekommen, waa übrigens seinem Verdienste 
keinen Eintrag thäte, so ist doch erwiesen, dass der Zufall 
im J. 18Ö4 sieh ^eignete, und nicht 1858. Wird die Priori- 
tät dem Prof. Es mar eh abgestritten, so kann sie nur der 
Mutter Natur zugesehrieben werden, welche schon 1851 die 
Operation mit Oeschiek volisogen hat>^ 

,,Die8es ist der Schluss, zu dem ich komme, ich, der 
„,yRranzose"" und „„natürlieh nichtswissend." '^ 

,,E8 bleibt mir nur noch übrig, Hrn. O. Hey fei der 
wegen seines letzten Satzes zn inquiriren." Hr. Vernenil 
soehi hier zu beweisen: i) dass die Idee, den Unterkiefer 
durch eine Operation beweglich zu machen, schon früher von 
französischen Aerzten, A. B6rard, Velpean, ausgesprochen 
worden: 2) dass Esmareh kein Deutseher, sondern als Pro- 
fessor in Kiel zu der Zeit eigentlich ein Däne gewesen sei, 
und endlich 3) dass Italien doreh Rizeoli eine grosse Rolle 
bei der Prioritä(sfi*age spiele. 

Die Arbeiten von Rizzoli, die hier io Betracht kom- 
men, aind: 

1) Osservazioni chirurgische exeguite in diversi casl onde 
lögiiere la immobiäia delia machelUi inferiori^ in Memoires de 
^Academie des sciences de Bologne^ 1858; 

2) Bolletino delle science mediche de Bologna 4. serie 
vol. IX Febr. 1858. 

3) In derselben Zeitschrift Mai 1859 p. 395. 

4) In derselben Zeitscknrift vol. XIV p. 109. 

Erster Brief an Verneuil: Sul metodo delia simpHce in'- 
cisione verticale sotto culanea del eorpo deUa mandibttla in- 
feriore per la am*a del serramento delle mascelle; 

5) Zweiter Brief an Vernenil über denselben Gegen- 
stand^ ebenfalls in der genannten Zeitschrift XIX, p. ^41. 

„Um noch in Italien zu bleiben, wollen wir sogleich 
erneu hübedhen Fall von Heilung der Kieferverwachsung nach 
der Methode von Rizzoli, von Dr. Carlo Esterle, Pro- 



2S2 

FeBsor der Geburlahülfe und dirigireodem Wundarste a« Ho- 
spitale von Novara, mitibeilen, welcher in den AtmaH tmivers&li 
di Mediana Tom. 156, 1861, p. 570 enthalten isU^ 

,,Nach Italien kommt Frankreich. In derselben ZeiUcsbrift 
von 1859 iet die Frage weit und breit besprochen worden. 
Hr. 0. Heyfeider wird die Artikel nicht gelesen haben; es 
ist das begreiflieh, denn man kann nicht Alles lesen. Was 
man aber weniger begreifen kann, ist, dass er, obwohl Mil^ 
glied der chirurgischen Oesellschaflt in Paris, nicht weiaa, dasa 
seit 3 Jahren daselbst Ober die Pseudarthrose des Uoterkiefera 
vielfach verhandelt worden. Hätte er sich mit diesen Ver- 
handlungen bekannt genacht, so würde er erfahren haben, 
dass der Durchschnitt des Unterkiefers oder die Ausschneidung 
eines Stückes desselben viermal von Huguier und Bonnet, 
Deguise, Marjolin und Bauchet sur Bildung einer Pseud- 
arthrose gemacht worden ist/^ 

„Nach Frankreich kommt England, wo seit 1862 die 
Esmarch*sche Operation von Mitchell, Henry und Beath 
verübt woxtjen ist (Dublin Quarterly Journal, Mai 1863) /** 

Zar Vervollsl&ndigung des Historischen werden nun auch 
die bis dahin (1863) in Deutschland, theils nach der Methode 
von Rizzoli, theils nach der von Esmarch vorgenommenen 
Operationen notirt, nftmlich der von Wagner (Königsberg), 
Albert Lücke, Bruns und Grube und dann schliesst die 
Abhandlung noch mit einer bitteren Polemik gegen Hm. O. 
Heyfelder. 

2) Hr« Aronssohn, ein französischer Militärarzt, schreibt 
aus Mexiko an Hrn. Verneuil einen Brief (CUtz. hebäomad, 
de Medecine^ 4« Sept. 1863), worin er empfiehlt, durch Ueber- 
legen von Hautlappen Ober die Knochenenden ein künstliches 
Gelenk zu sichern: Die Schleimhaut dazu zu benutzen schien 
nicht rathsam, weil sie hier nicht gehörig dazu abgetragen 
und geformt werden kann, und weil auch das narbige Oewebe 
bei der Kieferanchylose dieses nicht gut zuliesse. Dagegen 
würde ein aus der äusseren Haut gebildeter Lappen, welcher 
in die durch den Ausschnitt eines Stückes des Unterkiefer- 
knochens gebildete Lücke hineingel^t werden müaste, sehr 



2S3 

dJenKeli md. Die BHerong, die siob einstelit, würde die 6e- 
•ialtuDg des Lappens begöDstigen, indem sich das Stflek Kutis, 
welebes hineingelegt ist, ailnifthlig in eine blosse Schleimhaut- 
fliehe umwandein wflrde. An der Wange wflrde allerdings 
ein Loch entstehen, aber dieses Loch würde bald geschlossen 
werden können. 

Auf diesen sehr oberfliehKchen und etwas unklaren Vor- 
sehlag erwidert Hr. Verneuil, dass nach den neuesten Vor* 
gtagen und Besprechungen von solcher Operationsmethode 
gana abgesehen werden kann, indem* die Methode von Ria- 
20 li und Esmarch vollkommen genttgt. Mittelst des ein- 
fachen Durchschnittes des Kieferknochens wird, wenn die Kie- 
ferklemme nicht mit Zerstörungen der Weiehtbeile oder be- 
deutenden Verwachsungen verbunden ist, eine gute und 
dauernde Pseudarthrose erseugt. In den Fkllen, wo die Kie- 
ferklemme mit Substaoaverlust der Vf^ange, vielem narbigen 
Gewebe, Verdickung des Knochens u. s. w. verbunden ist) 
wird die Ausschneidung eines Stockes des Unterkieferknochens 
vor dem narbigen Gewebe erforderlich, um die Pseudarthrose 
herausteilen, aber es braucht daau nicht ein viereckiges, son- 
dern ein dreieckiges Stock des Knochens ausgeschnitten au 
werden, um den Erfolg au sichern, wie das auch schon früher 
dargethan ist. 

„Es ist aber^\ bemerkt Hr. V., „hieraus nicht au folgern, 
dass der Vorschlag des Herrn Aronssohn ganz und gar bei 
Seite au setaen sei. Kommt er auch nicht m Betracht bei 
der einseitigen Kieferklemme, so kann er doch möglicher- 
weise bei einer Varietftt sur Geltung kommen, bei der die 
Esmarch 'sehe Operation nichts vermag. Ich meine hier die 
beiderseitige narbige Anchyloee, die glücklicherweise weit 
seltener ist als die einseitige, deren Heilung aber fast unüber- 
windliche Schwierigkeiten darbietet. Es ist dieses ein Gegen- 
stand, der mich schon lange beschäftigt hat. Am 1. Oktober 
1862 berichtete ich in der chirurgischen Gesellschaft in Paris 
über ein etwa 8 Jahre altes Mädchen, welches in Folge einer 
sehr bösartigen Stomatitis eine doppelseilige narbige Kiefer- 
klemme bekommen hatte. Ich versuchte die Durchschneidung 
der Narbenbrüeken und durch eine mehrere Monate fortge- 



354 

setzte eDergisohe Einwirkong schien die Beweglichkeit des 
Unterkiefers hergestellt zu sein, allein dieser Erfolg war kein 
bleibender; die Anchylose stellte sieh wieder her uod ieh kam 
sohon damals auf die Idee, weiche Herr Aronssofan auege- 
sprocheo hsL Ich wtkrde die Wange unterhalb des atenoni- 
sehen Ganges von den Mundwinkeln an bis zum vorderen 
Rande des Masseters gespalten haben. Dadurch würde das 
narbige Gewebe blosgelegt worden sein und ich hätte es 
dann nach Belieben durchschneiden oder abtragen können, um 
so die Riefer wieder auseinander zu bringen. Dann aber 
würde ich, um den Erfolg zu sichern und die narbige Wie- 
derverwaohsung zu verhiadem, die beiden grosse» WunH- 
ränder der Wange von der äusseren Fläche der Kieferknochen 
iioeh weiter loslösen und sie von aussen nach innen so über- 
einander legen, dass ein Wulst entsteht, dessen kutaner Rand 
durch eine geeignete JSaht im Grunde der neuen, dnrch die 
Abtragung der narbigen Brücken und die Loslösung der 
Wange gebildeten, Vertiefung zwischen dieser und dem Kiefer- 
knochen zu fixiren wäre. Auf diese Weise wäre eine Art 
Koloboma erzeugt worden, welches in horizontaler Richtung 
die Wange eingenommen hiUte; die freien Flächen der Kiefer- 
kttoehen würden sieh später mit einem neuen Gewebe bedeckt 
haben, welches das Zahnfleisch ersetzt hätte. Möthigenfoüs 
hätte ich am hinteren Ende dieser Wangen wunde nahe dem 
Ifasseter eine neue Kommissur durch Ueberlegen eines Stück- 
ekens 8chlein>haut hergestellt.^^ 

Hr. V. glaubt, daas auf diese Weise! eine Heilung der 
narbigen Kieferverwachsung bewirkt werden könne, und dass 
es später nur noch darauf ankäme, zu einer günstigen Zeit 
die Querspalte der Wange wieder au schliessen. Gemacht ist 
diese Operation bis jetzt noch nicht, aber Velpeau hat in 
seinem Werke auf dieses Verfahren schon hingewiesen und 
es Valentine Mott zugeschrieben. 

3) Die Erfolge der Bsmarch'schen Operation, 
welche durch Hrn. Chr. Heath in London erlangt 
sind. Zu den drei Fällen, welche von Heath und Holt 
schon früher im Westminsterhospitale operirt worden sind, und 
üh^ welche im I>tMm Quarterly Journal of medie. Sc.^ Mai 



2S6 

1863, berichtet worden ist, kommt nun noch folgender Fn\\ 
hinzu : 

Ellen Johnson, 23 Jahre alt, aufgenommen am 22. Jan. 

1864, hatte, aU sie 6 Jahre alt war, einen Fiebernnfall, worauf 
sich eine Dlzeration des Mundes einstellte, die angeblich dnroh 
Merk urial Wirkung herbeigefohrt wurde. Von der Zeit an wah- 
ren die Kiefer fest aneinander geklemmt und Yor einigen 
Jahren wurde ein Stückchen todten Knochens weggenomipen. 
Ungefähr im Oktober 1863 wurde die Kranke von einem Typhas- 
fieber befallen, wobei der linke Mundwinkel ulzerirte und die 
Mundspaite hier bis zu den hintersten Backenzähnen sich aus- 
dehnt«. Die Untersuchung gleich nach der Anfiiahme der 
Kranken ergab Folgendes: Durch ein festes Narbengewebe 
au der linken Seite sind beide Kiefer aneinander geklemmt. 
Drs Narbengewebe scheint den Bucoinator einzunehmen und 
erstreckt sich in Form einer etwas vertieften, aber derben 
Masse bis zum Mundwinkel. Die Zähne der linken Seite des 
Oberkiefers ragen sehr tlber die unteren Zähne hinaus. Vor 
Kurzem ist ein hinterer Backenzahn ausgezogen worden; die 
vorderen Backenzähne und der Rundszahn an der linken Seite 
stehen ganz unbedeckt; der zweite vordere Backenzahn, der 
etwas nach vorne gedrängt ist, iet kariös. Die rechte Seite 
ist aber ganz gesund und hier können die Kiefer sich ein 
wenig auseinander bringen, so dass das Mädchen von dieser 
Seite aus die Nahrung einschiebt. Ihre Ernährung scheint 
ziemlich gut von Statten gegangen zu sein, obwohl das Bei- 
bringen der Speisen stets eine lange Zeit erfordert und seh» 
mühsam ist. Die £smarch'sche Operation war jedenfalls 
angezeigt. 

Operation am 24. Januar 1864. Nachdem die Kranke 
chloroformirt worden, wurden die zwei vorderen Backenzähne 
soM'ohl aus dem Ober- als aus dem Unterkiefer an der linken 
Seite ausgezogen. Dann wurde ein zwei Zoll langer Einschnitt 
längs des unteren Randes des Unterkiefers vor dem Narben« 
gewebe gemacht, darauf dieser Knochen hier in kleiner Strecke 
ganz entblöst und nun eine Kettensäge durch die Wunde in 
den Mund geschoben. Mit dieser Säge wurde die ganze 
Dicke zweimal durchschnitten, und zwar das erste Mal dicht 



256 

▼or dem Narbengewebe in der Richtung von oben und vorne 
nach unten und hinten, und dann einen halben Zoll mehr 
vorne in etwas entgegengesetzter Richtung, so dass aas dem 
horizontalen Aste des Unterkieferknochens ein keilförmiges 
Stack in Form eines ^^ herausgenommen werden konnte. Za 
diesem letzteren Zwecke brauchten nur noch einige Fasern 
der Mylo-Hyoidmuskeln, die sich innen ansetzten, abgelöst zu 
werben. Gleich darauf konnte man sich überzeugen , dass 
der Unterkiefer mit seiner ganz gesund gebliebenen rechten 
Seite ziemlich bequem bewegt werden konnte. Ein Stück- 
chen Schwamm wurde nun in die Lflcke zwischen den beiden 
Knoohenenden gelegt und die äussere Wunde mit einfachen 
Suturen geschlossen; Ligaturen waren nicht nöthig gewesen. 
Das herausgenommene Stück Knochen mass an seinem oberen 
Rande Vs und an seinem unteren VgZoll; es enthielt das Fo- 
ramen mentale mit einer Portion des Nerven. 

Am 25. Januar: etwas Blut sickert aus; der Schwamm 
wird weggenommen; die Openrte fühlt sich wohl. 

Am 26«: Der bis dahin sehr kontrahirte Masseter der 
rechten Seite ist nachgiebig geworden und die Kranke kann 
den Kiefer frei bewegen ; Wunde mit Wasser verbunden. 

Am 10. Febr.: Die Kranke war so weit, dass man ihr 
aufgab, weichen Zwieback in den Mund zu nehmen, um 
durch Kauen den Unterkiefer in Bewegung zu üben. 

Am 23. Febr.: Die Wunde fast geheilt und die Kranke 
hat so viel Kauvermögen, dass ihr Fleischdiät angeordnet wer- 
den konnte. 

Am 5. März: Zwei kleine Exfoliationen von der Ober- 
fläche des Knochens kamen zum Munde heraus; die Wunde 
ist ganz geschlossen und die Bewegungen des Kiefers sind frei. 

Bs konnte hier die allm&hlige Bildung des künstlichen 
Oelenkes sehr gut beobachtet werden ; man sah , wie die 
Schnittflächen des Knochens sich allmählig abrundeten , sich 
mit Haut bedeckten, welche als Fortsetzung der Mundschleim- 
haut erschien und sich eine bandförmige Verbindung erzeugte. 
Am 23. März, also zwei Monate nach der Operation, war das 
falsche Gelenk vollständig ausgebildet und es wurde nun be- 
schlossen, die übrige Deformität der Wange zu beseitigen. 



257 

Zu dieBem Zweoke wurden der ohloroformirten Krankeo 
die Enden der Lappen yon dem Knochen losgelöst und der 
vordere Kand der Narbe in der Wange belebt. Ein kleiner 
Lappen von 'I4 Zoll Länge wurde dann in der gesunden 
Portion der Wange gebildet und nach oben losgelöst, so dass 
er in seiner breiten Basis an dem Ende der Oberlippe ansass. 
Dieser mit der Lippe herabgezogeue Lappen wurde in die 
Spalte hineingelegt und brachte beide Lippen so aneinander, 
dass ein wirklicher Mundwinkel enlntand. Er wurde mit Näh- 
ten befestigt und die durch die Bildung des Lappens erzeugte 
obere Spalte wurde wie eine Hasenscharte behandelt. Der 
Erfolg war aber nicht günstig; eine Verwachsung trat nicht 
ein; der Lappen löste sich los und es wurde deshalb eine 
neue Operation auf eine spätere Zeit verschoben. Diese 
wurde, nachdem die Kranke aufs Land geschickt worden 
war und sich etwas erholt hatte, am 3. Juni vorgenommen 
und es gelang in der That, einen ordentlichen Mundwinkel 
SU bilden, welcher ^/^ Zoll breit war, aber die Deformität in 
der Wange war noch nicht vollständig beseitigt; in der lets- 
teren verblieb noch ein Loch, welches durch ein Pflaster bedeckt 
gehalten wurde; dagegen waren die Bewegungen des Unter- 
kiefers gana frei und der Mund konnte Vs Zoll weit geöffnet 
werden; das Kauen ging ganz gut von Statten. 

Bei dieser Gelegenheit berichtet Hr. Heath ttber die 
früher operirten Kranken. Der Knabe, an welchem im Juli 
1862 dieselbe Operation gemacht worden war, beüand sich 
gans gesund und konnte ganz gut kauen, obwohl durch die 
Konira&tion des fibrösen Gewebes um das falsche Gelenk 
herum, wie es schien, in Folge einer stattgehabten Erkältung 
die Bewegungen des Kiefers etwas beschränkter geworden 
waren. Bei der Untersuchung im März 186Ö schien der 
Raum zwischen den linken Backenzähnen von ^/^ auf ^/g Zoll 
und der zwischen den linken Sehneidezähnen von % auf '/g 
Zoll vermindert zu sein. Die Bewegungen des Kiefers waren 
jedoch noch gross genug, um den Beweis zu liefern, dass da, 
wo das neue Gelenk gebildet war, eine knochige Verwachs- 
ung durch Kallus sich noch nicht erzeugt hatte. Wodurch 
aber die Verminderung des Zwischenraumes herbeigeführt 



2S8 

wurde, ob daroh Kofitraktion der Heuen Textur oder auf an- 
dere Weise, liese eich nieht fesisteUeu, da der Koabe jede 
genaue Untersuehuog verweigerte. 



//. tAteralur. 
Studien über die würgende Bräune oder den Krup, 

QE^iudios sobre o garrofilho ou croup. Memoria apreseniatla ä Aca- 
demia Real das Sciencias de Usboa por Antonio Maria Barbosa. 
Usboa 1861. 4«. XXIV. 189 S.) 

Mitgetheilt von Dr. J. B. U Hers per ger. 

Der Hr. Verfasser, Mitglied der k. Akademie der Wisj^en- 
schaften, Ehren-Leibchirtirg 8. M. des Königs, Lehrer an der 
Mhned.-chir. Schule von Lissabon, Chirurg am k. Spitale von 
St. Joseph und Mitglied vieler in- und ausländischer gelehrter 
Oesellschailen , veröffentlichte unter obigem Titel eine Mono- 
graphie Ober die häutige Bräune, welche, wie uns die eth- 
nische Pathologie lehrt, auf der ganzen Iberischen Halbinsel 
unter ' die endemischen Krankheitsformen gehört. Von den 
Zeiten der Araber und Maurospanier her flgurirt die Krank- 
heit literarisch unter den Formen der Angina maligna, der 
garrotilhos, ♦) bis man in der Neuzeit auch die Synonyme 
Kmp, Angina membranacea angenommen, und Schlund- und 
Luftröhrenkrup , Diphtheritis pharyngea und laryngotracheo- 
bronchialis angenommen hat. 

Die Frequenz der Krankheit auf der Halbinsel, deren durch- 
schnittliche Bösartigkeit, die Resultate der Tracheotomie beim 
Krup daselbst, die späten, spärlichen, wenn nicht vollends 
mangelhaften *•) Notizen hierüber in der deutschen Literatur 



♦) Der Auftdruck kömmt von Garroie — Knebel— -<l«r garrote — 
mit einem Halseisen erdroßsehi — und entspricht den Benenn- 
ungen Gynancbe siridula, Morbns strangulatorioB. 
**) Es ward darüber — onseres Wissens nur in der k. Akadeonieder 
Mediun zu Uadrid berichtet — in Iranz, Journalen Erwahpung 



8W 

möohten es tis wfiBMhentw^th erMheinen («Men, dardber 
auaftllirliehejne in der Joornalialik der KinderkrmkheiieD «r- 
soheinen su ksaeo. 

V, definiri den Kmp als allgeineiiie, häufig ansteigende 
Krankhieit, charakteriBirt durch Ausflohwitai^ng von Pseudo- 
membraaen aitf der Sehleimhautoberfläche des Larynx, welche 
gleichseitig auch auf der Schleimhaut des Pharynx statthaben 
kann, dann endlich auch, in den Nasenhöhlen, im Munde, auf 
der Trachea und den BroaohieD — der Krup ist ihm in zwei 
Worten eine „dyphiheria karyngea,*' (p. 50 

Die Synonymie ist ToUst&ndig aus allen Ländern und 
nach allen bekannten Autoren angegeben, -* als bekannt 
umgehen wir dieselbe. 

Mittheilttngswttrdig ist ^,der historische Theil>^ V. 
theilt die Geschichte des Krups, welche siyh nicht von jener 
der Angina diphtherica trennen lässt, in 4 Perioden. Die Oritoae 
der ersten ist 1766 und die Ver5fientlichung der Monographie 
yon Fr« Home; — der aweiten d. J. 1808, womii die dritte 
beginnt, beaeiahnet durch den grossen Napoleonisohen Kon- 
kurs, — und die dritte endlich ist markirt durch das bedeu- 
tende W^^ von Bretonneau über die Dipbtherite, welches 
1826 herauskam. 

Da der Herr V. der Krankheit ihren vaterländischen Na- 
men Oarrotilho und GarotiUo belässt, so sind wir mit dieser 
bistoriaohen Eintheilung nicht ganz einverstanden, indem vor 
ein paar Jahren eine sehr gute Arbeit herauskam über den 
Iberischen Oarotilho, *) der namentlich über den historischen 
Zusammenhang viel Aufeehluss enthält und von der mauro- 
spanisohen Mediain her das Vorkommen von phsryngöser nnd 
iaryngoser Varietät wahrscheinlich macht Treffender möchte 
.diese historisehe Einthdlung für die ,5neuere^^ Geschichte der 
Krankheit sein^ dieses um so mehr, da der gelehrte Hr. V. 
dennoch die ältere Ckschiehte der Krankheit vom Alterthume 



gelhan, woraus auch Pauli i'ür seine Schrift geschöpft zu haben 
scheint , während er Kühn in dem Günther sehen Werke 
über d. cliir. Operationen siib Tracheotoniie etc. noch unbe- 
kannt geblieben war. 
*) Eh et Slfflo medtcö. 



her folgen lltoat, und die reichen litevariechen Prodakte seiner 
Landsleute aus den Vorjahrhunderten anführt. Er will dem- 
nach die Krankheit nur zunächst von da an ehronologisiren, 
wo sie mit der Benennung des Krups auftritt — liefert aber 
sorgfältig die alte Geschichte dennoch. 

Unter den Juden hatte der Brauch bestanden, an vierten 
Wochentage au fasten, um den Zorn des Herrn au besänftigen 
gegen die mit Br&une Behafteten (Double.) Dieser Umstand 
und die Beschreibung einer Krankheit Tom Levitea Elias, 
welche, wegen Verschliessung der Luftröhre, schnell tödtiich 
wurde, sprechen fttr das Alterthum der Krankheit. 

Auch aus Hippocratea aitirt er, als hier einschiftgig, 
eine Angina gravissima^ quae celerrime^ und dann wieder, quae 
ei secundo et terüo ei quario die siranguiat. Von ihm geht 
er auf den Kapadoiier Aretaeus aber, der ein Uebel be- 
schreibt, das sich noch deutlicher als Krup charakterisirt, 
welches V. als identisch mit dem Garrotilho hftlt und dessen 
pathognomonische Zeichen genau darthun, dass damals, wie 
heute, der Krup sich mit Angina diphtherica kombinirte. (p. 7.) 
Oalenus fdgte su den Ueberlieferungen von Hippocratea 
und dem Kapadoaier blos kasuistischen Beit^rag, indem er von 
einem Kranken erzählt, der unter Husten eine Membran aus- 
warf, welche den Schlund und die Luftröhre bedeckt hatte. 
Die Autoren der 2 folgenden Jahrhunderte, die Araber und 
Hellenisten etc. kopirten ihre Voi^änger, ja die Aerste des 
Mittelalters beschränkten sich auf die Angina ohne Unter- 
scheidung genau gesonderter Formen. 

Erst im XVI. Jhrt. findet man den anatomischen Cha- 
rakter des Krups genauer ausgeschieden, wo wirklich Wil- 
helm Baillou oder Ballonius im J. 1576 einen Fall vor- 
bringt, in dem ein Chirurg bei der Sektion eines Knaben eine 
in der Trachea gebildete Pseudomembran vorfand. (Nach 
Royer Collard scheint Baillou in der Epidemie von 1576 
zu Paris manchen Fall von Krup beobachtet zu haben, den 
man nicht als solchen erkannt, sondern als Aifectio orthopno- 
ica, Catarrhe violent hingenommen hat.) 

Ein paar Jahre nach der Pariser Epidemie trat die Krank- 
heit gleichfalls epidemisch in Spanien und in Italien auf, viele 



»6t 

Opfer lieiMbeBd. Dm ^rste Bpidemie (?) tod Oarotilho, 
welobe in Spanien au^al und worüber D. Joaquim de 
Yilialba berichte^ halte 1583 Statt, — sie wiederholte sich 
in den Jahren 1587 und den folgenden bia 1591 — erschien 
wieder 1596y dann in den Jahren 1600 und 1605, sich örtlich 
und numerisch stets mehr ausbreitend, so, dass sie 1610 sich 
von Spanien aus nach Malta, Neapel und SisiUen abertrug, wo 
sie 20 J. Iwg Sinder wegrafiku 1.613 stellte sie unter letzte- 
ren in Spanien noch grössere Verwüstungen an, als bei den 
vorgftngigen Epidemieen^ so, dass man dieses Jahr el anno dei 
garroHUo nannte. Dieselbe Krankheit ward mehrere Male im 
Beginne des vorigen Jahrhunderts und yon 1750 bis 1762 beob- 
achtet, wieDon Antonio Pere% deEscobar (Madrid 1776) 
berichtet. Diese Epidemieen vom Ende des XVI. und vom 
Anfange des XVII. Jahrhunderts wurden von mehreren spani- 
schen SchriftsteUerii beobachtet, angezeichnet und näher be- 
schrieben. Francisco Perez Gaseales von Guadalaxara 
Prof« ik d. Universit&t von Morviedo, schrieb einen tr. de 
mwbo iüo, qm vuigiter garroHUo oppeliatur. Madrid 1611. 
Sr erwähnt einer Bpidemie, die er zu Torrijos beobachtete, 
uivd wobei er mehr als 300 Kranke mit einem Gargansma 
aus AlaoDwasser, Kup&rblumen und Maulbeersaft heilte. 

Don Juan de Villareal, Prof. zu Alcala de Henares, 
schrieb in demselben Jahre über die Krankheit (de signis^ causa 
tueniia^ prognostico ei curaüone morhi suffocanäs. Alcala 1611). 
D^r berOhnHe Christobal Perez Herrera lobte sie sehr 
«ad auch der Portugiese Luiz Soares Barbosa erwähnt 
derselben. Christobal Peres deHerrera, ein äusserst ge- 
aehteter spanischer Schriftsteller, gab 1613 einen brevis et 
compendiOsuM trackUus de esseniia^ cauds^ notis^ praesagUs^ 
curdMone ei fn^ecautione faudum et gutiurie anginotorum, 
ukeris marbi suffoccmtis garroüüo hispane a^peüati (Madrid) 
heraus. In seiner Besehreibung spricht er deutlich von firusta 
quaedam alba membranosa^ quae fauces^ guttur et gulam 
cmgit^ ei ibi cruslam efficil. . . Hier ist die Membrana falsa, 
welche den Oarrotülo oder die Angina diphtherica charakteri- 
nrt) schon durch Autopsie hergestellt*), (p. 10.) 

^) M. 8. über dieses interesante Bach einen aasführlichen Bericht 
XLVL ises. 18 



Alon90 Nunez de Lerena sehrtob 1645!' (SegtitturU H 
faucium uiceribtts anginosis, mtlgo gffrrotlUo, S^iikt, wobei 
er die Epidemie schildert, die 1689 und vcm 1600 Ws 1606 
genannte Stadt und mehrere Ortsobaften so wie die Dldsese 
von Piasencia ergriffen hatte. 

ildefonso de Meneces gab in demseibeii Jah^e- ettie 
Behrift über Gbrrotillo heratid« 

Juan de Soto, Prof. zuCkttnada, liessbohoil' itn n&eh- 
sten Jahre sein libro M etmocimtetUo^ aaracim y preaefimdan 
de ta m/brmedad de garroHfio, dnnde 9e truia A> ^^ ba 
de hacer cada tmo para ettrarse et precäverie 4e esfa ehfh^ 
medad segvn su complexion , edad ei naturakza, m Qrmunh 
1616 folgen. Auf ihn treffea: 

Francis eo de Figueiröa, Arct e« Sevfiha, im nenaü« 
eben Jahre mit seinem fratado de las caUdades y efMo äe 
la Qloxa, de una espeeie de angfntf^ gurrotUh^ <» eegm^eiet 
mortnl en Lima 1616; dann 

Lorenso de San Millan von Seviiha nlit aeiDem 
Parecer en gue se fratä de la esencia^ difeteneia, causa ^ s^ 
Haies, pronosticos^ enrercion meiodica^ gemnna y propria de ia 
enfermetad, gue vulgartnente IMman Garröte^ . . 161if. 

Thomas de Agniar als Antwort auf *i Bti^fe gege» 
Ildefonso Nunes de LIerena Hess 1621 sil^ Maföhena 
eine Apologia in lihrode faucium uteerihus anginoBis wOgfk 
garroüllo drucken. * 

Die Schrift von Alonso Gomes dela Parta^ Arevalo 
▼on 1625 befksst sich mehr mit den Revulsif-HMelD in der 
Behandlung des OarotilK). 

Luiz Mercado, diese grosse Oelebritftt Spaniens, lie- 
ferte eine der Tollkommensten Beschreibungen der Krankheit, 
welche neben jener von Heredia von ausHindisohen Aeraten 
wohl am meisten benOtat worden ist. Auch in kasttlstiseher 
Beziehung liefert er einen der merkwürdigsten FWIe , der ftlr 
Kontagium und Inokulation des OarrotiHo spricht: Ein Knabe 

von BernardiDO Antonio Gomes in d. Gazeta medica de 
Lisboa J860. Er ist Prösident der Sociedad medicit . . . und 
weilt gegenwärtig als portag. Abgesandter bei deib Cholsra- 
Inteniational-Koagresse zu KonstanUnopel. 



M8 

Um mn«! Vat^, dar UHU mit den Fingern Stoffe, die den 
Hda verstopften, heraushoU. Wenige Tage darauf ward er 
von deraelbeii KvanUieit befallen. 

Der Traiado breve de la curacion del garraiülOy dividido 
m namtdones medicas, muy tdiies y firovichosw para todos 
Im qm emercUanum el arte de mediana et cirurgia von Gero- 
aimoGii de Pina en Zaragoza 1636 gehört gleichfallB unter 
(tie besten Arbeiten und jen^ , welche von fremden Aerzteo 
nituater am meisten ausgebeutet worden. 

Der gelehrte Pedro Miguel Heredia der berühmten 
Universität von A loa la deHenarea liessein sehr bedeutendes 
Werk angedruckt, welohe» später 1665 in Frankreich durch 
Pedro Baroa d*Astorga, seinem Schfiler, herausgegeben 
wurde. Er gab dem Gaiirotillo den besonderen Namen „An- 
gina exulcerata maligna — und beshrieb sie genauer und 
vollständiger, als seine Vorgänger. Er unterschied suerst 
«wei Formen, eine „inflammatoria soffocans^^ und eine „asthenioa 
«aligna^^, eharaktsrisirt durch Verfall der Kräfte und Maagd 
der Afiph jxie. Auch beobachtete er die Paraljaia diphtherica, 
wie sie zur Stunde bekanmt ist. Die Bösartigkeit der Krank- 
keit apraoh , sich aus durch ihre ansteckende Eigenschaft, 
ihren epidemisohen Charakter, ihre schnelle Tödtlichkeit in- 
aerhalb 24 Stunden unter Deliquien, Zeichen der Entnervung 
des fauligrgangränösen Verfalle», von Blutungen. Bchot in 
jeaer Zeit war es Heredia klar geworden, dass die Erank- 
heitsprodakte im Hake absorbirt werdea und eine sekundäre 
kafektioia herbeüahreA könnten zur Steigerung der primiti- 
ve. Um dieser Gefahr zuvorzukommen , unternahm' und 
empfshl er alsogleoch beim Beginne der Krankheit das Glüh- 
eisüu, 

Hiemit aebliesst V. seinen literarisch-geschichtlichen Be- 
rieht aber den Garrotillo in Spanien ab. 

Unter den Aerzten, welche das Uebel in Italien beobach- 
teteo, fahrt er zunächst Mar c^Aureli an o Severino an, der 
^618 eine Autopsie vorgenommen hatte, wobei larynx con" 
teeta erat pitmta quadam, crustacea^ citra ulceris speciem (de 
P9dacbme)^ Diese BeobachUing bestätigte jene von Bail- 
lou, blieb aber isolirt bis zur Epidenüe der angina gangrae- 

18* 



264 

nosa Ton Cremona 1747 — 48, wo Ohisi bei dem Kinde des 
Pharmazeuten Sootti Pseudomembranen im Larynx vorge- 
funden hatte. Seine Beobachtungen gaben ihm Veranlassung, 
die 2 Formen zu untersebeiden , deren eine sich anatomisch 
durch die Pseudomembran im Kehlkopfe charakterisirte , und 
durch Erstickung tödtete (er nannte sie Angina strepitosa), 
w&hrend die andere nicht mit Soffokation endigte, der er den 
Namen Angina gangraenosa ordinaria gab. 

Bald nach der Gremoneser Epidemie wurden welche in 
England durch Fothergill und Starr beobaeifatet und be- 
schrieben, der sie als Morbus strangulatorins deflnirte. Nach 
ihm schrieben Hillary in England, A mault in New-Orleans, 
Vilch und Van-Berghen in Schweden, Martean de 
Öranvilliers in Frankreich Aber die Krankheit, nach her- 
vorstehenden Symptomen ihr Namen gebend. 

Hiemit schliesst Y. die erste Zeitperiode, deren Missver- 
bftitniss von der ältesten Vorzeit her bis in die Mitte des 
XVllI. Jahrhunderts um so auffallender wird, da V. die 
wichtige Entdeckung des anatomischen Unter- 
schiedes von Schlund- und Kehlkopf-Br ftune, die 
er, mit vollem Etechte, den spanischen Aerzten vindizirt, mit 
wichtigen historischen Dokumenten hierin nachweist. 

Der 2. Oeschichtsperiode Anfang stellt er auf 1765, 
wo Franz Home seine inquhry into fhe noHire, cause and 
eure of the croup zu Edimburg erscheinen liess. Wir er- 
achten es fUr überflüssig, l&ngst Bekanntes hierüber zu wie* 
derholen. Sie hat als wissensohaftlicAer Oegenstattd und 
persönhch Epoche gemacht; denn nun folgten rasch die Ar- 
beiten von Murray und Michaelis in Deutschland (1769 
und 1778) — von Rush, Tailor, Mease, Baytej in 
England (1770—61), Mshon in Frankreich (1770) u. 
s. w. 

Im J. 1784 erschien nun die Denkschrift von Samuel 
Bard, welche nachwies, dass die isolirte Angina pharyngea, 
dass der Krup, dass die Angina pharyngea mit dem Krop, 
als Krankheiten mit Pseudomembranenbildung gleicher Na- 
tur, nur dem Sitze nach verschieden seien. Er wandte zu- 
erst Kalomel mit Opium an. 



Am 11. MftTE 1783 erOffneie die k. Geseileohaft der Me- 
dian so Paris den erstell Gonoors Ober den Krup , id dem 
die Sobrift Ton VieusseQx aas Genf gekrönt wurde. Er 
nahm 3 Akten an : eine entsandliohe, nervöse und chronische. 
Bald daranf brach in Portugal, in Leiria (1786—7) eine 
Epideaiie von Angina pseudo-membranacea aus, welche Lnis 
Soares Barbosa eigene beschrieb (Aloysii Suaresii 
Barbosae, Leiriensis mediei, de angina uicerosa ab a. i786 
md o. J787 apud Leiriam epidemice ffrassanie commerUaHo, 
Nach diesem Autor soll schon 40 J. vorher, 1749 in Ancidfo 
dieselbe Krankheit, aber nur wenige Tage, geherrscht und 
viele Kinder dahingerafft haben. 

Noch froher sogar hatte in Olivenza eine Epidemie von 
Cterrotilhos gehersoht, worüber unter dem 19. Okt. 1626 
awei Autoren geschrieben haben. Die Manuskripte davon be« 
finden sich unter Prommenio de Saude im Munisipal-Archiv 
von Lissabon. Es wurden diese Autoren vom bereits erwähn- 
ten Bernardino Antonio Gomes aufgefunden. Eines da- 
von (tahrt den Titel: In/brmacäo que por virtude de uma 
earta dos srs ffovemadores fez o Hcenciado Antonio Birne 
de Paria, (mvidor d^esta camarea com o dr, Luiz An- 
tonio, medieo de s. ex*- e com o Hcenciado Estevd^o Car- 
valho, cirurgiäo do dito Sr. feiiu em 19 d^ouiubro de i626. 
Diese €burotilbos beHelen viele Kinder, waren entzttDdlicfaer Na- 
tur; von den Kindern starben die meisten wegen Bösartigkeit der 
Krankbeit und Widerstreben gegen ftrztliche Hülfe, wahrend 
einige wenige Erwachsene durch ftrzllichen Beistand herge- 
stellt wurden. 

Das andere führt den Titel : Diligencia que o Hcenciado 
Joseph Paula Guerra^/m de fora desia viUa de OHvenof 
fez com todos physicos e cirurgiöes que curam os enfermos 
deUa , feiia em 19 d'outubro de 1626, Nach den von je 
zweien der Aerate und Chirurgen, nämlich Antonio Soares 
und Antonio Nunez; dann Franc, de Campos und 
Manuel Diogo gemachten Aussagen herrschten in der 
Stadt gleichzeitig Wechselfleber. 

Manuel Joaquim Henriques de Faiva gibt in 



seioer Uabersetsung da Meäidtm domesHca de Budkkn *) 
lÜotizetQ über eine Bpidemie bösartiger Anginem, diem Borlsgal 
vor jener von Leiria oder wenigstens gieiehzeitig («rohF von 
1785 an) geherrseht. Man behandelte sie innerlich ttiiTcmMS) 
Adstringentien , sehwefelsaurer Limobade, Ghina, fierpentaria, 
Essig Räueherungen. 

Auch Francisco da Fonseca Henriqnes**} apriobi 
andeutlich vom Garrotilho **- er rathei die Traoheötonne an; -^ 
dieses war jedoch schon 1668 duroh Thomas Rodriguea 
da Veiga, Prof. zu Coimbra, geschehen, welcher 1668 id 
seiner ^^Praotica medica^^ schrieb : „cum res dispermia^ esi^ af»d< 
riatur guttur inier duas cartilafmes nd respiraHofiem^'^ei Hh^ 
naia angina Ulcus consoHdafur.^^ 

Die Epidemie, von Soares Barbosa beobachtet, trai 
unter 3 Varietäten von Kmnkheiisformen auf: 1) als An^va 
mit Oesch wären und weissem Flecke im Hake, ohne Fieber 
und ohne Scharlach ; 2) als hochgradige Angiaa; 3) alafieber*^ 
hafte Angina und meistens von Scharlach begleitet — dieae 
3. Form war die schwerste. Die Dauer war gewöhnlioh vor 
7 Tagen -^ ein einziger Fall erstreckte sich bis zum 11. Tage« 
Das Leben der Kranken war innerhalb des ersten Septenariuma 
nie ausser Oefabr. — 

Biutentziehungen waren nicht zuträglich, weshalb Bar«' 
bosa häufiger und mit Vortheil von Brechmitteln Oebraueh 
machte, die Brechwarzel dem Tari« emet. vorziehend -^ nvf 
einige Male verschafften Vesikanden Linderung , ^ dagegeii 
verordnete er erweichende und reinigende Gurgelwässer -^ 
und innerlich zuletzt Tonica, namentlich Chinadekokt Die hier 
beobachtete Ki*aokbeit scheint eine Angina diphtherica, mei- 
stentheils mit Scharlach und einige Male mit dem Oarrotilha 
komplizirt gewesen zu sein. 

Es folgten nun einige Drucksehriften , von denen V. üQr 
erwähnenswerth hält jene von Archer v. Phildelphia 1796, 
der die Polygala Senega preist ; von Sohwilgu^ in Paris 1802 



♦) Tom, H. 
♦•) Soccorro Deiphico 1710. 



m^ gghH Aaüj^ef d^ PsMdomembno; —- voaCar j in Paris 
1808, w«leher eifrig d<M» W^rtb der Tmcheotomie hervorhebe 
Oie«e a« Periodik ebMRkUiriarl. eMb bMpMtohlieb dureh 
gi^taS^AiUfurongeii devKraofcheii, derck die genaue KepatoiM 
der Pseudomembranen I. welche ihren aaaiQmisohei) Bestand 
auemnDbeai dur^h die Dj^erseheidung des Kriips ron Atigina 
g^ogr^ADOsa,. danp 4ur4b die Identitm des Oarrotilho's und 
der Angina peeudQmenbraaiicea von Bard aufgestellt« 

Die dritte Periode ftogt mit dem Beginne des XIX. 
Ji||brh|i9der^ gelegeptiieh. d?s gcosaeo NepoIeoDisch<*n Kon* 
knrses an« Das Oescbicbt liehe hievon ist virohl allen LeaetA 
bekannt uj;^ ^ir acblieeaeD dassßJUbe mit der Angabe, dass 
der Preis zwisohen Albers. von Areonen und Jurine in 
dei^ Sohweia. geibeilt wurde^ wt^farend Viensseux, Caiilou 
und Double eine Mention henorable auerkaont wurde» 

ftojer Collard verOffentliobte eeioen gläna^odea Be- 
richt hierüber im ). 18tl •-- dann 1813 seine eigene ausge^ 
»eiehneU und ausfUbrliobe Arbeit im 7; Bde. des Dictionnaire 
des sciences medicales, 

V. resimirt 10 fiesaltate als Folgerungen desl^apoleoni- 
seben Konkurses, die wir bei unseren Ijesem gleichfalls als 
beM^fmt vorausaeUen dürfen. Von den darauf ersohieueneD 
aebrifleii. erw^nt V. bis 18:26 nur Valentin's 1812 — die 
¥w Desrualles (i82ij und von Bland 1825. ^ 

Die vierte Periode eröffnet sieh 1826 mit dem be- 
deutende» Werke vpn Br^tonneau (4f ^ inflammation^spMaiM 
ifM tißs% tnuqueux ei en pariicuüer de la diphtheriie ou infltm* 
ma^iw p^UicHkdre, cannne $qus ie n^m de Croup ^ dan§fint 
maü^^ße^ dßngins gangren^euse^ Paris 1826). 

Die Beobachtungen ein^r f^pidepnie von Angina maligna 
Bu Tours von 1818 bis 1821 lieferte dem gelehrten Au(or rei* 
eben Stoff ai| seinem Buobe. E!r behandelte tuerst gründlich 
die SpefifditftI des Krup's, wies die Identität desselben und 
der Angina pseudomembranaoea aaeh^ wie bereits soboA 
Samuel Bard 1784, und stellte die anterscheideoden Merk- 
male fest xwiaeben Krupt Asthma Miliaria falschem Krup« 
Die sechs SohlOsse, welche V. (p. 22) aus diesem praktischen 
Werke aieht) sind in froheren Berichten binlitnglich und noch 



2m 

weidäufiger bervorgehobeo. V. IM der Ansicht, daas die 
Angina gangraenosa wohl aas der nosologieohen Tafel ^et- 
schwinden and unter Angina diphtheriea aufgestellt erscheinen 
warde. Sie wurde von Francisco Alberto d'Oliireira 
in Estroil 1855 beobachtet in 7 P&Hen. 

Was die französischen Gelehrten ron Br^tonnean bis 
Beuch ut 1859 geleistet, ist uns nicht fremd — ton Ans- 
ländern zitirt er auBserdem nur W oster (18d9). 

Den Schluss dieser letzten Geschichtsperiode macht V. 
mit dem bekannten Aussprachen der Pariser Akademie der 
Medizin : 

a) dass le tubage^ wie es bisher bei Behandlung des 
Krups gehaiidhabt worden, weder hinreichenden Notaen ge- 
schafifl;, noch sich so geiahrlos bewiesen hat, um die Zu- 
stimmung der Akademie zu erlangen; 

b) dass die Tracheotomie bei dem gegenwärtigen Zu- 
stande der Medizin das einzige noch anwendbare Mittel ist, 
wenn durchaus keine Wahrscheinlichkeit von Brfolg m^r von 
den ärztlichen Mitteln zu hoffen ist. 

Als Anfang gibt V. einen historischen Rückblick auf 
Portugal, der bisher unbekannt gebliebene Notizen enthält. 
Ausser der Arbeit von Soares Barbosa Ober die Angina 
ulcerosa 1778—79 in Leiria beobachtet, und dann der Bpvde* 
mie von Olivenza 1626, ist ihm keine Schrift bekannt 
^,worin der Garrotilho als spezielle* Beobachtung geschildert 
wäre.^^ Wenn man ihm auch erst in den letzten Jahren die ver* 
diente Aufmerksamkeit schenkte und ihn studirte, so ist er zu« 
Yersichtlich dennoch dort beobachtet werden, da dieses auf der 
ganzen spanischen Halbinsel der Fall war, wie die Schriften 
der zitirten spanischen Autoren nachweisen, und wie auch 
der Lusitanier Zacutus in seiner „Praxis medica" darfhut 

Einige Fälle von alten portugiesiBchen Aerzten unter 
dem Namen von Sjnanche^ Esquinancia oder GkiiTOlilho be- 
schrieben, beziehen sich zuverlässig atif Krup. 

Curvo Semedo in seiner Polyanthea mediciaal 
spricht von dessen Eontagiosität und empfiehlt dagegen in 
seiner Aialaia da vida die Brechmittel als die souveränsten 
und in seinen ObservapSes meäiciis doutrinaes de cem casos 



Mi 

• 

gt4mi$9lmoi «prahl er, w#db auoh nnbeatimnit, wieder TOtn 
CkuTotittio. Bier enttMt er endlioh noch tob einer Familie, 
wo Torkaai, dasa alle Kinder in eioecn gewissen Alter am 
Oarrotilho starbea — und endlieb nur durch Anwendung von 
Ponlaoellen davon frei blieben, (p. 26.) Im Beginne dieses 
Jahrbwiderto imben portugiesiaehe Aerzte die den Krup oha* 
rakteriairende Pseudomembran besefarieben. Es iheilt diese 
Moiis der Chirurg Antonio d*Almeida in einer Note 
p. 17 — 18 Tom. III seinee tralado eampleto de meäidna operatoria 
Hif eäic, 1820 mit. In einer Stelle Ober EsqiHnaneia maUgna 
ä ts^utnenda trocheai eu garrottiho^ wovon er p. 14—17 
spriobt, sagt er : die Krankheit besteht in einem EntaOndungs- 
austanöe der Sohleiaohant des Larynz, der Trachea oder der 
HronehieB; -^ der Schleim erreicht durch die Hitze eine ge- 
wisse Konsistena, der ihn wie Biter oder Kterschorf ersohei* 
neo liest, weiehe die Kranken mit Mflhe auswerfen^ dann 
setzt er aber hinzu : „Man hat hiebei öftere hftutige Portionen 
nach der Form der Luftröhre gebildet gesehen, die Manche für 
Stacke der Schleimhaut hielten *). Nachdem er eine deutliehe 
md gesaae Beschreibung derselben bis zur Suffokation, woran 
die Kranken starben, wenn man nicht durch die Bronchoto- 
nrie ihr auTorkönM»!, gemacht, setzt er hinzu, sie ist htaflg eine 
PortseiziUDg derHalsaffektion, in seltenen Pftllen ansteckend. 

Die Portugiesen der Neuzeit haben die Lehre und die 
Behandlung des Krups von den Franzosen angenommen, — * 
seit 1868^59, wo er epidemisch herrschte — und I. M. die 
Königin Stephanie ein Opüer davon wurde, haben sich die 
Studien Ober die Krankheit geh&uft, wie die Beiträge in der 
Gazeta medioa de Lisboa, im EschoUasie Medico^ im Jour* 
nal da Sochämde das Sciencias Medicas de Lisboa nachwei- 
sen. — Ed. Aug. Motta, Franc. Jos6 dos Santos 
Chaves, und noch 1860 Manoel Bento de Sousa wähl- 
ten den Krup als Gegenstand ihrer Dissertationen, und im 
Studienjahre 18^/«o luelt Gunha Vianna au^ezeiohnete 



*) Tendo-se vi^to mutias ve%es par^oes membranosas da fiyura 
dascanaes onde se forwutm^ tomadag por alguns camo pe- 
dofs dm wiembrdam wumcMo, 



Vortrftge ftber Krup und Angina 4ipbth€riM> nod die OMd. 
Oe0«ild(ihaft der HauptstadI eröffnete 1860 DisdilssioMo übe» 
die Behandlung des Erape. 

Die Traeheotomie wird dort eeit 1851 geAbt^ luerei von 
Theotoni o da Silva — dann «eit 1863 rom Y« und ei^ 
nige Male von anderen Aerxten. ^Bja aar Herauagabe dm pth 
genw&rtigen Werkea wurde $ie 24 Mai bei Srap verriobMat« 
woTon 7 gerettet wurdeui Auf Silva kOQiaiaa 11 Operatto* 
nen mii 8 guten Erfolgen, auf Barboaa 8 mit 4 fieUaugen« 
Die übrigen Operationen verriebleien • Olive! ra Soaree 
1856 und 1860, AngeU de Souaa 1959, Figaeiredo a 
Moita und Job^ Galdino de Garvalho 1860« 

1850 inaehte sie Antonio Bernavdioo d'Almaida 
in Porto, dann Hendea Pedroeo io Santareva. Beidie 
Kranka Qberiebten die Operation ^ Tage 

V. erhoU «ich von den Laaam. soin Sektaaee dar 6a- 
aehiehtsftbtbeilung die Erlaubniaa, einige Worte Ober die ia 
den leistet! Jahren, namenllieh 18ö9^ beobaofatetan Epidemiean 
von Diphtherie naohautragea. 

1857 kamen in liaaabon mehr FiUie vob Krap und PiyJbf* 
tberie vor ala in den vorgäugigen Jahren. Unter 10949 8lerb* 
fiülen dieaes Jahres, wohin aoeh diefiSpideaMa des vevwttitaa- 
den gelben Fiebers gefalle» war, sind 26 vt Folge voa 6*t 
rolilho aufgeführt (15 m« 10 w« Individuen — 24 Unter 8 J^ 
eines mit 24 J.). • 

Grösser war die Zahl der Todfltlle 1858 (im 2.8aiaeatar 
hauptaftchlich) unter 5390 BterblUka kaman 66 mif GarrOt 
tilho oder Angina pseudomambranoaa (14^ Ba warea 44 afr. 
und 24 w. Individuen (64) -* im Alter bis 8 J. 63 ladiv.^ 
3. von 9—21 J.; von 2 war daa Alter nieht aagegebaü, -^ 
die kftraeste Dauer von 4 Tagen traf auf die Ifehraahl von 
41 •*- die Ittngate auf bis 13 Tage. 

Sehr ausgedebnt war die Epidemie 1869 *- sie halte 
134 TodOtile zur Folge^ davon kaiaen 55 auf Angina diph^ 
therica ohne Erup — 79 auf Gktrrotilho (61 m., 73 w. Ind.) 
125 im Alter bis 7 J. 8 von 8 bis 15 J. — i Fall unbe- 
kannt, - die Dauer bei 84 von 1—6 Tagen, bei ,16 v. 7— 8 Tage 
— bei 8 von 9—17 — bei 26 niobt aagegebau* 



2Tt 

Im ahaioM]»ob-paihologibclie0 Theile seiner 
Sfsbrift Mit Yerftimer die PseiidoiDemiMma als den Krup 
diarakierUiwBd, hervor (p. 83.) and-unterBucht 8ie nach ihren 
pilyBtaehea , aikroskopisohen und ofaemifrchen 
Merkmalen. Site, FWbe, Form, Konsiatetn und Elastizität, 
Diok« oidet DttMhnwsser^ Zaetaad der Ober- aad Unterfl&ohei, 
dioker Haut mit deren Adbäreaz dureh die diphtheritehen 
Krankheüsprodnkte nach intentii'fft und Dauer des Uebels 
differiren in liiebts von den Beacbreibungefi anderer L&nder, 

Die mikroskopiaeh^n Merkmale aeiebnel) Verfasser 
aaeh Bouaknt^ währeMl. darüber bereits «roUstftodigere be* 
steben« 

Die ebemisokea Merkmale (p. 35). Boucbat 
uad Vallaix ailirt er aam Theil als Oewftbrscsftnner. Als 
die allgeMeütst0n 'ehemisehea Charaktere fährt er an : ^^DiB 
KrapiaembraiK basteht aas koaguHrter Fibrine, und deren Asob6 
ans KalktBultdiat ond eoda^arbonat^^ 

Die miktfoskopisobea und sobemisehen Beobachtungen 
seiaas Landsompnes und Freandes Maj Figueira's will er 
ntsbt fttr absokit kompetent ausgaben« Die lalsoben Membra* 
Den stellten ihm anter dem Mikroskope amorphe Materie« 
Bialekal&re6r«Dttlationen, viele weisse Körperchen (Imcocystos), 
wirkiiabe Eiterkllgelohea , einige Bkitkügeleben , Faserscbeo 
TOD koagulirter Faseratoffnaterie, am meisten sichtbar an den 
Bändern das durch die Präparimadeln zerrissenen Gewebes, 
dsiu Pflastereptibeliai* Zellen zuwetlenr in grossen Gruppen 
i»d so regelmiasig giescfaaarl, dass sie ein förmliches Elpi« 
ibelial-Fragment darstellten. Ein grosser Theil tob Leueooysten 
zeigten Meh darcb Feserstoff yerbuivde« in so grosser Quan* 
tititt, dass die Umrisse schwer zu unterscheiden waren, und 
eehienen vielmebr eine Sobleiaiihautportion zu sein, woria die 
Bpithelialzellen dureh weisse Kflgelchen ersetzt waren. Die 
spezielle Analyse entlehnt er von Ozanam (Cosmos, 25. 
Januar 1861.) *). 

Aetioiogie (p. 41 j. 

Alter: Nach d. V. Beobacbtongen kömmt er am h&uflg- 
— . -. — -«- «.lii 1... 

*) p. 36-«4t. 



m 

tteo swiaeben 2 bie 7 Jahren vor. Von dteMm Höhepuokte 
aafw&rts Diromt seine Frequenz immer mehr ab. Zwei Fftlle, 
die im Alter von 71 bis 72 Jahren vorgekomnMn, aitiit «r 
aas Trouseeau und Louis, — dann benfltal er die sla« 
tistischen Zusammenstellungen von Millard, weMie nacli- 
weisen, dass uaier 124 im Kinderspitale sa Paria beoba^^hteien 
F&llen die grösste Frequenz auf das Alter von 3 Jahcen fiel, 
dMin kam jenes von 2— ö Jahren — dann folgen die Altera- 
jahre von 4 — 11, weloh' letzteres die geringste Zahl suffreiai. 
In 138 Fällen von Peter, im nämlichen Spitale beorbschtet, 
fitUt die Mehrzahl auf das Alter voa 3—4 Jahren. ^ Dann 
folgen die Altersstufen von 2—3 Jahren und von 4 — 5, die 
geringste Zahl trifft auf die von 6--10 Jahren. 

Eine 3jfthrige Statistik der Santa Caga 4a Mdsericariüa 
in Lissabon von 1857— 59 ergab in 21 KrupftHeD 3 auf 4 
Jahre, je 2 auf 15 Tage, auf 2, 3 Jahre, dann ja 1 Fall auf 
8 Tage, 15 Tage - auf 1, 7, 8, 18 Monate. Dann aof 57«) 
6) 6V)i 7, 8, 9 Jahre ein Fall mit nnbeka&Dtom Alter. In 
24 F&llen von Krup, wo die Tracheotomie gemacht wurde, 
waren 3 von 5 und je 6Jahrea. — 2 von je 4Vt und 7 Jah- 
ren, je 1 von 9, 11 Monaten — von 2, 3, 5 Vi» 6'/«i 8, 9, 
10, 17 Jahren. - Die Mehrzahl fiel mit 4 F&il«n auf das 
Alter von 4 Jahren. — Demnaoh 2 FlUle unter 2 Jahren — * 
18 zwischen. 2—7 Jahren und 4 aber 7 Jahre. 

Naoh den Angaben des Gesuodheitsrathes des Köuigreiobs 
(durch Marcellino Graveiro) ergaben sidi in den 3 Jah- 
ren von 1857 — 9 an Krup und Angina diphtherioa 227 Sterbe- 
fikUe, darunter 82 bis zu 2 Jahren, 122 zwischen 2 u. 7J8h' 
ren, nach 7 Jahren bis 30 Jahren 20. Unbekanut blieben 3.— 
Der Krup hatte 150 Todesfälle. Von diesen 150 TodeaßUlen 
fielen 60 unter 2 Jahren, 77 ins Alter von 2—7 Jahren, 13 
darüber; ein Alter blieb anbekannt, (p. 48.) 

Für den Oarrotilho trifft sohin die Pr&disposition auf das 
Alter von 2 — 7 Jahren. 

Geschlecht. Mach Bouchut's Statistik aus einem 
Zeiträume von 28 Jahren, nämlich von 1826 bis 1853 iaclus., 
treffen von 7543 Krupkranken 3834 auf männliche — 3596 
auf weibliche Individuen — bei 113 war das Oeaohleoht nicht 



t73 

aagf^eben. Dm OeeefateehtovertiftltniM wftre demnaeh wie 
1: 1,066. 

VerfftMer entDahm aus den Todtenlisten von 3 Jahren 
m Usaaboo 327 FlHe, von Todftülen in Folge von Krup und 
AngiDa diphtherioa, wovoir 120 auf tnftnnlicbe, 107 auf weib- 
liehe iDdividuen kamen, waa ein Verh&ltniss von 1: 1,12 ab 
wirft. Ba vertheilten siofa davon 150 Tod&lie auf Krup und 
77 auf Angina diphtfaerica. Von diesen 150 Krupkraolceu 
waren 83 nftonliehen, 68 weiblichen Geschleeblea gewesen. 
Letaleres Terhielt sich davnach wie 1, 1,20. 

Von 21 KrupfUlen ans der Oasa da Misericardia von 
Lissabon waren 9 bei Knaben, 12 bei Mädchen vorgekommen, 
und bei den bereit« erwähnten 24 Krupkranken , an denen 
die Tracheotomie nie vorgenommen worden, befonden sich 
12 Knaben und 12 M&dchen. Die Totalstatistik von Portugal 
aus 384 Fällen stellt 189 männlichen Geschlechtes, 195 weib- 
lichen vor. 

Stellt man damit zum Vergleiche die Statistik von Bou- 
chut, Mtllard und Peter in 8087 Fällen zusammen, so er« 
gibt sich die 2iabl von 4164 beim männlichen, und von 8923 
beim w^bKcben Geschlechte , demnach ein Ueberschuss von 
241 beim männlichen. ->- (folglich 1: 1,061). (p. Ö2.) 

In Besug auf Temperament und Körperkonsti- 
tution. Nach Mehrzahl der Beobachtungen und Erfahrungen 
soll das lymphatische System , sollen schwächliche Konsti- 
tutionen oder solche, die durch Entbehrungen und vorgängige 
Krankbeiten heruntergekommen sind, am meisten prädisponi- 
ren. We gleichzeitig damit Qbereinstimmenden Angaben von 
B. Bartkez und A. F. Billiet, von Guersant, Blache 
litirt Veiftisser als dieses bestätigend, ohne jedoch zn unter- 
lassen, die gegentheiligen Vorbringnisse von Hache (183ö), 
von Vau tk 16^(1846 — 7) stillschweigend zu übergehen. Bar- 
bosa selbst hat keinen Unterschied hierio zu beobachten Ge- 
legenheit gefunden, ebensowenig Dr. Simas. Das statistische 
Verhältaiss von 24 Fällen, die in Lissabon vorgekommen, 
war: „Von lymphatischem Temperamente, einer guten, regel- 
mässigen Keoatitution, gesunde Kinder waren 16, — von san- 
gttinkMdiem und lymphatiscb-sanguinisckem Temperamente, einer 



87t 

robusten Koitstitiilion waren 2, — von IfmpftiaiisöheniTefvpeiB- 
mente, schwacher und delikater Konstitution waren 0. 

In dei^Casa Pia und der Santa Casa da Miserieoi^ia von 
Listaboa) deren Bewohner aus achwftcblieiitn , lymphaHaohan 
und skropbulösen Individuen besteht, ist Krup und mdö dipb« 
therisofae Fonnen sekea. Der Ausspruch des Dr. Sinna^ 
ist „der Kmp yersohont weder Temperament aoch Kottatt^ 
tution/' (p. 55.) 

Stände und Mensehenklassen: Die Krankheili Ter*- 
schont in Portugal weder die ArmeB^ imt Noth uad EntbeAir* 
ung kämpfend, noch die Mittelklasse, noch die Reichen. 

Jahreszeiten: Wenn auch Krup und Angina diphthe« 
rica au allen Jahresaeiten vorkommen , so kommen dooh die 
meisten Stimmen der Beobachter darin flberein, daae sie von 
den kälteren begünstigt werden. 

Von 30 Fällen, welobe 1857-^9 eu Hause, in 4er Santa 
Casa da Miserioordia und Casa Pia waren behandelt worden, 
trafen 6 auf das Winter -Quartal, 8 auf das Frühlinga-lVi- 
mester, 13 auf das Sommer- und 3 auf das Herbst^Trimeater. 

Bei den 24 durch Tracheotomie Operirten kommei» : 3 a«f 
daa Winter*, 4 auf das Fnühlings-, 7 auf das Sommer- aiMi 
10 auf das Herbst-Trimester. 

Die Statistik von Silva Franeo (aus der Epidemie von 
Gampo Grande im Jahve 1859) stellt heraas unter IIS FAlleo 
27 auf den Winter, — 69 auf das Fttthliags«, 6 auf daa 
Sommer- und 9 auf das Herbet-Trimester. 

Die Statistik, aus den Todteoaobeinen snsammeogeslislM 
all 150 Fällen, wies 38fBr das Wintaiv, 30 fttr dasFrttälings«, 
43 für das Sommer- und 39 für das Herbst-Trimeeier nach« 
Indem wir, Ohne alle weitere Speaiikation, eine aJlgemeiaa 
statistische Uebersicht aller Fälle ausammanfassea, esgibtsiek. 
auf eine Total-Samme von 394 far das Winter-Trimester em& 
Aniahl von 92, — für das FrOhlings-Trimester 123; dana 
102 für das Sommer- und 78 filr daa Herbst-Trimester. Unter 
den Monaten fiel die Mehrzahl auf* April und Mars, die Man* 
derzahi auf Oktober und Januar. 

Aus der Oeneratstatistik geht demnaek hervor.^ daas der 
Krup und die Angina diphtheriear im aw^iteii odei im Frflh*' 



8T5 

HBg«*THiii80ler sin htaflgalen in Fovtugal vorkam, wis iml 
dem sllgemetBen Ana^priiehe der Beobaehter und der Ltoder 
niebl tt^reis* kömmt. 

Temp-erater: Verfaeter meist , die VerbäliDisse der 
iakreaseilen w&ren wohl aiiek anwendbar aaf die Temperatur, 
ond damiif hin wiren nicht die kältesten in Portugal diejeni« 
g^, wo 8i9 am htaflgat^n vorkäme, 

Klima: Oarrotill^o, sagt Verfasaer, unff Diphtherieen im 
AUgemeinei^ kämen in allen Klimaten vor, Zum Belege zitirt 
er die Epidemie von Alk maar in Holland, von Peter Forrest 
Mitte des XYI. Jahrhunderts beobachtet, - jene in versqhiede- 
nen Theiien Spaniens und hauptsächlich im Beginne des XVIL 
Jahrhunderts beobachtet und beschrieben von Villareal, 
Herrero, HercadO| Heredia, Nunez u. a. m. Dann 
jene von Cremona in Italien 1618, wovon die beste Garne- 
vale, Nola, Zacutus (jusitanus und Marc-A urelio. 
Severino, die zweite 1749 durch Ghisi - von Kingston 
in Nordamerika, welche 17 Jahre nach der Epidemie von 
Neapel ausbrach, — von England von Fothergill, Starr und 
Hillary aufgezeichnet; — von Frankreich, in Paris, welche 
von 1743 bis 1748 hauste, und von Haloin und Chomel 
beschrieben, — und welche in den letzten Jahren so oftmals 
mit merkwürdiger Andauer nicht allein in Paris, sondern auch 
in mehreren I>epartementen des Südens und des Nordens von 
Frankreidi sich wiederholte, — ■ jene, welche sich in verschie- 
denen Theiien Brasiliens kund that, — vorzüglich jene von San 
Francisco, welche Dr. Wooster im Jahre 1860 beschrieben 
hat; endtieib jepe von Portugal, in der besonders Lissabon 
1866, 68 -- und 1869, wo sie 134 Opfer hinraffte, davo« au 
leiden battei -Im J«hr 1^7 hatten sie niehtden sporadiseheD 
Okarakter flb^rsohritteo moA oäblten dennoch 85 Todesfall«» 

RQekf&lle. (p. 69.) Ba gilt Kwar als allgemeine Regel) 
sehreibt Verfasser, dass der Krup dasselbe Individuum nur 
ein Hat beMle; jedoch aitite» die SehriftsleUer hiie und da 
e&nen Fall von <loppeitem Vorkommen , -^ ^ui«l das Gleiche 
gilt aneh von P4rtngsl. 

Votgftngi'ge Krankheiten : Es gibt in der Thal 
BrankheiMi) ia ^aren Vetfairf öftere Male der OanrotUh» siob 



eisslelli, so, dftas man eioe gewisse Besiehofig awiaohea ibnM 
Dieht in Abrede stellen kann, fis sind dieses oamentlieb 
etliche fieberhafte Ausschlagskrankheiten , und daninter 
namentlich das Scbarlachfieber, das auweilen dem Kmp vor- 
geht, ihn begleitet oder auch ihm folgt, — und dieses gilt 
sowohl vom sporadischen, als auch vom eptdemiBOben» 

Bei einem Erup-Eranken, welchem Theo ton 10 da Silva 
in Lissabon den Eehlschnitt machte, und welches hergestellt 
wurde, war der Garrotilho auf Scharlach mit Angina tliph- 
therica gefolgt. 

Zuweilen sind Epidemieen von Röthein oder Scharlach 
Vorgängerinnen, Begleiterinnen oder Nachfolgerinnen von 
Angina diphtherica oder Erup. Bei vielen der Eranken aus 
der Epidemie von Leiria^ 1 789 beschrieben vonLuiz Soares 
Barbosa, kam er in Verbindung mit Scharlach vor. Der- 
artige Beobachtungen wurden im Grossen in Paris gemacht, 
(Boudet 1842) — 60 Fälle von tödtlichen Garrotilhos von 
Ferra nd beobachtet, waren auf Röthein oder Scharlach ge- 
folgt. Letzterer kombinirt sich meistens mit Diphtheriten, und 
diese Affinität wird noch durch Albuminurie bestärkt. 

Epidemie (p. 61.)« Obgleich der Erup eine Krank- 
heit ist, welche gewöhnlich sporadisch auftritt, kömmt er den- 
npch zuweilen in epidemischer Form vor, und gibt unverkenn- 
bar zu bemerken, dass ihn eine auffällige Beziehung mit all- 
gemeinen Krankheiten, namentlich mit exanthematischen Fie- 
bern, charakterisirt. 

Kontagium, Ansteckung: Die kompetenleatfMi Au- 
toren, fahrt Barbosa an, tbeilen aich in 2 Lager, wovon 
die Einen für, die Anderen gegen Kontagium oder Mittbejl- 
ungsfäbigkeit sind. ZuSrsteren z&hleB Jurine, firicheiea«, 
Trousseau, unter den Portugiesen Bernardino und 
Barral^ — unter Letzteren Guersant, Bretonneau, Mi^ 
qnei. Nach Anderen bliebe die Frage nooh sehwebend*- die 
Lösung sei noch durch neue Thatsaehen abzuwarten, -r-hietMr 
gehören Rilli et, Barthez und Bonchat Die Mehrzahl 
der Beobachter stimme abrigens darin Oberein, daas map die 
von Kmp befallenen Kinder glbnüieh abaondere und . in W 



27T 

von der Kmnkheit durehaas verschontes Haus bringen müsse. 
Dieser Ansicht scfaliessi sich auch Barbosa an« 

Zum Belege flQr die ihats&chlich geschehene Mittheilung 
des Rrups zitirt er die von Dr. Peter in dessen Inaugural- 
Schrift angefahrten Thatsachen, worauf wir unsere Leser 
verweisen, (p. 62 — 3) — und jene von Henri Roger*) 
die Ansteckung von Valleix und Henri Blache, sowie 
Oillette, welche alle 3 Opfer derselben wurden. 

In Portugal hatte man Aehnliches beobachtet (p. 66.) 
Verfasser hebt folgende Vorkommnisse heraus: 1) Joaquim 
Theotonio hatte die Operation des Kehlschnittes verrichtet. 
In demselben Hause wurden nacheinander 4 Personen davon 
befallen : die Mutter des Kranken, — 2 Söhne, wovon der 
Bine starb, w&hrend der Andere durch die Tracheotoroie ge- 
rettet wurde, — dann eine Miethsperson. 

2) Bmestina, 4 Jahre 8 Monate alt, vom Krup befallen, 
starb am 7. Tage. Ihr Bruder, 2 J. 5 M. alt, ward am 2. 
Tage nach ihrem Tode von schwerer Angina diphtherioa be- 
fallen, — durch passende Behandlung jedoch gerettet. 

3) Am 4jährigen Heinrich Ferrari wurde von Theotonio 
da Silva in Folge von Krup die Tracheotomie gemacht 2 
Tage 11 Stunden nach der Operation starb er. Der Kranke 
hatte 6 Brflder, wovon 4 mit Angina diphtberica befallen wur- 
den, und sbwar der Eine davon, als Heinrich die ersten Zeichen 
von Diphtherie zu erkennen gab. Von den 3 Uebrigen wurden 
2 Andere bald darauf krank — und nur Einer erkrankte et- 
was sp&ter. 

4) Die 4jlthrige Marie, an Angina diphtberica leidend, 
wozu sich Albuminurie und Krup gesellten, unterlag am 9. 
Tage der Krankheit Ihre 33jährige Mutter, eine rüstige ge- 
sunde Frau, welche ihr Kind fast nie aus ihren Armen gelas- 
sen hatte, wurde von einer leichten Ainygdalitis diphtherica 
befallen, von der sie jedoch leicht genas. Dagegen wurde 
ein 15 jähriges Mädchen im Hause, obschon sie die Kranke 
wenig besucht hatte, heftiger davon ergriffen, übrigens eben- 
falls gerettet (p. 67.) 

*) 8. L'uniom mMcaie 4e 1869 Note snr VinocvlabfVii de la con- 
i00iom dela dipkMrite M. ... In Barbosa'i Werk p. 63—5. 
XLVI. 1S6S. 19 



sn8 

5) YoD einer PainiK« (in d^ Strftsse do PMr^ eifirk>) 
mit 8 Söhne« erkrankte einet dersetben , 9 Jahre aK , ati 
Angina diphtherioa, sich fteooibinirend mit Oarretfitio, Albumin- 
urie und dipbtheriseher Intoxiliation. Er atarb nim 14. Tage 
aeiaer Erkrankung lOfi Spiiale. 4 Tage naeh deinem Ti»de, 
am 5. seines Einftrittes in^a Bpital, wurde deasea 2V2 J&hriger 
Bmder Oaaimir von deraelb^ Krankheit ergrifl^A^ wieder im 
Spitale behandelt^ aber gerettet. Eine 4j&hnge Sehiitreatef 
derselben, Caroline, starb dagegen 7 Tage nach ibreita BiAtritte 
id's Spital. 

6) Ein HiUlehen ▼an 7. Jahren, lympfaatisch-nerTöeed Tem- 
^ramentea und schw&ehKch, erkrankte an schwerer and aus- 
gedehnter Angina diphlherica. Eine energische Behandhing 
stellte sie her. Ihre Schwester, welche mit ihr in demselben 
Zimmer geschlafen hatte , verfiel in dieselbe Krankheit , Von 
der sie dureh fthniiche Behandlung geheilt wurde. Rire Kinds- 
fran, welehe sie pflegte und stets um sie war, verfiel der- 
selben Krankheit geringeren Gh*ades und konnte h-ergeatellt 
werden. In dem n&mltohen Hause kam non ein wefftcMr 
F»ll bei eiaem Diener vor, der, obsohon hochgrA^(%, dennoch 
keinen ttblen Ausgang nahm. 

7) In der Strasse de S< Bento wurden in einer Parallfe 
mit 5 Kindern 2 in einem Zwichenraume eines Tages TOto 
Diphtherie befallen — bei dem Einen mili Garrotilho kompli- 
airt. Beide von 3^/2 ^^^ 6*/z Jahren wurden geheiN. LefzVere 
bracht« mehrere Stunden in einem Zimmer nebenan zn, worin 
sich 4 andere Kinder befanden. Schon nach 2 Tagen wurden 
alle nach einander toh Angina dipththefica befallen. Sie be- 
Iknden aich in einem Alter von 3V21 &> 6. und 9^2 J^^hren 
und wurden alle geheilt. 

8) Ganz fthniiche Beobachtungen theifte dem Verfesaner 
auch sein College Oliveira Soares mit (p. 69). Er wftfe 
sogar im Stande, eine noch yiel grössere Anzahl von That- 
saehen von Uebertragung der Krankheit vercubringen, fehlte 
ihm nicht die genaue Angabe von Alter, Zeit und Dau^r 
der Erkrankten. Er kam zur Ueberzeugung , dass in Epi- 
demieen sich um die Kranken ein atmosphftiisaher Dunstkreis 
bilde^ der förmlich aum Ansteckungeberde werde. D^egen 



3f» 

seht er d» TbaUaohen von MittiMtltaiDg durch Inokulatioa 
der Krankheit, durch Bis«, anatomiache Verwundung, dureh 
Kontakt diphtherisdier Krankheitsprodnkte auf Nasenhöhle, 
Mond oder andere Körpertheile, einigermassen in Zweifel, ok>- 
•ehoa &p die Angabe» to» Luis Mercado, Guersant, 
Trouteeau, Bretooneau, von Gendron de Ghateau 
da Loire, Ton Gpreau, Baudraj etc. (p, 70 — 2) er- 
sfthlt. 

Sjmptomatologie. (p. 73.) 

Verfasser theilt dieselbe in 4 Perioden ab, wovon die 
erate sieh dureh eine besdnamte Zahl allgemeiner und lokaler 
Symptome- oharakteristrt , welche der Keblkopfafifektion vor- 
gehen; — die zweite beginnt mit dem ersten Auftreten 
der Larjnx-Symptome und mit den ersten Anseichen der 
Dyspaoe; — die dritte tritt mit Dyspnoe auf und endet mit 
der Mstcb Kundgebung von asphyktischen Erscheinungen; 
---> die vierte endlich ist g^ennzeichnet durch ausgesprochene 
Asphyxie. 

Als tti^wöbnliohe Symptome im ersten Zeiträume 
des Garrotüho z&hlt er auf Konvulsion mit darauffolgendem 
Verluste des Bewusstseins und komatösem Zustande. Ein 
decartiger Fall ^ ward von Silva Franco in der Epidemie 
von Gampo Grande beobachtet und ein weiterer bei einem 
Kranken , an dem in der Folge die Tracheotomie gemacht 
wurde. In der erwähnten Epidemie waren meistens die An- 
fangssymptome folgende: wiederholtes Nasenbluten, Kopf- 
und Bauekweh, Fieber, Schwindel, zuweilen Konvulsionen^ 
Delirien etc. 

