(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden. Hrsg. von Eugen Tannebaum"

Digitized by the Internet Archive 

in 2010 witii funding from 

University of Toronto 



littp://www.arcliive.org/details/kriegsbriefedeuOOtann 



KRIEGSBRIEFE 

DEXJTSCHER 

UND 

ÖSTERREICHISCHER 

JUDEN 



Herausgegeben von 

Dr. Eugen Tannenbaum 



NEUER VERLAG, BERLIN 

1915 



D 



Drudi von C. Sdiulze & Coi, Cr. m. b. H., Gräfenhainidien. 



VORWORT. 

Der Brief aus dem Feld ifl Bringer unge= 
zählter Sdiickfale geworden. Mag er audi um 
Wodien und Monate zurückdatiert fein, fo trägt 
er dodi den Stempel des Erlebten, ifl irgendwie 
Ausdruck des grofSen Gefckehens, Gefdiidite in 
anfdiauliciifler Form. Selbfl wenn die Menfdien, 
die jie gefctrieben haben, uns unbekannt find, — 
der Reiz ihrer Sdiilderungen ifl darum nidit ge= 
ringer. Im Gegenteil. Je enger der Kreis ifl, an 
den fich der Schreiber wendet, um fo mehr er= 
greifl das Schidifal, das in Worte geprefSt ifl, 
gerade als Ausdruck des Perfonlidiflen. 

Aus allen Briefen, die die vorHegende Samm= 
lung vereint, fpricht der Geifl des althebräifdien 
Gebetes, in dem der fromme Jude Gott preifl, 
dafS er ihn diefe Zeit habe erleben laffen. Es 
find Zeugniffe von Helden, die in einem heiligen 
Kampf flehen. 

MafSgebend für die Aufnahme war das aus= 
gefprochene Verhältnis des Schreibers zum Juden= 
tum, gleidiviel weldier Riditung er angehört. So 
wurden die ungelenken Zeilen des Kleinfladt Juden 
ebenfowenig verfdimäht wie die Aufzeidinungen 
des Intellektuellen. Der Vertreter des liberalen 
Judentums kam genau fo zu Wort wie der An= 
hänger der überHeferten Lehre. Und neben Äuf5e= 



rungen des Zioniflen flehen die des deutfdien 
Staatsbürgers jüdifdien Glaubens. 

Die hier wiedergegebenen Briefe find zum 
grofSen Teil bisher nodi nidit veröffentlidit und 
wurden, foweit es militörifdie und private Rüdi= 
fiditen zuHefSen, möglidifl ungekürzt zum Äbdruds 
gebradit. Die übrigen find mit gütiger Erlaubnis 
der Verleger folgenden Blättern entnommen: All= 
gemeine Zeitung des Judentums, Dr. Blodis öfler= 
reidiifdie Wodienfdirift, Gemeindeblatt der jü= 
difdien Gemeinde Berlin, Im Deutfdien Reidi, 
Israelit, Israelitifdies Familienblatt, Hamburg, Jü= 
difdie Rundfdiau. Es ift unmöglidi, allen Spen= 
dem von Originalbriefen hier nodi einmal nament= 
lidi zu danken. Befonders zu Dank verpfliditet bin 
idi dem Centralverein deutfdier Staatsbürger jü= 
difdien Glaubens, der Chewras limmud tauroh, 
Köln, der Jüdifdien Turnerfdiaft, Berlin. 

Den im Text wiederkehrenden hebräifdien 
Ausdrücken wurde die in Deutfdiland allgemein 
üblidie Äusfpradie des Hebräifdien zugrunde ge= 
legt, die hebräifdi gefdiriebenen Worte find jedes= 
mal in eckiger Klammer transfkribiert. Eine Er= 
läuterung diefer fowie anderer Ausdrücke aus 
dem jüdifchen Leben findet der Lefer in einem 
alphabetifchen Verzeichnis am SchlufS des Buches. 

Berlin, im April 1915. 

Dr. Eugen Tannenbaum. 



Abfchied. 



ABSCHIED. 

Ein Viehhändler aus einer 
kleinen Stadt Bayerns, Vater 
von flehen Kindern, der am 
3. Äugufl ins Feld gerückt 
ifl, hinterliejJ nadiflehenden 
Brief. 

Meine Lieben! 

Wenn diefes hier meine legten Zeilen fein 
follen, fo lebt wohl, furchtet Gott und haltet feine 
Thora! Meine Kinder empfehle idi dem Allmädi= 
tigen, er möge fie zu Großen in Israel heran= 
ziehen, idi will Radie nehmen für die vielen Morde 
und Martern, die an Juden von unferen Feinden 
begangen wurden. Es haben fidi bei uns adit= 
zehn Juden jreiwillig ins Heer einftellen laffen, 
dabei will audi idi nidit zurückbleiben und meine 
jüdifche Pjüdit erfüllen! Und wolle es dann fein, 
daß wir nicht mehr lebend zurückkommen, fo 
finden wir doch ein ewiges Leben bei dem, der 
über unfer Wohl und Wehe befchließt. Wir nehmen 
Abfchied mit Tränen, aber mit Liebe ziehen wir 
für unfere Frauen und Kinder, um unfere Pflicht 

Kriegsbriefe. X 



Die doppelte Pflidit. 



ZU tun; wie könnte idi audi nachher noch auf= 
recht unter meinen Mitmenfchen herumlaufen, 
oder vor Gott beten, wenn ich zurüdsflehen wollte! 

Ich habe mich mit mir und meinen Ange= 
hörigen beraten, und auf die Stimme meiner 
Mutter, die audi unferem lieben Emil das gleiche 
geraten hat, bin ich gegangen. 

Wenn idi aber lebend meine Lieben wieder= 
fehen darf, fo komme idi ohne Sünden, ohne Makel 
zurück; ich bin die fünf Bücher Mofes durchge= 
gangen, ich habe mich in die Gefchidite von 
Abraham, Mofdie, Jehofchua, Debora, den Richtern 
und den Makkaböern zwei Nächte lang vertiefb, 
und ich kam zu dem Sdiluß, dafi wir unter allen 
Umfländen unfer Vaterland, unfere Familie, un= 
feren Glauben fchü^en muffen. 



DIE DOPPELTE PFLICHT. 

Liebfler Vater! 

Ich befinde mich derzeit in Jaroslau, das heifSt 
in einem Neft, vier Stunden von Jaroslau ent= 
femt. In unferer Brigade find die Deutfchmeifler 
und 84 er, alfo lauter Wiener. In einigen Tagen 
werden wir gegen den Feind marfchieren. Ich 
weifS, Du bifl ein Mann, und ich kann Dir das 
ruhig fchreiben, damit Du GewifSheit hafl. Mein 



Soldatenbewirtung in Galizien. 



Gefdiick liegt je^t in Gottes Hand. Sdiau auf 
die liebe Mutter und tröfle und beruhige fie. Idi 
perfonlidi habe keine Furdit, und unfere Leute 
brennen darauf, die Feuertaufe zu empfangen. 
Idi habe als jüdifdier Offizier die doppelte Pflicht, 
midi mutig und ausdauernd zu erweifen. Idi 
denke Tag und Nadit an Eudi und werde nidit 
aufhören, an Didi zu denken. 

Gott möge mit mir und Eudi allen fein, und 
Du, mein Heber Vater, fei geküfSt von Deinem 
Didi bis zum legten Atemzug liebenden Sohn 

Poldi. 



SOLDATENBEWIRTUNG IN GALIZIEN. 

Kolomea, am 29. Äugufl. 
Teure Eltern! 
Obwohl idi Eudi heute fdion gefdirieben 
habe, fo tue idi das nodi einmal, um Eudi inter= 
effante, edit jüdifdie Taten zu erzählen. Heute 
habe idi vormittag Urlaub gehabt und war in 
der Stadt. Sdion beim Näherkommen zum Ring= 
pla-^ fiel mir das tro^ der Kriegszeiten unge= 
wöhnlidie Treiben auf. Endlidi erbHckte idi in 
der Rudolf|lraf5e, das ifl die Strafte, in der die 
Lokalbahn fährt, eine riefige Menfdienmenge. 
Idi erkundigte midi und erfuhr, dafS die Nadi= 
ridit angelangt war, Militär werde durdi Kolomea 



Soldatenbewirtung in Galizien. 



marfdiieren. Und zwar werde es feinen Weg 
durdi die Rudolfflraße nehmen. Da hättet Ihr 
nun fehen follen, wie die jüdifdien Familien, die 
ja hier das Gros der Bevölkerung bilden, auf 
langen Tifdien alles E|5- und Trinkbare auf die 
Straße gefdiafft hatten, um die durdiziehenden 
Soldaten zu bewirten. Überall (landen Frauen 
und Kinder, in Sonntagskleidern, und fdmitten 
Kudien und Brotflüdse. Inzwifdien fdiafften die 
Männer Fäffer und Krüge voll Waffer heraus. 
Es war ein feltener Anblick, vor einem Haus eine 
Gruppe älterer Juden, ebenfalls im Seidenkaftan, 
mit aufgefdiürzten Hemdärmeln um ein Faj5 
flehen zu fehen. Die einen haditen Eis in kleine 
Stücke und warfen fie ins FafS voll Waffer, die 
anderen fdinitten Zitronen in dünne Scheiben und 
zerkleinerten einige Hüte Zucker. Ein alter, ehr= 
würdiger Jude mit weifiem Bart rührte inzwifchen 
mit einem langen Löffel die erfrifchende Limo= 
nade. Man merkte es den Leuten, lauter beffere 
Gefchäftsleute, an, dafS fie am liebflen ihr ganzes 
Hab und Gut hingegeben hätten, um die er= 
warteten müden Soldaten zu laben. Aus einer 
Gaffe kam eine alte Jüdin mit einer Schüffei voll 
gebratener Äpfel. Auch fie wollte etwas bei= 
tragen. An einem Tifch ging es befonders hoch 
zu. Junge jüdifche Mädchen ffcanden da in ihrer 
feinen Promenadentoilette und machten kleine 
Pakete, in denen je ein Kuchen, zwei Brotfchnitte 



Soldatenbewirtung in Galizien, 



(lauter riefige Kriegsportionen) mit Butter be= 
flridien, zwei faure Gurken, einige Stück Bäckerei 
und zehn Zigaretten fict befanden. Icii fah einen 
Haufen von etwa 500 Paketen, und noch immer 
wurde gepackt und neues Material gebracht. Die 
Sodawafferfabrikanten, durchweg Juden, hatten 
auch das Ihrige getan und grof5e Sodawaffer= 
flationen errichtet. 

Plö^Hch erblickte man von einer anderen 
Richtung, vom Bahnhof her, eine lange Proviant= 
Wagenkolonne, die von Train foldaten eskortiert 
wurde. Sofort lief alles auf die Ankommenden 
zu, und dem voranreitenden Offizier wurde die 
Wahl fchwer unter den verfchiedenen Getränken, 
wie Milch, Wein, Sodawaffer, Limonade ufw., die 
ihm von allen Seiten gereicht wurden. Aber auch 
den Soldaten und mitfahrenden Bauern ging es 
nicht beffer. Ein wahrer Sturmhagel von Obfl, 
Semmeln, Backwerken und Zigaretten ging auf 
fie nieder. Von allen Seiten (treckten Hände 
labende Getränke hin, ja fogar für die Pferde 
fchleppte man Heubündel her. Inzwifchen hatte 
man erfahren, dafS auch mit der Bahn Militär 
angekommen war. Hilfsbereite Leute eUten fo= 
fort dorthin, um Erfrifchungen und Labemittel 
zu bringen. Das währte bis fpät in den Nach= 
mittag hinein. Man dachte gar nicht mehr ans 
Mittagsmahl. Auch Onkel Schmaje hatte eine 
Labefiation errichtet. Er verfügte über eine be= 



6 Die Feuertaufe. 

fondere Spezialität; aus den nädiflen Gaffen 
hatten iiim alle Frauen ihre für Sabbathnadimit= 
tag beftimmten Sauermilditöpfdien abgeliefert 
und erwarteten nun die Soldaten. Leider konnte 
idi den Empfang felbfl mir nidit mehr anfehen, 
weil idi zurüdi ins Spital mufSte. 

Heute find hier aus Kolomea 1800 ruthenifdie 
Pfadfinder abgegangen; vorige Woche polnifdie 
und jüdifdie. In den Gaffen ziehen lauter Frei= 
willige herum und fingen: 

Hurra dilopcy, hurra ha! 

Od Warszawy, do Petersburga! 

Za moskalami marsz, marsz! 

(Hurra, Jungen, hurra, los! 

Auf Warfdiau, dann nadi Petersburg ! 

Auf die Ruffen los, marfch, marfdi!) 



DIE FEUERTAUFE. 

Die bekannte Sdiriftflellerin 
Frau Henriette Fürth, Frank= 
fürt a. M., flellt uns folgenden 
Brief ihres Neffen Walter C. 
aus Köln vom we(üidienKriegs= 
fdiaupla^ zur Verfügung. 

d. 30. 8. 14. 
Meine Lieben! 
Euer füfSes Paket erhielt idi vor vier Tagen 
und Deine Karte, liebe Tante, heute. 



Die Feuertaufe. 7 

Alfo der Siegmund ifl verwundet und G. s. D. 
leidit. Geflern und vorgeflem hatte idi 48 Stunden 
Feuertaufe, wir ftürmten und fdioffen alles zu= 
fammen, was uns in den Weg kam. Nur Bajo= 
nettarbeit, da mufS idi mich nodi flählen zu, denn 
es fiel mir fdiwer, aber er oder idi, alfo er. Brrr. 
Später FreiwilHge vor! Ins Dorf, ob franzofen= 
rein. Mein Leutnant und fedis Mann, drei Juden 
als Freiwillige. Meinem Leutnant, einem feinen 
Kerl, gehe idi nidit von der Seite, alfo mit. Im 
Dorf fdiien alles fort. Mitten auf dem Markt= 
pla^ auf einmal eine Salve. Wir werfen uns 
auf die Erde, zwei fallen tot hin, wir andern 
ins Haus. Idi fdiof^ drei aus dem Fenfler runter, 
zwei im Hof, und drei warfen die Waffen fort. 
Bei mir „Nitfdiewo". Halt, Hände hodi! und 
fdirumm. Wehrmann C. bradite die erflen Ge= 
fangenen zum Regiment. Oberft gab mir die 
Hand. Dann fiel idi um und fdilief 14 Stunden 
in einer Tour, auf offener LandflrafSe. Bin ganz 
gefund, und nun en avant ä Paris. Willfl Du 
etwas aus der Rue de la Paix? Alfo bald er= 
fdieint unfere Verluftlifte. Idi bin nidit dabei. 
Pas encore. Idi depefdiiere nadi Haufe. 

GrufS 

Euer Walter. 



Ein Fahnenfchwur. 



EIN FAHNENSCHWUR. 

Brief des Einj.-Freiwilligem 
Werner H. im Rgt. Nr. 104. 

Kriegslazorett Waulsart (Belgien). 

Heute, nadi fedis Tagen, finde idi erfl den 
Mut, Eudi von dem furditbaren Gefdiehnis zu 
beriditen, das uns alle betroffen hat. Unfer lieber, 
guter Walter ifl fürs Vaterland gefallen. Idi 
glaube, diefe Nadiridit habt Ihr bereits erhalten, 
denn idi fdirieb es vor drei Tagen an Onkel 
Siegfried, und durdi die Kompagnie feid Ihr wohl 
audi benadiriditigt worden. Da bleibt nur der 
eine Trofl, er ifl auf dem Sdiladitfeld geblieben 
und hat getreu bis zur legten Sekunde feinen 
Soldatenberuf ausgefüllt. Wir ahnten ja beide, 
dajS wir die Heimat nidit wiederfehen würden. 
Bei ihm hat es fidi bewahrheitet! 

Lafit Eudi nun vom Hergang des Gefedits 
erzählen. Am Sonntag, den 23. Äugufl, gegen 
Abend wird unferm Bataillon die Aufgabe zuteil, 
das Dorf nördUdi vom Dorf Lenne zu [türmen. 
Sdion tagsüber tobte allerorten der Kampf um 
Dinant. Am Vormittag waren wir über die Maas 
gefegt worden und lagen bis zum Einbrudi der 
Dunkelheit in Referve. Gegen adit Uhr abends 
erhalten wir Befehl zum Vorrücken. Unter furdit= 
barem Artilleriefeuer geht meine Kompagnie 



Ein Fahnenfchwur. 



gegen das Dorf vor, das fdion vollfländig in 
Flammen (teht (denn unfere Artillerie hat gut 
Torgearbeitet), und das (idi blutigrot vom Hori= 
zont abhebt. Als wir hinter einem Gebüfdi fiir 
einige Minuten Deckung fudien, knien Walter 
und idi zufällig neben der Fahne. Da haben 
wir beide denfelben Gedanken. Wir faffen das 
Fahnentuch mit der einen und drücken uns die 
andere Hand und fchwören fo im ftillen noch 
einmal der Fahne und uns felbfl die Treue. 
Schon geht's weiter vor. Sprungweis arbeiten 
wir uns heran. Um uns pfeifen die Flinten= 
kugeln, und in der Luft faufen und planen die 
Schrapnells. Wir bleiben Seite an Seite, (lets 
einer den andern ermutigend, ftets einer auf den 
andern bedacht, daf5 wir uns im Trubel des 
Sturms nicht verlieren. Mit uns (türmen die 
181 er, 139 er, 106 er, 107 er vor. Wir kommen 
dem Feind immer näher, doch dürfen wir felbfl 
nicht fchiefien, denn es find eigene Truppen vor 
uns, und in der Dunkelheit ifl Freund und Feind 
fchwer zu unterfcheiden. Wie wir ungefähr ans 
Dorf herangekommen find, da hat der Feind fich 
fchon zurückgezogen und beginnt einen VorflofS 
von der Flanke. Nun kommt das Kommando: 
Links fchwenkt, marfch! Wir lagen gerade in 
▼oller Deckung und foUten nun in heftigflen Kugel= 
regen hinein. Da überlegte es fich wohl erfl 
mancher. Als wir aber unfere Offiziere fahen, 



10 Ein Fahnenfdiwur. 



da fprangen wir beide auf und rannten vor. 
Fünf Minuten (türmten wir fo mit aufgepflanztem 
Seitengewehr vorwärts; da höre idi Walter midi 
nodi einmal rufen, und während idi antworte, 
trifft ein GefdiofS meinen rediten Unterarm. Es 
war nur ein Streiffdiufi, aber indem idi das 
denke, trifft ein zweites Gefdio|5 den linken Ober= 
fdienkel und reifSt midi zu Boden. 

Am nädiften Nadimittag fdiickt mir die Kom= 
pagnie Brieftafdie und Tagebudi vom lieben 
Walter, mit der Nadiridit, daj5 der gute Bruder 
foeben beerdigt worden fei. Er hatte midi nadi 
der Sdiladit fudien wollen, dabei erreidite ihn 
das tödlidie Blei! Nun hat der Tod mir meinen 
heften Kameraden genommen und uns allen den 
geliebten Bruder. Wir waren beide gern in den 
Kampf gezogen und hatten mit allem geredmet, 
aber das Sdiidifal hat uns getrennt. Tröftet Eudi, 
Ihr Lieben, wir gehören dem Vaterland. Midi 
traf der SdiufS am Oberfdienkel, fo daß idi einen 
fdiweren Brudi davontrug, aber idi befinde midi 
auf dem Weg zur Heilung. Idi kann je^t nidit 
mehr fdireiben, bald hört Ihr mehr. Lebt wohl, 
Ihr lieben Gefdiwifler; und tröflet die liebe 
Mutter. 



Rekrutenleben. 11 



REKRUTENLEBEN. 

Einen leider urlaublofen Sonntag benutze ich 
ausgiebig, um meinen Korrefpondenzverpflidi= 
tungen endlidi einmal nachzukommen, nachdem 
uns Musketieren in den wenigen freien Minuten 
während der Wochentage der Kopf nicht danach 
fleht, lange Briefe zu fchreiben. 

Wenn ich kurz auf die allererfte Zeit meines 
Kafemenhofdafeins zurückgreife, muß ich zunächfl 
die Annehmlichkeiten betonen, in unferer kleinen 
Garnifon aufSer unter den Rekruten auch im Kreis 
der Vorgefe^ten eine beträcfatliche Anzahl von 
Glaubensgenoffen gefunden zu haben, was mir 
das Eingewöhnen in die neuen Verhältniffe etwas 
erleichterte. Allerdings fehlte auch die Schatten= 
Seite nicht, die erftmals in die Erfcheinung trat, 
als einige von uns Neueingetretenen (militärifch: 
„Hammeln") fich mit der Bitte an die in Betracht 
kommende Stelle wandten, fich rituell verköfligen 
zu dürfen. Da wurde uns entgegengehalten, daf5 
die vielen anderen jüdifdien Soldaten ohne Son= 
derwünfdie fich die Kafemenkofl gut fchmecken 
laffen. Und ftellt man diefe lieben Kampf- und 
Glaubensgenoffen darüber zur Rede, dann hört 
man immer diefelbe Begründung : „Im Feld 
werden wir audi effen muffen, was wir kriegen, 
und da ifl es im Intereffe der Kampffähigkeit 



12 Rekrutenleben, 



geraten, fidi heute fdion ans Trefo-Effen zu ge= 
wohnen." Doch genug hiervon. 

Es ijl einem meiner Kameraden gelungen, 
unter den hiefigen jüdifdien Familien, die der 
Nationalität nach zu unferen Verbündeten ge= 
hören, eine in bezug auf Kafdirus durdiaus ver= 
lä|51idie ausfindig zu madien, und es mufS gefagt 
werden, daß die dem jüdifdi-deutfdien Gefdimadt 
durdiaus angepafSte Kodikunfl der Hausfrau und 
deren mütterlidie Beforgnis für unfer Wohl= 
ergehen neben der elterlidien und gefdiwifler= 
lidien Fürforge für unfer leiblidies Wohl viel zur 
Hebung und Erhaltung der Luft und Fähigkeit 
zum Militär dienfl beitragen. 

Dodi nun einiges aus dem eigentlidien Dienfl= 
leben. Morgens in aller Frühe heraus (und das 
lernen felbft die fehr bald, die fonffc fidi vielleidit 
jeden Raufdi Chaudefdi mal morgens zum Sdiulen= 
gehen entfdiloffen haben). Geht's dann hinaus in 
den jungen Morgen, dann laffen die durdi fdiwarzen 
Kaffee genäfSten Soldatenkehlen frohe Weifen 
erfdiallen, die fo mandie Neuigkeit enthalten, wie : 
„. . . Und flerbe idi nodi heute. 
So bin idi morgen tot." 

Da es genügt, fidi diefe Wahrheiten einmal 
zu Gemüt gezogen zu haben, benu^e idi meifl 
die Zeit diefer Morgenfpaziergänge zum Oren, 
während das Tefillin-Legen bei paffender Ge= 
legenheit nadigeholt werden mufS. 



Rekrutenleben. 13 



Das erfle Gebot beim Exerzieren im Glied 
lautet: Nidits reden! Bei Übertretung diefes 
Paragraphen legt fidi die Mannfdiaft x-mal (je 
nadi der Änfidit des betreffenden Vorgefe^ten) 
in den didkften Moraft oder (was befonders wirk= 
fam ifl) in Pfii^en oder Wajfergräben; ein Re= 
zept, das den Herren Rabbinern wärmftens emp= 
fohlen werden kann. 

Nun nodi ein kurzes Wort über die Wand= 
lungen, die der Soldat durdimadit. Zunädifl, 
wenn man den Bürorods mit dem bunten Rock 
vertaufdit, heijSt es bekanntlidi: „Meine Herren, 
Sie find keine Herren, Sie find je^t Soldaten!" 
und das „Ziviliflenpack" ifl geäditet. 

Aber das verdirbt dem deutfdien Soldaten 
die Laune nidit; und waren die Änftrengungen 
im Dienfl audi nodi fo grofi, fo geht's gegen 
Abend dodi mit munterem Gefang zur Kaferne 
zurück. Von den StrafSenpaffanten und von den 
Fenflern herab Zurufen und Winken; an fo 
mandiem Fenfter aber audi vergrämte Ge^diter, 
die erkennen laffen, dafi dort der Krieg fein 
Opfer gefordert hat. Das läfSt midi dann immer 
mit Sdimerz zurückdenken an fo manchen lieben 
jungen Freund, der frohgemut noch vor einer 
kurzen Zeitfpanne Abfchied genommen und der 
von feindlicher Kugel getroffen, in die Welt des 
dauernden Friedens hinübergegangen ifl. Und fol= 
ches Gedenken gibt dann neuen Mut, hinter diefen 



14 Der Pope als Verräter. 

wackeren Kameraden nicht zurückzuflehen, und 
flärkt das Vertrauen zu dem Lenker der Sciilach= 
ten, der das Kampfgefciiick niciit von der über= 
wältigenden Heeresmaciit abhängig fein läßt. 

Geht's dann in einigen Wochen vielleicht 
hinaus aus unferer kleinen Garnifon ins Feld, 
fo freue ich mich heute fchon auf die Konserven 
der „Freien Vereinigung", die mir zu mt^ 
[Schabbos] Küchel oder Äpfelfchalet — ganz wie 
zu Haufe — befcheren werden. 

Hoffentlich habe ich zuvor nochmals Gelegen= 
heit, Sie und Ihre lieben Kleinen zu fprechen. 
Inzwifchen feien Sie fowie alle lieben Freunde — 
insbefondere die Aguda-Jugend — freundfchaft= 
lieh gegrüfit 

von Ihrem 

Baal Milchomo N. 



DER POPE ALS VERRÄTER. 

Aus dem Brief eines Feld- 
webels. 

T., 2. 9. 14. 
Meine Lieben! 
Damit Ihr auch ein Lebenszeichen von mir 
erhaltet, kann ich Euch die freudige Nachricht 
mitteilen, dafS ich vorgeflern gefund von Ru|51and 



Der Pope als Verräter, 15 

zurückkehrte. Idi war drei Wodien in Ru|51and, 
und nadidem wir täglidi kleine Gefedite hatten, 
wurden wir bei Wl. auf der Stredse A. — W. durdi 
einen Popen verraten, und zwar am 27. Augufl. 
Der Kerl liefi plö^lidi die Kirdienglodsen läuten, 
und es dauerte audi nidit lange, da kamen Ko= 
faken, Infanterie und Mafdiinenge wehre auf uns 
zu. Wir waren nur eine kleine Truppe von 
120 Mann, da wir Patrouille waren, und (landen 
nun einer koloffalen Übermadit gegenüber. Wir 
daditen, dafS keiner von uns zurüdtkehren werde, 
oder daji wir in Gefangenfdiaft gerieten. Ge= 
fuhrt wurden wir von einem Feldwebelleutnant, 
und idi war der Zweitältefle. Wir eröffneten 
ein mörderifdies Feuer, und die Kofaken fielen 
wie die FHegen vom Pferde. Nadidem nur nodi 
ein paar Mann von den Kofaken übrig blieben, 
hat der Refl die Fludit ergriffen. Von zwei Kugeln 
der Infanterie getroffen, ift der Feldwebelleutnant 
gefallen, und idi habe das Kommando über= 
nommen. Tro^dem wir alle nur Landwehrmänner 
waren, haben meine Kerls gefdioffen, daj5 es 
eine Freude war. Da idi keinen Angriff mit 
meinen paar Mann madien konnte, fo haben wir 
die ganze Munition verfdioffen, und idi konnte 
wenigflens zu meiner Freude fehen, wie der 
Feind fluditartig den Kampfpla^ verHejS. Eine 
Verfolgung unterliejS idi ebenfalls, da wir zu 
fdiwadi waren. Nadi dem Gefedit mujite idi 



16 Der Pope als Verräter. 

leider die Wahrnehmung madien, dafS mir aujSer 
dem Feldwebelleutnant nodi 27 Leute gefallen 
waren. Wir haben uns die Zeit genommen, die 
armen Menfdien gemeinfam zu begraben und ein 
Stüdi Holz als Denkmal mit Kreideinfdirift zu 
fe^en. Meine Kompagnie hatte uns fdion für ver= 
loren erklärt, und als idi abends um elf Uhr 
wieder anlangte, wurde idi mit Hurra in Ä. emp= 
fangen. Es wurde fofort Protokoll aufgenommen. 
Die Ruffen hatten mindeftens 100 Tote zu= 
rüdig elaffen. Bis auf eine Kugel hatte idi meine 
Munition ebenfalls verfdioffen, aber fobald idi 
gefehen hätte, dafS idi in Gefangenfdiafb gerate, 
hätte idi midi fofort erfdioffen. Sollte idi ge= 
fund den Feldzug beenden, fo bleibt diefe Kugel 
zum ewigen Andenken in meinem Befi^. Idi 
habe fie mir tadellos aufbewahrt. Den Popen 
habe idi gefangengenommen, Erfdiießen wollte 
idi ihn nidit, da die Kugel zu fdiade war. Heute 
wurde er hier erfdioffen. Leider wurden wir 
vorgeflern abgelöfl, dodi tat es mir fehr leid, 
da idi zu gern dort geblieben wäre. Die Bevöl= 
kerung befleht fafl ausfdiliefSlidi aus Polen und 
Juden. Idi muffte audi in polnifdier und hebrä= 
ifdier Sdirift Aufrufe ankleben laffen, dafS fie 
nunmehr deutfdie Untertanen find. Hoffentlidi 
bleiben wir nidit zu lange hier. Tro^dem idi 
grofSe Strapazen und Entbehrungen hatte, fühle 
idi midi frifdi und gefund. Wenn idi audi hin 



Ein entfdüoffener Zugführer. 17 

und wieder etwas Heimweh verfpüre, tröfte idi 

midi immer mit meinen Kameraden, denen es 
ebenfo geht. 



EIN ENTSCHLOSSENER ZUGFÜHRER. 

3. September 1914. 
Es ifl nidit möglidi, zu fdiildern, was ein 
Menfdi im Krieg durdimadien muß und audi durdi= 
madien kann. Nadi Einquartierung in Ä. ging 
es ein paar Tage fpäter per Extrazug nadi K. 
Hier wurde ausgeladen und einquartiert. Nädiflen 
Tag ging es zu Fuj5 an und über den Rhein ins 
ElfafS und von je^t ab die nädiflen adit Tage 
nur mehr auf der StrafSe oder in Sdieunen kam= 
piert, ohne mit dem Feind in Berührung zu 
kommen. Nun ging es immer mehr der franzöri= 
fdien Grenze zu; wir hatten zulegt Alarmquartier 
in St., einer deutfdien, jedodi edit franzöfifdien 
Stadt. Samstag mittag wurde nodi abgekodit, 
während idi die Befehle im Bataillon zu erwarten 
hatte. Auf einmal heijSt es: Sämtlidie Kompag= 
nien bredien fofort auf! Idi eilte zu der meinen 
zurück, weldie fidi bereits im Abmarfdi befand. 
Das Effen für heute, wie fdion oft, verfäumt, zum 
Teil im Stidi gelaffen. Nun ging es in die Vogefen, 
bergauf, bergab, wo fidi die Franzofen verfdianzt 
hatten. Es war nidit mögUdi, die Franzofen in 

Krieg sbriefe. 2 



18 Ein entfdiloffener Zugführer. 

diefen Stellungen, weldie die Natur gefdiaffen 
hat, und die von den Franzofen ausgearbeitet 
wurden, anzugreifen. Dies würde der Verniditung 
ganzer Regimenter gleidikommen. Wie wir nun 
fo dahinmarfdiieren, erhalten wir plö^lidi Granat= 
feuer in heftigfter Weife. Während wir Dedsung 
fuditen, foweit dies möglidi war, ertönte plö^lidi 
Gewehrfeuer, wir find unerwartet angegriffen 
worden und kommt die . . . Kompagnie in die 
erjle Gefeditslinie. Wir muffen nun ohne jede 
Dediung bei diefem Kugelregen zirka 500 Meter 
vorfpringen und kriedien, bis wir endlidi fo weit 
waren, um audi fdiiefSen zu können. Aber weldie 
Stellung hatte unser Zug! Während der Gegner 
gedeckt in feiner Sdianze lag, konnten wir keinen 
Sdiu^ finden und waren feinen Sdiüffen preis= 
gegeben. Was das heifSt, kann idi Eudi nidit 
befdireiben — drei volle Stunden dem ftärkflen 
Feuer ausgefegt, von der einen Seite totfidiere 
Granaten, von der anderen Mafdiinengewehr= 
und Infanteriefeuer, wir ohne jede Artillerie, ohne 
jede Dedsung. Man hörte nur ein Singen und 
Pfeifen um die Ohren von den Kugeln, jede 
Sekunde gewärtig: nun trifft fie didi, nun kommfl 
du daran — ifl nodi ein Entrinnen möglidi? Fafl 
ausgefdiloffen, wir alle fühlten es und braditen 
es zum Ausdruck, dafS wir bei diefer Stellung 
unmöglich entrinnen konnten und nahmen im 
Geifl fdion Abfchied von der Welt. Viel Zeit 



Ein entfdiloffener Zugführer. 19 

hatten wir nidit dazu. Ein Schrei — und nodi 
einer — der redite und linke Mann von mir 
waren getroffen, der eine in die obere Bruflfeite, 
der andere in den Baudi. Das Stöhnen und 
Sdireien um Hilfe war fiirditerlidi. Der eine 
Flügelmann fdirie unaufhörlidi eine Stunde lang, 
und dodi war es ausgefdiloffen, ihm Hilfe zu 
bringen bei dem koloffalen Kugelregen. Tro^dem 
verfuditen ein Kamerad und idi, den Verwundeten 
zu bergen, wir hätten jedodi dies bald mit dem 
Tod bezahlt. Später konnte der Verwundete 
felbjl nodi etwas zurückkriedien, dann flarb er. 
Idi war vom erflen bis zum legten Augenblidi 
fehr kalt geblieben, ohne jede Aufregung. Selbft 
im ärgflen Kugelregen konnte idi mit meinem 
Nadibar nodi der Unterhaltung pflegen und die 
geringen Ausfiditen auf Rettung befpredien. 

Ein Vorteil war uns gegeben: die Franzofen 
fdioffen zu hodi. Plö^Hdi eine Granate zwei 
Meter vor mir in den Boden; alfo, dadite idi, 
je^t geht's dahin — Rettung ausgefdiloffen — 
dodi fie explodierte nidit. Diesmal fiir eine 
Minute gerettet. Wieder Salvenfeuer vom Gegner. 
Die Kugeln ftreifen faft die Ohren, den Kopf, die 
Arme, idi höre nur mehr ihr Pfeifen — bis je^t 
bin idi verfdiont. Wieder eine Granate. Die 
Splitter zerriffen zwei, einer fofort tot, einer ver= 
wundet. Zwei Stunden find vorbei, nodi immer 
diefelbe Heftigkeit. Da kommt die Meldung : „Der 

2* 



20 Begegnung. 

Gegner geht vor!" — wir find verloren; ein Leut= 
nant verwundet, vier Unteroffiziere tot oder ver= 
wundet. Da der Zug ohne Führung war, über= 
nehme idi das Kommando. EndHdi nadi drei= 
ftündigem Kampf war es uns mögUdi geworden, 
den Gegner zum Rüdizug zu zwingen — wir 
waren für diefes Mal gerettet, was keiner mehr 
bei unferer fürditerHdien Stellung für möglidi 
gehalten hätte. Es wurde dunkel, der Nebel kam, 
der Regen flofS in Strömen: fo ftanden wir auf 
dem Gefedatsfeld. Wenn je^t der Gegner nodi= 
mals käme, dann Gnade uns. Wir verfdianzten 
uns nun aus Selbflerhaltungstrieb. Endlidi nadi 
einer weiteren Stunde heifSt es: Die . . . Kompagnie 
wird wegen zu ftarker Verlufte aus dem Gefedit 
zurüdigezogen. Und nun begann ein Marfdi die 
ganze Nadit hindurdi bis zum nädiflen Tag um 
12 Uhr mittags. Durdi mein Auftreten habe idi ge= 
zeigt, dafS es audi Juden gibt, die fidi nidit fiirditen. 



BEGEGNUNG. 

de 
en 

10. Sept. 14. 



Brief des Unteroffiziers d. 
Ref. Eugen Seelig, Mannheim. 



Mein lieber Doktor! 
Idi will Dir ein Erlebnis beriditen: Idi fehe 
zwei junge Soldaten, unverkennbar jüdifdier 



Begegnung. 21 

Typus, die midi betraditen, wie ich fie betradite. 
Idi fdireite auf fie zu; Sporengeklirr, Hackenzu= 
fammenfdilagen; es find zwei Ärtilleriflen, Krieg s= 
freiwillige aus der Fuldaer Gegend; die beiden 
einzigen Söhne eines jüdifdien Landwirts. Sie 
find foeben ganz frifdi von der Garnifon an die 
Front gekommen und überfdiütten mich alten 
Feldzugsfoldaten mit einer Flut teilweife fehr 
naiver Fragen, die ich nach beflem Wiffen zu 
beantworten fuche. Es find prächtige junge 
Menfchen; gut jüdifch. 

Wir find in wenigen Minuten bekannt, und 
ich erzähle und rate ihnen, was idi den jungen 
Leuten, vielleicht kurz vor einer Sdilacht, alles 
mitteilen und anraten kann. 

Dann muß ich weiter; Abfchied, Hadien= 
2ufammenfchlagen und Sporengeklirr, und mit 
einem kräftigen „Schalom" und „Hedad" fchultere 
ich mein Gewehr und bin um die nächfte Straf5en= 
edke verfchwunden. 

Ich glaube, ich habe pfychifch und körperlich 
auf die beiden ganz jungen Leute recht gut ein= 
gewirkt. 

Hedad! 

Dein Eugen Seelig. 



22 „Freiwillige vor!" 



„FREIWILLIGE VOR!" 

Brief des Walter C, Köln 
(vgl. Brief S. 6). 

F., 11. September 1914. 
Liebe Eltern! 
Nachdem wir den feindlidien Vorfloß in drei 
blutigen Gefechten zurüdsgeworfen hatten, rückten 
wir in Gewaltmärfchen, die Tag und Nadit durdi= 
geführt wurden, auf die Maas zu, deren Ufer 
von den Franzofen fehr flark befejHgt waren. 
Hier standen Kemtruppen der Franzofen unter 
General Pau, aufSerdem waren Schiffsg efchü^e 
fdiwerjlen KaHbers dort in Stellung gebracht. 
Drei Tage brüllten auf beiden Seiten die Gefchü^e, 
doch konnte unfere Artillerie keinen durdi= 
fchlag enden Erfolg erzielen, da die Franzofen ein= 
gegraben waren. Sie hatten die Stellung feit 
Monaten vorbereitet. Da ließ unfer General= 
kommando das . . . Armeekorps zwei Tage mar= 
fehleren, bis es an einen Punkt kam, wo die 
Maas einen fcharfen Bogen macht, fafl in die 
feindliche Flanke. Bei Nacht und Nebel baute» 
unfere Pioniere in anderthalb Stunden einePonton= 
brücke. Die Franzofen hatten nichts gemerkt. 
Bei Tagesgrauen rückten wir talaufwärts. Plö^= 
lieh bekamen wir von allen Höhen fürchterliche« 
Artilleriefeuer. Wir konnten in dem engen Keffel 



.Freiwillige vor!" 23 



nidit auseinander. Meiner Kompagnie gelang 
es, in ein Seitental zu kommen, wo wir etwas 
gefdiü^t waren, andere folgten. Von hier jlürmten 
wir immer im fürditerlidiflen Feuer und ohne 
felbfl fdiießen zu können mit den Bajonetten die 
(leile Höhe. So fdiafften wir unferer Artillerie 
Luft, die alsbald den Kampf aufnahm. Gegen 
fünf Uhr nadimittags gingen wir gegen ein Dorf 
vor, das flark befefligt war; wir nahmen es, 
dodi fielen dabei viele, darunter audi R. . Am 
Dorfende fprengte ein Adjutant heran und wollte 
mir einen Befehl geben; da zerrifS eine Granate 
feinen Gaul, der auf midi flürzte. Fafl eine 
Stunde lag idi unter dem Tier, bis man midi 
bewuf5tlos, dodi ohne äufSere oder innere Ver= 
le^ung herauszog. Die Lunge war leidit ge= 
quetfdit, die redite Hüfte verrenkt. 

Als idi midi etwas erholt hatte, ging idi 
wieder ins Gefedit. Abends wurde feflgeflellt, 
dafS wir ein Viertel der Kompagnie verloren 
hatten. Idi glaubte an diefem Tag, Fürditer= 
lidieres könnte es gar nidit geben. Es kam nodi 
fdilimmer. Wir verfolgten den Feind, der ge= 
waltige Unterflü^ung erhalten hatte. Nun begann 
das gewaltige Ringen, das fieben Tage dauerte. 
40000 Franzofen, 30000 Deutfdie. Der fdiHmmfle 
Tag war der 7. d. M., an dem idi das Eifeme 
Kreuz erhielt. Wir lagen fdion den ganzen Tag 
in gräfSlidiem Granatfeuer, ganz hilflos, da unfere 



24 „Freiwillige vor!" 



