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Full text of "Korrespondenz-Blatt"

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Korrespondenz-Blatt 



der 



Deutschen Gesellschaft 



für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 



Herausgegeben von 



Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg 



XLVI. Jahrffan«: 1915 



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Braunschweig 

Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn 
19 15 



Inhalt des XL VI. Jahrganges 1915. 



Seite 

Nr. 1 bis 4. Mitteilung des Vorstandes 1 

Karl v. Spiess, Persönliche und unpersönliche Kunst 2 

Nachruf auf Max Höfler 20 

Nr. 5 bis 8. J. B. Loritz, Über die Herkunft des südbulgarischen Dolichocephalus 21 

Hugo Mötefindt, Über Alter und Herkunft der Kultur des Speltes (Triticum spelta L.) .... 26 

Max Stein, Ein mineralogisches Erkennungszeichen prähistorischer Feuersteinartefakte 30 

Emil Fischer, Dionysos-Sabazios 31 

L. Knoop, Rechter Calcaneus eines Paläolithikers aus dem Diluvium von Gr.-Winnigstedt im Kreise 

Wolfenbüttel 34 

Mitteilung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft 34 

Ernst Lentz, Methodische Siedeluugsforschung 35 

Nr. 9 bis 12. Albert Kiekebusch, Das Aufsuchen und Feststellen vor- und frühgeschichtlicher Siede- 

lungsspuren 37 

Emil Fischer, Der Anteil des Slavischen im Rumänischen 56 

Mitteilungen aus den Lokalvereinen: 

Bonner Anthropologische Gesellschaft 62 

Literaturbesprechungen 73 

Außerordentliche Allgemeine Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in Hamburg, am 

18. Oktober 1915 74 

Zum Gedächtnis: Prof. Dr. Eberhard Fraas und Hofrat Dr. med. Alfred Sehliz 74 



Korrespondenz -Blatt 

der 

Deutschen Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg. 



Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn in Braunschweig. 

XLVI. Jahrg. Nr. 1/4 Jänpiien 12 Nummern. Jan. /April 1915. 

Für alle Artikel, Berichte, Rezensionen usw. tragen die wissenschaftl. Verantwortung lediglich die Herren Autoren; e. S.16 des Jahrg. 1894. 

Inhalt: Mitteilung des Vorstandes. — Persönliche und unpersönliche Kunst. Von Karl von Spiess. — 
Hofrat Dr. Max Höfler. Nachruf. 



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Mitteilung des Vorstandes 



Infolge des Krieges, der viele Mitglieder unserer 
Gesellschaft zu den Fahnen rief, fiel die allgemeine 
Versammlung im Jahre 1914 aus, gelegentlich der die 
Wahl eines zweiten stellvertretenden Vorsitzenden, 
des Generalsekretärs und des Kassenführers statt- 
zufinden hatte. Der Vorstand hat beschlossen, in 
seiner bisherigen Zusammensetzung die Geschäfte 
bis zur nächsten allgemeinen Versammlung weiter- 
zuführen. 

Der Generalsekretär 

Thilenius 



1 



Persönliche und unpersönliche Kunst. 

Von Karl v. Spiess, Wien. 
(Mit 36 Abbildungen im Text.) 



Vor einigen Jahren haben die kgl. preußi- 
schen Kunstsammlungen zu Berlin 1 ) eine Zier- 
platte aus Bronze (Fig. 1) erworben, die dein 
skj tb.isoh-sibiri8cb.en Kunstkreise zugewiesen wird 
und eine menschliche Gestalt zwischen zwei 
Tieren zeigt. Die Leiber dieser Tiere sind 
lang, schmal, in der Mitte eingeknickt und 
enden unten in Köpfe mit aufgesperrten Rachen, 
in denen sich die Füße der Figur befinden. 
Bei der oberen Endigung der Tierleiber ist es 
nicht deutlich, ob es sich bloß um den ge- 
ringelten Schwanz oder um Vogelköpfe handelt, 
die nach dem Kopfe der Figur picken. Das 

Fig. l. 



Fig. 2. 




Aus Neu-Guinea J ) ist seit kurzem ein Schnitz- 
werk (Fig. 3) bekannt, das seinem Aufbaue nach 
mit der zuerst erwähnten Zierplatte große Über- 
einstimmung zeigt. Auch hier ist ein mensch- 
liches Wesen beiderseits von Tieren umgeben. 
Die menschliche Figur ist durch Stilisierung 
ungemein rückgebildet. Der Körper, der keine 
Gliedmaßen hat, ist säulenförmig gestaltet und 
geht an beiden Enden in einen Kopf aus, von 
denen der obere kreisrund ist. Zu beiden Seiten 
pickt oben und unten ein Vogel an dem Körper 
dieses seltsamen Wesens. Die Körper der Vögel 
einer Seite bilden eine Einheit, so daß sich da- 

Fig. 3. 





letztere scheint mir wahrscheinlicher zu sein. 
Demnach würde es sich beiderseits um ein Tier 
mit zwei Köpfen handeln. 

Abgesehen von der Seltsamkeit der Tier- 
gestalten und der steifen symmetrischen Haltung 
der Glieder der menschlichen Figur ist es ohne 
weiteres ersichtlich, daß es sich hier nicht um 
die Darstellung eines iu der Natur beobachteten 
Vorganges handelt. 

Diese Zierplatte steht mit ihrem Vorwurfe 
in diesem Kunstkreise nicht vereinzelt da. 
Aspelin bildet unter den mordwinischen Alt- 
sacheu 2 ) eine Bronzeplatte (Fig. 2) ab , die 
gleichfalls eine menschliche Gestalt, von zwei 
Tieren umringt, wiedergibt. Die Tiere besitzen 
hier nur unterseits Köpfe, ihre Leiber sind mond- 
sichelförmig gekrümmt. Von dem menschlichen 
Wesen in der Mitte ist nur der Kopf und ein 
Teil des Leibes deutlich zu erkennen, während 
alles andere durch Stilisierung iu Linien auf- 
gelöst ist. 



x ) Amtl. Ber. d. kgl. preuß. Kunstsammlg. 1907, 
8. 57 ff., Fig. 49. 

-i Aspelin, L'äge du Bronce, 8. 192, Fig. 901. 



durch Übereinstimmung mit der Anordnung der 
Tiere in Fig. 1 ergibt. 

Sicherlich ist dieses Schuitzwerk aus Neu- 
Guinea nicht als das Erzeugnis einer seltsamen 
Laune aufzufassen, da schon nach dem bis jetzt 
bekannten Material Darstellungen vom selben Auf- 
bau daselbst ungemein verbreitet sein müssen. 
S ch lagin häuf en 2 ) bildet ein beschnitztes Brett 
aus Sigrin ab* das in allen Stücken mit Fig. 3 
übereinstimmt. Wir finden zu beiden Seiten 
zweier in gegensätzlicher Stellung übereinander 
befindlicher menschlicher Gesichter je einen Nas- 
hornvogel, wozu nur zu bemerken ist, daß die 
obere Partie deutlicher als die untere heraus- 
gearbeitet ist, die, obschon noch erkennbar, doch 
stark verwischt ist. 

Diese Bildwerke aus fernem Osten und Westen 
stehen nicht vereinzelt da. Auf dem ganzen 



1 ) v. Luschan, F., Zur Ethnographie d. Kaiseriu- 
Augustaflussea, Baessler Arch. I, 2. 

2 ) Schlaginliauf en , Ethnogr. Sammig. vom 
Kaiserin - Augustafluß. Publikat. d. ethnogr. Abt. d. 
Dresdener Museums, XIII, 2; S. 21. 



3 



Wege finden wir ähnliche Darstellungen. Sie 
können nicht zufällig entstanden sein. 

Hierher gehört die Darstellung der sume- 
rischen Untenveltsgöttiu Ereskigal (babylonisch 
Allatu) auf einem assyrischen Bronzerelief : ) 
(Fig. 4). Die Komposition zeigt mit Fig. 3 auf- 
fallende Übereinstimmung. Die Gruppe befindet 
sich in einem Halbmonde (Nachen), der an den 
Enden Schwanz und Kopf eines Vogels hat. Mit 
den Händen wehrt die Göttin zwei Schlaugen 
ab, ihre Brüste werden von zwei Löwen bedroht. 

Aus Ägypten kennen wir eine Darstellung 
der Göttin Buto 2 ), nach deren Brüsten zwei 
Krokodile schnappen (Fig. 5). Die ganz unmög- 
liche Stellung der Tiere zeigt, daß es sich hier 
nicht um die Wiedergabe eines tatsächlichen 
Geschehens, sondern um eine Darstellung mit 
untergelegter Bedeutung handelt. 

Von Vorderasien gelangten derartige Dar- 
stellungen nach Griechenland und Italien, wie 



Fig. 5. 



mit den Händen nieder, indes zwei andere ihre 
Schnäbel nach ihrem Kopfe richten ') (Fig. 7). 
Das Bild erinnert seiner Gestaltung nach an 
jeue Formen, wo die mittlere Figur von zwei 
Tierpaaren oder zwei Doppeltieren flankiert 
wird, zugleich aber macht es den Eindruck, 
als wäre sich der Verfertiger über die rich- 
tige Anordnung nicht mehr recht im klaren 
gewesen. 

Unmittelbar damit verwandt ist die Dar- 
stellung auf einer Bronzeplatte aus Perm 2 ) 
(Fig. 8). Hier sind es wieder zwei Vögel, die 
sich jederseits an den Kopf der Figur anlehnen. 
Die ganze Art der Darstellung läßt vermuten, 
daß sich auf ähnlichen Platten Gegenstücke zu 
den Vögeln am Kopfe au den Fußenden be- 
funden haben. 

Auf einer korinthischen, in Italien gefun- 
denen Vase 3 ) sehen wir in konventioneller 
Stellung eine herausgeputzte Frauengestalt mit 




Fig. 6. 



Q 




Q O QCr-O Q OOOJO/ 




Fig. 8. 




sie in der Frühzeit hellenistischer und etruski- 
scher Kultur auftreten. 

Radet hat in seinem Aufsatze Cybebe 3 ), an- 
läßlich eines in Sardes gefuudenen gebraunten 
Tonstückes mit der Darstellung der nöxvia 
drjgäv, 47 ähnliche Formen gräko - italischer 
Herkunft beschrieben und abgebildet. 

Zu den ältesten auf griechischem Boden ge- 
fundenen Formen ist die Göttin mit Sichel- 
flügeln 4 ) eines Elfenbeinreliefs aus der untersten 
Schichte unter dem Orthiaheiligtume in Sparta 
(Fig. 6) zu rechnen, die zwei Vögel an den 
Hälsen hält (8. Jahrh.). Auffallend sind die 
vorn an der Brust angesetzten Flügel von aus- 
gesprochener Halbmondform. 

Auf einer weiteren Elf eubeinplatte aus Sparta 
(Ende des 7. Jahrh.) hält eine Frauengestalt mit 
heraushängender Zunge (Gorgo?) zwei Vögel 



x ) Revue archeologique. N. S., vol. 38. 

2 ) Champollion, Pantheon egyptien. 

3 ) Bibliotheque des universitös du midi XIII. 

4 ) Poulsen, Der Orient und die frühgriechische 
Kunst, S. 113, Fig. 119. 



hittitischer Kopfbedeckung zwei Gänse an den 
Hälsen packen (7. bis 6. Jahrh.). Seltsam be- 
rühren die auf den Rücken aufgeklebten, sichel- 
förmigen Flügel. Die Darstellung läßt deutlich 
erkennen, daß der Künstler zwischen realistischer 
und durch die Tradition festgelegter Manier 
schwankte. 

Im Vergleiche zu diesen Gestalten ist die 
Göttin auf der Francois-Vase (Fig. 9) zu Chiusi 4 ) 
(6. Jahrh.?) eine raffinierte Modedame. 

In Indien sehen wir die in griechischer Früh- 
kunst als notvw &rjQä>v bezeichnete Gestalt 
zwischen zwei Elefanten 6 ). 

Bezeichnend ist, daß die genannte Gruppe 
— wir können sie als die Gruppe zu Dreien be- 



x ) Poulsen, Dei Orient und die frühgrieohische 
Kunst, Fig. 121. 

s ) Aspel in, Antiquites du Nord finno-ougrien, 
Fig. 536. 

3 ) Eadet, Cybebe, S. 24, Fig. 33. 

4 ) Badet, Cybebe, Fig. 43 u. 44. 

5 ) Maindron, L'ärt Indien, S. 185, Fig. 79. Elfen- 
beinkamm , der als Gegenstand eines konservativen 
Kunstgewerbes alte Formen erhalten zeigt. 

1* 



zeichnen — in der Kunst Vorderasiens nicht 
verschwindet und in Europa überall dort auf- 
tritt, ho wir es mit sogenannter Frühkuust zu 
tun haben. 

Mit Darstellungen auf alten persischen Siegel- 
steinen, wo der Held auf zwei Greifen' stehend 
zwei Löwen in der Luft hält und würgt, stimmt 
ilas Muster des Viktor-Sudariums 1 ) aus Sens 
(Fig. 10), eines juugpersischen Stoffes des 7. bis 
9. Jahrhunderts überein. Der Held hält hier 
zu ei Löwen an der Kehle, die mit den aufge- 
sperrten Rachen Dach seinem Kopfe schnappen, 
indes zwei andere, in I >;u aufsieht gegebene 
Löwen mit Tatzen und Rachen seine Füße ge- 
packt halten. Denken wir uns die Körper der 
Tiere entlang der beiden Seiten verschmolzen, 

Fig. 10. 



Fig. 9 



hat der Held zu Begleitern Pferd, Hund und 
Vogel, die seine Schicksale teilen und oft 
geradezu Entsprechungen des Helden selbst 
sind. 

Iu der Füllung des Talismantores zu Bagdad ') 
(Fig. 11) aus der Abbasidenzeit sehen wir eine 
Gestalt mit Kreisnimbus und ausgestreckten 
Armen zwischen zwei Drachen mit geöffneten 
Rachen. Dasselbe Motiv tritt uns in Stein ge- 
hauen als Füllung eines Rundfensters der Vor- 
halle des Domes zu Trau 2 ) (Fig. 12) wieder 
entgegen, hier noch bewußter und deutlicher 
gestaltet, die menschliche Gestalt, Jonas genannt, 
zwischen zwei halbmondförmig gebogenen Dra- 
chen, die seine Beine bereits in ihrem Rachen 
haben. 



Fig. 11. 



Fig. 12. 





so bekommen wir ein Bild, wie es die be- 
sprochene Bronzeplatte des Kgl. Museums zu 
Berlin zeigt. 

Eine byzantinische Nachahmung des Viktor- 
stoffes (8. bis 10. Jahrh.), die Cahier und 
Martin aus dem Walburgisstifte zu Eichstätt 2 ) 
veröffentlicht haben, zeigt den Helden gleich- 
falls im Kampfe mit zwei wilden Tieren, deren 
Nacken er umschlingt. Auch hier wie in allen 
weiteren Darstellungen sind die Mittelfiguren in 
strenger Vorderansicht, die Tiere durchaus in 
Profilstellung 3 ) wiedergegeben. Die letztere 
Darstellung ist insofern von Interesse, als hier 
als Begleiter des Helden Hund und Vogel er- 
scheinen. Nach der mythischen Überlieferung 



1 ) Falke, Kunstgeschichte der Seidenweberei, 
Fig. 129. 

-) Ebenda, Fig. 133. 

3 ) Eine einzige Ausnahme finden wir auf der cine- 
sischen Steinskulptur, Fig. 34, wo die zu beiden Seiten 
der menschlichen Figur befindlichen Löwen in einer 
Mittelstellung zwischen Vorderansicht und Profil, der 
eine in % l'rofil, gegeben sind. Bezeichnenderweise 
ist dieses Denkmal eine Übergangsform von der unper- 
sönlichen zur persönlichen Kunst! 



Dieselbe Gruppe — nunmehr ein Held mit 
Rinderohren, der zwei Ungeheuer bändigt — 
gewahren wir auf einem Kapitell 3 ) der Kathe- 
drale von Canterbury (Fig. 13) (Anfang des 
12. Jahrb.). 

Mit diesen wenigen Beispielen sei die unge- 
mein weite Verbreitung im Westen, das immer 
wieder sich wiederholende Auftauchen des 
gleichen Motives aus ganz anders geartetem 
Formenkreise nur skizziert. 

Neu-Guinea ist nicht als die äußerste Grenze 
der Verbreitung dieser Gruppe im Osten anzu- 
sehen. Als v. Luschau das genannte Schnitz- 
werk aus Neu-Guinea beschrieb, zog er zum 
Vergleiche ein Schnitzwerk der Maori aus Neu- 
seeland (Fig. 14) heran, wo ebenfalls Vögel mit 
ihren Schnäbeln sich am Kopfe des Helden zu 
schaffen machen 4 ). 



*) Strzygowski, Amida, i'ig. 31. 

ä ) Ivekovic, Dalmatieus Architektur und Plastik, 
II, S. 106. 

3 ) Mohrmann u. Eichwede, Germanische Früh- 
kuust, Fig. 109. 

*) Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Taf. bei S.548. 



Schurtz hat in seinem Aufsatze über das 
Augenornament 1 ) auf vielfache Beziehungen hin- 
gewiesen, die zwischen polynesischer und uord- 
westamerikauischer Kultur bestehen. Jedenfalls 
hat hier in alter Zeit eine Übertragung von 
Kulturgut über den Ozeau nach Amerika statt- 
gefunden. Näher und bequemer für Kultur- 
übertragung nach Nordwestamerika von Westen 
her ist der Landweg. Daß solche Übertragungen 
in reichem Maße stattgefunden, davon zeugen 
die Sprachen Nordwestamerikas und des nord- 
östlichen Sibiriens, die alle zusammen in eine 
große Sprachengruppe gehören, davon zeugen 
die übereinstimmenden Züge iu den Mythen 2 ) 
beider großer Gebiete. 

Es wird daher nicht wundernehmen, die 
Gruppe zu Dreien zunächst auch in Nordwest- 
amerika anzutreffen. Auf einer aus dunklem 
Schiefer geschnittenen Pfeife von den Aleuten 3 ) 
(Fig. 15) finden wir das genannte Motiv in einer 
Ausbildung, die ungemein an die vorhin er- 
wähnte neuseeländische Schnitzerei erinnert. In 
der Mitte die menschliche Gesalt, nach deren 
Haupte zwei Vögel mit langen Schnäbeln ihre 
Köpfe richten. 

Von Westasien übernommenes Kulturgut ist 
aber nicht allein für Nordwestamerika festzu- 
stellen, wir finden solches auch in Mittel- uud 
Südamerika (Peru). So hat Bork 4 ) nachge- 
wiesen, daß die Bezeichnung der einzelnen Tage 
des Monats außer bei den Majavölkern und 
anderen Stämmen Mittelamerikas nur mehr bei 
den iranischen und den durch sie beeinflußten 
Völkern zu finden ist, wobei als letzter Aus- 
gangspunkt das alte Elam anzusehen ist. Über- 
einstimmung in Kalenderfragen mit elamischen 
Verhältnissen geht über Mittelamerika bis nach 
Peru. In Peru ist die Stadt Cuzco 5 ) ein riesiges 
Tierkreisdenkmal. Um einen großen Sonneu- 
tempel liegen im Kreise V2 Stadtteile, die ebenso 
vielen Zeichen des Tierkreises entsprechen. 
Was die Namen der Tierkreiszeichen betrifft, 
so weisen sie teils unmittelbar nach Westasien, 
teils mittelbar über Mittelamerika dorthin. 



1 ) Schurtz, Das Augenornament usw., Abhandl. 
d. säohs. Ges. d. Wissensch. XV, 8. 2. 

2 ) W. Schultz, Vergleichende Bemerkungen zu 
Sagen der nordpazifischen Indianer. Sitzuugsber. d. 
Mitt. d. Anthropol. Ges. Wien 1911/12 (143 bis 147). 

3 ) Wien. Naturhistor. Hofmuseum, ethnogr. Abt.- 
Inv.-Nr. 11956. Die Abbildung wurde nach einer Photo- 
graphie angefertigt, die ich der Liebenswürdigkeit des 
Direktors der anthropol.-ethnogr. Abt., des Herrn Be- 
gierungsrat Fr. Heger, verdanke. 

4 ) F. Bork, Amerika und Westasien. Orientalisches 
Archiv III, 1; Weitere Verbindungslinien zwischen der 
Alten und der Neuen Welt. Orientalisches Archiv III, S. 4. 

5 ) F. Bork, ebenda HI, 7. 



Der bereits gelief erte Nach weis westasiatischen 
Kulturgutes in Peru ist für die richtige Ein- 
schätzung einer Darstellung auf einem alt- 
peruanischen Tonkruge 1 ) aus Chimbote (Fig. 16) 
von größter Bedeutung. Wir sehen nämlich, daß 
nicht nur die mythische Überlieferung, sondern 
auch die darstellende Kunst hinsichtlich ihrer 
Motive letzten Endes von Vorderasien beeinflußt 
erscheint. 

Die genannte Darstellung zeigt mit der Bronze- 
platte des sibirisch - skythischeu Kunstkreises 
(Fig. 1) und dem Schnitz werke aus Neu-Guinea 
(Fig. 3) derart weitgehende Übereinstimmung, 
daß es sich in diesen drei Fällen nicht jedes- 
mal um ein Neuschaffen, sondern nur um ein 
Zurückgreifen auf gemeinsame alte Überlieferung 
handeln kann. 

Wir wollen bei der peruanischen Darstellung 
zunächt vom Helme der menschlichen Gestalt 
und seiner Zier absehen. Der Held wehrt mit 



Fig. 15. 



Fig. lfi. 





den Händen zwei Tiere ab, deren Natur durch 
starke Stilisierung kaum zu erkennen ist, jedoch 
scheint es sich um Vögel zu handeln. Merkwürdig 
ist nun, daß jedes dieser vogelartigeu Tiere zwei 
Köpfe hat, einen, der nach aufwärts, und einen, 
der nach abwärts gerichtet ist. Die Füße der 
menschlichen Gestalt stehen in den aufgesperrten 
Rachen der nach abwärts gerichteten Köpfe. 

Wenn wir die drei genannten Darstellungen 
miteinander vergleichen, so linden wir, daß die 
peruanische mit der sibirisch -skythisclien die 
größte Übereinstimmung aufweist. Beide Male 
in der Mitte der Held, der mit ausgestreckten 
Armen zwei Tiere mit Doppelköpfen abwehrt, 
während seine Füße in den aufgesperrten Rachen 
der unteren Köpfe sich befinden. 

Bei dem Schnilzwerke aus Neu-Guinea macht 
sich eine starke Abwandlung in der Form inso- 
weit geltend, als von der Gestalt in der Mitte 
nur mehr der Kopf übrig geblieben ist, während 
der Leib zu einem Pfeiler zusammenschrumpfte. 
Die Vögel zu beiden Seiten der Figur dagegen 
zeigen hinsichtlich ihrer Anordnung deutliche 
Beziehung zu den Tieren der peruanischen Dar- 
stellung 2 ). 

J ) Baessler, Altperuanische Tongefäße, Fig. 275 a. 
2 ) Am Ende der Formenreihe möchte ich der Christus- 
darstellungen auf dem Werdener-Beliquienkästchen(Zeit- 



Weitere Klarheit über das Wesen und die 
Bedeutung der Gruppe zu Dreien werden wir 
erhalten, wenn wir durch den Vergleich fest- 
stellen, welche Veränderungen und Abwand- 
lungen im ganzen Verbreitungsgebiete auftreten. 

Ich beginne mit Gürtelschnallen und Zieraten 
aus der Völkerwanderungszeit. Auf einer 



st alt in der Mitte der Tiere schon sehr ver- 
kümmert, im Gegensatze zu anderen Fundstücken 
[Schnalle von Lavigny 1 ) und von Cossouay 2 )], 
wo sie wohl ausgebildet zwischen zwei Löwen 
steht, die au ihren Füßen lecken (genannt Daniel 
in der Löwengrube). Auf der Gürtelschnalle 
von Wallis ist der Körper nur in Form eines 



Pig.i; 



Fig. 18. 





IV'. 2i>. 



Piß. 19. 





Schweizer Gürtelschnalle aus dem Kanton 
Wallis 1 ) (Fig. 17) ist die menschliche Ge- 

schrift f. christl. Kunst 1901, U.Bd.: W. Effmauu, 
Kruzifixus, Christus, Engeldarstellungen am Werdener- 
Eeliquienkasten) Erwähnung tun , die als nordische 
Arbeit angesehen und für das 8. bis 9. Jahrhundert 
angesetzt werden. Ich halte mich zunächst an jenes 
Beintäfelchen, das den auferstandenen Christus in recht 
ungelenker Art mit erhobenen , in den Ellenbogen- 
gelenken abgebogenen Armen und dem Beschauer zu- 
gekehrten Handflächen wiedergibt (Fig. 18). Drei Strah- 
len gehen von dem Haupte aus. An dem oberen picken 
zwei Greif en. Zu beiden Seiten der Christusgestalt sehen 
wir zwei seltsame , langgestreckte Fabeltiere bis zur 
Hüftenhöhe emporreichen , die Tatzen gegen Leib und 
Schenkel gerichtet. Auf einer Engeldarstellung ähn- 
licher Art auf demselben Kästchen finden wir längs der 
Beine ebenfalls zwei Tiere, von welchen das eine den 
Kopf gegen die Füße nach abwärts, das andere den 
Kopf nach aufwärts gekehrt hat. Das läßt im Zu- 
sammenhange mit den vorhergehenden Darstellungen 
und den bereits bekannten vermuten, daß ursprünglich 
jederseits ein Tierpaar vorhanden war der Ausge- 
staltung, daß das eine Tier den Kopf nach oben, das 
andere den Kopf nach unten gerichtet hatte. Diese 
Darstellung wäre dann von demselben Aufbau wie das 
Bild auf dem Viktorsudarium (Fig. 10). Die Vögel, die 
an dem einem Strahle picken, erinnern wieder unge- 
mein an die gleiche Darstellung auf dem altperuani- 
schen Tonkruge (Fig. 16) (die Ähnlichkeit ist keine 
zufällige oder verwunderliche, da hinter beiden Dar- 
stellungen die gleiche mythische Überlieferung steht. 
Es ist nicht zu verkennen, daß in den "Werdener -Dar- 
stellungen christliche und mythisch-heidnische Elemente 
zusammengeströmt sind) und finden sich in ähnlicher 
Beziehung auch auf dem Elfenbeintäfelchen von Sparta 
(Fig. 7). Sicherlich gehört somit die genannte Christus- 
darstellung iu die hier angeführte Formenreihe hinein. 
Die Datierung dürfte zutreffend sein. Ein Abglanz der 
sogenannten Völkerwanderungskunst ist noch über diese 
Darstellung gebreitet Es dürfte nicht leicht fallen, aus 
späterer Zeit — von volkstümlicher Kunst abgesehen, in 
der sich oft in geradezu wunderbarer Weise uralte Motive 
erhalten haben — ein von so merkwürdigen Motiven 
durchtränkti-s Werk ähnlicher Art ausfindig zu machen. 
*) Salin, Iüp altgermanische Tierornamentik, S.:ioS, 
Fig. 664. 



Schleifenbandes vorhanden; die Löwen 
trachten hier den Kopf zu verschlingen. Auf 
einem Ortbande aus Schleswig 8 ) (Fig. 19) ist 
nur mehr der Kopf allein erhalten, der zwischen 
den weit geöffneten Rachen von zwei Unge- 
heuern liegt. Die gleiche Bildung, den Kopf 
zwischen den Rachen zweier Tiere, finden wir 
weiter auf einem Ortbande aus Norwegen 4 ) und 
einem solchen aus der Provinz Naraur 6 ). Auf 
Gürtelbeschlägeu aus Italien und dem Küsten- 
lande findet sich an Stelle des menschlichen 
Hauptes eine Scheibe. Löwen- und katzen- 
artige Raubtiere flankieren die Scheibe (Fig. 20) 
auf den Bronzestücken, die sich im Museum zu 
Aquileia") befinden. Auf dem Bronzezierate aus 
Italien 7 ) sind es Hasen, während die Zugehörig- 
keit der Tiere auf dem Fundstücke aus Dal- 
matien 8 ) nicht festzustellen ist. 

Das Motiv „Scheibe zwischen zwei Tieren." 
kennen wir aus viel früherer Zeit. Auf einer 
Brouzeschüssel der Hallstattzeit 9 ) (Fig. 21), um 
nur ein Beispiel anzuführen, sehen wir die Scheibe 
zwischen zwei euteuartigen Vögeln, die ihr mit 
den Schnäbeln zugekehrt sind. 



'! Forrer, Beallexikon, Taf. 264, 1. 
'-) Ebenda, Taf. 264, 3. 
s ) Salin, a.a.O., S. 166, Fig. 394. 
4 ) Ebenda, S. 126, Fig. 340. 

6 ) Ebenda, S. 110, Fig. 290. 

") Biegl, Die spätrömische Kunstindustrie nach 
den Funden in Österreich-Ungarn. Abbildung nach 
eigener Aufnahme. 

7 ) Salin, a.a.O., S. 127, Fig. 343. 

8 ) Ebenda, S. 127, Fig. 343. 

9 ) Sacken, Hallstatt, Taf. XXIV, Fig. 6. Das 
gleiche Motiv auf einem Bronzeringe bei L i n d e n s c h m i t, 
II, 13, 141. 



Aus gleicher Zeit und vom selben Fundorte 
kenneu wir eine Schüssel 1 ), au deren Rande 
zwei kleine Vögel sitzen. In diesem Falle stellt 
das Rund der Schüssel die Scheibe vor, zu deren 
beiden Seiten sonst die Vögel stehen 2 ); das 
Ganze entspricht dem oft sich wiederholenden 
Ziermotiv 3 ): Scheibe zwischen paarigen Vögeln. 

In einer Ausbildung, die unmittelbar an die 
der Hallstattzeit erinnert, rinden wir das gleiche 
Motiv „Scheibe zwischen paarigen Vögeln" auf 
neupersischem Silberschmucke (Ohrringen) 4 ), auf 
einer in Südrußland gefundenen alten Silber- 
schüssel 5 ) und dann in der russischen Bauern- 
kunst auf Holzschnitzereien 6 ) (Fig. 22) häutig. 

Dasselbe Motiv erscheint dann wieder auf 
Zierplatten venetiauischer Paläste 7 ) (Fig. 23) des 
12. bis 14. Jahrhunderts. Zwei Vögel picken an 
einer Kugel, die hier als das Ende eines Baumes 



Links und rechts davon sieht man zwei Tiere 
mit gegeneinander gekehrten Köpfen, die schon 
stark durch Stilisierung umgeformt sind. Die 
Köpfe sind noch als die von Vögeln zu erkennen, 
während die Leiber lang ausgedehnt und in ein 
Band aufgelöst sind. 

An Stelle des Menschenhanptes ist ein Rinder- 
kopf getreten. Daß wir es hier mit einer weit 
verbreiteten, durch Tradition festgehaltenen Kom- 
position zu tun haben, geht aus einem Bilde auf 
einer boiotischeu Vase 1 ) (Fig. 24) des 6. Jahrb. 
v. Chr. hervor, das dieselbe Gruppe in gleicher Zu- 
sammenstellung zeigt: ein Rinderhaupt zwischen 
zwei Gänsen. 

Bei dem ungemein starken Hange der Ci- 
neseu jener Zeit, alles Bildliche in Linien auf- 
zulösen, wurden, wahrscheinlich noch begünstigt 
durch die schwindende Kenntnis der Bedeutung 



Fig. 22. 



Fig. 23. 



Fig. 24. 



Fig. 25. 





Fig. 27. 



gedacht ist. Das Ganze ist in ein Kreisrund 
komponiert, von strenger Stilisierung. Die Leiber 
der Vögel sind halbmondförmig gebogen. 

Die als Taotie - bezeichnete Tierfratze, die 
auf den alten cinesischen Bronzen so ungemein 
häufig anzutreffen ist, geht ebenfalls auf die 
Gruppe zu Dreien zurück. 

Auf einem Brouzegefäße der Schangdynastie 
im Museum Cernuschi (Nr. 14) ist die Gruppe deut- 
lich ausgeführt. In der Mitte befindet sich ein 
Kopf mit Hörnern und langen schmalen Ohren, 
deutlich erkennbar als ein Rinder- (Büffel-)Kopf. 



x ) Sacken, Hallstatt, Taf. XXIV, Fig. 4. 

2 ) Ähnliche Gefäße : Sogenannter Becher des Nestor 
(Forrer, Reallexikon, Taf. 137, 1), silberner Becher, 
aus dem die Chewsuren das heilige Bier tranken (Radde, 
Die Chewsuren und ihr Land, S. 108), ostgotische Schale 
mit zwei leopardartigen Tieren aus dem Schatze von 
Petreossa (Forrer, a.a.O., Taf. 268, 10). In meinem 
Aufsatze: Die Behälter des Unsterblichkeitstrankes, 
Mitt. d. Anthrop. Gesellsch. , Wien 1914, sind sie als 
Rauschtrankbehälter charakterisiert. 

3 ) Daß es kein bloßes Ziermotiv ist, daß es sich 
um eine symbolische Darstellung handelt, betont auch 
Dechelette, Manuel d Archäologie ; II Archäologie 
celtique ; L'äge du Bronce, S. 445. 

4 ) Das Budapester Ethnograph. Museum besitzt eine 
hübsche Kollektion davon. 

5 ) Smirnow, Argenterie Orientale, Fig. 152. 

6 ) Bobrinsky, Russische Holzarbeiten, Taf. 13, 5. 

7 ) Nationalmuseum München. 



tQ_^* V ^ 



dieser Tiergruppe, allmählich aus den zunächst 
fest umrisseneu Gestalten Ornamente, die den 
ursprünglichen Befund unmöglich mehr erkennen 
lassen. Für die Formwandlung dieser Gruppe 
(Fig. 25) kommen zwei verschiedene Wege in 
Betracht. Entweder bildet sich der mittlere 
Teil, der Kopf des Rindes, zurück und fällt 
schließlich ganz aus 2 ) (Fig. 26), oder die Vögel 
verkümmern, entarten schließlich zu kleinen orna- 
mentalen Schnörkeln (Fig. 27), in welchen man 
ohne Vergleichsmaterial niemals mehr die Vogel- 
gestalt vermuten würde 3 ) , und verschwinden 
schließlich ganz. 

Die letztere Art der Formwaudlung trat iu 
den meisten Fällen ein und führte zu der Tier- 
fratze, die als Taotie allgemein in der Literatur 
bekannt ist. 



: ) Moriu, Le Dessin des animaux en Grece, S. 140. 
In der koptischen Kunst der Widderkopf zwischen einer 
Gans und einem Pfau. Kapitell, 4. bis 5. Jahrh. n. Chr., 
bei Strzygowski, Koptische Kunst, Nr. 7345. 

2 ) Beispiele dafür bei Muth, Germanische und 
chinesische Tierornamentik. Zunächst auf Taf. 22, 
Fig. 189, 190, dann in der Figurenerklärung zu Taf . 22 
die Bilder der zwei einander zugekehrten Vögel, zwischen 
welchen das Mittelstück vollständig ausgefallen ist. 

3 ) Muth, 1. c. In der Figurenerklärung zu Taf. 22 
der Rinderkopf zwischen den zwei Vögeln; Taf. 22, 
Fig. 299, der Tierkopf mit zwei geschlossenen Zierlinien 
rechts und links, als Rudimente der paarigen Vögel. 



Die Weiterbildung der Gruppe zu Dreien in 
der Richtung, daß an Stelle des Hauptes die 
Scheibe tritt, findet sich in Cina gleichfalls. Im 
Heft 8S der Kokka ist eine Scheibe (eherne 
Teinpelpauke) mit einem Triskeles in der Mitte 
und acht solchen Figuren am Rande abgebildet, 
die von zwei Drachen umrandet wird. Im Heft 97 
derselben Zeitschrift linden wir die gleiche 
Gruppe ] ). Diesmal ringeln sich zu beiden Seiten 
der Scheibe je zwei Drachen empor. Das Ganze 
ruht auf dem Rücken eines Löwen. Die Kom- 
position zeigt weitgehende Übereinstimmung mit 
dem Hilde der .sumerischen Unterweltsgöttin 
Ereskigal. An die Stelle der Göttin ist die 
Scheibe getreten, die zwei Paare von Tieren 
werden hier durch Drachen ersetzt. Ereskigal 
kniet auf dem Rücken eines Pferdes, hier ruht 
die Scheibe mit den Drachen auf dem Rücken 
eines Löwen. 

Die Scheibe oder vielmehr die Kugel zwischen 
zwei Drachen ist ein in der früheinesischen 
Kunst ungemein verbreitetes Motiv. 

Auf dem Gebälke der Ehrenpforte in der 
großen Tempelanlage der Göttin Kuan Yin 2 ) 

Fig. 28. 




auf P'u-t'o-shan sehen wir die Scheibe zwischen 
jederseits zwei Drachen (Fig. 28), von denen in- 
folge von Verwitterung die zwei äußersten nahezu 
unkenntlich sind, in derartiger Ausbildung, daß 
das Motiv als direkte Parallele zu den Zierstücken 
der Völkerwanderungskunst erscheint. Ein an- 
deres Mal wieder gewahren wir auf dem Sockel 
einer Säule 3 ) eine kleine Scheibe, von einem 
halbmondförmigen Träger umgeben — die Dar- 
stellung gemahnt an die Vereinigung von Voll- 
nioudscheibe und Sichel bei den alten Ägyptern — , 
im Innern eines kleineu Tempels, zu dessen 
Seiten zwei Drachen mit aufgerissenen Rachen 
und erhobenen Pranken lagern. Die Scheibe 
wird von den Cinesen als Perle bezeichnet und 
soll ein Symbol der Vollkommenheit sein. Es 
ist klar, daß es sich hier um eine nachträgliche 
Deutung und nicht um eine ursprüngliche Be- 
deutung handeln kann. Der dem weltlichen Ge- 
triebe abgeneigte Sinn des Buddhisten hat hier 
nach seiner Art und Auffassung dem Bilde eines 



*) Sollten die beiden Stücke auch in Japan ange- 
fertigt „worden sein, so weist doch der Stil unbedingt 
nach Cina. 

2 ) Boerschmann, Die Baukunst und religiöse 
Kultur der Chinesen I, S. 47, Fig. 40. 

3 ) Ebenda, S. 87, Fig. 86. 



tatsächlichen Geschehens eine ungreifbare, blut- 
leere Vorstellung als Deutung unterschoben. Der 
buddhistische Priester wird uns die Deutung 
einer auf uralter, ihm fremder Tradition aufge- 
bauten Komposition nicht zu geben vermögen, 
das könnte lediglich durch das naivere Volks- 
bewußtsein geschehen. 

Wie innerhalb eines und desselben Bildwerkes 
in der Gruppe zu Dreien die mittlere Figur durch 
die Scheibe ersetzt werden kann, das sehen wir 
deutlich an einem Schnitzwerke aus Timor 1 ), 

Fig. 29. 



wo zu oberst eine menschliche Gestalt zwischen 
Tieren zu sehen ist, während unterhalb derselben 
paarige Vögel nach einer Scheibe picken. Wie 
sehr es sich in allen diesen Fällen um ein durch 
die Tradition geheiligtes Motiv handelt, ist dar- 
aus ersichtlich, daß wir in Neu - Pommern 2 ) 
auf Kanus Darstellungen von gleicher Form 
und Ausbildung wie auf Timor finden, nur 
sind es hier Kasuare, die nach der Scheibe 
picken. 

Hoffmanu 3 ) hat in seiner Arbeit über die 
Inuit Nordamerikas ein Knochenstück (Fig. 29) 
abgebildet, auf welchem ein rundes menschliches 
Haupt zwischen zwei langgestreckten Robben 
eingeritzt ist. Dieses Stück ist ein Beleg für 
die weito-ehende Wanderung derartiger Motive. 



Fig 30 




Auf Pauken der Ilaida iu Nordwestamerika 4 ) 
(Fig. 30) finden wir die Scheibe — von den 
Eingeborenen als Mond bezeichnet — und da- 
neben den Halbmond dargestellt, beide mit ein- 
gezeichneten kleinen Gestalten. Wenn wir diese 
Zeichnungen mit der Darstellung auf der ge- 
schnitzten Wand einer hölzernen Schüssel der 
Tlinkitindianer 5 ) (Fig. 31) vergleichen, so fällt 



*) Loeber, Timoreesch Snijwerk en Ornament. 
s'Gravenhage 1903. 

ä ) Meyer, Die Schiffahrt bei den Bewohnern von 
Vuaton (Neu-Pommern). Baessler, Archiv I, Taf . XII, 
Nr. 22. 

3 ) Hoffmann, The Graphic Art of the Eskimos. 
(Report of the U.S.Museum f. 1895.) Taf. 32, 7. 

*) Seier im Globus Bd. 61, S. 332, Fig. 18. 

6 ) Krause, Die Tlinkitindianer, Taf. I, Fig. 4. 



die große Übereinstimmung auf. In der Mitte 
haben wir das Kreisrund und zu beiden Seiteu 
ähnliche Ovale. Der Unterschied zur vorher- 
gehenden Darstellung besteht darin, daß das 
Kreisrund und die Ovale hier nur als Ge- 
sichter gedacht, Körper und Gliedmaßen nicht 
hineiugezeichnet, sondern außerhalb derselben 
wiedergegeben sind. Während die mittlere Figur 
mit ihren Anhängen noch deutlich zu erkennen 
ist, sind die in Profilstelluug gedachten seit- 
lichen Figuren — spitze Köpfe mit einem Auge 
— stark stilisiert und wären, wenn sie als Einzel- 
bildungen aufträten, kaum erkenntlich. 

Stellen wir diesen zwei Darstellungen noch 
die Tonpfeife von den Aleuteu (Fig. 15) zur 
Seite, so wird es deutlich, daß in allen Fällen 
die Art der Darstellung und der zugrunde 
liegende Naturvorgang der gleiche ist, nämlich 
der Phasenwechsel des Mondes. 

So ähnlich diese Bildwerke untereinander 
sind, so grundverschieden ist doch die Um- 
setzung des Geschauten ins Bildhafte. Bei der 
Haidazeichnung ist der Umriß des Naturobjektes 
beibehalten und das „Erschaute", die Gestalten, 
als leibhaftiger Mann im Monde hineiugezeichnet. 
Lassen wir die Ausfüllung der Fläche fort, so 
erhalten wir die tatsächliche Gestalt des Mondes, 
die Scheibe und die Sichel. Bei der Schnitzerei 
der Tlinkit ist aus dem zeitlichen Hintereinander 
ein räumliches Nebeneinander geworden, die auf- 
einander folgenden Phasen siud nach Art primi- 
tiver Künstler *) gleichzeitig dargestellt (auf- 
nehmender, Vollmond und abnehmender Mond), 
Körper und Gliedmaßen als Anhänge der Mond- 
gestalt gegeben. 

Am meisten „Erschautes", Gedachtes und 
Abgeleitetes, und am wenigsten „Geschautes", 
direkt Beobachtetes gibt die vorher beschriebene 
Pfeife von den Aleuten. 

Die drei Stücke sind insofern von Bedeutung, 
als sie zeigen, wie das Geschehen am Monde 
das eine Mal getreu wiedergegeben wird, das 
andere Mal nach eingetretener Deutung als ein 
dramatischer Vorgang zwischen bestimmten Ge- 
stalten mit gesetzmäßiger Anordnung dargestellt 
wird. Aus der Mondscheibe wird eine mensch- 
liche Gestalt mit einem runden Gesicht, umge- 
kehrt kann diese Gestalt in einer anderen Dar- 
stellung wieder durch die Scheibe ersetzt werden. 
Was wir bei der Völkerwanderungskunst beob- 
achten konnten, die Umwandlung der mensch- 
lichen Gestalt in eine Scheibe (bzw. umgekehrt), 
das sehen wir in gleicher Weise in Nordwest- 
amerika vor sich gehen. Nun wird es immer 



deutlicher, daß alle Darstellungen der Gruppe 
zu Dreien infolge einer inneren Notwendigkeit 
eine natürliche Einheit bilden. 

Auf Tongefäßen aus Alt-Mexiko ') findet sich 
die Zeichnung eines drachenartigen Tieres, das 
eine Scheibe verschlingen will, in einer Aus- 
bildung, die auch hinsichtlich der Stilisierung 
an cinesische Vorbilder erinnert. Bis nach Peru 
läßt sich das gleiche Motiv verfolgen. Auf 
dem Mouolithtore der Steinpfeilerumfriedung 
von Tiahuanaco 2 ) kehrt elfmal ein Haupt von 
paarigen Vögeln umgeben wieder, von denen 
immer zwei Paare zugekehrt, zwei Paare abge- 
kehrt sind. 

Die Beispiele, die hier angeführt wurden, 
geben kaum eiuen Begriff von dem Reichtume 
des Stoffes. Wo immer man in diese Art primi- 
tiver Kunst Einblick nimmt, überall wird man 
die beschriebene Gruppe vorfinden. Es erscheint 
zunächst unwahrscheinlich, an so weit ausein- 
ander liegenden Orten, im selben Verbreitungs- 
gebiete zu ganz verschiedenen Zeiten, stets die 
gleichen Formen anzutreffen. Eine innere Not- 
wendigkeit muß hier vorliegen, aus der heraus 
die Menschen immer wieder zur Darstellung 
desselben Motives schritten. Dem Motiv muß 
eine bestimmte Bedeutung zugrunde liegen, sonst 
könnte es nicht so oft von den verschiedensten 
Völkern dargestellt worden sein. 

In Nr. 3889 der London-News (Vol. 143) ist 
folgende Szene aus einem in Alt-Ciua üblichen 
Neujahisspiele abgebildet: Ein Mann schwingt 
eiue Kugel, die zwei zu beiden Seiten befindliche 
Drachenmasken zu verschlingen suchen. Die Szene 
ist das getreue Abbild des im alten Cina üb- 
lichen Motives der Scheibe zwischen den Drachen. 
Wenn wir nun hören, daß im Spiele der Ball den 
Mond 3 ) bedeutet, der von feindlichen Mächten 
bedroht und verschlungen wird, um alsbald in 
neuer Schönheit wieder zu erstehen, so haben 
wir damit mehr als eine Andeutung für das 
Verständnis der wahren Bedeutung des genannten 
Motives gewonnen. 

Daß hier eiue Szene aus einem Spiele zur 
Erklärung von Bildwerken herangezogen wird, 
enthält nichts Unerlaubtes, da Spiele, auch Kinder- 



x ) Wickhoff u. Härtel, Die Wiener Genesis, S. 6. 



1 ) Strebe], Über Tierornamentik auf Tongefäßen 
aus Alt-Mexiko, Taf. XIII, Fig. 129. 

2 ) Stübel u. Uhle, Tiahuanaco, Taf. 17. 

3 ) Wenn, wie mir gesagt wurde, in manchen Gegen- 
den Cinas Drachen und Ball als Personifikation von 
Cina und Japan angesehen werden, so ist es klar, daß 
hit-r an Stelle der alten, nicht mehr gewußten Bedeu- 
tung eine neue Deutung gesetzt wurde. Das Spiel ist 
seiner ganzen Art und dem Stile der Masken nach 
zweifellos älter als die maritime Rivalität Cinas und 
Japans. 



10 



spiele, als Bewahret' uralter mythischer Vor- 
stellungen bekannt sind '). Vielleicht sind sie 
noch mehr, die Reste der ältesten Form des 
\l\ thos. 

In Nordwestamerika übrigens sahen wir die 
Gruppe in einer Ausbildung, aus der ohne wei- 
teres — von den übereinstimmenden Erklärungen 
der Eingeborenen ganz abgesehen — ihre wahre 
Bedeutung erkannt werden konnte. 

Dali die der Gruppe ZU Dreien ursprünglich 
zugrunde liegende Idee auf das Geschehen am 
Monde abzielt, das können wir übrigens aus ge- 
wissen Bildwerken direkt ablesen: 

In Alt-Peru wurde in der Nasenscheidewand 
häufig ein Goldamulett von Halbmondform ge- 
tragen. Neben den goldenen Halbmonden gab 
es aber auch Amulette reicherer Ausgestaltung 2 ). 
Ein Halbmond in der Mitte wird von zwei stili- 
sierten Vögeln (Fig. 3'2), die ihre Schnäbel gegen- 
einander kehren, flankiert. Diese Amulette /.eigen 
eine ganze Reihe von Formwandlungen. Die 
Vögel können so klein werden, daß sie nur mehr 
in Andeutung vorhanden sind, der Halbmond 
schließt sich zu einer Scheibe. An anderen 
Stücken wieder nehmen die Vögelköpfe an Größe 
zu und die Stelle des Halbmondes nimmt eine 
kleine Scheibe ein. 

Hierher gehören auch die paarigen Vögel, 
die an der halbmondförmigen Helmzier des 
Helden auf dein peruanischen Tongefäße (Fig. 16) 
picken. Die Anbringung dieses Motives gibt 
uns zugleich einen Einblick in den Stil solcher, 
unserem gauzen Empfinden nach fremdartiger 
Kunstwerke, für welche Wiederholung, Häufuug 
und Durchdringung ähnlicher Motive besonders 



Fig. 32. 



Fig. 33. 





charakteristisch ist. Wir haben hier zwei ähn- 
liche Motive übereinander und entnehmen, daß 
dem in der Mitte befindlichen Helden unten 
der Halbmond oben entspricht. Der Held 
unten ist also identisch mit der Mondgestalt 
oben, nur ein anderes Bild derselben. 

Die Mondgestalt ist das Geschaute, die 
Gruppe mit der Menschengestalt das Ergebnis 
der Umwandlung des Go schauten in das Er- 



J ) Näheres bei A. Jeremias, Handbuch der alt- 
orientalischen Geisteskultur, S. 303: „Die antiken Spiele 
sind sämtlich kosmisch-kalendarisch...." 

-) Anitl. Ber. d. Kgl. Kunstsammlungen z. Berlin, 
1911. Seier, Neue Erwerbungen von Goldschmuck aus 

rika. 



schaute. Die beiden Darstellungen überein- 
ander verhalten sich zueinander wie Beobach- 
tung und Deutung. 

Amerika steht mit Bildungen dieser Art 
lacht vereinzelt da, wir finden sie auch in der 
Alten Welt. 

Hin Silberanhängsel vorptolemäischer Zeit aus 
Luxor in Gestalt eines Doppellöwen (Fig. 33) 
zeigt über dem Rücken des Tieres die Mond- 
scheibe und die Mondsichel '). Auf einem mili- 
tärischen Abzeichen 2 ) (Fig. 34) spätrömischer 



Fig. 34. 



Fig. 35. 





Zeit sehen wir den Halbmond zwischen zwei 
nach entgegengesetzten Seiten schauenden Tieren. 
Auf einem sarazenischen Gewebe s) (14. bis 
15. Jahrh.) finden wir den Halbmond, dessen 
dunkle Ergänzung zugleich angedeutet ist, 
zwischen zwei anspringenden Löwen (Fig. 35), 
wo sonst gewöhnlich die Scheibe zu sehen ist. 

Wenn wir kurz zusammenfassen, so haben 
wir es hier mit Kunsterzeugnissen zu tun, deren 
gleiche Formgebung auf die Gleichheit des Ge- 
dankens zurückzuführen ist, den sie verkörpern. 
Parallel den Kuustformen geht die mythische 
Überlieferung der Völker, die in den wesent- 
lichen Motiven ebenfalls völlige Übereinstim- 
mung zeigt. Die Grundlage der Mythen aber 
erweist sich als gleich mit der der hier be- 
sprochenen Motive einer primitiven Kunst. Diese 
wie jene spiegeln, wo älteste unverderbte Über- 
lieferung im Spiele ist, lunare Vorgänge wieder. 
Der gemeinsame Schatz an Kunstformen und 
das gemeinsame Gut mythischer Überlieferung 
sind demnach der Ausdruck einer geschlossenen 
Weltanschauung, einer Weltanschauung, die von 
der unsrigen völlig abweicht. 

Die Weltanschauung, in der wir aufgewachsen 
sind, die unser ganzes Denken ausfüllt, möchte 
ich als die wissenschaftliche bezeichnen. Als 
deren Begründer gelten die Griechen , die bei 
ihren Untersuchungen nicht von Voraussetzungen 
übersinnlichen Charakters ausgingen, sondern an 
das Zuuächstliegende, die umgebende Natur, 



J ) Museen z. Berlin, Mitteil. d. ägypt. Abteil. Bd. I. 
Agypt. Goldschmiedearbeiten, Fig. 78. 

2 ) Otto Seeck, Notitia dignitatum, Taf. VIII. 

8 ) Fischbach, Die wichtigsten Webeornamente, 
Taf. 103 b. 



11 



anknüpften. Schon die Vertreter der inilesi- 
schen Naturphilosophie ringen um eine auf 
Beobachtung gegründete Naturerkenntiiis. Pro- 
tagoras spricht später den stolzen Satz aus: 
Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Es ist 
klar, daß die darstellende Kunst, die solchem 
geistigen Nährboden entsproß, verwandter Art 
sein mußte. Der Leib des Menschen als Er- 
gebnis körperlicher und geistiger Pflege ist das 
höchste Ziel des Kunstschaffens. 

Während bis zu dieser Zeit die Menschen 
als armselige Schatten erscheinen, die kommen 
und gehen, während die ägyptischen Könige 
ihr ganzes Leben lang, das ihnen als ein flüch- 
tiges Nichts erscheint, ungeheure Grabbauten 
aufführen, um sich ein Weiterleben wenigstens 
im toten Stein zu erzwingen , steigert sich bei 
den Griechen das Leben des Einzelnen zur un- 
vergänglichen Persönlichkeit. Solange es Men- 
schen unserer Art geben wird, werden die Ge- 
stalten eines Sokrates, eines Alkibiades nicht 
verblassen. Merkwürdig, daß der Name eines 
Phidias in aller Munde ist, wo doch nicht ein 
einziges Werk dieses Mannes auf uns gekom- 
men ist. 

Die Griechen sind die Begründer einer bis dahin 
unbekannten Kunst, der Persönlichkeitskunst. 

Den Gegensatz zur wissenschaftlichen Welt- 
anschauung bildet jene Weltanschauung, welche 
die Begründung für alle Erscheinungen nicht 
in den Dingen selbst sucht, sondern alles ab- 
hängig von einer außerhalb derselben befindlichen 
Gewalt macht. So erschien der Pflanzenwuchs 
den alten Indern nicht durch das Sonnenlicht 
bedingt, sondern abhängig vom Monde, und 
zwar in der Weise, daß der Mond sich ins 
Wasser begibt, dieses befruchtet und auf diesem 
Mittelwege durch das Wasser auf das Gedeihen 
der Pflanzen Einfluß nimmt. Das Leben des 
Einzelnen, das Los der Völker, das Schicksal 
der Welt, alles war nur eine Wiederholung: der 
Vorgänge am Himmel, des Geschehens am 
Monde. 

Der Urahne aller Könige ist ein Sohn des 
Mondgottes. Sein Lebenslauf und der aller 
seiner Nachfolger ist damit festgelegt. Ihr aller 
Schicksal ist das des Gottes, wie es der Mythos 
erzählt. Mag die Macht eines orientalischen 
Despoten in jener alten Zeit noch so groß ge- 
wesen sein, für die Betätigung eigenen Willens 
und Strebens gab es in einem solchen Leben 
wenig Raum. Ungeheurer Glanz und schwerer 
Prunk umgab ihn, unter dem sein Ich erstickte. 

Es ist klar, daß unter solchen Verhältnissen 
von dem Hervortreten der Persönlichkeit des 
Künstlers in unserem Sinne nicht die Rede sein 



konnte. Im Banne der alles beherrschenden 
Überlieferung steht sein Schaffen. Er ist in 
allen wesentlichen Stücken gebunden, nur in 
unbedeutenden Einzelheiten frei. Dieser Art 
Weltanschauung entspricht eine völlig andere 
Kunst, die unpersönliche 1 ). 

Es ist leicht zu zeigen, daß die Kunst des 
auf eigene Faust lebenden Jägers rein natura- 
listisch, die des in Verbänden lebenden Acker- 
bauers unpersönlicher Art ist 2 ). 

Dort, wo die mythische Weltanschauung die 
Grundlage eines größeren Staatswesens ist, wird 
selbstverständlich die unpersönliche Kunst an- 
zutreffen sein. Das ist der Fall bei den alten 
Staaten Vorderasiens, in Babylonien und Ägypten. 
Allerdings finden wir zu jenen Zeiten auch 



') In meinen Aufsätzen: „Prähistorie und Mythos", 

1910, und „Der Mythos als Grundlage der Bauernkunst 1 ', 

1911, wies ich bereits auf die auffallende Erscheinung 
hin , daß im alten Orient zu allen Zeiten Kunstwerke 
ganz verschiedener Art gleichzeitig auftreten, nämlich 
solche, die auf Grund vorzüglicher Naturbeobachtung, 
und solche, die getreu nach der Überlieferung in 
strenger Stilisierung geschaffen wurden. 

Unabhängig von mir hat Bela Läzär die gleiche 
Beobachtung gemacht und sie in einer Abhandlung 
„Die beiden Wurzeln der Kruzifixdarstellung" (Zur 
Kunstgeschichte des Auslandes, Heft 98, 1912) nieder- 
gelegt. 

Wenn wir in der Feststellung des Tatsächlichen 
übereinstimmen , so gehen wir in der Erklärung des- 
selben weit auseinander. 

Läzär erklärt die zwei verschiedenen Arten der 
Darstellung durch zwei verschiedene Strukturen der 
künstlerisch schaffenden Phantasie. Nach seiner Mei- 
nung gibt es Künstler mit konkreter und solche mit 
abstrakter Phantasie. Damit ist nicht viel gesagt. Es 
ist selbstverständlich, daß die Psyche zweier Künstler, 
die Kunstwerke von so verschiedener Art, wie beispiels- 
weise das „Hundertguldenblatt" und das hier abgebildete 
Rundfenster zu Trau, schufen, von Grund aus ver- 
schieden sein muß. Die Annahme zweier verschiedener 
Phantasiestrukturen ist nichts anderes als ein Zurück- 
schrauben des Problems. Nun muß man erst von 
neuem wieder fragen: Wie kommt es denn, daß die 
Struktur der Phantasie so verschieden ist? 

Die Phantasie eines Künstlers ist durchaus nicht 
völlig frei. Sie reicht nirgends über die Bewußtseins- 
mannigfaltigkeit, über das, was wir Weltanschauung 
nennen, hinaus. Das von der Phantasie des Künstlers 
angeregte Werk ist der getreueste Spiegel seines Ichs, 
seiner Weltanschauung. Sehen wir zwei Werke von 
ganz verschiedener Art der Auffassung nebeneinander, 
so müssen wir notgedrungen schließen , daß die Welt- 
anschauung der beiden Künstler, die sie schufen, in 
allen Stücken verschieden war. Hinreichend erklärt 
weiden die beiden Kunstwerke hinsichtlich ihres Ge- 
haltes dann sein, wenn wir den Weltanschauungen der 
Schaffenden nachgegangen sind und ihre Verschieden- 
heit klargelegt und begründet haben. 

Diesen Weg zu gehen, habe ich mit diesen Zeilen 
versucht. Und es hat sich gezeigt, daß es durchaus 
nichts Zufälliges ist, keine Frage des Nervensystems 
im psychologisch-naturwissenschaftlichen Sinne, ob ein 
Künstler naturalistisch-persönlich oder stilisiert-unper- 
sönlich schafft, sondern immer eine Frage der kultu- 
rellen Verfassung des Einzelnen. 

2 ) v. Spiess, Die kulturgeschichtliche Bedeutung 
von Tiurdarstellungen. Programm 1913. 

2* 



12 



Regungen der anders gearteten Kunst, der per- 
sönlichen. Die Mittelpunkte jener Staaten waren 
große Städte und dort setzten bereits wissen- 
schaftliche Bestrebungen 1 ) ein, freilich noch 
durchaus in Verbindung mit Voraussetzungen 
aus dem Mythos. Derartige geistige Strömungen 
Bind im Kunstschaffen sogleich fühlbar. Im baby- 
lonischen und ägyptischen Kulturkreise finden 
wir neben den nach der landläufigen Tradition 
geschaffenen Kunstwerken auch solche, welche 
die Persönlichkeit des Künstlers schon stark 
fühlen lassen. Man denke au die Wildeseljagd 
auf einem Relief Asurbanipals aus Kujund- 
scliik 2 ) oder an die lebensvolle Gestalt eines 
ägyptischen Kriegers aus dem alten Memphis 
auf einem Holzrelief aus dem Grabe des Hesi 3 ). 

In Städten, wo die mythische Weltanschauung 
durchaus herrschend war, wie in den Städten 
von Mittelamerika und von Peru, die sogar in 
ihrem Bauplane oft den Tierkreis widerspiegeln, 
ist man nicht imstande, ein Werk zu finden, 
welches die Züge des persönlichen Künstlers 
trüge. Hier ist alles streng im Rahmen einer 
unveränderlichen Tradition geschaffen. 

Der Untergang der Antike ist verknüpft 
mit dem Niedergänge wissenschaftlichen Den- 
kens und in dessen Gefolge mit dem Erlöschen 
persönlicher Kunst. Die ganze byzantinische 
Kunst ist ein Beweis dafür. 

Wenn man in Italien im 13. Jahrhunderte 
sich an ausgegrabenen griechischen Bildwerken 
in römisch- hellenistischer Nachschaffung be- 
geistert, so setzt das ein Vorhandensein einer 
neuen Weltanschauung voraus. Mit dem Er- 
wachen der Persönlichkeit ersteht eine neue 
Kunst. Notwendig muß sie dort ergänzend 
und erweiternd eiusetzeu, wo die Hand des 
Griechen erlahmte. 

Von Italien griff die neue Kunst nach allen 
Kulturländern über, wobei zu beachten ist, daß 
die unpersönliche Kunst entsprechend der Un- 
bildung und der Abgeschlossenheit der großen 
Menge und der Zähigkeit der Überlieferung 
nie tranz zum Erlöschen kam. Sie haftet in 
Resten sogar noch den Werken eines Dürer 4 ) 
an, der gelegentlich mit alten Symbolen ar- 
beitet; sie ist in starkem Maße im Kunsthand- 
werk nachzuweisen und erfüllt in hohem Maße 



') Wir verdanken den Babyloniern die Grundlage 
aller exakten Wissenschaft, die Festlegung der Zeit- 
und Längeneinheit. 

2 ) Hunger u. Lamer, Altorientalische Kultur im 
Bilde, Fig. 124. 

3 ) Maspero, Ägyptische Kunst, S. 60, Fig. 101. 

4 ) Näheres bei lt. Wustmann, Von einigen Pflanzen 
und Tieren bei Dürer. Zeitschr. f. bildende Kunst, 
46. Jahrg., 8. 109 ff. 



die Volkskunst. In dieser Kunst, die so sehr 
von Überlieferung beherrscht ist, hat sie noch 
heute Leben. 

Es wird sich nun darum handeln, alle jene 
Merkmale herauszuholen, durch welche beide 
Arten von Kunstschaffen einerseits ausreichend 
charakterisiert sind , anderseits sich vonein- 
ander wesentlich unterscheiden. 

Ein rein äußerliches Kennzeichen gibt uns 
einen wertvollen Fingerzeig. Das Werk der 
persönlichen Kunst ist eng verknüpft mit der 
Person des Künstlers, es trägt seiuen Namen, 
es ist signiert. Ein Werk der unpersönlichen 
Kunst kann von irgend jemandem verfertigt 
worden sein, es ist namenlos ] ). 

Sämtliche Kunstschöpfungen des alten Orients 
sind insofern als unpersönlich anzusehen, als 
auf keinem Werke der Name des schaffenden 
Künstlers zu finden ist, auch literarische Werke 2 ) 
niemals mit dem Namen eines bestimmten 
Künstlers verknüpft, Künstlernamen überhaupt 
unbekannt und nur hie und da durch Zufall auf 
uns gekommen sind. 

In der ägyptischen Kunst sind wir außer- 
stande, die einzelnen Kunstwerke mit bestimmten 
Namen zu verknüpfen. Aus den Merkmalen 
Schulen zusammenzustellen und diese auf den 
Namen eines Königs oder einer Reihe von 
Herrschern zu beziehen, ist alles, was sich tun 
läßt. Ein seltsames Geschick hat uns aus der 
memphitischen Zeit den Namen eines Bild- 
hauers, Ptah-anch, zugetragen, der sich im 
Grabe des Bestellers abgebildet hat, in einer 
Barke beim Mahle sitzend, vom Gesinde be- 
dient 3 ). Ein anderer Künstler gräbt an einer 
leeren Stelle in einem Grabe sein Bild ein, das 
ihn an der Staffelei mit Pinsel und Farbtopf 
fleißig arbeitend zeigt, jedoch vergißt er seinen 
Namen beizusetzen. Aus späterer Zeit sind 
uns die Namen von einigen Bildhauern und 
Malern dadurch bekannt geworden, daß sie in 
den Akten als Beamte geführt wurden (Ober- 
und Unterbildhauer !), nicht aber im Zusammen- 
hange mit bestimmteu Werken. 

Bei den Sumerern, Babyloniern, Assyrern ist 
es Regel, daß das Kunstwerk namenlos ist. So 
gilt es schon als etwas Besonderes, wenn in 



x ) Wir kennen freilich Werke der personlichen 
Kunst, die nicht signiert sind. Hier ist das Fehlen 
des Namens ein bloßer Zufall. Wir sind dann immer in 
der Lage, die besagten Werke einem bestimmten 
Künstler oder wenigstens einer Schule seines Namens 
zuzuschreiben. 

2 ) Vgl. 0. Weber, Die Literatur der Babylonier 
und Assyrer, S. 34 ff. 

3 ) Maspero, Geschichte der Kunst in Ägypten, 
S. 65, Fig. 111. 



13 



den Quellen einmal der Name eines Künstlers 
zufällig auftaucht. Für die alte persische Knust 
vermögen wir nicht einen einzigen Künstler- 
namen anzugeben , haben aber durch Quellen 
bezeugt, daß der griechische Künstler Telephanes 
von Pkokaia am Hofe des Dareios und Xerxes 
arbeitete. 

Während wir für die hohe Kunst des alten 
Orieut nur sehr wenige Künstlernamen und kein 
einziges signiertes Kunstwerk angeben können, 
stoßen wir im griechischen Kunstgewerbe schon 
zu Anfang des 6. Jahrhunderts auf Künstler, die 
ihre Werke signierten. Auf der Fraucoisvase 
(Florenz) lesen wir: Ergotimos hat sie geformt, 
Klitias sie bemalt. Von 500 an ist alle bessere 
Keramik signiert. Da erscheint dann im wei- 
teren Laufe der Eutwickelung eine so weit 
gehende Differenziertheit im Gestalten, daß wir 
auch ohne Signatur zwei Vasen aus gleicher 
Zeit, mit gleicher Art der Bemalung dennoch 
als von zwei verschiedenen Künstlern herrüh- 
rend erkennen können. Ganz verschieden ist 
die Auffassung eines Brygos von der eines 
Euphrouios. 

Der Kunst der byzantinischen Zeit ist ein 
Reichtum an Formen und eine Höhe der Tech- 
nik nicht abzusprechen. Und doch macheu die 
Werke einen ganz anderen Eindruck auf uns 
als die der klassischen und hellenistischen Zeit. 
Diese andere Art wird von denen, die nur auf 
Leistungen der persönlichen Kunst eingestellt 
sind, als Altersschwäche oder Entartung der 
Kunst bezeichnet. Was nach den bisherigen 
Ausführungen vorauszusagen ist, den mit der 
Unpersöulichkeit der Kunst zusammenhängenden 
Maugel au überlieferten Künstlernamen und sig- 
nierten Werken, finden wir in der byzantini- 
schen Kunst glänzend bestätigt. Nur durch 
Zufall ist uns von beiläufig einem Jahrtausend 
byzantinischer Kuustentfaltung eine kleine Zahl 
von Künstlernamen erhalten. Signierte Werke 
gibt es in dieser Kunst, in der der Begriff der 
Persönlichkeit eine unbekannte Größe ist, über- 
haupt nicht 1 ). Der Orient hat seine Pforten 
geöffnet, uralte Motive, die Jahrhunderte lang 
diesem Bodeu fremd waren, tauchen wieder auf. 

Halten wir dagegen eine Schaumünze aus 
der Zeit der Frührenaissance. Auf der Rück- 
seite finden wir den Namen desseu, der sie ent- 
worfen, Pisano, in genau so großen Lettern 



l ) Bei F. W. Unger, Quellen zur byzantinischen 
Kunstgeschichte finden wir I, S. 52 ff. zehn Namen von 
Malern, einen Namen eines Metallarbeiters. Von Bild- 
hauern ist nur ein Name überliefert und bei diesem 
ist es nicht gewiß, ob er nicht der Name des Stifters 
des Werkes ist. 



wie den Namen dessen, für den sie geprägt 
wurde. Die Renaissance gilt als die Zeit der 
großen Persönlichkeiten. Die Persönlichkeit des 
Künstlers erhob sich hier zu einer Größe wie 
nie später. Die stolzen Künstlernamen auf den 
Schaumünzen sind ein handgreiflicher Beweis 
hierfür. 

Wiewohl der Umstand, ob ein Kunstwerk 
zur Gruppe der signierten oder der niemals 
signierten gehört, für die Bewertung, ob es der 
persönlichen oder der unpersönlichen Kunst ent- 
stammt, von großer Bedeutung ist, so ist dieses 
Merkmal zunächst rein äußerlicher Natur und 
es wird sich nunmehr darum handeln, beide 
Schaffensarteu miteinander zu vergleichen. 

Wir wollen zunächst die Person des Ver- 
fertigers einer nähereu Betrachtung unterziehen. 

Der Schöpfer der Werke der persönlichen 
Kunst ist der Künstler, eine besondere Art 
Mensch. Er bildet mit den Genossen gleichen 
Strebens eine eigene Gesellschaft, deren An- 
schauungen von den Anschauungen der gewöhn- 
lichen Menschen, der Bürger und Philister, 
wesentlich abweichen. Der Küustler vertritt 
zumeist einen besonderen Zweig der Kunst, er 
ist wie alle Städter Spezialist, Maler, Bildhauer, 
Musiker, Dichter. Zuweilen tritt wohl eine 
Sehnsucht darnach auf, die Künste, die in der 
Urzeit einander durchdringend als eine selbst- 
verständliche, organische Eiuheit auftraten, künst- 
lich zu verschmelzen. Allein diese Versuche 
können nie von Erfolg begleitet sein. Die 
Künste haben bei den Kulturvölkern, vonein- 
ander getrennt, eine lauge Eutwickelung durch- 
gemacht, haben dadurch die Beziehung zuein- 
ander verloren, woraus sich die Unmöglichkeit 
ergibt, die weit voneinander abliegenden Sproß- 
enden zu einem einheitlichen Ganzen zu ver- 
einigen. Stehen nun schon die Künstler der 
verschiedenen Kunstzweige notgedrungen ein- 
ander fremd gegenüber, so werden sie von der 
breiten Menge durch eine noch größere Kluft 
getrennt. Es ist immer nur eine bald größere, 
bald kleinere Minderzahl von Menschen, mit 
denen sie wirklich in Verbindung stehen. Dürer 
war iu den Städten Deutschlands noch durch 
seine Holzschnitte im guten Sinne populär, wäh- 
rend die Renaissaucekünsüer vielleicht zum 
kleinsten Kreise von Verständigen sprachen. 
Der Durchschnittsstädter ist in Dingen der dar- 
stellenden Kunst völlig unproduktiv und befindet 
sich daher ganz außerhalb der Entwickelungs- 
linie des Kunstschaffens. Derartige Menschen 
stehen Kunstwerken fremder gegenüber als 
Wilde. Sie sind auf das Abbildungsmaterial 
einer bestimmten illustrierten Zeitung eingestellt 



14 



und erklären alles andere für Schwindel, ver- 
rückt oder abscheulich. 

Ganz im Gegensatze zum Schöpfer der Per- 
sönlichkeitskunSt steht der Verfertiger von 
Werken der unpersönlichen Kunst. Derartige 
Werke entstehen heute noch in Dörfern, in 
Gebieten geringer Kultur (Osten von Europa), 
oder in Gebieten von hochkonservativem Geiste, 
wie in Tirol, als Erzeugnisse des Ilausfieißes, 
ferner durch den Kunsthandwerker des Orients 
und in den weiten Gebieten der sogenannten 
kulturlosen Völker. Wenn es auch in den Dör- 
fern besonders Begabte gibt, so kann als Er- 
zeuger der Kunstwerke doch jedermann ange- 
sprochen werden. Der Bauernküustler sticht 
in Nichts von seiner Umgebung ab. Er steht 
mit den Gefühlen und dem Verlangen aller 
seiner Mitmenschen in engster Beziehung. Bei 
ihm wie bei allen anderen ist noch die Verbin- 
dung mit den Schwesterkünsten vorhanden. Er 
dichtet, singt, schnitzt und malt. Und das alles 
bildet eine natürliche Einheit. Auch einzelne 
besonders begabte Individuen bleiben hier völlig 
im jeweiligen Rahmen der Gesellschaft. Es ist 
also, wie wir sehen, gar kein Grund vorhanden, 
daß hier der Einzelne ein Kunstwerk mit seinem 
Namen verknüpft. 

Das Leben des Persöulichkeitskünstlers ist 
völlig mit den Ideen seiner Kunst ausgefüllt. 
Das bringt oft vollständige Weltfremdheit mit 
sich, die sich in seinen Werken widerspiegelt. 
Die Kunst wird auf diesem Wege Selbstzweck 
— l'art pour Part. Mit diesem Ausspruche 
soll uns versichert werden, daß künstlerisches 
Schaffen auch ohne irgend einen Zusammenhang 
mit dem Leben der Allgemeinheit bestehen 
könue. 

Der Schöpfer von Werken der unpersön- 
lichen Kunst ist im gewöhnlichen Leben Bauer. 
Nur wenn er freie Zeit hat und gut auf- 
gelegt ist, wird er Künstler. Hier entspringt 
das Kunstschaffen aus einem Überfluß an Kraft, 
hier ist die Kunst Begleiterin auf dem Lebens- 
wege. 

Auch hinsichtlich der Wahl des Gegenstandes 
und der Verarbeitung verhalten sich die Künstler 
beider Kunstarten verschieden. 

Der Persöulichkeitsküustler ist völlig frei in 
der Wahl seines Vorwurfes und in der Ver- 
arbeitung desselben. Die Wahl des Stoffes, das 
„Was", als etwas Zufälliges ist von geringerer 
Bedeutung als die Ausführung, das „Wie". So 
ist die Art der Ausführung für die Wertung 
der Persönlichkeit allein ausschlaggebend. Hier 
liegen ungezählte Möglichkeiten vor und wir 
bewerten die Persönlichkeit eines Künstlers um 



so höher, je reicher und origineller der Auf- 
wand seiner äußeren Mittel ist. So erleben wir 
eine so intensive Steigerung der äußeren Aus- 
drucksmittel, daß die Technik als solche schon 
(die Wahl der Farben, die Linienführung) psychi- 
sches Erleben widerspiegelt. 

Der Persönlichkeitsküustler gestaltet den 
Stoff nach seinem inneren Erleben. Die großen 
Persönlichkeitsknnstwerke sind große Konfes- 
sionen. Wir schätzen solche Werke nach dem 
Maße des ihnen allein zukommenden, eigenen 
Gehaltes. Die Kunstgeschichte der hohen Kunst 
ist nichts anderes als die Aufeinanderfolge 
einiger weniger starker Persönlichkeiten und 
derjenigen, die ihrem Beispiele nacheiferten, 
wobei die Schule immer den Niedergang be- 
deutet, denn sie bietet nichts Neues, nichts 
Eigenartiges. 

Wenden wir die naturgeschichtliche Betrach- 
tungsweise folgerichtig auf Erscheinungen im 
Kunstschaffen an , so haben wir es hier eigent- 
lich gar nicht mit einer Entwickelung — vom 
rein Technischen abgesehen — zu tun. Die 
großen Künstler sind das, was man natur- 
geschichtlich als Mutation bezeichnet, eine neue 
Art, die sprunghaft, völlig fertig, in dem für 
sie Charakteristischen ohne Bezug auf Früheres 
auftritt. Daraus ergibt sich, daß die entwicke- 
lungsgeschichtliche Betrachtung nur auf die 
Schule anwendbar ist. Hier werden bestehende 
Merkmale weiter gebildet und abgeändert. 

Dadurch, daß man vom Künstler fortgesetzt 
Neues fordert, tritt oft ein ungesundes Haschen 
nach Orginalität bei schwächeren Naturen ein, 
beim Publikum eine übergroße Wertschätzung 
äußerer Merkmale. Der Blick wird vom Ganzen 
abgezogen uud zu sehr auf das Technische, die 
Mache hin gerichtet. 

Die feine Abschätzung von Kleinigkeiten in 
der Arbeitsweise bringt es mit sich, daß wir 
für jeden Künstler nicht nur den ihn kenn- 
zeichnenden Stil, den Stil seiner Persönlichkeit, 
feststellen , sondern an den Werken aus ver- 
schiedener Zeit — von Jugendweihen ganz ab- 
gesehen — verschiedene Entwickeluugsstufen 
dieser Persönlichkeit herausfinden. 

Insofern als die schwächeren Individualitäten 
von einer größeren Persönlichkeit abhängig sind 
und die Arbeitsweisen sich in gewissen Punkten 
berühren, können wir von einem Zeitstile 
sprechen, in dem allerdings die Eigenart des 
starken Einzelnen nicht verschwindet. Die Gegen- 
wart freilich mag eines ausgeprägten Zeitstiles 
ermangeln, da das universelle Bewußtsein, das 
in der ganzen Welt, in den Kunststilen aller 



15 



Völker nach Vorbildern sucht, ein Schaffen nach 
einer bestimmten Richtuni;' verhindert. 

Der ßauernkünstler verhält sich hinsichtlich 
Vorwurf und dessen Verarbeitung völlig gegen- 
sätzlich. Die Anzahl der zur Verfügung ste- 
henden Motive ist eine geringe uud in einem 
bestimmten Gebiete durch die jeweilige Über- 
lieferung gegeben. Diese reicht weit zurück, 
oft bis in die Vorzeit l ) und wurzelt teils in 
mythischen Vorstellungen, die dem Landvolke 
heute kaum mehr bewußt sind , oder in reli- 
giösen Mysterien, deren bildliche Formung oft 
auf die alten Darstellungen mythischen Gehaltes 
zurückgeht 2 ). 

Ebenso wie der Bauernkünstler in der Wahl 
seines Vorwurfes eingeengt ist, ist er auch in 
der Ausführung gebunden. Im Laufe der Zeit 
hat sich eine bestimmte Anzahl von Auffas- 
sungen und Ausführungen herausgebildet, die 
nun getreu nachgebildet werden, ohne daß der 
Einzelne darüber hinausginge oder Neues er- 
streben würde. Während beim Persönlichkeits- 
künstler die Technik allein nicht nur ein Be- 
stimmungsmerkmal für die Person, sondern sogar 
für eine bestimmte Zeit abgibt, ist die Technik 
von Werken der Volkskunst zunächst unab- 
hängig von der Person uud durch lange Zeit, 
oft durch Jahrhunderte dieselbe 3 ). 



: ) Bobrinsky (Volkstümliche russische Holz- 
arbeiten 1911) führt das auf russischen Holzarbeiten 
auftretende Motiv „Scheibe mit paarigen Vögeln" auf 
das in der Hallstattzeit häufige Motiv gleicher Art 
zurück und legt ihm zugleich mit Dechelette eine 
besondere Bedeutung zu. 

Ahnliches habe ich in meinem Aufsatze „Der 
Mythos als Grundlage der Bauernkunst" 1911 ausge- 
führt, wo ich die Gruppe: Paarige Vögel zu seiten 
eines Baumes, Gefäßes, der Scheibe usw. eingehend be- 
handelte und reichliches Ver^leichsinaterial beibrachte. 

Auch die russischen Holzschüsseln in Vogelform 
bringt Bobrinsky in Zusammenhang mit prähistori- 
schen Formen, wie ich das in meinem 1912 gehaltenen 
Vortrage „Die Behälter des Unsterblichkeitstrankes" 
getan habe, und hält auch die Form nicht für zu- 
fällig, sondern im Zusammenhange stehend mit be- 
stimmter mythischer Überlieferung Allerdings bezieht 
er das Motiv in der jetzt noch geläufigen Weise auf 
die Sonne, ohne sich für die Beweisführung anderer 
Argumente als abgebrauchter Schlagwörter und unbe- 
wiesener Vermutungen zu bedienen. (Nach dem deut- 
schen Texte, S. 18 ff.) 

Die Stärke der Tradition zeigt sich auch darin, 
daß in der Reliefschnitzerei von Gefäßen, Klopfhölzern 
und Teilen von Pferdegeschirren ein Flechtmuster er- 
scheint, daß 2500 Jahre v. Chr. in Vorderasieu geläufig 
war und das Morgan als „Torsade elamite" bezeichnet 
(Memoires VII, 129), zu dem noch ein von den ältesten 
Zeiten bis zur Sassanidenkunst verfolgbares, herzför- 
miges Muster (Memoires VIII, 94) tritt (Bobrinsky, 
1. c, Deutscher Text, 8.46). 

2 ) K. v. Spie ss, Trinitätsdarstellungen mit dem 
Dreigesicht. Werke der Volkskunst 1914. 

3 ) In der Bauernkuust finden sich oft die Nieder- 
schläge der großen Stile der Stadtkunst, wie der Renais- 
sance, der Barocke usw. Sie sind als fremdes Gut stets von 



Insofern als gewisse Nationen oder Völker 
bestimmte Motive bevorzugen und dem Dar- 
gestellten eine eigene Ausgestaltung erteilen, 
woraus die Volkszugehörigkeit ohne weiteres 
erkenntlich ist, können wir von einem National- 
stile sprechen, insofern als gewisse Motive der 
Unpersönlichkeitsknnst ihrer Formgebuug nach 
auf dem ganzeu Kreise Europa — Asien— Ame- 
rika in gleicher Ausbildung auftreten, von einem 
Ewigkeitsstile. Denken wir an die Gruppe zu 
Dreien , so handelt es sich dabei um Formen, 
die nicht dem Wandel der Zeit unterliegen, die 
nicht ein Geschehen von dieser Welt, son- 
dern letzten Endes Vorgänge am Himmel, die 
Formwandlungen am Monde darstellen. Seine 
Gestaltsänderung ist aber nur ein Beispiel für 
die allgemeine Wandlung, für die des Menschen 
und des Weltalls. Über Mikrokosmos und Ma- 
krokosmos waltet das gleiche Gesetz: Geburt, 
Tod, Wiederkehr. 

Wie verhalten sich die Werke beider Kunst- 
arten hinsichtlieh ihrer Bestimmung und ihres 
Endzweckes? 

Die Werke der Persönlichkeitskunst auf Ver- 
anlassung weniger, der Befehlenden und Be- 
sitzenden, ausgeführt, haben den Zweck, ihre 
Paläste zu schmücken. Für wenige berechnet, 
sind sie der großen Menge unzugänglich : ). 
Auch dort, wo derartige Kunstwerke in Kirchen, 
in öffentlichen Gebäuden und auf Plätzen auf- 
treten, rühren sie nicht an die Seele des Volkes, 
da sie ja vor allem dazu bestimmt sind, die 
Macht der Herrschenden nach außen hin kund- 
zutun. 

Diese Umstände bringen es mit sich, daß 
die Persönlichkeitskunst nicht in die breiten 
Schichten des Volkes dringen kann. 

Wenn der Endzweck der persönlichen Kunst, 
wie der jeder Kunst, der ist, bestimmte Ge- 
danken und Gefühle zum Ausdrucke zu bringen, 
so ist es nach dem bereits Gesagten leicht ver- 
ständlich, daß dieser Endzweck der persönlichen 
Kunst am besten dort erreicht wird, wo per- 
sönliche und unpersönliche Kunst noch näher 

dem Bodenständigen zu trennen. Die Volkskunst eines 
Landes ist um so reiner und ursprünglicher, je weniger 
sie derartige städtische Anleihen aufweist. Schwedische, 
isländische, russische Volkskunst. 

: ) Mau denke an die Trostlosigkeit der Bilder- 
galerien, wo zumeist noch die Bilder wahllos über- 
und nebeneinander hängen. Es gehört eine große Ab- 
härtung dazu, um in dem grenzenlosen Durcheinander 
der verschiedensten Eindrücke auch nur ein wenig ge- 
nießen zu können. Demjenigen aber, der in unbefan- 
genem Verlangen zum ersten Male derartige Kata- 
komben betritt, wird auf lange Zeit, wenn auch nicht 
für immer der Appetit vergehen. In der Mehrzahl der 
Fälle allerdings ist der Besuch der Galerien keine 
seelische, sondern nur eine touristische Leistung. ' 



16 



der gemeinsamen Wurzel liegen. Die weitere 
Entfaltung iler Persönlichkeitskunst bringt es 

mit sich, <lnß die Künstler von der Darstellung 
allgemeiner Ideen immer mehr abgedrängt und 

dazu geführt werden, nicht nur die Umwelt, 
sondern auch Szenen mit bestimmter Über- 
lieferung nach eigenem Gutdünken auszuge- 
stalten. In steigendem Maße wird auf das rein 
Technische und rein Äußerliche ein zu großes 
Gewicht gelegt, oder aber derartig willkürlich 
mit der Ausgestaltung bestimmter Motive ver- 
fahren, daß dann Schöpfungen entstehen, die 
mit dem Namen dessen, was sie eigentlich dar- 
stellen sollen, nichts mehr zu tun haben. 

Das große Wandbild eines Unbekannten im 
Campo santo zu Pisa, der Triumph des Todes, 
ist sicher das Werk eines persönlichen Künst- 
lers, eines Realisten ungebrochenster Kraft, und 
doch ist alles in diesem Bilde einer großen 
Idee so unterstellt, daß das Bild der Gegenwart 
völlig entrückt als eines der größten Mensch- 
heit swerke vor unseren Augen sich aufrollt. 

Die Versuchung Christi von Tintoretto in 
der Scuola di San Koeco zeigt uns, wie die 
Phantasie des persönlichen Künstlers mit Szenen 
bestimmter Überlieferung umgeht. Vor Christus 
steht hier nicht der Teufel, sondern eine schöne 
geflügelte Frauengestalt. Der biblische Gehalt 
der Szene ist hier bereits völlig umgewertet. 
Tintoretto will uns etwa sagen: Der sittliche 
Wille des Menschen muß die Sinnlichkeit über- 
winden. So entsteht Kultur. 

Die Bilder religiösen Stoffes von Rubens 
und Jordaens verdeutlichen uns, wie am Ende 
fortgesetzter persönlicher Auffassuug von einem 
ehemaligen Inhalte überhaupt nichts mehr zu 
verspüren ist. Die Altarbilder Rubens über- 
raschen uns durch die Schönheit der dargestellten 
Menschen, durch die spielerische Leichtigkeit 
der Komposition , durch den sinnlichen Glanz 
der Farben. Das alles aber vermag nicht hinweg- 
zutäuschen über den Mangel jeglichen geistigen 
Gehaltes. Die Gestalten, verkleidete Satyrn 
und Faune, langweilen sich in der ihnen auf- 
gezwungenen Pose. Die Altarbilder Jordaens 
sind mühsam gestellte Gruppen von Trunken- 
bolden und Fettwänsten, die mißmutig sind, weil 
sie nicht an der langen Tafel bei vollen Schüsseln 
und Humpen sitzen. 

Wollte man derartige Bilder nur vom rein 
inhaltlichen Standpunkte aus beurteilen, so würde 
man dem Künstler schwer Unrecht tun. 

Wir sehen immer das gleiche Spiel. Der 
Künstler, der eigene Ziele verfolgt, gewinnt zwar 
für seine Persönlichkeit, vereinsamt aber und 
verliert au Beziehung zu seiner Mitmeuschheit. 



Die unpersönliche Kunst ist ausschließlich 
Zweckkunst 1 ). Da gibt es kein \Y T erk, das als 
Prunkstück nur zum Bestaunen und zum Be- 
wundern geschaffen wäre, das nicht irgend eine 
Verwendung hätte. Diese Kunst greift überall 
ins alltägliche Leben ein. Die Wände des Hauses 
werden mit Ornamenten bemalt, die Türstöcke 
geschnitzt, die Giebel verziert. Jedes der Ein- 
richtungsstücke zeigt irgend einen Schmuck, 
meist von der Hand des Besitzers oder dessen 
Vorfahren selbst geschaffen. Die Gebrauchs- 
gegenstände bis zum hölzerneu Trinkgefäß und 
zur irdenen Schüssel, die Arbeitsgeräte bis zum 
Wetzsteinbehälter und zum Wäscheklopfholz, 
alle sind in reichstem Maße ausgeschmückt, mit 
Ornamenten und Gestalten bedeckt. Den Fest- 
tagen wird erhöhte Weihe gegeben durch Spiele 
mit eigenen Masken (Paradies- , Fastuachts-, 
Ptingstspiele usw.), durch Gebäcke besonderer 
Form, die Gebildbrote usw. Besonders dort 
setzt diese Kunst ein, wo es gilt, die für den 
Menschen wichtigsten Abschnitte seines Daseins, 
die, wie wir sahen, in Beziehung zum Kosmos 
gesetzt wurden, zu feiern : Geburt, Hochzeit und 
Tod. Er begeht sie in besonderem Kleide, das 
die Frauen nach altüberkommener Art fertigen 
und ausschmücken, im Tauf-, Hochzeits- und 
Totenhemd. Jedes Volk, jeder Kreis hat im 
Zusammenhange mit seinen eigenen Gebräuchen 
auch seine eigenen Gewänder, Schmuckgegen- 
stände, Geräte mit bestimmter Verzierung für 
diese besonderen Tage, da der Mensch heraus- 
tritt aus der Allgemeinheit. 

Es ist klar, daß die kunstgeschichtliche Be- 
trachtung, die bis jetzt fast ausschließlich den 
Werken der persönlichen, auf eine bestimmte 
Zeit abgestimmten Kunst galt, für die Werke 
der unpersönlichen Kunst keinen Raum hatte. 
An manchen Stellen war es freilich notwendig, 
auch auf diese Werke einzugehen, die dann als 
Erzeugnisse einer frühen, verwilderten oder 
Barbarenkunst den Werken der hohen Kunst 
gegenübergestellt wurden. Waren derartige 
Werke aus edlem Stoffe gefertigt und von 
vollendetem Stile, so ordnete man sie ins Kunst- 
gewerbe ein oder wies sie der Kleinkunst zu, 
wo die heterogensten Schöpfungen friedlich 
nebensammen stehen mußten. Daß man in Ver- 
folgung der „hohen" Kunst oft unmittelbar auf 
die „Barbaren"-Kunst stieß und sich mit dieser 



') Das Kunstgewerbe, vertreten durch Namen be- 
rühmter Meister, ist bis auf unsere Zeit nie Zweckkunst 
gewesen, da es lediglich als eine Verkleinerung der 
großen Kunst erscheint. Vgl. hierzu die treftenden 
Ausführungen 0. Kümmels in „Illustrierte Geschichte 
des Kunstgewerbes" II, S. 722 ff. 



17 



notgedrungen abgeben mußte, erwuchs aus der 
ohne jede Begründung und Notwendigkeit von 
der Naturwissenschaft übernommenen Entwicke- 
lungshypothese. Nach ihr bewegen sich alle 
Kunsterscheinungen in einer ununterbrochen 
nach aufwärts strebenden Linie. Da die Ge- 
schichte aber das Gegenteil zeigt, nämlich am 
Ausgange einer jeden Kulturepoche ein Zu- 
sammenbrechen der Persönlichkeitskunst, so 
mußte dann die „ Barbaren "-(Völkerwanderungs-) 
Kunst herhalten, um das „Stillstehen" und die 
„toten Punkte" in der angeblichen Ent- 
wickeln" zu illustrieren. Wie völlig 
falsche Vorstellungen erweckt eine der- 
artige Auffassung! Dieses Stillstehen 
der Entwickelung besteht in Wahrheit 
darin, daß Völker niedriger Kultur mit 
ihrer unpersönlichen Kunst die Gebiete 
ehemaliger persönlicher Kunstübung be- 
zogen, daß sich eine neue lebeusfrische 
Kulturschichte allenthalben auf eine 
alte, abgestorbene legte. 

Entsprechend den drei hervor- 
stechenden Kulturstufen, der Höhlen-, 
Dorf- und Stadtkultur, rinden wir auch 
drei verschiedene Kunstübungen: die 
ausschließlich naturalistische, die un- 
persönliche und die persönliche. 

Diese drei Stämme des Kunst- 
schaffens, die wesensfremd einander 
gegenüberstehen, greifen in der Ge- 
schichte der Menschheit oftmals über- 
einander. Auch heutigen Tages beob- 
achten wir bei genauerem Zusehen zwei 
Kulturschichten übereinander, die länd- 
liche und die städtische. Wollen wir 
nun bei Besprechung des künstlerischen 
Schaffens den tatsächlichen Verhält- 
nissen gerecht werden , so dürfen wir 
nicht eine Reihe von Erscheinungen, 
wenn sie uns auch zunächst liegen und 
am verständlichsten sind, herausgreifen 
und die anderen dabei völlig übersehen. 

Demnach wäre der Stoff der Kunstgeschichte 
dreifach zu teilen : 

1. Rein naturalistische Kunst. 

2. Unpersönliche Kunst. 

3. Persönliche Kunst. 

Bevor ich nun daran gehe, das Forschungs- 
feld der unpersönlichen Kunst näher zu ent- 
wickeln, sei erwähnt, daß in Übergangszeiten 
oft beide Kunstarten an einem Kunstwerke 
nebeneinander vorkommen werden. 

Als Beispiel sei ein Flachrelief früheine- 
sischer Kunst (524 n. Chr) angeführt. Auf dem 
den Steinuntersatz der Maitreyatigur (Nordwei) 



zierenden Flachrelief ') (Fig. 36) sehen wir auf 
zwei übereinander liegenden Streifen eine Pro- 
zession des Stifters abgebildet, der mit großem 
Gefolge des Weges zieht. Die Darstellung, die 
eigentlich nichts anderes ist als eine Über- 
tragung von Malerei auf Stein, da ihr jedes 
räumliche Gestalten fehlt, ist von großer Le- 
bendigkeit und setzt gute Naturbeobachtung 
voraus. Ihr liegt das Bestreben zugrunde, einen 
tatsächlichen Vorgang möglichst getreu wieder- 
zugeben. Befremdend wirkt nur die Füllung 

Fig. 36. 














«r n f"_ 










jeglichen leeren Raumes durch Rankenwerk 
und stilisierte Tiere. 

In schroffem Gegensatze zu diesen beiden 
Streifen steht der darunter befindliche dritte 
Streifen. Da sehen wir zwei Löwen mit zausiger 
Mähne und aufgesperrtem Rachen zu beiden 
Seiten einer aus einer Lotosblüte auftauchenden 
weiblichen Gestalt, die auf dem Haupte eine 
große flache Schale mit einem Räuchergefäße in 
Kucelform trägt. Auch hier sind Zwisehen- 



*) Abgebildet bei Miinsterberg, Chinesische Kunst- 
geschichte nach Bushell 1, 141, Fig. 102. 

3 



18 



räume mit stilisierten Blüten, Blättern und Tieren 
erfüllt. 

Die regelmäßige Anordnung dieser Gruppe 
und ihre Stilisierung läßt sofort erkennen, daß 
es sich hier nicht um die Wiedergabe irgend 
eines Erlebnisses handelt, sondern um die Ver- 
körperung eines bestimmten Gedankeniuhaltes. 
Das ergibt sich ferner daraus, daß die darüber 
dargestellte Szene in genau derselben Ausbil- 
dung nicht wieder nachzuweisen ist, während 
die darunter dargestellte Gruppe sich in genau 
gleicher Ausführung noch öfters vorfindet. Als 
Beispiele seien angeführt die Vorderseite des 
„Tama-muschi"-Schreiues (etwa 600 n. Chr.), auf 
der wieder das kugelförmige Räuchergefäß 
zwischen zwei geflügelten Fabeltieren abgebildet 
ist, und von weit abliegendem Gebiete das gleiche 
Motiv auf einem bemalten Stoffe aus Tun Huang 
(Sammlung Peliot, Louvre). 

Uns bietet diese Gruppe nichts wesentlich 
Neues. Das kugelförmige Weihrauchbeckeu steht 
au Stelle der Perle, die von den Drachen ge- 
hütet oder bedroht wird. 

Wir haben für diese Zeiten des Überganges 
noch mit einer anderen Möglichkeit zu rechnen, 
nämlich mit der Vermischung beider Dar- 
stellungsarten. 

Als Beispiel hierfür führe ich einen der 
babylonischen Etana-Siegelzylinder an, und zwar 
den im Louvre befindlichen (Zeit ungefähr 1. Hälfte 
des 2. Jahrtausends). Von der ganzen Darstellung 
greife ich den Einporflug des Helden mittels 
des Adlers heraus. Die Gruppe zeigt streng 
symmetrische Anordnung. Unterhalb des Adlers 
zwei Hunde beiderseits eines behenkelten Ge- 
fäßes, zu beiden Seiten dieser zwei Gestalten. 
Diese Darstellung geht offenbar auf eine ältere, 
ganz anders geartete zurück. Darauf weist auch 
der Kopf des Adlers hin, der auf dem Pariser 
Zylinder nicht zu erkennen, auf dem Berliner 
aber löweuköpfig ist. Es handelt sich hier also 
nicht um die Darstellung eines tatsächlichen Ge- 
schehens, um den Raub eines Menschen durch 
einen Vogel, sondern um die Darstellung eines ge- 
dachten Vorganges, einer Szene aus dem Mythos. 
Die diesem Stoffe entsprechende Darstellungsart 
wäre die der unpersönlichen Kunst. Den Grund- 
sätzen der persönlichen Kunst entspricht die 
Behandlung der zwei dem Etana nachblickenden 
Gestalten. Sie sind trefflich in der Bewegung, 
so gut nach dem lebenden Vorbilde erfaßt, daß 
durch sie die Bedeutung des Vorganges zurück- 
gedrängt, das Gegenständliche in den Vorder- 
grund gerückt wird. Diese zwei Menschen sind 
bereits das Werk eines persönlichen Künstlers. 



Aus den bis jetzt augeführten Beispielen 
ergibt sich, daß ein Erzeugnis der unpersön- 
lichen Kunst an der Wahl und Verarbeitung der 
Motive rein äußerlich erkannt werden kann, ab- 
gesehen davon, daß ein solches Werk niemals 
ein tatsächliches Ereignis darstellt, sondern immer 
auf etwas Gedeutetes, Erdachtes zurückgeht und 
dies bei aller gegenständlichen Darstellung betont. 

Auf beschränktem Räume wurden hier einige 
Abwandlungen der Gruppe zu Dreien besprochen 
und es seien hier noch einige der wichtigsten 
Motive der unpersönlichen Kunst genannt. 

Zu der Gruppe zu Dreien gehört noch das 
Motiv der Dreiköpfigkeit (drei Köpfe über- oder 
nebeneinander) und der Dreigesichtigkeit, ferner 
das Motiv des Lebensbaumes mit den Tieren. 
Dadurch, daß das Mittelstück wegfällt, erhalten 
wir die Gruppe zu Zweien. Formen: 1. Paarige 
Tiere getrennt, a) einander zu-, b) einander ab- 
gekehrt. 2. Paarige Tiere vereinigt, Doppel- 
tiere, z. B. Doppeladler. Oft soll ein Gegensatz 
in der Beleuchtung ausgedrückt werden; dann 
finden wir eine helle und eine dunkle Gestalt ein- 
ander gegenübergestellt. (In übertragener Be- 
deutung z. B. Hase und Kröte.) Daneben gibt 
es Formen, die halb hell (weiße, glatte, goldene 
Haut), halb dunkel (rauhhaarig, mit Schuppen 
bedeckt) gedacht sind (Meerweibchen, Melusine, 
Skylla). Als bedeutsames Motiv finden wir in 
ganz eigenartiger Ausbildung über die ganze 
Erde verbreitet den Kampf des Helden mit den 
Tieren. Gewissermaßen ein Verkürzungsmotiv 
hiervon ist der „Kopf im Rachen" und eine 
Parallelform der Kampf der Tiere. Hiermit 
wären einige der wichtigsten Motive der unper- 
sönlichen Kunst hinsichtlich ihrer gegenständ- 
lichen Seite aufgezählt. 

Wenn es sich darum handelt, das Gebiet der 
unpersönlichen Kunst abzugrenzen, so umfaßt es 
der Hauptsache nach die Kunsterzeugnisse ge- 
schichtsloser Völker und solcher bereits im Be- 
sitze der Schrift befindlicher Völker, deren Welt- 
anschauung noch im Mythos wurzelt. 

Es kommen daher in erster Linie die Kunst- 
werke der vorgeschichtlichen Zeit in Betracht, 
insofern es sich um Ackerbauer und nicht um 
Jägervölker handelt, also die Fundstücke aus 
neolithischer Zeit und der folgenden Entwicke- 
luugsstufen. Die Bildwerke frühgeschichtlicher 
Zeit tragen, wenn sie aus Ägypten oder Baby- 
lonien kommen, oft schon fremdartige Züge an 
sich, die davon herrühren, daß wir es bereits 
mit einer Vermischung zweier Kunstarten, per- 
sönlicher und unpersönlicher, zu tun haben. 
Wenn auch die Weltanschauung der 'Ägypter, 
Phöniker und Babylonier durchaus im Mythos 



19 



fußt, so hatte die hoch ausgebildete Stadtkultur 
bereits den Ansät/, zu dem gezeitigt, was wir als 
persönliches Element erkennen. Derartige Ein- 
flüsse verschwiuden sofort, wenn wir auf Zeiten 
zurückgreifen , wo die Stadtkultur noch nicht 
bestand, oder wenn wir uns zu anderen Völkern 
begeben, die zur selbeu Zeit noch keine Stadt- 
kultur besaßen. Die älteste Frühkunst Griechen- 
lands, z.B. die Fundstücke der tiefsten Schichten 
von Mykenä und Tyrins J ), vielleicht gleichaltrig 
mit den babylonischen Siegelzylindern, weisen 
uns die unpersönliche Kunst in schönster Aus- 
prägung, während wir bei den Siegelzyliudern 
die starke Einwirkung von persönlicher Kunst 
zu fühlen bekamen. Dort aber, wo die ausge- 
sprochene Burgenkultur (Kreta, Mykenä usw.) 
einsetzt, die Persönlichkeit innerhalb einer kleinen 
Gesellschaft, der Burgherren, erwacht, dort er- 
steht mit einem Male die Persönlichkeitskunst 
in einer Stärke des Ausdruckes, der den Be- 
schauer der Wandmalereien von Knossos in das 
größte Erstaunen versetzt. 

Man ruft verwundert aus: Wie war das zu 
dieser Zeit nur möglich, und bedenkt nicht, daß 
das Kunstschaffen nicht von der Stellung in der 
Zeitlinie, sondern einzig und allein von der 
psychischen Verfassung des Verfertigers ab- 
hängig ist. 

Mit dem Verfalle der Mittelmeerkultur setzt 
überall die unpersönliche Kunst ein, byzantinische 
und Völkerwanderungskunst genannt, wobei letz- 
tere in die Abschnitte: Kaukasus-, skythische, 
gotische, langobardische, angelsächsische, irische 
Kunst zu gliedern wäre. Bei der byzantinischen 
Kunst wäre besonders auf das Moment der 
Stadtkultur hinzuweisen, durch welches die un- 
persönliche Kunst wesentlich getrübt erscheint. 
Über Deutschland (Merovinger Zeit) ist das 
Wirken der unpersönlichen Kunst bis nach Eng- 
land und Irland zu verfolgen. Im Figürlichen 
des romanischen Stiles findet diese Art Kunst 
ihre letzte, große Wiederbelebung auf euro- 
päischer Erde. 

Auf dem Boden der Volkskunst hat sich die 
unpersönliche Kunst bis auf den heutigen Tag 
erhalten. Die uralten Motive, deren mythische 
Bedeutung dem Bewußtsein des Volkes zum 
größten Teile verloren gegangen ist, die zum 
Teile christliche Deutung erhalten haben, treten 
heute noch in derselben Ausbildung auf wie 
vor 3000 Jahren. Das Volk freilich — ich habe 
hier ursprüngliche Verhältnisse vor Augen, mög- 
lichstes Fehlen des städtischen Einflusses — 



x ) Ich denke an die weiblichen Tonidole, deren 
Körper bald als Sichel, bald als Scheibe gestaltet ist. 
Schliemann, Tyrins, Taf . 25 a, d. 



spürt nichts vom Flusse der Zeit, das Volk, das 
vielfach noch ohne die Kenntnis der Schrift 
ebenso dahinlebt wie in vorgeschichtlicher Zeit. 

Unter ähnlichen Verhältnissen schafft der 
Kunsthandwerker im Orient seine Teppiche und 
Metallarbeiten. Wir werden uns daher nicht 
wundern, wenn wir an diesen Erzeugnissen oft 
uralte Motive unverändert auftauchen sehen. 
Morin bildet in seinem Werke »Le Dessin des 
Animaux en Grece« vier Tiere ab 1 ), die zu- 
sammen nur einen Kopf haben. Von den ägäi- 
schen Inselsteinen 2 ) sind die zwei Löwen mit 
gemeinsamem Kopfe bekannt. Auf einem sassa- 
nidischen Gewebe 3 ) finden sich vier Löwen mit 
nur einem Kopfe, von Halbmonden rings uni- 
geben. Das Motiv, das Morin abbildet, ent- 
stammt einer ganz modernen orientalischen 
Met allarbeit. Das Zurückgreifen auf so alte 
Motive ist nach den früheren Ausführungen 
nicht nur begreiflich, sondern vielmehr vorher- 
zusagen. ■ 

Die Erkenntnis der beiden Arten des Kunst- 
schaffens ist weiter von Bedeutung für die richtige 
Einschätzung der Kunstbetätigung der Gegen- 
wart. 

Wir finden heute einerseits extreme Betonung 
der Persönlichkeit, anderseits dein demokratischen 
Zuge des Zeitalters entsprechend das Bemühen, 
die Kunst der Allgemeinheit zugänglich zu 
machen. Nach dem vorher Ausgeführten würde 
sich ergeben, daß in diesem Falle die Persön- 
lichkeit des Künstlers wird zurücktreten müssen, 
was auch tatsächlich zutrifft. So erklärt es sich, 
daß das Gegenständliche mit seiner Mannig- 
faltigkeit in der Erscheinung im Kunstgewerbe 
womöglich vermieden wird , daß die mensch- 
liche Gestalt weitgehende Stilisierung erfährt 
und das Ornament vorherrscht. Instinktiv knüpft 
man dort an, wo gleiche Voraussetzungen hin- 
sichtlich der Wirkung auf die Masse bestehen, 
an die Volkskunst. So feiern uralte Motive im 
heutigen Kunstgewerbe, der Kunst für die breitere 
Menge, ihre Auferstehung. Das Motiv der 
paarigen Vögel mit dem Lebensbaume fand 
ich unverändert in graphischen Zierleisten und 
auf bemalten Tellern , das hier besprochene 
Motiv des Löwenwürgerstoffes als Flächen- 
schmuck einer bemalten Vase, zn meinem Er- 
staunen einmal sogar ein iu Silber und Glas ge- 
arbeitetes Likörgefäß in Gestalt einer Doppel- 
ente als bewußte getreue Nachbildung eines 
Gefäßes aus vorgeschichtlicher Zeit, dann wieder 



Taf.' 



! ) Morin, I.e., 8.139, Fig. 13. 

2 ) Lichtenberg, Ägäische Kultur, S. 118, Fig. 69. 

3 ) Fischbach, Die wichtigsten Webeornamente, 



'20 



ein Gefäß in Fisohgestall mit vorne anhaftendem 
Menschenkopfe (Kunstgewerbemuseum in Buda- 
pest) als getreue Nachbildung eines altetrus- 
kischen Gefäßes "). 