Diese Vorlftufersymptome erstrecken sich in Portugal 
nicht Ober den dritten Tag, nur ein Mal beobacht^e Verfasser 
eine Verzögerung derselben bis zum 7. Tage. Sie sind dort 
mehr oder weniger intensiv, je nach den Jndividuen, der dar- 
auf folgenden Krankheit oder je nach der herrschenden Krank- 
beitskonstittttion — die Zeichen ihrer beginnenden Lokali« 
aatien 4n Pharynx oder Larynx oder beiden di£ferirt nicht 
von jenem anderer Lande; der zweite Zeitrai^m, cha- 
rakterisirt durch die Erscheinungen im Kehlkopfe ohne An- 
fiUle vmi Suffokation oder Dyspnoe, dauert einige Stunden 

19* 



380 

oder Tage. Die heryortretenden Zeichen sind Husteo, Ver- 
&DderungeD im Klange der Stimine, einem mehr oder weni- 
ger rauhen Pfeifen im Kehlkopfe , von dem Durchgänge der 
Lufl: durch den Kehldeckel herrQhrend, dessen Wftnde ange- 
schwollen oder mit Pseudomembranen -ausgekleidet sind, welche 
den Durchgang verengen. — Eine ganz ausführliche Oruppir- 
ung der Symptome unterlassen wir durchweg, da sie in allen 
Ländern etwas Oemeinsames haben. Wir führen, der Voll- 
ständigkeit wegen, nur die Hauptmerkmale an: das Laryngeal- 
Geräusch , der Schmerz im Kehlkopfe, mangelnde Expektora- 
tion etc.; in diese Periode tragen sich modifizirt und ver- 
schlimmert auch noch Merkmale aus der vorigen Periode 
herüber. 

In der dritten Periode, jener der Dyspnoe oder 
der Suffokation nehmen alle vorigen Symptome an Intensi- 
tät zu , sowohl die allgemeinen als die lokalen : Inappetenz 
und Schlingbeschwerden sind grösser, Hasten meistens rauh, 
er heisst mit Recht Krup- Husten, er hat den Krup-Toa« Ist 
der Husten erstickt, so, dass er mit Tussis eztincta bezeichnet 
wird, dann erseheint er so ganz als Bigenthum des Oarrotilho. 
Die Stimme entspricht ganz dem Husten, heisst deshalb auch 
Krup -Stimme oder auch Aphonie crupalis. Zu den Zeichen 
des Hustens und der Stimme gesellt sich die das ganze Sta- 
dium kennzeichnende Dyspnoe. Sie stellt sich Anfangs an- 
fallsweise ein, — wird aber, endlich permanent. Sowie diese 
Anfälle beginnen, erfasst die Kranken, auch sogleich Erstick- 
ung und Angst, welche sie zu mancherlei Agitationen treiben, 
wobei sie roth und livid werden, die Augen werden glänzend 
und geben den Anschein , als wollten sie aus ihren Höhlen 
heraustretet — Mund- und Nasenhöhle öfihen sich weit, um 
mehr Eintritt der Luft zu gestatten. — Der Kranke sucht 
allenthalben Stütze, um die Inspirationen ergiebiger zu machen, 
er bedeckt sich mit Schweiss — das Kehlgeräusch wird stets 
intensiver, der Puls gemeiniglich klein, beschleunigt und stei- 
gert sich bis 140, ja 170 Schläge — der Kranke scheint dem 
Ersticken nahe. Nach mehr oder weniger Sekunden geht 
der Anfall vorüber, der Kranke wird ruhiger, legt sich hin, 
erschöpft, athmet leichter, jedoch stets mit einer gewissen Bc- 



261 

•ohwerde. Indess nehmen die ZuMle gradweise tn — mit 
ihnen die AnAile, welche in solcher Paroxysmengraduirung 
■oweilen auch ganz fehlen, namentlich bei Erwachsenen. So- 
bald die Dyspnoe bu dieser Höhe gelangt ist und sohln an 
Orad und Prequens zugenommen hat, bemerkt man namhafte 
Depression der Suprasternal • und der Magengrube, grössere 
Erweitemng der Masenflfigel, selbst Störungen der Hämatose 
werden augenfällig. Dieser Zustand ist zuweilen auf sehr ra- 
pide Weise durch einen der spasmodischen Anflllie so ge- 
ateigert, dass es den Anschein hat, als wollte die Natur durch 
eine letzte Anstrengung das Athmungshinderniss beseitigen, 
ond dann endigen manchmal die Bxazerbationen mit Aus- 
stoasung einer häutigen Röhre, Portionen falscher Häute oder 
eines fadenziehenden, zähen Schleimes, welche den Kranken 
erleichtert, oder beides hat nur ausnahmsweise Statt. 

Besteht in dieser Periode schon Albuminurie, dann nimmt 
sie zu, — ist es nicht der Fall, dann beginnt sie erst oder 
sie f&llt Tollends erst ins vierte Stadium. Auch der physi- 
kalisch-auskttUatorischen Zeichen erwähnt er (p. 79), welche 
jedoch vom Kehlgeräusche übertönt werden, oder auf geringe- 
ren Luftzutritt zeigen. Das einzige und den Bestand von 
Pseudomembranen unter der Olottis charakterisirende aus- 
kultatorische Zeichen ist ihm das Valvular-Geräusch, das sich 
zuweilen in der Trachea oder den Bronchien vernehmen lässt. 

Die vierte, asphjkiische Periode. Das pathogne- 
monische Zeichen der Asphyxie kann manifest oder latent 
sein, — der erstere Fall ist der gewöhnliche. Die speziellen ^ 
Zeichen können wir als bekannt voraussetzen , es erübrigt 
ans nur eine dem Verfasser eigenthttmliche Beobachtung, die 
er bei der Tochter Tavora's gemacht. Bei der Operation 
der Tracheotomie, die er an ihr mit Erfolg vollführt, ward 
dieselbe in der Nacht von einem solchen quälenden Durste 
befallen, dass sie beständig Wasser oder einen damit getränk- 
ten Schwamm verlangte, um sich Mund und Schlund zu be- 
feuehteir. Zu dem Symptomenkomplexe gesellte sich auch 
die von anderen Autoren beobachtete, jene krupale Anästhesie, 
worüber Bouchut 1858 seine Recherches sur un nouveau 
sympiome du croup servani Sindication ä ia (racheotomü sehneh. 



t9i 

Unter den Portugiesen hatte sie Joaquim Theotonio 4a 
Silva zuerst 1852 bei 2 an Tracheotomie Operirten beob- 
achtet, und hatte seine observacäo de crup asphyxico , doroh 
den Eehlschnitt geheilt, in dee Gazeta Meäica de LUboa vom 
16. September 1856 veröffentlicht. Zu seinen weitl&uflgerefl 
Betrachtungen hierüber können wir ihm (p. 81) nicht folge«. 
Sie gilt ihm, als latente Asphyxie, für ein Merkmal droheBÖer 
Gefahr und darum als Anzeige zur Operation. Dennoch aber 
fohlt er sich nicht gehoben, der Anästhesie vollwichtigem Weiih 
beizulegen, wie Bouchut, indem er die 6 Beobachtungen 
von Grequy entgegenstellt, wo 6 Kinder aspbvktisch ohne 
An&sthesie starben, indess die Autopsie Pseudomembranen im 
Kehlkopfe nachwies. 

Hiebei wirft Verfasser die zeit- und ortsgeraäsae Frage 
auf : „Kann denn die An&sthesie nicht, wenigstens zam Thdle, 
zuweilen von der Krankheits-Intoxikation abhängen ? Diese 
Voraussetzung gewinnt Wahrscheinlichkeit, wenn man be- 
denkt, dass die Sensibilität und Motilität offenbar durch die 
Diphtherie ganz unabhängig vom asphyktischen Zustande be- 
dingt werden. 

Seine klinischen Beobachtungen Ober den Urin üallen mit 
jenen Double's, Schwilgue'e u. A. zusammen. Auch er 
sah kopiöses Sediment aus Granulationen von amorpher Ham- 
soda gebildet. 

Die Albuminurie, zuerst von Ray er im Krup beobachtet, 
nach ihm von Lorain, von S^e (1857), von Wase (1858)9 
dann von Bouchut und Empis, welche der Akademie der 
Medizin eine Denkschrift sur lalbuminurie dans ie croup et dam 
les maladies diphtheriques (1858) eingereicht hatten , hatte 
bereits unseren Verfasser veranlasst, 1859 in der Gaz, med. de 
Lisboa eine besondere Arbeit zu veröffentlichen u. d. T. da 
albundnuria no croup^ e da sua importancia nas affeccäes d^fk- 
thericas e na operacäo da tracheiotomia dererminada peio gar- 
roHlho. (p, 83). 

Seine Beobachtungen bringt Verfasser nun zanäohsi 
in 5 Klassen: 

1) Anginem diphthericae ohne Krup mit Albuminurie; 

2) in Anginae diphthericae ohne Krup und ohne Albu- 
minurie : 



:i) lAngipat dj^bteiioaemit GUurotillM) und nit ANitiBinariii; 

4) solche mit OarroiUbo aod ohne AlbumiAiHie; 

5) Kjrup ohne Anfina dip|iib«nQa Hod ohne Albufliiaurie. 
Die eirs^o B4obacbUog betraft ein Ml^ekeii von 6 

J^hien 9 Monates. Mü dem vierreo Tage batte siob Alba* 
miimn^ eiiftgealellti» #icb 12 Tage biodurcb stets wiederholend^ 
woflnit siob dann Pseudomembraoen im Halse einstellten und 
sekundire Züffüle su Folge hatten. Sie bildeten sich zuerpt 
eof der linken Maedel, dehnten steh ato das Z&pfbhen, das 
OmilDeasegel «nd den Pharynx ans, dabei waren die Mandeb 
gesehwoUen, die Balsdraaea ebenso, -«- das Fieber nieht Ober- 
mftseig. Die Bebandiung bestand in zweimaliger Aetsusg tag- 
lieh mit Bdllenslein, ilusserlioher Anwendung Ton Roseobonig 
mit Alaun au gleichen Tbeilen wftbread der Zwisobenrftume,-^ 
innedioh itwei Hai Brechmittel und Chlorsoda -^ auletzl Sulph. 
ehiBin. und £ise»perchlorar. Heilung. 

Zweite Beobachiung. Angina diphtherica bei einem 
Gjlthirigen MMobeq — Albuminurie — lAhmuog des Oaumen'- 
segeis — typhoide Zufälle fünf Tage naohdem die flbrigeo 
Zeichen aafgebart hatten. Di« soflingliche Bebaadlung ganz 
dar iror^n analog — mit Biniiriit der typhösen Brseheinungeo 
entspreohend modiäiürt (p. «8). — Tod am 20. Tage. Allge- 
meine Mpbeazeichen bei der Nekroskopie Cerebral - Kon- 
gestioD, die weisse Hirnsubstana mit Blutpunkten besprengt — 
Langenbyed^mie — Brguss in den Pleurasäcken — der KeU- 
kiQ|tf und seine Wandpngen hart, verdickt, etwas entstaltet «*^ 
die Trafohealscbleimhaut eelir geröthet — Herz normal — Unter- 
leib sehr aufgetrieben von Öae und Flflssigkeit ^ — dieMesen* 
tariakküsen etwsbS anfgeichwoüen — der Dünndarm ecchymo* 
siri, 4 -SpMlwQrmer enthaltend^ im Zwölfijugerdarme und Magen 
Bechymoaen, die Bruoner'schßn Zotten angeschwollen und livid 
— liabsr hart und missfarbig — Nieren kongestionirt. 

Dritte Beobachtung, (p. £9.) Eine 25j&brige ver- 
heiiathete Frau , lymphatischer Konstitution , schwlMshlichen 
Temperamentes, ward in der Nacht vom 16. September 1859 
von ausgedehnter und heftiger Angina diphtherica be&lleo, 
welehe si^ jedoch auf die Sohlingtheile beschränkte , keine 
AUMMoinums zur Folge h^tte. Betupfung mit Höllenstein ^-^ 



t84 

Alaan — Olyzerin — Chloriiraonade — BreohmilteL — Heilung 
nach 9 Tagen. 

Vierte Beobachtung, (p.89.) Bin Mftdohen von 7 Jah- 
ren, lymphatiach, schwäehlloh) geimpft, welches nie Ansscblags- 
fleber gehabt, litt seit sp&ter Entwöhnung ein Jahr hiodoroh 
an Durchfall und blieb bis in sein 3tes bis 4te8 Jahr 
mager. Im August 1860 ward es yon ausgedehnter Anginia 
diphtherica ohne Albuminurie hefteten. Die Krankheit er^ 
streckte sieb über Mandeln, Zäpfehen, Gaumen und den 
ganzen Schlund, Pseudomembranen bildend. Behandking ana- 
log den Yoranstehenden — Heilung nach 10 Tagen. 

Fünfte Beobachtung. Ein Gegenstück zur TOran* 
stehenden liefert die 6j&hrige Schwester der vorigen, gleich- 
falls von Angina diphtherica ohne Albuminarie — Heilung unter 
ähnlicher innerer und äusserer Behandlung nach 8 Tagen. 

Sechste Beobachtung, (p. 90.) Da dieselbe auseer 
das Bereich der Kinderkrankheiten fltllt, indem sie eine Per- 
son von 57 Jahren (Kindsfrau der vorigen) betrifift, so über- 
gehen wir sie. 

Siebente Beobachtung, (p. 91.) Bin vierjfthrigeä 
Mädchen, Mar. Luise Pereira, lymphatisch, schwächlicher Kon- 
stitution, hatte noch keine Kinderkrankheiten erlebt, witd 
Abends 8^2 ^^^ ^^^ 8. Mai 1860 von Angina diphtherica be- 
fallen , auf welche noch Krup folgt. Mit dem vierten Tage 
tritt Albuminurie ein noch vor dem Auftreten der Zeichen von 
Diphtheria larjngea — Intoxikation — Tod am 6. Tage ohne 
asphyktische SjiDpome, und trotz sehr energischer Behand* 
lung, bei der besonders die örtliche in starker Höllenstein- 
kauterisirung hervorzuheben ist. Im Verlaufe der Krank- 
heit war mehrmals Epistaxis eingetreten. Sub extremis war 
noch homöopathische Hülfe geholt worden. Bemerkenswerth 
bleibt, dass die Mutter des Kindes, die" nicht einen Augenblick 
von ihm gewichen war, obschon kräftig und schon 32 Jahre 
alt — so wie nach ihr ein I5jähriges Dienstmädchen von 
Diphtherie befallen, beide aber geheilt wurdeu. 

Achte Beobachtung, (p. 93.) Ein 6jähriger Junge, 
Alired, lymphatisch, schwächlicher Konstitution, geimpft, stets 
freigeblieben von eruptiven Kinderkrankheiten, hatte jedoch 



9» 

aeitwetoe getdiwolleDe Halsdrasen. Ni^ehdein er vom 28. Mai 
bis 2.JiiDi Ton leichtem Hasten befallen wurde, Oberkam ihm 
in der folgenden Naehi Fieber mit Erbrechen , Kopfweh and 
Halaweh «-und bis zum Morgen fand seine Mutter dessen 
Hals gesohlrotlenD. Bis zum 6. Tage ausgesprochene Albumin- 
orie — Steigerung der patfaiscben Zeichen bis zur deutlichen 
cHphtherisehen Intoxikation. Aeusserliche Anwendung des 
Höllensteines , Brechmittel und sonstige rationeile Heilmittel 
brachten nicht gewQnschten Erfolg, — gegen den neunten 
Tag erschienen Petechien am Halse — und am neunten selbst 
starb die Kranke ohne Agonie. 

Kennte Beobachtung, (p. 9ö.) Bin ▼i^^riger Junge, 
goter KörperkonstitutioB , ward von Angina psendomembra- 
oaoea ergriffen^ welche mit Nasenbluten begonnen hatte. Sie 
wiederholte sieh des anderen Tages zur n&mlichen Stunde. 
Yoffl 6. bis 15. Juli 1859 hatten sieh die Krupsjmptome 
schon bis zur Soffokation verschlimmert, nachdem Mandeln, 
Gaumensegel und Pharynx bereits mit Pseudomembranen 
Aberzogen waren, bis zum 16. Tage zeigten sich sogar diph* 
theriscbe Produkte in den Nasenh<Alen. Man machte sehr 
energische Kauterisationen mit dem festen Höllensteine, unter- 
stfltzte dessen Wirkung ausserdem noch mit örtlicher Anwend- 
nng einer Höllensteinsohition in gleichem Theile destillirten 
Wassers, gab Brechmittel und Ghlorkali bei entsprechender 
Diät. So ward der Kranke bis zum 23. Juli vollständig her- 
gestellt. 

Zehnte Beobachtung, (p. 96.) Bin Knabe, 6 Jahre 
alt, bekam Angina tonsillaris pseudomembranacea — zur 
primitiven Krankheit schlug sich bis zum 6. Tage derselben 
noch der Oarrottlho — Verschlimmerung bis zur Asphyxie 
vom 24. bis 30. November 1859. Am 2. Dezember war wegen 
Erstickung die Traeheotomie nöthig geworden. Die Operation 
verrichtete Barbosa. Dabei war es unmöglich, den Plexus 
venosus thyroideus zu vermeiden. Die Blutung war so stark, 
dass kaum 2 Schwämme hinreichten, das Blut aufzutrocknen. 
Ohne Unterbindung der Venen war ein weiteres Vorrücken 
der Operation gar nicht zu denken, was aber gerade bei die* 
sem Blntbade grosse Schwierigkeiten bot. Das wahrend der 



Operaiioii Iq die Broachien ^ug«tre(we Bliii «tUM eia iMfti* 
ger Hufitenaofall wieder aue. In Folge de« gocMaea filiHver 
Ittsles war der Kranke sehr blaas geworden. Da« AthineA 
erlitt bioa Störuug, wenn die Kanäle sich yenstopft balUK 
welche zeitweise auch Fragmente der PsendoBKembraaeo auf- 
nahm, und mit dem siebenten T«^ entfernt werden konnl^k 
Die Albuminurie, welche sich ziemlich kopiös bereite vor der 
Operation gezeigt hatte, verschwand erst am 6« Tage Bank 
der Operation. Die Kranke schien vollkommen gesund, koiiate 
auf sein und ass mit Lust, als am 9. Tage naoli dar Optrati^ui« 
ohne nachweisbare Ursache, sich plOlalieh heftiges Fieber eior 
sielUe, von Ijethargus begleitet -^ Zu Alle, welche bis zum 
löten anhielten, dann sich allm&hlig beschwiehiigteo uod bis 
bis zum 22sten gänzlich versehwjondeD waren. Bis aam 23ateo 
konnte Patient wohlauf sein, aber wegen paralytischer S<Aw4oba 
sieh noch nicht auf den Beinen halten, -> gleiahaeitig war 
auch unvollkommene liUimung der Halsmuskeln und jeoar 
des Rumpfes vorhanden ^^ die Degluücion war ungehinderi. 
Diese zAveite Phase der Dipbiherie hatte sich bis aum Februar 
1860 hingezogen, Eisen und kriülige Alimentation hatten die 
Basis der ärztlichen Behandlung gebildet. 

Eilfte Beobachtuag. (p. 100.) Sie betrifft «eiaan 
Knaben von 4 Jahren 9 Monaten, einen der letaten vermittelst 
des Kehlschnittes von Barbosa operkten Kranken. Er war 
von nervde^Jjmphatischer Konstitution, hatte vor 2 Jahren dia 
Röthein überstanden. Am 16. Juni wurde er Nachmittags 
von Fieberhitze, heftigem Kopfschmieiae befallen. Gleich darauf 
folgte heftige Konvulsion mit starker Röthe und Verdrehungen 
des Gesichtes und der Augen, und Verlust des BewuastseiBS 
während einer Viertelstunde. Das Fieber hielt mit aller Hef- 
tigkeit bis zum nächsten Tage an, wo sich dann Angina gutto- 
ralis einfand, Anfangs einfach, dann als Diphtherie tonaillaris 
bis zum dritten Tage sich von der Uvula, dem Oaumena^el« 
nach dem Pharynx und den Nasenhöhlen mitlheileDd. Kaak 
vorgängiger Epistaxis charakterisürt sich der Zustand Bunmehr 
als adjiiamisch. Höllensteinkauterieation — Applikation von 
Bosenhonig mit Ghlorkali, Brechmittel — und dann Perohlo- 
ruretum ferri als Topioum waren die zunäehat angewandten 



an 

Mülel, worauf OhnmMilphat mit aohwdMtftiirer Limonade 
folgten. Niehtsdeetoweniger hatte steh der Zustand bi« zaia 
6. Tage in allen seinen wesenlliehen Symptomen versehln»- 
mert Dfe Respiration war korz, beängstigt, raub geworden, 
es stellten sieh B^kaufÜlie ein. Soweit man die HatstheUe 
sehen konnte, waren sie mit graulichen, mit schwarzem und 
flQssigem Blute gefllrbteli Pseudomembranen bedeckt. Der 
Status morbi steUte sich bis 21. Juni heraus als Diphtherie dar 
NaseiriiOhleo, des ganzen Schlundes und der Kehle, diphtherisehe 
Intoxikation, beginnende Asphyxie. Abends bedeutende Ver- 
sehlimmeruDg, tiefer komatöser Zustand, Todtenbiftsse des Ge* 
siebtes, blaue Lippen, grosse Hitze der Schling- und Kehl* 
gegend, sehr kurzes, erschwertes Athmen, klenser frequenter 
Pate, kalte H&nde, Anästhesie. 

Die versammelten Aerzte, sich vom fatalen Ausgange 
flberzeugend, beschlossen die Tracheotomie vorzunehmen. 
Oleieh beim Einschnitte in die Kehle trat sehr viel flüssige, 
blutige Substanz mit pseudomembranösem Detritus vermischt 
heraus — und naeh Einbringung der gekrttmmteo Kanüle konnte 
der Knabe besser athmen, der Puls entwickelte aich etwas, 
der Kranke konnte aufsitzen; allein unmittelbar darauf er- 
folgte Abspannung, komatöser Zustand, kleiner, ausbleibender 
Puls, Kftite derGHeder. Auch durch die Kanäle ward dchts 
mehr faeraosbefordert, wie solches in günstigen Fällen zu ge- 
sohehen pfl^; die Kräfte des Kranken schienen gäoalich er- 
schöpft, er unterlag. 

Zrwölfte Beobaettung. (p. 102.) Ein Knabe von 2 
Jahren 5 Monaten ward von einer Angina dtphtheriea mit Krup, 
ab^ ohne AlbuiniDurie, be&llen. Der Junge war lymphatischen 
Temperamentee, guter Konstitution, und ward nach dem Tode 
sein^ Sohwester, welche dem Krup erlegen war, von inten- 
siver Angiaa pseudomembranacea befallen worden. Die Diph- 
therie manifestirte sich zunächst an den Mandeln , den Ghiu- 
menschaiheln, am Velo palatino und am Pharynx. Die Urine 
wiesen nie Albuminurie nach. Der Kranke ward tüchtig mit 
Höllenstein betupft — und genas zuletzt dennoch. Die Leser 
sind bereits mit der Behandlungsweiae bekannt. 

Dreizehnte Beobachtung, (p. 103.) Angina diph- 



288 

th«rioa und Ghirrotilho bei einem Knaben von 4 Jahren ohne 
Albuminurie. Der kleine Kranke , lymphatischen Tempera- 
mentes, stammt von einer Mutter mit Bnistiefden, und hatte 
i» Verdachte von Hirntuberkein gestanden. Die Krankheit 
war bei ihm am 19. März 1860 zum Ausbruche gekommen 
unter Erscheinungen, die wir bereits bei den vorgtagigen 
F&llen auseinandergesetzt haben. Am 23. März hatten sich 
bereits die hochgradigen Krupzeiehen herausgebildet ^ denen 
man Aetzung, Sinapismen. Dämpfe von heissem Wasser und 
die entsprechende Medikation entgegensetzte; allein umsonst. 
Am 248ten synkopale Zeichen, denen man mit der Trächeo- 
tomie begegnete, wozu alle Anzeichen vorhanden waren. In 
der Nacht vom 26sten ward das Athmen geräuschvoll — die 
asphyktischen Zeichen nahmen alimählig zu — der Kranke 
erlag ihnen. 

Vierzehnte Beobachtung, (p. 104.) Stellt einen 
Jungen von ö Jahren mit Oarrotilho, geringer diphtherischer 
Theilnahme der Schlingwerkzeuge, der Mandeln ohne Albumin- 
urie dar, welchem er am vierten Tage unter allen Zeichen 
von Asphyxie erlag. 

Fflnfzehnte Beobachtung, (p. 105.) Sin sieben- 
jähriger Knabe, nervösen Temperamentes, schwächlich, ward 
im März 1860 vom Oarrotilho befallen, ohne Anzeichen einer 
Angina membranacea. Am 5. Tage starb er asphyktisch, da 
die Aeltem nicht in die Operation des Kehlschnittes zustimm- 
ten. Albuminurie hatte nicht Statt. 

Aus diesen Beobachtungen lässt sich folgern, dass Album- 
inurie kein positives und entschiedenes Ziehen der Piphtherie 
ist, — dass Angina diphtherica sich ohne Knip zeigen kann, 
femer der Oarrotilho ohne weitere diphtherische Kundgebung, 
endlich, dass Garrotilho und Angina pseudomembranacea zu- 
weilen verbunden vorkommen. Die Albuminurie mag unge- 
fUir ein Mal auf 3 Fälle treffen. Barbosa hat sie nie schon 
beim Beginne der Krankheit, stets erst zwischen dem 3. und 
5. Tage beobachtet. Sie tritt jedoch schneller auf als im 
Scharlach, der ausserdem von Blutharnen und Wassersucht 
begleitet ist, was bei Diphtherie wohl selten vorkommt. 

War Tod unmittelbare Folge von Diphtherie, dann beob- 



Mkteie er Albnmmurie stete bis sn B&de, und umgekehii, 
Dahm die Krankheit einen günstigen Ausgang, dann sah er 
stets dieses Ziehen sieh vermindern und gftndieh versehwinden 
— und dieser Umstand hielt stete gleiehen Schritt imt der 
Abnahme und dem Aufhören der diphtherischen Lokalseichen. 

Bei Bekonwaleezenten , bei eingetretenen Paralysen oder 
anderen sekunderen Folgen der Diphtherie traf er nie mehr 
Albuminurie, selbst, wenn sie vorher in Masse stattgefimden. 

Das Auftreten von Albuminurie bei einem diphtherischen 
Kranken aeigt ihm die Infektionsperiode der Diphtherie an-— 
und gilt ihm für eine Anaeige, ein allgemeines tonisches Heil- 
verfahren eintreten su lassen. Wurde die Operation der Tracheo- 
tomie gemaoht, dann dient ihm das Verschwinden des Eiweises 
im Urine als der Moment, um die Kanüle wegzunehmen und 
um sieher zu sein , dass nunmehr keine Reproduktion von 
PseudoDftembranen im Kehlkopfe mehr Stall hat. Er leitet, 
allgemein betrachtet, die Entetehung der Albuminurie aus 2 
QueUeo her: entweder von Nierenkongestion, — oder von 
Umftnderung in der Blutkrase. 

Es eharakterisiren sich sohin im Krup deutlich 4 Peri- 
oden : 1) Erste oder Ausgaugsperiode, kenntlich durch die 
allgemeinen Symptome, welche ganz analog sind jenen der 
sogenannten Ausschlagsfieber; 2) zweite oder jene der ersten 
Kehlsymptome ; 3) dritte oder jene der Dyspnoe und Er* 
stickuDg; endlich 4) die vierte oder jene der Asphyxie. 

Inkubation, Verlauf, Dauer, Ausg&nge. (p.l09.) 
Die Inkubation variirt nach Barbosa's Beobachtung inner- 
halb der Inkubationsgränzen von Ausschlagfiebern und jenen 
der Mehrzahl virulenter Krankheiten , nämlich von 2 bis 9 
Tagen. Verfasser stellt mit seinen eigenen Beobachtungen 
noch die statistiehen Resultate von Peter und Roger zusam- 
men — und kömmt damit zu dem Schlüsse, dass die Inkubation 
der Diphtherie von 7 bis 17 Tagen stattfinden kann, — dass 
dieses meistens zwischen 2 bis 8 Tagen geschieht, und dass die 
mittlere Darchschnittezeit 4 Tage beträgt. 

Der Verlauf des Oarrotilho ist in Portugal ein akuter, 
jedoch wechselnd. 

Der primitive Krup beginnt zuweilen plötelich mit An- 



2M 

fiUlen TOB BretickuDg und KruphiMten — end^ dann Mrah 
meisteDS mit dem Tode. 

Tritt der Krup als konsekatiT oder Folge^Form auf, dann 
kommt zuDftcbst seine Intesität und seine AusdehnoDg nach 
rück- oder vorwärts und in die Tiefe in Betracht. Kaoh der 
stossweisen Entwickelung und Bildung von nenca Pseudomem- 
branen macht auch der Sjmptomenkompiex Abstafangen. 

Die Dauer des Krups beträgt gewöhnlieh 7—9 Tage. Man 
sah ihn aber auch innerhalb zwei Tagen alle seine Perioden 
durchlaufen bis zur Asphyxie, was jedoch wohl seltener vor- 
kömmt. Man findet wohl auch Fälle von nur eintägiger Dauer 
angeführt — und Lo b stein bringt vollends einen mit 14 ständi- 
ger Dauer vor« Auf der anderen Seite liegen aber auch Bei- 
spiele vor von 25 — SOtägiger Dauer und selbst darüber, na- 
mentlich bei konsekutiver Angina und bei günstigem Ausgange. 
Es sind dieses jene Fälle , wo man ihm den Namen des 
„chronischen^^ gegeben hat. (p. tl2.) 

Nach Barbosa's statistischer Zusammenstellung war di^ 
kürzeste Dauer 5, die längste 56, die mittlere 23, 22 Tage. 
Sie ist entnommen aus einer geringen Anzahl von Beobacht- 
ungen in der Casa-Pia, — jene von Angina diphtherica un^i 
Oarrotilho ia der Misericordia ergaben em Verhältnisa voir 1 
Tag als die kürzeste, — von 28 als die längste ; — von 7, 
89 als mittlere Dauer. 

Aus 8 Fällen von Angina diphtherica mit Krup , wo die 
Traoheotomie von Barbosa gemacht wurde, ergab sieh eine 
Dauer von 6 Tagen als kürzeste ~ von 29 als längste und 
15, 37 ab mittlere. 

Von allen 24 Fällen von Oarrotilho mit Angina pseudo- 
membranacea, in denen der Kehlschnitt in Lissabon war ge- 
macht worden, war die kürzeste Dauer 4, die längste 29 und 
die mittlere Dauer 12 Tage. 

In den 150 Todesfällen , welche sich von 1657 — 59 in 
Lissabon in Folge von Garrotilho ergeben hatten, war die 
fatale kürzeste Dauer 1 Tag, die längste 13, die mittlere 4^ 25« 

Bringt man zu den 116 Fällen von Krup noch die 60 
von Angina diphtherica, wovon man die Dauer wasste, so er^ 
fährt man als kürzeste Dauer 1 Tag- -^ als längste 14 und 
als mittlere 4, 48. 



Die AüBg&nge shiil zweifkebr entweder in den Tod, 
weleher der htnfigste kt, oder in Gesnndheit. Jeuer id den 
Tod- erfolgt entweder durch Asphjxie oder durch Infeklion, 
tk »ekoDdüf , oder aber auch durch beide Zustände gleich- 
seitig. 

Der Ausgang in Gesundheit kann auf eine doppelte Weise 
ttettAndeii: durch Ausstössung der die Luftröhre verstopfen- 
den und die H&matose störenden Pseadomembranen ; — oder 
indem die schwereii Krankheits^jmpfome sieh allmählig ver- 
mindern und versehwinden, die Krankheitafprodukte schmelzen 
oder fttt^esaugt werden. 

Formen, fp. 119.) 

Da gibt im Erup zwei wesentlich durch Zeichen, Ver- 
lauf und Ausgang verschiedene Formen: 1) den einfachen, 
lokalisirten , gewöhnlichen Krup; dann 2) den Ansteeknngs- 
krup, oder den generalisirten, malignen Krup. 

Beide Formen sind nach Verfasser der Ausdruck derseN 
ben Krankheit, welche durch eine Art von Intoxikation oder 
Vergiflnog bestimmt wird. Sie äussert sich durch 2 Arten 
von Altersftionen, — die einen derselben sind lokal, Pseudo- 
membranen; — die anderen allgemein als Infektionssjmp- 
lome. Diese allgemeinen Ph&nomene kann man die Symptome 
der primitiven Infektion heissen, um sie von^'anderen 
gefilhrlioberen der sekundären Infektion zu unterscheiden, 
abhängig von einer Intoxikation der ganzen Thierökonomie 
&atA Alttt^tfioa und Absorption diphtherischer Krankheits- 
produkte, und den bösartigen Krup darstellend. 

Aus der Untersebeidnng dieser beiden Formen leitet Bar- 
bosa sehr wichtige pfaktiache Folgerongen ab für dieTrache- 
oComie: (p. 122.) 

1) Wenn der Kranke nicht Zeichen manifestirt von Intoxi- 
kation, wenn die Krankheit sich so zu sagen auf die Asphyxie 
durch meebanisches Hindemiss gegen Eintritt der Luft durch 
den Lsrynx beschränkt, — dann ist die Tracheotomie nicht 
in Frage zu MeHen ^ und die Vorhersage am günstigsten. 

2) Wenn der Kranke evidente und sehr gefährliche Zei- 
ohen von Intoxikation, ohne Asphyxie oder kaum voa einiger « 



292 

Djspooe begleitet, au erkenneii gibt, daoD ist die Operation 
als absolut contraindizirt zu betrachteo und die Vorhersage, 
mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit fatal zu stellen« Die Kran- 
ken, durch' die diphtherische iofektion sehr heruntergeeüinmt, 
bieten keine gehörige Reaktion, sie können weder die Schleim- 
massen noch die Pseudomembranen ausslosseo , und gehen 
durch Asphys:ie in Folge der die Athmung hemmenden An- 
häufung von flüssigen Stoffen und diphtherischen Produkten, 
die sie nicht auszustossen vermögen^ zu Grunde. 

3) Wenn die Kranken Merkmale von Infektion verratben 
und dabei einen gewissen Grad von Asphyxie, dann be- 
kundet sich deutlich die Gefahr der Krankheit. Der Kehl- 
schnitt ist dann indizirt, obschon die Vorhersage wenig gün- 
stig für einen guten Erfolg der Operation ist, — meistens ist 
Tod der Ausgang von Operationen , die unter solchen Umstän- 
den vorgenommen worden. Barbosa ist hier noch „fttr^^ die 
Operation, wenn das asphjktisohe Element gleichzeitig be^ 
steht, während die diphtherische Infektion noch nicht sehr 
ausgesprochen ist, weil hinlänglich Beispiele von Heilung selbst 
bösartiger Diphtherieen durch Operation vorliegen, indess die 
Kranken bei gleichzeitigem Bestände von Infektion und Asphy- 
xie zu Grunde gehen. Die Operation vermag, so zu sagen, noch 
eine der Komplikationen zu heben und eines der gefährlichen 
Elemente zu beseitigen. Die Eintheiiungen in idiopathischen, 
primitiven , epidemischen , sekundären Krup der Kinder und 
der Erwachsienen hält er für weniger praktisch. 

Verfasser lässt nun noch 5 Beobachtungen folgen, wovon 
3 dem asphyktischen Garrotilho angehören und 2 der Angina 
diphtherica oder dem Garrotilho infectuoso. 

Sechzehnte Beobachtung, (p. 123.) Sie betriffi 
einen Knaben von 2 Jahren von sanguinisch • lymphatischem 
Temperamente. Er erkrankte am 14. Oktober 1854 unter den 
gewöhnlichen Erscheinungen, die sich schon am 16* zu suffo* 
katorischen steigerten — und die Operation indizirten. Der 
Kehlschnitt bot einige Schwierigkeit wegen der beständigen 
Bewegung mit dem Ha)se, — auf die Operation folgte eine 
halbstündige Ohnmacht, — durch Kanüle, und durch die Wunde 
^ Ausstossung von Schleim- und Hautfetzen. Bis zam 28sten 



99$ 

war die Halswunde TöUig vernarbt — Herstellung bis 5. Nov. 

und deutliche Sprache bis zum 13. 

SiebeDsebute Beobachtung, (p. 125.) Angina ton- 
sillaris pseudomeoibranacea und Erup bei einem Mädchen 

von 6^2 Jahren von lymphatischem Temperamente, zarter 
Konstiiatipo. Bs erkrankte am 8. August 1859 — die Krank- 
heit steigerte sich bis zum 12ten zu suffokatorischen und 
aomnolenten Zust&nden — Brech- und Lokal-Mittel blieben 
ohne Erfolg — es trat förmliche Asphyxie, auch Albuminurie 
hinzu — man schritt am 7. Tage der Krankheit zurTracheo- 
tomie. Der Akt ging glocklich von Statten bei geringer 
Veoenblutung, welche unter Einbringung der Kanüle still- 
etaiid. Die Wunde musste vom dritten Tage nach der Op^- 
ation an mehrmals geätzt werden, um ihre Schliessung zu 
yerhindern ; — am 23 steo schickte sie sich zur Heilung an 
und am 1. Oktober, dem 17ten nach der Operation, war sie 
vollends vernarbt. 

Achtzehnte Beobachtung, (p. 129.) Angina diph- 
therica und Krup bei der 4jährigen Julie Duarte von Ijm- 
phati8oh*nervösem Temperamente, kräftiger Konstitution, noch 
ungeimpft, hatte auch sonst noch keine eruptiven Kinderkrank- 
heiten durchgemacht; sondern hatte sich stets guter Gesund- 
heit erfreut. Ihre Krankheit begann am 2. Juni 1860 und 
hatte bis 4ten schon ernsten Charakter angenommen. Brech- 
oiittel, Bevulsiva, Chlorkali — Kauterisation mit sehrkoozen- 
trirter Höllensteinsolution konnten keinen Einhalt thun. Bis 
zum 4 ten Tage war bereits der Krup in's asphyktische Stadium 
▼orgerOckt — alle Zeichen drängten zur Tracheotomie , zu 
der auch wirklich geschritten wurde — Barbosa, der die 
Operation nicht verrichtete, erzählt, es war ein Vergnügen^ 
sie zu sehen, — es trat durch sie Leben in eine Leiche. Lei- 
der trat Albuminurie ein — die Kranke unterlag einer Diph- 
Iheria traoheio - bronchialis mit Asphyxie 25 Stunden nach 
d^ Operation. 

Neunzehnte Beobachtung, (p. 132.) Ein 9jähriger 
Junge, lymphatischer Konstitution, hatte bereits vor 3 Jahren 
am Wechselfleber gelitten, auch eine Scharlacheruption über- 
standen. Er erkrankte am 29. Februar 1860; die Krankheit 
ZLVL 1866. 20 



994 

eharakterisirte sich auf ihrer Höhe als diphtherisehe Intoxi- 
kation mit Asphjxie und Albuminnrie. Man Tollzog die Opera- 
tion der Traeheotomie am 6. Tage der Krankheit, — aliein 
es erfolgte Tod durch Intoxikation and langsame Asphyxie 
3 Tage nach der Operation. 

Ewanzigste Beobachtung, (p. 134.) Angina diph- 
therica bei einem 7jährig«n Mädchen von IjrmphatiBohem 
Temperamente, schwiU^iioher Konstitution und delikater Ge- 
sundheit, war am 1. September 1860 erkrankt. Bald trat Al- 
buminurie, Anschwellung der Maxillu'drflsen hinau und der 
Halsganglien, Petechien, Oelbsuoht, Bluthamen, perniBiOse 
Anfälle, Tod durch Intoxikation am 18. Tage der Krankheit 
Weder in Betreff der z¥ns6hen besser und schlecht schwanken- 
den Krankheifszeichen, nodi der therapeutischen Anordnungen 
finden wir etwas besonders hervorzuheben für nOthig. 

Komplikationen, (p. 136.) 
Sie können gleicher Natur mit der Hauptkrankheii oder 
davon verschiedener sein; erstere bestehen in anderen Arten 
von Diphtherieen \ — unter letztere reiht Terftisser Bronehitis, 
lob&re oder lobuläre Lungenentzündung, Keuchhusten, Intern 
lobularemphysem der Lungen, Därmen tzOndnng, Auseohlaga- 
fleber, wie Scharlach, Rdtheln, Blattern.. Scharlaoh ka» 
namentlich bei der Epidemie von Leiria hinzu. Brigfat's Krank- 
heit beobachtete May Pigüeira, welcher deuttiehe Faser- 
zylinder mit dem Mikroskope nntersdiied. 

Diagnose (p. 138.) 
Die Krankheit könnte allenfalls verwechselt werden: 

1) Mit dem falschen Srup, dessen ganzer Veriauf mit 
dem Symptomenkomplexe und dem Ausgange jedoch die 
Diagnose hinlänglich sicher stellen. 

2) Mit Laryngitis acuta simplex, wovon sieh jedoch 
der Krup unterscheidet durch die Expektoration , welche 
Schleim ohne Pseudomembranen herausfördert, durch Ver- 
schiedenheit der Stimme, welche den Krupton eharakterisir^ 
durch den lokalen Schmerz in der Larynxgegend , durch den 
Mangel Von diphtherischen Exsudationen i« Pharynx vnd 



29h 

anderen Stauen, durch dfe Abwesenheit des Larjngoti'acheal- 
geräusches, der Stickanf&lle, der Albuminurie und der An&sthedie. 

3) Mit Laryngitis «ubmucosa, wobei jedoch die ganze 
Krankheitsentwickelung (Sine verschiedene ist, dann ist die 
Dyspnoe permanent und ohne Erstick ungsanfitüe, die Inspira- 
tion ist zwar erschwert, dagegen die Exspiration leicht und 
kurz — ein Finger in die Kehle eingeführt entdeckt die öde- 
matöse Infiltration der aryteno • epigiottischen Falten. Das 
Oedetn selbst ist nicht von Fieber begleitet oder dasselbe ist 
sehr unbedeutend; ferner lassen sich im Auswurfe, auf den 
Mandeln und an andere^ Punkten keine Pseudomembranen 
entdecken, ebensowenig schwellen die Halsdrüsen, auch ist 
das Stirn nnrerhältniss durchaus verschieden. 

4) Mit Catarrhus snffocativus, doch ist in der Bron- 
chitis capillaris die Dyspnoe ständig und heftig, tritt nicht 
anfall&weise auf und ist nicht von dem Laryngotrachealge- 
rausche des Krups begleitet, — die Stimme, statt erstickt zu 
sein, ist normal, — das Athmen ist sehr kurz, häufig und be- 
sdiwerlich, etwas weniger geräuschvoll oder stertorös '— nir- 
gends zeigen sich Pseudomembranen — endlich zeigt die 
Aaskultation die Gegenwart von Schleimrasseln und von leich- 
tem Knistern über die ganze Brustausdehnung. 

5) Mit Retropharyngeal-Abszessen oder solchen 
in der Speiseröhre, unterscheidet sich aber durch Geschwulst 
des Pharynx, welche durch Oefühl oder Gesicht erkennbar 
ist, durch Anschwellung und Schmerzhaftigkheit des Halses, 
durch die Beschwerde beim Schlingen, den Mangel an Stick- 
anMIen. 

Konsekutive Zufälle, fp. 140) 
Zuweilen äussern sich im Verlaufe des Oarrotilhos oder 
der Angina diphtherica; jedoch bei weitem häufiger einige 
Zeit nachdem schon die die Krankheit charakterisirenden 
Phänomene aufgehört haben, 2—3 Wochen nach dem Ver- 
schwinden der Pseudomembranen , in der Periode der Rekon- 
valeszenz oder bei scheinbarer Heilung noch bemerkbare Zu- 
fälle, aus dem Nervensysteme hervorgehend. Sie sind bereits 
von Ovillard, Bretonneau, Trousseau, Faure, Moy- 

20* 



296 

nier, Oubler, S^e, Colin uod haupts&ehlicb von Hain- 
gau It beschrieben worden. Sie bestehen zunächst in Lähm- 
ung der Motilität und der Sensibilität — man hat sie Para- 
lyses diphthericas benannt. Zum kurzen Ueberblicke für die 
Leser, und um sie des Nachschlagens oder Nachlesens zu 
entheben, führen wir Maingauit*8 statistische Frequenzliste 
hier an: 

Lähmung des Gaumensegels 70 

Oeneralisirte Paraljse 64 

Amaurose 39 

Lähmung der Unlerextremitäten . . 13 

Schielen , 10 

Lähmung der Hals- und Rumpfmuskeln . 9 

Störungen der Sensibilität ohne Muskelschwäcbung 8 

Anaphrodisie 8 

Lähmung des Mastdarmes 6 

Blasenlähmung 4 

im Ganzen 231 
Da uns der Zweck vorliegt, Barbosa's Arbeit im Aus- 
züge bekannt zu geben, niclH aber Maingault's Schrift, so 
schliessen wir damit ab, dass wir seine Mittheilung wieder- 
geben: „Todfälie sind selten, in 90 Fällen kamen nur 12 vor 
oder 1 : 8/V 

Die allgemeinen Resultate der bisherigen Beobachtungen 
konzentriren sich ungeftLhr auf folgende Punkte: 

1) Die Paralysis diphtherica befolgt eine ziemlich regel- 
mässige Ordnung im Befallen der einzelnen Organe, wie sie 
hier folgt: Gaumensegel, Unterextremitäten, Gesichtaorgan, 
Oberextremität«n und endlich die Muskeln des Rumpfes und 
des Brustkastens. 

2) Der Paralysis diphtherica der Glieder, sehr oft auch 
der Lähmung des Gaumensegels und der Schliessmuskeln, 
geht fast konstant Anästhesie oder Analgesie, selten Hjper- 
äathesie, in den Theilen vorher. 

3) Die Analgesie der Glieder beschränkt sich auf die unte- 
ren Segmente und nimmt gradweise ab von den Fingerspitzen 
bis zu dem Ellbogen- und Kniegelenke, welche sie nie flber- 
schreitet. 



29T 

Barbosa l&sst nun BeobaobtuDgen folgen, die sieb auf 
das Vorgängige bezieben. 

Ein ondzwanzigste Beobacbtung (p. 146). Ein 
9j&hnge8 Mädchen von Ijmpbatisch nervösem Temperamente, 
achwächlicber Konstitution, ward Ende April 1859 von befti- 
ger Angina diphtherica befallen, wobei die Pseudomembra- 
nen sich über Pbarjnx, Mandeln, Oaumensegel, Zäpfcben, 
Nasenhöhlen ausdehnten, sich schnell und leicht wieder er- 
zeugten und wiederholte Kauterisationen nothwendig machten. 
Auch der Larjnx ward davon erreicht, jedoch weniger heftig, 
sich kund gebend durch den Kruphusten, Rauhigkeit der 
Stimme und wiederholte Stickanfälle. Die Behandlung war, 
wie in allen Fällen, die schon kurz erwähnte. Es waren 
bereits seit 20 Tagen die Pseudomembranen verschwunden, 
die Kranke trat schon in Konvaleszenz, behielt aber schlech- 
tes Aussehen, Beschwerde beim Schlucken von Flüssigkei- 
ten, — es verschluckte sich. 12 Tage der Rekonvaleszenz 
waren vorOber, die Kranke war schon einige Male ausgegan- 
gen, als sie auf der Strasse, von Schwindel befallen, nieder- 
fiel; dabei bemerkte sie deutliche Oesichtsschwäche und 
Schwäche in den Bewegungen des linken Pusses. Ein Bla- 
senzug im Nacken, Eisen mit China stellten sie wieder voll- 
kommen her. 

Zweiundzwanzigste Beobachtung (p. 147)* 
Ein Mädchen von 5 J.,. Ijmphatisch-nervösen Temperamentes 
schwächlich, welches stets leidend gewesen, war Mitte Mai 
von Angina diphtherica mit Krup befallen. Der Anfall war gleich 
durch Kruphusten, Stickanfälle bezeichnet, welche mit As- 
phyxie drohten. Starke Tendenz zu Hautbildung, Speichel- 
fluss etc. Die Krankheit währte 22 Tage. In der Rekon- 
valeszenz kamen Zeichen von Gaumen- und Pharjnxlähmung, 
ausgesprochenes Schielen nach innen, Gesichtstäuschungen, 
Photophobie, Beschwerde im Gehen. Diese Zufälle steiger- 
ten sich bis zum 4. Tage, wurden aber durch kalte Bäder 
und Tropfbäder auf den Kopf mit innerlichem Gebrauche von 
Eisen beschwichtigt. 

Dreiundzwanzigste Beobachtung (p. 148). An- 
gina diphtherica und Scharlach bei einem 10 jährigen Mäd- 



oben Tom April 1859. Kauteneatienen örtlich udcI geeignete 
innerliche Therapeutik führte die Krankheit zu gfinstiger Ab- 
Achuppung, nach welcher Patientin von einem äusserst hefti- 
gen Schmerze in der rechten Hüfte, sich über die ganze Extre- 
mität ausdehnend, befallen wurde. Dieser grimmige Schmerz 
quälte ßie Monate hindurch trotz aller angewandten Mittel, — 
er war so heftig, dass die Kranke beständig schrie. Eine 
analeptische Behandlung, Bäder u. s. w. brachten endlich 
vollständige Herstellung, nachdem die Krankheit über 6 H/Lo- 
nate gedauert hatte. 

Vierundzwanzigste Beobachtung. Angina 
diphtherica bei einem 11jährigen Jungen, sanguinischen Tem- 
peramentes, robuster Konstitution, welche ihn Ende Mai 1859 
ergriffen hatte. Die Krankheit war sehr intensiv und die 
Quantität der Pseudomembranen so gross , dass sie veryphie- 
dene Male mit einer Pinzette herausgeholt werden konnten, 
was den Kranken jedes Mal erleichterte. Bei ihm waren 
hauptsächlich die Invasionszeichen sehr intensiv; denn sie be- 
gannen unter Konvulsionen, Koma, Delirium mit Verlust der 
Sinne, starkem Fieber, und mässigten sich erst mit der diph- 
therischen Fortbildung. Die Behandlung war antiphlogistisch. 
Der Kranke trat nach 10 Tagen in Konvaleszenz, blieb aber 
sehr schwach, und während derselben war Dysphagie mit 
Nasensprache vorhanden — mit 15 Tagen war noch Sehbe- 
schwerde, Schielen nach aussen, Erweiterung der Pupillen 
vorhanden. Ein Blasenpflaster 14 Tage lang im Nacken un- 
terhalten, laue Bäder mit kalten Ueberschl&gen und Sturzbä- 
dern auf den Kopf, dann später ein anaieptisches und restau- 
rirendes Regime stellen ihn in 1^/^ Monate vollends her. 
Vorhersage (p. 150). 

Sie ist im Allgemeinen ungünstig in Portugal, da die 
Krankheit meistens unglücklich endet. Alter, Temperament, 
Konstitution , soziale Verhältnisse und der vorgängige Ge- 
sundheitszustand ; dann in zweiter Ordnung Form der Krank- 
heit, bestimmte Symptome und Komplikationen, endlich der 
Zeitpunkt, in dem die Behandlung begann und die Wirkung 
der angewandten Mittel üben mächtigen Einfluss auf die 
Prognose. Am meisten behauptet jedoch denselben das Alter 



der Kmokeii; ^ie Kra^UMü wvrd um 90 bedmldioher , je 
jOoger der P^tieai ifti, deoA von der Geburt sb bis sum 
2. Jabre iat die Geflihr wohl am gi'öeeten. 

V. vergleioht nuQ die stttietwehea Reeultate vonllillard 
aus 124 Fallen der Traoheotomie , wovon 95 starben und 
!^ gerellel wnirden, und wobei sieh bis »u 3 Jahren öG Fälle 
mit 51 TedesfUlen und 5 Heilungen; dann 50 von 4-6J^- 
fen mit 31 SterbnUlea und 19 Heilungen; — endlich 18 von 
7 Jahren an mit 13 Todesfällen und 5 Heilungen fanden, — 
mit denen Portugals, welche 44 Fälle ausmachen mit 30 
9lerbet&lien und 14 Heilungen. Aus dieser statistischen Zu- 
s^mmenstelluBg ^geben sich 15 Fälle auf das Alter von der 
Oeburt bis %u 3 J. -- darunter 10 TodesfUUe und 5 Heil- 
uagea ( t : 2) -> auf das AUer von 4—6 J. 18 Fälle mit 
12 Stefbefl^Uen und 6 Heilungen (1:2) - dann von 6 J. 
bis weiters U Fälle, wovon 8 Todesfi^lle und 3 Heilungen 
(demnach 1 : 2, 66). 

Von den Temperamenten iat das lymphatische, dann 
ein« achwacbe oder geschwächte Konstitution in Folge von vor- 
g^Qgigan Krankheiten, Eotbebrungen, schlechten hygicMischei) 
Verhältnissen influenzirend. In Beziehung auf die Form ergibt 
sieb fflr die Vorhersage, daes der einfache oder lokalisirte Krup 
weniger geTährlich ist, als det ansteckende, denn lets^terer is| 
3—4 mal tOdtlicher, als der einfache, — die meisten Fälle 
eaden t^dtlioh, was namentlich der Fall ist, wenn die dip}>> 
tbefische GIxsudatipn auf den Nabenh<Uen, Lippen, Ohren, Ge^ 
sobleebtfttheilen, auf der Haut 2om Vorscheine kömmt. Sobald 
Albuminurie sehr kopiös und anhaltend wird, dann ist ge- 
wöhnlich der Ausgang tödtlick. Idiopathischer Krup ist we- 
nigar geßUirlich, als epidemischer. Manche Epidemieen sind 
vor den anderen tödtlicher. 

Die Natnr des Krups (p. 155 ^ 

Nach einer historischen Rekapitulation der Ansichten Ober 
diese geAbrliohe Krankheit von Herera und dem Beginne 
des siebenaebnten Jahrbunderta an, dann dem Lusitanier 
Zacutus io die Mitte dieses nämlichen Jahrhunderts auf He* 
redia (1665) herein, dann hinüber gegen Mitte des aohta^ha- 
lea flfibihi^uierU und den Kremoneser Ohisi, ~ ttber Bard 



3M 

und den Epidemiologen Soares Barbosa (1786—87) hin- 
aber bis auf die Napoleoniscbe Ausschreibung im J. 1811 iin<l 
Albers etc., endlich die franzöBisch-sehweiserisohe Sehule, 
kömmt unser V. auf die zwei Hauptansichten der Neuzeit, 
(p. 158.) 

Die eine betrachtet das Uebel als urspranglich lokal) 
das sich jedoch in der Folge generalisiren und durch seine 
fortschreitende Ausdehnung so wie dur<^ Aufsaugung örftli<A 
erzeugter pathologischer Produkte septisch werden kann. 

Die zweite, welche Barbosa für am meisten konfomi 
hält mit der besten und mit der genauesten Beobaohtiing, 
betrachtet die Krankheit als eine ursprünglich allgemeine, fttr 
eine ansteckende, für eine Intoxikation sui generis wie die 
Hautkrankheiten, indem sie als Eruption Pseudomembranen 
hat, ähnlich wie die Blattern ihre Pusteln, der Scharlach 
seine Flecken, roth und getupft, so wie die Masern und Rö- 
thein ihre irregelm&ssigen rothen . Knötchen und Flecken. 
Es tritt y. dieser Ansicht aus folgenden GrOnden bei: 
wegen der Inkubation des Krankheitsprinzipes, welches den 
Krup ausmacht, die Art, wie er beginnt und seinen Fort- 
schritt nimmt, wegen einiger seiner Symptome, wegen der 
Analogie mit anderen allgemeinen Krankheiten, wegen seiner 
Entwickelung in epidemischer Form, und endlich wegen sei- 
ner Uebertragungsf&higkeit durch Kontagium und Infektion. 
Alle diese Gründe geht V. nun einzeln weitläufiger duroh, 
um ihre Beweiskraft noch zu schärfen. Zur Vollgdltigkeit 
seines Ausspruches, „dass der Krup eine allgemeine Krankheit 
sei, analog den Ausschlagsflebern^^, erachtet er es noch für un- 
erlässlich, nachzuweisen, dass Krup, Angina und andere diph- 
therische Formen eine und dieselbe Krankheit seien, — dass 
der einfache und der maligne Krup, ihre Intensitätsgrade aus- 
genommen, nicht verschieden seien. 

Der Sitz der Pseudomembranen mag immerhin sein, wo 
er will, die allgemeine Krankheit bleibt stets Diphtherie, 
mit der Verschiedenheit des Sitzes ändert sich nur der Name 
Angina, Goryza, Stomatitis, Diphtherie, Ghirrotilho u. s. w. 
So kann es sich dann auch wohl fQgen, dass in einer und 
derselben Epidemie, bei Individuen, die zusammen wohnen, 



304 

ja sogar in einer nnd derselben Familie, ein Kranker an 
Krup oder an Diphtheria laryngea, der andere an Angina 
diphtheriea oder an Diphtheria gnttnralis, ein dritter an 
Stomatitis diphtheriea oder psendomembranacea leidet. Die 
Diphtheriten des Kmps oder der Bronehitis, der Angina, der 
Stomatitis, der Koryza, die Präputial- Vulvar- Haut- und 
Mastdarm-Diphtheriten sind sohin nur Formdifferenzen , nicht 
Differensen des Krankheitswesens, (p. 163.) Barbosa re- 
snmirt am Sohlnsse dieses Abschnittes seine Ansicht aber 
das Wesen des Kmps noch einmal dahin: „er ist eine allge- 
meine Krankheit totius snbstantiae, eine spezifische, an- 
steekende, wobei sich die lokalen Kundgebungen hauptsäoh* 
lieh auf der Sohleimhaut des Laiynx darstellen, — er ist 
eine Krankheit, die als Ursache ein krankmachendes Prinzip, 
ein spezielles Oift, jenes der Diphtherie, hat, ihre Lokalisir- 
ung durch Pseudomembranen zu Tag gebend und bald einen 
gutartigen, bald einen bösartigen Charakter annehmend.*^ 
Behandlung (p. 165). 

Sie theilt sieh in die medizinische und in die chi- 
rnrgische. Hier will sich Barbosa nur mit der medizi- 
nis^en Behandlung befassen, — die chirurgische in seih 
Weiic Ober „Tracheotomie*' abertragend. 

Dabei beabsichtigt er nicht, die grosse Liste der Mittel 
▼orzufllhren, welche in unabsehbarer Reihe gegen diese 
Krankheit empfohlen wurden. Viele waren Folgen der Zeit- 
sjsteme, und fielen mit ihnen in Vergessenheit oder stürzten 
mit dem Rnine falscher und irriger Ansichten aber das Wesen 
der Krankheit zusammen. 

Die medizinische Behandlung des Krups ^besteht in all- 
gemeinen und lokalen Mitteln. 

Unter die allgemeinen rechnet V. die diaphoretischen, die 
Brech-, die alterirenden, antiphlogistischen und RevulsiTmittel. 

Die diaphoretischen Mittel finden nur Anwend- 
ung in der ersten Periode des Krups, ehe sich die lokalen 
diphtherischen Merkmale einstellen. Es findet dieses wohl 
darum selten Statt, weil die Kranken dem Arzte meistens in 
schon YOifierOckteren Zeitmomenten zu Gesicht kommen. 
Unter den geeigneten Umst&nden bedient sich V. zu diesem 



9(12 

^we«ke dev Reichten Ao%a«8e voa lifiilimbbUlien, B^rreUeb- 
blathen ftusserlich unterstützt von fliegeii(j|e|i SH^piamen ; -^ 
er richtet überhaupt seine Behandlung ein wie f&r die In- 
vaqjon von Aueschlagsfiebem. 

Die Brechmittel werden mit groaaem Erfolge gegen 
6arrotilho angewendet auch in Portugal und «elbet schon 
dann, wenn die Krankheit noch auf den Larjnx beschitobt 
ist« Barbosa hftit ihre Anwendung Ar sehr erspriesslioh nMi 
tüchtiger Kauterisation d^r von Pseudomembranen überzoge- 
nen Oberflächen. Sie dienen hier gleichzeitig als. mediaoi- 
sches Mittel y um die Lostrennung und das Ausstossen der 
diphtherischen Produkte zu fördejrn. 

Auch wenn der Laiypx bereits von der Krankheit erfzest 
ist, wenn Husten, Rauhigkeit, Kehlgerftusoh und besonders, 
wenn schon Dyspnoe vorhanden, sind die Emetica von ent- 
achiedenem Nutzen, weil sie die Pseudomembraoeii ausstos- 
sen und das Athmen freief machen. Freilich ist diese Wirk- 
ung oft nur vorübergehend; allein eine Wiederholung der- 
selben verqfiag, gleiche Wirkung, wje die vorausgegangenen 
hervorbringend^ neuen Vortbeil, ja selbst HeiJhing zu erzielen. 
Wenn nun aber auch die Brechmittet durchaus keinen ande- 
ren Vorzug b&tten, als mechanisch die Pseudoraembiaaen 
zu beseitigen, und nicht iiuch zugleich neue, diphtherische 
Sekretion zu veiiuedem, so würden sie dennoch mit dieser 
Beseitigong 2 grosse wohltbfttige Wirkungen hervorbfingeOi 
n&mlich Asphyxie zu verhüten und sekund&re Infektion. In der 
Epidemie von Leiria 1786 - 87 wandte sie So.ar es Barbosa 
mit entschiedenen Vortheile an: gab jedoch der Breobwurs 
den Vorzug vor dem Brechweinateiae; dagegen gibt Barbosa 
letzterem den Vorzug, weil er in seiner Wirkung verlftssiger 
ist, oder er kombinirt beide. Der Breohweinateio hat haupt- 
sfrohlicb den Nachtheil, dass. er eine deutliobe Prostration 
hervorbringt, CSholerinea oder cholerische DurcUUle er- 
zeugt, und die Brechwurz^ den Vortheil, dass sie mehr 
Würgen, als wirkliches Erbrechen, hervorbringt, und die 
Kräfte schont 

Wenn die Birechwurzel nicht eotspridit^ so muss der 
Sulfas cupri angewendet m erden« 



dm 

Zvweiltt briogen jedoch weder die eben bemerkten 
Mittel, ooch aadeve, wie der Sulfas Zinci^ den gewOoeehteD 
Erfolg heryor. Die Fälle, wo dieses vorkommt, sind stete 
die gefAhrliohsteo; deen entweder fehlt es dem Magep an 
hioreicheikder {Energie in der Absorption, um das Mittel zur 
Wirkung au bringen, oder die Muskeln, welche die Breoh- 
Wirkung vollziehen sollen, haben nicht Kraft genug, sich zu- 
saaiinenBUziehen und das Erbrechen zu unterstatzen. Man 
wendet die Brechmittel tftglich ein-, zwei- oder öftere Male 
an, stets nach vorgenommener Kauterisation, um das Aus* 
stossen des diphtherischen Detritus zu fordern, oder auch, 
fim grössere oder geringere Atherobeschwerden durch Ebt* 
fernung von Pseudomembranen und Mukosit&ten zu heben. 
V. hat sie in einem Tage 3'~4 Mal mit Erfolg angewendet. 

Die alterirenden Mittel: Kalichlorat, Alkalien, Mer- 
kurialien, Brom- und Jod-Prftparate. 

Das Kalichlorat wurde 1819 von Chaussier alsre* 
konstituirendes und ableitendes Mittel empfohlen, kam dann 
wieder in Vergessenheit, bis es hauptsächlich durch B lache 
1854 neuerdings in Anwendung kam *). Nachdem das Mittel 
bekannt gewordßn, ward es auch in Lissabon angewendet -^ 
und namentlich in den Beobachtungen 1. 3. 4. 5. 6. 9. 12. 
17. 21 und 22. V. unterliess jedoch nie dabei die energi- 
schen Kauterisationen und die Anwendung von Brechmitteln. 
Er verordnet gewöhnlich Va bis 4 Drachmen in 6—12 Unzen 
Wasser und 1 Unze Oummisyrup far 24 Stunden, wovon 
er 1^4 Esslöffel voll in 2~3 Stunden nehmen lässt 

Alkalien. Mareehal de Gal vi rühmte den Qicarbones 
sodae, er hat seinen Ruhm jedoch nicht behauptet und in 
Portugal keine Nachahmung gefunden. 

Die Merkurialien — an der Spitze das Kalomel und 
die Merkurial-Friktionen^ welche in EngliM:id, in Deutschland 
Amerika und Frankreich in Gebrauch kamen, wurden auch 



*) JCiudef ckimiqtiUj pk^Miaiogiqmef ei cimique* narCempioi thera- 
peuiique du chlwate de pouu^te ttpicktimemf dans ie* affeaions 
diphiMriqme. Paris 1856. 



304 

in Portugal angewendet. Barbosa bediente steh Anfangs 
des Protochlorureti mercur. nach Lard's Methode zu 2*/2 bis 
5 Centigr. 2—5 Mal in 24 Stunden and nebenbei 3 — 4 Mal 
im Tage Einreibungen von grauer Salbe. Er gab sie jedoch 
g&nzlich auf, weil er bemerkt haben wollte, dass sie den 
adynamisehen Zustand beschleunigt. Brom, welchem Ch. 
Ozanam in der Behandlung der Diphtherie den Vorzug 
gibt *) , in der Formel von 2 Tropfen reinen Broms auf 
3 Unzen Wassers, wovon er 1-5-30 Tropfen im Tage neh- 
men lässt (p. 172). Weder diese Form noch die Lösung 
von Bromkali wurde je in Portugal angewendet Davon ab- 
gesehen schenkt ihm V kein Vertrauen. Jod, namentlich 
das Joduretum potassae — ein kr&ftiges Umstimmungs- 
mittel, ward von Dr. Wilhelm Zimmermann in der Epi- 
demie zu Valenciennes t857 gegen Angina diphtherica und 
Krup nebst andern Mitteln mit Erfolg gebraucht •• ). Er be- 
diente sich hiezu der Eau d'Ad^la'ide, die er mit dem inner- 
lichen Gebrauche der Aqua alcalino-muriatica (bioarbon. sod. 
satur. 15 gramm. sal. marin. 15 gram. ~ aquae LOOO grm.) 
— und der &usserlichen Anwendung der Tinctura jodo iodo-pro- 
murada unterstützte. Barbosa machte nie Gebrauch davon. 

Die Tonica sind eine kräftige Hälfe in Behandlung 
des Krups, ja die einzige gegen den Oarrotilho infectuoso 
oder die Intoxication diphtherica. 

Das Auftreten von Albumin im Urine, ohne dass As- 
phjxie oder Nierenkongestion dieses erklärte, ferner, ohne 
dass es lokalen Revulsivmittelu und der LageftndeVung weicht, 
gilt Ba»bo8a filr Anzeige zur Anwendung der Tonica. 
Er w&hll stets Eisen mit China und st&rkender Diät. Fflr 
ersteres wählt er gewöhnlich die Formel: perchlorureti fern 
liquidi 1—2 drachm., aq. dest. 4 — 6 Unzen, Syrup. G. arab. 
1 Unze, wovon er von 2 — 3 Stunden 1—3 Esslöflfel voll neh- 
men lässt. In diätischer Beziehung macht er besonders auf 
die Nothwendigkeit gesunder Luft aufmerksam. 



*) Memoire sur Paction euraiive et prvpkyfmcrtgue du bromeeontre 

les affBciionJs paeudo^membraneuaes. 1860. 
**) Memoire mr fes affections diphihe'ritiifues. 1890, 



305 

Die Medioatio antiphlogietica (p. 175) erkl&rt 
er nicht allein fbr unnütz, sondern geradezu für gef&hrlicb. 
Schon Soares Barboaa hatte sich 1789 für Portugal da- 
gegen erkl&rt, und Antonio Barbosa will die Methodus 
antiphlogietica ganz aus der Therapeutik des Ejrups proskribirt 
wissen. Ein gleiches Yerwerfungsurtheil spricht er aber 
innere und &ussere Reynlsiva, wie Purganzen und Blasenzüge 
aus. (p. 177.) — 

Die Topica. Ihr Gebranch ist bereits 1800 Jahre alt, 
indem sie Aretaeus aus Eapadozien gegen die sogenannten 
Ulcera egjptica emp&hl und anwandte. 

Die Ortliche Behandlung nmfasst ätzende, adstrin- 
girende Mittel. 

Von erateren findet die meiste Anwendung das Salpeter^ 
Silber, dann die Hjdrochlorsäure, das Kupfereulphat, das 
Eisen-Perchlorür , und das Glaheisen, — unter letzteren 
haben Alaun und Tannin den Vorzug. 

Der Höllenstein, von Bretonneau vor mehr als 
30 J. gerühmt, wird in fester Form oder in konzentrirter 
Lösung gebraucht, nämlich in fester, wenn sich die Theile 
damit, vermöge eines sicheren — porte-cautere — erreichen 
lassen, wobei sich gleichzeitig schon gebildete Pseudomem- 
branen abstreifen und dann die entblössten und blutenden 
Stellen gut betupfen lassen. 2 malige Kauterisation im Tage 
reicht gewöhnlich hin, in gutartigen Fällen wohl auch einma- 
lige; — jedoch hat V. sie auch wohl 3 bis 4 Mal vorgenom- 
men. Er rathet, sie sehr energisch vorzunehmen und erst zu 
sistiren, wenn durchaus keine Hautbildung mehr stattfindet 

Yio hintere Sachentheile oder tiefer gelegene affizirt 
sind, da zieht er eine konzentrirte Lösung (8—15 Gramme 
auf 30 Gramme destillirten Wassers) vor. 

Anwendungsweisen und Regeln sind bekannt. V. gibt 
dem Salpetersilber durchschnittlich vor allen anderen Aetz- 
mitteln den Vorzug, — er bedient sich nur des Perchlorureti 
fern liquidi, mit einem Pinsel applizirt, wenn Blutexsudation 
an Stellen stattfindet, wo sich eine Pseudomembran losstiess, 
und vorzüglich in der Diphtberia maligna. Das Eauterium 
actuale wandte V. nie an, hält es auch far aberflttssig. 



306 

Es hat die Kaaterisation aueli ihre Oegne^ geftinden, 
namentlich in Marchai de CaWi, Ledere und noeh 
1857 inL^on Gigot etc., welcher bekanDtlicfa ia Beinen ^Ai* 
des ciiniques sur le iraitement de Vangine couetmeuse et du Cronp 
6 der gebräuchlichsten Behandiungsnethod^n einer Art kri- 
tiecher Würdigung unterzogen hat, die wir aber, als exotisch 
in Barbosa's portugiesischer Arbeit ttbergehen. Ebenso 
dürfen wir nur im Vorbeigehen Treusseau'» Anwendung 
von Tannin abwechslungsweise mit Alaun durch Binblasen 
erwähnen, eine Methode, deren Yortheil Dr. Loiseau de 
Montmartre als fast ausschliesslich herrorhebt durch seine 
Kasuistik von 95 Fällen, wovon nur 2 unglücklichen Aus- 
gang nahmen, -^ und wovon noch zudem der eine ohne 
ärztliche Behandlung, der andere nur unvollkommen war be- 
handelt worden. Schliesslich glaubt V. noch der Kauterisa- 
tion des Latynx erwähnen zu müssen, deren Geschichte e^ 
durchführt von Girouard von Chartres bis Horaee 
Green, Dieffenbach bis Loiseau, der^ wie bekannt, mit 
dem Instrumente von Charriere man<(vrirte. Man weiss, dass 
Loiseau mit diesem Instrumente 12 Heilungen unter 16FW<> 
len erzielte. Es befindet sich dasselbe zwar in der Santa Casa 
da Misericordia zu Lissabon; allein von seiner Anwendung 
macht Barbosa keine Erwähnung, femer 2) Bouehut*s 
Tubage, worüber bekanntlich Tr o u s s eau im November 1858 
einen trefflichen Bericht erstattet hat. 

Da wenige Aerzte Deutschlands portugiesisch lesen, so 
haben wir seit einigen Jahren getrachtet, so viel in unseren 
schwachen Kräften liegt, unseren deutschen Kollegen Mit- 
theilungen aus der medizinischen Literatur Portugals zu brin- 
gen, — und in diesem Sinne, in dieser Absicht bitten wii 
sie auch voranstehende Arbeit hinnehmen au wollen. 



JOURNAL 

Je<Ms Jakr er- RAuüsäue, Ab« 

MheiMa 13H«lle haaai., SehrMlan , 

iii2Bdii.— Oute ITAH Werke, Journale 

Orlgtnmiawfaltffft JTUl» etc. fllr die Re* 

fib. Klodarknak- dakilon diese« 

helfen werden er- Jonmaleii beliebe 

beten nnd naeh vaua dertelben 

Br.ekdn»j«to|r|||[||i2i||ir.|i |i[|/1I|7|TI71l[ '^ ^' '''"**■ 

H.ft» p.. b..<H|y]|J|jQ||J|I|/|[^J|Jl|^l|||i|, «en, ..».u.» 
rirt. den. 



TBAKD XLM.] ERLANGEN, MAI u. JUNI 1866. [HEFT 5 u. 6.| 

f. Abhandlungen und Originalaufsätze. 

üeber Diphtheritis, von Dn Thoresen in 
Christiania *). 

Die Dipbtheritis ist in den letzten Jahren tiberall in Nor- 
wegen vorgekommen und ist eine von den wichtigsten Ur- 
sachen der vermehrten Sterblichkeit unter den Kindern ge- 
wesen. In meiner Praxis habe ich mit derselben seit 1861 
fast ununterbrochen zu schaffen gehabt und bis Ende 1864 
habe ich 361 Kranke an Diphtheritis behandelt, und will ich 
UMi meine Erfahrungen aber dieselbe hier mittheiien. 

In den Jahren 1861 bis Ende 1864 kamen mir, wie ge- 
sagt, 361 F&lle vor, nämlich 159 beim m&nnliohen und 172 
beim weiblichen Geschlechter von diesen starben 76 (40 
mftnnliehen und 36 weiblichen Oescbiedites). — Das Cha- 
rakteristische bei dieser Krankheit ist bekanntlieh die Absetz- 
ung eines weissen Beleges auf der Schleimhaut im hinteren Theile 
des Halses, namentlich auf den Tonsillen, dem Gaumensegel, der 
Uvnla und der hinteren Wand des Pharynx. Ich glaube, dass es 
zu Irrung Anlass geben kann, wenn man, wie Prof. Bam- 
berger in Virchow's Pathologie gethan hat, zwei Arten 
dieser Krankheit unterscheidet, nämlich eine krupöse Rachen- 
entzflndang und die eigentliche Diphtheritis. Die Erste soll 
gtttartig sein und in einer einfachen Exsudation auf der 
Sekleimhaat ohne Hortifikation bestehen; die Zweite soll bös- 



«) Nortk Magazin Bd. 19, 1865 Heft 4 p. 279. 

XLVL 1S66. 21 



artig und mit Brand des unterliegenden Gewebes und heftiger 
Aligemeinaffektion verbund^h s^in. 

Wenn man aber die Krankheit zur Zeit einer Epidemie 
beobachtet, so wird man oft Gelegenheit haben, in einem und 
demselben ttause die verscbiedenen Örade gl^cbzeitig zu 
sehen, und Wird man sieh dann tiberzeugen,* dass es ein und 
derselbe Erankheitsprozess ist, der durch dieselben Ursachen 
bewirkt ist, aber durch die Konstitution des Kranken, die 
Disposition für die Krankheit oder durch andere uns unbe- 
kannte Einflasse modifizirt wird. — Bamberg er gibt 
auch zu, dass die EinCheiiung mehr deshalb Ten ihit beibe- 
halten ist, um der älteren Anschauungsweise zu folgen und 
weil er sie als zweckmässig vom klioisehen Standpunkte aus 
hält , ohne dass es ihm mOglich gewesen , irgend einen Un- 
terschied in den anatomischen Charakteren nachzuweisen. 
Im Beginne der Krankheit ist es durchaus unmöglich, zu ent- 
scheiden, was man krupöse Entaflndung oder Dtphlheritis 
nennen soll, denn beide fangen immer mit einer einfiiciien 
Exsudation auf der Schleimhaut an und di« nachfolgende 
Mortifikation entwickelt sich erst einige 2ieit, naekdem das 
Exsudat vorhanden gewesen ist. Zwar kann aoan von dem 
Aussehen der Theile und der raschen Ausbreitung des Bsssu- 
dates das Schlimmste zu befürchten haben, allein ein sicheres 
diagnostisches Kennzeichen kann solches im Begnsne der 
Krankheit nicht abgeben. 