Artillerie die feindlidie nicht finden konnte. Abends 
um fieben Uhr erhielt mein Hauptmann den Be= 
fehl, eine Patrouille auf eine Bergfpi^e, die von 
Gefdioffen budiftäbHdi überfät war, zu fenden, da 
man von dort die feindlidie Stellung überfehen 
konnte. „Adit Freiwillige vor!" Idi fprang vor 
und fonfb keiner. Der Hauptmann drückte mir 
die Hand. Idi kroch auf allen Vieren vor. Glück= 
lidi kam ich oben an, wurde hier aber entdedit 
und unter ein Feuer genommen, das jeder Bec= 
fchreibung fpottet. Ein Granatfplitter, etwa in 
FauflgröfSe, zertrümmerte meinen Helm, eine 
Schrapnellkugel meinen Torniffcer, eine andere 
meine Hnke Patronentafdie. Unterdeffen hatte 
ich die feindliche Stellung mit Bärenruhe durch 
mein Glas beobachtet und in die Karte eingefe^t. 
Ich krieche zurück zu unferer Artillerie, die fofort 
ihr Feuer dorthin riditet. Nach genau fieben 
Minuten fchweigt die franzöfifche. Ich wieder auf 
die Höhe, alle franzöfifchen Gefchü^e find um= 
geftürzt. Die Mannfchaft ift tot. Da kommt ein 
franzöfifches Bataillon, um ihre Gefchü^e zu retten. 
Auf ein verabredetes Zeichen (weifte Leuchtkugeln, 
die ich hochfchiefie) gibt unfere Artillerie eine 
Salve ab. Über die Hälfte des Bataillons liegt 
tot oder verwundet, die andere flieht Hals über 
Kopf, und an dem Tag fieht man keinen Fran= 
aofen mehr. Am andern Morgen fand man 
dort 300 Tote und Verlebte. 82 waren durdi 



Gerettete Munitionswagen. 25 

Granaten zerriffen. Idi erhielt das Eiferne 
Kreuz. 

Die nächflen Tage waren für uns nodi hart, 
doch heute ift unfer glänzender Sieg entfdiieden. 
Entfe^lidies und Erhabenes gab es in Fülle; die 
ganze Menfdien- und Volksfeele lag offen. Alles 
in allem mufS idi fagen: wir haben herrlidies 
Menfdienmaterial. Dodi audi volle Aditung vor 
den Franzofen, die uns diesmal gegenüber (landen. 
1600 Gefangene hat unfer Regiment allein ge= 
madit. Das fpridit Bände! Von vier Majoren 
^d drei verlebt und ebenfo äufSerft viele Chargen. 
Obwohl idi etwa fünfzehnmal getroffen bin, habe 
idi nur zwei leidite Verlegungen. Möge unfer 
Blut ein herrUdies Reidi fdiaffen, das für immer 
den Frieden garantieren kann. 
Es küßt Eudi 

Euer Walter. 



GERETTETE MUNITIONSWAGEN. 

Brief des Unteroffiziers 
der Artillerie Leo LefSmann, 
Hamburg. 

16. September 1914. 
Meine Heben Alten! 
In fliegender Hafl und Eile ein paar Zeilen. 
Seit dem 6. d. M. befinden wir uns in einer 



26 Gerettete Munitionswagen. 

mörderifchen Sdiladit, in der wir uns nunmehr 
jenfeits der Aisne auf einer Höhe verfdianzt haben, 
die wir lebendig unferen Feinden nidit überlaffen 
werden. Erlaßt es mir, Eudi von diefem Ringen 
heute Einzelheiten zu fdireiben; es i(l zu furdit= 
bor. Meinem Batteriedief, der fidi mir gegen= 
über einmal aufwerte, daß er fidi wundere, daß 
idi als Jude ein fo guter Soldat wäre, habe idi 
endUdi audi den Beweis perfonlidien Mutes geben 
können. Älfo hört: Am 8. d. M. mußten wir 
eine Stellung aufgeben und wegen Pferdemangels 
unfere fedis Munitions wagen auf dem Kampffeld 
laffen. Am nädiften Tage wurde die Batterie 
zufammengerufen, und auf das Kommando „Frei= 
willige vor" trat idi fofort als einziger Unter= 
Offizier vor und erbot midi, die fedis Wagen wie= 
der aus dem feindlidien Gelände zu holen. Von 
den Segenswünfdien meiner Batterie begleitet, 
madite idi midi dann mit zehn erprobten Leuten 
und zwei Befpannungen bei anbrediender Däm= 
merung auf den Weg, verjländigte midi mit un= 
ferem Infanterievorpoflen und pirfdite midi dann 
an die Wagen zuerft einmal allein, auf dem 
Baudi kriediend, heran, um midi von ihrer Trans= 
portfähigkeit zu überzeugen. Dann holte idi 
meine Leute mit den Proben und holte erfl ein= 
mal vier Wagen, bradite die in Sidierheit und 
holte alsdann die übrigen zwei, fowie viele lofe 
Munition, Gefdiü^zubehor und unfere Toten. 



Gerettete Munitionswagen, 27 

Zweimal riefen mich feindlidie Patrouillen an, 
drei SdiujS wurden auf uns abgegeben. Vor dem 
äuf5er(len Sdiütjengraben empfing midi unfer Re= 
gimentskommandeur, gab mir die Hand undfagte: 
„Das haben Sie fehr brav gemadit, Kamerad, 
idi danke Ihnen." — Na, das Märchen von der 
„jüdifchen Feigheit" habe ich wenigftens für un= 
fer Regiment wohl gründlich zerflört. Und wenn 
mir kein anderer Lohn wird, fo ifl mir dies Be= 
wußtfein überreichlich genug. 

Schickt mir bitte redit oft kleine Pakete mit 
Schokolade, fauren Bonbons, Scheibendauerwurfl 
und anderen Nahrungsmitteln. Ihr könnt Euch 
ja gar nicht vorflellen, wie fehr wir folche Sachen 
brauchen. Stellt Euch vor: seit zwölf Tagen 
haben wir tro^ der flürmifchen, regnerifchen 
Nächte kein Zelt mehr über uns und kein Bund 
Stroh mehr unter uns gefehen, fondem flets in 
den Pfü^en und Moräften der Stoppelfelder bi= 
wakiert. Mir geht's, das könnt Ihr mir glauben, 
tro^ allem und allem noch immer ausgezeichnet! 
Ich bin guten Mutes und fehe getrofl in die Zu= 
kunft! 

Es küßt Euch 

Euer Leo. 



28 Verleihung des Eifernen Kreuzes am Neujahrstag. 

VERLEIHUNG DES EISERNEN KREUZES 
AM NEUJAHRSTAG. 

Brief des Gefreiten Fri^ 
Herz, Wiesbaden. 

Vor Reims, 20. 9. 1914. 

Meine Lieben alle! 

Geflern erjl fdirieb ich Eudi, das foll midi 
aber nicht abhalten, Euch heute etwas ErfTeu= 
liches mitzuteilen. Ich erhielt foeben 10^4 Uhr 
vormittags mit noch vier anderen des Bataillons 
das Eiferne Kreuz. Heute, am Neujahrsfefl. Je^t 
follt Ihr aber auch wiffen weshalb: 

Am 21. Augufl hatten wir bei Bertrix in 
Belgien eine grofie Schlacht in einem fechs Kilo= 
meter grofien Wald. Es war fürchterlich. So= 
fort fielen verfchiedene Offiziere. Gegen 5 Uhr 
nachmittags, nach ungeheuren Verluften, gewahrte 
ich mitten im Wald eine feindHche Batterie, die 
heftig feuerte. Da keine Offiziere oder Unter= 
Offiziere zur Stelle waren, fammelte ich ungefähr 
40 — 50 Mann von verfchiedenen Regimentern um 
mich und teilte fie zu einem Zuge zu fiinf Grup- 
pen ein, den ich führte. Es gelang mir tatfäch= 
lieh, die feindHche Batterie mit diefen paar Mann 
zu flürmen. AufSerdem machte ich noch 67 Ge= 
fangene. Es waren dies die erflen eroberten 
feindlichen Gefchü^e der Kompagnie bzw. des 
Regiments. 



Liebesgaben. 29 

Diefe Tat hatte idi deshalb nicht berichtet, 
iveil ich mich nicht mit ihr brüften wollte. So 
aber, nachdem ich dafür das Eiferne Kreuz er= 
halten habe, follt Ihr aucii wiffen warum. Meine 
Freude ifl grofS, befonders da ich es gerade an 
unferem Neujahrsfefl erhalten habe. 

Einliegend fende ich Euch das Eiferne Kreuz, 
damit — nein, i<h. habe es anders überlegt, ich 
trage es. Der liebe Gott wird feine fdiü^ende 
Hand über mich halten, auf dafS ich wieder zu 
Euch, meine Lieben, zurückkomme. Dann will 
ich es aber auch anhaben. Unfer Regiments= 
kommandeur, ein Oberftleutnant (da der Oberft 
Terwundet ifl) hielt eine Anfprache, die fehr ker= 
nig war: es würde in der Gefchichte des Regi= 
ments mein Name noch beflehen, wenn wir alle 
fchon nicht mehr wären ufw. ufw. 

So, je^t habe ich Eucii damit wohl etwas 
Freudiges mitgeteilt und bleibe mit vielen Grü|5en 

Euer Fri^. 



LIEBESGABEN. 

Den 21. September. 
Meine lieben, lieben Eltern! 
Wie meine Gedanken am geftrigen Abend bei 
Euch waren, um Euch meine aufrichtigen Glück= 
und Segenswünfche fiir das neue Jahr zu bringen, 



30 Liebesgaben. 

fo waren wohl die Euren bei mir. Idi weifS nidit, 
wie es mir gegangen wäre, wenn nidit der ret= 
tende Engel in Geftalt des Feldpredigers Herrn 
Dr. Emil L., Charlottenburg — den idi ja von 
Herrn M. her kenne — gekommen wäre und uns 
im kleinen Kreis — zwei Unteroffiziere und ein 
Mann von uns, zwei Unteroffiziere vom Divifions= 
brückentrain — einen, wenn audi nidit religiöfen, 
fo dodi familiären Raufdihafdionoh-Abend ver= 
fdiafft hätte. So ging es aber redit gut. Wir 
haben uns gemütlidi eineinhalb Stunden unter= 
holten, haben natürlidi am meiften vom Krieg 
gefprodien. Herr Dr. L., der erfl am vorher= 
gehenden Sonntag Berlin verlaffen hat, hat uns 
beriditet, wie es zu Haufe fleht. Wir haben uns 
gefreut, da^ zu Haufe alles in Ordnung ifl, daß 
Deutfdilands finanzielle und wirtfdiafllidie Rüflung 
fidi ebenfo glänzend bewährt wie feine militärifdie. 
Und wir find weggegangen, froh und munter, 
und haben wohl audi etwas Gottgefälliges getan; 
denn fonft wäre uns nidit fo leidit ums Herz ge= 
wefen. Idi will nodi fagen, dafS uns Herr Dr. L. 
Liebesgaben in Form einer Kifle Zigarren und 
Sdiokolade verehrte; idi konnte für jeden ein 
Glas guten alten Rotwein aus meiner Feldflafdie 
fpenden, von dem idi geflern ein ganzes FafS für 
meinen Zug in einer Weinhandlung requiriert 
hatte. Überhaupt mödite idi das ausdrüddidi 
fdireiben, ÜberflujS hoben wir an Geld — gonz 



Liebesgaben. 31 

nu^los — Wein, audi Sekt . . . Für alle Eure 
Sendungen danke idi Eudi redit, redit fehr. Be= 
fonders gefreut habe idi midi über die Sendungen 
von Z. und A. Idi bitte Eudi redit fehr, nidit 
auf den Koftenpunkt zu aditen, da idi hier 
zweifellos verhältnismäf5ig viel Geld übrig habe. 
Befi^fland . . . und monatlidie Löhnung . . ., die 
idi midi weiter vergeblidi bemühen werde, aus= 
zugeben. Eine Überhäufung mit Liebesgaben ifl 
gänzlidi ausgefdiloffen, das Teilen mit den Ka= 
meraden ifl felbflverfländlidi. Du, liebe Mutter, 
hafl uns allen eine riefengrof5e Freude mit Deinem 
Kriegsberidit gemadit. Zu bewundern und zu 
verehren find unfere hohen und hödiflen Führer, 
die von ungeheurer Aufopferung erfüllt find und 
fo viel gute Worte nodi für jeden übrig haben, 
daf5 fie felbfl den Sdiwerverwundeten ihr Los 
erleiditern. Es ifl eine Lufl zu kämpfen, wäre 
zuviel gefagt, aber audi der le^te Mann fpürt 
die Gröf5e der Sadie, um die es geht; und wenn 
ein kaiferlidier Prinz felbfl die Trommel zum 
Sturm rührt, wie bei . . ., dann wird audi Über= 
menfddidies geleiftet. Gute Feiertage, leidites 
Faflen! Möge Gott Eure Gebete am heiligflen 
Fefltag erhören! 

E. B. 



32 Stammesgenoffen. 



STÄMMESGENOSSEN. 

G., 23. September 1914. 
Meine Lieben! 
Infolge der Feiertage, die Ihr hoffentlidi an= 
genehm verlebt habt, komme idi erfl heute dazu, 
Eudi wieder zu fdireiben. Idi bin in der Zwifdien= 
zeit wieder einmal ausgewandert, und zwar 40 km 
fiidlidi nadi G. Der Ort ifl natürlidi wie alle 
Orte, wo wir hinkommen, vollkommen durdi 
Landflurm und andere durdiziehende Truppen 
gefdiü^t. Das Glüdi wollte es, daj5 idi gerade 
am Erew Raufdihafdionoh zum erflen Mal an 
einen großen Truppenort komme, in dem fidi 
natürlidi audi Juden befinden muffen. Aber idi 
foUte es fogar nodi bequemer haben; abends um 
V29 Uhr kam idi mit unferer Bagage und einem 
Teil unferes Perfonals im Dunkeln an, und meine 
fdion vorher eingetroffenen Kollegen fuditen ver= 
geblidi nadi einem anfländigen Quartier, alles 
follte fdion belegt fein. Sdion das erfle Haus, 
das idi betrat, fdiien mir das paffendfle zu fein. 
Es war eines der wenigen, die nodi bewohnt 
waren und von den anderen ganz überfehen 
worden find. Drei Landflurmleute hatten bereits 
ein Zimmer belegt, und für midi und zwei meiner 
Kollegen blieb nodi je ein nettes Zimmer. Nadi 
kurzer BegrüfSung des Landfturms flellte es fidi 



Stammesgenoffen. 33 



heraus, da^ zwei Juden find. Ihr könnt Eudi 
denken, wie groß meine Freude war, fo fdinell 
Stammesgenoffen zu finden, die nodi dazu religiös 
waren. Es wurde nun gleidi Bekanntfdiaft ge= 
fdiloffen, die beiden find einfadie, fehr ordentlidie 
Kaufleute aus Sdilüditern. Selbftverfländlidi 
muffte nun an die Bildunc eines Minjan ge= 
fdiritten werden, was der vorgerückten Stunde 
wegen erft am nödifleu Tage gefdiehen konnte. 
Alfo wurde am erften Raufdihafdionohtag mit= 
tags um zwei Uhr unter Teilnahme von zwölf 
Juden (Landflurm, Mannfdiaft, ein Feldwebel, 
zwei Bez.-Infp., zwei Jäger, zwei Dragoner usw.) 
zum erflen Mal Mindiah gebetet, in meinem Quar= 
tier, und die Aufgabe des Chafan fiel mir zu. Ein 
Mann war dabei, der nidit einmal mehr riditig 
lefen konnte und 6 km zu Fufi zu diefem Zwedi 
hergekommen war. Zwei Äwelim konnten Kad= 
difdi fagen, und das Sdiönfle war, dafS einer von 
den z-.ölf fidi bereits das Eiferne Kreuz verdient 
hatte für hervorragende Leiflungen ... Im 
übrigen ifl der Betreffende Gefreiter und fdion 
zweimal dekoriert gewefen. Das Eiferne Kreuz 
erfler Klaffe ift bereits beantragt. Geftern morgen 
und nadimittag wurde natürlidi wieder gebetet, 
foweit es nadi den vorhandenen Sidurim (Madi= 
forim fehlten leider) mögUdi war. Geftern nadi= 
mittag haben wir im Änfdiluß an das Beten einen 
Kaffee an weifS gedeckten Tifdien gegeben, im 

Kriegsbriefe. 3 



34 Stammesgenoffen. 



Wohnzimmer meiner Wirtin. So gut wie es 
geht, feiert man alfo audi hier. 

Sehr gefreut habe idi midi, Soldaten zu fpre= 
dien, die foeben aus dem Often hierher gekommen 
find. Auf diefe Weife erlangte idi audi GewiJ5= 
heit über das, was bei Eudi los i[l und beruhigte 
midb bei der Nadiridit, daß das ganze Gebiet bis 
nadi Rußland hinein vom Landflurm befe-^t ifl. 
Die franzöfifdien Kleinflädte find ganz anders 
als die deutfdien; entweder fieht man Unfauber= 
keit, Unordnung und Armfeligkeit oder Luxus 
und Pomp. Unfer Kafino ift in einem wunder= 
baren SdilofS am Ende der Ortfdiafl untergebradit. 
Wenn man den Park betritt, fo glaubt man fidi 
in eine ganz andere Welt verfemt, fo grofS ifl 
der Unterfdiied zwifdien dem Kot auf den Straften 
und der Sauberkeit des Parkes. Sogar ein Teidi 
mit einem Kahn fehlt nidit, und von dem SdilofS 
geniefSt man einen wunderbaren Blidi auf die 
umliegenden abwedifelungsreidien Berge und 
Täler und den FlufSlauf der Aire. 

Hoffentlidi wird es mir audi möglidi fein, 

den Jaum Kippur einigermaßen würdig zu be= 

gehen. Faflen werde idi felbflverftändlidi. Idi 

wünfdie, daß Eudi allen das Faflen gut bekommen 

möge, und verbleibe mit den innigften Jaum= 

Kippur- Wünfdien an Eudi alle und die lieben 

Verwandten -r, t- j. . ü -i. 

Euer Eudi treuer Fri^. 



Jüdifdies Familienleben in Feindesland. 35 

JÜDISCHES FAMILIENLEBEN IN 
FEINDESLAND. 

SdilofS Bathelmont, 24. 9. 1914. 
Meine lieben Eltern ! 
Die gefandten Zigarren erhielt idi geftem 
mit dem Brief vom lieben Vater. Wir haben 
hier an der Grenze (larke Feldflellungen bezogen, 
um die Entfdieidung und die Armee von Norden 
abzuwarten. Inzwifdien habe idi redit lang= 
weiligen Dienfl, der jedodi durdi das geflern ein= 
getretene Wetter verfdiönt wird. Raufdihafdio= 
noh war idi am erften Abend in Chateau Salins 
aum Effen bei F. L. mit J., den idi mitnahm. Die 
Leute meinten es mit uns redit gut, gaben uns 
ein Bett und waren redit nett. Wir waren 
wieder am jüdifdien Tifdi, maditen Kiddufdi, 
fangen Sdiir Hamalaus, konnten Mefummon ben= 
fdien und waren im Geift zu Haus. Am Mittag 
des erften Tages waren wir mit dem Kameraden 
▼on G. und nodi einem Jehudi bei A. L., einer 
überaus bekoweten Familie, die nodi jüdifdies 
Familienleben kennt. Gott hatte es an diefem 
Tag ganz befonders gut mit uns gemeint, idi 
höbe gebenfdit und fah im Geifl Eudi alle meine 
Lieben um midi fi^en. Und den tiefen Sinn der 
Tefilloh verftand idi fo redit. Es kam mir zu 
BewufStfein, dafS, wo audi Jehudim fidi treffen 



36 Jüdifdies Familienleben in Feindesland. 

uiid zufammen beten, fie gleidi eine Familie bilden, 
audi wenn der eine die Spradie des anderen 
nidit verfteht. Wenn jie zufammen oren, fo geben 
fie einander Antwort und verflehen einander, 
eine Familie find fie auf einmal geworden. Am 
zweiten Tag war idi in Marfal, ungefähr 3 km 
von hier. Wir hörten nämlidi, daf5 dort ein ein= 
zig er Jehudi mit feiner Frau wohnt, der die 
Sdiul mit zwei Seforim und Sdiofar der früheren 
Gemeinde als treuer Hüter eines verlaffenen 
Poftens bewadit. Da fagten wir uns, wir könnten 
dem B. — fo heifSt der 80 Jahre alte, nodi rüflige 
Mann — eine grofSe Freude madien und um 
8 Uhr morgens hatten wir Minjan von lauter 
Soldaten in der kleinen Sdiul beifammen, da ein 
ganzes Regiment dort liegt. J. hat mit fo viel 
„Lew" geort und nadiher Schofar geblafen. Muffaf 
betete ein gewiffer G. vor. Nadi der Synagoge 
hatte die Frau B. Kaffee gekocht und Butter und 
Brot zureditgemadit. Wir konnten dann mit 
Minjan benfdien, und die guten alten Leute 
weinten, hörten fie doch feit langen Jahren wieder 
das erfle Mal benfchen! Wir waren alle fo glü<k= 
lieh. J. hatte fleh vorgenommen, Jaumtauw kofcher 
zu leben, kofcher Fleifcii gab es nicht, da ver= 
abredeten wir, jeder foll geben was er hat, um 
auch kofcher zu leben. Ich gab die zulegt ge= 
fandte Wurft, J. audi, G. gab Rauchfleifch, die 
übrigen Schokolade. Idi kochte, lekowet Jaum= 



Raufdihafdionoh in der Sdiladit. 37 

tauw, meine Spezialität, die idi im Feldzug lernte: 
Kartoffeln und Äpfel. Es fdimedite ausgezeidinet, 
und wir hatten ein Diner wie feiten eines, dann 
Wafferfdiokolade und dazu Simdioh, Menudioh, 
Erzählungen von zu Haufe. Der alte B. bradite 
uns noch alten Rotwein, von weldiem er 20Flafdien 
gut verfleckt hatte. Idi wiederhole, fo fchön hatte 
ich mir den Jaumtauw im Krieg nicht vorgeflellt. 
Auch ein Leutnant der Referve Dr. K. war mit 
uns zufammen. Die Franzofen find wenig unter= 
nehmung sluflig und bleiben inihren Verfchanzungen 
und treiben die Patrouillen vor. Die Pofl mufi 
fort; feid herzlich geküfSt. 

Euer K. 



RAUSCHHASCHONOH IN DER 
SCHLACHT. 

L., Zaum Gedaljoh 1914. 
Meine Lieben! 
Euren Raufchhafchonohbrief habe idi heute 
erhalten und nu^e die kurze MufSefhinde aus. 
Euch einmal ausführlich zu fchreiben. Als Ihr 
om erflen Raufhhafdionohtag das „Unssane 
taukef" gebetet, hörte idi mit den taufend anderen 
Kameraden deutlich genug die Schickfalsfrage : 
„Wer wird leben und wer wird fterben?" Wir 



38 Raufdihafdionoh in der Sdiladit. 

waren mitten im heij5en Gefedbt, und dafS idi 
nodi lebe, verdanke idi Ihm und wohl audi den 
Gebeten, die Ihr für Euren Sohn in diefer Stunde 
zu Ihm emporgefandt habt. Wir erhielten Auf= 
trag, das Dorf C. zu (türmen, fahen uns aber 
auf dem Wege an einem hohen Waldberg einer 
flarken Franzofenbefa^ung gegenüber, die uns 
mit einem mörderifdien Feuer begrüßte. Es blieb 
uns nidits anderes übrig als Dediung zu fudien, 
und wir bUeben von morgens ^l^ll bis mittags 
6 Uhr in atemlofer Stille auf dem Boden liegen. 
Das war ein langes Kaurimfallen. Und feierlidi 
war es, wie wohl kaum in einem Gebethaus der 
Welt! Da lag jeder ftill und gottergeben und 
harrte feines Sdiidsfals, das in Blei und Eifen zu 
uns herüberdröhnte; fo mandier fland nidit mehr 
auf. Um 6 Uhr — Ihr dürftet um diefe Zeit am 
Main das TafdiHdi verriditet haben — ging es 
dann zum Sturm den Berg hinan, der im didi= 
teften Kugelregen gegen V28 Uhr genommen war. 
Unfere Verlufle waren, da wir mit der Tapfer= 
keit grofSe Vorfidit verbanden und durdi die 
Dunkelheit gefdiü^t waren, G. f D. nidit fehr 
groji. Die feierlidie Stille, die bei einer foldieo 
unfreiwilligen Waldraft in Erwartung des Todes 
herrfdit, könnt Ihr Eudi nidit vorflellen. Das 
Dorf felbfl wurde um Mitternadit von einem 
anderen Truppenteil genommen, wobei die Fran= 
zofen kopflos die Fludit ergriffen. 



Raufdihafdionoh in der Sdiladit. 39 

Ihr dürft, meine Lieben, darum nidit fo fahr 
beunruhigt fein. Es geht nidit alle Tage fo heifS 
und ftürmifdi her. Es gibt audi fdiöne Tage, an 
denen man, wie heute, Ruhe und Muße findet, 
fidi mit feinen Lieben daheim fdiriflUdi ous= 
zufpredien. Wenn man einmal in adit oder vierzehn 
Tagen ins Gefedit kommt, fo ift das nidit fdilimm, 
dafür ifl man ja im Krieg, und man hat dodi 
das erhebende BewufStfein, dem Vaterland in 
feinem Kampf für die geredite Sadie gedient zu 
haben. Idi habe das fefle Vertrauen, dafS midi 
Gott befdiü^en und heil durdi alle Gefahren 
bringen wird. Sollte es aber im Rat Gottes 
anders befdiieden fein, dann: Mit Gott für König 
und Vaterland! 

Am zweiten Raufdihafdionohtag hatten wir 
auf dem Waldberg kleinere Geplänkel, die uns 
im Vergleidi zu den riditigen Gefediten von 
geflern fafl lädierlidi erfdiienen. Heute aber 
wurden wir durdi andere Truppen abgelöfl, und 
es fieht fo aus, als beliebten die Herren Fran= 
zofen, uns heute ein bijSdien Ruhe zu gönnen. 

Die Paketdien von Herrn L habe idi erhalten 

und midi mit deren Inhalt fehr gefreut. Sdiidit 

mir wieder etwas Tabak und nodi zwei Tafeln 

von der Kofdierfdiokolade. Es find Dinge, die 

im Feld nidit hodi genug einzufdiä^en find. 

Es grüf^t Eudi herzlidi „ nr 

^ ' Euer M. 



40 In einer jüdifdien Stadt. 

IN EINER JUDISCHEN STADT. 

Aus einem Brief des Einj. 
Unteroffiziers imTelegr.=Ba- 
taülon I, Kurt Levy. 

Olkusz. 25. 9. 1914. 
— — Raufdihafdionoh war ich in Bendzin, 
einer ausgefprochenen Judenftadt. Wir Juden 
(vier Unteroffiziere) liefSen uns abends beurlauben 
und gingen in den Tempel. Sehr intereffant, mein 
einziger Eindruck! Sonfl war ich erflaunt, wie 
fehr mir noch alle Gebräuche geläufig find. Nach= 
dem die Synag'^'^e aus war, wurden wir von Un= 
zähligen aufgefordert, mit zum Äbendeffen zu 
kommen. C. und ich wollten unbedingt zufammen 
bleiben und hatten uns auch bald mit Kenner= 
bück für den Richtigen entfchieden. Wir wurden 
glänzend bewirtet, zum erflen Mal nach langer 
Zeit vernünftiges Effen, ganz polnifch zubereitet, 
doch gut und fchmackhafl. Wir waren ganz ri= 
tuell, benfchten und orten, dafS es eine Freude 
war! C. kann nicht hebräifch lefen und hatte 
keinen Dunfl! Ich habe die ganze Situation wieder 
einmal gerettet. Es waren fehr reiche Leute mit 
einem Haus voll Kindern, unzählbar, in jeder 
Ecke ein paar. Zum nächflen Tag follten wir 
zum Mittag effen kommen, hatten jedoch keine 
Zeit. Dafür gingen wir abends wieder hin und 
haben wieder ebenfogut gegeffen wie tags zu= 



In einer jüdifdien Stadt. 41 

▼or (fünf bis fedis Gänge); die Leute leben fehr 
gut hier! ... In Bendzin wohnen 15000 Fa= 
milien Juden, 3000 Familien Polen. Da die Juden 
alle deutfdifpredien, audi zum gröfSten Teil fauberer 
find als die Polen, haben fie es fehr gut. Da das 
Gefdiäflsleben ganz in ihren Händen Hegt, madien 
fie glänzende Gefdiäfte. Hier bekommt man nodi 
olle Lebensmittel zu kaufen. Sonft wäre es mir 
hier hödifl unappetitHdi, je-^t fühle ich midi in 
ein Sdilaraffenland verfemt. Man denke, es gibt 
frifdie Badiware, fogar Kudien! Ich habe in dem 
Cafe, in dem idi ihn afS, allerdings einen Jungen 
beobaditet (ftinf bis fedis Jahre), der fidi Läufe 
fing "nd fie kaltlädielnd tötete. Die Zuflände 
find ja bekannt; tro^dem ifl man erflaunt, und 
es fdieint einem unglaubhaft, wenn man fie mit 
eignen Augen wahrnimmt. Man hat erfl den 
handgreifÜdien Beweis dafür, was es heifSt, in 
der Kultur um einige Jahrhunderte zurück zu 
fein. Deutfdiland, Deutfchland über alle: ! Man 
bekommt einen Begriff, in welcher Knechtfchaft 
die Juden hier leben, obwohl Handel und Geld in 
ihren Händen ifl. Auch hier ifl faft alles jüdifch. 
Wir haben mit koloffc^en Schwierigkeiten zu 
kämpfen, da die Straften fich in einem unglaub= 
lidien Zufland befinden. Tiefe Löcher, fchweine= 
mdf^ig. Wir trafen hier die erflen öflerreicher 
auf ruffifchem Boden. 

Auf5er Deinem Paket von Sonntag habe ich 



42 Aus Serbien. 

fehr lange keinen Brief von Dir gehabt. Ha(l Du 
meine Briefe von der Fahrt bekommen? Hoffent=^ 
Hdi geht es Dir gut. 

Leb wohl! 

Dein K. 



AUS SERBIEN. 

Brief des Leutnants d. Ref. Alfred 
Kraus. „Er flarb den Heldentod in 
einem Gefedite in Bosnien am 20. Ok= 
tober. Mir ward die traurige Pflidit, 
ihn in fein Grab zu betten, das Ant= 
li^ gegen Erez Israel. So ifl we= 
nigflens fein le^ter Wunfdi erfüllt 
worden." (Aus einem Beridit des 
im nadiflehenden Brief erwähnten 
Weißkopf). 

Serbien, 25. 9. 14. 
Lieber Robert! 
Vorgeflem nadits bekam ich Deinen Brief, 
lag fchon mit meinem Diener im triefenden Zelt, 
„denn der Regen, er regnet jeglidien Tag, hopp= 
heifa, bei Regen und Wind" (unfer Motto hier), 
habe tro^ Verbotes unter der Decke Kerze an= 
gezündet; Beweis genug, wie fehr midi Dein Brief 
erfreut hat! WeifSt Du, idi fehe audi daran, da^ 
diefer Krieg, unfafibar nodi in Dimenfionen und 
Weiterwirkung, das eine Große, Sdiöne uns, der 



Aus Serbien. 43 

Jugend aller Nationen, uns Juden in erfler Linie 
gebradit hat, daß wir wieder den Sinn von acti- 
vitas erfaffen und, was lebendiges Erleben ifl. 
Glaub mir, tro^ aller Mühfal und Widerwärtig = 
keiten habe idi oft gerufen: es ift eine Luft, zu 
leben! Cum grano salis natürlidi, denn wenn 
man gefdilagene adit Tage in einem Urwald 
liegt, Tag und Nadit Regen, Nebel, Sturm, Alarme, 
Angriffe ufw. hat, und dazu eine fehr wenig 
poetifdie Krankheit, dann ifl's fafl anders. Und 
wirklidi: feit vier Tagen kam kein Waffer auf 
meine Hände als Regenwaffer — wie fern find 
die Tage, wo idi Eau de Cologne kannte, — feit 
vierzehn Tagen kein Kamm als der fünfzähnige 
in mein Haupthaar, feit fedis bis adit Tagen kein 
Bett gefehen und wie oft audi kein Zelt; wie 
Heu oder Stroh ausfieht, wiffen wir nur nodi 
vom Hörenfagen, und der Dre(i:; kniehodi kann 
man waten in diefer verdammten Etappenlinie, 
die unfer Bataillon je^t fdiarf mitbewadit. Idi 
war leider nodi bei keiner ernflUdien Affäre, da 
idi feit dem Einmarfdi in Serbien verdammt war, 
als Kommandant der Trainbedeckung zu walten, 
verantwortungs- und mühevoll, aber ohne Aus= 
fidit auf Maria-Therefia-Orden. Gewehr- und 
Sdirapnellkugeln habe idi fdion genug neben und 
über mir fingen hören, aber das hat midi von 
allem Anfang an kalt gelaffen. Hoffe nodi immer, 
midb in der männermordenden Feldfdiladit mit 



44 Aus Serbien. 

Ruhm bedecken zu können (Rum — apropos — 
wäre audi nicht fdilecht!). Habe auf unferen 
Wanderungen — waren zuerfl Korpsreferve — 
viel an Land und Leuten gefehen, mich gut ge= 
halten, tro^ zahlreichen Anfällen: man weijS nicht, 
was ärger ifl, die wahnfinnige Hi^e oder der 
verfluchte Dauerregen, beides fcheinbar gleich 
landesüblich. Alfo, mein Junge, fei getrofl, Dein 
Kafernenleben wäre fii^ uns ideal. Dir und Hans 
Kohn und einigen Buna, sbrüdem wird das Sol= 
datenleben zum Heile werden: eine neue Bar- 
kochbanerraffe fehe ich heraufflammen! Prächtig, 
dafJ 45 Bundesbrüder eingerückt find! Die zwei 
Ingenieure hoffe ich perfonlich befreien zu können. 
Was macht Hugo Bergmann, Dr. Koref, mein 
Vetter Kraus, Benifch e tutti quanti? DafS ich 
nicht gegen RufSland kämpfen kann! 

Organifiert Auskunflsflelle für Bundesbrüder; 
fich in Verbindung fe^en mit den betreffenden 
Stellen im Krieg sminiflerium; rege an eine 
KriegserinnerungsfHflung für Studium in Erez 
Israel; zeichne 100 Kronen! Bitte lege für mich 
aus 7 Kronen für einen Ölbaum auf den Namen 
Wolfffohn fei. Eine redite Tragik an diefem 
Mann: kämpfend erfl im Schatten eines Titanen, 
dann fterbend im Sdiatten eines Weltkrieges, 
und war doch ein treuer Diener am Licht. 

26. 9. 9 Uhr abends. Es regnet unent- 
wegt weiter. Meine le^te Wäfdie fault fchon. 



Aus Serbien. 45 

wie idi bald, wenn es fo weitergeh.:. Geflern 
abend kam Deine Karte vom 16. und beiliegend 
Zahlungsauftrag auf eine Krone. Die Herren 
Bürokraten reiten halt den Amtsfdiimmel gar 
vortrefflidi ! Bitte lege die eine Krone audi aus, 
ebenfo fieben Kronen, ein Ölbaum: Leutnant d. 
Ref. Alfred Kraus grüfSt alle feine Bundesbrüder 
herzlidi vom Felde a. N. Barkodiba, derfelbe 
grü|5t innigfl feine Mutter, Franziska Lu^er, 
Hamburg (auf deren Namen), alle drei im Bar= 
kodibahain; bitte dringend um einige Nummern 
der „Welt", „Selbflwehr" und um Nadiridit über 
unferen Makkabi-Mäddienklub. Hoffentlidi be= 
tätigen fie fidi im rediten Geifle, d. h. zeitgemäfS, 
das kann unb nü^en für die Neugeflaltung. Ifl 
das Vereinsleben allgemein aufrediterhalten? In 
Sarajewo war der jüdifdie Nationalverein — herr= 
lidies Heim! — In Foca habe idi mit Robert 
Weij5kopf (von der Hatikwah, Budweis) fefl 
Büdifen gefuttert; lauter Zioniflen dort! 

Könnte man nidit eine Bezalel-Äusftellung 
zugunften der Kriegsfürforge madien? (via Kon= 
flantinopel, Rumänien). Was madit unfere Leitung ? 
Verfludit fchwer hat fie's je^t. Sdiaut, dafS Ihr 
fertig werdet mit der Rekrutenausbildung, 1813 
war man früher fertig ! Die zioniflifdien Mäddien 
füllen Krankenpflege lernen! (idi fage es immer!) 
Die Zioniflen Öflerreidis mit den Logen zufammen 
ein Refervefpital erriditen! Ifl's wahr, was man 



46 „Do is er, der Jid . . ." 

von der Verbrüderung in Prag hört, adb wäre 
es dodi wahr und fpontan, ewig leuditend müßte 
es fein! (Drei Schularbeiten fchlügeidi heraus) . . . 
Geflern nachts nur eine Kopfdusche bekommen 
in meiner Laubhütte, dafür zum erflen Mal beim 
Alarm. Zündhölzchen, Zigaretten und ein Schluck 
Rum find gekommen. Wir leben alfo beffer als 
der Herrgott in Frankreich, der je^t ziemlich 
kümmerlich leben mufi. Hoffentlich kloppen wir 
bald alle unfere Feinde, hübfch einen nach dem 
andern. Der Geift, Ihr Herren Tripleententeriche, 
der foll Euch um die Ohren fchlagen. 

GrüfSe alle Verwandten und Bekannten — 
klingt fafl wie eine Farce — herzlichft alle Bundes= 
brüder, Turnbrüder und Turnfchweftem, befonders 
aber Deine verehrte liebe Mutter, Deinen wackeren 
Vater, Liefel und Trude, die wohl brav Scharpie 
zupfen, noch extra. Stehe und gehe Habt Acht 
und im Defiliertempo durchs Leben, mein lieber 
Junge und Kriegskamerad! Auf frohes Wieder= 
fehen, hier oder dort. 



„DO IS ER, DER JID . ." 

. . ., 26. September 1914. 
Am Vorabend des Neujahrsfefles rückte das 
Detachement, welches zur Befe^ung des kleinen 
polnifchen Städtchens . . . beflimmt wor, ein. Die 



„Do is er, der Jid . . ." 47 

Einwohner beflehen zu zwei Dritteln aus Juden, 
von denen viele geflohen waren, in der Furdit, 
da|5 wir Deutfdien die entfe^lidien Greuel, die 
vondenKofakenhorden in den nahen oflpreufiifdien 
Grenzorten begangen waren, vergelten würden. 
Das Städtdien war glücklidi vor einer Befdiief5ung 
und nahen Gefediten verfdiont geblieben und fah 
bei unferem Einzug fo friedlidi aus, als ob es 
gar keine Kanonen gäbe. Die Landwehrfdiwadron, 
der idi angehöre, hatte harte Tage hinter fidi. 
Die Sdiladit bei Tannenberg und die in ihrem 
Gefolge nötigen Geplänkel mit abgefprengten 
Kofakenabteilungen, fpäter die Gefedite bei Lydt 
hatten uns alle Strapazen des Krieges auferlegt, 
und obwohl es in Strömen vom Himmel herunter= 
goß, waren wir herzlidi froh. Tage der Ruhe für 
Mann und RofS vor uns zu haben. 

PerfönHdi war idi in trüber Stimmung. 
Raufdihafdionoh fern von Haus und Hof in Fein= 
desland! Vor mir lag der Marktpla^; fdiwer und 
fdinell bradi die Dunkelheit herein, und immer 
tiefer und gröfSer wurden die typifdi polnifdien 
Sdilammpfü^en der StrajSe durdi den erbarmungs= 
los herabjlrömenden Regen. 

Idi war dürftig und bat in einem Haus um 
ein Glas Waffer. Eine jüdifdie Witwe gab mir 
das Verlangte; wir kamen ins Gefprädi, und als 
fie hörte, dafS idi audi Jude fei, führte fie midi 
ins Zimmer, wo der jüdifdie Feiertagstifdi mit 



48 „Do is er, der Jid . . " 

den beiden Kerzen, mit Äpfeln und Brot gedeckt 
war. „Sie müjfen hier mit uns effen," und da 
nü^te kein Sträuben. Idi fpradi das Kiddufdi= 
gebet, teilte mit der guten Frau und ihren beiden 
Kindern das wohlfdimeckende Abendeffen, und 
wenn audi die Unterhaltung, halb jiddifdi, halb 
deutfdi, einige Sdiwierigkeiten bereitete, fo wan= 
delte fidi meine Rührung bald in Behaglidikeit. 
Die Nadibarn kamen dazu, und gern gab idi auf 
alle nur möglidien Fragen Antwort. Alle find 
des Lobes voll über die deutfdien Soldaten; es 
find mit wenigen Ausnahmen Hamburger Land= 
wehrleute. 

