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San Francisco, California
2007
Kriegstagebuch
des Oberkommandos der Wehrmacht
(Wehrmachtführungsstab)
1940-1945
Geführt von Helmuth Greiner t und
Percy Ernst Schramm
Im Auftrag des Arbeitskreises für Wehrforschung
herausgegeben von
PERCY ERNST SCHRAMM
Es wurden bearbeitet von
Hans-Adolf Jacobsen • Band I: 1940/41
Andreas Hillgruber • Band II: 1942
Walther Hubatsch • Band III: 1943
Percy Ernst Schramm • Band IV: 1944/45
Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen • Frankfurt am Main
*
Kriegstagebuch w j
j .- . .
des Oberkommandos der Wehrmacht •
(Wehrmachtführungsstab)
Band I:
1. August 1940 - 31. Dezember 1941
Zusammengestellt und erläutert von
HANS-ADOLF JACOBSEN
1965
Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen • Frankfurt am Main
LIBRARY 9
N0V19 1971
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UNIVER$ITY OF THE PACIFIC {
241268
Gesamtumfang: 232 E + 1285 Seiten und eine Ausschlagtafel
(3 Ausschlagtafeln und eine Karte im Text)
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten
© Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen • Frankfurt am Main 1965
Satz und Druck : C. Winter, Darmstadt
Buchbinderarbeit : C. Fikentscher, Darmstadt
Printed in Germany
Vorwort
Im Vorwort zum IV. Bande ist dargelegt worden, welche technischen Gründe
dazu geführt haben, daß die vier Bände des nunmehr abgeschlossenen Werkes
in umgekehrter Reihenfolge (IV: 1961; III: 1963; II: 1963; I: 1965) erscheinen
mußten. In jenem Vorwort ist daher bereits über die Grundlagen der Edition,
über die Mitarbeiter und über sonstige Fragen, über die der Benutzer infor=
miert werden muß, das Erforderliche mitgeteilt worden.
Das dort Gesagte braucht deshalb hier nicht wiederholt zu werden; der Leser
sei jedoch nicht nur auf das Vorwort zu Band IV (1. Halbband S. V— XIV),
sondern auch auf die den 2. Halbband abschließenden „Erläuterungen zu
Band I— IV" hingewiesen (S. 1741—1846): I. Der Wehrmachtführungsstab;
II. Die Führung des Kriegstagebuchs im Wehrmachtführungsstab und die Ver=
hinderung seiner Vernichtung; III. Die erhaltenen und die verlorenen Teile des
Kriegstagebuchs des Wehrmachtführungsstabs; IV. Die bei der Herausgabe
des Kriegstagebuches befolgten Grundsätze.
Im Vorwort zu Band IV schrieb ich 1961: „Unsere Hoffnung ist, daß jedes
Jahr ein Band herauskommen kann . . . Wenn unsere Erwartungen sich erfüllen,
wird das Gesamtwerk im Jahre 1964 vollständig vorliegen." Ich gestehe jetzt,
daß mir nicht wohl zu Mute war, als ich damals diesem Satz das Imprimatur
gab; denn mir stand vor Augen, wie viele ungünstige Faktoren sich der Ver=
wirklichung wissenschaftlicher Pläne entgegenzustellen pflegen. Aber diese
Zusage konnte (20 Jahre nach Ende der Kampfhandlungen) eingelöst werden.
Dafür habe ich nun Dank abzustatten.
Er gilt in erster Linie den drei Mitarbeitern : Andreas Hillgruber, Walther
Hubatsch und Hans=Adolf Jacobsen. Ich habe im Vorwort zu Bd. IV 1
(S. IX f.) angemerkt, was sie bereits damals zu der Erhellung der Jahre nach
1933, im besonderen zur Erforschung des IL Weltkrieges, beigetragen haben.
Inzwischen veröffentlichten alle drei weitere, zum Teil sehr umfangreiche Ar=
beiten zu diesem Thema; sie haben sich jedoch dadurch nicht von der Erfüllung
der mir gemachten Zusagen abhalten lassen: die von ihnen bearbeiteten Ma=»
nuskripte lagen jeweils rechtzeitig vor. Im Jahre 1961 wies ich darauf hin, daß
heute viel von „team work" die Rede sei, da manche wissenschaftlichen Al»
5 E
beiten gar nicht mehr von einem einzelnen bewältigt werden können, daß es
aber die Verwirklichung dieses an sich einleuchtenden Ideals einmal aus diesem,
das andere Mal aus jenem Grunde mißlinge. „In unserem Falle", so fuhr ich
damals fort, „dürfen wir sagen, daß wir dank der freundschaftlichen Verbin=
düngen, die uns alle miteinander verknüpfen, dem Ideal so nahe kommen,
wie das möglich ist". Nach Abschluß dieses Werkes, bei dem jeder Bearbeiter
für seinen Band die Verantwortung trägt, aber sich dem Gesamtrahmen ein=
fügte, gilt dieser Satz erst recht: bei so enger Zusammenarbeit besteht ja immer
die Gefahr, daß man sich zerstreitet und auseinanderlebt. Bei dem „team"
Hillgruber— Hubatsch— Jacobsen— Schramm ist das Gegenteil der Fall gewesen.
Eine besondere Genugtuung bedeutet mir, daß nun auch A. Hillgruber und
H.=A. Jacobsen, zunächst als Lehrbeauftragte, an die Universität hinüber wech=
selten. Denn es ist dringend erforderlich, daß die Einsicht in die Zusammen=
hänge der Jahre 1933—45 nicht nur durch Bücher, Vorträge und Zeitungs=
berichte vermittelt, sondern auch durch Vorlesungen und Seminare voran=
getrieben und dadurch das Nachrücken eines sachkundigen Nachwuchses sicher=
gestellt wird.
Ferner habe ich Dank abzustatten Herrn Dr. Wolfgang Metzner, dem In=
haber des Verlages Bernard u. Graefe in Frankfurt a. M. Wir haben das Ver=
ständnis zu rühmen, das er unseren Vorschlägen entgegenbrachte, vor allem
seine Bereitschaft, sich auch mit einem größeren Umfange als anfangs vor=
gesehen abzufinden. In den Dank ziehen wir alle Mitarbeiter des Verlages
— im besonderen Herrn Oberst i. G. a. D. Otto Wien — und der Druckerei ein,
die bei der Fertigstellung der Bände mitgeholfen haben.
Weiterer Dank gebührt dem „Arbeitskreis für Wehrforschung", der die
Druckfahnen auf Druckfehler und Ergänzungsmöglichkeiten hin durchgesehen
hat.
Im Vorwort des Jahres xo6i kündigte ich an, daß „nach unserer — zur Zeit
nur vorläufigen — Schätzung" das Gesamtwerk etwa 4000 Druckseiten um=
fassen werde. In dieser Hinsicht haben wir uns gründlich verrechnet: Es
umfassen
Band I: 232 E + 1285 Seiten
Band II, 1-2: XII + 1465 Seiten
Band III, 1-2: XII + 166a Seiten
Band IV, 1-2: XXXVI + 1940 Seiten
Zusammen 292 + 6351 Seiten, also 6643 Seiten
Das Gesamtwerk ist also ungefähr anderthalbmal so umfangreich geworden,
wie wir anfangs angenommen haben; es wurde deshalb erforderlich, drei der
vier Bände in je zwei Halbbände zu zerlegen. Tatsächlich handelt es sich also
um sieben Bände. Wir möchten annehmen, daß die Benutzer den größeren
Umfang als einen Vorteil ansehen; denn es wird ihnen ja nicht nur mehr Ur=
material als erwartet vorgelegt, sondern sie erhalten zugleich Ergänzungen der
6 E
Lücken sowie Erläuterungen und einschlägige Dokumente, die für die Erschließ
ßung des Kriegstagebuches wertvoll sind.
In dem KTB der Jahre 1940—43 beruht jeder Absatz auf mindestens einem
Schriftstück, sehr oft auf mehreren. Zu Anfang des Jahres 1944 habe ich am
Rande noch kenntlich gemacht, von wo an ich mich auf ein weiteres Schriftstück
stützte 1 . Es wäre also möglich, bis etwa Mitte 1944 das Minimum an Doku=
menten zu berechnen, die von H. Greiner und mir verarbeitet wurden — ich
wage nicht einmal eine Schätzung. Erst recht ist es nicht möglich, dieser Zahl
die Zahl der von uns ausgezogenen, aber noch im vollen Wortlaut erhaltenen
Weisungen, Befehle, Meldungen, Berichte usw. gegenüberzustellen. Jedoch
kann die Behauptung gewagt werden, daß viele Tausende von Dokumenten
der Obersten Führung nur durch ihre Registrierung in dem KTB bekannt sind.
Diese Tatsache ist von den meisten Rezensenten bisher unbeachtet ge=
blieben, da sie ihre Tragweite nicht erkannt haben. Wie oberflächlich manche
Urteile abgegeben werden, mögen zwei Beispiele erhellen: ein Kritiker des
Bandes III unserer Ausgabe vermißte eine Erläuterung, hatte jedoch nicht fest=
gestellt, daß ein 166 Seiten umfassender darstellender Teil am Ende des Dop=
pelbandes abgedruckt worden ist. — Die in der ganzen Welt verbreitete an=
gesehene Literaturbeilage der Londoner „Times" (The Times Literary Supple=
ment No. 3266) brachte eine Besprechung der Bände II und III unserer Serie
und tadelte den Bearbeiter des Bandes III wegen zwei Äußerungen über die
amerikanische und die englische Kriegführung im Jahre 1943 als „Entgleisun=
gen", die nicht die sonstige wissenschaftliche Höhe des Werkes hielten. Leider
war es der Aufmerksamkeit des Rezensenten entgangen, daß die von ihm
bemängelten Sätze gar nicht von dem Bearbeiter stammten, sondern deutlich
genug als Zitate aus einer Denkschrift der Seekriegsleitung vom Mai 1943
gekennzeichnet waren, mit denen sich der Bearbeiter keineswegs identifiziert
hatte. Auch die Rezension bedarf neben der Sachkenntnis und Urteilsfähigkeit
der wissenschaftlichen Akribie, damit nicht Fehlurteile in großer Auflage in die
Welt gesetzt werden.*
Bereits in Bd. IV, 2, S. 1835 f. ist darauf hingewiesen worden, daß das
Kriegstagebuch des Wehrmachtführungsstabes Lücken aufweist, da einzelne
Teile nicht gerettet werden konnten und Helmuth Greiner, der das KTB bis
Ende 1942 führte, nicht dazu gekommen ist, seine Aufzeichnungen für den
ganzen Zeitraum fertigzustellen. Die Lücken konnten jedoch z. T. geschlossen
werden durch andere, die kriegerischen Ereignisse von Tag zu Tag festhaltende,
bisher ungedruckte Aufzeichnungen, die vom Generalstab des Heeres ange=
Ich konnte dann von dieser Verzahnung meines Manuskripts mit den Heftern,
in denen die Dokumente untergebracht wurden, absehen, da sie in der Reihen=
folge des Textes abgeheftet wurden. — Von diesen Heftern ist m. W. kein ein=
ziger wieder aufgetaucht; sie werden alle der Vernichtung anheimgefallen sein.
Inzwischen hat die Literaturbeilage der „Times" diesen Irrtum in der Nr. 3281 v.
14. 1. 1965 berichtigt.
7E
fertigt wurden oder auf das — gut erhaltene — Archiv der Kriegsmarine zurück=
gehen. Darüber haben die Herausgeber der Bände I— III genaue Rechenschaft
abgelegt, so daß der Leser immer erkennen kann, auf welche Dienststelle der
abgedruckte Text zurückgeht 2 .
Da der Band IV sich aus „Ausarbeitungen" zusammensetzt, die den Ereig-
nissen nicht Tag für Tag folgen und die Kriegsschauplätze gesondert behan=
dein, wäre dieses Verfahren dort nicht angängig gewesen. In ihm handelt es
sich jedoch glücklicherweise nur um Lücken von geringerem Umfang. Um dem
Leser den Rundblick zu erleichtern, sind kurze Abschnitte aus „Ploetz, Auszug
aus der Geschichte", für den ich den IL Weltkrieg bearbeitete, eingefügt, aber
durch Kursivdruck abgesetzt worden 3 . Es sei nochmals ausdrücklich betont, daß
der übrige Text dem Wortlaut entspricht, den ich ihm vor der Katastrophe
gegeben habe, daß also kein Wort zugesetzt bzw. weggelassen worden ist 4 .
Um Mißverständnissen vorzubeugen, sind noch einige weitere Bemerkungen am
Platze: Wenn ein Rezensent gesagt hat, weder Keitel noch Jodl hätten ein Tagebuch
führen lassen, ein Kriegstagebuch des OKW oder auch nur der im Sperrkreis I
tätigen Spitze des Wehrmachtführungsstabes habe es also niemals gegeben, ist dem
entgegenzuhalten, daß der General d. Art. Walter Warlimont als stellv. Chef des
WFStabs im Auftrage des Generalobersten Alfred Jodl, des Chefs dieses Stabes, die
Abfassung des KTB überwacht hat, und ich am 1. 1. 1944 in meiner Eigenschaft als
dessen Verfasser Jodl direkt unterstellt worden bin (S. 1785 ff. mit Anlage S. 1826 ff.).
Auch ist darauf hinzuweisen, daß Jodl selbst am Ende des Krieges (wieweit er von
seinem Kontrollrecht vorher regelmäßig Gebrauch gemacht hat, ist mir unbekannt
geblieben) noch Zeit fand, einiges vom KTB zur Kenntnis zu nehmen und in der
Gefangenschaft bei einer Befragung mein KTB erwähnte, "which is probably the best
thing that was written about any war" (S. 1805 Anm. 2). Der Rezensent ist also auf
einen Irrweg geraten, obwohl diese Sachverhalte in meinen „Erläuterungen" bereits
klargestellt waren. (Die Vorstellung, daß das Riesengebilde des OKW ein KTB
geführt haben könnte, ist absurd, und hätte der Gen.=Feldmarschall über seine
— ja nur administrative — Tätigkeit ein Tagebuch führen lassen, wäre dieses für
den Gang des Krieges völlig belanglos geblieben).
Einen falschen Eindruck erweckt derselbe Rezensent, wenn er Bemerkungen des
Generals W. Warlimont in dessen Buch (Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht
1930—1945, Frankfurt a. M. 1962) dahin zuspitzt, daß das Kriegstagebuch unzu=
länglich und ungenau geführt worden sei. Die Abgabe der jeweils fertiggestellten
Teile an das Heeresarchiv konnte erst erfolgen, wenn der Stellv. Chef sich mit dem
2 Ich nehme hier und im folgenden Stellung zu den in wenig sachlicher Form
vorgebrachten und deshalb erst recht eine sachliche Stellungnahme erheischenden
Einwänden von Dr. Eberhard Ja ekel (Kiel), Dokumentationen zur Geschichte
des Zweiten Weltkrieges, in: Neue Politische Literatur, 1964 Heft 8/9, Villingen
(Schwarzwald) S. 557—95, bes. S. 562 f.
3 Auf Grund meiner Kenntnis der Zusammenhänge war ich in der Lage, dort die
nüchternen Daten so zu verschränken, daß sich ein Bild vom Ablauf der Ereignisse
ergibt. Nur ein übelwollender Beurteiler kann daher einen solchen Niveauunter=
schied feststellen, wie der Rezensent das tut.
4 Der Rezensent hat aus meinen Erläuterungen herausgelesen, ich hätte 1948
meinen Text rekonstruiert. Wie in Bd. IV S. 1522 ausgeführt, handelte es sich
nur darum, die aus dem Jahre 1945 erhaltenen, getrennt überlieferten Aufzeich=
nungen wieder in die Ordnung zu bringen, die sie ursprünglich gehabt hatten.
8 E
vorgelegten Text einverstanden erklärt hatte; ich habe ihm außerdem noch die nach
seiner Beurlaubung (20. Juli 1944) fertiggestellten Teile zugeleitet, um seine Kennt=
nis der Zusammenhänge voll und ganz auszunutzen (IV 2, S. 1805). General Warli=
mont wußte damals gelegentlich mehr, als er mir mitteilen durfte, und weiß heute
natürlich noch mehr; auch hatte er sich stets Zeit genommen, das KTB daraufhin zu
prüfen, ob noch Ergänzungen erforderlich seien. Einen Zwiespalt zwischen Warli*
monts Wissen und dem Text des KTB zu konstruieren, ist also nur bei einer Ver=
kennung der Gegebenheiten möglich.
Abwegig ist ferner die Bemerkung, daß das KTB nicht die „strenge Anforderung
einer zeitgenössischen Quelle" erfülle, also nur eine „Bearbeitung" darstelle. Daß
die Forderung, die Eintragungen Tag für Tag vorzunehmen, sich aus technischen
Gründen immer weniger erfüllen ließ, je höher die betreffende Dienststelle war, habe
ich in meinen Erläuterungen (IV 2, S. 1763 ff.) ausgeführt. Dem in der Bemerkung des
Rezensenten mitschwingenden Vorwurf gegenüber ist geltend zu machen, daß der
Abstand von einigen Wochen den Vorteil bot, daß sich bereits Wichtiges und weniger
Wichtiges scheiden ließ.
Schließlich ist zu betonen, daß es sich um eine Edition handelt, deren spröder
Stoff durch Einführungen bzw. Nachworte übersichtlich gemacht und durch Abdruck
wichtiger Dokumente abgerundet wurde. Unsere Aufgabe war es dagegen nicht, die
inzwischen entstandene Literatur auszuschöpfen: sie ist bereits fast unübersehbar
geworden 5 , ist auch von sehr ungleichem Wert und vielfach der Gefahr ausgesetzt,
bald durch bessere Darstellungen ersetzt zu werden (Hinweise auf Bibliographien
in Bd. IV 2, S. 1846). Deshalb ist — entsprechend dem Brauch, zu dem sich die Monu=
menta Germaniae historicae nach längerem Experimentieren entschlossen hat — nur
dort Literatur angeführt, wo sie zur Erläuterung unbedingt erforderlich ist. Jeder,
der einmal mit Editionen zu tun gehabt hat, wird diesen Grundsatz billigen 8 .
Solchen Urteilen flüchtiger oder mit der Materie nicht vertrauter Rezensenten
stehen solche gegenüber, für die wir zu danken haben. Besonders willkommen
waren uns Briefe, in denen uns sorgfältige Leser auf entstellte Ortsnamen,
falsche Ziffern und andere Unstimmigkeiten hinwiesen; von diesen Mitteilungen
haben wir in den Nachträgen zu Bd. II— IV (am Schluß dieses Bandes) Gebrauch
gemacht.
Als Dokument gehört das Kriegstagebuch des Wehrmachtführungsstabs in
eine Reihe von anderen militärischen (z. T. auch stenographischen) Aufzeich=
5 Vgl. jetzt die kritische Auswahlbibliographie von Jacobsen, H.=A., Zur Kon=
zeption einer Geschichte des 2. Weltkrieges, Frankfurt 1964, die schon über 1100
Titel (allein Buchpublikationen!) aufführt.
6 Der angeführte Rezensent kommt abschließend zu einem absprechenden Gesamt=
urteil. Jüngere Gelehrte haben es — zumal wenn sie die „Erläuterungen" nicht
gründlich lesen, sondern sie mit der Bezeichnung „wortreich" abtun — leicht, über
das von H. Greiner und mir geführte Kriegstagebuch zu Gericht zu sitzen, da
sie sich kaum mehr in die Zustände einer glücklicherweise schon zwei Jahrzehnte
zurückliegenden Zeit zurückzuversetzen vermögen. Ich glaube, daß das angeführte
Urteil Alfred Jodls größeres Gewicht hat. Und die Edition? Der Rezensent, der
wohl noch nicht vor der Aufgabe gestanden hat, nicht=vollständig erhaltene Auf=
Zeichnungen herauszugeben und ihre Lücken so gut wie noch möglich zu schließen,
verrät nicht, wie man — angesichts der trümmerhaften, aber gegenüber den sonst
eingetretenen Verlusten immer noch sehr umfangreichen Überlieferung — es hätte
anders, womöglich besser machen können. Seiner These sei die Gegenthese ent=
gegengestellt: es konnte nur so geschehen, wie wir es durchgeführt haben.
9 E
nungen. Aber — in Bd. IV 2, S. 1760 ff., ist das genau ausgeführt — sie liegen
entweder nur in Fragmenten vor (sofern sie nicht ganz der Vernichtung an=
heimfielen) oder sie betreffen nur bestimmte Zeitphasen bzw. sie befassen
sich lediglich mit Ausschnitten des Geschehens. Eine Ausnahme macht nur das
sog. Tagebuch des ehemaligen Chefs des Generalstabs des Heeres, des General=
obersten Franz Halder, das vom Kriegsbeginn bis zu seiner Entlassung (24. 9.
1942) reicht und jetzt in einer dreibändigen, von Hans=Adolf Jacobsen bear=
beiteten Ausgabe vollständig gedruckt vorliegt: eine wichtige Veröffentlichung,
die einerseits unser Kriegstagebuch ergänzt und abrundet, andererseits von
diesem abgestützt wird.
Aus dem I. Weltkrieg liegt keine vergleichbare deutsche Aufzeichnung
vor. Wann haben wir mit dem Erscheinen analoger Veröffentlichungen aus
den Kriegsarchiven unserer ehemaligen Gegner zu rechnen? Mir fehlen leider
genaue Auskünfte; aber ich habe Anlaß zu der Annahme, daß in keinem der
entsprechenden Stäbe ein Kriegstagebuch in der Art geführt worden ist, wie
es der Wehrmachtführungsstab getan hat, daß man sich vielmehr mit Notizen
und Abschriften der Akten begnügt hat. Sollte ich mich täuschen und doch
einmal ein solches Kriegstagebuch erscheinen (zunächst stünden dem wohl
noch auf längere Zeit politische Bedenken entgegen), wäre es jedenfalls weni=
ger umfassend als das hier abgedruckte, weil es sich ja nur mit Ausschnitten
aus der Gesamtfront befaßt haben kann. Daß Deutschland auf dem europäi=
sehen Kriegsschauplatz an allen Fronten zu kämpfen hatte, ist und bleibt ein
fürchterliches Faktum — der Vielseitigkeit des Kriegstagebuches ist es zugute
gekommen.
Die — an sich gute — Formel „Bewältigung der Vergangenheit" ist inzwischen
zu einem so abgenutzten Schlagwort geworden, daß man sich scheut, es zu
benutzen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für dieses Ziel ist, die aus
A: P. E. Schramm, Hitler als militärischer Führer. Erkenntnisse und Er=
fahrungen aus dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Frank=
fürt a. M.— Bonn (Athenäum=Verlag) 1962 (207 Seiten) = Bd. IV S. 5—74 (Ein=
leitüng), S. 1631—58 (Stenogramme der „Führerlage")/ S. 1684—1735 (Aufzeich*
nungen über Hitler), S. 1741—1822 (Erläuterungen betr. Wehrmachtführungsstab
und dessen Kriegstagebuch). Hinzugefügt wurden ein Vorwort und ein Namens=
Verzeichnis. Neue Auflage im Druck; eine dänische Übersetzung 1964 erschienen,
weitere in Vorbereitung.
B : „dtv=Dokumente" (d. h. Deutscher Taschenbuch Verlag in München, Reihe
Dokumente) :
1. Von El Alamein bis Stalingrad, hg. von Andreas Hil lg ruber, Juni 1964
(303 Seiten) = Einleitung zu Bd. II, Auszüge aus dem KTB 1942, Dokumente.
2. Die Invasion, 1944, hg. von Percy Ernst Schramm, Juni 1963 (293 Seiten)
= Vorwort des Verlegers, Auszüge aus Bd. IV: 1944 mit Anhängen und
Dokumenten.
3. Die Niederlage 1945, hg. von Percy Ernst Schramm, Okt. 1962 (477 Seiten)
= Einleitung des Herausgebers, KTB 1. 1. 1945 bis Schluß nebst Dokumenten
und Anhängen.
den Jahren 1933—45 erhaltenen Dokumente — soweit sie Gewicht haben — in
einwandfreier Weise zu publizieren; denn auf diese Weise wird erhärtet, was
in dieser furchtbaren Phase der deutschen Geschichte geschehen ist, wird aber
auch am besten der Gefahr neuer Legendenbildungen vorgebeugt. Es gibt im=
mer noch Menschen, die den Erkenntnissen, die sich aus den Dokumenten er=
geben, zu entfliehen trachten, aber ihre Zahl nimmt ständig ab. Entsprechend
wächst die Zahl derer, die authentische Information verlangen. Wir konnten
das ablesen an den überraschend hohen Absatzzahlen einiger Taschenbuchs
und Paperback=Ausgaben, durch die Teile unserer Veröffentlichung einem
breiten Publikum zugänglich gemacht worden sind 7 .
In diesem Sinne möchten wir unsere sieben Bände nicht nur als eine wissen=
schaftliche Publikation betrachtet wissen, die ihren Teil zu der für die wissen=
schaftliche Forschung erforderlichen Dokumentation beiträgt, sondern auch
mithelfen bei dem geistigen Gesundungsprozeß, der uns aus den bis 1945 über
Deutschland lagernden Nebelschwaden falscher oder entstellter Informationen
herausführt.
Dieses Vorwort unterschreibe ich achtzehn Jahre nach dem Tage, an dem ich
aus der Gefangenschaft entlassen wurde, bedrückt von schweren Sorgen um die
Zukunft. Wer hätte damals zu hoffen gewagt, daß es uns bald vergönnt sein
würde, wieder ungestört wissenschaftlicher Arbeit nachgehen zu können? Es
ist gut, sich immer von neuem darauf zu besinnen.
Göttingen, den 5. Okt. 1964 Percy Ernst Schramm
Vorbemerkung des Bearbeiters
Der vorliegende erste Band des Kriegstagebuches des Oberkommandos der
Wehrmacht, der den Zeitraum vom 1. August 1940 bis zum 31. Dezember 1941
umfaßt, setzt sich aus folgenden Beständen zusammen:
1, Aus dem von Helmuth Greiner geführten Kriegstagebuch des WFSt vom
1. August 1940 bis zum 24. März 1941. Dieses ist hier nach der erhalten
gebliebenen Kopie Greiners abgedruckt worden (Nachlaß Greiner/14, Bun=
desarchiv Koblenz. Maschinengeschrieben). (Vgl. S. 1—367.)
2. Aus Aufzeichnungen Greiners vom 22. 8. 1939 (vgl. S. 947 ff.), vom 25. 9. 1939
(vgl. S. 930 mit Anmerkung 1), vom 27. 9. 1939 (vgl. S. 951), vom 8. 11. 1939
(vgl. S. 931 f.) und vom 23. 7. 1941 (vgl. S. 1034 mit Anmerkung 1). Dies
sind Bruchstücke aus dem verloren gegangenen Kriegstagebuch. Wie Grei=
ner festgehalten hat, sind die „letzteren insofern von Bedeutung, als es sich
dabei hauptsächlich um die ursprünglichen Fassungen besonders wichtiger
Tagebuchstellen handelte, die mit Rücksicht auf Hitler durch abgeschwächte
Formulierungen ersetzt werden mußten"*. (Abgedruckt nach: Greiner
Nachlaß Bundesarchiv.)
3. Aus den täglichen handschriftlichen Aufzeichnungen Greiners, nach denen
er das Kriegstagebuch diktiert hat: vom 8. August 1940 bis zum 25. Juni 1941
(vgl. S. 15— 410 stets unter dem Vermerk: handschriftlich). (Abgedruckt nach :
Nachlaß Greiner/18, Bundesarchiv Koblenz.)
4. Aus dem Kriegstagebuch der Operationsabteilung des Generalstabs des
Heeres (Chef: Gen. Heusinger) vom 27. 5. 1941 bis zum 4. 9. 1941 (vgl.