Bestrebungen ähnlicher Art sind über das 
Kunstgewerbe hinaus auch in der Persöulieh- 
keitskunst zu spüren. Auch hier strebt man 
nach Vereinfachung, mau stilisiert und sucht 
den Vorgang bei aller persönlichen Anschauung 
möglichst absolut zu geben. So kommt es, daß 
man nicht nur beim Schmucke großer Flächen, 
sondern auch im Bilde auf Giotto und die 
Primitiven zurückkommt. Die Anlehnung be- 
zieht sich nur auf die eindringliche Art der 
Darstellung, nicht auf die Motive. Man ver- 
meidet nach Möglichkeit die Wiedergabe be- 
stimmter Vorgänge und bevorzugt dekorative 
Bilder allgemeinen Inhaltes mit Überschriften 
wie Sommer, der Strand usw. Weun wir auf 
einem Bilde Frauen sehen, die mit Kindern 
spielen, die sich im Freien ergehen, die im 
Grünen ruhen, die baden, so soll damit nicht 
ein persönlicher Eindruck, sondern das Gefühl 
der ganzen Menschheit zur Sommerszeit zum 
Ausdrucke gebracht werden. Man vergleiche ein- 
mal ein solches Bild mit einem Mosaik aus San 
Vitale. Obwohl hinsichtlich Material und Technik 
ganz andere Verhältnisse vorliegen, überrascht 



J ) Spiess, Behälter des Unsterblichkeitstrankes, 
Fig. 37. 



doch die Ähnlichkeit des Kindruckes, der auf 
der Übereinstimmung in der Hervorhebung der 
Linie, der dekorativen Wirkung und der be- 
tonten Zeitlosigkeit des dargestellten Vorganges 
beruht. 

Es ist interessant zu beobachten, wie Be- 
strebungen, die auf die exzessive Äußerung der 
Persönlichkeit abzielen, bei Schöpfungen landen, 
die die Vernichtung des Individuums bedeuten. 
Die Werke der Kubisten, Expressionisten, Or- 
phisten usw. zeigen uns in eindringbeher Weise 
eine neue Arbeitsweise, aber keine Persönlich- 
keit. Der Einfluß einer Zeit ist stärker als der 
Einzelne mit seinem Willen. So sehen wir, daß 
diejenigen, die die Großstadt und ihr Leben 
mit noch so sensiblen Nerven des besonderen 
Menschen erfassen und uns ihr Wesen sozusagen 
in kristallisierter Form geben wollen, schließlich 
der Möglichkeit des persönlichen Ausdruckes 
verlustig gehen. 

Im kulturgeschichtlichen Zusammenhange er- 
scheinen derartige Bestrebungen als notwendig 
und es ist daher nicht angebracht, diese Rich- 
tungen — wobei natürlich leere Reklamesucht 
und offenkundige Absicht zum Betrüge auszu- 
schalten sind, ein Unternehmen, das einem in 
heutiger Zeit allerdings nicht immer leicht ge- 
macht wird — von vornherein mit dem Schwer- 
gewichte einer nichts besagenden Überzeugung 
als „neueu Schwindel" abzulehnen. 



Am 8. Dezember 1914 verschied im 67. Lebensjahre in Bad Tölz, dessen 
Ehrenbürger er war, 

Hofrat Dr. Max Höfler. 

Der Verstorbene war einer der fruchtbarsten und erfolgreichsten Forscher auf 
dem Gebiete der vergleichenden Volksmedizin und der deutschen Volkskunde. 
Seine grundlegenden Untersuchungen über Volksmedizin, die er in einer Anzahl 
von Werken niederlegte, sowie seine reich illustrierten Arbeiten über die Opfer- 
kulte und namentlich über die anläßlich der verschiedenen Feste hergestellten 
Gebildbrote, die in der Zeitschrift für österreichische Volkskunde und im Archiv 
für Anthropologie erschienen sind, werden immer ihren Wert behalten und den 
Namen des Dahingeschiedenen nie vergessen lassen. 

Die Redaktion. 



Reklamationen and sonstige Mitteilungen 
sind an die Adresse des Herrn Professor Dr. K. Hagen, Hamburg 13, Binderstraße 14, zu senden. 



Ausgegeben am 10. Mai 1915. 



Korrespondenz- Blatt 



der 



Deutschen Gesellschaft 



für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg. 



Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn in Braunschweig. 



XLVL Jahrg. Nr. 5/8. 



Jährlich 12 Nummern. 



Mai/Aug. 1915. 



Für alle Artikel, Berichte, Rezensionen usw. tragen die wissenBchaftl. Verantwortung lediglich die Herren Autoren; s. S. 16 des Jahrg. 1894. 

Inhalt: Über die Herkunft des südbulgarischen Dolichocephalus. Von Dr. J. B. Loritz. — Über Alter und 
Herkunft der Kultur des Speltes (Triticum spelta L.). Von Hugo Mötefindt. — Ein mineralogisches 
Erkennungszeichen prähistorischer Feuersteinartefakte. Von Max Stein. — Dionysos-Sabazios. Von 
Dr. Emil Fischer. — Rechter Calcaneus eines Paläolithikers aus dem Diluvium von Gr.-Winnigstedt 
im Kreise Wolfenbüttel. Von L. Knoop. — Mitteilung der Schweizerischen Naturforschenden Gesell- 
schaft. — Methodische Siedelungsforschung. Von Ernst Lentz. 



Über die Herkunft des südbulgarischen Dolichocephalus. 

Von Dr. J. B. Loritz (München). 



Eine vor kurzem erschienene Untersuchung 
von Krum Drontschilow 1 ) gibt mir Veran- 
lassung, vorläufige Mitteilungen zu machen über 
Untersuchungen, die ich im Münchener Anthro- 
pologischen Institut im Winter 1914 an 104 bul- 
garischen Studenten ausführte. Des weiteren 
sollen hier kurz Ergebnisse zur Sprache kommen, 
die meine Untersuchungen an mazedonischen 
Flüchtlingen in Bulgarien im Jahre 1913 ergaben. 
Die letzterwähnte Arbeit wird in Bälde im Arch. 
f. Anthr. veröffentlicht werden. 

Drontschilows Arbeitsfeld ist Südwest- 
bulgarien, ein Gebiet, das geographisch etwa 
festlegbar ist im Norden durch die Stara Planina 
(= Altes Gebirge) sowie den Westabfall des 
Balkans, im Osten durch das Quellgebiet des 
Staria Isker und die Höhen Ikunita Kara Bair 
und im Süden durch das Rila Planiua sowie 
das nordwestsüdöstlich streichende Osogowska 
Planina. Im Westen ist die Grenze der Drou- 
tschilow sehen Arbeit durch die politische 
Grenze gezogen, welch letztere nur zum Teil 



') Krum Drontschilow, Beiträge zur Anthro- 
pologie der Bulgaren. Arch. f. Anthr. Bd. XIV, Heft 1. 



mit den Kulmiuationsrücken der Crkvena Pla- 
uina sowie der Vidlic Planina zusammenfällt. 
Daß Drontschilow auch dem Ort Orchauie 
in seine Untersuchung mit einbezog, ist nicht 
sehr vorteilhaft, da der genannte Ort geo- 
graphisch nicht mehr zu Südbulgarien gerechnet 
werden kann, denn er liegt auf der Nordseite, 
richtiger gesagt an den Nordabhängen der west- 
lichen Balkanausläufer. Das von ihm untersuchte 
Material umfaßt 601 Manu, und zwar im Alter 
von 20 bis 52 Jahren. Da unter diesen 601 Indi- 
viduen etwa 330 nicht ausgewachsene Individuen 
zwischen 20 bis 23 Jahren sich finden, so ist 
natürlich der Einfluß dieser mehr als 50 Proz. 
nicht vollkommen erwachsenen auf die metrischen 
Werte der ganz ausgewachsenen nicht zu unter- 
schätzen, was Drontschilow auch genügend 
betont. Die Körpergröße sowie die Extremitäts- 
maße leiden darunter besonders, alter auch auf 
die übrigen Körpermaße, wie Schädel- und 
Gesichtsmaße, werden geringere Einflüsse wohl 
vorhanden sein. 

Jedenfalls aber sind die Ergebnisse der sehr 
hübschen Arbeit Drontschilows als sicher zu 
betrachten und mit meinen sehr gut vergleichbar, 



22 



um so mehr, als meine Studenten eben auch nicht 
ganz ausgewachsene Leute waren, wenigstens 
in der Mehrzahl der Fälle. 

Unter meinen 104 Studenten, die den ver- 
schiedensten Gebieten Bulgariens entstammen, 
mehrere sind auch aus Mazedonien, fand ich auch 
als größte Schädellänge, den Höchstwert von 
210, und danebenher gehen 201, 203 und 206. 
Das sind sehr beträchtliche Längen. Mein 
Minimum liegt mit 175 mm 5 cm höher als das 
von Drontschi low gefundene. 

Die Dolichokephalie findet Drontschilow 
mit nur 10 Proz. in Südwestbulgarien vertreten, 
denen stehen 43,0'J Proz. Mesokephale und 
47,25 Proz. Brachykephale gegenüber. Die breiten 
Schädelforuieu überwiegen hier unzweifelhaft. 
Manche Sätze aus Drontschilows Arbeit kann 
ich, was mich überaus freut, Wort für Wort 
bestätigen, und meine Untersuchung über bul- 
garische Schädel 1 ), die im Druck ebeu der 
Fertigstellung entgegengeht, wird das auch tun. 
So schreibt Drontschilow über die Brachy- 
kephalie in seinem Untersuchungsgebiet: „Diese 
ist auch reichlich im Distrikt Sofia vertreten, 
wo eine bedeutende Anzahl der Gemesseneu 
sogar hytjerbrachykephal ist." Ganz richtig. 
Ich finde unter meinen Sofiater Schädeln aus 
moderner Zeit 55,6 Proz. Brachykephalie. Ein 
erstaunlich hoher Betrag für Bulgarien. Di 
römischer Zeit war dem anders, da hatten 
wir in einer römischen Serie, die ich im Ethuo- 
graphitscheski Musei maß, nur 14,2 Proz. Brachy- 
kephalie, und 11 Proz. Dolichokephalen in der 
rezenten Serie standen 28,4 Proz. in der römischen 
gegenüber. Auch Wratza ist nach den Beob- 
achtungen Wateffs und nach allem, was ich 
an Wratzaer Schädeln sah — untersuchen konnte 
ich nur 2 — ein Gebiet hohen Längen-Breiten- 
indexes. 

Drontschilow findet als Gesichtsindex in 
seinem Gebiet ein Überwiegen der Mesoprosopie. 
88 als Index tritt in 10 Proz. auf. Chamäprosopie 
ist häufig. Ganz meine eigene Anschauung. In 
meiner schon zitierten Arbeit wird beim Ver- 
gleich zwischen Sofiater Schädeln aus römischer 
Zeit und denen aus rezenter der Satz zu finden 
sein : „Es können nur die aus der Obergesichts- 
höhe und der Mittelgesichtsbreite resultierenden 
Indices miteinander verglichen werden (Material- 
erhaltung!). Danach ist zu konstatieren 
eine Zunahme der chamäprosopen Ober- 
gesichter in neuerer Zeit." Und bezüglich 
meiner zwei Wratzaer Schädel schreibe ich: „Was 

J ) J. B. Loritz, Craniolo^isphe Untersuchungen an 
bulgarischen Schädeln aus alter und neuer Zeit. Eben 
im Druck. 



die Gebiete betrifft, die westlich von Sofia 
gegen die bulgarische Grenze zu gelegen 
sind, so scheinen mir kürzere Gesichter dort 
ziemlich h auf i g vorzuko m m e n. Noch weiter 
nach Serbien hinein herrschen sogar die kurz- 
gesichtigen Formen vor." Also was Dron- 
tschilow am Lebenden fand, konnte ich bei 
meinem Aufenthalt in dem fraglichen west- 
bulgarischen Gebiet durch Beobachtung am 
Lebenden sowie durch Messungen am Schädel 
feststellen. 

Wie liegen nun die beiden Indices, Gehirn- 
schädellängen-Breiteniudex und Gesichtsiudex im 
übrigen Bulgarien ''. Das führt uns zu der Er- 
örterung der im Titel dieser Zeilen aufgeworfenen 
Frage sowie zu einem richtigen Verständnis der 
Ergebnisse von Drontschilow im Kabinen der 
Bevölkerung Bulgariens überhaupt. Was den 
Längen -Breitenindex anbelangt, so ist er in 
Bulgarien an verschiedenen Stellen überaus ver- 
schieden, einer von den vielen Beweisen für die 
reichen Mischungen, die in diesem Volke 
sich zu einem heute politisch und national 
so einheitlichen Grundstock vereinigt 
haben. 

Ich erwähne da zuerst wieder die Ergebnisse 
meiner craniologischen Untersuchungen. Für 
Schuneu (Nordbulgarieu) finde ich da: 

doliehokephal 44,4 Proz. 

mesokephal 44,4 „ 

brachykephal 11,2 „ 

Was das heißt, ist ganz klar, die Dolicho- 
kephalen sind reichlich vertreten, die Brachy- 
kephalen nur spärlich, aber die Mesokephalen 
halten den Dolichokephalen ganz die Wage. 
Meine Serie ist eine rezente. Aber einmal lagen 
die Verhältnisse wohl anders. Hellichs ') Arbeit 
ergab höhere Längen -Breitenindices, und Hel- 
lichs Schädel stammen aus dem 4. Jahrhundert. 
Das Gesamtmittel für meine rezente Serie ergab 
75,31, der Durchschnitt der Hellich sehen Serie 
liegt mit 79,46 beträchtlich höher. Also im 
4. Jahrhundert breitere, heute längere Schädel, 
das ist der Ausdruck der angeführten Zahlen- 
werte. 

Von Norden gegen den Balkan zu 
steigen die Längen-Breitenindices an, 
mit Annäherung an den Balkan erreichen 
sie ihre Maxima. Überschreiten wir nun den 
Balkan nach Süden, so beobachten wir den 
entgegengesetzten Prozeß. Mit Entfernung vom 
Balkan fallen die Längen-Breitenindices ab, und 



') Bog. Hellieh, Tscherepi.Iavertija russk. archael. 
instit. wof Kongtantinopofja. Tom. X, Gl. 16. Prag 
1905. 



23 



zwar außerordentlich beträchtlich. Man be- 
tritt mit der Maritzaebeiic ein von Nord- 
bulgarien weit verschiedenes anthro- 
pologisches Gebiet. 

Unter den Schädeln aus Tschirpan (Süd- 
bulgarien), die ich untersuchte, sind (Ji),3Dolicho- 
kephale und kein einziger Brachykephaler. Das 
Zentrum der Doiichokephalie in Bulgarien ist das 
Gebiet um Plowdif (Philippopel) — Tschirpan. 

Was ich hier für Schädel zeigte, fand ich 
genau so an Lebenden. Meine 52 Studenten aus 
Nordbulgarien zeigen einen mittleren Index von 
81,33. Wateff findet genau dasselbe, nämlich 
81,4. Die Studenten aus Sotia sind hier nicht 
mit eingerechnet, ebenso wie ich sie auch in der 
südbulgarischen Gruppe nicht mit einbezog. In 
Südbulgarien finde ich als Mittel nur TU, 30, und 
dabei sind einige hohe Indices aus Dupnitza 
und Samokoff mit einbezogen, also aus Gebieten, 
für die auch Drontscbilow eine hohe Zahl 
von Brachykephalen aufwies. Meines Erachtens 
muß bei einer Untersuchung Südbulgariens ganz 
exakt geographisch vorgegangen werden. Die 
Gebirgsgebiete Südwestbulgariens können nur 
zum Vergleich mit dem anthropologisch einheit- 
lichen Gebiet der Maritzaebene herangezogen 
werden. Lasse ich diese fraglichen hohen In- 
dices meiner Studenten aus Dupnitza und Küsteu- 
dil beiseite, so bekomme ich ein ganz ähnliches 
Resultat wie Wateff, nämlich es liegt in der 
Mitte des Index 78. 

Recht anschaulich wird das anthropologische 
Bild, wenn wir mit Querschnitten arbeiten. Legen 
wir einen geographischen Querschnitt durch Bul- 
garien von Nord nach Süd, und zwar sollen dar- 
gestellt werden die Ergebnisse meiner Unter- 
suchungen an den schon mehrmals erwähnten 
Studenten bezüglich Körperhöhe, Längen-Breiten- 
index, Gesichtsindex und Nasaliudex. Das Bild 
ist folgendes: 



Nordbulgarien 
Südbulgarien . 



Körper- 
höhe 



1665 
1669 



Längen- 
Brei ten- 
index 



81,33 
78,7 



Gesichts- 
index 



87,05 
88,64 



Nasal- 
index 



68,63 
65,38 



Klarere Verhältnisse wären wohl undenkbar. 
Von Nord nach Süd fortschreitend nimmt die 
Körperhöhe zu und der Längen- Breiteuindex ab, 
von Nord nach Süd fortschreitend werden die 
Gesichter und ebenso die Nasen schmäler. 

Drontschilow hat ganz das Richtige ge- 
troffen, wenn er vom Dolichocephalus schreibt, 
„auch durch ziemlich große Körperstatur und 
recht schmale Nase ausgezeichnet". Die vor- 



stehende Übersicht bestätigt das. Hohe Statur, 
brünett, langes Gesicht und schmale Nase ist 
für den südbulgarischen Dolichocephalus typisch. 
Drontschilows aufmerksamer Untersuchung 
gelang es, noch eine zweite Form als Dolicho- 
cephalus zu finden; er beschreibt ihn: „selten 
ganz rein, der blonde, schmalgesichtige, große 
Dolichocephalus, d.h. der nordische Typ". Ich 
habe ihn noch nie gesehen. Er ist jedenfalls, 
wie auch Drontschilow sagt, selten, und 
ich glaube nicht, daß er am heutigen anthro- 
pologischen Bilde irgendwie auffällt. Ob er je 
in größerer Masse auftrat, ist wohl vorerst nicht 
zu entscheiden. Das eine aber kann wohl sicher 
gesagt werden, daß er gegenüber dem brü- 
netten großen Dolichocephalus in der 
Minderheit von vornherein war. Denn 
während der brünette Typ sehr häufig anzutreffen 
ist, tritt der blonde eben nur ganz sporadisch 
auf. Südbulgarien, genauer noch gesagt die 
Maritzaebene, ein Tal, das, wie kurz bemerkt 
sei, tektonisch gebildet ist und ein riesiges 
Einbruchsbeckeu darstellt, ist das Zentrum des 
bulgarischen Dolichocephalus. Die Maritza- 
ebene ist wohl das Ausstrahlungsgebiet 
für ganz Bulgarien. 

Nun werfen wir die Frage auf: woher kommt 
denn dieser bulgarische Dolichocephalus? Dron- 
tschilow legt sich diese Frage in seiner zitierten 
Arbeit auch vor und glaubt, „daß die brünetten, 
langköpfigen Bulgaren seiner Serie mit jener 
älteren Bevölkerung Rußlands in Zusammenhang 
zu bringen sind". Jene ältere Bevölkerung Ruß- 
lands war wohl großenteils laugköpfig, soweit 
mau bis heute die Ergebnisse überblicken kann. 
So ergeben nach Topinard, was auch Dron- 
tschilow zitiert, 10 neolithische Schädel vom 
Ladogasee 72,1 als Längen - Breiteuindex und 
140 Schädel aus Moskau 75,9. Dem stehen 
gegenüber 34 Kurganschädel, die aber bereits 
einen Index von 78,3 aufweisen. Es darf aber 
dennoch als richtig betrachtet werden, besonders 
auch nach den Untersuchungen von Toldt, daß 
die alten slawischen Schädel langköpfig waren 
oder doch den langen Gehirnschädelformen recht 
nahe standen. 

Der Gedanke ist es, an den Drontschilow 
in seiner Arbeit anknüpft und der ihn dazu 
bestimmte, unseren bulgarischen Dolichocephalus 
mit jener altrussischen Bevölkerung in direkten 
Zusammenhang zu bringen. 

Über die Zeit, wann die brünetten Lang- 
köpfe nach dem Süden kommen , äußert sich 
Drontschilow folgendermaßen: „Entweder sind 
diese brünetten Langköpfe schon vor den Slawen 
in den nördlichen ßalkauländern ansässig ge- 



21 



wesen oder sie sind zugleich mit den Slawen 
eingewandert. Dann aber mußte man annehmen, 
daß diese Slawen, ehe sie über die untere Donau 
nach der Balkanhalbinsel kamen und dann das 
heutige bulgarische Volk bilden halfen 1 ), 
lauere Zeit in inniger Berührung mit der älteren 
finnischen 2 ) Bevölkerung Rußlands gestanden 
haben". Das ist der fragliche Gedanke und 
Satz, der Drontschilow dann weiterhin bewegt, 
seiner Arbeit als Schlußsatz beizufügen, „daß 
unter den heutigen Bulgaren neben dem slawi- 
schen auch ein numerisch recht bedeutendes 
finnisches Element vertreten ist". 

Wir haben nun oben gesehen, daß die Lang- 
köpfigkeit in Bulgarien von Nord nach Süd in 
ihrer Häutigkeit fortschreitet, wir fanden weiter, 
daß die Häufigkeit der Zunahme der Dolicho- 
kephalie zusammentrifft mit einer Zunahme des 
Größenwuchses. Wir konstatierten für Nord- 
bulgarien die niedrigsten Körperhöhen und 
gleichzeitig relativ breite Schädel. Wir 
konnten weiterhin übereinstimmend mit Watef f 
feststellen, und indirekt bestätigt das auch 
Drontschilow, daß für diesen Dolichocephalus 
eine schmale Nase typisch ist. Wir fanden auch 
die Leptorrhinie viel häufiger in Südbulgarien 
als in Nordbulgarien. Weiterhin möchte ich 
beifügen, daß dieser süd bulgarische Dolicho- 
cephalus eine beträchtlichere Naseneleva- 
tion besitzt, als sie in Nordbulgarien anzutreffen 
ist, und daß für ihn der gerade bis konvexe 
Nasenrücken eigentümlich ist. In Nord- 
bulgarien treten dagegen neben der breiteren 
Nase viel häufiger die konkaven Nasenrücken auf. 

Weist das nun nicht alles nach Süden hin? 
Und zum zweitenmal fragen wir: Woher kommt 
denn eigentlich dieser südbulgarische Dolicho- 
cephalus V Ich habe schon dargetan, daß in 
Nordbulgarien auch Dolichokephalie nicht selten 
ist, muß aber beifügen, daß Schunen, woher 
meine nordbulgarische Serie stammt, jedenfalls 
dolichokephaler ist als viele andere nordbulga- 
rische und danubische Gebiete. Wir sahen auch, 
daß im 4. Jahrhundert dort in Nordbulgarien 
höhere Schädeliudices nachgewiesen wurden, als 
das heute der Fall ist. 

Für Sofia zeigen die von mir untersuchten 
Schädel aus römischer Zeit, daß diese alte 
Sofiater Bevölkerung schmalschädelig war, daß 
ihr relativ viel längere Schädel eigen waren als 
der heutigen Sofiater Bevölkerung, von der ich 
ja das bestätigen konnte, was Drontschilow 



') Von mir gesperrt gedruckt. 

-) Von Drontschilow gesperrt gedruckt. 



von ihr sagt bezüglich ihrer Brachykephalie. 
Demnach konstatieren wir für Nordbulgarien 
(Schunen) in historischer Zeit eine auftretende 
längere Schädelform, für Sofia einen vorhanden 
gewesenen längereu Gehirnschädeltyp und ein 
modernes Überwuchern der brachykephalen Ele- 
mente. Und im Süden, in der schönen breiten 
Maritzaebene haben wir ein Zentrum niedriger 
Schädeliudices. Lassen wir den Dolicho- 
cephalus von Norden kommen, so ist 
das Auftreten seiner größten Energie 
und Intensität im Süden des Balkans und 
sein geringes Auftreten im Norden des 
Balkans gar nicht zu erklären. 

Auch daß wir im 4. Jahrhundert in Schunen, 
einer nordbulgarischen Stadt, eine Bevölkerung 
von beträchtlich höheren Schädeliudices haben 
als heute, spricht jedenfalls nicht für eine Nord- 
südrichtung der Verbreitung des doliehokephalen 
Typs. Daß wir andererseits in sehr alter Zeit 
Sofias viel längere Schädel antreffen und in 
moderner Zeit viel kürzere, spricht für eine 
ehemalige viel weitere Verbreitung und 
noch größere Häufigkeit der dolieho- 
kephalen Schädelform in Bulgarien. Dieser 
in der Jetztzeit so häufig auftretende Sofiater 
Brachycephalus mit seinem niedrigen Gesieht 
hat sein Verbreitungsgebiet nicht in Bulgarien, 
sondern im Westen. Ich stimme auch ganz mit 
Drontschilow überein, wenn er sagt, daß der 
hochwüchsige brünette Brachycephalus als her- 
zegowinischer Typ zu bezeichnen ist. Es ist das 
ein typischer Bewohner adriatischer Küsten- 
länder. Drontschilow fügt diesem dunklen hoch- 
wüchsigen Brachycephalus noch einen blonden 
hochwüchsigen Brachycephalus bei. Auch den 
konnte ich finden 1 ), aber neben ihm ist noch ein 
relativ niedriger blonder Brachycephalus 2 ) in 
Bulgarien vertreten. Ein früher in München wei- 
lender bulgarischer Student war sein Repräsen- 
tant. Es ist ein kurzgesichtiger, niedriger, 
hellfarbiger Brachykephaler. Weisbach 3 ) fand 
für seine „Serbokroaten Kroatiens und Slawo- 
niens" die niedrigsteu Körperhöhen mit blondem 
Typ und Brachykephalie vereint. Ich bringe 
diesen kleinen bulgarischen blonden Brachy- 
cephalus mit Weisbachs eben genanntem 
serbokroatischen Typ in Zusammenhang. Er ist 
sehr selten. Wieweit armenische Bestandteile 
auf das heutige anthropologische Bild von Ein- 
fluß sind, läßt sich vorerst noch nicht ent- 
scheiden. 



') Student. 

2 ) Student. 

3 ) A. Weisbach, Die Serbokroaten Kroatiens und 
Slawoniens. Wien 1905. 



25 



Wir können also jedenfalls ein Überhand- 
nehmen kurzköpfiger Elemente in der modernen 
Zeit Bulgariens konstatieren. 

Wie liegen denn nun die Verhältnisse noch 
weiter südlich über Südbulgarien hinaus. Es 
schließt da Mazedonien an, und ich kann da nun 
meiner Untersuchungen an erwachsenen Männern 
und Frauen Kukuschs — die Kinder lasse ich 
hier beiseite — kurz Erwähnung tun. 

Die Dolichokephalie, die wir so mächtig in 
Südbulgarien vertreten fanden, erreicht iii diesem 
mazedonischen Gebiet, das nach dem Meere 
gelegen ist, ihr Maximum. Ich verlängere den 
Schnitt, den wir von Nordbulgarien über Süd- 
bulgarien zogen, damit er auch dieses Gebiet 
rings um Kukusch trifft. Eine solche Zusammen- 
stellung wirkt am klarsten. 



Nordbulgarien . . 

Südbulgarien . . . 

Mazedonien cf • • 

(Kukuschko) $ . . 



Körper- 
hohe 



1665 
1669 
1677 
1543 



Längen- 

Breiten- 

index 



81,33 

78,7 

74,23 

72,77 



Gesichts- 
index 



87,05 
88,64 
86,14 
83,48 



Nasal- 
indes 



68,63 
65,38 
73,93 
70,13 



Die Körperhöhe nimmt in Mazedonien noch 
weiterhin zu, und gleichzeitig auch werden die 
Gehirnschädel noch dolichokephaler. Anders 
liegen die Verhältnisse bezüglich der Gesichts- 
maße. Da treffen wir etwas kürzere Lang- 
gesichter und vor allem breitere Nasen. Dadurch 
unterscheidet sich jedenfalls der hier vorliegende 
mazedonische Dolichocephalus vom südbulga- 
rischeu. Geradezu erstaunlich sind die niedrigen 
dolichokephalen Werte. So liegen aber die 
Verhältnisse durchaus nicht in ganz Maze- 
donien. In Westmazedonien herrschen viel 
kürzere Schädel vor und kürzere Gesichter, so- 
weit ich Leute aus jenen Gebieten sehen konnte, 
in Thrazien dagegen finden wir nach Wateffs 
Mitteilungen ebenfalls lange Gehirnschädel- 
formen. Hinweisen möchte ich noch darauf, 
daß ich unter meinen Männern aus Kukuschko 
(= Gebiet von Kukusch) relativ häufig Augen 
fand, die ich als „grau-grün" notierte. Ich er- 
inuere mich übrigens, bei dem bulgarischen 
Dichter Karaweloff einmal gelesen zu haben 
von Nymphen mit „sivo-seleni otschi", mit 
graugrünen Augen. Auch in Bulgarien selbst 
sind graue Augen sehr häufig und wenn man 
besonders noch schwarze Haare damit vereint 
findet, so hat man die Sicherheit, einen Repräsen- 
tanten reicher Typenmischung vor sich zu haben. 
Die mazedonischen Frauen zeigten dagegen viel 
häufiger dunkle Augen, die sie selbst als „kes- 
teni", kastauienfarbig, bezeichneten. Noch eins 



soll hervorgehoben werden, mongoloide Eigen- 
tümlichkeiten fand ich unter diesen Mazedoniern 
viel weniger als in Bulgarien. Nur zwei Mädchen 
mit sehr ausgeprägten asiatischen Merkmalen 
sind notiert und eine im Bilde festgehalten. 

Auf Grund der angeführten Tatsachen 
glaube ich, dieses südmazedonische Ge- 
biet verantwortlich machen zu sollen für 
den südbulgarischen Dolichocephalus. 
Im Süden liegt das Maximum der Dolicho- 
kephalie und das Maximum der Körperhöhe, 
nach Norden zu fallen beide Eigentümlichkeiten 
metrisch ab *). In Mazedonien am Ägäischen 
Meer fanden wir als Gesichtstypen lange und 
kurze, und in meinem Untersuchuugsgebiet herr- 
scheu kürzere vor, mit denen sich breitere Nasen 
verbinden. 

Für Nordbulgarien ist es gar nicht von der 
Hand zu weisen, daß ein Dolichokephaler von 
Norden kam, sei es mit den Slawen oder sei es, 
daß er bereits vor ihnen eingewandert war. Der 
nordbulgarische Dolichocephalus ist. höher als 
der südbulgarische; in der Höhe beider faud 
ich für Schunen (Nordbulgarien) und Tschirpau 
(Südbulgarien) unterscheideude Momente. Daß 
alier auch der südbulgarische Dolichocephalus 
von Norden kam, halte ich aus den angeführten 
Gründen und Tatsachen für sehr unwahrscheinlich. 
Hinweisen möchte ich noch auf v. Luschan 2 ), 
der bei seinen „Middle Minoan"- Schädeln als 
Längen -Breitenindex 73,6 fand, bei seinen re- 
zenten Kretern 78,0. Unter deu „Middle Minoan" - 
Schädeln waren 58,8 Proz. dolichokephale, unter 
den rezenten Kreterschädeln 21,4 Proz. Unter 
den „Middle Minoau"-Sehädelu stehen 5,9 Proz. 
brachykephale, unter den rezenten 50,0 Proz. 
brachykephale. Also eine stark dolichokephale 
Urbevölkerung für Kreta. Gleichzeitig paart 
sich mit der hohen kretischen Dolichokephalie 
eine breitere Nase vom Index 49,5 und mit den 
brachykephalen rezenten Kreterschädeln eine 
schmalere Nase vom Index 47,6. 

Also sehr schmale Schädel und etwas breitere 
Nase in der alten Kretaer Bevölkerung. Für 
die Mazedonier fand ich schmale Schädel und 
breite Nase. Es klingt das etwas ähnlich. Freilich, 
bis zu dem nun naheliegenden Schluß von 
einer einheitlichen Urbevölkerung, die sich über 
die Inseln des Ägäischen Meeres ausbreitete 
und den europäischen Kontinent im heutigen 
Mazedonien mit besiedelte, ist noch ein gut 



J ) Was aber für die Körperhöhe wichtig ist, si 
hält sich innerhalb einer Grenze, die den südbulgarischei 
Werten nahesteht. 

2 ) v. Luschan, Beiträge zur Anthropologie vo 
Kreta. Berlin 1913. (Zeitschrift für Ethnologie, Heft 3 



26 



Stück Weg, und der führt über die Prähistorie. 
Die Prähistorie der Inselwelt des Ägäischen 
Meeres, und zwar denke ich da ganz besonders 
:m die somatisch anthropologische Seite, sowie 
die Prähistorie Bulgariens und Mazedoniens, wird 
uns die heute noch dunklen Fragen klären helfen. 



Das eine aber glaube ich sagen zu dürfen, 
daß das Zentrum des südbulgarischen Dolicho- 
cephalus nicht im Norden, sondern im Süden 
des Kontinents zu suchen ist, woraus sich der 
Zusammenhang mit der Mittelmeerbevölkerung 
der verschiedenen Zeiten ergibt 



über Alter und Herkunft 
der Kultur des Speltes (Triticum spelta L.). 

Von Hugo Mötefindt, Wernigerode. 



Unter allen Fragen aus dem Gebiete der prä- 
historischen Botanik ist im letzten Jahrzehnt 
wohl keine so brennend gewesen und hat den 
Pflanzenhistorikern so viel Kopfzerbrechen ver- 
ursacht, wie die Frage nach dem Alter und der 
Herkunft der Kultur des Speltes oder Dinkels 
(Triticum spelta L.). Um die Lösung dieser 
Frage hat sich eine ganze Reihe von Forschern 
bemüht. Wir begnügen uns, von einschlägigen 
Arbeiten aus neuerer Zeit nur folgende anzu- 
führen : 

1. Georg Buschan, Vorgeschichtliche Bo- 
tanik der Kultur- und Nutzpflanzen der alten 
Welt auf Grund prähistorischer Funde, Breslau 
1895. S. 2 1 ff . 

2. Robert Gradmann, Der Dinkel und die 
Alemannen. Jahrbücher für Statistik und Landes- 
kunde. Jahrgang 1901. Erschienen Stuttgart 
1902. S. 103—158. 

3. Johannes Ho ops, Waldbäume und Kul- 
turpflanzen im germanischen Altertum, Straß- 
burg 1905. S. 411— 443. 

4. G rad mann , Der Getreidebau im deutscheu 
und römischen Altertum. Beiträge zur Verbrei- 
tungsgeschichte der Kultnrgewächse. Jena 1909. 

5. H. L. Krause, Besprechung von Grad- 
mann, Der Getreidebau usw. Maunus II, 1910. 
S. 254—255. 

6. H. L. Krause, Spelz- und Alemannen- 
grenze. Maunus II, 1910. S. 200. 

7. August Schulz, Die Geschichte der 
kultivierten Getreide, I, Halle a. S. 1913. S. 23 ff. 

Wir wollen zunächst versuchen, an der Hand 
dieser Arbeiten einen Überblick über den Gang 
der Forschung und den augenblicklichen Stand 
der Frage zu geben. Daran sollen sich einige 
Ausführungen über Speltfunde aus vorgeschicht- 
licher Zeit schließen, die für den Pflauzen- 
historiker neues Material bieten werden. 

Buschan ging bei seiner Untersuchung von 
der Voraussetzung aus, daß Spelt in prähisto- 
rischer Zeit noch unbekannt gewesen sei. Mit 



de Candolle 1 ) und Schweinf urth 2 ) hielt er 
den Emmer (Triticum dicoecum Schrenk) für 
die älteste Kulturform des Speltes. Die Um- 
wandlung des Emmer in den Spelt habe sich 
erst in sehr junger historischer Zeit, ziemlich 
gleichzeitig mit dem ersten Auftreten des 
Namens spelta, im Jahre 301 n. Chr. vollzogen, 
so daß der neue Name zugleich auch eine neue 
Pflanze bezeichnet hätte. Als Ursprungsland 
der Speltkultur, d. h. als dasjenige Land, in 
dem sich dieser Umwaudlungsprozeß vollzog, 
kommt nach Buschan „das gemäßigte Ost- 
europa und seine benachbarten asiatischen 
Gebiete" in Frage. Hier im Osten reiche die 
Speltkultur möglicherweise bis in prähistorische 
Zeiten zurück, was für Mittel- und Südeuropa 
jedoch ausgeschlossen sei. 

Gradmann vertritt in seiner ersten Ver- 
öffentlichung folgende Ansichten: „Der Spelt 
ist ebenso wie der Roggen und Hafer zuerst 
von nordalpinen, keltischen und germanischen 
Völkern in Kultur genommen" (S. 125) und 
„könnte recht wohl auch auf mitteleuropäischem 
Boden unmittelbar aus einem wildwachsenden 
Steppengrase gezüchtet worden sein, nur müßte 
man diesen Vorgang in eine ziemlich frühe Zeit 
hinaufrücken, eine Zeit, in der das Klima einen 
etwas kontinentaleren Charakter hatte und von 
einer steppenartigen Quartärflora noch mehr vor- 
handen war als in der Gegenwart" (S. 123). Die 
Geschichte und Ausbreitung der Speltkultur ist 
nach Gradmann auf das engste verknüpft mit 
dem germanischen Stamme der Alemannen. Die 
Sueben oder Alemannen seien schon in ihren 
Irsitzen östlich der Elbe im Besitz dieser Ge- 
treideart gewesen und hätten sie aus ihrer 
ostelbisehen Heimat nach Süddeutschlaud mit- 
gebracht. Die scharfen Grenzen des heutigen 



*) Ursprung der Kulturptlanzen, Leipzig 1884. S. 485. 

•) Ägyptens auswärtige Beziehungen hinsichtlich 
der Kulturgewächse. Verhandl. d. Berlin. Anthropol. 
Ges. 1891, S. 654. 



27 



Speltgebietes deckten sich weder mit klima- 
tischen, noch mit geographischen, noch mit 
wirtschaftsgeographischen Grenzlinien; sie seien 
vielmehr vom Staudpunkt der physischen und 
Wirtschaftsgeographie aus völlig unverständlich 
und müßten als willkürlich erscheinen. Grad- 
mann schließt sich darum den jüngeren For- 
schern an, die sich einer historischen Erklärungs-' 
weise zugewandt haben, bekämpft jedoch die 
von Stalin 1 ), Titot 2 ) und Volz 3 ) vertretene 
Ansicht, daß die Römer die Träger der Spelt- 
kultur waren. Im Anschluß an Buschan unter- 
nimmt er es, auf Grund eines reichen, aus der 
klassischen Literatur zusammengetragenen Ma- 
terials den Nachweis zu führen, daß die Römer 
in vorchristlicher Zeit den Spelt überhaupt noch 
gar nicht kannten, daß die Alemannen ihn nicht 
erst bei ihrer Niederlassung in den Agri decu- 
mates von den Römern, sondern daß diese ihn 
umgekehrt etwa im dritten Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung' samt dem germanischen Nameu 
von den Alemannen erhielten. Gradmann weist 
dabei vor allem darauf hin, daß der Wohn- 
bezirk des schwäbisch -alemannischen Stammes 
zugleich das Ilauptverbreitungsgebiet des Spelt- 
baues sei, was schon Ed. Langethal 4 ) und Th. 
Engelbrecht 5 ) bereits früher bemerkt hatten. 
Grad mann geht aber noch weiter, indem er 
wahrscheinlich zu machen versucht, daß das 
heutige südwestdeutsche Speltgebiet im fünften 
Jahrhundert zur Zeit der endgültigen Festsetzung 
des schwäbischen - alemannischen Volkes ent- 
standen sei, zumal der heutige Umfang des 
Speltgebietes fast bis ins einzelne der gleiche 
geblieben ist wie im Mittelalter. Auch die 
verstreuten anderen Speltgebiete in der Rhein- 
provinz, Italien, Herzegowina, Ungarn möchte 
Gradmanu auf versprengte Alemannenscharen 
zurückführen, welche auf den zahlreichen weit- 
reichenden Kriegszügen dieses Volksstammes in 
den fremden Ländern hängen geblieben seien. 
Einzig und allein für das belgische Speltgebiet 
gesteht Gradmann selbständigen keltischen 
Ursprung zu. Hinsichtlich des Speltbaues in 
Serbien und Südrußland bezweifelt er dagegen, 
daß es sich hier wirklich um Triticum spelta 



') Wirtembergische Geschichte 1, Stuttgart u. Tü- 
bingen 1841. 107. 

2 ) Beiträge zu einer Geschichte des Feldbaues usw. 
Korrespondenzblntt des Kgl. Württemb. Landwirtschaft!. 
Vereins, N. F., 29, 1846, 130. 

3 ) Die Getreidearten und Hülsenfrüchte der Alten. 
Korrespondenzblatt des Kgl. Württemb. Landwirtschaftl, 
Vereins, N. F., 29, 1846, 130. Beiträge zur Kultur- 
geschichte, Leipzig 1852. S. 145. 

4 ) Geschichte d. deutsch. Landwirtschaft 1, 18+7, 47. 
6 ) Die Landbauzonen der außertropischen Länder 

1, 1899, 41. 



handle, und wenn ja, daß sich dasselbe zeitlich 
weit zurückverfolgen lasse. 

Ganz erheblich abweichende Ansichten äußerte 
wenige Jahre später Johannes Iloops in 
seinem bekannten dickleibigen Werke „Wald- 
bäume und Kulturpflanzen im germanischen 
Altertum", das die Forschung in dieser Spezial- 
frage ebenso gefördert, wie es für das ganze 
Gebiet der Pflanzengeschichte befruchtend ge- 
wirkt hat. Hoops ging in der Speltfrage von 
Anfang an von einer ganz anderen Basis aus. 
Im Gegensatz zu W T eizeu, Einkorn und Emmer 
war Spelt in vorgeschichtlichen Fundstätten bis 
jetzt nirgends nachgewiesen. Nun hatte aber Os- 
wald Heer 1 ) Körner und Ährchen des Speltes 
in den bronzezeitlichen Pfahlbauresten der Peters- 
insel im Bieler See entdeckt. Buschan hatte 
gegen diesen Fund Bedenken vorgebracht, ob 
es sich überhaupt wirklich um Spelt handele, 
weil dieser Fund von der Petersinsel in der 
ganzen prähistorischen Botanik vereinzelt da- 
stände 2 ). Diesem Zweifel, den vor Buschan 
bereits de Candolle 3 ), Kör nicke 4 ), 
Schweinfurth 5 ) ausgesprochen hatten, schloß 
sich G r a d m a n n 6 ) in seiner ersten Abhand- 
lung noch an. Hoops ging jedoch der Sache 
auf den Grund. Auf seine Veranlassung unter- 
suchte der vorzügliche Botaniker E. Schröter 
in Zürich das von dem betreffenden Funde auf 
der Petersinsel erhaltene einzige Ährchen, jetzt 
im botanischen Museum des eidgenössischen 
Polytechnikums in Zürich befindlich, noch ein- 
mal eingehend und gelangte trotz der gegen- 
teiligen Behauptungen Buschans und de Can- 
dolles zu der Ansicht, daß das Ährchen ganz 
sicher Spelt sei. Auf dieses Ergebnis der Unter- 
suchung von Schröter baute Hoops seine 
Folgerungen auf: der Spelt müsse bereits in der 
Bronzezeit in der Schweiz gebaut sein. Für 
jeden, der die Richtigkeit dieser Folgerungen 
anerkannte, fielen damit die von Buschan und 
Gradmanu aufgestellten Kombinationen über 
Alter und Herkunft der Speltkultur, über die 
Stammesgeschichte der Alemannen usw. in sich 
zusammen. Bedenklich mußte aus der Hoops- 
schen Folgerung jedoch immer das eine bleiben, 
daß sie sich nämlich nur auf einen einzigen 
bisher für unsicher gehaltenen Fund stützte. 



x ) Die Pflanzen der Pfahlbauten. Mitteil. d. anti- 
quarischen Ges. zu Zürich 1865, S. 15. 
'-) A. a. 0., S. 24. 

3 ) A. a. O., S. 458. 

4 ) Die Arten und Varietäten des Getreidebaues. 
Band 1 des Handbuches des Getreidebaues von Kör- 
nicke, und "Werner, S. 76, 83, 110. Berlin 1885. 

5 ) Verhandlungen usw. 1891, S. 653. 
G ) A. a. O., S. 118, Audi. 7. 



28 



Hoops begnügte sich mit diesem Ergebnis 
nicht, sondern ging noch weiter. Im weiteren 
Verlauf seiner Untersuchungen wies er nach, 
daß der Name spelta germanischen Ursprunges 
ist und wahrscheinlich eines der frühesten deut- 
schen Lehnwörter im Lateinischen sein dürfte. 
Aus dieser Feststellung folgerte er jedoch nicht, 
daß die Kömer mit dem Namen auch die Pflanze 
von den Germanen erhalten hatten — womit 
er sich an Gradmanns Ansicht angeschlossen 
hätte — , sondern er griff auf den Fund von 
der Petersinsel zurück und begründete durch ihn 
folgende Ansicht: Es gibt keine Belege von 
einem prähistorischen oder auch frühhistorischen 
Anbau des Speltes in Deutschland und den 
nordischen Landen; die schweizerischen Pfahl- 
bauer haben den Spelt dagegen sicher gebaut. 
Auch im Mittelalter und in der Neuzeit ist 
außerhalb des Alpeugebietes und des südwest- 
lichen Deutschlands, in Mittel- und Nordeuropa, 
gleichfalls nirgends Speltbau getrieben worden. 
Deshalb spricht " alle Wahrscheinlichkeit dafür, 
daß die Germauen in ihren ursprünglichen 
Wohnsitzen in Norddeutschland und den nor- 
dischen Ländern den Spelt nicht besaßen, son- 
dern ihn erst bei ihrem Vorrücken nach Süd- 
deutschland und den Alpeuländern kennen lernten, 
und weiter, daß der Name spelta zwar deutsch, 
die Frucht aber undeutsch ist; den Romanen 
sollte der Spelt bereits früher bekannt gewesen 
seiu , das germanische Fremdwort spelta sei 
ihnen aber erst im Laufe des dritten und 
vierten Jahrhunderts durch den Getreidehandel 
bekanut geworden und habe sich bei ihnen 
durchgesetzt. 

Hoops leugnet nicht, daß der Speltbau in 
Deutschland vorzugsweise eine Eigentümlichkeit 
des schwäbischen Stammes ist. Er erkennt es 
vielmehr als unbestreitbares Verdienst von 
Gradmann an, daß er auf Grund eines um- 
fassenden Materials für die Gegenwart wie für 
das Mittelalter diesen Nachweis erbracht hat. 
Aber die Alemannen kann Hoops nicht als 
die Urheber des Speltbaues anerkennen; der 
letztere ist nicht durch sie nach Südwestdeutsch- 
land eingeführt worden. Hoops nimmt an, daß 
die Alemaunen den Spelt selber erst im Deku- 
matenlaude kennen gelernt haben ; sie seien hier 
sozusagen in die Speltkultur hineingewachsen, 
hätten sie dann vielleicht in manche Gegenden 
eingeführt, wo sie vorher nicht zu Hause gewesen 
wäre, und hatten auf jeden Fall bis auf den 
heutigen Tag mit großer Zähigkeit an ihr fest- 
gehalten. Hoops bezweifelt aber auch die 
Richtigkeit der Ansicht Gradmanns, daß sich 
das Speltgebiel überall genau mit dem Siede- 



lungsbereich des schwäbischen Stammes decke, 
und wendet sich vor allem gegen Gradmanns 
kühne Hypothese, daß die zahlreichen außer- 
schwäbischen Speltgebiete auf dem Hunsrück, 
in der Eifel, in Frankreich, Spanien, Italien und 
Österreich auf einwandernde Alemannenscharen 
zurückzuführen seien. Diese heutigen Spelt- 
gebiete sind nach Hoops vielmehr als Reste 
eines ehemaligen größeren Speltkulturgebietes 
aufzufassen. Hoops hat sofort anch daraus die 
Konsequenzen gezogen und die Frage, wann 
denn jenes große Speltreich entstanden sei und 
ob bei der Ausbreitung desselben vielleicht 
irgend ein Volk besonders beteiligt war, zu 
beantworten versucht. Hier wies er zunächst 
darauf hin, daß die Römer zur Einführung und 
Förderung der Speltkultur in ihren Provinzen 
wohl ziemlich viel beigetragen haben werden. 
Dann aber erinnerte er an die Tatsache, daß in 
der Umgegend der Schweizer Seen der Spelt 
bereits in der Bronzezeit kultiviert wurde. Er 
zieht daraus den kühnen Schluß, daß der „Spelt 
zur Bronzezeit schon im ganzen Mittelmeer- 
gebiet heimisch war; denn wenn der Spelt zur 
Bronzezeit schon nördlich der Alpen bekannt 
war, so wurde er sicher auch in Südfrankreich 
kultiviert, denn die alte Völkerverkehrsstraße 
vom Mittelmeer nach der Westschweiz führte 
das Rhouetal aufwärts". Hoops sprach dabei 
die Überzeugung aus, daß „bei genauerer 
archäologischer Nachforschung nicht nur in 
Italien, sondern auch in anderen Mittelmeer- 
ländern noch Spuren einer prähistorischen Spelt- 
kultur zum Vorschein kommen werden". 

Wenige Jahre nach dem Erscheinen des 
Hoopsschen Werkes erschien eine neue Schrift 
von Gradmann über den „Getreidebau im 
deutschen und römischen Altertum" (Jena 1909). 
In dieser Schrift nahm Gradmann ganz ent- 
schieden Stellung gegen die von Hoops vor- 
getragenen Ansichten. Gradmanu läßt dort 
seine Vermutung, daß die Alemannen den Spelt 
aus ihrer nordostdeutscheu Heimat mitgebracht 
hätten, auf die von Hoops vorgebrachten Ein- 
wände hin fallen. Die Differenzen zwischen 
Gradmanns jetzigem Standpunkt und dem 
Hoopsschen Buche drehen sich vor allem um 
die Auffassung und Interpretation einiger ein- 
ander widersprechender Pliniusstellen, über die 
man allerdings verschiedener Meinung seiu kann. 
Hoops hat bisher zu diesen Ausführungen 
Gradmanns noch nicht Stellung genommen. 

Wie ein Motiv hört man überall aus der 
Darstellung heraus, daß die Germanen keine 
einzige Getreideart den Römern zu verdanken 
halien. Andererseits wird der römische Ursprung 



29 



des deutschen Gartenbaues voll anerkannt. Fin- 
den Orient und Osteuropa läßt sich mit ziem- 
licher Sicherheit behaupten, daß man dort nie- 
mals Spelt gekannt hat; für Italien ist das 
wenigstens möglich. In der Literatur erscheint 
der Spelt erst 301 n. Chr. Die Grenze des 
Hauptspeltgebietes fällt in Südwestdeutschland 
im Mittelalter wie noch jetzt auf weiten Strecken 
in auffälliger Weise zusammen mit den Grenzen 
der alemannischen Siedlung. Den Ausnahmen 
gesteht Gradmann wenig Bedeutung zu, wäh- 
rend Hoops gerade diese hervorgehoben hatte. 
Der Ursprung des Speltes erscheint nun ganz 
dunkel. Aus den vorgeschichtlichen Funden 
ergibt sich, daß der Spelt in der Schweiz be- 
reits lange vorher gebaut wurde, bevor die 
Alemannen kamen, und in deren Wohnsitzen 
ist kein Speltbau erkennbar. Gradmaun sucht 
deshalb den Ursprung dieses Getreides jetzt in 
einer vorgeschichtlichen deutschen Steppe. Diese 
letztere Hypothese ist aber, worauf bereits 
E. II. L. Krause in seiner Besprechung des 
Grad mann sehen Buches hingewiesen hat, durch- 
aus unannehmbar; denn soweit wir die post- 
glazialen Felder auf Grund von Fossilien und 
Relikten wiederherstellen können, müssen sie in 
Fauna und Flora einen durchaus sibirischen 
Charakter gehabt haben, und dort im Osten 
wird ja gerade jede Spur von Spelt vermißt; 
dieser muß demnach wohl westeuropäisch sein. 

Ernst H. L. Krause lehnte in seiner Be- 
sprechung des Gradmannschen Buches die 
Gradmannsche Hypothese vom alemannischen 
Ursprung noch einmal entschieden ab, konnte aber 
für das auffällige Zusammentreffen der Stammes- 
und Wirtschaftsgrenze keine anderweitige Er- 
klärung geben. Jetzt glaubt er in dem Haferbau 
der alten Alemannen und den klimatischen Bedin- 
gungen des Weizenbaues eine Erklärung für das 
auffällige Zusammentreffen gefunden zu haben. 

Schließlich hat noch August Schulz in 
seinem oben angeführten Buche eingehend zu 
diesen Fragen Stellung genommen (S. '23 ff.). 
Er setzt sich wieder eingehend mit der römi- 
schen Literatur auseinander und kommt dort zu 
der Ansicht, daß die Römer und Griechen bis 
zum zweiten Jahrhundert nach Christus den 
Spelt gar nicht gekannt haben. Neue Gesichts- 
punkte bietet Schulz eigentlich nicht. Er 
unterscheidet sich von Hoops vor allen Dingen 
durch die Meinung, daß der Anbau des Speltes 
im nördlicheren Europa bereits in neolithischer 
Zeit begonnen haben soll (S. 40). Für diese 
Ansicht kann Schulz jedoch keinerlei Beweise 
vorbringen, und es handelt sich lediglich um 
eine Sache der persönlichen Überzeugung. 



Seit dem Erscheinen des Schulzschen Buches 
hat sich meines Wissens noch niernaud wieder 
über die uus hier beschäftigenden Fragen ge- 
äußert. Wir können deshalb unseren Überblick 
über die bisher dargelegten Meinungen über 
Alter und Herkunft der Speltkultur hiermit ab- 
schließen und wenden uns dem zweiten Teile 
unseres Aufsatzes zu, in dem wir auf einige 
neue Funde hinweisen möchten. 

Als Basis der Hoops scheu Ansicht bezeich- 
neten wir bereits oben den Fund von der 
Petersinsel. Es mußte immer sehr unsicher er- 
scheinen, einen einzigen derartigen Fund zum 
Grundstock für Theorien zu machen, zumal 
dieser Fund noch von mehr als einer Seite an- 
gezweifelt war. Das letzte Wort nach dem Alter 
des Speltbaues mußte deshalb immer noch der 
zukünftigen Spatenforschung überlassen bleiben. 
Und diese Forschung ist seitdem auch nicht 
müßig gewesen. Seit der Veröffentlichung des 
Hoopsscheu Buches sind zwei neue Funde von 
prähistorischein Spelt entdeckt, von denen einer 
in der Literatur noch so gut wie völlig un- 
bekannt ist; es verlohnt sich deshalb, hier auf 
diese beiden neuen Speltfunde näher einzugehen. 

Ein Speltfund ist zunächst unter den Fund- 
stücken aus dem brouzezeitliehen Pfahlbau von 
Möringen im Bieler See im Jahre 1908 im 
historischen Museum in Bern wieder entdeckt 
worden. Es gelang hier dem um die Erforschung 
der prähistorischen Pflauzenreste hochverdienten 
Botaniker Neuweiler, ein verkohltes Ähren- 
stück sicher als Spelt zu rekognoszieren; meines 
Wissens ist dieser Fund bisher leider noch nir- 
gends eingehend veröffentlicht; er findet sich nur 
in Gradmanns Buche auf S.81, Anm.2 angeführt. 

Dieser Fund besitzt eigentlich wissenschaft- 
lich keine große Bedeutung; denn abgesehen 
davon, daß Funde von prähistorischem Spelt 
bisher so selten sind und deshalb jeder weitere 
Fund als willkommener Beleg mit großer Freude 
begrüßt wird, wurde unsere Kenntnis des prä- 
historischen Speltbaues durch diesen Fund von 
Möringen in keiner Weise erweitert, denn dieser 
Fund sagte uns ja nichts Neues, was wir nicht 
durch den Fund von der Petersinsel bereits 
gewußt. 

Anders dagegen der zweite Fund. 

Am Südende des Thüringer Waldes befinden 
sich in der Nähe von Römhild zwei große Be- 
festigungen aus vorgeschichtlicher Zeit, der 
große und der kleine Gleichberg, die zahlreiche 
Funde aus der La-Tene-Zeit geliefert haben 1 ). 

*) Vgl. G. Jacob, Die Gleichberge bei Rönibild 
als Kulturstätten der La-Tene-Zeit Mitteldeutschlands. 
Vorgeschichtliche Altertümer der Provinz Sachsen, 



30 



Am kleinen Gleichberge entdeckte im Jahre 
1901 der Technikumslebrer Kumpel aus Hild- 
burghausen eine Wohn- oder Vorratsgnibe, über 
welcher früher der Wall mit seiner ganzen 
Mächtigkeit gelagert haben soll und die dem- 
nach alter als der Wall selbst sein müßte. Bei 
der Untersuchung des Inhaltes dieser Grube 
stieß Kumpel auf einige Körner und, nun auf- 
merksam geworden, durchsuchte er durch Sieben 
und Schlämmen große Bodenmassen an der 
Stätte und erhielt so aus einer bestimmten 
Schicht an Zerealien 1 / i Liter, au Mohn 1 Liter, 
an Ackerbohnen l /« Liter, von anderen Frucht- 
sorten kleinere Mengen a ). 

Um zunächst über das Alter des Fundes zu 
sprechen, so ist die von Kumpel gegebene 
Datierung des Fundes in die Bronzezeit völlig 
unsicher. Leider sind die bei dem Funde ge- 
hobenen „zahlreichen Scherben" in der Küm- 
pelscben Publikation weder näher beschrieben 
noch abgebildet, trotzdem gerade Scherben ein 
Leitfossil des Prähistorikers sind. Der Fund 
dürfte vielmehr, wie die übrigen Siedlungsfunde 
vom Gleichberg, in die La-Tene-Zeit gehören. 

Nach der Bestimmung von Braungart in 
München sind in dem Gleichbergfuude folgende 
Fruchtsorten vertreten : 

1. Triticum monocoecum L., Einkorn; 

2. Triticum spelta L., Spelt; 

3. Triticum vulgare compactum nuticum, 
Dinkel- oder Igelweizen; 

4. Triticum vulgare antiquorum O. Heer, 
kleiner Pfahlbauweizen ; 

5. Hordeum hexastichum sanetum, kleine 
Pfahlbaugerste; 

6. Vicia faba L. varia celtica nana O. Heer, 
keltische Zwergbohne; 

7. Pisum sativum L., Erbse; 



Heft 5—8, 1887 ff. Außerdem die Aufsätze von Götze 
in den Verhandl. d. Berl. Antbropol. Ges. 1900, S. 416, 
in den Neuen Beitr. z. Gesch. d. deutsch. Altertums, 
Lieferung 16, Meiningen 1902, und in den Bau- und 
Kunstdenkmälern Thüringens, Heft 31, 1904, S. 466. 

l ) 0. Kumpel, Ein Zerealienfund vom kleinen 
Gleichberg bei Kömhild. Ohne Ort und ohne Jahr. 



8. Papaver somniferum var. antiquorum, 
Gartenmohn; 

9. Ein unbestimmbares Fruchtkorn, wahr- 
scheinlich ein Apfelkern. 

Dieser zweite neue Speltfund erweitert unsere 
Kenntnis der prähistorischen Verbreitung des 
Speltes in bisher ungeahnter Weise. Durch ihn 
wissen wir jetzt, daß der Speltbau in der 
La-Tene-Zeit über beträchtliche Teile von Siid- 
deutschland verbreitet gewesen sein wird, und 
zwar ziemlich weit nördlich reichte, wie es bis- 
her kein Forscher vermutet hatte. 

Gradmann suchte in seiner Arbeit zu be- 
weisen, daß „überall da, wo für das Mittelalter 
Dinkelbau nachweisbar ist, auch heute noch 
Dinkel gebaut wird" (S. 115). „Die Behauptung, 
daß der Dinkelbau seit alter Zeit beständig zu- 
rückgegangen sei", sagt er, „hat demnach zum 
mindesten für das deutsche Sprachgebiet keine 
Geltung. Das heutige Dinkelgebiet hat seine 
enge Umgrenzung nicht erst allmählich im 
Laufe der Zeiten erhalten; vielmehr hat der 
Dinkelbau die gleichen Grenzen wie heute schon 
im frühen Mittelalter inne gehabt, und erst in 
den letzten Jahrzehnten hat die Intensität des 
Anbaues besonders in der Schweiz und im 
Oberelsaß beträchtlich abgenommen, wodurch 
jedoch das geographische Verbreitungsbild kaum 
eine Veränderung erlitten hat". Dieser Hypo- 
these Gradmanns ist der neue Fnnd am Gleich- 
berge nicht günstig; denn aus ihm scheint her- 
vorzugehen, daß tatsächlich das Speltgebiet in 
vorgeschichtlicher Zeit größer gewesen ist als 
im Mittelalter und heutiarestaus. 

Dagegen tragen diese beiden neuen Funde 
wesentlich zur Stützung der von Hoops und 
Schulz vertretenen Ansicht bei. Hoffentlich 
sind diese beiden neuen Funde aber noch nicht 
die letzten und erhalten wir bald weitere Be- 
lege. Vielleicht werden wir dann unsere An- 
sichten über Alter und Herkunft des Speltes 
noch etwas umändern müssen, wobei sie aber 
auf jeden Fall auch eine weit sichere Grund- 
lage als bisher erhalten werden. 



Ein mineralogisches Erkennungszeichen prähistorischer Feuersteinartefakte. 

Von Max Stein 1 ), Dresden. 



Bei Aufsammlung der Feuersteiuartefakte 
bemerkte ich auf denselben immer wieder- 
kehrend schwarzbraune, halbkugelige Ansamm- 



') Vorgetragen in der Sitzung der Prähistorischen 
Sektion der Isis, Dresden, am 19. November 1914. 



hingen eines Minerals, welches meine Aufmerk- 
samkeit auf sich lenkte. Bei näherer Untersuchung 
durch die Lupe stellte sich dasselbe als eine 
Eisenverbindung heraus, wofür mir eine Er- 
klärung der Entstehung anfänglich fehlte, da 
ich die Beobachtung immer nur an Feuerstein- 



31 



splittern machte, welche sich als von Menschen- 
hand bearbeitet erwiesen. 

Die äußere Form dieses in oft winzig kleiner, 
oft auch größerer kugeliger und oft auch ring- 
förmiger Gestalt auftretenden Minerals ließ mich 
auf die Vermutung kommen, daß ein zersetzter 
Pyrit vorliegen müßte. Und zwar deshalb: 

Beobachtet man das Vorkommen des Pyrits 
in der Natur, so findet man denselben 

1. als Ausscheidung auf Erzgängen in der 
oben beschriebenen Form (z. B. auf den Erz- 
gängen von Freiberg) oder 

2. als Vererzungsmittel (z. B. innerhalb der 
Gehäuse der Kephalopoden, im Ton von Löt- 
hain bei Meißen als Vererzung von Holzteilen, 
in der Braunkohle von Böhmen und vielen 
anderen Orten). 

Die Chemie hat nun nachgewiesen, daß der 
Pyrit aus einem chemisch flüssigen Prozeß her- 
vorgeht. Besonders bemerkenswert aber ist der 
Umstand, daß die Abscheidung desselben immer 
an Stellen geschieht, an welchen ein Verwesungs- 
prozeß stattgefunden hat, wo Schwefelammonium 
aus Eisenvitriol Schwefeleiseu fällte oder auch 
die Bildung der Ansammlungen von Eisensultid 
(FeS 2 , Pyrit) veranlaßte. 

Chemische Formel: 

FeS0 4 + (NH 4 ) 2 S 
(Eisenvitriol -\- Schwefelammonium) 

= FeS-f(NH 4 ) 2 S0 4 

(Schwefeleisen -\- Ammonsulfat). 

In dieser letztgenannten Form erscheint 
dieser nun an den Artefakten (wenn auch im 
Laufe der Zeit wahrscheinlich wiederum eine 
Zersetzung eingetreten ist) als ein Beweis, daß 
auch hier eine Verwesung organischer Stoffe 



stattgefunden haben muß. Die Feuersteinarte- 
fakte, welche beim Gebrauch durch Menschen- 
hand eine Menge Fett aufgesogen hatten oder 
auch mit tierischen Resten behaftet waren, 
kamen in die Erde, wo nun gleichfalls der 
oben geschilderte Prozeß zur Bildung von 
Schwefeleisenverbindungen in Tätigkeit treten 
konnte. 

Es ist mir möglich gewesen, nachzuweisen, 
daß diese Schwefeleisenverbiiiduugen an allen 
Artefakten aller Altersstufen sich vor- 
finden, teils häufiger, teils seltener, aber sie sind 
vorhanden ! 

Sie zeigten sich an den Artefakten der 
jüngsten Steinzeit unserer Gegend, an den Arte- 
fakten von Rügen, an denen von Spiennes 
(Belgien), an einem mir vorliegenden Schaber 
von Nordamerika, an allen Altersstufen der 
paläolithischen Funde des Vezeretales und selbst 
an den Eolithen von Kent (England). 

Bei meinem letzten Besuche in Markklee- 
berg bei Leipzig konnte ich auch dort an den 
aufgesammelten Artefakten das Vorhandensein 
dieser Schwefeleisenverbindung feststellen, aller- 
dings immer nur an den vor nachträglicher natür- 
licher Bearbeitung geschützten Stellen. 

Niemals aber konnte ich diese Schwe- 
feleisenablagerung an Feuersteinen und 
Splittern aus natürlichen Fundplätzen 
(Kiesgruben usw.) nachweisen. 

Wenn nun diese Beobachtung auch von 
auderer Seite gemacht würde und eine che- 
mische Untersuchung von fachmännischer Seite 
meine oben angeführte Mutmaßung der Bildung 
dieser Schwefeleisenablagerung bestätigte, hätte 
man vielleicht ein Erkennungsmittel mehr, um 
die künstliche oder natürliche Entstehung zweifel- 
haft erscheinender Artefakte nachzuweisen. 



Dionysos-Sabazios. 

Von Dr. Emil Fischer (Bukarest). 



Einleitend muß bemerkt werden, daß ich in 
mehreren Arbeiten („Anthropos" 1913, Bd. 8, 
1915; Korrespondenzbl., Hamburg 1914, Heft 1/2; 
Zeitschr. f. Ethnol. 1914, Heft 2) nachgewiesen 
zu haben glaube, daß sich thrakische Völker- 
schaften ehemals von Iiätien und Venetien bis 
nach Phrygien hin ausgedehnt haben und daß 
die Pelasger — ein nordgriechischer Stamm, 
der seinen Volksgenossen in der Kultur wohl 
um einiges vorausgeeilt war — mit demselben 



Recht als die Voreltern der späteren Griechen 1 ) 
angesehen wurden und als solche verehrt werden 
durften, wie die späteren "EXlog oder Hekhog 
(um Dodona) als die Stammväter der Hellenen. 
Alle diese Völker: die Pelasger, die Thraker, 
Illyrier, Daker, die Hellenen, die Kreter, die 
Phryger (Bryger), Myser (Moeser) waren, da 

l ) Nach Jacobitz und Seiler lautete der alte 
Name der Griechen rgnixög, früher als "jSXXrjr (Arist. 
Apd. St. B.). 



32 



wir sie kennen lernen, noch Hirten, die erst 
zum Ackerbau überzugehen im Begriffe waren. 
Das schließt nicht aus, daß z. B. bei den Thrakern 
auch schon der Weinbau einigermaßen geübt 
wurde. 

Die alten griechischen (und ein Teil der 
lateinischen) Schriftsteller verlegen den Ursprung 
der hellenischen Theogonie zu den nörd- 
lichsten thrakischen Völkern. Viele späteren 
Riten und Mysterien, den „Musendienst" der 
Griechen linden wir schon bei diesen „Barbaren", 
so z. B. bei den Dakern eine Priesterkaste, die 
im Zölibat lebte, eine eigene Kleidung trug und 
sich strenge von gewissen Speisen enthielt, bei 
den Thrakern die „Orphiker", die den Wert 
des Diesseits leugneten und das wahre Leben 
erst in das Jenseits verlegten, die Askese übten, 
an die Seelenwanderung glaubten und sich 
reinigenden, heiligen Weihen unterzogen, wie 
wir sie auch im späteren Hellas antreffen. 

Daß Apollo (dak. Aplu), Hermes (dak. 
Armi(s), Sarmiz), Dionysos (thrak. Sabazios, 
Sabadios), daß Zeus 1 ) (thrak. Z«, artic. ZaA, 
macedovlax. dza = Gott, vgl. Delametra) bei 
den Dakern und Thrakern verehrt wurden, steht 
unwiderleglich fest. Richtig ist es, daß die 
erwähnten Gottheiten nicht die spätereu helle- 
nischen Namen trugen und daß mancher ihrer 
Kulte noch nicht die Ausgestaltung der folgenden 

O Ö ö 

Jahrhunderte an sich hatte. 

Die griechischen Urstämme, die im 
Norden des Balkans und des Ister, seinerzeit 
vielleicht noch jenseits der sogenannten „Hyper- 
boreer" saßen, waren sicherlich weniger volk- 
reich, als am Ende ihrer Südwanderung, sie 
waren in Sprache und Gewohnheiten auch noch 
einheitlicher, fremde Volkssitten waren auf sie 
noch von geringem Einfluß gewesen — man 
denke z. B. an die Phryger (Bryger) und Myser 
(Moeser) in Kleinasien, an die Griechen in 
Kypern, die mancherlei Einrichtungen orien- 
talischer Völker kennen gelernt und zum Teil 
angenommen hatten. Aber eins darf mit aller 
Bestimmtheit gesagt werden: daß es unter ihnen 
schon damals eine Gemeinsamkeit der Idee der 
großen Gottheiten, der Nationalgott- 
heiten gab, die sie nicht erst von anderen 
Völkern entlehnen mußten. Zu ihnen gehört 
vor allem der echte „thrakische" Gott Bdt,%%og, 
der bei den Hellenen Dionysos [Zagreus 3 ), 

J ) Hierher gebort auch Z(ti.un'iig {Za, ZuX = Zeus 
und *mox = rumän. mos, Vater, Ahnherr, also etwa 
„Gott Vater"); vgl. N. Densusianu „Dacia preistoriea" 
1913, S. 1110. 

2 ) Beiname des ersten Bakchos, Sohn des Zeus und 
der Persephone, der von den Titanen hald nach der 
Geburt zerrissen und verzehrt wurde. Das Herz rettete 



der „Jäger" = Z -f- äygsvg] hieß, jedoch mit 
dem vorigen vollkommen wesensgleich ist. 
Bakchos hatte auch den thrakischen Namen 
Sabazios, Sabadios. Die Vorstellung der 
Thraker von ihrem Gott, die Feste (Mänaden, 
Korybanten) nnd Mysterien, mit denen er ge- 
feiert wurde, sind zu bekannt, um hier des 
breiteren dargelegt zu werden. Nur so viel sei 
erwähnt, daß Bakchos als der Ausdruck der 
Zeugungskraft der Natur auch als Stier 
gedacht wurde, wie bei einem Hirtenvolk 
auch nicht anders zu erwarten. In derselben 
Gestalt aber verehrten die alten Ägypter ihren 
Osiris, auch die Kreter ihren Minos (Mino- 
taurus), sogar die alten Juden ihren Stiergott 
Jahve. Gleiche Lebenslagen erzeugen ja bei 
den Völkern gleiche Deutungsversuche. 

Ich halte deshalb die Meinung Belochs 
(„Griech. Geschichte" 1912 bis 1913, Zweite Auf- 
lage, I, 1, S. 165) für unbegründet: „Daß 
Dionysos nicht aus Thrakien gekommen ist, 
zeigt schon der Name, der mit Zeus zusammen- 
hängt; der Versuch Kretschmers, diesen 
Namen aus dem Thrakischen abzuleiten, hat 
mich so wenig überzeugt, wie Rohde. Der 
entsprechende thrakische Gott heißt Sabazios. 
Auch die allgemeine Verbreitung des Dionysos- 
kultes schon in homerischer Zeit, als die thra- 
kischen Küsten noch gar nicht von Griechen 
besiedelt waren, würde diese Annahme sehr 
unwahrscheinlich machen." Darauf mnß nun 
gesagt werden, daß die Einwanderung der 
Griechen mit ihren Herden in ihre Halbinsel 
doch am natürlichsten über Thessalien, d. h. 
auf dem Landwege, vor sich gegangen ist und 
nicht über das Meer, etwa vom thrakischen 
Chersonnes her. Eine andersartige, gekünstelte 
Annahme ist nur danach angetan, das Erkennen 
der tatsächlichen Ereignisse unmöglich zu machen. 
Ferner kaun gezeigt oder mindestens sehr wahr- 
scheinlich gemacht werden, daß beide Gott- 
heiten: Dionysos und Sabazios anfänglich 
mit Zens zusammenhängen 1 ). Auch Zeus 
hatte, wie sie, chthonischen Charakter als Gott 
des Erdsegens (Beloch, 1. c, S. 164). Sabazios 
läßt sich ungezwungen zerlegen in: S-aba-zios. 
Das prothetische S (eine dialektische Aspiration) 
kommt im Dakischen und Thrakischen mehrfach 
vor: Armi(s) = Sarmi(z) — Hermes; Sarmi- 
zegetusa; Zagreus; Sirmus (König der Triballer 



Athena. Zeus verschlingt es und zeugt dann mit Semele 
einen anderen Dionysos. 

x ) Ed. Meyer, „Geschichte des Altertums" 1893, 
II, S. 116. „. . . Naturgott Dionysos ursprüngliche Gestalt 
des Zeus", II, S. 733. „Der kretische Zeus entspricht 
dem kleinasiatischen Sabazios und dem griechischen 
Dionysos." 



33 



in Moesien) = Rimus = Irmus (Transposition) 
-f- S (dialektische Aspiration) ; aba = aßßä 
= pater (Said.) = uimu, ana, 1 ); zios (Zaog 
bei Sext. Empir. African.) = Zeus; demnach 
(S)-aba-zios = Gott Vater oder Himmel Vater 
[griech.Z£i)sjr«ri}p, ind.Dyauspitar, ital.Juppiter. 
- Deivos (Gott) ist von djeus (Himmel) ab- 
geleitet. Kretschmer, Einleitung SO]. N.Deu- 
susian, I.e., S. 891, leitet Sabazius von Saba 
und dius her: „In Thrakien wurde Liber pater 
oder Bacchus, als Gottheit der Sonne, unter dem 
Namen Sebazius, Sabazius, Sabadius verehrt 
(Macrobius, Sat. I, 18). Diese thrakische Gott- 
heit ist eine und dieselbe mit dem altnationalen 
Sounenheros Sabus 2 ) der Latiner, Sabiner, (Sa- 
beller) und Umbrer (Dionys. II, 49. — Sil. Ital. 
VII, 424)"; Völkerschaften, die mit den Massa- 
piern, Venetern und Thrakern ehemals im engsten 
ethnischen Zusammenhang gestanden haben. 
Dieser Eponymus Sabus war ein Sohn des Gottes 
Semo Sancus. 

Aber Bkx%os (Dionysos) wurde gerade so 
wie Zeus auch als Stier vorgestellt 3 ). *Baku 
bedeutete im Thrakischen = Stier, femin. bacca 
= vacca (Act. frat. arval.), in der Lingua latina 
ruetica lautete es boca[Bocas dieunt esse boves 
mariuos quasi boacas. Isid.] 4 ). Im Istrovlachi- 
schen bedeutet bäc heute noch Stier. 

Osiris wurde auch als Stier gedacht. Beider 
Hauptfeste fielen bezeichnenderweise in dieselbe 
Jahreszeit; beide waren halb chthonische Wesen 6 ), 
und es ist dabei griechischer Einfluß (nament- 
lich seit Alexander d. Gr.) nicht ausgeschlossen. 

BovxEQCog = mit Rindshörnern, wurde von 
Herodot und Aeschylos für Bakchos gebraucht 
(Jakobitz und Seiler). 

Auch bezüglich der orphischen Lehre 
äußert Beloch, 1. c, I, 1, S. 434, seine Bedenken 
wie folgt: „Ob diese Religion sich ganz selb- 
ständig auf griechischem Boden entwickelt hat 



1 ) Teste N. Densusianu „Dacia preistoricä": „Bex 
Samuel (c. 1040), qui pro sua pietate Oba vocabatur". 
Anonym. Belae, 32. Aba war also auch in Pannonien 
noch zur Zeit der Arpaden gebräuchlich. 

2 ) Ed. Meyer, I.e., II, S. 740. „— die Sonne ist 
eine Manifestation des Dionysos." — Sabazios ist aber 
mit Dionysos identisch. — N. Densusianu erwähnt 
gelegentlich der Nennung dieses Sabus den halkanischen 
Heil. Sava, den er für eine volkstümliche Fortsetzung 
jenes Sonnenheros Sabus erklärt, eine Deutung, der wir 
doch nichtfolgen können, ebensowenig jener für Sabbath, 
Sabbato (Samstag) = Sabus. 

3 ) So hat Zeus, in Stiergestalt, unter der berühmten 
Platane bei Gortyn (Kreta) mit Europa Hochzeit gefeiert. 

4 ) Teste N. Densusianu, 1.0. 

6 ) Le boeuf Hapi est l'äme d'Osiris. G. Maspero, 
„Histoire ancienne des peuples de l'Orient. S. 36/37. 
1905. 



oder wieweit etwa mythologische und kosmo- 
gonische Vorstellungen der benachbarten Thraker 
und Phryger bzw. der Kulturvölker des Orients 
auf ihre Ausbildung von Einflulj gewesen sind, 
läßt sich zurzeit noch nicht entscheiden." 

Darauf ist zu erwidern, daß es gar keinem 
Zweifel unterliegt, daß Orpheus in der Vor- 
stellung der Hellenen stets als Thraker gegolten 
hat. Auch was wir vom Hermeskult derBesser 1 ) 
wissen, weist ebenfalls manche verwandte Züge 
auf, die also wohl im thrakischen Volks- 
charakter begründet sein müssen. Die Grund- 
lage auch der orphischen Lehre ist zweifellos 
thrakisch 2 ). Da aber die Hellenen auf ihrer 
Südwanderung lange Zeit mit den Thrakern in 
naher Berührung gestanden haben müssen, da 
sie weiteres anfänglich sogar desselben ethnischen 
Ursprunges mit ihnen sind, so ist es ganz aus- 
geschlossen, daß „mythologische und kosmogene 
Vorstellungen der Thraker" auf sie hätten aus- 
bleiben können. 

Weiter. Die Phryger waren, wie heute 
festgestellt ist, ebenfalls thrakischer Herkunft 
(Bryger), sie haben daher, falls eine Einwirkung 
von ihrer Seite auf die Griechen stattgefunden 
hat, sich vorwaltend in diesem genetischen Sinne 
geltend gemacht. Dabei soll aber nicht ver- 
gessen weiden, daß gerade diesen (phry- 
gischen) Einflüssen auch „Vorstellungen der 
Kulturvölker des Orients" (Mithraskult usw.) 
beigemischt sein mußten. 

Es kann also diesbezüglich festgestellt werden, 
daß wir zurzeit zwar den Ursprung aller Einzel- 
heiten der Entlehnungen, welche die Hellenen 
in der Ausbildung der „orphischen Lehre" 
gemacht haben mögen, noch nicht angeben, daß 
aber ihre Grundlage thrakischer, besser gesagt, 
thrako-hellenischer Herkunft, in letzter Linie ein 
gemeinsames indogermanisches Gemüts- 
erbe ist. Zügelloser Lebensgenuß und Welt- 
flucht waren von jeher allen alten Balkanvölkern 
gemeinsam, ihr Hang zu Mysterien, zum aske- 
tischen Lebenswandel 3 ) hat sich bis auf unsere 
Tage rege erhalten, selbst bei ihren weitest 
entfernten Nachkommen. 



1 ) Sie waren die Hüter des (dein Hermes geweihten) 
Nationalheiligtums, vornehmlich einer Grotte in der 
Ehodope. Der Name der Besser ist etwa mit Priester- 
volk wiederzugeben (albanisch besf = Glaube). 

2 ) Ed. Meyer, I.e., II, S. 739. Den Orphikern ist 
alle göttliche Macht nur Ausfluß einer ursprünglichen 
weltbildenden Gottheit, die zugleich Dionysos und Zeus 
ist. II, S. 740. Dionysos ist — wie Zeus — zugleich 
männlich und weiblich — (Orphikerlehre). 

3 ) Vgl. die zahlreichen Balkanklöster, die teilweise 
nur im Hängekorb zugänglich sind. 



34 



Rechter Calcaneus eines Paläolithikers aus dem Diluvium von 
Gr.-Winnigstedt im Kreise Wolfenbüttel. 

\<>n L. Knoop, Börßum. 



Zur neolithischen Zeit war der südliche Teil 
des Kreises Wolfenbüttel — die Ufer der Oker 
von Ohrum bis Hebungen und des Hasenbaches 
von Kalme nach Börßum — stark besiedelt 1 ). 
Spuren aus paläolithischer Zeit konnten dagegen, 
Fig. l. 

b 




Von der unteren Seite. 

von den Eolitheu der Interglazialzeiten ab- 
gesehen, bislaug nur zweimal festgestellt werden. 
In dem einem Falle bandelt es sich um das 
Mittelstück eines Oberschenkels 1 ), das 1892 in 
dem feinkörnigen Kiese nördlich von Börßum 
beim Brunnenbau ausgegraben wurde, während 
der zweite Fund 1908 bei Gr.-Winnigstedt 2 ) 



x ) 8iehe Braunschw. Magazin 1915, Nr. 4: „Die 
vorgeschichtlichen Siedelungen in der Umgebung von 
Börßum" von L. Knoop. 

2 ) Er wird aufbewahrt in der Sammlung des 
Lehrers Fr. Thiemann daselbst. 



gemacht wurde. Obgleich der hier in Betracht 
kommende Knochen nicht tadellos erhalten ist, 
machte seine Bestimmung als menschlicher Cal- 
oaneus keine Schwierigkeiten. Er wurde mit 
verschiedenen anderen Knochen, die wegen ihrer 
mangelhaften Erhaltung nicht bestimmt werden 
konnten, in der westlichen Kiesgrube, die sich 
auf der Höhe von Gr.-Winnigstedt nach dem 
Bahnhofe Mattierzoll befindet, nebst zahlreichen 
Senonpetrefakten aufgefunden. Der Kies gehört 
seinem Alter nach der zweiten Interglazialzeit 
an und ist vermutlich als Anschwemmungs- 
produkt eines größeren Stauwassers aufzufassen. 
Jener Calcaneus fällt durch seine geringe Größe 
auf. Die stark ausgeprägten Berührungsflächen 




Von der Innenseite. 

mit dem Talus beweisen aber, daß es sich 
keineswegs um ein jugendliches Individuum 
handeln kann. Zur weitereu Charakteristik mögen 
folgende Maßverhältnisse dienen : 

Fig. 1: ab (Durchmesser) = 70 mm, m n (Quer- 
schnitt) = 24 mm, cd = 29 mm, il = 12 mm, 
ef ■= 8 mm, gh = 37 mm, ko = 25 mm, kp 
= 21 mm. 

Fig. 2: ab = 22 mm, ac = 42 mm, ad 
= 61 mm und ae = 39 mm. (Die Längen be- 
zeichnen die geraden Luftlinien.) 



Mitteilung: der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft. 



Die Schweizerische Naturforschende 
Gesellschaf t wird am 12. bis 15. September d.J. 
in Genf ihre 97. Jahresversammlung abhalten 
und gleichzeitig die Jahrhundertfeier ihrer Grün- 
dung begehen. Mit Rücksicht auf die gegen- 
wärtigen Umstände hat das Komitee der 
( >i Seilschaft beschlossen, diese Feier in sehr 



bescheidenem Rahmen zu halten und die üblichen 
Einladungen an die gelehrten Gesellschaften 
des Auslandes und die außerhalb der Schweiz 
wohnenden Naturforscher zu unterlassen. 

Der Präsident des Jahreskomitees 
Prof. Dr. Arne Pictet. 



35 



Methodische Siedelungsforschung. 

Von Ernst Lentz, Berlin-Lichterfelde. 



„Beim Ausschachten eines Hauses stießen die Ar- 
beiter auf Knochen und Gefäße; der sofort benach- 
richtigte Leiter des Museums in Z. konnte feststellen, 
daß . . ." oder „Schon längst hatte eine Stelle im Ge- 
lände meine Aufmerksamkeit geweckt, weil . . .", so 
beginnt fast ohne Ausnahme die Veröffentlichung vor- 
geschichtlicher Forschung. Je nach der Zahl und 
örtlichen Verteilung der so angebahnten und zur Ver- 
öffentlichung oder doch zur Aufzeichnung gelangten 
Untersuchungsergebnisse ist die Grundlage zustande 
gekommen , auf der sich die Schlüsse allgemeiner 
Überblicke aufbauen. Selbst bei vorausgesetzter Er- 
schöpfung des Möglichen an Zuverlässigkeit bleibt es 
mißlich, die Vollständigkeit des Materials zu beurteilen. 
Es fällt heute keinem Forscher ein , aus dem Fehlen 
von Beobachtungen Schlüsse zu ziehen, bevor er glaubt, 
das gesamte Gebiet lückenlos zu überblicken, aber in 
der Sache liegt es, daß ihn jeder neue Zufallsfund zu 
einem unser Vertrauen schwächenden Rückzug nötigen 
kann. Es erübrigen sich Beispiele. 

Dies und der in der Vorgeschichte bereits stark 
veredelte, aber noch kaum organisierte Dilettantismus 
machen es verständlich, wenn heute noch der „exakte 
Historiker" und der „klassische Archäologe" die Vor- 
geschichte und besonders die Sachforschung nicht be- 
dingungslos als ebenbürtig anerkennen. Nun bietet 
aber die vorgeschichtliche Sachforschung mindestens 
die gleiche Möglichkeit exakter Arbeit, wie diese 
älteren Lehrgebiete. 

Was zurzeit an Beobachtung von Siedelung und 
Bestattung , Hausrat und Ernährung in der Vorzeit 
vorliegt, genügt durchaus, um die Wege zu beleuchten, 
auf denen sich die vorgeschichtliche Forschung von 
Zufallsfunden unabhängig machen kann. 

So gut sich die von Dr. Kiekebusch bei Küstrin 
untersuchte Siedelung in den Urkunden als slawisches 
Dorf Klößnitz erkennen ließ, so wird es der Forschung 
möglich sein, mindestens die Mehrzahl der z. B. im 
Codex diplom. Brandenb. oder im Landbuch Kaiser 
Karls genannten und heute verschollenen Siedelungen 
im Gelände einwandfrei festzustellen. Dabei sind wir 
durchaus nicht auf Volksmund und Flurnamen, alte 
Salz-, Hoch- oder Heerstraßen und Verteilung der Ge- 
wanne allein angewiesen. 

Soweit wir uns über die Bedürfnisse der früheren 
Kulturabschnitte unterrichten konnten, gibt uns diese 
Kenntnis beachtenswerte Winke. Keine Siedelung 
ohne Wasser ; keine , bei welcher wir Hütten mit 
Lehmbewurf voraussetzen dürfen ohne Lehmgrube in 
unbeschwerlicher Nähe; keine Haustierzucht, ohne den 
Pfad der Tiere und ohne Hürde. Das gilt von jeder 
Zeit. Je weiter zurück, je mühsamer mit dem vor- 
handenen Gerät die Bodenbearbeitung , um so kost- 
barer die fruchtbare Ackerkrume und um so be- 
schränkter das Gebiet für den Suchenden. Das Unland 
für Siedelungen muß schnell trocknenden Boden haben ; 
Sand wird um so mehr bevorzugt, je unvollkommener 
das Grabgerät. Ein Platz , zu dem man von allen 
Seiten leicht Zutritt hat, muß nach allen Seiten weiten 
Überblick bieten , aber ein Schlupfwinkel mit nur 



einem Zugang ist unbrauchbar. Im wildesten Luch 
führt uns das von Horst zu Horst wechselnde Wild 
heute sicher auf alte Furten. Gewachsene Furten gibt 
die geologische Landkarte an, und da fast jede vom 
Menschen vervollkommnet werden mußte, muß die 
Stelle zu finden sein , von der die Furtschüttung ent- 
nommen wurde. Daheim am Kartentisch müssen wir 
Siedelungen ermitteln, wie Galle den Planeten Xeptun, 
und mit dem Spaten dann unsere Schlüsse beweisen. 
Daß die Bücher füllende Frage der Runddörfer 
mit dem Spaten beantwortet werden wird , ist ein 
Trost der Prähistorie angesichts des Versagens der 
Dokumentenforschung. Für die Zeit, worin die 
Rundlingform geschaffen wurde, bietet der Grundriß 
des Dorfes einen guten Anhalt, verglichen mit den 
Grundrissen ausgesprochener Rundstädte. Man halte 
z. B. die bei der Kolonisation entstandenen Stadtbilder 
von Demmin, Templin oder Neubrandenburg neben die 
Dorfanlage von Lüdersdorf (Kr. Teltow) oder Räsdori 
(Kr. Zauche). Das Runddorf ist nie ein gewachsenes, 
sondern nur als gegründete Siedelung mehrerer Zeit- 
genossen denkbar. Dabei kann natürlich die Koloni- 
sation zu jeder Zeit stattgefunden haben, wie die 
wendische Siedelung bei Hasenfelde (Kr. Lebus) be- 
weist. 

Was von der Siedelungsstätte vorauszusetzen ist, 
gilt auch von der Siedelungsform. Soweit in der 
Steinzeit Gefäße zurückverfolgt werden können , die 
unterhalb des Umbruchs Verzierungen aufweisen oder 
gar auf der ganzen Unterseite, so weit müssen wir die 
Spuren von Pfostenbau und Schwellenbau finden. 
Diese Gefäßverzierungen haben nur Sinn, wenn sie an 
ihrem Aufbewahrungsort oder beim Gebrauch dem 
Auge des Beschauers zugänglich sind. Sie standen 
nicht auf dem Erdboden, nicht in Zelten, sondern ihr 
Standort fußte lotrecht in der Erde und muß in ihr 
zu finden sein. 

Einige Forscher rechnen noch für die Steinzeit 
mit Teilen der Bevölkerung, welche weder Ackerbau 
noch Viehzucht , sondern Jagd trieben. Sie sollen 
Zeltbau über Wohngruben gehabt und nach den 
gefundenen Knochenresten ausschließlich Jagdtiere 
verspeist haben. An solche Siedelungen vermag ich 
nicht zu glauben. Entweder sind das Jagdlager oder 
Wanderlager, aber keine Siedelungen. Die typologisch 
oder , wenn man will , chronologisch bestimmbare 
Töpferei der Steinzeit ist so durchgebildet , daß erst 
in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ein 
kleiner Fortschritt festzustellen ist. So hoch ent- 
wickelte Töpferei setzt einen mindestens gleich alten 
Ackerbau voraus , dessen Alter wohl ethnologische 
Gliederung der nordeuropäischen Bevölkerung verträgt, 
aber für kulturelle Reste einer Jägerbevölkerung 
keinen Raum läßt. Töpfe mit mühsam und kunstvoll 
gearbeiteter Verzierung entstehen in festen Siedelungen; 
der Jäger braucht solche Zierstücke nicht, so wenig 
dem Ackerbauer jemals Zelte genügten. 

Wenn z. B. die Erforschung südwestdeutscher 
Steinzeitsiedelungen keine Spuren von Pfostenbau um 
sogenannte Wohngrubeu gefunden hat, so bleibt nur 
die Möglichkeit einer noch nicht gesuchten und des- 



36 



halb uns verborgenen Technik des Baues lotrecht 
stehender Wände. Eine noch offene Frage ist, ob wir 
jede gefundene Siedelung auch zu erkennen vermögen. 
Nach den zurzeit vorliegenden Veröffentlichungen ge- 
winnen wir die Erkenntnis aus der vom gewachsenen 
Hoden sich abgrenzenden Kulturschicht und aus den 
sie begleitenden Einschlüssen des Bodens. Durchweg 
beschränken sich die Beweismittel auf Artefakte und 
Steinpackungen auf Pfostenlöcher, Vorrats- und Abfall- 
gruben und ihren Inhalt. Grab! aber der Mensch in 
jungfräulichem gewachsenen Boden ohne andersfarbige 
Decke, so wird die rohe optische Spur davon sich der 
Wahrnehmung um so öfter entziehen, je länger zer- 
setzende und ausgleichende Faktoren, wie Witterungs- 
wechsel, Feuchtigkeit und Druck einwirken konnten. 
Nicht einmal die Holzkohle ist unbedingt haltbar, ge- 
schweige denn gebrannter Lehm, Knochen oder pflanz- 
liche Stoffe. Wohl aber ist jeder nicht an der Ober- 
fläche liegende Stein — solange nicht eine Sendung 
durch Auswaschung seines Untergrundes oder durch 
wühlende Kräfte ersichtlich ist — als dort eingelagert 
anzusehen , wo ihn die letzte Bewegung bettete. In- 
mitten von Sandaufwehungen darf kein Stein uu- 
befragt bleiben. Aufgewehter Boden und im Wasser 
allgelagerter Niederschlag ist unschwer zu erkennen, 
aber auch in anderem Boden ist die Einwirkung von 
Pflanzen oder Lebewesen noch optisch ohne besonders 
abweichende Färbung an der Struktur zu erkennen. 
Die Pfahlwurzel eines Baumes kann im Mergel , be- 
sonders im Anschnitt gesehen, Erscheinungen ähnlich 
einer Grube hervorrufen. Trocknet der Anschnitt im 
Sonnenbrand , so verrät er sich schnell durch die 
schuppigen Abblätterungen, weil die saugenden Faser- 
würzelchen den Mergel in kleine Würfel zerlegten. 
In wirklich bewegtem Boden bewirkt die verschiedene 
Schwere der einzelnen Bestandteile und ihr abweichen- 
des Verhalten gegenüber der durchsickernden Feuchtig- 
keit, Sonnenbestrahlung und Frost ein Bestreben gegen- 
seitigen Lagerungsausgleichs, der im frischen Anschnitt 
optisch stets als gewisse Maserung erscheint und noch 
leichter bei photographischer Vergrößerung zu er- 
kennen ist. Es ist dringend zu wünschen, daß durch 
photographische Aufnahme und Veröffentlichung ver- 
größerter Ausschnitte von jeder erwiesenen Kultur- 
schicht unser Erkenntnisvermögen bereichert wird. 

In ähnlicher Weise wirken die als Ortsteinbänder, 
Eiserlinien bekannten Sickerungserscheinungen und 
ihre auffälligen Ablenkungen , auf die hingewiesen zu 
haben ein Verdienst Dr. Kiekebuschs ist. 

Im Flämingdorfe Grubo fand ich einen Anschnitt 
in der Richtung dreier gleichmäßiger Pfosten, die in 
jungfraulichem Sand, also in nur mühsam zu be- 
grenzenden Pfostenlöchern von gleicher Tiefe und 
gleichem Durchmesser stehend, lediglich als senkrechte 
Bahnen winziger Kohleteilchen einwandfrei festzustellen 



waren. Wenn diese außergewöhnlich kleinen Reste 
nicht das Ergebnis natürlicher Oxydation sind , so 
haben wir es hier mit Pfählen zu tun, die vor ihrer 
Fjinsenkung dem Feuer oberflächlich ausgesetzt waren 
und von deren Kohlenhaut ein großer Teil optisch 
unerkennbar wurde. 

Aber chemisch müssen die Pfähle noch wahr- 
nehmbar sein. Die als Oxyd flüchtig gewordene Kohle 
muß sieh als Anreicherung ihrer Lagerstelle mit 
Kohlensäureverbindungen verraten, genau so, wie sich 
behauptete Abfallgruben als Anreicherung bestimmter 
Salzverbindungen chemisch im Erdreich erweisen 
müssen. Deshalb ist wünschenswert, daß die chemische 
Untersuchung der Erdproben mehr in den Bereich 
vorgeschichtlicher Siedeluugsforschung gezogen wird. 

Bei dieser Gelegenheit sei einer in allen bisherigen 
Veröffentlichungen empfindbaren Mißachtung des Mate- 
rials gedacht , weil sie uns Wege der Erkenntnis ver- 
schleiert. Die Forscher beschränken sich auf Mit- 
teilung von grob augenfälligen Merkmalen, wie Form 
der Gefäße und Art und Technik der Muster, während 
nur selten von feingeschlemnitem oder geraultem oder 
klingend hart gebranntem Material und dann auch 
nur flüchtig geschrieben wird. Die hierauf gestützte 
Chronologie kann bestenfalls nur eine des Geschmacks 
sein ; wenig aber finden wir Beiträge zur ungleich 
wichtigeren Chronologie der Technik. Und doch hilft 
uns diese in all den vielen Fällen, wo wegen Kleinheit 
der Scherbenreste die Chronologie oder Typologie des 
Geschmacks glatt versagt. Wir müssen fortan einmal 
das typologisch genau bestimmbare Scherbenmaterial, 
auf seine Masse untersucht, veröffentlichen und zum 
anderen auf die Verarbeitung der Masse. Der ver- 
größerte Dünnschliff des Scherbeudurchschnitts zeigt 
nicht nur die Mischung des Materials , sondern auch, 
ob die Oberfläche rein mechanisch geglättet , ver- 
strichen oder aufgelegt ist — innen und außen. Ich 
weiß nicht, ob schon chemisch untersucht wurde, 
welche kohlenstoffhaltigen Aufbaumittel in den kera- 
mischen Perioden dem Ton oder Lehm beigemengt 
wurden. Verständlich aber kaum gewürdigt ist z. B. 
die häutig wiederkehrende Beobachtung, daß der Ober- 
flächenstrich der Außenwand horizontal, der der Innen- 
wand senkrecht oder schräg verläuft. Beobachtungen, 
die am trockenen Gefäß nur schwer , aber fast stets 
leicht am feuchten Scherben nach der Waschung 
augenfällig sind. Ich habe Scherben vor mir, in die 
sich der polierende Graswisch eingrub und solche, 
deren feiner Strich nur durch Sand oder Gewebe (?) 
erklärlich erscheint. Daneben Scherben, die nur im 
Aufstrich , nicht aber in der Masse die metallisch 
glänzenden Blättchen der Hornblende enthalten. Zahl- 
reich sind ferner die mit leeren Abdrücken der beim 
Brennen vergangenen Reste abgerissenen Glättungs- 
materials. 



Reklamationen und sonstige Mitteilungren 
sind an die Adresse des Herrn Professor Dr. K. Hagen, Hamburg 13, Biuderstraße 14, zu senden. 



Ausgegeben am 12. Oktober 1915. 



Korrespondenz- olatt 

der 

Deutschen Gesellschaft 

für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg. 



Di 


uck 


und Ver 


*g 


von Fried r. Vieweg & Sohn 


in 


Braunschweig. 




XLVI. Jahrg. 


Nr. 


9/12. 




Jährlich 12 Nummern. 




Sept. /Dez. 


1915. 


Für alle Artikel, Berichte, Rezensionen usw 


tragen die wissenschaftl. Verantwortung lediglich die Herren Autoren ; s.S. 36 des Jahrg. 1894. 



Inhalt: Das Aufsuchen uud Feststellen vor- und frühgeschichtlicher Siedelungsspuren. Von Dr. Albert Kieke - 
busch. — Der Anteil des Slavischen ira Rumänischen. Von Dr. Emil Fischer. — Mitteilungen 
aus den Lokalvereiuen : Bonner Anthropologische Gesellschaft. — Literaturbesprechungen. — Außer- 
ordentliche Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in Hamburg am 18. Oktober 
1915. — Zum Gedächtnis: Prof. Dr. Eberhard Fraas und Hofrat Dr. med. Alfred Schliz. 



vor- 



Das Aufsuchen und Feststellen 
und frühgeschichtlicher Siedelungsspuren. 



Von Ur. Albert Kiekebusch. 



In meinem Vortrage über „Vorgeschichtliche 
Wohnstätten und die Methode ihrer Unter- 
suchung", den ich auf der Anthropologeu- 
versammlung in Weimar hielt ] ), habe ich auch 
kurz über die „Gelegenheiten 7.ur Entdeckung 
vorgeschichtlicher Ansiedelungen" gesprochen. 
Da ira engen Rahmen jeues Vortrages nur das 
Wichtigste gesagt weiden konnte und ira Laufe 
dreier Jahre naturgemäß neue Erfahrungen hin- 
zugekommen sind, dürfte eine ausführlichere 
Behandlung dieses Gegenstandes wünschenswert 
sein. Besonders aber die in unserer Mark 
Brandenburg in Angriff genommene systematische 
Erforschung vorzeitlicher Siedelungen macht es 
notwendig, den freiwilligen Helfern und auch 
sonstigen Altertumsfieuuden und -forschem zur 
Erkennung alter Wohnstätten möglichst genaue 
und ausführliche Anleitung zu geben. Festzu- 
halten bleibt da immer, daß es sich hier nur 
um die Entdeckung, nicht um die Unter- 
suchung vorgeschichtlicher Wohnstätten han- 
delt. Das Recht der Ausgrabung ist ja jetzt 
glücklicherweise beschränkt und geregelt durch 
das Ausgrabuugsgesetz vom 26. März 1914. 



J ) Korrespondenzblatt der Deutschen Gesellschaft 
für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 1912, 
S. 63—68. 



1. Die äußeren Kennzeichen vor- 
geschichtlicher Wohnstätten. 

Vorgeschichtliche Siedelungen verraten sich 
in erster Linie durch Scherben, die auf oder 
in dem Boden der Fundstelle beobachtet werden 
können. Liegen die gut erhaltenen Kulturreste 
der Wohnstätte auch tiefer, so daß sie fast 
immer von der modernen Humus- oder Acker- 
schicht bedeckt werden, so reißen Pflug oder 
Spaten bei jeglicher Kulturarbeit stets einige 
alte Überreste mit nach oben. An Stellen, die 
lange und dicht bewohnt waren, ist die Ober- 
fläche des Ackers nicht selten mit Gafäßresten 
dicht besät, so daß ein auch nur flüchtiges 
Sammeln meist schou die Bestimmung der in 
Frage kommenden Zeit ermöglicht. Werden 
an der Stelle Bodenverbesserungeu vorgenommen 
oder Baugruben ausgehoben, so daß der Boden 
auch aus tiefer liegenden Schichten nach oben 
kommt, so finden sich neben den Scherben vor 
allem auch große Mengen von Tierknochen 
vor. Sie sind schon ein einigermaßen sicheres 
Zeichen dafür, daß es sich wirklich um eine 
Wohnstätte und nicht um ein Gräberfeld han- 
delt. An verschiedenen Stellen, wenn auch 
nicht so häufig wie Scherben und Knochen, 
treten auch Lehmbrocken auf, die, wenn sie 



38 



deutliche Abdrücke von Rundhölzern, von 
kantigen Stämmen oder von Rutengeflecht auf- 
weisen, mit fast unfehlbarer Sicherheit auf 
Siedelungsspuren schließen lassen. Ganz sichere 
Anhaltspunkte sind kleinere oder größere Stein- 
packungen aus Feldsteinen, die sorgfältig an- 
gelegt sind, fasl immer auf und zwischen den 
Steinen größere Massen von Holzkohle, Scherben 
und Knochen enthalten und aus teilweise ganz 
mürbe gebrannten Feldsteinen bestehen , die 
sich leicht zwischen den Fingern zerreiben 
lassen. Der sicherste Beweis für eine Wohu- 
stätte mit lang andauernder Besiedelung ist eine 
schwächere oder stärkere alte Kulturschicht, 
die sich oft ganz gleichmäßig unter der modernen 
Schicht hinzieht und neben alten Kulturresten 
viel Branderde enthält. Von dieser Schicht aus 
reichen dann schmalere oder breitere Gruben 
(Pfostenlöcher, Herdgruben, Abfallgruben usw.) 
in den gewachsenen Boden hinein. Das Bneher 
Profil x ) ist in seiner Anschaulichkeit der Aus- 
gangspunkt zur "Entdeckung vieler Siedelungen 
geworden. Ein ähnliches Profil wiederholt sich 
auf allen Siedelungsstätteu, die vou der Stein- 
zeit an bis in die Weudenzeit hineinreichen 
und ist der untrüglichste Beweis für das Vor- 
handensein einer vorgeschichtlichen Wohnstätte. 
Das Bucher Profil hat denn auch in neuester 
Zeit am häufigsten zur Entdeckung vorgeschicht- 
licher Siedelungen beigetragen. Auch die stein- 
zeitliche Wohnstätte bei Trebus und das ger- 
manische Dorf bei Kleiubeereu aus den ersten 
Jahrhunderteu unserer Zeitrechnung sind an 
diesem Profil erkannt worden i ). Sind uns erst 
die Kennzeichen vorgeschichtlicher Siedelungen 
vertraut geworden, so kommt es nur darauf 
an, die Plätze mit diesen Kennzeichen aufzu- 
finden. 

2. Ältere Berichte in Fachzeitschriften, 
Zeitungen u. dgl. 

Eine große Fülle derartiger Fundstätten 
ließe sich zunächst feststellen beim Durchstöbern 
der vorgeschichtlichen Literatur. Zuweilen sind 
in früherer Zeit die Wohnstätten als solche 
erkannt worden ; meist aber standen die Forscher 
vor einem Rätsel und wußten nicht recht, was 
sie aus dem Befunde macheu sollten. Da sie 
fast nur in der Untersuchung von Gräbern geübt 
waren, so erkannten sie nicht selten, daß man 
es au bestimmten Stellen sicher nicht mit 



J ) Brand enburgia 1910, Taf. VIII; Prähistor. Zeit- 
schrift II, 1910, 8.379. 

a ) Vgl. außerdem Zeitsohr. f. Ethnol. XL VI, 1914, 
S. 887; Prähistor. Zeitsohr. VI, S. 307. 



Gräbern zu tun hatte. Eine weitere Deutung 
lag ihnen meist fern. Einige kamen einen Schritt 
weiter und schlössen aus mannigfach beob- 
achteten Abfällen, daß hier einmal Leute ge- 
wohnt haben mußten. Noch andere bezeich- 
neten die in den Wohnstätten vorkommenden 
größereu Gruben als „Wohngruben". Bei vielen 
hat dieser Begriff auch Unheil angerichtet, weil 
sie glaubten, daß diese elenden, bestenfalls 
D/s 111 ur, d wenig darüber messenden Erdlöcher, 
iu denen ein Erwachsener kaum hocken, viel 
weniger aber stehen oder liegen konnte, wirklich 
als die ganze Wohnung menschlicher Wesen 
zu betrachten wären. Andere sahen wenigstens 
die Unmöglichkeit und Widersinnigkeit dieser 
Ansicht ein und rechneten ganz richtig damit, 
daß diese „Wohngruben" nur ein Teil mensch- 
licher Wohnstätten gewesen sind. Auf jeden 
Fall läßt sich ans der großen Zahl mehr oder 
weniger klarer Berichte eine unendliche Fülle 
von Ausgangspunkten zur Erforschung neuer 
Siedelungen gewinnen. Eines der besten Bei- 
spiele findet sich in der Zeitschrift für Ethno- 
logie [IX, 1877, S. (254)]. Aus dem Virchow- 
schen Bericht über eine Fundstelle bei Selchow 
(Mark) entnehmen wir trotz aller Unsicherheit 
des Verfassers, daß es sich ohne Zweifel auch 
um Wohnplätze haudelt. „Wir fanden nur 
Bruchstücke" vou Tongefäßen, „Stellen, wo 
Mengen von gebrannten Kohlen zusammen- 
lagen", „eiu Rinderzahu, eine beliebige Rippe, 
bimssteinartig gebrannte Tonmasseu, die bei 
starkem Feuer gelegen haben", lassen schon mit 
Sicherheit auf eine Siedeluug schließen. Noch 
deutlicher aber sind die Hinweise des damaligen 
stud. phil. und späteren Guineaforschers, des in 
diesem Jahre durch Infektion in einem Kriegs- 
lazarett verstorbenen Prof. Dr. Richard Neu- 
hau ß in seinem Bericht an das Märkische 
Museum J ). „In kohlschwarze Branderde ein- 
gebettete Scherbenhaufen bedecken eine weite 
Fläche; kreisförmige Anordnung der Brand- 
stelleu ; zuweilen schwach gebrannte Lehm- 
patzen ; oft beginnt die Brauderde schon wenige 
Dezimeter unter der Oberfläche ; 1 bis 2 m ist 
die vorherrschende Tiefe; die Zahl der Scherben- 
haufen ist sehr groß; zahlreiche mittelgroße 
Steine fehlen unter den Scherben nie; die 
Wirkung des Feuers ist au vielen Töpfen un- 
verkennbar; nirgends eine Spur von Menschen- 
kuochen; Scherben von 20 bis 30 der verschie- 
densten Gefäße auf gauz engem Räume." Jedes 
Wort und jeder Satz paßt auf Buch und auf alle 
Wohnstätten, die wir bis jezt untersucht haben. 



l ) „Bär" 1878, S. 19 ff. 



