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Full text of "Kant-Studien; philosophische Zeitschrift"

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KANT- 
STUDIEN. 



PHILOSOPHISCHE ZEITSCHRIRTv 

UNTER MITWIRKUNG VON 

E. ADICKES, E. BOUTROUX, H. COHEN, J. E. CREIGHTON, 

B. ERDMANN, R. EUCKEN, P. MENZER, A. RIEHL, W. WINDELBAND 

UND MIT UNTERSTÜTZUNG DER , KANTGESELLSCHAFT - 



HERAUSGEGEBEN VON 
D« HANS VAIHINGER und D« BRUNO BAUCH 

PROFESSOR IN HALLE PROFESSOR IN JENA. 

ACHTZKHNTÜR BANI>. 





BERLIN, 

VERLAG VON REUTHER & REICHARD 
1913. 



WUiLIAMS <t NORGATK, 
'LONDON. 

H. LE 80UDIER, 
PARIS. 



LBMOKB A BUECHNER, 
NEW YORK. 
CARLO CLAUSBN, 
TORINO. 



2-7^0 



Alle Rechte vorbehalten. 



INHALT. 



Seite 

Zum 70. Geburtstag Hermann Siebecks. Von August Messer i— iv 

Recht und Sittlichkeit. Von Paul Natorp l 

Kritischer Versuch über den Erkenntniswert des Analogie- 
begriffs. Von Friedrich Kuntze 80 

Kants Prinzipien der Bibelauslegung. Von E. Katzer . . 99 
Bericht über den V Kongress für experimentelle Psychologie. 

Von A. ßuchenau 129 

Wilhelm Schuppe f. Von J. Rehmke 203 

Prinzipien der Denkpsychologie. Von Richard Hönigsw ald 205 
Piatons Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 

Von S. Marck 246 

Die neue Fichte-Ausgabe von Fritz Medicus. Besprochen 

von 0. Braun 263 

Die deutsche Philosophie im Jahre 1912. Von Oscar Ewald 339 
Zur Entwickelung des Rationalismus von Descartes bis Kant. 

Von Hans Pichler 383 

Kant und die stoische Ethik. Von Willi Schink ... 419 
Der VIII. und XV. Band der Berliner Kant-Ausgabe. Von 

E. von Aster 476 



Rezensionen: 

Cliristianseii, Broder, Philosophie der Kunst. Von F. A. Schmid. 133 

Zschiramer. Eberhard, Das Welterlebnis. Von Fritz Münch . . 136 

Schmidt, Ferd. Jac, Der philosophische Sinn. Von Arthur Liebert 139 

Kuntze, Friedrich, Die Philosophie Salom.Maimons. VonA. Buchenau 142 

Ehiert, Paul, Hegels Pädagogik. Von A. Buchenau 146 

Osterraann, W., Die Pädagogik unserer Klassiker. Von A. Buchenau 140 
Koffka, Kurt, Zur Analyse der Vorstellungen und ihrer Gesetze. 

Von A. Messer 147 

Ohmann, F., Kants Briefe. Von E. Hammacher 147 

Phalen, Adolf, Das Erkenntnisproblem in Hegels Metaphysik. Von 

H. Bergmann 148 

Mill-Wilmans, Eine Prüfung der Philosophie Sir William Hamiltons. 

Von K. Oesterreich 150 

Braun, Otto, Grundriss einer Philosophie des Schaffens. Von Kurt 

Kesseler 160 

Kade, Richard, Rudolf Euckens noologische Methode. Von Kurt 

Kesseler 151 

Meumann, E., Einführung in die Ästhetik. Von Heiligenstaedt . 152 



IV Inhalt. 

Seite 

Rage, A., Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. Von 

O. Ewald 271 

Rehnike, J., Grundriss der Geschichte der Philosophie. Von O.Braun 275 

Herbertz, R., Philosophie und Einzelwissenschaften. Von O.Braun 275 

Herbertz, R., Die philosophische Literatur. Von O. Braun . . . 276 

Lipps, Tb., Grundtatsachen des Seelenlebens. Von O. Braun . . 276 

Fiedler, Konr., Schriften über Kunst. Von O. Braun 277 

Schrecker, F., H. Bergsons Philosophie der Persönlichkeit. Von 

0. Braun 277 

Vo Winkel, E., Beiträge zur Philosophie und Pädagogik. Von O. Braun 278 
Gnyau, A., La philosophie et la Sociologie d'Alfred Fouillee. Von 

E. Bergmann 278 

Schwarz, H., Grundfragen der Weltanschauung. Von H.Lehmann 279 
Lipsius, Fr. R., Einheit der Erkenntnis und Einheit des Seins. 

Von H. Sveistrup 281 

Grote, H., Hebbels Schatten. Von W. Stammler 283 

Römer, H., Gottscheds pädagogische Ideen, Von W. Stammler . 283 
Bornhausen, K., Der religiöse Wahrheitsbegriff in der Philosophie 

Rudolf Euckens. Von H. Maas 284 

Ihringer, Bernh., Der Schuldbegriff bei den Mystikern der Refor- 
mationszeit. Von C. Bockwitz 284 

Perry, Ralph Barton, Present Philosophical Tendencies. Von 

G. Jacoby 285 

Görland, A., Die Hypothese. Von G. Falter . . . ... . . . 287 

Fittbogen, G., Neuprotestantischer Glaube. Von K. Kesseler . . 288 
Wunderle, G., Die Reiigionsphilosophie Rudolf Euckens. Von 

K. Kesseler 288 

Wundt, W., Probleme der Völkerpsychologie. Von J. Franken- 
berger 289 

Bibliothek der Philosophen. Von A. Li eher t 486 

Falckenberg, Richard, Geschichte der neueren Philosophie. Von 

A. Liebert 488 

Herbart, J. F., Briefe. Von A. Liebert 489 

Jahn, Max, Sittlichkeit und Religion, Von A. Liebert . , . . 492 
Marck, S., Die platonische Ideenlehre in ihren Motiven, Von 

A. Liebert 493 

del Vecchio, G., Die Tatsache des Krieges und der Priedensgedanke. 

Von O. Kraus 495 

Mauthner, F., Wörterbuch der Philosophie. Von H, Lindau . . 497 
Wundt, Max, Goethes Wilhelm Meister und die Entwickelung des 

Lebensideals. Von H. Lindau 500 

Sentroul, Charles, Kant und Aristoteles, Von R. Dehler , , . . 504 
Aicher, Severin, Kants Begriff der Erkenntnis verglichen mit dem 

des Aristoteles. Von R, Dehler 504 

Meinong, Alexius, Gesammelte Abhandlungen. Von H. Pich 1er . 505 
Natorp, Paul, Allgemeine Psychologie. Von J. Paulsen . . . . 506 
James^ William, Essays in Radical Empiricism. Von G. Jacoby . . 508 
Driesch, Hans, Philosophie des Organischen. Von Oscar Ewald 510 
Wobbermin, Georg, Die religionspsychologische Methode in Religions- 
wissenschaft und Theologie, Von KurtKesseler . . . . 513 




Inhalt. V 

Seite 

Debo, F., Leitfaden zur Einführung in die Philosophie. Von Kurt 

Kesseler 514 

Knabe, Karl, Das Beweisverfahren. Von Kurt Kesseler . . . oU 
Borch, Rud., Einführung in eine Geistesgescliichte. Von Kurt 

Kesseler 5^5 

Seidemann, Walter, Die modernen psychologischen Systeme und ihre 

Bedeutung für die Pädagogik. Von Kurt Kessel er. . . . 515 
Kneser, Adolf, Mathematik und Natur. Von Bruno Bauch ... 516 
Hönigswald, Richard, Zum Streit über die Grundlagen der Mathe- 

mathik. Von Bruno Bauch 517 

Dingler, Hugo, Die Grundlagen der angewandten Geometrie. Von 

Bruno Bauch 521 

Nietzsches Werke (Taschenausgabe Bd. 11). Von Bruno Bauch. 522 

Selbstanzeigen; 

Dingler, Grenzen und Ziele der Wissenschaft. S. 153. — 
Dingler, Die Grundlagen der angewandten Geometrie. 
S. 153. — Bergmann, Die Satiren des Herrn Maschine. 
S 155. — Schrecker, Bergsons Philosophie der Persönlichkeit. 
S. 156. — Pollack Perspektive und Symbole in Philosophie 
und Rechtswissenschaft. S. 156. — Lehn\ann, Das Apriori 
der Geistesbildung und dessen Betonung als Andacht. S. 157. 

— Stölzle, Studien zur Philosophie und Religion. S. 158. — 
Stölzle, Die Naturphilosophie J. Reinkes und ihre Gegner. 
S. 159..— Aus der Fuente, W. von Humboldts Forschungen 
über Ästhetik. S. 159. — Kuberka, Der Idealismus Schillers. 
S. 160. — Monzel, Die Lehre vom inneren Sinn bei Kant. 
S. 162. — Brod-Weltsch, Anschauung und Begriff. S. 164. 

— Schmitt, Gesetz und Urteil. S. 165. — Buchenau, Die 
philosophische Entwickelungsgeschichte der mathematischen 
Naturwissenschaft. S. 166. — von Sydow, Kritischer Kant- 
Kommentar. S. 166. — Ledere, Le Bilan de la Philosophie 
religieuse. S. 166. — Ledere, Foi religieuse et Mentalitö 
anormale. S. 167. 

Entgegnung von Fr. Kuntze betr. Kronen bergs Geschichte des 

deutschen Idealismus 167 

Entgegnung von G. Falter betr. Dürr, Das Gute und das Sittliche 168 

Rehmke, Anmerkungen zur Grundwissenschaft. S. 290 — 
Braun, Schleiermacher-Auswahl. S. 290. — Verweyen, 
Philosophie des Möglichen. S. 290. - Kuberka, Über das 
Wesen der politischen Systeme in der Geschichte. S. 291. — 
Linke, Die phänomenale Sphäre und das reale Bewusstsein. 
S. 292. — Bergmann, Ernst Platner und die Kunstphilo- 
sophie des 18. Jahrhunderts. S. 293. — Derselbe, Guyau, Er- 
ziehung und Vererbung. S. 294. — Heinemann, Der Aufbau 
von Kants Kr. d. r. V. und das Problem der Zeit. S. 294. — 
Burckhardt, Individuum und Allgemeinheit in Piatons Politeia. 
S. 296. — Derselbe, Was ist Individualismus? S. 297. - 
Gaede, Über den Anteil der Logik, Methodologie und Er- 
kenntnistheorie an den theoretischen Wissenschaften. S. 297. 

— Schwarz, Der Gottesgedanke in der Geschichte der Philo- 
sophie. S. 298. — Hegen wald, Gf-gt-nwartsphilosophie und 
christliche Religion. S. 299. - dr Bra, Beiträge zur Psycho- 
logie des Humors. S. 300. — Siegel, Geschichte der deut- 
schen Naturphilosophie. S. 300. — Wesselsky, Forberg und 
Kant. S. 801. 

Entgegnung betr. Sterzinger's Zur Logik etc. vom Verf. . . . 303 



VI Inhalt. 

Seite 

Bauch , Geschichte der neueren Philosophie bis Kant. S. 522. — 
Liebert, Spinoza -Brevier, S. 523. — Buchenau, Kants 
Lehre vom kateg. Imperativ. S. 523. — Benary, Der Sport 
als Individual- und Soziaierscheinuiig-. S. 524. — Hasse, 
Scliopenhauers Erkenntnislehre. S. 524. — Eibl, Metaphysik 
und Geschichte. S. 525. — Bergmann, Das Unendliche und 
die Zahl. S. 526. — Krön er, Zweck und Gesetz in der Bio- 
logie. S. 527. — Dingler, Die Grundlagen der Naturphilo- 
sophie. S. 528. — Dorner, Die Metaphysik des Christentums. 
S. 529. — Schumann, Religion und Wirklichkeit. S. 530. — 
Barthel, Elemente der transendentalen Logik. S. 531. — 
Barthel, Die Erde als Totalebene. S. 532. — Raab, Die 
Philosophie von R. Avenarius. S. 533. — Hasse, Nikolaus 
von Kues. S. 533. — Hasse, Das Wesen der Persönlichkeit. 
S. 534. — Nef , Wundts Stellung zur Erkenntnistheorie Kants. 
S. 534. — Rapaport, Das religiöse Recht. S 535. — Läpp, 
Die Wahrheit. S. 536. — Jerusalem, Einleitung in die 
Philosophie. S. 537. 

Mitteilungen: 

Noch einmal Kants loses Blatt (zu Bd. VII, 94 f.). Von 

K. Müller 304 

Eine Kundgebung zur Erhaltung philosophischer Lehrstühle . 306 

Nachtrag zur 2. Auflage der „Philosophie des Als Ob" . . . 307 

Ein ungedrucktes Gedicht Otto Liebmanns • 308 

Die ersten 9 Jahre der Kantgesellschaft 309 

Ein Kollegienheft von Kants Vorlesungen über Logik. Vor- 
läufige Mitteilung von W. Jerusalem -Wien 538 

Gustav Glogaus Nachlass 542 

Mitteilung die Redaktion der „Kantstudien" betreffend . . . 543 

Kantgesellschaft ; 

Mitgliederverzeichnis für das Jahr 1912 169 

Neu angemeldete Mitglieder für 1913 197 

Einladung zur allgemeinen Mitgliederversammlung .... 109 

Rudolf Stammler-Preisaufgabo 313 

Bericht über die allgemeine Mitgliederversammlung , . . 329 

Philosophische Vortragsveranstaltung der Kantgesellschaft 334 

Aufruf zu einer neuen (Jubiläums-) Preisaufgal)c .... 335 

Neuangemeldete Mitglieder für 1913 337 

Verzeichnis der zur Durchführung der siebenten (Jubiläums-) 

Preisaufgabe eingegangenen Beiträge . 544 

Neuangemeldete Mitglieder für 1913 547 

Neuangemeldete Mitglieder für 1914 548 

Register: 

Sach-Register 549 

Personen-Register 556 

Besprochene Kantische Schriften 560 

Verfasser besprochener Novitäten 560 

Verzeichnis der Mitarbeiter 561 




Hermann Siebeck 

Photographie von Ph. ühl, Giessen. 

Autotypie von J. G. Huch & Co., Braunschweig. 



Kantstudien XVITI. 






Zum 70. Geburtstag Hermann Siebecks. 

Von August Messer. 



Am 28. September 1912 hat Hermann Siebeck sein sieb- 
zigstes Lebensjahr vollendet — in aller Stille, wie es seinem 
schlichten Charakter entspricht. 

Die „Kantstudien" haben jedoch ihrerseits gegründeten Anlass 
dieses Tages zu gedenken. Denn Siebeck hat sich durch seine 
selbständige Fortbildung der Kantischen Religionsphilo- 
sophie und Freiheitslehre einen ehrenvollen Platz in 
der Geschichte des Neukantianismus gesichert. 

Die Lutherstadt Eisleben ist Siebecks Geburtsstadt; in 
Leipzig, Berlin und Halle hat er studiert. Der Herbartiauer 
Drobisch in Leipzig hat auf ihn Einfluss geübt. Als Gymnasial- 
lehrer war er sodann tätig in Gera, Stargard und Halle. An der 
Hallischen Universität hat er sich 1872 für Philosophie habili- 
tiert. Seine damals veröffentlichte Schrift „Aristotelis et Herbarti 
doctrinae, quibus rebus inter se congruant" bezeichnet schon in 
ihrem Titel die beiden philosophischen Reiche, in denen er sich 
zunächst heimisch gemacht hatte. 

Wie tief sich ihm die antike Philosophie erschloss, das 
bekunden seine „Untersuchungen zur Philosophie der Griechen" 
(1873; 2. A. 1888) und seine Monographie über „Aristoteles" 
(1899; 3. A. 1910), nicht minder aber auch seine „Geschichte 
der Psychologie" 1880 ff. ' Jeder der dieses grundlegende 
Werk kennt, bedauert, dass es nicht über das Mittelalter hinaus 
bis zur Gegenwart geführt worden ist. Wenigstens einen wert- 
vollen Nachtrag stellen die „Beiträge zur Entstehungsgeschichte 
der neueren Psychologie (1891) dar. 



II A. Messer, 

Die Annahme liegt nahe, dass für diese eindringende Be- 
schäftigung mit der Psychologie der durch Drobisch vermittelte 
Einflass Herbarts Mit-Ursache war, in dessen System ja die 
Psychologie eine dominierende Stellung einnahm. Der Herbartsche 
Apperzeptionsbegriff ist es auch, der in Siebecks Schrift über das 
„Wesen der ästhetischen Anschauung" (1875) den leitenden Cle- 
danken bildet. Danach werden im ästhetischen Verhalten die 
Gegenstände apperzipiert als Symbol des Persönhchen. Das Sinn- 
liche erscheint so als Ausdruck eines Geistigen von individuellem 
Charakter. 

Unter den Künsten aber steht Siebeck die Musik am 
nächsten: ob ihrer „fast unbegrenzten Fähigkeit", gewisse Inhalte 
„in immer wieder neuen Tongestaltungen belebend, überraschend, 
entzückend, schmelzend für Ohr und Gemüt zum Ausdruck zu 
bringen". Eine reiche, vom Vater ererbte, musikalische Begabung 
befähigt ihn an der Welt der Melodien und Harmonien nicht nur 
in feinfühligem Geniessen teilzunehmen; als gewandter Klavier- 
spieler hat er auch seit Jahren das musikalische Zusammenspiel 
mit Vorliebe gepflegt, und musikalische Fragen haben immer 
wieder seine Reflexion beschäftigt. Eine reife Frucht dieses 
Nachdenkens bilden seine „Grundfragen zur Psychologie und 
Ästhetik der Tonkunst" (1909). 

Aber soviel auch die Kunst für Siebeck zeitlebens bedeutet 
hat; einen höheren Rang noch nehmen in seiner Schätzung die 
ethischen Werte ein, die für ihn den krönenden Abschluss in 
der Religion finden. Damit kommen wir zum Innersten seiner 
Welt- und Lebensanschauung. Zu ihrer Ausgestaltung ist ihm 
Kant, der „Philosoph des Protestantismus", Führer gewesen. 
Wie Kant, so erblickt auch Siebeck im religiösen Glauben ein 
geistiges Gut, das die Wissenschaft in seiner Gültigkeit zwar 
nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen kann. Wie jener 
gründet er die religiöse Überzeugung auf Motive und Bedürfnisse 
des sittlichen Lebens, und bekennt er sich zum „Primat" der 
praktischen Vernunft vor der theoretischen. 



Zum 70. Geburtstag Hermann Siebecks. III 

Siebeck hat jedoch Kants Religionsphilosophie nicht einfach 
übernommen, sondern er hat sie innerlich bereichert und weiter- 
gebildet, indem er die Ideen der. Entwicklung und der Persön- 
lichkeit als beherrschende Gesichtspunkte wählte. Auf Grund 
reichen kultur- und religionsgeschichtlichen Wissens hat er als 
die drei Hauptstufen der Religiousentwicklung die Natur-, Moral- 
uud Erlösungsreligion geschildert. 

Die Wahrheit der Religion gründet sich für ihn aber in der 
Hauptsache auf das wesenhafte und ursprüngliche Bedürfnis der 
Menschen, zur sittlichen Persönlichkeit und damit zur wahren 
Freiheit sich emporzuringen. Insofern die Welt angelegt erscheint 
auf die Entfaltung von „Persönlichkeiten", führt sie zum Glauben 
an einen in ihr waltenden göttlichen Geist, der nach Analogie 
der menschlichen Persönlichkeit (und ihr dennoch unvergleichlich 
überlegen) zu denken ist. Insofern die „Persönlichkeit" für den 
Menschen nicht etwas von Natur Gegebenes, sondern Inhalt einer 
unendlichen Aufgabe ist, erscheint auch die menschliche Freiheit 
niemals als fertiger Besitz, sondern als ein Gut, das wir in stets 
erneutem Kampf dem Naturhaften in und um uns abzuringen 
haben. 

Siebecks „Lehrbuch der Religionsphilosophie" (1893) 
hat wegen seiner streng wissenschaftlichen Haltung nicht die 
weite Verbreitung gefunden wie etwa Euckens religionsphiloso- 
phische Werke, die vielfach verwandte Grundgedanken zeigen; 
aber es ist ein dauernd wertvolles Denkmal tiefgründigen Philo- 
sophierens im Geiste Kants und ein ehrendes Zeugnis des ernsten 
und zugleich freien sittlich-religiösen Denkens und Fühlens seines 
Verfassers. Mit gutem Grund hat man ihm dafür die theologische 
Doktorwürde honoris causa verliehen. Wie aber Siebeck fort- 
gesetzt in die tiefsten Fragen der Religion und Ethik sich ver- 
senkt und dabei auch mit den gefährlichsten Einwänden und 
Bedenken gewissenhaft sich auseinandersetzt, das bekunden seine 
drei Betrachtungen „Zur Religionsphilosophie" (1907) und die 
zwei Abhandlungen „Über Freiheit, Entwicklung und Vorsehung" 



IV A. Messer, Zum 70. Geburtstag Hermann Siebecks. 

(1911). Die feinsinnige Studie endlich über „Goethe als Denker" 
(1902; 2. A. 1905) mag zum Beleg dafür dienen, in welchem 
Masse ihm die Fähigkeit zukommt, auch Persönlichkeiten zu 
würdigen, für die christlicher Glaube nicht entfernt im gleichen 
Masse Lebenselement ist wie für ihn selbst. 

Es würde diesem seinem christlich-bescheidenen Sinn nicht 
gemäss sein, wollte ich versuchen ihn auch als Menschen, als 
Gatten und Vater, als Lehrer und Kollegen zu schildern und zu 
würdigen. Dessen aber bin ich sicher: alle, die als Schüler, Mit- 
forscher und Kollegen ihn kenneu und schätzen, wünschen ihm 
von Herzen, er möge noch manches Jahr in alter Weise weiter 
wirken — leistungsfähig erhalten durch seine urgesunde Natur 
und durch das edle Glück seines schönen Familienlebens! 



/. 



Recht und Sittlichkeit. 

Eiu Beitrag 

zur kategorialeu Begründung der praktischen Philosophie. 

Mit besonderem Bezug 

auf Hermann Cohens „Ethik des reinen Willens" 

und Rudolf Stammlers „Theorie der Rechtswissenschaft".^) 

Von Paul Natorp in Marburg. 



§ 1. (Methode und Fragestellung.) An einem Werke 
über die „Theorie der Rechtswissenschaft" geht wohl mehr als 
irgendeine andere Frage den Philosophen die Frage au nach dem 
Verhältnisse des Rechts zur Sittlichkeit; der Wissenschaft oder 
der Philosophie des Rechts zur Ethik, als Wissenschaft oder 
Philosophie der Sittlichkeit. Das rechtsphilosophische Grundwerk 
eines Juristen zumal, der als Philosoph allgemein und mit Grund 
der Kantischen, der „kritischen" Schule beigerechnet wird, würde 
diese Gedankeneinstellung auch dann fordern, wenn nicht gerade 
über die genannte Frage eine Kontroverse schwebte zwischen ihm 
und dem führenden Philosophen, insbesondere Ethiker dieser Schule 
in unserer Zeit: Hermann Cohen. 

Ein wissenschaftlicher Streit kann aber nur dann sachfördernd 
sein, wenn erstens die Streitenden überhaupt auf gemeinsamem 
Boden, auf dem Boden gemeinsamer Methode stehen, und wenn 
zweitens über die Frage selbst, um die gestritten wird, auf beiden 
Seiten Klarheit vorhanden ist. Daher muss es unser Erstes sein, 
über die methodischen Grundlagen zu einem möglichen Austrage 
des Streites, und über die Fragestellung uns die nötige Klarheit 
zu verschaffen. 

Was die Methode betrifft, so kann unter Philosophen, die 
auf den entscheidenden Errungenschaften Kants zu fussen be- 
haupten, darüber schlechterdings keine Meinungsverschiedenheit 



*) Zugleich Besprechung dieses Werkes (Halle, Buchhandlung des 
Waisenhauses, 1911, VITT u. 852 S. 8"). 

Kantfltudien XVIII. J 



2 P. Natorp, 

obwalten, dass beide, Recht und Sittlichkeit, derselben, im letzten 
Betracht einen und unteilbaren Gesetzlichkeit reiner praktischer 
Vernunft unterstehen müssen; dass nicht bloss es ein Apriori 
des Rechts sowohl als der Sittlichkeit geben muss, sondern dass 
auch die apriorische Grundlage für beide in letzter Instanz nur 
eine, nicht zweifach sein kann. Diese erste Voraussetzung wird 
in der Tat von beiden, Cohen wie Stammler, unumwunden aner- 
kannt. Für den ersteren bedarf es eines besonderen Beweises 
hierfür nicht; der letztere aber hat, wie schon in seinen früheren 
auf Rechtsphilosophie bezüglichen Werken, so besonders in diesem 
neuen sich zu jener Überzeugung mit einer grundsätzlichen Ent- 
schiedenheit bekannt und sie konsequent durch das ganze Werk 
hindurch festgehalten, die auch den letzten Zweifel über diese 
erste Vorfrage, wie man hoffen darf, fortab und für immer aus- 
schliesst. 

Damit ist aber zugleich das Fundament gesichert für die 
Klärung der Fragestellung. Unterhalb der gemeinsamen Vor- 
aussetzung nämlich eines identischen letzten Gesetzesgrundes für 
Recht und Sittlichkeit ist allerdings noch Raum für weitgehende 
Meinungsverschiedenheit über das genauere Verhältnis zwischen 
beiden. Es fragt sich, ob, das gemeinsame Grundgesetz voraus- 
gesetzt, doch unterhalb desselben eine Scheidung beider aufgrund 
einer ausschliessenden Disjunktion zu behaupten ist, oder eine 
partielle, oder vollständige, Koinzidenz. Und diese Frage kann 
wiederum in zweifacher Hinsicht verstanden werden: dem Umfang 
und dem Inhalt nach. In ersterer Beziehung ist die Frage, ob 
die Sphären, die Problemgebiete des Rechts und der Sittlich- 
keit ganz auseinanderliegen und allenfalls nur in der Grenze sich 
berühren, oder zum Teil, oder vollständig identisch sind. Aber 
auch bei völliger Deckung der Sphären, das heisst, wenn etwa 
jede menschliche Willenshandlung, ohne Ausnahme, sowohl recht- 
licher als sittlicher Beurteilung zu unterstellen ist, kann es sich 
fragen, ob nicht dem Gesichtspunkt nach beide Beurteilungs- 
weisen von einander verschieden und zu trennen sind. Und es 
muss wiederum diese Scheidung der Betrachtungsrichtung nach, 
die bei völliger Identität des Betrachteten möglich ist, nicht not- 
wendig eine absolute sein; sondern es könnte die rechtliche Beur- 
teilung durch die sittliche, oder die sittliche durch die rechtliche 
logisch bedingt sein, so aber, dass im ersteren Fall für eine nicht- 
rechtlich-sittliche, im zweiten für eine nichtsittlich-rechtliche Be- 



Recht und Sittlichkeit. 3 

urteilung daneben Kaum bliebe. Es könnte aber auch sein, dass, 
während auf jede menschliche Willenshandlung beide Beurteilungs- 
weisen anzuwenden sind, in gewissem Betracht die rechtliche Be- 
urteilung zugleich die sittliche, die sittliche zugleich die rechtliche 
um ihrer selbst willen forderte, ja einschlösse, in gewissem Be- 
tracht aber sowohl eine nichtrechtlich-sittliche als auch eine nicht- 
sittlich-rechtliche Beurteilung statthaft und, da jedenfalls beide 
Beurteilungsweisen rein und allgemein durchzuführen sind, auch 
notwendig wäre. Ist nämlich die Beurteilungsweise überhaupt, der 
Voraussetzung nach, verschieden, so fordert auf der einen Seite 
jede für sich nach ihrer strengsten Eigenart, also in reiner 
abstrakter Sonderung von der andern, festgehalten und durchge- 
führt zu werden; doch aber kann auf der andern Seite zwischen 
beiden ein logischer Zusammenhang solcher Art obwalten, dass die 
volle konkrete Durchführung jeder von beiden Betrachtungsarten 
die andere herbeizwingt. Um das so vielleicht noch immer nicht 
deutlich genug Gesagte durch eine einfache Analogie zu erläutern, 
mag das geläufige Schulbeispiel reziproker Begriffe, das vom 
gleichseitigen und gleichwinkligen Dreieck dienen. Das gleich- 
seitige ebene Dreieck ist zugleich das gleichwinklige, und umge- 
kehrt, das heisst, beide Begriffe decken sich dem Umfang nach; 
während sie dem Inhalt nach verschieden sind: gleiche Seiten 
haben bedeutet nicht gleiche Winkel haben, und umgekehrt. So- 
lange nun allein nach der Länge der Seiten gefragt wird, ist 
nicht nach den Winkeln, solange nach den Winkeln, nicht nach 
den Seiten zu fragen; und es mag Betrachtungen geben, in denen 
diese abstrakte Scheidung sich in voller Strenge festhalten lässt 
und festgehalten werden muss. Da aber die Seiten im kon- 
kreten, d. h. als die des ebenen Dreiecks, die Winkel, und die 
Winkel die Seiten zugleich fordern, ja ihrem konkreten Begriff 
nach einschliessen, so wird allerdings die voll durchgeführte Be- 
trachtung der Seiten auch auf die Winkel, die voll durchgeführte 
Betrachtung der Winkel auf die Seiten ihren logischen Einfluss 
erstrecken, und es wird so die anfangs zweiseitige Betrachtung 
dieses selbigen Objekts, des gleichseitig-gleichwinkligen Dreiecks, 
sich zu einer vollkommenen konkreten Einheit wieder zusammen- 
schliessen müssen. Vielleicht dass es mit dem Recht und der 
Sittlichkeit sich dem ähnlich verhält. Gerade dann wäre es be- 
greiflich, dass dem Philosophen, dem als solchem vor allem an der 
konkreten Einheit liegen muss, die abstrakte Scheidung sich ver- 

1* 



4 P. Natorp, 

bergen kann, die dagegen dem Juristen wichtig sein wird, und 
nun vielleicht ihn verleiten könnte, sei es die Scheidung schroffer 
als richtig durchzuführen, oder wenigstens über der an sich voll- 
berechtigten Beachtung der einen, ihm näherliegenden Seite, näm- 
lich der Eigenheit auch nichtsittlich-rechtlicher Betrachtung, die 
andere, der dennoch wesentlichen Innern Beziehung des Rechts 
zur Sittlichkeit, in den Hintergrund treten zu lassen. 

§ 2. (Historische Beleuchtung, Kants „Legalität" 
und „Moralität"). Nachdem so die Fragestellung eine wenn 
auch noch so vorläufige Klärung schon erfahren hat, scheint es 
sachdienlich, zur historisch-kritischen Beleuchtung der Streit- 
lage zunächst auf Kant als den gemeinsamen Ausgangspunkt zu- 
rückzugehen. Kant unterscheidet, wie man weiss (Kr. d. pr. V., 
I, 1, 3. Hauptst., Akad.-Ausg. V, 71 ff.) Legalität, als „objek- 
tive" Übereinstimmung mit dem reinen praktischen Gesetz, ohne 
Frage nach der „subjektiven Triebfeder", d. h. danach, ob die 
Handlung aus reiner Achtung vor dem Gesetz oder aus sonstigen 
Beweggründen geschah, von Moralität, die, über jene objektive 
Übereinstimmung hinaus, auch diese subjektive Triebfeder verlangt. 
Oder „legal" heisst ihm die pflichtgemäss e Handlung, ohne 
Frage, ob sie auch „aus Pflicht" geschieht, „moralisch" dieselbe 
Handlung, sofern sie zugleich „aus Pflicht" geschieht. Für „Trieb- 
feder" tritt in feststehendem Wortgebrauch auch „Gesinnung" ein; 
es wird also zur Moralität die Übereinstimmung nicht der Hand- 
lung allein, sondern zugleich der Gesinnung mit dem reinen 
praktischen Gesetz erfordert. 

Auf Grund dieser Unterscheidung aber trennt Kant (Metaph. 
d. Sitten, Einl. I, Ak. VI, 214, und III, 218 ff., Rechtsl. Einl. 
§ C, I; Tugendl. Einl. VI u. ö.) unterhalb der Gesetzeslehre der 
reinen praktischen Vernunft („Metaphysik der Sitten") Rechts- 
lehre und Tugendlehre, oder juridische und ethische Ge- 
setzgebung. Die „Gesetze der E>eiheit" heissen, sofern sie „nur 
auf blosse äussere Handlungen und deren Gesetzmässigkeit 
gehen," juridisch; fordern sie aber auch, dass sie (die Gesetze) 
selbst die Bestimmungsgründe der Handlungen sein sollen, so 
sind sie ethisch (Ak. VI, 214). Diejenige (Gesetzgebung), welche 
eine Handlung zur Pflicht und diese Pflicht zugleich zur Trieb- 
feder macht, ist ethisch; diejenige aber, welche das letztere nicht 
im Gesetze miteinschliesst ... ist juridisch (ebenda). Die Pflichten 
nach der rechtlichen Gesetzgebung können nur äussere Pflichten 



Recht und Sittlichkeit. 5 

sein ... die ethische Gesetzgebung dagegen macht auch innere 
Handlungen zu Pflichten. Aber nicht etwa mit Ausschliessung 
der äusseren; sondern sie geht auf alles, was Pflicht ist, über- 
haupt; nur eben darum, weil die ethische Gesetzgebung die innere 
Triebfeder der Handlung (die Idee der Pflicht) in ihr Gesetz mit- 
einschliesst, welche Bestimmung durchaus nicht in die äussere 
Gesetzgebung einfliessen muss (d. h. darf und soll), so kann die 
ethische Gesetzgebung keine äussere . . . sein, ob sie zwar 
Pflichten, die auf einer anderen, nämlich äusseren Gesetzgebung 
beruhen, als Pflichten in ihre Gesetzgebung zu Triebfedern auf- 
nimmt (219). Sie nimmt . . . das Gesetz und die diesem korre- 
spondierende Pflicht aus der Rechtslehre als gegeben an. Also 
nicht in der Ethik, sondern im Jus liegt die Gesetzgebung . . ., 
die Ethik lehrt hernach (!) nur, dass, wenn die Triebfeder, welche 
die juridische Gesetzgebung mit jener Pflicht verbindet, nämlich 
der äussere Zwang, auch weggelassen wird, die Idee der Pflicht 
allein schon zur Triebfeder hinreichend sei. Rechtslehre und 
Tugendlehre unterscheiden sich also nicht sowohl durch ihre ver- 
schiedenen Pflichten, als vielmehr durch die Verschiedenheit der 
Gesetzgebung . . . Die ethische Gesetzgebung (die Pflichten 
mögen allenfalls auch äussere sein) ist diejenige, welche nicht 
äusserlich sein kann, die juridische ist [die], welche auch äusser- 
lich sein kann. Die Ethik hat daher mit dem Recht Pflichten, 
aber nur nicht die Art der Verpflichtung gemein. Einmal 
unterscheidet Kant auch zwischen sittlicher Richtigkeit der 
Handlung, als Tat, und sittlichem Wert derselben, als Gesin- 
nung (Kr. d. pr. V., Methodenl., Ak. 159); wo also, was sonst als 
Recht und Moralität unterschieden wurde, unter dem gemeinsamen 
Oberbegriff des Sittlichen zusammengefasst wird. Dies recht- 
fertigt den gemeinsamen Titel „Metaphysik der Sitten". Über- 
setzt man andrerseits „ethisch" oder „moralisch" mit „sittlich", so 
hat eben Kant zwei Begriffe des Sittlichen, den weiteren, der das 
Recht mitumfasst, und den engeren, der es ausschliesst. 

Wie man aus den angeführten Sätzen ersieht, bezieht sich 
die Unterscheidung, welche Kant zwischen Ethik und Rechtslehre 
trifft, wesentlicher auf den Inhalt, als auf den Umfang beider 
Begriffe. Nicht darauf kommt es in letzter Instanz ihm an, ob 
die Sphären beider ganz zusammen- oder teilweise (keinesfalls 
ganz) auseinanderfallen; sondern ob die „Gesetzgebung", ob die 
„Art der Verpflichtung" verschieden sei. Und es wird diese Ver- 



6 P, Natorp, 

schiedenheit in dem bestimmten Sinne behauptet, dass die Gesetz- 
gebung oder Verpflichtungsart beim Recht „äussere", bei der Sitt- 
lichkeit „innere" sei. Dieser Unterschied kann stattfinden, auch 
wo eine und dieselbe Handlung den Gegenstand der Beurteilung 
bildet. Damit rückt die Frage überhaupt in die zweite Linie, ob 
es eine Sphäre bloss rechtlicher, nichtsittlicher, und andrerseits 
sittlicher, nichtrechtlicher Pflichten gibt oder nicht. Was die 
„Materie" der Verpflichtung, wozu man verpflichtet sei; ob die 
Verpflichtung, ihrem Inhalte nach, sich auf den Verpflichteten 
allein, oder auch auf Andre, auf die Gemeinschaft erstrecke; selbst 
ob sie eine gewisse Gesinnung oder deren Bekundung in ausser- 
lieh fassbarer Tat, oder nur die Tat selbst fordert oder verbietet, 
das alles kommt für die letzte begriffliche Unterscheidung zwischen 
Recht und Sittlichkeit nicht, sondern allenfalls erst folgeweise in 
Frage. Im allgemeinen mag wohl die „äussere" Verpflichtungs- 
art auch nur das Äussere der Handlung und deren nach aussen 
(d. h. auf Andre oder auf eine gegebene Gemeinschaft) sich er- 
streckende Folgen, nicht oder nur sekundär, als deren Grund, 
das Innere der Gesinnung des Handelnden betreffen; während die 
„innere" Verpflichtung unmittelbar das letztere und nur mittelbar 
auch das erstere angeht. Jedenfalls sind dies zwei verschiedene 
Fragen; die logisch primäre aber ist, nach Kants Auffassung, die 
nach der „Art der Verpflichtung" oder nach der „Gesetzgebung": 
ob sie, als „äussere", nur „objektiv" bestimmt, was zu wollen, 
wie zu handeln sei, oder, als „innere": in welchem Gesinnungs- 
grunde, welcher „Triebfeder" solches Wollen, solche Handlung 
sich zu begründen und zu bestimmen habe, die Handlung selbst 
mag nun eine „äussere" (nach aussen wirkende) oder „innere" (in 
der Gesinnung des Handelnden verbleibende) sein. 

Diese Kantische Unterscheidung ist es, welche Stammler in 
der „Lehre von dem richtigen Rechte", unter ausdrücklicher An- 
gabe ihrer Herkunft (s. das. S. 53), vollinhaltlich übernommen 
und in Schärfe durchzuführen versucht hat. Die „Theorie der 
Rechtswissenschaft" sieht von dieser historischen Anlehnung ge- 
flissentlich ab (S. 489); aber sie fusst sachlich auf der gleichen 
Grundvoraussetzung, die sie nur noch bestimmter als früher in der 
soeben angedeuteten Richtung, nämlich dahin zu präzisieren be- 
müht ist, dass es auf die „Art der Verpflichtung" entscheidend 
ankomme, die Frage nach dem Inhalt der Verpflichtung der ersteren 
logisch untergeordnet bleiben müsse. Übrigens war dies auch in 



Recht und Sittlichkeit. 7 

dem älteren Buche bereits deutlich ausgesprochen worden: die 
„Materie" sei für richtiges Recht und sittliche Lehre identisch 
und bloss die Methode (der Bestimmung und Begründung) ver- 
schieden. Übrigens sollte schon dort auch die letztere nicht etwa 
dauernd geschieden bleiben, denn „beide haben dieselbe Wurzel; 
sie . . . müssen daher der gleichen Gesetzmässigkeit unterstehen . . . 
erst in ihrer Verschmelzung kann es gelingen die Einheit einer 
grundsätzlichen Gesamtauffassung zu erhalten" (R.R.S.56f.). 
Nur die Fragerichtung bleibt immer jene doppelte, und zwar 
bei jeder Willensbetätigung ohne Ausnahme; daher muss auch die 
Antwort „jeweils in eigener Weise vom Grundgesetze des 
Wollens abgeleitet werden" (S. 60). Nämlich die rechtliche 
Art der Bindung, als äussere und gegenseitige, fragt als 
solche nicht, ob der Verpflichtete sich selbst vor sich selbst 
gebunden erachte; die sittliche, als rein innere, nimmt ihrerseits, 
als solche, darauf keinen Bezug, ob Andre die gleiche Pflicht 
auch ihrerseits anerkennen. Ausdrücklich auch wird vorausgesetzt, 
dass aller Inhalt des menschlichen Wollens, den die Sittenlehre 
ergreifen mag, auf das Verhalten zu den Mitmenschen und das 
richtige Zusammenleben mit ihnen geht (73. 90 u. ö.). Also ist 
kein wesentlicher Unterschied im Inhalt der Verpflichtung 
zwischen Recht und Sittlichkeit angenommen. Andrerseits wird 
aber darüber schlechterdings kein Zweifel gelassen, dass nach 
beiden Richtungen das menschliche Wollen und zwar alles, mag 
es im Innern der „Gesinnung" verbleiben oder in Wort und Tat 
nach aussen sich ausdrücken, einer und derselben letzten Ge- 
setzlichkeit untersteht; dass beide „Methoden", obgleich als 
solche verschieden, doch auf das gleiche oberste Gesetz für mensch- 
liches Wollen sich zurückführen und so nicht bloss zu einer ein- 
heitlichen Gesetzesordnung hinterher sich vereinigen, sondern dem 
letzten Gesetzesgrunde nach eins sind (S. 68. 71. 85. 86). Ein 
Widerspruch zwischen beiden Gesetzlichkeiten kann daher gar 
nicht stattfinden. Widerspruch gibt es wohl zwischen sittlicher 
und positiv-rechtlicher Norm; aber dann widerspricht die letztere 
ebensowohl dem „richtigen" d. h. seine Idee erfüllenden, ge- 
rechten Recht (68. 89. 196 ff. u. durchweg). Man wird nicht 
leugnen können, dass diese Lehre streng auf Kantischem Boden 
steht und dem Leitgedanken der praktischen Vernunftlehre Kants 
treu bleibt. 



8 P. Natorp, 

§ 3. (Fichte.) Es verlohnt aber, ausser Kant auch noch 
Fichte zur Vergleichuug: heranzuziehen. Es scheint erst neuer- 
lich Beachtung g-efunden zu haben, dass dieser Philosoph in unserer 
Frage eine scheinbar radikale Wandlung durchgemacht hat. In 
der „Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der 
Wissenschaftslehre" (1796) hält nämlich Fichte Kants Schei- 
dung der reinen praktischen Philosophie in Kechts- und Tugend- 
lehre aufgrund des Unterschieds zwischen Legalität und Moralität 
nicht etwa bloss aufrecht, sondern verschärft sie zu einer grund- 
sätzlichen Trennung. Der Begriff des Rechts wird nicht 
irgendwie aus dem Grundgesetze der Sittlichkeit hergeleitet, 
sondern gänzlich unabhängig von ihm, dennoch rein apriori, als 
eine „Bedingung des Selbstbewusstseins" (Einl. II, 6), „zugleich 
mit seinem Objekt" deduziert. Er hat mit dem Sittengesetz 
„nichts zu tun, ist ohne dasselbe deduziert", unmöglich aus 
ihm zu deduzieren (1. Hptst., § 4, Coroll. 2). Beide Wissen- 
schaften sind „schon ursprünglich . . . durch die Vernunft 
geschieden, und sind völlig entgegengesetzt". Das Sitteu- 
gesetz nämlich gebietet kategorisch, das Recht nur bedingt. 
Im Naturrecht hat „der gute Wille nichts zu tun. Das Recht 
muss sich erzwingen lassen, wenn auch kein Mensch einen guten 
Willen hätte . . . Physische Gewalt, und sie allein, gibt ihm auf 
diesem Gebiete die Sanktion" (I, § 4, Coroll. 3). „Der Rechts- 
begriff ist der Begriff eines Verhältnisses zwischen Vernunft- 
wesen. Er findet daher nur unter der Bedingung statt, dass 
solche Wesen in Beziehung auf einander gedacht werden." 
Aber (4) „nur durch Handlungen, Äusserungen ihrer Freiheit in 
der Sinnenwelt, kommen vernünftige Wesen in Wechselwirkung 
miteinander: der Begriff des Rechts bezieht sich sonach nur auf 
das, was in der Sinnenwelt sich äussert: was in ihr keine Kausa- 
lität hat, sondern im Innern des Gemüts verbleibt, gehört 
vor einen andern Richterstuhl, den der Moral" (5). „Nur inwie- 
fern vernünftige Wesen wirklich im Verhältnisse miteinander 
stehen, und so handeln können, dass die Handlung des Einen 
Folgen habe für den Andern, ist zwischen ihnen die Frage vom 
Rechte möglich, wie aus der geleisteten Deduktion, die immer eine 
reelle Wechselwirkung voraussetzt, hervorgeht." (Ebenda IV:) 
„Es lässt sich gar kein absoluter Grund aufzeigen, warum jemand 
sich die Rechtsformel: beschränke deine Freiheit so, dass der 
Andere neben dir auch frei sein könne, zum Gesetze seines 



Recht und Sittlichkeit. 9 

Willens und seiner Handlungen machen sollte. Soviel lässt sich 
einsehen, dass eine Genfeinschaft freier Wesen, als solcher, nicht 
bestehen könne, wenn nicht jeder diesem Gesetze unterworfen ist; 
und dass sonach, wer diese Gemeinschaft wolle, notwendig das 
Gesetz auch wollen müsse; dass es also hypothetische Gültig- 
keit habe . . . Aber die Bedingung sogar, die Gemeinschaft 
freier Wesen, ist abermals bedingt durch ein gemeinschaftliches 
Wollen. Keiner kann durch seinen blossen Willen eine solche Ge- 
meinschaft mit einem Andern realisieren, wenn der Andere 
nicht denselben Willen hat . . ." Die bis dahin von Keinem 
recht erkannte Schwierigkeit liege hier darin: „Wie mag doch ein 
Gesetz gebieten dadurch dass es nicht gebietet?" (Nämlich das 
Recht bestimmt nicht positiv zum Handeln, sondern sichert nur 
jedem seine Freiheit zu handeln.) Antwort: dadurch dass das 
Gesetz sich eine bestimmte Sphäre begrenzt und alles, was 
ausser dieser Sphäre liegt, freilässt. „Das Sittengesetz ist nicht 
von der Art. Es setzt sich keine bestimmte Sphäre, sondern ge- 
bietet über alles Handeln der vernünftigen Geister, folglich hätte 
man aus ihm den Rechtsbegriff nicht ableiten sollen" (ebenda in 
der Anmerkung; vgl. Einl. HI mit Bezug auf Kant: Das Rechts- 
gesetz ist ein bedingtes Gesetz, also von dem schlechthin 
unbedingten und daher unbeschränkten sittlichen Gesetz unmög- 
lich abzuleiten.) 

Immerhin erhält das Recht durch das Sittengesetz eine 
„neue Sanktion für das Gewissen" (Einl. II, 5): Ich muss 
mich notwendig in Gesellschaft mit Andern denken, aber 
ich kann dies nicht, ohne meine Freiheit durch die ihrige be- 
schränkt zu denken; nach diesem notwendigen Denken muss ich 
nun auch handeln, sonst stehe ich mit mir selbst im Wider- 
spruche; ich bin im Gewissen, durch mein Wissen, wie es sein 
soll, verbunden, meine Freiheit zu beschränken. Von dieser mo- 
ralischen Verbindlichkeit ist aber in der Rechtslehre nicht die 
Rede, jeder ist nur verbunden durch den willkürlichen Ent- 
schluss, mit Anderen in Gesellschaft zu leben; und wenn jemand 
seine Willkür gar nicht beschränken will, so kann man ihm auf 
dem Gebiete des Naturrechts weiter nichts entgegenstellen, als 
das, dass er sodann aus aller menschlichen Gesellschaft sich ent- 
fernen müsse. (Schroffer noch 2. Hptst. § 7, H: „Man kann im 
Naturrecht jedem nur sagen, das und das werde aus seiner Hand- 
lung folgen. Übernimmt er dies nun, oder hofft er ihm zu ent- 



10 P. Natorp, 

gehen, so kann man weiter kein Argument gegen ihn brauchen.") 
Andrerseits ist „dem Gerechten kein äusseres (Zwangs-) Gesetz 
gegeben; er ist von demselben ganz befreit, und durch seinen 
eigenen guten Willen davon befreit" (2. Kap. der Rechtsl. § 14). 

Die Scheidung wird unverändert festgehalten im „System 
der Sittenlehre" von 1798. Selbst noch das „System der 
Sittenlehre" v. J. 1812 tut keinen Schritt, sie etwa rückgängig 
zu machen. Zwar der Sittliche muss die Sittlichkeit Aller wollen; 
der sittliche Wille hat stets zum Ziele eine Sittlichkeit 
ausser sich (S. 85); denn „das Objekt des Menschen ist 
immer der Mensch. Ich weiss nicht, ob dies jemals in der 
Sittenlehre deutlich ausgesprochen worden ist" (S. 83). Aber die 
Hervorbringung der Sittlichkeit d. i. des absolut guten Willens im 
ganzen Geschlechte ist anzustreben — nicht auf dem Wege des 
Rechts, im Staat, sondern in der Kirche, als Moralisieruug 
Aller, „Erbauung Aller zu einer einzigen sittlichen Gemeinde" 
(S. 77). Mit dem Staat hat es die Sittenlehre „nicht zu tun" 
(S. 103). Nirgends findet man hier die Spur einer Zurückleitung 
des Rechtes selbst auf die Sittlichkeit. 

Indessen hat gerade unter Fichtes letzten Voraussetzungen 
diese Trennung etwas Gewaltsames. Deshalb verwundert man sich 
weniger, dass im letzten Stadium seiner Entwicklung, in den Vor- 
lesungen über die Staatslehre vom Sommer 1813 (Ange- 
wandte Philosophie, 3. Abschn. Von der Errichtung des Vernunft- 
reiches. Voraussetzungen; Bd. IV, S. 432) der frühere Standpunkt 
auf einmal verlassen wird. Fichte erklärt hier: das Vernunftgesetz, 
dass keiner die Freiheit eines Andern und des Ganzen stören oder 
aufhalten soll, d. h. das Rechtsgesetz, „ist selbst ein sitt- 
liches Gesetz, denn es ist die Bedingung aller Sittlichkeit. 
Das Recht soll also schlechthin herrschen, so gewiss die Sitt- 
lichkeit schlechthin sein soll." Dabei bleibt jedoch die früher 
behauptete Eigenheit des Rechts voll gewahrt; denn unmittelbar 
nach obigen Sätzen heisst es weiter: „Und zwar ist es das Ge- 
setz der Bedingung." Aber dieses steht eben selbst zuletzt 
unter dem unbedingten Gesetze der Sittlichkeit. 

Nicht als Gegensatz oder gar Widerstreit zwischen Recht 
und Sittlichkeit, sondern nur als Antinomie innerhalb des selbst 
sittlichen Gesetzes des Rechts — eine Antinomie, die aus dessen 
letzter Begründung sich verstehen und daher auch auflösen lassen 
muss — tritt daher jetzt auf die Entgegensetzung, auf die ja die 



Recht und Sittlichkeit. 11 

Unterscheidung von Recht und Sittlichkeit ganz und gar gegründet 
wurde: von Freiheit und Zwang (ebenda S. 433): „Das Reich 
der Freiheit schliesst aus jeden Zwang, dies liegt im Rechts- 
gesetze; der Zwang ist absolut gegen das Recht"; denn „er 
raubt die innere (!) Freiheit des Individuums" (!). Indessen „was 
im Rechtsbegriffe liegt, soll schlechthin sein; denn das einem 
jeden gebotene Sittliche soll schlechthin sein. Ohne Freiheit" — 
die das Recht eben sicherzustellen hat — „ist aber sittlicher Zweck 
gar nicht ausführbar"; der Rechtsbegriff raüsste darum sogar 
mit Zwang und mit Gewalt durchgesetzt werden . . . Für das 
Recht ist sonach der Zwang sogar geboten; wie viel mehr also 
erlaubt." Die Lösung der Antinomie beruht darauf: der „Satz" 
(der absoluten Freiheit) erkennt solche nur an „in der sittlichen 
Welt; einer andern sie gar nicht zugestehend"; der „Gegensatz" 
(vom Zwang) nimmt beide Welten ins Auge und will den 
Übergang von der einen zur andern auch als Freiheit er- 
fassen: „auch im Übergange zu jener Welt, in der du nicht ge- 
boren bist, bist du dein eigenes Prinzip". Daher redet der 
Satz vom Willen, nicht von der Tat, der Gegensatz von der 
Tat, nicht vom Willen. „Will also jener, dass das Rechtswidrige 
geschehe, die Naturgewalt herrsche? Wie kann er, ohne die Er- 
scheinung des sittlichen Reiches ganz unmöglich zu machen? Nur 
will er, es solle aus Einsicht, aus den Willen bewegender 
Einsicht unterlassen werden; unterlassen also freilich. Über die 
Unterlassung, als unbedingt notwendig, sind beide einig; der 
letztere fügt bloss einen Bestandteil hinzu, den der erstere über- 
ging. Und so ist denn ihr Verhältnis gefunden. Der erste will, 
wobei angehoben werden muss, der zweite, was nachgeholt werden 
soll"; das heisst, das Rechtswidrige, die ungezähmte Naturgewalt, 
muss anfangs bloss durch Zwang, ohne Einsicht und guten Willen, 
unterdrückt werden, aber Einsicht und guter Wille muss nach- 
kommen. So ist der Zwang gerechtfertigt, jedoch nur unter der 
Bedingung, dass mit der Zwangsanstalt eine zweite verbunden 
werde, um alle zur Einsicht der Rechtmässigkeit des Zwanges 
und so — zur Entbehrlichkeit desselben zu bringen (S. 437). 
„Das aber, wozu gezwungen wird, und das, was durch Erziehung 
der Einsicht hingelegt wird, ist durchaus dasselbe; das letztere 
kann aber nur der Vernunftbegriff sein vom Rechte; denn über 
nichts anderes kann die Einsicht Aller sich vereinigen" (S. 438). 
„Rechtszwang wird nur durch beigefügte Erziehung" des 



12 P. Natorp, 

gezwungenen Volkes zur Einsicht und zum guten Willen „recht- 
mässig; ausserdem ist er rechtswidrig". Also „kein Zwang, 
ausser in Verbindung mit der Erziehung zur Einsicht in das 
Recht . . . der Zwingherr zugleich Erzieher . . . dadurch ist erst 
die Gleichheit wiederhergestellt; der Zwingherr macht den Ge- 
zwungenen wieder zu seinem [verstehe: seinem eigenen] Richter" 
(S. 437 f.). 

Das vorzüglich Belehrende in diesen Sätzen (deren weitere 
Durchführung hier beiseite bleiben muss) erkennen wir darin : dass 
in der nun so sicher erreichten Vereinigung von Recht und Sitt- 
lichkeit das Motiv, das früher zu ihrer Scheidung geführt hatte, 
doch nicht untergegangen ist: es bleibt der Unterschied äusserer 
und innerer Verpflichtungsart, der im „Naturrecht" in 
Schärfe so bestimmt wurde: dass die Rechtspflicht bedingt, und 
zwar durch eine nicht bloss gedachte, sondern reelle Wechsel- 
wirkung Mehrerer bedingt, daher nicht von dem Willen des Einen 
allein abhängig, unter der gesetzten Bedingung aber (dass Gemein- 
schaft sein solle) für jeden, ohne Frage, ob er will, äusserlich, 
heteronom — die sittliche Verpflichtung als solche bedingungs- 
los, von keiner reellen Wechselwirkung Mehrerer abhängig, daher 
für einen jeden für sich, innerlich, autonom — bindend ist. 
Beides gilt nur jetzt mit- und in enger Beziehung zu einander: 
indem das autonome Sittengesetz selbst für die Sphäre der 
äusseren Verbindung mehrerer Willen, das heisst für die Aufgabe 
der Herbeiführung einer Gesetzesordnung, die noch nicht ist, 
aber werden soll, die Heteronomie, den Zwang des äusseren 
Rechts rechtfertigt, ja notwendig macht. So stehen nicht mehr 
zwei Gesetzlichkeiten erst beziehungslos nebeneinander, um 
allenfalls hinterher ihre Vereinigung zu suchen; wohl aber bleibt 
unterhalb des einen letzten Gesetzes der Freiheit dennoch die 
Zweiseitigkeit der Betrachtung, wie wir sagen würden: vom 
Zentrum der Selbstgesetzgebung aus (als sei sie, und nur sie, 
von Haus aus da), und von der Peripherie einer vorerst natur- 
artigen Wechselbeziehung aus, die zur sittlichen erst den Weg 
sucht, aber allerdings nur im Hinblick auf das gedachte, stets an 
sich voraus zu denkende Zentrum diesen Weg finden und be- 
stimmen kann. In dieser allgemeinen Richtung dürfte aber die 
Lösung* der Frage überhaupt nur gesucht werden können. 

§ 4. (B. Wischeslavzeff.) Auf die soeben berührte „An- 
tinomie" in Fichtes „Staatslehre" von 1813 hat kürzlich Boris 



Recht und Sittlichkeit. 13 

Wischeslavzeff iu daukeuswerter Weise aufmerksam gemacht 
(s. Philos. Abhandlungen, H. Cohen z. 70. Geburtstag dargebracht, 
Berlin, Br. Cassirer, 1912, S. 190 ff.) ; und es wird sich zweck- 
dienlich erweisen, auch darauf in kurzem einzugehen. Für ihn 
löst sich die Antinomie so: das Recht erstrebt eine bewusste Or- 
ganisation gemeinschaftlichen Handelns, d. i. eine bewusste zweck- 
mässige Wechselbeziehung aller Subjekte durch ihre Willenshand- 
luugen, so dass jeder zugleich Mittel, wie andrerseits Zweck, 
für die Andern sei. Nicht die ganze Person aber darf als 
Mittel für fremde Zwecke in Anspruch genommen werden, sondern 
nur ihre äusseren Handlungen. Darum aber wird die zweck- 
mässige Vereinigung der Handlungen durch das Recht nur nega- 
tiv bedingt, nicht positiv konstruiert; nur die „Wechsel- 
begrenzung der Sphären der Freiheit oder der Willkür" hat das 
Recht zu vollziehen. Es sichert daher nur die Möglichkeit der 
Handlung, deren Konkretisierung zur wirklichen Handlung es 
einer überjuridischen Sphäre freilässt, welche aber darum nicht 
überethisch sein kann: der der individuellen Moral. Nicht als 
ob dem Rechte das Gebiet des Innern und Individuellen, der 
Moral (i. e. S.) das des Äusseren, Sozialen verschlossen sein solle; 
aber das Innere und Individuelle geht das Recht nur an im Hin- 
blick auf ein äusseres, ins soziale Leben sich erstreckendes 
Handeln, umgekehrt das Äussere, Soziale die Moral nur als Dar- 
stellung des Innern, Individuellen. Moral und Recht bedeuten also 
nicht zwei Seiten der Ethik, etwa die subjektive und die objek- 
tive, oder die individuelle und die soziale; sondern zwei Stufen, 
unterschieden lediglich nach dem modalen Verhältnisse der Mög- 
lichkeit und der Verwirklichung. „Die Harmonie der (äusseren) 
Organisation (des Rechts) ist für die Moral erforderlich, ist in 
ihr enthalten, sie ist ihre Bedingung, wie die richtige Stim- 
mung der Saiten Bedingung jeglicher Melodie ist. Doch ist auch 
die vollkommenste Stimmung der Saiten nicht die Bestimmung der 
Melodie, die erklingen soll." Das Moment der Organisation ver- 
bleibt zwar auch der ideellen, moralischen Gemeinschaftsordnung; 
daher wird z. B. die Gemeinschaft der Heiligen von Augustin als 
Gottesstaat (Civitas Dei) d. h. nach Analogie einer Rechtsordnung 
gedacht. „Doch wird die Allheit hier tiefer und innerlicher har- 
monisiert, weil jetzt das Innerliche und Individuelle in ihr erklingt." 
Die Atome der Rechtssubjekte werden zu Monaden in innerlicher 
Wechselbeziehung; als „lebendige Spiegel" des einen, unendlichen 



14 P. Natorp, 

(sittlicheu) Uuiversums durch die Fesseln der Liebe, der Freund- 
schaft verbunden. Der Zwang des Rechts ist notwendig, aber nur 
um der Freiheit willen; so ist sein Zwang selbst — Befreiung. 

In dieser Lösung liegen, neben Anfechtbarem, einige sehr 
förderliche Anregungen. Wie man leicht erkennt, ist für Wisches- 
lavzeff der Unterschied zwischen Recht und Sittlichkeit keineswegs 
bloss ein methodischer, sondern zugleich ein inhaltlicher; so aber, 
dass die juridische Sphäre in der moralischen eingeschlossen liegt, 
alles rechtlich Geforderte (wie bei Kant und Fichte) auch mora- 
lisch gefordert bleibt, nämlich als Bedingung, aber nur nega- 
tive Bedingung des eigentlich und im engern Sinne Sittlichen, 
das erst oberhalb der Sphäre des Rechtes beginnt. Dies will nun 
so nicht einleuchten. Das Recht, sogar in seiner unvollkommenen 
Wirklichkeit, vollends seiner reinen Idee nach verstanden, ist 
sicher nicht bloss negativ bedingend, mag es auch die entfernteren 
Vorbedingungen eines einheitlichen Zusammenwirkens, die man als 
negative immerhin bezeichnen mag, leichter und sicherer, daher 
tatsächlich in viel weiterem Umfang, in bestimmtem Sinne sogar 
erschöpfend, schon heute erfassen, während die Erfassung des po- 
sitiven Wirkens bisher höchst unvollkommen und nichts weniger 
als allgemein gesichert ist. Aber entfernt nicht kann behauptet 
werden, dass das Recht überhaupt, seinem Wesen nach, nur ne- 
gativ verbinden könne und verbinden wolle. Die Wehrpflicht 
z. B., doch gewiss eine rechtliche Pflicht, bestimmt den Verpflich- 
teten wahrlich nicht bloss negativ. • Und wenn durch die Ver- 
pflichtung des vom Staat bestellten Lehrers (z. B. der Wissenschaft), 
oder des Richters, des Abgeordneten etc. die Art, wie im besondern 
er sein Amt zu versehen habe, bis auf wenige negative Beschrän- 
kungen nicht buchstäblich rechtlich festgelegt sondern seiner eignen 
Einsicht und Gewissenhaftigkeit anheimgestellt wird, so ist er da- 
rum nicht weniger von Gesetzes wegen, also in rechtlicher Art, 
verpflichtet, positiv sein Bestes an seiner Stelle zu tun, und nicht 
bloss negativ, jene sehr groben äusseren Schranken nicht zu über- 
schreiten. Und eben damit ist schon gesagt, dass das Recht nicht 
bloss äusserlich fassbares „Tun" normiert, sondern in das Innere 
der „Gesinnung" sogar tief eingreift. Nur vermag es freilich 
durch seine gewöhnlichen Zwangsmittel nicht allgemein die Ge- 
sinnung, sondern allgemein allenfalls nur das äussere Tun, und 
selbst bei diesem nur die Innehaltung gewisser Schranken, wirk- 
lich sicherzustellen. Hiernach kann es aber nicht richtig sein, dass 



Recht und Sittlichkeit. 15 

der Zwang das Recht konstituiere. Er konstituiert nicht ein- 
mal das sogenannte positive, geschweige das ideale Recht. Die 
Grenzen des Erzwingbaren sind entfernt nicht und in keinem Sinne 
die Grenzen des Rechts. 

Wischeslavzeff betont doch selbst — und gerade darin er- 
kennen wir ein tiefer in die Sache führendes Motiv — : dass über- 
haupt nicht an sich der Gegensatz des Innern und Äussern, 
oder des Individuellen und Sozialeu, nämlich sofern beides auf den 
Inhalt des Gesetzes bezogen wird, die Grenze zwischen Sittlich- 
keit und Recht bestimmen kann, da beide Gegensätze für beides, 
Recht wie Moral, Geltung haben; nur mit dem Unterschied, der 
eben der Unterschied ihrer Methode ist: dass das Recht das 
Innere vom Äussern her, die Moral umgekehrt das Äussere 
vom Innern her bestimmt. So ist es aber möglich, und es ist 
zugleich ideal gefordert, dass die Sphären beider, wenn nicht 
schon sich decken, dann mehr und mehr zur Deckung gebracht 
werden, oder ihr stetig angenähert werden müssen, jedoch so, dass 
immer die geraden Linien des Rechts gleichsam von der Peripherie 
zum Zentrum, die der Moral vom Zentrum zur Peripherie den 
Weg suchen. So scheinen beide auseinander zu fallen oder auf 
ihre Vereinigung allenfalls erst hinzustreben, nämlich sofern und 
solange beide in der Durchführung ihrer Methode noch nicht weit 
genug gelangt sind. Denn freilich nur in ihrer idealen Vollendung 
würden sie vollständig, der Sphäre nach, zusammenfallen, damit 
aber auch der Unterschied des „Gesichtspunkts", der theoretisch 
immer seine Geltung behält, für jede praktische Erwägung so gut 
wie bedeutungslos werden. Indessen, da tatsächlich diese voll- 
ständige Deckung nicht erreicht ist, ja nie erreicht sein kann, so 
behält der Unterschied, praktisch wie theoretisch, immer seine 
nicht zu übersehende Bedeutung und Tragweite. In solchem Sinne 
also dürfte eine strenge, wiewohl nur ideelle Vereinigung von 
Recht und Moralität, unbeschadet ihres sicheren methodischen 
Unterschieds, zu behaupten sein. 

§ 5. (Das Problem der kategorialen Begründung der 
praktischen Philosophie.) Noch besondere Aufmerksamkeit 
aber verdient Wischeslavzeff s „modale" Unterscheidung beider nach 
„Möglichkeit" und „Verwirklichung". Es fragt sich: wie verhält 
diese sich einerseits zu der methodischen Unterscheidung der 
„äusseren" und „inneren" Verpflichtungsart, andererseits zu der 
inhaltlichen Unterscheidung der Bestimmung des äusseren Verhaltens 



16 P. Natorp, 

und der inneren Gesinnung", oder der Beziehung der Verpflichtung 
auf das Zusammenwirken in der Gemeinschaft und auf die Ver- 
fassung des isoliert betrachteten Einzelnen? Diese Frage aber 
führt tief hinein in die ganz neue, von wenigen erst in ihrer Be- 
deutung klar erkannte Aufgabe einer kategorialen Begründung 
der praktischen Philosophie überhaupt. Auf diese Aufgabe 
hat besonders H. Cohen die Aufmerksamkeit gelenkt; vorgreifend 
mag hier nur beispielshalber (auf das Sachliche der Frage kommen 
wir zurück) daran erinnert werden, dass Cohen jedes Ausgehen 
vom Individuum, sei es in der Rechtslehre oder in der Ethik, mit 
der Begründung abwehrt, dass zufolge der „Logik der reinen Er- 
kenntnis" das Einzelne überhaupt keine konstitutive, sondern allen- 
falls nur eine modale Kategorie sei. Es ist ersichtlich, dass hier 
manche Verwickelung ihrer Auflösung erst harrt, ehe man von 
Innerem und Äusserem, Individuum und Gemeinschaft bei Be- 
gründung der Eechtsphilosophie mit logischem gutem Gewissen 
überhaupt reden kann. 

Die Rechtsphilosophie, welche eine wenngleich bedingt selbst- 
ständige Stellung des Rechts gegenüber oder innerhalb der Sitt- 
lichkeit behauptet, stützt sich, wie sich gezeigt hat, wesentlich 
und fundamental eben auf die Unterscheidung des Inneren und 
Äusseren; sie hat stets die Rechtsordnung als äussere der sittlichen 
als innerer Bestimmung des Willens gegenübergestellt. In der 
Tendenz aber, bei dieser schwerlich ganz wegzuwerfenden metho- 
dologischen Unterscheidung die schliessliche sachliche Einheit 
von Recht und Sittlichkeit doch zu behaupten, glaubten wir diese 
Unterscheidung dahin präzisieren zu müssen: dass das Recht „von 
der Peripherie zum Zentrum", die Sittlichkeit „vom Zentrum zur 
Peripherie hin" ihre Richtlinien zu beschreiben habe. Es fragt 
sich, was dies in Hinsicht der kategorialen Begründung 
beider, des Rechts und der Sittlichkeit, genau besage. Indem ich 
diese Frage zu beantworten versuche, kann ich wohl nicht anders 
als die Ordnung der Kategorien, so wie sie sich mir bis dahin in der 
Logik der theoretischen Erkenntnis bewährt hat, zunächst gleichsam 
als Hypothese zugrunde zu legen; ihre Bewährung in der Begründung 
der praktischen Philosophie mag dann zu einem neuen Prüfstein 
für die Richtigkeit der allgemein-logischen Aufstellung dienen. 

In Hinsicht der Quantität würde, nach meiner Auffassung 
derselben, zentrale Betrachtung die zu nennen sein, welche vom 
allgemeinen und zwar unbedingt allgemeinen, d. h. dem Um- 



Recht und Sittlichkeit. 17 

fang nach allumfassenden Gesetze her das Besondere und 
Einzelne, peripherische die, welche vom Einzelnen her, als sei 
es gegeben, auf dem Wege über das Besondere, das Allgemeine 
irgendwelches Umfangs zu bestimmen sucht. 

In Hinsicht der Qualität wäre zentrale Betrachtung die, 
welche vom Kontinuum der Gattung, als qualitativer Allheit, 
diszernierend, also spezifizierend, das qualitativ Besondere und 
schliesslich Einzelne, die Sonderart und Einzelart (Individualität) 
des jeweils Bestimmbaren dem Inhalt nach bestimmt, peripherische 
die, welche vom letzteren aus, als sei es gegeben, zur Vereinigung 
im qualitativen Kontinuum erst hinstrebt. 

In Hinsicht der Relation, im bestimmten Kantischen Sinne 
der dynamischen Beziehung, würde zentrale Betrachtung die 
sein, welche vom reinen Gegenseitigkeitsbezug im System 
aus in gleichsam linearer Bestimmung bedingende Verhältnisse 
des Besonderen, und erst zuletzt eine etwaige Substantialität des 
Einzelnen, Individuellen zu bestimmen unternimmt, während die 
peripherische Betrachtung von der letzteren aus, 'als sei sie ge- 
geben, über die besonderen Bedingungsverhältuisse zu einer system- 
artigen Erfassung dynamischer Wechselbeziehungen erst hinaufstrebt. 

In Hinsicht der Modalität endlich würde die zentrale Be- 
trachtung von der apriori zu fordernden Notwendigkeit, d. h. 
absoluten (methodisch absoluten, nicht weiter bedingten) Einheit 
der logischen Bestimmung aus den Stufengang der Ver- 
wirklichung dieses Notwendigen und die über das auf gegebener 
Stufe Verwirklichte hinaus offen bleibenden Möglichkeiten zu 
erfassen suchen; die peripherische von supponierten Möglich- 
keiten aus, mit deren versuchsweise gewagter Aufstellung sie in 
dem flutenden Meere des Bestimmbaren nur überhaupt einmal fuss- 
zufassen vermag, in Schritt um Schritt vordringender Verwirklichung 
des Möglichen dessen schliesslich geforderte Verankerung im Not- 
wendigen (Vernotwendigung) anstreben. 

Es fragt sich nun: entspricht die Unterscheidung des Rechts 
als „äusserer", der Sittlichkeit als „innerer" Willensbestimmung 
dieser vierfachen kategorialen Bedeutung des Äusseren und Inneren, 
und zwar in Hinsicht der Inhaltsbestimmung der beiderseitigen 
Verpflichtung sowohl als der Art der Verpflichtung? 

Zunächst diese doppelte Fragerichtung selbst, auf die wir 
uns wieder und wieder hingewiesen sahen, der methodischen und 
inhaltlichen, oder formalen und materialen Erwägung, scheint 

Kantstudleo XVIII. 2 



18 P. Natorp, 

genau auf den Unterschied der konstitutiven, eben den Inhalt 
der Erkenntnis konstituierenden, und der modalen, die „Art", 
den Modus des Procedere betreffenden Bestimmungsweise 
zurückzugehen. 

In Hinsicht des Inhalts nun führt sich die Unterscheidung 
des Äusseren und Inneren sofort rein und zweifelsfrei im erklärten 
Sinne kategorial durch. Nämlich das Recht erfasst die Handlung 
peripherisch, indem es sie, quantitativ, allemal als Einzelfall, 
d. h. subsumierend, durch ßesonderung irgend eines begrenzt All- 
gemeinen — qualitativ als individuell, im Sinne der Spezifika- 
tion, stets doch im Hinblick auf eine, vorerst aber nur begrenzte 
Gattungskontinuität bestimmte — dynamisch als die des einzelnen 
Wirkenden, in bestimmt bedingter Wirkungsreihe, obzwar immer 
im Hinblick auf ein gefordertes, vorerst jedoch begrenztes System 
der Wechselwirkung, ins Auge fasst. Die sittliche Beurteilung 
dagegen, als „innere", stellt ohne jede Einschränkung den Gesichts- 
punkt der Allgemeinheit der Willensbestimmung überhaupt, der 
kontinuierlichen Einheit alles zulässigen Willensinhalts, und 
der wechselseitigen Verbundenheit der Zwecke in einem 
allbefassenden Zwecksystem, der dynamischen Bedingtheit 
nach, an die Spitze und verlangt, dass der Urteilende, nämlich 
sein eignes Wollen Beurteilende streng und ausschliesslich von 
dieser Zentralstellung aus — die besonders von Cohen, unter dem 
Namen der „Allheit", unablässig betont wird — alles Peripherische 
am beurteilten Wollen richte und bestimme. 

Nicht ganz so unmittelbar einleuchtend scheint unsere kate- 
goriale Interpretation des Verhältnisses des Äusseren und Inneren 
nach der andern, der modalen oder methodischen Richtung sich zu 
bewähren. Das Recht als „äussere" Regelung soll in methodischer 
Hinsicht äussere d. h. gegenseitige Bindung bedeuten; es könnte 
danach scheinen gerade vom System, mindestens von der Forde- 
rung, vom Gedanken des Systems und also der gesetzlichen Not- 
wendigkeit aus, also zentral, das Einzelwollen zu bestimmen; 
während die Sittlichkeit des Individuums alles auf Selbstbestim- 
mung vom Einzelnen aus abstelle und so all sein Wollen, auch 
das nach aussen, auf die Gemeinschaft (als Allheit) gerichtete, von 
„innen" d. h. eben vom Einzelnen her, also peripherisch regle, zur 
zentralen Bestimmung des Handelns im Sinne der Allheit erst vom 
engeren Bereich aus hinstrebe. So konnte Kant gradezu die recht- 



Recht und Sittlichkeit. 19 

liehe Bestimmung als „objektive" der sittlichen als „subjek- 
tiver" gegenüberstellen. 

Allein eben diese zunächst auffällige Wendung führt sofort 
auf den rechten Weg. Nämlich das sich selbst bestimmende „Sub- 
jekt" ist ja, eben nach Kant, nicht das Individuum, im Sinne des 
isoliert betrachteten einzelnen Subjekts; es ist, nach seiner Rede- 
weise, nicht das empirische, sondern das intelligible Subjekt. 
Die von Kant gemeinte „Subjektivität" der Bestimmung, nämlich 
die Autonomie, vertritt daher gerade die echteste Objektivi- 
tät der Willeusbestimmung, aus dem Standpunkte der unbedingt 
reinen Gesetzlichkeit; während die sogenannte „Objektivität" 
eines bestimmten Rechtsgesetzes immer mehr oder minder (im 
transzendentalen Sinne) „subjektiv" bedingt, nämlich auf irgend 
einen empirisch beschränkten Standpunkt der Beurteilung be- 
zogen bleibt. 

Weil aber das unbedingt bestimmende „Selbst" der Sittlich- 
keit nicht das des Individuums, im Sinne des isoliert betrachteten 
Einzelsubjekts, sondern das ideale Selbst ist, das nicht mehr 
meines als eines Andern ist, so muss die von ihm aus getroffene 
Bestimmung auch gerade im Sinne unbedingter Gleich heit- 
lichkeit und Gegenseitigkeit, also im vollen und reinen 
System sinn erfolgen, während in der rechtlichen Regelung, als 
bedingter, auch die angestrebte Gegenseitigkeit und Gleichheit nur 
bedingterweise erfüllt sein, also auch nur als bedingte vom Rechte 
selbst vorausgesetzt werden kann. Gerade deshalb bedarf es 
hier der heteronomen Bindung, der Verpflichtung gegenein- 
ander, also von aussen her, die dagegen für den Standpunkt der 
reinen Sittlichkeit darum überhaupt nicht in Frage kommen kann, 
weil für sie die „innere" Verpflichtung, nach Massgabe des 
reinen Gesetzes, bloss als solchen, als genügend gelten muss, 
das besondere, einzelne Wollen mit unbedingter Notwendigkeit zu 
bestimmen. Sittlich ist gewiss, dem Inhalt nach, ein jeder in 
Hinsicht des Andern, aber darum nicht dem Andern verpflichtet 
(nicht der Andere verpflichtet ihn), sondern er bedarf nur des 
eigenen Bewusstseins des reinen Gesetzes, um sich, und zwar un- 
bedingt, verpflichtet zu wissen. Das allein ist der echte Indivi- 
dualcharakter der Sittlichkeit. So aber verpflichtet die Sittlich- 
keit innerlich d. h. zentral, vom Zentrum der unbedingten Ge- 
setzesforderung aus. Dagegen beruht die Eigenheit des Rechts 
als „äusserer" Bindung genau darauf, dass die rechtliche Regelung 

2* 



20 P. Natorp, 

als solche, nämlich die jedesmal bestehende rechtliche Ordnung, 
jederzeit nur bedingt ist und sein kann. Als bedingte kann sie 
nicht unbedingt verpflichten, darum genügt für sie nicht die 
„innere" Bindung, die nur als unbedingte, aus dem reinen Be- 
wusstsein des praktischen Gesetzes, ohne anderweitige „Triebfeder", 
verständlich ist. 

Damit aber klärt sich nunmehr der modale Charakter der 
rechtlichen Bestimmung, als Bestimmung im Sinne der Möglich- 
keit, nicht aber der vollendeten Wirklichkeit und Notwen- 
digkeit der öesetzesordnung, auf den wir durch Wischeslavzeff 
aufmerksam gemacht worden. Das Eecht, als wirklich bestehendes, 
ist stets nur ein Versuch, durchgängige Übereinstimmung des 
Handelns herzustellen. Einstimmigkeit des Handelns überhaupt ist 
apriori gefordert, wie aber ein gegebenes, „gesetztes" Recht sie 
herzustellen versucht und überhaupt nur versuchen kann, ist sie 
niemals unbedingt, sondern nur bei gegebener Lage, also bedingt 
notwendig: um überhaupt eine Zusammenstiramung, nicht sofort 
als unbedingte, zu ermöglichen. So erklärt und hebt sich zu- 
gleich der Schein des bloss „negativ" vorbedingenden Charakters 
des Eechts. Die Ermöglichung der Zusammenstimmung zielt doch 
auf das Wirklichwerden einer solchen und zuletzt auf deren Not- 
wendigkeit. Nur ist der Gang des Rechts eben dieser: von der 
Peripherie zum Zentrum, das heisst vom gleichsam hypothetischen 
Ansatz: so und so würde das Handeln einstimmig werden, in 
schrittweis vordringender praktischer Bewährung der „notwendigen" 
Einstimmung asymptotisch sich nähernd. Die nicht unbedingt not- 
wendige Zusammenstimmung muss eben ^, gesetzt", d. h. von aussen 
her bestimmt werden, sie ist insofern unvermeidlich „heterouom"; 
erst die ideale, unbedingt notwendige Zusammenstimmung würde 
keiner äusseren „Satzung" mehr bedürfen, weil sie, eben als un- 
bedingte, von selbst einen jeden von ,. innen" her bestimmen würde. 
Und so ist es allerdings an sich, und das heisst: vom Standpunkt 
reiner Sittlichkeit, gefordert. 

So aber steht nun dieser ganze Stufengang bedingter 
Zweckordnung zuletzt doch unter demselben, unbedingten, 
autonomen Gesetze einheitlicher Zweckordnung, von welchem 
die Sittlichkeit sogleich den Ausgang nimmt, um aus seinem 
Standpunkt nach der Peripherie, das heisst zur bedingten Zweck- 
bestimmung hin die Richtlinien zu entwerfen. Dabei aber kann 
sie nun umgekehrt garnicht umhin die heteronomen Bestimmungen 



Recht und Sittlichkeit. 21 

jeweils gesetzten Rechtes wenigstens als Vorstufe und Schule zur 
Sittlichkeit gelten zu lassen und in ihren Dienst zu nehmen. 
Während daher das Recht unmittelbar stets heteronora ist, auf 
Autonomie erst von weitem hinzielt, spricht sich die sittliche 
Forderung unmittelbar als autonome aus, muss aber doch, sobald 
sie sich konkretisieren will, bloss bedingt Notwendiges gelten 
lassen. Auf solches aber kann sie, ihrem eigenen Prinzip zufolge, 
sich nicht mehr als autonome erstrecken; es kann somit, wenn- 
gleich immer zuerst und zuletzt unter dem Gesichtspunkte der 
sittlichen Gesetzgebung d. h. unter der Idee einer letzten, auto- 
nomen Willensbestimmung, dennoch selbst nur heteronom gefordert 
werden. So werden also die konkret verstandene Sittlichkeit 
und das konkret verstandene Recht den gleichen Charakter be- 
dingter, also heteronomer Forderung zeigen, ja in den gleichen 
heteronomen Forderungen schliesslich zusammentreffen müssen, 
und allein die ideale sittliche Ordnung, die zugleich die ideale 
Rechtsordnung wäre, autonom gefordert sein. Und so wäre 
wiederum aller prinzipielle Unterschied zwischen Recht und Sitt- 
lichkeit aufgehoben, bliebe nicht eben der Unterschied der Be- 
trachtungsrichtung, von der Peripherie zum Zentrum im Recht, 
vom Zentrum zur Peripherie in der Sittlichkeit; ein Unterschied 
der Methode, der mit der völligen Koinzidenz nicht bloss des 
letzten Prinzips, sondern auch der konkreten Einzelbestimmungen 
(als konkreter, mithin in bloss bedingter Geltung) wohl vereinbar 
ist, ja notwendig zusammengeht. Diese ganze Doppelrichtung 
reiner und positiver Betrachtung besteht in der praktischen 
Sphäre aus gleicher Notwendigkeit wie in der theoretischen, wo 
er den Unterschied und das Gegenverhältnis reiner Methoden- 
und positiver Tatsachen -Wissenschaft begründet. 

§ 6. (Cohens methodische Beziehung der Sitt- 
lichkeit auf das Recht.) Glauben wir so den sachlichen 
Grund sowohl der methodologischen Scheidung von Recht und 
Sittlichkeit als auch ihrer schliesslich notwendigen systematischen 
Vereinigung einzusehen, so sind wir hinreichend vorbereitet, nun 
die bestimmte Ausprägung dieses Gegensatzes sagen wir des Mo- 
nismus und Dualismus des Rechtlichen und Sittlichen in den 
Theorieen von H. Cohen einerseits, R. Stammler andrerseits 
in Prüfung zu ziehen und den möglichen Ausgleich zwischen 
beiden zu suchen. Und zwar beginnen wir mit Cohens reiner 
Vertretung der monistischen Ansicht, um für die Beurteilung 



22 P. Natorp, 

Stammlers, auf die es zuletzt hier abgesehen ist, die vollends ge- 
sicherte Grundlage zu gewinnen. 

Die Einheit von Sittlichkeit und Recht wird bei Cohen, viel- 
leicht zum ersten Mal in der ganzen Geschichte unseres Problems, 
dadurch zu einer fast absoluten, dass nicht nur das Recht ganz 
und gar in der Sittlichkeit, sondern in anderem Sinne die 
Sittlichkeit ganz im Recht gegründet und schon beinahe 
restlos auf es restringiert wird. 

Und dies aus doppeltem Grunde. Erstens formal fordert 
Cohen, gemäss dem Grundgedanken der transzendentalen Methodik, 
für die Begründung der Ethik die strikte und ausschliessliche Be- 
ziehung auf das Faktum einer Wissenschaft; diese könne 
aber keine andre sein als die Rechtswissenschaft. Zweitens ma- 
terial gibt es nach Cohen Handlung überhaupt nur im Gegen- 
verhältnis des Handelnden zum Andern; und zwar wie es im 
Staat, also unter dem Rechtsgesetz sich bestimmt. So wenigstens 
nach den weitestgehenden Formulierungen, die allerdings im be- 
sondern manche Einschränkung sich gefallen lassen müssen. Wir 
prüfen zunächst die erste, methodologische Aufstellung. 

Die Ethik, als Glied des philosophischen Systems, als die 
Logik der Handlung, hat sich auf die Kultur, d. h. auf die 
Wissenschaft von ihr, zu beziehen, so wie die Logik der 
blossen Theorie (wir erlauben uns dafür abkürzend „Theoretik" 
zu setzen) auf die Natur, auf die Naturwissenschaft 
(Ethik^ S. 64). Wie aber diese in der Mathematik ihre all- 
gemeine methodische Grundlage (Grundlegung) anerkennt und da- 
rum die Logik der Theorie engsten Bezug auf die Mathematik, als 
das Feld ihrer unmittelbaren Bewährung, zu nehmen hat — denn 
es ist „Geist von ihrem Geist", der in ihr Fleisch geworden ist 
(S. 65) — , so hat die Rechtswissenschaft, als systematische Ent- 
wicklung des praktischen Grundbegriffs der menschlichen Handlung, 
die methodische Grundlegung für die Kultur- oder Geisteswissen- 
schaften insgesamt zu leisten, und ist also die Ethik, als die Logik 
der Geisteswissenschaften, auf die Rechtswissenschaft als deren 
allgemeine Methodik, als gleichsam die „Mathematik der Geistes- 
wissenschaften", angewiesen; sie ist das der eigentlichen Mathe- 
matik entsprechende „Analogen eines Faktums", an dem sie ihre 
Aufstellungen im gleichen Sinne zu präzisieren und zu sichern 
hat, wie die Logik der Naturwissenschaft an der Mathematik 
(S. 65—69). 



Recht und Sittlichkeit. 23 

In einer zweiten, ausführlicheren Darlegung (227 ff.) wird 
derselbe Grundgedanke auf folgende Weise entwickelt. Die trans- 
zendentale Methode kann nicht für die Logik aufgenommen, für 
die Ethik aber verworfen werden. Wie nun die Logik in der 
Physik als deren Wurzel enthalten ist, also aus dieser die logischen 
Prinzipien selbst zu ermitteln sind, so liegen die Prinzipien der 
Ethik im Recht als dessen Wurzeln und sind daher aus der Rechts- 
wissenschaft zu ermitteln ja in ihr zu begründen. Es ist, nach 
Cohen, einer der ernstesten Fehler Kants, dass er bei der Grund- 
legung der praktischen Philosophie den obersten Gesichtspunkt der 
transzendentalen Methode verlassen, dass er die „Deduktion" der 
Ethik nicht an der Rechtswissenschaft vollzogen hat, wie die der 
Logik an der Naturwissenschaft (S. 227); dass er in der Rechts- 
wissenschaft nicht das der Naturwissenschaft entsprechende Faktum 
einer Wissenschaft erkannt hat, auf welches die transzendentale 
Methode sich zu richten und zu orientieren habe, um als Ethik 
sich zu konstituieren und sich zu begründen. Denn „nicht allein 
das Recht ist von der Ethik abhängig, sondern auch die Ethik 
rauss auf die Rechtswissenschaft zurückgehn", um an ihr, so wie 
die Logik an der Naturwissenschaft, „Kritik" daraufhin zu üben, 
ob in ihr reine praktische Vernunft, reiner Wille in der Rechts- 
handlung in Vollzug trete und sich beglaubigen lasse (S. 228). 

Denn allerdings nur auf die reinen, erzeugenden Grund- 
begriffe hat die Arbeit der Rechtsphilosophie in der Ethik, 
so wie die der Naturphilosophie in der Logik, sich zu beschränken 
(S. 229). Dieser engere Bezug auf die Grundbegriffe ist es offen- 
bar, welcher, nicht sowohl der Rechtswissenschaft als ganzer, mit- 
hin als positiver, aber einer in der Rechtswissenschaft einge- 
schlossenen reinen Rechtslehre die Bedeutung der „Mathematik 
der Geisteswissenschaften" zuweist. Hierdurch löst sich auch die 
scheinbare, äusserlich allerdings vorliegende Inkongruenz, dass die 
Rechtswissenschaft einmal der Naturwissenschaft, oder auch der 
Physik, ein andres Mal der Mathematik parallel gestellt wird. Die 
Mathematik ist, hier wie überhaupt bei Cohen, verstanden als die 
der Naturwissenschaft und der Natur selbst; Naturwissenschaft, 
im prägnanten Sinne, ist überhaupt nichts anderes als Mathematik 
der Natur. So also liegt im positiven Recht das reine; daher 
müsste, was an ihm den Begriff „Wissenschaft" rein erfüllt, sich 
auch ebenso rein herauslösen lassen wie das Mathematische der 
Naturwissenschaft, ohne das sie überhaupt nicht, im strikten Sinne, 



24 P. Natorp, 

Wissenschaft wäre. So stellt auch die Übereinstimmung mit Kants 
Aufstellung bezüglich der Begründung der transzendentalen Logik 
im zugehörigen Faktum einer Wissenschaft — die Übereinstimmung 
wenigstens mit dem innersten Motiv dieser Kantischen Aufstellung 
— sich genauer her. Denn freilich bezog Kant seine transzenden- 
tale Logik, streng genommen, nicht schlechtweg auf Mathematik, 
oder auf Naturwissenschaft als mathematische, sondern auf „reine" 
Mathematik und „reine" Naturwissenschaft, das heisst auf die 
erzeugenden Grundbegriffe beider, die immerhin, gemäss 
ihrer unlöslichen Einheit, unter einem gehörig erweiterten Begriff 
reiner Mathematik oder „exakter Wissenschaft" zusammengefasst 
werden könnten. Dann wird es fast gleichgültig, ob man die 
Logik (der Theorie) auf Mathematik oder auf Naturwissenschaft 
(nämlich hinsichtlich ihrer reinen Grundlagen) als das zugehörige 
Faktum einer Wissenschaft bezieht. Dem analog kann also auch 
die Ethik strenggenommen nur in einer reinen Rechtslehre, nur 
nach lässlicherer Ausdrucksweise in der Rechtswissenschaft schlecht- 
weg (oder gar in der positiven Rechtswissenschaft, nach S. 70, 
Z. 8 V. u.) die verlangte Grundlage der Bewährung an dem Fak- 
tum einer Wissenschaft suchen sollen (in der positiven jedenfalls 
nur, sofern in dieser die reine liegt). 

Immerhin bleibt auch so noch ein Zweifel zurück. Reine, 
wenn auch vielleicht nicht in Vollständigkeit die reinen Grund- 
lagen der Naturwissenschaft liegen in eigener, in bestimmtem 
Sinne positiver, nicht als Ganzes etwa philosophischer 
Wissenschaft, eben in der Mathematik, deutlich zutage, in 
strenger und reiner Absonderung von positiver Naturwissenschaft, 
auch soweit sie mathematische ist. Und so wird die Zurück- 
beziehung der reinen Theoretik, als Philosophie der Naturwissen- 
schaft, auf das sichere Faktum einer solchen, eben reinen und 
darum zweifellos gesicherten, dennoch positiven Wissenschaft 
begreiflich. Nicht ebenso liegen aber reine Grundlagen des 
positiven Rechts in eigener, wiederum (obwohl nicht im Sinne des 
„positiven" Rechts) positiver, dennoch reiner Wissen- 
schaft unbestreitbar vor, sodass man auf sie als unabhängig 
gesichertes „Faktum" einer Wissenschaft sich zur Bewährung 
der ethischen Prinzipienlehre beziehen könnte, sondern sie liegen 
nur im positiven Rechte selbst, wie man annehmen muss, als seine 
Wurzeln, seine erzeugenden Faktoren zugrunde, aber tief untertage, 
und die eigne Arbeit der Philosophie hat sie erst zutage zu 



Recht und Sittlichkeit. 25 

fördern. Welcher Philosophie aber? Offenbar der Ethik: die 
doch, um sich selbst zur Wissenschaft zu sichern und zu reinigen, 
der Begründung auf das Faktum dieser reinen, das Recht als 
Wissenschaft konstituierenden Faktoren erst bedürfen sollte! ün- 
fraglich hat hier die Analogie in der Art der wissenschaftlichen 
Sicherung zwischen der praktischen und der theoretischen Philo- 
sophie eine Lücke. Mathematik ist selbst nicht Philosophie, 
sondern ist positive Wissenschaft: eben darum findet die Logik, 
als Philosophie der theoretischen Erkenntnis, an ihr eine von ihr 
selbst in bestimmtem Sinne unabhängige Basis der Bewährung. 
Eeine Rechtslehre dagegen liegt jedenfalls nicht deutlich und un- 
zweifelhaft vor als im gleichen Sinne von Philosophie unabhängige, 
positive Wissenschaft, sondern die Philosophie der praktischen Er- 
kenntnis selbst, die sich auf sie stützen soll, hat sie erst heraus- 
zuarbeiten. Geradezu wird daher bei Cohen die Ethik selbst 
zur Rechtsphilosophie, ja man sieht, bei der Strenge, in 
welcher Recht und Sittlichkeit von ihm aufeinander bezogen 
werden, nicht sogleich ein, wie sie überhaupt noch etwas andres 
dürfte sein wollen. Cohen spricht von einer „Arbeit der Rechts- 
philosophie in der Ethik" (S. 229), welche die Grundbegriffe des 
Handelns aus der positiven Rechtslehre offenbar erst herauszu- 
schälen hat. Aber er sagt mehr: die Ethik erst stellt das Problem 
einer Kritik der reinen (praktischen) Vernunft auf, welches die 
neue Formulierung des alten Problems der Rechts- 
philosophie sei. Allein wo bleibt dann die von Philosophie 
unabhängige, positive und doch reine Wissenschaft, welche 
dieser Philosophie zur Sicherung und Beglaubigung dienen 
sollte? 

Indessen, so dringend hier eine weitere Klärung noch zu 
fordern bleibt, so darf doch diese Schwierigkeit auch nicht, über- 
trieben werden. Sind die reinen Grundbegriffe des Rechts bis 
dahin nicht zweifelsfrei herausgestellt, sie liegen doch in der po- 
sitiven Rechtswissenschaft selbst in faktischem, eben „positivem" 
Gebrauch vor, unabhängig von Philosophie, so unabhängig wie 
nur irgend Mathematik von Philosophie unabhängig ist. Wenn 
also der Philosophie des Praktischen es allerdings so leicht nicht 
gemacht ist wie der Philosophie der Theorie; wenn sie das der 
Mathematik analoge Geschäft der reinen Herausiösung und Ent- 
wicklung der Grundbegriffe grösstenteils selbst zugleich auf sich 
zu nehmen genötigt ist, so übernimmt sie damit etwas, was eigeut- 



26 P. Natorp, 

lieh Dicht ihres Amtes ist, sondern vonseiten der positiven Rechts- 
wissenschaft längst hätte geschehen müssen. Sie tut es gleichsam 
nicht kraft ihres eigentümlichen Auftrags als Philosophie, sondern 
nur anstelle einer annoch fehlenden positiven Wissen- 
schaft von den reinen Grundbegriffen des Rechts; in 
Absicht eben auf den Gebrauch, den sie für ihre eigentümliche 
Leistung davon zu 'machen gedenkt. Nicht die Ethik als solche 
wird damit zugleich die positive Lehre von den reinen Rechts- 
begriffen, sondern nur der Ethiker nimmt, notweise, das Geschäft 
dieser bisher vermissten positiven Wissenschaft auf sich, insoweit 
als er für den davon verschiedenen, eigentümlichen Zweck seiner 
Wissenschaft es zu tun nicht vermeiden kann. Nicht in derselben 
Funktion also ist er selbst zugleich der Mathematiker und der 
Philosoph der reinen Handlung; und so bleibt das, worauf es zu- 
letzt und entscheidend hier ankommt: die Beglaubigung der Philo- 
sophie der Handlung an dem Faktum einer positiven, dennoch 
reinen Wissenschaft von ihr, doch an sich möglich. Das Desi- 
derat dieser unabhängigen reinen Rechtslehre freilich bleibt be- 
stehen. Und dies auszusprechen ist hier um so mehr Veranlassung, 
da es genau dieses Desiderat ist, welches — Stammler durch 
seine „Theorie der Rechtswissenschaft" hat erfüllen wollen. 

§ 7. (Rationale und historische Methode.) Noch 
ein anderes, nicht minder naheliegendes, sachlich vielleicht noch 
tiefer einschneidendes Bedenken aber harrt hier erst der Be- 
schwichtigung. Zunächst: die Logik reicht (wie Cohen ausdrück- 
lich anerkennt, S. 85, vgl. Log. d. r. Erk., S. 30. 38) über die 
Mathematik der Sphäre nach hinaus, sie ist nicht nur Logik der 
Mathematik. So kann es vollends nicht zweifelhaft sein, dass die 
Ethik der Sphäre nach nicht auf das Gebiet des Rechts schlecht- 
hin eingeschränkt bleiben kann. Soll sie doch die Logik der 
Geisteswissenschaften sein, auf Kultur als Ganzes sich so 
beziehen wie die Logik der Theorie auf Natur. Zwar behauptet 
nun Cohen, wie die reine Gesetzlichkeit der Natur in der Mathe- 
matik, so liege die reine Gesetzlichkeit der Kultur überhaupt im 
Recht. Denn alle Kulturarbeit vereinige sich im Staat, als der 
Welt — es darf daneben ruhig auch heissen: dem Reiche — der 
Geister (S. 247. 248). Der Staat aber sei notwendig Rechtsstaat, 
die Staatslehre notwendig Staatsrechtslehre (S. 63); ihre schliess- 
liche formal-methodische Grundlage bilde daher, soweit auch, der 
Materie nach, die Aufgabe des Staats gedacht werden möge, den- 



Recht und SittUchkeit. 27 

noch einzif^ das Recht. Und diese Ansicht scheint nach manchen 
Seiten sich sehr wohl durchführen zu lassen. Die Volkswirt- 
schaft zunächst rechnet Cohen hier schlechterdings auf die Seiti' 
des Rechts; eine andere reine Grundlage als die des Rechts ist 
in ihr in der Tat bisher nicht gefunden. So entspricht es (wie kaum 
der Erinnerung bedarf) ganz der bekannten These Stammlers in 
dem Buche „Wirtschaft und Recht". Auch vonseiten der Päda- 
gogik ist ein Einspruch schwerlich zu besorgen, wenn nur diese, 
wie es in der Tat zu fordern ist, folgerecht als soziale begriffen 
wird und daher, unter dem Titel des „Bildungswesens", dem Ver- 
waltungsrecht, also dem Staatsrecht sich angliedert. Von der 
Kunst ist hier insofern natürlich abzusehen, als sie in der Ästhe- 
tik ihre eigene philosophische Grundlegung sucht und findet; sonst 
aber, als ein Bestandteil oder eine Seite, sage man nun der hu- 
manen Bildung oder der humanen Kultur, dürfte sie, mit der Er- 
ziehungslehre, durch das Mittelglied eben des „Bildungswesens" 
oder allgemeiner der Kulturpflege den Gesichtspunkten des ge- 
nügend weit verstandenen Staatsrechts sich zwanglos unterstellen. 
Und so wäre wohl, wenn man von der Religion einstweilen ab- 
sieht, die noch eine besondere Betrachtung fordert, das Gebiet der 
Geisteswissenschaften, dem Objekte nach, umschrieben. Dies 
ganze Gebiet scheint also zuletzt der Idee des Staates und damit 
der Methode des Rechtes wohl unterstellt werden zu dürfen. . 

Aber nicht nach dem Gebiet, sondern nach der Methode 
war hier die erste Frage. Die Geisteswissenschaften insgesamt, 
alle genannten und alle etwa noch vergessenen, scheinen aber in 
der Tat auch über eine ihnen eigentümliche Methode zu gebieten, 
die von der rechtlichen, so wie sie bis dahin von uns verstanden 
wurde, jedenfalls verschieden ist, nämlich die geschichtliche. 
Die Geisteswissenschaften als Geschichtswissenschaften zu be- 
gründen, das war vielleicht die gewaltigste Leistung der nach- 
kantischen deutschen Wissenschaft und Philosophie auf dem Ge- 
biete eben des Geistigen, angesichts deren am ehesten Kants 
ganze Methodik, wenn auch nicht zu scheitern, doch ihre Schranke 
zu verraten scheint. Will doch der Vorwurf nicht verstummen, 
dass die an Kant orientierte Philosophie, die Philosophie eben der 
„transzendentalen Methode", zwar allenfalls der Naturwissenschaft 
gerecht werde, aber der neuen grossen Errungenschaft der histo- 
rischen Wissenschaften und damit dem ganzen eigentlich „geistigen" 
Gebiet nach seiner Sonderheit sich versage, daher es gewaltsam 



28 P. Natorp, 

der Natur zu nähern, allenfalls nach Art einer zweiten, einer 
Übernatur, aber doch eben naturartig, nämlich rational zu 
konstruieren unternehmen müsse, statt ein schlechthin Über- 
natürliches, Irrationales in ihr anzuerkennen. Nur allzusehr 
aber scheint gerade die Beziehung der Ethik, als „Logik der 
Geisteswissenschaften", auf das Eecht, als „Mathematik" der- 
selben, diesen Verdacht zu bestärken. Durchaus scheint sie dem 
Missverständnis Nahrung zu geben, als solle im Geistigen das ge- 
schichtliche Moment, das Moment des Werdens nicht nur, sondern 
Schaffens, des Vorgriffs ins nicht schon Erkannte, überhaupt 
nie abschliessend Erkennbare, ins nicht schon Kationale noch je 
ganz zu Rationalisierende — als sollte der Unendlichkeitssinn 
des Geschichtlichen, und damit aller Charakter schöpferischer 
Genialität geleugnet werden, die geistige Welt sich, gleich der 
natürlichen, in ein plattes Rechenexempel verwandeln, und so der 
„Geist", der das höchste und wahrste Leben bedeutet, eigentlich 
zu Materie d. h. zu Tode definiert und deduziert, in eine, wenn 
nicht endliche, doch allenfalls nur mathematisch unendliche, in ihrer 
Unendlichkeit immer berechenbar bleibende Summe oder allen- 
falls Potenzierung fixer, zeitloser Beziehungen schliesslich nur ge- 
danklicher Art umgesetzt werden. Das hiesse aber ihn seiner 
eigensten „Natur" entfremden, ihn logisieren. 

Wirklich ist vielleicht zu sagen, dass Cohen, seiner letzten 
Meinung nach, durch einen solchen Vorwurf nicht getroffen wird, 
da er gerade das Erschaffen der Zukunft, und zwar einer 
ewigen Zukunft (S. 399), als die eigentliche und letzte Bedeutung 
des Willens anerkennt und demgemäss den Charakter der un- 
endlichen Aufgabe an ihm fort und fort hervorhebt. Aber 
freilich ist die volle Konsequenz daraus gerade nach der Seite der 
Methodik von ihm nicht deutlich genug entwickelt, nicht durch- 
greifend genug in der Richtung aus- und durchgeführt worden, 
dass der historischen Methode, gegenüber der rationalen, volle 
Gerechtigkeit geschähe. 

Zwar wird anerkannt: Geschichte, als Geschichte der 
Menschen und ihrer Werke und Taten, ist Geschichte des 
„Geistes" und der „Ideen", oder aber es gäbe keine Weltgeschichte, 
sondern nur Naturgeschichte (S. 39). Aber es wird nicht ebenso 
bestimmt die geschichtliche Methode als gleichwesentliches Moment 
der Methode der Geisteswissenschaften neben der rationalen, die 
wir als kategoriale erkannten, hervorgehoben und zu ihr in 



Recht und Sittlichkeit. 29 

Verhältnis gesetzt. Besonders nimmt bei der ganzen, tiefgegrif- 
fenen Beziehung der Ethik auf die Eechtswissenschaft kein ein- 
ziges Mal (soweit ich finde) die Eeflexion die Richtung dahin, 
dass doch das Recht selbst gar nicht anders als in ge- 
schichtlicher Gestalt, d. h. ewig werdend, in Um- und Wieder- 
umbildung begriffen, hoffentlich fortschreitend, vorliegt; dass sein 
„Faktum", wesentlicher noch, möchte man sagen, als das der 
Naturwissenschaft, ein Fieri, nein ein Facere, ein Neu- und immer 
Neu- Erschaff en ist. Das wird besonders durch die Vergleichung 
mit der Mathematik eher verdunkelt als ins klare gestellt; denn 
wenn gewiss auch Mathematik Beziehungen und Beziehungen von 
Beziehungen ins Unendliche neu erschafft, so scheinen es doch 
immer Beziehungen unter solchem, was ewig nur ist, nicht wird, 
und somit selbst ewig, unveränderlich nur „seiende" Beziehungen 
zu sein. 

Wird dagegen einmal Geschichte als eigentümliche 
Methode der Geisteswissenschaften anerkannt: wird dann 
nicht die Ethik für ihre faktische Bewährung, mindestens 
gleichermassen wie nach der rationalen Seite auf die Rechts- 
wissenschaft, so nach dieser, noch genauer zu bestimmenden, neuen 
Dimension gleichsam auf die Geschichtswissenschaft zu orien- 
tieren sein? 

Dass die Ethik ihrerseits die Voraussetzung, wie der So- 
ziologie und damit der sozialen Entwicklung (S. 43), so der 
Geschichte überhaupt in jedem Sinne ist, kann jedenfalls diese 
nicht untauglich machen, gleich dem Recht und, als wesentlich 
Staatengeschichte, gewiss in allerengstem Bezug zu diesem, der 
Ethik umgekehrt auch zur Grundlage der Bewährung zu dienen, 
da ganz das Gleiche vom Rechte selbst gilt. Hätte etwa nicht 
die Mathematik die Logik zur Voraussetzung? Ist nicht vielmehr 
eben, weil sie, und zwar ganz und gar, aus ihren Wurzeln heraus, 
so rein wie keine andre Wissenschaft erwächst und sich entwickelt, 
umgekehrt aus ihr die Logik (der Theorie) zu ermitteln und an 
ihr zu beglaubigen? So, sollte man denken, die Ethik an der 
Geschichte, in und mit der und in deren Sinne auch das Recht 
überhaupt als „Faktum" nicht sowohl gegeben ist als neu und 
immer neu gegeben wird! Was bedarf es überhaupt hier noch 
weithergeholter Argumente? Ist Ethik die Lehre vom Menschen, 
vom Begriff, nein von der Idee des Menschen (Cohen, S. 3), 
ist aber der Begriff, die Idee des Menschen ohne die Allheit, ja 



30 P. Natorp, 

ohüe „mit der Allheit anzufangen" (S. 7), nicht nur nicht zu voll- 
enden, sondern überhaupt nicht aufzustellen — wo, in welcher 
andern methodisch wissenschaftlichen Gestalt gibt es denn 
diesen „Menschen" und gibt es diese Allheit: die „Menschheit", 
als in der Geschichte? Das dürfte umso weniger von Cohen ver- 
neint werden, wenn es richtig bleiben soll, dass „der reine Wille 
der Wille des geschichtlichen Seins, der geschichtlichen 
Wirklichkeit werden soll" (S. 82). Denn zwar gewiss ist nicht, 
was vernünftig, schon wirklich, sondern es soll erst wirklich 
werden; und ebenso gewiss ist nicht die geschichtliche Wirk- 
lichkeit Mass und Prinzip der sittlichen Vernunft (S. 331), 
sondern umgekehrt das Soll, das sie ausspricht, erst die Be- 
gründung dieser Wirklichkeit; welche Begründung — nämlich 
in der Ewigkeit der Zukunft — ebendamit selbst nur eine 
ewige, nicht irgendeinmal abschliessend gelöste Aufgabe ist. 
Aber eben so muss ja an dieser eigen gearteten, der geschicht- 
lichen „Wirklichkeit", die im ewigen Schaffen der Zukunft, also 
selbst in einem ewigen Sollen, überhaupt nur besteht, das reine 
Vernunftgesetz des Sollens sich darstellen, also aus ihr auch er- 
mittelt werden können; so wie am ewig neuen künstlerischen 
Schaffen allein, und nicht an einem fertigen — das hiesse toten 
— Bestand künstlerischer „Schöpfungen", das Gesetz der ästhe- 
tischen Vernunft sich darstellt und also zu ermitteln, also Kunst- 
wissenschaft zwar nicht als Kunstgeschichte, aber jedenfalls nicht 
anders als auf Geschichtsgrund, nicht etwa rein rational, zu er- 
richten ist. 

Es fehlt für unsere These aber nicht an einer noch radi- 
kaleren, einer rein apriorischen Begründung, deren wir zu- 
gleich benötigt sind, um das Verhältnis des rationalen zum 
historischen Faktor in der Begründung der Ethik zur erforder- 
lichen Klarheit zu bringen. Wir definierten die „rationale" Me- 
thode im Unterschied von der historischen als kategoriale. 
Könnte denn aber die historische Methode der Herrschaft der 
Kategorieen gänzlich entzogen sein? Vielleicht liegt gerade hier 
der tiefste Grund der Skepsis gegen die Geschichte. Die Skepsis 
ist voll begründet gegen einen „Historismus", welcher des Halts 
an der Kategorie überhaupt entbehren zu können glaubte. Darf 
aber dieser Halt der geschichtlichen Methode keinesfalls mangeln, 
so kann ihr Unterschied von der rationalen Methode schwerlich 
ein andrer — weder grösserer noch geringerer — sein als der 



Recht und Sittlichkeit. 31 

des regulativen vom konstitutiven Gebrauch der Kate- 
gorieen. 

Zwar scheint dieser Unterschied sich decken zu müssen mit 
dem der Idee überhaupt — also (schliesst man weiter) des 
Sollen s^ also der praktischen Erkenntnis vom „Verstandes- 
begriff", als Grundbegriff des „Seins" im bloss theoretischen Sinne. 
Allein hiermit ist es wohl vereinbar, dass es den Unterschied des 
konstitutiven und regulativen Gebrauchs apriorischer Prinzipien 
nochmals innerhalb jedes der beiden Gebiete für sich gibt. 
Existiert doch auch empirische Theorie stets in dieser Doppel- 
gestalt: an der Kategorie direkt, in ihrer konstitutiven Funktion 
geraessen: als (bedingt) rationales System; je nach der in ihr dar- 
gestellten systematischen Einheit gemessen an derselben in ihrer 
regulativen Erweiterung: als Stufe des „asymptotischen" Fort- 
schritts zur nie erreichten absoluten Systemeinheit. Als solche 
doppelte Betrachtungsart aber, sagen wir, muss es neben der kon- 
stitutiv-kategorialen die regulativ-kategoriale, d. h. neben der ra- 
tionalen die historische Methode auch und erst recht im Prak- 
tischen geben; erst recht, denn es muss ja auf die regulative Be- 
trachtungsart (weil auf die Aufgabe, auf das Sollen) hier sogar 
das Schwergewicht fallen. Diese aber deckt sich in der Tat mit 
der historischen, oder genauer, mit deren unterscheidendem Grund- 
gesetz. Zwar unter der überhaupt bloss regulativen Idee der 
Zwecke steht alle praktische Erwägung, auch die als rational an- 
gesehene. Aber das hindert nicht, den an sich nie stillstehenden 
Entwicklungsgang auf gegebener Stufe (eines bestimmten, „posi- 
tiven" Rechtssystems, wie auf theoretischer Seite eines bestimmten, 
„positiven" Natursystems) gleichsam im Querschnitt für die Be- 
trachtung still zustellen und so unter gleichsam konstitutiv- 
kategoriale, also rationale Erwägung zu stellen ; während die ganze 
Reihe solcher Querschnitte, unter regulativ- kategorialer d. i. histo- 
rischer Erwägung, erst den Sinn des Praktischen als des ewig 
Gesollten, als ewige „Erzeugung der Zukunft" in der erreich- 
baren Vollständigkeit darstellt. Nach dieser Seite also möchte 
die methodologische Ansicht Cohens von der Begründung der 
praktischen Philosophie, nicht der Berichtigung, kaum der Er- 
gänzung, aber immerhin einer Präzisierung ebenso fähig wie be- 
dürftig sein. 

Übrigens scheint Cohens Ethik selbst von einer andern Seite 
her auf eben diesen Punkt zu führen: nämlich durch die Ein- 



32 P. Natorp, 

führung des Gottesbegriffs in die Ethik. Das bedarf noch 
einer besonderen Prüfung, 

§ 8. (Der Gottesbegriff und die Geschichte in 
Cohens Ethik.) Die Beziehung der Sittlichkeit auf das Recht 
nämlich erweist sich in der Durchführung zuletzt doch nicht er- 
schöpfend, sondern über sie hinaus fordert ihr Recht noch die 
unleugbar faktisch vorliegende Beziehung der Sittlichkeit auf die 
Religion, oder, um diese sogleich auf ihren Reingehalt zurück- 
zuführen, auf die Gottesidee. Es kann ja wohl nicht zweifel- 
haft sein, dass diese, mag auch mit gutem Grunde das Reich 
Gottes eben als „Reich" d. h. nach Analogie einer Rechtsordnung 
gedacht werden, über den blossen Rechtsbegriff wesentlich 
hinausgeht. Dies Hinausgehen kann aber, unter dem Gesichts- 
punkt reiner Methodik angesehen, zuletzt kein andres sein als das 
der historischen als der regulativen über die rationale als die kon- 
stitutive Erwägung. Denn das besondere Problem, welches das 
Übersteigen des blossen Rechtsbezugs der Ethik herbeiführt, ist 
nach Cohen eben das der fortschreitenden Verwirklichung 
des Sittlichen oder der „Erschaffung der Zukunft". Darin er- 
kannten wir schon oben den eigentümlichen Sinn geschichtlicher 
Erwägung. Die Frage der „Verwirklichung" aber ist eben die 
der regulativen Prinzipien. 

Zwar führt Cohen, von dem Gesichtspunkte der Verwirk- 
lichung aus, die Gottesidee und mit ihr die Geschichte anscheinend 
auf ganz anderem Wege ein. Er fordert die Aufnahme des Gottes- 
begriffs in die Ethik aus der Rücksicht, dass die Ethik, die für 
sich zwar in völliger Unabhängigkeit von ihm zu begründen sei, 
zu ihrem Abschluss noch einer letzten Vereinbarung mit der 
Logik (der theoretischen Erkenntnis) bedürfe. Nicht die Theo- 
retik für sich, noch- die Ethik für sich, würde auf den Gottesbegriff 
führen, gefordert aber werde er durch die schliesslich notwendige 
(und zwar rein unter dem Gesichtspunkte der Methode notwendige, 
selbst rein methodische) Vereinigung beider. Denn zuletzt frage 
es sich nicht bloss, was das Sittliche sei, sondern es frage sich 
nach der Verwirklichung des Sittlichen, Wirklichkeit aber sei eine 
Kategorie und zwar die wesentlich unterscheidende Kategorie der 
Logik, das heisst hier: der Theoretik. 

Indessen nicht unmittelbar wenigstens scheint mir die Ver- 
bindung der Ethik mit der Logik das hier Erforderliche zu leisten, 
sondern auf den Unterschied des konstitutiven und des regulativen 



Recht und Sittlichkeit. 33 

Sinnes der eignen Prinzipien der Praktik kommt es ganz 
wesentlich an. Nämlich die reine Ethik, die unmittelbar, für sich, 
auf den Gottesbegriff nicht führen würde, genügt zwar, um das 
Sittliche seinem Begriff nach zu konstituieren, aber darüber 
hinaus erhebt sich schon auf dem Boden der Ethik selbst die 
Frage, ob das Sittliche, dem so konstituierten Begriffe gemäss, 
denn nun bestimmt sei, ewig nur Aufgabe zu bleiben, oder ob 
und nach welchen Gesetzen die Aufgabe wenigstens einer be- 
ständig fortschreitenden, wenn auch nie abschliessenden Lösung 
zugänglich gedacht werden dürfe und müsse. Das aber ist er- 
sichtlich die Frage der regulativen Bedeutung der reinen Prin- 
zipien der Ethik selbst, und nicht, jedenfalls nicht unmittelbar, 
eine Frage der Theoretik. In der Tat nicht die theoretische 
Grundkategorie der Wirklichkeit ist es, die etwa hier unmittelbar 
praktische Bedeutung gewänne: das Wirklich werden des Sitt- 
lichen bleibt immer abgründlich verschieden vom Wirklichwerden 
des Natürlichen; es kann, es darf doch nicht ein Naturwerden 
des Sittlichen bedeuten, sonst wäre es eben nicht das Sittliche, 
das sich verwirklicht. Also kann nicht die Modalitätskategorie 
der reinen Theoretik zugleich einstehen für die Verwirklichung 
des Sittlichen, sondern nur ihr praktisches Analogen. Ge- 
wiss ist auch die enge Verbindung der Ethik mit der Theoretik 
zu fordern ; aber diese Verbindung ist hinreichend gewahrt, wenn 
nur die Analogie der Begründung beider sich, unter voller Er- 
haltung ihres Unterschieds, aber auch ihrer genauen Wechsel- 
beziehung, in reiner Konsequenz durchführt. So verhält es sich 
in der Tat nach unserer Vorstellung des Verhältnisses beider: die 
Logik der reinen Theorie bestimmt einerseits in konstitutiven 
Gesetzen, worin überhaupt eine „Natur" besteht, welchen 
„Bedingungen" sie genügen muss, um überhaupt als eine solche 
„möglich" zu sein; die wirkliche Darstellung der Erscheinungen 
aber im Zusammenhang einer oder vielmehr „der" Natur — näm- 
lich in asymptotischer Annäherung an das unendlich- 
ferne Ziel ihres einzigen, geschlossenen Gesetzeszusammenhaugs 
— bestimmt sich nach denselben logischen Grundgesetzen in ihrer 
Erweiterung zu Regulativen der Forschung. Damit tritt 
das Sollen, das in andrer Richtung die Praktik im Unterschied 
von der Theoretik begründet, in gewissem Sinne sogar in die 
Theoretik selbst ein, die ebendamit zugleich unter geschicht- 
liche Erwägung tritt. Umgekehrt bedeutet die regulative Funk- 

Kantatudien XVIII. a 



34 P. Natorp, 

tion der apriorischen Prinzipien der Praktik allerdings zugleich 
deren engste Wiedervereinigung mit der Theoretik, indem es die 
„Verwirklichung" der praktischen Idee, in gleichfalls asymptotischer 
Annäherung, ist, für die sie die Regulative aufstellt; nicht aber 
als ob das Sittliche je im Natursinn wirklich werden sollte oder 
könnte, sondern umgekehrt: indem alles natürlich Wirkliche und 
je zu Verwirklichende zugleich unter praktische Erwägung 
gestellt und der Verwirklichung des praktisch Seinsollenden 
dienstpflichtig gemacht wird. Die Ausführung der regulativen 
Erwägung aber zugleich nach beiden Richtungen, der theoretischen 
wie der praktischen, ist die Geschichte. So ergibt sich, dass unter 
dem Gesichtspunkte der Geschichte die Aufgaben beider, der Theo- 
retik und der Praktik, sich methodisch aufs strengste vereinigen 
und zu einer einzigen Erwägung fortschreitender Geistes- 
oder Kulturentwicklung zusammenschliessen. Naturwissen- 
schaft, als menschliche Erkenntnis angesehen, fällt unter diesem 
Betracht selbst mit unter geisteswissenschaftliche Erwägung, so 
dass hier in der Tat aller Gegensatz von Natur- und Geistes- oder 
Kulturwissenschaft sich aufhebt und beide aufs vollständigste in- 
einandergreifen.^) Den obersten methodischen Richtpunkt aber 
findet diese zweiseitig regulative d. h. die historische Erwägung, 
in der höchsten Weite ihres Umfangs verstanden, unweigerlich in 
der endlichen Zuspitzung der „Idee" zum „Ideal", welche als 
den unzerstörbaren reinen Kern des Gottesgedankens erkannt zu 
haben vielleicht das entscheidendste Verdienst Kants um die 
menschliche Kultur ist. Dass durch den Idealbegriff „Gott" der 
Begriff der Geschichte methodisch konstituiert wird, ist von Cohen 
oftmals ausgesprochen worden, und es wird bei jeder eindringenden 
Prüfung klar, erfordert daher hier ein längeres Verweilen nicht. 
Das bedeutet nicht die Aufhebung der Religion, sondern gerade 
ihre Bestätigung, nur aber zugleich ihre Reinigung zur erweiterten, 
nämlich in strenger Durchführung der Idee nach ihrer regulativen 
Bedeutung erweiterten, und durch eben diese mit der Theoretik 
in genaueste Verbindung gesetzten — Ethik. 

§ 9. (Prüfung der ausschliesslichen Beziehung 
der Ethik auf das Recht, nach Seiten des Inhalts.) 
„Methodus antevertit omnem scientiam", sagt Kant (De mundi 



^) Man vergleiche hierzu die Ausführungen meiner Sozialpädagogik, 
bes. § 18. 



Recht und Sittlichkeit. 35 

sens. etc. § 23) in kaum übersetzbarer Prägnanz. Daher darf 
wohl erwartet werden, dass die gewonnene Klärung über die 
„Methode" auch für die „Scienz" über Recht und Sittlichkeit, in 
Hinsicht ihres Objekts, einigen Gewinn abwerfen werde. Über 
die genaue Zusammengehörigkeit beider, über die letzte Einheit 
ihres Prinzips kann ein Zweifel ferner nicht obwalten. Aber auch 
die engste, die ganz ausschliessliche Zurückbeziehung der Sittlich- 
keit auf das Recht könnte nichts daran ändern, fordert vielmehr 
erst recht, dass unterhalb des gemeinsamen Prinzips dem Rechte 
sein eigener Charakter: der der Positivität einer eigentlichen 
Objektwissenschaft im Unterschied von einer reinen Methoden- 
wissenschaft, verbleibt. Dieser aber kann nur darin bestehen, dass 
es vom zu Bestimmenden aus, eben als dem „Positiven", Kon- 
kreten, nämlich vom konkreten Problem aller praktischen Be- 
stimmung, zur „reinen" Bestimmung erst den Weg beschreiben 
will, jenen Weg, den wir gleichnisweise als den von der Peri- 
pherie zum Zentrum, nicht vom Zentrum zur Peripherie, bezeich- 
neten. Cohens Ethik unterliegt aber, gerade in der Strenge ihres 
aprioristischen Vorgehens, die ihre Hauptstärke ist, dem Verdacht, 
dass sie diesen Charakter des Positiven im Begriffe des Rechts 
alizuwenig zu seiner begründeten Geltung kommen lasse und so 
das Recht in der Sittlichkeit, damit aber auch die Sittlichkeit im 
Recht zu bedingungslos aufgehen lasse. Dies ist jetzt zu prüfen. 

Wille, behauptet Cohen, gibt es nur in einem Gegen Ver- 
hältnis Wollender. Das Selbstbewusstsein sogar, welches 
eigentlich überhaupt nur als praktisches, nicht bloss theoretisches 
zu verstehen ist, ist durchaus bedingt durch das Bewusstsein des 
Andern (Kap. 4, S. 213). Daher gibt es überhaupt kein Indi- 
viduum im ethischen Sinne ohne Rechtsgemeinschaft; das 
Individuum hat keine auf sich ruhende Bedeutung in der Ethik. 
Also kann es nicht eine besondere Sittlichkeit für das Individuum, 
eine besondere für die Gemeinschaft geben. Durch die Beziehung 
auf das Individuum einerseits, den sozialen Verein andrerseits, 
hat man nun, nicht bloss innerhalb der Ethik die individuale von 
der sozialen, sondern überhaupt die sittliche Gesetzgebung als 
Ordnung des Individuallebens von der rechtlichen als sozialer Ord- 
nung unterscheiden und trennen wollen. Solche Scheidung also 
ist ganz und gar unstatthaft. 

Zur letzten Begründung dieser Thesen bezieht sich Cohen 
(S. 234) darauf, dass nach Feststellung der Logik der theoretischen 

3* 



36 P. Natorp, 

Erkenntnis das Einzelne überhaupt keine selbständige Einheit 
darstelle. Das gelte vollends in der Ethik. Das einzelne, über- 
haupt nur „scheinbare" Individuum vermöchte gar nicht zu wollen 
noch zu handeln, es muss erst „befreit und erlöst werden von den 
Schranken seiner Einzelheit, um wollen und handeln zu können" 
(S. 189); auf die Allheit kommt es beim Begriff der Handlung 
ganz und gar an. Das „Selbstbewusstsein", als Wille zum Selbst, 
erzeugt sich erst in der Handlung; Wille und Handlung aber voll- 
zieht sich allein im Staat, unter einem Gesetz, also nach Rechts- 
begriffen (S. 259 ff.). Oder, wenn man nach „Gesinnung" und 
„äusserem Verhalten" zwischen Sittlichkeit und Recht scheiden 
will, so ist zu bedenken, dass Sittlichkeit und daher Ethik (S. 72) 
sich streng und ausschliesslich auf die Handlung zu beziehen, die 
Gesinnung allenfalls nur als Vorstufe der Handlung in Betracht 
zu ziehen hat; Handlung aber gibt es nur in den Wechselbeziehungen 
des sozialen Lebens, somit unter Rechtsbegriffen. In bezeichnen- 
dem Gegensatz etwa zu Schleierraacher, der Kant die einseitig 
juridische Auffassung der Sittlichkeit zum Vorwurf macht, findet 
daher Cohen an Kant zu beanstanden, dass er die Sittlichkeit noch 
lange nicht ausschliesslich genug auf das Recht bezogen habe 
(S. 342). 

Schwerlich dürfte nun, was den Kern des Gedankens betrifft, 
dieser Auffassung zu widersprechen sein; am wenigsten könnte ich 
ihr widersprechen wollen, nachdem ich schon in der Schrift „Reli- 
gion" (1894, 2. Aufl. 1908, S. 80) es einen „ewigen Irrtum" ge- 
nannt habe, dass man ein Einzelner sei, und in der „Sozialpäda- 
gogik" (3. Aufl. S. 84) erklärt habe, das Individuum sei eine 
blosse Abstraktion gleich dem Atom des Physikers; ein Selbst- 
bewusstsein gebe es allein in Entgegensetzung und zugleich posi- 
tiver und zwar Willensbeziehung zum Andern (S. 90. 93). 

Indessen wird dadurch der methodische Unterschied 
äusserer und innerer Willensbestimmung oder Ver- 
pflichtung, wie er sich oben ergeben hat, keineswegs zunichte. 
Der Materie nach bezieht sich — das wurde voll anerkannt — 
die Willensbestimmung oder Verpflichtung allerdings stets auf das 
gegenseitige Verhalten in einem (wirklichen oder gedachten) sozialen 
Verein; auf den Einzelnen nur als Glied einer wenigstens ideellen 
Wechselbeziehung unter Vielen, schliesslich Allen. Aber formal, 
nach der Art und dem Sinne der Verpflichtung, oder nach dem 
unmittelbaren Bestimmungsgrunde, ist die Willensbestimmung in 



Recht und Sittlichkeit. 37 

dieser doppelten Weise denkbar und notwendig zu denken: als 
„innere", d. h. als unmittelbare Folge aus dem eignen Gesetze 
des Wollens im Wollenden selbst, durch das also dieser sich vor 
sich selbst (und wenn er allein in der Welt wäre) verpflichtet 
weiss, ungefragt ob das gleiche Gesetz auch vom Andern, auf den 
die gewollte Handlung sich in den Folgen erstrecken mag, oder 
von einem sozialen Vereine, dem er sich zugehörig denkt, aner- 
kannt und gewollt wird, oder aber als „äussere", d. h. gemäss 
einem Gesetze, durch welches der Eine dem Andern, und zwar 
grundsätzlich immer wechselseitig, verpflichtet wird, daher die 
dem Einzelnen 'vorgezeichnete Richtung des Willens ihn bindend 
nur gedacht wird unter Voraussetzung der gleichen Bindung 
der Andern, mit denen er sozial verbunden ist. Im ersten Fall 
ist die bestimmende Rücksicht ausschliesslich die der inneren 
Zusammenstimmung des Willens des Einzelnen, dessen Wille be- 
stimmt werden soll, unter dem Gesetze der praktischen Vernunft 
als dem seiner eigenen Vernunft; im andern die der äusseren 
Zusammenstimmung der sozial verbundenen Einzelnen untereinander 
in ihren Willenshandlungen, gewiss unter demselben obersten 
Gesetze der praktischen Vernunft d. h. der Zweckeinheit über- 
haupt, ohne Frage aber nach der inneren Zustimmung des so 
Verpflichteten. Der Materie nach werden innere und äussere Ver- 
pflichtung, wenigstens in jeweils letzter Erwägung, stets zusammen- 
fallen, jedenfalls sich nicht widersprechen können, da ja für beide 
dasselbe letzte Gesetz (der schliesslichen Einheit der Zwecke) un- 
bedingt bestimmend, und da die durchgängige Zusammenstimmung 
der eignen Zwecke für das im sozialen Verein überhaupt nur 
lebende und bestehende Individuum so wenig ohne schliessliche 
Zusammenstimmung mit den Zwecken der sozialen Vereinigung 
möglich ist wie diese ohne jene. Allein diese schliessliche mate- 
riale Koinzidenz hebt den formalen Unterschied der inneren und 
äusseren Bindung nicht auf. Das aber ist eben der Sinn der 
Unterscheidung der „moralischen" Verpflichtung als innerer von 
der rechtlichen als äusserer, so wie sie von Kant und denen seiner 
Nachfolger, welche dessen Gedanken aufgenommen und festgehalten 
haben, wesentlich und primär verstanden wird. 

Es braucht von diesen gar nicht geleugnet zu werden, wird 
auch, soviel ich erkennen kann, von ihnen nicht geleugnet, dass 
in der „Legalität" die „Moralität" als „immanente Kraft" ent- 
halten sei, dass „Moralität der Legalität als einer ihr gleichartigen 



38 P. Natorp, 

Kraft einwohne" (Cohen S. 66). Ist wenigstens unter der „Kraft" 
der Moralität die begründende Kraft der „praktischen Vernunft" 
gemeint (und es kann nichts andres gemeint sein), so ist sicher- 
lich nur diese auch in der Legalität wirksam; deren „Kraft" ist 
also mit der der Moralität nicht nur gleicher Art und gleichen 
Ursprungs, sondern eben in ihrem Ursprung identisch; nur die 
Bestimmungsrichtung ist in beiden verschieden, nämlich sie 
geht, wie wir sagten, im einen Fall von der Peripherie zum Zen- 
trum, im andern vom Zentrum zur Peripherie. Diesen Unterschied 
aber scheint Cohen zu übersehen, wenn er dem Recht gegenüber 
der Sittlichkeit, und damit auch dieser gegenüber fener, durchaus 
keinen eigenen methodischen Charakter zugestehen zu wollen 
scheint. Er hätte ihn, unbeschadet alles dessen, was er mit der 
strengen und ausschliesslichen Beziehung der Ethik auf das Recht, 
des Rechts auf die Ethik beabsichtigt, unbedenklich zugestehen 
dürfen. Recht und Sittlichkeit bleiben, und zwar, ideell genommen, 
ihrem ganzen Umfang und Inhalt nach, aufeinander wechselseitig, 
ganz in der Strenge, wie Cohen es fordert, bezogen, auch wenn 
sie der methodischen Richtung nach in der von uns angenommenen 
Weise sich unterscheiden. Die Kreise (um im Bilde zu bleiben) 
decken sich, nur die Richtungen sind verschieden, zugleich 
aber zueinander streng korrelativ, eben wie die Wege von der 
Peripherie zum Zentrum und vom Zentrum zur Peripherie. Das 
Zentrum vertritt die in der Tat zentral bestimmende Vernunftein- 
heit des Wollens, die Peripherie das jeweils zu bestimmende Einzel- 
wollen; die Bestimmung vom Zentrum her bedeutet demnach die 
reine, autonome, d. h. sittliche Willensbestimmung, die von der 
Peripherie her die zur Autonomie erst hinaufzuläuternde, zunächst 
aber unleugbar vorliegende Heteronomie; die äussere d. h. vom 
Bedingten den Ausgang nehmende, wenngleich auf die unbedingte 
Erhaltung des autonomen sittlichen Selbst zuletzt gerichtete Be- 
stimmung des besonderen, konkreten Wollens der Einzelnen, als 
idealer Glieder des in keinem gegebenen Zeitpunkt schon bestehen- 
den, sondern erst angestrebten, ewig nur anzustrebenden „Reiches" 
der Zwecke. 

Sollte, gegenüber der rechtlichen, die eigentümlich sittliche 
Bestimmungsart ganz in Wegfall kommen, so käme daaiit nichts 
geringeres in Wegfall als — die Autonomie. Denn diese ist der 
eigentümliche Gesichtspunkt der rechtlichen Bindung entschieden 
nicht. Sie zielt zwar auf Autonomie, sie hat in ihrer überhaupt 



Recht und Sittlichkeit. 39 

teleologischen Methodik sie sogar zum letzten bestimmenden Prin- 
zip, dieses ist ja für Recht und Sittlichkeit ein und dasselbe; aber 
die rechtliche Bestimmung des einzelnen WoUens ist als solche 
entschieden nicht autonome, sondern heteronome. Sie muss es 
sein, eben weil Autonomie niemals gegebenes Faktum, sondern 
ewig nur Aufgabe, mithin von ihrer Gegenseite, der Heteronomie 
her erst anzustreben ist. Also die Heteronomie des Rechts 
gründet sich zwar (wie es von Fichte besonders lehrreich aus- 
geführt worden ist) zuletzt auf die Autonomie des Sittlichen, aber 
es ist dennoch, so wie es als konkretes überhaupt nur „ist", und 
bleibt, als konkretes, immer seiner Form nach heteronom. 

Und ebendeshalb bedarf die Autonomie des Sittlichen noch 
einer eignen Vertretung, nicht im Recht, nicht unter der Form 
des Rechts, sondern in besonderer, eigener, sittlicher, gleichwohl 
konkret (wie wir sagten: nach der Peripherie hin) gerichteter 
Erwägung. Diese hat, eben sofern sie den Standpunkt der Auto- 
nomie in Reinheit zu vertreten den eigentümlichen Beruf hat, 
ihrerseits nicht den Standpunkt des äusserlich verbindenden Ge- 
setzes des sozialen Vereins, sondern den der Selbstbestimmung 
des Individuums einzunehmen und konsequent festzuhalten. In 
diesem, nur in diesem Sinne ist es methodisch wohlbegründet, 
dass reine Ethik vom Standpunkte des Individuums, positives 
Recht vom Standpunkte der Wechselbeziehung im konkreten 
sozialen Verein die Willensbestimmung vorzunehmen habe. Da- 
gegen wäre es falsch, der Materie nach das Gebiet des Prak- 
tischen zwischen Recht und Sittlichkeit so abzuteilen, dass die 
Sphäre der sozialen Beziehungen und damit das „Äussere" der 
Handlung dem Recht, unabhängig von der Sittlichkeit, die Sphäre 
des Innenlebens des Individuums — eines „Wollens" also, das 
nicht bis zu einem auf den Andern sich miterstreckenden Handeln 
gelaugt — einer „Ethik" zufiele, die nun umgekehrt auf Recht 
und soziales Zusammenwirken keine Rücksicht zu nehmen hätte. 
Gegen eine solche materiale Scheidung sind Cohens Einwen- 
dungen voll begründet, aber sie treffen damit nicht auch die for- 
mal-methodische Unterscheidung im eben erklärten Sinne. 

Seit Kant ist der einzig zulässige Sinn der Individualität (in 
ethischem Zusammenhange) die Autonomie, immerhin in Bezug auf 
ein begrenztes Einzelbewusstsein erwogen. Daher würde die gänz- 
liche Ablehnung einer Willensbestimmung vom Standpunkte des 
Individuums in der Tat die Preisgabe der Autonomie bedeuten. 



40 P. Natorp, 

Aber diese steht vielmehr im Mittelpunkte der ganzen Ethik 
Cohens, der darin durchaus in der Bahn Kants verbleibt (s. bes. 
Kap. IV — VII). Auch wird von Cohen selbst im besondern die 
Eigenart des Standpunktes des sittlichen Individuums, und 
zwar auch im Sinne des Einzelwesens — nur, wie es auch allein 
richtig ist, allerdings stets in unaufheblicher Zurückbeziehung zu 
dem der Sozietät, nie in gänzlicher Loslösung von ihr — berück- 
sichtigt und zur Geltung gebracht. Namentlich wird der im Zu- 
sammenhang unsrer Frage vorzüglich wichtige Begriff der Ver- 
antwortlichkeit von Cohen ganz und gar auf Selbstvcr- 
antwortung gegründet, und es wird hierbei ausdrücklich eine 
Eigenart der Ethik nicht bloss der Religion, sondern auch 
dem Recht und Staat gegenüber anerkannt (S. 370, vgl. 
387), und zwar eben im Sinne der Behauptung des Individuums, 
das nicht in einem Bruchteil statistischer Wahrscheinlichkeit auf- 
gehen dürfe (S. 372). Ein andrer, heisst es hier, sei der Stand- 
punkt für das Urteil des Richters (über die „Schuldigkeit", 
nicht die „Schuld"), ein andrer der des Individuums: jener 
juristisch, dieser ethisch. Wie sollte eine solche Unter- 
scheidung, den Voraussetzungen einer reinen Vernunftethik gemäss, 
anders als im eben erklärten Sinne verständlich werden? — Aber 
auch ganz allgemein und prinzipiell wird ein Richtungsunter- 
schied, eben wie wir ihn behaupten, wenigstens an einer Stelle 
von Cohen anerkannt (S. 475) : „Das Selbstbewusstsein ergeht 
sich in zwei Richtungen, in der des Individuums und 
in der der Allheit. Beide Richtungen haben den gleichen 
Wert für die Erzeugung des Selbstbewusstseins ; beide Rich- 
tungen müssen beschritten und eingehalten werden. Aber es sind 
doch eben zwei Richtungen: so wird es zu erwarten sein, dass 
für jede dieser beiden Hauptrichtungen des Willens und der Hand- 
lung zwei besondere Wegweiser aufzurichten sind " , die 
nur nicht auch zu besonderen Zielen hinführen können, 
denn das Ziel sei freilich nur das eine des Selbstbewusstseins, 
von dem wir schon hörten, dass es ebensosehr und gleich funda- 
mental als soziales wie als individuales zu verstehen sei. 

Hiernach liegt eine grundsätzliche Differenz der letzten sach- 
lichen Auffassung zwischen Cohen einerseits, Kant, Fichte und 
deren Nachfolgern andrerseits nicht vor. Indessen muss man ge- 
stehen, dass die hier so bestimmt anerkannte Zweiseitigkeit der 
Aufgabe der praktischen Philosophie erst an sehr später Stelle im 



Recht und Sittlichkeit. 41 

ethischen System Cohens auftritt, und auch von da ab nicht durch- 
weg streng festgehalten und deutlich durchgeführt wird. Übrigens 
wird noch des öftern die bestimmte Beziehung der Tugendlehre 
auf das Individuum hervorgehoben (so S. 499, 520, am meisten bei 
der Tugend der Humanität, S. 629 ff.). Und es kommt dabei 
manches wieder zu vollen Ehren, was zuvor, bei der schroffen 
Zurückweisung jeder Begründung praktischer Lehren, die nicht 
bedingungslos den Standpunkt der „Allheit" einnimmt, gänzlich 
beiseite geworfen zu werden schien: so die „Gesinnung" (S. 427) 
und die „relativen Gemeinschaften" (S. 486 und 570), die in der 
Tat nicht ausschliesslich aus der Allheit, sondern nur aus dem 
Gesichtspunkte der Besonderung und zuletzt der zu sozialem Wollen 
erst zu verbindenden Einzelnen ihre Begründung finden können. 
Wie aber hierbei, so wäre bei den Tugenden der Wissenschaft, 
der Philosophie (S. 509 f.), des reinen Denkens überhaupt (S. 514), 
der Bescheidenheit, der Tapferkeit gegen die Sinnlichkeit und im 
Leiden, der Freundschaft, der Liebe der Geschlechter und noch 
manchem andern mit einer ausschliesslichen Begründung auf das 
Recht offenbar nicht durchzukommen, die denn auch von Cohen 
nicht unternommen wird. Ein Zusammenhang zwar lässt sich auch 
da überall festhalten und muss festgehalten werden. Wirklich ist 
und bleibt das Individuum in jeder der hier in Betracht kommenden 
Beziehungen Individuum der Allheit. Aber die bestimmende „Rich- 
tung" der praktischen Gesetzgebung auf die Allheit und auf das 
Individuum bleibt dabei immer gleich verschieden; eine gänzliche 
Zurückführung der „Tugend" des Individuums auf die der Gemein- 
schaft, ohne eine Besonderung, die zuletzt bis zum Einzelnen 
herabreicht, wäre offenbar unmöglich. Folglich kann die „Orien- 
tierung" der Ethik auf Recht und Staat, so grundsätzlich wohl- 
begründet sie ist, als allein richtendes Prinzip für den Auf- und 
Ausbau des Systems der Ethik nicht festgehalten werden. 

§ 10. (Stammlers „Reine Rechtslehre".) Wir sind 
nun vorbereitet, die Aufstellungen Stammlers über Recht und Sitt- 
lichkeit in direkte Prüfung zu nehmen. Wir hätten dabei in jedem 
Fall (auch wenn nicht der Bericht über das neue Werk hier be- 
sonders bezweckt würde) die jüngste und abschliessende Darstellung, 
die der „Theorie der Rechtswissenschaft", zugrunde zu legen. 
Sie bleibt zwar mit der der beiden vorausgegangenen Werke in 
allem Grundsätzlichen einig, sie gibt aber der hier fraglichen Lehre 
(nne noch vi^reiufachte, damit durchsichtigere und also leichter zu 



42 P. Natorp, 

prüfende Gestalt, meidet geflisseDtlich alle nicht zwingend zur 
Sache gehörigen Nebenbetrachtungen, historischeu, religiösen oder 
sonstwie populären Anlehnungen und erstrebt und erreicht so eine 
Strenge des logischen Aufbaus der Theorie, die von der Kritik au 
den früheren Werken bisweilen, und nicht ganz ohne Grund, ver- 
niisst worden ist. Das Werk ist in der Tat musterhaft in der 
schlichten und deutlichen Disposition der Probleme und unbeirrt 
durchgeführten Einheit des Verfahrens. Nichts kann willkommener 
sein für eine Kritik, der einzig daran liegt, über die Fragen selbst 
zu grösserer Klarheit zu kommen und womöglich sie zum Austrag 
zu bringen. 

Rechtswissenschaft ist selbst Theorie, folglich die Theorie 
der Rechtswissenschaft Theorie höherer Stufe, Theorie der 
Theorie. Diese höhere Stufe kann nur Philosophie sein; und 
so würde wohl Stammler selbst nicht widersprechen, wenn wir 
den Titel „Theorie der Rechtswissenschaft" einfach als Um- 
schreibung für Rechtsphilosophie deuten würden. Doch ist 
diese Umschreibung sehr zweckmässig, weil sie sogleich die Ab- 
wehr des Missverständnisses einschliesst, als wolle wieder einmal 
Philosophie die Wissenschaft meistern und von jenen „hohen 
Türmen" herab, um die bekanntlich „viel Wind" ist, auf sie her- 
niederblickeu, statt in dem „fruchtbaren Bathos der Erfahrung" 
sich heimisch zu machen und aus ihr vor allem zu lernen. 

Der streng „kritische", der Immanenz Standpunkt dieser 
philosophischen Rechtstheorie wird denn auch gleich in der Ein- 
leitung nachdrücklich betont (Einl. 5, S. 21 ff.). Sie will nicht 
Erkenntnis neuer Gegenstände (S. 22) sein, nicht einen neuen 
Inhalt des Rechts dem positiven gegenüberstellen (8, S. 32 f.), 
sondern sie forscht lediglich nach den reinen Bedingungen, 
denen jede rechtliche Aufstellung, um als solche anerkannt werden 
zu dürfen, genügen muss. Auch nicht ein vollkommenes, ideales, 
unbedingt richtiges Recht will sie dem bedingt gewordenen, ja 
notwendig unvollkommenen Recht als Muster entgegenhalten (S. 33), 
sondern sie fragt nach den allgemeingültigen Bestimmungen, 
die notwendig gelten müssen, wenn Jurisprudenz Wissen- 
schaft sein soll. Jeder Rechtssatz will doch den Gedanken 
des Rechts vertreten, sonst versteht er sich selbst nicht (6, S. 25); 
diesen „Gedanken" gilt es in Reinheit herauszuschälen. Solche 
Forderung kann keine positive Rechtslehre ablehnen, mag sie auch, 
als positive, ihre Erfüllung nicht zu ihrer Aufgabe rechnen, 



Recht und Sittlichkeit. 43 

sondern sie, eben als eine eigene, eine Aufgabe eigner Art, einer 
besonderen Theorie nicht des Rechts sondern der Rechtswissen- 
schaft überweisen. Jedenfalls handelt es sich nicht um eine blosse 
„schmückende Zutat", nicht um eine letzte Krönung des übrigens 
fertigen Baues der Rechtswissenschaft (S. 241), sondern um ihr 
Fundament, um die Gesetzlichkeit, nach der sie überhaupt als 
Wissenschaft „allein möglich" ist. 

Also: das Faktum der Rechtslehre als Wissenschaft liegt 
vor; nach der Möglichkeit dieses Faktums wird gefragt: so ent- 
spricht diese Problemfassung der Rechtsphilosophie, welche der 
Verfasser mit allem Grunde als neu und eigentümlich behaupten 
darf, in aller Strenge der Grundforderung der transzendentalen 
Methode Kants. 

Sie entspricht ihr aber auch in der nun erst mit voller Wucht 
auftretenden Forderung der Reinheit d. i. unbedingten All- 
gemeingültigkeit aller Sätze der reinen Rechtslehre vom ersten 
bis zum letzten. Alle Besonderheiten des Rechts müssen, nicht 
der Materie nach, aber formal^ nach der „Art ihrer Bestimmt- 
heit" durch den Gedanken des Rechts eingesehen werden können, 
wodurch das Ganze aller möglichen Rechtserwägungen sich zu 
einer strengen Einheit zusammenfügt und dem obersten Grundsatze 
der Einheit des menschlichen Wollens überhaupt sich unter- 
stellt (1, S. 3). So gibt es allerdings nicht unbedingt allgemein- 
gültige Rechtssätze (2, S. 5; wie im theoretischen Gebiet nicht 
unbedingte Naturgesetze); die Allgemeingültigkeit betrifft allein 
das ordnende Verfahren, d. i. den „Rechtsgedanken in seiner 
formalen Bedeutung". Aber so wird die Darstellung einer reinen 
Rechtslehre in „festen Gedankengängen" möglich, „in deren Ver- 
folgung es allein begreiflich ist, einen gegebenen Bewusstseinsinhalt 
als einen rechtlichen zu haben" (S. 5). So und nur so wird 
zugleich das alte Desiderat einer eignen „Logik des juristi- 
schen Denkens" erfüllbar (S. 12). Ihre bedingenden und be- 
stimmenden Richtlinien müssen ein geschlossenes System 
bilden, an dessen Spitze der Begriff des Rechts steht, der seiner- 
seits dem Grundgesetze des Wollens überhaupt sich unter- 
ordnet (S. 13 f.). Es ist unnötig, den Kenner der Kantischeu 
Transzendentalphilosophie erst darauf aufmerksam zu machen, wie 
genau diese Problemfassung der reinen Rechtslehre in jedem Zuge 
den Forderungen der „kritischen Methode" entspricht. 