S. 411— 489). (Abgedruckt nach: Filmrolle 305 aus der U5=Serie „T— 78".
Vgl. Guides to German Records microfilmed at Alexandria, Va. Nr. 30.
Records of Headquarters, German Army High Command, Part III, Wa=
shington 1961, S. 17.)
5. Aus Tagesmeldungen der Operationsabteilung des Genst.d.H. v. 22. 6. —
6. 12. 1941. (Abgedruckt nach: Der Feldzug gegen Sowjet=Ruß1and I. Teil.
Auszüge aus den Tagesmeldungen der Operationsabteilung des Gene=
ralstabes des Heeres.)
Hierzu teilte Herr Oberst i. G. W. Schall dem Bearbeiter folgendes mit:
„Aufgrund meiner Tätigkeit im OKH, Op.Abt., in der Zeit vom 1. 7. 1943
bis 1. 10. 1944 erhielt ich im Sommer 1944 wie alle anderen Angehörigen
der damaligen Op.Abt. von Gen. Heusinger, dem Chef der Abt., den Zu=
sammendruck ,Der Feldzug gegen Sowjetrußland'. Ich schätze, daß zwischen
50—100 dieser Broschüren damals in der Druckerei des OKH angefertigt
worden sind."
General Heusinger hat über die Gründe, die ihn zur Herstellung des Zu=
sammendruckes veranlaßten, folgendes erklärt:
„Je länger der Krieg dauerte, umso weniger waren objektive militärische
Meldungen an oberster Stelle erwünscht, umso mehr trat Wunschdenken an
ihre Stelle. Das war der Grund, warum ich seinerzeit vor Beginn des
Balkanfeldzuges die Zusammenfassung der Meldungen der Operations=
abteilung des Generalstabes des Heeres anordnete. Sie sollten die nüchter=
nen Tatsachen enthalten ohne politische oder persönliche Rücksichten. Diese
Meldungen wurden täglich dem Wehrmachtführungsstab übermittelt." (Brief
vom 15. 10. 1963.)
6. Aus den geheimen Zusammenstellungen wichtiger militärischer Nachrichten
des OKW, Amt Ausland/ Abwehr vom 8. 12. bis zum 31. 12. 1941 (vgl. S. 797
mit Anm. 1—873). (Abgedruckt nach: Filmrolle „T—77", 928—931, US=
Katalog Nr. 19, Washington i960, S. 3 vgl. Punkt 4.)
* Vgl. Greiner, H., Die Oberste Wehrmachtführung 1939— 1943, Wiesbaden 1951, S. 19.
Vorbemerkung des Bearbeiters
Die Aufnahme der Teile 4, 5 und 6 in das Kriegstagebuch des OKW ist
insofern vollauf gerechtfertigt, weil diese direkt oder indirekt als Arbeits«
unterlagen für die Abfassung des KTB zur Verfügung gestanden haben.
(Vgl. die Bemerkung Heusingers oben.)
7. Der Dokumentenanhang zum KTB ist unter vier Gesichtspunkten zu=
sammengestellt worden:
a) Da die meisten Anlagen zum Kriegstagebuch des OKW verloren ge=
gangen sind (vgl. die zahlreichen Hinweise von Greiner in den Seiten 8 ff. :
„in den Akten . . ."), wurden wichtige OKW=Weisungen und Befehle,
soweit sie bisher noch nicht an anderer Stelle publiziert worden sind,
erstmals als eine Art von Anlagen zum KTB abgedruckt. Sie sind den
amerikanischen Dokumentenserien (Mikrofilme) der Kataloge 17, 18
und 19 entnommen. (Dort finden sich weitere Hinweise.)
b) Um Organisation und Dienstanweisungen des OKW zu verdeutlichen,
wurde die letzte Kriegsspitzengliederung vor Ausbruch des Krieges im
vollen Wortlaut veröffentlicht (vgl. S. 877—946).
c) Durch einige Statistiken sollen der materielle Einsatz und die Verluste
des Heeres bis zum Ende Dezember 1941 veranschaulicht werden (vgl.
S. 1101—1121).
d) Die schematischen Kriegsgliederungen geben Auskunft über Aufmarsch
und Unterstellungsverhältnisse am 8. 6. 1940, 25. 6. 1940, 21. 12. 1940,
5. 4. 1941, 27. 6. 1941 und 3. 9. 1941 (zusätzlich wurde ein Nachtrag
vom 30. 4. 1945 aufgenommen).
8. Der Band schließt mit einer von A. Hillgruber und G. Hümmelchen erarbei=
teten umfassenden Chronik der Ereignisse vom 1. 9. 1939 bis zum 31. 12. 1941,
einer Art Kriegsgeschichte im Überblick. Sie ist als wesentliche Ergänzung
des darstellenden und dokumentarischen Teils gedacht. Da sie viele Einzel=
heiten wie Befehlsverhältnisse, Stärken, Luft= und Tonnagekrieg, Opera=
tionen und die wichtigsten politischen Ereignisse enthält, konnte die Ein=
führung zum KTB, Bd. I von dem rein Faktischen weitgehend entlastet
werden.
Für die Zeit vom 1. 9. 1939 bis zum 31. 7. 1940 muß das Kriegstagebuch des
WFSt als verloren gelten; darauf ist schon in der Einführung zum Bd. IV
und II hingewiesen worden. Diesen Abschnitt des Krieges durch Lageberichte
oder andere Kriegstagebücher zu belegen, hätte bedeutet, den Umfang des
vorliegenden Bandes fast zu verdoppeln. Daher wurde darauf bewußt ver=
ziehtet, zumal auf verschiedene Quelleneditionen, Studien und Darstel=
lungen über diese Kriegsmonate verwiesen werden kann (s. das Kapitel II:
„Zur Literatur von Politik und Kriegführung 1939—1941").
In diesem Zusammenhang ist noch auf einen anderen Gesichtspunkt hinzu=
weisen: fraglos ist die jetzige Zerstreuung der OKW= Akten mehr als will=
kürlich bedingt durch den Zusammenbruch 1945 und seine Folgen. Es wird
in Zukunft darauf ankommen, die ursprüngliche Registratur wieder zusam=
13 E
Vorbemerkung des Bearbeiters
menzufügen, um die arbeitenden Behörden (bzw. Dienststellen) sichtbar zu
machen. Dann erübrigt sich auch die bisherige Zitierweise nach den bunt
durcheinandergefilmten US=Serien.
9. Im Mittelpunkt der Einführung zum KTB, Bd. I stehen drei Kapitel :
das erste enthält Lebensdaten und Notizen des ersten Kriegstagebuch=
führers des WFSt, H. Greiner. Diese Hinweise zur Person sind allein schon
deshalb gerechtfertigt, weil Greiners Aufzeichnungen den wichtigsten Teil
der Dokumentation ausmachen. Im zweiten Kapitel wird der allgemeine
militärpolitische Rahmen der deutschen Kriegführung in den Jahren 1939
bis 1941 skizziert und zwar in der Weise, daß die Wechselwirkung von
Kriegszielen und Kriegsplan Deutschlands in einem kurzen Überblick
behandelt wird. Schließlich wird im dritten Kapitel das System der Obersten
Deutschen Wehr macht führung, d.h. die Formen der direkten und indirekten
Führung in ihren Grundzügen untersucht. Die beiden letzten Kapitel sollen
vor allem die Eintragungen im KTB und die zusätzlichen Dokumente im
großen erläutern und dem Benutzer des KTB das Verständnis für die
Zusammenhänge von Politik und Kriegführung in diesem Zeitraum er=
leichtern.
Für Unterstützung und Anregungen bei der Bearbeitung des Band I möchte
ich vor allem danken Frau Asta Greiner (Wiesbaden), die mir freundlicherweise
Unterlagen aus dem Nachlaß ihres Gatten zugänglich gemacht hat; außerdem
den Herren: Großadmiral a. D. Dönitz (Aumühle), Gen. Lt. a. D. G. Engel
(Oberbolheim) und Gen.d.Geb.Tr. a. D. A. Winter, (Oberammergau) für ihre
wertvollen Auskünfte; Prof. Dr. W. Hubatsch (Bonn), Oberarchivrat Dr. Momm=
sen (Koblenz), Gen.Major a.D. A. Philippi (Ziegelhausen b. Heidelberg), Oberst
W. Schall (Bonn), der mir die OKH=Lageberichte zur Verfügung gestellt hat;
V. Admiral a. D. W. G. Wagner (Hamburg), Gen.d.Artl. a. D. W. Warlimont
(Gmünd), Oberst a. D. Wien (Bad Godesberg) und meinen Freunden Dr. A.
Hillgruber (Marburg), Dr. Hümmelchen und Dr. Rohwer (Stuttgart).
Mein besonderer Dank gilt meinem verehrten Lehrer, Herrn Prof. P. E.
Schramm, der auch die Herausgabe des Ersten Bd. mit Rat und Aufmunterung
begleitet hat.
Bonn, im Dezember 1964 Hans= Adolf Jacobsen
14
INHALT
A. EINFÜHRUNG
I. Zur Literatur von Politik und Kriegführung 1939—1941 23 E
a) Quellen 23 E
b) Memoiren 25 E
c) Monographien und Artikel . . 25 E
II. Der erste Führer des Kriegstagebuches des WFSt: Helmuth Greiner ... 29 E
a) Zum Werdegang 29 E
b) Zum Kriegstagebuch des WFSt . 31 E
c) Aus den persönlichen Notizen Greiners im FHQu und in Rom 1942/43 33 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941 — Ein Überblick 41 E
1. Phase : Die Niederwerfung und neue Aufteilung Polens 1939 .... 42 E
2. Phase: Die versuchte Ausschaltung der Westmächte als Machtfaktoren
auf dem Kontinent 49 E
3. Phase: Die „Neue Ordnung" in Europa unter deutscher Hegemonie . . 63 E
4. Phase : Auf dem Weg zum „Großgermanischen Reich" :
Der Feldzug gegen die Sowjetunion . . • 87 E
5. Phase: Die Ausweitung zum Weltkrieg:
Zur Kriegserklärung Deutschlands an die USA am 11. 12. 1941 . 103 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941 —
Ein systematischer Überblick 111 E
A. Zur Kriegsspitzengliederung der deutschen Wehrmacht 111 E
B. Die direkte Führung . . . 130 E
a) Die Regel 132 E
aa) Das „geschriebene" Gesetz 132 E
1. Politischer Entschluß, strategische Entscheidung
und operative Führung 132 E
2. Der tägliche Lagevortrag als Befehlsausgabe 138 E
3. Die Weisungen für die Kriegführung 144 E
4. Andere schriftliche Befehlsformen 150 E
5. Die zweiseitigen Besprechungen mit den Ob.Kdos
der Teilstreitkräfte 153 E
6. Die Zusammenarbeit der Ob.Kdos untereinander und mit dem OKW 169 E
bb) Das „ungeschriebene" Gesetz 174 E
7. Hitlers Eingriffe in die operative Kriegführung 174 E
8. Die Schlüsselpositionen des „Inneren Kreises" 184 E
15 E
b) Die Ausnahme lgo g
9. Der Ministerrat für die Reichsverteidigung i 9 o E
10. Die Koalitionsbesprechungen 10 2 E
11. Gipfelbesprechungen mit den drei Ob.Kdos 198 E
12. Das Gespräch unter vier Augen 200 E
13. Fachvorträge und Berichterstattung 203 E
14. Die Frontreisen 207 E
C. Die indirekte Führung (geistige Kriegführung) 210 E
a) öffentliche Mittel 210 E
15. Der militärpolitische Rechenschaft^ und Lagebericht im Reichstag . 210 E
16. Der Wehrmachtbericht 212 E
17. Proklamationen, Aufrufe, Erlasse und Tagesbefehle
des Obersten Befehlshaber an die Wehrmacht 215 E
18. Die Auszeichnung 217 E
19. Frontbesuche im Zeichen der Verbundenheit von Oberster Führung
und kämpfender Truppe 219 E
b) Nichtöffentliche Mittel 220 E
20. Der Appell im großen Rahmen 220 E
21. Der „Befehlsempfang" im beschränkten Kreis 223 E
Bemerkungen zur Einführung 223 E
B. KRIEGSTAGEBUCH 1940-1941
Das dritte Quartal 1940 (1. August bis 30. September)
August 1940 3
September 1940 56
Das vierte Quartal 1940
Oktober 1940 101
November 1940 142
Dezember 1940 194
Das erste Quartal 1941 (1. Januar bis 31. März)
Januar 1941 244
Februar 1941 292
März 1941 339
Das zweite Quartal 1941 (1. April bis 30 Juni)
April 1941 373
Mai 1941 390
Juni 1941 399
Das dritte Quartal 1941 (1. Juli bis 4. September)
Juli 194a 424
August 1941 430
September 1941 485
Tagesmeldungen der Operations=Abteilung des Gen.St.d.H.
vom 22. 6. bis 6. 12. 1941 490
OKW=Lageberichte v. 7. 12. bis 30. 12. 1941 797
16 E
C. DOKUMENTEN-ANHANG
ZUM KRIEGSTAGEBUCH 1939-1941
I. Kriegsspitzengliederung des Oberkommandos der Wehrmacht 877
Arbeitspläne 907
IL 1939
1. Ansprache des Führers auf dem Berghof am 22. 8. 1939 947
2. Notiz vom 25. 9. 1939 950
3. Aktennotiz vom 27. 9. 1939 951
4. Aktennotiz vom 8. 11. 1939 951
5. Vortragsnotiz vom 31. Oktober 1939 952
1940
6. Denkschrift über die Steigerung der Munitionsfertigung v. 19. 1. 1940 . . 955
7. Steigerung der Werkzeugmaschinenerzeugung 957
8. Aktennotiz vom 27. Januar 1940 959
9. Aktenvermerk über eine Besprechung am 29. 1. 1940 958
10. Der Stand der Rüstung und die kriegswirtschaftliche Lage am 1. 2. 1940 . 960
11. Gesamtbestand an Kampfflugzeugen der flieg. Verbände 961
12. Facharbeiterbedarf der Werkzeugmaschinenindustrie 961
13. Rüstungssteigerung 1940 962
14. Aktennotiz vom 8. 2. 1940 902
15. Waffen und Munition v. 2. 3. 1940 963
16. Niederschrift des L IH v. 15. 4. 1940 963
17. Vortragsnotiz vom 30. 5. 1940 964
18. Aktennotiz vom 31. 3. 1940 964
19. Schreiben Marschall Petain v. 17. 7. 1940 965
20. Vorläufige Verwaltung im Elsaß, in Lothringen und in Luxemburg . . 966
21. Fernschreiben vom 18. 8. 1940 967
22. Flakschutz 968
23. Aktennotiz über die Entwicklung der Rüstungslage im Sommer 1940 . . 968
24. Bestimmungen zur Einschränkung von Kampfhandlungen 970
25. Fernschreiben — Marsch= und Transportbewegungen 971
26. Unternehmen „Seelöwe". Gruppe XXI v. 27. 8. 1940 971
27. Vorbereitung des Unternehmens „Seelöwe" 972
28. Richtlinien für die Durchführung der Transportbewegung
und des Nachschubes beim Unternehmen „Seelöwe" 972
29. Unterlagen für den Nachrichtendienst 973
30. Führerbefehl vom 8. September 1940 973
31. Behandlung der „Nordostlinie" in Frankreich 974
32. Besprechung bei Generalfeldmarschall Keitel am 20. September 1940 . . 975
33. Luftangriffe im Kanalgebiet 976
34. Luftmineneinsatz 977
35. Aufteilung von Elsaß, Lothringen und Luxemburg
in die Wehrkreise V und XII 977
36. Fernschreiben Ob.d.L 977
37. Aufzeichnung über die Unterredung mit General Huntziger v. 31. 10. 1940 979
17 E
38. Besprechungen Gen.Feldm. Keitel, Marschall Badoglio 980
39. Luftlandetruppen 980
40. Stellungnahme zur Vortragsnotiz des Wi und RüAmtes vom 30. xx. 1940 981
41. Vortrag beim Führer am 5. Dezember 1940 981
42. Vortragsvermerk. 2. Pariser Besprechung vom 10. 12. 1940 982
43. Aufzeichnung vom xo. Dezember 1940 984
44. Deutsche militärische Vorbereitungen auf dem Balkan 994
45. Aufzeichnung vom 21. Dezember 1940 996
1941
46. Aufzeichnung vom 9. Januar 194X 997
47. Anhaltspunkte für eine neue Weisung über die Kriegsführung
gegen die englische Wirtschaft 998
48. Besprechung über Fall Barbarossa und Sonnenblumen am 3. 2. 41 . . . xooo
49. Vortragsnotiz vom 4. Februar 1941 xooo
50. Protokoll zur Lage des Durchmarsches der deutschen Truppen
durch Bulgarien xoox
51. Aufzeichnung vom X9. Februar X94X X004
52. Aufzeichnung vom x. März X94X X005
53. Aufzeichnung vom 25. März X94X Belagerung Englands xooö
54. Kampfanweisung für die Verteidigung Norwegens X007
55. Aufzeichnung vom 3. April X94X X009
56. Aufzeichnung vom x6. April X94X Kapitulationsangebote xoxo
^7. Weisung an den Wehrmachtbefehlshaber Norwegen
über seine Aufgaben im Fall „Barbarossa" xoxx
^8. Aufzeichnung vom X7. April X94X X0X3
59. Aufzeichnung vom X9. April X94X 10x4
60. Besprechung Staatssekretär Milch am 26. 6. X94X xoxö
6x. Sonderakte vom 26. Juni X94X X0X9
62. Sonderakte vom 27. Juni 194X X0X9
63. Erlaß des Führers über die Wirtschaft in den neubesetzten Ostgebieten
vom 29. Juni X94X X0X9
64. Sonderakte vom 29. Juni X94X 10x9
65. Erwägungen des Führers am 30. Juni X94X X020
66. Erwägungen am 3. Juli X94X X020
67. Sonderakte vom 4. Juli X94X X020
68. Fernmündliche Unterrichtung des Ob.d.H. durch Chef WFSt
am 5. Juli X94X X020
69. Sonderakte vom 8. Juli X94X (Anlage X3) X02X
70. Sonderakte vom 8. Juli X94X (Anlage 14) X02X
7X. Sonderakte vom 14. Juli X94X X022
72. Vortragsnotiz vom X5. Juli X94X X022
73. Vortragsnotiz zu Bemerkungen des Herrn Chefs des Generalstabes
betreffend Sicherung des russischen Raumes X026
74. Erlaß des Führers über die Verwaltung der neubesetzten Ostgebiete
vom X7. Juli X94X X027
75. Erlaß des Führers über die polizeiliche Sicherung
der neubesetzten Ostgebiete vom X7. Juli X94X X028
18 E
j6. Führererwägung am 17. Juli 1941 1029
77. Besuch des Führers bei Heeres=Gruppe Nord am 21. Juli 1941 .... 1029
78. Sonderakte vom 23. Juli 1941 1030
79. Führerweisungen am 23. Juli 1941 1031
80. Aus dem KTB vom 23. Juli 1941 1034
81. Besprechung des Chefs OKW mit Oberbefehlshaber
der Heeresgruppe Mitte am 25. Juli 1941 *°35
82. Sonderakte vom 27. Juli 1941 1036
83. Erläuterungen zur Karte v. 27. 7. 1941 1037
84. Operation aus Nordkaukasien über den Kaukasus 1038
85. Sonderakte vom 28. Juli 1941 1040
86. Erwägungen und Anordnungen des Führers am 28. Juli 1941 1040
87. Sonderakte vom 29. Juli 1941 1041
88. Besprechung gelegentlich Anwesenheit des Führers X041
89. Lagebeurteilung zur Lagenkarte vom 10. 8 1043
90. Sonderakte vom 12. August 1941 1044
91. Aktenvermerk vom 15. August 1941 1045
92. Aktenvermerk über die Chefbesprechung bei Gen.Feldm. Keitel . . . 1045
93. Niederschrift Besprechung Chef OKW mit den Wehrmachtteilen
am 16. 8. 1941 1047
94. Beurteilung der Ostlage durch OKW/WFSt/Abt. L am 18. August 1941 . 1054
95. Vorschlag für Fortführung der Operation der Heeresgruppe Mitte . . . 1055
96. Neugliederung und Umrüstung des Heeres 1059
97. Sonderakte vom 20. August 1941 1061
98. Operative Gedanken des Führers und Weisungen am 21. August 1941 . 1061
99. Aufzeichnung vom 21. August 1941 1062
100. Studie vom 22. August 1941 1063
101. Aufzeichnung vom 16. September 1941 1068
102. Aufzeichnung vom 5. Oktober 1941 1069
103. Fernschreiben vom 12. Oktober 1941 1070
104. Ausbau und Verteidigung der englischen Kanalinseln 1071
105. Besprechung bei OQu. I am 24. Oktober 1941 1072
106. Aufzeichnung am 6. November 1941 i°74
107. Feindlage und Kampfführung im Osten i°75
108. Weisung für die Aufgaben des Ostheeres im Winter 1941/42 .... 1076
109. Fernschreiben vom 16. Dezember 1941 1083
110. Fernschreiben vom 18. 12. 1941 1084
111. Fernschreiben vom 21. 12. 1941 1085
112. Ermächtigung Generalfeldmarschalls von Kluge,
den rechten Flügel nach Westen abzusetzen 1086
113. Aufzeichnung vom 26. Dezember 1941 1086
114. Vortrag des Generals der Infanterie Thomas 1088
115. Weisung für die Kampfführung im Osten nach Abschluß des Winters . 1093
19 E
D. ANHÄNGE
Statistik
Munitionslage — Stand vom 21. Juni 1941 1101
Ab= und Zugänge an gepanzerten Kraftfahrzeugen 1104
Kraftfahrzeuge aller Art ohne Panzer 1105
Personelle Lage — Stand vom 31. Dezember 1941 1106
Kriegsgefangene — 1. 9. 1939 bis 20. 12. 1941 1106
Beute im Osten an Waffen, Gerät, Munition, Kfz., Pferden, Flugzeugen,
Bekleidung und Ausrüstung sowie sonstiges Gerät in der Zeit vom
10. bis 20. 12. 1941 1107
Munitionslage — 3. Monatsdrittel Dezember 194a 1110
Verluste an Waffen im Osten ab 22. 6. 1941 bis 31. 12. 1941 1115
Verluste an Waffen beim Deutschen Afrikakorps ab Februar 1941
bis 31. 12. 1941 1117
Verluste an Waffen im Westen ab 21. 6. 1941 bis 31. 12. 1941 1118
Verluste an Fahrzeugen des Allgem. Heeresgeräts im Osten
ab 22. 6. 1941 bis 31. 12. 1941 1119
Personelle Verluste ab 22. 6. 1941 bis 31. 12. 1941 1120
Schematische Kriegsgliederung
vom 8. 6. 1940 früh 1122
vom 25. 6. 1940 früh 1124
vom 21. 12. 1940 1127
vom 5. 4. 1941 1131
vom 27. 6. 1941 früh 1133
vom 3. 9. 1941 al 39
vom 30. 4. 1945 "45
Chronik
1939 "49
1940 115 6
1941 1188
Nachträge und Berichtigungen
zum 22. 4. 1941 und 22. 5. 1941 1244
zum KTB II (1942) 1245
zum KTB III (1943) 1246
zum KTB IV (1944/45) 12 47
Verzeichnis der Abkürzungen 1255
Register 1269
21. 6. 1941:
Zahlenmäßige Übersicht über die Verteilung der deutschen Divisionen und
Heerestruppen.
A. Einführung
Einführung
I. Zur Literatur von Politik und Kriegführung 1939-1941
Politik und Kriegführung Deutschlands in den Jahren 1939 bis 1941 sind seit
langem ein bevorzugtes Studienobjekt der wissenschaftlichen Forschung. Dafür
sprachen einmal die relativ günstige Quellenlage, zum anderen die Tatsache,
daß in dieser Periode des Krieges eine Reihe der wichtigsten Entscheidungen auf
deutscher Seite fielen, die für den weiteren Verlauf des ganzen Krieges in
Europa schicksalhafte Bedeutung und für den Forscher besonderen Reiz be=
saßen. Zahlreiche Einzelstudien sind seit 1950 erschienen, ebenso mehrere
beachtliche Dokumentationen, die im großen und ganzen einen guten Über=
blick über die Ereignisse bis zur Schlacht um Moskau gewähren. Sie insgesamt
kritisch zusammenzufassen würde den Rahmen einer Einführung zum KTB bei
weitem sprengen. Aber wesentlicher ist noch ein anderer Gesichtspunkt: in ab=
sehbarer Zeit werden zwei grundlegende Monographien zur deutschen Politik
und Kriegführung der Jahre 1939—41 erscheinen, die nicht nur zahlreiche noch
offene Fragen beantworten, sondern auch eine erste große Bestandsaufnahme
dieses Kriegsabschnittes enthalten werden. A. Hillgruber hat in umfassender
Weise die große Politik und Strategie vom Juni 1940 bis zum Ausbruch des
deutsch=russischen Feldzuges 1941 vor dem Hintergrund der weltpolitischen
Entscheidungen behandelt; eine solche Untersuchung hat die internationale
Forschung schon seit langem vermißt. Und E. Jäckel hat das deutsch=französi=
sehe Verhältnis in den Jahren von 1940—1945 analysiert. Beide Arbeiten werden
bis 1966 im Druck vorliegen; damit sind dann zwei wichtige Lücken gefüllt.
Insgesamt kann der Historiker oder der historisch Interressierte für die
deutsche Kriegführung in den Jahren 1939—1941 als Ergänzung und zum
weiteren Verständnis der Zusammenhänge auf folgende Quellenpublikationen,
Memoiren und Einzeluntersuchungen bzw. Darstellungen zurückgreifen:
a) Quellen
1. Auswärtige Politik
Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918—1945. Aus dem Archiv des Aus=
wärtigen Amtes. Serie D 1937—1945, Bd. VIII (September 1939 — März 1940);
Bd. IX (März— Juni 1940); Bd. X (Juni— August 1940); Bd. XI (in Vorbereitung),
Frankfurt 1961—1963.
23 E
A. Einführung
Für die Zeit vom i. 9. 1940 bis zum 11. 12. 1941 ist vorerst noch die englisch'
amerikanische Ausgabe heranzuziehen:
Documents on German Foreign Policy 1918 — 1945, London— Washington 1961 ff. :
vol. XI (September 1940— Januar 194X) ; vol. XII (Februar— Juni 1941) und vol. XIII
(23. 6.— 11. 12. 1941).
Vgl. aber die ungedruckten Bestände (Übersicht in: Jacobsen, H.=A., Zur Kon=
zeption einer Geschichte des Zweiten Weltkrieges 1939 — 1945, Frankfurt 1964,
S. 159 f.: Das politische Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn).
2. Allgemein zur Politik und Kriegführung
Domarus, M., Hitler. Reden und Proklamationen 1932—1945, Bd. II: Untergang
(1939—1945), Würzburg 1963;
Frank, H., Auszüge aus dem Tagebuch, in: Piotrowski, St., Hans Franks Tage=
buch, Warschau 1963, S. 277 ff.;
Hubatsch, W., „Weserübung". Die deutsche Besetzung von Dänemark und Nor-
wegen, 1940, Göttingen i960 (2. Aufl.), S. 231—553;
Jacobsen, H.=A., Der Zweite Weltkrieg. Grundzüge der Politik und Strategie in
Dokumenten, Fischer=Bücherei 1965;
Generaloberst Halder, Kriegstagebuch, Bd. I— III (14. 8. 1939—24. 9. 1942), bearb.
v. H.=A. Jacobsen, Stuttgart 1962—1964;
Seraphim, H, Das Politische Tagebuch Alfred Rosenbergs aus den Jahren 1934/35
und 1939/40, Göttingen 1956.