Der häufigste Sitz des Beleges sind die Tonsillen, von 
welchen bald die eine, bald die andere, bald beide angegriffen 
werden. Das Exsudat kann sich hier begrenzen, oder aber 
breitet es sich auf die Gaumenbogen, das Gaumensegel, die 
Uvula, so wie auf die hintere Wand des Pharynx aus. Von 
hier aus kann es sich bis in den Larynx fortsetzen, und ist 
diese Ausbreitung nach unten gewöhnlicher und viel geiUir- 
licher, als die Ausbreitung uach oben in die Nase. Ifitanter 
geschieht es, dass die Tonsillen ganz frei bleiben und dass 
entweder der Gaumenbogen und die Uvula oder aliein der 
Pharynx angegriffen und mit Exsudat belegt werden In eiZ' 
zelnen, aber seltenen, Fällen habe ich auch gesehen, dass der 
hintere Theii der Hase allein der Sitz der Krankheit war. 



30» 

Das» die Kmokbeit ale Krup beginnen und «ioh aadh 
oben hin in den Rachen soll forUetoen können, ist nicht un- 
gkioblieh, allein ich selbst habe niemals Gelegenheit gehabt, 
solebes au beobachten. 

Die Farbe des Beleges variirt TOm Weissen bis zam 
sehmutsigen Grau; je dünner der Belag, je reiner weiss der- 
selbe ist, am so unmöglicher ist es, ein dünnes Exsudat in gut- 
ariig^a F&Uen von dem Aussehen der Schleimhaut nach dem 
Bepinseln mit Höllenstein bu unterscheiden. In gewöhnlichen 
F&llen hat der Beleg die meiste AehnKchkeit mit einer Schicht 
Rahm, die etwas in's Gelbe spielt, und wenn man eine solebe 
Haut abechabt, so erseheint die Sehleimhaut rotb, exkoriirt 
und Mutend. Da, wo die Krankheit die Uvula ergreift, bildet 
sieh an derselben nicht sofort ein Beleg, sondern wird das 
lose, halbdurchsichtige Gewebe mit der Bxsudatmasse infiltrirt, 
weldie spftter ausgestossen und als eine graulich-weisse, gan- 
grftnöse Masse begrenzt wird. In FUllen, in welchen die 
tieferen Theile des Rachens angegriffen und dickere Schichten 
von Bxsudatmasse abgesetzt werden, habe ich gesehen, dass 
dieselben beinahe einen halben Zoll dick und in solcher 
Menge und Ausbreitung vorhanden waren, dass sie den Ra- 
chen fast völlig ^ verschlossen. In solchen Fällen hat 
das Bxsudat immer ein schmutzig - grauliches Aussehen, 
veihreitet einen garstigen Geruch, l&sst sich nur 
schwer von dem unterliegenden Gewebe abtrennen, welches 
dimu eme ulzerirte, blutende Fläche darbietet. Die Stelle 
im Halse, welche das dickste Exsudat erzeugt, ist das 
Gaumensegel. — Wenn das Exsudat sehr in die Tiefe 
dniigt, so hat es immer die Mortifikation der unterlie- 
genden Theile zur Folge, es werden grosse Stücke von diesen 
abgestossen und ist dieses namentlich mit den Tonsillen der 
Fall. Die das Exsudat umgebenden Theile sind mehr oder 
weniger entzündet, die Schleimhaut ist roth, oft trocken und 
gl&nzend. 

Wenn man gewöhnlicherweise die Krankheit als eine 
DiphtheriUs des Rachens beschreibt, so muss doch nothwen- 
dig daran erinnert werden, dass man dieselbe Krankheit er- 
h&lt, wenn der Beleg auf eine von der Epidermis entblösste 

21 • 



310 

Hautilftohe, oder auf irgeDd eine von den flbxigen Sohleim- 
häutea abgesetzt wird. Dafi Exsudat hat dann denselben 
Charakter und das ganse Krankheitsbild bleibt dasselbe, mit 
dem Unterschiede indessen, dass die Schleimhaut des Rachens 
in den von mir beobachteten Fällen der Art nicht angegriffen 
gewesen ist. 

Diagnose. Findet sich das von mir beschriebene Ex- 
sudat auf der Schleimhaut, so ist solches für die Krankheit 
charakteristisch. Weil sich aber ähnliche Absetuingen finden, 
welche au Fehlgriffen Anlass geben können, so will ich diese 
näher besprechen. — 

Bei der Angina folliculosa werden auf den Tonsillen in 
den Mündungen der Follikeln käseartige Massen von der 
Grösse eines Stecknadelkopfes bis zu der eines Hanfkonies 
abgesetzt; diese lassen sich leicht von der Schleimhaut weg- 
nehmen, welche nicht angegriffen ist. Sie finden sich gewöhn- 
lich bei Individuen mit grossen Tonsillen, die öfters von An- 
gina geplagt gewesen sind, und sieht man bei solchen oftmals 
die ganze Mandel mit grauweissen Punkten bestreut, die von 
einander durch zwischenliegende freie Schleimhaut geschieden 
sind. Der diphtheritische Beleg bildet aber immer eine 
grössere oder kleinere zusammenhängende Fläche. 

Für einen Nichtarzt ist es nur möglich, die Diphtheritis 
mit Stomatitis folliculosa und Aphthen zu verwechseln. Wäh- 
rend einer Diphtheriiisepidemie verursachen diese Affektioneo 
dem Arzte aber unnütze Beschwerden und habe ich öfter 
längere Reisen machen müssen, weil die Leute sich nicht 
eher zufrieden geben wollten, bis ich au Ort und Stelle ihnen 
über die Beschaffenheit der Krankheit Auskunft geben konnte. 

Die während einer Pneumonie und eines Puerperalfiebers 
bisweilen vorkommende Exsudation auf den Schleimhäuten 
ist, glaube ich, nicht ganz derselbe Krankheitsprozess ; es ist 
jedenfalls das Eigenthümliche bei demselben, dass die Ab- 
setzungen über den ganzen weichen und harten Gaumen statt- 
finden können, welche Ausbreitung ich niemals im eigentlichen 
Rachenkrup gesehen habe. Das Exsudat ist mehr trocken, 
käseartig, das unterliegende Gewebe ist exkorürt, aber nie- 
mals gangränös, es steht die allgemeine Affektion nicht im 



an 

Terb&Uolsse zur Ansbreitung des Exsudates, und ist nament- 
lieh nicht mit einer solchen Intoxikation des Blotes verban- 
den, wie bei der Diphtheritis. 

Ich halte es fUr wichtig, den Begriff der Krankheit genau 
2U begrenzen, und dass unter den Aerzten genau bestimmt 
werde, was man zur Diphtheritis zu rechnen habe und was 
niebt. Ich habe gefunden, dass dieses nicht immer befolgt 
wird nnd dass man daher eine irrige Meinung von der Hftn- 
figkeit der Krankheit, der Mortalit&t derselben u. s. w. be- 
kommt 

Aetiologie. In dieser Hinsicht ist man mit der in 
Rede stehenden Krankheit nicht weiter gekommen als bei den 
anderen epidemisch auftretenden Krankheiten. Dieselbe kann 
aUerdings spontan aus uns unbekannten Ursachen entstehen, 
aber man braucht noch nicht lange Zeit hindurch die Krank- 
heit beobachtet zu haben, um sich von der grossen Kontagio- 
sitftt derselben zu überzeugen. Ich bin immer mehr darüber 
in*s Reine gekommen, dass die Krankheit durch ein sehr fixes 
Kontaginm umher getragen wird, welches sein Ansteckungs- 
vermögen lange Zeit, halbe, ja ganze Jahre bewahren und in 
den Kleidern des Kranken u. s. w. verborgen liegen kann. — 
Davon rühren meiner Ueberzeugung nach die anscheinenden 
Bigenthümlichkeiten bei ihrer Ausbreitung her. Man siebt, 
dass sie aA einer Stelle eine Anzahl von Individuen ergreift, 
versehwindet, und nachdem sie einige Monate fort gewesen, 
entweder in demselben oder in einem benachbarten Hause 
wieder auftaucht. Dieses wird leicht erklärlich, wenn man 
mit einem fixen Kontagium zu thun hat und wenn man zu- 
gleich das Verfahren der Bauern mit Kleidungsstücken und 
Bettzeug der Kranken kennt und weiss, wie es im Ganzen 
mit der gewöhnlichen Reinlichkeit auf dem Lande bestellt 
16t. — Im verflossenen Jahre hatte ich ein schlagendes Bei- 
spiel von der Ansteckung durch Kleider. Im Juni starb ein 
Knabe an Diphtheritis, welcher ein Geschwisterkind auf einem 
eine Meile entfernten Hofe hatte. Dieser Bursche sollte den 
Rock des Verstorbenen erben und erhielt denselben auch im 
September. Er hatte den Rock noch nicht lange getragen, 
als er sich unwohl flihlte und er, der sieben Jahre alt war, 



sagte seibat su seinem Vater, dass er dareh den Book krank 
geworden sei und ihn nicht mehr tragen wolle« Er wurde 
denn auch wirklich von der Diphtheritis ergriffen, und es er- 
krankten daran auf dem Hofe, mit Ausnahme eines S&og^iages, 
filnf Kinder, von welchen drei starben. In der K&he kam 
sonst die Krankheit nicht vor. Auf diesem Hofe sowohl, als 
auch auf dem, von welchem der Ansteokungsstoff herrflbrte, 
erwies sich die Krankheit höchst bösartig; auf letaterem 
starben von vier Kranken 2wei. 

Je weniger Fälle vorkommen, um so leichter ist es, den 
Gang der Krankheit zu verfolgen. Im verflossenen Jahre, in 
welchem die Ausbreitung desselben und die Zahl der Er- 
griffenen geringer gewesen ist, habe ich die Ansteckung fast 
von Haus zu Haus verfolgen können. Bei dieser Gelegenheit 
habe ich denn auch die Inkubationszeit kennen gelernt 
Dieselbe ist kurz und beschränkt sieh nur auf wenige Tage. 
Man sieht, dass sich der Ansteokungsstoff durch die Schleim- 
häute und durch die von der Epidermis entblössten Haut- 
flädien den Weg in den Organismus bahnt. Wahrscheinlioh 
ist es, dass er durch das Athemholen eingefahrt wird, wenn 
die erste Aeusserung der Krankheit im Rachen sich kund thut 
In einigen Fällen habe ich auf den weiblichen Oeachlecbts- 
(heilen, nämlich auf der Schleimhaut der grossen Schamlefzen, 
zuerst die Infektion hervortreten gesehen. In einem voo 
diesen Fällen hatte sich ein kleines Mädchen beim Fallen auf 
einen scharfen Rand die Haut an den Oeschlechtstheilen zer- 
rissen. Dasselbe wurde von einem Knaben angesteckt, welcher 
eine grosse diphtherilische Wunde unter dem einen Kniee 
hatte, die Folge einer unbedeutenden Hautlosigkeit war, 
welche er fast gar nicht beachtet hatte. Dieser Knabe war 
von seiner Schwester angesteckt worden, die an Racheadipk- 
theritis krank lag. Er hatte die Hautwunde nicht bedeckt 
gehabt und war im blossen Hemde in dasselbe Zimmer ge- 
gangen, in welchem die kranke Schwester lag. Es ist viel- 
leicht flberflassig, dass ich diese Beispiele anfahre, welche das 
grosse Ansteckungsvermögen der Krankheit beweisen. Obsohon 
der Ort, wohin der Knabe, ehe er in meine Behandlung kam, 
gebracht worden war, frei von der Krankheit gewesen war, und 



313 

oImcIiod $eisa diphÜMritiMiift Wonde iick begreoste ond okne 
alle AllgeoMinaffektiaii verliaf, so steckte er deonoeh das 
MAd#beo .mittelst der an ihre» GesohleehtsäieileD Torhaadeneii 
«Bbedeutttndeo Haotateohabang an ond hatte dieses den Tod 
desaelbe« «ur Folge. 

Oase sehleehte hygieioisohe Verb&ltQisse, wie uogesuDde, 
fftuohie, dunkele und kleine WcAnräune, schlechte Nahrung, 
Dnreinlicbkeit, die Krankheit bösartiger niaefaeo können, ist 
gewiss nicht zu Iftagnen; dass aber etwas mehr dazu gehört, 
uns die Krankheit hervor zu bringen, davon bin ich aberzeugt. 
Denn davon, dass unter den gttnstigsten Verhältnissen die 
Krankheit sehr bösartig auftreten, und umgekehrt, in 
elenden, kleinen Htttten glUeklich verlaufen kann, 
habe ich msnehe Beispiele erlebt. So hatte ich fünf Kinder 
in Behabdiung, die in einer so kleinen Erdhütte wohnten, 
dass darin kaum Platz fftr die Betten war und die dabei so 
akdrig war, dass man darin nicht aufrecht stehen konnte. 
Mit den Eltern hausten in dieser kleinen Erdhütte sieben 
Individuen.' Alle fünf fast gleichzeitig ergriffene Kinder über* 
atonden die Krankheit glflcklieh« 

Das Alter zwischen zwei Jahren und der Pubertät ist 
der Ansteckung ans meisten ausgesetzt. Säuglinge werden 
sehr selten ergriffen. 

BiQsiehtlich des Oesehlecbtes scheint kein Unterschied 
stattzufinden. Die Jahreszeiten, Wittenmgsveränderungen, 
Winde aebein^n keine Einwirkung auf die Krankheit zu haben. 
Erkältung scheint zur Ansteckung zu disponiren. Schwäch« 
liehe Individuen, magere, ungesunde, skrophulöse Kinder mit 
gesehwoHeften Tonsillen und Geneigtheit zu Angina sind der 
Krankheit vielleicht mehr auegesetzt, als gesunde. Eine ein 
Mal durchgemachte Diphtheritis mit Aligemeinaffektion seheint 
meioer Erfahrung nach gegen eine Wiederholung zu schützen. 

Wesen der Krankheit. Es ist ein sehr streitiger 
Punkt, ob die Krankheit von ihrem ersten Anfange an wesent« 
lieb als eine lokale zu betrachten sei oder nicht. Diejenigen, 
welche dieselbe für eine wesentlich lokale Krankheit 
halten, behaupten, dass der Beleg im Halse das erste Sjmp* 
tofls ist 9 und dass der Ansteckungsstoff erst, nachdem der 



314 

Beleg gebildet ist, in's Blut abergeAlhrt werde, «ad I^jen «ie 
ein grosaea Gewicht auf die Zeratörung der ezaudirten Masae« 
Andere halten die Krankheit weaen|lich fttr eine Allgemein- 
affeklion und Einige haben sie mit dem typhösen Fieber 
zusammen gebracht, das bloss eine besondere Geaeigtheit 
habe, sich im Rachen zu lokalisiren, und nannten ea Isthoio- 
typhus. Dass dieselbe eine lokale Krankheit sein kann, 
habe ich mehrmals Gelegenheit gehabt zu sehen, und kann 
man dieses namentlich dann beobachten, wenn sich der An- 
steckungsstoff auf offene Wundflftohen niederachl&gt, in wel* 
eben vorher eine gute Beaktit)n gewesen war. Die Wunde 
wird mit dem Exsudate belegt, das Aligemeinbefinden des 
Kranken leidet darunter oft nicht, nur wird das Zuheilen der 
Wunde verzögert und muss man also die Krankheit fOr eine 
lokale halten. Ich hatte schon Ifljigere Zeit einen Krsmken 
in Behandlung, der «ine lange Fistel an der Lende balle. Er 
lag in einer Gegend, in welcher Diphtheritis herrsehte; ohne 
hieran zu denken, spaltete ich die ganze Fistel auf; die 
Wunde bedeckte sich hierauf nach einigen Tagen mit diph* 
theritischem Exsudate, ohne daas solches irgend eine Störung 
des Wohlbefindens des Kranken zur Folge gehabt hätte. 

Dass es sich aber in den meisten F&llen , wenn die 
Krankheit durch die Schleimhäute abertragen wird, anders 
verhält, habe ich Grund zu glauben. Hier ist insgemein ein 
feineres und reicheres Kapillarnetz, durch welches die Ab- 
Sorption leicht vor sich geht, und bin ich der If einung, dass 
der Ansteckungsstoff öfters schon in's Blut flbergefdhrl ist, 
wenn man den Beleg im Halse zu Gesicht bekömmt. Auf 
diesen Punkt bin ich ganz besonders aufmerksam gewesen 
und habe ich mich in manchen Fällen davon aberzeugt, dass 
die Allgemeinaffektion (der Fieberanfall) der Bildung des Be- 
leges vorausgegangen war. In Familien, in welchen mehrere 
Individuen ergriffen waren und welche täglich besucht wurden, 
Hess sich dieses nicht schwer konstatiren. Es scheint mir 
auch, als wenn diese Annahme nahe liegt und nicht im Streite 
mit dem steht, was wir von anderen Vergiftungen wissen. 
In Gegenden, in welchen viele Individuen ergriffen sind, wird 
man bemerken, dass zu derselben Zeit ungewöhnlich viele 



315 

AagioeD anlbreteD. leb kMin mir dieaee nieht auf andere 
Weise erklftreD, ab dass sie eine Folge ▼on ADsteckung sind, 
dam aber der ADsteokaDgsstoff entweder in eo geringer 
Menge vorhanden, oder aber die Disposition fQr die Krank* 
heit 8o gering gewesen ist, dass das Allgemeinbefinden, wel- 
ches in den meislen F&llen aueb angegriffen ist, nur unbe* 
deutend darunter leidet, und dass die Wirkung des Ansteek- 
ungsetofies anf die Sobleimhant des Rachens so schwach 
gewesen, dass sieb kein Exsudat bildete« Die Eltern und W&r- 
ter der kranken Kinder ersuchten oft den Aret, er möge ihren 
Hals besichtigen, da sie sich mehr oder weniger unwohl be- 
ftttden und Schmers im Halse verspürten. — 

Bs geschieht nicht selten, dass sich Fieber mehrere Tage 
vor dem Erscheinen des Beleges im Halse einfindet, welches 
wie ein Katarrhalfleber mit Angina verl&uft. Die hitensit&t 
des Fiebers und das Zunehmen der Angina in Verbindung 
mit der in der N&he vorkommenden Diphtheritis bewirkt je- 
doch, dass man die wahre Natur der Krankheit ahnet. 

Dass die Krankheit auch im Rachen lokal sein kann und 
w&hrend ihrer Entwickelung auf den Rachen begrenzt bleibt, 
ist gewiss. In diesen Fftllen hat die durch den Ansteckungs- 
stoff hervoi^erufene Reaktion das Weitergehen derselben ver- 
lündert und verl&aft die Krankheit dann als eine lokale. Dass 
die Intensität der Krankheit gewöhnlich im Verhältnisse zur 
AusbreiUing der Diphtheritis im Rachen steht, ist ebenfalls 
glaublich, indem man annehmen muss, dass ein intensives 
Gift eine tiefer gehende Destruktion hervorbringen wird, als 
ein schwaches; jedenfalls sieht man, dass dieses der F^ll bei 
thierischen Vergiftungen ist, z. B. bei dem Schlangengifte. 

Wenn bei einem Kranken Wundflädien auf der Haut 
entstehen, so sieht man, dass solche oft mit dem Exsudate 
belegt werden. Soll man dieses nun fOr eine Folge der all- 
gemeinen Vergiftung, oder aber fClr eine lokale Krankheit 
halten? Ich glaube nicht, dass man im Stande ist, diese 
Frage bestimmt^ zu entscheiden und scheint es mir vielmehr, 
als wenn beide Anschauungsweisen richtig sein können. In 
einem von mir beobachteten Falle glaube ich behaupten zu 
köimen, dass das gebildete Exsudat eine Folge d«r vorhan- 



31fl 

denen Krankheit war. Ein erwaehsene» MtUl«heD) weleket 
eine massige Diphtheritis halte, bekam während seiner Krank- 
heit nach einem Orütsumeoblage um den HaJs eine ExkoriatioDf 
welehe sich mit Exsudat belegte und folgte darauf eine niehl 
unbedeutende Zerstörung. Späterhin bildeten sich bei dem- 
selben an einem Beine awei AbsEesse, nämlich einer auf dem 
Fussrttoken und einer auf der Fussaohle^ welche schon rot 
ihrer Oeffnung ein schmutziges, gangränöses Aussehen 
hatten uod nach der Oeffnung Exsudatmasse mit Zerstörung 
der Bunächft belegenen Theile absetzten. 

Symptome und Verlauf der Krankheit. Das Bx> 
sudat im Rachen ist das erste siohene Symptom vom Vorbau* 
densein der Krankheit, und hört man gewöhnlich, dass ein 
schwächerer oder stärkerer Frostanfall vorausgegangen ist. 
Es entwickelt sich nun, je nach der Intensität der Krankheit, 
ein schwächeres oder stärkeres Fieber; das Exsudat, wekhes 
Buerst unbedeutend ist, breitet sich mehr oder minder in die 
Tiefe und Breite, Je nach dem Charakter der Krankheit, aus. 
Die Scbleimbaut im Halse wird roth, die Theile Schwellen an; 
an den ergriffenen Stellen fühlt der Kranke ein Birennen und 
Stechen; das Schlingen wird beschwerlich; der Druck von 
aussen ist empfindlich und im Gänsen sind es die gewöhn- 
liehen Symptome, wie bei der Angina. In der Regel steht 
das Fieber im Verhältnisse zur Beschaffenheit des Exsudates 
im Halse; bleibt dieses auf einer geringen Stelle beeefaränkt, 
ist es oberflächlich und fängt es an, sieh abzustossen, ohne 
dass ein neuer Beleg sich bildet, so nimmt auch das Fieber 
nach und nach ab und dauert unter günstigen Umständen 
nur einige wenige Tage, und kann man dann annehmen, dass 
die Krankheit glacklieh überstanden sei. Die Rekonvaleszenz 
irt in der Regel kurz and kömmt der Kranke bald wieder 
ZV Kräften. 

Ist die Diphtheritis aber mehr bösartiger Natur, erhmgt 
das Exsudat eine bedeutende Ausbreitung und verbindet es 
9ieh mit Infiltration und Hortiflkation der tiefer belegenen 
Theile, so nimmt das Fieber bald einen adynamlschen Cha- 
rakter an. Die- örtlichen ZuAUe im Halse werden hetliger; 
der Kranke liegt gewöhnliidi mit offenem Munde, aus wekbem 



317 

eiB gBDgrftiiöier 6eni«h aQ^etrömt; dieTheile iiD Baehen npd 
sehr gesahwolleo; die Schleimhaut ist gUUixeod, trocken aod 
roih; das Esisudat ist graulich- weiss und oft in solcher Menge 
vorbandep, dass inaa nor schwer die Theilc uoterscheidea 
kaan^ welche in eine einzige pulpöae Masse verwandelt iq 
sein scheinen. Das Schlingen ist beschwerlich, das Atherom 
holen ist mehr oder minder, besonders während des Schlafe^ 
behindert; man fahlt die Drfisen auswendig stark geschwollen 
und ist der Hals ebenfalls auswendig aufgetrieben, hart und 
gespannt in Folge der vorhandenen Infiltration. 

Was die Schieimsekretion im Munde anbelangt, so ist 
dieselbe sehr verschieden: bald ist sie ganz unbedeutend, bald 
flieset der Schleim beständig aus den Munde, was besonders 
bei den geflkhrlioberen uud tiefer sich erstreckenden Ans- 
schwitaungen, in welchen auf die Speichddrasen eingewirkt 
wird, der Fall ist. — 

In den meisten F&llen steht der Sebmera im Halse in 
keinem VerhUUNsse zur Bedeutung der Krankheit, was auch 
erklärlich ist. £s flpdet sich nftmlich oft eine gangr&n^e 
Destruktion ohne vorhandene Reaktion im Umkreise und 
rühren die Beschwerden fQr den Kranken meistentheils von 
dem mechanischen Hindernisse fttr den Durchgang der Luft 
und der Nahrungsmittel her. — FltUt ein solcher Kranker 
in Schlaf und besonders, wenn er auf dem Racken liegt, so 
wird man oft einen traurigen Anblick haben und fast glauben.) 
dass der letzte Todeskampf vorhanden sei. Die lange pulpö^iG^ 
Uvula oder zum Theile losgerissene Exsudate fallen bei deva 
mehr schlaffen Zustande der Theile wUirend des Schlafens 
auf den Kehldeckel hinab, und dann arbeitet der kleine Kranke 
aas allen Kr&ften, am Luft einzuziehen, wodurch ein röchelB^ 
des, höchst beschwerliches Atbemholen hervorgebracht wird. 
Beim Erwachen tritt sofort eine freiere Respiration ein. 

Das Fieber, welches im Anfange der Krankheit einen 
mehr entzüodlicben Charakter mit Kopfschmerz, erhöhter 
Temperatur, rollem, schnellem Pulse hatte, geht, wie gesagt, 
bald in die adjnamiscfae, typhöse Form Ober. Die Tempera* 
tnr des Körpers nimmt ab, die Haut fahlt sich mehr kahl an, 
die Farbe der Haut ist bkich, oft wachsbleich im AatUtze; 



3i^ 

der Pule wird klein ; es stellt sich Betäubang, selten Delirium, 
ein; Zunge und Zähne werden mit bräunlicheo Schorfen be- 
legt; es stellt sich bedeutende Mattigkeit ein; es erfolgen 
Blutungen aus der Nase, selten aus den D&rmen ; es entsrtehen 
Petechien und alle Zeichen eines aufgelösten Zustandes der 
Blutmasse, und erfolgt der Tod unter raschem Sinken der 
Krftfte und vollständigem Koilapsus, aber in der Regel mit 
Beibehaltung des Bewusetseins. 

Ausser diesen beschriebenen Formen der Krankheit kom- 
men noch manche Uebergangsformen vor, und ausser der 
Cholera, in welcher die Krankheit vom einfachen Durchfälle 
bis zu einem, so zu sagen augenblicklichen, Blitzschlage 
▼ariirt, kenne ich keine Krankheit, in welcher sich die Ver- 
giftung in so verschiedenen Abstufungen zeigt, als in der 
Diphtheritis. — Auf der einen Seite kann nämlich die All- 
gemein aiSfektion eine so geringe und die Diphtheritis im Halse 
so indolent sein, dass die Kinder, welche eine gute Gesund- 
heit haben und wenig auf sich achten , die Krankheit durch- 
machen, ohne dass es bemerkt wird. Die im Halse zurück- 
gebliebenen Narben beweisen sicher den Sitz des Exsudates. 
Auf der anderen Seite kann die Vergiftung so stark sein, 
dass die lokale Affektion im Halse nicht zu ihrer völligen 
Bntwickelung kömmt Das Exsudat bildet sich allerdings 
und deutet durch seine Ausbreitung besonders In die Tiefe 
die Bösartigkeit der Krankheit an, allein es bleibt keine Zeit 
ZQ irgend welcher Reaktion oder irgend welcher Ausscheidung 
des Exsudates, weil der Kranke im Verlaufe einiger weniger 
Tage unter einem raschen Sinken der Kräfte und unter 
Lähmung der Nerven thätigkeit stirbt. Diesen so raschen Tod 
weiss ich mir nicht anders als auf diese Weise zu erklären. 
Es ist mir mehrmals vorgekommen, dass Kranke, die 13 bis 
14 Jahre alt waren, so weit ihre Kräfte wieder erlangt hatten, 
dass sie allein und ohne Stütze vom Bette zum Fenster 
gehen konnten, um sich hier pinseln zu lassen, nach Ver- 
lauf weniger Stunden starben und zwar nicht an Erstickung, 
sondern still und ruhig und fast ohne irgend welchen Todes- 
kampf. 

Dergleichen Fälle gehören zu den Ausnahmen; gewöhn- 



319 

iich «ehi aieb die KraaUieit, weqn sie in irgend einem be- 
deutenden Orade vorbanden ist, in die Lftnge; die BxsudaU: 
werden abgetrennt, abgesiossen und bilden sieb verschiedene 
Male von Neuem, je nach der verschiedenen Tiefe, welche 
die InfllUratioD im Halse erreicht hat. Ich habe diese so tief- 
gehend gesehen, dass sich eine Oeffnung nach Aussen mit 
Ausstossung von infiltrirten Massen bildete. Breitet sich dsüs 
Exsudat best&ndig weiter aus, so hat es meiner Erfahrung 
nach die grösste Tendenz, nach unten hin sich su Kiebeo; 
dann greift es auch die Schleimhaut des Laryax an und es 
entsteht Erup, und swar gewöhnlich Krup der schlimmsten 
Art. In den wenigen Fällen, in welchen es mir glückte, 
solche Kranke %u retten, habe ich mich aus der Form und 
Länge der ausgestossenen falschen Membranen aberzeugt, 
dass Larynx und Trachea mit dem Exsudate belegt gewesen 
waren. Dass dasselbe sich weit hinab in die Luftröhre und 
in die Bronchialäste ausbreiten kann, habe ich Grund zu 
glauben, Oewissheit habe ich aber dafür nicht. Krupsjmp- 
tome können sich auch zeigen, wenn sich kein Exsudat ge- 
bildet hat und zwar bloss durch das Aufquellen der Schleim- 
haut um die Stimmbänder und au der Epiglottis, welches sieh 
durch heisere Stimme, Krupton beim Husten und behindertes 
Athemholen zu erkennen gibt, wodurch auch der Tod herbei- 
geführt werden kann, und ist es, wenn keine Leichenöffnung 
gemacht wird, schwer zu entscheiden, wie weit das Exsudat 
sich erstreckt. — In selteneren Fällen setzt sich das Exsudat 
vom Pharjnx in die Nase fort und geht dann der Larjnx in 
der fiegel frei aus. Das Athemholen durch die Nase ist dann 
ganz behindert und fliesst ein scharfer, irritirender, mit Eiter 
gemischter Schleim aus derselben. — Ich habe erwähnt, dass 
in einigen Fällen die Vergiftung durch die weiblichen Oe- 
schlechtstheile vorgegangen war. Hier zeigten sich sowohl 
die lokalen als allgemeinen Symptome sehr heftig. Die 
Schleimhaut und die umliegenden Theile waren in dem einen 
Falle so angesehwollen, dass es der Kranken unmöglich war, 
den Harn zu lassen, und war es ebenfaUs unmöglich, die 
Blase vermittelst des Katheters auszuleeren. Zum Glücke, 
muss ich sagen, machte die allgemeine Krankheit bald den 



320 

Leiden der Kranken ein Ende. Beide Ftlle liefen tödlHch eb 
und zwar anter einem typhösen Zustande mit Blutungen aus 
der Nase und unter Entwickelung von Petechien am Körper. 

Wenn auch die lokalen and allgemeinen Symptome sehr 
heftig gewesen sind, so siebt man doch, dass die Kräfte des 
Kranken sich bessern, uftd dass sein Aussehen lebhafter wird; ar 
bekömmt etwas Appetit; das Exsudat erneuert sich nicht 
mehr, die Exkoriatiooen im Halse fangen an au heilen und 
kann man sonach annehmen, dass die Rekonvalesseni einge- 
treten ist. In manchen Fällen macht dieselbe auch gleich- 
mftssige Fortschrille; wenn man aber deshalb glaubt, dass die 
Kranken ausser atler OeAdir sind, so wird man leider mitunter 
getäuscht werden. Ich selbst habe in dieser Hineieht eine 
traurige Erfahrung gemacht, indem ich auf diese Weise meine 
aehn Jahre alte Tochter verlor, welche schon mehrere Tage 
nach einer heftigen Diphtheritis Kekonyaleszentin gewesen 
war. Nachdem die Besserung einige Tage lang gleichmässig 
weiter geschritten ist, treten als Folge der Blutvergiftung die 
sogenannten Paralysen auf. Der Name Paralyse ist eigent- 
lich kein passender Ausdruck ftlr die Krankheit, ebensowenig 
wie man einen Rekonvalesaenten vom Typhus, welcher in 
den ersten Tagen beim Bewegen der Arme und Beine Hälfe 
nöthig hat, paralytisch nennt. Es ist nur eine grosse Schwäche 
vorhanden und bei dieser Schwäche nach der Diphtheritis ist 
das EigenthamKche , dass sie oft nur einzelne Partien des 
Nervensystemes trifft. 

Am häufigsten leiden an diesen Schwächen die Ifuskehi 
des Rachens und der Stimme; der Kranke bekommt eine nä- 
selnde Aussprache; die flflssigen und cum Tbeile auch feeten 
Speisen werden durch die Nase wieder ausgestossen. Am 
häufigsten hiernach leiden die Lungen- und Magennerven, die 
Angennerven und die Nerven, welche au den Ober- und Un- 
terextremitäten gehen. 

Wenn sich die Schwäche auf die Muskeln des Rachens 
and der Stimme beschränkt, so ist der Zustand doch nicht 
gana ungefährlich. 'Die Ernährung wird im bedeutenden 
Ghrade behindert; es stellen sich ErstfckungsBirfäHe ein, wenn 
der Kranke sieh anstrengt, die Speisen ee verschlucken, und 



oft ist ei tohwieng^ des H«oger dea KrMike& ta stillen, feh 
habe jedoch niemals einen Kranken verloren, wenn die 
Behw&ehe sieb nicht weiter erstfeckte. - Bohlimmer wird 
es, wenn die Innervation im Magen and in den Lungen im 
hohen Grade deprimirt ist. Die Kranken wollen dann keine 
Nahrang au sieh nehmen, welehe best&ndig Uebeikeit, Druek 
in der Kardia «md Erbreehen verarsaeht, und kOnaen sie es 
kcMim Tertragmi, Speisen su sehen. Das Athemholen ist un- 
regeiraäsaig, die Kranken finden nirgendwo Rnhe, wollen 
iasmer l>ewegt oder getragen werden, der Schleim sammelt 
sieh in den Langen an, die Kranken siad nielit im Stande, ihn 
aiifauhttsten, und stellen si^ firstiekangsanftklte ein, bei wei- 
ehen man suchen moss, den Schleim aus dem Monde su 
aiehcB. Wenn nun hierzu noch die bedeutende Sehwftobe m 
den Armen and Beinen, heisere, flOstemde Stimme kömmt, 
so gleichen die kleinen Kranken mehr entkräfteten Gh'eisea, 
ab Kindern. So sah ich einen sieben Jahre alten Knaben in 
diesem Zustaude; derselbe tag fast gans sprachlos, und meh- 
rere Tage mit schlaff herabhängender Unterkinnlade, rassefai' 
dem, sohwereoB Athemboleo, starker Ansammlung ven Schleim, 
welcher beim Husten in den Mund gelangte, aus dem man 
ihtt dann ausziehen mussie; keine Ingesta wurden verd'agen; 
es entstand beständig Erbrechen nach dem Oennsse ron 
Speisen nnd Reiannittelo, und erfolgte der Tod durch E)rstSek- 
aog in Folge des aieh ansammelnden Schleimes. 

Ich habe gesagt, dass diese Schwächen eintreten, nach- 
dem die Rekonvaleszenz einige Tage lang gedauert hat, was 
das €kw<>hnlichste ist. Ich muss doch darauf aufmerksam 
maohen, dass es darin nicht selten Ausnahmen gibt, und 
will ich davon zwei ganz interessante Beispiele anfahren. 

Im Juni 1861 behandelte ich einen erwachsenen Knaben 
an gangränöser DiphtheritiSf welche rasch und glücklich ver- 
lief. Der Knabe war so munter, dass er mich zu seiner 
Schwester holte, die ebenfalls die Krankheit bekommen hatte; 
er räderte mich dahin mehrmals den Weg von einer halben 
Meile. Mkle August bekam ich denselben Knaben wegen 
einar solchen bedeutenden Sehwäehe in den Armen und 
Beinen, dass er -nicht von dem Wagen, mit dem man ihn 



322 

&a mir gebracht hajlte, bia in meia Zimmer gehen konnte, in 
fiebaodluDg. 

Am 6. Sept. 1864 bekam ich einen erwachsenen Knaben, 
der eine bedeutende Diphlberitis hatte, in Behandlung. Die- 
selbe verlief laogaam, war mit heftiger, phlegmonöser Ent- 
zündung im Halse und mit starkem Allgemeiuleiden verban- 
den; wegen seines Alters und seiner guten Konstitution Ober- 
stand er die Krankheit und erlitt eine langsame Bekoavaies- 
zenz, während welcher er so weit zu Kräften kam, dass er 
sich selbst helfen konnte. Am 20. NoTcmber wurde teh mnt- 
gefordert, ihn zu besuchen, und die allgemeine Sehwädie, 
welche sieh ganz ptötzlich am Tage zuvor eingefunden halte, 
war so bedeutend, dass er ungeß^r dasselbe Bild abgab, 
welches ich oben von dem sieben Jahre alten Knaben, der 
dem Tode anheimfiel, beschrieben habe. Oani gegen meine 
Erwartung überstand er dennoch die Krankheit. 

Man hat gesagt, dass die sogenannten Paralysen sich 
eben so häufig nach leichten, als nach heftigen Fällen ein- 
stellen» Dieses verhält sich jedoch nicht so; nur nach der 
mehr bösartigen Diphtheritis hat man die gefikhrliehen Para- 
lysen za befOrchten, obschon nicht geläugnet werden kann, 
dass man überrascht wird, wenn man nach gutartigen und 
schnell verlaufenden Anfällen von Diphtheritis durch die Nase 
sprechen hört und Schwäche in den Armen und Beinen, 
so wie einen amblyopisohen Zustand vorkommen sieht Hier 
ist jedoch keine Gefahr vorhanden und diese Schwächen ver- 
schwinden nach und nach von selbst. Die lElegel ist, dass, je 
heftiger die Allgemeinaffektion, je intensiver die Vei^fWng 
der Blutmasse ist, um so gefthrlicher und ausgeiNreiteter die 
Schwächung des Nervensystemes sein wird* 

Da ich glauben muss, dass meine Anschauungsweise von 
den diphtheritischen Paralysen nicht die allgemeine ist, will 
ich genauer angeben, wie dieselben sich mir im Ganzen dar- 
gestellt haben. — Für die Schwäche im Bachen ist das 
Sprechen durch die Nase und die Schwierigkeit, Nahrung 
durch ^den Pharynx hindurch zu bringen, charakteristiseh. 
Wann man einem solchen näselnden Kranken in den Hals 
sieht, so findet man das Gaumensegel herabhängend, die 



m 

Uvula sehlaff und anftlug, bei BeisuDgen sieh gehörig hiS' 
att&uftieheo. 1d dieeen Tbeilen iit keine Schiefheil, wie bei 
Heinipiegie, «i eotdeckeii| und ebensowenig merkt man beim 
Anaeprecben keinen anderen Fehler ab den gewöhnliohen Ma- 
Benaooenl, yerbnnden mit heiserer Stimme. Gibt man dem 
Kranken flflaaige Dinge ein, eo werden diese gewöhnlich 
durch die Nase wieder ausgestossen; feste Speisen werden 
dagegen nicht so leicht oben wieder wieder hiaausgetriebeni 
gelangen aber eb^n so leicht, wie Flüssigkeiten, bei ihrem 
Gbage daroh den Pharynx in die Luftröhre, wodurch sie he& 
tige Husten- und ErstiekungsanfitUe erregen, die um so ge- 
fitbrlicher sind, je. schwfteher der Kranke ist. Am bestem 
kami derselbe halbflOssige Sachen, wie mftssig dicke GrQtae, 
Eidotter u. s. w. rerschlucken und muss der Kninke beim 
Basen immer in sitsender oder aufrechter Stellung sich Ter* 
halten, obgleich es auch in diesen Stellungen oft mit grosser 
Anslrengnng verbunden ist, die Speise hinab va bringen. So 
lange die Schwäche anh&lt, dauert das Sohnarchen während 
des Schlafes auch gewöhnlieh fort. Es ist nicht leicht aa 
eotseheiden, wie viel man dabei auf Rechnung der nicht un- 
b e deuten d en Veritnderung, welche die Theile im Rachen bei 
einer ausgebreiteten und tie^ehenden Diphlheritis erlitten ha« 
ben, bringen soll» Dass diese Veränderung abrigens nicht 
die Hauptsache ist, kann man schon daraus schliessen, dass 
sieb auch das Näseln und das erschwerte Schlingen nach 
gans obarfliohlichem Belege,, wenn bloss die Schleimhaut af- 
flairt gewesen ist, einfindet. 

Bei Schwäche des Sehvermögens kann man meistens 
nieht Anderes entdecken, als vielleicht einige Trägheit der 
Iris bei Einwirkung des Lichtes und etwas erweiterte Pupillen. 
Die umgebenden, sogar kleinen Gegenstände können wie ge- 
wöhnlich gesehen werden und wird von den Eltern oder den 
angegriffenen Kindern nicht eher eine Abnormität beim Sehen 
entdeckt, bis diese anfangen sollen , au lesen oder die Augen 
auf andere Weise anaustrengen. Haben sie eine Weile ge- 
lesen, so beginnt ein Nebel sieh vor den Augen au bilden 
und die Buchstaben fliessen in einander. Beim ersten An- 
blicke .sehen sie die Buchstaben gut, jallein irgend eine 

2LVI. 1S66. 22 



3M 

AnstrengUDi; beim fortgesetzten L^en kötrnto die fiidrt er- 
tragen und müssen soleiie Kinder aus der Schule genommen 
Werden. Nach und nach versrchwindet diese Sehwftohe tob 
selbst nnd andauernde Oble Folgen hienron habe ich niemals 
entdeckt. 

Stellt sich Schwäche in den Armen und Beinen eni, 
iifo ist sie auf beiden Seiten vorhaben. Die Sensibilität ist, 
so weit ich habe ermitteln können , nicht gestört. Pordert 
man den Kranken auf, irgend eine Bewegung au machen^ se 
geht dieselbe trftge und kraftlos von Statten; beitn Oeheti 
fehlt die Elastizität und stösat der Kranke mit den Beinen 
an, so fällt er leicht vorne Ober; allein den stolpernden Gang 
bei Paraljrtischen habe ich niemals wahrgenommen. Wem 
der Kranke im Bette liegt, so findet man gewöhnlich, dasa 
die Beine in halb gebogei^r Stellung Hegen; hebt ibaB sie 
auf, so fallen sie nieht wie bei einem Paralytischen aehiaff 
nieder, und klagt der Kranke nicht Aber Stechen oder Amei- 
senkriechen, wie bei eintretenden Paralysen. In einigen FäUea 
bei erwachsenen Frauenzimmern habe ieh htelbadtige Pare- 
sen mit abgestumpftem Oefhhle, Ameiaenkriechen so wie ge- 
schwächte Bewegung sich nach Diphtheritis ausbilden ' sehen. 
Ich nehme jedoch an , dass die Diphtheritis hier nicdit anders 
gewirkt hat als jedwede andere schwächende Potens nnd i^ü 
diese FäHe zunächst tu den sogenannten hysterischen Parap 
lysed gerechnet werden mUssen. Bei dem einen Indlvfdattni 
ward derselbe Zustand ausserdem naeh einem relehliehen Blnt- 
yerluste bei der Menstruation, nach deprimirenden &emttfhi- 
bewegnngen , nach Naehtwaeheti u. s. w. hervorgebracht. — 
In den meisten Fällen geht die Muskelschwäche nicht weiter 
ald bis zu den Ellbogen und Knieen; je näher der Peripherie, 
um 80 mehr ausgesprochen ist sie. In selteneren und gefähr- 
licheren Fallen ist die Muskelschwäche Aber den ganeen Hör- 
p^^ verbreitet. Nur in einem Falle habe ich sie so bedeutend 
gesehen, dasd der Kranke nicht vermochte, den Mund ge- 
schlossen zu halten; die untere Kinnlade hing schlaff herab 
utid Wenn man sie an die obere Kinnlade andrflekte, fiel «te 
bei nechladsendem Drucke sofort wieder herab. In diesen 
ikleht ausgebreiteten Sehwäehen beobachtet man dann aaeh, 



iam di« InevvatiDii der Lnogeo, d48 HeraeBS und des MtM* 
gens am «eiaien Imdet. Die bierkiMr geböreodeD SjmptofBke 
babe ieh bereite oben erwiUmt; in den von mir beobacbleien 
F&llen aehienen die van den Lungei^ ausgebenden Symptome 
an meisten bervorzatveten and waren sie es, die zunäobst 
deA tödtUeben Ausgang berbeifabrteo, indem der in den I^ingea 
sieb anhäufende Sehleim Erstickung hervorbrachte« 

Das ganze Aussehen der Kran fcen, der aligemeiae Seh wfkcbe- 
attstaod machen sofort den Bindruck, dass hier keine eigene 
Paralyse des Vagus vorhanden ist, die sich aueb wohl nicht 
gut ohne pji^tslichen Tod denken lässt, sondern dass das 
ganse Nervensystem durch die Intoxikation der Blutmasse ^ 
leidet, welohe sieh natOrlicberweise am meisten geltend macht} 
wenn sie ihne Wirkung auf Organe ausbreitet, welche aar 
AüfreahthaitttBg des Lebens nothwendig sind. Wenn der 
Kranke nach einer solchen. aUgemeifi ausgebreiteten SchwMie 
wieder au. sich kommt, so macht er eine. langsame Aekon* 
valesaena dnceh; es verbleibt mehrere Monate hindurch ein 
grosser Sehwächeaustand im ganaen Muskeisysteme, der Kranke 
leidet an Heraklopfen^ bei den unbedeutendsten Anstrengungen 
wird ihm das Athemholen schwer; nur nach und nach komipt 
er wieder au Kräften und gewinnt an Fleisch , und hat er im 
Ganaen die meiste Aehnlichkeit mit Eünem, welcher einen 
heftigen Typhus durchgemacht hat. 

Ala eine Folgekrankheit der Diphtberitis müssen auch 
ooeh suppurative ikitatodungen genannt werden. Wenn die 
Aasebwellung der DrOsen und der weichen Theile am Halse 
bedeutend gewesen war, so treten wiUirend der Bekonvales^ 
aena mitunter phlegmonöse Entaandungen und Absaesse in 
Folge der Sehmelaung der infiltrirten Hassen auf. Dieselben 
können so bedeutend sein, dass sie den Tod berbeifbhren, 
indem sie, die bereits stark mitgenommenen Kräfte des Kran- 
ken gaaa vernichten. Furunkelbildungen und Absaesse an 
anderen Stellen gehören zu den Seltenheiten, 

Dass sowohl während der Höbe der Krankheit als aufib 
später während der Rekonvalesaeoz verschiedene Affektionen 
den Lungen entstehen können, die dann eine besondere Auf« 
merksatnkeit und eigene Bebandlung erfordwn, ist gewisa« 

22* 



bieselben geh/^ren inswisoheo niebt dem Wesen der Diphtbe- 
ritia an und entwiekeln aiob im Allgemeinen nur dann, wenn 
die Krankheit aich auf die Luftwege fortaetot; sie weirden 
dann am richtigsten zu den dem Krup eigenthOmlioben 
l^rmptomen gebracht werden mOssen, und ist dieses der 
Grund, wesbalb ich es fUr aberflfissig hielt, dieselben hier nftber 
SU besprechen. 

Prognose. Die Diphtheritis muss immer flir eine ge- 
fUirliche Krankheit gehalten werden. Je jfinger das Indivi- 
duum ist, um so schlechter ist die Prognose. Von erwach- 
senen Personen ist mir in meiner Praxis nur eine gestorben 
und Ewar an Lungenschwftche nach einer ftusserst heftigen 
gangr&nösen Diphtheritis. Ungesunde, skrophulöse, schlecht 
gen&hrte und schwache Kinder aberstehen die Krankheit sel- 
tener als krftftige, in gOnstigen Verhftitnissen lebende Kinder. 
Oute Zeichen sind ein dünnes Exsudat, baldige B^;renanng 
desselben und unbedeutendes Fieber. Orosse Ausbreitung des 
Exsudates verbunden mit tiefgehender Infiltratioa und Morti* 
flkation des untenliegenden Gewebes, schmutsig- graues Aus- 
sehen des Beleges, verbunden mit einem gangränösen €kruohe> 
sind schlechte i&eichen. UngOnstige Zeichen sind ebenfalls 
ein heftiger Frostanfall mit bedeutender Allgemeinaffektion, 
rasches Sinken der Krfttle und ein aufgelöster Zustand der 
Blutmasse. Wenn sich Blutungen einstellten und sich Pete- 
. chien gebildet hatten, ist es mir niemals gelungen, die Kranken 
cu retten. Aeusserst geflthrlich ist die Ausbreitung des Ex- 
sudates auf die Luftröhre. Eine grosse Schw&obe in der In- 
nervation der Lungen während der Rekonvalessena gibt eben- 
falls eine schlechte Prognose. 

Ich habe von Kollegen die Meinung vernommen: 1) dass 
die Prognose bei der Diphtheritis nicht so schlecht sei, falls 
man die Kranken nur bald in Behandlung bekomme und bei 
Zeiten den abgesetzten Beleg betupfe; 2) dass es meisten- 
theils nur die versäumten Fälle seien, welche lödtllch ablaufen. 
Ich glaube, dass diese Kollegen sich selbst betrügen. Ick 
habe wenigstens in dieser Hinsicht keine so günstige Brflihr- 
ung gemacht; denn ich habe die Kranken gleich beim Be- 
gfaine der Krankheit in Behandlung bekommen , habe das Ex- 



S27 

sodat bei setDem ersten Bneheineii angegriffen, und hat die 
Krankheit dennoch, wo die Vergiftnng' intenaiT gewesen war, 
ihren tödtliohen Ausgang genommen. 

Behandlung. Diese theilt sieh in die Behandlung des 
Exsudates und in die des Fiebers. Sobald das Exsudat sieh 
seigte, habe ich dasselbe mit Höllenstein entweder in Sub- 
atanc oder in konsentrirter Auflösung (gewöhnlieh 1 Drachme 
auf 1 Unae Wasser) betupft. Ich habe niemals mehr als 
ein Mal täglich gepinselt. Ueber das Pinseln will ich nun 
meine Erfahrung mittheilen. Ist das Exsudat dann und aeigt 
es keine Neigung, sich auszubreiten, so, glaube ich, könnte 
man dasselbe seinen ruhigen Oang gehen lassen, denn in 
manchen Fällen, in weichen die Krankheit nicht behandelt 
wurde, lief sie glflckitch ab. Ich habe indessen immer den 
Höllenstein angewendet und besonders in der Hoffnung, die 
Aoabreitungen au verhindern, von welchen die auf den Larynx 
die gefährlichste ist. Ist die Affektioa im Rachen heftig, mit 
•tarker phlegmonöser Entaflndung im Umkreise und Beschwerde 
beim Athemholen verbunden, so muss man mit dem Betupfen 
vorsichtig sein. 

Ich bin tlberseugt, dass ich in einigen Fftllen den Tod 
der Kranken dadurch beschleunigt habe, dass durch die her- 
vorgebrachte Irritation Erstickung herbeigeführt wurde. 

Meiner Meinung nach ist die ^auptabsicht bei der ört^ 
liehen Behandlung nicht, die Aufnahme des Ansteckungsstof- 
fes in den Organismus au hindern, denn dieses ist, wie ich 
firOher erwähnte, vermuthlich schon bei der Bildung des Ex- 
sudates geschehen, sondern um eine passende Reaktion im 
Umkreise des Exsudates Hervorzubringen und dadurch denen 
Ausbreitung zu hindern und die Abstossung desselben zu be- 
schleunigen. Es bringt, glaube ich, durchaus keinen Nutzen, 
wenn man die falsche Membran gewaltsam abreisst und dar- 
auf die infiUrirten Partieen belupft, Ist das Oewebe infiltrirt, 
so wird das Exsudat immer wieder an der Oberfläche abge- 
setat und dieses setzt sich so lange fest, bis das infiltrirte 
Gewebe durch Mortifikation abgetrennt ist Wenn man den 
Umkreis bei vorhandener Schlaffheit und Laxit&t der Theile 
betupft, so werden dieselben zu daer kräftigen Reaktion und 



328 

wmr Begrensung des Eactudates gestftrkt. Sind dagegen greate 
Spannung, heftige SchiaerzeD und phlegmonöse Entstadnog 
vorhanden, so, glaubeich, wird man doreti krftfttges Betupfen 
eher das Exsudat ausbreiten fadfen , als salohes besehr&nken 
können. Ich glaube, dass die lokale Behandlung der gangränö- 
sen Diphtfaeritis nicht Yon der Bdiandlung der Oangrtae an ande> 
ren Stellen abweichen soll. Man soll durch ^weiehende und «Tra- 
gende Mittel die Spannung derTheile yermindem und dadurcb 
die gangr&nösen Theilezum Abstossen su bringen suchen; das 
Betupfen soll man aber TOn der Vitalit&t der nabe liegenden 
Theile abhängig sein lassen. Um die Theile feuofat und 
«chlapfirig zu erhalten, wende man fleissig lauwarme fierstoa* 
Buppe, bei älteren Kindern und Erwachsenen ausserdem naeli 
•erregende Ourgelwasser an, wie Salbei-Aufgnss mit oder ohne 
Alaun, eine Auflösung von Borax mit Honig n. s. w. Der 
Hals wird durch Flanell gleiehmässig warm gehalten und aus- 
wendig habe ich Grtttaumschläge -und Kampheröl gebrauelk. 
nnd die gesehwoHeaen Drttsen habe ich mit JodtialLtur be- 
fiinseln lassen. Jede Erkältung des Halses mnss sireog ver- 
mieden werden, denn die Erfahrung zeigt, dass das Eizsudat, 
selbst bei einem unbedeutendem Katarrh, geneigt ist, sidi auf 
4ie Luftröhre ausaubreiten. Wenn Soldies geschieht, so wen- 
det man die beim Krup gebräuehliehen Mittel an. 

So lange das Fieber ohne Exsudat vorhanden ist und 
sieb ein solches noch nicht gezeigt hat, ist die Behandlung ganz 
•o, wie die eines K«taiTbalfiebers mit Angina. Bildet sieh 
das Exsudat, so muss man, wenn irgend möglieh, den Kran- 
ken von den Gesunden trennen, was sich aber auf dem Lande 
und besonders bei armen Leuten nicht gut ausfuhren lässt. 
Man verordnet die gewöhnliche Fieberdiät und als Fiebermilr 
tel gebrauchte ich im Anfange das vielgepriesene Kali chto- 
ricnm, aber, wie ich fand, ohne Nutzen. Ich nahm daher 
bald meine Zufludit zur Hnct. Ferri chlorati, von welcher 
ich alle zwei Stunden, je nach dem Alter des Kranken, ib 
bis 20 bis 30 Tropfen nehmen Hess. Ich glaube, dass man 
mit der Wirkung derselben wohl zufrieden sein kann, denn 
man findet, dass die Tropfen gut vertragen werden, dass das 
Fieber abnimmt, dass derPnls langsamer wird und glaube i^ 



pf^fatigen jEüpfluM (M^f die Schleimhaut deMeiben fkosüben. 
Wenn die Kr«^eit einen adjntuaiiiecben Charakter mit Dia- 
#olfitioii dea Blute» anaahm, fio lies« ich mit den EiBentropfen 
foirtfahren, wendete aber nebenbei Mixtura acida, Chinin, 
Ae^ber, FIfeiachbrQbe, Wein und andere Reizmittel an, die vpr- 
hfmden war^n und zur Verfügung banden. Wenn in der Eß- 
konyaleazeos die erwähnten Sohw&chea von Seiten des Ner- 
wenpjsiemeB eintraten, ^o habe ich auseer den genannten 
Jfitteln auch die Tinctura Nucis romicae angewendet. Waa 
die Behandlung unter die«e;» Umst&Aden anbelangt, eo wird 
man leider erfahren, dass man gerade in den Fällen, in welchen 
man mit Err^gnngs- und Stärkungsmitteln am meisten zu lei- 
sten vermag, mit 4^m entschiedenen Widerwillen der Kran- 
k^n gc\ge& jeden Arznejgebrauch 9m meisten zji kämpfen hat 



Tracbeotomie la der letzten Periode des Krupe 

durch Fälle erläutert von Dr. Eugen Moynier, 

früherem Oberarzte der Fakultätsklinik im H6tel- 

Dieu zu Paris *). 

Die Diphtheritis, die häutige Halsbräune, der Krup, for- 
dern jedes Jahr zahlreiche Opfer. Täglich vernimmt man 
neue Unglücksfälle; ob nun diese schreckliche Krankheit ver- 
einzelt auftritt oder epidemieartig die Bevölkerung dezimirt^ 
immer .bleibt es die Pflicht des Arztes , mit Energie und mit 
einer gewissen Schnelligkeit einzutreten; dabei aber gerathet 
er bei drohender Gefahr bisweilen in's Schwanken, zu wel- 
chen der vielen Mittel er zu greifen habe, und er verlässt dann 
das eine und springt aber zu einem anderen, dem er bald 
auch wieder entsagt, und zwar zum grossen Nachtheile des 
Krai^ken. Ein nützliches und interessantes Studium, wie es 



*) Aas der Union m^ieale vom Jannar ld66. 



330 

wohl sehon Torgeooininen worden, aber noeh imoier weiter 
fortgeführt zu werden verdient , ist die veif leichende Prttlteig 
der Terschiedenen Behandinngsweisen des Krupt; duu aber 
sind grosse Vorarbeiten nothwendig, und ioh Icaan nieh hier 
damit nicht beschäftigen. Nor einen einzigen Punkt will ieh 
hier in*B Auge fassen, nämlich die Leistung derTracheo- 
tomie als letztes Hilfsmittel gegen den Ktup, nach- 
dem alle Obrigen Mittel fehlgeschlagen haben. 

Es ist meine Absicht, die neuesten Resultate, die ich in 
dieser Hinsicht erlangt habe, zur Kenntniss zu bringen, tbetls 
nm der Statistik und der Wissenschaft zu dienen , theils um 
diejenigen Aerzte zu ermuthigen, die zu dieser Operation nur 
mit Widerwillen und Hisstrauen greifen und sie nur vorneh- 
men, um sich selbst vor dem Vorwurfe zu schützen, dass sie 
nicht auch dieses Mittel noch versucht haben, obwohl sie es 
ftlr nutzlos halten; ja einige Aerzte wollen von der Operation 
gar nichts wissen, selbst wenn sie von den Eltern des Kin- 
des verlangt wird, und in manchen Gegenden ist sie ganz und 
gar verschrieen, was sehr zu bedauern ist, da man sieh eines 
Mittels entschlagt, welches in einigen ganz veraweifeken Fäl- 
len wirklich das Leben gerettet hat. 

Ich habe bereits in der „Union m^dicale^^ vom 15., 17. 
und 22. August 1861 11 Fälle von Tracheotomie, welche in 
der Stadtprazis gemacht worden sind) veröffentlicht^ das Re- 
sultat derselben war 8 Heilungen und 3 Todesfälle. Seitdem 
sind noch 7 Tracheotomieen hinzugekommen , welche 4 Hei- 
lungen und 3 Todesfälle ergeben haben. Es kamen also auf 
diese 18 Fälle 12 Heilungen und 6 Todesfälle, also 2:1. In 
allen diesen Fällen ist die Operation in der letzten Pe- 
riode des Krups gemacht worden, nämlich zu einer Zeit, wo 
die Asphyxie schon begonnen hat und zur Abwendung des 
Todes kein Mittel mehr übrig war. Die letztgenannten Fälle 
sollen nun hier ausführlich mitgelheilt werden (wir geben sie 
aber etwas verkürzt an). 

Erster Fall. Ein Mäddien, 27 Monate alt, hflbscb ge- 
staltet, gut entwickelt, gesund, bekommt am 12. August 1862 
Schnupfen und in der Nacht darauf Diphtheritis der Naae, 



de^ Raebens tind des Kehlkopfes. Hr. Trousseau will dfe 
TVaebeofMiie sofort; die Operation wird aber nocb aafg^ 
8<dioben; es werden Injektfonen ron KupfersulphataaflGsung 
Qod BinblasuDgen von Alaunpnlyer versucht. In der Naoht 
nahmen aber die Zuftlle so zu, dass das Kind za ersticken 
drohte nnd es wurde nun sofort die Tracbeotomie gemacht. 
Ba folgt darauf sogleich Erleichterung nnd vollstftndige Ruhe; 
das Athmen geht gut von Statten und die Lippen bekommen 
wieder ihre natOrlich rothe Farbe. Diese Besserung zeigt 
sich audi am 14. und ebenfalls am 15. Der Auswurf drcker 
s^dileimiger Hassen ist ziemlich reichlich. Am 17. zeigen sich 
die Wundrftnder grau und werden kauterisirt; die Mandeln 
und der Pharynx sind frei von falschen Membranen, aber die 
Nase ist noch voll graulicher Massen und es tritt eine bis- 
weilen blutige PlQssigkeii aus derselben aus. Man macht 
in dieselbe Einspritzungen von verdünnter Lösung des flber- 
salzsanren Eisens. Am 18 stellte sich sehr starkes Nasen- 
l>Iaten ein und es mnsste die Nase mit Scharpie, welche mit 
ttbersalzsaurem Bisen getränkt war, tamponirt werden. Aus- 
ser den genannten Einspritzungen werden noch Tanninein- 
spritzungen gemacht und innerlich dem Kinde Ghinadekokt 
gegeben , Alles geht ganz vortrefflich , aber die Wunde im 
Halse konnte erst sp&ter geschlossen werden , weil dieselbe 
noch eine Zeitlang unrein aussah. Am 28. war das Kind 
vollständig gesund. 

Dieses so rasch erlangte gute Resultat ist allerdings der 
guten Konstitution des Rindes zuzuschreiben , aber auch die 
aasaerordehtlich sorgflLlttge Pflege Seitens der Eltern hat viel 
dazu beigetragen. Es zeigte sich hier ganz deutlieh das, wss 
ich anderswo bemerkt habe, nftmlioh dass, je mehr und bes- 
ser ein an Diphtheritis leidendes Kind sieh zu nähren ver- 
mag, desto gflnstiger die Prognose ist. Der gute Erfolg, der 
hier erlangt worden , ist um so bemerkenswerther , als die 
Krankheit gleich bei ihrem Auftreten einen überaus ernsten 
Charakter zeigte, nämlich eine sehr verbreitete Diphtheritis 
im ganzen Halse und besonders hartnäckig in der Nase. Dazu 
kam y dass das Kind noch verbältnissmässig sehr jung war, 
was auch die Prognose ditsferer zu machen pflegt. Es ist 



also hier 9 wie sohon ervrAhoti ein ToptreffUoM ftewU^ d#r 
TrecheoUnnie gewonneo worden ^ aber um den Erfolg eiiuqpr 
Operation featzustellen , muss man e^ntlieh no4^h eine viel 
epfttere Zeit io'e Auge fessen und a^oiitteln, welobe anderwei- 
tige Wirkungen nach dem cbirurgisoben Eingriffe einh jbe- 
DXdrklich gemacht haben. Bei dem kleinen Mftdchen des hier 
.mifgetheilten Falles ging, trnijK der sehr verbreitet und kaii- 
nftckig gewesene^ Dipbtberijtis , Anfangs Alles nach Wunsch; 
die Tracbeotomie brachte unerwai'telen EIrfolg und 4ic Kleine 
wurde als voUsttodig geheilt entlassen, aber spftter^ als sie 
jp Pension kam, am Unterrichte Tbeil nahm, mit lauter Stimoae 
sprechen mnsste, oder schreien, laufen und spielen wollte, 
seigle sich, dass sie ^emlioh rasdi den Athem varlor/ Die 
Beppiration wurde dann ]|:eachend und in derNa<4it Uess das 
Kind ein eigenihflmliehes filchnarcben vernehmen , welches 
von dem gew(MiBlioben flch^arcben sich unterschied und die 
Matter besorgt machteu Die Stimme wurd« zeitweise raub 
ond belegt Dazwischen zeigten sich b&ufi|g Anginen mit einem 
breiartigen Belage, den man besonders von den Mandeln leioiit 
abheben konnte, der aber sich ebenso leicht wieder ersengte; 
bei diesen ^ustftnden wurde das 0frtMisch, welche daaKind 
varnehwfn Uess, stilrker. Ich an^kiiMtirt« die Kleine sehr oft, 
«m die Ursache der Störung der Respiration au ermittele; 
das Trachealger&iisch zeigte sich immer während desScUafes 
oder auch, wenn das Kind herumgelaufen war and sich mehr 
als gewöhnlich angesti^ngt haite. Im November 1864 wurde 
der Bruder and die Schwester unserer Kleinen von Schnnpfen 
jhelaUea. Der Kehlkopf upd die Bronchen wurden dann af&- 
jurt und obwohl beide Kipder gebeilt wurden, so dauerte es 
doch nahe an 6 Wochen , ehe volle Genesung eintrat. Was 
nun unsere Kleine anlangt, so wurde sie am ^8. Dezember 
von einer Art Beklemmung befallen und bekam Hustien und 
Fieber. Es wurde Krotonöl auf die Brust eingerieben, Jnr 
Rektionen in die Nase gemacht und duneriich 8piessglaazp4>' 
parate gereicht. Die Nacht vom 29.. zum 30. verü^f sohieehii; 
^s traten Bratickungszuf&Ue ein. A^ 31. Oppreasinn» Aphonie, 
rauher Husten. Das Kind khigt Ober 3ohmprz ifsi Beilse, aber 
dipbttieritischer Belag iyX nirgends zu aehen» 



Am 1. jMisar 1865« Die VMki war «ddeclht, Stimme 
med Husten m> wie gestern. Verordoet: ein Bkwenpflaatar 
vonis aaf die Brnet. 

Aoi 2«: Derselbe bedenkliche Zustand. 

▲m 3.: Beim Atfamen dringt die Lnft«^ weniger in die 
Braoeben ; meo hört keia Rasseln ; die Perkussion gibt keias 
Dftmpfung, aber die Oppresaion ist noeh vorbaDden ; der Hor 
sten ist rauh und die Stimme erloschen ; der Puls 120 bis 140) 
<Ua Zahl der Athemzflge 30 bis 40 in der Minute. 

Am 5.: Hr. TronsseaU) der herbeigerufen wird, konsla- 
tiri eine einfache Laryngitis mit Traoheo-Bronchitis. Opprea* 
aion, Yemindernng des Athmangsgerftusehes ohne Rasseln, 
ohne Pttstea und ohne Dftnpfnng ; Fieber, eiteng^schleimiger 
Auswarf, rauher Hasten und bdegte StisEime. hr der Nacht 
meratirken ^h alle diese Zu Alle, aber im Hake keine Spar 
von iaiscber Membran oder starker Räthe. Alle diese Er? 
•oheinungen bedachtet. Hr. Troasseau als Indikation Hkt 
eiae aberaialige Traidieotoniie; es müsse, meinte er, jeden* 
fslis das HiadeEnisB, welches der Respiration sich entgegen* 
stallt, and wiire es araeh nur eiae etafisehe Laryngitis, beseitigt 
werden , an das Kind aaeh au >etten. 

Am 6.: Die Naofat ist sehr sehleciit gewesen; «die Bekleasm- 
aag der Respiraiäoa war sehr bedeutend; Hnsten und Stimme 
gaaa aalerdrileki. Es wird die 'IVacheotomie geomcht, aber 
das Eiadriageo der Kaaale ist au unserer Verwunderung sehr 
schwierig. Schon beim Schnitte in die Laftr^dure fand ich eiaea 
«gMsaen Widevstand. Naeh mehreren Tergeblichen Versuchea 
sah ieh mich genöthigt, eine Kanäle von einem kletnerea KbB- 
her au nehmea , als ich es sonst bcd einem Kinde dieses Al- 
ters au nehmen pflegte. Es hatte siok offenbar eine Verea- 
gerung der Luftröhre gebildet und die Ursache ^er Iftrm^adan 
Respiration, der so leicht eintretenden Athemiosigkeit und des 
von Bmpis so ^ut besobriebeoen Fastens (Gomage), welches 
er dem Daseia von Geschwülsten snschreibt, die auf die Luft- 
röhre komprimirend wiiicen, war aaa aufgeklärt Die Ver- 
engerung beruhte in dem Tcrdickten Narbengewebe, welches 
sich anter dem Bindusae der m^iederholten EntsOndung gebil- 
det batia. War museten aas also auch mit der Kanäle von 



334 

kleinerem Kaliber begnttgen und die BeMemiig, die sonst 
gleich naeh der Eröffnung der Luftröhre und nach Einfllhning 
der Kanüle einzutreten pflegt, fand sich dieses Mal sehr wenig 
und langsam ; der Puls blieb 130 , wurde gegen Abend 160 
bei 40 Athemsi|gen. Am folgenden Tage starke Beklemm- 
ung, Auswurf unterdrückt, Respiration sAgenartig Iftrmend, 
Puls seh wach, Kaltwerden der Glieder; Tod. 

Zweiter Fall. Ein M&dchen, 4 Vi J^kr alt, etwas 
schw&chlich, h&ufig an Enteritts leidend, die eine grosse Auf- 
merksamkeit auf Regelung der Di&t erforderte, bekam am 
15. Mai 1863Diphtheritis im flalse, die Anfangs auf die Man- 
deln sich beschränkte', später auf den Kehlkopf überging; 
mehrere BrechmiHel und sahireiche Kauterisationen und Ein- 
blasungen verschiedener Mittel modiflairten nur die Oberfläche 
der Mandeln und des Pharynx, aber hielten den Verlauf der 
Krankheit nicdit auf. In kurzen Zwischenräumen kamen An- 
fälle von Oppression. Am 20. Mai war der Zmtand so be- 
denklich , dass der Tod nahe schien, und ich wurde gerufen, 
um die Tracheotomie su machen. Ich finde das Kind in einem 
Zustande, dass mit letzterer nicht länger au zögern ist. Die 
Stimme des Kindes ist ganz erloschen und seine Respiration 
geräuschvoll und gewaltig kämpfend. Mehrere herbeigezo- 
gene Aerzte erklären die Operation für das einzige Rettungs» 
mittel. Sie wird gemacht; wenig Blut geht dabei verloren 
und gleich im Augenblicke, als die Kanüle eingefDhrt wird, 
wird ein Stück falscher Membran ausgetrieben. Unmittelbar 
darauf Besserung. Am Abende ist der Puls 120 bei 40 Atbem- 
Zügen. Am nächsten Morgen ist der Puls nur 100 bei 30 
Athemzügen; an demselben Tage gegen Abend ein Erstick- 
ungsanfall. « 

Dieser Fall wird uns dadurch sehr bedenklich, dass das 
Kind, wie bereits erwähnt, von Hause aus sehr schwächlich 
ist und stets einer sehr strengen Diät hat unterworfen wer- 
den müssen. Wir hatten es aber flir nothwendig, eine et- 
was kräftigere Ernährung anzuordnen. 

Am 22. finde ich das Kind sehr schwach und zusam- 
mengesunken ; der Puls ist Mein; es leigeii sich starke 



33& 

SeliweiMe mid seit drei StundeD keio Auswurf mehr aus der 
Kanäle. Zur Belebung des Kindes gibt uiau demselben Aelher, 
Malagawein u. s. w. 

Am 25.: Das AUgemeinbeflnden ist besser, die Kleine ist 
munterer, hat sogar Appetit; die Wunde sieht gut aus, aber 
blutet leieht bei der Berührung und man sieht noch falsche 
Membranen auf den Mandeln. 

Am 26.: Die Wunde sieht sich täglich mehr zusammen; 
ieh versuche, sie su schliessen, aber das Kind hustet sofort 
und ich dIuss sie noch offen lassen. 

Am 27.: Allgemeiobefinden vortrefflich; die Kleine isst 
mit Appetit, Athmung ruhig, Auswurf gut, nur noch ein klei- 
ner weisser Punkt auf der linken Mandel. Ich versuche aber* 
mals, die Kaaflle herauszunehmen und die Wunde su sohJies- 
sen und in der That konnte das Kind dabei an lö Minuten 
firei dareh den Kehlkopf atfamen und hätte es noch länger 
können. Ieh bringe jedoch die Kanüle wieder ein. 

Am 28.:' Ich nehme heute die Kanüle ftlr immer heraus; 
Alles geht gut; das Kind erholt sich, spielt bald darauf 
im Garten herum und die Wunde, die genau überwacht wird, 
behält ihre gute Beschaffenheit, ist aber erst am 2. Juni so 
weit geschlossen, dass keine Luft mehr durch sie beim Aus* 
atbmen herauskommt; die äussere Wunde schliesst sich spä- 
ter und am 4. Juni ist das Kind vollständig hergestellt und 
hat ftlr die äussere Wunde nur einen leichten Verband 
nOÄIg. 

Dritter Fall. Bin Mädchen, 3 Jahre alt, seit 8 Tagen 
an Angina leidend, stets schwächlich und blass, von einer 
kräftigen Mutter, aber einem ältlichen, häufig an Asthma lei> 
denden Vater, ist das neunte Kind dieser Ehe und hat von 
seinen Geschwistern schon drei verloren. Am 19. Juni 1863 
wurde es leidend; in der Nacht zum 21. klagte es über Hals- 
sehmerz und Besehwerde beim Schlucken; die Drüsen am 
Unterkiefer sind etwas aufgetrieben. 

Am 22.: Auswurf falscher Membranen, welcher die ganze 
Woche hindurch sich mehr oder minder wiederholt. Die 
Stimme, Anfangs heiser, erlischt ganz, etwas Hasten, der An- 



ittDgs hell ist, aber dann rauh wird. Ba treten Aniyie fOB^ 
BeklemmuDg ein , in denen das . Kind nur asifasani athinelL 
Verordnet werden ihm Gurgelwasser von Alaan^ Kataphisaiaa 
und Senfteige, ferner inneilioh eine Anflösang Ton Breohwein- 
stein. 

Am 29. Juni werde ieh binuigezogen ; ich finde die 
Kleine sehr bleich, sehr beängstigt, auAreobi im Hatte sitaead 
und uai Athem kämpfend; der Husten ist rauh , 4ie Stimme 
erloschen. Unter dem Bindrucke eines Falles ^ den iah ehaa 
erst mit einem Kollegen beobachtet hatte «ad in weloheai 
das übersalzsaure Bisen besonders gut gethan zu haben aehien, 
schlug ich dem Arzte vor, dieses Mittel noch zu versuchen; 
wir Hessen die Kleine 10 Tropfen der Tinct Fafti sesquichlo-. 
rat. in einem Olase Wasser nehmen, und es soUteit aaf diese 
Weise nach and nach 50 Tropfen in 5 Glas Waaser beige» 
bracht und ausserdem nichts weiter gegeben werden als 
Milch, aber es wurde nicht möglich, das Kiird über VI^QiMM 
hinauszubringen. Bs Tei^eeigerte durchaus, dfeses Wasser 
weiter zu nehmen. Der Berechnung nach mochte es wohl 
am 20 Tropfen der eben genannten Tinktur verscUuckt haben 
und wirklich folgte etwas Besserung. 

Am 30.: Die Nacbt war ziemtioh gut; die Inspiratioa 
nicht mehr pfeifend; das Athmungsgeränsch ist hörbar and 
ohae Beimischung von Rasseln, der Puls 110, die Haut etwas 
warm. Man bemerkt falsche Membranen auf den Mandeln 
und auf dem Zäpfchen. Bs war möglich geworden, im Laufe 
von 24 Stunden dem Kinde 5 Olas Wasser beizubringen, ^on 
denen jedes 15 Tropfen abersalzsaures Bisen (Tinktur) ent- 
hielt, und ausserdem noch 1^/^ Glas Milch. Diese Mittel soir 
lea weiter gegeben werden und verordnet wird nochOui^lB 
mit AlaunauflösuDg in Oerstengrütawasaer. 

Am 1. uud 2. Juli: Bs geht etwas besser; Auswurf 
schleimig und reichlich, keine Oppression, kein Fieber; das 
Athmen ist rein und frei; die diphtheri tischen Beläge im Sa- 
chen haben sich vermindert, der Husten weniger krupartig» 
aber die Stimme noch immer erloschen, die Blisentinkfair wird 
nicht weiter gegeben. Bis zum Abende befindet sieh das Kinli 
anscheinend ganz wohl, aber bekommt dann plölalich eiaea 



m 

Anfall Tot B^klemfifiuag und «Hhmet nur mttbsam trac} pfei- 
fftiid. B» wfrd ein Breohi^ttel y^rofdoet. In der Naoht wicj- 
daiiiolen sich die Anftlle. Aberntah «i& fireefaniiittel und dafrn 
wied^ die ESsentinktur. 