39 



Sehr gut beobachtet sind auch folgende Einzel- 
heiten: „Seit der Zeit, welcher unsere Gegen- 
stände angehören, ist der Boden auf dem Hünen- 
berge nicht angeschwemmt oder durch Flugsand 
erhöht, was man bei der tiefen Lage der Brand- 
stellen vermuten könnte. Offenbar gruben die 
Alten Vertiefungen , in denen sie arbeiteten, 
denn an den Plätzen, wo die Brandstätten fehlen, 
ist die Erde bis zur Oberfläche geschichtet." 
Hier fehlt nichts weiter — als die richtige Deu- 
tung. Der Nebensatz „in denen sie arbeiteten" 
fügt sich dem Gedankenkreise des jungen 
Forschers ein, der annahm, daß auf der süd- 
lichen Hälfte des Hünenberges die Urnen an- 
gefertigt seien, die auf der nördlichen Hälfte 
in den Gräbern zu finden waren. Es wird heute 
schwerlich jemand geben, der nach dem Lesen 
des guten Berichtes von Neuhauß daran zweifelt, 
daß auf der Südseite die Wohnstätten lagen, 
deren Herdstelleu, Pfostenlöcher, Abfallgruben, 
Wandreste u. dgl. mit anerkennenswerter und 
erwünschter Klarheit geschildert sind. Rudolf 
Virchow kannte diesen Bericht, aber auch Dach 
eingehender Besichtigung noch war er — wie 
wir oben gesehen haben — der Meinung, „daß 
es sich im wesentlichen um eiu Gräberfeld 
handelt" , „daß von irgend einer anhaltenden 
Bewohnuug nicht die Rede sein kann". Immer- 
hin gesteht er die Möglichkeit zu, „daß in 
späterer Zeit dort vorübergehend Leute gehaust 
haben". 

Bei E. Friede! ] ) finden wir den Gedanken 
an Wohnstätten ebenfalls : „Die Scherben- 
anhäufungen in Gruben oder Erdtrichtern finden 
sich bei diesen primitiven Begräbuisstellen hier 
und da, sie deuten die Anlage von Wohn- 
plätzen, j edenfalls vonFeuerungsanlagen, 
wo gekocht (vielleicht der Leichenschmaus be- 
reitet) wurde." Es ist ungemein interessant zu 
sehen, wie hier der für die märkische Vor- 
geschichtsforschung so hochverdiente Verfasser, 
der die Umgebung Berlins schon vor 40 Jahren 
systematisch nach Fundstellen absuchte, mit den 
von mir breitgesetzten Worten die richtige 
Deutung schon getroffen hat, mit dem ein- 
geklammerten Satze dagegen der herrschenden 
Anschauung noch seinen Tribut zollen muß. 

Als „Wohnstätte" sehen wir denn den Hünen- 
berg bei Selchow auch zitiert in einer Arbeit, 
die uns an dieser Stelle ganz besonders inter- 
essieren muß. Auch noch in neuester Zeit wird 
mir oftmals entgegengehalten, daß die Siedelungs- 
plätze in anderen Provinzen nicht so leicht zu 
erkennen wären wie in der „sandigen" Mark. 



Für gewisse Gegenden, wie etwa die Schwarz- 
erde der Magdeburger Börde, mag das — bis 
zu einem gewissen Grade wenigstens — zu- 
treffend sein. Daß man aber auch anderswo 
die letzten Spuren vorgeschichtlicher Siedelungen 
sehr wohl beobachten kann, mag aus dem durch 
Voß mitgeteilten Bericht vonCredner, „Über 
das Gräberfeld von Giebichensteiu bei Halle" 
hervorgehen J ). Die in den Sand eingeschnittenen, 
auf S. 48 dargestellten Grubeuprofile könnten 
sehr wohl in Buch aufgenommen sein. Credner 
deutet sie als „Gräber und Opferstätten 
(zum Teil wohl auch Wohnplätze)". 

Die hierauf unter Klopfleischs Leitung 
durch die Historische Kommission der Provinz 
Sachsen unternommene Untersuchung stellt 
13 Gruben fest, „gefüllt mit Resten einst- 
maliger Opferungen und Opf erschmäuse". 
Voß spricht dagegen mit Recht (S. 56) wieder 
von Begräbnissen „auf der Stelle eines Wohu- 
platzes", über dessen Natur und dessen Einzel- 
heiten niemand recht wagt, eine Meinung zu 
äußern. Auf die auch au anderen Stellen scharf 
hervortretenden Grubeuprotile vgl. meine Aus- 
führungen in der Prähist. Zeitschr. VI, 1914, 
S. 3*27 und Moritz Heyne, Deutsche Haus- 
altertümer I, S. 59 (13b), wo Siedelungsreste als 
Töpferöfen gedeutet werden. 

Aus vorstehenden Bemerkungen dürfte zur 
Genüge hervorgehen, welch reiche Fundgrube 
für vorgeschichtliche Wohnstätten die durch 
alle Zeitschriften weithin zerstreuten Berichte 
sind. 

3. Handschriftliche Aufzeichnungen 

in den Sammelkästen der Museen und 

Archive. 

Nicht jede Beobachtung, die durch Zufall, auf 
Ausflügen oder beim systematischen Aufsuchen 
von vorgeschichtlichen Fundstellen gemacht 
werden konnte, ist durch Druck der Öffent- 
lichkeit übergeben worden. In den Archiven 
jedes einzelneu Museums finden sich zahlreiche 
Nachrichten, auf die hin nicht immer gleich 
umfangreiche Untersuchungen angestellt werden 
konnten. So sind z. B. die „Sammelkästen" des 
Märkischen Museums wahre Fundgruben für 
noch nicht bearbeitetes Material. Diese von 
Herrn Friedel bei der Gründung des Märki- 
schen Museums eingerichteten Sammelkästen 
haben sich durch vierzig Jahre hindurch aus- 
gezeichnet bewährt, und wo etwa in anderen 
Museen nicht schon ähnliche Einrichtungen vor- 
handen sind, kann man nicht warm und dringend 



*■) „Bär" 1878, S. 791 



"■) Zeitschr. f. Ethnol. XI, 1879, S. (47) ff. 



40 



genug diese wahren Schatzkammern aufgehäuften 
Wissens empfehlen. Es ist geradezu unglaub- 
lich, was sicli in diesen Kästen an flüchtigen 
Notizen wie an ausführlicheren Mitteilungen im 
Laufe der vierzig Jahre angehäuft hat. Mögen 
auch zuweilen belanglose Bemerkungen mit 
unterlaufen. Alan kann wirklich nicht immer 
wissen, was in späteren Jahrzehnton wichtig 
oder nichtig erscheinen könnte. Besser, man 
ist in der Sammlung aller möglichen Nach- 
richten zu weit gegangen, als daß Wesentliches 
versäumt worden ist. Für alle Wissenszweige, 
die nur irgend welche Berührung mit dem 
Museum haben, sind Kästen vorhanden. [Über 
Aberglaube und Abdeckerei, Abge- 
ordnetenhaus, Abfuhr aus Berlin, märkischen 
Adel und Adelswappen, Adreßkalender, 
Ärzte und Ärztewesen, Akademien, Alko- 
holismus, Alraune, Alt-Berlin, Altertums- 
forscher usw. wird in Kästen alles gesammelt, 
was nur irgend einem Museumsbeamten in die 
Hände fällt. | 

Für vorgeschichtliche Siedelungen kommen 
aber vor allem die außerdem noch vorhandenen 
Kreis- und Ortssammelkästen in Betracht. Jeder 
Kreis hat seinen „Kreiskasten" mit alten Karten 
des Kreises und allgemeinen Nachrichten. In 
den Ortssammelkästen hat jedes Städtchen, ja 
jedes Dorf seine Mappe (früher nannte man 
so etwas bekanntlich „Faszikel"). Bevor ein 
Musen msbeamter auf einer Dienstreise einen 
Ort berührt, braucht er nur alle Nachrichten 
des Sammelkastens zu studieren. Er ist dann 
über die Geschichte des Ortes, über seine 
Altertümlichkeiten, über alle wichtigeren Er- 
eignisse im Dorfe oder Städtchen oft besser 
unterrichtet als die besten Lokalforscher. In 
diesen Sanimelkästen ist nun auch ein unschätz- 
bares Material für die Siedelungsforschung auf- 
gespeichert. Mau ersieht, wo irgend einmal 
„Scherben" gefunden wurden, wo man vor 
dreißig Jahren „geborstene, mürbe Feldsteine" 
zwischen Kohlenhäufchen, Tierkuochen und zer- 
brochenen Tongefäßen beobachtete und weiß 
jetzt, daß das Herdstellen waren. Es begegnen 
einem sonderbare Flurnamen oder „Burgwälle", 
die keine waren. 

Ein Beispiel für viele: Im Jahre 18911 (am 
5. Juni) unternahmen Pfleger des Märkischen 
Museums unter Friedeis Führung einen Aus- 
flug nach Genshagen im Kreise Teltow zu einem 
„Burgwall", der sich nur als eine natürliche 
Erhöhung erwies. Wendische und mittelalter- 
liche Reste fehlten; wohl aber waren „vor- 
wendische Scherben" in großer Zahl vorhanden. 
Vor allem wurden „Reste von Reibesteinen, 



feuergeplatzte Steine sowie gebrannte Tier- 
knochen festgestellt". Die Fundstelle wurde 
richtig als Ansiedelung erkannt; die Bedeutung 
der wenigen Beobachtungen ist uns heute viel 
klarer als sie einst den Augenzeugen sein konnte 
und muß nun natürlich dazu anreizen bei näch- 
ster Gelegenheit den Charakter der Siedelung 
gründlich zu erforschen. 

4. Siedelungsf unde in Museen. 

Wer die Literatur und die Archive gründ- 
lich durchstöbert hat, wird auch nicht versäumen, 
die Museumsfunde durchzusehen. Wohl stammt 
honte noch die größte Menge aller vorgeschicht- 
lichen Funde aus Gräbern. In jedem größeren 
sowohl wie kleineren Museum linden sich jedoch 
meist ganz verschämt, in irgend einem Winkel 
verborgen, unansehnliche Scherben und Leb in - 
stücke, die dem Kenner auf den ersten Blick 
sagen , daß Reste einer alten , meist gar nicht 
erkannten Siedelung vorliegen, die ähnliche 
Ergebnisse vermuten lassen, wie wir sie bei 
Buch zutage fördern konnten. Besonders 
empfehlenswert dürfte es sein, neben der Schau- 
sammlung auch die in vielen Museen schon vor- 
handene Studiensammlung und vor allem das in 
zahlreichen Museen aus wohlverschlossenen, un- 
zugänglichen Kisten bestehende „Magazin" einer 
gründlichen Durchsicht zu unterwerfen. Im 
Märkischen Museum bin ich dabei, sämtliche 
zwar unansehnliche, aber äußerst wichtige Siede- 
lungsfunde in einem Speicher zu vereinigen. 
Wie ich mir die Einrichtung eines solchen 
Speichers (Magazins oder Depots) denke, habe 
ich ausführlich in einem Aufsatze der „Museums- 
kunde" (herausgegeben von K.Koe tschau, 1916, 
Heft 1) auseinandergesetzt '). 

5. Bekannte Gräberfelder. 

Schon in meiner Dissertation aus dem Jahre 
1908, also lange vor der Entdeckung des bronze- 
zeitlichen Dorfes bei Buch habe ich (S. 67) ge- 
sagt 2 ): „Die zu den Begräbnisplätzen gehörigen 
Ansiedelungen müssen und werden sich finden 
lassen. Einer oberflächlichen Betrachtung werden 
die Ergebnisse derartiger Ausgrabungen zwar 
wenig glänzend erscheinen; aber für das Ver- 
ständnis altgermanischer Kultur und für die 
ganze germanische Forschung werden diese 
Resultate von unberechenbarer Bedeutung sein." 
Zu den mehr als 50 Gräberfeldern am Nieder- 



x ) Vgl. daselbst auch Abbildung. 

2 ) Der Einfluß der römischen Kultur auf die ger- 
manische im Spiegel der Hügelgräber des Niederrheius. 
Nebst einem Anhang: Die absolute Chronologie der 
Augeulibel. Strecker u. Schröder, Stuttgart 1908. 



41 



rheiu war damals keine einzige Siedelung be- 
kannt. Auf meine diesbezügliche Frage und 
Mahnung, doch auf die Siedelungen zu achten, 
sagte mir ein sehr eifriger Sammler: „Siede- 
lungen gibt es hier nicht." Als ich nach einem 
halben Jahre wieder an denselben Ort kam, 
konnten mir schon Funde aus einer Wohustätte 
gezeigt werden und bei einem abermaligen Be- 
such wurde mir gesagt: „Jetzt können wir uns 
vor Siedelungen kaum noch retten." So ist es 
natürlich überall. Zu jedem Gräberfelde muß 
notwendigerweise mindestens eine Wohnstätte 
gehören. Und welche Fülle von neuen Fund- 
plätzen würden wir kennen lernen, wenn erst 
für jedes bekannte Gräberfeld die Ansiedelung 
festgestellt ist! Oftmals ist die Wohustätte bei 
der Ausbeutung des Gräberfeldes schon gefunden, 
aber nicht erkannt worden. Dafür ein Beispiel: 

Das Märkische Museum besitzt von der Feld- 
mark eines im Ruppiner Kreise gelegenen Dorfes 
eine reiche Auswahl von Altertümern aller mög- 
lichen Perioden. Leider ist nur ganz unsyste- 
matisch gearbeitet worden und von einer ge- 
ordueten, gründlichen Untersuchung ist bis jetzt 
gar keine Rede gewesen. Immer ist nur von 
„Urnenfriedhöfen" die Rede. Ein Bericht er- 
zählt jedoch von einer „Töpferwerkstatt". „Viele 
verworfene prähistorische Scherben , teils gut 
erhalten, teils verschlackt, dicke Tonpatzen, der 
Lehmboden durch Brand gerötet." Wir brauchen 
nicht mehr zu sagen, daß es sich um eine 
Siedelung handelt. Die Deutung solcher Fund- 
stellen als „Töpferwerkstätte" ist mir übrigens 
in mündlichen und schriftlichen Berichten be- 
reits so oft begegnet, daß wir sie schon allein 
beinahe mit Sicherheit als das Kennzeichen für 
eine Wohnstätte ansehen können. 

In einem Bericht über eine in der Nachbar- 
schaft der oben erwähnten Friedhöfe liegenden 
Fundstelle heißt es: „Einige Feuerstellen. 
Hiermit bezeichne ich die Steinpackungen, 2 bis 
3 Fuß im Durchmesser, 1 Fuß tief, D/2 Fuß 
unter der Oberfläche, deren Steine keinen Klang 
haben, sehr mürbe und ringsum von schwarzer 
Erde mit Topfscherben umgeben sind." Natür- 
lich sind das Steinherde vorgeschichtlicher 
Häuser. 

Oder in demselben Bericht heißt es von 
einer anderen Stelle: „Ich ermittelte einige 
Feuerstellen, einige runde Stellen, 9 Fuß im 
Durchmesser, betonartig aus kleinen geschla- 
genen Steinen und Lehm hergestellt. Eben- 
falls eine „runde", 4 Fuß im Durchmesser 
haltende brunnenartige Steinpackung; der iuuere 
Raum war bis zu einer Tiefe von 4 Fuß mit 
gebranntem Lehm ausgefüllt; sehr viele 



Topfscherben ...., Fragmente von bedeutender 
Größe ... wohl die Größe eines Wasch - 
kesseis ... Knochen und Zähne von Rind, Pferd 
und Schwein in der schwarzen Erde." Wer denkt 
da nicht gleich an die großen, iu den Boden 
eingelassenen Vorratsgefäße von Buch? Wir 
können aus den angeführten Worten mehr 
herauslesen als der Verfasser damals ahnte. 
Die Untersuchung dieser Stätte verspricht recht 
große Erfolge und wird vielleicht noch eine 
der dankbarsten Aufgaben unseres Museums 
werden. Wie ich bei Ilasenfelde vom Gräber- 
felde aus auf die Wohnstätten gestoßen bin, das 
mag man in der Prähist. Zeitschr. III, 1911, 
S. '288 nachlesen. 

Was von Gräberfeldern gilt, das gilt auch 
\ on Einzel- und ganz gewiß auch von Depot- 
funden. Auf jeden Fall muß die Umgebung 
der Fundstellen nach Spuren vorgeschichtlicher 
oder verschwundener mittelalterlicher Siedelun- 
gen hin durchsucht werden. Schuchhardt 
nimmt bekanntlich sogar an, daß die meisten 
Depotfunde Schatzfunde seien, die einst im 
Hause des Besitzers aufgehoben waren 1 ), und 
in der Sitzung der Berliner Anthropologischen 
Gesellschaft wies er im Anschluß an die Be- 
sprechung des Fundes geradezu darauf hin, daß 
man ja bisher so gut wie gar keine Siedelungen 
erforscht habe, durch die Ausstellung des Märki- 
schen Museums 2 ) aber zur Anschauung gebracht 
worden sei, welche Aufschlüsse wir durch die 
Wohnstättenforschuug zu erwarten hätten. 

6. Heutige Dörfer. 

In Anbetracht der Tatsache, daß viele 
unserer heutigen Dörfer mit ihrer Geschichte 
so weit zurückreichen wie die ältesten geschicht- 
lichen Nachrichten, müssen wir uns die heutigen 
Dorfstellen und die unmittelbar an den Dörfern 
liegenden Gärten darauf hin ansehen , ob sie 
nicht Spuren älterer Siedeluugen aufweisen. 

Das frühmittelalterliche Bauernhaus von 
Niedergörsdorf 3 ) lag unmittelbar neben dem 
letzten Hause des Dorfes und ähnliche Gefäß- 
reste sammelte Herr Ortsvorsteher Richter 
iu seinem Garten. Herr Dr. Ilindenburg hat 
in einer gauzen Zahl von Gärten bei Groß- 
beeren vorgeschichtliche Scherben festgestellt. 
Gerade diese Untersuchungen sind ja 
ungemein wichtig für die Kontinuität 
der Besiedelung von der Urzeit her, an 



*) Der Golrtfund vom Messingwerk bei Eberswalde, 
S. 46, Verlag f. Kunst u. Wissenschaft. Berlin 1914. 

a ) Korresp.-Blatt 1914, S. 61— 73, Abb. 1—10. 

3 ) Vorgeschichte der Mark Brandenburg. Landes- 
kunde, Bd. III, 8.455 und Abb. Tat XIX. 

6 



42 



die ja viele auch heute noch nicht recht 
glauben wollen. 

Ganz besonders werden unsere heutigen Dörfer 
uns dann auf die Spur vorgeschichtlicher Siede- 
lungen führen, wenn sie (vgl. S. 44) auf 
Inseln mit Dünen liegen. Ein ganz vorzügliches 
Beispiel dafür ist Schmöckwitz im Kreise Teltow. 
Schon der Name weist darauf hin. daß wir 
dieses Dorf bis in die wendische Zeit hinab 
verfolgen können. Es liegt heute auf einer 
Halbinsel, die nur durch einen schmalen Streifen 
mit dem Pestlande verbunden ist. Ein Blick 
auf die geologische Karte lehrt uns, daß diese 
Landbrücke früher ebenfalls unter Wasser stand. 
Die Kirche steht auf einer noch jetzt ganz 
deutlich erkennbaren Düne, von deren einer 
Seite sogar heute noch der Sand abgefahren 
wird. Und dabei ist der Kirchhügel so klein, 
daß die Kirchhofsmauer unmittelbar an die 
Sandgrube stößt. In der Sandgrube findet man 
seit Jahrzehnten vorgeschichtliche Scherben. 
Schmöckwitz und seine unmittelbare Umgebung 
waren sicher während der ganzen Vorzeit be- 
siedelt. Seine schönsten Funde gehören ja der 
mittleren (dritte Periode; große Bronzetibel im 
Märkischen Museum) und der ältesten Bronze- 
zeit an (erste Periode; zwei Schwertstäbe im 
Köuigl. Museum für Völkerkunde in Berlin). 
Merkwürdigerweise wurden die ältesten auf eine 
Wohustätte deutenden Funde nicht auf der 
heutigen Dorfstelle, soudern auf dem gegenüber- 
liegenden Försteracker gefunden. Es sind die 
bekannten Feuersteinsplitter und -gerate, die 
gewiß bis in die jüngere Steinzeit hinein ge- 
braucht worden sind *). 

7. „Wüste Feldmarken". 

Bekanntlich sind während des Mittelalters 
zahlreiche Dörfer untergegangen. Besonders 
der schwarze Tod (1348) und der dreißig- 
jährige Krieg scheinen unheilvolle Wirkungen 
ausgeübt zu haben. Wenn neuere Geschichts- 
forscher gern einer milderen Auffassung dieser 
Wirkungen zuneigen möchten, so kann man 
ihnen nur raten, sich für die Mark in die be- 
kannten „Landreiterberichte" zu vertiefen. Da 
werden sie einen Begriff bekommen, welche 
furchtbaren Wunden der Krieg deutschen Landen 
geschlagen hat. Poetische Berichte bis zum 
Simplicius Simplicissimus köunen übertrieben 
sein. Die nackten Zahlen der Landreiterberichte 
reden jedoch eine weit furchtbarere Sprache. 
Wenn von 8 oder 13 Bauernhöfen eines märki- 



J ) Vorgeschichte der Mark Brandenburg. Landes- 
kunde UI, S. 353. 



sehen Dorfes nach dem Kriege (1652) nur noch 
drei oder einer oder gar keiner mehr besetzt sind, 
auch alles übrige „wüst" geworden ist, dann kann 
mau sich eine Vorstellung davon machen, welches 
das Schicksal der armen Dorfbewohner gewesen 
sein mag. Manches Dorf konnte sich nicht 
wieder erholen und blieb wüst. In Betracht 
gezogen muß allerdings auch werden, daß die 
im 12. und 13. Jahrhundert einsetzende, im 
großen und ganzen hervorragend erfolgreiche 
Kolonisation der ehemals slavischen Gebiete 
teilweise so blind und übereifrig gearbeitet hat, 
daß man dadurch an die „Gründerjahre" und 
den wirtschaftlichen Niederbruch nach dem 
französischen Kriege erinnert wird. Manche 
wüste Dorfstätte zeugt also auch von verfehlter 
Gründungswut. 

Die Zahl wüster Dorfstätten ist sehr groß. 
Plawe oder Plaue am Plagesee in der Ucker- 
mark, Slatdorf im Kreise Teltow, Diepensee, 
Melwendorf, Altona sind nur wenige Beispiele. 
Oftmals wurde die wüste Feldmark wenigstens 
soweit wieder bebaut, daß sie jetzt ein „Vor- 
werk" trägt (Diepensee, Melwendorf, heute 
Neubeeren). In alten Kirchenbüchern ist oft 
von der „wüsten Feldmark" in der Nähe noch 
bestehender Dörfer die Rede. Andere (z. B. das 
alte Gerhardsdorf bei Königswusterhausen) haben 
geradezu die amtliche Bezeichnung Wüstemark 
oder auch Wustermark (z. B. bei Brandenburg) 
erhalten. An vielen dieser Stellen stehen heute 
wenigstens einige Häuser. Nicht selten scheint 
eine Försterei als letzter Rest des Dorfes übrig 
geblieben zu sein. Bei noch anderen hat sich 
nur der Flurname erhalten. 

8. Flurnamen. 

Auf alte Flurnamen muß denn auch der 
Siedelungsarchäologe ganz besonders sein Augen- 
merk richten. Sie sind ihm überaus wertvolle 
Wegweiser zu untergegangenen mittelalterlichen, 
aber auch zu vorgeschichtlichen Siedelungeu. 
Ganz bekannt, fast berühmt, in mancher Be- 
ziehung sogar berüchtigt, ist ja die „Stadtstelle" 
im Blumental bei Straußberg geworden. Was 
ist über sie geredet und gefabelt worden ! Eine 
gründliche Untersuchung hat noch nicht statt- 
gefunden. Bei fast allen Auseinandersetzungen 
spielten in alter Dilettantenart die „Opfersteine" 
eine Rolle. All diesen Fabeleien hat ja Schuch- 
hardt nun wohl ein Ende gemacht 1 ). Schuch- 
hardt schließt seinen Bericht mit den Worten: 
„Eine Grabung würde für die mittelalterliche 



x ) Geschäftsbericht d. Brandenb. Prov. Kommiss. 
f. Denkmalspflege 1911—1913, S. 83 ff. 



43 



Kulturgeschichte gewiß Interessantes zutage 
fördern, eine Aufgabe für die vorgeschichtliche 
Forschung ist sie nicht". Damit kann er im 
Rechte sein, vorausgesetzt, daß das mittelalter- 
liche Dorf nicht — wie so oft — an der Stelle 
eines vorgeschichtlichen stand. Auf keinen Fall 
wird aber eine genaue Untersuchung überflüssig. 
Im Gegenteil. Jetzt sind immerhin noch Reste 
vorhanden. Dürfen wir warten, bis auch der 
letzte Stein verschleppt ist? Außerdem ist 
gerade in der Mark die mittelalterliche Besiede- 
lung mit der vorgeschichtlichen so eng ver- 
knüpft, daß beide gar nicht gesondert behandelt 
werden können. [Vgl. Braudenburgia, Monats- 
blatt 1915, S. 119, Abschnitt 2]*). 

Wie uns Sagen und Spukgeschichten 
gute Führer sein können, darüber lese man in 
der Zeitschi-, f. Ethnol. 1912, S. 426 meinen 
Bericht über Breddin nach. In ausgezeichneter 
Weise hat sich auch der Flurname „alter Berg" 
in Verbindung mit einer Urkunde bewährt 2 ). 

9. Das Gelände und die Karten der 
geologischen Landesanstalt. 

Die besten Führer sind nun aber die far- 
bigen Karten der geologischen Laudesanstalt. 
Ursprünglich wirtschaftlichen Zwecken dienend, 
geben sie auch der Vorgeschichtswissenschaft 
ein Material von unerschöpflicher Fülle an die 
Hand. Von unseren Geologen wird der heimische 
Boden auf seine Beschaffenheit hin so gründ- 
lich untersucht, daß man meinen sollte, schon 
durch die Herstellung so zahlloser Handbohr- 
löcher hätte im Laufe der Zeiten kaum noch 
eine vorgeschichtliche Fundstätte der Aufmerk- 
samkeit der Bodenforscher entgehen können. 
Ganz gewiß hat die geologische Landesanstalt 
in erster Linie andere Aufgaben zu erfüllen. 
Das Handinhandarbeiten der verschiedenen 
Wissenschaften läßt ja auf anderen Gebieten 
ebenfalls noch manches zu wünschen übrig. Im 
vorliegenden Falle wäre aber vielleicht doch 
erwägenswert, ob die Arbeiten der Landes- 
anstalt nicht zugleich in den Dienst 
auch der Siedelungsf orschung zu stellen 
wären. Die daraus erwachsenden geringen 
Kosten und Mühen wären jedenfalls ganz uner- 
heblich gegenüber dem ungewöhnlichen Erfolge, 
sei es auch nur , daß die Geologen verpflichtet 
würdeu , alle ihnen bei ihren Untersuchungen 
zufällig aufstoßenden Funde und Beobachtungen 



1 ) Über weitere verdächtige Flurnamen vgl. meine 
Ausführungen im Korr.-Bl. 1912, S. 65. 

2 ) Vgl. meinen Bericht über die Ausgrabungen des 
Mark. Museums bei Cüstrin. Zeitschr. f. Ethnol. 1914, 
S. 882. 



zu notieren und zu sammeln. Die Museen 
würden auf diese Weise Anhaltspunkte in großer 
Zahl gewinnen, und es ließen sich in kürzester 
Zeit Siedelungskarten für große Gebiete, zuletzt 
für den ganzen Staat und für das ganze Reich 
herstellen. 

Erfreulicherweise ist während der letzten 
Jahre sowohl den Vorgeschiehtsforschern wie 
auch den Geologen immer mehr die Notwendig- 
keit des Zusammenarbeitens aufgegangen. Diese 
Zusammenarbeit muß nicht nur stattfinden auf 
dem Gebiete der paläolithischen Kulturen, sondern 
auch auf dem späterer Perioden. Vor allem 
aber für Siedelungsf ragen muß die Erd- 
geschichte stets die Grundlagen bieten. Die 
Beschaffenheit des Bodens ist nicht nur für 
unsere Zeit von so erheblicher wirtschaftlicher 
Bedeutung ; sie war entscheidend auch für das 
Wirtschaftsleben der Vorzeit, für die Wahl des 
Wohnplatzes, für die Anlage der Dörfer, fin- 
den Betrieb von Ackerbau und Viehzucht. 
Vgl. dazu meine Ausführungen über die „Heu- 
kammer" bei Sophieudorf *). So sind die Ergeb- 
nisse der siedeluugsarchäologischen Forschungen 
zugleich recht wesentliche Bausteine für die 
Geschichte der Besiedelung und Bewirt- 
schaftung unseres Landes überhaupt, und 
damit auch für die Geschichte der deutscheu 
Landwirtschaft. So erwogen, liegen auch die 
rein siedelungsarchäologischen Forschungen den 
Arbeiten der geologischen Landesanstalten weit 
näher als mancher bisher vielleicht angenom- 
men hat. 

Auch jetzt schon enthalten die „Erläute- 
rungen" zu den einzelneu Blättern der geolo- 
gischen Karten zuweilen wertvolle Hinweise 
auf vorgeschichtliche Fundstellen und müssen 
daraufhin genau so gewissenhaft wie die übrige 
Literatur durchgesehen und geprüft werden. 
Das Mäi kische Museum erhielt erst in letzter 
Zeit von Herrn Prof. Kaunhowen aus der Gegend 
von Lübbeu einige Funde überwiesen. 

Das wichtigste Hilfsmittel zur Förderung der 
Siedeluugsarchäologie bleibt aber für die Zukunft 
das Auffinden vorgeschichtlicher Wohn- 
stätten im Gelände an der Hand der geo- 
logischen Karten. 

Zahlreiche Beobachtungen an den vom Mär- 
kischen Museum untersuchten vorgeschichtlichen 
Wohnstätten und an den bisher — wenn auch 
nur aus einzelnen Fundeu — bekannten Siede- 
lungsplätzen haben ergeben, daß die Wahl des 
Wohnplatzes gewissen Gesetzmäßigkeiten unter- 
liegt. Stellen, die sich für Besiedelung in her- 



!) Zeitschr. f. Ethnol. 1912, S. 415. 



44 



vorragendem Maße eigneten, müssen deshalb 
heute daraufhin untersucht werden, ob sie nicht 
in der Tat einmal als Wohnstätte gedient haben. 
Die mit Moorerde, VViesenkalk oder Torf aus- 
gefüllten alluvialen Niederungen scheiden als 
Wohnplätze für die Vorzeit fast ganz aus, 
da sie damals mindestens zu einem großen 
Teile, wenn nicht überschwemmt, so doch sehr 
sumpfig waren. Nicht so dürfen wir an den 
diluvialen Ablagerungen des oberen und unteren 
Geschiebemergels sowie des oberen und unteren 
Sandes vorübergehen. Wir müssen damit rechnen, 
auf diesen trocken und hochgelegenen Plätzen 
alten Wohnstätten zu begegnen. Auf diluvialen 
Hochflächen liegen z. B. die altgermanischen 
Döifer bei Großbeeren, Lagardesmühlen und 
Paulinenaue, wie die wendischen Siedelungen 
bei Cüstrm und bei Hasenfelde. Weit besseren 
Schutz noch boten aber die aus einer alluvialen 
Niederung emporragenden Inseln und Werder, 
meist aus Talsand gebildet und von Dünen- 
sanden überweht. Diese Stellen ziehen in aller- 
erster Linie unsere Aufmerksamkeit auf sich. 
Sie boten mit ihrem Dünensaude nicht nur 
trockene Wohnplätze; der Tal- oder Flußsand 
der nächsten Umgebung gab vielmehr zugleich 
Gelegenheit zum Hackbau. Die Wohnstätten 
selber lagen fast ausschließlich auf den Dünen, 
wohl auch um die wertvollen Stellen für den 
Anbau frei zu lassen. 

Welche Bedeutung diese inselartigen Diluvial- 
höhen, die sich aus dem Alluvialen herausheben, 
für unsere Siedelungsforschung haben, das sei 
au folgendem Beispiel erörtert. Ich wähle aus 
ganz bestimmten Gründen das Blatt Zossen 
(Gradabteilung 45, Nr. 4a), topographisch auf- 
genommen vom Kgl. Preuß. Generalstabe 1 86'.* 
(Nachträge bis Ende 1875); geognostisch und 
agronomisch aufgenommen von G. Berendt 
und D. Brauns; die Erläuterungen dazu sind 
erschienen 1882. 

Die gewaltigen Wassermassen, die sich am 
Ende der Eiszeit zwischen dem Baruther und Ber- 
liner Haupttal wälzten, haben die Diluvialhoch- 
fläche durchwühlt, zerrissen, zum Teil hinweg- 
gespült, zum Teil eingeebnet, so daß zwischen 
beiden Urstromtälern die Notte- und Nuthcniede- 
rungen entstanden. Innerhall) dieser Niederungen 
sind jedoch ganze Blöcke des oberen Geschiebe- 
mergels stehen geblieben und ragen jetzt insel- 
artig aus der wiesenreichen Niederung empor. 
Diese diluvialen Inseln müssen uns verdächtig 
erscheinen. Weit verdächtiger aber sind noch 
die aus eingeebneten Diluvialsanden bestehen- 
den Talsandflächen, die teilweise rings von 
Niederungen umgeben sind, teilweise sich an 



höher gelegene Diluviallandschaften anlehnen 
oder diese an ihren Kändern begleiten. Recht 
häufig trieben auf diesen Talsandflächen die 
Winde ihr Spiel und wirbelten auch hier an 
gewissen Stellen die tranz unfruchtbaren Diinen- 
sande auf. Es ist kein Zufall, daß von den 
10 heutigen Siedelungen, die in und an der 
Niederung liegen, nicht weniger als sieben, 

DO? 3 

nämlich dieStadt Zossen, die Dörfer Dergischow, 
Schünow, Dabendorf, Tel/,, Jühnsdorf, auch 
Hangsdorf und das Vorwerk Pramsdorf auf 
Talsanduntergrund liegen. Nur Groß-Machnow 
und Nächst- Neuendorf sind auf rein alluvialen 
Bildungen entstanden; beim Besuch dieser beiden 
Dörfer kann man jedoch fest-tellen , was sich 
aus der Karte nicht ersehen läßt, daß sie 
auf einer gar nicht unwesentlichen Erhöhung 
liegen, die, wenn auch der Wiesenkalk sich in der 
Tat unter beiden Dörfern in ihrer ganzen Aus- 
dehnung hinzieht, nur aus starksandiger Moor- 
erde bestehen kann. Zur Zeit der Gründung der 
Dörfer Groß-Machuow und Nächst-Neueudorf 
muß also selbst die alluviale Niederung au 
den betreffenden Stellen schon so trocken 
gelegen haben, daß eine Ansiedelung mög- 
lich war. Für die Beurteilung des Zustandes 
unserer Heimat in den einzelnen Perioden sind der- 
artige Erwägungen von größtem Werte und werden 
dazu beitragen, daß mit weit verbreiteten falschen 
Anschauungen endlich aufgeräumt wird. Für 
die Vorzeit und ihre unsicheren Rechtsverhält- 
nisse gaben zweifellos die inmitten von unzu- 
gänglichen Sümpfen emporragenden Talsand- 
inseln die günstigste Gelegenheit zur Besiede- 
lung. Kein Ort auf unserem Blatte konnte 
sich in dieser Beziehung mit Zossen messen. 
So ist es nicht verwunderlich, daß diese Gegend 
reiche vorgeschichtliche Funde aufweist. 

Hier kommt es mir nun darauf an zu zeigen, 
welche Erüchte ein einziger Spaziergang zeitigen 
kann. Ich war bisher durch Zufall noch nie 
in diese Gegend gekommen. Der einzige Ort, 
deu ich vor zwei Jahren einmal besuchte, war 
Rangsdorf. Vom Bahnhof in Rangsdorf 
wanderte ich am Langen Berge vorüber, über- 
schritt den Zülowgraben und steuerte auf einen 
Dünenhügel zu, der mir auf der Karte ver- 
dächtig vorgekommen war. Er liegt auf einer 
Talsandfläche am Südfuße des Zabelberges und 
hat nur einen Durchmesser vou 150 bis 200 m. 
Der Dünensand ist noch heute so leicht, daß 
er sich für Ackerbau nicht eignet. Es bedurfte 
nur einiger Minuten aufmerksamen Suchens 
an der Oberfläche, um vorgeschichtliche 
Scherben und Lehmbrocken zu finden und damit 
festzustellen, daß dieser Platz in vorge- 



45 



schichtlicher Zeit wirklich besiedelt war. 
Alle übrigen Fragen, die sich an diese erste 
Beobachtung knüpfen , können zurückgestellt 
werden bis zur gründlichen Untersuchung der 
Fundstelle. 

Der weitere Weg führte mich am Mühlen- 
berge vorüber nach Groß - Maclmow. Fast un- 
mittelbar südlich vou diesem Dorfe führt die 
Zossener Straße über eine langgestreckte Tal- 
saudinsel mit Dünenhügeln. Da man zum Be- 
treten dieser für vorgeschichtliche Besiedelung 
günstig gelegene Stelle erst besonderer Erlaubnis 
bedurfte, ließ ich sie diesmal liegen. 

Westlich vom Pfählingssee erhebt sich aus 
der Niederung eine größere Talsandinsel mit 
teilweise recht stattlichen Dünen. Der auf den 
Dünen stehende Kiefernwald wird auf der Karte 
als „Wukrow- Fichten" bezeichnet. Am Süd- 
rande der Insel liegt Dabeudorf. — Rechts des 
Weges, der von der Zossener Straße nach Daben- 
dorf führt, ist etwa 200 m von der Chaussee 
entfernt Sand abgefahren worden. Dabei waren 
zwei runde schwarze Stellen zum Vorschein ge- 
kommen, wie sie auf jeder vorgeschichtlichen 
Wohnstätte ungemein häutig sind — die ersten 
sicheren Spuren einer vorgeschichtlichen 
S i e d e 1 u n g. 

Am nächsten Morgen brach ich von Zossen 
auf, um zwei der nordwestlich von der Stadt aus 
der niederen Umgebung aufragende Inseln auf- 
zusuchen. Da durch Regulierung des Notte- 
laufes der Wasserstand hier au manchen Stellen 
sogar mehr gesunken ist, als wünschenswert 
war, so vermag nur ein geübtes Auge diese 
Inseln als solche zu erkennen. Die größere 
Erhebung, über die heute die Berlin-Dresdener 
Eisenbahn geht und auf der heute das Gut 
Marienau liegt, war mir nicht zugänglich. Auf 
der westlich von der letzteren gelegenen kleineren 
Erhebung fand ich große Mengen von früh- 
mittelalterlichen Gefäß resten. 

An alleu drei Plätzen also, die ich als für 
ältere Besiedelung geeignet besuchte, fand ich 
Reste alter Kulturen. Schwerlich wird das 
jemand für einen Zufall halten wollen. 

In der in Rede stehenden Gegend inter- 
essierte mich nun aber noch ein Fandplatz, der 
nach der Beschreibung in den Erläuterungen 
zum Blatt Zossen nicht mit voller Sicherheit 
zu bestimmen war. Ich vermutete als solchen 
aber doch eine kleine Talsandinsel, die in einer 
Torf bucht nur 500 m nordwestlich von Nächst- 
Neuendorf liegt. Die Vermutung bestätigte 
sich. Der größere Teil des Hügels war leider 
schon abgefahren; zermürbte Herdsteine, zahl- 
reiche Scherben und ein eisernes Messer aus 



der Kultnrschicht einer wallartigen Erhöhung 
bestätigten die von den Geologen vor mehr als 
30 Jahren gemachten Beobachtungen. Außer- 
dem hatte ich die Freude, durch einen glück- 
lichen, unzweifelhaft sicheren Scherbenfund fest- 
stellen zu können, daß hier eine wendische 
Fundstätte vorlag. 

Zwei weitere neue Fundstellen, die ich 
auf derselben Wanderung auffand, liegen bereits 
auf einem anderen geologischen Kartenblatt. 

So hat eine einzige Wanderung, die sich 
am Sonnabend durch drei und am Sonntag durch 
acht Stunden erstreckte, immerhin fünf neue, 
bisher ganz unbekannte Fundstellen ergeben, 
und die schon bekannte sechste wenigstens 
chronologisch bestimmt. Ein derartiges Er- 
gebnis ist natürlich nur möglich bei sehr 
auf merksamer Beobachtung des Geländes 
an der Hand einer geologischen Karte. 

Der oben angegebene Weg, das plan- 
mäßige Aufsuchen von vorgeschichtlichen 
Fundstellen, ist das beste Mittel zu dem erstrebens- 
werten Ziele, in absehbarer Zeit eine siedelungs- 
archäologische Karte zu erhalten. Selbstverständ- 
lich darf man sich mit dem bloßen Feststelleu 
einer Siedeluug nicht begnügen. Mindestens 
müssen wir durch Untersuchung der Fundstelle 
dahin kommen, die Zeit ihrer Besiedelung zu be- 
stimmen. Wenn irgend möglich, wird es sich 
empfehlen, den Charakter der Siedelung so weit 
zu erforschen, wie ich es bei Hasenfelde, Cüstrin, 
Lagardesmühle, Paulmenaue, Kleinbeeren, Nieder- 
görsdorf, Nackel, Stüdenitz usw. getan habe. 
Wo der Fundplatz gefährdet ist, muß natürlich 
jede in den Grenzen der Möglichkeit liegende 
gründliche Erforschung stattfinden. 

Hauptsache ist, daß sich möglichst viele 
Kräfte in den Dienst der Sache stellen. In 
Berlin hat sich jetzt ein Kreis von Altertums- 
freunden zu „Siedelungsarchäologischen 
Übungen und Studien am Märkischen 
Museum" zusammengeschlossen 1 ). Freunde 
der Siedelungskunde, Lokalforscher und Ver- 
treter verschiedener Grenzwissenschaften widmen 
als regelmäßige Teilnehmer oder als Gäste einen 
Teil ihrer Kraft unserem Werke und haben 
auch ganz unabhängig von mir recht erfreuliche 
Ergebnisse zu verzeichnen. 

In kürzester Zeit werden sich schon an hin- 
reichend zahlreichen Beispielen gewisse 
Eigentümlichkeiten und Unterschiede in 
der Wahl des Siedelungsplatzes während der 
verschiedenen Perioden feststellen lassen, so daß 



: ) Vgl. darüber Brandenburgia , Monatsblatt 1915, 
8. 117—120 (vgl. S. 55 f.). 



Iti 



wir von vornherein ans der Art des Ge- 
ländes auf Steinzeit. Bronzezeit, Wcndeuzeit usw. 
schließen können. 

10. Was iiiuLi geschehen, wenn ein neuer 

vorgeschichtlicher V u u d ] > 1 a t z entdeckt 

worden i st V 

Wenn nun ein frisch gepflügter Acker durch 
eine Reihe schwarz hervortretender Hausstellen, 
wenn eine Sandgrube, eine Baugrube oder ein 
Schützengraben durch Herdstellen und Pfosten- 
löcher sich verdächtig machen oder wenn der 
aufmerksame Beobachter irgendwelche Kultur- 
reste an der ( »bei fläche entdeckt hat, dann kommt 
es — und das ist mindestens ebenso 
wichtig — darauf an, die Stelle für alle Zeiten 
im Interesse der Wissenschaft festzulegen. Zu- 
nächst muß die Lage des Fundplatzes auf einer 
guten Karte genau bestimmt werden. Dann ist 
es nötig, die Dorfflur zu ermitteln, zu welcher das 
Grundstück gehört. Auf den Meßtischblättern 
[1:25 000] und den geologischen Karten sind die 
Flurgrenzen der Dörfer ja genau verzeichnet. Man 
hat besonders darauf zu achten, ob der Fund- 
platz zum Gemeinde- oder zum Gutsbezirk 
gehört. Wünschenswert, aber nicht immer 
ausführbar ist es, den Besitzer des Grundstückes 
ebenfalls zu erfragen. Auf jeden Fall lassen 
sich Notizen macheu über den augenblicklichen 
Zustand der Stelle und Beobachtungen ver- 
zeichnen, ob Wald, Wiese oder Ödland vorhauden 
ist. Wichtig ist unter Umständen weiter, daß be- 
merkt wird, welche Feldfrucht der Acker, wenn 
es sich um einen solchen handelt, im laufenden 
Jahre trägt. Ein mit landwirtschaftlichen Ver- 
hältnissen Vertrauter kann daraus ungefähr er- 
sehen, was für Boden vorhanden ist. Es ist ein 
großer Unterschied, ob der Acker mit Roggen 
oder mit Mohrrüben bestanden ist. Wo die 
letzteren üppig gedeihen, wird man selten eine 
Siedelung finden. Ein kurzer Bericht, der alle diese 
Dinge festlegt, wird von jedem Museum dankbar 
aufgenommen werden. Die letzte und zugleich 
wichtigste Aufgabe ist aber — und das ver- 
stößt gewiß nicht gegen den Geist des Aus- 
grabuugsgesetzes — , auf der Oberfläche her- 
umliegende Scherben und andere Kulturreste 
aufzuheben und als Beweisstücke dem Berichte 
beizulegen. Bei günstiger Gelegenheit muß die 
Kundstelle dann einer genaueren Prüfung unter- 
zogen werden. 

Im zu zeigen, wie wirksam die Wissenschaft 
und das Märkische Museum durch meine Hörer 
in der „Freien Hochschule", der Lehrer- und 
Oberlehrerkurse und durch die Teilnehmer an 



den Übungen unterstützt wird, füge ich einige 
Beispiele an, die ohne weiteres als Muster dienen 
können und zugleich beweisen, mit welchem 
Eifer und Erfolg auf unserem Gebiete schon 
gearbeitet wird. 

Auf diese Weise sind dem Märkischen 
Museum seit 1910 im ganzen etwa 200 vor- 
geschichtliche Fundstelleu, fast ausschließlich 
Siedelungen, mitgeteilt worden. Jede dieserFund- 
stätten so zu bearbeiten wie es bei Buch ge- 
schah, ist natürlich zunächst bare Unmöglich- 
keit. Soviele Museumskräfte und so große Mittel 
gibt es gar nicht. 

Eine gute Wirkung darf man sich aber 
weiter noch von unserer Arbeitsweise ver- 
sprechen. Durch das planmäßige Auf suchen 
der Fundstellen werden so viele neue Aus- 
grabungsplätze zur Verfügung stehen , daß die 
vielfach zutage getretene, nach außen hin so 
abstoßend wirkende, meiner Ansicht nach schon 
immer ganz überflüssige und unwürdige Kon- 
kurrenz zwischen den Museen aufhören muß. 
Das Arbeitsfeld ist so überreichlich ijroß, daß 
alle — ■ die größten wie die kleinsten — Museen 
genügend Raum rinden für rastlose Tätigkeit. 
Nur das unwissenschaftliche Jagen nach Parade- 
funden muß aufgegeben werden. Allein die 
gründliche, nach neuer Erkenntnis rin- 
gende Forscherarbeit, die unbeeinflußt 
von jeder Rücksicht auf äußere Erfolge 
ihren Weg geht, hat ein Recht darauf, 
Spuren der Vorzeit zu untersuchen. 

Im folgenden gebe ich eine Zusammen- 
stellung der dem Märkischen Museum seit 
der Entdeckung des vorgeschichtlichen 
Dorfes bei Buch (1910) bekannt gewordenen 
Siedelungen. 

Vom Märkischen Museum sind bis jetzt 
teils eingehend untersucht teils wenigstens schon 
in Angriff genommen worden : 

1. Buch I. Bronzezeitliches Dorf. (Branden burgia, 

Monatsblätter 1910, S. 408 ff. Prähist. Zeitschr. 
II, 1910, S. 371. Hoops' Reallexikon der germ. 
Altertumskunde, Artikel „Buch". Vorgesch. d. 
Mark Brandenburg, Landeskunde III, 1912, 
S. 313 ff.) 

2. Buch II. Bronzezeitliches Dorf am Wege nach 

Carovv. Bodenausschnitte in der Bucher Aus- 
stellung. Herdstellen, Pfostenlöcher, Abfallgruben 
und Gefäßreste. 

3. Buch III. Bronzezeitliches Dorf rechts vom Wege 

nach Hobrechtsfelde. Kultursuhicht , Pfosteu- 
löeher. Herdstellen, Abfallgruben, Seherben. 

4. Buch IV. Frühmittelalterliche Siedelungsreste ; 

nicht weit von Buch III. 

5. Trebus, Kr. Lebus. Steinzeitsiedelung. (Prähist. 

Zeitschr. V, 1913, S. 340— 361. Müncheberger 
Mitt. II u. III, Pfarrer Heßler.) 



47 



6. Wutzetz-Nackel, Kr. Ruppin. Bronzezeitliches 

Dorf, unter einer Düne verschüttet. (Branden- 
burgia, Monatsblatt XXIII, 1914, S. 33— 45 ff.) 

7. u. 8. Paulshof, Kr. Niederbarnim. Zwei Siede- 

lungen und Gräberfeld. Grundriß, Pfosten, Herd- 
stellen U9W. 
9. — 12. Breddin, Kr. Ostprignitz. a) Wohnstätten 
und Gräber am Wege Stüdenitz - Kümmernitz, 
und zwar eine am „Hand weiser" nach Sophien- 
dorf, eine zweite in der Koberschen Sandgrube 
und eine dritte auf dem Blumentalscben Acker. 
(Zeitschr. f. Ethnol. 1912, S. 413— 42(i. I b) Wohn- 
stätten (Herdstellen) auf der Hirtenwiese. 

13. Oderberg-Bralitz. Siedeluug am Bahnhof Oder- 
berg. Kulturschicht, Pfosten, Hordstellen usw. 

1-1. Stüdenitz, Kr. Ostprignitz. Germanisches Dorf 
aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrech- 
nung (Rädchentechnik). (Korresp.-Bl. d. Deutsch. 
Authropol. Ges. 1913, S. 91— 92.) 

15. u. 16. Neukölln bei Berlin. Auf dem Richard- 
platze. Germanische und frühmittelalterliche 
Wohnstätte. (Korresp.-Bl. d. Deutsch. Anthropol. 
Ges. 1913, S. 90 ff.) 

17. Klein-Beeren, Kr. Teltow. Germanische Siede- 

luug aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeit- 
rechnung (Rädchentechnik). (Großberliner Ka- 
lender 1913, S. 149—155.) 

18. Lagardesmühlen bei Cüstrin. Germanische 

Siedelung aus den ersten Jahrhunderten unserer 
Zeitrechnung. (Prähistor. Zeitschr. VI, 1914, 
S. 303—330.) 

19. u. 20. Paulinenaue, Kr. Westhavellaud. a) Ger- 

manische Siedelung aus dem 3. u. 4. Jahrh. n. Chr. 
(Prähistor. Zeitschr. IV, 1912, S. 152 — 165.) 
b) Frühmittelalterliche Wohnstätte auf dem 
Hasselberge. 

21. Hasenfelde, Kr. Lebus. Frühweudisches Dorf 

aus dem 7. u. 8. Jahrh. n. Chr. 10 Grundrisse 
um einen Pfuhl („die Schafwäsche") herum. 

22. Hasenfelde, Kr. Lebus. Brouzezeitliche Siede- 

lung und Gräberfeld. 

23. Eichwerder bei Warnick, Kr. Königsberg, Neu- 

mark. Wendische Siedelung. Pfosten , Abfall- 
gruben, Getreidekörner. (Vgl. Brandenburgia 
XXIII, 1914, S. 60 f.) 

24. Klößnitz bei Cüstrin. Wendisches Dorf (9. bis 

13. Jahrh. n. Chr.). (Zeitschr. f. Ethnol. XLVI, 
1914, S. 880— 912. Fredrich, Die Stadt Cüstrin, 
S. 73. Der Name des Dorfes wird in einer Ur- 
kunde von 1261 genannt.) 

25. Niedergörsdorf, Kr.Jüterbog. Deutsches Bauern- 

haus (12. bis 14. Jahrh.). (Vorgeschichte d. Mark 
Brandenburg, Landeskunde III, S. 455 — 458.) 

26. u. 27. Niedergörsdorf, Kr. Jüterbog, a) Vor- 

geschichtliche Siedelung „Kesselsdorf", b) Wohn- 
stätte in der Nähe des Bahnhofes. 

28. Zorndorf, Kr. Königsberg. Neumark. Am Tanger. 

Herdstelle , Pfostenlöcher. Vorgeschichtliche 
Scherben. In der Nähe ein Gräberfeld. 

29. Nowawes bei Potsdam, Kr. Teltow. Frühmittel- 

alterliche Siedelung auf dem Grundstück des 
Herrn Häberer an der Nuthe. Kulturschicht, 
Hausstellen, Gefäßreste. 

30. u. 31. Sonnewalde, Kr. Luckau. Zwei vor- 

geschichtliche Wohnstätten mit Kulturschichten, 
Herdstellen, Gefäßresten, Schlacken u. dgl. Spuren 
wie bei Buch und anderen bedeutenden Fund- 
stellen. 



Zu den bisher behandelten Siedelungen 
kommen die oben besprochenen : 

32. Groß-Machnow, Kr. Teltow. (Am Zabelsberg.) 

33. Dabendorf, Kr. Teltow. (Wuckrowfichten.) 

34. Marienau bei Zossen. 

35. Nächst Neuendorf, Kr. Teltow. 

36. Saalow, Kr. Teltow. 

37. Meilen, Kr. Teltow. (Mühlenberg.) 

In der Nähe der vom Märkischen Museum 
untersuchten Siedelung bei Wutzetz-Nackel sind 
von Herrn Pfarrer Wolfram in Nackel auf- 
gefunden und vom Märkischen Museum teils 
nur besichtigt teils auch schon angeschnitten 
worden : 

38. Vorwerk Damm. „Frühmittelalterliche Scherben. 

Wohl alte Zollstätte." 

39. Au der „Völkerscheide". „Frühmittelalterliche 

Scherben. Wall und Graben." 

40. „Lüneburg" im Zootzen. „Mittelalterliche Scher- 

ben. Wüstes Dorf." 

41. u. 42. Läsikower „Breiteu". „In der Asche 

der Torfschicht, die 1911 abgebrannt war, ein 
schwarzes, schön gearbeitetes Feuersteinbeil, ein 
walzenförmiger Hammer aus Sandstein, drei 
Reibesteine und eine Anzahl Scherben vor- 
wendischer und frühmittelalterlicher Art." 

43. Am „Gericht". „Hier soll es spuken. Spuren 

einer mittelalterlichen Siedelung." 

44. Sandgrube an den „Hüntenf eidbergen". 

„Wendische Gefäßreste." 

45. Am Siepgraben. „Westlich am Abhänge in der 

Höhe der kleinen Insel eine Stelle mit wendi- 
schen Scherben ; der Boden ist teilweise dunkel 
gefärbt. Weiterhin nach Westen sehr viele 
Scherben vorwendischer Herkunft. Eine Probe- 
grabung erwies vorgeschichtliche Grabstellen." 
•46. Nackeler Försterei. „Frühmittelalterliche Seher- 
ben sehr zahlreich." 

47. „Paunenberg" bei Wutzetz. Frühmittelalterliche 

Siedelung; darunter bronzezeitlicheB Grab. (Aus- 
grabung des Märkischen Museums.)" 

48. „Alte Hamburger Straße". „ÜberBät mit früh- 

mittelalterlichen Scherben." 

49. Das „heilige Land" in Läsikow. „Vorgeschicht- 

liche Scherben." 

Großes Interesse nehmen die Siedelungs- 
spuren in den „Läsikower Breiten" (41 u. 42) 
in Anspruch. Herr Pfarrer Wolfram hatte be- 
reits die Beobachtung gemacht und eine Be- 
sichtigung hat diese Beobachtung bestätigt, daß 
namentlich in den tiefliegenden und der 
Überschwemmung noch heute leicht ausgesetzten 
„Schienken" vorgeschichtliche Kulturreste zu 
finden sind. Es handelt sich da unstreitig nicht 
nur um die beiden angegebenen, sondern um 
noch mehrere Wohnstätten. Siedelungen in den 
rein alluvialen Schienken des Luches sind aber 
an sich sowohl wie nach all meinen Beob- 
achtungen im Luch selber und an anderen Stel- 
len eine Unmöglichkeit. Nach genauer Unter- 
suchung löste sieh das Problem. Von den im 



48 



Luch Holenden diluvialen Horsten hatte man 
den Sand in die sauren Wiesen gefahren, um 
den Graswuchs zu verbessern, leb konnte zu 
mehreren Fandstellen die höher gelegenen 
Stellen ausfindig machen, von denen der Sand 
und die Scherben mit dem Sande abgefahren 
waren. 

Über die von Herrn Pfarrer Wolfram in 
der Umgebung bei Naekel beobachteten Stellen 
vgl. Brandenburgia, Monatsblatt 1915. Außer- 
dem verdanken wir Herrn Wolfram noch Mit- 
teilungen über 

50. u. 51. Altdrewitz bei Cüstrin (29. Oktober 1912). 
„Ich kann Ihnen zwei mittelalterliche Siedelungs- 
stellen nachweisen, die auf sandigem Unland des 
rechten Oderufers liegen. Durchschnitt eines 
Pfostenloches mit dunkler Erde und Kohlen- 
resten; der kleine, 6cm starke Pfosten scheint 
nur eingetrieben zu sein. Die beiliegende Zeich- 
nung 2 zeigt deutlich die obere jetzige Humus- 
schicht (15 cm), dann etwa 5 cm Dünensand und 
unten die 20 cm starke Kulturschicht : reichliche 
Kohlenreste." 

Herr Dr. Hindenburg in Groß-Beeren, der 
schon die ersten bei Erdarbeiten ans Tageslicht 
getretenen Spuren der germanischen Wohn- 
statte am Lilowgraben auf der Feldmark 
Klein-Beeren entdeckte („nördlich davon liegt 
ein Gräberfeld mit Mäanderuruen"), hat in der 
Umgebung seines Wohnortes folgende vor- 
geschichtliche Siedelungen beobachtet: 

52. bis 54. Klein-Beeren, Kr. Teltow, a) „Gutsfeld- 
mark ; Wuthes Pachtland. Kleine Steinherde, 
Scherben. Beim Chausseebau sind einst viele 
Gefäße gefunden worden und augeblich zum Teil 
in den Besitz des alten Behrend, des letzten 
Besitzers des Gutes Klein-Beeren, gekommen." 
b) „Am Kinberg, auch Weinberg genannt. Früh- 
mittelalterliche Scherben." c) „Neues Feld", 
südlieh der Chaussee Groß- Beeren = Diedersdorf, 
unweit der Diedersdorfer Grenze; zahlreiche 
Scherben (Lausitzer Typus), scheibenförmige 
Wirtel mit Fiugernageleindrücken, halber durch- 
bohrter Steinhammer, Lehmbewurf, Tierknochen, 
Schlacken, Lehmkugeln." 

55. bis 58. Groß-Beeren, Kr. Teltow, a) „Am Dorf: 
Gärten von Mehlis und Wilhelm Dietrich 
im südlichen Ortsteil zwischen der Genshagener 
Straße und dem Lilow. Scherben des Lausitzer 
Typus, Tierknochen, Tonlöffel (Mehlis), Herde, 
Ahfallgruben." b) „Beim Hausbau Tierarzt 
Dr. Garbe. Große Tierknochen, V» Wirtel 
[spät - kaiserzeitliche (?) oder slavische (?) 
Scherben." e) „Mein Garten. Frühmittelalter- 
liche Scherben, V 2 Wirtel." d) „Knippling" 
und „Kohlland" am „Kuhdamm" (westlich und 
östlich der Chaussee Groß - Beeren = Genshagen, 
nördlich der Genshagener Grenze. Scherben 
von zum Teil sehr großen Gefäßen, Tierknochen. 
( Westlich davon liegt das „Latene- Gräberfeld 
an den Schinderfichten"; vgl. Hindenburg, 
Mannus II, S. 194 ff.)." 



59. Melwendorf. wüste Mark (Neu-Beeren). „Vom 

Märkischen Museum vor mehreren Jahrzehnten 
untersucht : auf den frisch bestellten Riesel- 
feldern heben sich noch jetzt die Hofstellen ab. 

60. u. 61. Löwenbruch, Kr. Teltow. „Stellmaeher- 

meister Ewald Neumann, jetzt im Felde, der 
namentlich durch seine Mithilfe bei Grabungen 
des Märkischen Museums bei Klein-Beeren unter- 
richtet ist, kennt mindestens zwei Stellen mit 
Funden wie auf Wohnplätzen; ich glaube mich 
zu erinnern , daß die eine bei dem Vorwerk 
Weinberg , die andere nördlich von dem be- 
kannten Latene - Gräberfelde (nordwestlich vom 
Dorfe) liegt." 

62. J ii tchendorf , Kr. Teltow. „Südlich der Land- 

brücke zwischen dem Siethener und dem 
Gröbener See. Zahlreiche Tierknochen, 
Herde, Scherben. (Iu der Nähe vier Gefäße, 
darunter ein auf der Scheibe gedrehtes Latene- 
Gefäß mit Leichenbrand, dreigliedrigem, bron- 
zenen Gürtelhaken und Latene -Eisenfibel mit 
geknicktem Bügel. Hindenburg, Mannus II, 
S. 197)." 

63. Jühnsdorf, Kr. Teltow. „Lindenberg, Sandgrube 

an dessen Südwestabhange. Kleine Gruben mit 
dunklem Inhalt mit Kohle und kleinen Feuer- 
steinartefakten , wie sie sich auf dem Linden- 
berge massenhaft finden. (Kiekebusch, Landes- 
kunde III, S. 365.)" 

64. Blankenfelde, Kr. Teltow. „Südabhang des 

Mühlenberges in der Nähe der Wiesen (nach 
mündlicher Mitteilung von Dr. Blume f)- (Auf 
dem Mühlenberge bronzezeitliches Gräberfeld, 
z. B. doppelkonische Urne und Etagenurne.)" 

65. Kolonie Dahlewitz (1913). „Nördlich der 

Chaussee Profile wie bei Buch. Scherben, Lehm- 
herde ; südlich der Chaussee dunkle Stellen auf 
dem westlichen Teile des großen Schlages, nach 
der Bestellung sichtbar." 

66. B irkholz, Kr. Teltow. „Am Mahlower See. 

Herde, ein dickwandiger Steinhammer, Scher- 
ben (ein doppelkonischer mit zirkulären Rinnen 
über dem Umbruch)." 

67. Gütergotz, Kr. Teltow. „Am See wurden 1913 

oder 1914 bei der Feldbestellung viele Scherben 
gefunden, welche Inspektor Greve, Gütergotz, 
für das Märkische Museum aufbewahrt hat. Er 
zeigte sie mir, und ich gewann nach dem, was 
ich sah und hörte, die Überzeugung, daß es 
sich um einen vorgeschichtlichen Wohnplatz 
handelt." 

68. Königsberg i. d. Neumark. „Nordwestlich vom 

Galgenberge , nahe diesem , zahlreiche Stücke 
von gebranntem Lehmbewurf. Dicht dabei das 
bronzezeitliche Urnenfeld an der Graupenmühle." 

Die Funde der meisten Siedelungsplätze und 
Gräberfelder (Nr. 52 — 67) befinden sich in der 
schönen Sammlung des Herrn Dr. Hinden- 
burg in Groß-Beeren. 

Fruchtbare Tätigkeit hat auch Herr Gym- 
nasialdirektor Prof. Dr. Fred rieh, früher in 
Cüstrin, jetzt in Stettin, entwickelt. Vgl. dazu 
die Berichte über Lagardesm üblen und Klößnitz. 
Über die Gräberfelder in der Uma-ebunff von 



49 



Cüstrin [Schiff bauerstraße (germanisch-wendisch), 
Pionierkaserne, Harnischs Gärtnerei usw.] vgl. 
Fredrich, Die Stadt Cüstrin 1913, S. 72 f. und 
153 ff. 

Zu den genannten Wohnstätten kommt noch 
die bei 

69. War nick, Kr. Königsberg (Neumark). Auf der 

Höhe neben dem Einschnitt der Eisenbahn. 

In diesem Zusammenhange müssen auch ge- 
nannt werden die von Herrn Dr. Bestehorn, 
früher Volontär am Märkischen Museum, ent- 
deckten und für das Potsdamer Museum mit 
ausgezeichnetem Erfolge untersuchten Fund- 
stellen bei 

70. Krampnitz, Kr. Osthavelland. Germanische Siede- 

lung der ersten Jahrhunderte (Rädchentechnik). 

71. Göttin, Kr. Zauch-Belzig. Steinzeitsiedelung mit 

Tiefstichkeramik. Die Funde aus den beiden 
letztgenannten Wohnstätten befinden sich im 
Museum in Potsdam. 

Recht beachtenswert ist auch eine Mitteilung 
des Herrn Bankbeamten Wilke über Beob- 
achtungen bei 

Hoppenrade, Kr. Westhavelland. „Am Mühlen- 
berge, 2km südlich von Hoppenrade, Kreis 
Westhavelland , befindet sich eine Sandgrube. 
Der Weg zu ihr führt an dem am Fuße des 
Mühlenberges gelegenen Gehöfte entlang. Auf- 
merksam geworden durch einige am Boden 
verstreute unverzierte Tongefäßseherben, beob- 
achtete ich am Nordabhange der Sandgrube, 
75 cm unter der Erdoberfläche , eine ungefähr 
30 cm starke dunkelbraune Kulturschicht , die 
sich von dem hellen Sande deutlich abhob. 
Stellenweise nahm sie eine nahezu schwarze 
Färbung an. Eine Anzahl der aus der Kultur- 
schicht entnommenen Tongefäßscherben zeigte 
Tief Stichverzierung und zwar Furchenstich." 

Die hier von Herrn Wilke (gefundene Stein- 
zeitsiedelung ist schon bekannt (vgl. Brunner, 
Die Steinzeitkeramik der Mark Brandenburg, 
Arch. f. Authropol. XXV, 1898, S. 11 u. Abb. 14). 
Dadurch wird der Wert dieser Beobachtung 
durchaus nicht herabgesetzt. Es ist im Gegen- 
teil sehr erwünscht, zu hören, in welchem Zu- 
stande sich bekannte Fundstellen augenblicklich 
befinden. Außerdem werden die alten Beob- 
achtungen auch ergänzt. Auf die 30cm starke 
Kulturschicht, „die sich vom hellen Sande deut- 
lich abhob", ist von Herrn Wilke zum ersten 
Male hingewiesen worden. 

Weitere Fundstellen hat Herr Wilke an 
folgenden Stellen beobachtet: 

72. u. 73. Havelberg, a) Am „Großen Burgwall". 

„Eine Kulturschicht, die unter einer zweiten 
liegt ; mehrere Scherben , darunter einen mit 
Furchenstich." Wahrscheinlich also steinzeitlich, 
b) In der Sandgrube am Ostende der 



Weinberge. „Eine etwa 1 m starke Kultur- 
schicht; darin Knochen, Scherben; ein Scherben 
mit Rädchentechnik." Wahrscheinlich germa- 
nische Siedelung aus den ersten Jahrhunderten 
unserer Zeitrechnung. 

74-. Döheritz, Kr. Osthavellaud. Am Truppen- 
übungsplatz. „Mittelalterliche Scherhen auf 
der Oberfläche; etwas tiefer vorwendische." 

75. Philippstal an der Nuthe. „Scherben mit 
Rädchentechnik ; Eisenschlacke ; auf der Ober- 
fläche mittelalterliche Scherben." Diese Fund- 
stelle mit germanischen Resten der ersten Jahr- 
hunderte war dem Märkischen Museum bereits 
aus einer freundlichen Mitteilung des Herrn 
Major Allard (1911) bekannt. 

7G. Zwischen Schildow und Schönerlinde, 
Kr. Niederbarnim. Südwestlich der Arkenberge. 

77. Zwischen Nauen und Bredow, Kr. Osthavel- 

land. (März 1914.) 

78. ÖBtlich von Tamsel auf dem Gelände von 

Wilkersdurf, Kr. Königsberg (Neumark). 

Von dieser Fundstelle sandte mir Herr 
Wilke einige Scherben eiu. Sie liegt auf eiuer 
Hochfläche, die von Norden her ins Warthetal 
vorstößt. Durch eine Probegrabung stellte ich 
fest, daß am Abhänge zur Warthe hin Siedeluugs- 
spuren zu beobachten sind. Die meisten Kultur- 
reste liegen dagegen auf der Höhe. Gelegent- 
lich eines Besuches mit Hörern der „Freien 
Hochschule" fanden wir neben zahlreichen an- 
deren Kulturresten auch einen steinzeitlichen 
Scherben mit Tiefstichverzierung. Die Lage 
dieser Wohnstätte auf hohem , saudigem Berg- 
rücken erinnert an die Lage der steinzeitliehen 
Siedelung bei Trebus und an eine Fundstelle 
bei Treuenbrietzen. Beim Ausheben von Be- 
festigungsgräben (1914) stieß man auch auf ein 
Gräberfeld. 

Herr Ferdinand Krause in Neukölln sandte 
folgenden interessanten Bericht ein: 

79. Seddin, Kr. Westprignitz (16. Okt. 1914). „An 

einer abgestochenen Wand zeigte sich unter der 
Humusschicht eine etwa 1,60 tief gehende, mit 
tiefschwarzer Kulturschicht ausgefüllte Grube, 
enthaltend kohlige Erde und überaus zahlreiche 
Gefäßreste ; dazwischen einzelne etwas über 
faustgroße Steine ; daneben im Feuer gewesene 
Herdsteine. Ein einzelnes Stück zu rotem Ziegel 
gebrannter Lehmbrocken mit Eindruck eines 
kantigen Balkens ... Abfall- oder Scherben- 
grube; dicht daneben eine kleinere Grube, mit 
grauer Humuserde gefüllt. Eine andere Wand 
zeigt ein mit schwarzer Erde gefülltes, 1 m tiefes 
Pfostenloch ohne Einschlüsse." 

Herr Krause hat auch schon auf die mittel- 
alterliche Siedelung auf dem Richardplatze 
in Neukölln aufmerksam gemacht. Bei der 
genaueren Untersuchung fand ich dann in tieferen 
Schichten die germanische Wohnstätte aus den 
ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. (Vgl. 
Nr. 15 u. 16.) 

7 



50 



Herr Lentz [vgl. Korrcsp.-Bl. 1915, S.Höf.]') 
machte dem Märkischen Museum Mitteiluug von 
folgenden Siedelungen : 

80. u. 81. Dahlem, Kr. Teltow (Juli 1912). a) „Gegen- 
über dem Bahnhof >Botani eher Garten«, Ecke 
Steglitzer and Moltkestraße. Profil wie bei 
Buch." Ii „Frühmittelalterliche Scherben am 

Dorfe" i I ber l'.MJ). 

Weinberge bei Fürstenwalde (Sommer 1912 
und L9I5). „In mehreren grubenartigen Ver- 
tiefungen vorgeschichtliche Scherben." Eine 
mit zahlreichen Hörern der „Freien Hochschule" 
ausgeführte Besichtigung bestätigte diese Beob- 
achtung. 

83. Sohlabbersdorf (Schiabendorf, Schlamsdorf) bei 

Etzin, Kr. Osthavelland (Mai 1915). Wüstes 
Dori : heute Vorwerk. „Auf der Feldmark haben 
die Landleute von jeher Scherben gefunden." 

84. Jeserig bei Wiesenburg, Kr. Zaueh - Beizig 

(Mai 1915). „Auf der Kuppe neben der .Mühle 
Kulturschicht, PfoBtenlöcher und Scherben." 

85. Röthehof, südlich von Markee (.Mai 1915). „Alte 

Kulturschicht unter sterilem Flugsand. Mittel- 
alterliche Scherben." 

86. Salzbrunn, Kr. Zauch-Belzig (Januar und März 

191")). „Kohlen. Scherben (vorgeschichtliche 
und mittelalterliche i. Henkel, Randstücke, großer 
Teil eines etwa ii >>is 8 mm starken Gefäßes. 
nNucleus« , kleine Feuersteinabsplisse und zwei 
Steinkeme. Alle Funde latren auf der Ober- 
fläche." „Außer einem wahrscheinlich als Pfosten- 
loch zu deutenden dunklen Anschnitt, der vom 
heutigen Humus durch eine sterile Schicht ge- 
trennt war, fand sich fast überall eine schwach 



1 ) Während ich die erste Korrektur meines Auf- 
satzes lese, erscheinen im Korresp.-Bl. (1915, S. 35 f.) 
die Ausführungen von E. Lentz über „Methodische 
Siedelungsforschuug". Sie enthalten manches, das rech! 
ihtenswert ist. Über die bloße Berücksichtigung 
der Zufallsfunde sind wir allerdings bereits weit hinaus 
(vgl. meinen Weimarer Vortrag, Korresp.-Bl. 1912, 
S. 65 f. und vorliegenden Aufsatz). Zu der Frage der 
chemischen Untersuchung der Erdproben sei hier ein 
Beispiel angeführt, aus dem ersehen werden kann, 
wie notwendig derartige Untersuchungen oft sind, um 
geradezu eine Entscheidung herbeizuführen. Bei Hasen- 
felde war in einer Kiesgrube eine schwärzt- Stelle 
aufgedeckt worden, die einer vorgeschichtlichen 
Herdstelle in mancher Beziehung ähnlich war. Das 
erste , was mich stutzig machte , war die Lagerung in 
einer Schicht, die von der Grundmoräne überdeckt 
war. Außerdem lieij sich auch keine Spur von Kultur- 
resten finden. Ich war davon überzeugt, daß es sich 
hier nicht um eine Herdstelle oder dergleichen 
handeln konnte, sondern nur um eine natürliche 
' i fiirbung des Bodens. Andere glaubten an der Deu- 
tung als Herdstelle „unbedingt" festhalten zu müssen. 
Die von mir veranlaßte .Untersuchung durch das 
„Städtische Untersuchungsamt für hygienische und ge- 
werbliche Zwecke' hatte folgendes Ergebnis: „Orga- 
nische Stoffe haben sich nicht nachweisen lassen. Die 
Braunfärbung hat ihren Grund in einem Gehalt an 
Braunstein; außer diesem wurden neben Sand und 
Steinchen Verbindungen des Kalkes, Eisens, der Phosphor- 
säure, Kieselsäure und Kohlensäure gefunden 1 ' (30. Okt. 
1913). Damit war die Frage endgültig entschieden. 



gefärbte und nur durch eingesprengte Kohlen- 
stückchen erkennbare Kulturschicht." 

87. Wuusdorf, Kr. Teltow (November 1914). „Der 

eniLie Wünsdorfer See hat an seinem südöst- 
lichen Ende . . . eine kleine Bucht, gebildet durch 
die Auslaufer einer von Kielern bestandenen 
Sanddüne. Die Spitze der Düne ist durch eine 
Sandgrube angeschnitten und zeigt deutlich in 
einer Tiefe von ungefähr 70 cm eine stellenweise 
15 cm starke Kohlenschicht . . . grubenartige Ein- 
schnitte . . . Scherben. Etwa 15 cm unterm 
Planum befindet sich stellenweise eine zweite 
Kohlenschicbt .... etwa Im noch eine unterste 
Kulturschicht ... Feuersteinschlagstätte, Splitter, 
zwei Kernstücke, messeraitige Spitzen, ein sehr 
schönes, mit Gebrauchsretouchen versehenes 
Faustmesser aus Feuerstein. Die festgestellte 
Siedelung tritt auch an einem Ausschnitt auf 
der Ostseite der Hüne zutage. Die ganze Siede- 
lung ist in ihrer Dünenstruktur und Lage ähn- 
lich wie die von Trebus" (Prähist. Zeitschr. V, 
S.340ff.), ... von Gräben umgebene Erhöhungen." 

Frl. E. Beilot hat ihre Aufmerksamkeit 
namentlich auf deu Fläming gerichtet. Ihre 
Fundstellen liegen sämtlich auf Blatt Klepzig 
der geologischen Speziulkarte von Preußen. 

88. u. 89. Raben, Kr. Zauch-Belzig. a) „Nördlich 

vom Dorfe an der Straße Beizig- Wittenberg. 
Auf der wüsten Feldmark des in den Hussiten- 
kriegen zerstörten Dorfes Wulkow. An der 
frisch abgestochenen Böschung der östlichen 
Straßenseite eine alte Kulturschicht. Vor- 
geschichtliche Scherben. Geologische Karte zeigt 
auf der diluvialen Hochfläche »Sand"; Meeres- 
höhe 1 18,4. Das Alluvium des Tales Niederungs- 
torf über Sand." b) „Auf derselben Diluvial - 
halbinsel, die, östlich und westlich von je 
einem Alluvialnebental (Rummel) des Flüßchens 
Plane begrenzt, in das Alluvium des Planetals 
hineinragt, befinden sich Reste des Dorfes Wul- 
kow (Fundament der Kirche noch erkennbar). 
Außerordentlich viel mittelalterliche Scherben. 
Sand, lehmig, über Geschiebemergel." (Im Jagen 
134 dicht bei der Planequelle Gräberfeld. Desgl 
am Wege nach Rädigke.) 

90. bis 92. Rädigke, Kr. Zauch-Belzig. a) „Südlich 
von der Plane, an der Straße nach Raben auf 
einer Halbinsel von diluvialem Sande, die mit 
ihrem äußersten Zipfel noch über die Straße 
hinweg in den Talsand hineinragt, neben mittel- 
alterlichen Scherben ein älterer vorgeschicht- 
licher." b) „Hinter der Kirche von Rädigke 
auf der Hochfläche (Sand, Meereshöhe 100). 
Sandgrube ; am Anschnitt die alte Kulturschicht 
zu erkennen. Dort soll bis zum Jahre 1000 die 
Burg Rädigke gestanden haben. Die Scherben, 
die ich dort fand, sind aber nicht mittelalterlich, 
sondern älter; sie können sogar bronzezeitlich 
sein." c) Zu beiden Seiten des Weges von 
Rädigke nach Grubo; auf Talsand am Rande 
des Alluviums . neben der Scheune zahlreiche 
vorgeschichtliche Scherben, an den Anschnitten 
der Wegböschungen eine alte Kulturschicht zu 
erkennen." 

93. Wer dermo hie bei Niemegk. „Talsand fällt 
ziemlich steil zum Alluvium ab (Niederungstorf 



51 



und Moorerde über Sand). Einige Scherben an 
der Straße, zum Teil mittelalterlich, doch auch 
älter." 

Von Henri Lentz und Frl. Bellot wurden 
geraeinsam gefunden und mitgeteilt: 

94. Forst haus Weinberg bei Lud wigsf elil e, 

Kr. Teltow (Juli 1915). „Kulturschicht mit vor- 
geschichtlichen Scherben." 

95. u. 96. Wietstock, Kr. Teltow (Juli 1915). a) Am 

Mühlenberg. „Kulturschicht. Vorgeschichtliche 
Seherben" Profil wie bei Buch, b) Höhe 3b. 
„Vorgeschichtliche Scherben." 

Von den Herren Lentz und Weinens und 
von Frl. Bellot wurden gemeinsam beobachtet 
und mitgeteilt : 

97. Turmhügel der Burg Eisenhart bei Beizig 

(Juli 1915). „Auf dem Hügel und im Garten 
finden sich in Massen blauschwarze Scherben." 

98. Hügel der Brixiuskapelle (Juli 1915). „Vor- 

geschichtliche Scherben verschiedener Perioden." 

99. Sandberg südwestlich des Bahnhofes (Juli 

1915). „Vorgeschichtliche Scherben." 

100. Schäferei Stollenberg (Juli 1915). „Vor allem 

große, mit Häcksel durchknetete Stücke von 
Lehm, zum Teil mit gewölbter Überfläche." 

101. Saarower Wiesen (August 1915). „Sichel- 

förmige Landzunge mit der dort erwarteten Siede- 
lung. Zu Hunderten neben unverzierten Scher- 
ben Absplisse der Feuersteinbearbeitung. " 

102. Petersdorf bei Fürstenwalde (August 1915). 

„Dünenspitze. Hartgebrannte Stücke von Lehm- 
bewurf mit prächtigen Binsen - und Schilf- 
abdrücken. Dazwischen viel Kohle . . . neben 
Scherben des Mittelalters und vorgeschichtlicher 
Ware." 

103. Fürstenwalde (August 1915). „Gegenüber der 

Kaiser- Wilhelmbrücke." 

104. Grubo, Kr. Zaucb - Beizig (Juli 1915). „Ruß- 

geschwärzte Reste mindestens zweier Herde 
(nur gepackt, nicht verstrichen). Kulturschicht 
Kohlenspuren ; kleine unverzierte Scherben; 
Feuersteinbruchstücke." 

Mit demselben Eifer und Erfolg im Auf- 
suchen vorgeschichtlicher Wohnstätten hat Herr 
Max Schneider gearbeitet. Auch seine Be- 
richte enthalten alles Wissens- und Wünschens- 
werte und bilden darum im Verein mit den 
eingesandten Scherben und anderen Kulturresten 
ausgezeichnete Grundlagen für spätere Unter- 
suchungen. 

105. Golmberg bei Götz, Kr. Zauch-Belzig (26. Sept. 

1915). „An der Nordwestseite des großen Götzer 
Horstes erhebt sich aus den Havelwiesen ein 
kleinerer Horst, der Golmberg. Wenn man die 
Chausse Götz - Ziegelei und dann die Bergstraße 
weiter verfolgt, so geht bald hinter den Sand- 
und Mergelgruben (rechts) ein Feldweg nach 
links ab. Er durchquert zuerst Wiesen auf 
grandigem Talsand, dann eiue Zunge aus Dünen- 
sand und steigt rechts durch oberen Mergel 
zum flachen Gipfel des 4>m hohen Golmer Berges 
hinauf. Das ziemlich umfangreiche Plateau be- 
steht nach der geologischen Karte von 1886/89 



(44, Nr. 33) aus unterem Sande, der zum Anbau 
von Kartoffeln und Klee benutzt wird. Nur ein 
kleines massives Gerätehaus ist dort. Früher 
muß der Berg dicht besiedelt gewesen sein. 
Schon auf der Dünenzunge finden sich einige 
vorgeschichtliche Scherben; auf dem Gipfel aber, 
besonders auf dem Kleefeld an der Havelseite 
und auf der Südosthälfte des Plateaus sehr zahl- 
reiche Scherben steinzeitlicher (Furehenstich, 
Punktstich , Schnurmuster) und anderer vor- 
geschichtliche!' Keramik. Dazu auch Bruchstücke 
von zum Teil fein bearbeiteten Feuersteinen. 
Der Ton steinzeitlicber Zapfengefäßbruchstücke 
enthält auffallend \ iel Beimischungen von kleinen 
Steinchen. Auf dem Gipfel des Golmer Berges 
befinden Bich einige Mergelgruben. Durch diese 
Gruben ist die äußere Erscheinung des Plateaus 
besonders an der üstseite zwar verändert; dennoch 
hat es fast den Anschein, als ob früher eine 
kleine Wallaulage vorhanden gewesen wäre. Der 
Fahrweg über den Gipfel steigt den Hang nach 
Nordost hinunter und verliert, sich in den Wiesen 
zur Havel. Da, wo er von dem oberen Diluvium 
in die Wiesenebene tritt, liegt links auf schwarzer 
fetter Moorerde ein Acker, auf dem viele Scher- 
ben verschiedener Perioden liegen." 

107. Vorgeschichtliche Siede hing bei Schmer- 
gow, Kr. Zauch-Belzig (Okt. 1915). „Mitten 
in dem wildzerrissenen Gebiete des Havelbruches 
erhebt sich der bis 55 m hohe und etwa 3 km 
breite, herzförmige Schmergower Horst. In der 
Hauptmasse aus oberem Mergel bestehend, weist 
der stark zernagte Ostrand, der der wühlenden 
Kraft des Havelwassers am meisten ausgesetzt 
war, die verschiedensten geologischen Forma- 
tionen auf. Zsvei Straßen führen zu ihm, die 
7 km lange Chaussee vom Bahnhof Gr.-Kreutz 
über den Deetzer Horst und dann auf künst- 
lichem Damm durch das Bruch und die nur 
halb so lange von Ket/m über die Fahre an 
der Havelenye; aber es ist die einzige weit und 
breit vom Havelland zur Zauche. In 1 5 Minuten 
gelangt man von hier auf breitem Damm durch 
das Schmergower Bruch zum Vorland des Hor- 
stes. Ein breiter Gürtel von Abrutschmassen 
— jetzt fruchtbarer Ackerboden — säumt ihn 
ein. Dann hebt sich langsam das Land zu beiden 
Seiten der Chaussee, steigt über sie hinweg, 
bildet einen kleinen schluchtartigen Engpaß und 
senkt sich dann wieder zum Hochplateau des 
Dorfes nieder. Wahrscheinlich war das ganze 
Gebiet zwischen dem Vorsaum und dem Engpaß 
einst vor Anlage der alten Straße nach Ketzin 
ein zusammenhängender Hügel, der nördliche 
Teil. Gehren genannt, Grand und Geröllmassen, 
unterlagert von Sand mit Lehmuestern uud des- 
wegen durch mächtige Sand- und Mergelgruben 
längs der Straße stark zerstört, der südliche, 
viel niedrigere, eine etwa 500 m lange Düne, 
mit Bändern von blaugrauem Ton durchzogen. 
Beide Gebiete tragen an den Außenseiten lichten 
Kiefernwald. In vorgeschichtlicher Zeit muß 
diese vorspringende Ecke stark besiedelt gewesen 
sein; dafür sprechen steinzeitliche Funde der 
Schnurkeramik, die Herr Pfarrer Schmidt in 
Ketzin jüngst auf den Nordhügeln gemacht hat, 
dafür sprechen besonders die reichen Funde 
auf dem Dünenplateau. Diese Düne auf der 



52 



Südseite der Chaussee hinter etwa 50m breitem, 
buschbewachsenem Vorland ist in letzter Zeit 
durch einen I bis 2 m tiefen und straßendamm- 
I. reiten Einschnitt von einer großen Scheune im 
Westen bis zu den Wiesen im Osten in ihrer ganzen 
Länge aufgeschnitten worden. Die Straße hat 
dabei eine Siedelung aufgedeckt, die sich über die 
I luiii: in ihrer ganzen Ausdehnung hinzieht. 20 bis 
30 cm unter- dem Planum läuft an beiden Graben- 
wunden eine schwarzbraune, teilweise graublaue 
Kulturschicht entlang, mindestens l / a m stark, 
ungefüllt mit außerordentlich zahlreichen vor- 
geschichtlichen Scherben , mit kleineren und 
größeren Herdsteinen. Eine Stelle in der Mitte 
des Nordrandes, dicht bei einem Weidenstrauch an 
einer einsamen großen Pappel, ist näher in ihre)' 
Schichtenlage untersucht worden. Dabei ergab 
sich folgendes Ergebnis: Diese Stelle der Wand 
ist von dem Hauptteil des Dünenrestes ab- 
gerutscht. 25 cm unter dem Abrutschplanum 
beginnt die Kulturschicht, schwärzlich, stellen- 
weise graublau. In ihr lag in einer Tiefe von 
20cm ein etwa 3«) cm langer Herdstein, au- 
geschwärzt. Er ruhte auf einer 5 cm starken 
ganz harten Lehmsohicht. In dieser steckten 
unter anderen fast sämtliche Scherbenteile eines 
kleinen zierlichen Gefäßes. Dann folgte wieder 
eine Kulturschicht mit dunkler Erde (5 cm ), 
dann eine 6 cm - Schicht aus Lehm , Kohlen- 
stückchen, kleinen Steinchen. Darauf kamen 
8 cm Sand, dann wieder 4 cm Lehm und Kohle, 
schließlich feiner Sand. Jenseits des Kiefern- 
waldrandes auf dem Acker des Südfeldes im 
unteren Mergel gab es neben zerstreuten vor- 
geschichtlichen Scherben viele frühmittelalter- 
liche." 

108. Bornim, Kr. Osthavelland (August 1915). „Acker 

am Düsteren See. Viele mittelalterliche Scher- 
ben." 

109. Bornim (August 1915). „Auf Talsand ein lichtes 

Gehölz, im Norden von einer Viehkoppel (Wiesen) 
begrenzt. Zahlreiche vorgeschichtliche Scher- 
ben ("Wendenkirchhof")." 

110. Bornim. „Kl.-Heyneberg". „Reste verschiedener 

Perioden." 

111. Chaussee Wannsee = Kl.-Machnow, Kr. Teltow 

(Juni 1915). „Brandschicht. Lehmbrocken mit 
Eindrücken wie von Weidenruten. Zahlreiche 
frühmittelalterliche und andere Scherben." 

112. Seeberg bei Kl.-Machnow, Nordseite. „Früh- 

mittelalterliche Scherben." 

113. Kl.-Machnow (Insel). „Frühmittelalterliche und 

ältere Scherben." 

114. Glashütte bei Teltow. „Frühmittelalterliche 

und ältere Scherben." 

115. Stahnsdorf, Kr. Teltow. „Alte Kulturschicht, 

darunter frühmittelalterliche Scherben." 

116. Bekewiese gegenüber Albrechts Teerofen. 

„Schützengräben; zahlreiche Pfostenincher; auch 
frühmittelalterliche Scheiben; Lehmbrocken." 

117. u. 118. Havelufer Werder-Phöben (Mai 1915). 

a) „Kulturschicht; Scherben sehr roher Arbeit, 
steinig, dunkel- bis schwarzbraun ; ein Scherben 
mit Zapfen (steinzeitlich ?)" b) „Frühmittel- 
alterliche Reste." 
119. Phöbener Berg. „Frühmittelalterliche Reste." 



120. bis 122. Kemnitz, Kr. Zauch-Belzig. „An drei 
verschiedenen Stellen ältere und frühmittel- 
alterliche Scherben." 

123. Derwitz, Kr. Zauch-Belzig. „Ähnliche Seherben 

wie 117. Ein Scherben mit Zapfen." 

124. Feldweg Derwitz-Krielo w. „Frühmittelalter- 

liche Reste." 

125. bis 127. Krielow, Kr. Zauch-Belzig. a) „Am 

Dorfgraben zwischen Gutshaus und Burgwall 
frühmittelalterliche Scherben." b) „Feldweg 
nach Schmergow, frühmittelalterliche Scherben." 
c) Höhenland zwischen den Chausseen Krielow- 
Schmergow und Krielow-Deetz. 

128. Deetz, Kr. Zauch-Belzig. „Königsberg; vor- 

geschichtliche und frühmittelalterliche Scherben 
weithin zerstreut." 

129. Trebelb erg bei Schmergow (Juli 1915). „Knochen 

und Tonscherben in einer Abfallgrube; schwarze 
Erde ; Kulturschicht auf der Bergspitze." 

130. Acker an der Chaussee Götz-Deetz (26. Sept. 

1915). „Brachland auf unterem Sande (nach der 
geologischen Karte). Kulturreste verschiedener 
Perioden." 

131. Acker an der Chaussee Götz-Ziegelei 

(26. Sept. 1915). „Auf oberem Geschiebemergel 
am hohen Uferrande bis zur Waldhöhe liegen 
zahlreiche Kulturreste verschiedener Perioden." 

132. Mergelgrjiben an der Bergstraße bei Götz 

(26. Sept. 1915). „Vorgeschichtliche Scherben 
und Lehmbrocken." 

133. Hinter dem Feldwege zum Golmer Berge 

(26. Sept. 1915). „Kartoffelfeld auf Talsand. 
Vorgeschichtliche Scherben." 

134. Östlich von Götz in den Havelwiesen 

(2. Juli 1915). „Auf kreisrunder Fläche von 
oberem Geschiebemergel mit Durchbruch von 
unterem Sande (geologische Karte). Darauf 
Weizen und Kartoffeln. Viele vorgeschichtliche 
und unglasierte frühmittelalterliche Scherben." 

135. Am Nordrand der Kochschen Lehm- und 

Mergelgrube (2. Juli 1915). „Viele frühmittel- 
alterliche Scherben, dazu an vier Stellen Brand- 
erde wie bei Buch , etwa 20 cm dick , 50 cm 
breit." Zu den eingesandten Scherben gehört 
auch ein steinzeitlicher mit Bogenstichverzie- 
rung. 

136. Sandgrube bei Götz (Sept. 1915). „Unterer 

Sand (nach der geologischen Karte), der an einigen 
Stellen von breiten Streifen aus Ton, Mergel oder 
stark lehmigem Sande durchsetzt ist. Große Bruch- 
stücke eines bronzezeitlichen Gefäßes mit Resten 
von gebrannten Knochen . . . Viele gebrannte 
Knochen ; zahlreiche bronzezeitliche Scherben. 
25cm unter dem Bergplateau eine 10cm 
starke Kulturschicht, die fast den gan- 
zen Grubenrand entlang lief, zum Teil aber 
bis auf 75 cm hinabstieg . . . Bronzereste . . . Auf 
der Höhe Bodenstücke eines vorgeschichtlichen 
Gefäßes ; ein anderes Gefäßbruchstück hatte im 
Boden noch ein Getreidekorn (?)." 

137. Götz. „Vom Dorfausgang hinter der Kirche 
am breiten Wege zum Götzer Berg mit Aussichts- 
turm bis zum Wald und Aufstieg bnks. Viele 
frühmittelalterliche, glasierte Scherben." 

Die vou Herrn Schneider in der Um- 
gebung von Götz mit so ausgezeichnetem Er- 
folge in so großer Zahl festgestellten Fund- 



53 



stellen geben zu der Vermutung Anlaß, daß 
unter Umständen nicht jede Fundstelle eine 
einstmals für sieh bestehende Siedelang ist. 
Hier wie an anderen Stellen muß erwogen 
werdeu, ob die vorgeschichtlichen Kulturreste 
etwa von einer Stelle aus überall hin verschleppt 
worden sind. Dabei könnten die Merkel- 
gruben eine recht erhebliche Rolle gespielt 
haben. Die Römer berichten uns bekannt- 
lich schon, daß die Ubier das Mergeln der 
Äcker von den Kelten gelernt haben. Auch 
in unseren Gegenden dürfte diese Methode der 
Bodenverbesserung und -Verjüngung sehr alt 
sein; sie war bis in die siebziger und achtziger 
Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts hinein in 
der Umgebung Berlins noch üblich und ist 
ganz auch jetzt noch nicht vergessen. Zweck 
der Mergelung war, die durch Verwitterung 
kalkarm gewordenen oberen Schichten des Dilu- 
vialmergels immer von neuem mit Kalk zu 
versorgen und so den Pflanzenwuchs zu fördern. 
Zu diesem Zwecke wurden die unteren, kalk- 
reichen Schichten des Diluvialmergels freigelegt. 
Der Mergel wurde auf den Acker gefahren 
und dort auf die Oberfläche gestreut. Der Er- 
folg ist stets ein ausgezeichneter gewesen. An 
diese Methode der Düngung des Ackerbodens 
erinnern noch die zahlreichen „Mergelgruben", 
die wir in der Umgebung der Dörfer finden 
und die auf den geologischen Karten verzeichnet 
sind. Das Mergeln war eine erfolgreiche, aber 
auch sehr mühevolle Arbeit. Heute sind unsere 
Landleute mehr und mehr davon abgekommen. 
Tierischer und künstlicher Dünger ist an die Stelle 
des Mergels getreten. Schnitt einmal eine Mergel- 
grube eine vorgeschichtliche Siedelung an, so 
mußten die Scheiben, die sich ja in ungezählten 
Mengen in alten Wohnstätten vorfinden, über die 
umliegenden Äcker weithin zerstreut werden. 
Vielleicht erklärt sich auf diese oder ähnliche 
Weise noch einmal das in schier unglaublicher 
Fülle an geradezu zahllosen Stellen und über weit 
ausgedehnte Flächen zu beobachtende Auftreten 
namentlich der frühmittelalterlichen Kulturreste. 
Gerade aber aus diesen Gründeu ist es unbe- 
dingt notwendig, zunächst jede Fundstelle genau 
zu verzeichnen. Die nähere Untersuchung wird 
dann ergeben, ob es sich um gesonderte, für 
sich bestehende Siedelungen handelt oder ob 
einzelne Fundstellen nur Zeugen einer durch 
den Ackerbau oder aus irgend welchen anderen 
Gründen erfolgten Umlagerung der alten Kultur- 
reste sind. Dem Rätsel des so überaus häufigen 
Vorkommens frühmittelalterlicher Siedelunsjs- 
reste steht kraß gegenüber die Tatsache, daß 
wir mit Grabfunden aus jener Zeit recht wenig 



vertraut sind. Ein großes Arbeitsgebiet ist hier 
also nach zwei Richtungen hin zu beackern. 

Herr Herbert Lehmann-Berlin hat fol- 
gende Fundstellen gemeldet (April-Okt. 1915): 

138. „Nördlich vonPlaue am Ostufer der Havel hinter 

dem Walde auf dem Acker slavische Scherben 
und Eisengeräte." 

139. „Auf dem Wege von Pritzerbe, Kr. Westhavel- 

land, zur Ziegelei zahlreiche Scherben, darunter 
ein verzierter." 

140. „Südlich von der Kolonie Gapel, Kr. West- 

havelland, auf dem Friedhof vorgeschichtliche 
Scherben." 

141. „Südlich von der Ziegelei (trigonometrischer 

Punkt 31) liegt ein Burgwall. Er erhebt sich 
3 m über Wiesen ; zwei Vorwälle. Die Erhebung 
ist durchstochen und als Sandgrube benutzt. 
Es fanden sich Scherben mit Strichverzieruncren, 
einer mit Rädchentechnik und Tierknochen." 
Also: auch germanische Besiedelung in den ersten 
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. 

142. „Zwischen dem Burgwall und der Ziegelei be- 

findet sich eine flache Erhebung mit Aufschluß. 
Zahlreiche Feuersteinsplitter, vereinzelt unver- 
zierte vorgeschichtliche Scherben. Ein Scherben 
mit Rädchentechnik." Also wieder germanische 
Spuren aus den ersten Jahrhunderten. 

143. Reckahn, Kr. Zauch-Belzig. „Burgwall »Duster 

Reckahn«. Nordwestlich vom Wall am Weo-e 
zur neuen Mühle wendische und frühmittel- 
alterliche Scherben (trigonometrischer Punkt 32). 
Beackert." 

144. Hohennauen, Kr. Westhavelland. „Burgwall in 

der großen Lake. Westlich vom Wall Siede- 
lungsspuren. In einem Aufschluß fanden sich 
Scherben mit Stichverzierungen, ein siebartig 
durchlochter Gefäßrest, Lehmbewurf und Tier- 
knochen." 

145. Görne, Kr. Westhavellaud. „Burgwall. Auf- 

schluß mit unverzierten vorgeschichlichen Scher- 
ben. Lehmbewurf (mit Abdrücken)." 

146. Bamme, Kr. Westhavelland. „Aschen- und Holz- 

kohlenschicht; zerstörter Wall. Wendisch." 

Weiter wurde das Märkische Museum in 
dankenswerterweise auf folgende vorgeschicht- 
liche Siedelungen aufmerksam gemacht. 

147. Rummelsburg bei Berlin. „Frühmittelalterliche 

Siedelung im Garten des Arbeitshauses." Herr 
Oberinspektor M. Schmidt (1914). 

148. Premnitz, Kr. Westhavelland. „Pulverfabrik; 

Siedelung der Bronze- und La-Tenezeit." Herr 
Pfarrer Schmidt-Ketzin (1913). 

149. Rüdnitz-Bernau, Kr. Oberbarnim. „Viele 

Scherben und Lehmstücke." Herr C. Dom- 
h r o w s k y - Bernau. 

150. Dubrow, Kr. Krossen. „Hausstellen; Lehm- 

klumpen; geschwärzte Flecke." Herr Lehrer 
H. Brüger-Dubrow. 

151. Hermsdorf, Kr. Niederbarnim. „Großes bronze- 

zeitliehes Dorf. Dieselben Beobachtungen wie 
bei Buch." Herren Ingenieur J. Lud wig (1910); 
Vorschullehrer W. Hunke (1912); Ingenieur 
W. Tabbert (1915). 

* 



54 



152. Penzlin, Kr. Ostprignitz. „Tiefe schwarze Ab- 

lagerung unter der Ackerkrume, 10 bis 15 m im 
Quadrat. Reste von Lehmwänden ; Scherben." 
Herr Ingenieur H. Voß- Charlottenburg (1912). 

153. Rhinow, Kr. Westliavelland (Kietz). „Frühmittel- 

alterlich ; zahlreiche Scherben ; auch wendisch." 
Herren Lehrer Rausch und Rektor Alb recht 
(1912 13). 

154. Rohrwall bei Sohmöckwitz, Kr. Teltow. 

„Wendisch." Herr Direktor P. Bestgen (1914). 

155. Stolpe, Kr. Niederbarnim. „An der Wiesen- 

niederung große Mengen von Gefäßscherben." 
Rektor Monke (1912). 

156. Im Wentowsee bei Marienthal, Kr. Ruppin. 

Herr Lehrer Kriesen (1!M4). 

157. Tiefwerder, Kr. Osthavelland. „Feuersteiu- 

splitter, von denen einige Spuren von Bearbei- 
tung verrieten. Düne; am südwestlichen Rande 
ein stark zurückgetretener Arm der Havel; deut- 
lich ist noch das alte Flußbett zu erkennen, 
/ahlreiche Scherben." Der ausgezeichnete Be- 
richt wird durch Zeichnungen (Pläne und Profile) 
und Photographien veranschaulicht. Herr Stu- 
dent Alfred Werner (Riga) 1911. 

158. Dahnsdorf ,-Kr. Zauch-Belzig. „Scherben in der 

nördlichen Grube am Wege Komthurmühle- 
Dahnsdorf." Herren Primaner K. Hu eck (Juni 
1915); Rektor Troll u.Oberlehrer Dr. Schneider. 

159. Cöpenick, Kr. Teltow. Am Ufer der Dahme. 

„Siedelungsstelle; Holzkohlenreste; Stirnzapfen 
der Ziege, ovale Grube; Pflasterung." Herr stud. 
archäol. Georg Lechler. 
1G0. Krummensee, Kr. Niederbarnitn. 
liehe Funde; Burg; "Hofstelle« oder 
Herr Lehrer Rohrsdorf (1911). 

161. Buschow, Kr. Osthavelland. Herr H. Kirchner 

(1913). 

162. Wilsnack, Kr. Westprignitz. 

liehe Siedelung ; zahlreiche 
H. Wels-Friesack (1913). 

163. Hoppegarten, Kr. Niederbarnini. „Siedeluug 

und Gräber." Herr Horst Steinert (1914). 

164. Rietz bei Brandenburg, Kr. Zauch-Belzig. „Siede- 

lung." Herr Dr. Stimming (1913). 

165. Mauskow, Kr. Uststernberg. „Frühmittelalter- 

liche Siedelung." Herr Pastor Martiny (1913). 

166. Britz, Kr. Teltow. „Siedelung und Gräber." Herr 

W. Lehmann (1913). 

167. Lobetal, Kr. Niederbarnim. „Steinherde, Pfosten- 

löcher ; zuweilen Scherben." Herr Däbritz- 
Rüdnitz (1914). 

168. Rosental, Kr. Niederbarnim. 

169. Marwitz. Kr. Osthavelland. Dr. Jahn (August 

1910). [Vgl. Mannus III, S. 138]. 

Herr Dr. Bersu war so freundlich, vor seiner 
Einberufung zu deu Fahueu dem Märkischen 
Museum noch folgende Siedeluugen anzuzeigen 
(Dezember 1914): 

170. Kliestow, Kr. Lebus. „Slavische Scherben; 

kleine Befestigung." 

171. Sandgrube. „Kaiserzeitl. Siedelung." 

172. Birnbaumsmühle, südlich der Bahn von Wer- 

big. „Vorslavische Siedelung." (Blatt Frank- 
furt a. 0.). 



,Mittelalter- 
■alter Hof«." 



„Frühmittelalter- 
Scherben." Herr 



173. Boossen, Kr. Lebus. „Vorslavische Siedelung." 

(Blatt Boossen). 

174. Brückmühle. „Vorslavische Siedelung." 

175. Brückmühle, nördlich davon. „Vorslavische 

Siedeluug." 

176. Westlich vom Badeplatz. „Slavische Siedelung." 

177. Sandgrube bei Höhe 52,7. „Vorslavische Siede- 

lung." 

178. Hohlweg nördlich der Abdeckerei. „Vorslavische 

Scherben." 

179. Lebus, Fußweg von der Abdeckerei nach Klessin. 

„Vorslavische Scherben auf dem Acker (Siede- 
lung)." 

180. Klessin, Kr. Lebus. „In den Gärten des Gutes 

Klessin slavische Scherben (Siedelung)." 

181. Burgwall, 2km östlich Lebus. „Hügel mit 

Steinzeitscherben." 

182. Brieskow, Kr. Lebus. „Weinberg 500 nördlich 

von Brieskow ; Lausitzer Scherben (wohl das von 
Bekmann erwähnte Gräberfeld)." 

183. Reipzig, Kr. Weststernberg. „In der Sandgrube 

500 m östlich vorslavische Siedelung." 

184. Madlitzer Fischerhütte. „Slavische Siede- 

lung, vom Fußweg angeschnitten." 

185. Buckow, Kr. Lebus. „Vorgeschichtliche Siede- 

lung." Herr Paul Strauch (Juli 1915). 

186. Alt-Landsberg, Kr. Niederbarnim. „Frühmittel- 

alterliche Scherben ; Lehmbrocken mit Stroh- 
abdrücken wie bei Niedergörsdorf." (Vgl. Nr. 25). 

187. Ahrensfelde, Kr. Niederbarnim. „Am Friedhofs- 

gelände ; Kiesgrube; zwei Pfostenlöcher mit tief- 
schwarzem Inhalt." Nr. 186 u. 187 gefunden 
vom Museumshandwerker Herrn Cumbrowsky 
(1914). 

Wie freudig jede Anregung aufgenommen 
wird und wie fruchtbar unter Umständen einige 
Hinweise werden köuuen, dafür nun ein letztes 
Beispiel. Gelegentlich einer Vortragsreihe über 
„Märkische Vorgeschichte", im Winter 1912/13 
vom Lehrerverein zu Brandenburg a. H. ver- 
anstaltet, hatte ich im Anschluß an meine Aus- 
führungen über das Gräberfeld von Breddin 
auf die große Wichtigkeit der Flurnamen 
und der an bestimmte Örtlichkeiteu anknüpfenden 
Sagen, Legenden und Spukgeschichten 
für vorgeschichtliche Forschung hingewiesen 
und darauf aufmerksam gemacht, daß Flur- 
namen und „alte Geschichten" gesammelt 
werden müßten. Kurze Zeit darauf erhielt ich 
von Herrn Lehrer Hein atz in Prützke bei 
Brandenburg einige Kisten mit Scherben zu- 
gesandt und dazu einen ausführlichen Bericht 
mit Angabe einer Reihe von Flurnamen aus 
der Umgebung von Prützke (Kietzhügel, das 
alte Dorf, Haininge und Haiuholz, das heilige 
Land, Burung, Rapstücken), von denen jeder 
eiuzelue Name schon von Bedeutung ist. Vor 
allem aber knüpfen sich an einige dieser Stellen 
ganze Sagenreihen , die uns eine Fülle von 



55 



Anhaltspunkten geben können für vorgeschicht- 
liche Besiedelung (Untergang des Dorfes Görn 
und Entstehung des Görusees; Frau Harke und 
die Entstehung des Holzberges; Mord- und 
Sühnekreuz sowie Steinhügel auf dem Holz- 
berge ; Sage von Owera Krug). Die Funde 
stammen : 

188. vom Holzberg; 

189. vom Görnberg (Brandstelle, Lehm, 

Scherben, Knochen, Spinnwirtel); 

190. vom „alten Dorf"; 

191. von den „Rap8tücken" ; 

192. von der Flur „Burung". 