An beiden Feiertagen befudite idi den Gottes= 
dienft, der uns Wefljuden eigenartig erfdieint. 
Aber nodi nie hat midi der Gottesdienfl fo er= 
griffen, wie das Flehen der Männer und Frauen 
an diefem fdiweren Raufdihafdionoh zum lieben 
Gott. Stedken dodi die jungen Ehemänner, die 
Söhne, Sdiwiegerfohne und Enkel zahlreidi in 
ruffifdier Uniform. In Ruf51and funktioniert keine 
Feldpoft, niemand weifS, wo die Lieben fidi auf= 
halten. Audi mir find beim Unffane taukef= 
Gebet die hellen Tränen über die Wangen ge= 
laufen, und idi glaube midi ihrer nidit fdiämen 
zu braudien. Nadidem man midi beim „Dawnen" 
gefehen hat, bin idi hier in . . . ein verhätfdieltes 
Kind. „Alle Juden find Brüder." Die arme Markt= 
frau, die mit Äpfeln handelt, ruft: „Do is er, der 



Gefe^estreue im Feld. 49 

Jid, Gott lafS ihn gefund," und täglidi mufS idi 
Einladungen zum Tee, zum Mittag- und Abend= 
effen Folge leiften. 

Es find fdiwer bedrückte, aber herzensgute 
Menfdien, unfere polnifchen Glaubensbrüder, und 
mit mir wird wohl mandier Jude von feinem 
Vorurteil gegen die Gefinnung der polnifchen Juden 
geheilt worden fein. Der Sdmorrer, der nach 
Deutfchland kommt, gilt als Prototyp des pol= 
nifchen Juden, und das ift ein fchweres Unrecht. 

M. V. d. W. 



GESETZESTREUE IM FELD. 

Monthoife, 28. Sept. 

.T'vnn "iitrvb HDD "j^i 

[Zwifdien Raufchhafdionoh und Jaum Kippur.] 

Sehr geehrter Herr S.! 
Es kommt im allgemeinen im Kriege nicht 
oft vor, daß man ein paar Stünddien Zeit und 
einen folch grof^en Briefbogen zur Hand hat. Da 
fidi mir nun heute beides bietet, will ich mein 
bereits geflern geplantes Vorhaben ausführen und 
Ihnen kurz berichten, wie ich die n'n-[Raufch= 
hafchonoh-]Tage hier im Felde verlebt und wie 
ich fie mir fo feierlich wie mögHch eingerichtet 
habe. Wenn man Glück hat und fich öfter mal 

Kriegsbriefe. 4 



50 Gefe^estreue im Feld. 

etwas Zeit wegzuflehlen vermag, fo kann man 
audi im Felde wenigflens einigermafSen als Jehudi 
leben. Idi habe n'^l [borudi Hafdiem] diefes 
^TD [Maffel], etwas Sdiarfjinn gehört allerdings 
audi dazu, und fo konnte idi es bis je^t ermög= 
lidben, jeden Tag Tefillin zu legen und meine 
fämtlidien Gebete, wenn audi zuweilen abgekürzt, 
zu verriditen. Idi behaupte natürlidi nidit, dafS 
dies jeder jüdifdie Soldat im Felde kann; der 
Infanterifl oder Ärtillerifl, der zuweilen zehn bis 
vierzehn Tage lang im Sdiü^engraben im oder 
vor dem Gefedit fleht, wie dies jetjt in der grof^en 
Entfdieidungsfdiladit zwifdien Paris und Verdun 
der Fall ifl, wird dies wohl kaum ermöglidien 
können. Aber viele andere jüdifdie Soldaten, die 
dem Train, der Bagage, den Munitionskolonnen, 
Sanitätskolonnen usw. angehören, könnten jidi 
in diefer Beziehung, wenn audi der Dienft oft 
fehr fdbwierig und die Strapazen hart find, audi 
im Felde ihre Jüdifdikeit bewahren. 

Das Nadifenden von 'WD [kofdier] Ware aus 
der Heimat wäre redit fdiön, wenn unfere Feld= 
pofl beffer funktionieren würde. Idi bin je^t adit 
Wodien von Frankfurt weg und habe nur dreimal 
Pofl erhalten. Die erflen vier Wodien meines 
Fortfeins habe idi überhaupt keinerlei Nadiridit 
von zu Haufe bekommen. Das war es audi, was 
midi um meinen H'n [Raufdihafdionoh] hier im 
Felde feit Wodien beunruhigte. Diefe heiUgen Tage, 



Gefe^estreue im Feld. 51 

die ich leider in foldier Verfaffung und fo fern 
von allen, die mir lieb und wert find, verbringen 
mufSte, fie wollte idi wenigflens "iti'D [kofdier] ver= 
leben. Keine Synagoge, kein Gottesdienft, kein 
ISIti' [Sdiofar], kein Heim, keine Familie, nidit 
einen Gefinnungsgenoffen, der mir tD'^niD [kefiwo 
wediafjimo tauwo] wünfdite, oder dem idi es 
wünfdien konnte, und dann nidit einmal Pofl, 
das waren bittere Tage für midi. Idi hatte mir 
Madifaurim, Wurfl, Butter, Honig, Fleifdiextrakt, 
Suppen- und Gemüfewürfel von zu Haufe zu ^"^ 
[Jaumtauw] erbeten, idi bin überzeugt, daß mir 
alles, um mir den tD''"* [Jaumtauw] zu verfdiönern, 
gefdiidit wurde, idi erhielt es aber nidit und habe es 
heute am Tag vor D"^ 2"iy [Erew Jaum Kippur] audi 
nodi nidit. Sehen Sie, das find Dinge, die einem im 
Felde, wo man ohnedies genug ausfleht, wo man 
fidi fo nadi Beriditen von Frau, Kindern, Mutter, 
Gesdiwiflern, Freunden und Verwandten fehnt, und 
deren kleine Liebesgaben man fo gern empfängt, 
zur Verzweiflung bringen können. Älfo kurz und 
gut, wollte idi n''"l [Raufdihafdionoh] nidit trefo 
effen, fo mufSte idi äufSerfl fparfam fein. Un= 
gefähr zwölf bis vierzehn Tage vor W*" [Jaumtauw] 
hatte idi die le^te Pofl erhalten. Sie bradite 
mir aufSer guten Beriditen audi gar mandies Ges 
niefibare. Davon wurden vorforglidi einmal zwei 
etwa V2 Pfund fdiwere Stüdte geräudierte 
Wurfl, zwei kleine Bouillonwürfel und zwei Tafeln 

4* 



52 Gefe^estreue im Feld. 

Sdiokolade als „eiferner Befland" fiir n'n 
[Raufchhafdionoh] gut im Tornifler verpackt. In 
Remily „requirierten" meine Kameraden in einer 
einem reidien Abgeordneten gehörigen Villa fo 
allerhand Geniefibares, audi Honig und Einge= 
madites. Hiervon taufdite idi mir gegen Tabak 
und Zigarren, die ich für teures Geld von den 
mit Autos kommenden Chauffeuren erfland, etwas 
Honig und Apfelgelee für tD'''"» [Jaumtauw] ein. Diefe 
Kleinodien fdileppte idi fafl drei Wodien in mei= 
nem Brotbeutel mit herum. Am Donnerstag vor 
(TH [Raufdihafdionoh] kamen wir von Sechault 
nadi Lafontaine en Dormois, wofelbfl wir bei 
gräßlidiem Wetter drei Tage auf einer fumpfigen 
Wiefein Biwak lagen. Am T]"") liy [Erew Raufdi= 
hafdionoh] früh wurden wir um halb vier Uhr 
nidbt durdi ISIl^* [Sdbofar] Ton, aber durdi Trom= 
petenfignal zu mn^^D [SeHdiaus] geweckt, unfere 
Munition wurde abgeholt, fo dafS wir alfo Aus= 
fidit hatten, zu tD"^ [Jaumtauw] aus diefem 
elenden Dreck herauszukommen, und richtig, 
idi hatte wieder Glück: um fieben Uhr Abmarfch 
nach Savigny. In S. kamen wir gegen drei Uhr 
bei ftrömendem Regen an. Die kleine Stadt war 
mit Militär überfüllt, und fo mufften wir wieder 
auf freiem Felde kampieren. Als ich meine Pferde 
ausgefpannt und abgefdiirrt hatte, fah ich erft mal 
in meinem ni^ [Luadi] nach, wann tO^'i [Jaumtauw] 
fei. Es waren, wenn wirhierzumMunitionsempfang 



Gefe^estreue im Feld. 53 

blieben, nodi ungefähr drei Stunden Zeit. Nie hatte 
ich meine Pferde fo fdinell gefüttert, getränkt und 
beforgt wie an diefem tD^^*i 21V [Erew Jaumtauw]. 
Auf dem Weg zur Tränke fah idi einen Soldaten, 
der Äpfel und Pflaumen in einem Eimer trug. 
Nadi kurzem Handeln waren wir einig : für funf= 
zig Pfennig und fünf Zigarren kaufte idi ihm den 
Eimer voll Obfl, den er im benadibarten Felde ge= 
fammelt hatte, ab und hatte fo meintD^i [Jaumtauw] 
Obft. Den gröfSten Teil der Pflaumen kochte ich 
mir beim Abkochen, allerdings ohne Zucker, — 
den gibt's hier nicht mehr — zu Pflaumenmus. 
Es war mittlerweile halb fünf geworden, ich 
lief in den Ort, fuchte mir einen Bäcker, um mir 
etwas WeifSbrot zu Ü^"^ [Jaumtauw] zu beforgen. 
„Le boulanger estparti," ift die Antwort, doch laffe 
ich nicht locker. Und wie ich richtig vermutete, hatten 
deutfche Soldaten die Bäckerei längffc okkupiert 
und backten dort das fchönfle WeijSbrot mit des 
Bäckers Mehl. Für fechzig Pfennig war auch bald 
ein Brot erftanden. Wieder eine Sorge weniger. 
Nun zum Frifeur, mein Bart war in den fafl 
fieben Wochen fehr verwildert — wieder „parti". 
Diesmal ifl nichts zu machen, ich mujS mich alfo auf 
eine gründlidie Reinigungskur und Wäfchewechfeln 
befdiränken und fah danach, das mufS ich geftehen, 
wahrhaftig auch noch nicht tD''"^-[jaumtauw-]mäj5ig 
aus. Aber ich war doch ziemHch feierlich gefHmmt, 
als ich gegen halb fieben, tro^ des Verbots, den 



54 Gefe^estreue im Feld. 

Biwakpla-^ zu verlaffen, midi feitwärts in die 
Büfdie fdilug, um in Ruhe mein 2,"'"iyD-[Maariw-) 
Gebet zu verriditen. Es gelang mir dies unbe= 
merkt. Idi ließ dann im Geift alle meine Lieben 
an mir vorüberziehen, wünfdite jedem tO^'nO 
[kefiwo wediaffimo tauwo] und gut t2'^[Jaumtauw], 
benfdite in Gedanken meine lieben Kinderdien und 
kehrte feierlidi geftimmt zum Wagenpla^ zurüdi, 
wo man midi mit der Nadiridit empfing, dafi 
idi für die Nadit auf Stallwadie kommandiert 
fei. Ein extra Wi-[Jaumtauw-] Vergnügen, dadate 
idi, dodi für einige Zigarren und Tabak war idi 
bald mit einem Kameraden handelseinig, daß idi 
nur von adit bis elf Uhr Poflen flehen mufSte. 
Idi kodite mir fdinell Waffer, bereitete mir mit 
einem Suppenwürfel eine fdimadihafite Suppe, 
madite, da mein Brot nodi ganz war, obgleidi 
idi nur eines hatte, Si^lOI WM^p [Kiddufdi umauzi], 
holte Äpfel und Honig hervor und verzehrte meine 
Jaumtauwmahlzeit, die aus Bouillon, Wurfl, Brot, 
Pflaumenkompott, Obft und Kaffee beftand, in 
tatfädilidier, wenn audi mit Heimweh gewürzter 
tD'^'^-fJaumtauw-] Stimmung. Allmählidi waren die 
Kameraden zur Ruhe in die kleinen Feldzelte ge= 
krodien. Idi bHeb allein zurüds: auf Stallwadie; das 
Wetter hatte fidi aufgeklärt, der Himmel war 
flernenbefät, und idi hatte in der Einfamkeit 
nodimals zwei Stunden Zeit, midi in Gedanken 
mit allen meinen heben Angehörigen und mit 



Gefe^estreue im Feld. 55 

meinen lieben Freunden zu befdiäfligen. Diefe 
Momente, die idi fo im Geifl in der Heimat 
und bei meiner Familie verbradite, waren die 
feierlidiflen des diesmoligen n^'l [Raufdihafdionoh] 
für midi. 

Am rrn [Raufdihafdionoh] früh wartete idi 
das Wecken nidit ab, um vor dem „Kaffeetrinken" 
in Ruhe beten zu können, jeden ÄugenbH<k dar= 
auf gefajSt, frühzeitig abbredien zu muffen. Dodi 
wieder war mir Glüds befdiieden, wir konnten 
erft mittags neue Munition empfangen, und idi 
hatte fpäter nadi dem Stall- und Reinigungs= 
dienfl Zeit und Muße genug, f]D1D-[Muffaf-] Gebet 
zu verriditen. Mittags zwei Uhr, idi hatte mir 
eben mein Mittagsmahl hergeriditet und konnte 
nodi mit knapper Not nnJD n^sri [Tefillas Min= 
dioh] verriditen, rückten wir ab nadi dem 
5 km entfernten Vouziers, einem kleinen Städt= 
dien, wo es fogar zwei bis drei jüdifche Fanii= 
lien, die aber vor dem Krieg geflohen find 
gab. Ich betrat bei einem Rundgang durch die 
Stadt das mir bezeichnete Haus eines jüdifchen 
Me^gers Scheuer -Cain, das voUflöndig aus= 
geplündert war, und fand oben auf all dem 
Plunder zwei Tefillaus liegen, die ich zum An= 
denken an mich nahm, die ich, wenn ich n^'l 
[boruch Hafchem] aus dem Krieg heimkehre, dem 
Mann zurückfenden werde. In Vouziers flanden 
unfere Pferde zwar in Scheunen, doch wir kochten 



56 Gefe^estreue im Feld. 

im Freien ab, und ich konnte bei eintretender 
Nadit, beim Sdiein der Lagerfeuer mein 2,"^"iyD= 
[Maariw-] Gebet verriditen. Diefe Nadit fdilief idi 
auf einem Heuboden über meinen Pferden — audi 
ein Stüdi t5''^ [Jaumtauw], denn im Freien unter den 
Wagen oder in den kleinen Lagerzelten ift es eben 
fdion fehr feudit und kalt. (Nebenbei fei bemerkt, 
dafS wir in unferer Kolonne fdion feit über fieben 
Wodien nidit mehr in einem Bett gefdilafen 
haben.) Am nädiflen Morgen war idi gerade mit 
dem n^"inti^ [Sdiadiaris] fertig, als wir um neun 
Uhr mit Munition abrüditen, konnte aber, wäh= 
rend die leeren Wagen beladen wurden, ungeflört 
?]D1Ö [Muffaf] beten und fpäter in Sediault, als die 
Pferdebeforgtwaren,nodibequemnnJÜ-[Mindioh-] 
Gebet verriditen. Zum Effen blieb mir allerdings 
keine Zeit mehr. Idi hatte mir gerade ein Honig= 
brot gefdimiert und etwas Obft hervorgeholt, als 
es „Kolonne aufgefeffen, marfdi" hiefS und wir 
weiter nadi Lafontaine abrüditen. Dort kamen 
wir kurz nadi fünf Uhr an. Unfere Kanoniere, 
die keine Pferde zu beforgen haben, hatten in= 
zwifdien Feuer gemadit und abgekodit, idi fe^te 
mir wieder mein Töpfdien mit Waffer auf, löfle 
mir einen grofSen Suppenwürfel auf (diesmal 
vorzügHdie Grünerbfen), und verzehrte meine 
Mahlzeit mit Behagen, allerdings diesmal etwas 
fpät, es war fafl fedis Uhr geworden. Dafür 
gab's aber zum Menü vom erflen Tag Kartoffeln 



Gefe^estreue im Feld. 57 

und naditräglidi Tee, weldi beides die Kameraden 
zu iiirer Mahlzeit bereitet hatten. Erwähnt sei 
nodi, daß idi am erflen Tag an einem kleinen 
Badi in Vouziers nadimittags zu ^^7t^•n [Tafdi= 
lidi] war, den HDDD ''Ö [mi komaudioh] fand idi 
in der bei dem jüdifdien Me^ger dort mitgenom= 
menen Rödelheimer n^isn [Tefilloh]. 

Nodi eine unangenehme Überrafdiung wurde 
unferer Kolonne am zweiten Tag tO''^ [Jaumtauw] zu= 
teil. Ein feindlidier Flieger überflog uns während 
der Mahlzeit zwifdien 6 und 7 Uhr und warf 
zwei Bomben herab, die eine explodierte in einer 
Nadibarkolonne, die zweite ganz dicht bei unferer 
Kolonne, etwa 40 m vom Lagerpla-^ entfernt. 
Durdi den aufgeweiditen naffen Boden bohrte 
die Bombe ein tiefes Lodi in die Erde, explodierte 
wohl mit furditbarem Kradi, dodi blieben die 
Sprengflüdie meift im Lehm ftedien und verlebten 
niemanden. Nadidem der erfte Sdireck vorüber 
war, fpradi idi das DJ '^b n^V^ [fdieofoh li nes]. 
So feierte idi das n'n-[Raufdihafdionoh-]Fefl. Idi 
hatte nur nodi den einen Wunfdi, daß *'"^n 
[Hafdiem jisboradi] mir am kommenden y*» [Jaum 
Kippur] dasfelbe bl'O [Majfel] gebe wie am n'n 
[Raufdihafdionoh] und daß er mir außer der 
Kraft zum Faflen audi die Zeit gebe, daß idi alle 
ni^^sn [Tefilaus] und die i"n^1 [Vidui] mit Än= 
dadit verriditen kann. 



58 Beflattung eines jüdifdien Kameraden in Bosnien, 

BESTATTUNG EINES JÜDISCHEN 
KAMERADEN IN BOSNIEN. 

Erew n^n [Raufdihafdionoh] war für uns ein 
trauriger Tag. Ein braver, frommer Kamerad 
verfdiied, und wir bekamen vom Kommando die 
Erlaubnis, um nadi jüdifdiem Ritus zu beftatten. 
Es war gerade Gagentag; wir kauften für unfere 
paar Kronen einige Bretter, Linnen, Socken und 
die übrigen nötigen Sterbegewänder, zimmerten 
den ungehobelten Bretterfarg und maditen uns, 
wir waren unfer adit, auf den Weg, um die 
traurig drüdiende Laft in das zunädifl liegende 
jüdifdie D^Tirt Hi^ [Bes hadiajim] zu bringen. 
Aus einem tränenfeuditen Brief der Mutter er= 
fahen wir, dajS unfer armer Kamerad Jofef Ben 
Eliefer hiefS, wir braditen ihn, vom katholifdien 
Feldgeifllidien und allen Offizieren begleitet, ohne 
Sang und Klang, ohne Trauerrede, die der Tag 
nidit zuließ, in die fremde kalte Erde. 

Nadi der Ti^^h [Lewajoh] wurden wir auf den 
nahenden tO''^ [Jaumtauw] verwiefen. Infanterifl 
Salomon und Korporal Sdmabel requirierten ein 
Gebethaus, und wir hatten am Jaum Kippur bereits 
37 jüdifdie Kameraden, die mit uns zufammen 
feierten. Refervifl Unteroffizier Kupfer war der 
Vorbeter. Wir vergaffen dabei audi der Armen nidit. 
Unfere Löhnung fdinoderten wir an arme Familien, 



Me^ in Kriegszeiten. 59 

die durdi den Krieg in Mitleid enfdiafl gezogen 
wurden. Ein jüdifdier Feldbädier verfertigte aus 
Mehl und Rofinen, nadidem er gehörig nbn [Chaloh] 
abhub, zwei herrlidie „Jomtofberdies". Unfer 
Kantineur, Mandel, ein braver Jude, gab uns 
dazu die gehörige warme Erquickung, und wir 
konnten in freudiger Stimmung fern von der 
Heimat Jaum Kippur nadits unfer IJplbs "TIlJ 
[neworedi Elaukenu] zum Himmel (leigen laffen. 
Unfer Herz war von wehmütiger Freude 
übervoll. Es hatte fidi wie ein Sdiwamm 
an den bewegenden Ereigniffen des Tages fatt= 
getrunken, und Tränen (Irömten ungewollt und 
unbewufSt in Fülle über die Wangen der jüdifdien 
Kameraden. 



METZ IN KRIEGSZEITEN. 

Aus einem Brief des Feld= 
rabbiners Dr. Baerwald= 

Mündien. 

Das hätte idi nidit gedadit, dafS meine erfle 
Tätigkeit in diefem Feldzug mit der eines Detek= 
tivs viel mehr Ähnlidikeit haben würde als mit 
der eines FeldgeiflUdien. Mit weldien Sdiwierig= 
keiten es verknüpft i(l, den Truppenteil zu finden, 
den man erreidien foll, das erinnert an die Arbeit 
eines Sifyphus: denn wenn man nadi endlofen 



60 Me^ in Kriegszeiten. 

Fragereien den gefuditen Ort endlich feftgeftellt 
hat, dann ift, wenn man hinkommt, das Neft 
ausgeflogen; bei dem Sdileier des Geheimniffes, 
in das die Truppenbewegungen gehüllt werden, 
fängt die Arbeit von neuem an, und bei dem 
Sdmeckentempo, in weldiem die Lokal- und be= 
fonders die Militärzüge fahren, ifl der Zeitverlufl 
ein redit beträditlidier. 

So kam es, dafS idi am Vorabend des Raufdiha= 
fdionohfeftes, ftatt bei unferen braven bayrifdien 
Truppen das Raufdihafdionohfeft zu begehen, 
erft in Me^ angelangt war. Es war intereffant 
genug, diefe Stadt gerade in Kriegszeiten kennen 
zu lernen; ihr Charakter als Feftung und die 
Nähe der Grenze braditen dodi den Krieg um 
vieles deutlidier zum Bewußtfein, als wir es im 
übrigen Reidi gewohnt find. Die Einwohner muffen 
viele Befdiränkungen, z. B. im Telephon- und 
Reifeverkehr, in Kauf nehmen. Darum aber ifl 
es befonders erfreulidi zu fehen, wie die Be= 
wohner diefer Stadt, in der die meiflen Bekannt= 
machungen deutfch und franzöfifdi erfcheinen, 
nicht nur diefe Befchränkungen und die Unbequem= 
lichkeiten zahlreidier Einquartierung gern auf 
fich nehmen und darüber hinaus den durdi= 
ziehenden Soldaten mit offenen Händen Liebes= 
gaben fpenden. So follen befonders unfere bay= 
rifchen Truppen beim Durchzug mit Ef5 waren, 
Tabak und Wäfche geradezu überfchüttet worden 



Me^ in Kriegszeiten. 61 

fein. So hat Me^, trot;dem man auf der Strafte 
mandies franzöfifdie Wort hört und viele fran= 
zöfifdie Firmenfcbilder liefl, fidi dodi als gute 
deutfdie Stadt bewährt. DafS idi audi in den 
Gemeinden viele ähnlidie Beweife des Patriotis= 
mus und der Fürforge für unfere Soldaten fehen 
konnte, hätte midi dodi nidit ganz damit aus= 
föhnen können, daf5 idi felbfl am Fefl untätig 
bleiben muffte; allein audi hierfür wurde mir 
ein kleiner Erfa^ gewährt, ebenfo dem Kollegen 
Chone, Konflanz, den ein ähnHdies Mißgefdiidi 
wie midi auf der Sudie nadi feinem badifdien 
Armeekorps in Me^ feflg ehalten hatte. 

Ein ungewohntes Bild bot der Feftgottesdienfl. 
Wenn jemand über dem Ernfl des Fefles den 
Ernft der Zeit hätte vergeffen können — die grofSe 
Zahl der Soldaten hätte ihn an das blutige Ringen 
draußen erinnert. Mindeflens 200 Soldaten aller 
Waffengattungen waren hier zum Gebet ver= 
fammelt. Vom jüngften Rekruten bis zum bär= 
tigen Landwehrmann, teils Neueingekleidete, teils 
Verwundete, teils foldie, denen man die Strapazen 
langer Märfdie und der Sdiü^engräben anfah. 
Wahrhaft herzerfreuend und erhebend aber war 
es, wie am Sdilufi des Gottesdienfles jeder, aber 
audi jeder Soldat eine Einladung zum Effen er= 
hielt. Einzelne Gemeindemitglieder hatten es 
fidi nidit nehmen laffen, eine gröf5ere Anzahl von 
Soldaten einzuladen, fo dafS kein Soldat wegging, 



62 Me^ in Kriegszeiten. 

dem nidit Gelegenheit geboten war, den Feffc= 
abend in einem Haus zu verbringen. 

Diefer fdiöne Beweis von Gaftfreundfdiaft 
wiederholte fidi mit gleidi herzlidier Selbflverfländ= 
lidikeit am erflen wie am zweiten Tag ; idi hörte 
es von mehreren Soldaten, wie dankbar fie an= 
erkannten, dafS ihnen in diefer fdiweren Zeit ein 
Erfa-^ für das Familienhaus geboten wurde. Die 
Me^er Gemeinde hat fidi hierdurdi ein Redit auf 
die Dankbarkeit audi der Angehörigen ihrer 
Gäfle erworben, denn fie können das Bewufitfein 
haben, dajS ihre Lieben zwar fern der Heimat, 
dodi audi von Fürforge und Fefttagsflimmung 
umgeben waren. 

Einen anderen Beweis der Fürforge, den die 
Me^er U. 0. B. B.-Loge (Lothringer Loge) audi im 
Frieden den Soldaten ihrer Garnifon angedeihen 
läjSt, konnten wir am zweiten FefVtag beobaditen. 
Am Vormittag hatte Kollege Chone auf Einladung 
des Herrn Oberrabbiners Dr. Netter, unter Zu= 
ftimmung der Gemeindevertretung, die Kanzel 
beftiegen und als Feldrabbiner insbefondere an 
die wieder zahlreidi verfammelten Kameraden 
zündende Worte geriditet. Am Nadimittag führte 
eine Einladung der Lothringer Loge die Kame= 
raden nodi einmal bei Kaffee und Kudien im 
Soldatenheim zufammen. Diefes Soldatenheim, 
vor etwa drei Jahren von der Loge gegründet, 
bietet jedem Soldaten allfonntägHdi einen an= 



Me^ in Kriegszeiten. 63 

genehmen Aufenthalt. Neben dem fchönen Logen= 
faal gelegen, direkt von der StrafSe aus zugäng= 
lieh, enthält es zwei gröfSere Räume, in denen 
die Soldaten lefen und fpielen können, und wo 
ihnen Erfrifdiungen gereidit werden. AufSerdem 
fleht ihnen ein Sdireibzimmer und ein Billard 
zur Verfugung. Hierhin hatte die Loge die Sol= 
daten am Nadimittag eingeladen, und mehr als 
200 konnten hier von ihren Strapazen ausruhen. 
Da audi ein grofSer Teil der liebenswürdigen 
Gaflgeber mit ihren Damen erfdiienen war, ent= 
widielte fidi bald eine gemütHdie Plauderflunde, 
in der fo mandier junge und ältere Kamerad von 
den Erlebniffen der legten Wodien erzählen 
konnte. Vor dem Auseinandergehen aber ver= 
einte uns nodi einmal eine Feier im Logentempel, 
in der die Herren Vorfi^enden der Loge und des 
Soldatenheims die Soldaten begrüfSten. Idi hatte 
die Einladung erhalten, bei diefer Gelegenheit 
eine Anfpradie an die Kameraden zu riditen, 
und wenn diefe etwas ernfler ausfiel, als die 
Gemütlidikeit der Stunde es erforderte, fo lag 
es daran, daß wir je^t keinen Gedanken denken 
oder ausfpredaen können, der nidat an das Große 
rührt, deffen Zeugen wir find. 

Am nädiften Morgen ging es weiter, den 
Truppen nadi, nun im Wagen mit den Pferden, 
die mir die bayrifdie Heeresverwaltung zur Ver= 
fügung geftellt hatte; jeder Winkel des Wagens 



64 Raufdiliafdionoh im Kanonendonner. 

angefüllt mit Wäfdie, die mir von den freund= 
lidien Metern für unfere braven Jungens draufien 
mitgegeben worden war. Dann ging's in Fein= 
desland hinein. An endlofen Munitions- und 
Furagekolonnen und an mandiem Automobil 
mit Verwundeten vorbei, durdi Dörfer, die mit 
Soldaten gefüllt find. In der Ferne rollt Kanonen= 
donner, und am Abend fahre idi über die Grenze, 
wo der franzöfifdie Grenzpfahl im Graben liegt; 
dann das erfle Naditquartier in einem franzö= 
fifdien Dörfdien, bei freundlidien Leuten. 

Wo werde idi am Jaum Kippur fein? Vor 
44 Jahren haben unfere Truppen Jaum Kippur 
vor Me^ gefeiert. Es war audi ein Erfolg ihrer 
Tapferkeit, da|5 wir diesmal Raufdihafdionoh in 
Metz feiern konnten; unfere Dankbarkeit aber 
gebührt denen, die dies Raufdihafdionoh in Me^ 
uns zu einem Feft geflalteten. 



RAUSCHHASCHONOH IM KÄNONEN= 
DONNER. 

Brief des Unteroffiziers 
der Artillerie Leo Leßmann, 
Hamburg (vgl. Brief S. 25). 

Meine lieben Alten! 
Der Raufdihafdionoh-Abend ift dodi ganz 
anders verlaufen, als idi es mir vorher aus= 



Raufchhafdionoh im Kanonendonner. 65 

gemalt hatte; nicht einmal ein Zelt, keine Kerzen, 
keine Ruhe und keine Betgenoffen hatte ich. Es 
regnete in Strömen, der Feind überfdiüttete uns 
bis in die fpäte Nacht hinein mit einem morde« 
rifchen Granatfeuer, mein Schanzloch, in dem 
meine Kanone ftand, und das auch uns Soldaten 
Unterfchlupf gewähren muß, war wieder mal voll 
Waffer gelaufen und bot gerade kein fefltäg= 
liches Unterkommen. Kurz, alles in allem nicht 
das richtige Milieu für den Jaumtauw- Abend. 
Meine Tefilloh, die in meiner Krokitafche am 
Sattel ihren Pla^ hat, hatte ich mir nachmittags 
von der Ordonnanz mit in die Feuerjlellung 
heraufbringen laffen. Zwifchen Kanonendonner 
und Regengepeitfdi orte idi dann nach Sonnen= 
imtergang die vorgefchriebenen Gebete, einfam 
auf einem Stein fixend, und habe — das dürft 
Ihr mir glauben — vielleicht ebenfo andächtig 
gebetet, wie Vater zu Haufe. 

Soeben habe ich mein lukullifches, wirklich 
„jaumtowdickes" Mahl beendet: einen Becher 
Brunnenwaffer und dazu eine Scheibe uraltes 
KommifJbrot mit einer rohen Zwiebel. Die Sadie 
hat tadellos gefchmedtt und mufS bis heute abend 
vorhalten. Heute abend wollen wir uns aus 
einer Erbskonferve und Kartoffeln mal eine fchöne 
Suppe kochen; im Augenblidi wiffen wir aller= 
dings noch nicht, woher wir trockenes Holz und 
Streichhölzer dazu nehmen. Überhaupt habe ich 

Kriegabriafe. 5 



66 Kol Nidre vor Antwerpen. 

mir lekowed Jaumtauw einen unverantwort= 
lidien Luxus heut geftattet; idi habe mich feit 
dem 6. d. M. zuerfl wieder gewafdien, Gefidit 
und Hände, riditig in reinem, klarem Waffer ge= 
wafdien! Das war eine Wohltat, die den drei= 
viertelftündigen Marfdi zur Quelle wohl aufv^iegt. 
Es geht mir nodi immer vortrefflidi, und wenn 
fidi keine feindlidie Kugel zu mir verirrt, werde 
idi mit Gottes Hilfe in abfehbarer Zeit hoffent= 
lidi wieder bei Eudi fein. 

Es küfSt Eudi Euer 

Leo. 



KOL NIDRE VOR ANTWERPEN. 

Den 1. Oktober 1914. 
DajS meine Karten gerade zu Raufdihafdio= 
noh in Euren Befi^ kamen und Eudi dadurdi aus 
Eurer Sorge riffen, hat midi fehr gefreut. Zu 
Jaum Kippur habe idi Eudi nidit gefdirieben. 
Den heiligen Tag habe idi wenig programm= 
mäfSig verleben können. Kol Nidre lagen wir im 
Sdiütjengraben. Es gingen glaubhafte Gerüdite, 
dafi nadits Fort Wavre, das fdion den ganzen 
Tag befdioffen war, geflürmt werden foUte. Mein 
Freund B. war fehr emfl geftimmt, denn er hat 
eine Braut daheim. Idi dadite viel an Eudi, 
meine Geliebten. Am Jaum Kippur gingen wir 



Von der Eirdie zum Sdiü^engraben. 67 

morgens weiter vor und begannen wieder zu 
fdianzen. Da bei uns alles ruhig blieb, fo fand 
idi Gelegenheit, midi auf einige Zeit in ein kleines, 
rüdtwärts gelegenes, verlaffenes, unzerflörtes Ge= 
höft zurüdizuziehen. Dort betete idi im Parterre 
ein Stünddien ganz ungeflört, bis fidi eine Feld= 
batterie direkt ca. 200 m hinter dem Haus auf= 
baute und einen Höllenlärm madite. Aus dem 
Haus hatten wir für unfere Unterflände längfl 
alle Türen ausgehoben, und fo füllte fidi bald 
mein Betlokal mitGöften: drei Hunden, einem Kalb, 
zwei Ziegen, etlidiem Geflügel und einer Sau 
mit Ferkeln. Als idi das verängftigte Tierzeug 
hinauswarf, fahen jie midi alle fo flehend an, 
wie wenn idi ihnen aus dem Hexenkeffel helfen 
könnte. Idi verbarrikadierte die Türöffiiung fo 
gut es ging, fie blieben alle hinter der Barrikade 
flehen, bis idi mein Gebet beendet hatte und 
wieder zu den Sdiü^engräben ging. 



VON DER KIRCHE ZUM SCHUTZEN= 

.GRABEN. — HE, CAM ARADE, VOILA 

BUM BUM." 

W., 1. 10. 14. 
Meine Lieben! 
. . . Geflem war Jaum Kippur. Um 7 Uhr 
morgens erfuhr idi, dofS in . . ., etwa vier KÜos 



68 Von der Kirdie zum Schü^engraben, 

meter von hier, jüdifdier Gottesdienfl fei. Unfer 
Kompagnieführer gab uns (es find drei Juden in 
der Kompagnie) felbfVver|ländlidi frei, um dort= 
hingehen zu können. Leider war die Nadiridit, 
dafi Gottesdienfl fei, nidit genügend bekannt ge= 
geben, fo dafS nur ungefähr 60 — 70 Juden er= 
fdiienen waren. Die hier liegenden zwei Divi= 
fionen beherbergen aber eine mindeflens drei= 
bis viermal fo flarke Anzahl Juden. Der Gottes= 
dienft fand in der katholifdien Kirdie flatt. Welch 
merkwürdiges Bild! Jüdifdier Gottesdienfl in einer 
katholifdien Kirdie, die zudem zur Aufnahme 
Verwundeter und audi als Sdilafiraum für Sol= 
daten dient. Rabbiner Dr. Wilde aus Magdeburg 
leitete den Gottesdienfl. Einer aus unferer Mitte 
betete vor. Die Gebetbüdier wurden vom Rab= 
biner verteilt, aber er braudite nidit viel herzu= 
geben, denn unfere Juden hatten fafl alle ihre 
Tefilloh mitgebradit. Der Robbiner fpradi, aber 
nadi wenigen Worten flockte er und kam nidit 
weiter, er weinte. Je^t, um diefelbe Stunde war 
zu Haufe, in der ganzen Welt, wo Juden wohnen, 
die Totenandadit. Wie fieht es bei uns zu Haufe 
in den Synagogen aus? Nein, man darf nidit 
daran denken, man darf es nidit. Hart mufS man 
bleiben. Kanonendonner dringt zu uns herein 
und mahnt uns, tapfer und mutig zu fein. Da 
beifSen wir denn die Zähne zufammen, und es 
fdieint fafl, als ob ein jeder einzelne lädile. Der 



Von der Kirdie zum Sdiü^engraben. 69 

Rabbiner fpridit weiter. Er flüflert fafl. Leife, 
gedämpft dringt feine Stimme von der Kanzel 
der katholifdien Kirdie, unferer Synagoge. J^eder 
werfe einen Rückblidi auf fein vergangenes Le= 
ben und lege fein Leben in Gottes Hand." Wer 
das in fonftigen Jahren nidit mit dem wahren, 
innigen BewufStfein getan, je^t tut er es. Nodi 
nie gab es für uns einen Jaum Kippur wie geflem. 
So haben wir ihn nodi nie miterlebt. Dann 
fpradi der Rabbiner das Sdiema Jisroel vor, und 
wir follten es nadifpredien. Das Sdiema, das 
erfte Wort dröhnte durdi die Kirdie, fafl wie ein 
Sdirei, dann kam keiner weiter. 

Der Gottesdienfl ifl zu Ende. Vor der Kirdie 
empfängt uns ladiender Sonnenfdiein. Wir find 
wieder Soldaten. Ladien audi wie die Sonne, 
plaudern und erzählen uns. Vier Juden mit 
Eifemen Kreuzen find dabei. Sie erzählen von 
vielen jüdifdien Kameraden, die audi das Eiferne 
Kreuz haben, aber zum Gottesdienfl nidit kommen 
konnten. Hui, wie die Granaten pfeifen. Wir 
muffen rauf in die Sdiü^engräben. Die Franz= 
männer werden übermütig. Heute wollen wir 
wieder Keile austeilen. Auf Wiederfehen, Kame- 
raden. Sukkaus ifl wieder Gottesdienfl. Auf 
Wiederfehen! 

2. 10. 14. 

Geflem wurde idi beim Sdireiben abgerufen, 
weil idi einen Transport zum Feldlazarett nadi . . . 



70 »H€, camarade, voilä bum bum." 

(ca. 10 km von hier) hatte. Dort fah ich unfern 
Koifer, der mit dem Kronprinzen und feinem 
Stab die Verwundeten befudite. Die Riefenfdiladit 
dauert immer nodi an. Wir liegen fdion 17 Tage 
an ein und derfelben Stelle. G. f D. haben wir 
je^t mit wenigen Tagen als Ausnahme wenig 
Verlufle. Wenn hier die Entfdieidung uns günflig, 
glaube idi, ifl der Krieg mit Frankreidi bald be= 
endet. So, nun zu Eurem heben Brief vom 23. Sep= 
tember, für den idi Eudi herzhdifl danke. Merk= 
würdigerweife erhalte idi momentan die Berliner 
Poflfadien früher als die Kölner. Madit Eudi 
nur keine Sorge. Es i(t in fo vielen Fällen fdion 
gut gegangen, es wird audi weiter fo gehen. 
Anfangs, und zumal in Belgien, war es viel 
fdilimmer. Da waren die verdammten Franktireurs, 
da waren verfprengte franzöfifdie Truppen in 
unferem Rücken. Aber es ging immer gut, fo 
habe ich denn bis heute nodi keinen SchufS aus 
meiner Piflole abgefeuert. Das Ding ifl ja auch 
nur dann verwendbar, wenn mal ein Verwimdeter 
fchiej5en follte. Die Fälle find aber bis je^t noch 
wenig vorgekommen. Im Gegenteil, die ver» 
wundeten Franzofen find einem ja fo dankbar. 
Wie viele Hände unferer Feinde habe idi fchon 
gedrückt. Oh, Ihr follt mal mein Franzöfifch hören. 
Ich glaube, Ihr würdet Euch mitten im Kugel= 
regen krumm lachen. Ein Beifpiel: Wir rückten 
(1 Leutnant, 4 Wagen und 16 Mann) um 6 Uhr 



„116, camarade, voild bum bum." 71 

nadi H., einem hodigelegenen Dorf im Sdiladit= 
feldgebiet bei S. . Oben liegen Verwundete, 
Deutfdie und Franzofen. Gröfitenteils in Sdieunen. 
Wie die armen Kerle, teilweife mit überaus 
fdiweren Wunden, bis in die Sdieunen fidi fdileppen 
konnten, bleibt mir bis heute ein Rätfei. Mit 
Jubel werden wir empfangen. „Gott fei Dank, 
Kameraden!" riefen fie uns entgegen. Die Franzofen 
rücken uns nur zu und zeigen uns ihre Wunden, 
die wir dann verbinden. Sie drüdsen uns die 
Hand, wie audi die deutfdien Verwundeten. Wie 
idi aber einen jranzöfifdi anfpredie und ihn frage, 
was ihm fehle, weldies Regiment ufw., da hättet 
Ihr etwas hören können. Alle rufen, fragen, 
winken. Idi verjlehe kein Wort, bis idi dann zu 
einem verwundeten Franzofen komme, der bitter= 
lidi weinte. Idi verfland ihn ganz gut, und er 
mujS midi wohl audi verflanden haben. Wir 
haben die Wagen vollgeladen und wollen nun 
herunter zum Verbandplatz, um gleidi darauf 
wieder auf die Höhe zu fahren. Da gibt es draußen 
Radau. Sdirapnells fdilagen ins Dadi ein. Wir 
denken erfl nidits Böfes. Aber das Feuer wird 
flärker und flärker. Da merken wir, dajS die 
franzöfifdie Artillerie unfere Wagen für Gefdiü^e 
anfleht. Im Galopp geht es nun hinunter. Idi 
verfudie nodi einen leiditverwundeten Franzofen, 
der midi bat, ihn dodi zu feinen Kameraden zu 
bringen, in eine Sdieune zu fuhren. Da fdilägt 



72 »H^> camarade, voilä bum bum." 

eine Granate gegenüber in die Kirche ein, dajS 
mir die Steindien um den Kopf herumfliegen. 
Nun wird's aber Zeit. Alle find fdion weg. Ich 
allein zwifchen Verwundeten. „He, camarade, 
voilä bum bum." Ein verfländnisvolles Nicken 
des Franzofen, und fort madi idi, den andern 
nach. Ich glaube, ich habe einen Weltrekord im 
Laufen aufgeflellt, denn nach ein paar Minuten 
holte ich unferen Trupp ein. Die Sdirapnells 
folgten uns, da die Franzofen jeden Mann, ge= 
fchweige die Wagen, von ihrer famofen Stellung 
aus fehen konnten. Wohlbehalten kamen wir 
unten an und waren in Deckung. Da heifSt es 
auf einmal, ein Wagen mit Verwundeten, unfer 
le^ter Wagen, liegt auf halber Höhe; während 
des rafenden Fahrens ifl ein Rad abgefprungen — 
fechs Freiwillige vor. Sollen wir die armen Kerls 
liegen laffen? Zu fünft marfchieren wir wieder 
rauf, bringen mit grofSer Mühe das Rad wieder 
an den Wagen und fahren den Wagen bergab. Wir 
waren noch keine 70 Schritt vorgefahren, dafchlagen 
drei Granaten an die Stelle, wo der Wagen fland. 
Wir aber kamen glücklidi unten an. Unfere Namen 
werden notiert. Eine Auszeichnung? Nun, bis 
je^t noch nicht. Wenn idi nur heil und gefund 
zu meinem Sdia^erl komme, das ifl für midi die 
hödifle Auszeichnung. 