Am 3.: (Crosse Bc^klemmung ; Respiration pfeifend, das 
Angesicht des Kindes bekomnH eine bläuliche Farbe, der 
Therax arbeitet mohsarii and das Schlacken ist sehr b^frch wer - 
Heb: Die Perkussion ergibt keine DAtnpfbng, aber Athmungs- 
ger&usek nicht TeHiehtnfoär ; der Hals im Innern mit falscher 
Membran belegt. Verordnet: Brechmittel, flbersalzsaüres Ei- 
sen nnd TOthsiehenite Pflaster. Um 3 Uhr Nachmittags Ht der 
Zuetand des Kindes so bedenklich, dass in einer Konsultation, 
an der auch Hr. Barthe£ Theii nimmt, die Trach^otomie 
beschlossen wird. Auf Begehren desArstes der Familie wird 
aber damit noch gewartet bis aom n&chsten Morgen. 

Am 4. um 5 Uhr Morgens ist jedoch das Kind dem 
TcNte nahe und ich mache nun ohne Weiteres die Operation, 
wobei kaum ein Esslöffel voll Blut verloren geht. 

Am 5.: Die Nacht #ar ruhig; der Puls ist von 120 auf 
112 gesunken; dietiaut ist feueht und das Athmen geht leicht 
vütt Statten. Der Mund Ut bis £u deik Lippen tnit falscher 
Membran bedeckt. Verordnet: Milch, Brühe, China^ein und 
eblo^saures NatröA. 

Am 6.: Die Nacht war gut; der Auswurf' schleimig, aber 
sparsam, und die Kleine nimmt Nahrung «u sich. Biti 2 Ceil- 
tlmet. langer Fetten ftlscher Membran wird ausgetrieben, aber 
äet Mundwinkel, die Mundhöhle, der Rachen und die Wunde 
hM Halbe sind intt falsdhei^ Membran belegt. Puls 112; Re^ 
spiratlon schon ganz gut. Verordnet: Chinaextrakt in Kaifee, 
gute Nabrnng und ÖnrgelWasser aus einer Auflösung von 
chlorsaurem Natron. 

Am 7. und 8.: Man sieht immer noch falsche Membran 
auf deiki Zapfen und den Mandeln und auch auf der Lippe, 
aber die Wuilde sieht rein aus und die auf defn Rucken ge- 
bildeteki Blasenpfiasterstelleti vertt'ocknen. Die Kleine ist 
oMmter; schlftft aremlich ütod dicht frfscher aus. 

Am 10. : feh nehme die KanUle heraus und schliesse die 
Wunde; AH^iüieinbefindeti gut. 



998 

Am 13.: Ea iritt aur sooh wenig Luft nir Wuode ker- 
aus, die immer kleiner wird; das Kind i«i iodeatea nioht gau 
80 munter, wie am Tage auvor, ea hostet und auf der Lippe 
sieht man immer noch einen weissen Belag, der troia.der 
Eaut^risatiQnen und des Befeuohtens mit dem chlorsamrea 'Na- 
tron sich nicht verlieren wilL 

Am 14,: Der Husten hat angenommen, aber die Aus- 
kultation ergibt keine Dämpfung; nur rechts etwas Bassein 
hörbar. Die Halswunde Angt an, etwas au vernarben. 

Am 16.: Die Kleine sieht bleich aus, ist traitrig und liat 
keinen Appetit; auf den Lippen noch immer etwas Belag, 
das Zahnfleisch etwas schwammig, kein Fieber, Dieser Zu- 
stand dauert fort^ bis die Eltern mit der Kleinen an die fiee- 
kOste gehen, und als ich sie sp&ler wiedersah, fand ich sie 
ganz wohl und munter und gesund. 

Vierter Fall. Dieser Fall beweist die gute Wirkung 
des Qbersalasauren Eisens gegen die Diphtheritis. Ein Mftd- 
ohen von 3 Jahren, wohl gestaltet, war seil 8 Tagen leidend. 
Man bemerkte falsche Membranen auf den Mandeln. Beil awei 
Tagen waren Anfalle von Athemnoth vorhanden. Am 30. Maj 
Abends verordnete der Arst des Kindes die Tinck Ferri ses» 
quichlorati, wovon er 2ö Tropfen in einem Glase reinen Was« 
sers nehmen liess, und awar ftlof- bis sechsmal täglich^ etwas 
Milch zum Nachtrinken. Am 31« gegen 4 Uhr Nachmittags 
aeigte das Band grosse Oppression und vollständige Aphonie^ 
aber die Tracheotomie schien noch nicht indisirt. Wir kamen 
Qberein, bis zum folgenden Tage zu warten. Vom 1. Juni ab 
aber trat bei fortgesetztem Gebrauche der Eisentinktur Bes- 
serung ein und das Kind wurde vollst&ndig geheüt, ohne dass 
ein sonstiger Eingriff nöthig wurde. 

Fünfter Fall. Ein Knabe von 8 Jahren, sehr schi^fteh- 
lieh, rhachitisch, mit etwas Hühnerbrust, zu Katarrhen und 
Bronchitis sehr disponirt, hatte mit seinen Geschwistern die 
Masern überstanden. Am 24. Dezember 1862 wurde ich i^uir 
Konsultation gerufen. Seit einigen Tagen hatte der Knabe 
Schnupfen mit diphtheritischem Belage in der Naise und Uß 



38d 

Raehett; id der Brust keine D&mpfutig, kein Rasseln, aber 
g&naheheB Fehlen des Athmungsgerättsches. Der Zustand war von 
der Art, dass ich mieh gedrungen flihlte, die Tracheotomie 
SB maehen. Darauf sofort Erleichterung, das Athmungs- 
gttrftusoh wieder vernehmbar, Austreibung grosser Petasen 
ihlseber Membran. Am Abende etwas Fieber mit reich- 
liehen) Schleimanswurfe. 

Am 25.: Allgemeinbefinden sehr gut; die Nacht war 
mhig , Aoswurf reichlich ; die Respiration einfach , leicht 
und ohne Oer&nsohe. Um 11 Uhr Terlasi^en wir das Rind 
nrit den besten Hoffnungen, aber um 2 Uhr finden wir es 
dem Tode nahe. Weder Blutungen , noch Krämpfe sind zn 
bemerken, um diese plötzliche Verschlimmerung zu erklären, 
allein bei genauer Untersuchung ergibt sich, dass man das 
Kind allein gelassen, und dass dieses die Schnüre gelöst hatte, 
welche die Kanäle an der Stelle hielten; letztere war her- 
ausgelkllen und man hatte sie nicht wieder einzubringen rer- 
moohf. Wir wurden zu spät gerufen, denn als wir anlangten, 
war das Kind todt und kein Versuch konnte es wieder in*s 
Leben bringen. 

Dieser Fall bewies uns, wie schwierig es ist, in der Pri- 
Tatprazis, wo die zuverlässige Ueberwachung meistens fehlt, 
auf ein gutes Resultat zu rechnen , namentlich wenn man es 
mit unverständigen oder nachlässigen Personen, in deren Ob- 
hut das Kind sich befindet, zu thun hat. Aus diesem Grunde 
habe ich aneh bei der 3 Jahre alten Schwester des eben ge- 
nannten Knaben, welche am dritten Tage nach ihm an Krup 
und Diphtheritts starb, die Operation nicht zu machen ge- 
wagt. Meine Meinung ist, dass man nicht unter schlechten 
Bedingungen, von denen man doch weiss, dass sie nachthei^ 
lig wirken , in einen grossen chirurgischen Eingriff eintreten 
soll, welcher an und fQr sich, selbst unter günstigen Verhält- 
nissen, bedenklich ist. Wenn nach der Operation der Tod 
etfolgt, so bleibt es nachher schwierig, zu erweisen, dass er 
nicht dieser zuzuschreiben sei. 

Der folgende Fall mnss ausfahrlich erzählt werden, da 
er in manchen Punkten von grossem Interesse ist. 
jUiVi. isfä 23 



340 

Sechster Fall. Am 18. Juli 1865 wurde ioh su eiae^i 
kleinen M&dchen gerufen , welches aioh in dem letatoa Sta- 
dium des Krups befand. Ich erblickte alle Emcheisongett 
einer drohenden Aspbjxie^ das Kind lag bleich und bewusat» 
los da und ich hielt mich für überzeugt, dasa der Tod gana 
nahe sei und nur noch die Tracheotomie etwaa h^en lasse. 
Ich will jedoch vorher angeben, auf welche Weise die Krank* 
heit hier bis au diesem Grade gelangt ist. 

DasH&dchen ist 4 Jahre alt, etwas zart, war atets bltteh, 
aber lebhaft und munter^ es verl&sst Paria am 10. Jali, um 
aufs Land zu seiner Orossmutter zu gehen. Am 13> bekommt 
das Kind gegen 2 Uhr Nachmittags Fieber und Ertxreobea 
und der herbeigerufene Arzt, ein Homöopath, verordnet ihm 
Akonit in sehr kleiner Gabe. Am nächsten Tage geht ea 
etwas besser, aber am lö. klagt das Kind über Angiaa und 
bekommt Belladonna in homöopathischer Gaba. Bd sehr 
heissem Wetter geht das Kind aus und schläft die Naeht dar- 
auf ganz gut. Der 16. ist auch ein ganz guter Tag; die Kleine 
erhält ein Kleienbad Am 17. ist das Kind still und traurig, 
bekommt ein Salzbad, klagt aber fortwährend über Halaaehmen* 
Der Arzt gibt ein Brechmittel aus Ipekakuanha isnd im Laufe 
des Tages eine homöopathische Verdannung von Borax and 
dann noch ein Salzbad. Am Abende ist das Kiad viel sehleeh* 
ter und aufgeregter. lo der Nacht fiUnrt es oft auf, erbricht 
sich und klagt Ober Beängstigung, welche jedoch bald vor- 
übergeht. Ein anderer Arzt , der die Nacht beim Kinde ga*- 
wacht hat, gibt ihm ein kräftiges Breokmittel aus Ipekaku» 
anha und Brechweinstein. Am Abende vorher hatte er sieb 
von dem Dasein falscher Membranen im Halse des Kindea 
aberzeugt und erklärte die Kauterisation fUr nöttug« 

Am Morgen des 18. erkennt man deutlich falsche Mem* 
brauen auf den Mandeln und Stimmlosigkeit. Der Homöopath 
verardnet auf seine Weise Sublimat mit Zucker und Ljkopo- 
dlum abgerieben. Der Tag aber vergeht sehr schlecht; das 
Kind war um 6 Uhr eingeschlafen und erwachte gegen 8 Uhr 
in einem Erstickungsanfalle, der so heftig war, dasa die Um- 
gebung in die höchste Angst gerieth und das Ende der^Klei* 
neu zu sehen glaubte. Ein in der Noth herbeigerulsBer frem- 



341 

d^ l^ni erkllkrt di« ß^hr far »usBerst dringend » iodem er 
4%$ Da^eiQ dea TolUtftAdig ausgelnideten Krup« m\% ^et^tin^m^ 
heit diagnostixirt. Das Kind steigt ausser den chaiukt^rialjr 
ach^n SymptomoD desselben und ausser der grossen Atbem- 
noih sohon einen gewissen Orad von Unempfindlichkeit uu4 
Oewuflstiosigkeit ; es Iftast sich nämtieh ohne Widearstrebei) 
betasten und besiehtigen und reagbrt wenig auf Hautrejae« 
Der Hais ist im Innern mit &lsohen Membranen belegt, eben- 
so ^e Nase bis zu den Nasenöffnungen , aber das Hind^rwn^ 
filr die Respiration s&eigt sidi besonders im Kehlkopfe. Puls 
120. Nachdem der Krstickungsanfall vorttber ist, erscheint die 
Respiration peinvoll und rausehend, und bald folgt ein neuer 
Brstieknngsanfall. Vorgeschlagen werden von dem fremden 
Arzte Einblasungen eines Pulvers aus Alaun und Tannin, 
femer Brechmittel und Seofteige, und fttr den nächstea Tag 
die Tracheotomie. In der Nacht geht es aber noch schlech- 
ter; der Puls ist 140 und das Kind k&mpft ängstlich um Luft. 
Am Morgen darauf wird nach einer abgehaltenen Konsulta- 
tion mehrerer Aerzte die Tracheotomie vorgenommen. Nach 
der Operation wird das Kind auf sein Lager gebracht und es 
folgt sogleich eine ruhige und behagliche Respiration und 
bfdd darauf ein sehr firiedlicher Schlaf. Die Kleine nimmt 
im Jjaafe des Tages mehrmals einige Esslöffel voll Brtthe 
und Milch. Viel Schleim tritt zur Kanttle hinaus. Auch aus 
der Nase entleert sidi dicker Schleim mit Fetzen falsehcr 
Membran. Im Halse sowohl als auf der Wunde findet sich 
noeh ein grauer Belag, der mit HöUenatein kauterisirt wird ; 
in die Nase werden Einspritzungen mit einer Lösung von 
Aiana and Tatinin gemacht. Das Kind erb&lt etwas Chiaar 
pulver in Kaffee. Am Abende desselben Tages war der Puls 
bis anf 112 gebllen. 

Wir wollen kurz sein und bemericen , dass unter den 
angestrengtesten Bemühungen und unter fortgesetzten Kaute- 
risationen der mit diphtheritischem Exsudate belegten Wund- 
rtader und Mandela das Kind zur völligen Genesung gebmeht 
wurde. 

Bs folgt nun noeh ein Fall, wo bei einem 2V4 Jahr alten 
Kttde im leteten Stadium des Krups die Traeheotomia ge-» 

23* 



342 

macht wurde, welche Anfangs einige Erleichterung- bmchte, 
aber den Tod nicht verhinderte, der in der Nacht darauf durch 
Konvulsionen herbeigefQhrt wurde. 

Jedenfalls geht aus diesen Mittheilungen hervor, dass man 
auch in der äussersten Periode, selbst wenn schon Alles ver- 
loren zu sein scheint , nicht die ^Tracheotomie unterlassen 
sollte , die doch möglicherweise noch Hilfe bringen kann. 
Es versteht sich aber von selbst, dass nicht nur diese Ope- 
ration, sondern auch die Nachbehandlung mit der alleräus- 
sersten Sorgfalt geleitet und überwacht werden muss. 



Erlebnisse aus der Kinderpraxis, 
Von Sanitätsrath Dr. Joseph Bierbaum. 

I. Eateritis ch^lerifonw. 

Physiologischer Charakter. 

Häufiges Erbrechen, anhaltender Durchfall, unlöBohlicher 
Durst, tiefes Sinken der Eigeowftrme, auiRillige Verftoderung 
der Gesichtszüge, rascher Verfall der Kr&fte, schnelle Abmager* 
trag, beschwerliche Respiration , Unruhe und Aufr^fuog, 
Schlafsucht, kleiner und matter Pulsschlag bilden eine Symp- 
tomengruppe, welche die Enteritis choleriformis kennseichnet 
und von anderen ihr ähnlichen Erkrankungen unterscheidet 

Lange wurde diese Symptomengruppe von „Magener* 
weichung^^ oder von „Hagengrunderweichung^ abgeleitet und 
diese anatomische Störung ala ihre nächste Ursache ange- 
sehen. Von dieser irrigen Ansicht, welche das tberapeuttscha 
Handeln nachtheilig beeinflusst, ist man glücklicherweise 
aurOckgekommen , nachdem man die „Magenerweiehung^' als 
eine Leichenerscheinung erkannt hat. 

Viel umfassender und bezeichnender ist der altherge- 
brachte Name „Cholera infantum^S Die zwei wesentliehsten 
Symptome der Krankheit, das Erbrechen und der DurohlUi, 
stehen hier wenigstens in erster Linie, und wird zugleich den 
anderen ZuftJlen Rechnung getragen. Nur ist wohl zu erwtlr 



M8 

gm, ^«68 die hier gemeinte Krankheit aieh lur wahren Cho- 
lera rerhalte, wie die europftieehe Form kaum sur aaiatisdien. 

Die Beoennong als Bnteritis eholeriforroia acheint mir 
am beelen allen Anforderungen su entspreehen, die ein guter 
Krankheitaname verlangt) aumal dem Qeisie der Sita und die 
Haiux der Erkrankung und sugleieh aneh die Symptome tob- 
gefllhrt werden. Dies ist die Ursache, warum ich diesem 
Namen vor allen anderen Benennungen, wie sie auch immer 
hrissen mOgen, entschieden den Vorzug gebe. 

BekanntKoh sind Intestanalatömngen in der Kinderwek, 
besonders im SftugUngsalter und selbst im ganaeo ersten Le^ 
bensabschnitte, Erscheinungen, denen man alle Tage an der 
Wiege der Kleinen b^egnet. Es ist aber eine eben so auf- 
ftiUende als noch nicht befriedigend anfgeklftrte ThaUaohe, 
daes, so hIMiflg auch die Intestinaistöruogen find, doch die 
Enteritis choleriformis verhftltnissmftssig nur selten vorkommt 
Dies muss um so mehr befremden, als die Enteritis choleri^ 
formis au dem akuten Magen-Darmkatarrh in esuer gana nahen 
ursächlichen Beaiehung steht und dem Wesen nach auf einem 
katarrhalischen Ei^griffensein dt»r Bchleimhaut des Darmkanales 
beruht. Der Bita der Krankheit unterliegt ebensowenig all 
die katarrhalische Natur einem Zweifel. Dies beweist nicht 
nur die serdse, eiweissarme Beschaffenheit der Ausleerungen 
nnd das ätiologische Verh&ltniss, sondern erhellt auch aus dem 
Umstände , dass der gewöhnliehe Magen-Darmkitarrh biswei* 
len selbst in die wirkliche Elnteritis choleriformis flbevgehk 
Demnach Hesse sich diese Krankheit wohl als die höchste Po* 
tens oder als die hjperakute Form des Magen-Darmkatarrhes 
beaeiohaen. 

Allein wenn wir das sl armische Auftreten der Krankheit, 
den raschen Verlauf und die Eigenthamltchkeit der Symptome 
beracksiehligen, so müssen wir gestehen, dass das katarrhal- 
ische Srgiriffensein des Qastro-Intestinalsjstemes nicht für sich 
allein, die Wesenheit des Krankheitsprozeases ausmache. Viel- 
mehr liegt die Annahme nahe, dass sich der grosse sympa» 
(bische Nerve nicht nur an der Erkrankung betheilige, son- 
dern auch eine gar wichtige Rolle spiele. Anatomische Ver- 
äpdem^gea dieses Nerven lassen Bioh freilich aur Zeit noch 



8M 

nidht »MhweiaeB. Allein erwl^en wit^ 4tM fts «6ltNit hMgk 
FWIe von Enteritis eholerifonnis gibt, wo sogar alle «nttto^ 
nisohen Störungeii auf der Gastro-IiiteslinalsehlüiiiilMat fSehlen, 
oder wenigstens die Yerietiungan au anerhabiieh sind, 'th 
ttoss sieb die starmisebea Krankheitsacselieimingeii^ aaf Ae g^ 
mgfflgig^n Yerftndemngen aurOekfilbren liessen, so kdnnen 
wir nicht wohl amhin, weaigstens ein Mitergrfffe&sein des 
grossen Bjmpathisefaen Nenren abEOBehmen« Ob dieses E^ 
griffensein primiir und die Oastro-lDlestinalstörong eektmdBr 
sei, t>der aber ob es sieii gerade umgekehrt verhalte^ ist eine 
Frage, die auf dem jetfcigen Standpunkte unseres WiMens 
sieh noch nickt beantworten i&sst. 

Somit ist die Enteritis choleriformis ihrem "Wesen «aA 
eine aus einem akuten oder hjpo^kulen Magen-Darmkatarrk 
uad augleieh ans einer Störung des sympathischen Nervül 
ausammengesetate Erkrankung. Ob utid inwieferti das BItft 
an dem Krankheitsproeesse Antheil habe, ist nur Zeit aoell 
•inb offene Frage. Unsere hftmatologischen Kenntnisse l^d 
nooh yiel su unsuverl&ssig, als dass rie hier Aufteblusb ge^ 
keil, wtenn gleich eintB Alteration in Folge A&t katarrhallsi^ea 
Vergiftung nicht gana unwahrsoheinKeh ist. Doch Wir weiten 
Uts nidit in fruebilose Hypothesen Tcriieren, sondern mir 
hinaufBgen, dass die Betheiligung des iVerTensystemes kinnes" 
Weges eis eine vereinaelte Brseheinui^g dasteht, sondern auch 
in anderen Erkrankungen angetroflfen wird, ßrinnerfi wi^ 
uns nur an die Laryngitis spasmodiofe, die unverkennbar ausset 
desci katarrhalilBchen Blemtote auch noch einen nervOsen Fsk>> 
tor anerkennt, in ganK ähnlicher Weise verhftlt es sieh mit 
der hyperakuten Form der Bronchitis. Auch hier kann dsi 
MitergHflTensein des Nervus vagus nicht bestritten werden. 
Die nftkere Beweisfahrung kann ich biet um so mehr Über- 
geben, als ich diese beiden Krankheiten schon froher aus* 
fMirlioh besprochen habe (Fr. J. Behrendts und A. Hilde« 
brand's Joanal fOr Kinderkrankheiten 18S4, Hftrtt- April- 
bsA und Juli-Augusthaft). 

Anatomischer Charakter. 
Wir wissen bereits, wie die Erweichung des MagMM 



Mft 

— fc u fc Bsw aei« Ohiib m w^iiifth et aieh anoh ak 4er K»- 
weielraog der Sohleioihavi des Darme«. Wo auch immer die Efw 
weieboog TOrkommeo möge, aie iat nickt einmal eine bestindige 
Bnobeinim^ Auch i«i bereits oben angedeutet worden^ die« 
die Enteritis ebokriformia nieht in allen Fftllen linaiieh wakr^ 
•ehmbare Störu^^ aiuraeklftMt. Die» darf um 90 weniger 
befiremdeo, wenn man foitb&lt, dasa daa anatomisehe Vei^ 
halten des katarrhalischen Krankheitsprosesses, ohne dass wir 
WM darüber befriedigend Rechnung tragen können, gewissen 
Schwankungen unterworfen ist und das eine Mal m^hr oder 
weniger erhebliebe Störungen aeigt, das andere Mal aber 
in der Leiche keine oder nur unbedeutende Veritnderangen 
aofvreislL Bs ist wohl flberflQssig, su erinnern, dass die ki^ 
piUltrea Hyperitmieen gar oft naoh dem Tode spurlos wieder 
verschwinden. 

Die massenhaften Transsudate werden ohne Zweifel durch 
das gleiohaeitige krankhafte Brgriffensein der Sebleimb&lge und 
dar Peyer'scben DrUsen bedingt. Die Sehleimhaut desDarm- 
kaaales ist bald Mass, bald geröthet. Die Röthe weebaall 
sowohl besOglieb ihrer Farbe als der Ausdehnung. Sie spink 
durch alle Zwlsohenstufen selbst bis aum Hochrothen, und ist 
entweder nur punktirt, oder aber netaförmig Ober grössere 
oder kleinere Stellen ausgebreitet. Kurs, das anatomisebe 
Verhalten entspricht nicht immer der eben aufgestellten Sjn^ 
tomengruppe. 

Allgemeines Krankheitsbild. 

Die Krankheit hebt plötslieb mit Erbrechen und Dttrah^ 
iall an. Die Kinder erfreuten sich bis aum Ausbruche der 
Krankheit des besten Wohlseins, oder aber litten bereite an 
YMVcbiedenen St^ungen der Verdauungsorgane. Das Erbrer 
eben sowohl als der Durchfall sind anhaltend und erfolgen 
Ott Sohlag aufschlug. Die auerst erbrochenen Massen ent- 
halten augleieh den Mageninbak, und die erste Stublaosleeruag, 
wenn glacb schon flüssig, zeigt noch eine f&kale Beimisehung) 
wahrend die späteren Ausleerungen nach Oben und Unten 
eme wAssenge Beschaffenheit haben und frei voa Oallenfarb- 
Stoff sind. Mag das Einbrechen dem Durchfalle vorhergehen 



84« 

oder iHa^folgea, das eine Symptom gesellt sieh raseb m den 
anderen und ist stete mit ihm vereint. Die Urinabsond^vng 
nimmt aufimilig ab und ist sehr sparsam. Der Unlerleib ist 
bald etwas aufgetrieben und empfindlich, bald l&sat er keine 
besonderen Abweichungen wahrnehmen. Die Bastost hOrt 
gleich auf, obschon die Zunge rein oder nur etwas wetssKeh 
belegt ist. Die Kinder haben einen unstillbaren Dnrat, er- 
greifen hastig das Trinkglas und leeren es bis auf den letatan 
Tropfen aus, und verlangen schon bald nachher aufs Nene 
wieder durch Kaltwasser gelabt su werden. Sie sind anfangs 
Terdriesslich, unruhig und aufgeregt und weinen viel. Das 
Arische Aussehen schwindet, der Olanz der Augen ist matter, 
das Gesicht veHHIIt. Die Krankheit beginnt bald mit einem 
mehr oder weniger lebhaften Fieber, bald f&ngt sie ohne auf- 
fiülige febrile Aufregung an, wenn gleich der Puls besehlen- 
Bigt und klein ist. 

Im weiteren Verlaufe dauern Erbrechen und Durchfall 
fort, und je stürmischer die Krankheitszufälle sind, desto 
schneller treten Verfall der Kräfte und Abmagerung ein. Das 
Chssicht ist wesentlich ver&ndert, bleich und verfallen, die 
Nase Bugespitzt, die Wangenknochen ragen hervor, die Augen 
sind glanzlos und tief in ihre Höhlen zurOckgesunken. Die 
Bigenwftrme der Körperoberflftche ist ganz erheblich gesun- 
ken, namentlich fahlen sich die Nase, die Wangen , die Hftnde 
und Fasse widrig kalt, selbst eiskalt, an. Die Reepiration 
geht erschwert vor sich, und die Bauchdecken sind erschlafft 
Die Kinder sind aufs Aeusserste ermattet und kraftlos und 
liegen, mit halb ofienen Augen, soporös da. Der Tod er- 
folgt durch Erschöpfung. Bisweilen gehen ihm konvulsivisebe 
Zuckungen vorher. Auch tässt das Erbrechen oft vorher nach, 
dagegen halten der Durchfall und der Durst bis an das Le- 
bensende an. 

Nimmt die Krankheit einen giflcklichen Ausgang, so las- 
sen die Zufälle an Heftigkeit nach, bis sie sieh endHeh völlig 
vertieren. Namentlich hört das Erbrechen auf und missigt 
sich immer mehr und mehr der Durchfall und der Durst, wäh- 
rend die Hijsiognomie wieder lebhafter erscheint und die wi- 
drige Eiskalte einer angenehmeren Wärme weicht 



IKoht inmer rerltaft die Kmkheit bypermkui, aondera 
bisweilen hat rie aaoh einen akoten, selbst sabakuten, Ver- 
lauf and eind dann alle Symptome, besonders das Erbrechen^ 
der DarehiatI und der Darst, viel gelinder. Seilen endet die 
Krankheit sehon in den ersten 24 Stunden mit dem Tode, in 
der Regel dauert sie einige oder mehrere Tage an. Die Kon- 
▼alesMui sieht sich um so mehr in die Lftnge, je grösser 
dar RrftftetreHall ist und je Iftnger eine gute Bsslust und Di- 
geition auf sieh warten Hksst. 

Die Bintheiking der Krankheit in gewisse Stadien schliesst 
keinen besonderen prahtisdien Vortheil in sich, abgesehen 
davon, dass sich in der Natur keine scharfen Ghrftnslinien 
■iehen lassen. Am wenigsten lassen sich drei Stadien, das 
des Beginnes, das der Gefahr und das der Aboahme, gut^ 
heiesen, viel eher ist die Sichtung in die Periode der Reaktion 
and der Paralyse zulftssig. Dem ersteren SiCitraume gehören 
das Erbrechen, der Darcbiall, der Durst, die Unruhe^ die 
Seberhafte OeMssaufregung an, dagegen sind fQr den zweiten 
Zeitraum der sichtliche Kr&fteverfaH , die veränderte Physio- 
gnomie, die Erschlafiung der Bauchdecken, die Eiskalte des 
Cksiehtes und der Extremitäten, die Mattheit des Pulses, die 
beschwerliehe Respiration, das Aufhören des Erbrechens und 
des Durchfalles, der soporöse Znstand beseichnend. 

Fälle aus der Praxis. 

Erster Fall. — Anna A., 11 Monate alt, nahm an- 
ÜMgs die Mutterbrust und später die Saugflasche, als die 
Milchquelle versagte. Das Kind gedieh gut und hatte ein fri- 
sches, kräftiges Aussehen. Seit 14 Tagen bestand eine In^* 
testinalstörung, namentlich war Durchfall mit grasgrünen Aus- 
leerungen vorhanden. Hierzu gesellte sich Erbrechen, wel- 
ches si<di fast nach jedem Cknusse wiederholte. Die Zunge 
war wenig belegt und feucht, die Esslust geschwunden, der 
Durst vermehrt, der Bauch weich, weder aufgetrieben, noch 
beim Drucke schmerzhaft, die Urinabsonderung vermindert. 
Das Kind war verdriessUch und weinte viel, namentlich ver- 
Mafen die Mächte sehr unruhig. Das Gesicht verlor seine ge- 
sunde Farbe, die Röthe der Wangen wich einer auffälligen 



M8 

BlftBse, der BJkk war malt, der Vorfall der Kvifte «lAllMiy 
die Temperatur der Haut nahm ab, der Puls war beeoMeu- 
nigt und klein. Die KranklMit verlief aubakut and ging ia 
▼oilstftndige Genesung ttber. Lange aber dauerte ea^ Wi das 
frabere Wohlsein völlig wieder auraokgekehrt war. 

Zweiter Fall. — Wilhelm B., ein Ijfthriger ao der 
Mutterbrusi gut gediehener Knabe, den ieh miCitekt der Ziaii* 
genoperation zur Welt gefördert hatte, litt bereits seit drei 
Tagen an Erbrechen und Durohfall, als der Hülfemf effCdlgie. 
Die Krankheit war plötslieh ohne vorhergehendes Unwohlsein 
eingetreten. Alles wurde gleich wieder ausgebrochen, die 
Muttermilch sowohl als die anderen gereichten FlasMgkeiten, 
selbst kaltes Wasser. Öleiehaeitig mit dem Erbrechen etfolgle 
auch Stuhleotleerung. Auch lief letstere, die aus flassigen gelb- 
liehen Massen bestand, unwillkArhch weg. Nach dem Erbreche« 
trat Würgen ein. Das Kind sank nach den Ausleerungen gan 
ermattet hin, schloss die Augen, verfiel in Scblaftocht, war apa* 
thisch und reagirte selbst nicht, wenn auch Fliq;en Ober das Gte- 
sieht krochen. Die Zunge war rein, nur in der Mitte etwas 
belegt, der Bauch eingefallen und weich, an keiner Stelle 
beim Drucke schmerzhaft, die Eespiration leise, der Puls ge* 
reizt und matt, die Temperatur der Haut gesunken , die Urin- 
absonderung veritiindert. Das Kind nahm die Brust und trank 
viel Wasser, musste aber, wie schon gesagt, das Eine wie 
das Andere gleich wieder ausbrechen, und war im Geeichte 
sowohl als an den anderen Körpertheiira verfallen. Bs wurde 
Natr. acet. 9j Aq. niootian. R. zß Aql dest. Ijß Syr. alth. Iß 
▼erordnet. Schon am folgenden Tage hatten das ErbrechcB 
u»d der Durchfall bedeutend nachgelassen und verloren sieb 
nun schnell gftntlich. Die völlige Wiederherstallung liese gar 
nicht lange auf eich warten. Sakoii am fünften Tage der Be- 
handlung konnte das Kmd wieder am Stuhle stehen und gehen. 

Dritter Fall. — HeinriohSch., beinahe 1 Jahrak, war 
in letzterer Zeit nicht gut mehr an der Mutterbruat gediehea 
und hatte bereite mehrere Tage Dorchfiiil. Jffienu geselte 
«icb £HM«oben, welches nadi jedem Genuese eintrat. Das 



8M 

Emd h$km die BrtBt oioht gerne mcbr, sondern tt^cnk lieber 
Wli^ser imd war sehr rwdrieflelieh. Die Zunge war wenig 
belegt und ienebt, der Bauch weieh und beim Drnoke niohl 
•atpfindlieh, die Bigenwirme geninketi, der Pols besebleunigt 
dod kmfUoe, der BKck malt, da« Oedcht yerfalien, die Ab- 
■lagerung siehtUch. Das Erbreehen verlor sieh, wfthrend der 
DvehMl fortdauerte. Das Kind starb an Ersehöpfiing. 

Vi erler Fall. — Antoinette C, da Ij&hriges gut ge* 
aihrtes JUkdeben, welehes die Motterbrust nahm, war einige 
Tmge Tor dam HaUerafe von Diarrhoe befallen worden. Die 
Stflhie waren aekleimig und dnokelgrttns mit eineelnen Blnt» 
strdfen vermischt, die sieh später wieder verloren. Das Kind 
kalte aeitweiie Bohmersen im Dnterleibe, der sich heiss an- 
fllhflte, sehrie, etiess die Fttsse ab und sog sie wieder gegen 
den Beuch an, and hatte Drang auf den Stuhl. Hierau ge* 
aeUle sieh Erbrechen, welches mehrmals im Laufe des Tages 
eintrat. Der Durst war «ehr stark, die Zange rein, nur ge- 
gen die \7«rsel hin fahl belegl, der Grand dunkel geröthet, 
die PapiUen entwickelt^ die Esslust geschwanden, die Drin* 
absonderuDg sparsam. Das Kind zeigte grosse Verdrieselieh^ 
keit und halte einen unruhigen Schlaf. Das Gesicht war ver- 
Mlfen, der Blick maiil, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. 
Die Stirn und der Hineorkopf fahiten sich beiss an , der Fuh 
war bttschleunfgt 

Aas dritten Tage der Behandlung trat ein mehrstflndiger 
rvWger Schlaf ein, nachdem einige Tkeelöflel voll von einer 
Bavulsio sem. pstpavv mit Sjr. alth. genommen waren. Das 
Srbreoben aud die g^Qnen Stuhlausleerungen dauerten fort. 
Befolgte kein wirkliokea Erbrechen, so trat Brechreia eiuv 
Das Kiisd streckte dann die Zvlnge weil aas dem Munde, be^* 
nahm aicii gan* unruhig und Warf sich hin und her. Bs nahm 
die Brust wieder fern and trank nebenbei viel Wasser, sehreckte 
oft avf und rieb mit der Hand die Augen und die Nase. Bald 
aeigte sieh die eine, bald die andere Waoge geröthet, bis- 
weilen waren beide Wangen gerdthet. Der Kritfteverfeü war 
gross und die Aboangerung siehtlick, das Gesickd noch mehr 
koUabirtf mit vozeprii^endaii W«iigeiiknecben, die Augen hat!" 



a60 

ien ibreoOlaBs verloren und sieh nodi liafer in ihfeHöyet 
surttekgesogeo. Das Gesicht und die Ifitaide. «od Fasse AM- 
ten sich kslt an, der Puls war frequent und klein. 

Erst drei Tage sp&ter liess das Erbrechen oacb und nah* 
meo die wftsserigen Stuhlattsleerungen eine schleimige and 
eine etwas konsistentere Beschafienheit an. Auoh yerminderte 
sieb der heftige Durst. Das Kind war bisweiten OMUiterer 
und hatte Freude an den vorgelegten Spielsachen^ konnte sieh 
aber wegen der grossen Scbw&cbe und HinfUligkeii nicht 
lange damit beschäftigen, die Anstrengung war noch zu groaa. 
Allm&blig traten alle KrankheitssufUle mehr and mehr surOck, 
bis sie endlich achwanden. Die Genesung war yoUst&iidig. 

Fünfter Fall. ^ Bernard IL, 13 Monate alt, dn 
krIÜtiger, stets gesunder Knabe, nahm noch die Mutterbrust, 
bekam aber auch schon andere Speisen. Am Tage vor der 
Erkrankung war . er weniger munter und hatte keine gute 
Esslust. Darauf wurde er von Erbrechen und Durchfall be> 
fallen. Es wurden wftsserig-schleimige Massen und ElUie, ger 
käste Milch ausgebrochen, die Stuhlausleerangen waren 
wässerig. 

Das Erbrechen und der Durchfall, die häufig erfolgten, 
währten noch fort, als ich swei Tage nachher hinzukam. Das 
Kind trank viel Wasser und nahm nebenbei die Brust, braeh 
aber gleich Alles wieder aus. Es lag in der Wiege auf dem 
Rücken und schlummerte mit halb offenen Augen, oad hatte 
die Finger gebeugt und die Daumen in die Hohlhand einge- 
schlagen, während die Beine weit auseinander gespreiat and 
im Knie gebogen waren. Das Gesicht war Mass und vet* 
fallen , die Nase zugespitzt, die Augen waren tief in ihre Höh* 
len zurückgesunken und die Pupillen zusammengezogen, die 
Haut fühlte sich trocken und kalt an, die Respiration ging 
leise vor sich, der Puls war nicht sehr beschleunigt, aber 
klein und matt. Es wurde verschrieben: üetr. aoet. gr.XV. 
Aq. niootian. R. Iß Aq. dest. li/9 Syr. gljoyrrbiz. 9|jj. 

Am nächstfolgenden Tage hatten das Erbreoken sowohl 

als der Durebfall ganz auffallend nachgelaasen , und trat so« 

•gar die eine wiedieandere Ausleerung- juir selten ein« Uebes» 



351 

dies war der Stuhl nielit mehr wttfiserig, ioodern zähe und 
lehmartig und hatte eine goldgelbliche Farbe, mit grflDlidier 
Beimischung. Der Dorst war viel gelinder und die Tempe> 
ratar der Haut wftrmer. . 

Am dritten Tage der Behandlung trat gar kein Erbrechen 
mehr ein und erfolgte nur ein einaiger Stuhl, der gebunden 
und fest war und goldgelbiich aussah. Der Knabe hatte we- 
nig Durlt und wieder Esslust und war munter. Die Konra- 
leaaena schritt nun ungest&rt bis sur vollständigen Genesung, 
die rasch nnllokkehrte , fort. 

Sechster Fall — Franz R., 18 Monate alt, ein früher 
stets gesunder, ziemlich kräftiger Knabe, der noch die Mutter- 
brust nahm, wurde 14 Tage vor dem ersten Hfllterufe von 
einer aphthösen Mundaffektion befallen und htt bereits seit 
drei Tagen an Erbrechen und Durchfall. Es wurden sowohl 
Kaltwasser als die Muttermilch wieder ausgebrochen, selbst 
drei Spulwflrmer nach oben ausgeleert, und erfolgten inner- 
halb 24 Stunden mehrere fitlssige, mattgelbliche Stuhle. 

Am 25«> August 1857 sah ich das Kind. Es lag in der 
Wiege und schlummerte mit halb offenen Augen. Das Er- 
brechen und der Durchfiill dauerten fort. Das Gesicht war 
blass und verfallen, die Zunge auf der Mitte und auf der Wur- 
ael weiss belegt, die Temperatur der Haut gesunken, der Puls 
gereizt und aoatt, die Respiration ruhig, der Bauch weich, we- 
der aufgetrieben noch eingefallen und beim Drucke nicht 
schmerzhait, der Durst vermehrt, aber doch nicht stark, die 
Urinabsonderung sparsamer. Das Kind wollte die Brust nicht 
gerne mehr nehmen und äusserte ein verdriesslicbes Wesen. In 
des NaehmHtagsstunden rötheten sich die Wangen. Es wurde 
verordnet: Natr. acet. ^ Aq. nicotiau. R. ^j Aq. dest. ijß Syr. 
attb. Iß. Auf diese Arsnei schwanden gleich das Erbrechen 
und dar Durchfall Nur bemerkte man noch Kaubewegungen und 
Binsiehen der Unterlippe. Die fernere Behandlung unterblieb, 
obschon die Heilung noch keine vollständige war. 

Am 28. September wurde abermals Hälfe nachgesucht. 
Seit 14 Tagen bestand wieder Durchfall, die Ausleerungen 
waren blasagelblich von Farbe. Daau war wieder Erbrechen 



3S2 

getreien, welelMS nach j^dem G^nvise erfolgte. Die Auges 
lagen tief in ihren Höhlen und halten den lebhaften Qlans Yer. 
toren, daa Geaicht war blaes and beigefaUen, der Palt ge- 
reizt und klein, die Eigenwärme geeanken^ die Hlkide und 
Fasse fflhiten sieh kalt an, der Unterleib weich and einge- 
fiiUen, aber w&rmer als die übrigen Körpertheile, die Zange 
rein, der Durst vermehrt, der Urin sparsam^ hell und' klar, 
▼on goldgelblichen Aussehen und saurer Reakfttoa. Das Kind 
war mOrriaeh und scklammersflchtig und so abgemagert, dass 
die schlaffe Haut um die Knochen hing. Bs wurde die oben 
angegebene Arznei wiederholt, worauf das Erbrechen und 
der Durchfall abnahmen. 

Am 3. Oktober. Das Erbreeheo blieb heute ganz ans, 
dagegen traten noch vier dflnne Stühle ein, die fkhl aussahen 
und Blutstreifen enthielten. Vorher war verordnet Matr. aoei 
gr. XV Tinct. opü croc. gtt. VI Aq. dest. liß Byr. alth. i/l Das 
Kind hatte noch viel Durst und trank am liebsten Kaltwaaaen 
Bs lag auf dem Scboosse der Mutter und hatte einen lebhaf- 
teren Blick, gähnte bisweilen, war sehr verdtieaslieh und 
weniger zur Schlummersucht geneigt. Der eingefallene Bauch 
ertrug den Druck ohne SeiuBenäusserung. Es fehlte jede 
Bpur von Fieber. Die Füsse waren leicht ödematAs ge* 
schwollen. 

Die Behandlung dauerte bis zum 10. Oktober. Während 
dieser Zeit kamen noch Tioot. eatechu und eis Infus, eort 
oasearillae ia Anwendung. Das Kind ist völlig wiederher* 
gestellt worden. 

Siebenter Fall. — Bemard L., 13 Monate alt, ein 
an der Mutterbrust nicht besonders gut gediehenes Kind, wurde 
von Erbrechen und Durchfall befallen. Die eine wie die am* 
dere Erscheinung erfolgte mehrmals im Laufe des Tages and 
widerstand hartnäckig allen angewendeten Mitteln. Die Zange 
war nickt sehr belegt, der Durst verasehrt, der Baueh weder 
aufgetrieben , noch beim Drucke empflndlieh, und AUte sied 
wArmer an als die übrigen Körpertheile» Das Kind verfiel 
und magerte sichtlich ab, war verdriesdieh und hatte besoo« 
devs des Machta grosse Unrohe, wäbtend es am Tage scbfata»« 



858 

mcnadit%, mü bsib gMohlosMMB A«f «o, ia der Wiege hig. 
Der Pule war gereist und matt) die Beepiration beaeMeuoigi, 
^ Temperatttr der Haotoberfl&che geeuDkeo. Dae Erbreobeo 
«ad der Dorokfall warden im weiteren Verlaufe gelinder, 
hörten aber nieht gans auf. Beim Darreiobea von Getränken 
erfolgte Hosten «od Brechreiz. Das BehLingen sehien er- 
schwert stt seiB, Die Augen lagen tief in ihren Höhlen und 
hatten ihren Ölans verloren, der BUok war matt. Wenige 
Tage yor dem Tode bildete eich im Maoken eine erjsipelatöse 
Enisaodung, die sich bis Ober das rechte Schulterblatt und 
Ober die linke Hakseite weiter erstreckte. Bs trat im Macken 
rasch Sitemng ein, derEiter selbst war jauchig, das Zellgewebe 
abgestorben, die Haut in weitem Umfange von den Muskeln 
losgelöst. Noch immer dauerten der Durchfall und das Er- 
brechen fort. Der Puls war freqnent, klein und ganz matt, 
<tie Haut fohlte sich trocken und spröde an. Das eiogeAösste 
Gtetränk machte am Todestage ein Ger&useh, als fiele es in 
einen hohlen Sack. Das Kind starb an Erschöpfung, in ko- 
matösem Zustande. Die itraüiehe Behandlung w&hrte yom 
23. September bis zum 9. Oktober. Alle Versnobe, das Kind 
an retlea, blieben fruchtlos. 

Schon diese wenigen Krankheitsgescbichten mögen vor- 
Itafig genflgen, um uns dem abstrakten Krankheitsbilde ge- 
genaber zu versinnlichen, wie sich die Symptome, der Ver- 
lauf, die Danex und der Ausgang der Enteritis choleriforasis 
in der Natur, an der Wiege der Sftuglinge und jfingerer 
Kinder» verhalten« Sachen wir nun den semiotisch-diagnosti- 
sehen Werth der einzelnen Symptosae näher zu bestimmen. 

Analyse der Symptome. 

1) Erbrechen. 

Das Erbrachen wird in der überwiegenden Mehraabl der 
FftUe beobaohtet und ist für ein beständiges Symptom an 
halten. Das Fehlen ist mir eine höchst seltene Ausnahme 
▼on der Begel, die dadorch nieht entkräftet oder umgestossen 
wird. Wir finden das Erbrechen in aUea Torstebenden Fällen 
und baUen es l&r ein änsaerat weitihvoUea Zeichen. Die Häoi^- 



36i 

keit ist gewissen SehwaDkuDgen uDterwoifeo^ je naehdein die 
Krankheit stürmisch auftritt, oder aber gelinder verl&uft. W&h 
rend sich das Brbreoheo in dem einen Falle nur einige Male 
innerhalb 24 Stunden einstellt, erfolgt es in dem anderen 
Falle Schlag auf Schlag, mögen die Kinder die Matterbrust 
oder Kaltwasser oder irgend eine andere Flüssigkeit genom- 
men haben. Auch dies ist durch die oben mitgetheilten Krank- 
heitsgeschichten nachgewiesen und bewahrheitet sich eben&lls 
in der allgemeinen Erfahrung. Bald ist das Erbrechen das 
erste Sjmptom, bald folgt es erst auf den Durchfall. Die 
erbrocheneu Massen sind, abgesehen yon dem Mageninhalte, 
durchweg serös oder schleimig, und haben bisweilen einen 
sauren Geruch und enthalten mitunter Spulwürmer, wie dies 
bei dem 18 Monate alten Knaben vorkam (6. Fall). Aeussersl 
selten wird gsUiges Erbrechen beobachtet, höchstens wird 
dasselbe im ersten Beginne der Krankheit angetroffen. £s ist 
mehr als wahrscheinlich, dass die Oallensekretion unterbro« 
eben sei, aumal gewöhnlich weder die Ausleerungen nach 
Oben , noch die nach Unten eine gallige Beimischung seigen. 
Jedoch gibt es hiervon auch Ausnahmen. Das Erbrechen 
dauert bald w&hrend der ganzen Krankheit fort, bald verliert 
es sich in ihrem weiteren Verlaufe oder nimmt wenigstens 
an Häufigkeit ab, oder aber geht in Würgen über (2. u. 4. Fall). 
Bisweilen bleibt Uebelkeit «urück, die sich durch Kaubeweg- 
ungen, mit Einaiehen der Unterlippe, und durch Nieder- 
schlucken au erkennen gibt (6. Fall). Je seltener das Erbre- 
chen eintritt, desto grösser ist gewöhnlich die ausgebrochene 
Masse, die überhaupt nicht im Verb&ltnisse steht mit dem ge- 
nossenen Getränke. Der Brechakt selbst geschieht ohne grosse 
Anstrengung. 

2) Durchfall. 

Ein anderes eben so wichtiges, ja noch werth volleres 
Symptom ist der Durchfiill, aumai er niemals fehlt. Kicht 
selten geht ein massiger Durchfall einige oder mehrere Tage, 
selbst Wochen dem Ausbruche der Krankheit vorher, und nehmen 
dann mit dem wirklichen Beginne der Krankheit die Ansleer- 
ttngen bedeutend an Zahl au. Wieder in anderen Fällen hebt die 
Kvaakhek gleich mit Durchfall an , dem sieh bald BrbrechcB 



3$5 

hinuigeseUt. Der Darohfall blefibt während der ganzen Krank- 
heit fortbeBtehen. Die Aosleerungen erfolgen bald äusserst 
sahireich, bald belaufen sie sich in 24 Stunden nur auf 4 bis 
6 Stahle. Bei dem Ij&hrigen Kinde trat gleichzeitig mit dem Er- 
brechen auch Stuhlausleerung ein (2. Fall). Anchflossbei diesem 
Kinde die Ausleerung sogar unwillkürlich aus und lief so ohne 
alles Zuthnn aus dem After weg. Wohl ein Zeichen von Darmlähm- 
QDgl Viel öfter erscheinen Durchfall und Erbrechen in yerschie* 
denen Zeitabschnitten, folgen sich aber gewöhnlich schnell. 

Die erste Stuhlausleerung enthält, wofern die Krankheit 
gleich mit Durchfall beginnt und die Gesundheit vorher nicht ge- 
stört war, noch gallige Fäkalmassen und bisweilen Ueberbleibs^l 
TOQ unverdauten Stoffen. Dagegen sind die späteren Ausleerun- 
gen serös und bebalten die wässerige Beschaffenheit während 
der ganzen Andauer der Krankheit, Bei dem 1jährigen Mädchen 
waren die Stahle anfangs schleimig und dunkelgrün, selbst 
blutig gestreift (4. FallJ, später hatten sie eine wässerige Be- 
schaffenheit Auch bei dem 18 Monate alten Kinde zeigten 
sich gegen das Lebensende hin blutige Beimischungen, und 
hatten die Stuhlansleerungen eine fable Farbe (6. Fall). Jenes 
11 monatliche Mädchen, welches schon längere Zeit von der 
Brust entwöhnt war, hatte grasgrüne Ausleerungen, ohne dass 
sich die Färbung auf Rechnung der angewendeten Arzneien 
bringen Hess. Die Stuhlausleerungen sowohl als die erbroche- 
nen Massen hatten ganz entschieden einen sauren Geruch 
(l.Fallj. Es ist bereits oben bemerkt worden, dass die Oallen- 
absonderung aufzuhören scheine. Die seröse wässerige Be- 
schaffenheit der Stuhlausleerungen macht dieses allerdings 
wahlscheinlich« ist aber nicht über allen Zweifel beweisend. 
Sollte denn nicht auch die verhältnissmässig immer nur ge- 
ringe Gallenergiessung in den Darm in den massenhaften 
Transsudaten spurlos verschwinden können? Das wahre 
Sachverhältniss mag nun sein, wie es wolle: es gibt 
Fälle, wenn sie auch eben nicht häufig vorkommen, wo die 
Stuhlausleerungen nicht bloss ein fahles , sondern selbst ein 
gelbliches Aussehen haben. Ein Beleg hieftlr ist namentlich 
der zweite und der sechste von den oben mitgetheilten Fäl- 
len. Bei günstiger Wendung nehmen die Stuhlausleerungen 

ZLVL 186ä 24 



356 

«tllm&lilig ^n Zahl wiedef ab, und bekommen sie tmt fe- 
stere Konsistenz und zugleich eine gelbliche, selbst goldgelbe 
Farbe (5. Fall), wenngleich sie bisweilen auch ein^ grflfie 
Beimischung zeigen. 

8) Zunge, Durst, Schlingvermögen. 

Die Zunge ist rein und feucht, höchsteüs w^is»Hch öd*r 
fieihl belegt, besonders auf der Mitte und Wurzel. Boot erin- 
nere ich mich nicht gesehen zu haben. Bei einem Kimie 
war der Orund der Zunge dunkel geröthet und ragten die 
Papillen hervor (4. Fall). Auch die Mundhöhle bietet keine 
bemerkenswerthen Erscheinungen. Das Heraushängen der 
Zunge aus dem Munde habe ich nh beobachtet. 

Dagegen ist der Durst wieder ein Symptom, welches 
tinsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Der Dufrst fehlt me 
tind ist wohl in keiner anderen Krankheit so heftig, selbst 
unlöschbar. Die NageTsche Beschreibung des Duretes findet 
sich zwar oft in der Natur bestätigt, ist aber noch lange nicht 
für alle Fälle gültig. Damit sei aber nicht gesagt, als sei der 
Durst nicht vermehrt. Einige Säuglinge nehmen gern die 
Brust, während andere sie verschmähen oder doch nicht be- 
gierig saugen. Am meisten lieben die Kinder Kaltwasser, 
öbschon sie auch dieses Gktränk eben so 'wohl als die Miit- 
termilch gleich oder doch bald wieder ausbrechen. Das Kalt- 
wasser scheint mehr zu laben. Der Durst ist um so stär- 
ker, je sttlrmischer die Krankheit verläuft, je massenhafter 
die Transsudate sind, je reichlicher dem Organismiis die FlOto- 
sigkeiten entzogen werden. Es ist somit ^in Zeichen der 
Bluteindiekung, die übrigens auch noch andere Folgen hat. 

Was das Schlingen betriffl, so wird beim Schlucken kein 
Binderniss wahrgenommen, vielmehr wird das dargebotene 
Gfetfänk ohne alle Beschwerde verschluckt. Nur wenn gegen 
das Lebensende hin Paralyse eintritt, ist das Schlingen be- 
schwerlich, selbst völlig aufgehoben. So war es bei dem 
18 Monate alten Mädchen. Es entstand hier ein Geräusch, 
als fiele die eingeflösste Flfissigkeit in einen hohlen Saek 
(7. Fall). 

'4) Bauch, Leibschmerzen, Urinabsonderung. 

Der Baucti ist tauf anfangs voll, selten aufgetrieben, «pä- 



Ml 

ter fiUlt er mehr •der wen^er susammeii uod fühlt «ich weich 
und eiypUaffi; an. Die erschlaffteii Bauchdecken ladseo sich 
in dem paraljtiachen Stadium der Krankheit, wie dies il o m - 
bejr.g zuerst hervorgehoben hat, in Falten aufbeben. 

IMe S^hlaiuleerungen verursachen kein« Leib^ohmeiMn 
%m4 %rfolge» leicht. Ati«h ist der ßauch berm Drüake« AMit 
•mpftttdlicli. Nur yn ersten B^giuBe der Krankheit konvAMin 
MbwsiImi LeibsdiAierfeen vor. Die Sftoglinge fangen weaig- 
si mp ttnitweis^ a» so wehen, ziehen die Beine gegen den 
Bauch an «nd slossen sie gewattaam wieder ab (4. PaM). 
Ddet gei^ieht umnittelbttr vor dem Btntreten der Stuhlaos- 
leeningeft. Selten >wird Drang auf den Stuhl wahrgenommen 
<4. fWl». 

Die Ütinabsonderung ist imitier vermindert und ^llt um 
80 spärlicher aus, je reichlicher und zahlreicher die Stuhl- 
ausleerungen sind. Bei Säuglingen hat man nur äusserst sel- 
ten Gelegenheit, die Beschaffenheit des Urines zu untersu- 
chen. Bei dem 18 Monate alten Kinde hatte der Urin ein 
helles und klares Aussehen und eine goldgelbliche Farbe und 
reagirte sauer (6. Fall). 

5) Oesichtsausdruck. 

Der Oesichtsausdruck ist ganz charakteristisch uad ge- 
hört SU den werthvollsten Symptomen. Die eben so wesentliche 
als auffällige Veränderung des Gesichtes lässt nie lange, auf 
siob wartan , sondern stellt sich bald ein« Je stttrmiscber die 
Kraakheü auftritt und verläuft, desto schneller ändert sich 
der Gesichtsaasdruck um. Man ist wirklich überrascht^ wenn 
aan siebt, wie schon in wenigen Stunden die Physiognomie 
ein ganz fremdes Aussehen angenommen liat. Das Gesicht 
hat alle Frische 'und Rundung verloren und ist bleich, blase 
und verfallen 9 die Wangenknochen ragen hervor, die Augen 
U^en tief in ihren Höhlen, der Blick ist flau und matt, die 
Hase gespitzt. Diese Züge machen um so mehr einen eige- 
nen Eindruck, wenn die Augen während des soporösen Zustandea 
halb offen stehen und nach oben gedreht sind und das Weisse duiicb 
die Spalte gralidarchschimoierut lassen. Kaum lässt sich durch 
Worte die Physiognomie in ihrer ganzen Eigenthümlichkait 

24* 



358 

60 schildern, wie sie wirklich ist. Die beste Beichreibnog 
bleibt immer hinter der Naturanbchanung weit earflck. 

6) Respiration. 

Die Zeichen, welche die Respiration bietet, haben einen 
untergeordneten Werth. Daa Atheroholeo geaehiekt geiwöhn- 
licb ruhig und leicht, iat aber beschleunigt^ wena die Emok- 
htki mit fieberhafter Oeflkssaufregung anhebt. Auch gc^eo das 
Lebensende hin ist die Respiration sehneller und seilet mit 
Tracheairasseln verbunden. Von Zeil zu a«eit hört man einen 
aastossenden Husten. Bisweilen ist dia Respiration beengt 
und beschwerlich und erfolgen seitweise tiefe Atiieaisage. 
Auch dieses Symptom Iftsst sich auf die Eindiokung des BU> 
tes, die den Kreislauf in den Lungen erschwert, zuraekALhren. 

7) Haut, Eigenwärme, Eräfleverfall , Abmagerung. 

Die Haut ist trocken und erschlafift und hat ihren Le- 
bensturgor verloren. Die bei dem 13 Monate alten Kinde 
beobachtete erysipelatöse Entzündung des Nackens und Schul- 
terblattes ist eine seltsame und rein zufällige Erscheinung 
(7. Fall). Dagegen hängt die kjanotische Färbung der Haut 
mit der Bluteindickung zusammen. Etwa früher vorhandene 
seröse Ergüsse schwinden. Jedoch sah ich bei dem ISffiO- 
natlichen Kinde gegen das Ende der Krankheit Oedem der 
Fftsse eintreten (6. Fall). 

Die aiifiUlige Abnahme der Eigenwärme fehlt kiie und 
gehört mit zu den bedeutungsvollsten Symptomen. Je hefti- 
ger die Krankheit ist, desto rascher und tiefer sinkt die Tem- 
peratur der Haut. Sie ist aber nicht an allen Stellen der 
Körperoberfläche eben stark erniedrigt. So fSfalen sich die 
Wangen und die Nase , die Hände und die Pflsse viel kälter 
an , als die übrige Körperoberfläche. Während die ersteren 
Theile selbst eine widrige Eiskälte zeigen , lassen die Bauch- 
wafidungen noch einen gewissen Grad von Wärme wahrneh- 
men. Von der äusseren Bedeckung rührt dies sicher nicht her. 
Liegen doch auch die Füsse unter dem Bette. Der grössere 
Blutreichthum , der in der Banchhöhle vorherrscht , gibt wohl 
eher Aufschluss. 

Auch der rasche und tiefe Kräfteverfall ist eine bestän- 
dige und äusserst werthvolle Erscheinung. Es ist nicht über- 



359 

trieben, wenn man sa^, dMs die Kinder zusahendfl yerfellen 
und abmagern. Je weiter und starmiscber die Krankbeil fori* 
■ehreitet, desto grösser ist der Kräfteverfall und die Abfnag« 
etnng. Die Kinder sinken naeb den Aasieerangen gant er« 
mattet hin nnd Mlen in einen apathisohen Zustand (2. Fall). 
Selbst bei Abnahme der Krankheit bleil>en sie rubig in der 
"Wiege Hegen, und äussern sie ob der grossen Sdiwftohe und 
HinfiUligkeit nur auf Aagenblioke wieder Freude an SpielsiM- 
ahen (4. Fall). Die Abmagerung zeigt sich am ehesten nnd 
aufflllligsten im Gesichte, ist aber auch an den anderen Kdr« 
peratellen siehtlioh und bisweilen so stark, dass die Hant um 
die Knooben schlottert (6. FaU). Auch selbst in der Konva- 
leaaena dauert anfangs die Amagerung noch fort. 

8) Psychische Stimmung, Schlafsucht, Konvulsionen. 

Die Kinder stnd anfangs ▼erdriessUeh , unruhig und auf- 
geregt, und schreien yieL Bisweilen ist des Nachts die Du« 
ruhe und Aufgeregtheit grösser, als im Laufe des Tages. Spä- 
ter tritt der entgegengesetzte Zustand ein. Das Symptom halt 
einen untergeordneten Werth. 

Auf die Unruhe nnd Aufregung folgt soporöse Schlal^ 
sucht , die gegen das Lebensende hin selbst in wirkliches 
K^ma flhergebt. Selten stellt sich die Schlafsucht schon 
gleich im Beginne der Krankheit ein, sondern gewöhn- 
lich emoheint sie erst in ihrem weheren Verlaufe, wenn 
der Kräfteverfall einen höheren Orad erreicht. Die Kinder 
sinken ermattet nnd erschöpft nach den Ausleerungen in ei- 
nen soporösen Zustand, der in der Zwischenzeit fortwährt. 
8iee<Areeken spontan oder in Folge von Geräuschen auf, oder 
aber lassen sieh selbst durch das Umherhriechen von Fliegen 
im Gesidite nicht in der Schlafsucht stören (2. Fall). 

An einzelnen Körpertheilen, besonders im Gesichte nnd 
an den Händen, sieht man leichte Zuckungen. Konvulsionen 
kommen nur gegen das tödtliche Ende der Krankheit hin vor, 
sind aber keine beständige Erscheinung. 

9) Fieber, Puls, Lage. 

In dem einen Falle ist anfaogs Fieber vorhanden, in dem 
anderes Falle fehlt es. Selten hebt die Krankheit mit hefti- 
gen Fiebererseheinungen an , viel gewöbnlichar ist die Tem- 



360 

peratur mir mijsig ertoht und der Pub gereiot. Nur tus- 
iiahinsweiBe hat das Fieber im eratea Beginn einen intenai* 
▼es Cbarakter, nie aber bleibt es lange ao fori bestehen. Im 
Gegen theile f&ngt die Eigenwärme) wie bereite oben angege- 
ben , bald an bu sinken. Bei dem Ijfthrigen Mftdohen fühlte 
flieh die Stirn und der Hinterhopf heiai an, nod rötheten sieh 
ceitweise die Wangen ^ bald nur eine, bald beide (4. Fall). 
Während der fieberhaften Reaktion zeigt der Banch, wie eben« 
ialk aebon bemerkt , meietens eine höhere Teoiperatur , als 
die ianderen Körperatelien. 

Daa Fieber mag fehlen oder yorhanden sein, 6tr Pub 
iai immer beschleunigt , wird aber im weiteren ¥er)a«fe der 
Krankheit steta matter und kleiner, bb er gegen daa Lebeaa* 
ende hin unfOhlbar ist 

Die Lage hat nichts Besonderes. Anfeags wird aie wäh- 
rend der Unruhe und der Aufregung gewechselt, später abct 
liegen die Kinder apathisch da. Btwas Eigenthümüches hatte 
die Lage bei dem 13 Monate alten Knaben. Er hielt während 
der Schlummersucht die Rückenlage ein und hatte die Beiae 
weit auseinaBder gespreizt und in den Kaieen gebogen (5. Fall). 
Diagnose« 

Wir kennen bereits die Symptoraengruppe , welche die 
Enteritis choleriformis kennaeiehnel Auch ist de# semiotiseh- 
diagnostische Werth der eiarxelnen Erscbeinungea näher un- 
tersucht worden. Es ist daher gans dberflflssig, hier nochmals 
die Zeichen su wiederholen, welche die Diagnose sioher- 
steilen. 

Dagegen dflrfte es wohl nicht ohne allen praklbebei 
Vortheil sein , wenn wir einen Augenblick jene Krankheiten, 
die zur Verwechselung Anlass geben können, berfieksichtige«. 
Sind doch bei Säuglingen und bei jüngeren Kindern, wofern 
meht die Untersuchung des KrankheitszusCandes mit der gross* 
ten Aufmerksamkeit geschieht, leicht Täuschungen mögHek. 
Wir geben hier die Diflforenzial - Diagnose nur ^on Mgea- 
den Krankheiten an: 

1) Indigestion. 

Das Erbrechen und der Durchfall, welche durch ▼orebe^ 
gehende oder anhaltende Digestionsst^^rungen veraalaest wer« 



den , aind niol^t «chwai* zu deuten , weoo man die AnamDe^e* 
zu Bathe %iekt und be«oadera die ClrnähruDg^weise der Kin- 
der borücksichtigt. Das flrbreehen und der Purchfall, welche 
iD Folge einer einmaligen Beleidigung der VerdauqngBorgane- 
eintreten , sind nicht anhaltend , sondern nur vorübevgehend. 
Die; kOrzere Dauer und das baldige Wiederversobwindeo der 
Kr^nkbeitszufälle ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. 
Auch ist die Digestionsstörung von fieberhafter Aufregung 
begleitilt, dagegen fehlt 4ffcs tiefe Sinken der Eigenwärme und 
stellt sich nioht so rasch Erschöpfung der Ergfte und Hirn- 
aoftmiß ein. Sehr häufig werden die jOngereq Kinder auch 
gleiob anfangs von mehr oder weniger heftigen Konvulsionen 
befallen, die sich selbst mehrmals wiederholen, während diese 
ESrsebeinupg in der Enteritis choleriformis nur selten beobachtet 
wird und nur bisweilen gegen das Lebensende hin vorkommt. 

2) Helminthiasis. 

Die ZufaUe, die durch Wurmreiz bedingt werden, aind 
awar pjroteusartig^ können aber doch mit der in Rede slehe^* 
den Krankheit nicht leicht verwechselt werden. Das Erbre- 
chen und der Durchfall sind weder so stürmisch, noch haben 
sie so rasch Erschöpfung und Abmagerung zur Folge. Ueber^ 
diAS ist der Bauch voll oder aufgetrieben, und treten periodisch 
Leibschmer^u ein. Können sieb auch Säuglinge und jüngere 
Kinder über die Schmerzen noch nicht durch Worte mitthei- 
len, so geben sie doch dieselben durch plötzliches Aufschreien^ 
durch das abwechselnde Anziehen und Wiederabstossen €|er 
Fasse und durch das Hin- und Herreiben hinlänglich zu erken- 
nen. Das beste Unterscheidungsmerkmal ist das Abgehen 
von Würmern und die darauf folgende Erleichterung pder 
Ab&ahxne der Zufälle. 

3) Typbus abdominalis. 

Kaum braucht der Abdominaltjphus hier angeftlhrt zu 
werden. Die vorausgehenden Vorboten , die längere Dauer, 
der epidemische Einfiuss und die Symptome selbst lassen 
keine Verwechselung zu. Die meteoristiscbe Auftreibung des 
BaacheA, das kollernde Ileo-Cökalgeräusch, die Anschwellung 
der Milz, die Boseolafl^oke , der ßronchialkat^rrh , die au- 
dauernde Fieberhitze sind wichtige Unterscheidungszeichen» 



362 

Ueberdies wird der Abdominaltjphue. der oft ohne alles Er- 
brechen verläuft, nur selten im frflhen Eindesalter angetrof- 
fen. (Meine Sclirift : „Der Typhös im kindlichen Alter." 
Leipzig, 1860.) 

4) Peritonitis. 

Eine viel grössere Aehnlichkeit hat die Peritonitis. Leich- 
ter noch, als die akute, kann die hjperakute Form zur Irrung 
Anlass geben. 

Johann Seh. , 10 Jahre alt , ein früher gesunder Knabe, 
hatte einige Tage vor der Eikrankung nasse Fflsse gehabt. 
Am 17. Juni 1852 klagte er in den (rOhen Morgenstunden, 
nachdem er Abends vorher Kartoffeln mit-Fett gegessen hatte, 
über gestörte Esslost und Leibschmerzen. Am nächstfolgen- 
den Tage erfolgte Erbrechen und Stuhlgang. Das Erbrechen 
kam häufig und nahm immer mehr zu und der Durst war 
unlöschbar. Erst am 20. Juni wurde ärztliche Hülfe nachge- 
sucht und fand ich den Zustand also: Das früher blühende 
Aussehen war gewichen, das Gesicht blass und aufiallend 
verfallen, der Blick matt und traurig, die Nase zugespitzt, die 
Lippen waren bleich, die Augen ohne allen Glanz und die 
Pupillen erweitert. Das Erbrechen erfolgte Schlag auf Schlag, 
ungeheuer grosse Mengen von gelblichen, bräunlichen oder 
grünen Massen, die einen bitteren Geschmack machten, wur- 
den nach Oben ausgeleert , während der Stuhl verschlossen 
war. Auch die Ruclus schmeckten bitter. Der Durst Hess 
sich nicht stillen, und das kaum getrunkene Kaltwasser wurde 
gleich wieder ausgebrochen. Der Bauch war sehr aufgetrie- 
ben und überall bei der Berührung schmerzhaft, blesonders 
im Präkordium und um und unter dem Nabel, die Respira- 
tion beschwerlich, der Puls frequent, klein und ganz matt, 
die Zunge wenig belegt, die ganze Hautoberfläche fühlte sich 
kalt an. Der Knabe zeigte eine grosse Unruhe und Beäng- 
stigung , klagte über Schmerz in der Stirn , hatte Ohrensau- 
sen und konnte nicht gut mehr hören. Er gab schon während 
meiner Anwesenheit den Geist auf. 

Was nun die Differenzial - Diagnose betrifft, so geben 
die Auftreibung und Spannung des Unterleibes, die Ab- 
lagerung eines Exsudates, die schmerzhafte Berührung, 



983 

der maite Perkusrioneton , die ersehwerte Respiration, 
das ruhige Verharren In der Rttckenlage AuÜBehloss. Die 
StoblTerstopfiiDg ist awar meistens vorhanden , kann aber 
aaeh fehlen. Wenn Stuhlverstopfung besteht^ so unterstotat 
sie die Beweiskraft der anderen Unterseheidungsmerkmale« 
Bei starker tjmpanitiseher Auflreibung des Bauehes hat die 
Bmitteking des Exsudates ihre Schwierigkeiten. 

5) lavaginatio. 

Die Zufiille der Invagination sind täuschend. Man lasse 
sieh durch das häufige Erbrechen and die reichlichen Stuhl- 
aasleerungen nicht irre filhren , vielmehr erinnere man sich, 
wohl, dass die Stühle hier nicht serös sind, sondern eine 
sobleimig-blutige, selbst blutige Beschaffenheit haben. Auch 
das Kotbbrechen und das Auffinden einer umschriebenen Ge- 
schwulst sind zwei werthvolle Unterscheidungsseichen. Ueber- 
dies beracksichtige man die charakteristischen Symptome der 
Enteritis choleriformis, namentlich das unaufhörliche Erbre- 
chen, die wässerigen Stuhtausleerungen , den unlöschbaren 
Durst, den raschen Kräfteverfitll, die schnelle Abmagerung, das 
tiefe Sinken der Eigenwärme, — lauter Erscheinungen, die bei 
der Invagination weder alle vereint angetroffen werden, noch 
sich so rasch folgen. 

6) Cholera vera. 

Zu einer Zeit, wo die wahre oder asiatische Cholera 
epidemisch herrscht, muss man wohl auf eine Differential- 
Diagnose Verzicht leisten. Die eine wie die andere Krank- 
heit trägt eine so ähnliche Physiognomie, dass sie sich nicht 
antersoheiden lässt. Man könnte allenfalls die entsetzlichen 
Krämpfe, die kjanotisehe Färbung der Haut und die schon 
vor dem Ableben eintretende Pulslosigkeit als Beihilfsmittel 
benutzen. Auch könnte noch der sehnellere Verlauf und die 
grösserere Sterblichkeit angeführt werden. 

Aetiologie. 

Den physiologischen Charakter der Enteritis cholerifor- 
mis haben wir bereits kennen gelernt. Untersuchen wir nun, 
ob und welchen Einfluss die prädisponirenden und gelegent- 
iichen Ursachen bethätigen. 



3ftt 

I. PrftdispoDireiHie Unftchen. 

1) Lebensalter. 

Von den sieben Kindern, deren bankheitsgeaeiiiehte oben 
mitgetheiU worden, war das jfingste 11 Monate aU, w&hrend 
das IkUeste anderthalb Jahre zählte. In anderen F&Hen, die 
ieb zu beobaebten Gelegenheit hatte, standen die Kinder bald 
in einem noch geringeren, bald io einem höheren Alter. Am 
häufigsten zeigte sich die Krankheit zwischen dem 4. und 
18. Lebensmonate. Dies stimm! gaaa mit der al^emeinen 
E#rfahrung ttberetn. Es lAssl sich nicht läugnen, dass der 
Lebensabschnitt auf die Frequenz der Krankheit einen Binflttse 
habe. Der ersten Dentition, welche in diese Periode flUlt, 
kann kein besonderer Antheil zugeschrieben werden, zuomI 
die Krankheit auoh bei Säuglingen auftritt, die der Gbebart 
noch nahe stehen. 

2) Gesohkebt. 

Im Allgemeinen werden mehr Knaben als Mädchen tob 
der Krankheit befallen. Von den oben TorgefUirteB Fällen 
gehörten 5 dem männlichen und nur 2 dem weiblichen Qe^ 
sobleohte an. 

3) Konstitution. 

Die Krankheit befällt sowohl gesunde und kräftige Kin- 
der, als kränkliche und schwächliche. Allein die bei weitem 
grössere Mehrzahl betrifft solche Kinder, die eine schwäch- 
liche Konstitution haben, fein und zart gebaut und sehleehl 
genährt sind und bereits an Intestinalstörungen leiden. 

4) Hygienische und sociale Verhältnisse. 

Am meisten laufen diejenigen Kinder Gefahr, von der 
Krankheit heimgesucht zu werden , die in antihygienisehen 
Verhältnissen leben. Eine der Qualität und Quantität unange^ 
messene Ernährung, vernachlässigte Reialichkeit, mangelhafte 
Kleidung und Bedeckung, dunstige, leuchte, dem Bonnenlichte 
entrückte Wohnungen sind wichtige prädisponirende Beding- 
ungen und äussern um so mehr eine gefährdende Wirksam- 
keit , wenn die Kinder eine angeborene schwächliche Konsti- 
tution haben. Durch die längere Einwirkung dieser und ahn*» 
lieher fehlerhafter und uogflnstiger Verhältnisse kann auch der 
beste Organismus endlich in einen Sobwäekeaustand versetat 



wwden uai Mk eis« PriAsp^itioQ fftr die Srankbmt «r^ 
werben. Eine gute di&tetkehe Pflege, die den Organismiis kr&f> 
iigl «od die Inftegrit&i der DigeBtionsorgaDe aufrecht hält, iet 
imoieriiiift ein mikehtiger Hebel rar Abwendung der Kranke 
bell, weaogleieli sie auch keinen unbedingten Schutz gewährt« 

Das sociale Verbältniss mag sein , wie es wolle , keüa 
Stand ist gegen die Krankheit gesichert. Jedoch befällt sie 
» Allgeneinen die uAteren Volkssdnchten Tiel häufiger^ als 
a» böheroi Klassen. Der Qtmni bieryon liegt vorzugsweise 
darin , dasa die Wohlhabenderen den gesundheitiieben Rück- 
sichten im Ganzen besser Rechnung tragen , wenngleich es 
auch bei ihnen an Versandigungen niebt fehlt. 

&) Jahrrsaeiteii. « 

Am häufigsten kommt die Enteritis choleriformis in den 
BomraemonateB und zu Anfang des Herbstes vor. Viel se^ 
teuer ist sie im Frühjahre und im Winter, und wird in diesen 
beiden Jabresaeiten nur ausnahmsweise beobachtet Von de» 
sieben oben mitgetbeüten Fällen fielen 2 in den August, 1 io 
de» JuK, I in den September, 1 in den November, 1 in den 
Desember und i in den April. Wenn aber auch die heissere 
«hdureszieil die FraqueBZ der Krankheit begünstigt, so liegt 
doch in der ffitse allein nicht die Ursache des häufigeren 
Auftretens. Jedenfalls sind noch andere atmosphärische Ein« 
Süsse mitwirksam. Zur 2ieit liest sich noch nicht ihre Eigen- 
tb1ln»liefakeit aäber angeben. 

jB) Bpidemiaeber Einfluss. 

Die Kienkbeit tritt viel öfter epidemisch als sporadisch 
auf. Die Epidemieen fallee in die Sommermonate und dauevi^ 
gewldmlieb bis in den Herbat fort, während die sporadischen Er* 
kranküB^eo gewöhnlich nur zur FrflbUngszeil und selbst im Winter 
angetvoffen werden. Dies s^Aliesst aber nickt aua, dass auch 
wähnend deeSetinmerss]N)radische Fälle vorkommen. DieEpide* 
mieeo oehmen bald eine grössere, bald eine geringere Auabreit* 
ung, beaehränken sieb aber nicht ai^f den kindlichen Lebensab- 
adioitt, aofidem befallen auch Erwachsene. Eine recht gross* 
artige Epidemie zeigte sich im Jahre 1857 und 1865, die im 
Sommer begann and bis in den Herbst fortwährte. Das Er-' 
brechen wurde nicht ioiiaer beobachtet , sondern fehlte ia 



3M 

mancbeD P&HeD , wo dann der Dorohfnll um «o »tftrker war* 
Am oneMten wurden sohw&oh Hohe Kinder und eolehe befalko, 
die bereits an Digestionsstörungen litten, obsehon die Krank- 
heit auch bisweilen im besten Wohlsein, ohne alles vorher- 
gehende Ergriffensein, auftrat. Kurz, der epidemische Bin- 
fiuss lässt sich durchaus nicht bezweifeln. 