Hier der beste Beweis, was noch geleistet 
werden muß aber auch, was noch geleistet 
werden kann. Es ist allerdings beinahe die 
letzte Stunde. Die Spukgeschichten verschwin- 
den immer mehr, auch auf den Dörfern. Flur- 
namen werden wenigstens oftmals durch die 
Separationsrezesse erhalten. 

Ganz zum Schluß nun noch eine Warnung vor 
blindem Eifer und eine Mahnung zur Vorsicht 
und zu einer kaltblütigen Beurteilung der Fund- 
verhältnisse. Durch Baumlöcher wird sieh nach 
meinen Ausführungen in der Prähistorischen 
Zeitschrift (V, 1913, S. 352) niemand mehr irre- 
führen lassen. Die bei alten Siedelungen aus 
der Kulterschicht in den gewachsenen Boden ein- 
schneidenden Gruben, die ich oben als eines der 
besten Merkmale einer vorgeschichtlichen Wohn- 
stätte angegeben habe, können aber von Unkun- 
digen unter Umständen auch da gesehen werden, 
wo sie nicht vorhanden sind. Sie zeigen 
nämlich eine gewisse Ähnlichkeit mit den sack- 
artig nach unten führenden Ausbuchtungen 
an der unteren Verwitterungsgrenze des 
Geschiebemergels. In den meisten Fällen 
ist der diese Ausbuchtungen ausfüllende „san- 
dige Lehm" mit seiner gelblichen Färbung 
dunkler als der kalkhaltige und darum hellere, 
mit weißen Adern durchzogene Geschiebe- 
mergel. Ein Blick auf das in den „Erläute- 
rungen" zu den geologischen Karten oftmals 
wiedergegebeue Profil des Geschiebemergels 
(z. B. Gradabt. 45, Nr. 26, S. 5) zeigt schon die 
äußere Ähnlichkeit mit dem „Bucher Profil". 
In zweifelhaften Fällen entscheidet . ja ohne 
weiteres der Inhalt der Gruben. Falls aber 
weder Brand- noch Kulturreste in einer Grube 
vorkommen , dürfte es nicht immer leicht sein, 
festzustellen, ob es sich um vorgeschicht- 
liche oder um erdgeschichtliche Spuren 
handelt. Beim Profil von Klößnitz bei Cüstrin 
wagte auch ich nicht immer auf den ersten 
Blick bei jeder einzelnen der sich ganz schwach 



abhebenden Gruben mit Bestimmtheit zu sagen, 
ob sie eine Lehmausbuchtung ist oder ob sie 
der ältesten Gruppe der vorgeschichtlichen 
Siedelungsspuren angehört. An der nur in 
Schwarzweiß gehaltenen Abbildung in der Zeit- 
schrift für Ethnologie 1914, S. 887, Abb. 7 ist 
das übrigens bei weitem nicht so uiit zu er- 
kennen wie an der von Herrn Maler Wehrens 
farbig dargestellten Originalzeichnung im Mär- 
kischen Museum. 

Wir sehen, daß wir unser Auge nach jeder 
Richtung hin schärfen müssen , um es auf die 
feinsten Unterscheidungsmerkmale der Boden- 
und Siedelungsspuren einstellen zu können. 

Wir haben schon einiges erreicht, aber wir 
stehen erst am Anfang. Ich biu vielleicht der 
letzte, der alle noch vorhandenen Schwierig- 
keiten übersieht. Und wenn ich hier eine so 
große Zahl von vorgeschichtlichen Wohnplätzen 
in der Mark verzeichnen konnte, so bin ich 
mir selber vollkommen darüber klar, welche 
Arbeit noch geleistet werden muß, um nur alle 
an diese Wohnplätze sich knüpfenden Fragen, 
namentlich in ethnologischer Hinsicht zu beant- 
worten. 

Immerhin: Seit der Entdeckung und 
Ausgrabung des bronzezeitlicheu Dorfes 
bei Buch, also seit 1910, stehen wir all 
diesen Fragen anders gegenüber als 
früher. Hilflos sind wir nicht mehr. 

Wenn wir seit 1910 nunmehr 192 vorge- 
schichtliche Siedelungen finden konnten , so ist 
das ein erfreulicher Erfolg. Selbst wenn sich 
herausstellen sollte, daß an einigen Stellen zwei 
oder mehrere Fundplätze zu derselben Wohu- 
stätte gehören, so bleiben doch mindestens 180 
übrig. Dieser Erfolg war nur möglich 
durch die Mitarbeit vieler und eifriger 
Forscher und Altertumsfreunde. Hoffent- 
lich erfreue ich mich dieser regen Mitarbeit auch 
in Zukunft, dann werden weitere Erfolge nicht 
ausbleiben. Der Weg dazu ist ja gegeben durch 
die „Siedelungsarchäologischen Übungen 
und Studien im Märkischen Museum". 

Durch das freundliche Entgegenkommen und 
die Unterstützung der Direktion des Märkischen 
Museums und vor allem ihres Vorsitzenden, des 
Herrn Bürgermeister Geheimen Regierungsrat 
Dr. Reicke, ist es mir möglich geworden, einen 
großen Teil der oben genannten Mitarbeiter 
und einige andere Altertumsfreunde zu einem 
Kreise zusammenzuschließen, der in regelmäßigen 
Sitzungen im Märkischen Museum zu gemein- 
samer Arbeit zusammentritt. Erfolgreiche und 
durch wertvolle Veröffentlichumren bewährte 



56 



Forscher, Hörer meiner Vorlesungen in der 
„Freien Hochschule", diu sich seit Jahren durch 
eifriges Studium mit dem Stoffe vertraut ge- 
macht haben, Teilnehmer an den von der Stadt 
Berlin veranstalteten, von mir geleiteten Lehrer- 
kursen hallen sich, nach jeder Richtung hin 
gut vorgebildet, zusammengefunden. Wer 
echterweise die Tätigkeit dieses Kreises 
von Altertumsfreunden und -forschem nach den 
oben verzeichneten Krachten beurteilt, die vor 
dem Zusammenschluß gezeitigt wurden, darf 
gute und die Wissenschaft fördernde Ergeb- 
nisse erhoffen. Ich betrachte diese Einrichtung 
als einen wesentlichen Schritt zur Erfüllung 
meiner Forderung, daß alle vorgeschichtlichen 



Museen Forschungsinstitute im besten 
Sinne des Wortes werden müssen 1 ). 

In den Monatsblättern der „Brandenburgia" 
(1915, S. 117 bis 120) habe ich in einem kurzen 
Artikel „Zur Einführung" über die „Siede- 
1 u n g s a r c h ä o 1 o g i s c h e n Übungen und 
Studien im Märkischen Museum" ausführ- 
licher gesprochen. Heute ist mir schon die Ge- 
wißheit gegeben, daß sich der Versuch bewährt, 
und ich kann nur empfehlen, daß andere Museen 
ähnliche Weere einschlagen. 



*) Korr.-Bl. 1914, S. 61 ff. und „Museumskunde", 
herausgegeben von Kötschau 1916, Heft 1: „Auf- 
gabe und Einrichtung der vorgeschichtlichen 
Sammlungen". 



Der Anteil des Slavischen im Rumänischen. 

Von Dr. Emil Fischer (Bukarest). 

Motto: „. . . nur die Volkssprache ist wirküch national und wenn 
sie noch so viele slavische Wörter enthält ; die Kunstsprache , und 
wenn sie noch so viel slavische Wörter durch lateinische ersetzt, ist 
nur für ein paar gelehrte Köpfe verstandlich , sie ist pseudonational. u 

T 1 1 us Maiorescu. 
(Rede Prof. Mey er-Lübke'B bei der T. MaioreBCu- Feier der Wiener 
„Romänia Junä", 28. Februar bis 1. März 1910.) 



Die vorliegende Untersuchung befaßt sich 
nur mit der „Volkssprache", die von den 
6 Millionen Bauern des Königreichs gesprochen 
wird, so „wie ihnen der Schnabel gewachsen 
ist". Die Städter — etwa 1300 000 Köpfe, dar- 
unter 46 Proz. Fremde - - verwenden für die 
Mode, Theater, Wissenschaften, Rechtsprechung, 
Militärwesen, Kunst, Gewerbe usw. einen kürz- 
lich (mit Hilfe des Französischen und Italie- 
nischen) geschaffenen Jargon, der selbst nach 
dem Urteil des national-heißblütigen Historikers, 
N. Jorga, nur oberflächlich mit „zorzoane 
francese", d. h. mit französischem Flitter, heraus- 
geputzt wurde. J. Rad u lesen bricht in der 
„Ehrengabe an T. Maiorescu" (Omagiu lui 
T. Maiorescu, pag. 461) vollends den Stab über 
sie: „Nimm welche rumänische Zeitung immer 
in die Hand, ein Schulbuch, eine militärische 
Dienstordnung, ein Gesetz, ein ministerielles 
Umlauf schreiben , eine kirchliche Rundschau; 
hör' die Reden auf den Gerichten und in den 
gesetzgebenden Körperschaften, die Vorträge 
auf der Hochschule, und du wirst gewahr werden, 
welcher sprachliche W'echselbalg von den meisten 
gebildeten Menschen in Rumänien seit 30 bis 
40 Jahren geschrieben und gesprochen wird, 
eine buntscheckige, rohe (barbarische), ent- 
artete Sprache, ohne Mark, ohne eigenen 



volkstümlichen Sinn und Zug — eine überstürzte, 
aus Frankreich eingeschmuggelte Sprache, in 
aller Eile behangeu (dem Schein zuliebe) mit 
rumänischen Fähnchen, mit ein Paar lächerlichen 
Lappen: daß Gott erbarm'...". Ilarie Chendi 
sagt zu diesem Urteil: „strenge, aber durchaus 
gerechtfertigt". 

Mit dieser „Boulevard- oder Boudoir- 
sprache" werden wir uns also nicht weiter 
abgeben. — 

Der Volkssprache habe ich seit 33 Jah- 
ren eingehende Studien gewidmet. In dem 
rumänisch - deutschen Wörterbuch von 
L. Saiueauü (Bucuresti, Socecü & Ci e -, 1889) 
habe ich, die Entlehnungen betreffend, folgende 
Zählungen vorgenommen: 

Lateiu 2509 Schlagworte, 

Slavisch 2284 

Türkisch 833 Vokabeln *), 

Magyarisch 342 „ 

Griechisch 1358 „ 

Unerklärter Herkunft . 1485 . „ 

Nur nebenbei sei erwähnt, daß Professor 
S. Mändrescu (Germanist an der Universität 
in Bukarest) fast 1000 deutsche Lehnwörter 



J ) L. Saineanuü führt in seinen „Elemente tur- 
cesti usw." 1445 Vokabeln auf. 



57 



im Rumänischen aufgezählt hat, die wir aber 
hier vernachlässigen dürfen, weil sie erst in aller- 
jüngster Zeit in den Sprachschatz eingedrungen 
und fast ausnahmslos gewerblichen Ur- 
sprungs sind, für die Beantwortung der Her- 
kunftsfrage der Rumänen also ohne Belang 
bleiben. 

Entscheidend für die Herkunft der Ru- 
mänen sind, wie ich schon des öfteren nach- 
gewiesen habe, die Sexualtermini, die Fisch- 
namen 1 ), die Berg-, Fluß-, Orts- und 
Flurnamen der vou ihnen (nördlich und südlich 
der Donau) bewohnten Gebiete, ihre Tauf- und 
Familiennamen, die Benennungen der 
Körperteile, der Haustiere 2 ) (namentlich 
auch ihre Kose- und Schimpfnamen), der bäuer- 
lichen Meteorologie, die Benennungen 
der Krankheiten und endlich der hydro- 
graphischen Nomenklatur (z. B. Strom, See, 
Teich, Insel, Ufer, Sumpf, die vielerlei Be- 
nennungen für Flußarme u. dgl.). — 

Für die „patriotischen" rumänischen Ge- 
lehrten steht die lateinische Herkunft der 
Rumänen felsenfest, für sie haben alle histo- 
rischen und sprachlichen Untersuchungen, die 
zum mindesten ein Mischvolk nachweisen, gar 
keine Bedeutung. Für sie hat Trajan: das alte 
Dacien erobert und durch seine Legionen und 
durch seine Kolonisten kurz und gut „römisch" 
gemacht, und zwar für alle Zukunft. Und damit: 
Basta ! Daß gerade Trajan es war, der die 
Auswanderung aus Italien uuter den strengsten 
Strafen verbot 3 ), da der italische Bauernstand 
schon seit Sullas spanischen Kriegen arg zu- 
sammenzuschmelzen begonnen hatte 4 ), das ficht 



*) Vgl. Fauna ichtiologicä a Romäniei" de Dr. 
Gr. Antipa, (Bucuresti, C. Göbl, 1909). Derselbe Ge- 
lehrte hat ein großes "Werk über die rumänische 
Fischerei in Vorbereitung, das noch heuer erscheinen 
soll. Es bietet eine ungemein große Zahl von Be- 
nenuungen der verschiedenartigsten Fanggeräte und 
Fangarten in dem Betriebe der Fischerei. — J. Aurel 
Candrea „Straturi de culturä si straturi de linibä". 
Bucaressti, 1914. Oandrea macht in seiner Schrift 
auch darauf aufmerksam , daß alle Fische nicht 
lateinisch benannt sind und bemerkt (S. 16 Anm.), 
daß ich der erste war, der diesen auffälligen Zustand 
bemerkt hat. 

ä ) Hier könnten, wenn es nicht doch zu weit führen 
würde, auch die Namen der in Rumänien vorkommenden 
Vögel angeführt werden, wie sie in der „Ornjs 
Romaniae" (Die Vogehvelt Rumäniens) von Rob. 
v. Dombroski (Bukarest, Staatsdruckerei, 1912) ver- 
zeichnet sind, und zum Vergleich die bulgarischen Vogel- 
namen in dem Werk Dr. E. Klein's „IIAHIII IITIIHI1" 
(Unsere Vögel) (Sofia, J. Kadela, 1909.) 

3 ) Vgl. die betreffende Nachricht des Capitolinus. 

4 ) Vgl. die von Grenfell und Hunten in Oxy- 
rhynchos in Ägypten aufgefundene und veröffentlichte 
Liviusepitome (Bücher 48 — 55, Zeitraum 150 — 137 
v. Chr.), die die Entvölkerung Italiens schon auf die 
Kriege Sullas zurückführt. 



die Verfechter der Latinität der Rumänen 
nicht im mindesten an, auch das nicht, daß 
die „Fasten der Provinz Dacia" (Beamten- 
listeu) nur ab und zu einen italischen Legaten 
oder höheren Beamten, unter den Legionen 
und Hilfsvölkern aber keine einzigen ita- 
lischen — woblaber britannische, mauretanische, 
kleinasiatische usw. Völkerschaften erwähnen. 
Die Kolonisten, die „ex toto orbe Romano" 
in der „Dacia felix" zusammengelaufen waren, 
waren guteuteils Syrer und Griechen, aber keine 
„Römer", ja nicht einmal Italiker. 

Und dann dauerte die Römerherrschaft in 
der Dacia Trajana überhaupt nur 150 Jahre, 
und in so kurzer Zeit wird bei einem so wider- 
haarigen Element, wie es die Daker waren — 
mau denke nur an ihre immerwährenden Auf- 
stände — kein neues Volkstum und kein neuer 
Dialekt geschaffen. Und dann brach die Völker- 
wanderung ein. 

Den nördlichen thrakischen Völkern an- 
gehörend, hatten die Daker, wie Herodot be- 
richtet, manches an sich, was an eine Verwandt- 
schaft mit den benachbarten Slaven 
(Anten, Bastarner, Karper) denken läßt, nämlich 
die Einrichtung der sogenannten Zadruga (Groß- 
familie), ferner die Sprache: z. B. Dierna, 
Tierna = slav. Cerna, Berzovia, Berzava = slav. 
der „raschfließende" (Fluß); auch der damalige 
(illyrische) Markt = Trg (Tergeste) = slav. 
Trügü, das heutige Triest gehört sicherlich 
hierher. Endlich berichtet Strabon (VII, cap. 5) 
von einer thrakischen Völkerschaft in Dalmatieu, 
daß es den (slav.) Mir ausübte. Alle acht Jahre 
wurden dort die Ländereien an die Bebauer 
von neuem verteilt. 

Es läßt sich aber auch noch etwas anderes 
wahrscheinlich machen, nämlich eine viel frühere 
Südwanderung der Slaven nach dem Balkan 
hin, als die offizielle Geschichtswissenschaft es 
einstweilen noch zugeben mag. Die Slaven sollen 
etwa um das Jahr 600 die Donau überschritten 
haben. Vorher waren sie die Heloten der Avaren 
gewesen J ). Nun sind uns iu den alten Autoren 
(vor Christi Geburt) zahlreiche Vokabeln auf- 
bewahrt — geographische und Völkernamen und 
sonstige Wörter — , die sich auf den Balkan 
und auf Kleinasien beziehen, die auffällige „sla- 
vische Anklänge" haben. Allerdings mag dabei 
auch die indogermanische Sprachverwandtschaft 



l ) Das Magyarische hat mehr als 1 000 slavische Lehn- 
worte (Simonyi „Die ungarische Sprache". Straßburg, 
1907.) Fr. Müller (Grundriß. I., S. 59) meint sogar, 
daß es zu einem Drittel slavische Elemente aufgenommen 
habe. 

8 



58 



ihren Anteil besitzen. Man denke dabei nur 
an P. Papahagis „Parallele Ausdrücke und 
Redensarten im Rumänischen, Albanischen, 
Neugriechischen und Bulgarischen" (Leipzig, 

.1. Ambr. Barth, 1908), wo für unsere moderne 
Zeit 451 ganz auffälliger Übereinstimmungen der 

„inneren Sprachform" abgehandelt werden 1 ). 
I ml dabei hat mir P. Papahagi die Versiche- 
rung gegeben, daß er mit Leichtigkeit das 
Doppelte, ja das Dreifache an Übereinstim- 
mungen hätte geben können. — 

Es müssen demnach die Slaven entweder 
früher, als bis noch angenommen wird, die 
Donau überschritten haben, oder es müssen ge- 
wisse verwandtschaftliche Beziehungen — auch 
sprachliche — zwischen den Slaven und den 
angrenzenden „Thrakern" bestanden haben, auf 
die wir nach und nach aufmerksam werden. 

Es wird gut sein, diese entfernte slavisehe 
Verwandtschaft im Auge zu behalten. 

Daß aber daneben auch eine gewisse An- 
näherang an die südwestlich abgewanderten 
„Lateiner" bestanden haben muß, darauf hat 
neuerdings auch N. Densusianü in seinen 
„arimischen" Studien aufmerksam gemacht 2 ). 
(Die Nachfolger jener „Arimier" sind die 
heutigen macedovlach. Armunen. Densusianü 
nennt sie in seinem Enthusiasmus auch „Proto- 
lateiuer".) 

Jedenfalls gelang die „lateinische" Beein- 
flussung der balkanischen Thraken und Illyrier 
den Römern besser — sie dauerte auch minde- 
stens 600 Jahre — als den Dakern gegenüber. 
Ich habe mich darüber in meiner „Herkunft 
der Rumänen" (Bamberg 1904) ausführlich 
geäußert. 

Es steht also außer allem Zweifel, daß die 
römische Verwaltung auf dem Balkan zur Bildung 
des neuen Volkselemeuts der Thrakoromanen 
geführt hat. Aus diesen ist dann in Verbindung 
mit den Slaven das Vlachentum entstanden. 
Thrakoromanen -4- Slaven = Vlachen. 

Die „Wiege" der walachischen oder rumä- 
nischen Sprache ist zweifellos auf dem Balkan 
zu suchen. C. Jirceck und ich halten die 
Gegend um Kossovopolje (Amselfeld) dafür 3). 
Vom Balkan sind die vlachischen Wander- 



s ) Auch P. Hasden hat auf den albanesischen 
Einfluß im Rumänischen nachdrücklich aufmerksam ge- 
macht. Er meint, daß, wollte man das Alhanesische 
daraus entfernen, der ganze rumänische Sprachbau zu- 
sammenstürzen müßte. 

2 ) Vgl. dazu meine Arbeit „Die Thrako-Illy rier 
und die Arimier" im Korrespondenzblatt. Hermanu- 
Stadt, 1914. Heft 8—9. 

3 ) Alles Nähere darüber in meiner „Herkunft der 
Rumänen". 



hirten ] ), wie F. Sulzer, Thunmann, v. Engel 
und R. Rösler ausgeführt haben, im Laufe der 
Jahrhunderte nordwärts, in die Karpathenländer, 
gelangt. Dieser „Wandertheorie", die anfangs 
von den rumänischen Gelehrten zum Teil wütend 
bekämpft wurde, widersetzen sich heute nur 
noch wenige Forscher. N. Jorga hat in der 
Akademie und im offenen Parlament sich offen 
zur „thrakischen Grundlage" im Rumä- 
nischen bekannt, und O. Densusianü gibt [in 
„Pastoritul la popoarole romanice" (Hirtenleben 
bei den romanischen Völkern) 1913, S. 28] ohne 
weiteres zu, daß: „wir (die Rumänen) schön 
allmählich unser Gebiet erweitert und in fremde 

Länder ausgeschwärmt sind Ohne diese Kraft 

der Ausbreitung wäre die Moldau, zusammen 
mit Bessarabien, ja selbst der größte Teil der 
Muntenia (der gebirgige Teil der Walachei), 
die ehedem von anderen fremden Völkern be- 
wohnt waren, niemals rumänische Erde a:e- 
worden" 2 ). In seiner neuesten Arbeit „Graiul 
din Tara Hetegului" (Die Hatzeger Mundart), 
Bucuresti, Socecü & C^, 1915, erw T ähut er (S. 14) 
die dortige Gewohnheit der Rumänen, sich einen 
Familien-Schutzheiligen zu wählen, gerade 
so wie es die Serben auch tun („Slava"). Die 
Familie heißt bei den Hatzeger Rumänen farä 
(alban. fara, bulg. fara), wozu O. Densusianü 
bemerkt (S. 60 — 61), daß dieser Ausdruck jeden- 
falls durch armumsche Wanderhirten zugetragen 
worden sei. 

Die „Toponimia" (Berg-, Flur- und Fluß- 
namen), die Tauf- und Familiennamen jener 
Gegend, „enthalte einen ansehnlichen Anteil von 
slavischen Elementen, und er war hier ebeuso 
zahlreich wie anderwärts in unserem Gebiet. . . 
Andererseits war auch das rumänische Element 
in diesen Landesteileu weniger zahlreich, und 
die Namen der Dörfer zeigen uns, daß wir uns 
hier mit nach und nach und verhältnismäßig 
spät niedergelassen haben 8 )." (S. 72) „Aus den 
toponymischen Untersuchungen geht hervor, daß 
in der Hatzeger Gegend zahlreiche Slaven gelebt 
haben und daß sowohl die einen wie die anderen 
(Slaven und Rumänen Dr. E. F.) das volks- 



1 ) Vgl. meine „Alpen- oder Hirtensprache", 
Korrespondenzblatt. Hamburg 1915, Heft 1, worin über 
die rumänischen W'anderhirten ausführlich abgehandelt 
wird. 

-) Auch Prof. S. Puscariu („Zur Rekonstruktion 
des Urrumänischen") 1910, S. 28) gibt zu, daß: „. . . die 
Rumänen selbst im späten Mittelalter nicht so weit 
nach Osten reichten, wie heute." 

3 ) Dieses Zugeständnis ist um so bemerkenswerter, 
als gerade hier, im sin [westlichen Siebenbürgen, die 
früheste und lebhafteste Zuwanderung vom Balkan her, 
stattgefunden haben muß. 



59 



bildende Element in dieser Ecke Siebenbürgens 
waren." 

Man darf hinzufügen: nicht nur in dieser 
Ecke, sonderniing an zenKarpathen gebiet. 

Iu meiner Untersuchung der Berguamen 
Siebenbürgens (Jahrb. d. Siebenb. Karpathen- 
vereins. Hermannstadt 1904), ferner in meiner 
Arbeit über „Das alte Burzenland und seine 
Besiedelung" (Sachs. Hausfreund. Kronstadt 
1914/15) bin ich früher und unabhängig von 
O. Densusianü, zu demselben Ergebnis gelaugt, 
zur Bestätigung der Mitteilung des Ano- 
nymus Belae Notarius 1 ), daß: zur Zeit der 
Eroberung Siebenbürgens durch Stephan d. 
Heil, (also bald nach dem Jahre 10ÜÜ) das Land 
noch zusainen mit den „Blassii et Slavi" 
(Blacci = Vlachen) bewohnt war. R. Rösler 
hat mit einem großen gelehrten Aufwand dem 
„Anonymus" die Glaubwürdigkeit absprechen 
wollen. Die Ergebnisse der jüngsten Unter- 
suchungen haben jedoch dem Anonymus Recht 
gegeben. Rösler war nicht im Besitze unserer 
anthropologischen, ethnographischen, prähisto- 
rischen 2 ), archäologischen, sprachwissenschaft- 
lichen und rein geschichtlichen Forschungsergeb- 
nisse uud hat deshalb befangen urteilen müssen. 
Dadurch ist aber zugleich erwiesen, daß wir 
auf anderen Wegen zur Beantwortung der 
Herkunftsfrage der Rumänen gelangt sind 
und deshalb mit Unrecht „Röslerianer" genannt 
und damit abgetan werden sollen. 

Die Rumänen sind also, gerade in Sieben- 
bürgen, keineswegs ein „neamul bastinas" 3 ), 
d. h. die Urbevölkerung, sondern sie sind 
allmählich zugewandert und haben sich in der 
Folge allerdings sehr stark vermehrt. Sie zählen 
(nach der neuesten ethnographischen Karte 
von H. F. Stanciovici, Craiova, „Samitca", 
1915) iu Siebenbürgen und" in den angrenzenden 
Landesteilen Ungarns 3 600000 Se eleu. Neben 
ihnen wohnen 3 400000 Deutsche, Schwaben, 
Sachsen, Ungarn, Szekler, Csängös, Zigeuner, 
Armenier, Juden usw. Sie machen demnach 
nicht ganz 55 Proz. der Bevölkerung aus, wäh- 



*) Es hat zwei ungarische Könige mit dem Namen 
Bela gegeben (lOöl — 63 und 1235 — 40), es ist bisher 
unentschieden, wessen Notar der „Anonymus" war. 

2 ) Vgl. meine „Steinzeitliche Zustände bei den 
heutigen Eumänen" (Umschau, Leipzig, 1909, Nr. 39): 
„Haus- und Kleidertracht vorgeschichtlicher Karpathen- 
und Balkanvölkerschaften". Arch. f. Anthropol. 1908, 
Bd. VII, Heft 1. 

3 ) Neamul bastinas lassen sich die siebenb. Eu- 
mänen in neuerer Zeit mit Vorliebe nennen. — Mihaiü 
Viteazu war „beschworenermaßen" nur „Guber- 
nator" des Kaisers Rudolf II., und auch das nur 
l 1 2 Jahre, er war aber niemals „Herr in Sieben- 
bürgen". 



rend die andere (nicht rumänische) etwas über 
45 Proz. beträgt und dabei ist diese in der 
Kultur bei weitem höher stehend. Auch 
in diesem Sinne darf also Siebenbürgen nicht 
eine Tara romäueascä" d.h. ein rumänisches 
Land genannt werden. Eine Mehrheit von nur 
200000 rumänischen Bauern uud Hirten, 
die auch wirtschaftlich noch gar sehr zurück- 
stehen, darf Siebenbürgen nicht für sich alleiu 
in Anspruch nehmen, nicht als sogenannte Ur- 
bevölkerung, nicht der Kopfzahl, nicht dem 
Kulturgrad nach und nicht ökonomisch. Nach 
der kaiserlichen Fiskaldirektion betrug im Jahre 
1751 ihre Zahl auf dem siebenb. Königs- 
bodeu (d. h. auf dem von den Sachsen be- 
wohnten Gebiet) erst 6000 Familien, also an- 
nähernd 30000 Köpfe. 

Aus den angeführten Daten sollen — für 
deutsche Wissenschaft selbstverständlich — keine, 
irgendwie gearteten, politischen Folgerungen 
gezogen werden. Auch daraus nicht, daß noch 
im Jahre 1751 das Siebenbürgische Guber- 
nium iu Wien: die Rumänen „als staatsrecht- 
lich nur geduldete Nation" und zur Bekleidung 
von öffentlichen Stellen für unfähig erklärte. 
Ein weiterer Beweis, daß die Rumänen damals 
nicht als gleichberechtigte, und keineswegs als 
„Urbevölkerung" augesehen wurden. Erinnerte 
mau sich doch, daß z. B. die „Kronstädter 
Rumänen" (die sogenannten Schei) beim Bau der 
dortigen sogenannten „Schwarzen Kirche" ein- 
gewanderte Bulgaren (bulgarisch Scheau) waren. 
Gab es doch im Jahre 1492 in Kronstadt 
erst 29 rumänische Steuerzahler, 1497 freilich 
schon 47. In den „Bulgerey" in Rosenau 
(Markt bei Kronstadt) werden im Jahre 1526 
bloß 95 Vororterumänen erwähnt, aber im Jahre 
1900 gab es dort schon 2611. Iu den Ge- 
meinden des (siebenbürgischen) Burzeulaudes 
haben sich die Rumänen seit dem Jahre 1790 
fast ums Doppelte vermehrt. 

Daß die Rumänen durch Vermischung viel 
slavisches Blut aufgenommen haben, wird auch 
durch ihre frühen und zahlreichen Heiraten 
und durch ihren reichen Kindersegen be- 
wiesen. Dr. L. Colescu (der Direktor des 
Statistischen Dienstes beim Domänen-Ministerium 
in Bukarest) hat diesbezüglich im Jahre 1903 
auf dem Statistischen Kongreß, einen Vortrag 
gehalten *), in dem er auseinandersetzte: „La 



: ) Resum6 demagographique presente ä la IX e 
Session de l'institut international de statistique. Berlin 
1903. Vgl. auch J. Scarlutescu u. Miscarea popu- 
latiunei Romäniec pe ani 1898 si 1899. (Natalität 
35 bis 40 v. H. ; Mortalität 25 bis 30 v. H.) ; ferner 
Dr. Dinescu „Ne mor copii" (die Kinder sterben uns), 
Jassy 1915. 



60 



Rouuianie fait donc exception ä ce sujet (hohe 
Geburtsziffer und große Kindersterblichkeit) an 
groupe de nations romaniques, qui, eomme on 
le sait, manifestent nn f aible tendance d'accroisse- 
ment de leur population." Er schloß mit der 
Bemerkung, daß die Rumänen in diesem Betracht 
anthropologisch zu den südosteuropäi- 
schen Völkern gehören. Eine spätere lahme 
Erläuterung in einem Bukarester politischen 
Tageblatt hat die offizielle Erklärung in Berlin 
natürlich nicht entkräften können. 

Auch noch ein anderes anthropologisches 
Merkmal ist ein slavisches Erbe, nämlich die 
auffallende Kurzbeinigkeit der Rumänen, was 
namentlich an den Frauen unseren Künstlern 
schmerzlich, auffällt. Die Haare und Augen 
sind in der Überzahl dunkel l ), Rundköpfe sind 
sehr häufig, die Körperlänge ist durchschnittlich 
mittelgroß. 

Pogoneanu-Raduleseu, der ausersehen 
wurde zusammen mit Prof. S. Puscariu das 
große Wörterbuch der Rumänischen Akademie 
herauszugeben, sagt in seiner historischen Gram- 
matik der rumänischen Sprache (S. 14): „So 
sehen wir denn wie das Slavische die Gestalt 
unserer Sprache verändert hat. Zuerst sind 
eine Menge slavischer Wörter in sie eingedrungen 
und haben sich zu unserer Sprache umgewandelt 
und zwar ebenso viele wie die ererbten latei- 
nischen ; und zwar uicht nebensächliche Wörter. 
sondern solche , die für unser Denken und 
Fühlen unumgänglich nötig sind, für unsere 
tagtägliche Rede, Wörter ohne die wir unsere 
heutige Sprache gar nicht denken können." 
Das ist doch gewiß sehr bestimmt und sehr 
deutlich. Die slavischen Entlehnungen im 
Rumänischen sind, wie wir noch geuauer sehen 
werden, sehr häufig nicht Synonyme, son- 
dern Wörter eigener Bedeutung. 

Eine Besonderheit der rumänischen Sprache, 
die sonst in keiner mir bekannten Sprache vor- 
kommt, bilden die Sexualtermiui, und zwar 
sind alle männlichen lateinische und alle 
weiblichen — ausnahmslos — ■ nichtlateinische 
(vorwalteud slavische) Entlehnungen. Wie ist 
das zu erklären? Meiner Meinung nach nur so, 
daß wir sagen: Als die thrakoromanischen Wan- 
derhirten von ihren Bergen in die Ebenen 
herunterzusteigen begannen, da fanden sie diese 
schon von den Slaven besetzt. Die thrako- 
romanischen Männer, die in das große slavische 
Volksmeer hineiusickerten und die Slavinnen 
zur Ehe nahmen, brachten ihre romanischen 



l ) In der Moldau sind Blonde und Blauäugige 
häufiger als iu der Walachei. 



Termini mit und fanden die' weiblichen slavi- 
schen bei ihren Weibern vor. 

Gleicherweise müssen wir uns den Vorgang 
bei den 485 Fischnamen denken. Im Gebirge 
gibt es iu den kleinen seichten Bächen nur 
geringe Fische. Als die thrakoromanischen 
Gebirgshirten tue großen wohlschmeckenden 
Fische in den großen Flüssen der Ebene kenneu 
lernten, da konnte das wiederum nur durch die 
dort ansässige slavische Bevölkerung geschehen. 
Man bedenke nur, welch wichtige Rolle der 
Fisch bei den Rumänen spielt und doch ist 
kein einziger lateinisch benannt, auch der 
crapu (Karpfen) nicht, der vom serbischen Krap 
herkommt, und auch der moldauische carasu 
(Karausche) nicht, der eher auf serbisch karac, 
czechisch karas, lithauisch karüsas zurück- 
zuführen ist. 

Hierher gehören ferner die Berg-, Fluß- 
und Flurnamen. Ich habe im Jahre 1904 die 
siebenbürgischen Bergnamen sprachlich unter- 
sucht, die Prof. Xenopol in seiner „Teoria 
lui Rösler" angeführt hat, und habe nach- 
gewiesen, daß von den 318 Namen mindestens 
80 slavisch und nur 65 lateinisch sind *). Eine 
weitere (von mir gegebene) Liste von 88 Berg- 
namen zeigt ein gleiches Ergebnis. Auch die 
von O. Densusianu aufgestellte Liste von 
Berg-, Fluß- und Flurnamen aus der Hatzegen- 
gegend hat die auffällig große Zahl slavischer 
Benennungen ergeben. Das gleiche hat meine 
Ortsnamenforschung im Bnrzenland ge- 
zeigt. Auch im Szekler gebiet sind die Orts- 
namen , die nicht mit Szent — gebildet sind, 
sehr häufig slavischen Ursprungs. 

Daß die Taufnamen der Rumänen, schon 
durch den Umstand, daß sie der slavisch-ortho- 
doxen Kirche angehören , vorwaltend slavisch 
sind, war von vornherein zu erwarten. Aber 
auch ihre Familiennamen sind mit Vorliebe 
vom Slavischen hergenommen 2 ). 

Für die Benennung der Körperteile liefert 
uns die Volkssprache auch eine ansehnliche 
Zahl slavischer Ausdrücke, die keine Synonyme 
haben: glava (Hirnschale), gät (Hals), gätlej 
(Schlund), gältan (Kehlkopf), gusä (Kopf), 
ränzä (Magen), crac (Höhreuknochen, Schenkel), 



1 ) InLenk v. Treuenfels' „Siebenbiirgiscb.es Orts- 
lexikon" kommt (das älav.) Virf 157 mal, das (alban.) 
Mägurä 123 mal vor, dagegen tritt (das latein.) Munte 
sehr zurück, etwa 15 mal. Sogar im „Dictionaru topo- 
graphieu si statisticu alu Romäniec" de D. Frundescu 
(Bucuresti, Staatsdruckerei, 1872) kommt Munte, Munti, 
Muntenel, Muntenesci nur 18 mal, dagegen Magla, 
Magura, Mägurele, Mägureni 43 und Deal- Delureni 
60 mal vor. 

2 ) Vgl. 0. Densusianu „Graiul din Tara Hate- 
gulni" 1915. 



61 



gärb (Buckel), gleznä (Knöchel), ciolan (Röhren- 
knochen), gälcä (Drüse), drob (Eingeweide), 
sold (Hüfte), turloiü (Schienbein), titä (Brust- 
drüse), bale (Geifer), obraz (Gesicht), sgärciu 
(Knorpel), virtecap (Halswirbel), brau (Gürtel), 
lopatieä (Schulter), trup (Körper, Schoß), stinghie 
(Leistengegend) , tidvä (Hirnschale) , matcä 
(Gebärmutter), prapor (Netz), borhot (Kot), 
poalä (Schoß), pragu (Schambogen), splinä 
(Milz), tärtitä (Steißbein), terae (Kopf weiche), 
plod (Samen, Gebärmutter), colt (Ellbogen), 
chisita (Knöchel), lenti (Drüsen), gärlant) (Luft- 
röhre), cos (Brustkorb), mozol (Drüse) usw. 

Ein Teil der Haustiere ist nur slavisch 
(resp. albanisch oder griechisch) benannt, z. B. : 
tap (Ziegenbock), eapä (Stute), cotoiu (Kater), 
cocos (Hahn), gäscä (Gans), mäuz (Fohlen), 
malac (Büffelkalb), bibilica (Perlhuhn), mägar 
(Esel), godau (Jungschwein), pirciü (Schöps), 
catir (türkisch Maultier), soldau (junger Hase), 
curcä, curcan (Truthenne, Truthahn) usw. Von 
den Kose- und Schimpfnamen der Haus- 
tiere habe ich in meiner „Herkunft der Rumä- 
nen" und O. Deususiauü in seinem „Graiul 
diu tara Hateguliu" genügende Proben ge- 
geben. 

Aus der bäuerlichen Meteorologie ver- 
zeichnen wir: träsnet (Blitz), vifor (Sturm), 
chiciura, oiourä (Reif), sloiü (Eiszapfen), näboiü 
(Eisbruch), produf (Wacke), namete, nemete 
(Schnee), uagodä (Unwetter), zäpore (Eisstoß), 
omet (Schneehaufen), poleiü (Eisschlag), zäpadä 
(Schnee), lapovitä (Schneeschmelze), promorooacä 
(Reif), sloatä (feuchtes Wetter), cea ä (Nebel), 
piclä (Schwüle), moina (Tauwetter), burä, bure- 
alä (Sprühregen), inie (zuerst sich bildendes 
Eis eines Flusses) usw. 

Hochinteressant ist das Glossar, das ich aus 
Tudor Pamfiles „Industria casnicä la 
Romäni" (das häusliche Gewerbe der Rumänen), 
Bucuresti Socecü & Cie. 1910, zusammengestellt 
habe. Es sind 2969 Vokabeln, von denen 774 
slavischer und 716 lateinischer Herkunft sind. 
Einstweilen unbekannten Ursprungs sind 914, 
von denen aber sicherlieh fast zwei Drittel 
slavisch sein dürften, wie schon die Endungen 
auf — vitä, — itä, — iscä usw. verraten J ). 

Von den Krankheitsnameu sind wenig- 
stens 56 slavischen und nur 43 lateinisch -grie- 
chischen Ursprungs. („Rumänische Termini" 
Krankheitsnameu. Korrespondenzbl. Hermann- 
stadt 1905, Heft 1.) 



*) Vgl. meinen Aufsatz „Die rumänische Volks- 
sprache" im Korrespondenzbl. Hermannstadt 1911, 
Heft 6 bis 7. 



In der Liste der hydrographischen Ter- 
minologie können wir die Slavismen an- 
führen: puhoiü (Strom), balta, ezerü (See), ostrov 
(Insel), mal (Ufer), potmolit (unterwaschenes 
Ufer), smärc (Pfütze), mlastina (Sumpf), grind 
(Sandbank), produf (Wuhne), plaur, prundoiu 
(schwimmende Insel), gärla (Bach), prund (Kiea- 
bank), perisip (höher gelegene Teile des Über- 
schwemmungsgebietes), japse (kleinere, flachere 
meist temporäre Tümpel), saha (umgewandelte 
alte große Donauarme, die jede Verbindung 
mit der Donau verloren haben). Interessant ist 
es, daß der einfache Steg (Baumstamm), wie 
er im Gebirge über die schmalen Bäche gelegt 
wird, noch pnnte, also lateinisch, daß dagegen 
die kunstvolle Brücke, wie sie in der Ebene 
durch die grossen Flüsse notwendig gemacht 
wird, podu, also schon slavisch benannt ist, 
Wiederum deshalb, weil die Ebenen schon mit 
Slaveu besetzt waren, als die Thrakoromanen 
anfingen von den Gebirgen herunterzusteigen. 

Aber nicht nur der lexikalische Teil der 
rumänischen Sprache, sondern auch ihr for- 
maler hat, wie ich ausführlich und zu wieder- 
holten Malen gezeigt habe 1 ), reiche Anlehen 
beim Slavischen (Bulgarischen) gemacht. 

Vielerlei in Kleidung, im Bau und in der 
Einrichtung der Wohnungen, in der Nah- 
rung (Backglocke usw.), iu Lebensgewohn- 
heiten, in Tänzen, Volksliedern, Erzäh- 
lungen, im Glauben und Aberglauben, iu 
Sitten und Gewohnheiten ist nördlich und 
südlich der Donau, in den Karpathen und 
im Balkan so ähnlich, manches so vollkommen 
gleich, daß man notoedruusren an einen iremein- 
samen Ursprung denken muß. Mau darf es 
ruhig aussprechen, daß es das „Thrako- 
slavische" ist. 

Ich habe alle hierher crehöriaen Fragen in 
mehr als fünfzig streng wissenschaftlichen Spezial- 
arbeiten untersucht nnd habe meine Arbeiten 
in der hiesigen Akademie und in der Univer- 
sitäts-Stiftung Carol I. niedergelegt; ferner 
habe ich sie an die rumänischen Seminare der 
Universitäten Berlin, Leipzig und Wien geschickt 
und vielen deutschen Historikern und Sprach- 
forschern zugestellt. Ich habe von allen Ge- 
lehrten, die die Wissenschaft um ihrer selbst 
willen betreiben, viele wertvolle Zustimmung 
erfahren, hierzulande freilich, wo auch die 
„Wissenschaft" politischen Zwecken zu dienen 



*) Vgl. meine „Herkunft der Rumänen", ferner 
„Die Herkunft der Rumänen nach ihrer Sprache be- 
urteilt". Korrespondenzbl. Hamburg, 1909, Heft 1 bis 2. 



62 



hat, auch manche Anfeindung, und zwar in 
gröbster Form. 

Zusammenfassend sei gesagt, daß die Rumä- 
nen ein ausgesprochenes Mi.-, hvolk sind und 
(wie die Volkssprache auch heute noch beweist) 
eine Mischsprache reden. Der Hauptauteil 
an ihrem Volkstum ist das Thrako- bzw. das 
Dako-Slavische. Wie aber ihre Sprache und 
die Geschichte bezeugt, so ist auch das Latei- 
nische seinerzeit von mehr oder weniger großem 
Einfluß gewesen; in der „Dacia Trajana" war 
er allerdings stets gering und hörte nach Aure- 
lian (271 n. Ohr.) ganz auf, im Balkan führte 
er dagegen zur Bildung des Thrakoroma- 
uischen. Aus diesem, in Verbindung mit den 
Slaven, ist das Vlachische entstanden. 

Das Hin- und Herwandernder walachischen 
Gebirgshirten hat danach das neue Volkstum 
und die neue Sprache immer weiter verbreitet: 
\ im Nordgriechenland bis nach Mähren und bis 
an den Dnjester. Im Schutze des Karpathen- 
walles und angeregt durch in der Kultur hoch- 
stehende Landsgenossen (Sachseu, Deutsche, 
Schwaben) habeu die siebenbürgischen Rumänen 
uuter ihren Volksverwandten, nach Zahl, Wohl- 
stand und Zivilisation die größten Fortschritte 
gemacht. Physisch stehen sie sicherlich am 
besten. Auch in manchen Charaktereigenschaften 
(Arbeitsamkeit, Ausdauer, Sparsamkeit, Moral) 
hallen sie zweifellos ihre südlichen Volksgenossen 
übertroffen. 

Zum Schluß einige kurze historische Be- 
merkungen, die aber nicht ohue Wichtigkeit 
für die Herkunftsfrage der Rumänen sind. 

1. Das Fürstengeschlecht der Bassaraba 
scheint vom Balkan abzustammen. Mindesteus 
erwähnt schon Diodorus Siculus (149 n. Chr.) 
einen BuQöKßdv tov &Qaxäv ßaöilm und führt 
Joruandes eine Nachricht des Dio Chryso- 
stomus (Tu rexLiiu.) au, wonach alle dakischen 
und luetischen Könige aus der Familie der 
„Zarabos Tereos" abstammten. (Zarabos Tereos 
darf man vielleicht mit Zarabi oder Sarabi 
terei wiedergeben. Saralu würde also Herzog, 
Fürst bedeutet haben.) 



2. Steht fest, daß nach der Einnahme und 
Zerstörung Tirnoväs durch Bajazed (a. 1393) 
die Hauptmasse der bulgarischen Bojaren auf 
das linke Donauufer auswanderte. 

3. Das slavisch- orthodoxe Christentum ist 
den Rumänen aus den Balkanländern zuge- 
kommen. Bezeichnend genug hieß der erste 
Metropolit der Moldau Särb. Die ersten Buch- 
drucker in Rumänien (Govora, Monastirea din 
Deal) waren slavische Mönche von jenseits der 
Donau. 

4. Eine Anzahl von rumänischen Fürstinnen 
waren serbische oder bulgarische Prinzessinnen. 

5. Eine ansehnliche Zahl der rumänischen 
Distrikte hat heute noch slavische Namen: 
Prahova, Ilfov, Jalomi a, Neamt, Putna, Vlasca, 
Gorj'ü, Dolj'ü usw. 

6. Die Zuwanderung aus Bulgarien ist auch 
heutigentags noch sehr groß (Schankwirte, Tag- 
löhner, Gemüsebauer usw.). Die „Archondolo- 
gia" und andere Listen der alten Bojaren- 
familien (Ghibanescu usw.) zeigen es deutlich, 
wieviel slavisches Blut (aber auch griechisches, 
magyarisches, ja sogar deutsches) von den 
rumänischen Bojaren aufgenommen wurde. 

7. Die Hof- und Gerichtssprache (Urkunden, 
Geschäftsbriefe) war jahrhundertelang die sla- 
vische. In den Kirchen sangen die Sänger noch 
im Jahre 1864 ausschließlich russisch. Die 
Bücher, Theaterzettel usw. werden erst seit dem 
Beginn der sechziger Jahre lateinisch gedruckt. 

Trotz aller dieser Tatsachen, die einem Histo- 
riker doch bekannt sein müssen, hat N. Jorga 
die leichtfertige Ausflucht gebraucht: das 
Slavische im Rumänischen eine Mode zu 
nennen, die nun überwunden sei. 

Jeder denkende Leser der vorstehenden haar- 
genauen Ausführungen wird vielmehr erkannt 
hallen, daß das Slavische zum organischen Auf- 
bau, zum innersten Wesen, des auf thrakischer 
Grundlage Gewordenen gehört, und das Rumä- 
nische ohne das Slavische zusammen- 
stürzen müßte, wie das Hasdeu vom voraus- 
gesetzten Fehlen des Albanesischen im Rumä- 
nischen ausgesprochen hat. 



Mitteilungen aus den Lokalvereinen. 



Bonner Anthropologische Gesellschaft. 

In der Hauptversammlung der Anthropologischen 
Gesellschaft in Bonn am 20. Januar 1914 berichtete 
der Vorsitzende, Herr Geheimrat Verworn, über das 
abgelaufene Geschäftsjahr folgendes: Die Zahl der 
Mitglieder betrug zu Beginn des Jahres 1913 128, 
durch Wegzug von Bonn verlor die Gesellschaft 10, 



durch den Tod 4 Mitglieder, so daß heute die Zahl 
114 beträgt. In den sieben Sitzungen des verflossenen 
Jahres wurden zehn Vorträge aus den verschiedenen 
Gebieten der Anthropologie gehalten. Sodann erstattete 
Herr Bankdirektor Steinberg Bericht über die 
Finanzlage der Gesellschaft. Die Revision der Rech- 
nungen wurde von Herrn Professor Schöndorff vor- 
genommen. Dem Kassenführer wurde Entlastung erteilt. 



63 



Die Wiederwahl des Vorstandes wurde gemäß einem 
Antrage aus der Versammlung durch Akklamation 
vorgenommen. Darauf sprach der Vorsitzende, Herr 
Geheimrat Verworn, über „ideoplastische Kunst". 

Unter den beiden großen Richtungen der Kunst, 
die wir bereits in prähistorischer Zeit unterscheiden 
können, der physioplastischen und der ideo- 
plastischen Kunst tritt bekanntlich die erstere als 
die früheste Kunstäußerung, und zwar mit dem Beginn 
der Renntierzeit auf. Sie wird allmählich von der im 
Paläolithikum zunächst nur spärlich neben ihr er- 
scheinenden ideoplastischen Richtuug vollkommen ver- 
drängt, und die letztere herrscht dann unumschränkt 
in allen späteren prähistorischen Kulturstufen bis zur 
klassischen Zeit und zur Renaissancekultur ebenso 
wie in den primitiven Kulturen fast aller modernen 
Naturvölker. Ist die physioplastische Kunst charak- 
terisiert durch ihr Streben nach naturwahrer Wieder- 
gabe des sinnlich wahrgenommenen Objekts , so ist 
andererseits die ideoplastische Kunst eine durchaus 
von der Naturwahrheit abgekehrte Kunst, welche die 
Gegenstände in merkwürdiger Entstellung und selt- 
samer Umgestaltung der Formen häufig bis zur völligen 
Unkenntlichkeit und zu phantastischer Neugestaltung 
verändert darstellt. Diese ideoplastische Kunst er- 
fordert ein nicht minder großes Interesse als die in 
unserer Zeit so viel bestaunte und durch die wunder- 
lichsten Theorien gedeutete physioplastische Kunst 
der diluvialen Renntierjäger. 

Die Kunst ist ganz allgemein ein Ausdrucksmittel 
für Bewußtseinsvorgänge. Von diesem Gesichtspunkte 
aus gewinnt die primitive Kunst der prähistorischen 
Zeiten eine ganz besonders hohe Bedeutung. Wir 
schöpfen aus ihrer Analyse ein geradezu unschätzbares, 
vielfach durch nichts zu ersetzendes Material für die 
Entwickelungsgeschichte des menschlichen Geistes, 
d. h. des menschlichen Empfindens , Vorstellens , Den- 
kens, Fühlens und Wollens in Zeiten, über die keinerlei 
schriftliche Überlieferung uns Aufschluß gibt. 

Die ideoplastische Kunst könnte leicht auf 
den ersten Blick für einen Rückschritt gehalten werden 
gegenüber der physioplastischen Richtung der dilu- 
vialen Jäger. Man pflegt leicht zu dieser Ansicht zu 
gelangen, weil man so vielfach die Naturwahrheit als 
den einzigen Maßstab für die Entwickelungsstufe der 
Kunst betrachtet. Das ist einseitig und verkehrt. Im 
Hinblick auf die Tatsache, daß die Kunst ein Ausdrucks- 
mittel für Bewußtseinsvorgänge vorstellt, genügt ein 
solcher naiver Maßstab nicht. Vielmehr ist hier eine 
tiefere psychologische Analyse für die Beurteilung 
notwendig, und als Maßstäbe müssen einerseits die 
Bewußtseinsinhalte ihrer Art nach, andererseits die 
Mittel , mit denen der Künstler ihre Wiedergabe ver- 
sucht, herangezogen werden. 

Von diesem Standpunkte einer eingehenderen 
psychologischen Betrachtungsweise aus erscheint aber 
die ideoplastische Kunst als eine wesentlich höhere 
Stufe gegenüber der physioplastischen Stufe der paläo- 
lithischen Jäger. Die letztere bringt nur mehr oder 
weniger naturgetreu reine Sinneswahrnehmuugen zum 
Ausdruck, Vorstellungen , d. h. Erinnerungsbilder von 
einzelnen konkreten Objekten, vor allem von Jagdtieren. 
Selbst Darstellungen von Handlungen und ganzen 
Szenen kennt der diluviale Renntierjäger noch nicht. 
Was demgegenüber die ideoplastische Kunst 
charakterisiert, das ist ganz allgemein, daß 
man nicht mehr allein den einfachen sinn- 
lichen Eindruck des konkreten Einzelobjekts, 



das man gesehen hat, wiedergibt, sondern 
daß das dargestellte Objekt zum Ausdruck 
einer symbolischen Bedeutung wird für Ge- 
danken, Vorstellungen, Gefühle der ver- 
schiedensten Art. Es werden aus den sinnlich 
wahrgenommenen Dingen bestimmte Momente hervor- 
gehoben und betont, andere vernachlässigt oder weg- 
gelassen. Was aus irgend einem Grunde besonderen 
Reiz oder besonderes Interesse hat, etwa einen starken 
Gefühlswert positiver oder negativer Art, wie z. B. ein 
ästhetisch wirksames Moment, oder was besonders auf- 
fällig erscheint und sich daher stärker einprägt, oder 
was besondere Vorstellungen und Ideengänge auslöst, 
das wird hervorgehoben in der Darstellung. Die 
anderen Elemente treten in deu Hintergrund oder 
fallen ganz fort. Auf diese Weise entfernt sich die 
Darstellung mehr oder weniger von der naturwahren 
Wiedergabe des konkreten Objekts bzw. des unmittel- 
baren Sinneseindrucks. In ihrer durch bewußte Spe- 
kulationen erstrebten Übertreibung führt diese Rich- 
tung schließlich zu dem konkrete Objekte absichtlich 
vermeidenden Versuch der modernen Futuristen. Die 
ideoplastische Kunst ist rein expressio- 
nistisch, die physioplastische Diluvialkunst 
rein impressionistisch und der Gegensatz 
zwischen beiden Richtungen wird um so be- 
merkbarer und klaffender, je mehr sich das 
Vorstellungs- und Gefühlsleben des Künstlers 
im Gegensatz zur Wirklichkeit befindet. 

Der gemeinsame psychologische Vorgang, der aller 
ideoplastischen Kunst zugrunde liegt und in seinen 
ersten Anfängen lediglich in einer Heraushebung 
einzelner, dem Künstler besonders wichtiger Momente 
aus dem Material des sinnlich Wahrgenommenen be- 
steht, ist der Vorgang der Abstraktion. Wir 
pflegen konkrete und abstrakte Begriffe zu unter- 
scheiden. Die konkreten haben ihre genau korre- 
spondierenden Objekte in der Wirklichkeit, die ab- 
strakten nicht. Die Wirklichkeit zeigt uns Eichen 
und Pappeln und Linden und Kiefern und Weiden usw., 
aber keinen „Baum". Der Begriff „Baum" ist abstra- 
hiert dadurch, daß wir aus zahlreichen wirklich sinnlich 
wahrgenommenen Objekten die allgemeinen Bestandteile, 
die immer und immer wiederkehren , mögen wir eine 
Eiche, oder eine Pappel, oder eine Linde usw. ansehen, 
also den Stamm, die Zweige, die Blätter usw. heraus- 
heben und allein berücksichtigen , die speziellen , wie 
die Form und Dicke des Stammes, die Art der Ver- 
zweigung, die Gestalt und Anordnung der Blätter usw. 
vernachlässigen und ganz weglassen. Setzen wir die 
gemeinsamen Bestandteile sämtlich synthetisch zu- 
sammen , so entsteht ein Vorstellungsgebilde , wie der 
abstrakte Begriff „Baum", aber das ist weder eine 
Eiche, noch eine Linde, noch sonst eine Baumart, die 
wir sinnlich wahrnehmbar irgendwo in der Wirklich- 
keit fänden. 

Diese Abstraktion findet bereits in der frühesten 
Kinderzeichnung des modernen Kindes ihren schlagen- 
den Ausdruck (vgl. Korrespondenzblatt d. Deutschen 
Ges. f. Anthrop., Ethnol. u. Urgesch. XXXVII. Jahrg., 
Mai/Juni 1907). So ist auch das Auftreten und die 
Entwickelung der ideoplastischen Kunst in der vor- 
historischen Zeit ein äußerst wertvoller Indikator für 
die fortschreitende Entwickelung des abstrahierenden 
Denkens beim Menschen. 

Dieser Grundprozeß der Abstraktion kann nun 
in der Kunst in sehr verschiedenem Grade und uach 
verschiedenen Richtungen hin sich geltend machen, je 



64 



nachdem, was als wichtig und wesentlich hervor- 
gehoben werden soll und je nach dem Grade, in dem 
es vor anileren Elementen das Bewußtseinsfeld be- 
herrscht. 

Die ersten Anfänge der ideoplastischen Kunst, 
finden sich bereits in der Renntierzeil neben den 
phvsioplastischen Tierdarstellungen. Sie bestehen in 
der ornamentalen Verwendung einzelner Tier- und 
Pflanzenmotive. .Man ordnet Tierteile, besonders 
Köpfe, in Reihen an als Dekoration für Gebrauehs- 
.'. vi! .lande viin Knochen. Dabei sind ursprünglich 
die Tierteile noch durchaus naturwahr dargestellt. 
Auch die Hanken von Pflanzen weiden dekorativ be- 
nutzt, und hier bemerkt man bereits eine Stilisierung 
bei der ornamentalen Verwendung. So entsteht eine 
Vermischung von ornamentaler und figuraler Kunst. 
Bestimmte Elemente von realen Objekten, die aus 
irgend einem Grunde besonderen Affektwert besitzen, 
werden aus dem Zusammenhang herausgehoben und 
als Ornament verwertet. So entsteht eine „ornamen- 
tale Ideoplastik". 

In spateren prähistorischen Perioden geht die 
ornamentale Umformung solcher figuralen Motive dann 
aber viel weiter, bis zur völligen Unkenntlichkeit. Die 
bronzezeitliche und besonders die keltische Kunst, und 
die Kunst der prähistorischen Indianer, sowie der 
Südseeinsulaner zeigt eine unendliche Fülle von Belegen 
dafür. 

Das Hervorheben als wichtig erscheinender Ele- 
mente führt zu der „schematisierenden Ideo- 
plastik". In der neolithischen Zeit, in der Bronzezeit, 
in der Hallstattzeit ebenso wie bei den meisten heutigen 
Naturvölkern finden wir weitverbreitet eine Schemati- 
sierung der dargestellten Objekte, die darin besteht, 
daß nur das Wichtige dargestellt, alles andere einfach 
fortgelassen ist. Die Fortlassungen sind häufig so 
umfangreich, daß das Objekt als Ganzes nur eben 
noch angedeutet und nur das, worauf es dem Künstler 
ankommt, besonders deutlich oder übertrieben dar- 
gestellt und hervorgehoben ist. 

Schließlich führt diese Methode in der „deskrip- 
tiven Ideoplastik" zur stärksten Vereinfachung der 
figuralen Darstellungen. Hier genügt es dem Dar- 
steller vollkommen, irgendwie bei dem Beschauer die 
Vorstellung des betreffenden Gegenstandes oder Vor- 
ganges zu erwecken, um so durch Aneinanderreihung 
solcher Symbole eine Erzählung oder Beschreibung 
zu liefern. So 'entstehen die piktographischen Dar- 
stellungen der Indianer, die prähistorischen und mo- 
dernen Petroglyphen usw. Endlich geht diese Ver- 
einfachung am weitesten bei der Schrift, z. B. bei der 
Kntwickelung der demotischen Schrift der alten 
Ägypter aus der Hieroglyphenschrift. 

In moderner Zeit findet eine stärker ausgesprochene 
ideoplastische Kunst ganz besonderen Anklang in der 
Reklamezeichnung, und am weitesten suchen einzelne 
„Futuristen" das der Ideoplastik zugrunde liegende 
Prinzip zu übertreiben. Man will sich im Lager 
einiger moderner Künstler womöglich vollkommen von 
allen sinnlichen Elementen in der Kunst befreien. 
Das ist das Ideal. So sehr es nun auch zu verwerfen 
ist, wenn man die moderne expressionistische Rich- 
tung einfach mit einem Lächeln erledigen zu können 
glaubt — sie enthält eine Fülle sehr wertvoller und 
psychologisch interessanter Elemente — so ist es doch 
andererseits eine psychologische Ungeheuerlichkeit, 
wenn man ernsthaft, glaubt, , etwas künstlerisch zum 
Ausdruck bringen zu können, was nicht wenigstens in 



seinen einzelnen Bestandteilen ursprünglich einmal 
durch das Tor der Sinne seinen Einzug in unser 
Bewußtsein erhalten hat. Man kann ja allerdings sehr 
weitgehende Abstraktionen bilden und diese Gebilde 
zum Ausdruck bringen wollen, aber wenn man sie 
zum Ausdruck bringt, so ist man immer wieder ge- 
zwungen, sie in sinnlich wahrnehmbare Formen zu 
kleiden, sonst sind sie eben von niemandem wahrnehm- 
bar. Beschränkt sich aber der Künstler darauf, seine 
abstrahierten Gedanken und Gefühle und Stimmungen 
durch ein äußerstes Minimum von sinnlich wahr- 
nehmbaren Linien oder Farben auszudrücken , so ent- 
stehen Bilder, wie die einiger exh-emer Futuristen, bei 
deren Betrachtung schließlich kein Beschauer mehr 
dahinter kommt, was der Künstler ausdrücken will, 
und der einzige Bewußtseinsvorgang, den das „Kunst- 
werk" schließlich auslöst, besteht in der Vorstellung 
„geistesgestört". 

Die Ausführungen des Vortragenden wurden durch 
eine große Zahl von Lichtbildern aus der vorgeschicht- 
lichen Kunst, aus der Kunst der heute lebenden Natur- 
völker, aus der Kunst des modernen Kindes und aus 
der Kunst der Futuristen erläutert. Im vorliegenden 
Referate kann von der Wiedergabe von Abbildungen 
abgesehen werden unter Hinweis auf die inzwischen 
erschienene Schrift des Vortragenden (MaxVerworn, 
„Ideoplastische Kunst". Jena, Gustav Fischer, 
1014) , welche mit einem reichen Abbildungsmaterial 
ausgestattet ist. 

In der Sitzung vom lü. Februar 1914 sprach Herr 
Prof. A. Philip pson über „Die Völker der Balkan - 
halbinsel." 

Die heutige und zukünftige politische Entwicke- 
lung der Balkanhalbinsel ist ein wesentlich ethno- 
graphisches Problem, denn die Art und geographische 
Verbreitung der Völker ist für die dortige Staaten- 
bildung in erster Linie maßgebend geworden. Die 
Völkerverbreitung aber ist wieder das Ergebnis der 
geographischen Gestaltung des Landes und der histo- 
rischen Ereignisse. 

Der Vortragende schildert daher zunächst die 
großen Züge der Natur der Balkanhalbinsel und dann 
die geschichtliche Entwickelung der Bevölkerung : die 
Völker des Altertums, die Einwanderungen und Ver- 
schiebungen der Völkerwanderung, die hier die lange 
Zeit vom 3. Jahrhundert n. Chr. bis zur türkischen 
Eroberung im 14. und 15. Jahrhundert umfaßt. Darauf 
wurden die einzelnen Völker der Gegenwart nach ihrer 
Abstammung, kulturellen Bedeutung und ihren Wohn- 
gebieten kurz charakterisiert: die alten Völker der 
Griechen — mit ihrer vielseitigen Betätigung, ihrer 
Seemacht und ihrer großen und reichen Diaspora — 
und der Albanier — der alten Ulyrier, noch heute 
in primitiven sozialen Zuständen lebend — ferner die 
Rumänen nebst den mazedonischen W lachen, 
ein Volk romanischer Zunge, das wenigstens in seinen 
Wurzeln auf das spätere Altertum zurückgeht; dann 
die in der Völkerwanderung eingewanderten Slaven: 
Bulgaren, Serben und mazedonische Slaven; 
die aus Kleinasien herübergekommenen osmanischen 
Türken, mit denen die größeren Einwanderungen 
abschließen; endlich noch die kleiueren Volkssplitter. 
Besonders wichtig aber ist es , daß zwischen den ge- 
schlosseneu Wohngebieten dieser einzelnen Völker sich 
Mischgebiete ausdehnen, in denen die verschieden- 
sten Bestandteile durcheinander wohnen; es sind das 
namentlich: die Dobrudscha, Ost-Thrakien, der Küsten- 



65 



säum im Norden des Ägäisohen Meeres, Mazedonien, 
die Umgebung Albaniens (besonders Alt-Serbien und 
Nord-Epirus). Dadurch wird die Ziehung solcher po- 
litischer Grenzen, die den Völkergrenzen möglichst 
entsprechen sollen, äußerst erschwert. 

Diese Aufgabe wird aber vollends unlösbar da- 
durch, daß die religiöse Gruppierung, die für das Be- 
wußtsein der Zusammengehörigkeit dort meist ent- 
scheidender ist als die Umgangssprache , ferner die 
sozialen, wirtschaftlichen und geographischen Verhält- 
nisse sich auf das verwickeltste mit den Sprachgrenzen 
kreuzen. 

Schließlich wurde noch kurz auf den körperlichen 
Habitus der Balkanvölker eingegangen , der eine Mi- 
schung verschiedener Typen zeigt, die aber bei den 
verschiedenen Völkern der Balkanhalbinsel in ziemlich 
gleichartiger Weise herrscht, was auf das hohe Alter 
und die Beständigkeit des körperlichen Habitus gegen- 
über den Einwanderungen der historischen Zeit schließen 
läßt. Zum Schluß zeigte der Vortragende eine Reihe 
von Lichtbildern von Siedelungen der Balkanhalb- 
insel vor. 

In der Sitzung vom 26. Mai 1914 sprach Herr 
Prof. C. Clemen über „Wesen und Ursprung der 
Magie". 

Der Vortragende besprach einleitend die verschie- 
denen in neuerer Zeit gemachten Versuche , das Ver- 
hältnis von Religion und Magie zu bestimmen , und 
entschied sich für die zuerst von Frazer vertretene 
Ansicht, daß man in der Religion (richtiger im Kultus 
oder noch besser in den nicht-magischen Verhaltungs- 
weisen) die höheren Mächte gewinnt oder versöhnt, 
in der Magie zwingt. Dann zeigte er, daß als Magie 
auch das Tabu und umgekehrt der Glaube, sich durch 
den Genuß oder die Berührung von Dingen deren 
Kräfte aneignen zu können, zu bezeichnen sei, während 
sich dagegen die Mantik dadurch von der Magie unter- 
scheide, daß bei ihr die Gottheit die Initiative ergreife, 
wenn auch, nachdem sie die Zukunft angekündigt habe» 
diese kommen müsse. Aber auch so sei das Gebiet 
der Magie außerordentlich groß; es bestehe also, wenn 
man nun ihren Ursprung untersuche, die Gefahr, daß 
von ihr eine Erklärung gegeben wird , die nur auf 
gewisse magische Erscheinungen zutrifft. Das gilt, 
wie weiterhin gezeigt wurde , in der Tat von der 
Marettsohen Theorie, die außerdem dasjenige, was 
sie erklären soll, schon voraussetzt. Auch Wundts 
Erklärung der Magie scheitert daran , daß sie den 
Animismus als die älteste Form der Religion ansieht, 
was er doch nicht ist. Tylors und Frazer s Be- 
hauptung aber, die Magie beruhe auf einer Verwechse- 
lung der association in thought mit der connectiou 
in reality, erklärt noch nicht, wie es zu jener kam; der 
Vortragende glaubte den Grund dafür darin sehen zu 
müssen , daß man von der Erfahrung zwar ausging, 
aber nicht bei ihr stehen blieb. 

Um diese These als richtig zu erweisen , wurde 
zunächst daran erinnert , daß sich der Primitive die 
Eigenschaften gewisser Tiere durch den Genuß ihres 
Fleisches aneignen zu können glaubt. Auch der Kanni- 
balismus hatte, zum Teil wenigstens, denselben 
Zweck, nämlich sich die Kräfte der betreffenden Men- 
schen anzueignen, die manchmal in einem besonderen 
Teil ihres Körpers wohnhaft gedacht wurden. Um- 
gekehrt muß man sich gewisser Tiere, deren Eigen- 
schaften man nicht haben möchte , enthalten ; ja so 
kann mau sich nicht nur vor wirklichen Eigenschaften, 



j sondern auch vor Zuständen , in denen sich das be- 
treffende Tier zufällig befindet, hüten. 

Weiter findet diese Kraftübertragung durch bloße 
Berührung verschiedener Art statt und ist daher auch 
bei Steinen und Pflanzen, nicht nur bei Tieren und 
Menschen möglich. Diejenigen, deren Kräfte man 
sich nicht aneignen möchte, sind daher Tabu — dies 
allerdings auch , weil diese Kräfte sonst den Be- 
treffenden selbst entzogen werden würden. 

Handelt es sich dabei um Kräfte, die in dem 
ganzen Gegenstande oder Wesen wohnend gedacht 
werden, so gibt es doch auch solche , die nur in be- 
stimmten Teilen des menschlichen oder tierischen Kör- 
pers gefunden werden. So im Kopf, Gehirn, Haar, in 
den Nägeln, Füßen und Händen, dem Herzen, Blut, die 
daher alle in der Magie eine große Rolle spielen. Um- 
gekehrt wohnen jene allgemeinen Kräfte auch in Aus- 
scheidungen des Menschen, seinem Hauch, Wort, Namen, 
seiner Nahrung und Kleidung, seinem Schatten und 
Bild; man kann also mit ihnen ebenfalls zaubern. 
Ebenso ist das Verhalten ein Teil des Wesens des 
Betreffenden, mit dem man ihn selbst in seine Gewalt 
bekommt: so erklären sich die Tier- und Kriegstänze, 
sowie manche Fruchtbarkeitszauber. 

Zum Schluß wurde darauf hingewiesen , daß aus 
diesen letzteren vielfach Spiele entstanden sind , und 
daß vor allem Wissenschaft und Kunst zum Teil aus 
der Magie stammen. Den nicht-magischen Verhaltungs- 
weisen gegenüber bezeichnet diese die ältere Ent- 
wickelungsstufe, da sie es auch mit bloßen Kräften, 
noch nicht mit Seelen in den Dingen zu tun hat ; zur 
Religion ist aber auch sie zu rechnen. 

In der Sitzung vom 23. Juni 1914 berichteten 
die Herren Geheimräte Verworn, Bonnet undStein- 
mann über „Diluviale Menschenfunde in Ober- 
cassel bei Bonn". 

I. Fundbericht. Von Max Verworn. Am 
18. Februar dieses Jahres teilte der Steinbruchbesitzer 
Herr Uhrmacher aus Obercassel der Universität Bonn 
mit, daß in seinem Steinbruch zwei menschliche Ske- 
lette und ein „Haarpfeil" gefunden worden seien, und 
fragte an, ob einer der Herren Professoren Interesse an 
dem Funde hätte und ihn sich ansehen wollte. Er 
sei eventuell bereit, den Fund der Universität zu über- 
lassen. Herr Prof. Max Verworn, dem der Brief 
übermittelt wurde, fuhr dann in Begleitung der Herren 
Prof. Bonuet und Heiderich nach vorhergehender 
Anmeldung bei Herrn Uhrmacher am 21. Februar 
zur Besichtigung des Fundes nach Obercassel. Herr 
Uhrmacher jun., der die Herren an der Bahn abholte, 
hatte den „Haarpfeil" bei sich. Nach der Mitteilung 
erwarteten die Herren einen Fund aus der Metallzeit. 
Sie waren daher nicht wenig überrascht, als der 
„Haarpfeil" sich als ein paläolithisches Knochenwerk- 
zeug aus der Renntierperiode erwies. Die Überraschung 
wurde noch größer bei der Besichtigung der Skelette 
und der Fundstelle. Es konnte nach allem kein Zweifel 
mehr sein, daß das Knochenwerkzeug und die Skelette 
gleichaltrig waren und daß hier zwei nahezu voll- 
ständige Menschenskelette von bewundernswerter Er- 
haltung aus der Renntierzeit vorlagen. Die Herren 
Max Verworn, Bonnet, Steinmann, Heiderich 
und Stehn nahmen sich sogleich der Angelegenheit 
an und kameu überein, über den Fund erst nach Ab- 
schluß der vorläufigen Untersuchung in der Bonner 
Anthropologischen Gesellschaft eine genauere Mit- 
teilung zu machen, um zu vermeiden , daß falsche 

9 



66 



Nachrichten über denselben in die Tagesblätter ge- 
langten. Dennoch ist es leider nicht gelungen, solche 
Zeitungsnachrichten ganz zu verhindern. 

II. Die Kulturstufe des Fundes. Von Max 
Yerworn. Die Skelette waren bereits einige Zeit vor 
der Benachrichtigung der Universität auf Veranlassung 
des Aufsehers, der zufallig bei ihrer Auffindung zu- 
gegen war, von den Arbeitern dem Boden entnommen 
und in der Arbeitshütte geborgen worden, so daß die 
Bonner Anthropologen leider nicht mehr in der Lage 
waren, alle Einzelheiten der Situation durch eigene 
Ausgrabung genau festzustellen. Indessen ergab doch 
eine nachträgliche Ausgrabung noch eine ganze An- 
zahl weiterer Skeletteile und wichtiger Momente für 
die Beurteilung des ganzen Fundes. 

Der Fundort liegt in der Nähe eines Basaltkegels, 
von dem im Laufe der Jahrzehnte bereits ein großer 
Teil durch den Steinbruchbetrieb abgetragen ist. An 
den Abhang des Basaltkegels lehnt sich eine mächtige 
diluviale Sandschicht an, die überlagert ist von einer 



gleichmäßig gemischt hatte. In dieser Verwendung 
der roten Farbe besteht eine völlige Analogie mit ver- 
schiedenen französischen und österreichischen Skelett- 
funden der Diluvialzeit, in denen typische Begräbnisse 
zu erblicken sind, wie z. B. in den „Roten Höhlen von 
Mentoue" und im Löß von Brunn. 

Bei den Skeletten befanden sich verschiedene Bei- 
gaben, und zwar einerseits aus Knochen geschnitzte 
Gegenstände und andererseits Tierknochen. Feuerstein- 
geräte oder überhaupt nur Spuren von Feuerstein- 
bearbeitung wurden nicht beobachtet. Auch wurden 
keinerlei Steingeräte aus andersartigem Material ge- 
funden, so sorgfältig und oft die Fundstelle auch ab- 
gesucht und weiter frei gelegt wurde. 

Die Knochengeräte liefern den wichtigsten An- 
haltspunkt für die Feststellung der Kulturstufe und 
Zeitstellung des Fundes. Sie gestatten glücklicher- 
weise mit größter Schärfe und Genauigkeit die Zu- 
weisung desselben in das untere Magdaleuieu. Der 
„Haarpfeil", welcher nach Angabe der Arbeiter unter 



Fig. 1. 




Fundstelle der Skelette von Obercassel bei Bonn. 
Zu Füßen der links stehenden Person lagen die Skelette und Beigaben. 



spärlichen Lehmlage , auf der sich eine lose Schicht 
von Basaltschotter auftürmt, der im Laufe der Zeit 
vom Basaltkegel sich losgelöst hat. An der Basis dieses 
Basaltschotters zwischen die großen und kleinen Basalt- 
blöcke eingebettet liegt die Fundstelle (Fig. 1). Hier 
lagen die Skelette , deren Orientierung nicht die 
gleiche gewesen zu sein scheint, kaum mehr als 
einen Meter voneinander getrennt, nach übereinstim- 
mender Angabe der Arbeiter, von Behr großen Basalt- 
platten bedeckt in einer etwa 20 bis 30 m dicken und 
etwa 3 m im Flächendurchmesser ausgedehnten , in- 
tensiv rot gefärbten Lage von kleineren Basaltstücken 
und Lehm. Durch die Angabe der Arbeiter, daß die 
Skelette von großen Basaltplatten bedeckt waren, wird 
allein ihre ausgezeichnete Erhaltung erklärt, die sonst 
in dem groben, schweren und scharfkantigen Schotter- 
material nicht leicht verständlich wäre. Der rote Farb- 
stoff, welcher die Skelette und alle Steine in der ge- 
nannten Ausdehnung umgab , bestand aus einem pul- 
verigen Rötel, welcher sich mit dem Lehm ziemlich 



dem Kopf des einen Skelettes lag, ist ein aus hartem 
Knochen geschnitztes, etwa 20cm langes, im Quer- 
schnitt rechteckiges, sehr fein poliertes Glättinstrument, 
ein sogenannter „lissoir" von großer Schönheit der 
Arbeit und vorzüglicher Erhaltung (Fig. 2). An seinem 
Griffende ist ein kleiner Tierkopf ausgearbeitet, welcher 
Ähnlichkeit mit einem Nagetierkopf oder einem Marder- 
kopf hat. Das andere Ende ist stumpf. Auf den 
Schmalseiten zeigt das Instrument eine für die Renn- 
tierzeit sehr charakteristische Kerbschnittverzierung. 
Die zweite Knochenschnitzerei ist einer jener kleinen 
brettartig schmalen , auf beiden Seiten gravierten 
Pf erdeköpf e , wie sie von Girod und Massenat in 
Laugerie basse und von Piette in den Pyrenäen in 
größerer Zahl und mannigfachen Variationen gefunden 
wurden und die ein charakteristisches Leitfossil der un- 
teren Magdalenienschichten vorstellen. Das Obercasseler 
Exemplar, das sich in einzelnen Bruchstücken erst bei 
der Durchsicht der Menschenknochen fand, ist leider 
bei dem Ausgraben der Skelette zerbrochen worden 



67 



und nicht mehr ganz vollständig. Außerdem sind noch 
zwei weniger charakteristische Knochenstücke, welche 
Bearbeitung erkennen lassen, gefunden worden. 

Nach allen Feststellungen kann kein Zweifel sein, 
daß es sich bei dem Funde um ein Begräbnis und 

Fig. 2. 








Glättinstrument von Obercassel 

mit angesebnitztem Tierkopf und Kerbverzierungen. 

Von allen vier Seiten gesehen. Y 2 nat. Größe. 

nicht um einen Lagerplatz handelt. Vermutlich haben 
die diluvialen Jäger in der Nähe, wahrscheinlich im 
Schutze der Basaltwand, ihren Lagerplatz gehabt und 
die Toten mit ihren Beigaben in nicht allzu großer 
Entfernung davon beigesetzt , indem sie dieselben 
nach dem üblichen Ritus mit reichlichen Mengen roter 
Farbe umgaben und mit großen Steinen sorgfältig 
überdeckten. 

III. Die Skelette. Von R. Bonn et. Außer den 
überraschend gut erhaltenen Schädeln nebst Unter- 
kiefern eines männlichen und eines weiblichen Ske- 
lettes waren fast alle wichtigen Knochen entweder 
ganz oder bruchstückweise geborgen worden. Es fehlten 
nur die Hand- und Fußwurzelknochen, ein Oberschenkel- 
bein, einige Finger und Zehen, sowie die Brustbeine. 
Wir besitzen einstweilen in Deutschland , abgesehen 
von dem nach seinem geologischen Alter nicht be- 
stimmbaren und in seinen Knochen leider sehr unvoll- 
ständigen Neandertalskelett x ) und dem hochwichtigen 
Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg an diluvialen 
Menschenresteu nur einige mehr oder minder defekte 
Unterkiefer, einige Zähne und vereinzelte nahezu wert- 
lose Kuochenstücke. Die Schädelfunde aus der Ofnet 
bei Nördlingen in Bayern fallen in die Übergangszeit 
des Diluviums in die Jetztzeit (Alluvium). 

Der Fund von Obercassel stellt sich durch seinen 
Erhaltungszustand, durch die Sicherheit der Bestim- 



x ) Gefunden in der kleinen Feldhofer Grotte in dem 
von der Dussel durchströmten Keandertal bei Düsseldorf 1856. 



mung seines geologischen und archäologischen Alters, 
durch seine Vollständigkeit und dadurch, daß er aus 
einem männlichen und weiblichen Skelett besteht, den 
besten diluvialen Funden an die Seite. Er ist außer- 
dem der erBte Fund nahezu vollständiger 
menschlicher Skelette aus dem Quartär und 
speziell aus dem Magdalenien in Deutschland. 

Es muß ein seltsames Paar gewesen sein, dessen 
Reste die Hacke des Arbeiters aus ihrer vieltausend- 
jährigen Ruhe wieder zutage förderte. Ich beschränke 
mich einstweilen nur auf die wichtigsten Angaben über 
die Schädel. Der eine Schädel von einer etwa 20jäh- 
rigen Frau war in den sehr einfachen Nähten gelöst 
in Beine einzelnen Knochen zerfallen, konnte aber, ab- 
gesehen von Teilen beider Schläfenschuppen, den Nasen- 
beinen und einigen Defekten au der Schädelbasis vor- 
züglich zusammengesetzt werden. 

Der dolichocephale (langköpfige), in Scheitelansicht 
durch Einziehung der fhichen Schläfen und Auftreibung 
der Schläfenschuppe leicht gitarrenf örmige Hirnschädel 
hat einen Längen- Breitenindex von 71, eine größte 
Länge von 181, eine größte Breite von 129, sowie eine 
größte Höhe von 134 mm (vom vorderen Rande des 
Ilinterhauptsloches zum Scheitelpunkt gemessen). Sein 
Horizontalumfang beträgt 512 mm. In Seitenansicht 
verläuft der Contur des Hirnschädels über die gut ge- 
wölbte steile Stirn bis zum Hinterhauptsloch in schönem 

Fig. 3. 




Schädel der_Frau von Obercassel, etwa \ »■ 

Bogen. Das Gesicht zeigt in Vorderansicht einen kräftig 
entwickelten Kieferapparat. Die mäßig breite Stirn wird 
durch eine Stirnnaht geteilt , eine Seltenheit bei den 
diluvialen Langschädeln. Die Uberaugenhöcker sind für 
eine Frau gut entwickelt, die viereckigen Augenhöhlen 
verhältnismäßig groß. Die Nasenöffnung ist von mäßiger 



68 



Größe, der Gaumen ist tief gewölbt, ein sehr kräftiger 
Unterkiefer mit deutlichem Kinn vervollständigt die 
steile l'rotilliuie. Das (lebiß war während des Lebens 
bis auf den dritten, rechten, oberen Mahlzahu voll- 
ständig. Die drei letzten Mahlzähne sind weniger ab- 
gekaut als das übrige Gebiß, also noch nicht allzu 

Fig. 4. 





Hinterhauptsansicht der Krau von Obercassel, * o. 

lange durchgebrochen. Der Zahnbogen ist paraboloid, 
die Hinterhauptsansicht bildet ein schlankes und hohes 
Pentagon, dessen obere Kante durch den hausdach- 
ähnlichen Abfall der vorderen Hälfte der Seitenwand- 
beine zu beiden Seiten der oflenen Pfeilnaht kiel- 
ähnlich vorspringt. Die Kleinhirnausbuchtungen des 
Hinterhauptsbeines sind beträchtlich. 

Die übrigen Skelettknochen deuten auf einen zier- 
lichen Körper von etwa 155 cm Länge. 

Im Gegensatze zu diesem Schädel zeigt der bru- 
tale Gesichtsschädel des Mannes durch seine Breite 
und Niedrigkeit ein grobes Mißverhältnis zu der mäßig 
breiten und etwas geneigten Stirne und dem gut ge- 
wölbten Hirnschädel. Eine leichte, schon während des 
Lebens vorhandene Verbiegung des Oberkiefers nach 
rechts und das mangelhafte Gebiß machen die Phy- 
siognomie noch abstoßender und lassen den Schädel 
greisenhafter erscheinen , als er tatsächlich ist. Da 
nur die Pfeilnaht und das an sie angrenzende Stück 
der Lambdanaht verknöchert sind, darf man auf ein 
Alter von 40 bis 50 Jahren schließen. Auch dieser, 
in Scheitelansicht schön ovale , Schädel ist mit einem 
Längen-Breitenindex von 74 dolichocephal. Seine größte 
Länge beträgt 194, die größte Breite 144, die größte 
Hohe 138. Der Horizontalumfang 552 mm. Die Kapa- 
zität wurde auf etwa 1500 cm 3 bestimmt. Die Über- 
gesichtsbreite ist , abgesehen von dem breiten Ober- 
kiefer, durch ein ungewöhnlich großes und breites 
Jochbein eine sehr beträchtliche (153 mm). Die nie- 
drigen rechteckigen Augenhöhlen sind stark nach 
außen und unten geneigt, über ihnen fällt ein einheit- 
licher etwa 8 mm breiter Oberaugenhöhlenwulst (Torus 
supraorbitalis) auf. Ein niedriger mittlerer Stiru- 
wulst zieht sich verbreiternd und verflachend bis zum 
Scheitelpunkt. Die Nasenöffnung ist im Verhältnis 
zur Gesichtsbreite schmal, der Gaumen, abgesehen von 



der teilweisen Rückbildung seines Zahnfachfortsatzes 
im Verhältnis zum übrigen Kiefergerüst auffallend 
klein. Der nicht paraboloide Zahnbogen des sehr 
kräftigen Unterkiefers hat die Form eines V mit ab- 
gestumpften Winkeln , umfaßt den Oberkiefer von 
außen und besitzt ein stark vorspringendes Kinn- 
dreieck, abgerundete Winkel und einen sehr schwachen 
Fortsatz für den Schläfenmuskel, der den nach ein- 
wärts gebogenen Gelenkfortsatz nach außen kreuzt. 
Im Oberkiefer waren während des Lebens nur noch 
die beiden letzten stark nach auswärts gerichteten 
Mahlzähne beiderseits und der linke Eckzahn vor- 
handen. Im Unterkiefer sind während des Lebens 
zwei Schneidezähne , nachträglich noch ein Schneide- 
und ein Eckzahn ausgefallen. Sämtliche Zahnkronen 
sind, wie man das vielfach auch an Gebissen noch 
nicht seniler Schädel aus dem Quartär findet , bis auf 
schmale Beste des Emails abgekaut. Das freiliegende 
Dentin ist schwarz wie Ebenholz. 

Zwei stark gewölbte Gelenkfortsätze flankieren 
das große, etwas nach rückwärts gerückte Hinterhaupts- 
loch. Die Profillinie des Gesichts ist zum Teil durch 
Rückbildung des etwas prognathen Zahnfachfortsatzes 
des Oberkiefers eine steile. 

Fig. 5. 




Schädel des Mannes von Obercassel, l /g. Das fehlende rechte 
Jochbein und ein Teil des rechten Oberkiefers sind ergänzt. 

Die starke Entwickelung sämtlicher Muskelfort- 
sätze am Schädel und an den Extremitätenknochen 
zeugt von ungewöhnlicher Körperkraft des etwa 160 cm 
großen Mannes. 

Der sehr auffallende Gegensatz zwischen beiden 
Schädeln wird gemildert und verständlicher durch die 
Tatsache, daß die derbe Modellierung beim Manne an 



69 



dem zarteren und kleineren weiblichen Schädel der- 
selben Rasse stets abgeschwächt wird und daß dessen 
Augenhöhlen verhältnismäßig größer sind. Beide 
Obercasseler Schädel zeigen eine auffallende Gesichts- 
breite, beide zeigen ziemlich steile Gesichter mit ein- 
gezogener Nasenwurzel, beide eine gute Profilrundung 
des Hirnschädels, beide lassen, wenn auch der Mann 
in viel geringerem Grade , den Scheitelkiel erkennen. 
Der bei der Frau nur augedeutete Stirnwulst erinnert 
beim Manne zusammen mit dem Überaugenhöhlenwulst 
an die Neandertalrasse. Das breite niedere Gesicht 
des Mannes mit den niederen rechteckigen Augen- 
höhlen, der schmalen Nase und dem V-förmigen Unter- 
kiefer mit seinem ausgesprochenen Kinndreieck sind 
dagegen bekannte Merkmale der Cro-Magnon-Rasse x ). 
Von dieser unterscheidet er sich aber ebenso wie 
die Frau durch die Lage der größten Schädelbreite. 
Diese liegt bei den Cro - Magnons im Bereiche ihrer 
seitlich weit ausladenden Scheitelhöcker, bei den Ober- 
casseler Schädeln dagegen im Bereiche der Schläfen- 
schuppen über dem Warzenfortsatze , also wesentlich 
tiefer und an einem ganz anderen Knochen. Diese 
Lage der größten Breite und namentlich der bei der 
Frau gut modellierte Scheitelkiel nähern die Schädel 
dem ebenfalls einer Magdalenienschicht entstammenden 
Schädel von Chancelade in der Dordogne. Außerdem 
gleicht der Frauenschädel etwas in Vorderansicht dem 
1909 ebenfalls in der Dordogne aus einer Aurignacien- 
schicht durch Hauser und Klaatsch ausgegrabenen 
Schädel von Combe-Capelle. Aber im Gegensatze zu 
dem Schädel von Combe-Capelle mit seinem zapfen- 



förmig vorspringenden Hinterhaupt ist das Hinterhaupt 
der Frau von Obercassel halbkugelförmig abgerundet. 
Die Obercasseler Schädel weisen also neben un- 
verkennbaren, durch den Geschlechtedimorphismus 
etwas verdeckten, Ähnlichkeiten auch nicht unbeträcht- 
liche Abweichungen voneinander auf. Während der 
Manu RasBezeichen der Neandertaler, der Cro-Magnons 
und Anklänge an den Schädel von Chancelade zeigt, 
die auch an dem Hirnschädel der Frau auffallen, treten 
bei dieser die Cro-Magnon- Merkmale zurück. Der 
Gesichtsschädel der Frau unterscheidet sich von dem 
männlichen von Combe-Capelle im wesentlichen durch 
das besser entwickelte Kinn und die beträchtlich 
größere Winkelbreite des Unterkiefers. In beiden Ober- 
casseler Schädeln kommen die sehr bemerkbaren Folgen 
während des Diluviums stattgefundener Kreuzungen 
zum Ausdruck. Das ist kaum überraschend. Die 
Frage ist nur, zu welcher Zeit und wo sie stattgefunden 
haben, sowie, ob die einstweilen nur nach verhältnis- 
mäßig wenigen Funden getroffene Aufstellung dilu- 
vialer Rassen auch alle damals tatsächlich vorhandenen 
umfaßt, oder ob weniger Urrassen anzunehmen sind, 
als man gegenwärtig meint, und wie hoch deren indi- 
viduelle Variationsbreite zu veranschlagen ist. In 
mancher dieser „Rassen" , wie z B. in dem zurzeit 
recht weiten Begriff der Cro-Magnon -Rasse, scheint 
mir vieles untergebracht zu werden . was ihr nicht 
zugehört oder höchstens ,noch neben beträchtlichen 
Abweichungen vereinzelte Anklänge an sie erkennen 
läßt. Eine weitere Erörterung dieser Frage behalte 
ich mir einstweilen vor. 



Geologische Periode 



Menschenreste 



Kulturstufe 



Jetztzeit 



Heutige Menschenformen 



jüngeres Neolithikum 



Bandkeramik | 

Schnurkeramik / 

,„...,, .. ,,. x älteres Neolithikum 

(Kjokkenmoddmger) | 



s 



Nacheiszeit 
Würmeiszeit 

III. Zwischeneiszeit 
(jüngerer Löß) 
Rißeiszeit 



g f IL Zwischeneiszeit 

H ] (älterer Löß) 
•g Mindeleiszeit 

« C I. Zwischeneiszeit 

fe < (alte diluviale Sande) 

3 [ Günzeiszeit 



Skelette von La Madeleine, 
Chancelade, Laugerie basse 
und Obercassel 

Skelette v. Brunn, Pfedmost, 
Grimaldi, Combe Capelle, 
Cro Magnon 



Neandertalrasse 



Unterkiefer von Mauer 



Tertiär 



Pliocän 
Miocän 
Eocän 



Magdalenien 



Solutreen 
Aurignacien 

Mousterien 
Acheuleen 
Chelleen 
Strepyien 



jüngeres Paläolithikum 



älteres Paläolithikum 




Archäolithikum 



\ Eolithikum 
; (hypothetisch) 



x ) So genannt nach dem ersten Fundort dieser Rasse unter dem Abri (Schutzdach) von Cro-Magnon im Vezevetal bei 
Les Eyzies in der Dordogne. 

* 



70 



IV. Über das geologische Alter der Fund- 
stelle. Von G. Steinmann. Die geologischen Ver- 
hältnisse der Fundstelle und ihrer Umgebung wurden 
unter Mitwirkung des cand. geol.E.Stehn untersucht. 
VorAnlagi de heul ;en Steinbruchs „im Stingenberg" 
bildete die liabenlav an ihrem V n iprunge, dem so- 
genannten Kuekstein, einen Steilabsturz , der durch 
den Steinbruchsbetrieb fasl ganz beseitigt ist. Am 
Fuße dieses früheren Steilabsturzes befindet sich die 
Fundstelle in einer Meereshöhe von 99m über dem 
Meere. Folgendes Profil wurde durch die Weganlage 
aufgeschlossen (von oben nach unten): 

etwa 0,5 in Abraum des Steinbruchs und Humus- 
decke ; 

etwa 6m ungestörter Gehängeschutt, aus mehr 
der minder verwitterten Blöcken und Brocken von 
Ilasalt, untermischl mit Basaltton. Lößmateria] fehlt 
darin (und darüber) durchaus, dagegen fanden sich 
einige Gerolle aus (juarz, die aus der Hauptterrasse 
von der Höhe des Kucksteins herabgerollt oder -ge- 
schwemmt sind. An der Basis dieses Gehängeschutt- 
lagers fanden sich die Skelette und Beigaben , sowie 
ein Eckzahn vom Renntier und ein Bo videnzahn, 
in einer rötlichen Kulturschicht auf und in 
0,1 m sandigem Lehm. Darunter folgen 

bis 4 m mächtiger graugelber Rheinsand. Dieser 
Sand gehört der Hochterrusse des Rheins an ; er findet 
sich in gleicher geologischer Stellung an mehreren 
Punkten der Umgebung; 

1 m anstehender Basalt , in die Tiefe fortsetzend, 
oberflächlich tonig zersetzt. 

In der Fortsetzung der rotgefärbten Kulturschicht 
gegen die Basaltwand zu wurden ferner gefunden : ein 
rechter Unterkiefer vom Wolf, ein Zahn vom Höhlen- 
bären und Knochen vom Reh, sowie Holzkohle, 
die einigen Knochen anhaftete. 

Für die Altersbestimmung sind außer den paläon- 
tologischen Funden , die bestimmt auf ein diluviales 
Alter hinweisen, folgende Tatsachen von Wichtigkeit. 
Das gänzliche Fehlen von Löß auf und im Gehänge- 
schutte beweist , daß die Kulturschicht jünger ist als 
der Löß. Damit ist ein Aurignacien- Alter ausge- 
schlossen , da diese Kultur in die Lößzeit fällt. Es 
kann sich also nur um eine nachlössische Kultur han- 
deln, um Solutreen oder Magdalenien. Da Solutreen- 
Kulturen bis jetzt am Niederrhein noch nicht bekannt 
geworden , Magdalenien - Kulturen dagegen mehrfach 
vorhanden sind, so spricht die Wahrscheinlichkeit für 
Magdalenien. 

Die bedeutende Mächtigkeit des Gehängeschuttes, 
der die Kulturschicht bedeckt, läßt sich dahin deuten, 
daß auf die Bildung der Kulturschicht noch ein be- 
trächtlicher Teil der letzten Eiszeit folgte, während 
dessen der Gehängeschutt entstand. 

In der Sitzung vom 21. Juli 1914 sprach Herr 
Prof. Hübner über „Kriminalpsychologisches 
und Anthropologisches aus der Polizeiwissen- 
schaff. 

Der Zweck des Vortrages liegt darin, zu zeigen, 
daß sich die Polizeiwissenschaft ebenso wie die gericht- 
liche Medizin. Psychologie und Psychiatrie naturwissen- 
schaftlicher Methoden bedient. 

Vortragender bespricht die Gewinnung von Fuß- 
und Fingerabdrucken, das Bertillonsche System und 
das „Gedächtnisbild". 

Ausführlicher geht Vortragender auf die psycho- 
logischen Probleme ein. 



Zunächst zeigt er an einfachen Experimenten, die 
er in seinen Vorlesungen ausgeführt hat, daß die 
Wiedergabe von frühereu optischen und akustischen 
Eindrücken auch von Gebildeten nur ungenau erfolgt. 
So hat Hübner z. B. an ein Auditorium von 50 Stu- 
denten sechs Fragen über den Bonner Bahnhof (Zahl 
der (ieleise und Bahnsteige, Ausgänge, Anordnung der 
Briefkästen usw.) gerichtet. Er erhielt bei einzelnen 
Fragen (Ausgänge) bis zu 50 Proz. falscher Angaben. 

Es wurde dann die Rolle der Intelligenz und der 
Phantasie bei der Verarbeitung schnell ablaufender 
Vorgänge besprochen. Hübner hat intellektuell tief 
stehenden Versuchspersonen und Hysterischen einfache 
Handlungen mit Hilfe deB Kinematographen vorgeführt 
und sie dann zu einer Beschreibung des Gesehenen 
veranlaßt. Bei den schwach Beanlagten zeigte sieh, 
da Li das (iesehene nur unvollständig wahrgenommen 
und durch eigene Erfindungen ergänzt wurde. Einzelne 
Hysterische brachten phantastische Erzählungen vor, 
die mit dem wirklich Vorgeführten zum Teil kaum 
noch in Zusammenhang standen. 

Zum Schluß bespricht Hübner die Assoziatious- 
experimente zur Psychologie der Aussage und streift 
die Psychologie der Spezialisten des Verbrechertums. 

In der Sitzung vom 1. Dezember 1914 sprach Herr 
Prof. MaxVerworn mit Rücksicht auf das Interesse, 
das die Sinaihalbinsel durch die Ausdehnung des 
Krieges auf jene wenig bekannten Gegenden augen- 
blicklich gewonnen hat, auf Grund seiner in den Jahren 
1890/91 und 1894/95 ausgeführten Studienreisen über 
„Land und Leute der Sinaihalbinsel". 

Die eigentliche Sinaihalbinsel wird begrenzt im 
Westen durch den Golf von Suez, im Osten durch den 
Golf von Akaba und im Norden durch eine Ver- 
bindungslinie zwischen den beiden einzigen Städten, 
die an ihrem Rande liegen , Suez und Akaba , eine 
Verbindungslinie, die zugleich die wichtige, alte Pilger- 
straße der über Suez nach Mekka ziehenden Karawanen 
vorstellt. Weiter nach Norden erstreckt sich die weite, 
südlich steil nach der Sinaihalbinsel hin abfallende 
Wüste Et Tih , die im Westen vom Suezkanal , im 
Osten durch die von Akaba aus nach dem Toten Meer 
hinaufziehende Einbruchsrinne abgegrenzt wird. Um- 
geben ist die Küste der Halbinsel von Korallenbänken, 
die namentlich im Süden zu einigen vollkommen öden 
Koralleninseln sich erhoben haben. Das ganze Gebiet, 
die „Arabia petraea" der Alten stellt ein echtes Wüsten- 
gebiet vor und gehört zu den wasser- und vegetations- 
ärmsten der ganzen Erde. Rotleuchtende, scharf- 
geschnittene Bergketten des Urgebirgsstockes ziehen 
unter dein türkisblauen Himmel durch die Mitte der 
Halbinsel nach Süden. Steile, von nackten Felsen ein- 
geengte Wädis führen in labyrinthartigen Windungen 
von den sonnendurchglühten Bergkuppen nach Westen 
hinab in die offene Sandwüste El Käa, wo sie sich 
verbreitern und in ihren flachen Ausläufern vielfach 
bis ans Meer erkennbar bleiben. Nur an wenigen 
Orten in den Wädis finden sich kleine Wasserstellen, 
die durch spärliche, im Winter fallende Regengüsse 
erhalten werden. An solchen Stellen , wie z. B. im 
Wädi Feirän, in dem die Ruinen der alten römischen 
Wüstenstadt Pharan, des Schauplatzes von Ebers' „Homo 
suin". gelegen sind, gedeiht überall, wo der Boden mit 
Wasser und Sonnenglut sich mischt, eine überaus 
üppige Vegetation. Weiter unten, wo das Wasser im 
Boden versiegt , beginnt aber haarscharf abgegrenzt 
wieder die öde, von sengenden Sonnenstrahlen durch- 
glühte Wüste. 



71 



Die Bewohner der eigentlichen Siuaiwiiste sind 
die Towära - Beduinen , die sich in etwa 12 Stämme 
gliedern. Indessen diese Stämme sind klein und um- 
fassen durchschnittlich nicht mehr als 100 bis 
200 Männer. Sämtliche Towära-Stämme sind Nomaden 
und leben von Viehzucht und Jagd. An der Küste 
hält sich aber auch immer eine Anzahl von Familien 
auf, die sich durch Fischfang ernähren, der, wenn 
auch von den Beduinen mit sehr primitiven Mitteln 
(z. B. kleinen Wurfnetzen , großen , an langer Leine 
hinter dem schnellsegelnden Boote her geschleiften 
Angelhaken usw.) betrieben , doch wegen des großen 
Fischreichtums des Roten Meeres sehr ergiebig ist. 
Eine der wichtigsten Einnahmequellen aber ist für 
die Towära-Beduinen die Führung der Pilgerkarawanen 
zum und vom Sinaikloster im zentralen Hochgebirge 
der Halbinsel, und vor allem auch der Seeraub. Das 
Recht der Karawanenführung nehmen zwei Stämme 
für sieh in Anspruch, die Allegät und die Sawalche, 
die sich als die Herren der Sinaihalbinsel betrachten, 
und nach ganz bestimmten, durch die Tradition ge- 
heiligten Gesetzen, die den Europäer höchst sonderbar 
anmuten , den Gewinn teilen. Der Seeraub wird im 
großen betrieben, sobald ein größerer Handelsdampfer 
auf eine der zahllosen Korallenriffe im Süden der 
Halbinsel aufgelaufen ist. Dann strömt es von allen 
Seiten in Fischerbooten herbei und unter dem Vor- 
wand retten zu helfen , raubt man alles , was irgend 
beweglich ist und einigen Wert hat, und scheut auch 
vor Mord und Todschlag nicht zurück. Von dieser 
Seeräuberei finden sich die seltsamsten Spuren weit 
durch die Wüste hin verbreitet in den verschiedenen 
Zeltlagern der Towära-Stämme. Kabinenlaternen, 
Weckeruhren, Regenschirme, Teller, Taschentücher usw. 
findet mau gelegentlich in trostlosem Zustande im 
Besitz der Leute. 

Die Verfassung der einzelnen Stämme ist eine 
vollkommen demokratische. Der Schech eines jeden 
Stammes hat lediglich als Sprecher und Vertreter des 
Stammes bei Verhandlungen und im Kriege mit anderen 
Stämmen zu dienen, genießt aber im übrigen keinerlei 
Vorrechte vor den anderen Männern, ja wird sogar 
nicht einmal höher geachtet. Die Gesamtheit der 
Stämme wird vertreten durch einen von allen aus den 
angesehensten Leuten gewählten Schech aller Sinai- 
beduinen, der nur die Gesamtinteressen der Towära- 
Stämme anderen Völkern, vor allem den Ägyptern 
gegenüber, wahrzunehmen hat. Geschriebene Gesetze 
existieren nicht. Alles ist Tradition , die man aber 
ungeheuer konservativ festhält. So herrscht noch 
immer das Gesetz der Blutrache. Bei den weiten 
Entfernungen und den Schwierigkeiten der einzelnen 
Stämme, miteinander in Verhandlungen zu treten, 
schweben einzelne Fälle oft viele Jahre lang. Recht- 
liche Streitigkeiten entwickeln sich fast immer um 
das Recht der Karawanenführung und die Teilung des 
Gewinnes. Aber es geht auch kaum eine Führung 
ohne diesen üblichen, bis zur Leidenschaft gesteigerten 
Streit ab. Diebstahl kommt fast niemals vor, da so 
schwere Strafen darauf stehen , daß der Dieb für sein 
Leben ruiniert wäre. 

Die Religion folgt dem Islam ohne Fanatismus. 
Die durch und durch fatalistische Weltauffassung des 
Islam erhält den Beduinen bedürfnislos und das ist 
seine wichtigste Lebensforderung , denn zunehmende 
Bedürfnisse würde er in der Wüste nicht erfüllen 
können. So charakterisiert das ganze Beduinenleben 
ein äußerster Konservativismus. Wie sieh die äußeren 



Lebensbedingungen , für die Mohammed einst seine 
Religion in eklektischer Weise geschaffen hat, seit 
jenen Tagen nicht im geringsten verändert haben, 
so sind auch die Lebensverhältnisse und die An- 
schauungen der heutigen Beduinen noch genau die- 
selben, wie zu Mohammeds Zeit, und der Islam bleibt 
die beste Religionsform für diese Stämme, solange 
ihre Weltabgcschlossenheit in dem Wüstenmilieu sich 
nicht ändert. Der Fatalismus erhält die Leute zu- 
frieden und verhindert, daß sie je wirklich unglücklich 
werden. 

Die Stellung der Frau ist eine eigenartige. Die 
Frau wird gekauft. Ist die „Fantasia", welche das 
Hochzeitsfest bildet , vorüber , so hat auch die Frau 
de facto die Herrschaft übernommen, die sie, gestützt 
durch die eng zusammenhaltende Gesamtheit der Frauen 
des Lagers, auch rückhaltlos für die Erreichung ihrer 
Ziele ausübt. Der Mann erfüllt ihr , wenn auch oft 
erst nach langwierigen Verhandlungen, fast ausnahms- 
los ihre Wünsche, besonders hinsichtlich des Schmuckes 
und der Süßigkeiten , sonst macht sie ihm den Auf- 
enthalt im Lager zur Hölle. Erst wenn die Zeichen 
des Alters ihre Reize verdrängen, kehrt sich das Ver- 
hältnis um, und die Frau wird nicht selten verstoßen. 

Sehr primitiv sind die medizinischen Vorstellungen 
der Towära - Beduinen. Es herrscht die unklare Auf- 
fassung, daß die gleiche Medizin gegen alle möglichen 
Krankheiten helfen könne , indem die AVirkung einer 
Medizin eben darin besteht, daß sie den kranken Men- 
schen gesund macht. Dennoch wendet man gelegentlich 
für einzelne Krankheiten spezielle Mittel an , so z. B. 
Schießpulver und Hammeltalg als Augensalbe, Kaffee- 
satz als Wundpflaster, Brennen mit glühendem Eisen 
gegen Gliederschmerzen usw. Eine wichtige Rolle 
spielen die Teufelsaustreibungen mit seltsamen Zere- 
monien, denn viele Krankheiten werden als Besessen- 
heit durch böse Geister aufgefaßt. Zu der Anschauung 
des Islam, daß alles, was geschieht , nur durch Allahs 
Willen geschieht, daß alles, was Allah will, gut ist, 
und daß man nichts gegen den Willen Allahs tun darf, 
erblickt man in der Anwendung von Mitteln zur Be- 
seitigung einer Krankheit keinen Widerspruch , denn 
wie ein Beduine, den der Vortragende in diesem 
Punkte einmal ausforschte, ihm sagte, will Allah zwar, 
daß den Menschen diese oder jene Krankheit befällt, 
aber er hat auch diesen oder jenen Menschen zu 
einem „Hakim" (Arzt) gemacht, damit dieser die 
Krankheit heilen kann. 