Nun noch ein Merkwürdiges. Die Franzofen 
werden in die Flucht gefchlagen. Wir rückten 



Jüdifcher Gottesdienfl; mit Regimentsmufik. 73 

wieder in das Dorf. . . und holen die Verwundeten, 
von denen keiner naditräglidi durdi das Feuer 
verlebt wurde. Aber vor der Kirdie lagen tote 
Franzofen. Es war ein franzöfifdier Vorpojlen, 
der fidi vor uns in der Kirdie verfledit hatte und 
nun durdi eigenes Feuer fiel. Hätten die Kerle 
geahnt, dafS wir nur mit der Piflole bewafliiet 
waren, idi glaube, es hätte nodi eine Knallerei 
von Fenfler zu Fenfler gegeben. Wenn idi aber 
heute an das „He, camarade, voilä bum bum" 
denke, dann mufS idi herzhaft ladien. — Wolfffohn 
ifl tot. Wieder ifl ein GrojSer von uns gegangen, 
je^t, wo wir ihn fo nötig haben. Audi für uns 
Zioniflen ift es eine grofSe Zeit. 



JÜDISCHER GOTTESDIENST MIT 
REGIMENTSMUSIK. 

Aus den Aufzeidinungen 
des Feldrabbiners Dr. Chone 
beim XIV. Armeekorps. 

Von dem legten Gottesdienfl, den idi zu ver= 
anflatten hatte, war idi fo erfreut, daf5 idi diefe 
Erinnerung befonders feflhalten mödite. Idi hatte 
erfahren, dafS eine Brigade in den in der Nähe 
liegenden Ortfdiaften Quartier beziehen würde; 
es befindet fidi das Konflanzer Regiment dabei, 
alfo viele Söhne meiner Gemeinde. Idi wandte 



74 Jüdifcher Gottesdienfl mit Regimentsmufik. 

midi an das Kommando: Mittwodi nadimittag 
einen Gottesdienft für die jüdifdien Mannfdiaften 
zu veranlajfen. Bereitwilligfl wurde er mir zu= 
geflanden, audi ein Raum ausfindig gemadit und 
idi gefragt: Wieviel Mann der Regimentsmufik 
werden gewünfdit? Idi fdiwankte zwar einige 
Augenblicke, fühlte aber, dafS die Begleitung der 
Mufik unfere Stimmung nur würde erhöhen 
können. 

Mittwodi nadimittag zwei Uhr fanden wir 
uns in der Mairie ein. Fürforglidie Hände hatten 
fidi geregt und zwei gröfSere ineinandergehende 
Räume zureditgemadit. An der Misradiwand 
fland ein Katheder, mit grünem Tudi bezogen 
und mit einem BlumenflraufS gefdimückt. Vor 
ihm im Halbkreis flanden zwei Reihen Stühle, 
tmd im gegenüberliegenden Zimmer hatte fidi die 
Regimentskapelle mit dem Hebens würdigen, kunfl= 
(innigen Mufikmeifler aufgeftellt. Ein Lied der 
Kapelle war die Einleitung. Idi betete Mindiah 
vor; weil mit dem Abend Raufdi Chaudefdi begann, 
lief5 idi den J'hi rozaun mit dem deutfdaen Neu= 
mondweihe-Gebet folgen. Predigt. Chor aus Elias. 
Maariw. Mit befonderer Ergriffenheit fagte idi 
Kaddifdi, bin idi dodi durdi den Krieg daran ver» 
hindert, im Sterbejahr meines Heben Vaters regel= 
mäfSig Kaddifdi zu fagen. Als SdilufSHed ertönte 
das kraftvolle, (Hmmungsreidie Niederländifdie 
Gebet. 



In englifdier Krieg sgefangenfdiafl. 75 

Bei dem Konjlanzer Regiment befindet ficb 
ein jüdifdier Oberarzt, gefdimüdit mit dem Eifer= 
nen Kreuz und dem Zähringer Löwenorden mit 
Sdiwertem. Er forgt wie ein Vater für feine 
Sdiu^befohlenen und nimmt fidi audi der jüdifdien 
Soldaten feines Regiments in jeder Art an. Seiner 
Fürforge habe idi nun fdion zum zweiten Mal die 
Herflellung eines würdigen Raumes zu verdanken. 
Zum zweiten Mal fdion hat er midi und viele 
andere Teilnehmer nadi dem Gottesdienfl mit 
einem feinen Kaffee und gutem Kudien (von 
Muttern) erquickt. Audi diefes Mal hat er von der 
kleinen Gemeinde der Beter eine photographifdie 
Aufnahme gemadit. 



IN ENGLISCHER KRIEGSGEFANGEN= 
SCHAFT. 

Nadiflehender Brief ijl voa 
Herrn Benno Eahn an feinen 
inzwifdien verflorbenen Va= 
ter, Rabbiner Kahn in Heil= 
bronn, geriditet. Das Ori= 
ginal ijl in englifdier Sprache 
gefdirieben. 

Frith Hill Camp Frimley. 
„Sieben Tage follt ihr in Hütten wohnen.** 
Wie oft habe idi an diefen Sa^ kürzlidi denken 
muffen; denn fdion feit Ende Augufl wohne idi 



76 In englifcher Kriegsgefangenfdiafl, 

hier mitHunderten von deutfdien kriegsgefangenen 
Leidensgenoffen in Hütten oder vielmehr Zelten, 
Es ^d meiflens Männer in militärpfliditigeni 
Älter, die von der englifdien Regierung an der 
Abreife verhindert worden find. Ein großer Teil 
wurde zuerfl nadi Olympia verbradit, einem un= 
geheuren zirkusartigen Gebäude, in dem fonft 
AusfleUungen, Pferderennen ufw. abgehalten zu 
werden pflegen. Später wurden wir alle hierher 
transportiert, in ein grofSes Zeltlager, das durdi 
Stadieldrahtzäune von der Auf5enwelt gefdiieden 
ift. Über die Behandlung und Verpflegung können 
wir uns nidit beklagen. Es gereidit mir zur ganz 
befonderen Freude, Eudi mitteilen zu können, 
dafS den jüdifdien Kriegsgefangenen die Erlaubnis 
erteilt wurde, den Jaum Kippur den Traditionen 
unferes Glaubens gemäfS zu feiern. Ein grofSes 
Zelt wurde für den Gottesdienfl bereitgeflellt, und 
ein junger Rabbiner, Rev. L. Morris, kam fpeziell 
von London, um den Gottesdienfl zu leiten. Wir 
waren im ganzen 26 Juden, und Ihr könnt Eudi 
leidit denken, wie wir alle fühlten unter diefen 
Verhältniffen. Während der Maskir Nefdiomaus- 
und Unffane Taukef- Gebete bUeb kein Auge 
trocken. Die Londoner Synagogen-Hauptgemeinde 
verforgte uns mit Gebetbüchern und Taleflm, die 
wir zum Andenken behalten dürfen. 

Ich kann Euch verfichern, keiner von uns wird 
je diefen Jaum Kippur vergeffen. 



Ein verfrühtes Verfohnungsfefl. 77 

Die wadithabenden Offiziere und alle anderen 
Gefangenen behandelten uns während des Feier= 
tags mit dem gröfiten Refpekt, ja mit ganz be= 
fonderer Höflichkeit, und es gereidite mir zur 
grofSen Genugtuung, dafS zwei jüdifdie Soldaten, 
die in Frankreidi von den englifdien Truppen zu 
Kriegsgefangenen gemadit wurden, die Erlaubnis 
bekamen, in unfer Lager hinüberzukommen, um 
am Gottesdienfl teilzunehmen. Die Namen find 
B. Seelig aus Vennebedi, Minden, Weflfalen, und 
Hermann Baehr aus Haaren, Kreis Büren. 

Zum AnbeifSen hatten wir Kaffee, Heringe 
imd Butterbrot — ganz wie zu Haufe — und 
fpäter Suppe, Braten, Obfl und eine lang ent= 
behrte Zigarette. 



EIN VERFRÜHTES VERSÖHNUNGSFEST. 

Brief des Unteroffiziers 
Siegfried Rotlifdiild. 

Mit dem Jaum Kippur ging mir's gut. Idi 
hatte die Idee, derfelbe fei am Dienstag, und 
infolg edeffen afJ ich Montag mittag 4 Uhr Wurfl 
imd Schokolade im freien Feld, und abends nach 
6 Uhr beim Einrücken trank ich Schokolade und 
ap einige Stücke zufälUg verfchafften Zwetfdien= 
kuchen. Auf den nächflen Tag war fi-üher Ab= 
marfch angefagt nach einem Ort etwa 10 km 
entfernt Statt deffen wurde erfl gegen 9 Uhr 



78 Ein verfrühtes Verfohnungsfefl. 

abmarfdiiert mit einem Marfdiziel von 15 bis 
18 km, die ich audi mit leerem Magen, da die 
Straf5enbefdiajf"enheit und die Witterung günflig 
waren, gut zurüdizulegen gedadite. Als wir je= 
dodi mittags 2 Uhr dort ankamen, wurde ab= 
gekodit und um Va^ Uhr mehr als 10 km weiter 
marfdbiert. Da idi einmal folange gefaflet hatte, 
wollte idi wegen der paar Stunden nidit mehr 
vorzeitig anbeijSen; wir marfdiierten bis nadi 
7 Uhr, und idi a|5 während des Marfdies um 
^1^7 Uhr etwas Brot und trank aus der Feld= 
flafdie etwas kalten Kaffee. Später im Wald 
auf der Wadie hatte idi dann warmen Kaffee, 
Biskuit, Sardinen und Wurfl. Einen fdilimmen 
Moment hatte idi: Kurz nadi 5 Uhr maditen wir 
einen längeren Halt mitten in einem Weinberg; 
alle um midi herum pflückten mit WoUufl die 
reifen Beeren, und hungrig und durflig wie ich 
war — es war heiji geworden — hätte ich auch 
gern ein poar davon genommen. Aber es ging 
auch fo. Das Schönfle ifl, daf5 ich zwei Tage 
fpäter aus einer Annonce der Tübinger Chronik 
erfah, dafi nicht Dienstag, fondem Mittwoch Ver= 
fohnungstag war. Na, ich denke, der liebe Herr= 
gott wird es nicht fo genau nehmen. Übrigens 
habe ich auch Sukkaus verlebt, denn die drei 
Tage im Wald bei . . . habe ich in richtigen Laub= 
hütten zugebracht. 



Sukkaus in der Front. 79 

SUKKAUS IN DER FRONT. 

H. L., 7. Oktober. 
Heute, am erflen Tag Chaulhamoed, war mir 
durdi den Empfang des Tabaks, der Strümpfe 
und Sdiokolade, befonders aber des Bildes der 
lieben J., eine reditejaumtauwfreude befdiieden. 
In meinem Tornifler liegen nun bereits fo viele 
Liebesgaben, daj5 idi Eudi bitten muj5, mir vor= 
erft keine Wäfdie zu fdiicken. Am Feflausgang, 
geflern nadit, foUten wir nodi unferen Extra= 
jaumtauw haben. Es hätte bös ausgehen können, 
hat aber n''! [borudi Hasdiem] fehr gut geendet. 
Idi hatte die ganze Nadit mit einem Duzend 
Kameraden Patrouillendienft. Wir follten fe|l= 
(teilen, ob die Häufer des Dorfes am Waldrand 
von Franzofen befe^t waren. Da fdilidien wir, 
bis an die Zähne bewaffnet, durdi Nadit und 
Nebel und Baumgeffarüpp, bis wir, wie die Nadit= 
gefpenfler, an das erfle Haus heranhufditen. Es 
war wirkHdi befe^t, aber von Deutfdien. Der 
deutfdie Poflen war nidit übel erftaunt und er= 
fdirodien, als wir aus der finfleren Nadit heraus 
fo drohend vor ihm auftauditen. Dann löfte fidi 
aber alles in ein helles Ladien auf. Warmen 
Kaffee gab es dann audi. Wir hatten uns auf 
andere Bohnen gefafSt gemadit ... Es wäre uns 
aber audb bitter gegangen, wenn wir eine Nadit 
früher diefen Weg gemadit hätten, aber fo find 



80 Ein SchabbosgrufJ. 



wir um das Eifeme Kreuz gekommen. Eine Be= 
lohnung ward uns dodi, denn wir haben heute 
Rafl, fo da|5 idi Eudi diefen Brief fdireiben kann. 

Vom Sukkausfefl habe idi dodi etwas zu 
fpüren bekommen. Wir hatten nämlidi form= 
lidie Laubhütten, denn wir lagen an beiden Tagen 
im Sdiü^engraben, der mit Tannenlaub bedeckt 
war. Ob unfer verehrter Dajan, Herr P., eine 
foldbe Sukkoh fiir kofdier erklärt hätte, be= 
zweifle idi fehr, aber idi hoffe, dafS die Zeit 
kommen wird, in der der liebe Gott die „Hütte 
des Friedens" über uns alle ausbreitet und es 
mir vergönnt ift, in Frieden und Freude auf hei= 
matlidier Erde die heiligen Mizwaus zu halten. 
Bisher hat midi der liebe Gott gefund und mun= 
ter erhalten. 

Es grüfSt Eudi herzUdi und wünfdit Eudi gute 
Feiertage 

Euer M. 



EIN SCHABBOSGRUSS. 

L. b. M., 14. Oktober. 

Jufl zur rediten Zeit, am Simdiasthora-Äbend, 

erhielt idi die Sdiokolade und den „Tatfdier". 

Idi hatte nidits mehr als KommifSbrot und hätte 

Gudi damit ganz vergnügt meinen Jaumtauw ge= 



Ein SdiabbosgrufJ. 81 



feiert. Wie oft hat uns audi fdion diefes gefehlt! 
Nun aber war es ein richtiges Simchasthora. 
Sehr betrübt hat midi nur die Mitteilung vom 
Tod des Sally Michel und Max Frenkel. Es ifl 
dodi merkwürdig, wir wandeln über ganze Leichen= 
felder und haben uns an den ÄnbHds bereits fo 
gewöhnt, dafS er uns nicht mehr aufregt. Die 
Kunde vom Tod eines Freundes, eines guten Be= 
kannten erfchüttert uns aber durdi und durch. 

Am Scheminiazeres waren wir den ganzen 
Tag im Wald. Nachts aber durften wir in einer 
Scheune fchlafen und hatten frifches Stroh, ein 
ganz ungewohntes Wohlleben, das manchem 
Kameraden zu Kopf geftiegen war . . . Am Sim= 
chasthora aber hatte ich das zweifelhafte Ver= 
gnügen, mit noch einigen Kameraden eine fran= 
zöfifche Patrouille abzufpüren, eventuell abzu= 
fchiejSen. Wir marfchierten mit Morgengrauen 
aus unferer Villa, fonft Kuhftall genannt, und 
konnten gegen 6 Uhr unfer „Jagdgebiet" erreichen. 
Leider zogen es die Herren Franzofen vor, an 
diefem Tag nidbt zu erfcheinen. Gern hätten wir 
mit ihnen dafür abgerechnet, dajS fie unfere Ba= 
gage von einem Verfleck aus befchoffen hatten. 
Hinter uns auf der Höhe hat inzwifchen unfere 
Artillerie ihre Arbeit begonnen. Sie macht einen 
folchen Radau, da^ es mir fdiwer fällt, die Sinne 
zufammenzunehmen, Da ich ihr nicht Ruhe ge= 
bieten kann, werde ich den Brief etwas früher 

Eriegsbricfe. ^ 



82 Aufgaben des jüdifdien Feldgeifllichen. 

fdiliefSen. Idi bin in Gedanken immer bei Eudi. 
Wenn Ihr mir Mittwodi einen „Tatfcher" ab= 
fdiickt, fo ifl immer die Äusfidit vorhanden, daß 
er fdion am Samstag in meinen Händen ijl. Das 
ifl immer ein fdiöner SdiabbosgrufS! Ungeheuer 
freute ich midi, als idi unter meinen Poftfadien 
die Raufdihafdionohnummer des „Israelit" fand 
und die vielen Neuigkeiten erfuhr, für die idi 
früher vielleidit gar nidit fo viel Intereffe hatte. 
Und nun gar, da idi meinen eigenen Brief und 
meine eigenen Erlebniffe unter dem Stridi fand! 
Die Artillerie will mit ihrer SdiiefSerei nidit auf= 
hören, alfo mag es genug fein für heute! 

Gehabt Eudi weiter wohl und haltet gut 
Sdiabbos. 

Euer M. 



AUFGABEN DES JÜDISCHEN FELD= 
GEISTLICHEN. 

Aus emem der Beridite 
des Feldrabbiners Dr. Baedi 
an den Vorfland der jüdifdien 
Gemeinde, Berlin. 

Noyon, 15. Oktober 1914. 
Über meine Tätigkeit in der Zeit vom 28. Sep= 
tember bis zum 13. Oktober beridite idi ergebenfl: 
Am 28. September fiedelte idi von Allemant 



Aufgaben des jüdifdien Feldgeifüidien. 83 

nadi Chauny über, um dort die Feier des Ver= 
fohnungstages abzuhalten. Durdi die Koin= 
mandantur wurde hierfür ein abgegrenzter Teil 
der Kirdie „Notre Dame" beflimmt, da alle 
fonfligen gröjSeren Räume der Stadt durdi Laza= 
rette und Einquartierungen belegt und alle 
freien Plä^e von den Laflwagen befe^t find. Ich 
fe^te einen zweimaligen Predigtgottesdienjl an, 
Dienstag, den 29. September 5V2 Uhr abends und 
Mittwodi 9 Uhr vormittags. Auf die Bitte der 
verfammelten Mannfdiaflen hielt idi dann nodi 
um 4^2 Uhr einen Neilagottesdienjl mit Predigt ab. 
Alle drei Gottesdienfle waren in gleidier 
Weife von den in Chauny Stehenden, etwa 35 bis 
40 Mann, Mannfdiaften verfdiiedener Dienflgrade 
und Ärzten befudit. Der zur Verfügung geflellte 
mittlere Teil der Kirdie, abfeits vom Altar und 
den anderen fakramentalen Stellen, mit Kerzen 
beleuditet, bot einen flimmungsvollen Raum. Die 
Gebete und die Predigten — an die Muffaf= 
predigt fdiloß idi die Seelenfeier an — fpradi 
idi von der niedrigen Kanzel aus; vor ihr waren 
Stühle für die Verfammelten aufgeflellt. Zu 
meiner Freude waren in der kleinen Sdiar audi 
mehrere Angehörige unferer Gemeinde. Idi hatte 
die Empfindung, dafS der Tag allen nahetrat; 
midi, und wohl audi alle anderen hat es be= 
fonders ergriffen, wie in jedem der Gottesdienfle 
die Sä^e des „Owinu Molkenu" lout nadi= 

6^ 



84 Aufgaben des jüdifdien FeldgeifUidien, 

gefprodien wurden, wie am Schluj^ der Seelen= 
feier das Kaddifdi von einigen wiederholt wurde 
und wie am Sdiluf^ des Neilagebetes die Sä^e 
des Glaub ensbekenntniffes den Äusklang bildeten. 
Erwähnen mödite idi audi, daß vor dem Sdiluf5= 
gottesdienft der Cure der Kirdie, der des Deutfdien 
etwas kundig ifl, an midi die Bitte riditete, dem 
Gottesdienft beiwohnen zu dürfen, und fidi als 
Andenken dann ein Feldgebetbudi ausbat. 

Idi blieb in Chauny eine Wodie, um die 
zahlreidien, dort bejindlidien Lazarette, wie audi 
die der Umgegend zu befudien. Chauny, ebenfo 
Noyon, wo idi midi je^t befinde, find Haupt= 
fammelftellen für die Verwundeten. Die Wege 
nadi der Umgegend waren mir dort bisweilen 
erleiditert, da mir an einigen Tagen ein Wagen 
zur Verfugung geflellt wurde. Diefer Befudi der 
Lazarette erweift fidi als ein fehr wefentlidier 
Teil meiner Tätigkeit. Den Verwundeten wird 
ein Stüdi Heimat gebradit und ihre Zuverfidit 
gehoben; fie fühlen fidi, wie idi oft bemerken 
konnte, fdion dadurdi aufgeriditet, dafS audi zu 
ihnen, wie zu den Andersgläubigen, ein Seel= 
forger kommt. Daneben fleht, dafS den An= 
gehörigen der Verwundeten regelmäßig Nadiridit 
gegeben werden kann; idi habe an mandiem 
Tag eine ziemlidi umfangreidie Korrefpondenz 
auszufuhren. 

In mehreren Fällen habe idi leider audi 



Aufgaben des jüdifchen Feldgeifllidien. 85 

Trauernadiriditen an Angehörige fdiicken muffen. 
Bei den Beerdigungen, bei denen die Toten zu= 
meifl in einem Maffengrab beftattet werden, habe 
idi in Gemeinfdiaft mit dem evangeUfdien bzw. 
katholifdien Geifllidien am Grabe gefprodien, 
nachdem idi neben ihnen dem Trauerzug gefolgt 
war. Idi habe stets den Hinterbliebenen hier= 
von, wie von dem Ort und der Zeit der Beerdi= 
gung, und vorher von den Einzelheiten des Hin= 
fdieidens Nadiridit gegeben. 

Von Chauny begann ich dann eine für längere 
Zeit beredinete Weiterfahrt, die midi zu den 
einzelnen Divifionen führen foU. Um näher an 
die Truppen heranzukommen, hat es fidi mir als 
erforderlich herausgeflellt, mich zu den einzelnen 
Divifionen und Brigaden, foweit möglidi, zu be= 
geben. Ich habe die gefamte vergangene Woche 
dem Beginn diefer Aufgabe gewidmet und je 
drei Tage bei zwei Divifionen zugebracht. Ich 
habe zwei kleine Feldgottesdienfte im Freien ab= 
gehalten und dort, wo die jüdifchen Soldaten 
fich ganz vereinzelt bei einem Truppenteil be= 
finden, diefe feelforgerifch aufgefucht. Daneben 
habe ich in den Feldlazaretten und Verband= 
planen nach jüdifchen Verwundeten Nachfirage 
gehalten. Diefe Kreuz- und Querwege waren 
mit mancherlei Schwierigkeiten und Strapazen 
verbunden; manches Dorf, in dem ich Nacht= 
quartier nahm, war durch Granaten fafl völHg 



86 Aufgaben des jüdifdien FeldgeifUidien. 

zerflört, und die wenigen Häufer, die nodi ein 
Dadi und einige Fenfler hatten, waren felbfl= 
verfländlidi durdi die, weldie fländig zum Truppen= 
teil gehören, bereits vorher befe^t worden. Aber 
alle diefe Mühen wurden durch das liebenswürdige 
Entgegenkommen der Truppenfuhrer, ganz be= 
fonders der Generäle und der fonftigen höheren 
Offiziere, erleiditert. 

Da den Pferden eine bei dem ungünfligen 
Wetter befonders erforderlidie Ruhezeit gewährt 
werden muj5, habe idi midi für einige Tage hier= 
her, nadi Noyon, begeben. Idi benu^e diefe Zeit, 
um die hiefigen fünf Lazarette zu befudien; 
aufierdem habe idi für Sonnabend vier Uhr einen 
Gottesdienfl anfetjen laffen. An einem der nädiflen 
Tage will idi dann meinen Weg zu den weiteren 
Divifionen fortfe^en. 

Idi habe nodi nidit feflflellen können, in 
weldier Weife meine KoUegen, die als Feld= 
Prediger einberufen worden find, ihre Tätigkeit 
einriditen. Nur mit einem ifl es mir bisher ge= 
lungen, in Verbindung zu treten: diefer hat, auf 
Anraten des betr. Oberkommandos, feinen dauem= 
den Standpla^ in dem Hauptetappenort ge= 
nommen. Nadi den Erfahrungen, die idi bisher 
gewonnen habe, befdiränkt dies das Gebiet der 
Tätigkeit vöUig. Es ifl, tro% aller Befdiwerlidi= 
keiten, durdiaus erforderlidi, alle Teile der Armee 
aufzufudien. Nur dadurdi ifl es mögHdi, da^. 



Aufgaben des jüdifchen Feldgeijllidien. 87 

wenn audi vielleidit nicht alle, fo dodi viele den 
perfonlidien Eindruck und die perfonlidie Gewif5= 
lieit davon gewinnen, dafS ein Rabbiner unter 
ihnen ifl. Es i(l fehr wefentlidi, daf5 die jüdifdien 
Soldaten dies erfahren, aber ebenfo audi, da|5 
die Andersgläubigen es wiffen. Für die Än= 
erkennung des Judentums ifl dies unflreitig von 
Bedeutung, und es braucht nidit erft darauf hin= 
gewiefen zu werden, daß jede Anerkennung der 
Juden dodi zuerjl und zulegt von der Anerkennung 
des Judentums abhängt. Es ifl auch für die 
Stellung des jüdifchen Soldaten wichtig, daf5 feine 
Religion fiditbar neben den anderen fleht. 

Es ifl felbflverfländlich, dafS nicht alles ge= 
fchehen kann, was der Wunfeh und der Gedanke 
des Notwendigen tun möchten. Die jüdifchen 
Mannfchaflen find weithin verflreut, manches Re= 
giment zählt nur zwei jüdifche Soldaten; die 
verhältnismäfiig gröfite Zahl, 17, fcheint in der 
Armee, der ich zugeteilt bin, das . . . Regiment 
zu haben, das ich demnächfl auffuchen will. Für 
das Gebiet, das der jüdifche Feldgeiflliche zu ver= 
walten hat, flehen z. B., nachdem ihre Zahl vor 
einigen Wochen erheblich vermehrt worden ifl, 
40 — 50 evangelifche Geiflliche und eine nicht viel 
geringere Anzahl katholifcher im Dienfl. Durdi 
eine geeignetere Organifation hätte manches 
beffer geflaltet werden können. Aber es ifl ja 
zu hoffen, dafS kein fpäterer Krieg mehr es ge= 



88 Das einende Band. 



bieten wird, die Erfahrungen diefes Krieges nut;= 
bar zu madien. Allein audi unter den obwalten= 
den Verhältniffen kann hier fo mandie Aufgabe 
ihren Pla^ finden. 

Idi behalte es mir vor, in meinem nädiflen 
Beridit über den fehr günfligen Eindrudi, den idi 
von den jüdifdien Soldaten gewonnen habe, Mit= 
teilungen zu madien. 

Darf idi audi von mir perfonlidi mitteilen, 
dafS mein Befinden, audi an ungünffcigen Tagen, 
flets gut war. 



DAS EINENDE BAND. 

Antwortfdireiben an den 
Provinzialrabbiner Dr. Bam= 
berger, Hanau, der zu den 
hohen Feiertagen an die im 
Felde flehenden Angehörigen 
des ihm unterflellt«n Bezirks 
feinen Segenswunfdi ge= 
fandt hat. 

S., 27. Okt. 1914. 
Mit Ihrem Brief vom 26. Sept. haben Sie mir 
eine grofSe Freude bereitet, für die idi Ihnen 
herzlidifl danke. Leider kam die Sendung er(l 
vorgeflern in meinen Befi^, alfo zu fpät für den 
Verfohnungstag, an weldiem Tag idi befonders 



Das einende Band. 89 



das Gebetbuch gut hätte brauchen können. Es 
ift merkwürdig, Sie kennen ja meine religiöfen 
Anfchauungen und wiffen, dafJ ich auf Formen 
nichts gebe. Und zu diefen Formen rechne ich 
auch die herkömmlichen „Gebete", die ja meifl 
keine Gebete, fondern Betrachtungen find. Und 
doch, je ferner man der Heimat weilt, defto enger 
fchliefSt man fich naturgemäjS an das an, was 
einen mit der Heimat verbindet, und das ifl eben 
wieder die — Form! Man fühlt fidi der Heimat 
näher, wenn man wei^, daj5 die daheim zur felben 
Stunde genau dasfelbe tun wie wir. Und fo habe 
ich mich auch bemüht, den Verföhnungstag fo zu 
halten, wie ich es von zu Haufe gewöhnt war. 
Ich habe gefaflet und habe im Geifl den Gottes= 
dienfl daheim der Zeit nach verfolgt. — Gottes= 
dienfl felbffc habe ich freilidi an jenem Tag nicht 
gehabt, und doch war idi vielleicht andächtiger 
als oftmals! Drei Tage nach dem Verföhnungs= 
tag hatten wir hier einen Feldgottesdienfl, ver= 
anflaltet von einem katholifchen Geifllichen. Ich 
mufi fagen, idi habe nicht leicht eine erhebendere 
Feier erlebt. Wir Soldaten bildeten ein Viereck 
um den Geifllichen, der felbfl vor einem Granaten= 
loch auf einer Wiefe fland. Im Hintergrund fahen 
die in Brand gefdioffenen Häufer von S. zu uns 
herüber. Der GeiflHche liefS zuerfl die erfle Strophe 
des Chorals: GrofSer Gott, wir loben dich! fingen 
und hielt dann eine von Begeiflerung getragene 



90 Das einende Band. 



Anfpradie, worin er, ausgehend vom Begriff des 
Gottesgnadentums, uns aufforderte zur hödiflen 
Pfliditerfullung , und fdiliefilidi für Kaifer und 
Reidi, für Fürjl und Volk, für Land und Heer um 
Sieg und Frieden flehte. Die Feier fdilofS dann 
wieder mit einer Choralflrophe. 

In Ihrem Brief erwähnten Sie, da|5 in diefer 
Zeit die Fernen einander fo nahe find im Denken 
und Fühlen. Das ifl wirklidi wahr! Idi habe 
mit meinem Bruder anlöjilidi des Neujahrsfefles 
korrefpondiert und dabei daran erinnert, wie zeit= 
gemöfS eigentlidi unfere vor Jahr taufenden ent= 
flandenen Gebete und Pfalmen find. Und den= 
felben Gedanken finde idi nun in dem zweiten 
Ihrer fo zu Herzen gehenden „Gottesdienfllidien 
Vorträge" wieder, weldie für midi eine Stunde 
weihevollen Genuffes waren. AufSer den von Ihnen 
angegebenen Stellen darf idi hier vielleidit nodi 
auf Pfalm 3 und Pfalm 27 verweifen. Und gibt 
es einen fdiöneren und zugleidi zeitgemäfSeren 
Wunfdi heute als den legten Sa^ im Kaddifdi: 
„Aufeh Sdiolaum bimraumov, hu jaafe Sdio= 
laum"? 

Ihr 

Dr. E. W., 
Leutnant d. Ref. 



Das reügiöfe Rückgrat. 91 

DAS RELIGIÖSE RÜCKGRAT. 

Feldpoflkarte des Hugo Elkan 
aus Effen, Krankenträger der 
3. Komp. Brig. Erf, Batl. 86 
der 8. Erf. Div., an Rabbiner 
Dr. Bamberger, Sdiönlanke. 

Bois du four bei Thiancourt in Frankreich. 
Im Schü-^engraben, den 31. 10. 14. 
Verteidigungsflellung Toul-Verdun. 

Sehr geehrter Herr Rabbiner! 
Soeben wurde mir von meinem Kompagnie= 
<hef, Herrn Oberleutnant Röhrig, eines Ihrer An» 
daditsbüdilein überreidit. Der Befi^ eines foldaen 
hat mich um fo mehr erfreut, als ich bis je^t mit 
einem evangelifchen Gefangbuch fürUeb nehmen 
mufSte, und es mich fchon befremdet hatte, daß 
unfere reHgiöfe Sache hier im Felde fo wenig 
vertreten wurde und mich je^t vom Gegenteil 
angenehm überzeugen konnte. Ich mödite es mir 
deshalb nicht vorenthalten, Euer Ehrwürden zu 
diefer willkommenen Gabe eigenhändigft meinen 
herzlichen Dank hierdurdi zu übermitteln. Ich 
werde diefes Büchlein während der Dauer des 
Krieges flets als einen Talisman bei mir tragen. 
Bildet dodi der Befi^ des betreffenden für jeden 
jüdifchen Krieger ein gewiffes reHgiöfes Rückgrat. 
Mit ergebener Hodbaditung 
Hugo Elkan aus Effen a. Ruhr, Krankenträger. 



92 Mißhandlung der Juden im ruffifdien Heer. 



MISSHANDLUNG DER JUDEN IM 
RUSSISCHEN HEER. 

Aus dem Brief eines un= 
garifdien Landfturm - Feld= 
webeis. 

. . . Es i(l unerhört, wie das ruffifdie Heer 
mit feinen polnifdien und jüdifdien Soldaten um= 
geht. Diefe werden nach den gefährlidiflen Punkten 
gefdiickt. So wurden z. B. beim Angriff auf die 
Feflung Przemysl zur Erflürmung der Feflungs= 
fdianzen nur polnifche und jüdifdie Soldaten ver= 
wendet. Als diefe von unferen Truppen zurüd5:= 
gefdilagen wurden, find fie von hinten durdi die 
Mafdiinenge wehre ihrer eigenen Truppen zum 
erneuten Angriff gezwungen worden. AUe Ge= 
fangenen beriditen dies. 

Unter den gefallenen Ruffen ifl auffallend 
viel jüdifdie und polnifdie Mannfdiafl. Diefe 
werden einfadi zur Sdiladitbank gefuhrt. Rüh= 
rende Szenen kann man hier fehen. Einzelne 
jüdifdie Soldaten haben vor dem Feftungsangriff 
ihren weiften Kittel, den man am Jaum Kippur 
trägt, angezogen. In ihren Tafdien fand man 
Briefe, in denen fie unfere jüdifdien Sanitäts= 
foldaten und diejenigen, die fie beerdigen, bitten, 
bei ihrer Auffindung und nadi ihrer Beerdigimg 
einen Kaddifdi nadi ihnen zu fagen. 



MifJhandlung der Juden im ruflifdien Heer. 93 

Die ruffifdien Offiziere benehmen fidi fehr 
feige. Bei den Angriffen find fie immer hinten und 
treiben die kämpfenden Soldaten mit Kautfdiuk= 
fdilägen in die Feuerlinie. 

Raufdihafdionoh, Jaum Kippur und Sukkaus 
haben wir — einzelne, denen ihr Dienfl es ge= 
ftattete — wundervoll verlebt. Gottesdienfl haben 
wir in einer kleinen Bauernflube eingeriditet. 
Eine Sefer-Thora bekamen wir aus einer Privat= 
Synagoge des benadibarten Przemysl. Einen fehr 
guten Vorbeter hatten wir in der Perfon eines 
fehr religiöfen Landflurm-Feldwebels. Der Gottes= 
dienfl wurde in einer fehr innigen und andäditigen 
Weife gehalten. So viel Perfonen, fo viele Waffen= 
gattungen haben daran teilgenommen. Infanterifl, 
Hufar, Artillerifl, öflerreidiifdie Landwehr, Ulanen, 
Dragoner, Sanitäter und zwei Offiziere bildeten 
das andäditige Publikum. Der Umfland, dafi am 
Jaum Kippur ein fehr flarker Feflungsangriff flatt= 
fand und man den ganzen Tag furditerlidien 
Kanonendonner hörte, trug nodi zur Erhöhung 
der andäditigen Stimmung bei. 

Es fdieint dodi, dafi der liebe Gott unfere 
Gebete erhört hat und unferen Truppen zum Sieg 
verhalf. 



94 Sohnesliebe. 



SOHNESLIEBE. 

Die Witwe Levi aus Zweflen, Bezirk 
Kaffel, die fedis Söhne im Feld flehen 
hat, fleUt uns mit folgenden Zeilen den 
nadijlehenden Brief zur Verfügung : „An= 
bei empfangen Sie von mir zwei Briefe 
von meinem Sohn, bitte Sie aber um 
Gotteswillen, mir diefelben wieder zurüds= 
zufenden, denn idi bin eine ganz arme 
Witwe, wo nur die Briefe meiner Söhne 
mein Reiditum find." 

Ruffifdi-Polen, 31. Oktober 1914. 

Mein liebes, gutes Mutterdien! 
Mit taufend Freuden empfing idi heute Deine 
beiden Briefe vom 20. und 26. Oktober. Wie idi 
aus denfelben entnommen habe, geht es Eudi 
allen nodi redit gut, und kann idi audi von 
mir G. f D. das Befle beriditen. Aber, Hebe 
Mutter, Deinen ganzen Briefen nadi zu urteilen, 
kannjl Du Didi gar nidit darüber nausfe^en, dajS 
Du 6 Söhne im Felde hajl. Gewiß ifl es keine 
Kleinigkeit für eine Mutter von 70 Jahren, nodi 
fehen zu muffen, wie ihre ganzen Jungen, ihre 
einzige Hoffnung und ihre einzige Stü^e, im Felde 
flehen. Aber, Hebe, gute Mutter! Laffe Dir das 
Herz in diefer fdiweren Stunde nidit fo fdiwer 
fein. Denke dodi, wie oft Dir der hebe Gott in 
den heifSeflen Stunden beige jlanden hat. Und 



Sohnesliebe. 95 



foll er Didi gerade je^t in diefer fdiweren Stunde 
verlaffen? Nein, idi glaube es nidit. Denke Dir 
mal die Freude, wenn wir alle fiegreidi zurüd£= 
kehren. Adi, was können wir Dir da fo viel 
Neuigkeiten erzählen. Ja, ganze Büdier könnte 
man fdireiben. Eine Freude und Ehre muj5 es 
Dir fein, daß wir alle fürs Vaterland kämpfen 
können. Und wer das gefehen hat wie ich, wie 
das Vaterland in Oflpreußen vom Feinde, von 
den niederträditigen Ruffen, zugeriditet ifl, der 
kämpft gern, und foll man den Tod vor Äugen 
fehen, fo (ieht man ihm gern entgegen. Die 
kleinen Paketdien von Selma habe idi erhalten,^ 
das große nodi nidit. Wird aber audi in den 
nädiften Tagen ankommen. Von Klara aus Wolf- 
hagen habe heute zwei Pakete empfangen und 
von meiner Berta erhalte idi fehr viel. Dir,^ 
liebes Hannadien, danke vielmals für Deine Ziga= 
retten. 