7) Frühere Krankheiten. 

Die Enteritis oholeriformis ist hftuflger prim&r, als sAun- 
d&r. Ich muss dies nach allen den Beobaohtungeo , die ieh 
selber gemacht habe, annehmen, weiss aber wohl, dass nieht 
Alle diese Ansicht theilen. 

II. Gelegenheitsursachen. 

Die antihygieinischen Verhältnisse haben nieht bloss eine 
pr&disponirende Kraft, sondern können auch die gelegenheit- 
li^e Ursache der Krankheit abgeben. Am öftesten lassen siok 
Torttbergehende Digestionsstörungen als vermittelndes Mo- 
ment anschuldigen. Viel seltener ist die Krankheit auf Er- 
kältung oder Durchn&saung zurQckflahren. Bisweilen kann 
auch der plötzliche Wechsel der Witterung angeklagt werden, 
obsehon uns das krankmachende Agens unbekannt ist. Wie 
auch immer die Veranlassung sein mag, 4i®'C^^g?D^^>^*<u^ 
Sachen haben einen geringeren ätiologischen Werth , als die 
pr&disponirenden Momente. 

Prognose. 

Die Enteritis choleriformis ist eine der geAhrliohsten Er- 
krankungen des frohen kindlichen Alters, und raA die Mehr- 
zahl der befallenen Säuglinge und jüngeren Kinder fort, 
wenn nicht schnell der Krankheit Einhalt getban wird. In 
den oben mitgetheilten Fällen gestaltete sieh das Verbältniss 
besonders gflnstig. Oing doch die Krankheit bei 5 Kindern in 
Oenesnng über, während nur 2 Kinder starben. 8o ungünstig 
auch die Prognose ist, so darf man doch nidii an der Rett- 
ung verzweifeln , zumal bisweilen selbst die erheblichsten 
Erkrankungen noch einen glücklichen Ausgang nehmen. An- 
dererseits fälle man in den anscheinend gelinden Fällen nicht 
gleich ein günstiges prognostisches Urtheil , sondern erwäge 
wohl, dass die Krankheit auch l^lcklsoh sei und schnell einen 
gefährlichen Umschwung machen ktane. Um weder sieb 



•eiber, noch die Angehörigen su tftuiicben, ist es am ge- 
nUheoeten, die Variiersage zweifelhaft zu lassen, bis man sich 
mit voller Oewissbeit ansspreoben kann. 

Auf die Prognose haben die ätiologischen Verbällnisse 
and die Daoer d» Krankheit und ihre Symptome den grOss- 
ten Ein£ass. Untersuchen wir daher kura den prognostischen 
Werth dieser Bedingungen. 

1) Aetiok)gisehe VerhiUtnisse. 

Je jünger die Kinder sind, je n&her sie noch der Geburt 
stehen, desto grösser ist die Gefahr« Das zartere Kindesalter 
kann eine so stQrmische Erkrankung und einen so raschen 
und ungeheueren Säfteverlust nicht lange ertragen. Hieraus 
erklärt sieh die grosse Sterblichkeit der Säuglinge und der jün- 
geren Kinder. Es ist nicht wohl anzunehmen, dass das weib- 
Behe (Jeschleebt mehr gefährdet sei, als das männliche. In 
den oben mitgetheihen Fällen war das Verhältniss also: 2 Mäd- 
chen und 3 Knaben genasen, während 2 Knaben starben. Die 
Schwäche der Konstitution hat eine prognostische Tragweite. Die 
anhaltend antihygieinischen Verhältnisse geben eine viel ungflu- 
stigere Prognose, als die vorabergehend gesundheitswidrigen 
Binflasse. Die Gefährlichkeit der Epidemieen hängt von ihrem 
Charakter ab. Die sporadischen Erkrankungen möchten wohl 
im Allgemeinen weniger Opfer fordern. 

2) Dauer der Krankheit. 

Die Dauer der Krankheit hat einen grossen prognosti- 
schen Einfluss. Die stürmisch auftretenden Fälle sind noch 
lange nicht immer die gefährlichsten, zumal wenn sich der 
Sturm bald wieder beseh wichtigt. Dagegen ist die Prognose 
recht bedenklich, wenn sich die Krankheit ungeachtet des 
gelinderen Verknfes in die Länge zieht. Der anhaltende 
Kräfkeverlust fdhrt zur Erschöpfung. 

3) Symptome« 

Schickt sieh die Krankheit zur Abnahme und Besserung 
an, so lassen die wiebtigsten Symptome, wie bereits bemerkt, 
an Heftigkeit nach. Aufiällige Veränderung der Physiognomie, 
Glanalosigkeit der Augen, starker Verfall der Kräfte, grosse Ab- 
magerung, tiefes Sinken der Eigenwärme, besonders Eiskälte des 
Gesiebtes und der Extremitäten, besdiwerliehe Respiration, klei- 



3«8 

«er, kaum fühlbarer Puls, komatöseirZusiftiid sind ioMersti 
liohe, wemiauoh k6iDeawisg8<hoffiiuxig8liwe ErsahainuagCHi« Amh 
selbst das unwillkarliefae, auf Paralyse des 0ainiit8 Wwhaode 
Abgehen der Sttthle kOndigt niohl immer des Tod as. Der 
Eweite der obeo «ttgctheilten KrankheilsMle gibi einen Be- 
weis für diese Behaaptnng. Immer aber deutet dieses Zdches, 
so wie auch das erschwerte Schlingvernnägeii, auf grosse Ü^- 
fahr hin. Ueberhaupt sind die {Miralytisohen ZiillUk üesserst 

bedenklich. 

Therapie. 

Eine so rasch verlaufende und Erschöpfung herbeifak- 
rende Krankheit, wie die Enteritis oholeriformiS| verlangt aueh 
ein eben so schnelles als kräftiges Einschreiten. Kein Augen- 
blick ist hier zu verlieren , wenn nieht die beate iZeit aum 
Handeln unbenutzt und unwiderruflich vorfibeiigehen aolL Der 
kindliche Organismus -erliegt , wofern nieht bald der tobe^nde 
Sturm zum Schweigen gebracht wird« Alles, was zur Beschwich- 
tigung der Krankheit, wenigstens ihrer driqgliobeo Zi&fiüle, 
geschehen kann^ muss eilig geschehen. Der praktische Arzt 
braucht hier nicht lange nach den Heilanzeigen zu sucheo, 
sondern sieht sie gleich auf den ersten Bliek. Sein Heilbestre- 
ben geht dahin , das Erbrechen und den Durchfall zu heben 
und zugleich dem Kräfteverfalle und der Erschöpfung vorzu- 
beugen. Wie diese Aufgabe am zuverlässigsten zu lösen sei, 
soll hier näher untersucht werden. 

L Innere Heilmittel 

B) Erbrechen und Dttrchfall stillende HUtel. 

Es sind mehrere Mittel in Anwendung gekoimnep, mm 
das Erbrechen und den DurchiUi zu bekämpfen ^^ aber noch 
lange nieht alle verdienen das Lob, das ihaea gespendet wird. 
Das lange Erproben ist nirgends naehr am iinrechteu PUtaCi 
als gerade hier. Man greife immer nur zu jenen Mitteln, die 
ihre Wirksamkeit und Heilkraft bewiUu't habiMiw 

1) Natrum aeeticum, Opium, Af*a niootianae B. 

Verordnet man Erwachsenen , die an der segeoaanten 
earopäischen Cholera leideui, eine Auflösung von Natrum aee- 
tieuai mit Tinot. opü eroc, so kann man «ich sicbcff darauf 
▼erfassen, dass das Eobrechen und der Dnvchfall .gtsicbisi 



•8<9 

wegg«Baafc«ri werden. Behade,, daM man dieM voHrefiflMhe 
Arznei «liebt avbh bei Sbagtingen und jaageren Kindern ao 
unbedingt anweiiden kann. Ist doob die narkoiiflche WiriKuag 
de« Opiitnis an fttrc^tea, und ei*liegen die kleineren Kinder 
nicht sellei! dem Ergriffeneein des Oehimes. Das Opium ist 
daher, so aoh&txbar auch seine Heilkraft ist, im aaiten Kiadtts- 
alter, besonders hei Sftnglingeb, ev umgehen. Jedenfalls falle 
die Oabe gana bescheiden aus, und werde die Whrkung strenge 
«berwaehL Bei dem 18 Monate alten Knaben sab ich von 
der Verbindung des Natrum acetioum mit Opiumtinktur einen 
heilsamen Erfolg (6. Fall). Auoh der Zusaia von Aqua 
nicotianae R., statt des Opium, hat mir in vielen F&llen gute 
Dienste geleistet, ohne dass Hirnzuf&lle eintraten. Wenn aber 
das Lebensalter keine Oegenanzeige leidet^ möchte ich doch 
das Opium vorziehen. 

2) Argentum nitricum und andere adstringirende Mittel. 

Die Heilkraft, welche das Argentum nitricum inder Bntero- 
eolitie catarrhaiis bethätigt, kenne *4ch aus eigener Erfahrung 
als ein schätzbares Heilmittel. Allein in der Enteritis choleri- 
fortnis habe ich dieses MHtel noch nicht angewendet, obsohon 
es natnhafte Aerzte empfohlen haben. Wenn das Erbredien 
und die Stuhlausleerungen Sehlag auf Schlag erfolgen , so 
geben Barthez und Rilliet das Nitras Argenti (gr. ^/^ bis 
gr. ß. auf 2 Unzen deetiUirten Wassers), und habea davon 
bisweilen einen guten Erfolg beobachtet Ob dieses Mittel 
weit mehr eine netfrosthenisohe als eine adstringirende Heil- 
kraft enthalte, fiel dahingestellt. Man ßihrt mit dem Mittel so 
lange fort , bi« das Btbreeben und der Durehfiill gehoben 
sind. 

Ist das Erbrechen gestillt , Ueibt aber der Dureh&ll be- 
stehen , 60 sind die adütringirenden Mittel aogeaeigt. Die 
Tinctura catechu, Extr. ligni campechian., Cortez oasearillae 
habe ich bald mit, bald ohne Erfolg angewendet ia anderen 
F&llen ist da« Acidum tannieum wirksamer. 

8) Belebende and stärkende Mittel. 

Diese Miitel finden erst eine Anzeige, wenn die aktiTen 
iBeaktionssjmptome rorabergegangen sind. Zu welcher Zelt 
mit den belebenden imd stärkenden Mittek m beginaeta ««d, 



370 

VSkBBt 8ich weder »ach Stuodeo , noch nach Tagen angeben. 
Das beste Kennzeichen für den sofortigen Oebrauch ist der 
Verfttll der Kr&fte, den man nie bis zur Erschöpfung konusien 
lassen darf. Auch in der Konvaleszenz ist der geschwächte 
Organismus zu stärken und zu kräftigen. Bei eineoa sieben 
Monate alten Kinde, welches in der grössten Gefahr schwebte, 
sah ich von den belebendes und roborirenden Mitteln, nament- 
lich von dem Extr. oort aurant mit kleinen Oabea der 
Tinct rhei vinos. und vom Ferrum muriaticum oxydiüatam 
in Zimmetwasser aufgelösst einen ganz aasgezeichneten Er- 
folg. Es schwand nicht allein der Durchfall, sondern auch 
die Kräfte nahmen wieder zu und an die Stelle der froheren 
Eiskälte trat wieder Wärme. Auch das Chininsulphat und 
ein edler Wein verdienen Vertrauen. 

4) Kalomel. 

Was soll man von diesem Mittel sagen? Kleine Gaben 
von Kalomel sind gegen das Erbrechen und den Durchfall 
empfohlen worden. Ich kann diesem Mittel nicht viel Rohm- 
liches nachreden, und möchte es nicht gerne mit den viel 
zuverlässigeren Heilmitteln, von denen oben die Rede war, 
vertauschen. Auf die Bethätigung der unterdrückten Oallen- 
absonderung wird grosser Werth gelegt, als wenn diese Se- 
kretion sich nicht von selbst wieder einstellte, nachdem das 
Erbrechen und der Durchfall bekämpft worden. 

5) Absorbirende Mittel. 

Zu jener Zeit, wo man die Enteritis choleriformis ihrem 
Wesen nach entweder auf eine krankhafte Säurebildung, oder 
aber auf Putreszenz des Magens zurückftihrte , kamen die 
Alkalien oder die Mineralsäuren in Anwendung. Dieses Heil- 
verfahren hat nur noch eine geschichtliche Erinnerung. Je- 
doch kommen Fälle vor, wo der Athem säuerlich riecht und 
die Stuhlausleerungen grün gefärbt sind und sauer reagiren. 
Hier können die Alkalien ntttzlioh sein. iSei dem 11 monat- 
lichen Kinde , welches durch fehlerhafte Ernährung mit der 
Saugflasche eine Digestionsstörung erfahren , hatte die Ma- 
gnesia carbonica einen guten Erfolg (IFall). Das Bisorathnm 
hydrieo-nitricum empfiehlt sich besonders wegen seiner Er- 
brechen stillenden Wirkung. Im Allgemeinen passen die al- 



kalischen Mittel mehr in der Entero-eolitia, wenn sieh die 
eben^ angegebenen Bedingungen vorfinden, und leisten dann 
gute Dienste. Tritt in der Enteritis cboleriformis die Heil- 
wiriLung nicht bald ein, so halte man sich i\icht lange bei 
dieser Klasse von Mitteln auf. 

IL Aeussere Heilmittel. 
Nicht immer kommt man bloss mit inneren Mitteln zum 
Ziele. In diesem Fülle bleibt nichts übrig, als nebenbei auch 
noch äussere Mittel in Anwendung au bringen. 

1) Klysüre. 

Bei epidemischer Verbreitung der Krankheit stösst der 
Gebrauch der Klystire auf grosse Schwierigkeiten, viel eher 
kann die Applikation bei sporadischen Erkrankungsfolien be- 
sorgt werden. Die Wirksamkeit der Schleimkljstire gegen 
den Durchfall wird durch den Zusatz von Opiumtinktur er- 
höht Auch hier beginne man mit einer kleinen Qabe, um 
üblen Himzuftllen vorzubeugen. Es können auch das Argen- 
tom nitricum oder andere adstringirende Mittel benutzt werden. 
Viel seltener, kamen die Klystire in Anwendung, um vom 
Darme her durch Einspritzungen nahrhafter Flassigkeiten die 
lief gesunkenen Krttfte schneller zu heben. 

2) Benfteige und Vesikatore und andere Reizmittel. 
Erfolgt das Erbrechen Schlag auf Schlag, und trotzt es 

allen Mitteln, so bewirken die Smifteige oder Vesikatore einen 
heibamen Oegenreiz. Sie beschwichtigen den heftigen Sturm 
und machen die anderen Mittel zugänglicher. Im Allgemeinen 
verdienen die Senfteige schon wegen der rascheren Wirkung 
und der geringeren Schwächung den Vorzug. Man applizirt 
sie auf die Magengegend. An den Extremitäten ist ihre 
Wirksamkeit viel weniger zuverlässig. 

Um eine allgemeine Reaktion auf der Hautoberfläche her- 
vor9urufen, und um das tief gesunkene Leben des Hautsj- 
stemes, wie es sich durch lähmungsartige Erschlaffung und 
widrige Kälte, selbst Eiskalte, zu erkennen gibt, wieder zu 
heben, sind Senfbäder empfohlen worden. Aus eigener Er- 
fahrung kenne ich dieses Mittel nicht, und dürfte dasselbe in 
der Privatpraxis schwerlich eine geneigte Aufnahme finden. 

ZLVL 1S66. 25 



Sehon eher lassen sich Biiiwiekelangen mit in dtten Senfttof- 
piss getauchten Flanelltfleheim bewerkstelligen. Sobald die 
Reaktion eintritt ,- muss ihre fernere Anwendung unter- 
bleiben. Hit Vortheil habe ich aromatische Fomente auf den 
ganzen Unterleib gelegt und daselbst das Ungt. Rbsmarini 
comp, einreiben lassen. Auch die Wärmflaschen, an die 
Fasse und an beiden Seiten des Bauches gelegt, haben mir 
gute Dienste gethan. Die unangenehme K&lte der Haut ver- 
minderte sich. Während der Nacht , wo die Temperatur der 
Haut noch tiefer sinken ^It, als am Tage, nehmen am besten 
die Matter die Kinder zu sich in das Bett. 

IIL Diätetische Pflege. 

So lange das Erbrechen fortdauert, werde den Kindani 
die Htttterbrust nur selten und nie lange gegeben. Wollen 
die Kinder nicht saugen, so reiche man ihnen gute Kuhmilch 
mit Wasser yermisoht, oder lasse sie jedesmal nur kleine 
Mengen von Kaltwasser trinken. Werden die Getränke nicht 
wieder ausgebrochen, so kann man zu dOnneo Fletachsuppea 
und schleimigen Getränken übergehra. Ueber die Darreichung 
eines guten Weines ist bereits gesprochen. In der Konvales* 
zenz suche man durch angemessene Speisen und Getränke 
den geschwächten Organismus gehörig wieder zu kräftigen, 
vermeide aber ja jede DigesiioD«störung. Zugleich sind die 
antihygienischen Verhältnisae möglichst zu verbeesem. 

Backblick. 

1) Die unter verschiedenen Namen beschriebene Ente- 
ritis choleriformis bildet eine in sich abgeschlossene Symptomen- 
gruppe, wie sie sich in so eigenthamlicher Art in keiner 
anderen Krankheit Wiederholt. Häufiges Erbrechen, andauern- 
den Durchfall, raschen Verfall der Kräfte, eigenthOmliche Ter- 
änderung de6 Gesichtsausdruckes , tiefes Sinken der Eigen- 
wärme und des GeAsslebens, plötzliches Auftreten und schnel- 
len Verlauf der Krankheit haben wir als die wesentlichen Er- 
seheinungen kennen gelernt. 

2) Dem Wesen nach beruht die Krankheit auf ehiem 



8T8 

h7p€r»kut«n Kattrrh das Hagen-DaraiByetones uod auT emma 
gloichzeitigeD EignffeDsein des sympathischeo Nerven. 

S) Der aaatoausche Charakter lässt sieh zur Zeit Dur auf 
Sl^^niogeo der Hagen-Darmsohleimhaut zardckfübreD , samai 
vir über das Verhalten des Blates und des grossen sympathi«- 
seb^n Nerven noch nichts wissen. 

4) Beaüglicb des Ätiologischen Verhältnisses stehen die 
prftdisponirenden Bedingungen in erster Linie, dagegen haben 
4ie Öelegenheitsarsachen nur einen untergeordneten Werth. 

5) Die Enteritis chloleriformis ist eine im frühen kiad« 
liehen Alter äusserst gefährliche Krankheit. 

6) Die Therapie verlangt ein rasches Einschreiten mit 
zuverlässigea Mitteln, welche den Sturm bald wieder be* 
schwichtigen und hinteoher den geschwächten Organismus 
alArken und kräftigen. 

a firrsipelaMsc EatiiiAuf 4er OkrspeickelMse. 

Heinrich Kl., em 2 Jahre 8 Monate alter Knabe, nahm 
noch die Mutterbrust und ass nebenbei mit von den Speisen, 
wie sie der Tisch gerade brachte. Das Kind hatte sich nicht 
recht gut entwickelt, und hielt seit der Geburt den Kopf nadi 
der linken Seite über, wo sieh die Muskeln straff und ge- 
spannt anfühlten. 

Das Kind wurde ohne ausznmittelnde Veranlassung von 
etoem hitzigen Fieber befallen, und hatte besonders des 
Nachts eine brennende Hitze und starken Durst, aber keine 
EesluBt. Es sagte: „Kopf wehe!", war sehr verdriesslich 
und schlummerte im Laufe des Tages viel, während es des 
Nachts gar nicht oder doch sehr unruhig schlief. Die Zunge 
war weiss belegt und der Stuhl regelmässig. Das hitzige 
Fieber verlor sich nach 8 Tagen wieder. Die Nächte blieben 
n^ch immer unruhig. Gleichzeitig mit dem Eintreten des 
Fiebers zeigte sieh auf der Mitte der rechten Ohrspeicheldrüse 
zuerst ein runder, rother Fleck, der sich bald zu einer schmerz- 
haften Geschwulst erhob. Bis dahin war keine ärztliche Hülfe 
naebgesuoht worden. 

Brst drei Wochen nach dem Auftreten der Anschwellung 
sali ieh das Kind. Die Geschwulst ragte bedeutend hervor, 

25» 



3T4 

hatte durchweg eine dunkelrothe Farbe, mit einaeloeD gelb^ 
liehen Stellen, war genaa umschrieben und von ovaler Porui) 
2 Zoll lang und 1 Zoll 3 Linien breit und erstreckte sich bis 
an den Unterkieferrand. Sie fühlte sich weich, puffig an, 
und Hess Fluktuation wahrnehmen, die aber nicht so deutlieh 
war, wie man es wohl auf den ersten Augenblick h&tte glau- 
ben dürfen. Bei tieferem Eindrücken konnte man einzelne 
härtliche Stellen entdecken. Die nächste Umgebung der 6e- 
sch^x ulst fühlte sich hart an. Das Kind verhielt sich bei der 
Untersuchung ganz ruhig, hatte also wohl keine besoDderen 
Schmerzen. Der Eiter, der aus der Abszesshöhle floaa, war 
weder ergiebig , noch gutartig* Jedoch heilte <iie Eiter- 
höhle bald wieder aus, und verlor sich zugleich die peri- 
pherische Härte. 

Hehrere Monate später wurde das Kind auf dem rechten 
Ohre von Otitis befallen. Nach vorausgegangenen heftigen 
Ohrschmerzen ging die Entzündung endlieh in Bitervng über. 
Der Ohrenfluss dauerte eine Zeitlang fort* 

An vorstehenden Fall will ich noch einen anderen an- 
schliessen. Vorweg sei aber bemerkt, dass sich diese beiden 
Fälle zu einer Zeit ereigneten , wo die Parotitis nicht epi- 
demisch herrschte. 

Heinrich B. , 7 Monate alt, war ein sehr kräftiger, ge- 
sunder Knabe, obschon er nur an der Saugflasche ernährt 
wurde. Unge&hr in der Mitte vor dem linken Ohre bildete 
sich eine anfangs kleine, aber doch gleich sichtliche Ge- 
schwulst, die eine rundliche Form hatte und sich hart an- 
fühlte. In der nächsten und ferneren Umgebung zeigte sieb 
eine weiche, ödematöse Anschwellung, die sich nach unten 
fast bis über den Kieferrand weiter ausbreitete. Die Haut der 
linken Wange M'ar leicht geröthet, und ein Schneidezahn, im 
Durchbrechen begriffen. Das Kind trank ohne auffälliges Hin- 
derniss die Saugflasche. Eine fieberhafte Oefässaufr^ung 
und Steigerung der Temperatur der Haut wurde vermisst. 
Der seit einigen Tagen vorhandene Durchfall hatte sich später 
wieder verloren, der Stuhl war regelmässig und die Zkmge 
weiss belegt. Einreibungen mit erwärmtem Bitsenkrautöl und 



3T5 

Auflegen von Watte geDllgten, um eine eben so schnelle als 
Tollsttadige Zertheilung nnd Heilung herbeizufohren« 

Das Wohlsein war jedoeh nicht von langer Dauer, son- 
dern zwei Monate später trat eine weit ernstlichere Erkrank- 
ung ein. Das Kind verfiel, litt an Verstopfung und hatte 
grttne Stublausleemngen , war verdriesslicb und wehrig und 
musste die Milch wieder erbrechen. Hierzu gesellten sich 
BeblummeranAUe und fieberhafte Gefllssaufregung. Der Puls 
war gereizt, das Gesicht bald blass, bald leicht geröthet, die 
Haut trocken , die Respiration ruhig , von Seufzern unter- 
brochen , die früher feuchte Nase trocken , der Bauch voll, 
die Drinabsonderung sparsam, Husten selten. Das Kind hielt 
die Rttokenlage ein und trat die Bedeckung ab , jammerte, 
ohne zu weinen, zog die Beine gegen den Leib, spreizte sie 
weit aus einander und liess sie auf der Anssenfiäche aufliegen. 
Die Augen wurden oft aufwärts gedreht, die Pupillen erwei- 
terten sich bald etwas mehr, bald zogen sie sich wieder zu- 
sammen. Kurz, das Kind ging an Meningitis tnberculosa zu 
Omnde. 



//. KHnische Vorträge. 

Hospital für kranke Kinder in Paris* 

Prof. Bouchut, tlber die Syphilis der Neugeborenen. 
„Nicht häufig trifil man in den Sälen dieses Hospitales 
auf Kinder, die mit angeborener Syphilis behaftet sind. Sie 
begreifen den Grund, m. HHn.! er liegt darin, dass Kinder 
unter 2 Jahren in dieses Hospital nicht aufgenommen werden; 
die angeborene Syphilis aber kommt, wie Sie wissen, viel 
frühzeitiger zum Vorscheine. Die Regel ist allerdings, dass sie 
bald oder m indestens in den ersten Monaten nach der Geburt 
sich zeigt, indessen gibt es auch Fälle, wo die angeborene 
Syphilis mit dem 5., 7., 10., 14., selbst 15., Lebensjahre zum 
Vorscheine kam. Hein Freund Ricord hat sogar den freilich 



376 

viel selteneren Fall beobachtet, daes bei zwei BrOdern die 
angeerbte Syphilis erst im 40. Lebensjahre sich gezeigt hat. 
Dieser Fall wird allerdings nur durch die grosse Autorit&t 
des eben genannten Sjphilidologen glaubhaft gemacht. Was 
mich betri£ft, so habe ich vor einigen Jahren im Bt. Eugenien- 
Hospitale ein zehnjähriges Mftdchen gesehen, welches ich auch 
Hrn. Rioord zeigte und bei dem die angeerbte Syphilis nit 
Durchbohrung der Nasenscheidewand und DurchlöeheruDg det 
Oaumengewölbes sich kundthat; Hr. Sieord erkannte sofort 
darin die angeborene syphilitische Dyskrasie und die einge- 
Mtete Behandlung bestätigte die Diagnose voUkommen.^^ 

,,Eommen wir aber auf die gewöhnlichen Vorfälle nneer^ 
klinischen Praxis zurück, und wenn in unseren Säleo koostt- 
totionelle Syphilis nur selten zu sehen ist, so werden Ihnea 
doch Fälle genug in unserer Poliklinik dargeboten, und aiioh 
Unsere Stadtpraxis gibt uns hinlängliche Gelegenheit, diesfe 
Krankheit zu beobachten. Ich habe Ihnen hier drei kleine 
Kinder herbeibringen lassen, welche die Syphilis in verschiedener 
Form darbieten und die mir zu einigen Bemerkungen Aolaas 
geben sollen« Das eine Kind ist 9 Monate alt; es kam nach 
Aussage der Eltern klein und mager zur Welt. War es aus- 
getragen? Das kann sein, aber die Mutter kann Aber den 
Beginn ihrer Schwangerschaft nichts Genaues angeben, da sie 
fast während der ganzen Dauer derselben mehr oder minder 
an Blutungen gelitten hat. Wäre das Kind aber vor der Zeit 
geboren worden, so würde das nicht überraschen kOnnen, da 
ja eben die zu frühzeitige Geburt ein Merkmal der mit ins 
Spiel getretenen Syphilis ist. Gleich nach der Geburt wurde 
das Kind einer Amme übergeben und es schien in den ersten 
zwei Monaten ganz gesund, aber am Ende des zweiten Mo- 
nates erblickte die Amme an den Hinterbacken und auf des 
Geschlechtstheilen eine Art Pusteln oder Knötchen, die auf- 
gingen. Um diese Knötchen herum wurde die Kutis roth und 
entzündet und die Epidermis legte sich daselbst schuppenartig 
ab; dann erhoben sich an den Füssen und auf den Waden 
kleine Pemphigusblasen, welche sich bald* mit trockenen Kru- 
sten bedeckten. Im Angesichte, auf dem Kinne, hinten am 
Halse und um Mund und Nasenlöcher herum wurde die Kutis 



m 

ebei^fall« roth and si^happto sich al). Man kpniite nun in dmu 
Yeriaiife der Eranktieit eipe Art StillBtaod beroerkea ; die Zor 
f&Ife yerloreo sich ohne Behandlung und das Kind erschien 
fafft geheilt^ als ror etwa 14 Tagen alle die Erschein angcap 
▼OD ]}enefp hervortrateq und denjenigen Zustand bildeten, 
den ßie jetzt vor Attgei) haben« Zuvörderst bemerk(^Q Siei 
dt^B dieses 9 Monate ajte Kind noch keinen Za^n hat, un4 
^t^ noch keine einzige Sutur am Sch&del verwachsen ist 
Ferner ste)ien Sie an den Rippenknorpeln Knoten, welche ga^a 
den Charakter der Bhacbitis darbieten, und ferner geringe 
Schwellungen an den Oelenkenden der langen Knochen. Die 
^acl^üis ist nicht au verkennen, aber die Frage ist, ob sif 
als eine prim&re oder sekund&re anzusehen sei. Ist sie zur 
Sjrphilis hinzugekommen oder hat diese sie herbeigefahrt? 
Diese Fr^ge ist von grossem Interesse und wir werden sp&ter 
darauf zurückkommen. !Neben dieser Rbachitis, die wir in 
aweite Reihe stellen, zeigt sich Ihnen eines der schönsten 
Beispiele von sekundärer syphilitischer Eruption bei 8&ugr 
Uqgen. Um den. Ifu^d und um die Nasenlöcher herum, welcha 
mit Krusten und Spalten besetzt sind, ist die Kutis blank, von 
der ^idermis entblösst und von kupferrother Farbe; an des 
Grenze, auf der Mitte der Wangen zeigen sich vertrocknetis 
Krusten mit einer Art ringförmiger Abschuppung, so dass der 
Fleok wie eine Art Kokarde erscheint und eine Form bild^, 
der Uatalis Guillot einen grosßen semiotischen Werth bei* 
gelegt hat« Auf dem übrigen Theile des Antlitzes, unterhalb 
des Kinnes, iija Nacken existiren röthliche Knötchen, welch« 
kreisfbrpig geordnet, nach der Mitte zu ulzerirt, nach der 
Peripherie zu aber mehr erhaben sind. Solche Knötchen 
findet man auch vereinzelt auf dem Rumpfe vor. An der 
Vulva, besonders an der rechten grossen Schaamlippe, sind 
die Texturen sehr geschwollen und zeigen die Spuren von 
zwei oder drei frischen Bchleimpusteln. Um den After herum 
sind diese Schleimpusteln in einander übergegangen und zei- 
gen einen ziemlich grossen Fleck, aus dem eine graue, sehr 
stinkende Jauche ausschwitzt, die beim Herabfliessen die Hin- 
terbackengegend vielfach exkoriirt und in einen ekzematösen 
Z^si^aiV^ versetzt hat Die Oberachenkel und die Waden sind 



378 

ebeoAiHB mit Knoten bedeckt, welche meistens kreisförmige 
Gruppen bilden. Bemerk enswerth ist, dass die Schleimhaat 
der Nase, des Mundes und Rachens gans gesnq^ ist. Das 
Kind saugt übrigens auch ganz gut und obwohl es bisweilen 
etwas Durchfall hat, so ist es doch durchaus nicht abgemagert 
SU nennen. Fflgen wir noch hinzu, dass weder der Xpter, 
noch die Mutter, noch die Amme des Kindes eine Spur von 
Syphilis darbieten oder aus der Vergangenheit her dergleichen 
rermuthen lassen. Woher die Syphilis beim Kinde gekommen, 
ist nicht ermittelt/' 

„Das zweite Kind ist ein Knabe von 4 Monaten; er war 
bei der Geburt ohne allen Fehler, aber als er 6 Wochen alt 
war, bekam er einen Ausschlag, den Sie jetzt noch sehen 
können. Der Ausschlag, dessen syphilitische Natur nicht zu 
▼erkennen ist. besteht aus Papeln und Pusteln auf dem An- 
tlitze, den Armen und Beinen, auch auf dem Rumpfe, und be- 
sonders an dem After und an den Genitalien. Am After si^it 
flsan n&ssende muköse Stellen, die bis in die Furche der bei- 
den Hinterbacken hineinragen. Dieser Knabe ist das erste 
Kind und seine Mutter bekaip bald nach ihrer Yerfaeiratbnng 
Pusteln und Schorfe, welche letztere besonders auf dem Kopfe 
sich zeigten und ein Ausfallen der Haare zur Folge hatten.^' 

„Das dritte Kind, ebenfalls ein Knabe, hat auf den Hand- 
flftchen eine Art syphilitischer Psoriasis, welche man bei Neu- 
geborenen nur sehr selten findet. Die Epidermis ist daselbst 
abgestossen und stellenweise so scharf losgelöst, als wäre sie 
absichtlich mit einem Aetzmittel entfernt; die entblösste Stelle, 
die, wie gesagt, nur in den Handflftchen und in geringerem 
Grade an den Fusssohlen und an den Fersen sich bemerklich 
macht, ist kupferroth und erscheint wie mit kochendem Wasser 
abgebrflht. Das Kind scheint dabei nicht sehr zu leiden. Von 
den Eltern des Kindes wird behauptet , dass Blasen oder 
Phlyktänen dieser Entblössung der Kutis nicht vorausgegan^ 
gen, sondern dass die Handflächen immer trocken gewesen 
seien. Es ist dieses also eine wirkliche syphilitische Psoriasis 
palmaris , wie man sie bei Erwachsenen antrifil; , mit dem 
Unterschiede jedoch, dass sich dabei nicht so scharf begränzte 
Psoriasisschuppen zeigen. Im Uebrigen ist dieser 6 Wochen 



fthe Knabe flberall, besonders an Armen und Beinen, mitkapfer- 
fenrothen Flecken besetzt Er ist das Tierte Kind derselben 
Ehe; die beiden ersten Kitoder sind im siebenten Schwanger^ 
sebaftsmonate todl zur Welt gekommen; das dritte Kind, im 
siebenten Bchwangerschaftsmonate geboren, war lebend, starb 
aber, bedeckt mit Flecken und Pusteln, sieben Monate nach der 
Gebart. Festgestellt ist, dass der Vater dieser Kinder an allge* 
meiner SyphiKs gelitten hat und noch leidet/* 

„Diese drei Pftlle gewfthren zusammen ein ziemKch toII- 
stftndiges Bild der verschiedenen syphilitischen ZuMle, welche 
in dieisem zarten Alter angetroffen zu werden pflegen. Ich 
spreche nicht vom Schanker; ich kann nicht sagen, ob ein 
solcher ursprflngiich dem Fötus beigebracht worden oder 
auf welche andere Weise dieser zu der Syphilis gelangt, oder 
wann dieses geschieht, ob gleich bei der Schw&ogerung durch 
den Vater, oder sp&ter mittelst der Mutter. Es sind dieses 
Prägen, welche noch die Lösung erwarten. Auch will ich 
nicht von den terti&ren Zufällen im zarten Kindesalter sprechen; 
sie zeigen sich uns weit öfter bei der anatomischen Untere 
suchuDg nach dem Tode, als während des Lebens bei klini'- 
scher Beobachtung. Wir erinnern hier nur an die 'Ver&nder- 
ongin der Leber, welche Oubler, an die der Langen, welche 
Depaul, und an die der Thymus, welche P. Dubois be- 
sdirieben hat, Veränderungen, die den Tod des Fötus inner<> 
halb des Uterus wohl zu erklären vermögen, und die auch 
bäofig mit Pemphigus der Neugeborenen zusammen vorhanden 
sind/' 

„Gewöhnlich also manifestirt sich die engeerbte SyphiKs 
unter der Form von sekundären Zuflillen, und zwar durch 
fleckige, schuppige, papalöse oder pustulöse Affektionen der 
Kutis und der Schleimhäute, besonders an den natürlichen 
Oeffnungen. Was den Pemphigus anlangt, aber dessen Natur 
noch einige Dngewissheit herrscht, der aber in der grösseren 
Mehrzahl der FUlle ein unbestreitbares Zeichen von Syphilis 
ist, so kann er schon bei der Geburt vorhanden sein, oder 
gleich den anderen sekundären ZuAllen erst einige Zeit nach 
derselben, nämKch gegen die sechste Woche, zum Vorscheine 
kommen. Damit terbunden kommen auch einige Zeit nach 



m 

ißt Geburt, «elteo gleich hei deiselben^ geifwe nfigßmm^ 
Erscheinupgeo bervpr, and zwar eioe deuüiobe Aoftmie mU 
Srblassuog der Texturen , kurz, eise wirkliche sypbilitieche 
Kachexie. Dieees iat der Fall bei umerein drittep f^de, und 
es i8t die Frage , ob desseu Euteriti« die Ursache seine« ka: 
chektischeu Zustandes ist, oder vielmehr, wie Cullerier au- 
oimmt, selbst pur als eine MaoifestatioD der Syphilis aogesehaii 
werden mufis? WirbaUea beides für möglich, dean die Wissen: 
sohaft besitzt lUkoHche F&He, wo eioe Herkurialkur Heilung 
gebracht hat. Da aber in diesem Punkte noch ein Zweifel 
obwaltet, so werden wir diesem Kinde anigleich nebefi dem 
Merkur Bismuthum subnitricam verordnea.*^ 

„Hinsichtlich der Diagnose haben \rif nur zu beaaerken, 
daas eine Verwechselung der sjphilitischen Ausschlage bei 
kleinen Kindern mit akropbulösen oder herpetischen Hant- 
laiden leicht möglich ist. Vom eigentlichen Ekzem, welches 
in Skrophulosis aeiofu Grund h^, Utsst sich sagen, dass es 
nicbt h&uäg vorkommt und nur selten auf den After uod 
die Genitalien beschränkt ist ; es hat auch dann keine kupfer- 
ratba F&rbung, zeigt keine muk/öse Pusteln und keine B&nder 
mit psonasis4lu)lioher AJt)scbuppuqg. Aehnliches gilt auch 
Ton den einfachen iaipetiginösen Afisschlägen, allein es kommt 
npcb eine, Form vor, die grösseren Zweifel etregt. Wir mei- 
nen die Bntero- Kolitis mit scharfem Sekrete, wobfi sich ein 
Erythem zwischen den Hinterbacken erzeugt und sich nicht 
selten bedeutende Ulzerationen zwischen den Beinen kundthun« 
Bind selche Kinder schw&chlich und elend, so zeigen diese 
DIaerationen oder Ezkoriationen nicht selten eine brlMinlicbe 
Farbe, welche an Syphilis glauben lassen könnte. J)ieses war 
der Fall bei einem Kinde, welches sich vor etwa 8 Tagen 
ans dargestellt hatte. Die Diagnose erschien nicht kUr; des 
Arat in der Stadt hatte das ELind als syphilitisch bezeichnet 
«ad wir hatten vor ups den Vater, die Mutter und eine Amme, 
bei denen man sich auf alle mögliche Weise bemOhte» Syphi- 
lis herauszubringen. Das gelang ab^ nicht, und erst nach 
gana gentuer Uotersuolinng des Kindes, dessen Hund, JUohe^ 
Hgd Kutie wir ^na frei fimden und M dem wir eben nicht« 



0M 

w«iter erbliekten, ^1« das gfsdnUarto Btytbcni mil deo ver- 
di^btigen IIxkori«lioDeii 9 kameD wir »a dar Anaiaht, daa« 
wohl nar die Mit Itogerar Zait baetehande Diarrhoe aod aiobi 
Byphilie die Ursache sei Wir eniaeUosaen tias deshalb, nar 
dia EDtero-Koliiis ins Auge za fassea und verordoeten Wisa* 
Bolb ioaarlieh uad ftusserlieh, womit wir aueh vollsi&odige 
Hailang bewirkten« PlUla der Art kommen sehr hltufig vor^ 
aad es ist gewiss aöthig, daraaf aafmerksam 211 maehen. Mao 
kann wohl den Sats anftteUen, dass, wenn man bei einem 
Kinde seah« Wochen oder 2 Monala nach der Gebort, naob- 
dam dieses Kind Ms dahin sieh ganz wohl befunden bat^ 
Pemphigasblasen an den Gliadmassen, breite Pusteln am Af- 
ter and auf den Sehleimbftuten und einen Ausschlag mit kupf^ 
riger Rötbe oder mit der Farbe des gar&Qcbaiien Scbinkeas 
erbliakt, man das Beekt bat, konstitutionalie Syphilis aauir 
oehmen. Sicherer gebt man freilich noch in der Diagnoaa, 
wenn man ad den Bltera die Syphilis erkennt, oder wenn 
man gar Gelegenheit hat, deren Genitalien ganau au beaiefat^ 
igen. Daau darf aber dar Arzt nur mit grosser Vorsicht uftd 
SciionuQg schreiten, aberhaupt rOak^chlavoU Ober die Sjpbilis 
des Kindes, weoa er solche aueti erkaant bat, sich ausspreoha», 
weil es gewiss- seines Aalles ist, in den Frieden und die Raha 
einer Familie nicht siörend einauwirken, oder eine etwa yov- 
bandene Illasion vian ehelieber Treue niebt aa aatergraben. 
Per Slkagling pflegt das evata Opfer eines Zerwürfiiisaas das 
ebeMchen Lebens au seia/^ 

9,Bai den gescbilderten Zaftllen bkibt aber die aogeerbta 
Syphilis nicht stehen; Zeuge davon ist unser erstes Kind^ bei 
welehem die Bntwickelung desKnoehensystemes zarflckgebUer 
bev ist. Es bai mit deas 9. Monate noch keine Z&hne , die 
flaturen des Kopfes sind noch alle offen; die scbwaosmigea 
Sndea der Röbrenknocbea sind knotig, ebenso die Gelenks«- 
verbinduDgen der Rippen mit ihren Knoi^ela« Es ist dieses 
Rhachitis, deren Verbindung mit der syphilitischen Dyskrasie 
allerdiags niefat klar ist, deren BsAstabung aus dieser die Er- 
nftbrung beeintrfrebtigenden Dyskrasie äcb aber ?ermutkeA 



MS 

y,Aof welebe Weise eDtstebt die Syphilis der Vengebortf- 
nen? Diese Frage hat an vieleD, selbst starmiseben, Streitig- 
keiten Anlass gegeben. Wir wollen in dieselbe ein wenig 
eingehen. Von drei Quellen her kann die Syphilis auf den 
8&QgIiDg gelangen: vom Vater, von der Mutter nnd von der 
Amme. Vom Vater nnd von der Mutter auf direktem Wege: 
doreh den Samen und durch das mdtterliche Blut; ron der 
Amme indirekt, n&mliöh durch Uebertragung sekund&rer 
ZoAUe. Bei unserem ersten Kinde findet steh nichts , was 
einen bestimmten Verdacht auf Vater oder Mutter wirft ; dl^ 
Mutter will weder Leukorrhoe , noch Pusteln , noch breite 
Kondylome, noeh sonst einen Ausschlag gehabt haben , und 
der Vater will nie syphilitisch gewesen sein; aber auch die 
Amme ist gana gesund. Die Syphilis beim Kinde aber ist 
nieiit zu beaweifeln, und wir haben also hier einen der vielen 
Pille, in welchen die Quelle der Ansteckung nicht ausflndig 
au machen ist. — Bei unserem zweiten Kinde dagegen seheint 
die Syphilis von der Mutter gekommen zu sein. Bin Beweis 
Ist der wiederholte Abortus dieser Frau, ehe sie dieses Kind 
gebar; dieser habituelle Abortus ist meistens ein sicherer Be- 
weis der Kontamination der Mutter mit Syphilis. Es Ist ja 
beutigen Tages erwiesen, dass die Mutter die Syphilis auf ihre 
Fracht Obertragen kann, mag sie die genannte Krankheit erst 
mit der Sehwftngerung oder wfthrend der Schwangerschaft 
bekommen haben, oder mag sie von derselben schon vor der 
Sehwftngerung behaftet gewesen sein. ^- Unser drittes Kind 
endlich scheint die Syphilis von seinem Vater her zu haben ; 
diese Art der Uebertragung bat eine Zeit lang Diejenigen, 
welche die Lehre vom Schanker als der nothwendigen Ein- 
gangspforte der Syphilis festhielten, sehr in Verwirrung ge- 
setzt, indessen sind die Thatsachen unzweifelhaft und es haben 
sich die Ansichten so sehr geändert, dass man fast geneigt 
ist, die Rolle des Vaters bei der Vererbung der Syphilis auf 
das Kind zu hoch anzuschlagen.^ 

„Eine andere Frage hat sich bei dieser Gelegenheit er- 
hoben, D&mlich die Frage, ob die angeerbte Syphilis des Kin- 
des von diesem auf seine eigene Mutter abertragen werden 



könne, nnd wihreid yon der eineti Beile behwiptet wird, dass 
bei der Zeugung tuerafc das Ei mit dieser Krankheit imprftg- 
nirt wird , und dann tod diesor Frucht dieselbe mittelst der 
lotrauterinairkttlation auf die Mutter flbergeht, wird von Ande- 
ren das Gegentbeil angenommen. Neben dieser noch nieht 
gans iestgesteliten Frage ist aber unaweifelhaft erwiesen, dass 
ein mit angeerbter Syphilis behaftetes Kind seine Asnne 
anstecken und dass diese die Krankheit auf Andere abertrageo 
kann. Vor etwa 20 Jahren, wo die Lehre Tom Sehanker, ab 
der nothwendigen Eingangspforte der Syphilis, noch festge- 
halten wurde, l&ngnete man auch diese FftUe durebaui, allein 
die Thataachen haben, sich so gehAnfi, dass sie nicht mehr 
abgewiesen werden können. Ebenso steht nnn andi fest, dass 
eine an konstitutioneller Syphilis leidende Amme die Krank- 
heit bloss durch das Sängen auf einen fremden SftngUng aber- 
tragen kann, und es ergibt sich daraus die Nothwendigkeit, 
bei der Wahl einer Amme sowohl diese, als auch, bei der 
Uebergabe eines S&uglinges, diesen letateren genau zu unter- 
sttohen, somal da bekanntlich syphilitische ZuAUe vorhanden 
sein können, die nicht sehmerahaft sind und deshalb dem 
kranken Individuum selbst unbewusst bleiben.^^ 

„In neuester Zeit ist angegeben worden, dass eine An- 
steckung awisehen Amme und Säugling nur erfolgen könne, 
wenn an den Berührungspunkten ein lokales syphilitisches Lei- 
den Torhanden ist, und dass dann die allgemeine Infektion 
des angesteckten Individuums auch mit einem lokalen Leiden 
an diesem BerQhrungsorte beginne. Soll der S&ngling also 
die Amme anstecken können, so müsse er syphilitische Affek- 
tionen im Munde oder vorne an der Nase haben, und bei des 
Amme mfissen aich> dann die ersten Erscheinungen an iliren 
Brustwarzen zeigen. Umgekehrt müsse eine Amme, um einen 
Säugling Infiziren zu können , syphilitische ZuAlIe an ihren 
Brustwarzen haben, und das Kind werde dann die ersten 
Phänomene am Munde zeigen. Jedenfalls soll es die Milch 
nicht sein, welche die Syphilis überträgt. Diese Behauptung 
ist, wenn sie sich bestätigt, ofenbar fttr die Untersuchung 
zweifelhafter Fälle sehr wichtig.^* 



^,Wir kommeD zwt BehandluDg der Syphtlis dct ÜMge* 
boreoen und B&agKnge* Di^e BehiBdiung ist vorbeugeDd 
und heilend. Vorbeugend tritt aie auf, wenn bei einerneoeo 
Schwangersebaft einer Pran, die mehrmals hintereioaDder abo^ 
tiri hat, eine antiaypkilitidGhe Kur 4ierBelben Torg^nooineo 
wird, oder wenn man vor der Schwängerung dieae Fra« oder 
ihren Ehemann, Iklla er der Verdftchdge lat, einer aolcbeo 
Kur unterwirft. Welche Vorsiebtsmasaregein hierbei gebrauelil 
werden mflasen, eoli hier nicht angegeben werden/^ 

„WirClich heilcMi tritt die Kar auf, wean sie direkt oder 
indirekt das achon inflmte Kind zum Objekte hat Daa beste 
Mittel ftlr das Kind iet der van Swieten'scfae Liquor, voa 
dtai man ikm tftglioh einen Kaffeelöffel voll gibi «nd es 
ausserdem t&gUeh (in einer Holz* oder Porzellaawaoiie) «n 
Bad nehmen läast, «u welohem man eine Lösung ^oii 2 Gram- 
men Sublimat in 10 €kammen Alkohol hinzuthut. Ausserde» 
mftssen noch Einreibungen von grauer Salbe in die Achsel- 
gruben und Leinteobeugen gemacht werden. Dabei muss na- 
tllrlsch dae Befinden des Kindes sorgsam beobachtet und dann 
diese Kur nach Urosttadea modiAzirt werden.*^ 

„Von der indirekten Behandlung, die damaf ausgebt, 
durch die Siugende auf den S&ugling zu wirken, bin ieh kein 
Freund, fiine vortheiihafte Einwirkung auf die nttbrende Kraft 
der Hiieh hat der Merkur gewiss nicht, «nd dana kann man j* 
■ie wissen, wie viel von diesem Mittel, wenn es der Stagea- 
den gegeben wird , auf das Kind Übergeht. Ist die Amme 
selbst inAzirt, so versteht sich von selbst, diMS sie behandelt 
werden muss ; dann aber ist es rathsamer, daas aie das Kind 
ganz absetzt, und dass dieses lieber kUnatlich au^eMtloA 
wird.** 



^SK 



ni. Gelehrte Gesellschaften und Vereine. 

Aus den Verhandlungen der Akademie der Medizin 
in Paris 1862-1865- 

Ueber die Anwendang des reinen Jodeums gegen 
skrophulöse Anschwellung der HalsdrQsen und 
auch gegen syphilitische Anschwellung der Lei- 
stendrüsen, roitgetheilt von Dr« Prieur in Gray. 

Diese MittheiluDg Terdient naoh dem Berichte des Eetrn 
Rioord emige Aufimerksainkeit. Es wird nftmlich darin dar« 
zutfaan v^sQcbt, dass das Jodenm (das metallische Jod) ein« 
michtige zertheilende Th&tigkeit in den genannten Drüsen- 
ansdiwellangen hat, während es sogleich HautsChorfe fturflek- 
liaat, die weder Narben noch daui^rnde Flecke zur Folge 
haben. Das Verfahrchi besteht darin, auf die angeschwollenen 
Drüsen kleine Lamellen von metallischem Jod, welche mif 
einer Schicht Watte nmgeben sind, aufzulegen. Unter dem 
Eünflusse der Wärme verdunsten diese Jodlamellen sehr schnell. 
Die angewendete Menge des Jodeums ist durchschnittNeh eiki 
Gentigramm auf ein Quadratcentimeter, welche sich möglichst 
gleichförmig auf die Watte vertheilt, die dann mit einem 
Blatte von Gelatine überall bedeckt werden muss, so dass 
die Joddämpfe, welche sich beim Verdunsten erzeugen, nicht 
entweichen können. Dieser Apparat wird 24 bis 48 Stunden 
liegen gelassen; es entsteht eine mit trübem, eiterigem oder 
blutigem Serum gefüllte Blase. Hr. Prieur gibt an, seit 
10 Jahren 120 Kranke airf diese Weise behandelt zu haben; 
er habe wohl an 300 stark angeschwollene Drüsen auf diese 
Weise rasch geheilt. Der Berichterstatter, Hr. Ricord, be- 
dauert, #ai3s bei den Leistefndrüsen nicht angegeben ist, ob die 
Anschwellungen symptomatische, durch einen giftigen Schan- 
ker entstandene, oder bloss sympathische gewesen waren, wie 
ifie bei dem weichen Schanker vorkommen, oder ob sie kon- 
sdcntiv nach sHgemeinto syphilüiseher Infektion $i<A gebildet 
h«tt^. Die Leistengegend ist ebetisö ^ie der Hals sehr 



h&uflg YOD skrophulösen DrüseDanftcbwellangen emgenomraen 
und oft sind dort Schanker oder HarnrObreDeotaüiHlaDg,, ^eoao 
wie beim Halse Angina, nur der AnlaBs, diese skröphulöae 
Drüsenanschwellung hervorzurufen, und man sieht dann auch 
in Folge derselben die unregelmässigen und bleibenden Nar- 
ben, welche nach Vereiterung der skrophulösen DrQaen cha- 
rakteristisch sind. Dass das Jod dagegen gute Wirkung that, 
ist bekannt und die von Hrn. Prieur mit seinem Verfahren 
gewonnenen Resultate bestätigen diese Wirkung. Die Dauer 
seiner Behandlung ist 6 bis 12 Wochen gewesen und Hr. R. 
hält diese Zeit für eine verhältnissmässig sehr kurze. Der 
Schmers, der bei Anwendung des metallischen Jods enjtfteht, 
ist nicht gering und kann 18 bis 20 Stupdeo anhalten, füni^ 
Resorption des Jods bei dieser Anwendung hält Hr. EL für 
zweifelhaft. Er erinnert bei dieser Gelegenheit an eine Beob- 
achtung von Eichmano (mitgetheilt iu der Oaz. hebäomad, 
vom 28. Juli 1864), wo bei einer sehr bedeutenden An- 
schwellung der Brustdrüse ein aufgelegtes Säckchen, . weiches 
mit Watte gefüllt war, in dem sich Jod befand, sehr achneil 
Zertheilung brachte. Hr. R. schliesst seinen Bericht damit, 
dass diese Mittheilung des Herrn Prieur^ obwohl sie Man* 
ehes zu wünschen übrig lässt, doch veröffentlicht zu wcfrdeq 
verdient. 

Ueber die Behandlung des Keuchhustens durch 

Elnathmung der flüchtigen Substanzen, welche 

sich bei der Reinigung des Leuchtgases ent- 

wi ekeln, 

Ueber diesen Gegenstand hält Hr« Dr. Commenge einen 
Vortrag, aus welchem hier nur ein Auszug gegeben werden 
soll. „Bevor ich,^^ sagt der Autor, „mit diesem 6.^enataode 
vor die Akademie treten konnte, oiusate ich warten, bis icly 
eine recht grosse Zahl von Beobachtungen hatte, um sicher, 
zu sein, dass die von mir erlangten Erfolge nicht etwa blosß. 
zufällige waren. Was ich hier mittheile, ist das Ergei^nis» 
einer Erfahrung von mehreren Monaten. Vom 1. März bia 
1. Juni 1864 haben ;142 keuchhustenkranke Kinder v€|rla^ 
in die Oasbereitungsanstalt von St. Mande zugelassen zu 



m 

MTcrden. Von diAien Kiodera faabeo 54 our ein- oder swei- 
naal die Anstaift besuebt und können al8o^ nicht ab solehe 
angesehen werden, welehe diese neue Medikation geoCIgend 
versttcbt haben. E$ verbleiben demnaeb 88 Kioder, welche 
in dem .Raiiroe fOr Reinjgoqg des Leuchtgases in genügender 
Weise dem Binflnsse der dortigen Atmospb&re sieh ausgeaetat 
haben. Von diesen 88 Fftllen sind 54 geheilt worden ; in 
24 Fftllen trat pur Besserung ein und in 10 Fftllen hat die 
Medikation g;ar nichts genfltzt Es waren unter den -88 Kin- 
dern nur 23, die vorher gar nicht behandelt worden waren; 
bei den übrigen 65 war vorher der Eeuchbosten mit sehr 
versehiiedeoen Mitteln bekämpft worden, aber ohne Erfolg. 
Die Symptome de^ Keuchhustens waren bei 61 von den 88 
Kindern^ehr' heftig, bei den übrigen 27 aber mftssig. Beim 
Beginne d^ neuen Medikatipn war der Keuehbnsten bei 51 
Kindern im Anfangsstadium, d. h. in den ersten drei Wochen 
«eines Bestehens; bei den übrigen 37 aber bestand er. schon 
einen ^ awei und drei Monate. Bei allen diesen 88 Kindern 
war der Einfluss des Athmens in der gasigen Atmosphftre 
der oben gepannten Reinigungshalle derselbe. Das lange Be* 
stehen der Krankheit erwies nicht, dass sie sieh bereits in 
der Periode der 'Abnahme befand; es wurden in der That 
meistens die Kinder erat dann in die Gasanstalt gebracht, 
wenn der Keuchhusten von Neuem an St&rke gewonnen hatte 
and die Symptome sehr lebhaft geworden waren. War Bes- 
serung oder Heilung erlangt worden, so konnte dieses Ergeb- 
niss nicht als die Folge der natürlichen und selbst eingetre-> 
tenen Abnahme der Krankheit angesehen, sondern musate 
dem^ Einflüsse der Medikation zugeschrieben werden/^ 

„Die Untersuchung der 24 F&Ile, in denen ich nur Bea- 
aerung konstatirt habe, ergibt, dass in dieser Reihe die Durch- 
schnittszahl der Sitzungen (Besuche der Oasanstalt) 9 gew^ 
sen ist , mit der bemerkenswerthen Eigenthümlichkeit jedoch, 
dass in den 16 noch im Anfangsstadium der Krankheit be- 
findlichen Fällen die Zahl der Sitzungen 8, in den 10 Fftllen 
der schon länger bestandenen Krankheit 10 gewesen ist/* 

„Die 54 F&Ile von Heilung, die ich notlrt habe, haben 
in den meisten Sjmptomen achon na(di 5 Sitaungen Beaaer- 
XLVLiais. ^ 26 



MO > 

uDg geeeigt; die völKge Heflung erforderte dorehsdmiUtteh 
«hie Zahl von 14 Sitzttogeii. In den 16 P&lieD, ia denen 
der Keuchhusten liur milde war, genflgten - durcheohniUlieh 
10 Sitzungen zur Heilong. Nehmen wir die 28 F&Ue, in deneki 
der Ke«cfahu8ten noch in seinem Anfangssfadinm war, ftr 
•ich, so war die DurohschniUszahl der Sitzungen 12 1 5, da- 
gegen in den 26 Fällen Ton l&ngerer Daner der Krankheit 
11,9. Die geringe Difl^renz dieser beiden Zahlen besHUigt 
das, was ich fraher gesagt habe, nftmlieh, dass die Wirksam- 
keit der neuen Medikationen dureh das l&ng«re oder kOiMre 
Bestehen des Keuchhostens nicht bedingt wurde. Auch das 
Aker der Kinder schien mir keinen Einfluss auf das Resultat 
^Ueser Behandlungsweise zu haben. Im Allgemeinen trat die 
Heilung naeh oder mit der 12. Sitzung ein, aber Beeserung 
der ersten Symptome zeigte sich meistens schon in den erstea 
Tagen.** 

„Die ersten Zeichen der Besserung bekundeten sieh in 
der^ Wiederherstellung des Appetits, in dem Aufhören des 
Erbrechens, in der Zunahme der Heiterkeit und der Krilfte 
und in der Milderung der CkwaH der Anfalle. Das konstan- 
teste und allgemeinste Zeichen der eintretendem Besserung 
war eben die wiedereintretende Esslust. Was die Aafftile 
selbst betrÜft, so zeigte stell die Milderung in dem YerschwiD- 
den des Brstiokungsgefdhles und in der Verminderung des 
charakteristischen Pfeifens am Ende des Anfalles und während 
desselben. In einigen Fällen habe ich verschiedene BrseheiD- 
ungen wahrgenommen. Bisweilen nämlich folgte die Besser* 
ong der HustenanAlle erst nach der Besserung des Allgemeia- 
zusianded, d. h. nachdem Appetit, Schlaf und KräfMgung sich 
wieder geflinden hatten und das Antlitz statt der bisherigen 
blassen Fai4)e eine gewisse Heiterkeit und Frisehe zeigte. 
Gerade in diesen Fällen schien eine grosse Zahl von Sitz- 
ungen in der Reinigungshalle der Gasanstalt erforderlich so 
sein.«' 

„In manchen Fällen hat die Medikation statt der Besser^ 
ung in den ersten 4 bis 6 Tagen eine Verschlimmerung der 
HostenanßkDe bewirkt und Aufregung und Schlaflosigkeit he^ 
heigellArt. Einige dieser Kinder sind deahätb von weftereD 



BfBoobMi dtr QsMAstak snrackgMOgen worden «ad ee bliek 
«acUMT dife Krankheit lange Zeit bestehend; dagi^gen aeUtan 
•wlere Kinder dieser Kategorie anf »einen Rath ibre Besuche 
behanrUefa fort und «rarden auch fast immer dadutob belohn^ 
daea die anftagliobe Steigerung der Krankheit bald naehliees 
und einer detttUeh^n Besserung Plata machte/^ 

,,Wa8 ooD diese Besserung oder die Heilung betrifft, a6 
^ailo darin keine Tftusohvog obwalten; sie kann keinem 
anderen Binfliwse augesehrieben werden, als der Binatbniung 
der bei der Reinigung des Leuchtgases entstehenden Dämpfe 
oder Oaae. In der Regel ist jede awlere Behandlung dabei 
«nteriaas««} ' worden und hat auch keine solche rorher statt- 
geftiaden. Ferner habe ich in allen den Fon mir beobachte- 
ten Fällen niemals in Folge dieser Inhalationen einen emalen 
ZnfaU eintretea sehen. Bei einigen Kindern haben sich die 
£ltem niaht begntlgt, sie nur behufs dieser Einatfamangan 
naeh der Gasanstalt ron St. Mand6 au senden, sondern haben 
anob Oasstoff' gekauft und mit nach Hause genommen and 
üio in das Zimmer gestellt, wo das Kind schlief, und indem 
aie mittelst Kalkmileh darauf einwirken Hessen, suchten sie 
eine ähnliche Atmosphäre diesem SchlafaimmcK au vev^ 
aohaffaa. -Auch in diesen Fällen ist kein abier Zuüaill einga«- 
treten; ee aeigte sieh im Oegenibeile ihst immer eine auffal- 
iende Beaseruilg aller Bjmptoroe des Keuchhustens aod dse 
Seilang kam rascher in dem Maasse, wie die Inhalation häu- 
figer benutzt wuilde. Bei den Kindern^ die nur die Oasanstalt 
(Ksuehien, au Hause aber dieselbe Atmosphäre liicht hatten, 
dauert» die Krankheit durebschnittlich fiel länger als bei den 
anderen« Dazu gehört auch die Erfahrung, die ich in meiner 
SteMung als Arst der Oasarbeiter au St. Mand6 in einer lan- 
gen Reihe Ton Jahren gemacht habe, nämlich, dass Diejeni«- 
gen, welohe im Reinigungsraume arbeiten, selten krank wer- 
den und höchstens' an sehr leichten Haut^fektionen leiden.^^ 

„Meine Schlüsse, zu denen ich also gekommen bin, sind 
folgende: 1) Die Behandtuag des Keuchhustens durch Bin- 
ndiaiuBB der Dämpfe, welche sich bei der Reinigung des 
Leuchtgases entwickeln, gewährt die besten Resnkatc. 
2) In der grösseren Mehraahl dar Fälle wisd^ nof diese Weise 

26* 



3W ' 

Heilung bewirkt, und selbst da, wo stlie ahrigen Behttudliiiigt- 
weisen niehto zu leisten yermochten. 3) Die Heiluog iat 
nicht abhängig von der Periode der Krankheit, in weleher 
dieses neue HeÜTerfahren begonnen wird, sondern ateUt sieh 
immer ein. 4) Sie ist auch nicht abh&ngig von dem Alter 
der Kinder. 5) Vlo aus irgend einem Grunde nicht ToUe 
Heilung erzielt wird, wird jedenfalls eine Milderung der pein- 
lichsten Symptome der Krankkeit herbeigefilkrt 6) Die Zahl 
der Sitzungen in dem Reinigungsraume der Oasanatait behafr 
der vollständigen Heilung ist nach der ladtvidualitiU der 
Kranken etwas verschieden, stellt sich aber im Durebsehailte 
auf 12; jede Sitzung muss 2 Stunden dauern. 7) Gefahr filr 
die Kranken entspringt nicht aus dieser Behandlung, und ee 
kommt nicht auf das Alter derselben an/^ 

(Zur Prafung dieser Angaben wird eine Kommiaaion aus 
den HHrn. Blache, Delpeoh und Roger ernannt.) 

Es schliesst sich hieran eine spätere Mittheilung der Hm. 
Oulmont und Grequy über denselben Gegenstand; . dieser 
Arzt ist zu einem anderen Resultate gekommen. ^^Vom 12% AprU 
bis 4. Mai 1864 haben sich^^, so berichtet er, „in der Gasanstalt 
von Villette 35 Kinder eingefunden, um die Luft in dem Rei- 
nigungsraume eioaihmen zu dürfen. Ungefiähr ein Drittel die» 
ser Kinder hatte nicht Keuchhusten, sondern mehr oder min- 
der akute Bronchitis oder Lungentuberkeln. Es sind jedook 
10 Fälle von Keuchhusten genau ins Auge gefasst worden; 
die Kinder waren im Alter von 2 bis 5 Jahren; bei 3 be- 
stand der Keuchhusten seit 5 oder 6 Wochen .und bei den 
abrigen 7 seit 6 bis 20 Tagen. Die Dauer jeder Sitzung in 
dem Reinigungsraume der Oasanstalt betrug 45 bis 60 Miaa- 
ten. Von den 10 Kindern sind 4 bedeutend gebessert wor- 
den, aber es ist fraglich, ob diese Besserung nicht dem naiflr* 
liehen Ablaufe der Krankheit zuzuschreiben war, denn bei 3 
hatte der Keuchhusten schon an 6 Wochen bestanden, als 
sie die Kur begannen. Die 6 übrigen Kinder hatten von der 
Inhalation gar keine wohlthätige Wirkung; der Keuehhasten 
verlief bei ihnen ganz wie gewöhnlich.^^ (Derselben Kom* 
mission.) 

In der Sitzung der Akademie vom 7. November 1864 



391 

wird ein Brief Von Hrn. Co mm enge verlesen, worin derselbe 
gegen die eben erw&hnten Angaben des Hm. Onlmont die 
Binwendnng erhebt, dass sie wegen ihrer Oeringfflgigkeit 
g^en seine Behlussfolgeningen nicht in Betracht kommen 
können. Seine Beobaehtnngen seien weit umfassender. 

y,Vom 1. Jali bis 15. Oktober 1864 sind 138 kranke 
Kinder in die Gktsreinigongshalle der Anstalt von 8t. Mand^ 
zugelassen worden. Diese Zahl begriff: 1) einige Individoen, 
die keinen Kenchhusten hatten; 2) eine weit grössere Zahl 
▼on Kindern mit Keuchhusten, von denen aber sehr viele 
Bor sweimal die Inhalation gemacht haben und also nicht 
BiHgereebnet werden können, um einen Schluss Ober die Wirk- 
ung SU sieben. Von beiden Gruppen der Oesammtsahl muss 
iefa 57 abziehen, welche ich nicht bei der Beurtheilung der 
Beeullate mit in Betracht ziehen kann. Es bleiben nur 81 
an Keuchhusten leidende Kinder, welche den Inhalationen 
im vollen Maasse oder wenigstens mehr als zweimal sich 
hingegeben haben. Von diesen 81 zeigten 10 keine Wirkung, 
24 nur Besserung, 47 aber wirkliche Heilung.^ Nachdem 
Hr. C. diese verschiedenen Abtheilnngen näher durchgenom- 
men hat, bemerkt er weiter: „Das Oeschlecht schien keinen 
Bnfluss auf die Resultate zu haben ; die Resultate waren bei 
Knaben ond Mädchen ziemlich dieselben und es ergibt sich 
aneb, dass die Krankheit bei dem einen Oeschlechte Oberhaupt 
nicht hftufliger ist als bei dem anderen. Dass auch das Alter 
ohne Einftnss ist, ist schon angegeben ; es erstreckt sich das- 
selbe von 6 Wochen bis 8 Jahren und zwischen diesen bei- 
den Ebctremen hat sich bei dieser neuen Behandlung dicBes- 
eerang oder die Heilung in gleicher Weise gezeigt Die dazu 
erforderliche Zahl der Sitzungen war sehr verschieden. Die 
Besserung trat bisweilen schon nach der ersten, bisweilen 
aber erst nach der zweiten oder vierten Sitzung ein, wie ich 
Letzteres bei 3 Kindern beobachtet habe, die ganz geheilt 
wurden. Durchschnittlich zeigte sich die Besserung nach der 
fllnften Sitzung. Die Heilung trat in einem Falle nach der 
3. Sitzung ein, in zwei Fällen aber erst nach der 30. Durch- 
BChnittlich kam die Heilung erst nach der 14. bis 15. Sitzung. 
In Bezug auf die Periode der Krankheit und auf ihre Inten- 



3» 

aitikt ist noch su bemerken, daes von den 81 Kiodera bei M 
der Keuchhusten, als die Inhalationen begannen wurden, in 
der ersten Periode sich befand und davon wurden 19 gebe»« 
sert und 34 geheilt; bei 25 Kindern bestand der Ken/ehhuetei^ 
in der sweiten Periode und von diesen wurden & gebeseeri 
und 16 geheilt In 65 Fällen seigte die Krankheit .aefar hef- 
tige Symptome und doch gab es hier 23 Besserungen und 
38 Heitungen. Bei 16 Kindern war der Keichbustea mUde 
und hier gab es 2 Besserungen und 9 Heilangen. In 4& 
FiÜlen war die Krankheit, obwohl noch in der ersten Periodey 
doch schon sehr heftig, und ich hatte hier 17 BesaeriHigen 
und 26 Heilungen; dagegen in 10 Fällen, wo der in der erste» 
Periode befindliche- Keuchhusten nur milde war, hatte icb 3- 
Besserungen und 5 Heilungen. In der zweiten Periode der 
Krankheit waren 19 Kinder mit sehr heftigen ZafUlen und 
diese ergaben 5 Besserungen und 12 Heilungen, während' b6i 
6 Fällen der zweiten Krankheitsperiode mit mil^n Sjmpto- 
men 4 Heilungen erreicht wurden.^^ 

„Diese Erfahrungen, glaube ich, beweisen gana deutlich, 
dass die Inhalation der bei der Reinigung des Leuchtgases' 
entwickelten flüssigen Substanzen eine beschwichtigende Wirk- 
ung auf den Keuchhusten ausübt; es ist durch sie Besaerungi 
und Heilung bewirkt worden, mochte die Krankheit noch erst 
in der Entwiokelung begriffen gewesen sein oder schon rathr 
rere Wochen bestanden haben. Dieses Resultat ist um so 
befriedigender, als bei den meisten Kindern schon die ver- 
schiedensten und gerühmtesten Mittel versucht werden waren; 
60 dieser Kinder hatten vergeblich Brechmittel, AbAlhrmittel, 
Belladonna, Rettigsyrup u. s. w. genommen; nur 22 Kinder 
waren gar keiner Behandlung vorher unterworfen gewesen.^^ ^ 
Hr. Commenge sucht dann einigen Einwürfen au begegnen, 
die ihm gemacht worden sind; er behauptet, dass von den 
geheilten Kindern viele den Keuchhusten beim Beginne der 
Inhalationen awar schon 4 bis 6 Wochen hatten, dass aber 
dennoch die Krankheit noch nicht als in ihrem natflrlicbeo 
Ablaufe befindlich angesehen werden konnte; er bekämpft 
die Behauptung, dass die Einathmung der in Rede stehendsa 
Dämpfe geflihrliohe entzündliche Zufälle oder andere Korn- 



m 

flika^u^n. b^rbiifilbm uod scblies«! dam mtt folgend«« 

B&tzen: 1) Die Inbalatiooen der ia der Halle fdjr dieReÜNg- 

aog de« Lev^tgas^ befindiiol^a Ataio«phave kaben gegen 

dao Keuohbuiieii die beata» Resultate galieferU 2) Bei der 

MebraaJivl.der Kj-anken iat Heilung das gawöbnlAohe Besultal 

dieaer Kur« und aeibat in den F&UeOi wo alle Ofangeo Miiltl 

Diisbia ttwgeriebtet babea. 3) Die Hailuag ist aiebl abhlkogig 

▼on der Periode des Keuehhustens , soodem kommt in alle» 

Peijodeo bei dieser peaen Kur. i> Ebensowenig ist sie 

abh&Dgig von dem Alter der Krankeou 5) Tritt Heilung niehA 

m» w ^o^t jedenfalls grosse Besserung aller Symptome. 

6) Die Zahl der Inhalationen bis aar Qeiluag ist versebiedea; 

sie schwankte swischen 2 und 30. In einer etwa viermonat- 

licben Zeit der Epidemie betrug die Zahl der Inhalationen, 

die Dötbig waren, ioi Darcheehnitte 12, in einer spftteren 

dramonatliohen Zeit dagegen 14. Jede Sitzung (Dauer der 

IniialatioD) bmiss 2 Stunden daaern. — 7) Die kalte Jahres- 

seit iat weniger günstig fflr die Kar, als die anderen, nicht 

deshalb,, weil die gesehwftngerte Atmosphäre, die eingealhmet 

wird, weniger wirksam wäre, sondern weil die Kftlte, die 

sieb im' Baame fühlbat maoht, peinKcfa wird und geAlhrlioh 

sein kann. Man kann dem aber dnreh Erwftrmung des Rau- 

maa begegiieB. — 8) Oefahr für die Kiader enteteht demala 

bei diesen Inhalaiienen. (Derselben Kommission.) 



JV. Literatur. 

Ueber dea Kehlschnitt im Krup. 

(Memoria solare a Tracheiotomia no garrotilho apreaeniada ä 
Acadmitia real Aas sciencia* deUsboa pitr Antonio Maria Bar boiä 
et€. eie. Lisboa 1803. 4^. XXX. 231 S.) 

Im Aaszage mitgetheilt von Dr. J. B. Ullersperger, pens. herzog!. 
Leachtenb. Leibarzte. 

Es ist diese ausgeaeiobnete Sehrift des gegenwärtig her* 
Teinigendsiafi Cbirui^^cn und Operateurs Portugals „über den 



lehhehniU im Knip^' 00 «a sagen eioe TenroUilAiidigvDg 
B^ner esiudas sobre ffurroHlko, 

Der Stoff des ganseo Werke« ii( in swei HanpttbeHe ge- 
sondert, wovon der erste Alles umÜMst, was Ifidi auf Anwen- 
dung der Tracheotomie im Krup beKiebt-, — und woTon der 
»weite 38 Beobachtungen enth&lt, in weloben der EeblediBftl 
bisher in Lissabon feur Heilung der Krupaspbyxie rerrichtet 
worden ist. 

Der erste Haupttheil serfUit in 6 Abtheilungen , die wir 
nun kors durchgehen wollen. 

Nach Vorauss^ndung der allgemein bekannten DeAiiition 
und Bynonymie geht er auf die 

Erste Abtheilung, denhistorischenTheil, über Cp..3K 

Barbosa theilt die Geschichte dieser Operatian in S* 
Perioden.' Die erste, l&ngste, aber ärmste an OperatioA«o 
beginnt mit Asclepiades aus Bitbynien, den man gewöhn- 
lich für den Erfinder der Operation gelten Iftatt. Es Iftast 
sich nicht mit Bestimmtheit nachweisen , dass die Operation 
gerade im Krup verrichtet worden; altein es ist höchst wahr* 
jscheinlich, dass dieses in einigen Bräunen und bei Stickau« 
Mlen geschah, welche in der That Oarrotilho • Formen waren. 
Sicherer ist in jedem Falle le inbage der Franaosen fOr jene 
Zeiten im Krup schon' nachgewiesen. Galen führt jedoeh 
deutlich Asclepiades in der Folge als den Erfinder des 
Kehlschnittes zur Heilung der Stickbräune auf. Antyllus 
hatte zuverlässig die Tracheotomie im Krup schon angeordnet 
und in der nun folgende Reihe der Araber sprechen Rhaiet 
und Hesue von der Bronchotomie, — Avicenna stellt 
die Indikationen, Albucasis kopirt aus Paul von Egina die 
Operationsweise des Antjllus, während Avenzoar die 
Operation an einer Ziege versucht, und sich aberzeugt, dass 
sie nicht tödtlich sei. 

Im Mittelalter wurde die Operation nicht verübt — es 
ward ihres nur historisch erwähnt, namentlich hebt sie Guy 
d e C h a u 1 i a c, der chirurgische Repräsentant jener Epoche, 1363 
als vortheilhaft gegen schwere Bräunen hervor. 