44 P. Natorp, 

§ 11. (Begriff und Idee des Rechts.) Für die weitere 
Disposition des hiermit gestellten Programms der reinen Rechts- 
lehre aber ist an erster Stelle bestimmend die streng vollzogene 
und' durchgeführte Distinktiou zwischen Begriff und Idee des 
Rechts. Auch diese versteht sich ganz aus dem Gesichtspunkte 
der transzendentalen Methodik; nämlich sie vertritt genau den 
Unterschied der konstitutiven Grundsätze von den regula- 
tiven Prinzipien des Rechts. Der „Begriff" des Rechts kann 
durch einen gegebenen, bedingten Rechtssatz restlos erfüllt sein, 
und muss es sein, wenn er als ein Satz des Rechts überhaupt soll 
ausgesprochen werden dürfen; die „Idee" des Rechts kann in 
einem bedingten Rechtssatze, auch selbst als bloss gedachtem Bei- 
spiel, nie restlos erfüllt sein; denn sie bedeutet nur die Forderung, 
ja die Frage nach einer „unbedingt einheitlichen Ordnung der 
einzelnen Mittel und Ziele" des Rechts, die durch diese und also 
durch einzelne Rechtssätze wohl von Stufe zu Stufe näherkommend, 
aber nie als unbedingte in Vollständigkeit dargestellt sein kann 
(VI, 1, S. 441). Der „Begriff" bezieht sich also auf das Recht 
überhaupt, er gibt die Bedingungen an, welche erfüllt sein müssen, 
damit etwas überhaupt ein Recht (ein Willenssatz ein Rechtssatz) 
sei; die „Idee" dagegen betrifft die Beurteilung allemal eines 
bestimmten Rechts, unterschiedlich gegen anderes, danach, bis zu 
welchem Grade es der grundsätzlichen Forderung der unbedingt 
einheitlichen Ordnung des Miteinanderwollens nahekomme oder 
hinter ihr zurückbleibe. Dies aber ist der Unterschied konstitu- 
tiver und regulativer Prinzipien; so ist z. B. der konstitutive 
Grundsatz der Kausalität eine allgemeingültige „Art der Bestim- 
mung", als eine Bedingung, der jedenfalls genügt sein muss, 
wenn ein theoretischer Satz überhaupt als Satz der Naturwissen- 
schaft soll ausgesprochen werden dürfen; nämlich dass er das 
Veränderliche der Erscheinungen, von denen er redet, überhaupt 
in gesetzlichen Zusammenhang einzustellen und aus solchem bestimmt 
zu setzen habe; welches Gesetz aber für sie gilt, wird durch 
den blossen, konstitutiven Grundsatz nicht bestimmt. Dagegen 
betrifft das regulative Prinzip, etwa der Spezifikation, gerade die 
besonderen, also bedingten Sätze der Naturwissenschaft und unter- 
wirft sie einer Norm der Beurteilung danach, in welchem 
Grade sie, unterschiedlich gegen andre, der Erfüllung der unend- 
lichen, unbedingt also nie zu erfüllenden Forderung (hier: der 
erschöpfenden Spezifikation) bedingt nahekommen und sie, so- 



Recht und Sittlichkeit. 45 

weit es unter g-egebeneu Voraussetzungen möglich war, erfüllen, 
oder aber erkennbarerweise hinter ihr zurückbleiben. 

Nun waren wir schon oben (S. 31 f.) uns darüber klar ge- 
worden, dass, wenngleich die Grundsätze der praktischen Erkennt- 
nis überhaupt zu denen der theoretischen sich als regulative zu 
konstitutiven (als „Ideen" zu „Begriffen") verhalten, dennoch, wie 
innerhalb der Theoretik, so auch innerhalb der Praktik wiederum 
eine Scheidung konstitutiver und regulativer Prinzipien zu treffen 
und festzuhalten ist. Diese Scheidung ist es, die in Hinsicht des 
Eechts hier durchgeführt wird. Rein aus diesem methodologischen 
Gesichtspunkt ist also die Distinktion zwischen Begriff und Idee 
des Rechts und daher zwischen „Recht" schlechtweg und „rich- 
tigem Recht" ihrer Absicht gemäss zu beurteilen. „Richtig" heisst 
niemals „das" Recht, sondern allemal ein bestimmt gegebenes, 
und zwar bedeutet es nie unbedingt sondern stets nur bedingt 
richtiges, d. h. ein solches, welches unter bestimmt gegebenen, 
veränderlichen, faktischen Voraussetzungen die Idee 
des Rechts insoweit erfüllt, lAs es eben unter diesen Vorausset- 
zungen möglich war. Richtiges Recht ist ein nach der Rechtsidee 
gerichtetes, nämlich bedingtes, „gesetztes" Recht (S. 480). Die 
Behauptung, dass es kein in diesem Sinne richtiges oder nicht- 
richtiges Recht gebe, wäre identisch mit der Behauptung, dass es 
kein bedingtes, kein gesetztes Recht gebe, das die Idee des Rechts 
nicht erfüllt und also der Berichtigung bedarf. Diese erfolgt 
aber notwendig gemäss dem praktischen Veruunftgesetze der un- 
bedingten Einheit der Zwecke, demselben, welches auch 
das Grundgesetz der Ethik ist. Es ist also nicht an dem, 
dass der Grund der Richtigkeit des Rechts irgendwo anders als in 
dem richtendem Prinzipe der Ethik gesucht würde; dass das Recht 
in absoluter Unabhängigkeit von dem Prinzipe der Ethik sich 
selber richtig machen sollte (Cohen S. 225 f.). Es ist ebenso 
wenig eine begründete Kritik, dass die Richtigkeit, zumal als eine 
bloss logische, hinterherkomme. Die logische Nachordnung der 
regulativen gegenüber den konstitutiven Prinzipien, der „Idee" als 
Richtmass der konkreten Aufstellungen einer Wissenschaft gegen- 
über dem „Begriff", der sie als Wissenschaft überhaupt „allein 
möglich macht", entspricht in voller Strenge den Gesetzen der 
transzendentalen Methodik. Dieselbe logische Rangordnung be- 
steht in der theoretischen Philosophie zwischen den konstitutiven 
Grundsätzen der „Wissenschaft" und den regulativen Prinzipion 



46 P. Natorp. 

der „Forschung"; sie rauss aber auch für die praktische, insbeson- 
dere für die Rechtsphilosophie so sicher anerkannt werden, als es 
einen konstitutiven Begriff des Rechts einerseits, eine regulierende 
Idee desselben andrerseits gibt. Wäre freilich das Recht 
schlechtweg die „Mathematik" der Geisteswissenschaften, so 
wäre von richtigem Recht so wenig wie von richtiger Mathema- 
tik zu reden. Aber der Mathematik entspricht vielmehr die reine 
Rechtslehre, auf welche das Merkmal der Richtigkeit von Stammler 
in der Tat nicht bezogen wird; der Naturwissenschaft dagegen 
die Rechtswissenschaft, die als „positive" es mit gar keinem 
andern als bedingtem Recht zu tun hat. So wie nun ein Satz 
positiver Naturwissenschaft die Forderungen der Mathematik und 
der konstitutiven Grundsätze einer „möglichen" Naturwissenschaft 
überhaupt, z. B. die Forderung kausaler Bestimmung überhaupt, 
restlos erfüllen muss, und nur insofern ein naturwissenschaftlicher 
überhaupt ist, dabei aber doch nie unbedingt, sondern stets nur 
bedingt, für eine gegebene Stufe der Entwicklung naturwissen- 
schaftlicher Erfahrung richtig sein kann, im Fortgang der Er- 
fahrung aber der Berichtigung, also auch einer Beurteilung nach 
gewissen Normen der Richtigkeit (regulativen Prinzipien) unter- 
liegt, so unterliegen die bedingten Rechtssätze, während sie die 
konstitutiven Forderungen des Rechtsbegriffs in jedem Fall er- 
füllen müssen, doch, eben als bedingte, gewissen Normen ihrer 
(eben nur bedingten, nie unbedingten) Richtigkeit, die also als 
regulative Prinzipien des Rechts, immer aber gemäss demselben 
letzten Grundgesetz unbedingt einheitlichen WoUeus, sich formu- 
lieren lassen müssen. Die „Richtigkeit" des Rechts ist sonach 
„logische" in keinem andern Sinne, als in dem die Praktik über- 
haupt Logik des Sollens ist, oder in dem überhaupt das allge- 
meine Gesetz (jeder Bedeutung) „logisch" bestimmend ist für die 
ihm unterstehenden bedingten Sätze; nicht aber im unterschied- 
lichen Sinne der Logik als Gesetzlichkeit des theoretischen d. i. 
des Naturerkennens. 

Das noch viel weitergehende Missverständnis aber, als solle 
das Recht überhaupt unabhängig vom Prinzipe des reinen Wollens 
begründet werden, beruht auf der Nichtbeachtung des lediglich 
methodischen Sinnes der Unterscheidung zwischen der recht- 
lichen Gesetzgebung als „äusserer" und der sittlichen als „innerer". 
Um dieses Missverständnis gründlich zu entwurzeln, ist daher auf 
dies fundamental unterscheidende Merkmal des rechtlichen Wollens, 



Recht und Sittlichkeit. 47 

dass es äusserlich „verbiüdeud" sei, und damit überhaupt auf die 
Art, wie der „Begriff" des Rechts von Stammler bestimmt wird, 
des genaueren einzugehn. 

§ 12. (Recht als „verbindendes Wollen".) Zunächst 
darüber hätte ein ernstlicher Zweifel niemals aufkommen dürfen, 
dass der Begriff des Rechts von Stammler streng apriori, und 
zwar aus dem obersten Gesetz des Wollens, keinem andern, 
als welches zugleich das oberste Gesetz der Sittlichkeit ist, de- 
duziert und stets folgerecht dieser reinen Ableitung entsprechend 
von ihm verstanden worden ist. Das Recht ist, nach Stammler, 
„in Notwendigkeit mit den letzten Richtungen unseres Be- 
wusstseins, die wir feststellen, gesetzt" (I, 2, S. 43), nämlich 
als eine „feste Art des Wollens, die mit diesem notwendig be- 
steht" (ebenda); also selbst als ein unbedingt gültiger Begriff, 
nämlich der Begriff eines „schlechterdings allgemein bedingenden 
Verfahrens, den Inhalt von wollendem Bewusstsein einheitlich 
zu bestimmen" (S. 45). Aus Erfahrung kann dieser Begriff un- 
möglich geschöpft werden, obgleich er ohne Zweifel aus ihr er- 
mittelt worden. Aus welcher Erfahrung denn sollte er geschöpft 
sein? Natürlich aus der rechtlichen; die aber als solche selber 
erst gemäss dem Begriffe des Rechts bestimmt ist (I, 3, S. 46 f.). 
Man muss vielmehr auf die „verschiedenen Möglichkeiten der 
reinen Gedaukenrichtungen" achthaben, um dem gesuchten Be- 
griff die rechte Stelle in der Reihe der formalen Richtungen von 
unbedingter Gültigkeit anzuweisen (S. 47). Nun bezeichnen die 
letzten formalen Richtungen in unserem Bewusstseinsinhalte die 
zunächst psychologischen Ausdrücke Wahrnehmen und Wollen. 
Diese aber weisen, gleich den mehr objektiven, die ihnen ent- 
sprechen: Werden und Bewirken, auf einen scharf bestimmten 
methodischen Unterschied in der Art des Bestimmens unsrer 
Gedanken, nämlich den der Ordnung nach der Denkform von Ur- 
sache und Wirkung einerseits, von Zweck und Mittel andrer- 
seits (II, 4, S. 49). Das Recht aber fällt ohne Zweifel unter den 
Begriff des Wollens, des Bewirkens, also der Zweckordnung, und 
nicht unter den der bloss kausalen Ordnung eines Werdens oder 
Geschehens. Beide Gebiete des Bewusstseins aber unterstehen 
gleichermassen der „Wissenschaft", als „unbedingt einheitlichem 
Ordnen" möglichen Inhalts von Bewusstsein (I, 6): Naturwissen- 
schaft einerseits, Kulturwissenschaft andrerseits, oder Kausalwissen- 
schaft und Zweckwissenschaft. Beide fordern weiterhin eine fun- 



48 P. Natorp, 

dameutale, methodische Grundlegung; nach gewöhnlicher Termino- 
logie: Logik und Ethik, besser: Logik der Kausal- und der Zweck- 
wissenschaft (1, 7); welche letztere nicht eine blosse Fortsetzung 
der ersteren ist, sondern sich unabhängig „in eigenem Gedanken- 
zuge, vom ersten Beginn an bis zur Idee der Willensreinheit" auf- 
zubauen hat (S. 67). In dieser also müssen die reinen Begriffe 
des Rechts als solche des Wollens zu finden sein. Denn nicht 
nur ein Produkt des Wollens ist das Recht, sondern selbst eine 
„formale Eigenschaft" menschlichen Wollens; es „stellt eine eigene 
Klasse von Willensinhalten dar, die es von sich aus bestimmt 
und zusammenhält", es ist „eine bedingende Art und Weise 
des Setzens und Verfolgens von Zwecken" (I, 8, S. 69), 
auf deren nähere Bestimmung es nunmehr ankommt. 

Das zuoberst unterscheidende Merkmal des rechtlichen gegen- 
über sonstigem Wollen nun ist: der „verbindende" Charakter 
desselben. Mehrfaches Wollen kann übereinstimmend sein hin- 
sichtlich des Gewollten. Aber nicht das schon ist verbindendes 
Wollen, sondern ein solches allein, das „ein mehreres Wollen als 
Mittel füreinander bestimmt", oder wodurch Willensinhaltc 
wechselseitig als Mittel füreinander verbunden werden 
(I, 9, S. 75). Es kommt also an auf eine Gemeinsamkeit des 
Wollens, die nicht bloss Gleichheit des Zwecks bedeutet. Die 
Zwecke brauchen gar nicht die gleichen zu sein und sind es meist 
nicht; sondern darauf kommt es an, dass bestimmte Zwecke in 
gemeinsam eingreifender Weise zu setzen und zu verfolgen 
sind. Daraus ergibt sich stets ein Gegen üb er treten des 
verbindenden zu dem dadurch verbundenen Wollen (S. 77); 
das erstere „steht über" dem letzteren, welches es zur Gemeinsam- 
keit zusammenschliesst. Es können dabei dieselben Personen 
(z. B. zwei Vertragschliessende) wechselseitig als verbindend auf- 
treten; es können andre Personen auf beiden Seiten, verbindend 
und verbunden, auftauchen, oder zum Teil in beiderlei Rollen er- 
scheinen; immer aber ist der verbundene und der verbindende 
Willensinhalt systematisch zu unterscheiden, und es ist hierbei 
nie von den einzelnen verbundenen Willensinhalten auszugehen, 
sondern von dem Wollen, das sie verbindet und über ihnen steht 
(S. 77). Die verbundenen W^illensinhalte allerdings werden stets 
auf verschiedene Personen verteilt sein, weil das „neue Problem des 
Verbindens" eben aus der Notwendigkeit eines Zusammenwirkens 
mehrerer Wollenden zu gemeinsamem Zweck nur hervorgeht (S. 78). 



Recht und Sittlichkeit. 49 

Es ist, was früher schon als „äussere Regelung" von 
Stammler definiert und als Grundbedingung des Rechts festgelegt 
worden war (S. 79). Zur „Regelung" kommt man, wenn man 
von dem Erfordernis eines Zusammenwirkens den Ausgang 
nimmt. Die logische Bedingung dafür aber ist das verbindende 
Wollen. Hierbei, und somit allgemein bei aller sozialen Er- 
wägung, ist nie von dem Inhalte getrennten WoUens auszugehn, 
auch nicht von einer Mehrzahl von solchen, dann erst zusammen- 
zuzählenden Willensinhalten, und keineswegs von einer ursäch- 
lichen Einwirkung mehrfacher Zwecksetzungen aufeinander. 
Sondern es ist der Standpunkt von vornherein im verbindenden 
d. h. gemeinsamen Wollen als solchem, als „in grundlegender Weise 
besonders geartetem" Wollen zu nehmen, das über den einzelnen 
Willensinhalten, die es verbindet, steht; das Einzelwollen für sich 
ist in seinem mehrfachen Auftreten lediglich als Mittel für einander 
zu nehmen (S. 79 f.). 

Diese begrifflichen Festlegungen mussten in so breiter Aus- 
führlichkeit wiedergegeben werden, weil an ihnen das Verständnis 
der ganzen Stellungnahme Stammlers in unserer Frage hängt. 
Gleich hier ist darauf besonders zu achten, dass in diesen Grund- 
bestimmungen in zweifelloser Klarheit der Standpunkt der All- 
heit im sichern Unterschied von jeder bloss „zusammengezählten" 
Mehrheit Einzelner, eingenommen ist. Damit ist der von Haus 
aus soziale Charakter des Rechts in grundsätzlicher Schärfe 
festgelegt. 

Der soziale Charakter, nicht der soziale Ursprung. 
Denn nicht das soziale Dasein, das Dasein einer Sozietät be- 
dingt das verbindende Wollen, sondern umgekehrt, das verbindende 
Wollen allein begründet soziales Dasein, begründet, konstituiert 
unmittelbar den Bestand einer Gesellschaft (I, 11, S. 83). Soziales 
Wollen ist nicht „Wollen der Gemeinschaft", in dem Sinne, als 
ob diese ein besonderes, mit Bewusstsein begabtes Wesen sei, das 
etwas wollen könne. Sondern der formale Unterschied des ver- 
bindenden vom vereinzelt gedachten Wollen ist es erst, der ein 
soziales Dasein, der überhaupt den Gedanken einer Gesellschaft 
konstituiert. Soziales Dasein und verbindendes Wollen gehören 
also begrifflich aufs engste zusammen: jenes ist nur die Betäti- 
gung des zweiten, und dieses bedeutet die formale Bestimmung 
des ersten (S. 85); das heisst, gemäss den früheren Formulierungen 
Stammlers: soziales Leben ist „äusserlich geregeltes" Zusammen- 

KantBtudlen XVIII. ^ 



50 P. Natorp, 

wirken; oder schlechtweg: Zusammenwirken, in dessen Gedanken 
das bedingende Element der äusseren Regelung notwendig liegt 
(S. 85). Ob ein gesellschaftsloses Dasein, ein „Naturzustand" des 
Menschen möglich oder je historisch wirklich gewesen sei, ist in 
diesem Zusammenhange ohne allen Belang, auf das logische Ver- 
hältnis kommt es allein an; da aber ist die Vereinzelung nur zu 
denken als Vorbereitung zur Einstellung der vereinzelt eingeführten 
Mittel und Zwecke über die bedingte Zusammenfassung in der 
Person ihres Trägers hinaus schliesslich in eine geordnete Be- 
ziehung zu den überhaupt möglichen Reihen der Zweckverfolgung, 
d. h. nur als Vorstufe zum Gedanken des verbindenden Wollens; 
denn in „folgerechtem Ausdenken" ist es gar nicht zu umgehen, 
dass das Wollen der Einzelnen, wie sehr immer in sich nach Mittel 
und Zweck geordnet, dann selbst wieder in Verbindung miteinander 
gesetzt und die Willensinhalte der Einzelnen als Mittel für ein- 
ander erwogen werden (S. 89 f.). 

So aber scheidet sich in begrifflicher Klarheit: innere Ord- 
nung von Zweckvorstellungen, auf den vereinzelt vorgestellten 
Menschen bezogen, und äussere, auf das Verhältnis der 
Zwecke verschiedener Menschen gehend, die sie in gemeinsamer 
Art der Zweckverfolgung verbindet (I, 12, S. 91). Das Recht 
aber ist ohne Zweifel eine Art des verbindenden Wollens; 
nicht als blosse Zusammenzählung von Willensinhalten Einzelner, 
sondern als über den Einzelnen stehend (S. 93); nicht als „Wille 
der Gemeinschaft", da diese ja nicht ein wollendes Bewusstsein 
für sich besitzt; sondern indem das verbindende Wollen selbst als 
logisches Prius den sozialen Verein, heisse er nun Gesellschaft 
oder Gemeinschaft oder wie sonst, erst möglich macht (S. 94). 

Dieser entscheidenden Aufstellung vermag ich (wie früher, 
Sozialpäd. 3. Aufl., S. 158 ff.) nur vollinhaltlich beizutreten. Der unter- 
scheidende formale Charakter des sozialen Wollens scheint mir 
dadurch zutreffend bestimmt, und damit das unerschütterliche Fun- 
dament für die Entwicklung der reinen Begriffe des Rechts als 
der konstituierenden „Form" des sozialen Lebens in einwandfreier 
Weise gelegt zu sein. Hat auch ohne Frage dieses erstwesent- 
liche Merkmal des Rechtsbegriffs der Rechtsphilosophie von jeher 
mehr oder minder bestimmt vorgeschwebt, ist es vor allem in der 
Vertragstheorie als das eigentlich gemeinte gedankliche Grund- 
motiv unschwer wiederzuerkennen, so wird dadurch das Verdienst 
nicht geschmälert, diese vielleicht immer gemeinte, aber nirgends 



Recht und Sittlichkeit. 61 

bisher in zweifelsfreier Klarheit logisch herausgearbeitete Grund- 
bestiramung sicher und rein dargestellt und in unanfechtbarer, 
sehr fundamentaler Deduktion begründet zu haben. 

§ 13. (Sittliche gegenüber rechtlicher Erwägung.) 
Nicht das gleiche aber lässt sich von der parallelen Bestimmung 
des formal unterscheidenden Charakters der sittlichen gegenüber 
der rechtlichen Erwägung sagen. Sie soll das wünschende 
Wollen im Unterschied vom wirkenden angehen (I, 6, S. 83). 
Wünschen ist Wollen ohne Mittel, definiert Stammler, an sich 
gewiss zutreffend (S. 82). Solange aber das Wollen wünschender 
Gedanke bleibe, gehöre es zwar zum Inhalte unseres Bewusstseins 
und müsse auch lauter und rein d. h. gesetzmässig gestaltet werden ; 
aber es bleibe, da einsetzbare Mittel fehlen, getrennt für sich, 
auf die Person des Wünschenden beschränkt; es falle daher nicht 
unter den Begriff gemeinsamen Wollens, also nicht unter so- 
ziale Erwägung. 

Schon dies letztere leuchtet nicht ein, Wünschen heisst be- 
wirken wollen, und nur nicht können, lediglich aus Ermangelung 
der Mittel der Verwirklichung des Gewollten. Sobald die Mittel 
gegeben sind, wird der Wunsch, wenn es überhaupt entschiedener 
Wunsch war, zur Tat werden; dann kann er aber auch schon, 
ehe er es wird, nicht der Beurteilung gänzlich entzogen sein, der 
das Handeln, auf das er seinem ganzen Begriff nach gerichtet ist, 
notwendigerweise untersteht. Und so bleibt in der Tat der „wün- 
schende Gedanke" — oder, um den dann dafür eintretenden Be- 
griff sogleich einzusetzen: die Gesinnung — der rechtlichen Er- 
wägung keineswegs fremd. Das Recht wird allerdings über wün- 
schende Gedanken, solange sie in keiner Weise in Handlung über- 
gehen, auch nichts im besonderen bestimmen; aber wo immer der 
Wunsch in Handlung übergeht oder auch nur überzugehen droht, 
wird er stets auch vom Recht mit in Betracht gezogen und, wenn- 
gleich immer in Beziehung auf eine mögliche Handlung, als seinen 
Ausfluss, auch unmittelbar in rechtliche Erwägung genommen. 

Vor allem aber, so vieldeutig das Wort „Ethik" sonst ge- 
braucht werden mag, so hat es doch, seitdem Aristoteles wohl 
als erster es zur Bezeichnung der Wissenschaft von der Gesetz» 
lichkeit des Wollens verwendet hat, sicher noch keine Ethik ge- 
geben, die nicht, wenn auch vom Innern der Gesinnung aus, das 
Wirken und Handeln, sei es nun als ausserdem auch unter recht- 
liche Erwägung fallend, oder ganz von solcher absehend, ins Auge 

4* • 



52 P. Natorp, 

gefasst und unter Normen gestellt hätte. Auch wenn innerhalb 
der Ethik die Frage der Gesinnung von der des Wirkens oder 
Handelns geschieden wurde, hat man wohl nie die Gesinnung 
ausser Bezug zu der ihr entsprechenden Handlung gedacht, sondern 
nur die zunächst auf die äusserlich fassbare Handlung be- 
schränkte Beurteilung vertiefen und verschärfen wollen durch 
die Ausdehnung grundsätzlich der gleichen Beurteilung auf die 
Gesinnung, aus der sie floss und die allein zuletzt für sie ver- 
antwortlich sei. Gerade in rein formaler Erwägung, meine 
ich, sei es unwidersprechlich, dass die praktische Beurteilung, 
heisse sie nun rechtlich oder sittlich, in jedem Fall primär die 
Zwecksetzung und nur sekundär die zur Verfolgung des Zwecks 
ins Spiel gesetzten Mittel ins Auge fassen müsse. Dann aber 
wird die ganze Frage, ob im gegebenen Fall es an den Mitteln 
zur Verwirklichung des Bezweckten etwa fehlte und darum das 
Wollen beim Wünschen stehen blieb, zu einer derart untergeord- 
neten, dass daraus eine grundsätzlich neue Beurteilungsweise un- 
möglich entspringen kann. Der Rückgang der praktischen Beur- 
teilung von der Handlung auf die Gesinnung bedeutet den Rück- 
gang auf die Zwecksetzung oder auf das Gewollte rein als 
solches; aber dies Gewollte ist in jedem Fall eine gewollte 
Handlung; allein in Beziehung auf die Handlung, die gewollt 
wird, wird das Wollen beurteilt, gleichviel ob es im gegebenen 
Fall bis zur Handlung wirklich gedieh oder im Wünschen stecken 
blieb. Wie sollte das bloss negative Merkmal des Fehlens der 
Mittel eine grundsätzlich neue Beurteilungsart herbeiführen? 

Diese Einwendungen liegen so nah und sind so unab- 
weislich, dass man sich nach einem besonderen Grunde umsieht, 
der es erklärt, wie ein sonst streng auf erschöpfende Be- 
gründung ausgehender Forscher hier von der bisher gradlinig 
verfolgten Zielrichtung abbiegen konnte. Der Grund scheint 
dieser zu sein: nachdem das rechtliche Wollen als das ver- 
bindende erkannt war, schien das verbindungslose Wollen als 
eine eigne Provinz im Reiche des W^ollens übrig zu bleiben, 
welche, da die Forderung der Gesetzlichkeit unzweifelhaft auf 
alles Wollen sich erstrecken muss, zwar nicht einer eignen 
Gesetzgebung, aber doch einer eigenen Anleitung zur praktischen 
Bewährung der gesetzgebenden Idee des Wollens zu bedürfen 
schien. Allein hier offenbart sich nun die Unzulänglichkeit des 
Gesichtspunkts der blossen Klassifikation, der bei dem Verfahren 



Recht und Sittlichkeit. 53 

Stammlers überall in erster Linie leitend erscheint. Oben schon 
ergab sich uns, dass nicht die innere Willensbestimmung als eine 
eigne Provinz koordiniert neben der äussern, ausserhalb ihrer 
liegt, sondern nur einer solchen Bestimmungsart, die von aussen 
nach innen gerichtet ist, eine andere, die von innen nach aussen 
geht, in methodisch sicherer Unterscheidung gegenübergestellt 
werden kann. Beide können dabei der Materie nach sogar ganz 
zusammenfallen, und bleiben dabei doch, eben in der „Art" d. h. 
der Richtung des Bestimmens, nicht bloss verschieden sondern 
entgegengesetzt. 

Von diesem Standpunkt bleibt eine Scheidung und Entgegen- 
setzung nach „Gesinnung" und „Tat" allenfalls nur in dem Sinne 
möglich, dass die rechtliche Beurteilung primär die Tat, und nur 
in Zurückbeziehung auf diese die Gesinnung, die sittliche primär 
die Gesinnung, und nur in Zurückbeziehung auf sie die Tat beur- 
teile. Aber überhaupt nicht wesentlich und zuerst nach dem, was 
beurteilt wird, ist die ursprüngliche Unterscheidung der Be- 
urteilungsart zu treffen, sondern nach dem Prinzip, wonach die 
Bestimmung des Gewollten vollzogen wird. Nämlich das Gesetz 
der Sittlichkeit fordert die durchgängige Einheit der Zwecke, 
gleichviel ob im blossen Wünschen oder auch im Wirken, „von 
innen her", das heisst rein aus dem eignen inneren Gesetze des 
Wollens selbst als vernünftigen (also der praktischen Vernunft), 
und mutet die Anerkennung seiner Forderung (nämlich der unbe- 
dingten Einheit der Zwecke) jedem Vernünftigen, rein auf den 
zweifellosen Ausspruch seiner eignen praktischen Vernunft hin, 
an; sodass es einer äusserlich verbindenden Norm gar nicht erst 
bedürfen — sollte. Das Recht dagegen fordert inhaltlich 
dieselbe Übereinstimmung der Zwecke „von aussen her", das 
heisst, sofern sie in der Tat eben nicht von selbst von jedem, 
aus eigner Vernunft, gewollt, wird, sondern indem sie dies Wollen 
ihm, auch wenn er nicht seine eigne Vernunft befragen würde, 
anmutet, daher in gebietender Weise; ganz wie es Stammler 
erklärt: im Sinne „verbindenden" Wollens, d. h. in dem Sinne, die 
Übereinstimmung der Zwecke, sofern sie nicht von einem jeden 
aus seiner eignen Vernunft schon angestrebt wird, dennoch in die 
Wege zu leiten und zum Willen eines jeden zu machen. Eben- 
damit zielt die rechtliche Gesetzgebung doch auf die schliess- 
lich freie, autonome Anerkennung des Vernunftgesetzes, setzt 
sie im allgemeinen sogar voraus (wie übrigens Stammler aus- 



54 P. Natorp, 

drücklich auerkennt). Dies gerade konnte leicht verleiten, die 
formale Verschiedenheit der rechtlichen von der sittlichen Bestim- 
mung zu übersehen, die rechtliche Verpflichtung selbst und als 
solche schon für die sittliche zu nehmen. Andrerseits will aber 
die sittliche Gesetzgebung nichts weniger als mit der blossen 
guten „Gesinnung" vorlieb nehmen, sondern sie will ganz gewiss 
sich auf das Wirken und Handeln erstrecken. Und daher kann 
sie schwerlich umhin, die äussere Verpflichtung des Rechts zum 
wenigsten als Mittel zum höheren, sittlichen Zweck mit in ihre 
Rechnung zu stellen und durch ihre eigene, an sich höhere, weil 
unbedingte Forderung zu legitimieren und zu sanktionieren. So 
ist wohl allzeit die Beobachtung des rechten äussern Verhaltens, 
als mindestens vorschulend zur reinen, freien Sittlichkeit der Innern 
Gesinnung, auch im Namen der Sittlichkeit, absehend von allem 
Recht, gefordert worden. Und so droht dann leicht wiederum von 
der Seite der Sittlichkeit der Unterschied beider Bestimmungsweisen 
sich zu verdunkeln und schliesslich aufzuheben. Macht man sich 
aber klar, dass es sich um einen Richtungsunterschied handelt 
und überhaupt nur handeln kann, so wird ebenso der echt philo- 
sophische Zug zur restlosen Vereinigung beider so tief ineinander- 
greifenden Beurteiluugsarten, wie andrerseits die mehr positivistische 
Neigung, beide durchaus getrennt zu halten, begreiflich, aber es 
werden beide zugleich als Einseitigkeiten erkannt, und es bleibt 
schliesslich in reinem Einklang miteinander stehen die konkrete 
Einheit beider Beurteilungsarten und ihre unverwischbare ab- 
straktive Scheidung. 

Mit Stammlers eigenen letzten Voraussetzungen und gerade 
mit dem Wesentlichen seiner Absicht scheint diese Lösung sehr 
wohl vereinbar, ja durch sie geradezu gefordert zu sein. Gerade 
er müsste aus seinen Voraussetzungen einräumen, dass, wenn das 
verbindende Wollen allerdings eine eigene formale Art des Be- 
stimmens begründet, nicht darum auch das getrennte Wollen eine 
solche begründen muss; da die Vereinzelung, wie er selbst so klar 
darlegt, überhaupt nur als „logische Vorstufe" zur Verbindung in 
Frage kommen darf, als faktische Voraussetzung sich kaum aus- 
denken lassen will. Nicht diese phantastische, fiktive Vereinzelung 
des Wollens kann den wissenschaftlich brauchbaren Korrelatbegriff 
des verbindenden Wollens ergeben; sondern da (wie bald noch des 
näheren darzulegen sein wird) die Heteronomie des Rechts doch 
zur Autonomie unwidersprechlich zurückstrebt und aus deren 



Recht und Sittlichkeit. 55 

Standpunkt sich überhaupt nur rechtfertigen kann, so ist die 
richtige Korrelation vielmehr die des Bestimmens vom Gesichts- 
punkt der Heteronomie aus, aber als abzielend auf die Autonomie 
einerseits, vom Gesichtspunkte der Autonomie aus, aber sich spe- 
zifizierend in zunächst heteronome Normierungen andrerseits. 

§ 14. (Die Merkmale des Rechtsbegriffs und ihre 
kategoriale Begründung.) Nicht von gleicher Bedeutung für 
unsere letzte Frage, aber in systematischer Hinsicht doch nicht 
ohne Bedeutung sind die beiden weiteren Unterscheidungsmerk- 
male, durch deren Hinzufügung der Begriff des Rechtes sich voll- 
endet: die der „Selbstherrlichkeit" und der „Unverletzbar- 
keit". Beide verschärfen noch und präzisieren den „verbindenden" 
Charakter des Rechts: die Selbstherrlichkeit (Autarchie) des Rechts 
besagt, dass es dem einzelnen Wollen nicht freistellt, ob es dem 
Rechte unterstellt sein wolle oder nicht, sondern ihm die not- 
wendige Unterordnung unter es auferlegt (I, 13, S. 97). Durch 
dieses Merkmal sondert sich das Recht von der blossen Konven- 
tionalregel, die zur Verbindung des Wollens bloss „einlädt", das 
heisst das Eintreten in sie dem einzelnen Wollen freilässt und nur, 
sofern es in sie eintreten will, ihm die bestimmte Richtung vor- 
zeichnet. Die sachliche Bedeutung dieses Merkmals liegt besonders 
darin, dass es den Charakter des Rechts als Z w a n g s regelung 
rechtfertigt und erklärt. Der Begriff des Zwangs ist hier, wie in 
Klarheit ausgeführt wird, durchaus nicht kausal sondern aus- 
schliesslich final zu verstehen; der Zwang ist kein andrer als der 
praktisch-logische der unverbrüchlichen Unterordnung des ein- 
zelnen Wollens unter das allgemeine Gesetz zu wollen; das Gesetz 
lässt, eben als solches, keine Wahl. Auch der „imperative" 
Charakter, den man dem Recht zuspricht, ist dafür wenigstens 
kein reiner Ausdruck. Gebot und Verbot sind allenfalls Aus- 
strahlungen des Rechtsgedankens, aber nicht konstituierende 
Merkmale desselben (I, 14, S. 104). 

Was aber die „Selbstherrlichkeit" vonseiten der zu verbinden- 
den Willensinhalte ausdrückt, dasselbe, also kurz gesagt die Un- 
verbrüchlichkeit des Rechts, den Ausschluss der Will- 
kür, drückt das letzte Merkmal vonseiten des „zielgebendeu", 
also des verbindenden Wollens selbst aus: das Rechtsgesetz will 
angesehen sein als in „geschlossener" Weise, ein für allemal, nicht 
bloss von Fall zu Fall verbindend (1, 15, S. 105 — 107). Nämlich es ist 
an sich denkbar, einerseits, dass die „Aufnahme des Ziels", für 



56 P. Natorp, 

(las die einzelneu Willeüsinhalte als Mittel verbunden werden 
sollen, vonseiten dieser bloss von Fall zu Fall erfolge, andrerseits, 
dass das zielgebende Wollen selbst nur von Fall zu Fall und nicht 
in bleibender Art einsetzt. Das erstere wird durch die Bedingung 
der „Selbstherrlichkeit", das letztere durch die der „Unverletzbar- 
keit" ausgeschlossen. Diese bedeutet darum nicht Unabänderlich- 
keit des jeweils gesetzten Rechtes (I, 16); nur ist ein gesetztes 
Recht allein so abänderlich, dass beim Wechsel des Inhalts immer 
die gleiche bedingende Weise des Ordnens gewahrt bleibt. Grund- 
sätzlich muss daher das einmal bestehende Recht bestehen bleiben, 
bis es durch anderes, im gleichen Sinne „unverletzbares" Recht 
abgelöst wird. Doch wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass neues 
Recht auch durch Rechtsbruch, oder überhaupt aus rechtlosem 
Zustand, entstehen kann. 

In den besagten vier Merkmalen nun ist der Begriff des 
Rechts — als des „unverletzbar selbstherrlich verbindenden 
Wollens" — abgeschlossen. Es liegt nun nahe, für die Aufstellung 
und Ordnung dieser Merkmale eine kategoriale Begründung 
zu fordern. Ich glaube, dass diese Forderung einerseits unabweis- 
bar, andrerseits unschwer zu erfüllen ist. 

Voraussetzung ist der Unterschied praktischer von theore- 
tischer Objektsetzung überhaupt. Daher ist nicht eine besondere 
konstitutiv-kategoriale Begründung für das Merkmal des Wollens 
zu fordern, sondern es kann hierfür nur die Modalität, nämlich 
die Notwendigkeit praktischer Bestimmung überhaupt, in Frage 
kommen. Durch diese wird in der Tat das gesetzmässige Wollen, 
als das allgemeine Objekt der praktischen Erkenntnis, ebenso kon- 
stituiert, wie durch die Notwendigkeit des Gesetzes im theore- 
tischen Sinne die gesetzmässig bestimmte „Tatsache", als das all- 
gemeine Objekt der theoretischen Erkenntnis. 

Das Merkmal des Verbindens aber ist das genaue prak- 
tische Korrelat der Wechselwirkung, es bezeichnet also die 
praktische Objektsetzung nach ihrem Relationscharakter. 

Die Unverletzbarkeit, als „Geschlossenheit" des ziel- 
gebenden Wollens, drückt die Gesetzmässigkeit der Willensbestim- 
mung nach ihrer qualitativen Bedeutung aus; denn die Ziel- 
einheit eben bestimmt das Wollen, in den Einzelheiten seines 
Inhalts (dessen was zu wollen sei), oder seines realen Gehalts, 
gemäss der Forderung der Kontinuität in einer Gattungseinheit, 
als dem Ursprünge aller inhaltlichen Einzelheiten. 



Recht und Sittlichkeit. 57 

Die Selbstherrlichkeit dagegen, als Forderung der aus- 
nahmslosen Umfassung alles besonderen und einzelnen zu verbin- 
denden Wollens, bezeichnet denselben Gesetzescharakter des be- 
stimmenden Wollens nachseiten der Quantität, die Allgemeinheit 
des Umfangs, in dem es bestimmend sein solle für das jeweilige 
einzelne Wollen. 

Die Richtigkeit dieser, hier einmal auf gut Glück gewagten 
Aufstellungen müsste sich dann natürlich in genauer Durchführung 
durch die ganze reine Rechtslehre bewahrheiten. Ich glaube, 
dass sie sich bewähren ; einiges Hierhergehörige wird weiter unten 
(§ 16) anzuführen sein. 

§ 15. (Vom Gelten des Rechts.) Mit dem verbindenden 
Charakter des rechtlichen Wollens und dessen näheren Bestim- 
mungen hängt eng zusammen die interessante und wichtige Frage 
vom „Gelten" des Rechts (Abschn. II). Ein Recht, im Unter- 
schied von dem Recht, heisst ein besonderes Wollen, das unter 
dem Rechtsgedankeu steht. Dieses ist damit schon „gesetztes" 
oder „positives", aber nicht auch schon „geltendes" Recht. 
Das Positive bedeutet den „bedingten Bestandteil eines beson- 
deren rechtlichen Wollens" (S. 120). Also gibt es, im zweiten 
Sinne des Rechts (als „ein" Recht), überhaupt kein anderes als 
positives, wozu den Gegensatz nur noch der formale Begriff „des" 
Rechts überhaupt bildet. Das positive Recht kann aber sein 
1. geltendes oder nicht geltendes, 2. richtiges oder nicht richtiges 
positives Recht. Diese beiden Gegensatzpaare sind voneinander 
ganz unabhängig: geltendes wie nichtgeltendes Recht kann richtig 
oder nichtrichtig, richtiges wie nichtrichtiges geltend oder nicht- 
geltend sein. Das geltende Recht nun unterscheidet sich durch 
die Möglichkeit der Durchsetzung. — Es bedarf kaum eines 
Wortes, um auch hier die genaue Parallelität mit den Gesetzen 
der theoretischen Erkenntnis zu beweisen: die Gewähr der Tat- 
sächlichkeit ist keine andre als die Durchführbarkeit ihrer 
Voraussetzung in der Gesamtheit der theoretischen Ansätze, die 
für das bis dahin erreichte Stadium der Entwicklung der theo- 
retischen Erkenntnis der „Natur" gelten. Auch hier steht dem 
jeweils tatsächlichen Gelten gegenüber die bleibende „Richtigkeit" 
d. h. Möglichkeit der Behauptung des fraglichen Ansatzes nicht 
bloss im jeweils erkannten Gesetzeszusammenhang, sondern 
auch für die ganze fernere Entwicklung der Gesamtempirie. 



58 P. Natorp, 

Die Frage nach den näheren Bedingungen der Durchsetzbar- 
keit des Rechts (auf die hier nicht einzugehen ist) führt weiter 
auf die Psychologie des Rechts, zu der daher hier einige an- 
regungsreiche Bemerkungen gemacht werden. Nicht die Begrün- 
dung des Rechts darf in der Psychologie gesucht werden, vielmehr 
ist die Psychologie des Rechts selbst nur in Zurückbeziehuug auf 
eiue objektive Deduktion der reinen Rechtsbegriffe möglich (S. 149). 
Ausdrücklich bekennt sich Stammler (S. 160) zur Methodik der 
rekonstruktiven Psychologie, und diese führt auch in den Konse- 
quenzen zu einer der meinigen nahestehenden Grundansicht von 
den subjektiven Bedingungen für den Bestand eines Rechts; näm- 
lich die wesentlichen Voraussetzungen der subjektiven Möglichkeit 
eines Rechtszustands sind: die Bestimmbarkeit des Willens, 
seiner Materie nach, einerseits, eine schon in seiner letzten sub- 
jektiven Wurzel, der Strebung, liegende ursprüngliche Tendenz 
zur Einheit, besonders in Richtung auf soziales Zusammen- 
wirken, andrerseits (vgl. Sozialpäd. S. 155 ff.). 

§ 16. (Die Kategorieen des Rechts.) Zum streng ob- 
jektiven Aufbau der reinen Rechtslehre zurückkehrend unternimmt 
nunmehr Abschn. III die Kategorieen des Rechts in geschlossenem 
System, nach Art und Zahl unwandelbar (S. 192), alle Möglich- 
keiten rechtlicher Gedankenrichtung erschöpfend, als die unter dem 
Gedanken des Rechts überhaupt möglichen Arten allgemein ord- 
nenden Verfahrens aufzustellen; womit erst die Frage in der 
ganzen zu fordernden Strenge sich beantwortet: „wie Jurispru- 
denz als Wissenschaft möglich sei". Denn sie wäre nicht 
Wissenschaft ohne eine solche kategoriale Grundlegung. Die 
Kategorieen ergeben sich, allemal paarweise, aus den vier Mo- 
menten des Rechtsbegriffs, nämlich als 

des Wollens: Rechtssubjekt— Rechtsobjekt; 

des Verbindens: Rechtsgrund— Rechtsverhältnis; 

der Selbstherrlichkeit: Rechtshoheit— Rechtsunterstelltheit; 

der Unverletzbarkeit: Rechtmässigkeit — Rechtswidrigkeit. 
1. In gesetzmässigem Wollen bestimmt der Zweck die 
Mittel; Endzweck aber und Selbstzweck ist allein das Wesen, 
welches fähig ist, seine Zwecke im Sinne unbedingtgültigen Ver- 
fahrens zu richten (S. 196): also das Willens -Subjekt als mög- 
licher Träger eines als Endzweck gültigen Orduungsverfahrens 
(S. 199); mithin, wenn der Wille Rechtswille ist: das Rechtssub- 
jekt. Rechtsobjekt dagegen ist, was als blosses Mittel zu be- 



Kate- 

go- 

rieen 



Recht und Sittlichkeit. 59 

dingten Zwecken unter dem Rechtsgedauken ins Auge gefasst 
wird (S. 198). Subjekt eines Rechts also (wird man zu verstehen 
haben) ist das, um deswillen, als Selbstzwecks, dem Objekte 
nach ein bestimmtes Verhalten rechtlich gefordert ist. Es wird 
daraus z B. gefolgert, dass es grundsätzlich unmöglich ist sub- 
jektlose Rechte anzunehmen (S. 201). Dagegen ist insoweit nichts 
darüber bestimmt, w^er oder was als Rechtssubjekt zu gelten habe; 
ob z. B. alle Rechtserwägung schliesslich auf den Menschen als 
Rechtssubjekt zurückgehen müsse (S. 199), und in welchem näher 
bestimmten Sinne. Das Rechtssubjekt ist überhaupt nicht ein 
Dingbegriff, sondern ein reiner Methoden begriff (S. 200, vgl. 
356, 373); daher die angebliche „Fiktion" (S. 332) der „juristi- 
schen Person" vielmehr eine vollbegründete Anwendung des 
Begriffs des Rechtssubjekts als einer „notwendigen Bedingung zur 
einheitlichen Ordnung der Rechtsgedanken" (S. 356. Dagegen ist 
der Begriff des „subjektiven Rechts" von dem des Rechtssubjekts 
durchaus zu scheiden, S. 381). 

Der idealistische und zwar streng im methodischen Sinn 
idealistische Charakter dieser Aufstellungen braucht kaum be- 
sonders bemerkt zu werden. Da aber Rechtssubjekt und Rechts- 
objekt einfach die Setzung als Zweck und zwar Endzweck einer- 
seits, als Mittel andrerseits vertreten, so ist die Aufstellung in der 
Tat so rein und fundamental, wie es zum kategorialen Charakter 
dieser Begriffe erforderlich ist. Unsern obigen Voraussetzungen 
über die Grundkategorieen der Praktik überhaupt würde die Auf- 
stellung sich in der Art einfügen, dass der bestimmende Zweck 
der Modalitätsstufe der Notwendigkeit (in praktischer Bedeutung), 
das durch ihn zu bestimmende Objekt der der Möglichkeit und (im 
jeweils gegebenen Fall) der Wirklichkeit entspricht. Das prak- 
tisch letzthin Notwendige ist eben nichts andres als der not- 
wendige Bestand der praktischen Gesetzgebung selbst, die nur als 
Autonomie, also in Beziehung auf ein (der Möglichkeit nach) 
sich selbst gesetzgebendes Subjekt (Person) möglich ist. 

2. Nicht minder zweifelsfrei leitet aus dem verbindenden 
Charakter des rechtlichen Wollens das zweite Gegenverhältnis, das 
von Rechtsgrund und Rechtsverhältnis, sich ab. Die Frage 
nach dem Rechtsgrund ist' die nach dem bezweckten Zu- 
sammenwirken; diesem bestimmenden Zweck entspricht, als das 
zu Bestimmende, das Zusammenwirken selbst, also die verbundenen 
Willensinhalte; das „rechtliche Bestimmtsein mehrerer Willens- 



60 P. Natorp, 

Inhalte als Mittel für einander" (S. 204. 205). Es folgt daraus 
z. B., dass es Rechtsverhältnisse nur unter Rechtssubjekten geben 
kann (S. 207). 

Wie auch dies unsern Voraussetzungen entspricht, ist ohne 
weiteres ersichtlich. Es kommt hier wieder die Relationsbe- 
deutung des Rechts, als praktischer Wechselwirkung, zu sehr 
klarem Ausdruck. Allenfalls wäre dabei, als das letzte zu Be- 
stimmende, die dem Rechtsverhältnis entsprechende Handlungs- 
weise des Einzelnen (obwohl als im Rechtsverhältnis mit dem 
Andern Verbundenen) noch ausdrücklich hervorzuheben; mitver- 
standen ist sie gewiss. 

3. Der Selbstherrlichkeit des Rechts entsprechen die Kate- 
gorieen der Rechtshoheit, als der „Gedankenrichtung eines 
rechtlichen Wollens, nach der es den Zweck seines Bestimmens 
in sich trägt", und der Rechtsunterst elltheit, d. h. ;;Ein- 
ordnung rechtlich verbundener Willensinhalte als Mittel für ein 
verbindendes Wollen" (S. 209); was, wenn es nicht allzu nah 
heranrücken soll an das, was durch die Kategorieen des Rechts- 
subjekts und des Rechtsverhältnisses schon zum Ausdruck gebracht 
war, wohl im bestimmten Sinne der allgemeinen Subsump- 
tion zu verstehen ist; eine „sich gleichbleibende Richtung des 
Erfassens und Sichtens", heisst es z. B. S. 211; und überhaupt 
durchweg ist die Unter- und Überordnung, also die Subsumption, 
hier der massgebende Gesichtspunkt. Daher ist man wohl be- 
rechtigt, als den kategorialen Grundcharakter der aus dem dritten 
Merkmal des Rechtsbegriffs abgeleiteten Grundbegriffe den der 
Quantität anzunehmen. 

4. Einer kleinen Korrektur bedarf allenfalls die Aufstellung 
des vierten Kategorieenpaares. Nämlich in dem Gegensatze der 
Rechtmässigkeit, als Übereinstimmung, und der Rechtswidrig- 
keit, als des Widerspruchs der zu verbindenden Willensinhalte 
mit dem sie verbindenden (verbinden wollenden) rechtlichen 
Wollen soll das Merkmal der Unverletzbarkeit sich ausprägen. 
Aber es will ja diesen Widerspruch vielmehr ausschli essen. 
Unter den drei übrigen Titeln stand allemal zur linken das be- 
stimmende Prinzip des Rechts, zur rechten das, was durch es zu 
bestimmen sei: das Rechtssubjekt als End- und Selbstzweck be- 
stimmt das Rechtsobjekt als Mittel, der Rechtsgrund das Rechts- 
verhältnis, die Rechtshoheit die Rechtsunterstelltheit. Dement- 
sprechend sollte auch in der vierten Korrelation eher auf der 



Recht und Sittlichkeit. 6l 

rechten Seite die „Rechtmässigkeit" stehen, mit der durch einfache 
Negation auch die Rechtswidrigkeit ohne weiteres gegeben ist; auf 
die linke Seite dagegen gehört das diese Bestimmende, also die 
unverbrüchliche Verpflichtungskraft des Rechts. Es ist, 
wie die Ausführungen (III, 18 und V, 7) klar erkennen lassen, 
wesentlich an die Durchführung des Rechts und die Be- 
richtigung des rechtswidrigen Verhaltens, an den Rechts- 
schutz, nach Bindings Ausdruck die Rechts bewährung ge- 
dacht; daher begreift sich, dass der Gedanke an die Negation, 
an die Rechtsverletzung und deren Wiederausgleichung sich 
hier besonders aufdrängt. Aber wenn gewiss der Negation gerade 
hier eine berechtigte Erwägung zufällt, so dürfte es sich doch in 
letzter Instanz nur um die Negation der Negation, also 
die Berichtigung oder auch Vorbeugung (S. 258) handeln, die 
als „Bewährung" sich zutreffend nach ihrem wesentlich doch 
positiven Sinn ausdrückt. Was aber ist zu bewähren? Das 
Recht selbst, als Verpflichtung, oder, wenn man alles 
Subjektive abstreift: als Schuldigkeit, in dem Sinne : was 
man zu tun oder zu lassen schuldig sei ; allgemein also dass 
man schuldig sei das Recht zu beobachten. 

Das mag nun weit abzuliegen scheinen von dem, was wir 
oben als die kategoriale Bedeutung des Merkmals der Unverletz- 
barkeit uns klarzumachen suchten. Und doch muss die Aufstellung, 
wenn sie zutreffend sein soll, den wesentlichen Sinn dieses Merk- 
mals genau ausdrücken, welcher war: die aller Willkür entzogene, 
geschlossene Einheit der rechtlichen Bestimmung, vonseiten 
des gesetzten Zweckes selbst, also dem Inhalt nach, nicht 
bloss vonseiten der ihr zu subsumierenden einzelnen Willensbestim- 
mungen (was ja schon die Rechtshoheit und Rechtsunterstelltheit 
ausdrückt). Aber die Kontinuität der inhaltlichen Be- 
stimmungen des Rechts, die, im logischen Sinne, das Gesetz 
seiner Qualität nach bezeichnet, ist das, worauf es hier entscheidend 
ankommt. Daher darf nicht die blosse Erwägung, dass über- 
haupt das Recht sich jeder vonseiten des Rechtsunterstellten 
etwa versuchten Negation gegenüber zu behaupten, sie wiederum 
zu negieren habe, hier sich vordrängen, sondern es muss der Ge- 
sichtspunkt massgebend bleiben, dass vonseiten des verbindenden 
Willens selbst die I n h a 1 1 s e i n h e i t , die innere Kontinuität 
dessen, wozu er verbindet, in Strenge zu behaupten, also 
jede Diskontinuität auszuschliessen sei. Diesem Ge- 



62 P. Natorp, 

Sichtspunkt aber unterstellt sich in der Tat in aller Klarheit eben 
die „Bewährung" des Rechts gegen jede versuchte Verletzung, die 
als Rechtsbruch in der Tat Störung der Kontinuität, dem Inhalt 
nach, und nicht nur Weigerung der Rechtsunterstelltheit (das wäre 
ein bloss quantitativer Abzug an der Rechts h o h e i t) be- 
deutet. Übrigens ist für den Qualitätscharakter der hier fraglichen 
Grundbegriffe des Rechts doch auch gerade der Umstand be- 
stätigend, dass genau an dieser Stelle die Rücksicht auf die mög- 
liche Negation des Rechts unabweislich wird: erklärt sich doch 
überhaupt die Eigenart der Negation aus dem Gesichtspunkte der 
logischen Qualität. Unter diesem Titel stehen bei Kant, wie man 
sich erinnert: Bejahung, Verneinung, Limitation, wobei die 
letztere (in der Ausführung anfechtbar, in der Tendenz dennoch 
richtig) die Neuerzeugung einer vertieften Bejahung aus der Ver- 
neinung (nämlich Verneinung der Verneinung) bedeutet. Die Rechts- 
verletzung ist Verneinung, streng im Qualitätssinn: Brechung, 
Unterbrechung der Kontinuität, die Reparation deren Wiederher- 
stellung. Also handelt es sich in der Tat um die Behauptung 
nicht nur des quantitativen Bereiches der Rechtshoheit (dass kein 
einzelnes Wollen sich ihr entziehe), sondern der Inhaltseinheit 
des Rechts, gegenüber aller versuchten Zerreissung derselben ; also 
um die Behauptung seines Qualitätscharakters; sodass also auch 
hier unsere kategoriale Begründung der Rechtsbegriffe sich be- 
währt und zur weiteren Klärung hilft. Angemerkt sei hierbei 
noch, dass Stammler den Begriff der Strafe als einen reinen 
Grundbegriff des Rechts (ebenso wie den des Zwangs im kausalen 
Sinn, s. o.) mit nicht geringerer Entschiedenheit ablehnt als 
(z. B.) Cohen (S. 259 ff.). An ihre Stelle tritt also einfach die 
„Berichtigung". 

Übergangen werden dürfen die an die Kategorieenlehre sich 
anschliessenden Ausführungen über die reinen rechtlichen Begriffe 
abgeleiteter Art (III C) und die unter den Grundkategorieen sich 
ergebenden Hauptaufgaben des Rechts (III D), obgleich dabei so 
wichtige Begriffe wie der der Rechtshandlung und der rechtlichen 
Zurechnung (16) zur Sprache kommen; desgleichen übergehen wir 
die ganze Lehre von der Methodik der Rechtswissenschaft (IV). 
Dagegen fordert wenigstens ein kurzes Verweilen die Untersuchung 
über das System des Rechts (V), sofern sie den Bestand einer 
(einzelnen) Rechtsordnung und ferner die Frage der Ausdeh- 
nung des Rechts betrifft; denn diese Betrachtungen haben näheren 



Recht und Sittlichkeit. 63 

Bezug anf das, was dann als wichtigster Fragepunkt uns noch zu 
beschäftigen haben wird: die Idee des Rechts und die Möglich- 
keit seiner Entwicklung im Gange der Geschichte, 

§ 17. (Das System des Rechts.) Eine einzelne Rechts- 
ordnung (V, 8), als „eigenes begrenztes Ganzes" (S. 384), ist 
nicht mehr aus reinen Begriffen des Rechts zu bestimmen (S. 385), 
sondern ist schon eine Anwendung derselben und zwar gemäss 
den Einteilungsgesichtspunkten, die unter dem Begriff des objek- 
tiven Rechts sich ergeben und die ihrerseits aus den Kategorieen 
des Rechtsgrundes und der Rechtshoheit sich ableiten. Sie be- 
deutet demgemäss den „Inbegriff von objektivem Rechte, der in 
seiner Einheit als Rechtsgrund alles darunterstehenden rechtlichen 
WoUens gedacht ist" (S. 386 f.). Die Rechtsordnung wird dem- 
gemäss vorgestellt als unabhängig nach aussen, voll bestimmend 
nach innen. Ob eine solche Rechtsordnung „existiert", entscheidet 
sich nach den Erwägungen über das Gelten, d. h. nach der Mög- 
lichkeit der Durchsetzung (S. 387). Vergebens versucht man die 
bestimmte Rechtsordnung auf einen vermeintlich unabhängig von 
ihr feststehenden, wohl gar absoluten Begriff einer realen leiblich- 
geistigen Einheit des „Volkes" zu gründen. Ein Volk ist viel- 
mehr eine Gesamtheit unter einer Rechtsordnung vereinigter 
Menschen, sein Begriff beruht also vielmehr selbst erst auf dem 
der Rechtsordnung. Ebensowenig fördert hier der Begriff der 
Nationalität. Denn fragt man, was der Begriff des Nationalen 
selbst bedeute, so ist es „noch nicht gelungen ihn in etwas an- 
derem zu sehen als in dem Wollen des Zusammenstehens" 
(S. 393). Die Nation deckt sich nicht mit dem Rechtsverband, 
sie bedeutet nicht nur Rechtseinheit, sondern daneben noch vieles 
andere. Schon darum kann sie die Rechtsordnung nicht be- 
gründen. Sie gehört durchaus der beding'ten Betrachtung 
innerhalb der Sphäre des verbindenden Wollens überhaupt an. 
Dagegen deckt sich wirklich mit dem Rechtsverband der Staat. 
Aber auch er bedingt nicht erst das Recht, sondern wird durch 
es bedingt; ein Staat ist nichts als eine besonders geartete Rechts- 
ordnung (S. 397). Schliesslich aber kann es bei irgendeiner räum- 
lich abgegrenzten Rechtsordnung überhaupt nicht sein Bewenden 
haben. Denn da dem Rechte an sich das Ganze des sozialen 
Lebens untersteht (V, 15), da keine „natürliche" (ausserrecht- 
liche) Freiheit unter sozialer Erwägung anzuerkennen ist, 
sondern nur die verhältnismässige, welche das Recht selbst be- 



64 P. Natorp, 

Stimmt (S. 419), so kann ein (rechtloser) Naturzustand überhaupt 
nur in vorbereitender, nicht abgeschlossener wissenschaftlicher Er- 
wägung zugelassen werden; welche letztere aber eben auf die 
Notwendigkeit verbindenden Wollens zwingend hinführt (S. 424f.). 
Auch alle Erwägung über staatlose Gebiete (mare liberum u. dgl.) 
führt höchstens wiederum auf eine nur verhältnismässige Freiheit, 
die als solche selbst nach rechtlichem Wollen zu bestimmen ist 
(S. 426). Besonders die zwischenstaatlichen Beziehungen fordern 
wiederum neue rechtliche Regelung. Die Zerlegung des möglichen 
Rechtsinhalts in einzelne Rechtsordnungen ist überhaupt nur eine 
bedingte Betätigung des rechtlichen Wollens; sie ist in ihrer be- 
grenzten Gestalt nur eine zufällige Erscheinung gegenüber der 
bleibenden Form des Begriffes vom Recht, und sie kommt in ihrer 
Vereinzelung der Aufgabe der besonderen Ausführung des Rechts- 
gedankens nur in unvollständiger Weise nach (S. 431). Die Über- 
ordnung eines höheren Rechts über den verschiedenen Rechts- 
kreisen wird auch stillschweigend immer vorausgesetzt; ein ver- 
bindendes Wollen also, das als ein rechtliches über jenen stehe 
(S. 432). Zum vollen Begriff der Souveränität eines Staates, 
als einer rechtlichen Unabhängigkeit, ist gerade erforderlich, 
dass er mit anderen Staatswesen unter einem sie verbindenden 
Wollen stehe. „Damit ist nun der Begriff eines Weltrechtes 
eingebracht", als eines Rechtes, „das von dem Gedanken des ein- 
heitlichen Zusammenhanges alles besonderen Rechtes getragen ist. 
Dieses Weltrecht ist nicht erst zu fordern, oder gar zu erfinden, 
es ist schon da und nur in den geschichtlich vorliegenden 
Äusserungen des rechtlichen Wollens zu entdecken ... Es ist 
sonach nicht an dem, dass alles Recht vom Staate abzuleiten und 
abhängig wäre, ... es steht vielmehr gerade umgekehrt" (S. 433). 
Die besondere Rechtsordnung vermag eben in ihrer Vereinzelung 
nicht ein unbedingtes Ende darzustellen; es kann aber in der Be- 
währung des unbedingt einheitlichen Rechtsbegriffs nicht an einer 
zufälligen Verwendung von ihm haltgemacht werden. Selbst das 
„Völkerrecht" genügt der hier sich erhebenden letzten Forderung 
noch nicht, da es sich zu sehr auf eine Beziehung unter den 
Staatswesen moderner Beschaffenheit zurückzieht und nur diese 
in einer neuen, wiederum bedingt abgegrenzten Staatengemein- 
schaft vereinigt, die regelmässig noch irgendwelche daneben be- 
stehenden selbständigen Rechtsverbände oder einzelnen Menschen 
von sich ausschliesst (S. 434). Demgegenüber muss der Begriff 



Recht und Sittlichkeit. 65 

des Weltrechtes, wenn auch nur als der Gedanke des unbedingt 
möglichen Ordnens alles einzelnen Rechtes und aller besonderen 
Rechtsordnungen in einer zusammenfassenden Weise, behauptet 
werden (S, 435). 

Mit dieser Erwägung der „Unbegrenztheit des Rechtes", 
in welcher der Gedanke der „Allheit" siegreich durchdringt und 
jede zufällige Beschränkung des Rechtsgedankens überwindet, 
rechtlose Willkür auch in zwischenstaatlichen Beziehungen grund- 
sätzlich ausschliesst, sind wir nun an die zweite grosse Aufgabe 
der Rechtsphilosophie schon dicht herangekommen: die der Auf- 
stellung der Idee des Rechts (VI). 

§ 18. (Die Idee des Rechts.) Es handelt sich bei der 
Idee (wie schon festgestellt wurde) nicht um einen Endzweck, im 
Sinne eines zu verwirklichenden Zustandes (S. 439), also auch um 
kein „Ziel" im gewöhnlichen Sinne (S. 444), sondern, ebenso wie 
beim Begriff des Rechts, um ein ordnendes Verfahren, nur in 
einer neuen Richtung, oder gleichsam in einer neuen Dimension: 
sei der Begriff des Rechts der Mittelpunkt, um den die Rechts- 
fragen nach der Weise konzentrischer Kreise gelagert sind, so 
erhebt sich die Idee darüber gleichsam als die Spitze des 
Kegels, zu der von jedem Punkte der Kreisfläche feste Richtlinien 
führen (S. 441). Was besagt dies ohne Gleichnis? Man denkt 
sich ein Wollen, das von allen blossen Einzelheiten frei sei und 
seine massgebliche Bestimmtheit nur durch die feste Richtung, 
nicht durch irgend ein' begrenztes Ziel als solches erhalte. Denn 
gerade um als Richtmass für alles besondere Wollen eintreten zu 
können, muss es selbst etwas anderes als das letztere sein, darf 
es nichts bedeuten als den reinen Gedanken einer sich stets 
gleichbleibenden Art und Weise des Richtens (S. 443). Die Idee 
ist der Gedanke der unbedingten Einheit des Wollens, gegen- 
über aller bedingten Besonderheit desselben. Diese Einheit drückt 
sich aus als Idee des freien Wollens (S. 445), oder als Willens- 
reinheit, oder als Vernunftgemässheit des Wollens. Die Idee 
mag zunächst negativ erscheinen, denn das erste, was unter ihr 
klar wird, ist freilich, dass ein bedingtes Wollen die Idee des un- 
bedingt reinen Wollens nie erfüllen kann. Aber die Idee hat den 
bedingten Inhalt des Wollens zu leiten, zu richten, messend zu 
beurteilen (S. 449). Die Freiheit des Wollens bedeutet nicht Ur- 
sachlosigkeit, sie besagt überhaupt nichts über das Werden des 
einzelnen Wollens, sondern sie besagt eine feste, bleibende, lo- 

KantBtndien XVIII. c 



66 P. Natorp, 

gisch-systematisch unabhängige Form des ürteilens nach der 
RichtHnie des in seiner Reinheit festzuhaltenden Gedankens 
eben der unbedingten Einheit (Richtungseinheit) des Wollens. 

Und zwar, sofern es sich um das verbindende Wollen handelt, 
wird die Idee des „reinen" Wollens zu der der rein gewollten 
Gemeinschaft (S. 471 f.), der Gemeinschaft frei Wollender 
(S. 471), oder kurz: der reinen Gemeinschaft (S. 474). Sie 
besagt, dass nicht zwei oder mehr Willensinhalte, die für sich ge- 
trennt daständen, je für sich nach dem Grundgesetze des Wollens 
gerichtet und dann äusserlich zusammengehalten würden, sondern 
dass die gemeinsame Zwecksetzung, die in dem „verbindenden 
Wollen" ihren begrifflichen Ausdruck findet, als ein einziges, 
logisch eigenartiges Streben dem idealen Gedanken der reinen Ge- 
meinschaft unterstellt, an ihm gemessen und von aller bloss be- 
dingten, begrenzten Bedeutung befreit werde (S. 472), an keinem 
endlichen Punkte mehr ihre notwendige Grenze finde (S. 478). 
Die Idee der reinen Gemeinschaft bezeichnet diese rein als Me- 
thode, als „abgezogene Art und Weise des Ordnens", das Ideal 
als den freilich nur gedachten Zustand, der jenem Ordnuugs- 
prinzipe voll entsprechen würde (S. 474). Unter diesem wie 
unter jenem Ausdruck aber handelt es sich nicht um ein zu er- 
reichendes Ziel, sondern rein um den Begriff der sozialen Gesetz- 
mässigkeit als solcher (S. 475). Auch um eine Forderung handelt 
es sich wenigstens unmittelbar nicht, sondern rein um eine Be- 
griffsbestimmung. Das soziale Ideal, als Formel für den Gedanken 
der reinen, unbedingten Gesetzmässigkeit des verbindenden Wollens, 
zeigt die Möglichkeit eines richtigen Rechts, aber fordert ein 
solches von sich aus nicht. 

Eines richtigen Rechts: denn mit der Idee des Rechts ist 
der Gedanke seiner möglichen Richtigkeit oder Unrichtigkeit schon 
gegeben. Mag noch so streitig sein, was im gegebenen Fall das 
Richtige ist, der Begriff der Richtigkeit selbst verändert sich in 
seiner formalen Bedeutung nie (S. 478), er ist durch den Gedanken 
der reinen Gemeinschaft klar bestimmt. Auch was naturgesetzlich 
für wahr zu erachten sei, ist im besonderen streitig, aber dadurch 
wird der Begriff der Gesetzmässigkeit nie wankend und auch die 
Möglichkeit, ein besonderes Naturgesetz mit objektiver Gültig- 
keit aufzustellen, nicht zweifelhaft (S. 478). So ist es auch hier ; 
es ist im ganzen sehr wohl möglich, in kritisch geklärter Methode 
einen überzeugenden Beweis dafür zu erbringen, dass die Rieht- 



Recht und Sittlichkeit. 67 

linieu eines besonderen rechtlichen Wollens von der Idee des 
Rechtes geleitet sind oder von ihr abweichen; im ersteren Falle 
ist in dieser Sachlage „richtiges" Recht festgestellt (S. 480). Nur 
bedeutet diese „objektive" Richtigkeit nicht auch absolut mass- 
gebliche Bedeutung, sondern diese Eigenschaft besitzt allein die 
Idee des Rechts als reine Form des Richtens (S. 481). 

§ 19. (Nochmals die Beziehung der Sittlichkeit 
auf das getrennte Wollen.) Kann bis soweit die streng 
idealistische Gedankeneinstellung auch in diesen Aufstellungen un- 
möglich bestritten werden, so steht dagegen auch hier wieder 
störend neben der Richtigkeit rechtlichen Wollens noch eine Richtig- 
keit sittlicher Lehre, als bezüglich auf das getrennte 
Wollen des Einzelnen für sich (S. 450 ff.). Immer beruft sich 
die Begründung darauf, dass doch das verbundene Wollen eine 
eigene Art der Erwägung fordere; was wir nicht bestreiten. Aber 
nichts wird dafür beigebracht, dass daneben dem getrennten Wollen 
noch ein eigeugeartetes logisches Verfahren entsprechen müsse. 
Vielmehr wird ausdrücklich anerkannt: zu dem Inhalte meines 
Bewusstseins gehört auch seine Beziehung zu dem des Bewusst- 
seins Anderer (S. 451). Wir behaupten: sie gehört so wesentlich 
dazu, dass es ein Ich ausser dem Gegen Verhältnis zum Andern 
unter praktisch-gesetzmässiger Erwägung gar nicht gibt. Dann 
aber muss die besondere Gesetzgebung für getrenntes Wollen fallen. 

Die Ziele — das erkennt Stammler selbst an — gehen 
stets auf Beziehungen unter Menschen ; aber das Bestimmen 
(nach der Zweckbeziehung) könne das Wollen des Einzelnen für 
sich oder das gemeinsame Wollen betreffen. Z. B. die Frage 
des Zürnens einem Anderen gegenüber könne nur als Bestimmung 
der wünschenden Gedanken eines jeden in getrenntem Wollen be- 
griffen werden, dagegen die des Tötens beziehe sich auf die Ge- 
meinsamkeit im Zusammenwirken (S. 450 f.). Aber das auf den 
Andern bezügliche Wollen des Einzelnen ist eben in Hinsicht der 
Wechselbeziehung (die in jedem Fall Wechselbeziehung Wollender 
und in Hinsicht des Wollens ist) gesetzmässig zu bestimmen ; also 
gibt es gar nicht die von der sozialen getrennte, auf das Wollen 
des Einzelnen für sich (als zu bestimmendes Objekt) beschränkte 
Bestimmungsart, und kann sie gar nicht geben. 

Überhaupt nicht im Inhalte des Wollens darf die methodo- 
logische Unterscheidung, um die es sich handelt, gesucht werden; 
Inhalt der Willensbestimmung sind, wie Stammler ja anerkennt, 

6* 



6Ö P. Natorp, 

in jedem Fall wechselseitige Beziehungen. Sondern der metho- 
dische unterschied kann allein liegen in der Richtung des Be- 
stimmens: von der Autonomie zur Heteronomie oder — wie 
Stammler selbst es für die rechtliche Bestimmung richtig behauptet 
(S. 209) — von der Heteronomie zur Autonomie. 

Als erstes Gesetz sittlicher Lehre stellt Stammler das der 
inneren Lauterkeit auf; es ist „von der Idee des freien WoUens 
hergenommen und bedeutet diese selbst in ihrer Betätigung bei 
der Aufgabe eines gesetzmässig gerichteten Innenlebens" (S. 453). 
Wir würden statt dessen sagen: bei der Aufgabe eines gesetz- 
mässig, und zwar von innen her gesetzmässig zu richtenden 
Lebens. Von innen her, das heisst: aus „kritisch begründeter 
Selbsterkenntnis" (S. 454). Sehr wohl ; aber dieses „Selbst" 
gibt es, in „kritischer Begründung", nur als „reines", und das 
heisst schon nicht mehr : getrenntes oder je zu trennendes ; ein 
solches Merkmal träfe allenfalls nur auf das Individuum als empi- 
risches zu ; ob auch nur da, braucht nicht erst gefragt zu werden, 
da wir es mit diesem hier gar nicht zu tun haben. 

Auf den Grundsatz der Lauterkeit werden zwei weitere ge- 
stützt: der der Wahrhaftigkeit — dass kein Gegensatz bestehen 
dürfe zwischen Sein und Scheinen — und der der Vollkommenheit 
— dass keine Einzelheit im Mittelpunkte des Wollens stehn, kein 
bedingtes Mittel zum Endzweck gemacht werden dürfe. Beim 
ersteren macht sich Stammler selbst den Einwurf, ob nicht mit 
dem Grundsatze, nicht anders äusserlich zu erscheinen als man 
wirklich sein kann und will, schon die soziale Beziehung voraus- 
gesetzt werde; das sei aber nicht der ITall, es handle sich dennoch 
hier um die rechte Gestaltung des Innenlebens ; darum, dass schon 
in dem Wollen für sich selbst keine Absplitterung erfolgen dürfte 
etc. — Indessen man hat für sich selbst nur zu wollen, was für 
jeden Andern. Die Beschränkung der Willensbestimmung, der 
Materie nach, auf das eigne Ich ist aus dem Standpunkte der 
reinen praktischen Idee von vornherein unzulässig. Es gibt keine 
eigne Verpflichtung gegen sich selbst, unterschiedlich vom 
Andern, sondern nur Verpflichtung gegen das Gesetz — oder 
strenger gesprochen : zufolge des Gesetzes der reinen prak- 
tischen Vernunft überhaupt. Diese Verpflichtung erstreckt sich, 
der Materie nach, gewiss auf den Wollenden selbst ebenso wie 
auf jeden Andern, in der Tat in gar keiner andern methodischen 
Art und Begründung auf ihn wie auf Andre. Vollends, wenn nach 



Recht und Sittlichkeit. 69 

dem Grundsatze der Vollkommenheit keine Einzelheit im 
Mittelpunkte des Wollens stehen darf, so ganz gewiss auch nicht 
das einzelne wollende Subjekt, unterschiedlich vom andern. 
Im Mittelpunkt, mag man sagen, steht das Selbst ; aber dann 
eben das reine, das nicht mehr meines als jedes Andern ist. 

Die Arbeit, die mit diesen Grundsätzen dem Menschen 
aufgegeben wird, müsse doch jeder Einzelne selbst verrichten, 
sagt Stammler; niemand könne sie ihm abnehmen, auch der staat- 
liche Gesetzgeber nicht. Sie bieten die Möglichkeit der grund- 
sätzlichen Vervollkommnung nur dem Einzelnen für sich in seinem 
getrennten Wollen, und seine Sache sei es ganz allein, dem un- 
bedingten Ziele der inneren Lauterkeit in stetem Entschlüsse sich 
hinzugeben (S. 456). — Gewiss hat jeder zuerst an sich selbst 
zu arbeiten; aber ebenso gewiss doch auch am Andern, und Andre 
an ihm; wahrlich auch der Staat durch seine Gesetzgebung, die 
überhaupt keine ernstere Aufgabe hat. Aber allgemein ist das 
hier nicht die entscheidende Frage, wem die Arbeit an der ge- 
setzmässigen Gestaltung des Wollens zufalle, sondern 1. ob sie ihr 
Ziel im Einzelnen getrennt für sich, oder im „Reiche" der 
Geister zu suchen, und 2. von welchem Gesichtspunkte aus 
sie sich zu bestimmen habe. Die erstere Frage kann nur im 
Sinne der Gemeinsamkeit entschieden werden ; weil aber und sofern 
das Ziel gemeinsam, wird es im letzten Betracht wohl auch die 
Arbeit auf es hin sein müssen. Bei der zweiten Frage ergibt sich 
ein Unterschied, nämlich jener methodische Unterschied der Be- 
stimmungsrichtung , den wir von Anfang an behauptet haben, 
der aber nicht zutreffend als der der Bestimmung des Wollens 
des „Einzelnen für sich" und des gemeinsamen Wollens definiert 
wird, da hier gar nicht das zu bestimmende Wollen, sondern das 
bestimmende, und der Gesichtspunkt, unter dem die Bestimmung 
zu geschehen habe, der Punkt der Frage ist. 

Seiner Voraussetzung getreu unterscheidet Stammler weiter- 
hin zwischen Begriff und Idee der Moral ebenso wie des Rechts. 
Es gebe also unrichtige, nämlich heteronome, und richtige d. h. 
nach unbedingt gültiger Methode gerichtete, also autonome Moral, 
ebenso wie heteronomes gegenüber autonomem Recht; falsch da- 
gegen sei es, den Unterschied von Recht und Moral als den des 
heterouomen und autonomen Wollens zu definieren. — Hieran ist 
soviel richtig, dass das Recht, obgleich stets heteronom in seinem 



70 P. Natorp, 

Ausgangspunkt, auf Autonomie notwendig hinzielt, und als „rich- 
tiges" nur von Standpunkte und im Sinne der Autonomie zu be- 
gründen ist. Allein man kann darum, auf der einen Seite, doch 
nicht sagen: heteronomes Recht ist unrichtiges Recht, oder 
schlechtweg Unrecht. Denn auch das jeweils richtigste Recht 
bleibt immer nur bedingt richtiges, also nie unbedingt autonomes. 
Auf der andern Seite aber ist gerade in der Richtung der Auto- 
nomie noch über Stammler hinaus zu behaupten: wenngleich das 
Recht keineswegs schon seinem Begriffe nach autonom ist (viel- 
mehr seinem Begriffe nach, als äusserlich verbindendes, von 
der Heteronomie nie absolut loszukommen vermag — absolute 
Autonomie würde gar keiner äusseren Bindung mehr bedürfen noch 
sie sich gefallen lassen können), so gibt es doch gar kein Recht 
anders als unter der Idee der Autonomie; denn alles „gesetzte" 
Recht untersteht ebenso notwendig und unbedingt der Idee 
wie dem Begriff des Rechts, gleichviel ob und wieweit, es diese 
Idee erfüllt. Auch das schlechteste Recht muss darum zum 
wenigsten den Schein aufrechthalten, als ob es der Idee des 
Rechts entspreche, da es sonst die unbefangene Vernunft aller, 
die es verbinden will, gegen sich empören würde. So ist es in 
bestimmtem Sinne wiederum richtig zu sagen: es gibt kein hete- 
ronomes Recht, d. h. keines, welches die Autonomie grundsätzlich 
verleugnete. So aber vollends keine heteronome 
Moral, die, wenn auch als schlechte, doch überhaupt als eine 
Moral sich behaupten dürfte. Denn wenn das Recht als Recht 
zwar nicht endgültig aber doch in seinem Ausgangspunkte hete- 
ronom ist, so bedeutet dagegen Moral als solche autonome Be- 
stimmung; Bestimmung allermindestens, und zwar unmittelbar, 
unter dem Gesichtspunkte der Autonomie. Eine sittliche „Maxime", 
Andre zu beneiden, zu hassen, zu verachten (S. 457), wäre eine 
sittliche Maxime der Unsittlichkeit, wäre die sich offenkundig 
widersprechende Behauptung, dass eine in sich einheitswidrige 
Willensbestimmung einheitsgemäss sei; also nicht „eine Moral, 
wenngleich eine schlechte", sondern die Verneinung aller Moral, 
der schlichte Widerspruch gegen sie — als welchen sicher auch 
der, der eine solche „Maxime" aussprechen würde, sie selbst zu 
bezeichnen nicht anstehen würde. Dagegen kann ein „Recht" 
der Sklaverei, oder der Todesstrafe, oder des Krieges Jahrhunderte 
und Jahrtausende hindurch in gutem Glauben als „Recht" in An- 
sehen bleiben, ehe es als unrichtiges Recht klar bezeichnet und 



Recht und Sittlichkeit. 71 

in genügender Allgemeinheit eingesehen, bekämpft und zuletzt — 
vielleicht, vielleicht auch nicht — überwunden wird. 

Voll im Rechte ist ja Stammler, wenn er in Beantwortung 
der Kritik Cohens (VI, 10) es zurückweist, dass er das Recht von 
der Sittlichkeit habe loslösen und für sich „richtig machen" wollen, 
ohne den Grund der Richtigkeit in der Ethik festzulegen und fest- 
zuhalten (Cohen, Eth. ^214, in 2. Aufl., S. 225: „unzweideutig 
in der Ethik zu suchen, zu legen und festzuhalten"). Über allem 
menschlichen Wollen steht ihm, und stand ihm auch früher, „als 
Leitstern die Idee der Willensreinheit"; sie beherrscht alle Mög- 
lichkeiten der Zwecksetzung ausnahmslos. Es gibt nicht zwei 
Gesetzmässigkeiten des Wollens, sondern nur ein einziges „mora- 
lisches Gesetz", wie Kant es nennt, dessen Bewährung nun 
„im Abstiege zu den Einzelfragen verschiedene Aufgaben 
vorfindet", nämlich diese beiden obersten der Ordnung des „sitt- 
lichen", als getrennten, und des „sozialen", als verbundenen 
Wollens, deren Unterschied nicht auf einer Verschiedenheit der 
darüberstehenden Gesetzmässigkeit beruht, sondern auf einer 
Trennung nach begrifflichen Merkmalen in allgemein gegebene 
Klassen des Wollens, „auf die die systematische Ethik, als Lehre 
von dem freien Wollen, in einheitlicher Bedeutung anzuwenden 
ist" (S. 488 f.). Die Einwendungen Cohens in dieser Beziehung 
als Folgen eines blossen, nur durch die Verschiedenheit des Wort- 
gebrauchs (s. S. 495 und 67, 303) und allenfalls einzelne minder 
deutliche Wendungen des Ausdrucks entschuldbaren Missverständ- 
nisses zu bezeichnen ist Stammler vollberechtigt. Auch in der 
weiteren Replik ist beinahe alles, was die Gesetzlichkeit des 
Rechts als die des verbindenden Wollens angeht, zutreffend und 
bedarf nach allem Gesagten für uns keiner neuen Beleuchtung 
mehr. Nicht überzeugend aber bleibt auch hier die parallele Be- 
hauptung einer selbständigen Aufgabe der „sittlichen Lehre" im 
Sinne der Gesetzesordnung getrennt betrachteten Wollens. Es sei 
„nicht wahr, dass es keine wünschenden Gedanken ohne Handlung 
geben könne." Aber das ist nicht die Frage, sondern ob der 
Wunsch, der in jedem Fall Wunsch des Handelns ist, in grund- 
sätzlich anderer Erwägung der Idee des freien Wollens zu unter- 
stellen sei als die Handlung selbst; eine Frage, die auch vom 
Recht, überall wo das Wünschen in den Bereich seiner Erwägung 
überhaupt kommt, fraglos verneint wird und wohl von jeher ver- 
neint worden ist. Es beurteilt Absicht und Vorsatz gewiss nicht 



72 P. Natorp, 

gleich der Tat, aber es nimmt auf sie alle Eücksicht im Urteil 
über die Tat, und beurteilt sie, in einer zusammenhängenden 
Erwägung mit dieser, als Vorstufen zu ihr, d. h. unter denselben 
obersten Gesichtspunkten. Und so verfährt es nicht bloss zufällig 
oder gar irrtümlicher Weise, sondern aus dem unabweislichen 
Grunde, dass man zuletzt eben „kein Einzelner ist"; dass die 
Vereinzelung des Wollens, welche die logische Voraussetzung der 
(i. e. S.) sittlichen Erwägung nach Stammler bilden soll, in Hin- 
sicht der gesetzlichen Bestimmung der Handlung über- 
haupt keine zulässige Voraussetzung ist. 

Stammler selbst kommt übrigens in einer das „richtige 
Wollen des vereinzelten Menschen" besonders betreff enden Erörterung 
(II, 11) dieser Einsicht ganz nahe, indem er nicht nur (nochmals, 
s.o. S.50U.54) anerkennt, dass die Vorstellung gänzlicher Vereinzelung 
überhaupt nur eine vorläufige Annahme in der Unter- 
suchung der Mittelreihe des wirkenden Wollens sein kann, die 
„bei sicherem Ausdenken folgerichtig zu dem Begriffe des ver- 
bindenden Wollens führt" (S. 499), sondern selbst schon in der, 
notwendig in den Blickpunkt des Individuums sich stellenden, 
Tugend- oder Pflichtenlehre nur eine „erste Einführung für den 
einheitlichen Gedanken des richtigen Wollens in dessen verbinden- 
der Art" erkennt. Denn auch die „Verpflichtung gegen sich 
selbst" erweitere sich „bei zutreffender Weiterführung sofort zu 
der ferneren Anleitung, niemals den Träger der Idee, den 
Menschen in seiner Eigenschaft als Selbstzweck zu dem be- 
dingten Mittel eines begrenzten Strebens eines Andern zu ge- 
brauchen; ein Gedanke, der in unmittelbarer Deutlichkeit aus der 
Fassung des sozialen Ideales entspringen muss und selbst 
wieder den Blick auf die notwendige Formel der Gemein- 
schaft frei wollender Menschen richtet." Fein und tief auch 
erkennt er, dass die vorläufig auf den Einzelnen beschränkte Er- 
wägung es höchstens zu negativen Festsetzungen bringt, eine 
positive Ordnung der Zwecke dagegen erst aus dem Gesichts- 
punkte des verbindenden Wollens möglich wird (S. 500), weil in 
der Gemeinschaft erst ein Feld positiven Wirkens, das unter sitt- 
liche Erwägung fällt, sich ergibt. „Sollen die besonderen Be- 
strebungen des vereinzelten Menschen in ihrem positiven Inhalte 
als richtig oder unrichtig bestimmt werden, so sind sie in 
Gedanken mit dem Wollen anderer Menschen zu 
verbinden und nun nach der Methode des sozialen 



Recht uud SittUchkeit. 73 

Ideals zu führen." Damit ist grundsätzlich eben das aner- 
kannt, was uns die Scheidung zwischen Richtigkeit des (i. e. S.) 
sittlichen und des sozialen Wollens, so wie Stammler sie vertritt, 
unannehmbar macht. Denn nicht nur könnte die bloss negative 
Vorbedingung, die bloss „einstweilige" Isolierung des Individuums 
eine eigene grundsätzliche Erwägung nicht begründen ; 
sondern selbst in der strengsten, als Abstraktion zulässigen 
Isolierung ist von dem Gedanken des Menschen als Selbst- 
zwecks eben nicht abzusehen; Selbstzweck aber ist nicht der 
Mensch in seiner „einstweiligen Isolierung", sondern allein als im 
„Reiche" der Zwecke gedacht. Da aber diese letzte Voraus- 
setzung uns gemeinsam feststeht, so sollte ferner kein Streit mehr 
darüber möglich sein, dass die schliessliche und umfassende prak- 
tische Erwägung nur die der Individuen in Gemeinschaft — wie 
gewiss auch der Gemeinschaft nur als der der Individuen — sein 
kann; unterhalb welcher immerhin eine zweiseitig gerichtete 
Erwägung bestehen bleibt, nämlich gerichtet einerseits auf das 
Individuum, obwohl unter der Idee der Allheit, andrerseits auf die 
Allheit, als Allheit der Individuen; wie es nicht bloss in meiner 
„Sozialpädagogik" aufgestellt worden, sondern, wie oben gezeigt, 
auch in Cohens „Ethik des reinen Willens" der Sache nach an- 
erkannt, wenn auch nicht in genügend deutlicher Auseinander- 
stellung durchgeführt ist. 

Die ferneren kritischen und metakritischen Erörterungen 
dieses Abschnitts können übergangen werden, da sie entweder 
unser Thema nicht betreffen oder nicht zu neuen Zweifeln und 
Fragen Anlass geben. Der philosophische Leser sei aber im Vor- 
beigehen wenigstens aufmerksam gemacht auf die Auseinander- 
setzungen mit Rick er t und mit Hegel (VI, 17. 18 u. 21). 
Ebenso dürfen die beiden Abschnitte (VII) über die Technik 
und (VIII) über die Praxis des Rechts dem Interesse des 
Juristen überlassen bleiben. Dagegen gehören unmittelbar zu 
unserem Thema noch die Erörterungen des letzten (IX.) Abschnitts 
über die Geschichte des Rechts, in denen wir einen beachtens- 
werten Beitrag zur Geschichtsphilosophie überhaupt 
sehen. 

§ 20. (Idee und Geschichte.) Nur unter einer Idee 
gibt es eine Geschichte. Denn das grundlegende Verfahren der 
Geschichte ist das teleologische, nicht das kausale; die kausale 
Erwägung kommt für die Eigenart historischer Betrachtung „von 



74 P. Natorp, 

der Seite her", sie vermöchte nicht dem „gesamten Zuge der 
Zweckreihe", den die Geschichte vorzuführen hat, nachzukommen 
(S. 761). Man kann zwar, wenn man will, sich auf kausale 
Untersuchung beschränken, die teleologische beiseite schieben; 
aber das ist „objektiv ohne Belang"; durch den Gegenstand 
der geschichtlichen Untersuchung ist die teleologische Ordnungs- 
weise als die massgebliche gefordert. „Wie die Reihe der Töne 
in einer Symphonie, die als Musikstück aufgenommen wird, etwas 
anderes ist als das kausale Werden derselben Töne, wie das Ver- 
folgen der Melodie nicht aufgeht in der Erkenntnis der Erregung 
gewisser Schallwellen, sondern unter einer eigenartigen Richtung 
unseres Bewusstseins steht" (S. 762), so verhält es sich mit allem, 
was ein Objekt der Geschichte ist. Die Frage nach Ursache und 
Wirkung ist natürlich nicht abzulehnen, mag der Aufweis kausalen 
Zusammenhangs im geschichtlichen Werden noch so grosse 
Schwierigkeiten bieten; aber sie trifft nicht das, wonach in der 
Geschichte eigentlich gefragt ist. Es treten eben nicht bloss neue 
Wahrnehmungen oder Erscheinungen an die Stelle 
andrer Wahrnehmungen oder Erscheinungen, sondern es treten 
andere Zwecke an der Stelle der bisher verfolgten auf, oder es 
kommen für die alten Zwecke wenigstens neue Mittel ins Spiel. 
Die Geschichte eines Objekts, das ganz nur in Zusammenhängen 
von Zweck und Mitlein besteht, kann selbst nicht unter andrer, 
letzter, grundsätzlicher Erwägung als der nach Zweck und Mitteln 
stehen. Soziale Geschichte aber — und Geschichte im hier frag- 
lichen Sinn betrifft eben das soziale Leben — ist selbst Geschichte 
von Zwecken (S. 764). Unter blosser Kausalität könnte überhaupt 
von keinem Wollen, also auch nicht vom Rechte die Rede sein 
(S. 765). Das Verfahren der Geschichte wird aber damit not- 
wendig analytisch, vom Ergebnis zu seinen Voraussetzungen 
zurückgehend. Überhaupt setzt die historische die systema- 
tische Betrachtung logisch voraus; denn wenn ein Gegenstand 
in seinem Wesen nicht stehen bleibt, so ist er eben nicht mehr 
er selbst, und es wäre dann die vorgeführte Geschichte nicht mehr 
seine Geschichte (S. 766). Das „Wesen" aber besteht hier im 
Zweck, es kann also auch die geschichtliche Untersuchung im be- 
sondern, das „Aufrollen einer geschichtlichen Reihe", immer nur 
in einer Ordnung nach Mitteln und Zwecken, und zwar im Rück- 
gang vom Späteren, Gewordenen auf die teleologischen Voraus- 
setzungen dieses Werdens sich vollziehen, denn das Vergangene 



Recht und Sittlichkeit, 75 

ist, im teleologischen Zusammenhang erwogen, stets Mittel für ein 
Zukünftiges, das angestrebt wird; das V^ergangene wird daher 
erst verstanden in abhängiger Beziehung zu dem nachmals Ge- 
wordenen (S. 769). Die Analogie mit dem naturwissenschaftlichen 
Experimentieren liegt hierbei darin, dass man nicht ins blaue 
„Tatsachen" zu erfassen und in diesen etwas von logischem Zu- 
sammenhang zu erkennen hoffen darf, sondern nach voraus ent- 
worfenem Plane, nach einem voraus gefassten Gedanken des 
möglichen Zusammenhanges, fragend an das Mannig- 
faltige der Erscheinungen herantreten muss, um dann diesen Ge- 
danken an den Tatsachen methodisch zu bewähren oder zu be- 
richtigen (S. 774). Somit bleibt die systematische Erwägung für 
die geschichtliche allzeit leitend. Die Besonderheiten nur sind 
empirisch aufzunehmen, ihr Verständnis ruht in jedem Sinne auf 
systematischer Erwägung, sei es im Sinne des Begriffs oder — 
und dies stets in letztem Betracht — der Idee. 

Auch förderliche Lehren kann man aus der Geschichte nur 
dann entnehmen, wenn man voraus weiss, wonach man zu fragen 
hat; dieses Wissen selbst aber gewinnt man nicht erst aus der 
Geschichte, sondern man muss es schon mitbringen, um überhaupt 
förderlich Geschichte treiben zu können. Was historisch „w^ichtig" 
ist und was nicht, ist allein danach zu beurteilen, was geeignet 
ist den Gang der Menschengeschichte in seiner (teleologischen) 
Einheit zum Bewusstsein zu bringen (S. 788). Möchte der 
Bestand der Natur als ein fester angesehen werden dürfen, im 
Wollen des Menschen gibt es keinen festen Bestand, sondern in 
einer rastlos flutenden Veränderlichkeit der Ziele und Mittel durch 
die unabgeschlossene Reihe der Generationen hat die Richtung auf 
die Allheit der menschlichen Zwecke sich zu behaupten 
(S. 789), welche Aufgabe zuletzt keine geschichtliche mehr, sondern 
nur in systematischer Erwägung lösbar ist (S. 790). Nur so 
wird die Geschichte selbst zur Einheit, und damit überhaupt nur 
zu einem eigenen Gegenstand wissenschaftlicher Behandlung. 
Dies kann auch nicht so verstanden werden, dass an die empi- 
rischen Einzelheiten, als blosse „Vorkommnisse", die teleologische 
Erwägung erst von aussen herangebracht würde; das hiesse den 
Begriff der Geschichte in seiner Selbständigkeit vernichten; es 
bliebe dann ein Naturgeschehen mit einem nebenher angehängten 
moralischen Urteil, von dem man nicht weiss, von wannen es 
kommt, noch was es bei jener, elementar nach dem Kausalitäts- 



76 P. Natorp, 

geseiz begriffenen- Veränderung eigentlich zu suchen hat (S. 793). 
Das einzelne Ereignis, das für sich überhaupt keine selbständige 
Bedeutung hat, erhält vielmehr seine wissenschaftliche Bestimmung 
von vornherein nur durch das Einstellen in die grundlegende, näm- 
lich teleologische Einheit und das Eichten nach ihr (S. 793); das 
heisst, das Gesetz der Geschichte muss den geschichtlichen Einzel- 
erwägungen selbst immanent sein. 

Das ist das „Sein des Werdens", das die Geschichte 
aufstellt. Die Grundart der Geschichte ist also in der Tat nicht 
das „Geschehen", sondern eine bestimmte einheitliche Art des 
Denkens und Urteilens über es, und zwar nicht in kausaler, 
sondern teleologischer Erwägung. Eine bloss kausale Einordnung 
der Geschehnisse verneint den Begriff der Geschichte. 
Der fundamentale Fehler der „materialistischen" Geschichtsauffas- 
sung ist, dass sie die teleologische Eigenart der Geschichte ver- 
kennt und so überhaupt das Problem verfehlt, nämlich wie die 
Eeihe der aufeinanderfolgenden und sich bedingenden Willens- 
inhalte der Menschen in dem Gedanken einer unbedingten Einheit 
gerichtet werden könne (S. 797). Auch unter dem vieldeutigen 
Wort „Entwicklung" wird zwar eine Gesetzmässigkeit des Werdens 
ohne Frage gesucht, auch schwebt dabei unklar der Gedanke 
einer Zweckbeziehung vor; man denkt doch die Entwicklung als 
Fortschreitung nach einem wenn auch ungewissen Ziele hin, 
oder als Bewegung vom Niederen zum Höheren. Aber erst mit 
der klaren Einsicht in das Ziel, dem die Entwicklung zustrebe, 
wird der Gedanke der Entwicklung präzis und wissenschaftlich 
brauchbar. Ein Ziel aber ist freilich nicht angebbar im Sinne 
eines einmal zu erreichenden Endzustands; sondern das „Endziel" 
kann nur die Gesetzmässigkeit meinen, im Sinne der idealen Me- 
thode des Richtens und Bestimmens. Dies Endziel aber kennen 
wir; es kann kein andres sein als das soziale Ideal (S. 802), 
oder die Idee des freien Wollens, gipfelnd in dem Gedanken der 
reinen Gemeinschaft (S. 804). Also ist die Geschichte der 
Menschen : das Fortschreiten ihres gemeinschaftlichen 
Wollens (S. 805); nicht die „Verwirklichung" der Idee des 
richtigen Wollens, denn die damit bezeichnete Aufgabe „ruht und 
rastet nimmer"; wohl aber ihre fortschreitend reinere Bewährung 
innerhalb des stets bedingten, unvermeidlich unvollkommenen 
menschlichen Begehrens und Strebens. — Damit ist in ganzer 
Entschiedenheit das soziale Ideal als schlechthin richtung- 



Recht und Sittlichkeit. 77 

weisend anerkauut, unterhalb dessen erst etwa die Fortschritte 
der Wissenschaft und Kunst, oder auch der individuellen Sittlich- 
keit, in besondere historische Erwägung genommen werden könnten, 
denn sie ergäben für sich nicht die durchgreifende Einheit, die 
für den als Ganzes zu erfassenden Begriff der Geschichte des 
Menschengeschlechts zu fordern ist (S. 806). „Die" Geschichte 
kann allein die der Menschheit sein, die eine Einheit nur unter 
dem sozialen Ideal bildet. 

Gibt es denn aber zuletzt eine Gewähr des Fort- 
schritts? Lässt sich auf den Sieg des Richtigen denn 
vertrauen? Die Idee selbst kann in das Werden allerdings 
nicht eintreten — also gibt es nur ein unentschiedenes Hin und 
Wieder, wobei das Ganze des menschlichen Treibens nicht von 
seiner Stelle rückt (S. 814)? — Allein das Vertrauen auf den 
Sieg des Eichtigen will nicht von uns lassen; und es ist auch 
keineswegs grundlos. Immer schärfer und gesicherter setzt doch 
der Rechtsgedanke sich durch; man darf erwarten, dass, so wie 
ein „Naturzustand" innerhalb rechtlich geordneter Gemeinschaften 
nicht mehr statthat, es auch mit dem Naturzustand unter den 
Völkern schliesslich ein Ende nehmen werde (S. 815). Es kann 
doch nicht für immer dabei bleiben, dass, während im Innern 
einer Rechtsordnung doch die elementare Einsicht allgemach zur 
Herrschaft gelangt, dass es widersinnig ist in einer Gemeinschaft, 
in der die Menschen die Widrigkeiten des Daseins gemeinsam zu 
bekämpfen haben, selbst wieder von einem „Kampfe ums Dasein", 
nämlich der Einzelnen gegeneinander, zu reden, dagegen im Ver- 
hältnis unter den Völkern immer noch naiv nach Stirners Idee 
eines „Vereins von Egoisten" verfahren wird (S. 717). „Die Un- 
begrenztheit des Rechts (V, 17) . . . ist immer stärker zur Tat 
geworden". Es liegt kein Grund vor, sich vorzustellen, dass 
dieser Sieg des Rechtsbegriffs wieder in dauernder Weise 
rückgängig gemacht werden könnte . . . Mehr als das: wir sehen 
für den Gesamtentwurf des menschlichen Treibens den Zug nach 
dem Richtigen so deutlich und stark, dass sein fortschreitender 
Erfolg im ganzen Verlaufe der Geschichte mit Zuversichtlichkeit 
erwartet werden darf (S. 815); wofür Stammler nicht zögert sich, 
mit Kant, auf die französische Revolution zu berufen. 
Freilich versteht sich, auch nachdem die Idee des Richtigen klar 
erkannt ist, die Hingebung an das richtige Wollen noch nicht von 
selbst. Ein naturgesetzlicher Zwang zu ihr lässt sich mit Fug 



78 P, Natorp, 

nicht behaupten; seine Annahme würde das Wollen und sein 
Grundgesetz vielmehr geradezu ausschalten (S. 819). Die Hingabe 
an das Richtige ist also nur ein Postulat für den, der Einheit und 
unbedingte Ordnung seiner Gedankenwelt will (S. 820). Für 
einen grundsätzlichen Zweifler und Leugner also gäbe es ein ab- 
solutes Heilmittel freilich nicht. Aber solche grundsätzliche An- 
zweiflung — die ja nicht etwa sich selbst als richtig behaupten 
dürfte, denn damit würde sie die Forderung des Richtigen über- 
haupt anerkennen — ist wohl nicht so ganz ernst zu nehmen 
(S. 820). Den Willen des Richtigen aber einmal vorausgesetzt, 
ist alles Weitere Sache streng wissenschaftlichen Erweises. Der 
einzig sichere Weg, Andere zur Hingabe an das richtige Wollen 
zu bestimmen, ist in der Tat: die überzeugende Lehre 
(S. 827). 

Die letzte Frage ist die nach einem „vollkommenen 
Abschluss". Hier mündet die Untersuchung in die Frage nach 
der Einheit einer Weltanschauung. Sie besagt, dass auch 
die beiden grossen Gebiete der „Wahrnehmungen" und der 
„Zwecke", wenn noch so sehr jedes für sich in geschlossener 
Gesetzmässigkeit vorzustellen, doch nicht als Trennstücke neben- 
einander stehen bleiben dürfen (S. 833). Diese Forderung ist es, 
welche in der Frage nach dem Woher und Wohin und nach dem 
Wozu des Daseins, also den zwei grossen Fragen sich ausdrückt, 
die von jeher über die Wissenschaft hinaus zur Religion 
gedrängt haben. Dieser doppelten Frage „kann sich niemand, der 
etwas auf sich hält, grundsätzlich entziehen". Ihr aber antwortet 
zuletzt doch nur — die Wissenschaft, indem sie, vertieft zur 
Philosophie, jedes besondere Gebiet menschlichen Strebens der 
Herrschaft unbedingt bestimmender Grundprinzipien unterwirft 
und es so „in die unbedingt höchste Einheit, die den Wert und 
die Würde des Menschendaseins verleiht, in geklärtem Sinne 
zurückgibt" (S. 834). So gelangt man zu der eigenen gefesteten 
Grundstimmung, die in dem Euripideischen Worte sich ausspricht, 
„Glücklich der Mann, der die reine Art der Wissenschaft kennt . . . 
unberührt von dem schädigenden Streiten der Bürger und von un- 
rechten Taten schaut er auf das unsterbliche Wesen des All, des 
niemals alternden, und auf dessen richtende Weise." — 

So klingt das Werk, dem sonst wohl der und jener Kritiker 
geneigt sein mag, im Gegensatz zu der rednerischen Lebendigkeit 
namentlich des ersten grossen Buches („Wirtschaft und Recht"), 



Recht und Sittlichkeit. 79 

eine gewisse Steifheit logischen Schematisierens als Fehler oder 
doch als Mangel anzurechnen, voll aus im warmen Bekenntnis 
nicht bloss zu den Grundgedanken, sondern auch zu der Grund- 
stimmung des methodischen Idealismus. 

Nur zu einer Anmerkung geben diese letzten Erwägungen 
noch willkommenen Anlass. Eines der Hauptbedeuken, die gegen 
die „Lehre von dem richtigen Eechte*' sich erheben konnten, wird 
durch diese Darstellungen gegenstandslos. Nämlich es konnte 
nach den Darlegungen jenes Buches immerhin so scheinen, als 
solle der Stoff, auf den die Grundsätze des richtigen Rechts an- 
zuwenden sind, in roher Empirie der Geschichte, lediglich im 
Sinne des faktisch Gegebenen, entnommen werden und auf 
diesen dann jene Grundsätze bloss hinterher, formal richtend und 
allenfalls berichtigend, einwirken. So aber wie jetzt der Begriff 
der Geschichte selbst gefasst und begründet ist, steht ja das ge- 
schichtliche Werden, welches jenen Stoff darbietet, selbst schon 
von Anfang an unter der Herrschaft der praktischen Idee und 
zwar der Idee des Rechts. Es gibt also gar kein geschichtlich 
gewordenes Recht, das nicht schon von Haus aus der Idee des 
Rechts unterstände, mag es auch eine noch so niedrige Stufe ihrer 
Verwirklichung darstellen. Umso weniger könnte es der fort- 
schreitenden Berichtigung nach Massgabe dieser selben Idee sich 
entziehen. Gern erkläre ich, dass auch durch meine früheren 
Einwendungen, sofern sie das Verhältnis des Rechts zur Ge- 
schichte betrafen (Sozialpäd. S. 163 f.), jedenfalls die jetzige Dar- 
stellung nicht getroffen wird. 

Im übrigen wäre auch hier die Frage der kategorialen 
Begründung zu erheben. Zu dieser aber sind die wesentlichen 
Voraussetzungen oben schon gegeben worden; ihre Bewährung an 
den hier behandelten Fragen darf dem mitgehenden Verständnis 
des Lesers überlassen bleiben. 



Kritischer Versuch 
über den Erl<enntniswert des Analogiebegriffes/) 

Von Friedrich Kuntze. 



Das Ziel des wissenschaftlichen Denkens ist die Gewiss- 
heit, d. i. die Herbeiführung der eindeutigen Entscheidung einer 
jeden vorgelegten Frage. Häufig aber sehen wir Fragen auf- 
treten, deren Verhältnis zu unserem Wissensvorrat oder unseren 
Wissenswerkzeugen vorläufig oder überhaupt die Erlangung der 
Gewissheit ausschliesst. Die aus irgend einem Grunde überhaupt 
unentscheidbaren Fragen, die unserem Erkennen gar keinen An- 
griffspunkt geben, scheiden hier aus; zur Erörterung soll gestellt 
werden allein das Wesen der Fragen, für die eine eindeutige 
Entscheidung nicht möglich ist, wohl aber eine Entscheidung mit 
einem höheren oder geringeren Grade der Gewissheit. 

Hier hat das wissenschaftliche Denken zwei Verfahrungs- 
weisen ausgebildet: das Wahrscheinlich keitsverfahreu und 
das Analogie verfahren. Da das Resultat beider dem Evidenz- 
Ergebnis nach das Auftreten einer V/ahrscheinlichkeit ist, so 
kann der vorausgesetzte Unterschied beider nicht in Differenzen 
der psychologischen Einkleidung liegen, sondern muss in sach- 
lichen Verschiedenheiten der beiderseitigen logischen Formtypen 
gesucht werden. 

Das philosophische Wahrscheinlichkeitsverfahren — mit 
seinem Instrument der Induktion — das mathematische Wahr- 
scheinlichkeitsverfahren und das Aualogieverfahren haben dies 
gemein, dass alle drei Schlussarten vom Nichtgemeinsamen auf 
das Gemeinsame sind; alle drei stellen Verfahrungsweisen vor, die 
mit Bewusstsein bei einem, nur innerhalb definierter Grenzen 
gültigen Ergebnis stehen bleiben. Gleichwohl besteht doch zwischen 
den dreien ein grosser Unterschied, den wir vorderhand dahin 



1) In gekürzter Fassung als Habilitations-Probevorlesung gehalten 
vor der philosophischen Fajiultät der Universität Berlin im Juli 1911. 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 81 

formulieren woUeu, dass die Induktion auf Grund numerischer 
Erwägungen die Zugehörigkeit eines Individuums zu einem Klassen- 
umfang, die mathematische Wahrscheinlichkeit eine gleiche Zu- 
gehörigkeit zu einem Klasseninhalt, die Analogie dagegen auf 
Grund qualitativer Erwägungen die generische Zugehörigkeit 
eines Individuums zu einem Klassentyp feststellt. Wir werden im 
Folgenden übrigens nur von dem mathematischen Wahrscheinlich- 
keitsverfahren und der Analogie handeln. 

Da die Zeit beschränkt ist, so müssen wir sehen, das vorge- 
legte Problem auf eine Art und Weise anzugreifen, die gleich- 
zeitig auf das Ziel und auf den Weg des weitereu Gedankenfort- 
schrittes hinaussieht. Wir fragen demnach: Was müsste geleistet 
sein, wenn wir den Erkenntniswert der Analogie genau angeben 
könnten? Die Antwort ist: wir müssten gewisse typische Ver- 
hältnisse der Bestimmbarkeit des Empirischen — denn um dies 
allein kann es sich hier handeln — isolieren können: eben jene 
Verhältnisse der Bestimmbarkeit, die die Bedingungen sind für 
eine Fortschrittsart des Denkens, von der wir sagen, sie erfolge 
gemäss der Analogie. 

Die Bestimmbarkeit kommt zum Ausdruck in einer Folge 
mit einander verbundener Sätze und die Art des Verbundenseins 
bestimmt deren logischen Typ. Der Fortschritt in empirischen 
Sätzen geschieht nun allgemein dadurch, dass eine Bedeutung 
wiedererkannt wird in verschiedenen Arten der Gegebenheit, als 
womit diese Gegebenheiten hinsichtlich ihrer Bedeutungen identisch 
werden. Bei Identität denkt man wohl zunächst an jene wissen- 
schaftliche tote Identität, die die Logik sinnbildlich durch das 
Zeichen a = a ausdrückt. Diese ist hier nicht gemeint. Wäre 
unser Denkvermögen auf sie eingeschränkt, auf sie in der streng 
genommen, schon das Gleichheitszeichen zuviel sagt, so würde es 
nie zu einem Denken gekommen sein, denn das blosse Weissen 
darum, dass etwas das ist, was es ist, würde die Welt nur in 
ein Aggregat gegen einander fensterloser Erkenntnisakte zerlegen. 
Die Fruchtbarkeit des Identitätssatzes beruht vielmehr darauf, 
dass wir durch ihn dieselbe Bedeutung in verschiedenen Arten 
der Gegebenheit wiedörerkennen können. 

Dank dieser Eigentümlichkeit können wir zunächst solche 
Werte identifizieren, die auf abgeschlossene Art und Weise 
in verschiedenen Arten der Gegebenheiten stecken. So ist etwa 
in „der Autor der Kritik der reinen Vernunft", „der Autor der 

Kantitudien XVIII. a 



82 F. Kuntze, 

Kritik der praktischen Vernunft", „ein ordentlicher Professor der 
Philosophie zu Königsberg im Jahre 1781" immer ein und der- 
selbe Identitätskern : Kant. Hier handelt es sich um festbestimmte 
Werte. Unsere Bestimmung erlaubt es uns aber zweitens, Werte 
zu identifizieren, die durch verschiedene Stadien hindurch- 
gehen. Will man die erste Art der Wertvergleichung eine statische 
nennen, so kann diese eine dynamische heissen. Derart kann ich 
zwei Pendelschwingungen, zwei Umdrehungen der Erde um die 
Sonne, zwei chemische Prozesse etc. gleichsetzen. Die hier statt- 
findende Identität ist also eine Identität von Wertverläufen. Ein 
Wertverlauf entsteht, wenn man einen Wert variabel setzt. Ein 
Beispiel für ihn bildet etwa das Steigen und Fallen eines Speku- 
lationspapieres und die ihm korrespondierenden Lust- und Unlust- 
gefühle seines Inhabers. Somit haben wir schon zwei grosse 
logische Typen gewonnen: Identitäten von Werten und Identi- 
täten von Wertverläufen. Man sieht aber auch ohne Mühe den 
Einteilungsgrund : es ist der, dass hier nicht eine Identität schlecht- 
hin, sondern immer eine Identität in Bezug auf einen vor- 
gegebenen Modus der Vergleichung stattfindet. Dies ist 
nun in der Tat das, was in allen logischen Typen geschieht, und 
die Art, wie es geschieht, bestimmt das Wesen des jeweils frag- 
lichen Typ. Die Identität ist daher niemals eine absolute — das 
ist schon durch die Eigentümlichkeit der menschlichen Urteils- 
funktion ausgeschlossen — sondern immer eine Identität in oder 
gemäss einer bestimmten Identitätsart. Dieser Umstand wird von 
Belang, wenn gefragt wird, welche Arten von festgestellten Identi- 
täten der Werte oder Wertverläufe sich denn nun über die sub- 
jektive Evidenz erheben können. 

Wir setzen hier die Kantische Erkenntnistheorie als 
massgebend voraus und müssen darum antworten: allein die Identi- 
täten, die sich in Raum und Zeit und gemäss den sinnlichen 
Begriffen beider konstruieren lassen. Wir kennen aber nur zwei 
elementare Koustruktionsf eider der Sinnlichkeit: der Ordnung und 
das der Mächtigkeit. Ihnen gemäss können zwei Wertverläufe iden- 
tisch sein erstens dann, wenn jedem Punkte, den der eine Wertverlauf 
passiert, ein Punkt im andern Wertverlauf eindeutig zugeordnet 
werden kann. Wenn ich z. B. einen Haufen rechter und linker 
Handschuhe durcheinandergewühlt vor mir habe, aus dem ich 
immer zugleich einen rechten und einen linken herausziehe, und 
wenn zu dem letzten rechten Handschuh, den ich ergreife, sich 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 83 

auch noch ein linker findet, dann sind die beiden Mannigfaltig- 
keiten identisch in der Mächtigkeit nach einem Moment, das wir 
die Äquivalenz nennen wollen. Diese Identität nach Äquivalenz 
ist die Identitätsart der Wissenschaft von der Menge, der Mengen- 
lehre. Neben diese Identität nach Äquivalenz aber tritt eine 
Identität der Relationen. Wenn ich mir ein Modell eines mensch- 
lichen Auges aus geeigneten Materialien in geeigneter Formung 
herstellen lasse, so kann ich eine Identität des Auges mit seinem 
Modell behaupten in Bezug auf alle optischen Vorgänge, die in 
beiden möglich sind — soweit nämlich diese Vorgänge Gegen- 
stände der physikalischen Optik sind. Dies ist eine Identität 
der Relationen, eine Identität der Form. Das Leitprinzip 
dieser Identität ist: als gleich alles das anzusehen, was auf 
gleiche Weise erzeugt ist — es ist die Identitätsart der andern 
Grundwissenschaft von der Sinnlichkeit: der Ausdehnungslehre. 

Man sieht, dass in beiden Arten der Identität diese immer 
statt hat in Bezug auf einen Begriff, und dass umgekehrt alles, 
was nicht auf diesen Begriff Bezug hat, gleichgültig wird. Bei 
den beiden Handschuhhaufen wäre die Ordnung des einzelnen 
Haufens etc. vollkommen entbehrlich; zur Ansetzung der Identi- 
tät genügt, dass die einzelnen Individuen disjunkt sind nach: 
Rechts — Links, und dass jedem Rechts-Individuum ein und nur 
ein Links-Individuum zugeordnet werden kann und umgekehrt. 
Beim Auge und seinem Modell liegt die Sache anders. Hier ist 
nicht im mindesten Identität der Äquivalenz zwischen den beiden 
Mannigfaltigkeiten, — schon deshalb nicht, weil das Modell ja 
nur die für die physikalische Optik wichtigen Formen nachgebildet 
hat — sondern nur Identität der Relationen. 

Dies sind also die konstruierbaren Identitäten: die nach der 
Menge und die nach der Ordnung. Nach Menge oder Ordnung 
müssen daher die Identitäten angesetzt sein, die Bestandteile der 
exakten Wissenschaft werden können. — Um die Sache zu ver- 
anschaulichen, können wir den Begriff „Menge" hier schadlos 
durch den Begriff „Quantität", den Begriff „Ordnung" durch den 
Begriff „Form" ersetzen. 

In dieser Einschränkung betrachten wir zunächst ein Bei- 
spiel der Identität von singulären Werten nach Quantität. Hier 
sagt etwa der Ausdruck 3. 4 = 2. 6, dass zwei Zahlenkonfi- 
gurationen vorliegen, die nach der Art ihrer Gegebenheit ver- 
schieden sind, zwischen denen das Denken aber eine synthetische 

6* 



84 F. Kuntze, 

Identität nach der Kategorie der Quantität ansetzen kann. Diese 
Identität ist keineswegs eine absolute, eine Tautologie, denn, 
lasse ich 3 und 4 bezw. 2 und 6 Längeneinheiten von Eechteck- 
seiten bedeuten, so werden beide Rechtecke bei numerischer 
Gleichheit der Flächeneinheiten eine ganz verschiedene Gestalt 
haben. — Dies waren vollständige Wertidentitäten nach Quanti- 
tät; zeigen wir nun eine vollständige Identität nach der Form, 
oder, wenn man will, der Qualität. Solche Identitäten liegen 
in all den Verhältnissen vor, die die Geometrie Ähnlichkeiten 
nennt. Ein Dreieck von den Seiten 3, 4, 5 behält identische 
qualitative Eigenschaften, ob ich die Zahlen nun Meter oder Kilo- 
meter bedeuten lasse. So kann ich das eine an die Stelle des 
andern setzen, obschon ich, das erste zu durchlaufen einige 
Sekunden, das zweite zu durchlaufen etwa 2 Stunden gebrauche. 
Das secundum quid der Identität ist hier die Figur, ein ersichtlich 
qualitativer Begriff. 

Überblicken wir das bislang Geleistete! Wir begannen damit, 
festzustellen, dass in unterschiedlichen Gegebenheiten identische 
Bedeutungskerne stecken können. Dann gingen wir auf die Iden- 
tifizierung sinnlicher Gegebenheiten nach den Begriffen der Ord- 
nung und der Mächtigkeit über und zeigten die zuständigen 
Erkenntnisbedingungen auf. Dabei fanden wir, dass beim Ver- 
gleich zweier ordinaler Mannigfaltigkeiten die Identität dann 
erreicht sei, wenn die Art der Knüpfung in den verglichenen 
Fällen übereinstimme, bei den kardinalen dann, wenn man jedem 
Element der einen Mannigfaltigkeit ein Element der anderen zu- 
ordnen kann. Um nun von der vollen zur teilweisen Identität 
nach Ordnung und Mächtigkeit zu kommen, um' die es sich im 
Wahrscheinlichkeits- und Analogieverfahren handelt, spezialisieren 
wir den Begriff Wertverlauf und sagen, dass nicht all und jeder 
Wertverlauf hier in Frage kommt, sondern nur ein solcher, der 
nebenher auch den Charakter einer Mannigfaltigkeit hat. Damit 
hat das Wort „Mannigfaltigkeit" die Bedeutung eines technischen 
Ausdruckes gewonnen, und muss dementsprechend festgelegt werden. 

Eine Mannigfaltigkeit soll irgend eine dem Denken dar- 
gebotene Gegebenheit dann heissen, wenn diese Gegebenheit 
gedacht werden kann als entstanden durch eine trennbare 
Knüpfung. Die Mannigfaltigkeit ist also undenkbar ohne den 
Begriff „Element". Deshalb kann ich etwa die Linie als Punkt- 
mannigfaltigkeit begreifen, dahingegen ich der Empfindung 



Krit. Versuch über den Erkenntuisvvert des Analogiebegriffes. 85 

keinen Mannigfaltigkeitscharakter zuschreiben kann, denn es ist 
unmöglich, Teile zu ersinnen, deren Aufbau die Empfindung ergeben 
würde. Wird über die Art der Knüpfung irgend eine Voraus- 
setzung gemacht, so kann man nicht mehr von Mannigfaltigkeit 
schlechthin sprechen, sondern nur von einer Mannigfaltigkeit der 
und der Art. Wir haben zwei Arten sinnlicher Mannigfaltig- 
keiten, die nach den Eigenschaften, denen gemäss sie mannigfaltig 
sind, (Ordnung und Mächtigkeit) die ordinalen und die kardi- 
nalen Mannigfaltigkeiten heissen mögen. Die ordinalen Mannig- 
faltigkeiten sind dadurch gekennzeichnet, dass die Gebiete, durch 
deren Knüpfung sie als entstanden gedacht werden können, nicht 
im Mindesten gleichwertig sind, dahingegen diese Gebiete zu ein- 
ander in einer festen gesetzlichen Relation stehen, der gemäss 
vom einen zum andern Gebiet übergegangen werden muss, der 
gemäss sie allein zu einer Einheit verknüpft werden können. 
Ein Beispiel einer ordinalen Mannigfaltigkeit geben die drei Dimen- 
sionen des Raumes. In den kardinalen Mannigfaltigkeiten, die 
dem Begriff „Mengen" gleichwertig dastehen, sind erstens die 
Elemente vollkommen gleichwertig, zweitens ist das schliessliche 
Ergebnis von der Anordnung unabhängig. 

Diese Momente kommen daher sowenig für die ganze, wie 
die teilweise Identität nach der Mächtigkeit in Frage. Dagegen 
erfordert es die Anwendung des Mengenbegriffes, dass das Sub- 
strat durch Disjunktion in ein Aggregat unter einander gleich- 
wertiger, unabhängiger Disjunktionsglieder zerlegt werden könne. 
Diese Disjunktionsglieder sind also, um unsere frühere Rede- 
weise wieder aufzunehmen, die „Sinne", die Arten der Ge- 
gebenheit. Die Wahrscheinlichkeitsfrage lässt sich nun so for- 
mulieren. Gegeben ist eine Mannigfaltigkeit nach gegenein- 
ander disjunkter Glieder. Jede Gegebenheit hat solchermassen 
ihren „Sinn", der bestimmt ist eben durch die Art, darinnen sie 
gegeben ist. Jeder Sinn aber ist einer und nur einer Bedeutung 
zugeordnet, wobei es unbestimmt bleibt, ob das Umgekehrte statt 
hat, d. i. ob die Bedeutung nicht auch mehreren Sinnen zuge- 
ordnet ist. Natürlich aber gilt diese Unbestimmtheit nur für das 
Prinzipielle, in der Rechnung muss über diesen Punkt durchaus 
alles bestimmt sein. Wohl, dann lässt sich die Frage nach dem 
Eintreten dieses oder jenes Ereignisses zurückführen auf die 
Frage nach der numerischen Verbreitung, die eine Bedeutung in 
so und soviel „Sinnen" hat. Es bedeutet daher in dieser Deutung 



86 F. Kuntze, 

das gleich zu gebende elementare Beispiel 7 = 6/36: die Be- 
deutung 7 erfüllt sich in sechs von sechsunddreissig Gegebenheiten, 
oder, um ein suggestives Grassmansches Bild zu gebrauchen; wenn 
die 36 Gegebenheiten Gewichte, und zwar gleichschwere bedeuten, 
so hangen der Bedeutung „7" sechs davon an — in dem gerade 
vorgelegten Problem.^) 

Zur Erläuterung des eben Gesagten diene seine Anwendung 
auf ein bekanntes, sehr elementares Beispiel. — Wir nehmen 
einen Sechserwürfel, der auf jeder Seite eine 6 hat. Wir haben 
dann eine Menge — den Würfel als Ganzes — die in 6 Teilmengen 
zerfällt — die 6 Würfelflächen. Jede P'läche hat eine Art der Ge- 
gebenheit, die von der Art der Gegebenheit jeder anderen Bräche 
durch die Lage verschieden ist. Jede ist bedeckt von einem 
Aggregat von Punkten; jedem dieser Aggregate ist eine Bedeutung 
zugeordnet und jeder dieselbe. Die Bedeutung verbreitet sich ein- 
heitlich über die ganze Menge, daher denn jede Teilmenge mit ihr 
identisch ist. Die Wahrscheinlichkeit, bei der Auswahl einer Teil- 
menge eine Teilmenge von der Bedeutung 6 zu bekommen, ist daher 
= 1. Hier also war jede Teilmenge mit einer vorgegebenen Bedeutung 
identisch. Der Fall der vollen Identität ist aber ersichtlich nur 
der Grenzfall der teilweisen Identität. Während sich nun 
der Fall der vollen Identität dem Evidenzmoment nach durch die 
volle Gewissheit übersetzt, übersetzt sich die teilweise Identität 



1) Eben gerade vor Abschluss meines Manuskripts hat Herr Professor 
Urb an- Philadelphia die Güte, mir einen Aufsatz von sich über den Be- 
griff der mathematischen Wahrscheinlichkeit mitzuteilen. Ich konnte zu 
meiner Freude feststellen, dass diese höchst beachtungswerte Arbeit 
mindestens die Tendenz der hier gegebenen Andeutungen teilt, insofern 
auch sie die mathematische Wahrscheinlichkeit durchaus auf den Begriff 
der logischen Zufälligkeit zurückführt. Auch sehe ich aus ihr, dass das 
eben von mir gebrauchte Bild des Gewichtes bereits zu einem ähnlichen 
Zweck von R. Laemmel: Die Methoden zur Ermittlung der Wahrscheinlich- 
keiten (1904 S. 15) gebraucht worden ist. Nur die begriffliche Grundlage 
meiner Betrachtungen, und naturgemäss der Zusammenhang, in den sie 
eingestellt sind, unterscheiden sich durchaus von den Urbanschen Aus- 
führungen (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Sozio- 
logie Band 35, Heft 1 und 2). Ich brauche übrigens wohl kaum zu betonen, 
dass die Erörterung der mathematischen Wahrscheinlichkeit hier nur so 
auftritt, wie eine geforderte Farbe auftritt, da sie in meinen systematischen 
Ausführungen unzertrennlich mit der Analogie verbunden ist, der das 
Thema gilt. Diese Skizze macht daher nicht den mindesten Anspruch, 
aucli nur all die Umrisslinien des Problems vollständig zu geben. 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 87 

durch eine gradweis abgestufte Gewissheit: die Wahrschein- 
lichkeit. Nehmen wir nun an, jeder dieser Teilmengen sei eine 
verschiedene Bedeutung zugeordnet, so erhalten wir genau das 
Gegenteil des vorangegangenen Falles. — Dies ist der Fall des 
gewöhnlichen Sechserwürfels. Wähle ich daher unter den Teil- 
mengen, so ist, da 6 Arten der Gegebenheit mit 6 Bedeutungen 
vorliegen und jede nur einmal vorkommt, die apriorische Identität 
des Wahlergebnisses mit jeder vorgegebenen Bedeutung gleich 
1/6. Nehmen wir nunmehr einen solchen gewöhnlichen Sechser- 
würfel und fragen, welche Wahrscheinlichkeit er hat beim Würfeln 
3 zu zeigen, d. h. seiner quantitativen Bedeutung nach mit 8 
identisch zu werden, so lautet die Antwort 1/6. Warum? Die 
Bedeutung als ein Ganzes, als 1, zerfällt in 6 Teilbedeutungen, 
und jede dieser Teilbedeutungen wird vorgestellt durch eine und 
nur eine Art der Erfüllung, der Gegebenheit. Nehmen wir nun 
die möglichen Konfigurationen von 2 gewöhnlichen Sechserwürfeln 
aiif der einen, die Zahl 7 auf der anderen Seite und fragen 
wir, welche Wahrscheinlichkeit dafür ist, dass die quantitative 
Bedeutung der Konfiguration beim Würfeln mit der Zahl 7 identisch 
wird, so lautet die Antwort 6/36. Warum? Die Zahl der mög- 
lichen Arten, auf die die Bedeutung als ein totum dargestellt sein 
kann, beträgt 36, die Zahl der möglichen Bedeutungen ist 11, 
denn die 1 kann nicht realisiert werden. Die Bedeutungen aber 
haben verschiedene „Gewichte", wenn ich wieder so sagen darf: 
die einen erfüllen sich in mehr die anderen in weniger Ein- 
kleidungen. Hier ist die Zahl der möglichen Arten der Gegeben- 
heit 36. Von diesen aber sind 6, da von der verschiedenen Form, 
darinnen sie gegeben sind, abgesehen werden kann, darin einig, 
dass sie nur ein und dasselbe bedeuten: die Zahl 7 (3 + 4, 2 + 5, 
1 + 6, 4 + 3, 5 + 2, 6 + 1). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich 
die 7 realisiert, beträgt also 6/36, denn 6 von den 36 Arten der 
Gegebenheit stellen sie als ihre Bedeutung vor. Wir haben hier 
einen Fall, der den beiden vorhergehenden gegenüber ein ge- 
mischter ist. Nämlich, wir haben, dank den Kombinationen der 
Würfel, 36 Symbole, von denen ein jedes seine Bedeutung hat. 
Die Gesamtheit dieser Bedeutungen ist „Zahlen von 2 bis 12". 
Ihre einzelnen Realisierungen sind dadurch unterschieden, dass 
sie auf verschiedene Art gegeben sind. Sie sind erschöpfend 
definiert durch 36 Disjunktionen, davon jede gegen jede disjuqkt 
ist in Bezug auf die Art ihrer Gegebenheit, von denen aber 



88 F. Knntze, 

bestimmte Gruppen unter einheitliche Bedeutungstitel gebracht 
werden können. Von diesen 36 Gegebenheiten sind z. B. 6 in 
Beziehung auf die vorgelegte quantitative Bedeutung „7'' unter 
einander identisch. Die Bedeutung „7" ist mithin in 6 facher 
Einkleidung gegeben. Da also unter den möglichen 36 Bedeutungen 
der 36 Disjunktionen 6 identisch sind mit der Zahl 7, so beträgt 
das „Teilhaben" der 36 Arten der Gegebenheit am Begriffe 7: 
6/36. Der Identitätsgrad des die 36 Disjunktionen umspannenden 
sinnlichen Oberbegriffes mit der Zahl 7 ist daher 6/36. 

Der Ausdruck „Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines Er- 
eignisses" überträgt nur, was ja transzendental vollkommen legitim 
ist, das, was nach ganzer oder teilweiser Identität als ein „Grund- 
Folgeverhältnis" gesetzt ist, in ein Kausalverhältnis. ^) Dabei aber 
wird ersichtlich ein zweifaches vorausgesetzt: erstens, dass eine 
jede Wirkung eindeutig bestimmt ist, zweitens, dass über die 
Ursachen, die diese Bestimmtheiten realisieren werden, nichts 
bekannt ist. Nur so kann die Zuordnung der Ursachen zu den 
Wirkungen die rein kardinale bleiben. 

Wir gehen über zur Besprechung des Erkenntnis wertes 
der Analogie. — Ein Versuch, im konkreten Fall eine Identität 
nach Ordnung herzustellen, lehrt, dass diese namentlich dann, 
wenn man sich auf die allgemeinsten Eigenschaften beschränkt, 
mit den allerverschiedensten Mitteln hergestellt werden 
kann, wenn nur die Erzeugungsart die nämliche bleibt. Diese 
Gleichgültigkeit des Substrates ist von höchster Wichtigkeit 
und wird von uns verwendet werden zur Exposition des allge- 
meinen Anwendungsprinzips der Analogie. 

Da diese unser Thema ist, so kommt von den möglichen 
identischen Bedeutungen zweier Wertverläufe allein die Identität 
ihrer qualitativen Meinung, ihrer „Formintention" hier in Frage. 
Sehen wir uns nach den Bedingungen um, unter denen unser 
Geist eine solche Identität erkennen kann! — Leibniz hat be- 
merkt, es genüge nicht, als „ähnlich" Gegenstände zu bezeichnen, 
die dieselbe Form haben, wenn man nicht wiederum im Besitz 
eines allgemeinen Begriffes von „Form" sei. »Leibniz hat einen 



1) Vielleicht verdient es, bemerkt zu werden, dass in dieser Er- 
klärung eine Theorie der Kausalität vorausgesetzt wird, die namentlich 
durch Riehl vertreten worden ist; eine Theorie, für die das Moment der 
Zeit nicht das eigentlich Wesentliche im Kausalitätsbegriff ist, sondern 
das logische Moment. Doch dies im Vorbeigehen. 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 89 

solchen Begriff gegeben, der allerdings nicht konstitutiv, wohl 
aber uoetisch ist, d. h. der eine Definition der allgemeinen Be- 
dingungen gibt, unter denen unser Erkenntnisvermögen des in 
Rede stehenden Begriffes teilhaftig werden kann. Diese Definition 
ist für unser Vorhaben wichtig und wir denken später auf 
sie aufzubauen. Nach ihr sind „ähnlich" Dinge, die für sich 
betrachtet, nicht von einander unterschieden werden können. Zur 
Erfassung der Quantität nämlich müssten die Gegenstände, die 
man vergleicht, unmittelbar neben einander gegeben sein, oder 
durch irgendeine Art der Vermittlung tatsächlich einander gegen- 
übergestellt werden können. Die Qualität dagegen stelle dem 
Geiste etwas dar, was sich in einem Gegenstand, auch wenn man 
ihn allein betrachte, für sich erkennen, und weiterhin zum Ver- 
gleich zweier Gegenstände unter sich brauchen lasse, ohne dass es 
nötig sei, die Vergleichsobjekte mittelbar oder unmittelbar durch 
Beziehung auf ein drittes Objekt als Massstab aneinander heran- 
zubringen. Namentlich diese letzte Bemerkung scheint mir un- 
gemein wichtig, denn sie scheint, wie das noch weiterhin wird 
zu zeigen sein, es zu motivieren, dass der Analogiebegriff bei 
fehlendem Substrate dennoch ein Erkenntnis geben kann. 

Wir treten nun in einen neuen Abschnitt unserer Darstellung 
ein. — Bislang sprachen wir von voller ordinaler Identität; im 
Analogieverfahren aber handelt es sich um eine teilweise Identitäti 
oder, wenn dies als eine contradictio in adjecto empfunden werden 
sollte: es handelt sich darum, dass zwei Gegebenheiten nicht 
genau abgepasste, sondern um ein Bestimmtes zu weite Erfüllungen 
einer Bedeutungseinheit sind. Hier ist mithin, ebenso wie bei der 
Wahrscheinlichkeit, die volle wissenschaftliche Sicherheit nicht 
erreicht. Sie fehlt dem Wahrscheinlichkeitsschluss deshalb, weil 
dieser sich nicht auf die Gesamtheit der Fälle gründen kann; sie 
fehlt der Analogie, da diese sich nicht auf eine genaue, sondern 
nur auf eine angenäherte Korrespondenz aller Ordnungsbeziehuugeu 
aufbaut. 

Um nun aber positiv zu bestimmen, was es mit diesen Ord- 
nungsbeziehungen auf sich haben möge, gehen wir von einem Wort 
Lotzes aus. Auch im Analogieverfahren, so schreibt dieser 
Denker, „lässt sich das Denken durch die Voraussetzung leiten, 
dass nicht durch viele, zusammenhanglose Zufälle die Prädikate 
sich an demselben Subjekt M vereinigt haben, sondern dass es 
einen Grund geben müsse, der sie alle, als zusammengehörige 



90 F. Kuntze, 

versammelt hat; sie gehören dem M, weil M ein TI ist, zu der 
Natur des TI aber gehört es, diesen vollzähligen Merkmalbestand 
zu haben, der seinen Inhalt ausmacht; als eine Art des 77 hat M 
darauf Anspruch, alle diese Prädikate an sich zu vereinigen. — 
Suchen wir dies mit dem in Verbindung zu bringen, was wir be- 
reits ausgemacht haben! 

Die bei der Analogie vorliegende Wertungsart unterscheidet 
sich von der für die Wahrscheinlichkeit massgebenden zunächst 
und vor allem durch den Umstand, dass hier nicht numerische, 
sondern qualitative Erwägungen vorherrschen. Soll aber eine 
solche Wertung prinzipiell vom wertenden Subjekte gelöst werden 
können, so muss sie fähig sein, in einen ordinalen Zusammenhang 
einzutreten. Dieser Zusammenhang kann nicht gedacht werden 
als entstanden durch eine — kantisch zu reden — Synthesis der 
Aggregation, d. i. eine Synthesis nach den Normen der Mengen- 
lehre, sondern allein durch eine ordinale Synthesis. Wir werden 
daher von Analogien da reden, wo eine Übereinstimmung der for- 
malen Ordnung kenntlich wird durch eine Ähnlichkeit der Rela- 
tionen. Der Erkenntniswert einer Analogievergleichung richtet 
sich demnach nach dem Positionswert, den die zu vergleichen- 
den Merkmale haben. Was aber ist ein Positionswert? Etwas 
der Form qua Form Wesentliches. Wesentlich ist hinwiederum 
«einer Form dasjenige, dessen Wegnahme zur Folge hat, dass die 
Form nicht mit sich identisch bleibt, was also ein konstitutives 
Element der Definition der Form ausmacht. Demnach steigert 
sich die Analogie zu vollkommener Identität, wenn in den Ver- 
gleichen das Erzeugungsgesetz nicht bloss in Partien, sondern 
durchgehend übereinstimmt. Diese Graduierung, die solchermassen 
bei der Analogie statthat, bestimmt im konkreten Gebrauch einer- 
seits den positiven Nutzen, den sie stiftet, andererseits motiviert 
sie aber auch die zensorischen Erinnerungen, die immer dann an- 
zubringen sind, wenn die Analogie auf etwas geht, das im Struk- 
turzusammenhang der verglichenen Einzelnen keinerlei wesentliche 
Rolle spielt. 

Was den wissenschaftlichen Gebrauch der Analogie betrifft, 
so reicht dieser von förderlichen über gleichgültige bis zu ver- 
driesslichen Nutzanwendungen so weit, als überhaupt das mensch- 
liche Denken reicht. Wir wollen ihn in einem gewissen Zu- 
sammenhang von der Transzendentalphilosophie durch die Physik 
hindurch in die Psychologie verfolgen. 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 91 

In der Transzendentalphilosophie sind es nach Kant zwei 
grosse Gruppen von Analogien, die der Erklärung alles Empi- 
rischen zu Grunde liegen: die realen und die idealen Analogien, 
die Analogien der Kritik der reinen Vernunft und die der Urteils- 
kraft. Ihr allgemeines, für beide gültiges Prinzip bestimmt die 
zweite Auflage der Vernunftkritik dahin „Erfahrung ist nur durch 
die Vorstellung einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen 
möglich." Der realen, der für die Erscheinungen abgesehen von 
ihrem Verhältnis zur Subjektivität gültigen Analogien nennt Kant 
drei: den Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz, den Grund- 
satz der Zeitfolge nach dem Gesetz der Kausalität und den 
Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der Wechsel- 
wirkung oder Gemeinschaft. Die ideale Analogie ist die einem 
Zwecke gemäss wirkenden Kausalität. Die realen Analogien sind 
allerdings auch nur regulativ, nicht konstitutiv, sollen aber doch 
jedenfalls dem Dasein der Erscheinungen a priori Regeln vor- 
schreiben. Die ideale Analogie dagegen hat allein die Gegen- 
stände der Naturforschung nach der Analogie einer zweckartig 
wirkenden Kausalität unter Prinzipien der Beobachtungen zu bringen, 
ohne sich anmassen zu dürfen, sie danach zu erklären. — In der 
Beurteilung des Verhältnisses der beiden Kausal-Analogien zu 
einander kreuzen sich bei Kant zwei Gedankenreihen. Erstens 
die, dass die Kausalität der Natur eine reale, die teleologische 
Kausalität eine ideale sei, dass mithin die reale ein objektiv gil- 
tiges, die ideale ein' nur subjektiv giltiges Erkennen liefere. 
Zweitens die, dass beide Arten doch eigentlich auf dem gleichen 
Holze gewachsen seien. Die Kausalität nämlich ist eine Regel, 
wonach Erscheinungen nachgeforscht werden muss, die ein solches, 
die Teleologie ist eine Regel für Erscheinungen, die ein solches 
Verhältnis zu unserem Erkenntnisvermögen haben. Damit ist die 
Teleologie wiederum ein „ander Prinzip für die Möglichkeit der 
Natur" und in diesem Betracht der Kausalität gleichwertig. Es 
ist mithin eine Frage, wie tief die Teleologie in die Natur hinab- 
reicht; ob jene vom Mechanismus verschiedene Kausalität ein de- 
finitives Prinzip ist oder nicht. Die Wage scheint zu Ungunsten 
der Teleologie zu sinken, wenn man bedenkt erstens, dass die 
Teleologie eine Hereinziehung praktischer Momente ins Theo- 
retische bedingt, zweitens, dass sich die Darstellung der regula- 
tiven Prinzipien nicht auf dem legitimen Wege, durch korrespon- 
dierende Anschauung, sondern durch eine Wendung an das Subjekt 



92 F. Kuntze, 

Vollzieht. Dies letztere entscheidet. Wir sind danach nicht be- 
rechtigt, die Teleologie als eine, für jedes denkende und erken- 
nende Wesen notwendige, mithin dem Objekte, und nicht bloss 
unserem Subjekte anhangende Bedingung vorauszusetzen. Die 
Legitimität des Gebrauches beider Prinzipien aber ergibt sich aus 
den vorangegangenen Erörterungen über das Wesen der Analogie 
im Allgemeinen. Beide schliessen von einem Besonderen, der Art, 
darinnen in unserem Subjekte Bestimmungen zusammenhangen, auf 
ein anderes Besonderes: den Zusammenhang in den Erscheinungen. 
Beide wahren auch dies, dass sie nicht die mindeste Voraus- 
setzung über das innere Wesen der Glieder machen, zwischen 
denen die Analogie hält: beide Fälle, die reale, wie die ideale 
Analogie gehen nicht auf die Dinge an sich, sondern auf ihre 
Erscheinungen. 

Beide Analogien zusammen umschreiben den Rahmen, inner- 
halb dessen unser gesamtes Naturerkennen stattfindet. In ihm 
liegen diejenigen Gegebenheiten, die, durch ihre Formbarkeit ge- 
mäss den realen Analogien sich der allgemeinen Formenlehre 
haben Untertan machen lassen. In ihm liegen die Erscheinungen, 
die bislang allein ein Verhältnis zu den idealen Analogien haben, 
daher sie denn der allgemeinen Formenlehre bislang noch nicht 
hörig sind. 

Nur über die erste der realen Analogien Kants und über 
die Bedeutung, die sie auch für moderne Probleme hat, möge hier 
ein Wort stehen. Die Substanzanalogie heisst um deswillen eine 
Analogie, weil sie grundsätzlich darauf verzichtet, in das Wesen 
der Substanz einzudringen. „Dadurch" — ich zitiere den Eiehl- 
schen Kritizismus, „dadurch, dass ich die Materie, auf Grund ihrer 
empirischen Eigenschaften als die Substanz der äusseren Er- 
fahrungen erkenne, habe ich nicht das Wesen der Materie, 
sondern nur ihr Verhältnis zu meinem Denken erkannt. Ich ge- 
brauche in allen Urteilen über äussere Dinge die Materie als das 
Subjekt; also ist jene Erkenntnis nichts Weiteres als eine Ana- 
logie zu dem Begriffsverhältnis des Subjektes in Beziehung auf 
seine Prädikate. Die Materie verhält sich zu ihren Eigenschaften 
und Wirkungen in der Erscheinung, wie sich das Subjekt eines 
kategorischen Urteils zu seinen Prädikaten verhält". 

Hier sehen wir an einem ersten Beispiel die vorhin be- 
hauptete, den Erkenntniswert der Analogieanwendung nicht be- 
rührende Substratlosigkeit der Verbände von Beziehungen, die 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 93 

gemäss der Analogie verglichen werden. Ein Gleiches gilt für 
die übrigen Analogien. Es ist z. B. bei der Kausalität nicht im 
Mindesten nötig, in ihr sozusagen einen transeunten Bestandteil 
zu isolieren, der nun von einem Zustand in den anderen hinüber- 
flösse, ja, man kann vielleicht Kaut dahin ergänzen, dass es noch 
nicht einmal nötig sei, individuelle Kausalglieder als Ursache und 
Wirkung einander gegenüber zu stellen. Im Gegenteil, die Iso- 
lierung eines solchen transeunten Bestandteiles mindestens ist so- 
gar verboten. Darin besteht ja der tiefe Unterschied der durch 
Hume hindurchgegangenen Kausalitätstheorie Kants gegen alle 
früheren Theorien der Kausalität: dass sie absieht von all und 
jeder analytischen Auffassung der Kausalverhältnisse. Sie kann 
eine solche Auffassung aber nur ankündigen auf Grund dessen, 
dass die Kausalität ihr eine Analogie der Erfahrung ist, und dass 
die Analogie nicht gehalten ist, die qualitativen Substrate der 
Gebiete ausfindig zu machen, auf die sie sich bezieht — und 
durchführen nur auf Grund ihres Erscheinungsbegriffes. Lässt 
man einen dieser Bestandteile weg, so tritt gleichsam als eine 
Ausfallerscheinung die überwundene Auffassung der Kausalität 
wieder ein, wie dies bei Hegel und zuletzt noch bei Trendelen- 
burg geschah, der bestimmte „was im Realen der Grund ist, das 
ist im Logischen der Mittelbegriff des Schlusses". 