Der Vortragende schloß mit der Schilderung einiger 
Reisen und Reiseerlebnisse in der Wüste und im Ge- 
birge und begleitete seine Darstellung mit zahlreichen 
Lichtbildern selbstaufgenommener Photographien von 
Land und Leuten am Sinai. 

In der Hauptversammlung der Anthropologischen 
Gesellschaft in Bonn am 2. Februar 1915 berichtete 
der Vorsitzende Herr Geheimrat Verworn über das 
abgelaufene Geschäftsjahr folgendes : Die Zahl der 
Mitglieder betrug zu Beginn des Jahres 1914 114, sie 
sank auf 112. In den sechs Sitzungen des verflossenen 
Jahres wurden acht Vorträge aus den verschiedenen 
Gebieten der Anthropologie gehalten. Herr Bank- 
direktor Steinberg erstattete sodann den Kassen- 
bericht. Die Prüfung der Rechnungen wurde von 
Herrn Prof. Sehöndorff vorgenommen, dem Herrn 
Kassenführer Entlastung erteilt. Die Wiederwahl des 
Vorstandes wurde gemäß einem Antrage aus der Ver- 
sammlung durch Akklamation vorgenommen. 



72 



Sodann sprach Herr Prof. Dr. E. Küster über 
„Zauber pflanzen". 

Der Vortragende leitet seine Ausführungen mit 
einem Hinweis auf die Schwierigkeiten ein, die einer 
befriedigenden Definition der Begriffe Zauber, Zauber- 
kunst, Zauberpflanzen im Wege stehen. Die Zauber- 
püanzeu sind diejenigen Nutz- oder Schadenpflanzen, 
von welchen man sieh Wirkungen verspricht, die nicht 
eintreten können, weil ihr Eintreten den Natur- 
gesetzen widersprechen würde — bzw. von welchen 
man bestimmte Wirkungen erhofft, obwohl diese im 
Widerspruch zu den bekannten Naturgesetzen stehen 
wurden. Schwierigkeiten in der Definition ergeben 
sich schon daraus, daß die Kenntnis der Naturgesetze 
zu verschiedenen Zeiten verschieden war — zur Zeit 
des „Steins der Weisen" eine andere als in unseren 
Tagen — und auch heute sehr viele Erscheinungen 
noch nicht auf hinreichend erforschte gesetzmäßige Zu- 
sammenhänge zurückgeführt werden können. Schließ- 
lieh rechnet man ja überall da, wo man eine Wirkimg 
erwartet, die nicht eintritt, mit der Möglichkeit einer 
Wirkungsweise, die den Naturgesetzen widerspricht. 

Die Zahl der Pflanzen, die aus verschiedenen Zeit- 
altern und Kulturkreisen als Zauberptianzen uns be- 
kannt sind, ist außerordentlich groß. Der Vortragende 
will versuchen , einige allgemeine Gesichtspunkte zu 
erläutern, nach welchen jene betrachtet werden können. 

1. Wodurch kamen die als Zauberpflanzen 
bekannten Gewächs e in den Huf besonderer 
Kraft? 

Zunächst durch ihre absonderlichen äußeren, for- 
malen Eigenschaften , welchen auch eine besondere 
innere Kraft zu entsprechen schien : die Alraune steht 
wegen der menschenähnlichen Gestaltung ihrer Wurzel 
im Ruf der Zauberpflanze: — Dudaim des alten Testa- 
ments; „Moly" bei Homer; Ortus sauitatis (XV. Jahrh.), 
Goethes Faust (II). — Der Allermamisharnisch (Allium 
victorialis, Gladiolus palustris) wird wegen seiner 
panzerartig genervten Zwiebelblätter mit einem Har- 
nisch verglichen , und hieraus wird seine Kraft abge- 
leitet, gegen Stich und Stoß zu schützen : — Signaturen- 
lehre. — Viele pflanzenpathologische Erscheinungen 
sind dem Volk als wunderliche Anomalien bekannt und 
werden in Beziehung zu überirdischen Kräften ge- 
bracht: Hexenbesen, Honigtau, Galleubildungen, Bede- 
guare, Misteln. - - In anderen Fällen sind es der 
besonders auffällige Geruch (Ruta, Laurus) oder un- 
gewöhnlich gefärbte Säfte (Chelidonium) oder andere 
wirkliche oder vermeintliche Abweichungen vom All- 
täglichen, welche das Urteil des Volkes begründeten : 
die unverfängliche Weide wurde vielleicht dadurch 
zum Zaubergewächs, daß ihr seit den Zeiten des Ari- 
stoteles die Fähigkeit zum Blühen abgesprochen wurde. 
— Daß Eigentümlichkeiten der äußeren Form und 
ähnliches in Verbindung mit dem Jenseits, mit Mächten 
oder Gestalten der Heiligen Schrift gebracht werden, 
finden wir beim Teufelsabbiß , beim Salomonssiegel, 
dem Johanniskraut- u. a. m. In anderen Fällen genügt 
die Herkunft der Pflanzen aus dem heiligen Lande. 

In allen diesen Fällen liegt dem Zauberglauben eine 
morphologische , anatomische , pflanzengeographische 
Beobachtung zugrunde. Bei einer weiteren Reihe von 
pflanzlichen Zaubermitteln wird von der Pflanze und 
ihren Eigenschaften ganz abgesehen ; ein in der Stube 
erdachtes System bringt die Pflanzen — auf Grund 
des Anfangsbuchstabens ihres Namens — in Bezie- 
hungen zu Planeten, zu Edelsteinen u. a., deren Wir- 
kungen die ihnen beigesellte Pflanze übernimmt. 



2. Was leisten die Zauberpflanzen? Außer- 
ordentlich groß ist die Zahl der Pflanzen, die apo- 
fropäiache Wirkung haben: Krankheit, Verwun- 
dung, Diebe, Liebesgram, Hungersnot, Blitz, Ungeziefer, 
aber auch Zauberübel, wie Verhexung und bösen Blick 
hält man sich durch die Zauberpflanzen fern. Man 
schützt durch sie sich selbst, die Angehörigen, das 
Vieh, das Haus, indem man das Zaubermittel an der 
l'nr anbringt, auf dem Leibe trägt, im Garten ver- 
scharrt, auf dem Dache pflanzt, an der Uhrkette be- 
festigt oder in den Schlot hängt. Viele hundert Pflanzen 
ließen sich namhaft machen, die als Apotropaia ein- 
mal empfohlen worden sind. Eingehend erläutert wird 
die Wertschätzung des Sempervivum tectorum als 
Hausschutzgeist und Familienorakel (Capitulare Karls 
des Großen). 

Die bekannteste Sage, die zauberische Trans- 
mutation zum Gegenstand hat, ist die des Königs 
Midas. Auch viele Pflanzen sind seit dem Altertum 
zur Transmutation eines Stoffes in einen anderen oder 
auch zu inneren seelischen Wandlungen benutzt worden : 
Alchemilla und Botrychium dienten zur Goldfabri- 
kation. Verbena verwandelt Eisen in Stahl. Magische 
Assimilation ist der Vorgang, bei welchem das 
Zaubermittel und das von ihm beeinflußte Objekt ein- 
ander ähnlich werden. Entweder der Mensch oder 
irgend ein Gegenstand werden dem Zaubermittel ähn- 
lich — Chelidonium bzw. sein gelber Saft macht wert- 
loses Material zu Gold, eine bei Plinius genannte fabel- 
hafte feurig rote Pflanze steckt alles in Brand usw. 
— oder die Zauberpflanzen machen sich dem Menschen 
ähnlich, nehmen sein Ungemach auf sich und befreien 
ihn von seinen Übeln (Artemisia vulgaris). 

Die lösende Kraft der Zauberpflanzen offen- 
bart sich in der Wirkung der „Springwurzel" gegen- 
über Schlössern aller Art: Salomo sprengte die Felsen 
beim Tempelbau mit Salomonssiegel und ähnliches 
mehr. 

Der L i e b e s z a u b e r schließlich, den Bry onia, Lilium 
eandidum, Phallus impudicus (Signaturenlehre!) u. a. 
ausüben, gewinnt das Herz eines Jünglings oder Mäd- 
chens denjenigen, die die Kräfte der Zauberpflanze 
zu gebrauchen verstanden. 

3. Unter welchen Bedingungen äußern die 
Zauberpflanzen ihre Kraft? Vor allem müssen 
sie sachverständig gewonnen werden (Schweigen beim 
Sammeln, Kreuzweg, Johannisnacht, Vollmondschein, 
l'lanetenstellung) ; beim Gewinnen der Zauberpflanze 
ist ein Zauberwort oder Zauberspruch zu sprechen. 
Vor allem aber ist schließlich das Zaubermittel auf 
das richtige Objekt anzuwenden: das Wissen der mit 
ihm Behandelten ist bedeutungsvoll (Faust: Hexen- 
küche). Den Ursprung der Zeremonien , die beim 
Sammeln beachtet sein wollen, sieht der Vortragende 
in der Geheimniskrämerei der berufsmäßigen Zauberer 
und Medizinmänner, andererseits in dem Bedürfnis, 
Mißerfolge bequem erklären und auf ungenügende 
Beachtung der Zeremonien zurückführen zu können. 
In anderen Fällen mögen wohl auch richtige Beob- 
achtungen — über den Einfluß des Wetters auf die 
Heilkraft gewisser Pflanzen usw. (Rhizotomen!) — zu 
allerhand krausen Zeremonien ausgebaut worden sein. 

Der Vortragende schließt mit einigen Worten 
über die Industrialisierung des Zauber wesens: 
Handel mit Zauberpflanzen, künstliche Herstellung be- 
sonders auffällig geformter Alraune, Zucht der Zauber- 
pflanzen, sogenannter vierblätteriger Klee im Blumen- 
handel usf. 



73 



In der Sitzung am 23. November sprach Herr 
Prof. C. Giemen über Reste der primitiven Religion 
im ältesten Christentum. Der Vortragende erinnerte 
einleitend daran, daß die religiousgeschichtliche Be- 
trachtung des Christentums und seiner Vorstufe, der 
israelitisch- jüdischen Heligion, zuerst auf Analogien 
aufmerksam gemacht habe, die jene Religionen zu 
anderen zeigten, daß diese Analogien manchmal so 
frappant gewesen seien, daß sich die Frage aufgedrängt 
habe, ob hier nicht Christen- tiud Judentum von anderen 
Religionen abhängig seien , daß aber auch mit der 
Zurückfühvuug auf solche manche jüdische oder christ- 
liche Anschauung oder Einrichtung deshalb noch nicht 
erklärt sei, weil sie — ebenso wie manches in dem 
sonstigen Juden- und Christentum — in Wahrheit aus 
der sogenannten primitiven Religion stamme. Das sei 
für das Judentum vielfach anerkannt, weniger dagegen 
naturgemäß für das Christentum ; es solle also für dessen 
älteste Stufe, das Neue Testament, einmal an einigen 
Beispielen nachgewiesen werden. 

So wurde zunächst gezeigt, welche Spuren die 
verschiedenen Gegenstände des religiösen Glaubens 
der Primitiven im ältesten Christentum hinterlassen 
haben. Die Verehrung von Fetischen, speziell Steinen, 
wirkt in der Offenbarung Johannis insofern nach, als 
nach 2, 17 dem Überwinder ein weißer Stein gegeben 
werden soll, wie das in Neusüdwales bei der Pubertäts- 
weihe üblich ist, und daß nach 21, 19 die Grundfesten 
des himmlischen Jerusalems mit Edelsteinen geschmückt 
sein werden, die ursprünglich als mit besonderen Kräften 
ausgerüstet gelten. Ähnlich klingt hier und da noch 
die Verehrung der Elemente im populären Sinne des 



Wortes (Feuer, Wasser, Luft und Erde) an, sowie 
diejenige des Himmels und der Himmelskörper, der 
Pflanzen und Tiere. Auch der Herrscherkult, der 
manche Aussagen über Christus beeinflußt hat, geht 
auf primitive Anschauungen zurück, noch mehr die 
übermenschliehe Schätzung der Toten, die in der Notiz, 
der gerasenische Besessene habe sich in den Gräbern 
aufgehalten, nachwirkt, sowie der sonstige Geister- 
glaube, der an zahlreichen Stellen des Neuen Testa- 
ments vertreten wird. 

Von dem religiösen Verhalten der Primitiven 
klingt zunächst die Magie noch in manchen altchrist- 
lichen Ausdrücken und Vorstellungen nach, z. B. in 
der Redewendung: mit dem heiligen Geist oder iu 
Christus taufen, d. h. untertauchen, in seinem Namen 
Wunder tun usw. Der Kult wirkt in seiner spezifisch 
primitiven Gestalt nicht nach; wohl aber geht es in 
letzter Linie auf solche Anschauungen zurück, wenn 
manchmal neben dem Gebet das Fasten genannt wird. 
Und ebenso stammt endlieh der Glaube wenigstens 
an gewisse Vorzeichen, die die Gottheit den Menschen 
gibt, damit sie sich danach richten, schon aus jener Zeit. 

Sind es vielfach nur Ausdrücke oder Nebensachen, 
die sieh so erklären, so hat doch auch diese Erkenntnis, 
sofern jene uns nicht mehr verständlich oder annehmbar 
sind, etwas Befreiendes. Namentlich aber müssen alle 
einer überwundenen Vorstelluugsschicht angehörigen 
Anschauungen aufgegeben werden, wenn man durch 
Verkündigung des Christentums andere Völker auf eine 
höhere Stufe heben will. Und am wenigsten darf man 
Primitiven dasjenige predigen, was in Wahrheit Hin- 
ein Rest der primitiven Religion im Christentum ist. 



Literaturbesprechungen. 



C. B. Klunzinger: Erinnerungen aus meinem 

Leben als Arzt und Naturforscher zu 

Koseir am Roten Meer. 8°. 89 S. mit 

15 Abb. Würzburg, C. Kabitzseh, 1915. 

Gerade recht kommen jetzt, wo das Rote 

Meer wegen des Kampfes der Türkei mit den 

Engländern erhöhtes Interesse beansprucht, die 

Erinnerungen C. B. Klunzingers an seineu 

jahrelangen Aufenthalt am Roten Meer. 

Wir werden bekannt gemacht mit den 
Schwierigkeiten, mit denen der deutsche Arzt 
und Naturforscher dort zu kämpfen hatte, wie 
er es aber trotzdem verstanden hat, sich bei 
der Bevölkerung' beliebt zu machen. 



Reiche Ausbeute an zoologischem und bota- 
nischem Material erhielten vor allem deutsche 
Museen. Rassenanatomisches und rasseupatho- 
lo^isches Material zu sammeln, war ihm we^n 
der religiösen Anschauungen des Volkes nicht 
möglich, dagegen hat er mit offenen Augen 
die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen 
beobachtet und, abgesehen von Aufsätzen in 
verschiedenen Zeitschriften (Ausland, Globus), 
eingehend iu seinem Werke „Bilder aus Ober- 
ägypteu, der Wüste und dem Roten Meere" 
(Stuttgart 1877) beschrieben. 

F. Birkner. 



74 



Außerordentliche Allgemeine Versammlung 
der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft 

in Hamburg, am 18. Oktober 1915. 

Geschäftliche Verhandlungen: 

Nach der Satzung muß alljährlich eine Vorstandswahl stattfinden. Da im Jahre 1914 und 
auch im laufenden Jahre allgemeine Versammlungen mit wissenschaftlichen Verhandlungen nicht 
stattfanden, beschließt die Versammlung den im Jahre 1913 in Nürnberg gewählten Vorstand 
wiederzuwählen. Demnach besteht der Vorstand für 1916 aus folgenden Herren: 
Ehrenvorsitzender: Geh. Hofrat Prof. Dr. J. Ranke -München, 
1. Vorsitzender: Prof. Dr. A. Kr am er- Stuttgart, 

1. Stellvertretender Vorsitzender: Prof. Dr. R. Beltz-Schweriu, 

2. Stellvertretender Vorsitzender: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. H. Virchow-Berliu. 
Generalsekretär: Prof. Dr. G. Thilenius-Hamburg, 

Stellvertretender Generalsekretär: Prof. Dr. E. Fischer-Freiburg i. Br. 
S(-hatzm"eister: Prof. Dr. K. Hagen -Harnburg. 

Der Generalsekretär 

T h i 1 e n i u s. 



Zum Gedächtnis. 

Im Jahre 1915 hatte die Gesellschaft den Verlust zweier hervorragender Mit- 
glieder zu beklagen. Am 27. Februar 1915 starb im Alter von 52 Jahren 

Professor Dr. Eberhard Fraas, 

Konservator an der geologischen Abteilung des Kgl. Naturalienkabinetts in Stuttgart. 
Er war ein eifriger Teilnehmer der allgemeinen Versammlungen, die stets gerne 
seinem nüchternen, vornehmen Urteil in allen Grenzfragen der Geologie und Prä- 
historie folgten. 

Am 30. Juni 1915 starb im Alter von 66 Jahren 

Hofrat Dr. med. Alfred Schliz, 

Vorstand des Historischeu Vereins in Heilbronn. 

Die Deutsche Anthropologische Gesellschaft verliert in ihm einen verdienten Vor- 
sitzenden, die Wissenschaft einen gedankenreichen Forscher auf dem Gebiete der 
Schädellehre und einen treuen Pfleger der Vorgeschichte seiner schwäbischen Heimat. 
Das Andenken der beiden zu früh von uns geschiedenen württembergischen 
Forscher wird in unserer Gesellschaft nie verlöscben. 



Reklamationen und sonstige Mitteilungen 
sind an die Adresse des Herrn Professor Dr. K. Hagen, Hamburg 13, Binderstraße 14, zu senden. 

Ausyeyeben am 31. Dezember 1915. 



Korrespondenz-Blatt 



der 



Deutschen Gesellschaft 



für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 



Herausgegeben von 



Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg 



XLVII. Jahrgang- 1916 




Braunschweig 

Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Solin 

19 16 



Inhalt des XL VII. Jahrganges 1916. 



Seite 

Nr. 1 bis 3. Nachruf. Hermann Klaatseh 1 

Emil Fischer, Wer waren die minoischen Kreter V 5 

Bärthold. Eine Ergänzung der Mustertafel 9 

.Mitteilungen aus den Lokalvereiuen: 

Bonner Anthropologische Gesellschaft 11 

Literaturhesprechungen iy 

Nr. 4 bis G. Nachruf. Gustav Schwalbe 15 

Jahresbericht der Cölner Anthropologischen Gesellschaft l!l 

Sitzung der Anthropologischen Sektion der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg 30 

Bärthold, Ein Gebiet der Vorgeschichte, das der Orient beleuchtet 31 

Literaturbesprechungen 33 

Nr. 7 bis 0. Nachruf. Johannes Ranke 35 

F. Birkner, Die Vorgeschichte Bulgariens 41 

C. Mehlis, Mesolithische Stationen vom Donnersberge und aus der Vorderpfalz 47 

C. Mehlis, Ein Nephrithammerfragment in Bad Dürkheim 49 

Rechenbach, Ausgrabungen in Gr.-Platon 50 

Literaturbesprechungen 59 

Nr. 10 bis 12. Sigmund Feist, Archäologie und Indogermanenproblem Gl 

A. J. P. v. d. Broek, Zur Frage der willkürlichen Beeinflussung der kindlichen Schädelform ... 68 

E. Werth, Neue Paläolithfunde in Norddeutschland 70 

E. Werth, Hausers Micoquien 71 

C. Mehlis, Der Urtypus der Schmalhacke 72 

Bärthold, Von den Steingeräten der Völkerschaften in Sachsen-Thüringen 75 



Korrespondenz- Blatt 

der 

Deutschen Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg. 



Druck und Verlag von Fried r. Vieweg & Sohn in Braunschweig. 

XLVII. Jahrg. Nr. 1/3. Jährlich 12 Nummern. Jan./Mäi'z 1916. 

Für alle Artikel, Berichte, Rezensionen usw. tragen die wissenachaftl. Verantwortung lediglich die Herren Autoren ; s.S. 16 des Jahrg. 1894. 

Inhalt: Hermann Klaatsch f. — Wer waren die minoischen Kreter? Von Dr. Emil Fischer. — Eine 
Ergänzung der Mustertafel. Von Bärthold. — Mitteilungen aus den Lokalvereinen: Bonner Anthro- 
pologische Gesellschaft. — Literaturbesprechungen. 



Hermann Klaatsch f. 

Der Beginn des neuen Jahres hat der anthropologischen Wissenschaft einen schweren 
Verlust gebracht und unsere Gesellschaft eines ihrer eifrigsten Mitglieder beraubt: Am 
5. Januar verstarb plötzlich zu Eisenach der außerordentliche Professor der Anatomie, 
Anthropologie und Ethnologie an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Dr. 
med. et phil. Hermann Klaatsch, im 53. Lebensjahre. 

Klaatsch entstammt einer alten Berliner Arztfamilie, und schon den Schüler be- 
herrschten ausgesprochen naturwissenschaftliche Neigungen; als sechsjähriger Junge wird 
er unter den Donatoren des damals neu errichteten Berliner Aquariums genannt, dem er 
einige im Harz gesammelte Molche schenkte, und in den siebziger Jahren gründet er 
einen naturwissenschaftlichen Schülerverein, in dem er klar und anschaulich über astro- 
nomische, biologische, zoologische Dinge sprach. Seine Studienzeit begann er in Heidel- 
berg, wo ihn von Anfang an der Anatom Gegenbau r fesselte; später siedelte er nach 
Berlin über und wurde 1883 noch als Student Assistent am Anatomischen Institut unter 
Waldeyer. 1888 kehrte er als Assistent Gegenbaurs nach Heidelberg zurück. Er 
habilitierte sich 1890 für Anatomie und wurde 1895 außerordentlicher Professor für 
Anatomie in Heidelberg. Von hier aus unternahm er 1904 seine Forschungsreise zur 
Untersuchung der Eingeborenen Australiens, die ihn auch nach Tasmanien und Java 
führte. Bei der Rückkehr im Jahre 1907 erhielt er den Ruf an die Breslauer Universität, 
an der er auch Kustos der anatomischen Sammlung und Direktor des anthropologischen 
Instituts wurde. 






Wer die zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten überblickt, < lie Klaatsch veröffent- 
lichte, wird leicht zwei Perioden erkennen. In iler ersten behandelt er vergleichend- 
anatomische Themata, vor allem Krauen nach der morphologischen Bedeutung der Haut 
und ihrer Organe, auch des Skeletts. (Jleich vielen anderen Anatomen der achtziger 
und neunziger Jahre gehörl er zu Gegenbaurs Schule, und von der vergleichenden 
Anatomie her tat Klaatsch den Schritt zur Anthropologie, der seine Arbeit von 18'JII 
ab galt. Auf der Allgemeinen Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesell- 
schaft in Lindau erscheint er zum erstenmal als Vortragender, sein Thema ist: „Die 
Stellung des Menschen in der Primatenreihe und der Modus seiner Hervorbildung aus 
eiuer niederen Form." Es war die Zeit, da der Pithecanthropus erectus Duhois die 
Kraue Dach dem „missing link" neuerdings in den Brennpunkt rückte, und in diese Er- 
örterung warf Klaatsch den Satz: „Der Mensch ist eine primitive Primatenform, die 
Primaten sind eine primitive Mammalierform", einen Satz, den er gleich darauf im Globus 
noch erläutert: „Nicht zwischen Anthropoiden und dem Menschen, nicht zwischen irgend 
einem jetzt lebenden Affen und dem Menschen ist das Bindeglied zu suchen, sondern 
vom niedersten Primatenzustande aus . . . ist die Brücke zu schlagen." Die Untersuchung 
des Gebisses, der Greifhand und des Greiffußes hatten den vergleichenden Anatomen 
zu diesem Ergebnis geführt, der die ihm längst vertraute morphologische Betrachtungs- 
weise nun auf den Menschen anwandte. Der Vortrag, den die große rednerische Be- 
gabung und die ehrliche Überzeugung Klaatschs besonders wirksam machten, hatte einen 
unerwarteten und für den Vortragenden selbst überraschenden Erfolg: hier stießen neue 
Gedankengänge hart auf alte, eine Vermittelung war zunächst ausgeschlossen. 

Auch im folgenden Jahre in Halle tritt Klaatsch als Kämpfer vor, wenn er aus 
der morphologischen Untersuchung des M. biceps femoris und anderen Überlegungen 
folgert, hierdurch werde „die völlige Zusammengehörigkeit des Menschen mit den Primaten 
und den anderen Säugetieren so zur Evidenz erwiesen, daß man nicht begreift, wie noch 
in unseren Tagen der Versuch gemacht werden kann, den Menschen loszulösen von der 
übrigen Schöpfung". Ein Jahr darauf stellt er in Metz seine Anschauungen über „die 
Ausprägung der spezifisch menschlichen Merkmale in unserer Vorfahrenreihe" dar und 
verficht sehr entschieden die Sonderstellung der Neandertalrasse, nachdem er seil ist die 
Gliedmaßenskelette von Neaudertal und Spy, Schwalbe die Schädel untersucht hatte. 
Es bleibt Klaatschs Verdienst, die vergleichend-anatomische Betrachtung des Menschen 
wieder betont zu haben, ihm und Schwalbe ist es zu danken, wenn heute die Neander- 
talrasse als gesicherter Besitz der Wissenschaft angesehen werden kann. Die neue Er- 
rungenschaft ist indessen für Klaatsch zunächst wichtig unter dem Gesichtspunkt der 
Stammesgeschichte. In Merkel-Bonnets Ergebnissen usw. 1899 behandelt er „die 
fossilen Knochenreste des Menschen und ihre Bedeutung für das Abstammungsproblem" 
und findet, daß die fossilen Menschenreste keine Annäherung an die Affen in dem Häckel- 
schen Sinne verraten: das hohe Alter des Menschengeschlechts erscheint in immer deut- 
licherer Weise und das Problem des Tertiärmenschen kann für den Deszendenztheoretiker 
nur so lauten: „Waren die im Miozän selbstverständlich vorhandenen direkten Vorfahren 
des Menschen bereits so entwickelt, daß man sie als Menschen bezeichnen muß?" Seine 
Hypothese knüpft den Menschen an die paläozoischen Chirotherien, und der Neandertaler 
ist ihm ein „Durchgangsstadium zum rezenten Menschen". Als Klaatsch vier Jahre 
darauf in der gleichen Zeitschrift über „die Fortschritte der Lehre von den fossilen 



Knochenresteu des Menschen in den Jahren 1900 bis 1903" berichtet, hat er mit Gor- 
janovic-Kramberger die Funde von Krapina untersucht und auf Studienreisen durch 
Deutschland, Belgien, Frankreich, England die Reste der paläolithischen Menschen gesehen, 
so daß er seine Darstellung der Literatur mit eigenen Beobachtungen ergänzen kann. Als 
Ziel der Forschung sieht er die Beantwortung der drei Frauen: „In welcher Zeil des 
Tertiärs die Ausprägung der spezifisch menschlichen Merkmale an dem gemeinsamen 
Primatenahnen des Menschen und der Menschenaffen stattgefunden habe, an welcher 
Gegend der Erdoberfläche diese Menschwerdung erfolgt sei und welche Faktoren hierbei 
wesentlich eingewirkt haben?" Schoe ten sacks Hypothese, der Ort der Umwandlung 
sei Australien gewesen, führt dann Klaatsch zur Untersuchung der Australier und 
damit seiner ganzen Arbeitsweise entsprechend nach Australien selbst. Er will anthro- 
pologisches Material sammeln für die spätere Untersuchung im Laboratorium, aber auch 
den lebenden Australier studieren. Noch ein anderer als der rein anthropologische oder 
deszendenztheoretische Gedanke zwang Klaatsch zu seiner Reise. Die morphologische 
Untersuchung der fossilen Menschenreste führte ihn naturgemäß auf die chronologischen 
Fragen. Neolithikum und Paläolithikum waren scharf zu trennen, auch das Paläolithikum 
sellist mußte gegliedert werden. Wenn Klaatsch zunächst Mortillets Schema an- 
nahm, so ging er doch sehr bald eigene Wege, nachdem er die Mängel des Systems 
erkannt hatte, und wollte die Fauna zur Gliederung benutzen. Weiter aber galt seine 
Arbeit den Eolithen und er ging in Frankreich, Belgien, England den „Tertiär-Silexen" 
nach, um auch an ihnen seine Anschauungen über den Tertiärmenschen zu prüfen. Einen 
Maßstab für die Richtigkeit der an europäischen paläolithischen Stücken aufgefundenen 
technologischen Merkmale erwartete Klaatsch von der Sammlung australischer Stein- 
geräte und von der Beobachtung ihrer Herstellung. Seine Reiseberichte legen Zeugnis 
ab von dem Fleiß, mit dem er arbeitete, zugleich auch von der Vielseitigkeit des For- 
schers, der sich neben seinen ursprünglichen Aufgaben auch noch der Volkskunde zu 
widmen vermochte. 

Bald nach seiner Rückkehr konnte Klaatsch an einer Reihe der wichtigsten Ent- 
deckungen auf seinem eigensten Gebiete teilnehmen. Schoetensack hatte den Unter- 
kiefer von Mauer gefunden, in dessen anthropologischer Beurteilung er sich vollständig 
an Klaatsch anschloß. Im August 1908 barg Klaatsch zusammen mit Haus er den 
Homo Mousteriensis Hauseri, wie er ihn nannte, einen vollständigen Skelettfund der 
Neandertalrasse, bei dem auch unzweifelhafte Beweise für eine rituelle Bestattung auf- 
gedeckt wurden; 1909 folgte das Skelett von Combe-Capelle, der Homo Aurignacensis 
Hauseri, der gleichfalls diluvial, aber von der Neandertalrasse verschieden ist und dem 
jetzigen Europäer nahe steht. Beide Funde gehören heute zu den Schätzen des Museums 
für Völkerkunde in Berlin. An den Gegensatz der beiden diluvialen Skelette knüpfte 
Klaatsch weit ausgreifende Betrachtungen. Er hatte einst den Lis sau ersehen Dia- 
graphen verbessert und zu der üblichen Sagittalkurve noch Horizontal- und Transversal- 
kurven am Schädel eingeführt, außerdem aber das Instrument auch für die Untersuchung 
der Extremitätenknochen verwendet und hier eine eigene Methode ausgebildet. Sie kam 
ihm jetzt besonders zustatten. Er findet bei dem Aurignacskelett Merkmale des Orang, 
bei dem Neandertaler dagegen solche des Gorilla, bei beiden daneben europäische und 
australische. Es ist bezeichnend für Klaatsch, daß er in seinen Beobachtungen vor 
allem eine „Klärung über die Art des Zusammenhangs /.wischen fossilen Menschenrassen 



and Menschenaffen" findet; er nimmt jetzt zwei große Ströme der Vormenschheit an, 
einen östlichen und einen westlichen, deren jeder sich in Menschenrassen und Menschen- 
affen gegliedert hat. Unbeirrt durch den Widerspruch, den seine Ausführungen fanden, 
prüft er dann den neuen Gedanken an Gehirnen verschiedener Menschenrassen und 
Menschenaffen. Eine ausführliche Darstellung seiner Gedanken und eine Zusammenfassung 
seiner Arbeiten versprach das groß angelegte Reisewerk, das er unter der Feder hatte, als 
der Tod ihn abrief. 

Klaatsch bezeichnete sich selbst immer als Anatomen, nur daß er bei seinen ver- 
gleichenden Arbeiten nicht die niederen Wirbeltiere, sondern die durch ihre Gehirn- 
entwickelung zu den höchsten gewordenen untersuchte. Mochte er die endgültige An- 
erkennung der Neandertalerrasse erreichen, neue Funde bergen, neue Methoden schaffen, 
oder Fragen der Diluvialgeologie behandeln, den Paläolithen nachgehen und ethnograpische 
Beobachtungen machen, so kehrt er doch immer wieder zu dem Problem der Abstammung 
zurück, von dem er ausging und das er, wie seine Verwertung des Kampfes ums Dasein 
und der Zuchtwahl zeigt, im wesentlichen darwinistisch ansah. Vieles was Klaatsch 
erarbeitete, wird dauern, über anderes ist heute noch kein Urteil möglieh. Alle Hypothesen 
und Theorien haben ihre Zeit; für diejenigen, die Klaatsch aufstellte, wird aber der 
Satz gelten, den er selbst über die Australierhypothese Schoetensacks schrieb: sie 
gehören zu denjenigen, „welche die Wissenschaft nicht schädigen, sondern fermeutartig 
belebend auf den Gang des Meinungsaustausches und auf die Herbeischaffung neuen 
Materials einwirken". Klaatsch besaß eine Eigenschaft, die unter Gelehrten nicht allzu 
häufig ist, Phantasie. Sie ließ ihn gelegentlich Lücken unterschätzen und durch Hypothesen 
überbrücken, die noch zu prüfen waren, aber dieselbe Phantasie befähigte ihn auch zur 
zusammenfassenden Darstellung und zu einer Fülle von Anregungen. Er gab sie den 
Lesern seiner flüssig geschriebenen Veröffentlichungen und den Hörern seiner Vorträge, 
nicht zum wenigsten auch seineu Schülern, die in ihm den glänzenden Lehrer und mit seinen 
Freunden zugleich den guten Kameraden und warmherzigen fröhlichen Menschen ver- 
ehrten. Der Anthropologie werden die fleißigen Arbeiter nie fehlen; mögen ihr auch in 
Zukunft gedankenreiche Forseher beschieden sein, so wie Klaatsch einer war und in 
der Erinnerung seiner Fachgenossen fortleben wird. Th. 



"Wer waren die minoischen Kreter? 

Von Dr. Emil Fischer (Bukarest). 



J ) IliXayoq = Meer, See; Nebenform: ne'naayoi 
(näheres bei Beloch, S. 70, Note 2). Pelagonen 
(Niederländer) = Pelasger. IlcXuyovia, Landschaft 
Makedoniens. Strb. 

2 ) „Nam tota fere ora (Asiae minoris) ad occasum 
vergens quondam Pelasgis impleta fuisse ..." 

3 ) Herodot, der doch aus Karien stammte, sagt, 
daß die Karer und Leleger dieselbe Sprache redeten. 



Es ist noch nicht so lange her, daß die 
ernste Wissenschaft die meisten Berichte über 
die Pelasger 1 ) in das Reich der Mythe ver- 
wies. Noch Niebuhr (Römische Geschichte, 
1833) mußte gegen diese Voreingenommenheit 
ankämpfen: „Nicht aus Hypothese, sondern mit 
Voller historischer Überzeugung, sage ich, 
daß eine Zeit war, wo die Pelasger, vielleicht 
damals das ausgedehnteste aller Völker 
in Europa, vom Padns und Arnus bis gegen 
Bosporus wohnten — , daß die nördlichen In- 
seln im Ägäischen Meer die Kette zwischen 
den Tyrrhenern Asiens und dem pelasgischen 
Argos erhielten." 

Welche Wandelung der Anschauungen über 
die griechische Vor- und Frühzeit selbst in der 
kurzen Zeit der letzten zwei Jahrzehnte Platz 
gegriffen hat, zeigt uns aufs deutlichste 
K. J. Belochs „Griechische Geschichte", 
1912. Zweite Auflage. S. 21 bis 26, 68 bis 72, 
74, 75, 77, 96 bis 125. 

Nach den alten griechischen Autoren (Homer, 
Äschylos, Dionysios von Halicarnass, Dio- 
dorus Siculus) waren die Pelasger die Be- 
gründer der europäischen Kultur. Sie haben 
die Menschen gelehrt, sich Hütten (xccXi'ßas) 
zu bauen, Ackerbau zu treiben, Gesetz und 
Rechte zu achten („ÖtxouoL Tlslaöyoi 11 ) und die 
Götter zu ehren („isooi Ilslccöyol"). Homer 
nennt sie die „guten", ja geradezu „Slot, ts 
Tl£Xa6yol u . Auch Diodorus Siculus schreibt 
ihnen die Begründung der Kultur in Kreta zu. 
Die Schaffung des ältesten griechischen Heilig- 
tums in Dodoua war auch ihr Werk (Zsvg 
nakaöyixi L g). Herodot sagt: ro ' ' Axxvxov 
sdvog iöv Htl.a6yiY.6v. Noch Thukydides 
berichtet, daß viele athenische Familien sich 
pelasgischer Abkunft rühmten. 

Aber nicht nur war ehemals auch Ulyrien 
und Thrakien (mit Einschluß des alten Daker- 
reiches) von ihnen bewohnt, auch Kleiuasien 
war von ihnen besiedelt 2 ). Nach Mela waren 
die Karer, nach Stephanos Byz. die Le- 
leger 3 ) Pelasger. Von dort aus sollen beide, 



unter dem Namen der Tursener (Etrusker), 
nach Italien ausgewandert seien (I, 94). Die 
Trojer und Phrygier waren Thraker (Bryger), 
also ehemalige Pelasger. Aber noch weiter, 
bis nach Paphlagonien, nach Kappadökien, bis 
nach Arabien, ja sogar bis au den Indus sollen 
pelasgische Kolonisten gelangt seien; ganz na- 
türlich, daß sie nach Unterägypten, an den 
Nordrand Afrikas, nach Gallien und Iberien 
verschlagen wurden. 

Diodor berichtet auf das bestimmteste, daß 
die Kreter die Erfinder der Schrift seien. Ihr 
Alphabet sei später zu den Phönikern gelangt 
und erst von diesen (umgeändert) au die Griechen 
weitergegeben worden. 

Daß ein Volk, das in so weiten Wohnsitzen 
— in drei Erdteilen — siedelte, kein einheit- 
liches war und nicht einheitlich bleiben konnte, 
ist sicher. Kleinere Kolonien sind in der ganz 
barbarischen Urbevölkerung, unter der sie an- 
sässig waren, wahrscheinlich bald untergegangen, 
größere aber sind im Laufe der Zeit doch auch 
merklich verändert worden. 

Jedenfalls sind die Pelasger im Neo- 
lithikum in Europa erschienen. 

Wir müssen sie aus mancherlei Gründen, 
darunter auch sprachlichen, für Arier halten, 
etwa für die ersten Stämme, die sich von den 
„Indogermanen" abspalteten und nach Süden 
und Südwesten auswanderten. 

Überaus wertvoll zur Zeitbestimmung sind 
die prähistorischen Knochenfunde aus 
Kreta, die von Dr. Hazzidakis (Direktor des 
Archäol. Museums in Kaudia) an C. Keller 
übergeben und von diesem in der „Viertel- 
jahrsschrift der naturforschenden Gesell- 
schaft zu Zürich" besprochen worden sind. 
Diese Kuochenreste stammen aus dem Neo- 
lithikum und gehören der alt-, mittel- und 
spätminoischen Zeit an 1 ) und dem Be- 
ginu der Eisenkultur (1200 bis 1000 v.Chr.). 



a ) Die altminoische Schicht hat eine Mächtig- 
keit von 6 m, die anderen von 5,5m. Die neoli- 
thische Zeit mag etwa in der ersten Hälfte des 
5. Jahrtausends begonnen haben, hierauf folgte um 
3000 bis 2500 die Stein — Bronzezeit, endlich die 
Bronzekultur, die augenscheinlich von Kypros aus- 
ging. Daran schloß sich die Eisenkultur, deren 
Beginn etwa in die Zeit des trojanischen Krieges ge- 
setzt werden kann. Evans unterscheidet drei Pe- 
rioden: Early-, Middle- (sogenannte Kamareszeit) und 
Late-Minoan (m\ kenische), die er dann wieder in \e 



Dat. bevorzugte Haustier 4er jüngeren Stein- 
zeit war <las Rind. Daneben kommt ein 
II aussehwein vor (das der Sus indicns- 
Rasse angehört) und eine Hausziege, die aber 
nicht von der einheimischen Wildziege ab- 
Btammt. Spärlich tritt auch das mit dem Torf- 
schaf verwandte Hausschaf auf. 

In der mittelminoischen Zeit erscheint ein 
neuer großer Rinderschlag, wie er in dem 
Palast des Minos, dann in Mykenä, ferner 
auf dem Hecken von Amyklä mehrfach ab- 
gebildet ist. 

In der spätminoischen Periode (Blüte der 
kretischen Bronzekultur) tritt das Pferd auf, 
das nur von außen (und zwar aus Kleinasien) 
eingeführt sein konnte. (Auf einem kretischen 
Täfelchen ist ein Streitwagen und daneben ein 
Pferdekopf abgebildet.) Jetzt erscheint auch, 
zum erstenmal, ein großer (Wind-)H und. 

Mit der Eisenzeit beginnt der Niedergang 
der alten höheren Kultur. Jetzt tritt auch der 
Esel auf, die .Haustaube und die Honig- 
biene. 

Durch den Einbruch der Dorier in Kreta 
(Bauernkultur), ist die alte pelasgische Bevölke- 
rung nach dem Osten und Westen der Insel 
abgedrängt worden 1 ) und hat sich dort, unter 
dem Namen der Eteokreter 2 ), noch jahr- 
hundertelang erhalten. Von ihr sind einige 
Inschriften vorhanden, die zwar in griechischen 
Buchstaben, aber in einer uns (bis jetzt noch) 
unverständlichen Sprache abgefaßt sind. 

Die bekannten kretischen Täfelchen (aus 
dem Palaste von Knossos) sind teils in einer 
Linear-, teils in einer Art vou Bilderschrift ge- 
halten 3 ). Der Schild von Phästos scheint 
vielleicht von außen importiert zu sein. Die 
einzelnen Bilder (Tiere. Menschen, Pflanzen, 
Werkzeuge, Schiffe u. dgl.) sind mit Stempeln 
in den weichen Ton eingedrückt und der Ton 



drei Teile zerlegt. Er rückt mit ihrem Beginn 
bis zum Jahre 12 000 bis 10 000 hinauf, was jedenfalls 
zu weit gegangen ist. 

l ) Kreta war ehedem gerühmt worden wegen seiner 
100 Städte. 

ä ) 'Etsöq = wahr, wirklich, echt. Die Schädel aus 
den vorgriechischen Gräbern auf Kreta sind, wie die 
griechischen, dolichokephal; Gesichtswinkel 75,7, mittlere 
Kapazität 1388,7 com. Das Haar der Eteokreter ist 
auf den Wandgemälden dunkel, während die Griechen 
(anfänglich) wie die Thraker vorwaltend blond waren. 
Die „Philister" auf dem Diskus von Phätos haben 
gerade Nasen. 

3 ) In solcher Bilderschrift erscheinen namentlich 
die zahlreichen Siegel und die Aufschriftmarken. Die 
letzteren sind gelocht und wurden offenbar Krügen, 
Säcken od>T sonstigen Gegenständen umgebunden, um 
den Besitzer festzustellen. 



nachher gebrannl worden. Man hält die helm- 
buschgeschmückten Krieger einstweilen für 
Philister. Ob die beiden Frauengestalten mit 
den bauschigen Köcken und den großen, nackten 
Brüsten mit Recht für die Göttin Kybele 
(Rhea) gehalten werden, möchte ich bezweifeln. 
Dergleichen Frauen (mit so großen, nackten 
Brüsten) begegnen uns auch auf einem Gold- 
ring aus Mykenä und auf Glasflüssen von 
Amyklä. Die Tierköpfe des Schildes erinnern 
ganz und gar an chetitische Hieroglyphen. 

Die kretische Linearschrift scheint (der 
Kürze der Worte wegen) eine Silbenschrift ge- 
wesen zu sein , vielleicht auf dein Übergang 
zur Lautschrift. Der Beginn des Satzes ist 
durch ein liegendes Kreuz (x) bezeichnet, sehr 
selten durch ein stehendes (+). Durch diese 
Bezeichnung ist es kenntlich gemacht, daß die 
Lesung der Zeilen manchesmal in einer ver- 
schlungenen Linie, andere Male geradezu bou- 
stiophedisch ausgeführt werden muß. Die Zahl- 
zeichen sind bekannt, das System war de- 
kadisch, also auch nicht orientalisch, nicht 
assyrisch-sexagesimal. Eins wurde mit einem 
geraden oder gekrümmten stehenden Strich 
| ) ], Zehn mit einem liegenden ( — ■) bezeichnet. 
Hundert hatte das Zeichen •, Tausend eine 
rhombische Figur Q. Vielleicht bedeutet das 
Zeichen V ein Viertel. 

Die „kretischen Täfelchen" sind bisher noch 
nicht gelesen. Man darf aber annehmen , daß 
sie in einem pelasgischen Idiom abgefaßt 
sind. Leider sind uns vom „Pelasgischen" 
nur sehr, sehr bescheidene Sprachreste erhalten 
geblieben 1 ). Diese wären etwa a ): 

ababa (thrak.), Mutter. Capit. Maximini duo. 

' Ibbü, (panuon.), Vater. Anonym. Belae. o2. 

aesar (etrusk.), Gott. Suet» Oct. 97 (nach 
Hesych. algol). 

ttlu, (pelasg. in Karien), Pferd. Steph. 
Byz. (Alauen). 

Ahßccxog, Berg in Karien. 

'^(iviöög, Fluß und Hafen in Kreta. Odyss. 

ava^VQideg, weite und lauge Hosen der 
Skythen 3 ) (Ilerod.). Braccae der Goten (Ovid.). 



: ) Vgl. dazu das „pelasgische" Glossar, das in 
N. Densusianus „Dacia preistorica" enthalten ist. 
Bukarest, 1913, S. 1070 bis 1110. 

2 ) Die zahlreichen dakischen Pflanzennamen , fer- 
ner die topographischen Benennungen (Berge, Flüsse, 
Ortschaften) aus dem Thrakergebiet sind hier nicht 
aufgenommen, auch die Eigennamen nicht, alles zu- 
sammen einige Hundert. Ein großer Teil davon findet 
sich bei mir in der „Herkunft der Rumänen" und in 
der Kulturhist. Paläontol. d. rumän. Sprache. 

3 ) Die Skythen werden von Steph. Byr. i-lhot, 
Hi),-'y,iui genannt. 



Aplu (etrusk.), Apollo. Die dakische Stadt 
Aplum = Apulum. 

agyillog (thrak.), Maus. Herakl. Fr. 42. 

clpyc'i,' und agyog (pelasg.), Acker. Hom. 
II. II, 681. 

tXQifioi (skith.), eins. Herod. 

"Aq£,os, Stadt und Fluß in Thrakien. Ptol. 

aö-fv (skyth), eine Art Brot. Herod. 

ßafajv (phryg-), König. Hesych. (Dece-bal.). 

ßsÖv (phryg.), Wasser. Didym. Clem. 
Alex. Strom. V. 

ßsSv (makedon.), Luft. Neantes Cyz. Fr. 27. 

ßexxog (phryg.), Brot. Herod. II, 2. 

Bäx%og (thrak.), Dionysos. 

ßävÖa (pelasg. in Karien), sieben. Steph. 
Byz. 

banus (alan.), König. Z. B. Sangi banus. 
Dasselbe ist in Boiorix enthalten. 

ßarrog (libysch), König. Her od et. 

Bato, Batto (thrak. uud pannon.), Namen. 

z/ta (pelasg.), Tag (in Kreta). Macr. 
Sat. I, 15, 

däßa, Öäva, öißa (dakisch) = Dorf. Diva 
in Siebenbürgen, vgl. die vielen dakischen 
Ortschaften auf -dava. Die Daker selbst hießen 
auch Dai und Davi (Strob. Plant.) Terent 
H o r a t. 

' E^upTiaiog (skyth.) = ' loa! bSol (Herod.) 
= sacrae viae. 

yayvlr) (in Bithyn., Thrak., Lydien), Gold- 
amsel. 

gurgula (in Pannon.), Goldamsel. 

yikag (bei den kleinasiat. Karern), König. 
Steph. Byz. 

Eister (getisch), die Donau. Jörn. Get. 12. 

A'ajuaoa, Stadt auf Kreta. Steph. Byz. 
(Kamaresvasen). 

Kävvaßig (skyth., thrak.), Hanf. Herod. 

Lar pl. Lares (etrusk.), Herr. (Liv. 2, 9). 

M&, Mä, rä (1yd.) = Rhea , Mater Terra. 
Steph. Byz. 

oto'o (skyth.), Mann) öio'p Tiara (Herod.), die 

natu (skyth). töten j männertötenden Ama- 
zonen. 

TJanaiog (skyth.), der oberste Gott (Herod.). 

Tläga, TiaQOv, tioqo (thrak.), Bach, Fluß 
(Suida). 

niktov (thrak.) Schild (Suida). 

TIixsqiov (phryg.), Butter. Arist. Hyponxm. 6. 

niaxösvra (pannon.), eine Art Pfannkuchen 
(Suida). 

IKq (phryg.), Feuer (Ed. Didot I, 302). 

ra (? raiu) (pelasg.), König. 

rix (pelasg.), König. 



öayaQig (skyth.) Kriegsbeil (Herod., Strab.). 

sagum (dak., skyth.), Wollmautel. Pollio, 
XXX. 

Exv&ai bedeutet (nach Liv. 28, 2) Schild- 
träger; auch die Perser benannten sie (nach 
Herod.) Eäxoi (griech. = Schild). 

strava (dakisch), Leichenmahl (Jörn. c. 49). 

faba (1yd.), Felsen. Steph. Byz. 

TaTiai, Ort im südwestlichen Dakien (Dio 
Cass.). 

Tabae, ein Paß in Dakien (Jörn.). 

TeMan«icta(skyth.) = MeotischeSee. Plin. 6,7. 
Meotiu (Skythae) Temarinda (vocant). 

fteovg (pelasg.), die Götter, Herod.; get. 
d(o(g), £(o(g), £«A; dor. dtog; lakon. 6idg. 

Zsvg (pelasg.), der oberste Gott; eolisch 
zlsvg. SSsvg. 

^Oflßgog (thrak.), wilder Ochse, Hesych.; 
lat. urus. 

Das wären etwa die Vokabeln (aus N. Den- 
susianus Glossar), die man aus den alten Autoren 
als „pelasgisch" nachweisen kann. 

N. Densusianu hat daneben aber auch 
Vokabeln aufgenommen, die (aus Jakobitz und 
Seiler) sich als griechisch erweisen. Im Buch- 
staben A allein sind es 57; doch sind ihrer 48 
dem klassischen Griechisch fremd '). 

Es ist ganz sicher, daß in die griechische 
Sprache vom Norden her (von Thrakien und 
vom Pontus) allmählich viel Sprachgut ein- 
gewandert ist, das durch seine indogermanische 
Verwandtschaft der Einverleibung keine Schwie- 
rigkeit bot. Auch die griechische Theogonie 
stammt zum größten Teil vom Norden. Man 
denke nur an den Dionysos- und Herakles- 
kult, ferner an Hermes. Orpheus, die Mä- 
naden und Korybanten stammen von Thrakien. 
Die Herakliden, die Dorier haben nördliche 
Sprach- uud Kulturbereicherungen mitgebracht, 
nicht zum wenigsten die Makedonier Alexanders 
des Großen. 

Diese Andeutungen können genügen. 



1 ) Aapas, 


Albion, 


Aphi, 


Aaru, Ann/, 


Albocola, 


Apo, 


ababa, 


Albula, 


Apiiliuit, 


Ababus, 


Album, 


araesa , 


, Abbä, 


Albus, 


arborria, 


Abbat , 


alpus, 


'AQytittois 


AbovXu, 


Altanus 


Arinx, 


Alter, 


Äktttvai, 


"Aqaa, 


ach, aeha, 


alutatium, 


''AoGBI'K 


aesar, 


alutia. 


''AoCof, 


Aeter nitatem, 


Aliäum, 


AffttQäxaX, 


aiEToq, 


anti, ankh, 


'Aaaoü&, 


t'cX«, 


Anxurus, 


ÜG-/V, 


Alba, 


Ana, 


'AaiXba 


'AXßuxof, 


Apa miliar i, 


ulli<, 


älbeum, 


Aphas, 


Austravia. 



Zur Aushilfe ist es vielleicht erlaubt, auch 

das Altil lyrische heranzuziehen ' ). Die Illyrier 
(Albauesen) haben sich in ihrem Kern ziem- 
lich unbeeinflußt von anderen Völkern erhalten: 
in Sprache, in Sitten iiml Gewohnheiten und 
auch rassenhaft 2 ). Ks sind uns sehr viele alte 
illyrische Personen-, Völker-, Orts- und Länder- 
namen erhalten. Auch ein i II y riscbes Glossar 
läßt sich noch herstellen, das namentlich Haus- 
tier- und Pflanzennamen enthält. Vielleicht 
kauu man damit etwas anfangen, zumal da ein 
ansehnlicher Teil der Täfelchen kurze Auf- 
zeichnungen über Abgaben (Steuerleistungen, 
Lieferungen) u. dgl. zu enthalten scheint. 

In meinen „Sprachlichen und ding- 
lichen Parallelen im alteu Thrakergebiet" 
[Anthropos 1913, Bd. VIII 3 )] habe ich gezeigt, 
daß sich in diesem großen Ländergebiet (in 
Sprache, in Sitteu und Gewohnheiten) doch noch 
manches Gemeinsame nachweisen läßt. 

Da einstweilen mit der Lesung der Täfelchen 
uicht weiter vorwärts zu kommen ist — übrigens 
stehen ja die von A. Evans versprochenen zwei 
Bände der „Scripta Minoa" noch aus — , so 
habe ich die eteokretischen Inschriften 
einer Prüfung unterzogen. Dr. Hazzidakis 
hatte die große Liebenswürdigkeit für mich 
drei Inschriften abzuklatschen und die eine 
obendrein auch zu photographieren. Alle drei 
sind, wie Dr. Hazzidakis mitteilt, schon ander- 
weitig publiziert worden, sind mir aber hier 
unerreichbar geblieben. Sie stammen aus den 
Ruinen der alten eteokretischen Stadt Jl^aiödg. 
Nr. 1 (auch photographiert) ist sicherlich die 
älteste; die Buchstaben sind von altgriechiscber 
Form und sind in den Zeilen bald rechts, bald 
links gewendet, so daß sie offenbar boustrophe- 
disch gelesen werden mußten. Die beiden an- 
deren sind in dem jüngeren griechischen Al- 
phabet gehalten. In der Inschrift Nr. 3 lese 
ich *): 

. . . HzJH.JEJ . . 
. . . SinEIPAPI . 



IPOYKJEZ 



') Die einzige „thrakische" Sprachprobe, die uns 
erhalten ist , enthält die bekannte Grabinschrift von 
der Insel Lemnos, die in die Zeit um 550 v. Chi-, ver- 
legt wird. Ihre Lesung ist von verschiedenen Seiten 
(Dr. Wilser-Heidelberg, N. Densusianu, Breal) ver- 
sucht, aber nicht endgültig festgestellt worden. 

'-) Vgl. meine Arbeit „Wer sind die Albanesen"? 
Korrespondenzbl., Hamburg 1914. 

3 ) Vgl. auch Korrespondenzbl., Hamburg, Januar, 
1914. 

4 ) Die verstümmelten Buchstaben und (einstweilen) 



Es scheint also von irgend einer Göttin und 
von dem Weihgeschenk eines Hierokles die 
Rede zu sein. 

Wenn nun auch der Einfluß der griechischen 
Kultur und Sprache auf die Eteokreter in An- 
schlag zu bringen ist, so darf doch auch aus 
dieser Inschrift geschlossen werden, daß die 
Kreter keine Orientalen (Semiten) waren, son- 
dern zu den „arischen" (indogermanischen) 
Völkern gehört haben. Auch Conway (teste 
Beloch, S. 75) betont, daß ihre Sprache nicht 
semitisch ist und indogermanisch sein könnte. 

Gerade so wie in Kreta, ebenso kommt in 
Thrakien, in Mykenä und in Karien die Doppel- 
axt (kußQog), als kultisches Symbol, vor. Schon 
bei den alten Pelasgern steht die Zeus Ver- 
ehrung | Jupiter Lapis 1 )] an der Spitze. Zeus 
war (der Sage nach) auf Kreta geboren und 
auch dort begraben. Er war also — vor seiner 
Vergöttlichung: — sicherlich ein einheimischer 
großer Heerkönig gewesen. Ein weiterer Be- 
weis des hohen Ansehens, in dem die kre- 
tische Kultur stand, ist es, daß der König 
Minos und sein Bruder Rhadamantus als Richter 
in der Unterwelt bestellt waren. 

Die Seemacht Kretas erstreckte sich ehemals 
weit in das umliegende Meer hinaus. Noch zur 
Zeit des Theseus waren ihm die Athener tribut- 
pflichtig. 

In Ägypten wurden die Kreter Pulsat oder 
Keftin, von den Juden Keretim oder Kreti 
genannt. 

Nach den Funden in Kreta und in Mykenä 
scheint es nun erwiesen, daß auch der Kultus 
der Aphrodite nicht erst von der babylonisch- 
cyprischen Aschtoret-Astarte herstammt, sondern 
seinen Ursprung im Reiche des Minos hatte 2 ). 

Ein Aufenthalt in Kreta könnte vielleicht 
raschere Klarheit schaffen. Leider gestatten es 
meine Verhältnisse nicht, die kretischen 
Täf eichen an der Quelle zu studieren. Wie 
leicht habe ich manches in Delphi und in 
Olympia begriffen, was mir am heimischen 
Studiertisch nicht einleuchten wollte 3 ). Auch 
in dem Archäologischen Museum in Sofia habe 
ich mehr von den alten Thrakern kennen ge- 
lernt, als aus Büchern. 



x ) In manchen Gegenden Rumäniens schwören die 
Bauern heute noch mit einem Stein in der Hand. 

-) Vgl. dazu die nackte Göttin mit der Taube. 
Auch Beloch sagt, daß auf Kreta babylonische Ein- 
flüsse fast ganz fehlen (S. 105). 

i \uch Beloch tritt für den Augenschein „an 
Ort und Stelle" ein (S. 105 u. 106, Anm. 3). 



Nach der „Griechischen Epigraphik" 
von Dr. Wilh. Larfeld (München 1914) sind 

bisher (S. 19S) nur zwei Bilinguen bekannt 
geworden: 

1. eine punische Votivstele vom Kap 
Lilybäum mit zwei kurzen Weihinschriften des 
Hannon (Adonbaals Sohn) in phönikisch- 
raykenischen Charakteren und 

2. eine assyrisch-hettitische oder viel- 
leicht assyrisch-mykenische Bilingue. 

S. 199. Doch sind die mykenischen Zeichen 
in derart verschwommenen und flüchtigen Linien 
eingeritzt, daß bei der Vielgestaltigkeit der 
Buchstabenvarianten die punische Lesung mehr 
in sie hineininterpretiert werden muß, als sie 
aus ihnen herausgelesen werden kann. 

Der vorliegende Aufsatz war schon vor zwei 
Jahren dem „Anthropos" (S. A. Gabriel-Möd- 
ling bei Wien) eingereicht und gedruckt worden, 
ist aber der Kriegszeit wegen dort nicht er- 
schienen. Er wird nun im Korrespondenzblatt 
veröffentlicht. Inzwischen ist von Ed. Meyer, 
„Reich und Kultur der Chetitei" er- 
schienen, wodurch viel neues Licht auch auf die 
alte kretische Kultur fällt. 



Von größter Wichtigkeit ist aber die Nach- 
richt dw Neuen Freien Presse (Wien), daß 
es dem dortigen Prof. Friedrich Hrozny ge 
hingen ist, die chetitischen Hieroglyphen zu 
entziffern und die Schrift zu lesen. Nach Prof. 
Hrozny (an den ich mich sofort brieflich ge- 
wendet) ist die ehetitische Sprache zweifel- 
los indogermanisch. 

Nach Ed. Meyer sollen ehemals die Be- 
wohner von Kauuos (in Karien) aus Kreta 
eingewandert sein; auch die Lykier sollten von 
Kreta stammen, obwohl das Lykische dem 
Eteokretischen nicht ähnelt. Im kretisch-myke- 
nischeu Kulturkreis finden sich Parallelen zu 
den chetitischen Dämonen (menschlicher Leib 
mit Stierkopf). Ob sie dort von den Chetitern 
entlehnt sind oder aber zu dem alten Kulturgut 
der kretischen Bevölkerung gehören, wird wohl 
bald entschieden werden. 

Prof. Hrozny kann mir seine Arbeit wäh- 
rend der Kriegszeit leider nicht znschicken, 
nachher aber wird es geschehen und ich werde 
dann in der angenehmen Lage sein, den Lesern 
des Korrespondenzblattes Näheres mitzuteilen. 
Hoffentlich fällt nun auch auf die niiuoische 
Kultur klärendes Licht. 



Eine Ergänzung der Mustertafel 1 ). 

(Von Bärthold- Halberstad t.) 



Die regelrechten Muster der Spiral-Mäander- 
kultur, die im Harzgau zur Anwendung kamen, 
dürften nun vollständig vorliegen; die ganze 
Schönheit der Verzierungen kommt nun zur An- 
schauuno-. 

Fig. 1 zeigt die Weiterführung des laufenden 
Hundes zum vollen Spiralbande. Sie ist neben 
dem gewöhnlichen laufenden Hunde (Fig. 2) in 
Gatersleben zwischen Halberstadt und Aschers- 
leben gefunden. Beide Verzierungen in ganz 
ähnlicher Ausführung ebenfalls, nur umgekehrt, 
auf Flasche und Napf verteilt, sind auch im 
eigentlichen Harzgau ans Licht gekommen. Von 
der Doppelspirale ans (Mustertafel 8) war ein 
Band nicht zu zeichnen. 

Auch die Zuversicht, die ich damals aus- 
sprach, hat sich erfüllt, ja war schon erfüllt: das 
Mäanderband ist nachzuweisen. Auf Anregung 

') Korrespondeuzblatt 1914, Nr. 5. 



des Sanitätsrates Friederich in Wernigerode 
üeß der damalige Graf 1859 einen Hügel von 
18 m Durchmesser in Minsleben abtragen. Ein 
großes Grab enthielt er nicht, nur einige eisen- 
zeitliche Bestattungen, aber auf dem Grunde 
war der Nachlaß einer Siedelung der Spiral- 
Mäanderkultur. Die Leute waren in Ruhe fort- 
gezogen, sie hatten alles Brauchbare mitgenommen, 
während au anderen Orten über hundert tadel- 
lose Werkzeuge zurückgelassen sind, dafür waren 
die Scherben größer und mehr zusammenpassend 
als sonst. Die Funde sind in das Museum zu 
Wernigerode gekommen und von Friederich 
1868 vortrefflich abgebildet. Seine „Beiträge 
zur Altertumskunde" sind jedoch nicht mehr 
im Buchhandel und daher nur wenig bekannt. 
Zwei Seherben von dort zeigen das richtige 
Mäanderband (Fig. ■'!). Die Verbindungslinie, 
die durch Punkte angedeutet ist, blieb auf den 
Scherben nicht erhalten, ist aber unzweifelhaft. 

2 



So gibt, es wirklich bereits in dieser Kultur 
die beiden ausgezeichneten Verzierungen, das 
Spiralband und das Mäanderband, die dann erst 
wieder in der späteren Bronzezeit und der 
spateren Eisenzeit gefunden wurden. Die beiden 
vollendetsten Ornamente linden sich aber sehen: 
viel häufiger sind einzeln oder paarweis stehende 
Mäanderzüge und der laufende Hund. 

In dem Beriebt über seine Ausgrabung in 
Lissdorf betont Schuohhard (Prähist. Zeitschr. 



Fig. 1. 




Fig. 




1914), daß die Verschiedenheiten der Spiral- 
Mäanderkeramik und der Hinkelsteinkeramik in 
Form and Verzierung mit Verschiedenheit in 
Gebräuchen zusammengehen; einerseits hockende 
Skelette mit ausländischem Muschelschmuck und 
Elfenbeinnägeln, andererseits gestreckte Skelette 
mit einheimischen Muscheln und Schnecken- 
häusern, was auf eine andere Kultur, einen 
anderen Volksstamm hinweist. Die Ableitung 
der einen aus der anderen bleibt indes immer- 
hin möglich, denn die Umwandlung der Gefäße 
kann eingetreten sein, als die Verbindung nach 



dem Süden aufgehört hatte und Freude an Neuem 
aufkam. Fig. 4 wird als Übergangsform zu 
beurteilen sein. 

Es ist der häufige paarweise Mäanderzue, 
auf den der Ausdruck von Hoernes „gebrochene 
Spirale" so gut paßt, da er ganz das Seitenstück 
zu der paarweis stehenden Spirale ist; die Aus- 
führung aber ist ganz die vom Hinkelstein und 
Ozaslau. Die beiden vorhandenen Scherben sind 
ebenfalls von Minsleben, und außer ihnen laireu 



Fig. 3. 



<*<<<< <<<< 



^><<< < A << < <a 


A 

A 
A 


A 

A 
A 




A 
A 

A 
A 
A 
A 


A < < <d A < 






A 

A 

v^ A 





Fig. 4. 




dort noch andere mit denselben dreieckigen 
Eindrücken auch in den breiten Bändern des 
Hinkelsteinstils bis zu neun Reihen, und zwischen 
je zwei Reihen mit größeren Dreiecken eine mit 
kleinen. Eine Spirale aus dreieckigen Ein- 
drücken hat Grössler von Gross Oerner be- 
kannt gemacht (Jahresschr. für die sächsisch- 
thüringschen Länder 1908). In Böhmen kann 
Jira Übergänge nachweisen (Mannus 1911). 
Das mühselige, sorgfältige Nebeneinander- 
stellen kleiner Eindrücke ist gewiß himmelweit 
verschieden von dem flotten Hinwerfen eines 



11 



Spiralbandes in einem Zuge, aber es ist ver- 
ständlieh, daß anf kunstsinnige Lente die schönen 
norddeutschen Muster aus zierlichen Kreuzen, 
Halbkreisen und Furchenstich, wie sie Sohueh- 
hardt in den Amtlichen Berichten aus den König 1. 
Kunstsammlungen Juni 1914 bekannt gab, Ein- 



druck machten, und um das Muster hervor- 
zuheben, verwendeten sie ja schon Einstiche wie 
hier in Fig. 1 — 3. Am meisten bezeugen die 
gleichen eigenartigen Werkzeuge, daß die ver- 
schiedenartigen Tongefäße doch einer Kultur 
angehören. 



Mitteilungen aus den Lokalvereinen. 



Bonner Anthropologische Gesellschaft. 

Iu der Sitzung am 23. November berichtete Herr 
Prof. Max Verworn über „Fränkische Grabfunde 
aus dem westlichen Kriegsgebiet" unter Vor- 
lage der Fundgegenstände. 

Im Anfang Mai 1914 teilte ein früherer Mitarbeiter 
aus dem Laboratorium des Vortragenden , Herr Dr. 
Rehorn, welcher sich als Militärarzt an der Front 
in Lothringen befindet, dem letzteren mit, daß man 
in einem Waldlager in der Gegend von Vilcey bei 
den Ausschachtungsarbeiten für einen Unterstand auf 
Gräber mit Skeletten und Beigaben gestoßen sei, die i 
aber durch die Arbeiten leider zerstört worden seien. 
Ein einziges Grab konnte Herr Dr. Rehorn noch 
wenigstens zum Teil vor der Vernichtung schützen und 
selbst fertig ausgraben. Die darin gefundenen Gegen- 
stände schickte er dein Vortragenden zur Untersuchung 
mit. Beim weiteren Fortschreiten der Ausschachtungs- 
arbeiten zeigte sich sehr bald, daß in jener Gegend ein 
ganzes Gräberfeld vorhanden war und es war dann 
besonders den Bemühungen des Herrn Privatdozenten 
Dr. Wassermeyer, der als Stabsarzt im Felde steht, 
zu danken, daß einige Gräber vor der Zerstörung be- 
wahrt blieben. Herr Dr. Wassermeyer hat eigen- 
händig die noch intakten Gräber , auf die man stieß, 
mit großer Vorsicht und Sorgfalt ausgegraben und die 
gefundenen Objekte nebst einem eingehenden Fund- 
bericht dem Vortragenden übersandt. 

Es handelt sich um Skelettgräber, die sämtlioh 
von Osten nach Westen so orientiert sind, daß der 
Kopf nach Westen . die Füße nach Osten gerichtet 
sind. Die Skelette liegen gestreckt in den Gräbern, 
die von rechteckigen Steinpackungen aus kleineren, 
unbearbeiteten Steinen umgrenzt und zum Teil mit 
roten flachen Ziegelplatten römischen Ur- 
sprungs belegt sind. Eins der Gräber war mit 
großen Steinplatten bedeckt. Leider sind die Skelette 
schlecht erhalten. Zwei Schädel konnte der Vor- 
tragende indessen aus den übersandten Knochen fast 
vollständig wieder zusammensetzen. Beide zeigen 
eine schöne Form und sind ausgesprochene hypsi- 
prosope Dolichocephali. Der eine dieser beiden Schädel 
ist interessant durch eine schwere Hiebwunde auf dem 
linken Scheitelbein , die nicht geheilt ist , also ver- 
mutlich den Tod im Gefolge gehabt hat. Im übrigen 
bieten die Schädel nichts Bemerkenswertes. 

Unter den Beigaben sind die wichtigsten die 
eisernen und die keramischen. In dem von Herrn. Dr. 
Rehorn ausgegrabenen Grabe, dem der Schädel mit 
der Hiebwunde zugehörte , fand sich ein typischer 
Skrammasax, an dessen Griffende sich noch Reste 
eines Holzsriffs erkennen lassen , sowie eine eiserne 



Gürtelschnalle, die ursprünglich mit Silber tau- 
schiert war, leider aber so verrostet ist, daß die Form 
der Silberverzierung nicht mehr zu erkennen ist. Im 
Rost hat sich dagegen eine Spur des groben Gewand- 
gewebes erhalten. In den von Herrn Stabsarzt Dr. 
Wasser mey er ausgegrabenen Gräbern fanden sich 
kleinere Eisenmesser von der gleichen Form wie 
der Skrammasax, ferner eine zweite Gürtelschnalle von 
rundlicher Scheibenform sowie ein nadeiförmiges 
Instrument aus Bronze und ein kleines Bruch- 
stück eines mit groben Kerben verzierten Knochen- 
beschlages. Die Gefäße sind sämtlich auf der 
Töpferscheibe gedreht und ohne Henkel. Das Material, 
aus dem sie bestehen, ist zum Teil ein roter, fein ge- 
schlämmter Ton , der aber nicht stark gebrannt ist, 
zum Teil ein feiner , grauer Ton , der beim Brennen 
im Schmauehfeuer äußerlich geschwärzt ist. Bis auf 
einen gröberen Topf einfachster Form sind die Gefäße 
stark profiliert. Ein kleineres Gefäß ist mit Punzen- 
eindrücken um die mittlere Zone verziert. Die Gefäße 
haben den typischen Charakter der merowingischeu 
Keramik. 

Nach den Beigaben ergibt sich als Datierung des 
Gräberfeldes etwa das Ö. Jahrhundert nach Christus. 



Die Sitzung der Bonner anthropologischen Gesell- 
schaft vom 14. Dezember 1915 brachte nach längerer 
Unterbrechung wieder eine Fortsetzung der Serien- 
vorträge des Vorstandes über die steinzeitlichen 
Perioden. Herr Prof. Verworn entwarf unter De- 
monstration zahlreicher Gegenstände seiner Sammlung 
und einer Serie von Lichtbildern eine Skizze von der 
„Kultur der Renntierzeit". 

Wie die Kultur des älteren Paläolithikums ist 
auch diejenige der Renntierzeit oder des jüngeren 
Paläolithikums eine Jägerkultur. Dem entspricht auch 
die gleiche Weise der Wohnungsanlagen, die wie wäh- 
rend des voraufgehenden Acheuleen und Mousterien ge- 
wöhnlich unter überhängenden Felsdächern (Abri) sich 
befinden, aber wohl auch im offenen Lande unter zelt- 
ähnlichen Hütten. Wenigstens scheinen einige] Wand- 
zeichnungen in den Höhlen in diesem Sinne gedeutet 
werden zu müssen. Die Geräte bestehen noch immer 
zum größten Teil aus lediglich durch direkten oder 
indirekten Schlag hergestellten Feuersteinwerkzeugen. 
Daneben treten aber auch andere Steinmaterialien für 
bestimmte Zwecke auf, so z. B. Kalksteine mit Vertie- 
fungen als Lampen, Geröllsteine aus kristallinischen Ge- 
steinen als Werksteine zum Klopfen und Reiben und^als 
seltenere Erscheinungen schön ausgehöhlte Farbnäpfe 
aus Granit, üiorit usw. Von den vorherrschenden 



12 



\\ i-: I dei iltevei Paläolithikums sind die 

mandelförmigen Werkzeuge (Coup de poing- Formen) 
zum Schlagen, Schallen , Schneiden, Bohren usw. im 
jüngeren Paläolithikum vollständig verschwunden; 
e typischen breiten Schaberformen nach Art 
iler sogenannten Moustiereohaber. Das Ausklingen 
er Typen erfolgt, schon im ausgehenden Ministerien 
vom Niveau des Abri Audi. Dafür treten neue Feuer- 
steinwerkzeugtypen hervor, die im ganzen einen zier- 
licheren, oft sogar äußerst kunstvollen Eindruck machen. 
Unter den zahllosen Schaberformen herrschen jetzt die 
aus schlanken und schmalen Feuersteinspänen her- 
gestellten Stirnschaber, Gradschaber. Hohlschuber, 
Spitzsohaber vor. Auch feine Messer, oft von winzigen 
Dimensionen werden aus schmalen Spänen durch 
Bearbeitung der einen Längsseite hergestellt (Lames 
ä dos abbattu), ferner sägeförmige Werkzeuge, 
l!"hrer usw. Einen neuen sehr charakteristischen Werk- 
zeugtypus stellen die dicken nucleusförmigen Schaber 
(Grattoir tarte) vor, die durch das ganze jüngere 
Paläolithikum hindurchgehen. 

Als neues Werkzeugmaterial , das im älteren 
Paläolithikum nur an passiven Geräten in der Form 
von unbearbeiteten Unterlagen für die Steinbearbeitung 
sein erstes bescheidenes Auftreten zeigt, kommt jetzt 
der Knochen für die Herstellung der verschiedensten 
und kunstvollsten Geräte in allgemeinen Gebrauch. 
Pfeilspitzen, Pfriemen, Glättinstrumente, Nähnadeln 
mit Öhr, zierliche Harpunen, Pfeilstrecker (sogenannte 
„Kommandostäbe"), aber auch Tier- und Menschen- 
bilder, und viele andere Gegenstände werden in ge- 
schicktester Weise aus Knochen, Mammutelfenbein 
oder Renntierhorn geschnitzt und die Knochentechnik 
stellt sich der Feuersteintechnik als eine in mancher 
Beziehung überlegene und kunstvollere Technik an 
die Seite, ja der Knochen liefert geradezu das Haupt- 
material für die zahlreichen, kleinen, in Liniengravie- 
rung, Flachrelief oder Rundplastik hergestellten Kunst- 
werke, die der Kultur der Renntierzeit durch ihren 
frappierenden Naturalismus ein so charakteristisches 
Gepräge geben. Aber der Knochen ist nicht das 
einzige Material dieser Kunstwerke. Mehr , als man 
bisher glaubte, ist auch weicheres Steinmaterial, wie 
Kalkstein und Schiefer, für die Darstellung solcher 
physioplastischer Tierbilder benutzt worden. Das 
haben die zahlreichen Funde gezeigt, die in den letzten 
Jahren noch bei dem genaueren Durchsuchen der alten 
ausgeschachteten Schuttmassen an den klassischen 
Fundstellen des Vezere - Tals gemacht worden sind. 
Diese Kleinkunst auf weicheren Steinen von allen 
Größen schließt sich auf das engste der bekannten 
Wandkuust an den Wänden der Höhlen wie in Com- 
barelles , La Mouhe , Font de Gaume , Cap Blanc, 
Altamira usw. an. Der einzige Unterschied liegt in 
der Größe der Darstellungen. An der Wandkunst ist 
aber auch die Malerei im allgemeinen besser erhalten 
als auf den kleinen Steinen , auf denen die Farben 
meistens durch Wasser mehr abgewaschen sind. Die 
Verwendung von Farben, die, wie die neueren Funde 
Peyronys in La Ferrassie gezeigt haben, bereits im 
Mousterien nachweisbar ist (vielleicht ursprünglich 
zur Körperbemalung), nimmt in der Renntierzeit einen 
sehr großen Umfang au und man findet kaum einen 
Abri, in dessen Schichten nicht reichliches Farben- 
material seine sehr intensiven Spuren hinterlassen hätte. 

Sehr mannigfaltig und reich entwickelt ist in der 

Renntierzeit der Körperschmuck. Vor allen Dingen 

Kein und Schnecken, Zähne von Jagdtieren, Tier- 



knochen, durchbohrte Steine, Versteinerungen, Knochen- 
schnitzereien usw. sind als Anhänger oder zu ganzen 
Hals-, Arm- und Hüftketten vereinigt benutzt worden. 
Die sehr interessante Frage, wieweit einzelne von diesen 
Anhängern, die später die Bedeutung. von apotro- 
päischen Amuletten gewonnen haben und zum Teil 
beute noch besitzen, wie etwa die Canidenzähne oder 
i \ praeaschalen oder Belemniten , im jüngeren Paläo- 
lithikum schon als Amulette gegolten haben, läßt sich 
zurzeit noch nicht mit völliger Sicherheit entscheiden, 
scheint aber doch wohl bejaht werden zu müssen. 
Hier wäre eine spezielle eingehende Untersuchung sehr 
wichtig. 

Daß die Jäger der 'Renntierzeit bereits ein Zahlen- 
system und Zahlen Symbole in der Form von Kerb- 
marken besaßen , erscheint jetzt als sicher. Es sind 
eine ganze Menge von Kerbknochen und Kerbsteinen 
gefunden worden, auf denen die Kerben nicht zu orna- 
mentalen Zwecken oder als Vorrichtungen zum Ver- 
hindern des Gleitens in der Hand oder im Schaft an- 
gebracht sein können , sondern bei denen es keinem 
Zweifel unterliegen kann, daß sie als Gedächtnismarken 
zum Zählen eingeschnitten wurden (vgl. Korrespondenz- 
blatt, XLII. Jahrg., Juli 1911, Sitzungsber. d. Anthropol. 
Vereins zu Göttiugen). 

Schließlich kann heute auch die Frage ritueller 
Begräbnisse in der Renntierzeit in bejahendem 
Siune beantwortet werden. Besonders die sehr ge- 
nauen Untersuchungen und interessanten Funde von 
Riviere (1872) und in neuerer Zeit von Verneau, 
Boule, Cartailhac, Villeneuve, die mit Unter- 
stützung des Fürsten von Monaco (1895 bis 1902) in 
den roten Höhlen („Baousses Rousses") von Mentone 
gemacht wurden sind, haben keinen Zweifel mehr 
darüber gelassen , daß bereits in den älteren Ab- 
schnitten der Renntierzeit der Mensch seine Toten in 
ausgeschachteten Gräbern am Ort seiner Wohnstätte 
mit rotem Farbmaterial eingepudert und mit seinem 
Muschelschmuck behängt beisetzte und zum Teil auch 
durch übergelegte Steine schützte. Aber auch an 
anderen Orten sind deutliche Spuren solcher ritueller 
Begräbnisse beobachtet worden, wie erst kürzlich an 
dem bekannten Skelettfunde von Obercassel bei Bonn. 
Wieweit aus diesen Tatsachen auf religiöse Vor- 
stellungen irgendwelcher Art bei den Jägern des 
Paläolithikums geschlossen werden darf, das ist eine 
Frage, an die man nur mit allergrößter Kritik heran- 
treten sollte, obwohl man mehrfach geglaubt hat, sie 
ohne weiteres mit Ja beantworten zu dürfen. 

Im Anschluß an die allgemeine Charakteristik der 
gesamten Kultur der Renntierperiode gab der Vor- 
tragende zum Schluß einen Überblick über die chrono- 
logische Aufeinanderfolge der einzelnen Stufen der- 
selben und ihre speziellen Kulturtypen. 

An das ausgebende Mousterien, das in dem Niveau 
des Abri Audi in Les Eyzies seinen typischen Aus- 
druck findet, schließen sich Ubergangskulturen wie 
die von Chatelperron an, die zum älteren Aurignacien 
überleiten. Die charakteristischen Werkzeugtypen des 
unteren Aurignacien sind unter den Feuerstein- 
werkzeugen die aus langen', und großen Spänen her- 
gestellten Schaberformen mit ringsumlaufender Rand- 
bearbeitung und mit leichten Einbuchtungen an den 
Längsseiten, unter den Knochen Werkzeugen J die 
Knochenspitzen mit gespaltener Basis (pointes ä base 
fendue). Diese untere Stufe des Aurignacien ist ver- 
treten in Cro Magnon, (Jorge d'Enfer, Laussei. Im 
oberen Aurignacien erscheinen zuerst die ver- 



13 



sehiedenen Formen der Stichel (burius) und ferner 
Pfeilspitzen mit Schaftzunge ähnlich manchen neo- 
lithischen Formen. Dem Aurignacien folgt das be- 
sonders lokal bei Solutre (in der Nähe von Lyon) und 
bei Laugerie haute im Vezeretal entwickelte Solu- 
treen, das sich auch wieder in zwei Niveaus gliedern 
laßt. Im unteren Solutreen. das nur an wenigen 
Stellen entwickelt ist, tritt als charakteristisches Feuer- 
steinwerkzeug die Weidenblattspitze auf, die aus einem 
gleichmäßig abgeschlagenen Feuersteinspan durch 
Hächenhafte Bearbeitung der Rückenfläche und Zu- 
spitzung beider Enden hergestellt ist, während die 
glatte Sprungfläche des Spans unbearbeitet geblieben 
ist. Dieser Typus entwickelt sich dann in dem 
oberen Solutreen, wie es in schönster Ausbildung 
in Solutre bei Lyon und in Laugerie haute bei Les 
Eyzies auftritt , zu der typischen , auf beiden Flächen 
gleichmäßig bearbeiteten Lorbeerblattspitze , zu der 
sich nun auch die Kerbpfeilspitze (pointe ä cran) als 
Leiti'ossil gesellt. An das Solutreen schließt sich als 
letzte Stufe des jüngeren Paläolithikums das Magda- 
lenien an, das durch besondere Zierlichkeit der Werk- 



zeuge ausgezeichnet ist. Im unteren Magdale nien 
sind unter den Knochenarbeiten die Flachrelief- 
Schnitzereien besonders beachtenswert , die in den 
großen Relief Skulpturen vom (Jap Blaue bei Laussei 
ihr gewaltiges Analogon haben. Zu dieser unteren 
Stufe gehört auch , wie der flache , aus Knochen ge- 
schnitzte stilisierte Pferdekopf zeigt, der Fund von 
Obercassel bei Bonn. Für das obere Magdalenien, 
wie es in der Grotte von Les Eyzies auftritt , ist 
charakteristisch die Fülle von kleinen Messern, Schabern 
und Bohrern aus Spänen von winzigen Dimensionen, 
sowie die doppelseitig mit Widerhaken versehenen 
Knochenharpunen von großer Zierlichkeit. 

Damit hat das eigentliche Paläolithikum sein Ende 
erreicht und es folgen ihm die den Übergang zum 
Neolithikum oder, wenn man will, bereits den Anfang 
der neolithischeu Kultur vorstellenden Stufen des 
Azilien, Tourassien und Tardenoisien, von welchen 
letzteren beiden es vorläufig zweifelhaft bleiben muß, 
ob sie überhaupt als selbständige und allgemein ver- 
breitete Kulturstufen oder als lokale Entwickelungen 
anderer zu betrachten sind. 



Literaturbesprechungen. 



M. Hoernes: Urgeschichte der bildenden 
Kunst in Europa von den Anfängen 
bis um 500 v. Chr. 2. Aufl. Wien 1915. 
Kunstverlag Anton Schroll & Co. 

Im Jahre 1898 erschien die 1. Auflage dieses 
für Urgeschichte grundlegenden Werkes im Ver- 
lage von A. Holzhausen zu Wien. Es waren 
709 Seiten und 203 Abbildungen nebst 36 Farben- 
tafeln. 

Die neue Auflage enthält 661 Seiten (Text) 
und 1330 Abbildungen im Text. 

Das „Minus" erklärt sich dadurch, daß zahl- 
reiche Partien des Textes in Kleindruck her- 
gestellt sind. 

Ist auch der G i undgedanke des Werkes in 
2.Auflage derselbe geblieben, den M. Hoernes 
in der 1. Auflage, Vorwort S. V, also formu- 
liert hat: 

„ein lokalgeschichtliches Ziel, sofern wir 
uns auf europäische Denkmäler beschränken, 
und ein anthropologisches, indem wir jenen 
Denkmälern tiefere Einblicke abzugewinnen 
suchen, als man bisher uetan hat", 

so hat sich doch seit 17 Jahren die Ausdehnung 
der vorgeschichtlichen Forschung stark geändert. 
Im Südwesten unseres Erdteiles kommen die 
epochemachenden Entdeckungen in den Höhlen 
der Dordosj'ne und Aurienacs dazu, die den Ver- 



fasser von einer „quartären Kunst" sprechen 
lassen, während in Deutschland, Böhmen, Mähren- 
L^ngarn, Siebenbürgen usw. die Ausbeute der 
neolithischeu Gräber und Wohngruben wesent- 
lich neu hinzukommt. 

Blieb auch die alte Einteilung in einen 
theoretischen Teil, der die Kunst im all- 
gemeinen, dann Kunstrichtungen, Körper, 
schmuck, Ornamentik, Bildkunst und ihre 
Entwickelungsf ormen behandelt, und in den 
zweiten, praktischen Teil, der die einzelnen 
Zonen in der Kunstentwickelung aus der Vor- 
geschichte Europas im einzelnen schildert, so 
ziemlich die gleiche, so haben doch seither alle 
einschlägigen Kulturkreise, auch die Metall- 
zeit, wesentliche Bereicherung nach Umfang 
und Wertschätzung gewonnen und nehmen des- 
halb auch mehr Raum als bisher ein. 

Dankbar wird jeder Urgeschiehtsforscher die 
Zusammenstellung der Ergebnisse der Quartär- 
kunst (S. 116 bis 191) begrüßen und besonders 
die skeptische Behandlung der Frage nach 
„Sinn und Zweck" dieser Bildwerke (S. 184 
bis 191). 

Ebenso erfreulich ist die ausführliche Behand- 
lung der neolithischeu Bauernkunst in Mittel- 
europa. Für die Ornamentik der (iefäße unter- 
scheidet hier der Verfasser (S. 249 bis 269) 
folgende „Familien" : 



14 



I. 

1. Felderf ü llemler Stil = Umlaufsstil. 

a) Ältere Winkelband- (Hinkelstein-), 

b) Stickband- = jüngere Winkelband-, 

c) Furchenstich- = Rössener Keramik. 

2. a) Ältere Spiral- und Mäanderdekoration, 
b) Jüngere „ „ „ 

IL 

Felderteilende Stilart = Rahmenstil. 

1. Im Norden: 

a) Schnurkeramik, 

b) Kugelamphorenkeramik, 

c) Megalith-Ornamentik. 

2. Im Süden: 

a) Glockenbeeher- 

b) Mondsee- 

c) Ägäisehe Keramik. 

Zahlreiche und klare Abbildungen unter- 
stützen die Beschreibungen. In der Polemik 
ist der Verfasser" kurz und sachlich. Auf S. 249 
liis 384 wird diese immerhin wichtige, aber doch 
vielfach überschätzte Bauernkunst im einzelnen 
behandelt (vgl. unten). 

Der nächste Teil (S. 355 bis 434) beschäftigt 
sich mit dem tonangenden ägäischen Kultur- 
kreis, besonders mit Mykenae, und der Bronze- 
zeit von Italien, Mittel-, Nord- und Osteuropa, 
die dort ihre Entstehung hatte. Die Bronzezeit- 
keramik Norddeutschlands ist hier (S. 402 bis 
416) nur mit einigen Bemerkungen „abgetan". 
Die Resultate vonKossinna und aus „Mannus" 
fehlen hier. 

Die Eisenzeit behandelt der siebente und 
letzte Teil (S. 435 bis 580). Vom Herrentum 
Etruriens ausgehend wird der hallstättische Kultur- 
kreis kurz gezeichnet und dessen Metallkunst. 
Geometrische Figuren, Tierfiguren, Menschen- 
gestalten, Szenen u. a. in Ton, Stein, Metall 
finden hier eine ausführliche und sachgemäße 
„Würdigung". 



Der Entdecker des ausgedehnten llallstatt- 
( ' i äberfeldes von Santa Lucia am Isonzostrande 
(vgl. „Archiv f. Anthropologie", Bd. XXHI) 
schöpft hier ersichtlich aus dem Vollen. Die 
Bewertung der Venetischen Toreutik (S. 542 
bis 558), die weithin ausstrahlte bis Hallstatt 
und Watsch, ist überhaupt von kunsthistori- 
scher Bedeutung universeller Art. 

Die zweite Eisenzeit — La-Tene-Periode — 
und die dritte — Völkerwanderungszeit — finden 
zum Schluß eine kurze schlagende Charakteristik. 

Nachträge und Nachweisungen kunst- 
historischer Art sind an den Schluß des Werkes 
gesetzt. Herauszuheben ist hier der Abschnitt 
über „Die Überschätzung der paläolithisehen 
Kunst" (S. 581 bis 590). Hoernes hätte unter 
Beziehung auf das Urteil van Genneps (vgl. 
S. 106, Anmerk.) auch die Überschätzung der neo- 
lithischen Verzierungen auf Gefäßen ausdrücklich 
hervorheben können; doch ist dies aus Schonung 
für gewisse „exaltierte" Forschungskreise leider 
unterblieben. — Verzeichnisse der Abbil- 
dungen, Verfassernamen und Fundorte machen 
das inhaltsreiche Werk praktisch für den Hand- 
gebrauch des Forschers. 

Zu ganz besonderem Verdienste muß es dem 
bekannten Kunstverlage Anton Schroll & Co. 
angerechnet werden, daß er zu Wien ein mit 
solch' hohen Kosten, besonders für die trefflichen 
Abbildungen hergestelltes Werk mitten im 
zweiten Kriegsjahre erscheinen ließ, allerdings 
mit Unterstützung der „Kaiserl. Akademie der 
Wissenschaften in Wien". 

Hat der Verfasser auch Neigung, zugunsten 

gewisser Heimatzonen (Österreich und Ungarn) 

den Gegenstand zu behandeln, und legt er auch 

| auf die Annahme von religiösen Motiven bei 

: seinen Erklärungen ein allzuhohes Gewicht, so 

' wird doch kein Unparteiischer leugnen, daß 

M. Hoernes mit dieser zweiten Ausgabe ein der 

Forschung unentbehrliches Handbuch 

geschaffen hat. Dr. C. Mehlis. 



Reklamationen nnd sonstige Mitteilungen 
sind an die Adresse des Herrn Professor Dr. K. Hagen, Hamburg 13, Binderstraße 14, zn senden. 



Ausgegeben am II. April 1916. 



Korrespondenz -Blatt 



der 



Deutschen Gesellschaft 



für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg. 



Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn in Braunschweig. 



April/Juni 191«». 



XLVH. Jahrgang. .Jährlich 12 Nummern. — Preis jährlich 4 Hark. 

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Ankündigungsgebühr 30 Pfg. pro zweispaltige Petitzeile oder deren Kaum. — Beilagen nach besonderem Übereinkommen. 
Sendungen druckfertiger Manuskripte und direkt reproduktionsfähiger Illustrations-Vorlagen sind an den Herausgeber, 
Prof. Dr. G. Thilenius, Generalsekretär der Gesellschaft in Hamburg 13. Binderstraße 14, zu richten. 



Inhalt: Nachruf, tiustav Schwalbe t- — Jahresbericht der Cdlner Anthropologischen Gesellschaft. — Sitzung 
der Anthropologischen Sektion der Naturhistorisohen Gesellschaft Nürnberg. — Bärtbold, Ein Gebiet der 
Vorgeschichte, das der Orient beleuchtet. — - Literaturbesprechungen. 



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Korrespondenz -Blatt 

der 

Deutschen Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg. 



Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn in Braunschweig. 

XLVII. Jahrg. Nr. 4/6. Jähpiieh 12 Nummern. April/Juni 1916. 

Für alle Artikel, Berichte, Rezensionen usw. tragen die wiasenBchaf tl. Verantwortung lediglich die Herren Autoren ; b. S. 16 des Jahrg. 1894 

Inhalt: Gustav Schwalbet- — Jahresbericht der Cölner Anthropologischen Gesellschaft. — Sitzung der 
Anthropologischen Sektion der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg. — Bärthold, Ein Gebiet 
der Vorgeschichte, das der Orient beleuchtet. — Literaturbesprechungen. 



Gustav Schwalbe 

Geb. 1. August 1844, gest. 23. April 1916. 

Zweimal seit Kant hat die Anthropologie den Weg langsamen Fortschreitens, das 
nur zu oft fast langweiliger Stillstand war, verlassen; zweimal im letzten Jahrhundert 
gab es für die Lehre vom Menschen sprungweises Vorwärtsstiirmen und beide Male war 
es an fossile Schädeldächer geknüpft. 185t) begann mit dem Bekanntwerden der mensch- 
lichen Überreste aus dem Neandertal die bisher überwiegend philosophisch gerichtete 
Anthropologie eine wirkliche Naturwissenschaft zu werden und diu Stellung des Menschen 
in der Natur wurde mit einem Male Gegenstand zahlreicher Bücher, Untersuchungen und 
Streitschriften. 40 Jahre später aber, 1899, eröffneten Gustav Schwalbes glänzende 
Untersuchungen über Pithecanthropus erectus nicht nur eine neue Zeitschrift, sondern 
auch eine völlig neue Aera anthropologischer Arbeit. Die da zum ersten Male ange- 
wandten Methoden führten schon nach zwei Jahren in der Schrift über den Neandertal- 
schädel zu überraschenden, bis dahin kaum geahnten Ergebnissen und sind seither 
Gemeingut unserer Wissenschaft geworden. 

So würde Schwalbes Name dauernd in der Geschichte der Anthropologie fort- 
leben, auch wenn er nichts anderes geschrieben und geleistet hätte. Ebenso aber hat 
er sich durch die Begründung der „Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie" ein 
unvergängliches Verdienst erworben. 

Der I. Band dieser Zeitschrift ist 1899 erschienen, der XVIII. war als Festschrift 
zu Schwalbes siebzigstem Geburtstag, 1. August 1914, noch vor dem XVII. iu unseren 



16 



Händen ninl das Schlußheft des XIX. ist am 18. März 1916 ausgegeben, wenige Wochen 
che der Tod auch diesem Zweige seiner reichen Tätigkeit ein jähes Ende gesetzt hat. 
Schon vor dieser Zeitschrift hat Schwalbe aber die Herausgabe von acht Bänden 
„Morphologische Arbeiten" geleitet, so daß wir ihm im ganzen für '27 große und glänzend 
ausgestattete Bände verpflichtet sind mit einer fast erdrückenden Fülle von wertvollen 
Beiträgen. Auch dadurch hat er sich ein unvergängliches Denkmal geschaffen. 

Seh walbes Verdienste als Anatom und als Direktor des anatomischen Instituts der 
Universität Straßburg sind an anderer Stelle bereits geschildert und gehören zum Teil 
überhaupt nicht, in den Rahmen dieses Blattes; hier habe ich nur seiner anthropologischen 
Arbeit zu gedenken. Soweit meine Kenntnis reicht, beginnt diese 1889 mit einer Ab- 
handlung über die Ohrmuschel als rudimentäres Organ (im Archiv für Anatomie und 
Physiologie). Ein wirkliches Programm enthält dann seine Straßburger Rektorrede von 
1893 „Über einige Probleme der physischen Anthropologie". Hier spricht er von der 
Anthropologie als „jüngsten Tochter der Anatomie", erörtert ihre wichtigsten Aufgaben 
und behandelt kurz aber mit vollendeter Klarheit eine Reihe von Problemen, die er in 
späteren Jahren dann eingehender untersuchte, so die anatomischen Grundlagen der 
Hautfarbe, .die Frage nach der Einheit des Menschengeschlechtes und die Abstammung 
der amerikanischen Indianer. Das Jahr 1897 bringt dann als S.-A. aus einem Handbuch 
der Anatomie des Menschen die 80 Seiten umfassende Studie über „Das äußere Ohr". 

Eine neue Periode in Seh walbes Tätigkeit beginnt mit dem Jahre 1899. Da 
beschenkt er uns als Einführung in seine neu erscheinende „Zeitschrift für Morphologie 
und Anthropologie" mit einer ausführlichen Untersuchung „Über Ziele und Wege einer 
vergleichenden physischen Anthropologie" und dann im unmittelbaren Anschluß an diese 
Einführung mit seinen groß angelegten und bahnbrechenden „Studien über Pithec- 
anthropus erectus, Dubois" (Bd. I, S. 16 — 240). Das Jahr 1901 bringt uns dann als un- 
mittelbare Fortführung dieser Arbeit zwei Schriften über den Neandertalschädel, die eine 
in den „Bonner Jahrbüchern", Heft 101! , die andere in den „Verh. der anat. Ges." auf 
der 15. Versammlung in Bonn. Daneben linden wir im III. Band seiner Zeitschrift eine 
Abhandlung über die Fontaneila metopica, ein Thema, auf das er zwei Jahre später unter 
dem Titel „Fontanella metopica und supranasales Feld" im „Anat. Anzeiger" XX III 
noch einmal zurückkommt. Im Jahre 1902 beleuchtet er dann in den „Beiträgen zur 
Anthropologie von Elsaß-Lothringen" den Schädel von Egisheim; 1903 behandelt er in 
seiner Zeitschrift (Bd. VI) das bis dahin so unklar gewesene Problem der geteilten 
Scheitelbeine und 1904 im VII. Bande „Das Gehirnrelief am Schädel der Säugetiere". 
Dasselbe Jahr bringt eine bei Friedr. Vieweg & Sohn in Heftform erschienene erweiterte 
.Ausgabe eines auf dem Naturforschertage in Cassel gehaltenen Vortrages über „Die Vor- 
geschichte des Menschen", ferner in seiner Zeitschrift (VII, S. 203 — 222) eine Unter- 
suchung über „Das Gehirnrelief des Schädels bei Säugetieren", in den Mitteilungen der 
Wiener anthropologischen Gesellschaft (Bd. XXXIV, S. 331 — 352) eine überaus anregende 
Arbeit über „Die Hautfarbe des Menschen" und in der Straßburger Medizinischen Zeitung 
eine Abhandlung „Zur Stellung des Menschen im zoologischen System". 

1905 ist in der Straßburger Medizinischen Zeitung die Untersuchung „Über Ballen, 
Linien und Leisten der Hand" erschienen, durch die viele spätere Arbeiten angeregt 
sind, unter denen ich die von Schlaginhauf en besonders hervorheben möchte. Sonst 
sind es Abstammungsfragen, die Schwalbe um diese Zeit wieder vorwiegend beschäftigen. 



17 



Im 88. Bd. des Globus, Heft 10, linden wir unter dem Titel „Zur Frage der Abstammung 
des Menschen" eine in der Form überaus milde, in der Sache aber höchst energische 
Zurückweisung der Kollmannschen Ansichten über die Pygmäen als Stammeltern der 
heutigen Menschenrassen. Dieselben Gedanken werden auch in einer Abhandlung in der 
Münchener Medizinischen Wochenschrift (Nr. 28 von 1905) unter dem Titel ausgeführt 
„Die Pygmäen und ihre Beziehungen zur Vorgeschichte des Menschen". 

Auf der vollen Höhe seiner anthropologischen Arbeit sehen wir Schwalbe 1900 
in dem Gustav Retzius gewidmeten Souderbande zur Zeitschrift für Morphologie und 
Anatomie. 

Den ersten Teil dieses Bandes bildet eine Zusammenfassung „Zur Frage der Ab- 
stammung des Menschen", eine geradezu musterhafte Arbeit mit souveräner Beherrschung 
des Stoffes. Die beiden anderen Teile sind zwei Schädelbruchstücken gewidmet, der 
dritte dem von Cannstatt, nach dem Quatrefages und Hamy den paläolithischen 
Menschen als „Race Canstattienne" bezeichneten, obwohl er sicher mit der Neandertal- 
gruppe nicht das mindeste zu tun hat. Besonders interessant ist aber der zweite Teil 
des Bandes, der sich mit dem Schädeldach von Brüx beschäftigt. Dieses war 1873 von 
mir selbst veröffentlicht, seither aber nicht weiter beobachtet worden. Schwalbes neue 
Untersuchung aus dem Jahre 1906 zeigt so recht den großen Fortschritt, den die Anthro- 
pologie in diesen 33 Jahren gemacht hat, freilich auch den begreiflichen Unterschied in 
der Betrachtungsweise eines 19 jährigen Studenten von der eines 52jährigen Meisters 
der Anatomie. Schwalbe wird gleichwohl meiner Arbeit vollkommen gerecht, indem 
er anerkennt, wie sehr ich damals unter der Suggestion von R. Virchows Auffassung 
von dem Neandertaler als einem pathologischen Spezimen befangen gewesen war. Ich 
darf hierzu wohl noch beifügen, daß auch mein damaliger Lehrer Langer sich dieser 
Suggestion nicht hatte entziehen können und was an dem Brüxer Schädeldach unge- 
wöhnlich erschien, von vornherein für pathologisch erklärte. 

1906 und 1907 folgen im Anschluß an die oben erwähnte Arbeit von 1904 weitere 
Untersuchungen über die Beeinflussung der Schädelform durch das Gehirn, so im 
Deutschen Archiv für klinische Medizin eine Studie über „Die Beziehungen zwischen 
Iunen- und Außenform des Schädels", im Korrespondenz -Blatt der Deutschen Gesell- 
schaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, 37. Bd. , S. 91 — 99 ein Vortrag 
(vor der Görlitzer Jahresversammlung) „Über alte und neue Phrenologie" und 1907 im 
X. Bande seiner Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie die weitausgreifende 
Untersuchung über „Das Gehirnrelief der Schläfengegend des menschlichen Schädels". 

Aus Anlaß der Feier von Darwins hundertstem Geburtstag erschien 1910 in der 
Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie Schwalbes große Abhandlung über 
Darwins „Abstammung des Menschen". Im selben Jahre hatte der Globus im 98. Bande 
eine ausführliche kritische Besprechung von P. Schmidts „Stellung der Pygmäenvölker". 
1911 brachte in der Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie, Bd. XIII, eine 
Untersuchung über „Das Cuboides seeundarium" und ebenda eine sehr ausführliche Studie 
über „Die Südamerikanischen Primaten" mit einer vernichtenden Kritik von Ameghinos 
phantastischen Anschauungen über den „Diprothomo". 

Volle Meisterschaft zeigt sich auch in der Besprechung von Boules Werk über 
den fossilen Menschen von La Chapelle-aux-Saints (Zeitschrift für Morphologie und Anthro- 
pologie XVI, 1914, S. 527 — 610), ein an sich wichtiges Buch, das zu beurteilen natur- 



18 



gemäß niemand berufener sein konnte als Schwalbe. Derselbe Band enthält auch eine 
begeistert anerkennende Besprechung von 0. Abels „Grundzüge der Paläobiologie der 
Wirbeltiere", die ja in der Tat in der Bibliothek keines Anthropologen fehlen sollten. 

Der XVII. Band bringt eine „Untersuchung über die Bedeutung der äußeren Para- 
siten für die Phylogenie der Säugetiere und des Mensehen" mit dem Nachweise, daß 
..verwandte Formen von Parasiten auch verwandten Formen von Wirtstieren entsprechen 
müssen", analog der durch die Präzipitationsreaktion nachgewiesenen Blutsverwandtschaft. 
Und noch der letzte (XIX.) Band seiner Zeitschrift bringt S. 149 bis 254 eine Unter- 
suchung über den fossilen Affen Oreopithecus Bambolii und als würdigen Abschluß 
seiner anthropologischen Wirksamkeit, S. 545 bis ti68, die „Beiträge zur Kenntnis des 
Ohres der Primaten", eine weitausgreifende Studie, die für das Verständnis des mensch- 
liehen Ohres von der denkbar größten Bedeutung ist und so in zugleich großartiger uud 
rührender Weise den Kreis seiner Studien über das äußere Ohr sehließt, der 1889 mit 
seiner ersten anthropologischen Arbeit über „Die Ohrmuschel als rudimentäres Organ" 
seinen Anfang genommen hatte. 

So war Schwalbes anthropologische Tätigkeit intensiv und extensiv gleich hervor- 
ragend, vollkommen als ob sie sein ganzes Leben allein ausgefüllt und nicht nur bloß 
neben seinem eigentlichen Berufe einhergegangen wäre. Nur ungewöhnliche Arbeitskraft 
und eiserner Fleiß lassen eine solche Doppeltätigkeit verstehen. Persönlich habe ich 
stets auch seine große Beleseuheit bewundert, und „belesen" war er nicht nur im 
<rewöhulichen Sinne des Wortes, sondern mit einer absoluten Beherrschung der ganzen, 
für den großen Kreis seiner Arbeiten in Frage kommenden Literatur. 

Ebensosehr aber als seine wissenschaftliche Arbeit haben alle, die ihm näher 
gestanden, auch die abgeklärte Milde seines Wesens geschätzt und geliebt. Strenge war 
er nur gegen sich selbst; nachsichtig gegen die anderen. Zwei Dinge freilich konnten 
auch ihn unwirsch und ungeduldig machen, zügellose Phantasie und vordringlicher 
Dilettantismus. Beide gingen ihm auf die Nerven und im vertrauten Gespräch wie in 
persönlichen Briefen pflegte er aus seiner Geringschätzung mancher „Kollegen" kein 
Hehl zu machen. Bei unserem letzten Zusammensein Hei manches harte Wort über 
solche Dilettanten, die bei aller Tüchtigkeit in ihrem eigentlichen Berufe doch der 
Meinung seien, man könnte so nebenher „an Sonntag Nachmittagen" auch Anthropologie 
treiben, ohne jedwede Kenntnis von Literatur und Material. Gewiß, sagte er damals, ist 
die Anthropologie ursprünglich von Außenseitern und von Dilettanten gemacht worden, 
wie schließlich jede andere Wissenschaft auch; aber das ist jetzt anders geworden; jetzt 
ist, dank der Arbeit eben jener Außenseiter, die Anthropologie eine Wissenschaft 
geworden uud fürwahr zu gut für bloß dilettantische Betätigung. Etwas wie heiliger 
Zorn sprühte damals ans den sonst so milden hellen Augen, die sich nun für immer 
geschlossen haben. 

Uns aber, die zurückbleiben, wird er immer ein leuchtendes Vorbild sein; nie 
werden wir seine wissenschaftliehe Arbeit vergessen, nie seinen durchdringenden Scharf- 
blick, nie auch seine persönliche Güte. v. Luschan. 



19 



Jahresbericht der Cölner Anthropologischen Gesellschaft. 



In der Mitgliederversammlung am 20. Oktober 
1914 war beschlossen, im Kriege die Arbeit 
nicht ruhen zu lassen. In Vertretung der itn 
Felde stehenden Vorstandsmitglieder Dr. Prof e 
und Dr. Zilkens übernahmen in der Folge in 
Vertretung die Geschäfte des Schriftführers: 
l'rof. Dr. Czaplewski, die des Schatzmeisters: 
Ingenieur Bätonnier. 