Picker, H, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941—1942 neu hrsg.
v. P. E. Schramm in Zusammenarbeit mit A. Hillgruber und M. Vogt, Stutt=
gart 1963.
Außerdem sind zahlreiche wichtige Dokumentationen abgedruckt in: Viertel] ahrs=
hefte für Zeitgeschichte, München 1954 ff.
3. Deutsche Kriegführung
Hubatsch, W., (Hrsg.) Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939—1945,
Frankfurt 1962;
Jacobsen, H.=A., 1939—1945. Der Zweite Weltkrieg in Chronik und Dokumenten.
Darmstadt 1962 (6. Aufl.);
ders., Dokumente zur Vorgeschichte des Westfeldzuges 1939 — 1940, Göttingen
1956;
ders., Dokumente zum Westfeldzug 1940, Göttingen i960;
Das dienstliche Tagebuch des Chefs des Wehrmachtführungsamtes, Gen.Major
Jodl, für die Zeit vom 13. 10. 1939 bis zum 30. 1. 1940, hrsg. v. W. Hubatsch, in:
Die Welt als Geschichte 1952/53;
für die Zeit vom 1. 2. bis zum 26. 5. 1940, in: IMT, Blaue Serie, Bd. XXVIII, Dok.
PS— 1809.
Klee, K. (Hrsg.), Dokumente zum Unternehmen „Seelöwe". Die geplante Lan-
düng in England 1940, Göttingen 1959.
Zum „Kommissarbefehl" vgl. jetzt: Jacobsen, H.=A., Dokumentation, in: Ana-
tomie des SS=Staates, Bd. II, Freiburg 1965, S. 198 ff.
In Vorbereitung befindet sich:G. Wagner und G. Hümmelchen, Die Lagebespre»
chungen der Seekriegsleitung mit Hitler 1939—1945 (vorerst ist noch auszu-
werten: Fuehrer Conferences on Naval Affairs, 1939—1945, in: Brassey's Naval
Annual 1948, S. 29—496.)
Zum ungedr. Material vgl. : Jacobsen, Zur Konzeption einer Geschichte des Zwei-
ten Weltkrieges, a.a.O., S. 128 ff. (Bestände des Bundesarchivs Koblenz, des In-
stituts für Zeitgeschichte, der Dokumentenzentrale im Militärgeschichtlichen For-
24 E
I. Zur Literatur von Politik und Kriegführung 1939—1941
schungsamt, Freiburg und des US=Komitees für Kriegsdokumentation. In diesem
Zusammenhang ist vor allem auf folgende Kataloge des National Archives,
aufmerksam zu machen: Nr. 7 (OKW/Wehrwirtschafts= und Rüstungsamt), Nr. 17
(desgl.), Nr. 18 (OKW) und Nr. 19 (OKW). Vgl. Jacobsen, a. a. O., S. 166 ff.
b) Memoiren
Vgl. hierzu die Bibliographie von H.=A. Jacobsen, Zur Konzeption einer Ge=
schichte des 2. Weltkrieges, Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, Stutt=
gart 1964, S. 66—67. Die in Klammern gesetzten Ziffern beziehen sich auf die
lfd. Nr. der Bibliographie:
1. Politik
Abetz (110), deutsch=französisches Verhältnis; Gisevius (117), deutsche Opposi=
tion gegen Hitler; Hassell (121), deutsche Opposition gegen Hitler; Kordt (129),
Außenpolitik allg.; Papen (135), deutsch=türkische Beziehungen; Rahn (137),
Aufzeichnungen eines Diplomaten; Schellenberg (144), Abwehrdienst; Schmidt,
P. (146), Bericht des Chefdolmetschers; Weizsäcker, Frhr. v. (149), Erinnerungen
des Staatssekr. des Auswärtigen Amtes.
2. Kriegführung
Allgemein: Keitel (167); Lossberg (171) und Warlimont (191).
Landkrieg: Choltitz (153), Polen, West= und Ostfeldzug; Dietl (154), Norwegen;
Guderian (162), Polen=, West= und Ostfeldzug; Manstein (172), Polen=, West=
und Ostfeldzug; Paulus (173), Sommer 1940 und Ostfeldzug; Rintelen, E. v.,
deutsch=italien. Koalitionskriegführung; Rommel (184), Nordafrika; Senger und
Etterlin (188), West= und Ostfeldzug; Westphal (192), West= und Afrika»
feldzug. Vgl. außerdem: Wagner, Ed., Der Generalquartiermeister, hrsg. v.
E. Wagner, München— Wien 1963 (Polenfeldzug).
Luftkrieg: Baumbach (151); Galland (159); Kesselring (168); Rieckhoff (182).
Seekrieg: Doenitz (153); Raeder (175).
c) Monographien und Artikel
1. Niederwerfung Polens
Neben der operativen Studie von N. v. Vormann 1 , die einen allgemeinen Über=
blick über den Verlauf des Feldzuges gibt, ist der Aufsatz von H. Roos 2 heran=
zuziehen; in diesem finden sich auch entsprechende Hinweise auf die polnische
Literatur. Planung und Auslösung des „Falles Weiß" sind am besten immer noch
zusammengefaßt bei: Greiner, H., Die Oberste Wehrmachtführung, 1939—1943,
Wiesbaden 1951, S. 29 ff. Für die Anfänge nationalsozialistischer Besatzungs=
politik in Polen ist aufschlußreich die Studie von M. Broszat 3 ; ein Überblick ist
auch im Polenhandbuch 4 (mit Beiträgen von H. Roos und G. Rhode) enthalten.
1 Vgl. Jacobsen, H.=A., Zur Konzeption einer Geschichte des 2. Weltkrieges 1939—
1943. Disposition mit kritisch ausgewähltem Schrifttum (bearbeitet unter Mit=
Wirkung von Joachim Röseler), Frankfurt a. M. 1964 (Schriften der Bibliothek für
Zeitgeschichte. Weltkriegsbücherei Heft 2).
2 Vgl. Roos, H., Der Feldzug in Polen vom September 1939, in: Wehrw v Rdsch. 1959,
S. 491—512. Vgl. auch: Roos, H., Die militärpolitische Lage und Planung Polens
gegenüber Deutschland vor 1939, in: Wehrw.Rdsch. 1957, S. 181—202.
3 Bibliographie, a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 564.
4 Ebd. Nr. 439.
25 E
A. Einführung
2. Die Besetzung Dänemarks und die Operationen in Norwegen (1939/40)
Aus deutscher Sicht ist grundlegend die Arbeit von W. Hubatsch; in ihr werden
Vorbereitungen und Ablauf der militärischen Maßnahmen beider Seiten auf
einer breiten Quellenbasis geschildert. Als Ergänzung hierzu ist nützlich der
Abriß von E. Ziemke 5 .
Für die Anfänge der deutschen Besatzungspolitik in beiden Ländern gewährt
einen ersten Überblick die Studie von W. Gruchmann*.
3. Die Auseinandersetzung im Westen (1939/1940)
Für die militärischen Planungen und Operationen sind wesentlich die Arbeiten
von Benoist=Mechin, Cras, Ellis, Goutard, Jacobsen, Müller, Liss und Taylor 7 .
In manchen Teilen überholt, dennoch nützlich ist der Sammelband von Toynbee 8 .
Zur psychologischen Seite des deutschen Angriffs vgl. den Beitrag v. W. Ritter v.
Schramm •.
Zur deutschen Besatzungspolitik in Frankreich ist demnächst grundlegend die
Untersuchung von E. Jäckel; als Ergänzung immer noch wichtig: Hitlers Europe,
hrsg. v. Toynbee 10 .
4. Politik und Kriegführung vom Ende des Westfeldzuges bis zum Beginn des
Rußlandfeldzuges (1940—1941)
Neben der schon genannten, in Arbeit befindlichen umfassenden Untersuchung
Hillgrubers behandeln Klee, Wheatley und Ansel 11 das Unternehmen „See=
löwe", Bogatsch 12 in einem längeren Beitrag in der Beilage zur Wochenzeitung
„Das Parlament", „politische und militärische Probleme nach dem Frankreichfeld=
zug", Detwiler die deutsch=spanischen Beziehungen, Weinberg und Fabry das
deutsch=russische Verhältnis und Hillgruber die deutsch=rumänische Politik. Das
deutsch=französische Problem skizzieren Hytier und Geschke 13 . Zur Entstehung
des Dreimächtepaktes am 27. 9. 1940 ist auf die Arbeit von Th. Sommer 14 zu
verweisen.
Leider fehlt bis heute immer noch eine befriedigende Darstellung der deutsch*
italienischen Zusammenarbeit in den ersten Kriegsjahren. Bis zum Kriegseintritt
Italiens am 10. 6. 1940 führt die vorzügliche Studie von Siebert 15 ;E.v. Rintelen 1 '
hat einen Aufsatz über Mussolinis Parallelkrieg 1940 verfaßt, auf die weitere
5 Ebd. Nr. 591 und 592.
6 Ebd. Nr. 757.
7 Bibliographie, a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 595/96, 597, 598, 599, 601/02, 604 und
606. Außerdem: Liss, U., Westfront 1939—1940, Neckargemünd 1959.
8 Bibliographie a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 607.
9 Vgl. Schramm, Wilhelm Ritter v., Hitlers psychologischer Angriff auf Frankreich,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament"
v. 1. 2. 1961.
10 Bibliographie a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 644.
11 Ebd. Nr. 619, 621, 626.
12 Vgl. Bogatsch, R., Politische und militärische Probleme nach dem Frankreich»
feldzug, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung „Das
Parlament" v. 4. 4. und 11. 4. 1962.
13 Vgl. Bibliographie a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 610, 583, 507, 671, 612 und 613.
14 Ebd. Nr. 479.
15 Ebd. Nr. 643.
16 Vgl. Rintelen, E. v., Mussolinis Parallelkrieg im Jahre 1940, in: Wehrw.Rdsch.
1962, S. 16—38.
26 E
I. Zur Literatur von Politik und Kriegführung 1939—1941
Entwicklung geht W. Warlimont in seinem Beitrag in den „Entscheidungs=
schlachten des Zweiten Weltkrieges" ein 17 .
Über Politik und Kriegführung in Südosteuropa informiert am zuverlässigsten
der Bericht von A. Hillgruber 18 . Inzwischen ist noch die Arbeit von Hory und
Broszat über den kroatischen Ustascha=Staat von 1941—1945 erschienen 19 . L.
Krecker hat Deutschlands Politik gegenüber der Türkei beschrieben, während S.
Friedländer Hitlers Verhältnis zur USA von 1939—1941 untersucht hat 20 .
Für den deutschen Seekrieg ist neben den Arbeiten von Assmann und Rüge 21
sowie einigen Aufsätzen in der Marinerundschau vor allem auf den Beitrag J.
Rohwers in den „Entscheidungsschlachten" über die Grundzüge des U=Boot=
krieges zu verweisen; den ozeanischen Zufuhrkrieg behandeln Bidlingmaier und
HÜMMELCHEN 22 .
Nach wie vor bleiben die Operationen der deutschen Luftwaffe in vieler Hinsicht
ungeklärt. Außer dem allgemeinen Werk von Feuchter 23 gibt es nur ein paar
Spezialuntersuchungen zur Luftschlacht um England (Weber, Klee, McKee 24 ),
eine Schrift v. Schellmann 25 über die „Luftwaffe und das ,Bismarck'=Unter=
nehmen" im Mai 1941, den recht instruktiven Beitrag Herhudt von Rohdens 26
in dem „Ehrenbuch der deutschen Wehrmacht" und einen Aufsatz aus der Feder
v. K. Gundelach 27 über die „Führung eines Luftkrieges gegen England bei der
Luftflotte 2 in den Jahren 1938/39". Der Bericht von C. Bekker, „Angriffshöhe
4000. Ein Kriegstagebuch der deutschen Luftwaffe", Oldenburg 1964, ist für
kriegswissenschaftliche Zwecke ungeeignet.
Für die deutsche Kriegführung an allen Fronten im Jahre 1941 sind einige Auf=
sätze und Einzeluntersuchungen wichtig:
Balkanfeldzug: der Überblick von Röhricht 28 und (begrenzt) der Band von
A. Buchner 29 ;
Kreta: der Beitrag v. K. Gundelach in den „Entscheidungsschlachten" 30 ;
Nordafrika: der Aufsatz von Gause 31 ;
Koalitionskriegführung: die Aufsätze von Hillgruber und Klink 32 -
17 Vgl. Bibliographie, a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 396.
18 Ebd., Nr. 648.
19 Vgl. Hory, L., und Martin Broszat, Der kroatische Ustascha=Staat 1941—1945,
Stuttgart 1964.
20 Vgl. Bibliographie a.a.O. (s. Anm. 1), Nr. 944 a und 636.
21 Ebd. Nr. 831 und 410.
22 Ebd., 620 und 688.
23 Ebd. Nr. 397.
24 Ebd., Nr. 623, 625 und McKee, A., Entscheidung über England, München i960.
25 Vgl. Schellmann, H., Die Luftwaffe und das ,Bismarck'=Unternehmen im Mai
1941, Frankfurt 1962.
26 Vgl. Weltkrieg 1939—1945. Ehrenbuch der Deutschen Wehrmacht, Stuttgart 1954,
S. 4—104.
27 Vgl. Gundelach, K., Gedanken über die Führung eines Luftkrieges gegen Eng=
land bei der Luftflotte 2 in den Jahren 1938/39, in: Wehrw. Rdsch. i960, S. 33—46.
28 Vgl. Röhricht, E., Der Balkanfeldzug 1941, in: Wehrw. Rdsch. 1961, S. 214—226.
29 Vgl. Bibliographie, a. a. O. (S. Anm. 1), Nr. 651.
30 Ebd. Nr. 396.
31 Vgl. Gause, A., Der Feldzug in Nordafrika 1941, in: Wehrw. Rdsch. 1962, S. 594—
618.
32 Vgl. Wehrw. Rdsch. 1958 (Heft 7), 1959 (Heft 11), i960 (Heft 12).
27 E
A. Einführung
5. Der Feldzug gegen die Sowjetunion und die deutsche Herrschaft in Rußland
Den besten Überblick über die Literatur bietet A. Hillgruber in seinem Kapitel:
Der deutsch=sowjetische Krieg 1941—1945, in: Die sowjetische Geschichte des
Großen Vaterländischen Krieges 1941—1945 v. B. S. Telpuchowski, Frankfurt 1961,
S. 1 E— 12 E.
Als operative Studie kann die Gemeinschaftsarbeit von PHiLiPFi=Heim 33 gelten;
als Ergänzung hierzu (für die erste Phase des Ostfeldzuges) ist der Beitrag von
H. Uhlig 34 wichtig. Den Seekrieg in den osteuropäischen Gewässern hat J.
Meister 35 beschrieben.
Ohne Kenntnis der deutschen Besatzungspolitik in Rußland sind Verlauf und
Ausgang des Rußlandfeldzuges nicht zu verstehen. Hierfür sind grundlegend die
Arbeiten von A. Dllin und G. Reitlinger 36 . Zum Partisanenkrieg liegt bisher
nur eine gelungene Arbeit von Howell 37 (USA) vor.
6. Sonder* und Spezialfragen
Über die deutsche Militäropposition in den Jahren von 1939 — 1941 unterrichtet
am besten G. Ritter 38 ; außerdem werden die Tagebücher von Groscurth 39 (in
der Bearbeitung von H. Deutsch und H. Krausnick) manche neue Aufschlüsse
für die Zeit 1939/40 vermitteln; G. Rhode 40 gibt einen ersten, knappen Überblick
über das Protektorat Böhmen und Mähren.
Für den Sektor der Wehrwirtschaft, Rüstung und Technik sind als Überblicke
brauchbar: Ploetz, Geschichte des Zweiten Weltkrieges. 2. Teil: Die Kriegsmittel,
die Untersuchung „Deutsche Industrie im Kriege", die Arbeit von Birkenfeld 41
über synthetischen Treibstoff und der Aufsatz von A. v. Schell über Motori=
sierungsprobleme 42 .
Aspekte der psychologischen Kriegführung stehen im Mittelpunkt der Arbeiten
von Murawski, Leverkuehn und v. Wedel 43 .
Über Wehrgesetz und Wehrdienst (Personalwesen in der Wehrmacht) informiert
R. Absolon 44 , während W. Baum über „Vollziehende Gewalt und Kriegsverwal=
hing im Dritten Reich" in einem Aufsatz der Wehrw.Rsch. (Heft 9/1956, S. 475 ff.)
unterrichtet.
Weitere Literaturhinweise aus dem internationalen Schrifttum finden sich
in: Jacobsen, H.=A., Zur Konzeption einer Geschichte des Zweiten Weltkrieges,
Frankfurt 1964, S. 79—112.
33 Vgl. Bibliographie, a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 684.
34 Vgl. Uhlig, H., Das Einwirken Hitlers auf Planung und Führung des Ostfeld=
zuges, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung „Das Par=
lament" vom 16. 3. und 23. 3. i960.
35 Bibliographie, a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 683.
36 Ebd. Nr. 755 und 763.
37 Ebd. Nr. 873. 38 Ebd., Nr. 847. 39 In Vorbereitung.
40 Vgl. Rhode, G., Das Protektorat Böhmen und Mähren, in: Aus Politik und Zeit*
geschichte, Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament" v. 11. 3. 64.
41 Vgl. Bibliographie, a. a. O. (s. Anm. 1) Nr. 529 und Nr. 521; Birkenfeld, W., Der
synthetische Treibstoff 1933—1945, Göttingen 1963.
Vgl. auch: Leeb, E., Aus der Rüstung des Dritten Reiches, Frankfurt 1958.
42 Vgl. Schell, A. v., Grundlagen der Motorisierung und ihre Entwicklung im Zwei«
ten Weltkrieg, in: Wehrw. Rdsch. April 1963, S. 210 — 229.
43 Vgl. Bibliographie, a. a. O. (s. Anm. 1), Nr. 842, 868 und Wedel, H. v., Die Pro=
pagandatruppen der Deutschen Wehrmacht, Neckargemünd 1962.
44 Vgl. Bibliographie, a. a. O. (S. Anm. 1), Nr. 508.
28 E
II. Der erste Führer des Kriegstagebuches des WFSt: Helmuth Greiner
a) Zum Werdegang x
Helmuth Grein er wurde am 20. April 1892 in Leipzig geboren; sein Vater
Carl, Schauspieler am dortigen Stadttheater, war mit Anna Goldschmidt ver=
heiratet. Nachdem er die höhere Bürgerschule und die Thomasschule in Leipzig,
sodann das Johanneum (humanistisches Gymnasium) in Zittau (Sachsen) be=
sucht und am 6. März 1913 sein Abitur mit „gut" bestanden hatte, trat er als
Fahnenjunker in das 1. Unterelsässische Inf.Rgt. Nr. 132 in Straßburg (Elsaß)
ein; in diesem wurde er am 23. Juni 1914 zum Leutnant befördert. Im Ersten
Weltkrieg wurde er nach zweimaliger Verwundung nicht mehr frontdienstfähig
geschrieben und daher am 1. Juni 1917 zum Dienst bei dem Militärattache der
Deutschen Gesandtschaft in Bern (Schweiz) kommandiert. Nach dem Zusam=
menbruch kam er zunächst zur kriegsgeschichtlichen Abteilung des General=
Stabes in Berlin. Als im Herbst 1919 das Reichsarchiv in Potsdam neu errichtet
wurde, übernahm Greiner dort die Stelle eines Hilfsarchivars. Am 9. April 1920
wurde er mit dem Charakter als Hauptmann aus dem aktiven Heeresdienst
entlassen.
Nach vierjähriger Ausbildung und Tätigkeit als Archivar wurde Greiner in
die Historische Abteilung des Reichsarchivs versetzt, um an der amtlichen Ge=
schichte des Weltkrieges von 1914—1918 mitzuarbeiten. Große Teile dieses bis
zu 12 Bänden gediehenen Werkes hat er selbst geschrieben. Neben seinem
Dienst studierte er von 1921—1924 an der Universität zu Berlin Nationalöko=
nomie und Geschichte. Indessen mußte er das Studium vorzeitig abbrechen,
weil ihm die angespannte dienstliche Tätigkeit nicht hinreichend Zeit für das
Examen ließ. Am 1. 4. 1928 wurde er zum Archivrat ernannt. 1929 heiratete er
Asta Schmarsow aus Hirschberg in Schlesien.
Als die historische Abteilung des Reichsarchivs 1935 in die „Kriegsgeschicht=
liehe Forschungsanstalt des Heeres" umgewandelt wurde, wurde Greiner als
Beamter mit der Dienstbezeichnung Regierungsrat in die Wehrmacht übernom=
men. Am 1. Mai 1936 wurde er zum Oberregierungsrat ernannt. In diesen Zwi=
schenkriegs jähren hat Greiner sich wiederholt publizistisch betätigt und biblio=
thekarischen Aufgaben gewidmet. Von 1924 bis 1939 schrieb er eine Reihe klei=
nerer Aufsätze zur Geschichte des Ersten Weltkrieges und zahlreiche Rezensio=
nen über neu erschienene deutsche bzw. französische Bücher, vor allem für
das Zentrumsorgan „Germania". 1927 veröffentlichte er mehrere Aufsätze über
„Die Ursachen des deutschen Zusammenbruches 1918" (in: „Germania"). Seine
Forschungsergebnisse faßte er noch einmal in einem Aufsatz zusammen, der in
der Berliner Monatsschrift „Wissen und Wehr" (Verlag Mittler & Sohn) 1928
abgedruckt wurde. 1929 erschien sein erstes Buch „Wir Kämpfer im Weltkrieg";
1 Nach Unterlagen aus dem Privatnachlaß von H. Greiner.
29 E
A. Einführung
der zweite Band „Kämpfer an vergessenen Fronten" (1930) war wie der erste
eine Sammlung von privaten Kriegsbriefen aus dem Ersten Weltkrieg. Greiner
gab diese Bände zusammen mit dem Direktor am Reichsarchiv, Prof. Dr. Wolf=
gang Foerster, heraus; er selbst verfaßte die verbindenden Texte. 1938 ver=
öffentlichte er eine chronologische, auf französischen Quellen beruhende Dar=
Stellung des Ablaufes über „die französische Mobilmachung" 1914 (in: „Ber=
liner Monatshefte"). Im Juni 1935 hielt er auf dem Schlachtfeld von Fehrbellin
vor den Mitgliedern der Wehrwissenschaftlichen Gesellschaft einen Vortrag
über „Die Schlacht bei Fehrbellin am 18. 6. 1675" unter besonderer Berücksich=
tigung von Heinrich von Kleists „Prinz von Homburg".
Besondere Freude bereitete ihm die Aufstellung einer Bibliothek für den
Reichspräsidenten von Hindenburg in Gut Neudeck und die Neuordnung der
Bibliothek des Gen.Feldm. v. Mackensen in Falkenwalde bei Stettin. Nach mo=
dernen Grundsätzen gestaltete er auch die bedeutende Bibliothek des Kron=
prinzen Wilhelm von Preußen in seinem Schloß Oels (Schlesien) um. In der
Welt des Theaters aufgewachsen, beschäftigte sich Greiner außerdem von Ju=
gend auf sehr eingehend mit der Weltliteratur; seine besondere Vorliebe galt
Goethe und seiner Zeit. 1938 wurde er Mitglied der Goethe=Gesellschaft in
Weimar.
Auf Grund seiner langjährigen kriegsgeschichtlichen Tätigkeit wurde Greiner
am 18. August 1939 zur Abteilung Landesverteidigung des WF=Amtes im
OKW kommandiert, um deren „Kriegstagebuch während des bevorstehenden
Feldzuges gegen Polen zu schreiben"; am 1. 4. 1940 erfolgte seine offizielle Ver=
setzung in das OKW und am 1. 10. 1940 seine Ernennung zum Ministerialrat.
Als Folge einer Denunziation (vgl. S. 38 E) und seiner antinationalsozialisti=
sehen Einstellung wurde Greiner am 22. April 1943 seiner Stellung als Füh=
rer des Kriegstagebuches des Wehrmachtführungsstabes enthoben. Hitler
ordnete seine sofortige Entfernung aus dem FHQu. an. Aber da Greiner zu=
nächst noch seinen Nachfolger, Rittmeister Prof. Dr. Schramm, einarbeiten
mußte, verzögerte sich seine Abreise bis zum 31. 5. 1943. Nach seiner Ablösung
hatte ihm Gen. Jodl verschiedene neue Verwendungen vorgeschlagen, so zum
Beispiel beim OB West in Frankreich, beim Wehrmachtbefehlshaber Norwegen
in Oslo oder beim Deutschen General beim HQu. der italienischen Wehrmacht
in Rom, Gen. v. Rintelen. Greiner entschied sich für die letztere; am 15. 6. 1943
traf er in der italienischen Hauptstadt ein. Vom selben Tage an führte er das
Kriegstagebuch des Deutschen Generals beim HQu. der italienischen Wehr=
macht. In erster Linie hielt er darin die Anweisungen Hitlers und des OKW an
Gen. v. Rintelen fest für die Verhandlungen mit der italienischen Wehrmacht;
außerdem faßte er Verlauf und Ergebnis dieser Besprechungen zusammen. Zu
diesem Zweck orientierte ihn Gen. v. Rintelen täglich unmittelbar nach den
geführten Besprechungen. Eine Woche nach dem Sturz Mussolinis, am 31. 7.
1943, berief Gen. Warlimont Greiner telefonisch in das FHQu., um diesen über
die Vorgänge in Rom berichten zu lassen. Am 22. 8. 1943 verließ Greiner wieder
30 E
II. Der erste Führer des Kriegstagebuches des WFSt : Helmuth Greiner
das FHQu und kehrte nach Potsdam zurück, da er für eine weitere Verwendung
in Rom offenbar nicht mehr politisch zuverlässig genug erschien. Von da ab war
er kaum noch dienstlich tätig. Er überarbeitete lediglich das KTB des Generals
v. Rintelen, dessen Endfassung er nach Rom schickte, einen Durchschlag davon
behielt er zurück; außerdem erledigte er kleinere Aufträge für das Heeres=
archiv Potsdam. Als sich im Frühjahr 1945 die Kämpfe Potsdam näherten, wich
Greiner aufgrund einer Weisung des OKW mit seiner Familie (Frau und zwei
Töchter) nach Oberhof (Thüringen) aus. Am 4. April 194s geriet er in ameri=
kanische Gefangenschaft, aus der er am 9. 4. 1946 entlassen wurde. In dieser
Zeit arbeitete er im Auftrage des Military Intelligence Service Center des US=
HQu. an einer umfangreichen Darstellung der obersten deutschen Führung im
Zweiten Weltkrieg bis zur Katastrophe von Stalingrad, die er aber erst Anfang
der 50er Jahre in seinem neuen Wohnsitz Wiesbaden beenden konnte.
Neben seiner Tätigkeit im Wiesbadener Staatsarchiv widmete sich Greiner
bald wieder wehrwissenschaftlichen Arbeiten. Unter dem Titel „Die Oberste
Wehrmachtführung 1939—1943" veröffentlichte er 1951 im Limes Verlag seine
für die Amerikaner verfaßte Studie, die hohe Anerkennung in militärischen
und wissenschaftlichen Fachkreisen fand und die grundlegend für die deutsche
Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg wurde.
Im Brockhaus Verlag übernahm Greiner die redaktionelle Bearbeitung der
„Militaria" Stichworte für das große Lexikon. Er selbst schrieb den Artikel
„Zweiter Weltkrieg". Außer einigen Rezensionen (vor allem über die Bände XIII
und XIV des amtlichen Werkes zur Geschichte des Ersten Wetkrieges) ver=
öffentlichte er 1933 und 1954 zwei kleinere Arbeiten im Limes Verlag, in deren
Mittelpunkt Carl von Clause witz und die Tagebücher Henri de Catts standen 2 .