Kehren wir nun zu der ersten Analogie zurück, so führt der 
Umstand, dass nur eine quantitative, nicht eine qualitative Er- 
haltung ausgesagt wird, unmittelbar auf das, eine gleichen Sach- 
verhalt der Form nach behauptende moderne Energiegesetz. Auch 
bei diesem bringt die Behauptung einer nur quantitativen, nicht 
einer qualitativen Erhaltung ^er Energie es mit sich, dass man 
über das, was sich denn letzten Endes erhält, nichts festsetzen 
kann. Denn, wie Kant gesagt hat, „wir erkennen einen jeden 
Gegenstand nur durch Prädikate, die wir von ihm sagen oder ge- 
denken . . . Daher ist ein Gegenstand nur ein Etwas überhaupt, 
das wir durch gewisse Prädikate, die seinen Begriff ausmachen, 
uns gedenken". Die Energie aber kann um deswillen keine be- 
stimmten Prädikate an sich haben, weil sie fähig sein muss, all 
die Prädikate all ihrer Arten anzunehmen. Diese Überlegungen 
führen mitten in die gegenwärtige Problemlage hinein, die Poin- 
care dahin ausgedrückt hat, dass man, anstatt zu sagen „die 
Energie bleibt konstant", auch sagen könne „es bleibt etwas kon- 
stant". Die Energie ist damit das substantivierte „es" all jener 



94 F. Kuntze, 

Vorgänge, die Gegenstand der exakten Wissenschaften sind. Diese 
([ualitative Gleichartigkeit aller Vorgänge, oder vielmehr, dieses 
Aufgehobensein aller Qualität in den Vorgängen bringt es wiederum 
mit sich, dass es beim Vergleichen zweier Erscheinungsgebiete 
unter exakt wissenschaftlichem Gesichtspunkt garnicht darauf an- 
kommt, ob die Substrate der Erscheinungen einander ähnlich sind 
oder nicht. Da die Substrate nämlich doch immer nur etwas 
Vorläufiges sind, so ist allein dies wesentlich, ob die Struktur- 
zusammenhänge einander ähnlich seien oder nicht. ^) So sind, 
nach Maxwell, zwei so grundverschiedene Gegenstände, wie das 
Newtonische Gravitationsgesetz, und die Gesetze der Wärmeleitung 
verbunden dadurch, dass die mathematischen Gesetze der statio- 
nären Bewegung der Wärme in homogenen Mitteln der Form 
nach identisch sind mit denen einer Anziehung, welche dem 
Quadrat der Entfernung proportional ist. Wenn wir Wärmequelle 
statt Auziehungszentrum, Wärmefluss statt beschleunigende Kraft 
der Anziehung und Temperatur statt Potential setzen, so ver- 
wandeln wir die Lösung eines jeden Problems der Anziehungslehre 
in die eines Problems der Lehre der Wärmeleitung. Es ist 
bekannt, wie Maxwell in der Verfolgung dieser Gedanken dazu 
gekommen ist, eine jede Kraft durch die Analogie einer unzu- 
sammendrückbaren Flüssigkeit vorzustellen, die in Röhren von 
veränderlichem Querschnitt strömt. — Endlich rechtfertigt diese 
Substratlosigkeit alles Geschehens auch die Anwendung der letzten 
grossen Analogie, durch die wir die Erfahrung wissenschaftlich 
gestalten: die Anwendung der Zahl auf das faktische Geschehen, 
denn allein unsere vorausgesetzte Substratlosigkeit schafft jene 
prinzipielle Gleichheit und Vergleichbarkeit aller Erfahrungsdaten 
mit einander, die die Voraussetzung für die Anwendung des Zahl- 
begriffes bildet. All dies rechtfertigt die Kantische Definition der 
Analogie, sie sei nicht etwa eine unvollkommene Ähnlichkeit zweier 
Dinge, sondern eine vollkommene Ähnlichkeit zweier Verhältnisse 
zwischen ganz unähnlichen Dingen. 

Ist die Analogie somit wichtig für die Naturwissenschaft, so 
ist sie entscheidend für all das, was in die Wissenschaft vom 



1) So sehen wir denn auch in der Tat — ich entlehne Poincarä 
diese Bemerkung — ein und dieselbe Gleichung, die von Laplace, in der 
Theorie der Newtonischen Attraktion, der der Bewegung der Flüssigkeiten, 
der des elektrischen Potentials, der des Magnetismus, der der Verbreitung 
der Wärme, und in vielen anderen. 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 95 

iuneren Sinne, in die Psychologie gehört, denn hier schafft sie 
allererst einmal die Basis, auf der sich alles weitere Verständnis 
erheben muss. Es ist nämlich zu beachten, dass alles, was Gegen- 
stand möglicher innerer Erfahrung für mich werden soll, mögliche 
Gegebenheit für den inneren Sinn in mir sein muss; was dies nicht 
sein kann, ist dem Begriff nach transzendent für sich. Dies zu 
veranschaulichen, wollen wir annehmen, ein Mensch betrachte ein 
Bild, und wollen uns fragen, was an diesem Vorgange Gegenstand 
möglicher direkter Erfahrung für mich sein kann, was nicht. Da 
sehen wir, dass dieser Vorgang zwei Phasen hat, davon der eine 
die Möglichkeit hat, direkt in mein Bewusstsein hineinzugelangen, 
der andere nicht. Das Bild des Gegenstandes auf der Netzhaut, 
die chemisch elektrischen Vorgänge etc. sind ersichtlich mindestens 
ideelle Gegenstände einer möglichen Erfahrung; ich könnte sie 
gegebenenfalls anschauen oder zum Mindesten feststellen und sie 
beschreiben durch die Charaktere der Naturwissenschaft. Dahin- 
gegen kann der ganze Strom des Seelischen, also die Farben und 
Lichtempfindungen zunächst, die dadurch hervorgerufenen Affekte 
etc. danach nie Gegenstand möglicher Erfahrung für mich werden ; 
all dies ist für mich dem Begriffe nach transzendent. Hier ist 
also das Verständnis auf Grund meines eigenen inneren Erlebens 
die Vorbedingung für alle weitere Erklärung. Wir zeigen zu- 
nächst, dass auch bei dieser Analogiebildung wieder jene eigen- 
tümliche Gleichgültigkeit des Substrates stattfinde, die wir bislaug 
immer als Charakteristikum auftreten sahen. Diese — relative 
— Gleichgültigkeit zeigt sich bei der indirekten Erkenntnis fremder 
psychischer Phänomene, bei der Erkenntnis durch Mitteilung. 
Es ist ein sehr beachtenswerter Gedanke Maimons, dass die Welt, 
die wir die durch Mitteilung gemeinsame nennen können, dieselbe 
bleiben würde, auch wenn die absoluten Erfüllungsgrundlagen der 
Mitteilung wechselten. Wenn ich also etwa, so sagt Maimon, die 
Sinneswahrnehmung, die ich nach Gesicht und Geschmack vom 
Zucker habe, als eines weissen, süssen Etwas, einem anderen mit- 
teilte, für den weiss-schwarz und süss-sauer wäre, so würde er 
mich doch durchgehend vorstehen können, wenn er nur dieselbe 
Art des Verbundenseins der Merkmale wahrnähme, wie ich. 

Dieses, reichlich krass ausgedrückte und in solcher Schroff- 
heit wohl nicht aufrecht zu erhaltende Beispiel ahnt dennoch einen 
sehr folgereichen Gedanken vor, den in der Gegenwart Stumpf 
dahin ausgedrückt hat, es seien uns die Erscheinungen in logischer 



96 F. Kuntze, 

Unabhängigkeit von den intellektuellen Funktionen gegeben; dahin- 
gegen kann das, was Stumpf die „Gebilde" nennt, nicht ohne die 
Funktionen begriffen werden und umgekehrt. Ersetzen wir das 
Wort „Gebild" durch das Wort „Form" so lässt der Gedanke 
Maimons sich dahin vervollständigen: es könne zu einer gemein- 
samen Erfahrungswelt auch bei einer von Individuum zu Indivi- 
duum variierenden subjektiven Erscheinungswelt kommen, wenn 
wir nur einem jeden, mit uns in Verbindung tretenden Individuum 
zwar nicht den Inhalt der Gestalten, die unsere Erscheinungswelt 
ausmachen, wohl aber deren — Tendenz — wenn ich so sagen 
darf, mitteilen könnten. Diese logische Unabhängigkeit ist natür- 
lich nicht identisch mit realer Unabhängigkeit; diese vielmehr 
dürfte nur für einen sehr eng umschriebenen Spielraum stattfinden. 
Im entgegengesetzten Fall müssten jene verschiedenen Erfüllungs- 
grundlagen in einem Verhältnis prästabilierter Harmonie in Bezug 
auf das, was der Mensch auf Grund ihrer Erkenntnis tun wird, 
stehen, denn es scheint mir sonst nicht wohl möglich abzu- 
sehen, wieso Erkenntnisse als Bestimmungsgründe des praktischen 
Handelns, das zu einem bestimmten Erfolge führen will, sollten 
mitteilbar sein. 

Was nun die Bedeutung der Analogie für die Wissenschaften 
angeht, die sich aufbauen auf die Materialien des inneren Sinnes, 
für die Geisteswissenschaften also, so ist auch diese unabsehlich. 
Ich greife nur ein spezielles Problem, das der Reproduktion, in 
der Geschichtschreibung der Philosophie zu kurzer Erörterung um 
deswillen heraus, weil es eine charakteristische Verschiedenartig- 
keit des Analogiegebrauches im Geistigen veranschaulicht. Mau 
kann der Reproduktionsarten philosophischer Systeme, scheint mir, 
zwei unterscheiden; wir wollen die erste die poetische, die zweite 
die pragmatische Reproduktionsart nennen. — Allgemein geht man 
bei allen poetischen Reproduktionen vom Ganzen zu den Teilen. 
Will ich mich des Geistes einer Dichtung, eines Werkes der bil- 
denden Kunst etc. bemächtigen, so muss ich mich seiner Form 
bemächtigen, und dann sehen, wie diese Form alles Einzelne 
Materiale motiviert. In unmittelbarer Intuition kann dies nur er- 
reicht werden bei Werken der bildenden Kunst, bei denen alle 
Teile gleichzeitig sind. Bei all den Kunstwerken dagegen, die die 
Teile erst in einer Zeitfolge in den Blickpunkt des Bewusstseins 
führen, kann auch die Form, mit Leibniz zu reden, nur in einzelnen 
Fulgurationen in das Bewusstsein fallen, und vollständig beisammen 



Krit. Versuch über den Erkenntniswert des Analogiebegriffes. 97 

sein erst dann, wenn das Ganze aufgefasst ist. Dies ist auch der 
Grund, weshalb man den vollen Genuss an Dichtwerken und an 
Werken der Musik erst beim zweit- oder drittmaligen Durchgehen 
hat. Dann erst kann ich die Form durch Analogien aus meinem 
eigenen Fühlen und Erleben soweit zur inneren Macht gestaltet 
haben, dass ich das So und Warum all der einzelnen Teile des 
Kunstwerkes verstehen und damit seine Schönheit empfinden kann. 
Als bewusste Methode mit geistigen Gegebenheiten zu schalten 
hat Fichte diese Reproduktionsart in seiner Darstellung Kants 
angewendet. Fichte meinte, sich des Geistes der Kantischen 
Philosophie versichert zu haben, und suchte nun aus diesem Geiste 
heraus ihren Körper aufzubauen, da ja der Buchstabe Kants 
ebenso wie der des Aristoteles töte. Diese Methodik war wirksam 
in den Formen, die Hegel der Geschichtsschreibung der Philo- 
sophie wies; sie ist wirksam in deren sogenannter problem- 
geschichtlicher Methodik. Man sieht leicht, dass es ein, im wei- 
testen Sinne poetischer Standpunkt ist, nach dem eine problem- 
geschichtliche Redaktion einzelner überkommener Lehrbestände 
erfolgt. Dem Unberechtigten einer solchen Methodik begegnete 
all bereits Kant, als er wider Fichte erklärte, es sei die Vernunft- 
kritik „allerdings nach dem Buchstaben zu verstehen und bloss aus 
dem Standpunkt des gemeinen, nur zu solchen Untersuchungen 
hinlänglich kultivierten Verstandes zu verstehen." 

Was hiermit formuliert ist, das ist der streng historische 
Standpunkt, der Standpunkt der Immanenz der Erklärungsmittel. 
Allerdings arbeiten auch seine Vertreter mit „Analogien der 
historischen Erfahrung", denn eben jener Standpunkt der Im- 
manenz fordert, den von dem Urheber eines bestimmten Systems 
beabsichtigten Formtyp klar herauszustellen. Sie unterscheiden 
sich aber von den Poeten unter den Geschichtschreibern der Philo- 
sophie — auch von denen, die mit der Immanenz der Erklärung 
einverstanden sind — immer noch folgendermassen. Die Poeteu 
kümmern sich nur um die Einzelheiten der Systeme, die mit dem 
Formtyp in Einklang zu bringen sind; sie halten ein System als 
historische Erscheinung dann für erklärt, wenn es ihnen gelungen 
ist, an möglichst vielen Einzelheiten zu zeigen, wie die Teile die 
Struktur des Organismus wiederholen, d. i. wie das Prinzip seine 
Anwendungen „aus sich entlässt". Die Historiker dagegen streben 
zunächst einmal eine verjüngte Darstellung aller Einzelheiten an. 
Die Art aber, darinnen sie diese erklären, ist zureichend zu be- 

Kautstudieu XVIU. rj 



98 F. Kuntze, Krit. Versuch über den Erkenntniswert etc. 

greifen durch eine Analogie, die allerdings von der der Poeten 
grundverschieden ist: durch die Analogie mit den menschlichen 
Willenshandlungen. Von diesen nämlich erklären wir einen 
Teil für frei, d. i. für verursacht durch die Notwendigkeit unseres 
innersten Wesens; einen Teil für unfrei, d.i. für verursacht durch 
eine Kausalität, die uns wesensfremd ist. Dem analog erklärt 
nun der Historiker einen Teil der vorgelegten Einzelheiten aus 
dem, im vorgelegten Philosophem wirksamen Geist heraus, als 
»womit er dem früher besprochenen Prinzip sein Recht widerfahren 
lässt; einen Teil aber weist er zufälligen Ursachen zu, die zwar 
auf den Philosophen und durch ihn wirkten, die aber mit dem 
Innersten seines Systems nichts zu schaffen hatten. Beide Prin- 
zipien können neben einander wirksam sein; sie waren es im 
Geiste des exakten Prantl, der schrieb : „Um nun die aristotelische 
Logik selbst darzustellen, werden wir die Bücher des uns er- 
haltenen Organons weder übersetzen noch bloss exzerpieren, 
sondern wir werden versuchen müssen, das Ganze zugleich auch 
mit seinen inneren Triebfedern und mannigfaltigen gegenseitigen 
Wechselbeziehungen zu entwickeln." 
\ Wir sprachen bislang von der Stellung der Analogie in der 

gewordenen Wissenschaft; wir schliessen mit einem Wort der 
Würdigung dessen, was die Analogie für die werdende Wissen- 
schaft bedeutet. — Allerorten sind es zwei Arten von Geistern, 
die der Wissenschaft vom Flecke helfen: die Intuitiven und die 
Logiker. Die ersten schauen, die zweiten begründen, und begründen 
oft, was jene ersten geschaut haben. Den Geist der Intuitiven 
beflügelt die Fähigkeit, mit Hilfe der Analogie in verschiedensten 
Einkleidungen den gleichen sachlichen Kern zu sehen. Das Ver- 
fahren der Logiker sichert ihre Ergebnisse dadurch, dass es jenen 
sachlichen Kern als einen typischen Zusammenhang von Relationen 
beschreibt. Damit bestätigt auch die wissenschaftliche Tat die 
hier vertretene Theorie: man kann bei einem vorgelegten Einzelfall 
nie sagen, was die Analogie leisten wird, wohl aber, worauf im 
Fall einer bestätigten Leistung ihr Erkenntniswert beruht hat. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 

Von Ernst Katzer. 



1. Einleitung. 

Am sichersten und tiefsten haften immer die Eindrücke der 
Jugendzeit. Ein stiller, oft unbewusst wirkender Einfluss geht 
von ihnen aus. Das zeigt sich deutlich auch in Kants ge- 
samten Denken. Der ganze theoretische Unterbau der Kritik 
der reinen Vernunft steht im letzten Ziele in engster Beziehung 
zur Religion. Das ist das Erbe aus dem elterlichen Hause, vor 
allem die Nachvvirkung der mütterlichen Frömmigkeit, die Kant als 
Kind umgab. Dazu stimmen die oft zitierten Worte aus der 
zweiten Auflage der Vernunftkritik: „Ich musste das Wissen 
aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und der 
Dogmatismus der Metaphysik d. i. das Vorurteil in ihr ohne 
Kritik der reinen Vernunft fortzukommen , ist die wahre Quelle 
alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens , der jederzeit 
gar sehr dogmatisch ist." ^) In diesem einzigen Satze ist bereits 
das ^korrekte Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion an- 
gedeutet, das im Innersten Kants Forschergeist beschäftigte. Er 
lehrt mit Entschiedenheit Metaphysik, aber nicht eine Metaphysik 
als wissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine Metaphysik des 
Glaubens. 

Die menschliche Erkenntnis bewegt sich nur in der Welt 
der Erscheinungen. Niemals vermag sie darüber hinauszudringeu. 
Aber der Einheitstrieb der Vernunft zwingt das Denken die 
Sinnenwelt zu überfliegen und eine intelligible Welt zu setzen, in 
der sich der Glaube ansiedeln kann. Diese andere, höhere Welt, 
die von Kant auch als eine andere Ordnung bezeichnet wird 
(Reine Vernunft, S. 440. Prakt. Vernunft S. 51 f. 60, 128, 130), 
ist das Reich der Zwecke, das Reich der wahren (moralischen) 
Freiheit. Eine Welt dichtender Gedanken , die aber notwendig 



1) Kant, Kritik der reinen Vernunft. (Ausgabe Kehrbach), S. 26. 

7* 



100 E. Katzer, 

von dem menschlichen Geiste erzeugt wird. Ein Produkt der 
Einheit suchenden Vernunft. Sie ist das Reich des Idealen, eine 
moralische Welt. Ein Reich der Dichtung unter der allgemein- 
gültigen, unvermeidlichen Gesetzgebung der Vernunft. Der Glaube 
an diese intelligible Welt ist die eine wahre Religion selbst, 
ruhend auf dem sittlichen ßewusstsein des Menschen. ^) 

Es lässt sich kein andrer Zweck der Weltexistenz denken, 
als eben diese moralische Welt. Auf sie ist die gesamte Ent- 
wicklung der Menschheit angelegt. Nur diese Überzeugung ver- 
mag dem Leben einen Sinn zu verleihen.^) Das Reich Gottes 
soll kommen.^) Nach seiner Verwirklichung zu streben ist des 
Menschen Pflicht. Er soll das höchste Gut d. i. eben dieses Reich 
befördern*). Deshalb der Kampf des guten Prinzips in ihm 
und ausser ihm mit dem Bösen. ^) 

Daher weiter die Notwendigkeit, ein ethisches gemeines 
Wesen zu gründen, das die Verwirklichung des Gottesreichs er- 
möglicht. — Doch es ist „eine Schwäche der menschlichen Natur 
daran schuld", dass auf den wahren Religionsglauben niemals so 
viel gerechnet werden kann, als er wohl verdient, nämlich eine 
Kirche (als ethisches gemeines Wesen) auf ihn allein zu gründen.^) 
Es bedarf sichtbarer, sinnenfälliger Veranstaltungen und Mittel, 
um die Menschen zu einer moralischen Einigung zu führen. 
„Sinnlich Haltbares" ist erforderlich, um dem natürlichen Be- 
dürfnis der Menschen zu genügen und sie zu dem reinen Religions- 
glauben zu führen. 

Ein solches Mittel ist allen voran die Gründung einer sicht- 
baren Kirche mit religiösen Zeremonien, Statuten und Vorschriften, 
namentlich aber ein als heilig angesehenes Buch. „Es kann die 
Verbindung von Menschen zu einer Religion nicht füglich ohne 
ein solches Buch und auf dasselbe gegründeten Kirchenglauben 



*) Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Grdl.) S. 42. Prologo- 
mena (Pr.) S. 32. Kritik der reinen Vernunft (R. V.) S. 26, 370, 440, 
577, 607, 626. 

*) Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft (Rel.) 
S. 102, 105. 109, 130, 150, 162, 168 f. 195, 214. 

«) Grdl., S. 70, 72, 105, 66, 67, 78, 88. Rel., S. 104, f. 147, 161, 168, 
172, 210, 215. Streit der Fakultäten (Fak.) S. 62, 87 f. 

*) Rel, S. 68. Grdl., S. 25, 31. Kritik der praktischen Vernunft 
(P. V.) S. 2, 165, 157, 171. R. V., S. 614. 616. 

6) Rel., S. 57 ff. 

6) Rel., S. 107 ff., 111—115. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung:. 101 

zustande gebracht werden." ^) Die Menschen bedürfen eines Leit- 
bandes, um zu einer Kirche verbunden zu werden. Nur so auch 
kann eine Kirche erhalten bleiben. „Kein auf Schrift gegründeter 
Glaube hat selbst durch die verwüstendsten Staatsrevolutionen 
vertilgt werden können, indessen dass der, so sich auf Tradition 
und alte kirchliche Observanzen gründete, in der Zerrüttung 
des Staates zugleich seinen Untergang fand." ^) 

Ein Buch dieser Art nun ist die Bibel, „das würdigste und 
jetzt in dem aufgeklärten Weltteile einzige Instrument der Ver- 
einigung aller Menschen in eine Kirche." ^) Die grosse Bedeutung, 
die Kant sonach der Bibel beimisst inbezug auf die Entstehung 
und Erhaltung einer sichtbaren Kirche erinnert an seine Worte 
in der Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft: 
„Es ist von der moralisch gesetzgebenden Vernunft ausser den 
Gesetzen, die sie jedem Einzelnen vorschreibt, noch überden eine 
Fahne der Tugend als Vereinigungspunkt für alle, die das Gute 
lieben, ausgesteckt, um sich darunter zu versammeln."*) Man 
darf annehmen, dass er hierbei — unter moralisch gesetzgebender 
Vernunft die göttliche Vernunft als allgemeine verstehend — die 
Bibel als ein solches Vereinigungszeichen gedacht hat. Dazu 
stimmen seine Gedanken, die er über ihre Entstehung ausspricht. 

2. Die Entstehung der Bibel. 

Das Zustandekommen der Bibel kann nicht als ein zu- 
fälliges , nur auf menschlichen Gedanken und Massnahmen 
ruhendes angesehen werden. Ein ethisch - gemeines Wesen als 
Volk Gottes kann nur durch Gott selbst hervorgerufen und er- 
halten werden. „Wenn ein ethisch - gemeines Wesen zustande 
kommen soll, so müssen alle Einzelnen einer öffentlichen Gesetz- 
gebung unterworfen werden und alle Gesetze, welche jene ver- 
binden, müssen als Gebote eines gemeinschaftlichen Gesetzgebers 

angesehen werden können Soll das gemeine Wesen ein 

ethisches sein, so kann das Volk als ein solches nicht selbst 
für gesetzgebend angesehen werden [wie bei einem juridischen 
gemeinen Wesen]; denn in einem solchen gesetzgebenden Wesen 
sind alle Gesetze ganz eigentlich darauf gerichtet, die Moralität 

») Rel., S. 142 f. 

2) Rel., S. 112 f. 

3) Rel., S. 118 f. 
*) Rel., S. 97 f. 



102 E. Katzer, 

der Handlungen (welche etwas Innerliches ist, mithin nicht unter 
öffentlichen menschlichen Gesetzen stehen kann) zu befördern .... 
Es muss also ein anderer, als das Volk, sein, der für ein ethisches 
gemeines Wesen als gesetzgebend angegeben werden könnte."^) 
Dieser Andere aber ist Gott, dessen Gesetze zugleich die ethischen 
sind. Er muss die Menschen zu einem Volke Gottes zusammen- 
führen. 

So muss auch die Bibel, die die Menschen zu einer Kirche 
als Mittel für das Reich Gottes verbindet, in ihrer Entstehung als 
ein Werk der Vorsehung angenommen werden. Das moralische 
Gesetz ist in das Herz des Menschen geschrieben als die ewige 
üroffenbarung Gottes^). Es wirkt und treibt unabänderlich in 
seinem Innern. Zuvörderst ist sich die Menschheit desselben zwar 
nur dunkel bewusst. Allmählich aber gewinnt es an Klarheit. Die 
Kultur schreitet fort und mit ihr die moralische Erkenntnis.^) Das 
Moralgesetz kommt zu immer deutlicheren Bewusstsein. 

Ein Erzeugnis dieser wachsenden, unter der Leitung der 
Vorsehung stehenden moralischen Kultur aber ist die Bibel.*) Sie 
ist entstanden unter der gütigen Führung der Vorsehung. Nicht 
durch Inspiration im Sinne einer äusserlichen (empirischen) Offen- 
barung ist sie hervorgebracht. Eine übersinnliche Erfahrung ist 
ein Widerspruch in sich selbst.^) Der, welcher sich eine Weisheit 
als von oben herab eingegossen (Inspiration) vorstellt, denkt sich 
das Unding der Möglichkeit einer übersinnlichen Erfahrung". So 
lässt sich die Entstehung der Bibel nicht erklären. „Wie auch 
ein solches Buch, das so grossen Einfluss auf den moralischen 
Gang der Weltbegebenheiten gehabt hat, zu Stande gekommen sein 
möge, so ist die Inspiration (deus ex machina) ein sehr misslicher 



') Rel.. S. 102 f. 

2) Rel. S. 27, 63, 90, 109, 117, 131, 151, 177, 180. Grdl., S. 42f. 

3) Die Entwicklung der Menschheit zur Moralität vollzieht sich nach 
Kant einesteils durch die Nöte und Übel des Lebens, andernteils durch 
den Antagonismus der Menschen untereinander, wodurch der Einzelne 
gezwungen ist, sich aus der Rohigkeit herauszuarbeiten. Der Mensch sollte 
nicht durch Instinkt geleitet und durch anerschaffene Erkenntnis versorgt 
und unterrichtet sein; er soll vielmehr alles aus sich selbst herausbringen. 
Vgl. Kants Werke von Hartenstein (Ww.), VI., S. 145 f., 148, 150, 152, 
161, 191, 321 f, 495 VII, S. 190. 195 f, 281, 537, 546,659, 649, VIII, S. 468. 
Rel., S. 98 f. R. V., S. 592. 

*) Reicke, Lose Blätter aus Kants Nachlass. (Rei.) III., S. 63, 67, 69 f. 83. 
6) Fak. S. 641 67. Blw. VII. S. 661. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 103 

Erklärungsgrund dieses Phänomens.^) Damit wären dann auch die 
in der Bibel sich findenden Irrtümer sanktioniert. 

Demnach muss die Bibel, obschon nicht ohne höheren gött- 
lichen Einfluss, als auf eine völlig natürliche Art entstanden an- 
gesehn werden. Nur durch die innere Offenbarung des Moralgesetzes 
ist sie hervorgebracht. „Die dabei vorhandne verborgene Ursache 
schreibt der Mensch auf Rechnung der Vorsehung überhaupt." 
Weder dem Zufall noch einem Wunder der Inspiration ist die Ent- 
stehung der heiligen Schrift zu danken. In beiden Annahmen 
würde die Vernunft „auf den Sand geraten." Die Bibel muss viel- 
mehr „durch das Fortschreiten der Menschheit in der Kultur mora- 
lischer schon vor viel hundert Jahren entwickelter Begriffe (ent- 
standen), mithin als natürlichen Ursprungs angesehen werden.^) 

Die Entwicklung der Menschheit aber vollzieht sich unter 
der Leitung der Vorsehung.^) „Es steht alles unter ausserordent- 
licher und ordentlicher, göttlicher Direktion", doch es geschieht nicht 
alles durch sie. Diese Direktion besteht in der Konformierung der 
Natur mit besondern Zwecken.*) Es ergeht beständig eine göttliche 
Offenbarung an die Menschen durch das Moralgesetz der Vernunft, 
die mit der sich entwickelnden Bildung stetig an Klarheit gewinnt. 
Der Geist Gottes ist es, der in alle Wahrheit leitet.*^). Die innere 
Kraft der Religion wächst von kleinen Anfängen aus als ein edles 
Saatkorn unter den Menschen und pflanzt sich fort von einem 
Geschlechte zu dem anderen. Es findet eine fortgesetzte Belebung 
und Erhebung der moralischen Gesinnung statt. Die Vorsehung 
verfährt hierbei nach dem Prinzipe der Freiheit. Die Menschen 
sollen sich, nachdem das Moralgesetz in ihre Brust gelegt ist, selbst 
allmählich emporarbeiten. Sie sollen das, was sie zu werden be- 
stimmt sind, durch eigenen Kraftaufwand erreichen. So ist die 
Bibel auf eine rein natürlich -menschliche Weise entstanden unter 
der Erziehung der göttlichen Vorsehung.^) 



1) Rei. ni, S. 63. Fak. S. 84, 87. 

«) Rei., S. 63. 

8) Ww. VII, 653. 

*) Rei., S. 28. 

6) Rei. S. 118, 131. 

«) Ww. VI. S., 145 f., 148, 180, 182, 191, 321 f., 496. VIT., S. 190, 196, 
281, 537, 546, 549, 649, 653. Vm. S. 488. Rei. S. 83, 85, 98 f. R. V. 
S. 572. 



r 

104 E. Katzer, || 

3. Der Inhalt der Bibel. 

Infolge der natürlich-menschlichen, von der Vorsehung ge- 
leiteten Entstehung der Bibel hat sie einen doppelten Inhalt. Er 
besteht einesteils aus Geschichtserzählungen, Sagen, Wunder- 
berichten, Statuten und Kultusvorschriften. Das alte Testament 
bietet den mosaisch-messianischen, das neue Testament enthält 
den evangelisch-messianischen Geschichtsglauben. Sehr menschlich 
erscheint u. A. Kant die apostalyptische „Zahlenkabbala". Er 
bemerkt: „Haben die heiligen Zahlen etwa den Weltlauf bestimmt?" 
Dergleichen konnte den Glauben an die Authentizität der biblischen 
Erzählungen nur schwächen.^) Ein derartiger Geschichtsglaube 
ist daher eben wegen solcher Menschlichkeiten als ein unwesent- 
licher Bestandteil der Bibel anzusehen. Irrtum ist dabei nicht 
ausgeschlossen, wenn man nicht ein durch die Bibel fortlaufendes 
Wunder annehmen will.^) Das aber ist von vornherein abzuweisen, 
weil es dem reinen moralischen Glauben entgegen sein würde. So 
irrte z. B. Paulus in seiner Lehre von der Gnadenwahl, „die er 
aus der mosaisch-messianischen Schriftlehre treuherzig in die 
evangelische überträgt."^) 

Ausser diesem historischen Glauben enthält die heilige Schrift 
andererseits aber den reinen moralischen Glauben, die reine wahre 
Religion. Er stammt aus der Vernunft, aus der dieser inne- 
wohnenden üroffenbarung des moralischen Gesetzes, und bildet 
den Hauptbestandteil der Bibel, der allein von Wert ist.^) Durch 
die Vernunft redet Gott selbst zu uns. Sonach ist die Bibel ein- 
mal ein Geschichtsbuch (historischer oder Kirchenglaube), das 
andere Mal ein Gesetzbuch (Moralgesetz). Sie enthält ausser den 
geschichtlichen Bestandteilen eine Darbietung des göttlichen 
Willens. „Über die objektive Regel unsers Verhaltens ist uns 
alles, was wir bedürfen (durch Vernunft und Schrift) offenbart."^) 
Aber diese Offenbarung ist immer als eine natürliche anzusehen, 
als geschehen eben durch die Vernunft.*) 

Durch ihren rein moralischen Inhalt beglaubigt die Bibel 
sich selbst und entschädigt uns durch ihn für die sonst in ihr 



1) Fak. S. 82 f. 

*) Fak. S. 84. 

») Fak. S. 87. 

*) Fak. S. 66, 68. Rel. S. 118, 158. Vgl. S. 107, 109. 

5) Rel. 157. 

«) Rel. S. 167. 



'0 Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 105 

enthaltenen Menschlichkeiten.^) Damit aber ist der untrügliche 
Beweis geliefert, dass Gott durch unsere moralische praktische 
Vernunft zu uns redet. ^) Insofern ist die biblische Glaubenslehre 
die mit göttlicher Kraft auf alle Menschenherzen zur gründlichen 
Besserung hinwirkende und sie in einer Kirche vereinigende, in 
dem Kritizismus der praktischen Vernunft gegründete wahre Reii- 
gionslehre. ^) 

Die Bibel enthält also zwei verschiedene Religionen: den 
Kirchenglauben und den reinen Vernunftglauben. Doch beide 
brauchen nicht in Gegensatz zu einander zu stehen. Sie können 
recht wohl zur Einheit mit einander gebracht werden dadurch, 
dass der historische Glaube zum Vehikel des moralischen gemacht 
wird. Sie gleichen so zwei konzentrischen Kreisen. Den weiteren 
bildet der historische Glaube, den engeren der moralische.^) Der 
moralische Inhalt der heiligen Schrift ist der Kanon, die historischen 
Bestandteile als Vehikel der reinen Religion sind das Organon.^) 
Daraus ergeben sich die für die Schriftauslegung in Anwendung 
zu bringenden Prinzipien. 

4. Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 

A. Allgemeines Prinzip. 
Der allgemeine Grundsatz für die Schriftinterpretation kann 
nach dem ganzen Gedankengange Kants kein andrer sein, als 
dieser: Alle Schriftauslegung soll der Besserung des 
Menschen dienen. Man könnte ihn auch so ausdrücken: Die 
Bibel ist so auszulegen, dass dadurch die reine wahre 
Religion gefördert wird. Soll diese zu vollkommener Ent- 
wicklung gelangen, so muss alles bei dem Gebrauche der Bibel 
auf sie bezogen werden. Ein jeder soll lernen, seine Kräfte für 
das Gute zu verwenden.®) „Alle Schrift von Gott eingegeben 
ist nützlich zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung.') Das ist der 
Zweck der Vernunftreligion dazu zu helfen. Sie will die Menschen 
zur moralischen Bildung führen. 



») Fak. S. 84 f. 

*) Fak. S. 88. Vgl. S. 83. 

3) Fak. S. 84 f. 

*) Rei., S. 71, 77. Rel. S. 13. 

*) Fak. S. 37, 53. 

«) Rel., S. 45. 48. 

7) Rel., S. 118. 



106 E. Katzer, 

So ist alles, was die Schrift enthält, von dem Moralgesetze 
aus zu beurteilen und zu seiner Befolgung zu verwerten. Heilig- 
keit ist das Ziel, nach dem der Mensch streben soll.^) Jeder 
muss deshalb wissen, was seine moralische Pflicht sei. Darüber 
aber kann ihm nur die reine Vernunftlehre -Aufschluss erteilen. 
Sie soll und will auf die Gesinnung der Menschen wirken. Darum 
kann auch allein die Moral die oberste Auslegerin der Bibel sein. 
Erst muss ich wissen, dass etwas Pflicht sei, ehe ich es als ein 
göttliches Gebot oder als eine göttliche Offenbarung ansehen kann.^) 

Nur das, was sich auf die sittliche Besserung bezieht, kann 
als authentische Interpretation des Schriftinhalts gelten. Aus 
diesem Grunde kann das neue Testament, das mit sittlichen, folg- 
lich mit Vernunftlehren innigst verwebt ist, vor allen zur Ein- 
führung in die reine Keligionslehre benutzt werden.^) Da ist 
der Gott in uns selbst der Ausleger der Schrift, wenn in solcher 
Weise verfahren wird. Wir sollen uns beständig der wahren 
Religion nähern durch alle Formen , Zeremonien und Kultur- 
gebräuche hindurch. Das ist das Prinzip einer jeden wahren 
Kirche und muss deshalb auch das Prinzip der rechten Schrift- 
auslegung sein. Die praktische Vernunft hat das Primat.^) 

Nur eine solche Schriftauslegung ist auch allgemein ver- 
ständlich, da sie keinerlei Gelehrsamkeit fordert. Allein durch 
sie ist es möglich, die reine wahre Religion den Menschen mit- 
zuteilen. Der blosse Vernunftglaube nur darf auf Empfänglich- 
keit aller rechnen. Er ist darum auch allein geschickt eine all- 
gemeine Kirche zu gründen. ^) Der Offenbarungs- oder Geschichts- 
glaube aber entbehrt dieser Allgemeinheit. Er lässt sich nicht Jeder- 
mann ohne weiteres mitteilen.^) Daher vermag er auch keine 
allgemeine Kirche zu gründen. Er bedarf historischer, gelehrter 
Kenntnisse, die nicht alle haben können. Die Qualifikation der 
Allgemeinheit besitzt ausschliesslich der reine Religionsglaube 
und die ihn befördernde wahre Kirche.') 

Zwar scheint nichts leichter, als andere zur Annahme eines 



1) Fak. S. 87. Grdl. S. 40. Rel., S. 170. 

^ Rel., S. 165. Fak., S. 83. 

») Rel., S. 167. Fak. S. 66. 

*) Praktische Vernunft (P. V.) S. 144. Fak. S. 48. Rel., S. 122, 142, 163. 

5) Rel., S. 107. 

•) Rel., S. 115. 

') Rel., S. 166, 168. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 107 

historischen Glaubens zu bewegen. „Es ist, könnte man meinen, 
nichts einfacher als eine sinnlich gemachte Erzählung aufzufassen 
und einander bekannt zu geben, oder von Geheimnissen die Worte 
nach zu sprechen, mit denen es gar nicht nötig ist einen Sinn 
zu verbinden.^) Indes, wenn das auch dem Volke gegenüber 
gelingt , so finden sich doch den Gebildeten und Gelehrten 
gegenüber so viele Bedenklichkeiten „teils in Ansehung der Wahr- 
heit teils in Ansehung des Sinnes", dass ein solcher Glaube 
immer Streitigkeiten unterworfen bleiben muss. Praktische Er- 
kenntnis aber ist einem Jeden in das Herz geschrieben. Von der 
Verbindlichkeit des Moralgesetzes vermag auch der Ungelehrteste 
sich zu überzeugen. Daher kann die Bibel, wenn sie der „öffent- 
lichen Ausbreitung und inniglichen Belebung" der Vernunft- 
religion förderlich sein soll, nur moralisch ausgelegt werden.^) Sie 
legitimiert sich als bestes Mittel zur Introduktion echten Glaubens 
durch die Wirkung, die sie auf den Leser macht. ^) 

Auch Christus hat in dieser Weise die Bibel ausgelegt. Er 
hat die heiligen Schriften des Judentums verwendet zur Einführung 
in die reine wahre Religion „unter Leuten die gänzlich und blind 
am Alten hingen."^) Dieses Verfahren schlug er ein, um der 
Vernunftreligion für alle Zeiten Eingang zu verschaffen.**) Nur 
durch einen solchen Gebrauch kann die heilige Schrift als Leit- 
mittel zur Beförderung und Erhaltung einer wahrhaft seelen- 
bessernden Religion dienen, wie sie Christus verkündet hat. 
Hierdurch allein verschwindet auch der erniedrigende Unterschied 
zwischen Klerus und Laien und die „usurpierte Herrschaft der 
Geistlichen über die Gemüter", das Pfaffentum ^). Wir dürfen 
uns daher glücklich schätzen in der Bibel ein Buch zu besitzen, 
„das neben Statuten als Glaubensgesetzen den reinen Religions- 
glauben mit Vollständigkeit enthält" und so als Vehikel des- 
selben gebraucht werden kann.') 

So entschieden fordert Kant die moralische Schriftauslegung, 
dass er sagt: „Diese Auslegung mag uns selbst in Ansehung des 



1) Rel., S. 190 ff. 

2) Fak., S. 62. 

3) Fak. 81, 84, 88. Rel., S. 190. 

4) Rel., S. 194 ff. 

5) Rel., S. 171 ff. 178. 

6) Rel., S. 218, 130. 

7) Rel., S. 113. 



108 E. Katzer, 

Textes gezwungen scheinen, oft es auch wirklich sein, und doch 
muss sie, wenn es nur möglich ist, dass dieser sie annimmt, einer 
buchstäblichen vorgezogen werden, die entweder schlechterdings 
nichts für die Moral in sich enthält, oder dieser ihren Trieb- 
federn wohl gar entgegenwirkt.^) Hierbei kann es ganz unent- 
schieden bleiben, ob das auch der Sinn des Schriftstellers sei, 
oder ob wir ihn nur hineinlegen, „wenn er nur für sich und ohne 
allen historischen Beweis wahr, dabei aber zugleich der einzige 
ist, nach welchem wir aus einer Schriftstelle für uns etwas zur 
Besserung ziehen können, die sonst nur eine unfruchtbare Ver- 
mehrung unserer historischen Erkenntnis sein würde. ^) 

Im letzten Grunde aber soll die moralische Schriftauslegung 
dahin zielen, „das Leitband der heiligen Überlieferung mit seinen 
Anhängseln, Statuten und Observanzen, welches zu seiner Zeit 
gute Dienste tat, nach und nach entbehrlich zu machen." Das 
Vehikel kann bei Seite gelegt werden, wenn die reine Vernunft- 
religion allgemein verbreitet ist. Man kann aber schon jetzt 
sagen: „Das Reich Gottes ist zu uns gekommen, wenn auch 
nur das Prinzip des allmählichen Übergangs des Kirchenglaubens 
zum allgemeinen Religionsglauben irgendwo öffentlich Wurzel ge- 
fasst hat." Das aber ist zugleich das Prinzip der rechten Schrift- 
auslegung. 

B. Abgeleitete Prinzipien der Bibelausleguug. 

Ausser dem allgemeinen Prinzip des rechten Bibelgebrauchs 
stellt Kant noch vier abgeleitete Grundsätze dafür auf. Er be- 
handelt sie ausführlich in seiner Schrift „Der Streit der 
Fakultäten".^) Sie sind folgende: 

1. „Schriftstellen, welche gewisse theoretische für 
heilig angekündigte aber allen (selbst den moralischen) 
Vernunftbegriff übersteigende Lehren enthalten, dürfen, 
diejenigen aber, welche der praktischen Vernunft wider- 
sprechende Sätze enthalten, müssen zum Vorteil der 
letzteren ausgelegt werden". 

Als Beispiel der ersten Art führt Kant das Dogma von der 
Trinität an. Als theoretischer Vernunftbegriff hat dieser Glaubens- 
satz keinerlei praktische Bedeutung. „Ob wir in der Gottheit drei 



1) Rel, S. 116. 
2^ Rel.. S. 45. 
8) Fak., S. 55 ff. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 109 

oder zehn Personen zu verehren haben", daraus lässt sich für 
unsern Lebenswandel gar keine Regel ziehen. Die Trinitätslehre 
ist vielmehr nur eine solenne Formel, ein theoretisches Bekenntnis 
des Glaubens an die göttliche Natur in dieser dreifachen 
Qualität als klassische Formel des Kirchenglaubens, um ihn von 
andern aus historischen Quellen abgeleiteten Glaubensarten zu 
unterscheiden. ^) 

Anders verhält es sich mit dem praktischen Glauben an die 
Dreieinigkeit. Er ist ein Glauben 1. an Gott als den allmächtigen 
Schöpfer Himmels und der Erde, d. i. moralisch als heiligen 
Gesetzgeber, 2. an ihn, den Erhalter des menschlichen Geschlechts 
als gütigen Regierer und moralischen Versorger desselben, 3. an 
ihn, den Verwalter seiner heiligen Gesetze d. i. als gerechten 
Richter. 2) 

Die Idee des Sohnes Gottes ist von Ewigkeit her in Gott 
als das Urbild der gottwohlgefälligen Menschheit. ^) Der heilige 
Geist aber ist der in dem Gewissen des Menschen seinen Ausspruch 
tuende Richter.*) Noch deutlicher: „Gott ist die Liebe, in ihm 
kann man den Liebenden (mit der Liebe des moralischen Wohl- 
gefallens an Menschen, sofern sie seinen heiligen Gesetze 
adäquat sind), den Vater, ferner in ihm, sofern er sich in 
seiner alles erhaltenden Idee der von ihm selbst gezeugten und 
geliebten, dem Urbilde der Menschheit darstellt, seinen Sohn, 
endlich auch, sofern er dieses Wohlgefallen auf die Bedingung 
der Übereinstimmung der Menschen mit der Bedingung jener 
Liebe des Wohlgefallens einschränkt, und dadurch als auf Weis- 
heit gegründete Liebe beweist, den heiligen Geist verehren," 
eigentlich aber nicht in so vielfacher Persönlichkeit anrufen, 
wohl aber im Namen des von ihm selbst über Alles verehrten 
geliebten Gegenstandes, mit dem es Wunsch und zugleich Pflicht 
ist, in moralischer Vereinigung zu stehen.^) 

Die Vorstellung eines dreieinigen Gottes scheint überdem, 
so bemerkt Kant, in der menschlichen Natur überhaupt zu liegen. 
Sie findet sich bei allen Völkern und ist der dreifachen Gewalt 
in einem gemeinen Wesen (Staat) zu vergleichen. Diese stellt 



1) Rel., S. 158, 160. 

2) Rel, S. 151. 

3) Rel., S. 68. 

4) Rel., S. 152 f. 
6) Rel., S. 158 ff. 



110 E. Katzer, 

sich dar als eine gesetzgebende, gütig regierende und gerecht 
richtende. ^) 

Als Beispiel dafür, wie Schriftstellen, die der praktischen 
Vernunft widersprechen, zu behandeln sind, nennt Kant die 
bereits erwähnte Lehre des Paulus von der Gnadenwahl. Sie ist 
auch, wie er dazu bemerkt, als der Vernunft widersprechend, 
von der christlichen Kirche wieder aufgegeben worden. Sie ist 
mit der Lehre von der Freiheit, der Zurechnung unsrer Hand- 
lungen und sonach mit der ganzen Moral unvereinbar. Auf 
welche Weise dergleichen Schriftstellen aber auszulegen sind, 
erhellt daraus, wie Kant u. a. Psalm 59, 11 — 19 interpretiert 
wissen will. Er erklärt, dass diese Stelle gar nicht im morali- 
schen Sinne, sondern nach dem Verhältnis, in welchem sich die 
Juden zu Gott als ihrem politischen Regenten betrachteten, zu 
verstehen sei, sowie auch eine andre Stelle der Bibel, da es heisst: 
„Die Eache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr" 
(5. Mos. 32, 35 und Rom. 12, 19), „die man gewöhnlich als 
moralische Warnung vor Selbstrache auslegt, ob sie gleich wahr- 
scheinlich nur das in jedem Staate geltende Gesetz andeutet, 
Genugtuung wegen Beleidigungen im Gerichtshofe des Ober- 
haupts nachzusuchen." Sittlichen Grundsätzen angepasst Hessen 
sich solche Stellen, wie z. B. das Gebet um Rache (Psalm 59) 
etwa so erklären, „dass hier nicht leibliche sondern unter dem 
Symbol derselben die uns meist verderblicheren unsichtbaren 
Feinde, nämlich böse Neigungen verstanden werden, die wir 
wünschen müssen zu überwinden.'-^) 

Wollte Jemand von Vernunft wegen hiergegen einwenden, 
dass die Bibel als Offenbarung aus sich selbst und nicht durch 
die Vernunft ausgelegt werden müsste, so wäre zu erwidern: 
„Eben darum, weil jenes Buch als göttliche Offenbarung an- 
genommen wird, muss sie nicht bloss nach Grundsätzen der Ge- 
schichtslehren (mit sich selbst zusammen zustimmen) theoretisch, 
sondern nach Vernunftbegriffen praktisch ausgelegt werden, denn 
dass eine Offenbarung göttlich sei, kann nur durch Kennzeichen, 
welche die Erfahrung an die Hand gibt, eingesehen werden.^) 

2. Kants zweiter abgeleiteter Grundsatz der Bibelauslegung 
lautet: „Der Glaube an Schriftlehren, die eigentlich 

1) Rel., S. 151 f. 
J) Rel., S. 116. 
») Fak., S. 64. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 111 

haben offenbart werden müssen, wenn sie haben gekannt 
werden sollen, hat an sich kein Verdienst und der 
Mangel desselben, ja sogar der ihm entgegensehende 
Zweifel ist an sich keine Verschuldung, sondern alles 
kommt in der Religion auf's tun an, und diese End- 
absicht, mithin auch ein dieser gemässe Sinn muss allen 
biblischen Glaubenslehren untergelegt werden.^) 

Damit soll der Buchstabendienst eines bloss theoretischen 
Fürwahrhaltens abgewehrt werden. Man darf die Bibel nicht zum 
Idol macheu. Zur weiteren Erklärung hierzu heisst es: „Lauten 
also Schriftstellen so, als ob sie das Glauben einer Offenbarungs- 
lehre nicht allein an sich verdienstlich ansähen, sondern wohl 
gar über moralisch gute Werke erhöben, so müssen sie so ausgelegt 
werden, als ob nur der moralische, die Seele durch Vernunft 
bessernde und erhebende Glaube dadurch gemeint sei, gesetzt auch 
der buchstäbliche Sinn, z. B. wer da glaubet und getauft wird, 
wird selig etc. (Marc. 16, 16) lautete dieser Auslegung zuwider.^) 

Hiergegen darf nicht gesagt werden: vor allem Praktischen 
müsse doch eine Theorie vorhergehen, und es könnte sein, dass 
das Glauben an theoretische Lehren verbindlich wäre, da die 
Offenbarungslehre vielleicht Absichten des göttlichen Willens ent- 
halte, „die wir nicht durchdringen können, für uns aber verbindlich 
sein dürften, sie zu befördern.^) Das wäre jedoch im Grunde 
immer ein blosses fürwahrhalten ohne praktische Wirkung. Zum 
Religionsglauben aber gehört Überzeugung von der Wahrheit die 
durch Statuten nicht beurkundet werden kann.*) Dergleichen Sätze 
wie der angeführte, dürfen aber nicht zu Glaubensartikeln gemacht 
werden.^) 

3. In engem Zusammenhange mit dem zweiten Grundsatze 
der Schriftauslegung steht der dritte: „Das Tun muss aus des 
Menschen eigenem Gebrauche seiner moralischen Kräfte 
entspringen, und nicht als Wirkung vom Einfluss einer 
äusseren höheren wirkenden Ursache, in Ansehung deren 
der Mensch sich leidend verhielte, vorgestellt werden; die 
Auslegung der Schriftstellen, welche buchstäblich das 



») Fak., S. 58. 
2) Fak., S. 59. 
•) Fak., S. 64. 
*) Fak., S. 64. 
6) Fak., S. 59. 



112 E. Katzer, 

Letztere zu enthalten scheinen, muss also auf die Uel)er- 
einstimmung mit dem ersteren Grundsatze absichtlich 
gerichtet werden.^) 

Dem gegenüber möchte Jemand geltend machen: „Wie kann 
man einem geistlich toten das stehe auf und wandle zurufen, wenn 
diesen Zuruf nicht zugleich eine übernatürliche Macht begleitet, 
die Leben in ihm hervorbringt". Doch bei solchem Einwände wird 
übersehen, dass „der Zuruf an .den Menschen durch seine eigene 
Vernunft geschieht" und so die in ihm schlummernden moralischen 
Kräfte „zur Belebung eines guten Lebenswandels geweckt werden, 
und das ist schon ein Tun, welches keines äussern Einflusses 
bedarf und fortgesetzt den beabsichtigen Wandel bewirken kann.^) 
Der Mensch, an den der Zuruf geschieht, ist nicht geistig tot. 
Das moralische Bewusstsein in ihm ist nicht völlig erloschen, sondern 
noch, wenn auch im Zustande der Schwachheit, vorhanden und 
kann stets von Neuem belebt werden. 

4. Der letzte abgeleitete Grundsatz der Schriftauslegung 
endlich zielt darauf dem Menschen Mut zu machen zu einem gott- 
wohlgefälligen Lebenswandel: „Wo das eigene Tun zur Recht- 
fertigung des Menschen vor seinem eigenen (strenge 
richtenden) Gewissen nicht zulangt, da ist die Vernunft 
befugt, allenfalls eine übernatürliche Ergänzung seiner 
mangelhaften Gerechtigkeit (auch ohne dass sie bestim- 
men darf, worin sie bestehe) gläubig anzunehmen". 

Schriftstellen also, die eine Offenbarung über solche Ergänzung 
mangelhafter Fähigkeit zu enthalten scheinen, sind so auszulegen, 
dass sie nur das Vehikel des moralischen Glaubens, nicht aber diesen 
selbst betreffen.^) Hiergegen könnte zwar eingewendet werden: 
„Wir können jene Ergänzungen, nur insofern sie durch göttliche 
Offenbarung wirklich zugesagt worden sind, und nicht auf gut 
Glück hin voraussetzen". Doch grade „das Vertrauen auf eine 
solche Ergänzung, ohne dass eine bestimmte empirisch erteilte 
Zusage dazu kommen darf, beweist vielmehr die echte moralische 
Gesinnung und hiermit die Empfänglichkeit für jene gehoffte 
Gnadenbezeigung, als es ein empirischer Glaube tun kann".^) 

Neben diesen besonderen von Kant zurückgewiesenen Ein- 

1) Fak, S. 60. 

2) Fak., S. 64. f. 

3) Fak., S 61. 

4) Fak., S. 66. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 113 

würfen gegen die moralische Schriftaiislegung lassen sich aber, 
wie er selbst anführt, noch zwei andere allgemeine denken. Man 
könnte nämlich geltend machen: die Regeln der moralischen 
Schriftauslegung sind ja insgesamt Urteile der Philosophie, die 
sich unbefugter Weise in das Geschäft der biblischen Theologie 
mischt. Aber, wenn es sich um die Wahrheit handelt, kann es 
kein höheres Prinzip der Entscheidung geben, als die Vernunft, 
die fordert, den Kirchenglauben immer nur als Vehikel des mora- 
lischen anzusehen und darnach die Bibel auszulegen. „Es tut 
auch der theologischen Fakultät keineswegs Abbruch, wenn die 
philosophische sich der Statuten derselben bedient, ihre eigne 
Lehre durch Einstimmung mit denselben zu bestärken; man sollte 
vielmehr denken, dass jener dadurch eine Ehre wiederfahre. Soll 
aber doch, was die Schriftauslegung betrifft, durchaus Streit 
zwischen beiden sein, so weiss ich keinen andern Veigleich, als 
diesen: wenn der biblische Theolog aufhören wird, sich der Ver- 
nunft zu seinem Behufe zu bedienen, so wird der philosophische 
aufhören, zur Bestätigung seiner Sätze die Bibel zu gebrauchen. 
Ich zweifle aber gar sehr, dass der erstere sich auf diesen Vertrag 
einlassen dürfte." 

Ein zweiter Einwand könnte dahin gehen: „die moralischen 
Auslegungen sind allegorisch, mithin weder biblisch noch philo- 
sophisch". Grade aber die biblische Theologie, wenn sie die 
Hüllen der Religion für diese selbst nimmt, verfährt allegorisierend. 
Sie nimmt „das ganze alte Testament als eine fortgesetzte Allegorie 
des noch kommenden Religionszustandes". Was aber den Vorwurf 
des Mystikismus anlangt, so ist grade die moralische Auslegung 
das einzige Mittel, die Phantastereien und Überschwenglichkeiten 
der Mystik abzuhalten. ^) 

Somit bleibt die moralische Bibelauslegung in ihrem Rechte, 
wenn sie nur in entsprechender Weise angewendet wird. Die 
von ihr einzuschlagenden Methode aber muss den aufgestellten 
Prinzipien gemäss sein, 

5. Die Methode der moralischen Bibelauslegung. 

Für das Verständnis der moralischen Schriftinterpretation 
ist es notwendig, sich noch einmal ihren Zweck zu vergegen- 
wärtigen. Er besteht, kurz gesagt, in der äussern oder inneren 



1) Fak., S. 63. 

Kantstadien XVIU. 



114 E. Katzer, 

Ausbreitung des Gottesreichs, oder, anders ausgedrückt, in der 
Beförderung des höchsten Guts. Die Erkenntnis soll Raum ge- 
winnen, „dass es schlechterdings kein Heil für die Menschen gebe, 
als in innigster Aufnahme echter sittlicher Grundsätze." ^) Das 
Reich Gottes soll kommen. Wir sollen uns kontinuierlich der 
alle Menschen auf immer vereinigenden Kirche nähern, die die 
sichtbare Vorstellung (das Schema) eines unsichtbaren Reiches 
Gottes auf Erden ausmacht.^) 

Immer von Neuem muss daher an die Pflicht erinnert werden, 
das höchste Gut zu befördern. Vor allem muss das Volk, die 
grosse Menge, moralisch erzogen und zum Verständnis der Ver- 
nunftreligion gebracht werden. Es ist noch immer weit genug 
von dem wahren Religionsglauben entfernt und sucht das Heil 
nicht hauptsächlich in der Freiheit moralischer Gesinnung, sondern 
in seinen natürlichen Zwecken. Es hängt am Äusserlichen. Das 
Volk gibt dem am meisten den Vorzug, „wobei es am wenigsten 
nötig hat sich selbst zu bemühen und sich seiner eignen Vernunft 
zu bedienen und wo am besten die Pflichten mit den Neigungen 
in Verträglichkeit gebracht werden können." Es muss ihm daher 
von früher Jugend an die Idee der Menschheit und ihrer moralischen 
Vollkommenheit ans Herz gelegt werden. Es will „geleitet" und 
zur rechten Weisheit geführt sein.^) 

Soll nun die Bibel als Mittel hierzu verwendet werden, so 
ist es ganz selbstverständlich, dass sie zunächst selbst als ein 
Gegenstand der Hochachtung für Zeitgenossen und Nachkommen 
angesehen und behandelt werden muss. Sie ist durch ihren mora- 
lischen Inhalt geeignet, als Vehikel des Vernunftglaubens, immer 
von Neuem die wahre Religion herzustellen, wenn sich Irrtum und 
Missbräuche eingeschlichen haben. Grade sie ist „ein höchst 
schätzbares Mittel, um dem Vernunftglauben Fasslichkeit, selbst 
für den Unwissenden, Ausbreitung und Beharrlichkeit zu geben".*) 
Daher sind mutwillige Angriffe gegen sie zu unterlassen, die nur 
dazu dienen können, sie in ihrem moralischen Einfluss auf das 
Volk zu schädigen.^) Ihr Ansehen darf nicht geschmälert und 



1) Rel., S. 83. 

2) Rel., S. 142, 214 f.. 5, 6, 8, 210. Grdl, S. 28, 30 f. 40. Rel. S. 155, 
157, 130, 146, 176. 

3) Fak., S. 45 ff., 78 f. 

4) Rel., S. 112 f., 177. Fak., S. 26, 84. 

5) Rel., S. 142. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 115 

der in ihr enthaltene Kirchen- und Volksglaube nicht vernachlässigt 
werden/) Sie ist „das kräftigste Organ für Leitung des Menschen 
und des Bürgers zum zeitlichen und ewigen Wohl".^) 

Kant selbst hat die Bibel jederzeit hochgehalten. Er ver- 
wahrt sich ganz energisch gegen den Vorwurf, als ob er jemals 
Christentum und Bibel mit Geringschätzung behandelt habe, und 
versichert, dass er der biblischen Glaubenslehre weder irgendwann 
den Respekt versagt habe noch versagen werde.^) Ausdrücklich 
bemerkt er: „Ich lese die Bibel gern und bewundere den En- 
thusiasmus in ihren neutestamentlichen Lehren".*) Er nennt sie 
„das beste und seiner heilsamen moralischen Wirkung nach er- 
probteste Gesetzbuch der Religion". 5) 

Deshalb fordert er durchaus Bescheidenheit ihr gegenüber. 
Auch die Verträglichkeit einer göttlichen Offenbarung mit dem 
Vernunftglauben ist nach seiner Meinung nicht ohne Weiteres zu 
bestreiten, ob sie schon nicht als ein übernatürlicher, sondern als 
ein natürlicher Vorgang anzusehen ist.^) Weise Rücksicht auf 
das Volk ist notwendig, da die Bibel eng mit dem Glauben des 
Volks verbunden ist. Dieses aber hält sich vorwiegend an das 
Sinnenfällige, an das Hergebrachte, an den Kirchenglauben. 

Wollte man nun den Kirchenglauben angreifen, so würde 
man sich des Vehikels berauben, durch das es möglich ist, das 
Volk zu dem reinen Religionsglauben emporzuheben. Aus diesem 
Grunde ist allenthalben Rücksicht auf den Volksglauben zu nehmen. 
Man soll also die Annahme einer Offenbarungslehre, die zur Stär- 
kung des moralischen Glaubens dienen kann, nicht hindern. Auch 
„die Hülle ist ehrwürdig", unter der der Vernunftglaube Aus- 
breitung findet. „Man muss dem Vortrage an das Volk die Leitung 
geben, den Text (der Bibel) nur als Veranlassung zu allem Sitten- 
bessernden, was sich dabei denken lässt, zu behandeln"."^) Schonung 
der religiösen Vorstellungen, die das Volk hegt, ist Pflicht, um 
dem wahren Religionsglauben allmählich Eingang zu verschaffen.^) 
Es wäre ein schlechter Rat eines falschen Liberalismus, den 

1) Rel, S. 117. 

2) Fak., S. 83. 

3) Fak., S. 26. 
*) Rei., S. 3. 
») Rei., S. 82. 

6) Vgl. oben S. 103. 

7) Fak., S. 90. 

8) Fak., S. 46. Rel. S. 90, 118 f., 146. 

8* 



116 E. Katzer, 

Volksglauben vertilgen zu wollen, und töricht, einen herrschenden, 
aber die Vernunftreligion nicht zerstörenden Glauben zu bekämpfen. 
Vielmehr ist Akkomodation zu empfehlen, um den göttlichen Inhalt 
der Bibel nach und nach verständlich zu machen/) Überhaupt 
aber sind religiöse Streitfragen nicht vor dem Volke zum Austrag 
zu bringen. Man soll nicht alles sofort „in das Publikum schreien" 
und von Kanzeln uns verhandeln.''*) 

Einmal hat das Volk für dergleichen Lehrstreitigkeiten kein 
Interesse. Es besteht mehr oder weniger aus „Idioten" inbezug 
auf wissenschaftliche Fragen.^) Immerhin aber ist es anzusehen 
als „die verehrungswürdigo Menge", deren religiöse Überzeugung 
nicht unbedachtsam verletzt werden darf.*) Daher ist es besser, 
„das Kirchenpublikum in Frieden zu lassen," um den höchsten 
Zweck, es für den wahren Religionsglauben zu bilden, nicht zu 
verfehlen.^) Unüberlegter Liberalismus ist immer gefährlich für 
den Bestand des Gesamtwohls. „Die Keckheit der Kraftgenies, 
welche dem Leitbande des Kirchenglaubens schon jetzt entwachsen 
zu sein wähnen, gewähren zu lassen, hiesse das Wohl des Volks 
leichtsinnigen Händen auszuliefern.^) 

Das andre Mal ist es bedenklich, sie vor den Richterstuhl des 
Volks zu bringen deswegen, weil sie dann einem inkompetenten 
Urteil unterworfen würden. Wollte eine Regierung das zulassen, 
„so würden Laien die Kleriker nötigen, in ihre Meinung einzutreten, 
die doch jene nur von dieser ihrer Belehrung herhaben."') Der 
Staat hat überhaupt allein dafür zu sorgen, dass tüchtige Gelehrte 
und Männer von gutem moralischen Rufe das Kirchenwesen ver- 
walten, sich selbst aber aller Einmischung und Belehrungen in 
wissenschaftlichen und religiösen Streitigkeiten zu enthalten.^) 
Nur so ist ein stetes Vorwärtsschreiten zu dem hohen Ziele der 
reinen wahren Religion denkbar. 

Allem voran aber ist die Vermengung des historischen mit 
dem religiösen Inhalte der Bibel sorgsam zu vermeiden. Wird 
das unbeachtet gelassen, so muss Streit entstehen zwischen den 

1) Bei., S. 117. Fak., S. 38, 54. 

2) Rel., S. 120. 

3) Fak., S. 32, 34, 82. 

4) R.V., S. 27. 
») Rel., S. 120. 

6) Fak., S. 55, 85. 

7) Rel, S. 120. Fak., S. 50. 
^ Rel., S. 120. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 117 

theologischen und philosophischen Auslegern der heiligen Schrift.^) 
Er wird dadurch hauptsächlich herbeigeführt, dass „die biblischen 
Theologen", wie Kant sie nennt, „darauf dringen, den Geschichts- 
glauben als göttliche Offenbarung so verstanden und behandelt 
wissen wollen, als ob er zum Religionsglauben gehörte."^) Damit 
hindern „die Orthodoxisten" die Auslegung der Bibel nach den 
Grundsätzen der wahren Religion. Das aber ist eine Beein- 
trächtigung der Wahrheit, die überall das Höchste ist. So wird 
das, was nur Vehikel sein soll, zu einem Bestandteile der Religion 
selbst gemacht. Eine Verkehrtheit, die die übelsten Folgen nach 
sich ziehen muss. 

Hierdurch wird die ächte Religion verdorben oder gar zu 
nichte gemacht. Das ist leider auch das Schicksal des Christen- 
tums geworden, das die Einführung der einen wahren Religion 
sein sollte. Immer von Neuem ist es korrumpiert worden.^) Rein 
und unverfälscht ging es aus der Hand seines ersten Lehrers 
hervor.*) „Die Welt hat nie etwas die Seele Belebenderes, die 
Selbstsucht Niederschlagenderes und doch zugleich die Hoffnung 
Erhebenderes gesehen, als die christliche Religion."^) 

Doch sie wurde bald missverstanden. Sie sollte dazu dienen, 
zum guten Lebenswandel zu führen. „Man machte es aber um- 
gekehrt: man soll, um ein gottwohlgefälliger Mensch zu werden, 
die messianische Geschichte glauben."^) Das von Christus und 
seinen unmittelbaren Nachfolgern klüglich beobachtete Verfahren 
der moralischen Religion Eingang zu verschaffen, wurde für ein 
Stück der Religion selbst für alle Zeiten und Völker geltend ge- 
nommen. Man riss sich das ganze Altertum über den Kopf und 
ein jeder Christ sollte Jude sein, dessen Messias gekommen wäre, 
und das ganze alte Testament als für alle Menschen geltende 
Offenbarung gläubig annehmen.') Die Orthodoxisten mengten also 
den Glauben an eine Offenbarungslehre samt den von der Kirche 
vorgeschriebenen Observanzen und die Religion des guten Lebens- 
wandels durcheinander.^) Geschieht das und wird die Bibel selbst 

1) Von diesem Streite handelt besonders die Schrift Kants, der 
Streit der Fakultäten. 

2) Fak., S. 53. 

3) ReL, S. 135, 176. 180. Fak., S. 60. 
*) ReL, S. 180. 

») Rei., S. 67. 

6) Rei., S. 34. 

7) Rei., S. 175, 178. «) Fak., 8. 68 ff. 



118 E. Katzer, 

ZU einem Gegenstande der Verehrung gemacht, so entsteht Idololatrie, 
die das Vehikel an Stelle der Keligion selbst setzt. ^) 

Hiergegen muss die philosophische Schriftauslegung sich ver- 
wahren. Dabei aber kann ihr Streit mit den „biblischen Theo- 
logen", oder wie Kant sie auch nennt, „den Geschäftsleuten der 
theologischen Fakultät" ein ganz berechtigter sein. Er ist dann 
kein Krieg, keine Zwietracht, sondern eine sachgeraäss-wissen- 
schaftliche Auseinandersetzung. Als solche mtiss er sogar sein. 
Er kann nicht vermieden werden, weil es sich um die Heraus- 
stellung der Wahrheit handelt. Deshalb ist es vielmehr Pflicht 
ihn zu führen. Nur hat er sich stets innerhalb der Fakultäts- 
gelehrten zu halten, die allein die Sachkundigen sind.^) Ihn 
öffentlich zu führen, wäre eine Schädigung der Religion und 
würde ihn zu einem unberechtigten machen gleich dem von dem 
Orthodoxismus veranlassten. 

Wie aber jede Vermengung des historischen und des Reli- 
gionsglaubens fernzuhalten ist, muss auch der Mystizismus als 
Schriftausleger zurückgewiesen werden. Er rühmt sich eines ver- 
borgenen Umgangs mit Gott und vernachlässigt darüber die mora- 
lische Gesinnung. Die inneren Erleuchtungen, auf die er sich be- 
ruft, sind immer etwas durchaus nur Passives. Das Gefühl, das 
dabei in Betracht kommt, bleibt stets etwas ausschliesslich Sub- 
jektives. Es kann daher niemals den Probierstein abgeben, um 
den Sinn einer Schriftstelle zu erkennen und zu bestimmen, was 
echte Offenbarung sei. 3) „Die Phantasie verläuft sich bei Reli- 
gionsdingen unvermeidlich ins Überschwengliche, wenn sie das 
Übersinnliche nicht an bestimmte Begriffe der Vernunft, der- 
gleichen die moralischen sind, knüpft und führt zu einem lUumi- 
natismus innerer Offenbarungen, deren jeder dann seine eigenen 
hat und kein öffentlicher Probierstein der Wahrheit mehr statt- 
findet.4) 

Übernatürliche Offenbarungen aber, die eine mystische Schrift- 
auslegung geltend machen möchte, sind und bleiben ein Wider- 
spruch in sich selbst, wie Kant wiederholt hervorhebt.^) „Himm- 
lische Einflüsse in sich wahrnehmen zu wollen ist eine Art Wahn- 



') Rel., S. 112, 178, 182, 217. Fak., S. 155. 

2) Fak., S. 18 ff., 21 ff. 

3) Rel., S. 120 f. 
*) Fak., S. 63. 

5) Fak., S. 65, 77. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 119 

sinn, in welchem wohl gar auch Methode sein kann, die aber doch 
eine der Religion nachteilige Selbsttäuschung bleibt.^) Mystizismus 
und Schwärmerei sind immer mit einander verwandt. „So ist 
zwischen dem seelenlosen Orthodoxismus und dem vernunfttötenden 
Mystizismus die biblische Glaubenslehre, so wie sie vermittelst 
der Vernunft aus uns selbst entwickelt werden kann, die mit gött- 
licher Kraft auf aller Menschen Herzen zur gründlichen Besserung 
hinwirkende und sie in einer allgemeinen (obzwar unsichtbaren) 
Kirche vereinigende, auf Kritizismus der praktischen Vernunft 
gegründete wahre Religionslehre. "^) Die Geltendmachung eines 
blossen Gefühls ist zum Amte eines Schriftauslegers nicht ge- 
schickt. „So wenig wie aus irgend einem Gefühl Erkenntnis der 
Gesetze und dass diese moralisch sind, ebensowenig und noch 
weniger kann durch ein Gefühl das sichere Merkmal eines un- 
mittelbar göttlichen Einflusses gefolgert und ausgemittelt werden,"^) 
obschon den Antrieb zur guten Handlung der Mensch natürlich 
fühlen muss. 

Nur ein Schriftausleger besitzt neben dem moralischen un- 
zweifelhafte Befugnis. Es ist der Schriftgelehrte. Er hat den 
ursprünglichen Sinn der Schriftstellen zu erforschen und ihre 
Authentizität festzustellen.*) Jeder Geschichtsglaube hat ein ge- 
lehrtes Publikum nötig und erfordert besondere Kenntnisse.**) Es 
muss sachkundige Gelehrte geben, die die Geschichte einer Reli- 
gion kontrollieren können. Sonach ist hinsichtlich des Christen- 
tums, soweit es zugleich eine gelehrte Religion ist, erforderlich, 
dass Männer da seien, die der Sprachen kundig sind, in denen die 
heiligen Bücher dieser Religion geschrieben sind, und somit durch 
Übersetzungen allgemeine Kenntnis dieses Buches ermöglichen. 
„Weil menschliche Kunst und Weisheit nicht bis zum Himmel 
hinaufsteigen kann, um das Creditiv der Sendung des ersten 
Lehrers selbst nachzusehen, sondern sich mit den Merkmalen, die 
ausser dem Inhalt noch von der Art, wie ein solcher Glaube 
introduziert worden, hergenommen werden können, d. h. mit 
menschlichen Nachrichten begnügen muss, die nachgerade in sehr 
alten Zeiten und alten, jetzt toten, Sprachen aufgesucht werden 



1) Rel., S. 188. 

2) Fak., S. 79. 
') Rel., S. 120. 

4) Fak., S. 87. 

5) Rel., S. 139. 160. 



120 E. Katzer, 

müssen, um sie nach ihrer Glaubwürdig-keit zu würdigen, so wird 
Schriftgelehrsamkeit erfordert werden, um eine auf heilige 
Schrift gegründete Kirche, nicht Religion, im Ansehen zu er- 
halten, "i) 

Die biblische Auslegekunst (hermenentica sacra) kann nicht 
Laien überlassen werden, weil sie ein wissenschaftliches System 
betrifft und so Gelehrsamkeit notwendig macht. ^) „Vernunftreli- 
gion und Schriftgelehrsamkeit sind also die berufenen Ausleger 
und Depositäre einer heiligen Urkunde."^) Sie müssen freie Bahn 
haben und diese darf von Niemand gesperrt werden. Die eine 
folgt moralischen, die andere wissenschaftlichen Gesetzen. Doch 
ist mit ihrer beiderseitigen Freiheit keinerlei Gefahr für das 
öffenthche Wohl verbunden. 

Das Geschichtliche, das von der wissenschaftlichen Interpre- 
tation zu untersuchen ist, bedeutet ein Zeichen, um die Wahrheit 
anschaulich zu machen. Es soll und kann nicht Bestätigung und 
Beweise für die Wahrheit erbringen, sondern liefert nur Beispiele 
für die Anwendung der praktischen Vernunftprinzipien auf Fakta 
der heiligen Geschichte.*) Die sittlich tätige Vernunft bedarf der- 
gleichen Beweise nicht. „Das Historische dient nur zur Illustra^ 
tion, nicht zur Demonstration."^) Es kann ganz und gar dahin- 
gestellt bleiben, ob der Sinn, den die moralische Schriftauslegung 
in eine Stelle hineinbringt, wirklich so beabsichtigt gewesen sei. 

Ein solche Auslegung im moralischen Sinne aber der Unehr- 
lichkeit beschuldigen zu wollen, wäre durchaus irrig. Die mora- 
lische Bibelinterpretation zielt auf Besserung der Menschen und 
Ausbreitung der wahren Religion. Über den Sinn, der ursprüng- 
lich mit der einzelnen Schriftstelle verbunden gewesen sein mag, 
will sie damit nichts entscheiden. Niemand wird also getäuscht. 
Je reinlicher die moralische und die wissenschaftliche Schriftaus- 
legung von einander getrennt gehalten werden, desto ungerecht- 
fertigter wird der Vorwurf der doppelten Wahrheit. Es handelt 
sich hier um zwei ganz verschiedene Zwecke, von denen jeder 
berechtigt ist.^) 



1) Rel., S. 119. 

2) Fak., S. 87. 
») Rel, S. 120. 

*) Fak., S. 90, 104, 

5) Rei., S. 60. 

«) Rel., S. 118. Fak., S. 88. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 121 

6. Charakteristische Beispiele 
für die moralische Bibelauslegung Kants. 

Es ist sicher als unbestreitbar anzusehen, dass die moralische 
Schriftinterpretation der reinen wahren Religion vortreffliche Dienste 
zu leisten vermag. Die von Kant hierfür aufgestellten Grund- 
sätze werden durch die nachstehenden Beispiele aber noch be- 
sonders charakterisiert. Der Sündenfall z. B. (1. Mose 2,16 ff.) 
wird folgendermassen erklärt: „Das moralische Gesetz ging, wie 
es auch beim Menschen als einem nicht reinen, sondern von 
Neigungen versuchten Wesen sein muss, als Verbot voraus 
(I.Mose 2, 16 — 17). Anstatt nun diesem Gesetze als hinreichender 
Triebfeder (die allein unbedingt gut ist, wobei auch weiter kein 
Bedenken stattfindet) gerade zu folgen; sah sich der Mensch doch 
noch nach anderen Triebfedern um (3, 6), die nur bedingter Weise 
(nämlich sofern dem Gesetze dadurch nicht Eintrag geschieht) 
gut sein können, und machte es sich, wenn man die Handlung 
als mit Bewusstsein aus Freiheit entspringend denkt, zur Maxime, 
dem Gesetze der Pflicht nicht aus Pflicht, sondern auch allenfalls 
aus Rücksicht auf andere Absichten zu folgen. Mithin fing er 
damit an, die Strenge des Gesetzes, welches den Einfluss jeder 
anderen Triebfeder ausschliesst, zu bezweifeln, hiernach den Ge- 
horsam gegen dasselbe zu einem bloss (unter dem Prinzipe der 
Selbstliebe) bedingten eines Mittels herab zu vernünfteln, woraus dann 
endlich das Übergewicht der sinnlichen Antriebe über die Trieb- 
federn aus dem Gesetze in die Maxime zu handeln, aufgenommen, 
und so gesündigt wird. Mutato nomine de te fabula narratur.^) Zu 
Luc. 19, 12 — 16 (Gleichnis von den anvertrauten Pfunden) heisst 
es: „Nach der moralischen Religion (dergleichen unter allen öffent- 
lichen, die es gegeben hat, allein die christliche ist) ist es ein 
Grundsatz: dass ein jeder, soviel als in seinen Kräften ist, tun 
müsse, um ein besserer Mensch zu werden; und nur alsdann, 
wenn er sein angeborenes Pfund nicht vergraben, wenn er die 
ursprüngliche Anlage zum Guten benutzt hat, um ein besserer 
Mensch zu werden, „er hoffen könne, was nicht in seinem Ver- 
mögen ist, werde durch höhere Mitwirkung ergänzt werden."^) 

Inbezug auf die Geburtsgeschichte Jesu (Luc. 1, 26 ff .) sagt 
Kant: „Wozu aber diese Theorie (von der übernatürlichen Zeugung 
Jesu) dafür oder dawider, wenn es für das Praktische genug ist, 



i) Rel., S. 43 f. 8) Rel., S. 54 f. 



122 E. Katzer. 

jene Idee als Symbol der sich selbst über die Versuchung zum 
Bösen erhebenden (dieser siegreich widerstehenden) Menschheit 
uns zum Muster vorzustellen?^) Dazu im „Streit der Fakultäten": 
„Wenn dieser Gottmensch nicht als die in Gott von Ewigkeit her 
liegende Idee der Menschheit in ihrer ganz ihm wohlgefälligen 
moralischen Vollkommenheit, sondern als die in einem wirklichen 
Menschen «leibhaftig wohnende» und als zweite Natur in ihm 
wirkende Gottheit vorgestellt wird, so ist aus diesem Geheimnisse 
gar nichts Praktisches für uns zu machen, weil wir doch von 
uns nicht verlangen können, dass wir es einem Gotte gleich tun 
sollen, er also insofern kein Beispiel für uns werden kann, ohne 
noch die Schwierigkeit in Anregung zu bringen, warum, wenn 
solche Vereinigung einmal möglich ist, die Gottheit nicht alle 
Menschen derselben hat teilhaftig werden lassen, welche alsdann 
unausbleiblich ihm alle wohlgefällig geworden wären. ^) 

Das Wort: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen 
ihn nicht auf, denen aber, die ihn aufnahmen, hat er Macht 
gegeben, Gottes Kinder zu heissen, die an seinen Namen glauben". 
(Joh. 1, 11 und 12) findet diese Deutung: „Das gute Prinzip ist 
nicht bloss zu einer gewissen Zeit, sondern von dem Ursprünge 
des menschlichen Geschlechts an in unsichtbarer Weise vom 
Himmel in die Menschheit herabgekommen gewesen (wie ein 
jeder, der auf seine Heiligkeit und zugleich Unbegreiflichkeit der 
Verbindung derselben mit der sinnlichen Natur des Menschen 
in der moralischen Anlage Acht hat, gestehen muss) und hat in 
ihr rechtlicher Weise seinen Wohnsitz. Da es also in einem 
wirklichen Menschen als einem Beispiele für alle anderen erschien, 
so kam er in sein Eigentum und durch sein Beispiel eröffnete 
er die Pforte der Freiheit für jedermann, die ebenso wie er dem 
absterben wollen, was sie zum Nachteil der Sittlichkeit an das 
Erdenleben gefesselt hat, und sammelt sich unter diesen ein Volk, 
das fleissig wäre zu guten Werken, zum Eigentum und unter 
seine Herrschaft, indessen dass er die, so die moralische Knecht- 
schaft vorziehen, der ihrigen überlässt".^) 

Das Gleichnis vom ungerechten Haushalter (Luc. 16, 1 — 9) 
erhält folgenden moralischen Sinn: „Der, welchen der Eigennutz, 
der Gott dieser Welt beherrscht, wird, wenn er, ohne sich von 

1) Rel, S. 84 f. 

2) Fak., S. 55. 
») Rel, S. 86 f. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 123 

ihm loszusagen, ihn nur durch Vernunft verfeinert, und über die 
engen Grenzen des Gegenwärtigen ausdehnt, als ein solcher vor- 
gestellt, der jenen seinen Herrn durch sich selbst betrügt, und 
ihm Aufopferung zum Behufe der Pflicht abgewinnt. Denn, 
wenn er es in Gedanken fasst, dass er doch einmal, vielleicht 
bald, die Welt werde verlassen müssen, dass er von dem, was 
er hier besass, in die andere nichts mitnehmen könne, so ent- 
schliesst er sich wohl, was er oder sein Herr, der Eigennutz, 
hier an dürftigen Menschen gesetzmässig zu fordern hatte, von 
seiner Eechnung abzuschreiben, und sich dafür gleichsam An- 
weisungen zahlbar in einer andern Welt anzuschaffen, wodurch 
er zwar mehr klüglich als sittlich, was die Triebfeder solcher 
wohltätigen Handlungen betrifft, aber doch dem sittlichen Gesetze, 
wenigstens dem Buchstaben nach, gemäss verfährt und hoffen darf, 
dass auch dieses ihm in Zukunft nicht unvergolten bleiben dürfe. ^) 

In feinem Verständnis spricht sich Kant über das „Vater 
Unser" (Matth. 6, 9 ff. und Luc. 11, 2 ff.) aus mit den Worten: 
„Der Lehrer des Evangeliums hat den Geist des Gebets ganz 
vortrefflich in einer Formel ausgedrückt, welche dieses und 
hiermit auch sich selbst (als Buchstabe) zugleich entbehrlich 
macht. In ihr findet man nichts, als den Vorsatz zum guten 
Lebenswandel, der, mit dem Bewusstsein unserer Gebrechlichkeit 
verbunden, einen beständigen Wunsch enthält, ein würdiges Glied 
des Reiches Gottes zu sein; also keine eigentliche Bitte um etwas, 
was uns Gott nach seiner Weisheit auch wohl verweigern könnte, 
sondern einen Wunsch, der, wenn er ernstlich (tätig) ist, seinen 
Gegenstand (ein gottwohlgefälliger Mensch zu werden) selbst 
hervorbringt. Selbst der Wunsch des Erhaltungsmittels unserer 
Existenz (des Brods) für einen Tag, da es ausdrücklich nicht auf 
die Fortdauer derselben gerichtet ist, sondern die Wirkung eines 
bloss tierischen gefühlten Bedürfnisses ist, ist mehr ein Bekenntnis 
dessen, was die Natur in uns will, als eine besondere überlegte 
Bitte dessen, was der Mensch will, dergleichen die um das Brod 
auf den andern Tag sein würde, welche hier deutlich genug aus- 
geschlossen wird. . . Ein Gebet dieser Art kann allein im Glauben 
geschehen, welches so viel heisst, als sich der Erhörlichkeit 
desselben versichert zu halten.^) 

Der Ausspruch des Apostels Paulus: „Ist Christus nicht 

1) Rel., S. 173. 
«) Rel., S. 213. 



124 E. Katzer, 

auferstanden, so ist euer Glaube eitel" (1. Kor. 15, 17) wird so 
interpretiert: des Apostels Schluss ist also: «ist Christus nicht 
auferstanden (dem Körper nach lebendig- geworden), so werden wir 
auch nicht auferstehen (nach dem Tode gar nicht mehr leben)», 
ist nicht bündig. Er mag es aber auch nicht sein (denn dem 
Argumentieren wird man doch nicht auch eine Inspiration zum 
Orunde legen), so hat er doch hiermit nur sagen wollen, dass 
wir Ursache haben zu glauben, Christus lebe noch und dieser 
Olaube sei eitel, wenn selbst ein so vollkommener Mensch nicht 
nach dem (leiblichen) Tode leben sollte, welcher Glaube, den ihm 
{wie allen Menschen) die Vernunft eingab, ihn zum historischeu 
Glauben an eine öffentliche Sache bewog, die er treuherzig für 
wahr annahm und sie zum Beweisgrunde eines moralischen Glaubens 
•des zukünftigen Lebens brauchte, ohne inne zu werden, dass er 
selbst diese Sage ohne den letzteren schwerlich würde Glauben 
beigemessen haben. ^) 

Höchst bezeichnend aber ist die Erklärung der von Christus 
auf die Anrede „guter Meister" gegebene Antwort: „Was heissest 
du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott" (Matth. 19, 
17). Kant interpretiert hier: „Selbst der Heilige des Evangelii 
muss zuvor mit unserem Ideal der sittlichen Vollkommenheit ver- 
glichen werden, ehe man ihn dafür erkennt; auch sagt er von 
sich selbst: Was nennt ihr mich (den ihr sehet) gut? niemand 
ist gut (das Urbild des Guten), als der einige Gott (den ihr 
nicht sehet) . . . Nachahmung findet im Sittlichen gar nicht statt, 
und Beispiele dienen nur zur Aufmunterung, d. h. sie setzen die 
Tunlichkeit dessen, was das Gesetz gebietet, ausser Zweifel; sie 
machen das, was die praktische Regel allgemeiner ausdrückt, 
anschaulich, können aber niemals berechtigen, ihr wahres Original, 
das in der Vernunft liegt, beiseite zu setzen und sich nach Bei- 
spielen zu richten.^) 

7. Die Bedeutung der Kantischen Bibelauslegungsprinzipien 
für die evangelische Kirche und Theologie. 

Unzweifelhaft ist in Kants Prinzipien und Methode der 
Schriftauslegung mancherlei Beherzigenswertes und Brauchbares 
für die evangelische Kirche und Theologie enthalten. Schon was 
€r über die Entstehung der Bibel sagt, wirft ein erhellendes Licht 

1) Fak., S. 56 f. 2) Grdb., S. 40. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 125 

auf den Offenbarungsbegriff. Er ist in der Dogmatik an Stelle 
des früheren Inspirationsbegriffs getreten. Die von Kant auf- 
gewiesene üroffenbarung, das in jedem Menschen sich findende 
mehr oder weniger deutliche moralische Bewusstsein enthebt die 
Offenbarung der Vereinzelung und Zufälligkeit. Sie findet immer 
statt in dem Innern (Gewissen) des Menschen, insofern das Moral- 
gesetz in der menschlichen Vernunft nicht aufhört, seine Stimme 
zu erheben. Aus ihr (dieser üroffenbarung) schöpften und schöpfen 
die hervorragenden Geister, die massgebenden religiös-sittlichen 
Einfluss gewannen und noch gewinnen. 

Sie ist somit nicht als ein nur passiver Zustand, sondern 
als eine Selbstbetätigung moralisch-religiöser Überzeugung zu ver- 
stehen. Die Wirkung Gottes auf die gesamte Menschheit ist eine 
allezeit gleichmässige. Die Menschen aber wachsen dem Ver- 
ständnis der göttlichen Einwirkung als Offenbarung allmählich 
entgegen. Die Geschichte als Kulturentwicklung ist ein Reifen 
der Menschheit unter der Leitung der göttlichen Vorsehung. Das 
Göttliche in uns (das Moralgesetz) tritt zu immer klarerem Be- 
wusstsein hervor. Darin bestehen die einzelnen Stufen der Offen- 
barung. Diese selbst aber ist nur eine natürliche (dem Wesen 
des Menschen entsprechend), da übernatürliche Erfahrungen un- 
möglich sind. Sie beruht auf der moralischen Natur des Menschen. 
Irgendwelche äussere Manifestationen sind ausgeschlossen. Nur 
dann können sie die Bedeutung einer Offenbarung haben, wenn 
sie moralisch verstanden werden, oder auf die moralische Ge- 
sinnung des Menschen wirken. Offenbarung ist das moralische 
Wort Gottes in uns, das seine Stimme im Gewissen er- 
klingen lässt. 

Damit ist die Selbstauslegung der Bibel gerechtfertigt. 
Gott ist ihr authentischer Interpret durch die reine praktische 
Vernunft, durch das Moralgesetz in den Herzen der Menschen. 
Hiernach, bestimmt sich die Wertbeurteilung ihrer einzelnen Bücher 
und Aussprüche. Wie Luther als Massstab geltend machte, dass 
allein das in der heiligen Schrift Geltung haben soll, was Christum 
treibt, so macht Kant das moralische Bewusstsein zum Probier- 
stein des Schriftinhalts. Beide aber kommen darin überein, dass- 
Christus und „das Urbild der gottwohlgefälligen Menschheit"" 
(Liebe des Gesetzes) als ein und dasselbe aufzufassen seien. 



i) Rel., S. 61, 63 ff., 158. 



126 E. Katzer, 

Hiermit ist zweierlei gewonnen. Einerseits ist die Bibel als 
Religionsbuch dargetan. Sie ist nicht verfasst, um das mensch- 
liche Wissen zu bereichern, um geschichtliche oder sonstige Kennt- 
nisse auszubreiten, sondern um die reine wahre Religion zu be- 
fördern. Neben ihrer moralischen Auslegung, aber vollständig 
getrennt von ihr, darf nun die wissenschaftliche Erklärung unbe- 
einträchtigt ihres Amtes walten. Sie hat die nötigen Erörterungen 
über die Echtheit oder Unechtheit der einzelnen Bestandteile, 
über die Zeit ihrer Entstehung, über ihren historischen Sinn an- 
zustellen. Keinen anderen Gesetzen, als denen der Wissenschaft, ist 
sie unterworfen. Ungehindert und frei muss ihre Arbeit sein. Aber 
sie soll sich hüten, alles sofort an das grosse Publikum zu bringen. 

Es könnte zwar sein, dass für moderne Anschauungen die 
Bemerkung zutreffend wäre: „Heute in der Zeit der Yolkshoch- 
schulkurse und der immer weiteren Öffnung der Universitäten 
auch für Nichtakademiker wird die Mehrzahl der Universitätslehrer 
nichts mehr wissen wollen von der Scheidewand, die Kant 
zw^ischen Gelehrten und Volk (Laien, „Idioten") aufrichtet.^) — 
Doch, dass Kants wohlbedachte Warnung vor der öffentlichen 
Verhandlung über wissenschaftliche oder religiöse Probleme oder 
Fragen angesichts der grossen Menge noch immer und gegenwärtig 
grade ^ ganz besonders beachtenswert ist, möchte ein ernster Be- 
obachter der Zeit kaum in Zweifel ziehen. Der sonst entstehende 
wissenschaftliche oder vielmehr unwissenschaftliche Dilettantismus 
mit seiner Vorliebe für Negationen ist niemals gefahrlos. Das 
Schillersche Wort von den „ewig Blinden" bleibt in Geltung. 
Gründlichkeit ist stets das Empfehlenswerte. 

Anderseits aber ist dadurch, dass die Moral die oberste 
Auslegerin der heiligen Schrift sein soll, ein wirklich objektives 
Kriterium geschaffen. Dieses mangelt der evangelischen Kirche. 
Das römisch-katholische Christentum setzt die kirchliche Lehr- 
autorität als massgebend für die Schriftauslegung. Auch sie ist 
zwar im letzten Grunde immerhin subjektiv, hat aber wenigstens 
den Schein der Objektivität und dringt in der Praxis durch. Das 
sogenannte Formalprinzip des Protestantismus dagegen, die Lehre 
von der alleinigen normativen Autorität der heiligen Schrift, ist 
von Subjektivismus weder theoretisch noch praktisch frei zu halten. 
Weder die der Bibel zugesprochene facultas se ipsam interpretandi 
noch die a nalogia fidei vermöge deren die dunkeln Stellen der 

») Rel., S. 61, 63 ff., 168. 



Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 127 

Schrift durch die hellen ausgelegt werden sollen, können hier 
helfen. Die Geschichte des Protestantismus beweist, dass die 
verschiedensten, mitunter wunderlichsten Anschauungen ihre Be- 
gründung in der Bibel gesucht haben und noch suchen. x\uslegung 
steht gegen Auslegung, ohne dass eine Entscheidung nach einem 
sicheren Massstabe möglich ist. Daher wird es schwer, den Vor- 
wurf zurückzuweisen, dass der Protestantismus in Gefahr stehe, 
in „Anarchismus überzugehn. 

Der Fels, an dem sich die Wogen aller subjektivistischen 
Bibelauslegungen in religiöser Beziehung brechen müssen, ist allein 
die Autorität des Moralgesetzes. Mit ihrer Anerkennung schwindet 
jede Sektiererei und ist zugleich aller Lehrwillkür eine heilsame 
Schranke gesetzt^ ohne die Freiheit zu beeinträchtigen. Dieses 
Auslegungsprinzip stimmt zugleich zusammen mit dem innersten 
Wesen der christlichen Eeligion, die mit der Moral aufs Engste 
verbunden ist. Der Protestantismus kann sonach nur durch die 
Autorität der moralischen Schriftinterpretation seine Einheit be- 
gründen und bewahren. 

Dieses Auslegungsprinzip wehrt die Beschuldigung ab, dass 
in der evangelischen Kirche an Stelle des lebendigen der papierne 
Papst getreten sei. Es ruht auf dem religiösen Geiste der Bibel, 
auf der moralischen Gottesoffenbarung, wie sie am vollkommensten 
durch Christus geschehen ist. Aber sie weist als solche Urkunde 
der Offenbarung gleichzeitig über sich hinaus. Sie lehrt verstehen, 
was wirklich göttliche Offenbarung sei. Nicht nur zu einem be- 
stimmten Volke hat Gott geredet. Er redet zu allen Menschen 
durch das ihnen in das Herz geschriebene Moralgesetz. Nicht nur 
zu bestimmten einzelnen Zeiten hat er sich offenbart, sondern er 
offenbart sich immer. Auch in der Gegenwart hat er mancherlei 
den Menschen zu sagen. Die Erfahrungen göttlicher Nähe und 
Grösse hören nicht auf in dem Menschengemüte. Ausgezeichnete 
Geister, Propheten, Philosophen, Dichter verkündigen die Wahrheit 
in Gottes Namen, soweit ein Volk und eine Zeit im Stande ist, 
sie zu verstehen. Auch Christus deutet in die Zukunft, die immer 
Grösseres und Reineres bringen werde. 

Diese Erkenntnis bewahrt sowohl vor Über- wie Unterschätzung 
der Bibel und erhält die Achtung vor ihrem religiösen Inhalt auf- 
recht. Sie ist als ausschliesslich religiöses Buch erkannt. Jeder 
falsche Biblizismus ist damit beseitigt und dem Zerfall des 
Protestantismus in Sekten erfolgreich gesteuert. 



128 E. Katzer, Kants Prinzipien der Bibelauslegung. 

So allein ist echte Lehrfreiheit ermöglicht. Es handelt sich 
bei der kirchlichen Verkündigung, die von der Bibel ausgeht, aus- 
schliesslich um Beförderung des höchsten Guts. Das Reich Gottes 
soll kommen. Ist dieses Prinzip öffentlich geworden, so ist damit 
die moralische Schriftauslegung gerechtfertigt. Die Verkündiger 
der Religion, die darnach verfahren, sollen und wollen nichts 
Anderes, als durch die moralische Schriftauslegung an der Besserung 
der Menschen arbeiten. Sie gehen dabei von der Überzeugung 
aus, dass die biblische und die kirchliche Lehre das geeignetste 
Mittel hierzu seien. 

Niemandem wird diese Auffassung vorenthalten. Kein Zu- 
hörer oder Leser wird getäuscht. Die historisch-kritische Schrift- 
auslegung bleibt unangetastet. Sie kann als Wissenschaft der 
inneren wahren Religion niemals einen Schaden zufügen. Ihr 
Gebiet ist von dem des Glaubens getrennt. Das Prinzip des Fort- 
schritts aber behält sein Recht. Es ruht auf dem Grundsatze, 
die eine wahre Religion zu immer grösserer und sicherer innerer 
und äusserer Ausbreitung zu bringen. Nur der moralische reli- 
giöse Fortschritt ist ein wirklicher. Alles Andere ist Beiwerk 
oder Hüfsmittel. 

In keiner besseren Weise auch kann die geschichtliche Kon- 
tinuität aufrecht erhalten und erkannt werden. Durch das öffent- 
lich gewordene Prinzip der einen wahren Religion ist allein Ein- 
heit der Geschichtsdarstellung und Betrachtung möglich. Es ist 
ein Massstab gefunden für die Wertung der verschiedenen Reli- 
gionsformen. Das Moralgesetz und der moralische Glaube sind 
das Fundament der stetig vorwärts schreitenden Entwicklung. 
Die einzelnen Erscheinungsformen der wahren Religion (die christ- 
lichen Konfessionen) haben jede ihre örtliche und zeitliche Be- 
deutung. Sie sind Introduktionsmittel, die zwar die Spuren der 
Vergänglichkeit an sich tragen, aber einen ewigen Inhalt zum 
Ausdruck bringen. 

So sind Kirche und Religion vor sich überstürzenden Libe- 
ralismus und vor erkältender Versteinerung geschützt. Die Bibel 
aber bleibt dauernd ein wertvolles Religions- und Volksbuch. Sie 
bewährt sich als erprobtes und unersetzliches Mittel zur Förderung 
der wahren moralischen Religion. 



Bericht 

über den V. Kongress für experimentelle Psychologie 

in Berlin vom 16. bis 20. April 1912. 

(Im Auftrage des Vorstandes herausgeg. von Prof. Dr. F. Schumann. 

Leipzig, Joh. Ambr. Barth, 1912. XXV und 324 S.) 

Von Artur Buclienau. 



Der Kongress der experimentellen Psychologie, der im April 
1912 in Berlin stattfand, erfreute sich eines äusserst regen Be- 
suches und bot eine Reihe recht wertvoller Vorträge und wissen- 
schaftlicher Erörterungen, die z. T. wohl geeignet waren, auch 
denjenigen in die schwierigen Methoden dieser neuen Wissenschaft 
einzuführen, der, wie der Ref., der Experimentalpsychologie durch 
eigene Mitarbeit fernesteht. Immer mehr zeigt sich, dass sich 
hier eine Spezialdisziplin herangebildet hat, die eine an die Philo- 
sophie, an die allgemeine Psychologie, an die Physiologie, an die 
Psychiatrie, an die theoretische Pädagogik und an die Jurisprudenz 
angrenzende Wissenschaft darstellt, die aber mit vollem Rechte 
grossen Wert auf ihre Selbständigkeit gegenüber der systema- 
tischen Philosophie legt. Umgekehrt muss es daher befremdlich 
scheinen, wenn, wie das in jüngster Zeit leider mehrfach geschehen 
ist, Lehrstühle systematischer Philosophen mit Experimentalpsycho- 
logen besetzt werden. Eine solche Zurückdrängung der syste- 
matischen Philosophie kann ja auch keineswegs im Interesse der 
experimentellen Psychologen liegen, die so mit Arbeiten beglückt 
werden (CoUegs über die Geschichte der Philosophie u. dgl.) die 
ihnen sicherlich im allgemeinen nicht liegen werden. 

Der Bericht enthält zunächst geschäftliche Mitteilungen, so- 
dann zwei Sammelrefrate und 45 Vorträge, zum Teil allerdings in 
stark gekürzter Form. Das wertvolle Sammel-Referat Marbes ist 
inzwischen gesondert erschienen als erstes Heft der bei Teubner 
neu erscheinenden Zeitschrift „Fortschritte der Psychologie und 

KantBtudlen XVIII. g 



130 A. ßuchenau, 

ihrer Anwendungen", der ausführlichste Beitrag ist das in ver- 
schiedener Hinsicht interessante Sammel-Referat W. Sterns über 
die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung (S. 1—109). 
Stern, definiert Intelligenz als „die allgemeine Fähigkeit eines In- 
dividuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen ; 
sie ist allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben 
und Bedingungen des Lebens". St. handelt zunächst von der Be- 
deutung des Einzeltests und der Testserien und zeigt, dass die Einzel- 
Teste unzulänglich sind, dann erörtert er die Methode der Alters- 
staffelung (Methode Binet-Simon) und legt schliesslich die Schätzung 
und Prüfung feinerer Intelligenz-Abstufungen mit Hülfe der Eang- 
methode dar. Ob die genannten Methoden wirklich ein objektives 
Mass der „Intelligenz" erlauben und nicht vielmehr ein solches 
des Gedächtnisses, der Assoziations- und Präsentationsfähigkeit 
darstellen, soll hier nicht entschieden werden. Für die Päda- 
gogik scheint jedenfalls bei dieser ganzen Methode nicht allzuviel 
herauszukommen. 

Auf die einzelnen Vorträge einzugehen, ist hier bei be- 
schränktem Räume naturgemäss unmöglich; es mögen daher nur 
die bedeutendsten kurz genannt und mit einigen kritischen Be- 
merkungen versehen werden. A. Lehmann handelt von dem 
Stoffwechsel während geistiger Arbeit, F. Schumann über einige 
Hauptprobleme der Lehre von den Gesichtswahrnehmungen. Schu- 
mann redet dabei von der „auffallenden Tatsache, dass Bewegung 
gesehen werden kann, obwohl die entsprechenden Wahrnehmungs- 
bilder keinerlei Ortsänderung im Sehraume erfahren", wogegen zu 
bemerken ist, dass das — da ja Bewegung stets nur als Relation 
von Raum und Zeit gedacht werden kann — ein Widerspruch 
ist. Was heisst das überhaupt: „eine Bewegung sehen"? 

W. Peters erörtert das schwierige Problem der Vererbung 
intellektueller Fähigkeiten, W. Külpe handelt von der Bedeutung 
der modernen Denk-Psychologie, G. E. Müller über die Lokali- 
sation der visuellen Vorstellungsbilder. Eigenartig wegen der 
völligen Umkehrung des Standpunktes war der Vortrag des ver- 
dienten Psychiaters R. Sommer über die Kausalitätsvorstellung 
und ihre Störungen. Er geht von den ja äusserst komplizierten 
Bewusstseinsvorgängen aus, die ich habe, wenn etwa eine Billard- 
Kugel von mir so gestossen wird, dass sie einer zweiten ihre Be- 
wegung mitteilt. Er glaubt die von logischen Begriffen gänzlich 
unabhängige „Kausalsetzung" als einen ganz elementaren psy- 



Bericht über den V. Kongress für experimentelle Psychologie etc. 1^1 

chischen Prozess auffassen zu müssen, wobei öfters die Aktivitäts- 
gefühle äusserst lebhaftig sind und so vielfach zu starken Aus- 
drucksbewegungen führen. Was nun den Kausalbegriff betrifft, 
so erscheint ihm dieser entweder als die Abstraktion aus einer 
Reihe von innerlich unter Verwendung der logischen Kritik er- 
lebter Kausalsetzungen „oder man könnte ihn auffassen als ein 
psychisches Element!" Dazu wäre zu sagen, dass es nicht die 
Aufgabe der Psychologie sein kann, zu bestimmen, was der Kausal- 
begriff ist, was sie vielmehr von der Logik zu lernen hat. Da, 
wo die Aufgabe der Psychologie aufhört, fängt die der Logik 
überhaupt erst an, da sie es ja nicht mit dem tatsächlichen Be- 
wusstsein zu tun hat, sondern mit dem Geltungswerte der der 
psychologischen Analyse nicht weiter zugänglichen apriorischen 
Elemente d. h. der Begriffe. 

Rein philosophisch ist vielleicht am interessantesten die Ab- 
handlung über synthetische und analytische Psychologie von 
Götz Martins, der sich auch an verschiedenen Stellen mit Kant 
beschäftigt. Er tritt, darin mit den Neukantianern (wie Natorp) 
übereinstimmend, für eine analytische Psychologie ein und meint, 
„dass die neuere Psychologie das Ursprüngliche und Unmittelbare 
zu rekonstruieren vermochte, ist in der Tat als eines ihrer grössten 
Verdienste anzuerkennen". Er glaubt also, das, was nach Natorps 
Ansicht ewige Aufgabe ist, das Ursprüngliche, zu haben, ohne 
zu beachten, dass alles, was wir „subjektiv", „ursprünglich" nennen, 
doch immer nur relativ als solches bezeichnet werden kann. 
Wenn er dann fortfährt: „Die Psychologie hat unzweideutig ge- 
zeigt, dass Empfindungen als unbestimmte Daten oder Materie 
der Sinnlichkeit, wie sie Kant fasst, in der psychologischen Er- 
fahrung gar nicht vorkommen", so rennt er offene Türen ein 
und hat einen ganz anderen Begriff der Empfindung als Kant und 
die Neukantianer. Solche reine Empfindungen können, eben weil 
sie nur den Zeit- und Raum -Punkt erfüllen, überhaupt niemals 
„in der Erfahrung vorkommen", die vielmehr uns stets eine Ver- 
bindung von Elementen zeigt, was natürlich nicht hindert, letztere 
als hypothetische Konstituentien eben jener beobachteten Verbin- 
dungen d. h. der Wahrnehmungen, vorauszusetzen. Über die 
Kantische Raumtheorie heisst es, dass die Voraussetzung derselben 
sei „die irgendwie (!) geartete Realität des unendlichen Raumes" 
(S. 267). Wo sollte etwas Derartiges bei Kant stehen? „In Be- 
zug auf ihn (d. h. den Raum) behauptet Kant, dass räumliche 

9* 



I3ä A. Buchenau, 6er. üb. d. V. Kongress für experim. Psychol. etc. 

Vorstellungen dem Begriff vom Raum vorhergehen müssen, und 
doch zeigt die ganze geschichtliche Entwicklung der Raumtheorien, 
dass diese unendliche Raumvorstellung nicht ursprünglich gegeben 
sein konnte, dass sie selbst Begriff war". Soviel Worte, soviel 
Missverständnisse, die zeigen, dass Martins über den ersten Satz 
der Vernunftkritik: „dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung 
anfange, daran ist gar kein Zweifel" hinweggelesen hat. Schliess- 
lich stellt er sogar die doch wohl etwas gewagte Behauptung auf 
(S. 279^, dass die psychologischen Voraussetzungen Kants „ganz 
und gar aus dem Gedankenkreise der Monadenlehre (!) über- 
nommen seien. 

Um das Urteil über die hier vorliegenden Abhandlungen zu- 
sammenzufassen, so kann man sagen, dass die physiologisch-psy- 
chologischen Grenzgebiete durch die neuen Untersuchungen ausser- 
ordentlich bereichert worden sind, dass auch nach der Seite der 
Statistik, der Psychiatrie, der Pädagogik manches nicht Un- 
interessante zutagegefördert worden ist, man sich aber doch hüten 
muss, den eigentlich philosophischen Wert dieser Arbeiten zu 
überschätzen. 



Rezensionen. 



Christiansen, Broder. Philosophie der Kunst. Clauss und 
Feddersen, Hanau 1909. (348 S.) 

Christiansens Buch tritt mit Problemwahl, Gedanken und Anordnung 
des Stoffes aus dem Schulschema der Ästhetiken, an das unsere gelehrte 
Welt sich seit den klassischen Zeiten etwas allzusehr gewöhnt hat, be- 
merkenswert heraus. Auch die Sprache nimmt Anteil au dieser Befreiung 
von herkömmlichen und etwas verstaubten Formen; und da man die Ab- 
sicht dem Sprach-, wie dem Buchgewand wohl anmerkt; und diese Absicht 
meistens wohlgelungen ist, so erfreut der Erfolg. Der Erfolg ist Lebendig- 
keit der Auffassung und der Darstellung und darum eine überall auf- 
feschlossene Verkehrsmöglichkeit des Gelehrten mit dem Belehrbaren, mit 
em kunstinteressierten Gebildeten. 

Nicht nur die Kunstphilosophie ist dieser Verlebendigung fähi^ und 
kann Segen daraus gewinnen, ohne an Ernst und Gewicht zu verlieren. 
Man geht also nicht mit Pflichtsäure und Stirnrunzeln an die Lesung dieses 
Buches, sondern mit Vergnügen. 

Es ist trotzdem nicht der Schule bar, nicht der sorgfältig erwogenen 
Begriffsunterscheidung und nicht einer gewissen Umständlichkeit in der 
Problementfaltung. Das Buch stellt sich auf die Voraussetzungen einer 
philosophischen „Wertlehre*, die als ein wesentlicher Bestandteil vieler 
heutiger Bestrebungen in der Philosophie, für diese charakteristisch 
geworden ist. Wiederum drückt sich die Selbständigkeit dieses Buches 
inmitten der ästhetischen Litteratur schon in dem Umstand aus, dass 
es die Orientierung aller Probleme an den Erscheinungen der bildenden 
Künste sichtlich bevorzugt. 

Auch das ist nicht unbeträchtlich. Denn so sehr dies Buch in seinen 
Resultaten mit der für seinen Standpunkt notwendig vorausgestellten Über- 
zeugung übereinstimmt, dass die Lehre von der Kunst die Lehren von den 
Künsten beherrschen müsse und dass es also nur eine Kunstphilosophie 
gebe und diese gewiss: so sehr fügt es sich doch der Einsicht, dass die 
Aesthetik von Haus aus den Gebieten am nächsten steht, in denen Experi- 
ment und psychologisches Detail die Gegenstände bestimmen und wo so- 
mit die Auswahl des beispielhaften Gegenstandsmaterials nicht gleich- 
gültig bleibt. 

Die Ästhetik, als besonders weit vorgeschobenes philosophisches 
Grenzgebiet, wird sich leichter, als jede andere, verwandte Disziplin von 
ihrem Stoff her färben, sobald sie zu den eigentlichen Teilprobleraen der 
Kunstentstehung und der Kunstwirkung herabsteigt. 

Es wäre darum vielleicht am erwünschtesten der Versuch, einmal 
Kunst Philosophie, als Lehre von den Prinzipien und von den Kate- 
gorien des Kunstbegreifens, völlig loszulösen und rein darzustellen gegen- 
über der Kunstlehre, oder der Ästhetik, als der Lehre von den inhalt- 
lichen Problemen des Kunstlebens. 

Auch zu dieser Unterscheidung ist in dem Buche Christiansens 
ein Ansatz gemacht; und der ist wertvoll. Dennoch möge hier der 
eigentlich einzige Einwand ausgesprochen sein, der das Buch trifft in 
Rücksicht auf seinen Anspruch: Eine „Philosophie der Kunst" ist es nicht. 
Sondern ein Buch aus zwei Teilen; erster Teil: ausgewählte Kapitel der 



134 Rezensionen (Christiansen). 

Kunstphilosophie (Kapitel 1-4); zweiter Teil: einigermassen willkürlich 
ausgewählte, wenige Kapitel der Kunstlehre (Kapitel 5—8). Wer mit dem 
Problemgewirre der eigentlichen Kunstphilosophie vertraut ist, wird in 
jenen ersten vier Kapiteln des Buches auf glückliche, methodische Ent- 
deckungen eben so erfreut, wie auf eine Fülle glücklicher Formulierungen 
treffen. Dem Mitstrebenden und Mitlernenden auf diesem schwierigen 
Spezialgebiet werden also willkommene und dauernd wertvolle Belehrungen 
gewiss sein; aber für den Gelehrten bleibt Vieles problematisch, weil es 
ihm provisorisch scheint; und der Liebhaber könnte manche Herleitung 
allzu schwerwissenschaftlich finden im Verhältnis zu dem Gewinn, den er 
daraus zu ziehen versteht. 

Die vorzugsweise Orientierung an den bildenden Künsten ist, obschon 
prinzipiell notwendig gleichgültig, doch insofern ein Vorzug, als die üb- 
liche Erhebung der Poetik zur didaktischen Führerin durch die Kunst- 
probleme eine grosse Gefahr in sich birgt. 

Die Sprachkunst hat zum Material dieselben Gebilde, deren sich das 
Denken überhaupt und somit auch die Wissenschaft bedient, nämlich das 
Wort. Man braucht nur wenig von den Problemen der Sprachphilosophie 
gehört zu haben, um zum mindesten zu begreifen, dass mit der Poetik, 
als der privilegierten Quelle für die Kunstlehre, einer Fülle von Grenz- 
verwischungen und Missverständnissen vorgearbeitet ist. Die Sprachkunst 
bedarf vielmehr eines ganz besonderen Aufgebots von Kritik, wenn sie, 
wie unumgänglich, in die Beispielsreihen der Ästhetik eingeführt werden 
soll. Vorsichtsmassregeln, die aus der Natur der Materialgemeinschaft 
fliessen und die darum wegfallen, wo die sprachlichen Vorurteile wirkungs- 
los geworden sind. 

Ein Kunstlehrer, der deshalb die bildenden Künste durchforscht und 
an ihnen gelernt hat, scheint mir ohne weiteres glaubwürdiger und objek- 
tiver zu sein, als ein Poetiker. Denn der Gelehrte steht mit einem gewissen 
Recht unter dem Verdacht, dass er von Kunst nichts verstehe. Und ferner 
besteht der Verdacht vielfach mit Grund, dass ein Mensch ohne Kunst- 
verstand diesen Mangel, wenn er nur sonst klug und wortgewandt genug 
ist, am ehesten hinter sprachkünstlerischen Erörterungen zu verstecken 
vermöge. Und man möchte manchmal variieren: 

Weil ein Gedicht du verstehst in einer gebildeten Sprache, 
Die für richtet und lenkt, glaubst du schon Richter zu sein? 

Christiansens Buch lässt den Kunstkenner erraten, der nicht an 
Syntax und Periodenbaugesetz seiner Muttersprache zu den Ergebnissen 
seines Kunstdenkens gegängelt ist. Konsequent angeschaut ist somit, bei 
übrigens gleichen Bedingungen, diejenige Kunstlehre die beste, die an 
Plastik und Musik ihre bevorzugten Beispielsquellen hat. Denn unter allen 
Raumkünsten hat die Plastik, unter den Zeitkünsten die reine Instrumental- 
musik, wenn möglich, den weitesten Abstand vom „Litterarischen"; und 
eben darum haben diese Künste die verhältnismässig wenigsten Kenner. 
Es darf angenommen werden : Wer aus diesen, in Rücksicht auf Versprach- 
lichung abstraktesten, oder „reinsten" Künsten und ihrer Betrachtung Er- 
kenntnisse vom Wesen aller Kunst zu ziehen vermag, der wird reinere 
Kunstbegriffe zu vermitteln verstehen, als der litterarische Ästhetiker, der 
bei jedem Wort erst prüfen müsste: ist das ein Begriff, oder ein poetisches 
Symbol. 

Christiansen beginnt mit Erörterungen über die Möglichkeit eines 
autonomen Wertbegriffes überhaupt und nennt schliesslich die menschlichen 
Grundtriebe und die Relation des Willens auf ein „Telos" die Elemente 
eines autonomen „Wertes^. Damit stellt er sich auf den Boden eines idea- 
listischen Voluntarismus, der in der Folge freilich bewirkt, dass für. die so 
begründete Kunstphilosophie der praktische Primat die überästhetische 
Norm bleibt: Mit anderen Worten, diese Kunstlehre ist mit ihrem auto- 
nomen Schönheitsideal nicht völlig aus dem Herrschaftskreis der ethischen 
„Wert "gruppeherausgehoben. ChristiansensKunstphilosophie hat Beziehungen 
zur Ethik, die ihrerseits den autonomen Charakter der Ästhetik als Wissen- 



Rezensionen (Christiansen), 135 

Schaft bedrohen. Christiansen fühlt das, kann es selbst nicht billigen und 
wehrt sich deswegen ausdrücklich dagegen: Etwa auf S. 181, mit den 
klarsten Worten. Das hindert nicht, dass ein ausserästhetisches, ein (letzten 
Endes) sittliches Streben und Ringen des Künstlers nach dem Kunstideal, 
des Kunstverständigen nach der Vollendungsstufe des Kunsterlebnisses, 
diese Kunstphilosophie krönt. Die Kunst, so schliesst Christiansen ab, ist 
Selbstoffenbarung des Künstlers; und zwar ist sie Zeugnis, Weg und 
Stufenleiter zur tätigen Wirklichkeit des Absoluten im Menschen, oder 
seiner metaphysischen Natur. Die Kunst zeigt nur, „dass ich ein solcher 
bin und als einen solchen mich finde, dem dieses Erlebnis eine Erhöhung 
und eine Erfüllung bedeutet" (S. 186). 

Das, und was darauf folgt, ist unübertrefflich schön, und, wie ich 
glaube, auch unbestreitbar richtig gesagt. Es bleibt nur die Frage der 
letzten Interpretation: Ist die Erhöhung das Wesentliche, oder die Er- 
füllung? Und was davon ist das blosse Akzidens meiner steigerungsfähigen 
Gefühle angesichts einer Welt, die ich wohl erhaben nennen mag, die aber 
in sich unterschiedslos gleich gilt und „seli^ ist in ihr selbst"? Besteht 
unter solchen Gesichtspunkten überhaupt eine Relation des „Witzigen* 
zum Schönen; des Schönen zum „Heroischen"? (S. 173—178). 

Vergleichsweise kann man der Welt der Erkenntnisse gleichermassen 
gegenübertreten und fragen: Ist ihr Wesen die Erfüllung des Wissens, 
oder die Erhöhung unserer metaphysischen Natur? Ma^ sie das zweite 
immer sein, so scheint mir das doch gewissermassen eine Privatsache. 
Denn alles Lebendige — und das heisst doch wohl soviel, wie das Meta- 
physische — ist privat in Ansehung der öffentlichrechtlichen Geltung des 
Begriffs, oder der Wissenschaft. 

„Eine Erfüllung" also ist das Wesen der Kunst so gewiss, wie „eine 
Erfüllung" das Wesen der Erkenntnis und der Sittlichkeit ist. Es kommt 
aber darauf an, diese Erfüllung, für kritische Beurteilungszwecke, nicht 
über das Gebiet ihres Entstehungskreises hinaus zu definieren. Eine ästhe- 
tische Monroe-Doktrin täte not, ähnlich, wie die Natur- und die Zweck- 
wissenschaften sie unablässig anstreben, um den wissenschaftlichen An- 
sprüchen an eine begriffliche Autonomie zu genügen. Denn was, jenseits 
einer Theorie der ästhetischen Begriffsbildung, Kunst für den ganzen Menschen 
bedeutet, für meine oder deine Persönlichkeit, das wird und kann doch 
nie eine Kunstlehre ausmachen wollen. Der Kunst die religiösen oder die 
sittlichen „Ersatz"-Wirkungen verbieten wollen, ist doch immer nur private 
Geschmacksäusserung, nach der sich kein Lebendiger umkehrt. 

Die Kunsterkenntnislehre darf solche Gebote und Verbote, oder Be- 
dauernsäusserungen, nicht enthalten. Denn sie ist keine Lehre von dem 
metaphysischen Kunstwesen, sondern eine Lehre von der Begriffsbildung, 
die notwendig ist, wenn die Kunst zum Gegenstand einer wissenschaft- 
lichen Begriffsbildung gemacht werden soll. Ebensosehr also, wie die 
Ethik immer missrät, wenn sie Anweisungen zum Sittlich-energischwerden 
gibt, anstatt Anleitung zur Begriffsbildung, durch die das Phänomen der 
Zweckbildungen sich wissenschaftlich begreifen lässt, entgleist die Kunst- 
lehre, wo sie mehr beweist, als ihr aufgetragen weraen kann. 

Das ist aber gemeinhin eine Folge der Lehnprinzipien in einer Dis- 
ziplin. Dass sie auch aus dem Bereich des selbständigen Problemgebiets 
aller Kunstphänomene kritisch ausgeschieden werden möchten, bleibt der 
Wunsch des für die Kunstphilosophie Interessierten. 

Die, auch wider Willen, voluntaristisch orientierte Ästhetik ist in 
ganz besonderem Masse genötigt, sich im psychologischen Detail nach 
Unterstützung umzuschauen. Der Grund liegt nahe: Wille und Gefühls- 
impuls stehen in besonders lockerer Auslösungskorrespondenz. 

Vielleicht ist diese Gefahr geringer für eine kritisch strengere 
Autochtonie des ästhetischen „Wert"prinzips. Freilich gilt nun für 
Christiansens Buch in seinem ganzen Umfang die Bemerkung, dass alle 
seine psychologisierenden Sonderuntersuchungen von grosser Feinheit 
und eindringlichem Reize sind. Mögen sie sich nun auf Kunstkonvention, 



136 . »Rezensionen (Zschimmer). 

Bildung und deren Symbiose mit der Kultur beziehen, oder mögen sie 
solche Kapitel betreffen, in denen der Begriff der Stimmung und jener der 
„Stiramungsimpressionen des aussersinnliclien ästhetischen Objekts, als der 
Wurzel der Konkordanz von Form und Inhalt" erörtert wird. Und so 
noch sehr Vieles mehr. 

Klar und trefflich ist nämlich von Christiansen „die andere Welt" 
als Gegenstand der Ästhetik herausgehoben, die sich über dem Sinnending 
aufbaut aus der Wechselwirkung des Dinges zum Beschauer, unter der 
Bezugnahme auf den ästhetischen „Wert": dadurch das Ding erst zum 
„Kunstwerk" wird, und also zum Objekt der Kunstlebre. Zum Beschluss 
der darauf zielenden Untersuchung ergibt sich dann auch mit einer jener 
schöngeschliffenen Formulierungen, die der Sprache Christiansens eigen- 
tümlich sind, die Ablehnung der „Sinnen"-Kunst hier, der „Gedanken"- 
Kunst dort und die Einsetzung der ästhetischen Urqualität, die Christiansen 
als „Stimmung" bezeichnet, in die Mitte zwischen Anschauung und Begriff. 

Klarheit, Präzision und Wert der Darlegungen wachsen in diesem 
Buch mit dem programmatisch vorgesehenen Hinausrücken der Probleme 
aus dem Zentrum in die Peripherie. Was in den Prinzipien anfechtbar 
bleiben mag: vorzüglich, weil es vielfach in der Skizze, in der Gelegen- 
heit und darum in Definitionen und Definitions-Zusammenhängen stecken 
bleibt, die den Eindruck des wissenschaftlich Zwingenden nicht vermitteln, 
korrigiert sich in den Kapiteln über Stil, Kunstverständnis, Malerei und 
Zeichnung, Impressionismus und Porträtproblemen an Christiansens kaum 
beirrbarem „praktischem" Kunstverstand. Gedrängt stehen hier die erleb- 
nisfrischen Beobachtungen und die klugen Einsichten in die verschiedensten 
Teile des tausendfachen Kunstlebens. Es wäre allzu zufällig, und darum 
hier wertlos. Einzelnes zu besprechen. Lesen und Wirkenlassen ist hier 
das beste; und wo unter Lesern der Kenner dem Kenner begegnet, ist 
überall die ernste Gelegenheit gegeben, aus geistvollen Thesen des Buches 
zu langen Gesprächen fortzuschreiten. Meiner Ansicht nach sind solche 
Möglichkeiten der beste Wert eines guten Buches, welches, wie das 
Christiansens, mehr die Entdeckung neuer Gesichtspunkte, mehr die Klar- 
stellung einiger Grundfragen _zur Korrektur einer psychologisch und ge- 
fühls-subjektiv verschlampten Ästhetik und mehr die Erörterung nach dem 
Mittelpunkt des Gesamtproblems hinzielender Einzelbegriffe anstrebt (dazu 
noch dies alles in der schönen Rede des Liebhabers), als die wissenschaft- 
lich-systematische Grundlegung des Gesamtbaus der Kunstphilosophie. 
Zwar scheint es zu dieser undankbar-schwierigen Aufgabe hohe Zeit zu 
sein. Wer immer sie aber unternehmen und lösen wollte, der wird an 
Christiansens Buch die unentbehrlichen Prolegomenen haben. 

Heidelberg. F. A. Schmid. 

Zschimmer, Eberhard, Dr. phil., Ingenieur in Jena. Das Welt- 
erlebnis. Leipzig, Wilhelm Engelmann, I. Teil (77 S) 1909, IL Teil 
(144 S.) 1910. 

Um vorliegendes Buch eines „nicht zünftigen" Philosophen in die 
problemgeschichtliche Lage der Gegenwartsphilosophie einzuordnen, scheint 
mir folgende Betrachtung zweckdienlich: Z. ist von Mach ausgegangen, 
hat aber den Positivismus, sofern dieser bloss sensualistisch ist, 
überwunden und ist nunmehr bemüht, den Anschluss an Hegel zu finden. 
Hegels Ablehnung der kantischen Erkenntnistheorie als eines zirkelhaften 
Unternehmens (Enzykl. §§ 10, 60) und der von ihm wiedergewonnene Mut, 
„die Sache selbst" unmittelbar fassen zu wollen, kann in der Tat für den- 
jenigen, der Hegel nicht im Zusammenhange mit Kants kritischer, 
d.h. werttheoretischer Problemstellung und demgemäss im Rahmen 
von dessen kopernikanischer Revolution sieht, Hegels Philosophie als eine 
üu^ <^®s Positiven" erscheinen lassen, die unmittelbar aus der 
Phänomenologie des Welterlebnisses" herauszuwachsen scheint. 
Der prinzipielle Unterschied, der den richtig (d. h. im problemgeschicht- 



Rezensionen (Zschimmer). 137 

liehen Zusammenhang der Philosophie seiner Zeit)^) verstandenen Hegel 
von aller blossen Immanenzphilosophie scheidet, ist jedoch der, dass seine 
ganze Philosophie eine Theorie der Gegenständlichkeit ist, während 
der gesamte Positivismus in all seinen Spielarten — und so auch der vom 
Positivismus herkommende Verf. des „W.-E." — das in der Frage nach 
dem „Gegenstand der Erkenntnis" gesetzte Geltungsproblem in seinem 
reinen Wert-sinn gar nicht sieht, und darum glaubt, durch phänome- 
nologische Untersuchungen logische Probleme behandeln zu können; 
wohingegen Hegel, weit entfernt, diese petitio prinzipii zu begehen, 
die „reine Logik" als in sich selbst geschlossenen Geltungszusammenhang 
sui generis (der ebendeshalb die seinem Geltungscharakter entsprechende 
spezifische Methode der Behandlung fordert) erkennt und aller Phä- 
nomenologie „voraussetzt", als welche erst durch bewusste und systema- 
tisch durchgeführte Beziehung auf jenes Geltangssystem ihren wissenschaft- 
lichen Sinn und aus diesem heraus ihre Methode bekommt. Statt dieser 
(unbedingt zu fordernden!) prinzipiellen Scheidung von Phänomenologie 
und Logik wird in vorliegendem Buche „Gegenstand" und „Inhalt" 
nicht auseinandergehalten und geglaubt, durch direkte Analyse der Inhalte 
des Welterlebnisses und darauf gebaute Synthese das Geschäft der Philo- 
sophie als „Begreifen der Welt" vollenden zu können: die transzenden- 
talen Voraussetzungen jeder Analyse und Synthese, wie jedes Erkennt- 
nisunternehmens überhaupt, bringt sich Z. nicht ausdrücklich zum Bewusst- 
sein, sondern glaubt, auch in Bezug auf das Ganze der Welt als 
Ganzes in der gleichen Weise „drauf los erkennen" zu können, wie das 
der Naturwissenschaftler in seinem seinswissenschaftlichen Spezialproblem- 
gebiet mit Recht unternimmt, ohne sich dabei durch erkenntnistheoretische 
Skrupel beengen zu lassen. Erst ganz spät, gegen Ende des II. Teiles, 
wird als von Problemen unter anderen auch von „Gewissheit und Selbst- 
heit" (II, S. 60—74), von „Anschauung und Wissen" (II, S. 118—130) ge- 
handelt: in beiden Kapiteln wird nur Phänomenologie gegeben, bezw. 
Psychologie. 

Soviel zur allgemeinen methodischen' Einstellung. Die sach- 
liche philosophische Grundeinsicht Z.s ist nun die, dass alles in der Welt 
in Gegensätzen steht und nur darin begreiflich ist (I, S. 1). Dem gemäss 
sei die Aufgabe der Philosophie als „Weltanalyse" (analog der des 
analysierenden Chemikers), diejenigen Gegensätze im „Befunde der 
Welt" vollzählig zu „entdecken", welche als die fernerhin unzerlegbaren, 
d. h. „Urgegensätze" zu gelten haben, wobei jeder derselben in sich 
eine inhaltliche Mannigfaltigkeit der Gegensätzlichkeit darstelle. „Wie 
aus der Pistole geschossen" wird gleich auf der dritten Seite die („empirisch 
aufgeraffte") Tafel der Urgegensätze an die Spitze gestellt, die als 
„das Unerklärbare" die Prinzipien aller Erklärung abgeben sollen. Die 
Tafel zerfällt in: „1. die philosophischen Gegensätze, a) Begrenzung 
(Endlichkeit — Unendlichkeit), b) Änderung (Vorhandensein— Neusein); 
2. die logischen Gegensätze, a) Individuali tat (Zusammenhang— Trennung), 
b) Gleichheit (Gemeinschaft — Besonderheit); 3. die mathematischen Gegen- 
sätze, a) Zeit (Moment X— Moment Y), b) Raum (Ort X— Ort Y); 4. die 
physischen Gegensätze, a) Qualität (Qualität X— Qualität Y), b) Inten- 
sität (Intensität X — Intensität Y); 5. die seelischen Gegensätze, a) Stim- 
mung (Stimmung X— Stimmung Y), b) Leidenschaft (Leidenschaft X— 
Leidenschaft Y), c) Selbstheit (Eigen-Fremd)". 

Die Welt als Ganzes ist ein freies Spiel dieser Gegensatzpaare, 
von denen zunächst keines vor dem andern einen prinzipiellen Vorzug 
hat (I, S. 38): sie erschöpfen ihren Sinn darin, als oberste Denkinhalte 
(„Kategorien" im aristotelischen Sinne) Grundbestandteile der sich selbst 
erlebenden Welt, Grundbestimmungen des unpersönlichen „Es denkt" 

^) Vergl, darüber meinen Vortrag: „Die Problemstellung von Hegels 
Phänomenologie des Geistes" (Archiv für Geschichte der Phüos. Band 26, 
Heft 2). 



138 Rezensionen (Zschimmer). 

(I, S. 54) zu sein. Unter diesen Urelementen aber „wird" nun das 4., das 
Moment des allgemeinen logischen Zusammenhangs, dasjenige, 
woran „uns" alles liegt: „der eigentliche Gegenstand des philosophischen 
Interesses" (I, S. 38). [Der „Grund" (im Unterschied von „Anlass", „Mo- 
tiv"!) hierfür ist aus den Prämissen des Verls nicht zu begreifen; hier 
macht sich der einleitend gerügte Mangel einer erkenntnistheoretischen 
Grundlegung geltend.] Ist die Analyse vollendet, so „schreitet" das philo- 
sophische Erkennen (nunmehr in Analogie zur synthetischen Chemie) 
von den durch jene gefundenen „Urelementen" zu 3 Synthesen „fort" 
(II, S. 4): 1. „Synthese der Natur" (II, S. 131), 2. „Synthese des 
Lebens" (II, S. 142), 3. „Synthese der Allheit" (II, S. 143). [Man ver- 
misst hier wiederum den Rechts-„Grund", warum „man" „fortschreitet", 
warum gerade zu 3 Synthesen, warum gerade zu diesen 3.] 

Die Einzelausführun^en geben zu den aufgestellten Urgegensätzen 
nähere Erläuterungen. Die bis jetzt vorliegenden 2 Teile schliessen mit 
der Natursynthese ab, die als zusammenfassendes Ergebnis aller voran- 
gegangenen Erörterungen so lautet (II, S. 143): „Die Natur ist das Erleb- 
nis des endlich-unendlichen Daseins und Werdens der Anschauung eines 
wirklichen und der geistigen Iche, diese Anschauung in Raum, Zeit und 
Qualität begriffen als Gesetzlichkeit und zugleich erlebt als das Unmittel- 
bare der Vergangenheit und Gegenwart eines einzigen Zeitraumes; sie ist 
das seelenlose Gesetz im Gegensatze zum Leben, als welches der mittel- 
bare, mit Gemüt und Leidenschaft verbundene Zusammenhang des 
Natürlichen und des freien Geistes verstanden werden muss". Neben 
diese Natursynthese hat, ihr übergeordnet, die des Lebens und als 
letzte Synthese die der Welt zu treten. [Sollte Z. in seiner Weiterent- 
wicklung von seinem neuen Meister Hegel die dialektische Methode 
übernehmen, die allerdings eine geltungstheoretische Fundierung 
erst recht voraussetzte, so könnte er in dem in Aussicht gestellten 3. Teil 
dem „Raumstandpunkt" der Natursynthese als Thesis den „Zeitstand- 
punkt" der Geschichte als Antithesis gegenüberstellen, um beide im 
„Totalitätsstandpunkt" als Syn thesis „aufzuheben", sodass dieser das 
(jranze der Welt in restloser „logischer Verklärung" und somit „be- 
griffen" hätte: von diesem Höhepunkt wäre die Anknüpfung an das 
„reine Gelten" der Transzendentalphilosophie nicht sehr schwer (was 
ich hiermit seiner Beachtung empfehle.)] 

Die kritische Gesamtstellungnahme zu dem Werke, so wie es bis 
jetzt vorliegt, hat an das einleitend Bemerkte anzuknüpfen. Es war die 
grundlegende methodische Neu-einsicht Kants, dass weder vom un- 
mittelbaren Erlebnis (Immanenzphilosophie!), noch vom er- 
lebenden Ich aus (Psychologismus!) zu einer objektiv begründeten, 
wissenschaftlichen Philosophie zu gelangen sei, sondern dass ausgegangen 
werden müsse von den einzelnen Kulturgebieten (Wissenschaft, l^oral, 
Kunst etc.) als den objektiv-geistigen Niederschlägen der Ge- 
schichte, mit bewusster Reflexion auf deren logische Voraussetzungen: 
nur indem von solchen „objektiven Geltungszusammenhängen" 
ausgegangen wird, kann zu objektiv geltenden „Sinnvoraus- 
setzungen überhaupt" gelangt werden. Nichts anderes ist der Sinn 
der kopernikanischen Wendung und der in ihr sich begründenden 
transzeiidentalen Problemstellung und Methode. Das fundamental 
Neue an ihr gegenüber der frühereu, das Ganze der Welt ohne weiteres 
erfassen wollenden Metaphysik — die in Positivismus, in Immanenz- 
philosophie, in Bergson eine angeblich „gereinigte" Auferstehung zu feiern 
sucht — ist dies: Ein ontologisches „Draufloserkennen" bezüglich des 
Ganzen der Welt als Ganzes ist ein wissenschaftlich unmögliches 
Unterfangen, weil dieses Ganze als Ganzes gar nicht den Charakter eines 
„Positums" hat (vergl. K. d. r. V. B. 533); das Ganze der Welt ist nicht 
ein Seiendes, das als solches analysiert werden könnte, sondern ein Sinn- 
zusammenhang, dem gegenüber das philosophische Erkennen nichts 
anderes tun kann, als sich dessen synthetische Voraussetzungen 



Rezensionen (Schmidt). 139 

(„synthetische Urteile a priori") „an Hand" der wirklich-seien- 
den Sinnsynthesen (Kultur) „zum Bewusstsein zu bringen" (=^ Problem 
der kritischen Analyse!) Bei der Mehrseitigkeit des Kultur- 
kosmos kann sie dabei nur so vorgehen, dass sie sich zunächst an die 
einzelnen Kulturgebiete hält und deren Eigen— sinn aus ihnen selbst 
heraus zu «erfassen sucht. Der „letzte" Zusammenhang der Welt 
kann dann nichts anderes sein, als der „letzte" Zusammenhang dieser als 
absolut vorausgesetzten Werte (= Problem der kritischen Synthese!), 
deren inhaltlich-historische „Erfüllung" eben die einzelnen Kultursphären 
darstellen, die so die verschiedenen „Seiten des Wirklichen" als Momente 
des Gesamtweltsinnes konstituieren; eine solche „Seite" ist z. B. die 
in dem Kulturausschnitt „Naturwissenschaft" erfasste „Natur" (der Welt). 

Da ich so die ganze Problemstellung Z.s (und damit auch, da 
diese das Schema der Lösung bedingt, diese „Lösung" ihrem logischen 
Gesamtsinne nach) als vorkritische ablehne, erübrigt ein Eingehen 
auf die Einzelausführungen. Doch sei ausdrücklich der darin (wenn man 
seine Problemstellung zugibt) sich bekundende Scharfsinn und die Selb- 
ständigkeit des Verf.s anerkannt. Allerdings muss ein von den Problem- 
formulierungen der Transzendentalphilosophie herkommendes Denken 
sich meist erst die ganz eigentümliche Terminologie Z.s in seine Sprache 
übersetzen, um das Gemeinte zu erfassen. 

Jena. Fritz Müncli. 

Schmidt, Ferd. Jakob. Der philosophische Sinn. Programm 
des energetischen Idealismus. Göttingen, Vandenhoeck & Rupprecht, 1912. 
(103 S.) 

Wie alle Veröffentlichungen Sch.s, so ist auch seine jüngste Arbeit, 
die Adolf Lasson zum 80. Geburtstag gewidmet ist, ausgezeichnet durch 
einen Reichtum interessanter, scharf ausgeprägter Gedanken, durch die 
Eigenart der Grundkonzeption und durch die Energie und Folgerichtigkeit 
bei deren Durchführung. Sie erhebt zunächst gegen das Geistesleben der 
Gegenwart den Vorwurf, dass es viel zu sehr im Positivismus, im Psycho- 
logismus und deshalb im Relativismus und in der Einzelforschung aufgehe. 
Bezeichnend für unsere Zeit sei überhaupt die bedauerliche Abnahme des 
metaphysischen Sinnes und die tief traurige Erstarrung „des schöpferischen 
Impulses einer in der Ganzheit des Universums wurzelnden Welt- und 
Lebensanschauung". Der Grund für jene Erscheinungen ruhe in dem 
mangelhaften Ausgangspunkt und in der unzulänglichen Grundlegung der 
modernen Philosophie. Statt von der Totalität der Erfahrung, von der 
Ganzheit des Bewusstseins auszugehen und den Blick auf eine einheitliche, 
alles umspannende und adäquate Erkenntnis der „wahren Wirklichkeit" 
zu richten, stütze man sich auf jenen armseligen, bruchstückartigen Aus- 
sclinitt aus der Erfahrung, wie ihn die empinsche Psychologie darbietet. 
Das sei die Schwäche der Philosophie, dass sie auf diese Psychologie, die 
selber nur ein Fragment sei, sich aufbauen wolle. Dadurch sei sie ver- 
urteilt, bei dem Unzusammenhängenden, Diskrepanten, Teilhaften stehen 
zu bleiben und nie zu der erforderlichen Einheit durchdringen zu 
können. 

Dem gegenüber tritt Seh, dafür ein, die Ganzheit des Bewusstseins 
zur Grundlage des Philosophierens zu erheben. Es gelte den Sinn für 
Totalität zu entwickeln und fruchtbar zu machen. Die eigentliche Auf- 
gabe der Philosophie sei, Totalitätswissenschaft zu sein, d, h, von der 
Grundlage des Totalitätssinnes aus die Einheit der Wirklichkeit zu er- 
kennen, also nicht bloss das Peripherische, nicht bloss die Erscheinung der 
Dinge, sondern das „Ansich der Dinge" zu begreifen. Dieser Aufgabe 
könne man auch gerecht zu werden, da jenem Sinne urschöpferische 
Kraft eigen sei, da sich uns in ihm das Wesen der Dinge, das Geheimnis 
der Wirklichkeit selber enthülle. „Es soll niemand glauben und sich an- 
massen, ein Philosoph zu sein, als nur derjenige, in dem der Geist der 
Totalität Fleisch geworden ist." Und nachdem nun endlich, nach so vielen 



140 Rezensionen (Schmidt). 

Irrwegen, von denen die Geschichte der Philosophie berichtet, die wahre 
Grundlage der Philosophie in dem Totalitätssinn entdeckt sei, sei auch 
endlich und endgültig das so oft in unzulänglicher Weise behandelte 
Grundproblem gelöst, das darin bestünde, die Philosophie, alias Metaphysik, 
sowohl in methodischer Hinsicht zu verselbständigen und ihr die Geltung 
einer Grundwissenschaft zu verschaffen und zu sichern, als auch für sie 
ein eigenes Erkenntnisgebiet abzugrenzen und sie in den Stand zu setzen, 
„der wahre Ausdruck der universellen Wirklichkeit" zu werden. 

Bei aller, schon eingangs hervorgehobenen Anerkennung der hohen 
spekulativen Begabung, die sich fast auf jeder Seite der Schrift bekundet, 
vermag ich mich doch ihren Ausführungen und zwar in grundsätzlichen 
Punkten nicht anzuschliessen. Ganz abgesehen davon, dass es doch wohl 
nicht zutreffend ist, über einen Mangel an metaphysischen Versuchen in 
der Gegenwart zu klagen — könnte man doch eher von einem sehr ener- 
gischen Wiedererwachen des metaphysischen Triebes und einem Zuviel an 
metaphysischen Konstruktionsversuchen sprechen — so kann ich überhaupt 
in dem Fehlen der Metaphysik keinen Verlust für die Philosophie, sofern 
man eben unter dieser eine im kritischen Geiste betriebene Wissenschaft er- 
blickt, sehen. Es wäre doch eine Gefährdung für die gesunde Entwicklung 
der Philosophie, sollte wieder das freie Walten der Spekulation und eine 
den konkreten Wissenschaftsbestand nicht berücksichtigende Dialektik die 
Oberhand gewinnen. Schm. betont selber mit vollem Recht und stellt es 
als prinzipielle Forderung auf, dass die Beziehung und das fruchtbare 
Wechselverhältnis zwischen der Philosophie und den einzelnen empirischen 
Wissenschaften beachtet und bewahrt werde. Aber ebenso soll, und auch 
das ist ein vollgültiger Gedanke von ihm, die Philosophie in prinzipieller 
Hinsicht den Primat den Wissenschaften gegenüber haben, sie soll in voller 
Selbständigkeit gegründete Grundwissenschaft, sie soll die fundamentale 
und fundamentierende Wissenschaftstheorie sein. Ist nun aber das Totali- 
tätsbewusstsein wirklich das durchaus taugliche und einwandfreie Mittel 
dazu? Vermag es der Philosophie jene Stellung zu gewinnen und ihr zu 
erhalten? Schm. stellt die Zurückführun^ und Begründung der Philosophie 
auf jenes Bewusstsein jeder psych ologistischen und individualistischen 
Grundlegung gegenüber. Er zeigt die Unzulänglichkeit und methodische 
Unmöglichkeit dieser Standpunkte; seine Polemik ist eindrucksvoll und 
überzeugend. Aber aus der Einsicht in die Unhaltbarkeit und aus dem 
Recht der Ablehnung und der Preisgabe jener Standpunkte folgen keines- 
wegs die Tunlichkeit und die Notwendigkeit des Rekurses auf das Tota- 
litätsbewusstsein. 

Denn dieses Totalitätsbewusstsein : Was ist es eigentlich? Es soll, 
nach Schmidt, die Bedingung darstellen, um die Gesetzmässigkeit und 
Einheit des Empirischen zu begreifen. Diese Bedingung wird als un- 
mittelbare Erfahrungsgrundlage der menschlichen Natur bezeichnet. Lassen 
wir den anthropologischen Einschlag in dieser Bestimmung fort, so scheint 
es zunächst, als wenn wir es mit einer Kategorie im Sinne Kants, mit 
einer Verknüpfungsform der Erkenntnis, zu tun hätten. Dem ist aber nicht 
so. Denn erstens soll jenes Bewusstsein allein kraft seiner selbst der Er- 
kenntnis über das Haften am Einzelnen hinweghelfen und ihr die adäquate 
Erfassung der ungebrochenen Ganzheit der Wirklichkeit ermöglichen. 
Unter seiner Aegide und mit seiner Hilfe vollziehen wir „die Abstraktion 
des Notwendigen von dem Zufälligen und des Konstanten von dem Ver- 
änderlichen". Durch diese Erläuterung wird es ganz klar, dass das Tota- 
litätsbewusstsein seiner Funktion und Betätigung nach mit dem Abstrak- 
tionsverfahren, also mit einem durchaus psychologischen Vorgang, identisch 
ist, und dass wir in ihm ein psychologisches Organ vor uns haben. Dazu 
aber wird man sagen müssen: Mit Hilfe eines psychologischen Organs ist 
der Bannkreis der eben durch die Psychologie erreichbaren Erkenntnis- 
grenze in prinzipieller Hinsicht nicht überschreitbar; und wenn wir den 
Kreis seiner Kompetenz auch noch so weit spannen und durch seine Ener- 
gie auch noch so viel des Mannigfaltigen sich zur Einheit verbinden 



Rezensionen (Schmidt). 141 

lassen: den subjektiven Geltungswert psychologischer Erkenntnisse ver- 
mögen wir dadurch doch nicht zu überwinden. In seiner höchsten und 
vollkommensten Gestalt ist das Totalitätsbewusstsein schliesslich nichts 
anderes als die aus der Mystik und Romantik her wohlbekannte Synopsis 
und Intuition. Nun wird aber von Schm. die Forderung erhoben, die 
„wahre Wirklichkeit" in objektiver und adäquater Weise zu erfassen. Um 
dieser metaphysischen Forderung zu genügen, pflegt man seit altersher 
den psychologischen Kompetenzkreis scheinbar dadurch zu überwinden, 
dass man die psychologischen Organe, in unserem Falle also das Totalitäts- 
bewusstsein, zu metaphysischen Entitäten verdinglicht. Und eben diese 
Umbiegung und Umprägung einer ursprünglich psychologischen Fähigkeit 
in eine metaphysische Grösse vollzieht sich ganz deutlich in unserem Buch. 
Damit tritt das zweite charakteristische Merkmal in der Bestimmung des 
Wesens jenes Bewusstseins auf: die dem Verfasser selber nicht bewusst 
gewordene psychologische Grundlegung seiner Philosophie verhüllt sich 
ihm dadurch, dass er seine Haupt- und Grundkategorie verabsolutiert, dass 
er jenes Bewusstsein zur Grundenergie der Wirklichkeit hypostasiert. 
Und ist nun auf dem Wege der Hypostasierung die Grundenergie ge- 
wonnen, so glaubt nun Seh., durch das Verfahren der dialektischen Ent- 
wickelung, der jene Energie unterworfen wird, überhaupt alle Realität 
nicht bloss begrifflich begründen, sondern überhaupt ihre reale Konsti- 
tuierung zeigen, den Prozess ihrer Realisierung darstellen zu können, wie 
das Beispiel der dialektischen Konstitution der Materie verdeutlicht. Und 
es soll sogar nicht nur möglich sein, die Notwendigkeit des Begriffs der 
Materie, sondern sogar die Existenz der Materie zu deduzieren; ja, Schm. 
ist überzeugt, sie, diese Existenz selber deduziert zu haben, weil er, in 
Gemässheit seines ontologischen Standpunktes, zwischen Begriff und Existenz 
nicht unterscheidet und im Begriff die Existenz gesetzt zu haben glaubt. 

Fasst man zusammen, was an wesentlichen Bestimmungen des Tota- 
litätsbewusstseins entwickelt wird, so verrät sich in ihnen eine charakte- 
ristische und fundamentale Ambiguität. Erstens bedeutet das Totalitäts- 
bewusstsein dasjenige subjektiv-psychologische Bewusstsein, das wir von 
dem Ganzen und dem Zusammenhang der Dinge besitzen, oder mit dem 
wir die Dinge zur Ganzheit intuitiv zusammenfassen. Zweitens aber ist 
es eine metaphysische Hypostase, insofern es das Bewusstsein ist, dass das 
Ganze selber, als Realität genommen, von sich aus besitzt und das auch 
in uns sich geltend macht, insofern wir ein Teil des Ganzen sind. 

Die Tendenz zur Metaphysizierung und Hypostasierung tritt auch 
in bezug auf andere kategoriale Bestimmungen hervor, so in bezug auf 
das „Ganze als dasjenige, ausser welchem weder etwas ist, noch etwas 
sein kann". Indem dieses Ganze nun mit dem Universum gleichgesetzt 
wird und Universum eben die Totalität der Welt bedeutet, wird das, was 
unter kritischem Gesichtspunkt den Geltungswert einer „Idee" (im Kan- 
tischen Sinne) hat, zu einem metaphysischen Ding. 