Den ersten Vortrag, am 9. Dezember 1914, 
übernahm Prof. Dr. Czaplewski. Er gab ein 
ausführliches Referat über die Vorträge der 
Herren Geheimräte Verworn, Bonnet und 
Steinmanu: „Die diluvialen Skelettfunde bei 
Oberkassel 2 ) (Siebengebirge)". Herr Geheimrat 
Prof. Dr. Verworn hatte dazu liebenswürdiger- 
weise Originallichtbilder dem Vortragenden zur 
Verfügung gestellt. — 

Am Mittwoch, den 10. März 1915, sprach in 
der Mitgliederversammlung der Gesellschaft der 
Vorsitzende derselben, Rektor Rademacher, 
über „Die prähistorische Besiedelung des hoch- 
wasserfreien Geländes von der Marienburg bis 
Fühlingen" (Urgeschichte der Stadt Cöln). Er 
führte ungefähr folgendes aus: 

„Cöln schickt sich an, der Erinnerung an 
seine römische Zeit durch die Errichtung des 
Römerbrunnens sichtbaren Ausdruck zu ver- 
leihen. Wenn auch mit der Erhebung der An- 
siedlung , der Ubischen Stadt , zur römischen 
Militärkolonie die eigentliche stadteölnische Ge- 
schichte anhebt, so liegt die Besiedlung des 
hochwasserfreien Geländes, der sogenannten Alte- 
burger Erhebungen, doch noch sehr viel weiter 
zurück. Als im 1. Jahrhundert v. Chr. die Ubier 
auf das linke Rheinufer verpflanzt wurden, ward 
ihnen als Mittelpunkt ein befestigter Ort ge- 
geben, „Oppidum Ubiorum". Dies ist das später 
durch Agrippina zur Stadt erhobene Colonia. 
Demgemäß hat in diesem Gebiete hier schon 
eine Ansiedlung bestanden, da die Ubier noch 
nicht verpflanzt waren. Und in der Tat, es 
stellt sich immer mehr heraus, daß viele Jahr- 
tausende hindurch schon Ansiedlungen auf dem 
ganzen Bereiche dieses hochwasserfreien Ge- 
bietes gewesen sind. Die ältesten Spuren reichen 



a ) Eine eingehende Publikation über den Fund wird 
von den genannten Herren vorbereitet. Es handelt sich 
um zwei pietätvoll in einem Grabe bestattete Indivi- 
duen, Mauu und Frau, deren Skelette 1914 bei Stein- 
brucharbeiten zum Vorschein gekommen waren. Der 
Fund gehört an das Ende des Magdalenien. 



in die Übergangsperioden von der älteren zur 
jüngeren Steinzeit, dem Tardenoisien. Charakte- 
ristische Funde wurden in der letzten Zeit in 
der Nähe von Longerich gemacht, während An- 
deutungen dieser sehr frühen Bewohnungen 
schon vor einigen Jahren an der Marienburg 
zutage gekommen waren. Eine reiche Kultur- 
schicht mit zahllosen Abfällen, Scherben, Kohle 
und typischen Geräten, läßt es ganz außer Frage, 
daß eine tatsächliche Besiedlung bestanden hat. 
Auch ein Schädeldach fand sich hier, an dem 
viele sehr alte diluviale Merkmale sich vorfinden. 
Die jüngere Steinzeit hat reichere Besiedlung 
auf dem hochwasserfreien Gebiete gesehen. Zahl- 
reiche Steingeräte, auch Einzelfunde im ganzen 
Stadtgebiete geben davon Kunde, dann aber 



Fig. 1. 




Bronzezeitlicher Grabfund von Cöln-Nippes 1914. 
Nadel, Schwert, Absatzaxt. 

Grabfunde (Zonenbecher), die an das Ende der 
Periode (gegen 2000 v. Chr.) zu setzen sind. 
Die Bronzezeit lieferte fast aus allen Perioden 
Beweise der Besiedlung. Von der Marienburg 
stammt ein Flachbeil (gegen 2000 v. Chr.), an- 
dere Bronzeäxte fanden sich in Cöln selbst und 
Longerieh. In die mittlere Bronzezeit führt ein 
Fund aus Nippes (Schwert, Absatzaxt und Nadel). 
Die Longericher Gegend war demnach auch, 
wie dies keramische Funde andeuten, wieder 
besiedelt. Die Bronzezeit dauert bei uns von 
etwa 2000 bis 1200 v. Chr. Die erste Eisenzeit 
(1200 bis 500 v. Chr.) sah für den Niederrhein 
zum ersten Male eine sehr ausgedehnte Bevölke- 
rung. Zu Tausenden sind die Grabhügel aus 
der Zeit erhalten. Damals war das Stadtgebiet 



20 



Cöln ;in mehreren Stellen besiedoll. Eine Nieder- 
lassung mit Grabfeld befand sich an der Marien- 
burg, eine zweite wieder in der Longerich- 
Fühlinger Gegend. Alle Phasen der Periode 
lassen sieh auf diesem Grabfelde nachweisen. 
Mit dem 6. Jahrhundert v. Chr. beginnt für den 
Niederrhein die germanische Zeit. Gegen 500 
erfolgte die Einwanderung der germanischen 
Stämme. Auch ihre Siedlungsreste lassen sich 
auf dem Cölner Gebiete wenigstens für das 
2. Jahrhundert v. Chr. nachweisen. Gewiß sind 
sie noch sehr zahlreich in der Erde verborgen, 
da die germanischen Gräber der ganzen Periode 
von 500 an bis zur fränkischen Zeit als ein- 
fache Brandgruben ohne Hügelbestattung nicht 
leicht aufgefunden werden können. Germanische 
Dörfer haben demgemäß auf dem hochwasser- 
freieu Gebiete bestanden schon von 500 v. Chr. 

Kii;. 2. 




Von dem eisenzeitlichen Grabfeld Cöln-Marienburg. 

Fig. 3. 




Glockenbecher von Fühlingen. 

an. Sie lassen sich bis jetzt nachweisen aus 
dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. bis 
3. Jahrhundert n. Chr. Damals befand sich be- 
reits au der Marienburg ein weites germanisches 
Dorf. Die Besiedlungsreste des germanischen 
Platzes, der dann später als „Oppiduni Ubiorum" 
und als „Colonia Claudia Augusta Agripinensis" 
weiterlebte, sind natürlich durch die zahlreichen 
Neubauten im Stadtgebiete längst verschwunden." 

In der Mitgliederversammlung am 21. April 
1 9 1 5 berichtete nach Erledigung der geschäftlichen 
Mitteilungen der Vorsitzende der Gesellschaft, 
Rektor Rademacher, über „einen neuen 
diluvialen Fund aus der Cölner Gegend". 

Während diluviale Werkzeuge aus den Rhein- 
landen früher nur vom Martinsberg von Andernach, 
vom Buchenloch bei Gerolstein,, sowie durch die 
Ausgrabungen der Gesellschaft aus der Kart- 
steinhöhle bei Eiserf ey bekannt waren , konnte 
der Vorsitzende jüngst eine abgerollte Feuer- 



steinklinge der jüngeren Zeit des Diluviums 
(Aurignacien) aus Fühlingen vorzeigen. Jetzt 
hat nun ein durch die Gesellschaft interessierter 
einfacher Bauer bei Birringhoven im Siegkreis 
in der Kiesschicht einen diluvialen Feuerstein- 
faustkeil gefunden und als solchen richtig er- 
kannt. Derselbe gehört in die Periode des ab- 
sterbenden Faustkeiles, Mousterien (Zeitalter des 
Neandertalmenschen). Leider war die Fund- 
stelle für eine wissenschaftliche Untersuchung 
bereits zerstört. — 

Darauf hielt Prof. Czaplewski seinen an- 
gekündigten Vortrag über den „diluvialen 
Meuschenfund von Chancelade mit Rück- 
blicken und Ausblicken auf die diluvia- 
len Menschenrassen". Durch die neuereu 
Fuude des Homo Mousterieusis und Homo 
Aurignaceusis, namentlich aber durch die so be- 
deutsamen neuen diluvialen Funde aus dem 
Magdalenien bei Oberkassel, werde es, wie der 
Redner ausführte, notwendig, auch auf ältere 
Funde zurückzugreifen, die neben den hervor- 
stechenden Funden der Neandertalrasse zunächst 
weniger Aufmerksamkeit gefunden hätten. Unter 
diesen scheine von besonderer Bedeutung ein 
Fund vou Chaucelade, welchen der Vortragende 
eingehend nach der leider schwer zugänglichen 
Arbeit Testuts schilderte. 

Zum Vergleich wurden die Neandertalrasse, 
Homo Mousteriensis, Homo Aurignaceusis, sowie 
die Cromaguon- und Grimaldirasse besprochen. 
Für die Vergleiche der l'nterkief erbildung 
wurden die Funde von Mauer, der Homo Mouste- 
riensis, Homo Aurignaceusis, sowie die Cro- 
magnon- und Grimaldirasse herangezogen. 

Bei dem Funde von Chancelade , welcher 
übrigens schon aus dem Jahre 1888 stammt, 
handelt es sich um einen Menschen mit schön 
gebildetem, gut entwickeltem Schädel von über- 
normaler Kapazität, ohne neandertaloide Merk- 
male. Derselbe weist manche Ähnlichkeiten mit 
dem Homo Aurignacensis und den Funden von 
Cromagnon, sowie namentlich von Oberkassel 
auf. Er zeigt aber auch wieder deutliche Ab- 
weichungen. Vortragender betonte dabei die 
Bedeutung der Norma verticalis und namentlich 
der Norma occipitalis, d. h. der Ansicht von 
oben und von hinten gegenüber der im allge- 
meinen bevorzugten Norma lateralis, d.h. der 
Seitenansicht, für die Zwecke der Vergleichung. 
Sehr interessant ist namentlich auch die Uuter- 
kieferbildung mit stark vorspringendem Kinn 
mit gewulstetem auskragenden Rande des unteren 
äußeren Randes der Kinnlade. Der l'nterkiefer 
erinnert dadurch au Cromagnon und zeigt ge- 
wisse Beziehungen zum Homo Aurignaceusis 



21 



und der Grimaldirasse, namentlich oben zu den 
Funden von Oberkassel. 

Der Vortragende warnte vor irreführenden 
Verallgemeinerungen aus Einzelfunden. Es sei 
notwendig, nicht gleich immer verallgemeinern 
zu wollen , sondern gewissenhaft alle Funde zu 
sammeln, sorgfältig zu beschreiben, um dadurch 
allmählich zu immer festeren Grundlagen zu 
kommen. — 

Am 17. Mai l'J 15 wiederholte der Vor- 
sitzende der Gesellschaft, Rektor Rademacher, 
im großen Gürzenichsaale seinen Vortrag vom 
10. März 1915. Er sprach nochmals über „Aus 
Cölns Vorzeit. Vier Jahrtausende der Besied- 
lung des stadtcölnischen Gebietes". — 

Am Sonntag, den 5. Juni, folgte die Gesell- 
schaft der Einladung ihres Mitgliedes Herrn 
Sanitätsrat Dr. Dormageu zur Besichtigung 
der Stiftung „Dr. Dormagen" in Cöln-Merheim. 
Unter der liebenswürdigen Führung des Herrn 
Sanitätsrats Dr. Dormagen und des Oberarztes 
der Stiftung, Herrn Dr. Landwehr, der zur- 
zeit auf Urlaub aus dem Felde weilte, wurde 
auf einem Rundgange die ganze Anstalt be- 
sichtigt. Besonderes Interesse erweckten die 
Werkstätten im Betriebe, die sauberen Schlaf- 
säle und luftigen Unterkunftsräume der Stif- 
tung. Wohltuend berührte die liebenswürdige 
Art , womit der Lehrer der Stiftung , Herr 
Thome, mit den Kindern umzugehen wußte. 
Mit Bewunderung sahen die zahlreich erschie- 
nenen Mitglieder, wie das Krüppelheim mit 
großem Erfolge bestrebt ist, die armen Krüppel, 
die Stiefkinder des Lebens, zu brauchbaren, auf 
sich selbst gestellten und zufriedenen Mitgliedern 
der menschlichen Gesellschaft zu erziehen. 

Nachdem der Vorsitzende der Gesellschaft, 
Rektor Rademacher, dem unermüdlichen För- 
derer des Krüppelheims , Herrn Sanitätsrat Dr. 
Dormagen und dem Oberarzt Herrn Dr. Land- 
wehr, Herrn Thome und den Schwestern den 
warmen Dank der Gesellschaft für die hoch- 
interessante Führung ausgesprochen hatte, folgte 
nach einer kurzen Wanderung die Besichtigung 
des Aussfrabunirsfeldes in Füllungen, welches ! 
für die Geschichte der Stadt Cöln so wichtige 
Funde ergeben hat. Herr Sp ringensgut, 
welcher die Funde daselbst im Auftrage der 
Gesellschaft verfolgt hatte, berichtete an Ort 
und Stelle unter Vorlage von Photographien 
und Karte über die Funde. 

Auf der ehemals Oppeuheimscheu Rennbahn 
zu Fühlingen wurde bei Baggerarbeiten ein 
Gräberfeld entdeckt. Eine systematische Aus- 
grabung war leider uicht möglich, da die Grab- 
hügel eingeebnet waren. Die Urnen kamen bei 



I den Baggerarbeiten zum Vorschein; viele wur- 
den dabei beschädigt, doch gelang es, eine 
größere Zahl zu retten. Wie auf der rechten 
Rheinseite zwischen Sieg und Wupper standen 
: die (sämtlich mit einem Deckel zugedeckten) 
Urnen in verschiedener Tiefe auf gewachsenem 
Boden, umgeben von einer Aschenschicht. Der 
Inhalt bestand aus Knochen, Asche und Sand. 
Bronzereste fanden sich nur zweimal, darunter 
eine gut patinierte Bronzeuadel mit großem Kopf. 
Beigefäße waren sehr häutig. Die im ganzen etwa 
175 Gräber (über deren Wichtigkeit Rektor 
Rademacher bereits in mehreren Vorträgen be- 
richtet hat) stammen aus der Steinzeit, Hallstatt- 
zeit, La Tene- und Römerzeit. Das einzige 
„römische" Grab, eine aus zwölf großen Tuffstein- 
platten gebildete Steinkiste von 1,5 zu 1 m auf 
dem höchsten Punkte des Plateaus enthielt ein 
leider ganz zerfallenes Kinderskelett. Außer 
den Gräbern konnten noch verschiedene An- 
Siedlungen festgestellt werden, eine aus dem 
Tardenoisien (Übergang vom Diluvium zum 
Alluvium), eine aus der jüngeren Steiuzeit 
(Zonenbecherscherben), zwei aus der Bronze- 
zeit (Scherben körbchenartiger Gefäße), eine 
aus der Ilallstattzeit, zwei aus der La Tenezeit 
(charakteristische Scherben und Eisenfibel), so- 
wie mehr als 40 Ansiedlungen aus der römi- 
schen Zeit und römisch-fränkischen Zeit (hierbei 
die einzige dort gefundene römische Bronze- 
münze des Valens, etwa 370 n. Chr.). Aus der 
karolingischen Zeit, etwa 1000 n. Chr., fanden 
sich auch Kulturreste (Scherben mit Relief- 
bändern von Amphoren). Das Grab mit dem 
goldenen Sarge des Heidenkönigs, der nach der 
Sage hier begraben sein soll, wurde freilich 
uicht gefunden, doch kann das Prähistorische 
Museum und die Cölner Anthropologische Ge- 
sellschaft mit der Ausbeute sehr zufrieden sein, 
welche für das „stadteölnische Gebiet" so wich- 
tige Aufschlüsse gegeben hat. — 

Die Cölnische Anthropologische Gesellschaft 
hat sich die Aufgabe gestellt, die vorgeschicht- 
liche Vergangenheit der Stadt Cöln ihren Mit- 
gliedern zu vermitteln, und zwar durch Vor- 
träge und Wanderungen zu den vorgeschicht- 
lich bedeutsamen Stätten des Stadtgebietes. Den 
Beschluß dieser Veranstaltungen bildete eine am 
4. Juli 1915 stattgefundene Wanderung durch 
das rechtsrheinische Cölner Gebiet. Gerade 
dieser Teil des Stadtgebietes zeichnet sich durch 
eine Fülle wichtiger Fundplätze aus. 

Eine stattliche Anzahl Damen und Herren 
nahmen an der Wanderung teil. Zunächst ging 
es nach Dünnwald in die dortigen Wälder zu 
den dort liegenden Grabstätten. Der Vorsitzende 



22 



der Gesellschaft, Rektor R ad e mache]-, begrüßte 
auf einer solchen die Teilnehmer, spracb von 
der Geschichte der Erforschung der nieder- 
rheinischen Grabhügel im allgemeinen, wies 
nach, daLi ihre Errichtung in die erste Eisenzeit 
(1200 bis 500 v. Chr.) zu setzen ist, da nicht 
Germanen die Grabhügel errichtet, wie so lange 
angenommen wurde, sondern eine vorgermani- 
sche Bevölkerung hier am Niederrhein gesessen 
habe. Redner schilderte die Kultur dieser Zeit 
und zeigte, wie etwa im 5. Jahrhundert v. Chr. 
die Germanen aus Westfalen den Niederrhein 
besetzt haben. Anlage und Einrichtung der 
Grabhügel konnte an Ort und Stelle gezeigt 
werden. Die Leichen wurden verbrannt, die 
Reste pietätvoll nach gewissen Grundsätzen in 
Urnen geborgen, diese mit einem Deckel ver- 
schlossen, oft ein kleines Beigefäß hinzugefügt, 
das Ganze dann auf den Boden gestellt und ein 
kleiner oder größerer Hügel darüber errichtet. 
Von Dünnwald ging die Wanderung nach 
Delbrück. East in ununterbrochenem Zuge setzen 
sich, allerdings vereinzelt, die Grabhügel von 
Dünnwald bis zum Bahnhof Delbrück fort und 
leiten so zu dem größten Grabfeld nicht nur 
deB Stadtgebietes, sondern des ganzen Bezirkes 
/wischen Sieg und Wupper, der sogenannten 
„Iddelsfelder Hardt" über. Der Vorsitzende 
berichtete dann über die Funde von dieser über 
1200 Grabhügel zählenden Stätte, die dann, so 
viel als es die Hitze erlaubte, in Augenschein ge- 
nommen ward. Der ganze Platz ist mit Tannen 
bestanden. Hügel wölbt sich hier an Hügel, von 
den kleinsten , unscheinbaren bis zu mächtigen 
Erhöhungen; auch Langgräber kommen vor. 
Weitere Grabfelder in Königsforst wurden noch 
besucht; eines gleich an der Landstraße ist seit 
einigen Jahren abgebaggert. Im „Waldhotel" 
fand bei verdientem Trunk die Wanderung 
ihren Schluß. — 

Über die Vermehrung der Sammlungen und 
die weitere Ausgestaltung des Cölner Prähisto- 
rischen Museums berichtete am Mittwoch, den 
28. Juli 1915, in der Mouatsversammluug der 
Cölner Anthropologischen Gesellschaft der Vor- 
sitzende, Rektor Rademacher, im Museum 
selbst. 

Großen Zuwachs hat das Museum in der 
letzten Zeit zu verzeichnen, sowohl durch den 
Ankauf umfangreicher Sammlungen, wie durch 
Zuwendungen. Die Darstellung des Entwicke- 
lungsganges der Kultur des Menschen er- 
folgte durch Vermehrung von einschlägigen 
Funden, sowie besonders durch die Einrichtung 
einer Abteilung „diluviale Kunst", welch letz- 
tere das interessanteste Problem der ganzen 



diluvialen Menschenforschung bildet. Skulptur 
Gravur, Zeichneu und Malerei lassen sich an 
dem vorhandenen Material nunmehr übersehen 
und geben Einsicht in die Psyche des Menschen. 
Aus dem Knochenmaterial der Kartsteinhöhle 
konnten zwei vollständige riesige Schädel des 
Höhlenbären zusammengesetzt werden. An wich- 
tigen größeren Ankäufen sind zu verzeichnen 
zunächst der Erwerb einer umfangreichen Samm- 
lung „Steingeräte der Sahara", die von einem 
deutschen Forscher kurz vor dem Kriege ge- 
sammelt waren. Dieselbe gibt ein anschauliches 
Bild der kulturellen Zusammenhänge nordafri- 
kanischer und europäischer Kultur, sowohl wäh- 
rend wie nach dem Diluvium. 

Die Steiutechnik der nordgermanischen jün- 
geren Steinzeit, auch aus der Kjökkenmöddinger- 
Stufe (Küchenabfallhaufen), brachte der Ankauf 
einer großen Sammlung zu einem gewissen Ab- 
schluß. Reiche Serien prachtvoller Beile und 
Dolche sind darunter, auch geschlossene Grab- 
funde mit zum Teil wertvollem Inhalt au Gefäßen, 
Steinbeileu und Bronzen (Schwertern). 

Die erste Eisenzeit unserer niederrheinischen 
Heimat (1200 bis 500 v. Chr.) vermehrte sich 
ebenfalls durch Grabfunde aus diesem Gebiete, 
aus denen besonders einige von Scheuerbusch 
bei Wahn (Geschenke der Direktion der Dynamit- 
fabrik) hervorzuheben sind. Sie stammen aus 
dem 12. bis 10. Jahrhundert v. Chr. Die zweite 
Eisenzeit für den Niederrhein, die germani- 
sche Zeit, konnte sich durch Ausgrabungen, 
Aukäufe und Schenkungeu zum ersten Male gut 
entwickeln; daneben fand aber auch die ent- 
sprechende keltische Kultur weitere Berück- 
sichtigung. Die germanische Kultur der 
römischen Kaiserzeit fand weitere Auf- 
klärung durch die umfangreichen Ausgrabungen 
in Opladen. Den Abschluß der nordgermani- 
schen Kultur (Wickingerzeit) zeigeu die 
reichen Brouzefunde aus Wickingergräbern des 
6. Jahrhunderts n. Chr. von der ostpreußischen 
Grenze (Fibeln, Hals- und Armringe, Brust- 
schmuck). 

Neben der Beschaffung dieses Urkunden- 
materials, das zu entziffern der vorgeschicht- 
lichen Forschung in immer größerem Maße ge- 
lingt, hat das Museum sein besonderes Augenmerk 
darauf gerichtet, die Kulturen der verschiedenen 
Epochen selbst durch Bilder und Modelle zu 
veranschaulichen (Grab- und Hausbauteu der 
verschiedenen Zeiten). Insbesondere soll durch 
sogenannte Ent wickeluugsreihen die Arbeit 
des menschlichen Geistes bei der Vervollkomm- 
nung eines Werkzeuges oder Schmuckgegen- 
standes dargestellt werden. Kein Objekt ist 



23 



hierfür anschaulicher als die Axt. Die Zu- 
sammenstellung von mehr als 30 Äxten aus 
sämtlichen gesclüchtlicheu und vorgeschichtlichen 
Perioden gibt die Entwicklung von dein dilu- 
vialen Faustkeil bis zur modernen Axt wieder. 
In entsprechender Weise ist noch die Entwicke- 
lung des Dolches und der Fibel (Gewandspange, 
Brosche) zur Darstellung gebracht worden. 

Der neue Führer, in welchem alle Neuerwer- 
bungen und Umordnungen berücksichtigt sind, 
ist in 3. Auflage erschienen. — 

Sonnabend, den 25. September 1915, ver- 
einigte die Cöluer Anthropologische Gesellschaft 
eine stattliche Anzahl Mitglieder mit ihren 
Damen und Gästen zu einem Besuche der vor- 
geschichtlichen Grabhügel des Vor- 
gebirges in der Umgegend von Brühl und 
Kierberg. Vom schönsten Wetter begünstigt, 
ging die Wanderung vom Bahnhof Kierberg zu 
dem nahe gelegenen Hochwald, der eine Anzahl 
von etwa 40 Grabhügeln umfaßt, die meist aus 
der ersten Eisenzeit ( 1 200 bis 500 v. Chr.), einzelne 
jedoch aus der jüngeren Steinzeit, und zwar aus 
dem Ende dieser Periode stammen. Auf einem 
der bedeutenderen Hügel begrüßte der Vor- 
sitzende der Gesellschaft, Rektor Rademacher, 
die Erschienenen und besonders die Bonner Gäste, 
Herrn Geheimrat Verworn, der mit mehreren 
anderen Professoren der Bonner Universität als 
Vertreter der Bonner Anthropologischen Gesell- 
schaft an der Wanderung teilnahm. Kirchen- 
maler T holen berichtete über die Gräber, die 
Zeit ihrer Entstehung und gab eingehende Bei- 
träge zur Kultur der einzelnen durch die Grab- 
hügel vertreteneu Perioden. Nach einer ge- 
meinsamen Wanderung durch den herbstlich 
prangenden Wald wurde die Braunkohlengrube 
„Gruhlwerk" besucht. Der Direktor des Werkes 
führte zunächst der Gesellschaft die Art und 
Weise des Tagebaues vor, wobei an Ort und 
Stelle die Entwickelung dieser bedeutsamen 
Flöze und die Gewinnung ihrer Schätze iu 
Augenschein genommen werden konnte. Daran 
schloß sich ein Rundgang durch die Brikett- 
werke, deren mächtige Ausdehnung und zweck- 
mäßige Einrichtung die Bewunderung aller Teil- 
nehmer hervorrief. Zum Schluß vereinigte die 
Direktion der Grube die Gesellschaft zu einem 
gastfreien Imbiß in den Räumen des Bahnhofs 
Kierberg. — 

Wiederholt haben in letzter Zeit die Tages- 
blätter Artikel über den Aberglauben in diesem 
Kriege und über Amulette gebracht, deshalb 
war es sehr zeitgemäß, daß die Collier Anthro- 
pologische Gesellschaft dieses Thema zu einem 



Vortrage für Mittwoch, den 20. Oktober 11)15, 
wählte. 

Sanitätsrat Dr. Dormagen zeigte dabei an 
Hand seiner Sammlung, daß der Aberglaube im 
Kriege und die Vorstellung von Schutzkraft 
der Amulette immer und überall bestanden 
haben. 

„Unser prähistorisches Museum, dessen Be- 
such nicht warm genug empfohlen werden kann, 
enthält bereits aus prähistorischer Zeit Amu- 
lette aus Ton, Beiu, Stein und Bronze einfach- 
ster Art, bestehend aus runden Scheiben u. dgl. 

In Ägypten aber, das schon vor Tausenden 
von Jahren eine hohe Kultur besessen , finden 
sie sich in mannigfacher Gestalt, als Nachbil- 
dungen vou Gottheiten, heiligen Tieren: Katzen, 
Sperber, Schakal, vor allem aber in Gestalt des 
berühmten heiligen Scarabäus. 

Die Römer verfertigten Amulette aus Bronze 
für Seefahrer, erotische und solche gegen den 
sogenannten bösen Blick. Die Araber uud Perser 
nanuten ihre Amulette „Talismane". Diese 
brauchen nicht getragen zu werden ; sie köunen 
auch am Hause befestigt sein; der Talisman 
kanu aber nur abwehren, nicht Gutes wirken. 

Von diesen Völkern kam der Gebrauch der 
Amulette auch in die christliche Kirche. Wenn 
nun auch das Tragen derselben von verschie- 
denen Synoden bei Strafe verboten wurde, so 
konnte es doch nicht verhindert werdeu. Des- 
halb sorgte die Kirche dafür, daß dieser heid- 
nische Überrest sich in christliche Formen 
hüllte: Anhänger iu Kreuzform und Figuren von 
Heiligen; in byzantinischer Zeit mit dem hei- 
ligen Georg und St. Michael. 

Im Mittelalter, wo der Aberglaube reichlich 
blühte (man denke an die Wahrsagungen der 
Astrologie, die Alchemie, den Teufelsspuk, die 
Geistererscheinungen , an die Ordalien oder 
Gottesurteile, an die Hexenprozesse), wurden, 
zumal gegen Krankheiten, unzählige Arten von 
Amuletten in verbis, in herbis et in lapidibus ge- 
tragen. So zeigte der Vortragende denn zahl- 
reiche sogenannte Hexenbriefe , Kräuter und 
Halbedelsteine, die als Amulette gedient hatten. 
Bei der Herstellung der Amulette wurden viel- 
fach die ekelhaftesten Sachen, wie verbrannte 
Kröten, Regenwürmer, Menscheumoos und wider- 
liche Kräuter verwandt; dieses rührt von der 
Vorstellung her, daß das, was dem Menschen 
widerlich ist, auch auf die Dämonen und bösen 
Geister, gegen welche mau sich schützen wollte, 
abschreckend wirke. 

Aber auch jetzt noch werden Amulette, zu- 
mal in diesem Kriege, getragen. Bei Wertheim 
in Berlin ist die Alraunwurzel, die einst als 



24 



Alrauimiännehen eine große Rolle spielte, noch 
beute zu haben. Das bei vielen Völkern vor- 
kommende Svastikakreuz liegl bei unseren Juwe- 
lieren im Schaufenster aus. Das vierblätterige 
Kleeblatt wird den Soldaten von ihren Bräuten 
verehrt In verschiedenen Drogengeschäften 
sind Zahnhalsbänder für Kinder feil. 

So finden wir denn überhaupt den Aber- 
glauben namentlich im Kriege zu alleu Zeiten, 
so bei den Griechen, besonders bei den Kömern, 
die aus dem Fluge der Vögel, dem Fressen der 
Hühner Glück oder Unglück weissagten. Im 
30jährigen Kriege war das Fest-, Stichfest- oder 
Gefrorenmachen weit verbreitet. Es wurden 
hierzu besonders Sprüche oder Zeremonien vor- 
genommen oder bestimmte Zaubermittel, be- 
sonders die Alraunwurzel oder Allermanns- 
harnisch oder das sogenannte Not-St. Georgs- 
siegeshemd, das von reinen Jungfrauen unter 
bestimmten Zeremonien in heiliger Stunde ge- 
sponnen wurde, angewandt, wie auch in Wallen- 
steins Lager und im Freischütz sehr eingehend 
geschildert wird. 

Ferner spielen Tiere eine große Rolle im 
Kriege. Bei den alten Germauen galt das Pferd 
als glückbringend. Heute bezeichnet mau das 
Glückschweinchen, den Maikäfer und den 
Marienkäfer als glückbringend, dagegen den 
Hasen, die Biene, den Raben und die Dohle 
als unglückbringend. Weit verbreitet war auch 
der Wund- und Blutstillungszauber, wofür es 
Tausende von Rezepten gibt, nicht allein von 
Schäfern oder alten schieläugigen Weibern 
(Hexen) , sondern auch von wissenschaftlich 
hochgebildeten Ärzten. 

Damit vergleiche man die heutigen Vor- 
sichtsmaßregeln bei Volksseuchen und die Be- 
handlung der Wunden, der Kopf-, Bauch- und 
Geleukschüsse, die früher, noch 1870, fast alle 
tödlich waren, mit ihren ans Wunderbare gren- 
zenden Erfolgen. — 

Am Donnerstag, den 18. November 1915, 
hielt die Cölner Anthropologische Gesellschaft 
ihre Mitgliederversammlung im Museum für 
Volkshygiene ab. 

Das Thema des Abends war: „Höhlen und 
Höhlenfunde im Neandertale", Referenten 
Herr Kirchenmaler Tholen und Herr Prof. 
Dr. Czaplewski. 

Zuerst berichtete Herr Kirchenmaler Tho'len 
auf Grund genauerer Studien au Ort und Stelle 
über das Neandertal und seinen jetzigen Zu- 
stand. Nach kurzen Bemerkungen über die Be- 
deutung der Auffindung des fossilen Menschen- 
skeletts im Neandertale suchte der Vortragende 
ein Bild von dem ursprünglichen Zustande des 



Tales, zum Teil nach Angaben von noch leben- 
den Zeugen der damaligen Zeit, zu entwerfen. 
Man hat sich das Neandertal als eine etwa 2 km 
lange, 60 bis 70 m tiefe, von der Dussel durch- 
strömte Schlucht zu denken, in der sich eine 
Anzahl verschieden großer natürlicher Höhlen 
öffneten. Heute ist das Tal durch Steinbruch- 
betrieb vollständig zerstört. Nach kurzen Aus- 
führungen über die Bedeutung der Höhleu für 
den diluvialen Menschen überhaupt, schilderte 
Redner eingehend die Auffindung des Skeletts 
in einer kleinen , vorhin gar nicht beachteten 
Höhle, darauf den besonders über die auf- 
fallende Form des Schädels einsetzenden Streit 
der deutschen und ausländischen Gelehrten, der 
erst sein Ende fand, als an anderen Orten fos- 
sile Menschenschädel mit gleichen Formen ge- 
funden wurden. Redner machte es sodann 
wahrscheinlich, daß der Neandertalmann in der 
Höhle pietätvoll beigesetzt sei, die Skeletteile 
also nicht von einem zufällig durch Wasserfluten 
angeschwemmten Toten herrühren, wie bisher 
meistens angenommen wurde. Die Auffindung 
eines zweiten Skeletts spricht noch mehr für 
diese Annahme. Zum Schluß faßte Redner das 
Hauptresultat seiner Untersuchungen in folgen- 
dem Satze zusammen: Das Neandertal war durch 
seine günstige Lage am Rande der Rheinebene, 
sowie durch eiue Anzahl von großen offenen 
Höhlen als Wohustätte für den diluvialen Men- 
schen sehr geeignet, und da dortselbst zwei 
diluviale Menschenskelette gefunden sind, die 
höchstwahrscheinlich von Bestattungen herrühren, 
so dürfen wir unbedingt das Neandertal iu die 
Reihe der diluvialen Wohnstationen aufnehmen 

Eine wirksame Ergänzung zu dem Vortrage 
des Herrn Tholen brachte der zweite Redner 
des Abends, Herr Prof. Dr. Czaplewski, in- 
dem er aus zwei, den Mitgliedern der Gesell- 
schaft unbekannten älteren Publikationen den 
früheren ursprünglichen Zustand des Neander- 
tales vor seiner Zerstörung durch den 
Steinbruchbetrieb schilderte. Die erste 
Schrift vom Jahre 1835, „Wanderung zur Ne- 
anderhöhle", ist von Hofrat Dr. J. H. Bon- 
gard. Die ganze Gegend des Neandertales mit 
seinen Höhlen wird eingehend geschildert und 
konnte, da auch gute Abbildungen in dem kleinen 
Werke vorhanden sind, vom Vortragenden im 
Lichtbilde zur Erläuterung vorgeführt werden. 

Die zweite Schrift aus dem Jahre 1852 ist 
ein ausführlicher Zeitungsartikel der „Kölnischen 
Zeitung" von dem bekannten Bonner Geologen 
Noeggerath, dessen Einsicht der Vortragende 
der Liberalität der „Kölnischen Zeitung" ver- 
dankt. Noeggerath knüpft an aus dem Ne- 



25 



andertale stammende ausgestellte Marmorproben 
an und schildert dann einen Besuch des Neander- 
tales. Noch (1852) ist viel erhalten, so auch 
die Höhlen ; aber schon ist eine Eisenindustrie 
emporgeblüht, nachdem der Schienenstrang die 
Gegend erschlossen. Der Besuch des schönen 
Tales ist dadurch erleichtert, aber auch eine 
Steinbruchindustrie hat sich am Ausgang des 
Tales niedergelassen und beginnt dasselbe anzu- 
schneiden. 

Der Vortragende schilderte dann nach den 
Augaben von Fuhlrott, Lyell u.a. die fort- 
schreitende Zerstörung des Tales, die heute eine 
fast vollständige genannt werden kann. 

liedner hebt die Zerstörung des Neauder- 
tales als warnendes Beispiel hervor, welche un- 
ersetzliche Werte nicht nur durch den Krieg, 
sondern — falls nicht Obacht gegeben wird — 
auch als Opfer der Arbeit des Friedens zer- 
stört werden. 

Für Düsseldorf, Elberfeld und die nähere 
und weitere Umgebung der Rheinlande ist damit 
eine der schönsten Gegenden zerstört. Für die 
Anthropologie, für Deutschland und die 
Menschheit bedeutet dieser Verlust mehr, 
denn mit dem romantischen Neandertal ist un- 
zweifelhaft eine der allerwichtigsten Familien- 
Urkunden der Menschheit, welche bis dahin alle 
Zeiten überdauert hatte, als sie ans Licht kam 
in letzter Stunde, aus Unachtsamkeit verloren 
gegangen. 

Der Neandertalfund selbst ist ganz unvoll- 
ständig, seine Zusammengehörigkeit zweifelhaft, 
der Fundbericht höchst lückenhaft. Weitere 
zahlreiche Funde (meist Tierknochen) aus dem 
Neandertale sind gemacht, aber zerstreut, wer 
weiß wohin. Prof. Dr. Czaplewski bittet daher 
um gütige Nachrichten über solche Funde und 
ihren Verbleib, sowie über das Neandertal in 
seinem früheren Zustande. Auch regt er an, 
noch vorhandene Schriften, welche heute zum 
Teil nur noch durch Zufall zu erhalten sind, 
der Cölner Anthropologischen Gesellschaft bzw. 
dem Prähistorischen Museum im Bayenturm 
überweisen zu wollen, ehe sie der Vernichtung 
preisgegeben werden. 

Es ist im höchsten Maße bedauerlich , daß 
man das Neandertal mit seinen Schönheiten und 
Reizen , seinen so wichtigen Grotten hat unter- 
gehen lassen. Das Bergische Land hatte in dem 
Neandertale mit seinen Höhlen sozusagen ein 
deutsches Vezeretal vor den Toren seiner Städte, 
zu dessen Ausgrabung Bongard sowohl wie 
Noeggerath direkt auffordern. 

Man hat über den Schädelrest die tief- 
sinnigsten, zum Teil vollkommen falschen Ab- 



handlungen geschrieben und dabei untätig zu- 
gesehen, ohne sie genauestens zu durchforschen, 
wie die wichtigsten Fundstellen unaufhalt- 
sam zerstört wurden. — 

In der Mitgliederversammlung der Cölner 
Anthropologischen Gesellschaft am Mittwoch, 
den 15. Dezember 1915, die im Vortragssaale 
des Museums für Volkshygiene stattfand, sprach 
der Vorsitzende der Gesellschaft, Rektor Rade- 
tnacher, zunächst über die rheinischen Grab- 
hügel, deren Herkunft und Zeitstellung sich 
durch die Arbeiten und Sammlungen des Cölner 
Prähistorischen Museums ergeben haben. 

Die Grabhügel gehören der ersten Eisenzeit 
an (1200 bis 500 v. Chr.). Gegen Ende dieser 
Periode erfolgte am Niederrhein, besonders im 
Sieg-Wuppergebiet, die Einwanderung der Ger- 




G'öttervase vom Fliegenberge bei Troisdorf. 

manen, die seitdem beständig nach Süden dräng- 
ten und etwa um das Jahr 100 v. Chr. den Main 
erreichten. 

Die Germanen hatten die Hügelbestattung 
nicht mehr, sondern setzten ihre Toten in soge- 
nannten Urnenfeldern bei. Die germanischen 
Flachgräber sind am Fliegenberge bei Trois- 
dorf, im Kreise Mülheim und auf dem Vor- 
gebirge festgestellt worden. Sie gehören dem 
3. Jahrhundert v. Chr. an. Germanische Gräber 
ans dem 1. Jahrhundert v. Chr. fanden sich bei 
Cöln (Fühlingen und Fliegenberg) und Mayen. 
Zahlreicher sind in unserem Gebiete die ger- 
manischen Fundstellen des 1., 2. und 3. Jahr- 
hunderts n. Chr. Die erste derartige Nieder- 
lassung wurde am Fliegenberge bei Troisdorf 
entdeckt und untersucht. Außer Gräbern fanden 
sich hier Wohnanlagen (mehrfach mit rundem 
Grundriß). Von hier stammt auch die berühmte 
Göttervase des Cölner Prähistorischen Museums, 
ein Tongefäß mit sechs Götterbildnissen auf 
der Bauchwand. Weitere Gräber dieser Periode 

4 



2ü 



befinden sich bei Niederpleiß, in Scheuerbusch 
bei Wahn, im Kreise Mülheim, besonders jedoch 
auf dem Rosentalsberg bei Opladen. 

Über dieses Grabfeld berichtete Herr 
Springensgut etwa folgendes: „Während bei 
Eröffnung des Prähistorischen Museums im 
Bayenturm im Jahre 1906 germanische Grab- 
fnnde aus der Cölner Umgebung fehlten, sind 
dort jetzt solche von sieben Grabfeldern vor- 
handen (linksrheinisch von Trippeisdorf am 
Vorgebirge und Fühlingen, rechtsrheinisch von 
Niederpleis, Fliegenberg, Wahn, Mülheim und 
Rheindorf bei Opladen). Das letzte Grabfeld 
ergab zahlreiche Funde vom Eude des 1. bis 

4. Jahrhunderts ii. Chr.: Fußurnen, Buckelurnen, 
Kumpen, Terra sigil lata -Schalen, Gewand- 
Bpangen aus Eisen, Bronze und Silber, auch 
.in aillierte; außerdem in Männergräbem Schild- 
buckel, Schildbeschläge; in Frauengräbern Näh- 
nadeln, Haarnadeln und Kämme; in Kiuder- 
gräbern Spielzeug, nämlich Tonpuppe und 
bronzene Rassel. " Ferner fanden sich Beschlag- 
stücke und Nägel aus Eisen und Bronze, Messer, 
Wetzsteine, eiserne Scheren, Teile von Bronzesieb 
und Kasserolen, Schmuckperlen aus Glas und 
Ton und sonstiges. Das Ergebnis der Unter- 
suchung der 245 Gräber ist kurz folgendes : 
1. Die Gräber sind Flachgräber, keine Hügel- 
gräber, und liegen in zeitlich zusammengehörigen 
Gruppen. 2. Zum Verbrennen der Toten wurde 
meist Eichenholz verwendet. 3. Die Beigaben 
wurden oft absichtlich zerbrochen. 4. Die Me- 
tallbearbeitung stand in hoher Blüte, was die 
zierlichen, mit Silberfiligran verzierten Eiseu- 
fibeln beweisen, die geschmiedet wurden, 
während die Brouzefibelu gegossen wurden. 

5. Die germanische Metallarbeit und Töpferei 
ist durch die römische Kultur nicht wesentlich 
beeinflußt. 

An Stelle des großen germanischen Gräber- 
feldes auf der Rheindorfer Hardt oder Rosen- 
talsberg kuüpft sich eine Sage, nach welcher 
der tote Heidenkönig iu einem goldenen Sarge 
auf einem mit vier weißen Ochsen bespannten 
Wagen in den Wald gefahren und dort mit 
reichen Schätzen beigesetzt worden sei. Am 
Rande des Grabfeldes ist die Stelle einer wahr- 
scheinlich germanischen Hütte gefunden worden, 
welche vielleicht dem Wächter des Grabfeldes 
als Wohnung diente." 

Zum Schluß legte Rektor Rademacher 
eine Anzahl geschäfteter Steinbeile vor. Die 
Schäftungen sind genaue Nachbildungen erhal- 
tener Originale aus Pfahlbauten, Gräbern und 
Mooren und sind aus Eschenholz, und zwar aus 
esonders astreichen Stücken hergestellt. Ver- 



suche ergaben , daß andere Hölzer bei der Be- 
nutzung sofort zersplitterten. 

Eines der Beile, eine große Zimmeraxt mit 
geschwungenem Stiel, eignete sich vorzüglich 
zur Arbeit. Ein mäßiger Buchenstamm wurde 
mit derselben in 13 Minuten durchgehauen, 
8 Minuten erforderte dieselbe Arbeit mit einer 
modernen Eisenaxt. Diese Beile erklären die 
Kulturhöhe des Steinzeitalters. 

Herr Regierungsbaliführer E. Rademacher 
hat die Schäftungen für das Prähistorische Mu- 
seum hergestellt. — 

In der Mitgliederversammlung der Cölner 
Anthropologischen Gesellschaft am Mittwoch, 
den 12. Januar 1916, sprach Herr Architekt 
Eberlein über die „Typen des deutschen 
Hauses". Redner hatte im Laufe der Jahre in 
den verschiedensten Gegenden Deutschlands und 
angrenzenden Ländern viele Studien und Auf- 
nahmen gemacht, welche er in Lichtbildern vor- 
führte. Hauptsächlich waren es die Typen 
der Westgermanen, welche eingehend er- 
läutert wurden, und zwar: 1. das fränkische 
Hans, 2. das friesisch - niedersächsische 
Haus, 3. das suevische Haus. Die ältesten 
Beispiele, welche wir über das deutsche Haus 
besitzen, sind Hausurnen, Funde teils aus 
vorgeschichtlicher und teils aus geschichtlicher 
Zeit. Eine Anzahl steinerner Hausurneu aus 
Elsaß und Lothringen, welche aus der Zeit 
zwischeu 250 bis 300 n. Chr. stammen, wurden 
einleitend gezeigt; desgleichen primitive Ur- 
sprungstypen und Hünenbetten. Hierauf 
wurde auf das fränkische Haus einge- 
gangen, welches mit dem suevischen und dem 
friesisch - nieder6ächsischen als Ursprungsmotiv 
den Zeltbau aufweist. Gemeinsam ist diesen 
drei Typen der Fachwerkbau mit steilen Dächern 
und einem dreiteiligen Grundplan. Nur das 
friesische Haus weist eine Kombination mit 
einem älteren nordischen Typus auf. In seinen 
Ursprungsformen hat sich das fränkische Raus 
in Holland südlich der Vechte und am Nieder- 
rhein nördlich Krefeld am besten erhalten, wäh- 
rend das rheinfränkische eine weitere Entwicke- 
lung zeigt. Die 400 jährige Kolonisation der 
Römer am linken Rheinufer hat sich bei dem 
fränkischen Hause eigentlich nur auf die Anord- 
nung der Wirtschaftsgebäude erstreckt, während 
das eigentliche Haus echt deutsch blieb. Bei- 
spiele: Die Cölner Höfe rings um Cöln und die 
vielen Hofhäuser im alten Ubierlande. Eine 
Mittelstellung zwischen friesischen und nieder- 
fränkischen nimmt das westfälische Haus ein. 
Beim friesischen Hause wurde betont, daß 
es das größte und anspruchsvollste ist, dessen 



27 



Größe schon Tacitus erwähnt, indem er sagt, 
daß der Friesen Häuser sehr groß seien und 
Bergen glichen (Hauberge). Diese großen 
Friesenhäuser werden schon bezeugt — wie 
Strabo anführt — durch Pytheas aus Massilia, 
im Jahre 330 v. Chr., als der erste Lichtstrahl 
der Geschichte auf Deutschland fiel. Als Grund 
der Errichtung solcher großen Häuser gibt 
Pytheas au : „Viel Regen und selten Sonnen- 
schein nötigen die Bewohner jener Gegenden, 
große Gebäude zu errichten, um ihr Getreide 
im Trockenen ausdreschen zu können." 

Anschließend an das fränkische und frie- 
sische Haus wurde noch ein zweiteiliger Typus 
erläutert, der vielfach irrtümlich zu dem frän- 
kischen gezählt wird. Der Redner wies an Hand 
von Beispielen nach, daß es sich hierbei um einen 
selbständigen, älteren, einräumigen Typus 
handelt, der seinen Ursprung teils in der Gruben- 
wohnung, teils im Pfahlbau hat und in eine 
ferne Vorzeit hinaufragt. Gemeinsam ist diesem 
Typus: 1. zweigeteilter Grundplan; 2. Block- 
holzbau ; 3. flache Dächer; 4. Vorlauben; 5. gleiche 
Benennungen für kleinere oder größere Teile 
des Hauses, sofern nicht fremde Einflüsse mehr 
oder weniger von diesen Merkmalen verwischt 
haben. Die Verbreitung dieser Häuser ist haupt- 
sächlich im östlicheu Deutschland, in Böhmen, 
Polen, Vorarlberg, südlichen Bayern, in Teilen 
von Österreich, in verschiedenen Tälern der 
Schweiz, aber auch iu Schweden und Norwegen. 
Zum Schluß wurde noch der dritte Typus der 
Westgermanen erläutert: „der suevische", der 
bisher keine genügende Würdigung fand, denn 
er wurde immer als Spielart anderer Typen 
bezeichnet. Während gerade der suevische Typus 
mit der verbreitetste ist und germanische Kul- 
tur nach Ländern brachte, wo früher nur süd- 
ländische Kultur herrschte, wie z. B. iu Südtirol 
und der Po-Ebene mit der Provinz Venedig. Die 
suevischeu Longobarden brachten ihre heimische 
nordische Kultur und Kunstweise mit. Viele 
Kunstformen in Venetien und der Lombardei 
bezeugen dieses. Wenn auch die äußeren Formen 
der Fassadengestaltung in Venedig die klassische 
Kultur aufweisen, so sind aber die Grundplan- 
formen des Hallenbaues mit der Sala echt deutsch. 

Vergleichsbeispiele von Haustypen der Nord- 
und Südsueven aus Deutschland mit solchen 
aus Venedig haben die Übereinstimmung dar- 
getan und zeigen, zu welcher Großartigkeit der 
Entwickeluug der aus einfachen Formen hervor- 
gegangene suevische Typus fähig ist 2 ). — 

') Demnächst wird Herr Architekt Eberlein eine 
ausführliche Publikation mit Abbildungen über dieses 
Thema erscheinen lassen. 



In der Cölner Anthropologischen Gesellschaft 
(Verein zur Förderung des städtischen Prä- 
historischen Museums) sprach am Mittwoch, den 
16. Februar 1916, Prof. Dr. Czaplewski „Über 
altperuanische Vasen". Au der Hand einer 
Reihe von Lichtbildern nach Seier, Reiss und 
Stübel u. a. zeigte der Vortragende zunächst 
den großen Formenreichtum der altperuanischen, 
fast durchweg aus Gräberfunden stammenden 
Tongefäße. Dieselben stellen männliche und 
weibliche Figuren, Götzen, vierfüßige Tiere, 
Vögel, Fische, Krabben und audere niedere 
Tiere, sowie mancherlei Früchte dar. Auch 
finden sich Gruppendarstellungen und Allegorien. 
Die Gefäße sind teils einfarbig aus rötlichem 
oder schwarzem Ton, oder weißgelblich, rot 
oder braun bemalt. Oft finden sich darauf 
größere feine, au altattische Vasen gemahnende 
Malereien. Es kommen Becher, Krüge, Flaschen, 
Schalen, Töpfe verschiedenster Form vor, die 
Figurendarstellungen meist au Trinkkrügen und 
an Flaschen. Letztere haben zum Teil einen 
soliden Henkel oder sind Bügelflaschen höchst 
auffallender Art, bei welchen auf den hohlen 
Bügel in der Mitte oben eine Ausgußröhre auf- 
gesetzt ist. Die Mehrzahl der Tongefäßfuude 
soll aus Gräbern der Chimus stammen, eines 
Küstenstammes, welcher von den Inkas unter- 
worfen wurde, deren Herrschaft auch nur auf 
150 Jahre geschätzt wird. 

Den Anlaß zu diesem Vortrage gaben 38 Vasen 
aus altpertianischen Gräberfunden, welche Herr 
Hauptmann Carl Hesse (ein Sohn des Berg- 
werksdirektors Hermann Hesse in Brühl), 1911 
an die Deutsche Gesandtschaft in Santiago de 
Chile kommandiert, von eiuer Reise nach Peru 
mitgebracht hatte. Nachdem er leider 1914 im 
Osten gefallen, glaubte die Familie in seinem 
Sinne zu handeln, wenn sie diese Schätze zur 
Bearbeitung zur Verfügung stellte. Es sind 
zwei Tonkrüge, drei Tonflaschen mit solidem 
Henkel, im übrigen die geschilderten Bügel- 
flaschen, fast durchweg Menschen- und Tier- 
figuren darstellend. Besonders merkwürdig sind 
zwei derselben: auf der einen, roten, ist ein 
Medizinmann mit fletschenden Zähneu, mit einer 
doppelköpfigen Giftschlange umgürtet, darge- 
stellt, dessen Hände von den Scheeren einer 
Krabbe gepackt sind. Die audere, schwarze, 
zeigt mehrere äußerst kunstvoll angeordnete, 
ineinander verbissene Tierköpfe (Puma) in 
scharfen Linien, etwas stilisiert, herausmodelliert, 
ein ganz hervorragendes Kunstwerk. Ferner 
wurden ebendaher eine tönerne Trompete mit 
markantem Götzenkopf und eine tönerne Puppe 
(mit Vergleichsbildern), sowie eine durchbohrte 



28 



Steinkugel vorgeführt. An der Hand einer 
größeren Zahl farVjiger Lichtbilder schilderte 
der Vortragende die Gräber selbst nach den 
Ausgrabungen in Aneon (bei Lima) durch Reiss 
und Stübel, welche dort 1875 systematisch ein 
ganzes Totenfeld aufdeckten und mustergültig 
beschrieben. Es handelte sich zum größten Teile 

Fig. 5. 




[hei altperuanische BiigelÜaschen mit hohlem Bügelhenkel. 
Fig. 6. 




Altperuanische Bügelrlasehe „der Medizinmann" mit Krabbe 
(Krabben-Dämon?) 



Fig. 7. 




Altperuanische Bügclrlasehe mit stilisierten Tierköpfen (Puma). 

um Hockergräber, bei denen die Hocker zum 
Teil in reich ausgestatteten Mumienballen, welche 
teilweise sogar falsche Köpfe tragen und sitzende 
Indianer nachahmen, nebst vielen Beigaben bei- 
gesetzt sind. Das Gräberfeld ist später von 
Charles Wiener nochmals ausgegraben wordeu, 
welcher noch weitere reiche Schätze (auch Gold- 
funde) aufdeckte. An anderen Stellen Perus 



rinden sich auch große Grabhügel mit Massen 
von Gräbern neben- und übereinander, zum 
Teil sogar Grabpyramiden, in denen der 
Fürst und seine Umgegend beigesetzt sind. Im 
Gebirrje daire^en sind die Bestattungen zum Teil 
in Höhlen oder in nebeneinander in schwer zu- 
gängliche Felswände ein<>ehauenen Löchern. Die 
Mehrzahl der Gräber ist jetzt jedoch von Schatz- 
gräbern in wüstester Weise geplündert. Au 
vergleichenden Bildern zeigte der Vortragende 
sodann ähnliche Formen von Tongefäßen, welche 
Schliemanu im alten Ilion ausgegraben, näm- 
lich Heukeinaschen mit solidem Henkel in ver- 
schiedenen Tierformeu, sowie die gewaltigen, in 
den Boden eingegrabenen Toukrüge (Pithoi), 
während in Ancon in den Boden gegrabene 
alte riesige Tonkrüge zur Chibchabereitung 
(aus gegorenem Mais) gefunden wurden. Da- 
gegen fehlen in Ilion, anscheinend auch sonst, 
die für Peru so charakteristischen Bügelflaschen. 

Der Vortragende schloß mit einem warmen 
Dank an die Familie Hesse für die Über- 
lassung des kostbaren Materials und mit dem 
Wunsche, daß es gelingen möchte, die wert- 
volle Sammlung der Stadt Cöln zu erhalten. 
Es folgte die Besichtigung der Originale, welche 
allseitige Bewunderung infolge ihrer zum Teil 
hervorragenden Formengebung und guten Er- 
haltung hervorriefen. — 

Montag, den 20. März 1916, behandelte im 
großen Gürzeuichsaale der Vorsitzende der 
Cölner Anthropologischen Gesellschaft, Rektor 
C a r 1 R a d e m a c h e r , die Entwickelungsgeschichte 
des Heidedorfes „Altenrath" auf der Wahner 
Heide. Nach verschiedeneu Richtungen bean- 
sprucht dieses Dorf besondere Beachtung, so- 
wohl von seiten der Prähistoriker, wie der 
Freunde der Volkskunde und der Naturfreunde. 

Altenrath liegt auf der sogenannten Heide- 
terrasse, die au den höchsten Stellen 60 bis 
70 m über dem Bheintal aufragt. Wieder 50 
bis 60 m höher als diese Terrasse erhebt sich, 
zwischen Sieg und Agger, eine zweite Hoch- 
fläche als Hochterrasse. Dieser Hochterasse ist 
die Heideterrasse vorgelagert. Während frucht- 
barer Löß das Hochplateau deckt, lagert in der 
Mittelterrasse diluvialer Sand auf mächtigen 
Tonschichten. Hierauf beruht auch der Heide- 
und Moorcharakter des Gebietes mit den frucht- 
baren Höhen der Hochterrasse. In der Vorzeit 
war diese von Urwald bedeckt, der erst nach 
der Besitzergreifung des Gebietes durch die 
Franken allmählich versehwand. 

Der Redner verbreitete sich dann auf Grund 
langjähriger eigener Forschungen über die vor- 
zeitliche Besiedelung der Heideterrasse, deren 



29 



erste Spuren in die Übergangszeit von der 
älteren zur jüngeren Steinzeit zurückreichen. 
Damals, wie auch bei allen nachfolgenden l>e- 
setzungen, erfolgte dieselbe vom Rheintal aus; 
das Randgebirge an der Agger weist am Fliegen- 
berge Spuren dieser uralten Bevölkerung auf in 
Gestalt kleiner, geometrisch geformter Steiu- 
geräte. Von der vollausgebildeten jüngeren 
Steinzeit drang, wiederum vom Rheintal, ein 
Zweig der von Norden sich ausbreitenden Pfahl- 
baukultur in unser Gebiet. Im Scheuerbusch 
sind Ilausanlagen dieser Kultur beobachtet 
worden, desgleichen auf den Höhen der Ileide- 
terrasse selbst. Eine größere Siedelung ent- 
stand jedoch am Abhänge des Ziehenberges an 
der Agger auf seineu Abflachungen nach der 
Heide zu. Daselbst bestand eine Dorfanlage 
auf dem Gebiete des jetzigen Dorfes Altenrath. 
Nach den Funden ist dieselbe dem Ende der 
Periode, also der Zeit von 2000 v. Chr., zuzu- 
sprechen. Diese Siedelung erstreckte sich weit 
in die Heide hinein bis zum jetzigen Boxhohn. 
Bedeutender noch war die Besiedelung der 
Heideterrasse in dem Zeitraum von 1200 bis 
500 v. Chr. Aus dieser Zeit stammen Tausende 
der Grabhügel auf allen Teilen der Terrasse, 
besonders auf dem westlichen Randgebirge und 
der Heide selbst. Über die Anlage dieser Grab- 
hügel, ihren Inhalt, die ethnologische Zusammen- 
gehörigkeit der Bewohner verbreitete sich der 
Redner eingehend in Wort und Bild. Das jetzige 
Dorf Altenrath bildete auch damals wieder eine 
Siedelung, nur lag der Schwerpunkt des Dorfes 
noch mehr auf der Heide südlich des jetzigen 
Dorfes. Nach den erhaltenen Grabhügeln be- 
rechnet sich die Anzahl der Bewohner der ganzen 
Terrasse auf etwa 400 bis 500, die sich auf 
mehrere Dorfanlagen verteilen. Von letzteren 
war Altenrath die größte (etwa 30 bis 40 
Häuser). Im 5. Jahrhundert weicht diese Be- 
völkerung vor den Germanen zurück, die nun 
die Terrasse in Besitz nehmen. Eine neue 
Siedelung entsteht, dieses Mal wieder am Fliegen- 
berg, zu der sich dann im 3. Jahrhundert nach 
Christo einzelne andere (Altenrath und Scheuer- 
busch) gesellen. Im 4. Jahrhundert geht die 
Bevölkerung des Sieg- Wuppergebietes in den 
Franken auf. Die Franken verlegen den Schwer- 
punkt auf die Güter, die sie in den Rand- 
gebieten einrichten. Diese Güter bilden den 
Ursprung der noch heute bestehenden adeligen 
Sitze des Gebietes. Das Dorf Fliegenberg wird 
verlassen, in Lohmar eine fränkische Dorfanlage 
begründet, während das Gebiet von Altenrath 



von neuem gerodet und durch Kolonisten be- 
setzt wird. Die Erinnerung an die alte Siede- 
lung hat dem Orte damals den Namen „Alten- 
rath", d. h. „Alte Rodung", verschafft. Im 
8. Jahrhundert erfolgt die vollständige Christiani- 
sierung, die Gründung der Kirchen und die 
Einrichtung von Kirchspielen. Die fräukische 
Honschaft Altenrath wird mit der Hon- 
schaft Rösrath mit den um diese Zeit ein- 
gerichteten Höfen der Ilochterrasse (spätere 
Freiheit Scheiderhöhe) zu dem Kirchspiel Alten- 
rath vereinigt. 

Bis 1361 war das Kirchspiel Altenrath 
ein Teil der Herrschaft Löwenberg, dann 
kam es zur Grafschaft Berg. Bei dieser ist 
es geblieben, bis 1815 das Großherzogtum Berg 
preußisch wurde. Die Reformation, besonders 
der jülich-clevische Erbfolgekrieg, trugen 
ihre Wellen auch bis in die Stille des Heide- 
dorfes „Altenrath upper Heide", wie es da- 
mals hieß, hinein. Auch die Schweden suchten 
1632 dasselbe heim. In diesem Jahre erfolgte 
dann die Übersiedelung eines Teiles der Sieg- 
burger Töpferzunft nach Altenrath, die 
hier eine Zeitlang weiter arbeitete, bis dieser 
Zweig des Kunsthandwerkes auch hier nach 
und nach einschlief. Die geringe Ergiebigkeit 
des Bodens zwang die Bewohner jedoch andere 
Beschäftigungen neben dem Ackerbau zu über- 
nehmen; so ward es ein Webeidorf. Dies blieb 
es bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts. In 
den 70 er Jahren verschwanden die Webstühle, 
die aufblühende Iudustrie der Nachbarorte gab 
den Leuten Verdienst. 

Gerade die Zeit bis zum Ende der Weberei 
schilderte der Redner, wies nach, wie vieles von 
den Sitten, Bräuchen und Liedern sich in dem 
Dorfe erhalten, wie das Leben auf der Heide 
sich abspielte, bis die Schießplatzverwaltung 
immer größere Stücke des Gemeindebesitzes 
ankaufte zur Vergrößerung des Schießplatzes. 
Der letzte Ankauf erfolgte 1914; dadurch wurde 
auch ein großer Teil des Dorfes selber an- 
gekauft, der nun leer steht; die Grenze des 
Schießplatzes reicht jetzt bis zur Kirche. Es 
ist zu erwarten, daß auch die Tage des Restes 
des Dorfes gezählt sind; dann wird die ganze 
Heideterrasse wieder ein Ganzes bilden ohne 
jede Siedelung. Die Schönheiten des Dorfes, 
die Anlage der Wohnstätten, Heide und Wald 
führte der Redner in zahlreichen Bildern vor 
Augen, ebenso die alten Herrensitze Sülz und 
Schönroth, die mit Altenrath eng verbunden 
waren. 



.111 



Sitzung der Anthropologischen 
Sektion der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg. 



Die Sitzung der Anthropologischen Sek- 
tion der Naturhistorischen Gesellschaft Nürn- 
berg vom 15. März d. J. brachte einen Vortrat;' 
\Y. Hehlen s, welcher die „Bedeutung der 
Muschel in der Vorgeschichte" nach dem Werke 
von Geh. Rat Pfeiffer-Weimar: „Die Stein- 
zeitliche Muscheltechuik", und nach eigenen 
Studien behandelte. Er beschrieb und zeigte 
vor die in Europa seit der mittleren Altsteinzeit 
verwendeten, vielfach aus fremden Meeren, 
selbst aus der Südsee stammenden Seemuscheln, 
welche als Schmuck und zu Werkzeugen Ver- 
wendung fanden. Die jüngere Steinzeit legte 
besonderen Wert auf solchen Schmuck und es 
ist anzunehmen, daß das Material dazu auf dem 
Wege des Handels beigebracht wurde. 

Ein zweiter Vortrag von Kustos Hörmann 
hatte „Deutsches Micoquien" zum Gegenstand. 
Nach einleitenden Bemerkungen über die Funde 
von La Micoque betonte er, daß deutsche Forscher 
unter heimischen Paläolithfunden schon öfter 
Micoqueähnlichkeit festgestellt haben. Aber dar- 
auf, daß dem von La Micoque und einigen 
anderen Orten der Dordogne bekannten Formen- 
kreis auf deutschem Boden eine größere Rolle 
zukommt, als man sie vom französischen bisher 
annimmt, hat noch niemand hingewiesen. Das 
ist aber auch uur möglich, wenn der Nachweis 
erbracht ist, daß das Micoquien in Deutschland 
wirklich vorhanden ist. Ein zufälliger Aufent- 
halt O. Hausers in Nürnberg, des langjährigen 
Bearbeiters der berühmteu Station bei Les Eyzies, 
führte diese Möglichkeit herbei. Der Vortragende 
hatte Dr. Hauser angesichts einer kleinen 
Mieoquesammlung von seiner seit längerem ge- 
hegten Vermutung, daß die Funde vom Kosten 
bei Lichtenfels dem Micoquien angehören, und 
daß es auch am Hohlen Fels, in der Klausen- 
nische im Altmühltal und sonst in Deutschland 
vertreten sei, erzählt und von den Folgerungen 
gesprochen, welche au eiue derartige Verbrei- 
tung der Micoqueindustrie in Deutschland sich 
knüpfen müßten. Tatsächlich konnte denn auch 
Dr. Hauser, als er die Hohle - Fels - Sacheu in 
der Nürnberger Sammlung daraufhin durchsah 
und in Lichtenfels die Dr. lioßbach-Sammlung 
vom Kosten besichtigt hatte, die Gleichartigkeit 
des deutscheu und französischen Formenkreises 
feststellen. Es trifft sich glücklich, daß gegen- 
wärtig eiue abschließende Veröffentlichung 
Ilausers über seine länger als eiu Jahrzehnt 



währenden Grabungen in La Micoque im Druck 
ist. Die Ergebnisse dieser bisher umfangreich- 
sten wissenschaftlichen Tätigkeit des Spatens 
an einer und derselben paläolithischen Station 
werden der deutschen Wissenschaft voraussicht- 
lich ein hochwillkommenes Rüstzeug für die in 
dieser Richtung einsetzende Forschung an die 
Hand geben. 

Wie Haus er schon in seiner Veröffentlichung 

I über Micoque von 1907 hervorgehoben, Prof. 
Obermaier jedoch bestritten hat, nun aber 
neuerdings von Häuser vertreten wird, handelt 
es sich bei La Micoque um nur ein Niveau, 
nur eine Ansiedelungsperiode. Diese, ihm 
zufolge unumstößliche Tatsache, stempelt das 
Micoquien zu einer der merkwürdigsten Kultur- 
epochen — er legt sie zeitlich auf die dritte 
Zwischeneiszeit fest — und läßt die Trag- 
weite der Hypothese ihres Vorherrschens im 
diluvialen Mitteldeutschland erkennen. 

Das Micoquieu galt bisher nirgends als 
selbständige Kulturepoche, sondern nur als 
Unterstufe einer solchen, und der Meinungen, 
welcher Epoche es anzugliedern sei, waren in 
letzter Zeit verschiedene. So, wie es in unserer 
Nürnberger Major Dr. Neischl- Sammlung ver- 
treten ist, schließt es Formen eiu, welche eben- 
sowohl an Acheuleeu, als an Mousterien, 
an Aurignacien, selbst an Solutreen er- 
innern, und diesen Charakter trägt nach Dr. 
Haus er die Industrie von La Micoque durch- 

i gehends. Die gleiche Mischung zeigt auch die 
Dr. Roßbach-Saminlung vom Kosten, und 
wenn dies wirklich mit einer einheitlichen Kul- 
turepoche vereinbar ist, dann kann man ohne 
weiteres überall auf Micoquien schließen, wo 
bisher schon ein Mit- und Nebeneinander alt- 
und mittelpaläolithischer Formen die' chrono- 
logische Einreibung erschwert und strittig ge- 
macht oder zur Vieldeutigkeit Aulaß gegeben 
hat, Taubach-Ehringsdorf zum Beispiel. Bei der 
Gegenüberstellung von Micoquegeräten und 
solchen anderer Herkunft ist die Patina bzw. 
die Farbe des Gesteines einer gerechten Würdi- 
gung sehr hinderlich; man würde gut tun, 
wenigstens fürs erste, bis das Auge geschult 
ist, nicht die Originale, sondern uur Gipsabgüsse 
miteinander zu vergleichen. 

Die Wiederkehr alter Formen von Stein- 
geräten in jüngeren Epochen ist nichts Seltenes, 
es sei nur an das Campignien erinnert, und 



31 



wenn wir den Formenschatz der Neolithik wirk- 
lich kennen würden, wäre die Erscheinung - 
von Dauertypeu ganz abgesehen — vielleicht 
noch häutiger zu konstatieren. In der nietall- 
zeitlichen Prähistorie ist es Brauch, eiueu Fund 
nach dem jüngsten Gegenstand zu datieren. 
Die I'aläolithik läßt der persönlichen Auffassung 
freien Spielraum; wo die sonstigen Hilfsmittel, 
Schichtung und Fauna, nicht für sich allein 
durchschlagend sind, stelleu sich dann die be- 
dauerlichen Widersprüche ein nicht nur zwischen 
den verschiedenen Forschern, sondern desselbigeu 
Forschers zu verschiedener Zeit mit sich selbst. 
Das Micoquien ist deshalb bald ein Anhängsel 
des Acheuleeu, bald geht es mit oder folgt dem 
Mousterien; die den jüngeren Epochen gleichen- 
den Bestände bleiben unerklärt oder unbeachtet. 
Das Nachleben alter Formen läßt sich verstehen, 
sie gleichen ja auch nur annähernd den alten, 
echten, namengehenden. Es können auch un- 
mittelbar nachfolgende ihre Schatten voraus- 
werfen; aber auch die über- und übernächsten? 
je älter das Micoquien eingeschätzt wird, desto 
mehr. Erschiene da nicht das Micoquien wie ein 
steinzeitlicher Mutterschoß, iu dem die Stufen 
embryonal sich bilden, um irgendwo und irgend- 



wann selbständig zu erscheinen? Eine große 
Zahl von Fragen wird an die neue Auffassung 
über das Micoquien anknüpfen. Es wird das 
große Verdienst O. Ilausers sein, wenn seine 
umfangreichen Micoqueforschuugen eine feste 
Basis für die Weiterarbeit schaffen. 

Hierauf ergriff O. Häuser das Wort; er 
hob die grundlegende Bedeutung der neuge- 
wonnenen Richtlinie hervor und betonte die 
schon längst empfundene Notwendigkeit 
einer allgemeinen deutschen Systematik. 
Er ist der Ansicht, es werde nicht schwer sein, 
auf rein deutscher Grundlage ein lückenloses 
genetisches Bild der Geschichte des diluvialen 
Menschen in Deutschland aufzustellen. Eine 
bedeutsamere Aufgabe, als gerade die voraus- 
setzungslose Forschung nach Stratigraphie und 
Fauna an heute noch ungeklärten Altsteinzeit- 
siedelungen, ist kaum denkbar. Solche Arbeiten 
müssen grundlegend werden für die deut- 
sche Paläolithf orschung und liefern sicher 
auch wertvolles Material zur rassen - anthropo- 
logischen Lösung der großen Aufgabe. 



Nürnberg, 11. April 1916. 



K. Hörmann. 



Ein Gebiet der Vorgeschichte, das der Orient beleuchtet. 

Von Bärthold, Halberstadt. 



Die Frage, ob die ganze Kultur des nörd- 
lichen Europas aus dem Morgenlande kam oder 
nur Anregungen, ist wohl geklärt, die Gegen- 
sätze einigen sich auf einer mittleren Linie. 
Bei diesen Erörterungen kam das (Meinet kaum 
zur Sprache, in dem die Vorgeschichte doch 
erst zum Abschluß kommt, nämlich die Gesell- 
schaftsordnung mit Sitte und Brauch, die 
Kultur im engeren Sinne. 

Daß es in der jüngeren Steinzeit bereits 
große „Kulturgemeinschaften" gab, ist offenbar, 
wenn man darunter versteht, daß dieselben 
Kulturerzeugnisse über weite Gebiete verbreitet 
waren; die kugeligen Gefäße vom Rhein bis 
Bosnien, die Glockenbecher von Spanien bis 
Ungarn. 

Wenn solche Ausbreitung durch Übertragung 
von Volk zu Volk geschehen wäre, ließe sich 



recht wenig von diesem Kulturbesitz auf den 
Kulturstand schließen. Das zeigt sich heute 
so deutlich. Jetzt ist der Kulturbesitz des Abend- 
landes im Morgenlande, ja in der ganzen Welt 
verbreitet. Nicht nur die Waffen und Werk- 
zeuge, auch Eisenbahnen, Telegraph, Telephon 
und elektrisches Licht sind überall hingedruno-en 
nicht aber die abendländische Kultur, die ge- 
sellschaftlichen Ordnungen und Anschauungen. 
Der bereicherte Kulturbesitz veränderte in China 
und dem Morgenlande nicht den Kulturstand. 
Mit Hoernes und Schumacher wird all- 
mählich anerkannt werden, daß nicht nur die 
nördliche, sondern auch die anderen steinzeit- 
lichen Kulturen sich nicht ohne ihre Träger aus- 
breiteten, da sie ja nebeneinander bestanden, 
aber auch wenn der Kulturbesitz eigenstes Werk 
eines Volkes ist, und den Geschmack und die 



32 



Kunstfertigkeil ersehen Läßt, kann ilocb die 
Meinung sich behaupten, daß es ein Barbaren- 
volk war, wie von den Nordländern immer noch 

igt wird, ungeachtet ihres bewundernswerten 
Kunstsinns. Die Werke der Hände gewähren 
eben keinen Einblick in die Lebensformen, sie 
können fortschreiten, während diese unverändert 
bleiben, und wiederum kann die Gesellschaft 
sich weiter ausgestalten, die Geräte aber die- 
selben bleiben. 

Aus der lebendigen Gegenwart hat Dr. 
Fischer in Bukarest dafür ein Beispiel und 
damit die Berichtigung einer noch verbreiteten 
Annahme beigebracht, da er im Märzheft des 
Korrespondenzblattes von 1914 mitteilte, daß 
in Rumänien noch der einfache Mühlstein der 
Steinzeit und daneben ein Holzpflug in Gebrauch 
ist, sogar ohne Räder, nur mit Gleitschiene. Da 
wird ganz unwahrscheinlich, daß es einen Stein- 
pflug gegeben habe. 

Während der Steinzeit in Deutschland wurde 
der Kulturstand im Morgenlande durch Haruu- 
rabis Gesetz und viele Schriftstücke festgelegt. 
Dort standen bereits Städte und die Volks- 
gemeinschaft war schon stark gegliedert; es gab 
Handwerker, Gärtner, Hirten, Krieger, Bau- 
meister, Ätzte, Richter. Diese Kultur ist unserer 
Steinzeit weit voraus, aber die Randgebiete dort 
lassen Übereinstimmungen erkennen. 

In Palästina wohnten die Kanaaniter und an 
der Küste die Philister auch schon in Städten, 
aber im Gebirge Juda waren Häuptlingschaften 
der Amoriter und Hethiter eingedrungen und 
zwischen diese schoben sich noch zwei ebräische 
Häuptlinge mit ihren Leuten und ihren Herden. 
Ebenso setzten sich im Harzgau Leute aus dem 
nördlichen Gebiet auf Hügeln an Waldgebirgen 
fest, dabei nahe bei den Einwohnern des Landes, 
so daß sie als deren Gäste erscheinen, etwa wie 
sich nach Kauf f mann, S. 237 über 2000 Jahre 
später Germanen bei Galliern einquartierten. 

Wenn sieb herausstellt, daß die Hethiter indo- 
germanische Sprache hatten, wie Dr. Fischer 
ankündigte, so ist ja alle Wahrscheinlichkeit für 
weitgehende Übereinstimmungen gegeben; sie 
erweisen sich aber auch selbst. Die eindringen- 
den „Urgermanen" bildeten ebenfalls Häuptling- 
schaften, wie auch die Einheimischen, die Leute 
der Spiralkultur, für die es durch die Auf deckung 
des Herrensitzes bei Plaidt durch Lehne r offen- 
bar ist; von den Einwanderern beweisen es die 
Kieseustuben und großen Grabkammem. 

In seiner letzten Schrift „Kunst und Mecha- 
nik" hat Ernst Mach den .Aufbau einer Riesen- 
stube anschaulich und begreiflich gemacht. Aber 
wenn auch die gewaltigen Decksteine mit Hebeln 



und Tauen auf schiefer Ebene aus Baumstämmen 
auf einen Holzbau geschoben und gezogen 
wurden, wo sie von den Tragsteinen unterfangen 
werden konnten, so mußten doch zu so mühe- 
vollem Werk viele Hände durch einen beherr- 
schenden W T illen zusammengefaßt und gelenkt 
werden. Noch gewisser macht dies die merk- 
würdige Tatsache, daß die großen Platten zu 
den Steinkammern öfter aus den vier Himmels- 
gegenden herbeigeschafft wurden; wo verschie- 
dene Felsarten anstehen, ist es seit 1825 an 
verschiedenen Orten Thüringens von sachkun- 
digen Leuten festgestellt worden (Jahresschrift. 
Halle 1902, S. 139, 155, 219). Da ist ja vor 
Augen, daß zu dem Bau ein größerer Bezirk an- 
gespannt wurde. Ein weiterer Beweis liegt in 
den Amazoneuäxten und den verzierten Hämmern, 
die nach ihrer Seltenheit Auszeichnung einzelner 
Personen waren, außerdem haben auch die 
Fürstengräber der früheren Bronzezeit eine rück- 
wirkende Kraft, denn die sogenannte Bernburger 
Kultur geht über in die Bronzezeit. 

Im Morgenlande waren die Häuptlingschaften 
nicht, mehr erweiterte Familien; sie waren so 
groß geworden, daß die Söhne sich darin teilen 
konnten. Die drei Amoritenhänptlinge Aner, 
Eskol und Mamre, mit denen Abraham sich ver- 
bündete, waren Brüder, und ebenso hatte sich 
Abraham mit seinen beiden Brüdern nach des 
Vaters Tode in die Häuptlingschaft geteilt, und 
auch dann waren die Stämme nicht unbedeutend. 
da Abraham mit 31S seiner Leute ausziehen 
konnte, seine Neffen zu befreien. Auch hier ist 
der Nachlaß auf den ersten Siedelungen nicht 
gering. Auf dem Gertling am Hug und ebenso 
bei Rhoden am Fallstein sind über 300 Stein- 
werkzeuge gefunden, und daraus wird mehr auf 
die Kopfzahl als auf die Dauer der Besiedelung 
zu schließen sein; denn es sind wenig verbrauchte 
Sachen darunter. An den Stellen, wo weniger 
gefunden ist, kann mehr verschleppt sein. 

Wie die Verfassung, so ist die Bestattungs- 
weise dieselbe im Morgenlande und hier: un- 
vergängliche Gräber wurden für die Toten be- 
reitet, natürliche oder künstliche Felsengrüfte. 

Die Gefolgschaft der Häuptlinge bildete eine 
Gemeinde, die in wichtigen Fragen Stimme und 
Entscheidung hatte. Dies tritt deutlieh hervor 
bei der ausführlicher mitgeteilten Verhandlung 
Abrahams mit den Hethitern, da er für seine 
Frau nicht nnr die Benutzung, sondern das Eigen- 
tum einer Felsengruft begehrte. Die Verhandlung 
geschah vor der Volksgemeinde, diese bewilligte 
und bezeugte den Verkauf (1. Mose 23). 

Bedeutungsvoll für den Kulturstand ist. ja 
die Stellung der Fiau, und da ist es bezeichnend, 



33 



daß damals auch bei den Semiten der Vater die 
Tochter nicht gab, wem er wollte, sondern sie 
fragte, ob sie die Werbung annehmen wollte 
(1. Mose 24, 58). Damit stimmt das Gesdz 
Ilamurabis überein, da es für die Entlassene 
und die Witwe anordnet: „den Mann ihres Herzens 
kann sie heiraten". Diese Ausdrucksweise be- 
tont so deutlich das Recht der Frau nach ihrem 
Herzen zu wählen (§ 137, 156, 172). Sie erhielt 
auch eine Mitgift vom Vater und ein Braut- 
geschenk von dem Manne, die nicht unbedeutend 
waren, denn die Bestimmungen über Rückfall 
und Etbgang derselben sind recht ausführlich. 
Die Frauen betätigten sich auch freier als spätere 
Sitten dort gestatteten. Die Töchter der Häupt- 
linge beteiligten sich an der Führung der Herden, 
auch wenn sie Brüder hatten, wie das von Rahel 
bemerkt wird. 

Die geschichtliche Zuverlässigkeit der hier 
angeführten beiläufigen Erwähnungen der Bibel 
ist in eigener Weise bemerkbar bei der Ehe 
Abrahams mit seiner Stiefschwester und Jakobs 
Ehe mit zwei Schwestern, beides ist im Mosai- 
schen Gesetz schwer verboten als ein Frevel. 
Niemand würde dies von den gepriesenen Ahn- 
herren gedichtet haben. 

Die Beherrschung des Stoffes war in unserer 
Steinzeit so groß, daß sie der äg3'ptischen nicht 
nachsteht, wenn sie sich auch nicht in so ge- 
waltigen Bauwerken betätigte. Sie vermochten 
große Findlinge zu spalten, Platten von 2 m 
Länge aus anstehendem Gestein zu brechen, 
einen Falz in die Tragsteine zu hauen, um die 
Deckplatten hineinzufügen, auch Lasten von 



500 Ztr. zu bewegen und so hoch zu bringen, 
wie sie wollten l ). 

In der Fornibeherrsehung zeigt sich ganz 
hervorragender Geschmack und Kunstfertigkeit 
an den bewundernswerten Dolchen aus Feuer- 
stein, den kunstvollen Hämmern und verzierten 
Amazonenäxten ; da kann unmöglich von barba- 
rischem Geschmack und barbarischer Ausführung 
geredet werden. Die Männer scheinen noch mehr 
Freude an Kunstübung gehabt zu haben als die 
Frauen, jedenfalls waren ihre Arbeiten in hartem 
Gestein viel mühevoller und langwieriger als die 
in Ton. 

In diesen schwierigen Formen erweist sich 
neben Stoffbeherrschung auch beachtenswerte 
Selbstbeherrschung, die sich in der willigen 
Bindung an Sitte und Brauch zeigt, und diese 
ist für den Kulturstand, die Sittlichkeit, bedeut- 
samer als die Kunstfertigkeit. An das Übliche, 
Gebräuchliche band man sich in der Formen- 
gebung genau und sorgfältig, so daß dieselbe 
Gestaltung und Verzierung wie in Dänemark 
sich am Harz wiederholt. Eigenwillige Formen 
kommen gar nicht vor; was zuerst so erscheint, 
findet sich doch anderwärts ebenso. Verzichtete 
man bei diesen Formen auf das eigene Belieben, 
so wird mau es auch in den Verkehrsformen 
getan haben. 

In dem allen liegt Berechtigung genug, den 
Kulturstand unserer germanischeu Vorzeit dem 
des Morgenlandes gleichzustellen. 

J ) Der erhaltene Deckstein der Rieseustube bei 
Drosa in Anhalt ist über 4 m lang, über 3 m breit und 
75 cm dick , so daß er mit 9 cbm Gestein weit über 
500 Ztr. wiegt. 



Literaturbesprechungen. 



G. Behrens: Bronzezeit Süddentschlands. 
Mit 24 Tafeln und 50 Textabbildungen. 
Kataloge des Rom. -Germ. Zentralmuseums 
Nr. 6. Mainz 1916. Preis A JL 
Mitten in der Kriegszeit konnte das Röm.- 
Germ. Zentralmuseum einen neuen, umfang- 
reichen Katalog erscheinen lassen, dessen Inhalt 
der Bronzezeit Süddeutsehlands gewidmet ist. 
Unter Süddeutschland versteht der Verfasser 
außer den süddeutschen Staaten auch noch die 
südliche Rheinprovinz (mit Fürstentum Birken- 
leid), Hessen -Nassau (mit Kreis Wetzlar) und 
Südthüringen. Auch der Begriff „Bronzezeit" 



wird in möglichst großer Ausdehnung gefaßt, 
indem die neolithisch-bronzezeitliehen Übergangs- 
stnfen ebenso in den Kreis der Betrachtung ge- 
zogen sind wie die Frühhallstattzeit. Danach 
ergab sich für den Verfasser von selbst eine 
Einteilung des Stoffes in drei Gruppen: in die 
früheste Bronzezeit (Rein eck es Stufe A), die 
Hügelgräberzeit (Stufe B bis D) und die späteste 
Bronzezeit (Hallstattstufe A), innerhalb deren 
eine Gliederung nach geographischen Gesichts- 
punkten vorgenommen ist. Die Depotfunde 
sind in einem eigenen Abschnitt vereinigt. 
Zusammenfassungen am Schluß der Hauptkapitel 

5 



34 



sorgen dafür, daß die Übersieh! über dun großen 
Stoff, der natürlich nur in einer Auswahl geboten 
werden konnte, gewahrt bleibt. 

Wie seine Vorgänger, so wird sicher auch 
dieser Katalog des Röm.-Gevm. Zentralmuseums 
regem Interesse begegnen. Wir danken dem 
Verfasser, daß er unsere Wissenschaft mit einem 
so wertvollen Nachschlagewerk bereichert hat. 
Die gute Ausstattung und der niedrig gehaltene 
Preis werden dem Buch in den weitesten Kreisen 
Eingang verschaffen. Dies wie auch der täglich 
neu hinzukommende Stoff dürfte in nicht allzn- 
ferner Zeit eine Neuauflage des Werkes not- 
wendig machen, für die schon jetzt einige 
Wünsche und Anregungen vorgebracht seien. 

Die große Bedeutung, die neuerdings die 
Wohnstättenfunde für die Sicdelungsgeschiehte 
erlangt haben, läßt es angezeigt erscheinen, diese 
Funde künftighin auszuscheiden und in einem 
besonderen Kapitel zusammenzustellen. Hand 
in Hand damit könnte ein weiterer Ausbau der 
Illustrationen erfolgen, die jetzt schon mit großer 
Sorgfalt behandelt und in erfreulich reicher 
Anzahl beigegeben sind. Auch ein paar Un- 



stimmigkeiten wären auszumerzen, so z. B. die 
Datierung der Tasse von Lerchenhaid bei Strau- 
bing (S.68, Nr. 17), die ebenso gewiß der gleichen 
Gruppe angehört wie der Krug von St. Wolfgang 
(S. 69, Nr. 22a) und die Keramik vom Höglberg 
(S. 64, Nr. 11) und aus der Gausrabsehen Kies- 
grube bei Kelheim (S. 64, Nr. 12). Ein Blick 
auf Tafel VI (auf der statt „Schwaben" „Ober- 
pfalz" zu lesen ist) dürfte hiervon überzeugen. 
In die Hügelgräberzeit ist auch das Beil vom 
Stoffersberg bei Landsberg (S. 64, Nr. 6) zu 
rücken. Ob der Depotfund von Steinrab (S. 59) 
nicht doch der spätesten Bronzezeit anzugliedern 
ist, wäre noch in Erwägung zu ziehen. Der auf 
S. 227, Nr. 549 erwähnte Schwertgriff von Cab- 
lingen ist hier zu streichen. Das Stück ist mit 
dem auf S. 119, Nr. 184 angeführten identisch. 
Daß sich einige unrichtige Schreibungen von 
Ortsnamen in den Text eingeschlichen haben 
(z. B. S. I, Nr. 2 Kott statt Roth; S. 102, Nr. 132 
Siebichenhausen statt Sibichhausen) ist bei der 
auf diesem Gebiete selbst an zuständigen Stellen 
vielfach herrschenden Unsicherheit leicht er- 
klärlich. Friedrich Wagner. 



Um Zusendung von Manuskripten, auch 
kleineren Mitteilungen, bittet 

Die Redaktion. 




Reklamationen und sonstige Mitteilungen 
sind an die Adresse des Herrn Professor Dr. K. Hagen, Hamburg 13, BiuderstraCe 14, zu senden. 



Ausgegeben um :'. August 1916 



Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn in Braunschweig 



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XLVII. Jahrg. Nr. 7/9. Jährlieh 12 Nummern. Juli /Sept. 1916. 

Für alle Artikel, Berichte, Rezensionen usw. tragen die wissenschaftl. Verantwortung lediglich die Herren Autoren ; b. S. 16 des Jahrg. 1894. 

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Mesolithische Stationen vom Donnersberge und aus der Vorderpfalz. Von Dr. C. Melius. — Ein 
Nephrithammerfragment in Bad Dürkheim. Von Dr. C. Mehlis. — Ausgrabungen in Gr. Piaton. 
Von Dr. Rechenbach. — Literaturbesprechungen. 



Johannes Ranke f 

Geheimer Hofrat Professor Dr. med. et phil. Johannes Ranke, der Altmeister 
der Anthropologie, ist am 26. Juli 1916 in Solin bei München aus dem Leben geschieden. 
In der Geschichte der anthropologischen Forschung und der Anthropologischen Gesell- 
schaft wird der Name Rankes einen hervorragenden Platz einnehmen. 

Geboren am 23. August 1836 zu Thurnau in Oberfranken als Sohn des protestan- 
tischen Dekans nachmaligen o. ö. Professors in Erlangen und Oberkonsistorialrats Dr. 
Friedrich Heinrich Ranke und seiner Ehefrau Selma, Tochter des Kgl. Geheimrates 
Professors Dr. G. H. von Schubert, absolvierte er das Gymnasium zu Ansbach und 
studierte dann au den Universitäten München, Tübingen, Berliu und Paris. Durch den 
Verkehr mit seinem Großvater Schubert, dem geistreichen Naturphilosophen, war in 
ihm schon in früher Jugend die Liebe zur Natur geweckt worden, was ihn veranlaßte, 
auf der Universität neben den medizinischen Fächern sich auch den naturwissenschaft- 
lichen Studien eingehend zu widmen. Er hatte das Glück, bei hervorragenden Lehrern 
zn hören, mit denen er zum Teil in freundschaftlichen Verkehr trat. Vor allem der 
allen unbewiesenen Hypothesen abholde v. Liebig übte einen entscheidenden Einfluß 
auf Rankes ganze wissenschaftliche Denkweise, er führte ihn aus dem Banne der Natur- 
philosophie des Elternhauses zur nüchternen Methodik des Naturforschers, der er bis zu 
seinem Tode treu blieb. Schon während seiner Universitätsstudien wurde Ranke mit 
Rudolf Virchow bekannt, und diese Bekanntschaft mit dem Forscher der strengsten 
naturwissenschaftlichen Kritik hat sich zu einer treuen Freundschaft ausgestaltet, welche 
von großem Einfluß auf die ganze wissenschaftliche Tätigkeit Rankes war. Im Jahre 
1861 promovierte er in der medizinischen Fakultät in München und habilitierte sich 1863 



36 



daselbst für Physiologie. Schon im Wintersemester 1863,64 hielt er seine erste Vor- 
lesung über Anthropologie, die er seit dieser Zeit ununterbrochen gehalten hat. Bis zum 
Jahre 1867 war er als Assistent am Anatomisch -physiologischen Institut zuerst unter 
v. Bischoff. dann unter v. Voit tätig. 1866 verheiratete er sich kurz vor dem Kriege, 
den er als Bataillonsarzt auf Kriegsdauer mitmachte, mit Anna Bever, der Tochter 
des Ministerialdirektors v. Bever, die ihm in Leid und Freud der akademischen Lauf- 
bahn bis zu seinem Lebensende treu zur Seite stand. 1869 starb J. Beraz, der Nach- 
folger seines Großvaters Schubert, und Ranke erhielt die dadurch freigewordene außer- 
ordentliche Professur für allgemeine Naturgeschichte an der Universität München. 1882 
ernannte ihn die philosophische Fakultät, II. Sektion, zum Ehrendoktor und 1886 wurde 
er auf die neugegründete ordentliche Professur für Anthropologie in München berufen. 
Nicht zuletzt seiner erfolgreichen, wissenschaftlichen Tätigkeit ist es zu danken, daß an 
der Münchener Universität in der philosophischen Fakultät für Anthropologie ein ordent- 
licher Lehrstuhl errichtet wurde. Die durch ihn 1885 gegründete prähistorische Ab- 
teilung der paläontologischen Sammlung wurde 1889 ein selbständiges Konservatorium 
und Ranke wurde Vorstand derselben. In der Kgl. Bayer. Akademie der Wissen- 
schaften, welche Ranke 1893 zum außerordentlichen und 1902 zum ordentlichen Mit- 
glied« wählte, war er besonders in der Kommission für Erforschung der Urgeschichte 
Bayerns, seit 1901 als dereu Vorsitzender, tätig, und noch wenige Jahre vor seinem Tode 
veranlaßt* er im Kriegsjahre 1914 die Gründung der Akademischen Kommission für 
Höhlenforschung in Bayern, deren Aufgabe es ist, systematisch in den Höhlen Bayerns 
nach Spuren des vorgeschichtlichen Menschen zu suchen. 

Seine erfolgreiche wissenschaftliche Tätigkeit blieb auch sonst nicht ohne An- 
erkennung; er wurde Ehrenvorsitzender der Münchener und Deutschen Anthropologischen 
Gesellschaft; eine große Reihe von wissenschaftlichen Vereinen hat ihn zum Ehrenmit- 
gliede ernannt; Orden und Titel wurden ihm zuteil. 

Es kann hier nur versucht werden, in großen Zügen Rankes wissenschaftliche 
Bedeutung zu würdigen. 

Die auf breiter Grundlage aufgebauten naturwissenschaftlichen Studien, in Ver- 
bindung mit den Arbeiten auf medizinischem, vor allem anatomischem und physio- 
logischem Gebiete, haben den Grundstein gelegt zu den späteren anthropologischen 
Forschungen und Arbeitern Dieser Epoche verdankt die Wissenschaft eine Reihe von 
Abhandlungen über das Blut, die Nervenphysiologie und die Ernährung des Menschen 
und das zusammenfassende W T erk: „Grundzüge der Physiologie des Menschen. Mit Rück- 
sicht auf die Gesundheitspflege für das praktische Bedürfnis der Arzte und Studierenden 
zum Selbststudium bearbeitet. Leipzig 1869", das vier Auflagen erlebte und ins Un- 
garische übersetzt wurde. 

Als auf Anregung der Anthropologischen Sektion der Naturforscherversammlung 
in Innsbruck im Jahre 1869 ein Aufruf zur Gründung von Anthropologischen Gesell- 
schaften an alle deutschen Forscher erging, hat sich Ranke, der ja schon seit 1863 
Vorlesungen über Anthropologie hielt, mit Begeisterung dieser Bewegung angeschlossen 
und beteiligte sich an der Gründung der Münchener Anthropologischen Gesellschaft am 
18. März 1870. Dadurch, daß sich die Münchener Gesellschaft mit einer Anzahl anderer 
anthropologischer Gesellschaften am 1. April des gleichen Jahres in Mainz zur Deutschen 
Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte zusammenschloß, kann 
Ranke auch als Gründungsmitglied dieser betrachtet weiden. Von Anfang an hat sich 
J. Ranke eifrig an den Arbeiten der Münchener Gesellschaft beteiligt. Während er im 
Jahre 1873 in der Gesellschaft noch über ein mehr physiologisches Thema, über Nerven- 
kraft, sprach, beteiligte er sich seit dem Jahre 1876 mit anthropologischen Vorträgen 
in den beiden Gesellschaften. Wenn bei der Generalversammlung der Deutschen Anthropo- 
logischen Gesellschaft 1875 in München J. Rankes Name nicht in den Vordergrund 
tritt, so dürfjn wir trotzdem annehmen, daß er regen Anteil an den Vorbereitungs- 
arbeiten, vor allem an dem Zustandekommen der Ausstellung vorgeschichtlicher Gegenstände 



37 



aus Bayern genommen hatte. Die Kongreßtage 1875 reiften in der Münchener Gesell- 
schaft den Entschluß, eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift zur Veröffentlichung der 
Arbeiten der Gesellschaft unter dem Titel „Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte 
Bayerns" herauszugeben, deren Schriftleitung J. Ranke anvertraut wurde, zuerst in Ver- 
bindung mit Prof. N. Rüdinger, dann allein, zuletzt unter Mitwirkung des Verfassers 
dieses Nachrufes. 19 Bände konnten seit dem Jahre 1877 erscheinen mit einer reichen 
Fülle wichtiger Beiträge, nicht zum mindesten aus der Feder Rankes selbst. Seit 1875 
bis 1908 hat Ranke alle allgemeinen Versammlungen mitgemaoht. Im Jahre 1877 auf 
der Versammlung in Konstanz wurde er dem damaligen Generalsekretär Prof. J. Koll- 
mann zur Unterstützung beigegeben, ihm oblag die Sehriftleitung des Berichtes. Als 
dann Kollmann nach Hasel berufen worden war, übernahm er die Stelle des General- 
sekretärs und erstattete als solcher auf dem Kongresse in Kiel 1878 zum ersten Male 
den wissenschaftlichen Jahresbericht. Er verstand es, während seiner Tätigkeit als 
Generalsekretär bis zur allgemeinen Versammlung in Frankfurt a. M. im Jahre 1908, 
also volle 30 Jahre, diese Jahresberichte zu einer übersieht über die wichtigsten Ergeb- 
nisse der anthropologischen Forschung zu gestalten, die Spreu vom Weizen zu sondern 
und in vornehmer Kritik den Wert der Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Anthropo- 
logie zur Darstellung zu bringen. Diese Berichte spiegeln an manchen Stellen seine 
Anschauung wieder, so daß ein künftiger Biograph Rankes in diesem Jahresberichte 
manchen wertvollen Beitrag zur Charakterisierung von Rankes Anschauungen linden 
wird. Neben diesen Berichten hat es Ranke aber nie unterlassen, auf den Kongressen 
auch noch über seine und seiner Schüler wissenschaftliche Arbeiten zu referieren. Ein 
wesentliches Verdienst an dem Zustandekommen der Verständigung über ein gemeinsames 
kraniometrisches Verfahren, das auf den Konferenzen in München, 21. September 1877, 
und in Berlin, 9. August 1880, vorberaten und in Frankfurt a. M. 1882 beschlossen worden 
war, ist Ranke zuzuschreiben. 67 Forscher des In- und Auslandes hatten sich bis zum 
Januar 1883 dieser „Frankfurter craniometrischen Verständigung" angeschlossen. Im 
Jahre 1886 war es dann gelungen, 60 Forscher aus ganz Europa dafür zu gewinnen, 
daß sie die „Internationale Vereinigung über Gruppeneinteilung und Bezeichnung der 
Schädelindices", welche eine Erweiterung der Frankfurter Verständigung darstellt, an- 
nahmen. Damit war ein wichtiger Schritt vorwärts getan zur einheitlichen Verarbeitung 
des in den europäischen Museen vorhandenen Materials an Rassenschädeln. 

Als Generalsekretär hatte er die Schriftleitung des Korrespondenzblattes und des 
Archivs für Anthropologie, in welcher er seit, 1903 von G. Thilenius unterstützt wurde. 

Es würde zu weit fühlen, alle die Kommissionen aufzuführen, welche innerhalb 
der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in Tätigkeit traten, um Fragen, deren 
Lösung einzelnen nicht möglich war, durch Zusammenarbeit vieler der Lösung näher zu 
bringen. An allen diesen Kommissionen hat Ranke eifrig mitgearbeitet und meist die 
Durchführung als Generalsekretär geleitet. 

Wie Ranke in der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft ein Menschenalter 
lang die Seele aller Bestrebungen war, bis er die Generalsekretärstelle in Frankfurt a. M. 
im Jahre 1908 niederlegte und als Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um 
die Gesellschaft zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde, so hat ihm auch die Anthropo- 
logische Gesellschaft in München sehr viel zu danken, zuerst als 1. Schriftführer, dann 
seit 1888 als 1. Vorsitzender. Auch hier wurde ihm im Jahre 1910 durch die Wahl zum 
Ehrenvorsitzenden der Dank der Gesellschaft äußerlich zum Ausdruck gebracht. 

Die wissenschaftlichen Arbeiten Rankes beschäftigten sich in erster Linie mit der 
Erforschung der anthropologischen und prähistorischen Verhältnisse Bayerns. Ranke 
sammelte und bearbeitete die in den Ossnarien aufbewahrten Schädel und lieferte wichtige 
Beiträge zur Geschichte der Schädeltypen in Bayern. [Beiträge zur physischen Anthropo- 
logie der Bayern. München 1883 (siehe auch verschiedene Bände der Beiträge zur 
Anthropologie und Urgeschichte Bayerns); Frühmittelalterliche Schädel und Gebeine aus 
Lindau. Sitzber. d. math.-phys. Kl. d. Kgl. Bayer. Akad. d. Wiss. XXVII, 1897, Heft 1.] 



38 



Abgesehen von der Verteilung der Schädelformen konnte er feststellen, daß trotz aller 
Völkerverschiebungen , welche während der Völkerwanderurjgsperiode auf bayerischem 
Boden stattgefunden haben, sich jetzt nach anderthalb Jahrtausenden in wesentlichen 
Zügen das gleiche Bild der kraniologischen Verhältnisse wieder findet, welches vor der 
Völkerwanderung bestanden hat. Im Nordwesten haben die Dolicho- und Mesokephalen 
ihre alten Sitze bewahrt und ebenso im Süden des Landes die Brachykephalen. Ranke 
liai deshalb den Satz aufgestellt, daß im großen und ganzen die Kopfform an der geo- 
graphischen Provinz haftet, daß die Schädelform „bodenständig" ist. (Zur Rassenf rage. 
Fiühlingl, 1908.) Die scheinbaren Tierähnlichkeiten im menschlichen Körper betrachtete 
er nicht als Beweise für die Abstammung des Menschen von tierischen Entwickelungs- 
stadien, sondern suchte sie aus dem „allgemein anerkannten Satze" zu erklären, „daß in 
gesetzmäßiger, d. h. logischer Weise die gesamte animale Welt in körperlicher Beziehung 
zu einer idealen Einheit zusammengeschlossen ist, an deren Spitze der Mensch steht". 
In diesem Sinne ist nach ihm das Tierreich der zergliederte Mensch, und der Mensch 
das Paradigma des gesamten Tierreiches. Da der menschliche Körper in allen seinen 
Bauverhältnissen durch das Gehirn beeinflußt ist, darf man nach Ranke den Menschen 
als spezifisches „Gehirnwesen" bezeichnen, die Tiere dagegen als „Darmwesen". Die 
Rassenunterschiede innerhalb des Menschengeschlechts sind in erster Linie aus der 
Ontogenie zu erklären, erst wenn diese Methode versagt, kann man auf die hypothetische 
Phylogenie zurückgreifen. „Das was uns bei den Erwachsenen als individuelle und 
rassenhafte Verschiedenheit entgegentritt, ist nichts anderes als ein Stehenbleiben oder 
ein weiteres Fortschreiten auf der Bahn der Ausgestaltung, welche das Wachstumsgesetz 
für jeden Menschenschädel verlangt." Der Ausgangspunkt ist aber nicht die niedere 
Tierform, sondern die Form des extrem-menschlichen Typus. Was für den Schädel gilt, 
ist auch für die übrigen Körpereigentümlichkeiten anzunehmen. (Über die individuellen 
Variationen im Schädelbau des Menschen. Korr.-Bl. d. Deutschen Anthropol. Ges. 1897, 
Nr. 11/12; Beiträge zur physischen Anthropologie der Bayern. II. Über einige gesetz- 
mäßige Beziehungen zwischen Schädelgrund, Gehirn- und Gesichtsschädel. München 1892.) 
Diese Anschauung Rankes kommt in der Preisaufgabe zum Ausdruck, welche er im 
Jahre 1892 in der philosophischen Fakultät, 2. Sektion, stellte; sie lautet: „Durch neuere 
Untersuchungen ist festgestellt worden, daß einige sogenannte individuelle oder rassen- 
hafte Eigenschaften des Menschen sich entwickelungsgeschichtlich als Hemmungs- oder 
Exzeßbildung erklären. Es wird nun die Aufgabe gestellt, wenn möglich, weitere Be- 
weise für diese neu gewonnene wissenschaftliche Anschauung beizubringen." 

Seine Untersuchungen an bayerischen Schädeln und an stark deformierten Peruaner- 
schädeln (Über altperuanische Schädel von Ancon und Pachacamäc. Abhandlungen d. 
Kgl. Bayer. Akad. d. Wiss., II. Kl., Bd. XX und XXIII) führten ihn zu der Erkenntnis, 
daß die Schädel, abgesehen von ihrer durch die Bodenständigkeit bedingten Form, auch 
noch durch äußere und innere Faktoren beeinflußt werden. Starke Brachykephalie kann 
■/.. B. eine Folge der Lage des Kopfes bei der Pflege der Neugeborenen und Kinder 
sein, außerdem hat aber auch die Natur im allgemeinen die Tendenz, durch Verringerung 
der Kauwerkzeuge und durch gesteigertes Wachstum des Gehirns den Schädel breiter 
und runder, also brachykephaler zu gestalten. Ranke bekämpft deshalb die „lediglich 
auf Unkenntnis des wahren Sachverhaltes begründete Lehre anthropologischer Dilettanten 
von der angeblichen physischen und geistigen Herrenform der Dolichokephalie" (Zur 
Rassenfrage. Frühling I, 1908). Ranke war ein Gegner der „modernen" Rassen- 
theoretiker, „an deren Spitze der Franzose Gobineau und der Engländer Chamberlain 
stehen", deren Lehren ein Ausdruck sind „für die in neuerer Zeit in erschreckender 
Weise angewachsenen völkertrennenden Instinkte". Schon in dem Vorwort zu der ersten 
Auflage seines Werkes „Der Mensch" schreibt er: „Ebenso absichtlich wurden, den bis- 
herigen Traditionen der exakten Anthropologie in Deutschland entsprechend, alle Über- 
griffe von dem Boden der Naturbeobachtung auf jenen der Politik, Philosophie und 
Religion vermieden. Es verbietet dies schon die Würde der Wissenschaft, deren Er- 



39 



gebnisse und Fragen, uni wertvoll und interessant zu sein, keiner „pikanten" Seitenblicke 
nach fremden Gebieten bedürfen. Dazu kommt aber noch eine weitere Erwägung. Man 
hat bisher nur zu häufig, namentlich in populär -wissenschaftlichen Werken, den augen- 
blicklichen Standpunkt der naturwissenschaftlichen, ewig wechselnden Hypothese mit den 
ebenso schwankenden politisch-philosophischen Tagesrneinungen verquickt; so mußte not- 
wendig in dem der exakten Naturforschung fernstehenden Publikum die verhängnisvolle 
Meinung erweckt werden, als gäbe es naturwissenschaftliche Dogmen, welche den höchsten 
Idealen des Menschengeistes feindselig gegenüberstehen." Die in diesen Worten aus- 
gedrückte Stellungnahme gegen das Hineinzerren der anthropologischen Forschung in das 
politische Gebiet hat er bis zu seinem Lebensende trotz mannigfacher Angriffe vertreten. 
In der vor kurzem erschienenen Besprechung von „F. Hertz, Rasse und Kultur", schreibt 
er: „Es wird in schroffem Gegensatz zu den Tatsachen der Anthropologie "die Lehre 
gepredigt, daß innerhalb der Menschheit, ja innerhalb der Nationen, unüberbrückbare 
Abgründe liegen und Rassengegensätze walten, die jeder Versöhnung widerstreben«. So 
wurde Feindschaft zwischen den Nationen und Völkern gesät, und wir sehen die Folgen 
in dem schrecklichen uns aufgedrungenen Kriege, in dem angeblichen instinktiven Rassen- 
haß zwischen den "germanischen« Deutschen und den »keltischen- Engländern, deren 
enge Blutsverwandtschaft und gemeinsame kulturelle Arbeit dem Friedensjahrhundert 
seit der gemeinsamen Niederringung der Napoleonischen Übermacht die Signatur auf- 
gedrückt hat. Ein ähnlich offenkundiger Unsinn ist es, wenn man in unserem Volke 
einen Gegensatz zwischen den »minderbegabten« Kurzköpfen und den »höher veranlagten« 
Langköpfen zu konstruieren versucht hat. Die herrlichen Erfolge unserer Heere gegen 
eine Welt von Feinden, wobei in treuester Waffenbrüderschaft alle Stämme und alle 
Einzelneu, mögen sie kurz- oder langköpfig sein, zusammenstehen, werden auch mit diesem 
lächerlichen Vorurteil aufräumen, das in keiner Weise tatsächlich begründet ist oder sich 
begründen lassen kann." (Arch. f. Anthropol., N. F. XV, 1916, S. 73.) 