Erst nach Mitte des XVI. Jahrhunderts begegnet 



wMkr e&keitt iMieren F$Xh ron tVaeheolomie , dessen Ehre 
ItdleD gebohlt. Antonius Mosa Brassavolo, Arst de« 
Henogs ^n Ferrsfra, verrichtet die Operation mit Erfolg in 
eiiieiii f^rsweifelten Falle von Brftone, welche Erstickung drohte: 
Viersig Jahre nach ihm (158^) machte Sanctorio Banc^ 
torino die Traoheotomie yermittelat eines von ihm erftindenen 
IVoeart, dessen KanOle er 3 Tage in der Wonde Hess. 

In Spanien, einem Mutterlande des Oarrotilho, tritt als 
der erste TonOgHobste Schriftsteller Aber diese Krankheit 
und die dagegen gerichtete Operation Juan Alonso da 
los Soises de Pontecha (1611) auf. Wir abergehen die 
Sdiriftsteller und halten uns mehr, dem Zwecke unserer Ar- 
bmt entsprechend, an Zeit und Person, in welcher und rtm 
welchen die Operation yerriehtet worden. JuIinsCasserius, 
welcher ir^rbringt, dass geflbte Chirurgen durch die Operation 
das Leben von Kranken erhalten haben, welche dem Ersticken 
nahe wu*en, gibt eine genaue Beschreibung der Operation. 

Nicolaus Habicot, ein Pariser Chhrurg, machte die 
Operation in einem Fälle von fremdem Körper im Oesophagus 
d(e Trachea komprimirend und Erstickung drohend. In seine^ 
Abhandlung von 1620 ist er einer der Ersten, die sich aua- 
Idhrlicber mit der KanOle befassen. Thomas Finnus in 
Löwen und Beultet 1665 in 01m nahmen die Operation in 
Schnta, w&hrend Marc-Aurelius Severinus, der eine 
ausgedehnte Epidemie von Bräune in Neapel 1618 sah, durch 
Antopsie die schon froher von Baillou 1576 und von Herr- 
era 1614 gemachten Beobachtungen von Pseudomembranen 
im Laryax bestätigte. Franz R auebin zu Montpellier, 
Ben6 Moreau in Paris, die Portugiesen Zacuto, Thomas 
Rodrigues da Veiga in Coimbra, und Joao Cnrvo 
Semedo und Francisco da Fonseca Henriques rathen 
nicht allein die Tracheotomie an , sondern tragen wesentlich 
dasu bei, die Indikationen au pr&sisiren. Verduc, um die 
verletaenden Eingriffe der Operation su verringern, schlug vor, 
«wischen den Knorpelringen zu, parasenthesiren. Peter Dio- 
nys beschränkt die Operation auf jene Art von Bräune ^ wo 
die Atbemnoth im Larynx sitzt, welche er esqumancie Mer- 
n€ oder nSrltaNe nennt, und wogegen er sich eines Instni- 



SM 

wefile» bedient, da« er ,3roofho0<Mii9t«^^ neBoi. Beraard 
«ad Oberli yerrichteten beide die Operali^^nen jm einem Falte 
von schwerer Bräune — und jede« Mal mii Erfolg, iuneker 
voD Halle stellt die ftobte BriUine unter die eratan Grftnde 
zur Operation. In Betreff der Operationsmelhode sprieht er 
awar von jexier des Dionys oder einem Quer^Einakiobe mi 
einer Laneette zwischeo 3 Kehlringe,, gibt jcidoeh der Operar 
tion mit dem Troeart den Vorzog; Garengeot findet nicht 
minder die Tracheotomie bei Krankheiten des Laryiix a»^- 
geaeigt und gibt hiefür eine der weitläufigsten Beachrei«' 
bonge«. Der Schotte Georg Martin, ein aaageaeiebaetar 
Chirurg 1730, machte die sinnreiche Erfindung der ineinander- 
geacbobenen Doppel-KanOle,, ' um die innere bejHuisgeaogeD« 
an reinigen, ohne duroh Liegenlassen der äusseren, wel^* 
der inneren als Seheide dient, den Lußeintritt au unterbrechen. 
I^orena Heister, welcher die gehinderte Respiration bei 
Kebibräuue . fOr die beste Anzeige der Tracheotomie geltea 
hess, beschreibt zwar 3 Operationsmethoden, entscheidet' sich 
jedoch zu. Gunsten desTroicart von Dockers und die kurae 
dicke gerade Kanttle mit 2 Oehren. Br schärft gemtu ein, 
mit derOperatioo nicht au sehr zub zögern. Van Swiete% 
die Erfahrungen seines Zeitalters banfUzend« verwirft Heister' s 
Methode, erklärt sich für Martin's DoppetKanUle, rathef 
aber die Halsbinde, um die eintretende ZjuA damit sai erwärsaen. 

Der Pwpiaer Chirurg Bauohot MiUe des XVUI. Jhdts. 
verrichtete die Tracheotomie mehrmals bei Keblbräunen mit 
Sratiekung. Er bedient sich eines eigenen Instrumentenappi^ 
rates, welcher im IV, T. der Idemoires der alten Aka()emie 
der Chirurgie von Paria p. öl2 abgebildet ist. D. Pedrsi 
Virgili, spanischer Marinechirurgy verrichtet die Traeheotomia 
mit glücklichem Resultate an 'einem Soldaten vom Begimente 
Cantabria 24 J. alt zu Cadix wegen Asphyxie in F<i%e v<tt 
Pharyago- Laryngitis (p* 14). 

Die zweite Gesohichtsperiode charakterisirt sieb 
schon durch eine Beechreibung des „Krup^^ durch F. Home 
von Edinburgh, der eigentlich der Krankheit diesen Namen 
verlieh und dessen Ausspruch in Beoiug a«f Tracheotonsie 
w«r; ip^ (he cose %$ de$perate^ may we not tiy brornMornj/i} 



m 

Es sebetot, die Traeheotomie wovde gegen Krap in Eng- 
laAd zum eiraten Male am 11. Februar 1782 dureh Joib.ii 
Andrec von Loadon vorgeDomineo, und awar an einem &r 
jftbTigen Jungen mit guiem Erfolge. Seine Methode bf^eo 
Boreieri und White genau beaobrieben. 

Die ausgezeichnete Arbeit von Louis, deren Yerfiiaaev 
nicht nach ihrem reellen Verdienate Erw&bnung that (p. 16)» 
sucht . die Operation haiipte&cfaUch durch ihren historischeii 
Werth zu stutzen. 

Eine ziemliche Reihe von Aerzten und Chirurgen interes'* 
sirten sich nun gegen Ausgang des vorigen Jahrhunderts far 
die Operalioo, wie Max StoH, Michaelis, Cro.wf^rti 
Chaussier, Scbwilgue und Dureil) welche AUe ffer di^ 
Operation sprachen, wenn alle anderen Mittel im Stiche Hessen 
und StickanfUle das Leben, der Krankon bedrohten. IhneR 
scbloss sich noch der portugiesische Arzt Josti- Manuel 
Chaves vom Condeixa an, indem er schrieb ehavfindo periga 
de suffocac&o deve-se chamar cirurgiSo hahil para fazer « 
hranchütömia {Coimbra i790). 

Be/yer-GoUard) der Berichterstatter im Napoleonischen^ 
Konkurse von 1806, sprach sich ungünstig über die Traeheo« 
tomie aus (1811), nachdem auch fast alle Konkurrenten sieb 
bereits dagegen erklärt hatten, mit Ausnahme des Cbirurge» 
Caron von Paris, der sie nüt aller Wl^me in Schutz ge- 
nommen hatte, obschon seine Operationen unglücklichen Aas*, 
gang genommen. Bis hieher hatte sich auoh die Tracheot<»- 
mie zu keiner besonderen Bedeutung schwingen können. 

Die dritte Geschieh tsperiode markirt sich haupt- 
sächlich durch Bretonnean von Tours und Troussaam 
von Paris und beginnt mit Juni 1825) wo Ersterer seine ers|e 
glflckliebe Operation an der 4jährigen Gräfin Glise Puya^-. 
gur machte. 22 Tage nach der Erkrankung und 19 nach 
der Operation war sie geheilt. Nachdem es biebei grosse 
Schwierigkeit hatte , die Kanüle wieder ein^ibiingen, welche 
man zur Reinigung herausgenommen, Hess er eine Doppel* 
Kanüle anfertigen. Die 2 folgenden Operationen hatten un* 
glücklichen Ausgang genommen, während die vierte bei einem 
7— 8.)ährigen Jui^n, trota -mancher Schwierigkeiten, und ob^ 



3§» 

sehon ihn desfles Familie ftlr todt gehalten, gelang. 1831 
glaekte sie zum dritten Male bei einem 12 jährigen Kranken, 
den man gleichfalls aufgegeben hatte. Bis t834 hatte er unter 
17 Kranken 5 gerettet. TrouBseau, weleher die Operation 
erst recht In Schwung brachte, indem er die glücklichsten 
Resultate auftuweisen hatte, obschon er Anfangs nach 7 uo- 
glflokliehen Operationen den ersten Erfolg erst 1830 beim 
Sohne des Magnetiseur Marcillä errang. Bis 1835 waren 
bereits 36 Tracheotomieen — (darunter 9 Heilungen) — ge- 
macht worden. Ouersant Vater hatte sich bereits bethei- 
ligt. 1844 s&hlte man in Frankreich 212 Operationen mit 
40 Heilungen. Als man in der Akademie der Hedicin sn 
Paris Bnde 1858 und Anfangs 1859 aber Bouchut's tuhage de ia 
fflotte diskntirte, stellte sich heraus, dass in 10 Jahren unter 
466 Operationen im Kinderhospitale verrichtet 127 Heilungen 
gelungen waren. Es fahrten diese Diskussionen zu den 
wichtigen Resultaten : 1) dass der tulmge Bouohufs nicht hin- 
länglichen Nutzen und Gefahrlosigkeit darbiete, um die Ap- 
probation der Akademie zu verdienen; — 2) dass die Tracheo- 
tomie in der That beim gegenwärtigen Zustande der Wissen- 
schaft das einzige anwendbare Hiftel sei gegen den Oarrotilho, 
sobald kein gOnstiges Resultat mehr durch die anderen Mittel 
wahrscheinlich sei. 

Die im Kinderhospitale von 1851 bis inclus. 1860 ver- 
Qbten Kehlschnitte betrugen 742 mit 195 Heilungen — 7 Kranke 
traten vor voller Heilung aus dem Spitale. Die Mittelzahl der 
gelungenen Heilungen in zehn Jahren war sohin: 13,8. 

Die meisten Operationen kamen wohl im Spitale de Sainte- 
Bog^nie vor, auf AnfSang 1858 bis gegen Ende 1861 kamen 
343 Operationen mit 53 Heilungen (1: 6,47). Nach Trous- 
seau z&hlt Ouersant unter diejenigen Aerzte, welche die 
meisten Tra^eotomieen gemacht haben — dann Gendron 
und Catado Oiraldes. 

Obschon in Russland derKrup nicht selten ist, wurde 
dennoch die Operation nicht oft gemacht gegen Krup-Asphyxie, 
n&mlich 5 mal von 1856 bis 58 — darunter 2 Heilungen. 

In England wurde sie nach der Statistik der letzten 
5 Jahre in den Londoner und Provinzial- Spitälern 88 Mal 



YorgeooiDniiei) — gegfen Kmp kaim 15 Mal bei KiDdieni 700 
13t Monikteii bi» 16 Jabr^n, worunter 4 Enlongea warenu In 
jOngater Zeit aoheineo die Eogiftoder mebr Vertrauen gefaaat 
au beben in den KehbehnUt gegen Krup, wenigatena wurde 
er öftera angewandt. 

Den geaohiobtliebeo Ueberbllck der Tracbeotomie gegen 
Krup in Dentachland maaaen wir fOr den scbw&ohiten 
Tbeil der Arbeit Barbosa'a erklirren und abergeben ibn 
aucb deabalb, weil Kfibn in Günther* a chirurgiaebeoi Werbe 
(die Operationen am jlalae) weit Vollattadigerea geleistet 
hat, w&hrend ihm Barbosa'a Arbeiten unbekannt geblieben 
SQ aein acheinen« 

Nordamerika. Auch hierüber ist Barboaa*s geschicht- 
licher Bericht als unvollst&ndig au erkl&ren, indem ihm die histo- 
dachen Materialien gefehlt au haben scheinen, — und aber Ita- 
lien ist seine Rundschau mehr ala begr&nst in Beaug auf moder- 
nes Zeitalter. In Neapel machte die Operation aum eraten Male 
Palaciani, aber ohne Erfolg. Pasquale OriUo achreibt 
dieses und jedes Misslingen dem zu splUen Operiren au. 

In Belgien und Spanien acheint vor der Hand die 
Operation in keiner Hinsicht Fortschritte gemacht au haben. 

Yerfasaer fahrt uns nun auf seinen heimischen Boden, 
und somit schon zum Hauptzwecke seines Werkes, zur Tra^ 
cheotomie im Krup in Portugal, — zunächst auf das 
Oeachichtliche. 

Der LttsitanierZacutusl6ö7, — Tbomaa Bodrigues 
da Veiga von Goimbra 1668, Curvo Semedo 1697, -- 
Franciaco da Fonaeca Henriquez 1710, dann Joa^ 
Manuel Chaves 1790 achlugen bereits die Bronchotomie in 
FlÜlen von Stickbr&une vor. 

Antonio de Almeida, Prof. an der chirurg. Schule 
in lissftbon, fand gleichfalls die Bronchotomie gegen Garro- 
tilho indizirt, wo es sich darum handelt, dem Erstickungstod, 
durah die Operation zuvorkommen. Er gibt eine genaue 
ausfahrliche Beschreibung der Operation, die auch Barbosa 
reproduzirt. Seit ihm, 1825, wurde sie durch portugiesische 
Operatoren mehrmals verrichtet in F&llen von Asphyxie, 
welche einen künstlichen Weg fllr Luftzutritt erheischten. 



1880 venriehtete sie z. B. Jos6.L(yurenso da Ltt« ftuf der 
«hiruTgiscbeti S!hiik'zfi LiMabofl, um einer Asphyxie duroh 
fi[ompre66ioii itf Polg^ eiuea ADeurjsma der Inno^inata za 
begegnen, femer Prof. rfofifo Pedro Barral und L,A. Cof- 
rda in ähnlichen Fällen. 

Es scheint, das« die Tracheototnie gegen Krup das erste 
Kai in Lissabon durch Hartinianno Nunes do Resgütte 
Terrichtet wurde, dessen Patient jedoch nach dem Tage der 
Operation attarb (1835). Der Fall blieb indess unsicher, ob 
er verlässig ein genuiner Krup gewesen. 

Mit pofivtiter dieherheit Iftsst sitih nur annehmen, daBs die 
Operation nicht vor 1851 gemacht worden ist. 

JcaquimTheotonio da Siltawar der Erste, welcher 
einen zehnjährigen Jnngen operirte, der aber am 4. Tage nach 
der Operation starb. 3 Monate später operirte er ein Mäd- 
chen von 5 Jahren, welche auch, 41 Stunden nach der Ope^ 
ration verschied , ein gleiches Loos traf eine dritte Kfanke 
von 17 Jahren 1852, — erst seine vierte Operirte vermochte 
er zu retten. Bie war 6 J. alt, — der Krup war Folge eines 
Seharlaehs, den sie einen Monat vorgängig durchgemacht hatte. 
Die fanfte Operation endlich machte er im Februar 1853 bH 
einem Jnngen von 4—5 Jahren gegen Krup. Er sta^b 26 
Standen darauf^). 

Die sechste Operation in Portugal verrichtete Barbosa 
als seine erste im Juli 1853 an einem 9 monatliehen Mäd- 
chen wegen Krup -Asphyxie. Es überlebte die Operation 57 
Standen, Hess sogar Hoffhung auf fieilong schöpfen, ging dann 
aber an Diphtfaeria traoheo-broncbialis und Pneumonra lo- 
bularis £u Gttinde. Auch die 7. ward von ihm an einem 
11 monatlichen Kinde verrichtet, das jedoch nach 12 Standen 
starb. Es folgen nun in Portugal 2 Operationen von Joaquim 
TheotoniodaSilva, wovon eine gelang. Die erste geiungeoie 
Operation machte Barbosa im Juli 1855 an der 4jährigen 
M. €. Barreira. Bis Ende Mai 1864 rettete er irnter 15 Ope- 



*) U.S. Algumat consideracoes sohre a broncoiomia ä proposUg 
d*um caso de g^wrotilho curado por meis d'esfa operagäo. T. 
XIV 2. sMe da Journal da Sociedade das sc, med. de Lisboa 
de 1864. 



4M 

lirten OKnipkraRke, und Josqiiitti Theoton io da SilvA 
anter 14 Operirten 4. Dazu die Ftile von Oliveira 8d- 
area (1866—60) -- Angelo de Sonsa (1859) - darin 
Motta and Pigneiredo 1860, Oaldino de Garvalhü 
(1860—3) — Henriqnes Teixeita 1861, — Teixeira 
llar<)ues (1862) gereehnet, ergaben Bieh und 38 Operationen 
12 HeiUUle. In Santarem war sie einmal gemaehl worden 
Toa Antonio HendeB Pedroao bei einem 8jährigen 
Mftdehen, das die Operation 8 Tage überdauerte. In Porto 
verrkditete aie Antonino Bemardiao i' Almeida im 
Nov. 1858 an einem M&dehen von 3—4 Jahren, welches nach 
7^—6 Tagen tiner Pneumonie erlag. Verfasser schliesst nun 
die Oesehichte der Traoheotomie in Portugal, indem er noch 
2 Dissertationen als fiter&risehen fleblussstein anlegt, nämliek 
▼on Eduardo Atigusto Motta 1859, von Jos^ das 
Santos Gbavel undManneT Bento de Sousa 1859-— 60. 

Indikationen und Gontraindikation en. (p. 29.) 

Yeifaaeer stats^ die Lösung dieaea Problemes auf die 
grössere oder geringere Wahraobeinliehkcit des Erfolges durah 
die OperalioD und auf die Beraoksiefatiguiig des Alters , Oe- 
scbleohtes, Temperamentes, der Konstitution, sozialen StelUing 
des Kranken, endlieb noeh auf ihren vorg&ngigen Oeeundfaeita- 
anstand, YOdrgfttkgige oder gleiehzeitig bestehende^ AffektiontD, 
auf Gang^ Dauer, Farm und Periode des Krupa selbet, auf 
die ärztliche Behandlung vor Vornahme der Operation, auf 
den epidemiacheo Binflnss. 

Das Alter. Dr. Cook that in seiner These von 1843 
den Ausspruch: „Kinder, welche in einem Alter von unter 2 
Jahren bis 6 Jahren operiit werden, kommen selten durch« 
Rilliet und Barthea Hessen ihn in ihren Schriften you 
1854 bis 1861 gelten ^- und alle Spezialisten stimmten bei. 
Barbosa dagegen behauptet, diese Annahme bedarf gegen- 
wärtig einer Modifikation und ist so au stellen: 

Das Alter, in dem die Traoheotomie am meisten 
Erfolg hat, oder die Lebensperiode far das gün- 
stigste fiesaltat der Tracheotomie treffen auf3*--7 
Jahre; «-^ jedoch darf kein Alter ,,fttr sieh allein^* 



den KehUchaitt etntraindisiren (p. 30). Piese Be- 
hauptung belegt Barbosa mit TbatAacbeo aue LbsaboB: 
Auf die 38 Fälle, ia deaen dort die Operation gemacht wurde 
treffen 12 Heilungen und 26 TodetftUe auf das Alter veii 
2, von 4V2, von 5, von 6V1) trifil je eii^e Heilung; auf jeoes 
Yon 4 , YQU 7 Jahren je 2 Heilungen auf daa von 6 Jaiu^u 
aber 4 Heilungea. 

Die TodeaWle dagegen weisen nach 1 Todesbli auf d, 
11 Monate auf :?V„ 3, 9, 10, H, 15«/, und 17 Jahre , dMA 
2 TodeafUle auf 4^/g und 6 Jahre — feruer 3 ^uf 8 JaliM — 
4 auf 4 Jabte — und 6 auf 5 Jahre. 

Theilt man Heil- nnd TodesflUle in 3. Gruppen nach dem 
Alter, 80 erhält man eine Zusammen&telluag) wie folgt: 
unter 3 Jahren kommep auf 4 Fälle 1 Hmlfiag 3 Todte. 
von 3 — 7 ,, „ „ „ 26 „ 11 Geheilte 15 „ 
Ton 8 - 17 M ?» n 55 8 "„ ,, ,5 8 .„ 
Seiner vaterländischen Statistik gegenüber stellt nun Verftuaer 
jene von Paris, im Kinderspitale von 1857 bis 1858 vorge- 
kommen. Sie betragen 124 Fälle , wovon unter 20 mit 2 J. 
20 Todte sind ~ unter 36 von 3 Jahren 5 Gebeilte und 31 
T^dte — unter 19 mit 4 Jahren 6 Heilangea und 13 TodesflUle, 
unter 20 mit 5 Jahren 8 Geheilte mit 12 Todten •— untei^ 11 
nit 6 Jahren 5 Heilungen mit 6 Todten^ unter 8 mit 7 Jahren 
1 Heilang Jind 7 Sterbe&lle — unter 5 mit 8 Jahren 3 Gebeitte 
mit 2 Todten, unter 3 mit 9 Jahren 1 Geheilter and 2Tbdte, 
endlich unter 2 mit It Jahren 2 SterbeflÜle. 

Summirt man die Operationen von Paris und Uasabo* 
so erhält man 162, welche wieder, in 3 Gruppen getheilt, den 
statistischen Ueberbliok gewähren, dass 
unter 3 Jahr. 24 Fälle vorkamen mit 1 Heil 23 Sterbt 
von 3-7J. 120 „ „ „ „ „ 36 „ 84 „ 
von 8-17 J. 18 „ „ „ „ „ 4 „ 14 „ 
Seine persönlichen Resultate ergeb^i unter 15 Operationen 
6 Heilungen, wovon alle 6 auf das Alter von 4--<7 Jahren 
gehen. 

Au&llend ist die grosse Sterblichkeit, welche nach den 
statistischen Tabellen auf das Alter bis za 2 Jahren treSen. 
Verfiuser schiebt die Schuld auf die Schwierigkeit der Ope- 



nUioD in Folge des kleinen Haises und der Kleinheit der Kehle, 
der Ungelehngkett der klönen Patienten, der Sehwierigkeit, sie 
stt futtern, ihrer Anlage tu Ansaohlagsfiebem , KonyuUionen, 
ihre geringere Lebenskraft, wodurch kleine Komplikationen 
grössere Bedeutung gewinnen, und den Ausgang der Operation 
ungewiss, schwankend oder gleich Istal machen. 

Die ungünstigen Resultate im weiteren Alter erkl&rt er 
durch die grössere Weite der Kehle und AthmXingskanftle, 
in Folge deren sich die Aspbjxie, welche die Anzeige cum 
Kehlschnitte liefert, gewöhulich sp&ter einstellt, nemlich erst, 
nachdem sich die Pseudomembranen nach der Trachea und 
den Bronchien ausgedehnt haben, wo dann die Tracheotomie 
keinen Vortheil mehr bringen kann. Verfasser bringt noch 
weitere Belege ror aus Veröffentlichungen und Statistiken 
fransösisoher Anstalten und Pftdiatrikern, welche wir theils 
als unseren Lesern bereits bekannt, theils ausserhalb unseres 
Weges liegend, betrachten, da wir uns zur Aufgabe zunächst 
gestellt haben, Portugiesisches und Barbosa's Arbeit bekannt 
zu geben. 

Indem Verfasser noch einen Fall seiner Erfahrung an- 
schliesst, wo ein 9 monatliches Kind (1853) am dritten Tage 
nach der Operation noch an Pneumonie lobularis und an Ver- 
breitung der Diphtherie auf Trachea und auf Bronchien 
unterlag, resumirt er endlich das Endresultat seiner Beobach- 
tungen und Erfahrungen auf 3 Punkte: 

1) Das Alter, welches entschieden einem günstigen Re- 
sultate der Tracheotomie nach Krup zusagt, ist jenes von ä 
bis 7 Jahren. 

2) Das weniger günstige Alter ist jenes über 8 Jahre 
und vorzüglich jenes unter 18 Monaten. 

3) Uebrigens ist er der Meinung „die Operation sei selbst 
im aartesten Alter von 6 Monaten schon voraunehmen, wenn 
der kleine Kranke ron guter Konstitution ist, wenn er unter 
giflokliehen hjgienisoben Verhiütnissen gestanden, wenn k«ne 
Komplikation vorbanden ist, und wenn die Angina membra- 
naeea nicht infeetuosa war,^^ (p. 39.) 

Geaohleoht. Dr. Cook gibt an, dass durch die Tra- 

XLVL MM. 27 



m 

olieotomae tti«br KoabeQ «UDUUMNAseroitoi weidan «- aaok 
diese Angal^ nahmen Billiei and Bartkeft aobediiigl m. 
I^arbosa's ErfabruDgen atmusen biermit nioht Qbevein« ob- 
^fiboo auobnaob Trousaeaa's Erfaltriiagao bei ieinen entea 
^0 Operationen (1834) 22 n&nnliefaA und ouf 8 w«ibliake 
IndiYidueD waren -> von eralerea worden 8 gerettet, von 
letzteren starben alle. I^acb dessen späterer Statiatik von 
18^1, welche 48 Operation^ betriffl;, wurden von 31 Knaben 
\i gerettet, 20 starben, dagegen wurden ¥on 17 nur 5 gerate 
tet, wahrend 12 starben« 

Barbosa's Verhältmss war den M&dchen gflnstigw; 
denn von seinen 6 Heilungen kommen ö auf Mädchen undnurf 
laul Knaben, — unter den 9 unglacklichen Ausgängen trafen 4 au 
9i.ännliche und 5 auf weibliche Individuen. Bei den 6 anderen 
Tracheotomieen, die von anderen Kollegen mit Erfolg gemacht 
wurden, waren 4 Jungen und nur 2 Mädohen — und voo 
den 17 mit fatalem Ausgange gehen 9 auf männliche und 
8 auf weibliche Subjekte* Das Totalverhältniss dar 38 Ope- 
rationen, welche in Lissabon Statt hatten, weist 18 Jongeo 
mit 5 Heilungen und 13 TodesAllen, dann 20 Mädchen mit 
7 Heilungen und 13 Todesfällen nach. 

Vereinigt man die Pariser Statistik mit der von Lissabon, 
so reebnen sich 1164 Operationen mit 276 Heilungen und 
888 Sterbef^Uen zusammen — und davon treffen wieder 627 
Fälle auf männliche Subjekte mit 143 Heilungen und 484 
Sterbefällen, gegenüber 537 weiblichen mit 133 Heilungen 
und 404 Todesfällen. Aus dem Ganzen zieht Karbosa den 
Schluss, „dass das Geschlecht keinen sehr entschie- 
denen Einflusss auf die Folge der Operation aus- 

Temperament und Konstitution. Yerfiissers Ansieht 
läaat sich kuEZ dabin zusammenfiBiasen, „daas aangniaisches 
und sanguinisoh^Jjrmphatisches Temperament, eine starke, re* 
gehnässig geaunde Konaiitution, unter gl^oban Umständen, 
gflAStige Vorbedingungen zum G>eliagen der Traeheotomie 
s^q; -^ und daaa^ im Oegentheile, «b anagespvoehen Ijo»« 
phatisches Temperament, dass eine sahwaidie, aehlachte Ko»* 
atitutioQ 8i9gaii dia Opeiatio« oontraiadizaren, indem mmm sich 



Ja» 

mA% die notkwoiidige .9a#ctioD gegen die veraofaiede««« Ib* 
dcBWiftebea veespteohen kana, weiche die TVaoheotomie be- 
g^ieo od«f auf eie folgen. Je mehr demnaoh ein Tempe- 
rttineiit den Moguioischen oder MQguinisch-ljmpbetiteben 
Mihe kommt , und je alAnker und je beeaer die Konattlutioii 
der OperirteD ist, um so mehr wächst die WahreoheiDJicbkett 
eines gflDgstigeii Erfolges und umgekehrt» 

Soziale Lage der Kranken (p. 43). Man kaae 
wohl tau aUer Zuversiekt aasspreehen, das«, je günstiger «ieh 
iB bjgicfiiseher Besiehuag die Lebensverbi.ltnisse der Kraakeü 
befanden, welche wom Krup befallen und der Traeheotomie 
«Aterworfen wnvdea, dasirO gaostiger sieh auch die Resultate 
letalerer heoauastelUen ; — bei atattfindendem Oegentheile iai 
anch da mehr ron der Operation zu besorgen. Das günstige 
statiatiBche Verhftltniss von Lissabon 1 : 3,16 hat sicher seincy» 
Grand darin, dass bffinahe alle Arme, jene da Miserioiar- 
dia ausgenommen, ohne Operatio» starben, und dass die mei- 
sten Operatiosen in der Privatpraxis vorkamen, wo die Fa- 
•vitieBverkältoisae in hygienischer Beziehuag besser warei, 

V<»rg&jigiger Gesundheits • l^ustaad. (p. 44.) 
Wenn Krupkranke ^ia au dieser letzten Krankheit sich gator 
Gesundheit erfreuten, wenn sie regelmässig und ohne beaoii- 
4efe SafiÜle die ibnem AUer eigenthümliohen Krankheitea, 
namentiich Ausschiagsfieber, überstanden hatten, wenn sie ge- 
impft waren, so liess sich die Operation, vorausgesetzt, dasß 
htmt besondere Gontraiodikation vorlag, mit guter Aa^sicht 
auf Erfolg machen. Das Auftreten von Masern, Scharlaeli 
oder Blatern nach der Operation oder während der Kaohbe- 
JMradlung war ^wöhtilich Veranlassung zuschlimaiem Ausgange. 
Vorgängige oder gleichzeitig bestehende Kranit- 
heiten. Vor längerer Zeit üborstandeoe Krankheiten n^hiaen 
keinen Bezug mehr auf die Tracheotomie; — durchaus nicht 
gleichgültig ist jedoch ein schon vorhergegangener Anfall 
von Crup. 

Eine ganz .eigeothttmliohe Angabe Barbosa's ist, djaite 
em 6ubjek4, welches sebon einmal dureh Tracheotomie v4im 
Krup geheilt worden, 4aat eine zweite Operatioa wegen eiaas 
neuen Anfalles von Krup bessere Aussicht darbietet. August 

27* 



406 

Millard fahrt 5 P&lle derartiger Doppeloperation auf, woroa 
4 geheilt wurden (2 m&nnHche und 3 weibliche Subjekte). 
Sie befanden sich zur Zeit der ersten Operation in einem 
Alter von 4, 8, 3Ms) 5 und 5 Jahren. Der Zwisohenraum bei- 
der Operationen hatte 21, 11 Monate, dann 5 M., 2 M. und 
2 J. betragen. 

Hierauf gestfltzt, stellt V. den Grundsatz auf: ,iDie 
thats&chliche Heilung eines Krups durch Tracheo- 
tomie scheint ein gflnstiger Umstand zur Erreich- 
ung eines guten Erfolges bei einer zweimaligen 
Anzeige zur Operation zu sein/* (p. 45.) 

Der konsekutive Krup bei Ausschlagsfiebern oder der 
sekundftre Garrotilho gilt yielen Aerzten als G^genanzeige 
gegen die Tracheotomie, Trousseau an der Spitze. Da- 
gegen sind unserem V. dennoch 5 P&Ue gelungener Heilung 
bekannt von Operationen, die nach Rölheln und Scharlach 
gemacht wurden, worauf Garrotilho gefolgt war, nämlich 3 
in Paris, und 2 in Lissabon. Der eine dieser letzteren gehört 
J. Theotonio da Silva (1852) bei einem H&dchen von 
6 Jahren, welches einen Monat nach Ausbruch des Scharlachs 
vom Garrotilho war befallen worden; — der andere Fall 
kommt Barbosa zu und betraf ein 5j&hriges Mädchen, bei 
dem der Garrotilho sich nach Ausbruch des Scharlachs ein- 
stellte, ~ es war dieses zur Zeit einer Scharlaohepidemie in 
Lissabon, — nach dem Garrotilho schwand der Scharlach. 

Bronchitis acuta oder subacuta begleitet häufig 
den Krup — oder geht ihm manchmal vorher. — Beide 
bilden für sich keine Contraindikation. 

Bronchitis capillaris und Pneumonie bilden 
Gegenanzeigen, mit Ausnahme der Fälle, wo sie sehr um- 
sehrieben sind, was jedoch äusserst selten ist. Auskultation 
und Perkussion geben hier in der Regel ausreichenden Auf- 
schluss, nebenbei das frequente Athmen. 

Bronchitis chronica (p. 47), schon vor dem Garro- 
tilho bestehend, ist eher gOnstig als nachtheilig ftlr die Tra- 
cheotomie (Cook, Paul, Guersant, Miliard), -weil der 
wiederholte Husten das Ausstossen der Pseudomembranen be- 
ganstigt. 



m 

Interlobolar-Emphysem der Lunge, riehtig and 
rechUeitig erkannt, kontraindiairt die Operation. 

Lange nstt oh t^ als ausgesprochen, muss nothwendig 
letstere gleiobfalls kontraindisiren. Ist der Krupkranke der- 
selben nur yerdftphtig, oder besteht sie nur ins ersten Grade, 
und liegen keine anderweitigen Qegenanaeigen vor, oder end* 
lieh ist die Asphyxie durch blosses meohanisohes Hinderniss 
gegen den Eintritt der Luft durch die Glottis hindurch bedingli 
dann soll die Operation immerhin verrichtet werden, weil 
FlkUe bekannt sind, dass durch die Operation Kranke dem 
unmittelbaren Tode für kflrzere oder längere Zeit entrissen 
worden sind. 

Darmentzündung oder Diarrhoe^ obschon weni- 
ger gef&hrliche Komplikationen als manche andere, sind sie 
dennoch von Bedeutung. Sind sie Polgen von Missbrauch 
oder Durchschlagen von Arzneimitteln, dann geben Hie keine 
absolute Gegenanzeige, — wohl aber dann, wenn sie Bjmp* 
tome diphtherischer Intoxikation sind. 

Konvulsionen beobachtete V. ein einziges Mal bei 
•inem llj&hrigen M&dchen (Beob. 33). Dem Theofonio 
da Silva starb eine Kranke daran 8 Stunden nach der Opa- 
ration. Bestehen sie im Momente, zur Operation bestimmt, 
dann hat sie zu unterbleiben und kann erst stattfinden, wenn 
sie noch zeitig genug ausbleiben. 

Andere Arten voa Diphtherie. 1) Einfache 
Angina diphtherica gibt keine Gegenanzeige gegen den 
Kehlsdinitt (p. 49), wohl aber die maligna, welche Wirkung 
Ton septischer Intoxikation der Thier-Oekonomie ist. 

Die Goryza diphtherica ist gewöhnlich Begleiterin 
der diphtherischen Intoxikation und kontraindizirt dann auf 
gleiche Weise, wie die Angina maligna, die Operation. Ist 
sie oberflächlich, nicht ausgedehnt, bestehen keine Gegenan- 
aeigen anderer Art, dann soll die Operation verrichtet wer- 
den, wenn die Asphyxie die sichtbar das Leben bedrohende 
Ursache ist. Es besteht zwar unter solchen Umständen we- 
niger Wahrscheinlichkeit für das Gelingen, aber kein absoluter 
Einspruch gegen die Operation. Die Kasuistik hat gelungene 
fUle aufzuweisen. 



2} tr^chelfi« nnd Bfi^netPitls diphtbetiötf (p.50) 
sind frequenter, ald gewöhnlich ron den 8p«riliKBleik ailge- 
MfUtiieiii wird. Die Bronchitis diphtheriea hi «aweflCfn der 
Oründ' eines fäMen Ausganges d^r Tracbeotofnie — und 
dessen uogeaehtot können beide nicht als absolute ond po- 
sftiTe Ckgenanseigen gelten, well mehr als eine YOn BeobaAt- 
tfngen vorliegen, detten gemltos, dareh Oeihang der Tmeheä 
FMiadoinetnbk'anto ausgestossen und Kranke geheilt word^. 

3) t)ie Diphtheria Cutanea (p. 51). Sie ist mei- 
stens Folge von Vesikantien, welche grosse Ausdehnung ne&- 
tiaen, gleichen Schritt mit Septizismus halten und zu schnelTedi 
Tode fahren. Ist sie demnach an mehreren Stellen oder aas- 
gedehnt, dann wird sie noth wendig zur Gegenanzeige gegen 
die Tracheotomie , weil sie evident diphtherische Intoxikatioif 
anzeigt. 

4) Diphtherie der Oenitali'en und des ttasCdar- 
mes wurde in Lissabon nie beobachtet, wohl aber ander- 
wärts bei weiblichen Individuen. Sie Ist, beschränkt, nie Grund 
iit Gegenadzeige, wohl aber in Ausdehnung und als deichen 
d'er generalisirten Diphtherie. 

m 

5) Diphtherie der Speiseröhre wurde in Lissabon 
gleichfalls noch nicht beobachtet — und ist in ihrem Vor- 
kommen wohl nur Fortsetzung der Angina diphtheriea. 

6) Allgemeine Diphtherie (p. 52) ist förmliche 
Contraindikaüon gegen Tracheotomie. 

Verlauf und Dauer der Krankheit. Rapider, ao^ 
regelmässiger Verlauf, grössere Heftigkeit der Krankheits- 
ursache beurkundend, verspricht selten günstigen Erfolge mei- 
stens unglücklichen Ausgang. In Barbosa's Fällen von 
Heilung war die Dauer 3, 4, 7, 7, 8 und 8 Tage (also 
Hittelzahl 6 Tage). 

' Die 12 in Lissabon gltteklioh operirten Fälle geben sta« 
Misch zusammengestellt: 8 Tage auf 4 Fälle, 7 auf 3^ 3 auf 
21 - 21 Tage auf 1--6 auf 1—4 auf 1 Fall. 

Die Dauer bei den 26 Operationen in Lissabon mit flitä- 
\ttti Ausgange war: di^ Zahl der Tage vor der Operation Ü 
in einem Falle — 3 in 5— 4in7 — 5itt4-^6iti3-- 



8 m 1 ^ 9 3B e — !• to 1 - 11 «• 1 lad IS In ftlMü^ 



Die mittlere Daaer der Krankheit betrag demimeh in d«a 
M PUien bis sam Motoieiile der Opemtiöo 5,ft Tege. Leta- 
tmi% erreicM m VeriiftkDiMe 41er Daver der Diphtherie* ab 
eeo ihrer Ootaiehttaig bie som Oparirefi imiaer ttehr Wahlv 
eaheitiliebkeil Air gOostigeD Erfolg ^ mit dem langeamerea 
▼erlaufe hftagt die OoBBt der ftogMBe seBattmien. 

Firmen des Oarrotilho (p.H). Wir rerwefeeli, ntä 
Wiederholung an vertneidea , untere Terehrten Leeer anf die 
Albeil Barboba'fl ober den Kmp. 

Ana den Formen gehe« tanftohat 8 Rinkte fte die Ptatffe 
herror: 

1) llanifcttirt der Kranke durchant keine Eeiehen von 
iBtoKikation^ und beaehrftnkC sieh die gbnze Krankheit, 00 M 
aagen , auf Asphyxie durch mechaniiche« Hindemisa fQr den 
Eintritt der Luft in den Larynx bedingt, dann ist die Indika- 
tion Bdr Operation nicht in Frag6 zu stellen und die Pro- 
gnose sehr gttnstig. , 

2) Der Kranke äussert evidente und sohwere Zeichen 
Ton Intoxikation ohne Asphyxie und kauqp mit einiger 
Dyspnoe. In diesem Falle ist die Operation absolut kontna- 
indiairt und die Vorhersage wird, mit grösstet Wabrschcin- 
Hehkeit, fatal« Es fehlt hier durchaus an der unerl&sslichen 
BeiAtion. 

3) Die Kranken bieten bei einigen ZeSehen von Infek- 
tion gleichfalls einen gewissen Orad von Asphyiiie, was bei- 
des die GhrOsse der Krankheit bekundet. Hier iet die Traehea- 
tomie angezeigt, obschon die Prognose sich wenig gQnstig 
gestaltet, und der Tod ist die meiste Folge. Allein man hat 
Fälle von diphtherischer Infektion mit Asphyxie, welche durch 
die Operation gebeilt wurden, und es kann durch sie gelingen, 
einen der HanptgrQnde der Gefahr, die Asphyxie, au besei- 
tigen. 

Periode des Krups (p. 55) V. wiederholt hier ans 
seiner ersten Arbeit, dass die vierte oder asphyktische Krup«- 
periode die OpportunUM fftr die Operation einschltesst. 
(Va II eile hat Mannriich 54 gemiltteb und genau charakte- 



liwitD Kmps g«Mm»eH, vod desoi 17 wtreii geheilt wo^ 
(1 : 3v 17). UebrigeDB boU operiri werden, wenn die Aepbj* 
sie beginnt. 

VorgftBgige Behandlung (p. 67). Sie venntg 
groseen Einflnes eof die TVeeheotomie sn flben. So wie nia- 
lieh diese die Kräfte des Kranken mdgliehst geeehbnt hat, te 
i|teigt auch die Wahrseheinlichkeit des Erfolges. Barboaa 
nimmt keinen Anstand, geradezu so erkl&ren (p. 58), dasft 
Entlassen, Vesikantien, Purgirmütel, Merkurialien innerlich 
und ättsserlich, sehmale Diät im Kmp kontraindisirt sind, Ja 
im Allgemeinen bei der Diphtherie« Wegen des DurehaehJagens 
sieht er sogar die Ipecac. in Pulv. und grösseren Dosen dem 
Brechweinsteine Yor. 

Jahresperiode, wo sich die Operation am 
bes4en anlftsst. Die in Lissabon verrichteten 38 Opern;- 
tionen Tertheilen sich so: 

Jahreszeiten. Monate. Zahl der Pftlle. Heilung. Tod. 
Dezember I 2 21 i 



Winter: Januar } 1 \= 4 1}=: 4 

Februar i 5 2j 3| 

Mftrz ) 3 11 2i 

»mhling: April \ 3 (=2 3J=6 

Mai ^ 2 l| li 

Jani 12 I 2i 

Bomns^r: Juli l 5 2W 3 3} = « 

August \ 2 l| l( 

Beptemberl 2 I 2} 

Herbst: Oktober \ 6 3\=3 sfslO 

November ( ö ( 5) 



38 12 26 



Dieser statistischen Tabelle stellt V« jene der 124 Opera- 
tionen gegenflber^ welche im BdpUal des tnfim$ malades m 
Paris gemacht worden. Wir stellen sie hier nur nach Jahres- 
Seiten ein. Far den Winter trafen 39 FMle mit 10 Heilungen, 
29 Todesfikllen; ftlr Frühling 48 mit 12 Heilungen, 36 Todes- 
fltllen; fQr Sommer 21 mit 4 Heilungen und 17 TodesftUen; 
rar Herbst 16 mit 3 Kuren und 13 TodesfUlen. Nach der 



tu 

Biatiftik Yon Fischer mid Brieheteao ans demselbeii 
Spilale and von 1859 erhob er fOr Winter 55 Fftlle mit 8 
Qeheilten und 47Todten; Frahjahr 49 mit 12 Heihingen und 
37 Todten; fOr Sommer 29 mit 7 Kuren ond 22 Todten; 
dann Herbst mit 31^ daranter 13 Heilnngen, 18 SterbftUe. 

Alle 3 etatisUsohen Aufz&hluogen sttsammen ergeben 
102 Fälle fttr Winter mit 22 Kuren und 80 Todten; 105 flBr 
Frflhjahr mit 26 Heilungen und 79 SterbeAllen; für Sommer 
59 mit 14 Kuren und 46 Toden; für Herbst 60 mit 19 Oe-«^ 
hallten und 41 Todten. 

Daraus ergibt sieh, dass Herbst- und PrQhlingsmonata 
dem Krnp durch den* Kehlscbnitt die glückHcheten Resultate, 
dass dagegen die Sommer- und gana besonders die Winter» 
monate die ungOnstigsten sind. 

Bpidemiseher Einfluss (p. 61). Die Tracheotomie, 
aur Zeit einer Epidemie ▼errichtet, fühlt in ihren Resultaten 
den mehr oder weniger schweren Charakter des Oenius epi- 
demious und der eben herrschenden Krankheitskonstitution. 

Anatomie der Trachealgegend (p. 63). 

Es ist wohl selbstverständlich, dass die topographische 
Anatomie jener Theile, welche beim Keblschnitte Yerletzt 
werden, die ¥0110 Kenntniss und Aufmerksamkeit des Chirur- 
gen und'Arates in Anspruch nimmt. Darum macht Bar- 
bosa hievon auch eine genaue, ausführliche Beschreibung 
nach Breite oder Ausdehnung, und nach Tiefe oder Schichten. 
Diese Beschreibung bekundet den unterrichteten AnatomeUi 
den umsichtigen Chirurgen und den geschickten Operateur. 
Da jedoch meinen deutschen Fachgenossen darin nichts ge- 
boten wird, was nicht für alle Länder und Individuen be- 
stünde, so können wir den Oesammtinhalt dieses Kapitels 
fttglich voraussetaen. Wir können hier nur der Arteria thy- 
roidea (media Neubauer i) und anderer Anomalien erwähnen, 
wovon letztere aber so selten ist, dass Bar bosa selbst sie 
nur 2 mal traf, an einem Kadaver, zu seinen anatomischen 
Demonstrationen benützt, und einem anderen, an dem er die 
Anatomie dre Trachealgegend demonstrirte. (p. 63—75.) 



4» 

Mt lytimliMi der hadMMk (p. 77). 

Er besehreibt suerst die lostrumente und dnon 4a» ope* 
mtlve VerfahreD. 

In^trumeote. 

1) Bistori. Man bedient sieh gewühnlieh sweier Bi- 
sturifl) eines geradlinigen epitsen und eines geknöpften, des 
ersteren zum Einschnitte in die Weiehtheile, som Biostiebe in 

»die Trachea und sum Durehschneiden der beiden ersten Binge 
derselben; — des zweiten zur hinlänglichen Erweiterung des 
Biiisohnittes, um die Kanäle einbringen su können. 

2) Einer biegsamen Hohlsonde, worauf die sub* 
kutanen WeiehÜieile bis zur Trachea eingeeobnittea werden. 

3) Einfache Sezir*Pin«ette — and solche aam 
Schieben und Peststellen, um die Trennung der Weich- 
theiie zu unterstatzen, und um die Oefitose su fassen, welohe 
zttfftllig unterbunden, gedreht oder komprimirt werden mflssesu. 

4) Hacken, stumpfe Auflieber, um die Theiie, je nach» 
dem sie getrennt sind, auseinander zu halten, die unterliegen- 
den Theiie und die Trachea bloszulegen. 

5) Ein Dilatator, um die Wunde zu erweitem, damit 
Blut, Schleim und Pseudomembranet) ausgestossen werden 
können, hauptsächlich aber, nm das Einbringen der Kanüle 
zu erleichtern. Y. bedient sich jenes von Troussean, deto 
auch Gnersant angenommen hat*). 

6) Die Kanäle (p. 81). Zunächst gibt hier V. ihre Ge- 
schichte von Fabricius von Aquapendente bis Trons- 
sean und Demarquay — von der einfachen geraden bis 
zur doppelten geraden, von der gebogenen einfiichen etc. bis 
zur Klappen- und Dilatations -Klappe — stets sie einer kriti- 
sehen Beurtheilung, ihrer Zweckmässigkeit wegen unterwe^ 
fend **). V. selbst wandte bereits die Modifikationen Char- 
ri^re's und Luer's an, und gibt ihnen den Vorzug. 



*) y. geht nebenbei auf eine Kritik anderer Erfindungen von 

derartigen Hacken ein. (p. 79 — 80). 
**) Bekanntlich waren diese Tracheal-RanÜlen bei der letiten In- 
ternationalausstellang in London su sehen. 

Barboea hat Tor Tronseeaa in seiner Arbeit die dts- 



4n 

7) Oebogese Ringaange m\i Ungas Endea, 
j^tnea 4» OseTsant gawttnt, um PseadotnembnuieB aus da» 
TnMhaa sh föröeni. 

8) Wfsaher Ya-n Bobwamm, imd dia Kanäle rom 
Boli te t Bi und PaeadovienbraoaD su raiDigeB, dann aber aaeki 
vai danh die Trachea von diesen Malarien zu befreien, weMi 
aie der Inapiration hinderlich werden. 

9) Ouarsant's Tracheal-Aepirator (p. 88)) un» 
Bhil, daa in die Luftwege gedrungen, auszusaugen. Er be- 
atebl in einem Tubus von etastischem Gummi. In Brmangel«- 
tt«g dessen kan» aoeb eine dieke elastische Sonde dazu dienern» 

iknsser den angefob^en Instrumenten bedarf es noch 
ainea Tenaealums, einer Stell -Pinzette, Saheere, gewidister 
Fftden zu Ligaturen, eines Scheibehens Heftpflaster mit einem 
Loche in der Mitte, welches genau dem Kaliber der KanOla 
cDtapricht, um damit die Wunde zu bedecken, zweier Bted^ 
eben, welche sich an die Seitenröhre der Kanäle befestigen, 
und im Nacken oder an einer der Seiten des Halses gebun« 
den werden, am dia Kanttle in ihrer Lage zu erbarten. Sie 
können am besten nach Chassaignac's Vorschlag von ehi- 
stischem Gummi sein, um die Zirkulation nicht zu beeintrftch- 
ügen. Endlich gehört auch noch unter die Operatlonsrequi« 
silctt eine Halsbinde von Musselin oder 6as 3 — 4 mal znsam« 
owngelegt, um damit den Hals, nach Einlegung der Kanäle^ 
einzohollen und sowohl den Eintritt kalter Luft oder fremder 
Kftrper in die Trachea abzuhalten. 

Operationsmethoden (p. 89). 

Indem Barbosa der Methode von Trousseau den Vor- 
zag gibt, unter geringen Modifikationen, besehreibt er dieselbe 
auch bis ins Einzelne, w&hrend er mit anderen sieh weniger 
onMMndlich befasst. 

Modifizirte Methode Troueseaa's. 
Bei dieser Operation sind wenigstens 3 Qebfllfen noth- 



tischen Kaliber and KrflmmoDgsmaasse für Kinder vom Alter 
nnter 2 Jahren an bis zn 12 Jahren und für mftnnliche und 
welbUehe Subjekte anfgefiommen. (p. 84.) 



414 

wendig. Der erete stellt sich dem Operateur gegeDttber, links 
▼OD) Kranken, und hilft die Hautfalte bilden behufs des. 
ersten Einschnittes (wenn man die Operation so beginnen 
will), -— trocknet mit Schwämmen das Blut weg, hftU die 
Wundlippen mit den stumpfen Hacken auseinander, konsprir 
mirt die OeAsse, welche Blutung verursachen, hilft unterbin- 
den, wenn es nöthig sein sollte, und reicht endlich dem 
Operateur die erforderlichen Instrumente, wenn kein anderer 
Assistent zur Hand ist. Der zweite Oehfllfe stellt sich hinter 
den Kranken, dessen Kopf auf einem zwischen den Maoken 
vnd die Schultern desselben geschobenen Kissen dadurch 
ftxirend, dass er 2 Finger jeder Hand auf die Seitentheile 
des Unterkiefers legt. Der dritte Oehülfe hat den Kranken 
durch den Rumpf in möglichster Unbeweglichkeit zu erhalten, 
gleichzeitig sich dessen Hände Ycrsichernd, damit er keine 
unzeitige Bewegung damit unternehme. Wird die Operation 
Nadits yerrichtet, so bedarf es noch einer Person, um die 
Gegend gehörig zu beleuchten, wo operirt wird, am besten 
mit WacKsstöeken, weil sich mit diesen die Wunde am näeh- 
sten kennen lässt 

Chloroformiren oder Anästhesiren verwirft V. durchaas. — 
Der Kranke, entkleidet, kaum mit einem Leintuche oder einer 
Decke bedeckt, muss in horizontaler ROckenlage auf einen 
schmalen Tisch gelegt werden oder ein anderes hiezu tang- 
liches, entsprechend bedecktes Meubel. 

Wird bei Tag operirt, dann muss dieser Tisch einem 
Fenster gegenüber stehen, damit das Tageslicht sehr schnell 
den Theil beleuchte, an welchem operirt wird, und damit der 
Operateur genau jeden Punkt der Wunde sehen könne, welche 
er macht. So entgeht man auch am leichtesten der Verletz- 
ung von Oefässen und vollendet ungestört die Operation. 

Unter Nacken und Schultern des Kranken ist zugleich 
noch ein kleines, rundes, hartes Queerkissen einzuschieben^ 
wodurch der Kopf des Kranken niedergehalten, der Hals aber 
hervorgestreckt wird, welchen der hinter dem Kranken stehende 
Oehfllfe zu fixiren hat. Der Operateur, zur Rechten des 
Patienten, untersucht zuerst sorgfältigst die Larjngo-Tracheal- 
Oegend, um die wahrscheinltche Tiefe der Trachea, dann, um 



415 

die Dioke und Besistens der Gewebe zu enaeaseo, welche 
sie von der Haut treoD^i) — ferner^ um während der Exspi- 
ration die Richtung und den Trugeszenzatand der Unterhaul- 
Tenen zu beobachten, welche, je mehr sie entwickelt sind, 
anaeigen^ dass die tiefer gelegenen im entgegengesetzten Vel^ 
h&ltnisse sich befinden, in welchem Falle weniger H&morrha- 
gieen zu besorgen sind; - und endlich, um durch Befahlen 
der Mittellinie des Halses die genaue Lage der Cartilago cri- 
eoidea zu ermitteln, welche die obere Orenze des Hautein- 
Schnittes bildet. Dabei ist letztere ja nicht mit dem unteren 
Bande der thyroidea zu yerwechseln, was den Nachtheil h&tte, 
dass man den Einschnitt tiefer unten begönne,, und demge- 
mftss n&her an der Arteria innominata. 

Mit der linken Hand fosst er nun den Larynx, h&lt ihn 
fest und hebt ihn in die Höhe, um damit die Haut in der 
Tradiealgegend zu spannen, mit dem Bisturi in seiner Rech- 
ten macht er sodann einen Vertikalschnitt genau in der 
Mittellinie des Halses, Yom Knoten der Cartilago cricoidea 
bis ein Gentimeter dem Schlüsselbeine zu« Dieser erste Ein- 
schnitt l&sst sich auch machen, ohne den Larynx zu fassen, 
indem man eine Querfalte, der Trachealgegend entsprechend, 
macht, und sie senkrecht in der Mittellinie einschneidet« 

Wer sieh nicht sicher h&lt, diesen Einschnitt sehr gerade 
und genau in der Mittellinie zu machen, dem rathet Trous- 
seau, die Stelle zuvor mit einem Tintenstriche zu bezeich- 
nen, auf dem er sodann das Bisturi hinfahrt. 

Dieser Einschnitt muss zwischen den bezeichneten Gren- 
sen die vollste Ausdehnung haben, um die weiteren Handr 
griffe der Operation zu erleichtem und Emphysem zu ver- 
meiden, das h&nfig entsteht, wenn die äussere Wunde zu 
klein ist. So wird das Interstitium oder die weisse Cervikal- 
Unie, in vertikaler Richtung zwischen dem Musculus stemo- 
hjoideus und Stemo-thyreoideus gelegen, biosgelegt. Nach- 
dem die Wunde gut von Blut gereinigt ist, wird diese 
weisse Linie mit einem geradlinigen und spitzigen Bisturi auf 
einer Hohlsonde eingeschnitten, die Muskeln selbst mit dem- 
selben Instrumente getrennt, mit Zangen oder stumpfen 
Hacken ausehaandei^ehalten. Der eine davon wird dem 



416 

Oehalfen abergeben, der sie mu^ der tfokeii Seite iteht, d«r 
Midere gleiehAtlis, oder aber der Operateur aiiiMt flm te 
•eine linke freie Haod und sieht sie damit oadi der reehteii 
Seite. Zuweilen ist diese aponennotisehe Liaie nleht lelir 
angenseheinlieb swisehen den Muskeln, indem sie dareh &re 
inneren Rftnder verbunden sind. In drssetn Falle eind di^ 
MoskelAbem in der Medianlinie zu trtanen. 

Naeh dieser zweiten Durehsehneidung, weaiger ausge- 
dehnt als die erste, entdecken Finger und C^ieht ganz ober- 
i&ehlioh den Isthrnm des Corpus thyreoideum mehr oder 
weniger gross und einen, zwei, zuweilen mehrere der ersti^ 
Traehealringe bedeckend; -> gleich darunter ist der Plexus 
sub-thyreoideus venosus und die Arteria Neubaueri oder 
thyrioidea media, wenn sie vorhanden ist; -^ unterhalb, in 
der Fossieula jugularis oder Innominata, kann man die Vena 
subohivia sinistra sehen oder fühlen -^ ebenso die Artcrh 
braohio-oephalica, welche ein G^halfe mit einem Finger oder 
<ler Operateur mit dem linken Zeigefinger schatiKea mOsBeU, 
damit sie nicht verletzt werden, welches die sohweieten und 
•traurigsten Folgen haben würde. 

Der Plexus venosus, wdcher vor der Trachea anter dem 
Isthmus des Oorpus thyreoideum liegt, ist sehr oft aus para- 
lellen und vertikalen Venei zusammeagesetzt, welche vor- 
sichtig mit einer Sonde zu trennen sind, und aus der Mittel^ 
Hnie mit stumpfen Hacken zu entferneo, damit sie nicht ver- 
letzt werden. Dieses ist jedoch nicht immer möglieh, weU 
sie schiefe und quere anastomosirende Zweige haben, welche 
notbwendig zerschnitten werden mOssen, um die ▼orderfl&ohe 
der Trachea bloszulegen. V. glaubt als Vorschrift feetstellei 
zu rnttssen, langsam and vorsichtig zu Werke zu gehen, um, 
so viel möglich, Oef&ssverletzung zu vermeiden, sei es wegen 
arterieller Anomalie oder aus anderer Ursache. Zu diesem 
Zwecke entferne und verschiebe man nach den Seifeen hin 
oder nach abw&rts jene Theile, welche geschont werden 
müssen. 

Wurde irgend ein Arterienzweig durohschnitten, so ist 
er unmittelbar zu u&teAinden , und vor Eröffnung der Kehle, 
entweder bloss an der Herzseite, wraa der Zweig fein iät, 



41t 

* 

ab«r m beiden Bttremit&ten, wenn er Mhon von eini- 
gen Kaliber ist Das Oleiche gilt da, wo die Blatung tm 
#iMr volimindsen Vene abkftngig ist 

WenA die Blalutig aus dem Plexus sub-thyreoideos 
konnit) dann hat sie gewdknliob weniger zu bedeuten ; deaa 
sobald die Respiration durch Einbringung der Kanflle herge- 
stellt ist, hört audi ungesäumt der Bluterguss auf IMe Sin- 
lAmng der Kanüle in die Traohea hat ausser dieser Wirk- 
ung, welche unbestritten die hauptsächlichste mit ist, noch 
a w se m anderen bulfreichen Vorzog, nftmlich den, der durch die 
KoiBffession des Metall-Tubus auf die verletaten Venen aus- 
geübt wird. 

Ist die Trachea entblöst, dann muss sie vollends fllr 
Gesiebt und Oefühl, 3 — 4 Centimeter lang, angefangen rom 
«Aleren Rande der Oartilago cricoidea, biosgelegt werdra. 

Ist jede Blutung so viel n>ögli<^ durch Fingerdraek, 
Schwamm, Hacken , Zw&ogzange, oder endlich durch Untcor- 
bindung, je nach dem Falle, vollends gestillt, und die Wunde 
durchaas rein, dann bringt der Operateur den Nagel des 
Zeigefingers der linken Hand auf die höchste Stelle der 
Wunde sunäehst unter dem Isthmus Ihyreoideus oder so nahe 
als möglich an die Oartilago cricoidea, um die Trachea wohl 
an fixiren und um zu verhindern, dass sie seitwärts ab^ 
weiche*). 

In jedem Falle muss das geradlinige und spitze ffistari 
in dritter Position am Nagel des linken Zeigefingers des 
Operateurs herab senkrecht in die Mitte der vorderen Tra- 
ebealwand und so nahe als möglich an der Oartilago oriooi'* 
dea dngestooheii werden. 

Je mehr man sich vom Latynx entfernt, um so wahr* 
seheinlicher wird der Plexus thyreoideus, um so tiefer liegt 
die Trachea, um so mehr riskirt man, irgend ein bedeutendes 
Oeftss au verletzen, und um so leichter endlich kann man 
die Kanäle aus Versehen in das äussere Zellgewebe derIVa* 



*) Bekanntlich hat Bauchet einen Fixator tracheae vorge- 
schlagen; zu ähnlichen Zwecken soUen die Instrnmente von 
Oarmi^hael nnd Langenbeck dienen. 



418 

ehea einführen. Operirt man dagegen mehr aufwftds, daiui 
kann höchstenB Verletizung des Isthmus thyreoideus sieh er- 
geben, was stets weniger Blutung liefert, als jene des Plexus. 
Und dießes ist für V. der Orund, die Inusion der Traehea so 
nahe als möglich au der Cartilago cricoidea vorzunehmen. 

Sowie das Messer in den Luftkanal eingeführt ist, be- 
schreibt man mit dem Instrumente einen Kreisbogen and Ein- 
schnitt von oben nach unten, so, dass er 4—5 Traehealrioge 
trifft, und nicht unter anderthalb Gentimeter betrage« 

Im Momente des unteren Einschnittes in die Trachea 
sucht V. die linke Vena subclavia und die Arteria innomi- 
nata mit dem Zeigefinger der linken Hand zu schützen, wel- 
chen er ' mit der Palmarfl&che in den unteren Wundwinkei 
einführt, dessen Spitze auf die Trachea stützend. Diese 
Praxis ist für den Operationsprozess eine grosse Sicherung 
und begegnet den grössten Gefahren desselben, weshalb sie 
wob V. als sehr nützlich empfiehlt, (p. 94.) 

Der Kath, zum Einschnitte in die Trachea den Moment 
zu gewahren, wo der Kranke inspirirt und dieses Organ sieh 
erhebt, ist weder sicher noch leicht. Auch hält er es filr 
unpassend, die Trachea von unten nach oben einzuschneiden 
mit dem Bisturi in vierter Position. Nur im Falle, dass zu 
tief unter der Cartilago cricoidea der Einschnitt begonnen 
worden und weiter unterhalb nicht mehr Raum genug für sie 
zu haben wäre, darf der Trachealschnitt von unten nach oben 
gemacht werden, um der Arteria innominata und der linken 
Vena subclavia auszuweichen. Die Oeffnung der Trachea 
durch den Einstich kündigt sich unmittelbar durch ein cha- 
rakteristisches Geräusch an, hervorgebracht durch Austritt von 
Schleim und Gas aus den Luftwegen. 

Ist die Trachea in der zur Einbringung der Kanüle nöthigea 
Ausdehnung geöffnet, dann verschliesst der Operateur für den 
Augenblick die Oeffnung mit dem linken Zeigefinger, um Blut- 
eintritt in di# Luftwege und Luftinfiltration in das Zellgewebe 
zu verhindern, — und vertauscht das Bisturi mit Trous- 
8eau*s Dilatator, den er, über dem Nagel desselben Fingers 
hinwegleitend, tief in die Trachea einführt. Er öffnet sodann 
den Dilatator, und zu gleicher Zeit ^hebt der Gehfllfe, wel 



41» 

duBr diin Köpf dte Kranken gehalten,, letzteren ein wetig\ 
mn <fie Bntfemung der Wandränder von einander etwas zu ' 
arleiohtcnrn , ebenso auoh nebenbei den Austritt von Schleim^ 
Btot, Biter, Brueh&tOeken von Pseudomembranen^ welche 
mähr oder weniger die Lnftröhre verstopfen und bei dieaef 
Ctelegenheit dnrcb 4en Hasten ausgestossen werden. 

Ist so die Traohealwunde erweitert, dann dringt die Luft 
nit Leichtigkeit in die Athemwege ein , die Respiration gebt 
leichter von Statten und die Venenbltitung steht gewöhnßcb 
stiH. Zeigen sieh Pseudomembranen, die nicht freiwillig aus- 
treten, dann zieht man sie mit Guersant^s oder einer ge- 
wöhnlichen Zange heraus, je nach ihrer Lage. Nun wird 
awisohen den Schenkeln des Dilatators die Doppetkänflie in 
die Traehea eingeschoben, welch* erstere nach Alter und Ge- 
aefalecht verschiedenen Kalibers ist und mit ihrer Konkavität ^ 
nach unten und vöme sieht. 

Die Kanäle muss mit einem Heftpflasterscheibchen ver- 
seben sein, um die unmittelbare Reibung der Wände durch 
den Vorsprung des Instrumentes zu verhindern, und gleich- 
seitig der Bildung von Emphysem im Zellgewebn des Halse? 
yorzubeugen. Sie bat wenigstens 1—2 Centimeter tief vom 
unteren Winke] der Trnchealwunde einzudringen, damit die 
Stösse des Hustens sie nicht aus ihrer Lage verrOcken und 
in das SSellgewebe des Vordertheiles der Trachea eintreiben, 
wie sotehes bereits vorgekommen, und der Kranke dann 
atirbt, wenn nicht noch rechtzeitig die Kanüle in ihre rich- 
tige Lage zurOekgebracht wird. (Trousseau, Joum. des 
eonnaisg. medico^ Chirurg. Sept. 1834.) 

Ist aohin die Kanüle gehörig in die Trachea eingebracht, 
80 tritt die Luft durch dieselbe mit Leichtigkeit ein und aus, 
and durch sie hat auoh die Expektoration der schaumigen 
Schieiramaesen und der Hautfragmente Statt, die sich zufallig 
in den Luftwegen befinden. 

Ist die Tracheaiöffnung klein und nicht hinlänglich er- 
weitert, dann ist wohl vorgekommen, wenn auch nicht in 
Portugal, dass die Kanttle, statt in die Luftröhre, in das Zell- 
gewebe der Trachea eingeschoben wird. Es ist dieser Irr- 
thom leicht zu gewahren; denn die Luft strömt dareh die 

28 



m 

Exspiration nii^t heraua, was sich gaw^reA.lSi«9i, wmtn man 
die Haad, einen beweglichen Faden oder eine ilookige Fedec 
vor die Oeffnung der Kanüle b&it, ja die Beapiraüon, als 
solobe, stellt sich niebi wieder her, eben so wenig siebt lOAtl 
schaumigen Schleim u. s. w. durch die KanQle ans den Uiür 
wegen ausgestossen werden. Um (tteaeia Zufalle zu begssg-» 
nen, erweitere man die Tracbealöffnung mit einem geknöpf- 
ten Bisturi, indem man einen der Einschnittsjpunkte, am beste» 
den oberen, verlängert Lässt sich die Erweiterung jedodi, 
nur am unteren Winkel anbringen , so gebrauche man ja die 
Vorsicht, die äusseren Trachealtheile mit de«a Zeigefinger der 
Unken Hand zu schätzen. 

Sind nun alle diese Vorgänge gehörig realisirt und ist 
die Kanüle aaf schon angedeutete Weise befestigt, ut»d stellt 
sich dennoch die Respiration noch nicht ein , dann sind Blut, 
Schleim oder Pseudomembranen in der Trachea, welche durch 
den Husten noch nicht durch die Kanüle hindurcji ausgQBtos- 
sen worden sind. Dagegen taucht man mit Vortbeil einen 
schwammigen Wischer in laues Wasser und wischi damit die 
Röhre einige oder mehrere Gentimeter tief aus — den Wischer 
drehend und bei diesem Akte nicht mehr als 2—3 Bekuaden 
verlierend. Man erzielt hiemit nicht aHein HerauafiOrderung 
von Substanzen aus der Trachea, sondern man erregt damit 
auch Hustenanßklle, welche die in den Luftwegen enthaltenen 
Stoffe herausstossen , nachdem sie durch den Wiechev nicht 
konnten entfernt werden. Ist Trockenlieit in der Tracbear 
eingetreten, dann mache man lauwarme Einsprilzungen^ welche 
befeuchten und den Austritt erleichtern. Das Aufwischen 
kann man 2 — 3mal in einer Sitzung wiederholen, ohne jedoch 
für das Auswaschen und Reinigen je mehr als 2— 3 Sekunden 
zu verwenden« Entfernt nun aber der Schwammwiseher daa 
Respirationshinderniss nicht, weil die Pseudomembran zu fest 
adhärirt, so lässt sich Breton neau's Instrument substituiren. 

Sobald aber trotz aller dieser Mittel die Respiration 
schwer und geräuschvoll bleibt, dann kann man es für ein 
sicherea Zeichen übler Verkündung nehmen > denn dann et* 
streckt sich das Hiuderniss unterhalb der gemachten Oeffnung 
und lässt sich wahrscheinlich nicht entfernen. Da V» das 



4ai 

üebel ftir ansteckend hält, ist er nicht ftlr Aussaugung der 
Stoffe durch den Arzt. 

Nach Tollendung der Operation und bestmöglichster Her- 
stellung der Athmungsfunktion bedecke man die OeiRiung der 
Kanäle mit einer Binde von mehrfach zusammengelegtem 
Musselin oder Gas, die man um den Hals schl&gt. Dieser 
Oebraudi ist so alt als wichtig, indem er schon von dem 
Alterthum, dem Ifittdaher, so wie auch von der Neuzeit em- 
pfohlen wird. 

Dieses ist die genaue Beschreibung von Barbosa^s 
Operationsmethode des Kehlschnittes gegen Krup. Sie lässt 
sich auf 4 Tempos resumiren : 

1. Tempo: Hautschnitt und Einschnitt der Fascia super- 
ficialis in der Mittellinie des Halses vom vorderen Höcker der 
Cartilago cricoidea bis ein Centimeter oberhalb des Sternum. 

2. Tempo: Einschnitt der weissen Linie der Cervikal« 
Aponeuroae awischen dem M. Bterno*hjoidetts und stemo* 
thjreoideus mit einem geradlinigen spitzen Bistori auf der 
Hohlsonde, — Trennung der Muskeki und Venen dea Plexus 
sob-thyreoideiis durch stumpfe Hacken. 

3. Tempo: Einstich in den höchsten Punkt der Mittel- 
tiiiie der Traobea — Einschnitt auf eine Vertikale von 1^/^ Gen- 
tilli«ler abwies, weloher 4 — ^5 Kingeknoorpel trift. 

4. Tempo: Einbringung von Trousseaii*« DilatatOfr 
in die Traehealwunde, unmittelbare Erweiterung derselben — 
Enfakrung einer doppelten, gegliederten, mit einem Reh* 
pflesleraeheibchen versehenen KanQle; — Fixlrung dieses la- 
slrammites dureh die Seitenbttndchea — Anlegung der Kra- 
vatle um den Hak herum und Bedeckung der Oeffnuug des 
BOhrehens. 

Far die bemerkenswerthesten Methoden erachtet Bar- 
bosa ausserdem Jene beiden von Chassaignac und von 
Maisonneuve, wovon er (von S. 98 bis 104) ausführliche 
kritische Beschreibungen gibt, welche wir jedoch als in der 
deutschen Literatur, theiis in den F&chem der Kindefkrank- 
heiten, theiis der operativen Chirurgie u. s. w. hinlänglich 
bdtannt übergehen. 

28* 



m 



Besondere Zufälle, (p. 105.) 

Ihnen ist, niciit ohne re^llep, pri^kti^eben {fo^en^ ein 
eigenei; Abschnitt gewidmet. 

Unodittelbare Zufälle. 

Hftmorrhagie: kann aus den w^khrend .dor OpecaiioD, 
am Hal§e äusserlich ^v^rletzti^n Arterien oder Venen erfolg.eii^ 
oder aber auch aus den Haargef&ssen der TraG)iea.i69hleia|-, 
haut. 

Venenblutung ist am häu6g8ten; — nur diese hat V. 
beobachtet Sie hat gewöhnlich zur Ursache ein^ Venenver- 
letzung des Plexus sub-thyreoideus , welche zuweilen so ana- 
stomosiren, dass es unmöglich ist, sie zu Vermeiden. Sehr 
ausnahmsweise könnte sie von Verletzung einer völutoinösen 
H&lsvene abhängen, wie der jugularis, subclavia sinistra oiet 
innominata. 

Kommt die Blutung ans dem Plexus sab-tfiyreoideu«, 
weiche zuweilen sehr bedeutend ist, wenn dessen Venen in 
Folge einige Zeit andauernder Asphyxie aufgetrieben Bind, 
dann reicht Kompression mit den Fingern, einem Bohwaorabe 
oder mit 8tell*Pinzetten hin. Sind alle diese Mittel fi*uofatlo8, 
dann ist es nothwendig, den Blutfluss schnell zu stallen, um 
den grossen Naohtheifken zu begegnen, weldie sieh bei ENph"» 
dierisohen aus Blutverlust begeben. Das sicherste Mittel in 
diesem Falle ist^ die Tf^chea ohne Zeitverlust . au <^en und 
die KattQle einzufahren« Wenn selbst naoh hei^steUter Re- 
spil*ation die Blutung noch fortbesteht, wae V. nie^.beotMkdh 
teie, so hat man müt Scharpie, Zunder oder feinem Sohwamme 
in eine leichte; Auflösung von Perchlomretam iferri getaucht 
und um die Kanüle auf das Heftpflaster- Scheibchen gelegt, 
zu komprimiren. 

Kommt die Blutung aus einer voluminösen Halsvene, und 
ist die Qlompressinn unzureichend, dann muss die Unterbind*, 
ung gemacht werden. 

Arterielle Blutung, kann, aus der Arteria thjreoidea medjm 
o^rotidea, innoniinata, oder aus anderen Arterien unr^gel- 
massigen Verlaufes entspringen. Bei arteriell^ Blutungen i^iiss. 



66 schtiell als tnögHch noch vor Oeffiaung der Trachea die 
Unterbindutig gemacht werden. 

(Kapilläre Hämorrhagie aus der Schleimhaut der 'IVachea 
-beobachtete Chassaignac einmal und beschwichtigte sie, 
fndem et ^in fiiustgrosses Stück Eis äusserUch überlegte.) 

Der Binlritt von Blut in den Respirations- 
kanal'faat Blutungen zur Ursache — daher diese und der 
Bluteintritt 'zu vermelden. Man kommt ersterem zuvor, wenn 
man bei hidlÄnglicher Beleuchtung operirt, einen hinlänglich 
groffsehf Einsdhhitt macht, die Wundränder gehörig mit Haisken 
oder ötlirhpfert Aufhebern auseinander hält, um jene Theile 
gut offen zu legen, welche noch zu durchschneiden sind, endf- 
Ufeh^ wenn man mit möglichster Umsicht operirt, um Oefäss- 
v«rFetzung zü vermeiden. 

Wo aber Blutung unvermeidlich, da suche mau sie noch 
vor Oeflhnng der Trachea diirbh die' bereite erwähnten Mittel 
i'a hemmen! Kommt man auch damit nicht zarecht, dann 
5Bne niah schleunigst die Trachea und bringe die Kanüle ein, 
um die Fortdauer der Blutung and ihrer schrecklichen Folgen 
iu' verhindern. G'efäth'Bint In 'die Trachea und in die Bron- 
chien, 80 stösst es die Natur vermittelst Hustens durch die 
ffanäle aus. Tritt diese Selböthüife nicht ein^ so muss man 
die Tracheaf- Schleimhaut hlezu durch den in die Kanüle ein- 
gebrachten Schwamm Wischer reizen. Gelingt dieses nicht, 
dann hat 'mau ungesäumt zur Aussaugurig mit Guersant's 
Äspirateur alu schreiten, oder man bedient sich hiezu einer 
dfasTischeti Röhre mit Konduktor, oder endlich, in deren Er- 
mangelung, eines elastischen Katheterd von der dicksten Sorte! 
fRoux, Ricotdetc. sarogten bekanntlich mit den Lippen!) — 

Bfeheintod (p. 108) kann in Folge von Asphyxie oder 
von Synkope sreh' begeben. Gegen den ersten Fall sind die 
besten Mittel: „die Aussaugung des Blutes, wenn dessen Ein- 
tritt* die 'Veranlassung zur Asphyxie gewordien — die Insu- 
flätion' Tnif Mortd' öder mittelst einer elastischen Röhre, unter 
gleichzeitiger Pression auf Unterleib und Thorax regelmässig 
altemirend, tnft Anwendung von relzeüden Friktionen, Be- 
Äpritzeti des Öesidi^es mit kaltem Wasser, Reizung der Näsen- 
ttäd 'Sdilutidiichleimhaut mit eixiet Federöpule In Essig ge- 



t^eht, ui^d in Naa^phöble und Schlund eiog^ftlhr^ Qeiaa^l- 
ung mehr oder weniger aber den Köper auagedebol, IJt^ 
kation eto. 