Neben diesen prinzipiellen Einwänden ergeben sich auch Bedenken 
zu rein historischen Punkten. So ist wohl der Vorwurf gegen Descartes 
unbegründet, dieser habe die wahre Grundlage der Philosophie dadurch 
verdeckt, dass er auf das Individualitätsbewusstsein zurückgegangen sei. 
Davon ist doch bei dem Analytiker der Methode der Mathematik und der 
mathematischen Physik nichts zu finden. Seine Theorie der Grundlegung 
ist doch ganz in logisch-objektivem Geiste gehalten. Auch die Interpre- 
tation des Kantischen Kritizismus ist nicht zutreffend, u. z. nach zwei 
Seiten hin. Seh. behauptet, Kant „bleibe auf dem Boden des individua- 
listischen Selbstbewusstseins stehen und griffe nur von hier aus zurück 
auf die allgemeingültigen und notwendigen Erkenntnisbedingungen, unter 
denen die sinnliche Verfassung des menschlichen Individuums steht". Im 
Gegensatz zu dieser individualistisch-anthropologischen Auffassung und 
Kennzeichnung der erkenntniskritischen Analyse Kants ist darauf hinzu- 
weisen, dass es nicht eine individuelle Erfahrung, auch nicht die mensch- 
liche Erfahrung ist, die den Ausgangspunkt für die Analyse abgibt, sondern 



142 Rezensionen (Ituntze). 

der Begriff der Erfahrung, u. z. dieser Begriff in seiner prinzipiellen 
Dignität. Und mit der unzutreffenden individualistischen Interpretation 
hängt die unzutreffende phänomenalistische zusammen. Kant soll „diese 
unsere natürliche Welt lediglich als die blosse Erscheinungswelt des er- 
kennenden Subjekts angesehen" haben. Aber der Ausdruck «Erscheinung* 
ist doch lediglich von begrifflicher Kompetenz. Durch den Begriff der 
Erscheinung soll doch nichts über das Wesen der Welt ausgesagt, durch 
jenen Begriff doch keine Kritik der „Welt" gegeben werden; es handelt 
sich hier einzig und allein um die Bestimmung des transzendentalen 
Geltungswertes, den der Begriff der Erscheinung für das System der 
Erkenntnis der Welt besitzt. Ferner liegt wohl ein Irrtum vor, wenn, 
wie es wiederholt geschieht, behauptet wird, Kant kenne nur eine der 
objektiven Erfahrungsarten nämlich nur die der physischen Welt. Von 
der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und der Kr. d. pr. Vern. an 
ist doch Kants Bemühen darauf gerichtet, im Anschluss an die Grund- 
legung der Naturerkenntnis eine Grundlegung der Erkenntnis der geistig- 
sittlich-geschichtlichen Welt zu geben und die Bestimmung desjenigen 
Objektivitätscharakters zu liefern, der im Begriff der geschichtlichen Welt 
liegt und der diesen Begriff kennzeichnet. Nach Kant ist doch gerade die 
Geschichte der grosse Schauplatz der praktischen Vernunft als des 
„allein wahrhaft Objektiven". 

Im Ganzen: Die Ausführungen des Buches bewegen sich nicht so- 
wohl auf der Linie des kritischen und methodologisch gemeinten Idealismus 
als auf der des konstruktiven und spekulativen Idealismus. Schm. gehört 
zu den geistvollsten und markantesten Vertretern des Idealismus im Sinne 
Hegels und mehr noch Schellings. Seine Studie, die überall zum Mit- 
denken anregt und deren Gehalt und Feinheit man auch da anerkennen 
wird, wo man ihr aus prinzipiellen Überlegungen heraus widersprechen 
muss, verdient es, in denjenigen, heute ja weitverbreiteten Kreisen Beach- 
tung zu finden, in denen man für die Renaissance der Metaphysik und 
für die Notwendigkeit der Wiederbelebung und der Weiterführung des 
spekulativen Idealismus eintritt. 

Berlin. Arthur Liebert. 

Knntze, Friedrich. 'Die Philosophie Salomon Maimons. Heidel- 
berg 1912, C. Winter. (XXVI u. 532 S.) 

Der Verfasser bezweckt mit seiner gründlichen Arbeit, alle durch 
ihren Eigenwert oder ihre geschichtliche Wirksamkeit dazu bestimmten 
Lehrstücke der Philosophie Salomon Maimons darzustellen, die Einflüsse 
blosszulegen, die auf die Entstehung dieser Gebilde eingewirkt haben 
und die Wirkung aufzuzeigen, die ihr Erscheinen auf den Fortgang der 
Geschichte der Philosophie ausgeübt hat. Solche Untersuchungen wie die 
hier vorliegende, sind unbedingt notwendig, wenn eine wirklich brauchbare 
Geschichte der Philosophie zustande kommen soll, zu der ja bislang 
an wichtigen Punkten die notwendigen Vorarbeiten fehlen. Die bisher 
gründlichste Darstellung Maimons in Johann Eduard Erdmanns Ver- 
such einer wissenschaftlichen Darstellung der Geschichte der neueren 
Philosophie wird von Kuntze freudig anerkannt, doch macht er sehr mit 
Recht darauf aufmerksam (S. 508), dass Erdmann schon einfach deshalb 
den in Maimons Schriften vergrabenen Schatz nicht ganz lieben konnte, 
weil er von dem reichen, in Zeitschriften zerstreuten Material nicht den 
mindesten Gebrauch hat machen können. Kuntzes Darstellung darf da- 
gegen als die erste vollständige bezeichnet werden und es erscheint 
geradezu bewundernswert, mit welcher Mühe und welchem Fleisse er die 
sämtlichen Schriften Maimons (S. 1—18) und die hauptsächliche Literatur 
über ihn (S. 505 — 515) zusammengetragen hat. Darauf kann hier nur ver- 
wiesen werden und es mag im Vorbeigehen erwähnt werden, dass ja 
erfreulicherweise Ende 1912 die „Logik" Maimons in einer vortefflichen 
Neu-Ausgabe von Dr. B. C. Engel (Neudrucke hsg. v. d. Kantgesellschaft, 
Band III) erschienen ist. 



Rezensionen (Ituntze). 143 

Kuntze hebt hervor, dass Maimons Gedanken in sich, systematisch 
betrachtet, hervorragend einheitlich, in der DarsteUung dagegen häutig 
zerrissen sind, was namentlich von seiner Hauptleistung, der Erkenntnis- 
theorie gilt. Hier hat der Verfasser als Darsteller deshalb nachgeholfen 
und der Abfolge der Gedanken diejenige Ordnung gegeben, auf die sie 
dadurch, dass sie allerorten in Übereinstimmung oder in Widerstreit mit 
der „Kritik der reinen Vernunft" entstanden sind, ohnedies hinaussehen. 

Der Verfasser stellt in der Einleitung (nach Anführung der Mai- 
monschen Schriften) die Grundzüge der philosophischen Entwicklung M.s 
dar und handelt von Begriff, Methode und pragmatischer Geschichte der 
Philosophie nach Maimonschen Ideen. Das erste Buch (S. 37—203) ent- 
wickelt im einzelnen die M.sche Erkenntnistheorie und allgemeine Logik 
(I. Hauptteil M.s Erkenntuistheorie, II. Hauptteil: M.s allgemeine 
Logik, III. Hauptteil: Historische Würdigung von Maimons Erkenntnis- 
theorie, IV. Hauptteil: Historische Würdigung, von M.s allgemeiner 
Logik). Das zweite Buch stellt M.s Ethik und Ästhetik dar mit einigen 
historischen Bemerkungen zu diesen Disziplinen. 

M. selbst hat in seiner philosophischen Entwicklung drei Stadien 
unterschieden, die auf den Einfluss dreier Männer zurückgehen. Die Lehre 
des Maimonides vollzog in Maimon eine sehr wichtige Revolution, insofern 
als dadurch seine Vernunft von den Banden, die ihr der Glaube auflegte, 
befreit wurde. Das zweite Stadium wird durch die Namen Leibniz und 
Wolff bezeichnet. Hier lernte M. den formellen Unterschied in den Be- 

friffen erkennen; dies gab seinem Denken den entscheidenden Anstoss, 
enn nun erst wurde er gewahr, dass von all den Begriffen, die er bis- 
lang gesammelt hatte, nicht ein einziger den Anforderungen genügte, die 
man an einen „deutlichen" Begriff (im Sinne Leibnizens) stellen muss. 
Das Entscheidende in dem Einfluss, den in seiner dritten Periode Kant 
auf ihn geübt hat, sieht Maimon darin, dass Kant ihm den Unterschied 
der formellen von der reellen Erkenntnis gezeigt habe, sowie das Un- 
vermögen des formellen Erkennens, das reelle zu bestimmen. Dies hat 
die wichtige Folge, dass die durch blosse Erklärungen bestimmte, ver- 
meintlich reelle Erkenntnis damit auf Bedingungen einer möglichen Kon- 
struktion eingeschränkt wird. 

Schriftwerke liegen bisher nur aus der dritten Periode M.s vor. Wie 
diese allein rekonstruiert werden kann, so besitzt auch sie allein philo- 
sophisches Interesse. Übrigens ist sie mit der zweiten zu einer unteil- 
baren Einheit verschmolzen, sodass mit der Schilderung der dritten Epoche 
auch alles Wesentliche über die zweite gesagt ist. 

Nach Maimon ist die Philosophie die Idee einer Wissenschaft von 
einem möglichen Ganzen der Erkenntnis, und ilir Gegenstand ist blos die 
Form einer Wissenschaft oder eines Ganzen der Erkenntnis überhaupt. 
Die Philosophie ist aber nicht in der glücklichen Lage der Mathematik, 
einen abgeschlossenen Lehrkörper darzustellen; zwar ist sie in allen 
Wissenschaften anzutreffen, kann aber, da man keine allgemeinen 
Regeln geben kann, wie ein Ganzes der Erkenntnis, bloss formell 
betrachtet, hervorzubringen sei, immer nur die Idee einer Wissenschaft, 
selbst aber keine Wissenschaft sein. Sie ist daher mehr eine intellektuelle 
Tendenz als ein geordnetes Ganzes der Erkenntnis selbst. Eben aus 
diesem Grunde hat die Philosophie auch kein höchstes Prinzip und 
es ist, wie Maimon sehr richtig bemerkt, ein Vorzug, nicht ein Mangel 
der Kantischen Vernunftkritik, dass sie auf die Aufstellung eines solchen 
verzichtet und nur einen obersten Grundsatz kennt: den, dass jeder 
Gegenstand unter den Bedingungen der synthetischen Einheit des Mannig- 
faltigen einer möglichen Anschauung steht. 

Maimon geht bei seiner Erkenntnistheorie davon aus, die „Koperni- 
kanische Drehung" des Gesichtspunktes, von der Kant spricht, gelten zu 
lassen, aber er möchte das Unternehmen Kants richtiger verstehen lernen, 



144 • Rezensionen (Kuntze). 

als dieser es selbst verstanden hatte. Maimon argumentiert so: Lässt 
sich die komplexe Tatsache, die wir Erscheinun^swelt nennen, so auf- 
lösen, dass die Beziehung der Erkenntnisse a priori auf empirische Gegen- 
stände schon durch den Begriff eines Objektes der Erfahrung überhaupt 
gegeben ist, sodass jene Begriffe nicht mehr in einem Verhältnis zu 
individuellen Gegenständen stehen, sondern zu allen Gegenständen, 
die überhaupt Erfahrungsobjekte werden können, dann ist es möglich, 
den Anteil des Subjekts im Erkenntnis von dem des Objekts zu scheiden. 
Aber M. geht noch weiter. Der Kritizismus begründet die Notwendigkeit 
einer solchen Scheidung damit, dass es für die Erkenntnis ein Unbedingtes 
geben müsse, das in den Dingen an sich ruht d. i. in den Dingen, die wir 
nicht kennen. — Darf man jedoch die einheitliche Gegebenheit so spalten? 
sind in ihr überhaupt solche Anteile vorhanden? Natürlich: der kritische 
Philosoph legt ja das Problem schon in das Wort „Erscheinung". Da 
aber das, was erscheint, für ein dem Erkennen ewig transzendent Bleibendes 
erklärt wird, so gewinnen die Erscheinungen durch dies Verfahren eine 
Orientierung gegen den leeren Raum, nichts mehr. So ist ein höchst 
allgemeines Problem aufgerollt: wie überhaupt ein Subjekt zu Ob- 
jekten stehen mag. Dieses Problem ist nach Maimon noch viel allge- 
meiner als das der Vernunftkritik; denn hier ist nur davon die Frage, 
wie die Vernunft als besonderes Erkenntnisvermögen sich auf Gegenstände 
beziehen könne; bei M. dagegen soll auch die Beziehung der übrigen 
Erkenntnisvermögen (Sinne, Einbildungskraft, Verstand) auf Objekte der 
Kritik unterworfen werden. Diesen Standpunkt bezeichnet Maimon 
als transzendentalen Idealismus! Die Position des transzendentalen Idealis- 
mus (im allgemeinen Verstände) ist nach ihm: dass sowohl die Materie 
(das Empirische) der Anschauungen als ihre Formen (Raum und Zeit), 
bloss in uns sind und dass das Dasein von Dingen an sich ewig proble- 
matisch bleiben muss. In seinem Schlusswort (S. 502 f.) bemerkt der Ver- 
fasser: „Maimons Kritik wurde von den Zeitgenossen für schlüssig ange- 
sehen, und dies Urteil machte Maimons Denken zu dem Verzweigungs- 
punkt, an dem der Kritizismus Kants in die Philosophie des deutschen 
Idealismus überging. Beide Phasen dieses Geschehens, die Haltbarkeit 
der Kantkritik Maimons und die Notwendigkeit der Fortgangsrichtung, 
müssen als zu Recht geschehen erwiesen werden, wenn den Neukantianern 
die Vertauschung ihrer Überzeugungen mit denen des Neuidealismus aus 
Gründen soll angesonnen werden". Diese scharfsinnige Bemerkung 
trifft den Nagel auf den Kopf; denn in der Tat handelt es sich hier um 
zwei ganz verschiedene Probleme, ein historisches und ein systematisches. 
Was das erstere betrifft, so ist es das grosse Verdienst des Kuntzeschen 
Buches, den Nachweis erbracht zu haben, dass in Maimon fast voll- 
ständig die Keime zu der Kantkritik liegen, die dann zu Fichte, Schelling 
und Hegel, d. h. zur neuidealistischen Spekulation und (so dürfen wir 
hinzufügen) zum völligen Zusammenbruche der deutschen Philosophie 
nach dem Tode Hegels geführt haben. Die systematische Frage aber ist 
die: ist in den angeführten Sätzen Maimons ein zulängliches Verständnis 
der transzendentalen Methode als des Zentrums der Kantischen Philosophie 
zu merken? Maimon legt einen besonderen Wert auf die scharfe Heraus- 
arbeitung des Gegensatzes von „Erscheinung" und „Ding an sich", „Innen" 
und „Aussen", vor allem „Subjekt" und „Objekt", alles Gegensatzpaare, 
deren sich Kant natürlich auch bedient, die aber für ihn nicht (wie man 
ihn missverstand!) Ergebnisse darstellten, sondern Ausgangspunkte 
seines Philosophierens, womit er sich an das Denken der Zeit anpasste, 
während sie auf der Höhe der Vernunftkritik sämtlich, wie ich mit 
Hermann Cohen annehme, als erledigt gelten dürfen. So heisst es an 
einer Stelle bei Kant (in den losen Blättern I, 162) die aus der Zeit vor 
dem Erscheinen der Vernunftkritik herrührt: „Noumenon bedeutet eigent- 
lich allerwärts einerlei: nämlich das transzendentale Objekt der sinnlichen 
Anschauung". Bis hierher könnte man Maimons Auffassung vom „Ding 
an sich" für nicht unberechtigt halten. „Aber", so heisst es an der ange- 



Rezensionen (Kuntze). 145 

zogenen Stelle weiter, „dieses ist kein reales Obiekt^) oder gegebenes 
Ding,') sondern ein Begriff, auf den in Beziehung Erscheinungen Ein- 
heit haben". So wird schon für den Kant der Jahre vor 1781 der „jen- 
seitige Grund der Erscheinung" zum bloss gedachten ideellen Einheitspunkt, 
auf den die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen zu beziehen ist, um sich 
zur Einheit zusammenzuschliessen. Es ist, anders ausgedrückt, der Ge- 
danke des „Ding an sich" der blosse Gedanke oder Begriff der Not- 
wendigkeit der Verknüpfung des in den Erscheinungen „Gegebenen" 
der Anschauung. Maimon, Reinhold und die übrigen Kantianer haben 
diesen Grundgedanken verfehlt und mussten ihn verfehlen, weil sie eigent- 
lich nicht in erster Linie erkenntnistheoretisch, sondern psycho- 
logisch interessiert waren. Nicht die Möglichkeit der Wissenschaft 
ist das, was für sie im Vordergrunde steht, sondern die Beziehung der 
Erkenntnisvermögen auf Objekte. Und da hat in der Tat Maimon den 
entscheidenden Anstoss gegeben, wenn er sich mit den sämtlichen 
„Erkenntnisvermögen" d. h. mit Verstand, „Einbildungskraft" und 
den „Sinnen" beschäftigen zu müssen glaubt! Hier wird der Kantische 
(und schon Platonische) Begriff des „Reinen" als des Gesetzlichen 
gänzlich aus dem Spiel gelassen; denn es handelt sich für Maimon nicht 
mehr (wie für Kant) um die Gesetze der Gegenstandserkenntnis überhaupt, 
d. h. um die (apriorischen) Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung, 
sondern um die Arten, wie wir wirklich mit unseren „subjektiven" 
Erkenntnisvermögen (Sinne, Einbildungskraft, Verstand, Vernunft) Gegen- 
stände, „Objekte" erkennen. Auch diese letztere Frage wird sicherlich in 
der Vernunftkritik behandelt, — in der ersten Auflage ausführlicher als 
in der zweiten! — aber Kant ist sich doch, wie er ausdrücklich in der 
„Vorrede" bemerkt, völlig klar darüber, dass das eine psychologische 
Frage ist. Diese Klarheit fehlt Maimon und daher denn das völlige 
Versagen seiner Kant-Kritik. Es dürfte als das geschichtliche Verdienst 
der Cohenschen Kantbücher anzusehen sein, den Kernpunkt: die trans- 
zendentale Methode Kants neuentdeckt und damit die Philosophie unserer 
Tage neu orientiert zn haben. Die zweifelnde Frage des Verfassers würde 
also von den „Neukantianern" so beantwortet werden, dass sie keinen 
Grund haben, die auf einem Missverständnis beruhende Maimonsche Kant- 
kritik sich zu eigen zu machen. Worin liegt denn nun aber wohl der 
tiefste Grund dieses Rückganges seit Maimon? Er dürfte darin vor allem 
zu suchen sein, dass weder Maimon, noch Fichte, noch Reinhold sich mit 
Kant die Fragen vorlegten: „Wie ist reine Mathematik, wie ist reine 
Naturwissenschaft möglich?" Statt dieser nüchternen und scheinbar ele- 
mentaren Untersuchung richtete sich das Interesse der Genannten viel- 
mehr auf die Analyse des Bewusstseins und auf die ethisch-sozialen und 
geschichtlichen Probleme. 

Maimon bezeichnet sich im Gegensatze zu Kant als „rationellen 
Dogmatiker" und „empirischen Skeptiker" und behauptet als solcher, „dass 
sowohl Formen als Objekte unserer Erkenntnis a priori in uns sind" und 
dass unser Erkenntnisvermögen nicht bloss darin besteht, „uns gegebene 
Objekte durch von uns gedachte Formen zu erkennen, sondern durch 
diese Formen die Objekte selbst hervorzubringen". Das ist schon 
der ganze Fichte, Schelling und Hegel in nuce! Wenn man dann weiter 
vernimmt, dass es nach Maimon drei Stadien der Erfahrung gibt (S. 42) 
nämlich 1. einzelne Wahrnehmung des Individuellen, 2. diese Wahrnehmung 
von der Individualität abstrahiert und 3. die als Grund davon voraus- 
gesetzte öftere Wiederholung dieser Wahrnehmung, so bestätigt diese 
völlige Verflachung des Kantischen Erfahrungsbegrilfes nur das Gesagte. 

Es war naturgemäss hier nicht möglich, auf das Ganze der von 
Kuntze geleisteten Arbeit einzugehen; die angeführten Stellen genügen 
aber wohl schon, um zu zeigen, dass es für den Historiker der Philo- 
sophie des 19. Jahrhunderts kaum eine gleich fesselnde Erscheinung wie 

*) Von mir gesperrt B. 

KantBtndlen XVIII. ja 



146 Rezensionen (Ehler t— Ostermann). 

die des Autodidakten Salomon Maimon gibt. Kuntze haben wir es zu 
danken, wenn wir in Zukunft ohne allzugrosse Mühe imstande sind, uns 
ein vollständiges Bild von der Philosophie dieses eminent geistreichen, 
aber unsystematischen Mannes zu machen. 

Es sei schliesslich noch erwähnt, dass das Kuntzesche Buch durch 
seinen ganzen Aufbau, seine klare und eingehende Disposition, durch 
das brauchbare Namen- und Sachregister und schliesslich durch seinen 
vortrefflichen Druck und die glänzende Ausstattung als ein wahres Muster 
bezeichnet werden kann. 

Berlin. Artur Buchenau. 

Ehlert, Paul. Hegels Pädagogik dargestellt im Anschluss 
an sein philosophisches System. Berlin 1912, Union. Deutsche 
Verlagsgesellschaft. (X u. 251 S.) 

Der Verfasser ist zu seiner Arbeit durch Th. Ziegler angeregt 
worden und hat dann bald bemerkt, dass er mit seinem Unternehmen, 
Hegels Pädagogik systematisch darzustellen ein fast noch unbekanntes 
Neuland betrat. Es zeigte sich, dass die von Thaulow veranstaltete 
Materialsammlung den Umkreis des Gegenstandes nicht erschöpfte. All- 
umfassend wie Hegels Philosophie muss auch seine Pädagogik sein; sie 
beschliesst in Hegels Sinn alles in sich, was das Werden des einzelnen 
Menschen bestimmt, und keinem Teile des Systems mangelt die Beziehung 
zu diesem Entwicklungsgange des Individuums. So ist die Ehlertsche 
Schrift mehr als eine blosse Materialsammlung, sie wurde dem Verfasser 
selbst zu einem System der Erziehungslehre. Der erste Teil handelt 
von dem Begriff des Geistes und der Erziehung, der zweite von der 
Vermittlung des Geistes oder der Methode der Erziehung und Bildung, 
der dritte von den Gestaltungen der Wirklichkeit des Absoluten und der 
Organisation der Erziehung, sodass also die philosophischen Voraussetzungen 
und die pädagogischen Konsequenzen stets parallel gehen und diese durch 
jene erläutert werden. Der Gegenstand der Erziehung ist der einzelne 
Mensch; das philosophische System Hegels aber stellt neben dessen 
Werden auch das des Menschengeschlechts als solchen und des Welt- 
geistes dar. Es musste daher von E. versucht werden, Hegels päda- 
gogische Ansichten aus den grundlegenden Sätzen seines Systems abzu- 
leiten, wobei es sich als ein bedauerlicher Mangel herausstellte, dass es 
eine Arbeit, welche die Wandlungen in dem System behandelt, wie 
Dilthey das für die Jugendentwicklung getan hat, nicht gibt. E.s gründ- 
liche und durchsichtig angelegte Untersuchung ist eine Art Gegenstück 
zu Hegels Enzyklopädie geworden, ja in gewisser Hinsicht eine Ergänzung 
dazu. Man könnte einwenden, dass, wenn hier nun sich alles bloss um 
die Entwicklung des Einzelmenschen dreht, das eine noch einseitigere 
Betrachtungsweise sei als die Hegeische, bei der in dem Werdegange 
des unendlichen Geistes das Individuum verschwindet. Und doch ist es 
— E.s Buch ist der beste Beweis dafür! — keine vergebliche Arbeit, ein- 
mal den Menschen in den Mittelpunkt der Untersuchung zu rücken. Es 
ist ganz erstaunlich, welche Fülle wertvoller und zum Teil ausserordentlich 
modern-klingender pädagogischer Gedanken sich so aus dem neuen Zu- 
sammenhange ergeben, sodass die E.sche Arbeit als eine wertvolle Be- 
reicherung der erziehungsgeschichtlichen Forschung auch von demjenigen 
bezeichnet werden wird und muss, der den philosophischen (Hegeischen) 
Voraussetzungen ferner steht als der Verfasser. 

Berlin. Artur Buchenau. 

Ostermann, W. Die Pädagogik unserer Klassiker im Zu- 
sammenhange mit ihrer Weltanschauung. Union, Deutsche Verlagg- 
gesellschaft. Berlin 1913. (IV u. 276 S.). 

Die hier vorliegenden fünf Aufsätze (I. Lessing, II. Herder, III. Schiller, 
ly. Goethe, V. Jean Paul) sind zwar zunächst für die Lehrerwelt bestimmt, 
eignen sich aber auch für weitere Kreise, da ja die Frage, wie unsere 



Rezensionen (Koffka — Ohmann). 147 

Klassiker über die Erziehung gedacht haben, für keinen Gebildeten ohne 
Interesse sein kann. Abgesehen von dem wertvollen erziehungsgeschicht- 
lichen Material wird aber auch von dem Verfasser wesentlich eingehender 
als das in der pädagogischen Literatur geschehen ist, die ganze Welt- 
und Lebensanschauung der Dichter berücksichtigt. Auf die Beziehungen 
zur Kantischen Philosophie (was an diesem Orte besonders interessiert) 
wird überall, wo es notwendig ist, Rücksicht genommen. Der Verfasser 
selbst steht auf einem Lotze ähnlichen Standpunkt, ohne dass dieser aber 
irgendwie sich einseitig bemerkbar machte. Auf Einzelnes einzugehen 
ist hier nicht möglich, es sei indes die sympathische und feinsinnig 
durchgeführte Schrift besonders jüngeren Lehrern und Forschern em- 
pfohlen, die hier ein ausserordentlich reiches Material finden werden. 
Für eine Neuauflage wäre die Beigabe eines Namen- und Sachregisters 
wünschenswert. 

Berlin. Artur Buchenau. 

Koffka, Knrt. Zur Analyse der Vorstellungen und ihrer 
Gesetze. Eine experimentelle Untersuchung. Leipzig, Quelle & Meyer, 
1912. (392 S.) 

Schon bei der Selbstanzeige meines Buches „Empfindung und Denken" 
(1908) in den „Kantstudien" habe ich darauf hingewiesen, wie die neueren 
denkpsychologischen Untersuchungen (der „Würzburger Schule") ganz un- 
abhängig von Kant dazu gelangt sind, die Unterscheidung von Empfindung 
und Denken in ähnlicher Weise vorzunehmen wie Kant, und dass sie auch 
wie er zur Ablehnung des (psychologischen) Sensualismus gekommen sind. 
Für diese Auffassung lässt sich eine weitere Bestätigung entnehmen aus 
der Untersuchung Koffkas, die bei aller Vertiefung in das Detail niemals 
die grossen Gesichtspunkte vermissen lässt. Sie ist darum auch für den 
Kantforscher interessant, zumal der Zusammenhang der psychologischen 
Forschung mit allgemeinen philosophischen Problemen mehrfach klar 
hervortritt. 

Gegenüber dem Sensualismus wird an einer Fülle von Beobachtungs- 
material gezeigt, dass der Unterschied von Wahrnehmung und Vorstellung 
im Sinne Humes (Impression und idea) kein anschaulicher, also kein in 
Empfindungen und deren Reproduktionen selbst gegebener ist, sondern 
dass diese Unterscheidung auf Denkfunktionen beruht. 

Die Unzulänglichkeit der (mit dem Sensualismus meist eng ver- 
schwisterten) Assoziationspsychologie leuchtet ein aus dem überzeugend 
geführten Nachweis, dass die sog. Assoziationsgesetze für sich durchaus 
nicht genügen, den Ablauf der Vorstellungen zu erklären, sondern dass 
daneben als wichtiger Faktor die von Gedanken (bezw. von bewusst er- 
fassten Aufgaben oder latenten Einstellungen) ausgehenden „determinieren- 
den" Tendenzen in Betracht kommen. Das Verhältnis der Assoziations- 
und der Determinationswirkungen wird nun in interessanter Weise zu dem 
Verhältnis von „Erfahrung" und „Denken" in Beziehung gesetzt (vergl. 
besonders S. 364). 

Hingewiesen sei auch darauf, dass auf die Behandlung des Abstrak- 
tionsproblems bei Locke und Berkeley interessante Streiflichter fallen. 

Kurz, nicht nur der Psychologe, sondern auch der Erkenntnistheore- 
tiker wird das Buch mit reichem Gewinn lesen. 

Giessen. A. Messer. 

Ohmann, F. Kants Briefe. Ausgewählt und herausgegeben. 
Inselverlag 1911. 

Ein textkritisches Verdienst beansprucht diese Ausgabe nicht, da 
sich diese Aufgabe durch die Arbeit der neuen Akademieausgabe erübrigte. 
Die Kritik richtet sich demnach auf ein dreifaches: die Auswahl der Briefe, 
die erläuternden Anmerkungen und eine Einleitung. Das erste ist vortreff- 
lich gelungen; es sind nicht nur die philosophischen Briefe, sondern auch 
viele persönliche abgedruckt, die uns Kant in seinem rein menschlichen 

10* 



148 Rezensionen (Phal^n). 

Verhalten gegen Fremde, Freunde und Verwandte zeigen. Auch die An- 
merkungen sind sehr sorgfältig und eingehend bearbeitet. Die einleitenden 
Ausführungen verfolgen den Zweck, dem Leser die Persönlichkeit Kants 
zu klären. Es ist mir zweifelhaft, ob 0. ihr in allem gerecht geworden 
ist. Er scheint es nicht in der Ordnung zu finden, dass Kant so nüchtern 
sachliche Briefe schreibt, so ganz von seinem Werke aufgezehrt wird. Er 
vermisst den subjektiv persönlichen Einschlag, die Gefühlswärme, und 
weiss in anregender Weise auseinanderzusetzen, wie dies mit den philo- 
sophischen Ansichten Kants zusammenhängt, da nach ihm das Subjekt, 
nur soweit es allgemeingültig bestimmt ist, an der Vernünftigkeit teil hat. 
Aber hierin darf man nicht mit 0. eine Schuld sehen. Die Höflichkeit 
Kants ist nicht blosser Selbsterhaltungstrieb, „Egoismus der Schwäche", 
sondern aufrichtig bescheidene Ehrfurcht vor jedem Menschenantlitz, seine 
Melancholie ist nicht Folge der mangelnden Kraft, sich zugleich an das 
Werk und die Mitmenschen zu verschwenden, sondern wurzelt ursprüng- 
lich in einer tiefen Einsicht, die schon lange vorhanden die Teilnahme an 
munterer Geselligkeit in den mittleren Jahren nicht ausschloss. Kants 
Lebensarbeit ist sein Werk, und darüber hinaus noch eine Persönlichkeit 
zu sein, war bei solcher Riesenleistung unmöglich. Doch weiss auch O. 
den hierin liegenden Heroismus zu würdigen. Möge das Buch, das sicher 
einem allgemeiner geteilten Bedürfnis entspricht, die verdiente Verbreitung 
finden und dem grossen Denker auch in Laienkreisen neue Freunde werben. 
Bonn. Emil Hammacher. 

Phal^n, Adolf. Das Erkenntnisproblem in Hegels Philo- 
sophie. Die Erkenntniskritik als Metaphysik, üpsala, Akad. 
Buchdruckerei, 1912. (453 S.) 

Unter dem Erkenntnisproblem versteht der Autor die Frage, wie 
das Erkenntnissubjekt etwas von sich Unabhängiges wissen kann. Das 
Buch will nun zeigen, dass das Hegeische System eine konsequente Ent- 
wicklung der Voraussetzungen ist, die in diesem Problem liegen und ohne 
welche es überhaupt kein Problem wäre. Man könnte nun allerdings 
darauf hinweisen, dass ja bei Hegel das erkenntnistheoretische Problem 
überhaupt keine Stelle hat, da es ja der Identität von Subjekt und Objekt 
widerspricht. In der Tat führt ja Hegel das Problem nur als propädeu- 
tisches ein. Es besteht nur für denjenigen, der in dem Vorurteile befangen 
ist, dass der Gegenstand ausserhalb des Denkens liege. Dieser Standpunkt 
muss aber überwunden werden, bevor man in die Wissenschaft eintreten 
kann, wo der Gedanke ebenso die Sache, wie die Sache der Gedanke ist. 
So soll ja die Phänomenologie, in welcher das Erkenntnisproblem auftritt, 
eine „negative Wissenschaft" sein, eine Einleitung, welche die Nichtigkeit 
ihrer Voraussetzimgen selbst dartut. Demgegenüber bemüht sich der Verf. 
zu zeigen, dass das Erkenntnisproblem nicht, wie Hegel meinte, ausserhalb 
des Systems fällt, vielmehr das eigentliche Grundproblem darin ausmacht. 
Auch die Phänomenologie fällt — sofern sie vom Standpunkt des betrach- 
tenden Bewusstseins aus geschrieben ist — in das System, in dem sie dann 
natürlich nicht den Weg zur Wissenschaft, sondern das Denken des diesen 
Weg Betrachtenden darstellt. Wenn aber das Erkenntnisproblem über- 
haupt in die Wissenschaft fällt, dann ist es mit dem wissenschaftlichen 
Problem schlechthin identisch. Aber welches ist dieses Problem für Hegel ? 
Zunächst könnte es scheinen, als wäre für ein wissenschaftliches Problem 
im Systeme Hegels keine Stelle. Denn die Wissenschaft ist bei ihm „der 
Geist, der sich so entwickelt als Geist weiss". Alle anderen Stufen des 
Geistes sind bloss propädeutisch. Indessen enthält „die Wissenschaft in 
ihr selbst diese Notwendigkeit, der Form des reinen Begriffs sich zu ent- 
äusseru und den Übergang des Begriffs ins Bewusstsein". Nur dadurch, 
dass das Wissen sich als das sich gegenüber vollkommen Selbständige be- 
stimmt, kann es sich wissen. So muss die Wissenschaft von der Subjekt- 
Objektivität ausgehen und in sich den Gegensatz von Subjekt und Objekt 
bewusst nochmals setzen, um dadurch zum absoluten Wissen zu gelangen. 



Rezensionen (Phalön). 149 

Dieser so gesetzte Gegensatz, den zu überwinden Ziel der Wissenschaft 
ist, ist aber nach Ph. kein anderer als der des Erkenntnisproblems. 

Aber ist denn — so wird man fragen — dieser in der Wissenschaft 
auftretende Gegensatz der des Bewusstseins und seines Gegenstandes (der 
erkenntnistheoretische), hat er nicht vielmehr hier den ganz objektiven 
Sinn der Antithese Denken-Sein? Ph. bemüht sich demgegenüber in drei 
Beweisen (S. 88—108), zu zeigen, dass Subjekt und Objekt auch in der 
Logik als Bewusstseins kategorien zu verstehen sind. Dasselbe wird 
dann an einzelnen mit der Hegeischen Methode innig zusammenhängenden 
Begriffen gezeigt. Der Verf. zieht hier den Fortgang des Hegeischen 
Systems selbst vom Abstrakten zum Konkreten, vom Ansichsein zum Ge- 
setztsein heran, um dessen subjektive Bedeutung zu demonstrieren. Des 
weiteren die Frage der Zeitlichkeit oder Zeitlosigkeit des Wissenschafts- 
prozesses, wo Ph. gegen Hegel entscheiden zu müssen glaubt, dass der 
Prozess als ein zeitlicher, somit als Bewusstseinsprozess zu denken ist. 
Weiter wird Hegels Schwanken zwischen der Auffassung des Wissenschafts- 
prozesses als eines geradlinigen oder eines kreisförmig geschlossenen Fort- 
gangs erörtert, das wiederum den subjektiven Charakter der Entwicklung 
verraten soll. Endlich sollen auch die Begriffe Identität und Unterschied, 
ja auch der des Widerspruchs selbst bei Hegel nur Bedeutung haben 
können, wenn sie bloss subjektiv gemeint sind. „Hegels Auffassung des 
Widerspruchs als dem Aufgefassten (und nicht bloss, wie Ph. meint, dem 
Auffassen) zukommend hebt die Möglichkeit der Erkenntnis auf." (171) 
Ein weiterer Abschnitt vervollständigt diese Beweisführung, indem er 
zeigt, dass in den wichtigsten Trilogien der Erkenntnisgegensatz hervor- 
tritt (Sein, Wissen, Begriff; Qualität, Quantität, Mass; Begriff, Urteil, 
Schluss; Mechanismus, Chemismus, Teleologie; das Erkennen, das Gute, die 
absolute Idee.) ,,Jede Trilogie ist eine Lösung des Erkenntnisproblems, 
das jedoch, da diese Lösung verfehlt und das Problem in der Lösung 
selbst ungelöst gegeben ist, stets in der nächsten Trilogie wiederkehrt." 
Endlich zeigt eine Betrachtung des Systems als ganzen in der Haupt- 
trilogie Logik, Naturphilosophie und Geistesphilosophie dasselbe Resultat. 
Aber nicht nur dass Ph. so zeigen zu können glaubt, dass der 
Gegensatz, dessen Lösung Gegenstand der verschiedenen Teile des Hegel- 
schen Systems ist, konsequent als der erkenntnistheoretische aufgefasst 
werden muss, er versucht auch — im zweiten Teile des Buches — den 
Nachweis, dass dem Hegeischen Systeme nicht zu entgehen sei, wenn man 
die Voraussetzungen des Erkenntnisproblems zugibt. Nur durch Um- 
stossung dieser Voraussetzungen ist Hegel beizukommen. Auch sind diese 
Voraussetzungen der Grund davon, dass man, wie der Autor es tut, aus 
ihnen Konsequenzen ableiten kann, die den Hegeischen gerade zuwider- 
laufen. Denn sie enthalten den Keim des Widerspruchs und genau ent- 
fegengesetzter Gedankengänge in sich, wie dies ja auch die Geschichte 
er Hegeischen Schule zeigt. Nun stehe aber auch Kant auf dem Boden 
dieser Voraussetzungen. Denn obzwar bei ihm der Gegenstand nicht 
schlechthin unabhängig von der Erkenntnis ist, so wird doch auch von 
ihm gefragt, wie die Erkenntnis des individuellen Subjektes von einer von 
ihm unabhängigen Regel (dem Gegenstand im Kantischen Sinne) bestimmt 
sein könne und wie apriorische Begriffe objektive Geltung besitzen können. 
Und dies ist nur eine Formulierung anderer Art für dasselbe Erkenntnis- 
problem. Ein jeder, dem die Erkenntnis des Objekts durch ein Subjekt 
problematisch ist, geht von der Voraussetzung aus, dass es die Subjekts- 
iremdheit des Objektes ist, welche das Problematische der Erkenntnis 
ausmacht, und wird deshalb immer zum Zwecke der Lösung des Problems 
auf irgend einem Wege zeigen wollen, dass das Objekt in Wahrheit mit 
dem Subjekte eins ist. So führe das Erkenntnispro blem zum Hegeischen 
System (oder zum Schellingschen, soferne die Subjekt-Objektivität Hegels 
mit der Indifferenz Schellings identisch ist). Die Hypostasierung des 
transzendentalen Bewusstseins Kants zu einer alle Wirklichkeit hervor- 
bringenden Kraft, wie sie die nachkantische Spekulation vornahm, war 



150 Rezensionen (Mill— Braun). 

demnach nur eine folgerichtige Ausbildung Kantischer Grundgedanken. 
(302.) Denn solange der Inhalt nicht aus der Form deduziert ist, bleibt 
das Kantische Problem ungelöst. „Kant kommt nie zur Einsicht der vollen 
Bedeutung des Problems, dass er aufgestellt, wie objektive Erkenntnis 
möglich sei; dass nämlich dies eine Forderung in sich schliesst, aus dem 
Subjekte das Objekt und damit jeden Inhalt der Erkenntnis herzuleiten." 
(349) Ebenso folgt aus der im Kantischen Systeme implizierten Voraus- 
setzung der Identität von Subjekt und Objekt, dass die Zweckmässigkeit 
konstitutives Prinzip und die teleologische Betrachtung daher mehr als 
ein Auskunftsmittel unseres diskursiven Verstandes ist. Auch hier hat 
Hegel die Konsequenz aus den Kantischen Prämissen gezogen. (383.) 
Phal^n führt endlich auch Hegels persönlichen Entwicklungsgang als Be- 
stätigung für seine Auffassung des Hegeischen Systems an. 

Ref. muss sich mit dieser kurzen Inhaltsangabe des Buches begnügen, 
da eine Auseinandersetzung den Rahmen einer Besprechung weit über- 
schreiten müsste. 

Prag. Hugo Bergmann. 

Mill, John Stuart. Eine Prüfung der Philosophie Sir 
William Hamiltons. Deutsch von Hilmar Wilmanns, Halle a. S. 
Max Niemeyer, 1908. 

Unter den philosophiegeschichtlichen Monographien ist nur wenigen 
das Schicksal beschieden, für die Philosophie selbst von Bedeutung zu 
werden. Das hängt mit ihrer Entstehung zusammen. Unter den Aus- 
nahmen sind zwei von besonders weittragender Bedeutung gewesen. Es 
sind John Stuart Mills kritische Arbeiten über die Philosophie Com t es 
und die Sir William Hamiltons. Die erste ist seit langem dem 
deutschen Publikum in der deutschen Mill-Ausgabe, die Th. Gomperz 
vor langen Jahren veranstaltet hat, zugänglich. Die Examination of Sir 
William Hamiltons Philosophie (1865) hat erst jetzt eine Übersetzung 
gefunden, an deren Zustandekommen auch Benno Erdmann ein grosser 
Verdienst zukommt. 

Sie ist mit grosser Sorgfalt ausgeführt und entspricht auch den 
an sie in Bezug auf die Lesbarkeit zu stellenden Anforderungen in jeder 
Weise. Ich kenne nicht viel Übersetzungen aus dem Englischen, die man 
mit gleicher Genugtuung aus der Hand legt. 

Über das Werk selbst hier etwas Näheres zu sagen, ist wohl nicht 
angebracht. Es ist eins der Hauptwerke Mills. Seine Übersetzung ist 
auch noch dadurch gerechtfertigt, dass die ausführlichen, nicht selten 
über ganze Seiten reichenden Wiedergaben von Stellen aus Hamilton 
ein klares und vollständiges Bild auch seiner Philosophie geben, die im 
ganzen in Deutschland wenig bekannt geworden ist. Es ist gegenwärtig 
ein günstiger Zeitpunkt sie bekannt zu machen, denn nicht wenige der 
Probleme, mit denen sich Mills Werk beschäftigt, sind jetzt wieder in 
den Vordergrund gerückt, insbesondere logische und psychologische. — 
Einige Schlagworte mögen den Gang der Darstellung kennzeichnen: Das 
Problem der Relativität der Erkenntnis — Erkennen und Glauben — Das 
Bewusstsein.sproblem — Die Realität der Aussenwelt — Das Unbewusste — 
Die logischen Probleme (Allgemeinbegriffe, Urteilen, Schliessen, das Wesen 
der Logik u. a. m.) — Die Freiheit des Willens. 

Tübingen. Dr. K. Oesterreich. 

Braun, Otto, Dr. Grundriss einer Philosophie des Schaffens 
als Kulturphilosophie. Einführung in die Philosophie als Weltan- 
schauungslehre. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig 1912. (262 S.). 

Das Buch geht von der Grundüberzeugung aus, dass Philosophie 
Weltanschauungslehre ist. Der Verfasser entwickelt seine erkenntnis- 
theoretischen und methodologischen Überzeugungen, er fordert eine Philo- 
sophie des Schaffens von neovitalistischem und voluntaristischem Charakter 



Rezensionen (Kade). 151 

und zeigt, welche Aufgaben im Zusammenhang dieser Auffassung der 
Kunst, der Ethik und der Religion zufallen. 

In der Erkenntnistheorie vertritt ßr. einen Ideal-Realismus. Als 
Schüler Kants betont er die Autonomie des menschlichen Geistes. Aber 
er betont weiter, dass Sinn und Geist des Menschen unserer Wahrnehmung 
an^epasst und zur Aufnahme der Wirklichkeit fähig sind. Es sind 
reflexive und konstitutive Kategorien zu unterscheiden. Die letzteren 
sagen von den Dingen an sich etwas aus. Also ist Metaphysik als 
Wissenschaft möglich, allerdings weniger eine Metaphysik des Über- 
sinnlichen als des Unsinnlichen. Die Methode ßr. ist der noologischen 
Methode Euckens verwandt: Sie bildet eine Synthese aus Spekulation 
und naturwissenschaftlichem Empirismus, ßr. hält die Mitte 
zwischen reinem Intuitivismus und ausschliesslichem Logismus. 

Zur Grundlegung seines Systems knüpft ßr, an ein Grunderlebnis 
an, das er als „Schaffen" bezeichnet. Der Inhalt dieses Schaffens ist 
die Vergeistig ung der Welt: Die Natur soll zur Kultur erhoben 
werden. Der Gedanke ist bei ßr. kosmisch-metaphysisch gemeint. Solche 
Vergeistigung ist nur möglich durch eine Überwindung des Gegen- 
satzes von Subjekt und Objekt, durch eine „Volltat" im Euckenschen Sinne. 
Die geistige Schaffensart bricht im Willen des Menschen durch, und je 
mehr der Mensch dieser geistigen Art entspricht, desto mehr ist er frei. 
Es gibt Grade der Freiheit. „Auf den Höhen der Menschheit ist Freiheit 
eine Urtatsache." 

In den Dienst solcher Vergeistigung müssen die Kunst, die Ethik 
und die Religion treten. Die Kunst soll das geistige Wesen der Welt 
vollendet darstellen, die Ethik es durchsetzen, die Religion soll unser 
Schaffen als im Dienste des Absoluten stehend, als ein Darstellen Gottes 
intellektuell oder gefühlsmässig erfassen. 

Das Buch ßr. enthält kraftvolle Lebensphilosophie. Gelegentlich 
scheint mir die systematische Darstellung unter zu breiten historischen 
Darstellungen zu leiden, auch bin ich mit verschiedenen einzelnen Behaup- 
tungen (z. B. der einseitigen Betonung der Selbsterlösung oder der Be- 
hauptung, dass die Säulen des Protestantismus wanken u. a.) nicht ein- 
verstanden. Solche Einzelbedenken können das Gesamturteil nicht beein- 
trächtigen, dass ßr. die Grundlinien einer Lebensphilosophie gezeichnet 
hat, die zur Kräftigung und Verjüngung unserer ermattenden Kultur 
energisch beitragen wird. In diesem Sinne begrüsse ich Brauns Buch und 
wünsche ihm viel verständnisvolle Leser. — Der Titel des Buches ist 
nach meinem Empfinden schwerfällig. Vielleicht Hesse sich besser sagen : 
Philosophie des Schaffens. Grundriss einer Kulturphilosophie. 

Cottbus. Dr. Kurt Kesseler. 

Kade, Richard, Pfarrer. Rudolf Euckens noologische Me- 
thode in ihrer Bedeutung für die Religionsphilosophie. Leipzig, 
Veit und Comp. 1912 (VIII und 145 S.). 

Kade setzt sich zunächst mit der Religionsphilosophie Herrmanns, 
Windelbands und Troeltschs auseinander. Herrmann erklärt die Religions- 
philosophie für die Religion für entbehrlich und lehnt die Möglichkeit 
jeder Metaphysik ab. Die praktischen Überzeugungen, in deren Bereich 
die eigentlich theologischen Probleme liegen, sind streng von dem Gebiet 
des theoretischen Erkennens zu scheiden. Windelband vertritt in der 
Religionsphilosophie die transzendentale Methode. Religion ist ihm trans- 
zendentes Leben. Das Heilige ist ihm das Normalbewusstsein des Wahren, 
Guten und Schönen, erlebt als transzendente Wirklichkeit. Der grund- 
legende Unterschied zwischen Religion und Metaphysik wird bei ihm 
nicht wesentlich beachtet. Troeltsch schliesslich unterbaut die trans- 
zendentale Methode durch Religionspsychologie, bei ihm ist der Intellek- 
tualismus im Prinzip überwunden, aber letzten Endes wird bei ihm das 
Gotterleben nur beschrieben und philosophisch begründet, wie es sich mit 
der als Vernunfttat analysierten religiösen Spekulation verbindet. Die auf 



152 Rezensionen (Meumann). i 

/ 

eine Metaphysik hinauslaufenden Gedanken repräsentieren nach Troeltsch 
nicht eine Metliode des wissenschaftlichen Denkens, sondern einen Ab- 
schluss und Grenzbegriff, die aus der transzendentalen Methode hervor- 
gehen. Die so charakterisierten Stellungen zum religiösen Problem be- 
iriedigen Kade nicht. Er vertritt den Standpunkt der noologischen 
Methode Euckens, die Analyse und Synthese umfasst und gegenüber 
dem Naturalismus und Intellektualismus zum Aufbau eines personalistiscben 
Lebenssystem führt. So vertritt Kade Euckens Standpunkt, der die 
Religion auf die Tatsache eines natur- und weltüberlegenen, aber in der 
Welt wirksamen Geisteslebens gründet, Euckens Scheidung von uni- 
versaler und charakteristischer Religion lehnt Kade ab, 

Kades Arbeit findet in ihrem kritischen Teil meine volle Zustimmung. 
Besonders angenehm berührt die ruhige, sachliche Art Kades bei der Aus- 
einandersetzung mit seinen Gegnern, auch mit Bornhausen, der seinerseits 
in seiner Kritik an Eucken und Euckens Schülern einen wesentlich weniger 
ruhigen Ton angeschlagen hat. Kades referierender Teil über Eucken 
hat mich nicht restlos befriedigt. Aus drei Gründen: 1. Die Darstellung 
von Euckens noologischer Methode ist mir nicht klar und scharf genug. 
2. Es muss bei Euckens Scheidung von universaler und charakteristischer 
Religion sein Bewenden haben, denn alle Religion hat einmal die Richtung 
auf die Welt und ist kulturgestaltend, und zweitens hat sie die Richtung 
auf die Menschenseele und bildet ein Reich reiner Innerlichkeit. 3. Bei 
der Erörterung von „Religion und Geschichte" musste der Widerspruch 
auch moderner Theologen, denen die Heilsgewissheit bei Eucken nicht 
sichergestellt ist, nicht bloss erwähnt, sondern prüfend erwogen werden. 
Wie ich das meine, zeigt meine Auseinandersetzung mit Kaiweit in meinem 
Buch: Rudolf Euckens Bedeutung für das moderne Christentum. 

Cottbus. Dr. Kurt Kesseler. 

Meumann, E. Einführung in die Ästhetik der Gegenwart. 
2. vermehrte Auflage. Leipzig 1912. (Wissenschaft und Bildung 30.) 

Die 2. Auflage dieses Buches ist dem Ziele der 1. treu geblieben, 
eine allgemeinverständliche Einführung in die Fragen der Ästhetik vom 
Standpunkt einer physiologischen Psychologie unter Berücksichtigung der 
Methoden und Hilfsmittel der experimentellen Psychologie zu geben. Das 
einleitende Kapitel über die historischen Grundlagen der gegenwärtigen 
Ästhetik schafft freilich (siehe Vorwort) auch in der 2. Auflage nicht in 
vollem Umfange die Verbindung zwischen dem gegenwärtigen Zustande 
und der Vergangenheit, aber doch ist vor allem auf Plotin hingewiesen 
und das 18. Jahrhundert, namentlich Baumgarten, stärker, betont. Das 
Gleiche hätten wir für die Charakterisierung der kritischen Ästhetik Kants 
gewünscht, die zwar in ihrem Wesen als Spezialanwendung der Frage 
nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori dargestellt ist, aber 
hinsichtlich ihrer Stellung zur psychologischen oder physiologischen Ana- 
lyse unklar bleibt. 

Straffer durchgeführt sind hingegen die Beziehungen zu dem weiten 
Gebiete der ästhetischen Kultur, sowohl hinsichtlich der Ergebnisse für 
die objektive Ästhetik seitens der Bearbeitung einzelner Kunstgebiete, als 
auch in der Auswertung der prähistorischen und paläontologischen 
Forschung. 

Die 3 Hauptteile (Die Psychologie des ästhetischen Gefallens, die 
Psychologie des künstlerischen Schaffens, die ästhetische Betrachtung der 
Kunst) ergeben für den Standpunkt Meumanns nichts wesentlich Neues, 
und auch die Ablehnung der Gefühlstheorie Wundts und dessen völker- 
psychologischer Methode für die Zergliederung des ästhetischen Gefallens 
ist eine Konsequenz seines Standpunktes. Die Verbesserungen und Ergeb- 
nisse der psychologischen Forschung finden in allen einzelnen Zweigen, 
namentlich auf dem Gebiete der Musik und der Biogenese, gewissenhafte 
Berücksichtigung. 



Selbstanzeigen (Dingler). 153 

Das Werk, welches in einem wohlorientierenden Überblick über die 
gegenwärtigen Bestrebungen auf dem Boden der ästhetischen Kultur aus- 
mündet, lässt verschiedene Fragen, so nach der Art des Zusammenwirkens 
der verschiedenen Teilvorgänge des ästhetischen Gefallens und nach dem 
Einteilungsprinzip der Künste, offen. Hoffentlirh erfahren sie bald ihre 
Beantwortung in dem für dieselbe Sammlung angekündigten „System der 
Ästhetik", dem wir übrigens dieselbe gefällige und klare Art der Dar- 
stellung wünschen möchten. 

Hannover. Heiligenstaedt. 



Selbstanzeigen. 



Dingler, Hngo. Grenzen und Ziele der Wissenschaft. Leipzig 
1910. Joh. Ambr. Barth (125 S.) 

Dingler, Hugo. Die Grundlagen der angewandten Geometrie. 
Eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Theorie und Erfahrung 
in den exakten Wissenschaften. Leipzig 1911, Akadem. Verlagsgesellschaft 
m. b. H. (VIII u. 160 S.) 

Der Verfasser gibt hier die Resultate seiner langjährigen erkenntnis- 
theoretischen Studien über die Grundlagen der Geometrie und Mathematik. 
Insbesondere war es ursprünglich die Frage nach der Geltung des Parallelen- 
Axioms im wirklichen Raum, welche ihn dazu veranlasste, den Zusammenhang 
zwischen Logik und Wirklichkeit in den exakten Wissenschaften überhaupt 
zu studieren. Es stehen sich da zwei Ansichten insbesondere schroff gegen- 
über. Auf der einen Seite die Empiristen (welche lange Zeit unter den Mathe- 
matikern und Naturforschern die Mehrzahl bildeten), die behaupteten, dass 
eine Entscheidung über die Giltigkeit des Parallelen-Axioms in der Wirklichkeit 
nur auf dem Wege des Experimentes, der Erfahrung erlangt werden könne. 
Auf der anderen Seite standen diejenigen, denen es feststand, dass das Parallelen- 
Axiom ein synthetisches Urteil apriori sei, und deshalb absolute Geltung 
beanspruchen könne, was dann natürlich den experimentellen Beweis zum 
mindesten unnötig macht. Betrachtet man nun unvoreingenommen diese beiden 
Ansichten, dann musste man gestehen, dass beide sich auf Beobachtungen und 
Überlegungen stützen, welche an sich nicht geleugnet werden können. Da 
nun aber eine vollkommene Theorie alle Tatsachen umfassen musste, so war 
es klar, dass diese zu versuchen hatte, den beiden genannten Gruppen von 
Beobachtungen gleichzeitig gerecht werden zu können. 

Verfolgt man die erkenntnistheoretischen Untersuchungen der letzten 
Jahrzehnte, insbesondere diejenigun, welche sich an die exakten Wissenschaften 
anschliessen, so kann man wohl kaum umhin, zu bemerken, dass stets dieses 
Problem der Berücksichtigung beider Gruppen von Beobachtungen, mehr oder 
weniger ausgesprochen, die Hauptschwierigkeit bildet, die zu immer neuen 
Lösungsversuchen den Anlass gibt. Da nun in der an zweiter Stelle genannten 
Ansicht die logischen Elemente eine grosse Rolle spielen, in der erstgenanten 
Ansicht aber die empirischen, so führte die Behandlung dieser Probleme ganz 
von selbst auf die Frage, welcher Zusammenhang denn zwischen den 
logischen und empirischen Elementen einer Wissenschaft bestünde. 

Der Behandlung dieser Frage insbesondere sind die „Grundlagen der 
angewandten Geometrie* gewidmet Hier wird vor allem gesucht, die Resul- 
tate der bisher auf diesem Gebiete angestellten Forschungen (Ernst Mach, 
F. Klein, H. Poincare, W. Ostwald u. a. m.) durch möglichst prägnante 
Begriffsbildungen herauszuarbeiten, und so handlich zum Gebrauch zu machen. 
Man sieht, dass das behandelte Problem in weitem Umfange mit demjenigen 
sich berührt, welchem H. Vai hinger sein ausgezeichnetes und in der Philo- 



154 Selbstauzeigen (Dingler). 

Sophie epochemachendes Werk „die Philosophie des Als -Ob" gewidmet 
hat. Jedoch war vor dem Druck dieses Werkes nur die an erster Stelle ge- 
nannte Schrift „Grenzen und Ziele der Wissenschaft" erschienen, welche in 
mehr populärer Form die Resultate, auf welche die genannten Studien geführt 
hatten, behandelt, und welche denn auch von H. Vaihinger im Vorwort zu 
dem genannten Werke unter denjenigen Schriften aufgeführt wird, welche 
neuerdings die genannten Probleme gefördert haben. 

Um nun unter den Resultaten der genannten methodologischen Unter- 
suchungen dasjenige herauszugreifen, welches dem Verfasser als das Wichtigste 
erscheint, so sei hier kurz auf des Verfassers Theorie des Apriori hin- 
gewiesen. 

Es stellt sich nämlich heraus, dass die theoretischen Gesetze der Mathe- 
matik und Naturwissenschaften in folgender Weise tatsächlich dazu gebracht 
werden können, dass man von ihrer absoluten Geltung in der Wirklichkeit 
sprechen kann. (Dabei ist zu beachten, dass es sich hier keineswegs darum 
handelt zu konstatieren, wie diese Gesetze in Wirklichkeit im Laufe der 
Geschichte im Geiste der Forscher entstanden sind, sondern dass es sich 
darum handelt, eine apriorische Theorie des Apriorismus aufzustellen, welche 
zeigen soll, wie der Idee nach diese Gesetze aufgestellt werden müssten, um 
die verlangte apriorische Geltung und absolute Geltung in der Wirklichkeit zu 
erlangen.) Angenommen, ein derartiges apriorisches Gesetz sei aufgestellt, es 
sei ein Ciesetz, welches einem gewissen Wissensgebiete der Wirklichkeit ange- 
hört (das Prinzip, nach dem dieses Gesetz rein logisch, und a priori in der 
Theorie aufgestellt werden soll, nennt der Verfasser das Mach sehe Ökonomie- 
prinzip. Es sagt aus, dass das einfachst mögliche Gesetz nach logischen Regeln 
auszuwählen ist. Auf Weiteres kann hier nicht eingegangen werden), nach dem 
Mach sehen Ökonomieprinzip aufgestellt, dann wird dessen Verknüpfung mit 
der Wirklichkeit in der Weise hergestellt, dass eine derartige Anordnung in 
der Wirklichkeit zu realisieren gesucht wird, dass in ihr das betreffende 
logische Gesetz möglichst genau gilt. Da Ideen, wie schon Plato gefühlt hat, 
sich niemals absolut genau realisieren lassen, worauf neuerdings wieder die 
Aufmerksamkeit gelenkt zu haben das Verdienst P. Natorps ist (Die logischen 
Grundlagen der exakten Wissenschaften, Leipzig 1910), so wird diesem Um- 
stände Rechnung getragen durch das sogenannte Prinzip der Genauigkeits- 
schichten, welches aussagt, dass unsere ReaHsierungen zwar niemals ab- 
solut genau sein können, jedoch unaufhörlich sich mehr und mehr der abso- 
luten Realisierung annähern, so dass mit andern Worten die absotute Reali- 
sierung erst im Unendlichen als erreicht betrachtet werden kann. (Ein Gesichts- 
punkt, der insbesondere in der erstgenannten Schrift in seinen Konsequenzen 
weiter verfolgt wird.) Man erkennt so, wie der Verfasser zu dem Satze ge- 
langt, dass bei experimenteller Prüfung apriorischer Gesetze niemals das Gesetz 
selbst experimentell geprüft werden kann, sondern dass lediglich der einzelne, 
konkret vorliegende Fall auf seine Übereinstimmung mit dem' apriorischen 
Gesetze und die Grösse der Abweichung von diesem hin geprüft wird. Die 
Tatsache der tatsächlichen, rein experimentellen Durchforschung neuer Gebiete 
erklärt sich dann dadurch, dass natürlich zuerst allgemein diejenigen Begriffe 
aus dem Chaos des Geschehens herausgelöst werden müssen, welche für das 
betreffende Gebiet charakteristisch sein sollen, für welches dann nach dem 
Mach sehen Ökonomieprinzip die apriorischen einfachsten Gesetze aufgestellt 
werden müssen. Dabei ist es ohne weiteres möglich, dass bei der konkreten 
Forschung der Experimentator ohne sich dessen bewusst zu sein, bereits auf die 
Realisierung des einfachsten Falles hinarbeitet, indem er nämlich für sein Ex- 
periment diejenigen Bedingungen herzustellen sucht, welche ihm als die ein- 
fachsten erscheinen. Es ist dann nicht merkwürdig, dass ein auf diese Weise 
experimentell gefundenes Gesetz übereinstimmt mit dem nach dem Machschen 
Okonomieprinzip aufgestellten apriorischen Elementargesetz. Wie sich die Aus- 
scheidung spezieller Gebiete im Einzelnen vollzieht, das muss weiterer Forschung 
noch überlassen bleiben. Eine Reihe von Ansätzen in dieser Richtung finden 
sich in den genannten beiden Schriften, sowie auch bei früheren Autoren. 

Der Verfasser wendet nun die so erhaltene Theorie insbesondere auf die 



Selbstanzeigen (Bergmann). 155 

Geometrie an, welche den Ausgangspunkt seiner Forschungen gebildet hat 
und es gelingt ihm in der Tat für die wissenschaftstheoretischen Erscheinungen 
an dieser Wissenschaft, die teilweise bisher sogar übersehen worden waren, auf 
Grund der genannten Theorie vollständige und in sich widerspruchslose Er- 
klärungen zu geben. Auch hier stellt sich der euklidische starre Körper als 
ein derartiger, auf Grund von Gesetzen, die nach dem Machschen Ökonomie- 
prinzipe aufgestellt sind, definierter Idealbegriff dar, den wir in der Wirklich- 
keit zwar niemals absolut genau aber mit stets wachsender Genauigkeit 
realisjeren können. Und zwar ergibt sich aus diesem Vorgehen, dass es stets 
möglfch sein wird irgendwelche auftretende Widersprüche zwischen den logischen 
Gesetzen der Geometrie und ihren Realisierungen (Gerade, Punkte, Ebenen etc.) 
in der Wirklichkeit durch geeignete Änderungen an der Realisierung des 
starren Körpers, in die Grenzen der momentanen Beobachtungsgenauigkeit 
zurückzudrängen. 

Der Verfasser vermeidet es, Konsequenzen in Hinsicht auf die jetzt im 
Anschlüsse an die Arbeiten von Husserl, Nelson u. a. so viel diskutierten 
Probleme über die Grundlagen der Erkenntnistheorie zu ziehen, und begnügt 
sich, seine Untersuchungen als rein methodologische zu betrachten. Jedoch 
hofft er später auch auf diese Probleme eingehen zu können. Man wird ferner 
nicht umhin können in der oder jener Richtung in den Darlegungen des Ver- 
fassers eine Bestätigung derjenigen Beobachtungen zu finden, welche von 
Windelband in dem Begriffe derErneuerungdes Hegel anismus ausgesprochen 
und zusammengefasst wurden. 

München. Privatdozent Dr. Hugo Dingler. 

Bergmann, Ernst, Dr. Privatdozent. Die Satiren des Herrn 
Maschine. Ein Beitrag zur Philosophie- und Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts. 
Mit einem Bildnis Lamettries. Leipzig 1913. Verlag Ernst Wiegandt. (104 S.). 
•Es war bisher nicht bekannt, dass Lamettrie drei Jahre nach Erscheinen 
seines materialistischen Hauptwerks, des „Homme machine" (1748), noch einen 
zweiten, einen kleinen „Homme", den „Petit homme ä longue queue" (1751) 
veröffentlicht hat, in welchem er kurz vor seinem Tod mit seinen zahlreichen 
deutschen Widersachern summarisch abrechnete. Man kannte wohl den Titel 
dieser Schrift, in dem man einen Cynismus auf seinen Hauptgegner, den Dichter 
Haller, witterte, sowie ein von D' Argens überliefertes Stück des Textes. Die 
Schrift selbst aber galt als verschollen, und man bezweifelte neuerdings sogar 
ihre Existenz. 

Es ist mir gelungen, sie wieder aufzufinden und der Forschung zugäng- 
lich zu machen, zusammen mit einem bis heute völlig unbekannt gebliebenen 
französischen Widmungsschreiben Lamettries an Haller vor einer deutschen 
Übersetzung des .Art de jouir" (1751) und drei weiteren Satiren des franzö- 
sischen Materialisten gegen die deutschen Leibniz-Wolffianer, deren Originale 
ebenfalls bisher unauffindbar waren. Auf Grund dieser fünf Satiren (von denen 
sich drei nur in Unika erhalten haben), habe ich die Geschichte dieses merk- 
würdigen, durch die Veröffentlichung des „Homme machine" eingeleiteten 
Streites zwischen einem französischen Freigeist und einer Gruppe deutscher 
Spiritualisten im Zusammenhang geschildert, von welchem rein wissenschaftlichen 
Geschäft mich die Rücksicht auf empfindliche Ohren nicht abhalten konnte. 
Bedauerlich bleibt freilich immer, dass dieser gerechte Kampf für Aufklärung 
und geistigen Fortschritt von Seiten Lamettries nicht immer mit einwandfreien 
Waffen geführt worden ist. Sein Hass gegen die „heiligen Korsaren im Talar* 
Hess ihm eben jedes Mittel der Satire als erlaubt erscheinen. Der ganze Streit 
zeigt in anschaulichen Bildern, welch' heftige Formen der Kampf zwischen der 
empiristischen und rationalistischen Denkweise im vorkantischen Dogmatismus 
annehmen konnte. 

Einen weiteren Beitrag zu diesem Gegenstand bringt mein Aufsatz: 
„Neues zum Streit zwischen Halier und Lamettrie", Sonderabdruck 
aus: Studien z. Literaturgesch., Alb. Köster z. 7. Nov. 1912 überreicht. Leipzig 
(Inselverlag) 1912. S. 114-123. 

Leipzig. Ernst Bergmann. 



156 Selbstanzeigen (Schrecker- Pollack). 

Schrecker, Paul. Henri Bergsons Philosophie der Persönlich- 
keit. Verlag Ernst Reinhardt. München 1912. (61 S.) 

Die Arbeit will eine Einführung in die Philosophie Henri Bergsons, für 
die sich in Deutschland immer mehr Interesse regt, bieten uud zugleich die 
Resultate der Psychoanalyse, einer neuen Forschungsrichtung in der medizi- 
nischen Psychologie, damit in Verbindung bringen. Von einer kurzen Wieder- 
gabe von Bergsons Kritik der empiristischen, rationalistischen und kritizistischen 
Lösung des Persönlichkeitsproblems ausgehend, habe ich versucht, Henri Berg- 
sons Lösung dieses Problems darzustellen und zu zeigen, wie diese Lösung 
durch die Resultate der psychoanalytischen Forschung gestützt wird, für die sie 
ihrerseits eine theoretische Grundlage bietet. 

Ein Abschnitt ist Kants Lösung des Ichproblems gewidmet, welche 
die Kategorien (die Bergson ebenso wie Vaihinger als praktische Fiktion 
auffasst) auf metaphysische Probleme anwendet und damit die Postulate der 
Wissenschaft in Verkennung der Wesenheit der Philosophie auf diese überträgt. 

Wien Paul Schrecker. 

Pollack, Walter. Perspektive und Symbol in Philosophie und 
Rechtswissenschaft. Mit ca. 40 Tafeln. Dr. Walter Rothschilds Verlag. 

Mein Buch „Über die philosophischen Grundlagen der wissenschaftHchen 
Forschung", dessen Inhalt ich seinerzeit den Lesern der .Kantstudien" referieren 
durfte, versuchte die Wissenschaftslehre auf einen neuen Boden zu stellen. In 
dem vorliegenden Werke werden nicht nur die Konsequenzen jener Anschauungen 
entwickelt, sondern speziell neue wissenschaftliche Arbeitsmethoden durch- 
geführt. Wenn man die Wissenschaft als eine produktive Tätigkeit auffasst 
und sie mit dem Formen, mit dem Umbilden des Künstlers vergleicht, so 
erwächst uns die Aufgabe, nach Mitteln zu suchen, um die Intuition zu steigern. 
Dieses Thema wird im Gegensatz zu andern, die lediglich analytisch die 
bisherigen Methoden studierten, in den Vordergrund der modernen Methoden- 
forschung von uns gerückt. Eine so aktuelle Wendung wird den Leser des 
Buches gewiss besonders reizen. Gibt es eine Möglichkeit für die Hebung 
unseres Denkens? Lässt sich unser wissenschaftliches Begriffssystem, dessen 
Bedeutung nicht etwa herabgesetzt werden soll, sondern sehr hoch eingeschätzt 
wird, verbessern? Mit Hilfe von Symbolen gewinnt unser Denken in der Tat 
ein wertvolles Rüstzeug, um die Kombinationsfähigkeit unmittelbar zu erhöhen. 
So gelangen wir zur Aufstellung einer neuen Disziplin, der sogenannten 
Symbolologie. Unter ihr verstehen wir die Lehre von den Symbolen für 
wissenschaftliche Zwecke. 

Schon seit jeher hat sich, wie weiter ausgeführt wird, das menschliche 
Denken in Symbolen entwickelt. Schon bei den primitiven Völkern, die Symbole 
und Wirklichkeit verwirren, bei den Indern und Griechen, deren symbolische 
Mythologie noch heute unsere Bewunderung erregt, in der Religion, die mit 
ihren Sakramenten und mystischen Vorstellungen eine verborgene Welt deutet: 
überall zeigen sich die interessanten Zusarnmenhänge zwischen Anschaulichkeit 
und Denken. Merkwürdig ist, dass die Ästhetik schon vielfach die Symbole 
studiert und eingeteilt hat, ohne auf sie als Hilfsmittel zur Förderung mensch- 
licher Gedankenkombinationen besonders hinzuweisen. Die Verwendung der 
Symbole in Tanzkunst und Mimik, Sitte und Recht, Sprache und Schrift, ent- 
spricht noch in höherem Grade unsern Intentionen. Die ägyptischen Hiero- 
glyphen verdienen hinsichthch ihrer Lebhaftigkeit nach mancher Richtung hin 
den Vorzug vor unserer gegenwärtigen, freilich kürzeren Buchstabenschrift. 
In der modernen Wissenschaft finden wir endlich Anfänge einer neuen Symbol- 
sprache, man denke auch an die Zeichensprache der symbolischen Logik. An 
einer Reihe von Beispielen, welche der Rechtswissenschaft entnommen sind, 
aber von jedem Fachmann in seinem eigenen Gebiet in ähnlicher Weise 
geschaffen werden können, wird ein neues System des Symbolismus geschildert. 
Dasselbe dürfte auch dazu berufen sein, in den Einzeldisziplinen v/ertvolle 
Dienste zu leisten, wenn man vor der Aufgabe steht, Klarheit über verwickelte 
Fragen zu gewinnen. Auch der Pädagogik wird es nützen, insofern sie abstrakte 
Gedanken in präziser und praktischer Form übermitteln soll. Von den einfachen 



Selbstanzeigen (Lehmann). 157 

Schemata gelangen wir zu den Begriffsbildern, von diesen zu den plastischen 
Bildern, bei denen am stärksten körperliche Gegenstände der uns umgebenden 
Aussenwelt mit symbolischem Charakter auftreten. Ferner wird der Unterschied 
zwischen dem Bildungsprozess der Begriffe und der Symbole erörtert. Eine 
Reihe von Vorbildern auf dem Gebiet der militärischen Terrainlehre, der Tele- 
graphie und der Nautik ziehen an unserm Auge vorüber. Ob man mit Hilfe 
der Symbole auch neue Resultate zu gewinnen imstande ist? Dies sucht 
Verfasser in längeren Ausführungen nachzuweisen. 

Die nächsten Kapitel erläutern an einer Reihe von Rechtsproblemen die 
Bedeutung von Perspektive und Symbol. Auch sie werden den Philosophen 
interessieren, obwohl er vielleicht nicht an den Fragen ein materiell- 
juristisches Interesse hat. Aber eine Trennung von Philosophie und Einzel- 
disziplinen erweist sich für Methodologie-Probleme als unmöglich. Will man 
über vague Allgemeinheiten hinauskommen, so soll man nicht davor zurück- 
scheuen, sich mit Spezialproblemen abzugeben. Dies darf auch der philo- 
sophische Leser bei der Lektüre der folgenden Kapitel unseres Erachtens nicht 
versäumen. Er mag nach Möglichkeit die Methode und ihre Durchführung 
würdigen, dagegen den materiell-juristischen Inhalt ausser Acht lassen. Eine 
ganze Reihe allgemeiner Fragen werden hier ausserdem von uns eingehender 
berührt, z. B. sprechen wir über Objekt und Ausdrucksform des Symbols, über 
Grössenverbindungen und Abhängigkeitsverhältnisse in der Wissenschaft. 

Das Buch steht auf dem Boden eines positiven Idealismus und will die 
Bahn ebenso für eine neue Methodenlehre, wie für den Umschwung des einzel- 
wissenschaftlichen Betriebes ebnen. 

Charlottenburg. Walter Pollack. 

Lehmann, Hngo, Dr. phil. lic. »Das Apriori der Geistesbildung 
und dessen Betonung als Andacht.", Eine Weiterführung des Kantischen 
Glaubens sittlicher Autonomie. Leipzig, Joh Ambr. Barth, 1913. (58 S.) 

Kant hat es in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens als eine schwere 
Schädigung empfunden, dass ihm die Sicherstellung seiner kritischen Ge- 
dankenarbeit nach der religiösen Seite durch die drakonische Ordre Fried- 
rich Wilhelms IL unmöglich gemacht wurde. Allerdings hat er sich dann doch 
nicht abhalten lassen, „Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft" 
und den „Streit der Fakultäten" der Öffentlichkeit zu übergeben. Doch haben 
diese Schriften nicht den Charakter, dass sie uns als der krönende Abschluss 
seines Lebenswerkes erscheinen könnten. 

Zunächst wird von mir darauf aufmerksam gemacht, dass bei den vor- 
liegenden Formulierungen der Kantischen Religionsphilosophie die urchristlich 
begründete Opposition gegen den das Heidentum überbietenden mythischen 
Herrschaftsanspruch kirchlicher Glaubenssuperiorität wiederkehrt. Kants Jugend 
hat nicht umsonst unter der Erziehung pietistischer Gewissensmoral gestanden. 
Die Schule der Aufklärung hat dieser moralischen Opposition gegen das herr- 
schende Kirchentum die Mittel des Verstandes gereicht. Kants Kritizismus geht 
dann ausdrücklich auf Reinigung des Idealismus von jeder sinnlich-mysteriösen 
Auffassung aus. Zwischen dem sogenannten Christentum und den andern Reli- 
gionsverfassungen gilt ihm kein Unterschied; er sieht sie alle in der gleichen 
Analogie mit dem Völkermythus. Da das Wort .Christentum" für diese mora- 
lische Wertbemessung vorhandener sinnendinglicher Religionsverfassungen miss- 
verständlich ist, so bezeichne ich diese urchristlich begründete Stellungnahme 
Kants als Christi ich keit. — In Kants Linienführung weitergehend, setzt meine 
Schrift diesen praktischen Glauben sittlicher Autonomie als garantiert erst dann, 
wenn auch die religiöse Beziehung und damit das Erkenntnisschema für die 
religiöse Seite der geistigen Totalität als Andacht unabhängig von der mythischen 
Vorstufe der Geistesbildung formuliert und damit bei sich selbst geschaut wird 
in gleicher Weise, wie auch die wissenschaftliche Funktion als Urteil und die 
ethische Seite als Achtung zur selbständigen Formulierung gekommen ist. Erst 
dadurch ist ein unkritischer Einbruch der mythischen Kulturstufe auch in die 
anderen Denksphären der Totalität, insbesondere in die Gebiete der Wissenschaft 
und der Ästhetik, abgewehrt, dass das Erkenntnisschema der religiösen 



158 Selbstanzeigen (Stölzle). 

Beziehung und damit die Betrachtung der geistigen Totalität als 
solcher aus der mythischen Kulturstufe ausgeht. Notwendig erweist 
sich ein Formungsprinzip der Religion auf der Höhe der formenden Geistes- 
bildung und dessen Abgrenzung gegenüber einem ethischen Zielsetzen der 
Religion bewirkt durch Kontrast. 

Nun ist eine derartige Klärung des religiösen Erkenntnisprinzips nicht 
anders möglich, als dadurch, dass man auch das gleichfalls durch den Kan- 
tischen Kritizismus vorausgesetzte psychologische Erkenntnisprinzip transzenden- 
tal klärt. Es skizziert darum meine Arbeit nicht bloss ein Schema für die Er- 
kenntnis der religiösen Seite, sondern auch ein Schema für die Erkenntnis 
der psychologischen Seite. Der Begriff der Erkenntnis und damit der 
Erkenntnistheorie darf nämlich nicht beschränkt werden im Sinne gegenständ- 
licher Erkenntnisse, wie solche Wissenschaft und Ethik, im gewissen Sinne 
auch Ästhetik, bietet, sondern er muss als Begriff von Erkenntnisformung auch 
auf eine ungegenständliche Erkenntnisweise, wie solche in der psychologischen 
und religiösen Beziehung vorliegt, ausgedehnt werden. Hier ruht das Prinzip der 
Erkenntnisformung noch in seiner unmittelbaren Totalität, bei der rel. Andacht 
in das Zentrum gerichtet, bei der ps. Beobachtung in den Umkreis des 
Erlebens gerichtet und bietet die Möglichkeit unmittelbarer innerer Erfahrung, 
die sich nicht als eine Fertigkeit, oder als eine Anschaulichkeit, oder als eine 
Gegenständlichkeit gibt. Selbst die ethische Beziehung als Achtung setzt doch 
schon immer in sich einen Gegenstand (im weitesten Sinne genommen) voraus, 
der geachtet wird. Die ungegenständliche Betrachtung des Erkenntnisprinzips 
nach der psychologischen und religiösen Seite ist erforderlich, um auch die 
ethische, ästhetische und wissenschaftliche Seite der Geistesbildung vor der 
Verdinglichung ihrer Gegenständlichkeiten zu bewahren und für immer neue 
Erkenntnisse in diesen Beziehungen durch die Transzendentalität der Formung 
die Bahn frei zu halten. 

In der Richtung des Kantischen Denkens liegt es, das Apriori der Er- 
kenntnisformung als Indifferenzpunkt zu bestimmen und durch einen 
Schematismus der unterschiedenen Erkenntnisformungen die Geistesbildung in 
ihren verschiedenen Beziehungen als Urteil, als Anschauung, als Achtung, 
als Beobachtung, als Andacht zu erfassen. Die unterschiedenen Er- 
kenntnisformungen kontrastieren so gegeneinander. Die Möglich- 
keiten im Einzelnen lassen sich in der Figur S. 46 ablesen. 

Leipzig. Hugo Lehmann. 

Stölzle, R., Dr. Studien zur Philosophie und Religion. Pader- 
born, Schöningh. Heft 10: Die Unsterblichkeitsbeweise in der kath. 
deutschen Literatur von 1850—1900. Ein Beitrag zur Geschichte der 
Philosophie im 19. Jahrhundert. Von Dr. H. Kaufmann, 1912. (352 S.) 

Heft 5 hatte Staab die „Gottesbeweise in der kath. deutschen 
Literatur von 1850 — 1900" behandelt auf meine Anregung; in gleicherweise 
unternahm es Kaufmann, die Leistungen auf kath. Seite bezüglich des 
Unsterblichkeitsproblems zu verbuchen. Der erste Teil handelt vom Begriff 
der Unsterblichkeit und der Seele, der zweite von den Beweisen für die 
Unsterblichkeit der Seele. Zunächst werden die Unsterblichkeitsbeweise in 
ihrer Gesamtheit, dann die einzelnen Unsterblichkeitsbeweise besprochen. Zuerst 
behandelt der Verfasser die traditi'onellen Beweise: den historischen, meta- 
physischen, teleologischen, moralischen, theologischen. Dabei wird in der 
positiven Formulierung jedesmal Name und Grundgedanke, Formulierung 
und Begründung, Wert und Bedeutung (d. h. Erkenntniswert, Tragweite) erörtert. 
Daran schliesst sich jedesmal die polemische Verteidigung des Beweises. 
Endlich werden noch Versuche gewürdigt, die Unsterblichkeit der Seele noch 
auf anderen Wegen darzutun. Den Schluss bildet ein chronologisch geordnetes 
Literaturverzeichnis, ein Sach- und Namenregister. Der Verf. kommt in der 
Würdigung der kath. Leistungen betreffs des Unsterblichkeitsproblems zum 
Resultat, dass die Unsterblichkeitsfrage nicht die gleiche in allem befriedigende 
Würdigung gefunden hat wie das Gottesproblem, besonders vermisst er 



Selbstanzeigen (aus der Fuente). 159 

genügende Berücksichtigung der gegnerischen Literatur in der positiven Beweis- 
führung und polemischen Verteidigung. 

Heft 11: Die Religionsphilosophie Euckens, nach ihren Grund- 
lagen und in ihrem Aufbau dargestellt und gewürdigt von Dr. Wunderle. 
(V u. 119 S.) 

Euckens Philosophie ist Gegenstand zahlreicher Monographien geworden, 
die freilich vielfach mehr bewundern als kritisch prüfen. Der Verf. stellt 
sich mehr eine kritische Würdigung zur Aufgabe. Seine Schrift zerfällt in 
2 Teile. Der erste Teil behandelt die Grundlagen von Euckens Religions- 
philosophie, nämlich Euckens Verhältnis zur Philosophie der Vergangenheit, 
Euckens wissenschaftliche Methode, den Inhalt von E. Lebensanschauung. Der 
zweite Teil stellt dar den Aufbau von E. Religionsphilosophie, nämlich Be- 
gründung der ReHgion, Inhalt der Religion im allgemeinen, Religion und Geistes- 
leben, die charakteristische Religion, E. Stellung zum Christentum. Ein Namen- 
und Sachregister bildet den Schluss. 

Würzburg. Stölzle. 

Stölzle, R., Dr. Die Naturphilosophie Johannes Reinkes und 
ihre Gegner. VonA. Knauth, Regensburg 1912. Verlagsanstalt. (IXu. 207S.) 

Reinkes Naturphilosophie hat vielfach Beachtung, aber auch Wider- 
spruch gefunden. Knauth unternimmt unter Berücksichtigung der bisher 
erschienenen Literatur eine allseitige Würdigung von Reinkes Weltanschauung. 
Die Schrift hat drei Teile. Der erste Teil beleuchtet die Grundbegriffe der 
Naturbetrachtung und ihr Verhältnis zur objektiv-realen Welt (Raum und Zeit, 
Ursache und Zweck, Kraft, Energie, Materie). Der zweite Teil bietet Reinkes 
Theorie des Organischen (Wesen und Ursprung des Lebens, Stellung zur Ent- 
wicklungstheorie, Psychisches, Reinkes Neovitalismus). Der dritte Teil 
behandelt die Naturphilosophie und die Gottesidee. Namen- und Sachregister 
bilden den Schluss des mit grosser Belesenheit und Selbständigkeit des Urteils 
gearbeiteten Buches. 

Würzburg. Stölzle. 

aus der Fuente, Hans, Dr. Wilhelm von Humboldts Forschungen 
über Ästhetik. (Philos. Arbeiten, herausgeg. von H. Cohen und P. Natorp. 
Bd. IV, 3.) Giessen. Verlag von Alfred Töpelmann 1912. (144 S.) 

Der Name Humboldt ist mit dem Begriff der Humanität unlöslich ver- 
knüpft. Dafür bürgt zunächst schon seine Herkunft von der Philosophie Kants 
und Schillers. Doch für Humboldt möchte im Humanitätsproblem in noch 
prägnanterem Sinne das Zentrum seines Geisteslebens gefunden werden können. 
Er sucht stets .das Menschliche" im einheitlichen, lebendigen Menschen zu 
erfassen. So scheint er unmittelbar auf Psychologie, Anthropologie (und Päda- 
gogik) gewiesen; aber vor allem seine Ästhetik und seine Sprachphilosophie 
sind aus diesem Interesse heraus erwachsen. Wie sicher und dabei gänzlich 
unbeengt Humboldt den transzendentalen Weg einschlägt bei weitester Fassung 
seines Problems, soll in der vorliegenden Schrift für die Ästhetik gezeigt werden. 
Und zwar ist diese Darstellung besonders bestrebt, die Jugendschriften Humboldts 
vor allem in ihrer Richtung auf die späteren Arbeiten, namentlich auf die 
Einleitung zum Kawiwerk, zu würdigen. 

Die historische Einleitung soll kurz in den ästhetischen Grundansichten 
Kants und Schillers die Problemstufe charakterisieren, auf der Humboldt fusste, 
und die Ansätze aufweisen, an welchen seine Weiterführungen abzweigten. 

Der erste Hauptteil behandelt zunächst Humboldts Auffassung der Korre- 
lation von .Individuum und Idee", die ergänzt durch die kritische Einsicht 
vom Verhältnis von „Objekt und Subjekt" die Basis abgibt für den Begriff 
der „Stimmung" des Genies. Sie erweist sich als der Ursprung, der „das 
Idealische" als „Einheit und Totalität" des ästhetischen Bewusstseins erzeugt 
unter dem Gesichtspunkt der ästhetischen Idee der Menschheit. Die Beziehung 
zur systematischen Stellung der Kritik der Urteilskraft und zu Schillerschen 
Bestimmungen ist darin zu sehen, dass die ästhetische Idee in der Zusamnien- 
schau der geistigen und physischen Natur des Menschen zu einer Einheit des 



160 Selbstanzeigen (Kuberka). 

Gefühls sich betätigt. In der Grenzforderung, jedes Individuum zum »Symbole 
der Menschheit" umzuschaffen, wird die Idee klar als „höchste Aufgabe" 
bezeichnet. Es war daher eine Auseinandersetzung mit der Auffassung am' 
Platze, Humboldts Ideenbegriff sei nur im Sinne der Metaphysik Schellings 
verständlich. 

Der zweite Hauptteil verfolgt die Ausprägungen, die die ästhetischen 
Prinzipien Humboldts im Laufe seiner Entwicklung nach der objektiven Seite 
des Kunstwerkes gefunden haben; namentlich die Vertiefung des Begriffs der 
Form zur „inneren Form". Hier ist die „innere Sprachform" als notwendige 
Ergänzung herangezogen worden. In diesem Hauptbegriffe der Humboldtschen 
Sprachphilosophie finden wir eine reine Bezeugung der kritischen Methodik 
seines Denkens. Und wie in der Sprachphilosophie alle Interessenrichtungen 
Humboldts zusammenliefen, so sehen wir die innere Form wiederum in engster 
Verknüpfung mit dem Begriff der Menschheit. Naturerkenntnis und sittliches 
Denken lebt in der Sprache, so ergeben sich weitere Parallelen zum Kunstwerk. 

Die Sprache als eigene künstlerische Erzeugungsweise wird im letzten 
Teile eingehend berücksichtigt. Es soll hier das Prinzip gezeigt werden, nach 
dem Humboldt in der Einteilung und Analyse der einzelnen Künste verfuhr. 
Ausser über die Poesie lagen hier im wesentlichen nur verstreute Bemerkungen 
vor, in deren Zusammenstellung jedoch Vollständigkeit erstrebt wurde, und die 
genügen, die Prinzipien Humboldts an den einzelnen Kunstarten einheitlich zu 
bewähren. 

Marburg. Hans aus der Fuente. 

Kuberka, Felix. Der Idealismus Schillers als Erlebnis und 
Lehre. Carl Winters Universitätsbuchhandlung. Heidelberg 1913. (210 S.) 

Ein neues Buch über Schiller wird sich heutigen Tages ganz besonders 
rechtfertigen müssen, rechtfertigen müssen sowohl durch die Sache wie die 
Methode. Noch ist dabei das Problem das alte, um welches sich schon die 
Früheren und vor allen wohl am entschiedensten Kuno Fischer bemüht haben: 
was Schiller in dem konsequenten Stufengang seiner Entwicklung erlebte, gilt 
es klar zu legen, um von diesen historischen Prämissen aus um so gewisser 
das, was er systematisch lehrte, zu ermessen. Dementsprechend sind die 
ersten drei Kapitel des vorliegenden Buches dem Werdegang des Schiller- 
schen Denkens gewidmet : der Entwicklung seiner Staatsidee in den Dramen, 
seiner allgemeinen Ideen in der Lyrik seiner spezifisch philosophischen Auf- 
fassung in den „Philosophischen Briefen". Und auf allen drei Gebieten zeigt 
die geistige und künstlerische Entwicklung Schillers immer die gleiche Folge- 
richtigkeit ihres geschichtlichen Werdens: ist die Empfindungsweise Schillers in 
den Jahren des Sturmes und Dranges entschieden naturalistisch, so weicht 
dieser Naturalismus in der „Resignation" und dem Don Karlos einem ebenso ent- 
schiedenen Historizismus, so entwickelt sich auch dieser wiederum seit 1790 
unter dem stählenden und läuternden Einfluss Kants zu einem ausgesprochenen 
Kritizismus. Liegt daher das eine Schwergewicht des Buches in dem Nachweis 
der klar periodisch fortschreitenden Entwicklung Schillers, so das zweite auf der 
prinzipiellen Bedeutung seiner Lehre. Daher behandelt das vierte Kapitel das 
Verhältnis von Schiller und Kant, das fünfte das Verhältnis von Schiller und 
Goethe. Denn auch unter systematischem Gesichtspunkt ist die Lehre Schillers 
nichts Starres und Festes. Sie hat sich mindestens in ästhetischer Hinsicht 
unter dem offenkundigen Einfluss Goethes sehr entschieden weiterentwickelt 
und in der Gestalt eines ästhetischen Symbolismus die idealistische Lehre 
Kants und die intuitiv-realistische Kunstauffassung Goethes organisch mitein- 
ander verschmolzen. Allein auch an den Punkten, an denen Schiller sich unbe- 
dingt als den Schüler Kants bezeichnen konnte, ist seine systematische Stellung 
eine durchaus originale und bedeutungsvolle. Ist es doch in Schiller immer 
der Künstler gewesen, der in erster Linie und vor allem über die Stellung und 
Bedeutung seines eigenen Berufes sich Rechenschaft zu geben suchte, der, was 
er künstlerisch empfand, auch in der Schärfe des philosophischen Begriffes zu 
formen strebte. Daher setzt Schiller dem ethisch-theologischen Dualismus Kants 
überall das Prinzip der Harmonie entgegen, nicht nur in seiner ethischen, 



Selbstanzeigen (Kuberka). 161 

sondern auch in seiner erlvenntnistheoretischen Lehre. Ja, so seltsam es khngen 
mag: Den Geist des Kritizismus, abgesehen von allen Einzelheiten, hat Schiller 
oft klarer erfasst als sein philosophischer Meister, die Einheit aller Beziehungen 
in der Ideahtät der Kunst findend, die Kant schliesslich doch in die Transzen- 
denz eines Reiches der Freiheit und der Zwecke verlegte Allein dieser Be- 
wusstseins-Idealismus Schillers trägt doch durchaus ein realistisches Gepräge. 
Daher der Gegensatz zwischen Schiller und Fichte, in dessen Worten die ästhe- 
tischen Briefe wohl oftmals reden, um nur desto entschiedener den grossen 
Dreiklang der Kantischen Philosophie: die Realität der Dinge an sich, die Spon- 
taneität des transzendentalen Bewusstseins und die Bedingtheit der Erschei- 
nungen durch die Formen eben dieses Bewusstseins aufzuweisen. Und ein 
Gleiches gilt nicht minder von den ethischen und den ästhetischen Problemen. 
Der formalen Ethik Kants stellt demgemäss Schiller seine auf das Staatliche 
und Politische gerichtete Kulturphilosophie gegenüber, sucht in der gleichen 
Weise auch dem Problem der Schönheit in den sog. Kalliasbriefen die ihm 
notwendige objektive Wendung zu geben. Und auch die Weiterbildung der 
Theorie des schönen Scheines zu der Auffassung eines künstlerischen Symbolis- 
mus, wie ihn die Vorrede der Braut von Messina in so ausgezeichneter und 
bisher wenig gewürdigter Weise verkündet, folgt nur der gleichen Gewalt 
der in der Lehre Schillers enthaltenen realen Momente. Daher gibt es gegen- 
über all dem romantischen Zauberunfug der Gegenwart keine klarere und ein- 
drucksvollere Position als diejenige Schillers. Wenn irgend einer in alter und 
neuer Zeit war Schiller gross und souverän im Reiche der Gedanken. Aber es 
begründet zugleich die ganze Grösse, wie seiner Lehre, so zugleich seines 
Wesens, dass diesem Idealismus doch zugleich der ganze Erdgeruch der Wirk- 
lichkeit und des Lebens anhaftet, dass der Dichter sich nur darum in ein Reich 
der Ideale erhebt, um desto entschiedener und tiefer das Leben, die Wirklich- 
keit zu begreifen. Um diese Position Schillers klar herauszuheben, konnte die 
Darstellung nicht umhin, in Kürze auch zu den Grundproblemen der Kantischen 
Philosophie Stellung zu nehmen. Sie kann angesichts des modernen Subjekti- 
vismus, der gerade auch in dieser Hinsicht wunderliche Blüten treibt, nicht 
hoffen, alle zu überzeugen. Aber sie darf wenigstens für sich in Anspruch 
nehmen, das so umzeichnete Gesamtbild Kants auf streng historischem Wege 
entworfen zu haben. 

So fehlt es auch bei Schiller nicht an einer systematischen Geschlossen- 
heit seiner Lehre, und doch ist, was der Dichter lehrte, nur die philosophische 
Formulierung dessen, was er lebte. Wenn irgendwo, so decken sich hier der 
Mann und seine Lehre, werden die Werke, die er schuf, nicht nur die dichte- 
rischen, sondern auch die prosaischen, zu treuen Spiegelbildern seines hohen 
und doch wiederum so unendlich tiefen Wesens. Was für die Erkenntnis 
Goethes das Werk Bielschowskys in so unvergleichlich schöner und grosser 
Weise zu leisten vermochte: aus der Fülle der persönlichen Erlebnisse uns 
Goethe den Menschen, uns Goethe den Dichter so ganz nahe zu bringen, das 
möchte auf beschränkterem und engerem Raum doch auch das vorliegende 
Buch für die Erkenntnis Schillers erbringen. Nicht ohne Grund ist darum die 
Einleitung der allgemeinen Würdigung Schillers gewidmet und ein Schluss- 
kapitel zusammenfassend dem Parallelismus der geistigen und künstlerischen 
Entwicklung Schillers nachgegangen. So werden die Räuber, der Don Karlos 
und der Wallenstein typisch für die geistige Entwicklung des Dichters sowie 
für die Entwicklung seiner dichterischen und dramatischen Methode: Von 
der naturalistischen Prosa seiner dramatischen Erstlingswerke schreitet der 
Dichter über den Idealismus der Don Karlosdichtung zu der objektiven Methode 
seiner Meisterdramen fort. 

Soweit der Inhalt. Noch einige Worte über die Methode. Es hilft 
nichts, mit schönen Worten allein über Schönes zu reden. Auch die vorliegende 
Darstellung hat sich darum verpflichtet gefunden, durchaus in das konkrete 
Material niederzusteigen und sachlich von Punkt zu Punkt die Entwicklung des 
Dichters darzulegen. Sie tritt damit von vornherein in Gegensatz zu den syste- 
matisierenden Arbeiten, welche die letzten Jahre manche — ich denke nur an die 
hegelianisierende Darstellung Engels — hervorgebracht haben. Anderseits möchte 

Kantstudien XVUI. H 



162 Selbstanzeigen (Monzel), 

sie aber auch die rhapsodische Art vermeiden, in der neuere Darstellungen, so 
die von Berger und Kronenberg, Schiller behandelt haben. Daher konnte ins- 
besondere für die kritische Periode Schillers nicht allein die chronologische Auf- 
einanderfolge der Werke in Betracht kommen, noch durften die verschiedenen 
Phasen der Entwicklung Schillers so durcheinandergeworfen werden, wie wir 
es leider auch heutzutage noch oftmals finden. Gerade in der scharfen Perio- 
disierung der Entwicklung Schillers und der klaren Abhebung prinzipiell ver- 
schiedener Gedankenmassen voneinander möchte daher die Darstellung eines 
ihrer wesentlichen Motive sehen. Und noch eins. Man lese das Kapitel über 
Lyrik in Bielschowskys „Goethe" und vergleiche damit Diltheys Aufsatz „Goethe 
und die dichterische Phantasie" in seinem Buch „Das Erlebnis und die Dichtung". 
Wo ist denn nun der Kerngehalt der Lebensstimmung Goethes klarer und tiefer 
erfasst worden, in dem schlichten Buch des ganz mit seinem Gegenstand eins 
werdenden Literaturhistorikers oder der in schemenhaften Allgemeinvorstellungen 
gehaltenen Darstellung des Philosophen? Würde das vorliegende Buch auch 
seinem Leser etwas von den wahren Erlebnissen einer grossen und siegreich 
durch das Leben dahinschreitenden Persönlichkeit verspüren lassen, neben dem 
Denker auch den Dichter und in dem Dichter auch den Menschen ihm nahe- 
bringen, so hat es seinen Zweck erreicht. 

Suhl i. Th. Dr. Felix Kuberka. 

Monzel, Alois, Dr. phil. Die Lehre vom inneren Sinn bei 
Kant (Eine auf entwicklungsgeschichtliche und kritische Untersuchungen 
gegründete Darstellung.) Bonn, Universitätsbuchdruckerei und Verlag von 
C. Georgi 1913. (VIII u. 332 S.) 

Gegenüber den bisherigen Bearbeitungen der Kantischen Lehre vom 
inneren Sinn, die unter Ausschaltung einer eingehenderen historischen Be- 
trachtung entweder einen harmonisierenden oder einen rein kritischen Stand- 
punkt vertreten und den inneren Sinn bald rein psychologisch, bald trans- 
zendental in lediglich objektiver Bedeutung verstehen, habe ich in meiner 
Abhandlung versucht, Kants Begriff vom inneren Sinn in seinen Voraussetzungen, 
seiner Entwicklung und Bedeutung im transzendentalen Gesamtproblem dar- 
zustellen. 

Zunächst wird der Begriff der inneren Wahrnehmung und der des reinen 
Erkennens, soweit er innerhalb der neueren Philosophie auf das Kantische 
System hinzielt, in seiner Entwicklung und mannigfachen Gestaltung erörtert. 
Dabei werden vor allem jene Faktoren berücksichtigt, die als Inhalte des 
späteren Kantischen Begriffes zu gelten haben oder irgendwie mit ihm in 
Zusammenhang stehen, z. B. der Begriff der Apperzeption und des empirischen 
Selbstbewusstseins, ferner die Entwicklung der Begriffe von den verschiedenen 
Seelenvermögen bis zur Annahme einer Gleichwertigkeit von Sinnlichkeit und 
Verstand, die Lehre von der Einbildungskraft und der Vorstellungskraft, die 
Theorie der Affektion bezw. Selbstdetermination mit der von ihr abhängigen 
Phänomenaltheorie. 

Als historische Voraussetzungen wirken all diese Probleme auf Kants 
vorkritische Philosophie entscheidend ein. Das wechselnde Verhältnis von 
Sinnhchkeit und Verstand steht hier im Vordergrund. Auch bei Kant bedeutet 
der innere Sinn in der vorkritischen Periode bald die intuitive Gewissheit des 
reinen Bewusstseins, bald das Organ zur Aufnahme rein sinnlicher Eindrücke. 
Unter Benutzung der Lehre von der Vorstellungskraft wird zunächst die 
generelle Differenz von Sinnlichkeit und Verstand durchgeführt. Dann treten 
die transzendentalen Formen Raum und Zeit in noch ungeklärter Verbindung 
mit dem äusseren und inneren Sinne auf. Eine weitere Entwicklung zeigt sich 
in der Dissertation von 1770. Hier macht sich eine gewisse Verhältnis- 
bestimmung zwischen Zeit- und Verstandesformen im logischen Gebrauche 
geltend. Schon zwei Jahre später wird eine architektonische Gegenüberstellung 
von äusserem und innerem Sinne gemäss den Formen der Sinnlichkeit Raum 
und Zeit angestrebt. Mit dem vollendeten kritischen Problem sodann wird die 
Zahl der Kategorien und deren kritische Beschränkung gefunden. Durch die 
Zuordnung des inneren Sinnes zu dem ganzen Umfang der transzendentalen 



Selbstanzeigen (Menzel). 163 

Zeitform wird der Begriff des inneren Sinnes selbst wesentlich verändert. Er 
umfasst fortan nicht nur die Summe aller sukzessiv zum Bewusstsein kommenden 
psychischen Akte, sondern auch die in der äusseren Natur verwirklichten Zeit- 
verhältnisse. Gleichzeitig hat Kant aus der alten Erinnerung an Leibniz- 
Wolffsche Lehren die transzendentale Einbildungskraft gewonnen und aus dem 
kritischen Problem selbst heraus in naher Verwandtschaft mit Leibniz und 
Tetens die transzendentale Einheit der Apperzeption als objektiven Träger des 
ganzen Problems erfolgreich eingeführt. Endlich hat dann Kant die Selbst- 
affektion des Gemütes, damit aber auch den eigentlich rezeptiven Charakter 
des inneren Sinnes ohne Widerspruch mit dem Erkenntnismaterial des äusseren 
Sinnes in direkter Anlehnung an Tetens übernommen. 

Die erwähnten historischen Untersuchungen bieten den Schlüssel zum 
Verständnis vom Begriff des inneren Sinnes im vollendeten Kritizismus. Zugleich 
liefern sie einen Ausgangspunkt für die Kritik der Auffassung unserer Frage 
bei Reininge r, dessen Arbeit (Kants Lehre vom inneren Sinn und seine 
Theorie der Erfahrung, 1900) wegen ihres anregenden Inhalts in erster Linie 
Berücksichtigung verdient. Methodisch gliedert sich meine Kritik in zwei Teile, 
in historisch-exegetische Erörterungen und in spezielle Widerlegungen. Reininger 
geht für die Beantwortung unserer Aufgabe aus von der Annahme einer 
absoluten Koordination des äusseren und inneren Sinnes, d. h. er lässt den 
inneren Sinn in historisch rezipierter Fassung mit dem psychologischen Begriff 
zusammenfallen. Demgegenüber gilt, dass mit Anbruch der kritischen Periode 
sich der Begriff des inneren Sinnes allmählich im Anschluss an die Ent- 
wicklung des kritischen Problems ganz und gar verschiebt, bis er nach dem 
Jahre 1777 etwa seinen allgemeinen begrifflichen Abschluss erhält. Auch meine 
exegetischen Untersuchungen führen zu demselben Resultat. Überdies ist es 
historisch unwahrscheinlich, dass sich ein so wichtiger Begriff nicht hätte 
ändern sollen, wenn Kants Philosophie mit Beginn des Kritizismus eine funda- 
mentale Umwandlung erfuhr und der innere Sinn darin eine so entscheidende 
Rolle spielte. Da darf an der rezipierten Fassung nicht mehr festgehalten 
werden, es sei denn, dass man zu ergänzenden Konstruktionen seine Zuflucht 
nimmt, wie sie Reiningers Lehre vom transzendentalen inneren Sinn höherer 
Ordnung darstellt. Damit ist aber nicht Kants Lehre, sondern nur eine Um- 
bildung gegeben, die in dieser Fassung, wie der zweite Teil meiner Kritik 
beweist, kaum haltbar ist. 

Meine Ausführungen zeigen ferner, dass weder ein Verhältnis absoluter 
Koordination, noch ein Verhältnis absoluter Subordination zwischen äusserem 
und innerem Sinn vorliegt. Der Stoff und der Anschauungscharakter ist für 
beide Sinnesgebiete getrennt und differenziert. Hier kann keine Subordination 
stattfinden. Nur hat die Form des inneren Sinnes auf die Figuration und 
Ordnung räumlicher Verhältnisse einen entscheidenden Einfluss. Damit ist also 
lediglich eine Korrelation beider Sinne festgestellt. Durch die Selbständigkeit 
des Stoffes aber — Kant nimmt sie wenigstens an — ist für ihn der empirische 
Idealismus ausgeschlossen. Gerade die Immanenz der Formen Raum und Zeit 
und der kategorialen Verhältnisse macht den eigentlichen Charakter des trans- 
zendentalen Idealismus aus. 

Bei der systematischen Darlegung ging ich von der ersten Auflage aus, 
um so die Klärungen und Fortbildungen in der zweiten Auflage besser zu 
erkennen. Der innere Sinn im Kantischen Kritizismus ist die einheitliche und 
formale Quelle aller zeitlich gegebenen Erscheinungen. Die Zeit überhaupt 
als Anschauungscharakter ist die Form des inneren Sinnes schlechthin. Auf 
diesen einheitlichen Anschauungscharakter sind sowohl die Sukzessivität des 
Bewusstseins als auch die objektiven Zeitverhältnisse zurückzuführen. Der 
transzendentale innere Sinn hat also eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: einer- 
seits soll er eine unräumliche, empirische Innenwelt in beständiger Sukzessivität 
ermöglichen, anderseits in seinem Schematismus die Gesetzmässigkeit und 
Ordnung der Aussenwelt im Zeitablauf regeln. Methodisch habe ich in der Dar- 
stellung des inneren Sinnes eine doppelte Gliederung angewandt. Ich habe ver- 
sucht, den inneren Sinn zunächst psychologisch-genetisch in seinen verschiedenen 
Phasen darzustellen, um dann seine erkenntniskritische Bedeutung hervorzuheben. 

11* 



164 Selbstanzeigen (Brod-Weltsch). 

In einem weiteren Kapitel wird im Anschluss an die Annahme einer 
transzendenten Gesetzlichkeit, die bei Kant ganz unbeachtet einfliesst, die 
Möglichkeit einer für die moderne Erkenntnistheorie fruchtbaren Fortbildung 
des inneren Sinnes dargelegt. Es folgen dann historische Erörterungen über 
das Verhältnis der Lehre vom inneren Sinn von der ersten zur zweiten Auflage. 
Vor allem beschäftigen uns die Weiterbildungen im Ich-Problem und das Ver- 
hältnis der Ich-Formen zum Begriff des subjektiv-inneren Sinnes, um dann 
noch kurz die immanenten Klärungen der Lehre vom inneren Sinn in der 
zweiten Auflage darzustellen. Den Abschluss meiner Arbeit bilden einige 
kritische Bemerkungen zu den Auffassungen bei Knothe und Rademaker. 

Bonn. Alois Monzel. 

Brod, Max, Dr. und Weltsch, Felix, Dr. Anschauung und Be- 
griff. Grundzüge eines Systems der Begriffsbildung. Kurt Wolff Verlag 
(früher Ernst Rowohlt), Leipzig 1913. 

In raschem Siegeslauf haben sich in der modernen Entwicklung der 
Metaphysik und Erkenntnistheorie die Philosophen der Intuition den Philosophen 
der systematisch-logischen Erkenntnis entgegengestellt. Fremd und feindlich 
stehen einander die Parteien gegenüber^ nur hie und da springt ein Funken 
von Verständnis von der einen zur anderen Seite. Im Ganzen sind die Grund- 
ansichten gar zu entgegengesetzt und scheinen förmlich unvereinbar. 

Unser Buch will nun nicht etwa eine Versöhnung der beiden Parteien 
herbeiführen, oder etwa eine neue vermittelnde Theorie aufstellen; es will nur 
mit dazu beitragen, dass die Kälte und Verständnislosigkeit zwischen den beiden 
Gruppen verschwinde; es will durch Untersuchung der Voraussetzungen und 
Grundlagen der beiden Richtungen die Übertreibungen und Kompetenzübergriffe 
auf beiden Seiten feststellen und so versuchen, einen Standpunkt zu finden, von 
dem aus eine Entwicklung beider Linien möglich ist. 

Als zentrales, zwischen den Parteien liegendes Problem erschien uns das 
Begriffsproblem, Der wohlgegründeten Schätzung des diskursiven, also be- 
grifflichen Denkens seitens der Neu-Kantianer, steht die Verachtung gegenüber, 
die Bergson dem Begriff, als dem Instrument des Intellekts entgegenbringt. 
Wir mussten uns daher fragen: Bestehen die Ursachen dieser so entgegenge- 
setzten Wertungen zurecht? Ist der Begriff wirklich jenes erfahrungsfremde 
Element, das die Anschauung vergewaltigt und das Leben ertötet, wie Bergson 
meint? Und andererseits: Ist jener — wissenschaftliche — Begriff, wie ihn 
etwa Cassirer in seinem Werke: „Substanz- und Funktionsbegriff" darstellt, psy- 
chologisch die einzige Art begrifflicher Verarbeitung der Anschauung? Darf 
einer andern begrifflichen oder begriffsähnlichen Fassung der Anschauung, inso- 
lange sie noch nicht in die strenge Form des wissenschaftlichen Begriffs ein- 
gegangen ist, keine Existenzberechtigung oder darf ihr überhaupt gar keine 
Existenz zugesprochen werden? 

Diese Erwägungen leiteten zu einer psychologischen Untersuchung des 
Begriffsproblems mit besonderer Berücksichtigung der Beziehung des Begriffs 
zur Anschauung, sowie der psychischen Entwicklung des durch die Anschauung 
gewonnenen anschaulichen Materials. Selbstbeobachtung sowie Experiment 
führten uns bald zum Mittelpunkt dieser Probleme, zum Phänomen der Ver- 
schwommenheit, dem wir besondere Aufmerksamkeit schenken mussten, da 
es einerseits wissenschaftlich noch nicht hinlänglich bearbeitet schien, anderer- 
seits uns die Erkenntnis seiner Wichtigkeit — sozusagen unter den Händen 
wuchs. Wir machten uns die genaue Deskriptive des Verschwommenen zur 
Pflicht, untersuchten insbesondere seine merkwürdige Veränderlichkeit, sein 
schillerndes, kaum fassbares Wesen und kamen hiebei zu Ergebnissen, die uns 
auch das Rätsel der logischen Kraft des Verschwommenen lösten, und uns ge- 
rade durch Letzteres im Begriffsproblem wesentlich förderten. Die „Verschwom- 
menheit" führte auch zu einer neuen Behandlung der „Aufmerksamkeit", die 
sich als deren Gegenpol erwies. Der weitere Zusammenhang leitete uns zur 
Erkenntnis der Struktur aller jener Vorstellungsphänomene, die nicht mehr An- 
schauung im idealen Sinn und noch nicht Begriff sind, wohl aber in vieler 
Hinsicht einen annähernd gleichen logischen Effekt erzielen, wie dieser. Die 



Selbstanzeigen (Schmitt). 165 

Bedeutung, die in diesen Phänomenen — nebst der schon erwähnten Ver- 
schwommenheit — den Relationen, Urteils- und Gefühlsakten zukommen, 
machten ein Eingehen auf diese Gebiete der Psychologie, insbesondere also die 
Probleme der Relationen, Gestaltqualitäten, der Akte, der Intentionen und der 
Gedanken, sowie eine Auseinandersetzung mit den hierüber bestehenden An- 
sichten notwendig. 

Die Entwicklung der Anschauung unter dem Einfluss der Aufmerksamkeit 
zeigte uns eine Fülle psychischer Gegebenheiten, die unser Denken durch- 
wachsen und ihm jene reiche und glühende Lebendigkeit verleihen, die die 
Anschauung vor dem rein wissenschaftlichen Denken auszeichnet; als Endpunkt 
dieser Entwicklungsreihe ergab sich der anschauliche Begriff, der abertrotz 
seiner Vorzüge den strengen Ansprüchen der Logik und der Wissenschaft nicht 
genügte. 

Muss nun auch das wissenschaftliche Denken eine Umgestaltung des Be- 
griffs vornehmen, indem sie ihn zum „ Funktionsbegriff " macht, die Anschauung 
mit Kausalität, Abhängigkeiten und Gesetzen durchdringt, muss auch die An- 
schauung selbst, um hiefür tauglich zu werden, grundlegende Änderungen er- 
leiden, so zeigt sich dennoch, dass der anschauliche Begriff und somit die An- 
schauung die Grundlage dieses wissenschaftlichen Begriffs geblieben sind, dass 
der wissenschaftliche Begriff jederzeit von der Anschauung mit allen ihren Ver- 
änderungen und Entwicklungsstadien abhängig bleibt. 

Die Vergleichung dieser beiden Begriffsgruppen — des anschaulichen und 
des wissenschaftlichen — ergab interessante Einblicke in die Sprachphilosophie, 
Ästhetik und Erkenntnistheorie und brachte vielleicht einige Klärung in das 
Verhältnis von Mystik und Rationalismus. 

Prag. Max Brod und Felix Weltsch. 

Schmitt, Carl, Dr. jur. Gesetz und Urteil. Eine Untersuchung zum 
Problem der Rechtspraxis. Berlin 1912, Verlag von O. Liebmann. (129 S.) 

Bei dem wachsenden Interesse, dessen sich rechtsphilosophische und 
-methodologische Fragen seit mehreren Jahren auch über die Grenzen der 
Fakultät hinaus erfreuen, liegt die Erwartung nahe, es würden in der Folge 
dieses Interesses auch für andere Gebiete der Philosophie beachtenswerte 
Analogien aus der Jurisprudenz hervorgehoben werden. Dass hier nicht nur 
historische und sprachgeschichtliche Relationen vorliegen, ergibt ein Blick auf 
die Terminologie der Logik wie der Ethik; der Obertitel der hiermit angezeigten 
Schrift könnte über einer philosophischen Arbeit stehen, die nichts Juristisches 
enthält, und vielleicht lässt sich auch in der häufig hervortretenden Freude 
Kants an Vergleichen, die der Jurisprudenz entnommen sind, das Indiz eines 
tieferen Zusammenhanges erkennen. 

Die vorliegende Abhandlung geht von der Kollision aus, in die der 
Richter, der einmal nur das geltende Gesetz „anwenden" soll, gleichzeitig aber 
nie die Entscheidung unter Berufung auf eine .Lücke des Gesetzes" verweigern 
darf, gerät, wenn das Gesetz ihn ohne Antwort im Stiche lässt. Nach der 
landläufigen Anschauung ist auf jeden Fall ein Urteil immer nur dann richtig, 
wenn man es aus dem Gesetz ableiten kann. Die „Gesetzmässigkeit" in 
diesem Sinne ist ihr alleiniges Kriterium der Richtigkeit einer Entscheidung. 
Neuere, „freirechtliche" Anschauungen verweisen auf die in der Gesamtheit der 
Rechtgenossen herrschenden Meinungen, oder auf die aus den Interessen des 
Verkehrs, sich ergebenden Regeln, oder auf Kulturnormen — kurz, sie suchen 
das Gebiet, das eine Regelung erfahren hat, über die durch das staatliche 
Gesetz gegebenen Grenzen durch die Herbeiziehung anderer Normenkomplexe 
zu erweitern. 

Die vorliegende Arbeit stellt beiden Ansichten gegenüber für die Richtig- 
keit einer Entscheidung die Formel auf: eine Entscheidung ist dann richtig, 
wenn ein anderer Richter ebenso entschieden hätte. „Ein anderer Richter* 
bedeutet hier den empirischen Typus des modernen rechtsgelehrten Juristen. 

Diese Formel, mit ihrer an eine Als-Obbetrachtung anklingenden Fassung, 
ist aus dem Postulat der Rechtsbestimmtheit abgeleitet und bedeutet, dass die 
Tendenz, richtig zu entscheiden in der Rechtspraxis den Sinn hat, eine Ent- 



166 Selbstanzeigen (Buchenau— Sydow— Leclfere). 

Scheidung zu fällen, wie sie von der gesamten Rechtspraxis gleichmässig gefällt 
worden wäre. Die Rechtspraxis wird also gegenüber dem Gesetze selbständig, 
indem sie eigene, spezifische Kriterien der Richtigkeit erhält: Der metho- 
dologische Unterschied von Rechtslehre und Praxis wird auf das schärfste 
betont, insbesondere wird es für unrichtig erachtet, das Kriterium der Richtig- 
keit einer in der Praxis ergangenen Entscheidung nur aus dem Gesetz deduzieren 
zu wollen. Denn die Regeln der Anwendung des Gesetzes sind selbst nicht 
mehr Inhalt des Gesetzes und gehören in ein Gebiet mit methodologischer 
Selbständigkeit. 

Auch hier ergibt sich eine Analogie, die dem Philosophen auffallen wird: 
die Selbständigkeit der Lehre von der Urteilskraft. Wenn nun in einer Unter- 
suchung, die von ausschliesslich juristischen Interessen ausging und in sie 
zurückläuft, solch wichtige und frappante Analogien auftreten, so wird die 
Hoffnung begründet sein, dass für ein Interesse, welches von der Philosophie 
seinen Ausgang nimmt, selbst in diesen methodologischen Fragen der Rechts- 
praxis nicht nur „Anregungen*, sondern auch neue Worte, Bilder und Gedanken 
sich ergeben werden. Darauf hinzuweisen, ist der Zweck dieser Selbstanzeige. 

Düsseldorf. Carl Schmitt. 

Bnchenau, Artur. Die philosophische Entwicklungsgeschichte 
der mathematischen Naturwissenschaft. Berlin, Verlag Gustav Bartsch 
(Zehlendorf). (35 S.) 

Das Schriftchen setzt sich das Ziel, in gemeinverständlicher Art und 
Weise die bedeutendsten in der mathematischen Naturwissenschaft (besonders 
in der Astronomie) liegenden philosophischen Voraussetzungen aufzudecken 
und darzustellen und so indirekt auch auf die Lektüre der Kantischen Schriften 
vorzubereiten, die ja ohne Kenntnis ihrer diesbezüglichen Grundlagen nicht zu 
verstehen sind. Die Schrift dürfte als erste Einführung besonders der Lehrer- 
welt willkommen sein. 

BerHn. Artur Buchenau. 

■ Sydow, E. V. Kritischer Kant-Kommentar zusammengestellt 
aus den Kritiken Fichtes, Schellings, Hegels und mit einer Ein- 
leitung versehen. Verlag M. Niemeyer, Halle a. S. 1913. (91 S.)i) 

Die vorliegende Arbeit sucht einem Übelstande der heutigen philoso- 
phischen Lage abzuhelfen. Soweit nämlich nicht der Psychologismus und ver- 
wandte Strömungen übermächtig sind, wird die Gedankenwelt Immanuel Kants 
mit rücksichtsloser Entschiedenheit als einzig dauerndes Kulturgut gelehrt. In 
diesem Festhalten an einer einseitigen und zurückliegenden Auffassung der Welt 
erbhcken wir den eigentlichen Grund der eigentümlichen Dumpfheit, die den 
jetzigen Zustand der Philosophie kennzeichnet. Eine gute Abhilfe schien uns 
in den Kritiken Hegels, Schellings, Fichtes zu liegen, die wir in dem vorliegen- 
den Buch zusammenstellen. Die wesentlichen Gedanken der Kritiker sind die- 
selben; und man wird bald merken, dass wie im systematischen Philosophieren, 
so auch hier in der Kritik die Stimme Hegels die ist, auf welche man hören 
sollte. — So hofft der Herausgeber, mit seiner Arbeit ein wenig zur Erfüllung 
der wahrhaften Forderung des Tages beitragen zu können: zur Rekonstruktion 
der systematischen Welterfassung durch den absoluten Idealismus. 

Jena. E. v. Sydow. 

A. Leclere, Docteur es-lettres, Profess. agr. ä l'Univ. de Berne. Le Bilan 
de la Philosophie religieuse. Paris, Bloud. 

L'auteur de ce petit livre constate d'abord que la Philosophie proprement 
dite se reduit au minimum de metaphysique que l'homme est en etat de con- 
struire, et ä la Philosophie religiense; et il se demande ä quelles conditions 
cette derni^re peut subsister et n'etre pas mortelle ä la religion. II lui semble 
que si eile veut etre constructive, eile se presente par lä meme comme une 

^) Anm. d. Red. Wir erinnern daran, dass die Verantwortung für Selbst- 
anzeigen den Autoren überlassen bleiben muss und von der Redaktion unter 
keinen Umständen übernommen wird. 



Antwort (Kuntze). 167 

Sorte de meta-metaphysique necessairement plus temeraire que l'autre, et 
que l'autre ne peut que repousser; d'autre part eile est condamnee, l'histoire en 
fait foi, ä s'evanouir toujours en pure Philosophie, en philosophie notablement 
fantaisiste; eile devore la religion qu'elle veut maintenir car eile la desurnatura- 
lise fatalement. — II n'ya pour la philosophie religieuse qu'un moyen de salut, 
se reduire ä etre une sorte de critique de la metaphysique, un essai pour 
solutionner un probleme qui se pose en ces termes: „Est-on fonde ä chercher 
un surplus pour la metaphysique, ä lui superposer quelque chose comme ce que 
proposent les grandes religions positives, qui sont les seules qui repondent vrai- 
ment au concept d'une religion, d'une religion ayant, en regard des fantaisies 
religieuses que sOnt les diverses philosophies religieuses constructives, une veri- 
table originalite?" L'auteur croitPouvoir dire que le Catholicisme et leJudafsme 
seuls supportent l'examen, le Protestantisme etant entraine sans devense possible 
vers ragnosticisme. II trouve dans les deux premiers assez de ce qui doit 
heurter la nature humaine et l'attirer tout ä la fois, il y decouvre aussi le degre 
de vitalite requis, et ce qu'il faut de souplesse pour que des modernes y puissent 
adherer. 

Bern. Albert Ledere. 

L. Ledere, Docteur es-lettres, Profess. agr. ä l'Univ. de Berne. Foi 
religieuse et Mentalite anormale. Paris, Bloud. 

Partant d'une notion de la rehgion qu'il pense avoir etablie dans ses 
publications auterieures, l'auteur cherche ä demontrer quel'homme normal etant 
loin de l'etre tout ä fait, la religion qui lui est utile et lui convient doit force- 
ment renfermer des eliments qui etonnent son esprit. et se presenter comme une 
therapeutique, comme un Systeme de moyens orthopediques fatalement penibles 
pour notre nature. Des notions oti il s'arrete, sur la religion et sur l'homme, il 
deduit l'impossibilite pour l'homme, au moins dans ce monde, d'etre parfaitement 
redresse par le divin lui-meme, et c'est ainsi qu'il explique les defauts qui ap- 
paraissent communement chez le crogant, apres avoir montre, dans certaines 
anomalies plus ou moins heureuses de notre nature, des conditions qui favo- 
risent l'eclosion de la religiosite. II confirme sa demonstration en Präsentant un 
tableau des avantages et des inconvenients de toutes les sortes de cult re, ce 
qui est propre ä consoler le critique qui se voit force de trouver des incon- 
venients ä la religion elle-meme: le cas de cette derniere n'est point isole! II 
ne faut pas renoncer ä la suprome sayesse ä cause de la somme de foiie 
qu'elle impose. 

Bern. Albert Ledere. 



Antwort. 

Auf die den Lesern der „Kantstudien" wohl erinnerliche .Erklärung' 
des Herrn Kronenberg habe ich dies zu erwidern. — Noch nie hat es einen 
Popularisator gegeben, dem man es hätte beibringen können, er verdiene den 
ihm gemachten Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit. Dies ist bekannt. Um die 
Stosskraft des feindlichen Tadels auf die Öffentlichkeit abzuschwächen, pflegt 
der Popularisator die gegnerische Methode der Kritik anzugreifen; dies ist be- 
kannter. Am Ende verdächtigt er gemeiniglich die wissenschaftliche Kompetenz 
des Gegners; dies ist am Bekanntesten. Soweit also hat Herr Kronenberg allen 
auf ihn zu setzenden, Erwartungen mit anerkennenswerter Präzision entsprochen. 
Nicht erwartet dagegen hatte ich die gesellschaftlichen Entgleisungen 
der „Erklärung"; ich habe Herrn Kronenberg also in diesem einzigen Punkte 
allerdings doch noch überschätzt. Ich aber antworte auf solches nicht. 
Ebensowenig habe ich Beruf, Herrn Kronenberg, der sich als den bekannten 
und bewiesenen Mann gegen mich als den beider Tugenden ermangelnden 
ausspielt, darüber aufzuklären, dass er sich über die Art seines Bekanntseins 
in Fachkreisen ganz denkwürdigen Illusionen hingibt. 

Ich habe nur das Prinzip meiner Kritik zu verteidigen. Da aber 
wahre ich mir durchaus und in aller Form und für alle Zukunft das Recht, ein 
Buch, das offensichtlich als dritte Quelle aus zweiten Quellen abgeleitet ist 



168 Antwort (Falter). 

(bestenfalles!) ein Buch, das so ganz und um jeden Preis den Plato und 
Spinoza alierbreitesten Bevölkerungsschichten zugängig machen möchte, nicht 
in ganzer Ausdehnung durchzuerleiden, sondern einen in sich geschlossenen 
Abschnitt gewissenhaft durchzuprüfen, und diesen als Urteilsbasis sowohl zu 
verwerten als auch zu bezeichnen. Herr Kronenberg möchte also wohl leicht- 
hin noch einmal Gelegenheit haben, durch einen „Remedur"ruf das Kapitol zu 
retten. Also: was würde denn etwa ein Mathematiker sagen, wenn ihm sein 
Kollege — Verfasser der dreihundertsten Popularisierung des Euklid für Mittel- 
schulen — zumutete, das ganze Buch sich zu Gemüte zu führen? Und der 
Philosoph sollte kein Recht haben, offenkundige elfte Bücher aus zehnen als 
solche zu behandeln?! Die einzige Forderung, die in diesem Fall an den Re- 
zensenten zu stellen ist, bleibt die, dass er seine Urteilsbasis angebe, und das 
habe ich getan. 

Dass aber auch Kritiker, die sich die Mühe gegeben haben, die von mir 
am „Spinoza" gemachte schmerzliche Erfahrung das ganze Buch hindurch zu 
wiederholen, zu durchaus dem gleichen sachlichen Ergebnis gekommen sind, 
zu dem ich gekommen bin, zeigt z. B. eine Rezension des Herrn Dr. Engel 
in der Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik (August 1911). Dort 
heisst es (S. 179): „Eine eigentliche Definition von Idealismus gibt er (Kronen- 
berg) uns freilich nicht, wie er denn überhaupt, seinem volkstümlichen Zweck 
gemäss, mehr mit Vorstellungen, Bildern, Anschauungen operiert, als mit dem 
begriffhchen Denken". Nun, dass ein Buch, welches das Wort „Idealismus" 
im Schilde führt, zunächst einmal dies Wort durch keine Definition zu ersetzen 
vermag, und dann zum Ersatz dafür vorwiegend mit Vorstellungen, Bildern, 
Anschauungen operiert, damit auch für Herrn Dr. Engel wissenschaftlich gerichtet 
sein muss, versteht sich von selbst. Der Unterschied zwischen der Engel- 
schen Rezension und der meinigen liegt nur in der allgemeinen Bewertung 
solchen Popularisierungsversuche: Herr Dr. Engel beurteilt sie lässlich, ich streng. 
Denn: ich meine, wir haben keine Veranlassung, der breiten Masse durch solche 
Popularisierungen vorzugaukeln, sie habe da ein Verständnis erworben, wo sie 
in Wahrheit nur eine Phrase gehört hat. Stärkt man aber, wie dies durch das 
Buch des Herrn Kronenberg geschehen muss, den Glauben weitester Kreise an 
ihre Kompetenz in philosophischen Dingen, dann kann es leicht geschehen, 
dass die Definition von „Philosophie", die die Philosophen bekanntlich noch 
suchen, durch die Praxis der Dilettanten gegeben wird, und lautet: „Philosophie 
ist diejenige Wissenschaft, in der man, gleichmässig ohne Vorkenntnisse und 
ohne Talente, sachverständig reden und ein grosser Mann sein kann." 

Berhn. Friedrich Kuntze. 

Redaktionelle Bemerkung. Indem hiermit die Diskussion geschlossen 
wird, muss ich noch bemerken, dass die Verspätung der Veröffentlichung 
von Herrn Dr. Kuntzes Antwort durch ein Versehen meinerseits veranlasst 
worden ist. Bauch. 

Antwort auf eine Erwiderung E. Dürrs. 

Die Kampfesweise, die E. Dürr S. 491/2 (Bd. XVII) der Kantstudien gegen 
mich anwendet, bedeutet auf keinen Fall eine Bewährung seiner „nicht auf lo- 
gischem Fundament beruhenden Ethik". 

Ich verweise alle Interessenten auf meine S. 136/7 (Bd. XVII) abgedruckte 
Besprechung, der ich nichts beizufügen habe. Herrn Dürr will ich noch ver- 
raten, dass ich schon jetzt mit meinem Urteil nicht allein stehe; und ich bin 
überzeugt, wer sich die Mühe nimmt, sein Buch zu lesen, wird mir beipflichten 
müssen. 

Oberhambach b. Heppenheim (Bergstrasse). Dr. G. Falter. 

... Anm. d. Redaktion: Auch diese Debatte wird hiermit geschlossen. 



Kantgesellschaft. 

Mitgliederverzeichnis für das Jahr 1912. 



Ehrenmitglied. 

Geheimer Regierungsrat Stadtrat a. D. Professor Dr. Walter Simon, 
Königsberg i. Pr., Kopernikusstr., Ehrenbürger der Stadt Königs- 
berg. 



Jahrestnitglieder 1912. 

(Jahresbeitrag 20 M.) 



Professor Dr. N a r c i s s Ach, a. d. Universität Königsberg i. Pr., Hinter- 
tragheim 48 a. 

Dr. Ferdinand Ackenheil, Sevilla, Spanien, Penuelas 8. 

Professor Dr. Erich Adickes, a. d. Universität Tübingen, Neckar- 
halde 58. 

Dr. phil. Severin Aicher, Repetent, Tübingen, Wilhelmsstift. 

Professor Dr. Bernät Alexander, a. d. Universität Budapest IV., 
Franz-Josef-Quai 27. 

Dr. phil. Johannes Amrhein, Seminar - Direktor in Mettmann 
(Rheinland). 

Studienrat Dr. phil. Carl Andreae, Privatdozent a. d. Universität 
München, Ismaningerstr. 88. 

Dr. phil. C. Antoniade, Bukarest (Rumänien), 25 Str. Franzelari. 

Dr. Max A p e 1 , 1. Vorsitzender der „Freien Hochschule" Berlin, Char- 
lottenburg, Goethestr. 9 III. 

Rektor Alfred Arens, Genthin, Reg.-Bez. Magdeburg. 



B. 

Dr. phil. Kurt Bache, Posen W., Hardenbergstr. 3. 

Geheimer Hofrat Professor Dr. phil. et Dr. jur. b.c. Clemens Baeum- 
ker, o. ö. Prof. a. d. Universität München, München, Franz Josef- 
straße 30 I. 



170 Kantgesellschaft. 

Rt. Hon. A. J. Balfour, London S.W. Pall Mall, 4 Carlton Gardens. 

Dr. Georg von Bartök, Privatdozent a. d. Universität Kolozsvär in 
Ungarn, 

Professor Dr. Bruno Bauch, o. ö. Professor a. d. Universität Jena, 
Wörthstr. 7. 

Lehrer Philipp Bauhardt, Mannheim Nr. 4, 16. 

Professor Dr. Karl B a u r , am Königin Katharinastift Stuttgart, Kerner- 
platz 1 IL 

Carl Becker, Berlin W., Wichmannstr. 4 a. 

Dr. phil. Beggerow, Kaiserl. Physiker im Reichs-Marine-Amt, Berlin 
W. 15, Meierottostr. 3. 

Dr. phil. Richard Behm, Arzt, Witten a. d. Ruhr. 

Privatdozent Dr. phil. Ernst Bergmann, a. d. Universität Leipzig, 
Kronprinzenstr. 2 IV. 

Dr. Hugo Bergmann, Beamter der k. k. Universitätsbibliothek, Prag 
VII, Ovenecgasse 330. 

Bankier Ludwig Berl, Berlin, Tiergartenstr. 8 b. 

Professor Dr. Oskar Bertling, Prediger, Badersleben b. Halberstadt 

cand. phil. Beate Berwin, Berlin W. 30, Bayerischer Platz 1. 

Dr. Rudolf Biach, Wien IV, Mayrhofgasse 20. 

Dr. W. B i e g a n s k i , Primärarzt am allgemeinen Krankenhaus, Czen- 
stochau (Russ. Polen), Teatralnaja 32. 

Professor Dr. W. E. B i e r m a n n , a. d. Universität Leipzig, Wiesen- 
straße 3 b. 

Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Alfons Bilharz, Sigmaringen. 

Dr. phil. Henri Birven, Berlin N. 4, Novalisstr. 1. 

Bankdirektor Dr. jur. Dietrich Bise hoff, Leipzig, Grassistr. 18. 

Dr. phil. George Ashton Black, New York, 621 W. 113 th Street. 

Bergwerksdirektor Blume, Lipine, O. S. 

Dr. phil. Hans H. Bockwitz, München, Herzogspitalstr. 1. 

cand. phil. Max Hildebert Boehm, Berlin NW. 52, Spenerstr. 30 IL 

Fabrikdirektor Dr. Paul Boehm, Wilmersdorf bei Berlin, Jenaerstr. 14. 

Lic. Dr. B o e l c k e , Dresden-Blasewitz, Deutsche Kaiserallee 39. 

Dr. Otto Boelitz, Direktor der Deutschen Schule in Barcelona, Barce- 
lona Calle de Moya 4. 

Dr. B ö 1 1 e , Pfarrer, Allendorf (Werra). 

Oberlehrer Dr. B. Bohnenstaedt, Halle a. S., Mühlweg 21 I. 

Nicolai Boldyreff, St. Petersburg, Krestowski ostrow, Morskoi prö- 
spekt 1. 

Lic. theol. Karl Bornhausen, Privatdozent a. d. Universität Mar- 
burg, Marburg a. d. Lahn, Moltkestr. 19. 

Cand. class. litt. D. E. Bosselaar jr., Utrecht (Holland), Bleyenberg- 
kade '41. 

Privatdozent Dr. Max Brahn, a. d. Universität Leipzig, Leipzig-Goh- 
lis, Wahrenerstr. 20 I. 

Eliza Mercedes Brandes (aus Buenos-Aires), Lemgo in Lippe- 
Detmold, Bismarckstr., Ostertor. 



Kantgesellschaft. 171 

Privatdozent Dr. phil. Otto Braun, a. d. Universität Münster i. W., 
Klosterstr. 14. 

Geheimer Sanitätsrat Dr. Brennecke, Magdeburg, Fürst Leopoldstr. 2. 

Referendar Dr. jur. Isaac Breuer, Frankfurt a. M., Obermainanlage 19. 

Professeur D. theol. P h. B r i d e l , ä la Facult6 de Th6ologie de I'Eglise 
Libre, Lausanne, Route de Morges 15. 

Dr. K. R. Brotherus, Universität Helsingfors, Fabrikstraße. 

Privatdozent Dr. phil. Friedrich Brunstaed, a. d. Universität Er- 
langen, Henkestr. 12. 

Privatdozent Dr. phil. Nicolai von Bubnoff, a. d. Universität 
Heidelberg, Oestl. Kurfürstenstr. 8. 

Oberlehrer Dr. Artur Buchenau, Charlottenburg, Schloßstr. 46. 

Pfarrer H. Bungeroth, Rathstock im Oderbruch. 

Dr. E. B u 1 1 a t y , Neuhaus in Böhmen. 

Dr. Kurt Burchardt, Berlin N. 24, Oranienburgerstr. 22. 

Dr. Georg E. Burckhardt, Laubach bei Gießen. 

Dr. phil. Herbert BuzeUo, Nordhausen a. H., Marienweg 5. 



c. 

Dr. Paul Carus, The Open Court Publishing Co. Chicago 378—388 
Wabash Ave. 

Bruno Cassirer, Verlag, Berlin W. 35, Derfflingerstr. 15. 

Privatdozent Dr. Ernst Cassirer, a. d. Universität Berlin W. 50, 
Pragerstr. 9. 

Kapellmeister Fritz Cassirer, Berlin- Westend, Ebereschenallee 7. 

Professor Dr. George C. C e 1 1 , a. d. Universität Boston, West New- 
ton (Mass.) 371 Walthamstreet. 

Dr. Broder Christiansen, Buchenbach i. Schwarzwald. 

Pastor von Ciriacy-Wantrup, Langenberg i. Rheinland. 

Frau Professor Helene Claparöde-Spir, Genf, Champel 11. 

Professor Dr. Johannes Classen, Professor am Physikalischen 
Staats-Laboratorium, Hamburg 26, Ohlendorffstr. 9 H. 

Dr. phil. Otto C 1 o s s , Jena, Wörthstr. 7. 

Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Hermann Cohen, em. o. ö. 
Professor a. d. Universität Marburg a. d. Lahn, jetzt: Berlin, Luit- 
poldstr. 32. 

Professor Dr. Jonas C o h n , a. d. Universität Freiburg i. B., Talstr. 62. 

Dr. med. M a x C o h n , Berlin N. 39, Pankstr. 78. 

Dr. A. C o r a l n i k , Rom, Italien, Via Parioli 37. 

Professor Benedetto Croce, Senatore del Regno, Neapel, Via Atri 23. 



D. 

Dr. Friedrich Dannenberg, Jena, Zenkerweg 1. 

Professeur Dr. Victor Delbos, ä l'Universit^ de Paris, Sorbonne, 

Membre de l'Institut de France, Quai Henry IV 46. 
Dr. phil. Jan van Delden, Fabrikant, Gronau i. W. 



172 Kantgesellschaft. 

Professor Dr. Giorgio Del Vecchio, nella R. Universitä di Bologna, 

Bologna, via Toscana 3. 
Dr. phil. Louis Des Arts, Blankenese b. Hamburg, Busch 5. 
cand. med. Gustav Diering, Kiel, Karlstr. 35 IL 
Dr. Hugo Dingler, München, Schrandolphstr. 14 L 
Dr. phil. et jur. Oskar Döring, Lübeck, Bismarckstr. 23. 
Rechtsanwalt Walther Dörr, Idar a. d. Nahe, z. Zt. Oldenburg i. 

Großherzogtum, Landtag. 
Professor Dr. Grace Neal Dolson, Smith College, Northampton, 

Mass., U. S. A., 150 Elen. 
Dr. H. D r e y e r , Florenz, Via dei Bardi 3. 
Professor Dr. Hans Driesch, a. o. Professor an der Universität 

Heidelberg, Uferstr. 52. 
Professor Dr. E. D ü r r , a. d. Universität Bern, Bern, Seftingstr. 53. 
Professor Dr. G. Dwelshauvers, Brüssel, rue du tabellion 8. 
Dr. med. Franz Dyck, Arzt, Berlin W., Winterfeldstr. 21 a. 
cand. phil. Gh. Dyrssen, Marburg, Bez. Cassel, Marbacherweg 9. 
Dr. jur. Hermann Dzialas, Breslau XVI, Morgenzeile 8/9. 



E. 

Pfarrer Friedrich Ebeling, Dresden-Plauen, Bernhardstr. 84 pt. 

Wissenschaftl. Hilfslehrer Dr. Heinrich Eber, Colmar i. Ober-Elsaß. 

Dr. Erich Eckertz, Düsseldorf, Uhlandstr. 47. 

Prakt. Zahnarzt S. Ehrmann, Werden a. d. Ruhr. 

Dr. Rudolf Eisler, Wien II, Schüttelstr. 19 a. 

Professor Dr. O. A. E 1 1 i s s e n , Einbeck (Hannover). 

Oberlehrer Arthur Ely, Stettin, Wilhelmstr. 23. 

Dr. jur. Bernhard Carl Engel, Berlin-Zehlendorf (Wannseebahn), 
Schützstr. 26. 

Dr. phil. Horst Engert, Leipzig, Bayerischestr. 129. 

Dr. Enno Enke Istroth, i. Fa. Störtebekerhaus, Ammendorf bei 
Halle a. S., Schachtstr. 3. 

Dr. Gustav Entz, Inspektor am evangelischen Theologenheim, Wien 
XVIII, Martinsstr. 23. 

Jacob H. Epstein, Frankfurt a. M., Hermannstr. 22. 

Dipl.-Ing. Georg Erdmann, Assistent der Kgl. Bergakademie, Mar- 
burg, Bez. Cassel, Lahntor 4. 

Professor Dr. Franz Erhardt, a. d. Universität Rostock, Lloydstr. 9. 

Pfarrer Dr. phil. Wilhelm Ernst, Enzheim bei Straßburg i. E. 

Geh.-Ral Professor Dr. Rudolf Eucken, Jena, Forstweg. 

Privatdozent Dr. phil. Oskar Ewald, a. d. Universität Wien XIX, 
Scheibengasse 15. 

F. 

Dr. phil. Karl Fahrion, Stuttgart, Hohenheimerstr. 36 II. 
Professor Dr. Richard Falckenberg, o. ö. Professor a. d. Uni- 
versität Erlangen, Goethestr. 20. 



Kantgesellschaft. 173 

Dr. Hugo Falken»ieim, München, Lucile Grahnstr. 38. 

Dr. Gustav Falter, Marburg a. d. Lahn, Wehrdaerweg 42 b. 

Dr. Anton Feigs, Wolfratshausen im Isartale, Bayern, Berg- Villa. 

Kommerzienrat Louis Feist, Frankfurt a. Main, Zeil 114. 

Mr. Horace Finaly, Paris, Avenue Hoche 31. 

Geheimer Justizrat Professor Dr. Finger, a. d. Universität Halle a. S., 
Reichardtstr. 2. 

Pfarrer Alfred Fischer, Berlin SW. 68, Friedrichstr. 213. 

Dr. Ernst Fischer, Oberlehrer in Wollstein (Posen). 

Rechtsanwalt Julius Fischer, Karlsruhe (Baden), Kaiserstr. 160. 

Oberlehrer G. Fittbogen, Neukölln, Hertzbergstr. 15. 

Dr. phil. Paul Flaskämper, Ebenhausen b. München. 

Edmund Foerster, wissenschaftl. Hilfslehrer, Posen, Gr. Gerber- 
str. 40 HL 

Frau Dr. Elisabeth Förster-Nietzsche, Weimar, Nietzsche- 
Archiv, Luisenstr. 36. 

cand phil. Kurt Frankenberger, Jena, Herderstr. 20. 

Cand. phil. Fritz Frankfurther, Göttingen, Herzberger Chaussee 19 L 

Dr. Erich Franz, Oberlehrer, Kiel, Sophienblatt 64. 

Pfarrer Alexander Frederking, Charlottenburg, Trendelenburg- 
straße 14 a. 

Hofrat Professor Dr. Gottlob Frege, o. ö. Professor a. d. Univer- 
sität Jena, Forstweg 29. 

Privatdozent Dr. Max Frischeisen-Köhler, a. d. Universität Ber- 
lin, Berlin-Friedenau, Isoldestr. 10. 

Dr. phil. Paul Fritsch, Divisionspfarrer der 21. Division, Mainz, 
Forsterstr. 29. 

Dr. phil. Theodor Fritzsch, Leipzig, Riebeckstr. 10. 

Dr. phil. Robert Fritzsche, Universitätsbibliothekar, Gießen, Lud- 
wigstr. 1. 

Oberstabsarzt Dr. Jos. Ans. Froehlich, Dresden-N. 8, Lorschwitz, 
Heideparkstr. 6. 

Pfarrer Lic. Emil Fuchs, Rüsselsheim a. M. 

Dr. phil. Hans aus der Fuente, Marburg a. d. Lahn, Universitäts- 
straße 21. 

G. 

Dr. August Gallinger, München, Leopoldstr. 77 G. H. 1. 

Dr. phil. Stanislaus Garfein-Garski, Lemberg, Sykstaska 17. 

Sanitätsrat Dr. R. Gaul, Stolp i. P. 

Dr. Dimitry Gawronsky, Marburg, Bez. Cassel, Weißenburgstr. 16. 

Privatdozent Dr. Moritz Geiger, München, Ainmillerstr. 13 L 

Dr. V. Geisler, Prediger, Schöneberg bei Berlin, Colonnenstr. 12. 

Dr. Kurt Geissler, Privatdozent a. d. Universität Lausanne, Lonay, 

Kanton Vaud (Schweiz), Chäteau Roman. 
Dr. med et phil. Gent, Osnabrück, Eisenbahnstr. 8. 
A. Gerhardt, Pfarrer in Altsorge bei Driesen. 



174 Kantgesellschaft. 

Fabrikbesitzer Albert Gerlach, Nordhausen a» Harz, Wallrothstr. 2. 

Dr. Alfred Giesecke, Verlagsbuchhändler, i. Fa. B. G. Teubner, 
Leipzig, Poststr. 3. 

Dr. G i e s s l e r , Erfurt, am Augustapark 2. 

Dr. med. Elisabeth Gilbert, verw. Frau Geh. Regierungsrat Pro- 
fessor Dr. Otto Gilbert, Osnabrück, Natruperstr. 1. 

Alexander Freiherr von Gleichen-Russwurm, K. b. Kaemme- 
rer, München, Prinzregentenstr. 4. 

Landgerichtsdirektor Dr. H. G o e b e l , Charlottenburg, Tegeler Weg 97. 

Oberlehrer Dr. Albert Görland, Hamburg 5, Kreuzweg 12. 

Gymnasialdirektor Professor Dr. Ernst Goldbeck, Direktor des 
Sophiengymnasiums, Berlin C. 22, Weinmeisterstr. 15. 

Rechtsanwalt Wilhelm Goldberg, Charlottenburg 4, Waitzstr. 32. 

Rudolf Goldscheid, Wien III, 3, Jacquinstr. 45. 

Professor Dr. Julius Goldstein, Privatdozent a. d. Technischen 
Hochschule, Darmstadt, Roßdörferstr. 81. 

Privatdozent Dr. Heinrich Gomperz, a. d. Universität Wien XII, 
Grünbergstr. 25. 

Gymnasiallehrer Gabriel Ossipovitsch Gordon, Moskau, Ruß- 
land, Bolschaia Sserpuchowskaia Haus Braschnin. 