Zu seinen Herzbeschwerden, unter denen er seit dem Ersten Weltkrieg häufig
zu leiden hatte, kam infolge des ungesunden Aufenthaltes in dem Gefangenen=
lager zu Bad Kreuznach (1945/46) ein Lungenleiden hinzu. Unter beiden Krank=
heiten litt Helmuth Greiner von Jahr zu Jahr mehr; am 16. März 1958 verstarb
er in Wiesbaden.
b) Zum Kriegstagebuch des WFSt
Daß Greiner einen Teil seiner Kriegsaufzeichnungen, den er in Oberhof
(Thüringen) versteckt hatte, mit Hilfe der Amerikaner bergen konnte, hat P. E.
Schramm bereits im Band IV, S. 1812 f berichtet. Hier sei nur noch folgendes
nachgetragen: Bei der Reise nach Thüringen (1945) ging eine wertvolle Kiste
verloren, in der Greiner u. a. private Dokumente seines in Rom geführten Tage=
buches und einer vollständigen Sammlung der täglichen, von der Abteilung
Vgl. Clausewitz, C. v., Der russische Feldzug von 1812, hrsg. v. H. Greiner, Wies=
baden 1953; Unterhaltungen mit Friedrich dem Großen. Die Tagebücher Henri
de Catts 1758—1760. Mit einer Einführung von H. Greiner, Wiesbaden 1954.
31 E
A. Einführung
Landesverteidigung für Hitler zusammengestellten Lageberichte vom Beginn
des Krieges bis zum Ende des Norwegenfeldzuges enthalten waren. Der Wag=
gon, in dem sich die Kiste befand, wurde an dem Tage, an dem die Amerikaner
von Westen her in Gotha eindrangen, von dort nach Potsdam zurückgeleitet.
Die Kiste wurde schließlich wieder in die Wohnung Greiners zurücktranspor=
tiert, wo sie einige Tage später in die Hände der Russen fiel. Ob von diesen
Dokumenten noch etwas erhalten geblieben ist, ist schwer zu sagen. Vorläufig
ist darüber keine Klarheit zu gewinnen.
Trotz intensiver Nachforschungen in den Archiven der westlichen Alliierten
sind bisher nur jene Teile des ehemaligen Kriegstagebuches des WFSt auf=
gefunden worden, die in den Bänden I— IV des KTB abgedruckt worden sind.
Über die Arbeitsmethode, d. h. über die Art und Weise, wie Greiner das
Kriegstagebuch abzufassen bzw. zu diktieren pflegte, hat er sich 1951 selbst ge=
äußert. Er schrieb damals:
„Was das Kriegstagebuch angeht, so wurde es bei den höheren Stäben der Wehr=
macht im allgemeinen von einem der Gehilfen des Ersten Generalstabsoffiziers neben
seinen sonstigen Dienstobliegenheiten geführt. Ein solches Verfahren verbot sich
für,die Abteilung Landesverteidigung, deren Kriegstagebuch doch tatsächlich das=
jenige der Obersten Wehrmachtführung war und als solches hohe Bedeutung als
Quelle für die spätere Geschichtsforschung hatte. Bei der Wichtigkeit und dem
großen Umfang des in ihm zu verarbeitenden Stoffes konnte es nicht von einem der
Generalstabsoffiziere der Abteilung, sozusagen nebenbei, geschrieben werden; viel=
mehr mußte man damit jemanden betrauen, der sich einzig und allein dieser schwie=
rigen Aufgabe widmete, für sie vorgebildet war und geschichtliches Verantwortungs=
gefühl besaß. Daher hatte General Jodl noch als Oberst und Chef der Abteilung Lan=
desverteidigung im Jahre 1938 veranlaßt, daß hierzu einer der höheren Wehrmacht=
beamten der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres herangezogen
würde, und für das Mobilmachungsjahr 1939/40 war ich bestimmt worden, nachdem
ich schon im vorhergegangenen Herbst während der Sudetenkrise in der Abteilung
Landesverteidigung zu demselben Zweck Dienst getan hatte.
Als Bearbeiter des Kriegstagebuches nun nahm ich an allen wichtigen Bespre=
chungen innerhalb der Abteilung Landesverteidigung bzw. des Wehrmachtführungs=
stabes teil und erhielt von allen großen Besprechungen Hitlers die zumeist vom
Generalstabsoffizier des Generals Jodl geführten und von ihm selbst redigierten
Protokolle. Darüber hinaus wurde ich fast täglich, meist in den Abendstunden, von
General Warlimont noch besonders eingehend und freimütig über die Lage, die Mo=
tive und Gedankengänge Hitlers, die Auffassungen seiner Mitarbeiter sowie der
Oberkommandos und höheren Kommandobehörden der Wehrmachtteile und die Ar=
beiten der übrigen Ämter und Abteilungen des Oberkommandos der Wehrmacht
unterrichtet. Wenn diese Orientierung auch aus dritter Hand erfolgte, was zweifellos
ein Nachteil war, aber in den nun einmal gegebenen Umständen begründet lag, so
war sie doch dank dem vorzüglichen Gedächtnis und der Gewissenhaftigkeit des Ab=
teilungschefs, der ausgesprochenes Verantwortungsgefühl gegenüber der Geschichte
besaß, so gründlich, daß sie in Verbindung mit den erwähnten Protokollen, meiner
Teilnahme an den Besprechungen und meiner Einsichtnahme in alle ein* und aus*
gehenden, mir zugänglich gemachten Schriftstücke eine erschöpfende und wahrheits*
gemäße Führung des Kriegstagebuches ermöglichte. Dieses wurde von mir Tag für
Tag nach den Aufzeichnungen, die ich mir beim Lagevortrag, den Besprechungen und
der persönlichen Unterrichtung machte, sowie auf Grund der Akten diktiert, wobei
32 E
II. Der erste Führer des Kriegstagebuches des WFSt: Helmuth Greiner
der mit der Ausweitung des Krieges ständig anwachsende Stoff eine immer schärfere
Beschränkung auf das Wesentlichste nötig machte, und abschnittsweise von General
Warlimont, von Zeit zu Zeit auch von General Jodl, auf seine Richtigkeit geprüft.
So entstand während der dreieinhalb Jahre, in denen ich das Kriegstagebuch führte,
eine stattliche Reihe umfangreicher, mit Schreibmaschine geschriebener Bände, denen
die wichtigsten Dokumente als Anlagen in besonderen Faszikeln beigegeben
waren." 3
Wie ernst Greiner seinen Auftrag nahm, hat nach dem Kriege sein ehemali=
ger Mitarbeiter Dr. Dietz (vgl. KTB, Bd. IV, S. 1778) dargelegt. Hierzu ist noch
zu bemerken,, daß Greiner seine Fassung des Kriegstagebuches nicht als Kriegs=
geschiente betrachtet hat, sondern nur als Rohmaterial für eine später zu ver=
fassende Geschichte des Zweiten Weltkrieges aus dem Blickwinkel der Ober=
sten Deutschen Wehrmachtführung.
Im großen und ganzen hat Greiner bei dem Abfassen des KTB unabhängig
arbeiten können. Nur vereinzelt sind Beschränkungen befohlen worden. Als es
z. B. im Zusammenhang mit der operativen Planung zur Eroberung Maltas im
Frühjahr 1941 zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Obersten
Wehrmachtführung kam, ließ Hitler durch seinen Chefadj., Oberst Schmundt,
anordnen, daß derartige Differenzen in Zukunft nicht in das Kriegstagebuch
der Abt. L aufgenommen werden dürften. Außerdem hat Gen. Warlimont mit
einer gewissen Berechtigung darauf hingewiesen, daß infolge der zeitweiligen
Trennung des Chefs WFSt, Gen. Jodl, von seinem Arbeitsstab, der Abt. L,
„Unzulänglichkeiten und Ungenauigkeiten bei der Bewertung des Kriegs=
tagebuches des WFSt zu berücksichtigen seien", soweit dessen Inhalt sich
darauf stütze 4 . Dies kommt freilich stärker durch manche spürbare Lücke in den
Auszeichnungen zum Ausdruck.
Im übrigen ist es in den Jahren 1939—1941 sehr wahrscheinlich nur dreimal
zu unmittelbaren Korrekturen des KTB gekommen, als nämlich mit Rücksicht
auf die Mentalität Hitlers bestimmte Fassungen durch abgeschwächtere Formu=
lierungen ersetzt werden (vgl. S. 947 ff.) mußten.
c) Aus den persönlichen Notizen Greiners im FHQu. und in Rom 1942/43
Leider sind die täglichen Notizen 5 Greiners in seinem Taschenkalender für
die Jahre 1939 bis 1941 verlorengegangen; sie wären in mancher Hinsicht eine
willkommene Ergänzung zu dem amtlichen Kriegstagebuch des WFSt gewesen,
wenngleich es sich dabei auch nur um sehr knappe, mehr stichwortartige Hin=
Vgl. Greiner, H., Die Oberste Wehrmachtführung X939— 1943, Wiesbaden 1951,
S.i 7 f.
Vgl. Warlimont, W., Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939 — 1945/
Frankfurt 1962, S. 155 mit Anm. 14.
In Taschenkalendern der betreffenden Jahre. Für die Zeit vom 1. 1. 1942 — 31. 12.
1943 dem Bearbeiter freundlicherweise von Frau Asta Greiner, Wiesbaden, zur
Verfügung gestellt.
33 E
A. Einführung
weise auf Stimmungen und Tagesablauf gehandelt hat. Immerhin sind für die
Zeit seiner Tätigkeit als Kriegstagebuchführer im Oberkommando der Wehr=
macht und beim „Deutschen General bei der italienischen Wehrmacht" vom
i. 1. 1942 bis zum 31. 12. 1943 entsprechende Vermerke, jedoch überwiegend
persönlicher Natur, erhalten geblieben. Wenn diese auch nur vereinzelt einen
Einblick in die Denkweise des Autors oder in die Arbeitsweise im Führer=
hauptquartier gewähren, so lassen sie doch erkennen, mit wem Greiner
zusammenkam, mit wem er sich ausgesprochen oder an welchen Veranstaltun=
gen er teilgenommen hat.
Am besten werden seine vielseitigen literarischen Interessen dokumentiert,
da Greiner stets sorgfältig festzuhalten pflegte, welche Werke ihn in der karg
bemessenen Freizeit besonders beeindruckt und beschäftigt haben. Manches
Mal notierte er auch seine tieferen Eindrücke oder aber er zog bestimmte Ver=
gleiche zu der ihn so bedrückenden Gegenwart. Von den zahlreichen Büchern
und Autoren seien hier nur einige genannt :
„Bismarcks Gedanken und Erinnerungen" („. . . für mich ein hoher Genuß":
3. 1. 42), Balzac, Carlyle, Goethe, K. H. v. Stein, Dickens, die Studien des Gro=
ßen Generalstabs über die Schlachten von Roßbach, Hochkirch und Zorndorf
(28V29. 1. 1942), Sophokles, Zola, Stifter, Taine, Thomas Mann „Königliche
Hoheit" (das ihm besonders gefiel). Während seines Aufenthaltes in Berlin
notierte er am 4. März: „Abends gelesen. Schopenhauer: über den Tod. Für
mich das Tröstlichste, was darüber gesagt (worden ist)." Hinzu kam Berves
Augustus, Werke von Keller, Ferrero, Maugham, Frank Thiess („Reich der Dä=
monen") und Ranke.
Am 23. März 1942 verließ Greiner zusammen mit Prof. Dr. Nissen Berlin
und kehrte von einem längeren Aufenthalt in der Reichshauptstadt ins Führer=
hauptquartier zurück; am 24. 3. meldete er sich um 10.45 Uhr bei Gen. Warli=
mont, um seine Arbeit wieder aufzunehmen. Lakonisch notierte er am Abend:
„Lage im Osten grotesk." Am nächsten Tag wanderte er „nach Tisch" mit
Warlimont durch den tiefen Schnee. Bei dieser Gelegenheit berichtete ihm der
stellv. Chef des WFSt, wie so häufig in der Zeit enger Zusammenarbeit, von
der letzten Besprechung bei Hitler, die sechs Stunden gedauert hätte und nach
der „Art von Wallensteins Lager" verlaufen wäre; die „Ehe mit Halder", dem
Chef des Genst.d.H., bezeichnete Warlimont dabei als „gut", dieser habe sich
seit dem Ausscheiden des GFM v. Brauchitsch als ObdH (19. 12. 1941) etwas
„freier" entwickelt. Jodl habe die Rolle des „Correferenten" bei den täglichen
Lagevorträgen übernommen. Im übrigen schien sich Hitler in der Besprechung
vom 25. 3. 1942 recht kritisch gegenüber der Kriegsmarine geäußert zu haben;
sie sei technisch „unvollkommen" und stehe bei ihm an „letzter Stelle". Groß=
admiral Raeder hätte schon mehrfach um seinen Abschied gebeten. Warlimont
gab zu, daß Hitler „technisch außerordentlich versiert" sei und seit neuem eine
„eingehende Orientierung über die Ostlage, einschl. der geographischen und
klimatischen Gegebenheiten" verlange.
34 E
II. Der erste Führer des Kriegstagebuches des WFSt: Helmuth Greiner
Am Abend des 2j. 3. war Greiner wieder mit Warlimont zusammen; dabei
äußerte sich letzterer über die Stimmung Hitlers: der „Führer" hasse den Osten
(vgl. die Winterkrise in Rußland 1941/42: KTB, Bd. II, S. 38 ff.); er strebe mit
„Geist und Seele" nach dem Westen und Süden; gleichzeitig schwärme er von
„Chemin des Dames" und der lieblichen „Vesle". Er habe Himmler verboten,
die „alten deutschen Kaiser" wegen ihres Dranges nach Westen und Süden zu
schmähen. Wörtlich notierte Greiner sodann: (Hitler): „Marine sollte weniger
Denkschriften schreiben." Ausspruch Victor Hugos: „Nach Napoleon I wird
ein größerer kommen, der Rußland endgültig aus Europa verdrängen und
England die Seeherrschaft streitig machen wird." Vor ca. 2 Monaten in feier=
licher Sitzung des französischen Kabinetts zitiert aus Anlaß eines von uns den
Franzosen in Aussicht gestellten Präliminarfriedens. „Von (Botschafter) Abetz
Warlimont erzählt." Über den britischen Handstreich gegen St. Nazaire am
28. 3. 1942, der „zwar voll abgewehrt, aber doch gewissen Erfolg gehabt hat",
vermerkte Greiner, daß dieser „die Einstellung des Führers gegen die Marine"
noch verstärkt habe.
Am 30. 3. 1942 unterhielt sich Greiner mit Oberst Scherff über „KTB und
Kriegsgeschichte" und am 31. 3. nahm er von 20—22.30 Uhr an dem Abend=
essen bei Hitler teil; darüber notierte er: „Sehr eindrucksvoller Abend. Siehe
mein neues Kriegstagebuch" 6 . Am Sonnabend, dem 4.3., traf Greiner am Abend
wieder mit Botschafter Abetz zusammen, der einige Bemerkungen Hitlers
zitierte. Führer: „Ein gütiges Geschick hat Min. Todt auf der Höhe seiner Er=
folge abberufen." Greiner stellte dazu etwas sarkastisch fest: „Schon bemerk=
barer Abstieg." Führer: „(Die) Franzosen hätten im Prozeß in Riom ihre wahre
Gesinnung gezeigt. (Es) sei keine Zusammenarbeit mit ihnen möglich."
Über seine Gespräche mit Warlimont am y.l8. 3. hielt Greiner fest: „Führer
hält andere Kriegbeendigung mit England nicht für ausgeschlossen. Haß der
engl. Gesellschaft auf USA." Nach „Tisch" mit Warlimont spazierengegan=
Vgl. KTB, Bd. I, S. 371.
Über einzelne Eindrücke von den Abendessen mit Hitler 1941 schrieb Greiner
an seine Frau:
am 4. 7. 41: •
„. . . Beim Führer war es wieder recht interessant, aber nicht so wie das letzte
Mal. Er war sehr still und beteiligte sich kaum an der Unterhaltung. Ich saß
ihm wieder schräg gegenüber neben Schmundt und dem Obergruppenführer
Schaub; ersterer nahm mich völlig in Beschlag. Als ich mich vor dem Bunker
beim Führer meldete, sagte er mit kräftigem Handschlag freundlich guten Tag. . .
Vorher muß ich noch Fournier: Napoleon 1812 lesen, Warlimont wünscht eine
kurze Orientierung, um darüber Rede und Antwort stehen zu können . . ."
Und am 21. 7. 41:
„. . . Der Führer war zunächst sehr schweigsam (20. 7. 41), grübelte vor sich hin,
dann wurde er aber recht lebhaft und sprach allein wohl über eine Stunde über
unsere tapferen, wagemutigen italienischen Bundesgenossen, die ihm manche
Sorge machen. . . Seine klaren Einsichten und Urteile sind aber immer wieder
erstaunlich. Er sah im übrigen recht wohl aus; es scheint ihm ganz gut zu gehen,
obwohl er fast keine Nacht vor 5—6 Uhr morgens zu Bett geht . . ."
35 E
A. Einführung
gen, „trägt sich mit der Absicht, um andere Verwendung zu bitten wegen sei=
ner unbefriedigenden Stellung". Am folgenden Tage berichtete Warlimont, daß
er Gen. Jodl gebeten habe, ihm eine andere Verwendung zu geben und daß die=
ser ihm die „Stellung als Chef des Genst. bei OB West" angeboten hätte. Aber,
wie Greiner am 10. 3. erfuhr, ließ „GFM Keitel Warlimont nicht los".
Am 15. 4. 1942 hatte Greiner wieder neuen Ärger „durch Oberst Scherff";
zur gleichen Zeit befahl Gen. Warlimont, die KTB=Gruppe im WFSt zu ver=
größern. Am 16. 4. 1942 hieß es: „Befehl des Chefs (des) WFSt für die Führung
des KTB nötigt mich zur Abfassung von Bemerkungen hierzu und Entwurf
eines Chef=Befehls an die Abt. L. Bis 24 Uhr nachts gearbeitet . . . Scherff
schießt in ganz ekelhafter Weise quer. „Freitag den 17. 4. :„ . . . Nach Tisch
alleine mit Warlimont spazierengegangen, der mir aufs neue sein Herz aus=
schüttet. Abends mit Warlimont zusammen. Er wird auf Grund meiner Be=
merkungen auf Jodls Befehl schriftlich antworten."
Am 18. 4. 1942: „Reichsmarschall (Göring) und OB Süd, FM Kesselring, zum
Vortrag beim Führer, der es heute bedauert, daß wir nicht im Spätsommer 1940
nach England gegangen sind und (der) auch hierfür wieder die Marine verant=
wortlich macht". „Aber die Dinge lagen ganz anders", ergänzte Greiner. „War=
limont übergibt Jodl nachmittags seine Replik auf Jodl's Befehl und findet
dabei meine Ansicht über die tiefere Ursache von Jodl's Eingreifen voll be=
stätigt. Scherff hat längst erkannt, daß er zu erfolgreichen kriegsgeschichtlichen
Arbeiten nicht in der Lage ist; (er) hat sich darum, um seine Wichtigkeit im
FHQu zu beweisen, zunächst in den Wehrmachtbericht eingeschaltet; als er
auch dabei keine Lorbeeren erntete, (hat er sich) nach neuer Betätigung umge=
sehen, die er im KTB zu finden glaubt. Nun soll ich seinen Handlanger spielen,
der ihm den Dreck beiseite schafft, damit er alleine glänzen kann. Wie richtig
habe ich diesen Burschen von Anfang an erkannt. Um meinen Ärger herunter=
zuspülen, (gehe ich) abends ins Kino" 7 .
Am 22. 4.: „Vormittags neuer Befehl Jodl's über das KTB. Der Intrigant
Scherff ist im besten Zuge. Daraufhin nachmittags und abends lange gearbeitet.
In Scherff habe ich mich nie getäuscht. Aber solche Giftschlangen wimmeln
drüben (d. h. im Sperrkreis I) herum".
23. 4.: „Mittags neue Anforderung von Jodl, sprich Scherff. 16 Uhr KTB vom
21. 8. — 31. 12. 41 an Jodl abgegeben". 24. 4.: „Warlimont wird nachmittags
bei Gen. Jodl gegen die fortgesetzten Anwürfe und Anforderungen an mich
vorstellig".
Am Mittwoch, dem 13. Mai 1942 traf der Gefreite Dr. Hartlaub im FHQu
ein; wie P. E. Schramm bereits im Band IV des KTB (s. S. 1778) dargelegt hat,
hatte die „anschwellende Arbeit" die „Anstellung einer zweiten Hilfskraft"
(als erste war seit April 1941 Dr. Dietz tätig) erforderlich gemacht.
Am 24. 6. 1942 vermerkte Greiner nur: „1 Jahr in Wolfsschanze! O Gott!".
7 Vgl. hierzu die Ausführungen von P. E. Schramm im Bd. IV des KTB, S. 1772 ff.
36 E
II. Der erste Führer des Kriegstagebuches des WFSt: Helmuth Greiner
Am 15. 7. fuhr er zum ersten Mal in das neue FHQu „Wehrwolf" bei
Winniza. Am 14. 8. 1942 hieß es: „3 Jahre im Wehrmachtführungsstab".
Am 21. 8. 1942 nahm Greiner wieder an einem Abendessen „beim Führer"
teil. Darüber notierte er nur kurz: „Von 21—22.30 (Führer): Englische Lan=
düng. Verstärkung des Flakschutzes in Berlin, Nürnberg, München, Wien . . .
Danach von 22.30—24.00 Uhr mit Scherff spazierengegangen".
Am 15. 9. 1942 deutete er in seinem Notizbuch an, daß er einen „sehr freien"
Brief über die Spannungen im FHQu an seine Frau geschrieben habe. Während
eines Spazierganges mit Warlimont und Prof. Nissen im Wald an der Desna
am 16. 9. führte er ein „ernstes Gespräch über die Vertrauenskrise".
Am 18. 9. notierte er: „Warlimont teilt mir mit, daß Halder abgelöst werde,
dafür komme Zeitzier (als Chef des Genst.d.H.), für ihn trete Blumentritt (als
Chef Genst. OB West). Für List Manstein. Revirement noch nicht beendet.
Jodl und Warlimont unsicher . . ." Am folgenden Tage hieß es: „Im Revirement
noch keine endgültige Entscheidung. Niedergedrückte Stimmung hält an"
(19. 9.) 8 .
Es folgen die Eintragungen:
13. 10. 1942: „ . . . Steigende Hetze der Camarilla [Adj. im Sperrkreis I]
gegen Wilhelm den Eroberer [Keitel]."
ij. io- 1942: „Die Hetze der Luftgrößen gegen das Heer geht weiter. Ent=
setzliche . . . Kriecherei."
ij. 10. 1942 : „ . . . Abends während des Spazierganges eingeregnet. Die Ein=
tönigkeit und Ungemütlichkeit meines Daseins fällt mir einmal wieder schwer
aufs Gemüt. So bringt man nun seine besten Jahre hin. Und der Krieg schleppt
sich unabsehbar weiter ohne irgendwelche Entscheidungen. Was haben wir
schon vom Leben. Arbeit, Mühen und Sorgen, wenn die letzteren auch noch zu
ertragen sind. Und um sich sieht man immer nur Speichelleckerei und Augen=
dienerei. Das Lesen ist noch das Beste, aber es füllt auch nicht aus."
Am 26. 10. 1942 besuchte Greiner dienstlich Paris; über Berlin kehrte er am
3. 11. nach Rastenburg (altes Lager) zurück. Sogleich notierte er: „[Major Dr.]
Borner wegen verspätet abgegebener Meldung Rommels in den Mannschafts=
stand (durch Hitler) versetzt. Warlimont seiner Ämter enthoben. W. verab=
schiedet sich 18.30 Uhr von den Offizieren. 20.15 Uhr Abschiedsessen im Zuge
im kleinen Kreise mit Gen. Jodl bis 3.30 Uhr." Jedoch teilte ihm der Chef=
adjutant, Gen. Schmundt, am Vormittag des 5. 11. mit, daß „der Führer War=
limont auf Vortrag von Schmundt wieder in sein Amt eingesetzt" habe 9 .
Am 14. 11. traf Greiner in Salzburg ein; eine Woche später siedelte er nach
Berchtesgaden über, wo er im „Berchtesgadener Hof" einquartiert wurde. Be=
reits am 22. 11. erhielt er jedoch mittags den Befehl, sofort in die Wolfsschanze
8 Vgl. Generaloberst Halder Kriegstagebuch, Bd. III, Stuttgart 1964, S. 528 (Halder
wurde am 24. 9. 1942 abgelöst; zu seinem Nachfolger ernannte Hitler den General
Zeitzier).
9 Vgl. Einzelheiten hierzu im Bd. II des KTB, S. 894 ff.
37 E
A. Einführung
zurückzukehren, „wegen (des) tiefen Einbruchs der Russen am Don und (der)
Einkesselung der 6. Armee." Dort traf er am 25. 11. ein.
Über den Abend des 8. 21. verzeichnete er: „ . . . mit Warlimont, dann im
größeren Kreis. Kritische Entwicklung in Afrika. Durchstoß der Anglo=Ameri=
kaner auf Gabes bevorstehend. Gesetzentwurf Görings zur Heranziehung der
männlichen Jugend vom 15., der weiblichen vom 17. Jahr an zur Flak. Aus=
spruch Keitels: „Soll die deutsche Jugend doch zugrunde gehen, ich gehe auch
kaputt". Während des schon fast obligatorischen Spazierganges nach dem Essen
am 9. 12. berichtete ihm Warlimont, daß Hitler wieder scharfe Kritik an der
Marine geübt und auf die Nutzlosigkeit der deutschen Schlachtschiffe hinge=
wiesen habe. „Ich (Greiner) halte teilweise dagegen." „Führer will längere Zeit
auf den Berghof, um (den) Kopf frei zu bekommen für neue Entschlüsse."
„Höchst notwendig", resümierte Greiner. Unter dem 11. 12. vermerkte er:
„Abends im größeren Kreis. K(eitel) (ist) (ein) erbärmlicher Feigling, besonders
gegenüber der SS." Am 16. 12. wurde die geplante Verlegung nach Berchtes=
gaden „endgültig abgeblasen."
Im Jahre 1943 werden diese Notizen im ganzen noch kursorischer; meistens
handelte es sich nur noch um wenige Stichworte in einem kleinen Taschen=
kalender (7,5 X 11 cm, rot eingebunden).
Die wichtigste Eintragung für die weitere Verwendung Greiners findet sich
am 11. 1. 1943: „Nachmittags teilt mir Warlimont mit, daß von der Kreis=
leitung Potsdam Beschwerden über mich eingelaufen seien (offenbar hatte die
Luftschutzwartin im Hause ihn nach einem Streit bei dem Potsdamer Orts=
gruppenleiter der NSDAP denunziert) und daß der Führer daher meine Ent=
fernung aus dem FHQu. wünsche." Zwar ließ sich Greiner von seiner Frau
noch Unterlagen aus Berlin kommen, um sich gegebenenfalls rechtfertigen zu
können, aber an dem Entschluß Hitlers war nichts mehr zu ändern. Oberst
Momm, Kdt.Hqu.WFSt., sprach am 16. 1. 43 noch einmal mit dem Luftwaffen=
adj. Hitlers, Oberstlt. v. Below; doch erklärte dieser, daß keine Aussicht auf eine
Revision der Führerentscheidung bestehe. Ebenso ergebnislos verlief eine
Unterredung zwischen Gen. Warlimont und Gen. Schmundt (am 17. 1.).