Im »weiten Falle, welcher stete Wirkung yon BluiuQg 
ist, sind, ohne Zögern und Zeitverlust, alsogleiob anzuwen- 
den: reizende Reibungen , fliegende Sinapism^n, Oeiss^lung, 
trockene Sohröpfköpfe auf Herzgegend, heisse Fuss- und Bandr 
bftder, elektrische Reize, Besprengen mit kaltem Wasser odv 
Wasser und Essig, ikether-Inspirationen, solche von Kräuter- 
essig, Ammonia, horizontale Lage, — endlich als Beihülfe 
abweehselnde Pressionen auf den Brustkasten, Bauch, Lungao- 
Insuflation. 

Die Synkope, welche zuweilen beim Kehlscbnittß mk 
ereignet, dauert zwar gewöhnlich kurze Zeit, kann eich jc^ 
doch auch über 10 Minuten erstrecken« Man ipuss jedoch 
weder bei Asphyxie noch bei Sjnkope verzweifeln, i^dAm es 
schon gelang, Kranke aus diesem sehr geAbrlichen Zustande 
zu reissen durch fortgesetzte Bemühungen, ^^Ibst wenn du^ 
anfangs erfolglos schienen. 

Verletzung der Backwand der Trachea (p^lQS.) 
wurde in Lissabon nie beobachtet 

Verletzung der Speiseröhre (p« 109) kommt wob) 
noch seltener vor. Bekanntlich begegnete sie A. B^rard. 

Konvulsionen ereignen sich äusserst selten wILhrend 
oder unmittelbar nach der Tracheotomie. Kommen sie vor, 
so sind sie wahrscheinlicher Weise Folge von CerebraJkon- 
gestionen durch Athmuiigsbeschwerden bedingt Wir }iaben 
deren bereits erw&hnt — Hillard bringt eine Beob- 
achtung Almagro's vor und wir kommen noch dahin 
bei der Kasuistik. Bei einem Falle B|arbosa's (33) und 
jenem von Tbeotonio da Silva (32) war der AiVgang 
tödtlich. 

Emphysem entsteht durch Missverh&ltnis? dar Wunde 
der Bedeckungen und der Trachea oder bei zu kleiner Oeff^ 
nung letzterer, welche die Einbringung des DiUtaiors und 
der Kanüle erschwert In solchen F&llen esscbeint Infiltration 
der Luft unmittelbar oder bald nach der Op^eration, zuweilen 
selbst vor Einbriogu9|; d^r B^üle — wodureh l^t^^^r^ d^m 



fkimi^g iet. In andere« fftllen tritt das Emphysesi nach 
cnier oder mebreren Stunden auf die Operation ein , — und 
käagi dann von der Kanäle selbst ab, welehe, aus der Traehea 
gerattieii, sieh' vor dieselbe gelagert und mehr oder weniger 
4le WMdöibuig Temtepft hat 

' Sh besobrftnkt sieh meistens, t>einabe imsser, auf das Zell- 
geiwebel um die Wunde und am Halse; — dann ist es auek 
rtl Zuftkll ohne 0efebr, 2 bis 3 Tage andauernd. 2uweilea 
«PSiMckt es sidh jedoeh auch auf das Qesioht, und entstelU 
dann die Kranken ausserordentlieh, — aber auch dann kann 
man ea noch nicht ftir eine geft^hrlkhe Brscheinung erkl&ren. In 
Nieder anderen Fallen erstreckt es sich jedoch auf di# Brust 
tttid Wgi daau bei, mehr oder weniger das Athmen tu be- 
eilttr&chtig^B ; ^ endlieh wird die Infiltration mehr oder we^ 
niger aJlgemein — und steigert sieh zu einem sehr gefUir- 
liehen Bjmptome in folge i^en Dyspnoe, Oeschwalst, und in 
Folge der Tiefe, in welche sie die Tradieal wunde vereetst, 
SO, dasrdie gewöhnliehed Kanülen nicht mehr hinreichen. 

Wird demnach die Traeheotomie Torgenommen, so ist 
es netfawettrfig, alle meehaniscken Ursachen %vl vermeiden, 
welche sie veranlassen können, und hat sieh dennoch Infll*- 
tration gebildet, so hebe man ^uif&chst die veranlassenden 
Ursachen. . • . 

Konsekutive ZufUle. (p. 1100 
'Diphtherie.' Sie ist konstant im infektuösen Krup -^ 
und sogar häufig im einfachen Oarroülho. 

' Man veihütet oder zerstört sie am besten, jene Mund- 
dtpAitherie^ indem man dieselbe kauterisirt. (8. Behandlung.) 
'Einfaches, phlegmonöses Brysipelas, Oan^ 
gran. Aenseem sich dieselben^ an den Wundstellen oder 
det0B Ktthia, so liegt ihr Orond im Allgemeinen in diphtheri- 
•dier Intoidkation, bestehen gleichseitig mit Munddiphtherie 
tmd hangen von der herrsAenden Krankheitskonstitution ab. 
Die - zweokttiässlgste Behandlung dagegen sind Kauterisation 
det Wunde, tonische; dto Umständen angemessene Alimen- 
tation, von Arzneistoffen die Chinaprftparate, Perchloruretum 
ftMf« • 



O^achwiiUt dor Saboiaxillardcttsea i«t 
Folge vQo GuUumldiphtberie (Beob. 16 und 23). Isi oie 
geling) daoD bat die wenig Bedeutung and sertheUi sieh enl- 
weder von selbst oder durch einige Einreibangeb eiset Jo4- 
salbe mit Belladonna. Ist sie bedeutend,, dann ist ai« -Folge 
▼on diphtberißober Intoxikation und demnaeh ein aehlimnies 
prognostisches Zeichen. Dann hat aber aach die Lokalbe- 
handluQg wenig Erfolg — hier ist die allgenieine antidi^ 
therisohe Behandlung angezeigt, obsohon selbst diese wenig 
Aussicht auf Elrfolg verspri^t. 

Austreten der Kanüle aus der Traehea (p* 112) 
ereignet sich zuweilen (Beob» 37). Es fknd dievea Statt, 
weil die sie flxirenden Baader zu schlaff waren. Die Folge 
davon waren asphjktisehe Phänomene. Zum Glfleke befand 
siioh Barhosa eben im Hause der Kranken, um die Kanäle 
wieder einzubringen und die BLranke wieder zum LebcAi aa* 
raek74ufübren, das am Erl6schen war. 

S.ubkutanes und Pleura-Smphysem ist als Folge 
der Tracheotomie äusserst selten -^ und d€A Austritte oder 
der Dislokation der Kanüle zuzuschreiben« Es bat ia Bezug 
auf Oegenbülfe Alles zu gelten, was Ober Austritt deir Kanüle 
bereits gesagt worden ist* 

Eiterung im Mediastinum wurde nie in, ^oU aber 
ausserhalb Portugal beobachtet. Die örtliche Behandlung lei- 
ten die allgemeinen Regeln; die innerliche erfordert üfllfe- 
leistung. mitTonicis, nach dem jeweiligen Zustande des* Kran* 
ken modifizirt. 

Sekundärer Biutfluss (p, 113) ist oft Bymptoai von 
infektuösem Krup, kann aber auch wohl Folge sein von Qe- 
flitovereiterung durch die Kanüle veranlagst. Im ersten. Falle 
ist eine Joniische Behandlung angezeigt, diätetisch und me^i* 
kamentös mit Inbegriff einer limoaade, in der Peroblamr^r 
tum ferri gelöst worden. Im anderen Falle, wo Eiterung 
durch die Kanüle Veranlassung gab, muss diese herau$ge« 
nommen werden, um eine andere einzubringen,. welohe nicht 
diese Nachtheile hat. Y.empfieMt die von Luer und Char- 
ri^re als die zweckdienlichsten. In einem wie im andere 
Falle hat man gleichzeitig eine hämostatische nach dem Siitad 



er 

«oi Dftoh andlerai begleilenden UBiet&Dd«ii der Blntang ein- 
geriBbtete Hflife so leisten. Ist diese ftUsseriich, dann kanb 
Kompression mit Zundersehwamm,- einem feinen JBteliwibnm- 
alten oder Seharpie, mit einer L<toung von Perokloniretam 
tum geMnkt, Kreosot dienen. 

Anbftiifung von Schleim in der Lnftröhre wurde 
▼enebiedene Male beobaehtet. Nach der Operation sondert 
Miweilen die Kespirations-Schieimhaat eine Menge Schleim 
oder eiteiigen Schleim ab, der sieh bei In- und Exspiratüm 
in den Bronchien hörbar macht Ein gutes Ziehen ist es 
D«Of wenn er durch die Kanäle ausgestossen wird (s. Beob. 
15 and 36). In anderen Fällen dagegen wird die in sehr 
grosser Menge abgesonderte Materie nicht ausgestossen^ h&uft 
sich in den Bronchien an, dieselben verlieren ihre Kontrakr 
üonsfthigkeit und tödtliche Asphjxie ist die gewöhnliche 
Folge dsTon. Ihr Hegt siemlich häufig diphtherische Afiek- 
tfon an Omnde. 

Be war dieser Zufall viel häufiger, als man noch keines 
CMvaudi von der Musselin-Kravatte machte. 

Wo spontaner Husten die Schleimstoffe wegschafft, ist 
es abCrflüssig, etwas dagegen su thun; — wo nicht, da ist 
dieser expektorirende Husten kflnstlich zu erregen. 

Beschwerde beim Schlingen und Austritt von 
Nahrungsmitteln durch die Kehlwunde oder die 
Nasenlöcher (p. 114) sind ziemlich häufige Erschein- 
uBgen nach der Tracheotomie, welche gewöhnlieb am dritten 
odcs vierten Tage nach derselben eintreten. Die mittlere 
Zeit, in welcher diese Zeichen in Lissabon nach der Opera- 
Hon beobachtet worden, betrug 4, 2 Tage, die geringste 1, 
die höchste 8 Tage. (Vergl. d. Beob.) Zuweilen kompli- 
ziren Eiterungen der Trachea die Operation*). Roger 
fedd fpewöbolich Eiterung unter 21 Fällen 15 mal vorkom- 
mend — 4 mal mit Perforation — 2 mal mit Erosion. Wir 
verweisen die Leser auf dessen Arbeit, — in Betreff des 

*) V. macht hier hauptsächlich auf Heinrich Roger's akad. 

DeDkschrift vom 5. April 1859 aufmerksam. ^yDes ulcärations de 

ia iradkie arthre produftes par ie s^jour de la canuie apr^ 

. ^ Ü trme kä HümU^ (Jrckk^. 0äm^ait e. XLIV. p. 5 n. 75. 1859). 



merkwürdigen FaUes ve» Eiterimg mit keneektttiT« 
lioher Bfadung, von Rassel und Boltan beolncbtel, auf dos 
British Medical Jotamal 6. April 1861. 

fironohitis und Pnenmonie gehdien ititer. dii6< fo- 
wohnlichsten und gefährlichsten ZnfiUle nach, der Treofaevti^ 
mie. Man bemühe sich daher, aehig daTon KeBatnlss za 
nehmen duroh Perkuasion und Auakallation. ¥on betdan iat 
jedoeh Pneumonie stets ikr bedenkliohere ZufkU, mm 1r^ 
^uentesten in Paris, während er in Portugal viel seltener ist, 
was Barbosa der Venohiedenheit des Klimas einerseits, und 
jtoer des frequenteren Vorkommens zu aaderer Jakreseeit 
andererseits ansehreibt. Ein Mal nur konstatirte et dursh 
die Autopsia eine Lobularpneumoaie mit tddtlidism Ausgange 
(Beob. 6). Die Behandlung hat nichts Bigenthttmliohea; je- 
doch warnt er top Anwendung der Vesikantien • wenige Tage 
nach der Operation, — die er nur kurze Zeit und in deä 
bedrängten Fällen angewendet wissen will, .wo bereite ^idle 
Zeichen tos Diphtherie und Albuminurie aoij^örl haben. 

Enteritis oholeriformiis (p. 119) ist lum GMok^ 
sehr selten, fast immer nAX diphtheriscbear «Intoirikation zu- 
Bammenfattagend , und unbezwingHeh. (Beob. 38). V^ gibt 
in der Behandlung dem Sftbaitr. biibuth. mit Sjfrop. gofli. 
arab. undRat^nk. einigen Tropfen Laudianam oder den Pulv. 
kydrorgyr; o. ereta oder kleinen Dosen von Kalomel data 
¥o»ttg. 

Dia diphtherische Intoxikation (p.120) ist leider 
der gefährUchste Zufall bei der Tracheotomie — \t Fort^gal 
die häufigste Todesmrseehe; . \ . ' 

Man kommt ihm am besten zuvor, wenn man ver der 
Operation jederechwächende Behandlungsmethode fisrmeidet -^ 
die Kranken gut alimentirt. ^ 

Die tonieche Befaahdlung mit Ghina, Sulphaa efaiiKB., Few 
ohloruretam fbrri,. Wein, gute Alimentation entspreehen am 
besten. ' 

Die Behandlung der Operirten. (p. 121.) 
Behandlung anmittelbar nach .der (Xperation. 
Sie besieht zunächst in\8chiekliiehev ffinbrin^nf^ de» SanCde, 



tkbaU dMr Wcifiiitlieae 4imb dM IMIpfltsifcr.Sahaibclfeti, 
Fiximng der Kanüle n. »• w., dei«o genaue Angabe V. Uer 
wiederkok, ebeoao das Aaleeen der KmTatte. folgeacdann 
die gewOhnUek an ei^reifeodeAllaasregeln derBeißiga&g*dae 
Kranken, tm Blut^ Bekleideag n. s. if« llaeb der Operaüon 
)fte9i V. ei«e Taaee Fleisehbifihe oder wermer MUeh mit 
Zaeker reieben, dann den Kranken in aein (bei kalter Jahcee- 
aei^ feffiyviteB) Bett bringen in einem gerftumigctt Zinunee, 
JkeU.Md von einer Temperatnr wn 16*'— IS'' (X Unter ge^ 
wieaen UmMkoden iei e$ sekr BoMgUoh, die Zimmer* Ateroa- 
pkUre durob Wanerdtopfe eiwas fettobi au maohen. Pohlt 
4er OpeiJfte FrOeteln, eiwige EnnaUung, dann reiehe nuin 
ibm in «einer PIcaBcMMrObe einen Ufiel voH Wein de Portos 
HQQ Madeira oder gebe ihm öftere iraimee Wasser ndt etwas 
Wein und Zpeker. Sind diese Mittel ansureiehend , um den 
K4«Mihen au erwtan^t und aeigt sieh Neigung zur Bjneope^ 
4ß9» treten die Bügeln der einsehlAgigen Therapietttik ein. 

Sq 4ange W&rme und Jüeben niekt ToUstWdig kergceteik 
•i^, hat Jnim |buf ajle m^lieke Weise su yexmeMea, daes 
der Krwke oiobt dem Seklafo sieb tiberlasse •— im gegen- 
tbeiligen Falle erqniQkt er den Operirten (s. Beob. 10. 1&. 

16. 28. aa). 

Die B-ebandlnng neeh der Operation (p. 122) 
aeifUtt in eine örtliche und eine allgemeine. Brate um* 
bset Reinigung der KanQle, Instillationen in die Traekea, 
Kauterisation der Wunde, die seitgemAsse Heransnakifre der 
Kanülev und weitere Heilung. 

Pie Reinigung der Kanüle haben wir bereits besproeheft. 
Die Waeser-lnstillationen tolt Barbosa unter swei Umst&n* 
den fkr aweokmftssig, n&mlieh, wenn er beabsiehtigt Hueten- 
anftlle hervoraurufen^ welche Sohleim, Blut oder Psendomem* 
bianep ausstossen, -^ oder aber, um zu erweichen, und das 
Ablösen, den Austritt ¥on Sehleim- und Hautfeteen au er* 
leichtern, welche das Athmen beeintr&ehtigen. 

Die Kauterisation der Wunde (p. 125). BekaanI* 
lieb bat bei Diphtherieen grosse plastische Tendena Statt, 
welche gana geeignet ist, die Bedentni^ der Affektion au 
feigem 9 die .Tendena, sieh weiter a«f dte Tiachea ausaut^ 



<4^ 

dehnen und A^bjxie zu TeranliiMen, ja' sogar eine «ekttii- 
dire<fipfafÜieri«ofae Infektioti KU bedingen. 

•Die KMiteriftstronhaft Bohin den Vortheii, die Fortpflan«- 
ung der krankhaften Afckfioii auf da« angebende Zellge- 
webe m verhindern und su beseh'vdchtigen, femer eb^sneo' dte 
Bntiwickelung Ton phlegaionö9en EntzOndungen bösartigen 
Oharakters, welehe mit Lokalgaogrän endigen undeinei» on- 
bezwingbaren Fieber. V. rahmt «ich der gdnstigen Resaltaito, 
welche sie ihm bei seinen Operirtew vel*80haflt und Mhreiht 
ihr seine glttoklichen statistiedien Erfolge der Heilbarkeit zu : 
1 : 3,66. Ehr beobaehtei dabei Folgendes: Bei' einfiMhem 
Krnp nimmt er die Kanüle gewöhnlieh naeh 34 Standen hei^ 
ans, reinigt die Wunde mit einem feinen* mit- lauem Wasser 
befeuchteten Sobwamwehen, und troeknet sie mit eitien 
Schwamm Wischer oder etwas Charpie iti eine Zange gezwUgt 
gehörig ab. Dann betupft er die ganze Oberflftehe' der Wmiide 
mit Silbersatpeter von der Haut bis zur Trachea; selbsl wmt 
sie gut aussieht und weder dipfathferisehe*Punkte noch Pseudo- 
membranen zeigt. Hierauf trodenet er auf gleiche W^ise 
wieder die ganze kauterisiite Ob^'flftehe, damit dair Aet^ittel 
im Wundsekrete gelöst ni<iht in die Trachea gelange und 
dieselbe reize oder deren Schleimhaut an&tze. EndHeh bringt 
er den Ditalator ein und vermittelst detoselben aiich d!e gut 
geveioigte Kanfliej Dieses- Verftihren wird täglich bis zmA 
4 oder 5. Tage naeh der Operation <ider bis das gnt^ Atis^ 
sehen der Wonde es verbiet, wiederholt. 

Wenn der Oarrotilho, wegen dessen operirl wurdet, Zei^ 
eben von Infektion oder schlimmer Natur ofiteBbart^ dahh be- 
ginnt Verfasser die Kauterisation früher : nftmlieh sehon '¥2 tik 
IS'Stonden naeh der Opemtibn, und setzt sie t&glieb^ wie itii 
ersten Falle, fort. 

DerMoment, wanin die'Ranele herausznnehm«^« 
ist, l&sst eich nicht genau bestlmtnem. BS' ist rathsam , nk 
sobald als mögisoh heraueznnehmen, um nicht Eiterung ted v^^ 
amlassen'; dieses l&sst sich eeltenverdem 5 — 6.'Ta^e thlAi; — 
so wenig als es vorkömnpt, sie aber den O.-^JO* Tag zu be* 
lassen. Man zith*t jedoch FUlev wo esr^nöthfg gewesen, bH$ 
16) 20, «0 und 44 Tage Kegen ziu lassen^ -(jTrOnseMii)' 



4Sf 

¥eiiMB80r Immi^ >tid rem 6.^9.TBgB^ eiii&fMB^ Untor de» 
12)40 Ltoeafaon CMieiltdo •ieUle rieb, die.: Aiwftlil der Tage eo 
herapae 3 Tage- 1 Fall) naek 4 io ly nach 5 in- 1, aaeh..6 ia 
3, naeh 7 in 1, nach 8 in 1, nach 9 in 3 und nach 12. Tagen 
in. i Fall. . . 

■.^ >I>ie HtiiuBg.der Wan46 (pii29) aaeh Heraasnabme 
derJKaoQle gebt ganzi.eiDiiEieh : yon fttattanc Wir fladea an« 
aAlhigi,.,die.iriitfaQbe tlwrurgiaQhe HalMeiatung hie» wiedeiva* 
geben. Es wird nur hie und da nöthig^ die- OraniilftUoneft 
eidte FkiscIriiiftrfeebeB »U Hdltenalein.au tapfen« Ftlr die 12 
in Lissabon Operirten ergab sich folgendes statistisches ¥er» 
b&lttitss: 1. Fall bedaifie sur 

l^ijg. 6 T. n. Wegn^ine de^ fii^ottle 15 T^ a. d» Operation/ 



einer 


. 7 


• '» 


M 


J5 


• W 


.19 


» 


W 


yy 


- .w 


8 


• W • . . 


)> 


.)J 


» 


17 


» : 


■»1 


y* 


,99 


9 


n 


W 


» 


» . 


18 


)) 


»» > 


w 


w 


10 


.» 


» 


w 


») . 


15 


.>» 


» 


w 


n 


10 


yy 1 


r 


>t 


») 


16 


M 


» 


1i 


Xi 


11 


yy 


?» 


)» 


« 


17 


>» 


»5 


w 


w 


14 


11 


. .yy 


M 


1» 


21 


1» 


. W 


» 


.n 


15 


M 


yy 


>J 


1> 


18 


» 


n 


« 


yy 


15 


V 


n 


n 


» 


23 


>J 


«. 


w 


*» 


16 


» 


yy 


)) 


» 


20 


1» 


w 


« 


>j 


21 


^ 


w 


M 


»>_ 


27 


^1 


yy 


w 



12 142 , 226 

Allgemeine Behandlung (p. 131). 

Sie tbeilt sich inr AJimeatatioD und HeilmitteL 
Bfistere ist ÜUr die Operirten von böohster Wiohtigkeit. • 
Barbosa adureibt folgende Alimentation vor: In dea ersten 
24 oder 48 Stunden flQssige Alimentation, die am besten in 
Müeh besteht wegen ihrer Verdaulichkeit und ausreichenden 
Nftbr&higkeit. Er lllsst gew<)hnHch 2— 4 Unzen alle 2 oder 3 
StiAndeo ASbek dem Alter des Kranken trinken. 

Dieselbe Portion reicht man und in gleichen Zwischen* 

raiiineil bei . Personea, wo iMiich. mit FieischbrQhe abwechselt 

.ilst.dßr £fup infektttös« oder hat er Tendena, bösartig sa 



133 

wehlon, fco «myfl^lill rieh Port o^Wehi IMFellmiM ia Itee^ 
Fieieebbrüb^ oder in Zaeherwags« -^ fense^ der titobfuoh 
des Ktftte98 mit eineni • oder oaeiirereD Oraoen von SttlpliM 
Ohioitii. 

Durch eine gute, nach Umständen modiflxirte AlimMtalfoa 
gcÜH^ et lifcnehaai , Absorption dfpbtherisebel* Pkt>dukie su 
vflvhHideffii , die Wahrscheinlichkeit von Infektion au v«finia^ 
den, die Heilung au beaehlennigen aad die Bakonvttlesatons 
weniger gdUriieh an maohen. 

fiarbosa's medikamentöse B«h«ttdlung tbeili bM» 
in -eine Äussere und eine^inn-ere. 

Gegen die Pseudomembranen desPkarynx und desMiin« 
des empfiehlt er Ourgelwasser oder Bespfllung mit Lösungen 
iron Alaun oder I^Lnnin, indem genannte Pseudomembranen, 
auf den Punkt ihrer gewöhnlichen Entwickelung angekomttien, 
Ton selbst sieh losmachen. Bei häutiger Diphtherie sind Kau- 
terisationen mit Silbersalpeter, oder Behandlung mit Alaun, 
Tannin, Ratanhia, oder irgend einer Säure vorzunehmen. 

Innerlich verordnet er Kalichlorat an 4 — 8 Ghrms. in Lö- 
sung auf 24 Stunden, wenn sich diphtherische Zeichen kund- 
geben, wenn imUrine sich kein Eiweiss vorfindet Madi V« 
ist Albuminurie Wirkung diphtherischer Infektion, im Begm- 
nen begriffen und Blutveränderung herbeifllhrend. In solchem 
Falle steht er vom Kalichlorat ab und ersetzt es durch China, 
Sulphas Chinin., Perchloruretum ferri in Limonade Oder Syrop. 

Bei Athembeschwerden in Folge gehemmter Expektora- 
tion verordnet er Kermes in einem Looch oder Veilohensaft. 
Für bestimmte Fälle zieht er Sjmp. Ipecac. vor. 

Die Komplikationen erMeelien di^ ihnen eotspreebende 
Behandlung^ und BOekstAnde von sekundären Kervenersehei- 
nungea , Anämie u, s. w. sind nach den aligemeiaen Regeln 
der Therapie zu besekigen. 

Beobachtungen (p. 13o)* 

1. Beob^^cbtung betrifil einen 10 jähiigoa Knuiken, lytth 

phatischen Temperamentes, mit Oarrotilho, dessen Symptome 

sieh bis aum 9. Tage ad Orthopni>e> Suffökation, Aphetfie, 

kurzen pfeifenden Inspirationen, deutHohem krupalem Tone und 



ibig. wiu-dBw. Sie wird in diefior naphyktieobeQ IMode dtti 
9^ Tttg«M. YOB. Joaquim Theo(i0aio d» Silva vemehtdi 
Dec.Kiiaqke itewb.tuffokAÜ? 4T4ge nftob der Opeimtioii« Di» 

2. ^o-oib^^btuitg (p. 1370* Aogina . dipbtharioa und 
<p^j^rn^(ilb0 beieiAem ö jäbi^eo M&d^ben kräftiger Kattgtitution, 
wqsw 96 QOler den ^«cakteri^lischea Zeichen aa«8erhaib 
Uisabon erkraolUe^ zur iirBiliehea Bahwidluog «ber erst dahin 
guhraahti weatdcoi wiur. Die Veraolaftaiiog war JBükiÜtuog. Trota 
ealaiNre^bander B^bandiuqg ateigerteo «ieb die Zeiefaea. .bis 
wr.Aapbjne, walcba.die Oparatioa ooihwendig machte. Sie* 
ward am 17. Tage der Krankheit von ^oaquim Theotonio 
da Silva Terri<;btet« Tod 4iXage nach der Operation uaiw 
EraiiekungMufkUea mit Gonlorsioaen dee ftumpfea und det/ 
QUed^< £eiq^ Sektion. 

3. $eipbj[iohtuag(p. 140) von Jcaq^uim The^tonii^ 
da Silva bei einem 17 jährigen Müd^hen^ von lyiophatisefaen. 
Tewperaoienlie mit Angina di{>htheriea. und Garrotilho, deren 
gaw4>hnlickn Sjmptomengrnpp^ sioh bia zum ö« Tage »ir form- 
liehen Asphyxie geijteigert bette. 2 Mal war vergebboh die 
Tracheotomie vorgeechlagen worden, nachdem die gewöhn^. 
Habe B^haiidiung ihichtios geblieben. Am 5. Tage ward sie 
endlich voilfOhrt. JNaohdem die Asphyxie aacb noeh nach. 
Oeffnong der Trachea andauerte^ veraiiohteSil va das Bhitnack. 
Soux' Beispiel ausauaaogen mit dem Munde, allein vergebens, 
^e ^anke ward awar a^s ifarean traurigen Zustand gehoben, 
starb jedoch nach 2 Stunden. Die Operation bot grössere Venen« 
blotung« als die bei Kindern vorkommende, ausgenommen, nichts 
Ungewöbntiehes dar. Bemerkens wertb und für die Ansteckung»« 
ftUgkeit des Uebels spricht jedoch unwiderleglich, dass Silva 
siflfa genöthigt fablte, noch am Tage der Operation sioh w^ 
gen heftigen Kopfwehs, Mattigkeit, Fieber, Ecke! zu Bette su 
lefen, wozu sieh während der 2Jaoht noch Halsweh in der 
Mandelge^nd gesellte. Sein ihn behandebideF Kollege F. A. 
de.Oliveira ätate sie mit Silbersalpeter, reichte ihm einYo« 
ndliv etc» und so verstrich der Anfall nach.8 Tagen wieder, 
obne weitere Folgen* 



434 

• 4 Beobaehlmig (p. 143) liafert du Bild dtier'Dtph. 
tiMria larjogo^irachealis nach Miaplack mit Angina dlphthe- 
rioa^ bei einem 6j&hrigen M&dohea tod lymi^aitiircher Koo* 
alitotioD ottd fehwftcMieh. Ba war am 1. Okt 1862. aa lete« 
terer erkrankt, nachdem bereits ikre Motter und- ein bei ihnea 
Wohnender daran gelitten hatten , — aber aaeli bis cum 21. 
völlig daron genesen. Am 12« Nov. begann sie wieder an 
erkranken unter allen Zeichen ron Schlund- und Sehldiph* 
therie, mit eharakteristisohem Eruptone. Brechmittel und i» 
die oberen Stellen des Laryns: vermittelst eines Sckw&mmchens 
an Fischbein eingefahrte Silt>er-Salpeteri06ttng förderten nichts 
heraus trota konvulsiven Hustens, welchen diese Manipulatiott 
hervorrief. Dagegen land sich Besorgniss erregende SuIRh 
kalson für ein Paar Sekunden ein. Bis zum 17. 8 Dhr Abends 
waren wiederholte und heftige Anflille von Erstickung, Sem- 
nolenz eingetreten. Die Zeichen der Diphtheria Istjngo-tra* 
okeaKs waren bis zur Asphyxie gestiegen. Man schritt noch 
nach 11 Uhr Nachts enr Operation. Weder diese noch 
die Einbringung der Kanäle hatten Sohwierigkeitett. Man 
konnte sie schon am dritten Tage entbehren und bis sum 
18. Tage naeh der Operation war die Kranke vollends ge- 
nesen. 

5. Beobachtung (p. 149). Bin Junge von 4 bis 5 J., 
lymphatischen Temperamentes, ward, nachdem er einige Tage 
yorher Symptome von Bronchitis gezeigt, von Laryngealknip 
befallen, -^ der Krankheitskomplex machte es. von vorneher» 
ein wahrsch^nlich, dass sieh die Pseudomembranen bis in die 
Bronchien hinein erstreckten. Schon Mitte des driften Tages 
war die Krankheit bis zu ihrer dritten Periode hervCi^ 
schritten mit wiederholten AnftUen von Suffokation; — die 
letzte Zuflucht blieb, nach fruchtloser medikamentöser Be- 
handlung, die Tracheotomie. Joaquim Theotonio da 
Silva vollzog sie auch unges&nmt und ohne Schwierigkeit — 
die Respiration kehrte jedoch erst* nach einer halben Stunde 
zurück, — auch konnte die Kanäle nicht gleich eingeftihrt 
werden, weil sich an der Oefifhung der Wunde ein Stflok ' 
Pseudomembran vorgeschoben hatte, welches, nsr mit Mühe 
entfernt werden konnte. Es bildete dasselbe einen Oylinder 



43» 

rem der Lftnge der Traehea mit gabelförmigem Anhange, d^l* 
reefalen Brondiialbifiirkation entspreehend. Darauf begam 
der Kranke gut su athmen, man braehte ihm die gebogene 
Doppelkanale ein, er konnte während der Nacht auoh etwae 
sehlafen. Da sieh auf Anwendung lauer Dämpfe keine Schleim- 
maMen in der Traehea ablösten, machte man Instillationen 
mit lauem Wasser. Trotsdem wurde Morgens das Athm«i 
aenerdings beschwerlich. Inhalationen lauer Wasserdftmpfe, 
Beinigung der Kanttle blieben fruchtlos , — der Kranke starb 
26 Stunden nach der Operation. Die Pseudomembranen hat- 
ten sich bis in die tein&a Bronchialverzweigungen erstreckt 

6. Beobachtung (p. 151). Ein weiblicher Findling von 
9 Monaten der Santa Casa da Misericordia von Lissabon be* 
Böthigte schon am 4. Tage der Erkrankung an rapider An> 
gina diphtherica und Krup im Stadio asphjctico die Traoheo* 
tomie, wdche Antonio Maria Barbosa Tomahm, und 
»war nach seiner beschriebenen Methode. Nach Einbringung 
der Doppelkanale stellte sich allmfthlig die Respiration wieder 
her und mit ihr kam das Kind wieder zu Leben , so , dass 
man Hoffnung su seiner Rettung schöpfte trotz des Alters. 
Am 2. Tage stellten sieh jedoch alle Zeichen der Diphtheria 
tracheo-bronchialis mit lobul&rer Pneumonie ein, der es 57 
Stunden nach der Operation erlag, und welche die Nekrosko- 
pie genau konstatirte. 

7. Beobachtung (p. 152.) Ein Gegenstück zur vorigen, 
Bei dnem liehen von 11 Monaten, Ijrmphatisch , aber guter 
Konstitution , hatte Angina diphtherica mit Krup am 5. Tage 
der Krankheit wegen Asphyxie die Tracheotomie indizirt; 
dann Kauterisation. Vomitive waren fruchtlos geblieben, der 
Tod stand bevor. Nach ohne Schwierigkeit vollbrachter 
Operation trat durch die Wunde eine grosse Menge weisslich- 
dieklicher Schleim hervor, und die Doppelkanale konnte ge- 
hörig eingebracht werden. Um sie wurde eine Oasbinde ge- 
legt. Nach 12 Stunden traten jedoch neue asphjktische Zu- 
fiUle ein, denen die Kranke erlag. 

8. Beo b acht nn g (p. 153). Ein 2j&hriger Junge, lymphatisch- 
sanguinischer Konstitution, sonst gesund, erkrankte an Krup, 
dessen ZufUle sich, trotz energischer Behandlung, sehr rapid 
ZLVL iS6a 29 



•teigerteni Bfi dass suffokatonaohe Anf^iU %w jMcheoUmi» 
«ifthjaten, .und zwar am 3. Tage. Joaqoiaii Thaotonio da 
Silva Tollfttlurte sie ohne besopdeie . Zuf&Ue ^ — nw die 
Oefiauog der Trachea bot Schwierigkeit, wegea beattodigfr 
Bewegung derselben. £s erfolgte eine halbaUlqdige Ota- 
macht; — auf sie ziemliche Reaktion. Wegea kapM«er 
Scbleimsekretion musste die Kaaüle öfters herau^eDommeii 
werden. Man machte deshalb fleissig Instillationen von lauev 
Walser. Am dritten Tage heftiger Hustenapfall, — Ejcpek- 
tQration von Fragmenten von Pseudomembranen in Sdileim 
gewickelt, — der Kranke konnte durch die Wunde athmea, 
an der Stückchen von Pseudomembranen fluktuirten. Man 
reinigte die Trachea mit einem Schwammwischer, — am 
vierten Tage konnte die Kanüle weggelassen werden — in 
20 Tagen war die Wundevöllig geheilt, der Kranke bej^eaballt. 
9. Beobachtung (p. 155). Ein 8 jähriger Knabe, V4m 
lymphatischem Temperamente, sonst gesund, ^krankte an 
Krup, der schon am 4. Tage in die dritte Periode überguig, 
weshalb man sich zur Operation entschloss, welche J, The^- 
tonio da Silva verrichtete, die nichts Besonderes dfy^bo t» and 
nach welcher Pseudomembranen austraten. 4 Stunden m^ 
der Operation stellte sich aus dem unteren Wundwinkel leiohte 
.VenenbLutung ein, welche der Kauterisation mit Silberaalpeter 
stand. Bronchialkrup machte unter allmähliger Asphyjcie 28 
Stunden nach der Operation dem Leben des Kranken ein Ende, 
10. Beobachtung (p. 156). Ein Mädchen von 4 Jahreii, 
lymphatischen Temperamentes, sonst guter Konstitution, f^ 
ioipft, erkrankte an Angina diphtherica mit Krup, d«r., wie bei 
den vorg&ngigen Kranken, schon bis sum 4. Tage seine Zei- 
cl^n bis zur Asphyxie gesteigert hatte. Weder rechtseitfg 
angewandte und zweckmässig gewählte innere noch äusseie 
Mittel liessen Hoffnung zur Rettung offen; — man masate 
zur Tracheotomie am vierten Tage schreiten, welche Bar 
bosa vornahm. Sie bot keine Schwierigkeit — er musste je> 
doch die Arteria thyreoidea inferior dextra an 2 Punkten 
anterbinden und in der Mitte durchschneiden. Na^b der 
Operation kam die Kranke nicht zu sich — man war ge- 
nöthigt, die Trachea mit einem Schwammwiseber in kaltas 



WMwer getoiMbI su reis«D, wodurch heftige und wiedaiiioHie 
BsEipmlioDeii h«rroi^nifeD und einige Fragmente PMwdo- 
meatbrnnen mit zUiem Schleime und Blute auBgestoesen wnrden. 
Darauf ging Alles gut — die Kranke kam förmlloh Tarn Tode 
■am Leben. Nach dem 4. Tage stellten sieh jedoeh neue 
Suflokaäcnan ein, durdi Pseudomembranen und afthan SabMm 
▼avanlaMi, womit sieh die KanQle yerstopfte. Man wieder- 
lM>lta die Bünbringang des Sdiwaramwisohers, um Auitossung 
▼on Hauten und Schleim zu erwirken; TOm 3. bis eum 8. 
Tage waren die Wundränder diphtherisch geworden und muss- 
ten mit Silbersalpeter betupft werden. Es geschah dieses 
stets beim Herausnehmen der Kanüle, deren „wiederholte^^ 
Keiaigung stets mit neuem Al^nge von Haut und Schleiai 
begleitet war, welche am aohtea Tage nach der Operattiin 
ÜA bereits auch durch Mund und Nasenlöcher ausstieesea. 
Am 9. T^e konnte die Kanüle entfernt werden, die Wunde 
verheilte, die ranhe und schwache Stimme stellte sich aiaf 
den Normalstand und 17 Tage nach der Operation war rM- 
fündige Heihing eraielt 

11. Beobachtung (p. 16Ö). Bin Mädchen, lymphati- 
seken Temperamentes, ö. J. alt, wie die vorigen, von Angiaa 
diphtherica mit Krup befallen, Hess die Pseudomembranen 
in Pharynx und Larynx erkennen. Trotz unges&umter Be- 
kendlttng kam es schon am 5. Tage dem Tode nahe. An- 
tonio Maria de Oliveira S oa res vollführte ohne Sokwie- 
f%keit die Operation, brachte die Doppelkanflle ein, worauf 
namtlte^bare Erleichterung eintrat. Es verfiel jedoch das* 
aelbe in grosse Sohw&che, die Kräfte schwanden, es staib 
6 Stunden nach der Operation. 

12. Beobachtung (p. 164). Krup bei einem Jungin 
V. 6. i. mit sanguinisch-biliösem Temperamente. Die Krank- 
kdC begann als Laryugo-bronchitis (in Folge von Erk&itang 
und Ihirohnässttng), welche nach den Regeln der Kunst be- 
handelt wurde. Die Krankheit, krupalen (äarakter annehmend, 
jcfstreekte sich in die feineren Bronchialverzweigungen — 
and Anftlle von Suffokation, Unempflndlichkeit der Bast, 
Sftke der Bstremitftten drängten aur Traoheotomie, welche 
am 5.. Tage der Krankheit von Joaq. Theotonio da 

29* 



' .438 

Silva vorgeaommen wurde. Durdi nothn^eadige Doreh- 
sohneidimg eines Astes vom Plexus venosua subthyreoidens 
lief etwas Blut in die Trachea^ welches er mit dem Hunde 
nebst viel Schleim aussaugte, dann blies er 5 Mal Luft in die 
Lungen und hatte das Vergnügen, Leben dem schon fast sur 
Leiche Gewordenen einsuhauchen. Das Kind blieb 20 Minuten 
in einem Zustande von Sjnkope, während mit HersteUiuig 
des Athmens die Blutung stillstand. Etwas Husten förderte 
dicken Schleim berauf — keine weiteren Zeichen von Pneu- 
monie oder Kapillirbronchitis am 5. Tage ^ völlige Yeraar- 
bung der Wunde am 15. nach der Operation — helle Stimme. 

13. Beobachtung (p. 166). Angina diphtherica mit 
Kmp in einem 3 jfihrigen Knaben von ganz guter Konatittttioii. 
Man kauterisirte die anginösen Stellen mit Silbersalpeter und 
verordnete Perchloruret. ferr. liq. 2 3 in g j Waaser alle 
halbe Stunde einen Löffel voll , welches später abwechselnd 
mit einer Lösung von 3 Drachmen Kalichlorat in einem Pfimde 
Wasser standlicb zu einem Löffel voll genommen wurde. 
Die Häute reproduzirten sich nicht allein, trotz wiederholter 
Betupfungen, mit der grössten Rapidität, sondern das Uebel 
hatte bereits auch weitere Ausdehnung gewonnen. Haehdem 
ein Brechmittel keine Erleichterung verschaffit, Asphyxie wei- 
tere Gefahr drohte, schritt man endlich am 4. Tage zur Tia- 
eheotomie, welche Angelo de Sousa verrichtete. Die Ge- 
fühllosigkeit des Kranken war bereits zu solchem Orade vor- 
geschritten, dass nichtärztliohe Personen ihm aseistiren konn- 
ten« Nachdem die Kehlöffnung gemacht und die Doppelka- 
nOle eingebradit war, trat durch die Wunde eine Portion von 
schäumig-blutiger Flüssigkeit aus, weldie die Kanüle verstopfte. 
Mit den Wischer gelang es, sie zu reinigen, und der Luftzu- 
tritt zu den Athemwerkzeugen zu verschaffen. 10 Minuten 
nach Oeffnung der Trachea hatte sich auch wieder Athmen 
eingestellt, Suffokation und Asphyxie waren verschwunden. 
Schon eine Viertelstunde darnach verstopft;e sich neuerdings 
die Kanüle; allein auch dieses Mal beugte der Wischer der 
Erstickung vor, so dass der Kranke eine Stunde leidlich da- 
hinbrachte. Br unterlag dennoch 4 Stunden nach der Op^ 
ration einem Anfalle von Suffokation. Keine Sektion. 

14. Beobachtung (p. 169). Die Kranke war einMftd- 



4Ö# 

ebeb tod 7 J. von der Ineel Teroeira, nerrös-ljmphatisciieti 
Temperamentes, ttbrigens guter KonstitutiOD, geimpft, war im 
Alter von 2 J. ron Varicellen befallen worden nnd 2 Mal 
Tom Scharlach im Alter TOn 4 und ron 6 Jahren. Ausser- 
dem hatte es 2 Mal Halsdrüsenentcflndungen leichteren Ora< 
des EU bestehen. Im Juli 1859 ward ^s ohne erhebliche Ur- 
sache Ton Angina pseudomembranacea und Krup befallen. 
7 mal wiederholtes Betupfen mit Bilbersalpeter und entspre- 
diende innere Behandlung (Brechmittel) hinderten nicht un- 
regelm&ssige Anftlle von Snffokation, wenn auch nur von 
mittelmftssiger Intensit&t Dabei blieb es nicht; denn schon 
ein n&chster Anfkll steigerte sich bis zu Asphyxie, den man 
noch mit einem Emeticum zu beschwichtigen hoflFte. As- 
phjxie, Somnolenz, Unempfindlichkeit der Haut, livides Oe- 
sieht etc. drängten zurTracheotomie. Nach Durchschneidung 
Yon 4—5 Ringen der Trachea unterhalb der Cartilago cricoi- 
dea durch Barbosa trat durch die Wunde eine gewisse 
Portion puriformer Materie mit weissen Flocken heraus, wel- 
ches er durch Einbringung des mit lauem Wasser befeuchte- 
ten Wischers zu befördern suchte, — dann ward die Doppel- 
kanOle von Borgelat und Trousseau eingeftlhrt. Diese 
nvsete wegen Verstopfung mit Pseudomembranen, Blut und 
Schleim etc., bald wieder gereinigt werden. Am 7. Tage der 
Krankheit wurde operirt und am 8. zeigten sich schon die 
Wundr&nder diphtherisch, so dass sie kauterisirt werden 
musstetl; — auch Albuminurie trat hinzu. Nichts destowe- 
niger war es möglich, nach 9 Tagen vollbrachter Operation 
<Ke Kanflle zu entfernen ~ und mit dem 15. Tage war völ- 
lige Heilung erfolgt. 

15. Beobachtung (p. 174). Sie liefert einen ganz dem 
vorigen ähnlichen Fall von Angina pseudomembranacea ton- 
sillaris mit Krup in einem M&dchen von 6^/2 J. Asphyxie 
mit Albuminurie nöthigte zurTracheotomie, welche Barbosa 
am 7. Tage der Krankheit vollzog. Am Tage nach der Ope- 
riilion trat schon Diphtherie an der Wunde ein. Die Kanäle 
konnte am 6. Tage entfernt werden -- Vemarbung der Wunde 
und vollständige Heilung war am 17. erfolgt. 

16. Beobachtung (p. 177). Hier begann die Krank- 
heit bei einem Jungen von 6 Jahren, zarter Konstitution, fei' 



ner HaBl^ bkiien Augen, blondeti Haaren, mit Angina paenio^ 
membraoaoea tonsillarä sieb bia Kum 6. Tage auob ala Knip 
aof die Luftwege yerbreitend. Dia SjrmptomeDgnippa koa^ 
Kentrirte eich so Asphyxie mit Albuminurie — nebanbaa ba- 
stand Geschwulst der Maxillardrüsen imd Oedem das «bi- 
gabenden Zellgewebes.^ Eine bis zoni 6. Tage auf die aa<- 
gawandten örtüchen und allgemeinen Mittel eingetretene S^ 
leiehterung war nur scheinbar; denn w&hrend die Pharyngal- 
Symptome abnahmen, hatten sich jene des Kehlkopfes wesaalh 
lieh gesteigert, es traten ZufoUe von SuiFokatioo ein, die aur. 
Tracheotomie nöthigten. Barbosa verrichtete sieamS.Taga' 
der Krankheit. Sie konnte rasch voUaogen werden, boiiü[)er. 
die Eigenthttmlichkeit, dass der Plexus venosus thyreoidaus 
nicht konnte vermieden werden und so viel Blut gab, dass 
2 Schwämme nicht hinreichten, es aufrusaugen. Man mussta 
sie unterbinden, was in diesem Blutmeere sehr schwierig wa«. 
Das nach Oeffnung der Trachea in die Bronchien geiathene 
Blut wurde durch Husten und beim Aufsitsen des Kindes aus- 
gastossen. Nach eingebrachter Doppelkanflle ging das Athmea 
ruhig von Statten. 

Am sechsten Tage nach der Operation hatte die Alba- 
minuria aufgehört, — dagegen hatte sich voni 2. bis aiim 
5* Diphtherie der Wunde eingestellt. Das Athmen ward mr 
erschwert, wenn die Kanüle sich verstopfte. Sie kooale erst 
7 Tage nach der Operation entbehrt werden. Das Kind sehie» 
geboigen, als am 11. Tage der Krankheit, dem 9. nach dar 
Operation, sich Fieberzeichen, lethargischer Zustand «ad an- 
vallkommene Lähmung der Hals-Bumpf-Muskeln und jener der 
unteren Extremitäten einstellten. Letztere beschwichtigten 
endlich Eisen und gute Alimentation wieder völlig, — mit 
dem 21. Tage war die gänzliche Heilung vollendet 

17. Beobachtung (p. 182j. Ein Junge von 9 Jahren*), 
lymphatischen Temperamentes, regelmässiger Konstitaüont 
ward in der Nacht vom 29. Febr. 1860 von aaginösen Zu- 
flükn ergriffen, die sich bald als Angina diphüierioa mit Kxap 
und Albuminurie charakterisirten. Trotz des im ärvthcheo 



*) Im Originale steht ein Mal 9 X, ein andeHM Mal 11 J. 



KiwifUaiii feelgeitollttii g^eign^teti KvrplaDet »Mgerte sith 
der BymptMDeDkomplex bis tarn 6. l^tfe eur föritilieheB As- 
plrfzie, gegen welehe nur mehr von der Tradieoiomie fioflP- 
mmg au enrarten war. Kaeh Oefibung der Traobea dardi 
Barb&sa "ward neben weisser Flttssigkeit und kleinen Prag- 
nmrten von P^udomembraaen ein grösseres Siftck soloher 
Baut fftfmliob orgamsirt und fast von 6 - 7 Oenlimeter lAnge, 
3V)^^4 Breite and 1 — 2 Millimeter Dieke aasgestossen. Die 
■tsfriration stellte sich, wie dureh ein Wunder, wieder her. 
AHeiM trota Ausstossung eines zweiten hftotigen Fetzens starb 
der Kranke dennoch 3 Tage nach der Operation an Asfdijr- 
xia letita in Folge von Intoxikation. Der Kranke war von 
Kitfdlieil auf zu Respirationsbescbwerden geneigt, so wie va 
Halsdrttsenges^wülst, allein Barbosa glaubt, der Ausgang 
ia den Tad durch Intoxikation sei der Behandlung dureb 
wiederholte Abftihrangen , zweimaliges Ansetzen yon Blat- 
egahi) ^on Vesikatoren etc. zuzurechnen. 

18. Beobachtung (p. 183). Ein 4 jfthriger Knabe, 
lyiUphalisohQn Temperamentes , dessen Mutter bmstleidend 
irar, erkrankte am 19. März 1860 an Angina diphtherica mil 
KtQp, dar amn mit den bei der Behandlung bereits angege- 
baaan Mitteln entgegentrat. Albuminurie und Asphyxie, die 
steh l)is «na 5. Tage zu augenscheinlicher Gefahr vermehrt 
kalte, indlzirten die Tradieotomie als letztes Mittel. Joa- 
cfuim Theotonio da Silva machte sie am 6. Tage der 
Kraakkdt in ihrer asphyktisehen P^iode. Albuminurie hait^ 
km alcht Statt, aueh nicht Intoxikation. Von 6 Gesehwi- 
siem wurden dagegen 2 Schwestern und 2 Brüder von Gut- 
tural* and Tonsillaranginen befallen, während 2 ältere 6e- 
sfbwister, welcibe wenig zu Hause waren, ganz frei blie- 
ben. Dar Kranke starb an allmähliger Asphyxie 2 Tage 
11 Btandem aadi der Operation. 

1». Beobaehtung (p. 186). Ein Mädchen von 4Jak- 
ren, lympiMtiseh - nervösen Temperamentes, ausserdem guter 
KoDstltetion, wurde am 2* Jvni 1860 von Angina diphth^cä 
«Kl Kfap befallen. Die aaf&ngKehe Behandlung, gegen er- 
alere gerichtet, hauptsächlich bestehend in Kauterisation mit 
aifeisi««tpe*er, Breehroiltela, dann Kaliohloratl^sung in Was- 



ser, war nicht im Standej die Foribilduag in Knip %n liiiid«»^ 
66. trat Albuminurie und Asphyxie ein, welche «a 4. Tage 
die Traeheotomie nothwendig machten. Es war dieses räi 
Fall, in dem die allgemeinen Symptome der Diphtherie den 
lokalen vorangiAgen. Joaquim Theotonio da SilT.a 
nahm die Operation vor — die Kranke war darauf gana t«k^ 
ändert, als hätte sie den Sieg Ober den Tod errungen, oder 
als w&re Leben in eine Leiche zurflckgekehrt. Diese auffid- 
lende Besserung hatte nicht Bestand — die Kranke startH 
2ö Stunden nach der Operation an Diphtheria traeheo-bron^ 
<4iialis mit Asphyxie. 

20. Beobachtung (p. 190j. Ein Knabe von öJabrae, 
geimpft, lymphatischen Temperamentes, wurde wegeo 6tl^; 
ger Schlunddiphtherie ins Spital von St. Joseph att%enoii>>': 
men. Man verordnete innerlich Kalichlorat, Brechmittel, ätts<^ 
serlich Kauterisation mit SUbersalpeter , Rosenhonig mit Bo- 
rax. Am 6. Tage des Eintrittes adynamisoher Zustand, Kmp- 
husten, Erbrechen, Albuminurie. Am 13. Tage der Krankheit 
Tracheotomie wegen Asphyxie. Figueiredo operirte» Der 
Kranke stiess viel Schleim durch die Wunde aus, wonurf 
Ruhe eintrat — die Reinigung der Kanüle brachte gleicbfiiUs 
Schleim und Pseudomembranen heraus. Kauterisation der dipk«* 
therisdien Wunde — adynamiseher Zustand nimmt au — 
Chinasulphat , Perchloruretum ferri — einige Löffel voU 
Wein in der Suppe -^ Tod in Folge diphtherischer In-^ 
toxikation 49 Stunden nach der Operation. Autopsie^ 
der ganze Rumpf livid gefärbt — Kongestion in den Längen 
— die Schleimhaut der Luftwege stark geröthet, unbedea- 
tende Hauikonkretion in der Oegend der BronchialtheUaog 
zeigend — Magenschleimhaut erweicht, stellenweise ecdiy* 
mosirt, — die Darmfollikel geschwollen und gelblich geftrbt^ 
das Ansehen bietend , als wären Qber die gan^ Darinober* 
flitche Grieskörnchen ausgestreut — dieMeren kongestionirt. 

21. Beobachtung (p. 192). Ein Junge von 4 Jahren 
9 Monaten, lymphatisch -nervösen Temperamentes, hatte vor 
2 Jahren Scharlach fiberstandeu und erkrankte am 16* Joni 
1860 an Corysa und Angina diphtheriea, denen sich dufcb 
Weiterverbreitung noch Krup beigesellte. Gkgen bkUjnakMÜo» 



44» 

md begimeiKle Aephjrxie verordiiete «iftn aUgemeine t09»- 
idtehe Mittel, daruDier Perddiumrei. ferri, örtlidi Kanterisa*' 
tiMn. Venohlmmieniiig der Znftlle - Nothwendigkeit der 
Operation. Barbosa sagt, von den 16 Operationen, die er 
gegen Krup madite, bot dieser die ungünstigste Aussidit anf 
Erlolg; sie wnide am 6. Tage vorgenommen, der Kranke 
alarb 6 Stunden damaeh. 

22. Beobaehtung <p. 194). Ein 4jllhriges Findling- 
Middien, lympbatisehen Temperamentes, geimpft, wurde, nad^ 
de» es drea 8 Tage lang an katarrhösen ZafUlen geUttanv 
am 13« Hai 1860 in die Krankenanstalt da Santa Casa da. 
IGserieoFdia von Lissabon, wo sieh ihr Uebel sehnell ala* 
Kmp charakterisirte und wegen Asphyxie am dritten Ta^e 
ihres Eintrittes sur Traoheotomie drftngie. Barbosa operirte 
ohne jede Schwierigkeit, der writere Verlauf war der gOi»* 
stigste — man konnte schon am 6. Tage die Kanüle ent- 
faniea — und die ganae Kur war giflekhdi am 16. Tage 
naeb der Operation vollendet. 

23. Beobaehtung (p. 195). Ein Knabe von ö Jah- 
re» 3 Monaten , lymphatischen Temperanhentes, schwächlicher 
Konetittttion , geitnpft, an ererbter Skrophel - Dialhese lei- 
dend, hatte im Alter von 4 Jahren bereits ein Scharlachfle^ 
ber mit Anasarca und Albuminurie Oberstandea, Und blieb 
von daher stets mager. Nebenbei hatte er auch noch aa 
eiterigem Ohrenflusse zu leiden , der auf den Gebrauch von 
Seebftdem jedoch versdiwand. Am 19. Okt. 1860 erktankte 
et unter allmfthliger Heranbildung des gansen Symptomen' 
komplexes an Angina diphtherioa mit Krup. Die innere und 
tassere Behandhing war die bereits bekannt gegebene, konnte 
aber die suffokatorischen AnAUe weder verhflten noch be^ 
raeistent,' — letatere begflnstigten vielmehr einen hypostheni- 
sehen Zustand Man konnte nur nqeh die Traoheotomie ent- 
gegenstellen. Joaquim Theotonio daStlva nahm sie am 
9. Tage der Krankheit, am 5. des Krups, vor, — und machte 
damit das Athmen wieder frei. Husten und Reinigung der 
Kanäle brachten stets siemlich viel z&hen und festen Schleim« 
In Folge von Instillation lauen Wassers und des Schwamm- 
wisebers in die IVaehea entstand ein Hustenaniall , welcher 



s«gttr einen hAotigea CyliBder yon 3-— 4 Oen tkü e toi^ awilMi 
dM:^ hereusbeftrderte. Allee umeonet, der Kranke erlag att» 
■Bifaliger Asphyxie und Infektion 48 Stamdem naob der Ope^- 
ralion« 

24. Beobachtnag (p. 199). Ein BlndUDg-lfikdohcn 
r%m 8 Jähren, lymphatisoken Temperamentes, kam in die Kiaa^ 
kenabtheilung der Santa Gaea da Miserioordia am 274 Olli 
1880 mit Angina diphtkerica und Krap. Die Operation war 
sehoB am 3. Tage der primitiven Kraakheit^ aas 2. des KnipV 
anerlftsslich geworden, sollte das Midehen noeh gerettet ww^ 
den. Josö Oaldino Carvalho da* Silva verriAtete sie. 
Die Kranke starb aber am 2. Tage darauf an progressiver As- 
phjxie. 

25. Beobaehtung (p. 200). Bin Midehen von 4 Jah 
reo 2 Monaten, von lymphatischem Temperamente, beiel aai 
24. Nov. 1860 Angina diphtiierica aait Krup, deren Symptome, 
sieh allm&blig entwickelnd, sieh fu ihrer Totalitttt so steiger- 
ten, dass die Tracheotomie als letates RettungSnittel erechie». 
Antonio Maria d'OliveiraSoares verrichtete sie ohne An- 
stand am 6. Tage der Krankhdt. Noch an demselben Tage stau- 
ten sieh AnftUe von Snffokation ein — selbst in den Nasen« 
yMcu bildeten sieh Psendonsenibranen — die Krftfte sehwaa- 
dett — die Kranke starb in Folge von langsamer Atrophie 
ond diphtherischer Infektion 17 Stunden nach der Opera- 



26. Beobachtung (p. 201). Bin Jonge von 6 Jahren, 
weioher 3 Wochen lang an Katarrh gelitten hatte, trat an> 
12. Febr. 1861 in die Kfankenanstalt de Sant* Anna. Man 
deflnirte seinen Znstand als Brondntis mit Kt«p, der sieh 
bis cum 21. Tage seines primitiven Brkrankens bis iolt As- 
phyxie verschlimmerte und nur Traeheotomie als Bettengs- 
mittel flbr% gelassen hatte, Jos^ BernardinoTeixeira ver- 
richtete dieselbe. Wegen mangelhafter Beleaehlung mit «wei 
Kertenliehtern wurden einige Aesto des Ftezns veaosus an- 
geechnitte», welche eine «ngeheure Masse Blnt ergossen aad 
die mediodisoke VoIlfttbruDg der Operation geradeau unmO^ 
lieh »aehtett. Man war geAötbigt, die bhitenden Venen nrit 
defpelschenkeligen stumpfen Instrumetten su kompnarirsD. 



Bei der/Odfinrag 4c# Traohea «liat etwas Biui ia die ftroiK 
oUei^ vetoliea, Husten terarsaohend, m\i HaitÜTagidenteB mth 
der aiiigafvodtD warde. Naah Siabringung der KaDflle sMwg 
dia Kranke wieder die ii\igen auf, hostete eine Meng^ rmn 
■aatlataea aas, in eiterigen Behleim gehflllt, weldie seitweise» 
aoeh die Kästle verstopften und mit dem Wisdier aus dar^ 
sriben weggeaaoiBnieB werden mossten. Die Kranke fiel 
«war it elAen Sehwäriiesastand , athmele jedoeh flwi and 
langsam fort, ja ihr Zustand besserte sieb alim&blig so blei^' 
beüd, dass am 12. Tage die Kanttle weggelassen wferAo» 
konnte and die Wände bis aiim 19. naeli der OperaHo» 
▼aUstftttdig TenMurbt wah * 

27. Beobachtung (p. 203). Bin 5jähriger Knabe roir 
regUmftssiger Konstiution, lymphatisoh^ wurde am 23. April 
M61 von Oastrointestinalreiaung befiiUen, die naeh 3 Tagetf 
wieder schwand. Der Junge erkftltete sieh jddoeii im kttUe» 
md feuehtea Oartesy woroti die Folge ein KropaaCdl war^ 
der bis xum 8. Tage sebon so intensir wurde, daaa 
alle Mittel fehlschlugen und die letzte Zbflueht die Tvaehae«^ 
taanie blieb. Barbos« operirte. Die Zeidben der gestörten 
ttMialose verloraa sich , indem der Kranke wieder athmele, 
es kehrte wieder Oefllhl surüek, er erkannte seine ünge? 
bsnig« Bn paar Mal wurde die Respiration durch HautstQeloa 
and Mdetm behindert, diese aber stets wieder ausgestossan^ 
so, dass derZastand filr einen Tag sehr ertrftglidi war. Kaek 
Abfauf dieser 24 Stunden ersehwerte sieb jedoch darrt Se«^ 
biWung von Membranen die Respiration und nach Weitere» 
d4 atnnden starb der Kranke an aUmfthliger Asphyxie« 

3& Beobaehtung (p. 204). Bin Fall mit giackliohem 
Aasgailge bei einem Knaben von 4^/^ Jahren, dessen Vater 
an Lui^cQphthUe gestorben war. Der- Junge selbst, lympha^ 
tisch, geimpft, trug noch Narben von Drfiseneiterong, hatle 
auch die R^Mheta iberitanden «nd öfters an Hahentzflndua- 
gen gekmn. Die neueste Krankheit tObs 21. Okt. 1861 war 
Angnm, 0er jaa dipbcfaeriea arit Krup und Albominorie. Dia 
Krankheitaentwiekelang war so rasch, dass er sehon am S. 
Tilge Ins Büdhnn asphyolieum rerfiel Tom Ausbroehe des Krap 
an fereebnel fam 8. der primitiffen Krankheit). Nur mehr 



4t« 

▼OB der Traebeotoniie war Bettang st heffeii) dften^TOii im' 
hmeren und tasteren Mitteln hatte nichts aog^sebhkgeii; Jo»- 
q.«iin Theotonio da Bilya opeHrte «m Torbenerkten 3. 
Tage der <}efahr nach Tronsseaa's Methode. Eäne BUitoDgairt 
eiaem Zweige des Plexus venosus yerzögerte die Operatioi' 
etwas. Mari) OeMong der Trachea wurde mit dem ^igenthüm-* 
lidien Geräusche eine grosse Quantit&t sobaumigen Schleimes 
ndt Blut von der Wunde geftrbt aasgestossen. Man brachte 
Trousseau's Dilatatorein, Kess den Jungen aufsitseii, worauf 
tiafe Inspirationen erfolgten und die Trachea Ton mehr oder 
WMiiger dicken Sehleitmnassen befreitea — und befestigte 
endlich auf die angegebene Weise die eingeführte Kanüle, 
dnreh welche sich Schleim- und Hautfiragmente freiwillig und 
dnrdi die jeweilige Reinigung derselben abstiessen. Die 
Wnnde wurde mit Hollenstein betupft — und so ' wurde es 
ernögücht, die Doppelkanttle am 6. Tage zu entfernen. INe 
ToUe Heilung war bis zuiti 26. Tage nach der Operation er« 
fclgt. Sein froherer Körperzustand yemnlasste nur einige 
hjgieDische Vorschriften. 

29. Beobachtung (p. 209). Bin 4jfthriges HAddien, 
▼on einem Vater abstammend, welcher an Lungentuberkulosd 
gestorben war, lymphatischen Temperamentes, ward, ohne 
Torgftngig anderweitige Krankheiten ausgestanden zu babCB, 
a» 13. Nov. 1861 von sehr ausgedehnter Diphtherie befcUen; 
denn sie erstreckte sich von den ^ Nasenhöhlen Ob» die 
Sdilingoigane hinweg bis Ober den Larynx. Die Krankheit 
war schon bis zum 2. Tage zu Krupasphyzie gestiegen, ge^ 
gen welche man in der Traeheotomie die letzte einzige Hülfe 
suchte. In diesem Zustande (die Kranke war moribund, mit 
lividem Oesiehte, Aagen und Augenlider hftngend, au%etrie^ 
bau, wie erloschen, vergebliehe konvulsive Bewegung« um 
noch einen Atbemzug zu ermöglichen, förmliche Lethargie} 
machte Barbosa die Operation. Nach Bröflhung der' Luftröhre 
evwadite dieses beinahe eriosehene Leben wieder. Man setzte 
die' Kranke auf, reinigte mit eisgebra^tem Schwamm wisdter 
die Trachea, wobei durch den dadurch herv o rg er u fe nen Bt^ 
sten sAher blutiger Schleim und Httutohwi mit G«w«it aii«^' 
geslossen wurden, die Kranke schien Vom Tode äuferütan«- 



4«r 

49n. Im Urine seigle sich grosse Menge Eäweiss, w&kread 
oben durdi die Kantde ein Siüek Heut von 4 Centknentor^ 
Lftnge und 2 Breite 4rasgetneben winrde neben mehreren klei- 
nen Fragmenten. Bei mikroskopisoher Untersuehnng entfaieit 
der dieke ammoniekaliseh rieehoide Urin viele FaserejUnder 
nnd merenepithelialscheiden. Nasenhöhle, Schfaind und Wunde 
wurden kauterisirt mit Salpetersilber, der Hals mit einem 
Chnrgelwasser aus gleichen Theilen Honig und Alaun bespOk. 
Das Biweiss verschwand aus dem Urine, dagegen versohlim- 
merten sich die Halssymptome, das Gesiebt trieb sich auf an 
Folge von Anschwellung der Cervikaldrasen und des Unter- 
hautaellgewebes, welche sich vom Halse bis zur Brust er- 
etreekte. Die kleine Kranke konnte nicht vermocht werden, 
CShinin tu nehmen. Durch die Kanüle ward ein grosses Staek 
Pseudomembran ausgestossen, Schlund erschien weniger ge- 
rötfaet, der diphtherische Ueberzug der Mandeln weniger kon- 
sistent ' und grau gefitrbt — das Chinin ward in Klystir bei- 
gebracht — die adynamischen Zeichen nahmen Oberhand -^ 
es stellte sich sdiwer zu stillendes Nasenbluten ein, das Ge- 
nossene ' ward durch die Nasenlöcher wieder entleert', die 
Pseudomembranen des Halses zersetzten sich, durch die Nase 
&OSS best&ndig eine zähe Flttssigkeit ttblen Geruches, einem 
derartigen aus dem Munde kommenden fthnlidi, •— mit einem 
Worte: der torpide Zustand steigerte sich trotz kräftigen Re- 
gimes, der tonisehen Arzneimittel und Topica, in Folge der 
diphtherischen Infektion, und unter wieder eingetretener be- 
deutender Albuminurie zu tödtlicher Agonie. Die Kranke 
starb am 5. Tage nach der Operation. 

30. Beobachtung (p. 214). Ihr Bericht ist unvoU- 
stftndig und betrifft einen 8j&hrigen Jungen, lymphatischen 
Temperamentes, schwftchlicher Konstitution, der am 9. Nov. 
1861 an Angina diphtberica mit Krup erkrankte, welche im 
asphyktischen Zeiträume des 11 Tages der Krankheit nur 
mehr die Wahl der Tracheotomie liess. Jos£ Galdino de 
Carvalho nahm sie noch an diesem Tage vor, allein der 
Kranke starb schon am 2. Tage. Die diphtherischen Abla- 
gerungen waren bis in die Bronchialverzweigungen gedrungen. 

31. Beobachtung (p. 215). Ein sehr gescheites 6 |tth- 



MB 

ngcs Hftdeben, mit weisser Haut, bloodao Hmmd^ geinfft, 
war MtfB an einfaehen Angiaen behandelt wdrdeo« in 4«iaa 
Folge ihr hypertrophirte Handelzi hiatarbiiebeb. V<m* 6 iA- 
reu war ejo Bnidef an Krup geaiorben. Ea evkraobt^ tm 
81. Deaember tS61 ao Angina dsphtherica, die aich aufwftrta 
als CoryiA und abw&rts als Erup ausdehnte. Die Zaiob«» 
waren die bekannten. Die erste Behandlung bestand in etnon 
ümetieum, Auspinsela der. Kehle mit Alaun und Roeanhoa^, 
Sataplaaoien um den Hals, Sinapismen an die unleren flxlra- 
anitiUen, Bettiw&rme, Eieisehbrahe. Am aweiti^ Tage waiw 
die Handehi mit Pseudomembranen überaogen, welche ni«n 
ungesäumt mit SUbersalpeter kauteriairte, dann mit Rosenk^- 
nig bespttlte« ^ inaerlioh Kaliohiorat nebeir Breehraittels, 
welehe blutige Hautfetzen heeauebelbrdertea. Bis zum 4. Ta^e 
der Krankheit hatte sieh der ganse Symptomenkoo^plea: var* 
aohliiiimert unter Zutritt von konvulsiven Kontraktionen, be- 
ginnender Kyanose , Albuminurie. Der hochgradigen Kciok- 
beit stellte man auch energischeren Kurplaa entgegen; jedoch 
umsonst — die letzte Zuflucht blieb die Tvaoheotomie, weloke 
auch. am 4« Tage in diphtherisdier Periode von Teixeira 
■arques verrichtet wurde, und awar nach Trousaeau's 
Methode innerhalb 10 Minuten. Man zog einige kleine Haiil- 
<fi«gmente aus der Wunde, '— wlJurend dessen veri>lieb die 
Stanke im Zustande der Asphyxie, die gipsten Aastrengim- 
gen machend, um Luft au bekommen. Maa setato die Kranke 
auf, führte die Doppelkanflle ein, und unmittelbar dargaj hu- 
stete sie und athmete frei. Die stattgehabte Blutung war 
kapillärer Natur, dauerte aber länger als gewöhnlich und 
ftrbte noch einige Stunden lang die Wunde, nachdem der 
Zutritt der Luft in die Lungen schon wieder beigestellt war. 
Man reichte der Kranken KaUchlorat abwechselnd mit Fleisch- 
brOhe mit Milch. Der Urin enthielt groase Quantitäten Bi- 
weiss. Husten , Reinigung der Kanüle , Einführung des 
Schwammwischers io die Trachea brachten stets dicke Pseu- 
domembranen heraus. Mit letzteren bedeckten sich neuer- 
diags die Mandeln und wurden kauterisirt, dabei war Geaidllt 
und Hals geschwollen. Der untersuchte Urin enthielt Bpi- 
tbeUalacheiben, Eiweiss und Ammoniakaalae« Die Athmungs- 



Wfldiwwden AMMe» aUmikhlig alte Otm4e durch bis tiir m- 
y^jkiiaehen Kyaaose, es Bcig:ieii sick einige Peieokian an 
Bumpfe und den unteren Bztremit&ten, klonieebe Krikni|p& ki 
4m Gliadam Irateo Uastu, die Kranke vereakied aai 4 Tage 
dar Kiankkait^ daai ä. der Operation, an den Folgen diphüia- 
riichet Infektion mit progresairer Aephyzie. 

62. BaobaektttDg (p. 219). Ein Knabe ron 2%iA* 
ren, Ijmphatiachen Temperamentes, sehwltaUieher Konatitatioa, 
ward nach noch niekt lange ftberatandeaer katarrhöaer Brut- 
«ntattndang von Angina dipktberioa mit Kmp ergriffen, filn 
Bruder war vor 6 MonaleB an Konvulaionen gestorben. Die 
Krankheit enlwiekeite sieh rasch, nöthigta w^en Asphyxie 
an 4. Tage zur Tracheotomie, welche Joaquim Theotonio 
da Silva rornahm;«— der Kranke erlag aber schon 6 Btaa- 
den daniaoh Konvulsionen. 

33. Beobachtung (p. 220). Ein Findling- liftdcban 
von 11 iahren, lymphatischen Temperamentes, kaehektisekar 
Konstitution, an Angina diphtherica mit Kmp leidend, wurde 
am 4. Tage seiner Erkrankung wegen Asphyxie noch am 
Mitternacht von Barbosa operirL Mit Einfühning derKcAtlle 
aebwaaden swmr die drohendsten Symptome: Todtan biAase 
bei lividen lippen, erloschene Stimme, Orthopnoe mit deut- 
liohem Laryngealgerftoache, K&lte und blaue F&rbung dar 
Hftade und Fasse u. s. w. , allein die Respiration blieb stets 
rauh und gerituscfavoll , wie durch eine Metallröhre, ^ es 
traten ohoreaförmige Konvulsionen an Händen und Füsaan 
von viertelstttndiger Dauer, Somnolenz hinzu, 14 Stunden 
nach der Operation mit dem Tode endigend* 

34. Beobachtung (p« 221). Ein 7j&hriges Mftdahen 
lymphatisch-sanguinischen Temperamentes, guter Konstitulioa, 
einrenkte am 10. Febr. 1863 an Angina diphtherica mit Oarro- 
tilho sich kempliairend. Jos6 6aldino Carvalho daSilva 
openrte die Kranke in der aaphyktiachen Periode der Krank- 
heit am 7. Tage letzterer und am 3. des Krups. Die Opera- 
tion ging glftaklioh von Statten, doch hatte Blutung Statt und 
Eintritt von Blut in die Luftwege, welches durch Aussaugen 
entfenat wunde — wltiirend Perehloruretum fern die Blutung 
aelbat stillte. Es aeigte aick awar Eiweisa im Urine, welebaa 



4M 

jedo«h nach ein paar Tag^i wieder veiaehiraBd, am & Ta§e 
aatfernte man die Kanäle und an 23. waren Vemaiimng aad 
HeUnng yoUendet 

36. BeobaehUng (p. 222). Garrotilho nach Matern 
JMi einem 6j&hrigen M&dohen, von lymphalisch^saagniaischem 
Temperamente, welches sdion einmal vor 2 Jahren die Ma- 
Bern gehabt. Diese zweite Eruption war sehr entwickelt, von 
starkem Husten begleitet. Die lokalen Symptome ai|f den 
Respirationswegen bildeten einen Komplex von Tracbeal-, 
Bronchial- und Pharyngeal • Diphtherie. In der Behandlung 
dieser und des vorgftngigen Exantheme« fanden wir nicbis der 
besonderen Hervorhebung Wardiges. Schon am dritten Tage 
dea Krups war Asphyxie eingetreten — eine ftrxtliche Be- 
sathung sprach sich fOr die unerlissliche Traeheotomie aus, 
welche Joaquim Theotonio da Silva verrichtete. Bei 
der ersten versuchsweisen Herausnahme der KanOle stiess 
die Kranke grosse Quantitäten von Schleim ans. Die hintere 
Wand der Trachea liess eine weisse Schichte gewahren, 
welche Schleim zu sein schien, der untersudite Pharynx 
aeigte deutliche Diphtherie. Die Tracheairinge hatten gemAss 
ihrer Elasttzit&t die Dimension der Wunde verringert, wees- 
halb die die Trachea verstopfende Schleimmasse und Hant> 
fragmente nicht konnten ansgestossen werden. Man nahm 
daher zum Schwamm wischer seine Zuflucht und brachte die 
KanOle wieder ein, wonadi der vorige Zustand wieder an- 
trat, ohne jedoch Bestand zu haben. Das eigenthfimliche aas 
der Kanäle kommende €terftusch Hess Bronchialdiphtherie 
nicht verkennen. Wiederholte Reinigung der Tiuchea nadi 
Herausnahme der Kanüle, wodurch Hautstflckdien weggingen, 
brachte keine erklecklicke Brleichtemng — die Diphtherie 
gewann an Ausdehnung, es erschien in den zwei letzten Ta- 
gen Albuminurie , gangr&nöser Geruch aus dem Munde — 
Nasenlöcher und Lippen bluteten leicht, -^ die Dyspnoe 
wuchs allm&hlig, — die Kranjie starb am ö. Tage nach der 
Operation an langsamer Asphyxie mit diphtherischer An- 
steckung. 