Wenn Ranke es vermied, in die Darstellungen der Forschungsergebnisse Hypo- 
thesen aufzunehmen, so bedeutet das nicht, daß er ein Gegner jeder Hypothese war, 
aber er war mit Johanues Müller der Anschauung, daß die Hypothese nur in das 
Laboratorium des Forschers gehört. Es ist für denjenigen, welcher Rankes An- 
schauungsweise kannte, leicht erklärlich, daß er auf dem Lindauer Kongreß in einer für 
ihn ungewöhnlichen Schärfe gegen die geistreiche Abstammungstheorie von H. Klaatsch 
als „phantasievolles Gemälde" protestierte. 

Mit besonderer Freude und mit Erfolg leitete er die Untersuchungen der Skelett- 
reste der Kaisergräber im Dome zu Speyer, der Fürstengräber in der Alexanderkirche in 
Zweibrückeu und der Grüfte im Dome zu Worms. 

Auf dem Gebiete der prähistorischen Forschung hat Rauke die ersten Phasen der 
Entwickelung dieser Fächer mitgemacht; er war erfolgreich mittätig, durch die natur- 
wissenschaftlich-paläontologische Forsehungsweise der Wissenschaft vom Spaten unsere 
Kenntnis vom vorgeschichtlichen Menschen , von seinen körperlichen und kulturellen 
Eigentümlichkeiten zu fördern. Er hielt es zwar von Anfang an als letztes Ziel der 
anthropologisch - urgeschichtlichen Forschung, die Resultate der Spatenforschung an 
die durch schriftliche Dokumente beglaubigte Geschichte, das Hauptarbeitsgebiet der 
klassischen Archäologie, anzugliedern, war aber bis zuletzt der Anschauung, daß die 
prähistorische Wissenschaft besser durch naturwissenschaftlich geschulte Forscher ge- 
fördert werde, als durch solche, welche nur nach archäologischen Forschungsmethoden 
arbeiteten. 

Durch seine „Anleitung an der Hand klassischer Beispiele zu anthropologisch- 
vorgeschichtlichen Beobachtungen im Gebiete der deutschen und österreichischen Alpen" 
(Wien 1881) hat. er zahlreiche Vereine und Private zur Mitarbeit an der Erforschung 
der Vorgeschichte angeregt; er hat auch selbst aktiv an der vorgeschichtlichen Forschung 

o o ö ' CT 3 

in Bayern sich beteiligt (Die natürlichen Höhlen in Bayern. Beiträge, Bd. II; Die Felsen- 
wohnungen der jüngeren Steinzeit in der Fränkischen Schweiz und die vorgeschichtliche 



40 



Steinzeit im rechtsrheinischen Bayern. Beiträge, Bd. III; Feuerböcke und Bratspieße aus 
prähistorischer Zeit in Bayern. Korr.-Bl. 1906). Ohlensehlagers Prähistorische Karte 
Bayerns hat Hanke tatkräftig gefördert. Die anthropologisch-prähistorische Sammlung 
des Staates in München, deren Leiter er seit Gründung bis zu seinem Tode war, ver- 
dankt ihm nicht nur ihre Entstehung, er war bis in die letzten Tage seines Lebens 
bestrebt, sie zu vermehren und auszugestalten. Wesentliche Förderung verdankt die 
Erforschung des vorgeschichtlichen Bayerns seiner Tätigkeit als Mitglied und Vorsitzender 
der Akademischen Kommission für Erforschung der Vorgeschichte Bayerns. Au der 
Untersuchung der Höhlenwohnungen Bayerns hat er schon in den 70er Jahren des 
vorigen Jahrhunderts mitgewirkt, und noch während des Krieges die Gründung der 
Akademischen Kommission für Höhlenforschung veranlaßt, deren Aufgabe es ist, die 
Höhlen Bayerns systematisch nach Resten des vorgeschichtlichen Menschen zu durchsuchen. 

Alle seine wissenschaftlichen Ergebnisse, sowie die Resultate der anthropologisch- 
prähistorischen Forschung hat J. Rauke in dem Werke „Der Mensch", das 1886 zum 
ersten Male erschien, bis 1912 drei Auflagen erlebte und in fremde Spracheu übersetzt 
wurde, einem großen Kreise von Gebildeten in anschaulicher Form und Sprache zu- 
gänglich gemacht. Das Werk hat ihn in Laienkreisen berühmt gemacht, was aber die 
Fachwelt darüber denkt, hat R. Virchow auf dem Kongresse in Stettin in folgende 
Worte gefaßt: „Aber Herr Johannes Ranke hat noch etwas anderes gemacht. Er hat 
a;emaeht, was bisher in der Vollständigkeit überhaupt nicht gemacht war. Er hat eine 
große Anthropologie ueschriebeu .... Das will ich aber sagen, daß die Deutsche An- 
thropologische Gesellschaft glücklich ist, ein solches Buch zu besitzen und stolz darauf, 
daß es in Deutschland gemacht worden ist, und besonders stolz darauf, daß ihr General- 
sekretär es war." Die dritte Auflage, welche Rauke 1912 vollendete, stellt nicht eine 
einfache Wiederholung der zweiten Auflage dar, sie wird vielmehr vollständig den 
reichen Ergebnissen der anthropologischen Forschungen auf allen Gebieten gerecht, sie 
bringt den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnis vom Mensehen in objektiver, hypo- 
thesenfreier Weise zur Darstellung. 

Über 50 Jahre war es dem Verstorbenen gegönnt, in Wort und Schrift im Dienste 
der Wissenschaft tätig zu sein. Tauseude von Hörern und Schülern führte er ein in 
die Geheimnisse der Anthropologie; sie denken alle mit Vergnügen an die Stunden, da 
sie seinen wohlgeformten, anschaulichen Vorträgen lauschen durften; Tausende und Aber- 
tausende haben aus seiuen Schriften ihr Wissen bereichert und verehren in ihm den 
bedeutenden Forscher und Lehrer. Alle diejenigen aber, welche mit ihm, sei es als 
Kollegen an der Universität, in der Akademie der Wissenschaften oder in den sonstigen 
Vereinigungen, deren Mitglied er war, sei es als Schüler, die unter ihm den Doktorgrad 
erwarben, sei es als Teilnehmer an den Versammlungen der Münchener und Deutschen 
Anthropologischen Gesellschaften, näher in Verbindung traten, haben Ranke auch als 
Menschen schätzen und hochachten gelernt. Sie werden ihm, dem hervorragenden Ge- 
lehrten, dem liebenswürdigen, stets wohlwollenden Mensehen und Lehrer, ein dauerndes 
Andenken bewahren; sein Geist wird in seinen Schülern weiter wirken zum Vorteil der 
anthropologischen Wissenschaft. F. Birkner. 



II 



Die Vorgeschichte Bulgariens. 

Von Univ.-Prof. Dr. F. Birkner-Miinehen. 

Mit einer Kartenskizze. 



Die Erforschung der Vorgeschichte Bulgariens 
wurde erst in neuerer Zeit in ausgedehnterem 
Maße in Angriff genommen. Wohl haben ge- 
legentlieh Reisende auf die zahlreichen Hügel 
in der europäischen Türkei hingewiesen, welche 
längs der Verkehrsstraßen vorhanden sind, und 
es wurden auch bei den Straßen- und Bahn- 
bauten im vorigen Jahrhundert gelegentlich der 
eine oder andere dieser Hügel umgegraben, ohne 
daß aber deren Bedeutung für die Vorgeschichte 
dadurch vollständig klargestellt worden wäre. 
Als die Wiener Anthropologische Gesellschaft 
als eine ihrer ersten Arbeiten die kartographische 
Festlegung der Tumuli in Österreich -Ungarn 
und den angrenzenden Ländern beschloß, haben 
F. v. Hochstetter und F. Kanitz es über- 
nommen, die Eintragung der in der Türkei vor- 
kommenden Tumuli zu besorgen. Die im Jahre 
1870 bekannten Hügel in Bulgarien und Thrazien 
schätzte v. Hochstetter auf 5- bis 600, welche 
nach ihm „nie im Gebirge, sondern ausschließ- 
lich in waldlosen Ebenen oder auf niederen 
Plateaus angetroffen werden, d. h. in den frucht- 
barsten, am leichtesten zugänglichen Gegenden, 
die schon in den allerältesten Zeiten der Wohn- 
platz zahlreicher Volksstämme gewesen sein 
müssen" : ). 

Über die Bedeutung dieser Hügel und deren 
Alter herrschte damals noch keine Klarheit. 
Hochstetter nennt sie direkt Grabhügel. Das, 
was man bis dahin von den gelegentlichen Aus- 
grabungen wußte, schien dieser Ansicht recht- 
zugeben. Es wurden z. B. bei Papasli an der 
Eisenbahnstrecke zwischen Adrianopel und Philip- 
popel nach dem Berichte des Ingenieurs E. Zeller 
in einem Hügel unter einer Anzahl von Knochen 
drei Urnen (mit vier Buckeln am Umfang und 
zwei kleineren Löchern am oberen Rande) ge- 
funden: in einer Urne befanden sich zwei tür- 
kische Kupfermünzen aus dem 14. bzw. 15. Jahr- 
hundert: in einem anderen Hügel wurde eine 
große Masse von Knochen (Schädel im Zentrum 



1 ) F. v. Hochstetter, Über das Vorkommen alter 
Grabhügel in der europäischen Türkei. Mitt. d. Wien, 
Anthrop. Ges. I, S. 93 bis 101, 1870. — Weitere An- 
gaben über das Vorhandensein von Tumuli geben A. Boue, 
Aufzählung von Tumuli oder alten Grabhügeln in der 
europäischen Türkei, ebenda S. 156 u. 157 ; M. E. Weiser, 
Thracieu und seine Tumuli, ebenda II, S. 147, 1871. 



des Tumulus liegend), eine große Vase und 
ein dem Handschar ähnliches, gänzlich durch 
Rost zerfressenes Schwert zutage gefördert 1 ). 
Weitere Ausgrabungen nahm Dr. M. E. Weiser 
vor 2 ). Der eine Hügel (Nr. 2) barg ein ans 
flachen Ziegeln hergestelltes, innen mit Ziegel- 
mehl glatt gestrichenes, von einer mächtigen 
Steinplatte bedecktes Grab mit Skelettknochen, 
eiserne Nägel, Perlen ('?), Glasresten; ein an- 
derer Hügel (Nr. 4) enthielt ebenfalls ein aus 
Ziegeln hergestelltes Grab mit Gefäßresten, 
einige Stücke Glas, eine Münze mit griechischer 
Inschrift. Wir haben es somit wohl sicher mit 
Gräbern zu tun, deren Zeit aber nach den An- 
gaben Weisers sich nicht bestimmen läßt; viel- 
leicht könnten die von Weiser der Gesellschaft 
übersandten Abbildungen weitere Anhaltspunkte 
liefern. Nach Angaben eines Lehrers von 
Kezanlyk soll in einem Hügel bei Philippopel 
in einem gemauerten Grabe ein Skelett in 
sitzender Stellung gefunden worden sein, dessen 
Haupt mit einem Goldreifen geschmückt war. 
Außerdom sollen noch weitere goldene Wert- 
gegenstände und zwei große Urnen, die eine 
mit etwas Öl, in demselben enthalten gewesen 
sein; an der Decke sei eine herabhängende 
Lampe befestigt gewesen (S. 227/28). Vielleicht 
handelt es sich in diesem Falle, wenn die An- 
gaben richtig sind, um einen höheren orthodoxen 
Priester, der wie die Patriarchen von Kon- 
stantinopel in sitzender Stellung begraben wurde. 

Aus Grabhügeln bei Trojan und Gabrovo 
beschreibt B. Filow 3 ) Funde aus dem 5. bis 
3. Jahrhundert v. Chr.; es handelt sich ins- 
besonders um Fibeln, welche sehr denen ans der 
Früh-Latenekultur West- und Zentraleuropas 
ähneln. 

Ein Teil der Hügel, vor allem Südbulgariens, 
scheint demnach tatsächlich Gräber zu enthalten, 
welche aus verschiedenen Zeiten stammen wür- 
den. Über den Zweck der Hügel gibt es aber 



1 ) F. v. Hochstetter, Über die Ausgrahung einiger 
Tumuli bei Papasli in der europäischen Türkei. Mitt. 
d. Wien. Anthropol. Ges. II, S. 49— 50, 1871. 

2 ) M. E. Weiser, Thracien und seine Tumuli. 
Ebenda II, S. 137— 153, 185—203, 225—228, 1871. 

3 ) B. Filow, Deux tumuli thraces dans le Balkan. 
Izvestija na bulgarkoto etc. Bull. Soc. Arch. bulgare I, 
S. 155—158, 1910. 

6 



42 



noch andere Ansichten 1 ). Es scheint, daß die 
Türken die Gewohnheit hatten, die Zelte der 
Kommandanten auf Hügeln zu errichten, wie 
dies nach Kanitz bei den zwei Hügeln (Tepe) 
bei Yidin der Fall gewesen ist. Ob der eine 
oder andere von den hohen Hügeln zu diesem 
Zwecke errichtet wurde oder ob stets schon 
vorhandene benutzt wurden, ist bis jetzt noch 
nicht festgestellt. Als Begräbnisstätten sind 
wohl eine Anzahl als Dolmen bezeichneter 
Steinbauten zu betrachten, über deren Vor- 
kommen in Südbulgarien wir durch die Ge- 
brüder Skorpil und St. Bontschew Kenntnis 
erhalten. Die Skorpil 2 ) berichten über Dolmen 
von der Sakar Planina und ihrer Umgebung 
nördlich von Adrianopel zwischen der Maritza 
und der Tundza; Bontschew 3 ) entdeckte einige 
im östlichen Teile des Bezirkes von Haskovo 
(Südbulgarien). 

Außer Grabstätten stellt eine Anzahl der 
bulgarischen Hügel, vor allem die Flachhügel, 
wie Untersuchungen in jüngster Zeit zeigten, 
auch Reste von prähistorischen Ansiedelungen 
dar. Man hat in solchen Hügeln wie in den 
zahlreich vorhandenen Höhlen und Grotten 
die Reste alter Wohnstätten gefunden. 
Der Donau entlang, zwischen Timok und Vid, 
untersuchte F. Tschilingh irow im Über- 
schwemmungsgebiete Siedelungen, deren Lage 
die Vermutung nahelegt, daß es sich hier um 
eine Art von Pfahlbausiedelungen handle. 
Die östlichsten paläolithischen Reste der 
Menschen in Österreich -Ungarn sind nach 
J. Szombathy 4 ) im Valea cremene (Feuer- 
steintal), einem Seitentälchen des Bodzaer Passes, 
gefunden worden. Von dieser Fundstelle hat 
J. Teutsch in Kronstadt Klingen, Schaber und 
Stichel aus Feuerstein an die Wiener Anthro- 
pologische Gesellschaft eingesandt, welche an der 
angegebenen Stelle, etwa 1 m unter der Boden- 
oberfläche, zusammen mit kleinen Holzkohlen- 
teilchen gefunden worden sind, leider fehlteu 
Reste von Tieren, die für eine absolut sichere 



*) F. Kanitz, Tutnuli in Nord- und Südbulgarien. 
Mitt. d. "Wien. Anthrop. Ges. VI, S. 201—204, 1876, und 
Donau -Bulgarien und der Balkan. 1. Bd., S. 275 — 276. 
Leipzig 1875. 

2 ) Gebr. Skorpil, Painetnici iz Bulgarsko (Denk- 
mäler Bulgariens), 1. Bd., 1. Heft. Thrakien, Sofia 1888. 
Ausführliches Referat mit Abbildungen von Woldrioh 
in Mitt. d. Wien. Anthropol. Ges. XVIII, 3. 285— 288, 
1888. 

3 ) St. Bontschew, Dolmen im südlichen Bulgarien. 
Korr.-Bl. d. Deutsch. Anthrop. Gea 1896, S. 35— 36. 

4 ) J. Szombathy, Paläolithische Fuude aus Sieben- 
bürgen. Mitt. d. Wien. Anthrop. Ges., Sitzber. XL, 
S. LlO], 1910. 



Altersbestimmung von Wichtigkeit wären. Nach 
Szombathy ist ein Schluß auf eine der jüngeren 
Schichten des Paläolithikums gerechtfertigt. Die 
nächsten paläolithischen Fundstellen sind die 
Höhlen im Bükkgebirge und bei Budapest in 
Ungarn, sowie die bei Krapina in Kroatien. 
Die aus Höhlen in Serbien gemeldeten Fuude •) 
gestatten keinen sicheren Schluß auf das Vor- 
handensein des diluvialen Menschen. Da, wie 
es scheint, die Schichten schon gestört waren 
oder bei den Ausgrabungen nicht genügend 
auseinandergehalten worden sind, haben die 
Reste des Höhlenbären, die mit den Gegen- 
ständen gefunden worden sind, keinen Wert 
für die Altersbestimmung. Immerhin ist es 
nicht ausgeschlossen, daß doch paläolithische 
Schichten in den serbischen Höhlen vorhanden 
sind. Aus den anderen Balkanländern fehlen 
bis jetzt ebenfalls Spuren des paläolithischen 
Menschen, mit Ausnahme Bulgariens. Hier haben 
die Untersuchungen des letzten Jahrzehnts sichere 
Anhaltspunkte für die Anwesenheit des Eis- 
zeitmenschen ergeben. 

InderMalkata Pe seh tera(„Kleinen Höhle") 
bei Samovodeni, nordwestlich von Tirnova, deren 
4 m breiter Eingang nach Süden liegt und die 
sich etwa 92 m nach innen erstreckt, wurden in 
den Jahren 1898, 1905 und 1909 Ausgrabungen 
veranstaltet, über die R. Poppow 2 ) das Folgende 
berichtet: Die Grotte euthält drei Schichten. 
Die unterste, diluviale Schicht von 1 m Mächtig- 
keit besteht aus gelbem und rotem Ton 
und ist reich an Knochen des Höhlenbären. 
Außerdem wurden noch festgestellt Reste der 
Höhlenhyäne, des Pferdes, des Urrindes. Mit 
diesen diluvialen Tierresten zusammen fanden 
sich in etwa 1,45 in Tiefe zwei Feuerstein- 
messerchen; das eine ist 6 cm lang, 1,6 cm breit 
und 0,6 cm dick, das andere hat eine Länge von 
5,9 cm, eine Breite von 2 cm und eine Dicke 
von 0,65 cm. Wenn auch die Fundumstände 
eine genaue Altersbestimmung nicht irestatten, 
so darf doch als sicher angenommen werden, 
daß es sich um Spuren des paläolithischen Men- 
schen handelt. 

Nachdem schon Koitschew im Jahre 1909 
in der Höhle Morovitza bei Glozane (Bezirk 



a ) F. Kanitz, Die prähistorischen Funde in Serbien 
bis 1889. Mitt. d. Wien Anthropol. Ges. XIX, S. 150—153, 
1889. Ebenda, Sitzber. XVI, S. [65]— [66], 1886. 

2 ) R. Poppow, Razkopki v „Malkata Pesehtera" 
pri Tirnovo prez 1909. Izvcstija na bulgarkoto etc. II, 
1911 (Bull.Soc. Arch. bulgare II, S. 248—256, 1911). — 
O. Menghin, Spuren des Paläolithikums in den nörd- 
lichen Balkanländern. Wien. Prähist. Zeitschr. II, 
S. 121—132. 



43 



Teteven) Grabungen veranstaltet hatte, hat im 
Jahre 1912 11. Poppow 1 ) ebenfalls an einigen 
Stellen gegraben. Die Höhle öffnet sich nach 
Norden und erstreckt sich bei 16 m Breite des 
Eingangs etwa 250 m ins Innere. 4 m vom Ein- 
gange entfernt fand Poppow eine 4m tiefe 
Schicht, deren oberer Teil bis zu 1,50 m Tiefe 
Knochen. Scherben usw. aus vorgeschichtlicher 



tief kam eine Feuersteinklinge von 6,1 cm Lange, 
2,4 cm Breite und 0,4 cm Dicke zutage , welche 
an beiden Randern kräftige Steilretnsehen auf- 
weist. An einer anderen Stelle fand sich eine 
16,65cm lange, 2,7cm breite und lern dicke 
Knochenspitze, deren hinteres Ende abgebrochen 
ist. Auch diese Stücke stammen den Fund- 
umständen nach aus paläolithischer Zeit. Poppow 




1. 



Höhle „Malkata Peschtera" (Kleine Höhle) bei 
Samovodeni. 

2. Höhle „Morovitza" bei Glozane. 

3. Höhlen „Malkata Podlisza" und „Goljama 

Podlisza" bei Beljakovez. 

4. Höhlen „Pod-Grado" bei Madara. 

5. Hohle „Toplia" bei Gojema-Zelezna. 

6. Ausiedlung „Unio alha". 

7. „ bei „Kutovo". 

8. .. „ „Naklata" 

9. .. .. „Lom" • (Pfahlbauten?) 
10. „ „ „Cibar" I 



in Bulgarien. 

11. Ansiedlung bei „Kozludui" 1 

12. „ „Ostrovo" l (Pfahlbauten?) 

13. .. „ „Magura" J 

14. .. .. ..Sultan". 

15. Hügel „Denew" bei Salmonovo. 

16. .. ..Kodja Dermen" bei Schumen. 

17. „ bei Trojan. 

18. ., „ Gabvovo. 

19. .. von Sveti-Kyrillovo bei Stara Zagora. 

20. ., „ Ratschew bei Jambol. 

21. „ „ Deve-Bargan bei Tirnovo-Seimen. 

22. „ „ Kadine-most bei Küstendil. 



Zeit enthielt; der untere Teil von 1,5 bis 4 m 
bestand ans rotgelbem Ton mit Pesten von 
diluvialen Tieren. Im Inneren der Höhle reicht 
der diluviale Ton bis zur Oberfläche. 2,8 m 



x ) R. Poppow. Razkopki v peschtera Morovitsa. 
Izvestija III, S. 262. Bull. Soc. Arch. bulgare III, S. 262, 
1912 — 1913. — O. Menghin, Spuivn des Paläolithikums 
in den nördlichen Balkanländern. Wien. Prähist. Zeit sehr. 
n, S. 128—132. 



zählt sie der Solutrestufe zu, wahrscheinlicher 
handelt es sich aber um Artefakte der Aurignac- 
stufe. Es erscheint jedoch gewagt, auf Grund 
von einzelnen Fund^regenständen eine genauere 
Altersbestimmung vorzunehmen. 

Schon die bisherigen Untersuchungen der 
beiden Höhlen lassen den Schluß zu, daß der 
diluviale Mensch auch in den Balkanländern ge- 
lebt hat. Da aber nur eine teilweise Ausgrabung 



44 



vorliegt, so läßt eine eingehende, auf den 
ganzen Flächenranm der Höhlen ausge- 
dehnte wissenschaftliche I titersuchung 
hoffen, daß noch mehr paläolithisches 
Material zutage gefördert wird, das auch 
eine genauere Zeitbestimmung zuläßt. 

Die beiden Höhlen halten außerdem bestimm- 
bare jüngere Funde aus der vorgeschicht- 
lichen Zeil geliefert. Nach Poppow folgt in 
der Malkata Peschtera auf die diluviale Schicht 
eine etwa 40 cm mächtige Schicht mit neolithi- 
schen Fundgegenständen neben Resten vom 
Edelhirsch, Reh, Schaf, Kind, Schwein und 
Hund. Die obersten Schichten enthalten Funde, 
welche bis in die ersten Jahrhunderte unserer 
Zeitrechnung, also bis in die römische Kaiser- 
zeit reichen. Unter den jüngeren Funden aus 
der Höhle Morovitza sind besonders bemalte 
und inkrustierte Gefäße, eine Knochennadel mit 
einem Reh- oder Hirschkuhkopf und eine 
Kupfernadel zu erwähnen. 

R. Poppow hat noch weitere Höhlen in der 
Umgebung von Tirnova ausgegraben; in der 
Prähistorischen Zeitschrift l ) berichtet er aus- 
führlich über die Ergebnisse in der 33 in tiefen, 
am Eingange 5 m breiten Höhle „Malkata 
Podlisza" bei dem Dorfe Beljakovez, welche 
eine Verbindung besitzt mit der Höhle „Gol- 
jama Podlisza". Diese zeigt die gleichen 
Schichten und Kulturreste wie erstere. 

Die unterste Schicht L von 30 cm aus gelb- 
lichrotem Tone enthält nur unbestimmbare fos- 
sile Tierknochenreste; in der entsprechenden 
Schicht in der Goljamahöhle fanden sich Reste 
von diluvialen Tieren; Kulturreste fehlen in 
beiden aber vollständig. In den aus mit Kies- und 
Holzkohlenlagen vermischtem Ton bestehenden 
etwa 50 cm mächtigen Schichten H — J fanden 
sieh zahlreiche Reste von Haus- und Jagdtieren, 
Feuersteingeräte und Scherben von Gefäßen. 
In Schicht J kam in der Tiefe von 80 cm ein 
gauzes Menschenskelett zum Vorschein. Das in 
dieser Schicht gefundene Kulturmaterial bestand 
ans vier Feuersteiuklingen von 4,9 bis 7,4 cm 
Länge, Resten von Gefäßen, zum Teil mit. Henkeln, 
zum Teil mit Warzen und Doppelwarzen, Spinn- 
wirtel und einer 6,1 cm langen kupfernen Nadel. 
Die geringe Zahl von Feuersteinwerkzeugen 
führt Poppow darauf zurück, daß die geologi- 
schen Schichten in der Umgebung vou Tirnova 
der unteren Kreide, dem ßaremien, angehören, 



J ) R. Poppow, Die Ausgrabungen in der Höhle 
„Malkata Podlis/.a" beim Dorfe Beljakovez, nnweit der 
Stadt Tirnova (Nordbulgarien). Priihist. Zeitachr. V, 
8. 449—460, 1913. 



in welcher Feuerstein fehlt. Ein Gefäß, das er 
allbildet, hat konische Form. 

Die Schichten // — C, von 30 bis 8'2 cm, ent- 
hielten Gefäßreste, einige Fragmente von eisernen 
Messern, Lanzen, Nägeln usw., welche au die 
Kulturreste aus Wohnplätzen der römischen 
Zeit erinnern („Madara", „Woiwoda" u. a.). 
Da in der Goljama Podlisza eine Münze der 
Faustina gefunden wurde, sind die beiden 
Höhlen offenbar noch im 2. Jahrhundert n. Chr. 
bewohnt gewesen. Das in Schicht / gefundene 
Skelett scheint nicht ueolithisch zu sein, son- 
dern aus der Zeit der Ablagerung der Schichten 
C — H, also der römischen Zeit anzugehören. 

Bei dem Dorfe Madara, östlich von Schumen, 
konnte R. Poppow 1 ) reiche Wohnstättenfunde 
bergen. Die Gegend nördlich vom Dorfe ist 
für die archäologische Forschung von hohem 
Interesse. Es finden sich dort Hügel, Menhire, 
die Fundamente römischer Festungen und Reste 
der ältesten Hauptstadt Bulgariens, Pliska. An 
einem Felsen befinden sich neben dem Basrelief 
eines thrakischen Reiters eine 30 m tiefe, 70 m 
breite natürliche Grotte, „Pod-Grado", und 
mehrere künstliche Höhlen. Die Terrasse um 
die Quellen, welche in der Nähe entspringen, 
enthielt nach den Ausgrabungen in den Jahren 
1902, 1903 und 1909 Kulturreste der jüngeren 
Steinzeit und der römisch -byzantinischen Zeit. 
Auf grauen Mergel folgt eine 1,50 m mächtige, 
aus Ton, Sand, Kies und Gerollen bestehende 
Schichtenreihe mit den neolitlüschen Kultur- 
resien; nach einer 25 cm dicken sterilen Schicht 
schließt das Profil mit einer 25 cm mächtigen 
schwarzen Dammerde ab, in der sich römisch- 
byzantinische Fragmente von gut gebrannten 
Gefäßen, Bronze- und Kupfermünzen aus dem 
3. bis 6. Jahrhundert, Werkzeuge aus Eisen usw . 
fanden. 

Die Tierreste der neolithischen Schicht ge- 
hörten dem Hunde, Fuchs, Wolf, Bär, Schwein, 
Dachs, Hirsch, Reh, Pferd, Wildrind, Schaf, 
Biber an, welche teils ausgestorben (Rind, Biber), 
teils nach dem Balkan ausgewandert sind (Hirsch, 
Reh, Bär). Auch einige Menschenknochen fanden 
sich zusammen mit den Tierresten. 

Von den neolithischen Kulturresten sind die 
folgenden hervorzuheben. Es fanden sich Pfeil- 
spitzen, Schaber, Kratzer, Messer und Schlag- 
steine aus Feuerstein, der in der Umgebung nicht 
vorkommt und vielleicht aus „Kriva-Rjaka" 



J ) K. Poppow, Beiträge zur Vorgeschichte Bulga- 
riens. I. Der prähistorische Wohnplatz „Pod-Grado" bei 
dem Dorfe Madara. nnweit der Stadt Schumen (Nordost- 
Bulgarien). Prähist. Zeitschr. IV, S. 88— 108, 1912. 



45 



stammt. Die zahlreichen Abfälle deuten darauf 
hin, daß die Feuersteinwerkzeuge an Ort und 
Stelle hergestellt worden sind. Aus anderem 
Gesteinsmaterial waren geschliffene und zum Teil 
durchbohrte Steinbeile, Hämmer und Meißel her- 
gestellt, ferner fanden sich Fragmente von 
Mühlsteinen sowie Schlag- und Reibsteinen aus 
Sandstein und Konglomerat. Aus Geweih und 
Knochen bestanden Hämmer, Pfriemen, An- 
hänger. Einige Würfelbeine und Zehenglieder 
von Hirsch, Rind und Schaf, welche vielleicht 
zum Teil zum Spielen dienten, zeigten ein oder 
zwei geglättete Flächen; Perlen aus Hörn und 
Knochen , durchbohrte Zähne von Hund und 
Dachs stellen Schmuckgegenstände dar. Die 
Gefäßreste stammen von rohen Gefäßen, welche 
in seltenen Fällen als Verzierung grobe Ein- 
schnitte und Buckel besaßen. 

Es dürfte die Anschauung Poppows richtig 
sein, daß alle diese Kulturreste nicht auf pri- 
märer Lagerstätte lageu, sondern von der höher 
gelegenen Höhle Pod-Grada herabgeschwemmt 
worden sind. Ob die künstlichen Grotten neben 
den natürlichen aus der jüngeren Steinzeit 
stammen, möchte ich noch dahingestellt sein 
lassen; vielleicht sind sie während der römisch- 
byzantinischen Zeit hergestellt worden. 

Die Funde aus der Höhle Toplia bei Go- 
lema-Zelezua, welche G. Bontschew 1 ) für dilu- 
vial hielt, sind nach Poppo w jünger; sie gehören 
wohl auch der jüngeren Steinzeit an. 

Die gleichen Kulturreste wie in den Holden 
fand A. T s c h i 1 i n g h i i o w 2 ) in Ansiedelungen 
im Überschwemmungsgebiete der Donau, 
zwischen Timok und Vid. Den Fundum- 
stäuden nach könnte es sich bei den Siedelungen 
von Naklata bei Vidbol, von Lora, von 
Cibar-Varoche, Kozludui, Ostrovo und 
Magura um eine Art von „Pfahlbauansiede- 
lungen" handeln. Der größte Teil der Kultur- 
reste gehört der jüngeren Steinzeit an und 
scheint sich vollständig den Funden in den 
Höhlen auf der Nordseite des Balkangebirges 
anzuschließen, außerdem fanden sich aber auch 
Scherben, welche der römischen Zeit angehören 
dürften. 



x ) G. Bontschew, Peschterata pri s Golema- 
Zelezna. Trudovo na bulgarkoto pripodoizpitatelno 
druzestvo I, S. 80, 1900; R. Poppow, Izvestija na 
bulgarkoto etc. Bull. Soc. Arch. bulgare III, S. 272, 
1912—1913. 

2 ) A. Tschilinghirow, Stations prehistoriques sur 
le bord du Danube, depuis Timok jusqu'ä Vite. Izvestija 
na bulgarkoto II. Bull. Soc. Arch. bulgare II, S. 147— 174, 
1911. 



In Naklata bei Vidbol kam eine mensch- 
liche Figur mit Ornamenten zum Vorschein, die 
zu den Funden in den Hügeln Bulgariens über- 
leitet. 

Wie eingangs erwähnt, bestehen die bisher 
untersuchten Hügel Bulgariens größtenteils 
aus den Resten vorgeschichtlicher Ansiedelungen. 
Es liegen bis jetzt Mitteilungen über Unter- 
suchungen der Hügel von Ratschew bei Jambol, 
von Deve-Bargau bei Tirnovo-Seimen, von Sveti- 
Kyrillovo bei Stara Zagora und von Kadine- 
most bei Küstendil in Südbulgarien, von Deuevv 
bei Salmanovo, von Kodja-Dermen bei Schumen 
und Sultan bei Popopo in Nordbulgarieu vor. 

Die Grabungen R. Poppows ] ) in den Hügeln 
von Denew, welche auf Kosten des bulgarischen 
Nationalmuseums in Sofia erfolgten, haben eine 
sehr reiche Ausbeute ergeben. Vor allem fanden 
sich die Reste von Wandbewurf, es handelt sich 
also um Hütten aus Flechtwerk, das mit Lehm 
beworfen worden war. Die Form der Hütten ließ 
sich nicht feststellen, wahrscheinlich waren sie 
viereckig wie die primitiven Hüttenmodelle aus 
Ton, welche in dem Hügel gefunden worden 
sind. Die Feuersteinwerkzeuge ähneln voll- 
ständig denen in den Höhleu, auch die Steiu- 
hämmer zeigen die gleichen Formen. Die 
Pfriemen, Nadeln und Anhänger aus Knochen 
sind zahlreicher und überwiegen stark gegen 
die Steinbeilfassuugen und sonstigen Werkzeuge 
aus Hörn. Neben den durchbohrten Muscheln 
(Cardium) fanden sich auch als künstlicher 
Schmuck Ringe aus Spondylusschalen. Von be- 
sonderem Interesse sind die keramischen Pro- 
dukte. Die Gefäße sind zum Ted poliert ohne 
Ornamente, zum Teil besitzen sie gravierte Or- 
namente mit Einlagen (inkrustierte Gefäße) oder 
gemalte und plastische Ornamente. Auf manchen 
Gefäßen sind die Ornamente mit Graphit aus- 
geführt, bei anderen ist auf dem Graphitgrunde 
das Ornament ausgespart. Kombination von 
Gravierung und Bemalung ist häufig. Bei den 
inkrustierten Gefäßen ist nach Poppow die 
Technik eiue verschiedene, entweder wird das 
eingeschnittene Ornament mit einer weißen Ton- 
masse ausgefüllt oder es war das Ornament 
erhaben ausgeführt und die so entstehenden 
vertieften Zwischenräume mit weißer Masse aus- 
gefüllt worden. Hinsichtlich der Form sind be- 
sonders zylindrische inkrustierte Gefäße hervor- 
zuheben mit konischem Boden und meist einem 
kleinen hohlen Fuße; es gehören zu diesen 

: ) R. Poppow, Predistoritseheskata Deneva mogila 
pri s Salmanovo. Der vorgeschichtliche Hügel von 
Denew beim Dorfe Salmonovo. Izvestija na bulgarkoto 
IV. Bull. Soc. Arch. bulgare IV, S. 148—225, 1914. 



46 



Gefäßen Deckel mit ähnlichen Verzierungen. 
Als Unikum ist ein vierkantiges Gefäß mit zwei 
Öffnungen am Boden zu erwähnen. Besonders 
wichtig sind die Reste von Menschen- und Tier- 
figuren aus Ton, sogenannte „Tonidole". Auch 
Stempel aus Ton, die für Bulgarien zum eisten 
Male festgestellt sind, verdienen erwähnt zu 
werden. Möglicherweise winden sie zur Körper- 
bemalung verwendet. Au Metallgegenständen 
kam nur eine Kupfernadel zum Vorschein. Außer 
den Resten von Haus- und Jagdtieren (Hirsch, 
Reh, Rind, Schaf, Hase, Biber, Hund, Fuchs, 
Wolf, Luchs, Marder, Dachs, Schwein, Bär) 
kamen in der oberen Schicht auch menschliche 
Skelette zum Vorschein, die wohl jünger sind 
als die Siedelungsreste in der Basis des Hügels. 

In dem Hügel „Kodja-Dermen", nord- 
westlich von Schumeu, fand R. Poppow 1 ) ein 
ganz ähnliches Kulturinventar: Werkzeuge aus 
Knochen, Hörn, Feuerstein und anderen Ge- 
steinsarten; Schmucksachen aus Knochen (Astra- 
galus), Muscheln "(Cardium) und Früchte (Litho- 
spermum oftieinale). Der zum Bemalen der 
Gefäße nötige Graphit fand sich in einigen 
konischen Stücken. Die Gefäßreste waren teils 
von ganz ähnlich bemalten Gefäßen wie im 
Hügel von Denew , teils waren sie von rohen 
Gefäßen. Sehr zahlreich fanden sich die Menschen- 
und Tierfiguren aus Ton und Knochen. Die 
Tierreste setzen sich zusammen aus den Knochen 
von Hund, Fuchs, Wildkatze, Dachs, Reh, Hirsch, 
Rind (und zwar Wildrind und zahmes Rind), 
Schaf, Schwein, Hase, Vögel, Belemniten (Belem- 
nites pistilliformis) mit künstlich zugespitzten 
Enden und Schalen von Cardium, Unio, Denta- 
liuui, die offenbar für Schmuckzwecke auf- 
gesammelt worden sind. Auch Getreidereste 
(Triticum vulgare) fanden sich zum Teil in 
reichlicher Menge. Menschliche Reste kamen 
zerstreut vor: ein Schädel, ein Oberschenkel, 
ein Oberarm, ein Schienbein. Vielleicht handelt 
es sich hier um einen Beweis von Kannibalismus. 

In einem 12 m hohen Hügel mitten im Dorfe 
Sveti-Ky rillovo 2 ) bei Stara-Zagora nahm 
Gawril .1. Kazarow einige Versuchsgrabungen 
vor; er konnte bis zu 4,5 m Tiefe mehrere 
Schichten feststellen. Oben eine Schicht von 
1 m Tiefe mit Funden aus römischer und 



*) R. Poppow, Beiträge zur Vorgeschichte Bulgariens 
II. Idole und Tierßguren. gefunden in dem Hügel „Kodja- 
Dermen" bei Sehumen (Bulgarien). Prähist. Zeitschr. 
I\ , S. 103— 113, 1912. Izvestija na bulgarkoto II. Bull. 
Soc, Arch. bulgare II, S. 70 — 80, 1911. Revue de la 
Soctete litteraire bulgare XXI, S. 503— 562, 1909. 

a ) Gawril J. Kazarow, Vorgeschichtliche Funde 
aus Sveti-Kyrillovo. Präh. Zeitschr. VI, 1914, S. 67—88. 



byzantinischer Zeit, darunter eine 1,8 m mächtige 
Erdschicht mit prähistorischen Gefaßtesten, es 
folgte dann eine verbrannte Schicht (0,2 m) mit 
Scherben und verkohlten Getreide- und Hütten- 
resten. Unter einer weiteren 1,2 m tiefen sandigen 
Schicht lag eine zweite 0,30 m mächtige ver- 
brannte Schicht mit verkohltem Getreide. In 
diesen Schichten fanden sich Reste von mono- 
chromen und bemalten Gefäßen, „Tonidole", 
Webstuhlgewichte, Wirtel und Löffel aus Ton, 
eine Muschelschale, Werkzeuge aus Feuerstein 
und geschliffene Steinbeile, Pfriemen aus Kno- 
chen, Nadeln und Dolchklingen aus Kupfer. 

Menschen- und Tierfiguren aus Knochen, 
ähnlich denen von Denew und Kodja-Dermen, 
beschreibt A. Tschiliughiro w auch aus der 
prähistorischen Station Sultan (Bez. Popopo) 
in Nordbulgarien l ) und aus dem Hügel Rat- 
sche w bei Jambol in Südbulgarien 2 ). Wenn 
er diese Idole der Eisenzeit am Anfang des 
1. Jahrtausend zuschreibt, so dürfte dies wohl 
eine irrtümliche Auffassung sein. Tonidole 
fanden sich auch bei Kadine-most (Bez. Küsten- 
dil) nach den Mitteilungen von J. Iwanow 3 ). 

Aus einem nicht wissenschaftlich erforschten 
Hügel Deve-Bargan bei Tiruovo- Seimen, am 
Ufer der Maritza, sind^ spätneolithische und 
römisch-byzantinische Funde bekannt. 

Die vorgeschichtlichen Forschungen in Bul- 
garien, soweit sie in der mir zugänglichen 
Literatur veröffentlicht sind, haben für die Vor- 
geschichte Bulgariens wichtige Ergebnisse ge- 
liefert. 

Fürs erste sind sichere Spuren des paläoli- 
thischen Menschen nachgewiesen worden. 

Hinsichtlich der jüngeren Steinzeit schei- 
nen zwei nach den Kulturresten verschiedene 
Stufen vorhanden gewesen zu sein. Die Reste 
aus der jüngeren Steinzeit, welche in den Höhlen 
und vielleicht auch in den „Pfahlbauansiede- 
lungen" im Überschwemmungsgebiete der Donau 
zwischen Timok und Vid zutage treten, zeigen 
einfachere Formen, sie stellen vielleicht eine 
ältere Stufe dar gegen die Funde aus den 
Hügeln; diese Stufe schließt sich mit ihrer be- 
malten Keramik und den Menschen- und Tier- 
figuren der in Bosnien, Serbien, Siebenbürgen, 



J ) A. Tsch il in gh iro w , Pigurines en os de la 
Station prehistorique de Soultan (arr. de Popopo). Iz- 
vestija na bulgarkoto etc. I. Bull. Soc. Arch. bulgare I. 
S. 105—110, 1910. 

2 ) Derselbe, Figurines en os du tumulus Ratchew 
pres de Jambol. Izvestija na bulgarkoto II. Bull. Soc. 
Arch. bulgare II, S. 81— 88, 1911. 

3 ) J. Iwanow, Rapport sur les fouilles de Kadine- 
most, arrondissemeut de Küstendil. Izvestija na bulgar- 
koto etc. I. Bull. Arch. bulgare I, S. 192, 1910. 



47 



Rumänien und in der Ukraine festgestellten 
spätueolithischen Kultur an, welche bis nach 
Thessalien vorgedrungen zu sein scheint und etwa 
dem 3. Jahrtausend v. Chr. angehört. Wir können 
somit in Bulgarien ein „Höhlenneolithikum" und 
ein „Hügelneolithikum" unterscheiden. 

Eigentümlich ist es, daß Funde aus der 
Bronzezeit sowohl in den Hügeln mit Wohn- 
resten als auch in den Höhlen und Grotten zu 
fehlen scheinen. Das macht den Eindruck, als 
ob im 2. Jahrtausend v. Chr., während der 
kretisch-mykenischen Periode, keine Verbindung 
mit dem kulturreichen Süden der Halbinsel vor- 
handen gewesen sei. Das scheint aber nicht 
der Fall gewesen zu sein. H. Schmidt er- 
wähnt z. B. den Fund eines Bronzeschwertes, 
das aus Kalaglare bei Panagjuriste (Bezirk 
Philippopel) stammt; es scheinen somit wenig- 
stens für Südbulgarien Beziehungen zur Bronze- 
zeit Griechenlands vorhanden gewesen zu sein. 
Auch verschiedene Gefäßformen im National- 
museum zu Sofia weisen auf Kulturbeziehungen 
zum Süden der Halbinsel hin. 

Im Nationalmuseum zu Sofia fehlen Funde 
aus den vorgeschichtlichen Metallzeiteu nicht 
vollständig-, die aber, soviel ich sehe, noch nicht 
veröffentlicht sind und der wissenschaftlichen 
Bearbeitung bedürfen. Verhältnismäßig zahl- 
reiche Streithämmer aus Kupfer und Bronze 
erinnern an ähnliche Formen in Ungarn, des- 
gleichen stimmt eine Anzahl von Tülläxten, 



welche der Hallstattzeit zuzurechnen sind, mit 
solchen aus Ungarn überein. Die Spiralfibeln 
der Hallstattzeit gleichen denen aus dem Hall- 
stattkreis Österreich-Ungarns und Bayerns. Es 
scheint somit ein Verkehr donauabwärts statt- 
gefunden zu haben. Andere Funde wie durch- 
brochene Anhänger, ßogentibeln, Armringe und 
apiralig gewundeue Drähte aus Bronze weisen 
auf Beziehungen zum Osten der Balkanhalbiusel, 
nach Bosnien hin, wie ein Vergleich mit den 
Funden von Donja Dolina an der Save zeigt. 

Aus der Latenezeit sind bis jetzt, soviel 
ich sehe, nur die Funde aus den Grabhügeln 
bei Trojan und Gabrovo bekannt, dagegen sind 
die Funde aus der Rom er zeit in Bulgarien 
äußerst zahlreich. 

Die Erforschung des vorgeschichtlichen Bul- 
gariens steht erst am Anfang, noch harren zahl- 
reiche Probleme der Lösung. Es wird nach 
der, wie wir hoffen, siegreichen Beendigung des 
jetzigen Krieges eine dankbare Aufgabe für 
das bulgarische Nationalmuseum in Sofia und 
die archäologischen Vereine sein, die sich in 
verschiedeneu Teilen Bulgariens gebildet haben, 
durch systematische Untersuchungen Licht in 
das Dnnkel der Vorgeschichte des nördlichen 
Teiles der Balkanhalbinsel zu bringen. Wir 
hier in Deutschland verfolgen mit hohem Inter- 
esse die Arbeiten der bulgarischen Forscher und 
sind gern bereit, unsere Kräfte zur Lösung der 
interessanten Fragen zur Verfügung zu stellen. 



Mesolithische Stationen 
vom Donnersberge und aus der Vorderpfalz. 



Von Dr. C. Mehlis. 



Die Rheinpfalz ist bekanntlich, ebenso wie 
Elsaß und Rheiuhessen, sehr reich an Stein- 
werkzeugen der neolithischen Periode (3. bis 
2. Jahrtausend v. Chr.). Selten sind Fundstücke 
aus älteren Perioden der Vorzeit. Dr. Sprater 
hat im Jahre 1915 einen menschlichen numerus 
des Homo sapiens aus Kiesgruben am Rhein 
als zur Familie des Neandertalers gehörig be- 
stimmt (Pfälzisches Museum 1915, S. 82 u. 83). 
Ein geschlagener Steinkeil von der Eyersheimer 
Mühle unterhalb Bad Dürkheim gehört gleich- 
falls, wie mehrere andere Artefakte aus Stein 
und Hirschhorn (Eyersheimer Mühle, Herschberg, 
Speyer, Mutterstadt, Altrip), in eine vorueo- 
lithische Zeit (vgl. Sprater: Die Urgeschichte 
der Pfalz, S. 10 u. 11). Aus dem Museum zu 



Bad Dürkheim gehören hierher zwei „Grat- 
beile" aus Halbopal, messerähnlich gestaltet. 
1. Länge 12 cm, gr. Breite 2,3 cm, Fundort: 
Nieder kircheu, J. N. 1650; 2. Länge 11cm, 
gr. Breite 3 cm, Fundort: Kallstadt, J. N. 4861. 
Das „Gratbeil" von Calbe i. d. Altmark (vgl. 
Zeitschr. f. Ethnologie, 39. Jahrg., 1907, S. 202, 
Fig. 2) zeigt genau dieselbe Form und Technik auf. 
Allein es sind dies Streufunde, die gegen- 
über geschlossenen Funden weniger Beweis- 
kraft haben. Dagegen sind am Donners- 
berge und bei Neustadt a. d. IL neuerdings 
Fundstellen aus der Campignyieuzeit erschlossen 
wordeu, die nach M. Hoernes um 6000 v. Chr. 
anzusetzen ist (Urgeschichte der bildenden Kunst 
in Europa, 2. Aufl., S. 72 und 113). 



48 



Auf dem Donnersberge 1 ) (nions Jovis) sind 
auffallend große - - bis 30cm Länge — und 
roh bearbeitete Werkzeuge aus dem Urgestein 
des Berges, Thonporphyr, an verschiedenen Stellen 
der Hochebene, die las zu 680m ansteigt, auf- 
gefunden worden. Auch große Gerolle ans dem 
Rotliegenden gehören in diesen Kreis mensch- 
licher, primitiv geschlagener Artefakte, l'uter 
diesen sind mehrere gestielt und zugespitzt, so 
daß sie nach Dr. Wilser wahrscheinlich als 
Pflugscharen einstmals Verwendung fanden 
(vgl. Mehlis: Eine mesolithische Station vom 
Donnersberg, 1916, S. 5, Fig. 1). - 

Ähnlicher, nur nicht gleicher Art sind mehrere 
Werkzeuge und Geräte, die neuerdings auf den 

Fig. l. 




und schmale Hacke, während das sechste einen 
Nuoleus oder ein Kernstück vorstellt, aus dessen 
Randzonen 3 bis 4 Messer oder Schaber heraus- 
hlagen Bind. Zwei von diesen rohen Werk- 
zeugen sind gestielt, die Säge und ein Schaber, 
wie viele der Donnersberger „Megalithen". 
Besondere Erwähnung verdient, daß dieser 
Schaher solchen von der Campigny- Station zu 
Calbe a. d. Milde iu der Altmark iu Vorder- 
und Rückseite, sowie in dem Typus der Rand- 
retouche völlig gleicht (vgl. Zeit sehr. f. Ethno- 
logie, 39. Jahrg., S. 213, Fig. 22; vgl. hier Figur 
1 u. 2). Auch ein weiterer Campigny-Schaber 
von Stendal in der Altmark zeigt zwar nicht 
die amygdalische (mandelförmige) Form des 
Neustädter Gerätes auf, wohl aber dieselbe 
Bearbeitung in der Formgebung der Kanten 
und der Retouchen (vgl. Zeitschr. f. Ethnologie, 
47. Jahrg. 1915, S.405, Abi). 1 a), obwohl das 

Fier. 2. 



Schaber von Neustadt a. d. Hart. 

Gewannen „Mandelring", „Vogelgesang" und 
„Bohl" zwischen Neustadt a. d. Hart, Haardt und 
Mußbach in weinrebenreicher Landschaft bei 
geologischen Arbeiten vom Verfasser ausgelesen 
wurden. Auch diese Artefakte bestehen aus 
bodenständigem Gestein, drei aus Hornstein und 
Muschelkalk, zwei aus Tonporphyr, der am 
Nollen (490 m) lagerhaft ist, eins aus Förster 
Basalt. Von diesen sechs bearbeiteten Stücken 
ist eines eine Säge der Urzeit, drei sind 
Schaber oder Kratzer (grattoir), eins eine lauge 



J ) Der mächtige Ringwall, der das Plateau um- 
zieht, entstammt der La-Tcne-Periode (2. bis 1. Jahr- 
hundert v. Chr.). 




Schaber von Calbe. 

Material verschieden ist — dort Muschelkalk, 
hier Silex aus dem Diluvium. Diese Analogie 
kann wohl kaum anf einen Zufall zurück- 
gehen , sondern wohl auf die Schulung von 
zwei Paar Händen, die iu derselben Kultur- 
periode am Mittelrhein und an der unteren 
Elbe gelebt haben, d. h. synchron und syn- 
kulturell sind. 

Da auf dem „Bohl" schon früher sich zahl- 
reiche „bemalte Kiesel" gefunden hatten, die 
denen aus der Südwest -französischen Station 
Mas d'Azil gleichen (vgl. „Globus" 1906, 
Bd. 89, S. 170— 177), so sind hier zwei Zeitalter 
aus dem Übergänge von der Paläolithikum- 
zeit zur geschliffenen Periode vertreten: 1. das 



49 



Campignyieu, 2. das Azilien oder Asylien 1 ). 
Beide Perioden, die hier wohl zusammenfallen, 
entsprechen der der nordischen Kjökkeninöd- 
dinger, d. h. der dänischen Muschelabfallhaufen, 
die von gleich rohen und schmucklosen Werk- 
zeugen untermischt sich zeigen (Abb. vgl. bei 
Hoernes: Kultur der Urzeit, I., S. 93). Auch 
die Ansiedelung im Magiemose = großes 
Moor auf Seeland gehört hierher (vgl. Hoernes: 
a. a. O. I., S. 90 u. 91). — 

Mit diesen nordischen Formen der Stufe 
der Kjökkenmöddiuger zeigen die Funde am 
Donnersberg und aus der Vorderpfalz in- 
sofern Übereinstimmung, als die Technik der 



1 ) Die richtige Lautform ist von Azil abzuleiten, 
also Azilien. 



Geräte auf gleich niederer Eutwickelung steht 
und nur der Bedürfnisfrage entgegenkommt. 
Die glänzenden Zeiten des Aurignacieu, Solu- 
treen und Magdalenien, die überhaupt am Rhein 
nur schwach entwickelt waren (vgl. Hoernes: 
a. a. 0. I., S. 23 — 34), sind für immer versunken. 
Azilien und l'ampignyien bieten nur schwachen 
Ersatz dafür. Auf den Hochflächen des Don- 
nersberges ward höchstens in roher Form 
Hirse gepflanzt und geerntet. Am Speyer- 
bach wurde gefischt und gejagt. Höhere 
Kultur sollten erst neue Einwanderer aus dem 
Süden Europas bringen, welche von dort die 
Körnerfrüchte und Haustiere, Töpferei und 
Weberei einführten. 

Neustadt a. d. Hart, im September 19 IG. 



Ein Nephrithammerfragment in Bad Dürkheim. 



Von Dr. C. M e h 1 i s. 



Bei Neuordnung der Sammlung des Alter- 
tumsvereines zu Bad Dürkheim (Bad Dürk- 
heim a. d. Hart) fiel dem Verf. unter den Stein- 
artefakten , von denen etwa 400 Objekte aus 
Dürkheim und Umgebung entstammen, ein 
Nephritstück auf (vgl. Abbildung). 

Es ist mit Nr. 111 bezeichnet und als Fundort 
der „Feuerberg" bei Dürkheim angegeben. Das 
Stück — ein Fragment! — hat eine Länge von 
5,5 cm, eine von 0,1 bis 2,5 cm ansteigende Breite, 
eine Höhe von 1,7 bis 2,7 cm. Die Oberfläche 
ist glatt geschliffen (a — b — e — /'), nur an 
einer Stelle (a — h), die 1,7 cm laug, bis 0,5 cm 
breit ist und sichelförmige Gestalt hat, sind 
Querriefen sichtbar. Möglicherweise deuten 
diese auf eine ursprüngliche Geröllnatur des 
Gesteines hin, die ja bei internen Stücken 
gewöhnlich ist (Bodenseegegend, Zentralalpen, 
Schweden usw.). Nach unten spitzt sich das 
Stück in eine scharfe Kante aus, die auf vier 
Seiten von mehr oder weniger zackigen und 
eckigen Bruchflächen begrenzt wird. Auf der 
einen dieser Seitenflächen, und zwar auf einer 
Langseite (bei c — /' — e), ist eine Lochuug ein- 
gebohrt, dereu Tiefe 2,1 cm, deren obere Sehne 
2,9 cm beträgt. Da jedoch auch die Seiten- 
kanten c — ■ /', nicht nur die Oberkante e — /', 
im Bogen läuft, so scheint keine zylindrische 
Bohrung, sondern eine trichterförmige statt- 
gefunden zu halien. Durchbohrungen bei 
einheimischen Nephritoidwerkzeugen ge- 
hören bei uns in Deutschland zu den größten 
Seltenheiten, was sich aus der Härte und der 



Zähigkeit der betreffenden Mineralien erklärt. 
In meiner Sammlung ist nur ein Nephrit- 
werkzeug durchbohrt, und dies ist exotischen 
Ursprungs, wahrscheinlich aus Neuseeland 
(vgl. H.Fischer, a.a.O., S. 240, Zeile 13 v. o.). 
Die Farbe des Gesteins ist matt apfelgrün. 
Die Masse ist homogen gestaltet, und bei 
Untersuchung durch die Lupe sind mineralische 




Beimengungen nicht sichtbar. Bestimmt mau 
den oberen Radius, so hat derselbe einen 
Durchmesser von 2,5 cm, was auf die Makro- 
lithik des Werkzeuges hindeutet. — Nach 
Untersuchung des Stückes durch Herrn Prof. 
Dr. Nachreiner zu Neustadt a. d. H. beträgt 
das spezifische Gewicht 2,62; Härtegrad 
= 7 bis 8. 

Erstere Zahl stimmt auffallend mit dem 
Neuseeländischen Tangiwai-Mineral überein, das 
bei H.Fischer: „Nephrit und Jadeit" nach 

7 



50 



Ferd. von Hochstetter S. 242 kurz beschrieben 
ist Nephrit selbst hat ein etwas höheres spe- 
zifisches Gewicht, von 2,96 an beginnend (vgl. 
a.a.O., S. :»49 — 351). Vergleichen wir die bei 
11. Fischer auf Tafel I und II angegebenen 
Farben des Nephrites, Jadeites und Chloro- 
melanites, so kommt die Farbe uuseres Stückes 
am nächsten Nr. 2 = dem chinesischen Nephrit, 
und Nr. 12 = Neuseeländer Nephrit: „licht 
apfelgrün, etwa wie Chrysopras". Damit soll 
jedoch keineswegs der exotische Ursprung 
des Hammerfragmentes behauptet sein, zumal 
da Fischer in der „Erläuterung" zu Tafel I 
ausdrücklich bei Nr. 2 drei europäische Vor- 
kommen, Tyrol, Schweden und Schottland 
anführt. Warum soll auch Turkestan oder 
Zentral-China allein das Privileg haben, in seinen 
Gebirgen mattgrünen Nephrit zu besitzen ? — 
Der 5 km östlich von Bad Dürkheim ge- 
legene, jetzt von lieben bedeckte „Feuerberg" 



ist eine diluviale Hochfläche von rund 130 m 
Meereshcihc am rechten, südlichen Hochufer des 
„Bruches" und der Isenach. Auf seiner Fläche 
sind von jeher zahlreiche Altertümer bei Ro- 
dungen gefunden worden. Diese reichen von 
der Ncolithik an bis zur Spätrömerzeit (vgl. 
Mehlis: „Studien zur ältesten Geschichte der 
Rheinlande", .S.Abt., S. 43 und sub Eilerstadt, 
S.45; 8. Abt., S. 27 sub Feuerberg und S. 28 sub 
Eilerstadt; außerdem Korrespondenzblatt für 
Anthropologie 1875, S. 22 ; 1877, S. 31). 
Dieser seltsame Einzelfund gehört wahr- 
scheinlich zu einer spä tueolithischen Siedelung, 
die schon den Übergang zur frühen Metallzeit 
gebildet hat. Aus dem nahen „Bruch" stammt 
ein flaches Kupf erbeil von der bekannten 
Pfahlbauform (Museum in Bad Dürkheim). — 

Auffallend ist außer dem Mineral die 
trichterförmige Gestaltung der Durchbohrung. 

Neustadt a. d. Hart, Mitte September 1916. 



Ausgrabungen in Gr.-Platon. 

Von Dr. Rechenbach, Oberstabsarzt. 



Anfang Januar 1916 wurden bei dem Gute 
Gr.-Platon, etwa 26 km südlich Mitau, auf einem 
Gelände dicht am Flüßchen Piatone zur Sand- 
gewinnung Spreugungen vorgenommen (s. letztes 
Bild in der Anlage zu den Ausgrabungen der 
Fliegerabteilung 37). Durch die hierbei heraus- 
beförderten Meuscheuknochen, eisernen und 
Bronzegegeustände, welche teilweise noch in dem 
angerissenen festen Erdreich steckten, aufmerk- 
sam gemacht, gruben Angehörige der Formation 
dort nach und stießen sehr bald auf weitere 
Gegenstände gleicher Art. 

Infolge mehrfach wiederholter Sprengungen 
sowie durch vielfache Grabungen wurden immer 
mehr ähnliche Funde zutage befördert, darunter 
auch größere Skeletteile, so daß eine Friedhofs- 
anlage aus vorgeschichtlicher Zeit hier vermutet 
wurde. Eine diesbezügliche Meldung Ende Mai 
an das A.-O.-K. Ost erreichte, daß die Zivil- 
verwaltung für Kurland bzw. die Verwaltung 
des Provinzialmuseums in Mitau mit der wei- 
tereu Erforschung des Gräberfeldes betraut 
wurde; diese übertrug dann mir in liebens- 
würdigstem Entgegenkommen diese Aufgabe. 

Mein erster Besuch in Gr.-Platon anfangs 
Juli galt einer Besichtigung des in Frage 
stehenden Geländes sowie der gemachten Funde 
und einer Besprechung mit der Formation über 
die gelegene Zeit der Ausführung weiterer Gra- 
buntjen. 



Die Besichtigung des Fundplatzes ließ zwar 
mit größter Wahrscheinlichkeit eine vorgeschicht- 
liche Siedelung vermuten , zugleich setzte sie 
aber auch die Aussicht auf eine größere Aus- 
beute sehr herab. Denn in weiter Ausdehnung 
war das Gelände durch die vielfach vorgenom- 
menen Sprengungen und durch die Abfuhr von 
Saud umgestürzt und (s. Skizze 1) durchwühlt, 
durch die allerorts wahllos angeschlossenen Nach- 
grabungen war die Einheitlichkeit des Bildes 
noch mehr gestört. Man konnte infolgedessen 
wohl noch mit Gelegenheitsfunden rechnen, die 
Hoffnung aber, das einheitliche Bild einer Siede- 
lung oder Grabanlage aufzudecken, mußte außer- 
ordentlich gering erscheinen. Auch von den 
bisher gemachten Funden war nur noch wenig- 
vorhanden, meist waren die gefundenen und 
als wertvoll erachteten Gegenstände als An- 
denken nach Hause geschickt, das übrige achtlos 
beiseite geworfen oder verlegt. Gegenstände, 
wie sie die dem A.-O.-K. vorgelegten photo- 
graphischen Aufnahmen zeigten, fanden sich nicht 
mehr vor, angeblich waren sie von dem Finder, 
einem Unteroffizier, nach Magdeburg an das 
Museum geschickt. Das in der gleichen Anlage 
photographisch wiedergegeben e menschliche Ske- 
lett erwies sich bei näherer Betrachtung als 
zusammengesetzt aus Skeletteilen verschiedener 
Individuen, und leider waren auch die so wichti- 
gen ausgegrabenen Schädel nicht mehr zur Stelle. 



51 



Trotz alledem wollte ich eine genauere Fest- 
legung der Ansiedelung nicht unversucht lassen, 
zumal mir von Seiten der in Gr.-Platon liegenden 
Formation möglichste Unterstützung in Aussicht 
gestellt wurde. 

Da mir zu diesem Zwecke nur ein kurzer 
Urlaub — 5 Tage — gegeben werden konnte 
und die verfügbaren Arbeitskräfte sehr gering 
waren, so mußte ich mich auf die notwendigsten 
Untersuchungen beschränken. Sie wurden vom 
5. bis 10. Juli 1916 vorgenommen. 

Lokalität des Fundortes. Das in Frage 
kommende Gelände lag auf der rechten Seite 
des Flüßchens Platoue, gegenüber dem Schloß- 



ein Fuhrweg , welcher der Abfuhr des Sandes 
gedient hatte. An das bearbeitete Gelände 
schloß sich nach Norden und Nordosten zu eiu 
größeres Brachfeld an, ebenfalls zum Fluß stark 
abfallend und au diesem mit russischen Schützen- 
stellungen durchsetzt. Nach Westen und Süd- 
westen wurde das Gelände durch einen Fuhr- 
weg von dem nächsten Acker abgegrenzt, und 
uach Süden und Südosten zu erstreckten sich 
Wiesen, teils bis zum lettischen Friedhof, teils 
bis zum Fluß. (Skizze 1.) 

In Frage kam nun , die Umgrenzung der 
früheren Siedelung bzw. Grabaulage nach Mög- 
lichkeit festzustellen. Bei der Begehung des 



Skizze 1. 



Sci'Uossparfc 



schraffiert* flUe Grabimge 




park, etwa 300 m vou dem noch jetzt in Ge- 
brauch stehenden lettischen Friedhof entfernt. 
Die Piatone zieht sich in Windungen um 
den Schloßpark herum , gerade au der rechten 
Seite meist von ziemlich steil abfallenden Ab- 
hängen begleitet; an so einen Abhang grenzte 
der Fundort, bis vor Kriegsausbruch ein be- 
ackertes Feld oder Weide. Ein größerer Teil 
des Abhanges wurde noch durch alte russische 
Schützenstelluugen eingenommen , in der Mitte 
des jetzigen Brachfeldes fand sich eine etwa 
50 m lange und 35 m breite unregelmäßig ab- 
gebaute Mulde, teilweise erfüllt von eingestürzten 
Rasenstücken und Lehmmassen, die Stelle der 
früheren Sprengungen; in diese Mulde führt 



Geländes fanden sich schon verschiedene Gegen- 
stände frei in dem umgeworfenen Sand oder in 
der Nähe der russischen Schützenstellungen, wie 
Überreste der verschiedensten Skeletteile, ver- 
schiedene von den Findern achtlos weggeworfene 
Lanzenspitzen, sowie kleinste Überreste von 
Bronzeketten und eine Bronzenadel. Eine nähere 
Erkundigung bei der Formation, besonders bei 
den Unteroffizieren und Mannschaften, welche 
Nachgrabungen angestellt hatten, ergab dann 
das folgende Bild und Ergebnis der bisher an- 
gestellten Forschungen. 

Nach jeder Sprengung oder Sandabfuhr 
wurde das Terrain nach herausgeschleuderten 
Fundstücken von den interessierten Leuten (Unter- 



52 



Offizieren und Mannschaften) abgesucht; an tlen 
Sprengrändern wurde teilweise nachgegraben und 
naehgeschürft, besonders wenn sieh eine Brand- 
oder Verwesungsschicht zeigte, in dieser sollen 
dann die meisten Funde gemacht worden sein. 
Von einem Unteroffizier sind dann auch mehrere 
planmäßige Nachgrabungen angestellt worden, 
und /.war nach Osten, nach dem Abhänge zu. 
liier sollen siel) dann Grabanlagen, 12 bis 16 
an der Zahl in einer Reihe, vorgefunden haben, 
welche meist nur einzelne nicht vergangene 
Knochenteile und fast stets Eisenwaffen und 
Bronzesachen enthielten. Stets lagen die Funde 
auf dem anstehenden Lehm, etwa a 2 bis 3 4 in 
unter der Erdoberfläche, meist fand sieh eine 
Verwesungsschicht von ungleichmäßiger Aus- 
dehnung; ein vollständig erhaltenes Skelett 
wurde niemals aufgedeckt, nur zweimal ein gut 
erhaltener Schädel. Teilweise konnte man noch 
aus der Lage der Kuochenteile zueinander die 



Schützenstellungen gemacht worden, doch meist 
nur Knochenstücke und Scherben. Auf Grund 
dieser Angaben ließ sich das jetzt etwas ver- 
änderte Terrain einigermaßen verwerten. Es 
fanden sich 2 m vom Abhang entfernt noch die 
deutlichen Grabungen der angeblich 12 bis 
16 Reiheugräber, an diese schlössen sich nach 
Nordosten zu die russischen Schützenstände am 
Abhänge an, welche teilweise nochmals nach 
Funden durchwühlt waren; vor letzterem und 
bis ziemlich nördlich und westlich an das eigent- 
liche Spreng- und Saudabfuhrterrain waren noch 
die mehr oder minder tiefen , teilweise wieder 
zugeworfenen Versuehsgräben zu sehen, welche 
ebenfalls der Auffindung von Gegenständen 
dienen sollten (s. Skizze 1). 

Bei den nun selbst angestellten Grabungen 
ergab sich meistens folgendes Bild: Nach Ent- 
fernung der Humuserde stieß man auf einen 
gelbrötlichen Sand, welcher sich in verschieden 



5k iz-ze J. 




Querschnitt 
durch einen Versuclisorabeii. 

Humusschicht ca. 30 cm. hoch 

Sa-ndachfcht ZO-M-0 cm. 

Fundscb ichf . 

ans teilender Lehm- 



ursprüngliche Lagerung der Leiche erkennen, 
doch habe keine Einheitlichkeit bestanden, sehr 
oft hätten bei der einen Leiche die Schädelreste 
nach Nordosten, bei der benachbarten dagegen 
nach Südwesten gelegen; au der Schulter fanden 
sich meist zwei Lauzenspitzen, eine Hacke und 
ein Sichelmesser, in der Gegend der Brust 
Bronzenadeln und zuweilen ein eisernes Schwert 
oder Messer. Diese oben erwähnten 12 bis 
16 Reihengräber lagen durchschnittlich in 1 m 
Entfernung voneinander, so daß die Lage der 
nächsten Bestattung von vornherein schon hätte 
festgestellt werden köunen. An anderen Stellen 
hätten sich solche regelmäßigen Grabanlagen 
nicht gefunden, meist nur wenige Einzelfunde, 
oft in einer Verwesungsschicht und zuweilen in 
verschiedener Höhe und Lage zueinander; manch- 
mal hätten sich auch Überreste von Tongefäßen in 
Scherben, sowie einzelne Brandkohle oder direkt 
Brandherde gezeigt. Einzelfunde seien auch in 
der herausgeworfenen Erde bei den russischen 



dicker Lage (20 bis 40 cm hoch) bis zum an- 
stehenden (s. Skizze 2) Boden, stets fester Lehm, 
fortsetzte; zuweilen war der Sand etwas kiesig. 
Der anstehende Lehm bildete strichweise nicht 
eine ebene Fläche, sondern zeigte eine unregel- 
mäßige wellige Ausdehnung, so daß man manch- 
mal schon nach 40 cm von der Oberfläche ent- 
fernt, auf diesen Lehm stieß (s. Skizze 2). Meist 
an der Grenze zwischen Sand und Lehm fand 
sich nun zuweilen eiue graue oder bräunlich 
gefärbte Schicht von durchschnittlich 3, manch- 
mal 10 cm Stärke, welche vielfach unregelmäßig 
höher oder tiefer ging, zuweilen sich verlor und 
zuweilen stärker zutage trat; manchmal ließ sich 
diese Zone wie ein schmales unregelmäßiges 
Band genau verfolgen, hatte eine Flächenausdeh- 
nung von zuweilen 35 bis 40 cm und eiue Höhe 
von 2 bis 8 cm; strichweise fanden sich nur 
Spuren. War diese Zone von grauer oder grau- 
schwarzer Farbe, so ließen sich in dieser Schicht 
einzelne Überbleibsel von Kohle und Asche fest- 



53 



stellen; zeigte die Zone mehr bräunliche Färbung, 
so fehlten meist Kohlenteilchen. Im Verlaufe 
dieser angegebenen Schicht wurden die meisten 
Gegenstände gefunden, sei es, daß sie direkt in 
dieser Schicht lagen, sei es in nächster Nähe 
seitwärts oder, was am häufigsten vorkam, dar- 
unter, direkt auf dem Lehm. An zwei ver- 
schiedenen Stelleu fanden sich große Brand- 
herde mit verkohlten Holzstücken; über diese 



5K/"zze SL 



sprach aber nicht den Erwartungen. Nur in 
den beiden ersten Versuchsgräben fanden sich 
meist im Verlauf einer schmalen Braudschicht, 
etwa 40 cm tief, ein flaches, 25 cm langes, 8 cm 
breites, nicht angekohltes, aber halb ver- 
modertes Holz (s. Tafel IV, Einzelfund, und 
Tafel V) und vielleicht ' 2 m davon eine Bronze- 
Fibula erhalten. Es handelt sich hierbei um 
eine Hufeisen-Fibula mit bandartig aufge- 



Neue 6 

schraffiert Pi.i) Stöc 
seLbstangelegle i) Hufe 
5tichgrä.ben. 3)eiser 




wird unten berichtet werden. Ich gehe nun zu 
den einzelnen Grabungen bezw. Funden über. 
Die meiste Aussicht auf Erfolg schien eine 
Nachgrabung parallel zu den sogenannten Reihen- 
gräbern zu haben, nach dem Abhänge zu. Hier 
war noch freies, nicht duichwühltes Terrain bis 
zu 3 m Breite. Es wurden deshalb in diesem 
Gelände parallel und senkrecht zu den schon 
ausgeworfenen Gräben mehrere (etwa vier parallel 
und sechs senkrecht) Versuchsgräben gezogen, 
welche sämtlich bis auf den anstehenden Lehm 
und darüber hinaus gingen. Der Erfolg ent- 



rollten Enden, Längsdurchmesser 6,2 cm, Quer- 
durchmesser 5V 2 cm, ohne Verzierungen, glatt 
viereckig (s. Katalog der Ausstellung zum X. 
archäologischen Kongreß in Riga 1896, Tafel XIX, 
Fig. 8 , und Ausgrabungen auf dem Landgute 
Zeemalden durch Karl Boy, Tafel V, Fig. 4). 
Weiter links davon, aber bedeutend höher liegend, 
also ziemlich flach unter der Erde, ein eiserner 
Kelt von 26,5 cm Länge mit schmaler Schneide 
und runder Tülle (s. Katalog der Ausstellung 
Riga 1896, Tafel XXII, Fig. 1). Knocheuüber- 
reste fanden sich hier überhaupt nicht, sondern 



54 



nur einige Überbleibsel von Kohle und Asche. 
(Nach unbestimmten Angaben soll vor Jahren 
hier am Abhänge entlang- ein Fahrweg gegangen 
sein; vielleicht erklärt dies du ich zufällige frühere 
Umgrabungen das Fehlen weiterer Fundgegen- 
stände und die jetzige Lage der noch vor- 
handenen.) In den übrigen Stichgräben fand 
sich wohl hier und da eine geringe Braudschicht 
mit einigen kleinen Kohlenteilchen und auch 
eiuige Überreste von Scherben , aber keine 
Knochenstücke oder sonstigen Gegenstände, in 
den dem Abhänge zunächst liegenden Stich- 
gräben fand sich überhaupt nichts. (Skizze III.) 

Weitere Grabungen wurden zwischen dem Ab- 
hange in nächster Nähe der russischen Schützen- 
stellungen (s. Skizze III B) und dem Spreng- 
terrain vorgenommen; bei weiterem Ausbau 
dieser Grabungen kam man aber schon in frühere 
Versuchsgräben hinein, so daß die Resultate 
unvollständig waren. Verhältnismäßig unberührt 
war au dieser Stelle folgende Grabanlawe. Auf 
dem Lehm aufliegend fanden sich nebeneinander 
liegend zwei gut erhaltene eiserne Lauzenspitzen 
von 25 cm Länge (s. Tafel V) mit Holzresten 
des Schaftes; rechts von diesen, Teil eines Schädel- 
daches, daran anschließend obere Hälfte des 
linken Oberarmes, einige Halswirbel, die zwei 
ersten Rippen, in Fortsetzung dieser in Richtung 
von Osten nach Westen liegenden Teile fanden 
sich ein gut erhaltener linker Oberschenkel und 
Unterschenkel und einzelne Fußwurzelknochen; 
das untere Ende des Schienbeines umfaßte noch 
ein eiserner Sporn, Querdurchmesser 7cm (s. 
Tafel IV, Fundplatz C 3) sonstige Spuren fehlten. 

Es wurden nun einige Versuchsgräben auf 
der anderen Seite des Sprengterrains zwischen 
diesem und dem Fahrwege angelegt. (Skizze 3C.) 
Nach verschiedeneu ergebnislosen Versuchen im 
Anschluß an alte Nachgrabungen stieß man auf 
eine größere Verwesungsschicht dicht oberhalb des 
anstehenden Lehms, welche unregelmäßig in 
Höhe und Ausdehnung, anscheinend drei ver- 
schiedenen, aber doch direkt ineiuander über- 
gehenden Grabanlagen angehörte. Es fand sich 
am meisten rechts Grabanlage I. 

1. Etwas abseits eine Bronzespirale in eiu- 
faeher Windung, 3' 2 cm Durchmesser, einen 
kleinen Knochen enthaltend, der aber sehr rasch 
zerfiel. (Kinderarmring ?) 

2. Ein mit Eisenrost und Grünspan über- 
zogener Gegenstand aus einzelneu kleinsten 
Brouzeriugen bestehend (s. Tafel III, Fund- 
platz I und Kasten I) die anscheinend aufgereiht 
sind (vielleicht auf Draht). 

3. Überreste eines eisernen Sporens? 



4. Zwei eiserne Sichelmesser, Holzgriff etwas 
erhalten. 

5. Ein eingedrücktes Schädeldach auf der 
Hälfte eines Unterkiefers aufliegend; daran an- 
schließend Reste von Halswirbeln, meistens alles 
grünlich überzogen, Wirbel und Unterkiefer von 
Resten einer Bronzekette bedeckt. 

6. Eine eiserne Hacke und darunter 

7. ein Scherbenstück ohne Besonderheiten. 
Alle Knochen, besonders Schädelbein, waren 

sehr weich ; anscheinende Lage der Bestattung 
von Nordwest zu Südost. 

Links daran anstoßend, vielleicht 40 cm ent- 
fernt, Grabanlage II (s. Tafel III, Fundplatz II, 
Kasten II) Schädelreste nicht vorhanden , im 
übrigen 

1. Schlüsselbein, erste Rippe, Reste von 
Wirbeln und Unterkiefer. 

2. Letzterer mit umschlungener und zusammen- 
gebackener Ringkette aus Bronze, aus einzelnen 
kleinen Bronzeringehen bestehend. 

3. Zwei Fingerringe mit dem Fingerknochen 
darin , beide aus Bronze. Der eine von sieben 
Spiralen, die einzelne Spirale in der Mitte ver- 
tieft, Durchmesser 2 cm; der andere Durchmesser 
1 ' j i'iD , aus sechs Windungen bestehend, die 
einzelne Windung mit Eiukerbungen. 

4. Teile eines Lederbesatzes? V 2 cm breit mit 
halbkugeligen hohlen Bronzeknöpfchen. 

5. Eine größere Anzahl kleinerer Tonperlen 
(durchlöchert) und eine Bronze- oder Silberperle. 
Zwei Touperleu fanden sich noch an einer feinen 
Schnur aufgereiht. 

6. Teile einer Ringkette mit röhrenförmigem 
Anhängsel, ebenfalls aus kleinsten Brouzespiralen 
bestehend. 

7. Anhängsel oder Beschlag aus Silberblech 
ohne Ösen in der Form einer halben Scheibe, 
an den Rändern mit strichförmigen Erhebungen, 
desgleichen durch solche in zwei Felder geteilt, 
die je einen größeren Augenpunkt zeigen. 

Die Ringketten (2. und 6.) sowie die Ton- 
perlen und das Silberblech lagen mit den Knochen- 
überresten zusammen und gehörten wahrscheinlich 
zu einem oder mehreren Schmuckgegenständen; 
Gewebereste ließen sich nicht mehr sicher nach- 
weisen. 

Am meisten links, aber vielleicht etwas weniger 
tief uuter der Eidoberfläche lau- Grabstätte III 
(s. Tafel III, Fundplatz III und Kasten III), 
welche sich hauptsächlich durch eine größere 
Partie grober Tonseherben kennzeichnete; letz- 
tere schienen zusammen ein größeres Gefäß 
oder Platte gebildet zu haben, denn sie lagen 
dicht beieinander. Die Scherben bestehen ans 
grobkörnigem, erdigem Ton mit einzelnen Quarz- 



55 



einschlüssen ; die Farbe ist schwärzlich (gebrannt), 
grau bis rötlich ; die Innenfläche ist geglättet, 
im übrigen sind es sehr roh geformte und ge- 
braunte Scherben. Diese lagen etwas höher als 
die übrigen Gegenstände, an denen sich vor- 
fanden (s. Katalog Riga 1896, Tafel XIII, Fig. 16): 

a) Zwei Bronzenadelu. Die erste eine ein- 
fache Ringnadel mit Öse und noch darin be- 
findlichem kleinen Ring, 12'/ 2 cm lang, die 
zweite eine Kreuznadel mit drei runden, ab- 
gesetzten Knöpfen und an Stelle des vierten, 
am Schaft eine Öse für Anhängsel; diese Nadel 
ist 14 cm lang. Dicht bei diesen Nadeln lag 
der Rest einer etwas verschlungenen Kette mit 
einer ziemlich 5 cm langen Ringspirale. 

b) Ein Anhängsel, aus einem halbmond- 
förmigen Kettenträger bestehend, der selbst 
wieder an drei Ösen von drei kleinen Bronze- 
ketten gehalten wurde, diese drei Ketten laufen 
ebenfalls in einer Öse zusammen. 

c) Ein Sichelmesser mit daneben liegender 
Pfeilspitze. 

d) Eine Hacke aus Eisen. 

Auch diese zwei Grabanlagen hatten die 
Richtung Nordwest zu Südost. Im Verlaufe 
der weiteren Grabungen kam man wieder in 
schon durchgewühltes Geläude. Das gleiche war 
der Fall bei eiuer Bestattuugsanlage, welche 3 m 
nordwestlich zu den drei oben beschriebenen, 
also nach dem Wege zu, der den Acker von 
dem Sandterrain trennt, lag. Im weiteren Ver- 
folg einer alten Nachgrabung fand sich dicht 
beieinander auf dem anstehenden Lehm auf- 
liegend: 

1. Ein massiver Armring, welcher die von 
ihm umschlossenen Teile der Unterarmknochen 
vor Verwesung geschützt hatte; es handelt sich 
hierbei um die oberen Enden der rechten Unter- 
armknochen, welche mit Erde und Sand um- 
geben, fest in dem Armringe steckten. Da die 
Öffnung des Armringes selbst aber für einen 
Oberarm zu eng ist, so muß man wohl an- 
nehmen, daß der Ring nach der Bestattung vom 
Handgelenk nach oben, dem Ellenbogengelenk 
zu, verrutscht ist und so die oberen Teile später 
umschloß und schützte; eigenartigerweise fand 
sich aber in der vom Armring umschlossenen 
Sanderde noch das knöcherne Endglied des 
kleinen Fingers. Der Armring selbst zeigte 
einen Durchmesser von 9 cm, eiue Höhe von 
5 l / 2 cm; die Weite der Öffnung beträgt eben- 
falls 5y 2 cm; die Hauptmasse des Ringes bildet 
ein D'jCin hoher hohler Grat. Dieser zeigt die 
einzigen Verzierungen, nämlich auf seinen beiden 
Flächen strichförmige Reihen von vier Augen- 
punkten, welche seukrecht zur Höhe des Grates 



verlaufen und 2y 2 cm voneinander entfernt sind, 
so daß auf jeder Seite anscheinend acht dieser 
Verzierungen vorhanden waren. Die beiden 
Händer des Armringes sind scharf und etwas 
unregelmäßig ausgebrochen ; der Armring ist 
nicht ganz geschlossen, sondern zeigt einen sehr 
schmalen Spalt, so daß sich die Enden berühren, 
wahrscheinlich zum besseren Überstreifen des 
Ringes (s. Tafel III, Fundplatz IV, und Katalog 
der "Ausstellung Riga 1896, Tafel XX, Fig. 1). 
Dicht bei diesem Armringe lagen zwei große 
Kreuznadeln, die eine 16, die andere 17 cm lang 
mit Kreisornamenteu auf jedem Blatt und in 




der Mitte, ein silberner Beschlag fehlt (s. Katalog 
Riga 1896, Tafel XIII, Fig. 19). Die eiue Nadel 
trug an einer Öse einen halbmondförmigen Ketten- 
träger (s. Katalog Riga 1896, Tafel XIV, Fig. 1). 
Im übrigen fanden sich in einer leichten Ver- 
wesungsschicht nur Überreste von vermorschten 
Knochen. 

Verhältnismäßig unberührt durch Grabungen 
war das südlich hiervon etwa 4 m entfernt 
liegende Gelände (s. Skizze HIE). Es fanden 
sich hier nebeneinander verschiedene Bestattungs- 
anlagen, welche meist aber nur eine Verwesungs- 
schicht mit wenigen Knochen, aber ohne Bei- 
gaben, aufwiesen ; die Knochen, Teile des Schädels, 
Wirbel und Extremitäten, waren fast alle sehr 
morsch und zerfielen sofort. Bemerkenswert 



56 



sind drei Bestattungen, von denen zwei hinter- 
einander, die dritte neben der größeren lag. 

Bestattung I (s. Tafel I, Fundplatz A). 
Koj>f nach Süden, Schädel zusammengedrückt, 
am Kopf einzelne Halswirbel, neben diesen je 
eine Bronzenadel mit einzelnen Überresten von 
Ketten und Spiralen, an der linken Schulter 
ein Sichelmesser und eine Pfeilspitze. Die Nadeln 
sind Dreiecknadeln von 11cm Länge; die beiden 
Knöpfe sind gut abgesetzt. Die Nadeln waren 
wohl früher durch Kettengehänge miteinander 
verbunden. Die noch vorhandenen Bronze- 
spiralen enthalten Stoffreste. 




I -,._,. liU- 



- - r-r 




In Verlängerung dieser Leiche nach Süd- 
osten zu, aber mit dem Schädel nach Südwesten 
zu liegend, faud sich die reichhaltigste Bestattung 
(s. photographische Aufnahme). 

Bestattung II (s. Tafel I und II, Fund- 
platz B). Auf dem anstehenden Lehm , der 
etwas unregelmäßige Oberfläche zeigte, lag eine 
graubraune Verwesungsschicht von 2 bis 5 cm 
Höhe, in welcher die Funde eingebettet waren. 

1. Am meisten nach Süden zu lagen zwei 
große Armspiralen aus Bronze; zwischen ihnen 

2. zwei Bronzenadeln mit dreifachem, langem 
Kettenurehänwe. Mit diesen zusammen eine An- 



zahl kleiner Ketten und Spiralen. Darüber nach 
dem Schädel zu 

3. ein Bronze-Hohlring mit haftenden Gewebe- 
resten, neben diesen 

4. eine Perle von Bernstein, Durchmesser 
ziemlich 1 cm durchlöchert. Mit dieser zusammen 
lagen Überreste oberer Rippen und nördlich 
hiervon fand sich der Teil eines Schädeldaches, 
ziemlich morsch. Seitlich lagen 

6. und 7. rechts eine Eisenhacke und ein 
Sichelmesser aus Eisen, dicht beieinander; 

8. links in Verlängerung des Ilohlringes 
nach unten eine Pfeilspitze (oder Pfriem). 

Die beiden Bronze - Armspiralen sind von 
gleicher Größe und Ausführung; beide enthielten 
noch die oberen Zweidrittel der dazugehörigen 
LTnterarmknochen. Die Armringe selbst bestehen 
aus neun Windungen, von denen die beiden 
ersten Spiralen, und zwar beider Enden, strich- 
förniige Verzierungen zeigen; sie gehen nach 
1 ' 2 Windungen mit einem gewissen Absatz 
in die etwas breiteren, mittleren Spiralen 
über; diese sind glatt (s. Katalog Riga 1896, 
Tafel XVI, Fig. 6). An einzelnen Spiralen 
kleben noch äußerlich Stoffreste. Die beiden 
Brouzenadeln sind Kreuznadeln mit sjut ab- 
gesetzten Knöpfen, Länge 15 bis 16cm. Der 
rautenförmige Mittelbezirk des Nadelkopfes war 
mit einem Silberblech belegt; das erhaltene 
Sillierblech weist in der Mitte einen Augen- 
punkt und am Rande strichförmige Erhebungen 
auf. An Stelle des unteren Knopfes befindet 
sich am Schaft eine ziemlich starke Öse; von 
dieser geht eine aus sechs Doppelriugen be- 
stehende Kette aus, in deren letztem Ringe sich 
die Enden der drei langen Ketten des Gehänges 
vereinigen. Die oberste Kette ist etwa 40 cm 
lang, hat etwas stärkere Ringe als die beiden 
unteren, welche 50 bzw. 60 cm lang sind. 

Mit diesem Schmuckgehänge lag noch eine 
Reihe von kleineren Ketten und Anhängern, teils 
aus Kettchen, teils aus röhrenförmigen Bronze- 
spiralen bestehend, zusammen; die röhrenförmigen 
Bronzespiralen enthielten teilweise noch schnur- 
artige Gewebereste. Wahrscheinlich handelt es 
sich bei ihnen auch um Schmuckgegenstände, 
Besatz von Geweben oder dergleichen. 

Der Bronze-Hohlring ähnelt in auffallender 
Weise dem im Katalog der Ausstellung zum 
X. archäologischen Kongreß in Riga 1896 auf 
Tafel XIV, Fig. 13 wiedergegebenen ringför- 
migen Trinkhornbeschlag aus Bronze. Er be- 
steht aus Bronzeblech , das an der Oberfläche 
glatt und abgerundet, innen rinnenförmig, Reste 
von Leder oder irgend einer anderen festeren 
Substanz enthält. Nach meiner Ansicht dürfte 



57 



es sich vielleicht um den oberen Teil eines 
Pfeilköchers handeln, obwohl die in seiner Ver- 
längerung liegende Pfeilspitze nicht als Beweis 
angeführt werden soll. Der Durchmesser der 
Öffnung des Hohlringes beträgt 6 cm. Die er- 
wähnte Pfeilspitze ist 10 cm lang und am uuteren 
Teile noch mit Holzresten bekleidet. Die vor- 
gefundene Eisenhacke ist verhältnismäßig kurz, 
13 cm laug, ohne Besonderheiten. Das bei ihr 
liegende Sichelmesser ist auch ein kleineres 
Exemplar, 17 cm laug; der in den Holzgriff ein- 
gelassen gewesene Eisenschaft war noch von 
Holzresten umgeben. 

Weitere Beigabeu, Knochenreste oder son- 
stiger Anhalt fanden sich nicht bei dieser reichen 
Bestattung. Rechts von ihr und ziemlich parallel, 
nur etwa 1 / a m entfernt, fanden sich aber noch 
einige Gegenstände, die aber wohl einer be- 
sonderen Grabanlage zuzuteilen sind (s. Tafel II, 
Fundplatz C). 

1. Ein kleiner Bronze-Spiralring, aus 4 1 2 Win- 
dungen bestehend, Durchmesser der Öffnung 
4cm. Die erste Spirale zeigt parallele Striche- 
Inner. Der Armring umfaßte zwei sehr morsche 
und schmale Röhrenknochen (Teile), von denen 
der eine nicht zu erhalten war. 

2. Eine 10 cm lange Ringnadel aus Bronze 
mit Öse und Resten einer kleinen Bronzekette. 

3. Teil eines anscheinend geraden Messers. 

4. Ein kleines Scherbenstück aus rotem Ton. 
Knochenreste waren nicht mehr festzustellen, 

dagegen fanden sich etwa 3 /* m davon ver- 
morschte Teile eines Schädels. Überhaupt fanden 
sich verhältnismäßig oft Überreste von Schädeln, 
manchmal von verschiedenen Individuen nahe 
zusammenliegend, ohne Beigaben, s. o. 

Etwas Interesse bietet noch eine Bestattung, 
welche in diesem Gelände angeschnitten wurde, 
aber auch kein vollständiges Bild ergibt, da 
Skeletteile sich nur sehr spärlich vorfanden. Im 
Verlaufe einer Verwesnngsschicht fand sich: 

1. Ein Spiral- Armring aus Bronze, welcher 
in Erde umschlossen noch Teile der Unlerarni- 
knochen, sowie drei Handwurzelknoehen (große 
und kleine Vielecksbeine) euthielt; an einzelnen 
Windungen hafteten noch Gewebereste fest. 
Der Riner umfaßt 11 Windungen, von denen an 
jedem Ende die beiden ersten ziemlich schmal 
sind, flache Einkerbungen zeigen und mit einem 
Absatz in die viel breiteren Mittelwindungen 
übergehen; diese zeigen ein rautenförmiges Muster 
(Stricheluug). 

2. (S. Tafel IV, Fundplatz 9.) Eine Ring- 
nadel aus Bronze von 13 cm Länge mit Öse und 
kleinem Kettchen. 



3. (Dazu Kästcheu mit den Resten gezeichnet 
Fundplatz D und Überreste eines Schädeldaches.) 
Reste vou Gewebestoff (scheinbar mit Haaren 
oder Fellresteu zusammengebacken) mit bron- 
zenen Spiralen oder Ketten durchsetzt. Das 
Ganze lag einer morschen Schädeldecke auf. 
Vielleicht handelt es sich um eine Kappe aus 
Spiralen, wie sie im Katalog der Ausstellung 
Riga 1S96, Tafel XI, gezeichnet ist. 

4. (S. Tafel V.) Zwei Lanzenspitzen, dicht 
beieinander liegend, beide noch mit Holzresten 
des Lanzenschaftes. Die eine Lanzenspitze ist 
32 cm lang, das Blatt selbst 17 cm hing und 
außerordentlich breit, 5cm breit; die andere 



















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Lanzenspitze ist 26 cm lang und hat ein Blatt 
von 15 cm Länge und 3 1 2 cm Breite. 

Im Anschluß hieran können die eisernen 
Gegenstände, besonders Waffen, Erwähnung 
finden, welche sich fast bei jeder Bestattung 
fanden und zwar in reichlicher Anzahl. 

Zu einer vollständigen Bestattung schienen 
zu gehören : 

2 Lanzenspitzen, dicht beieinander gelegt, 

1 Pfeilspitze, 

1 oder mehrere Hacken und 

1 oder 2 Sichelmesser. 

8 



58 



Nur einmal fand sieb ein Ilohlkelt, der oben 
beschrieben ist. 

Die Lanzenspitzen zeigen fast alle eine eiserne 
Tülle, in welcher der Holzschaft steckte; nur 




einmal bei der breiten und besonders laugen 
Lauzenspitze umgab der Holzschaft den Dorn 
der Lanze. 

Die Pfeilspitzeu waren ebenfalls mit dem 
Dorn im Schaft befestigt. Die eigentliche Spitze 
scheint eine Länge von 5 bis 9 cm gehabt zu 
haben. 

Drei Beile zeigen den Typus des Sehmal- 
beiles, zwei sind groß und kräftig (18 und 16 cm 
lang), die Schneide 6 bzw. 4V 2 cm breit, bei 
ihnen ist der Stiel in einem großen Schaftloch 
befestigt gewesen. Das dritte ist klein (Miuiatur- 
Schmalbeil), 12 cm lang, Sehneide 3 cm und muß 
eine andere Befestigung des Stieles gehabt 
haben. 

Die Beilhacken sind von verschiedener Größe 
(12 bis 20cm lang, Schneide meist abgerundet 
und 5 bis 7 cm breit), sie haben fast alle ein 
großes Schaftloch , in welchem der Stiel be- 
festigt war, nur eine Hacke hat mit dem spitzen 
Ende in dem Schaftloch des hölzernen Stieles 
gesteckt. 

Die Messer zeigten fast sämtlich (auch die 
vorgefundenen Reste) den Typus des Sichel- 
messers, nur eins weist die gerade Form mit 
11 cm langer Schneide auf. 



Sonstige Gegenstände aus Eisen waren nicht 
festzustellen. 

Zu erwähnen wären nun noch die bei der 
ersten Besichtigung auf dem Gelände gefundenen, 
frei umherliegenden Gegenstände, sowie die 
Funde, welche durch Angehörige der Formation 
gemacht wurden, wie sie inden photographischen 
Aufnahmen noch vorliegen. Es sind vorhanden 
(s. Tafel IV, Einzelfunde): 

1. Kinder-Armring aus Bronze, unvollständig, 
noch vier Windungen vorhanden, Durchmesser 
3,2 cm. 

2. Fingerring aus Bronzespiralen, Weite 2,5 cm, 
4 Windungen. 

3. Fingerring, massiv, offen, Breite 1 cm. 

4. Rest eines Halsringes aus Bronze, dieser 
Teil anscheinend mit Haken (s. Katalog der 
Ausstellung Riga 1896, Tafel XV, Fig. 6). 

5. Eine 15 cm lange Ringnadel mit Kettchen. 
Von den Funden der photographischen Auf- 
nahmen interessieren vielleicht besonders: 

1. Eine Kreuznadel ans vier Blättern, durch 
eine Kette mit einer Ringnadel verbunden; an 
der Kreuznadel noch ein Kettengehänge (siehe 
Katalog der Ausstellung Riga 1896, Tafel XIII, 
Fig. 14). 

2. Eine Kreuznadel wie 1. mit Kettenträger 
und lauger, daran hängender Kette. 

3. Wahrscheinlich Teil einer Armbrust Fibula, 
anscheinend der Bügel (s. Bericht über Aus- 
grabungen auf dem Kronsgute Zeemalden von 
Karl Boy, Grab 11, Nr. 1, und Katalog der 
Ausstellung Riga 1896, Tafel VI, Fig. 3)? 

Nachzutragen sind noch zwei Fundstelleu, 
welche durch große Brandschiehten auffielen. 
Die eine befand sich dicht bei den russischen 
Schützenstellungen, etwa D/a™ parallel zu ihnen. 
Sie begann dicht unter der Humuserde und 
ging in die Sandschicht über; neben reichlichen 
Kohleteilchen und Ascheresten fanden sich viel- 
fach Tonscherben aus grobkörnigem, mit Quarz- 
teilchen vermischtem Lehm. Besonders mächtig 
war die zweite Brandschicht direkt am Abhang 
selbst (also unter den russischen Schützen- 
stellungen). Hier war die Brandschicht weit 
ausgedehnt, umfaßte viel Holzkohle und große 
Stücke gebrannten Holzes neben vielfachen Ton- 
scherben ; es fanden sich auch Überreste mensch- 
licher Knochen, darunter auch ein gut erhaltener 
Unterkiefer, der aber oberflächlich in der aus 
der Schützenstellung herausgeworfenen Saud- 
aufhäufung lag, wie auch Überreste von Schädel- 
decken usw. Nach Aussagen von Angehörigen 
der Formation sollen auch hier sich einzelne 
Bronzegegenstände vorgefunden haben. Nähere 
Nachgrabungen waren erfolglos, wie auch weiter- 



59 



hin auf dem anschließenden nach Westen zu 
sich erstreckenden Brachfelde durch Stichgräben 
nichts mehr festgestellt werden konnte. Die 
Sandschicht war hier meist sehr flach, man stieß 
unter der Humusschicht fast stets gleich auf 
den hoch anstehenden Lehm. 

Zusammenfassung. 

Überblickt man die durch die Ausgrabungen 
gehobenen Funde und die Art der festgestellten 
Beisetzung, so kommt man zu dem Schluß, daß 
sich der Begräbnisplatz bei dem Gute Gr.-Platon 
als ein Skelettgräberfeld der sogenannten zweiten 
baltischen Eisenzeit und zwar wahrscheinlich des 
X. Jahrhunderts erweist. Hierfür spricht nicht 
allein die für diese Zeit besonders charak- 
teristische Hufeisentibel, sondern auch alle 
übrigen gefundenen Gegenstände, besonders die 
aus Bronze (Kreuznadel, Ringnadel, Armband- 
spiralen), sie alle weisen in die jüngere Periode 
der Eisenzeit. In seinen Formen und Funden 
reiht sich das Skelettgräberfeld von Gr.-Platon 
den schon aufgedeckten Gräberfeldern von Meso- 
then, Zeemalden, Alt-Rhaden an, und da diese 
Fundstätten des Kreises Baaske in nächster Nähe 
von Gr.-Platon liegen, so ist auch anzunehmen, daß 
das VoJ-k , welches hier seine Toten beisetzte, 
desselben Stammes war, mit Wahrscheinlichkeit 
lettischen Stammes. Das Gräberfeld von Gr.- 
Platon stellt einen verhältnismäßig reichhaltigen 
Fuudplatz dar; wäre nicht durch die vielfachen 
Sprengungen und die ohne jede Sachkenntnis 
wahllos nur zur Gewinnung von Erinnerungs- 
gegenständen vorgenommenen Nachgrabungen 
das einheitliche Bild der Anlage so stark be- 
einträchtigt, so konnte Gr. Piaton mit au erster 
Stelle unter den Fundorten dieser Zeit stehen. 
Aber auch so haben sich die fünftägigen Nach- 



grabungen als erfolgreich erwiesen; neben der 
eigentlichen Feststellung der Gräberanlage selbst 
brachten sie einzelne Funde, welche in ihrer 
Art (Armbandspiralen, massiver Armring, Bronze- 




nadelu, Schmalbeile) bisher nicht allzuhäufig in 
gleichen Grabanlagen gefunden wurden. 

Weitere Nachgrabungen an Ort und Stelle 
mögen wohl noch zur Hebung von Gelegenheits- 
funden führen, ein größeres Ergebnis ist jedoch 
wohl kaum zu erwarten. 

Sämtliche Fandstücke sind dem Museum in 
Mitau überwiesen. 



Literaturbesprechungen. 



Ed. Hahn: Von der Hacke zum Pflug. [Wissen- 
schaft und Bildung. Einzeldarstellungen aus 
allen Gebieten des Wissens. Bd. 127.] Leipzig, 
Quelle & Meyer, 1M14. 

Das Büchlein erschien wenige Wochen vor Aus- 
bruch des Krieges; so ist es wie vieles andere zunächst 
liegen geblieben, um hoffentlich nach dem Kriege 
um so eifriger gelesen zu werden. Die Anschauungen 
des Verfassers, die er in dem Buche niedergelegt — 
man achte auf den Abschnitt „Ausblick" — , verdienen 
es, von den weitesten Kreisen, für die es bestimmt ist, 
durchdacht und angenommen zu werden. Die National- 
ökonomen haben sie längst ihren Vorlesungen und 



Ausführungen zugrunde gelegt; die Geographen und 
einige Ethnologen wollen sie noch nicht anerkennen; 
einigen sind die Ha huschen Theorien und Hypothesen 
vom Wagen, Hacke, PHug, Rind, Milch, Eriiudung der 
Arbeit usw. zu „geistreich", um wahr zu sein. Sie 
fußen, wie z.B. der Aufsatz von John Loewenthal 
(Zeitschr. f. Ethn. 1916, I, S 11) zeigt, auf anderen 
Lehren oder glauben, welche an ihre Stelle setzen zu 
können, die „psychologisch einfacher und ethnologisch 
weniger beanstandbar" sind. Mit sehr zweifelhaftem 
Erfolg; denn die skizzenhaften, mit vielen Literatur- 
zitaten dort vorgetragenen Ausführungen , die den 
Hahnscheu Anschauungen widersprechen sollen, darf 



60 



man ruhig beiseite legen. Darin scheint mir, „sind 
in Sachen des Boden- und Ackerbaues nunmehr alle 
Hauptfragen" [S. 11 — 17, auf 6 Seiten!] doch nicht 
geklärt. Solange Loewenthal sich seine eingehendere 
Behandlung vorbehält, wollen wir Kthnologen froh 
sein, daß wir Hahn und seine Bücher haben. 

Allgemein verständlich, flott und nicht so ver- 
zwickt wie seine Hauptwerke gesehrieben sind, gibt 
Hahn in seinem neuesten Büchlein einen leicht ein- 
gehenden Abriß der Wirtschaftsgeschichte desMenschen, 
ihrer wirtschaftlichen Anfänge, der Anlange des Land- 
baues, der Entstellung des Pflugbaues, der Viehzucht usw., 
und hämmert so denen — sonderbarerweise gibt es 
noch solche — , welche die Listsche Dreistuf eutheorie 
noch immer als die wichtige anerkennen, wonach der 
Mensch erst Jäger, dann Hirt, dann Ackerbauer ge- 
wor den ist, die Haltlosigkeit dieser Ansichten ein. 
Die Ergebnisse seiner langjährigen, tiefgründigen 
Forschungen auf dem Gebiete der geschichtlichen und 
geographischen Wirtschaftskunde werden hier in an- 
genehmer Kürze zusammengefaßt, so daß jeder sich 
leicht mit den Theorien des Verfassers bekannt machen 
und befreunden kann, die ein wichtiges Gebiet in der 
Ethnologie so umgestalteten, daß man von einer Neu- 
gründung sprechen darf. Das Büchlein ist Wilhelm 
Wundt gewidmet, der in seinen völkerpsychologischen 
Werken die Hahnschen Anschauungen als gefesteten 
wissenschaftlichen Besitz aufgenommen hat. 

P. Hambruch- Hamburg. 

Die Märchen der Weltliteratur. Herausgegeben 
von Friedrich von der Leyen und Paul 
Zaunert. Jena, Eugen Diederichs Verlag. 
Im Vorwort zu seinem Büchlein „Das Märchen. 
Ein Versuch" (Leipzig, Quelle & Meyer, 1911) schreibt 
von der Leyen: „Das Märchen ist ein unentbehr- 
licher Helfer, der tief in die Dichtung und in das 
geistige, religiöse und sittliche Werden der Mensch- 
heit hineinleuchtet." Diese Bedeutung des Märchens 
ist in den letzten 15 Jahren immer mehr von den be- 
ruf enen Forschern in der Kulturgeschichte des Mensehen 
erkannt worden. War die Märchenforschung bis dahin 
mehr oder minder ein Sonderarbeitsgebiet der Philo- 
logen und der Historiker, so beteiligte sich seitdem J 
auch der Ethnologe eifrig daran, einmal neue Märchen- ■ 
Stoffe herbeizubringen, dann, um ihnen die ethnischen, j 
volkskundlichen Grundlagen zu verschaffen, ohne die i 
die Mäichenforschung in der Luft hängen bleibt. Es 
braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, 
welche Verdienste sich um diese „Grundlagen" — von 
den vielen seien nur wenige genannt — z.B. Andrew 
Lang, Frazer, Andree, Ehrenreich u. a., er- | 
warben. Sie begründeten die anthropologisch-ethnische ' 
Erklärungsweise der Märchen und taten dar, daß 



Märchen und Sagen überall einheimische Niederschläge 
ältester Kulturreste sind. Ihre Anschauungen sind 
willig und völlig von den Ethnologen aufgenommen, 
denen gerade die vergleichende Märchenforschung zu 
einem hauptsächlichen Werkzeug wird , um bei der 
Würdigung des Entstehens, Werdens und Vergehens 
der verschiedenen Kulturen auf der Erde und bei den 
einzelnen Völkern, diesen ihre Stellung in der Menschen- 
familie anzuweisen. — Die Märchenliteratur ist in den 
letzten 40 Jahren unheimlich angewachsen; ein Ein- 
zelner wird sie knapp übersehen, noch weniger be- 
herrschen können, so daß nur ein sich Beschränkungen 
auflegendes Studium ihrer Sonderfragen, sie fördern 
kann. Die Literatur gibt darüber hinreichende Aus- 
weise. Doch wird man sich freuen, hin und wieder, 
Einzel- und Sammelwerken zu begegnen, welche die 
vielen Sonderfragen zusammenfassen und ihre Ergeb- 
nisse vor allem durch unbeeinflußte, nicht bearbeitete 
Belege und Beweisstücke aus dem Märchenschatz der 
Völker festigen. Dahin gehört auch die Jenaer Samm- 
lung, in der bisher folgende Bändchen zu einem 
billigen Preise (3 ,/fe) veröffentlicht wurden: Zaunert: 
Musäus, Volksmärchen der Deutschen, 2 Bde.; von 
der Leyen: Kinder- und Hausmärchen von Grimm, 
2 Bde.; Zaunert: Deutsche Märchen seit Grimm; 
Wisser: Plattdeutsche Volksmärchen; Löwis of 
Menar: Russische Volksmärchen; Wilhelm: Chine- 
sische Volksmärchen; Ströbe: Nordische Märchen. 
1. Dänemark, Schweden. 2. Norwegen, 2 Bde.; Les- 
kien: Balkan-Märchen. — Die Sammlung ist auf 
ungefähr 25 Bände berechnet. 