Oberlehrer Dr. Gerhardt Gotthardt, Berlin-Lankwitz, Viktoria- 
straße 27, ab 1. April, Groß-Lichterfelde-West, Hortensienstr. 10. 

Rechtsanwalt Dr. Richard Grasshoff, Berlin W. 57, Bülowstr. 21. 

Superintendet a. D., D. theol. Georg Graue, Nordhausen a. H., Pro- 
menade 6. 

Wilhelm Grauer, Repetent am evangel. -theol. Seminar in Tübingen. 

Dr. Eberhard Grisebach, Jena, Kaiser Wilhelmstr. 34. 

Dr. Georg Groddeck, Baden-Baden, Yburgstr. 15. 

Dr. phil. Felix Gross, Wien IV, Hauptstr. 39. 

Frau Clara Gurian, Berlin-Schöneberg, Wartburgstr. 23. 

Privatdozent Dr. Julius Guttmann, Breslau, Anger 8. 

Professor Dr. med. H. Gutzmann, Universitäts-Professor in Berlin W., 
Schöneberger Ufer 11. 

H. 

Marie H a d l i c h , Kandidatin des höheren Lehramtes, Halle a. S., 
Mühlweg 37 II. 

Privatdozent Dr. P. H a e b e r l i n , a. d. Universität Basel, Binningen 
bei Basel. 

Dr. Theodor Haering, Privatdozent a. d. Universität Tübingen. 

Dr . med. O 1 1 o H a l ä s z , Wien XIX, Döblinger Hauptstr. 24 

Privatdozent Dr. phil. et jur. Emil Hammacher, Bonn, Koenigstr. 34. 

Geheimer Hofrat Professor Dr. Adolf Hansen, Dir. d. bot. Garten 
Gießen, Löberstr. 21. 

Fräulein Dr. phil. Frida Hansmann, Worms, Sebastian Münsterstr. 31. 

Frau Eduard von Hartmann, Berlin S., Hasenheide 75 IL 

Privatdozent Dr. Nicolai Hartmann, Marburg a. Lahn, Ockers- 
häuser Allee 13. 



Kantgesellschaft. 175 

Oberlehrer Dr. P. Hauck, Essen a. Rh., Kaiserstr. 35. 

Dr. phil. Hans Hauri, Davos-PIatz, Schweiz, Friedericianum. 

Dr. med. A. Hecht, Arzt, Beuthen O.-S., Krakauerstr. 6. 

Fabrikdirektor Eugen Hecker, Braunschweig, Wolfenbüttelerstr. 11. 

Oberlehrer Dr. Hermann Hegen wald, Königsberg i. Fr., Straus- 
strasse 15. 

Dr. Heinz Heimsoeth, München, Leopoldstr. 59 I. 

Dr. L. Heinrichs, Vikar, Gütersloh i. W. 

Privatdozent Lic. Dr. Gerh. Heinzelmann, Göttingen, Am Feuer- 
schanzengraben 11 II. 

Dr. Bernhard Hell, Wickersdorf bei Saalfeld a. S. 

Fräulein Marguerite Hellin, cand. phil., Wisch (Vogesen), Elsaß. 

Professor Dr. Paul Hensel, a. d. Universität Erlangen, Rathsberger- 
strasse 24. 

Hauptmann Hans Herrmann, Batteriechef im Feldartillerie-Regi- 
ment 29, Ludwigsburg, Schorndorferstr. 25. 

Dr. med. H. Herz, prakt. Arzt, Breslau, Kaiser Wilhelmstr. 122. 

Dr. phil. J. U. Herz, Forstingenieur, Wien VIII, Krotenthalergasse 10. 

Herbert Hess, Berlin W. 15, Pariserstr. 5. 

Dr. Sergius Hessen, St. Petersburg, Tawritscheskaja 35. 

Professor Dr. phil. G. Dawes Hicks, Professor of Philosophy in 
University College Cambridge, 9 Cranmer Road. 

Dr. phil. J. W. A. H i c k s o n , Montreal (Canada), Mountain street 272. 

Friedrich von Hindersin, Kaiserl. Landgerichtsrat a. D., Hanno- 
ver, Ifflandstr. 31 I. 

Dr. phil. Eugen Hirschberg, Berlin-Grunewald, Königsallee 45/47. 

Direktor Siegfried Hirschberg, München, Herzogspitalstr. 14. 

Professor Dr. Alois H ö f l e r , o. ö. Professor a. d. Universität Wien 
XIII, 2, Penzing, Onno Kloppgasse 6. 

Professor Dr. phil. et med. Richard Hönigswald, Universität Bres- 
lau, Breslau V, Tauentzienstr. 7. 

Dr. Harald von Hörschelmann, Berlin W. 30, Münchenerstr. 7. 

Seminardirigent Lic. Dr. von Hofe, Einbeck (Hannover). 

Lehrer Arthur Hoffmann, Ellrich a. Harz, Bahnhofstr. 13. 

Oberlehrer Dr. phil. Ernst Hoffmann, Friedenau, Schmargendorfer- 
straße 18. 

Dr. Karl Hoffmann, Charlottenburg, Schlüterstr. 64. 

Professor Dr. K. B. H o f m a n n , Hofrat, a. d. Universität Graz, Schiller- 
strasse 1. 

Dr. Paul H o f m a n n , Assistent am Philosophischen Seminar der Uni- 
versität Berlin, Nikolassee (Wannseebahn), Paul Krausestr. 7 a. 

Rechtsanwalt Dr. G. Hollander, Berlin, Monbijouplatz 4. 

Professor Dr. Edmund H. Hollands, Universität Indianapolis, But- 
ler College U. S. A. 

Privatdozent Dr. jur. et phil. Felix Holldack, Leipzig, Waldstr. 59. 

Dr. Jakob Hollitscher, Wien III, Dampfschiffstr. 4. 

Privatdozent Dr. Max Horten, Bonn, Venusbergweg 12. 



176 Kantgesellschaf fc. 

Dr. phil. G. H u b e r , Grassau (Oberbayern). 

Pfarrer Walther Huber, Gachnang-Islikon, Kanton Thurgau, Schweiz. 

Friedrich Freiherr v. Hügel, London-Kensington W., Vicarage 

Gate 13. 
Professor Dr. Edmund Husserl, o. ö. Professor a. d. Universität 

Göttingen, Hoher Weg 7. 



I. 

Dr. Bernhard Ihringer, Karlsruhe i. B., Kriegsstr. 137. 

Geheimer Reg.-Rat Professor Dr. J. Imelmann, Berlin W. 15, Kur- 
fürstendamm 64. 

Privatdozent Dr. Wladimir Iwanovsky, Kasan, Universität, Russ- 
land, z. Zt. München, Giselastr. 15, Pension Gisela. 



j. 

Oberlehrer Dr. Jacobs, Essen a. R., Stadtwald, Eichenstr. 72. 

Frau Dora Jacobus-Simonsohn, Berlin - Wilmersdorf, Nikols- 
burgerplatz 2. 

Privatdozent Dr. Günther Jacoby, Research-Fellow in philosophy 
at Harvard-University, Cambridge (Mass), U. S. A. Sendungen an 
Geh.-Rat Prof. Dr. Hermann Jacoby, Königsberg i. Pr., Tragheimer 
Pulverstr. 51 II. 

Geheimer Schulrat Hermann Jaeger, Offenbach a. M. 

Professor Dr. Erich J a e n s c h , z. Zt. Halle a. S., Krausenstr. 25. 

Dr. Ludwig Jaffe, Berlin-Charlottenburg, Hardenbergstr. 1. 

Professor Dr. phil. Max Jahn, Direktor der Stadt. Frauenberufsschule, 
Leipzig, Rathausring 7. 

Frau Sophie Jay, Frankfurt a. M., Niddastr. 32. 

Professor Dr. W. Jerusalem, Regierungsrat, Wien XIII, 6, Fichtner- 
gasse 2. 

Dr. phil. Marie Joachimi-Dege, Frankfurt a. O., Bahnhofstr. 16. 

Professor Dr. Karl Joel, Universität Basel. 

Privatdozent Dr. phil. et jur. Rudolf Jorges, Privatdozent a. d. Uni- 
versität Halle, Halle a. S., Seebenerstr. 61. 

Dr. phil. Bruno Jordan, Hannover, Glockseestr. 2 II r. 

Oberlehrer Dr. Franz Jünemann, Kgl. Gymnasial-Oberlehrer in 
Neisse (Schlesien), Zollstr. 10. 



Privatdozent Dr. Willy K a b i t z , Breslau, Kaiserstr. 88. 
Landgerichtsrat Dr. Kammrath, Braunschweig, Kleine Campestr. 9. 
Justizrat Siegfried Katz, Rechtsanwalt und Notar, Charlottenburg, 
Leibnizstr. 60. 



Kantgesellschaft . 177 

Kirchenrat D. Dr. K a t z e r , Pastor primarius a. D., Oberlössnitz- 
Dresden, Kaiser Wilhelmstr. 19. 

Stud. phil. Fritz Kaufmann, Leipzig, König Johannstr. 26 pt. 

Dr. phil. Hans Keller, Chemnitz— Altendorf, Wörthstr. 361. 

Professor Dr. med. et Dr. phil. h. c. Berthold Kern, Obergeneralarzt, 
Inspekteur der 2. Sanitälsinspektion, Berlin- Wilmersdorf I, Xan- 
tenerstr. 4. 

Direktor Max Kern, in Fa. Gebr. Hüffer, Lodz (Russland), ,Wölc- 
zanska 243. 

Wilhelm Kersten, Düsseldorf, Bismarckstr. 54 L 

Dr. Gustav Kertz, Sekretär des Christi. Vereins junger Männer, 
Nürnberg, Am Steinthor. 

Oberlehrer Dr. phil. Kurt Kesseler, Cottbus, Berlinerstr. 98. 

Hermann Graf von Keyserling, Rayküll bei Rappel (Estland). 

Dr. med. Paul Kieback, Praktischer Arzt, Drossen. 

Pastor Robert Kiefer, Mittelwalde, Reg.-Bez. Potsdam. 

Professor Dr. Walter Kinkel, Professor a. d. Universität Gießen, 
Gießen, Plockstr. 11. 

Dr. Gerhardt Kip, Neuenhaus in Hannover. 

f Oberbürgermeister Dr. Martin Kirschner, Berlin N. W., Alt 
Moabit 90. 

Dr. phil. Tim Klein, Berlin-Halensee, Joachim-Friedrichstr. 13 HI. 

Franz Kluxen, cand. phil., Münster i. Westf., Langenstr. 1. 

Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Adolf Kneser, o. ö. Professor 
a. d. Universität Breslau, Breslau 16, Hohenlohestr. 11. 

Dr. phil. Carl Knüfer, Assistent des philosoph. Seminars der Univer- 
sität Berlin, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin, Roonstr. 31. 

Professor Dr. E. König, Sondershausen. 

Pastor Karl König, Bremen-Horn. 

Lic. theol. P. Wilhelm K o e p p , Strenz-Naundorf bei Belleben, Pfarr- 
haus, Provinz Sachsen. 

Dr. Adolf Köster, Privatdozent a. d. Technischen Hochschule Mün- 
chen, München-Gauting, Pippinstr. 30. 

Pfarrer Dr. Heinrich Kofink, Crispenhofen, Post Weißbach, Würt- 
temberg. 

Otto Kohlmann, Greiz, Zeulenrodaerstr. 23. 

Kgl. Kreisschulinspektor Kohlmeyer, Jarotschin i. Posen. 

Professor Dr. Ph. Kohnstamm, a. d. Universität Amsterdam, N. 
Keizersgracht 48. 

Professor Lic. theol. Dr. K o p p e l m a n n , Privatdozent a. d. Universität 
Münster i. Westf., Breul 12. 

Professor Dr. Arnold K o w a l e vv s k i , Universität Königsberg i. Pr., 
Rhesastr. 9 II. 

Dr. Victor Kraft, Beamter der K. K. Universiläts-Bibliothek, Wien 
VII, Burggasse 93. 

Dr. med. Joseph Kremer, Graz-Liebenau. 

Ilauptlehrer Ernst Krieck, Mannheim, Rennershofsir. 25. 

Kantstudien XVIII. 12 



178 Kantgesellschaft. 

Privatdozent Dr. Richard Kroner, a. d. Universität Freiburg i. Br., 
Schwimmbadstr. 19. 

Professor Dr. Felix Krueger, a. d. Universität Halle a. S., Hen- 
riettenstr. 21 A. 

Dr. Bronsilaw Krystal, Warschau, Widok 18. 

Oberlehrer Dr. Felix Kuberka, a. d. Kgl. Oberrealschule in Suhl in 
Thüringen, Cecilienstr. 9. 

Professor Dr. Eugen Kühnemann, Universität Breslau, Breslau- 
Krietern, Altes Schloss. 

Dr. phil. Alfred Kühtmann, Bremen, Contrescarpe 202. 

Professor Dr. Oswald Külpe, a. d. Universität Bonn, Beringstr. 5. 

Georg Küspert, Inspektor am Königl. Prot. Alumneum in Ansbach 
(Bayern). 

Privatdozent Dr. Friedrich Kuntze, a. d. Universität Berlin, Tile 
Wardenbergstr. 29. 

Alexander Kunzmann, St. Petersburg, Uliza Zukowskago, Möblier- 
tes Haus Mon Repos Nr. 7. Nordwestliche Eisenbahnen, Station 
Elisatvetino, Ortschaft Nikolajewka, Eugenien Prospekt, eigenes 
Landhaus. 

L. 

Rechtsanwalt Erich Lambeck, Berlin W. 30, Eisenacherstr. 21. 
Dr. J. Lange-Lonkorrek, Lonkorsz, Westpreussen. 
Dr. phil. Heinrich Lanz, Marburg a. d. Lahn, Savignystr. 21. 
Missionar B. Lanzemis, Jharsuguda, Railway Station, East Indiä 

(Britisch Idien). 
Dr. phil. Adolf Läpp, Schriftsteller, Frankfurt a. M., Waidmannstr. 13. 
Privatdozent Dr. phil. Iwan Lapschin, a. d. Universität St. Peters- 
burg, Kirotchnaja 7. 
Professor Dr. Emil L a s k , a. d. Universität Heidelberg, Heidelberg, 

Rosenbergweg 3. 
Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Adolf Lasson, Friedenau-Berlin, Hand- 

jerystr. 49. 
Pastor Georg Lasson, an St. Bartholomäus, Berlin N. O. 43, Am 

Friedrichshain 7 II. 
Johannes A. Leber, Beruh W. 62, Maaßenstr. 34. 
Professor Dr. A. Ledere, Privatdozent a. d. Universität Bern, Fri- 

bourg e/S., Avenue de Perolles 71. 
Verlagsbuchhändler Paul Lehmann, i. Fa. Otto Hendel Verlag, 

Halle a. S., Grosse Brauhausstr. 17. 
Professor Dr. Rudolf Lehmann, a. d. Akademie Posen W. 3, 

Derfflingerstr. 7 I. 
Privatdozent Dr. phil. Lic. theol. Otto L e m p p , Universität Kiel, 

Waldemarstr. 1 I. 
Professor Dr. Hermann Leser, a. d. Universität Erlangen, Burg- 

bergstr. 41 I. 
A. Levy, Hamburg, Fruchtallee 69. 
Dr. Heinrich Levy, Suhl i. Th. (z. Zt. Friedenau, Wilhelmstr. 12). 



KantgeseUschaft. 179 

Dr. J. A. L e V y , Advokat, Amsterdam. 

Professor Dr. Levy-Brühl, Paris, Rue Lincoln 7. 

Dr. phil. Albert Lewkowitz, Breslau XIII, Kronprinzenstr. 21. 

Dr. Arthur Liebert, Berlin W. 15, Fasanenstr. 48, stellvertretender 
Geschäftsführer der Kantgesellschaft. 

Franz v. L i e l , Kgl Regierungsassessor, München, Franz Joseph- 
strasse 25 III. 

Professor Dr. E. L i l j e q v i s t , Professor der praktischen Philosophie 
a. d. Universität Lund, Schweden. 

Justizrat Dr. Karl Linckelmann, Rechtsanwalt und Notar, Hanno- 
ver, Seelhorststr. 39. 

Dr. Hans Lindau, Berlin-Charlottenburg, Kantstr. 123. 

Professor Dr. Walter von Lingelsheim, Direktor des Kgl. Hygie- 
nischen Institutes, Beuthen O.-S. 

Privatdozent Dr. Paul Linke, Jena, an der Westschule 3. 

Karl Linnebach, Militär-Intendanturassessor und Vorstand der 
Intendantur der 29. Division, Freiburg i. B., Zähringerstr. 9. 

Professor Dr. Edmund v. Lippmann, Dr. Ing. E. H. der Kgl. 
Techn. Hochschule in Dresden, Halle a. S., Raffineriestr. 

Ingenieur Curt Lipson, Reval, Rußland, Bahnhofpromenade 4. 

Professor Dr. N. L o s s k i j , Privatdozent a. d. Universität St. Peters- 
burg, Kabinetskaja 20. 

Dr. phil. Samuel Lourie, Heidelberg, Groethestr. 3. 

Professor Dr. A. O. L o v e j o y , John Hopkins Universität, Baltimore. 
(Maryland) U. S. A. 

Oberlehrer Dr. Victor Lowinsky, Wilmersdorf, Kaiserallee 32. 

Frau Dr. Fanny Lowtzky, Goppel (Schweiz), Villa „Les Saules". 

Dr. pol. et phil. Georg von Lukäcs, Budapest VI, Stadtwäldchen 
Allee 20 a, (z. Zt. Heidelberg, Uferstr. 8 a.). 



M. 

Karl Maisch, Buchdruckereibesitzer, Karlsruhe (Baden), Adlerstr. 21. 
Oberlehrer Professor Dr. R. M a n n o , Dortmund, Johannesstr. 29. 
Dr. phil. Siegfried Marck, Freiburg i. Br., Colombistr. 29. 
Amtsgerichtsrat Ernst Marcus, Essen a. R., Schubertstr. 11. 
Dr. Piero Martinetti, Castellamonte, Provinz Turin, Italien. 
Professor Dr. Anton M a r t y , a. d. Deutschen Universität in Prag II, 

Mariengasse 35. 
M. Philipps Mason, Boston, Mass., U. S. A. 371 Commonwealth 

Avenue. 
Professor M a s u c h , am Kgl. Gymnasium Hohensalza (Posen) Bahn- 

hofstr. 43 I. 
Cand. ling. Orient. Emil Mauring, St. Petersburg, Karpowka 25. 
Fritz Mauthner, Schriftsteller, Meersburg (Bodensee), Glaserhäusle. 
Edwin D. Mead, The World Peace Foundation, Boston, Mass., 

U. S. A., 29 a Beacon Street. 

12* 



180 Kantgesellschaft. 

Dr. Walter M e c h 1 e r , Hannover, Brüderstr. 3 II. 

Verlagsbuchhändler Dr. Felix Meiner, Leipzig, Kurzestr. 8. 

Professor Dr. A. v. M e i n o n g , a. d. Universität Graz. 

Mathias F. Meixner, Wien IV, Radekgasse 2. 

Dr. phil. Stanley Alfred Mellor, Minister of Church of Our Father, 

Warrington, England, 31 Wilson Patten St. 
Dr. Valamir von Meltzl, Privatdozent a. d. Universität Kolozsvär 

in Ungarn, Urania p. 
Oberlehrer W. Mendelssohn, Straußberg i. d. Mark, Wilhelmstr. 13. 
Lehrerin Kaethe Menges, Berlin NW. 5, Perlebergerstr. 47. 
Privatdozent Dr. Alfred Menzel, a. d. Universität Kiel, Beseler- 

allee 68. 
Professor Dr. Paul Menzer, a. d. Universität Halle, Richard Wagner- 
strasse 27 A. 
Privatdozent Dr. phil. Wilhelm Metzger, a. d. Universität Leipzig, 

Alexanderstr. 45 IL 
Frau Bertha Meyer, Dresden-A., Lennestr. 2. 

Frau Landgerichtsrat Anna Meyer-Liepmann, Berlin, Viktoria- 
strasse 31. 
Dr. J. G. Meyer, Finkenau bei Coburg. 
Friedrich Meyerholz, Präparandenanstaltsvorsteher, Diepholz 

(Hannover). 
Dr. Emile Meyerson, Paris, 78 Boulevard Malesherbes. 
Geh. Reg.-Rat Stadtschulrat Prof. Dr. Carl Michaelis, Berlin W. 35, 

Derfflingerstr. 17. 
Dimitri Michaltschew, ord. Docent der syst. Philosophie a. d. 

Universität in Sofia (Bulgarien), Ulitza „Tsar Krum" 34. 
Dr. phil. Hermann Michel, Chefredakteur von Brockhaus-Lexikon, 

Leipzig, Haydnstr. 8. 
E.Morris Miller, c./o. Public Library, Melbourne; Lieferstelle: 

Buchhandlung Karl W. Hiersemann, Leipzig, Königstr. 29. 
Alexis Minor, Moskau, Lubjanski Pr. 3. 

Professor R o d. M o n d o l f o, a. d. Universität Turin, Corso Vinzaglio 36. 
Frau Emma Mitter dorfer, Amstetten, Nieder-Österreich. 
Professor R o d. M o n d o l f o , a. d'. Universität Turin, Corsö Vinzaglio 36. 
Dr. M. Garcia-Morente, Professor a. d. Universität Madrid, Madrid, 

Spanien, Serrano 36— 4». 
Dr. med. et phil. Georg Moskiewicz, Breslau, Charlottenstr, 12. 
H. M o y s s e t , Redakteur an der Revue des Deux-Mondes, Paris, 6 rue 

de Commaille. 
Dr. Leo Müffelmann, Generalsekretär des Hansabundes, Rostock, 

Augustenstr. 96. 
Privatgelehrter Carl Müll er-B raunschweig, Schmargendorf bei 

Berlin, Öynhauserstr. 4. 
Professor Conrad Müller, Charlottenburg, Oranienstr. 2. 
Dr. med. Robert Müllerheim, Berlin W., Burggrafenstr. 6. 
Referendar Fritz Münch, cand. phil., Jena, St. Jakobstr. 18 I. 



Kantgesellschaft. 181 

N. 

Realgymnasialdirektor Prof. Dr. N a t h , Pankow bei Berlin, Borkum- 
strasse 17. 

Professor Dr. Paul Natorp,o. ö. Professor a. d. Universität Marburg, 
Marburg a. d. Lahn, Wirthstr. 36. 

Rechtsanwalt Dr. Oscar Netter, Berlin W. 30, Bayerischer Platz 4. 

Professor Dr. David Neumark, am Hebrew College Cincinnati (Ohio), 
U. S. A., 2854 Winslow Ave. 

Oberpostsekretär Karl Neuwirth, Heilbronn a. Neckar, Villmath- 
straße 45. 

Dr. med. Robert Nitzsche, (A. Zosimus) Dubuque (Jowa) U. S. A., 
41 Diagonal. 

Professor L. N o e 1 , a. d. Universität Löwen (Belgien), Rue de Tirle- 
mont 126. 

Privatdozent Dr. Hermann N o h 1 , a. d. Universität Jena, Stoystr. 3. 

Oberlehrer Fr. Noblen, Langenberg (Rheinland), Donnerstr. 13. 



o. 

Privatdozent Dr. Konstantin Oesterreich, Tübingen, Hechinger- 

straße 26. 
Privatdozent Dr. Fr. O h m a n n , Bonn, Königstr. 65. 
Professor Dr. Jose Ortega y Gasset, Universität Madrid, Call6 de 

Zurbano 22. 
Pfarrer Dr. Heinrich Ostertag, Gleissenberg bei Burghaslach, 

Bayern, Mittelfranken. 
Dr. phil. John M. O'Sullivan, Dublin (Irland), 48 Morehampton 

Road. 



Dr. phil Ernst Pariser, Jena, Beethovenstr. 9. 

Oberlehrer Dr. Johannes Paulsen, Altona, Düppelstr. 5. 

Stadtpfarrer R. Paulus, Besigheim in Württemberg. 

Professor Dr. phil. Stefan Pawlicki, a. d. Universität Krakau, 

Lobzoweska 10. 
Bankdirektor Wilhelm Freiherr v. Pechmann, München, Bayrische 

Handelsbank, Maffeistr. 
Dr. Karl Petraschek, München, Magdalenenslr. 24. 
Frau Annie Pevsner, Leipzig, Schwägrichenstr. 11. 
Dr. phil. Adolf Phal6n, Privatdozent a. d. Universität Upsala, Upsala, 

Schweden, Salag 29 B. 
Dr. Hans Pichler, Graz-Kroisbach, Haraerlingstr. 7. 
Kaufmann Alfred Pippel, Lodz, Nawrot No. 2. 
Professor Dr. H. P I a n e r , Arnstadt i. Thür., Gartenstr. 7. 
Dr. Walter Poetschel, Breslau, Paulstr. 12. 
Dr. iur. Walter Pollack, Charlotlenburg, Berlinersir. 48. 
Lic. Dr. Arno Pommrich, Dresden-A., Münchenerstr. 24. 



182 Kantgesellschaft. 

Dr. med. Max von der Porten, prakt. Arzt, Hamburg, Tesdorpfstr. 5. 
Dr. phil. Hans Prag er, Wien XIX, 1, Leidesdorfgasse 15. 
cand. phil. Agnes Preyer, Göttingen, Friedlaenderweg 7 I. 
Oberlehrer Professor Bernhard Puppe, Kgl. Gymnasium, Schneide- 
mühl. 



R. 

Direktor Dr. Alfred Rausch, Rektor der Latina, Halle a. S., König- 
strasse 94. 

Professor Dr. Adolfo Ravä, Universität Messina (Italien). 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Johannes Rehmke, Universität Greifswald, 
Am Graben 3. 

Stadtrat Hermann Reichardt, Magdeburg, Beethovenstr. 2. 

Oberbibliothekar Dr. Johannes Reicke, Göttingen, Schildweg 22. 

Stadt- und Kreisschulinspektor Dr. Arnold Reimann, Berlin W. 57, 
Winterfeldstr. 25. 

Privatdozent Dr. Adolf R e i n a c h , a. d. Universität Göttingen, Steins- 
graben 28. 

Oberlehrer Dr. phil. W. Reinecke, Zoppot, Frantziusstr. 21. 

Professor Dr. Reininger, Universität Wien IX, 2, Giessergasse 6. 

Pastor Reinstein, Cröllwitz bei Dürrenberg (Prov. Sachsen). 

Freiherr Albin von Reitzenstein, Major z. D., Berlin W. 50, 
Augsburgerstr. 38. 

Rechtsanwalt Dr. Paul Remak, Berlin, Ritterstr. 64. 

A. Reuber, Philos., Steglitz, Ahornstr. 19. 

Dr. Gustav Reyscher, Intendanturrat a. D., Würzburg, Alleestr. 20 1. 

Kgl. Ober-Realschuldirektor H. Richert, Posen, Königsplatz 6a. 

Augenarzt Dr. med. Richter, Zeitz. 

Dr. Gustav Richter, Mähr. Ostrau, Villa Richter. 

Geheimer Hofrat Professor Dr. Heinrich R i c k e r t , a. d. Universität 
Freiburg i. Br., Thurnseestr. 66. 

Dr. Kurt Riezler, Kaiserl. Legationsrat, Schoeneberg b. Berlin, He- 
waldstr. 10. 

Dr. phil. Lenore Ripke-Kühn, Haiensee b. Berlin, Joachim Fried- 
richstr. 21. 

Dr. Swetomir Ristitsch, Belgrad (Serbien) Pope Lukasstr. 25. 

Dr. Albert Ritter, Mainz, Stadthausstr. 11. 

Professor Dr. Christian Ritter, Oberlehrer a. D., Weimar, Am 
Hörn 55. 

t Professor Dr. P. H. R i 1 1 e r , ord. Professor der Philosophie in Utrecht. 

Professor Dr. jur. Francisco Rivera Pastor, Universität Madrid, 
Principe de Vergara, 23. 

Professor Dr. Roll, Oberlehrer, Altona-Ottensen, Eulenstr. 2. 

Dr. Karl von Roretz, Assistent der k. k. Hofbibliothek, Wien III/2, 
Marxergasse 17. 

Marine-Oberkriegsgerichtsrat Rosenberger, im Reichs-Marine-Amt, 
Groß-Lichterfelde, Unter den Eichen 114. 



Kantgesellschaft. 183 

Gymnasialprofessor A. R o s i k a t , Königsberg i. Pr., Wilhelmstr. 7 a. 

Rechtsanwalt Stanislaus Rothballer, Memmingen, Bayern, Furth- 
gasse 6 II. 

Privatdozent Dr. M. Rubinstein, Moskau, Powarskaja, Trubni- 
kowsky 26, Wohnung 33. 

Erich Ruckhaber, Berlin SW. 61, Großbeerenstr. 17 A. 

Professor Dr, H. Rudolph, Pfaffendorf a. Rh. (Kreis Koblenz), Emser- 
strasse 117. 

Privatdozent Dr. Arnold Rüge, Heidelberg, Burgweg 9. 

Landrichter Dr. Max Rumpf, Dozent a. d. Handelshochschule Mann- 
heim, Mannheim-Feudenheim, Schützenstr. 20. 

Dr. Maximilian Runze, Prediger und Dozent a. d. Humboldt- 
Akademie, Mitglied des Hauses der Abgeordneten, Berlin NW. 52, 
Calvinstr. 14. 

Pastor Dr. theol. J. A. R u s t , Utrecht, Holland, Lange Nieuwstraat 3. 



s. 

Dr. med. Fritz Sachs, Berlin W. 15, Wielandstr. 24. 

Rechtsanwalt Dr. jur. Leonhard Salamonski, Berlin W. 30, Haber- 
landstr. 4. 

Gutsbesitzer Albert Salomon, Pfaffendorf a. Rh. bei Coblenz. 

Dr. phil. et jur. Max Salomon, Frankfurt a. M., GuioUettstr. 8. 

Oberlehrer Dr. W a 1 1 h e r S a n ge , Charlottenburg, Weimarerstr. 34 I. 

Pfarrer O. Saurbier, Hohenebra bei Sondershausen. 

Professor L6on Sautreaux, Agreg6 de Philosophie, Lyc6e de Gre- 
noble, Grenoble, 17 Cours St. Andr6. 

Adolf Schafheitlin, Anacapri, Isola di Capri, Italien. 

Stud. phil. Walther Schauinsland, Bremerhaven, Bremerstr. 26. 

Frau Anna Schellenberg, Mannheim, O. 3. 5. 

Dr. phil. Ernst Schertet, Privatgelehrter, Hof a. d. Saale, Altstadt 2. 

Bruno Scheunemann, Inhaber der Hof-Buch- und Steindruckerei 
von C. A. Kaemmerer & Co., Halle a. S., Lindenstr. 66. 

Dr. W. Schink, Jena, St. Jakobstr. 8. 

Max Schlesinger, Berlin W. 35, Karlsbad 4a. 

Dr. med. Ernst Schloß, 1. Assistent am Waisenhaus der Stadt Ber- 
lin, Berlin SW., Großbeerenstr. 96, ab 1. April, Berlin NW., Elber- 
felderstr. 32. 

Direktor Dr. Ferdinand Jakob Schmidt, Direktor der Marga- 
retenschule, Berlin O. 27, Ifflandstr. 11. 

t Geh. Konsistorial-Rat Professor D. Dr. phil. Wilhelm Schmidt, 
ord. Professor a. d. Universität Breslau, Monhauptstr. 1 c. 

Dr. Wilhelm Schmidt, Seminarlehrer, Löbau, Sachsen. 

Oberlehrer Dr. Karl Schmitt, Königsberg i. Fr., Landhofmeister- 
strasse 2. 

Direktor Dr. Schmitz, des Realgymnasiums in Langenberg (Rheinland). 

Professor Dr. Otto Schneider, Bremen, Fitgerstr. 23. 



1 84 Kantgesellschaft. 

Hauptmann a. D. Dr. jur. Georg Schnell, Berlin NW. 52, Rathe- 
nowerstr. 2. 

Frau Julie Schnitzler, Cöln, Hardefuststr. 7. 

Rechtsanwalt Otto Schnitzler, Cöln, Sachsenring 12. 

Theodor von Schön, Charlottenburg, Giesebrechtstr. 21. 

Professor Dr. Otto Schöndörffer, am Kgl. Friedrichs-Kollegium, 
Königsberg i. Pr., Wilhelmstr. 3. 

Professor Dr. Ernst Schrader, Privatdozent an der Technischen 
Hochschule, Darmstadt, Heinrichstr. 136 IH. 

Kaufmann Franz Schraube, Hauptmann a. D., Halberstadt, Voigtei 48. 

Professor Dr. Richard von Schubert-Soldern, Görz, Corso 
F. G. 89. 

Frau Oberregierungsrat Paul S c h u c h , Cöln, Kaesenstr. 26. 

Oberzollkontrolleur John Schult, Hamburg, Kippingstr. 8. 

Professor Dr. Julius Schultz, Berlin NO. 43, Friedenstr. 111. 

Geheimer Hof rat Professor Dr. Gerhard von Schulze Gaever- 
n i t z , Freiburg i. Br., Schwaighofstr. 9. 

Oberlehrer Dr. H. Schumann, Oppeln, Malapanerstr. 51 a. 

Professor Dr. P. Schwartzkopff, am Gymnasium zu Wernigerode 
a. Harz. 

Sanitätsrat Dr. Seiffart, Nordhausen a. Harz, Ritterstr. 3. 

Dr. Charles Sentroul (Agreg6 ä l'Ecole St. Thomas, Louvain), z. Z. 
Professor an der „Faculte libre de Philosophie" in Sao Paolo 
(Brasilien) Mosteiro Sao Bento. 

Dr. Wilhelm Sesemann, St. Petersburg, Wassily Ostrow, 11 Linie 
Nr. 28, Qu 6. 

Geh. Hofrat Dr. phil. hon. c. Ernst von Sieglin, Fabrikbesitzer, 
Stuttgart, Felgersburg. 

Geh. Kommerzienrat Dr. Ed. Simon, Berlin W. 10, Victoriastr. 7. 

Professor Dr. William Benjamin Smith, The Tulane University 
of Louisiana, New-Orleans (Louisiana) Gibson Hall, Tulane Cam- 
pus, U. S. A. 

Dr. phil. Kiichiro Soda aus Japan, Paris, 10 Avenue de Montespan. 

Dr. A. J. de Sopper, Amsterdam, Jan Luykenstraat 44. 

Gottfried Spemann, Verlagsbuchhändler, i. Fa. W. Spemann, 
Stuttgart, Hermannstr. 5. 

Professor Dr. H. S p i 1 1 a , a. d. Universität Tübingen. 

Professor Dr. Hugo Spitzer, o. ö. Universitätsprofessor Graz, Richard 
Wagner-Gasse 27. 

Dr. med. Josef Stadler, Badearzt Bad Bertrich (Mosel), z. Z. Ibben- 
büren i. Westfalen. 

Oberlandesgerichtsrat Walter Staffel, Dresden-Blasewitz, Kaiser- 
allee 2. 

Stud. phil. Margarete von Stammler, Bonn, Poppelsdorfer Allee 2. 

Geh. Justizrat Prof. Dr. jur. et Dr. phil. h. c. Rudolf Stammler, 
Halle a. S., Reichardtstr. 13. 



Kantgesellschaft. 185 

Oberlehrer Heinrich Starcke, Hannover, Ferdinand Wallbrecht- 
straße 15 HL 

Privatgymnasialdirektor Dr. phil. C. N. Starke, Kopenhagen, Lykkes- 
holmsaüee 31. 

Gymnasialprofessor a. D. Dr. S t a u d i n g e r , Darmstadt, Inselstr. 26. 

Dr. phil. Arthur Stein, Berlin W. 10, v. d. Heydtstr. 1 HI. 

Dr. jur. Kurt Steinitz, Rechtsanwalt beim Oberlandesgericht, Bres- 
lau XIII, Kaiser Wilhelmstr. 57. 

Professor Julius Stern, Baden-Baden, Scheibenstr. 15. 

Dr. Kurt Sternberg, Berlin W. 15, Bayrlschestr. 35. 

Universitätsprofessor Dr. J. S t i 1 1 i n g , Straßburg i. E., Murnerstr. 1. 

Frau Reichsanwalt K. S t i t z e r , Leipzig, Andreasstr. 2. 

Johannes Stouda, Frankfurt a. M., Wiesenstr. 107. 

Dr. phil. Ivan Ssergeiewitsch Stschukin, Moskau, Znamenka, 
8 Grand Znamenski Pereoulok, Eigenes Haus. 

Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Carl Stumpf, o. ö. Professor a. d. Uni- 
versität Berlin, Berlin W., Augsburgerstr. 45. 

Justizrat Dr. jur. August Sturm, Rechtsanwalt und Notar, Naumburg 
a. d. Saale, Markt 19. 

Dr. phil. Walter Sulzbach, Frankfurt a. Main, Westendstr. 47. 

Pastor em. Dr. Emil Sülze, Dresden-Altstadt, Reinickestr. 11. 

stud. phil. Hans Sveistrup, Berlin NW. 52, Spenerstr. 30, Garten- 
haus II. 

Kgl. Universitätsprofessor Dr. B. W. S w i t a l s k i , Braunsberg i. Ostpr., 
Langgasse 10. 



Professor Dr. Takahiko Tomoyeda, Professor a. d. Kaiserl. Uni- 
versität zu Kyoto, Japan; z. Zt. Leipzig, Simsonstr. 9 III. 

Dr. Wladyslaw Tatarkiewicz, Warschau, Wiejska 17. 

Professor Dr. Frank Thilly, Ithaka, New- York, U. S. A., Cornell Uni- 
versity, 9 Fast Ave. 

Privatdozent Dr. Anton Thomsen, Kopenhagen, Rosengaarden 14. 

Bezirksamtsassessor K. Th. Thurmann, Vohenstrauß, Oberpfalz, 
Bayern. 

Attache Kuno Tiemann, Berlin W. 15, Konstanzerstr. 4. 

Dr. phil. Charles H. Toll, Amherst (Mass.), U. S. A., Lincoln Ave- 
nue 13. 

Dr. phil. Heinrich Tongers, Kleinholum bei Esens (Ostfriesland). 

Oberlehrer F. Traebert, Hannover-Linden, Beethovenstr. 8. 

Dr. phil. Hermann Türck, Schwerin i. M., Rostockerstr. 30 III. 



U. 

Professor Dr. Wilhelm Uebele, Reutlingen, Württemberg, Schiller- 
straße 20. 



186 Kantgesellschaft. 

Oberlehrer Dr. Alois Uhl, Berlin W., Motzstr. 50 I. 
Professor Dr. Rudolf Unger, a. d. Universität München, Kaulbach- 
straße 87 IL 



Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Hans Vaihinger, a. d. Universität 
Halle a. S., Reichardtstr. 15, Geschäftsführer der Kantgesellschaft 

Dr. Theodor Valentiner, Oberlehrer am Alten Gymnasium, Bremen, 
Kohlhökerstr. 14. 

Dr. med. Friedrich Vent, prakt. Arzt, Stettin, Bismarckstr. 6. 

Privatdozent Dr. phil. Johannes Maria Verweyen, a. d. Univer- 
sität Bonn, Coblenzerstr. 70. 

Professor Dr. med. et phil. Max Verworn, o. ö. Professor a. d. Uni- 
versität Bonn, Direktor des physiologischen Instituts, Nußallee 11. 

Pastor Dr. Lukas Victor, Pretoria, Transvaal, Postfach Nr. 328, (via 
Southampton). 

Dr. phil. Alexander Vietzke, Berlin NW. 21, Turmstr. 42 III. 

G. V o c k e , Amtsrichter, Günzburg i. B. 

Geheimer Hofrat Professor Dr. V o l k e 1 1 , a. d. Universität Leipzig, 
Auenstr. 3. 

Dr. h. c. Ernst Votiert, Verlagsbuchhändler, Berlin SW., Zimmer- 
straße 94. 

Professor Dr. Karl Vorländer, Solingen, Felderstr. 46. 

Lic. Dr. E. Vowinckel, Realschuldirektor, Mettmann, Rheinprovinz. 



w. 

Schulrat Robert Wacher, Schmargendorf bei Berlin, Marienbader- 
str. 1—2. 

Privatmann Gustav Wagner, Achern (Baden). 

Professor Dr. J. W a l d a p f e 1 , Professor am Übun^sgymnasium des Kgl. 
Ungarischen Seminars für Kandidaten des höheren Schulamtes, 
Budapest I, Villänyi-üt 13. 

Geh. Hofrat Professor Dr. Oskar Walzel, Professor a. d. Technischen 
Hochschule und a. d. Kunstakademie, Dresden - Allst., Marschner- 
straße 27. 

Amtsgerichtsrat Arthur Warda, Königsberg i. Pr., Tragheim, Pulver- 
straße 21. 

Lecturer C. C. J. Webb, M. A. Oxford, Magdalen College. 

Dr. R. Wedel, Privatgelehrter, München, Prinzregentenstr. 8. 

Dr. Richard Wegener, Berlin-Halensee, Georg Wilhelmstr. 20. 

Professor Dr. K. Weidel, Oberlehrer, Magdeburg, Tauentzienstr. 9. 

Dr. Hans Wendland, Berlin W., Winterfeldstr. 25. 

Professor Dr. Charles Werner, a. d. Universität Genf, Route de 
Florissant 4. 

Pfarrer Otto Werner, Wolfsbehringen bei Großenbehringen, S.-C.-G. 



Kantgesellschaft. 187 

Professor Dr. Alexander W ernicke, a. d. Technischen Hochschule 

Braunschweig. 
Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Anton Wesselsky, Wien XVHI, Wäh- 

ringstr. 93. 
Dr. Heinrich Wiegershausen, Rheinsberg i. Mark. 
Rabbiner Dr. Max Wiener, Stettin, Schulstr. 1. 
Pfarrei- D. Richard Wilhelm, Tsingtau, Kiautschou, China. 
Landrat Paul Winckler, Salsitz-Neuhaus bei Zeitz. 
Geh.-Rat Professor Dr. Wilhelm Windelband, Universität Heidel- 
berg, Landfriedstr. 14. 
Dr. phil. et med. K. W i z e , Je^ewo bei Borek (Prov. Posen). 
Professor D. Dr. G. Wobbermin, Breslau 18, Carmerstr. 17. 
Justizrat Dr. Wolf, Dresden, Johann Georgen-AUee 5. 
Privatdozent Dr. phil. Emil W o 1 f f , a. d. Universität München, Arcis- 

straße 26. 
Privatdozent Dr. Hellmut W'olff, Direktor des Statistischen Amtes 

der Stadt Halle, Halle a. S., Richard Wagnerstr. 33. 
Max W o 1 f f , Konrektor der Seminar. Übungsschule des Oberlyzeums 

Brandenburg a. Havel, Havelstr. 13. 
stud. iur. Max G. H. Wolff, z. Zt. Friedenau, Menzelstr. 36. 
Dr. jur. et phil. Karl W o 1 1 f , Dramaturg der Kgl. Hoftheater München, 

Römerstr. 26. 
Wladimir Wr a n a, Schulleiter in Laskes, Post Zlabings (Süd-Mähren). 
Professor Dr. Max Wundt, a. d. Universität Straßburg i. E., Elsässer- 

straße 5. 
Oberlehrer Dr. Paul Wüst, Düsseldorf-Grafenberg, Burgmüllerstr. 23. 
Oberlehrer P. Wust, Neuß a. Rh., Tückingstr. 21 I. 



Professor Dr. Theobald Ziegler, emerit. Universitätsprofessor, 

Frankfurt a. M., Gervinusstr. 16. 
Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Theodor Ziehen, Wiesbaden, 

Parkstr. 36. 
Dr. Hans Zimmer, Verlagsschriftleiter a. Bibliogr. Institut, Leipzig-R., 

Constantinstr. 8 HI. 
Dr. phil. Eberhard Zschimmer, Jena, Sophiensir. 6 HI. 
Dr. Max von Zynda, Coblenz, Camensstr. 10. 



188 Kantgesellschaft. 



Institute. 



Universitätsbibliotheken. 

Bonn, Königliche Universitäts-Bibliothek. 

Braunsberg i. Ostpr., Bibliothek der Königlichen Akademie. 

Charkow, Kaiserl. Russische Universität: Hauptbibliothek. 

Erlangen, Kgl. Universitätsbibliothek (Oberbibliothekar Dr. Heiland). 

O ö 1 1 i n g e n , Kgl. Universitätsbibliothek. 

Königsberg i. Pr., Königliche Universitätsbibliothek. Vermittlungsstelle 
Ferd. Beyer'sche Buchhandlung, Königsberg i. Pr. 

Lund, Kgl. Universitäts-Bibliothek,- Kommissionär Hjalmar Möllers Uni- 
versitäts-Buchhandlung, Lund, Schweden. 

Marburg, Königliche Universitäts-Bibliothek; Direktor: Dr. Roediger. 

M e s s i n a , R. Universitä. 

Straßburg i. E., Kaiserliche Universitäts- und Landes-Bibliothek; Di- 
rektor: Geheimer Regierungsrat Dr. Wolfram. 



Universitätsseminare. 

Belgrad, Philosophisches Seminar der Universität. 

Bonn, Philosophisches Seminar der Universität ; Direktor : Prof. Dr. 
O. Külpe. 

Breslau, Philosophisches Seminar der Universität; zu Händen des Kgl. 
Seminaraufsehers Wolter. 

Dresden, Philosophisch-Pädagog. Seminar, Kgl. Techn. Hochschule^ 
Dresden-A., Bismarckplatz. 

G r e i f s w a l d , Philosophisches Seminar der Universität; Direktor : Pro- 
fessor Dr. Hermann Schwarz. 

Heidelberg, Philosophisches Seminar der Universität. 

Jena, Philos. Seminar, errichtet von der Philosophischen Gesellschaft; 
Bibliothekar Dr. Friedrich Dannenberg, Jena, Beethovenstr. 9. 

Leipzig, Philosophisches Seminar der Universität, Bornerianum ; Di- 
rektor: Geheimer Hofrat Professor Dr. Johannes Volkelt. 

Leipzig, Philosophisch-Pädagogisches Seminar der Universität, Univer- 
sitätsstr. 13; Direktor: Professor Dr. Eduard Spranger. 

Marburg, Philosophisches Seminar der Universität; Direktor: Pro- 
fessor Dr. Paul Natorp. 

Straßburg i. E., Philosophisches Seminar der Universität (Kollegien- 
gebäude). 

Tübingen, Bibliothek des Evangelisch-theologischen Seminars (Stift). 

Tübingen, Philosophisches Seminar der Universität; Direktor: Pro- 
fessor Dr. Erich Adickes. 



Kantgesellschaft. 1 89 



Bibliotheken Höherer Schalen. 



C o b l e n z , Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium. 

Itzehoe, Kaiser Karl-Schule — Realgymn. und Realsch. — Direktor : 
Dr. Halfmann. 



Kirchenbibliotheken. 

Berlin, Bibliothek der St. Nicolaikirche; Vertreter: Prediger Göhrke, 
Berlin C. 2, Poststr. 15. 



Hof-, Staats- nnd Stadtbibliotheken. 

Aachen, Stadtbibliothek, Direktor Dr. Moritz Müller, Aachen, Fisch- 
markt 3. 

Altenburg in S.-A., Herzogliche Landesbibliothek; Geh. Hofrat Pro- 
fessor Dr. Hermann Kluge. 

Bern, Stadt-Bibliothek (Stadt- und Hochschulbibliothek), Oberbibliolhe- 
kar Professor Dr. W. W. F. von Mülinen. 

Bremen, Stadtbibliothek, Stadtbibliothekar Professor Dr. H. Seedorf, 
Bremen. 

Bromberg, Stadtbibliothek Bromberg, Friedrichsplatz 1; Stadtbiblio- 
thekar Professor Dr. Georg Minde-Pouet. 

Co In a. Rh., Stadtbibliothek Gereonskloster 12; Direktor: Professor Dr. 
Adolf Keysser. 

Darm Stadt, Großherzogliche Hofbibliothek, Residenzschloß, Direktor: 
Dr. Schmidt. 

Dresden, Königliche Öffentliche Bibliothek ; Direktor : Geh. Regierungs- 
Rat Hubert Ermisch. 

Düsseldorf, Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf, Friedrichs- 
platz 7; Vorstand: Direktor Dr. Constantin Nörrenberg. 

Florenz, Biblioteca Filosofica, Piazza Donatello 5 ; Direttore : Pro- 
fessor Guido Ferrando. 

Frankfurt a. M., Stadtbibliothek, Direktor : Geh. Kons.-Rat Dr. Ebrard, 
Frankfurt a. M., Schöne Aussicht 2. 

Frankf ur t a. M., Freiherrlich Carl von Rothschild'sche öffentliehe 
Bibliothek, Untermainkai 15; Direktor Dr. Chr. Berghoeffer. 

Gotha, Bibliothek des Herzoglichen Hauses; Direktor: Professor Dr. 
Rudolf Ehwald. 

Hamburg, Stadtbibliothek ; Direktor : Professor Dr. Robert Münzel. 

Hannover, Königliche und Provinzialbibliothek ; Direktor : Professor 
Dr. Karl Kunze. 

Leipzig, Stadtbibliothek, Oberbibliothekar Dr. E. Kroker. 

München, Kgl. Bayer. Hof- und Staatsbibliothek; Direktor: Dr. Hans 
Schnorr von Carolsfeld. 

Oldenburg!. Gr., Großherzogliche Öffentliche Bibliothek; Oberbiblio- 
thekar Professor A. Kühn. 

Posen, Kaiser Wilhelm-Bibliothek Posen 0., Ritterstr. 4—6; Direktor; 
Professor Dr. Rudolf Focke. 



190 Kantgesellschaft. 

Stettin, Stadtbibliothek, Stadtbibliothekar Dr. Erwin Ackerknecht. 

Stuttgart, Kgl. Landesbibliothek, Direktor Dr. Steiff . 

Tilsit, Stadtbibliothek, Magistrat. 

Weimar, GroßherzogUche Bibliothek ; i. A. Bibliothekar Dr. P. Ortlepp. 

Wien, K. K. Hofbibliothek Wien I, Josefsplatz 1 ; K. K. Direktion : 
Wirklicher Hofrat Professor Dr. Ritter von Karabacek. Lieferungs- 
stelle Buchhandlung Gerold & Co., Wien I, Stephansplatz 8. 

Worms, Paulus-Bibliothek Worms, Dechaneistr. 1 ; Vorsteher : Professor 
Dr. A. Wedkerling. 

Zürich, Stadtbibliothek; 1. Bibliothekar Dr. Hermann Escher. 

Freimaurerlogen. 

Berlin, Loge Germania zur Einigkeit; Vertreter Justizrat Al- 
bert Bereut, Berlin C., Alexanderstr. 49. 

Berlin, Loge Viktoria; Vertreter : Sanitätsrat Dr. Paul Rosenberg, 
Berlin W., Kurfürstendamm 219. 



Privatbibliotheken. 

Florenz, Bibliothek Madame Jenny Finaly, Florenz, Villa Lan- 
dau alla Pietra, via Bolognese 56. 

Summa: 606 Jahresmitglieder. 



Bezugsberecbtlgte Banermitglieder. 

(Eintnaliger Beitrag von mindestens 400 Mark.) 

Leopold Angerer, San Remo, Italien, Villa Angerer. 

t Geh. Kommerzienrat Ludwig Bethke, Halle a. S., Burgstraße. 

Bankdirektor Dr. Paul Boehm, Berlin- Wilmersdorf, Jenaerstr. 14. 

t Konsul B. Brons jr., Emden, Große Brückstr. 30. 

Frau Geh. Kommerzienrat Albert Dehne, Halle a. S., Schimmelstr. 7. 

Dr. Robert Faber, Verleger der Magdeburgischen Zeitung, Magdeburg, 
Mittelstr. 13. 

Kommerzienrat Robert Frank, Ludwigsburg. 

Direktor der Deutschen Bank Arthur von Gw inner, Mitglied des 
Herrenhauses, Berlin, Rauchstr. 1. 

Professor Dr. G. H. Howison, Berkeley (Calif.), Bancroft-Way 2731. 

Fabrikbesitzer und Baumeister Friedrich Kuhnt, Halle a. S., Stein- 
weg. 

t Justizrat Dr. Lachmann, Berlin W. 10, Bendlerstr. 9. 

Geh. Kommerzienrat Dr. Heinrich Lehmann, Halle a. S., Burg- 
straße 46. 



Kantgesellschaft. 191 

August Ludowici, kaiserl. deutscher Konsul, Genf, CrSts de Cham- 
pel 16. 

Professor Dr. Götz Martins, a. d. Universität Kiel, Hohenbergstr. 4. 

Verlagsbuchhändler Rittergutsbesitzer Rudolf Mosse, Berlin SW. 19, 
Jerusalemstr. 46/9. 

Frau Professor Dr. Friedrich Paulsen, Steglitz bei Berlin, Fichtestr. 

Geheimer Regierungsrat Dr. ing. Wilhelm v. Siemens, Charlotten- 
burg, Berlinerstr. 36. 

Geheimer Regierungsrat Stadtrat a. D. Professor Dr. Walter Simon, 
Königsberg i. Pr., Kopernikusstraße, Ehrenmitglied der Kantgesell- 
schaft, Ehrenbürger der Stadt Königsberg i. Pr. 

Generalarzt Dr. med. Stechow, Inspecteur der 4. Sanitäts-Inspektion, 
Straßburg i. E., Ruprechtsauer Allee 24. 

Professor Dr. Strong, New- York, Columbia University. 

Yerlagsbuchhändler Dr. phil. hon. c. Ernst Vollert, Berlin SW. 12, 
Zimmerstr. 94. 

Fabrikbesitzer Ernst Weise, Halle a. S., Händelstraße. 

t Geh. Kommerzienrat Carl Wessel, Bernburg. 

The Philosophical Union of the University of Califor- 
nia, (President : Professor G. H. H o w i s o n), Berkeley (Calif.) 

Society ofEthical Culture (President : Professor Dr. Felix Ad- 
ler), New- York 123 E, 60 th Street. 

Summa: 25 bezugsberechtigte Dauermitglieder. 



Außerdem ca. 300 Dauermitglieder mit einmaligen Beiträgen unter 400 M. 
U. A. : Professor Dr. Adamkiewicz in Wien. — Stadtpfarrer 
Dr. A u f f a r t h , Jena. — Professor Dr. Bauch, Jena. — Professor D. 
Dr. Baumgarten, Kiel. — Professor Dr. B o u t r o u x , Paris. — Pro- 
fessor Dr. Creighton, Ithaca. — Dr. van Delden, Gronau i. W. 

— Dr. D e 1 1 o, Leipzig. — f Geheimrat Professor Dr. D i 1 1 h e y, Berlin. 

— Professor Dr. F l o u r n o y , Genf. — Geheimrat Bibliotheksdirektor 
Dr. Gerhard, Halle a. S. — Realschuldirektor a. D. Dr. G i 1 1 e , Jena. 

— Hauptpastor D. Dr. Grimm, Hamburg. — Professor Dr. G r o o s , 
Gießen. — Professor Dr. G ü 1 1 1 e r , München. — Dr. Hafferberg, 
Privatgelehrter, Riga. — Geh. Rat Prof. Dr. H a r r i e s, Kiel. — W. H a r - 
r i s , President of the Bureau of Education, Washington. — Dr. H a u s - 
w a l d t , Magdeburg. — Professor Dr. K l e i n p e t e r , Gmunden. — 
t Geheimer Kommerzienrat v. Kröner, Stuttgart. — John A. Leber, 
Berlin. — f Geh. Justizrat C. R. L e s s i n g , Berlin. — Advokat L e v y , 
Amsterdam. — f Geheim rat Professor Dr. L i e b m a n n, Jena. — Pro- 
fessor Dr. Martini, Coblenz. — Geheimer Ober-Reg.-Rat Dr. E. v o n 
Meier, Universitätskurator a. D., Berlin. -— Generalkonsuln Franz 
und Robert von Mendelssohn, Berlin. — Geheimer Ober-Reg.- 
Rat G. Meyer, Kurator der Universität Halle- Wittenberg. — Professor 
Dr. M ü n s t e r b e r g , Harvard-Uni versity. — f Geheimrat Dr. Muff, 



192 Kantgesellschaft. 

Rektor, Pforta. — Dr. P f u n g s t , Frankfurt a. M. — Dr. P r i e g e r , 
Bonn. — Direktor Dr. Rathenau, Berlin. — H. H. Reclam, Verlags- 
buchhändler, Leipzig. — Verlagsbuchhandlung Reuther & Reichard, 
Berlin. — f Professor Dr. Raoul Richter, Leipzig. — Geheimrat Pro- 
fessor Dr. R i e h 1 , Berlin. — Generalkonsul Baron von Rosenthal, 
Amsterdam. — Oberlehrer Dr. S a e n g e r , Oels. — Privatdozent Dr. 
F. A. S c h m i d , Heidelberg. — Dr. A. v. S c h o e 1 e r , Leipzig. — Pro- 
fessor Dr. Schurmann, Ithaca. — Privatdozent Dr. Siegel, Wien. 
Professor Dr. S i m m e 1 , Berlin. — Professor Dr. S p i 1 1 a , Tübingen. 
— Geheimrat Professor Dr. Stammler, Halle a. S. — Professor Dr. 
S t i e d a , Königsberg i. Pr. — Dr. S u 1 z b a c h , Frankfurt a. M. — 
Professor Dr. Weber, Straßburg i. E. — Privatdozent Dr. W e i s - 
b a c h , Berlin. — Professor Dr. Z s c h a 1 i g , Dresden. — Philosophi- 
sche Gesellschaft in Wien (Vorsitzender : Professor Dr. J o d 1). 



Mitgliederverzeichnis für das Jahr 1912. 

(Nach Städten geordnet. Die genauen Adressen in der ersten Liste.) 



Aehern: Wagner. Allendorf: Bötte. Altona: Paulsen, Roll. Alt- 
ftorge: Gerhardt. Amherst (Mass.): Toll. Ammendorf: Enkelstroth. 
Amsterdam: Kohnstamm, Levy, de Sopper. Amstetten: Mitterdorfer. Ana- 
capri: Schafheitlein. Ansbach: Küspert. Arnsberg i. W. : Puppe. Arn- 
stadt i. Th.: Planer. 

Baden-Baden: Groddeck, Stern. Badersleben: Bertling. Baltimore: 
Lovejoy. Barcelona: Beelitz. Ba^el: Haeberlin, Joel. Belgrad: Ristitsch. 
Berkeley: Howison. Berlin (Groß-Berlin): Apel, Becker, Beggerow, Berl, 
Berwin, Birven, Paul Boehm, Max Boehm, Buchenau, Burchardt, Cassi- 
rer B., Cassirer E., Cassirer F., Cohen, Cohn, Dyck, Engel, Fischer, 
Fittbogen, Frischeisen-Köhler, Frederking, Geisler, Goebel, Goehrke, Gold- 
beck, Goldberg, Gotthardt, Grasshoff, Gurian, Gutzmann, von Gwinner, 
V. Hartmann, Hess, Hirschberg, Hoffmann E., Hoffmann K., Hofmann P., 
V. Hörschelmann, Hollander, Imelmann, Jacobus-Simonsohn, Jaff6, Katz, 
Kern, f Kirschner, Knüfer, Kuntze, Lambeck, Lasson Adolf, Lasson 
Georg, Leber, Levy, Liebert, Lindau, Lowinsky, Menges, Meyer-Liep- 
mann, Michaelis, Rudolf Mosse, Müller, Müller-Braunschweig, Müllerheim, 
Nath, Netter, Frau Prof. Paulsen, Pollack, Reimann, v. Reitzenstein, 
Remack, Reuber, Riezler, Ripke-Kühn, Rosenberger, Ruckhaber, Runze, 
Sachs, Salomonski, Sänge, Schlesinger, Schloss, Ferd. Jak. Schmidt, 
Schnell, v. Schön, Julius Schultz, Wilh. von Siemens, Simon, Stern- 
berg, Stein, Sveistrup, Stumpf, Tiemann, Uhl, Vietzke, Vollert, Waeber, 
Wegener, Wendland, Wolff. Bern: Dürr, Ledere. Bertrich: Stadtler. 
Besigheim: Paulus. Benthen: Hecht, v. Lingelsheim. Blankenese: des 
Arts. Bologna: Del Vecchio. Bonn: Hammacher, Horten, Külpe, Ohmann, 
V. Stammler, Verweyen, Vervvorn. Boston (Mass.): Cell, Mason, Mead. 
Brandenburg a. H.: Wolff. Braunschweig: Hecker, Kammrath, Wernicke. 
Brannsberg: Switalski. Bremen: König, Kühtmann, Schneider, Valen- 
tiner. Bremerhaven: Schauinsland. Breslau: Dzialas, Guttmann, Herz, 
Hönigswald, Kabitz, Kneser, Kühnemann, Lewkowitz, Moskiewicz, Poet- 
schel, Schmidt, Steinitz, Wobbermin. Brüssel: Dwelshauvers. Buchen- 
bach: Christiansen. Budapest: Alexander, v. Lukäcs, Waldapfel. Buka- 
rest: Antoniade. 

Kantstudien XVIII. 18 



194 Itantgesellschaft. 

Cambridge: Hicks. Cambridge (Mass.): Jacoby. Castellamenf e : 
Martinetti. Chemnitz: Keller. Chicago: Carus. Cincinnati: Neumark. 
Coblenz: v. Zynda. Colmar: Eber. Coppef: Lowtzky. Cöln: Schnitzler J., 
Schnitzler O., Schuch. Cottbus: Kesseler. Crispenhofen : Kofink. Cröll- 
witz: Reinstein. Czenstochau: Bieganski. 

Davos: Hauri. Darmstadt: Goldstein, Schrader, Staudinger. Diep- 
holz: Meyerholz. Dortmund: Manne. Dresden: Boelcke, Ebeling, Froeh- 
lich, Katzer, Meyer, Pommrich, Staffel, Sülze, Walzel, Wolf. Dressen: 
Kieback. Dublin: O'Sullivan. Dubuque: Nitzsche. Düsseldorf: Eckertz, 
Kersten, Wüst. 

EUrich: Hoffmann. Einbeck: Ellissen, v. Hofe. Enzheim: Ernst. 
Erfurt: Giessler, Erlangen: Brunstaedt, Falckenberg, Hensel, Leser. 
Essen: Hauck, Jacobs, Marcus. 

Finkenan: Meyer. Florenz: Dreyer. Frankfurt a. M.: Breuer, 
Epstein, Feist, Jay, Läpp, Salomon, Stouda, Sulzbach, Ziegler. Frank- 
furt a. O.: Joachimi-Dege. Freiburg i. B.: Cohn, Kroner, Linnebach, 
Marck, Rickert, v. Schulze-Gaevernitz. 

Gachnang-Islikon : Huber. Genf: Clapar^de-Spir, Werner. Genthin: 
Arens. Giessen: Fritzsche, Hansen, Kinkel. Gleissenberg : Ostertag. 
Grassau: Huber. Göttingen: Frankfurther, Heinzelmann, Husserl, Preyer, 
Reicke, Reinach. Görz: v. Schubert-Soldern. Graz: Hofmann, Kremer, 
V. Meinong, Spitzer. Greifswald: Rehmke. Greiz: Kohlmann. Grenoble: 
Sautreaux. Gronau i. W.: van Delden. Günzburg: Vocke. Gütersloh: 
Heinrichs. 

Halberstadt: Schraube. Halle a. S.: Bohnenstaedt, Dehne, Finger, 
Hadlich, Jaensch, Jorges, Krueger, Kuhnt, Heinrich Lehmann, Paul 
Lehmann, v. Lippmann, Menzer, Rausch, Scheunemann, Stammler, 
Vaihinger, Weise, Wolff. Hamburg: Glassen, Görland, Levy, von der 
Porten, Schult. Hannover: Jordan, v. Hindersin, Linckelmann, Mechler, 
Starcke, Traebert. Heidelberg: v. Bubnoff, Driesch, Lask, Louri6, v. Lu- 
käcs, Rüge, Windelband. Heilbronn: Neuwirth. Helsingfors: Brotherus. 
Hof a. S.: Schertet. Hohenebra: Saurbier. Hohensalza: Masuch. 

Ibbenbüren: Stadler. Idar a. d. Nahe: Dörr. Iharsuguda: Lanze- 
mis. Idianapolis: Hollands. Ithaka (U. S. A.): Thilly. 

Jarotschin: Kohlmeyer. Jena: Bauch, Closs, Dannenberg, Eucken, 
Frankenberger, Frege, Grisebach, Linke, Münch, Nohl, Pariser, Schink, 
Zschimmer. Jezewo: Wize. 

Karlsruhe : Fischer, Ihringer, Maisch. Kasan: Iwanovsky. Kiel : Diering, 
Franz, Lempp, Martins, Menzel. Kleinholum: Tongers. Kolozvär: Bartök, 
v. Meltzl. Kopenhagen: Starke, Thomsen. Königsberg i. Pr.: Ach, Hegen- 
wald, Kowalewski, Rosikat, Schöndörffer, Schmitt, Simon, Warda. Kra- 
kau: Pawlicki. Kyoto: Tomoyeda. 

Langenberg i. Rh.: v. Ciriacy - Wantrup, Noblen, Schmitz. Laskes: 
Wrana. Laubach: Burckhardt. Lausanne: Bridel. Leipzig: Bergmann, 
Biermann, Bischoff, Brahn, Engert, Fritzsch, Giesecke, HoUdack, Jahn, 
Kaufmann, Meiner, Metzger, Michel, Pevsner, Stitzer, Volkelt, Zimmer. 
Lemberg: Garfein-Garski. Lemgo: Brandes. Lipine: Blume. Löban: 
Schmidt. Lodz: Kern, Pippel. Loaay: Geissler. London: Balfour, 



Kantgesellschaft. 195 

V. Hügel. Lonkorsz: Lange-Lonkorrek. Löwen: Noel. Lflbeek: Döring. 
Ludwigsburg : Frank, Herrmann. Lund: Liljeqvist. 

Madrid: Morente, Ortega y Gasset, Rivera. Magdeburg: Brennecke, 
Faber, Reichardt, Weidel. Mainz: Fritsch, Ritter. Mannheim: Bauhardt, 
Krieck, Rumpf, Schellenberg, Marburg: Bornhausen, Dyrssen, Erdmann, 
Falter, aus der Fuente, Gawronsky, Hartmann, Lanz, Misch, Natorp. 
Meersburg: Mauthner. Melbourne: Miller. Memmingen: Rothballer. 
Messina: Ravä, Mettmann: Amrhein, Vowinckel."* Mittelwalde: Kiefer. 
Montreal (Canada): Hickson. Moskau: Minor, Rubinstein, Gordon, Stschu- 
kin. München: Andreae, Baeumker, Bockwitz, Dingler, Falkenheim, 
Flaskämper, Gallinger, Geiger, v. Gleichen-Russwurm, Heimsoeth, Hirsch- 
berg, Klein, Köster, v. Liel, v. Pechmann, Petraschek, Unger, Wedel, 
Wolff E., Wolff K. Münster i. W.: Braun, Kluxen, Koppelmann. 

Naumburg a. S.: Sturm. Neapel: Croce. Neisse: Jünemann. Neuen- 
haus: Kip. Neuhaus: Bullaty. Neuss a. Rh.: Wust. New Orleans: Smith. 
New York: Black, Strong. Nordhausen: Buzello, Gerlach, Graue, Seiffart. 
Northampton (Mass.): Dolson. Nürnberg: Kertz. 

Offenbach: Jaeger. Oldenburg: Dörr. Oppeln: Schumann. Osna- 
brück: Gent, Gilbert. Ostrau (Mähr.): Richter. Oxford: Webb. 

Paris: Delbos, Finaly, Meyerson, Moysset, Levy-Brühl, Soda. Peters- 
burg: Boldyreff, Hessen, Kunzmann, Lossky, Lapschin, Mauring, Sese- 
mann. Pfaffendorf a. Eh.: Rudolph, Salomon. Posen: Bache, Foerster, 
Lehmann, Richert. Prag: Bergmann, Marty. Pretoria: Victor. 

Bathstock: Bungeroth. RayküU: v. Keyserling. Reutlingen: Uebele. 
Reval: Lipson. Rheinsberg 1. M. : Wiegershausen. Rom: Coralnik. Rüssels- 
heim a. M.: Fuchs. Rostock: Erhardt, Müffelmann. 

Salsitss- Neuhaus: Winckler. Sao-Paolo: Sentroul. San 3emo: 
Angerer. Schneidemühl: Puppe. Schwerin: Türck. Sevilla: Ackenheil. 
Sigmaringen: Bilharz. Sofia: Michaltschew. Solingen: Vorländer. Sonders- 
hausen: König. Stettin: Ely, Vent, Wiener. Stolp i. P.: Gaul. Straßburg 
i. E.: Stechow, Stilling, Wundt. Strausberg: Mendelssohn. Strenznaun- 
dorf: Koepp. Stuttgart: Baur, Fahrion, v. Sieglin, Spemann. Suhl i. Th.: 
Kuberka, Levy. 

Tsingtau: Wilhelm. Tübingen: Adickes, Aicher, Grauer, Jlaering, 
Oesterreich, Spitta. Turin: Mondolfo. 

Upsala: Phal6n. Utrecht: Bosselaar, Ritter, Rust. 

Vohenstrauß: Thurmann. 

Warrington: Mellor. Warschau: Krystal, Tatarkiewicz. Weimar: 
Förster-Nietzsche, Ritter. Werden: Ehrmann. Wernigerode: Schwarlz- 
kopff. Wickersdorf: Hell. Wien: Biach, Eisler, Entz, Ewald, Gold- 
scheid, Gomperz, Gross, Haldsz, Herz, Höfler, Hollitscher, Jerusalem, 
Kraft, Meixner, Pichler, Prager, Reininger, v. Rorelz, Wesselsky. Wies- 
baden: Ziehen. Wi»ch: Hellin. Witten: B,ehm. Wolfratshausen: Feigs. 
Wolfßbehringen : Werner. Wollstein: Fischer. Worms: Hansmann. Wttr»- 
burg: Reyscher. 

Zeitz: Richter. Zoppot: Reinecke. 



13* 



196 Kantgeselisehaft. 

B. 

Bibliotheken. 

Aachen: Stadtbibliothek. Altenburg: Herzogliche Landesbibliothek. 

Belgrad: Philosophisches Seminar der Universität. Bern: Stadt- 
bibliothek. Berlin: Bibliothek der St. Nicolaikirche, Loge Germania zur 
Einigkeit, Loge Viktoria. Bonn: Königl. Universitäts-Bibliothek, Philoso- 
phisches Seminar der Universität. Braunsberg i. Ostpr.: Bibliothek der 
königl. Akademie. Bremen: Stadtbibliothek. Breslau: Philosophisches 
Seminar. Bromberg: Stadtbibliothek. 

Charkow: Hauplbibliothek der Universität. Coblenz: Kaiser- Wil- 
helm-Realgymnasium. Cöln: Stadtbibliothek. 

Darmstadt: Grossherzogliche Hofbibliothek. Dresden: Königl. öffent- 
liche Bibliothek, Philosophisch -Pädagog. Seminar. Düsseldorf: Landes- 
und Stadtbibliothek. 

Erlangen: Kgl. Universitätsbibliothek. 

Florenz: Biblioteca Filosofica, Bibliothek Madame Jenny Finaly. 
Frankfurt a. M.: Stadtbibliothek, Freiherrliche Carl von Rothschild'sche 
öffentliche Bibliothek. 

Gotha: Bibliothek des herzogt. Hauses. Göttingen: Kgl. Universi- 
tätsbibliothek. Greifswald: Philosophisches Seminar der Universität. 

Hamburg: Stadtbibliothek. Hannover: Kgl. und Provinzialbibliothek. 
Heidelberg: Philosophisches Seminar der Universität. 

Itzehoe : Kaiser-Karl-Schule. 

Jena: Philos. Seminar. 

Königsberg i. Pr.: Kgl. Universitätsbibliothek. 

Leipzig: Phil. Seminar der Universität, Philosophisch-Pädagogisches 
Seminar der Universität, Stadtbibliothek. Lund: Kgl. Universitätsbibliothek. 

Marburg: Kgl. Universitätsbibliothek, Philos. Seminar der Univer- 
sität. Messina: R. Universitä. München: Kgl. Bayer. Hof- und Staats- 
bibliothek. 

Oldenburg i. Gr.: Grossherzogl. öffentliche Bibliothek. 

Posen: Kaiser Wilhelm-Bibliothek. 

Stettin: Stadtbibliothek. Strassburg: Kaiserl. Universitäts- und 
Landesbibliothek, Philos. Seminar der Universität. Stuttgart: Kgl. Landes- 
bibliothek. 

Tilsit: Stadtbibliothek. Tübingen: Evangelisch-theologisches Semi- 
nar, Philos. Seminar der Universität. 

Weimar: Grossherzogl. Bibliothek. Wien: K. K. Hofbibliothek. 
Worms: Paulus-Bibliothek. 

Zürich: Stadtbibliothek. 



Neuangemeldete Mitglieder für 1913. 

Ergänzungsliste 1: Januar-Februar. 
A, 

Oberlehrer Dr. Felix Behrend, Westend b. Berlin, Fredericiastr. 11. 

Stud. phil. W. Benjamin, Berlin-Grunewald, Delbrückstr. 23. 

Justizrat Dr. Wilhelm Bernstein, Berlin NW., Dorotheenstr. 54. 

Geh. Medizinalrat Professor Dr. Borchard, Posen, Hohen zollernstr. 36. 

Professor Dr. Brass, Cottbus, Schillerstr. 25. 

Dr. phil. Margarete Calinich, Berlin W., Lutherstr. 53 IV. 

Fräulein Emilie von Gramer, Berlin W. 50, Nachodstr. 7. 

Dr. H a n s E i b 1 , Wien VIII, Pfeilgasse 20. 

Oberlehrer Dr. Konrad Eilers, Rostock, St. Georgstr. 101. 

Buchhandlung Gustav Fock, G. m. b. H., Leipzig, Schlossgasse 7—9. 

AdalbertFogarasi, Budapest VIII, Rökk-Szilärd Str. 28. 

Geh. Regierungsrat Dr. Karl Gerhard, Direktor der Kgl. Universitäts- 
bibliothek, Halle a. Saale, Karlstr. 36. 

Dr. med. Louis R. Grote, Dahlem bei Berlin, Hundekehlestr. 33. 

Fabrikdirektor Max Gumbert, Charlottenburg, Witzlebenstr. 23 II. 

Professor Dr. Hartmann, Frohnau bei Berlin, Maximiliancorso. 

Dipl.-Ing. Dr.phil. Hans Israel, Baumschulenweg b.Berlin, Baumschulenstr.6. 

Pfarrer Richard Kade, Lichtentanne, Post Probstzella, S. M. 

Seminar-Direktor Dr. Th. Kerrl, Hilchenbach, Westfalen. 

Mathilde Kirschner, Berlin, Alt Moabit 90. 

Dr. Sigmund Kornfeld, Wien IX, Alserstr. 8. 

Legationsrat a. D. W. von Krause, Schloss Bendeleben, Bendeleben bei 
Sondershausen. 

Konrektor Professor Dr. Alfred Leicht, Meissen, Tonberg 20. 

Fräulein F. Lemberg, Moskau, Russland, Powarskaja, Merslakowsky 
Gasse, Haus Titowoy, Wohnung 40. 

Dr. phil. James Lewin, Berlin NW. 87, Jagowstr. 44. 

Dr. phil. Margis, Posen, Ritterstr. 11. 

Oberlehrer Georg Meurer, Arnstadt i. Thüringen, Fürstenberg 8. 

stud. phil. Bernhard Nathan, Berlin W. 35, Potsdamerstr. 121 k. 

Dr. med. N e r 1 i c h , Breslau V, Salvatorplatz 8 pt. 

Professor Dr. Otto Neurath, Lehrer a. d. Neuen Wiener Handelsakademie, 
Wien XVIII, Herbeckstr. 44. 

Pfarrer Professor Nymbach, Wittstock i. d. Mark. 

Oberlehrer Paul Oldendorff, am Kaiser -Friedrich -Realgymnasium, 
Neukölln bei Berlin, Wildenbruchplatz 3 I. 

Oberlehrer W. Pankow, Lichterfelde- West, Mantenffelstr. 26. 

Paul Pariser, Berlin W., Kurfürstenstr. 59. 

Dr. Ferdinand Pelikan, Schloss Radvanov bei Jung Woschitz, Kreis 
Tabor, Böhmen. 



198 Kantgesellschaft, 

Justizrat P i 1 1 e r t , Rechtsanwalt und Notar, Nordhausen a. Harz. 

cand. theol. Hermann Raschke, Marburg, Bez. Cassel, Rotargraben 2. 

Dr. med. ElisabethReinike, prakt. Ärztin, Berlin- Westend, Baden- Allee 1. 

Heinrich Rebensburg, Schmargendorf b. Berlin, Ruhlaerstr. 27. 

Dr. med. Rudolphson, Frohnau, Mark, Franziskanerweg. 

Geheimer Rat Dr. Ernst von Sallwürk, Ministerialdirektor, Karlsruhe 
i. Baden, Vorholzstr. 11. 

Dr. Herman Schmalenbach, Steglitz b. Berlin, Schildhornstr. 69. 

Stadtrat Theodor Schulze, Fabrikbesitzer, Nordhausen a. Harz, Kyff- 
häuserstr. 4. 

Dr. James Simon, Grunewald bei Berlin, Paulsbornerstr. 43. 

Wirklicher Geheimer Ober-Regierungsrat Dr. theol. Dr. med. Dr. jur. von 
Strauss und Torney, Senatspräsident des Oberverwaltungs- 
gerichts, Berlin W. 62, Bayreutherstr. 40. 

Dr. E. von Sydow, Jena, Berghofsweg 5. 

cand. phil. Mecislaus Sztern, aus Warschau, z.Zt. Wien VH, Halbgasse 9/ 13. 

Geh. K.-R. Professor D., Dr. phil. h. c. Ernst Troeltsch, o. ö. Professor 
a. d. Universität Heidelberg, Schlossberg 7. 

Professor Dr. F. M. Urban, a. d. Universität von Pennsylvania, Philadel- 
phia, Pa, U. S. A. The Corington 37, Chestunt Street. 

Dr. phil. Georg Wehrung, Leiter des Protestant. Wilhelmstiftes, 
Strassburg i. E., Thomasstaden 1. 

Dr. phil. Wilhelm Wintzer, Chefredakteur des Essener Generalanzeigers, 
Essen, Gutenbergstr. 17. 

Schulamtskandidat HansWollenberg, Charlottenburg, Neue Kantstr. 1 6 H. 

Graf Adam Zoltowski, Dozent der Philosophie an der Universität, 
Krakau, Lobzowskastr. 7. 



B. 

Aachen, Philosophischer Studienzirkel ; Wilhelm Klinkenberg, Aachen, 
Mauerstr. 19. 

Greifswald, Königliche Universitäts-Bibliothek. 

Kiel, Königliche Universitätsbibliothek. 

Königsberg, Stadtbibliothek; Direktor: Prof. Dr. Seraphim. 

München, Philosophisches Seminar der K. Universität. 

Prag, K. k. Universitäts-Bibliothek; Direktor: K. k. Hof rat Richard Kukula. 

Rostock, Bibliothek der Universität. 

Wien, Verein für Freie Psychoanalytische Forschung, Wien I. Domini- 
kanerbastei 10/15. 



Kantgesellschaft 

Einladung 

zur 

Allgemeinen Mitgliederversammlung 

(Generalversammlung) 

am 

Sonnabend, d. 19. und Sonntag, d. 20. April 1913. 

Die allgemeine Mitgliederversammlung der Kantgesellschaft 
findet, mit Genehmigung des Vorstandes, des Herrn Geheimen Ober- 
Regierungsrates Meyer, Kurator der Universität Halle, in diesem Jahre 
nicht am 22. April (Kants Geburtstag) statt, sondern am Sonnabend, den 
19. und Sonntag, den 20. April. 

Zahlreich geäusserten Wünschen entsprechend wird die Generalver- 
sammlung auch in diesem Jahre in einer wiederum erweiterten Fonn statt- 
finden und zwar insofern als diesmal zwei wissenschaftliche Vorträge 
gehalten werden sollen, die die Herren Professor Dr. R. Falckenberg- 
Erlangen und Professor Dr. R. Hönigswald-Breslau zu übernehmen die 
Güte hatten. Die Vorträge werden in der Universität öffentlich 
stattfinden, wobei insbesondere auch die Teilnahme von Studierenden 
erwünscht ist. 

Beste Zug Verbindungen 

von Berlin 8'^^— lO^S; 1030_i230; lO*»— 1»; 12«>_32*; I45_347j 
von Leipzig 1025—1059; 1215—19; 225—326; 410—4**; 
von Jena 1082—1227; 125_239; 3i5_488. 

Vom Bahnhof Halle aus benutzt man am besten die elektrische Bahn- 
linie „Cröllwitz" bis zur Haltestelle „Stadttheater", in dessen nächster Nähe 
die Universität liegt. Unmittelbar neben der Universität befindet sich das 
„Hotel zur Tulpe", in dessen (kenntlich gemachten) Räumen 
die Teilnehmer vor und nach den Vorträgen am bequemsten 
sich zusammenfinden. 

Den auswärtigen Teilnehmern sei zum Übernachten das genannte 
„Hotel zur Tulpe" als einfach und gut ebenfalls empfohlen; Vorausbestellung 
zweckmässig. Das der Universität nächstgelegene Hotel I. Ranges ist 
„Hotel zur Stadt Hamburg", ein bekanntes Absteigequartier vieler aus- 
wärtiger Gelehrten (Omnibus am Bahnhof, sonst elektrische Bahnlinie 
„Cröllwitz" bis zur Haltestelle „Hauptpost"). In unmittelbarer Nähe des 
Bahnhofes, am Riebeckplatz, liegen mehrere empfehlenswerte Hotels, mit 
guten Zimmern zu zivilen Preisen: „Weltkugel", „Goldene Kugel", 



200 KantgeseUschaft. 

„Continental" u. a. Am Markt (Elektrische Linie „Markt") liegt der „Goldene 
Ring", in nächster Nähe des Marktes „Hotel Kronprinz" (= Evang. Vereins- 
haus); vom Markt ist die Universität leicht zu Fuss zu erreichen. 

Teilnehmer, welche schon am Freitag ankommen, finden sich Freitag 
abends von 8 Uhr an in der „Tulpe" an reserviertem Tisch zusammen. 



Programm. 

Sonnabend, den 19. April. 
Von 11—1 Uhr Treffpunkt ; vordere Parterre-Räume des „Hotels zur Tulpe" 

neben der Universität. 
1 Uhr: Mittagessen im „Hotel zur Tulpe" an gemeinsamer Tafel (I.Etage): 

Gedeck 2.00 Mk., ohne Weinzwang. 
Von 3—5 Uhr: gemeinsamer Spaziergang in das Saaletal, zur Moritzburg, 

zur Burg-Ruine Giebichenstein etc. 
Um 5 Uhr (pünktlich): Zusammentreffen im Auditorium Maximum No. 18 

im Seminargebäude {Melanchthonianum) der Universität, 2 Treppen: 

a) Offizielle Begrüssung durch den Geschäftsführer Prof. Vai hinger; 

b) Vortrag von Professor Dr. Richard Falckenberg aus Erlangen: 
„Lotze, seine Beziehungen zu Kant und Hegel und seine Bedeutung 

für die philosophischen Probleme der Gegenwart." 
Öffentlich. Für die Mitglieder der Kantgesellschaft sind die 
vorderen Mittelplätze reserviert. 
i/a? Uhr (pünktlich): Allgemeine Mitgliederversammlung in demselben 

Räume. 
Von TVa Uhr an gemütliches Zusammensein in einem für die Mitglieder 
der Gesellschaft reservierten Saal des Hotels „zur Tulpe" {Symposion 
nebst Gelegenheit zur Einnahme des Abendbrots). 

Sonntag, den 20. April. 

Von 10 — 12 Uhr: Gemeinsamer Spaziergang zur Besichtigung der Sehens- 
würdigkeiten Halles und darauf Zusammentreffen in den Parterre- 
Räumen des Hotels „Tulpe". 
Um 12 Uhr: im Auditorium Maximum (vgl. oben) 

Vortrag von Professor Dr. Richard Hönigswald aus Breslau: 

^Prinzipienfragen der Denkpsychologie." 
Öffentlich. Für die Mitglieder der Kantgesellschaft sind die 
vorderen Mittelplätze reserviert. 

Um 1/22 Uhr: Mittagessen im „Hotel zur Tulpe" an gemeinsamer Tafel; 
Gedeck 2.00 Mk., ohne Weinzwang. 

Abendzüge von Halle 

nach Berlin 452—6*2; ö** -8i9; 75—95; 820-103»; 

nUch Leipzig 229—35; 32^-427; 547—623; 658—756; 730-8^; 945_io46; 

1033-119; 

nach Jena 35i— ö^S; g'- 10**; 1051-125. 



Kantgeseilschaft. 201 



Tagesordnung 
der allgemeinen Mitgliederversammlung, Sonnabend, abends öV« Uhr 

im Auditorium Maximum der Universität. 

1 . Begrüssung durch den Vorstand, Herrn Geheimen Ober-Reg.-Rat Meyer, 
Kurator der Universität, 

2. Bericht der unterzeichneten Geschäftsführer über das Jahr 1912 : Ein- 
nahmen und Ausgaben der Kantgesellschaft, sowie Stand der „Kant- 
stiftung". 

3. Entlastung der Geschäftsführer. 

4. Wahl der wechselnden Mitglieder des Verwaltungsausschusses. 

Ständige Mitglieder desselben: der Kurator der Universität 
Halle (z. Z. Geh. Ober-Reg.-Rat Meyer) und die Ordentlichen 
Professoren der Philosophie an der Universität Halle (z. Z. 
Vaihinger, Menzer, Krueger). 

Wechselnde Mitglieder im Jahre 1912: Geh. Reg.-Rat 
Prof. Dr. Dr. Stammler, Geh. Reg.-Rat Bibliotheksdirektor 
Gerhard, Geh. Kommerzien-Rat Dr. h. c. Lehmann, Ober- 
generalarzt Professor Dr. med. und Dr. phil. (h. c.) Kern, Dr. 
Arthur Liebert. 

5. Wahl des Geschäftsführers. 

6. Wahl eines stellvertretenden Geschäftsführers (Kassierers). 

7. Urteilsverkündigung über die zum 22. April 1912 eingelaufenen Arbeiten 
zur Rudolf Stammler-Preisaufgabe (über „Das Rechtsgefühl") 
und Eröffnung der verschlossenen Couverts der Sieger in der Kon« 
kurrenz. 

8. Vorläufige Mitteilung über eine ev. später zu stellende weitere Preis- 
aufgabe, zu der uns Mittel in Aussicht gestellt sind. 

9. Mitteilung über den Stand der „Neudrucke seltener philoso- 
phischer Werke des 18. und 19. Jahrhunderts", besonders über 
die in Aussicht genommenen und vorbereiteten nächsten Bände, sowie 
über die neue Veranstaltung von Vortragsabenden in Berlin. 

10. Sonstige Mitteilungen, besonders über die Entwickelung der Gesell- 

Schaft. 



202 Kantgesellschaft. 

Die Damen von Mitgliedern sind willkommen und können an allen 
Veranstaltungen teilnehmen. 

Zur Unterstützung der unterzeichneten Geschäftsführer bei diesen 
Veranstaltungen sind die HerrenDr. Buche n au und cand. phil. Remmert 
bereit, welche durch weisse Rosetten kenntlich und zu allen Auskünften 
bereit sind. 

Wir bitten auch diesmal um eine wiederum so erfreulich zahlreiche 
Beteiligung an der allgemeinen Mitgliederversammlung zu gegenseitiger 
wissenschaftlicher und persönlicher Anregung und Förderung wie im 
Vorjahre. 

Halle a. S. und Berlin, im März 1913. 



Der Geschäftsführer: 

H. Vaihinger. 

Der stellvertretende Geschäftsführer: 
A. Liebert. 



(Sämtliche angegebenen Züge führen II. und HL Klasse.) 



Notabene. 
Diejenigen Jahresmitglieder, welche ihren Jahresbeitrag (20 Mk.) 
noch nicht eingesandt haben sollten, werden ebenso höflich wie dringend 
gebeten, die Einsendung an den stellvertretenden Geschäftsführer, Dr. 
Arthur Liebert, Berlin W. 15, Fasanenstrasse 48, baldgütigst bewerk- 
stelligen zu wollen. 



'2^01 




Wilhelm Schuppe 

Phototypie von J. G. Huch & Co , Braunschweig. 



Rani Studien XYIII. 



J. Rehmke, Wilhelm Schuppe f. iOd 



Wilhelm Schuppe f. 

Von J. Rehmke. 



Am 27. März 1913 starb der ordentliche Professor 
der Philosophie an der Greifswalder Universität, Dr. phil.^ 
Dr. jur. h. c. und Dr. med. h. c. Wilhelm Schuppe in 
Breslau, wohin er im Herbst 1910 übergesiedelt war, 
nachdem ihn die Regierung auf seinen Antrag von den 
Pflichten als üniversitätsprofessor entbunden hatte. 

Schuppe war am 5. Mai 1836 zu Brieg (Schlesien) 
geboren; er erhielt im katholischen Gymnasium zu 
Ober-Glogau seine Schulbildung und studierte in Breslau, 
Bonn und Berlin. Er trat im Jahre 1861 in den Schul- 
dienst und wurde im Herbst 1873 von Beuthen, wo er 
die zweite Oberlehrerstelle innehatte, als ordentlicher 
Professor an die Universität Greifs wald gerufen. Hier 
hat er 37 Jahre lang seines Amtes gewaltet und eine 
umfassende tiefgehende Wirksamkeit als Dozent entfaltet. 
Das hohe Ansehen, dass der Verewigte an seiner Uni- 
versität genoss, ward ihm besonders auch darin bezeugt, 
dass er sowohl von der juristischen als auch von der 
medizinischen Fakultät Greifswald zum Ehrendoktor er- 
nannt wurde. 

In der Philosophie hat sich Schuppe einen klang- 
vollen Namen geschaffen, vor Allem als der führende 
Geist der sogenannten „Immanenten Philosophie", die 
in der Geschichte der Philosophie einen geachteten Platz 
gewonnen hat. In seinem Hauptwerke „Erkenntnis- 
theoretische Logik" 1878 hat er dieser philosophischen 
Richtung ein gründlich durchgearbeitetes, mit staunens- 
wertem Scharfsinn ausgeführtes Leitwerk geschenkt. 
Wenn dieses Werk in der Zeit seines Erscheinens die 
Aufmerksamkeit der philosophischen Kreise nicht in dem 



Kantstudieu XVIII. 14 



204 J. Rehmke, Wilhelm Schuppe f. 

Masse, wie sie es verdient hatte, auf sich gezogen hat, 
so haben dazu mehrere ungünstige Umstände mitgewirkt, 
nicht zum wenigsten das Neuerstehen des Kantianismus 
und das starke Interesse an der unter dem Namen der 
„Physiologischen Psychologie" bekannten neuen Wendung 
auf dem Gebiete der Psychologie. Auch der Versuch, 
durch eine besondere Zeitschrift für Immenente Philo- 
sophie Schuppes eigenartigen philosophischen Stand- 
punkt den philosophischen Gebildeten näher zu bringen, 
hatte nicht den Erfolg, der ihm zu wünschen war. So 
musste sich Schuppe mit dem Gedanken bescheiden, die 
grundlegenden Fragen der Philosophie in selbständiger 
Weise wieder in Angriff genommen und ihnen eine ori- 
ginelle Antwort gefunden zu haben: ein Bewusstsein, 
dessen er sich mit Fug und Recht getrösten konnte. 

Das seinem grundlegenden philosophischen Werk 
folgende und auf ihm gegründete Buch „Grundzüge der 
Ethik und Rechtsphilosophie" 1880 verdient neben jenem 
ersten unter all den vielen Veröffentlichungen seiner 
philosophischen Arbeit hier noch ganz besonders her- 
vorgehoben zu werden als ein glänzendes Zeugnis seines 
Geistes, der in die Tiefe zu dringen verstand und un- 
geahnte Schätze heraufzuholen wusste. 

Als Schuppe sein Amt niederlegte, wetteiferten 
Kollegen und Kommilitonen in Beweisen der Hoch- 
schätzung und Anhänglichkeit für den Mann, dessen 
freundliche und gefällige Art sie alle zu erfahren ge- 
wohnt waren, und der Schreiber dieser Zeilen, der 
während 25 Jahren sein Kollege war, konnte es ihm 
danken, dass trotz tiefgehender Standpunktsverschieden- 
heit das persönliche Freundschaftsverhältnis unentwegt 
bestehen blieb. 



Prinzipienfragen der Denl(psychologie. 

Von Richard Hönigswald.i) 

I. 

Hochansehnliche Versammlung! 

Die wissenschaftliche Tradition, die ihr weithin leuchtendes 
Symbol in dem Namen und in den Bestrebungen dieser blühenden 
Gesellschaft gefunden hat, scheint Erörterungen aus dem Problem- 
bereich der Psychologie nicht gerade zu begünstigen. Denn un- 
abhängig von den eigentlichen methodischen Tendenzen der Psy- 
chologie, ja in unerlässlichem und zeitweilig schroffem Gegensatz 
zu ihnen hatte sich die Wiedererneuerung des kritischen Gedankens 
in Deutschland vollzogen. Nur in dem vollen Bewusstsein seiner 
methodischen Selbständigkeit konnte sich der systematische Bestand 
des philosophischen Kritizismus entfalten und die ruhmreiche Ge- 
schichte der Rückkehr zu Kant ist zum guten Teil die Geschichte 
des Prozesses der Abgrenzung des kritischen Problemgebietes 
von dem psychologischen. 

Weder freilich ist dieser Prozess ungehemmt vor sich ge- 
gangen, noch auch ist er abgeschlossen. Die elementare Kraft 
des Kantischen Gedankens liegt nicht sowohl in dem Inhalt, als 
vielmehr in der Struktur der Fragestellung, die sich in ihm aus- 
prägt. Denn nicht dies allein, dass er sich auf eine Theorie der 
Geltung von Gedanken, wissenschaftlicher und ästhetischer, ethischer 
und religiöser, überhaupt richtet, ist das grosse und eigenartige 
an ihm; dass diese Theorie zugleich und durch sich selbst die 
Forderung begründet und erfüllt, sich in der Unerlässlichkeit ihrer 
eigenen Aufgabe zu rechtfertigen — das erst sichert der Philo- 
sophie Kants eine nie versiegende Bedeutung. Deshalb aber ist 
auch die Kritik mit ihren Grundmotiven überall gegenwärtig, wo 
in irgend einem, wenn auch noch so abgeblassten oder noch so 
erweiterten Sinn, von Erkenntnis und von Wahrheit, von Ob- 
jekten oder von Werten die Rede ist. 

1) Vortrag, gehalten anlässlich der Generalversammlung der Kant- 
Gesellschaft zu Halle a. S. am 20. April 1913. 

14* 



206 R. Hönigswald, 

Allein, wie scharf sich so der methodische Grundgedanke 
der Kritik an allen entscheidenden Punkten des wissenschaft- 
lich-philosophischen Denkens auch zur Geltung bringen mag, 
in der ganzen Tiefe und Breite seiner Wirksamkeit begleitet 
ihn proteusartig schillernd, als Erbfeind, das unausrottbare Vor- 
urteil des Psychologismus. Immer wieder drängt sich an 
die Stelle einer Eechtfertigung der objektiven „Möglichkeit" von 
Begriffen die Reflexion auf die „Handlungen, dadurch Begriffe er- 
zeugt werden." Immer wieder droht das Problem von dem, was 
in der Erkenntnis „liegt", zurückzulenken in die Bahn der Frage 
nach den „Einrichtungen" des menschlichen Geistes. — Indessen, 
die Gefahr des Psychologismus erscheint, wie so manche andere 
auf dem Boden der Wissenschaftstheorie, gebannt, sobald sie nur 
erkannt ist. Und ohne sie zu unterschätzen, darf man erklären: 
auch in seinen sublimiertesten Formen wird es der Psychologismus 
niemals vermögen, das Eecht und den Bestand des kritischen Ge- 
dankens in Frage zu stellen. 

Ein Problem aber bleibt dabei die „Möglichkeit" des Psy- 
chologismus als solche; ein Problem, das nur dann als gelöst be- 
trachtet werden dürfte, wenn es gelungen wäre, die Zusammen- 
hänge zwischen dem Begriff des Psychologismus und der Struk- 
tur der Psychologie selbst aufzudecken. Man glaube nicht, 
dass diese These den Versuch bedeutet, die Verantwortung für 
die Irrwege des Psychologismus der Psychologie zuzuschieben. 
Im Gegenteil! Je tiefer der Begriff des ersteren gefasst wird, je 
klarer herausgestellt wird nicht allein, was der Psychologismus 
verfehlt, sondern welches die Faktoren sind, in denen er wurzelt, 
um so schärfer und prinzipieller wird sich auch die Ablehnung 
gestalten können, die ihm von Seiten der letzteren zuteil werden 
muss: der Boden selbst, dem er entsprossen, muss ihm die Nahrung 
versagen, soll der Einfluss des Psychologismus in der Wissen- 
schaftslehre endgültig gebrochen werden. So führt der Psycho- 
logismus als Problem auf einer neuen Grundlage doch wieder zu 
Erwägungen wissenschaftstheoretischer Natur zurück: auf der 
Grundlage und unter der Voraussetzung einer Kritik des Begriffs 
der Psychologie als Wissenschaft. 

Zwei Wege eröffnen sich solcher Kritik. Der eine führt 
über die Darlegung der methodischen Voraussetzungen der Psycho- 
logie zu der Beantwortung der Frage nach deren „Möglichkeit" 
überhaupt. Ist die Psychologie, woran nicht gezweifelt werden 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 207 

ikann, ein durch eigentümliche Methoden und Ergebnisse wohl- 
charakterisiertes Forschungsgebiet, dann realisieren sich in ihr un- 
weigerlich die Bedingungen jener Methoden selbst; dann ist auch 
sie, wie jedes Produkt einer Theorie, durchsetzt und getragen von 
einem System spezifischer Beziehungen, deren Geltung sie ihren 
Bestand als Wissenschaft verdankt. Unter solchen Gesichtspunkten 
hiesse den Begriff der Psychologie kritisieren: die Psychologie, 
nicht freilich ihrem sachlichen Gehalt, wohl aber ihrem metho- 
dischen Typus nach aus jenem System von Beziehungen „dedu- 
zieren". 

Wohl ist, wie bekannt, jetzt viel die Eede von der grund- 
sätzlichen „ünausdrückbarkeit" des Psychischen und neuerdings 
auch, mit ganz besonderer theoretischer Betonung, von der „vollen 
Konkretion des Erlebten" als dem einzigen, aber nie erreichten 
Ziel der Psychologie; einem Ziel freilich, dem die Forschung durch 
eine „Rekonstruktion" desjenigen Tatbestandes dennoch zuzu- 
streben habe, den eine „vorgängige" „Konstruktion" des 
wissenschaftlichen „Objekts" — in grundsätzlicher, wenngleich 
unvermeidlicher Verfehlung der eigentlichen Absichten der Psycho- 
logie — geschaffen hatte. ^) 

Für eine eingehende Diskussion solcher Positionen ist hier 
nicht der Ort. Was sie für das Schicksal der Psychologie zu 
bedeuten haben, werden sie im wesentlichen wohl noch erst erweisen 
müssen. Eine Forderung aber darf man doch zum mindesten an 
diejenige von ihnen stellen, die den wissenschaftlichen Motiven 
nach, in denen sie wurzelt, das Moment der Begründung höher 
bewerten muss als die romantische Geste einer noch so feinsinnigen 
und wissenschaftsfreundlichen Mystik. 

Es mag die „volle Konkretion des Erlebten", von der Nato rp 
spricht, eine „ideell höchste Stufe" ^) bedeuten, deren als solcher 
sich keine Erkenntnis mehr bemächtigt; auch mag die Frage nach 
dem Begriff dieser „Konkretion" — ein Zugeständnis, zu dem man 
sich gerade dem kritischen Denker gegenüber nur schwer wird 
entschliessen können — offen bleiben; ja mag selbst der Gegen- 
satz von „Objektiv" und „Subjektiv" wirklich nur den Unterschied 
zwischen dem „Plus- und dem Minussinn der Wegrichtung der 



1) P. Natorp, Allgemeine Psychologie nach kritischer Methode. 
Tübingen 1912. J. C. B. Mohr. U. a. S. 303. 
«) A. a. 0. S. 223. 



208 R. Hönigswald, 

Erkenntnis",^) mithin den blossen „Richtungsgegensatz zwischen 
Integration und Differentiation"^) bedeuten; — eine Frage ist es 
doch, und ich möchte diese selbst logisch, nicht psychologisch ver- 
standen wissen, die beantwortet sein muss, wenn sich der Begriffs- 
apparat Natorps an dem Problem der Psychologie bewähren solL 
Ich meine die schlichte Frage nach dem Begriff jenes im Hinblick 
auf seine methodischen Konsequenzen so fundamentalen Faktors 
der „Richtungsänderung"; jener Richtungsänderung, kraft deren 
„die Ureinheit des Bewusstseins" für die „Reflexion", wenigstens 
im Sinne der Annäherung, „wieder herzustellen sein",^) und, wie 
das stolze Wort lautet, die „Psyche zum Logos"*) erhoben werden 
soll. Was heisst hier „Richtungsänderung"? 

Zwei Möglichkeiten, zwischen welchen die Entscheidung ge- 
troffen werden muss, sind gegeben. Entweder jene Richtungs- 
änderung ist selbst ein Element der „Ureinheit des Bewusstseins," 
— dann ist sie kein Instrument der Reflexion. Oder aber sie ist 
ein solches; dann steht die Psychologie, da Richtungsänderung ein 
anderes bedeutet wie Richtung, unter der Voraussetzung einer 
spezifisch zu charakterisierenden Theorie. In diesem Fall 
aber erweisen sich Psychologie und Gegenstand der Psychologie 
als durch die Bedingungen einer wissenschaftlichen Methode von 
besonderer Struktur beherrscht; d. h. auch sie unterliegen einer, 
wenngleich spezifischen Determination im Sinne des Prozesses 
der „Objektivierung". Am wenigsten wird diesen Forderungen 
der kritische Denker widersprechen wollen. Sollte er es unter 
Berufung auf den Unterschied zwischen „Sachgrund" und „Begriffs- 
grund" — und diese Unterscheidung findet sich bei Natorp^) — 
dennoch tun, so würde er damit nicht nur seinem Kritizismus ein 
wesensfremdes Element hinzufügen; er müsste vor allen Dingen 
auch gerade diejenige Position grundsätzlich preisgeben, aus der 
der Richtungsgedanke als solcher sein relatives Recht herleitet: 
dass es nämlich die Methode sei, die sich das Objekt bestimme. 

Ich verfolge diese Erwägungen nicht weiter, wenngleich sie 
uns tief in die sachlichen Motive derjenigen Fassung des kriti- 
schen Problems eindringen Hessen, zu deren bedeutendsten Ver- 



1) A. a. 0. 8. 111. 

2) Ebenda S. 133. 
^ Ebenda S. 20. 
*) Ebenda S. 78. 

5) Ebenda S. 39, vgl. auch S. 32. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 209 

tretern der Marburger Denker zu zählen ist. Ich beschränke mich 
vielmehr darauf festzustellen, dass das Moment der „Richtungs- 
änderung" aus der logischen Dimension, der das Moment der 
„Richtung" selbst angehört, heraustritt. Wie ein logischer „Dens 
ex machina" greift es in die theoretischen Erwägungen über die 
Struktur der Psychologie ein. Im tiefsten Grunde freilich hat es 
gerade hier ein wohlbegründetes Daseinsrecht. Entgegen den 
eigentlichen Tendenzen der Position Natorps konzentriert sich so- 
zusagen in dem Begriff der „Richtungsänderung" alles das, was 
die Psychologie als Wissenschaft d. h. in Rücksicht auf die all- 
gemeinsten Bedingungen objektiver Geltung, der gegenständlichen 
Bestimmtheit der nichtpsychologischen Erfahrung gegenüber 
kennzeichnet. Er repräsentiert die systematische Forderung einer 
methodisch selbständigen Fixierung des wissenschaftlichen Be- 
griffs der Psychologie; oder, was das gleiche bedeutet, die Forde- 
rung einer innerhalb der allgemeinen Wissenschaftslehre selbst- 
ständigen Theorie der psychologischen Methode. 

Gewiss, nur in Beziehung auf die durch kein System mate- 
rialer Objektbestimmtheit fassbare Form des Psychischen gibt es 
wissenschaftliche Psychologie; und diese Beziehung ist es dem- 
gemäss auch, was die methodische Eigenart der Psychologie be- 
stimmt. Nur heisst dies noch lange nicht, dass man nunmehr die 
Psychologie selbst der grundsätzlichen methodischen Unbestimmt- 
heit anheimfallen zu lassen habe; einer Unbestimmtheit, die da- 
durch gewiss nicht verringert wird, dass man sie — und nichts 
anderes liegt in dem Natorpschen Begriff der Richtungsänderung — 
der Terminologie eines noch so tiefen erkenntnistheoretischen Lehr- 
system anpasst. Ja, man könnte getrost geradezu das Gegenteil 
behaupten: als ein Element des methodischen Bestandes der Psy- 
chologie verwandelt sich jene, des Charakters der Objektivierbarkeit 
entbehrende Form alles Psychischen aus einer rein negativen und 
privaten Bestimmtheit in den Gegenstand einer selbständigen er- 
kenntnistheoretischen Problemstellung. 

In keinem Fall ist so „die Unausdrückbarkeit" ein Prinzip 
der psychologischen Einsicht. In keiner seiner möglichen Formen 
kann der Gedanke einer „negativen Psychologie" — denn so sollte 
man sagen, gleichwie man „negative Theologie" sagt — als 
der erste methodische Ansatz für die erkenntnistheoretische 
Durchdringung einer Wissenschaft vom Psychischen in Frage 
kommen. 



210 R. Hönigswald, 

Aber vielleicht führt gerade die unentwirrbare Komplexion 
der Probleme, wie sie sich aus der Diskussion dieser Umstände 
von selbst ergibt, zu der Einsicht, dass die erkenntnistheoretische 
Analyse der Psychologie andere Voraussetzungen als die bisher 
erwogenen zu erfüllen habe. Vielleicht offenbaren sich in man- 
chen ihrer eigenen Ergebnisse die Bedingungen unmittelbarer und 
deutlicher, die die Psychologie als methodische Einheit beherr- 
schen. Vielleicht erweist sich der dadurch bestimmte zweite Weg 
zur Kritik des Begriffs der Psychologie gangbarer als der erste. 
Es ist der Weg, an dessen Ausgangspunkt, wie ich meine, die 
Psychologie des Denkens steht. 

n. 

Ein bedeutsames Doppelmoment ist es, gegen das sich diese 
jüngste Sonderdisziplin psychologischer Forschung mit ihren metho- 
dischen Voraussetzungen, wie mit ihren sachlichen Ergebnissen 
richtet: die Einstellung der psychologischen Forschung auf das 
Anschauliche im weitesten Sinn und der Begriff jener, in ihrer 
ganzen Struktur letzten Endes durch „anschauliche" Inhalte bestimm- 
ten Verknüpfung, wie sie die sogenannte „Assoziation" fordert. 
Dass auch das schlechthin Unanschauliche und von anschaulichen 
Bestimmungen schlechthin Unabhängige Gegenstand psychologischer 
Fragestellung werden könne — das war die erste und bedeutsame 
Entdeckung der Denkpsychologie. Der „Gedanke" als solcher 
wurde jetzt zum psychologischen Problem; und die völlige Ohn- 
macht des Assoziationsprinzips, sich dieses Problems mit Erfolg zu 
bemächtigen, ward offenkundig. Auf der ganzen Linie traten jetzt 
die entscheidenden Differenzen zwischen assoziativen Verbänden 
und „Gedanken" im eigentlichen Sinn in die Erscheinung und immer 
deutlicher offenbarte das durch die Schule Kulpos vielverheissend 
inaugurierte denkpsychologische Experiment, dass gewusst werden 
kann, was niemals hat können assoziiert werden. Ja mehr noch! 
Das Phänomen des Wissens überhaupt verlangte auf dem Boden 
psychologischer Forschung eine von „Anschauung" und „Assozia- 
tion" unabhängige und selbständige Analyse. So ward allmählich 
und folgerichtig die Gesamtheit derjenigen Phänomene und Pro- 
zesse, die der Begriff des „Wissens" impliziert, zum Gegenstand 
denkpsychologischer Untersuchungen: das „Glauben" und das 
„Meinen", das „Annehmen" und das „Vermuten", vor allen Dingen 
aber auch im Urteilen und im Schliessen das „Erkennen". 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 211 

Kein Zufall, dass jetzt auch das Moment des „Sinns" als 
vollwertiger Gegenstand psychologischer Fragestellung in den 
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Es wird zum Repräsen- 
tanten jener spezifischen Funktion der Einheit, die dem Mosaik 
des Assoziationsproduktes gegenüber die Eigenart des „Denkens" 
— sie mag im Besonderen charakterisiert sein wie immer — 
kennzeichnet. 

Unverkennbar freilich klingt noch aus den ersten experimen- 
tellen Publikationen etwas wie eine leise Überraschung, um nicht 
zu sagen, Enttäuschung heraus. Immer schärfer umgrenzt sich 
die Forderung nach einer durchgängigen psychologischen Selbst- 
ständigkeit der Denkbeziehung; aber immer weniger will es dabei 
gelingen, für sie ein psychologisches „Substrat" zu finden. In 
der Geschichte der Wissenschaften — und ganz besonders in der- 
jenigen der Philosophie — sind Situationen dieser Art keineswegs 
vereinzelt; ja sie bezeichnen hier für bedeutsame Übergangsformen 
in weitem Umfang geradezu die Eegel. Schon sind vielfach, das 
meine ich mit dieser Andeutung, die Fragen an neuen, herkömm- 
liche Auf fassungs weisen vielleicht revolutionierenden Gesichtspunkten 
orientiert; aber noch ist die Erwartung, mit der man ihrer Be- 
antwortung entgegenblickt, auf die Gesichtspunkte der alten 
Fragestellung abgestimmt. So mögen auch in der Konstatierung 
des Mangels eines psychologischen „Substrates" für „Gedanken" 
gelegentlich noch methodische Reminiszenzen aus dem Bereich der 
überwundenen oder doch zu überwindenden „Vorstellungspsycho- 
logie" mitklingen; so mag die unwillkürliche Reflexion auf die 
herkömmlichen Mittel psychologischer Erkenntnis manchmal noch 
den Ausblick auf die letzten Konsequenzen der neuen Gesichts- 
punkte getrübt haben, von welchen die Fragen bereits beherrscht 
gewesen waren. 

Die Analyse der Fragen der neuen Wissenschaft ist es darum 
auch, was die Aufmerksamkeit des Methodologen in erster Linie 
auf sich lenkt. Und so trivial es der flüchtigen Betrachtung er- 
scheinen mag, so bedeutsam ist es doch, sich in Beziehung auf den 
Charakter dieser Fragen jetzt schon eines klar zu machen, dies 
nämlich, dass die experimentelle Erforschung des Denkphänomens 
eben das denkende Verhalten des Versuchsobjektes selbst vor- 
aussetzt; oder vielleicht noch genauer, dass dieses denkende Ver- 
halten die oberste und letzte theoretische Voraussetzung jedes 
Denkexperiments darstellt. Denn niemals wird es sich für dieses 



212 R. Hönigswald, 

darum handeln können, das Denken aus einem schlechthin denk- 
fremden Substrate, sozusagen aus dem „Nichts des Denkens", 
erstehen zu lassen; sondern immer nur darum; die Typen, in 
denen sich das Denken gestaltet, kennen zu lernen, um an ihnen 
immer wieder die Momente herauszustellen, die sie eben als Typen 
des Denkens kennzeichnen. Nicht einfach um die Kegistrierung 
von Reaktionen überhaupt auf Sinnenreize ist es daher dem Ex- 
perimentator hier zu tun; vielmehr nur um die Registrierung 
solcher Reaktionen, die nicht nur das „Ich denke" der Versuchs- 
person „muss begleiten können", sondern die die Versuchsperson 
selbst bewusst als den Inhalt dieses Denkens bezeichnet/) 

Jeder Schritt im Rahmen des denkpsychologischen Experi- 
ments steht von vornherein schon unter dem allgemeinsten Ge- 
sichtspunkt der Normen des Denkens. Schon die methodische 
Eigenart des Reizes lässt hierüber im allgemeinen keinen Zweifel. 
Denn nicht die naturwissenschaftliche, sondern, um es so auszu- 
drücken, die logische Valenz des Reizes ist hier, wenigstens in 
der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Fälle, entscheidend. Der 
Reiz schon ist hier, dem Begriff des Denkens gemäss, der ja dem 
ganzen Verfahren die Richtung weist, vor allem Bedeutungs- 
träger, oder er steht doch zu Bedeutungsträgern in eindeutig 
fixierbarer Beziehung. Und die Versuchsperson wiederum muss dem 
Sinn der Aufgabe nach, in deren Dienst sie gestellt ist, um 
diesen Charakter des Reizes im weiten Umfang „wissen". Sie 
hat den ihr dargebotenen Reiz — in vielen Fällen sogar als 
solchen — zu „verstehen". Sie muss „wissen" oder „nicht 
wissen", ja vielfach auch wissen, dass sie im Sinne des Versuchs- 
planes zu „wissen", bezw. „nicht zu wissen" habe, was der ihr 
gezeigte Gegenstand „ist", oder was der ihr zugerufene halbe oder 
ganze Satz „bedeutet". So erhält hier auch der Begriff der „Re- 
aktion" einen wesentlich veränderten Inhalt. Die Reaktion besteht 
jetzt in einer bewussten Erfassung, bezw. Produktion und Mit- 
teilung von Bedeutungszusammenhängen. Ihr Begriff schliesst 
mit anderen Worten hier, wie schon die flüchtigste Überlegung 
lehrt, ein Element in sich, das den Begriff des Versuchs nach der 
Norm einer völlig neuen, in der Naturforschung sonst nirgends 
vertretenen Dimension determiniert; einer Dimension, die mit dem 



1) Zur Frage des Denkexperiments vgl. jetzt auch H. Driesch, Die 
Logik als Aufgabe, Tübingen 1913. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 213 

naheliegenden Worte „Subjektivität" deshalb nicht klar genug 
charakterisiert erscheint, weil es eine spezifische Form eben des 
Bedeutungsbewusstseins ist, durch die sie sich allein kennzeichnet. 
Der Versuch ist jetzt in einem zweifachen Sinne des Wortes 
„vernünftig": nicht nur, wie sonst auch, als eine „vernünftige" 
Frage an das Objekt; sondern als eine vernünftige Frage an die 
Vernunft des Objektes. 

Das aber fügt nicht nur dem Begriff des Versuchsobjektes, 
es fügt auch dem des Verhältnisses zwischen Versuchsobjekt und 
Erperimentator, mithin auch dem des Experimentators, eine 
eigenartige und wesentliche Bestimmung hinzu. Das Versuchs- 
objekt wird im denkpsychologischen Experiment im weiten 
Umfang zu seinem eigenen Objekt. Es muss dies werden; 
denn gerade in der Herbeiführung der damit gesetzten Be- 
ziehung besteht ja hier recht eigentlich das Experiment, besteht 
doch in ihr das „Denken" selbst. In dem gleichen Masse aber 
verschwimmen auch die Grenzen zwischen Versuchsobjekt und 
Experimentator. Freilich, noch sind zunächst die Kompetenzen 
wohlgeschieden: die denkpsychologische Aktivität des Versuchs- 
objektes soll zum Objekt der Untersuchung werden — ein hinsicht- 
lich seiner logischen Struktur durchaus einwandsfreies Ziel. Kraft 
des gleichen Moments der Aktivität aber, in der sich das Denken des 
Versuchsobjekts vollzieht, wird sich eben dieses Denken selbst, 
und zwar i n dieser seiner Aktivität, zum Gegenstand. So gewiss nun 
dieser Umstand auf der einen Seite in der überwiegenden Mehrzahl 
der Fälle die methodische Grundlage für die Möglichkeit des denk- 
psychologischen Versuchs überhaupt bildet, so gewiss muss er auf 
der anderen zu einer Quelle der Interferenz und der Konkurrenz 
zwischen Versuchsobjekt und Experimentator werden. Beider Ak- 
tivität hat jetzt im weiten Umfang ein gemeinsames Bereich der 
Betätigung; und ohne prinzipielle Schwierigkeit Hesse sich der 
scheinbar paradoxe Fall konstruieren, dass das Experiment den 
Experimentator ausschaltet. Und entsprechende Verhältnisse liegen 
naturgemäss vor auch auf Seiten des Experimentators. Im 
Rahmen des denkpsychologischen Versuchs ist der Experimentator 
nur insofern, was er dem Begriff jedes Versuchs nach sein muss: 
das personifizierte Werkzeug der Methode, als er auch sich selbst 
zugleich Objekt, und zwar denkpsychologisches Objekt ist. Gewiss, 
auch sonst in der Wissenschaft hat ja der gewissenhafte Experi- 
mentator an sich „Kritik" zu üben. Das Bezeichnende aber 



214 R. Hönigswald, 

für unseren Fall ist dies, dass hier die Selbstkritik des Experi- 
mentators mit der Untersuchung seines Objektes im weiten Umfang 
auch sachlich zusammenfällt. Das Erfassen einer Bedeutungs- 
beziehung durch das Versuchsobjekt wird ihm zum Gegenstand 
nur indem er selbst die gleiche Bedeutungsbeziehung erfasst, ge- 
nauer: indem er sich über den Tatbestand seines Erfassens der 
gleichen Bedeutungsbeziehung Rechenschaft gibt und dabei die 
Gleichheit dieses Tatbestandes mit dem zu untersuchenden vor- 
aussetzt. 

Ja mehr noch! Nur ein Umstand von durchaus nicht grund- 
sätzlichem Charakter ist es, der selbst den für die Praxis des Experi- 
mentierens so fundamentalen Unterschied zwischen Versuchs- 
objekt und Experimentator aufrecht erhält. Das Versuchsobjekt 
kennt in den meisten Fällen die Deutung nicht, die seinen Äusse- 
rungen durch den Experimentator zuteil werden soll. Wäre sie 
ihm bekannt, dann könnten sich ohne weiteres, und zwar innerhalb 
einer und derselben experimentellen Fragestellung, die Rollen ver- 
tauschen, d. h. der Experimentator könnte geradezu zum Gegenstande 
des bisherigen Versuchsobjektes werden. Es ist eben ein letzten Endes 
durch das Moment des „Wissens" bedingter Sachverhalt, dass in 
der experimentellen Denkpsychologie beide der in Betracht kom- 
menden Faktoren, Versuchsobjekt und Experimentator, wenigstens 
prinzipiell, sämtliche der in Betracht kommenden Bedingungen 
des Systems erfüllen. 

Bleibt dennoch der tatsächliche Betrieb der experimentellen 
Forschung von den Konsequenzen dieses Verhaltens relativ unberührt, 
so liegt dies, wie gesagt, von einer Reihe sekundärer Umstände abge- 
sehen, an ganz bestimmten Momenten der experimentellen Technik: 
in der Regel kennt eben der Experimentator allein den vollen Plan und 
die ganze Absicht des Versuchs. Seine Rolle bleibt es, die stören- 
den Momente fernzuhalten, die sich für das Experiment aus der 
vorzeitigen Beachtung seiner Aufgabe durch das Versuchsobjekt 
ergeben müssen. Aus diesem Grunde wird auch der tatsächliche 
Gang der Forschungsarbeit durch die dargelegten Verhältnisse 
kaum nennenswert beeinträchtigt. Umso deutlicher freilich werden 
sie sich dafür überall da offenbaren müssen, wo in irgend einer Be- 
ziehung grundsätzliche Momente berührt werden: sie allein sind 
es, die den Streit um die methodologische Frage „Selbstbeobachtung 
oder experimentelle Fremdbeobachtung" nicht zur Ruhe kommen 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 215 

lassen, dabei aber eine endgültige nnd eindeutige Entscheidung 
dieser Alternative prinzipiell verwehren.^) 



III. 

Von solcher Art sind die Konsequenzen des Umstandes, dass 
das denkende Verhalten des Versuchsobjekts und damit der Be- 
griff des Denkens zu den unerlässlichen Voraussetzungen der 
denkpsychologischen Arbeit zu zählen seien. Kann nun nach alle- 
dem, so wird man fragen müssen, auf dem Boden und mit den 
Mitteln der Psychologie die Frage aufgeworfen werden: was ist 
Denken? Ich glaube nicht. Diese Frage hier stellen, hiesse auf dem 
Boden der Psychologie aufs neue hinter das Phänomen des Denkens 
zurückgehen; es bedeutete nichts geringeres als einen Rückfall in 
die Irrtümer der „Vorstellungspsychologie" ; es implizierte zum min- 
desten die Wiederholung des völlig aussichtslosen Versuchs, das 
Phänomen der Denkbeziehung aus einem schlechthin denkfremden 
Substrate aufzubauen. Aber gesetzt den Fall: dieser Versuch ge- 
länge. Wäre es nicht dennoch in hohem Masse zweifelhaft, ob 
damit jene erste Frage schon beantwortet sei? Wäre mit der 
Aufzeigung des Punktes, an welchem das „Assoziieren" und das 
„Vorstellen" zum „Denken" wird, die Frage nach dem Begriff 
dieses letzteren Phänomens wirklich schon erledigt? Oder würde 
der Gedanke einer denkpsychologischen „Generatio aequivoca" mit 
dem der biologischen nicht die Gefahr teilen müssen, Begriff und 
Geschichte zu verwechseln? Ich meine, selbst die gelungene Re- 
duktion des „Denkens" auf des „Vorstellen" würde die Frage nach 
dem Begriff beider nicht überflüssig erscheinen lassen. 

In einem Falle freilich wären solche Bedenken gegen- 
standslos: dann nämlich, wenn das Phänomen des Denkens selbst 
es wäre, was Vorstellung und Assoziation, auch psychologisch, 
bestimmt. In diesem Falle gewänne die Psychologie des Denkens 
eine über ihren ursprünglichen methodischen Charakter weit hin- 
ausgreifende Funktion und schon im blossen Ausblick auf solche 
Möglichkeit wäre die Frage der ernstesten Erwägung würdig, ob 
nicht das Phänomen des Denkens geradezu als das Medium zu 



1) Vgl. hierzu Wundt, Über Ausfrageexperimente und über die Me- 
thoden zur Psychologie des Denkens. Psychol. Studien 1907; sodann 
Bühler, Antwort auf die von W. Wundt erhobenen Einwände etc. Archiv 
für die gesamte Psychologie 1908. 



216 R. Hönigswald, 

betrachten sei, in dem und durch das sich die Gesamtheit des 
psychischen Lebens entfaltet. 

Je grösser aber die Perspektive ist, die sich solchen Über- 
legungen eröffnet, um so bedeutsamer erscheint es, für einige 
Augenblicke bei einem scheinbar prinzipiellen Einwand gegen die 
Möglichkeit der Denkpsychologie überhaupt zu verweilen. Wir 
wollen in der experimentellen Denkpsychologie — so macht man 
geltend — erfahren, was in der denkenden Versuchsperson vor- 
geht; und sie sagt uns allergünstigsten Falles, was ihrer Meinung 
nach sich in ihr ereignet. Denn weit mehr und anderes als uns 
selbst bewusst wird und als wir mitteilen können, ereignet sich 
in uns. Nichts daher vermöchte uns zu verbürgen, dass die Vor- 
gänge unseres Bewusstseins unverändert in den Blickpunkt auch 
nur unserer eigenen Aufmerksamkeit treten. Als ein trübes 
Medium schiebe sich zwischen unser wirkliches Denkerlebnis und 
unser Bewusstsein von ihm dessen gedankliche und vollends dessen 
sprachliche Symbolisierung dazwischen. Das Wort und die Gliede- 
rung der Worte in der zusammenhängenden Rede seien roh im 
Vergleich zu dem Erlebnis selbst; das Wort vereinfache wohl, 
aber es zerreisse zugleich auch und vernichte geradezu das zarte 
Gewebe der Gedanken. Es füge ihm hier hinzu, was es überhaupt 
nicht enthalten haben mag, und es lasse dort als schematisierendes 
und nivellierendes Element den Gedanken ärmer und dürftiger 
erscheinen als er in Wahrheit ist. Das Wort mit seinen ge- 
danklichen Voraussetzungen verfälscht den Gedanken nach den 
mannigfachsten Richtungen und Dimensionen hin. Und nun soll 
gerade dieses, so durchaus inadäquate Symbol des Denkerlebnisses 
zur Stütze des ganzen Versuchs werden, indem es die Brücke 
schlägt zwischen Versuchsobjekt und Experimentator, nicht freilich 
ohne in dem letzteren die ganze Reihe von Schwierigkeiten, die sich 
aus dem Abstand von Wort und Denkerlebnis schon in dem Versuchs- 
objekt ergeben hatten, in umgekehrter Abfolge zu wiederholen. 

Es ist nicht zu leugnen, dass hiermit eine Schwierigkeit von 
weittragender Bedeutung bezeichnet ist. Aber nur dann darf man 
hoffen, sie mit aller Schärfe und grundsätzlich zu überwinden, 
wenn aus dem Einwand, den sie begründen soll, jede Unbestimmt- 
heit eliminiert ist. Und eine solche ergibt sich sofort, wenn man 
die Wurzel des ganzen Arguments scharf genug ins Auge fasst, 
in der Supposition eines Gegensatzes zwischen Denkerlebnis einer- 
seits, der— gedanklichen und der sprachlichen — Repräsentation 



Prinzipienfragen der Denkpsycbologie. 217 

des Denkerlebnisses andererseits. Die an sich wissenschaftliche 
Absicht unbestechlicher Wahrheitstreue und Objektivität hat in 
dieser Supposition einen Fehler gezeitigt, der in der Geschichte 
der Wissenschaft nicht vereinzelt dasteht. Weil der Versuch einer 
bewussten Repräsentation des „Erlebten** — und ich meine hier 
zunächst die gedankliche — das Erlebnis erfahrungsgemäss „ver- 
fälschen"* kann und „verfälscht*", deshalb glaubt man nun auch 
den Begriff des Erlebens von dem seiner möglichen Repräsen- 
tation überhaupt grundsätzlich trennen zu dürfen; — ohne zu be- 
denken, dass von einem „Denkerlebnis** sinnvoll immer nur im 
Hinblick auf eine mögliche Repräsentation gesprochen werden 
könne. Ein schlechtlich irrepräsentables Denkerlebnis 
wäre keines. Ich meine damit nicht, um auch dem geringsten 
Zweifel über den Sinn dieser These den Boden zu entziehen, dass 
jedes Denkerlebnis repräsentiert sei; wohl aber möchte ich be- 
haupten, dass jedes Denkerlebnis als Denkerlebnis repräsentabel 
ist. Das „Ich denke**, so meine ich, muss es mit allen seinen 
Bedingungen „begleiten können". In seiner Repräsentabilität erst 
wird es im kritischen Sinn dieses Wortes „möglich". 

Mit anderen Worten: Stets muss es für die empirische 
Forschung eine im besonderen Fall gar nicht scharf genug zu 
stellende Frage bleiben, ob eine bestimmte Repräsentation des 
denkend Erlebten zutrifft; niemals aber kann es diese Frage recht- 
fertigen; dass man zwischen dem Begriff des Denkerlebnisses und 
dem seiner möglichen gedanklichen Repräsentation überhaupt eine 
prinzipiell unübersteigbare Scheidewand errichte. Ja, man darf 
wohl noch um einen Schritt weiter gehen! Es wäre unmöglich, die 
Zulänglichkeit der konkreten Repräsentation eines Denkerlebnisses 
überhaupt auch nur zu diskutieren, wenn Denkerlebnis und Repräsen- 
tation im Sinne des Einwandes von einander begrifflich geschieden 
werden könnten; wenn nicht der Begriff des ersteren durch die 
Bedingungen der letzteren bestimmt wäre. Man verabsolutiert also, 
um es noch einmal kurz zu sagen, in dem Einwand, der diesen Er- 
wägungen zugrunde liegt, den Begriff des Denkerlebnisses, indem 
man die berechtigte Unterscheidung zwischen Denkerlebnis und 
der Möglichkeit seiner mittelbaren oder inadäquaten Repräsentation 
dogmatisiert; d. h. indem man aus jener Unterscheidung, die me- 
thodisch und heuristisch von dem allerhöchsten Werte ist, einen 
sachlichen Gegensatz, eine „realis distinctio" macht. Man sollte 
endlich aufhören, immer wieder in diese realis distinctio zurück- 



218 R. Hönigswald, 

zuverfallen und bedenken, dass eine der ergiebigsten Quellen 
wissenschaftlicher Einsicht zu allen Zeiten die bewusste Preisgabe 
okkulter Qualitäten gewesen ist. 

Kein Denkerlebnis, so darf man wohl hinzufügen, das nicht 
ßedeutungserlebnis, und kein Bedeutungserlebnis, das nicht der 
allgemeinen Bedingung der Bedeutung — der Norm des Urteils — 
gemäss gegliedert wäre« Dieses Gegliedertsein der Denkerlebnisse 
allein ist es, kraft dessen wir uns letzten Endes, allen individuellen 
Differenzen zum Trotz, „verstehen" oder zu verstehen glauben. 
Der „Verstand" ist eben die Form und Bedingung aller „Ver- 
ständigung" — auch jener primären Verständigung mit uns selbst. 

Man könnte vielleicht vermuten, dass diese Argumentation 
sich des Fehlers schuldig mache, das Bedeutungserlebnis unter das 
Joch einer ihm wesensfremden Norm zu beugen; ja man könnte 
vollends eine Verwechselung von Bedeutung und Bedeutungs- 
erlebnis, und damit die Gefahr der Logisierung eines psychologischen 
Problems, befürchten. Allein, wie mir scheint, zu Unrecht. Es ist 
hier, um Klarheit zu schaffen, in hohem Masse wichtig, sich auf 
eine Reihe von begrifflichen Beziehungen zu besinnen, die, soviel 
ich sehe, die gesamte Problemlage beherrschen. Zunächst besteht 
zwischen den Momenten der „Bedeutung" und des „Bedeutungs- 
erlebnisses" ein Verhältnis der Korrelation. „Bedeutung" und 
„Bedeutungserlebnis" bezeichnen verschiedene, aber einander 
wechselseitig involvierende und daher auch wechselseitig* auf ein- 
ander zu beziehende Faktoren. Jedes Bedeutungserlebnis unter- 
liegt, wie eben erörtert, der Norm, die die Bedeutungsbeziehung 
als solche konstituiert. Und jede Bedeutungsbeziehung anderer- 
seits ist als BedeutungBbeziehung „erlebbar". Denn nicht nur 
dies liegt in dem Begriff der Bedeutungsbeziehung, dass ihr 
Geltungsbestand von der Tatsache ihres Erlebtwerden völlig un- 
abhängig sei; sondern auch dies, dass sie diese Bedingung nur als 
eine Bedeutungsbeziehung, d. h. eben nur im Hinblick auf ihre 
„Erlebbarkeit" erfüllen könne. Ja noch in einem zweiten Sinn 
involviert die Bedeutungsbeziehung als solche, wie kaum betont 
zu werden braucht, Erlebbarkeit: sie soll nicht nur „unabhängig 
von allen" gelten, sie soll, weil sie unabhängig von allen gilt, 
auch „für alle" gelten können. 

Führt nun dieser Sachverhalt dazu, die Psychologie auf dem 
Boden der Logik in eigenartiger Weise zum Problem werden zu lassen, 
so bedeutet er für den gegenwärtigen Zusammenhang den Hinweis 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 219 

auf deüjenigen Faktor, den ich vorhin gelegentlich als die „Form des 
Psychischen" bezeichnet habe. Er involviert den Gedanken einer 
Beziehung, in der sich die reinen Geltungswerte der Bedeutungs- 
relation mit einer, durch die Erkenntniswissenschaft allerdings erst 
näher zu determinierenden Form der Seinsbestimmtheit verbinden. 
Welche Voraussetzungen hierfür in Frage kommen müssen, ist 
eine Sache für sich. Gewiss ist, dass sie vor allem die Bedin- 
gungen in sich schliessen werden, die die Möglichkeit einer spezi- 
fischen und absolut prinzipiellen Einmaligkeit und Einzigartigkeit 
derjenigen Faktoren beherrschen, auf welche sich die Bedeutungs- 
beziehuug im Sinne der „Fundierung" aufbaut; — wobei es natür- 
lich eine besondere Aufgabe der Erkenntuiswissenschaft sein 
wird, die damit gesetzte „Seinsbestimmtheit" wieder in den 
Rahmen des Geltungsgedankens überhaupt einzufügen. Während 
nun die Ermittlung der empirischen Gesetze des Eintritts 
jener Seinsbestimmtheit für alle Zeiten der experimentell-psycho- 
logischen Forschung vorbehalten bleibt; so gestattet, ja fordert die 
genannte Beziehung als solche — in dem System jener tief drin- 
genden Analyse, deren Begriff und Entwicklung sich, wie man 
weiss, an den Namen Husserls knüpft — eine selbständige Form 
der wissenschaftlichen Behandlung. Niemals dürfen die Umstände, 
die den Eintritt jener spezifischen Seinsbestimmtheit des Bedeu- 
tungserlebnisses in der Zeit beherrschen, um ihm damit den Stem- 
pel ihrer Eigenart aufzuprägen, übersehen werden; und ohne ihre 
nur durch experimentelle Methoden mögliche, kritische Heraus- 
stellung wäre eine „Psychologie des Denkens" überhaupt nicht 
möglich. Aber niemals kann andererseits die Struktur des Be- 
deutungserlebnisses selbst mit der empirischen Gesetzlichkeit jener 
Umstände, also die zeitliche Bestimmtheit seines „Seins" mit der 
Zeitlosigkeit der Beziehung, in der es besteht, verwechselt werden. 

Je schärfer sich nun so der Begriff des Denkerlebnisses 
nach allen Richtungen hin begrenzt, um so klarer wird, wie mir 
scheint, die Hinfälligkeit jenes Einwandes, der das Denkerlebnis 
zu der Möglichkeit seiner Repräsentation in einen prinzipiellen 
Gegensatz bringen will. 

Man sollte vielleicht unterscheiden zwischen der primären 
und einer sekundären Repräsentation des Denkerlebnisses. Die 
primäre ist — ich bediene mich jetzt einer etwas abgekürzten 
Bezeichnungsweise — für das Bedeutungserlebnis im weitesten Sinne 
des Wortes konstitutiv: durch sie erst „ist" das Bedeutungs- 

KantstudieD XVIII. 15 



220 R. Hönigswald, 

erlebnis. Die sekundäre Repräsentation dagegen ist eine Funk- 
tion der primären. Und nun ist es eine der wichtigsten und 
fruchtbarsten, übrigens dem Begriff aller empirischen Forschung 
überhaupt gemässen, heuristischen Maximen der Denkpsychologie, 
dass sie jede in irgend einer Erfahrung vorliegende Eepräsentation 
von Denkerlebnissen stets als eine schlechthin sekundäre und kom- 
plexe, d. h. als eine solche betrachte, die die wissenschaftliche 
Analyse nach der Richtung der primären Repräsentation hin vor 
immer neue Aufgaben stellt. Absichtlich vermeide ich das dem 
Kantianer an dieser Stelle zur Charakteristik der „primären" 
Repräsentation sich vielleicht aufdrängende Wort Kategorie. 
Denn die primäre Repräsentation ist zum Unterschied von der 
Kategorie, unbeschadet ihres für die „Möglichkeit" des Denk- 
erlebnisses konstitutiven Charakters, um es mit einem Worte zu 
sagen, auch material bestimmt. — Zweierlei wird aus diesen Zu- 
sammenhängen zu folgern sein. Einmal dies, dass primäre und 
sekundäre Repräsentation des Denkerlebnisses, bei allen Unter- 
schieden, in ihrer Konstitution übereinstimmen. Nicht ein 
„Nichts" der Repräsentation soll in dem gedanklichen Ausdruck 
des Erlebnisses in eine diesem wesensfremde Form gepresst 
werden; sondern an die Stelle einer, und zwar eben der pri- 
mären Form der Repräsentation, die also das sogenannte Er- 
lebnis selbst ist, treten aus Gründen und nach Gesetzen, die zu 
fixieren der phänomenologischen und der experimentellen Forschung 
vorbehalten bleibt, andere, sekundäre. Und eine zweite Konse- 
quenz besteht in der Einsicht, dass es ein Kriterium dafür, ob es 
in einem gegebenen Fall gelungen sei, zu der „primären Reprä- 
sentation" des Denkerlebnisses vorzudringen, auf dem Boden der 
Psychologie überhaupt nicht geben könne. Denn jener Begriff 
bezeichnet gar nicht ein Ergebnis der denkpsychologischen For- 
schung; sondern eine Voraussetzung, ein theoretisches Prinzip der 
denkpsychologischen Forschung; ein Prinzip, das letzten Endes auf 
der unaufhebbaren Beziehung zwischen Denkerlebnis und Bedeutung 
beruht, und das selbst nur einen veränderten Ausdruck des Grund- 
satzes darstellt, dass die Denkpsychologie den Begriff des denken- 
den Verhaltens zu ihrer obersten Bedingung habe. 

Prinzipiell unterschieden werden muss von dem eben darge- 
legten Gedanken eine andere Angelegenheit: die alltägliche Ein- 
sicht, dass ein und dasselbe „Denkerlebnis'^ durch eine Reihe 
einander gleichwertiger Gedanken repräsentiert werden kann. Denn 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 221 

man wird nicht verkennen dürfen, dass der Begriff des Denker- 
lebnisses jetzt in einem durchaus anderen Sinn verwandt ist wie 
vorhin. Sollte es früher, im Rahmen jenes oft wiederholten Ein- 
wandes, eine Instanz sein, an der sich die Schranken aller Denk- 
psychologie offenbaren, ein Faktor, der sich stets hinter anderen, 
ihm irrtümlich substituierten, verbirgt, — so steht es hier, wenngleich 
auch nur immer durch sich selbst definiert, doch im vollen Licht der 
psychologischen Betrachtung. Von umso grösserem Interesse aber 
ist es, sich darüber Rechenschaft zu geben, dass die Beziehung, 
die wir in dem Begriff der „primären Repräsentation" fixieren 
konnten, sich auch hier als vorhanden erweisen lässt. Sie ist 
auch hier das konstitutive Prinzip, das die Gegenüberstellung eines 
Denkerlebnisses und einer Reihe ihm gleichwertiger Gedanken 
überhaupt erst ermöglicht. Sie ist genauer gesagt, die ünerläss- 
liche Bedingung, unter der solche Gleichwertigkeit selbst steht. 
Sie ist dasjenige mögliche Bedeutungserlebnis — wobei das Wort 
„Erlebnis" natürlich wieder in dem ersten Sinn gebraucht erscheint 
— , das alle in dem fraglichen System in Betracht kommenden Faktoren 
als deren spezifische Gesetzlichkeit umfasst. Klar sondert sich 
damit das Gebiet der denkpsychologischen Forschung von dem 
System der Voraussetzungen, die es beherrschen; und unverkenn- 
bar erweist sich als der Mittelpunkt dieses letzteren der Gedanke 
einer im kritischen Sinne des Wortes „möglichen" Bedeutung. 
Tiefer als es der flüchtige Anlass dieser Stunde vielleicht 
zu rechtfertigen vermöchte, sind wir damit in das Gewirre denk- 
psychologischer Prinzipienfragen hineinverstrickt worden. Aber 
was es uns darbietet, ist nicht der Ausblick in eine Sphäre grund- 
sätzlicher Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit; auch nicht die 
künstliche Kombination solcher Unbestimmtheit mit den konstitu- 
tiven Elementen einer nichtpsychologischen Erfahrung; sondern 
eine spezifische Form der Bestimmtheit, die derjenigen der nicht- 
psychologischen Erfahrung wohl nicht beziehungslos gegenüber- 
steht; im Gegensatz zu ihr aber eine selbständige, d. h. wohl- 
charakterisierte Gesetzlichkeit darstellt und begründet. Nicht „re- 
konstruktiv" ist, um diese Natorpsche Bezeichnung zu gebrauchen, 
der theoretische Tatbestand zum mindesten der Denkpsycho- 
logie, sondern konstruktiv; konstruktiv freilich nach der Norm 
jener eigenartigen und selbständig zu analysierenden Bedingungen, 
die insgesamt mit dem Begriff der „möglichen Bedeutung" ge- 
setzt sind. 

16» 



222 R. Hönigswald, 

IV. 

Hier scheint mir auch der logische Ort für den Hinweis auf 
ein Problem zu sein, das, wie kaum ein zweites, den prinzipiellen 
Charakter der denkpsychologischen Forschung bestimmt. Ich meine 
den Komplex von Fragen, der durch den Begriff „Sinn", bezw. 
durch das Begriffspaar „Sinn" und „Sinnlosigkeit" bezeichnet wird. 
Es steht, wie kaum zweifelhaft sein kann, in der innigsten Ver- 
knüpfung mit dem Moment der „Bedeutung". Kann man den 
Begriff eines Denkerlebnisses, das jeglicher Bedeutung ermangelte, 
als einen Widerspruch in sich selbst bezeichnen, so gilt ein gleiches 
hinsichtlich dfv Annahme, es sei ein Denkerlebnis ohne jegliche 
Beziehung auf einen „Sinn" möglich. Man wird einwenden, es 
könne auch Sinnloses, Unsinniges gedacht werden. Gewiss! Aber 
indem es gedacht wird, wird zugleich die Möglichkeit gefordert, 
es an einem Sinn zu messen. Nur im Hinblick und in Beziehung 
auf solche Möglichkeit kann „Sinnlosigkeit" überhaupt prädiziert 
werden.^) Das wiederum aber schliesst den Gedanken in sich, 
dass „Sinn" und „Sinnlosigkeit", ungeachtet oder vielleicht wegen 
ihres Gegensatzes, durch die Normen und die Bedingungen der 
gleichen Gesetzlichkeit umfasst werden. — Es wäre im Zu- 
sammenhange hiermit von erheblichem theoretischen Interesse, das 
Verhältnis der Begriffe „Sinn", „Sinnlosigkeit" und „Widersinn" 
zu analysieren. Im Verlaufe solcher Analyse würde, wie mir 
scheint, in besonders nachdrücklicher Form die grundsätzliche Ein- 
heit in der Struktur des Fundaments zu Tage treten, auf dem 
sich die Reihe jener Begriffe aufbaut. 

Aber diese Untersuchung läge bereits ausserhalb des Kreises 
unserer gegenwärtigen Aufgabe. Im Hinblick auf diese genügt es 
eines festzuhalten. Der Umstand, dass jeglichem Denken gegen- 
über mit Recht die Frage muss gestellt werden können: „Was 
ist gedacht worden?" — ist nur ein anderer Ausdruck für den 
Tatbestand des Orientiertseins alles Denkens an dem Moment und 
an der allgemeinsten Norm des „Sinns". Die spezifische Form 
der Gliederung, welche durch die unerlässliche Frage nach dem 
„Was" des Denkens vorausgesetzt und gefordert ist, und der 
„Sinn" sind korrelative Faktoren. Jene Form aber ist keine 
andere wie die Relation der Geltung überhaupt. In Rücksicht 



^) Vgl. hierzu insbesondere Husserl, Logische Untersuchungen. 
Zweiter Teil. Halle 1901. S. 67. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 223 

auf diese muss daher das Denkerlebnis als solches zu bestimmen 
sein; in Rücksicht auf sie aber verknüpft es sich unlösbar mit 
der Gesetzlichkeit der Urteilsform. Nur in Beziehung auf ein 
Denkerlebnis kann von solcher Gesetzlichkeit gesprochen werden. 
Und nur im Hinblick auf diese Gesetzlichkeit kann andererseits 
von einem Denkerlebnis die Rede sein. In solchem Sinn ist die 
Gesetzlichkeit der Urteilsform eine Bedingung des Denkerlebnisses 
und damit zugleich eine Bedingung, von der auch die phäno- 
menogische Analyse dieses Erlebnisses unweigerlich beherrscht 
erscheint. 

Kein Objekt — das Wort in dem denkoar weitesten Sinne 
verstanden — unabhängig von dem Moment der Geltungsbestimmt- 
heit; und kein Denken unabhängig von der Beziehung auf ein 
Objekt. So aber berühren sich in den Prinzipien der Denkpsycho- 
logie auch die Begriffe „Objekt" und „Sinn". Als „Sinn", so 
darf man sagen, wird hier das „Objekt" zum Problem. — 
Eine der schwierigsten Fragen der Erkenntniswissenschaft ragt 
damit in den Bereich unserer Erwägungen hinein, um hinsichtlich 
dieser selbst eine prinzipielle Entscheidung vorzubereiten. Ich 
versuche sie mit ein paar Strichen festzuhalten. — Die Funktion 
^der Geltungsbestimmtheit ist, wie wir eben gesehen haben, eine 
Voraussetzung des Faktors „Sinn". Gerade deshalb aber fällt sie 
mit diesem nicht zusammen. Andererseits bedarf gerade hier der 
Begriff der Voraussetzung noch einer näheren und tiefer 
dringenden Bestimmung. Nicht dieses nämlich kann gemeint sein, 
dass der „Sinn" die Form der Geltungsbestimmtheit voraussetze, 
so etwa, wie ein besonderer mathematischer Lehrsatz einen all- 
gemeineren voraussetzt. Und auch nicht nur dies, dass der „Sinn" 
durch jene Geltungsbestimmtheit gegenständliche Valenz erhalte. 
Sondern vor allen Dingen dies: dass er kraft jener Geltungs- 
bestimmtheit auch selbst zum Träger der Gegenstandsfunk- 
tion wird. Indem er durch das Moment der Geltungsbestimmtheit 
den Charakter der Denkbarkeit erlangt, erfüllt er die erste und 
oberste der Bedingungen, um selbst gegebenenfalls anderen Fak- 
toren von sinnbestimmtem Charakter gegenüber die Bedeutung 
einer Norm gewinnen zu können. Mit anderen Worten: es gehört 
zu dem Begriff des Faktors Sinn, dass er sich nicht in der Form 
des Urteils erschöpfe; auch ist er mehr als ein durch diese Form 
bestimmter Urteilsinhalt. Er ist, so könnte man sagen, die Be- 
stimmtheit des Urteilsinhalts als solche einerseits durch die 



224 R. Hönigswald, 

Form des Urteils, andererseits gemäss der vorhin fixierten Be- 
ziehung der Erlebbarkeit. 