Greiner notierte am 19. 1.: „Freudloses, unbefriedigendes Dasein . . . Starkes
Gefühl des Überdrusses."
Am 30. 1. 1943 wurde Greiner bei einem Appell (10.45 Uhr) das Kriegsver=
dienstkreuz I. Klasse verliehen.
Seit Anfang Februar 1943 mehrten sich die Hinweise in seinem Notizbuch,
daß ein Vertreter für ihn gesucht werden müsse (erste Notiz am 2. 2. 1943).
Am 3. 2. ging die „Anforderung von Rittmeister d. R. Schramm" an die
Wehrmachtzentralabteilung ab.
Am 12. 2. notierte Greiner wieder „anhaltende Herz= und Atembeschwerden."
Am ij. 2. hielt er fest: „ . . . Der Führer fliegt morgens mit Jodl und Zeitzier
nach Saparoshe. GFM Keitel wohnt von heute ab unserem Lagevortrag (der
Abt. L) bei; er dauert von 11.30 — 14.30 . . ."
38 E
II. Der erste Führer des Kriegstagebuches des WFSt: Helmuth Greiner
Am Morgen des 3. März 1943 traf sein „Vertreter, Rittmeister d. R. Prof.
Dr. Schramm, Historiker an der Universität Göttingen, ein." „Mit ihm abends
zusammen", vermerkte Greiner.
Vom 22. 4. — 1. 5. 1943 hielt sich Greiner in Berchtesgaden auf. Hier erreichte
ihn auch die Nachricht, daß der Deutsche General in Rom, Gen.Major v. Rin=
telen, sich bereit erklärt habe, ihn als Führer des Kriegstagebuches „zu neh=
men" (29. 4. 1943). In München traf Greiner wieder mit P. E. Schramm zusam=
men; beide fuhren zusammen nach Berlin. Am Samstag, den 8. 5., besuchte
Schramm die Familie Greiner in ihrer Wohnung; vor dem Abendessen waren
die beiden Historiker „durch den Park" spaziert. Am 13. 5. kehrte Greiner
wieder in die Wolfsschanze zurück, doch erreichte ihn bereits am 20. 5. der
Befehl, nach Berchtesgaden zu reisen. Auf der Fahrt dorthin las er „Druck=
fahnen für Schramm". Am 26. 5. notierte er nur: „Abschluß der Arbeiten.
Vorbereitungen zur Abreise." Am Donnerstag, dem 27. Mai 1943, fand um
20 Uhr eine Abschiedsfeier im Kasino mit einer Ansprache von Gen. War=
limont statt, bei der ihm ein silbernes Tablett und ein Führerbild überreicht
wurden. Nachdem er am Samstag, dem 2g. 4. 1943 um 10.30 Uhr in Berlin „zu
Hause" eingetroffen war, vermerkte er lediglich: „Ende meiner Tätigkeit im
Wehrmachtführungsstab."
Das sog. „Römische Tagebuch" Greiners, ein Taschenkalender aus dem Jahre
1943 (9,5 X 14,5 cm, blau eingebunden), setzte mit Dienstag, dem 15. 6. 1943,
d. h. mit seinem Eintreffen in Rom ein. Es enthält freilich keine nennenswerten
Hinweise über seine Tätigkeit im einzelnen; vielmehr finden sich darin über=
wiegend Namen von Persönlichkeiten, mit denen Greiner tagtäglich zu tun
hatte, die er besuchte, oder mit denen er zusammentraf. Nur ganz vereinzelt
kommen Stimmungsbilder auf. Ausführlicher sind lediglich die Eintragungen
vom 25. 7. 1943 und kurz danach: „ . . . Abends ... da gegen 23.45 U nr Alarm.
Umsturz, Rücktritt Mussolinis. Der Faschismus innerhalb einer halben Stunde
weggefegt. Proklamationen des Königs und des neuen Reg.Chefs Badoglio; bis
4 Uhr morgens Demonstrationen mit Demolierung der Parteidienststellen auf
(der) Piazza de Spagna und Via Listina. Von 4 — 7.30 Uhr geschossen. Vormit=
tags (26. 7.) große Demonstrationen. (Dt.) Botschaft im Alarmzustand . . .
Ausnahmezustand, um 21.30 Uhr muß man zu Hause sein . . ." 28. 7.; „ . . . In
Rom umlaufendes Gerücht, H(itler) habe sich erschossen, wird von uns demen=
tiert. Faschistische Partei aufgelöst. M(ussolini) in Haft in der Carabinieri=
Kaserne . . ."
Am 3. 8. 1943 notierte Greiner: „9.14 Uhr an Rastenburg. Treffe bei der
Ankunft in Wolfsschanze gleich Warlimont und v. Rintelen. W. hat mich aus
Sorge um mein Wohlergehen holen lassen (aus Rom) . . ." 4. 8. 19431 „ . . Vor=
mittags ärztliche Untersuchung durch Siebert. Gewicht 140 Pfund. Mittags mit
W. gegessen . . . 19.15 Uhr Abendessen mit Gen. Jodl, dem ich über den Um=
stürz in Italien berichte..." Donnerstag, den 5. 8. 1943: „Vormittags bei
Scherff, der seine Absicht, mich mit einer Forschungsarbeit zu betrauen, nun=
39 E
A. Einführung
mehr verwirklichen will . . ." 8. 8. 1943: „ . . . Mit der Überarbeitung des KTB
vom 1. — 15. 5. beauftragt, was mir Schramm gegenüber nicht angenehm
ist . . ." 9. 8.: „ . . . Nach dem Mittagessen allein mit Warlimont spazierenge=
gangen; von Scherffs Absicht erzählt, die er voll billigt. Er meint aber, daß ich
zur Abwicklung nochmals nach Rom muß . . ." 18. 8.: „Abendessen mit Gen.
Jodl und Oberst Scherff . Jodl mit meiner weiteren Verwendung einverstanden."
40 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939-1941 1
Ein Überblick
Wer den Zusammenhang von Politik und Kriegführung in Deutschland von
1939 bis 1941 verstehen will, wird zunächst von der grundlegenden Wechsel=
Wirkung von Kriegsziel und Kriegsplan auszugehen haben. Schon C. v. Clause=
witz hat mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß jede militärische Auseinander
Setzung, d. h. die Fortsetzung der Politik unter Einmischung anderer Mittel,
vor allem „nach der Wahrscheinlichkeit ihres Charakters" und ihrer „Haupt=
umrisse" aufzufassen sei, wie sie sich aus den „politischen Größen und Ver=
hältnissen ergeben." Es sei notwendig, stets den Gesamtüberblick über alle
Verhältnisse zu behalten; alle Instanzen müßten daher „wohl überlegt" sein,
um nicht „in der letzten den Prozeß zu verlieren", den man in den „früheren
gewonnen" zu haben meinte und dann „in die Kosten verurteilt zu werden."
Man solle daher vernünftigerweise keinen Krieg anfangen, „ohne sich zu sagen,
was man mit und was man in demselben erreichen" wolle. Diese Erkenntnis
zwinge zur Ausarbeitung eines umfassenden Kriegsplans, in dem einmal der
Zweck, d. h. die politische Absicht festgelegt sei (was soll und was kann durch
diesen Krieg erreicht werden?), zum anderen die Mittel (d. h. das Wehrpoten=
tial eines Volkes im weitesten Sinne) sorgfältig geprüft werden und in dem es
schließlich die Frage nach dem militärischen Operationsziel zu beantworten
gilt 2 .
Hat nun die deutsche Oberste Wehrmachtführung zu Beginn des Zweiten Welt=
krieges überhaupt einen solchen Kriegsplan besessen, in dem, ausgehend von
der politischen Zielsetzung, alle politischen, militärischen und wirtschaftlichen
Maßnahmen zu einer einheitlichen Gesamtstrategie vereinigt wurden und auf
den alle Bemühungen personeller und materieller Art ausgerichtet waren? Oder
hat die deutsche Führung nur mehr oder weniger strategische Nahziele ver=
wirklicht mit der Konsequenz, daß sie durch die Dynamik der Ereignisse und
die Aussicht auf Verwirklichung des Endzieles mitgerissen wurde und dabei
nolens volens in eine fast ausweglose Sitation hineingeriet? Gewiß hat Hitler
von Beginn seiner politischen Laufbahn an zielstrebig, besessen und konse=
quent ein großes Programm verfolgt; aber er hat dies auf dem Gebiet der
Außenpolitik seit 1933 niemals völlig offen dargelegt. Immer haben er oder
seine engsten Anhänger aus taktischen Gründen die Ziele Schritt um Schritt,
je nach gegebener Lage, enthüllt. Das hat Reichsminister Dr. Goebbels im April
1940 in einer vertraulichen Besprechung unumwunden zugegeben.
Aber bei aller Zielstrebigkeit im großen blieb Hitler doch ebenso der kühne,
kein Risiko scheuende Taktiker, der, so lange er die politische Initiative besaß,
1 Vgl. hierzu die allgemeinen Bemerkungen S. 226 E ff.
2 Vgl. Clausewitz, C. v., Vom Kriege, 16. Aufl. Bonn 1952, S. 891, S. 90, 98.
41 E
A. Einführung
die Gunst des Augenblicks oder die Veränderung einer poIitisch=militärischen
Gesamtkonstellation blitzschnell und rücksichtslos auszunutzen verstand, und
der, wenn nötig, das Steuer seiner Politik um 180 Grad herumwarf, ohne jemals
das Endziel seiner Politik aus den Augen zu verlieren.
Zweifellos war es einer der vielen Fehler Hitlers, sehen wir einmal von der
moralischen Seite seiner Handlungsweise ab, daß er eine „Risikopolitik" trieb,
die als Folge den Krieg in sich barg. Als aber der Krieg dann 1939 ausbrach,
besaß Deutschland keinen Kriegsplan, keine strategische Gesamtkonzeption,
in der politischer Zweck, Mittel und militärisches Ziel sinnvoll aufeinander
abgestimmt waren. Vielmehr hat Hitler fortlaufend Teilpläne ad hoc entworfen
mit dem Resultat, daß er immer vermessener unbegrenzten politisch=militäri=
sehen Zielen mit klar begrenzten Mitteln (wirtschaftlich, personell und ma=
teriell) nachjagte, während die wachsende Zahl seiner Gegner mit ihrem schier
unerschöpflichen Reservoir klar begrenzte Ziele verfolgte.
Vielleicht hatte Hitler so etwas wie Nah= und Fernziele, denn zunächst kon=
zentrierte er sich seit 1939 stets auf unmittelbar vor ihm liegende Aufgaben;
diese bedeuteten im Sinne seines Fernzieles zwar jeweils einen logischen Schritt
nach vorne, aber bei diesen war er sich keineswegs immer hinreichend im
Klaren darüber, welche Konsequenzen dieser für seine Politik, langfristig
gesehen, haben mußte. Schließlich kämpfte er bereits um sein eigentliches
Fernziel, ohne seine Nahziele erreicht zu haben. So entwickelte sich aus dem
Einfrontenkrieg bald der Mehrfrontenkrieg bis schließlich der Allfrontenkrieg
die Aussichtslosigkeit des deutschen Kampfes erkennen ließ.
In den nachfolgenden Kapiteln soll diese Entwicklung bis 1941 in ihren
Grundzügen nachgezeichnet werden, um damit zugleich die Zusammenhänge
jener Maßnahmen und Ereignisse zu beleuchten, die im KTB, Bd. I festgehalten
worden sind.
1. Phase :
Die Niederwerfung und neue Aufteilung Polens 1939
a) In verschiedenen Weisungen und geheimen Besprechungen hatte Hitler
bereits vor Kriegsausbruch seine Kriegsziele gegenüber Polen angedeutet, ohne
indessen näher auszuführen, wie er sich das weitere Schicksal des polnischen
Staates vorstellte. Die polnische Wehrkraft sollte zerschlagen und eine den
Bedürfnissen der Landesverteidigung angepaßte neue Lage im Osten geschaffen
werden. Danzig, dem Deutschen Reichsgebiet einzuverleiben, war jedoch nicht
allein das „Objekt", um das es bei diesem Kampf ging; es handelte sich „um
die Erweiterung „des deutschen Lebensraumes" im Osten und die „Sicherstel=
lung seiner Ernährung". Hierzu mußte auf immer neuen Wegen die lebendige
Kraft der Polen vernichtet werden. Wie der Krieg ausgelöst werde, war gleich=
gültig, denn es kam nicht darauf an, „das Recht" auf seiner Seite zu haben,
sondern ausschließlich „den Sieg". Daß Hitler schon vor Kriegsausbruch die
Absicht hatte, Rußland als Kompensation für ein Nichtangriffsabkommen den
42 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Ostteil Polens auszuliefern, ging aus dem geheimen Zusatzprotokoll vom
23. 8. 1939 hervor; in diesem wurde die deutsch=russische Interessensphäre
„ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San" abgegrenzt.
Jedoch über die Niederwerfung und Aufteilung Polens hinaus hatte Hitler
vorerst keinerlei weitere konkreten Angriffspläne 4 ,
Die unerwartet raschen Anfangserfolge der Wehrmacht in Polen schienen
Hitler zunächst friedensbereit gestimmt zu haben, denn am 7. September 193g
äußerte er sich gegenüber Gen.Oberst von Brauchitsch (Oberbefehlshaber des
Heeres), er sei bereit, mit den Polen zu verhandeln, falls diese sich von England
und Frankreich trennen, Deutschland den Nordrand der Beskiden, ferner das
oberschlesische Industriegebiet — abgesehen von der Rückgabe der ehemaligen
„Reichsgebiete" — abtreten, zudem dem polnischen Teil der Ukraine zur Selb=
ständigkeit verhelfen würden. Außerdem müßten sie die sowjetischen An=
sprüche entsprechend der geheimen Vereinbarungen vom 23. 8. 1939 befrie=
digen. Dafür würde Deutschland einen polnischen Reststaat zwischen Narew
und Warschau, einschließlich Krakaus, garantieren 2 .
Zur gleichen Zeit legte Hitler großen Wert auf das Eingreifen der Soiojet=
union in Polen. Er war überzeugt, daß dies nicht nur zu einer schnelleren Be=
endigung der Kampfhandlungen führe, sondern auch England und Frankreich
vor die Alternative stellen werde, entweder Stalin den Krieg zu erklären oder
aber einen Ausgleich mit Deutschland anzustreben. Marschierten die Russen,
mußten die Westmächte auch mit ihnen brechen. Einen derart schwerwiegen=
den Schritt würden sich London und Paris aber zweifellos reiflich überlegen,
weil dieser sie in Indien, im Fernen Osten und am Bosporus in unübersehbare
Schwierigkeiten verwickeln konnte. Damit entfiele aber zugleich der offizielle
Grund, aus dem Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den
Krieg erklärt hätten. Ein Eingreifen der UdSSR schuf also seiner Meinung nach
die besten Voraussetzungen, den bisher noch beschränkt gebliebenen Konflikt
sobald wie möglich zu beenden. Für Deutschland, so meinte Hitler, bestünde
jetzt lediglich die Aufgabe, Warschau zu erobern und im Westen alles zu ver=
meiden, was zu ernsthaften militärischen Operationen Anlaß gebe.
Doch als die Rote Armee angesichts des ersten deutschen Blitzsieges am
ly. September 193g in Polen einmarschierte, war zwar das Ende des polnischen
Staates besiegelt, Rumänien hatte Regierung, Staatspräsident und Heerführung
interniert, aber die von Hitler erhoffte Reaktion der Westmächte blieb aus.
Indessen beunruhigte ihn dies nicht mehr. Getrieben von der ihm eigenen
Unrast, seine „säkulare Mission" zu erfüllen und in der eitlen Hoffnung, die
„Gunst der Stunde" ausnützen zu müssen, hatte er nämlich plötzlich völlig
eigenmächtig den Plan gefaßt, die Alliierten in einem sofortigen Feldzug nie=
derzuwerfen. Die Haltung der beiden westlichen Großmächte hatte ihn in dieser
1 Vgl. Jacobsen, H.=A., Der Zweite Weltkrieg, Frankfurt 1965, S. 34 ff.
2 Ders., Fall Gelb, Wiesbaden 1957, S. 5 f.
43 E
A. Einführung
Absicht nicht nur bestärkt, sondern ihm auch die Möglichkeit geboten, sich ein
günstiges „Alibi" vor der Nation zu verschaffen und die Verantwortung für
die Fortsetzung des Kampfes den Gegnern aufzubürden 3 .
Nach der fünften historischen Teilung Polens, die am 28. 9. ig^g von
Deutschland und der Sowjetunion unterzeichnet wurde, ließ Hitler das Schick=
sal West=Polens vorerst in der Schwebe. Als erstes trennte er durch einen
Erlaß vom 8. 10. igsg auch rein polnische Territorien unter der offiziellen Be=
Zeichnung „Eingegliederte Ostgebiete" von dem sog. Reststaat ab (Reichsgaue
Westpreußen und Posen); letzteren benannte er vier Tage später in „General=
gouvernement für die besetzten polnischen Gebiete" (unter der Führung von
Dr. Frank) um. In diesem Gebiet, dessen rücksichtslose Ausbeutung sogleich
im Herbst 1939 begann und das sich entmilitarisiert, an die sowjetisch=deutsche
Interessengemeinschaft anlehnen sollte, sah er zeitweilig wahrscheinlich eine
Art Kompensationsobjekt für mögliche Friedensverhandlungen mit Groß=
britannien 4 . Hinzu kam die Absicht, dieses Gebiet als „vorgeschobenes Glacis"
für einen zukünftigen deutschen Aufmarsch im Osten auszubauen; daher
sollten Straßen, Bahnen und Nachrichtenverbindungen „in Ordnung gehalten
und ausgenutzt" werden 5 .
Als sich trotz des siegreichen Frankreichfeldzuges Anfang Juli 1940 der
Widerstandswillen Großbritanniens versteifte, erklärte Hitler offiziell das nun=
mehrige „Generalgouvernement" zum „Nebenland des Reiches". Wohl wollte
er den Polen eine gewisse „Heimstätte" mit nationalem, wirtschaftlichem und
kulturellem Eigenleben zugestehen, in der Praxis aber wurde die Bevölkerung
„mindestens für die Dauer des Krieges auf die Stufe eines halbfreien, politisch
unbewußten und lediglich technisch gebildeten Hilfsvolkes" (Roos) 6 gehalten.
Schließlich erfolgte im Herbst 1940 die definitive Eingliederung des „G.G." in
das Reich.
Die später im Rahmen des „Generalplan Ost" 7 vorgesehene Aussiedlung der
Polen und die dadurch bedingte „deutsche Wiederbesiedlung" blieben freilich
in den Anfängen stecken. Dagegen hatte bereits im Herbst 1939 die „konse=
quente Germanisierung" in den „Eingegliederten Ostgebieten" eingesetzt, die
Himmler, mit der Festigung des deutschen Volkstums im Osten beauftragt,
3 Ebd., S. 12 ff.
4 Vgl. Broszat, M., Nationalsozialistische Polenpolitik 1939—1945, Stuttgart 1961,
S.i 3 ff.
5 Vgl. Nürnberger Dokument (Blaue Serie) PS=864; außerdem: Generaloberst Hal=
der Kriegstagebuch, Bd. I, Stuttgart 1962, Eintragung vom 18. 10. 1939, in der es
u. a. hieß: „. . . Das Reich soll den Gouverneur befähigen, dieses Teufelswerk zu
vollenden".
6 Vgl. Roos, H., Geschichte der Polnischen Nation 1916—1960, Stuttgart 1961, S. 182.
7 Vgl. hierzu: Viertel] ahrshefte für Zeitgeschichte Heft 3/1958, S. 281— 325; Ma*
dajcyk, S., Generalplan Ost, in: Polish Western affairs, vol. III, No. 2/1962,
S. 391—442 (Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des Ostauf=
baues vorgelegt von SS=Oberführer Prof. Dr. Konrad Meyer, Berlin=Dahlem, Juni
1942, nach: US=Mikrofilm T=84 Rolle 73).
44 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
durch rücksichtslose Assimilation (in Ost=, Westpreußen und in Schlesien) und
durch allmähliche Ausrottung der Polen (im Wartheland) mit Hilfe seiner SS=
und Polizeiverbände zu verwirklichen suchte.
Diese Politik hatte bereits im September 1939 eingesetzt. Am 10. 9. 1939
teilte Gen.Oberst v. Bock dem Chef des Genst.d.H. mit, daß SS=Verbände
„Juden in einer Kirche zusammengetrieben und ermordet" hätten 8 .
Daß Hitler diese Befehle persönlich erteilt hatte, bestätigte SS=Obergruppen=
führer Heydrich in einem Bericht vom 2. 7. 1940, in dem es u. a. hieß 9 :
„ . . . Bei allen bisherigen Einsätzen: Ostmark, Sudetenland, Böhmen und Mähren
und Polen, waren gemäß Sonderbe fehl des Führers besondere polizeiliche Einsatz=
gruppen (Sicherheitspolizei und Ordnungspolizei) mit den vorrückenden, in Polen
mit den kämpfenden Truppen vorgegangen und hatten auf Grund der vorbereiteten
Arbeit systematisch durch Verhaftung, Beschlagnahme und Sicherstellung wichtigsten
politischen Materials heftige Schläge gegen die reichsfeindlichen Elemente in der
Welt aus dem Lager von Emigranten, Freimaurerei, Judentum und politisch=kirch=
lichem Gegnertum sowie der 2. und 3. Internationale geführt.
Das Zusammenarbeiten mit der Truppe unterhalb der Stäbe und in vielen Fällen
auch mit den verschiedenen Stäben des Heeres war im allgemeinen gut; lediglich
über grundsätzliche Fragen der Staatsfeindbekämpfung bestand in vielen Fällen bei
den höheren Befehlshabern des Heeres eine grundsätzlich andere Auffassung. Diese
Auffassung, die zum großen Teil aus Unkenntnis der weltanschaulichen Gegner=
läge heraus entstand, verursachte dann Reibungen und Gegenweisungen gegen die
vom Reichsführer=SS nach den Weisungen des Führers sowie des Generalfeldmar=
schalls [Göring] durchgeführte politische Tätigkeit.
Während bis zum polnischen Einsatz diese Schwierigkeiten im allgemeinen durch
persönliche Fühlungnahme und Aufklärung zu meistern waren, bestand diese Mög=
lichkeit beim polnischen Einsatz nicht. Ursache lag jedoch hier darin, daß die Wei=
sungen, nach denen der polizeiliche Einsatz handelte, außerordentlich radikal waren
(z. B. Liquidierungsbefehl für zahlreiche polnische Führungskreise, der in die Tau=
sende ging), daß den gesamten führenden Heeresbefehlsstellen und selbstverständ=
lieh auch ihren Stabsmitgliedern dieser Befehl nicht mitgeteilt werden konnte, so daß
nach außen hin das Handeln der Polizei und SS als willkürliche, brutale Eigenmäch=
tigkeit in Erscheinung trat . . ."
Wiederholte energische Proteste verschiedener Heeresdienststellen gegen diese
Maßnahmen blieben im ganzen erfolglos, da diese, wie Heydrich bestätigt hat,
von „allerhöchster Stelle" angeordnet waren. U. a. hatte der OB Ost, Gen.Oberst
Blaskowitz, am 6. Februar 1940 dem Oberbefehlshaber des Heeres, Gen.Oberst
v. Brauchitsch, gemeldet, daß „gerade die in letzter Zeit sich anhäufenden Ge=
walttaten der polizeilichen Kräfte einen ganz unbegreiflichen Mangel mensch=
liehen und sittlichen Empfindens" gezeigt hätten, so daß man „geradezu von
Vertierung" sprechen müsse. Als einziger Ausweg aus diesem „unwürdigen,
die Ehre des ganzen deutschen Volkes befleckenden Zustandes" bliebe nur, die
gesamten Polizeiverbände, einschließlich ihrer sämtlichen höheren Führer mit
einem Schlage ab= und aufzulösen und an „ihrer Stelle intakte und ehrliebende
8 Vgl. Generaloberst Halder Kriegstagebuch, a. a. O. (s. Anm. 5), S. 67.
9 Vgl. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1963, S. 196 ff.
45 E
A. Einführung
Verbände" zu verwenden 10 . Der nach dem 20. 7. 1944 hingerichtete Oberstlt.
i. G. Stieff schrieb von den Geschehnissen im Osten tief betroffen an seine Frau:
„Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein" u , während Graf Schwerin v. Schwa=
nenfeld noch 1944 vor dem Volksgerichtshof in bewegten Worten Zeugnis von
seiner moralischen Empörung gegen das vielfache Unrecht ablegte, das den
Polen unter deutscher Besatzung wiederfahren war 12 .
Aus den Aufzeichnungen des Generalgouverneurs und Reichsministers
Dr. Frank vom 30. 5. 1940 werden, wie aus keiner zweiten Quelle, Prinzipien,
Zielsetzung und Taktik der NS=Besatzungspolitik in Polen 1939/40 deutlich.
Frank führte anläßlich einer „Polizei=Sitzung" u. a. folgendes aus 13 :
„ . . . Ich möchte Ihnen sagen, daß die Sitzung heute absichtlich von mir in diesen
Zeitpunkt gelegt wurde, in welchem wir viel freier und auch im engsten Rahmen
über alles das sprechen können, was nun an Aufgaben polizeilicher Art auf uns liegt,
als das vor dem 10. Mai 1940, also vor dem Zeitpunkt des Beginns der Westoffensive,
der Fall war. Sie wissen, daß wir am Anfang hier die Meinung vertreten hörten, daß
wir sie sogar teilweise selber mit vertreten haben: dieses Gebiet soll in kurzer Zeit
der völligsten Ausplünderung, der Herauspressung all desjenigen dienen, was nur
aus ihm herausgeholt werden kann; alles, was Wert hat, soll ins Reich gebracht
werden und was derlei mehr war. Was mir damals in Berlin vorgetragen wurde, das
schwand uns aber bald unter der Einwirkung der kritischen Ereignisse dahin. Schon
nach kurzer Zeit entdeckten wir, daß es notwendig ist, die Möglichkeiten dieses Ge=
bietes für das Deutsche Reich viel intensiver anzusehen, als es in dem Zeitpunkt der
Fall war, in welchem man nur von Zerstörung sprach.
Dann kam eine merkwürdige Wendung. Zwar hat mir der Führer noch Anfang
Oktober [1939] gesagt, daß er dieses Gebiet als Restgebiet des polnischen Volkstums,
als eine Art Reststaat sicherstellen wolle, den wir dann dereinst der polnischen
Nation wieder zurückgeben würden. Aber nicht zuletzt unter dem Einfluß der Be=
richte, die allmählich aus dem Lande über die Möglichkeiten in agrarpolitischer, in=
dustrieller Beziehung, über die Möglichkeiten einer großen deutschen kolonisato=
rischen Tätigkeit eingingen, weiter auch unter dem Eindruck des Umstandes, daß das
eigentliche kleine niedere polnische Volk, nämlich die Arbeiter und Bauern, im we=
sentlichen durchaus gewillt war, unter starker Hand zu arbeiten, unter dem Einfluß
aller dieser Meldungen sagte mir dann der Führer — und ich weiß das noch wie heute,
es war Anfang November: — Wir wollen das Generalgouvernement behalten, wir
geben es nicht mehr her. Angesichts dieser Änderung der Sachlage war nun ein ganz
neues Programm aufzustellen. Was der Führer schon wiederholt mit mir besprochen
hatte, das wurde nun in steigendem Maße Gegenstand der Erörterung, daß nämlich
das Gebiet des Generalgouvernements im deutschen Machtbereich bleibt, nicht in der
Form eines Protektorats oder einer ähnlichen Form, sondern in der Form eines klar
unter deutscher Herrschaft stehenden Machtgebildes des Deutschen Reiches, in wel=
chem irgendwie gegenüber der polnischen arbeitenden Unterschicht die absolute
Führung des Deutschtums gesichert ist,und in welchem nach Abschluß der Germani=
sierung und Zurückführung der Deutschen des Warthegaues, Westpreußens, Süd=
und Ostpreußens und Oberschlesiens auf weite Sicht die Germanisierung durch»
gesetzt werden wird . . ."