In erster Linie wendet sich die Sammlung an die 
große deutsche Lesewelt, aber auch der Ethnologe 
wird sie mit großer Freude in die Hand nehmen, 
spiegeln doch diese Märchen in schönster Weise den 
Kulturzustand, ihr Auf und Ab, der Völker wieder, 
die sie erzählen. Jeder Band bildet ein abgeschlossenes 
Ganzes; eine Einleitung geht den eigentlichen Märchen 
vorauf; darin werden die besonderen, namentlich volks- 
kundlichen Eigentümlichkeiten der Märchenarten des 
betreffenden Volksstammes geschildert, während im 
Anhang- Quellennachweise und Anmerkungen für jedes 
einzelne Märchen literarisch, kritisch und erklärend 
wertvolle Zusätze enthalten. Ethnologisch besonders 
wertvoll sind die Chinesischen Volksmärchen, die nicht 
nach gedruckten Quellen, sondern nach mündlicher 
Überlieferung veröffentlicht werden. Auch die anderen 
Bände enthalten viel neues bisher noch nicht ge- 
drucktes Material, das dem Märchenforscher und 
Volkskundler recht zu statten kommt. Die Ausstat- 
tung ist vortrefflich; jeder Märchenband hat einen 
besonderen Buchschmuck erhalten, dessen Motive der 
Volkskunst des jeweiligen Landes entlehnt sind. 
P. Hambruch-Hamburg. 



Reklamationen and sonstige Mitteilungen 
sind an die Adresse des Herrn Professor Dr. E. Hagen, Hamburg 13, Binderstraße 14, zu senden. 



Ausgegeben am i~<. November 1916. 



Sammlung Vieweo 









Tooeslraoen aus den Geliieien der 
NaturwissenschaSten u. der Technik 



Die „Sammlung Vieweg" 

hat sich die Aufgabe gestellt, Wissens- und Forschungsgebiete, Theorien, chemisch- 
technische Verfahren usw.. die im Stadium der Entwicklung stehen, durch zusammen- 
fassende Behandlung unter Beifügung der wichtigsten Literaturangaben weiteren Kreisen 
bekanntzumachen und ihren augenblicklichen Entwicklungsstand zu beleuchten. Sie 
will dadurch die Orientierung erleichtern und die Richtung zu zeigen suchen, welche 
die weitere Forschung einzuschlagen hat. 

Als Herausgeber der einzelnen Gebiete, auf welche sich die Sammlung Vieweg 
zunächst erstreckt, sind tätig und zwar für: 

Physik (theoretische und praktische, und mathematische Probleme): Herr Professor Dr. Karl Scheel, 

Kosmische Physik (Astrophysik, Meteorologie und wissenschaftliche Luftfahrt — Aerologie — Geo- 
physik): Herr Geh. Ober-Reg.-Rat Professor Dr. med. et phil. R. Assmann, 

Chemie (Allgemeine, Organische und Anorganische Chemie, Physikalische Chemie, Elektrochemie, 
Techn. Chemie, Chemie in ihrer Anwendung auf Künste und Gewerbe, Photochemie, Metallurgie, 
Bergbau): Herr Professor Dr. B. Neumann, 

Technik (Elektro-, Maschinen-, Schiffbautechnik, Flugtechnik, Motoren, Brückenbau): Herr Professor 
Dr.-Ing. h. c. Fritz Emde. 

Biologie (Allgemeine Biologie der Tiere und Pflanzen, Biophysik, Biochemie, Immuuitätsforschung, 
Pharmakodynamik, Chemotherapie): Herr Professor Dr. phil. et med. Carl Oppenheimer. 

Erschienen sind: 

Heft 1. Dr. Robert Pohl und Dr. P. Pringsheim-Berliu: Die lichtelektrischen Erscheinungen. Mit 
36 Abbildungen. Jt 3, — . 

Heft 2. Dr. C. Freiherr von Girsewald-Berlin-Haleusee: Peroxyde und Persalze. M 2,40. 

Heft 3. Diplomingenieur Paul Bejeuhr- Charlottenburg: Der B 1 e r i o t - Flugapparat und seine Be- 
nutzung durch Pegoud vom Standpunkte des Ingenieurs. Mit 26 Abbildungen. M, 2, — . 

Heft 4. Dr. Stanislaw Loria-Krakau: Die Lichtbrechung in (. äsen als physikalisches und chemisches 
Problem. Mit 3 Abbildungen und 1 Tafel. J, 3,—. 

Heft 5. Professor Dr. A. Gockel -Freiburg in der Schweiz: Die Radioaktivität von Boden und 
Quellen. Mit 10 Abbildungen. „H, 3,—. 

Heft 6. Ingenieur D. Sidersky-Paris: Brennereifragen: Kontinuierliche Gärung der Rübensäfte. — 
Kontinuierliche Destillation und Rektifikation. Mit 24 Abbildungen. Jk 1,60. 

Heft 7. Hofrat Professor Dr. Ed. Donath und Dr. A. Gröger-Brünn: Die flüssigen Brennstoffe, ihre 
Bedeutung und Beschaffung. Mit einer Abbildung. Jt, 2, — . 

Heft 8. Geh. Reg.-Rat, Professor Dr. Max B. Weinstein-Berlin: Kräfte und Spannungen. 

Gravitation»- und Strahlenfeld. ,tO 2, — . 

H. 9/10. Geh. Reg.-Rat, Professor Dr. 0. Lummer-Breslau: Verflüssigung der Kohle und Hersti 

der Sonnentemperatur. Mit 50 Abbildungen. Jk 5,—. 

Fortsetzung siehe auf der 4. Seite des Umschlages. 



Sammlung Vieweg 






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Tagesfraoen ans den Gebieten der 
Naturwissenschaften u. der Technik 



Heft 11. IH\ K. l'i .vbyllok- Berlin: Polhöhen-Sohwankungen. Mit 8 Abbildungen. .fc 1,60. 

Heft 12. Professor Dr. Albert Oppel-IIalle a. S.: Gewebekulturen. Mit 32 Abbildungen. Jt 3,— . 

Heft 13. Dr. Wilhelm Foerster-Berlin: Kalenderwesen und Kalenderreform. Jt 1,60. 

Holt 14. Dr. 0. Zoth-Graz: Über die Natur der Mischfarben auf Grund der Undulationshypothese. 
Mit 3 Textfiguren und 10 Kurventafeln. Jt 

Heft 15. Dr. Siegfried Valentiner-Clausthal: Die Grundlagen der Quantentheorie in elementarer 
tellung. Mit 8 Abbildungen. Jt 2,60. 

Heft 16. Dr, Siegfried Valentiner-Clausthal: Anwendung der Quautenhypothese in der kinetischen 
Theorie der festen Körper und der Gase. In elementarer Darstellung. Mit 4 Abbild. .& 2,60. 

Heft 17. Dr. Hans Witte-Wolffe'nb'üttel: Raum und Zeit im Lichte der neueren Physik. Mit 17 Ab- 
bildungen. Jt 2,80. 

Ileitis. Dr. Erich Hupka-Tsingtau: Die Interferenz der Röntgenstrahlen. Mit 33 Abbildungen 
und einer Doppeltafel in Lichtdruck. Jt 2,60. 

Heft 19. Prof. Dr. Robert Kremann-Graz: Die elektrolytische Darstellung von Legierungen aus 
wässerigen Lösungen. Mit 20 Abbildungen. Jt 2,40. 

Heft20. Dr. Erik Liebreich-Berlin: Rost und Rostschutz. Mit 22 Abbildungen. Jt 3,20. 

Heft 21. Prof. Dr. Bruno Glatzel-Berlin: Elektrische Methoden der Momentphotographie. Mit dem 
Bild des Verfassers und 51 Abbildungen. .IL, 3,60. 

Heft 22. Prof. Dr. med., et phil. Carl Oppeuheimer-Berlin: Stoffwechselfermente. Jt 2,80. 

Heft23. Dr. A. Wegener-Marburg: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane. Mit 20 Abb. ^23,20. 

Heft 24. Dr. W. Fahr ion- Feuerbach-Stuttgart : Die Härtung der Fette. Mit 4 Abbildungen. Jt 3,—. 

Heft 25. Prof. Dr. A. Wassmuth-Graz: Grundlagen und Anwendungen der statistischen Mechanik. 
Mit 4 Abbildungen. Jt 2,80. 

Heft 26. Dr. A. Lipsehütz-Bern: Zur allgemeinen Physiologie des Hungers. Mit 39 Abbildungen. 

Jt 3, — . 

Heft27. Prof. Dr. C. Doelter-Wien: Die Farben der Mineralien, insbesondere der Edelsteine. Mit 

2 Abbildungen. Jt 3, — . 

Heft28. Dr. W. Fahrion -Feuerbach-Stuttgart: Neuere Gerbemethoden und Gerbetheorieu. Jt 4, — . 

Heft 29. Dr. Erik Hägglund-Bergvik (Schweden): Die Sulfitablauge und ihre Verarbeitung auf 

Alkohol. Mit 6 Abbildungen. Jt 2,—. 

Heft 30. Dr. techn. M. Vi dmar- Laibach: Moderne Transformatoreufragen. Mit 10 Abbildungen. 

Jt 2,80. 
Heft 31. Dr. Heinrich Faßbender-Berlin: Die technischen Grundlagen der Elektromedizin. Mit 

77 Abbildungen und einer Kurve. Jt 3,20. 

Heft 32/33. Prof. Rudolf Richter-Karlsruhe: Elektrische Maschinen mit Wicklungen aus Aluminium, 
Zink und Eisen. Mit 51 Abbildungen. Jt. 6, — . 

Heft34. Obering. Carl Beckmann-Berlin- Lankwitz: Haus- und Geschäfts -Telephonanlagen. Mit 

78 Abbildungen. Jt 3,—. 

Heft :;ö. Dr. Aloys Müller-Bonn: Theorie der Gezeitenkräfte. Mit 17 Abbildungen. Jt 2,80. 

ii. fr..). Dr. W. Kummer-Zürich: Die Wahl der Stromart für größere elektrische Bahnen. 
, Abbildungen. Jt 2,80. 



Zahlreiche weitere tiefte in Vorbereitung. 



Korrespondenz- Blatt 

der 

Deutschen Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

Herausgegeben von 

Professor Dr. Georg Thilenius 

Generalsekretär der Gesellschaft 
Hamburg. 



Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn in Braunachweig. 



XLVIL Jahrg. Nl'. 10/12. Jährlich 12 Nummern. 



Okt./Dez. 1916. 



Für alle Artikel, Berichte, Rezensionen usw. tragen die wissenachaftl. Verantwortung lediglich die Herren Autoren; a. S. 16 des Jahrg. 1894. 

Inhalt: Archäologie nnd Iudogermanenproblem. Von Sigmund Feist. — Zur Frage der willkürlichen 
Beeinflussung der kindlichen Schädelform. Von Prof. A. J. P. v. d. Broek. — Neue Paläolithfunde 
in Norddeutschland. Von E. Werth. — Hausers Micoquien. Von E. Werth. — Der Urtypus der 
Schmalhacke. Von Dr. C. Mehlis. — Von den Steingeräten der Völkerschaften in Sachsen-Thüringen. 
Von Bärthold. 



Archäologie und Indogermanenproblem. 



Von Si um und Feist. 



Seit einigen Jahren kann man kaum eine 
Schrift prähistorischen Inhalts lesen, ohne als- 
bald auf Stellen zu stoßen, in denen Namen 
wie Indogermanen, Nordindogermanen, Siidindo- 
germanen, Arier, Illyrier, Germanen, Kelten, ja 
selbst solche von Teilstämmen, wie Semnonen, 
Veneter, Helvetiur, mit archäologischen Funden 
und Aufstellungen in Zusammenhang gebracht 
werden. Man braucht gar nicht einmal Arbeiten 
von Kossinna, Wilke und anderen Anhängern 
dieser Schule in die Hand zu nehmen, die mit 
den genanuten sprachlichen und geschichtlichen 
Begriffen geradezu Mißbrauch treiben, um sich 
an einer unzulässigen Verquickung archäolo- 
gischer und sprachlicher Tatsachen zu stoßen. 
Selbst ein so durchaus wissenschaftliches Werk 
wie das Reallexikon der germanischen Altertums- 
kunde, dessen dritter Band soeben fertig ge- 
worden ist, hält sich nicht frei von diesen Ver- 
stößen. So findet sich in dem von dem jüngst 
verstorbenen A. Schliz behandelten Artikel: 
„Ilassefragen" zunächst die ganz zutreffende 
Ansicht ausgesprochen, daß der Begriff „Staat- 
sich auf die politische, der des „Volkes" auf 
die Sitten und Sprachwissenschaft, der der 
„Rasse" auf bestimmte körperliche und geistige 



Eigenschaften bezieht, welche ihre Träger von 
der übrigen Menschheit unterscheiden. Im 
Deutschen Reiche z. B. wohne ein Volk mit 
indogermanischer Sprache wie in einer Reihe 
von Staaten Europas und Asiens, seine Rasse- 
zufrehöriffkeit wäre erst zu untersuchen. Die 
Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprach- 
kreis habe zunächst mit der Rasse, der ein 
Volk angehört, oder den Rassen, die innerhalb 
eines Volkes vertreten sind , nichts zu tun. 
Daß verschiedene Rassen zur Bildung der indo- 
germanischen Völker beigetragen haben, lehre 
ihre oberflächliche anthropologische Betrachtung. 
Jede einzelne Völkergruppe besitze bestimmte 
geistige Eigenschaften, die sie von anderen 
Gruppen unterscheide. Es frage sich nur, ob 
dieser Unterschied in der Zusammensetzung 
der verschiedenen Rassenbestandteile begründet 
ist, aus denen sie hestehen. (Damit verwirft 
Schliz also wieder die vorher ausgesprochene 
Ansicht, daß eine Rasse bestimmte geistige 
Eigenschaften besitze.) Im weiteren Verlauf 
seiner Darlegungen untersucht A. Schliz nun 
die Rasseubestandteile, aus denen sich die ein- 
zelnen europäischen Völker zusammensetzen, 
speziell die nordische Rasse und ihre ver- 



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schiedenen Komponenten. Da hören wir nun, 
daß die Rasse der Bandkeramik aus dem gleichen 
Stammeselement wie die Megalithrasse (Nord- 
landrasse mit Tiefstichkeramik) zusammengesetzt 
sei. und daß kein Grand gegen die Annahme 
vorhanden sei, daß alle diese Stämme eiue ge- 
meinsame Ursprache, die indogermanische, ge- 
sprochen haben sollen. „Xordindogermauen" 
seien die Angehörigen der Megalithrasse im 
Nord« es ten. „Westindogermanen" diejenigen 
der Grenelle- und alpinen Rasse, Südindoger- 
nianen die Völker der Bandkeramik im Süd- 
osten. Außer Betracht müßten Nichtindoger- 
maneii bleiben wie Iberer oder Finnen, die 
außereuropäischen Zentren entstammen, oder 
die Ligurer und Etrusker, deren Zugehörigkeit 
zu einem europäischen Urstamm nicht zu er- 
weisen sei. 

Mau erkennt auf den ersten Blick, daß hier, 
eutgegen dem anfangs ausgesprochenen Prinzip, 
sprachliche und anthropologische Tatsachen ver- 
mengt worden sind. Ein paar Seiten weiter 
aber wendet sich A. Schliz von der Sicherheit, 
mit der er die neolithischen Kulturkreise auf 
einzelne (der heutigen Sprachwissenschaft 
übrigens unbekannte) Unterabteilungen des indo- 
germanischen Urvolkes zu verteilen weiß, wieder 
ab, wenn er bei der Betrachtung der Hügel- 
gräber der alten Bronzezeit in Bayern und der 
schwäbischen Alp meint, das darin sich findende 
Rassengemisch sei zweifellos indogermanisch 
gewesen — woher weiß das Schliz übrigens? — , 
nichts aber berechtige uns, diese Misch- 
bevölkerung Kelten oder Germanen zu neunen. 
Gegen Kossinnas inzwischen übrigens wieder 
aufgegebenes Lieblingskind, die Karpodaken, 
verhält sich Schliz ebenfalls recht kritisch, 
weiß aber andererseits, daß Südiudogermauen 
aus Illyrien zur llallstattzeit Süddeutschland in 
Besitz genommen haben und bis nach Schlesien 
vorgedrungen sind. 

Ich bin mit Absicht auf den jüngst er- 
schienenen Artikel von A. Schliz so ausführlich 
eingegangen, um an diesem Beispiel zu zeigen, 
welch heillose Verwirrung entstehen kann, wenn 
in anthropologischen oder archäologischen Dar- 
legungen kritiklose uud unbewiesene Aufstel- 
lungen über die Zugehörigkeit uns übrigens 
oft nur dem Namen nach bekannter vor- 
geschichtlicher und frühgeschichtlicher Sprach- 
kreise zu bestimmten Rassen oder prähistorischen 
Kulturgruppen gegeben werden. Der Haupt- 
fehler liegt meines Erachtens darin, daß viele 
Prähistoriker, die mit sprachlichen und histori- 
schen Begriffen arbeiten, sich über die in diesen 
Namen enthaltene Realität nicht klar genug 



sind. Es sei mir daher gestattet, hier einige 
dieser Begriffe auf ihren Inhalt hin zu prüfen. 
Was besagt uns der Name „Indogermanen ", 
mit dem die Archäologen aller Schattierungen 
so gern operieren? Wir müssen uns zunächst 
vor Augen haken, daß der Begriff „indoger- 
manisches Stammvolk" nur eine Abstraktion 
aus sprachlichen Rückschlüssen ist. Wir kennen 
eiue Anzahl indogermanischer Sprachen zum 
Teil ans älterer, zum Teil aus jüngerer Zeit. 
Während das ludische und Griechische uns seit 
dem Beginn des letzten Jahrtausends v. Chr. 
bekannt sind, treten das Lateinische oder Per- 
sische erst viel später in unseren Gesichtskreis. 
Alle anderen indogermanischen Sprachen sind 
überhaupt erst aus der Zeit nach Christi Geburt 
überliefert. Rückschließend aus den genannten 
indogermanischen Sprachen gewinnen wir die 
gemeinsame Stammsprache, das Indogermanische, 
über dessen Lautgestalt v,or 40 Jahren noch 
andere Ansichten herrschten wie jetzt, und es 
ist möglich, daß die Forschung in künftigen 
Tagen wieder zu Ergebnissen gelangen wird. 
die von den heutigen abweichen. Indes ist ja 
kein Zweifel möglich, daß die gemeinsame 
Stammutter, die indogermanische Ursprache, 
einmal vorbanden gewesen sein muß. Ob das 
aber im Jahre 2000 oder 2500 oder gar 3000 
v. Chr. gewesen ist, darüber hat die Forschung 
bis jetzt nichts Sicheres ermittelt. Unbestreitbar 
ist, daß die indogermanische Stammsprache auch 
einen Träger besessen haben muß, der sich 
ihrer bedient hat. Wir neunen ihn das indo- 
germanische Stammvolk, oder kurz die „Indo- 
germanen". Vou diesem Urvolk ist uns keinerlei 
geschichtliche Kunde erhalten. Keine Quelle 
sagt uns, wie sie sich genannt haben, wo sie 
gewohnt haben, wie ihre Ausbreitung über 
Asien und Europa erfolgt ist, und wann das 
Stamm volk sein Geschick erfüllt und vom 
Schauplatz verschwunden ist. Was wir über 
die Kultur der Indogermanen zu wissen glauben, 
ist mittels Rückschlüssen aus dem für die Ur- 
sprache ermittelten Wortschatz gewonnen worden 
uud eigentlich nicht viel mehr, als wir bei 
einem Volk der Außenzone der alten Welt iu 
jener frühen Zeit ohnehin voraussetzen können. 
Ferner ist nicht zu vergessen, daß, wie die An- 
sichten über das Aussehen der Stammsprache 
im Laufe der Zeit wechselten, so auch die Vor- 
stellungen, die man sich von ihrem Wortvorrat 
gemacht hat. nicht zu allen Zeiten die gleichen 
gewiesen sind. Eine schärfere Handhabung der 
aufgestellten Lautgesetze ließ manche Ety- 
mologie älterer Zeit als verfehlt erscheinen, 
während andererseits neuer Sprachstoff aus 



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wieder aufgefundenen indogermanischen Sprachen 
(Tochavisch, Nordarisch, Sogdisch usw.) oder 
aus der schärferen Sichtung des Wortvorrats 
bereits früher bekannter Sprachen hinzugekommen 
ist. Im einzelnen kann ich auf diese Dinge an 
dieser Stelle nicht näher eingehen; ich ver- 
weise für den Leser, der sieh darüber ein- 
gehender zu unterrichten wünscht, auf meine 
vor zwei Jahren erschienene Studie „Indo- 
germanen und Germanen", Halle, Max Niemeyer 
oder auf mein umfänglicheres Werk „Kultur, 
Ausbreitung und Herkunft der Indogermanen", 
Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1913. 

IlalteD wir also fest, daß der Begriff „Indo- 
germanen" keinen derart realen Inhalt hat wie 
die Begriffe Griechen, Römer, Germanen, Gal- 
lier usw., Völker, über die wir uns aus vor- 
handenen geschichtlichen Quellen mehr oder 
minder eingehend unterrichten könuen. Während 
ferner bei den historischen indogermanischen 
Völkern die Wohnsitze bekannt sind und wir 
auch über ihre äußere Erscheinung einiger- 
maßen informiert sind, wisseu wir bei dem 
indogermanischen Stamm volk weder, wo es ge- 
wohnt hat, noch wie es ausgesehen hat. Alle 
Versuche, den Ausstrahlungspunkt der indo- 
germanischen Sprachbewegung, die sogenannte 
„Urheimat" genauer zu umgrenzen, müssen als 
gescheitert betrachtet werden. Meiner Über- 
zeugung nach ist sie weit eher in Zentralasien 
als in Nordeuropa zu suchen. Zu welcher 
Kasse aber das Urvolk gehört hat, nnd ob es 
überhaupt eine einheitliche Rasse besessen hat, 
ist vollkommen dunkel. Alles, was wir sagen 
können ist, daß die Indogermanen, weil ihre 
Heimat in einem nördlich gelegenen Lande zu 
suchen ist, vermutlich zu dem dort über- 
wiegenden hellfarbigen Typus gehört haben. 
Die älteste Überlieferung übrigens, die wir 
über das Aussehen eines indogermanischen 
Volkes haben, ist eine Notiz auf einer Sieges- 
säule Tiglatpilesers IV von Assyrien aus 
dem 8. Jahrh. v. Chr., die von den „dunklen" 
Medern spricht. Offenbar also sahen die Vor- 
fahren der Bewohner Irans schon ebenso aus 
wie die heutigen Perser. 

Aus den bisherigen Darlegungen ergibt 
sich, daß unsere Vorstellungen von dem Kultur- 
besitz, der äußeren Erscheinung und den Ur- 
sitzen der Indogermanen nur äußerst vage sind. 
Wie kommt es nun, daß trotzdem ein bestimmter 
Forscherkreis so bestimmte Angaben über alle 
diese Punkte zu machen weiß? Die Antwort 
auf diese Frage lautet: Man hat sich, gestützt 
auf einige unbestimmte Andeutungen bei klas- 
sischen Schriftstellern, eine aprioristische und 



dogmatische Vorstellung von der äußeren Er- 
scheinung eines „Ariers" gemacht, über die 
man jede Diskussion ablehnt. Das tun nicht 
nur z.B. Kossinna 1 ) und seine Anhänger, 
sondern auch Sprachforscher von Namen, wie 
Hoops, Hirt, Streitberg usw., die unentwegt 
an der Überzeugung von dem nordischen Typus 
des Urvolks festhalten. Darauf gestützt wird 
dessen Kultur als identisch mit der der nor- 
dischen Steinzeit aufgefaßt und dargestellt. 
Dieses Verfahren führt konsequent fortgesetzt 
zu recht erheiternden Folgerungen. So be- 
suchte ich vor einigen Jahren die prähistorische 
Abteilung eines Proviuzialmnsenms, die von 
einem sympathischen, leider allzu früh auf tra- 
gische Weise hinweggerafften jüngeren Gelehrten 
aus der Kossinnaschen Schule geleitet wurde. 
Er rubrizierte alles Ernstes in seiner Abteilung 
die frühesten Funde der jüngeren Steinzeit 
unter dem Kennzeichen „indogermanische Zeit". 
Andere Denkmäler figurierten als germanische, 
ostgermanische, westgermanische, karpoda- 
kische usw. Natürlich werden bei dem urteils- 
losen Publikum durch ein solches Verfahren 
ganz irrige Vorstellungen wachgerufen. Der 
informierte Gelehrte weiß freilich, daß es nicht 
einmal bei historisch beglaubigten Völkern mög- 
lich ist, ihre Hinterlassenschaft mit Sicherheit 
festzustellen, sowie uns die Inschriften im Stich 
lassen. Ihnen allein verdanken wir es, daß wir 
z. B. die etruskischen Nekropolen ethnographisch 
festlegen können. Aber ist es bis jetzt ge- 
lungen, etwa die älteste Hinterlassenschaft der 
Italiker, der prähistorischen Griechen, der 
Thraker, Ulyrier usw. unzweifelhaft festzustellen? 
Man bezeichnet die Funde wohl als griechisch, 
thrakisch, illyrisch usw., weil sie auf dem später 
von den genannten Völkern eingenommenen 
Boden gefunden wurden. Aber damit ist über 
die ursprüngliche Zugehörigkeit eines solchen 
Fundes zu einem bestimmten Volk eigentlich 
noch nichts gesagt. Wie haben wir uns die 
Verhältnisse in prähistorischer Zeit denn eigent- 
lich vorzustellen? Wenn wir, um den Gegen- 
stand an einem konkreten Beispiel zu er- 
läutern, von einer keltischen Herrschaft über 
Mitteleuropa um die Mitte des letzten Jahr- 
tausends v. Chr. sprechen , so können wir sie 
durch Ortsnamen und durch die verhältnismäßig 



a ) In einem Aufsatz: Über den Ursprung der TJr- 
finnen und der Urindogermanen und ihre Ausbreitung 
nach dem Osten Mannus, Band 1, 8 20: Diese vier 
Dinge, d.h. indogermanische Ursprache, indogermani- 
sches Urvolk, kleinerer Urraum als Urheimat und 
nordischer Typus der Indogermanen, sind heute für 
mich indiskutabel. 



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einheitliche Hinterlassenschaft in Gräbern i" 1 
stimmter Gebiete wohl nachweisen. Aber diese 
Vorherrschaft des keltischen Elements besagt 
doch nicht, daß nun alle vorangegangeneu Be- 
völkerungsschichten spurlos verschwunden sind. 
Wir halten uns <las Verhältnis der Kelten zu 
den von ihnen unterworfenen Stämmen nicht 
anders ZU denken als das der Germanen ZU den 
unterworfenen Romanen oder der Türken zu 
den Völkerschaften des von ihnen noch bis vor 
kurzem beherrschten Gebietes in Europa. Es 
handelt sich bei allen diesen Herrschervölkern 
nur um eine dünne Oberschicht, unter der 
das autochthone Element fortlebt und zumeist 
auch seine eigene Sprache behält. So hat sich 
z. B. trotz der Kelten- und Römerherrschaft 
nach dem Zeugnis des Li v ins das liätische in 
den Alpen bis in das erste christliche Jahr- 
hundert erhalten. |!| Noch die klassische Zeit 
Griechenlands hatte die Lebhafte Erinnerung an 
die anderssprachigen Pelasger und Karer in- 
mitten der Hellenen erhalten. Welches Sprachen- 
gewirr herrschte nicht im alten Perserreich, 
ganz ebenso wie das heutige Rußland eine 
bunte Musterkarte von Sprachen in sich schließt. 
Wenn also aus prähistorischer Zeit ein Volks- 
name aus irgend einer Gegend überliefert ist, 
so ist damit noch lange nicht gesagt, daß das 
unter ihm zu verstehende Element das einzig 
vorhandene in einer bestimmten Gegend ge- 
wesen ist. Es ist also durchaus verfehlt, Gräber, 
die sieh auf griechischem, illyrischem, thraki- 
schem usw. Sprachgebiet finden, nun einfach 
als solche der betreffenden Sprachgemeinschaft 
zu betrachten und von thrakischer Bandkeramik, 
vom geometrischen Stil der ältesten Griechen, 
von der Bandkeramik der Illyrier u. dgl. m. 
zu sprechen. Sobald uns die Inschriften auf 
prähistorischen Funden fehlen, können wir nicht 
mit Bestimmtheit sagen, welches die Sprache 
des Kulturkreises war, aus dessen Bezirk die 
Funde herrühren. Die prähistorischen Kultur- 
kreise sind für uus so lange anonym, als wir 
keine historische Kunde aus den betreffenden 
Gegenden besitzen, und selbst wenn das der 
Fall ist, können wir sie nicht einem bestimmten 
Sprachkreise zuschreiben, wenn sich nicht mit 
ihnen \ zusammen sprachliche Denkmäler finden. 
Wollten wir das indogermanische Urvolk 
aber durchaus archäologisch erfassen, so müßte 
die^. einzig zulässige Methode folgende sein: 
Rückwärts schließend, zunächst zu ermitteln, 
welches die kulturelle Hinterlassenschaft der 
indogermanischen Stämme in ihren ältesten 
Sitzen ist, an der Pfand der Funde den Weg 
ihrer Wanderungen verfolgen und den Punkt 



ermitteln, wo die Richtungen der Wanderzüge 
konzentrisch zusammenlaufen. Dort könnte man 
dann mit einiger Sicherheit den Ausgangspunkt 
der indogermanischen Sprach- und Kultur- 
bewegung annehmen, und die kulturelle Hinter- 
lassenschaft des TJrvolks, vielleicht auch seinen 
Rassentypus aus etwaigen Skelettfunden er- 
mitteln. Aber von diesem Ziel sind wir noch 
unendlich weit entfernt, und es ist mehr wie 
fraglich, ob es der archäologischen Forschung 
jemals gelingen wird, es zu erreichen. Denn 
selbst in viel jüngeren Perioden ist es außer- 
ordentlich schwer, Völker archäologisch zu 
erfassen. Was weiß man z. B. über die Hinter- 
lassenschaft der Goteu an der Ostsee und am 
Schwarzen Meer zu sagen? Und doch kann 
mau die Richtung ihrer Wanderung und die 
Zeit ihres Aufenthalts in den genannten Gegenden 
mit einiger Sicherheit angeben. Wäre mau im- 
stande, ein alemannisches, fränkisches oder 
bayerisches Grab nach der Hinterlassenschaft 
zu unterscheiden, wenn es nicht auf dem von 
den genannten Stämmen eingenommenen Boden 
gefunden würde? 

Aber wenn es selbst gelungen wäre, die 
archäologische Hinterlassenschaft des indoger- 
manischen Urvolks unter Befolgung einer exakten, 
rückwärts schreitenden und wissenschaftlich 
einwandfreien Methode, wie sie die Sprach- 
wissenschaft von Anfang an befolgt hat, zu 
ermitteln, so müßten wir uns dennoch darüber 
klar sein, daß wir damit nur einen ganz kleinen 
Ausschnitt aus dem kulturellen Leben des TJr- 
volks gewonnen hätten, da nur das wenigste 
seines materiellen Kulturbesitzes in die Gräber 
gekommen seiu wird, und sein Geistesleben 
aus den Funden überhaupt nicht wieder er- 
mittelt werden kann. Damit und mit der Fest- 
stellung des Rassentypus wäre es eiue mißliche 
Sache, wenn das indogermanische Urvolk, was 
wahrscheinlich ist, nicht Bestattung, sondern 
Leichenverbrennung und-aussetzung geübt hätte. 

Um das Gesagte an einem Beispiel zu er- 
läutern, wollen wir uns denken, daß das 
Lateinische bereits in vorgeschichtlicher Zeit 
ausgestorben und keine Kunde von dem Land 
und Volk der Römer überliefert sei. Wir 
wären dann in die Notwendigkeit versetzt, die 
lateinische Sprache und die römische Kultur 
aus dem gemeinsamen Wortschatz der romani- 
schen Sprachen zu erschließen. Würden wir 
überhaupt ein klares Bild von dem Aussehen 
des Lateinischen, seinem Wortvorrat, seinen 
Flexionsformen und seiner Syntax erhalten? 
Wieviel von alledem ist nicht spurlos in allen 
romanischen Sprachen untergegangen? Von dem 



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hohen Stand der römischen Kultur bekämen 
wir überhaupt keine Vorstellung, da die Völker 
romanischer Sprache von dem selbst in der 
Provinz noch sehr ansehnlichen Stand der 
Lebensführung nach den Stürmen der Völker- 
wanderung in verhältnismäßig kurzer Zeit tief 
herabgesunken sind und erst in unseren Tagen 
wieder die einstige Höhe erklommen haben. 
Es ist nicht unmöglich, daß die Verhältnisse 
bei einem einst und irgendwo einmal bestandenen 
Imperium indogermanicum ähnlich lagen und 
daß die Sprachen und Kulturen der Völker 
indogermanischer Zunge nur ein mattes Abbild 
des einstigen Glanzes geben, zumal hier der 
zeitliche Abstand weit größer als zwischen Rom 
und dem ersten Auftreten der Romanen ist. 
Aber ebensogut kann man annehmen, daß das 
Urvolk keinen höhereu Kulturstand als viele 
seiner späteren Nachkommen besessen hat und 
Asien sowie Europa in der Art von Hunnen, 
Awaren, Mongolen, Türken usw. mit wilden 
Horden überschwemmt und die Vorbewohner 
unterworfen hat. Eine sichere Entscheidung 
über fliese Fragen hat sich bis jetzt und wird 
sich wohl nie treffen lassen. 

Aus dem bis jetzt Ausgeführten ergibt sich 
somit, daß wir nicht in der Lage sind, den Be- 
griff „Indogermanen" mit einem auf einiger- 
maßen sicherer und dauernder Basis stehenden 
realen Inhalt auszuführen. Es muß dabei 
bleiben, daß er nur eine Abstraktion aus 
sprachlichen Tatsachen darstellt. Nieht viel 
besser steht es um die Versuche, Unterabtei- 
lungen des indogermanischen Urvolks aufzu- 
stellen. Die vor 50 Jahren versuchte Eintei- 
lung in Nord- und Südindogermanen ist von der 
Sprachwissenschaft wieder aufgegeben worden, 
da sie sich als nicht haltbar erwies. Sie führt 
nur in Schriften prähistorischen Inhalts ein 
kümmerliches Nachleben. Die Sprachwissen- 
schaft pflegt die indogermanische Stammsprache 
in die Gruppen der Kentum- und Satemsprachen 
einzuteilen, d.h. Sprachen, in denen die indo- 
germanischen Palatallaute als solche erhalte]] 
und in Sprachen, in denen sie iu Zischlaute 
gewandelt sind (man vergleiche lat. centum 
„100" mit altiud. satam). Zu den Satem- 
sprachen gehören das Arische (Indo-iranische), 
das Slawische, Baltische, Thrakische, Phrygische, 
Annenische und Albanische; zu den Kentum- 
sprachen die übrigen. Somit ergab sich in 
großen Zügen eine ostwestliche Gliederung 
der indogermanischen Dialekte, die lange un- 
bestrittene Geltung hatte. Nun aber wurde 
vor einigen Jahren eine bisher unbekannte 
indogermanische Sprache, die etwa bis zum 



Jahre 1000 n. Chr. in Zentralasien gelebt hatte, 
in Turkestan wieder entdeckt: das Tocharische. 
Dieses stellt sich auffälligerweise in die Gruppe 
der sonst nur in Europa vertretenen Keutum- 
sprachen, wirft demnach die ost-westliche Gliede- 
rung auch wieder über den Haufen. Die Sprach- 
forscher stehen also aufs neue vor der Frage, 
ob es möglich ist, in der Lagerung der Dialekte 
des Indogermanischen deutliche Schichtungen 
abheben zu können oder nicht. Jedenfalls tut 
man gut daran, sich hier abwartend zu ver- 
halten. 

Wenn uns das indogermanische Urvolk nicht 
aus historischen Quellen bekannt ist, so haben 
wir dagegen Kunde von zahlreichen indo- 
germanischen Völkern seit dem Beginn des 
1. Jahrtausends v. Chr., die uns somit in mehr 
oder minder großem Umfang gegenständlich 
werden: die Inder, Perser, Griechen, Römer, 
Gallier, Germanen usw. Es ist nun vielfach 
der Versuch gemacht worden, diese historischen 
indooermanischen Völker iu die indogermanische 
Urzeit zurückzuverlegen und anzunehmen, daß 
das LTrvolk gleichfalls schon in diese Teil- 
stämme zerfallen ist. Hier liegt eine doppelte 
Ungenauigkeit zugrunde. Zunächst wissen wir 
nicht, wie viele von den Stämmen des Ur- 
volks spurlos und ohne Kunde von ihrem ein- 
stigen Dasein für uns zu hinterlassen, vom Erd- 
boden verschwunden sind; zweitens können wir 
nicht sagen, ob die Verbände, die in geschicht- 
licher Zeit auftreten, auch in vorgeschichtlicher 
Zeit vorhanden waren oder ob nicht andere 
Gruppierungen vorlagen. Man denke nur daran, 
wie schnell sich bei den Germanen die Stämme, 
die zu Cäsars und Tacitus' Zeiten uns genannt 
werden, in die aus den Zeiten der Völker- 
wanderung uns bekannten größeren Verbände 
der Sachsen, Franken, Schwaben, Bayern auf- 
gelöst haben, ohne daß es uns möglich wäre, 
die Zusammensetzung und sogar teilweise die 
Herkunft dieser größeren Verbände nach- 
weisen zu können. Wenn schon in historischer 
Zeit und in einem verhältnismäßig kurzen Zeit- 
raum so tiefgreifende Umwandlungen bei Völ- 
kern stattfinden können, wie will man da für 
die fernen prähistorischen Zeiten mit Sicherheit 
ermitteln, ob die geschichtlich beglaubigten 
Völker indogermanischer Sprache auch schon 
in prähistorischer Zeit ihr Sonderdasein geführt 
haben? Sehen wir doch vielfach, daß ein indo- 
germanisches Volk sich über das andere lagert, 
dessen Sprache vollkommen verdrängt und durch 
die eigene ersetzt. So hat das Lateinische das 
Gallische und Illyrische, das Griechische das 
Thrakische und Mazedonische, das Deutsche in 

9 



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historischer Zeit zahlreiche slawische Dialekte 
und das Preußische aufgesogen. Es spiell sich 
also auf größeren Gebieten der gleiche Vor- 
ab, den wir in engeren Grenzen beob- 
achten, wenn das Lateinische die anderen itali- 
nischen Dialekte, die griechische Gemeinsprache 

(Koine) 'las Ionische, Attische, Dorisehe usw. 

verdrängt hat. Auch zahlreiche Schwankungen 
in der Ausdehnung eines Sprachgebietes lassen 
sieh beobachten. So, wenn .las Slawische nach 
der Völkerwanderungszeil V>is zur Elbe vor- 
gedrungen ist, um vom späteren Mittelaller an 
wieder vom Deutschen über die Oder und 
weiter zurückgedrängt zu werden. 

Die gleichen Verhältnisse linn, die wir in 
geschichtlicher Zeit beobachten, müssen wir 
auch für die vorgeschichtliche Periode für 
möglich ansehen. Freilich kann uns für diese 
Vorgänge keine Kunde überliefert sein. Aber 
durch die Entdeckung bisher unbekannter indo- 
germanischer Sprachen in Zentralasien (Tocha- 
risch, Sogdisch, Nordarisch), die sich bis tief 
in die Mongolei hinein im frühen Mittelalter 
ausgedehnt haben, um später von den Türk- 
sprachen verdrängt zu werden und spurlos von 
der Erde zu verschwinden , haben wir gelernt, 
wie sehr sich die sprachlichen Verhältnisse im 
Laufe der Jahrhunderte verschieben können. 
Deshalb müssen wir mit Rückschlüssen aus der 
geschichtlichen Zeit auf die Lagerung und Zahl 
der Dialekte der indogermanischen Stamm- 
sprache sehr zurückhaltend sein, um nicht den 
Boden unter den Füßen zu verlieren. 

Die gleiche Zurückhaltung ist geboten, wenn 
man mit Teilstämmen, die uns aus historischer 
Zeit bekannt sind, operieren will. Wohl können 
wir mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit annehmen, 
daß ein Grab, das auf sächsischem, fränkischem 
oder bayerischem Gebiet aus der Zeit nach der 
Völkerwanderung aufgefunden wird, in der Tat 
einen Angehörigen dieser Stämme enthält. Bei 
Gräbern, die aus der Latenezeit stammen und 
Beigaben enthalten, die dem keltischen Kultur- 
kreis entstammen, dürfen wir den Bestatteten 
wohl unbedenklich als Kelten ansprechen, ob- 
wohl natürlich keine Schwierigkeit besteht, daß 
sich auch Augehörige von Stämmen mit anderen 
Sprachen das keltische Kulturgut angeeignet 
haben können. Aber sobald w T ir weiter zurück 
in die Hallstatt-, Bronze- oder gar Steinzeit 
kommen, verlieren wir jeden Anhaltspunkt, um 
die Angehörigen eines bestimmten Kulturkreises 
ethnographisch festzustellen. Freilich kann man 
sa'_ r en, ob ein Skelett einem Angehörigen der 
doliehokephalen nordischen Rasse oder der 
mesokerihalen Grenelle-Rasse zuzusprechen ist; 



aber wie die Angehörigen dieser Rassen oder 
anderer prähistorischer Kulturen sprachlich ein- 
zuordnen sind, wird uns auf immer ein Rätsel 
bleiben. Gewiß wäre es recht verlockend, die 
sogenannte Lausitzer Kultur, die sich von Ober- 
italien über Mähren und Ungarn bis nach 
Schlesien ausdehnte, mit Kossinna den Illyriern 
zuzuweisen, durch die er seine früheren Karpo- 
daken ersetzt hat. Aber es bleibt zu bedenken, 
daß wir von Illyriern erst seit der Mitte des 
letzten vorchristlichen Jahrtausends wissen 1 ), 
während die Lausitzer Kultur in die ältere 
Bronzezeit gesetzt wird, also mindestens :">00 Jahre 
älter als das historische Vorkommen des Namens 
der Illyrier ist. Für eine einstige weitere Aus- 
dehnung der Illyrier spricht ja allerdings die 
auffällige Übereinstimmung zwischen dem Namen 
der Veneter an der Nordküste der Adria und 
dem deutschen Namen für die Slawen =Wenden. 
Es scheint also, als ob auch einmal Veneter 
östlich von den Germanen gewohnt hätten. 
Freilich finden sich auch Veneter bei Cäsar in 
der Bretagne, wo sie unzweifelhaft eine Völker- 
schaft mit keltischer Sprache sind. Somit 
bleibt der Name der Veneter eines der vielen 
Rätsel, die uns die Namen prähistorischer 
Völker oder auch solcher aus historischer Zeit 
aufgeben, wenn sie an ganz verschiedenen 
Stellen auftreten: Iberer kennen wir z. B. im 
Kaukasus und in Spanien, Marser in Latium 
und auf dem rechten Ufer des Niederrheins; 
den Völkernamen der Russen, der den nor- 
dischen Warägern von den Finnen gegeben 
wurde und erst später auf das heute so ge- 
nannte Volk überging, treffen wir in der Form 
Ros oder Rüs bei byzantinischen und arabischen 
Schriftstellern des 10. Jahrhunderts für einen 
skythischen Volksstamm im Südosten Rußlands. 
Diese Beispiele ließen sich noch vermehren. 
Die Namen besagen in der Regel recht wenig 
über das Volk, das die Alten unter ihnen ver- 
standen, wenn nicht genauere geschichtliche 
Quellen uns über die Lebensgewohnheiten und 
die Sprache des betreffenden Volkes zur Ver- 
fügung stehen. Zudem haftet ein Name häufig 
an eitler bestimmten Gegend und geht dann 
leicht, wenu die Bevölkerung wechselt, auf das 
neue Element über, das die Stelle des älteren 
eingenommen hat. Mau denke z. B. an die 
eben besprochenen Wenden oder an das, was 
wir heute unter Preußen verstehen und was 
der Name vor 500 Jahren bedeutete. 



J ) Vgl. Herodot I, S. 196; IV, S.49; IX, S. 43, 
wo übrigens nichts über die Vergangenheit, die Sprache 
und die Ausdehnung der Illyrier zu rinden ist. 



67 



Aus allen diesen Gründen erscheint es gauz 
aussichtslos, Namen von erst in historischer 
Zeit auftretenden Völkern in die prähistorische 
Zeit zurückzuverlegen und z.B. mit Schuch- 
hardt die etwa aus der Zeit um 800 v. Chr. 
stammenden, bei Eberswalde in der Mark auf- 
gefundenen Goldgefäße als Hausschatz eines 
Fürsten der Semnonen zu bezeichnen. Mißlich 
ist es auch, mit Dr. Viollier die iu Gräbern 
der Schweiz seit der Mitte des letzten Jahr- 
tausends v. Chr. vertretene Lateuekultur dem 
Stamm der Helvetier zuzuschreiben, obwohl uns 
Caesar berichtet, daß diese Völkerschaft erst 
vor kurzem unter dem Druck der Germanen 
den Rhein zu überschreiten begonnen habe. Wie 
wollen wir wissen, ob dieser Übertritt auch schon 
in so früher Zeit bereits stattgefunden hat und 
ob es überhaupt in jener weiter zurückliegenden 
Zeit schon Helvetier im späteren Sinn gegeben 
hat? Sind etwa die Schweizer um 1000 n.Chr. 
noch Helvetier gewesen ? Ob die erst bei 
Tacitus genannten Semnonen schon 1000 Jahre 
früher da gewohnt haben, wer will das also 
mit Sicherheit behaupten? Und wenn auch 
die Semnonen bereits in jener Zeit in Branden- 
burg ansässig gewesen wären, hätten wir immer 
noch kein Recht, sie als Germauen zu bezeichnen, 
denn wir wissen durchaus nicht, welche Sprache 
damals in der Mark Brandenburg vorherrschend 
war, und ob es um 800 v. Chr. überhaupt 
schon Germanen in dem uns geläufigen sprach- 
lichen Sinn gab. 

Meiner Ansicht nach, die ich. in der oben 
genannten Studie „Indogermanen und Ger- 
manen" entwickelt habe, ist das aber nicht 
mit Sicherheit anzunehmen. Aus sprachlichen 
Gründen, zumal aus dem Phänomen der Laut- 
verschiebung und mit Rücksicht auf den er- 
heblichen Bruchteil nicht indogermanischer Her- 
kunft des germanischeu Wortschatzes habe ich 
an der genannten Stelle ausgeführt, , daß die 
Germanen vor dem Beginn der keltischen Herr- 
schaft über Mitteleuropa von einem indoger- 
inanisierten mitteleuropäischen Volke die indo- 
germanische Mundart übernommen haben, die 
wir als germanisch zu bezeichnen gewohnt sind. 
Die Prägermanen , worunter ich die Germanen 
vor der Übernahme der indogermanischen 
Mundart verstehe , besaßeu eine der ureuro- 
päischen Sprachen, von denen uns keine Reste, 
ja nicht einmal die Kunde von ihrem ein- 
stigen Vorhandensein überliefert ist. Wir 
müssen sie aus ihren Nachwirkungen in der 
germanischen Sprache (Lautverschiebung, Wort- 
schatz, Wortbetonung) erschließen, ebenso wie 
wir eine vorindoffermanisebe Kultur aus den 



Spuren des bei den Germanen (ebenso wie bei 
den Iberern und Basken) nachzuweisenden 
Mutterrechts entnehmen. Die Versuchung liegt 
nahe, das indogermanische Volk, das den Ger- 
manen seine Sprache vermittelte, in den Trägern 
der bis in die heutigen Provinzen Schlesien 
und Posen nachgewiesenen Lausitzer Kultur 
(Illyrier nach Kossinna) zu finden. Indes ver- 
meidet man besser diese noch sehr uusichere 
archäologische Kombination und bescheidet sich 
mit einem vorläufigen noii liquet. An und für 
sich kann die Annahme, daß die Prägermanen 
ihre Sprache gegen eine indogermanische Mund- 
art aufgegeben haben, nicht auffällig erscheinen, 
da wir denselben Hergang des Sprachenwechsels 
auch in historischer Zeit beobachten, wenn die 
hochdeutsche Schriftsprache das Niederdeutsche 
teilweise ganz verdrängt hat und weiterhin zu 
verdrängen den Anschein hat, ebenso wie das 
Friesische dem Plattdeutschen weicht. Wir 
können in der Mark Brandenburg z. B. inner- 
halb eines Zeitraumes von nicht viel mehr als 
1000 Jahren einen mehrfachen Sprachen Wechsel 
feststellen: Germanisch bis etwa 500 n. Chr., 
Slawisch von 500 bis etwa 1300, Niederdeutsch 
von 1400 bis 1600, von da ab überwiegend 
Hochdeutsch. 

Um nun wieder auf den Ausgangspunkt 
zurückzukommen, wie will mau bei einem derart 
schnellen Sprachenwechsel in historischer Zeit 
für eine prähistorische Epoche von nahezu 
1000 Jahren annehmen, daß die Bevölkerung 
stets germanisch geblieben sei, wenn man mit 
Schuchbardt die Semnonen rund 1000 Jahre 
zurück verlegt? Mau sieht, in welche Schwierig- 
keiten man gerät, wenn man archäologische 
Ergebnisse ohne weiteres mit sprachlichen Ver- 
hältnissen einer viel späteren Zeit zu kom- 
binieren versucht. Ist es nicht viel richtiger 
und im Interesse der Wissenschaft förderlicher, 
wenn wir uns damit begnügen, die prähistorischen 
Kulturen in ethnographischer und sprachlicher 
Hinsicht so lange als anonym anzusehen, als 
wir keine historische Kunde von ihren Trägern 
besitzen? Ist dieses Verfahren aber in Mittel- 
und Nordeuropa schon für die Zeit vor der 
Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends 
das richtigere, um wieviel mehr muß es Gel- 
tung haben für jene noch fernere Vorzeit, in 
der das einheitliche indogermanische Stamm- 
volk angesetzt wird. Es muß nach den vor- 
stehenden Ausführungen für eine nach strengen 
Methoden arbeitende Wissenschaft, wie es die 
prähistorische ja auch sein will, als ganz aus- 
sichtslos erscheinen, das Indogermanenproblem 
archäologisch zu erfassen. Was bisher von 



68 



•_mh issen Prähistorikern über das indogermanische 
Stammvolk, über seine körperlichen uud geistigen 
Eigenschaften, über seinen Kulturbesitz und 
seine religiösen .Anschauungen vorgebracht 
worden ist, unterscheidet sieh in nichts von den 
Mythen, mit denen die alten Völker ihren Ur- 
sprung aufzuhellen versuchten. Unsere be- 
hauptete Abstammung von den Ariern kann 
ruhig in eine Linie uestellt werden mit der von 
den römischen Großen im 2. Jahrhundert v.Chr. 



aufgenommenen Fabel von ihrer Herkunft von 
flüchtigen Trojanern. Dieser Mythus hatte merk- 
würdigerweise ein langes Nachleben, da er von 
den Frauken übernommen wurde, die nun ihrer- 
seits ihren Ursprung auf die Trojaner zurück- 
führten. Hoffen wir, daß der Mythus von den 
Ariern, wie er gegenwärtig im Schwange ist, 
bald wieder einer vernünftigeren und wissen- 
schaftlicheren Auffassung von der Vergangen- 
heit der europaischen Völker Platz machen wird. 



Zur Frage der willkürlichen Beeinflussung der kindlichen 

Schädelform. 

Von Prof. A. J. P. v. d. Broek, Utrecht. 



Im 36. Bande dieser Zeitschrift veröffent- 
lichte Walcher einen Aufsatz „über die Ent- 
stehung von Brachy- und Dolichokephalie 
durch willkürliche Beeinflussung des kiudlichen 
Schädels". Ausgehend von der bekannten Tat- 
sache, daß der kindliche Schädel, auch der nor- 
male, deformierbar ist, hat er neugeborene 
Kinder sozusagen in ihrer Lagerung auf dem 
Kopfkissen fixiert und dadurch nicht unerheb- 
liche Veränderungen in der Schädelform er- 
zeugt; Brachykephalie bei Rückenlagerung, bei 
Seitenlageruug dagegen Dolichokephalie. 

Die Resultate sind, nach Walchers Meinung 
auch für die Anthropologie nicht ohne Bedeu- 
tung, denn er kommt zum Schlüsse, daß beim 
Zustandekommen der Kopfform „eine gewisse 
Heredität mitspielt", daß sie „aber in der 
Hauptsache auch in der mit der Zeit erworbenen 
Eigenschaft besteht, lieber auf der Seite oder 
lieber auf dem Rücken zu liegen, oder in der 
Sitte von gewissen Volksstämmen, z.B. der 
schwäbisch - alemannischen Bevölkerung, ihre 
Kinder im weichen Wickelkissen auf den 
Kucken zu legen, oder der Engländer, die 
Seitenlage auf hartem Kopfpolster zu bevor- 
zugen (1. c. S. 44)". Walcher endet seinen 
Aufsatz mit der Bemerkung, „daß ein großes 
weites Feld noch unerforscht vor uns liegt, 
aber ich hoffe damit den ersten Spatenstich 
getan zu haben, und bitte die Kollegen, das 
gleiche Feld auch in Angriff zu nehmen, das, 
neben reichen Früchten auf geburtshilflich- 
pädiatrischem Gebiete, für die Anthropologie 
ungeahnte (manchem vielleicht unwillkommene) 
Ernten verspricht" (1. c. S. 45). 

Der genannte Forscher hat seine Beobach- 
tungen und Experimente fortgesetzt, und zwar 
hauptsächlich an eineiigen Zwillingen und be- 



richtet über seine Ergebnisse nochmals in der 
Münch. med. Woehenschr. (1911). Er faßt 
seine Resultate jetzt positiver und kommt zum 
Ergebnisse „daß der im ersten Lebensjahre 
durch äußere Einflüsse erworbene Index sich 
für das gauze Leben zu erhalten scheint" (1. c. 
S. 136), und daß es wohl kaum anzunehmen ist, 
daß für die Zukunft der Typus des (durch die 
Lagerung deformierten) Schädels sich noch einmal 
so verändern könnte, daß er den Schädeln der 
übrigen Familie gleichkäme; damit wäre aber 
nachgewiesen, daß es unstatthaft ist, von dolicho- 
kephalen und brachykephalen Rassen zusprechen. 
Mögen andere Maße des Schädels Rassenkenn- 
zeichen sein, der Läugenbreitenindex ist es 
nicht!" 

Der Aufforderung Walchers, junge Kinder 
während längerer Zeit zu beobachten, bin ich in 
gewissem Sinne nachgekommen. 

Eine reiche Ernte kann ich zwar nicht 
bieten, jedoch nur ein einziges Hähnchen; und 
dann sogar nur eines, das gewissermaßen frei 
in der Natur aufgewachsen ist uud nicht vom 
Experimentalfelde stammt. Doch kann es viel- 
leicht in Zusammenhang mit der von Walcher 
ventilierten Frage einigen Wert haben. 

Es betrifft nämlich die Beobachtung meiner 
eigenen, jetzt drei Jahre alten, Zwillinge. 

Am 9. Oktober 1913 wurden wir erfreut 
mit der Geburt zweieiiger Zwillinge; ein Junge 
und ein Mädchen. Beide, ä terme geborene, 
normale, obwohl bei der Geburt nicht sehr 
schwere Kinder sind vollständig gesund; sie 
haben, was hervorzuheben ist, keine einzige Er- 
scheinung von Rachitis gehabt. Der Zahn- 
durchbruch begann etwas spät, verlief jedoch 
vollkommen normal; die Kinder standen mit 
10 Monaten und liefen mit 11 Monaten. 



69 



Am zweiteu Geburtstage war die große 
Fontanelle geschlossen. Das Gewicht war mit 
zwei Monaten gleich dem Gewichte normaler 
Kinder und ist es seither geblieben. Von der 
Geburt sei folgendes erwähnt. Das Mädchen 
wurde zuerst geboren in erster Kopflage; der 
Junge eine halbe Stunde später, ebenfalls in 
Kopflage, letzterer eigentlich ohne Geburts- 
mechauismus. 

Das sofort ins Auge springende Merkmal 
war die sehr verschiedene Kopfform. Das 
Mädchen war ausgesprochen brachykephal, der 
Junge dagegen stark dolichokephal. Am zweiten 
Tage bestimmte ich den Kopfindex und fand 
für das Mädchen 82,2, für den Jungen nur 72,4. 

Die Kinder kamen in gleich gestaltete 
Wiegen; die Kopfkissen waren einander gleich. 
Diese waren mit Kapok (Früchteduneu) gefüllt 
und konnten weder als sehr weich, noch als 
hart bezeichnet werden, der Kopf erzeugte im 
Kissen einen deutlichen Eindruck. 

Vom ersten Tage an war es vollkommen 
klar, daß der Junge immer Seitenlage, das 
M'tdehen immer Rückenlage annahm. Anfangs 
war es vielleicht die Schwere des langen ei- 
förmigen Kopfes, welche die Seitenlage verur- 
sachte; später hat er immer selbständig diese 
Lage eingenommen und er tut es auch heute 
noch immer. Dasselbe gilt für die Rückenlage 
des Mädchens. Wiederholt habe ich es ver- 
sucht, eine andere Lage zu erzielen (allerdings 
ohne exzessiv weiche oder harte Kissen), es ist 
mir immer mißlungen. Ich habe sie selbst- 
verständlich tagtäglich beobachtet. Ich denke, 
daß sie zu denjenigen Kindern gehören, von 
denen Walcher sagt, daß sie „eine unbesieg- 
bare Neigung zeigen, auch bei imbequemer 
Unterlage und trotz aller Listen stets den Kopf 
auf die Seite bzw. auf den Hinterkopf zu legen" 
(1. c. S. 135). Von ihren Wiegen bzw. Bettchen 
war ihre Lage wenigstens unabhängig; die 
Seiten der Wiegen waren undurchsichtig; die 
Bettchen dagegen haben Drahtgitterwände. 

Nun war ich, in Zusammenhang mit Wal- 
chers Aufsätzen, sehr neugierig, wie sich die 
Kopfmdices beider Kinder verhalten würden 
und habe ich diese an bestimmten Zeiten auf- 
genommen mit dem folgenden Resultate. 

In einem Alter von vier Monaten bestimmte 
ich den Kopfindex des Jungen auf 71, des 
Mädchens auf 86,3. Hier konnte also bestimmt 
au einen Einfluß der Lagerung auf die Kopf- 
form gedacht werden, die Erscheinung stimmte 
mit den Angaben von Walcher und kam, 
wenigstens für den Jungen, nicht mit den An- 
gaben von Tschepourko vsky überein, nach 



dein der Kopfindex vom ersten Monat an regel- 
mäßig zunimmt. (Großrussen). 

Später jedoch änderte sich das Bild. Ob- 
wohl, wie gesagt, der Junge die seitliche Kopf- 
lage hartnäckig innehielt, stieg der Kopfindex 
nichtsdestoweniger allmählich an. 

Im Alter von einem Jahre ist der Kopfindex 
bei ihm 75 (Länge 148, Breite 112); bei dem 
Mädchen ist er 83 (Länge 143, Breite 119). Es 
ist nicht denkbar, daß diese große Veränderung 
in der Kopfform einzig von der Entwickelung 
der Kaumuskulatur abhänuitr ist, auch die Form 
des Schädels muß sich geändert haben. 

Später hat sich die Kopfform nicht mehr 
so stark geändert, denn jetzt, im Alter von 
drei Jahren ist der Längen -Breiteniudex des 
Kopfes beim Jungen 77,1 (Länge 166, Breite 
128), beim Mädchen beträgt er 82,4 (Länge 
168, Breite 138). 

Zusammenfassend fiuden wir somit: bei einem 
Kiude mit konstanter Seitenlage des Kopfes auf 
einem nicht sehr weichen Kissen nach einer 
geringen Zunahme der Dolichokephalie in den 
ersten Monaten eine allmähliche Zunahme des 
Kopfindexes bis zum dritten Lebensjahre; und 
bei einem brachykephal geborenen Kiude, in 
Rückenlage auf einem ähnlichen Kissen liegend, 
eine allmähliche, obwohl geringere Abnahme 
des Kopfindexes. 

Beide Erscheinungen widersprechen den Er- 
wartungen, welche man auf Grund der Ausein- 
andersetzungen Walchers haben konnte, und 
zeigen, daß das erbliche Moment doch an- 
scheinend eine bedeutendere Rolle spielt, als es 
Walcher sich vorstellt. 

Bei den beschriebenen Kindern war es nicht 
die Lagerung, welche die Kopfform bestimmte, 
sondern die Kopfform, welche anfänglich die 
Lagerung bestimmte, eine Lagerung, welche 
dann später gewohnheitsmäßig oder der Bequem- 
lichkeit halber innegehalten wurde. 

Diese Beobachtung hat mich dann auch zur 
Frage geführt, ob Walcher bei seinen anthro- 
pologischen Auseinandersetzungen nicht Ursache 
und Wirkung verwechselt hat und dadurch zu 
solchen, für die messende Anthropologie so 
„wehmütigen" Auffassungen gekommen ist. 

Erstens muß bemerkt werden, daß Walcher 
nicht das Recht hat zu sagen, „daß der im 
ersten Lebensjahre durch äußere Einflüsse er- 
worbene Index sich für das gauze Leben zu 
erhalten scheint", denn es ist bekannt, daß durch 
das Längenwachstum des Kopfes der Längen- 
Breiteuindex zwischen dem 6. und 20. Lebens- 
jahre bis zu o 1 ., Einheiten abnimmt. Jedoch ab- 
gesehen davon, daß die bedingenden Momente 



70 



für die Form des erwachsenen Kopfes nicht nur 
in den äußeren Einflüssen im ersten Lebensjahre 
Liegen, dringt sich doch unmittelbar die Frage 
auf, ob Völker, bei denen die Köpfe zurDolicho- 
kephalie neigen, eben nicht ihre Kinder auf der 
Seite werden liegen lassen, weil diese Lagerung 
von den Kindern selbständig eingenommen wird. 
Sind die deutschen Wickelkissen und die eng- 
lischen harten Kissen nicht viel eher eine Folge 
der Kopfform als deren Ursache? 

Und was für Kulturvölker womöglich gilt, 
wird in nicht gerinfjerem Maße für die Natur- 



völker, und diese sind im allgemeinen viel 
mein als Rassentypen zu betrachten, Geltung 
haben. Walcher mag recht haben, daß liier 
noch ein großes Gebiet offen liegt, er hat aber 
noch nicht gezeigt, daß man das Recht hat. der 
Dolicho- und Brachykephalie jede anthropolo- 
gische Bedeutung abzusprechen. Hoffentlich 
wird bei künftigen anthropologischen bzw. eth- 
nologischen l'ntersuchimgen auch bei Natur- 
völkern der Kinderlage und der Schädelform 
wahrend des Wachstumes größere Aufmerksam- 
keit geschenkt werden. 



Neue Paläolithfunde in Norddeutschland. 

Von E. Werth. 



Die durch ihre Wechsellagerung mit echten 
Glazialablageruugen für die Urohronologie des 
Menschen hochwichtigen, Paläolithe führenden 
Elster-Pleiße Schotter von Markkle eberg legten 
die Vermutung nahe, daß auch an anderen Stellen 
in den gleichaltrigen, während der vorletzten 
Eiszeit in umfangreichem Konnex miteinander 
uestaudenen „altdiluvialen fluvioglazialen" 
Schottern im Elster-Pleiße- und Muldetal Spuren 
des paläolithisehen Mensehen nachweisbar sein 
würden. Vorläufige daraufhin gerichtete, flüchtige 
Untersuchungen einer gauzen Reihe von Auf- 
schlüssen der fraglichen Schotterstufe ermög- 
lichten in der Tat schon jetzt den Nachweis einer 
weiteren Verbreitung des Menschen in dem 
bezeichneten Gebiete im Vorlande des Eises 
der vorletzten diluvialen Glazialperiode (Riß- 
Eiszeit). Einen schönen Hochschaber (Kiel- 
schaber), wie solche auch in Markkleeberg 
gefunden worden sind, fand ich in der Schotter- 
grube westlich von Cröbern, die uns so klar 
über die Lagerungsverhältnisse des Decklößes zu 
den Schottern und dem Geschiebelehm Aufschluß 
gibt (vgl. E.Werth, Das Diluvium von Leipzig 
und die Paläolithfundstätte von Markkleeberg. 
Zeitschr. d. D. geol. Ges. 67, 26 ff., 1915). Diese 
d 1 - Schotter der Sächsischen geologischen Landes- 
aufnahme sind bis Altenburg aufwärts zu ver- 
folgen, wo ich reichlich Feuersteine führenden 
und daher sicher hierher zu rechnenden Kiesen 
eine Mo u stierspitze entnehmen konnte. Von 
der Gegend von Grimma aus haben die d r 
Schotter des Mulde tales über Otterwisch, Rohr- 
bach usw. eine Verbindung mit denen des 
Pleißetales, ziehen sich andererseits aber auch 
im heutigen Muldetale abwärts bis Würzen 
und weiterhin. Hier, wenig oberhalb Würzen, 
fand ich in den zugehörigen Schotteraufschliissen 



eiue große, roh geschlagene Klinge mit zwei 
sorgfältig retuschierten Schaberkerben (en- 
coche). Schließlich lieferte mir noch der Ge- 
schiebelehm, in den die Markkleeberger Schotter 
nach der Plateauhöhe (östlich) zu übergehen, in 
der Grube hinter der Schule in Markkleeberg eiue 
Spitze vom Typus La Micoque. So weni_ r 
diese paar Funde auch an sich bedeuten mögen, 
so zeigen sie doch, daß der paläolithische Mensch 
der vorletzten Eiszeit auch in Deutschland eine 
viel allgemeinere Verbreitung gehabt hat, als 
bisher angenommen wurde. 

Daß auch während der letzten Eiszeit der 
Mensch bei uns nicht gefehlt hat, glaube ich 
aus einer kleinen Serie von Instrumenten des 
Aurignac -Typus (Blattspitzen, Klinneuschaber, 
Klingenkratzer, Rundschaber und Hochschaber) 
schließen zu dürfen, die ich in der Gemarkung 
Dahlem bei Berlin zum Teil bei Gelegenheit 
größerer Erdarbeiten aufgefunden habe. Es 
handelt sich hier um Geschiebesande und -lehme 
des letzten Inlandeises mit reichlichen nordischen 
Gesteinseinschlüssen, Feuersteinen und vom 
Gletscher geschliffenen und gekritzten Ge- 
schieben, auf dem Grenzgebiete zwischen dem 
östlichen, lehmigen und dem westlichen, sandigen 
Teile der Teltow - Grundmoränenfiäche. Die 
Artefakte befinden sich hier natürlich nicht auf 
primärer Lagerstätte, sondern haben einen mehr 
oder weniger langen Transport im Gletscher- 
schutt durchgemacht . was teilweise auch aus 
der Abrollung der Stücke hervorgeht. Wir 
finden sonst die Instrumente des Aurignacieu 
vornehmlich in dem mit den Gletscherablage- 
rungen der letzten Eiszeit gleichaltrigen (jün- 
geren) Löß. Wir können sie mithin in dem 
vom letzten Eise bedeckt geweseneu Gebiete 
(Norddeutsches Glazialseengebiet) nicht anders 



71 



als im Gletscherschutte selbst begraben erwarten. 
Die Aurignactypen im jüngsten Geschiebeglazial 
Norddeutschlands zeigen aber, daß der Aurignac- 
mensch bei uns gelebt hat, und geben uns die 
Überzeugung, daß systeniatischeNachf orschungen 
nach seinen Kultur- und Knochenresten im jün- 
geren Löß Norddeutschlands, wo er in Sachsen 
z.B. bis 10m Mächtigkeit erreicht, nicht ohne 
Erfolg bleiben werden. 

Das alte Märchen von dem Fehlen des paläo- 
lithischen Mensehen in dem nordeuropäischen 
Inlandeisgebiete dürfte endgültig überwunden 



sein. Und damit dürften- gerade solche Ge- 
biete wie Norddeutschland, wo die Gletscher- 
ablagerungen die einzig mögliche Grundlage 
für die chronologische Fixierung der Kultui- 
und Skelettreste des diluvialen Menschen ge- 
währen, endlich mehr Beachtung erfahren und 
eine bevorzugte Forschungsstätte auf dem wich- 
tigen Gebiete der ältesten Urgeschichte der 
Menschheit werden. Es wäre wünschenswert, 
daß sich dieser Einsicht auch öffentliche Mittel 
und staatliche Stellen nicht länger verschließen 
möchten. 



Hausers Micoquien. 



Von E. Werth. 



La Micoque bei Les Eyzies in der Dor- 
dogne war Hausers erste Ausgrabungsstation 
in Frankreich. Zu ihr ist er im Laufe langer 
Jahre immer wieder zurückgekehrt, weil ihm 
diese Station mit den eigenartigen typologischen 
Verhältnissen ein Rätsel zu bergen schien. Und 
bald erkannte er, daß sich in La Micoque ein 
in der üblichen Typologie des Paläolithikums 
bisher noch nicht vorhandener Formenkreis 
offenbart. Schon 1907 hat Hauser in Köln 
über die merkwürdigen Typen von La Micoque 
Bericht erstattet. In dem heute vorliegenden 
Buche „Über eine neue Chronologie des mitt- 
leren Paläolithikums im Vezeretal, speziell mit 
Bezug auf meine Ausgrabungen auf La Micoque" 
(Leipzig 1916) gelangt er nun auf Grund mehr 
als zehnjähriger Grabungen und Sonderstudien 
zur Aufstellung eines „Micoquien". 

Es ist Hausers großes Verdieust, unbeirrt 
von den landläufigen Vorstellungen über die 
typologische Gliederung des Paläolithikums, aus 
den Ergebnissen der bisher umfangreichsten 
an einer paläolithischen Station geleisteten 
wissenschaftlichen Ausgrabungstätigkeit den 
Schluß gezogen zu haben , zu dem allein ihn 
das in seinem Umfange fast unübersehbare 
Fundmaterial zwang. Die Station von La Mi- 
coque liefert bekanntlich Formen, die an die 
Typen des Acheuleen erinnern neben solchen, 
die denen des Mousterieu oder solchen des 
Aurignacien ähnlich sehen. So wurde das Mico- 
quien bald als Acheuleen, bald als Mousterieu, 
bald als oberes Mousterieu behandelt, je nach- 
dem diese oder jene Stücke als atypisch oder 
„banal" für die Beurteilung des Formenkreises 
außer acht gelassen wurden. Die erstmalige 
volle Berücksichtigung sämtlicher Formen und 
Werkzeugtypen durch Dr. Hauser machte eine 



Einreihung der Gesanitiudustrie von La Mi- 
coque in das Mortilletsche System unmög- 
lich und führte zur Aufstellung des neuen 
Micoquien. 

Der durch Textfiguren, Profile, Pläne und 
prächtige Farbendrucktafeln in hervorragender 
Weise dem Verständnisse näher gerückte Text 
des Werkes bringt im einleitenden Kapitel einen 
Überblick über die Geologie, Paläoklimatologie 
und Paläontologie des Vezcretales, der mit einer 
sehr bemerkenswerten Fauuenliste der archäo- 
logischen Epochen schließt, die für weiter- 
gehende chronologische Parallel isierun gen von 
allergrößter Bedeutung ist. Der nun folgende, 
zehn Seiten umfassende Abschnitt über quartäre 
Siedelungsveihältuisse in der Dordogne ist reich 
an interessanten Ausblicken lind wichtigen An- 
regungen auf einem bisher noch kaum beach- 
teten Forschungsgebiete. Ausführlich werden 
sodann die Geschichte und die Technik der 
Ausgrabungen auf La Micoque behandelt. Die 
aus reicher Erfahrung eingegebene sorgfältige 
Hausersche Ausgrabungsmethode kann als vor- 
bildlich für die Praxis des Diluvialforschers 
gelten. Au ihrer Hand lernen wir in der vor- 
liegenden Studie das komplizierte Profil von 
La Micoque bis in alle Einzelheiten kennen. 

Das bemerkenswerteste Resultat dieser minu- 
ziösen Profilaufnahme ist die Feststellung eines 
absolut homogenen Charakters von Artefakt 
und Fauna durch alle Schichten hindurch. Vor 
allem kommt die Micoquekeilspitze in absolut 
gleicher Formentwickelung in hohen und tiefen 
Horizonten vor. Dies ist für Hauser das 
ausschlaggebende Moment für die neue Chrono- 
logie von La Micoque gewesen. 

Unter den Fossileinschlüssen der über 6 m 
mächtigen Schichtenfolge von La Micoque sind 



72 



durch ihr summarisches Übergewicht vor allein 
die Reste eines Pferdes bemerkenswert. Nach 
Studer gehört das Pferd von La Micoque 
einer großen Form an, die im Durchschnitt die 
Art von Solutre an Schwere übertrifft. Im 
ganzen fand sich bis jetzt in La Micoque 
folgende Fauna: Equus caballus, Bison priscus, 
Elephas antiquus, Cervus elaphus, Ursus spe- 
laeus, Rhinoceros Merckii, Hippopotamus major. 
Es ist also eine auf eine Interglazialperiode 
weisende Tiergemeinschaft. Zur chronologi- 
schen Fixierung der Industrie von La Micoque 
ist jedoch diese Feststellung allein nicht aus- 
reichend. Es bedarf dazu einer Einzelprüfung 
des Kulturinventars. 

„Das Gesamtbild der Industrie von La Mi- 
coque zeigt zweifellos einen merkwürdig ge- 
mischten Charakter." Wir haben da zunächst 
verschiedene Formen von „Faustkeilen" ; vor 
allem die elegant gearbeitete „Micoque -Keil- 
spitze". Es ist aber gleich zu bemerken, daß 
diese Micoquespitze nicht etwa als Leitform für 
das Micoquien gelten kann, denn sie fehlt an 
anderen Micoquienstationen und wird durch 
Faustkeile anderer Formen und Ausführung 
vertreten. Ferner rinden wir in La Micoque 
Disknsformeu, Moustierspitzen, Bohrer, Kratzer, 
Schaber oder Schäler in Rechteck- und Dreieck- 
form, mit konvexer oder konkaver Arbeitskante, 
Kielschaber und eine mannigfache Kleinindustrie. 
Die Feststellung dieses gemischten Werkzeug- 
charakters bei voller archäologischer Einheitlich- 
keit aller Horizonte von La Micoque ist von 
allergrößter Tragweite. Die Tatsache, daß in 
einer einheitlichen paläolithischen Ablagerung 
Instrumente, die au das Acheuleen erinnern, 
mit solchen, die man für sich allein dem 
Mousterien oder gar dem Aurignacien zuweisen 
würde, regellos vergesellschaftet auftreten, ist 
geeignet, das französische, rein typologische 
System des Paläolithikums ernstlich zu er- 
schüttern und endlich den Wunsch nach einer 
gesicherteren chronologischen Grundlage für 



die Diluvialarchäologie laut werden zu lassen. 
Daß selbst gewisse Formen von La Micoque 
von bekannten Forschern für „Archäolithen"' 
oder „Eolithen" gehalten wurden, ist sehr be- 
merkenswert. 

Ilauser fand in La Micoque neben 60 Proz. 
Sondert} pen '25 Proz. aurignacieiiähnliche, 10 Proz. 
nioiisterienälmliche und 5 Proz. acheuleenähuliche 
Stücke. Nach ihm haben bei sämtlichen Instru- 
menten des Micoqueformenkreises die Schneide- 
rlächeu zwei übereinanderliegende Reihen von 
Retuschierungen, wie solche sonst erst aus dem 
Aurignacien bekannt waren. Der in der Be- 
avbeitungsweise hervortretende Aurignac- Cha- 
rakter zahlreicher Instrumente von La Micoque 
führt neben der iuterglazialen Begleitfauua dazu, 
die eigenartige Kultur zwischen das bisherige 
Alt- und Jungpaläolithikum und geologisch in 
die letzte Interglazialperiode einzureihen. Diese 
von Hauser in der beigefügten diluvialchrono- 
logischen Tabelle klar dargelegte Fixierung 
macht seine Ausführungen gegen dieWiegers- 
sche Auffassung des Micoquien als warmes 
Mousterien der letzten Interglazialperiode nicht 
recht verständlich. Der Schwerpunkt zwischen 
den Auffassungen von Wiegers und Häuser 
liegt doch darin , daß ersterer das klassische 
Mousterien der Micoquekultur zeitlich folgen 
läßt, während dasselbe bei Hauser, sich dem 
Acheuleen anschließend, vorhergeht. 

In einer Fußnote am Schluß der markanten 
Arbeit wird kurz einer Reihe von deutscheu 
und schweizerischen Fundstätten gedacht, deren 
Artefakte nach Hauser seinem neuen Micoquien 
zuzuweisen sind. Möge das Buch, dessen ge- 
diegener Inhalt, wie gesagt, unter anderem dem 
französischen Paläolithschema einen schweren 
Stoß versetzt, auch fernerhin zu Forschungen 
über den Eiszeitmenschen in Deutschland an- 
regen, in dem Laude , in dem die eiszeitlichen 
Gletscherablageruugen allein eine sichere chrono- 
logische Fixierung seiner Kultur- und Knochen- 
reste ermöglichen. 



Der Urtypus der Schmalhacke. 

Von Dr. C. Mehlis, Prof. a. D. u. Konservator i. E. 
Mit zwei Abbildungen. 



Unter „Schuhleistenkeil", Lochaxt, 
Schmalhacke, Bodenhacke werden in der 
prähistorischen Archäologie und in der Ethno- 
logie geschliffene, schmale, dicknackige bis dünn- 
nackige Steinhacken verstanden, deren untere 



Laufbahn in gerader oder etwas nach oben, 
vorn und hinten aufgebogener Linie verläuft 
und deren Kamm eine elliptische, nach oben 
ausgebogene Linie aufweist (vgl. Fig. 2: eine 
Schmalhacke aus der nördlichen Vorderpfalz, 



73 



Lauge 13,4 cm, Breite 2,5 cm, Höhe 3,5 cm; 
vgl. Mehlis, Die sogenannten Schuhleistenkeile 
der neolithischen Zeit, im Zentralblatt für An- 
thropologie 1901, 3. Heft, S.-A., S. 3, Nr. 11 u. 
S. 4 bis 5). 

Wie der Verfasser in der eben angeführten 
Spezialuntersuchung, sowie in einer im Jahre 
1888 veröffentlichten Arbeit — „Hacke und Beil 
am Mittelrhein zur Steinzeit", aus „Mitteilungen 
der Polliehia", S.-A., S.5 bis 10 — nachgewiesen 
hat, dienten diese Schmalhacken nicht zur Holz- 
bearbeitung, wie Ingenieur Thomas annahm 
(vgl. Mehlis, Die Schuhleistenkeile, S.-A., S. 1), 
wozu sie wegen der zu stumpfen Angriffsfläche 
nicht geeignet sind (vgl. a. a. O. S. 5), sondern, 
wie jetzt die meisten Archäologen nach dem 
Vorgange des Verfassers annehmen '), zur Be- 
arbeitung des Bodens — als Bodenhacke. Auf 



baues, und zwar auf Lößboden in Verbindung 
zu setzen '). 

Allein diese zweckvollendeten Artefakte 
springen nicht wie Pallas Athene „fix und fertig" 
aus dem Haupte des Kroniden; sie müssen eine 
Vorgeschichte, eine Genesis durchgemacht 
haben, ein Gedanke, dem meines Wissens bisher 
noch niemand näher getreten ist. 

Ein Zufallsfuud, den der Verfasser Ende 
September 1916 zu Neustadt a. d. H. machte, 
führte auf diese Spur. 

Unmittelbar nordwestlich von Neustadt a.d.II. 
liegt in etwa 220m Seehöhe die isolierte Muschel- 
kalkinsel, „Vogelgesang" oder „Vogelsang" ge- 
nannt. Hier fand der Verfasser schon vor einem 
halben Menschenalter aus lagerhaftem Hörn stein 
geschlagene rohe Messerchen und Pfeilspitzen 
auf von unbekanntem Alter 2 ), ferner drei band- 



Fig. 1. 




d r 

Paläolithische Schmalhacke vom „Vogelgesang" bei Neustadt a. d. Hart. 



den Samoainseln diente ein ähnliches Werkzeug 
zu diesem Zwecke (vgl. Mehlis, Der Grabfund 
von Kirchheim a. d. Eck, S. 18 bis 19, mit Ab- 
bildung des Originals, Fig. 1). 

Vergesellschaftet finden sich diese ge- 
schliffenen Bodenhacken nach der in meiner 
„Ligurerf rage" 3 ) gegebenen Übersicht von den 
Höhlen Liguriens an durch die Dauphine, das 
Elsaß, die Pfalz, Rheinhessen bis zum Taunus 
und weiter rheinab mit den Funden der Band- 
keramik. 

Zweifellos sind diese Bodenbearbeitungs- 
werkzeuge mit dem Betriebe eines rohen Hack- 



*) Auch Hermann Hirt und Schötensack 
schließen sich meiner Ansicht an; vgl. Hirt, Die Indo- 
germanen, Bd. 1, S. 350 und Verhandl. der Berl. anthr. 
Gesellsch. 1897, S. 493. 

*) 2. Abteilung, S.-A., S. 28. 



keramische Werkzeuge, das Hinterteil einer 
Schmalhacke, eine Breithacke und einen Meißel. 
Beim Durchschreiten des dortigen „Kübelweges" 
stieß der Verfasser mitten im Wege auf ein 
sonderbares Artefakt (vgl. Fig. 1). Die Farbe 
ist grauweiß. Das Gestein besteht aus festem, 



x ) Den Löß als Bodenart führt wiederholt A. Seh Hz 
au; vgl. Die Sammlungen des hist. Museums zu Heil- 
bronn, S. 23 und sonst mehrfach. 

2 ) Über diese Muschelkalkinsel vgl. Laubmann 
in den Jahresberichten der Polliehia, 25. bis 27. Jahrgang, 
S. 83 bis 84; C. W. von Gümbel: Geologie von Bayern, 
2. Bd., S. 1015 u. 1040. — Die oben erwähnten Horn- 
steinartef akte bildeten insofern ein Stratum, als 
sie in der Nähe der dortigen Hornsteinbank lagen, die 
den höchsten Teil des Kammes am „Vogelgesang" vor 
ihrer Zerstörung — um 1900 — gebildet hat und weiter 
höher eine Reihe von römischen Pfeilspitzen fest- 
gestellt wurde. Der von Neustadt nach Haardt früher 
über die Höhe führende alte Weg ist ein Bömerweg; 
unmittelbar nach Osten stand eine römische Spectila. 

10 



74 



dichtem kristallinischen Muschelkalk, den eine 
weiße Verwitterungsrinde bis auf einige 

verletzte Stellen umzieht und der an manchen 
Len in Hornstein übergeht. 

i je 11,3 ein 

Größte Höhe ...... 4,6 

Breite 3—4,1 „ 

Da nun an der Schneide ein Defekt vorhanden 
ist, so mag die ursprüngliche Länge 12 bis 13cm 
betragen haben. Das Stück ist nicht geschliffen, 
wohl aber sorgfältig behauen, so daß weder 
an der Unterseite, noch an den Seitenflächen 
eine größere Unebenheit störend vortritt. Die 
zur Schneide auf S cm Länge abfallende Vorder- 
Säche verbreitert sich von der hohen „Schulter" 
an bis zu 3 cm nach vorn, während nach rück- 
wärts zum „Haupte" zu nur eine abgerundete 
Kante besteht. Die beiden Seitenwangen fallen 



Erdscholle oder des Gesteines geeignet und 
„gemacht". Das Haupt ist hier — c bis e, ,wie 
dort cbist', abgeschrägt, damit die aus Holz und 
Bast bestehende Bindung 1 ) besseren Halt tindeu 
konnte. 

Was die Dimensionen des Neustadter 
Stückes anbelangt, so stimmen sie in der Länge 
mit den vom Verfasser — Schuhleistenkeile der 
neolithisehen Zeit, S. 3 — untersuchten neoli- 
thischen Schmalhacken Nr. 11, 12, lo, 14 über- 
ein; iu der Breite mit 7, 8, 11, 16, 17; in der 
Höhe mit 9. Die Maße bei der Neustadter Boden- 
hacke korrespondieren also im allgemeinen mit 
denen der neolithisehen Werkzeuge, jedoch ein 
völlig identisches Artefakt ist unter letzteren nicht. 

Auch diese Tatsache bringt mit der Be- 
hauung, der rohen Ausführung zum Ausdruck, 
daß wir in der Neustadter Schmalhacke den 



Fig. 2. 




Neolithische Pchmalhacke aus der Vorderpfalz. 



fast senkrecht nach unten zu ab. Die Laufbahn, 
welche die Basis bildet, ist nach hinten zu auf 
2,5 cm Länge abgeschrägt, nach vorn zu horizontal 
gestaltet, mit Spuren von Abnutzung, die bis f 
reichen. Nahe der Schneide — bei d — sind 
7 scharfe Kerben sichtbar; nach meiner Ansieht 
Spuren der Bearbeitung, die mit einem scharfen, 
piekelartigen „Faustkeil" erfolgt sein muß. Die 
Formgebung war eine bewußte, sonst hätte 
der Lapicida sich wohl „verhauen". Er wußte, 
worum es sich bei dem arte factum instrumentum 
handelte, um ein Werkzeug, das zum Aufreißen 
eines harten und widerspenstigen Urbodcns 
dienen sollte. 

Deshalb entsprechen auch die Umrisse und 
Flächen in technischer Bewertung hier genau 
der neolithisehen Bodenhacke dort. Man 
vergleiche unbefangen Fig. 1 mit Fig. 2, und 
man wird zu demselben Ergebnis gelangen. 

liier wie dort die Arbeitsflächen a bis b und 
a bis c; jene zum Eindrücken in den Boden, die 
an der Stirn — bei c — ihren die Kraft retar- 
dierenden Widerstand und Gegendruck fand, 
diese zum Aufgreifen und zur Entfernung der 



Urtypus der späteren geschliffenen und tech- 
nisch verfeinerten Bodenhacke der Baud- 
keramiker, d. h. der ligurischen Steinzeitbevölke- 
rung der Rhone- und Rheinlandsebaften vor 
uns haben. Als geeiguetste Zeit und bester 
Kulturabschnitt bietet sich für diesen Urtypus 
das Campignyen dar 2 ). 

Daß sowohl am Donuersberg, wie gleich 
unterhalb obiger Fundstelle von Neustadt a. d. 
Hart zwei Camp igny Stationen vorhanden 
sind, hat der Verfasser erst jüngst an dieser 
Stelle 3 ) nachgewiesen. Der obige Befund ver- 
tieft noch diesen primitiven Kulturkreis. 



*) Vgl. das Samoaexemplnr: Grabfund von Kirch- 
heim a. d. Eck, S. 78; hier Holzfassung und Kokosschnur- 
umwickelung. 

2 ) Vgl. Literatur bei Mehlis, Eine neolithische 
Station (Campignyen) vom Donnersberg, 1916, S.-A., 
S. 5; dazu kommt noch A. Schliz, a. a. O., 8.20. Die 
Campigny- Menschen kannten bereits Getreide (Hirse) 
und dessen Verwendung. 

3 ) Vgl. Korrespondenzblatt tl. D. Gesell, f. Anthro- 
pologie, Ethnologie und Urgeschichte 1916, Nr. 7 bis 9; 
Mcsolithische Stationen vom Donnersberg und aus der 
Vorderpfalz. 



75 



Und wenn der Verfasser x ) früher den Nach- 
weis erbrachte, daß die Zone der Band- 
keramik in Mitteleuropa mit der Ausbreitung 
der Ligurer, den Angehörigen der Rasse des 
homo mediterraneus 2 ), vom Rande der Pyrenäen 



J ) Vgl. Die Ligurerfrage, II, S. 28. 

2 ) A. Schulten, Nurnantia I, kam in letzter Zeit 
unabhängig von des Verfassers „Ligurerfrage" zum 
selben Resultat. 



bis zum mons Cetius und der Wien = Vienna, 
zusammenfällt, deren Hauptinstrument für ihren 
rohen Hackbau die Schmalhacke oder Barock, 
genannt der Schuhleistenkeil, war, so liegt der 
Schluß nahe, daß die nachweisbar älteste Aus- 
strahlung dieser Urbevölkerung der Mittelmeer- 
länder, die in der Campigny kult m Oberitaliens, 
Nordfrankreichs, West- und Ndrddeutschlands, 
vorliegt, den Urligurern angehört und somit 
auch der „Urtypus der Schmalhacke". 



Von den Steingeräten 
der Völkerschaften in Sachsen -Thüringen. 



Von Bär thold -Halberstadt. 

Mit 13 Abbildungen. 



Die steinzeitlichen Gefäße mit ihren Ver- 
zierungen sind in vieljährigem Forscheu immer 
feiner unterschieden und in ihrer Verbreitung 
festgestellt, zuletzt von Schumacher „Stand 
und Aufgaben der neolithischen Forschung", 
Bonn 1916, mit der Mahnung, nun auch die 
Werkzeuge mehr zu berücksichtigen. Bisher 
ist auch nur der „Schuhleistenkeil" der süd- 
licheren, das Beil aus Wiedaer Schiefer der 
nördlicheren Völkerschaft und der vielkantige 
Hammer den Leuten mit den Amphoren als 
eigentümlich zuerkannt, nud doch vollendet sich 
in den Waffen und Werkzeugen die durch- 
greifende Verschiedenheit der Kulturen. Es 
wdrd daher allmählich festzustellen sein, was 
ausschließlicher Besitz der einzelnen Völker- 
schaften war, und was sie gemeinsam mit anderen 
gebrauchten. 

Durch ihre Größe und höchst geschmack- 
volle Form zieht in Sachsen - Thüringen eine 
sehr langirestreckte Axt die Blicke auf sich 
(Fig. 2). Es ist eine Axt, denn Schneide und 
Schaftloch haben die gleiche Richtung, während 
bei der Hacke die Richtungen beider sich 
kreuzen. — Aus Spuren der Verschniirung an 
der Axt im Leubiuger Fürstengrabe schloß 
Höfer, daß sie zwischen Wangen durch einen 
Pflock befestigt hackenförmig geschattet war. 
Das würde indes für den ursprünglichen Ge- 
brauch nichts entscheiden, denn in der Bronze- 
zeit war sie offenbar ein Fundstiick; die Meister 
dieser Form hatten wohl schon geraume Zeit 
den eingewanderten Germauen das Land völlig 
überlassen. 

Wie bei den gleichgeformten Meißeln, den 
Schuhleistenkeilen, wird die Schneide von einer 
stark gewölbten und einer ganz flachen Seite 



I gebildet, so daß sie eigenartig gebogen ist. 

I Bei der ersten Beschreibung der Gräber vom 
Hinkelstein (Archiv f. Anthropol. 1868) meinte 
Lindenschmit, die flache Seite sei durch 
stärkeren Gebrauch abgeschliffen. Die Absicht- 
lichkeit der Form wurde bezweifelt, weil die 
Zweckmäßigkeit nicht ersichtlich war. 

Besonders elegant sieht die Axt aus, wenn 
die flache Seite verschmälert ist und damit die 
beiden durchlochten Seiten etwas gewölbt sind. 
In der Regel besteht sie aus Diabas, Diorit 
oder schwarzem Kieselschiefer, also zähem und 
hartem Gestein , das auch schöne Politur an- 

[ nimmt. Sie ist wie der Schuhleistenkeil ein 
Werk der südlicheren Völkerschaft — Krause 
und Schötensack vermerkten ihr Fehlen schon 
in der Altmark — und sie beweist auch den- 
selben starken Sinn für Maß und Form wie 
diese ganze Kultur. Unter 16 Stück der großen 
Form haben 3 eine Länge von 29 cm, 9 die 
Länge von 31 bis 33 cm und 4 andere sind 
schätzungsweise ebensolang. Das ist sicherlich 
nicht Zufall, sondern Absicht, zumal die Schwan- 
kungen von Verkürzung durch Nachschleifen 
kommen können oder davon, daß jeder das Maß 
von sieh selbst nahm, denn es ist, wie Kauff- 
mann bemerkt, die Länge des Oberarms, aber 
auch — und das ist ein bequemeres Maß — 
die innere Länge des Unterarms mit der Faust, 
und es ist das bis zur Annahme des Meters so 
weit verbreitete Maß „der Fuß", 32,5 cm. Die 
größte bekannte Axt in der Sammlung Schröder 
in Hainichen mißt 42 cm, das ist die äußere 
Länge des Unterarms mit dem Daumen bei 
einem Mann von etwa 1,75 xn; die kleinsten 
haben nur reichlich Fingerlänge, so daß die 
größte Axt gerade viermal so lang wie die 



76 



kleinste ist. Ahnlich Fig. 3, denn auch die 
hochgewölbten Meißel steigen in der Länge von 
6 bis 40 cm. 

Diese Äxte zeigen meist keine Gebrauchs- 
spuren, ihre glänzende Glätte ist vortrefflich 
erhalten, nur im Schalt loch sind sie nicht selten 
gebrochen, und dann ist. ein neues Loch gebohrt 
oder doch angefangen. Manche haben frische 
Bruchstellen und Scharten, sie sind von den 
ersten Findern zerschlagen, auch vom Pfluge 




Werkzeuge der südlicheren Völkerschaft mit Spiral-Mäander 
und Stiebband - 1 iefäßen. 

Abgebildet ist jedesmal das größte Stück aus dem Harz- 
gan oder aus Gatersleben im Nachbargau , nur Abb. 2 ist — 
dank freundlicher Mitteilung — von Gügleben, S. -Meiningen ; 
hier eingeschaltet, weil ihre Größe mit Abb. 8 übe] einstimmt 
(42 cm), und 4a weil aus zweifelfreiem Gesamtfunde. 

1. Doppelaxt von Gatersleben Yg. 2. Größte hochgewölbte 
Axt Sammlung Seh r iid er-Hainichen %. zugleich die kleinste 
Axt von Gatersleben in y 2 natürlicher Größe. 3. Hochgewölbter 
Meißel von Gatersleben V B ; in Vs Größe, z.B. S. Franke- 
Rohrsheim. 4. Flachgewölbter Meißel S. Franke %. 4a Faust- 
messer von Wolmirstedt 1 / a . 5. Flachgewölbte Harke von 
Gatersleben i/o. 

beschädigt. Es ist öfter noch zu bemerken, 
daß sie aus dem Gesteiu herausgesägt sind eben 
in der gewollten Länge. 

Die Doppelaxt (Fig. 1) schließt sich eng an, 
ist aber hackenförmig geschattet, das Bohrloch 
gi lit durch die Mitte der gewölbten und der 
flachen Seite; von da an senkt sich die ge- 
wölbte Seite ganz allmählich zur Schneide. Auch 
bei gleicher Größe wie die Axt — 32 cm und 
darüber — ist sie niedriger und schmaler; die 
Wand isl daher schwach und die Schneiden 



sind dünn ausgezogen. An ernstlichen Gebrauch 
ist nicht zu denken, sie muß wohl ein 'Sinnbild 
gewesen sein wie bei anderen Völkern. 

Auch eine der Doppelaxt entsprechende 
ETanimeraxt ist gefunden, aber ganz selten; ein- 
zelne wurden nur geformt, weil eine Schneide 
abgebrochen war. 

Neben den hochgewölbten Formen waren 
auch flachgewölbte Meißel in Gebrauch, die 
ebenfalls eine Länge von 32 cm erreichten 
(Fig. 4) , vielleicht auf das Nachschleifen be- 
rechnet. Die übliche Größe ist rund 15 cm bei 
einer Breite von 6,5 cm an der Schneide; sie 
sind ebenfalls schön geformt und geglättet. 
Viel zahlreicher sind die kleinen, die den Schabern 
aus Feuerstein entsprechen. An einer Fund- 
stelle, der Gatersleber Warte zwischen Halber- 
stadt und Ascherslebeu, sind über 70 gefunden, 
fast der fünfte Teil aller Fundstücke, zusammen 
mit den nicht gewölbten Schabern beinahe die 
Hälfte. 

Einige solcher Breitmeißel sind durchlocht 
und also zu Hacken geformt (Fig. 5). So konnten 
sie gut zur Garteuarbeit dienen, aber für so 
allgemeinen Gebrauch sind sie viel zu selten: 
es wird der hölzerne Grabstock angewendet sein. 

Um lange Schnitte, z. B. in Leder und Stoff, 
zu führen, war, wie die Gräber am Hinkelstein 
zeigten, ein Werkzeug mit gerader, nicht ge- 
wölbter Schneide im Gehrauch (Fig. 4a); doch 
auch mit spitzem Nacken und gerundeter 
Schneide wie die Jadeitbeile. Bei Wolmirstedt, 
Bezirk Magdeburg, war es zweimal mit je zwei 
hochgewölbten Meißeln und einer Axt in der 
Erde geborgen. Mit abgerundeten Kanten paßt 
diese Form vortrefflich in die Faust und be- 
durfte keiner Schaffung ; sie scheint aber auch 
allein von allen Werkzeugen dieser Kultur ge- 
eignet, in Holzkeule eingefügt, als Waffe zu 
dienen — wie Schumacher, Fig. 11 — , doch 
ist sie nicht zahlreich. 

Die vielen Waffen und Werkzeuge der nörd- 
lichen Völkerschaft aus kunstvoll bearbeitetem 
Feuerstein sind längst als ihr eigentümlich er- 
kannt, auch die nicht so weit verbreiteten, 
gleichfalls bewundernswert geformten Äxte und. 
Hammeräxte. Aber südlich von Magdeburg 
nach Thüringen hin werden nur eben noch so 
viel Dolche und Speerspitzen, Doppeläxte, 
Hämmer und Beile gefunden, um die Herkunft 
der Eiuw r anderer zu bezeugen. Die ausgezeichnet 
gearbeitete Hammeraxt (Fig. 7) ist hier wie in 
Jütland in Einzelgräbern gefunden, in Kloster 
Groningen auch wie dort mit schön geschliffenem 
Feuersteinbeil und Fenersteinspan, der in diesem 



77 



Grabe ganz außergewöhnlich groß war, 21,5 cm 
lang. Nur die großen Bernsteinscheiben , im 
Kopenhagener Führer unter Nr. 30, fehlen 
bis jetzt. 

Mitgebracht ist auch die linsenförmige Stein- 
scheibe (Fig. 11), da ihre Heimat durch die 
große Riesenstube auf Sylt und Gräber in Jüt- 
land erwiesen ist. Obschon sie nicht hantig ist, 
scheint sie noch hier augefertigt zu sein, denn 
einige schöne Exemplare bestehen aus schwarzem 
Kieselschiefer, der im Norden nicht vorkommen 
soll. Bisweilen ist die Schneide ringsum stark 
abgenutzt — z. B. in Rossen und dem Grabe 
auf Sylt (Altert, h. Vorzeit 5) — , was mehr 
auf den Gebrauch als Werkzeug denn als Waffe 
deutet. 

In dem neuen Gebiet vereinfachten die 
„Urgermanen" die Gefäße zum Bernburger Stil, 
die kleinen Beile wurden ans Wiedaer Schiefer, 
der im Harz ansteht, gefertigt, die mittleren 
(Fig. 10) behielten die Form des Rechtecks, 
wurden indes in anderem Gestein stärker ge- 
macht. Die großen Äxte bekamen eine ganz 
andere Gestalt; sie siud lang uud schlank, zu- 
weilen gleich hoch und breit (Fig. 8). Wenn 
die Kanten, was oft der Fall ist, abgerundet 
sind, sehen sie den hochgewölbten Äxten so 
ähnlich, daß au eine Beeinflussung zu denken 
ist. Sie sind noch länger und schwerer; die 
oben erwähnte Länge von 42 cm ist hier öfter 
gemessen, bei Wolmirstedt wurden unter einem 
großen Stein drei Stück von 45, 37 und 34 cm 
gefunden und bei Burgscheidungen sogar die 
riesige Größe von 49 cm, die auch die größesten 
nordischen Fenersteinbeile noch überbietet. 

Diese walzenförmige Axt ist nicht so 
vollkommen und nicht so genau nach gleichem 
Muster gearbeitet wie die hochgewölbte; ver- 
tiefte Stelleu siud geblieben, die Stellung des 
Schaftloches schwankt, das Bahnende ist gerade 
abgeschnitten oder gerundet, auch schräg wie 
bei der folgenden Form, doch wird ihre Eigen- 
art dadurch nicht verwischt. Nachschleifen ver- 
kürzte und veränderte insofern, als dann die 
Schneide nicht mehr so allmählich erreicht wird, 
sondern scharf keilförmig ist. 

Eine Axtform von größerer Breite, die rund 
1 3 der Länge beträgt, fällt dadurch auf, daß 
die Breitseiten nur flüchtig geglättet sind, ebenso 
das Bahnende und dieses ist — das kennzeichnet 
die Form — immer schräg. Voß und Stimming 
beschrieben sie schon von Brandenburg und 
bemerkten , daß sie nach Süden verbreitet sei. 
Gleichwohl kann sie nicht den südlicheren Völker- 
schaften zugeschrieben werden , sie weicht zu 
weit von der symmetrischen Gestaltung und 



sorgfältigen Bearbeitung in dieser Kultur ab. 
Es ist zunächst eine natürliche Form, veranlaßt 
durch Geschiebestücke schieferiger Gesteine, 
denen nur eine Schneide uuzuschleifen und ein 
Loch zu bohren war; aber im Gebiet der Bern- 
burger Gefäße erreicht diese Axt eine Länge 
von 34cm bei 7cm Stärke, ist auch öfter all- 
seitig gut geschliffen, so daß sie ein schief- 
seitiges Dreieck darstellt. Es siud sehr wuch- 
tige Keile, die wohl Baumstämme spalten konnten. 





Waffen und Werkzeuge der nördlichen Völkerschaft 

mit Bernburger Gefäßen. 
6." Doppelaxt von Gatersleben V 8 . 7. Hammeraxt von 
Kloster Groningen S. Klamroth und Rhoden am Fallstein V 8 . 
8. Walzenförmige Axt S. Klamroth 1 /g , gleich groß von 
Gatersleben. 9. Schiefdreieckige Axt S. Ahlf eld-Groß- 
Quenstedt Yg. 10. Rechteckiges Beil vom Bocksberg bei 
Derenburg Y 8 . 11. Linsenförmige Scheibe von Nienhagen Y 8 . 
12. Dolch von Rhoden '/ 8 , auch S. Franke. 13. Messer von 
Crottorf V 8 . auch Groningen, Bocksberg, S. Ahlfeld, 
S. Franke. 

Bei dem schrägen Bahnende wirkte der Schlag 
des Holzschlegels auf eine Kaute, nicht auf 
die Mitte, die durch das große Schaftloch ge- 
schwächt ist. 

Ganz neu scheint hier dem Besitzstande ein 
spitzes Steiumesser eingefügt zu sein, wohl als 
Ersatz desFeuersteindolches. Nur wenige Stücke 
von mäßiger Größe sind noch gut erhalten, 
aber in den Siedelungen auf dem Gertling bei 
Groß-Queustedt und dem Bocksberge bei Deren- 
burg haben sorgfältige Sammler Bruchstücke 



78 



in größerer Zahl aufgehoben, deren Rücken bis 
zu 1 cm stark ist, so daß sie den schweren 
Eisenmessern späterer Zeiten gleichkommen. 
Außerdem gehören dem nördlichen Gebiete kurze 
gewichtige Axthämmer an, so hoch und noch 
höher wie breit, gleich geeignet zu Hieb und 
Wurf. Das „Faustmesser", wie sich vielleicht 
bezeichnender als „Keil" sagen läßt (Fig. 4a), 
ist wohl von beiden Völkerschaften gebraucht, 
im nördlichen Kreise nur etwas kräftiger ge- 
formt, ebenso die flachen Schaber, die vier- 
kantigen Meißel und Feuersteinspäne. Nur zu 
diesen und vielleicht auch kleinen Keilen reichte 
der einheimische Feuerstein. 

Der Besitz der Urgermanen war also reich- 
haltiger namentlich an Waffen, die im Nachlaß 
der südlichen Völkerschaft geradezu fehlen. Die 
Lust am Betätigen der Kraft, die sich im Auf- 
bau von Gräbern ans Felsblöcken von mehreren 
hundert Zentnern ausspricht, erweist sich auch 
in der Wucht der Werkzeuge und Waffen. 



Zu diesen beiden Kulturen gesellt sieh be- 
sonders oft in Thüringen noch der kunstvoll 
geschliffene vielkantige Hammer, der mit dem 
kleiuen Feuersteinbeil die Amphoren begleitet. 
Andere Waffen und Werkzeuge dieses Volks- 
stammes sind noch nicht nachgewiesen, auch 
größere Siedelungen ergaben davon nichts 
(Schlesiens Vorzeit 1916), außer dem dortigen 
Serpentinhammer. Doch könnte Grössler ans 
Amphorengräbern bei Burgscheidungen vier 
Steinbeile bekannt machen, die eigenartig genug 
siud, mn sie dieser Kultur als eigentümlich zu- 
zuerkennen. Vierkantig geschliffen sehwellen 
sie auffallend stark von beiden Enden zur Mitte 
an, bei einer Länge von 14 cm und halb so 
breiter Schneide in der Mitte 3,5 cm dick, am 
Bahnende aber nur 1,5 cm, so daß die Seitenflächen 
dem Durchschnitt einer Linse nahekommen. 



Es bleibt bemerkenswert, daß bei diesem 
Volksstamm, dessen Amphoren und Becher meist 
geschmackvoll geformt und verziert sind, dessen 
vielkantiger Hammer ein Meisterwerk ist, wieder- 
holt ungemein dickwandige Schädel mit sehr 
starken Augenbrauenwülsten und fliehender 
Stirn beobachtet sind. In den Mitteilungen aus 
dem Prov.- Museum Halle 1894, S. 18 und 20, 
beschrieb Direktor Schmidt zwei solche Schädel 
aus Hügelgräbern bei Querfurt und v. Wein- 
zierl in den Mitteilungen der Anthropologischen 
Gesellschaft in Wien 1894 aus einem Grabe 
mit Amphora und Becher bei Lobositz einen 
Schädel, der dem vom Neandertal sehr nahe 
kommt. Hierher kann auch das „Urvolkgrab" 
in Mecklenburg mit gleichem Schädel gehören 
(Beltz, S. 108), da Kugelamphoren dort nicht 
fehlen. In den meisten beschriebenen Gräbern 
waren die Gebeine bereits aufgelöst; so ist 
nicht zu beurteilen, wie häufig diese anffalleude 
Schädelform war. 

Die Mischung des Nachlasses zeigt sich recht 
deutlich an der hier schon oft genannten Warte 
hei Gatersleben. Dort wurden von Pastor 
Theune durch 26 Jahre für mich gesammelt 
aus der südlicheren Kultur: 3 Doppeläxte und 
eine kleine Hammeraxt , 7 hochgewölbte Äxte, 
67 hochgewölbte Meißel, darunter 12 von der 
zierlichen Zwergform, 14 Breitmeißel (Fig. 4), 
73 flachgewölbte Schaber, 2 Hacken (Fig. 5); 
von der nördlichen Kultur: 5 walzenförmige 
Äxte, 7 mit schräger Bahn, 12 rechteckige 
Beile (Fig. 10), 3 kleine spitzovale Hammeräxte 
und 6 Hammerbeile zum Anbinden. Wohl beiden 
gemeinsam: 11 Faustmesser (Fig. 4a), 104 flache 
Schaber, 12 vierkantige Meißel; dann noch 
4 vielkantige Hämmer. Auf dem Tie bei 
Gatersleben sind neben Gefäßen und Werk- 
zeugen der südlicheren Kultur 2 Amphoren, 
1 Becher und Feuersteinbeile gefunden. 



Reklamationen und sonstige Mitteilungen 
sind an die Adresse des Herrn Professor Dr. K. Hagen, Hamburg 13, Binderstraße 14, zu senden. 



Ausgegeben am In. Januar 1917 






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GN Deutsche Gesellschaft für 

2 Anthropologie, Ethnologie und 

D485 Urgeschichte 
Jg. 4.6- Korrespondenz-Blatt 

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