Die Analogie zwischen der Struktur des Faktors „Sinn" und 
dem Begriff des gültigen Wertes, der ja mit dem der Geltung 
keineswegs zusammenfällt,^) wird damit offenkundig und von selbst 
ergibt sich auf Grund dieser Analogie eine wissenschaftstheoretische 
Beziehung von der höchsten prinzipiellen Tragweite zwischen Psy- 
chologie und Biologie — um von dem Ausblick auf die logische 
Struktur der Kulturwissenschaften hier ganz abzusehen. Denn 
es unterliegt kaum einem Zweifel: Wenn — kantisch gesprochen — 
die Bedingungen für die „Möglichkeit" der Physik Determinationen 
der blossen Form des Urteils darstellen, so gehört zur „Möglich- 
keit" der Psychologie die spezifische Bestimmtheit des Urteilsinhalts 
als „Sinn". Was man instinktiv fühlt, und was sich in der Praxis 
des Wissenschaftsbetriebes hundertfach geltend macht, das erscheint 
in solchem Zusammenhang auf eine, wie ich freilich weiss, noch 
sehr unfertige und der kritischen Ausgestaltung in hohem Masse 
bedürftige Formel gebracht: der „teleologischen^' Beziehung, die für 
das biologische Urteil konstitutiv ist, entspricht in der Struktur 
der Psychologie die Funktion des „Sinns''. 

Ich sage der Psychologie schlechtweg und nicht allein der 
Denkpsychologie; — und bin mir wohl bewusst, damit auf 
eines der schwierigsten Probleme hingedeutet zu haben, die 
hinsichtlich der Prinzipien der Psychologie überhaupt gestellt 
werden können. Niemals sicherlich war es einsichtigen Forschern 
entgangen, dass der Gedanke eines Konglomerats isolierter Ele- 
mente die spezifische Gesetzlichkeit des Psychischen so wenig zu 
kennzeichnen vermöchte, wie die Vorstellung eines blossen Aggre- 
gates von Teilen die des Organismus. Ohne Schwierigkeit Hessen 
sich die Konsequenzen dieser Einsicht in der Geschichte der 
Metaphysik und der Erkenntniswissenschaft nachweisen; — einer 
Geschichte, deren Wechselfälle, wie man weiss, durch die Jahr- 
hunderte auch in die Geschicke der Psychologie bestimmend 
eingegriffen haben. Und mit Leichtigkeit liesse sich der Beweis 
erbringen, dass auch die Psychologie dem angedeuteten Gesichts- 
punkt in den mannigfachsten Formen, bewusst oder unbewusst, 
stets Rechnung getragen habe — selbst da, wo sie das Zurück- 



') Vgl. hierzu meine Abhandlung „Zur Wissenschaftstheorie und 
-Systematik". Kantstudien, Band XVII, S. 79 ff. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 225 

greifen auf isolierte Elementarbestandteile als ihren obersten me- 
thodischen Grundsatz proklamiert hatte. Im Hinblick darauf wäre 
es denn auch in hohem Masse förderlich, den Begriff der „Asso- 
ziation" und damit die Geschichte der sogenannten „Assoziations- 
psychologie", einmal ausdrücklich unter dem Gesichtspunkt des 
Gegensatzes zwischen der „Assoziation'* und der „Isolation" der 
supponierten Elementarbestandteile ins Auge zu fassen. Es würde, 
wie ich meine, auch schon im Verlaufe dieser Untersuchung, also 
immer noch auf dem Boden der Assoziationspsychologie selbst, die 
Aufmerksamkeit auf das System der methodischen Forderungen 
hingelenkt werden, die ihre volle und bewusste Entfaltung frei- 
lich erst in der Denkpsychologie erfahren konnten. Denn hier erst 
ward die Lehre von der „Mosaikstruktur des Seelenlebens", wie es 
in einer der eindrucksvollsten Kundgebungen Kulpos heisst,^) 
in aller Form und prinzipiell entwurzelt; hier erst alle Voraus- 
setzungen der These erfüllt, dass „die anschaulich gegebenen 
Inhalte" nur noch „als künstliche Abstraktionen", als „willkürlich 
herausgelöste und verselbständigte Bestandteile" eines umfassen- 
deren Zusammenhangs gelten können. Über die Natur dieses Zu- 
sammenhangs nun kann nach allem, was festgestellt worden, kein 
Zweifel sein. Es ist der Zusammenhang, wie ihn eben das 
Denken begründet: das im „Sinn" und durch die Beziehung auf 
den „Sinn" gesetzte System von Relationen. 

Und sofort lässt uns die gleiche Erwägung noch tiefer vor- 
dringen: die schlechthin universelle psychologische Bedeutung des 
Faktors „Sinn" ist es, die, wenn nicht alles täuscht, als eines der 
bedeutsamsten Ergebnisse einer Erörterung der Prinzipien der 
Denkpsychologie zu betrachten sein wird. Beherrscht nicht 
das Moment des „Sinns", so wird man zu fragen haben, 
die gesamte Problemlage der Psychologie? Ist das, was 
man zutreffend die „Substanzialität des sinnlichen Eindrucks" ge- 
nannt hat,2) nicht das Produkt eines nur durch die historische 
Entwicklung der Psychologie bedingten und durch gewisse metho- 
dische Gesichtspunkte vielleicht begünstigten Absehens von der 
immanenten Beziehung des sinnlichen Eindrucks auf den Zusammen- 



1) O. Külpe. Über die moderne Psychologie des Denkens. Vortrag, 
gehalten auf dem V. Kongress der Deutschen Gesellschaft für experimen- 
telle Psychologie am 16. April 1912. Intern. Monatsschrift Juni 1912. 

2) Cassirer, Substanzbegriff und Funktionsbegriff, Untersuchungen 
über die Grundfragen der Erkenntniskritik. Berlin 1910. S. 440. 



226 R. Hönigswald, 

hang des Denkens, und ist nicht vielleicht die systematische An- 
erkennung gerade dieses Zusammenhangs das wichtigste Geschäft 
einer wirklich exakten Betrachtung des Psychischen? — Man braucht 
diese Fragen nur zu stellen, um sofort die Konsequenzen zu über- 
schauen, zu welchen ihre, unter den dargelegten Voraussetzungen 
wohl unvermeidliche Bejahung hinführt. Sie bestehen, um es mit 
einem Worte zu sagen, in dem Satz von der „Affinität" alles 
Psychischen zu der Norm der Verknüpfung im „Sinn", seiner 
Fähigkeit, in den Zusammenhang des Denkens hineinverwoben zu 
werden, kurz, in der Annahme, dass jede Vorstellung an sich 
schon — um die Worte eines der erfolgreichsten der jüngeren 
Forscher auf dem Gebiete der Denkpsychologie anzuführen — 
„ihren unanschaulichen Gehalt" besitze.^) Von selbst versteht es 
sich dabei, dass die These von der grundsätzlichen Sinnbetontheit 
alles Psychischen der Forderung in keiner Weise präjudiziert, 
„denselben unendlichen Nuancenreichtum" wie er der Anschauung 
eigen ist, auch für die Bedeutungsintention der Anschauung vor- 
auszusetzen.^) Dabei ist jene grundsätzliche Sinnbetontheit des 
Anschaulichen, von der ich spreche, ein rein theoretischer 
Charakter; d. h. ich will mit dem Worte „Sinnbetontheit" nicht 
gesagt haben, dass sich der „Sinn" in jedem psychischen Gebilde 
und im Rahmen jeder psychologischen Untersuchung sozusagen 
als psychische Realität müsse aufzeigen lassen; — denn das hiesse 
den Ergebnissen der psychologischen Forschung in einer durchaus 
unkritischen Weise vorgreifen. Ich wollte vielmehr nur den Grundsatz 
ausgesprochen haben und begründen, dass es für die denkpsycholo- 
gische Fragestellung der Natur der Probleme nach eine prinzipielle 
Grenze innerhalb der Psychologie nicht geben könne; und zwar weder 
für deren phänomenologische, noch auch für deren experimentelle 
Form, die ja aus naheliegenden Gründen von der Rücksicht auf 
den Faktor „Sinn" nicht weniger beherrscht sein muss als jene. 

Es offenbart sich eben auf dem Gebiete der Methodenlehre 
der Psychologie ein Verhalten, das dem Logiker der Biologie 
längst geläufig ist. Ebenso, wie bei der Entfernung von den 
höchsten und komplexesten Formen der Lebens Vorgänge nach der 
Richtung ihrer elementaren Konstituentien hin niemals der „Null- 

1) Koffka, K,, Zur Analyse der Vorstellungen und ihrer Gesetze. 
Leipzig 1912. S. 365. 

*) Vgl. M. Brod und F. Weltsch, Anschauung und Begriff , Grund- 
züge eines Systems der Begriffsbildung. Leipzig 1913. S. 184. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 227 

punkt des Lebens", wenn ich mich so ausdrücken dürfte, erreicht 
werden kann, gerade, weil der Begriff des Lebens für die Gesamt- 
heit möglicher Probleme der Biologie konstitutiv ist; — ebenso hätte 
man auch mit der grundsätzlichen Forderung eines „Nullpunktes 
der Bedeutung" die Grenzen der Psychologie bereits überschritten. 
Kein Gebiet der letzteren vermag ich daher aus dem Umkreis 
dieser Betrachtungen auszuschalten; und von dem grossesten 
wissenschaftshistorischen Interesse scheint es mir zu sein, dass 
dieselbe Entwicklungsepoche unserer Wissenschaft, der es beschie- 
den gewesen, die Probleme der im engeren Sinn des Wortes ge- 
fassten Denkpsychologie zu entdecken, auch den Begriff und die 
tiefgründige xA.nalyse einer Psychologie des emotionalen Denkens^) 
zeitigen sollte. Auch das Gefühl ist, wenn ich so sagen darf, „im 
Sinn". Nicht nur, wie man vielleicht zunächst und mit vollem 
Recht denken wird, hinsichtlich seiner Beziehung zu dem Ganzen 
eines künstlerischen Gebildes, also zu dessen spezifischer „Wahr- 
heit"; sondern auch schon in Rücksicht auf die elementarste Form 
seiner Einordnung in die Gesamtheit des psychischen Seins. Nur 
im Hinblick auf „Bedeutungen" nämlich ist der unerlässliche Be- 
ziehungsmittelpunkt des Gefühls selbst, das „Ich", bestimmt, nur 
in Beziehung auf Bedeutungen gewinnt das Gefühl überhaupt 
psychische Realität. Man kennt die alte These, dass Gefühle nur 
als „Begleiterscheinungen" an „Empfindungen" oder an „Vor- 
stellungen" gebunden auftreten. Sie ist eine durch besondere 
methodische Gesichtspunkte bedingte Formel für dieselben bedeu- 
tungstheoretischen Zusammenhänge, um deren Herausstellung es 
sich uns hier allein handelt. — Und noch ein zweites Moment 
darf in dieser Hinsicht geltend gemacht werden. Nur Bedeu- 
tungen gehen in die charakteristische Form des Psychischen ein, 
die sich in der Relationsfolge: „ich weiss", „ich weiss, dass ich 
weiss" u. s. f. offenbart. Nun ist es bezeichnend, ja für die theo- 
retische Bewertung der gesaraten Problemlage geradezu entschei- 
dend, dass sich auch das „Gefühl" der gleichen Relationsfolge 
widerspruchslos eingliedert. 

Immer tiefer greift also in die ungeheure Komplexiou des 
psychischen Lebens als dominierende Relation der Faktor 
„Sinn" ein und als der ernstesten Erwägung bedürftig er- 



1) Heinrich Maier, Psychologie des emotionalen Denkens. Leip- 
zig 1908. 



228 R. Hönigswald, 

scheint mir, gerade auch unter rein psychologischen Gesichts- 
punkten, der Umstand, den ich kurz die Tendenz alles Psychischen 
zum Sinnvollen hin, das „Sinnhafte" des Psychischen nennen 
möchte. Nur ein relativ sinnloses, so könnte man den Gedanken 
vielleicht auch formulieren, hat in dem Gefüge des Psychischen 
Raum; und vielleicht hört sinnlos verknüpften Elementen gegen- 
über das Suchen nach einem sinnbetonten Anhaltspunkt nur mit 
dem psychischen Leben selbst auf. Ich denke, indem ich diesen 
Satz ausspreche, nicht nur an die bekannte Erscheinung, dass 
auch der „Unsinn" seine Grenzen habe; sondern vor allen Dingen 
an die rein psychologische Tatsache, dass eine zunächst „sinnlose" 
Verknüpfung von Elementen durch längeres Perseverieren eine 
unleugbare Tendenz zur Sinnbetontheit gewinnt. 



V. 

Wohl erhält, wenn wir uns nun wieder allgemeineren Fragen 
zuwenden, in dem Begriff des „Sinns" oder genauer: in dem der 
„möglichen Bedeutung", die fundamentale Unterscheidung von „In- 
halt" und „Gegenstand" ihre volle Bekräftigung; aber so, dass 
diese letzten Endes unter psychologischen Kategorien stehende 
Unterscheidung erkenntnistheoretischer Tatbestände mit jener ande- 
ren, auf dem Boden der Erkenntniswissenschaft selbst entstande- 
nen, interferiert: mit derjenigen von Inhalt und Form des Ur- 
teils. — Die Komplexion dieses Sachverhalts ist nur ein anderer 
Ausdruck für die unbestreitbare Tatsache, dass sich in den 
Prinzipienfragen der Denkpsychologie die Interessensphären aller 
theoretischen Sonderdisziplinen der Philosophie kreuzen. Eine 
Theorie des Denkens — denn Denken heisst stets Objektdenken — 
ist eben immer auch eine Theorie des Objekts. 

Deutlicher vielleicht noch werden diese Zusammenhänge an 
dem Punkt, an dem sich der „Sinn" zur „Wahrheit" determiniert, 
an dem also die Prinzipienfragen der Denkpsychologie in diejenigen 
der Erkenntnispsychologie übergehen. „Wahrheit" ist eine 
Determination des „Sinns". Die Wahrheit muss sinnvoll sein. 
Sie ist es ipso facto. Wohl aber ist das Sinnvolle als solches 
noch lange nicht wahr. So muss in erhöhter Komplexiou, aber 
auch in deutlicherer Ausprägung, in der Struktur der „Wahrheit" 
zur Geltung kommen, was schon diejenige des „Sinns" enthalten 
hatte, die Entfaltung nach den beiden Dimensionen hin, die der für 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 229 

beide Begriffe konstitutive Faktor der Geltung in sich schliesst: 
nach derjenigen, um es mit zwei Schlagworten zu bezeichnen, 
eines für sich seienden und in sich ruhenden „Reiches der Wahr- 
heit" und nach derjenigen ihrer „Erlebbarkeit*'. Teilen sich in 
die erstere positive Forschung und Erkenntniswissenschaft, so be- 
mächtigen sich der letzteren, und zwar nach verschiedenen Ge- 
sichtspunkten, nach Gesichtspunkten, die in ihrer Struktur zum 
Teil selbst wieder Charaktere der Bedingungen positiver Forschung 
aufweisen, Phänomenologie und Erfahrungspsychologie; jene als 
die Theorie der Bedeutungserfassung als solche, diese als die Ana- 
lyse der Gesetzlichkeit, die die zeitliche Bestimmtheit des Be- 
deutungserlebnisses beherrscht. Eine Frage nun, in deren Beant- 
wortung, irre ich nicht, eine der wesentlichsten Aufgaben der 
theoretischen Philosophie der nächsten Zukunft bestehen wird, ist 
die, inwieweit die Theorien des erfassten und des unabhängig von 
der Relation des Erfasstseins betrachteten Objekts nach den Ge- 
sichtspunkten einer umfassenden, kritischen, Problemstellung ver- 
knüpft werden könnten. 

Ein System besonderer Kriterien also muss es sein, durch 
welches sich die Wahrheit gegen den „Sinn", dessen Normen sie 
im übrigen unterliegt, abgrenzt. Es ist das System der Be- 
dingungen der Erkenntnis. Psychologie des Erkenn ens ist die 
durch das genannte System modifizierte Theorie des „Sinns" und 
so selbst an jenes System als an ihre unerlässliche Voraussetzung 
gebunden. In solchem Verhalten offenbart sich die natürliche, 
d. h. mit ihrem Begriff schon gesetzte Grenze — und damit frei- 
lich auch wieder die methodische Kraft — aller Denkpsychologie 
als Phänomenologie sowohl wie als Erfahrungswissenschaft. ^) Der 
„intentionale Gegenstand" ist, um es mit einem Worte zu sagen, 
erkenntnisindifferent. Er ist „intentional", ob er negativ oder 
positiv, ob er „absurd" oder in irgend einem Sinne des Wortes 
„möglich" ist. Gewiss, mit den „Gegenständen" wechselt die 
„kategoriale" Beschaffenheit auch der „Akte". Aber schon der 
Begriff des Gegenstandes als solcher liegt ausserhalb der Grenzen 
möglicher Phänomenologie. Ja gerade dies letztere ist für die 
phänomenologische Betrachtungsweise in allen ihren Formen — ich 
denke hierbei in erster Linie auch an die „Gegenstandstheorie" 

1) A. Messer, Husserls Phänomenologie in ihrem Verhältnis zur 
Psychologie. Archiv für die gesamte Psychologie. Bd. XXII. Heft 2 u. 3. 
1911. 



230 R. Hönigswald, 

Meinongs — charakteristisch. Wie der „Gegenstand*' dem ,,Akt'*, 
genau so ist der Begriff des Gegenstandes der phänomenologischen 
Erörterung „transzendent". Vollends aber entbehrt die Phäno- 
menologie ihrem Begriff nach aller Kriterien für die Bewertung 
von Objekten im Sinne jener spezifischen Bestimmtheit des Be- 
deutungserlebnisses, die der Begriff der „Wahrheit" bedingt. 
Kraft jener Kriterien aber erst werden, um es so auszudrücken, 
die intentionalen Gegenstände für eine mögliche Phänomenologie 
des Erkennen s gesetzt. Kein Ersatz für die kritische Erkennt- 
nistheorie ist somit die Phänomenologie, wie manche glauben; son- 
dern ein unerlässlicher und einer kaum noch absehbaren Entwick- 
lung fähiger Teilbestand der Denkpsychologie, als solcher freilich 
auch eine unerschöpfliche Quelle erkenntnistheoretischer Probleme. ^) 

So gliedern sich unter stets wechselnden Gesichtspunkten 
und in immer steigender Komplexion die gesamten Bestrebungen 
der theoretischen Philosophie an den Begriffen Sinn und Wahr- 
heit, nicht ohne dabei diesen Begriffen selbst in ihrem wechsel- 
seitigen Verhältnis immer neue Bestimmungen hinzuzufügen. Wohl 
wird das Moment der „Wahrheit", wie wir gesehen, beherrscht 
durch die Normen des „Sinns". Aber andererseits ist die Sinn- 
gemässheit einer gegebenen Beziehung stets wieder nur an einer 
„Wahrheit" zu messen. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass 
die Konstatierung dieses Wechselverhältnisses keinen Zirkel in sich 
schliesst. Denn in dem ersten Fall war die Rede gewesen von 
dem Begriff der Wahrheit, während in dem zweiten die Rede ist 
von dem Kriterium, nicht von dem Begriff, des Sinns: nur in 
irgend einer Beziehung auf die „Wahrheit" kann im konkreten 
Fall von „Sinn" gesprochen werden. 

Sinnhaftigkeit, oder vielleicht richtiger und allgemeiner Sinn- 
bezogenheit, Sinngemässheit, und Wahrheit bezeichnen die Etappen 
des Bedeutungserlebnisses, oder sagen wir so: die Etappen, in 
denen sich die dominierende Funktion des Bedeutenserlebnisses im 
Psychischen überhaupt ausprägt; — zugleich die zentralen Punkte, 



1) Das Wort „Denkpsychologie" erscheint hier, wie kaum betont zu 
werden braucht, in einem Sinn verwendet, der es, nach allem, was vor- 
angegangen, vor dem naheliegenden Vorwurf einer Verwechselung von 
„Tatsachen" und „Phänomenen" sichert. Zu der Frage dieser Verwechse- 
lung vgl. jetzt auch Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und 
phänomenologischen Philosophie im Jahrbuch für Philosophie und phäno- 
menologische Forschung. Halle a. S. 1913. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 231 

an denen sich die erkenntnistheoretischen Begriffe des Unsinns, 
des Widersinns und vor allen Dingen derjenige des Irrtums zu 
orientieren haben. Es ist hier nicht der Ort, die Bedeutung dieser 
Verhältnisse für die Logik, im besonderen für eine umfassende 
Theorie des Urteils im einzelnen zu entwickeln. Wichtiger erscheint 
es mir in Beziehung auf diese Betrachtung die Frage jener früher 
erwähnten, bedeutungsvollen Interferenz der Begriffspaare „Inhalt 
und Gegenstand** einerseits, „Inhalt und Form" andererseits mit ein 
paar Strichen näher zu charakterisieren. 

Man wird einer gegebenen Situation gegenüber zu unter- 
scheiden haben zwischen dem Begriff, dem Kriterium und dem 
Grund des „Sinns". Von den beiden ersteren Faktoren ist bereits 
die Rede gewesen, von dem letztgenannten noch nicht. Der 
„Sinn", so sahen wir, ist eine komplexe Eelation. Alles, was formal 
zur „Bedeutung", alles, was formal zu dem „Bedeutungserlebnis" ge- 
hört, ist in ihm in unlösbarer Beziehung auf ein inhaltliches 
Moment gegeben. Und dieses inhaltliche Moment allein ist, wie allge- 
mein es auch für die Zwecke der theoretischen Analyse bestimmt werden 
mag, das für den „Sinn" einer gegebenen Beziehung verantwortliche; 
das, was es mit anderen Worten ermöglicht und rechtfertigt, an 
diese Beziehung das Kriterium des Sinns, ja auch nur den Ge- 
danken eines solchen Kriteriuais überhaupt erst heranzubringen. 
Das inhaltliche Moment ist der Grund des „Sinns". Nun kann 
aber von „Inhalt" noch in einer zweiten Bedeutung die Rede 
sein: ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der logischen Struk- 
tur des Urteils. Hier ist das Moment des Bedeutungserlebnisses 
als solches grundsätzlich ausgeschaltet; hier handelt es sich einzig 
und allein um ein korrelatives Moment zu dem reinen Gedanken 
der Geltungsverknüpfung; hier liegt das Moment des Inhalts, 
wenn ich so sagen dürfte, lediglich in der Wahrheits- und nicht 
auch in der Erlebnisdiraension. Und nun ist es von hohem Inter- 
esse, die durchgängige Relativität zu beachten, die dem Faktor 
„Inhalt" in beiden seiner möglichen Bedeutungen zukommt. Hin- 
sichtlich beider gilt der Satz, dass der Inhalt den „Sinn" bedinge; 
wobei ich jetzt, ohne damit den herkömmlichen Sprachgebrauch 
zu verletzen, auch einen gegebenen Tatbestand der Urteilsbestimmt- 
heit als „Sinn" bezeichne. Hinsichtlich beider aber steht auch ohne 
weiteres fest, dass der Inhalt, soll er überhaupt Inhalt sein, selbst 
schon nicht jeder Sinnbezogenheit und Sinnbestimmtheit entbehren 
könne. Für das Denkerlebnis wurde dieser Gesichtspunkt be- 



232 R. Hönigswald, 

reits erwoi?en: es gibt im Psychischen keinen von einer möglichen 
Sinnbezogenheit unabhängigen Faktor. Für den „Inhalt'' als Ele- 
ment des logischen Urteilsbestandes ergibt er sich aber nicht 
minder deutlich: nur ein an sich schon in irgend einer Hinsicht 
Urteilsmässiges und Sinnbezogenes kann überhaupt Inhalt des Ur- 
teils sein. Darf man so auf der einen Seite sprechen von einer 
Kontinuität des Sinns im Psychischen; so darf wohl auf der 
anderen die Rede sein von einer Kontinuität des Sinns im Lo- 
gischen. Begründet der „Inhalt" in dem letzteren Fall die spe- 
zifische Verschiedenheit der Urteilsformen, so ist er in dem 
ersteren die Quelle für die objektive Verschiedenheit der Nuancierung 
des Wahrheitserlebnisses. — Irre ich nicht, so hat man in diesen 
Verhältnissen die Wurzel jenes eigenartigen Ineinandergreif ens und 
Auseinandergehens der Gesichtspunkte zu erblicken, wie sich dies 
etwa in den Beziehungen zwischen der logischen Theorie der 
Hypothese und dem Tatbestand der „Annahmen" ausprägt. 

Den Inbegriff dieser, hier nur in ihren allgemeinsten Um- 
rissen charakterisierten Verhältnisse hatte ich gemeint, als ich 
vorhin von einer Interferenz der Bedeutungen sprach, in welchem 
uns der Faktor „Sinn" entgegentritt. Es handelt sich dabei, 
wenn wir die Situation nunmehr noch einmal überschauen, um eine 
Interferenz von doppelter Richtungsbestimmtheit: Die Funk- 
tion der Form des Urteils ist es, die — schon weil sie den 
Begriff des Gegenständlichen überhaupt konstituiert — auch das 
Begriffspaar „Inhalt und Gegenstand" beherrscht und 
das System von Relationen allein, das den „Sinn" als 
Bedeutungserlebnis definiert, wird es ermöglichen, von 
der Form des Urteils, die immer nur ein Moment der 
Geltungsbestimmtheit sein kann, zu sprechen. In der 
tiefsten Schicht der Probleme treffen so Psychologie und Logik 
aufeinander. Welches auch der Begriff sein mag, in dem sie sich 
verbinden,^) nicht ein änstQov wird er bezeichnen können, das 
jeden Versuch seiner Bestimmung grundsätzlich ausschliesst; son- 
dern die zentrale und wohldefinierte Frage, in der der Begriff der 
wissenschaftlichen Philosophie selbst gipfelt. 



1) Hier tritt, wie kaum bemerkt zu werden braucht, der Begriff des 
„Bewusstseins überhaupt" in den Gesichtskreis unserer Untersuchung. Vgl. 
hierzu meine Abhandlung „Kantiana II" in „Religion und Geisteskultur", 
Band V, Heft 3, S. 262 f. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 233 

VI. 

Nur in Rücksicht auf die Bedingungen, die sich in dem 
Faktor „Sinn" realisieren, können endlich auch, wie mir scheint, 
die Probleme gewürdigt werden, die Narziss Ach in dem funda- 
mentalen Begriff der „determinierenden Tendenz" der Denk- 
psychologie stellt. Das Phänomen der Determination wird all- 
gemein zu bestimmen sein als das Verhältnis der eindeutigen und 
ganz besonders hinsichtlich ihrer Richtungsbestimmtheit spezifischen 
Abhängigkeit zweier Bedeutuugsbeziehungen ; wobei sich dieses 
Verhältnis der Abhängigkeit nach zwei Gesichtspunkten bestimmt: 
nach einem, ganz allgemein gesprochen, bedeutungstheore- 
tischen und nach einem, im weitesten Sinne des Wortes kau- 
salen. Denn zwei voneinander völlig verschiedene Formen von 
Beziehungen sind es, die sich im Hinblick auf das Phänomen der 
Determination mit voller Klarheit unterscheiden lassen: einmal 
die Abhängigkeit der Bedeutung des „Reaktionskomplexes" von 
der Bedeutung der „Aufgabe"; sodann aber das zeitlich bestimmte 
„Bewirktsein" des Reaktionskomplexes durch das „Gestelltsein" der 
Aufgabe. Nach allem, was bisher gesagt worden, kann ich mich 
darauf beschränken, die gesamte Problemlage, wie sie sich auf 
Grund dieser Unterscheidung gestaltet, mit ein paar Strichen zu 
kennzeichnen. 

Man braucht den Tatbestand der Determination nur im Sinne 
der eben vorgenommenen Unterscheidung zu gliedern, um sofort 
einzusehen, dass sich in seiner wissenschaftlichen Bearbeitung drei 
methodische Richtungen begegnen und verflechten müssen: die 
logische, die phänomenologische und die experimentelle. Ent- 
sprechen die beiden ersten dem Moment der Abhängigkeit der 
Bedeutungsrelationen, so kommt das Problem in der dritten — 
wenn man so sagen dürfte — in seiner Beziehung auf den Faktor 
„Zeit" zur Ausprägung. Dreierlei wird mit anderen Worten an 
den Phänomen der Determination unterschieden werden müssen: 
die Abfolge der Bedeutungen in sich selbst, oder, um auf eine 
früher schon angewandte Formel zurückzugreifen, die Abfolge der 
Bedeutungen in der Dimension der Wahrheit; das Erlebnis der 
Bedeutungsabfolge als solches und schliesslich ein solchem Er- 
lebnis eindeutig zuzuordnendes System von Gesetzlichkeiten, sofern 
es Funktionen der Zeit sind, die sich in diesen Gesetzlichkeiten 
manifestieren. Nur in diesem letzteren Sinn kann, soviel ich 
sehe, auf dem Boden der Lehre von der Determination mit Recht 



234 R. Hönigswald, 

von ursächlichen Beziehungen und demgemäss von einem „Be- 
wirktsein" des Reaktionskomplexes durch den Reizkomplex geredet 
werden.^) 

Die Abfolge der Bedeutungen in sich selbst nun — das ist es, 
was vor allen Dingen jenes Moment der spezifischen Richtungs- 
bestimmtheit beherrscht, das von dem Tatbestande der Determina- 
tion nicht zu trennen ist. Wie die Frage zur Antwort, wie die 
Prämisse zur Konklusion und nicht allein so, wie etwa der Blitz 
zum Donner, drängt hier der „Reiz" zur „Reaktion". Man hat 
mit Recht auf das „teleologische'' Moment in dem Tatbestande 
der Determination verwiesen. Es ist nur ein anderer Ausdruck 
für das, was ich eben als spezifische Richtungsbestimmtheit be- 
zeichnet habe. Es ist aber zugleich auch das, was die völlige 
Unzulänglichkeit des herkömmlichen Assoziationsbegriffs auf dem 
Boden der Denkpsychologie offenbart. Der reinen Assoziation als 
solcher fehlt das Richtungsmoment in dem Sinn der Bedeutungs- 
bestimmtheit. Von einem Zusammengehören kann auf ihrer 
Grundlage nie die Rede sein; sondern immer nur von einem Zu- 
sammengeraten. Sucht sie jenen ersten Begriff dennoch in den 
Bereich ihrer Gesichtspunkte einzubeziehen, dann hat sie die Fun- 
damente ihrer ursprünglichen Position unbemerkt zu Gunsten der 
Voraussetzungen der Denkpsychologie bereits verlassen. Von 
selbst versteht sich, dass das logische Moment der Richtungs- 
bestimmtheit auch den phänomenologischen Gesichtspunkt der 
Untersuchung im eigentlichen Sinne impliziert: Richtungsbestimmt- 
heit heisst eben hier, weil „Richtung" die Funktion einer Be- 
deutungsbeziehung ist, zugleich „Erlebnisbestimmtheit". 
Und sofern weiterhin das Moment der Richtungsbestimmtheit, wie 
wir sie hier verstehen der Bestimmtheit gewisser Faktoren nach zeit- 
lichen Gesetzen eindeutig zugeordnet ist, sofern ist schliesslich die 
experimentelle Forschung als ein unveräusserliches Mittel der 
wissenschaftlichen Analyse des Tatbestandes der Determination 
zu betrachten. — Nicht von der Technik des Wissenschafts- 
betriebes ist dabei, wie wohl kaum ausdrücklich bemerkt zu 
werden braucht, im Rahmen aller dieser Betrachtungen die Rede; 
denn jene Technik kann trennen müssen, was in seinen Prinzipien 
betrachtet zusammengehört. Sondern eben von der grundsätz- 

1) Wobei es natürlich eine erkenntnistheoretische Aufgabe ganz für 
sich sein wird, das relative Recht des Kausalgedankens auf dem Boden 
der Psychologie zu erweisen. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 235 

liehen Gliederung der Fundamente unseres Problems, von der 
Herausstellung eines zentralen Beziehungspunktes, von dem aus 
die gesamte Problemlage einheitlich überschaut werden kann. 

Aber gerade diese Gliederung schafft andererseits auch, wenn 
sonst ich recht sehe, das Verständnis für gewisse, keineswegs be- 
deutungslose Unterschiede im Rahmen des psychologischen Problems 
der Determination selbst. Ich will konkret sprechen: man wird die 
Determination, wie sie. eine wohlverstandene Frage bedingt, wie sie 
als unerlässliche Voraussetzung etwa dem Tatbestande der Über- 
legung^) zugrunde liegt oder in der komplexesten Weise beim 
Lesen eines Werkes, in der Unterhaltung — von den konventio- 
nellen Redensarten bis zu den höchsten Formen der wissenschaft- 
lichen Diskussion und zu dem, was die Sprache mit besonders 
feiner Nuanzierung als „Schlagfertigkeit" bezeichnet — oder aber 
und ganz besonders, wie sie bei der durch die Taktzeichen, den 
sogenannten Bass- oder Violinschlüssel, das „Kreuz" und das „B" 
veranlassten Einstellung auf die Bedeutung der Notenschrift vor- 
liegt; — man wird, sage ich, diese Art der Determination wohl 
zu unterscheiden haben etwa von der Erscheinung, dass man ge- 
neigt ist, nach wiederholtem Aufzeigen eines bestimmten Buch- 
stabens eine bald darauf zu nennende, nicht manifest sinnbetonte 
Silbe mit eben diesem Buchstaben beginnen zu lassen; oder selbst 
von der Hemmung, die eine gerade verklungene Melodie für die 
Reproduktion einer anderen zu bedeuten pflegt. In den beiden 
letzteren Fällen tritt, um es mit einem Wort zu sagen, die Deter- 
mination „im Sinn" hinter der Determination „in der Zeit" unver- 
kennbar zurück. — Unabhängig hiervon aber ist natürlich die 
Frage, ob dieser Unterschied auch eine Verschiebung des vorhin 
fixierten Verhältnisses zwischen Psychischem und „Sinn" überhaupt 
bedeutet, eine Frage, die nach allem, was vorangegangen, wohl zu 
verneinen sein wird: auch die Determination der „sinnlosen" Silbe 
durch einen wiederholt aufgezeigten Buchstaben entbehrt eben 
jener allgemeinsten Beziehung zum Moment der Sinnbetontheit 
nicht, gerade so wenig, wie die „sinnlose" Silbe selbst. 

So partizipiert also das Phänomen der Determination durch- 
gängig an der Rolle, die in dem Psychischen dem Moment des 



1) Vgl. hierzu insbesondere auch Rein ach, Die Überlegung, ihre 
ethische und rechtliche Bedeutung. Zeitschrift f. Philosophie und philos. 
Kritik. Band 148. 1913. 

KantstudieD XVIII. jj^g 



236 R. Hönigswald, 

„Sinns" zukommt: es ist eben selbst in einer engeren und einer 
weiteren Bedeutung des Wortes eine Bestimmtheit des Sinns. Und 
gerade vermöge dieser Beziehungen vertieft das Phänomen der 
Determination auch wieder unsere Einsicht in die Struktur des Be- 
griffs „Sinn". In dem Masse nämlich, als jenes Phänomen über die 
Grenzen des eigentlich Intellektuellen hinausgreift, offenbart es einen 
der tiefsten erkenntnistheoretischen Zusammenhänge. Ich denke hier- 
bei im besonderen an die unverkennbaren Beziehungen zwischen dem 
Begriff des Sinns und der Struktur derjenigen Gebilde, die man, 
in einer vielleicht etwas schwerfälligen Terminologie, Gestalt- 
qualitäten genannt hat.^) Nicht beantwortet oder auch nur dis- 
kutiert, sondern lediglich herausgestellt werden soll hier die Frage, 
ob nicht die Gebilde „Sinn" und etwa „Melodie" in ihrer logischen 
Struktur, d. h. hinsichtlich des in ihnen sich ausprägenden Ver- 
hältnisses von Inhalt und Form eine Übereinstimmung von grund- 
sätzlicher Art aufweisen. Ja vielleicht darf die Frage noch tiefer 
und, wenigstens nach ihrer historischen Seite hin, konkreter ge- 
fasst werden. Unterliegen „Sinn'' und „Gestaltqualität", kraft jener 
spezifischen Geschlossenheit und Ganzheit, die ihnen ihren Be- 
griffen nach eigen ist, nicht demjenigen Gesetz der objektiven Ein- 
heit, das wir seit Kant Idee nennen? 

Wie man sich aber auch zu diesen letzten prinzipiellen 
Fragen stellen möchte, klar zu sondern ist von dem Tatbestande 
der Determination als solchen die Frage, ob und in welchem Um- 
fang die Versuchsperson sich und anderen über das Bewirktsein 
des Reaktionskomplexes durch das Gestelltsein der Aufgabe 
Rechenschaft zu geben imstande ist. ^) Wohl wird gerade diese 
Frage für die experimentelle Analyse des Determinationsproblems aus 
naheliegenden Gründen im Vordergrunde stehen. Und insofern er- 
scheint sie auch auf das innigste mit ihm verknüpft. Hiervon 
abgesehen aber, bildet sie eine psychologische Angelegenheit für sich. 
Die Fähigkeit der Versuchsperson, sich über den Tatbestand der 
Determination Rechenschaft zu geben, unterhegt als selbständiges 
Objekt der psychologischen Forschung ohne jeden Zweifel den gleichen 
methodischen Gesichtspunkten der wissenschaftlichen Analyse wie 
das Phänomen der Determination selbst. — Welche Rolle hierbei 
dem Begriff des „Unbewussten" zufällt und welche Mittel zu Ge- 

*) Hierzu vgl. jetzt auch Bühler, Die Gestaltwahrnehmungen, 
Stuttgart 1913. 

') Vgl. hierzu insbesondere auch Koffka, a. a. 0. S. 333. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 237 

böte stehen mögen, um diesen Begriff vor dem Schicksal einer 
Qualitas occulta zu bewahren, das ist eine Frage, deren Entschei- 
dung den Rahmen dieser Betrachtungen übersteigt und nur auf 
dem Boden der psychologischen Forschung selbst beantwortet 
werden kann. 

VII. 

Für den Schluss meiner Darlegungen aber habe ich mir die 
Erörterung eines Punktes vorbehalten, der seiner sachlichen Be- 
deutung nach eben so gut an ihrer Spitze stehen könnte. Man 
kann von den Prinzipienfragen der Denkpsychologie nicht sprechen, 
ohne zugleich die grundsätzlichen Beziehungen erwogen zu haben 
zwischen Gedanken und Wort. Wohl erreicht unser Problem 
damit ein kaum mehr überbietbares Mass der Komplexion; allein 
dieser Umstand wird, wie mir scheint, reichlich aufgewogen durch 
das höhere Mass der Schärfe seiner Gliederung. 

Ich sage Wort und meine zunächst ganz allgemein: ein den 
Bedingungen sinnlicher Wahrnehmbarkeit grundsätzlich genügendes 
Bedeutungssymbol von beliebiger Art und Struktur. D. h. ich unter- 
scheide im Moment weder zwischen lautlichen und schriftlichen 
Symbolen, noch zwischen den Ausdrucksmitteln der verschiedenen 
Sprachen, noch auch zwischen Wort und Wortrudiment. Dieses 
vorausgeschickt, glaube ich sagen zu dürfen: Der Struktur des 
Faktors „ Bedeutung^' gemäss gliedert sich auch die symbolische 
Funktion des Wortes. Im Wort gelangt die logische wie die 
phänomenologische Seite dieses Faktors zur Repräsentation. 
Ja vielleicht genauer: das Wort ist eine Funktion des „Bedeutungs- 
erlebnisses" und deshalb zugleich eine Funktion der „Bedeutung". 
Es ist freilich in der Denkpsychologie viel und mit Recht die 
Rede von dem wortlosen Denken; und kaum etwas wird den 
trefflichen Darlegungen hinzugefügt werden können, mit welchen 
Benno Erdmann seinen Begriff des „unformulierten Denkens" 
vor Jahren schon in die Diskussion dieser Probleme einführte. 
Aber dieser Begriff selbst stellt, gerade in Verbindung mit dem 
Gedanken, dass das nichtformulierte Denken ein noch nicht oder 
ein nicht mehr formuliertes sei, die bedeutsame Aufgabe, das 
Verhältnis zwischen Wort und Gedanken nach seiner prinzipiellen 
Seite hin der Analyse zu unterwerfen.^) Noch bedarf sicherlich 

^) Vgl. Benno Erdmann, Umrisse zur Psychologie des Denkens. 
Zweite umgearbeitete Auflage. Tübingen 1908. S. 11 und 28; vgl. auch 

16* 



238 R. Hönigswald, 

auch das rein Tatsächliche an diesem Verhältnis in mannigfacher 
Beziehung der Klärung.^) Gewiss, ich passiere eine gewisse, viel- 
leicht lange und mannigfach gewundene Gedankenstrecke ohne 
greifbare und unmittelbare verbale Repräsentation. Aber es ist 
demgegenüber von dem höchsten Interesse nicht nur, dass solche 
Repräsentation je nach Umständen an ungezählten Punkten der 
Gedankenstrecke einsetzen kann; sondern und vielleicht mehr 
noch, dass sie sich als Unterbrechung der wortlosen Gedanken- 
strecke immer wieder mit unabweisbarer Energie tatsächlich auch 
bemerkbar macht. Es liegt solchem Verhalten zugrunde, was ich, 
um es kurz auszudrücken, die Worthaftigkeit des Denkens 
nennen möchte. In viel schnellerer Abfolge als man es ver- 
muten würde, stellen sich im psychischen Erleben Worte ein; — 
nicht da, wo Begriffe fehlen, sondern da, wo sie vorhanden 
sind. Je geübter der Turner, umso mehr Sprossen einer Leiter 
mag er überspringen; umso grösser mag der Zwischenraum der 
Sprossen sein; umso kürzere Zeit mag er auf einer Sprosse ver- 
weilen. Aber ohne Sprossen wird er nicht hinansteigen. Das 
tertium comparationis ist, wie ich glauhe, nicht zweifelhaft. Nicht 
ein äusserlicher Appendix ist das Wort zum Gedanken f) und auch 
nicht so verhält es sich zu diesem, wie etwa die Spannungsempfindung 
im Kopfnicker oder in den Stirnmuskeln zum Bewusstsein der Be- 
deutung; sondern so, wie die Bedingungen der Bewältigung einer 
Aufgabe zu eben der Bewältigung dieser Aufgabe selbst. Ja es 
wird, wie ich meine, solchen Erwägungen gegenüber der Begriff 
des Symbols nur noch in wesentlicher Einschränkung und Ver- 
tiefung auf das Verhältnis zwischen Wort und Gedanken ange- 
wandt werden dürfen, d. h. es wird ernstlich erwogen werden 
müssen, ob man denn noch das Recht habe, den Ausdruck „Sym- 
bol" sowohl für die besonderen Formen, als auch für die allge- 
meine Tatsache der Mitteilung als solche in gleichem Sinne zu 
gebrauchen. 

So weist uns das Wort in die Tiefen der Struktur des Ge- 
dankens, und damit des Psychischen überhaupt. Und wie der 
„Sinn 'S so wird nun auch das Wort zur Bedingung seiner Möglich- 

Benno Erdmann, Logik. Band I. Zweite völlig umgearbeitete Auf- 
lage. Halle a. S. 1907. S. 42 f. 

1) Vgl. besonders August Messer, Empfindung und Denken. Leip- 
zig 1908. S. 103 f. 

2) Vgl. hierzu Messer, ebenda, S. 101. 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 239 

keit.^) Überlegen wir einen Augenblick, welche grundsätzliche 
Bewandtnis es mit der alltäglichen Forderung habe, für einen Ge- 
danken das richtige Wort zu finden. Das „Suchen" nach einem 
passenden Wort^) ist, genau besehen, ein Suchen nach einem Sinn, 
der mit einem anderen, eben dem Anlass des Suchens, in einer ein- 
deutigen funktionalen Beziehung steht und dabei einer bestimmten 
und bekannten sprachlichen Form unlösbar zugeordnet ist. Gerade 
diese unlösbare Zuordnung aber, deren Kriterium natürlich wieder 
den Gegenstand eines besonderen Problems bildet, schafft auch eine 
unlösbare Verknüpfung zwischen jenem Anlass und dem gefundenen 
Wort. Und diese Verknüpfung selbst kann ihrerseits nur ge- 
schaffen werden, wenn die Bedingungen für sie in beiden der zu 
verknüpfenden Elemente gegeben sind. Die Worthaftigkeit 
des Sinns und die Sinnhaftigkeit des Wortes sind es, was 
auch nur die Frage nach einem „adäquaten" Wort für eine ge- 
gebene Bedeutungsbeziehung ermöglicht.^) „Wort und Bedeutung", 
sagt einmal Riehl,^) „sind so untrennbar, wie Organ und Funk- 
tion", „Wer etwas denkt, muss auch angeben können, was er 
denkt" ;^) — ein Satz, der, wie mir scheint, sein volles Gewicht 
erst dann erhält, wenn man ihn nicht als den Ausdruck einer 
psychologischen Tatsache, sondern als den der funktionalen Zu- 
sammengehörigkeit von Wort und Gedanke begreift, und der damit 
geradezu den Lebensnerv aller Wissenschaft bioslegt. Gerade im 
Hinblick auf diese seine Funktion aber dürfen wir hinzufügen: In 
dem Masse, als selbst an der blossen „Empfindung" das Moment 
der Bedeutung in den Vordergrund rückt, gewinnt auch sie verbale 
Repräsentabilität. Wieder handelt es sich auch hier, ganz wie bei der 
„Sinnhaftigkeit des Gedachten", um einen streng theoretischen 
Charakter; d. h. nicht um eine Behauptung tatsächlicher Natur 



1) Vgl. hierzu vor allem auch Husserl, a. a. 0. 

2) Natürlich verkenne ich nicht, dass der Tatbestand solchen „Suchens" 
eine Fülle spezieller psychologischer Probleme in sich schliesst. Vgl. hier- 
zu auch Brunswig, Das Vergleichen und die Relationserkenntnis. Leip- 
zig und Berlin 1910. S. 67 f. 

3) Vgl. hierzu auch Geyser, Beiträge zur logischen und psycho- 
logischen Analyse des Urteils. Archiv für die gesamte Psychologie. 
XXVI. Band S. 363 f. 

4) Riehl, Beiträge zur Logik. Vierteljahrsschrift für wiss. Philo- 
sophie. 1892. S. 2. 

5) Ebenda S. 11. Vgl. hier übrigens auch Herder, Zur Philosophie 
und Geschichte XVII. S. 144. Stuttgart 1850. 



240 R. Hönigswald, 

darüber, dass jeder Sinn einem Wort zugeordnet sei, und umge- 
kehrt, bezw. darüber, welches Wort dabei im besonderen Fall in 
Frage kommen möchte; sondern um die Einsicht, das dem Forschen 
nach einer positiven Beziehung zwischen Wort und Sinn, der be- 
grifflichen Beschaffenheit beider Faktoren zufolge, an keinem 
Punkte grundsätzlich Halt geboten werden könne. 

Zwei Momente tatsächlicher Natur nun sind es augenschein- 
lich, die der These von der grundsätzlichen Wertlosigkeit, ja 
Wortfremdheit des Denkerlebnisses zugrunde liegen. Einmal die 
in so vielen Fällen konstatierte Unfähigkeit der Versuchsperson, 
ihr Denkerlebnis überhaupt in eine sprachliche Form zu bringen; 
sodann aber, und ganz besonders, der der sprachlichen Einkleidung, 
wie man meint, handgreiflich widerstrebende affektive Wert des 
Gedankens. Die erste Frage erscheint durch die vorangegangenen 
Erwägungen implicite bereits beantwortet: man wird das Ver- 
mögen der Versuchsperson zum Ausdruck ihres Denkerlebnisses 
von der Struktur dieses Denkerlebnisses auf der ganzen Linie klar 
zu unterscheiden haben. Schwieriger steht es um die Frage hin- 
sichtlich des zweiten Punktes. Ehe man auf Grund der Über- 
legung, dass Wort und Gefühlswert des Gedankens durch eine 
unüberbrückbare Kluft getrennt seien, über das grundsätzliche 
Verhältnis zwischen Gedanken und Wort urteilt, sollte wiederum 
zweierlei ins Klare gebracht sein. Zunächst dies, ob denn der 
sogenannte affektive Wert des Gedankens dessen Bedeutungsgehalt 
wirklich modifiziere; und zweitens die Frage, ob solche Modifika- 
tion des Bedeutungsgehalts, sofern sie stattfände, die sprachliche 
Formulierung schlechthin ausschliesst. Das Problem ist viel zu 
komplex, um hier erschöpft zu werden. Ich neige entschieden der 
Überzeugung zu, dass der affektive Wert des Gedankens dessen 
Bedeutung mitbestimmt. Aber ebenso entschieden bekenne ich 
mich auch zu der Anschauung, dass das Wort jener Bedeutungsfunktion 
der Affektbetontheit keineswegs machtlos gegenübersteht. Eine 
der subtilsten Aufgaben des sprachlichen Stils liegt, wie ich meine, 
gerade darin, den Bedingungen zu genügen, die die Affektbetontheit 
des Gedankens an dessen Bedeutungsgehalt stellt: d. h. Symbole für 
Bedeutungsbeziehungen zu schaffen, die in höherer Einheit ver- 
knüpft enthalten, was in der ursprünglichen Konzeption noch ge- 
trennt gewesen war, Symbole, die damit selbst wieder zu der 
Quelle einer reicher gegliederten, d. h. „bedeutungsvolleren" 
Affektbetontheit werden. Es sind dies die Fälle, in denen die Sprache 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 241 

in dem besten Sinne dieses Wortes „für uns denkt". So erhöht 
der sprachliche Ausdruck in dem, was wir Stil nennen — ich 
lasse die ästhetische und die pädagogische Seite des Problems 
absichtlich unerörtert — die Gliederung des Gedankens, indem 
er diesem die ganze Fülle der in ihm schlummernden Bedeutungs- 
möglichkeiten entlockt. 

Solche Erwägungen freilich greifen, indem sie auf die höchsten 
Formen des sprachlichen Ausdrucks reflektieren, über die all- 
gemeinen Prinzipienfragen, auf die es uns doch hier zunächst 
angekommen war, schon weit hinaus. Das Problem der besonderen 
Sprache und die grundsätzliche Frage nach der allgemeinsten und 
primitivsten gedanklichen Funktion des Wortes überhaupt sind 
gewiss zweierlei. Und nichts liegt mir ferner als der Versuch 
eines unkritischen, spekulativen, Exkurses in das Gebiet der 
Sprachforschung. Aber gerade dann werden, wie ich meine, die 
Gefahren eines solchen Versuchs am wirksamsten vermieden werden, 
wenn man sich die elementaren bedeutungstheoretischen Be- 
dingungen klar macht, denen alle besonderen Sprachen als 
Sprachen genügen. Um diese Bedingungen allein ist es uns hier 
zu tun gewesen. 

Unwillkürlich wendet sich der Gedanke in solchem Zusammen- 
hang Leibniz zu. In dem genialen Plan seiner „Characteristica 
universalis" äussert sich in vollendeter Klarheit, freilich auch mit 
bewusster Beschränkung auf das Gebiet eigentlicher Erkenntnis 
das grundsätzliche Verhältnis zwischen Wort und Gedanke. Was 
Leibniz vorschwebt, das ist die Schaffung einer idealen „Bedeutungs- 
sprache"; d. h. einer Sprache, deren Elemente in absolut eindeutiger 
Korrelation zu Bedeutungen stehen, sofern diese auch gewissen 
besonderen Bedingungen, nämlich denjenigen der Erkenntnis, 
genügen. Gerade deshalb aber wäre diese Sprache, wie es das 
System der Bedeutungen selbst ist, eine. Gründen sich auf 
diesen Umstand die praktischen Folgen der ganzen Konzeption, 
um die es Leibniz selbst in so hohem Masse zu tun ist, so liegt darin, 
sachlich betrachtet, vor allen Dingen der Gedanke einer völligen 
funktionellen Verschmelzung von Zeichen und Bedeutung. Aus den 
„Zeichen" sollen hier „Bedeutungen" abgeleitet werden, weil die 
Zeichen durch die Bedeutungen und die Bedeutungen durch die 
Zeichen „sind". In einem Gedanken-Alphabet, wie der charakte- 
ristische Ausdruck lautet, soll sich das System der begrifflichen 
Relationen selbst vollenden. 



242 R. Hönigswald, 

Dieses Moment der absolut eiodeutigen Zuordnung von Be- 
deutung und Zeichen nun ist es, was in der Tatsache der 
Vielheit von Sprachen in charakteristischer Weise gestört zu 
sein scheint; nicht freilich ohne dabei das elementare Ver- 
hältnis als solches nur um so schärfer hervortreten zu lassen. 
Es findet nämlich hinsichtlich dieses Verhältnisses, wie ohne 
weiteres einleuchtet, eine Verschiebung nach zwei Richtungen hin 
statt. Nicht einfach darum handelt es sich jetzt, dass einem 
gegebenen Bedeutungstatbestand verschiedene Worte zuzuordnen 
sind, die mit Eücksicht darauf nun als völlig gleichwertig betrachtet 
werden müssen; sondern in einer viel grösseren Zahl von Fällen, 
als man denken sollte, auch darum, dass den verschiedenen 
Worten verschiedene, aber untereinander funktionell verknüpfte 
Bedeutungen entsprechen. Man sieht sofort, dass das Prinzip der 
eindeutigen Zuordnung von Wort und Bedeutung auch hier nicht 
aufgehoben ist. Nur findet diese Beziehung jetzt statt zwischen 
den als gleichwertig bezeichneten Worten der verschiedenen 
Sprachen und zwischen den Teilbeständen eines umfassenden 
Bedeutungszusammenhangs. Eben die funktionale Vereinigung 
dieser Teilbestände ist es, worauf sich die Gleichwertigkeit der Worte 
gründet. — Dieser Sachverhalt nun ist es, der wie ich kaum zu be- 
tonen brauche, die Gesichtspunkte nahe legen muss, von denen aus 
nicht nur das schwierige Problem der Übersetzung aus einer 
Sprache in die andere allein zu betrachten sein wird; sondern auf 
die sich auch das Recht aller Forderungen, die an Übersetzungen 
seit jeher gestellt zu werden pflegen, gründet. Dem „Geiste" der 
fremden Sprache Rechnung tragen, heisst eben jene Teilbedeutungen 
in ihrer Sonderung wie in ihrer funktionellen Zusammengehörigkeit 
überschauen. In solchem Sinne verliert auch die These, es gäbe 
überhaupt keine wirkliche Übersetzung, ihre anfängliche Paradoxie. 
Sie erscheint als der negativ gefasste, und vielleicht auch nicht ganz 
glückliche, Ausdruck des gleichen Gedankens, wie er im Grunde 
genommen auch in den Sätzen, es gäbe keine Synonyme, und 
Sprachen lernen heisse „umdenken" lernen, zur Geltung kommt. 

Staunend stehen wir wiederum vor der Grösse des Leibniz- 
schen Geistes. Jede denkbare Gliederung der Bedeutungen, jeder 
mögliche Anteil der Sprache an der Vertiefung der Erkenntnis 
ist in der Idee des Gedanken- Alphabets, wenigstens der Absicht 
nach, vorweggenommen. Die Ideen der Universalität und der 
Einheit aller Erkenntnis erscheinen hier organisch verknüpft in 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 243 

der Einsicht, dass das System von Bedeutungen, in welchem 
Erkenntnis besteht, nur in seiner korrelativen Beziehung auf ein 
System von Zeichen möglich sei. — Welche Hindernisse sich der 
Verwirklichung dieses Planes entgegenstellen müssen, das ist 
angesichts seiner unerhörten Kühnheit und Grösse eine Frage 
von sekundärer Bedeutung. Die Erkenntniswissenschaft wird sie 
herauszustellen und zu begründen haben; der Plan als solcher 
aber bleibt für alle Zeiten der klassische Repräsentant der 
Einsicht in die elementare Struktur der Bedeutung, als der 
Voraussetzung aller Erkenntnis und Wissenschaft. 

Zwanglos gliedert sich das Ergebnis dieser Betrachtungen 
in den Zusammenhang früherer Erwägungen ein. Als konstitutives 
Element des Bedeutuugserlebnisses hatten wir die Beziehung 
erkannt, die ich die „primäre Repräsentation" des Bedeutungs- 
erlebnisses genannt habe. Ich verstand darunter die für dessen Be- 
stand, für dessen „Möglichkeit" unerlässliche Gliederung. Zu dieser 
an sich immer noch rein gedanklichen Bestimmtheit nun gesellt 
sich jetzt als weiteres konstitutives Moment hinzu eine primäre 
Form des Ausdrucks. Erst in der Worthaftigkeit des Sinns 
bestimmt sich, wenn man diese Wendung gestatten will, die 
Sinnhaftigkeit des Bedeutungserlebnisses. So knüpft sich 
hier eine Kette unerlässlicher Funktionalbeziehungen, in deren 
jedem Glied eben deshalb auch das Ganze des Problems zum 
Ausdruck kommt. Nur unter dem Gesichtspunkt dieses Problems 
hört die unwiderstehliche Gewalt, mit der der Gedanke nach dem 
Ausdruck drängt, auf, ein Wunder zu sein. Nur aus ihm heraus 
sind die letzten treibenden Motive in der Jahrtausende alten Ge- 
schichte des ^oyog-Gedankens zu verstehen. Es ist das Grund- 
problem der Denkpsychologie, ja das Grundproblem der Psychologie 
überhaupt. Denn die Prinzipienfragen der ersteren durchleuchten 
gewissermassen den Tatbestand der letzteren. Nicht nur, indem 
sie, was ja offen zu Tage liegt, den Problemkreis der Psychologie 
erweitern; sondern vor allen Dingen dadurch, dass das Prinzip 
solcher Erweiterung auf die Einsicht in die Struktur der Psycho- 
logie als Wissenschaft reformierend und reorganisierend zurückwirkt. 

Schon sehen wir den Begriff der Assoziation in einen harten 

und aussichtslosen Kampf verwickelt mit den neuen methodischen 

Grundsätzen der Denkpsychologie. ^) Welches aber auch die 

^) Vgl. hierzu auch G. Moskiewicz, Zur Psychologie des Denkens, 
Archiv für die ges. Psychologie. 1910; ebenso Ebbinghaus, Grundzüge 
der Psychologie, fortgeführt von E. Dürr, 2. Band, § 87. 



244 R. Hönigswald, 

Wechselfälle dieses Kampfes sein möchten, sein Ausgang ist nicht 
zweifelhaft. Er wird nicht sowohl mit einer Beseitigung denn mit 
einer Vertiefung des Assoziationsbegriffs enden. Aus einem 
künstlichen Hülfsmittel, um das Sein der künstlich zerklüfteten 
Psyche zu retten, muss die Assoziation, metaphorisch aus- 
gedrückt, zum Element eines organisierten Bestandes werden. 
Immer freilich wird das psychologische Phänomen der Assoziation 
der Psychologie Probleme stellen; aber als ein Prinzip der psycho- 
logischen Erklärung hat sie in dem Moment aufgehört zu sein, 
da sie den prinzipiellen Forderungen der Denkpsychologie wider- 
spricht. Wieder verhält es sich auch hier wie in der Biologie: 
nicht eine Beseitigung, sondern eine Vertiefung des Gedankens, 
dass die elementaren Bestandteile des Lebendigen miteinander nach 
mechanischen Gesetzen verbunden sind, bedeutet der kritische Be- 
griff auch des Lebens. Der „rhodische Genius", wenn ich mich 
dieses Ausdrucks aus der bekannten Parabel Alexander v. Hum- 
boldts bedienen darf, der für den Logiker der Psychologie das 
Auseinanderfallen der Elemente verhindert, ist, mit allen seinen 
Voraussetzungen, das Moment des „Sinns"; eben als der Ausdruck 
der grundsätzlichen und durchgreifenden methodischen 
Selbständigkeit der Psychologie. — Nur dann also wird jene 
„Richtungsänderung" in der gemeinsamen Dimension aller Objekt- 
erkenntnis, von der Natorp spricht, zum methodischen Träger der 
psychologischen Begriffsbildung, wenn sie das Moment des „Sinns", 
wie wir es definiert hatten, in sich aufnimmt. Dann aber ist sie 
auch etwas von einer „Richtungsänderung" im Grunde genommen 
völlig und prinzipiell verschiedenes. 



VIIL 
Noch einmal greifen wir zum Schluss und unter Zugrunde- 
legung der gewonnenen Einsichten auf jene charakteristische 
Korrelation zurück, die wir für die Begriffspaare „Inhalt — Gegen- 
stand" einerseits, „Inhalt — Form" andererseits feststellen konnten. 
Nur als Element einer Geltungsbestimmtheit, d. h. nur in Rück- 
sicht auf den Begriff des Bedeutungserlebnisses, fanden wir den 
Begriff der Urteilsform möglich. Und nur als eine Erfüllung der 
Gesetzlichkeit der Urteilsform ward uns der Gedanke der Geltungs- 
bestimmtheit verständlich. Logik und Erkenntniswissenschaft so- 
wohl, als auch Psychologie sind der Norm dieser Wechselbeziehung 



Prinzipienfragen der Denkpsychologie. 245 

unterworfen. Sie grundsätzlich zerreissen, hiesse diese wie jene 
in ihren Fundamenten angreifen. Das aber tut — und ich stehe 
damit wieder beim Ausgangspunkt meiner Erwägungen — der 
sogenannte Psychologisraus. Wohl sind es noch die äusseren 
Formen der Psychologie, mit denen er operiert. Aber ihren Be- 
griff hat er verleugnet, wenn er die Beziehungen aufhebt, dureh 
die allein jener Begriff möglich wird. Denn es heisst das für 
alles Psychische konstitutive Moment der Sinnbezogenheit be- 
seitigen, wenn man die Struktur des Bedeutungserlebnisses zer- 
stört. Und das tut man in dem Moment, da man mit dem Psy- 
chologismus aufhört, die Form des Urteils als einen korrelativen, 
und in solchem Sinne selbständigen Faktor eben jenes Bedeutungs- 
erlebnisses zu betrachten. 

So ist, wenn wir nun die Gesamtheit unserer Darlegungen 
noch einmal prüfend überschauen, die Denkpsychologie nicht nur 
ein Objekt, sondern auch ein Vehikel der kritischen Untersuchung. 
Sie vertieft den Begriff der Psychologie überhaupt und sie er- 
weitert den Bereich der Wissenschaftslehre. Sie schafft der Er- 
kenntnis ein neues Gebiet der Eechtfertigung ihres eigenen Be- 
standes. In neuer und kritischer Form rechtfertigt sie damit die 
Unvergänglichkeit der Problemstellung Kants. Nicht freilich des 
Kant einer Schule; denn Schulen sind allemal Vorhallen des Dog- 
matismus. Sondern desjenigen Kant, dem ,,das Thema des Ver- 
fahrens" alles bedeutet, dem „alle dogmatische Methode, sie mag 
nun dem Mathematiker abgeborgt sein oder eine eigentümliche 
Manier werden sollen, für sich unschicklich" erscheint, kurz, der 
sich mit der unabsehbar fortschreitenden Forschung immer wieder 
verjüngt und erneuert, weil sein methodischer Grundgedanke das 
lebendige Gewissen aller Forschung selbst ist. 



Piatos Erkenntnislehre 
in ihren Beziehungen zur Kantischen. 

Von Siegfried Marck. 



T. 

Im Bilde des populären Bewusstseins und der traditionellen 
Auffassung, die auch manche wissenschaftliche Darstellungen der 
Geschichte der Philosophie beherrscht, erscheinen Plato und Kant 
als vollendete Gegensätze. Die platonische Ideenlehre gilt hier 
oft als Typus der weit- und wissenschaftsfremden Metaphysik; 
jene Welt der Ur- und Musterbilder des Seins kann nur den ästhe- 
tischen Wert einer Dichtung beanspruchen, für die Wissenschaft 
bedeuten ihre „Überdinge" nur einen gespenstischen Schattenriss 
aus der konkreten Fülle des Daseins. Was könnte diese Ideen- 
lehre mit der Kantischen Philosophie gemein haben, die alle Meta- 
physik verneint, unser Wissen in den Umkreis der uns angeborenen 
Organisationsformen hinein bannt? Plato, der die Objekte der 
Erfahrung um eine ganze Welt neuer Objekte verdoppelt, und 
Kant, der alle Erkenntnis in den Umkreis des Subjekts verlegt, 
müssen allerdings geradezu als die Gegenpole in der Geschichte 
des Philosophierens erscheinen. Und so hat man denn auch den 
subjektiven Idealismus Kants dem objektiven Piatos gegenüber- 
gestellt. 

Beide Auffassungen sind vernichtet worden, indem man ihre 
gemeinsame Quelle aufwies. Mit ihrer Zerstörung aber wird Raum 
für eine Betrachtung der beiden Denker unter gemeinsamen Ge- 
sichtspunkten. Das traditionelle Bild Piatos wie die psycholo- 
gistische Kantinterpretation haben sich als die historischen Vor- 
urteile desselben naiven Realismus enthüllt. Der naive Realismus 
hat keine andere Möglichkeit, sich die idealistische Paradoxie der 
Kritik des Erkennens anzueignen, als dass er sie in seine Sprache 
übersetzt. Wenn ihm eine Welt unabhängig existierender Objekte 
und ein diese abbildendes Subjekt felsenfeste Gewissheiten sind, 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 247 

SO wird Kants und Piatos Philosophie in diese beiden Spielarten 
des naiven Realismus umgedeutet. Piatos Idealismus verkündet 
die allem subjektiven Meinen entrückte Objektivität der Erkenntnis 
als prophetisches Erlebnis. Die Wissenschaft als eine neue Welt, 
die der Sinnenwirklichkeit gegenübertritt. Kant erforscht die Be- 
dingungen dieser Objektivität und entdeckt die „Autonomie" der 
logischen Methoden als schöpferischen Prozess des Geistes in der 
Formung des Gegenstandes der Erkenntnis. Der naive Realismus 
betrachtet Subjekt und Objekt des Erkennens als zwei durch eine 
unüberbrückbare Kluft getrennter Welten: nur so kann er Kant 
und Plato, deren Kritik ihn entwurzeln müsste, als objektivistischen 
und subjektivistischen Denker einander gegenüberstellen. 

Es ist das Verdienst des Neukantianismus, mit der Reform 
des Kantverständnisses auch den tiefsten logischen Sinn in der 
Ideenlehre aus ihrer Entstellung herausgearbeitet zu haben, im 
Kampfe gegen die wuchtige Gegnerschaft des Aristoteles. Er hat 
auch damit hier das Werk Kants, und die Arbeit des deutschen 
Idealismus fortgesetzt. Natorps grundlegendes Werk über die 
platonische Ideenlehre ist als eine Einführung in den Idealismus, 
ja in den modernsten Idealismus des Philosophierens gedacht. 
Gegenüber der historischen Kompliziertheit und Bedingtheit des 
Kantischen Idealismus ist der platonische seiner Meinung nach 
„urwüchsig, sozusagen autochton". Mit diesem autoch tonen Idea- 
lismus scheint Piatos Position selbst Kant gegenüber im Vorteil. 
Die kritische Philosophie Kants enthält zweifellos empiristische 
Elemente in der Trennung von Anschauung und Denken; einen 
phänomalistischen Einschlag durch die Gegenüberstellung von Ding 
an sich und Erscheinung. Ja, selbst jener von Kant überwundene 
naive Realismus wagt sich in der Lehre vom Ding an sich ver- 
schämt wieder hervor. Von diesen Elementen, die sich aus der 
historischen Lage des Kantischen Kritizismus erklären, ist der 
platonische Idealismus frei. Und eben diese Beisätze hat die Mar- 
burger Schule an Kant bekämpft und sich von ihnen befreit. So 
kann es bei der Plato-Auffassung der Marburger Schule bisweilen 
den Anschein erwecken, als wäre der Grundgedanke des modernsten 
Idealismus in Plato reiner ausgeprägt, als selbst bei Kant, als 
wäre Plato auch über Kant hinaus der Vorläufer eines „methodischen 
Idealismus". Dem gegenüber soll das Verhältnis der beiden Denker 
abgewogen und auf die grosse Entfernung hingewiesen werden, 
die sie bei aller Einheit ihrer Tendenzen trennt. Es ist die un- 



248 S. Marck, 

wegdenkbare Entwickelung zweier Jahrtausende des Philosophierens, 
die diese Trennung bedingt, und mit ihr auch den unermesslichen 
Fortschritt in der Tiefe der Problemstellung und Problemlösung 
Kants gegen Plato. Die erstaunliche Verwandtschaft ihrer Motive 
vereinigt sich doch restlos und mit historischer Notwendigkeit mit 
der Stellung, die beiden Denkern durch die so grundverschiedenen 
Bedingungen ihres Auftretens in der Geschichte angewiesen wird. 
Plato bleibt in jedem Zuge seines Philosophierens der grosse 
Grieche, der Fürst des antiken Denkens, mit dessen spezifischer 
Gebundenheit, Kant der Vollender und Überwinder der modernen 
Aufklärung, der das Bewusstsein der modernen Menschheit in 
schärfster Abgrenzung gegen Mittelalter und Antike ausspricht. 
Plato ist nach Kühnemanns schönem Worte die auch jeder Re- 
naissance gegenüber einmalige Jugend der Philosophie. Die Jugend, 
die die letzten und zukünftigen Gedanken in mächtigen Ahnungen 
antizipiert. Sie zu begründen, bleibt dem reifen Mannesalter über- 
lassen. Mit solchen Antizipationen kann Plato auch in seiner Er- 
kenntniskritik die reifsten Gedanken des philosophischen Bewusst- 
seins überbieten — und wahrscheinlich nicht nur die unserer Tage. 
Auch Parmenides spricht ja bereits den modernen Gedanken der 
Erhaltung der Substanz aus und ist mit dieser universellen For- 
mulierung unübersehbar weit zurück hinter den schlichteren Er- 
gebnissen der modernen Naturwissenschaft. Plato und Kant be- 
rühren sich kraft der Kontinuität des philosophischen Denkens 
weit inniger als griechische Naturphilosophie und moderne Natur- 
wissenschaft. Und doch liegt fast dieselbe Spanne zwischen der 
allgemeinsten und radikalsten Fassung des Erkenntnisproblems bei 
Plato und Kants Theorie der Erfahrung, die das Erkenntnis- 
problem zu seiner prinzipiellen Lösung führt. 

IL 
Die Paradoxie des kritischen Idealismus, dass sich der Gegen- 
stand nach der Erkenntnis und nicht die Erkenntnis nach dem 
Gegenstande richte, erweist ihren schlichten und fruchtbaren Sinn 
schon in der Stellung des Erkenntnisproblems. Jede Metaphysik 
hat vor der Frage nach den Bedingungen der Erkenntnis das 
Wesen der Wirklichkeit schon erkannt. Die Erkenntniskritik im 
Gefolge der Metaphysik muss sich bemühen, die Struktur des Er- 
kennens nachträglich dieser Wirklichkeit anzupassen und ein von 
vornherein von den Bedingungen der Erkenntnis losgelöstes Objekt 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 249 

mit dem Subjekt wieder zu vereinigen. Dem gegenüber ist die 
kritische Philosophie, wie schon ihr Name besagt, reine Erkennt- 
niskritik. Sie geht nicht von einer Wirklichkeit aus, sondern 
nimmt ihren Standpunkt inmitten der Erkenntnis selbst. Sie setzt 
die fundamentale Einsicht durch, dass es keine Lösung des Er- 
kenntnisproblems nach oder neben anderen Fragestellungen gibt, 
da jede derartige FragesteUung am Begriff der Erkenntnis orien- 
tiert sein muss. Sie isoliert das Problem der Erkenntnis und 
stellt es in den Mittelpunkt der Philosophie, an dem es allein 
seinen Platz haben kann. Sie fragt nach der Struktur von Ur- 
teilen und „weiss nichts vom Ding und nichts von der Seele". 

Auch Piatos Ausgangspunkt im Erkenntnisproblem ist kritisch 
und nicht dogmatisch: denn auch für ihn ist der Gedanke der Er- 
kenntnis das eigentliche Zentrum seiner Philosophie. Nicht nur 
in der ausdrücklichen Fragestellung des „Theätet" {tC etsriv ema- 
TTipiq'^ grenzt er das Erkenntnisproblem in seiner Reinheit von 
allen Nebenfragen ab. Nicht nur stellt er hier den prinzipiellen 
Gegensatz auf zwischen Erkenntnis und Kenntnissen und sucht nach 
einem gesetzlichen, nicht abstraktiven Kriterium, um Erkennt- 
nis eindeutig von Nichterkenntnis zu unterscheiden. In seiner 
ganzen philosophischen Arbeit ist die Erkenntnis „die Sonne, die 
den Gegenständen ihr Licht gibt und es nicht von diesen erborgen 
kann". Der Gedanke der Wissenschaft steht im Mittelpunkte seiner 
philosophischen Arbeit. Man mag die Ideenlehre für eine noch so 
naive Metaphysik halten, eins wird man nicht leugnen können, 
dass der Ausgangspunkt dieser Metaphysik die Einsicht in das 
Wesen des Erkennens ist. Sind die Ideen metaphysische Dinge, 
so sind sie doch im wahrsten Sinne des Wortes „hypostasiert", 
d. h. verdinglicht worden. Niemals ist die Idee für Plato eine 
gegebene, dogmatisch feststehende Wirklichkeit, von der die Er- 
kenntnis abgeleitet werden muss. Auch nach der Auffassung des 
Aristoteles ist die Idee als realer Gegenstand für den sokratischen 
Begriff erdacht worden, dessen Beharrlichkeit sich nicht auf die 
Erscheinungen, sondern auf eine Welt des Seins beziehen muss. 
Es zeigt, wie tief der Aristotelismus eingewurzelt ist, dass man 
die eigentümliche Nuance der platonischen Metaphysik, die von 
erkenntniskritischen Erwägungen ausgeht, entweder übersah oder 
gerade darin den Beweis ihrer Abstrusität erblickt hat, dass er 
die Begriffe zu „Urbildern" machte. Plato geht von der Erkennt- 
nis zu den Dingen und nicht umgekehrt. Das Faktum der Wissen- 



250 S. Marck, 

Schaft liegt für Plato nicht in der ausgebildeten Form vor wie 
für Kant; das antike Erkenntnisproblem konnte sich nicht in der 
ausdrücklichen Konzentration auf das Urteil zusammenfassen, 
in der Kant die Wissenschaften analysiert. Aber auch Piatos Er- 
kenntniskritik ist orientiert an der Mathematik, an dem lebendigen 
Prozess der Wissenschaft statt dogmatischer metaphysischer An- 
nahmen. 

Mit den gleichen Waffen überwinden Plato und Kant den 
gleichen Gegner, der sich ihnen bei der Lösung des so gefassten 
Erkenntnisproblems gegenüberstellt. Die wissenschaftliche Gestalt 
des naiven Realismus, der in der Erkenntnis ein blosses Abbild 
der Wirklichkeit sieht, ist der Empirismus. Auf das in den Em- 
pfindungsinhalten Gegebene will er die Erkenntnis einschränken. 
Sowohl die griechische Sophistik wie Hume gehen in ihrer skep- 
tischen Fragestellung über den gewöhnlichen Empirismus hinaus. 
Aber die Lösung des Erkenutnisproblems ist hier wie dort die 
gleiche positivistische. Erkennen ist Wahrnehmen, antwortet die 
Sophistik, und Hume engt die Erkenntnis auf die reine Erfahrung 
ein, löst die Dinge auf in das Bündel der Impressionen. Plato 
und Kant wenden die gleiche Methode an zur Vernichtung dieses 
Empirismus. Sie denken ihn in seinen letzten Konsequenzen zu 
Ende, durch deren Absurdität er sich aufhebt. Auf seinem eigenen 
Boden wird er geschlagen. Denn die letzte Konsequenz des Em- 
pirismus wäre die Aufhebung der Erkenntnis selbst. Plato macht 
Ernst mit dem Gedanken der Sophistik, den heraklitischen Fluss 
in der Erkenntnis und damit auch in der Wahrnehmung selbst zu 
denken. Kein Ding beharrt in diesem ewigen Flusse, sondern 
geht unmittelbar in seinen Gegensatz über. So muss auch die 
Wahrnehmung im nächsten Augenblicke in Nichtwahrnehmung 
zerfliessen. Es gibt also auf dem Boden des Empirismus kein 
Kriterium, Erkennen von Nichterkennen zu unterscheiden. Der 
Empirismus verschleiert diese seine Konsequenz, indem er tatsäch- 
lich schon mit Voraussetzungen arbeitet, die über ihn selbst hin- 
ausweisen. Ohne es zu wollen, erkennt er eine nicht mehr em- 
pfindungsmässige Erkenntnisquelle an. Durch die logische Not- 
wendigkeit, mit der jede Aussage eine Bestimmtheit verlangt, 
gezwungen, arbeitet er mit bestimmten Elementen der Wahr- 
nehmung. Diese Empfindungselemente sind nicht mehr gleich 
der diffusen Empfindung als solcher. Sie, die auch ihrerseits mit 
dem wogenden Empfindungsstrome weiter getrieben werden müssten, 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 251 

bedeuten schon Haltepunkte in ihm, Brücken, die über diesen 
B'luss geschlagen werden. — Genau in der gleichen Weise deckt 
Kant den Widerspruch auf zwischen den absurden skeptischen 
Konsequenzen Humes und seiner posivistischen Erkenntnislehre. 
Assoziation der Vorstellungen setzt Affinität der Erscheinungen, die 
Wirklichkeit des psychologischen Ichs als eines Objekts unter Ob- 
jekten den Begriff der objektiven Wirklichkeit voraus. Vergebens 
bemüht sich der Empirismus, aus der Erfahrung abzuleiten, was 
selbst Bedingung dieser Erfahrung ist. Plato charakterisiert die 
Empfindung nach ihrem Erkenntniswerte als das anetQov, das 
völlig Unbestimmte, das in der Erkenntnis erst seine Bestimmtheit 
erhalten soll. Der Kantische Begriff des Mannigfaltigen der Er- 
scheinung ist sogar derselbe Terminus für den gleichen Gedanken. 
Nur in diesem Zusammenhange entfaltet sich der volle kritische 
Sinn der Ideenlehre. Denn an die Stelle der Empfindung treten 
die Ideen, um Erkenntnis zu begründen. Auch für Plato sind An- 
schauungen ohne Begriffe blind. Die zerstreuten Wahrnehmungen 
dürfen nicht in der Seele ungeordnet bei einander liegen, wie im 
,.hölzernen Pferde", sie müssen in einer Idee zusammengeschaut 
und vereinigt werden. Damit tritt die reine Erkenntnis der sinn- 
lichen, die Wissenschaft dem blossen Meinen gegenüber. Ohne 
ein körperliches Organ soll die Seele rein für sich die gegebenen 
Sinneseindrücke im Denken bearbeiten und die Werkzeuge und 
Hilfsmittel dieses „intellectus ipse" sind die Ideen. Die erkennt- 
niskritischen Funktionen der Idee sind gleich denen der Kantischen 
Verstandesbegriffe. Wie diese stellen sie keine Abstraktionen aus 
den Dingen dar, sind sie keine verallgemeinernden Klassenvorstel- 
lungeu, sondern sie verknüpfen die Erscheinungen in einer ur- 
sprünglichen Synopsis, fassen sie zusammen in der Einheit eines 
Gesetzes. In der Idee verkörpert sich das Apriori, auch sie ist 
ein Stammbegriff des reinen Verstandes. Und wie der Kantische 
Verstandesbegriff ist dieses a priori eingeführt nicht als mystisches 
höheres Seeleuvermögen, sondern in der schlichten Funktion, 
Erkenntnis zu begründen und allererst möglich zu machen. Diee 
wahrt den kritischen Sinn der Idee: wo die Sinne auf ihrem 
eigenen Gebiete nicht ausreichen, tritt der Verstand ein, um jeder 
Erkenntnis, auch dem primitivsten Wahrnehmungsurteil die allge- 
meingiltige Form der Bestimmtheit zu geben, die es verlangt. 
Freilich kann die Ermöglichung der Wissenschaft durch die Idee 
nicht identifiziert werden mit der Herleitung und Deduktion der 

Kmntitudlen XVIII. I7 



^52 S. Marck, 

Kantischen Kategorien aus ihrer Leistung für die Erfahrung. 
Auch können die Ideen nicht ohne weiteres den „Methoden der 
Wissenschaft" in Kants transzendentaler Deduktion gleichgesetzt 
werden, weil Plato nicht die Bedingungen einer ausgebildeten 
Wissenschaft, sondern den allgemeinsten Gedanken der Erkenntnis 
entwickelt. Aber der gleichen kritischen Tendenz dienen die 
Ideen wie die Methoden der Wissenschaft bei Kant, sie stehen an 
derselben Stelle, in der diese als Grundlage der Erkenntnis aus- 
gesprochen werden. Sie vermitteln der Aussage als Prädikats- 
begriffe ihren allgemeingiltigen Sinn. Es ist die Allgemeingiltig- 
keit des Ausgesagten, die Piatos und Kants Erkenntniskritik be- 
gründet. 

Noch intimer gestalten sich die Beziehungen, durch die 
Rolle, die die Methode der Hypothesis in Piatos Philosophie spielt. 
Er erkennt als erster ihre zentrale wissenschaftliche Bedeutung 
und befestigt die Mathematik auf ihrem königlichen Wege, den 
später die mathematische Naturwissenschaft und nach ihr die 
Transzendentalphilosophie einschlagen sollten. Plato besitzt die 
volle Einsicht in die Revolution der Denkart, die mit der hypo- 
thetischen Methode verknüpft ist. Diese Revolution bestand in 
jedem Falle ihrer historischen Wirksamkeit in der Erkenntnis, 
dass wir nur das von den Dingen erkennen, was wir in sie hin- 
einlegen. Diesen erschütternden Sinn erlebt Plato an der hypo- 
thetischen Methode mit philosophischem Staunen. In dem blossen 
Abbilden der Dinge, in dem Hinstarren auf die nQay^ata fürchtete 
er wissenschaftlich zu erblinden. Die hypothetische Methode dient 
ihm als schützender Spiegel in der Betrachtung der Dinge, die 
man nicht „an sich selbst" schauen kann, so wie man eine Sonnen- 
finsternis mit schützenden Gläsern beobachten muss. Nicht 
von den Dingen aus gelangt man zur Erkenntnis, diese Dinge 
müssen vielmehr mit Hilfe der Xoyot betrachtet, von gedanklichen 
Setzungen aus abgeleitet werden. Die Idee ist als stärkster 
Logos die beste Hypothesis, aus der man die Erscheinungen ver- 
stehen kann. Die Phänomene haben an ihr teil, die Idee ist Ur- 
sache der Erscheinungen, weil alle dingliche Erkenntnis in der 
Idee und der reinen Erkenntnis ihre logische Verankerung besitzt. 
Gewiss handelt es sich hierbei immer noch um eine Flucht von 
den Dingen hinweg, zu den XoyoL, nicht um eine Auflösung der 
Dinge selbst in logische Funktionen, in „Produkte der Methode". 
Doch findet in jenem Gleichnis von der Sonnenfinsternis die grund- 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 253 

idealistische Ablehnung der „Abbildstheorie" einen mächtigen Aus- 
druck, in dem Begriff des Teilhabens wird das Postulat aus- 
gesprochen, auch die Wissenschaft von der Natur restlos auf 
logische Grundgesetzlichkeit zurückzuführen. 

III. 

Der gemeinsame Gegensatz gegen den Empirismus verbindet 
Plato und Kant. Aber Kants Philosophie hat eine doppelte Ten- 
denz. Zugleich mit dem Empirismus kritisiert er das a priori und 
die Metaphysik. Plato aber gilt ihm ja als Schulbeispiel der spe- 
kulativen Philosophie; hat er doch auf den Flügeln der Ideen sich 
in den luftleeren Raum der intelligiblen Welt gewagt. Kant hat 
Plato zwar allzu sehr noch aus dem Gesichtspunkte des Neu- 
platonismus heraus beurteilt und so seine spekulative Seite in den 
Vordergrund gestellt. Tatsächlich aber ist der Gedanke der intelli- 
giblen Welt aus dem Piatonismus nicht hinwegzudenken. Die 
Allgemeingiltigkeit der Ideen wird gleichgesetzt einer Welt des 
Seins, die dem Schein des Sinnlichen gegenübertritt. Ihre unab- 
hängige Geltung von der Empfindung führt zu dem schroffen 
Dualismus zweier Welten; die subjektiven und objektiven Erkennt- 
nisweisen werden zu zwei verschiedenen Arten des Seins ge- 
stempelt. Die Ideen besitzen die absolute an und für sich be- 
stehende Realität, nicht lediglich einen höheren Erkenntniswert 
als die Erscheinungen. 

Wird nun die platonische Metaphysik von Kants Kritik aller 
Metaphysik getroffen? Sind die Ideen Dinge an sich, absolute 
Existenzen, wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, deren Reali- 
tät die rationale Erkenntnis abbildet? Ist m. a. W. die Ideen- 
lehre eine aposteriorische Wissenschaft, als die Meinong mit 
vollem Rechte die Metaphysik charakterisiert hat? Denn die 
eigentliche Metaphysik will ein absolutes Dasein erfassen. Dass 
ihre Existentialsätze analytisch sind, beweist ebenso ihre 
Schwäche der Naturwissenschaft gegenüber, wie ihr nur ange- 
masste Apriorität im Verhältnis zur Logik. Zweifellos ist aber 
die platonische Ideenlehre, weiter in Meinongs Sprache geredet, 
gegenstandstheoretisch orientiert. Und sie 'ist Gegenstands- 
theorie nicht nur in ihren rein erkenntniskritischen, sondern auch 
in ihren metaphysischen Partien. Die intelligible Welt der Ideen 
ist keine naive Daseinsmetaphysik. Nicht für eine von vornherein 
feststehende Realität wird die reine Erkenntnis erdacht. Wenn 

17* 



254 S Marck, 

bei Plato von Eationalismus die Rede sein kann, so doch in einem 
anderen Sinne als bei jenem aristotelisch-scholastischen, der eine 
verkappte Abbildstheorie darstellt. Wiederum muss betont werden, 
dass es die allgemeingiltigen Prädikatsbegriffe selbst sind, die zu 
Gegenständen einer höheren Welt werden. In der Hypostase 
wirken die erkenntniskritischen Tendenzen weiter fort: die Unbe- 
dingtheit der reinen Erkenntnis soll in ihr eine weitere Zuspitzung 
erhalten. Piatos Metaphysik ist keine realistische, sondern eine 
idealistische; sie steht in keinem Gegensatze zu seiner Er- 
kenntniskritik, sondern ist eins mit ihr. Nur aus der platonischen 
Logik selbst ist sie zu verstehen, sie ist kraft ihrer gegenstands- 
theoretischen Motive ein Teil dieser Logik. Aus einer gemein- 
samen Wurzel im Logischen müssen Piatos Erkenntniskritik und 
seine Metaphysik begriffen werden. Dies charakterisiert Piatos 
Metaphysik in ihrer besonderen Eigenart. Sie wird am besten 
durch den Namen Erkenntnismetaphysik bezeichnet. Erkennt- 
nismetaphysische Motive finden sich allerdings in aller Metaphysik 
grossen Stils, so etwa in der des Spinoza. Alle grosse und wissen- 
schaftlich fruchtbare Metaphysik ist zum guten Teil „Gegenstands- 
theorie". Aber die platonische, in der die mit voller Strenge der 
erkenntniskritischen Fragestellung entwickelten ideellen Denkmittel 
gerade in ihrer logischen Bedeutung Gegenstände einer intelli- 
giblen Welt sind, ist vielleicht die reinste Ausprägung dieser eigen- 
tümlichen B'orm philosophischen Denkens. 

Kants Kritik trifft die Metaphysik an der Wurzel, nicht so- 
wohl durch die Einschränkung der Erkenntnis auf mögliche Er- 
fahrung, als durch die Um- und Neubildung ihrer Methode reiner 
Erkenntnis. Die Metaphysik arbeitete mit dem a priori; aber in- 
dem sie mit dieser Methode überempirische Gegenstände erkannte 
und nicht Erscheinungen in synthetischer Einheit verknüpfte, 
konnte sie das a priori nicht in seiner logischen Struktur als Me- 
thode der Wissenschaft verstehen. Kant bringt mit der Restrik- 
tion der reinen Erkenntnis auf das Mannigfaltige der Erschein- 
ungen, einen neuen und den wahren Sinn des a priori heraus. 
Auch Piatos Erkenntniskritik tendiert nach jener reinen idealisti- 
schen Bedeutung des a priori hin, das Wissenschaft allererst mög- 
lich macht. Und doch ist der rein methodische Sinn der Apriori- 
tät bei ihm keineswegs vorhanden. Gerade indem seine Meta- 
physik eine idealistische Erkenntnismetaphysik ist, beruht das 
Dogmatische ihres Gehalts lediglich auf der noch nicht völlig kri- 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 255 

tisch verstandenen methodischen Bedeutung der Idee. In diesem 
Mangel seiner Erkenntniskritik tritt uns die oben erwähnte ge- 
meinsame Wurzel der kritisch-idealistischen und der metaphysischen 
Konzeption der Ideenlehre entgegen. Denn sind die Ideen wirk- 
lich als die Methoden der Wissenschaft eingeführt? Sie stehen 
iui Rahmen seiner Philosophie an der Stelle, die den Methoden 
der Wissenschaft gebührt. Aber die Verwirklichung des Begriffs 
der Methode ist gerade die Schranke des platonischen Denkens. 
Plato wird von der Realisierung des Methodeugedankens abge- 
halten durch die fehlende Einsicht in die schöpferische Spontanii- 
tät des Denkens. Oder anders ausgedrückt: die Idee müsste rest- 
los als eine reine Funktion gedacht werden, um Methode der 
Wissenschaft zu sein. Diese erschöpft sich in der Leistung, 
Erkenntnis aufzubauen, korrelativ von ihr geforderten Inhalten 
einen Bestand zu verleihen. Sie gibt einem Erkenntnisgebiete 
seine Form und den Gesichtspunkt seiner Bearbeitung. Die pla- 
tonische Idee müsste eine Form des Erkennens darstellen, wäre 
sie reine Methode. Das aber tut sie keineswegs: sie ist vielmehr 
ein neuer Inhalt des Erkennens, nicht darauf . beschränkt, Er- 
kenntnis zu begründen, sondern selbst etwas Erkanntes, kein 
Prinzip des Urteilens, sondern ein „Er urteilt es". Sie ist ein vom 
Urteil erfasster, erschauter Bestand. Nicht die Funktion, die 
Urteilen ihren Bestand sichert. Ihr Sein ist nicht das durch die 
Kopula des Urteils sprachlich symbolisierte, das nur in der Ver- 
knüpfung der Inhalte besteht. Ihr Sein ist nicht aufgelöst in 
reine Geltung, sie ist selbst ein Geltendes. Damit kommt ihr 
nicht lediglich das Sein des Prädikatsbegriffes zu; ihrer ganzen 
logischen Tendenz nach sollte sie die Allgemeingiltigkeit der das 
Urteil konstituierenden Prädikation bedeuten, in der Ausführung 
dieses Gedankens in der Gebundenheit des antiken Denkens wird 
sie vielmehr zum absoluten Subjekte des Urteils, das dessen 
Sinn der synthetischen Verknüpfung von gegebenen Inhalten zu 
nichte macht. Das platonische Erkenntnisurteil erstarrt gewisser- 
massen zu der Einen Idee; Form und Materie des Urteils sind 
von Plato noch nicht getrennt, sondern fallen im Begriffe zu- 
sammen, in den das Urteil, der eigentliche Träger der Erkenntnis, 
verschwindet. Der Begriff ist damit als seiender Bestand eine 
Gegebenheit, die dem erkennenden Bewusstsein gegenübertritt; 
er steht an der Stelle der Aufgabe, die die lebendigen Funk- 
tionen des Erkennens zu vollziehen hätten. Auf einer sehr hohen 



256 S. Marck, 

Stufe der Erkenntniskritik kommt die im Sensualismus von Plato 
überwundene Abbildstheorie wieder zu ihrem Rechte. 

Der schroffe logische „Chorismos" der Ideen von der Sinn- 
lichkeit steht mit der hier gekennzeichneten Situation im engsten 
Zusammenhange. Indem die Ideen nicht Mittel des Erkennens, 
sondern seine alleinigen absoluten Objekte sind, bleibt für die In- 
halte der Erfahrung im Erkennen keine Stelle mehr übrig. Nur 
als Funktion könnte sich die Idee am äneiQov der Empfindung 
betätigen, ja sie würde als solche dies änttgov als notwendiges 
Korrelat, als zweites Glied, als den Inhalt verlangen, den sie in 
die Form der Bestimmtheit zu bringen hätte. Die Konzeption der 
Idee als eines absoluten Bestandes und der Ausschluss des empi- 
rischen Faktors des Erkennens ist Ein Tatbestand.^) Nicht erst 
die Abtrennung der Ideen von der Erfahrung führt Plato vom 
kritischen Idealismus zur Erkenntnismetaphysik. Um eine solche 
Deutung zu versuchen, um von einer ursprünglichen Konzeption 
der Idee als Methode zu sprechen, deren Bedeutung erst durch 
den Dualismus ins Metaphysische übergeht, müsste man den plato- 
nischen „Theätet" mit seiner rein erkenntniskritischen Fragestel- 
lung aus dem historischen und sachlichen Zusammenhange der 
platonischen Dialoge über Gebühr isolieren. Nur seine Frage- 
stellung aber, nicht seine Lösung fällt aus dem Rahmen des Pla- 
tonismus prinzipiell heraus. Vielmehr ist die Trennung der im 
heraklitischen Flusse verbleibenden Erscheinungswelt vom Sein der 
Ideen der klarste Beweis, dass der wahrhafte, sich im Aufbau der 
Erfahrung bewährende Idealismus von vornherein nicht verwirk- 
licht ist. Ebenso wird nach Ausschluss der Erfahrungsinhalte die 
Idee immer schärfer als einziger Inhalt des Erkennens, als über- 
empirischer Gegenstand betont, und damit die Erkenntnismeta- 
physik verstärkt. 

Aber Plato ist über diese Erkenntnismetaphysik hinaus- 
gegangen» Er hat in den letzten Dialogen vom „Parmenides" an 
die ursprüngliche Form der Ideenlehre in ihren Fundamenten kri- 
tisiert und weiter gebildet. Gerade jener Chorismos wird hier be- 
kämpft; das Prinzip der Kritik richtet sich gegen die Ideen als 
Gegenstände einer zweiten Wirklichkeit, die ohne Beziehung auf 
die Sinnenwelt rein für sich selbst gedacht ist. Und die Um- 



1) Vgl. dazu mein Buch über „die platonische Ideenlehre in ihren 
Motiven". München, C. H. Beck, 1912. 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 257 

bildung der Ideenlehre, die dieser Kritik folgt, bewegt sich deut- 
lich in der Richtung einer Aufnahme der Phänomene in die Idee. 
Wenn vorher die empirischen Dinge an den absoluten Ideen teil- 
hatten, in restloser Unterordnung, so sollen jetzt auch die Ideen 
aneinander und an den Phänomenen teilhaben und damit eine Be- 
weglichkeit im Aufbau des Erkennens erhalten. Wurde die Welt 
des Scheins als Nichtsein von jeder möglichen Erkenntnis ausge- 
schlossen, so werden Sein und Nichtsein jetzt aus kontradik- 
torischen Gegensätzen zu zusammengehörigen korrelativen Faktoren 
im Erkennen. Ganz offensichtlich geschieht in dieser Umbildung 
der Ideenlehre ein Schritt vorwärts von der „Substanz" zur 
„Funktion". Wir haben es in diesen reifsten platonischen Dia- 
logen mit dem ersten wirklichen Erwachen des Gedankens der 
Relation zu tun; die starre Ideenwelt beginnt sich aufzulösen 
in ein System von Beziehungen. Aber Plato fehlt es zur Durch- 
führung dieses neuen Postulates an einer ausgebildeten Erfahrungs- 
wissenschaft. So vollzieht sie sich in der Form eines rein be- 
grifflichen, rein dialektischen Prozesses in der Ideenwelt selbst. 
Das Problem der Beziehung von Einheit und Vielheit verhüllt 
noch die Klarlegung des radikaleren Verhältnisses von Denken 
und Erfahrung. In ihm ist weniger an die Vielheit des Sinnlichen, 
des „Anderen" gegenüber der Einheit der Idee, als an die Mannig- 
faltigkeit der Ideen selber im Verhältnis zum eleatischen und 
megarischen ev gedacht. Indem die Verbindung von Einheit und 
Mehrheit zur unsterblichen Eigenschaft der Logoi wird, ist die 
Möglichkeit einer Verknüpfung der Idee mit den Phänomenen 
gegeben. Nur dieser Möglichkeit nach ist im späteren Plato eine 
Erfahrungstheorie vorhanden, von einer wirklichen Durchführung 
kann nicht die Rede sein, weil Plato keine Erfahrungswissenschaft 
kennt, die es zu begründen gilt. Mit ihr auch keine „Formen der 
Sinnlichkeit", die jene intime unaufhebbare Korrelation von Ver- 
stand und Sinnen erst völlig herstellen. 

Für Kant ist die Wissenschaft ein ausgebildetes Faktum, das 
in seinen rein logischen Bedingungen analysiert wird. Für Plato 
ist die Wissenschaft selbst eine Idee. Er erschaut und erfasst 
ihre ewige Grundgestalt, ohne ihre Möglichkeit in einem System 
von Grundsätzen deduzieren zu können. 



258 S. Marck, 

IV. 
Plato ist der Begriff der Erfahrung ein Aussenwerk, das 
nachträglich in den Bau der Erkenntnis eingefügt wird. Vom 
allgemeinsten Gedanken des Erkennens überhaupt geht er zum 
Begriff der empirischen Wissenschaft über. Kant schlägt den 
umgekehrten Weg ein; er geht vom Begriff der Erfahrung aus 
und gelangt von hier zu einem neuen Begriffe der Erkenntnis 
schlechthin. In der Analyse des Begriffs der Erfahrung, als dem 
festen Fundamente seiner Philosophie, ergibt sich die idealistische 
ümprägung des Erkenntnisgedankens, enthüllt sich die Wissen- 
schaft als ein geschlossenes System von Gesetzlichkeiten, das sein 
Kriterium in der verknüpfenden Einheit der Grundmethode und 
nicht in irgend einer Gegebenheit besitzt. Alles Erkennen nimmt 
die Struktur der Erfahrungserkenntnis an, es beruht auf dem 
Grundsatze der synthetischen Einheit als dem höchsten Punkte, 
an dem nach der Erfahrung auch die gesamte Transzendental- 
philosophie und Logik befestigt werden muss. Kants Unternehmen 
ist ursprünglich lediglich gedacht als eine Logik der Existenz, 
aber mit dieser schöpft er einen neuen Begriff der Logik und 
Wissenschaft schlechthin. Von hier aus werden die empiristischen 
und realistischen Seiten Kants verständlich, die seinen Idealismus 
nur scheinbar dem platonischen gegenüber trüben. Sie sind der 
notwendige Ausdruck der zentralen Bedeutung der Erfahrung in 
der kritischen Philosophie. Die Frage, wie Begriffe sich auf 
Dinge beziehen können, die Anerkennung der Humeschen Problem- 
stellung, damit die vorläufige Übernahme des naiven, von der un- 
analysierten Wissenschaft dargebotenen Dingbegriffs in den Kriti- 
zismus, die Trennung von Anschauung und Denken, das Festhalten 
an einer transzendenten Realität dienen nur dem grossen Grund- 
gedanken, das Faktum der Wissenschaft restlos philosophisch zu 
begreifen und in seiner Struktur zu analysieren. „Nur das Be- 
dingte ist Gegenstand der Wissenschaft**, so hiess es bei Hobbes, 
einem ihrer modernen Begründer. Indem Kant diesen Grundsatz 
in seiner Theorie der wissenschaftlichen Erfahrung durchführt, 
kommt der Idealismus erst zu seinem vollen Rechte. Erst durch 
seine Beziehung auf die Erfahrung wird das a priori zu einer 
Bedingung der Erkenntnis. Was der platonischen Idee, die eine 
solche Bedingung sein sollte, fehlt, ist hier erreicht. In der Re- 
striktion auf das Mannigfaltige der Erscheinungen werden die 
Kantischen Kategorieen zu reinen Leistungen, zu Formen der 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 259 

Verknüpfung, die ihrer eigenen Natur nach von vornherein auf 
das Gebiet ihrer Betätigung bezogen sind. In der Erfahrungs- 
theorie erst vollendet sich der Begriff der Methode der Wissen- 
schaft. 

Die kritische Philosophie verifiziert die fruchtbaren Motive 
des Piatonismus. Zugleich enthält sie alle Mittel zu seiner Kritik. 
Die Scheidung von Form und Materie des Erkennens trifft die 
platonische Erkenntnismetaphysik an ihrer Wurzel. Ist doch in 
ihr, was nur eine Form der Erkenntnis sein durfte, zu einem In- 
halte geworden! Auch der Gegensatz von Analytisch und Synthe- 
tisch ist auf die Ideeulehre anwendbar. Denn das synthetische 
Urteil, das ursprünglich auch nur als Erfahrungs- und Existenzial- 
urteil gedacht war, enthält bei Kant die ideale Struktur des Er- 
kenntnisurteils schlechthin. Bei Plato erstarrt die Aussage zur 
Idee; sie verliert ihre Funktion; der Begriff ist dem Urteil ge- 
geben. Dies aber ist der charakteristische Fall des analytischen 
Urteils. Ferner legt Kant in der Entstehung des Noumenon auch 
die Genese der platonischen Metaphysik dar. Alle Metaphysik 
entsteht, wenn die zusammengehörigen Funktionen, Verstand und 
Sinnlichkeit, auseinandergerissen und auf gesonderte Objekte an- 
gewandt werden. Aus Gedankenformen werden hierbei Gedanken- 
dinge, eine Verstandeswelt tritt der Sinnenwelt entgegen. Der 
Verstand setzt sich seine eigene Funktion als ein absolutes Objekt 
gegenüber, sein eigenes Spiegelbild verlegt er als einen wirklichen 
Gegenstand hinter diesen Spiegel. Die absolut geltende Kategorie, 
als absolut realer Gegenstand gesetzt, — das ist die logische 
Struktur der Metaphysik. Die platonische Metaphysik, die, Kraft 
ihrer gegenstandstheoretischen Motive, die Form aller Meta- 
physik enthält, war wirklich in dieser Weise entstanden. Der 
„Gegenstand der Erkenntnis" als Korrelat eines Gesetzes, einer 
Regel, wurde zum erkannten Gegenstande nach Analogie eines 
realen Dinges. Das Absolute, das Plato in seiner intelligiblen 
Welt verkündet, gehört als über alle Erfahrung hinausliegender 
Gegenstand an eine andere Stelle des Systems der Philosophie, 
nicht in die Begründung der Erkenntnis, in welcher nur die 
absolute formale Geltung der Methode ihren rechtmässigen Platz 
innehat. 



260 S. Marck, 

V. 

Mit diesem letzten Gesichtspunkte greift jedoch Kants und 
PJatos Erkenntniskritik schon in das System der Philosophie über. 
Die platonische Idee ist ja nicht nur das Prinzip der Erkenntnis, 
sie ist zugleich Ziel des sittlichen Handelns, die vollendete An- 
schauung des künstlerisch Schönen, in ihrer absoluten Vollkommen- 
heit das Heilige, das dem Leben die Weihe gibt. In dem Brenn- 
punkte der Idee kommt dem antiken Denken Erkenntniskritik, 
Ethik, Ästhetik und Religionsphilosophie zu Bewusstsein. Auch 
die platonische Philosophie ist Kulturphilosophie. Nur sind Plato 
die Kulturgebiete nicht getrennt, seine Lebensbotschaft lautet 
vielmehr: Kultur ist Philosophie, Philosophie ist Kultur. Philo- 
sophie und Wissenschaft sind ihm nicht verschiedene Begriffe, 
sondern eine vollkommene Einheit, und ebenso hat sich Philosophie 
noch nicht reflektierend von den anderen Gebieten der kulturellen 
Werte losgelöst. Der Philosoph ist der wahre Wissende, König, 
Künstler und Priester zugleich, in der neuen Menschengemeinschaft, 
die Plato erziehen will. 

Auch zur platonischen Kulturphilosophie steht die Kantische 
wie zu seiner Erkenntniskritik. Sie sichert in methodischer Arbeit 
das im Rausche philosophischer Liebe Erschaute. Sie trennt in 
ihrer logischen Analyse, das in einer grossen Anschauung ursprüng- 
lich Verbundene, um es in einheitlichen Prinzipien wieder zu ver- 
einigen. Kant scheidet die Kulturgebiete und setzt ihnen ihre 
Grenzen gegen einander. Er stellt ihnen die Philosophie als eine 
neue Wissenschaft gegenüber. Er isoliert die Kulturgebiete nach 
ihrem Inhalte und verbindet sie in der Einheit ihrer Form. Diese 
Kantische Grenzsetzung ist wiederum nur möglich von dem neuen 
Begriffe der Erkenntnis aus, den seine kritische Arbeit ge- 
wonnen hat. 

Es zeigt die Grösse und Macht des platonischen Denkens, 
dass Kant an dieser entscheidenden Stelle seiner Philosophie auch 
historisch direkt an Plato anknüpfen kann. Die grosse Brücke 
bei dem Übergange seiner Erkenntniskritik zur Ethik und Meta- 
physik bildet seine eigene Ideenlehre, die eine Umbildung der pla- 
tonischen darstellt. Dabei geht er von der ethischen Bedeutung 
der platonischen Idee als dem Urbilde sittlichen Handelns allein 
aus. Er erkennt die Idee als einen über die Erfahrung hinaus- 
liegeuden Gegenstand im Gebiete des Sittlichen restlos an und 
sieht in ihr den Grundgedanken seiner eigenen Ethik vorgebildet. 



Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen zur Kantischen. 261 

Nur umgewandt und richtig verstanden braucht die platonische 
Idee zu werden, und sie wird zur Kantischen. Die Umbildung in 
ihrer ethischen und kulturellen Bedeutung macht sie zum absoluten 
Werte, sie wird hier als eine sittliche Aufgabe verstanden. 
Aber auch ihr theoretischer Sinn wird neu, indem das Unbedingte, 
das sie darstellt, zum regulativen Prinzipe des Wissens geworden 
ist. Auch für diese neue Funktion musste die Idee schon bei 
Plato als ideelles Erkenntnismittel gedacht sein, ein Sinn, der Kant 
neben ihrem spekulativen Gehalte entgeht. Denn auf einer Stufe 
mit der unbedingten Giltigkeit der Wahrheit ist dem Sokratiker 
Plato der absolute Charakter des Sittlichen aufgegangen. Anderer- 
seits ist für die Umbildung der platonischen Idee in die Kantische 
nicht mehr und nicht weniger notwendig, als ein völlig neuer Be- 
griff von Wissenschaft und Philosophie. Das Unbedingte wird 
zur ewigen Aufgabe der Wissenschaft, weil das Wissen jetzt als 
System von Bedingungen erkannt worden ist. Indem jede Be- 
dingung auf eine höhere hinweist, ist das Unbegingte das stets 
erstrebte, nie erreichbare Ziel des Erkennens. Die prinzipielle 
Unabschliessbarkeit der Wissenschaft, die erst mit den reinen 
Funktionen gesetzt ist, fordert ihr im Unendlichen liegendes Ziel 
als ewige Aufgabe. 

Die Kantische Idee drückt also gerade die Relativität und 
Bedingtheit des Wissens in der Funktion des Unbedingten aus. 
Für Plato war Philosophie und Wissenschaft eins, und so kannte 
er auch nur ein absolutes, überempirisches Erkennen. In dieser 
Einheit von Philosophie und Wissenschaft liegt der Ewigkeitswert 
Piatos als des Schöpfers der Philosophie und zugleich seine 
Schranke gegenüber dem modernen Denken. Das moderne Denken 
trennt die Bedingtheit der Wissenschaft von der Philosophie, die 
unter dem Gesichtspunkte absoluter Werte arbeitet. 

In der Idee des Guten war auch in Plato bereits dieser 
höchst moderne Gedanke der Philosophie aufgeleuchtet. Die 
Grundidee des Sittlichen und der Gegenstand der Dialektik sollte 
über das Sein der mathematischen Ideen hinausliegen und damit 
das lütyiaiov fxdi^rjfjia, die Sonne der intelligiblen Welt, sein. Aber 
auch diese Trennung von Verstand und Vernunft konnte auf dem 
Boden des Piatonismus nur eine sehr kühne Antizipation bedeuten. 
Prinzipiell konnte Ethik und Metaphysik nicht von Wissenschaft 
getrennt werden, weil ja auch die anderen Ideen ihrerseits ein 



262 S. Marck, Piatos Erkenntnislehre in ihren Beziehungen z. Kantischen. 

Unbeding-tes waren, trotzdem sie in diesem Zusammenhange ein- 
mal nur als Hypothesis betont werden. Indem sich in der Kan- 
tischen Ideenlehre die reine Vernunft vom Verstandeswissen prin- 
zipiell trennt, erhält auch diese gewaltigste Ahnung Piatos, die 
Idee des Guten, ihren vollen Sinn und ihre nachträgliche Recht- 
fertigung. 



Die neue Fichte-Ausgabe von Fritz Medicus.') 

Besprochen von Otto Braun. 



Wer selbst auf dem Gebiete der deutschen idealistischen Philosophie 
arbeitet, der weiss, dass sehr oft zur gründlichen und exakten Erledigung 
der sachlichen Probleme die fundamentale Vorbedingung nicht erfüllt ist: 
wir haben keine philologisch-kritischen Ausgaben der Werke, sondern sind 
oft genug auf die älteren, nicht sehr genau gearbeiteten Editionen ange- 
wiesen. Will man sich für eigene Arbeiten selbst die notwendigen Grund- 
lagen schaffen, so ist das ungeheuer zeitraubend; und nur mit grossen 
Kosten, und oft sehr schwer kann man die Erstausgaben der betr. Schriften 
auftreiben, die heute auf dem antiquarischen Büchermarkt schon eine 
Seltenheit sind. Wenn nun noch verschiedene, vom Autor stark veränderte 
Auflagen vorliegen, dann ist die Mühe manchmal kaum zu bewältigen, da 
man eben unverhältnismässig viel Zeit für die Vorarbeiten aufwenden 
muss. Ich weiss von diesen Dingen auf dem Gebiete der Schelling- 
Forschung ein Lied zu singen. Neue, kritische Textausgaben für die idea- 
listischen Philosophen sind eine Notwendigkeit — genau so wie sie für 
die Kant-Forschung nötig waren. Die Texte der ersten Drucke müssten 
zugrunde gelegt werden (falls nicht die Manuskripte selbst zugänglich 
sind), und die Abweichungen der andern Ausgaben im Apparat verzeichnet 
werden. Unendlich viel ist da noch zu tun, namentlich wenn man be- 
denkt, wie viel noch aus den handschriftlichen Nachlässen überdies vor- 
handen ist. Erst wenn diese Arbeiten in genügender Weise erledigt sind, 
kann an eine abschliessende Geschichte des deutschen Idealismus ge- 
gangen werden. Es müsste geradezu ein Zusammenschluss jüngerer Be- 
arbeiter erfolgen, um diese Riesenarbeit nach einheitlichen Gesichtspunkten 
zu bewältigen! Dass jetzt wieder eine vorzügliche Kant-Ausgabe bei 
Cassirer erscheint, ist an sich sehr erfreulich; wichtiger schiene es mir 
allerdings, wenn die grosse Mühe und die Kosten einmal endlich Schellin^ 
oder Hegel zu gute kämen. Für Hegel können wir eine gute Gesamtaus- 
gabe in der Philos. Bibliothek durch Lasson und Weiss erhoffen. Die 
Schelling-Ausgabe ist eine Auswahl, die hochwichtige Schriften zurück- 
gelassen hat (z. B. Briefe über Dogmatismus und Kritizismus); auch ist sie 
nicht im strengen Sinne kritisch. Und nun die neue Fichte-Ausgabe von 
Medicus? Sie erfüllt alle Wünsche — nur nicht den der Vollständigkeit. 

1) Joh. Gottlieb Fichte, Werke. Auswahl in 6 Bänden. Mit 
mehreren Bildnissen Fichtes, herausgegeben und eingeleitet von Frita 
Medicus. F. Eckardt Verlag, Leipzig 1908 ff. (jetzt F. Meiner. Philoso- 
phische Bibliothek Bd. 132). CLXXX, 603; 769; 739; 648; 692; 680 S. 



264 0. Braun, 

Das ist das einzige Bedauern, das ich bei ihrer Beurteilung aussprechen 
muss — warum gibt sie nicht alles? Weit ist sie nicht von der Voll- 
ständigkeit; 1—2 Bände mehr hätten uns eine neue Gesamtausgabe ver- 
schafft. Ich glaube, es vv^äre das auch für den Verlag praktischer gewesen, 
(zumal die alte Gesamtausgabe sehr teuer ist), der so viele Opfer für dieses 
grosse Unternehmen gebracht hat — namentlich auch der erste junge Ver- 
leger Fritz Eckardt, dessen persönlicher Idealismus auch diese Ausgabe 
angeregt hat. Eine so teure Auswahl kaufen sich nur selten die interes- 
sierten Laien — für diese bietet sie zu viel. Wer aber über Fichte ar- 
beitet, wird zunächst auch zögern, sich eine Auswahl zu kaufen — und so 
fehlt es leicht an kaufendem Publikum. Wenn man sich allerdings die 
Medicus-Ausgabe näher ansieht, so wird man sich als Wissenschaftler 
zweifellos zum Ankauf entschliessen, denn sie bringt, wie gesagt, das 
meiste und alles Wichtige in gereinigten, kritischen Texten. Und so 
möchte ich ausdrücklich diese Ausgabe als die Grundlage für die weitere 
Fichte-Forschung begrüssen, und Herausgeber wie Verleger für diese Tat 
danken, die der Wissenschaft segensreich werden wird. Der wissenschaft- 
liche Erfolg der Ausgabe steht ausser Frage — möchte ihr auch der buch- 
händlerische zuteil werden! Das Erinnerungsjahr müsste doch wirklich 
uns Deutsche anregen, ein wenig Geld zum Ankauf solcher Werke zu 
opfern — 42 M. für den fast vollständigen Fichte! Welche Unsummen 
werden für Vergnügungen aller Art in Umlauf gesetzt — aber Bücher 
kaufen? Wie selten geschieht es! Möchte es anders werden. — 

Zunächst die Inhaltsübersicht: Bd. I. Mit einem Bildnis Fichtes 
nach der Büste von L. Wichmann. Einleitung von Medicus — Versuch 
einer Kritik aller Offenbarung (1792) — Rezension des Aenesidemus (1794) 

— Über den Begriff der Wissenschaftslehre (1794) — Bestimmung des 
Gelehrten (1794) — Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794) — 
Grundriss des Eigentümlichen der Wissenschaftslehre in Rücksicht auf das 
theoretische Vermögen (1795). — Bd. II. Grundlage des Naturrechts (1796) 

— Das System der Sittenlehre (1798). — Bd. III. Mit einem Bildnis Fichtes 
(Kupferstich von Schultheis). Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre 
(1797) — Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797) — Versuch 
einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (1797) — Die philosophischen 
Schriften zum Atheismusstreit (1798—1800) — Die Bestimmung des Menschen 

(1800) — Der geschlossene Handelsstaat (1800) — Sonnenklarer Bericht an 
das grössere Publikum über das eigentliche Wesen der neueren Philosophie 

(1801) — Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen (1801). — 
Bd. IV. Darstellung der Wissenschaftslehre. Aus dem Jahre 1801 — Die 
Wissenschaftslehre. Vorgetragen im Jahre 1804 — Die Grundzüge des 
gegenwärtigen Zeitalters (1806). — Bd. V. Mit einem Bildnis Fichtes 
(Medaillon von Wichmann). Über das Wesen des Gelehrten (1806) — An- 
weisung zum seligen Leben (1806) — Bericht über den Begriff der Wissen- 
schaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben (1806) — Zu „Jacobi 
an Fichte" (1807) — Reden an die deutsche Nation (1808) — Die Wissen- 
schaftslehre in ihrem allgemeinen Umriss (1810) — 5 Vorlesungen über die 
Bestimmung des Gelehrten (1811). — Bd. VI. System der Sittenlehre 
(1812) — Über das Verhältnis der Logik zur Philosophie oder transzenden- 



Die neue Fichte-Ausgabe von Fritz Medicus. 265 

tale Logik (1812) — Die Staatslehre oder über das Verhältnis desUrstaates 
zum Vernnnftreiche (1813) — Register. 

Was von Schriften fehlt, hat Halpern in seiner Besprechung (Zeit- 
schrift f. Philos. und philos. Kritik) schon zusammengestellt; ich möchte 
es daher nicht wiederholen, Die Textgestaltung ist eine kritische: der in 
jedem Falle beste Text (nicht immer der erste) wurde zugrunde gelegt 
und die notwendigen Varianten sind in Anmerkungen beigegeben. Damit 
sind die Texte der alten Ausgabe von J. H. Fichte endgültig überholt, und 
man wird gut tun, nach Medicus zu zitieren. Da die Seitenzahlen der 
alten Ausgabe angegeben sind, ist ein Vergleich sehr leicht. Druckfehler 
scheinen äusserst selten zu sein, der Druck ist klar, wenn auch die Seiten 
infolge der maschinellen Herstellung nicht sehr belebt wirken. Papier 
und Einbände sind solide, die Bildbeigaben recht gut reproduziert. Ein 
Sachregister im letzten Bande macht die Ausgabe leicht benutzbar. Soweit 
man nach Stichproben urteilen kann, ist alles Nötige aufgenommen. So 
ist also alles beisammen, was man sich wünschen kann — und wir wenden 
uns zu einem besonders wertvollen Stück der Ausgabe, der Einleitung von 
Medicus auf 170 Seiten, die verdiente, im Separatdruck als Broschüre oder 
kleines Buch zu erscheinen. 

Medicus gilt mit Recht seit lange als einer der besten Kenner 
Fichtes; er hat sich so sehr in diesen Geist hineingelebt, dass sein eigenes 
Denken immer mehr einen starken Zug zur Spekulation zeigt. Es ist 
offenbar eine Art geistiger Verwandtschaft hier vorhanden, und so ist 
denn in dieser Einleitung ein bedeutungsvolles Bild von Fichtes Wesens- 
art entworfen. M. gibt eine Biographie im modernen Sinne: er bespricht 
die Lebensgeschichte, zeichnet die geistige Persönlichkeit, rollt kurz die 
Beziehungen zur Umwelt auf und gibt den wesentlichen Gehalt der 
Werke an den chronologisch entsprechenden Stellen an. So ist bei aller 
Kürze ein Durchblick durch die philosophische Kulturlage jener Zeit ent- 
standen, die uns in diesem Jahre ja besonders nahe gerückt ist. M. schöpft 
dabei aus allen gedruckten Quellen und hat so manche Einzelheit neu ans 
Licht gezogen — namentlich hat er auch für die Gesamtauffassung der 
geistigen Entwicklug bei Fichte neue Gesichtspunkte angegeben und in 
origineller Weise die Wandlungen bei diesem Denker klar gelegt. 

Gleich die ersten Seiten geben eine Beleuchtung von Fichtes Wesen: 
als Sohn des Volkes erscheint er, als Demokrat, und doch als Mann, der 
den Wert feiner Sitte hoch zu schätzen weiss. Mit diesem Auftakt bringt 
M. einen in die rechte Stimmung für seinen Helden hinein. Wir sehen 
diesen dann als kleinen Jungen die Gänse des Dorfes Rammenau hüten, 
wir erleben mit, wie der Gänsejunge Fichte Herrn v. Miltitz die Sonntags- 
predigt auswendig aufsagt, wie er sie bei einmaligem Hören behalten hat. 
Diese Leistung brachte ihm die Gunst des adligen Herren ein und mit 
dessen Unterstützung ging es nach Schulpforta. Es ist für seine Art be- 
zeichnend, dass er den Spruch „Si fractus illabatur orbis, inpavidum 
ferient ruinae" als Wahlspruch wählte, und dass Lessing sein Lieblings- 
schriftsteller war — die klare und starke Männlichkeit dieses Mannes zog 
ihn schon damals an. 



266 0. Braun, 

Aus der Universitätszeit bringt M. in Erinnerung, dass Fichte auch 
in Wittenberg Vorlesungen besucht hat, wenn er auch nicht immatrikuliert 
war. Für seine philosophische Entwicklung war wichtig, dass er von dem 
Gedanken der Notwendigkeit alles Geschehens von früh an überzeugt war, 
dass er sich früh mit Leibniz beschäftigte etc. Die „zufälligen Gedanken 
in einer schlaflosen Nacht" zeigen uns das frühe Interesse an sozialpoli- 
tischen Ideen und kritischen Betrachtungen des „gegenwärtigen Zeitalters", 
seiner pädagogischen und moralischen Qualitäten. Pestalozzi kannte und 
schätzte er schon damals (Juli 1788), in Zürich wirkte er neben Lavater 
und Johanna Rahn weiter auf ihn ein. Charakterbildung ist schon da- 
mals sein höchstes Ziel, und den ganzen Mann haben wir schon in den 
Worten (März 1790): „Ich habe nur eine Leidenschaft, nur ein Bedürfnis, 
nur ein volles Gefühl meiner selbst, das: ausser mir zu wirken. Je mehr 
ich handle, desto glücklicher scheine ich mir". In Leipzig (Sommer 1790) 
beginnt dann die entscheidende Befreiung seines Denkens durch Kant — 
Kants Freiheitslehre begeistert ihn. „Ich glaube jetzt von ganzem 
Herzen an die Freiheit des Menschen." Der „Versuch eines erklärenden 
Auszugs aus Kants Kritik der Urteilskraft" blieb unvollendet und unge- 
druckt, und dann ging die Wanderung nach Warschau an, auf der er so 
viel beobachtete und mit feinem Sinne auf die Unterschiede der Menschen- 
art und Bauweise merkte. Nachdem in Warschau nichts aus der Haus- 
lehrerstelle geworden war, ging es nach Königsberg. Neben dem sich 
langsam entwickelnden Verhältnis zu Kant war es das zu Th. v. Schön, 
das von Bedeutung für ihn war. Die „Kritik aller Offenbarung" zeigt 
schon Ansätze zu der späteren eigentümlichen ArtFichtes: das historische 
Wissen und der historische Sinn treten in ihr hervor im Gegensatz zu der 
vorwiegend naturwissenschaftlichen Orientierung der Kantischen Theorien. 
„Kant hat die Erscheinungswelt mit der Natur (und die Wirklichkeits- 
wissenschaft mit der Naturwissenschaft) identifiziert . . .: Fichte aber hat 
sich 1791 bereits auf den Weg gemacht, diese Einseitigkeit zu überwinden 
und die Leistung der historischen Wissenschaften für die Erkenntnis des 
Daseins nach Gebühr einzuschätzen" (XL). 

Neben den ausschlaggebenden Einfluss der Kantischen Philosophie 
trat in Zürich 1793, die früheren Ansätze fortführend, die Beschäftigung 
mit dem Problem des Staates und der Politik. Daneben begannen die 
prinzipiellen Gedanken der Wissenschaftslehre sich zu gestalten, in der 
Aenesidemus-Rezension haben wir klare Formulierungen dieser eigenen 
Ideen. Da das Ich als theoretisches seine Selbständigkeit nicht voll be- 
währen kann, so wird es praktisch, d. h. es bemüht sich, das Nicht-Ich 
von sich abhängig zu machen, um dadurch das dasselbe vorstellende Ich 
mit dem sich selbst setzenden Ich zur Einheit zu bringen. Fichte fährt 
fort: „Und dies ist die Bedeutung des Ausdrucks: die Vernunft ist 
praktisch. Im reinen Ich ist die Vernunft nicht praktisch; auch nicht 
im Ich als Intelligenz; sie ist es nur, insofern sie beides zu vereinigen 
strebt." Medicus setzt hinzu: „Der letzte Satz ist wohl zu beachten; er 
beweist, wie wenig man Fichte versteht, wenn man sein Absolutes als 
unendliches sittliches Streben interpretiert" (LH). In der Jenenser Ein- 
ladungsschrift „Über den Begriff der Wissenschaftslehre" sind dann die 



Die neue Fichte-Ausgabe von Fritz Medicus. 267 

Resultate des Nachdenkens in selbstbewussten Thesen niedergelegt. Das 
Wesen der Wissenschaft liegt in ihrer streng systematischen Form, in 
ihrem Ausgehen von einem höchsten Satze, der unbedingte Gewissheit hat. 
Die Wissenschaftslehre hat nun die Fragen zu beantworten: worauf 
gründet sich die Gewissheit der Grundsätze und die Möglichkeit, andere 
Sätze aus ihnen zu folgern? D. h. wie ist Wissenschaft möglich? — Für 
Schelling übrigens war das auch das erste Problem in der Schrift: „Über 
die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt," die er im Sep- 
tember 1794 an Fichte sandte. 

Aus der biographischen Erzählung von Medicus hebe ich als be- 
sonders wertvoll den Bericht über den Atheismusstreit hervor, der auch 
in der Einleitung zum Sonderdruck der Schriften zum Atheismusstreit 
enthalten ist. Wichtig und interessant ist ebenfalls die Darstellung der 
Studentenkonflikte Fichtes in Jena und die Bemerkung über das ein- 
gehende kaufmännische Interesse an dem Unternehmen der Brüder. 

In klarer und selbständiger Weise entwickelte M. den weiteren Aus- 
bau der Wissenschaftslehre und ihre Schicksale in der Literatur gleich 
nach ihrem Erscheinen (Hegels Dissertation). Dann erörtert er das Ver- 
hältnis zu Schelling und kommt zu dem durchaus zutreffenden Resultate, 
dass Schelling von Kant nach einer anderen Seite hin ausgegangen ist 
und infolgedessen nie so weit „Fichteaner" war, als er und Fichte selbst 
es glaubten und Hegel es später behauptete! „Schellings absolutes Ich 
war keineswegs das, was Fichte mit diesem Namen bezeichnete : es be- 
deutete vielmehr eine, energischer als von Kant vollzogene, Erfassung der 
übersinnlichen Einheit von Natur und Freiheit" (CX). Man braucht die 
Abweichung der Schellingschen Erstlingschriften von Fichte gar nicht 
im einzelnen durch Zitate zu belegen — es ist ein anderer Geist, der aus 
ihnen spricht, ein Geist, der viel schneller als der Fichtesche den Weg 
zur Objektivität fand, der seinen urwüchsigen realistischen Sinn nie ver- 
leugnen konnte. 

Ausführlich erzählt M. den Verlauf der Beziehungen zwischen Fichte 
und Schelling bis zur völligen Entfremdung. Dass Hegels Schrift über 
die Differenz der beiden Denker auf Schelling gewirkt, scheint mir sehr 
wahrscheinlich — Schelling Hess sich überhaupt leicht beeinflussen, und 
nun noch in der Weise, dass er Fichte gegenüber als selbständig hinge- 
stellt wurde! Das war für ihn, dessen Eitelkeit früh geweckt und genährt 
war, Musik. So erklärt Hegels Einwirkung zur Genüge das plötzliche 
Umschlagen des Tones im Briefe vom 3. Oktober 1801 an Fichte. M. ver- 
sucht dann, nachdem die äusseren Dokumente der langsamen Entzweiung 
vorgelegt sind, tiefer die sachliche Differenz zu erfassen. „Der Zwiespalt 
zwischen Fichte und Schelling lag so tief, dass keiner von beiden den 
anderen verstehen konnte". Nach Fichte hat die Natur kein wahres Leben^ 
nach Schelling ist sie Organismus — hier hätte M. auf die Zusammenhänge 
der Organismuslehre mit Shaftesburys Philosophie hinweisen können. Ganz 
richtig kommt er dann auf die letzte Ursache des Gegensatzes zusprechen: 
„Der Argumentation vorausgesetzt ist das Ich selber, und gerade das war 
von Anfang an der unerkannte Gegensatz zwischen Fichte und Schelling^ 
gewesen, dass sie das Ich verschieden erlebten, dass die Substanz des 

Eantstudien XVIII. jo 



268 O. Braun, 

geistigen Seins, für die sie beide kämpften, ihnen doch Verschiedenes be- 
deutete" (CXXU). Wenn M. dann auf den demokratischen Charakter der 
Lehre Fichtes und den aristokratischen der Lehre Schellings hinweist, so 
trifft er einen wichtigen Punkt — aber nicht den einzigen. Von Anfang 
an erlebte Schelling (wie Hegel) die Wirklichkeit mehr von der objektiven, 
gegenständlichen Seite her, er war nur dem Worte nach Ich-Philosoph 
gewesen. Ich hoffe, bald über diese Frage näheres öffentlich sagen zu 
können. 

Das Verhältnis Fichtes zu Schleiermacher behandelt M. nicht so ob- 
jektiv, sondern — wie mir scheint — mit einer leisen Abneigung gegen 
den damaligen Freund der Romantiker. M. nimmt Schleiermacher nicht 
ganz für voll („Verstanden hatte er nicht viel von der W. L." etc.) und 
interpretiert die tiefen Tendenzen der Romantik ein wenig oberflächlich. 
Ich muss die verschiedenen Herabsetzungen Schleiermachers als Philosophen 
und vor allem als Charakter zurückweisen. Noch jeder gründliche Kenner 
hat den menschlich ganz besonders hochstehenden Charakter Schleier- 
machers anerkannt, und wie bedeutend seine philosophische Kraft war, 
zeigt seine „Dialektik" zur Genüge. In seiner Rezension der „Bestimmung 
des Menschen" wie in seinen „Grundlinien einer Kritik der bisherigen 
Sittenlehre" ist Schleiermacher durchaus auf der Höhe der Diskussion, und 
seine „Monologen" sind in innerster Tendenz der „Bestimmung" durchaus 
verwandt. Wenn er Fichte in manchen Punkten missverstand, so erklärt 
sich das aus seiner gänzlich anderen Natur, und ist ihm nicht zum Vor- 
wurf zu machen. Ich halte es für ungerecht, schlechthin von einer „ge- 
hässigen" Rezension Schleiermachers über die „Grundzüge des gegen- 
wärtigen Zeitalters" zu sprechen — ungerecht, weil die Motive Schleier- 
machers verdächtigt werden. Der Grund zu dem scharfen Tone ist ein 
durchaus ethischer (wie ich schon in der Einleitung zu meiner Schleier- 
macher-Ausgabe zeigte): Schleiermacher setzte damals alle Hoffnung auf 
die Kraft des Protestantismus — während Fichte sich Christentum und 
Reformation gegenüber sehr ablehnend verhielt. Das dünkte dem für 
seine Religion und sein Vaterland begeisterten Manne ein Verrat. Den 
Berichten Varnhagens zu trauen, ist nicht unbedenklich — M. hätte doch 
wenigstens erwähnen müssen, dass Schleiermacher neben Fichte ungeheuer 
stark im patriotischen Sinne durch seine Predigten gewirkt hat, ja — 
nach dem Urteil R. Steigs — viel stärker als Fichte mit seinen „Reden"! 
Beim Werke der nationalen Erneuerung standen die Männer Schulter an 
Schulter, trotz der persönlichen Antipathie. Bei der Frage der Universi- 
tät sgründung wollten allerdings beide etwas ganz anderes (wie Spranger 
sehr hübsch gezeigt hat), aber beide doch das Beste, das ihrer Art er- 
reichbar war. Und dass Schleiermacher mit seiner ruhigen, zur Harmonie 
neigenden Natur dem über das Ziel hinausschiessenden Rektor Fichte bei 
dessen Konflikten gegenüberstand, spricht eher für ihn als für Fichte 
(vgl. dazu Lenz' Geschichte der Universität Berlin). 

Schleiermacher schlechthin auf Grund einiger Zitate aus Briefen 
und Monologen zum „überzeugungslosen Relativisten" zu machen, geht 
auch nicht an; selbst in der Zeit der engsten Beziehungen zu Fr. Schlegel 
ist er das nicht gewesen, wie Dilthey u. a. oft hervorgehoben haben. Er 



Die neue Fichte-Ausgabe von Fritz Medicus. 269 

kämpfte nur gegen das abstrakte Vemunftgesetz zugunsten eines ethischen 
Individualismus, der das Geistige zunächst in der einzelnen Persönlichkeit 
aufsuchte und es dann erst zum Allgemeinen erweiterte. Seine ganze 
Ethik als Lehre vom höchsten Gut ist objektivistisch gerichtet, nicht sub- 
jektivistisch. Und wenn er Gefühl und Phantasie gelegentlich über den 
Verstand stellt, so geschieht das aus Opposition gegen die aufklärerische 
Verachtung dieser Geisteskräfte — die ganze Romantik ist in dieser 
Kampfstellung, und daraus erklären sich viele Paradoxen. M. liebt die 
Romantik nicht — das kann ich begreifen ; aber ich kann mich seiner 
Stellungnahme nicht anschliessen. — 

Dagegen scheint mir die Beurteilung von Kants Erklärung gegen 
Fichte wieder durchaus richtig zu sein — sie wird als gänzlich unhaltbar, 
ja, als „kondensierter Unsinn" bezeichnet und als sicher hingestellt, dass 
ein sogenannter Freund Kants ihn gegen Fichte aufgestachelt und ihm 
auch die erforderlichen Gedanken in der Hauptsache geliefert hat, 

Die wichtigen Beziehungen zum Freimaurertum hebt M. gebührend 
hervor — von da aus entwickelte sich in den Briefen an Konstant der 
Begriff der Gemeinschaft, der wieder das Wachsen des historischen Sinnes 
unterstützte. Vor allem verdient aber noch die von M. eingeführte Ab- 
grenzung einer ,Johanneischen Periode** mit dem Jahre 1804 Erwähnung 
— in der W. L. dieses Jahres lässt sich zum ersten Male der bewusste 
Anschluss an die Theologie des Johannesevangeliums nachweisen (CIL). 
Freiheit und Wahrheit gehören zusammen — diese alte hellenische Tradi- 
tion lässt Fichte wieder aufleben. Der Gottesbegriff bei Johannes ent- 
spricht dem absoluten Ich. „Fichtes Interesse am Johannes ist, ihn so 
energisch wie möglich die „Vernünftigkeit" des religiösen Lebens behaupten 
zu lassen." Alles ist von Gott erschaffen — damit erfolgt eine religiöse 
Fundierung des W. L. Gottes Leben ist die Liebe, die Liebe aber ist 
tätiges Gemeinschaftsbewusstsein. So vollzieht sich eine energische 
Schwenkung zur Religion — im selben Jahre wie bei Schelling, dessen 
Schrift „Philosophie und Religion" den Beginn der religionsphilosophischen 
Epoche für ihn bedeutet. Das allgemeine Weltbild rückt auch bei Fichte 
dem Spinozismus näher, die Verwandtschaft mit den echten Mystikern tritt 
deutlich hervor — nicht mehr das Tun um des Tuns willen ist höchste 
Aufgabe, sondern als letztes Ziel erscheint die Versenkung in Gott. 

Der Geschichtsphilosophie Fichtes geht M. auch noch in selbständiger 
Weise nach, die wertvollen Forschungen von Lask ergänzend. „Die 
Wurzeln der neuen Geschichtsphilosophie liegen in der gründlichen Über- 
windung der abstrakten Pflichtethik durch Anerkennung der auf Liebe 
gegründeten konkreten Gemeinschaft" (CLVI). Das Hervortreten des 
Sinnes für Individualität, die starken Ansätze zur Geschichtslogik hätte 
M. vielleicht noch ein wenig mehr betonen können.^) 

Im Abschnitt „Unruhige Jahre" wird die Entwicklung des Staats- 
gedankens bei Fichte kurz geschildert und die Bedeutung der Arbeit 
„Über Machiavelli" ins rechte Licht gerückt. M. warnt mit Recht davor, 



») Vgl. meine „Geschichtsphilosophie" in Meisters Grundriss der Ge- 
schichtswissenschaft I, 6. 

18* 



270 0. Braun, Die neue Fichte-Ausgabe von Fritz Medicus. 

Fichtes Patriotismus zu bodenständig und realistisch zu nehmen: er war 
immer „vernünftig". „Dieser Wille zur Universalität, der die quantitative 
Begrenztheit der eigenen Gemeinschaft nicht zerstört, sondern sie zur 
Voraussetzung hat, ist das Wesen von Fichtes weltbürgerlicher Gesinnung 
in der johanneischen Periode." Bei Besprechung der „Reden" und des 
Universitätsplanes im letzten Kapitel weist M. auf die pädagogischen 
Tendenzen mit Nachdruck hin. Diese letzten Partien sind ein wenig kurz 
geraten im Verhältnis zu der anfänglichen Breite der Darstellung — 
wahrscheinlich musste M. sich aus Rücksicht auf den Umfang des Bandes 
einschränken. Das ist schade; er hätte sonst gewiss über den National- 
gedanken bei Fichte etc. noch Wichtiges gesagt — Meineckes Werk über 
„Weltbürgertum und Nationalstaat" hat da schon Wesentliches aufge- 
wiesen.i) 

Wenige Seiten führen uns vom Jahre 1808 durch die kurze Rekto- 
ratszeit zum Tode am 29. I. 1814 (^diesen Tag hat Scholz als sicher fest- 
gestellt). Die ausführlichen Mitteilungen bei Lenz können als Ergänzung 
dienen. Dass die Einleitung von M. eine der wichtigsten Erscheinungen 
der neuen Fichte-Literatur ist, wird mein Bericht gezeigt haben. Dass 
man nicht überall zustimmen kann und dass man auch nicht bei seinen 
Resultaten stehen bleiben wird, ist klar — als wichtigste Fortführung 
erscheint mir die Einleitung von H. Scholz-Berlin zu seiner Ausgabe der 
„Anweisung zum seligen Leben" in der „Deutschen Bibliothek". In ähn- 
licher Weise wird die Forschung auch weiter sich entfalten — stets aber 
wird man die allseitige Anregung und die vielen wichtigen Ergebnisse 
bei M. zu schätzen wissen! 



^) Vgl. auch meinen Artikel in der Frankfurter Zeitung 9. IIL 13 : 
,Die Entwicklung des Staats- und Nationalgedankens". 



Rezensionen. 



„Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften," in 
Verbindung mit Windelband herausgegeben von Arnold Rüge, Erster 
Band „Logik". Verlag von Mohr, Tübingen 1912. 

Wenn es auch absolute Voraussetzungen des Denkens und Erkennens 
gibt, die Entfaltung derselben und ihre Zusammenfassung zu einem ge- 
schlossenen System ist den Wandlungen und Veränderungen unterworfen, 
die alles historische Geschehen beherrschen. Daher kommt es, dass auch 
die Logik, die ihrem Wesen und Gegenstande nach die festeste und be- 
harrlichste aller Disziplinen sein sollte, ihre Geschichte hat. Namentlich 
seitdem Kant der formalen Logik die transzendentale, erkenntnistheore- 
tische angliederte und zwischen beiden einen allerdings fragwürdigen Zu- 
sammenhang stiftete, ist das Problem der Aufgabe und des Machtbereiches 
der Logik zur Vorherrschaft gelangt. Sind es dieselben Formen und Ge- 
setze, die dem Denken und dem Erkennen zugrundeliegen? Enthält die 
Einheit des Bewusstseins, welche sich in den obersten logischen Grund- 
sätzen manifestiert, in sich zugleich den Massstab für die Einheit und den 
Zusammenhang des Wirklichen ? Es gibt Philosophen, die das Auseinander- 
fallen beider Sphären überhaupt leugnen, die die selbständige Existenz 
einer formalen Logik neben der erkenntnistheoretischen zu einem fälsch- 
lichen Produkt der Abstraktion stempeln wollen. Alles Denken ist nach 
ihnen Denken von etwas Realem, seine Gesetze sind demnach zugleich 
solche, in denen die Gesetzmässigkeit des Seins erfasst wird. 

In einer enzyklopädischen Behandlung des Gegenstandes, wie sie in 
der „Logik", dem ersten Bande der von Rüge in Verbindung mit Windel- 
band herausgegebenen Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften vor- 
liegt (Tübingen, Verlag von Mohr 1912), musste selbstverständlich auch 
diese Prinzipienfrage Erörterung finden, umsomehr als das Unternehmen 
seinem Wesen nach vor allem die Grundlinien der einzelnen Problem- 
sphären ziehen muss. Zweck und i^bsicht hat der Herausgeber präzise in 
der Einleitung formuliert. Die Enzyklopädie dient vornehmlich dem 
Zwecke der systematischen Einheit. Um der damit so häufig verknüpften 
Einseitigkeit vorzubeugen, ist hier die Arbeit nicht in die Hand eines 
Einzelnen gelegt, sondern es kommen verschiedene Denker als Vertreter 
verschiedener Richtungen zu Wort. Ausser dem vorliegenden Bande 
sollen noch Bände über Ethik, Ästhetik, Geschichtsphilosophie und Reli- 

fionsphilosophie folgen. Das Gebiet der Logik wird von sechs Denkern 
earbeitet, die verschiedenen Nationen angehören; so wird auch dem 
Prinzip kultureller und nationaler Differenzierung Rechnung getragen. 
Als Repräsentant der deutschen Philosophie erscheint Windelband. Er 
teilt den Gegenstand in formale Logik und Methodologie ein. Was die 
obersten Denkgesetze angeht, die in jener zur Darstellung kommen, so 
erschöpfen sie sich nicht darin, Normen für ein forschendes Bewusstsein 
zu sein, sie haben vielmehr auch abgesehen von dieser Anwendung auf 
die psychologische Sphäre eine selbständige, autonome Bedeutung: man 
muss ihre Geltung an sich von ihrer Geltung für uns unterscheiden. In 
dieser Anerkennung der reinen Gegenständlichkeit des Logischen begegnen 



272 Rezensionen (Rüge). 

wir einem wichtigen Motiv der modernen Erkenntnislehre. Dement- 
sprechend werden die obersten Denkgesetze in einer vom hergebrachten 
Schematismus abweichenden Weise bestimmt. Der Satz vom Widerspruch 
besagt, dass Bejahung und Verneinung derselben Beziehung nicht beide 
gelten können. Während nicht selten seelische Motive des Bejahens 
neben solchen des Verneinens bestehen, fordert der logische Sachverhalt 
eine Entscheidung nach einer der beiden Seiten. Für den Satz des aus- 

feschlossenen Dritten ist es wiederum charakteristisch, dass er am deut- 
chsten die Grenze zwischen dem logischen Wert und der psychologischen 
Anwendung zieht, da eine Norm aus ihm überhaupt nicht abgeleitet 
werden kann. Denn wenn er feststellt, dass Bejahung und Verneinung 
desselben nicht zugleich falsch sein können, so ist das empirische Bewusst- 
sein dennoch nicht immer in der Lage, sich für die Bejahung oder die 
Verneinung zu entscheiden. Hier tritt ein neues Denkgesetz in Funktion, 
das des zureichenden Grundes, welches gebietet, dass jede Beiiauptung, 
I)Ositive oder negative, nicht willkürlich für sich stehe, sondern ihre sach- 
liche Begründung habe. Objektiv genommen, lässt sich dies Gesetz als 
das der Konsequenz bezeichnen. In der Kategorienlehre, die aus den Re- 
lationen des Urteils schöpft, greift Windelband auf seine Unterscheidung 
der reflektiven von den konstitutiven Kategorien zurück Konstitutiv 
sind die Kategorien, die als wirkliche Verhältnisse zwischen den Gegen- 
ständen gedacht werden ; reflexiv jene, die, wenngleich durch die Eigenart 
der Gegenstände bestimmt, dennoch erst im Bewusstsein und für das Be- 
wusstsein bestehen. Das reflektierende Bewusstsein ist vergleichend und 
unterscheidend; aus ihm gehen die mathematischen, diskursiven Kategorien 
hervor. Die konstitutiven Kategorien umschreiben das von Kant als trans- 
zendentale Logik in Anspruch genommene Gebiet, das durch Zeit und 
Raum in unmittelbare Beziehung zur gegenständlichen Realität tritt. In 
der Methodologie behandelt Windelband das Verhältnis von Induktion und 
Deduktion, das der idiographischen, historischen und der nomothetischen, 
naturgesetzlichen Forschungsgebiete. Jede Forschung macht sachliche 
Voraussetzungen, die bereits bei der Feststellung der Tatsachen mitwirkend, 
dennoch erst bei den Tatsachen selbst ihre Probe und Legitimierung finden. 
So ist die Hypothese als singulare oder generelle Hypothese der wichtigste 
Teil der Methodologie. Den letzten Teil bildet die Erkenntnistheorie, in 
der die Beziehung des Seins zum Gelten erörtert wird und zwar als eine 
fundamentale, nicht weiter auflösbare Relation von Form und Inhalt. 
Theoretische Argumente für eine Metaphysik als Lehre vom Übersein 
lassen sich nach Windelband nicht erbringen: die Begrenztheit mensch- 
lichen Erkennens weist nicht auf ein Transzendentes hin, sondern bloss 
darauf, dass der Gegenstand der Erkenntnis eine vom Geiste vorgenommene 
Auslese aus einer umfassenderen Totalität ist. Das Verhältnis des Erkennens 
zum Sein ist nicht das der Erscheinung zum Ding an sich, sondern das des 
Teils zum Ganzen. Die absolute Wirklichkeit ist nicht qualitativ anders 
als das gewusste Sein; sie ist das einheitliche, lebendige Ganze, von dem 
wir auch als erkennende Subjekte erfasst werden, ohne es erschöpfen zu 
können. 

Als zweiter Denker kommt Josiah Royce zu Worte: Er bemüht 
sich um den Ausbau einer allgemeinen Ordnungslehre, einer Lehre von 
den Formen eines jeden geordneten Gebietes realer oder idealer Gegen- 
stände. Hier unterscheidet Rojxe Relationen und Klassen. Beide Begriffe 
setzen einander gegenseitig voraus. Diese Einteilung gibt dem Verfasser 
auch Gelegenheit, sein Verhältnis zum Pragmatismus zu entwickeln. Er 
vertritt denselben in einer kritisch geläuterten Weise, die seine Positionen 
von den logischen Widersprüchen reinigt, welche ihnen sonst anhaften. 
Die Bildung von Klassen und Relationen, mithin der intellektuellen Grund- 
funktionen, können als Schöpfungen des Willens betrachtet werden, dessen 
Aktivität sich in ihnen entfaltet und darstellt. Der Standpunkt von Royce 
lässt sich sonach als eine Synthese des Rationalismus und des Voluntaris- 
mus charakterisieren in ähnlicher Weise wie wir eine solche bei Fichte 



Rezensionen (Rüge). 273 

und wohl auch bei Schopenhauer finden. Den Logismus wahrt Royce 
insofeme, als er für die Wahrheit das Prinzip der Selbstgarantie anwendet. 
Alle geistigen Funktionen, die so geartet sind, dass eben durch den Ver- 
such, sich ihrer zu entledigen, sie hinwegzudenken, ihr Vorhandensein ge- 
fordert wird, besitzen — wenngleich sie durch Erfahrung gegeben sind — 
eine absolute Bedeutung. In diesen Funktionen sind Schöpfung und Ent- 
deckung in unvergleichlicher Weise vereinigt. Der Wille zur Orientierung 
in der Welt schafft sie, aber er schafft sie so, dass er zugleich an sie ge- 
bunden ist. Wer das Vorhandensein der Klassen leugnet, klassifiziert un- 
willkürlich selber. Und ebenso, wer Relationen leugnet, setzt in diesem 
Urteil eine Relation. Die logische Sphäre bleibt somit als abgeschlossene, 
eigenwertige Totalität bestehen, wenn letzterer auch eine voluntaristische 
Deutung gegeben wird. Diese Verbindung pragmatischer und kritischer 
Momente; die der Einseitigkeit beider Betrachtungsweisen zu begegnen 
strebt, wird sich als ein bedeutungsvolles Motiv für die Entwicklung der 
Philosophie erweisen. 