10 Vgl. Ausgewählte Dokumente zur Geschichte des Nationalsozialismus, hrsg. v.
H.=A. Jacobsen und W. Jochmann, Bielefeld 1961 ff.
11 Vgl. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1954, S. 298 t.
12 Vgl. 20. Juli 1944, Bonn 196a, S. 206.
13 Vgl. Piotrowski, St., Hans Franks Tagebuch, Warschau 1963, S. 309 ff.
46 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Das Befriedungsprogramm im Restpolen hatte „zum Inhalt, nunmehr mit der
Masse der in unseren Händen befindlichen aufrührerischen Widerstandspolitiker
und sonst politisch verdächtigen Individuen in beschleunigtem Tempo Schluß zu
machen und zu gleicher Zeit mit der Erbschaft des früheren polnischen Verbrecher»
tums aufzuräumen. Ich gestehe ganz offen, daß das einigen tausend Polen das Leben
kosten wird, vor allem aus der geistigen Führerschicht Polens. Für uns alle als
Nationalsozialisten bringt aber diese Zeit die Verpflichtung mit sich, dafür zu sorgen,
daß aus dem polnischen Volk kein Widerstand mehr emporsteigt. Ich weiß, welche
Verantwortung wir damit übernehmen. Aber es ist klar, daß wir das tun können,
und zwar gerade aus der Notwendigkeit heraus, den Flankenschutz des Reiches im
Osten zu übernehmen . . .
Wir werden diese Maßnahme durchführen, und zwar, wie ich Ihnen vertraulich
sagen kann, in Ausführung eines Befehls, den mir der Führer erteilt hat. Der Führer
hat mir gesagt: Die Frage der Behandlung und Sicherstellung der deutschen Politik
im Generalgouvernement ist eine ureigene Sache der verantwortlichen Männer des
Generalgouvernements. Er drückte sich so aus: Was wir jetzt an Führerschicht in
Polen festgestellt haben, das ist zu liquidieren, was wieder nachwächst, ist von uns
sicherzustellen und in einem entsprechenden Zeitraum wieder wegzuschaffen. Daher
brauchen wir das Deutsche Reich, um die Reichsorganisation der deutschen Polizei
damit nicht zu belasten. Wir brauchen diese Elemente nicht erst in die Konzen=
trationslager des Reiches abzuschleppen, denn dann hätten wir nur Scherereien und
einen unnötigen Briefwechsel mit den Familienangehörigen, sondern wir liquidieren
die Dinge im Lande . . .
In den Händen der Sicherheitspolizei hätten sich zu Beginn der außerordentlichen
Befriedungsaktion etwa 2000 Männer und einige hundert Frauen befunden, die als
irgendwie geartete Funktionäre der polnischen Widerstandsbewegung in Haft gesetzt
worden seien. Sie stellen wirklich eine geistige Führerschicht der polnischen Wider=
Standsbewegung dar. Natürlich sei diese Führerschicht nicht auf die 2 000 Personen
beschränkt. In den Akten und Karteien des Sicherheitsdienstes befänden sich weitere
etwa 2000 Namen von Personen, die diesem Kreis zuzurechnen seien. Das seien
Personen, die angesichts ihrer Tätigkeit und ihres Verhaltens ausnahmslos ohnehin
unter die für das Generalgouvernement geltende Standrechtsverordnung fielen. Die
summarische Aburteilung dieser Leute habe in dem Augenblick begonnen, in welchem
die außerordentliche Befriedungsaktion angeordnet worden sei. Die standrechtliche
Aburteilung der 2 000 Inhaftierten nähere sich ihrem Ende, und es seien nur noch
wenige Personen abzuurteilen.
Nach Durchführung dieses summarischen Standgerichtsverfahrens habe nun schon
eine Festnahmeaktion begonnen, die den Kreis der dem Sicherheitsdienst bekannten,
aber noch nicht inhaftierten Leute ebenfalls in die Hände der Sicherheitspolizei und
damit zur summarischen Aburteilung bringen solle. Das Ergebnis dieser Festnahme»
aktion stehe noch nicht fest. Er [Frank] rechne mit einem 75°/oigen Ergebnis. Ins=
gesamt würde also die Aktion einen Kreis von etwa 3 500 Menschen umfassen. Es sei
kein Zweifel, daß man mit diesen 3 500 Personen wirklich den politisch gefährlichsten
Teil der Widerstandsbewegung im Generalgouvernement erfasse . . .
Es bleibt bei der schärfsten antipolnischen Tendenz, wobei jedoch Rücksicht ge=
nommen werden muß auf die Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit des polnischen
Arbeiters und des polnischen Bauern. Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir
dieses Gebiet des Generalgouvernements nicht halten können, wenn wir einen Aus=
rottungsfeldzug gegen die polnischen Bauern und Arbeiter beginnen würden in der
Form, wie er von einzelnen Phantasten gedacht ist. Es kann sich nur um die Be=
seitigung der Führerschicht handeln, aber das arbeitende Volk muß unter unserer
verantwortlichen Befehlsgewalt nutzbringende Arbeit leisten . . ."
47 E
A. Einführung
b) Betrachtet man kurz den deutschen Kriegsplan gegenüber Polen, so ist
festzustellen: Seit April 1939 hatte die deutsche Wehrmachtführung alle Vor=
bereitungen für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Nachbarn im
Osten getroffen 14 . Die strategischen Maßnahmen wurden auf dieses eine Ziel
konzentriert, da die politische Führung annahm, den Konflikt auf Polen be=
grenzen zu können. Die Oberkommandos der drei Wehrmachtteile hatten
weder Offensivpläne gegenüber den Westmächten noch gegenüber den Nor=
dischen Staaten ausgearbeitet, von einer Aufmarschanweisung gegen die
UdSSR ganz zu schweigen. Angesichts der personellen und materiellen Unter=
legenheit und der ungünstigeren strategischen Ausgangslage der polnischen
Wehrmacht (vgl. Chronik S. 1149) war an einem Erfolg der deutschen Streit=
kräfte im Sinne der politischen Zielsetzung nicht zu zweifeln. Bis zum 2. 9. 1939
befanden sich also Kriegsziel, vorhandene Mittel und Operationsziel in einer
„vernünftigen" Relation. Das Schwergewicht der deutschen militärischen
Operationen lag eindeutig beim Heer. Durch konzentrisch geführte Vorstöße
dreier Angriffsflügel sollte die polnische Wehrmacht in kürzester Zeit vernich=
tend geschlagen werden (vgl. zur Entwicklung des Aufmarschplanes S. 148 E ff.).
Die Luftwaffe hatte unterdessen neben der Ausschaltung der polnischen Luft=
Streitkräfte den feindlichen Aufmarsch planmäßig zu verhindern und vor allem
die eigene kämpfende Truppe auf dem Schlachtfeld unmittelbar taktisch zu
unterstützen 15 .
Im Rahmen dieser Operationen fiel der Kriegsmarine ebenfalls nur eine
unterstützende und sichernde Rolle in der Ostsee zu 16 . Sie erhielt den Auftrag,
die polnischen Seestreitkräfte auszuschalten, die feindlichen Seestützpunkte
abzuriegeln, den polnischen Seehandel zu unterbinden, den Seeweg Reich —
Ostpreußen zu sichern, und, falls erforderlich, in „unauffälliger Form gegen
ein Eingreifen sowjetrussischer Seestreitkräfte aus dem Finnischen Meerbusen
heraus" aufzuklären. Außerdem sollte sie Maßnahmen treffen, „die zur vor=
sorglichen Sicherung gegen ein überraschendes Eingreifen der Westmächte in
den Konflikt geboten schienen". Angesichts der weit unterlegenen polnischen
Seestreitkräfte (4 Zerstörer, 1 Minenleger, 6 U=Boote und kl. Fahrzeuge) wurde
dieser Auftrag innerhalb von wenigen Tagen durch 2 Linienschiffe, mehrere
Kreuzer und Zerstörer, 7 U=Boote und zahlreiche Minenfahrzeuge erfüllt. Nach
der Kriegserklärung der Westmächte am 3. 9. 1939 konnten die Kreuzer und
Zerstörer ohne Schwierigkeiten in die Nordsee verlegt, und der weitere Kampf
den beiden Linienschiffen und den Minenfahrzeugen überlassen werden. Die
„Schleswig=Holstein" und die „Schlesien" beschossen zur Unterstützung der
Erdoperationen die Westerplatte und die befestigte Halbinsel Heia, während
die Minensuchstreitkräfte in der Ostsee Minen räumten, Transporte von und
14 Vgl. Vormann, N. v., Der Feldzug in Polen 1939, Weißenburg 1958 (auch: Anm. 2,
S. 25 E).
15 Vgl. den Beitrag von H. v. Rohden, Anm. 26, S. 27 E.
16 Vgl. Rüge, F., Der Seekrieg 1930—1945, Stuttgart 1954, S. 34 f.
48 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
nach Ostpreußen geleiteten und Heia blockierten. Dabei verloren sie nur ein
einziges Boot. Die polnische Marine dagegen büßte einen Zerstörer, einen
Minenleger und mehrere Kanonenboote sowie Minensuchboote ein; jedoch
entkamen ihre U=Boote in neutrale oder alliierte Häfen. Insgesamt betrachtet
waren die Operationen in der Ostsee für die deutsche Kriegsmarine nicht viel
mehr als eine „Episode".
2. Phase :
Die versuchte Ausschaltung der Westmächte als Machtfaktoren
auf dem Kontinent
a) Als der Krieg am 1. 9. 1939 ausbrach waren alle bis dahin vom OKW be=
fohlenen militärischen Maßnahmen auf eine „Verteidigung West" ausgerichtet.
Auch nach der Kriegserklärung der Westmächte an Deutschland, am 3. 9. 1939,
vermied Hitler zunächst alles, was zu einem offenen Ausbruch der Kampf=
handlungen führen konnte. Hatte er noch in der Weisung Nr. 1 vom 31. 6. 1939
angeordnet, die Verantwortung „für die Eröffnung der Feindseligkeiten ein=
deutig England und Frankreich zu überlassen" und „geringfügigen Grenzver=
letzungen zunächst rein örtlich entgegenzutreten", so bestimmte er in der Wei=
sung Nr. 2 : „Das Ziel der deutschen Kriegführung bleibt zunächst die schnelle
siegreiche Beendigung der Operationen gegen Polen"; Kriegsmarine und Luft=
waffe gab er im begrenzten Umfange den Kampf gegen die Westgegner frei,
nur an der Westfront sollte nach wie vor die „Eröffnung der Feindseligkeiten
dem Gegner überlassen" bleiben 1 . Waren diese Richtlinien für die strategische
Verteidigung im Westen auch in erster Linie mit Rücksicht auf die Operationen
in Polen erteilt worden, so entsprachen sie jedoch zunächst noch der vorherr=
sehenden Auffassung Hitlers. Allein unter dem Eindruck der ersten deutschen
Waffenerfolge eröffnete Hitler am Abend des 12. 9. 1939 seinem Chefadj.,
Oberst Schmundt, vertraulich, daß er unmittelbar im Anschluß an den Feldzug
in Polen eine Offensive im Westen führen wolle; ein vernichtender Sieg über
Frankreich würde Großbritannien bestimmt zum Einlenken bewegen 2 .
Am 2j. September 1939, kaum nach Berlin zurückgekehrt, berief Hitler die
Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile und ihre Chefs der Generalstäbe
in die Reichskanzlei, um sie auf die Fortsetzung des Krieges vorzubereiten 3 .
Zwar könne er „kein Urteil auf lange Sicht" abgeben, führte er bei dieser
Gelegenheit aus, doch stünde fest, daß nach weiteren sechs Monaten die Lage
längst nicht mehr so günstig für Deutschland sei wie im Augenblick, zumal die
bestehenden Verträge keine sichere Grundlage bildeten. Mochten die neutralen
1 Vgl. Hitlers Weisungen für die Kriegführung, hrsg. v. W. Hubatsch, Frankfurt
1962, S. 19 ff.
2 Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (s. Anm. 2, S. 43 E), S. 7.
3 Vgl. Generaloberst Halder Kriegstagebuch, a. a. O. (s. Anm. 5, S. 44 E), S. Bd. I,
S. 86 ff.
49 E
A. Einführung
Staaten auch vor dem Reich zittern, sie sähen in diesem doch den „Ungesättig=
ten". Trotz der schlechten Behandlung durch England wüßten sie, daß ihnen
von dieser Seite keine Gefahr drohe. Ihre Bewunderung für Deutschland ent=
spreche der Bewunderung des „Spatzens" für die „Schlange". Es dürfte klar
sein, daß die Großmächte in Deutschland den „Träger einer europäischen
Umwälzung" erblickten. Der bisherige Verlauf des Krieges habe ihnen daher
Angst und Respekt, keineswegs Liebe zu Deutschland eingeflößt. Dies müsse
nüchtern bedacht werden. Es sei äußerst zweifelhaft, ob in „acht bis zehn Mo=
naten der Neutralitätswillen der kleineren Staaten immer noch so stark" sei,
wie jetzt unter dem Eindruck der deutschen Siege. In jedem Fall arbeite die Zeit
gegen Deutschland. Psychologisch erscheine es ihm jetzt am günstigten zu sein
zu handeln, da auch der Stand der Aufrüstung in Europa zugunsten Deutsch=
lands spreche. Überdies schütze ein entschlossen und energisch geführter An=
griff im Westen nicht nur das äußerst gefährdete Industriegebiet, sondern
reiße Italien in den Kampf mit.
Als nächstes Kriegsziel müsse daher England auf die Knie gezwungen und
die französische Wehrmacht zerschlagen werden.
In seiner Denkschrift vom 9. Oktober 193g, die für die Oberbefehlshaber
der Wehrmachtteile und den Chef OKW bestimmt war, unterstrich Hitler
noch einmal mit aller Schärfe: „ . . . Das deutsche Kriegsziel (bestehe) in der
endgültigen militärischen Erledigung des Westens . . ., d. h. in der Ver =
nichtung der Fähigkeit der Westmächte, noch einmal der staatlichen Kon=
solidierung und Weiterentwicklung des deutschen Volkes in Europa entgegen=
treten" zu können 4 . Allerdings müsse diese „innere Zielsetzung" der Welt ge=
genüber „von Fall zu Fall psychologisch bedingte propagandistische Korrek=
turen" erfahren, ohne daß sich am Kriegsziel selbst etwas ändere; dieses sei
und bleibe „die Vernichtung unserer westlichen Gegner". Primär käme es daher
darauf an, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, erst in zweiter Linie,
feindlichen Raum zu besetzen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Luft=
und Seekriegführung gegen England, auch auf längere Sicht hin.
Dieses Ziel verkündete er auch am 23. XI. 1939, als er der Generalität
seinen „unabänderlichen Entschluß" mitteilte, England und Frankreich zum
„günstigsten und schnellsten Zeitpunkt" anzugreifen. Dabei spiele die Frage
des Neutralitätsbruches gegenüber Belgien und Holland keine Rolle, denn kein
Mensch würde danach fragen, wenn Deutschland gesiegt habe. Ohne Angriff
sei der Krieg eben nicht siegreich zu beenden, erklärte er. Und im Hinblick auf
seine Zuhörer (Generale aller Wehrmachtteile) erläuterte er vielsagend, daß
es bei diesem Entscheidungskampf nicht „um ein nationalsozialistisches
Deutschland" gehe, sondern darum, „wer künftig in Europa" dominiere*.
4 Vgl. Dokumente zur Vorgeschichte des Westfeldzuges 1939—1940, hrsg. v. Hans»
Adolf Jacobsen, Göttingen 1956, S. 6.
5 Vgl. Nürnberger Dok. (Blaue Serie), VS'7&g (IMT).
50 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Hitlers zweites, bereits wesentlich ehrgeizigeres Kriegsziel gipfelte also in der
Erringung der Vormachtstellung Großdeutschlands in Mitteleuropa, gleich=
zeitig hoffte er, damit den Krieg zu seinen Gunsten beenden zu können. Von
irgendwelchen territorialen Zielen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede.
Zunächst mußten die Gegner geschlagen werden, dann konnte man ihnen die
eigenen Bedingungen diktieren. — Wie diese im einzelnen aussehen würden
(Fernziel), war vollkommen offen; sicherlich waren sie von Umfang und
Schnelligkeit des militärischen Erfolges abhängig und davon, was man mit
den Waffen gewinnen und erhalten zu können glaubte.
Auch bei dem geplanten Unternehmen „Weserübung" 6 , der Besetzung
Dänemarks und der Eroberung Norwegens 1940, verbanden sich in gewisser
Weise Nah= und Fernziele der deutschen politischen Führung. Fraglos hat
zunächst die indirekte Strategie gegen England den entscheidenden Anstoß
gegeben. An und für sich war Hitler von Beginn des Krieges an bestrebt, die
Neutralität der nordischen Staaten aufrecht zu erhalten. Aber mehr und mehr
überzeugten ihn die Argumente seiner politischen, vor allem seiner militäri=
sehen Ratgeber, daß Norwegen unter keinen Umständen in die Hand Englands
fallen dürfe. Auf diese Gefahr wies ihn auch der norwegische Staatsrat Quis=
ling Mitte Dezember 1939 in einem persönlichen Gespräch hin. Eine „kalte
Besetzung" durch britische Freiwillige (angesichts des russisch=finnischen Kon=
fliktes) schien untragbar. Aus seestrategischen Gründen deshalb, weil England
dadurch den Krieg auf die Ostsee ausdehnen konnte; die Konsequenzen für die
deutsche Ozean= und Nordseekriegführung waren dann kaum mehr abzusehen.
Aber auch aus wehrwirtschaftlichen Gründen mußte ein Festsetzen Groß=
britanniens im Norden Europas verhindert werden, wollte das Deutsche Reich
nicht die wichtige Erzzufuhr aus Schweden verlieren. Hinzu kam die Möglich=
keit, daß England auf Schweden einen starken Druck ausübte, um dessen
Kriegseintritt an der Seite der Westmächte zu erzwingen.
Hitler selbst hatte bereits im Oktober 1939 die Bedeutung des „Wirtschafts=
krieges neben dem rein militärischen Krieg" voll anerkannt und befohlen, alle
deutschen Maßnahmen darauf zu konzentrieren, England von den dänischen
Lebensmittellieferungen und von den Rohstoffen aus Norwegen und Schweden
abzuschnüren. Je schneller dies gelang, desto eher würde der Krieg beendet
sein. Es verstand sich von selbst, daß bei einem überraschenden Unternehmen
gegen Norwegen zur Flankensicherung Deutschlands auch Dänemark unter den
„Schutz des Reiches" gestellt werden mußte.
Jedoch haben außerdem politische Argumente Hitler in seiner Auffassung be=
stärkt. Reichsleiter Rosenberg, der Schirmherr der „Nordischen Gesellschaft",
wollte von sich aus eine „psychologische Vorarbeit" zur Neuordnung Europas
leisten. Zwischen seinem Außenpolitischen Amt der NSDAP und der Nasjonal
Sämling unter Quisling bestand schon seit längerem ein engerer Kontakt. Und
6 Vgl. Hubatsch, W., „Weserübung". Die deutsche Besetzung von Dänemark und
Norwegen 1940, Göttingen 1960, 2. Aufl.
51 E
A. Einführung
Quisling hatte es als seine große Aufgabe betrachtet, „gestützt auf eine kleine,
aber fest entschlossene Minderheit, Norwegens Schicksal an das Großdeutsch=
lands, als ein Kraftzentrum einer nordisch=germanischen Lebensgemeinschaft
zu binden". Am 15. 12. 1939 unterbreitete er Hitler ein Memorandum über die
Notwendigkeit eines „großgermanischen Staatenbundes". Als Norwegen
besetzt wurde, vermerkte Rosenberg mit sichtlicher Befriedigung, daß sein
A.P.A. eine „geschichtliche Aufgabe" erfüllt habe 7 . Sicherlich hat also auch
dieses Fernziel der Nationalsozialisten bei den Erwägungen und Entschlüssen
des Jahres 1939/40 auf deutscher Seite — manchmal unausgesprochen — eine
Rolle gespielt.
b) Am 3. 9. 193g wurde der erste große, schwerwiegende Irrtum der Obersten
Deutschen Wehrmachtführung deutlich: Hitler hatte den Krieg gegen Polen
entfesselt unter Inkaufnahme eines Risikos, nämlich des Krieges mit den West=
mächten, ohne darauf vorbereitet zu sein. Die Kriegserklärung Englands und
Frankreichs stellten ihn vor ein neues Problem umfassender Art.
Gemessen an den Kräften des Jahres 1933 (10 Divn. mit 100000 Mann, ohne
Flak, Panzer, schwere Artl. etwa 400 Flugzeuge, kleine Flotte mit nur wenigen
Neubauten in den Jahren 1925—1932) war das militärische Arsenal Deutsch=
lands gewaltig gewachsen: es zählte rund 109 Div. (Kriegsstärke des Heeres
2,75 Millionen) über 10000 leichte und schwere Geschütze, 3200 Panzer,
120000 Lkw, mehr als 4000 Flugzeuge (davon etwa 80% einsatzbereit) und
eine im Aufbau begriffene kleine Flotte mit 57 U=Booten, Schlachtschiffen und
Kreuzern 8 .
Aber bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, der keineswegs Begeisterung,
sondern vielfach Skepsis und z. T. Resignation im deutschen Volk hervorrief,
war die Wehrmacht mitten im Aufbau. Sowohl die Endplanungen des Heeres
als auch die der Kriegsmarine waren auf das Jahr 1943/44 abgestellt. Zwar
hatte Hitler 1937 das Tempo der Aufrüstung forcieren lassen, aber der Aufbau
war bis 1939 mehr in die Breite geführt worden; ihm fehlte noch jede rüstungs=
mäßige und personelle Tiefe. Deutschland besaß also noch längst kein fertiges
Kriegsinstrument, wenn auch sein Vorsprung in der Produktion moderner
Waffen gegenüber den Westmächten zu seinen Gunsten sprach. Goebbels
interpretierte das deutsche „Fertigsein" dann auch graduell; er bedeutete am
5. 4. 1940, daß die Nation fertig sei, „die sich am stärksten vom Fertigsein des
Gegners unterscheide". In diesem Sinne sei Deutschland fertig gewesen, denn
eine stärkere Differenz zwischen der Rüstungslage Deutschlands und seiner
Feinde würde es nicht mehr geben 9 . Das mochte für den Augenblick vom deut=
7 Vgl. Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs aus den Jahren 1934/35 un ^
i93Q/40,hrsg. v. H.=G. Seraphim, Göttingen 1956, S. 91 ff.
8 Vgl. Mueller=Hillebrand, B., Das Heer 1933—1945, Bd. I, Darmstadt 1954; und
Anm. 41, S. 28 E.
9 Vgl. Jacobsen, Der Zweite Weltkrieg, a. a. O. (s. Anm. 1, S. 43 E), S. 181.
52 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
sehen Standpunkt aus gesehen zutreffend sein; aber was würde geschehen,
wenn dieser deutsche Vorsprung in der Rüstung statt sich zu vergrößern,
ständig abnahm, ohne das es gelang, die Westmächte entscheidend zu schlagen?
Eine Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung hat die Lage der
deutschen Industrie bei Kriegsausbruch wie folgt beschrieben 10 : „Deutschland
ging 1939 mit ausgeweiteten und modernisierten Kapazitäten in den Kampf,
ausgestattet mit nicht unerheblichen Vorräten in den kriegsentscheidenden
Rohstoffen, gestützt in den Schwerpunkten durch neue Rohstoffindustrien. Die
Ballung der Standorte in den militärisch gefährdeten Grenzgebieten war in
wichtigen Punkten zumindest gemildert. Die Chancen für eine industrielle
Überlegenheit waren damit gegeben — wenn nicht stärkere Gegner in den
Kampf traten, der Krieg nicht zu lange dauerte und die Auseinandersetzung
sich nicht auf ein ,Ausproduzieren' auf dem Gebiete der Massenproduktion
verlagerte. Deutschland hatte nicht so stark gerüstet wie die anderen glaubten,
aber stark und modern genug, gemessen am Rüstungsstand der anfänglichen
Gegner, für einen kurzen Krieg.
Für den Fall eines langen Krieges waren Vorbereitungen nicht getroffen,
trotz gegenteiliger Behauptungen in den politischen Reden — mit der Kürze des
Krieges stand und fiel die deutsche /Überlegenheit'."
Die Bilanz der Ernährungs= und Rohstofflage Deutschlands im September
1939 ließ keinen Zweifel daran, daß die Vorräte, soweit sie nicht ganz im eige=
nen Land erzeugt wurden, höchstens für eine Kriegsdauer von 9—12 Monaten
ausreichten (Auslandsabhängigkeit: Zink 25%; Blei 50%); Kupfer 70V0; Zinn
90 /o; Nickel 95%; Bauxit 99%; Mineralöl 65°/o und Kautschuk 80%). Statt
nun von Anfang an die Wirtschaft radikal auf den Krieg umzustellen und
auf lange Sicht zu planen, zeigten vor allem Gestaltung und Rangordnung der
verschiedenen Fertigungsprogramme, wie wenig die Oberste Führung von
einem zielstrebigen, einheitlichen Gesamtkriegsplan ausging, in dem die wehr=
wirtschaftlichen Maßnahmen ganz den militärischen Erfordernissen angepaßt
waren. In der Hoffnung, den Krieg durch eine Reihe von „Blitzfeldzügen"
rasch beenden zu können, wurden allein bis zum Sommer 1941 die Programme
der Rüstungsfertigung und die Dringlichkeitsstufen mehr als zehnmal um= und
abgeändert (vgl. S. 72 E ff.), so daß der Chef des Wehrwirtschaft^ undRüstungs=
amtes im OKW schließlich um eindeutige Klärung bat, „was nun wirklich am
wichtigsten sei". Einmal stand die Munitionsfertigung im Vordergrund, dann
das U=Boot= und Luftwaffenprogramm, schließlich wurde der Schwerpunkt
wieder ganz auf die Kampfwagen= und chemische Fertigung verlegt. Dieses
nervenaufreibende Ringen um die Bevorzugung in der Programmgestaltung 11
zwischen den Wehrmachtteilen war nicht zuletzt auch die Folge mangelnder
10 Vgl. Die deutsche Industrie im Kriege 1939 — 1945, Berlin 1954, S. 24.
11 Vgl. hierzu: Ausarbeitung über die Wehr= und rüstungswirtschaftlichen Maß*
nahmen des Chefs des Wehrwirtschaftsamtes im OKW, Gen.Major Thomas,
Nürnberger Staatsarchiv, Rep. 502, Dok. PS=2353 und 400.
53 E
A. Einführung
Koordinierung zwischen OKW,OKH, OKL und OKM Hinzu kam, daß die füh=
renden Köpfe des Reiches offenbar erst im Frühjahr 1941 die Einsicht gewan=
nen, es sei für den Fall eines länger dauernden Krieges wichtiger, die Rohstoff=
grundlage zu erweitern als die reine Waffen= und Munitionsfabrikation aus=
zubauen. Die viel zu langsame Ausdehnung der deutschen Rüstungswirt=
schaft in den Jahren 1930—1942 ist an den Indexziffern der Rüstungsendferti=
gung zu verdeutlichen 12 .