Liebe Rofa! Über Mori^ braudift Du Didi 
nidit aufzuregen. Wie mir Jeannette fdirieb, ifV 
er bei leiditer Munitionskolonne. Dann kommt 
er überhaupt nidit ins Gefedit. Er ifl immer 
viele, viele Kilometer vom Gefedit entfernt, fährt 
täglidi auf dem Wagen. Ja, fafl bis in die Stube 
im Quartier. Dann ifl er in Frankreidi und ifl 
es da taufendmal beffer als hier in Polen. Lebens= 
mittel find dort im Überflufi, Wie es uns hier 
geht, will idi Eudi mal mitteilen. 1. Der Wegl 



96 Das Eifeme Kreuz erfler Klaffe. 

Die beflen Straften find fdimu-^iger und fdilediter 
als bei uns in Deutfdiland die fdilediteflen Wald= 
wege. Die Stiefel mufS man feflfdinallen, damit 
felbige nidit im Dreds fledien bleiben. 2. Lebens= 
mittel find fehr rar und teuer. Das Pfund Zu(ker 
koflet Mk. 1.—, das Pfund Kaffee Mk. 3.-. 
Brot ifl Seltenheit. Gern würde man aber den 
Preis bezahlen, wenn man nur was bekommen 
könnte. Mit der Kälte ifl es gerade nidit fo 
fdilimm, wie Ihr es Eudi vorflellt. Jedodi fdilim= 
mer als in Frankreidi. Bei Namur ifl es grof5= 
artig gewefen, denn idi war audi da. Ja idi 
war fogar bei der Einnahme von Namur dabei. 
Laffet redit bald etwas von Eudi hören und 
feid alle redbt herzHdi gegrüfSt 

von Eurem Emil. 



DAS EISERNE KREUZ ERSTER KLASSE. 

Brief des Unteroffiziers der Referve 
im 48. Infanterieregiment Oskar Brieger, 
Hohenfalza. 

Das Kreuz zweiter Klaffe erwarb idi mir auf 

folgende Weife: Als wir nadi befdiwerlidien 

Märfdien am 25. Augufl er. in Hofflaade an= 

kamen, wurden wir mit fiirditerlidiem Feuer emp= 

ngen; die ganze Zivilbevölkerung, einfdiliefSlidi 



Das Eiferne Kreuz erfter Klaffe. 97 

der Frauen, fdio|5 unaufhörlidi auf uns. Auf 
diefe Weife find viele meiner Kameraden gefallen. 
Mir felbfl wurde Gewehrkolben von einem Frank= 
tireur weggefdioffen, fo daf5 idi nur nodi den 
Lauf in Händen hatte. Um midi etwas zu fdiü^en, 
fudite idi an einer Sdieune Deckung und fah bei 
der Gelegenheit, wie ein belgifdier Soldat auf 
unfere Verwundeten fdiofS. Als der Sdiurke fein 
Gewehr wieder laden wollte, rannte idi ihm mein 
Bajonett ins Herz. Es gelang mir, meine ver- 
wundeten Kameraden zu verbinden und aus der 
GefeditsHnie zu tragen. 

Das Kreuz erfler Klaffe erwarb idi mir fo: 
Vom 9. bis 13. September lagen wir in Elevyt 
fortgefe-^t im Gefedit. Da wir andauernd von 
fdiwerer Artillerie befdioffen wurden, wurde der 
Verbandpla^ in dem Keller eines zweiflödiigen 
Haufes angelegt, auf der anderen Seite der Strafte 
gegenüber dem Sdiü^engraben. Tro^dem auf 
dem Haus das Rote Kreuz angebradit war, war 
es das Ziel der feindlidien Granaten. Idi bradite 
fedis fdiwerverwundete Kameraden dorthin, die 
von dem Stabsarzt, Herrn Dr. Laferflein aus 
BerHn, verbunden wurden. Nadi der zweiten 
Granate, weldie einfdilug, flürzte das Haus in 
fidi zufammen und fing an zu brennen. Die fedis 
verwundeten Krieger, der Stabsarzt und fein 
Afliflent, mehrere Mufiker und Hausbewohner, 
insgefamt 32 Perfonen, wurden budifläblidi be= 

Kriegsbriefe. 7 



98 Das Eiferne Kreuz erfler Klaffe. 

graben. Es gelang mir, mich herauszuarbeiten 
und zu einer bisher nicht gefehenen Tür zu ge= 
langen. Mit einem Stein zerfchlug ich die Füllung 
und gelangte auf diefe Weife in einen Neben= 
keller, welcher ein [tark vergittertes Fenfter nach 
der Straße aufwies. Mit aller Kraft wollte ich 
die Eifenfläbe entfernen, jedoch gelang es mir 
nur, den mittelften umzubiegen. Ich entfernte 
meine Kleider und zwängte mich durch das Gitter 
auf die Straße, um aus unferem Schü^engraben 
Hilfe zu holen. 

Kaum betrat ich die Chauffee, als eine Gra= 
nate angefaufl kam und mich zu unferem Schü^en= 
graben hinüberwarf, wo ich befinnungslos liegen 
blieb. Als ich wieder zu mir kam, bat ich einige 
Kameraden um Unterftü^ung ; das feindliche Feuer 
war jedoch fo furchtbar, daß fich keiner aus dem 
Schü^engraben herauswagte. Kurz entfchloffen 
nahm ich eine Axt und lief fo fchnell wie mög= 
lieh zu dem Haus zurück, um noch zu retten, 
was zu retten war. Auf dem Weg krepierte 
wieder einen Meter von mir entfernt eine Granate; 
doch wurde mir von den Splittern nicht ein Haar 
gekrümmt. Mit Aufbietung aller Kräfte durch= 
fchlug ich die Wand zum Nebenkeller, und fo ge= 
lang es mir allein, die verwundeten Kameraden, 
den fchwerverle^ten Arzt und fämtliche Infaffen 
zu befreien und an einen fidieren Ort zu geleiten. 



„Menfdi fein." 99 



„MENSCH SEIN." 

Brief des Gefreiten im 
Inf.-Reg. . . Martin Feift, 
Frankfurt a. M,, der inFrank= 
reidi gefallen ifl. 

Im Sdiü^engraben bei Ändodiy, 
2. XI. 14, nadimittags. 

Meine Lieben! 
. . . Idi will in meinem geftrigen Beridit 
fortfahren. Die Nadit vom Donnerstag auf Frei= 
tag verlief wider Erwarten ruhig. Der Freitag 
felbft bradite uns etwas Ruhe, und ermattet von 
den Strapazen, ruhten wir ermüdet in unferen 
Gräben. Der Sdiabbos begann, und wieder hiefS 
es, leife fidi von einem Sdiü^engraben zum an= 
deren wiederholend: „Tornifler packen, alles ge= 
feditsbereit, Seitengewehre aufpflanzen." Ein 
Gefühl des Sdiauems durchzog mich, als idi auf 
diefe Weife den Befehl ermittelte: „Heute nacht 
Sturm." Stumm lehnte idi midi an die Brüflung 
des Schü^engrabens, fdbarf nach vom auslugend, 
Ton wo wir den Feind erwarteten: der volle, 
eben aufgegangene Mond erleichterte die Äuf= 
gäbe, das hügelige Gelände zu überfchauen. Ich 
fprach mein Maariwgebet, und dann fdiweiften 
meine Gedanken zurück zu Euch, meine Lieben. 
Ich fah Euch vereint um den fabbathlichen Tifch, 



100 „Menfdi fein." 

weihevoll und doch befimdioh fdiel Mizwoh auf= 
gehend. 

Idi dadite an alle Freunde und Verwandte, 
an ihn vor allem, den teuren Freund, mit dem 
warmen Herzen und den glühenden Idealen in 
der Brufl. Er ging darin auf, fich immer mehr 
aufzuringen zu dem Wahren, Sdiönen und Guten. 
Er foUte fein Ziel nidit erreidien. Fernab von 
der Heimat traf ihn die Kugel des Feindes und 
madite feinem jungen Leben ein allzu frühes 
Ende; nidits blieb mir von ihm zurück als die 
Erinnerung an die frohen und trüben Tage der 
Jugend, die wir gemeinfam verbrachten. Gottes Rat= 
fchluß ifl unerforfchlich. Und fo zogen flundenlang 
meine Gedanken. Sie hielten inne, alsichderEntfe'^= 
lichkeiten gedachte, diemeineÄugen gefchaut haben. 
Ihr Zuhaufeg ebliebenen, was könnt Ihr von Glück 
fagen, daß es Euch erfpart bHeb, die Schrecken 
des Krieges zu erfahren. Könntet Ihr es riditig 
verflehen, Ihr Reichen, doppelt würdet Ihr Hand 
und Herz öffnen, um die Not und das Elend zu 
lindern, würdet Euch grojS als Menfchen und noch 
gröfSer in Euren Pflichten als Juden zeigen; Ihr 
würdet verflehen, dafS es in diefer Zeit doppelt 
am Pla^ ifl, zu fpenden und zu geben. Wohl 
find Eudi in diefem Jahre Einnahmequellen ver= 
fiegt, ja vielleidit Verlufle wahrfcheinlich, doch 
Gott gab Euch ja fo viele Jahre des Wohl= 
flands. 



^Menfdi fein." 101 

Möge audi diefe Zeit, fo gingen meine Ge= 
danken weiter, reinigend hineinfahren in unfere 
Frankfurter Gaffen, möge man verflehen lernen, 
dafS man bisher zuviel danadi gefragt, wer reidi, 
wer arm ifl. Weg mit der Änbeterei des Reidi= 
tums, entfernen wir diefen Gö^en aus unferem 
Herzen, und unfer Frankfurt wird fehen, dafS es 
noch ein Höheres gibt, und das heifSt „Menfdi 
fein". Möge diefer große Moment ein grof^es 
Gefdiledat finden, möge er uns veranlaffen, uns 
felbfl zu erziehen, dafS wir nadi dem Kriege ein 
Leben mit neuen Begriffen, neuen Vorflellungen 
beginnen können. 

Der Mond verfdiwand hinter inzwifdien dufter 
aufgezogenen Wolken, meine Blidie verfolgten 
ihn, wie er fidi immer wieder durdi die Wolken 
emporzuarbeiten verfudite. StÜl und fdiwarz 
wurde es um midi her, da fe-^te redits von mir 
ein heftiges Gewehrfeuer ein, die Kanonen don= 
nerten, Mafdiinengewehre ratterten unaufhörUdi, 
der Angriff der Franzofen begann. Der Morgen 
fand uns als Sieger; aber mandi bravem Kame= 
raden hatte es das Leben gekoftet. 

Den Samstag verbraditen wir in Ruhe. Idi 
madite abends Hawdoloh mit kaltem Kaffee aus 
meiner Feldflafdie, einer alten Petroleumfunzel 
und Zigarre als Befomim, und fang dann für 
midi allein die Semiraus. Das Vertrauen zu 
Hakodaufdi borudihu begleitet midi von diefem 



102 Jüdifches Leben in einer kleinen Garnifon. 

Sdiabbos in die Wodie hinaus, er wird midi be= 
hüten und befdiütien, und mit feiner Hilfe wer= 
den wir uns gefund wiederfehen. 
Es grüj5t Eudi alle 

Euer Martin. 



JÜDISCHES LEBEN IN EINER KLEINEN 
GARNISON. 

Brief des Stabsarztes Dr. Max 
Sidiel, Frankfurt a. M. 

Afdiaffenburg, 3, 11. 14. 

Lieber Eugen! 
Heute find es drei Monate, daß idi hier bin. 
Als idi an jenem Sonntag, während in allen Syna= 
gogen die Klagelieder Jeremias ertönten, aus 
meiner Sommerjrifdie nadi Haufe eilte, um tags 
darauf meinem Geflellungsbefehl zu folgen, da 
dadite idi nidit, da|5 idi drei Monate lang von 
Kanonendonner und Sdiü-^engraben verfdiont 
bUebe. UnvergefSlidi find mir die erflen Wodien, 
während weldier fidi in glänzender Weife der 
Aufmarfdi vollzog. Wir Sanitätsoffiziere hatten 
die Aufgabe, die abziehenden Truppen auf ihre 
Transportfähigkeit zu unter fudien. Diefe Tätig = 
keit begann gleidi in der Nadit vom zweiten auf 
den dritten Mobilmadiungstag. Stündlidi rüditen 



Jüdifches Leben in einer kleinen Gamifon. 103 

neue Mannfdiaften heran, die nach ihrer Muflerung 
und nadi einigen anfeuernden Worten des dienfl= 
tuenden Offiziers abzogen. Deffen hätte es nidit 
bedurft; denn die Stimmung war durdiweg ge= 
hoben, audi ohne dajS der Alkohol, deffen Ver- 
abreidiung an allen Bahnhöfen (Irengflens unter- 
fagt war, das feinige dazu tat. Nur ganz ver- 
einzelt kam es vor, dafS der oder jener mit 
einem wirkÜdi vorhandenen Leiden fidi feiner 
Ehrenpflidit zu entziehen fudite. 

Das Leben hier fpielt fidi in dem einer kleinen 
Garnifon eigenen Rahmen ab. Allabendlidi trifft 
man fidi in einem der wenigen befferen Lokale, 
um die Tagesneuigkeiten zu befpredien und auf 
die legten Telegramme vom Kriegsfdiaupla^ zu 
warten. Der Gamifonältefle, der Major des 
Bataillons, ifl der Wortführer, um den fidi eine 
flattHdie Gruppe von Offizieren und Sanitdts= 
Offizieren fdiart. Allabendlidi wird hier Europa 
verteilt, und es ifl nur verwunderHdi, dafS die 
Ruffen und Franzofen audi nodi ein Teildien be= 
halten. In einer kleinen Garnifon ifl naturgemäfS 
die Bevölkerung mit den dort flationierten Truppen 
fdion in Friedenszeit fefl verwadifen. Diefe Än= 
hänglidikeit ifl begreiflidierweife in den gegen= 
wärtigen fturmbewegten Tagen befonders grofS, 
und der Äusmarfdi des zur Front abziehenden 
Nadifdiubes ifl jedesmal ein Ereignis für die 
ganze Stadt. Die jüdifdien Krieger des hiefigen 



104 Jüdifdies Leben in einer kleinen Garnifon 

Bataillons madien einen durchweg günfligen Ein= 
druck; fie verkehren zum Teil in dem jüdifdien 
Speifelokal, das manche Vorzüge, aber auch nicht 
allzu wenige Schattenfeiten hat. In unferem La= 
zarett hat fleh der einzige jüdifche Krankenträger 
zur Front gemeldet; er ift deprimiert, daß feinem 
Wunfche nicht (lattgegeben wurde. In der Syn= 
agoge behandelt der Rabbi bei jeder Gelegenheit 
das Zeitgemälde Thema Krieg. Jüngft liejS er fich 
des näheren über die Frage aus, ob der gegen= 
wärtige Krieg derjenige fei, den die Heilige Schrift 
für den Vorabend des meffianifchen Zeitalters 
ankündigt; aus dem Fehlen verfchiedener An= 
zeichen wird diefe von mancher Seite vertretene 
Änfchauung verneint. Die überaus wichtige Frage, 
ob man am Sabbath einen Säbel tragen dürfe, 
wurde im Hinblick dorauf, dafS diefe Waffe nicht 
das Kriterium eines Schmuckes aufweife, eben= 
falls negativ beantwortet. Ihm ifl, wie er an 
einem der legten Sabbathnachmittage ausführte, 
zu Ohren gekommen, dafS ein jüdifcher Krieger 
dem lieben Gott das Vertrauen kündigte, weil 
fein Kamerad tro^ heifSen und inbrünfligen Fle= 
hens von der feindlichen Kugel nicht verfchont 
geblieben ifl. Ein Kaufmann, meinte der Rabbi 
geiflvoU wi^elnd, habe doch nicht das Recht, eine 
Branche zu verurteilen, blofS weil er es in ihr zu 
nichts gebracht habe. Wenn dem Gebete in jedem 
Fall die Erfüllung auf dem FufSe folge, gäbe es 



Jüdifdies Leben in einer kleinen Garnifon. 105 

kein befferes Gefdiäft, als redit fleißig die Syn= 
agoge zu befudben. 

Die ranghöheren Sanitätsoffiziere find famt 
und fonders angenehme Vorgefe^te und zeigen 
fidi im gefelHgen Verkehr als trinkfefle, bier= 
ehrHdie Herren, mit Ausnahme des jüdifdien 
Stabsarztes; damit diefer jedodi nicht leer aus= 
geht, ifl ihm die rote Nafe zu eigen, die dem 
Alkohol fidierlidi nidit ihr Dafein verdankt. Fafh 
täglidi treffen Verwundete ein, aus deren Er= 
Zählungen man fidi eine ungefähre Vorftellung 
von den Sdiredien madien kann, die der Krieg 
notwendigerweife im Gefolge hat. 

Unter den legten Ankömmlingen befanden 
fidi zwei Kriegsfreiwillige von 20 und 18 Jahren; 
der erftere, ein Jurift, GrofSftadtjude, war kaum 
adit Tage im Feld, als er mit zerfdimettertem 
Bein zurücktransportiert werden mufSte; der an= 
dere hat die Sprache verloren vor Schreck über 
den Tod feines Zwillingsbruders, der, von einer 
feindlichen Kugel getroffen, neben ihm fiel. Der 
Todesveraditung, mit der unfere Mannfchaften 
im Feld gegen den Feind vorgehen, würdig, ifl 
ihr Verhalten auf ihrem Kranken- und Schmer= 
zenslager; kaum dafi ein ärztlicher Eingriff den 
Vielgeprüften ein Stöhnen entlockt. 

Nun leb wohl und fei herzlich gegrüfSt von 
Deinem ^^^^ 



106 „So ein bißdien franzöfifch ..." 

«SO EIN BISSCHEN FRANZÖSISCH . . .- 

B.-H., 4. November. 
... In G. war es am D'^Onn DD.r^' [Sdiabbo» 
Chaulhamoed Sukkaus], unfere Kolonne war nact« 
mittags 4 Uhr eingerückt, und da wir aufSer 
einer kleinen Abteilung eines Telegraplien= 
bataillons das einzige Militär am Pla^ waren, 
wurde unfer Kolonnenfiihrer Oberleutnant W. 
durdi Befehl zum Pla^kommandanten ernannt. 
Wir hatten eben unfere Pferde eingeflellt und 
beforgt und wollten gerade zum Effen gehen — 
wir waren früh 7 Uhr von S. aufgebrodien und 
hatten daher gehörigen Appetit — , als es plö^= 
lidi hiejS: „Antreten!" und zwar feldmarfdimäßig 
mit aufgepflanztem Bajonett! Unfer Herr Ober= 
leutnant trat vor die Kolonne und eröffaete uns, 
er habe foeben den Befehl erhalten, fämtlidie 
nodi anwefenden Einwohner des Dorfes zu ver= 
haflen und im Sdiulhaus zu internieren. Krieg 
ifl Krieg, muffte man (idi fagen. Allein fo glatt 
ging die Internierung natürlidi nidit ab. Wenn 
audi die meiflen der armen Leute unter Weinen und 
Sdiludizen ihr Haus, Hab und Gut verHefSen und 
uns gutwilHg folgten, fo waren andere, die fidi 
den Grund diefer flrengen Maßnahmen nidit er= 
klären konnten, widerfpenflig und weigerten 
(ich anfängUdi mitzugehen. Idi, fowie mein jü* 
difdier Kamerad, wir mufften mit unferem bifS= 



„So ein bifSdien franzöfifdi . . ." 107 

dien „Franzöfifch" unfere ganze Uberredungskunffc 
aufwenden, den Leuten die Situation und das 
Zwedilofe ihrer Weigerung klarzumadien, an= 
dererfeits unfere Herren Kameraden auf deutfdi 
davon zurückzuhalten, Gewalt anzuwenden. So 
haben wir das Gefühl, ein gutes Werk getan 
und fdiweres Unheil von den Leuten abgewendet 
zu haben . . . Nadi fafl eineinhalb flündig er Arbeit 
-waren alle Häufer, Sdieunen und Ställe des 
Dorfes durdifudit und fämtlidie Einwohner im 
Sdiulhaus interniert. Ein Zimmer wurde als Wadit= 
lokal befHmmt, und idi muffte als Dolmetfdier 
auf die Wadie ziehen. So hatte idi Gelegenheit, 
die S2"! nJVtt'in [Haufdianoh rabbo]-Nadit audi 
„wadiend" zu verbringen. Denn zum Sdilafen 
kam idi in diefer Nadit in der Tat nidit, kaum 
zum „Lernen". Aber fie entbehrte audi nidit der 
humoriftifdien Zwifdienfälle. Taufenderlei Wünfdie 
hatten die Verhafteten, und jedesmal, wenn einer 
oder eine das Zimmer verliefS, mu|5te der Poflen 
das im Waditlokal melden, damit idi die Leute 
nadi ihrem Begehr fragen konnte. Diefer wollte 
fein Vieh füttern, eine andere die Kühe melken, 
damit fie Mildi für ihre kleinen Kinder hatte, 
die hatten nodi Betten nötig, andere hatten 
Teller, Meffer, Gabel ufw. vergeffen, immer mujSte 
einer von der Wadie mit aufgepflanztem Bajonett 
zur Begleitung mit. Leidit war die Sadie für 
midi nidit, es gab da häufig Mißverftändniffe 



108 „So ein bifSdien franzöfifch , . ." 

oder überhaupt Unverftandenfein. So hatte eine 
ältere Frau ihr künftlidies GebifS zu Haufe liegen 
laffen und konnte infolgedeffen nidit effen. Bis 
idi das heraus hatte, war eine harte Arbeit. 
Ferner hatte eine Familie jidi für den Abend 
fdion einen Kanindienbraten geriditet, und der 
brodelte daheim auf dem Herd. Nun heifSt das 
Kanindien auf franzöfifdi „lapin", das wufSte idi 
natürlidi nidit. Idi wuJSte nur, dafS „le pain" das 
Brot heijSt, nun können Sie fidi denken, weldies 
Stück Arbeit es für midi war, bis idi heraus= 
bekam, was die Leute eigentHdi mit ihrem „Brot" 
wollten. 

Sdiwierig war audi die Verftändigung mit 
einer FamiHe, deren Kuh, ausgeredinet an diefem 
Abend, einem freudigen Ereignis entgegenfah. 
Ein Urlaub von eineinhalb bis zwei Stunden wurde 
für diefen feierlidien Akt gewährt. Vier Leute 
waren zu diefem Gefdiäft nötig und zwei Mann 
mit aufgepflanztem Bajonett — idi als Dolmetfdier 
darunter — mufften zur Begleitung mit. So 
hatte idi audi den darauffolgenden Tag in G. 
viel Arbeit, und idi war froh, als wir am 
nn^y "^JiDW^ [Sdieminiazeres]-Morgen weitere 25 km 
nadi V. vorrückten. Hier auf dem Weg trafen 
wir wieder ganze Züge von Emigranten, die aus 
Furcht vor den „Prufjfiens" Haus und Hof ver= 
laffen hatten, und nun wohl eine beffere Meinung 
vom Feind erhalten haben und in ihre Wohnungen 



„So ein bifJdien franzöfifch . . ." 109 

zurüdikehren wollten. Namenlofes Unglück, Elend 
und Armut hat Frankreidi durdi diefen mutwilligen 
Krieg, den diefe Ärmflen ebenfowenig wollten, 
wie wir ihn wünfditen, über fein Volk gebradit. 
Hier in B. liegen wir je^t zwei Tage, unfere 
Pferde haben wir in dem groj^en Anwefen eines 
anfdieinend fehr reidien Zudierrübenbauers Mon= 
fieur Secret, der natürlidi dummerweife, wie die 
meiften wohlhabenden Leute, „parti" ifl, ein= 
geflellt. In einer Remife feines Gehöftes fanden 
wir eine komplette Äpfelmahl- und -prefSmafdiine, 
wie fie moderner und praktifdier kein Sadifen= 
häufer „Eppelweinverzapper" befi^en kann. Diefes 
Monflrum wurde von den Kameraden mit un= 
geheurem Jubel begrübt. Zwei grofSe Säcke voll 
Äpfel waren innerhalb zehn Minuten zufammen= 
gebradit, und nun ging das Mahlen und Preffen 
der Äpfel los. Innerhalb einer Stunde hatten 
wir einen grofSen Zuber voll „Süf^en", mit dem 
A. Raddes, Gebr. Freyeifen oder irgendein anderer 
Sadifenhäufer Äpfelweinproduzent Ehre eingelegt 
haben würde. Wofür idi bei der „fdaönen Müllerin" 
auf dem Baumweg fonft 15 Pf. per Sdioppen be= 
zahlen mufS, das hatte idi hier umfonfl und hatte 
dabei nodi die Genugtuung, felbfl an dem köfl= 
lidien Gebräu mitgearbeitet zu haben. Nur fehlten 
mir beim „Süj5en" diesmal die lieben Frankfurter 
Freunde, die fonfl mit mir fi^en, und die mir, 
foweit fie nidit felbft im Feld find, erfl jüngfl 



110 Auf Feldwadie an der Grenze. 

einen Kartengruß vom „Süßen" fandten. Dafür 
aber waren meine hiefigen Kameraden um fo 
mehr bei der Sache, und idi verfdiwand beizeiten. 
Sie fehen, audi an luftigen Epifoden fehlt es im 
Krieg nidit. Ich könnte noch manches andere 
zum beflen geben, doch ich tue das fpäter lieber 
müncilich. Es grüßt Sie herzlichfl 

Ihr Ä. 



AUF FELDWACHE AN DER GRENZE. 

Rußland, den 4. 11. 1914. 

Lieber Schwabaudi! 
Beflen Dank für Deine Poftkarte vom 27. Ok= 
tober. Heute habe ich Dir allerhand Neues zu 
erzählen. Alfo, zuerft einmal nehme ich Deine 
Gratulation zu meiner Beförderung zum Ofjizier= 
ftellvertreter entgegen; vorerft allerdings ifl das 
ein Titel ohne Mittel, da ich überzähHg bin und 
daher Feldwebellöhnung beziehe. Sonfl aber trägt 
mir die Beförderung manche Annehmlichkeit ein. 
Das Schönfle an der Gefchidite ift, daß idi 
felbftändigere Aufgaben übertragen bekomme. 
Augenblicklich habe ich eine Feldwadie hart an 
der Grenze inne; es unterflehen mir 64 Mann 
und 4 Unteroffiziere. An meinem Fenfler führt 
eine jener fdiledit gebauten und fchlecht unter= 
haltenen Straßen vorbei, auf der täglidi eine 



Auf Feldwadie an der Grenze. 111 

große Anzahl von Fuhrwerken, hauptfachlidi mit 
Getreide beladen, der nahen Grenze zurollt. Die 
öeftalten auf und bei den Fuhrwerken erinnern 
einen mit ihren didsen Sdiafspelzen und hohen 
fdiworzen Pelzmü^en immer wieder daran, dafS 
man nidit mehr auf deutfdiem Boden ift. 

Aber audi fonft ifl das Leben etwas aus der 
gewöhnlidien Bahn geriflen. Man fdiläft des 
Nadits vollflöndig bekleidet, mit Stiefeln, die 
elektrifdie Lampe vor der Brufl und den Browning 
an der Seite. Idi habe midi fdinell daran ge= 
wohnt, und da idi von dem Befi^er des Haufes 
ein gutes Bett mit reinlidien Linnen (Du wirft 
denken: mit den Stiefeln) bekommen habe, ruffeie 
(terminus tedinicus militaris) idi grof^artig. Nur 
mandimal fummt das Telephon neben mir, um 
mir eine Meldung oder einen Befehl von der 
Kompagnie zu übermitteln. 

Mindeftens einmal jede Nadit revidiere ich 
den Poflen und die Leute. Bis geftem pfiff ein 
tüditiger Herbflwind über das Land, und man 
verHeß nidit gern feine flurmfidiere Bude. Letjte 
Nadit aber war es windfliU und eine wunderbar 
helle Mondnadit, fo dafS man das Vorgelände 
gut überfehen konnte, Meine Kerle fdieinen gut 
aufzupaffen. Bei jeder Inflruktion predige idi 
nur immer wieder: Wenn was kommt, dann mög» 
lidifl fo nahe heranlaffen, daj5 wir die Bande audi 
zu faffen kriegen. — Jeden Morgen (latte idi 



112 Auf Feldwadie an der Grenze. 

meinen Unteroffizierpoflen einen Befuch ab; der 
eine i(l in einem polnifdien Bauernhaus, auf= 
fallend durdi feinen Sdimu^, untergebradit. Der 
andere haufl in einem kleinen Wälddien in zwei 
felbflgezimmerten Hütten, die in die Erde hinein= 
gegraben find. Lage, Lufl, Waffer ufw. laffen 
den Pla^ audi für ein Landheim geeignet er= 
fdieinen; nur ein bif5dien weit ab. 

Mein Wirt, der Befi^er einer Dampffägemühle, 
die aber je^t ftillfteht, heifSt Rebbe und ifl das, 
was man auf deutfdi einen bekoweten Juden 
heifSt. War das eine Freude, als idi midi als ein 
Stammesgenoffe entpuppte, mit weldier Herzlidi= 
keit wurde idi da aufgenommen, weldie Genug= 
tuung für fie, mir all ihr Hoffen und Bangen 
ausfdiütten zu können, und weldie Freude für 
midi, mit ihnen des Abends an einem Tifdi zu 
fi^en und midi fo ein bifSdien wie daheim zu 
fühlen. Bei uns im Weflen flehen audi die beffer= 
geftellten polnifdien Juden in fdileditem Gerudi; 
fie fdieinen uns anmaf5end und aufdringlidi. Dodi 
wie anders ifl es, wenn man fie in ihrem eigenen 
MiHeu kennen lernt. Da pulfiert nodi ein mit 
fidi zufriedenes jüdifdies Leben, mit einem reidien, 
in fidi gefdiloffenen jüdifdien Inhalt. Die jüdifdie 
Note, die wir auf unferen Heimabenden zu finden 
fuditen, ifl hier vorhanden. Idi wünfdite, dafS 
ihnen ein gnädiges Gefdiick die Freiheit und da= 
mit eine grofSe Entwi(klungsmögUdikeit und Auf= 



Auf Feldwache an der Grenze. 113 

fdiwungkraft gibt und fie audi weiterhin in ilirem 
Judentum eine Erfüllung und Hoffnung fehen läßt. 

Geflem Abend vergaßen die Leute einmal ihre 
Angfl, und zwei Mädels, von denen die eine wegen 
ihres fein ausgeprägten jüdifchen Typus unter 
den Offizieren als die „fdiöne Jüdin" bekannt ifl, 
fangen mit den Brüdern altbekannte und für 
midi neue jiddifdie Volkslieder und Freiheits= 
gefange, und idi bedaure nur, daß idi Eudi keins 
davon mitbringen kann. Ein kleiner zweijähriger 
Bengel mit einem einnehmenden Kindergefidit 
hat fdion ein bißdien Melodie und Text von 
„Deutfdiland, Deutfdiland über alles" heraus und 
mußte es zu meinem Gaudium zum beflen geben. 
Augenblidilidi fludiert er an „Die Veiglein im 
Walde" ufw., das die erwadifeneren Gefdiwifter 
von den durdiziehenden Soldaten fdion abgehört 
haben. Zum Sdiluß fang uns der Kleine dann 
nodi ein jüdifdies WiegenHed, und dann mußte 
er ins Bett. 

Wir faßen nodi lange beifammen, und idi 
werde diefen „Heimabend" in Feindesland nidit 
vergeffen. 

Leb wohl. 

Sdialom und herzlidie Grüße 

Dein 

Wertheim. 

Krieg tbiiefe. 3 



114 Ein junger Rabbiner — Ritter des Eifernen Kreuzes. 



EIN JUNGER RABBINER — RITTER 
DES EISERNEN KREUZES. 

Brief des Oberarztes Dr. N. 
an den irraelitifdienjugend= 
bund, Lörradi: 

Vor Ypem, 21. November 1914. 

Soeben erhalte idi das Liebesgabenpaket vom 
21. Oktober. Durdi die Sendung war idi eben= 
fo überrafdit als erfreut. 

Wie idi fehe, vergifSt der Jugendbund 
audi feine Mitglieder im Feld nidit. Idi bin 
aber audi überzeugt, dafS jeder einzelne das 
Möglidifte tun wird, feinem Verein zum Stolz zu 
gereidien. 

Es wird uns Juden fpöter niemand nadifagen 
können, daj5 wir feige in diefen fdiweren Kampf 
gezogen find. Geflem erft erzählte mir ein Major, 
daß das erfte Eiferne Kreuz im Bataillon ein 
junger Rabbiner aus StrajSburg bekam, der dazu 
einfHmmig von feiner Kompagnie vorgefdilagen 
wurde. 

Ein jüdifdier Freund von mir, ein Unterofl[i= 
zier aus Mülhaufen, bekam nidit nur das Eiferne 
Kreuz zweiter, fondem audi erfler Klaffe. Eine 
foldie Auszeidmung bekommt der gemeine Mann 
bzw. der Unteroffizier nur fiir aufSerordentlidie 
Heldentaten. 



Der kofdiere Gänfebraten. 115 

Audi unfer Jugendbund hat durdi fein Wirken 
feine Mitglieder zu Männern erzogen, die fidi 
ihrer Pfliditen ihrem Vaterland gegenüber bewußt 
find. 

In diefem Sinn nodimals heften Dank für die 
fdiönen zugefandten Dinge. 

Mit beflem Gruß 

Dr. N., Oberarzt. 



DER KOSCHERE GÄNSEBRATEN. 

. . . Auf dem weiteren Marfdi hielt idi nodi= 
mals einen ruffifdien Bauernwagen an und er= 
fland eine weitere Gans, leider hatte idi keine 
25 Pf -Stücke, es hätte mir audi wenig genügt, 
denn der Jude erkannte midi als Glaubensgenoffen 
und verlangte drei Mark, mit zwei Mark wurden 
wir handelseinig. Sdinell wurde es wie ein Lauf= 
feuer durdi die Kolonne bekannt: A. hat zwei 
Gänfe ergattert, und fdion höre idi im Galopp 
tjnferen Oberleutnant nahen. „A.," fdireit der Ober 
fdion auf 30 m Entfernung, „wo find die Biefler?" 
An den FüjSen hodi erhoben präfentiere idi ihm 
die Weißgefiederten, und freudig wünfdit er im 
Bunde der Dritte zu fein, als Zweiter der Wadit= 
meifter, die Kolonnenmutter. 

Beim nädiften Halt fafjen wir einen Juden, 
und drei Minuten fpäter find die Kapitolverräter 

8* 



116 Der kofdiere Gänfebraten. 

fireng rituell gefdiäditet. Beim Einmarfdi in 
unfer Ziel Olkusz wird auf Befehl des Ober= 
leutnants für midi Quartier gemadit, und idi muß 
für den Gänfebraten forgen. Ida fand audi bald 
eine gute jüdifdie Familie, die fidi freute, daj5 
audi idi ein Jude bin, und als idi fagte, dafi fieben 
Juden mit mir gekommen find, da war der Freund= 
fdiaftsbund gefdiloffen. 

Aber mein Gott, wie fah es in der Küdie 
GUS: Salon, Wohn-, Sdilafzimmer, Sdineider= 
werkflatt und Küdie, alles war eins. Ein Zimmer 
mit einem Bett war vermietet. Na, auf dem 
Herd madite idi fdmell Ordnung, und das war 
kein leidites, denn die Familie befland aus 
14 Köpfen, das Kleinfle war fünf Monate alt, und 
fo ging es in die Höhe bis 21 Jahre. Die Frau 
fland in dem Renommee, eine famofe Ködiin zu 
fein, nadi dem Grundfa-^, die Liebe geht durdi 
den Magen, und diefe Devije hatte fidi der Gatte 
als fein Motiv zu eigen gemadit. Die Federn 
und das Jung überlieft idi der Ködiin, nur die zwei 
Mägen habe idi mir ausbedungen. 

Abends neun Uhr war Diner angefagt, und 
pünktlidi verfammelten fidi adit Unteroffiziere, 
fünf Gefreite und der Herr Oberleutnant an der 
Spi^e. Das vermietete Zimmer wurde fdinell 
zu diefem Zweck ausgeräumt und der Tifdi fdiön 
dekoriert, dabei herausgeholt aus den Sdiränken, 
daß den Leuten nur fo angfl wurde. Unfer Obers 



Der Verbandplatf im Granatfeuer. 117 

leutnant war ganz paff, wie idi micb mit allem fo 
zurechtfand und kam von einer Überrafdiung in 
die andere, er fand im Moment keine Worte, 
fagte aber „Äh, ah" und fdiüttelte den Kopf. Er 
liejS 30 Bierflafdien, der Waditmeifler 10 anfahren. 
Sdinell hatten die beiden hübfdien Töditer 
den Hals und die Hände gewafdien, denn das 
war dringend notwendig — ReinHdikeit ifl hier 
fehr verpönt! — weiße Sdiürzen umgebunden und 
mit Servieren begonnen. Beim Oberleutnant mit 
zwei Platten angefangen und links und redits 
weitergegeben. Alles hatte glänzend geklappt, 
und die Stimmung war entzüdiend. Die Beilage 
beftand aus Salzkartoffeln, die beim Änriditen 
mit heißem Gänfefdimalz übergoffen wurden, da= 
zu nodi einige Salzgurken, alfo ein gutes Friedens= 
effen im gröfiten Kriegsgetümmel in Feindesland, 
denn knapp 5km vom Quartier entfernt war am Tag 
vorher eineKofakenpatrouille abgefdioffen worden. 



DER VERBANDPLATZ IM GRANAT= 
FEUER. 

Brief des Dr. Max Kirfdiner, Sohn des 
Profeffors Kirfdiner, des erflen Kontors 
der israelitifdien Ktiltasgemeinde in 
Mündien. 

Mein Telegramm wird wohl längfl in Eurem 
Befi^ fein, wenn diefer Brief bei Eudi eintrifft. 



118 Der Verbandpla^ im Granatfeuer. 

Idi mu|5 Eudi aber dodi Näheres über meine Äus= 
Zeichnung mit dem Eifernen Kreuz erzählen. Idi 
war wie aus den Wolken gefallen, als mir der 
Hauptmann geflern mitteilte, er habe midi für 
eine Dekoration vorgefdilagen, und zwar, nadi= 
dem er fidi mit allen Offizieren befprodien hatte, 
und diefe ihm einftimmig beigepfliditet hatten. 
GrofS war meine Überrafdiung, als am Abend die 
Dekorationen ankamen, für midi ein Eifernes 
Kreuz, die ehrendfle und erhabenfle Auszeidinung, 
die einem Soldaten zuteil werden kann. Ein 
Orden, vor dem idi immer eine Sdieu und Ver= 
ehrung hatte, und den follte idi tragen. Idi ftand 
als Erfler auf der Vorfdilagslifle der Kompagnie; 
den Orden erhielten nodi der Hauptmann, der 
ältefle Leutnant und drei Unteroffiziere. Idi war 
eigentlidi befdiämt; denn idi hatte immer dag 
Gefühl, nie mehr als meine Pflidit getan zu haben. 
Idi weifi nidit, ob idi Eudi die Ereigniffe er= 
zählte, für die idi nun fo ehrenvoll bedadit wurde; 
denn diefen Orden erhielt idi, was befonders be= 
tont wurde, als ganz perfonHdie Äuszeidmung. 
Von dem blutigen fdireckHdien Tag, dem 25. Äugufl, 
fdirieb idi Eudi. Daji idi allein im Wald über 
drei Stunden im Granatfeuer einen Verband= 
pla^ unterhielt, ca. 100 Verwundete verforgte, 
alle von fremden Regimentern, deren Ärzte nidit 
zugegen waren, — das war die erfle Veranlaffung. 
Dann wurde der Vorfdilag nodi damit begründet. 



Die Weltliteratur im Jargon, 119 

dafS idi bei der Ankunft in dem Höllennefl . . . 
in finflerer Nadit mit einer Patrouille ins ver= 
laffene Dorf durdi die brennenden Straften ging, 
fedis verwundete Franzofen in einem Haus ver= 
band, fie von dort entfernen liefS, da dies Haus 
audi vom Feuer ergriffen wurde, und fo zur 
Rettung diefer Leute beitragen konnte. All dies 
empfand idi als nidits Befonderes, aber es ge= 
nügte der Divifion, mir das Eifeme Kreuz zu= 
zuerkennen. Befondere Befriedigung gewährte 
mir audi die Freude, mit der die Offiziere mir 
neidlos die Dekoration gönnen, und meinen Ab= 
lehnung sverfudien die Verfidierung entgegen= 
festen, dafi idi mit vollfler Bereditigung das 
Zeidien tragen dürfe. Als ein Beweis des Ein= 
Vernehmens kann idi wohl anfuhren, dafS wir 
uns geftem abend alle geduzt haben, nadidem 
oder tro^dem idi am Tag vorher zum erften Mal 
eigentlidi von meiner ReHgion oflentativ gefprodien 
hatte. Alfo immer ein fdiönes Zeidien des Zu= 
fammenhaltens imd treuer Kameradfdiaft. 



DIE WELTLITERATUR IM JARGON. 