Louis Couturat tritt in seinen „Prinzipien der Logik" nicht als 
Wortführer der französischen Philosophie auf. Seine algorithmische Dar- 
stellung des Gegenstandes verfolgt Wege, die von englischen, deutschen 
und italienischen Gelehrten betreten wurden. Die Logik ist von der 
Mathematik unabhängig und sie beschränkt sich umgekehrt nicht darauf, 
ihre Prinzipien auf die Mathematik anzuwenden. Bloss die Notwendigkeit 
eines allgemein rechnenden Verfahrens wird im Algorithmus zum Ausdruck 

Gebracht. Von der Logik der Sätze geht Couturat aus und kommt erst 
ann zur Logik der Begriffe und der Beziehungen. In der Methodologie 
bestimmt er namentlich das Wesen der Definition und der Demonstration. 
Die Definition führt Begriffe auf undefinierbare Begriffe, die Demonstra- 
tion führt Sätze auf unbeweisbare Sätze zurück. Diese ündefinierbarkeit 
und Unbeweisbarkeit ist indessen eine relative: sie hängt von der Wahl 
des Ausgangspunktes ab und der dadurch bedingten Ordnung der Begriffe 
und Sätze. Es liegt an der Subjektivität des Verfahrens, ob etwas inner- 
halb eines logischen Systems Axiom oder Theorem werde. Das System 
als solches freilich behält objektive Wahrheit. Diese Relativität seiner 
formalen Gliederung unbeschadet des absoluten Charakters der Inhalte 
scheint eine Ähnlichkeit mit der korrelativen Methode der Deduktion zu 
besitzen, die von Natorp vertreten wird. Im letzten Abschnitte geht 
Couturat auf das Verhältnis der Logik zur Sprache ein. Hier gelangt er 
im Anschlüsse an Leibniz' Analysen zu dem Problem einer internationalen 
Sprache, die das Prinzip logischer Gesetzlichkeit möglichst erfüllen soll. 
Der verflachende Irrtum der Nominalisten, dem sprachlichen Ausdruck 
komme die Priorität vor dem Logischen zu, wird hier wirksam abgewehrt; 
und damit sind auch manche Absurditäten moderner Sprachkritik, die 
philosophische Probleme auf dem Wege verbaler Analysen auflösen und 
verflüchtigen wollen, als solche gekennzeichnet. Wohl verdichtet sich im 
Worte der Sinn und die Gesetzmässigkeit des Gedankens, aber in einer 
Weise, die der Entwicklung des Wortes einen weiten Spielraum und da- 
mit die Möglichkeit einer Lockerung jenes ursprünglichen Zusammen- 
hanges lässt. Dies zeigt sich zumal im Prinzip der Eindeutigkeit und 
Einfachheit, welchem das Kunstprodukt einer internationalen Sprache 
vor allem Rechnung tragen müsste. 

Völlig anders begreift Benedetto Croce die Aufgabe der Logik. Die 
Logistik muss ihm, der als Schüler Hegels im Denken einen lebendigen, 

fegenständlichen Prozess erblickt, als eine sterile Abstraktion erscheinen. 
Ir weist jeden philosophischen Spezialismus zurück, deshalb auch die 
Trennung der reinen von der angewandten Logik, der Logik überhaupt 
von der philosophischen Erkenntnis. Eine äussere, mechanische Anwendung 
des Logischen auf das Reale gibt es nicht, sondern nur seine konkrete 
Entwicklung am Stoffe der Realität selber. Der entwickelten Formen des 
Wissens ^bt es vier: Dichtkunst, Philosophie, Naturwissenschaft und 
Mathematik. Der Dichtkunst entspricht die Form der Vorstellung, der 



274 Rezensionen (Rüge). 

Philosophie die der Idee, der Naturforschung die des klassifikatorischen, 
der Mathematik die des abstrakten Begriffes. Die logische, philosophische 
Erkenntnisform unterscheidet sich im Sinne dieser Einteilung ebenso von 
der poetischen wie von der naturwissenschaftlichen und mathematischen. 
Denn die Begriffe der beiden letzteren sind technische Fiktionen, während 
die philosophische Erkenntnis der Wirklichkeit als solcher sich bemächtigen 
muss. Sowohl die religiöse als auch die geschichtliche Erkenntnis löst 
sich bei näherer Betrachtung in philosophische auf. Der Irrtum erklärt 
sich aus einer Verwechslung der genannten Formen, die dann zu ein- 
seitigen Systembildungen führt. Als Kategorienlehre ist die Logik zu- 
gleich Metaphysik, Erzeugung des Wirklichen in den Formen des Denkens. 

Neben Benedetto Croce kommt von italienischen Denkern Federigo 
Enriques zu Wort. Ihm wird im Gegensatze zum ersteren die Anwendung 
der logischen Grundsätze auf die Wirklichkeit zum Problem. Denn jene 
sind ihrem Wesen nach etwas Unveränderliches, während die sinnliche 
Wirklichkeit der Veränderung unterworfen bleibt. Der kritische Positivis- 
mus hält die dialektische Methode Hegels für keine Lösung des Problems. 
Er sucht eine solche darin, dass die Wirklichkeit zwar veränderlich ist, 
in ihr aber langsam wechselnde Dinge und Verhältnisse sich unterscheiden 
lassen, die als logische Gegenstände betrachtet werden können; dass weiter 
diese annähernde Übereinstimmung eine stetige Steigerung zulässt. So 
wird auch der Streit zwischen Realismus und Nominalismus entschieden. 
Die individuelle Wirklichkeit wird nicht in platonisierender Weise um- 
gedeutet, wohl aber werden ihr annähernde Invariante zuerkannt, die das 
reale Äquivalent der allgemeinen Begriffe darstellen. Wenn Enriques 
seinen Standpunkt, den er als kritischen Positivismus bezeichnet, eine 
Konsequenz der in Kant angelegten Prinzipien nennt, so kann ihm darin 
gerade die neueste Kantdeutung nicht Unrecht geben. Denn auch sie 
hat aus den Kategorien mehr und mehr den Schein metaphj^sischer 
Existenz entfernt und neigt dahin, das Verhältnis der Erscheinungen zu 
ihnen als das einer unendlichen Annäherung aufzufassen. Die Anwendung 
der Kategorien auf die Erfahrung kann nicht die unmögliche Aufgabe 
bedeuten, den Gegensatz zwischen einem schlechtweg Konstanten und 
einem schlechtweg Variabein, sondern den zwischen absoluter und rela- 
tiver Konstanz zu überbrücken. 

Die Umgestaltung des Bewusstseinbegriffes in der modernen Erkennt- 
nistheorie und ihre Bedeutung für die Logik ist das Thema der abschlies- 
senden Studie, die Nicolaj Losskij zum Verfasser hat. Wie man sieht, 
wird auch hier dem Problem ein weiter Rahmen gegeben, der eigentlich 
über die Grundfragen der Philosophie umfasst. Losskijs Standpunkt ist 
schon aus seinem Hauptwerke „Grundlegung des Intuitivismus" bekannt, 
dessen Ergebnisse hier lediglich auf ein bestimmtes Gebiet angewendet 
werden. Das Bewusstsein ist als Träger der Erkenntnis nichts Psychisches 
oder Subjektives. In der Betrachtung der Dinge vom Bewusstsein aus- 
gehen heisst deshalb nicht, sich dem psychologischen Idealismus preis- 
geben; vielmehr kann, was dem Bewusstsein gegeben ist, in gar keiner 
Abhängigkeit vom Subjekt stehen, ein völlig Transsubjektives sein. Be- 
wusstseinsinhalt und objektive Realität stehen nicht in einem Verhältnis 
kontradiktorischen Gegensatzes; oder, wie es von manchen Denkern aus- 
gedrückt wurde: das Bewusstsein ist nicht die Summe seiner Inhalte, 
sondern es hat bestimmte Inhalte. Von Losskij wird auch hervorgehoben, 
dass seine Auffassung keineswegs isoliert ist, dass sie vielmehr von manchen 
modernen Erkenntnistheoretikern, so Schuppe, Rehmke, Lipps, geteilt wird. 
Psychisch, subjektiv ist bloss der Akt, nicht aber der Gegenstand des Er- 
kennens. Hieraus soll sich eine Reihe von Konsequenzen für die Auf- 
fassung der Analyse und Synthese, der Urteile und der Vernunftschlüsse 
ergeben. Die Analyse drückt die Subjekte, die Synthese die objektive 
Seite des Erkennens aus; denn die Analyse kommt im Vergleichen zu- 
stande, das ein psychischer Vorgang ist. Das Vergleichen aber hat in sich 
seinen gegenständlichen Zusammenhang, seine selbständige synthetische 



Rezensionen (Rehmke— Herbertz). 275 

Einheit. Die Analyse gehört somit ins Gebiet der Psychologie, wogegen 
sich die Logik mit der Synthese beschäftigen muss. Analytisch ist der 
Satz der Identität, synthetisch das Gesetz vom zureichenden Grunde. 
Dementsprechend muss das letztere in aller produktiven Erkenntnis wie 
sie sich im Urteile und im Schliessen vollzieht, in den Vordergrund treten ; 
und dem Identitätsprinzip verbleibt bloss regulative Bedeutung. 

Diese Übersicht, die möglichst getreu die Gedankengänge der ein- 
zelnen Forscher in ihren Grundlinien wiederzugeben sucht, zeigt uns, dass 
im engeren Gebiete der Logik dieselbe Erscheinung zutage tritt, die für 
das moderne Philosophieren überhaupt charakteristisch ist: nicht die Ver- 
schiedenheit der Problemlösungen ist hier wesentlich, sondern die ver- 
s<?hiedene Art, in der das Problem gestellt wird. Über die Bestimmung 
des Gegenstandes selber gehen die Auffassungen auseinander. Beinahe 
jeder der genannten Denker sucht die Aufgabe der Logik anderswo. 
Bald wird an ihrer Voraussetzungslosigkeit im strengsten Sinne fest- 
gehalten und ihr Gebiet auf den Formalismus der Denkprozesse einge- 
schränkt ; bald werden ihr metaphysische Voraussetzungen zugrundegelegt, 
wie die des Verhältnisses zwischen Bewusstsein und Sein, wie die der 
dialektischen Natur des Wirklichen, die sich im Erkennen zu spiegein 
haben. Es scheint demnach, dass die Standpunkte einseitig gewählt sind, 
dass sie einander bloss von aussen ergänzen, dass wir erst von einer 
Logik der Zukunft die allseitige Durchdringung ihres Stoffgebietes zu 
erwarten haben. 

Oscar Ewald. 

Kehmke, J. Grundriss der Geschichte der Philosophie. 
2. Aufl. Quelle & Meyer, Leipzig 1912. (289 S.) 

In diesem bewährten Gnmdriss will R. eine Übersicht über die Ge- 
schichte der wissenschaftlichen Philosophie geben — alles vorwissen- 
schaftliche und unwissenschaftliche Philosophieren wird ausgeschlossen. 
Damit will das Buch gleichzeitig eine Vorschule der Philosophie sein, 
zu ihr selbst hinleiten. Die Lebensdaten nur ganz knapp angebend, be- 
richtet R. in sachlicher und gedrängter Form über die Philosophen und 
Philosophien, die sich seit jeher einen Platz in derartigen Darstellungen 
gesichert haben. Die Wurzelung der Weltanschauung in der Persönlich- 
keit, ihre Zusammenhänge mit der Kulturumgebung werden kaum berück- 
sichtigt; der Bericht über die Lehrmeinungen nimmt den ganzen Platz 
ein. Dabei treten die mystisch oder spekulativ gerichteten Denker zurück 
vor den mehr kritischen, streng begrifflich arbeitenden: über Meister 
Eckhart hören wir kaum etwas, Fichte, Schelling und Hegel sind knapp 
bemessen gegenüber Spinoza etwa, der trotz der tiefgründigen Kritik von 
Erhardt immer noch ein besonderer Liebling der Handbücher und Grund- 
risse ist. — In dem, was R. gibt, ist natürlich alles in bester Ordnung, 
wenn natürlich auch das Urteil über die Lehren von anderem Standpunkt 
her anders lauten würde. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Herbertz, Rieh. Philosophie und Einzelwissenschaften. 
Bern, A. Francke, 1913. (34 S.) 

In dem kleinen, aus einem Vortrage entstandenen Schriftchen er- 
örtert H. im einzelnen das Verhältnis der verschiedenen Wissenschaften 
zur Philosophie, nachdem er anfangs begründet hat, dass die Philosophie 
genau denselben wissenschaftlichen Charakter hat wie die Einzelwissen- 
schaften. Ich würde dieses letztere nur für gewisse Teile der Philosophie 
zugeben können — als Gesamtwissenschaft und Weltanschauungslehre hat 
die Philosophie einen anderen Typus. Er führt dann aus, weshalb und 
auf welchem Wege sämtliche Einzelwissenschaften einen Zugang zur Phi- 
losophie suchen müssen. Es ist vollkommen richtig, wenn H. sagt: alle 
Wege einzelwissenschaftlichen Erkennens, konsequent zu Ende verfolgt, 
münden notwendig in die Philosophie ein. Und zwar bezeichnet H. als 



276 Rezensionen (Herbertz — Lipps). 

die zwei grossen Hauptstrassen Logik und Erkenntnistheorie, Methoden- 
lehre eingerechnet. H. zeigt dann an den Beispielen der einzelnen 
Wissenschaften, wie sie der logischen und erkenntnistheoretischen Be- 
sinnung bedürfen. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Herbertz, Kleb. Die philosophische Literatur. Ein Studien- 
führer. Stuttgart, W. Spemann, 1912. (222 S.) 

Nachdem längere Zeit bibliographische Werke für die Philosophie 
gefehlt hatten, sind jetzt gleich mehrere hervorgetreten: Ruges „Philoso- 
phie der Gegenwart" berichtet fortlaufend über Neuerscheinungen, Frisch- 
eisen-Köhlers Jahrbücher geben kritische Übersichten über die Einzel- 
gebiete etc. Das Buch von H. verfolgt andere Ziele: es ^ibt eine Über- 
sicht über die wichtigsten Erscheinungen der Philosophie in alter und 
neuer Zeit, überall kritisch sichtend und nur das wichtige heraushebend. 
Von der neueren Literatur ist fast ausschliesslich die deutsche berück- 
sichtigt, Zeitschriftenaufsätze und Dissertationen sind ausgeschlossen. Auf 
Vollständigkeit wird kein Anspruch gemacht — genauere Einsicht aber 
zeigt, dass H. mit glücklichem Blick fast überall die wichtigen Werke 
aufgeführt hat. Natürlich wird jeder irgend etwas vermissen oder etwas 
anderes haben wollen, aber im ganzen glaube ich, dass dieser Führer gut 
seinen Zweck erfüllen wird, die Orientierung zu erleichtern und die Aus- 
wahl der Literatur sachlich zu leiten. Wenn ich von den verschiedenen 
Wünschen, die mir bei der Durchsicht aufstiegen, etwas anführen soll, so 
nenne ich nur zweierlei : gern hätte ich Schleiermachers „Grundlinien einer 
Kritik der bisherigen Sittenlehre" und sein System der Sittenlehre sowie 
die Akademieabhandlungen zur Ethik genannt gefunden, und — ich ver- 
misse Diltheys zahlreiche Schriften zur Philosophie der Geschichte (Ein- 
leitung in die Geisteswissenschaften, Aufbau der geschichtlichen Welt etc.). 
Auch Schelling ist ein wenig knapp gehalten — die Neuausgabe ist übrigens 
von Otto Weiss, nicht von A. Drews, der nur das Geleitwort schrieb (S. 170). 
Doch genug der Wünsche, sie lassen sich jedem derartigen Werke gegen- 
über vorbringen. Das Jahr 1912 selbst war reich an wichtigen Neuerschein- 
ungen — z. Teil hat H. sie schon genannt; hoffentlich gibt ihm eine neue 
Auflage bald Gelegenheit zur Ergänzung. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Lipps, Theod. Grundtatsachen des Seelenlebens. (Anasta- 
tischer Neudruck.) Bonn, Fr. Cohen, 1912. (709 S.) 

Das bekannte Werk von Lipps erlebt eine Auferstehung in Form 
eines anastatischen Neudrucks — ich kann einige Bedenken gegen diese 
Art der Neuauflage nicht unterdrücken, gerade bei einem Werke über 
psychologische Fragen. 1883 erschien das Buch zum ersten Male — ein 
volles Menschenalter liegt hinter uns seitdem, und gerade in der Psycho- 
logie hat es umwälzende Revolutionen im Kleinen und Grossen gegeben. 
Das Werk gibt so, wie es vorliegt, ein Bild von der damaligen Stellung- 
nahme L.s zu den Erkenntnissen jener Jahre — und wenn auch vieles auch 
noch heute bestehen bleibt, so hat sich auch manches in unserer Erkennt- 
nis vom Seelenleben stark gewandelt. In dieser Beziehung hätte das 
Werk durch eine Neubearbeitung zweifellos an objektivem Gehalt nur 
gewonnen; und wenn die ursprüngliche Gestalt nicht zerstört werden 
sollte, dann hätte sich ja ein Nachtrag anfügen lassen (wie bei Busse, 
Geist und Körper). Doch hat selbstverständlich auch dieser bloss mecha- 
nische Neudruck des eigenartigen Werkes seinen Wert. Schade, dass die 
zahllosen Druckfehler stehen geblieben sind, schade auch, dass der neue 
Abzug rein technisch nicht sehr gut ausgefallen ist: das Auge wird sehr 
angegriffen von den unklaren Buchstaben. 

Auf den Inhalt des Buches einzugehen, erübrigt sich wohl, da es 
sich um einen Neudruck handelt und die Position von L. allgemein be- 



Rezensionen (Fiedler— Schrecker). 277 

kannt ist. Ich habe stets das Werk mit grossem Gewinn studiert, und 

glaube, dass es auch heute wieder vielen etwas Bedeutendes geben kann. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Fiedler, Konrad. Schriften über Kunst. Herausgegeben von 
H. Konnerth. I. Bd. München, R. Piper, 1913. (XXIII u. 462 S.) 

Die hier edierten Schriften Fiedlers, des bekannten Förderers von 
Marees, waren bereits 1896 von Marbach herausgegeben worden; ein 
zweiter Band soll den noch unbekannten Nachlass ausschöpfen. Wenn 
dieses Material vorliegt, wird es Zeit sein, sich mit dem Verhältnis Fiedlers 
zu Kant näher auseinanderzusetzen. Dass das Verhältnis eng ist, sieht 
man schon aus diesem Bande — der Herausgeber hat schon früher in einer 
eigenen Studie darauf hingewiesen (Die Kunsttheorie Fiedlers 1909). Er 
hat diesen Band mit einer knappen, gut orientierenden Einleitung ver- 
sehen, in der er F. als Menschen und als Philosophen zeichnet — ein sehr 
sympathisches Bild entrollend. „Was für Kant die Analyse des Begriffs 
der Erfahrung war, das ist für Fiedler die Analyse des Begriffs der 
Sichtbarkeit". „Der grosseGewinn liegt beschlossen in dem Paradoxon : 
erst in der ei^en gesetzlichen künstlerischen Gestaltung erobern wir uns 
die Welt als Sichtbarkeit und ohne die künstlerische Gestaltung ist eine 
Sichtbarkeit als solche für uns gar nicht vorhanden" (XVI). Fiedlers Wort 
aus dem Nachlass, das K. als Motto voranstellt, sei zur Charakteristik noch 
angeführt: „Das Problem des Kunstwerks kann nur der verstehen, der die 
sichtbare Natur als etwas durchaus Unfeststehendes, als etwas gar nicht 
im gewöhnlichen Sinne Reales erkannt hat, gerade so wie das Problem 
des Erkennens nur von dem erfasst werden kann, dem es klar geworden 
ist, dass nicht die Wirklichkeit der Dinge das Beharrende ist, sondern 
allein die Form, die das Wirkliche durch uns annimmt." Von diesem 
Grundsatz aus sind die wertvollen Studien verfasst: Über die Beurteilung 
von Werken der bildenden Kunst, Über Kunstinteressen und deren För- 
derung, Moderner Naturalismus und künstlerische Wahrheit, Über den Ur- 
sprung der künstlerischen Tätigkeit, Hans v. Marees. Letzterer Aufsatz 
zeigt uns Fiedler als nachfülilenden Schilderer einer grossen Persönlichkeit 
— was jüngst A. Volkmann über Marees berichtet, wird hier glücklich 
ergänzt. In jeder Beziehung sind diese Arbeiten interessant, wenn sie 
auch nicht im strengsten Sinne philosophisch-wissenschaftlich sind. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Schrecker, Panl. Henri Bergsons Philosophie der Persön- 
lichkeit. Ein Essay über analytische und intuitive Psychologie. (Schriften 
des Vereins für freie psychoanalytische Forschung III.) München, E. Rein- 
hardt, 1912. (61 S.) 

Diese kleine Arbeit ist sehr klar geschrieben und verbindet in neuer 
und interessanter Art die Resultate der psychoanalytischen Forschung mit 
Bergsons Philosophie. S. geht davon aus, zu schildern, wie nach Ber^on 
unsere Psyche in ihren gewöhnlichen Funktionen unfähig ist, die Kontinui- 
tät des inneren und äusseren Seins adäquat zu erfassen: der kontinuier- 
liche Fluss der Zeit wird nach Analogie des Raumes in einzelne diskon- 
tinuierliche Stücke zerlegt etc. „So verlangt es das Leben, so dient ihm 
die Intelligenz, indem sie durch die Wissenschaft die kontinuierliche Rea- 
lität zerbricht, um sie der menschlichen Aktivität erreichbar zu machen" 
(22). Nur die Kunst bezwingt die Realität — durch die Intuition; und 
so konnte auch die Philosophie sich einer ästhetischen Intuition bedienen 
und sich von den praktisclien Zwecken der gewöhnlichen Erkenntnis ab- 
lösen. Auf diesem Wege der Konzentration nach Innen erfahren wir auch 
Näheres über das Wesen der Persönlichkeit. Wir stellen z. B. fest, dass 
unser Leben eine schöpferische Entwicklung ist, wir werden auf das Un- 
bewusste in uns geführt etc. Die Untersuchungen der Wiener psycho- 
analytischen Schule werfen ein Licht auf das Verhältnis von Erinnerung 
und Zukunftshoffnung zur Persönlichkeit. Was Seh. hier mitteilt und wie 



278 Rezensionen (Vowinkel — Guyau). 

er es zu Bergson in Beziehung setzt, ist oft überraschend und zweifellos 
verdienstvoll. Seine Arbeit ist eine schätzenswerte Bereicherung der 
Bergson-Literatur. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Vowinkel, Ernst. Beiträge zur Philosophie und Pädagogik. 
Berlin, L. Simion, 1912. (255 S.) 

Ein über seinen Beruf und mit ihm zusammenhängende Probleme 
nachdenkender Lehrer hat diese Studien verfasst, psychologische und lo- 
gische Fragen interessieren ihn besonders. Die einzelnen Abschnitte sind 
betitelt: Vom Stil im Unterricht, Zur Psychologie des Denkens, Zum Pro- 
blem der Persönlichkeit, Das pädagogische Denken, We^en und Zweck der 
höheren Schule, Zwei Abschiedsreden. Ich habe mich ernstlich bemüht, 
die Absichten und Leistungen des Verf. zu begreifen und zu würdigen, 
muss aber bekennen, dass mir das nicht voll gelungen ist. Ich verkenne 
nicht den Ernst und den guten Willen des Verf. — aber ich sehe keinen 
rechten Erfolg seiner Bemühungen. In den logischen und psychologischen 
Versuchen vermisse ich den Anschluss an die Arbeit der modernen Wissen- 
schaft, in den pädagogischen Aufsätzen ist das meiste etwas verstiegen 
und auch das Kluge immer so formuliert, dass man es nur für halb wahr 
halten kann. Ich weiss, dass es auch anderen (kompetenten) Beurteilern 
so geht; man weiss mit diesem Buch nicht recht etwas anzufangen. 

Der Gedanke, von einem Stil im Unterricht zu sprechen im Gegen- 
satz zur „Methode" ist an sich sehr nett; 4 Linien in diesem Stilgebilde 
werden besprochen: die empirisch-exakte, kritisch-geistige, die persön- 
liche und die ästhetische. Wenn V. dann erklärt: „Die Stellung, welche 
der Lehrer dem Schüler gegenüber einzunehmen hat, ist zunächst die des 
Naturforschers gegenüber seinem Objekt" (16), so wird man gleich wieder 
Bedenken haben, oder wenn er bei der ästhetischen Stillinie ausführt: 
„Eine Einfühlung oder Idealisierung ist die letzte Aufgabe des Lehrers 
gegenüber seinem Schüler" (34), so weiss man ja ungefähr, was gemeint 
ist, aber man kann ihm höchstens halb zustimmen. Am meisten Erfreu- 
liches finde ich in den beiden letzten Abschnitten: sie sind auch im Stil 
viel frischer und bewegter, weil sie als Reden entworfen wurden, und be- 
rühren durchaus sympathisch. Eine Formulierung will ich noch zur Kenn- 
zeichnung der ganzen Art V.s hersetzen: „Das Wahre der höheren Schule 
besteht in einer Ordnung von Gedankenerlebnissen, die in den Schülern 
ausgelöst werden und mit dem zunehmenden Wissen Geist und Charakter 
auferbauen" (215). Es mag ja an mir liegen — aber sofort drängen sich 
Bedenken vor. Und man kann ja als Rezensent nur sagen, was man bei 
dem betr. Buche selbst gedacht hat. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Gnyan, Augustin. La Philosophie et la Sociologie d'Alfred 
Fouillee. Avec biographie, portrait et extraits inedits. Paris (Felix 
Alcan) 1913. (XX u. 242 S.) 

Augustin Guyau, der einzige Sohn des berühmten, 1888 verstorbenen 
Dichterphilosophen Jean-Marie Guyau, veröffentlicht soeben sein erstes 
Buch über die Philosophie und Soziologie seines 1912 verstorbenen Gross- 
stiefvaters Alfred Fouillee, des Hauptvertreters des französischen idea- 
listischen Evolutionismus. Wir kennen Fouill^es psychischen Monismus 
bereits aus seinem 1908 in deutscher Sprache erschienenen Hauptwerk: 
„Der Evolutionismus der Kraftideen" (Philos.-soziol. Bücherei, Bd. 3). 
Augustin Guyau genoss wie schon sein Vater das seltene Glück, anfangs 
der Schüler, später der Freund und Vertraute des grossen französischen 
Idealisten zu sein. Er gibt auf Grund mündlicher Unterweisung und eines 
eingehenden Studiums der zahlreichen Schriften Fouillees eine knappe, 
von eindringendem Verständnis zeugende Darstellung der Hauptgedanken 
der Philosophie der Kraftideen oder Ideenkräfte (Idees-Forces), „qui 
a eu dans le monde entier un retentissement considerable". Er schildert 



Rezensionen (Schwartz). 279 

die auf dem Begriff des strebenden Bewusstseins ruhende Synthese von 
Intellektualismus und Voluntarismus in Fouillees System, seine Theorie 
der Intelligibilität und der Freiheit, die Einführung psychischer Faktoren 
in den Evolutionismus, seine psycho-soziologische Fassung des Weltbe^riffs; 
weiter dann in der Moral Fouillees Theorie des intellektuellen Altruismus, 
seine Lehre von der Hierarchie der Werte, endlich seine soziologischen 
Theorien, sämtlich beherrscht vom Leitgedanken der Kraftidee, einer Idee, 
„qui est elle-meme une virtualite d'action pour I'avenir, une realite d'action 
pour le präsent." Guyaus Darstellung, die überall vom Geist der Liebe 
und Verehrung für den grossen modernen Platoniker getragen ist, scheint 
mir ein ebenso zuverlässiger als unentbehrliclier Führer zu sein durch die 
schier unübersehliche philosophische Lebensarbeit Alfred Fouillees. 

Am Schluss des Buches findet der Leser ein Kapitel über den Ein- 
fluss der Philosophie der Kraftideen, eine vollständige Bibliographie und 
eine kurze Biographie. Letztere stammt zum Teil von Frau Alfred Fouillöe, 
der Mutter des Dichters Guyau. Wir sehen ein Leben, angefüllt mit 
Arbeit und Meditation, und dann ein Sterben, ruhig und heiter, das Ende 
eines Sokratischen Weisen. 

Leipzig. Ernst Bergmann. 

Schwarz, Herrmann. Grundfragen der Weltanschauung. 
Leipzig, Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, 1912. 

Vom Standpunkt einer Philosophie der Weltanschauung aus erklärt 
sich Herrmann Schwarz in diesen „Grundfragen" zu den drei Problemen: 
1. „Leib und Seele," 2. „die Freiheit des Willens," 3. „das Gottesproblera." 
Die Behandlung der ersten beiden Probleme ist aus den Bedürfnissen des 
apologetischen Instruktionskursus in Berlin und Wernigerode hervor- 
gegangen. Der erste Abschnitt ist im Rahmen von Vorlesungen als 
„2. erweiterte Auflage" der Schrift über den „Materialismus als Welt- 
anschauung und Geschichtsprinzip" verblieben. 

Es erwies sich dem Verfasser aber in dem 2. Abschnitt über „die 
Freiheit des Willens" eine noch allseitigere neue Bearbeitung, über den 
bezeichneten Rahmen hinaus, als notwendig. Es sei auf die vorgängigen 
Schriften des Verfassers : ,^ Die Psychologie des Willens" 1900, „das sittliche 
Leben", eine Ethik auf psychologischer Grundlage, 1901, „Glück und Sitt- 
lichkeit", „Gefallen und Lust, sittliches und naturhaftes Vorziehen" 1902 
hingewiesen für seine Unterscheidung eines analytischen und eines synthe- 
tischen Vorziehens. In das Turnier zwischen Deterministen und Indeter- 
ministen stellt er sich mit der blitzenden Schärfe des eignen Geistes- 
schwertes. Auch Kant ist ihm eine schneidige Waffe. Freilich gibt Kant 
keine Weltanschauung, da er nur die Gebiete abgrenzt, in welchen die 
beiderseitigen Operative zu gelten haben. Es lag aber wohl in den be- 
sonderen Bedürfnissen eines apologetischen Kursus begründet, dass Schwarz 
den Gefahren der Personifizierung der Begriffe nicht immer entgangen ist. 

Die Behandlung des Gottesproblems im 3. Abschnitt ist das Ergebnis 
der gleichen Arbeit, die Schwarz in seinem neuesten grossen Werk: „Der 
Gottesgedanke in der Philosophie" zusammenfasst. Der Verfasser ver- 
steht die verschiedenen Auffassungen nach ihrer charakteristischen Seite 
zu benennen. Er bezeichnet die Denkvoraussetzungen, in welcher dieselben 
entstanden sind, die Denkrichtunffen, in welchen sie verlaufen. Er kenn- 
zeichnet den tieferen Grund, aus dem alle diese verschiedenen Auffassungen 
nicht zum Ziele geführt haben und bietet endlich Gesichtspunkte, unter 
welchen eine weitere Klärung der betreffenden Probleme zu finden sein 
könnte. Ein besonderes Augenmerk richtet der Verfasser darauf, das Un- 
genügende der Auffassung Spinozas, in dem Sinn und Verstand, welchen 
ihm der materialistische Monismus angedeihen lässt, darzutun. Schon 
Kant sagt in seiner Kritik der Urteilskraft § 72—73 von Spinoza, dass 
sein „Begriff von dem Urwesen" garnicht zu verstehen ist. Ich möchte 
allerdings hier die Frage aufwerfen, ob Spinoza denn überhaupt einen Er- 
klärungsgrund für das Universum im Sinne einer Daseinserkläning hat 



280 Rezensionen (Schwartz). 

geben wollen, ob Spinoza nicht selbst die materiale Auffassung seines 
substantialen Monismus, welche sich an seinen Namen knüpft, strikte ab- 
gewiesen hätte, weil er garnicht mehr mit seinen Lehren irgend etwas 
erklären will, so wie die antike Philosophie erklären wollte, sondern er- 
fassen will, so wie die moderne Naturwissenschaft, da wo sie sich recht 
versteht, den mathematischen Grund des Daseins (ratio) erfassen will. Die 
Kausalität als Prinzip tritt an Stelle der materialen causa. Die materiale 
Auffassung des substantialen Monismus ist doch wohl nur eine vor-erkennt- 
niskritische schiefe Auffassung der Prinzipien modemer Naturwissenschaft 
sowohl wie Spinozas; sie ist nur denen möglich, welche den Umschwung 
des Denkens von den mythisch-realistischen Prinzipien der antiken Philo- 
sophie zu den rein formalen und mathematisch-rationalen Prinzipien auf 
christlichem Lebensgebiet nicht mitgemacht haben: Man will das vorge- 
fundene Dasein der Wirklichkeit noch erklären, statt die Aufmerksamkeit 
ausschliesslich darauf zu konzentrieren, die unerklärbar gegebene Wirklich- 
keit im Sinne der lebenstechnischen Aufgabe zu erfassen. 

Mit Recht tut Schwarz die „Gottnatur" als Weltanschauung ab. 
Über eine solche Weltanschauung weist ja schon der Titel „Ethik" und 
der mos geometricus, so wie der amor dei intellectualis seelischer Indiffe- 
renz hinaus. Wie schon Descartes, so versteht auch Spinoza ein alldenken- 
des Setzen der Existenz der Substanz in Gott: als Erfassun^sprinzip. Gott 
will als punktueller Allgrund für denkende Aktualität ergriffen sein, nicht 
aber als ein materiales Wesen in der Weise des vorethischen Philoso- 
phierens, dessen Prinzipien der moderne Materialismus bei sich konserviert. 
„Genauer denkt sich Spinoza Gott als den mathematischen Grund alles 
besonderen Seins" sagt Schwarz S. 6. Spinozas Gottesbegriff ist demnach 
ebenso jeder Sinnendinglichkeit entgegenstehend, wie jeder andere Begriff 
der Erkenntniseinheit, welchen die Geschichte der neueren Philosophie 
aufweist. Das Prinzip der Erkenntniseinheit steht gewissermassen im 
mathematischen Schnittpunkt aller Einzelerkenntnisweisen. Nicht ist die 
Meinung, dass Physisches und Psychisches einerlei seien, wenn dieselbe 
Gesetzlichkeit der Relation von der physischen und von der psychischen 
Seite an der einheitlich gedachten Substanz gemessen wird. Dem prak- 
tischen Gebrauch der reinen Vernunft jedenfalls bedeutet die alldenkende 
Formung der Welt mit dem Substanzprinzip in Gott die eine Denkmög- 
lichkeit für die Kontrastwirkung der rein formal gedachten causa sui zu 
allem endlichen Dasein. Kants Verlegung der seelischen Indifferenz in 
das denkende Selbstbewusstsein ist dem gegenüber nur die andre Denk- 
möglichkeit, 

Die bedeutendsten Partien des Schwarzsehen Buches weisen denn 
auch in der Tat über den Standpunkt eines Fragens nach der Welt- 
anschauung hinaus auf eine Werttheorie. Die Lehre von der „Selbst- 
setzung geistigen Lebens" wird als die tiefste Seele der deutschen Mystik 
aufgezeigt. „Gott wird" muss heissen: „Gotteswert wird". Eine Linie 
geht von der deutschen Mystik zur deutschen Philosophie des 19. Jahr- 
hunderts. In dieser Linie steht das Nicht-ich-sagen zur naiven Sinnen- 
dinglichkeit. „Der Wert der durchgeistigten Persönlichkeit muss von 
jedem selbst erobert werden, indem er sich für ideelle Inhalte einsetzt" 
S. 286. Durch den Pessimismus und die Verneinung hindurch, wird in 
uns, nicht bloss geradlinig aus uns, eine Aktivität der Kontrastierung 
eingeboren. Im Sinne der Aktivität könnte das „überseiende Eine" 
Plotins und die „Geburt der ewigen Werte" in Gott, wie sie dem christ- 
lichen Lebensgebiet entspricht, und in der Lehre von der Trinität zum 
Ausdruck kommt (S. 290), ihre wertbildende Realität in der geistig sitt- 
lichen Persönlichkeit und auf dem Schauplatz des Durchbruchs einer neuen 
Einheit behaupten. Das Leben des Wertes und der Wert des Lebens 
geht in einen Akt zusammen: Wir geben uns als Nichts und werden als 
Etwas empfangen. Schöpfung und Freiheit gehen in die selbstschöpferische 
Einheit ein, während die Theorie, dass die „Einwohnung des göttlichen 
Lebens in der Menschlichkeit vorher auf übernatürliche Weise in einem 



Rezensionen (Lipsius). 281 

Mittler realisiert worden" sein muss, ehe der Glaube an eben den Mittler 
sich weiterhin realisieren kann, nicht die Erfüllung der christlichen Idee 
voller Gottmenschheit bedeutet S. 293. Eine Freude ist es dem Rezen- 
senten, dass durch das wertvolle Buch von Schwarz auch Eucken an 
mehreren Stellen gerechte Würdigung erfährt. Als „Erneurer des deut- 
schen Idealismus" ist Eucken durchaus in die Linie der „deutschen Be- 
wegung" zu stellen, welche im 19. Jahrhundert in der Kantischen Philo- 
sophie ihren Zusammenhalt bekommen hatte. Neben das platonisch-christ- 
liche Prinzip, wie es der Vernunft bisher Wegweiser gegeben hat, hätten 
wir alle Ursache, das Kantisch-christliche Prinzip zu stellen, welches der 
reinen Form von Wert und Erkenntnisprinzipien Ausdruck gibt und 
das unendliche Ziel der Ideenwelt nicht dogmatisch als Weltanschauung 
feststellt, sondern zum sittlichen Charakter gestaltet. Dieser sittliche 
Charakter will selbstverständlich als „universales Über-ich" und als „Wesens- 
wandel" „in Berührung mit Werten", die über unsrer empirischen Er- 
fahrung liegen, ergriffen sein. Was dem „religiösen Adynamismus" 
Augustins u. a. noch unfassbar war, ist in der deutschen Bewegung zur 
idealen Erfüllung gelangt. 

Hugo Lehmann. 

Lipsins, Fr. R., Privatdozent der Philosophie an der Universität 
Leipzig. Einheit der Erkenntnis und Einheit des Seins. Leipzig, 
A. Kröner, 1913. (Vni u. 318 S.) 

Der Verf. will dem „unserm Geiste immanenten Zwang, der ihn 
immer wieder treibt, hinter der Vielheit der Erscheinungen eine allbe- 
fassende Einheit zu suchen", und der „unmöglich als ein blosses Vorurteil 
beiseite geschoben werden* könne, genüge tun, indem er „das dem Prinzip 
der Erkenntniseinheit entsprechende ontologische Einheitsprinzip näher 
zu bestimmen" sucht. 

Vor zwanzig Jahren beantwortete Wundt seine Frage: Was soll 
uns Kant nicht sein? zusammenfassend damit, er solle uns kein Le- 
bender unter Lebenden sein, sondern müsse historisch genommen 
werden wie ein Aristoteles, Descartes, Spinoza oder Leibniz; merkwürdig, 
von der ersten Seite an ist L.s Buch, das heute die Wundtsche Philosophie 
noch einmal entwickelt und verteidigt, ein Ringen mit Kant und den 
heutigen Kantianern! Wie die Entstehungsgeschichte der Wundtschen 
Philosophie als eine doppelte Reaktion gegen die Philosophie der Zeit 
ihres Keimens betrachtet werden kann, indem sie gegen die neue Kant- 
bewegung die Betrachtungsweise des Subjekt-Objekt-Problems und gegen 
den Geist der Hegeischen Philosophie die Einheit von Denken und Sein 
zu einem Primat nicht des Logischen, sondern des Seins umkehrte, so ist 
auch heute wieder die L.sche Arbeit in ihrer ganzen Methode charakteri- 
siert durch ihre Polemik gegen den Kantianismus, die nachzuweisen sucht, 
dass alles auf eine Umkehrung der Einstellung im Subjekt-Ob- 
jekt-Problem hindränge. Die Kopernikanische Tat Kants wird als die 
Quelle aller Übel und Widersprüche zu erweisen gesucht unter ständigem 
Rekurs auf die alten Argumente und demgegenüber der Begriff des Vor- 
stellungsobjektes Wundts als die „Revolution des Denkens" bezeichnet. 
„Alle Irrungen und Verlegenheiten des Kantischen Denkens, die Unsicher- 
heit in der Setzung eines Dinges-an-sich wie das Schwanken über den 
Geltungsbereich der Kategorien, erwachsen unvermeidlich als Schösslinge 
eines Stammes. Es ist der zum Dogma erstarrte Grundsatz aller „kri- 
tischen" Philosophie, wonach das ursprünglich Gegebene die Vorstellung, 
oder allgemeiner das subjektive Erlebnis ist." 

Darum muss, meint nun der Verf., die ganze Einstellung umgekehrt 
werden; nicht das Bewusstsein, das wie eine helle Insel in einer durch den 
Kontrast nur umso dunkler scheinenden Nacht daliege, ist ursprünglich 
gegeben, sondern Vorstellungsobiekte. „Es steht fest, dass wir 
nicht Vorstellungen wahrnehmen, sondern Dinge . . . Das Merkmal der 
Gegenständlichkeit kommt unseren Vorstellungen von vornherein und un- 



282 Rezensionen (Lipsius). 

mittelbar zu." Subjekt und Objekt gehören gleichermassen zum Wahr- 
nehmungsinhalt; Raum- und Zeitform ist diesem Wahrnehmungsinhalt ob- 
jektiv zu eigen; die Aufgabe der Erkenntniskritik ist es, zu zeigen, wie 
auf Grund dieser Gegebenheit die Sonderung von Form und Stoff und die 
Herauslösung des Subjekts aus der Fülle der Objecte, denen es ursprüng- 
lich selber zugehört, möglich ist. Während bei Kant Raum, Zeit und 
Denkformen für subjektiv angesprochen werden, denen die Empfindungen 
als das Material gegenüberstehen, haben bei Wundt und Lipsius gerade 
jene Formen wegen ihrer Konstanz bleibende Objektivität, während die 
Empfindungsqualitäten, die in der Wahrnehmung oft in Widerstreit mit- 
einander geraten, ins Subjekt zurückgenommen werden, um vom Verstände 
bearbeitet zu werden zu einer widerspruchslosen und zusammenhängenden 
Erkenntnis von dem Wie des Seins der Objekte. Zweifel an der Trag- 
fähigkeit des Intellektes aber weist der Verf. durch den Hinweis darauf 
zurück, dass „alle Erkenntnis eine gesetzliche Ordnung, oder was dasselbe 
besagt, eine formale Einheit des Wirklichen" voraussetze. 

Die Berechtigung aber des Ausgehens vom Objekt und des Fort- 
schreitens in der dargestellten Richtung sieht L. wie Wundt in dem 
Forschungsprinzip, nicht ohne zwingenden Grund die Ge- 
gebenheiten ursprünglicher Anschauung aufzuheben. „Nicht 
objektive Realität zu schaffen aus Elementen, die selbst solche noch nicht 
enthalten, sondern objektive Realität zu bewahren, wo sie vorhanden, 
über ihre Existenz zu entscheiden, wo sie dem Zweifel ausgesetzt ist: dies 
ist die wahre und die allein lösbare Aufgabe der Erkenntniswissenschaft," 
zitiert der Verf. aus Wundts System. Durch die Einheit des Erkenntnis- 
prinzips einerseits und die gegebene ursprüngliche Einheit von Denken 
und Sein, die aufzuheben kein zureichender Grund vorliege, anderseits 
sieht so der Verf. die Einheit des Seins selber genügend gesichert. 

Allein in der zweiten Prämisse, meine ich, steckt der b'ehler. Wie 
auch immer die verschiedenen angegriffenen Gegner sich mit den Argu- 
menten des Verf. abfinden mögen, er bleibt vor allem eine positive Be- 
gründung der Behauptung von der unmittelbaren Wahrnehmung der Dinge 
schuldig. Das tiqoötov xpev6og seiner Philosophie ist, dass das Dass der Ein- 
heit von Denken und Sein im Vorstellungsobjekt fortgesetzt behauptet, 
ohne dass uns das Wie verständlich gemacht wird, und ich sehe nicht, 
wieso „Wundts Theorie darum kein blosser Rückfall in Dogmatismus" 
sein soll, „weil ja umgekehrt der Satz, die Welt unserer Erlebnisse sei 
lediglich Bewusstseinsinhalt, eine rein dogmatische Behauptung darstellt"; 
dazu müsste die Vollständigkeit dieser Disjunktion bewiesen sein, was 
nicht geschehen ist. An dem Punkte genau, wo jene Behauptung steht, 
steht auch die Frage, wie dies Vorstellungsobjekt als Erfahrung möglich 
sei; und hier sehe ich wiederum nicht, wie Wahrnehmungsinhalten Objek- 
tivität beiwohnen könnte, wenn nicht durch apriorische Kategorialität. 
Was die Wundt-Lipsiussche Erkenntnislehre tut, ist eben die Beantwortung 
dieser Frage nicht, sondern lediglich der Nachweis, wie Subjekt, Ver- 
standeserkenntnis usw. zu erklären sind, wenn jener Vordersatz zugegeben 
ist; dieser Nachweis aber ist das devie^ov ipevdog, indem er ein Zirkel ist, 
da alles, was aus dem Wahrnehmungsinhalt herausgeholt wird, vorher in 
den Begriff des „Vorstellungsobjektes" hineindefiniert wurde. 

Im zweiten Teil des Buches wird die Einheit des Seins im ein- 
zelnen untersucht und unter den Titeln „Die mechanische Naturerklärun^" 
und „Der philosophische Idealismus" eine Naturphilosophie und Phi- 
losophie des Geistes gegeben, in denen sich der Verf. dort in scharf- 
sinnigen Auseinandersetzungen mit den modernen Theorien der Physik 
für den mechanischen Atomismus, hier als letztem Ergebnis der Meta- 
physik für einen vom Wundtschen etwas abweichenden Voluntarismus 
entscheidet. So wenig wie bei Wundt, dessen „System" nach Schema, 
Aufbau wie Gedankenführung, ja Stil im vorliegenden Buche durch- 
schimmert, ist aber auch hier begreiflich gemacht, wie aus der Wechsel- 
Destimmung der Willen die Vorstellung una weiter die bunte Mannigfaltig- 



Rezensionen (Grote— Römer). 283 

keit der Vorstellungswelt entspringen könne; in der Tat ist dieser Gedanke 
genau so unvollziehbar wie der, dass aus Bewegung Empfindung hervor- 
gehe. Was aber die Naturwissenschaft angeht, so scheint mir in ihr sich 
die dem oben erwähnten Forschungsprinzip gerade entgegengesetzte Ten- 
denz immer stärker geltend zu machen, nicht so zaghaft wie möglich die 
Einstellung zu ändern, sondern gerade die unmittelbar angeschaute Wirk- 
lichkeit als Anthropomorphismus entschlossen preiszugeben. 

Im einzelnen birgt das Buch eine Fülle scharfsinniger Gedanken, 
mit denen sowohl von philosophischer wie naturwissenschaftlicher, vor 
allem physikalischer und biologischer Seite her eine Auseinandersetzung 
wohl fruchtbar sein dürfte. Sympathisch aber ist das Werk in doppelter 
Weise, indem es einmal durch Ernst und Gewicht des Vortrags und In- 
haltes sich höchst vorteilhaft abhebt von wohl allen sonst versuchten mo- 
dernen Apologien und Begründungen des Monismus, und sympathisch ist 
auf der andern Seite, dass diese Philosophie trotz ihres üntologismus sich 
weitab hält von jener Bewegung der Philosophie, die sich in einer Re- 
naissance der nachkantischen Idealismen zu versteigen droht, das frucht- 
bare Bathos der Erfahrung verachtend — wie einst; vielmehr ist auch 
dies Werk wie alle Arbeiten aus der Wundtschen Schule auf ein sorg- 
fältiges Studium der exakten Wissenschaften fundiert und sich doch klar 
darüber, dass mit den Hilfsmitteln der Naturwissenschaft allein sich über^ 
haupt keine Weltanschauung begründen lässt. 

Dem Buche fehlt ein Index. 

Berlin. Sveistrup. 

Grote, Adolf, Hebbels Schatten. Beiträge zur Hebbelforschung. 
Fritz Eckardts Verlag, Leipzig 1911. 8«. (31 S.) 

Unter den zahlreichen Jubiläumsschriften zählt diese kleine, aber ge- 
haltvolle Broschüre zu denen, die für die Wissenschaft von Bedeutung sind. 
Sie gliedert sich in zwei Teile, einen negativen und positiven. Im ersten kri- 
tischen wird an einem Musterbeispiel von dilettantischem Journalismus, an 
Herbert Eulenbergs Aufsatz ,Hütet Euch vor Hebbel!' im Jahrgang 1 908 der 
,Zukunft', bewiesen, wie wenig dieser moderne Dramatiker Hebbel verstanden 
hat, wie er mit philosophischen Begriffen prunkt, in die er nicht einge- 
drungen ist, und wie vor allem die Behauptung, Hebbel sei in seiner 
ästhetischen Auffassung vollkommen von Hegel abhängig, durchaus falsch 
ist. Im zweiten positiven Teil sucht nun der begeisterte Schüler Cohens 
Hebbels wahrer Auffassung von der Kunst nachzugehen und gibt, auf Kant 
fussend, wertvolle methodische Winke, wie das Hebbelsche Denken wirk- 
lich untersucht werden kann, eine Arbeit, die Grote hoffentlich selbst 
übernehmen wird; in philosophischer wie literarhistorischer Beziehung 
hat er sich als dazu vorzüglich gerüstet gezeigt. 

Hannover. Dr. Wolfgang Stammler. 

Römer, Alfred. Gottscheds pädagogische Ideen. Ein Bei- 
trag zur Würdigung J. C. Gottscheds. Halle a. S., Verlag von Max Nie- 
meyer, 1912. 8". (XV u. 142 S.).. 

Römer gibt eine genaue Übersicht der Pädagogik Gottscheds nach 
den drei Abschnitten ,Das Elternhaus*, ,Die Schule', ,Die Hochschule', meist 
nur unter Zusammenstellung von Gottscheds eigenen Worten. Wenn er 
auch Reicheis übertriebene Gottsched- Verehrung von sich weist, ist er 
doch dem Leipziger Literaturpapst gegenüber nicht kritisch genug. Vor 
allem fehlt durchaus eine Würdigung der historischen Stellung von Gott- 
scheds pädagogischen Ideen im Verhältnis zu Vorgängern und Zeitgenossen, 
in der Entwicklung der ganzen Pädagogik. Schon das „Quellenverzeichnis" 
belehrt, dass der Verfasser sich auf die Lektüre Gottschedscher Werke be- 
schränkt hat. Hätte er vor allem die englischen moralischen Wochen- 
schriften herangezogen, so würde er bemerkt haben, dass vieles, was er 
jetzt für Üriginalgedanken des Professors hält und dementsprechend be- 

Kaotatudleo XYUI. ig 



284 Rezensionen (Bornhausen— Ihringer). 

wundert, sein Vorbild bei den Engländern hat und von dort angenommen 
ist. So muss man leider die Gesamtanlage der Schrift als verfehlt be- 
zeichnen, als Materialsammlung kann sie immerhin gute Dienste leisten. 
Hannover. Dr. Wolfgang Stammler. 

Bornhansen, Karl, Lic. Privatdozent in Marburg i. H. Der reli- 
giöse Wahrheitsbegriff in der Philosophie Rudolf Euckens. 
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1910. (70 S.) 

Es liegt etwas Unerbittliches und Hartes in der Art Karl Bom- 
hausens. Wohl hat er ein ausserordentlich zartes und feines Verständnis 
für die religiöse Schöpferkraft Rudolf Euckens, und auch für seine Be- 
deutung als religiöse und innerlich reiche, tiefe Persönlichkeit. Aber er 
verbietet es sich mit herbem Willensentschluss, sich dadurch beirren zu 
lassen in der Ablehnung der freischwebenden Metaphysik Euckens, die 
auf dem im religiösen Erlebnis sich offenbarenden Besitz aufgebaut ist. 
Von Kant aus, wie ihn etwa die Marburger Schule vertritt, ficht er mit 
grossem Forscherernst und scharf geschliffener Waffe gegen den Syste- 
matiker Eucken. Seine systematische Philosophie ist ihm wertvoll als 
persönliches Bekenntnis aber nicht als rationale Begründung der Wahr- 
heitsgewissheit, die allgemein gültig und notwendig sein muss. Man 
würde Eucken Unrecht tun, wenn man ihn durch diese entschiedene Ab- 
lehnung seiner noologischen Methode für abgetan erklärte. Das will 
Bornhausen gar nicht haben. Man würde aber auch Bornhausen Unrecht 
tun, wenn man nicht auch einmal dieser ernsten Stimme Gehör schenkte. 
Dazu ist bei aller nicht zu leugnenden Einseitigkeit doch die wissenschaft- 
liche Art des Mannes zu scharfsinnig und ehrlich und sein Bemühen um 
die Begründung und Entdeckung des religiösen Apriori zu bedeutend und 
wertvoll. Insofern ist sogar die Schrift für das Verständnis der Eucken- 
schen Philosophie wichtiger als manche kritiklose Darstellung derselben, 
die in der Autoritätssphäre derselben zu sehr befangen steht, oder über 
Klüfte sich mit etwas grossen Worten hinausschwingt — eine Stütze, die 
Bornhausen allerdings gar nicht liebt. Euckens wundervolle geistig-reli- 
giöse Lebendigkeit und der künstlerische Ausdruck, den er derselben zu 
verleihen vermag, wird ja auch immer mehr in ihrer genialen Art heraus- 
gerückt werden müssen über die Wahlstatt, wo über die metaphysischen 
und systematischen Begründungen gekämpft wird und wo der Friede nicht 
diktiert wird, ehe Alles klar geworden ist. 

Laufen (Baden). Hermann Maas. 

Ihringer, Bernhard. Der Schuldbegriff bei den Mystikern 
der Reformationszeit. Neue Berner Abhandlungen zur Philosophie 
und ihrer Geschichte, herausg. von R. Herbertz. Heft 1. Bern 1912. 
(67 S.) 

Der Verf. macht eins der Grundprobleme der Mystik, den Schuld- 
begriff, zum Gegenstand einer Untersuchung, die sich vornehmlich mit 
den Mystikern der Reformationszeit befasst. Verf. bespricht zunächst die 
Entwicklung des Schuldbegriffs von der Antike an über Augustin, Pseudo- 
dionysius Areopagita, Eckehart, Tauler, Suso, Deutsche Theologie bis zu 
Luthers dogmatisch-kirchlicher Auffassung. 

Ein folgender Exkurs weist hin auf den unüberbrückbaren Gegen- 
satz zwischen der metaphysisch verankerten mystischen und der aller 
transzendenten Begründung abholden modernen Ethik. 

Die Mystiker der Reformationszeit: Schwenckfeld, Franck und 
Weigel erfahren eine eingehende Würdigung. Besonders wird aufWeigel 
hingewiesen, der „bei der wissenschaftlichen Beurteilung bisher am 
schlechtesten weggekommen sei". Da man in der Tat den Spuren dieses 
seltsamen und bedeutendsten der drei Denker nicht häufig nachgegangen 
ist, so ist des Verfassers Unternehmen, ihm gerecht zu werden, dankbar 
zu begrüssen. 



Rezensionen (Perry). 285 

In der „allgemeinen Charakteristik von Schwenckfeld, Franck und 
Weigel" wird der Gegensatz hervorgehoben, in welchem sie sich zu dem 
„unduldsamen lutherischen Kirchentum" befanden und ihr Kampf gegen 
die „Buchstabier*^ geschildert. Mit Recht betont Verf. die moderne Art 
ihres Denkens, das die Keime der spekulativen Religionsphilosophie der 
neueren Zeit enthält. 

Der Gegensatz zum lutherischen Kirchentum wird besonders klar 
in des Verf.s Darstellung des Schuldbegriffs, wie er sich in der Auffassung 
dieser drei Mystiker spiegelt. Vor allem bedeutet hier Weigels symboli- 
sierendes Verfahren einen gewaltigen Fortschritt gegenüber dem dogma- 
tisch-historischen Standpunkt der Orthodoxie, wie denn überhaupt die drei 
Mystiker das Wesen der Religion tiefer und reiner erfassen als die Theo- 
logen lutherscher Schule. 

Mit Geschick und Verständnis hat Verf. eine Monographie zustande 
gebracht, die für die „Neuen Berner Abhandlungen" eine würdige Eröff- 
nung bildet. 

München. C. Bockwitz. 

Perry, Ralph Barten. Present Philosophical Tendencies. 
A Critical Survey of Naturalism Idealism Pragmatism and Realism together 
with a Synopsis of the Philosophy of William James. New York, London, 
Bombay, and Calcutta. Longmans, Green and Co. 1912. Gr. 8^^. (XVI 
u. 384 S.) 

In Deutschland fast völlig unbeachtet,^) ist während der letzten Jahre 
in der angelsächsischen Philosophie und namentlich in Amerika eine neue 
philosophische Richtung emporgekommen, die zusammen mit dem Pragma- 
tismus gegen den logischen Idealismus englischer Zunge kämpfend mehr 
und mehr die philosophische Lage zu beherrschen anfängt. Es ist der so 
genannte „Neue Realismus'', dessen Hauptvertreter sich in Amerika aus den 
jüngeren Professoren der grossen östlichen Universitäten zusammensetzen. 

Das mir vorliegende neue Buch, über „Die philosophischen Ström- 
ungen der Gegenwart" von Ralph Barton Perry, einem Professor an der 
Harvard Universität, stammt aus diesem Gedankenkreise. Es ist nur zum 
kleineren Teile eine Schilderung der gegenwärtigen Lage der Philosophie 
und zu weitaus geösserem Teile eine Beurteilung derselben nach „neu- 
realistischen" Massstäben. Dass bei einer solchen Auseinandersetzung die 
amerikanische Philosophie besonders ausführlich und mit verhältnismi issig 
grösserem Verständnis behandelt wird als die Philosophie Europas, ist ver- 
ständlich. Das Werk wird dadurch für Europäer nicht minder wertvoll. 

Die von Perry behandelten philosophischen Strömungen sind in der 
Überschrift des Buches angeführt. Es ist der „Naturalismus", der „Idea- 
lismus", der „Pragmatismus" und der „Neue Realismus". Zieht man in 
Betracht, dass unter der Aufschrift „Idealismus" zum weitaus grösseren 
Teile die religiöse Logik der britisch amerikanischen Hochschulphilosophie 
zu verstehen ist, so wird man die Beschränktheit des Buches auf angel- 
sächsische Gesichtspunkte und Gedankengänge leicht erkennen. Daran kann 
die ausführliche Berücksichtigung des seit seiner Übersetzung ins Eng- 
lische erst allbeliebten, gegenwärtig mehr und mehr angefeindeten Henri 
Bergson umso weniger etwas ändern, als Bergsons Philosophie hier unter 
dem Namenschilde des Pragmatismus erscheint, wodurch weder Bergson 
noch dem Pragmatismus volle Gerechtigkeit geschieht. 

Die Behandlung des „naiven Naturalismus" von Spencer, Büchner, 
Häckel und namentlich des „kritischen Naturalismus" von Ostwald, Karl 
Pearson, Ernst Mach und Henri Poincarö dringt nicht immer bis zu den 
eigentlichen wissenschaftlichen Beweggründen dieser Gedankenbildungen 
vor. Ihre Beurteilung wird dadurch zwar erleichtert aber auch weniger 
wertvoll. Zutreffender und mit grösserem Verständnis sind die Angnffe 

^) Eine rühmliche Ausnahme macht das neue Werk von Oswald 
Külpe „Die Realisierung" Bd. 1, Leipzig 1912. 



286 Rezensionen (Perry). 

der Gemütsphilosophie auf die Naturwissenschaft gekennzeichnet und zu- 
rückgewiesen. Jeder Versuch, den Gemütsbedürfnissen aus den Lücken 
der Naturwissenschaft Festungen zu bauen, kommt in der Tat einer Ver- 
deutlichung der Stärke dieser und einer Blosslegung der Schwäche jener 
gleich. Die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass diese imstande 
sind, vorläufige Lücken später zu schliessen, wobei denn alles wieder zu- 
sammenzubrechen pflegt, was aus dem Vorhandensein jener Lücken zu 
Gunsten der Gemütsbedürfnisse erschlossen war. 

Perrys Beurteilung des „Idealismus" liegt die Voraussetzung zu 
Grunde, dass der Ausdruck: „die Welt ist meine Vorstellung" besagen 
solle: die Welt ist ausschliesslich von meiner Vorstellung abhängig. 
Gegen diese Meinung, die mehr dem angelsächsischen als dem europäischen 
„Idealismus" anhaftet, kann Perry natürlich das ganze Rüstzeug seiner 
Angriffs Waffen vorbringen: „egocentric predicament", eine in Amerika 
häufig genannte Wortprägung Perrys selber, „definition by initial predica- 
tion"; „exclusive particularity" und wie die Denkfehler sonst heissen 
mögen, welche Perry mit grosser Vorliebe ins Feld führt und dabei bis- 
weilen selber in den Denkfehler verfällt, mit dem allgemeinen Schlagwort 
nicht den Kernpunkt der besonderen Lage zu treffen. — Wie dem auch 
sein mag: im Ganzen ist der Kampf Perrys und der amerikanischen Rea- 
listen gegen den „Solipsismus", der die Welt schlechthin zum Erzeugnis 
des Bewusstseins macht, natürlich ganz berechtigt und auch überzeugend: 
freilich im Wesentlichen für viele Leser schon überzeugend, bevor er be- 
gonnen hat. 

Lediglich eine Abart des „Solipsismus" ist der „Idealismus" des so 
genannten „transzendentalen Bewusstseins". Dies Bewusstsein kann sich 
in dem Zwielicht zwischen Welt und Seele auf die Dauer nicht halten. 
Es wird entweder jene und hört damit auf „Idealismus" zu sein, oder es 
wird diese und verfällt damit den Sünden des „egocentric predicament". 
Auf die sittlichen Gefahren, die Perry — im Kampfeseifer — dem angel- 
sächsischen Idealismus zur Last legt, gehe ich absichtlich nicht ein, da 
diese Beweisführung weder zur Philosophie gehört, noch sachlich zu Recht 
besteht und schwerlich Perry selbst überzeugt hat. Eine derartige Be- 
weisführung kann überhaupt nur als eine, in der angelsächsischen Philo- 
sophie leider nicht seltene, Verirrung betrachtet werden. 

Ganz vorzüglich gelungen ist Perry bis auf die Hineinziehung der 
hier nicht hinein gehörigen mystischen Lebenslehren von Bergson und 
James die Darstellung des Pragmatismus. Sowohl die allgemeine Kenn- 
zeichnung der pragmatistischen Lebensstimmung als Zukunftsfreude an 
den verschiedensten Richtungsmöglichkeiten des Denkens und Handelns 
in der unmittelbar vorliegenden Welt als auch die Darstellung des Ge- 
dankens als Werkzeuges und des Streites um den Begriff der Wahrheit 
sind mit zusammenfassender Kraft und grosser Klarheit herausgestellt. 
Und auch Perrys eigene Beurteilung dieser Dinge bedeutet eine entschie- 
dene Förderung. Seine wirklich vorzügliche Einteilung und Unterscheidung 
der verschiedenen Arten der „Bewährung" als Massstabes der Wahrheit 
hellt einen Nebel auf, den manche amerikanische und englische Pragma- 
tisten zum Fischen im Trüben benutzt haben. Anderseits hat Perry frei- 
lich manche Seiten des Pragmatismus, die namentlich in der Chicagoer 
Schule ausgebildet worden sind, nicht hinreichend in Betracht gezogen. 

Was endlich den von Perry bevorzugten „Neuen Realismus" angeht, 
so vermag ich mich trotz besten Willens von der Bedeutung dieser Lehre 
auch aus Perrys neuem Buche nicht zu überzeugen. Denn dass es möglich 
sei, in das Bewusstsein des Nebenmenschen hinein zu schauen, wird zwar 
seit einiger Zeit in der amerikanischen Philosophie mit kräftigem Nach- 
druck behauptet, aber nur mit schwachen Beweisen gestützt. Auch Perrys 
Beweise sind an dieser Stelle so schwach, wie es die Schwäche jener Be- 
hauptung nötig macht. Sie beruhen im Wesentlichen auf der Verwechse- 
lung zwischen der gleichen Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte zweier 
Menschen und dem Einssein ihrer beiden Seelen. Wären zwei Bewusst- 



Rezensionen (Görland). 287 

Seinsinhalte ihrer Gleichhheit wegen derselbe Bewusstseinsinhalt, dann 
niüssten auch zwei neu geprägte Pfennige ihrer Gleichheit wegen derselbe 
Pfennig sein. — Haltbarer ist die sich stark an Ernst Mach anlehnende 
Lehre der „Neurealisten" von den von Perry so genannten „Neutralen", 
die bei ihm eine ähnliche Rolle spielen wie Machs „Elemente", nur dass 
von den „Neurealisten" die Gleichsetzung der „Elemente" mit den Em- 
pfindungen schroff abgelehnt wird. Die „Neutralen" Perrys sind da und 
können von diesem Dasein aus bald als „Empfindungen" angesprochen 
werden bald als „Wirklichkeit". Wenn man aber Perry fragte: woher 
weisst du das? wie kommst du zu einem Wissen um die „Neutralen" und 
deren Vorhandensein? so sehe ich nicht ein, wie er anders antworten 
könne als: durch Empfindungen, zugegeben das der neugeborene Säugling 
nicht weiss, dass seine Empfindungen tatsächlich „Empfindungen" sind; 
sie sind es nichts desto weniger. M. a. W. die „Neutralen" werden abge- 
leitet aus den Empfindungen, um die Empfindungen nachträglich wieder 
aus den „Neutralen" abzuleiten. „Neutrale", die nicht Empfindungen 
wären, können wir nicht kennen. Daher sind alle „Neutralen" Empfin- 
dungen, aber nur einige .^ der empfundenen „Neutralen" Wirklichkeit. 
Das Vorhandensein dieses Übergreifens der Empfindungen über die Wirk- 
lichkeit zieht Perry nicht hinreichend in Betracht. Und doch wird da- 
durch die „Neutralität" seiner „Neutralen" von vornherein eitel. — Ich 
kann mich trotz des besten Willens, der in Amerika mächtig aufstrebenden 
Lehre gerecht zu werden, des Eindrucks nicht erwehren, dass auf den 
„Neuen Realismus" das reizende Wort von Lessing passt: es ist in ihm 
viel Gutes und Neues; nur dass das Neue nicht gut und das Gute nicht 
neu ist. 

Dem Buche ist eine Darstellung der Philosophie William James' an- 
gehängt. Diese teilt mit allen verwandten Darstellungen den Mangel des 
Unvollständigen und Bruchstückhaften. Sie ist aber eine wichtige Er- 
gänzung der anderen Darstellungen, denn die Bruchstücke, die sie bietet, 
beleuchten hauptsächlich die Jamessche Philosophie in der meist vernach- 
lässigten letzten tastenden und unsicheren Stufe ihrer Entwicklung, jener 
Zeit des durch den Tod von James abgebrochenen Schwankens zwischen 
Pragmatismus und Neurealismus. Dabei scheint es mir freilich, dass Penn- 
als „Neurealist" zum grösseren Ruhme seiner eigenen Philosophie die 
„neurealistischen" Anwandlungen von William James hier und da zu stark 
in den Vordergrund schiebt, was namentlich auch in seinen Erörterungen 
über den „neurealistischen Pragmatismus" zum Vorschein kommt. 

Univ. Greifswald, z. Z. Tokyo, Japan. Günther Jacoby. 

Görland, A. Dr., Dozent im öffentlichen Vorlesungswesen, Hamburg. 
Die Hypothese. Ihre Aufgabe und ihre Stelle in der Arbeit 
d(ir Naturwissenschaft. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1911. 
(100 S.) 

Die präzise Systematik dieses Buches spricht sich schon im Titel 
aus. Die Arbeit der Hypothese muss sich jedenfalls am genauesten in der 
mathematischen Naturwissenschaft verfolgen und festlegen lassen. Die Dar- 
stellung wendet das Mittel des Dialoges an. Nur einem Meister der 
deutschen Sprache, wie Görland, konnte eine solche Aufgabe gelingen. 
Schritt für Schritt entwickelt er seine Gedanken, nimmt wieder und 
wieder Bedacht auf das Schwerverständliche, sodass wir schliesslich unser 
Thema ,jrund herum aufmerksam betrachtet" haben und genügend vorbe- 
reitet sind, um uns mit den Problemen zu beschäftigen, die der Autor 
l^S. 99) als Dreingabe zugibt. 

G. macht es vor allem eindringlich, dass die Hypothese nicht Fiktion, 
sondern die durch das Urteil der Möglichkeit erzeugte Kategorie ist. 
[Als Fiktion wäre und bliebe die Hypothese ohne logische Rechtfertigung.] 
Ohne die Hypothese bliebe die Natur allenfalls eine Rhapsodie von Einzel- 
betrachtungen, aber keineswegs ein widerspruchsloses System messbarer 
Abhängigkeiten. Die Hypothese betätigt sich an einem Material. Deshalb 



288 Bezensionen (Fittbogen — Wunderle). 

muss ihr die Beobachtung vorausgehen. Die Aufgabe der Beobachtung 
ist nun eine unendliche, indem sie die Lösung des Problems vorbereitet. 
Während die Beobachtung lediglich einen Problemstand sichern kann, be- 
gründet die Hypothese das blosse Zusammensein als ein System der Ab- 
hängigkeit. Die Beobachtung bleibt nicht nur bei dem Versuch, sie bleibt 
auch ein Versuch. Das Entscheidende für die Wirklichkeit leistet die 
Hypothese, jene letzte gedankliche Voraussetzung, zu der wir nicht durch 
die Arbeit der Empfindung und der sinnlichen Wahrnehmung kommen, 
sondern die eine freie Schöpfung des Denkens ist. Wie aus den von 
Görland angegebenen Beispielen erhellt, hat der Versuch nur Sinn nach 
der als reine Denkkonstruktion sich darstellenden Hypothesenarbeit. Die 
Hypothese bezwingt eine Mannigfaltigkeit von Veränderungen durch ein 
System der Abhängigkeit. Die kopernikanische Hypothese z. B. hat 
durch Newtons Gravitationsgesetze das Mittel bekommen, Abhängigkeits- 
beziehungen nach Masse, Entfernung und Winkelgeschwindigkeit zu be- 
stimmen. „Also spricht jetzt die kopernikanische Hypothese vermittels 
des Gravitationsgesetzes gegenseitige Abhängigkeitsbeziehungen 
messbarer Grössen tatsächlich aus. Darum nennt man diese Systera- 
hypothese des Kopernikus heute die Theorie des planatarischen Welt- 
systems" (S. 28). Das Ziel der Wissenschaft ist, die Wirklichkeit als totale 
Einheit aller Systemhypothesen zu erweisen. Wir wünschen dem lehr- 
reichen Buche weite Verbreitung. 

Heppenheim (Bergstrasse). G. Falter. 

Fittbogen, Gottfried. Neuprotestantischer Glaube. Zur Über- 
windung der religiösen Krisis. Protestantischer Schriftenvertrieb G.m.b.H. 
Berlin-Schöneberg 1912. (95 S.) 

Fittbogen fordert ein idealistisches Luthertum, das — orientiert an 
Kant — vom altprotestantischen Geschichtsglauben befreit, vor romantischer 
Jesusverehrung, die F. bei vielen modernen Theologen findet, bewahrt, 
durch die Glut der deutschen Mystik erwärmt und belebt ist. Die Ge- 
schichte, also auch die religiöse Bindung an den Menschen Jesus, ist der 
Entwicklung des Glaubens hinderlich und gehört nicht in die Religion 
hinein, wohl aber ist die Geschichte unentbehrlich als Nährboden für die 
Frömmigkeit des religiösen Subjekts. 

Es ist das grosse Verdienst Fittbogens, in der vorliegenden Schrift 
das die moderne Theologie und Religionsphilosophie bewegende Problem 
„Religion und Geschichte" klar und scharf gestellt zu haben. Die Lösung 
durch Fittbogen befriedigt mich nicht. Ich glaube, dass das Problem 
„Religion und Geschichte" nur zu lösen ist, wenn scharf geschieden wird 
zwischen Begründung der Religion (Religiosität) und inhaltlicher Bestim- 
mung der religiösen Überzeugungen in einer charakteristischen Religion. 
Der Grund der Religiosität ist das persönliche Erlebnis Gottes als 
geistiger Macht, aber der Inhalt der Religion, in unserm Falle des 
Christentums, wird durch geschichtliche Grössen charakterisiert. Christ- 
liche Religion ist ohne die Geschichte Jesu Christi undenkbar. Daher 
unterschreibe ich Fittbogens Urteil nicht: „Mag Jesus selbst aus dem 
Kreise der geschichtlichen Persönlichkeiten gestrichen werden: Unser 
Glaube bleibt derselbe." Frömmigkeit ohne geschichtliche Orientierung 
rinnt mit philosophischem Idealismus zusammen, oder sie lebt unbe- 
wusst von der Geschichte. 

Cottbus. Dr. Kurt Kesseler. 

Wunderle, Georg, Dr. theol. et phil., Priester. Die Religions- 
philosophie Rudolf Euckens. Nach ihren Grundlagen und in ihrem 
Aufbau dargestellt und gewürdigt. Heft 11 der „Studien zur Philosophie 
und Religion". Ferdinand Schöningh, Paderborn 1912. (119 S.) 

Zu den bisherigen Kritikern der Euckenschen Philosophie, Gerdteil 
und Bornhausen auf protestantischer Seite und Mausbach auf katholischer 
Seite, hat sich Wunderle gesellt. Ich stehe nicht an, die hier gelieferte 



Rezensionen (Wundt). 289 

Kritik für die sorgfältigste, die bisher erschienen ist, zu erklären. In- 
dessen hat auch W. die tiefsten Motive der Euckenschen Philosophie nicht 
erfasst. Er redet deshalb an Eucken vorbei. Das zeigt sich besonders 
an der Ablehnung von Euckens Anti-Intellektualismus, an der Kritik des 
Zentralbegriffes der Euckenschen Philosophie „Geistesleben" und an der 
Behauptung, Euckens Weltanschauung wäre pantheistisch. 

Auch diese Kritik Euckens beweist wie die Bornhausens, dass die 
Entscheidung über das Recht und Unrecht der Euckenschen Philosophie 
letzten Endes davon abhängt, ob man den Mut der Entscheidung für ein 
naturüberlegenes Geistesleben besitzt. Aber nur durch solche Entscheidung 
kann man m. E. wirklich das grosse Erbe des deutschen Idealismus wahren. 

Cottbus. Dr. Kurt Kesseler. 

Wandt, Wilhelm. Problem der Völkerpsychologie. Leipzig, 
Ernst Wiegandt, 1911. (120 S.) 

Vier Aufsätze älteren und neueren Datums erscheinen hier vereint: 
„Ziele und Wege der Völkerpsychologie", „Zum Ursprung der Sprache", 
„Der Einzelne und die Volksgemeinschaft", „Pragmatische nnd genetische 
Religionspsychologie". Das Band, das sie umschlingt, ist der Kampf gegen 
den Individualismus in Geschichtsforschung, Philologie und gewissen Ten- 
denzen der modernen Theoloj^ie. Diese Polemik ist zugleich Selbstver- 
teidigung der Völkerpsychologie. 

Wundt weist an einer Anzahl philologischer Streitfragen die Tendenz 
der modernen Pliilologen nach, als Träger der historischen Entwicklung 
immer den Einzelnen anzusehen. Alle kollektiven Wandlungen sucht 
man zunächst auf eine einmalige individuelle Entstehung zurückzuführen 
und ihren kollektiven Charakter alsdann durch weitgreifende Nachahmung 
zu erklären. Für die eigentliche Geschichte mag dies Verfahren in ge- 
wissem Masse am Platze sein. Für die Urgeschichte aber ist es unhisto- 
risch und eine falsche Projektion moderner Standpunkte. Die selbständige 
Einzelpersönlichkeit, die jene Forscher (Wundt zitiert Hermann Paul, 
Berthold Delbrück und Schuchardt) an den Anfang der Entwicklung 
stellen, ist erst das Ergebnis der Geschichte, steht an ihrem Ende. Die 
heutige Philologie verfällt so einem ähnlichen Fehler wie der Individualis- 
mus und Rationalismus der Aufklärung, nur dass was damals seine Ursache 
in der Herrschaft einer konstruktiven Metaphysik hatte, heute die Folge 
der wissenschaftlichen Arbeitsteilung ist. Wundt begreift damit den 
Individualismus der Philologie als aus ihrer Methode mit einer gewissen 
Notwendigkeit hervorgehend. Die nächste Aufgabe des Philologen ist 
immer, das Einzelne scharf in seiner Eigenart zu sehen. Und der hieraus 
sich leicht ergebende prinzipielle Individualismus findet noch eine Stütze 
in dem Intellektualismus der meisten Philologen: man schreibt den Ob- 
jekten selbst, die den Inhalt der Untersuchung bilden, gemeinen reflexions- 
mässigen Ursprung zu, der sie möglichst nahe an die Tätigkeit der unter- 
suchenden Philologen heranrückt. 

Was gegenüber den falschen Konstruktionen, die sich nach Wundt 
aus diesem Individualismus ergeben, allein hilft, ist der stete Rückgang 
von den sprachlichen und literarhistorischen Einzelproblemen auf das ge- 
meinschaftliche Leben selbst und seine Formen. In der Romantik ist aas 
von Jacob Grimm, Savigny u. a. begonnen worden und Lazarus und Stein- 
thal haben es durch die Begründung der Völkerpsychologie fortgesetzt. — 
Die Zurückweisung der Einwürfe gegen die Völkerpsychologie und eine 
Abgrenzung der neuen gegen die Völkerpsychologie Lazarus-Steinthal 
schliessen sich hier an. 

Der letzte der vier Aufsätze gehört einem anderen Stoffgebiet an: 
er gibt zunächst eine zusammenfassende Darstellung des Pragmatismus 
überhaupt und wendet sich dann gegen die Rezeption pragmatischer Ten- 
denzen durch einen Teil der deutschen Theologie: Troeltsch und Wobbermin. 
Der einseitige Gebrauch, den diese Theologen von William James' Samm- 
lung religiöser Zeugnisse in den „Varieties of Religions Experience" machen^ 



290 Selbstanzeigen (Rehmke— Schleiennacher— Verweyen). 

wird zurückgewiesen und auch hier von den individualistischen Unter- 
suchungen weg und auf genetische, völkerpsychologische Methode auch 
für die Religionswissenschaft hingewiesen. 

Wickersdorf bei Saalfeld. Julius Frankenberger. 



Selbstanzeigen. 



Rehmke, J. Anmerkungen zur Grundwissenschaft. Leipzig, 
Johann Ambrosius Barth, 1913. (131 S.) 

Es sind vier besondere Abhandlungen in diesem Bändchen vereinigt; 
1. »Identität und Einzelwesen", 2. .Einzelwesen und Vorgang', 3. „Einzelwesen 
und Tätigkeit", 4. „Bewusstsein und Subjekt — Ding und Ort". Sie erörtern 
eine jede einen besonders wichtigen Punkt der Grundwissenschaft, um damit 
eine Erläuterung und Ergänzung zu der in meiner „Philosophie als Grund- 
wissenschaft" dargelegten neuen Weltanschauung zu geben. Ich hoffe, dass sie 
Allen, die dieses Buch kennen, willkommen sein werden. 

Greifswald. J. Rehmke. 

Schleiermacher. Werke. Auswahl in 4 Bänden. Bd. II, Entwürfe 
zu einem System der Sittenlehre, nach den Handschriften Schleiermachers 
neu herausgegeben und eingeleitet von Otto Braun. F. Meiner, Leipzig 1913. 
(Philos. Biblioth. 137.) (XXXI u. 702 S.) 

Durch das Erscheinen dieses 2. Bandes wird die Ausgabe vollständig. 
Der Band bringt die von Schweizer und Twesten zum Teil edierten Manuskripte 
in chronologischer Reihenfolge und vollständig zum Abdruck; namentlich das 
Brouillon 1805/06 und die Randbemerkungen waren zum Teil noch ganz unbe- 
kannt. Die Ausgabe ist eine kritische und sucht vor allem der Forschung zu 
dienen. Es wurde versucht, die zahllosen Randbemerkungen aus den verschie- 
denen Jahren zu datieren. Die Einleitung gibt eine kurze Entwicklungs- 
geschichte von Schleiermachers Ethik und berichtet über die Manuskripte und 
über die Textgestaltung. Ein ausführliches Sachregister ist am Schluss ange- 
fügt. Ausserdem lieferte H. Nohl einen wichtigen Beitrag durch einen von ihm 
wieder aufgefundenen Aufsatz Schleiermachers: „Versuch einer Theorie des ge- 
selligen Betragens", der selbst Dilthey entgangen war. So sind die 8 Haupt- 
entwürfe glücklich ergänzt worden. 

Münster i. W. Otto Braun. 

Verweyen, J. M. Philosophie des Möglichen. Grundzüge einer 
Erkenntniskritik. 1913. S. HirzeL (X u. 240 S.) 

Da ich mich bisher jeglicher Selbstanzeige enthalten habe, seien mir zu- 
nächst ein paar Worte über meine früheren Arbeiten gestattet. Meine erste 
Schrift trägt den Titel: Ehrenfried Walter von Tschirnhaus als Philosoph (1906). 
Sie würdigt den Freund Spinozas, Leibnizens, Huygens und anderer führender 
Männer jener Zeit als Verfasser der Medicina mentis (1686, 4. A. 1753), die 
— nicht ohne Einwirkung auf Christian Wolff — mit Descartes' discours de la 
methode (1637), Spinozas tractatus de emendatione intellectus (1677), P. Poirets 
tractatus de vera methodo inveniendi verum (1692) eine interessante Gruppe 
methodologischer Schriften des 17. Jahrhunderts bildet. Schon damals richtete 
ich bei dem Bestreben, den schlesischen Philosophen im Zusammenhang der 
ganzen Zeit zu verstehen, meine Aufmerksamkeit auf die Verbindungsfäden 
zwischen den neuzeitlichen Systemen und der mittelalterlichen Gedankenwelt. 



Selbstanzeigen (Kuberka). 291 

Dieser suchte ich durch eingehenderes Quellenstudium unter Leitung Prof. 
Baeumkers näher zu kommen. Ein erstes Ergebnis solcher Studien war mein 
Buch über „Das Problem der Willensfreiheit in der Scholastik, auf Grund der 
Quellen dargestellt und kritisch gewürdigt* (1909), in dem ich zu meiner 
Freude u. a. eine von Gutberiet angegriffene Äusserung Friedrich Paulsens 
bestätigen konnte. In einem weiteren Buche behandelte ich das Verhältnis von 
„Philosophie und Theologie im Mittelalter' (1911), deckte darin die historischen 
Wurzeln des vielumstrittenen ,Modernisten-Eides* auf und nahm zugleich 
grundsätzliche Stellung zu dem religionsphilosophischen Problem von Glauben 
und Wissen. 

Im Zusammenhange mit einem vorwiegenden Interesse für religionsphilo- 
sophische und ethische Fragen sowie mit den historischen Forschungen über 
die „Willensfreiheit", zugleich Grundgedanken meiner Antrittsrede „Die Tat im 
Ganzen der Philosophie" (1908) weiter ausbauend, verfolgt meine Philosophie 
des Möglichen einen wichtigen Begriff, mit dem wir auf allen Gebieten der 
Wissenschaft — und darüber hinaus — operieren. Die acht Kapitel des Buches 
handeln über: Das Mögliche in Beziehung zum Wirklichen (I), Grundlegende 
Fragen in Bezug auf das Mögliche (II), Das Mögliche und die Willensfreiheit 
(III), Denkbar und vorstellbar (IV), Die Verdinglichung von Möglichkeiten (V), 
Das Mögliche und die historische Methode (VI), Das Mögliche in der Theologie 
(VII), Das Mögliche und das Leben (VIII). So verfolgt die Untersuchung den 
nicht nur im täglichen Leben, sondern auch in der Wissenschaft wirksamen 
Kampf um das Mögliche, das in Natur- und Geschichtsforschung, in Psycholo- 
gie und Ethik, in Erkenntnistheorie und Metaphysik und auf allen Kultur- 
gebieten überhaupt, einschliesslich der Kunst, das Denken herausfordert. Die 
Resultate dieses Nachdenkens aber sind wiederum derartige, dass sie nicht 
dazu verurteilt sind, in der Verborgenheit blosser Theorie ihr Dasein zu fristen. 
An allen Punkten stehen sie nicht nur in engster Fühlung mit dem tatsächlichen 
Leben der einzelnen Wissenschaften, sondern sie dringen bis in das Innerste 
unseres geistigen Lebensprozesses vor und können in mehr als einem Sinne zu 
seiner Vertiefung dienen. 

Bonn. J. M. Verweyen, 

Kuberka, Felix Dr. Über das Wesen der politischen Systeme 
in der Geschichte. Heidelberg 1913. Gart Winters Universitätsbuchhand- 
lung. (92 S.) 

Der vorliegenden Schrift liegt eine Abhandlung zugrunde, welche ich in 
den neuen Jahrbüchern für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche 
Literatur, Bd. 29 S. 124 ff. veröffentlicht habe. Schon diese Abhandlung hatte 
den Versuch unternommen, auf Grund der gediegenen Darstellung der ottonisch- 
salischen Periode durch Walther Schnitze den Begriff der politischen Systeme 
in den Mittelpunkt der historischen Methodenlehre zu rücken und seine ge- 
schichtliche und wissenschaftliche Bedeutung aufzuzeigen. Weitere Studien 
haben diese früheren Ansätze zu der nunmehr voriiegenden Schrift er- 
weitert. Sie ist auch in dieser neuen und durch das historische Material über- 
all basierten Fassung durchaus von der Überzeugung beherrscht, in dem Be- 
griff des politischen Systems an eine grundlegende Kategorie des historischen 
Geschehens und Denkens gerührt zu haben, nicht auf Grund müssiger Speku- 
lationen, sondern des reichen Materiales der Geschichte und des augenblick- 
lichen Standpunktes unserer historischen Erkenntnis. Daher bildet die Analyse 
des Begriffes der politischen Systeme das Grundproblem der Untersuchung, 
sowohl in historischer wie in methodischer Beziehung. Denn Kräfte, es seien 
solche geistig-ideeller oder ökonomisch-technischer Art, sind es immer, die in 
der Geschichte bald freundlich, bald feindlich ineinanderwirken und eben darum 
der Vereinheitlichung der in ihnen gelegenen Tendenzen bedürfen. Eben diese 
Vereinheitlichung vollzieht sich aber durch das Mittel der politischen Systeme, 
dasjenige zentralistisch zusammenfassend, was bisher antipodisch gegeneinander- 
wirkte. Liegt daher in dem selbständigen Streben nach zentralistischer Orga- 
nisation der wesentliche Charakter der politischen Systeme, so stehen sie den- 
noch zu den übrigen Kräften des historischen Lebens in unmittelbarster Ver- 



292 Selbstanzeigen (Linke). 

bindung, teils zu den geschichtlichen Ideen, die in ihnen primär wirken, teils 
zu den sie bedingenden ökonomischen Faktoren. Je nach dem Verhältnis 
von System und Wirklichkeit lassen sich aber wiederum mehrere Gruppen 
von Systemen, die realen, die ideellen und die organischen, unterscheiden, und 
diesen qualitativen treten ferner noch eine Reihe gradueller Unterschiede gegen- 
über. Indem aber die politischen Systeme gegenseitig aufeinanderwirken, bildet 
der Sieg und der Verfall der politischen Systeme das grosse Thema der Welt- 
geschichte, und kein grösseres Gesetz kennt daher die Geschichte als den 
Wechsel und die Abwandlung der zentrahstischen und der partikularistischen 
Perioden, die sich mit der Existenz und der Abwesenheit der politischen 
Systembildungen decken. So gefasst, werden aber für die historische Betrach- 
tung die politischen Systeme zu massgebenden Wertmasstäben der historischen 
Erkenntnis. Denn erst im Hinblick auf die politischen Systeme werden wir 
fähig, in streng objektiver Weise den Wert und die Bedeutung der historischen 
Persönlichkeiten zu schätzen und unser Urteil aus der Sphäre subjektiven Wert- 
empfindens zu wahrer geschichtlicher Objektivität zu erheben. Neben den 
Kulturwerten der Gegenwart, die richtunggebend auf die Problemstellungen der 
Geschichte wirken, bewahren daher die politischen Systeme eine durchaus kon- 
stitutive, massgebende Bedeutung. Und doch bedeutet auch hier die in dem 
Vollzug unseres historischen Erkennens notwendige Umwertung der traditio- 
nellen Werturteile keinen schrankenlosen Subjektivismus. Denn nicht in irgend 
einer individuellen Vernunft, vielmehr in den historischen Organisationen der 
politischen Systeme sind uns jene Wertmasstäbe gegeben, die uns befähigen, 
die Bedeutung und den Wert der einzelnen Persönlichkeiten und einzelner 
Geschichtsepochen zu messen und unser Urteil immer wieder von neuem zu 
orientieren und objektiv zu gestalten. Was daher die systematische Geschichts- 
auffassung in erster Linie behauptet, das ist die unaufhebbare Einheit des histo- 
rischen Stoffes und der historischen Methode, und so führt die Betrachtung von 
selbst zu der Ideenlehre Rankes, die, wie niemals vorher und nachher, diese 
Einheit von Stoff und Methode auf historischem Gebiete erwiesen, grundsätzlich 
gehandhabt und begründet hat. So sind die Untersuchungen von einer be- 
stimmten historischen Zeitepoche ausgegangen und haben sich dennoch zu einer 
geschlossenen systematischen Auffassung erweitert: neben den Massen und den 
Persönhchkeiten, die immer in der Geschichte ineinanderwirken, treten nunmehr 
als eine dritte Potenz von selbständiger Bedeutung die politischen Systeme, 
gleich wichtig für die Folgerichtigkeit des historischen Verlaufes wie für die 
Objektivität des historischen Denkens. Aus bestimmten historischen Interessen 
ist somit die Untersuchung erwachsen, und in Verbindung mit dem ihr zu 
Grunde gelegten geschichtlichen Materiale möchte sie auch beurteilt und ge- 
würdigt sein. 

Suhl i. Thür. Dr. Felix Kuberka. 



Linke, P. F. Die phänomenale Sphäre und das reale Be- 
wusstsein. Eine Studie zur phänomenologischen Betrachtungsweise. Halle, 
Niemeyer, 1912. 8«. (VI u. 50 S.) 

Das Büchlein sucht in möglichst knapper Form und von möglichst ein- 
fachen, naheliegenden Voraussetzungen aus, ein Problemgebiet zu umgrenzen, 
das (mag es sich vielleicht auch mit dem Gesamtgebiete der Phänomenologie 
nicht vollständig decken) jedenfalls den Vorzug hat, in besonders eindring- 
licher Weise klar zu machen, dass hier etwas völlig anderes vorliegt, als das, 
was einzig und allein Gegenstand der empirischen Psychologie sein kann: die 
aus dem phänomenal Gegebenen durch induktive und experimentelle Er- 
fahrung erst zu eruierende psychische Wirklichkeit. Das zeigt sich ohne 
weiteres, sofern man sich nur ernstlich bemüht, den im täglichen Leben und in 
den Wissenschaften überall als unausgesprochene Selbstverständlichkeit voraus- 
gesetzten Wirklichkeitsbegriff auch in der Psychologie zur Geltung zu bringen. 
Dieser Wirklichkeitsbegriff wird (unter bewusstem Verzicht auf letzte erkennt- 
nistheoretische Formulierung) in seiner Eigenart aufgewiesen und demgemäss 
provisorisch charakterisiert. 



Selbstanzeigen (Ber^^mann). 293 

Dadurch gewinnt der Verfasser die Möglichheit, auf einem bisher unbe- 
tretenen Wege — nämlich durch eine (an bekannten psychologischen Theorien 
orientierte) Analyse der Erinnerung, Empfindung und Zeitauffassung — das ge- 
nannte Gebiet reinlich zu bestimmen: die phänomenale Sphäre, in welcher Ge- 
setzmässigkeiten gründen, die aller Empirie transzendent, gleichwohl aber für 
alle ,Bewusstseinsforschung" (und nicht nur für sie) von höchster Wichtig- 
keit sind. 

Verfasser, dem sich der Weg zur Phänomenologie gleichsam von aussen 
her aus zunächst ganz andersartigen Fragestellungen (vgl. bes. seinen im 2. Bande 
des „Jahrbuchs für Philosophie und phän. Forschung" erscheinenden Aufsatz 
über das Bewegungsproblem) ergeben hat, setzt keinerlei spezifische Termino- 
logie voraus (etwa aus Husserls logischen Untersuchungen) und hofft so, be- 
sonders leicht auch mit Lesern, die aus anderen »Lagern" kommen, etwa von 
Kant oder (wie er selbst) von der experimentellen Psychologie, Fühlung zu 
gewinnen. 

Zu Kant steht die Schrift in doppelter Beziehung: Erstens ist die .phä- 
nomenale Sphäre" zugleich die, in der die .Bedeutung" und damit zugleich 
das Apriori (das .Wesen*) seine Wurzel hat Zweitens ergibt sich als Kon- 
sequenz ihres Inhalts u. a. eine Erneuerung von Kants Lehre vom .inneren 
Sinn", wie sie ja neuerdings auch von Külpe (freilich in einer anderen Wendung) 
gefordert wird. 

Jena. P. F. Linke. 

Berirmann, Ernst, Dr. Privatdozent. Ernst Platner und die Kunst- 
philosophie des 18. Jahrhunderts. Nach ungedruckten Quellen dargestellt. 
— Im Anhang: Platners Briefwechsel mit dem Herzog von Augustenburg 
über die Kantische Philosophie u. a. Leipzig, Felix Meiner, 1913. 8". 
(348 S.) 

Der Leipziger Skeptiker Ernst Platner, von Otto Lieb mann hochgeschätzt, 
von Raoul Richter Aenesidem als ebenbürtig an die Seite gestellt, hat als Er- 
kenntnistheoretiker, Moralphilosoph und Anthropolog seit Heinzes Schrift: 
.Ernst Platner als Gegner Kants" (1881) in zahlreichen Abhandlungen (u. a. 
durch A. Wreschner) die verdiente Anerkennung gefunden. Nicht aber als 
Kunstphilosoph. Als solcher war er bisher unbeachtet geblieben und musste es 
sein, da er seine Ästhetik nicht wie die übrigen von ihm behandelten philoso- 
phischen Disziplinen durch den Druck bekannt gemacht hat. Der glückliche 
Fund einer umfangreichen Kollegnachschrift vom Jahre 1777 lässt uns auch auf 
diesem Gebiet seine Bedeutung erkennen. 

Platner versucht zum erstenmal in Deutschland eine systema- 
tische Philosophie der Kunst auf dem Boden der Leibnizischen Psycho- 
logie. Sein Unternehmen kommt dem Baumgartens an Originalität und Be- 
deutung gleich. Baumgarten begründet die Ästhetik als Schönheitslehre und 
Geschmackskritik aus dem Geist der Leibnizischen Psychologie. Das eigentlich 
kunstphilosophische Problem lässt er wie G. Fr. Meier fast gänzlich unbe- 
achtet. Platners ausgebreitetes System dreht sich um die kunstphilosophischen 
Hauptfragen nach dem (subjektiven) Ursprung und nach der Bestimmung der 
Kunst. Leibnizens tiefsinnige Theorie der dunklen Antriebe, deren Summe 
verworren als Unruhe empfunden wird (Nouveaux Essais, 1765), wird der 
Anknüpfungspunkt seiner Lehre vom .Geist der Kunst und Philosophie" und 
seiner Theorie des künstlerischen und philosophischen Genies als des höheren, 
in gesteigerter .Unruhe" (über sein und der Welt Schicksal) befindlichen 
Menschen. .Hohe (philosophische) Kunst" ist wie Philosophie Weltinterpretation 
(siehe Schelling!) mittels nichtbegrifflicher ästhetischer Zeichen. Kunst ist Aus- 
druck des Gefühls. Dieser Grundgedanke wird durch sämtliche Kunstarten 
systematisch verfolgt. Eine ausgebreitete, lebendige Kunsterfahrung in Poesie, 
.Malerei" und Musik unterstützt hier den Schüler Lessings und Herders, Winckel- 
manns und Oesers. Sein Standpunkt ist (1777) bereits wie der Kantische 
antirationalistisch und streng subjektivistisch, dabei wie der Goethesche 
idealistisch, gegen die Naturalisten, Batteux usw. gerichtet. Im Gegensatz 
zum Formalismus Sulzers gibt er eine ausgesprochene Inhaltsästhetik. Karl 



294 Selbstanzeigen (Guyau — Heinemann). 

Philipp Moritz stimmt auffallend mit ihm überein. Unter den philosophischen 
Ästhetikern des 18. Jahrhunderts wird Ernst Platner in Zui<unft mit an erster 
Stelle zu nennen sein. 

Mein Buch schildert ferner seinen Übergang vom Leibnizischen Glauben 
zum Skeptizismus unter dem Einfluss Humes. Seine »Philosophischen Apho- 
rismen" von 1776 sowie das künstlerisch vollendete „Gespräch über den 
Atheismus" von 1781 lieferten hierüber neue Aufschlüsse im Zusammenhang mit 
bisher unbeachteten Personalakten in der Kanzlei der Leipziger Uni- 
versität, die im Anhang publiziert werden. Darunter befindet sich eine 
Dresdener Königl. Kabinettsorder von 1777, in der Platner wegen 
antireligiöser Äusserungen in den „Aphorismen" zur Verantwortung 
gezogen wird, ein kleines Seitenstück zur Massregelung Kants durch das 
Ministerium Wöllner. Endlich konnte ich den reichen bisher ungedruckten 
Briefwechsel Platners mit dem Herzog Friedrich Christian von Augusten- 
burg, dem Wohltäter Schillers, und seiner Gemahlin Luise Augusta benutzen 
und zum Teil veröffentlichen. Beide waren seine Schüler und Freunde, dem 
Philosophen lebenslänglich in treuer Liebe ergeben, Friedrich Christian durch 
Platner zum Aufklärer und Skeptiker, zum Kosmopoliten und Menschenfreund 
gebildet. Der Briefwechsel dreht sich hauptsächlich um die Kantische Philo- 
sophie und die französische Revolution. Der Streit um Kant, von Platner und 
Friedrich Christian einerseits, Reinhold und Baggesen andererseits geführt, wird 
ausführlich geschildert. Auch Rein hold war in Leipzig Platners Schüler 
und von ihm zuerst auf Kant hingewiesen. Aus Platners Briefwechsel mit 
Luise Augusta ist eine Abhandlung über Liebe, Ehe und Frauenschön- 
heit interessant und besonders wertvoll. Diese, sowie Briefe Platners an Frie- 
derike Oeser finden sich ebenfalls im Anhang. 

Ein Bildnis des jungen Platner nach einem Gemälde von Anton Graft 
ist der Publikation beigegeben. Ein Neudruck der „Philosophischen Apho- 
rismen" von 1793-1800 wird von Fritz Mauthner in der Bibliothek der 
Philosophen (Georg Müller, München) vorbereitet 

Leipzig. Ernst Bergmann. 

GuyaUjJ.M. Erziehung und Vererbung. Eine soziologische Studie. 
Deutsch von Elisabeth Schwarz und Marie Kette. Mit einer Einleitung 
von Ernst Bergmann. Leipzig, Alfred Kröner, 1913. (XXVIII u. 270 S.) 
Bd. 31 der Philos.-soziolog. Bücherei. 

Das berühmte Buch (Education et Heredite), das 1888 durch Alfred 
Fouillee aus dem Nachlass Guyaus herausgegeben wurde, erscheint hier in 
deutscher Übersetzung nach der 11. Auflage (Paris 1911) zugleich als 5. Band 
der von mir herausgegebenen „Philosophischen Werke Guyaus in Aus- 
wahl". Die Einleitung gibt eine kurze Darstellung und Geschichte der von 
Guyau begründeten Lehre von der moralpädagogischen Bedeutung von Hypnose 
und Suggestion und fasst dann die Grundgedanken der Guyauschen Pädagogik 
über moralische, ästhetische, religiöse, intellektuelle und physische Erziehung 
kurz zusammen. Guyau zeigt sich in seiner Pädagogik ausser durch Spencer, 
Rousseau und Tolstoi vor allem auch durch Kant und Herbart beeinflusst. 

Leipzig. Ernst Bergmann. 

Heinemann, Fritz. Der Aufbau von Kants Kritik der reinen 
Vernunft und das Problem der Zeit. Giessen, Töpelmann, 1913. (VIII 
u. 212 S.) 

Die Interpretation der Kr. d. r. V. tritt in jüngster Zeit offensichtlich in 
ein neues Stadium. Diese Entwicklung wird beleuchtet durch die Entwicklung 
der Interpretation eines anderen Buches, des Buches der Bücher. Hier wie dort 
war die ursprüngliche Ansicht die „einf lächige": das ganze Werk erschien als 
die Einheit von einer Reihe gleichsam auf einer Ebene liegenden Untereinheiten. 
Seit Astruc hat sich für das Buch der Bücher die „mehrflächige" Ansicht Bahn 
gebrochen, welche verschiedene Quellenschriften und damit sachlich und zeit- 
lich vei*schiedene Ebenen zu gewinnen sucht. Für die Kr. d. r. V. ist diese 
Ansicht erst durchzukämpfen und durchzuführen. — Das ist die erste, mehr 



Selbstanzeigen (Heinemann). 295 

historische Hypothese, für welche die vorliegende Schrift sich einsetzt und 
welche sie freilich nur an einem Beispiel durchführt: „Die Kr. d. r. V. ist 
kein einflächiges Ganze, sondern es sind in sie eine Reihe von Quellenschriften, 
von Entwicklungskomplexen hineingearbeitet". Diese Hypothese sucht zugleich 
die Entwicklung Kants von 1770—1781, welche noch immer in tiefes Dunkel 
gehüllt ist, aufzuhellen. Als eine Hauptquelle springt die „Phaenomenologia 
generalis" heraus, welcher die Ästhetik, die erste Fassung der mathematischen 
Grundsätze und der mathematischen Antinomien zugewiesen werden. So wie 
diese Abschnitte sich vom sachlichen Kerngehalte des Kantischen Werkes ab- 
lösen, ergibt sich ferner eine Abtrennung der Lehre vom inneren Sinn und des 
„Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe", so dass der sach- 
liche Anfang der Kr. d. r. V. erst in der transzendentalen Deduktion gefunden 
wird. Einer weiteren Untersuchung bleibt hier ein breiter Raum. 

Dieser zersetzenden Hypothese gebietet eine zweite konstruktive Einhalt, 
gemäss welcher sich die Kantischen Gedanken zum System ordnen. Und zwar 
wird darin das Charakteristische des Kantischen Denkens erblickt, dass in ihm 
die Modalität herrscht. Kants ganze Fragestellung nach der Möglichkeit synthe- 
tischer Urteile a priori und nach der Einheit möglicher Erfahrung erscheint nicht 
nur im modalen Gewände, sondern ist modalen Ursprungs. Kants Philosophie 
will modale Philosophie sein: ihr ist der Modus nicht ein Modus der seienden 
Substanz, wie bei Spinoza und wie auf jedem realistischen Standpunkt, sondern um- 
gekehrt die Substanz ist die Substanz des Modus. So lautet die zweite Hypo- 
these: .Die Projektionsebene des Kantischen Systemes bildet die Modalität und 
mit ihr ist der Anfang zu machen", was aus sachlich nicht anders lösbaren 
Aporien zwingend erwiesen wird. Wenn daher mit der Modalität begonnen 
wird, so ist das nicht ein spielerischer Versuch, sondern zwingende Notwendig- 
keit. Es ist das nur eine Fortführung der Ansicht des Neukantianismus, welcher 
seit Hermann Cohen den Schwerpunkt der Kr. d. r. V. in den „Grundsätzen" 
erblickt. 

Beide Thesen stellen sich in den Dienst der Zeit, nicht um speziaHsti- 
schen Untersuchungen zu dienen, sondern um an diesem fundamentalen Problem 
die Gesamtheit der philosophischen Kategorien zu entwickeln. Die Zeit steht 
bei Kant in einer derartig exponierten Stellung, dass sich ein solcher Weg 
rechtfertigt. Die Zeit der Ästhetik wird als Glied einer historischen Entwick- 
lungsreihe gewürdigt, die Zeit der Grundsätze stellt sich heraus als der sach- 
liche metaphysische Kern der wissenschaftlichen Zeit, — der temps quantite — 
die Zeit der Idee als die in die Antinomie aufgelöste reale Zeit des Welt- 
prozesses — die temps qualite. 

Für die Zeit der Grundsätze ergibt sich auf der Stufe der transzen- 
dentalen Deduktion ein Verschwinden von Zeit und Raum im Mannig- 
faltigen der Anschauung, es herrscht eine leere Union von Zeit und Raum im 
Mannigfaltigen. Diese Auffassung wird durch Zitate belegt und historisch da- 
durch bewiesen, dass sich die Entwicklung des Zeitproblems von 1770—1781 
als ein Zersetzungsprozess darstellt; ein sachliches Moment nach dem andern 
schwindet von dem 1770 so reichen Begriff der Zeit, dergestalt, dass als Ziel- 
punkt der Entwicklung nur das Mannigfaltige der Anschauung bleibt. Eine 
Stufe auf diesem Zersetzungsprozesse bildet die Zeit als Form des inneren 
Sinnes; die Lehre vom inneren Sinn dürfte ihrem logischen Gehalte nach da- 
durch sachlich erledigt sein. 

Dieses Mannigfaltige soll auf der Stufe des Schematismus und 
der Grundsätze geformt und gestaltet werden. Schema und Grundsatz 
werden streng korrelativ gefasst: sie verhalten sich zu einander wie Begriff und 
Urteil. Deshalb wird das Schema innerhalb des Grundsatzes zu verstehen ge- 
sucht. Im System der Schemata baut sich der Begriff der wissenschaftlichen 
Zeit als eines homogenen, kontinuierlichen, einheitlichen, einseitig gerichteten 
Reihensystemes auf. Durch diese Bestimmung trennt sich die Zeit im Mannig- 
faltigen von Raum, um zugleich desto enger mit ihm verkoppelt zu werden. 
— Das Schema nämlich ist ein Schema des Raumes wie der Zeit. Von Anfang 
an wird der Raum im Schematismus mitberücksichtigt, zuerst nur nach Seiten 



296 Selbstauzeigen (Burckhardt). 

der Mannigfaltigkeit, im letzten Grundsatz aber nach Seiten der Einheit. Kants 
letztes Wort ist eine innerliche, nicht eine äusserliche Union von Zeit und Raum. 

Diese Probleme werden dadurch in einen grösseren Zusammenhang ge- 
rückt, dass sich die universale Entwicklung des Zeitproblems ungezwungen den 
sachlichen Erörterungen einordnet, indem die entsprechenden Etappen sich den 
einzelnen Zeitbestimmungen Kants angliedern. So finden Parmenides, Plato, 
Aristoteles, Plotin, Leibniz, Hegel und die Philosophie der Gegenwart Berück- 
sichtigung. — Ferner durfte die Wissenschaft nicht übergangen werden, denn 
gerade heute steht die Zeit stark im Mittelpunkte ihres Interesses. „In diesem 
Jahrhundert wird es sich vermutlich darum handeln, den Begriff der Zeit seiner 
nur der täglichen menschlichen Gewohnheit entnommenen absoluten Charakters 
zu entkleiden" (M. Planck, Acht Vorträge über theoretische Physik. 1910. S. 8). 
Das Problem der absoluten Zeit wird im Anschluss an Newton behandelt. Ab- 
gelehnt wird die absolute Zeit in drei Bedeutungen, als absolute existente 
Weltzeit, als absolute Urmassreihe, und als absolute Zeitbestimmung. Der Kan- 
tische Begriff der ruhenden Substanz-Zeit, in welcher aller Wechsel des Daseins 
verläuft, erweist sich dagegen als der sachlich berechtigte Kern der absoluten 
Zeit der Mechanik, als der „Ur variablen" (Helmholtz) ihrer Gleichungen. Sogar 
der Relativitätstheorie gegenüber dürfte sich eine solche , absolute" Zeit be- 
haupten, denn die unendlich vielen relativen Zeiten der Relativitätstheorie sind 
nur ebenso viele Masszeiten, die ihre Vielheit aus der Relativität des Masses 
ableiten, und Minkowski hat sich nicht gescheut in seiner Union von Zeit und 
Raum der Zeit als einer Dimension des Raumes eine grössere Stabilität, Ruhe 
und Einheit zu geben, als die absolute Zeit vor ihm besass. 

Bis hierhin hat sich die systematische These gerechtfertigt, indem nur 
durch sie die Methode der transzendentalen Deduktion und das Problem des 
Schematismus, welches wesentlich ein modales Problem ist, verständlich wurden. 
Auf der Sphäre der Idee aber stellt sich dem Modalen und damit der 
Sphäre der Grundsätze ein Widerstand entgegen: die Idee möchte Substanz 
sein, ohne sich in den Modus auflösen zu lassen. So erhebt sich ein Kampf 
zwischen Modus und Substanz, zwischen Begriff und Idee, zwischen Denken 
und Seiendem, zwischen der Sphäre der Grundsätze und der Sphäre der Idee. 
Sind es zwei Sphären, werden es zwei bleiben, wird eine von ihnen die herr- 
schende werden? 

Im ersten Abschnitt des letzten Hauptteils wird dieser Kampf in mehr 
analytischer Tendenz geführt: die Idee erscheint im Problem-Aspekt als das 
Kant historisch vorliegende Ding an sich, der Ausführungs-Aspekt macht dieses 
zu einem dialektischen widerspruchsvollen Gebilde, im Lösungs-Aspekt wird es 
zur regulativen Idee der Erfahrung. — Der letzte Abschnitt dagegen geht syn- 
thetisch vor, indem er die Entwicklungslinie der Grundsätze weiterführt; er 
zeigt, wie die Modalität eindringt in das Ideenreich, wie dieses Eindringen zu 
einer Spaltung des Ideenreiches in Idee und Ideal führt, (wobei bei der Analyse 
des Ideals verweilt wirdj, und wie sich zuletzt beide Sphären in einer höheren 
Einheit aufheben. 

Die Zeit der Idee ist eine andere als die Zeit des Grundsatzes, es ist 
nicht mehr das homogene, mathematische, nur in der Einheit des Continuums 
ruhende Gebilde, sondern die völlig erfüllte, abgelaufene, vergangene Weltzeit, 
in welcher jeder Moment von Ewigkeit zu Ewigkeit ruht und in welcher den- 
noch absolute Kontinuität herrscht. Aus dieser Zeit erhebt sich die erste 
Antinomie. 

Lüneburg. Fritz Heinemann, 

Bnrckhardt, Georg E. Dr. Individuum und Allgemeinheit in 
Piatos Politeia (Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte, hrsg. 
von Benno Erdmann. Heft 40). Halle a. S. 1913. Verlag von Max 
Niemeyer. 

Bei der Untersuchung der „Anfänge einer geschichtlichen Fundamentierung 
der Religionsphilosophie" (Berlin 1908, Reuther & Reichard, angezeigt in den 
Kantstudien 1908, S. 349) und bei meiner Beschäftigung mit Herder und der 
Aufklärungszeit hatten sich mir mannigfache Zusammenhänge zwischen Indivi- 



Selbstanzeigen (Gaede). 297 

dualismus und Geschichtsphilosophie aufgedrängt. Die allgemeine Frage nach 
dem Verhältnis von Individuum und Allgemeinheit trat immer mehr in den 
Vordergrund meiner Studien und scheint mir in klassischer Weise zuerst in 
Piatos Politeia als ein Natur- und Kulturphilosophie in gleicher Weise um- 
fassendes Problem aufgeworfen zu sein; dazu fundiert Plato das .soziologische" 
Problem in den Gründen der Logik und Metaphysik. So entstand die hier an- 
gezeigte Studie. Ich möchte sagen, der Apriorismus der Fragestellung: wie ist 
überhaupt noXiieict d. i. Bürger-sein der Menschen in einer Polis möglich? ver- 
bindet Plato mit Kant. Doch die künstlerisch-plastische Auffassung und Be- 
handlung seines .Gegenstandes' trennt wiederum durch Welten den griechi- 
schen Philosophen von dem Schöpfer der Kritiken. Meine Arbeit legt Wert auf 
den lebendigen historischen Zusammenhang, lässt das platonische Problem aus 
Sophistik und Sokratik hervorwachsen und verfolgt das Werden des platonischen 
Meisterwerks in einem Kapitel: .Individuelles und Allgemeines in Plato selbst". 
In dem Hauptabschnitt wird sodann das Verhältnis von Individuum und Allge- 
meinheit in Piatos Denken überhaupt und das Problem in der .Politeia" im 
Zusammenhang mit den übrigen Schriften erörtert. Dass dabei das Problem 
aller Zeiten — (nicht etwa die bekannte „Staatslehre" Piatos) — auch für den 
kritisch und systematisch denkenden Menschen der Gegenwart lebendig würde, 
ist des Verfassers Wunsch. 

Derselbe. Was ist Individualismus? Eine philosophische Sichtung. 
Leipzig 1913, Verlag von Felix Meiner. 

Gleichzeitig mit der Plato-Studie, die in der Konzeption einige Zeit 
zurückliegt, kann ich den Versuch einer Analyse des vieldeutigen Inbegriffs 
.Individualismus" anzeigen. Ein phrasenhafter Gebrauch der Begriffe .Indivi- 
duum", „Individualität" und „Individualismus" ist trotz mancher Klärungsversuche 
stark verbreitet. Die Philosophie hat nicht zum wenigsten die Aufgabe, aller 
Unbesinnlichkeit und Unklarheit im Gebrauch unserer Wortbildungen entgegen- 
zuarbeiten. Welche Fragen enthält denn eigentlich das sog. „Individualitäts- 
problem", von dem heute so viel die Rede ist? Der erste Abschnitt der vor- 
liegenden Schrift wirft die Frage auf: Was bedeutet Individualismus in den 
verschiedenen Lebens- und Wissensgebieten? Es zeigen sich uns die mannig- 
fachsten und weitgehendsten Verwendungsmöglichkeiten. Staats- und Rechts- 
theorie, Politik und Ethik, allgemeine Kulturbewegung, Freiheitsdoktrin, Päda- 
gogik, Religion, Kunst, Psychologie und Erkenntnistheorie, Natur- und Ge- 
schichtsphilosophie, alle erzeugen ihren besonderen Begriff .Individuum" und 
.Individualismus". Nach der Analyse der gegenwärtig tatsächlich vorliegenden 
Mannigfaltigkeit wird im zweiten Abschnitt von dem Grundbegriff „Individuum" 
aus unter Abgrenzung von verwandten Begriffen eine logische Vereinfachung 
und eine kritische Bestimmung des Inbegriffs .Individualismus" gegenüber dem 
üblichen dogmatischen Gebrauch angestrebt. 

Marburg i. H. Georg E. Burckhardt. 

Gaede, E. Über den Anteil der Logik, Methodologie und Er- 
kenntnistheorie an den theoretischen Wissenschaften. Erianger 
Inaug.-Dissertation, 1912. (88 S.) 

In dem ersten Teile der Arbeit werden auf Kantischer Grundlage die 
Eigentümlichkeiten der empirischen, mathematischen und philosophischen Er- 
kenntnis auseinandergesetzt. Besonders wird die Notwendigkeit der Annahme 
letzter nicht zu begründender Erkenntnisse nachgewiesen. Einwände von Seiten 
der Empiristen (Ostwald, Fraunhoffer), Pragmatiker (Poincare) und besonders 
die Ansichten der heutigen Neukantianer werden eingehender berücksichtigt. 
Die Begründung der philosophischen Erkenntnis, um die seit langem ein harter 
Streit entfacht ist, wird in Anlehnung an J. F. Fries' Lehre von der Deduktion 
geführt und an der Axiomatik näher erläutert. Die Beziehungen zwischen 
Mathematik und Philosophie werden hinsichtlich des Ursprungs und der Me- 
thodik beider Disziplinen eingehend dargelegt und wesentlich im Kantischen 
Sinne durchgeführt. 



298 Selbstanzeigen (Schwarz). 

Enthält der erste Teil das Verhältnis der Logik, Mathematik, Metaphysik 
und Empirie hinsichtlich des Ursprungs ihrer Erkenntnis und ferner das Ver- 
hältnis der Methodik in Logik, Mathematik und Metaphysik, so zeigt der zweite 
Teil die Methodik der Erfahrungswissenschaften, die in theoretischer Beziehung 
durch Geschichte und Naturwissenschaften erschöpft werden. Die Theorie der 
Induktion, wie sie E. F. Apelt gegeben hat, wird in weitgehendem Masse für 
die zu lösende Aufgabe benutzt und durch den Nachweis von rationeller (oder 
exakter) Induktion in den exakten Wissenschaften gegenüber der empirischen 
(oder generalisierenden) Induktion das Bemühen der Empiristen (wie Ostwald, 
Mach, Verworn u. A.) als in sich widerspruchsvoll dargelegt. Die Beziehungen 
zwischen Deduktion (im üblichen Sinne) und Induktion werden unter Berück- 
sichtigung moderner Auffassungen (Cohen, Windelband) gezeigt. Ermöglicht 
es die Lehre von der Induktion, eine rationale Grundlage den naturwissen- 
schaftlichen Disziplinen, sofern sie zur exakten Naturwissenschaft hinstreben, 
zu geben, so bleibt doch die Frage nach der Gesetzlichkeit der Geschichte be- 
stehen. Hier werden die modernen geschichtsphilosophischen Lehren (Windel- 
band, Rickert) benutzt und wird festgestellt, dass das Telos oberstes Prinzip der 
Geschichte ist (vergl. Stammler). Im Verein mit Cohens und Natorps neuesten 
logischen Lehren werden Vaihingers („Philosophie des Als Ob") und Kerrys 
pragmatische Lehren für die Darstellung besonderer Gebiete der menschlichen 
Erkenntnis benutzt (so vor allem Anwendung der Theorie der Grenzbegriffe 
Kerrys auf die Mathematik) und kritisiert. 

Sinnesanschauliche, induktive und spekulative Erkenntnis sind die Stufen 
der Erkenntnis im System der Wissenschaften. 

Oschersleben (Bode). E. Gaede. 

Schwarz, H. Dr., Prof. a. d. Univ. Greifswald. Der Gottesgedanke 
in der Geschichte der Philosophie. Erster Teil: Von Heraklit bis Jakob 
Böhme. Als 4. Band der „Synthesis" (Sammlung historischer Monographien 
philosophischer Begriffe. Heidelberg 1913, Carl Winters Universitäts-Buch- 
handlung). 

Verstärkte Aufmerksamkeit wird neuerdings den religiösen Problemen 
zugewendet. Sie hängt zusammen mit dem Wiedererwachen des metaphy- 
sischen Bedürfnisses überhaupt, das seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- 
hunderts vernachlässigt war. In der wissenschaftlichen Detailarbeit als solcher 
suchte man alles Heil. Eine positivistische Schätzungsweise verbreitete sich, 
die in der Metaphysik nur die Überreste eines überwundeten Zeitalters sehen 
Hess. Soweit man Philosophie gestattete, sollte sie nur die Funktion haben, 
die Ergebnisse der Einzelwissenschaften zu einem widerspruchslosen Weltbilde 
zusammenzufügen, als ob sie nicht eigene Wurzeln im menschlichen Geistesleben, 
eigene Methoden und eigene Probleme hätte! Mit der neuen idealistischen 
Zeitströmung ist das Interesse an den eigenwüchsigen philosophischen Fragen 
und der Blick für ihre charakteristische Sonderart wieder gekommen. Ganz 
besonders wird heute das Wertproblem untersucht. Im Zusammenhange mit 
solchen Untersuchungen wird eine Klärung des Gottesbegriffs nötig und wichtig. 
Dies wurde für den Verfasser der Anlass, der geschichtlichen Entwicklung jenes 
Begriffs nachzugehen, um die hauptsächHchsTen Gedankenfäden, die hier zu- 
sammengesponnen sind, blosszulegen. 

Es handelt sich nicht um blosse Gedankenfäden. Der Gottesbegriff 
ist nur eine logische Projektion, die sich aus bewegtem Seelenleben loslöst. 
Man würde die tiefen Wertbeziehungen, die in ihm anklingen, nur halb ver- 
stehen, wenn man von dem Boden absähe, aus dem die Gottesbegriffe auf- 
steigen, nämlich von der Verschiedenheit der Gotteserlebnisse. Es lohnt 
sich für den Werttheoretiker die charakteristischen Züge auch der letzteren 
aufzusuchen. Im Ganzen konnte es sich in dem vorliegenden Werke nur um 
grosse Hauptrichtungen, dazu um gewisse instruktive Durch- und Überblicke 
handeln, wie sie ein immerhin rascher Gang durch das griechische Altertum 
und das christliche Mittelalter mit sich bringt. Mit besonderer Vorliebe habe 
ich bei den Gestalten Eriugenas, Ekkeharts, des Kusaners und Jakob Böhmes 
(letztere beiden schon der beginnenden Neuzeit zugehörig) verweilt. Der 



Selbstanzeigen (Hegenwald). 299 

Kundige weiss, welche geistigen Schätze in der Philosophie dieser Männer 
(aber auch Plotins und Augustins) verborgen liegen. Ihr Reichtum ist gross 
genug, um immer wieder diejenigen zu beschämen, die nur bei gut beleumdeten 
Kirchenvätern oder in den schwächlichen Entwicklungen so vieler neuzeitlicher 
Philosophen das ABC der Gotteserkenntnis suchen. Es gibt keine bessere Ein- 
führung in die Religionsphilosophie selbst der späteren Neuzeit, als wenn man 
mit diesen Klassikern der Gotteserkenntnis auf weit ausschauenden Wegen ge- 
schritten ist. In solcher Beziehung bitte ich schon den ersten Band des vor- 
liegenden Werks für ein Ganzes zu nehmen. Der zweite Band soll die neu- 
zeitlichen Gottesbegriffe bis einschliesslich Eduard von Hartmann behandeln 
und in nicht ferner" Zeit folgen. Im übrigen wünsche ich, für meine Darstellung 
die angestrebte Mitte gefunden zu haben zwischen solchen Spezialwerken, wie 
z. B. Falckenberg, .Grundzüge der Philosophie des Nikolaus Cusanus^ und 
den kurzgedrängten Ausführungen in den allgemeinen Geschichten der Philo- 
sophie und den philosophischen Partien der Dogmengeschichten. 

Greifswald. Hermann Schwarz. 



Hegenwald, Hermann. Gegenwartsphilosophie und christliche 
Religion. Eine kurze Erörterung der philosophischen und religionsphiloso- 
phischen Hauptprobleme der Gegenwart besonders im Anschluss an Vaihinger, 
Rehmke, Eucken. Leipzig 1913. (XII u. 196 S.) (2. Band der Sammlung: 
Wissen und Forschen. Schriften zur Einführung in die Philosophie.) 

In dem vorliegenden Buche sollte das Gottesproblem, die Weltfrage und 
der Sinn des Lebens von der Gegenwartsphilosophie wie von den Überzeugungen 
der christlichen Religion aus erörtert werden. Die Untersuchung stützt sich 
vorzugsweise auf die Als Ob-Philosophie von Hans Vaihinger — sie bietet den 
Ausgangspunkt für die Behandlung des Gottesproblems — auf Johannes Rehmkes 
grundwissenschaftliche Philosophie — sie scheint mir die unanfechtbarsten Vor- 
aussetzungen für eine wissenschaftliche Erörterung der Frage nach der Welt zu 
bieten — und auf Euckens Philosophie des Geisteslebens, die ja in dem Lebens- 
problem die eigentliche unvermeidliche Grundlage aller Philosophie und alles 
Geistseins überhaupt erblickt. Ausser diesen drei besonders berücksichtigten 
Philosophien werden noch eine Reihe anderer philosophischer Strömungen, be- 
sonders der Marburger, dann der Heidelberg-Freiburger Kantianismus, die imma- 
nente Philosophie, die Stellung Wundts etc. in den Bereich der Darlegungen 
gezogen. Der eigene die Erörterung beherrschende und die schliessliche Stel- 
lungnahme zu jenen drei Hauptproblemen bestimmende Standort des Verfassers 
wird in einer »philosophischen Grundlegung" darzulegen unternommen. Es 
handelt sich in dieser Grundlegung um eine besondere Charakterisierung und 
Gegenüberstellung des logistischen und des psychologistischen Ansatzes in der 
philosophischen Weltbegreifung, und zwar derart, dass auf dem Wege einer 
kritischen Verständigung und Grenzregulierung dem Logismus wie dem Psy- 
chologismus ein eigentümlicher Bereich zugewiesen wird. In diesem Sinne will 
das Büchlein vor allem klären und aus der notwendigen Enge des einzelnen 
Schulstandorts heraus inbetreff dieser höchsten Fragen ein übergreifendes Ver- 
ständnis innerhalb des Ganzen der Gegenwartsphilosophie anbahnen helfen. 
Von dieser Grundstellung aus werden im Anschluss an die prinzipiellen 
Wirklichkeitsvoraussetzungen jener drei besonders behandelten Philosophien 
Richtlinien einer metaphysischen Ausdeutung des Gottes-, Welt- und Lebens- 
problems festzustellen gesucht. Eine solche überragende Metaphysik scheint 
dem Verfasser besonders wichtig mit Rücksicht auf einen erneuten Zusammen- 
schluss des religiösen und philosophischen Interesses im Geistesleben der 
Gegenwart. Die Untersuchungen schliessen mit einem Ausblick auf die beson- 
deren Probleme der Philosophie wie der christlichen Religion, die einer eigenen 
Behandlung in ganz bestimmter Richtung bedürfen, um die erstrebte Verbindung 
religiösen und philosophischen Sinnens und Strebens auf dem Boden einer 
wenigstens in prinzipiellen Fragen anerkannten Weltanschauung zu ermöglichen. 

Königsberg i. Pr. H. Hegenwald. 



KaotstndienXVllI. 



20 



300 Selbstanzeigen (de Bra— Siegel). 

de Bra, Knrt. Beiträge zur Psychologie des Humors. Eine 
Studie über Stimmungszusammenhänge. Jenaer Dissertation. Borna-Leipzig 
1913. (50 S.) 

Bis jetzt sind zwei grundsätzlich verschiedene Lösungsversuche des 
Humorproblems in der Philosophie aufgetreten. Dem ästhetischen Erklärungs- 
versuch ist es eigentümlich, dass er den Humor als die höhere oder höchste 
Steigerungsform der ästhetischen Modifikation des Komischen ansieht. (Vgl. 
beispielsweise Fr. Th. Vischer, Kuno Fischer, Th. Lipps, K. Groos.) Der meta- 
physisch-psychologische Erklärungsversuch geht darauf aus, zwischen dem 
Humor und einer bestimmt gefärbten Weltanschauung einen psychologischen 
Zusammenhang nachzuweisen. Lazarus, der Hauptvertreter des letzteren Lösungs- 
versuches, drückt das Grundlegende seiner Anschauung in folgenden kurzen 
Sätzen aus: „So wird unsere Betrachtung also eine ästhetische sein? Mit 
nichten; denn dies ist unsere erste, vielleicht unerwartete Behauptung über den 
Humor, dass er nicht eine besondere Kunstform sei, sondern eine eigene 
Denkweise und Gemütsverfassung, gewissermassen eine eigene Weltanschau- 
ung" (Leben der Seele I, S. 230). Vorliegende Arbeit sucht in grundsätzlicher 
Annäherung an Lazarus, aber in durchaus eigener Ausarbeitung einige Bausteine 
herbeizuschaffen, die derjenige einmal als Material verwenden kann, der den 
Versuch unternehmen will, das Gebäude jener Metaphysik, die unausgesprochen 
dem grossen Humor zu Grunde liegt, aufzuführen. Aus einer Prüfung der 
Werke der grossen Humoristen ergab sich dieser Betrachtungsweise die Tat- 
sache, dass zwischen dem Theismus und dem Humor ein Verhältnis der sozu- 
sagen organischen Abneigung und Unverträglichkeit obwaltet, wohingegen sich 
zwischen Pantheismus und Humor allerhand freundliche Berührungen heraus- 
stellten, wenngleich dieses Verhältnis nicht überall zu so hoher Klarheit und 
so starker Bewusstheit gediehen ist wie bei jenem deutschen Dichter, der das 
Zeug zum grössten deutschen Humoristen in sich hatte, bei Ludwig Anzen- 
gruber. (Vgl. die Person des Steinklopferhannes, die wundervollste Humoristen- 
gestalt, die je ein Künstler erschaffen!) 

Es kann kein Zufall sein, dass gerade der Völkerpsychologe Lazarus die 
neue Bahn der Erklärung betreten hat, denn überaus vieles weist darauf hin, 
dass der Humor eine seelisch-rassenhafte Mitgift besonderer Völker darstellt. 
Es wird stets zu beachten bleiben, dass weder die Antike noch das Semitentum 
noch das Romanentum Werke grossen Humors gestaltet haben. (Der „Don 
Quijote" bildet eine gerade wegen seiner Isoliertheit so überraschende Aus- 
nahme!) Neuzeit, Germanentum, Pantheismus, diese drei Mächte haben schein- 
bar erst in einer eigenartigen Konstellation zusammentreten müssen, ehe die 
Geburtsstunde des grossen Humors schlagen konnte. Doch mit diesen Be- 
merkungen ist schon über den Rahmen der Arbeit hinausgegriffen. Sei eine 
kurze Zusammenfassung erlaubt: Der Humor ist eine selbständige seelische 
Macht, die in denselben Tiefen des Seelenlebens verankert ist, wo Religion und 
Weltanschauung ihre Stätte haben. Die Komik kann zuweilen im Verhältnis 
des willkommenen Mittels zum Humor stehen, aber sie ist nicht die Wurzel 
und nicht die Gebärerin des Humors. Hoffentlich wird die Gelegenheit geboten, 
den ersten Wurf zu einem deutlichen Werke abzurunden. 

Düsseldorf. K. de Bra. 

Siegel, Carl, Dr., Privatdozent. Geschichte der deutschen Natur- 
philosophie. Akadem. Verlagsgesellschaft, Leipzig 1913. (390 S.) 

Wer eine Geschichte der Naturphilosophie schreiben will, muss sich vor 
Allem darüber Rechenschaft geben, was er unter Naturphilosophie verstehen 
will. Indem Verf. sie als eine wissenschaftliche Disziplin fasst, die bewusst und 
nach der Naturwissenschaft auftritt, notwendig neben ihr, ja gefordert von ihr 
als unentbehrliche Ergänzung, kommt er dazu, zwei Hauptformen zu unter- 
scheiden: die metaphysisch gerichtete Naturphilosophie, die zum Gegenstand 
die Natur selbst hat, für die sie im Gegensatz zur Naturwissenschaft aufgrund 
innerer Erfahrung ein Verständnis zu gewinnen sucht, und die kritische 
Naturphilosophie, die nicht die Natur, sondern die Wissenschaft von der Natur 
zum Untersuchungsobjekt macht. 



Selbstanzeigen (Wesselsky). 301 

Durch diese sich wohl empfehlende Einschränkung des vielfach in einem 
weiteren Sinne gebrauchten Begriffes Naturphilosophie und ihrer Abgrenzung 
gegenüber jeder Naturwissenschaft, durfte sich auch die äussere (zeitlich-ethnische) 
Beschränkung rechtfertigen die spezielle Betrachtung der deutschen Natur- 
philosophie. In ihr setzt die metaphysische, für die exakte Naturwissenschaft 
unmittelbar fruchtbar gewordene Naturphilosophie ein mit Joh. Kepler (der so- 
mit auch in der Darstellung den Anfang macht) und schliesst, wenn von der 
Gegenwartsentwicklung (die ungefähr von der Begründung des deutschen Reichs 
datiert werden kann und die ein kurzes Schlusskapitel in grossen Linien zu 
skizzieren bestimmt ist) abgesehen wird, mit einer ganz ähnlichen geistigen 
Physiognomie ab, mit G. Th. Fechner. Ihren Höhepunkt erreicht die meta- 
physische Richtung natürlich in Schelling, der neben Kant die eingehendste 
Würdigung erfährt. Hier gilt es vor Allem gegenüber landläufiger Aburteilung 
festzustellen, worin die Berechtigung und bleibende Bedeutung seiner Lehre 
liegt. Übrigens erscheint Schelling nur als Glied einer grossen Kette von 
Denkern, die von Herder über Goethe zu Schopenhauer führt. Nicht un- 
interessant ist dabei zu bemerken, dass selbst ein Feuerbach als Naturphilosoph 
enge Berührungspunkte mit den Grundanschauungen jener Romantiker besitzt. 

Selbstverständlich ist übrigens jene prinzipielle Scheidung zwischen meta- 
physischer und kritischer Naturphilosophie nicht so aufzufassen, als ob ihre 
Vertreter sich in zwei getrennte Lager scheiden Hessen; nicht zum geringsten 
Teile liegt z. B. die Bedeutung eines Goethe oder Schelling auf dem Boden 
einer Philosophie der Naturwissenschaft. Und Ähnliches gilt wieder umgekehrt 
von der Denkerreihe Leibniz, Kant, Fries, die in erster Linie als kritische 
Naturphilosophen erscheinen. Bei Leibniz liegt die kritische Naturphilosophie 
auf dem Wege zu seiner monadologischen Metaphysik, bei Kant — wenigstens 
dem historischen Kant — verschlingen sich aufs engste kritische und metaphy- 
sische Gedankengänge im Gebiete der Naturphilosophie ebenso, wie in seinem 
ganzen System. Der Historiker hat nach Ansicht des Verfassers hier gerade 
die Aufgabe, möglichst reinlich zu scheiden zwischen Kant, dem Entdecker des 
eigentlichen Kritizismus resp. eines neuen Gegenstandsbegriffs und dem Meta- 
physiker Kant. Für die Naturphilosophie heisst das auf der einen Seite die 
synthetischen Grundsätze des reinen Verstandes und die Antinomien (jedoch 
losgelöst von aller metaphysischen Verdunkelung) als allgemeinen Rahmen, die 
erkenntnistheoretische Begründung der Newtonschen Mechanik als Erfüllung 
dieses Rahmens zur Darstellung zu bringen, auf der anderen Seite Kants Teleo- 
logie — und das ist zugleich seine Philosophie des Organischen — in ihren 
verschiedenen Fäden auseinanderzulegen. Als der alleinige unmittelbare Fort- 
führer der Kanlischen Naturphilosophie nach diesen beiden Richtungen erscheint 
dann Jak. Fr. Fries, auf dessen höchst bedeutsame Lehre von den Naturtrieben 
hier zum Schlüsse noch besonders verwiesen sein mag. 

Wien-Czernowitz. Carl Siegel. 

Wesselsky, Anton. Forberg und Kant. Studien zur Geschichte 
der Philosophie des Als ob und im Hinblick auf eine Philosophie der Tat. 
Leipzig und Wien, Franz Deuticke, 1913. (VI u. 80 S.) 

Es ist etwas Beruhigendes, dass die menschliche Wahrheit warten kann, 
und dass sie aus noch so grosser Überwucherung, durch die Demagogie 
der Schulen doch wieder auftaucht. Eine solche Wiedererweckung aus der 
Verschollenheit bedeutet Vaihingers nicht mehr zu missende Philosophie des 
Als ob. Und ein solches phönixgleiches Aufsteigen aus der Asche der Ver- 
gessenheit dürfte Forbergs Schriften und Schicksal beschieden sein. 

Kants Philosophie des Als ob, deren Stadien in einem Abschnitt der hier 
angezeigten, übrigens kurzgefassten Schrift auseinandergesetzt sind, war noch 
nicht dazu gelangt, ihre Grundsätze auch auf das Gebiet der praktischen Ver- 
nunft zu übertragen, als Forberg bereits in anonymen Abhandlungen, die in 
vorliegender Schrift wohl zum erstenmal nachgewiesen und gewürdigt werden, 
die Philosophie des Als ob in klarer und scharfer Weise auch auf dieses Gebiet 
übertrug. Ja es hat sogar den Anschein, als wäre sein Versuch einer Deduktion 
der Kategorien, der im richte-Niethammerschen Philosophischen Journal erschien, 

20* 



302 Selbstanzeigen (Wesselsky). 

dahingegangen, die Kategorien selbst als Fiktionen darzulegen. Jedenfalls hat 
Forberg in den gedachten Abhandlungen eine Auffassung des Kantischen Kriti- 
zismus bekundet, die heute erst nach Geltung ringt. 

Forbergs philosophische Tätigkeit wurde jäh unterbrochen, als er durch 
die Veröffentlichung seiner Schrift über die Entwicklung des Begriffes Religion 
der Untersuchung wegen Atheismus verfallen war. Er schrieb im Grossen und 
Ganzen nur noch die Apologie seines angeblichen Atheismus und ungefähr vier 
Jahrzehnte später seinen Lebenslauf eines Verschollenen. Den Versuch über 
die Kategorien hat er nicht mehr vollendet. Niemand hat ihn zurückgehalten, 
als er sich freiwillig zurückzog, und so sind vier Jahrzehnte des Lebens eines 
der klarsten und begabtesten deutschen Philosophen fruchtlos vorübergegangen. 

Dass Forberg diese Bezeichnung verdient, ist in der hier angezeigten 
Schrift noch des näheren nachgewiesen. Dort ist auch eine vielleicht er- 
schöpfende Zusammenstellung seiner Werke gegeben. 

Auch die Kritik, die seinerzeit Schulze-Aenesidem und Karl Leonhard 
Reinhold an Kants Philosophie des Als ob ausdrückHch übten, erscheint in 
der Schrift ins Klare gestellt. Es darf somit behauptet werden, dass dieselbe 
für die Geschichte dieser Philosophie nicht unbeträchtliches neues Material bietet. 

Das angezeigte Buch hat jedoch nicht bloss philosophie-geschichtliche 
Darlegungen zum Inhalte, deren weitere quellenmässige Details hier nicht er- 
örtert werden können, sondern es versucht auch zu philosophischen Ergebnissen 
zu gelangen. 

Der Einwand, den Jacobi und Schulze-Aenesidem so erfolgreich gegen 
Kants Prämisse von den affizierenden Gegenständen gerichtet haben, ist wesent- 
lich nicht verschieden von dem anderen der Unerklärbarkeit ber Verbindung 
der beiden heterogenen Elemente unserer Erkenntnis, nämlich des Denkens und 
der Anschauung. Dieselbe Frage bezw. derselbe Einwand gilt auch in Hinsicht 
auf das Postulat der praktischen Vernunft nach einem ins unendliche fortgehen- 
den Progressus, nach einer persönlichen Unsterblichkeit. Auch hier wird die 
transzendentale (zeitliche) Anschauungsweise als für das An sich geltend voraus- 
gesetzt. Kant selbst hat schon in der ersten Auflage der Kritik der reinen 
Vernunft in Hinsicht auf die Frage nach der Verbindung von Denken und An- 
schauung hervorgehoben, dass es hierauf keinem Menschen möglich sei, eine 
Antwort zu finden. Der Dualismus jener beiden heterogenen Bestandteile 
unserer Erkenntnis nun wird in der Schrift, die hier in Rede steht, mit der ent- 
gegengesetzten Tendenz unseres Erkenntnisvermögens in Hinsicht auf den In- 
halt und den Umfang unserer Begriffe und mit einer diesbezüglichen allge- 
meinen Antinomie in Verbindung gebracht, deren dualistische Maxima oder 
Extreme von Geist und Stoff, von Gott und Welt, nicht minder heterogen sind, 
als die beiden Bestandteile unserer Erkenntnis selbst. 

Die angezeigte Schrift nimmt nun an, dass Kant in seinem opus postu- 
mum die Vereinigung jener heterogenen Extreme, die Lösung jenes Gegensatzes 
durch den lebendigen Menschen proklamiert. Hierbei ist jener Teil des opus 
postumum gemeint, den Vaihinger im Jahre 1889 als selbständiges Werk von 
dem grösseren übrigen Teile des nachgelassenen Werkes über den Übergang 
von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik 
unterschieden hat. 

Es würde hier zu weit führen, die bezügliche Darlegung des angezeigten 
Buches zu wiederholen und es muss damit genug sein, darauf hinzuweisen, 
dass auch die eine der beiden zu Tage gebrachten anonymen Abhandlungen 
Forbergs, in der er seine Philosophie des Als ob auseinandersetzt, der nega- 
tiven Funktion dieser letzteren den positiven Hinweis auf die menschliche 
Natur anfügt. 

Die epochale Bedeutung der Philosophie des Als ob wird in der hier 
angezeigten Schrift darin erblickt, dass sie den Menschen davon befreit, Fik- 
tionen für Wirklichkeiten zu nehmen, und zwar Fiktionen von der weitgehenden 
Bedeutung, die durch den Hinweis auf Vaihingers Werk zur Genüge bezeichnet 
ist. Diese Philosophie ist ein unentbehrlicher Schritt auf dem Wege der 
Rechenschaft, die sich der Mensch über seine Lage gibt, eine Etappe auf der 
Bahn des Menschen zur Mündigkeit. 



Entgegnung (Sterzinger). 303 

Allein mit jener Befreiung von verhängnisvoller Selbsttäuschung und 
Hypostasierung ist keineswegs Genüge geleistet. Den Boden, den die Philo- 
sophie des Als ob der „wahren Wahrheit" entzieht, an deren Stelle schon 
Nietzsche die „unwahre Wahrheit" gesetzt hat, dieser Boden wird damit frei 
für das menschliche Wesen selbst und die Logik, die in Hinsicht auf eine letzte 
Erkenntnis der Dinge zur Antinomie führt, zur .unwahren Wahrheit', sie wird 
in dem Buche proklamiert als unverbrüchlich für unser eigenes zielstrebiges 
Handeln: als Fundament einer lebenswesentlichen, absoluten, wenn auch sub- 
jektiven Ethik: nicht in Hinsicht auf eine Wahrheit, sondern auf die Wahr- 
haftigkeit. 

Die hier angezeigte Schrift glaubt weder mit den letzten Auffassungen 
Kants, noch Forbergs im Widerspruch zu stehen, wenn sie sohin aus dem 
Gesichtspunkte der Kritik, die der Mensch, sei es in optimistischer, sei es in 
pessimistischer Richtung, wenn auch vergeblich, zu üben versucht ist, dazu 
gelangt, dass er, was er als Quelle seiner Kritik in sich birgt, zum Ziel sich 
setzt .zwar nicht in Hinsicht auf ein metaphytisch-transzendentes Sein oder 
Werden, wohl aber vielmehr auf das Leben; zwar nicht in Hinsicht auf die 
Bedeutung von Postulaten, die mehr sind als ein blosser Behelf als ob, wohl 
aber auf seine lebendige Tat." 

Wien. Dr. Anton Wesselsky. 



Entgegnung» 

In der Besprechung, die Herr Dr. A. Liebert in freundlicher Weise in 
Nr. 4 der Kantstudien meinem Buche gewidmet hat, bemerkt er u. a., dass 
mein Hauptinteresse mehr auf der experimentell - psychologischen Seite der 
Wahrscheinlichkeits-Frage liege und dass ich der logischen Seite nicht ganz 
gerecht werde. Dem gegenüber erlaube ich mir anzuführen, dass meine Be- 
handlung d. W. Problems von der exp.-psychologischen Seite sich auf eine 
grössere und eine kurze Anmerkung beschränkt, während der hauptsächlichste 
Teil der Ausführungen, also das 3. Kapitel, das die Kritik der Laplaceschen 
Prinzipien enthält, das W. Problem durchaus vom Standpunkt der Logik be- 
handelt und zwar durch Aufzeigen von Beweislücken und sich ergebenden 
Widersprüchen, 

Innsbruck. Othmar Sterzinger. 



304 Mitteilungen. 

Mitteilungen. 



Noch einmal Kants „Loses Blait". 

(Zu Bd. 7, 94 f.) 
Von Karl Müller, Leisnig. 

Auf Seite 94 f. des 7. Bandes der vorliegenden Zeitschrift teilt Herr 
Geheimrat Vaihinger ein in den „Lebensbildern" von Berthelt, Jäkel u. a. 
(4. Aufl., 1865, S. 268 f.) aufgefundenes »Loses Blatt • von Kant mit, dessen 
Quelle ihm jedoch unbekannt ist. Der Artikel entstammt — in abgeänderter 
Gestalt — dem 4. Bändchen der „Phantasiestücke und Historien" von Carl 
Weisflog, Dresden, Arnold 1824 (2. Aufl., Dresden und Leipzig 1839). Weisflog 
(geb. 1770, gest. 1828) studierte vom Jahre 1790 an in Königsberg (vgl. Goedeke, 
Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung, 2. Aufl., Bd. 8, S. 506, und 
Allgem. deutsche Biogr., Bd. 55, S. 372) und tut sich an verschiedenen Stellen 
seiner Werke nicht wenig darauf zugute, dass er bei Kant Philosophie gehört 
habe. Die Aufsätze, denen die fragliche Stelle entnommen ist, betiteln sich 
.Hobelspäne". In einer dieser kleinen, fast durchgängig wertlosen Skizzen 
spricht W. von der Lotterie. Nachdem er zunächst auf das Unmoralische der 
Zahlenlotterie hingewiesen hat, wobei er auch Lessing erwähnt, kommt er auf 
die Klassenlotterie zu reden, verteidigt ihre Existenzberechtigung und erzählt 
dann, wie einst in seinem und einiger anderer Studenten Beisein in dem Mo- 
therbyschen Hause auf der Kneiphöfschen Langgasse in Königsberg Kant durch 
das Beispiel des grossen Loses der Klassenlotterie die Begriffe „unmöglich", 
.möglich", .unwahrscheinlich", .wahrscheinlich" und „gewiss" anschauHch zu 
machen gewusst habe. Darauf fährt er fort (2. Aufl. S. 190): 

.Es fällt mir nicht ein, hier jenes höchst belehrende und anmuthige Ge- 
spräch, und wie dabei auch die Begriffe von Glück und Unglück entwickelt 
wurden, wiedergeben zu wollen; wie könnte ich das auch! aber das Resultat 
davon kann ich unmöglich zurückhalten. 