Indexziffern der deutschen Rüstungsendfertigung nach Gruppen
Januar /Februar 1942 = 100
□ = Höchststand
Zeit
Gesamt
Waffen
Kraft=
fahr.
Flug-
Schiff*
zeuge
zeuge
bau
1939 Sept./Dez.
63
1x3
63
5
11
1940 MD
97
163
79
36
40
1941 MD
98
102
106
81
97
HO
1942 MD
142
166
137
130
120
133
142
1943 MD
222
247
234
330
138
216
182
1944 I. Quartal
247
299
286
465
132
227
154
April
274
302
320
527
121
285
127
Mai
285
301
337
567
126
295
152
Juni
297
361
580
133
321
107
1 Juli
322
319
384
589
117
367
139
August
297
323
382
55»
116
308
141
September
301
335
377
527
84
310
184
Oktober
273
321
372
516
79
255
217
November
268
307
375
57*
78
274
124
Dezember
263
263
408
598
63
224
233
1945 Januar
227
226
284
557
60
231
164
In der Frage des deutschen Aufmarschplanes im Westen zeigte sich gegen=
über 1914 ein grundlegender Unterschied. Während vor Ausbruch des Ersten
Weltkrieges der verhängnisvolle Mechanismus des „Schlieffen=Planes" die so
wichtige Handlungsfreiheit der politischen Führung einengte (als Symptom für
das einseitige Überwiegen des Denkens in militärischen Kategorien bei gleich=
zeitigem Versagen der politischen Führung), war es 1939 die politische Füh=
rung, die, ungeachtet ihrer zahlreichen Zusicherungen gegenüber dem neutra=
len Ausland, unter rücksichtsloser Verletzung der Neutralität Belgiens, Hol=
lands und Luxemburgs eine Offensive im Westen auszuführen befahl. Die
politische Führung zwang den Generalstab 13 , seine aus den Erfahrungen des
Ersten Weltkrieges gewonnene und von der militärischen Lage Deutschlands
12 Die deutsche Industrie, a. a. O. (s. Anm. 10), S. 178 ff.
13 Vgl. hierzu Einzelheiten bei: Jacobsen, Fall Gelb, a.a.O. (s. Anm. 2, S. 43 E).
54 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
diktierte Defensivhaltung aufzugeben. Brauchitsch (ObdH.) und Halder (Chef
Genst.d.H.) versuchten zwar, mit Hilfe militärtechnischer Argumente mäßigend
auf die expansive Politik Hitlers einzuwirken. Doch diese mit allem Nachdruck
gegen die Offensive vorgetragenen Argumente blieben auf die politische Lei=
tung ohne entscheidende Wirkung.
Als Hitler nach dem sogenannten Friedensappell vom 6. Oktober ±939, ohne
eine Antwort der Westmächte abzuwarten, den 22. November als ersten
Angriffstermin im Westen bezeichnete, empörte sich Generaloberst v. Leeb —
OB einer HGr. — über diesen „Wahnsinnsangriff" unter Verletzung der
Neutralität mit den Worten: „Die Rede des Führers im Reichstag war also
nur ein Belügen des deutschen Volkes."
Die führenden Köpfe des Oberkommandos des Heeres nahmen in den dra=
matischen Monaten des Winters 1939/40 jede Gelegenheit wahr, die militäri=
sehen Aussichten nüchtern klarzulegen und jede Friedensmöglichkeit zu propa=
gieren. Indem sie die Ausarbeitung des Aufmarschplanes verzögerten— der erste
improvisierte Plan datierte vom 19. 10. 1939 — , versuchten sie, Hitler mit Mit=
teln des Fachressorts zu bremsen und der politischen Führung ausreichenden
Spielraum für ein Übereinkommen mit den Westmächten zu verschaffen. Noch
war der Krieg im Westen nicht offen entbrannt und die Ausweitung des Kon=
fliktes zu einer weltweiten Auseinandersetzung war bei tieferer politischer Ein=
sieht möglicherweise noch zu verhindern. Freilich: So ernsthaft sich auch Brau=
chitsch darum bemühen mochte, den drohenden Weltkonflikt nicht durch einen
militärischen Waffengang im Westen offen zum Ausbruch kommen zu lassen
— zuletzt noch in seiner dramatischen Aussprache mit Hitler am 5. November
1939 — / seine Bestrebungen scheiterten letzthin an dem entschlossenen, un=
beugsamen Willen Hitlers — am Primat der Politik. Dieser hatte am 23. No=
vember in einer Geheimrede den Generalen gedroht, jeden „Miesmacher" und
jeden, der gegen ihn und seine Offensivpläne sei, rücksichtslos zu vernichten.
Der Oberbefehlshaber des Heeres war sich durchaus der furchtbaren Gefahren
eines lange dauernden Krieges bewußt, zumal ihm die Bilder und Erfahrungen
des Ersten Weltkrieges ständig vor Augen schwebten; aber „aus dieser Einsicht
die politischen Konsequenzen zu ziehen", hat es ihm schließlich immer wieder
an Kraft gefehlt. Daß er sich als Soldat nicht den Argumenten Hitlers verschlie=
ßen konnte, der angesichts der unnachgiebigen Haltung der Gegner den Krieg
durch einen raschen Sieg beenden wollte, führte ihn vollends zu jenen ihn über=
fordernden seelischen Zwiespalt, aus dem in erster Linie seine zögernde Ent=
Schlußfassung zu verstehen ist 14 .
Als Operationsziel der deutschen Offensive im Westen hatte Hitler im Okto=
ber 1939 bestimmt: „Starke Teile des franz. Heeres und die an seiner Seite
fechtenden Verbündeten zu schlagen und gleichzeitig möglichst viel hollän=
disch=belgischen und nordfranzösischen Raum als Basis für eine aussichtsreiche
14 Ebd., S. 47.
55 E
A. Einführung
Luft= und Seekriegführung gegenüber England und als weites Vorfeld des
lebenswichtigen Ruhrgebietes zu gewinnen." Daraus erhellt, daß Hitler an
einen durchschlagenden Erfolg zu Lande, d. h. an einen militärischen Sieg über
England und seine Verbündeten zum damaligen Zeitpunkt noch nicht glaubte.
England, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, jetzt Hauptgegner, sollte mit
den Kräften der Luftwaffe und der Kriegsmarine endgültig niedergerungen
werden. In welcher Form, mit welchen Mitteln und in welcher Zeit, darüber
bestand keinerlei Klarheit; irgendwelche Pläne dazu hatten weder die SKI noch
das OKL ausgearbeitet. Also schon bei den Vorbereitungen zu dieser Offensive
wurde deutlich, wie wenig durchdacht die Gesamtstrategie war, wie improvi=
siert befohlen und ausgeführt wurde; Hitler war nicht in der Lage, das Lei=
stungsvermögen der deutschen Wehrmacht im Verhältnis zu seinen Gegnern
vorausschauend, d. h. auf weite Sicht hin zutreffend einzuschätzen. Bemerkens=
wert bei allen Planungen im Winter 1939/40 war auch die Tatsache daß aus
der angegebenen strategischen Zielsetzung nicht die erforderlichen Konsequen=
zen für die Kriegführung von Luftwaffe und Kriegsmarine gezogen wurden,
sondern daß diese ebenfalls über die Gewinnung der Kanalküste in Belgien
und Nordfrankreich sowie über die allgemeine Bekämpfung Großbritanniens
zur See (vgl. S. 58 E) nicht hinausging.
Erst nachdem die operativen Planungen zum Westfeldzug dank des stän=
digen Verschiebens des Angriffstermins zu einem erfolgreichen Abschluß ge=
kommen waren und die deutsche Oberste Führung die zahlreichen Lücken auf
dem Gebiet der Ausrüstung, Ausbildung und in der Ausstattung mit Pz. und
mot. Kraftfahrzeugen beseitigt hatte, schien Hitler von dem Gelingen der
Offensive überzeugt zu sein. In der letzten Aufmarschanweisung vom 24. 2.
1940 (vgl. S. 178 E) hatte das OKH befohlen : Der Angriff „Gelb" bezwecke,
„durch rasche Besetzung Hollands das niederländische Hoheitsgebiet dem Zugriff
Englands zu entziehen, durch Angriff über belgisches und luxemburgisches
Gebiet möglichst starke Teile des franz. =englischen Heeres zu schlagen und
damit die Vernichtung der militärischen Machtmittel des Feindes anzubahnen".
Mit anderen Worten: Erst im Frühjahr 1940 rechnete die Oberste Wehrmacht=
führung mit einem durchschlagenden Erfolg im Westen; für diesen setzte sie
rücksichtslos alle vorhandenen Reserven ein, weil sie hoffte, durch einen zwei=
ten Blitzfeldzug den Krieg siegreich zu ihren Gunsten entscheiden zu können.
Aber über die Niederwerfung der Feindmächte auf dem Festland hinaus besaß
sie keinerlei Pläne 15 .
Vor weitaus schwierigeren Aufgaben als gegenüber Polen sah sich die deut=
sehe Kriegsmarine 16 gestellt, nachdem England und Frankreich dem Deutschen
Reich den Krieg erklärt hatten. Denn die britisch=französischen Seestreitkräfte
waren den deutschen weit überlegen. Allein das Verhältnis zwischen der deut=>
15 Ebd., S. 137 ff.
16 Vgl. Anm. 16, S. 48 E.
36 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
sehen und englischen Flotte betrug bei den großen und mittleren Uberwasser=
Streitkräften 1:7,5 un< ^ bei den Zerstörern 1:9,2; nur die U=Bootwaffe wies
Parität auf (vgl. die Übersicht S. 61 E). Diese prekäre Lage war die Konsequenz
der deutschen Flotten= und Außenpolitik, die nicht aufeinander abgestimmt,
vielmehr seit 1935 mehr und mehr konträr gelaufen waren. Nach dem deutsch=
englischen Abkommen von 1935, das das Tonnage Verhältnis zwischen der
deutschen und der britischen Kriegsmarine auf 35:100% festgesetzt hatte,
hatte die SKI einen Krieg mit England zunächst nicht in Betracht gezogen.
Erst Anfang 1938 äußerte Hitler gegenüber dem ObdM, die Kriegsmarine habe
sich auch auf eine Auseinandersetzung mit Großbritannien vorzubereiten und
darauf ihre Maßnahmen abzustellen. Nunmehr erörterte die SKI in mehreren
Planspielen den möglichen Einsatz gegen England; dabei kam sie zu dem Er=
gebnis, daß, solange ein deutscher Seekrieg im wesentlichen mit U=Booten
geführt würde, der Kern der britischen Flotte nicht zu vernichten sei. Folglich
wurde ein auf sechs Jahre (1944) befristetes Programm aufgestellt mit dem
Ziel, die deutsche Kriegsmarine personell und materiell, vor allem die Zahl der
schweren Schiffe, erheblich zu vergrößern (Z=Plan), um für den Eventualfall
besser gerüstet zu sein. Hitler befahl, diesen Aufbau den beiden anderen Wehr=
machtteilen vorzuziehen.
Allerdings ließ die nunmehr angestrebte doppelte Zielsetzung der Seekrieg=
führung, Bekämpfung der feindlichen Handelsschiffahrt und Zerschlagung der
britischen Seeherrschaft, „jede politische Erfahrung und Einsicht in die kon=
tinentale Gebundenheit Deutschlands" 17 (Hubatsch) vermissen. Wohl hatte der
Befehlshaber der U=Boote, der spätere Admiral Dönitz, den verstärkten Aus=
bau seiner Waffe gefordert, weil nur sie seiner Meinung nach im Ernstfalle
— mit entsprechenden Kräften auf See — zur Entscheidung des Krieges beitra=
gen könne. Er war aber mit seiner Ansicht nicht durchgedrungen. Schließlich
hatte Hitler den Offizieren der U=Bootwaffe noch am 22. 7. 1939 beteuert, es
würde auf keinen Fall zum Kriege mit England kommen, denn das würde das
„Finis Germaniae" bedeuten 18 . Dennoch ging er in seiner Außenpolitik dann
bewußt das große Risiko eines Krieges mit Großbritannien ein, als er den Kon=
flikt mit Polen entfesselte.
So wurde die deutsche Kriegsmarine durch den Ausbruch des Zweiten Welt=
krieges überrascht. Zu diesem Zeitpunkt war sie ein Torso, da der Z=Plan ge=
rade erst angelaufen war. Die britische Flotte, wie im Ersten Weltkrieg zu
einer „rangierten Seeschlacht" zum Kampf zu stellen, war aus den obengenann=
ten Gründen nicht möglich und auch taktisch nicht mehr üblich. Vielmehr mußte
die deutsche Kriegsmarine versuchen, mit allen verfügbaren Mitteln einen Wirt=
schafts= und Blockadekrieg gegen die Insel einzuleiten, der um so durchschla=
gender sein konnte, je bessere Ausgangsbasen vorhanden waren. Der ObdM
17 Vgl. Hubatsch, W., Der Admiralstab und die Obersten Marinebehörden in
Deutschland 1848—1945, Frankfurt a. M. 1958, S. 210 ff.
18 Vgl. Dönitz, Kl, Zehn Jahre und zwanzig Tage, Bonn 1958, S. 45.
57 E
A. Einführung
befahl als erstes, alle Großbauten des Z=Planes / soweit sie noch nicht vom Sta=
pel gelaufen waren, stillzulegen, um den U=Bootbau zu beschleunigen und
Hilfsschiffe zum Kaperkrieg auszurüsten. An Stelle der 300 Boote, die Dönitz
für eine erfolgreiche Seekriegführung gegen England als Minimium bezeichnet
hatte, besaß Deutschland allerdings nur 57 Boote, von denen 46 für den Front=
einsatz geeignet waren. Im Zuge der Schwerpunktverlagerung innerhalb der
Marine sollten monatlich 29 Boote gebaut werden. Da aber dieses Programm
nicht in die erste Dringlichkeitsstufe der Rüstungsvorhaben eingeordnet wurde,
mußte die Zahl schließlich im März 1940 auf 25 — als Dauerlösung — gesenkt
werden. Jedoch nicht einmal dieses Programm ließ sich in den ersten beiden
Kriegsjahren auch nur annähernd verwirklichen. Im ersten Halbjahr 1940 lie=
ferten die überforderten Werften 2, bis Dezember 1940 6 Boote, erst Ende
1941 betrug die Ausstoßziffer 20 Boote im Monat.
Daher konnte die Seekriegsleitung im ersten Kriegsjahr durchschnittlich nur
12—14 U=Boote im Operationsgebiet zur Bekämpfung der feindlichen Geleit=
züge einsetzen. Diese Kräfte reichten aber für einschneidende Erfolge nicht aus.
Dies bestätigt Großadmiral a. D. Dönitz, wenn er schreibt, daß „die Ma=
rine die erforderliche Anerkennung der Vordringlichkeit ihrer Aufträge an
die Industrie und die notwendigen Rohstoffe und Arbeitskräfte von der Staats=
führung" nicht erhalten habe. „Alle Schreiben und Vorträge des Großadmirals
Raeder in dieser Beziehung waren erfolglos. Hitler entschied: Nachdem Gene=
ralfeldmarschall Göring umfassende Vollmachten besitzt, hat der Führer und
Oberste Befehlshaber der Wehrmacht davon abgesehen, darüber hinaus eine
besondere Ermächtigung für die Dauer des U=Boot=Programms zu vollziehen.
Die Folge dieser Entscheidung war, daß die Marine für den U=Boot=Bau die
benötigten Zuweisungen nicht erhielt. Sie bekam z. B. noch nicht einmal 5 °/o
der deutschen Stahlproduktion für ihre Rüstungszwecke zugewiesen, und trotz
steigender deutscher Stahlerzeugung war die Stahlzuteilung für die Kriegs=
marine 1942 geringer als bei Kriegsbeginn. Der U=Boot=Bau war, was seine
Dringlichkeit im Gesamt=Rüstungsplan anbelangt, nur eine Aufgabe unter sehr
viel anderen auch. Auf gleicher Dringlichkeitsstufe standen z. B.: Panzer=
Kampfwagen III und IV, Panzer=Befehls wagen und Panzer=Abwehrwaffen, das
Reichsbahnwaggon= und Lokomotiven=Bauprogramm, das Kriegsprogramm
des Gegene Häfen haben, um sie „militärisch
ausbauen" zu können 8 .
Bei dieser Skizze europäischer Neuordnung drängt sich unwillkürlich ein
Vergleich mit dem bekannten September=Programm Bethmann Hollwegs aus
dem Jahre 1914 auf 9 , wenngleich dieser nicht zu voreiligen Schlußfolgerungen
oder gar Spekulationen über die „Kontinuität der deutschen Kriegsziele" in den
beiden Weltkriegen verleiten sollte. Während der Reichskanzler 1914 seine Ziele
in der Erwartung des militärischen Sieges über Frankreich formulierte, die Waf=
fen also erst noch die Voraussetzungen für einen deutschen Siegfrieden schaffen
mußten, beruhten die deutschen Vorschläge und Vorstellungen im Sommer 1940
auf dem soeben errungenen militärischen Erfolg. Vielleicht wäre dieser Plan —
kein eigentliches Programm — angesichts der internationalen Lage zeitweilig so=
gar zu verwirklichen gewesen, vorausgesetzt, daß dies das eigentliche und letzte
erstrebenswerte Ziel der nationalsozialistischen Führung gewesen wäre. Aber
bereits im Sommer 1940 mehrten sich die Anzeichen dafür, daß der Krieg aus
dem Stadium traditioneller Waffenauseinandersetzung herraustreten und Zug
um Zug einen qualitativen Wandel, eine Radikalisierung und Ideologisierung
im Sinne der NS=Doktrin erfahren würde.
Was Hitler und die seinigen tatsächlich wollten, darüber herrschte allerdings
zunächst nicht einmal in Parteikreisen völlige Klarheit. Daher darf man wohl
mit Recht behaupten, daß es sich 1940—1943 um eine mehr oder minder isolierte
Konzeption eines von einer historischen Mission durchdrungenen, fanatischen
Volksführers gehandelt hat. Für diesen war es völlig sekundär, was Politiker,
Wirtschaftsfachmänner und Militärs über die künftige Neuordnung des Konti=
nents dachten oder vorschlugen, sofern dies nicht mit seinen Ansichten überein=
stimmte. Er hatte seine eigenen radikalen Vorstellungen, die er aber in den Kriegs=
jahren niemals zusammenfassend oder schriftlich fixierte. Zwar versuchten seine
Anhänger wiederholt, dieNS=Ziele, je nach ihrer partiellen Offenlegung in Presse
8 Vgl. Generaloberst Halder Kriegstagebuch, Bd. II (a. a. O.), S. 137.
9 Vgl. Fischer, F., Griff nach der Weltmacht, Düsseldorf 1962, 2. Aufl., S. 107 ff. Zur
Kritik wesentlich: Ritter, G., Staatskunst und Kriegshandwerk, Bd. III, Mün=
chen 1964.
65 E
A. Einführung
und Rundfunk, zu kommentieren, sei es, daß der Reichsminister Funk über die
wirtschaftlichen Grundlagen der Neuordnung sprach oder der Rechtstheoretiker
Carl Schmitt seine Thesen von der „Raumrevolution" in der Wochenzeitschrift
„Das Reich" vertrat 10 , doch jedesmal gingen diese dabei das Risiko ein, die
augenblicklichen Intentionen des Führers nicht hinreichend oder zu weitgehend
interpretiert zu haben. Das lag eben an der besonderen Taktik der NS=Außen=
politik, über die sich Goebbels am 9. 4. 1940 der Presse 11 gegenüber wie folgt
ausgelassen hatte: Der Nationalsozialismus habe seine letzten Ziele stets ver=
schieiert und werde dies auch weiterhin tun. Wenn heute einer frage, wie sich
die NS=Führung denn das ,neue Europa' vorstelle, so antworte er, das wüßten
,wir' noch nicht. Gewiß ,haben wir eine Vorstellung'. Aber wenn ,wir' sie in
Worte kleiden, bringt uns das sofort Feinde und vermehrt die Widerstände.
Haben wir erst die Macht, so wird man schon sehen, und auch wir werden
schon sehen, was wir daraus machen können. Heute sagen wir ,Lebensraum',
jeder kann sich darunter vorstellen, was er wolle, was die Nationalsozialisten
wollten, würden sie schon zur rechten Zeit wissen.
b) Am 22. 6. 1940 hatten Deutschland und Frankreich den Waffenstillstand in
Compicgne unterzeichnet; in einem beispiellosen militärischen Waffengang
mit einem fast gleich starken Gegner (vgl. Übersicht S. 97 E) waren Holland,
Belgien und Luxemburg überrannt, Frankreich zur Kapitulation gezwungen
und die Engländer vom Festland vertrieben worden. Seit 1935 war Hitler von
einem politischen Erfolg zum anderen geeilt; er war nun auch in drei Feldzügen
siegreich geblieben. Im Sommer 1940 stand er somit auf dem Höhepunkt seiner
Macht. Nicht die warnenden Stimmen seiner militärischen Berater und ein=
sichtsvoller Politiker hatten recht behalten, sondern seine eigenen Voraussagen
waren eingetroffen. Man muß diese besondere psychologische Situation im
Sommer und Herbst 1940 in Betracht ziehen, um das Spannungsverhältnis von
Politik und Kriegführung auf deutscher Seite richtig würdigen zu können. Hit=
ler, nach Bismarck der „größte Staatsmann", nun auch der „größte Feldherr
aller Zeiten", meinte, in Zukunft auf das Element der Politik verzichten zu
können. Zwar glaubte er einige Monate lang, er könne die endgültige Entschei=
düng im Sinne seiner Konzeption durch den Aufbau einer sog. KontinentaU
koalition gegen England beschleunigen. Aber sehr bald mußte er einsehen, daß
die Interessengegensätze zwischen Frankreich, Italien und Spanien, ebenso zwi=
sehen Deutschland und der UdSSR nur durch einen „grandiosen Betrug" zu
überbrücken oder überhaupt nicht zu überwinden waren. Daher verließ er sich
mehr und mehr auf das scharf geschliffene und erprobte Schwert seiner Wehr=
macht; mit diesem suchte er seine weitgesteckten machtpolitischen Ziele zu ver=
wirklichen 12 (vgl. Chronik).
10 Vgl. die Wochenzeitung „Das Reich" vom 29. 9. 1940 (Die Raumrevolution. Durch
den totalen Krieg zum totalen Frieden). 11 Vgl. Anm. 9, S. 52 E.
12 Vgl. Jacobsen, H.=A., Deutsche Kriegführung 1939—1945, Hannover 1961, S. 17 ff.
66 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Wenngleich Hitler im engsten Kreise auch mehrfach betont hatte, England
sei besiegt, es fehle nur noch sein Eingeständnis, so mußte er insgeheim doch
feststellen, daß Großbritannien, seit dem 10. 5. 1940 unter der zielstrebigen
Führung Winston Churchills, nicht daran dachte, den Kampf aufzugeben und
sich dem deutschen Vormachtstreben zu beugen. Im Gegenteil: Fieberhaft
rüsteten die Briten zur Abwehr einer möglichen deutschen Invasion, intensi=
vierten sie ihre Flugzeugproduktion, vor allem die der Jäger; auch verhandelten
sie mit den USA um materielle Hilfe. Ihr Premierminister beurteilte die Lage
seines Landes in erster Linie als See= und Weltmacht, und so betrachtet, gab es
keinen zwingenden Grund, die Waffen zu strecken. Churchill war davon über=
zeugt, daß der Krieg nicht auf den traditionellen Schlachtfeldern des europäi=
sehen Kontinents entschieden würde, sondern nur von weltweiten, ideolo=
gischen und wirtschaftlichen Faktoren 13 .
Für Hitler drehte sich daher seit Sommer 1940 alles um die zentrale Frage,
mit welchen Streitkräften und an welchen Fronten die deutsche Wehrmacht
England, den letzten Gegner, endgültig niederringen konnte.
Da die deutschen strategischen Planungen 1939/40 über die Niederwerfung
der Gegner auf dem Festland nicht hinausgediehen war, mußten jetzt die mili=
tärischen Planungen auf das neue ad hoc Ziel ausgerichtet werden. Diese Ent=
Wicklung ist im KTB des OKW von August 1940 bis zum Frühjahr 1941 in
seinen wichtigsten Phasen im einzelnen sehr anschaulich zu verfolgen. Wir
können uns daher in unseren Betrachtungen auf einige wichtige Aspekte be=
schränken:
Zunächst glaubte Hitler, durch einen verstärkten Luft= und Seekrieg, jetzt
von weitaus günstigeren Basen in Westeuropa aus, England in die Knie zwin=
gen zu können. Wohl hatte die deutsche Luftwaffe 1 * in den ersten Kriegs=
monaten dank ihrer numerischen Überlegenheit, ihres fliegerischen Könnens
und ihrer modernen Ausrüstung die Luftüberlegenheit, teilweise sogar die
Luftherrschaft über den einzelnen Operationsgebieten erkämpft, aber bereits
im Westfeldzug 1940 enthüllten sich die ersten Schwächen dieses Wehrmacht=
teils. Die Luftflotten hatten zwar das Heer auf dem Schlachtfeld erfolgreich
unterstützt, doch konnten ihre Maschinen keine konzentrischen Angriffe von
großen Entfernungen aus fliegen oder etwa zu einer strategischen Luftkrieg=
führung übergehen. Vor Kriegsausbruch hatte der erste Chef des Genst. d.
Luftwaffe, Gen. Wever, im Sinne der Theorien des italienischen Generals
Douhet Fernbomber bauen wollen, um mit diesen im Ernstfalle die feindlichen
Kraftquellen im Hinterland zerschlagen und damit die Kapitulation des Gegners
vorbereiten zu können. Aber nach seinem Tode setzten sich die Vertreter der
anderen Richtung (Udet, Jeschonnek) durch, die den Bau mittlerer Bomber
13 Vgl. Churchill, Sir Winston, Der Zweite Weltkrieg, Bd. II, Stuttgart— Hamburg
1950, S. 196 ff. Vgl. demnächst auch die umfassende Untersuchung v. A. Hillgru=
ber (s. S. 23 E).
14 Vgl. Anm. 12.
67 E
A. Einführung
forcierten, bei dem vor allem auf die Sturzfähigkeit und den Punktzielwurf
Wert gelegt wurde. Mit diesen Typen trat Deutschland 1939 in den Krieg ein;
ihr Aktionsradius ging aber über 500 km nicht hinaus. Erst 1942/43 wurden
die inzwischen freigegebenen und fertiggestellten neuen viermot. Bomber
(He 177) eingesetzt; viel zu spät, um noch wirkungsvoll in den schon längst
verlorenen Kampf eingreifen zu können.
Im Sommer 1940 setzten Hitler und Göring alle Hoffnungen auf eine
großangelegte Luftoffensive gegen die britische Insel, mit der sie den ent=
scheidenden Durchbruch erzielen zu können glaubten. Dem ObdL standen
rund 2000 Flugzeuge zur Verfügung, um England „friedensbereit" zu bom=
bardieren; die Briten verfügten anfangs nur über 600—700 Jäger.
Am 13. 8. setzte die erste Phase der „Luftschlacht über England" 15 ein. Ihr
Ziel war, die Luftüberlegenheit zu gewinnen. Hierzu wurden Großangriffe
gegen die feindlichen Stützpunkte der Jägerwaffe und gegen die Flugabwehr
geflogen. In der am 5J7. 9. beginnenden zweiten Phase sollte das britische
Wirtschaftspotential zerschlagen und die Bevölkerung der Insel demoralisiert
werden. Aber beides mißlang. Damit entfiel auch die wichtigste Voraussetzung
für eine Landung in England. Hohe deutsche Verluste, die auf die starke,
gut geleitete englische Abwehr zurückzuführen waren und das Fehlen weit=
reichender Bomber zur strategischen Luftkriegführung ließen das Unternehmen
scheitern; oder es mußte auch deshalb schrittweise eingestellt werden, weil der
deutsche Aufmarsch gegen die Sowjetunion immer mehr in den Vordergrund
drängte und die Luftflotten hierfür einsatzbereit gehalten werden sollten. (Vgl.
die Tabelle S. 110 E).