Skodnicki Duze bei Lodz, den 29. 11. 14. 
Meine fehr Lieben! 
Heute ifl es mir mögUdi, Eudi mal etwas 
ousfuhrhdier zu fdireiben. Geftem kam nadi fafl 



120 Die Weltliteratixr im Jargon. 

drei Wodien endlidi wieder Pofl, u. a. ein Bild 
der lieben Ida mit Hannahlein, einfadi fuß, eine 
Karte von Alfred vom 4. 11., eine Karte der lie= 
ben Mutter vom 14. IL, zwei Kartons von Käthe. 
Beflen Dank hierfür. Bis jetjt find zwei Paket= 
Waggons durdi Kolonnen für unfer Korps ge= 
kommen. Drei Waggons flehen nodi in Krufdi= 
wi^ mit Paketen. Funktionieren tut die Pofl 
nodi immer miferabel. Idi hatte allerdings Glüds, 
indem idi geflern von der lieben Ida einen Brief 
vom 2. 11. erhielt. Johannisburg muj5 je^t fehr 
übel ausfehen. Anfang November waren wieder 
die Ruffen dort und haben übel gehäuft. Sogar 
Sdienks flüditeten nadi Königsberg. Von unferer 
Wohnung und unferen Sadien werden wir 
wohl nidits mehr vorfinden. Dodi das ift fdion 
alles gut, wenn wir uns nur alle gefund und wohl 
wiederfehen werden! 

30. 11. 14. 
Geflern ging uns unfere Azetylenlampe aus, 
daher fdireibe idi heute weiter. Ihr habt Eudt» 
gefreut, dafS idi immer nodi Gelegenheit finde, 
meine religiöfen Bedürfxiiffe zu befriedigen. Wer 
nidit gerade mit gefdiloffenen Augen durdi Polen 
zieht, kann nidit aditlos an unferen Glaubens= 
genoffen vorübergehen. Vorigen Donnerstag 
z. B. in . . fpradi idi einen Glaubensgenoffen 
an und fragte, wie idi es immer tue, ob idi 



Die Weltliteratvir im Jargon. 121 

dort kofdier eflen könnte. Alfo begab er fidi 
zum erflen Vorfleher der jüdifdien Gemeinde. 
Diefer, ein feingebildeter, in jüdifdien wie in pro= 
fanen Wiffenfdiaften wohlbewanderter Mann, kam 
fofort zu uns ins Quartier und bat midi zu fidi. 
Quartier konnte idi nidit von ihm annehmen, wohl 
aber Äbendejfen, und idi verlebte einige anregende 
Stunden in diefem Haus. Ein Sohn i(l Bildhauer, 
(hxdiert in Paris, die Toditer in Berlin Mufik. 
Nette, junge Menfdien, die dem Glauben ihrer 
Väter treu anhängen, dabei durdiaus modern 
und fein durdigebildet find. Das findet man in 
Polen überhaupt viel, den Drang nadi Fortbildung. 
So fdirieb idi Eudi dodi gelegentlidi, dafS idi in 
Südpolen in einem kleinen Nefl, Tfdiedlowi^, bei 
einfadaen Leuten junge Männer und Mäddien traf, 
die die Weltliteratur im Jargon befafSen und 
genau über Shakefpeare, Ibfen, Sdiiller, Goethe, 
Leffing ufw. Befdieid wufSten. Viele find Zioniflen. 
Jeder unferer Glaubensgenoffen erzählt uns das= 
felbe: von der Not, die fie durdi die Ruffen er= 
leiden. Die Polen denunzieren die Juden, die fie 
mit Deutfdien identifizieren. Die Polen bemalen 
ihre Häufer mit weiften Kreuzen und flellen 
Heiligenbilder ins Fenfler, damit fie gleidi als 
Niditjuden kenntHdi find. Unfere Leute haben 
aber die Polen längfl erkannt, und fpeziell 
meine Kompagnie ifl durdi midi genügend auf= 
geklärt 



122 Die Mikwah als Badeanflalt für Soldaten. 

Am Sonnabend vormittag hatte idi in meinem 
Zimmer eine grofie Sprediflunde, natürlidi un= 
entgeltlidi. Über vierzig Kranke, mit Anhang, 
konfultierten midi. Außerdem madite idi nodi 
einige Befudie. GrofSe Freude in der Stadt. Und 
idi hatte meine Befriedigung. Aber audi fonfl 
konn man helfen und nü^en. 

So, nun habt Ihr wieder mal einen Brief 
von mir gehabt und auf diefe Weife nidit die 
fdileditefle Seite des Kriegslebens kennen gelernt. 



DIE MIKWAH ALS BADEANSTALT 
^ FÜR SOLDATEN. 

Im Felde, den 3. Dezember 1914. 

Lieber Kurt! 
Seit drei Tagen bin idi nun beim Lazarett 
in W. in Rufjifdi-Polen; der Grund war Brondiial« 
katarrh, dodi befinde idi midi bereits auf dem 
Wege der Befferung und hoffe, bald wieder zur 
Kompagnie zurückkehren zu können . . . Hier 
im Orte find unter 12000 Einwohnern zirka 4000 
bis 5000 Juden, die vorzugsweife Handel und 
Reflaurationen betreiben. Idi habe midi beim 
Herrn Rabbiner einquartiert und kann fomit 
mandien BH<k in das Leben unferer Stammes« 
genoffen werfen. 



Die Mikwah als Badeanflalt für Soldaten. 123 

Geflern nahm idi feit vielen Wochen zum 
erflen Male ein Badj nicht anderswo konnte ich 
ein foldies finden als in der Mikwah. Es war aber 
ein tadellofes Wannenbad, das wunderbar er= 
frifchte. Neben der Mikwah befindet fleh das 
Bes hamidrafch, wo eine Art von Jefchiwah ge= 
halten wird. — Zu Haufe, d. h. beim Rabbiner, 
wird Schafs gelernt, der bekannte Tonfall wird 
mir lange im Gedächtnis bleiben. Eine eigenartige 
Tafelmufik zu den guten und billigen Mahlzeiten. 
Geflern habe ich zum erflen Male von der eigen= 
artigen, aber wohlfchmeck enden Brühe „Borfcht" 
gekoflet. Heute, Donnerstag, macht man überall 
„reine" fixr Schabbos. So fieht man in wenig 
Tagen genug Jüdifches. Wenn idi mich nicht fo 
fehr freute, dafS ich bald wieder zur Front zurück 
kann, würde ich bedauern, den Schabbos hier 
nicht verbringen zu können. In kurzer Zeit ifl 
Chanukah. LafS Dir's gut gehen und gedenke 
unferer neuen Makkabim in Erez Israel. 

Mit herzlichflen GrüfSen an Dich, ... an den 
Jüdifchen Verlag und die „Sächflfche Strafte" über= 
haupt 

Dein 

Theo Harburger. 



124 Makkabäerblut. 



MAKKABÄERBLUT, 

6. Dez. 14. 

Das mir gütigjl zugefandte Paket hat midi 
freudig überrafdit, idi fage hiermit derjüdifdien 
Turnerfdiafit fowie der dritten Frauenabteilung 
für den extra beigelegten Ohrenfdiü^er meinen 
herzlidiflen Dank. 

Das beigefugte Sdireiben habe idi ebenfalls 
mit grofiem Intereffe gelefen; das für uns fo er= 
hebende Chanukahfefl wird diefes Jahr jeder von 
uns mehr empfinden als fonfl. 

Mit Freude können wir konflatieren, da^ das 
Makkabäerblut nodi in unfern Adern rollt, und 
bis zum legten Atemzug wird ein jeder feine 
Pflidit und Sdauldigkeit tun und kämpfen. Wenn 
audi mandier von uns nidit mehr wiederkehren 
wird, fo ifl das Blut in diefem Krieg audi für 
uns nidit umfonft gefloffen, und der Geifl wird 
neu auferflehen. Idi felbfl freue midi, mitteilen 
zu können, dafS idi fdion feft im Feuer geflanden 
habe, und follte es Gottes Wille fein, dafS idi 
falle, fo habe idi nur den Wunfdi, fo lange mit= 
kämpfen zu können, bis die allerle^te Sdiladit 
in diefem Krieg vorüber ifl. 

Idi würde midi freuen, von der Tumerfdiafl 
von Zeit zu Zeit einen allgemeinen Beridit zu 
erhalten. 



Judas Kampf, 125 

Mit treujüdifdiem TumergrufS verbleibe idi» 
indem idi nodi allen lieben Tumbrüdem und Tum= 
fdiweflern ein kräftiges Hedad zurufe 

Ihr 

Guflav Wolfermann. 

In Ermangelung von Tinte und Feder mujSte 
idi den Brief mit Bleiflift fdireiben, bitte daher um 
Entfdiuldigung, audi habe idi keinen Tifdi, fondem 
muj5 den Erdboden benu^en. 

Mit wiederholtem GrufS 

D. U. 



JUDAS KAMPF. 

Brief des Landwehrmanns 
Alfred Weil, Landwehr-Inf.= 
Regt. 53. 

Departement Oife, 7. Dez. 1914. 
19. Kislew 5675. 
Lieber Blau-WeifS! 
Es freute midi fehr, durdi meinen lieben 
Wanderbruder Dr. Simon von der regen Weiter= 
entwi&lung unferer idealen Beflrebungen zu 
hören; idi wünfdie audi fernerhin von ganzem 
Herzen, dajS wir jeden Tag unferem Ziel näher= 
kommen. Wenn wir audi im Verlauf des je-^igen 
Krieges fo mandien herben Verlufl durdi den 



126 Judas Kampf. 

Heldentod von lieben Wanderbrüdern wahrfdiein= 
lidi zu beklagen haben werden, fo muffen eben 
die übrigen, an deren guten Willen idi keinen 
Augenblick zweifle, doppelte Krafl einfe^en. 

Nadiflehend gebe idi Eudi ein kleines Bild 
von einem jüdifdien Feldgottesdienft, dem idi 
vorgeflern, Sdiabbos nadimittag 3 Uhr, zufammen 
mit 30 anderen Kameraden in einem eigens 
dafür hergeriditeten Sdiulzimmer beiwohnte. Das 
Pult war mit einem weijSen Tudi bedeckt, und 
davor fland eine Gewehrpyramide, die von 
Blumentöpfen mit niedlichen Zimmerpflanzen 
umgeben war. Abgehalten wurde der Gottes= 
dienfl durch einen fehr netten, als Feldprediger 
uniformierten BerHner Rabbiner. Anlehnend 
an den an diefem Tag in allen Synagogen vor= 
gelefenen Thoraabfchnitt, 1. Buch Mofe Kap. 32, 
befprach er in eingehender Weife, daß auch 
Jakob lange Jahre mit Gott und den Menfdien 
geduldig kämpfte und zum SchlufS, nachdem er 
von Gott mit dem Namen Israel gefegnet war, 
den Sieg davontrug. So follen auch wir den 
uns von imfer en Feinden aufgezwungenen Krieg 
und die damit verbundenen Opfer, Entbehrungen 
und Strapazen mit Geduld und Ausdauer ertragen, 
da unfer gerechter Kampf fdiliefSlich zum Sieg 
bzw. dauernden Frieden, um den Deutfchland 
eigentUdi kämpft, fuhren muß. Wir Juden muffen 
fchon feit Jahrhunderten gegen die Lügen imd 



Judas Kampf. 127 

Verleumdungen, die jlets über uns und unferen 
Glauben verbreitet wurden, ankämpfen, und nun 
muß Deutfdiland wohl nur für kürzere Zeit gegen 
die lügnerifdie ausländifdie Preffe denfelben 
Kampf beftehen. An uns Juden, die wir ftets 
um unferer Exiftenz willen mehr als unfere Pflidit 
zu erfüllen haben, liegt es je^t, durdi äußerfle 
Pfliditerfullung und Selbfllofigkeit unfere fpätere 
Lage zu verbeffern, wozu jeder einzelne von uns 
unter Änflrengung aller Kräfte gern beitragen wird. 

Im ÄnfdilufS an die fehr ergreifende Rede 
verriditeten wir mit tiefer Inbrunfl unfer Mindiah= 
gebet und beteten für die auf dem Feld der Ehre 
gefallenen Brüder Kaddifdi. Eine befondere 
Weihe erhielt unfer Gottesdienft durdi das Ge= 
räufdi der in unferer Nähe plattenden feindlidien 
Artilleriegefdioffe, die jedodi keinen Sdiaden an= 
riditeten. Zum Sdilufi fdirieben wir in das Notiz- 
budi des Feldpredigers nadi Sdiabbosfdilufi unfere 
und unferer Angehörigen Adreffe und ver= 
obfdiiedeten uns auf ebenfo herzlidie wie kamer ad= 
fdiaflHdie Weife von ihm, mit dem Gedanken, 
redit erhebende Stunden zufammen verbradit zu 
haben. In gefdiloffenen Abteilungen rückten wir 
ab, um hernadi zu unferen Kompagnien, die teils 
verflreut in GefeditsHnien liegen, zurückzukehren. 

Idi verbleibe unter den herzlichflen Grüßen 

^^* ^^^^^ Alfred Weil. 



128 Jire^ 

JIRE.« 

BrujS, 5 km wefU. Lodz, 8. 12. 14. 
Mein geliebter Onkel! 

Geflern wurde idi durdi Deine lieben Zeilen 
und die ausgezeidineten Zigarren aufs freudigfle 
überrafditj idi weifS nidit, was midi mehr erfreut 
hat, die guten Zigarren oder Deine herzlidi guten 
Worte; beides bezeigt mir Dein liebevolles Ge= 
denken, und das tut wohl, befonders in diefen 
ernften Zeiten, wo Zufammengehöriges fidi aus 
innerem Bedürfais enger zueinander findet. In 
den Tagen der Ruhe zogen meine Gedonken ofl 
zu Dir, mein Heber Onkel, und zu Dir, meine 
liebe Tante, und idi erlebte das Sdiwere mit, 
das Eudi durdi Fri^ens Geflellung betraf. Nun 
höre idi zu meiner grofSen Freude, daß er be= 
reits zum Unteroffizier ausgebildet wird, und es 
erfdieint mir nidit ausgefdiloffen, dafS, wenn er 
fidi beeilt, er nodi Offizier werden kann. 

So wird unsJudenendlidiGereditigkeitwider= 
fahren, und wir follten nidits fdieuen, keine Stra= 
paze und kein Opfer, um diefes Ziel in würdiger 
Weife zu erreidien. Idi bin unendlidi ftolz, mit= 
kämpfen zu dürfen für das geHebte, bewunde= 
ningswürdige Vaterland, und weifS zu jeder 
Stunde, dafS eine befondere Verantwortung auf 
jedem Juden ruht, immer und immer wieder zu 



Jire^ 129 

zeigen, do|5 man bereit ijl, fein Leben für die 
deutfdie Sadie hinzugeben, um dadurdi die Gleidi= 
Wertigkeit des Juden in feiner Liebe für das Vater= 
land zu beweifen. 

Idi erlebte Seltfames in diefem Krieg gerade 
als deutfdier Jude bei der Begegnung mit den 
polnifdien Juden. Wie eine andere Art Menfdi 
hebt fidi der arme polnifdie Jude von feiner pol= 
nifdien Umgebung, den polnifdien Bauern, ab. 
Er ifl nidit Pole wie fie, fondem Deutfdier, feiner 
Spradie nadi und feinem ganzen Empfinden. Wie 
ein Wunder wirkte es auf midi, als idi zum 
erflen Mal in eine jüdifdie Familie unter der ver= 
kommenen, verfdimu^ten polnifdien Bauernbe= 
völkerung geriet. Während die Bauern verflockte 
Deutfdienhaffer find, in tierifdaer DumpfTieit und 
ekelhaftem Sdimu^ leben, drängte fidi mir bei 
dem Einblick in das häuslidie Leben der Juden 
die unabweisHche Erkenntnis auf, dafS im Juden 
etwas Befferes, Edles, ethifdb Wertvolles lebt, 
das feinem Familienleben eine gewiffe reinigende 
Kraft und Weihe verleiht, und idi fühlte, dafJ 
der Grund hierfür in der Religion der Juden Hegt. 
Die Religion allein unterfcheidet den Juden von 
dem Polen, woher anders als daher könnte diefer 
allzu deutiich (ichtbare Unterfdiied im Menfdien= 
tum des Juden von dem Polen kommen, mit dem 
er doch fonfl alle Lebensbedingungen, diefes elende, 
jammervolle, erbarmungswürdige Dafein teilt. Es 

Krieg sbricfe. 9 



130 Jire^ 

rührte midi tief, wie diefe Juden ihre ReHgion 
ausüben, in aller Not und Gefahr das von den 
Vätern überkommene Gebet fpredien, wie allein 
die Juden unter den Polen das Haus reinhalten 
und die Frau ehren. Das war „Jire", das war 
angeborener natürlidier Anftand, hier erlebte idi 
den Geifl des Judentums als ReHgion in feiner 
wunderbar reinigenden ethifdien Kraft, und idi 
betraditete es als meine Aufgabe, meine Kame= 
raden auf diefe fiditbaren Zeidien befferen Men= 
fdientums flets hinzuweifen, um hier, wo alles in 
der Not des Krieges menfdilidier pihlt, für die 
jüdifdie Sadie zu wirken, indem idi zunödifl ein= 
mal midi felbft flets als Jude bekannte und ihnen 
zugleidi die polnifdien Juden menfdilidi näher 
bradite. 

Augenblicklidi erlebe idi GrofSes: Die Ruffen 
fliehen in der Riditung auf Warfdiau. Wir ver= 
folgen fie, ihre Verlufte find gräfSHdi. Aber idi 
habe das Mitleid mit diefen Tieren, diefem Her= 
denvieh, verlernt. Wir Deutfdien muffen er= 
barmungslos darauf losfdilagen, imd das tun wir, 
Gott fei Dank! 

Nun ein herzHdies Lebewohl! Idi grüfSe Didi, 
mein geliebter Onkel, und die geliebte Tonte herz= 
lidi und umarme Didi in treuer Liebe. 

Dein Didi herzUdi liebender Neffe 

Kurt 



Vorbereitungen zur Chanukohfeier. 131 



VORBEREITUNGEN ZUR CHANUKAH= 
FEIER. 

Aus einem Brief des Felde 
Unterarztes Emil Salomon. 

St. Juvin, 8. 12. 14. 
. . . Wenn wir hier bleiben, hoffe idi einen 
angenehmen Chanukah zu verleben. Otto S. in 
M. war fo freundHch, mir geflern 44 Kerzen mit 
bledbemem Gefleck und Streidihölzem zu fenden, 
fo daf^ idi allabendlidi anzünden kann. Zum 
Sonnabend, dem erflen Chanukahabend, ver= 
fammle idi bei mir alle hier anwefenden jüdifdien 
Soldaten, es find im ganzen etwa fedis, unter 
ihnen ein dreiundzwanzigj ährig er Kantor, der 
zulegt in Bingen war. Er beforgt mir ein Hühn= 
dien und fdiäditet es, ein anderer jüdifdier 
Musketier, früher Kodi in Paris, wird den Braten 
sdimaddiafl zubereiten. Wir werden „Moaus zur** 
fingen und uns wohlfuhlen. Idi, als das grofSe 
Tier unter ihnen, werde für Wein und Grog Sorge 
tragen. 



132 Der Kaifer an der Front. 



DER KAISER AN DER FRONT. 

Brief des Unteroffiziers im. 
Landwehr-Inf.-Reg. . . Hugo 
Henle, Heilbronn. 

D., 10. 12. 1914. 
Mein lieber Freund! 

Meine le^te Karte hat Dir hoffentlidi keinen 
Schrecken eingejagt. WeijSt Du, ich bin nervös 
geworden, um all das bisher Erfchaute und Er= 
lebte verarbeiten zu können, gehört eine Bären= 
natur und eiferne Nerven. Ob idi die heute noch 
in genügendem Mafi befi^e, weifS ich nicht. Die 
fünf Monate, die ich nun beinahe im Krieg bin, 
haben mich mürbe gemacht; und es gibt täglich 
neue Eindrücke, die jich nicht verwifchen laffen. 

Wir waren und find noch täglich heftigem 
Ärtilleriefeuer ausgefegt, 5 m vor meinem 
Fenfter fchlug vor einigen Tagen eine Granate 
ein, glücklicherweife ohne Schaden anzurichten, 
ein Granatftück flog tags darauf durchs Fenfler 
und verlebte unferen Schuhmacher tödlich; fchon 
mehrere unferer Kameraden mußten ebenfalls 
ins Gras beißen. Wir zählten diefer Tage in 
einer Stunde über 150 Granat- und Schrapnell= 
fchüffe, die rechts und links, vor und hinter uns 
einfchlugen. Da ich beim Bataillonsflab bin, habe 
ich tmfere Stellungen genau zu kennen tmd auf* 



Der Kaifer an der Front. 133 

zuzeidinen, ebenfo die feindlidien Stellungen; ich. 
bin lieber im Sdiü^engraben als im Haufe. Kaum 
wird es dunkel um vier Uhr, fo muf$ man doppelt 
vorfiditig fein, um eventuellen feindlidien nädit= 
lidien Angriffen mit dem nötigen Nadidruck be= 
gegnen zu können. Wir find mit allerhand Hilfs= 
mittein für den Nahkampf verfehen, Mafdiinen= 
gewehre, Sdieinwerfer, Leuditpiflolen, Hand= 
granaten, Drahtverhaue und Wolfsgruben, Bomben, 
teuflifdie Mordwaffen, die felbfl unfer modernes 
zwanzigftes Jahrhundert nodi nicht kannte. Wir 
haben geftern grofSe 21 cm-Mörfer heranbe= 
kommen, um uns die Ruffen etwas mehr vom 
Leibe zu halten. Idi habe wiederholt die Er= 
fahrung gemadit, dafS man die Ruffen nidit unter = 
fdiä^en darf, fpeziell im Einbuddeln. Der Ruffe 
gräbt fidi in einer unheimlidi kurzen Zeit ein und 
arbeitet fidb nadits vorwärts durdi Anlegen von 
Sdiü^engräben , die er durdi Laufgräben ver= 
bindet. Des Tags stören wir ihn in feinen Ar= 
beiten durdi Beflreuen des ganzen Geländes durdi 
unfer e Artillerie und Mafdiinenge wehre, fobald 
fidi irgend etwas zeigt; aber des Nadits, fdion 
beim Dunkelwerden, werden ruffifdie Arbeits= 
kommandos vorgetrieben — teils ohne Gewehr, 
— die fidi an unfere Stellungen heranarbeiten 
muffen. Ein kleiner Unteroffizierspoften wurde 
kürzlidi nadits zurüdsgetrieben, da er von über= 
legenen Kräften angegriffen wurde, nadi zwei 



134 Der Kaifer an der Front. 

Stunden, als wir die Kerls wieder verjagten, 
waren fie fdion dabei, einen 150 m langen flehen= 
den Sdiütiengraben zu beenden. Sie liegen uns 
je^t etwa 400 m gegenüber, haben allerdings den 
Vorteil, dafS ^e Unterftü^ungen, gede(i:t durdi 
hintere Sdiü^en- und Laufgräben, heranziehen 
können. Da es um fünf Uhr fdion (lockdunkel 
ifl und nodi dazu abnehmender Mond, fo heif5t 
es höllifch auf dem Pojlen fein. Der Ruffe fdiont 
ja kein Menfdienmaterial, die armen Kerls werden 
vorgetrieben, nötigenfalls mit der Knute. Dazu 
wird ihnen, nadi glaubwürdigen Äusfagen von 
Gefangenen, Deutfdiland als das Land der Bar« 
baren vorgeffcellt, das auf der tiefflen Stufe der 
Kultur fteht; es wird ihnen beifpielsweife vor= 
gelogen, daß famtlidie Gefangene an Bäumen 
aufgehangen werden, daf$ es kaum einen Baum 
gibt, an weldiem keine Ruffen hängen. Die armen 
Kerls glauben das natürlidi, und als geflern ein 
ruf]ifdier verwundeter Gefangener weg gefahren 
wurde, zitterte er wie Efpenlaub und heulte, bis 
wir dann durdi ein Bekenntnis obiges erfuhren. 
Über den Aufenthalt im Sdiü^engraben 
liejien fidi allein Bände fdireiben, man ijl 
zum reinflen Höhlenmenfdien geworden, gräbt, 
buddelt den ganzen Tag. „Villen", wie „Afyl für 
Obdadilofe", „Herberge zur Heimat", j„Glü(k im 
Winkel" reihen fidi |aneinander. Was von den 
nodi flehenden Häufern unferes Dorfes an Ein= 



Der Kaifer an der Front. 135 

riditung aufzutreiben ifl, wird rangefdiafft — re= 
quiriert i(t der riditige militärifdie Äusdrudi da= 
für — , und man fle(kt fo wenig wie möglidb die 
Nafe über die Brüjlung, um nidit mit blauen 
Bohnen unangenehme Bekanntfdiafl zu madien. 
Man lebt darin den ganzen Tag, nimmt feine 
Morgentoilette vor — nidit immer — , empfängt 
Liebesgaben, forgt fiir den nötigen Verbraudi von 
Tabak und alkoholifdien Getränken, empfängt 
Briefe und Pakete, Zeitungen, unterhält fidi über 
die Wirkung unferer Granaten, nimmt audi, wenn 
angängig, eine Entlaufung feines perfonHdien Idis 
vor, träumt von der Gefangennahme von wieder 
mal 83625 Ruffen, wobei man felbfl fefle mit= 
gefodaten hat, die Mufik fpielt eine neue National= 
hymne, ein Tambour fdilägt einen Wirbel und 
nodi einen Wirbel, man bekommt einen Stoß von 
feinem Nebenmann, der aus der Höhle ftolpernd 
dem Ausgang zuflrebt, um Dir zu verkünden, dafS 
der Feind wieder fefle losballert — alfo wieder 
mal ein Traum gewefen. 

So wedifeln heitere und emfle Bilder, nur 
hinterlaffen le^tere tiefere, unvergefSHdie Ein= 
drü(ke, die fidi ofl zentnerfdiwer aufs Gemüt 
legen. 

DafS idi Ende November einen Gottesdienfl 
von Rabbiner Dr. Sonderling aus Hamburg mit= 
madite, fdirieb idi Dir bereits, es war dies ein 
wirklidi fdiöner, bedeutungsvoller Tag. Die Art 



136 Der Kaifer an der Front. 

und Weife, wie er mit uns fpradi, war fo fddidit, 
fo treffend und packend, dafS unfer fonfl härter 
gewordenes Soldatenherz butterweidi wurde, aber 
es war vielleidit nötig, und wir fühlten uns nadi= 
her fidier alle leiditer ums Herz als zuvor. Wir 
verbraditen nodi den ganzen Nadimittag mit 
Dr. S., und er erzählte mir, wieviel Sdiwierig= 
keiten er zu überwinden hatte, bis er als Geifl= 
lidier nidit nur zugelaffen, fondern audi beftallt 
wurde. Es wirken im Weflen fedis Rabbiner, im 
Often zwei, Rabbiner Dr. S. ifl dem Armeeober= 
kommando zugeteilt. Er trägt Uniform, hat 
Offiziersrang, und wie er mir fagt, hat er fidi 
in feinem neuen Amt durdb allerlei Sdiwierig= 
keiten je^t ganz gut zureditgefunden. Eine grofSe 
Überwindung mufSte es für ihn gewefen fein, 
mit dem Kofdiereffen abzubredien, aber im Krieg 
gibt's audi Ausnahmen, und fdiliefSlidi kann man 
ja nidit verhungern. Idi hoffe, mit Dr. S. nodi 
öfters zufammenzukommen. 

Der Kaiferbefudi hier im Oflen verlief fehr 
ruhig, wir in den vorderflen Reihen haben ihn 
ja nidit zu fehen bekommen, audi wird die Sadie 
geheim gehalten. Von jedem Bataillon wurden 
einige Leute geftellt — hauptfädilidi dekorierte — 
Bedingung tadellofer Anzug, tadellofe Waffen ufw. 
Idi dadite mir beim Durdilefen diefes Befehls, 
da^ etwas ganz Befonderes los fein muffe, da 
diefer Punkt an erfler Stelle im Divifionsbefehl 



Der Kaifer an der Front. 137 

ftand. In D., refp. vor diefer Stellung wurden 
die Betreffenden vorgeführt, und der Kaifer über= 
zeugte fidi von dem tadellofen Zufland feiner 
Oflarmee. — — — 

Deinen lieben legten Brief vom 25. 11. habe 
idb Dir durdi Karte bereits beflätigt. Idi werde 
einem Kameraden Deine Adreffe geben für even= 
tuelle Fälle. Die Witterung ift gegenwärtig fehr 
milde, die Sonne fdieint je^t fo fchön wie im 
Herbft, und wenn audi die Wege nodi grundlos 
find, fo wird audi diefem Übelftand bald abge= 
holfen fein. Mit den Zeilen Deiner lieben Eltern 
habe idi midi riefig gefreut, und bitte idi Didi, 
ihnen nodimals meinen Dank für ihre Zeilen 
und Glückwünfdie auszudrüdien. Wenn alle die 
Wünfdie, die mir von allen Seiten in fo grofSer 
Zahl entgegengebradit werden, in Erfüllung gehen, 
fo darf idi wohl frohen Mutes der Zukunft ent= 
gegenfehen. Bis dahin will idi weiter in der 
Ausübung meiner Pflidit wirken zum Wohle des 
Vaterlands! Alfo weiter Heil und Sieg! 

GrüfSe bitte alle Bekannten, Deine Sdiwefler 
und Mann und fei felbfl herzlidi gegrüf5t 
von Deinem treuen Freunde 

Hugo. 



138 Eine gemütlidie Erdwohnting. 



EINE GEMÜTLICHE ERDWOHNUNG. 

Brief des Kriegsfreiwilligem 
in einem Erfa^bataillon Ifaak 
Meyer. 

Feuerftellung bei B. B., 11. 12. 14. 
Liebe Tumbrüder! 

Für Ihr fo liebes Sdireiben und die freunds 
lidie Gabe danke idi Ihnen herzlidi. Wiffen wir 
alle, die wir im Felde flehen, ja zur Genüge, 
welche Bande uns mit all den lieben Turnbrüdem 
verbinden, fo ifl man dodi immer wieder erfreut, 
wenn durdi einige Zeilen fdiön verbradite Zeiten 
in Erinnerung auftaudien. Idi darf wohl fagen, 
dafS die Zeit, die idi in jüdifdien Turnvereinen 
verbradite, speziell die Zeit im Kölner J. T.-V., 
mit die fdiönfle meines Lebens war. Und als 
idi zu Anfang des Feldzuges mit der Verhältnis» 
mäfSig kleinen Gruppe von 42 Leuten fingend 
durdi die StrafSen Lüttidis zum deutfdien Gou» 
vernement zog, da durdizuckten wohl ähnUdi 
flolze Gefühle die Bruft wie derzeit, als wir vor 
Jahren in Köln zum erften Mal als jüdifdie Turner 
vor (Äe öffentUdikeit traten . . . 

Wir haben es uns hier, foweit Zeit und Um» 
flonde es erlauben, redit gemütlidi gemadit. Ja, 
wir wohnen je^t hier draufSen bei unferen Ge= 
fdiü^en viel geräumiger als dies fonft in Quar» 



Eine gemütlidie Erdwohnung. 139 

tieren zu fein pflegt. Unfere Gefdiü^bedienung 
verfugt je^t über zwei halb im Boden liegende 
Sdilafräume für je vier und fünf Leute, über 
eine Küdie, über einen grojSen Wohnraum und 
einen fplitterfidieren Unterfland. Da flaunt Ihr 
wohl! Soldie baulidien Anlagen kann man fidi 
während des langwierigen Fefhmgskrieges er= 
lauben. Vorgeflem Abend haben wir den neuen 
Wohnraum eingeweiht. Wir hatten da viele 
felbflgeladene Gäfte. Den Ehrenpla^ an der 
Sdimalfeite der Tafel nahm unfer Offizier (lell= 
Vertreter ein. Und zwanglos gruppierten fidi an 
den anderen Plänen nodi 18 Kameraden. Raudi= 
material war genügend vorhanden, audi an 
Trinkbarem fehlte es nidit. Das alles mit dem 
notwendigen Lidit hatte gleidi unfer Batterie= 
ofpzier mitgebradit. — Es ging dann hodi her 
bei uns. Die Hauskapelle trat in Tätigkeit. Ob 
wir Mufikinftrumente haben? Na, und weldie! 
Eine Mundharmonika und ein Kamm mit Perga= 
mentpapier überfpannt, zwei Stü(te Bledi, am 
Ofen befejHgt, dienen als Trommel; und bei 
einiger Phantafie kann man einen GefdiofSkorb 
tmferer 96-Pfunder als Trompete betraditen. Die 
unerwünfdite Begleitung zu alledem ergaben die 
ganz in unfer er Nähe einfdilag enden Granaten. 
Damit Ihr Eudi eine kleine Vorflellung madien könnt 
von unferem neuen Heim, will idi nodi ein klein 
wenig davon erzählen. Zuerfl alfo haben wir uns 



140 Eine gemütliche Erdwohnung. 

redit tief in den Boden eingewühlt, 2 m tief. 
Das hat bei dem fleinigen Kalkboden, der fdion 
bei 20 cm Tiefe beginnt, mandien SdiweijStropfen 
gekoflet. Alfo 2 m tief, 4,20 m lang und 2,30 m 
breit wurde das Lodi im Erdboden. Nun kam 
das Sdiwere, einen fo großen Raum zu decken. 
Es klingt fonderbar, aber die Franzofen haben 
uns geholfen. Vormittags nodi überlegte idi, 
woher das Holz zu nehmen fei. Da, mittags das 
bekannte Saufen über unferen Köpfen hinweg. 
Eine halbe Stunde hinter uns in C. eine mäditige 
Staubwolke. Einige Zeit fpöter fdileidien wir uns 
dann gedeckt zum Ort hin und finden an Stelle 
des fchönen Pfarrhaufes nur noch einen grofSen 
Trümmerhaufen. Nun geht's kräftig an die Arbeit! 
Holz, die fchönflen Balken in Hülle und Fülle. 
Einige große Scheunentore von einem anderen 
zerfchoffenen Haus, und wir ziehen mit alledem, 
ein fchwer beladener Wagen voll, beim Dunkel 
der Nacht, zu unferer Stellung draußen im Feld. 
Ich hatte bei allen Arbeiten die Leitung, und 
alles klappte vorzüglich. Nun fi^en wir fchon in 
unferer warmen Stube und find guter Dinge. Die 
innere Einrichtung! Ein Tifch, 2V2 t^ lang und 
1 m breit, drei Bänke, zwei an der Längsfeite 
und eine an der oberen Schmalfeite. Rechts neben 
der fachgemäß angefchlagenen Türe ein kleiner 
Ofen. Von der Türe aus fuhren einige breite 
Stufen, fchön mit Holz belegt, hinauf zum Ge= 



Eine gemütlidie Erdwohnung. 141 

fdiü-^fland. Der Türe gegenüber, fdiräg oben an 
der Oflfeite, ifl ein quergelegter Fenflerflügel an= 
gebradit. Die Farbe des Ganzen ift ein herrlidies 
Hdites WeifS. Da (launt Ihr fdion wieder! Was? 
Wir haben uns nämlidi wei|5e Bettlaken ver= 
fdiafft. Die Decke ift damit befpannt, und jede 
60 cm ifl das Tudi kaffettenartig eingezogen. 
Hinter den Tüdiem, an den Wänden und unter 
den Tüdiem auf den Bänken ift alles gut mit 
Stroh gepolflert. Durdi Nägel, die bei den be= 
fpannten Tüdiern jede 50 cm in die Wand ge= 
fdilagen find, werden die grofien weif5en Flädien 
in diskreter Weife belebt. Als Unterftü^ung 
hierzu dient nodi ein fdiwarzer Tudiftreifen, der 
fidi oben unterhalb der Decke entlang an den 
Wänden zieht. In der Mitte der felbflgezimmerte 
grofSe Tifch ift mit einem Linoleumteppidi belegt, 
des Abends bei gemütHchem Zufammenfein aber 
auch weifS gededkt. An der Decke eine vernickelte 
Lyra als Lichthalter. Ihr würdet Euch jedenfalls 
wundern, wenn Ihr diefes gemütliche Heim draufien 
mitten im Feld und unfichtbar einmal fehen 
könntet. So vergeht die Zeit zwifchen SchiejSen, 
Arbeiten und einem gemütlichen Beifammenfein. 
Wir felbfl fdiießen feit den Kämpfen um B. nicht 
allzuviel. Die Franzofen um fo mehr. Es ifl 
ganz erflaunlich, was die an Munition verpaffen. 
Den ganzen Tag über „flreuen" fie mit Gefchoffen 
verfchiedenen Kalibers das ganze Gelände ab. 



142 Eine gemütlidie Erdwohnung. 

Oft fliegen uns die Splitter audi um die Nafe 
herum. Wir find nun feit fieben Wodien in der 
je-^igen Stellung, ohne dafS es den Franzofen ge= 
lungen ifl, unfere Stellung ausfindig zu machen, 
tro^ Flieger, Feffelballon und vor allem tro^ 
ihres günjHgen Geländes. 

Vielleidit intereffiert es Sie, zu wiffen, wie 
ich mit meinen Kameraden lebe. Ich kann nur 
fagen, wir kommen vorzüglich aus. Ich bin der 
einzige Jude in der Batterie und der einzige 
Landwehrmann in der Bedienung der aktiven 
Leute. Zuerfl war ich bei der Gefechtsbagage 
und kam dann gleich auf Wunfeh zur Gefchü^= 
bedienung. Und als die Leute dann erfuhren, 
dajS ich freiwillig vom Erfa^bataillon zur Front 
gekommen, waren fie mehr als freundHch zu mir. 
Und jet}t, bei allen baulichen Anlagen an unferem 
Gefchü^, fugen fleh alle meinem Kommando. Die 
„Rundfchau" wird auch von fafl allen meinen 
Kameraden gelefen. — Und nun noch zu Ihrem 
freundUchen Schreiben. Sie wollen weitere Liebes= 
gaben fenden. Vorerfl, ich bin kein flarker Raucher, 
und dann würde ich es für richtiger halten, wenn 
die entfprechenden Mittel unferen von der Scholle 
vertriebenen Stammesgenoffen zufüejSen würden. 
Wir hier draufSen haben ja Gelegenheit, das Elend 
der aus ihrer Heimat Vertriebenen kennen zu 
lernen. Anders fieht's fchon aus wie in den 
illufhierten Zeitungen. Nicht fo malerifch. — 



Wofür wir kämpfen. 143 

Allen Ihren Arbeiten wünfdie idi guten Erfolg. 
Mit treujüdifchem Tumergruß ergebenfl 

Ifaak Meyer. 



WOFÜR WIR KÄMPFEN. 

Brief des Julius Bier, 
2. Batterie, FufJart.-Erf.-BatL 
Nr. 2, an die Jüdifdie Turner^ 
fdiaft, Berlin. 

Königsberg, 13. 12. 14. 

P. P. Geftem erhielt ich Ihre Tafeln Spreng el= 
fchokolade mit dem Brief „Im Nov. 1914". Da 
idi mit Schokolade reichlich verfehen werde, inter= 
efliert mich Ihr Brief befonders. Nun, wenn wir 
uns auch perfonlich nicht kennen, man denkt xmd 
fiihlt heute als Deutfcher und Jude miteinander 
fo eins, daß man einen Unterfchied zwifchen Be«= 
kannten und Unbekannten nicht machen kann. 

Ihren Stolz und Ihre Hoffiiungen muß ich 
ollerdings vorläufig auf die ableiten, die die Feuer» 
taufe fchon erhalten haben. 

Vergleidibore Momente find zwifchen jener Zeit 
und der heutigen genug da. 

Wollen wir hoffen, daß dasjenige Moment, 
wofür mcm auf allen Seiten zu kämpfen glaubt», 
für welches wir aber vor allen wahrhaft Mann 
für Mann eintreten (vom Oberflen bis zum. 



144 C'est la guerre. 

Niedrigften) : „Wahrheit und Gereditigkeit", den 
Sieg davontrage. In beiden ifl die Freiheit, die 
dem Menfdien bekömmHdi i(l, enthalten, "nnül 

b'n:in 'pit^b ^^nbi m-in^ nn: ip^Hm -jir-rpD nx 

[wetaharu es Mikdaufdiedio wehidUku Neraus 
lehaudaus ulhallel lefdiimdio hagodaul]. 
Vergnügte Chanukahtage 

Ihr Turnbruder 

Julius Bier. 

C'EST LA GUERRE. 

Brief des Gefreiten Wil= 
heim Glasfeld. 