Man nehme an, dass eine Klassenlotterie aus sechzigtausend Loosen be- 
stehe, und der Hauptgewinn etwa ein Gewinn von fünfzigtausend Thalern sei, 
so ist bei dem, welcher gar kein Loos genommen, die Unmöglichkeit, 
diesen Hauptgewinn zu erhalten. Dieser Unmöglichkeit steht die Gewiss- 
heit entgegen, und die hat Der, welcher alle sechzigtausend Loose genommen 
hätte. Innerhalb dieser Gränzen und innerhalb der Nummern, Eins und Sechzig- 
tausend, liegt also die Möglichkeit. Diese Möglichkeit ist Unwahr- 
scheinlichkeit von eins bis neun und zwanzigtausend neunhundert, neun und 
neunzig. Der, welcher dreissigtausend hätte, würde gleiche Wahrscheinlich- 
keit oder UnWahrscheinlichkeit, wenn er aber dreissigtausend und ein 
Loos nähme, die Wahrscheinlichkeit, das grosse Loos zu treffen, für sich 
haben. Bei nur einem Loose ist die Unwahrscheinlichkeit, bei neun und 
fünfzigtausend, neun hundert, neun und neunzig die Wahrscheinlichkeit 
am grössten, jene gränzt unmittelbar an die Unmöglichkeit, diese ebenso 
an die Gewissheit. Allein wenn nun im Glücksrade nur noch zwei Loose 
wärön, eins davon eine Niete, und eins der Hauptgewinn, im andern Rade 



Mitteilungen. 305 

wären aber auch nur noch zwei Nummern, von denen eine die Deinige wäre; 
welche Hoffnung oder Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit 
hättest Du, das grosse Loos zu erhalten? — Hier würde, um diese Frage beant- 
worten zu können, die Anwendung noch eines Begriffes Platz greifen müssen, 
nämlich des Begriffes von Dem, was wir Glück nennen." 

Dass diese Auslassung bis hierher, so selbstverständlich ihr Inhalt uns 
heutzutage anmuten mag, — wenn auch nicht dem Wortlaute, was nach den 
einleitenden Worten Weisflogs ausgeschlossen erscheint, so doch sicher dem 
Sinne nach — echt Kantisch sein kann, hat schon Vaihinger im Anschluss an 
das oben erwähnte .Lose Blatt" betont. W. fährt nun, indem er, was nicht 
ohne Bedeutung ist, eine neue Zeile beginnt, folgendermassen fort: 

.Hast Du in Deiner Jugend, wenn Andere lose Streiche machten, die 
Zeche allein bezahlen müssen; ist Dir in der Regel die Butterschnitte auf die 
geschmierte Seite aus der Hand in den Sand gefallen; hast Du gewöhnlich den 
rechten Stiefel an den linken Fuss gezogen; sind Dir Andere zuvorgekommen 
und haben Dir vor dem Munde weggeschnappt, was Du mühsam Dir zum 
eigenen Genüsse vorbereitet; hast Du, wenn Du Dich vor der Geliebten recht 
niedlich machen wolltest. Dich in der Regel blamiert; bist Du gar, als Du auf 
dem Rasen spazirtest, auf den Rücken gefallen und hast die Nase gebrochen; 
— o weh! — Du Armer! Du hast Das, was man .Unglück" nennt, und Deine 
Nummer wird gewiss die Niete treffen. 

Sind aber vor und hinter Dir Ziegel vom Dache gefallen, ohne Dich zu 
treffen; hast Du das Goldstück gefunden, das zehn mit Dir suchten; sind Dir 
die Nothlügen bei Deinen kleinen Schelmereien treuherzig geglaubt worden; 
hat man Dich im Examen gerade nach Dem gefragt, was Du erst heute durch- 
studirt; bist Du in der Regel so eben bei'm Thorschlusse noch herein- oder 
hinausgekommen; hast Du Schanzen und Redouten erstürmt mit heiler Haut, 
oder bist Du gar Stabsoffzier geworden, ohne je das fatale Pulver gerochen zu 
haben; o — Du Beneidenswerther! Du hast Glück und das grosse Loos trifft 
keine Nummer als die Deinige". 

In diesem Tone geht es dann noch einige Seiten fort. Dass diese eben 
angeführte Stelle aus den Weisflogschen Schriften die Quelle für das Lesestück 
in den oben zitierten .Lebensbildern" abgegeben hat, ist wohl zweifellos. 
Einerseits ist die Satzkonstruktion hier stellenweise concinner. So heisst es im 
letzten Satz des zweiten Absatzes richtig .nämlich des Begriffes", während in 
Bd. 7, S. 94 vorliegender Zeitschrift nach den .Lebensbildern" falsch „der Be- 
griff" steht. Andererseits sind die Beispiele W.s zahlreicher und offensichtlich 
ursprünglicher, während sie in dem für die Hand des Schülers bestimmten Buche 
zum Teil abgeändert, zum Teil ausgelassen wurden. Dass aber die letzten 
2 Absätze auch von Kant herrühren sollten, ist sehr unwahrscheinlich. Mögen 
auch, wie unser Schriftsteller andeutet, in Kants Gegenwart .die Begriffe von 
Glück und Unglück entwickelt" worden sein. Das vorliegende trägt jedenfalls 
zu deutlich Weisflogsches Gepräge. Die Sätze sind ganz nach seinem Muster 
angelegt, langatmig und umständlich. Auch die beigebrachten, behaglich an- 
gehäuften Beispiele sind echt Weisflogisch: oft trivial und nicht selten läppisch, 
wo er witzig sein will. Und so kann denn nur das als sicher gelten: Die Er- 
läuterung der Begriffe .Möglichkeit", „Unmöglichkeit", .Wahrscheinlichkeit* 
usw. durch das Beispiel vom grossen Los geht jedenfalls auf eine persönliche 



306 Mitteilungen. 

Erörterung Kants zurück, das übrige aber, die Definition des „Glückskindes* 
und des „Unglücksvogels", ist wertloses Beiwerk, das wohl bei einem so un- 
bedeutenden Schriftsteller, wie Weisflog einer war, nicht wundernehmen, aber 
doch kaum einem Kant zugeschrieben, am allerwenigsten als im authentischen 
Wortlaut überliefert betrachtet werden darf. 



Eine Kundgebung 
zu Gunsten der Erhaltung philosophischer Lehrstühle. 

Nachdem die philosophischen Lehrstühle zum teil dadurch eine schmerz- 
liche Einbusse erlitten haben, dass man sie ultramontaner Konfessionalisierung 
preisgab, sind sie zum teil auch in den letzten Jahren dadurch der Philosophie 
entzogen worden, dass man sie mit Psychologen besetzte. Dagegen wendet 
sich nun nachstehende Erklärung: 

Die unterzeichneten Dozenten der Philosophie an den Hochschulen 
Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sehen sich zu einer Erklärung 
veranlasst, die sich gegen die Besetzung philosophischer Lehrstühle mit Ver- 
tretern der experimentellen Psychologie wendet. 

Das Arbeitsgebiet der experimentellen Psychologie hat sich mit dem 
höchst erfreulichen Aufschwung dieser Wissenschaft so erweitert, dass sie 
längst als eine selbständige Disziplin anerkannt wird, deren Betrieb die volle 
Kraft eines Gelehrten erfordert. Trotzdem sind nicht eigene Lehrstühle für 
sie geschaffen, sondern man hat wiederholt Professuren der Philosophie mit 
Männern besetzt, deren Tätigkeit zum grössten Teil oder ausschliesslich der 
experimentellen Erforschung des Seelenlebens gewidmet ist. Das wird zwar 
verständlich, wenn man auf die Anfänge dieser Wissenschaft zurückblickt, 
und es war früher wohl auch nicht zu vermeiden, dass beide Disziplinen von 
einem Gelehrten zugleich vertreten wurden. Mit der fortschreitenden .Ent- 
wicklung der experimentellen Psychologie ergeben sich jedoch daraus Übel- 
stände für alle Beteiligten. Vor allem wird der Philosophie, für welche die 
Teilnahme der akademischen Jugend beständig wächst, durch Entziehung von 
ihr allein gewidmeten Lehrstühlen eine empfindliche Schädigung zugefügt. 
Das ist um so bedenklicher, als das philosophische Arbeitsgebiet sich an- 
dauernd vergrössert, und als man gerade in unsern philosophisch bewegten 
Zeiten den Studenten keine Gelegenheit nehmen darf, sich bei ihren aka- 
demischen Lehrern auch über die allgemeinen Fragen der Weltanschauung 
und Lebensauffassung wissenschaftlich zu orientieren. 

Nach diesem Allen halten es die Unterzeichneten für ihre Pflicht, die 
philosophischen Fakultäten sowie die Unterrichtsverwaltungen auf die hieraus 
erwachsenden Nachteile für das Studium der Philosophie und Psychologie 
hinzuweisen. Es muss im gemeinsamen Interesse der beiden Wissenschaften 
sorgfältig darauf Bedacht genommen werden, dass der Philosophie ihre Stel- 
lung im Leben der Hochschulen gewahrt bleibt. Daher sollte die experi- 
mentelle Psy<:hologie in Zukunft nur durch die Errichtung eigener Lehrstühle 
gepflegt werden, und überall, wo die alten philosophischen Professuren durch 
Vertreter der experimentellen Psychologie besetzt sind, ist für die Schaffung 
von neuen philosophischen Lehrstühlen zu sorgen. 

Prof. V. Aster (München) — Dr. Baensch (Strassburg i. E.) — Prof. Barth 
(Leipzig) — Prof. Bauch (Jena) — Dr. Bergmann (Leipzig) — Dr. Braun 
(Münster) — Prof. v. Brockdorff (Kiel) — Dr. Brunstäd (Erlangen) — 
Dr. Brunswig (München) — Dr. v. Bubnoff (Heidelberg) — Dr. Cassirer 
(Berlin) — Prof. Cohen (Marburg) — Prof. J. Cohn (Freiburg i. B.) — Prof. 
.Cornelius (Frankfurt a. M.) — Prof. Deussen (Kiel) — Prof. Dinger 



Mitteilungen. 307 

(Jena) — Prof. Drews (Karlsruhe) — Prof, Driesch (Heidelberg) — Dr. 
Eleutheropulos (Zürich) — Prof. Erhardt (Rostock) — Dr. Ehrenberg 
(Heidelberg) — Prof. Eucken (Jena) — Dr. Ewald (Wien) — Prof. Fa Icke n- 
berg (Erlangen) — Dr. A. Fischer (München) — Dr. Focke (Posen) — 
Prof. Freytag (Zürich) — Dr. Frischeisen-Koehler (Berlin) — Dr. 
Geiger (München) — Prof. Geyser (Münster) — Prof. Goedeckemeyer 
(Königsberg) — Prof. Goldstein (Darmstadt) — Dr. Gomperz (Wien) — 
Dr. Görland (Hamburg) — Dr. Groethuysen (Berlin) — Prof. Güttier 
(München) — Dr. Guttmann (Breslau) — Dr. Häberlin (Basel) — Dr. 
Hammacher (Bonn) — Dr. Hartmann (Marburg) — Prof. Hemann (Basel) 

— Dr. Henning (Braunschweig) — Prof. Hensel (Erlangen) — Dr. Hey- 
felder (Tübingen) — Prof. Hönigswald (Breslau) — Prof. Husserl (Göt- 
tingen) — Dr. Jacoby (Greifswald) — Prof. Jerusalem (Wien) — Prof. Jodl 
(Wien) — Prof. Joel (Basel) — Dr. Kabitz (Breslau) — Prof. Kinkel 
(Giessen) — Dr. Klemm (Leipzig) — Dr. Köster (München) — Dr. Kroner 
(Freiburg i. B.) — Dr. Kuntze (Berlin) — Prof. Lask (Heidelberg) — Prof. 
Lasson (Berlin) — Prof. Lehmann (Posen) — Prof. Leser (Erlangen) — 
Dr. Lessing (Hannover) — Dr. Linke (Jena) — Prof. G. F. Lipps (Zürich) 

— Prof. Medicus (Zürich) — Dr. Mehlis (Freiburg i. B.) — Dr. Menzel 
(Kiel) — Prof. Menzer (Halle) — Prof. Messer (Giessen) — Dr. Metzger 
(Leipzig) — Dr. Meyer (München) — Prof. Misch (Marburg) — Prof. 
Natorp (Marburg) — Dr. Nelson (Göttingen) — Dr. Nohl (Jena) — Prof. 
Pfänder (München) — Prof. v. d. Pfordten (Strassburg i. E.) — Prof. 
Rehmke (Greifswald) — Dr. Reinach (Göttingen) — Dr. Reininger 
(Wien) — Prof. Rickert (Freiburg i. B.) — Prof. Riehl (Berlin) — Prof. 
Ritter (Tübingen) — Dr. Rüge (Heidelberg) — Dr. Schlick (Rostock) — 
Prof. Schmekel (Greifswald) — Prof. F. A. Schmid (Heidelberg) — Prof. 
H. Schneider (Leipzig) — Dr. Schrempf (Stuttgart) — Prof. Schwarz 
(Greifswald) — Dr. Seidel (Zürich) — Dr. Siegel (Wien) — Prof. Simmel 
(Berlin) — Prof. Spitta (Tübingen) — Prof. Spitzer (Graz) — Prof. 
Spranger (Leipzig) — Prof. Tönnies (Kiel) — Prof. Uphues (Halle) — 
Dr. Utitz (Rostock) — Prof. Vaihinger (Halle) — Dr. Verweyen (Bonn) 

— Prof. Wähle (Czernowitz) — Prof. Wal lasch ek (Wien) — Dr. Weiden- 
bach (Giessen) — Prof. Wentscher (Bonn) — Prof. Wem icke (Braun- 
schweig) — Prof. Willmann (Prag)— Prof. Windelband (Heidelberg). 



Nachtrag zur 2. Auflage der „Philosophie des Als Ob**. 

Durch ein Versehen in Folge meines Augenleidens sind einige Nach- 
träge zu den „Vorbemerkungen zur Einführung" in der 2. Auflage meiner 
„Philosophie des Als Ob" im Druck unberücksichtigt geblieben. Ich bitte 
die Besitzer resp. Benutzer des Buches auf S. XII folgenden Zusatz ein- 
zutügen : 

Als Solche, welche schon auf einzelnen Gebieten ähnliche Gedanken 
vor mir ausgesprochen haben, erwähne ich noch ganz besonders Prof. D. Dr. 
Georg Runze und seine verschiedenen bedeutsamen religionsphilosophischen 
Werke, spez. „Sprache und Religion" (1889); ferner W. Po Hack und 
M. Schlesinger. H. Vaihinger. 



308 Mitteilungen. 



Ein ungedrucktes Gedicht Otto Liebmanns.^) 

Ich bin das All, unendlich, wie der Raum, 
Durch alle Sternensphären ausgegossen 
Endlose Kraft und grenzenloser Geist, 
Dem der Gestalten Überfüll' entsprossen; 

Ein unerschöpüich Wesen, dessen Schoss 
Unzähl'ge Kinder an das Licht geboren 
Und sie ernährt mit eignem Saft und Blut, 
Ich bin in Euch, ihr seid mir nicht verloren. 

Ich war, eh noch der feurige Weltendunst 
In's Funkenmeer der Sterne war zerstoben 
Eh' aus dem Staubkorn, das ihr Erde nennt 
Das Urgeschlecht der Ahnen sich erhoben. 

Ich werde sein, wenn kein Gedächtnis mehr 
Das je Gescheh'ne aufbewahrt in Bildern, 
Wenn kühne Neugier nicht mehr Gräber stört, 
Um ihr Geheimnis öffentlich zu schildern, 

Wenn alle Abschiedstränen sind versiegt, 
Weil Kinder fehlen Eltern zu beweinen, 
Wenn es so ist, als wäre nichts geschehn . . . 



») Otto Liebmann hat einen, soweit sich das bis jetzt feststellen lässt, 
nicht unerheblichen Bestand von Manuskripten hinterlassen. Ausser den Manu- 
skripten seiner von ihm selbst veröffentlichten Werke befinden sich darunter 
diejenigen seiner Vorlesungshefte, Abhandlungen, Artikel, Dispositionen, Notizen, 
Aphorismen etc. Gesichtet ist der Nachlass noch nicht. Es lässt sich darum 
auch noch nicht entscheiden, ob er vieles enthalte, dessen Veröffentlichung im 
Sinne des verstorbenen Denkers wäre. Einstweilen hat Frau Geheimrat Liebmann 
das vorstehende Gedichtfragment den Kantstudien zur Veröffentlichung über- 
geben, wofür wir ihr auch hier unseren verbindlichsten Dank zum Ausdruck 
bringen. B. B. 



Die ersten neun Jahre der Kantgesellschaft.') 



1. Allgemeines. 

Die Kantgesellschaft ist gelegentlich der hundertsten Wiederkehr des 
Todestages Kants (12. Februar 1904) auf Anregung von Professor Dr. Vaihinger 
in Halle von Freunden der Kantischen Philosophie gegründet worden mit 
dem Zweck, „das Studium der Kantischen Philosophie zu fördern und zu 
verbreiten". Die konstituierende Versammlung fand statt am 22. April 1904 
(Kants Geburtstag), in welcher die Statuten beschlossen worden sind. Die 
Gesellschaft ist in das Vereinsregister eingetragen worden. Nach den Statuten 
ist dauernder Vorstand der jeweilige Kurator der Universität Halle, z. Z. 
Geheimer Ober-Regierungsrat Meyer. Dem Verwaltungsausschuss, dem früher 
auch die dann nach Berlin resp. Hamburg berufenen Proff. Riehl und Meumann, 
sowie die unterdessen verstorbenen Proff. Busse und Ebbinghaus angehört 
haben, besteht z,Z. aus Prof. Dr. Menzer, Prof. Dr. Krueger, Geh. Rat Prof 
Dr. Stammler, Geh. Rat Direktor der Univ.-Bibl. Dr. Gerhard, Geh. Rat 
Dr. Lehmann, Generalarzt Prof. Dr. med. et phil. (h. c.) Kern, sowie aus dem 
Unterzeichneten Prof. Vaihinger, der seit 9 Jahren das Amt des Geschäfts- 
führers bekleidet hat, und dem stellvertr. Geschäftsführer Dr. L i e b e r t. Die 
Kantgesellschaft wird im Personalverzeichnis der Universität Halle-Wittenberg 
geführt. Die Gesellschaft hat teils Dauermitglieder, welche einen einmaligen 
Beitrag bezahlen, der zur Kantstiftung verwendet wird, teils Jahresmitglieder, 
welche einen jährlichen Beitrag von 20 M. entrichten. 

2. Kantstiftung. 

Dieser aus den Beiträgen von ca. 350 Dauermitgliedern errichtete Fond 
betrug am 12. Februar 1904 bei der hundertjährigen Kantfeier 10000 M. Bis zum 
22. April 1904, zum Tage der konstituierenden Versammlung, war der Fond 
auf 15000 M. gestiegen. Ein Jahr darauf, am 22. April 1905, hatte sich der 
Fond wiederum um 10000 Mark vermehrt und war auf 25000 M. gestiegen 
Der Fond beträgt jetzt 40710 M. Der Fond ist der Universität Halle als 
Eigentum überwiesen worden und wird von derselben verwaltet. Die Zinsen 
werden der Kantgesellschaft zu deren Zwecken eingehändigt und betrugen im 
vergangenen Jahre 1200 M. 



*) Kurzer Bericht, erstattet auf Veranlassung des Vorstandes der Kant- 
gesellschaft, Herrn Geh. Ober-Reg.-Uat Meyer, Kurator der Universität Halle, 
an das Königl. Preuss. Kultusministerium. 



310 Kantgesellschaft. 

3. Jahresmifglieder. 

Mitglieder Jahresbeiträge Mitglieder Jahresbeiträge 



1904: 79 

1905: 102 

1906: 118 

1907: 154 

1908: 191 



M. 1580 1909: 246 ... . M. 4920 

M. 2040 1910: 349 .... M. 6980 

M. 2360 1911: 453 ... . M. 9060 

M. 3080 1912: 606 .... M. 12129 

M. 3820 



In Anbetracht der Höhe des Jahresbeitrags (20 M.) ist diese Zahl sehr 
beträchtlich, denn andere Gesellschaften nehmen erheblich weniger Jahresbeitrag, 
so z. B. die Goethegesellschaft 10 M., bieten dafür freilich auch viel weniger 
als die Kantgesellschaft. Denn deren Jahresmitglieder erhalten gratis und franko 
zugesandt nicht nur die „Kantstudien" (jährlich vier Hefte im Umfang von ca. 
30—35 Bogen, welche im Buchhandel 12 M. kosten), sondern auch die dazu ge- 
hörigen Ergänzungshefte (jährlich etwa vier im Umfang von ca. 25 bis 33 Bogen, 
welche im Buchhandel ca. 15 bis 20 M. kosten), ferner noch von jetzt ab auch 
die „Neudrucke seltener philosophischer Werke des 18. u. 19. Jahrhunderts", 
wovon voraussichtlich jährlich 1—2 Bände im Wert von je 5 bis 8 M. erscheinen 
werden und endlich die aus den in Berlin veranstalteten Vortragsabenden 
hervorgehenden Vorträge, jährlich etwa 3—4 Vorträge von je 2 — 3 Bogen. 

4. „Kantstudien** nebst Ergänzungsheften. 

Als hauptsächliches Mittel, um ihren Zweck zu erreichen, „das Studium 
der Kantischen Philosophie zu fördern und zu verbreiten", betrachtet die Kant- 
gesellschaft in erster Linie die Unterstützung der Zeitschrift ,, Kantstudien", 
welche jetzt von dem Universitäts-Professor Dr. Bauch in Jena, unter Mit- 
wirkung von Prof. Dr. Vaihinger in Halle, herausgegeben werden. Um den 
„Kantstudien" ein grösseres Schwergewicht zu geben, sind noch seit dem Jahre 
1906 Ergänzungshefte zu denselben eingerichtet worden. Jedes Ergänzungs- 
heft enthält eine grössere abgeschlossene Abhandlung für sich. Eine Übersicht 
über die Tätigkeit der Kantgesellschaft nach dieser Seite hin gibt folgende Tabelle: 

1904: Kantstudien Bd. IX (578 S.), darin das grosse Festheft zu Kants 
Todestag 12. Februar 1904 (350 Seiten nebst vier Abbildungen). Sonderdruck 
des Festhefts als Festschrift u. d. T. „Zu Kants Gedächtnis". 

1905: Kantstudien Bd. X (600 S.), darin ein eigenes Festheft zu Schillers 
hundertstem Todestag, das ebenfalls als eigene Festschrift erschienen ist u. d. T. 
„Schiller als Philosoph und seine Beziehungen zu Kant". (166 S. und 3 Abbildungen.) 

1906: Kantstudien Bd. XI (495 S.) und dazu Ergänzungsheft 1 bis 3 
(296 S.) (von Guttmann, Oesterreich und Döring). 

1907: Kantstudien Bd. XII (474 S.) und dazu Ergänzungsheft 4 bis 7 
(492 S.) (von Kertz, Fischer, Aicher und Dreyer). 

1908: Kantstudien Bd. XIII (518 S.) und dazu Ergänzungsheft 8 bis 11 
(477 S.) (von O'Sullivan, Rademaker, Amrhein und Müller-Braunschweig). 

1909: Kantstudien Bd. XIV (578 S.) und dazu Ergänzungsheft 12 bis 15 
(486 S.) (von Bache, Kremer, Ernst, Hessen). 

1910: Kantstudien Bd. XV (563 S.) und dazu Ergänzungsheft 16—20 
(442 S.) (von Ristitsch, Wiegershausen, Toll, Mugdan, v. Zynda). 

1911: Kantstudien Bd. XVI (538 S.) und dazu die Ergänzungshefte 21— 24 
(449 S.) (von Frank, Mechler, Buzello, Uebele). 

1912: Kantstudien Bd XVII (530 S.) und dazu die Ergänzungshefte 25— 28 
(401 S.) (von Sternberg, Lanz, Breuer, Schmitt-Wendel). 



Kantgesellschaft. 311 

An Honoraren für die Mitarbeiter an den Kantstudien, deren Her- 
stellungskosten die Firma Reuther & Reichard in Berlin trägt, haben wir 
folgende Summen gezahlt: 

1904: 791 M. 1909: 1225 M. 

1905: 1170 M. 1910: 1249 M. 

1906: 1062 M. 1911: 1229 M. 

1907: 966 M. 1912: 1453 M. 

1908: 917 M. 

Für die Herstellung, Herausgabe und Versendung der obenerwähnten 
Ergän zu ngs hefte, deren Herstellungskosten die Kantgesellschaft selbst trägt, 
haben wir ausgegeben: 

1906: 1339 M. 1910: 2384 M. 

1907: 2308 M. 1911: 3195 M. 

1908: 2068 M. 1912: 2784 M. 

1909: 2279 M. 
In den „Kantstudien" IX bis XVI, sowie in den Ergänzungsheften 
haben wir ausserdem noch 25 Porträts von Kant und Kantianern u. s. w. ver- 
öffentlicht, für die wir im Ganzen ausgegeben haben: 694 M. 

5. Neudrucke. 

Auf Anregung von Prof. Menz er- Halle veranstaltet die Kantgesellschaft 
„Neudrucke seltener philosophischer Werke des 18. und 19. Jahrhunderts", welche 
zum Verständnis der Kantischen Philosophie und ihrer Geschichte dienen. Es 
handelt sich dabei um wichtige Dokumente der Geschichte der Philosophie, 
welche aus dem Buchhandel verschwunden sind, deren Studium aber doch 
unentbehrlich ist. Bis jetzt sind erschienen: 1. Band: Aenesidemus von 
G. E. Schulze (1792) XVIII u. 351 S. M. 5.—, geb. M. 6.— (herausgegeben 
von Dr. A. Liebert). 2. Band: Kant und die Epigonen (1865) von Otto 
Lieb mann, XVI u. 240 S. M. 4. — , geb. M. 5.— (herausgegeben von Prof. 
Dr. Bauch.) 3. Band: Versuch einer neuen Logik. Von Salomon 
Maimon (1794) XL u. 448 S. M. 7.50, geb. M. 8.50 (herausgegeben von 
Dr. B. C. Engel). 

6. Sonstige Veranstaltungen. 

1. Beisteuer zum Druck einer Dissertation im Jahre 1905: 254 M. 

2. Verteilung der , Kantstudien " an Institute und Bibliotheken: in Heidel- 
berg, Halle, Graz, Jena, Tübingen, Rostock, Marburg. Auslagen hierfür: 509 M. 

3. Delegation des Redakteurs der Kantstudien, Universitätsprofessor Dr. 
Bauch, nach Heidelberg zum Internationalen Philosophischen Kongresse 150 M. 

4. Ernennung des Stadtrat a. D. Professor Dr. Walter Simon in 
Königsberg i. Pr., Ehrenbürger dieser Stadt, zum Ehrenmitglied, welcher die 
Kantstudien und die Kantgesellschaft seit vielen Jahren in verständnisvollster 
Weise durch mannigfache Beweise innerer selbsttätiger Anteilnahme gefördert hat. 

5. Schaffung eines Dispositionsfonds: Bis jetzt 35(X) M. 

6. Ehrengabe an einen Gelehrten Kantischer Richtung: 5(X) M. 

7. Veranstaltung einer Stammler-Ehrung zum 22. April 1909 und 
Beitrag zu einer von demselben zu stellenden Preisaufgabe: 242 M. 

8. Veranstaltung von Vorträgen bei den Jahresversammlungen. Vor- 
tragende 1911: Prof. Menzer-Halle; 1912: Prof. Natorp-Marburg. 



312 Kantgesellschaft. 

9. Unterstützung des Bibliographischen Handbuches: „Die Philosophie 
der Gegenwart" von Priv.-Doz. Dr. A. Rüge (400 M.). 

10. Veranstaltung regelmäßiger Zusammenkünfte von Mitgliedern der 
Kantgesellschaft in Berlin, nebst Vorträgen. Schriftführer Dr. Liebert. 

Von diesen Vorträgen sind bis jetzt erschienen: 
Nr.1-2: Dr. Max Frischeisen-Koehler, Das Realitätsproblem. 98 S. M.2.— . 
Nr. 3: Dr. Fr. Kuntze, Denkmittel der Mathematik im Dienst der exakten 

Darstellung erkenntniskritischer Probleme. 31 S. M. 1.—. 
Nr. 4: Obergeneralarzt Prof. Dr. B. Kern, Einleitung in die Grundfragen der 
Aesthetik. 36 S. M. 1.—. 

7. Ausschreibung von Preisaufgaben. 

1. Kant- Aristoteles-Preisaufgabe: „Kants Begriff der Erkenntnis ver- 
glichen mit dem des Aristoteles". I. Preis: 600 M., II. Preis: 400 M. (gestiftet) 
von der Kantgesellschaft selbst). Themasteller: Prof. Dr. Riehl. Preisrichter: 
die Proff. Riehl, Heinze, Vaihinger. Preisträger: Dr. Sentroul, Dr. Aicher. 

2. Walter Simon-Preisaufgabe: „Das Problem der Theodicee in der 
Philosophie und Literatur des XVIlI. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht 
auf Kant und Schiller". I. Preis: 1000 M., II. Preis: in Form eines Accessit- 
preises ebenfalls 1000 M., III. Preis: 300 M. (gestiftet von Professor Dr. Walter 
Simon in Königsberg i. Pr.). Themasteller: Prof. Dr. Walter Simon. Preisrichter: 
die Proff. Natorp, Ziegler, Menzer. Preisträger: Dr, Kremer, Dr. Lempp, Dr. Wegener. 

3. Karl Güttler-Preisaufgabe: „Welches siyid die wirklichen Fortschritte, 
die die Metaphysik seit Hegels und Herbarts Zeiten in Deutschland gemacht 
hat?" I. Preis: 1500 M., II. Preis: 1000 M. (gestiftet von Professor Dr. Karl 
Güttier in München). Themasteller: Prof. Dr. Güttier. Preisrichter: die Proff. 
Husserl, Hensel, Messer. 

4. Rudolf Stammler-Preisaufgabe : „Das Rechtsgefühl erkenntniskritisch 
und psychologisch untersucht, in der Geschichte der Rechtsphilosophie bis zum 
ersten Auftreten verfolgt und in seiner Bedeutung für die Theorie und Praxis 
des heutigen Rechts dargelegt". I. Preis: 1500 M., II. Preis: 800 M. (gestiftet 
von Schülern, Freunden und Verehrern Stammlers im Verein mit der Kant- 
gesellschaft). Themasteller: Prof. Dr. Stammler. Preisrichter: die Proff. 
Stammler, Huber, Natorp. 

5. Wahrheitsbegriff-Preisaufgabe : „Kants Begriff der Wahrheit und seine 
Bedeutung für die erkenntnistheoretischen Fragen der Gegenwarf. I. Preis : 1500 M., 
II. Preis: 1000 M. (gestiftet von Geh.-Rat Prof. Dr.Imelmann, Stadtrat a.D. Prof. 
Dr. Walter Simon, Ehrenmitglied der Kantgesellschaft, Direktor Dr. von Gwinner, 
Dr. Jaffe, Dr. jur. Faber, Prof. Dr. v. Lippmann, Dr. H. Prager). Themasteller: 
Prof. Dr. Vaihinger. Preisrichter: die Proff. Falckenberg, Menzer, Hönigswald. 

6. Ed. V. Hartmann-Preisaufgabe : „Eduard von Hartmanns Kategorien- 
lehre und ihre Bedeutung für die Philosophie der Gegenwart''^. I.Preis: 1500 M., 
II. Preis: 1000 M. (gestiftet von Frau Alma von Hartmann). Themasteller: 
Prof. Dr. Vaihinger. Preisrichter: die Proff. Windelband, Bauch, Cohn. 

Halle a. S. u. Berlin, im Sommer 1913. 

Die Geschäftsführung der Kantgesellschaft 

H. Vaihingen A. Liebert. 



Kantgesellschaft. 



Rudolf ^Stammler-Preisaufgabe. 

Das Mechtsgefühl, 

Es ist dieser Begriff erkenntniskritisch und psychologisch zit 
untersuchen^ sein Auftreten in der Geschichte der Rechtsphilosophie 
zu erörte^m und seine Bedeutung in der Theorie und Praxis des 
heutigen Rechts darzulegen. 

Urteil des Preisrichterkollegiums 
über die 6 eingelaufenen Bewerbungsschriften. 

1. 
Als beste Arbeit erscheint die Abhandlung mit dem Motto: „Das 
Gesetz ist nicht Schranke, sondern Befreiung, darum ist die 
Sphäre der Eigentümlichkeit unantastbar (Steffens)". Sie ist 
eine Leistung von guter wissenschaftlicher Bedeutung und namentlich im 
ersten Teile eine wertvolle Arbeit. Sie f usst auf einer scharf ausgeprägten 
Unterscheidung: auf der des intellektuellen und des emotionellen Momentes 
in dem Begriffe des Rechtsgefühls. In der ersten Richtung würde 
Rechtsgefühl eine vorwissenschaftliche Stufe der Rechtserkenntnis bedeuten, 
nach der anderen Seite hin wird es in dem Sinne der Liebe und der Be- 
geisterung für das Recht oder auch von dem Pathos der Rechtsidee ge- 
nommen. Die vorgelegte Arbeit richtet ihre Untersuchung auf das Rechts- 
gefühl in der zweiten Bedeutung. Die beiden Momente gehen durchaus 
nicht einander parallel. Tiefe des Rechtsgefühls besagt etwas anderes, als 
Tiefe der Rechtserkenntnis oder der Rechtsbeurteilung. Wenn danach in 
der jetzigen Untersuchung die emotionelle Seite als das Wesentliche an- 
gesehen wird, so wird deshalb versucht, eine Analyse des Rechtsgefühls 
zu geben, die zu den letzten psychischen Elementen vordringen soll, aus 
denen es sich zusammensetzt. Nun lehnt sich jede Erörterung über das 
Gefühl an die Erscheinungen von Lust und Unlust an; folglich wird eine 
Psychologie des Rechtsgefühls die Besonderheit wiederzugeben haben, die 
das Gefühl durch die Verknüpfung mit einem bestimmten Rechtsinhalte 
darstellt. Der Verfasser analysiert diese Möglichkeit psychologisch in 
gründlicher Weise und mündet in dem Ergebnisse, dass das Rechtsgefühl 
zu den moralischen Gefühlen höchster Art gehört, wesentlich vereint mit 
dem Machtgefühl. In der sich hieran anschliessenden Ausführung richtet 
der Verfasser das Augenmerk vornehmlich auf die Idee des Rechtes, auf 
die Gerechtigkeit, stellt dagegen die Psychologie des Begriffes Recht 



314 Kantgesellschaft. 

zurück. In jener Hinsicht bietet er aber wieder beachtenswerte Be- 
merkungen. Er betont, dass sich das Rechtsgefühl auf den verschiedenen 
Stufen der Entwicklung, bei dem Einzelnen, wie bei den Völkern, mit 
Leistungen von verschiedenem Werte zufrieden geben kann; und es wird 
auch der Mangel an Gerechtigkeit in verschieden intensiver Weise schmerz- 
lich empfunden und durch den Schmerz in verschiedener Weise zur wahr- 
hafteren Erfüllung der Forderung der Gerechtigkeit der Impuls gegeben. 
Soll das Rechtsgefühl seine treibende Kraft zu der Fortbildung von rich- 
tigem Rechte bewähren, so muss es mit starker Empfindlichkeit für die 
Mängel und Härten eines gegebenen Rechtes verbunden sein. Dieses Ge- 
fühl des Schmerzes und des Mitleides kann durch keine bloss intellektuelle 
Erfassung derartiger Mängel ersetzt werden. Das Rechtsgefühl wird in 
jedem konkreten Falle nur dann befriedigt, wenn der zugrunde liegende 
Sachverhalt richtig und vollkommen erfasst wird; — ein Gedanke, den 
der Verfasser mit grossem Scharfsinn aus der allgemeinen Lehre der Ge- 
fühle her des näheren ausführt. Die dann folgende Erörterung über das 
Eingreifen des Machtgefühls als wesentliche Art des Rechtsgefühls hätte 
sich an die selbstherrliche Art des Rechtsgedankens schärfer anlehnen und 
zugleich die nun nötige Einfügung der rechtlich unterstellten Menschen 
hervorheben können. — Der zweite Teil bringt erkenntnistheoretische und 
logische Folgerungen aus der Psychologie des Rechtsgefühls. Der Wert 
eines jeden Gefühls liegt in der treibenden Kraft, die es auf die Leistungen 
des Individuums im weitesten Sinne übt. Einen eigenen Erkenntniswert 
dagegen bietet es von sich aus nicht. Aller Erkenntnisinhalt ist immer 
das Ei;gebnis intellektueller Vorgänge, die von den Gefühlen und Affekten 
angeregt, gefördert und auch vertieft werden können, denen aber die 
emotionellen Vorgänge an sich keinen materiellen Zuwachs liefern. Trotz- 
dem sind die letzteren von allergrösster Wichtigkeit; gerade auch im 
Rechte. Nur dort, wo mit einer rechtlichen Erörterung ein so lebhaftes 
Gefühl erregt wird, als handle es sich um die wichtigsten eigenen Lebens- 
interessen, wird jeder Zweifel an der „Realität" der einzelnen Vorgänge 
im Rechtsstreite von vornherein ausgeschaltet sein. Dann, aber auch nur 
dann wird das Rechtsgefühl seine volle Kraft entfalten können. Zu seiner 
Bewährung ist nötig: Bestimmtheit und Schärfe der rechtlichen Begriffe, 
sichere Feststellung des Tatbestandes; eine methodische Durchführung des 
Syllogismus, in dem ein besonderer Rechtsfall unter das Gesetz gebracht 
wird. — Der dritte Teil der Abhandlung führt die Überschrift: Zur Ge- 
schichte des Rechtsgefühls. Es ist schliesslich eine kleine Geschichte der 
Rechtsphilosophie geworden, die der Verf. hier bietet. Sie ist mit Sorg- 
falt gearbeitet. Die blosse Berichterstattung, die in der chronologischen 
Reihe durchgeführt wird, ermüdet etwas; und die Beziehung der einzelnen 
rechtsphilosophischen Meinungen gerade zu dem Rechtsgefühl in seiner 
Eigenart tritt nicht immer sichtbar hervor. 

Eine volle Lösung und erschöpfende Erledigung des Problems ist 
nun zwar von der besprochenen Arbeit nicht geliefert worden. Gegen 
einzelne der dortigen Aufstellungen, besonders in der Lehre von dem Ge- 
fühl im allgemeinen werden leicht Bedenken erhoben werden. Die psy- 
chologischen Ausführungen bleiben zu sehr im individualpsychologischen 



Kantgesellschaft. 315 

stecken, während eine sozialpsychologische Erörterung hier angebracht 
ist, zu deren Begründung freilich, wie oben schon angedeutet, auf den 
Begriff des Rechtes schärfer eingegangen werden muss. Der zweite 
Teil regt den Wunsch nach weiterer und genauerer Ausführung an, während 
der dritte Teil, wie vorhin bemerkt, das eigentliche Thema nicht immer 
genau trifft. 

Dem gegenüber darf aber nicht übersehen werden, dass literarische 
Vorarbeiten über das Rechtsgefühl so gut wie gar nicht bestehen. Für 
den jetzigen Stand der Forschung bedeutet die vorgelegte Arbeit einen 
bemerkenswerten wissenschaftlichen Fortschritt. Er liegt schon in der 
eingangs hervorgehobenen Unterscheidung des zweifach möglichen Auf- 
tretens des Rechtsgefühls: als undeutliche Erkenntnis und als ein die 
Rechtserkenntnis begleitender emotioneller Vorgang. Den einmal festge- 
stellten Unterschied hält der Verfasser in ganz vortrefflicher Weise fest 
und führt ihn mit bewusster Deutlichkeit durch. Hierdurch allein erscheint 
eine Klarheit über unser Thema ermöglicht, und schon dadurch hat sich 
der Verfasser ein bleibendes Verdienst erworben. Die Arbeit erscheint 
ob des Schrittes, den sie in förderlicher Weise über den jetzigen Stand 
unserer Erkenntnis hinaus tut, des ersten Preises würdig. 



An zweiterstelle ist die Arbeit mit dem Motto: „Habe Mut, dich 
deines eigenen Verstandes zu bedienen (Kant)" lobend zu er- 
wähnen. Sie kann als die gedankenschärfste der eingegangenen Abhand- 
lungen bezeichnet werden. Der Verfasser legt das Hauptgewicht auf eine 
erkenntniskritische Erwägung. Nach ihm baut sich die Erkenntnis in 
zwei Gebieten auf, den räumlichen Gegenständen .und den psychischen 
Zuständen. Ihnen entsprechen das Vorstellen im engeren Sinne und das 
Empfinden. Beide Gebiete sind nach immer allgemeiner aufsteigenden 
Begriffen zu ordnen und stellen jeweils im Bilde eine Pyramide dar, an 
deren Spitze einmal das „Ding", auf der andern die „Idee" (nicht im her- 
gebrachten Sinne) steht. Das Rechtsgefühl hat neben sich die egoisti- 
sche Form der Willkür. Beide steigen in dem Begriffe der Kausalität 
auf, der psychischen und der physischen, weil alle menschlichen Hand- 
lungen unter dem Oberbegriffe „Umsetzung des Geschehens" stehen. — 
Hiernach wendet sich die Abhandlung wieder de'r philosophischen Be- 
trachtung im allgemeinen zu. Nur in Kürze wird die Darlegung des ersten, 
grösseren, Teiles mit einem Paragraphen über das Einheitsverhältnis der 
empirisch gegensätzlichen psychischen regulativen Momente (Willkür und 
Rechtsgefühl) geschlossen. — Der zweite, „praktische" Teil geht nicht von 
aufgegebenen besonderen Fragen aus, sondern verbleibt in mehr deduktiver 
Art. Im allgemeinen Teil war über das Problem des Rechtsgefühls be- 
merkt worden: „Das Rechtsgefühl ist empirisch nichts anderes, als ein 
Gefühl der Verbindlichkeit, nach dem wir bei unserem Handeln nicht nur 
die eigenen Interessen, sondern in höherem oder geringerem Masse, mehr 
oder weniger bewusst, auch die unserer Umwelt berücksichtigen." Die 
Rechtspflege, die nun hinzugenommen wird, (übrigens zuweilen mit dem 
Anscheine, als ob es sich nur um Stra^ustiz handle) wird ihm dahin an- 

Kaatstudien XVIII. ni 



316 Kantgesellschaft. 

gefügt: „Im psychologisch letzten Grunde ist die Rechtspflege ebensowohl 
als spontane Lebensäusserung anzusehen, wie z. B. die Assimilation der 
Nährstoffe, das Wachstum, das Atmen u. s. w." Aber sie soll sich doch 
nun auf das „Recht" beziehen, und gerade bei diesem Begriffe und seiner 
Durchführung soll das „Rechtsgefühl" beobachtet und erwogen werden. 
Hierfür folgt die Definition: „Recht (auch gut) ist alles das, was mit un- 
serem persönlichen Empfinden und mit dem Allgemeinempfinden harmo- 
niert." Es ist klar, dass alsdann die kritische Analyse der als Fragen 
überall geforderten Gegensätze sittlich und sozial. Recht und Sitte, 
Geltung und Richtigkeit eines Rechtes u. s. f. ausfällt. Die praktischen 
Fragen der Rechtspflege werden darum im folgenden etwas unvermittelt 
und ohne klärende Unterlage eingeführt. Im einzelnen bietet ihre Dar- 
stellung manches Interessante. Sie gipfeln in der Beobachtung einer 
ständigen Kritik und Verneinung der Berechtigung besonderer rechtlicher 
Urteile, deren Unvollkommenheit (besonders der Mathematik gegenüber) 
unvermeidlich ist. Die absprechende Beurteilung zeigt sich vornehmlich 
in zweierlei Richtung: in der Behauptung, dass ein gewisses rechtliches 
Wollen mit dem Allgemeinempfinden nicht stimme, oder, dass es den Ge- 
danken der Gleichheit der Glieder einer Gemeinschaft verletze. — Bei der 
Ausführung, die, wie gesagt, mehrfach recht anregend und bedeutsam ist, 
ist die Unterscheidung von bedingender Art und Weise und von bestimm- 
barem und bedingtem Material zu vermissen. Hieraus stammt das Ver- 
fehlen des Sinnes von der Gleichheit vor dem Gesetze, die ja nur die 
methodisch gleiche Art der Beurteilung der einzelnen Rechtsgenossen 
ausdrücken kann; daher auch die nicht ausgedachte Weise, in der das 
Richten eines gegebenen Rechtsinhaltes nach dem Allgemeinempfinden sich 
zeigt. Gut ist die Kritik des Allgemeinempfindens im Sinne des Ver- 
fassers; und richtig bemerkt er: „Nicht auf Einhelligkeit in der Beurteilung 
kommt es an, sondern auf den Ausgleich der Gegensätzlichkeit." Auch 
verkennt er nicht, dass also alles auf Objektivierung ankommt; es 
werden, wie er sagt, im Rechtsbewusstsein, im Gegensatze zum Rechts- 
empfinden, immer „objektivere Elemente" auftreten. Aber dann erhebt 
sich die unausweichliche Frage: Woran lässt sich erkennen, ob ein solches 
Element objektiv ist? Die Auskunft: „Es wird um so objektiver sein, 
je vielseitiger die getroffenen bewussten Beziehungen sind, aus denen es 
resultiert," genügt nicht. 

Die Stärke der besprochenen Abhandlung liegt in der Geschlossen- 
heit der Gedankenwelt des Verfassers und in der aus einem Gusse ge- 
botenen Darlegung des grössten Teiles der Schrift, — ihre Schwäche be- 
steht darin, sich nicht strenger an das Thema gehalten zu haben und 
mehr mittelbar vieles für es zu bieten. Wenn hiernach die Arbeit eine 
zufriedenstellende Lösung des Problems nicht gibt, so verdient doch der 
wissenschaftliche Ernst und gründliche Eifer, der in ihr zutage tritt, in 
Verbindung mit manchen anregenden und fördernden Ausblicken, die sie 
liefert, volle Anerkennung. Es war ihr aus diesen Gründen der zweite 
Preis zuzuerkennen. 



Kantgesellschaft. 317 

3. 
Die Arbeit mit dem Motto: „Zuerst collegium logicum!" ist 
eigenartig angelegt und durchgeführt, aber wissenschaftlich interessant. 
Sie hat folgenden Gedankengang: Das Laienurteil will weder sagen, was 
als positives Recht in einem gegebenen Falle besteht, noch auch gegen- 
über dem geltenden Rechte ein solches positives Recht angeben, das 
richtig wäre; sondern es stellt ein Recht auf, das ein nicht-positives ist. 
Diese Rechtsurteile entstammen dem eigenen Innern. Sie sind also nicht 
real (oder objektiv), sondern haben das Merkmal der Subjektivität und 
Apriorität. Aber sie sind durch die natürliche Anlage unserer Vernunft 
bedingt. Auch die Mathematik ist lediglich a priori. Wer die wahre 
Wirklichkeit erkennen will, muss bei dem Urteilen notwendig alles Aprio- 
rische ausschalten; da aber alles Wirkliche nur durch eine apriorische 
Form aufgenommen werden kann, so ist bei erkenntniskritischer Erörterung 
der allein richtige Standpunkt der des Agnostizismus. Dem gegenüber ist 
ein „unterkritischer" Standpunkt zu unterscheiden, eine Wissenschaft, in 
der wir unseren Intellekt so gebrauchen, wie er „eben tatsächlich ist." 
Die Begriffe Zeit, Raum, Kausalität bleiben unreal, trotz ihrer Erfahrbar- 
keit; darum bedienen sich die hierher gehörigen Urteile der Ausdrucks- 
weise, dass es so und so sei, mit keineswegs mehr Recht, als diejenigen 
apriorischen Urteile, die diesen Vorzug nicht haben. Beispiele für die 
letzteren sind die ästhetischen und die ethischen Urteile. Auch bei dem 
Rechtsurteile bildet das variable und unwissenschaftliche, trotzdem aber 
ganz legitime apriorische Rechtsurteil die Grundlage auch des positiven 
Rechtes. Geltendes Recht ist der ursprünglichen Idee nach das, was für 
Recht gehalten wird, das heisst das, wovon die Allgemeinheit oder doch 
die Mehrheit behauptet, dass es Recht „sei". Allein der faktische Einfluss 
der Gebildeten und geistig Überlegenen musste es mit sich bringen, dass 
ihre Meinung massgeblich wurde; heute sind das in erster Linie die ge- 
setzgebenden Faktoren. Die Befugnis zu der Ausdrucksweise, dass etwas 
Recht oder Unrecht „sei", bleibt aber nach wie vor dem apriorischen 
Rechtsurteile vorbehalten. Also ist das positive Recht sekundär gegenüber 
der apriorischen Urteilsweise, was Recht ist. Die Bezeichnung „Recht" 
gebührt in erster Linie dem Naturrecht, nicht dem positiven Recht. Nie- 
mals ist etwas „an sich und objektiv" Recht oder Unrecht, sondern immer 
nur auf Grund menschlichen Urteiles. Das aber, was nach unterkritischer 
Weise der Betrachtung Recht „ist", das ist auch ewig und überall Recht, 
und zwar seiner eigenen Idee nach. Danach ist Rechtsphilosophie zunächst 
eine höchst persönliche und rein subjektive Philosophie; aber eine wissen- 
schaftliche Behauptung muss allemal das Kriterium „wahr" für sich in 
Anspruch nehmen können. Ob und in wie weit nun die Ansichten über 
Recht und Unrecht ohne Fehler verschieden sein können, das richtet sich 
einzig und allein danach, aus welchem psychischen Organe jene Urteile 
stammen : ob aus der Vernunft oder aus dem Gefühle oder aus dem Willen. 
Nur die aus der Vernunft stammenden haben Allgemeingültigkeit, die aus 
dem Gefühl stammenden niemals. Prinzipiell und der eigenen Idee 
nach stammen die apriorischen Rechtsurteile niemals aus dem Gefühl 
oder aus dem Willen, sondern einzig und allein aus der Vernunft. Das 

21* 



318 Kantgesellschaft. 

apriorische Rechtsurteil ist nicht, wie das ästhetische Urteil, psychologisch 
auf eine Affektion des Gemütes zurückzuführen. Allerdings hat das Urteil, 
dass etwas Recht ist, einen Gefühlston, und dass jemand eine bestimmte 
Verpflichtung habe, ist regelmässig von einer Strebung, also von etwas 
Willensmässigem, begleitet. Aber jenes Gefühl und diese Strebung sind 
nur psychologische Begleiterscheinungen des Urteils, die das Urteil 
als solches ganz unberührt lassen. Die faktisch gefällten Rechtsurteile 
stammen mithin aus der Vernunft. Wenn man von Rechtsgefühl 
spricht, so ist das nicht das Gefühl des Psychologen. In der Psychologie 
versteht man unter dem (potentiellen) Gefühl einzig und allein die Fähig- 
keit, passive Gemütsbewegungen zu haben, die sich letzten Endes alle 
unter das Gefühl der Lust und der Unlust subsumieren lassen. Das 
Rechtsgefühl aber ist durchaus aktiver, schöpferischer Natur. Das Rechts- 
gefühl ist aber auch nicht mit der Rechtsvernunft identisch. Die letztere 
erkennt in diskursiver Weise den allgemeinen Rechtssatz, nach dem man 
urteilt, jenes erstere ist intuitiv unmittelbarer Natur und urteilt, ohne 
jenen Satz ganz genau einzusehen. Es muss also eine allgemeingültige 
und wirklich wissenschaftliche Rechtsphilosophie tatsächlich geben, weil 
die Rechtsurteile aus der Vernunft stammen. Ihr gegenüber steht eine 
andere Rechtsphilosophie, die mit dem Gefühl und dem Willen betrieben 
wird, die darum höchst persönlich und subjektiv ist (s. ob.). Eigentliches 
Recht ist nur das Vernunftrecht, identisch mit dem ius strictum der Römer. 
Da aber dieses strenge Recht nicht den „gemütlichen" Anforderungen 
des modernen Menschen an eine geltende Rechtsordnung entspricht, so 
gibt es noch die zweite Rechtsphilosophie mit dem ius aequum. Ist diese 
nun wissenschaftlich zulässig? Gleichgültig für diese Frage ist es, ob das 
Ergebnis verwerflich erscheint oder nicht. Aber Wissenschaft wird es nur 
dann werden können, wenn man das Willensmässige verneint. Das kann 
man freilich nur unterscheiden und durchführen vom kritischen Stand- 
punkte aus, vom unterkritischen dagegen („ohne kritische Kontrolle") wird 
man immer das Willensmässige hineinbringen. Für die wissenschaftliche 
Philosophie ist das natürlich falsch. Nur gegen diejenige Verneinung 
vernunftrechtlicher Sätze, die sich ihrer Natur als willensmässiger 
Verwerfung bewusst bleiben, sowie gegen die gefühlsmässige Aufstellung 
solcher Bestimmungen, die auf den Begriff des „Rechtes" keinen Anspruch 
machen, ist wissenschaftlich nichts einzuwenden. Aber auch die un- 
wissenschaftliche Rechtsphilosophie ist praktisch gerechtfertigt, insofern 
man nicht eine „persönliche" Stellungnahme zum Vernunftrecht von vorn- 
herein ausschliessen will. Für diese so aufgestellten Unterschiede werden 
Beispiele aus dem Rechtsverhältnisse zwischen Eltern und Kindern, aus 
den rechtlich geordneten Beziehungen zwischen Mann und Weib und aus 
einigen sonstigen Rechtsfragen angeführt. — 

Die Arbeit stellt sich als ein in sich geschlossener, mutiger Versuch 
dar, das aufgeworfene Problem von Grund aus aufzunehmen und zu lösen. 
Sie wird bei dem kritischen Leser mancherlei Fragen und Bedenken er- 
regen. So bleibt der Gegensatz, von dem sie ausgeht: „real" oder „wirk- 
lich" einerseits und „aus dem eigenen Innern stammend" vorerst proble- 
matisch; der Versuch einer „unterkritischen" Betrachtung ist schwerlich 



Kantgesellschaft. 319 

geglückt. Der Begriff des a priori, wie ihn der Verfasser nimmt, ebenso 
der Gedanke des Subjektiven, und die in ihm dem Objektiven gegenüber 
gelegene Richtung, sind nicht restlos klar gelegt. Die Begriffe „Recht", 
„positives" Recht, „geltendes" Recht bedürfen einer genaueren Bestimmung 
während die psychologische Scheidung von Vernunft, Gefühl und Wille 
von dem Verfasser eindringlicher aufgenommen wird. 

Wenngleich sonach der Aufsatz zweifellos geistreich geschrieben ist, 
so entspricht die kurze Darstellung, die er bietet, dem in der Ausschreibung 
aufgestellten Thema unvollkommener, als die seither besprochenen Ab- 
handlungen. Hätte ein dritter Preis zur Verfügung gestanden, so würde 
die jetzt genannte Bewerbungsschrift dafür in Betracht gekommen sein; 
bei der jetzt nur möglichen Preisverteilung kann sie zwar nicht mit einem 
Preise gekrönt werden, es soll ihr aber eine öffentliche lobende Erwähnung 
zu Teil werden. 

4. 
Die Arbeit mit dem Motto: „Gefühl ist alles, Name ist Schall 
und Rauch" ist fleissig ausgeführt und bringt aus weiter Belesenheit des 
Verfassers eine Menge von Material bei. Methodisch versucht sie, aus 
verschiedenen seitherigen Arbeitsgebieten Erkenntnisse für das Wesen und 
die Funktion des Rechtsgefühls zu ziehen. Der hierbei zunächst einge- 
führte Sprachgebrauch zeigt das Wort „Rechtsgefühl" in mehreren 
Bedeutungen: bald als eigene Quelle des Rechtes, oder im Sinne eines 
verkürzten Denkprozesses, bei dem der Urteilende einige Zwischenglieder 
auslässt, endlich als Reaktion bei dem Beobachten einer Rechtsverletzung. 
Ein dem Worte „Rechtsgefühl" begrifflich nahe verwandtes Wort ist 
„Rechtsbewusstsein" ; ersteres bezeichnet mehr einen individualen Zustand, 
letzteres die Summe von Gefühlen einer Allgemeinheit, sozusagen, ein 
generelles Gefühl. Die Wissenschaft hat das Rechtsgefühl gleichfalls 
beobachtet, aber noch nicht zum Gegenstande selbständiger Untersuchung 
gemacht; weder die Psychologie, die unter dem Banne der naturwissen- 
schaftlichen Methode stehe, die gegenüber den Erscheinungen des sog. 
höh ^/en Seelenlebens nahezu gänzlich versage, noch auch die Jurisprudenz 
in den verschiedenen Phasen ihrer Geschichte, und die Philosophie hat 
das Rechtsgefühl gleichfalls dürftig behandelt. Aus der neueren Zeit ist 
Beneke zu nennen, der das Gefühl als eigentliche Wurzel der sittlichen 
Unterscheidungen bezeichnet; daneben Proudhon, und die Engländer, bes. 
Mill und Spencer, die die Gefühle in der soziologischen Betrachtung mehr 
berücksichtigen, als die Kontinentalen. — Zieht man zur allgemeinen Be- 
trachtung des Wesens der Gefühle die Forschungsergebnisse verschiedener 
Psychologen heran, so sind zwei Gruppen zu unterscheiden: eine intellek- 
tualistische und eine physiologische Auffassung. Jene meint, dass das Ge- 
fühl eine Begleiterscheinung der Vorstellungen sei, nach der zweiten ist 
unter Gefühl das Bewusstwerden organischer Veränderungen zu verstehen, 
die zufolge eines äusseren oder inneren Reizes eintreten. Beide kommen 
schliesslich auf Lust und Unlust zurück, verschieden sind nur die meta- 
physischen Erklärungen dieser Grundphänomene. Es ist also ein seelischer 
Zustand, den wir Gefühl nennen, stets begleitet: 1. von einem intellek- 



320 Kantgesellschaft. 

tuellen Elemente (Empfindung, Vorstellung oder Vorstellungskomplex); 
2. von organischen Veränderungen; 3. von einer gewissen der Seele be- 
wusst werdenden Färbung dieser intellektuellen und organischen Vorgänge, 
welche Färbung man als Lust und Unlust bezeichnet, und die sich nicht 
weiter analysieren lässt. Eine Einteilung der Gefühle ist also nur nach 
1. und 2. möglich. Höhere Gefühle sind solche, die mit komplizierteren 
Vorstellungsinhalten zusammenhängen. Sie sind darum psychologisch in 
ihre einfachen Elemente zu analysieren. Indem dieses mit dem Rechts- 
gefühl geschehen soll, untersucht der Verf.: welche Elemente zur Ent- 
stehung oder Entwicklung des Rechtes beigetragen haben und gefühls- 
betont sind. Er führt zunächst vor: Mutter- und Kindesliebe; Furcht; 
sexuelle Lust; Mitteilungsbedürfnis. Aus dem Zusammenflusse dieser Ge- 
fühle entsteht ein neues, höheres, zusammengesetztes Gefühl: die Sympa- 
thie. Nach kulturgeschichtlichen Forschungen vollzog sich die Vergesell- 
schaftung nicht nur durch Gruppierung um die Stammutter, sondern 
durch Bildung vorübergehender Verbände, z. B. zur Jagd. Dies fusst auf 
dem Gefühle des Hungers; doch hat, nach dem Verf., hier bereits Sym- 
pathie mitgewirkt, dazu das Herdengefühl, das ist die Unterordnung, und 
das Suggestionsgefühl, also die Fähigkeit der Einwirkung auf andere 
Menschen. Die ältesten gesellschaftlichen Einrichtungen fussen auf der 
Familie, zunächst in der Periode des Mutterrechtes. Der zur Jagd ge- 
bildete Verband der Männer wird die Grundlage der militärischen Organi- 
sation. Durch Jagd und Krieg bietet sich die Möglichkeit sich auszu- 
zeichnen; daraus entsteht ein neues Gefühl: die Eitelkeit. Das mit ihr 
verbundene Lustgefühl ist die Quelle wichtiger Rechtsinstitutionen, vor 
allem wird das Privateigentum in seiner Entstehung dadurch veranlasst 
oder doch begünstigt , ferner erzeugt sie auch die ersten Rangunterschiede 
und das erste Zeremoniell. Die Eitelkeit in Verbindung mit dem Ge- 
schlechtstrieb führt endlich auch zur Bildung von Familienverbänden, 
deren Oberhaupt der Mann ist. — Hieran schliesst sich eine Betrachtung 
der rechterzeugenden Gefühle in den entwickelteren Menschenverbänden. 
Bei dem Übergange vom Mutterrecht zum Vaterrecht blieb doch das Ge- 
fühl der Verehrung für die Frauen bestehen. Bei den Gefühlen der Neu- 
gierde und der Furcht gegenüber der Natur, insbesondere dem Feuer 
wurde die Bewachung des Feuers den Frauen übertragen; als hier auch 
immer noch die Männer eintraten, ging manches Frauenhafte auf den 
Priester über. Hierdurch blieben besonders die Sympathiegefühle von 
Bedeutung. Daher das Unlustgefühl bei der Tötung eines Menschen, aus 
dem Tötungsverbote unter göttlicher Strafsanktion entstanden. Andere 
Rechtseinrichtungen entwickelten sich nicht auf gefühlsmässiger Unterlage, 
sondern aus der Macht der Tatsachen her; so aus dem Selbsterhaltungs- 
trieb der Kampf um die Nahrung, danach Eigentum an Grund und Boden. 
Aber auch hier wirkt für die Durchführung, im besonderen die zähe An- 
hänglichkeit des Bauern an bestimmtes Land, das Lustgefühl der Gewohn- 
heit, ferner ein ästhetisches Gefühl und endlich das sog. Klarheitsgefühl 
ein. Das Streben nach Reichtum ist stark gefühlsbetont und von ge- 
mischten Gefühlen begleitet. Aus alle dem entsteht ein Sicherheitsbedürf- 
nis. Dazu treten als Korrelat zum Hang zum Nichtstun der Spieltrieb; 



Kantgesellschaft. 32 1 

und als zusammengesetzte Gefühle, die die fortschreitende Zivilisation 
erzeugt, der Neid, das Heimlichkeitsgefühl, das Freiheitsgefühl, das Träg- 
heitsgefühl, das Mitleid und das Gefühl der Menschenliebe. Die Gefühle, 
die bei der Entstehung und Weiterbildung des Rechtes raittätig sind, sind 
keineswegs identisch mit dem Rechtsgefühl, bieten aber die Erklärung für 
seine Wirkung. Das Rechtsgefühl kann erst entstehen, sobald sich die 
abstrakten Begriffe des Rechtes und der Rechtspflege gebildet haben. Es 
ist in seiner einfachsten Form das Gefühl der Befriedigung bei der rich- 
tigen Regelung einer rechtlich in Frage gekommenen Angelegenheit. In 
ihm lassen sich mehrere der seither entwickelten Gefühle unterscheiden, 
verbunden mit einem schon sehr komplizierten Erkenntniskomplex. Trotz- 
dem wirkt es zuweilen sehr intensiv. Das hat seinen Grund darin, dass 
viele Rechtseinrichtungen eine gefühlsmässige Grundlage haben. Die 
rechtserzeugenden Gefühle treten dann zu dem Rechtsgefühle hinzu und 
verstärken dieses. Dadurch entsteht gewissermassen ein potenziertes 
Rechtsgefühl. Für diesen gedanklichen Aufbau bringt der Verf. nun zahl- 
reiche Beispiele aus der Geschichte, wie aus Äusserungen des Rechtsgefühls 
in der Gegenwart bei; er bespricht die Perversion des Rechtsgefühls, das 
manchen schon zu Verbrechen hingerissen hat; sodann das Rechtsgefühl 
des Kindes und den Einfluss des Rechtsgefühls auf die Weiterentwicklung 
des gegenwärtigen Rechtes. Das Rechtsgefühl äussert sich in konserva- 
tivem, in reaktionärem (Festhalten an untergegangenem Rechte) und in 
fortschrittlichem Sinne; als Beispiele für das letzte werden aus der Jetzt- 
zeit die Arbeiterfrage, die Frauenbewegung und der Kinderschutz, sowie 
die Weltfriedensbewegung besprochen. Den Schluss des Ganzen bildet eine 
Betrachtung über die Verfeinerung des Rechtsgefühls. Die Gleichheit der 
Gefühle bei allen Menschen, die von manchen behauptet worden ist, wird 
abgelehnt. Sie besteht nur zwischen Nationen von annähernd gleich hoher 
Kulturstufe. Bei dem Fortschreiten der Kultur bilden sich neue Gefühle; 
und die bereits vorhandenen verbinden sich in verschiedener Weise. Damit 
aber würde das Gefühlsleben zwar bereichert, aber nicht verfeinert. 
Letzteres würde bei den Gefühlen nur dann der Fall sein, wenn geringere 
Reize genügten, um ein Gefühl auszulösen, und wenn eine geringere Reiz- 
zunahme als bisher gefühlsmässig bewusst würde, also die Nuancierungen 
des Gefühls zahlreicher würden. Naturvölker und Kinder sind zügelloser 
bei dem geringsten Anlasse; deshalb kann ein Gefühl doch lange an- 
dauern, z. B. Rachsucht. Dagegen erweitert sich der Kreis der gefühls- 
erregenden Ursachen mit zunehmender Kultur. Verfeinert würde es nur 
dann sein, wenn das Gefühl trotz der Vergrösserung jener Ursachen immer 
mit gleicher Kraft reagiert. Nun haben sich die rechtlichen Gebiete fort- 
schreitend vermehrt; und man darf annehmen, dass die Kraft des Rechts- 
gefühls sich sogar erhöht hat. 

Die Arbeit steht an wissenschaftlichem Werte hinter den seither 
besprochenen Schriften zurück. Es fehlt ihr die scharfe und klare Frage- 
stellung, die die preisgekrönten Arbeiten auszeichnet. Es ist ein sicherer 
Mangel, dass sie weder den Begriff noch die Idee des Rechtes jemals als 
festen Haltpunkt ihrer Erörterung in das Auge fasst. Wo sie auf den 
Rechtsbegriff im Vorbeigehen zu sprechen kommt, ist übersehen, dass das 



322 Kantgesellschaft. 

Verlangen: Normen auf jeden Einzelfall ohne Ausnahme anzuwenden, 
nicht zu dem Begriffe des Rechtes hinzutreten kann, sondern — als 
Moment der Unverletzbarkeit — notwendig schon darin enthalten ist. Die 
gesamte Durchführung der Arbeit ist deskriptiv. Dabei finden sich auch 
Stellen, besonders bei den primären rechtserzeugenden Gefühlen und den 
Erörterungen über die ältesten gesellschaftlichen und rechtlicher Einrich- 
tungen und ihre Beziehungen zum Gefühlsleben, die nur als sulyektive 
Hypothesen gelten können. Was „Wurzel'' des Rechtes sein soll, ist nicht 
sicher genug gesagt. Eine sich gelegentlich durchbrechende Gegenüber- 
stellung von Rechtsgefühl und „formellem Rechte" ist nicht klar und will 
mit der sonstigen Art der Abhandlung nicht stimmen. Auch finden sich 
positive Fehler in dem Kapitel „Äusserungen des Rechtsgefühls in der 
Gegenwart", nämlich Nichtbeachtung von BGB. 313; 565; EG. 57 und 58. 
Nicht günstig ist es, wenn als Grundzug des Marxismus das Gefühl der 
Ungerechtigkeit des „Mehrwertes" angegeben wird. Im ganzen hat 
die beurteilte Abhandlung Wert als Übersicht und Vorarbeit. Es mag ge- 
schehen, dass der Verfasser auf ihrer Grundlage einmal eine vertiefte Be- 
handlung des Themas liefern wird; in ihrer jetzigen Gestalt bietet sie 
eine solche noch nicht. Es kann ihr deshalb ein Preis nicht zuerkannt 
werden. 

5. 
Die Arbeit mit dem Motto: Im weiteren Sinne fällt unter den 
Begriff Gefühl jede Wahrnehmung, deren Inhalt nicht der 
Mitteilbarkeit fähig ist — enthält nur 16 Thesen, die sich als knappe 
Behauptungen des Verfassers darstellen. Es kann aber unmöglich genügen, 
solche Sätze, die doch das Ergebnis methodischer Abwägungen sein sollen, 
bloss auszusprechen; es kommt auf ihre wissenschaftliche Entwicklung 
und Begründung an. Manche der aufgestellten Sätze sind von vornherein 
fragwürdig; so vor allem die Begriffsbestimmungen des Rechtes im sub- 
jektiven und im objektiven Sinne (Nr. 4), deren problematische Formu- 
lierung in keinem Falle der Schwierigkeit der Aufgabe entspricht. Die 
nur 15 Seiten Text umfassende Arbeit scheidet nach alle dem aus der 
Reihe der möglichen Preisträger aus. 

6. 

Zu dem gleichen Ergebnisse führt die Würdigung der Arbeit mit 
dem Motto: Alles Recht stammt aus Verträgen, alle Verträge 
stammen aus Kämpfen. 

Der Verfasser geht von der Untersuchung des Rechtes im objektiven 
und subjektiven Sinne aus. Das erste bezeichnet er als „eine Einrichtung, 
die den Zweck hat, innerhalb einer Gesamtheit den geschäftlichen Verkehr 
der Mitglieder friedlich zu regeln." Es ist klar, dass er damit keines- 
wegs auf letzte bedingende Gedankengänge zurückgeht, deren Einheit den 
gesuchten Begriff vom „Rechte" darstellt; denn in den angegebenen Merk- 
malen der „Gesamtheit", des „geschäftlichen Verkehr", des „friedlich" usw. 
ist überall versteckt die rechtliche Verbindung ihrerseits als bedingendes 
Kriterium schon enthalten. Wenn dann das Recht im subjektiven Sinne 



Kantgesellschaft. 323 

als ein näher beschriebener „Anspruch" definiert wird, so bleibt undeut- 
Kch, welches der Oberbegriff ist, unter dem nun die beiden Definitionen 
sachlich sich zusammenfassen lassen. Der Verfasser richtet dagegen sein 
Augenmerk auf die Frage vom „Ursprung des Rechtes und des Rechts- 
gefühls". Er löst sie in zwei Unterfragen auf: 1. nach den Vorgängen 
innerhalb der ersten Menschengemeinschaft, die eine friedliche Regelung 
des Verkehrs nötig machten, und 2. nach der Möglichkeit, eine erste 
Rechtsordnung aufzustellen und durchzusetzen. — Als Antwort werden 
notgedrungen vage Hypothesen geboten. Es wird „die erste Menschen- 
herde" vorgestellt, die, vielleicht durch Naturereignisse getrieben, ihre 
alten Wohnstätten verliess; in einem solchen Menschensch warm gehorchten 
alle ausschliesslich und gleichmässig den Instinkten des Hungers, der 
Furcht und der Brunst. Dann schufen sie sich im Zusammenhausen der 
Jahrhunderte die Sprache; die schlummernden Kräfte der Einzelseelen 
fingen an, sich zu regen, und es setzte — wieder nach langer Zeit — eine 
bewusste Tätigkeit des Geistes ein: es wurde die Arbeit erfunden. Aus 
dieser, Werte schaffenden, Tätigkeit entwickelte sich der Begriff des 
Eigentumes: „es ist anzunehmen, dass der Urmensch jede Waffe, jedes 
Gerät, jeden Schmuck, den er mit vielen Mühen seinen Bedürfnissen an- 
gepasst hatte, nun auch eisern festhielt und nicht gleichgültig den Ge- 
nossen überliess." Es entstand Streit. Er ist die Voraussetzung für die 
Geburt des Rechtes, „dessen einziger Zweck es ist. Streit zu hindern 
und zu schlichten." Nun hätte ja die Möglichkeit bestanden, statt des 
Austrages des Streites sich zu trennen, „es ist aber sehr fraglich, ob im 
Gehirne auch nur Eines jener Urmenschen der Gedanke einer Trennung 
aufleuchtete." Der soziale Trieb, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, 
der Herdeninstinkt hinderte es; dieser „Charakterzug des Menschen- 
geschlechtes" hat sich bis heute nicht gewandelt. Also blieb nur der 
Kampf. War er unentschieden, so kam nun ein erster Vertrag zustande; 
wurde der eine Teil unterdrückt, so gab es ständig Auflehnung, bis auch 
hier eine Verständigung mit dem Inhalte der Gleichstellung zustande 
kam. So entstand der Zwang zur Arbeit und aus der Pflicht das 
Recht. Das Recht ist eine Schöpfung von Edelnaturen, von freien Per- 
sönlichkeiten. Es ist also Recht und Rechtsgefühl aus dem Freiheitsdrang 
abzuleiten, was Verf. durch Daten aus Völker- und Menschenbeobachtung 
zu stützen sucht. — In einer gleichen Art und Weise, wie bis dahin, 
unternimmt es der Aufsatz, dann die weitere Ausbildung der Stände und 
Klassen zu schildern. Im besonderen wird dabei (in zweifellos unhaltbarer 
Weise) die llntrennbarkeit von Staat und Recht behauptet. Die letzten 
Schlüsse der Arbeit sind: Es gibt keine angeborenen Rechte, alle Rechte 
stammen aus Verträgen; — das Recht ist keine willkürliche Einrichtung, 
sondern „wurde notwendig, als die menschliche Seele erwachte"; — auch 
die übrigen soziologischen Gebilde der Menschheit (Sitte, Moral, Ehre, 
Religion) sind nichts von aussen an uns Herangebrachtes. — Rechtsgefühl 
ist der Wille zum Recht; es ist „nichts anderes, als der Stolz der Persön- 
lichkeit". Das Recht wird überhaupt nur durch das in den Mitgliedern 
einer Gemeinschaft lebendig wirkende Rechtsgefühl aufrecht erhalten. 
Das letztere lässt sich sehr gut mit dem ästhetischen Empfinden ver- 



324 Kantgesellschaft. 

gleichen. Das Rechtsempfinden befindet sich bei den kaukasischen, und 
zum Teil auch bei den mongolischen Völkern in einer aufsteigenden Ent- 
wicklung. 

Die Schrift, deren Inhalt hier skizziert ist, ist lebhaft geschrieben 
und liest sich angenehm. Zur Lösung der hier gestellten Aufgabe über 
die erkenntniskritische und psychologische Art des Rechtsgefühls, über 
seine Bedeutung in der Geschichte der Rechtsphilosophie und in der 
rechtlichen Praxis trägt sie nichts Wesentliches bei; sie vermag auch für 
diese Fragen nicht in erwähnenswerter Weise anregend zu wirken. Sie 
kann darum einen Preis nicht erhalten. 

Eagen Huber. Paul Natorp. Rudolf Stammler. 

In der Generalversammlung der Kantgesellschaft am 19. April d. J. 
im Auditorium maximum der Universität Halle wurden die verschlossenen 
Couverts der Preisträger und des Belobten durch den Vorstand der Kant- 
gesellschaft, Herrn üniversitätskurator Geh. Ober-Reg.-Rat G. Meyer, 
eröffnet. Als Verfasser der mit dem 1. Preis (1500 M) gekrönten Arbeit 
ergab sich 

Primararzt Dr. med. Sigmund Kornfeld, 
Wien IX, Aiserstrasse 8. 
Als Verfasser der mit dem 2. Preis (800 M.) gekrönten Arbeit 
ergab sich 

Lehrer Georg Büttner, 

Meissen a. E., Zscheilaerstrasse 21. 

Als Verfasser der an Stelle eines 3. Preises durch eine öffentliche 

Anerkennung ausgezeichneten Arbeit ergab sich 

Dr. jur. Magnus Siems, 

Kroegersdorf bei Berne (Oldenburg). 

Die mit dem 1. Preis gekrönte Arbeit des Herrn Primararztes Dr. 
S. Kornfeld wird in der „Zeitschrift für Rechtsphilosophie in Lehre und 
Praxis", welche soeben von R. Stammler, F. Holldack und R. Jorges 
neugegründet worden ist (Verlag F. Meiner, Leipzig) abgedruckt werden. 

Die übrigen 3 Arbeiten werden entsprechend den Bestimmungen 
des Preisausschreibens, durch den Geschäftsführer der Kantgesellschaft, 
Prof. Dr. Vaihinger in Halle, denjenigen zurückgestellt, die sich als 
Verfasser nach dem Urteil des Genannten genügend ausweisen; der Name 
solcher Verfasser wird ausser dem Genannten Niemanden bekannt gegeben. 
Nicht zurückgeforderte Arbeiten werden nach Verlauf eines Jahres, am 
22. April 1914, samt dem zugehörigen uneröffneten Couvert, vernichtet. 



Entsprechend unserem früheren Usus bei unseren Preisausschreiben 
lassen wir hier die von uns eingeforderten und uns gütigst zugesendeten 
kurzen Autobiographien der Ausgezeichneten folgen. 

1. 
Ich bin am 21. April 1859 in Goltsch-Jenikau in Böhmen geboren. 
Die Gymnasialstudien absolvierte ich in dem benachbarten Iglau in Mähren. 



Kantgesellschaft. 325 

Meine medizinischen Studien begann ich in Prag, setzte sie nacli einem 
Jahre in Wien fort, wo ich 1885 promoviert wurde. Als Hilfsarzt im All- 
gemeinen Krankenhause bekam ich durch Zuteilung an die psychiatrische 
Klinik von Meynert Gelegenheit zur Ausbildung in der Psychiatrie. Im 
folgenden Jahre wurde ich Assistent der Nerven- und psychiatrischen 
Klinik von Krafft-Ebing in Graz. In dieser Stellung beschäftigte ich 
mich, um mir die wissenschaftlichen Grundlagen für ein selbständiges Ar- 
beiten anzueignen, einerseits mit Anatomie des Nervensystems, anderer- 
seits mit Psychologie. Indem ich hierbei den schon im Gynjnasium er- 
haltenen Anregungen und dem Eindrucke der Psychiatrie Griesingers 
folgte, befasste ich mich zunächst mit den Werken Herbarts und seiner 
Schule. Die moderne experimentell-psychologische Richtung lernte ich 
durch die Teilnahme an den von Prof. v. Meinong geleiteten Übungen 
kennen. Prof. v. Krafft-Ebing, dem ich 1889 nach Wien folgte, gab mir 
die Anregung, die sog. Paranoia originaria zu studieren. Ich folgte dieser 
Anregung bereitwillig. Es galt nun zunächst die Frage nach der Psycho- 
genese der Wahnideen und die nach den Entstehungsursachen der so 
häufig im Verlaufe dieser Krankheit von mir beobachteten psjxhischen 
Abstumpfung zu lösen. Ich bemühte mich über den inneren Zusammenhang 
der intellektuellen und der emotionellen Vorgänge Klarheit zu gewinnen. 
Zu diesem Behufe erschien es mir notwendig die den psychischen parallel 
gehenden somatischen Vorgänge am lebenden Menschen zu studieren, und 
deshalb suchte ich mich mit den Methoden zur Untersuchung des Blutkreis- 
laufes vertraut zu machen. Zu diesem Zwecke nahm ich die schon früher 
betriebenen Arbeiten im Laboratorium des Prof. v. Basch wieder auf. 
Dieser ist es, dem ich die grösste Förderung zu verdanken habe. Von 
meinen hier durchgeführten Arbeiten ist die umfangreichste „Über den 
Mechanismus der Aorteninsufficienz". Daneben setzte ich die psycholo- 
gischen Studien fort. Vorwiegend für die Psychologie des Gemütes 
interessiert, war ich zu Beneke und von diesem zurück zu Fries und vor- 
wärts zu Fortlage gelangt. Auch las ich Schleiermacher und die ihm 
nahestehenden Psychologen ; besonders eingehend aber studierte ich Lotze, 
Horwicz und, durch die Schriften von Lazarus veranlasst, Steinthal, dessen 
Ethik tiefen Eindruck auf mich machte. Auch die Hauptwerke der 
grossen Pädagogen lernte ich kennen, aus Interesse teils an der Psycho- 
logie des Kindesalters, teils an der Heilpädagogik. Erst später kam ich, 
hauptsächlich durch Fortlages Darstellungen angeregt, zum Studium der 
Werke Kants, deren tieferes Verständnis ich mir an der Hand älterer 
und neuerer Schriften zu erschliessen suchte. Als Hauptgewinn dieser 
Studien möchte ich es bezeichnen, dass mir das Bild der sittlichen 
Persönlichkeit Kants immer deutlicher entgegentrat. 

Die Resultate der Forschungen, von denen ich ausgegangen war, 
legte ich in einem Vortrage dar, den ich 1894 im „Verein für Psychiatrie 
und Neurologie in Wien" hielt. Eine Zusammenfassung der durch Er- 
weiterung meiner Untersuchungen gewonnenen Ergebnisse versuchte ich 
in der Abhandlung „Über die Beziehungen von Blutkreislauf und Atmung 
zur geistigen Arbeit«, die 1899 in der Festschrift der technischen Hoch- 
schule in Brunn erschien. Ich war nämlich seit 1893 Primararzt der mäh- 



326 Kantgesellschaft. 

rischen Landes-Irrenanstalt in Brunn geworden und hatte mich 1896 an 
der dortigen technischen Hochschule habilitiert, wo ich über Physiologie 
und physiologische Psychologie las. Schwere Kämpfe, die ich in meiner 
amtlichen Stellung zu bestehen hatte, erschütterten meine Gesundheit 
derart, dass ich 1898 einen längeren Urlaub nehmen musste, und später in 
den zeitlichen Ruhestand trat. Diese Erlebnisse hatten zwar eine Hemmung 
meiner wissenschaftlichen Tätigkeit für Jahre zur unmittelbaren Folge; 
rückschauend sehe ich aber, dass gerade sie mir den allerersten Anstoss 
zum Nachdenken über das Wesen des Rechtes und des Rechtsgefühles, 
allerdings damals noch ohne wissenschaftliche Ziele, gegeben haben. Zu 
meinem Glücke waren meine Grundanschauungen über das Wesen des 
Gefühles und seine Rolle in der Gesamtheit des Seelenlebens schon vorher 
abgeschlossen. Erst später konnte ich diese Grundanschauungen im ein- 
zelnen ausgestalten, so in der Arbeit „Zur Pathologie der Angst", der ich 
die Darlegung meiner therapeutischen Erfahrungen „Zur Therapie der 
Angst" folgen Hess. Günstige Gelegenheit zur Mitteilung weiterer Er- 
gebnisse meiner Arbeit gab mir eine Reihe von Vorträgen, die ich in der 
„Gesellschaft für Psychologie in Wien" hielt: „Über die energetische Auf- 
fassung psychischer Vorgänge auf Grund der Blutdruckmessung", „die 
Psychologie der Moral insanity", „die physiologischen Grundlagen der Ge- 
fühle" etc. Gleichzeitig bearbeitete ich als Teil des „Handbuch der Ge- 
schichte der Medizin" die Geschichte der Psychiatrie der Neuzeit. 

Die spezielle Richtung auf das Rechtsgefühl nahmen meine psycho- 
logischen Bestrebungen infolge meiner Erfahrungen auf gerichtsärztlichem 
Gebiete. Das Resultat dieser Erfahrungen legte ich in zwei Vorträgen 
nieder, die ich 1908 im „Sozialwissenschaftlichen Bildungsverein" hielt: 
„Die gerichtspsychiatrische Sachverständigentätigkeit und ihre Ethik". 
Immer mehr vertiefte ich mich in das Problem des Rechtsgefühles und 
als mich der Vorstand der „Philosophischen Gesellschaft" zu einem Vor- 
trage einlud, wählte ich das Rechtsgefühl zum Thema. Bald darauf hatte 
ich Gelegenheit zu Ergänzungen, als ich in einem juristischen Studenten- 
yerein „Über die soziale Bedeutung und die pädagogische Ausbildung des 
Rechtsgefühles" sprach. So war es ein für mich glückliches Zusammen- 
treffen, dass meine Studien diesen Weg eingeschlagen hatten, als ich von 
der Preisausschreibung der Kantgesellschaft Kenntnis erhielt. 

Dr. S. Kornfeld. 

2. 

Ich wurde am 8. Juni 1877 zu Lössnitz i. Erzgeb. als Sohn des 
Drechslers und Figurenschnitzers Ernst Büttner geboren. Von Ostern 
1891 bis 1897 besuchte ich das Lehrerseminar zu Schneeberg i. E. Hierauf 
war ich bis Ostern 1903 erstHilfs-, dann ständiger Lehrer in Crimmitschau. 
Seit dieser Zeit bin ich Lehrer in Meissen. 1908 heiratete ich, und im 
nächsten Jahre wurde mir ein Töchterchen geboren. Mit dieser kurzen 
Darstellung meines Lebens ist zugleich mein äusserer Bildungsgang um- 
rissen. Noch möchte ich erwähnen, dass neben der Philosophie auch die 
Holzschnitzerei von jeher meine Mussestunden in Anspruch nahm. Auch 
auf diesem Gebiete wurde mir vor kurzem die Freude zu teil, gelegent- 



Kantgesellschaft. 327 

lieh eines Wettbewerbes in holzgeschnitzten Krippenfiguren der von der 
Sächsischen Landesstelle für Kunstgewerbe in Verbindung mit dem Verein 
für Heimatschutz ausgeschrieben war, meine Arbeiten mit einem 1. Preise 
bedacht zu sehen. 

Meine wissenschaftlichen Studien bestanden im Wesentlichen in 
nichts anderem, als in einer sich durch nichts beirren lassenden naiven 
Hingabe an den innern Drang nach widerspruchsfreiem Erkennen auf 
allen Gebieten, die sich meinem Interesse darboten. Ich bin also Auto- 
didakt. Der vorwiegend nach der rein erkenntniskritischen Seite ge- 
richteten Einstellung meines Interesses an der Philosophie entsprechend 
verlegte ich die Beschäftigung mit den Philosophen der Vergangenheit 
und Gegenwart nicht an den Anfang, sondern ans Ende, wenigstens an 
einen nunmehr erreichten wesentlichen Abschluss meines philosophischen 
Erkennens. Freilich bin ich meinen Weg nicht völlig gegangen, ohne 
überkommene Ergebnisse, wie z. B. das erkenntniskritische Grundgesetz 
von Kant als Grundlage meines eigenen Weiterbauens verwendet zu haben. 
Nur habe ich von einem systematischen Studium der Geschichte der Philo- 
sophie abgesehen. Meine nachträgliche Beschäftigung mit den Philosophen 
verdient nun freilich weniger die Bezeichnung eines Studiums, als viel- 
mehr die einer geistigen Zwiesprache. 

Somit sind mir die Früchte meines philosophischen Strebens nicht 
allzuschnell gereift; aber dafür erfreue ich mich nun einer um so leben- 
digeren und in der Anwendung aufs Einzelne umso geschmeidigeren ein- 
heitlichen Weltauffassung, in der der zwischen „Natur- und Geisteskausa- 
lität" klaffende Gegensatz unbeschadet der einen oder anderen Seite sicher 
überbrückt ist. 

Den Weg an die Öffentlichkeit habe ich bisher insofern gefunden, 
als verschiedene Aufsätze von mir in einschlägigen Zeitschriften Aufnahme 
fanden. Als die bedeutendste dieser Arbeiten führe ich an: „Das psycho- 
physische Verhältnis als Grundproblem der Entwicklungslehre, der Psycho- 
logie und der Philosophie", veröffentlicht in der „Zeitschrift für den Aus- 
bau der Entwicklungslehre^^ 1909, Heft 8/9. Der schönste Erfolg aber ist 
mir die Preiszuerkennung auf meine Bewerbungsschrift an der „Rudolf 
Stammler-Preisaufgabe" der „Kantgesellschaft". 

Meissen a. E., am 27. April 1913. Georg Büttner. 

8. 

Ich bin im Jahre 1882 im Oldenburgischen als Sohn eines Guts- 
besitzers geboren, besuchte die humanistischen Gymnasien in Oldenburg 
und Norden und befleissigte mich nach bestandenem Abiturientenexamen 
in Tübingen, Leipzig, München und Berlin der Rechts- und Staatswissen- 
schaften. Ich hatte mir ursprünglich die Lehren und die Probleme der 
Jurisprudenz ein wenig anders vorgestellt, als sie sich mir hernach dar- 
stellten, denn, wie wohl jeder unbefangene Mensch, war auch ich, wenn 
auch ohne volles Bewusstsein, gutgläubigerweise Naturrechtler gewesen. 
Ich erwarb nach 7-8emestrigem Studium mit einer Dissertation über die 
Frage, ob das juristische Schuldurteil mit den Lehren der deterministischen 
Theorie vereinbar sei oder nicht, in München den juristischen Doktorgrad, 



328 Kantgesellschaft. 

aber zum sog. Vollblutjuristen war ich nicht geworden. Der Jurist, der 
sich in jedem Falle an das Gesetz zu halten hat, muss viele Rechtsfragen 
in einer Weise beurteilen, dass die Entscheidung zu dem apriorischen 
Rechtsbewusstsein der Menschen in Widerspruch steht, und die Stimme 
dieses Rechtsbewusstseins glaubt der moderne Jurist prinzipiell nicht 
hören zu dürfen. Ich aber konnte den Gedanken, dass es mit dem aprio- 
rischen Rechtsurteil etwas auf sich habe, nicht los werden, und ich fand 
deshalb in dem heute fast allgemein angenommenen dogmatischen Rechts- 
positivismus keine Befriedigung. Nach bestandenem Examen trieb ich 
darum mit erneutem Eifer philosophische Studien und ging alsbald nach 
Bonn, um den konsequentesten Vertreter des Rechtspositivismus und her- 
vorragendsten Gegner des Naturrechts, Prof. Bergbohm, persönlich zu 
hören. Im Zusammenhang mit meinen rechtsphilosophischen Studien hatte 
ich mich auch eingehend mit den Problemen der Ethik zu befassen, und 
allmählich gelangte ich in beiden Disziplinen zu einer besonderen, mehr 
oder weniger neuen Theorie. Von Bonn aus ging ich wieder nach München, 
um dort die schon früher gehörte rechtsphilosophische Vorlesung von 
Prof. V. Birkmeyer, dem m. W. einzig übrigen juristischen Vertreter natur- 
rechtlicher Anschauungen, noch einmal zu besuchen. Kurze Skizzen meiner 
philosophischen Theorien sind erschienen in der Zeitschrift für die ge- 
samte Strafrechtswissenschaft (Bd. 34) bezw. im Archiv für systematische 
Philosophie (Bd. XVIII). Seitdem ich mit meinen rechtsphilosophischen 
und ethischen Studien, wenigstens vorläufig, zu einem Abschluss gekommen 
bin, bin ich in erster Linie mit Sprachstudien beschäftigt, habe mich zu 
diesem Zwecke auch längere Zeit im Auslande aufgehalten. Wenn ich 
„in Wort und Schrift" auch eigentlich nur das Englische hinreichend be- 
herrsche, so bin ich im Französischen, Italienischen und Spanischen doch 
immerhin soweit gediehen, dass ich Schriftwerke in diesen Sprachen 
fliessend und ohne Schwierigkeit lesen kann. Dr. M. Sie ms. 



Kantgesellschaft. 329 



Kantgesellschaft. 

Bericht über die Allgemeine Mitgliederversammlung 

(Generalversammlung) 
am Sonnabend, den 19. und Sonntag, den 20. April 1913. 
Die diesjährige Generalversammlung der Kantgesellschaft fand am 
Sonnabend, den 19. und Sonntag, den 20. April 1913 in Halle statt. Wiederum 
war hocherfreulicher Weise die Beteiligung unserer Mitglieder sowie anderer 
Freunde der Gesellschaft eine ausserordentlich lebhafte; es war sogar eine 
Steigerung des Besuche? dem Vorjahre gegenüber zu verzeichnen. Nicht nur 
aus Deutschland, sondern auch aus Österreich-Ungarn, Russland, ja aus Japan 
waren Mitglieder anwesend. Nachdem sich schon am Freitag Abend mehrere 
Mitglieder im Hotel zur Tulpe zusammengefunden hatten, traf dann die Mehr- 
zahl am Sonnabend Vormittag ein. Zu dem gemeinsamen Mittagsmahl am 
Sonnabend waren etwa 45 Mitglieder versammelt. Der Geschäftsführer, Geheim- 
rat Vaihinger, begrüsste die Erschienenen mit warmen Worten. Er teilte den 
Versammelten die Grüsse mit, welche seitens solcher Mitglieder eingetroffen 
waren, die nicht persönlich erscheinen konnten, so von Geheimrat Windel b an d- 
Heidelberg, von Professor Natorp-Marburg, von Professor Meinong-Graz. 
Am Schluss des fröhlich verlaufenen Mahles wies der Geschäftsführer auch in 
launiger Weise auf eine reiche Schenkung hin, die der Generalversammlung 
von der bekannten .Kant-Schokoladen-Fabrik" in Wittenberg zuteil geworden 
war. Die Fabrik hatte in splendider Weise eine ganze Menge ihrer Erzeugnisse 
zum Nachtisch zur Verfügung gestellt, die auch noch beim Mittagsmahl am 
Sonntag viele Liebhaber fanden. Sehr vielen Anklang fanden auch die auf 
Veranlassung der Geschäftsführung hergestellten Festpostkarte, welche mit der 
Silhouette Kants geschmückt war und folgenden Ausspruch Kants enthielt: 
„Emplrlsdi interessiert das Schöne nur in der Geselisdiaft; 
und man muss den Trieb zur Geselisdiaft als dem ITlensdien 
natürlidi, die Tauglidikeit aber und den Bang dazu, d. i. die Ge- 
selligkeit , als eine zur Erfordernis des ITlensdien als für die Ge- 
selisdiaft bestimmten Gesdiöpfs, also als zur 5umanität gehörige 
Eigensdiaft, einräumen. Den feinen ITlensdien befriedigt ein Objekt 
nidit, menn er das Wohlgefallen an demselben nidit in Geselisdiaft 
mit Anderen fühlen kann. Audi eriuartet und fordert ein 3eder die 
Rüd^sidit auf allgemeine ITlitteilung Don jedermann, gleidisam als 
aus einem ursprünglidien \7ertrage, der durdi die (Tlensdiheit selbst 

diktiert ist." Kant, Kritik der Urteilskraft § 41. 

Nach dem Mittagsmahl unternahmen viele Teilnehmer einen gemeinsamen 
Spaziergang zur Moritzburg, deren historische Denkwürdigkeiten besichtigt 
wurden; andere fuhren auf der Saale zur Burgruine Giebichenstein. Um 
5 Uhr fand man sich sodann im Auditorium maximum der Universität ein, 
woselbst sich schon sehr viele Dozenten und Studenten der Universität Halle, 
sowie viele Lehrer der verschiedenen Unterrichtsanstalten und andere Notabili- 
täten der alten Saalestadt versammelt hatten. Zunächst begrüsste der Geschäfts- 
führer, Geheimrat Vaihinger, die Erschienenen, zeichnete dann ein Bild von 



330 Kantgesellschaft. 

den Bestrebungen und der Entwickelung der Kantgesellschaft, wobei er be- 
sonders betonte, dass die Kantgesellschaft als solche keiner speziellen Schul- 
richtung diene. Der Geschäftsführer begrüsste ferner die anwesenden Vertreter 
der staatlichen und städtischen Behörden, sowie der Höheren Schulen Halles 
und insbesondere auch die Vertreter auswärtiger Korporationen, so des Witten- 
berger Prediger-Seminars und der Wiener „Gesellschaft für freie psycho-analy- 
tische Forschung", ferner den aus Russland erschienenen Professor Iwanowski- 
Kasan, und den Ordinarius der Philosophie in Kyoto, Japan, Professor Takahiko 
Tomoyeda. Er übergab darauf das Wort an Herrn Professor Dr. Richard 
Falckenberg aus Erlangen zu einem Vortrag über: „Lotze, seine Be- 
ziehung zu Kant und Hegel und seine Bedeutung für die philo- 
sophischen Probleme der Gegenwart." Dieser Vortrag wird sämtlichen 
Mitgliedern der Kantgesellschaft im Druck zugesendet werden. 

Nach dem etwa einstündigen Vortrag fand unter dem Vorsitz des Vor- 
standes, des Herrn Geheimen Ober-Regierungsrates Meyer, Kurator der 
Universität Halle, die allgemeine Mitgliederversammlung statt. Nachdem der 
Herr Kurator auch seinerseits die Anwesenden begrüsst und auf das lebhafte 
Anwachsen der Gesellschaft hingewiesen hatte, erstattete zunächst der Geschäfts- 
führer, Geheimrat Vaihinger, in eingehender Form den Geschäftsbericht über 
das Jahr 1912, Einnahmen und Ausgaben etc. Dieser Bericht wird später in 
den Kantstudien veröffentlicht werden, wenn die Rechnungen definitiv abge- 
schlossen sind. Die Entlastung der beiden Geschäftsführer wurde seitens der 
Generalversammlung dem Verwaltungsausschuss übertragen. Die wechselnden 
Mitglieder des Verwaltungsausschusses (Stammler, Gerhard, Lehmann, von Kern) 
und die beiden Geschäftsführer (Vaihinger und Liebert) wurden wieder gewählt. 

Sodann fand unter gespanntester Aufmerksamkeit die Verkündigung des 
Urteils der Preisrichterkommission über die zum 22. April 1912 eingelaufenen 
Arbeiten zur Rudolf-Stammler-Preisaufgabe über „Das Rechtsgefühl" 
und die Eröffnung der verschlossenen Couverts der Sieger in der Konkurrenz 
statt. Es waren im ganzen sechs Arbeiten eingegangen, über welche Herr 
Geheimrat Stammler ausführHch referierte. Drei Arbeiten waren aus der 
Konkurrenz ausgeschieden worden. Die drei übrigen Arbeiten wurden nach dem 
einstimmigen Urteil der drei Preisrichter (der Herren Professoren Stammler, 
.Huber und Natorp) in folgender Weise mit einem Preis gekrönt: Die Arbeit 
von Dr. Siegfried Kornfeld, Primararzt und Gerichtsarzt in Wien, erhielt den 
ersten Preis von M. 1500; die Arbeit von Lehrer Georg Büttner inMeissena.E. 
den zweiten Preis von M. 800, während die dritte Arbeit von Dr. Magnus 
Sie ms in Krögersdorf bei Berne (Oldenburg), mangels eines 3. Preises, mit 
einer öffentlichen Belobigung ausgezeichnet wurde. Die drei Preisträger wurden 
sofort telegraphisch von dem schönen Erfolg in Kenntnis gesetzt. Die ausführ- 
lichen Urteile der Preisrichter über alle sechs Arbeiten sind in dem vorliegenden 
Heft abgedruckt. Hinzugefügt sind auf Veranlassung der Geschäftsführung kurze 
Skizzen von den 3 Preisträgern über ihren Lebensgang und ihre wissenschaft- 
liche Entwickelung. 

In der weiteren Erledigung der Geschäftsordnung machte Herr Geheimrat 
Vaihinger Mitteilung über eine neuzustellende Preisaufgabe, die den Einfluss 
der Kantischen Philosophie auf die Männer der deutschen Reform- 
und Erhebungszeit behandeln solL Das Preisausschreiben mit seinen 



Kantgesellschaft. 331 

näheren Bestimmungen wird in den Kantstudien veröffentlicht werden. (Vgl. 
auch den einige Seiten weiter abgedruckten: »Aufruf zur Ermöglichung einer 
neuen, der siebenten, Preisaufgabe".) 

Der stellvertretende Geschäftsführer berichtete sodann über den Stand der 
in Arbeit befindhchen Neudrucke, sowie über die weiteren Pläne zur Ausgestaltung 
dieses von unseren Mitgliedern mit lebhaftem Beifall begrüssten Unternehmens. 
Wiederholt sind der Geschäftsführung interessante und wertvolle Neudruckvor- 
schiäge gemacht worden, die sich z. B. auf Beck, Joh. Schulze, Forberg, Flügge, 
Lambert u. a. beziehen und die alle sorgfältig berücksichtigt und vermerkt werden. 
Gegen Ende dieses Jahres wird als Band 4 der ganzen Serie der erste 
Band von Tetens: „Philosophischen Versuchen" in dem statthchen Um- 
fang von ca. 50 Druckbogen den Mitgliedern zugestellt werden können. Ferner 
konnte der stellvertretende Geschäftsführer auf die hoch erfreulicherweise 
Zusehens sich vermehrenden geselligen und intellektuellen Beziehungen zwischen 
den Mitgliedern hinweisen. Eine besondere Unterstützung für diesen Verkehr 
ist jetzt durch die Hinzufügung der nach Städten geordneten Mitgliederliste in 
dem General-Mitgliederverzeichnis geschaffen. Dadurch können Mitglieder, die 
in irgend eine andere Stadt kommen, sich sehr leicht orientieren, ob dort auch 
Mitglieder der Kantgesellschaft wohnen, um mit diesen dann ev. persönliche 
Beziehungen anknüpfen zu können. Das ist auch, wie von mehreren Seiten 
bemerkt wurde, bereits des öfteren geschehen. Es konnte weiter -auf den sehr 
erfreulichen Umstand hingewiesen werden, dass in der Zeit vom I.Januar 1913 
bis zum 19. April 1913 wiederum ca. 80 neue Mitglieder der Kantgesellschaft 
beigetreten sind. Zu einem bestimmten Teile beruht diese bedeutsame Zunahme 
der Mitgliederzahl auf der Veranstaltung von Vortragsabenden in Berlin, die 
nicht nur von unseren Berliner Mitgliedern, sondern auch von auswärtigen 
Mitgliedern so zahlreich und eifrig besucht werden, dass die Teilnehmerzahl im 
Durchschnitt über 100 Mitglieder pro Abend beträgt. Der starke Anklang, den 
diese Vortragsveranstaltung findet, ist wohl ein Beweis dafür, dass die Kant- 
gesellschaft mit dieser Einrichtung eine Lücke in dem reichen Vortragsleben 
der Gegenwart ausgefüllt hat. Auch an dieser Stelle sei noch einmal die in 
der Generalversammlung geäusserte Anregung wiederholt, dass doch diejenigen 
auswärtigen Mitglieder, die nach Berlin kommen, kurz vorher bei dem stellver- 
tretenden Geschäftsführer anfragen mögen, ob nicht gerade in der Zeit ihrer 
Anwesenheit in Berlin ein Vortragsabend stattfindet, sodass ihnen die Möglich- 
keit zur Teilnahme an demselben geboten würde. Auch dieses Verfahren ist 
schon häufig befolgt worden, so dass wir fast jedesmal in unserem Kreise in 
Berlin Mitglieder von ausserhalb begrüssen durften. Alle Mitglieder der Kant- 
gesellschaft haben das Recht, an diesen Berliner Veranstaltungen teilzunehmen. 
Von Seiten einiger Mitglieder wurde dann angeregt, dass solche Lokalver- 
einigungen auch in anderen Städten entstehen möchten. 

Auf Antrag des Geschäftsführers, Geheimrat Vaihinger, wurde sodann noch 
ein Zusatz zum § 7 unserer Satzungen beschlossen. Darnach sollen die ordent- 
lichen Professoren der Philosophie an der Universität Halle dem Vorstand der 
Kantgesellschaft nur dann angehören, .falls sie Mitglieder der Kantgesellschaft 
sind oder es werden". 

Es wurde dann noch berichtet über die Unterstützung von 400 Mk., 
welche die Kantgesellschaft dem bibliographischen Unternehmen der .Phllo- 

KantstodieD XVIII. 22 



332 Kantgesellschaft. 

Sophie der Gegenwart" zu Teil werden Hess; der Herausgeber dieses gross- 
angelegten Unternehmens, Herr Privatdozent Dr. Arnold Rüge -Heidelberg, 
gab persönHch über die Tendenz und Organisation des Unternehmens die 
nötigen Aufschlüsse. 

Mit grossem Beifall wurde der Bericht über die Vermehrung der Kant- 
stiftung um 6100 Mk. aufgenommen, welche von Freunden und Gönnern unserer 
Bestrebungen gelegentlich des 60. Geburtstages des Begründers der Kantgesell- 
schaft gespendet worden sind; Letzterer sprach für diese Ehrung seinen wärmsten 
Dank aus. 

Allseitige Anerkennung fand auch folgende Mitteilung. Frau Fabrikbesitzer 
Dr. Elisabeth van Delden-Brons hat ein Legat ihres verstorbenen Vaters, des 
Konsuls Dr. Brons jr. in Emden, das in 6 Jahresraten fällig war, auf einmal 
ausbezahlt, und dadurch die Kantstiftung um 600 Mk. erhöht — ein sehr 
dankenswertes Entgegenkommen der würdigen Tochter eines würdigen Vaters, 
der der Kantgesellschaft von Anfang an ein treues Mitglied war und uns in 
jeder Hinsicht sehr gefördert hat. Ehre seinem Andenken! 

Eine sehr erfreuliche Mitteilung konnte endlich — last, not least — den 
anwesenden Mitgliedern gemacht werden: unser hochverehrtes Ehrenmitglied, 
Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Walter Simon, hat sein schon so 
oft bewiesenes verständnisvolles Interesse für alles, was mit Kant zusammen- 
hängt, dadurch aufs Neue bewährt, dass er die Anregung dazu gegeben hat, 
die erhaltenen Porträts Kants in einem Sammelbande sollen „Kant im Bilde" 
herausgegeben werden. Er hat der Kantgesellschaft zur Unterstützung dieses 
Unternehmens, das innerhalb von 4 Jahren ins Leben treten soll. Eintausend Mark 
zur Verfügung gestellt. Herr Geheimrat Bibliotheksdirektor Dr. Gerhard be- 
richtete hierüber und übernahm den Auftrag der Gesellschaft, dies Unternehmen 
in die Wege zu leiten, was lebhaften Beifall bei allen Teilnehmern fand. 

An Geheimrat Prof. Dr. Walter Simon wurde ein telegraphischer Dankes- 
gruss abgesendet, ebenso an Frau Dr. Elisabeth van Delden-Brons, sowie an 
eine Anzahl solcher Persönlichkeiten, welche sich als Förderer der Gesellschaft 
betätigt haben. 

Am Abend folgte sodann ein sehr angeregt verlaufenes, gemütliches Bei- 
sammensein im „Hotel zur Tulpe", wo nun die Bekanntschaft zwischen den 
einzelnen Mitgliedern vertieft wurde. 

Am Sonntag, den 20., hatte sich die Teilnahme an der Generalversammlung 
bedeutend erhöht, es waren etwa 70 Mitglieder beisammen. In der Frühe fand 
ein gemeinsamer Spaziergang statt, dann hielt im Auditorium maximum Herr 
Professor Richard Hönigswald aus Breslau seinen Vortrag über: 
„Prinzipienfragen der Denkpsychologie." Dieser Vortrag ist in vor- 
liegendem Heft publiziert. 

Darauf versammelten sich wieder die Mitglieder zu einem gemeinsamen, 
in sehr angeregter Weise verlaufenen Mittagsmahl in der „Tulpe", bei dem 
Geheimrat Vai hinger Toaste auf die beiden Herren Vortragenden ausbrachte, 
worauf Geheimrat Im el mann aus Berlin auf Geheimrat Vaihinger toastete 
und diesem den Dank der Mitglieder für seine unermüdliehe und so hocherfolg- 
reiche Arbeit und für seine leider durch ein Augenleiden stärk beeinträchtigte 
Initiative im Dienste der Gesellschaft aussprach. In einem gemeinsamen Spazier- 
gang in das altbekannte, hübschgelegene „Bad Wittekind" fand die General- 



Kantgesellschaft. 



333 



Versammlung ihren Abschluss. Ihr Verlauf dürfte alle Teilnehmer in hohem 
Masse befriedigt und die angenehmsten Erinnerungen in ihnen zurückgelassen 
haben. Es ist schon von vielen Mitgliedern ihre Teilnahme an der nächsten 
Generalversammlung im Jahre 1914 in Aussicht gestellt worden. Das ist um 
so erfreulicher und dankenswerter, als dann die Kant-Gesellschaft auf ein 
Bestehen von 10 Jahren zurückblicken kann. 



Liste der Teilnehmer an der General vei^sammlnn^: 

Ausser dem Vorstand, Herrn Geh. Oberreg. -Rat Meyer, Kurator der Uni- 
versität, dem Herrn Rektor der Universität Halle, Geheimrat Professor Dr. Strauch, 
vielen Dozenten und Studierenden der Universität Halle waren anwesend: 



Privatdozent Dr. Bergmann-Leipzig 

Dr. Biener-Leipzig 

cand. phil. Max H. Boehm-Berlin 

Privatdozent Dr. Braun-Münster 

Oberlehrer Dr. Buchenau-Berlin 
Dr. Buzello-Delitzsch 

Dr. Engert-Dresden 

Professor Dr. Falckenberg und Frau- 
Erlangen 

Assist. Dr. phil. Falckenberg-Hallea.S. 

Geh.Reg.-RatProf.Dr.Finger-Hallea.S. 

Pastor em. Dr. [h. c] Flügel-Dölau b. 
Halle a. S. 

Privatdozent Dr. Frischeisen-Koehler- 
Berlin 

Dr. med. Gent-Osnabrück 

Geh. Reg.-Rat Direktor Dr. Gerhard- 
Halle a. S. 

Dr. Grisebach-Jena 

Privatdozent Dr. Guttmann-Breslau 

Oberlehrerin Hadlich-Halle a. S. 

Professor Dr. Hönigswald-Breslau 

Lehrer A. Hoffmann-Erfurt 

Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Imelmann- 
Berlin 

Professor Dr. Iwanowsky-Kasan 

Direktor Dr. Jahn-Leipzig 

Dr. Marie Joachimi-Dege-Frankfurta.O. 

Privatdozent Dr. Jocrgcs und Frau- 
Halle a. S. 

Pfarrer Kade-Lichtentanne 

stud. phil. Kaufmann-Goettingen 

Obergeneralarzt Prof. Dr.v.Kern-Berlin 

Oberlehrer Dr. Kcsselcr-Cottbus 

Professor Dr. Koenig-Sondcrshausen 

Professor Dr. Krueger und Frau- 
Halle a. S. 

Dr. H. Lehmann und Frau-Leipzig 

Justizrat Dr. Lembser-Halle a. S. 

Dr. Levy-Berlin-Sulil 



Dr. Liebert-Berlih 

Privatdozent Dr. Linke-Jena 

Privatdozent Dr. Lipsius und Frau- 
Leipzig 

Chefredakteur Dr. Michel und Frau- 
Leipzig 

Privatdozent Dr. Oesterreich-Tübingen 

Dr. Walther Pollack-Berlin 

Direktor Dr. Rausch-Halle a. S. 

Stadtrat Reichardt-Magdeburg 

Pfarrer Reinstein-Cröllwitz 

stud. phil. Remmert-Halle a. S. 

Verlagsbuchhändler Reuthei, in Fa. 
Reuther & Reichard-Berlin 

Privatdozent Dr. Ruge-Heidelberg 

Pfarrer Saurbier-Hohenebra 

Professor Dr. Siegel und Frau-Wien- 
Czernowitz 

stud. phil. Sommer-Halle a. S. 

cand. phil. Sveistrup-Berlin 

Dr. Scheler und Frau-Berlin 

Hauptmann a. D. Schraube-Halberstadt 

Dr. Schrecker-Wien 

Frau Direktor Schreiber-Berlin 

Oberzollkontrolleur Schult und 
Schwester-Hamburg 

Professor Dr. Julius Schultz-Berlin 

Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Stammler- 
Halle a. S. 

Dr. Sternberg-Berlin 

Justizrat Dr. Sturm-Naumburg 

Professor Dr. Takahiko Tomoyeda- 
Kyoto 

Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Vaihinger 
und Frau-Halle a. S. 

Dr. med. Veit-Halle a. S. 

Privatdozent Dr. Verweyen und Frau- 
Bonn 

Privatdozent Direktor Dr. Wolff und 
Frau-Halle a. S. 



Der stellvertretende Geschäftsführer: 

Liebert. 



22* 



334 Kantgesellschaft. 

Philosophische Vortragsveranstaltung 
der Kantgesellschaft. 

Im Rahmen der Vortragsveranstaltung der Kantgesellschaft in Berlin, 
die regelmässig in sehr stattlicher Zahl sowohl von Berliner als auch 
von auswärtigen Mitgliedern, ferner von anderen philosophisch interes- 
sierten Persönlichkeiten besucht wird, sind bis jetzt folgende Vorträge 
gehalten worden: 

1912: 

1. am 15. Juni sprach Herr Privatdozent Dr. ITlax Frisdieisen-Koehler über 

Das Bealitätsprobkm. Vortrag liegt gedruckt vor; Umfang: 98 Seiten, 

2. am 2. Oktober sprach Herr Privatdozent Dr. Ernst Cassirer über Form 

und Materie der Erkenntnis. 

3. am 2. November sprach Herr Privatdozent Dr. Friedrich Kunöe über 

Denkmittel der Mathematik im Dienst der exakten Darstellung erkennt- 
niskritischer Probleme. Vortrag liegt gedruckt vor; Umfang: 31 Seiten. 

4. am 7. Dezember sprach Herr l^rivatdozent Lic. theol. ßeinrich Sdiolz 

über Die immanente Krisis der Kantischen Beligionsphilosophie in 
Fichtes Atheismusschriften. 

1913: 

5. am 23. Januar sprach Herr Professor Dr. Georg Simmcl über Das indi- 

viduelle Gesetz. 

6. am 18. Februar sprach Herr Obergeneralarzt Prof. Dr. Berthold üon Kern 

über Einleitung in die Grundfragen der ÄstJietik. Vortrag liegt ge- 
druckt vor; Umfang: 36 Seiten. 

7. am 12. März sprach Herr Direktor Dr. Ferdinand Dacob Schmidt über 

Das Problem der Humanität. 

8. am 21. Mai sprach Herr Professor Dr. Dulius Schulfe über Die Berech- 

tigung der psychologistischen Methode. 

9. am 18. Juni sprach Herr Dr. Emanuel basker über Sinn und Begründung 

des Stetigkeitsprinzips. 

Die Vorträge finden statt in dem wundervollen Vortragssaal des 
„Anwalt ha US es" in Berlin, dem Clubhaus des Berliner Anwaltvereins. 

Der nächste Vortragszyklus beginnt nach der Sommerpause dann 
Mitte Oktober. Eine Reihe namhafter Vertreter der Philosophie, und zwar 
Vertreter der verschiedensten Standpunkte und Richtungen, hat sich 
dankenswerter Weise zur Übernahme von Vorträgen bereit erklärt. 

Der stellvertretende Geschäftsführer: 
Liebert. 



Kantgesellschaft. 335 



Aufruf 

zur Ermöglicliung einer neuen, der siebenten, Preisaufgabe. 

(Jubiläumspreisaufgabe.) 

P. P. 

Seit einer Reihe von Jahren ist die Kantgesellschaft bestrebt, das 
Gedächtnis und die Kenntnis von Deutschlands grösstem Philosophen, 
dessen Lehre für die erkenntnistheoretischen, ethischen und ästhetischen 
Fragen der Gegenwart noch immer unverminderte Bedeutung hat, zu 
pflegen und zu vertiefen. Die Kantgesellschaft hat diesen idealen Zweck 
durch die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift, der „Kantstudien", und 
durch die Stellung von Preisaufgaben zu erreichen gesucht, zu denen ihr 
die Beiträge von verständnisvollen Gönnern die Mittel gewährt haben. 
Wiederum wendet sich jetzt die Kantgesellschaft an Mitglieder und Freunde 
mit der Bitte um Beiträge zu einer neuen Preisaufgabe. Sie darf es 
tun gerade in einem Jahre, das der ICrinnerung an die gewaltige Zeit und 
Bewegung vor hundert Jahren geweiht ist. Denn es handelt sich bei dem 
geplanten Ausschreiben darum, die inneren Zusammenhänge klar- 
zulegen, die zwischen der Philosophie des grossen Königs- 
berger De nkers und der grossen Zeit der Erhebung und Be- 
freiung des deutschen Volkes obwalten. Schon oft ist daran 
erinnert worden, dass die Entstehung des neuen Lebens und des neuen 
sittlich-staatlichen Bewusstseins eine wesentliche Grundlage in der Philo- 
sophie Kants besitze, dass die innere Erneuerung des preussischen Staats- 
wesens nach der Katastrophe von Jena ihren Ausgangspunkt von Königs- 
berg, dem Wirkungsorte Kants, genommen und dass eben dort die 
Begeisterung der Freiheitskriege ihre ersten, so bedeutungsschweren 
Wellen geschlagen habe; oft ist dargelegt worden, eine wie grosse Zahl 
der Reformer und Freiheitshelden — Theodor von Schön, der Nationalheld 
Ostpreussens ; die beiden um die Agrar- und Verwaltungsreform des 
preussischen Staates so hochverdienten Freiherren von Schroetter, der 
Staatsminister wie der Kanzler; Stägemann, der Freiheitsdichter; Frey und 
Morgenbesser, die beiden Mitarbeiter an dem grossen Werk der Städte- 
ordnuni^; die Freiheitshelden Hermann von Boyen und Karl von Clause witz; 
der geistesgewaltige Wilhelm von Humboldt und viele, viele Andere — 
durch die Schule Kants hindurchgegangen und mit Kantischem Geist erfüllt 
waren. Bekannt ist auch, dass die eigentlichen Propheten der Reformzeit, 
wie Fichte, Ernst Moritz Arndt, Schleiermacher, Steffens ebenfalls auf 
dem von Kant gelegten Grunde weiterbuuten. Ja, es ist nicht selten 
ausgesprochen worden, dass Kants kategorischer Imperativ, seine Lehre 
vom Tun des Guten nur um des Guten willen, seine begeisterte Lob- 
preisung der Pflicht, das deutsche Volk innerlich fähig gemacht habe, dem 
Vaterland in den Befreiungskriegen jene unvergleichlichen heroischen 
Opfer zu bringen. An einer zusammenhängenden und tiefergreifenden 
Untersuchung aber, wie weit in der Tat die Einwirkung Kants, seiner 
Schüler und seiner Fortbildner, auf die Staatsmänner jener Zeit, überhaupt 
auf alle führenden Vertreter der Reform und der Befreiung reiche, hat es 
bis auf den heutigen Tag gefehlt. Sie nachzuholen, erscheint nicht allein 
als eine Pflicht der Dankbarkeit und der Pietät gegen Kant, sondern 
schlechthin als eine Pflicht des deutschen Volkes, dem in diesem Jahre 
nicht nur die Aufgabe erwächst. Feste der Erinnerung zu feiern, sondern 
sich ancli darüber klar zu werden, auf welchem geistigen Grunde die ge- 
willt i^vii Leistungen jener grossen Tage ruhen. So darf die Kantgesell- 
sciiHtt hoffen, dass ihr Ausschreiben über den Kinfiuss Kants und der von 
ihm ausgehenden deutschen idealistischen FhilosojMe auf die Männer der 



336 Kantgesellschaft. 

Beform- und Erhebungszeit (event. mit bes. Rücksicht auf Theodor von Schön) 
einen lebhaften Widerhall in den weitesten Kreisen finde. Das Preis- 
richteramt haben die mitunterzeichneten Herren Lenz, Meinecke und 
Spranger übernommen. 

Zur Ausschreibung würdiger Preise bedürfen wir nach Analogie 
der bisherigen sechs Preisaufgaben der Kantgesellschaft mindestens die 
Summe von 

dreitausend Mark, 

und so wenden wir uns nicht bloss an Mitglieder und Freunde der Kant- 
gesellschaft, sondern auch an andere Persönlichkeiten, bei denen wir ein 
verständnisvolles Interesse für diese Sache voraussetzen dürfen, mit der 
Bitte, uns Beiträge zu diesem Preisaufgabefond gütigst zukommen zu 
lassen. Beiträge beliebe man durch Postscheckformular zu senden an die 
Deutsche Bank Berlin, Depositenkasse W., Berlin W. If», Uhlandstrasse 57, 
Konto Liebert (Kantgesellschaft, für die 7. Preisaufgabe) unter Postscheck- 
konto 1023. Auch nimmt der mitunterzeichnete stellvertretende Geschäfts- 
führer und Schatzmeister der Kantgesellschaft, Dr. Arthur Liebert, 
Berlin W. 15, Fasan enstrasse 48, Beiträge gerne direkt an. 

Über die eingegangenen Beiträge wird in den „Kantstudien" quittiert 
werden. Jedem Spender wird ein Abzug dieser Quittung zugestellt. 

Sollten die eingehenden Beiträge die zur Stellung einer Preisaufgabe 
erforderliche runde Summe überschreiten, so wird ein etwaiger Überschuss 
dem im Besitz der Universität Halle befindlichen Fond der „Kantstiftung" 
überwiesen. 

Geh. Ober-Reg.-Rat G. Meyer, Kurator der Universität Halle-Wittenberg, 
Vorstand der Kantgesellschaft. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Walter Simon, Ehrenbürger der Stadt Königs- 
berg i. Pr,, Ehrenmitglied der Kantgesellschaft. 

Oberbürgermeister Körte, Königsberg i. Pr. 

Geh. Reg.-Rat Krohne, Stadtverordnetenvorsteher und Ehrenbürger in 
Königsberg i. Pr. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Max Lenz, Mitglied der Akademie der Wissen- 
schaften, Berlin. 

Geh. Hofrat Dr. Friedrich Meinecke, Professor der neueren Geschichte 
in Freiburg i. Br. 

Dr. Eduard Spranger, Professor der Philosophie und Pädagogik an der 
Universität Leipzig. 

Bibliothekar Dr. Friedrich Thimme, Hannover. 

Sowie die Mitglieder des Verwaltungsausschusses der Kantgesellschaft : 

Dr. Paul Menzer, Professor der Philosophie an der Universität Halle. 

Dr. Felix Krueger, Professor der Philosophie und Psychologie an der 
Universität Halle. 

Geh. Justizrat Prof. Dr. Rudolf Stammler, an der Universität Halle, Ehren- 
doktor der Philosophischen Fakultät der Universität Königsberg. 

Obergeneralarzt Prof. Dr. med. et Dr. phil. (h. c.) Berthold von Kern, 
Inspekteur der 2. Sanitätsinspektion, Berlin. 

Geh. Kommerzienrat Dr. phil. (h. c.) Heinrich Lehmann, Halle. 

Geh. Reg.-Rat Dr. Karl Gerhard, Direktor der Universitätsbibliothek 
Halle. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Hans Vaihinger, Halle, Geschäftsführer der 
Kantgesellschaft. 

Dr. Arthur Liebert, Berlin W. 15, Fasan enstrasse 48, stellvertretender 
Geschäftsführer und Schatzmeister der Kantgesellschaft. 



Kantgesellschaft. 337 

Neuangemeldete Mitglieder für 1913. 

Ergänzungsliste 2: März-Juli 1913. 
A. 

Dr. Rudolf Allers, Assistent der psychiatrischen Klinik, München, Nuss- 
baumstr. 7. 

Victor Altmann, Berlin W. 10, Regentenstr. 17. 

Dr. Otto Anschütz, Delitzsch, Schäfergraben 5. 

Dr. Wilhelm ßenary, Breslau, Kronprinzenstr. 54. 

Rechtsanwalt Dr. Ludwig Bendix, Berlin W. 30, Landshuterstr. 3. 

Professor Dr. Moritz Benedikt, Professor der Nervenpathologie und 
Elektrotherapie a. d. mediz. Fakultät in Wien, in Pension, Wien IX, 
Mariannengasse 1. 

Lehrer Georg Büttner, Meissen a. E., Zscheiberstr. 2L 

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3^1 



Die deutsche Philosophie im Jahre 1912.') 

Von Privatdozent Dr. Oscar Ewald, 



Wenn wir in der Entwicklung der modernen Philosophie 
immer deutlicher die metaphysischen Probleme hervortreten sahen, 
so wird diese Wendung namentlich durch die Erscheinungen des 
letzten Jahres bestätigt. Sucht man nach einem vereinigenden, 
programmatischen Ausdrucke derselben, so wird man — namentlich 
im Hinblicke auf die deutsche Philosophie — sagen können, dass 
der Konflikt zwischen der reinen Erkenntnistheorie und der Meta- 
physik, der sich in den letzten Jahren verbreitete, offen ausge- 
brochen ist. Abgesehen von der Bereicherung, die das Denken 
hierdurch erfährt, besteht noch der Vorteil, dass die letzten 
grundlegenden Prinzipien auf beiden Seiten im Verlaufe der Dis- 
kussion mehr und mehr hervortreten müssen. Die reine Erkennt- 
nistheorie, das ist jene Richtung, die den Begriff des Erkennens 
so weit spannt, dass er alle Fragen nach dem Sein der Dinge in 
sich absorbiert. Sie zerfällt wieder in zwei Gruppen: die phäno- 
menalistische oder positivistische, die überhaupt nichts als real 
erkennt, was nicht Inhalt des Denkens ist; die logistische, die 
sich dem Seinsproblem gegenüber indifferent verhält, mit der Be- 
gründung, die Philosophie habe es bloss mit absoluten Normen 
und Werten, nicht aber mit absoluten Wirklichkeiten zu tun. 

Zu wahrhaft klassischer Ausprägung ist der logistische 
Standpunkt im Neukantianismus der Marburger Schule gelangt, 
dessen namhafteste Vertreter Cohen, Natorp, Kinkel und Cassirer 
sind. Seine wesentlichen Tendenzen fasst Natorp in einem Auf- 
satze der Kantstudien (Festheft zu Hermann Cohens 70. Geburts- 
tag), „Kant und die Marburger Schule" mit so glänzender Prä- 
zision zusammen, dass wir uns dieser Studie zur allgemeinen 
Orientierung bedienen können. \ Kant ist hier weniger in den Re- 

*) Anm. d. Red.: Wir verweisen wiederum auf unsere, dem ersten, 
Bd. XII veröffentlichten, Jahresbericht beigefügte Notiz. 

Kai.tatudlen XVIII. oo 

BÖ 



H40 O. Ewald, 

sultaten als in der Methode des Denkeas vorbildlich. Die Methode 
aber weist auf Plato zurück, der das Wesen des Denkens zum 
ersten Male nicht als starre Fixierung, sondern als unendliche 
Bewegung verstanden hat. Unendliche Bewegung ist das Denken 
auch für Kant. Es gibt nichts, das nicht von diesem Prozess der 
Bewegung ergriffen würde, keine ruhenden Gegenstände, keine 
Dinge an sich, an die das Denken gleichsam von aussen heran- 
träte, um ihm seine Formen aufzuprägen. Solcher Realismus steht 
im Widerspruche mit dem Leitmotiv der transzendentalen Methode, 
deren Sinn es ja ist, dass alle Gegenständlichkeit lediglich eine 
bestimmte Struktur des Denkens ist. Das Denken selbst in seiner 
kategorialen Gesetzmässigkeit erzeugt den logischen und wissen- 
schaftlichen Grundbegriff des Dinges, der vom naiven Bewusstsein 
fälschlich jenseits aller Denkbarkeit hinausverlegt wird. Ein ab- 
solut Denkfremdes kann es nicht geben; das verbietet die von 
Kant vollzogene „kopernikanische" Umkehrung des Standpunktes, 
dergemäss das Sein im Denken seine tiefste Begründung findet. 
Die Kategorien dürfen aber auch nicht als fixe Schemen und 
Schablonen des Geistes betrachtet werden, ein Irrtum, von dem 
Kant nicht völlig frei ist, sie dürfen nicht von einem unbeweg- 
lichen Punkte aus dirigiert, sondern müssen in ihrer wechsel- 
seitigen funktionalen Beziehung und Bedingtheit erfasst werden, 
sie müssen sich in dem sie erzeugenden lebendigen Denkprozess 
selbst auflösen. Diese Methode der Korrelation an Stelle einer 
geradlinigen Deduktion hat Natorp im Anschlüsse an Cohens 
„Logik der reinen Erkenntnis" in seinen „Logischen Grundlagen" 
auch selbständig in Angriff genommen. Unverkennbar ist ihre 
Abhängigkeit von der Hegeischen Dialektik, aber auch die Ver- 
schiedenheit beider Denkweisen. Letztere liegt nicht allein — 
wie Natorp vermeint — in der absolutistischen Tendenz Hegels, in 
seinem Ansprüche, die Totalität des Denkens erschöpft zu haben, 
sondern vor allem darin, dass der Panlogismus der Identitäts- 
philosophie Metaphysik ist, während der neukantische Panlogis- 
mus auch in seiner äussersten Erweiterung Logik bleibt. Für 
Hegel ist der absolute Geist nicht bloss Bestimmung, sondern Er- 
schaffung des Sains durch das Denken, Indem das Logische 
dergestalt nicht mehr die Formen der Dinge umschreibt, sich von 
aussen wie ein Rahmen um sie spannt, indem es in ihr Innerstes 
eindringt, wird es zur weltschöpferischen Gewalt. Oder wie wir 
auch sagen können : im Neukantianismus ist es bloss ein Wert, 



Die deutsche Philosophie im Jahre 1912. 341 

im Hegelianismus ist es auch eine Macht. Mag es paradox 
klingen, Hegel hat ein tiefdringendes Verständnis für den irratio- 
nalen Charakter des Seins ; soll das Denken seiner Herr werden, 
so muss es etwas von seinem Wesen in sich aufnehmen, was sich 
in der Dialektik kundgibt, die ja eine merkwürdige Durchdringung 
von Rationalität nnd Irrationalität ist. Es darf sich ferner nicht 
darauf beschränken, sinnvolle Bedeutung zu sein, es muss ein 
schöpferisches Tun werden, es muss sich mit der eingeborenen 
Dynamik des Seins sättigen. Dem Neukantianismus kann es 
freilich nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er das Sein 
einseitig logisiert hat; solches verbietet ja schon die Tradition 
Kants, die nirgends so eindringlich haftet wie an der Widerlegung 
des ontologischen Gottesbeweises, an dem hier ausgesprochenen 
Verbote, die Denkbarkeit mit dem Sein, den Begriff mit dem 
Realen zu verwechseln. Vielmehr ist das Sein für den Neukantia- 
nismus der Ausdruck einer Relation, der Exponent zweier wesens- 
differenter Glieder: der Phänomene einerseits, der Kategorien 
andererseits. Weder durch die sinnlichen Erscheinungen wird das 
Sein begründet — es ist ja in ihnen kein Kriterium der Realität 
enthalten, ebensowenig wie in blossen Träumen oder Phantomen 
— noch auch in den Kategorien, die ja an sich leer sind und, 
um mit der Realität überhaupt in Berührung zu kommen, der 
sinnlichen Erfüllung bedürfen. Sondern die fortschreitende Be- 
stimmung des Sinnlichen durch das Übersinnliche, der Phänomene 
durch die Kategorien, die, wie Natorp hervorliebt, eine unendliche, 
niemals zum Abschluss kommende ist, konstituiert das Sein, das 
sich so dennoch in einen permanenten logischen Prozess auflöst. 
Diese Auffassung ist insofern ein Phänomenalismus, als sie, auf 
Metaphysik prinzipiell Verzicht leistend, den Umkreis des Bewusst- 
seinsinhaltes nicht überschreiten will. Dies ist ihm auch mit dem 
Positivismus gemeinsam, von dessen landläufigen Formen er sich 
freilich durch seine logistische Tendenz unterscheidet. Ein Tran- 
szendieren des Bewusstseins in der Richtung auf das Ding an sich 
verbietet der Neukantianismus schon aus dem Grunde, weil ihm 
Subjekt und Objekt und die im P>kenntnisakt sich manifestierende 
Beziehung beider gar keine unmittelbar gegebenen Realitäten, 
sondern logische Positionen sind. Das Denken setzt erst den 
Begriff der Gegenständlichkeit, mag sich dieser weiter zum Ob- 
jekt oder Subjekt besondern. Es setzt ferner die Korrelation 
zwischen beiden; und ebenso konstruiert es als Grenzbegriff den 

23* 



342 O. Ewald, 

dieser Korrelation eüthobenen Begriff eines Absoluten, eines „Ding 
an sich". Wohin wir also immer mit unserer Betrachtung dringen 
mögen, stets stehen wir schon vor einem logisch Geformten; nicht 
erst Subjekt und Objekt, schon der einfache, scheinbar unteilbare 
Empfinduugsakt erweist sich genauerer Analyse als solches. 
Gleichwohl ist dieser Standpunkt kein panlogistischer: denn er 
muss anerkennen, dass es ein Letztes, wenn auch völlig Dunkles 
und Bestimmungsloses gibt, das eben immer und überall in logische 
Kategorien gestellt wird, von logischen Bestimmungen gleichsam 
durchwachsen ist. Ein solches Substrat ist auch dem Neukantia- 
nismus unentbehrlich, wenngleich es niemals in nackter Unmittel- 
barkeit gegeben ist. Es geht aus dem Bisherigen hervor, dass er 
es auch anerkennt, dass für ihn der logische Prozess nicht ohne 
Rest aufgeht und eben deswegen ein unendlicher ist. Damit ist 
aber auch schon eine Grenze des Logischen im Gegebenen gesetzt, 
ein prinzipieller Gegensalz, der nicht aufgehoben werden kann. 
Ist der Hegeische Panlogismus, wie wir sehen werden, monistisch, 
so bleibt auch der extreme Neukantianismus in den Dualismus 
gebannt. Das muss aber auch einen entscheidenden Einfluss auf 
die Fassung und Begründung des Seinsbegriffes äussern. Die 
kühnste, originellste Leistung des Neukantianismus nämlich, in der 
er die Konsequenz des transzendentalen Motivs ziehen will, ist die 
Auflösung des Seins in ein Gelten, der Existenz in pure Essenz, 
der Realität in ideale Werte. Der Vorgang ist hier der folgende: 
da das Sein ein Verhältnis zwischen dem Irrationalen und dem 
Rationalen bezeichnet, ist es nicht Substanz, sondern Funktion, 
wie das ausser von Cohen und Natorp namentlich von Cassirer 
erläutert wird. Es ist die Bewegung der fortschreitenden Ratio- 
nalisierung, welche an keinem Punkt zur Ruhe gelangt. Die 
Form dieser Bewegung ist das Urteil, dessen Wesensart die 
Durchdringung und Korrelation des Besonderen und Allgemeinen 
enthält. Das Urteil aber ist wie jede logische Funktion in idealen, 
zeitlos giltigen Werten begründet. Sonach ist das Sein selber im 
Gelten verankert, ja es gibt kein anderes Kriterium des Seienden 
als das Giltige der Existenz, als die Essenz. Namentlich Rickert, 
der seine Theorien abseits vom strengen Kantianismus entwickelt 
hat, zieht diese Konsequenz; und man kann sagen, dass sie sich 
in einem weiten Umkreise der modernen Philosophie bemächtigt 
hat. Erst in jüngster Zeit ist in wachsendem Masse eine Oppo- 
sition gegen diesen extremen Standpunkt wahrzunehmen, deren 



Die deutsche Philosophie im Jahre 1912. 343 

zum Teil schon im vergangenen Jahresbericht Erwähnung geschah. 
So zwingend nämlich die Logik scheint, die vom Sein zum Gelten 
als der höheren Instanz führt, sieht man näher zu, so findet man, 
dass sie nicht auf dem P'undamente ruht, welches das kantische 
System trägt; dass im Gegenteile ein Grundpfeiler derselben durch 
sie ins Wanken gerät. Der Kritizismus nämlich ist ein absoluter 
Dualismus und zwar ein solcher zwischen der Rationalität und 
dem Irrationalen. Als irrational wird das Faktum der Existenz 
gesetzt. Das Merkmal des Logischen ist ja Daseinsfreiheit; und 
umgekehrt ist das Sein dadurch charakterisiert, dass es als solches 
sich nicht logisieren lässt. Dies bedingt zum Beispiel den Unter- 
schied zwischen den mathematischen und dynamischen Kategorien 
hinsichtlich ihrer P'videnz. Auf diesem Dualismus fussend, zer- 
trümmert Kant auch das Prinzip der alten und dogmatischen 
Ontologie, das sich namentlich im Gottesbegriff festgesetzt hatte: 
als ob die Existenz als logisches Merkmal aus der Essenz eines 
Begriffes deduziert werden könnte. Sicherlich weicht das Ver- 
fahren des modernen Logismus von demjenigen der Ontologie ab, 
schon deswegen, weil die St(41ung zur Metaphysik eine andere 
geworden ist. Aber im letzten Prinzip herrscht noch immer eine 
Gemeinschaft: in der Verkennung der absoluten Distanz, die 
zwischen dem Dasein und der Begrifflichkeit waltet. Auch der 
moderne Logisnius ordnet die Existenz dem Denken ein und unter, 
ob er diese Hineinnahme als eine vollzogene Tatsache oder als 
einen unendlichen Prozess betrachte. Das entscheidet auch über 
sein Verhältnis zum Ding an *sich, überhaupt zum Problem der 
Transzendenz. Es ist sehr wesentlich, dass er das Ding an sich 
völlig zu rationalisieren trachtet, es zur Vernunftidee, ja zur 
Grundfunktion des vernünftigen Intellektes stempeln möchte, 
während Kant es ganz deutlich als denkfremden Faktor gesetzt, 
auf den die Empfindung als ihren Seinsgrund hinweist. Dass 
etwas existiert, ist Voraussetzung der angewandten Logik : als 
dasjenige, worauf sie Anwendung findet; es kann daher nicht aus 
ihr selber abgeleitet und begriffen werden. Es scheint, dass eine 
Theorie, die solches verkennt, das Merkmal der Gegenständlichkeit 
mit dem der Existenz verwechselt. Gegenständlichkeit, mag sie 
sich jetzt als subjektives oder objektives Sein qualifizieren, ist 
zweifellos ein durch und durch Kategoriales. Sie ist nicht 
Existenz schlechthin, sondern schon logisch geordnete und logisch 
durchdrungene und bewältigte Existenz. Die Tatsache, dass 



344 0. Ewald, 

Überhaupt etwas existiert, bleibt für den kritischen Philosophen 
eine absolute, vom logischen Erkennen uuüberschreitbare Grenze. 
Und diese Grenze vermochten auch die nachkantischen Denker, 
die Identitätsphilosophen, nicht dadurch zu überschreiten, dass sie 
das Sein im logischen Gelten aufgehen Hessen, sondern umgekehrt 
— wie dies am Beispiele Hegels angedeutet wurde — dass sie 
ein Seiendes suchten, dass in sich selbst den absoluten, idealen 
Charakter logischer Werte präsentierte. Mit einem Worte: durch 
den Übergang von der Logik zur Metaphysik. 

Aber auch wenn man unter Existenz bloss gegenständliche 
Existenz versteht, ist die Seinsfrage nicht definitiv ausgeschaltet. 
Es handelt sich dann bloss um eine terminologische Verschiebung. 
Es muss dann für die logisch noch nicht bewältigte Masse der 
Phänomene, die zugleich Material des Logischen ist, ein eigener 
Seinsbegriff konstituiert werden, der Begriff einer Realität, welche,, 
wenn sie im Vergleich mit der gegenständlichen auch nicht als 
vollwertig betrachtet wird, nichtsdestoweniger eine spezifische, 
unentbehrliche Bedeutung besitzt. Der Standpunkt des Logismu& 
setzt dann den eines radikalen Phänomenalismus voraus. Das un^ 
mittelbar Gegebene sind Erscheinungen und zwar schlechtweg un- 
bestimmte Erscheinungen. Indem sich das logische Denken ihrer 
bemächtigt, ihnen seine Formen aufprägt, entsteht erst die Glie- 
derung in Subjekt und Objekt sowie alle sonstige Einstellung in 
Reihen und Systeme, als deren Resultat sich ein geordneter Welt- 
begriff ergibt. Der Inhalt aber kann letzten Endes nicht von der 
Logik hervorgebracht werden, er rauss ihr — mag man dies Ver- 
hältnis noch so sehr umzudeuten streben — irgendwie gegeben 
sein. Man kann ihn ja auf ein Minimum der Bestimmtheit und 
das heisst zugleich des Wertes und des Seins beschränken: völlig 
eliminieren lässt er sich nicht. Und damit ist nicht allein das 
Irrationale eingeräumt, sondern zugleich in engste Verbindung* 
mit der Tatsache des Seins gebracht. Dass die Grenzen des 
Logismus in ihm selber gelegen sind, ist bereits in mehrfacher 
Weise, so vornehmlich von Lask in seiner „Logik der Philosophie" 
zum Ausdrucke gebracht worden, die durch diese Feststellung den 
Rahmen des Neukantianismus sprengt. Das Logische umkleidet 
sein Material mit begrifflicher Bestimmtheit, aber es dringt nicht 
in dasselbe ein, es in ein Begriffliches zu verwandeln. Dazu 
kommt noch eine Erwägung, die gerade durch den Gedankengang 
des logischen Idealismus bedingt erscheint. Indem das ausser- 



Die deutsche Philosophie im Jahre 1912. 345 

logische Material begrifflich gemeistert wird, verbindet sich mit 
diesem Prozess schou der Hinweis auf einen Schöpfer oder Träger 
der begrifflichen Funktionen. Will man denn wirklich ein Denken 
annehmen, das von jedem denkenden ßewusstsein abgelöst, sich 
selbst überlassen, in gleichgewichtsloser Schwebe bleibt? Der 
Wert, die Geltungssphäre des Gedachten mag autonomen, von 
jedem ßewusstsein unabhängigen Bestand haben. Im Werte des 
Gedachten erschöpft sich aber nicht die Tatsache des Denkens; 
diese ist immer an ein denkendes Wesen gebunden. Und so 
zeigt es sich, dass die Gliederung in Subjekt und Objekt, die der 
Logist erst aus dem Denken hervorgehen lassen möchte, in Wahr- 
heit vom Denken bereits vorausgesetzt wird. Dies ist ja der 
Sinn des von Descartes entdeckten Grundsatzes, der am Eingange 
der modernen Philosophie steht. Auch wo der Wert des Ge- 
dachten noch völlig strittig ist, erscheint die Realität des Denkens 
und damit des denkenden Ich gesichert. Der Logist wird dieser 
Konsequenz entgehen, indem er das reine Denken als einen gänz- 
lich unpersönlichen Prozess betrachtet, der das empirische Subjekt 
nicht voraussetze, sondern es erst fortschreitend erzeuge. Dann 
aber muss als Träger des Denkens ein überpersöuliches, meta- 
physisches ßewusstsein gefordert werden. Und wirklich sehen 
sich viele Logisten zu dieser Konsequenz getrieben, der sie frei- 
lich in dem ßegriff des „Bewusstseins überhaupt" einen sehr un- 
sicheren und schwankenden Ausdruck geben. Schon in meinen 
früheren Jahresberichten habe ich gezeigt, dass als Träger eines 
wirklichen Denkprozesses bloss ein reales ßewusstsein bestehen 
kann, in unserem Falle mithin ein reales Allbewusstsein wie der 
Hegeische Weltgeist. Zweifellos ist aber hier das Mass der meta- 
physischen ßehaftung ein viel grösseres, als dort, wo vom Denken 
bloss auf ein empirisches Ich zurückgegangen wird. 

Unser Ergebnis bleibt also, dass alles Denken eine Realität 
voraussetzt, deren wir unmittelbar innewerden, sei es auf dem 
Wege der Empfindung, des Willens oder der Intuition. Diese Be- 
trachtungen berühren sich in mancher Beziehung mit den Argu- 
menten, die Frischeisen-Köhler in seinem Vortrag „Das Realitäts- 
problem" (veröffentlicht von der Kantgesellschaft, Verlag von 
Reuther & Reichard, Berlin, S. 98) gegen den logistischen Stand- 
punkt erhebt. Er weist die Auffassung zurück, dass Realität eine 
logische Kategorie ist, indem er zunächst auf die selbständige 
Beziehung der Empfindung und sodann des Willensaktes zum Sein 



346 O. Ewald, 

sich beruft. Der Begriff der Aussenwelt wird nicht auf intellek- 
tualistischem sondern auf voluntaristischem Wege gewonnen. In- 
dem wir mit unserem tätigen Wollen auf einen Widerstand stossen, 
werden wir fremder Existenz unmittelbar inne. Das Bewusstsein 
vom Objekt wird sonach in eine vorlogische Sphäre verlegt. 
Dieser Rekurs auf den Willen ist die Fortführung eines zumal 
von Dilthey mit Energie dargestellten Motivs, das freilich auf 
Maine de Biran zurückreicht. Er hat auch eine unverkennbare 
Ähnlichkeit mit dem modernen Intuitionismus. Dies Prinzip einer 
unmittelbaren Erkenntnis führt hier freilich bloss zu einem empi- 
rischen, nicht zu einem absoluten Realismus. Die Realität der 
Gegenstände ist vom empfindenden und denkenden Bewusstsein 
unabhängig, nicht aber von allen Bestimmungen des Bewusstseins 
überhaupt. Es liegt ja schon im Begriff des Wollens und 
Handelns, dass der erfahrene Widerstand lediglich in Korrelation 
zum Ich als sein Gegenglied erfahren wird. Der absolute Realis- 
mus dagegen ist insoferne dogmatisch, als er Merkmale, die inner- 
halb des Bewusstseins gewonnen werden, auf eine völlig transzen- 
dente Sphäre überträgt. Ausführlicher hat der Verfasser diesen 
Standpunkt in der Schrift „Wissenschaft und Wirklichkeit" ent- 
wickelt (Verlag Teubner, Leipzig, VIII u. 478 S.), die sich in drei 
Hauptteile gliedert, deren erster die Unzulänglichkeit des transzen- 
dentalen Idealismus zu beweisen hat; deren zweiter in einer Phä- 
nomenologie des Realitätsbewusstseins die logisch unauflösbare 
Eigenart der Wirklichkeit darstellen soll. Auch hier wird der von 
Dilthey hervorgehobene Zusammenhang mit dem Impuls des 
Wollens betont und so der Anteil des unmittelbaren Lebens am 
Aufbau des Realitätsbegriffes geltend gemacht. Ein grossange- 
legter Versuch, den Realismus zu rechtfertigen und zu begründen, 
ist Oswald Külpes Werk „Die Realisierung" (Verlag von Hirzel, 
Leipzig, X u. 257 S.), dessen erster Band vorliegt. Schon der 
Titel bringt die Tendenz zum Ausdrucke: es handelt sich darum, 
die notwendige Beziehung des Erkennens auf eine selbständige, 
in sich beruhende Realität aufzuzeigen. Külpe zieht den Kreis 
des Problems möglichst weit; nicht allein in den Naturwissen- 
schaften, im Begriff der Aussenwelt, stehen wir vor der Not- 
wendigkeit solch einer Beziehung und Setzung, sondern auch in 
der Psychologie und in den Geisteswissenschaften überhaupt. Hier 
wie dort weist das Denken über sich hinaus, gewinnt es seinen 
Sinn und seine Richtungslinien erst von der Annahme einer in 



Die deutsche Philosophie im Jahre 1912. 347 

ihm unauflösbaren Realität. Die bisherigen Versuche, den Bann 
des Idealismus zu überwinden, zum Beispiel Krafts im letzten 
Jahresberichte erwähnte Schrift „Erkeuntnisbegriff und Weltbegriff" 
hatten sich etwas einseitig am Aussenweltproblem orientiert; hier 
dagegen ist die Gesamtsphäre des Seins in die Problemstellung 
einbezogen. Und so gilt es auch in der Sicherstellung des rea- 
listischen Motivs gegen äussere Angriffe eine möglichst breite 
Basis der Defensive zu gewinnen. Es muss Külpe als ein be- 
sonderes Verdienst angerechnet werden, dass er vielleicht zum 
ersten Male völlig deutlich zwei verschiedene Arten des Idealis- 
mus auseinanderhält: den Konszientialismus oder Bewusstseins- 
idealismus und den transzendentalen, logischen Idealismus. Bisher 
wurden diese beiden Arten, die ja auch unzweifelhaft bestimmte 
Berührungspunkte haben, in der Eegel zusammengeworfen. Und 
dennoch hat die Analyse des Neukantianismus uns gezeigt, dass 
wenigstens die Ausdrucksform des logischen und des Bewusstseins- 
idealismus eine wesentlich verschiedene ist. Der Bewusstseins- 
ideali