36. Beobachtung (p. 224). Bin M&dchen im Alter 
von ö Jahren 3 Monaten, von lymphatischem Temperamente, 



451 

normsler Konstitaiioii , litt schon einen llonat lang an Hu- 
sten, und war bereits am Todestage ihres Bruders, welcher, 
sehen am dritten Tage der Erkrankung am Oarrotilho ge- 
storben war, heiser. Es herrschten die Masern damals epi- 
demisch in der portugiesischen Hauptstadt. — Da kamen 
nun bei unserer Kleinen Oarrotilho und Masern zum Aus^ 
bruche, denen man die gebräuchlichen Mittel entgegenstellte. 
Ersterer verschlimmerte sich sehr schnell — aus den 2 Blut^ 
egelstichen am Halse trat wieder Blut aus — auch hatte eine 
kleine Epistaxis Statt. Es fand eine ärztliche Berathung Statt, 
welche es nicht für gerathen hielt, mit der Tracheotomie 
länger zu zögern. Barbosa verrichtete sie am 3. Kruptage. 
Beim Oeffnen der Trachea wurde in des Operateurs rechte 
Hand ein Stück Haut ausgestossen von 5 Centimeter Länge 
und 2 Breite. iKe Kranke kam von ihrer Asphyxie wieder 
zum Leben. Am Tage nach der Operation zeigte sich Eiweiss 
im Urine, die Wunde wurde diphtherisch. Beim Reinigen 
der Kanüle brachte man wieder ein Stück Haut heraus, aber 
weniger gross als das gestrige. Statt der gewöhnlichen Ka- 
nüle brachte man die bewegliche vonLüer ein, durch welche 
sich grosse Masse Schleimes entleerte. Solches geschah auch 
beim jeweiligen nöthig gewordenen Reinigen derselben, wo 
noch ein Fragment Haut nachfolgte. Barbosa substituirte 
der Kanüle von Lüer jene von Charriere, die der Kran- 
ken jedoch unbequemer war. Man kauterisirte die Wunde 
und vertauschte den bisherigen Gebrauch des Kaüchlorates 
mit Chininsulphat etc. Der Urin lagerte noch grosse Quanti- 
tät Eiweiss ab, was sich jedoch bis zum 9. Tage der Opera- 
tion gänzlich verlor, an welchem Tage man auch die Kanüle 
wegliess — die Heilung war am 18. Tage vollendet. 

37. Beobachtung (p, 227). Am 17. April 1863 er- 
krankte ein Mädchen von 15 Jahren 6 Monaten, von ljn)pha- 
tisch - sanguinischem Temperamente , guter Konstitution , am 
Oarrotilho mit Angina diphtherica. Die Krankheitsszene hatte 
sich von vorneherein mit folgenden Zeichen eröffnet : Dyspnoe 
mit Anfikllen von Suffokation , deutliches Laryngealgeräusch, 
Stimme und Husten heiser, das Vesikulargeräusch wenig ver- 
nehmbar, Puls 128, wenig entwickelt .... Pharynx blau- 

XLVI. 1866. 30 



46» 

röthlich, Urin sehr albunioös. Das genau« Examen ei^ab 
sohon zweit&gigen Bestand des GkirrotUho. Man hatte Kali- 
chlorat, Breehwurzel .... verordnet. Die Anfälle von 8uf- 
fokation wiederholten sich, die Kranke klagte hanptsftohlich 
aber grosse Oppression der Brust ^ nach allen Zeichen er- 
streckte sich die pseudomembranöse Exsudation auch auf den 
unteren Theil der Luftwege ^ bedeutende Albuminiirie. Von 
Arzneimitteln war nichts mehr zu erwarten. Barbosa schritt 
am 8. Tage der primitiven Krankheit, am 3. des Krups, zur 
Operation, welche ohne Zu&U verrichtet wurde. Durch die 
geöffnete Trachea traten sogleich einige Hautfragmente her- 
aus, — die eingebrachte Kanüle stellte zwar die Respiration 
her, allein die Rauhheit derselben bestätigte die Diagnose, 
dass Trachea und Bronchien betheiligt seien. Während Bar- 
bosa noch seine Instrumente reinigte, höfte die Kranke 
auf zu athmen, die Augen schfiefen ein, das Gesicht er- 
bksste. . . .es war die Kanttle (von Borge lat und Tr ous- 
seau) ausgetreten und halte diese plötzliche Asphyxie ver- 
anlasst. Er setzte Trousseau's Dilatator ein und dann die 
Kanttle. In Folge der diphtherischen Infektion ward jedoch 
die Asphyxie progressiv — die Kranke starb 19 Stunden 
nach der Operation. 

38. Beobachtung (p. 229). Ein Mädchen von 5 J^- 
ren 3 Monaten, welche mit mehreren Personen mit Halsaffek- 
tionen in Berührung gekommen war, wovon die Eine an Oar- 
rotilho starb, erkrankte selbst am 22. Mai 1863 an Angina 
diphtherica mit Krup. Die eingeschlagene Behandlung war 
die bereits öfters erwähnte. Der Zustand, schnell seine cha- 
rakteristische Entwickelung durchmachend bis zur Asphyxie, 
liess als letzte Indikation nur mehr die Tracheotomie übrig. 
Barbosa verrichtete sie am 5. Tage der primitiven Krank- 
heit, am 2. des Krups ohne allen Anstand; — sie brachte 
auch Leben zurück; allein die Kranke erlag 15 Stunden nach 
der .Operation an der vorgängjgen choleraartigen Diarrhoe, 
walohe sehr kopiös geworden war. 



4MI 



Ueber Behandluog der An^na diphtherica durah 
Perchlorure de fer von Dn J. Gourdon. 

Aas dem BulieUn de la Sodäie JmpMaie de Jü^ecine, GMriM*f<i «t 
Pharmacie de Toulouse 1864 p. 33 mitgetheilt durch Dr. J. B. Ulier- 

sperger. 

Eine hier eiDsehlägige Behandlungsmethode gegen Angina 
A'phtherioa ist die mit Perchloruret. ferri, worüber Dr. J. Oour- 
don eine Denkschrift bei der kaiserl. Gesellschaft der Medizin, 
Chirurgie und Pharmazie zu Toulouse eingereicht und 
worOber eine ernannte Kommission von 5 Mitgliedern Berieht 
erstattet hat. Da unseres Wissens nichts davon in der deut- 
sehen medizinischen Literatur bekannt gegeben wurde, so 
glauben wir, dass es den Lesern des Journals fQr Kinderkrank- 
heiten nicht unwillkommen sein möchte, ein Paar Worte 
darüber mitgetheilt zu erhalten. Es stellt sich dieses Mittel 
noit der Kauterisation diphtherischer Schleimhäute, Tracheoto- 
mie, der von Bouchut vorgeschlagenen Ausschneidung der 
Mandeln und seinem Tubage, welche beide sich keinen Stand- 
punkt und keine Zukunft in der Krupheilung erwarben, zu- 
sammen. — Von allen topischen Mitteln hat die Kautei-isa- 
iion vermittelst verschiedener Aetzmitlel^ den Silbersalpeter 
an der Spitze, doch nur eine relative W^irksamkeit , obachon 
sie das wirksamste und am wenigsten unzuverlässige Mittel ist. 

Die diphtherische Bräune ist, unter welcher Form sie 
sich auch kundgibt, nicht eine ausschliesslich auf Stellen, wo 
sie sich äussert, beschränkte Affektion. Sie ist eine lokale 
Manifestation eines allgemeinen schweren Krankheitszustandes, 
sich durch deutlich ausgesprochene Merkmale der Adjnamie 
charakterisirend. Die Behandlung dagegen muss demnach 
wesentlich tonisch und rekonstituirend sein, ja sie muss in 
ihrer Thätigkeit hinreichend schnell wirken, um rasch der 
Verbreitung der Krankheit Einhalt thun zu können, und ehe 
die Aussicht auf Heilung schwindet. 

Ein solches kostbares Mittel sieht Oourdon im „Per- 
chlorure de fer.^' Er geht dabei ganz auf Courty*s An- 

30* 



454 

sieht ein, der es besonders bei Kindern neben einer substan- 
tiellen Alimentation empfiehlt. Der Ausspruch, welchen ge- 
nannter Professor von Montpellier hierüber thut, ist: ^Eine 
grosse Anzahl von Heilungen dieser Affektion von verschie- 
denem Grade und verschiedener Ausdehnung berechtigt voll- 
kommen, dessen Wirksamkeit auszusprechen. Man hat es 
noch hinlängliche Zeit nach Heilung der Krankheit fortzusetzen, 
um die Kräfte zu heben und die Rekonvaleszenz abzukürzen. 
Ja die Anwendung dieses Mittels ist selbst nach derTracheo- 
tomie noch von entschiedenem Kutzen, ^m die Lokalisirung 
der Diphtherie auf andere Punkte, namentlich die Trachea, zu 
verhindern. Seine Vorzüge als Topicum sind nicht minder 
seiner kaustischen, hämostatischen und tonisirenden Einwirk- 
ung wegen unverkennbar. Wir haben seine erprobten Eigen- 
schaAen bereits auch schon durch Barbosa's Erfahrung und 
Kundgebung kennen gelernt. 



Beriebtignngen 

zum Januar- Februarhefte des Journals für Kinderkrankheiten 

1866. (Band XLVI.) 

Seite 6 Zeile 10 von oben lies: Therapie statt „Theorie. ^^ 

6 ^? 11 von oben lies: neueren statt „anderen.^^ 

9 ,9 11 V. o. lies: Störung statt „Strömung.^^ 

9 „ 7 V. u. lies: neuerer statt „anderer.^^ 

y, 23 „ 1 V. o. lies: neuen statt „meinen.^^ 



)7 



Register zu Band XL VI. 



Abel in in Stockboiro 47. 

Akote Krankbeiten, Wicbligkeit des 

Thermoroeterg in solcben 99. 
An&roie, aber dieselbe 128; A — , 

«iseabahig^e Wasser dagegen 57. 
Angina dipblberiea, Perchlorore de 

fer dagegen 453; A vgl. a. 

Krnp. 
Appetite der Kinder, über dieselben 

149. 
Asthma tbymicum 140. 

Barbosa in Lissabon 258, 393. 

Bierbaum in Dorsten 342. 

Blosliegen, nftehtliches, der Kinder 
197 

Blutungen s. die betreffenden. 

Bouchut in Paris 77, 375. 

Bräune, würgende, s. Krup. 

Bronchien, Emser Brunnen gegen 
chronische Leiden der Schleim- 
haut der ersteren 50. 

Cftüorose 128; Ch — , eisenhaltige 
Wasser dagegen 57; Ch — , Karls- 
bader Wasser als Vorbereitungs- 
kur für Anwendung des Kisens 
dagegen 56. 

Chorea, Fall da?on 72. 



Darminvsgination im ersten Kinde»- 
aller 23. 

Diphtheritis 307 ; D — , Kopaivbalsam 
und Kubeben, ferner Tbeerrftoeber- 
nngen dagegen 143; D— und 
Krop, Aber dieselben 221. 

Drusen s. die betreffenden. 

Eisenhaltige Wasser, deren Heil- 
kraft 57. 

Emser Bronnen gegen chronische 
Leiden der Schleimhaut der Luft- 
röhre und Bronchien 59. 

Enteritis choleriformis 342. 

Entzündung s. die betreffende. 

Epispadias 59. 

EsmarchU Operation der Unter- 
kicferanchylose 240. 

Froschgeschwulst kleiner Kinder 82. 

das s. Leuchtgas. 

Gasinhalationen in Gasbereitungs« 
ansialten gegen Keuchhusten 77. 

Gastrointcstinalsehleimhant , Karls- 
bader Wasser gegen chronische 
Katarrhe der ersteren 47. 

Gehirn, über Hydatiden desselben 
83; G— s. u. Hirn. 



456 



GebirnentzfinduDg, deren Zosammen- 

han^ mit Otilit 103. 
Geschwülste s. die betreffenden. 
Giraldes in Paris 81, 82. 
Gonrdon, J. 453. 
Gu inier in Montpellier 171. 



llaJsdrüsenanseh wellung ^ skrophu- 
löse, reines Jodeum dagegen 385. 

Harnblasenspalte, angeborene, 59. 

Hauck, G. 147. 

Haus.ehild in Leipzig 147. 

Heilquellen Deutschlands 147; H— 
8. die beireffenden. 

Hemeralopie, damit verbundene bis- 
her noch nicht beschriebene Ver- 
änderung der Ronjunktiva 132. 

Herzleiden, Fall davon 71. 

Hirnleiden, Fälle davon 74, 75; 
H— 8. a. u. Gehirn. 

Hoden, Krebs desselben bei einem 
Kinde 81. 

Hasten vgl. Keuchbaaien, Tussis con- 
vulsiva. 

Hydatiden s die betreffenden Or- 
gane. 

Hydrocephalus, dessen Diagnose, 
Prognose und Behandlung 117.- 



Inhalationen bei Tussis convulsiva 
6; I — s. die betreffenden. 

iBvagination a. betreffende. 

Jodeum, reines, gegen skropholöse 
Anschwellung der Halsdrfisen und 
syphilitische Anschwellung der 
Leistendrüsen 385. 

An4balüge Wasser, deren Heilkraft 
58. 



Karlsbader Wasser gegen chroni- 
sche Katarrhe der GastrointesUnal- 
schleimhaut, gegen hartnäckige 
Verstopfung und bei träger Lei- 
besöffnung so wie gegen Konvul- 
sionen in Folge von Verdauungs- 
störungen 47; K , dessen Heil 

kraft bei i^agenkatarrh, so wie in 
alten oft rückfälligen Wechsel- 
flebern und in der Chlorose als 
Vorbercitungskur für Anwendung 
des Chinins bei jenen und des 
Eisens bei dieser, ferner im chro- 
nischen oder VorbotetistadiuiD der 
tuberkulösen Meningitis 55. 

Katarrh s. betreffenden. 

Kehlschnilt im Krup, äb«*r denselben, 
393; K~ vgl. Tracheotomie. 

Kennedy in Dublin 117. 

Keuchhusten, Einathmung der bei 
Leuchtgasreinigung sich ent- 
wickelnden flüchtigen Substanzen 
dagegen 386; K — , dessen Dia- 
gnose aus den Ulzerationen der 
Zunge und über dessen Behand- 
lung durch Inhalation in Gaabc- 
reitungsanstalten 77. 

Kinder s. .deren Krankheiten und 
Zustände. 

K i nderkrankheiten, über das Studium 
derselben 67; K — s. die betref- 
fenden, 

Kinderpflege zu Hause und in der 
Schule 147. 

Konjunktiva, Veränderung derselben 
mit Hemeralopie verbunden, Fali 
davon 132. 

Konvulsionen in Folge von Ver- 
danungsstörungen , Karlsbader 
Wasser dagegen 47. 

Kopaivbalsam und Knbeben gegen 
Diphtherilis und Krup 143. 



457 



Krampfkrankbeiten s die betrelTen- 
den. 

RrebskrankheJten s. die betreffenden. 

Krnp, Studien darüber 25S; R->,äber 
den Kehlschnitt dagegen 329, 393; 
K~, Kopaivbalsam und Kobeben, 
ferner Theerräucherungen dagegen 
143; K — und Dtphtheritis, über 
dieselben 221; R vgl. a. An- 
gina diphtherica. 

Kubeben und Kopaivbalsam gegen 
Diphtheritia und Krup 143. 

Kurorte Deutschlands 147. 

KQttner in Dresden 149. 

lieber, über Hydatiden derselben 83. 

Leibesöffnung, träge, Karlsbader 
Wasser dagegen 47. 

Leislendrusenanschwcllung, syphi- 
litische, reines Jodeum dagegen 
385. 

Leuchtgas, Einathmung der bei des- 
sen Reinigung sich entwickeln- 
den flüchtigen Substanzen gegen 
Keuchhusten 386. 

Luftröhre, Emser Brunnen gegen 
chronische Leiden der Schleimhaut 
der ersteren 56. 

Luftröhrenschnitt s. Kelilschnitt, Tra- 
cheotomie. 

Luithlen in Ochningen 146. 

Lungenentzündung, Fall davon 70. 

Luzsinsky in Wien 221. 

miagenkatarrh , Heilkrart des Karls- 
bader Wassers dagegen 55. 

Meningen, Entzündung derselben, 
zusammenhängend mit Gehirn- 
entzündung und Otitis 103. 

Meningitis , tuberkulöse , Heilkraft 
des Karlsbader Wassers im Vor- 
botenstadiuro der ersteren 55. 



Mineralquellen, über Anwendung 
einiger solcher in gewissen Kin- 
derkrankheiten 47; M— s. die 
betreffenden. 

Moynier in Paris 329. 

Mabelblutung, idiopathisdie, Neuge- 
borener 191. 

Neugeborene s deren Krankheiten 
und Zusl&nde. 

Nierencntzündong auf Scharlach 99. 

Ohrspeicheldrüsenentzündung 373. 

Otitis, deren Zusammenhang roil 

Entzündung des Gehirnes und 

seiner Meningen 103. 

Perchlorure de fer gegen Angina 

diphtherica 453. 
Prieur in Gray 385. 

Roger in Paris 83. 

fikharlach, Nierenentzündung darauf 
99. 

Schulz, Erwin, in Berlin 196. 

Skrophulose, jodhaltige Wasser da- 
gegen 58; S — s. die betreffenden 
Krankheiten. 

Steffen in Stettin 1, 6. 

Stettin, Bericht über die Leistungen 
dos dortigen Kinderspitalcs im 
Jahre 1864 1. 

Stimmritzenkrampf 146. 

Stottern, dessen Formen und Be- 
handlung 196. 

Syphilis Neugeborener 375; S— , 
deren Uebertragung durch Vac- 
cine 139, 



458 



Theerr&ocberoo(j:en gegen Diphthe- 
rili9 uod Krup 143. 

Thermomeler, dessen Wichtigkeit 
In akuten Krankheiten 60. 

Thomas in Ohrdruif 23. 

Thorax, über dessen Punktion bei 
ganz kleinen Kindern, mit Hin- 
weisung auf einen glQcklieh ope- 
rirten Fall bei einem 12 Monate 
alten Säuglinge 171. 

Thoresen in Christiania 307. 

Tracheotomie gegen Krop 329, 393; 
T— vgl. a. Kehlschnitt. 

Tuberkulöse Leiden s. die betrefTen- 
den. 

Tossis convulsiva, Inhalationen da 
bei 6; T s. a. Keuchhusten. 

Ullersperger in Mönchen 2S8, 
393, 453. 

Unterkieferanchylose, deren Opera- 
tion 240. 



Vaocination, frühzeitige 128. 
Vaccine , Syphiiisfibertragung da- 

durdi 139. 
Verdauungsstörungen , Karlsbader 

Wasser gegen Konvulsionen durch 

erstere 47 
Verstopfung, hartnäckige. Karlsbader 

Wasser dagegen 47. 



H^echselfleber , alte , räcklällige, 
Karlsbader Wasser als Vorbereii- 
ungskur für Anwendung des Chi- 
nins dagegen 55. 

Werber in Freiburg i. B. 191. 

West in London 67. 



Bunge, Ulzerationen derselben, Dia- 
gnose des Keuchhustens aus sol- 
chen 77. 



\ 

JOURNAL. 

FÜR 

KINDERKRANKHEITEN. 

Unter Mitwirkanf der Herren 

OB. Atoelta, Professor der Padiatrik tn den Ktroliniselien medii.- 
cbir. Inslitot in Stockholm und Oberant an dem allgemeinen Kinder- 
banse daselbst, SartlieB, Arst am Hospital St. Eugenie tu Paris, 
Vaye, Professor and Direktor der GebUranstalt und der Klinik für 
kranke Kinder in Cbristiania , Uardy, Arzt an der Kinderheilanstalt 
tu Dublin, üaaiaer, Direktor der Kinderheilanstalt zu Mflnchen, 
Heiirltt, Arzt am britischen GebArhanse und Lehrer über Frauen- und 
Kinderkrankheiten am St. Mary*s Hospital in London, Krönen toe#S, 
Direktor der kaiserlichen Kinderheilanslalt in Moskau, Ktkttner, 
dtrigirender Arzt des Kinderkrankenhauses zu Dresden, lieBarll« 
Iter, Arzt an der Findet- und Waisenanstalt zu Bordeaux, liusslnsky, 
dirigirender Arzt der Kinderheilanstalt Mariahilf in Wien, UtelffSen, 
Direktor der Kinderheilanstalt zu Stettin, Htletoel, (ieheimerath , Di- 
rektor des Christ'schen Kinderhospitales in Frankfurt am Main, IVeiSSe, 
kaiserl. russ. Geheimerath und vormals Direktor des Kinderhospitales 
zu St. Petersburg, und VH, H¥mm% erster Arzt des Kinderspitales in 
Great-Ormond-Street zu London, 

herausgegeben 



Ir. rr. J. BelireMdl und 0r. A. HlldetoMiarf 

in Berlin. 



Band XLVIL (Juli— Dezember 1866.) 



Erlanorn. Palm Sl En ks. 

(Adolph Enke.) 
186& 



/ 



* V, 



Druck von Junge & Sohn In Erlangen. 



Inhaltsverzeichniss zo Band XLVIL 



I. AkluuidlHsea itd •risitalaiftiti«. 



I 

Seite 



Ein Beitrag zur Beurtheilung der Körperentwickelung 
der Kinder; vod t^ofessor Dr. Ä. Brunn! che zu 
Kopenhagen 1 

Bericht über eine Hasernepidemie, mitgetheilt von Dr. 
Bartscher, erstem Arzte des Marienhospitales zu 
Osnabrück 28 

Einige Bemerkungen über die Ernährung der neugebo- 
renen Kinder • • • 37 

Erlebnisse aus der Kinderpraxis. Von Sanitätsratb Dr, 
Joseph Bierbaum. 

I. Vomitns chronicus 58 

IL Eclampsia 60 

in. Meningitis tubercnlosa 61 

iV. Meningitis sioiplez ...:;.' '68 

V. Magen-Darmkatarrh ; 69 

VI. Brpncbitis, Helminthiasis, Tuberkulose 73 

VII. Bright'sche Kierenkrankbeit » 77 

vni. Hydrocephaloid • • • .79 

IX. Icterus 81 

X. Pseudokrnp 88 



IV 

Seite 

Die Therapie bei Diphtheritis, von Dr. Lue ein 8 ky, 
Birektor der öffentlicheii KioderheilaoBtalt „Mariahilf ^ 
in Wien 155 

Bemerkungen über das Wesen der Diphtheritis und ihrer 
wichtigsten Nachkrankheiten, der Paralysen, Yon 
Dr. Thoresen in Christiania 182 

Ueber die Cholera bei den Kindern , gestatzt auf Beob- 
achtungen in der klinischen Äbtheilung des Herrn 
Barthez im St. Eugenien- Hospitale zu Paris, von 
Dr. Fernst, AssiMei^aiAt dafßU>4t ...,*. 208 

Chirurgische Mittheilungen von Dr. Bartscher, erstem 
Arzte des Marien-Hospüales zu OsnabrQck. 

Erster Artikel: Klampfuss, neue Methode der Behand- 

luDg, Spina bifida 226 

Ueber die s^undftre Diphtheritis von Dr. Michel 
Peter, Professor an der medizinischen Fakultftt au 
Paris 233 

Klinische UntersuchuDgeii üb^r den Veitßtap^ und desaen 
Zusammenhang mit Rheumatismus und HerzaffeHtion 
von Pr. H. Roger, Arzt am Kin^rhospitale in 
Paris 307 

Ueber Teonotherapia thelastricotica oder Therapia pbar- 
macothelastrica infantum (Kinderheilung durch medi* 
kamentrirte Mutter- oder Ammenmilch) nebst einer 
Parallele mit der neuesten Medicina infusoria, nament- 
lich clen' subkutanen Injektionen, von Dr. Joh. Bapt 
Ullersperger zu München 333 

Eine Masernepidemie zu Romano in der Lombardei im 
Frühjahre 1866, beschrieben von Dr. Antonio Rota, 
(Mittheilung des Dr. J. B. Ullersperger in Münf^en 
aus. Kr.. 30 vom 23. Juli 1866 d^ Guzeita medica 
UaHana di LombünU») 346 

Eine Rötheinepidemie zu Mount-Aboo beschrieben von 
Henry Veale, M. D. Mitgetheilt von Dr. J. B. 
Ullersperger in München .....,.,.. 353 



Seite 
Eioige Beoifrkungen über Albinos o4ar KakerlAkea und 
über Nigriaoe 857 

n. ■•spttalberickte. 

Berioht ttber daa Kinderhospital zu Kopenhagen im Jahre 
1865, TOB Professor Dr« A. Brflnniche .... 259 



DL Kliusche Tsrtrige. 

Hospital far kranke Kinder in Paris. 

Herr J. Simon: Aber einen Fall von taberkulöter Fle«- 
ritis and Empyem, Punktion des Thorajt, Tod ; amyloide 
Degeneration in den Eingeweiden 94 

Herr Giraldes: Klinische Bemerkungen aber die Opera- 
tion der HaBenBcharte «... 98 



If . Btthsflugsa ais Dfauken ia4 Itspittkn. 

Daher Einklemmung angeborener Hernien 266 

Spina bifida geheilt dureh Injektion einer Auflösung von 

Jod und JodkaliuBB 267 

Ueber die späteren Folgen der Oelenkausschneidung und 

der Amputation bei Kindern , . . . 270 

Angeborenes Fehlen der Vagina, küQstiiche Bildung der- 
selben 278 

T. (iekihrte Gegslbekaften ml Terefae. 

Aus den Verhandlungen der Akademie der Medizin in 
Paris 1862^1865. 
Grosse Hydatidenkyste der Leber, geheilt durch Funktio- 
nen, Jodelnspritsangen nnd bleibende Sonden .... 104 
Syphilis der Kinder durch Vsccination yerbreHet . . . 124 
üebar da« BxpektativTarfahrea in der Behandlnag der 
Pa^ninaaie 4w Kinder 286 



VI 

Seite 
Aus den VerkaikM«dgett der medithmch-ohirtirgiBebeD 
Oesellscbaft in. London vom Jahre 1860 — 1865. 
Ueber Frakturen der Kinder innerhalb des Utems . . . 290 

Bemerkungen über dioi skrophulOfe Geßtaltung oder Aber 
diö sogenannte Skrophelsucht, besonders erlftutert durch 
das Studium des Skekltes, von T. 0. H%rt . . , . 29jß 

Bemerkungen über die erhlishe Uebertragnng von Kdrper- 
fehlem 365 

Ueber die Affektion des Nervensystemes bei der Diphthe- 
ritis . . : 369 

Beschreibung eines Fötus , welcher ohne Gehirn , ohne 
Herz, Lungen und Leber geboren wurde, nebst Bemerk- 
ungen Aber die Pötalzirkulafcion .......... 375 

Sehr bedeutende Kontraktur des Halses und der Arme in 
Folge von Verbrennung glücklich geheilt durch allmäh- 
lige Dehnung und plastische Operation, mitgetheilt von 
John Wood 381 

Transposition der grossen GefÜsse des Henens .... 384 

Blasensteih bei ein«» rhaobilSschen Kinde, ungtwöhhliche 
Erschwerung der Lithotomie durch die Form Veränder- 
ung des Beckens 386 

Ueher die.Behandluog deA Eiweissbaniens bei Kindetn . 390 

Ueber die Beschaffenheit des Jfagens und Oannkaiiales 
beim Scharlach 393 

Aus den Verhandlungen gelehrter Oesellschaften und 
Vereine in Orossbritannien und IHand. 

Ein interessanter Fall von fiermaphrodismus 400 

Vollstfindige Obliteration des Dünndarmes durch fötale 

Peritonitis; Apnuseat's Operation . .• 401 

Erkrankung des Kniegelenkes, behandelt durch Ans- 

schneidung , . ; 402 

Einige interessante Fälle von Spina bifida .....>-. 403 

Periodisches Erbrechen bei einem Kinde 405 

; Punktion des Thorax wegen Empyem bei einem 12 Jahre 

i alten Kn«ben 406 

Behindlang des Keuehhustens durch wechselnde Gaben 
von schwefelsaurem 2Unk und Bellfttlodnaextrakt > . . 407 



vn 

Seite 
Anf^orenA VertchüeisiiBg det Aftera mit OeiFoiing des 

Darmes in der Vagina ....*.. 410 

Bemerkungen Üt^er Yaocinat^on « . 411 

Ascites ohne vorgftngiges Scharlach- oder Masemfieber bei 

einem 6 Jahre alten Kinde 414 

Toberkelablagerung im kleinen Gehirne ...... 415 

Gastro -Enteritis, verbanden mit akuter Kephritis, mit 

den Symptomen einer 8<;beinbaren Vergiftung . . . 416 

Angeborene Hernia diapbragmatica . ' . . . . . . 417 

Ueber angeborene Phimose als häufige Ursaebe der Reit-- 

nng der Hamorgane bei kleinen Knaben 418 

Chronischer Hydrocephalus 422 

Pocken an zwei Zwillingsfötus 423 

Ueber sekundäre Abszesse im Kniegelenke nach 

Scharlach 424 

Aus den Verhandlungen der Oesellschaft sohwedisoher 
Aerzte zu Stockholm im Jahre 1865. 

Bauchspalte, Kloakenbildung und Spina bifida .... 427 

Stenose der Trikuspidalmttndung des Herzens .... 429 

Zur Diagnose des Lungenbrandes 432 

Anomaler Verlauf der Halsvenen 434 

Zur Hygieine der Schulkinder 435 

Schreien und eintägiges Leben eines Neugeborenen, ohne 

dass Luft in seine LuDgen drang 436 

Ruptur des Herzens bei einem Kinde 437 

Zur Operation der Hasenscharte 438 

Eigenthümliche Verunstaltung des Skelettes bei einem 
vorzeitig geborenen Kinde 439 

Rhachitische VeränderuDgen der Schtfdelknoehen; Frak« 
turen bei Rhachitischen 441 



Tl. Uterttv. 

Ueber die häutige Bräune und den Krup. (De Vangine 
couenneuse ei du croup par Mr. le Docteur Coulon 
ä'Amiens.) Hitgetheilt von Dr. J. B. Ullersp erger, 
pens. herzogl. Leuchtenb. Leibarzte in München . • 136 



▼m 

Sdte 
Ramm«!, die RtMiklieileii dtr PMriod^a d«i kiadüch«! 

Lebensalters « < « 444 

Michaelis, Aber die körperliche Erciehnüg der Kinder . . 445 

Hirsch, über die spesifische Ursache der Cholera und ihre 
erfolgreiche behandlnng mit Schwefelammoniam .... 445 

Streabel, ttber die Scheinredaktionen bei Hernien ... 447 

Wagner, die Metamorphose des Hen^eisches in Beaiahong 
^J^ deren nrsftchlichen Krankheiten 448 

Heilquellen and Kurorte fttr Kinder 448 



JOURNAL 

JadM Jahr «> Anftätse, Ab- 

Mhelneii 13H«fte h^dL, 6clirlften, 

In 1 Bdn. — Oute liVfVß Werke, Journale 



Oie. fir 41« &• • 

üb. Kinderkrank- d a k t i o n dieses 

ketten werden er- Jonmales beliebe 

beten vad naeh ttiaa deiMlb^n 

Erscheinen Jeden irT||[||nil|/n lll|/ll|]tir|11?l[ oder den Verle- 
Helle, «rot honofllJiyjJIIJIII/tlliyinll^ gern ein.u.en. 

lirt» den. 

[BAND XLVn.I ERLANOEN, JÜU u. AÜG. 1866. [HEFT Tu. 8.] 



/• Abhandlungen und Originalaufsätze. 

Ein Beitrag zur Beurtheilung der Körper^atwickel- 

ung der Kinder; von Professor Dn A.Brünniche 

zu Kopenhagen*). 

J^deflOial, wenn wir cur klinisdien Beiirtheilung des Zu- 
0(aodeB eines Kranken gerufen sind, halten wir es filr noth- 
wendig, uns so genau wie möglich mit Allem bekannt zu 
machen, was sur Anamnese, zur Geschichte des Kranken in 
gesundheitlicher Hinsicht gehört und heften wir unseren Blick 
mit Aufmerksamkeit auf alle die Momente, aus welchen man 
mit Recht eine Vorstellung über die individuelle Körperbe- 
schaffenheit desselben sich bilden su können erwarten darf; 
man ist nnr hiedurch im Stande, sich ein sicheres Urtheil 
Ober die Krankheit und die Art und Weise, wie dieselbe auf 
ihn eingewirkt hat, zu bilden. 

Dieses gilt natfirlicherweise in gleich hohem Orade von 
Erwachsenen als vom Kinde, aliein wir erinnern daran, dass 
bei letzterem die individuelle Geschichte öfter nur einen kur- 
zen Zeiitranm umfasst, in welchem nicht viel vorgegangen 
sein kann, dass das Kind oft nicht im Stande ist, uns darüber 
Auskunft zu geben, und dass im Ganzen von Anderen oft 
nicht der gehörige Bericht uns verschaflt werden kann. Bs 
Ist daher für uns um so wichtiger, darauf zu achten, dass 



*) Aus dam DftniBchen (mbiioA. for Umg^) deutsch von 
Dr. t* d. Bosch in Bremen« 
ZLVIL 1S66. i 



.- .2': i i 

es bei dem Kinde noch eine Rttoksicht gibt, durch welche 
die EörperbeBcha£fenheit desselben eine wichtige Belevohtnng 
erhalten kann, eine Rücksicht, die bei diesem eine ganz an- 
dere Geltung hat, als beim Erwachsenen. 

Bei letzlerem ist ntaiiich der Orgonisbuii so zu sagen 
aber die withUg^ten Blüf^n in det indfVidaeA^il Entwiekelung 
hinaus gegangen; die verschiedenen Organe haben ihren de- 
finitivea Umfang und ihre Eigenschaften erreicht und sind die 
sich hierin begründenden Kr&fte in Thätigkeit getreten. Beim 
Kinde hingegen ist Alles noch im Werden begriffen, die 0^ 
gane und Eü*äfte spllen erst nach und nach in Th&tigkeit tre- 
ten. So z. B. entwickelt sich das Centralnervensystem und 
seine Umgebungen i^nd in Folge deaseki das geistiga Leben 
und sein Dolmetscher^ die Spraehe; die Yerdaui^^th&tigkeit 
fügt sich nach und nach einem Wechsel in den Nahrungs- 
mitteln und in Verbindung damit 'wird die Herstellung der 
Zfthne eingeleitet; mdem iUAx das 9keleU nach und oach in 
Grösse, Form und 8tftike entwiokelt| wird das Kind gesehiokt 
gemacht, die Tbeile seines Körpers bu tragen, sich au be- 
wegen, za gehen und eine Menge anderer Yerricbtungen aas- 
auittireu. Der Fortscheritt dieser Entwiekelung maoht sieh 
allerdings vorzugsweise dorch bestiiniste, ip die Angan (al- 
lende Episoden, wie die des Zahnaushruches , des Eintretenfl 
des Gehens, des Sprechens u. s. w. bemerklich, allein es 
muBS daran erinaert werden i, dass die Entwiekelung. niehts- 
destoweaiger ununterhroohen fortgeht, und 4a8s dieses eine 
organische Thätigkeit voraussetzt, welche weit intensiver, ab 
die, die beim Erwachsenen zur Erhaliung des Oiganismos 
geschl^ftig ist. 

Was man a priori erwarten musste, das ist auch ducob 
die Erfiedirung aller Zeiten bestätigt worden, ato^ioh» dass 
siebi) abgesehen von dem grossen Spielräume^ welchen die 
individueUeu EigeqthCtwliebkeiten hierin ent£idten mögen, sehr 
oft eine Verbindung zwischen der Körperbeschaffeaheit des 
Undea und der Art und Weise, in welcjber die Gat^iokelung 
desselben vor sich geht, kund thut, und ist es auch niemab 
flberMhen wofdeny daas man «gerade im konkreten Falle in 
der Schätzung der Entwickeluttgssttife des Kindes hn Terh&lt- 



3 

nifse X« deasen Alter ein weMotliohes Httlfsmitiel zur Bear- 
ÜieilvDg der Körperbeechaffenheit desselbeD habe. Bs M 
▼ieUeiebl Iberflllssig, zu bemerken, dass bei dem „Entwiokel- 
uDggverhalten^^ des KiDdes hier eicht an den Ernährungszu- 
stand, die Wohlbeleibthett desselben, sondern aussohliess- 
Uoh mir an die in Folge des Wachsthumes und Alters 
▼orgeschrjitene Körperentwickeiung desselben gedacht wor- 
den ist 

Als Cbundlage fttr eine solche Beurtheilung dürfte es nun 
darauf ankommen, eine einigermassen sichere Kenntniss über 
das für ein jedes Kindesalter natürliche Entwickelungsverhal- 
len SD haben, and in dieser Hinsicht ist man ja auch lange 
nil den wiehtigeren Epochen hierin ins Reine gekommen; 
man weiss,, was etwa in den Grenzen des Normalen liegt, 
& B. hiasichtlich des Zafanausbruches, des Gehens, des Spre- 
ehens, der Schliessung der Fontanellen, verschiedener Ver« 
knöoherungsverh&ltnisse n. s. w. und hat man mit Recht diese 
Momente zur Beurtheilung des Standpunktes der Bntwickei- 
nag beautzt. Es l&sst sich inzwischen nicht leugnen, dass 
•6 noch andere hierhin gehörende Momente gibt, welchen 
■lan erst in späterer Zeit einige Aufmerksamkeit in dieser 
Richtung geschenkt hat und welche sie auch allerdings ver- 
dienen, um so mehr, als sie nicht als Zeugnisse über die ge< 
aaiiBten stossweisen Entwickelungsstadien im Leben des Kin- 
des auftreten, sondern uns vielmehr einen Massstab für den 
Werth der beständig th&tigen, lebendigen Organisationsarbeit 
beim Kinde abgeben. Hier wird namentlich an die Entwickel- 
ang des Skelettes gedacht, dergestalt nftmlich, wie dieselbe 
im gewissen Riehtungen durch Messungen verfolgt werden 
kann. Man hait vielleicht früher schon die Aufmerksamkeit 
auf die Länge des Körpers gerichtet, um daraus den Ent- 
wiokelungsgrad des Skelettes zu beurtheilen; allein Jeder wird 
gewiss einräumen, dass diese Bestimmung an und für sich, 
absoliit betrachtet, sehr wenig aufklärend ist, denn nichts 
täuscht mehr, als aus der Körperiiöhe allein einen Schluss aul 
das Alter und die Entwickelung eines Kindes ziehen zu wol- 
len. Weil man dieses erkannte, so hat man in anderen Ver- 
hältnissen einen Ausdruck ftlr die Sntwickelang des Skelettes 



X 



ÜDd Körpers gesucht, nameotlieh in der Entwickeking des 
Umfanges des Brustkorbes und der Hirnschale, so wie in dem 
gegenseitigen Verhalten dieser Umfönge und zum Thdleauofa 
in ihrem Verhalten zur Länge des Körpers. Es wbi«o 
Scböpf-Merei und Whitehead in Manchester, welehe 
im Jahre 18ö7 *) eine Reihe von hierhin gehörenden Beob- 
achtungen bekannt machten, und haben yerschiedeoe Andere 
' ihrem Beispiele nachgeahmt, von welchen ich nur Steffen 
in Stettin^*) nennen will, welcher noch YerschiedeDe Andere, 
Liborzik, Mayr u, s. w., citirt hat**). 

Da ich in meinem Wirkungskreise im hiesigen Kinder- 
hospitale deutlich fühlte, wie nothwendig jedes Moment sei, 
durch welches man seine Kenntniss über die Körperbeschaffei- 
heit kranker Kinder vermehren könne, und dabei erkannte, 
wie dürftig die Data sind, auf welchen man die Beartheilung 
von ihrer Entwickelungsstufe oft stützen musste, so beschloss 
ich, der Spur der genannten Kinderärzte zu folgen. Ich liese 
es mir daher angelegen sein , das hierhin gehörende Materiai 
zu sammeln, und habe es mir nun seit etwa 5 Jahren zw 
Regel gemacht, beständig, soferne die Verhältnisse und na- 
mentlich der Zustand der Kinder solches zulieasen, bei der 
Aufnahme eines jeden in dem Journale die Data über den 
Kopfumfang, den Brustumfang und dieKörp6rb<)he aufzuzeich- 
nen, und habe ich hierzu auch das Körpergewicht beigelillgt, 
welches zwar ursprünglich in anderer Absicht aufgezeichnet 
worden ist, aber doch, wie ich dachte, möglicherweise bei 
diesen Untersuchungen von Bedeutung sein könnte. Es 
musste natürlicherweise ein einigermassen grosses Material 
gesammelt werden, um daraus eine bestimmte Anschauung 
bilden zu können und habe ich nun gemeint, de^a die in 
diesem Zeiträume gesammelte Anzahl von 3ö5 brauchbaren 
Beobachtungen (die wohl eben so gross als bei irgendeinem 
der genannten Schriftsteller sein dürfte) wohl zu dem ge- 
nannten Zwecke einer Zusammenstellung hinreichen könnte, 
und diese will ich nun in dem Nachfolgenden mittheilen. 



*) 8. dieses Journal Bd. XXVril S. 243 f. 
**) Klinik der Kinderkrankheiten 1865 Bd. I Heft 1. 



HiDsichÜleh der Ergebnisse der verschiedenen Data be- 
merke ich Folgendes: die Länge des Körpers ist mit Hilfe 
eines eigenen Apparates in stehender Stellung gemessen und 
nach Zollen aufgezeichnet; der Umfang des Kopfes ist durch 
die Spina ocoipitis externa und Tubera frontalia, und der 
Umfang des Brustkorbes dicht unter den Brustwarzen ver- 
mittelst Bandmessung bestimmt worden und ebenfalls nach 
Zollen angegeben. Der Körper ist auf einer recht feinen 
Dezimalwage, während das Kind mit dem Nachtzeuge be- 
kleidet war, gewogen und das Gewicht in Grammen ange- 
geben. Die Wägungen sind, in der Regel wenigstens, auch 
bei der Entlassung des Kindes aus dem Hospitale vorgenom* 
naen worden, aber hierauf ist, da es nicht zur Behandlung 
des vorliegenden Gegenstandes gehört, in dem Nachfolgenden 
keine Rücksicht genommen worden. 

Wenn nun das so gewonnene Material in Betracht ge- 
zogen wird, so dflrfte sich natürlicherweise zuerst das Be- 
denken geltend machen, inwiefeme es angehe, diese Resul- 
tate, die aus Beobachtungen von lauter kranken Kindern ge- 
wonnen wurden, mit zu zählen und Schlüsse aus solchen zu 
ziehen, und dürfte allerdings auch eingeräumt werden müssen, 
dass es ein grösseres Gewicht haben würde, wenn die Unter- 
suchungen bei Gesunden gemacht wären. Inzwischen glaube 
ich, dass dieser Einwand nicht so wesentlich ist, als es beim 
ersten Anblicke scheinen dürfte, zumal wenn man bedenkt, 
dass eine grosse Zahl dieser Kinder wegen Krankheiten in 
Behandlung gekommen ist, von welchen, wie z. B. den aku- 
ten, wohl kaum angenommen werden kann, dass sie auf die 
Körperentwickelung eingewirkt haben, und bei diesen werden 
die Verhältnisse also wie bei gesunden Kindern sein, während 
auf der anderen Seite man gerade durch Beobachtungen von 
Kindern, auf welche sowohl eingewirkt als nicht eingewirkt 
gewesen ist, Material iiir eine relative Beurtheilung erhält, 
welches uns ja auch besonders wichtig ist, um Yergleichungen 
anstellen zu können. 

Es konnte bei der Bearbeitung folglich nicht die Rede 
davon sein, alle Beobachtungen zusammen zu mischen, und 
entschloss ich mich daher, indem ich dem Beispiele der er- 



wähnten Schriftateller folgte, die anscheinend gat oder 
sehlecht entwickelten Kinder von einander su soheiden, wib- 
rend ich mich nicht, wie Jene, dazu entscheiden konnte, die- 
selben in so umfangreichen Altersklassen %n sammeln, wo- 
durch, wie es mir seheint, geringere Nüaneirungen in den 
Verhältnissen leicht unbemerkt bleiben könnten; dagegen habe 
ich dieselben in Klassen fttr jedes halbe Jahr innerhalb der 
Lebensperiode, wozu die Beobachtungen im Hospitale zu m^ 
ner VerfOgang standen, nämlich vom zweiten bis achten Le* 
bensjahre zusammen gebracht, jedoch so, dass die beiden 
letzten ganzen Jahre von mir nur jedes in eine Klasse ge- 
bracht worden sind, theils, weil das Material in den respekti« 
ven Halbjahren zu spärlich war, theils aber, weil das betrrf- 
fende Verhalten offenbar in einem so vorgerflckten Leben 
von weniger Bedeutung ist. Ich habe sonach 10 Altersklas» 
sen zur Vergleichung gebildet und in jeder die Knaben und 
Mädchen fiir sich allein betrachtet und habe ich in jeder voa 
diesen dieselben wieder nach dem anscheinenden Grade 
ihrer Entwickelung abgetheilt» 

Inzwischen zeigte sich mir nun die Schwierigkeit, diese 
Klassifikation in verschiedene Entwickelungsgrade zu erlangen; 
es war ja gerade diejenige Stufe der Entwickeiung, fQr welche 
ich Momente zur Beurtheilung zu finden wünschte, und durfte 
daher dieser Beurtheilung nicht vorgegriffen werden. Ueber 
diese Schwierigkeit bin ich aber dadurch hinweggekommen, dass 
meine Journale beständig eine Reihe der anderen bisher be- 
nutzten Momente zur Beurtheilung des Entwickelungsganges 
und der Entwickelungsstufe der Kinder, so wie ihrer ganzen 
körperlichen Konstitution, enthalten. So nehme ich stets No- 
tizen über ihre Auffütterungsweise, namentlich über die Dauer 
des Säugens, über den Ausbruch der Zähne, die Zeit dessel- 
ben und die Komplikationen bei demselben, — die Zeit, in 
welcher das Kind anfing zu gehen und zu sprechen, — den 
Zustend der Fontanellen, die Farbe des Kindes, die Vacdna- 
tion auf und verzeichne die Kinderkrankheiten, weldie das- 
selbe überstenden hat; endlich zeichne ich auch noch das 
Aussehen und die Fleischigkeit der Kinder auf und ftbre 
meine allgemein ausgesprochene, ungefUire Meinnng über 
dessen Entwickeiung im Journale an. 



Mit Hülfe dieser Momente lässt sich dqd roei«ten^eils ein 
brauchbarer Ausgangspunkt su einer Trennung der gut und 
sebieelit entwicketten Kinder fisstsetzen; es muss aber zugegeben 
werden, dass dieselbe bisweihen nur ungefähr ist, weshalb ich 
denn auch best&ndig den Ausdruck „anscheinende Entwickel- 
ungsstufe^^ gebrauche, ja dass die gewonnene BeiU'theilung 
ia ei fi£ einen F&llen sich als durchaus nicht Obereinstimmend 
mit der Wirklichkeit erweisen kann. Ich glaube jedoch, dass 
diese F&lle nur seltene Ausnahmen sind, und dass ich auf 
diesem Wege eine recht brauchbare Grundli^e für die Ein- 
tbeilung gefunden habe. Für diejenigen Kinder, welche zwi- 
sisben gut und gering zu stehen schienen^ habe ich eine 
Mittelklasse von ^, Mittelen twickelten^^ gebildet, in der 
natarlicherweise die meisten und bedeutendsten jener Irr* 
tbümer oder Verwechselungen Platz finden mögen und des- 
halb auch in den nachfolgenden Darstellungen ganz von der 
Betrachtung ausgeschlossen worden sind. 

Nach diesen vorbereitenden Arbeiten würde meine 
Aufgabe nun sein, auf der einen Seite eine Yergleichung 
der Resultate, weiche die oben erwähnten Mas^ und Gewicht^ 
Verhaltnisse des Körpers in den verschiedenen Lebensalternf 
bei den verschiedenen Geschlechtern und Entwickelungsgra« 
den als gegeben sich erwiesen haben , auf der anderen Seite 
aber eine Yergleichung derjenigen anzustellen , von welchei^ 
wir annehmen mussten, dass sie einigermassen die Af^icht 
von der Entwickelung des Kindes begründeten, und aus den 
anderen erwikhnten Momenten (Gehen, Sprechen, Zahnen 
tt. s. w.) gewonnen waren; von der grösseren oder geringe- 
ren Uebereinstimmung würde also die Zuverlässlicbkeit des 
ersten Vergleichungsgliedes abhängen. 

In den speziellen Zusammenstellungen von Individuen in 
den zehn Altersklassen habe ich von den Durchschnittssummen 
Tabellen für jedes der verschiedenen Verhältnisse gebildet, 
welches untersucht werden soll, näQ)lich Körpergewicht, Kör- 
perhöhe und Umlang des Kopfbs und der Brust, und auf diese 
Tabellen wollen wir nun unsere Aufmerksamkeit richten. 
Wenn die Berechnungen vielleiebt auch mit grösserer Ge- 
nauigkeit hfiOten gefWirt werden können, so glaube ich doch, 
dasB sie im Stande sind, eine hinreichende Grundlage für die 
Beurtheilung abzugeben. Sämmtliche Messungen aind, wie 
man sehen wird, nicht bei allen Individuen gemacht worden. 



6 






M 


•g 




« 


•• 


B 


M 


<w« 


« 


•g 


a 


'i 


1 




^ 


1 



^ «4 3 



8 



{> CO 

r- o 






S Q 



<?3 ^ »• 

■v^ Ä -V« 

O <^a «o 

t- «5 r* 



i 


















«'S 
So 

51 



S 



e* o oi c^ 

O -^ <^» r*- 

m « ■*** N 

oi o w m 






t 

:$ 



O CO -^ 

OD 1-1 O 

CC ift *^ 

t^ (£> 50 



s s s? s 

O -^ O 00 

^ CM ff> CO 



o 

CM 






PO 
CD 






c* 



L« CM *a »n 

O CO CM r* 

5 S § ^ 



O 



T- Tl T< T^ ^-1 1-H ^ 



05 O 
i£> CO 



r- ri- <p o CO 

1I-I Oa C& 03 kO 

s s ?3 SS s; 



4ft -^ f* 

ClO CO -^ 

i> « 50 

<« lA CC 



a> CM _ 

t^ td €Q 
OD O 'f-* 



« ^ ^ 

o ir> CO 

CM S 



r- CM 

o -* -M 
Oi t> " 



s 



CO <S 



S 






00 CO lO t- -^ -^ »i^ 

O 'r- 1^ C? CO CO CJ 

Ifi -<f -r- -^ 55 -r- -ff 

o CM CM •* «o in <o 



CD 
CM 



^ CD 
^- CM 

3 5 



iD Q CO CD Ca 

ift ® o a> *^ 

?J *?& CO CO ^-f 

CO eo *ß <D i:- 






i^ ä£ ä^ ä| ö^ is| &^ g^ 6 «> i$ <p J 

-» ö^ a>-* g>-* g^ g»5 o^ S*^ o-S^-SÄ 
4?äcot2^-Yf^^S>£)ta-£M'^S»^S*^W 



•t 

Was alto das Körpergewicht anbelangt, so geht hier- 
aus hervor, da«s sieh, mit ganz wenigen Ausnahmen nach, 
natarlicherweise ein gleichmftssiges Zunehmen des Gewichtes 
nsit dem zunehmenden Alter findet. Dieses ersieht man aus 
allen Reihen nnd die einzelnen Ausnahmen rühren entweder 
von ZofUligkeiten oder besonders davon her» da»« die 6. und 
8. Altersklasse im Ganzen eine ziemlich kleine Anzahl von 
Individuen einscUiessen , wodurch die hierunter aufgefahrten 
Summen fast auf allen Usten sieh etwas abweichend von dem, 
was man zu erwarten berechtigt war, zeigen* — Ebenfalls 
e^bt sich, was auch anzunehmen war, dass das Gewicht 
der Knaben im Ganzen an den meisten Stellen grösser ist als 
das der M&dehen» Worauf es aber zunächst ankommt, ist 
das Verhalten des Gewichtes zwischen den gut und gering 
entwickelten Kindern, und man sieht dann, dass jene be- 
ständig bedeutend mehr als diese wiegen, nur mit 
einer einzigen Ausnahme, welche gerade bei den .Mädchen 
in der erwähnten sechsten Klasse (4V2 bis 5 Jahre) sich 
vorfindet. Es wird aber zugleich bemerkt werden, idass das 
Vorschreiten des Gewichtes mit den Altern sich 
nach der Entwickelung verschieden verhält. Bei Knaben von 
guter Entwickelung, die bei 2 Jahren mit 10371 Grammen 
anfingen und. bei 8 Jahren mit 19701 Grammen endigten, be- 
trägt das Steigen also 9330 Gramme, während es bei Knaben 
vcm geringer Entwickelung, die mit 8795 Grammen be- 

Knnen und mit 16683 Grammen endigten, nur 7888 Grammen 
trägt. Bei den Mädchen zeigt sich dasselbe: die gut Ent- 
wickelten steigen mit 8258 Grammen, die gering äntwick^- 
ten nur mit 2949 Grammen, woraus denn hervorzugehen 
acheint, dass Kinder von geringer Entwickelung verhältnisv- 
massig weniger an Gewicht zunehmen, als gut entwickelte 
Kinder. Es ergibt sich femer aus der Vergleichung der. Ge- 
wichtszunahme des Geschlechtes mit dem Alter, dass bei 
den gut. Entwickelten das Steigen des Gewichtes der Knaben 
nur 1072 Gramme grösser ist als das der Mädchen, während 
bei den gering Entwickelten das Steigen der Knaben dem 
der Mädchen mit 4939 Grammen fiberragt, woraus denn also 
scheinen dttrfte, als wenn das vorgeschrittene Gewicht bei 
Mädchen von geringer Entwickelung mehr Abbrudi erleidet 
als bei Knaben. — Unter allen Umständen scheint diese 
Darstellung die Annahme zu unterstützen, dass der Ent- 
wickelungsgrad des Kindes einen deutlichen Ein- 
fluss auf dessen Gewicht hat, und dass dieses also als 
ein Faktor zur Beurtheilnng von jenem benutzt werden 
könne. 

Was die Körperhöhe anbelangt, so verweise ich aut 
folgende Tabelle IL 



It 









^ 8 

" I 



d 

I 






I 



•S 






SS 

l| 

4> 



S?3S$S{g:3S>!S99 



s 



.^1 
ll 



d-s 



8 



S — <N 
CfJ CO 



00 «Ä «O ««H G^ 

CO* in o^ 00 •- 

CO CO CO CO "V 



<% 

^ 



oococoSoi^iA «9*^ 

s s s s §f s' g; s 9 «' 



s. 



_ r- lO 

cf -f rff ;3J 2IP ÖD 

CO CO CO ^ CO CO 



C4ClQ0Oj,0C),COOOi£^ 

cococococooS-^ "^-^ 



^c^oo ift'^r^iCj^ aoo 

CO CO CO CO CO CO Cl% CO CO ^ 



<N 00 



Ol 



s s 



<Ä S lO 

CO lif lO t^ 

CO OQ CO CO 



<N, 



s 



8 



**J. ^ <^ 

<Ä ^H CO CM I 
C« CO CO CO I 



oq^ oq. 00 
t* 00 00 »2 

CO CO CO "^ 



'^cociocococOco CO^S^ 




il 

Es seigt rieh hier, da«t mit dem vorsohreitenden Alter 
in allen Spezialreihen und Mittelzahlreihen ein beständiger 
Zuwachs stattfindet, welcher jedoch wesentlich in mehreren 
Richtungen auf yerschiedene Weise geschieht Der Geschlechts- 
unterschied zeigt endlich auffallend genug die Wirkung, dass 
in den Klassen gut entwickelter Kinder die Mädchen höher 
von Wuchs sind als die Knaben, nämlich fast ganz von dem 
Alter von 3^/2 Jahren an; dagegen findet aber im Verhalten 
bei den gering entwickelten Kindern das Umgekehrte Statt, 
indem sich die Knaben meistentheils höher zeigen, als die Mäd- 
chen. Im Ganzen wird demnächst ein entschiedener und fbr uns 
hier namentlich bedeutungsvoller Unterschied zwischen der 
Höhe bei Kindern von verschiedenem Entwickelungsgrade be- 
merkt; bis auf die einzige unbedeutende Ausnahme noch in 
der erwähnten sechsten Altersklasse sind die schlecht 
Entwickelten bedeutend kleiner an Wuchs, als 
die gut Entwickelten von dem 2. bis 8. Jahre an. 
Dieser Unterschied zeigt sich ausserdem auf eine recht merk- 
bare Weise; man ersieht nämlich, dass beim zweiten Jahre 
ein verhältnissmässig grosser Unterschied zwischen der Höhe 
bei Knaben von verschiedener Entwickelung besteht, als solche 
beim achten Jahre sich zeigt (resp. 31,7-^27,2 und 42—41); 
das Umgekehrte ist aber der Fall bei den Mädchen, bei wel- 
chen der Unterschied am grössten im achten Jahie ist 
(42,5—35,4 gegen 32— 30,3 bei dem, 2^2 Jahre). Wenn man 
nun, um dieses Verhalten genauer zu ermitteln, das ganze 
Kindesalter von 2 bis 8 Jahren bei dem 5. Jahre in zwei 
gleiche Hälften theilt und dann den Zuwachs in der Körper- 
höhe bei Knaben und Mädchen vergleiqhangsweise in den 
beiden Entwicklungsgraden für jede von diesen drei Jahres- 
klassen untersucht, so haben wir einen mehr bestimmten 
Ausdruck für dieses merkwürdige Verhaltea, in dem wir sehen, 
dass der Längenzuwachs beträgt bei: 

Knaben Mädchen 

gotentwick. gering entw. gut entw. gering entw. 
vom 2.-5. Jah. 3,5" 8,3" 4,2" 5,7" 

„ 5.-8. Jah. 6,8" 5,5" 6,8" 0,9" 

oder mit anderen Worten: bei gut entwickelten Kindern geht 
das Wachsen in die Länge ungefähr in steigender Progression 
ebenmässig vorwärts, bei den schlecht entwickelten Kindern 
hingegen bleibt dieses Wachsen auffallend zurück, namentlich 
nach dem flAnften Jahre, um welche Zeit das Skelett ja sonst 
sich besonders in der Häie entwickeln sollte, und dieses zeigt 
sich ausserdem in einem auffallend höheren Grade bei Mäd- 
chen als bei Knaben. Wir dürfen also wohl mit Recht den 
Schluss ziehen, dass eine geringe Entwickelung sich durch 
eine geringere Körperhöhe, namentlich in den späteren Le- 
bensaltem, zu erkennen gibt, und dass dieses besonders auf- 
fallend beim weiblichen Geschlechte der l^all sein wird. 



la 



•2.2 C 

.Tu »o fl> 
a ^ « 

3 es ä 
Q W So 






a 

M 
O 
TS 






a 

"o 

tS3 

OS 



60 

a 

S 



PQ 

TD 

CS 
3 



o 

lad 






o 

CM 

00 



ÖO 

J 

a 



08 

a 



43 

s 

1 






II 
II 



g « 



•^ OC O CO CO 00 00 00 CO 

r* i> ocTod QcTotf 00 od 00 oa 



C>09^»ft0OC^ t^OJ^OOC? 

^ t^ c^ t^ 00 roooooooo 



1 

2 



0) 






11 






^•? 



oq[«OQO»o^dDoo *^c>i 
pc^ 00 OD 00*00 od O) ooctT 



Ol Ö O.OJ3Ä OO 00 c>i o> 

i> odoo'"oo'oo ododoo^O) od 



»-^eo ift 00 00 »ft C^i,t^C^0O 
0000000000CdO>O)O)O> 



C^Ci C^OO 00 CO ^00,^ 

^- ododododdc 05 o?odo5" 



00 aooooi 00 T- did^a^di 



ic CO CO 00 oiiftr>^ift 
00 00 ododo o pf oiToa o 



~X?co ^"l* ^O ^CO o 00 
Ol I CO ' ^ I S> I ■ 

I =2 I ::J? I ^ I ;^ 
04 <N 00 CO nr -^ »o »c 



tOCOC» 



■'i3 



a 

(2 



O 
CO 



CSD 

S 





OQ 



5*^ 


L 


•^ ^ 


Pt§ 


th 00 o 00 00 oi c^ ^• ca r- 


e^i> 00*00 od oroS-oTorö* 


f^sa 


— ^^^^^^^^ei 


3-Ö S 




«:^sa, 










'S 






1 


00 «i^QO «o 00 -^«t ^ «^ 




A_ 






■«» 






SPS 




a 




€D 8 S 00 CJ »fl «^ d CJ 


« 


o ^ 


-^^^»i^ ^^^^^ 




s^ 




"O 


0) 




■•A 










a 


aä 








'-^Cl Ol »O DJ lO CM^OO 




700 00 00 00 od o» o Od p 




^ p 




V 




'S 






CO ;p 
l> O OO 00 c^,^»« •» o». 




^•- 


t^odt^cTordroT PoTcT 




O^ 


^<^^^^-^f- -^oi 




,^ 






j 






•^oo<Äooot^ SiftS 




<^ 


S:^®5S5;8SgS 




•^4 




s 




•fca 












te's 






c-* 


•^ 




•C.H 


O 00 CO .O 05 (N >ft 00 00^ l> 




« ^ 


«D t^odododo» oT o> o o 


a 


o- 


OS 
s 


<u 




•*A 




W 


i2 






11 


<M d d d <N 00 c^oo 

00 00 odod05 O O 05 O -rT 




Ü9 a 


^^^^^CMd-THCMd 




Q> 




^ ^ 






82 


C^»»O«^O0000'^ift0000 




si 


S^'22£SSSSS 


»-• 


1-5 •-& * h^ -. -? ^ 1-5 • ^ 




^» _e<r^ ^lO ^?0 t^ 00 


< 


«? ««Li* l»^ «1 1 




1 "^^ 1 -Cj 1 -^ -^ ' 1 




1 M 1 .. 1 •■< — 






ptdoo^a-v^iftiocor* 



14 

Aus dieser Tab. III ersehen wir nun neben einander die 
Umfangsmaasse fttr Kopf und Brust. Was die abso- 
luten Maasse anbetrifft, so wird sofort bemerkt werden, 
dass in Betreff beider Eörpertheile der Umfang derselben 
sehon mit dem 2. Jahre bei den sofalecht ent- 
wickelten Kindern bedeutend geringer ist, als bei 
den besser Gestellten und dass dieses also die Mittel- oder 
Durchschnittszahlen nicht unwesentlich herabdrückt, so wie 
auch, dass Oberall der Umfang der Knaben grösser 
als der der Mädchen ist. Von diesen ziemlich abwei- 
chenden Anfangsgrössen im zweiten Jahre erfolgt nun eine 
langsame Zunahme dieser Umfangsmaasse durch das vor- 
schreitende Alter hindurch, allein diese Zunahme erfolgt offen- 
bar nicht (tberall auf gieiohe Weise. Der Brustumfang 
scheint im Ganzen ziemlich gleiohmässig Tom 
zweiten bis achten Jahre fortzuschreiten^ es zeigt 
sich in dieser Hinsicht kein deutlicher Unterschied in den 
beiden Hälften dieses Zeitraumes und der Brustumfang des 
geringer entwickelten Kindes zeigt sich sogar im grösseren 
Grade zun^mend, als der des besser Gestellten (bei Knaben 
mit 4,66 g^en V\ bei Mädchen mit 2,6" gegen 2,ö")- 

Der Kopfumfang nimmt in einem schwächeren Grade za, 
nämlich im Durchschnitte um 1,4^', wenn man aber die beiden 
drei Jahre von den ganzen Sechsjahrperioden für sich betrach- 
tet, so wird hier abermals, wie bei dem Wachsthume in die 
Länge ein auffallender Unterschied, jedoch in entgegengesetz- 
ter Richtung, bemerkt werden, indem sich die Zunahme im 
Kopfumfange stellt bei: 

Knaben Mädchen 

gut. entwick. schlecht entw. gut entw. schlecht entw. 
vom 2.-5. Jah. 1,7" 0,9" 1,6" 1" 

„ 5.-8. Jah. ^ 0,2" 1,1" 0,1" 

Mit anderen Worten: bei den gut entwickelten 
Kindern seheint die Zunahme im Umfange des 



16 

Kopfe« niebl «onderlich in der let«t«n Hälfte der 
See4i8j«brperiodecQ erfolgen; deraelbe seigt sieh BOg«ur 
bei 4^iKk gntenlwiekeUen Knaben im 5. Jmhre grösser als es 
IM 8. Jabre angegeben ist, eine UnwahrBcheinliehkeit, wekhe 
▼on den innrerhftitnisenftssig grossen Köpfen, die in der sefawadi 
repritoettturten sechsten Altersklasse (4Vs-'5 Jahre) vorkamen, 
hervflhit. Wias die gering entwickeilen Kinder anbelangt, 
so stellt sieh 4das Verbftltaiss wenig günstig für die Yergleioh* 
ung dar, indem bier die erw&hnte Altersklasse {A^}^'-^ Jahre) 
bei den Mädoben niobt reprisentirt ist Bs darften jedoeh die 
Zielen, nanentlioh in Betreff der Knaben, sanftehst andeuten, 
dass das Wachsen des Kopfamfanges hier länger als dort 
fortdauert, dass also dieses Wachsen bei ihnen nicht znr ge- 
wohnüeben Zeit vollendet war , sondern späterhin noch fort- 
gesetit werden mosete. 

Durch diese Betrachtungen werden wir nnn dasu geMnrt, 
das relative Verhältniss der gefundenen Körper- 
»«aasse gegen einander au nntersoolMn nnd wollen wir 
nanentlieh eine Vergteiokung swisdien Kopf* and Brust- 
maaase anstellen. Man bat ja schon längst gewusst, dass 
der Kopftimfengi von der Qeburt en md in das Kindesalter hinein 
grteser ist als der Brustemfeng und dass nach irgend einem Zeit- 
punkte in der Entwickelang des Kindes hierin eine Veränderwig 
getfcbeben m€sse, wie auch, daes das umgekehrte im späteren 
Kindesalter det Fall wird. Meine oben angefilhrten Bemer- 
knngen über das fortdauernde Waehstbum des Bnistnmfenges 
in Gtogeneatae s« der merkbaren Veraögerung desselben in 
einer froheren Fsriode in Betreff 4es Kopfes haben bereits die 
Gedanken hier darauf hioleiten müssen« Bs gilt nun zu un- 
tersudhen, ob sich in dies«* Hinsicht bestimmte Kegeln gel- 
tend machen, ^ ob dieser Wechsel im Umfsngsflbennaasse 
in den beiden Kavit&ten nach einer bestimoiten Regel folge 
und namentlich, ob er einig^massen regelmässig zu einer be- 
stimmten Zeit t« Kindesalter emtrete. Bs kann nalttrlieher- 
weise 'hier nicht darauf Bi€ksi<d&t genommen werden , dass 
einadoe Indkridnen selbet weit ausserhalb der betreffenden 



.1« 

Perioden wn dem abwbioben, was bei der groasen Maaiie 
stattfindet; wir massen hier mit Sammea und IfittehahleD 
rechnen« Wenn vitir dann die gün&e Dorohsebnittssahl fillr 
alle 8 Slaasen. in Beaug, Hof. den Kopf- und Brnstumfuag 
betraehlen, ao .finden wir gans riehtjg) das« der erste asi 
grössten Tom zweiten Jahre an ist und fortOhrt, «olchc» bis 
au 3Vt Jahren atu bleiben; yen diesem Zeitpunkte an fingt 
aber der Bfusiumfang an, am grössten tu werden, und er 
wird dieses mehr and .mehr, je weiter das Alter Torsehrdftet 
Sehen wir auf die einseinen Zahtreihen, so Anden wir eben- 
falls mit grosaei Bestimmtheit dasselbe Yeilialüiiss bei den 
gut entwickelten Kinderp, Knaben sowohl als M&dehen. Da^ 
gegen stellt es sieh für bdde Oesohleefater ande», wenn wir 
Kopf und Brust bei den schleeht entwickelten Kiadem ver- 
gleichen; bei KnabcD geschieht dieser Wechsel erst mit dem 
vierten Jahre und erst von dieser Zeit an wird der BrusU 
ualang bei ihnen grösser als der des Kopifes; bei Mfidchen 
veraögert sieh der; Wechsel wahrseheinlieb bis noch spAter 
hinein im Kindesaiter, nach der Tabelle bis 5^{s Jabre^ was 
jedoch wegen desHangels in der yorhergehenden Altersklasse 
ungewiss bleibt Also: es gehört mit au den Zeichen 
einer guten Bntwiokelung bei einem Kinde^ es sei 
nun ein M&dchea oder ein Knabe, wenn der Brust- 
umfang im Alter von SVs Jahren den Kopfumfaog 
erreicht oder Obersteigt, und ist dieses nicht 4er Fall, 
so wird die Wahrscheinlichkeit sehrgross^ dass das Kind gering 
entwickelt ist und dass auch andere Zeichen hiervon vorbandao 
sein* werden. Dieses ist audi von den froheren Beobaehtem 
ausgesprochen worden , jedoch sind ihre Data w^en der von 
ihnen angenommenen au grossen Alterklaaaen weniger deut- 
lich. So hat a. B» Steffen eine Klasse von 3 bis 6 Jahren, 
gerade die Zeit, in welcher der Umsehlag erfolgt, gebildet 
Wir messen den aufgestellten Satz daher fAr durchaus 
konstatirt erklären, indem es ein wichtiges Mittel sur Be- 
urtheiluag des Entwickelungstoffes eines Kindes enthält. leb 
bin so glfteklich, die Richtigkeit desselben noch durch eine sii- 
dere Benutaungsweise meines Materiates unterstataen au können. 



17 

Eb mflMte nämUoh von Interesse sein, neben dieser Un- 
tersuchung der Umfangswerthe der Brust und des Kopfes 
das Verbf^ten der einzeloen Individuen in dieser Hinsieht in 
jeder Altersklasse mit beständiger Rücksicht auf deren Ge- 
schlecht und Entwickelungsgrad aufeunehmen, so dast in jeder 
Kategorie zu finden sei, wie viele Individuen mit dem 
einen oder dem anderen .flberwiegenden Üm&nge sie enth&lt 
and namentlich, ob sich stach in Hinsicht der Individuen a n- 
sahl ein gleicher Wechsel und zu derselben Zeit im Kindes- 
alter geltend macht. Dieses ist nun auf Tabelle IV darge- 
stellt, die auf die gewöhnliche Welse eingerichtet ist und auf 
welcher die Zahlen, mit + markirt, diejenigen Individuen 
bezeichnen, die in dieser Rubrik den Kopfiimfang grösser 
blatten als den Brustumfang; die Zahlen mit = markirt be- 
zeichnen dagegen solche Individuen, bei welchen beide Um- 
^g® gleich gross waren ^ und die mit -4- markirten Zahlen 
wiederum die bei welchen der Brastumfting prftvalirte. 



XLVn. ISN. 



18 



/•• . 



*. f 

I J 

OD GD 

2 S- 
«mg 












CD C 4> C 

a 'S =* 'S 



es B 
® « 



TS 



03 



is « 4j 

»13 ^ *t3 



CO ^ «a 

»ü 'ü 'ü 



II 4> EU 

Ö ^ ^ 

^ aj (p 

OJ «ü ü 

+ 11 ^!' 



a 

03 



c^ o ^"^ CO 

(MM^ OifOZ: CMC^tH 

,^ II •!• + 1! •!• + II •!• 



O Ol tt 



8 



CO 



öd2 
.§1 






i+'l- 



O 



S^co 



+ II •!• + II •!• 






a 

a 

CA 









0«H 

+ •!• 






+ •!• +II-I- +II-I' +•!• 



CM 
^CM<N 






<oOco 






C^CO lOCM 



+ •!• 



+ 11 



+ 11 +11+ + + 



+ + II •!• 



■^ CO 

++ 



+ + 



+ II •!• + II + + II + 



«e>c»S 



+ II •!• + II •!• + II •!• + II •!• + II + 



+ 11 + 



+ + 



+ 11 + 



£ 
^ 



'S 

I 

Ol 



CO 

I 



CO 

I 

CO 



M 



tti^^ COCO«) co^o> cc^Sü ' «*5^S 

+ lt-f- +11+ +11+ +11+ +11 + 



+ II •!• + •!• + •!• + II + + •!• 



I 



I 



++ 



+ + 



++ 



+ •!• + .|- 



+ + + + 



II + -r- 



+ 11+ ++. 



+ II •!• + •!• 



+ + +11+ +11+ 11+ +11 + 



e*eo 



+ + 



11 + 



Cl^ ^x 



«CM 



-Ht^ 



T^ ^0> 



•I- + II •!• 



I 

i i 
.a « 

a ^ 

II 

I« 

0) «3 

? "* 

2 ;s 

S •* 

_ j" 

g .9 
i 9 

I s 

I B 
Eh qj 

^^ £ 

g ^ 



I 



I 



CO 



«:i 



eo 

Man wird daraus sofort die Grense im Kindesalter er- 
seheD, wo die lodividuenanzahl beginnt , in der der Wechsel 
erfolgt. Sowohl in der gemeinschaftlichen Hauptsumme, als, 
auch bei den gut entwickelten Knaben undM&dchen werden 
die meisten Individuen von 2 bis 3Vs Jahren mit überwiegen- 
dem Eopfumfange gefunden, aber hier bleibt die Grenze fllr 
deren Uebergewicht, denn von da an wird der Brustumfang 
beständig als überwiegend bei immer mehr Individuen in jedem 
der folgenden Halbjahrklassen hervortreten. Es findet sich 
also eine vollständige Bestätigung des erstenThei- 
les des oben aufgestellten Satzes. Aber auch der 
letzte Theil desselben rüeksiohtlieh der gering Ent- 
wickelten findet darin seine Bestätigung, insoferne man deut- 
lich ersieht, dass der Wechsel sich hier bei Knaben erst bei 
fünfthalb Jahren, bei Mädchen vielleicht sogar etwas später, 
zeigt. Hiedurch tritt also der Unterschied zwischen gut uod 
sohlecht entwickelten Kindern noch stärker hervor und 
können wir allerdings mit Recht dieses Resultat als ein sehr 
wichtiges zu Gunsten für jenen Satz betrachten. 

Von anderen Beobaditern sind ebenfalls Vergleiehungen 
zwischen den anderen Maassen unter einander angestellt, und 
hat namentlich z. B. Steffen eine Vergleiohung zwischen 
der mit dem Alter stattfindenden Steigerung in der Körper- 
höhe und dem Brustumfange angestellt, aber, wie mir scheint, 
ohne irgend welche Ausbeute fUrdieBeurtheilungderEntwickel- 
ung der Kinder. Auch ich habe es versucht, mein Material in 
dieser Richtung zu benutzen, habe aber davon kein Resultat 
gewonnen und will mich also hier nicht dabei aufhalten. 



Dagegen lag es mir unstreitig nahe, auf eine Weise 
eine Gegenprobe an den gewonnenen Resultaten anzustellen, 
nämlich dass ich, so wie auch Steffen gethan hat, von 
solchen Krankheitskategorieen , von welchen man gewöhn- 
lich annimmt, dass sie auf die Entwickelung der Kinder schäd- 
lich einwirken, ausgehe, die Maasse derselben zusammenstelle 
und sehe, ob die gefundenen Grössen nun mit denjenigen 
übereinstimmen, welche ich bei den gering Entwickelten 
aufgezeichnet habe. Dieses habe ich für die drei Krankheiten: 
Skrophulosis, Rhachitis und Tuberkulosis versucht. 



21 




M 

o 



QQ 



05 



l 



■ 






i 
?5 


1 




1 


10941 
12271 

15000 
12003 
17564 
17297 
19647 


CQ 


18,05 
17,9 

20 

18,4 

20 

19,2 

21 


1^" 


1 c^oo 1 1 22222 


1 


1 




1 




0Q 


«^ •* •* '^ »o d «^ 1^^ 




•«Ji S CJ 0> d d 00 CO 00 




s 
3 


5 s:?i;::ir?RSs 

_!?00 „S?^ _^ift _tKO t^ 00 
I -5 1 _« _5 1 _« 1 1 



2t 

In der obigen Tabelle sind die Hittelsahlen von Maassen 
bei 49 mit Skrophulosis behafteten Kindet'n (27 Knaben 
und 22 Mädchen) dargestellt Es sind hier |iar solche Kin- 
der mitgenommen, welche in das Hospital wegen einer Krank- 
heitsform gebracht waren, die hauptsächlich ton dieser Dys- 
krasie herrührte. Einige Altersklassen bei den Mädchen sind 
nicht repräsentirt, weshalb das Verhalten bei diesen weniger 
deutlich bleibt. — Was das Gewicht anbelangt, so sehen wir 
inzwischen doch, dass die absolute Zahl ungefUir der Mittel- 
entwickelung entspricht und vielleicht eher etwas niedriger 
steht, ja, dass das mit dem Alter zunehmende Gewicht, na- 
mentlich bei Knaben, so wenig vorwärts schreitet, dass es 
gänzlich dem Verhalten bei den Gering entwickelten gleicht. 
Auffallend ist es, dass das Gewicht der Mädchen, im Gegen- 
satze von sonst, sich hier im Ghinze