Zwevezeele, den 13. Dezember 1914. 
Liebe Eltern! 
Mein erfler Gottesdienfl in Feindesland. Am 
11. Dezember nadimittags 2 Uhr 50 Minuten ver= 
fammelten fidi die Soldaten jüdifdien Glaubens 
am Markt, um nada dem fünf Kilometer entfernten 
Städtdien Liditervelde zum Gottesdienfl zu gehen. 
Unfer Bataillon hat mit mir nur nodi elf jüdifdie 
Kämpfer, und wieviel waren es damals in der 
Synagoge SdiulftrafSe! Wir find fehr zufammen= 
gefdimolzen. Punkt drei Uhr verlief5en wir den 
Marktpla^ und marfdiierten 50 Minuten auf der 
Chauffee entlang nadi Liditervelde, einem hübfdien 
Städtdien; idi kannte es fdion vom Durdimarfdiieren 
nadi hier. Dort auf dem Marktplat; angekommen, 



C'est la guerre. 145 

meldete unfer Führer, ein 33 jähriger Kriegs= 
freiwilliger, welcher gleichfalls Gefreiter ifl, dem 
aus feinem Wagen fleig enden Rabbiner aus 
Magdeburg, den Namen konnte idi nidit erfahren, 
unfere Ankunft. Der Rabbiner trug einen grauen 
Offiziersmantel mit dem Abzeidien des Roten 
Kreuzes, neben weldiem ein violetter K^ auf= 
gezeidmet war. Ein fehr netter Herr, der fidi 
mit uns eine Weile unterhielt, bis die ganze 
Divifion herangekommen war. Einige Kameraden 
hatten bis zu 15 km zurüdizulegen, um nadi L. 
zu kommen. Man fah da alle Waffengattungen 
und Chargen, und viele alte Bekannte traf idi 
dort. Nadidem uns der Ortskommandant ein 
Lokal angewiefen hatte, gingen wir hinein; es 
waren etwa 100 Mann. Der Rabbiner nahm flatt 
der Leuditer zwei Weinfiafdien, indem er fagte: 
„Cest la guerre", und fteckte die Sdiabboslidite 
an. Dahinter fland ein kleiner Leuditer mit den 
Chanukahkerzen. Vor Anfang des Gottesdienftes 
wurde von jedem ein Sdiein ausgefüllt, zu fla= 
tiflifdien Zwedsen für die jüdifdie Gemeinde, auf 
der Rüdifeite follten wir nodi den Vermerk 
madien, ob wir ein Kriegsgebetbudi oder ein 
Chanukahheft zugefdiickt haben wollten; idi bat 
um beides. Dann wurde ferner gefragt, wer von 
zu Haufe nidits zu erwarten habe; diefe wurden 
notiert. Dann war nodi eine Anfrage da von 
einer jüdifdien Dame, die um Adreffen bat, um 

Kriegsbriefe. IQ 



146 Cest la guerre. 

Liebesgaben zu fdiicken. Nadilier wurde gefragt, 
wer es verflände vorzubeten. Es meldete fidi ein 
junger Mann, weldier mit prachtvoller Stimme fang. 
Zuerflkam ein Vorgebet, dann Ledio daudi, dann das 
Sdiema Jisroel, wie in der Synagoge beiEudi daheim 
gefungen. Je^t kam die Anfpradie, er wies uns 
auf die Freitag ab endfeier hin, wenn wir bei 
unfern Lieben fi^en und die Liditer angezündet 
werden. Dann wurden die Chanukahlidite an= 
gezündet, und wir fangen in Hebräifdi das „Sdiirm 
und Sdiu^", wie bei Vater zu Haufe. Nadiher 
erläuterte er den Inhalt wunderbar, da|5 dies 
Lied gerade fo gut für die je^ige Zeit pafSte. 
Dann wurde lediu nerannenu gefungen, der Wein 
gefegnet, dann kam das Kaddifdi für Leid= 
tragende. Zulegt fegnete er uns, und wir 
marfdiierten auf der flodidunklen Chauffee nadi 
unferem Quartier zurüds, weldies wir um fieben 
Uhr wieder erreiditen. Das war wunderfdiön, 
idi wünfdite, es wäre jeden Freitag Gottesdienfl. 
Die Chanukahlidite wurden zwar einen Tag zu 
früh angezündet, aber wir foUten fie wenigflens 
fehen. Den folgenden Tag mufSte der Rabbiner 
fdion bei der . . . Divifion fein, fonfl wäre der 
Gottesdienfl einen Tag fpäter gewefen. Natürlidi 
gedadite er audi der Gefallenen, Gefangenen und 
Verwundeten in hübfdien Worten. 

Euer Eudi hebender Sohn Wilhelm. 



Das erjle Liditdien . . . 147 



DAS ERSTE LICHTCHEN . . . 

Brief des Unteroffiziers d. 
Ref. Eugen Seelig, Mannheim 
(vgl. Brief S. 20). 

Z. Zt. P.-a-V., den 14. Dzbr. 14. 
Mein lieber Doktor! 

Erhielt Deine legten Sendungen und Zei= 
tungen und danke Dir redit herzlidi für alle 
Deine guten Wünfdie und für Deine vielen Be= 
mühungen. — 

Eure Chanukohfeier wird wohl geflern redit 
^ohlidi verlaufen fein; idi habe viel an Eudi ge= 
dadit. Leider geflattete es mir die Ungunft der 
Verhältniffe nidit, eine Feier in größerem Kreis, 
wie idi fie eigentlidi vorhatte, abzuhalten, und 
fo war idi denn am Samstag abend nur in Ge= 
feUfdiafl eines jüdifdien Kameraden, mit dem idi 
in meinem Quartier das erfle Liditdien anfledste. 
(Von unferem Rabbiner, den idi inzwifdien nodi 
einmal traf, erhielt idi nämlidi ein Paket mit 
ca. 40 riditigen Chanukah-Wadiskerzen.) Da idi 
den Text des „Moaus zur" nidit auswendig konnte, 
fangen wir ein in unferem Feldgebetbüdilein be= 
pndlidies Lied, deffen Text der Melodie des 
.Moaus zur" rhythmifdi angepaßt ifl. Am nädiflen 
Tag, alfo geflern, fdiickte idi einen Mann per 
Rad zum Rabbiner Dr. Chone, weldier zurzeit in 
dem ca. 3 km von hier gelegenen M. in Quartier 

10* 



148 Das erfte Licht dien 



liegt, und bat ihn um das „Moaus zur". Er riß 
die betreffenden beiden Seiten aus feiner Tejilloh 
aus und überfandte fie mir mit einem redit herz= 
lidi gehaltenen Begleitfdireiben. Für den Abend 
hatte idi nur nodi einige gerade erreidibare 
jüdifdie Kameraden eingeladen. Wir waren im 
ganzen vier. Gegen halb neun Uhr (leckten wir 
unfere Liditdien an und fangen begeiftert unfer 
Moaus zur jefdiuofi und darauf nodi jedesmal 
den genannten deutfdien Vers. Auf allen Ge= 
fiditern flrahlte Freude, und alle beherrfdite das 
Gefühl, daß wir zufammengehörten. Es waren 
zwar drei einfadie junge Leute, die dem National= 
Judentum und Zionismus ziemlidi fernflanden, 
aber dafür um fo beffer die Melodien der Brodiaus 
vor dem Anzünden ufw. kannten (fogar beffer 
als idi). Dank der mir von Eudi und anderen 
Lieben gefandten Liebesgaben war idi in der 
Lage, fie reidilidi mit Sdiokolade, Zigaretten, 
Kudien, Konfekt zu bewirten, und fo blieben wir 
nodi zwei Stunden zufammen, uns redit herzHdi 
und lebhaft (meiftens von jüdifdien Dingen) unter= 
haltend! Dann fdiieden wir in dem Bewußtfein, 
daß wir fern von allen unfern Lieben unfer 
Chanukah, fo wie es eben die Verhältniffe zu= 
ließen, gefeiert hatten. Wir gaben uns das gegen= 
feitige Verfpredien, uns fo oft wie mögUdi all= 
abendUdi zufammenzujinden, um unfere Liditdien 
anzuzünden. 



Chanukah im Feld und in der Heimat. 149 

Indem idi Didi nodi bitte, allen lieben Blau= 
Weij5ern meine innigflen GrüjSe abzuflatten, bin 
ich mit befonders herzlidien Grüften an Didi 

Dein 

Eugen Seelig. 



CHANUKAH IM FELD UND IN DER 
HEIMAT. 

Brief des Kriegsfreiwilligen 
Leo Cahn, Erf.-Inf.-Regt. 28, an 
den Vorfland des jüdifdien 
Wanderbundes „Blau- WeijS", 
Mannheim. 

Savonnieres, 19. 12. 14. 
Lieber Dr. Simon! 

Vor allen Dingen vielen Dank für Deine 
Paketchen und Zeitungen, die midi bei befler Ge= 
fundheit antrafen. Soeben kamen wir durdinäfSt 
und fdimu^ig vom Sdiü^engraben, wir legten 
Gepädt und Waffen ab, nahmen etwas zu uns, 
worauf die Poft verteilt wurde. Die Gedanken 
an die GrüfSe aus der Heimat bringen einen über 
mandie fdiwere Stunde hinweg. 

Ihr könnt Eudi einen Begriff madien, weldie 
Freude uns überkam, als wir den Chanukah= 
leuditer mit den Kerzen auspaditen. Nodi nie 



150 Chanukah im Feld und in der Heimat. 

hat das Chanukahfeft einen foldien Eindruck auf 
midi ausgeübt wie diefes Jahr im Felde. Stolz 
können wir auf die Taten unferer Makkabäer 
zurückblicken, und hoffentlich werden auch die 
üblen Nachreden über unfere Feigheit, und die 
Behauptung, dafS wir Juden für die militärifche 
Laufbahn unfähig feien, für immer aus der Welt 
gefchafft fein. Nun will ich weiterfahren, wie ich 
und Polde Chanukah feierten. Bei Eintritt der 
Dunkelheit zündeten wir nach alter Sitte die 
Lichtchen an, und zwar im Kreife unferer nicht= 
jüdifchen Kameraden, die pietätvoll unferen 
Chanukahleuchter betrachteten, und denen ich 
teilweife die Bedeutung unferes Feftes erklärte. 
Wie fehr fühle ich mich in folchen Zeiten zu 
unferer Raffe hingezogen. Der Feldzug wird wohl 
gezeigt haben, dafS wir Nationaljuden auch gute 
Deutfche find. 

Armer Fri^ Seelig! Auch er gehört zu den 
Tapferen, die fürs Vaterland ffcarben. Warum 
habt Ihr uns das nicht mitgeteilt? Es fiel doch 
neben uns fo mancher Kamerad. Wie wird es 
in unferer Führerfchaft ausfehen! Gott wird uns 
doch weitere Lücken erfparen. Kahnheimer fchrieb 
mir von Eurer Chanukahfeier in Hemsbach. Wie 
fchön mag es bei Euch gewefen fein. Aber wie 
wir diefes Chanukahfeft empfinden, mit welch 
kindHcher Freude wir die Lichtchen anflediten — 
es war ein erhebender Moment. Heute flecken 



Sabbath in Polen. 151 



wir das achte Liditdien an, in Gedanken bei Eudi 
allen Lieben zu Haufe. 

Indem wir hoffen, dafS das Chanukahfejl 
eine Entfcheidung gebradit hat, dafS audi unfere 
Feinde, wie die Feinde Judas, für ihren fredien 
Übermut beflraft werden, grüjSen Didi fowie alle 
Blau-WeifSer herzUdi 

Enos und Polde. 



SABBATH IN POLEN. 

Brief des Unteroffiziers 
im Landwehr -Inf. -Reg. . . 
Max Marcus. 

Im Sdiü^engraben vor Kielce, 11. Jan. 15. 
Geliebte Mama, liebe Gefdiwifler! 

Wenn idi audi nodi eine ganze Anzahl Brief= 
fdiulden habe, fo drängt es midi dodi fehr, Eudi 
mal wieder ausfiihrlidi zu fdireiben. Audi fdiaue 
idi heute wieder auf ein Lebensjahr zurück. Un= 
vergeßHch wird es mir mit feinen großen Erleb= 
niffen und feinen furchtbaren Eindrücken bleiben, 
unendhch dankbar werde ich aber Euch allen 
(lets bleiben für die überaus grojie, innige Liebe, 
die Ihr alle mir (lets entgegengebracht, und mit 
der Ihr mir ganz befonders die furchtbar fchwere 
Zeit erleichtert und fo oft verfdiönt habt. Möge 



152 Sabbath in Polen. 



im neuen Jahr mir das Glü(k zuteil werden, 
heil und frifdi zu Eudi zurüdizukehren, nadi 
einem fiegreidien, glüdilidien Ende des Feldzuges; 
idi will dann dem Ällgütigen ewig Dank wiffen 
für feinen gnädigen Sdiu^ und Eudi für Eure 
innige Liebe und Treue. 

Und nun will idi Eudi wieder einen kleinen 
Einblidi in mein Leben und Treiben, mein Fühlen 
und Denken hier draufSen tun laffen. 

Es war am legten Freitagabend; idi hatte 
foeben im Walde draußen den lieben Sabbath be= 
grüfSt, die heimatlidien Melodien hatten midi ins 
liebe Gotteshaus daheim verfemt, und in gehobener 
Stimmung beendete idi mein Gebet. Durdi den 
Sdiü^engraben ging idi zum Unterftand, idi krodi 
hinein, denn er ifl nur fünfviertel Meter hodi, 
wie glüdslidi wäre idi gewefen, wenn mir ein 
Gleidigefinnter entgegengetreten wäre und mir 
die Hand zum SabbathgrufS gereidit hätte. Dodi 
ftatt der HelHgkeit des Sabbathhaufes, wie es 
je^t meinem innerflen Empfinden entfprodien 
hätte, fand idi alles in Sdilaf und Dunkel. Ein 
Teil der Kameraden kauerte am Herd und briet 
fidi Kartoffeln, der andere TeÜ, der eben erfl 
den Waditpoften verlaffen hatte, lag ruhend oder 
fdilafend in den Ecken. Ein fdimerzHdier Druck 
legte fich über mich, alle meine Gedanken flogen 
zu Euch, meine Lieben, die Ihr auch heute abend 
fo fehr hierher denken würdet und mit mir fehn= 



Sabbath in Polen. 153 



lidifl den Sabbathabend herbeiwünfdit, der unfer 
Haus und unfere Herzen wieder von den Strahlen 
des Sabbathlidites, des Sabbathfriedens erleuditet 
und beglüdit und uns alle wieder heil und gefund 
um Dich, geliebte Mama, fdiart. Wie fdiön male 
idi mir das alles aus; wie dankbar würde idi 
das Gotteshaus wieder betreten, wie freudig 
würden fidi uns allen, die wir für der Heimat 
Sidierheit geflritten, die Hände zum Gruß ent= 
gegenflredsen, wie fefllidi würde das liebe Eltern= 
haus an diefem Abend erflrahlen. Dodi weit, 
weit in der Ferne liegt diefe Hoffnung; noch 
pfeift der Wind um unfer kleines Unterfland= 
fenfler, er fegt über die feeartigen Waffer, die 
fidi nadi Sdinee und Regen über den Wiefen und 
Sümpfen, die unfere Stellung umgeben, gebildet 
haben, er ift audi mit ein Grund, dafS vor unferer 
Front alles feit Tagen bereits flill ift. Denn wer wollte 
hier ein Vorwärtskommen hoffen. Selbft die 
Artillerie muf5 hier fdiweigen, da fie bei fo un= 
durdifiditigem Wetter ihr Ziel nidit erfaffen kann. 
(Heute, Montag, bei klarem Wetter hat unfere 
fdiwere Artillerie durdi fehr ftarkes Feuer die 
direkt hinter der ruffifdien Stellung liegende 
Stadt Lopufdino in Brand gefdioffen.) Bange 
liegt auf uns allen die Frage: Wie lange nodi? 
Sdiwer ift unfere Aufgabe. Freitag abend be= 
drüdite midi diefe Frage ganz befonders und 
dazu kam, dafS wir infolge der Unwegfamkeit 



154 Sabbath in Polen. 



der StrajSen fdion adit Tage keine Heimatspojl 
hatten und zu der Bangigkeit nun audi nodi die 
Sorge um Euer aller Wohl (idi zugefellte. So jagte 
ein Gedanke den anderen, eine Erinnerung, eine 
Sehnfudit die andere. An einem Freitag abend, 
den idi in Polen verlebt habe, blieben meine Ge= 
danken flehen, und idi wünfdite, es käme bald 
wieder mal fo, wenn es fdion die Heimat vorerfl 
nidit fein follte. Es war am 21. Augujl, an 
Deinem Geburtstag, liebe B.; da zogen wir in 
Tufdiin, in der Nähe von Lodz ein. Die Stadt 
war gut von Juden bewohnt. Als der Nadi= 
mittag herankam, fah idi midi nadi der Synagoge 
um, und fudite diefe zur Sdiulzeit auf. Idi fand 
|ie aber verfdiloffen. Idi ging die Strafte zurück, 
eine Judenfrau, die zum Fenfler herausfdiaute, 
erklärte mir, da^ infolge der Kriegszeit der 
Gottesdienfl gemeinfam in den benadibarten 
Häufern abgehalten werde, und bald fland idi, 
durdi mehrere ineinander gehende Höfe geleitet 
und den Betenden mit dem beruhigenden Be= 
merken: „Ein Soldat, ein Jid", angekündet, unter 
ihnen. Sie waren gerade bei der lauten Sdiemau= 
noh ejSre. Kaum war diefe beendet, als alle 
Anwefenden mit herzlidiem „Sdiolaum alediem** 
auf midi zukamen. Nadi unferem Ritus wurde 
gebetet. Am Ende des Gottesdienfles entftand 
ein förmlidies ReijSen um midi, ein jeder wollte 
midi zum Sabbathgajl haben. Idi wäre am Heb|len 



Sabbath in Polen. 155 



dem Mann der Frau gefolgt, die midi hierher= 
gewiefen hatte. Denn hell und fauber war ihre 
Sabbathflube, fejllidi war der Tifdi gedeckt; |lim= 
mungsvoll wähnte idi einen Freitagabend in diefem 
Haus. Idi unterwarf midi natürlidi dem Sprudi 
des Ältejlen und folgte auf deffen Veranlaffung 
einem Mann, der im Laufe der Wodie von der 
Aushebung zurückgekehrt war. Den Sabbath vor= 
her war er fem von feiner Familie, weit hinter 
Warfchau, er kam aber glückHcherweife frei und 
hatte (ich gelobt, am nächflen Freitagabend, 
wenn mögÜch drei Soldaten an feinem Tifch zu 
haben. So kam ich wie gerufen. Ich kehrte in 
fein Haus ein; er war beglückt, fein Neder er= 
füllen zu können, und ich erfreut, in diefer kleinen 
Hütte Glück und Freude ob des fo unerwartet 
Zurückgekehrten zu beobachten. War das ein 
Sabbath gegenüber dem vorigen für diefe Leute. 
Wie beglückt trat er in die enge, hellerleuchtete 
Sabbathflube ein, benfchte feine fedis Kinder und 
bot mir mit feiner Frau ein herzHches Will= 
kommen. So klein die Hütte, fo reichlich war 
doch alles für alle da: Kiddufch und Mauzi für 
uns beide wurde herbeigebracht, und reichlich und 
gut war, was des Haufes Küche auf den Tifch 
brachte. Bei Tifch taufchten wir unfere Erleb= 
niffe aus; er erzählte von den Schwierigkeiten 
der ruflifchen Aushebung, da viele Wehrpflichtige 
gar nicht genau den Ort wüßten, an dem fie (ich 



156 Sabbath in Polen. 



ZU (teilen hätten, oder audi in den Liflen des 
Bezirkskommandos nidit geführt wurden, zu dem 
fle beordert waren. So entfland viel Zeitver= 
faumnis; inzwifdien kamen wir Deutfdien ins Land, 
und viele waren dadurdi ihrer Geflellungspflidit 
enthoben, da fie von uns natürlidi nidit durdi= 
gelaffen wurden. Audi idi hatte in diefen erften 
zwei Kriegswodien fdion mandies gefehen und 
erlebt; fo war die Unterhaltung ganz angeregt. 
Nadi Tifdi kamen die Nadibarsleute, fle wollten 
den glüdslidi Zurüdtgekehrten und midi be= 
grüjSen. Gern wäre idi nodi geblieben, aber die 
Pflidit rief. Idi verfpradi, wenn irgend möglidi, 
morgen zum Gottesdienft und auf fein dringendes 
Bitten audi zum Mittagbrot zu kommen. Er gab 
mir aber auf alle Fälle Wegzehrung in reidi= 
Hdifler Weife mit; fo glüddidi war der Mann, 
dafS er fein Neder fo fdmell ausführen konnte. 
Das war der einzige fdiöne Freitagabend bisher 
im Felde; einen Sabbathmorgen konnte idi leider 
bisher nodi nie mit einer Gemeinde begehen. 
Denn am nädiften Morgen früh wurden wir, d. h. 
das erfle BataÜlon, alarmiert. Die Reidisdeutfdien 
in Lodz hatten um deutfdien Sdiu^ gebeten, das 
zweite Bataillon wurde auf Leiterwagen eiligft hin= 
gefdiidst, während wir aufVorpoften gegen Lodz 
lagen. So ging mir diefe Sabbathfreude verloren. 
So vorwärtsdenkend und zurüdifinnend fa^ 
idi flill in der Ecke. Je^t wurde es hell; die 



Sabbath in Polen. 157 



Feldküdie war gekommen, und die Mannfdiaflen 
holten fidi ihr Abendbrot. Idi aber zog nun aus 
meiner Tafdie ein wohlverwahrtes Kuvert und 
nahm daraus Dein ganz vorzügliches Bild, geliebte 
Mama, mit der kleinen J. auf dem SdiofS und 
E. im Hintergrund, das Du, liebe E., mir gefandt 
hatteft, und das reizende Bild Eurer lieben Kin= 
der. Voll Rührung und Innigkeit betraditete idi 
die geliebten, teuren Gefiditer und fühlte midi 
Eudi näher. Lange betraditete idi fie, und lange 
nodi hingen meine Gedanken an den frohen Bil= 
dern, in denen idi mir die glüddidie Heimkehr 
zu Eudi ausmalte. Idi ajS audi Abendbrot, fo gut 
es meine Vorräte nodi geftatteten, dann legte 
idi midi frühzeitig zum Sdblaf aufs Stroh. 

Idi nehme an, daß Eudi audi ein foldbes 
Stimmungsbild aus dem Felde interejfiert; idi 
muß aber für heute fdiließen, idi werde fo bald 
als möglidi über meine Betraditungen in Koniecpol 
Eudi beriditen, über die Leiden und Sdimerzen 
unferer Glaubensgenoffen, aber audi über die 
Zerftörung, die Bauern und Befi^er an Hab und 
Gut erdulden muffen, und die Polen auf Jahre 
hinaus zu einem vollkommen verarmten Land 
gemadit haben. 

Für heute feid Ihr alle, alle innigfl gegrüßt 
von Eurem treuen 

Max. 



158 An der Front. 

AN DER FRONT. 

Brief des Unteroffiziers im 
Landwehr-Inf.-Reg. . . HugoHenle» 
Heilbronn (vgl. Brief S. 132). 

Braunsberg, 27. 1. 1915. 
Mein lieber Freund! 

Deinen Heben Brief vom 24. d. M. habe idi 
erhalten und will Dir denfelben fofort beantworten. 

Idi habe den Wunfdi und die Äbjidit ge- 
äufiert, nadi meiner Genefung wieder zu meiner 
alten Truppe — zum Bataillon — zu kommen, und 
mein Leutnant und Bataillonsadjutant hat mir 
kürzUdi gefdirieben und mir Mittel und Wege 
angegeben, um dies zu erreidien. Sie freuen fidi 
alle, wenn idi wiederkomme, und idi glaube, daß 
idi dies Deinem Vorfdilag, midi in ein Land= 
fturmregiment verfemen zu laffen, vorziehe. So 
krank bin idi ja nidit, und idi gehe fehr gern 
wieder zur alten Truppe zurüdi — idi fühle midi 
dort wohl, und es hat midi bis je^t nodi keine 
Kugel getroffen, und wenn idi weiter unter dem 
Sdiu^ unferes allgütigen Gottes flehe, wird er 
audi femer über mir wadien und midi in Stun= 
den der Gefahr befdiü^en. Aber, lieber Theo, 
idi habe das Gefühl, dafS jeder Jude gegenwärtig, 
in der Stunde, in der das Vaterland in Gefahr 
ift, über das MafS der Sdiuldigkeit und des Pjlidit= 
gefuhls hinaus auf feinem Pla^ ausharren muj5l 



Gerüftet. 159 

Nadidem idi mir der hohen Ehre bewufSt bin, 
für mein teures Vaterland an der Front mitzu= 
kämpfen und mitzufiegen, werde idi audi nadi= 
her an der Front fein, mitzureden, wenn es heifSt, 
für eine Gleidibereditigung unferer Glaubensge= 
noffen auf allen Gebieten einzuflehen. Diefe Mo= 
tive veranlaffen midi, den gegenwärtigen Kampf 
um unfer Dafein nidit etwa hinter der Front mit= 
zumadien, idi kämpfe, wie jeder Deutfdie, um 
fpäter als Deutfdier für das Redit deutfdier Juden 
einftehen zu können. Vielleidit unterhalten wir 
uns perfonlidi nodimal über diefes Thema. 

Idi bin beflimmt diefe Wodie nodi hier, und 
treffen midi Deine Nadiriditen nodi an. Für ge- 
fandten Brief von Dr. W. danke idi Dir herz= 
lidi. GrüfSe Deine lieben Eltern fowie Sdiwefter 
und Sdiwager vielmals und la|5 Didi umarmen 
von Deinem treuen Freund 

Hugo. 



GERÜSTET. 

Fra 
em 

D . . ., 21. Januar. 



Ein Frankfurter Arzt fdireibt 
aus dem Feld an feine Eltern. 



Meine Lieben! 
Gerade habe idi das Maariwgebet verriditet, 
und nodi in einer Stimmung von Andadit lefe 



160 Gerüflet. 

ich Eure Briefe .... Audi Deine lieben guten 
Worte, lieber Vater, mit der (letigen Anlehnung 
an einen fdiönen jüdifdien Sa^ find mir wohl= 
tuend; gerade weil idi hier fo allein flehe, als 
Jehudi, weil meinen befonderen Pfliditen fo viele 
Sdiwierigkeiten gegenüb erflehen, erkenne idi erfl 
redit den Sinn des Wortes niDD b'^^n Tlpl'i 
[Zedokoh tazil mimaus], ja die Pfliditerpillung, 
die Gott fudit und findet, audi wenn die Umftände 
denkbar ungünflig find, die erleiditert aufatmet, 
wenn tro-^ allem es gelang, die täglidien m^D 
[Mizwaus] zu erfüllen, die felbfl vor dem geifligen, 
fittlidien Tod bewahrt, der taufendmal fdilimmer ifl 
als der körperlidie, vor dem Tierwerden, dem Ver= 
rohen und Verfumpfen. Und fo bin idi überglücklidi 
und zufrieden, jeden Tag, wenn idi mir die Tefillin 
anlege, wenn idi zur rediten Zeit mein Morgen-, 
Mittag- und Abendgebet verriditen konnte. Was 
meine Kameraden wohl dazu fagen würden, wenn 
fie eines Tages in meinem Brotbeutel meine 
Tefillin entdediten und idi ihnen erzählte, die 
gehörten ebenfo zu meinem täglidien Bedarf wie 
das Brot . . . 

Heute nadit wird ein franzöfifdier Angriff 
erwartet, alles ifl auf Poflen, unfer Verbandpla^ 
audi fdion feflgelegt, es liegt eine Gewitterfdiwüle 
in der Lufl, draufSen ifl es je^t ganz flill. Hoffent= 
lidi trifft's nidit ein, denn wie es audi ausfällt, 
ohne Verlufle geht es nidit ab, und idi bin augen= 



Stimmungsbilder aus Polen. 161 

blicklidi der einzige Arzt im Bataillon. Der Stabs= 
arzt ift krank. Ihr werdet ja aus den Zeitungen 
fdion vor Eintreffen diefer Zeilen erfehen, ob ein 
Angriff flattfindet oder nidit. 

Wenn diefe Zeilen Eudi erreidien, dann ifl's 
vielleidit gerade Chamifdio Offor, diefes Mal fällt 
es mit dem Sdiabbos Sdiiroh zufammen! Wie 
eigenartig; ob der kommende Frühling audi uns 
bald die Sdiiroh finden laffen wird? Gott gebe 
es . . . 



STIMMUNGSBILDER AUS POLEN. 

Brief des Unteroffiziers im 
Landwehr-Inf.-Reg. . . Max 
Marcus (vgl. Brief S. 151). 

Kraszuszin, 18. Jan. 1915. 

Geliebte Mama, liebe Gefdiwifler! 

Heute mittag ifl ein grof^er Teil der in meiner 
Stube liegenden Leute auf Wadie gezogen, fo 
will idi die wirklidi wohltuende Ruhe benu^en, 
um Eudi meine Erlebniffe und Eindrücke auf 
meiner Sendung nadi Koniecpol zu beriditen. 

Am Sonnabend, dem zweiten Weihnaditstag, 
abends läf5t der Feldwebel midi rufen und zeigt 
mir den BataÜlonsbefehl: „Die 1. Kompagnie flellt 
morgen früh zur Abholung der Pofl in Koniec= 
pol vier Pferde, einen Wagen, Transportführer 

Kriegsbriefe. XI 



162 Stimmungsbilder aus Polen. 

Unteroffizier M., der fich um ^/^S morgens auf 
dem Bataillonsbüro meldet." Gern übernahm 
idi diefen Auftrag. Wenn wir als Brigadewadie 
in Chaflkow audi ziemlidi weit vom SdiufS lagen, 
fo lagen wir in den Quartieren dodi wie die 
Heringe nebeneinandergepferdit in den ärmlidien, 
fdimu^igen Bauernhäufern. Das täglidie Einzel= 
exerzieren, eine Wodie genoffen, hatte audi fdion 
den Reiz der Neuheit verloren, und fo war idi 
fehr froh, mal eine Gelegenheit zu haben, einen 
Abftedier und einen Blick hinter die Front zu tun. 
Pünktlidi fand idi midi morgens ein: mein Wagen 
mit zwei Si^en, einem fdiweren Sdiafspelz drauf 
für midi, mit vier Pferden befpannt, ferner von 
jedem anderen Bataillon je ein Wagen mit zwei 
Pferden flanden fdion bereit. Der Bataillons= 
adjutant gab mir meine Reifer oute an, gab mir 
nodiverfdiiedeneBeforgungen auf, der Bataillons= 
führer befahl mir, fo fdinell als möglidi zurüdi= 
zukehren, beide wünfditen mir gute Reife, und 
nun ging's los; die Dorffbraße lang ftanden die 
erfte und zweite Kompagnie, mit der Ausbefferung 
des elenden Weges befdiäftigt; Mannfdiaften und 
Offiziere verabfdiiedeten fidi nodi herzlidi von 
mir, ein jeder hatte nodi einen Wunfdi auf dem 
Herzen. Kognak, Rum, Liditer, Tabak, Zigarren, 
Streidihölzer, Petroleum, mir war's, als zöge idi 
weit weg in eine andere Welt. Wir waren nodi 
nidit lange zum Dorf hinaus, fo merkten wir 



Stimmungsbilder aus Polen. 163 

fdion, daß es mit dem Vierfpämier fdiledit ging, 
die Pferde waren nidit aufeinander eingefahren. 
So wurde bei dem erjlen Bauernhaus unterwegs 
haltgemadit und ein Wagen requiriert. Nun 
ging's mit vier Wagen weiter. Idi hatte natür= 
lidi die fefte Abfidit, den Wagen wieder dem 
Bauer auf dem Rüdiweg zuzuftellen. Der Weg 
führte uns aber heimwärts, infolge des Vor= 
rückens des Regiments, nidit mehr vorbei, und fo 
ifl der Bauer leider um feinen Wagen gekommen. 
Es wird nidit das einzige geblieben fein, das ihm 
in diefem Jahr ohne Bezahlung aus dem Haufe 
geholt worden ifl. 

Das erfle Städtdien erreiditen wir auf nodi 
einigermaßen guten Wegen, es war Szeczemin, 
gegen zwei Uhr. Idi ließ mir ein jüdifdies Haus 
nennen, in dem idi effen konnte; als Jude wurde 
idi herzlidi aufgenommen, und vorzüglidi mundete 
das gute Mittagbrot am jüdifdien Tifdi. Nadi 
einer Stunde ging es weiter; nun kam das didie 
Ende, obwohl nur 10 km nadi Koniecpol, brauditen 
wir vier Stunden, bis wir in der tiefen Dunkel= 
heit die Stadt erreiditen. Furditbar war der 
Weg; bis an die Knie fanken die Pferde in den 
Sdimu^ und hatten furditbare Mühe, die leeren 
Wagen vorwärts zu bekommen. Dodi es ift ja 
kein Wunder, daß diefe an ßdi fdilediten Wege 
bei dem fdilediten Wetter und der furditbar 
jlarken Benu^ung grundlos werden. Zwei mäditige 

11* 



164 Stimmungsbilder aus Polen. 

Heere ^aren mehrfadi darüber hinweggezogen, 
und je-^t zog eine Kolonne nadi der anderen mit 
4, 6, 10, 20 Wagen auf diefer StrafSe nadi Koniec- 
pol, um dort Munition, Proviant, Lebensmittel, 
Po(l ufw. fiir die dahinterlieg enden Truppen zu 
holen, um dann fdiwer beladen wieder den Weg 
zurückzufahren. 

Koniecpol ifl ein Städtchen in der GröfSe wie 
Pinne, mit einem etwas gröfSeren Marktpla^. In 
deffen Mitte ifl je^t das Feldmagazin, in dem 
die Lebensmittel aufgefpeichert find. Reihe an 
Reihe, neben- und hintereinander flehen auf dem 
Pla^ die verfchiedenen Kolonnen, deutfche und 
öflerreichifche, in der Nähe des Marktpla^es; im 
Koniecpoler Theater, fo wurde es mir vom In= 
fpektor bezeidmet, ifl das Proviantamt, wo ich 
für meine Pferde den Hafer empfing; das Muni= 
tionsdepot ifl natürUch aufSerhalb. Die Stadt 
zählt ca. 1500 Juden und 1000 Polen. Wie idi 
Euch fchon mitteilte, brachte ich fofort Wagen, 
Pferde, Fahrer unter und ging dann aufs Orts= 
kommando; der Feldwebel dort bewirtete mich 
herzHch mit Kognak, Eiern, Semmel und gab mir 
dann einen Quartierzettel für die Feldpofl; dort 
lag ich mit den Poflillionen zufammen, die zeigten 
fich fehr kameradfchafllich; fie hatten reichlich 
Decken und Pelze und gaben mir auch gern da= 
von was ab, fo dafS ich mich gut einpacken konnte 
und in dem bequemen Raum auf reichHchem 



Stimmungsbilder aus Polen. 165 

Stroh flets gut fdilief. Im Bett zu fdilafen kenne 
idi überhaupt nidat mehr, außer in Wrefchen und 
Pabianice habe idi nie das Vergnügen gehabt 
in den 5 Vo Monaten, und das Strohlager auf 
der Erde bekommt mir gottlob ganz gut. Wenn 
idi nur unter warmem Dadi bin, dann bin idi 
fdion fehr glüddidi. 

Am nädiflen Morgen (land idi zeitig auf und 
liefS midi zur Sdiul führen; die lag aber im 
Dunkel, es wurde im Bes hamidrafdi gebetet. 
Mit neugierigen, beinahe öngftHdien Blicken wurde 
idi zuerfl betraditet; erfl als idi meine TefilHn 
herausnahm, war alles beruhigt und erfreut. Eins 
ftörte midi fehr, alle bis auf wenige gingen um 
den Älmemmor herum fpazieren und braditen 
für midi eine große Unruhe in den Gottesdienfl. 
Auf meine Frage, ob dies und audi Raudben, das 
audi ganz vereinzelt gefdiah, audi in Sdiul üb= 
lidi fei, wurde mir erklärt, dies fei nur hier ge= 
ftattet. Aber abgefehen von diefem, fühlte idi 
midi dodi fo glücklidi und heimifdi, wieder im 
Gotteshaus und in einer größeren Gemeinfdiaft 
beten zu können. Wie nahe fühlte idi midi dodi 
hier diefen armen Juden, die ihres Glaubens 
wegen in diefer fdiweren Zeit Not und Gefahr 
zu beftehen hatten. Und nun durfbe idb vor die 
Thora treten — es war gerade Montag — und 
voll Rührung und Dankbarkeit den Allgütigen 
preifen, der midi fo gnädig bisher geführt und 



166 Stimmungsbilder aus Polen. 

der durdi feine Thora Vertrauen und Hoffiiung 
fo flark in mir verankert hat. Nadi dem Gottes= 
dienfl traten nodi mehrere an midi heran, um 
midi zu begrüfien. Gebetet wird hier, wie über= 
all in den gröf5eren Gemeinden, fortgefe^t bis 
zum Mittag heran, die fpäter Kommenden warten 
immer das Ende ab und vereinigen fidi dann zum 
neuen Minjan. Als idi nadi dem Gottesdienjl: 
über den Marktpla-^ ging, war da eine ganze 
Kompagnie angetreten, aber nidit Soldaten, fon= 
dern allermeifl Juden, jung und alt, und Polen, 
alle mit Spaten, Hacken und öhnlidien Geräten 
ausgerüftet. Idi erkundigte midi gleidi nadi dem 
Zwedi diefer Anfammlung und erfuhr nun, daß 
allmorgendUdi jedes Haus einen Mann zur Äus= 
befferung der Wege (teilen muf5. 

Am Mittwodi morgen komme idi nadi Sdiul, 
da geht ein Murmeln durdi die Reihen, idi höre 
nur etwas von einer Anordnung des Ortskomman= 
danten. Dann tritt der ehrwürdige Rabbi auf 
den Almemmor nadi Beendigung des Gottesdienfles 
und verkündet: „Da viele von eudi fidi der Straßen= 
arbeit entzogen, indem fie bis zum Mittag ins 
Bes hamidrafdi zum Gottesdienft gingen und dies 
als Hinderungsgrund angaben, fo ordnet der Orts= 
kommandant an, dafS der Gottesdienjl im Bes 
hamidrafdi um 8 Uhr beendet fein mufS, der Abend= 
gottesdienjl vor 6 Uhr nidit beginnen darf, 
aujSer am Freitag Abend, wo er um 4 Uhr an= 



Stimmungsbilder aus Polen. 167 

fangen darf." — Nun gab es kein Entweidien mehr, 
denn aus der Stadt konnte ja audi nur der hin= 
aus, der einen geflempelten Paffierfdiein hatte. 
Fafl jedes Judenhaus i(l ein Teehaus geworden, 
in dem Tee, fehr guter, für zehn Pfennig per 
Glas ausgefdienkt wird. Frauen oder Kinder 
flehen vor der Tür und laden fieundlidifl ein; 
fo folgte idi audi der Aufforderung eines HebUdien 
Mäddiens und fand in ihrem Haus einen ganz 
angeregten Abend. Es intereffierte midi, von dem 
Vater Näheres über die Verhältniffe der Juden 
zu hören, und idi konnte audi mandies erfahren. 
Wie in Pofen früher, fo war audi natürlidi in 
Polen der ganze Handel in jüdifdien Händen, 
das hat im legten Jahr aufgehört, geftü^t durdi 
das Geld polnifdier Magnaten, Sparkajfen und 
Vereine fängt wie bei uns der Pole immer mehr 
an, fidi auf eigene Füße zu flellen, und fo gibt 
es je^t audi fdion Genoffenfdiaften, die dem 
Bauern alles abkaufen, ihn durdi Geld finanzieren 
und fo vielfadi den Juden ausfdialten. Audi in 
anderen Brandien tun fidi Gefdiäfte auf und tun 
den Juden Äbbrudi. Der Jude in Deutfdiland hat 
dank feiner Freizügigkeit dodi eher die Möglidi= 
keit, fidi anderswo eine neue Exiflenz zu gründen. 
Hier in Polen, wo die Armut und Überfüllung 
überall die gleidie i|l, ifl das viel fdiwieriger, 
und fo tritt eben langfam eine nodi größere Ver= 
armung ein. Sehr gute Gefdiäfle maditen in 



168 Stimmungsbilder aus Polen. 

Koniecpol natürlidi die Lebensmittelhandlungen, 
fie wurden bei dem ftarken Durdigangsverkehr 
von Militär ihre Waren fpielend los zu hohen 
Preifen: Zudser, ge(lof5en 50, Würfel 60, Liditer 
1,20, Petroleum 50; dabei ift zu beaditen, dafS ein 
ruffifdies Pfund und Zentner nur etw^as mehr als 
deutfdie dreiviertel Pfund, refp. Zentner find. Sehr 
zu leiden haben natürlidi unter dem Krieg die 
Handwerker: die Sdmeider, Sdiufter ufw., audi die 
Manufakturiften. Das ifl der Unterfdiied gegen= 
über Deutfdiland, dort ifl die ärmere Bevölkerung 
infolge der ftaatUdien Unterflü^ung und der heim= 
gefandten Löhnung kaufkräftiger geworden, hier 
in Polen ifl das Land zerftört, der Bauer ver= 
armt, der Soldat bekommt eine ganz minimale 
Löhnung, bei der er nidits erübrigen kann. Diefen 
Ausfall fudien fehr viele durdi Tee-, Semmel-, 
Kudien- und Zigaretten verkauf wettzumadien, 
Leute, die fonfl gar nidits damit zu tun haben; 
der Handel geht aber nidit fdiledit. 

Die Feflfe^ung einer einmaHgen Steuer ge= 
fdiieht alljährUdi durdi einen Regierungskom= 
miffar, der kommt in den Laden, fleht fidi hier 
um und beftimmt danadi die Höhe. Mandies 
Vorratslager foll in foldien Tagen merkwürdig 
klein geworden fein. Wie bei allem foll audi 
hierbei der Rubel eine grofSe Rolle fpielen. 

Die Sdiulverhältniffe Hegen fehr danieder, 
die meiflen Kinder gehen in den Cheder und 



Stimmungsbilder aus Polen. 169 

lernen dort, was zu ihrer jüdifdien Ausbildung 
gehört. Leider i(l der Rabbiner, ein kränklidier, 
älterer Herr, nidit mehr fehr fähig, an der Er= 
Ziehung der Jugend mitzuarbeiten. Widerfprediend 
war, was idi über die Erlaubnis zum Befudi 
höherer Sdiulen hörte; fehr weit fdieint es damit 
noch nidit her zu fein, allerdings auda das Ver= 
langen danadi und nadi höherer Bildung und 
Kultur fdieint nodi nidit übermäjSig grofS zu 
fein. Auf meine Frage z. B., warum die 
meiften die Zizis unter der Wefle heraus= 
hängend tragen, warum fie alle nodi den lan= 
gen Rods, die typifdie Judenkappe tragen, ob fie 
dazu gezwungen feien, bekam idi die Antwort: 
Der Vater madit's fo und der GrofSvater audi, 
alfo bleiben wir audi dabei. Der Tag der Be= 
freiung vom ruffifdien Jodi würde dabei wohl 
viel ändern. 

Bevor idi aber die Juden verlaffe, mufS idi 
nodi einer frohen Beobaditung gedenken. In 
Sdiul fah idi während des Betens zwei junge 
Leute eifrig über die Gemoroh vertieft; idi freute 
midi herzlidi. Beim Mittagbrot traf idi ein junges 
Mäddien. Auf meine Frage, wer ihr Verlobter 
fei, antwortete fie mir voller Stolz: ein Gemoroh= 
jüngel. Und wovon wollt ihr leben? fragte idi 
fie. Ja, er hat nodi ein gutes Gefdiäft. Diefe 
Antwort freute midi nodi mehr. Solange diefes 
Volk nodi junge Männer in feiner Mitte hat, die 



170 Stimmungsbilder aus Polen. 

neben ihrem Beruf das Thoraftudium nidit ver= 
fäumen, folange feine Töditer voll Stolz auf diefe 
Männer zeigen, fo lange wird audi der gute 
religiöfe Kern dem Volk erhalten bleiben, der 
unter mandien Sdiladsen in reidiem Maß vor= 
banden ifl. Möge der Tag der Befreiung redit 
bald für diefes arme Volk kommen, möge der 
helle Tag ein religiös widerflandsfähiges Volk 
finden. 

Und nun mufS idi zum Sdiluf5 kommen. Wie 
ich zu meiner Pofl kam, wifSt Ihr. Der Rückweg 
führte midi an einer grof^en Reihe Verwundeter 
vorbei, und idi hörte von ihnen bereits, dafi audi 
unfer Regiment am Gefedit beteiligt war. Idi 
kam mir beinahe pfliditvergeffen vor, hier an= 
genehme Tage zu verleben, während die Kame= 
raden im Kugelregen fidi befinden. Am Freitag 
mittag, am Neujahrstag, kam idi hier in Kraszus= 
zin an — idi hatte unterwegs mir fagen laffen, 
wo das Regiment je^t fleht; idi hörte hier, das 
Regiment liege heute wieder im Gefedit und idi 
muffe hier abwarten. Inzwifdien foU idi die Pofl 
hier warten laffen. Der Zahlmeifter kam mir 
entgegen, und idi habe feiten eine foldie Freude 
gefehen, wie die, als er die grofie Pofl fah, er 
wäre mir vor Freude beinahe um den Hals ge= 
foUen. Unter meiner Äuffidit ging's gleidi an 
die Verteilung der Poflfendungen an die Kompag= 
nien. Das war keine kleine Arbeit. Bei Ein= 



Ein Uberfaü. 171 

brudi der Dunkelheit ging's dann los zur Kompag= 
nie. Sie war im Bataillon nadits bis auf 400 m 
an die ruffifdie Stellung gekommen, als die 
Ruffen, kurz nadidem fie fidi eingegraben hat= 
ten, fie bemerkten und flark befdioffen. Als (ie 
fidi morgens früh vor der zu (larken ruffifdien 
Stellung zurüdizogen, bekamen fie wieder flarkes 
Feuer, bei dem ein Mann fiel, drei verwundet 
wurden von unferer Kompagnie. In den Sdiü^en= 
graben, in denen wir nun bis vierzehn Tage auf 
Vorpoflen gelegen haben, traf idi fie an und rief 
riefige Freude hervor. 

Nun aber genug, feid herzlidifl gegrüfSt 

Euer treuer Max. 



EIN ÜBERFALL. 

Souain, den 22. 12. 1914. 
Gott fei Dank, idi lebe nodi und bin unver= 
let^t, während viele, viele von meinen Leuten, 
überhaupt alle, die in meiner Nadibarfdiaft: wäh= 
rend des geflrigen Angriffs der Fanzofen tot oder 
verwundet ^nd. Alfo nodi einmal, 1. Manie, da= 
mit Du Didi nidit beunruhig fl, es fehlt mir nidit 
das geringfle, und idi bin nadi wie vor im Sdiü^en= 
graben. Die Gefdiidite ifl eigentUdi zu furditbar, 
um fie zu fdiildern, aber wie idi durdi Gottes 



172 Ein ÜberfaU. 

Fügung allein mit dem Leben und ohne Sdiaden 
zu nehmen davonkam, idi kann es heute nodi 
nidit begreifen. — Es war morgens um 10 Uhr» 
und die Kompagnie wurde gelöhnt. Idi nahm 
das Geld wie immer an, das die Leute nadi 
Haufe fdiidien, als auf einmal uns die Franzofen 
mit furditbarem Gefdiü^- und Gewehrfeuer über= 
fielen. Idi faufe zurück durdi den Graben an 
meine Dedkung, fdmalle um, hole mein Gewehr 
und pflanze das Seitengewehr auf. Aber nidit 
lange konnten wir da bleiben, wo wir uns hin= 
gekauert hatten, fondern fprangen mehr nadi 
links, da wir dort mehr Deckung hatten. Zehn 
Minuten fpöter mufSten wir wieder nach rechts 
in unfere vorherige Stellung, um auf die Fran= 
zofen, die vorgingen, zu feuern. Im felben Augen= 
blick kam auch ein Hagel von Granaten und 
Schrapnells auf uns nieder. Ich wurde durch 
den Luftdruck zu Boden geriffen und von der 
naciiflürz enden Erde begraben, fo daß ich nur 
noch mit dem Kopf herausfah. Hände, Arme, 
alles war mit eingeklemmt, und in diefer 
furchtbaren Lage habe ich eine Stunde ausge= 
halten, während dauernd noch die Gefchü^e dicht 
bei mir einfchlugen und manchen verwundeten. 
Leute, die zwifchendurch kamen und micii aus= 
graben wollten, habe ich angebrüllt, dafS |ie fich 
wegfcheren foUten, um fich felbft in Sicherheit zu 
bringen. Unbegreiflich ifl es mir und allen hier, 



Ein Überfall. 173 

daf5 idi fo mit dem Leben davonkam. Idi hatte 
vollfländig abgefdiloffen und wartete auf das 
Ende. Als man midi fpäter ausgrub, befühlte 
und betaflete idi midi überall, aber es iffc gut 
gegangen, nur von meiner Brille, die idi in der 
Tafdie trug, ift ein Glas zerbrodien und mein 
Kneifer ftark verbogen. Aber wie fah es um 
midi herum aus! Idi kann den Anblidi nie ver= 
geffen und allgemein wird gefagt, dafS dies der 
fdiHmmfte Tag gewefen ifl, den das Regiment 
feit Anfang des Krieges gehabt hatte. Nun zur 
Hauptfadie. Leider ifl unter den vielen, die ge= 
fallen find, audi ein Jude, der mit zu meiner 
Gruppe gehörte. Er heif5t L. L. und ifl der Sohn 
der Witwe B, L. dort, die audi vier oder fünf 
Söhne im Felde flehen hat, von denen einer, der 
anfangs vermifSt wurde, verwundet in franzöfifdie 
Gefangenfdiafl geriet. Es ifl für midi eine fehr 
heikle Sadie, der Frau dies per Brief mitzuteilen 
und idi bitte Didi, 1. Manie, Herrn Dr. C. mit 
diefer Miffion zu betrauen. Sidier ifl Herr Dr. C. 
bereit, der Frau Mitteilung zu madien, idi danke 
Herrn Dr. C. herzlidifl dafür, L. war unter 
feinen Kameraden fehr behebt. Er war fdion 
einmal verwundet. Zum Glüds war er gleidi tot, 
hat alfo keine Sdimerzen gehabt. Diefe Nadit 
haben wir fie alle begraben. Mit Ausnahme von 
L., der fein Grab für fidi hat, Hegen fie alle in 
einem Maffengrab. Es find im ganzen 10 Mann 



174 Ein ÜberfaU. 

von unferer Kompagnie. Idi madie nachher, fo= 
bald mit dem Brief zu Ende, einen Mögen Dovid 
aus Holz für das Grab und gehe aufSerdem mor= 
gen früh beim Morgengrauen zum Gottesdienfl 
nadi Somme-Py und bitte Rabbiner Dr. Levi eine 
Änfpradie zu halten. Teilt dies alles der Frau 
zum Trofl mit. Aber bitte nidit fagen, daß ein 
Sohn in Gefangenfdiafl ifl, da idi nidit weiß, ob 
es der Frau fdion bekannt ifl. Audi muß die 
Mitteilung am felben Tag, an dem diefer Brief 
eintrifft, erfolgen, da fonft die Briefe mit dem 
Vermerk „gefallen" zurüdikommen. Seine Brief= 
fdiaften, Uhr mit Kette, 5,20 Mk. habe idi ihm 
abgenommen und werden übermorgen abgefdiidit. 
Pakete, die nodi ankommen, verteile idi an be= 
dürftige Leute. — Es war eine furditbare Arbeit, 
das Fortfdileppen der Verwundeten und das Ver= 
binden. Zwei Franzofen haben wir abends audi 
nodi hereingeholt und verbunden, ein armer Teu= 
fei von 35 Jahren mit vier Kindern war dabei. 
Den 21. Dezember kann idi rot anflreidien in 
meinem Kalender und idi kann Gott nidit genug 
danken für meine wunderbare Rettung. 



Ein „anfländiges" Schrapnell. 175 

EIN „ANSTÄNDIGES" SCHRAPNELL. 

Feldpoflkarte des Infanteriflen 
in der öfterreidi-ungarifdien Är= 
mee J. J. Dobrusz. Wiedergabe 
des jiddifdien Originals. 







Überfe^ung der vorflehenden Karte. 
Gott fei gelobt! Mauzoe Sdiabbos kaudefdi, 

Rudolfsfpital. 
Sei gegrüj^t, mein teurer Elias! 
Obwohl es mir nodi etwas fdiwer fällt, zu 
fdireiben, weil mir die Hand nodi zittert, wie 
Du diefem Brief anfehen wirfl, fo gebe idi mir 
einen StofS und zwinge midi, aus dem Bett 
zu (leigen, um Didi, Elias, zu begrüfSen, weil 
idi fo glüdilidi bin, ein Sdireiben von Dir er= 
halten zu haben, dem idi anmerke, daß Du Didi 



176 Ein „anfländiges" Sdirapnell. 

aujSerordentlidi forgfl um „Jisroels" Seele. — Idi 
war gar nidit in RufSland. Meine Reife ging über 
Rzeszow, Glogow, Ropcze, D^bica, Pilzno, Czar= 
na, Tarnow, Radomy^l, Mielec, Majdan, Bo= 
janow und Nifko. In Nifko hat man mir fdion 
mein Teil gegeben, idi habe nömlidi bei einem 
Sturm ein anftändiges Sdirapnell abbekommen; 
Lungenfdiuß, profl Mahlzeit. Da war's aus mit 
meinem Heldentum. Aber man weifS ja, nodi i(l 
„Jisroel" nidit verloren. Nadi zwei Stunden be= 
wuf^tlofen DaÜegens wollte idi mal fehen, ob idi 
nodi lebe und bin langfam zu einer Tragbahre 
gekrodien, auf der man midi zum Verbandpla^ 
gebradit hat Dann bin idi zwölf Tage in Tar= 
nobrzeg gelegen und fdiließlidi hierhergekommen. 
Hier haben fie nun überlegt: ein bloj5er Lungen= 
fdiufS i(t zu wenig, — hat man midi dazu nodi 
operiert. Aber audi das war G. f. D. nidit fo 
fdilimm. Es geht mir gottlob ganz gut. Es heilt 
fdion zu. Idi habe je^t nur nodi eine Röhre 
drin, anflatt wie zuerft zwei. 

Von meiner lieben Frau weifS idi bis je^t 
nidits. Von Chaim Berifdi habe idi erft heute 
einen Brief erhalten. Idi danke Dir redit fdiön 
fiir Deine Zeilen, denn das i(l hier mein einziges 
Vergnügen. Dein Jisroel Jaakauw. 

Grüße Deinen verehrten Vater und feine An= 
gehörigen alle zufammen und jeden befonders. 



„Radie für Kifdiinew," 177 

„RACHE FÜR KISCHINEW." 

Brief des Infanteriften in der 
öflerreidiifdi=ungarifdien Armee 
Chajim Ohrgut. Das jiddifdie 
Original ifl mit hebräifdienBudi= 
flaben gefdirieben. Der Trans= 
fkription liegt die gaHzifdie Aus= 
fpradie zugrund. 

Burdbhafdiem b'madine hazowu dalet mardiefdi= 
wen tar ajin hei^). 

J'didi diawiwi k'naffdii^) Leib'fdil! 
Jo Brieder, di'leb tdiias hameiffim^) ofgeflan= 
nen, öMislejS*) gelegen innem finfleren naffen Kei= 
wer^), haint werd es Sdii^engraben geriefen, in bin 
Widder megilgel^) geworen bein hadiajim ^, ober 
mein nidit, as idi fdimies eppes diodimes^), s'is 
beint nidit die Zeit davin. Vor'gen Donnerfditig 
bin idi arein in Sdii^engraben, hob gelanzt in 
gefdioffen, gefdioffen in frifdi gelanzt, a biffel ge= 
raflet in widder poj ®), fdiajns ^^) hob idi nodi ge= 
hatt, wus idi hob bei mir in Bifem getrugen das 
Fläfdiele Cognak, wus die host mir far etHdie Wo= 



^) Gott fei gelobt, im Kriegslager, den 4. Mardienfdiwan 
des Jahres 5675 (d. h. nadi Erfdiaffung der Welt). ^) Mein 
herzensteurer Freund. *) Auferflehung vom Tode. *) fedis= 
mal vierundzwanzig Stunden. ") Grab. ^) verwandelt. ') zu 
den Lebenden. ^ idi madie geiflreidie Sdierze. ^) los! 
^°) nodi günfHg, da(5. 

Kriegsbriefe. 12 



178 „Rache für Kifchinew." 

dben gefddckt. Ch'hob mir gekennt a biffel den 
Giemen bene^en in mit neiem Mut die Äwoide ^*) 
tien. 

Jo, gitter Brieder, ich leb, main inssanne 
toikew^^) bot mir far dus mul nodi zim gitten un= 
gefdirieben, ober dodi is mir dus Harz of Stidser 
zerriffen, here aus a Gefdiidite a rihrende, über= 
haupt far dir: far 2 Wodien hobben mir gehatt 
Sturmangriff, in neben mir is demmelt geflannen a 
fdiwarz dieinediger^^) Seilner"), ausgefehn a Un= 
gar, wus is mir fdiojn ofl durdi fein Ofnotieren ftets, 
wehrend der Paufezeit, in a klein Notizbiediel, 
offallend gewen, s'is ober demmelt kain Zait ge= 
wen Bekanntfdiaft ze madien, me bot befojlen 
flirmifdi vorzegehn, di'hob dir fdiojn amul be= 
fdiribben wie afoj dus ausfeht, in du her idi a Kri^ 
mit die Zajn^^) vin main Sdiudien^®) in a Brimm^^) 
zi: „Radie far Kifdiinew", in^^) dus eidele milde 
Punim^*^) bot bekimmen a Ziere ''^'^) vin aBeflie. — 
Der Sturm bot gedauert b'eredi 5 Sdiu^^) in mir 
hobben den Faind vin a widitige Stellung ver= 
tribben, die ganze Nadit bot men fdiojn of dem 
Kampffeld geraftet, ze morgens her idi wie me 
fdimiefl eppes mit Staunen in Wunderung vin a 



^^) Dienfl. ^^) ein befonders feierlidies Gebet, das am 
Verföhnungstag gefprochen wird. ^') fdiwarzhaorig und 
dunkelhäutig. ") Soldat. ^^) Zöhneknirfdien. ^«) Nadibar. 
^^ Brummen. ^^) und ") Gefidit. =») Fra^e. ") ungefähr 
5 Stunden. 



„Radie für Kifdiinew." 179 

jidifdien Kapral wus er hot beim näditigen Sturm= 
angriff dem Oberleitnant vin a fidieren Tojd ge= 
rettet, dus Leben vim Oberleitnant hot gehongen 
of a Hur^^), 2 Kofaken hobn ihm mit ihre Pidies 
attaddert, in der jidifdie Kapral hot ihm durdi 
2 gefdiidite Hiebe of die Kofaken mazeP^) gewen. 
Idi hob nudi dem Numen vin'm Kapral geforfdit 
in erfahren, (die wefl ftaunen), as es ifl „Jisrul 
Kremer", gebeert Jisrul Kremer bin idi in die Luft 
gefpringen, di'well fehen mit maine eigene Ojgen 
dem Kremer, vin weldien di'hob fdiojn a foj viel 
Artikel in verfdiiedene Zaiting gefehn in dodb 
perfenlidi nidb gekennt. — Nur wie^^) is er, wie 
nemmt men den Kremer? Ch'hob gefiebert far Naj= 
gierde in jugati umuzuffi taamen^^), as me fiedit 
gefindt men. Innem Feldzelt vin'm Feldwebel is 
Kremer gefeffen in Notieringen in fain Notiz= 
bidiel gemadit, weift wus dus is gewen? ot^^) der 
jinger Mann wus hot gebritet Radie of Kifdiinew, 
mir hobben fidi bald bekennt in z'is ins beide a 
HodigenufS gewen ^^), di'hob midi glicklidi gefihlt 
a fa Benfik ^^) z'hubn. R'hot midi gefregt, was fir 
Perfdiojn^^) di bifl, idi hob ihm alles erklärt mir 
hobben iber widitiges diskutiert, azint zim Iker^"): 
Z'fanimen fennen mir jenem Donnerfditig zim 

^^) Haar. ^') gerettet. "*) wo. ^^) idi mühte midi ab 
und fand. ^^) gerade. *') ifl das für uns ein HodigenujS 
gewefen! **) einer vom Paar, ungefähr wie Pendant. ^^) was 
für ein Kerl. *•') je^t zur Hauptfadie. 

12* 



180 „Radie für Kifdiinew.« 

Sdii^engraben arinter in gekämpft hobben mir 
einer neben andern, kein Wort bot Kremer weh= 
rend dem Kampf verloren, erfdit bei a Paufe 
flegt er fidi ze mir ausdrein in a Sdimies ange= 
knippt. Dem legten Tug bot s'fajer 12 Sdiu^^) un= 
unterbrodien angehalten. Mit |einmul helft es 
„forwärts", der Feind bot fidi z'ridi gezogen, idi 
hob midi fdinell zi Kremer imgedreiht in bam 
Arbel mit aG'dille aZidi getin^^): „Mir geihn vor", 
ober a Zure^^), Kremer gibt fidi kein Rihr, mit der 
Bidis in der Hand bot er gekniet wie frieher, 
mit fein ernften tiefen Blids:, nur an die obigen 
Nafeknodien s'inter der Stern is gewen a rund 
Kneppel arain gefegt in a kaldiiger rojter Fledt 
arim wie a Buk vin a lang gtrugenem Zwidser, 
s'Harz bot fidi in mir a Worf getin, oj Kremer 
is tojt! in vorwärts bot es gemißt geihn, in in 
main Kopp is nur gewen die eine Madifdiuwe'*): 
„Radie für Kifdiinew, N*kume^°) far dem tajren 
Kremer", jo idi leb, ober Kremer is tojt, s'ift 
fdiojn nudi dem Kampf, me kenn raften, idi hob 
main Frajnd nidi mehr, di'bin verjuffimt ^^) di'mijS 
midi far dir vin'm Harz ubreden, obwohl diVeijS 
s'wet Didi audi gitt krenken. — Der Oberleitnant 
bot mit Tränen geg offen, er bot ihm gefoUt dus 
Eiferne Kreiz auf der Brift heften. 



'^) Stunden. ^^) am Ärmel gezupft. *^) aber o weh. 
"*) Gedanke. ^^) Radie. ") verwaifl. 



Kriegsfeder. 181 

Hofl noch allz vin meine liebe Eltern nicht 
geheert? Schraib mir oft, bifl mich m'chaje^')! 
Äs'^) hafchem jisburach^^) wet mir fchenken s'Le= 
ben mit Gefind well Dir imjirzeh hafdiem*°) die 
zweite Woche widder eppes fchraiben, dus Beigele 
Papier is s'le-^te wus ch'hob in Turnifler gehat. 
Bleib gefind in ftark 

Jedidcho ojhawdio*^) 

Chajim. 



KRIEGSSEDER. 

Aus einem Brief des Vize= 
feldwebels im Referve-Infan= 
terie-Regiment Nr. . . Felix Ro= 
fenblüth, Berlin. 

E. bei St. Q., 2. April 1915. 
. . . Als wir abends um halb neun Uhr von 
Mauchy-Lagache abmarfchierten, das ganze Ba= 
taillon in Marfchkolonne, voran die Spielleute, 
am SchlufS die grof5e und kleine Bagage, dar= 
unter das Efelgefpann, das unfere Kompagnie 
zur Vermehrung ihres Wagenbeflandes requiriert 
hat, da war bei Euch zu Haufe Peffach, der erfle 
Sederabend; auf dem Marfch war es fchwer, auch 



s') erfreu(l midi. »«) wenn. 3») der Hebe Gott. ") fo 
Gott will. *^) Dein Didi liebender Freund. 



182 Kriegsfeder. 

nur in Gedanken dabei zu verweilen, dazu war 
die Stimmung der Mannfdiaften zu ausgelaffen 
und luftig. Als der Major uns mit der Kafperle= 
frage begrüfSt: „Seid ihr alle da?" und ihm ein 
tofendes „Ja" entgegenfchallte, waren alle Bande 
frommer Sdieu gebrodien. Lampions wurden an= 
gezündet, auf furditbaren, felbflgezimmerten In= 
ftrumenten ein Höllenlärm vollführt, und fo glidi 
der Marfdi in der herrlidien Vollmondnadit einer 
Fadielpolonäfe. Als wir um Mitternadit in E. 
angekommen waren, da feierte idi dodi nodi 
Peffadi, zwar ganz allein und nur dürfbig, aber 
fo gut es eben ging. Mein Quartier war das 
Gegenteil von dem vorigen: ein muffiges Loch, 
ohne Fenfter und Ofen, beleuchtet von einem mit 
einer lärmenden Korporalfdiaft erfüllten Neben= 
räum aus, verfchönt nur durch ein gutes, fauberes 
Bett. Als fie nebenan alle fdinarchten und auch 
R. fein Nachtlager in meiner Kammer bezogen 
hatte, holte ich mir den Wein und die Mazzoh 
hervor, zündete Lichter an und las die Hagadoh. 
Das war mein erfler Sederabend, zu wenig, um 
an und für fich etwas zu bedeuten, aber genug, 
um fich früherer Zeiten erinnern zu können. 

Aber am nächften Tage wurde es wirklich 
Peffach, und ein echtes feldmäfSiges, kriegsftarkes 
Peffachfeft begann. Als ich morgens die Schreib= 
ftube betrat, fprang man mir gleich mit einem 
Korps-, einem Regiments- und einem Bataillons= 



Kriegsfeder. 183 

befehl entgegen. Es wurde einiges im Lauf des 
Tages wieder umgeflofSen, was vorher befohlen 
war, aber das fchöne Ende war jedenfalls, dafS 
um halb vier Uhr Radfahrer nadi allen Seiten 
mit einem Regimentsbefehl raften: „Sämtlidie 
jüdifdien Offiziere, Unteroffiziere und Mannfdiaften 
find fofort zum Befudi des jüdifdien Gottes= 
dienfies nadi St. Q. zu beurlauben. Äbmarfdi 4^° 
von der Kirdie. Urlaub kann bis morgen erteilt 
werden." Du kannfl Dir denken, wie idi midi 
gefreut habe! Um 4^° fuhr ein ganzer Stabs= 
padiwagen voll jüdifdier Soldaten (auf dem 
Kutfdierfi^ R. und idi) nadi St. Q. Damit wir 
am Peffadi nidit zu gehen brauditen, hatte uns 
das 2. Bataillon audi nodi einen Wagen zur Ver= 
fiigung gefleht, und wir hatten — der Krieg 
kennt kein Gebot — dankend angenommen. War 
dodi fogar mittags Rabbiner Levy mit feinem 
Auto erfdiienen, um beim Regiment unferen Ur= 
laub nadi St. Q. zu erwirken! Er berief fidi auf 
einen talmudifdien Grundfa^, und idi konnte fein 
Verhalten gehorfamfl nur gutheifJen. 

St. Q. ifl eine riditige Stadt mit 54000 Ein= 
wohnem, äufSerhdi vom Krieg unberührt, mit einem 
vöUig erhaltenen Straf5enbild, mit einem „Ham= 
burger Hof" und „FrankfurterHof" — und mit Brot= 
marken! Eine wundervolle Stadt mit einer herr= 
Hdien, natürUdi gotifdien Kathedrale, fehr fdiönen 
Plänen und den Champs Elysees, die fidi überall 



184 Kriegsfeder. 

fehen laffen könnten. R. und idi bekamen von 
der Kommandantur ein fehr fdiönes Quartier bei 
Monfieur Moguet, rue de Cambrai 17, angewiefen, 
zwei präditige Zimmer. Wir legten fdmell ab 
und gingen dann in die Synagoge, ein kleines 
Bethaus, kleiner, aber fonfl ähnlidi wie unfere 
Synagoge ... Im ganzen waren wir etwa 80 Sol= 
daten anwefend. Die franzöfifdien Juden fdieinen 
die Synagoge feit ilirer Okkupation zu meiden. 
Es waren nur vier anwefend, darunter der Vor= 
beter und ein alter WeifSbart, die aus Polen 
flammen. Sie mußten alle mitten in der Predigt 
gehen, denn Ziviliften dürfen nadi adit Uhr die 
StrafSen nidit betreten. Nadi der Synagoge gin= 
gen wir alle zum Seder. Im Saale eines Kin= 
topps, rue de Cambrai 16, gerade unferem Qucr= 
tier gegenüber, waren lange Tafeln feierlidi ge= 
dedit, und da fafSen fie alle; und Dr. Levy und 
ein Soldat, im Zivilberuf Chafan, lafen abwedi= 
felnd die Hagadah vor, und es gab gut und reidi= 
lidi zu effen. Idi glaube, fie freuten fidi alle, 
dafS fie im Krieg ihr Judentum feiern und als 
Juden zufammenkommen durften, obfdion idi ge= 
flehen mufS, daf5 idi flark empfand: der Seder 
ifl ein Familienfefl. Dr. Levy fpradi dabei auf 
zwei jüdifdie Krankenfdiweflern, die ihm zur 
Seite fafSen, und deren Verdienfle um den Seder 
er pries. Ein anderer fpradi auf Dr. Levy. Der 
Chafan redete felbflgefällig und zeigte fidi da= 



Kriegsfeder. 185 

bei als — tout comme diez nous. . . . 

Audi daß der franzöfildie Chafan beleidigt war, 
weil man ihn während der Feiertage ausge= 
fdialtet hatte, freute midi als ein Beweis für 
die EinheitHdikeit des Judentums: Weldier Cha= 
fan in Israel träte jemals freiwilHg zurüdi?!! 
Aber jeder empfand dankbar, dafS er Peffadi 
würdig hatte feiern können. 

Am nädiflen Tage, dem 31. März, gingen wir 
wieder zur Synagoge, und idi wurde zur Thora 
aufgerufen, worüber fidi Vater freuen wird. Idi 
bekam *^^^bp [Sdielifdii]. Und dann fdiwang idi 
midi bald auf ein Fliegerauto, das gerade meines 
Weges daherfuhr, und war fdinell wieder in 
E. ... 

Heute nadit marfdiieren wir weiter, durdi 
St. Q. hindurdi bis 0., von wo wir wieder Quar= 
tiere beziehen. Was weiter mit uns werden 
wird, weif5 nodi niemand. 

HerzHdien Gruß Eudi allen 

Euer Felix. 



ÜBERSETZUNG DER HEBRÄISCHEN 
AUSDRÜCKE. 



Almemmor = erhöhte Stelle 
im Mittelpunkt der Syn= 
agoge, von wo die Thora 
verlefen wird 

aufeh Scholaum bimraumow 
hu jaafeh Sdiolaum ^ der 
Frieden macht in feinen 
Höhen, der wird Frieden 
madien 

Awelim pl. v. Owel = der 
Leidtragende 

Baal Mildiomo = Krieger, 
Soldat 

bekowet = ehrbar, gemütlidi 

benfdien v. lat. benedicere = 
benedeien, fegnen 

Bes hadiajim = Stätte des 
Lebens, Friedhof 

Bes hamidrafdi = Lehr- und 
Bethaus 

be^mdioh fdiel Mizwoh = 
aus Freude an der Pflidit= 
erfüUung 

Befomim = Gewürze, Ge= 
rudisfpezereien 

borudi Hafdiem = Gott fei 
Dank 

Brodiaus = Segensfprüdie 

Chaloh = Prieflerab g ab e vom 
Teig. Das Entfernen und 
Verbrennen eines kleinen 
Stüdtdiens von jedem Teig 
ifl heute nodi Braudi, um 
das frühere Gebot nidit in 
Vergeffenheit geraten zu 
laflen 

Chamifdioh offor = der fünf= 
zehnte des Monats Sche= 
wat, audi Neujahrstag der 
Bäume genannt, weü von 



diefer Zeit an (in Paläflina) 

die Natur (idi wieder zu 

verjüngen beginnt 
Chanukah = Fe^ der Tempel= 

weihe, zur Erinnerung an 

die Heldentaten derMak= 

kabäer und dieEinweihtmg 

des Tempels in Jerufalem 
Chafan = Vorbeter 
Chaulhamoed = Zwifdien= 

feiertag des Paffah- und 

Laubhüttenfeftes 
Cheder = Kinderfdiule 
Dajan =: Riditer, Gehüfe 

des Rabbiners 
dawnen = beten 
Erew = Abend, in Verbindung 

mit dem Namen von Feier= 

tagen — deren Rüfltag 
Erez Israel (Jisroel) = 

PaläfUna 
Gemoroh = Talmud 
Hagadah = Erzählung vom 

Auszug aus Ägypten 
Hakodaufdi borudi hu = der 

Ewige, gelobt fei er 
Hafdiem jisboradi = Gott fei 

gepriefen 
Haufdianoh rabbo = der 

le^te Tag des Laubhütten= 

feftes, fo benannt nadi den 

Gebeten „Hüf dodi" 
Hawdoloh = Gebet beim 

Sdieiden des Sabbath und 

der Feiertage 
Hedad = ein Jubelruf 
JaumKippur = Verfohnungs= 

tag 
Jaumtauw = Fefltag 
jaumtowdidi = fefhäglidi 



Jehudim pl. v. Jekudi = der 

Jude 
Jefchiwah = talmudifdie 

Hochfdmle 
j'M rozaun = „Es fei dein 

Wille", Anfang vieler Ge- 
bete 
Jire = Ehrfurdit, Andadit 
Kaddifdi = Gebet für Leid= 

tragende 
Kafdirus = ritueller Cha= 

rakter der Speifen 
Kaurimfallen = das Nieder= 

knien vor Gott am Ver= 

fohnungstag 
kesswo wediaffimo tauwo = 

Glüdswunfdiformel zum 

Neuen Jahr 
Kiddufdi umauzi = Segens= 

fprüdie über Wein und 

Brot, zu Beginn des Sab= 

bath und der Fefttage 
Kol Nidre = Vorabend des 

Verföhnungstages, fo be= 

nannt nach einem Gebet, 

das zu Beginn der fyn= 

agogalen Feier gefprochen 

wird 
kofdier = rein, rituell 
ledio Daudi = „Komm, mein 

Freund" , Begrüßung slied 

des Sabbath 
lechu nerannenu = „Lafit uns 

fingen", Hymnus am Ein= 

gang des Sabbath 
lekowet = zu Ehren 
Lew = Herz, Gemüt 
Lewajoh = Leidienzug 
Luadi = Kalender 
Maariw = Weflen, Abend= 

gebet 
Madiforim pl. v. Madifor = 

Gebetbudi für die Feier= 

tage 
Makkabim = Makkabäer 
Maskir Nefdiomaus = See= 

lenfeier 



Maffel = Glüdi 

Mauzoe Sdiabbos kaudefdi = 

Sabbathausgang 
Mazzoh = ungefauertes Brot 
Menudioh = Ruhe 
mefummon benfdien = ge= 

meinfam das Tifdigebet 

verriditen 
mi komaudio = „Wer ist 

dir gleidi" 
Mikwah = rituelles Taudi= 

bad 
Mindiah =Nadimittagsgebet 
Minjan = Gemeinde von zehn 

Mann, ohne die kein G ottes= 

dienfl jlattfinden darf 
Misrach = Oflen; dem Oflen 

(Paläftina) zugekehrt, ver= 

riditet der Jude fein Gebet 
Mizwaus pl. V. Mizwoh = 

religiöfes Gebot 
Moaus zur jefdiuofi^ Anfang 

des Chanukahliedes 
Muffaf = Mittagsgebet 
Neder = Gelübde 
Neila := Sdilußgebete des 

Verfohnungstages 
neworedi Elaukeou = „Laßt 

uns preifen unfern Gott" 
oren, v. lat. orare = beten 
Owinu Malkenu = „Unfer 

Vater, unfer König ", Anfang 

des Sündenbekenntniffes, 

das in den zehn Bußtagen 

tägUdi zweimal gefprochen 

wird 
Peffach = Paffah 
Raufch Chaudefch = Neu= 

mond, erfler Tag des Mo= 

nats nach dem hebröifchen 

Kalender 
Raufciihafchonoh = Neujahr 
Schabbos = Sabbath 
Schacharis = Morgengebet 
Schalom (Scholaum) = Frie= 

de, jüdifcher Gruß 
Schaß = Talmud 



Sdielifdii = der Dritte, beim 

Aufruf zur Thora 
Sdiema Jisroel = „Höre Is= 

rael", Anfang des jüdifdien 

Glaubensbekenntniffes 
Sdiemaunoh esreh = Gebet 

der 18 Segensfprüdie 
Sdieminiazeres = SdilufJfeft 

des Laubhüttenfefles 
fdieofoh li Nes = „Der mir 

ein Wunder getan hat", 

Segensfprudi nadi Erret= 

tung aus einer Gefahr 
Sdiir hamalaus = Anfang s= 

Worte eines an Sabbath 

und Fefttagen gelungenen 

Pfalms 
Sdiiroh = Loblied am Roten 

Meer 
fdinodem = eine Spende 

verfpredien beim Thora= 

auJTuf 
Sdiofar = Widderhorn; wird 

am Neujahrsfeft tmd Ver= 

fohnimgstag beim Gottes= 

dienft geblafen 
Sdiolaum alediem = „Friede 

fei miteudi", jüdifdier Gruf5 
Schul = Ausdrudt für Syn= 

agoge 
Seder = die beiden erflen 

Abende desPaffahfefles, an 

denen im Familienkreis die 

Erzählung vom Auszug aus 

Ägypten vorgetragen wird 
Sefer Thora = ThoraroUe 

mit den fünf Büdiem Mofis 
Seforim pl. v. Sefer = Budi, 

Thorarolle 
SeHdiaus = Bußgebete, die 

vor Sonnenaufgang in der 

Synag og e verriditet werden 
Semiraus = Gefönge, vor= 

nehmlidi die am Freitag= 

abend 



Sidurim pl. v. Sidur = Ge= 
betbudi 

Simdiasthora = Fejl der Ge= 
fe^esfreude 

Simdioh = Freude 

Sukkaus = Laubhüttenfefl 

Tafdilidi = Sühnegebet, das 
am Nadimittag des erflen 
Neuiahrstages an einem 
fliefienden Gewäffer ver- 
riditet wird 

Tallefim, pl, v. TaUis =^ Ge= 
betmantel 

Tatfdier = Sabbathbrot 

Tefillin = Gebetriemen 

Tefilloh (Tepllas), pl. Tefillaus 
= Gebet, Gebetbudi 

Thora = Lehre, der ganze 
Komplex der jüdifdien Re= 
ligionslehre 

Trefo = verbotene Speifen 

Unffanne taukef = Anfang 
eines heiligen Gebetes am 
Verföhnungstag („Wirwol= 
len preifen die Stärke des 
Tages") 

Vidui = Sündenbekenntnis 

wetaharu es Mikdaufdiedio 
wehidliku Neraus lehau= 
daus ulhallel lefdiimdio 
hagodaul = „fie (die Mak= 
kabäer) reinigten Dein Hei= 
ligtum und zündeten Lidi= 
ter an, um Dir zu danken 
und Deinen grofJen Namen 
zu preifen" 

Zaum Gedaljoh := Fafltag 
Gedaljahs, zum Andenken 
an die Ermordung des jü= 
difdien Statthalters von 
Jerufalem 

Zedokoh tazil mimowes = 
Wohltun errettet vom Tod 

Zizis = Sdiaufäden, f. IV. Budi 
Mofis, 15, 37 ff. 



INHALTSVERZEICHNIS. 

Seite 

Abfchied 1 

Die doppelte Pflicht - 2 

Soldatenbewirtung in Galizien 3 

Die Feuertaufe 6 

Ein Fahnenfdiwur 8 

Rekrutenleben 11 

Der Pope als Verräter 14 

Ein entfdiloffener Zugführer 17 

Begegnung 20 

„Freiwillige vor!" 22 

Gerettete Munitionswagen 25 

Verleihung des Eifemen Kreuzes am Neujahrstag . . 28 

Liebesgaben 29 

Stammesgenoffen 32 

Jüdifches Familienleben in Feindesland 35 

Raufdihafchonoh in der Schlacht 37 

In einer jüdifdien Stadt 40 

Aus Serbien 42 

„Do is er, der Jid ..." 46 

Gefe^estreue im Feld 49 

Beflattung eines jüdifchen Kameraden in Bosnien . . 58 

Me^ in Kriegszeiten 59 

Raufchhafchonoh im Kanonendonner 64 

Kol Nidre vor Antwerpen 66 

Von der Kirche zum Schü^engraben. — „He camarade, 

voüä Bum Bum" 67 

Jüdifcher Gottesdienfl mit Regimentsmufik 73 

In englifcher Kriegsgefangenfchaft 75 

Ein verfrühtes Verfohnungsfefl 77 

Sukkaus in der Front 79 



Ein Schabbosgruß 80 

Aufgaben des jüdifdien FeldgeifUidien 82 

Das einende Band 88 

Das religiöfe Rüdigrat 91 

Mißhandlung der Juden im rufjifdien Heer 92 

Sohnesliebe 94 

Das Eifeme Kreuz erjler Klaffe 96 

„Menfdi fein" 99 

Jüdifdies Leben in einer kleinen Garnifon 102 

„So ein bißdien Franzöfifdi ..." 106 

Auf Feldwadie an der Grenze 110 

Ein junger Rabbiner — Ritter des Eifernen Kreuzes . 114 

Der kofdiere Gönfebraten 115 

Der Verbandpla^ im Granatfeuer 117 

Die Weltliteratur im Jargon 119 

Die Mikwah als Badeanjlalt für Soldaten 122 

Makkaböerblut 124 

Judas Kampf 125 

nJire« 128 

Vorbereitungen zur Chanukahfeier 131 

Der Kaifer an der Front 132 

Eine gemütlidie Erdwohnung 138 

Wofür wir kämpfen 143 

C'est la guerre 144 

Das erfte Liditdien 147 

Chanukah im Feld und in der Heimat 149 

Sabbath in Polen 151 

An der Front 158 

Gerüftet 159 

Stimmungsbilder aus Polen 161 

Ein Überfall 171 

Ein „anflöndiges" Sdirapnell 175 

„Radie für Kifdiinew" 177 

Kriegsfeder 181 

Überfe^ung der hebröifdien Ausdrüdie 186 



m 1 1373 



PLEASE DO NOT REMOVE 
CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET 

UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY 



ö Tannenbaum, Eugen 

640 Kriegsbriefe deutscher und 

■L3 österreichischer Juden 



O o 


^ 




LU T- 


'S. 


1= o 


> = 


Li: o 


111= 


^^C/) 


> = 


^=0 o) 


CO 


D. O 


Z' — 


=^LI_ 


^— 


_l 

j: TS- 


o^ 


= co o 


Q 


^=>- 


5- 


:CQ CM 




LU 


_J — 

1 


z 


3^ 


— < «* 




= CC 1- 


Q CO