Eine andere Lösung des Problems, England entscheidend zu treffen, schien
die Landung auf der Insel („Seelöwe") 16 zu sein.
Auf Befehl des OKW arbeiteten ab Juli 1940 alle Wehrmachtteile Pläne
dazu aus. Am 16. 7. befahl Hitler, Vorbereitungen für die Landung zu treffen
für den Fall, daß England keine Friedensbereitschaft zeigen sollte. Als Bedin=
gungen für ein erfolgreiches See= und Landeunternehmen betrachtete er: die
Luftüberlegenheit im Operationsraum, ein minenfreies Gebiet für den An= und
Abtransport, die Absperrung der Flanken im Kanal durch Minenfelder, die
Vertreibung der englischen Seestreitkräfte von der Südküste sowie die Fesse=
lung aller übrigen um England stationierten Einheiten durch eigene Marine=
Streitkräfte und schließlich der Aufbau einer starken Küstenartillerie an der
Kanalfront.
Bei den operativen Planungen entstanden sehr bald Differenzen zwischen
dem OKM und dem OKH. Großadmiral Raeder vertrat die Auffassung, daß
die im Augenblick verfügbaren Kräfte der Kriegsmarine nach den Verlusten
in Norwegen höchstens für eine Landung auf schmaler Basis ausreichten.
15 Ebd. S. auch Literatur S. 27 E.
16 Vgl. Klee, a. a. O. (S. 26 E).
68 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Demgegenüber forderten Gen.Feldm. v. Brauchitsch und Gen.Oberst Halder
einen Ansatz auf breiter Front (300 km), damit die verschiedenen Ver=
bände des Heeres ihre Operationen flankierend unterstützen konnten. Ende
August entschied Hitler, die Landung auf einer Basis von rund 120 km vor=
zubereiten. Doch im September vertagte er zunächst die für den 21. 9. vor=
gesehene Landung. Am 12. 10. 1940 verschob er sie auf das Frühjahr 1941.
Hitler hat das Unternehmen „Seelöwe" wahrscheinlich deshalb aufgegeben,
weil die deutsche Luftwaffe die an sie gestellte Aufgabe nicht in dem gefor=
derten Umfange lösen konnte. Der ObdM hatte in seinen Vorträgen bei Hitler
mit besonderem Nachdruck betont, daß unter diesen Umständen die Landung
1940 kaum zu verantworten sei, zumal der notwendige Transportraum für
den Nachschub bisher nicht ganz erstellt werden konnte. Raeders Bedenken
waren nicht ohne Wirkung auf Hitler geblieben. Dieser fühlte sich mehr als
ein „Fachmann" des Landkrieges und stand Operationen auf See skeptisch
gegenüber. Seinen soeben erworbenen Ruf als „größter Feldherr aller Zeiten"
durch ein im Grunde riskantes Unternehmen aufs Spiel zu setzen, schien ihm
zu gewagt; hier mahnte noch die Führungskrise um Narvik. Und in allem, was
sein persönliches Prestige betraf, war Hitler überaus empfindlich.
Hinzu kam die ungünstige Wetterlage, die die Operationen in Frage stellte.
Doch alle vorgenannten Gründe scheinen für seinen Entschluß nicht den
letzten Ausschlag gegeben zu haben, vielmehr die Hoffnung, England in Ruß=
land schlagen zu können (vgl. S. 87 E).
Mit dem Kriegseintritt Italiens (10. 6.) 17 war auch das Mittelmeer Kriegs=
Schauplatz geworden, das Hitler zunächst ganz als Domäne seines Achsen=
partners betrachtete. Jedoch wiesen ihn der ObdH und der ObdM eindringlich
darauf hin, welche Bedeutung die Mittelmeerstrategie im Rahmen des Kampfes
gegen England besitze. Raeder vertrat die Ansicht, daß hier geführte Opera=
tionen — etwa gegen Gibraltar, gegen die Kanarischen Inseln, um das Mittel=
meer zu schließen und Malta abzuschnüren, der Schutz von Vichy=Nordafrika
gegen feindliche Landungen, ein Durchbruch zum Suezkanal und die Vertrei=
bung des Gegners aus dem Nahen Osten — , eher dem Aktionsradius der deut=
sehen militärischen Kräfte entsprechen würden.
So wurde seit Juli 1940 auch die Eroberung von Gibraltar (Unternehmen
„Felix") 18 unter spanischer Mithilfe erwogen. Auf Grund der freundschaft=
liehen Beziehungen zwischen der Achse und Spanien hoffte Hitler, dieses in
Kürze an seiner Seite in den Kampf führen zu können. Im Juli 1940 inten=
sivierte er daher die diplomatischen Bemühungen, Spanien für seine Pläne zu
gewinnen. Aber Franco, der nach dem deutschen Sieg an einer Beteiligung am
Kriege nicht abgeneigt schien, schraubte seine Forderungen bewußt sehr hoch.
17 Vgl. Zum Kriegseintritt Italiens: Siebert, F., Italiens Weg in den Zweiten Welt=
krieg, Frankfurt 1962.
18 Einzelheiten bei: Detwiler, a. a. O. (s. Hinweis S. 26 E).
69 E
A. Einführung
Vor allem die unbeugsame Haltung Englands wird sein fortlaufendes Zögern
verursacht haben. Solange Großbritannien nicht wirklich geschlagen war, war
der Lebensnerv Spaniens — die Einfuhr zur See — auf schwerste bedroht. Als
Hitler am 23. 10. dem Caudillo in Hendaye vorschlug, Anfang 1941 in den
Krieg einzutreten, wich dieser erneut einer definitiven Antwort aus und ver=
schanzte sich hinter hohen Material= und Waffenlieferungen. Admiral Canaris,
der Chef der deutschen Abwehr, mußte noch einmal am 7. 12. 1940 in Madrid
anfragen, ob Spanien zumindest deutschen Truppen den Weg über die Grenze
zur Eroberung der Bergfeste freigeben würde. Aber jetzt lehnte Franco mit dem
Hinweis ab, zu einem solchen Schritt sei sein Land aus wirtschaftlichen Grün=
den nicht imstande. Zweifellos war dies nur ein äußerer Vorwand; die miß=
glückten Unternehmen der Italiener in Griechenland und Nordafrika (vgl.
S. 194 E), die Erfolge der Engländer bei der Luftschlacht zusammen mit derTat=
sache, daß Deutschland bisher die Landung auf der Insel nicht riskiert hatte,
mochten der spanischen Regierung inzwischen die ersten, deutlichen Schwächen
der Achse offenbart haben. Hitler sah daher Mitte Dezember 1940 die politischen
Voraussetzungen für das Unternehmen „Felix" nicht mehr als gegeben an und
sagte es am 9. 1. 1941 ab. Für ihn war im übrigen das Mittelmeer vorerst noch
ein italienischer Kriegsschauplatz, und die hier zu verwirklichende Strategie,
— nämlich das Aufrollen der britischen Positionen — schien ihm keine ernst=
hafte Alternative für seine Ostpläne zu sein.
Im Mittelpunkt aller militärischen Maßnahmen und Vorbereitungen der
deutschen Obersten Wehrmachtführung zwischen West= und Rußlandfeldzug
stand die direkte und indirekte Strategie gegen Großbritannien. Diese zeigte
mit aller Deutlichkeit die Schwierigkeiten einer Kontinentalmacht, eine See=
und Weltmacht überall dort, wo es erforderlich schien, anzugreifen oder in
Schach zu halten. Die Unternehmen „Seelöwe" (einschließlich der Täuschungs=
maßnahmen), „Adler" und der Seekrieg sollten England direkt treffen; zu den
indirekten Kampfmaßnahmen an der Peripherie zählten die Unternehmen
„Felix" (Gibraltar), die Abwehrbereitschaft gegen britische Landungen in Por=
tugal und Spanien („Isabella"), die Verstärkung der deutschen Nordfront zur
Sicherung der eigenen Wirtschaftsinteressen, die Entsendung einer deutschen
Militärmission nach Rumänien, die Befriedung des Balkans, das Eingreifen in
Nordafrika und die Vorbereitungen zur Besetzung Restfrankreichs. Die von
einigen deutschen Kdo. Behörden vorgeschlagene Verstärkung der französi=
sehen Kolonialarmee zur Abwehr britischer Angriffe auf Afrika und der
De Gaulle=Truppen scheiterte nicht zuletzt an der unnachgiebigen Haltung
Italiens. Kennzeichnend aber für alle operativen Planungen war die unüber=
sichtliche Lage, was wirklich zur Ausführung kommen und wo der Schwer=
punkt der Operationen liegen sollte.
Für das Jahr 1941 zeichneten sich folgende Alternativen ab: entweder in=
direkter Angriff gegen England im Mittelmeer unter gleichzeitigem Verzicht
auf den Feldzug in Rußland; oder Beschränkung auf Abwehr im Mittelmeer
70 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
und Führung des Feldzugs gegen Rußland; aber es war auch möglich, England
direkt (Landung) zu treffen, und dazu wieder alle Vorbereitungen zum Unter=
nehmen „Seelöwe" aufzunehmen.
Betrachtet man die Maßnahmen der deutschen Obersten Wehrmachtführung
in den Monaten August bis Dezember 1940 insgesamt (vgl. KTB S. 4 ff.), so
gewinnt man den Eindruck, daß Hitler die deutsche Wehrmacht nach den sicht=
baren militärischen Siegen im Norden und im Westen infolge der eigenen
offenkundigen Unsicherheit in der endgültigen Entschlußfassung zunächst als
die „größte nichtstuende", d. h. nicht in Kriegsoperationen eingesetzte und für
alle Eventualitäten verfügbare Militärmacht der Welt betrachtet hat 19 . Sie sollte
„für alles bereit" sein, ohne „daß eine klare Auftragserteilung" erfolgte 20 . Erst
die definitiven Vorbereitungen zum Feldzug gegen die Sowjetunion um die
Jahreswende 1940/41, die auch die Zwangslage verdeutlichten, in der sich Hitler
verstrickt hatte, drängten alle anderen bis dahin erwogenen Alternativen zur
Verwirklichung des „Endsieges" in den Hintergrund. Das schloß jedoch nicht
aus, daß Hitler seine Pläne ins Uferlose steigerte. Anfang 1941 erteilte er dem
Wehrmachtführungstab den Auftrag, Studien für einen Aufmarsch in Afghani=
stan gegen Indien (indirekter Kampf gegen England) auszuarbeiten (vgl. S. 328).
Wie sehr Hitler überdies 1940/1941 bestrebt war, das Gesetz des Handelns
nicht aus der Hand zu geben, erhellt aus einer Reihe von weiteren Maßnahmen,
mit denen er direkt oder indirekt England in die Knie zwingen zu können
hoffte, die allerdings zu einer ungewollten Ausweitung des Krieges führten.
Im Balkanfeldzug (April igqi) 21 strebte er weniger territoriale Ziele an, viel=
mehr die Sicherung der deutschen strategischen und wirtschaftlichen Interessen.
Unter allen Umständen wollte er ein Festsetzen der Engländer in Griechenland
verhindern und eine Bedrohung des für Deutschland kriegswichtigen rumäni=
sehen ölgebietes ausschalten; ebenso glaubte er, damit Italien das Halten
seiner Stellungen in Albanien ermöglichen zu können. Im Frühjahr 1941 hatte
Hitler mit der Besetzung Griechenlands, Jugoslawiens und Kretas sowie mit
dem Eingreifen deutscher Truppen in Nordafrika nicht nur die Abschirmung
der Südostflanke vor Beginn des Unternehmens „Barbarossa" abgeschlossen
und die Lage in Libyen wieder stabilisiert (vgl. S. 194 E), sondern damit auch
eine wachsende Zersplitterung der eigenen Streitkräfte eingeleitet.
Als Anfang Mai 1941 der englandfeindliche Aufstand des irakischen Min.=
Präs. Raschid Ali El Ghailani ausbrach (vgl. Chronik), befahl Hitler, die
„arabische Freiheitsbewegung" im Mittleren Osten zu unterstützen; doch
wurde sein Entschluß noch im gleichen Monat durch die Ereignisse überholt.
19 So zu dem jugoslawischen Außenminister Cincar Markovic am 28. ix. 1940 auf
dem Berghof (zit. nach einer Photokopie aus dem Politischen Archiv des Aus=
wärtigen Amtes Bonn).
20 Vgl. Generaloberst Halder Kriegstagebuch, a. a. O. (s. Anm. 5, S. 44 E), Bd. II,
Eintragungen vom September bis November 1940.
21 Vgl. Hinweise S. 27 E.
71 E
A. Einführung
Insgesamt gesehen hatte sich die Lage im Mittelmeerraum durch das Ein=
greifen der deutschen Wehrmacht nach den zahlreichen Rückschlägen der
Italiener (1940/41) zwar wieder zugunsten der Achsenstreitkräfte entwickelt,
aber eine wirkliche Entscheidung war auf diesem Kriegsschauplatz noch nicht
gefallen (vgl. Chronik 1941) 22 .
Seit dem Frühjahr und Sommer 1940 hatte sich die seestrategische Lage für
die deutsche Kriegsmarine wesentlich verbessert. Vom Nordkap bis zur spani=
sehen Grenze (Biskaya) standen nunmehr für die Bekämpfung Englands weit=
aus bessere Ausgangsbasen zur Verfügung als im Herbst 1939. In der zweiten
und dritten Phase der Schlacht im Atlantik erzielte die deutsche U=Bootwaffe
zwar sehr beachtliche Erfolge — allein die 12 im Operationsgebiet befindlichen
Boote versenkten bis zum März 1941 2,31 Mill. BRT (das entsprach etwa 530%
der englischen Schiffsneubauten) — aber die Zahl der eingesetzten U=Boote war
aufs ganze gesehen immer noch zu gering, um allein damit die englische Wider=
standskraft entscheidend zu erschüttern. Ebensowenig vermochten die Über=
Wasserstreitkräfte trotz guter Einzelleistungen entscheidende Wirkung gegen
die feindliche Tonnage zu erzielen. Im Sommer 1941 begann Deutschland bereits
die britische Überlegenheit an Überwasserstreitkräften und die Einführung des
Radargerätes zu spüren; die deutschen Schiffe wurden aus dem Nord= und
Mittelatlantik vertrieben. Nur im Südatlantik, im Indischen Ozean und im
Pazifik konnten sich noch einige Hilfskreuzer bis zum Frühjahr 1943 halten,
während der alliierte Geleitzugsverkehr nach Murmansk durch deutsche See=
Streitkräfte behindert wurde. Neben dieser direkten Bekämpfung Englands,
die in verschärfter Form im Februar 1941 angelaufen war (Weisung Nr. 23),
sollte der Kriegsmarine eine Reihe von Aufgaben übertragen werden, die zur
Unterstützung der Erd= und Luftoperationen im Mittelmeerraum erforderlich
erschienen (Gibraltar, „Attila"). Von diesen wurden aber nur die Unter=
Stützung der Operationen zur Eroberung Kretas (Mai 1941) und der Aufbau
der Küstenverteidigung in Norwegen, im Südosten und Westen ausgeführt.
Über die schon angedeuteten Schwankungen in der Programmgestaltung der
deutschen Rüstungsindustrie vermitteln eine Reihe von Eintragungen in dem
KTB der Rüstungswirtschaftlichen Abteilung (WRü) 23 des Wehrwirtschaft^
amtes (OKW) einen interessanten Eindruck.
Aus der Gruppenleiterbesprechung am 2g. 6. 40:
1. Umsteuerung der Rüstung: Chef Rü macht die Gruppenleiter mit dem Entwurf
betr. Umsteuerung der Rüstung — Rü II 1350/40 g.Kdos. — bekannt, Rü I, IV und
V im Umlauf zugeleitet. Chef Rü erläutert die in Anpassung an die Lage erfolgte
neue Schwerpunktordnung für Luft, Marine und schnelle Truppen. Die Rohstoff»
frage sei bereits geklärt, die Rohstoffmenge bleibe wie bisher bei ca. 880000 t mit
starker Drosselung bei Heer zugunsten von Luft und Marine und Vermehrung bei
schnellen Truppen. Chef Rü verweist auf den in 6 Anlagen beigegebenen neuen
22 Vgl. Hinweise S. 26 E f.
23 Vgl. Mikrofilm (National Archives, Washington).
72 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Alliierte und neutrale Schiffsraumverluste in der 2. Phase
der Schlacht im Atlantik 2 *
Monat
deutsche
U.Boote
italienische
U.Boote
Hilfskreuzer
schwere See.
Streitkräfte
Fernkampf=
flugzeuge
Juli 40
38/194922
—
11 / 67 494
—
—
Aug. 40
54/283386
2/13593
11 / 6l 767
—
2/ 8973
Sept. 40
52 / 265 737
3/ 7669
8/65 386
—
—
Okt. 40
61/344513
4 / 15 59i
4/30539
—
2/6 420
Nov. 40
34 / *73 995
1/ 4866
9/74923
8 / 60332
7 / 34806
Dez. 40
39 / 229501
7/27 976
5 / 25 904
3/20 971
l/ 4360
Jan. 41
17/ 98702
7 / 41 150
20 / 78 484
3 / 18 783
15 / 6l 068
Febr. 41
42 / 207 649
3 / 14 705
1/ 7031
16/76572
22 / 79 955
März 41
44 / 243 622
2/ 7863
4 / 28707
17/ 7983S
3 / 12307
Gesamt
381/2042027
29/133 413
73/440 235
3 080 060
47/256 496
52/207 889
Alliierte und neutrale Schiffsraumverluste in der 3. Phase
der Schlacht im Atlantik 25
Monat
deutsche
U=Boote
italienische
U-Boote
Hilfskreuzer
schwere See.
Streitkräfte
Fernkampf,
flugzeuge
April
4i
46 / 260414
3 / 18052
7/ 56885
—
IO / 35 502
Mai
4i
63 / 349620
4 1 25 918
3 / 15002
—
4/25 121
Juni
4*
60 / 305 734
6/ 20376
4/17759
—
4/ 7762
Juli
41
17 / 61 471
7 / 43 851
l/ 5792
—
—
Aug.
41
22/ 67638
2/9 902
3/21 378
—
2/7 189
Sept.
41
54/ 208822
1/ 434
2/ 8734
—
—
Okt.
41
33/176059
—
—
—
4/ 4103
Nov.
41
18/ 85028
—
—
—
—
Dez.
41
12 / 67 603
—
—
—
—
Gesamt
325/1582 389
23/118 533
20/125 55°
-
24/79677
= 1
906149
Führerentscheid und hebt hervor: Es kommt an auf schnellste Leistungssteigerung
bei Luft, Marine und Panzern, dazu enge Zusammenarbeit zwischen OKW, Mun.=
Min., WT und Außenorganisationen. Mun.Min. habe sich bereits den Vorsitzenden
der Mun.=Ausschüsse gegenüber zu „Härten" geäußert. Hemmungen der Leistungs=
Steigerung seien zu beseitigen; auch sei zu verhindern, daß Schwerindustrie durch
Einwirkung der Vorsitzenden der Munitionsausschüsse zu Ungunsten anderer In=
dustriezweige bevorzugt würde. Chef Rü verlangt bis Dienstag, den 2. Juli, Vorlage
24 Vgl. Rohwer, U=Bootkrieg, a. a. O. (s. Anm. 22, S. 27 E), S. 333.
25 Ebd., S. 335.
73 t
A. Einführung
einer Stellungnahme zu den Auswirkungen, die die Umsteuerung der Rüstung haben
wird. Hierzu sollen unter dem Vorsitz von Obstlt. Wittekind Rü I, II, IV und V
festlegen, was nach ihrer Überzeugung auf den Gebieten des Arbeits= und Ma=
schineneinsatzes und der Rohstoffverteilung zu veranlassen ist, wobei durch Obstlt.
Wittekind Einzelheiten der Rohstofflage geklärt werden sollen. Ab sofort seien in
allen Fragen Luft, Marine und schnelle Truppen bevorzugt zu berücksichtigen. Von
OKM sei bereits der vordringliche Bedarf an Menschen und Kapazitäten und damit
verbundene Auswirkungen festgelegt. Ein gleiches sei von Luftwaffe und Heer zu
erbitten. Der Entwurf betr. Umsteuerung der Rüstung wurde Chef OKW schnellstens
zugeleitet, dann nach Besprechung mit Chef WiRüAmt mit dem Material von Rü
dem Mun.Min. vorgelegt . . ."
Am 30. 6. ig40 hieß es:
„2. Neuregelung der Dringlichkeitsfolge: Chef Rü erläutert Verfügung betr.
Dringlichkeit der Fertigungsprogramme Rü Ia — 4g8o/40 g. vom 27. 6. 40 — , in der
4 Stufen für alle Bedarfsträger neu festgelegt sind und die allen Bedarfsträgern
und den WT zur Stellungnahme bis zum Donnerstag, den 4. Juli, zugegangen ist.
Zum gleichen Termin fordert Chef Rü Stellungnahme der Gruppenleiter. Wichtig
sei die klare Umschreibung der Programme unter Vermeidung neuer Benennungen,
wie dies durch Marine in der vorerwähnten Bedarfsfestlegung geschehen sei und
mit OKM durch Chef Rü bereinigt wurde. Bei den zu erwartenden Forderungen
bezüglich der ersten Stufe sei der Standpunkt Rü : Nur was für Krieg gegen England
unmittelbar notwendig, sei vordringlich. Für dieses Vordringliche käme es auf wei=
tere Steigerung an. Rü z.b.V. habe in diesem Sinne für engste Verbindung mit Mun.=
Min. zu sorgen . . ."
Bei der Tagung auf der Plassenburg am $.16. Juli 1940 wies Reichsmin. f. Be=
waffnung und Mun., Dr. Todt, darauf hin, daß „durch den Heeresumbau für die
gesamte Rüstungswirtschaft zunächst keine Entlastung zu erwarten sei, sondern
nur eine Verschiebung aus dem Munitionssektor zum Bewaffnungssektor und vor
allem zu den schnellen Truppen. Bei einzelnen Munitionsarten müsse sogar das
8— 10 fache der bisherigen Fertigung gefordert werden. Von besonderer Wichtigkeit
sei das Zurückhalten mit Baumaßnahmen im Munitionssektor, besonders dann,
wenn sich die Bauten noch im Anfangsstadium befinden. Es müßten alle An=
strengungen gemacht werden, um den Sieg über England zu erringen und die
Autarkie Deutschlands sicherzustellen..
Das Ziel des Führers sei
1. die Armee soweit auszuhauen, daß sie der Summe der Feindarmeen gewachsen
sei und
2. den kulturellen und sozialen Aufhau Deutschlands zu vollenden."
Über die Besprechung zwischen Chef WRü und Staatssekretär Dr. Syrup RAM
am 2g. 7. 40 vermerkte das KTB: „Anlaß für die Besprechung war die bedrängte
Arbeitseinsatzlage. Chef WRü legte die Schwierigkeiten dar, mit denen die Schwer=
punktprogramme hinsichtlich des Arbeitseinsatzes zu kämpfen haben. Er bat um
unbedingte Erfüllung der Kräftebedarfsanforderungen für die drei Schwerpunkt*
Programme und insbesondere aller Forderungen für das Unternehmen „Seelöwe".
Unter Hinzuziehung von Ob.Rg.Rt. Hildebrandt kamen die Anforderungen der
Marine für die Torpedoausstoßrohr=Fertigung zur Sprache. Letzterer legte dar, daß
die Anforderungen sofort befriedigt worden seien und daß sich dabei heraus=
gestellt habe, daß sie um fast 100 % gegenüber dem tatsächlichen Bedarf überhöht
waren. In Aussicht genommen wurde, dem RAM eine Liste derjenigen für die
Schwerpunktprogramme arbeitenden Betriebe einzureichen, welche sich in besonders
schwieriger Arbeitseinsatzlage befinden. Diese Betriebe sollen dann bevorzugt, vom
RAM mit den erforderlichen Arbeitskräften aufgefüllt werden. Staatssekretär Dr.
74 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Syrup sagte zu, Abzüge aus Rü=Betrieben — entsprechend dem Abkommen RAM —
RWiM — nur im Einvernehmen mit den Rü J vornehmen lassen zu wollen. Das
Ergebnis der Stillegungsaktion habe nicht annähernd den Erwartungen entsprochen.
Es erscheint, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die ablehnende Haltung der Wirt=
schaft, nicht ratsam, die Stillegungsaktion wieder aufleben zu lassen. Dagegen wird
die Auskämmaktion von RAM in vollem Umfange weitergeführt, wobei die Tätig=
keitsdauer der Reichskommissionen zunächst bis zum 31. 8. befristet ist."
Am 1. 8. 1940 fand eine Besprechung bei Rü In III statt über „bisherige Maß=
nahmen zur Umsteuerung der Rüstungswirtschaft gemäß neuer Führerentscheidung
am 31. 7. 40." Die Sitzung wurde geleitet durch den Inspekteur, Herrn Gen.Lt. Stieler
von Heydekamp. Anwesend waren die Sachbearbeiter der Rü In III, der Vertreter des
Wehrkreisbeauftragten, der Vorsitzende des Rüstungsausschusses, vom R.Min. f.
Bew. u. Mun., Prof. Lehnemann, der Präsident des Landesarbeitsamtes Brandenburg,
Dr. Gassner und vom WiRüAmt Oberstlt. Wittekind und Major Dr. Krull. Die
Aussprache ergab folgendes :
„1. Es fehlt die Einheitlichkeit in der Leitung des Arbeitseinsatzes. R.Min. f. Bew.
u. Mun., WT, Rü In, Arbeitsverwaltung sind dabei beteiligt und häufig wirken sogar
verschiedene Dienststellen der gleichen Behörden dabei mit. Die Überleitung frei=
werdender Arbeitskräfte aus dem Munitionssektor in die Schwerpunktprogramme
bereitet insofern besondere Schwierigkeiten als die vom R.Min. f. Bew. u. Mun. her= teigerung der Rüstung" sollte die Verfügung über die
„Umsteuerung der Rüstung" (OKW WiRüAmt Nr. 1350 g.K. v. 9. 7. 40) ersetzen.
Es war daher notwendig, nicht nur die Änderungen für die Fertigung Heer zu be=
handeln, sondern auch die Angaben über die Fertigung Marine und Luftwaffe auf=
zunehmen. Alle in der Zwischenzeit von diesen beiden WT als notwendig geforder»
ten Erhöhungen (vor allem bei Flak Waffen und Munition) wurden mit aufgenom=
men. Es ergab sich dann ein Entwurf gemäß Anlage 235 zum Kriegstagebuch v.
21. 9. 40. Dieser Entwurf wurde am 23. 9. Herrn Chef OKW vorgelegt, von diesem
jedoch verworfen und gefordert, daß eine Neuaufteilung nach folgenden Gesichts=
punkten erfolge:
a) In der Grundverfügung sind nur die Kennzeichen der neuen Aufgabenstellung
u. d. Rahmen der Zielsetzung, sowie die Aufzählung der für die Durchführung
des neuen Programms notwendigen Maßnahmen anzugeben. Als Anlagen sollten
hierzu die neuen Listen über die für die 3 WT zu fordernden Fertigungen
kommen.
b) In besonderen Durchführungsbestimmungen hierzu sind die Einzelheiten über
die Durchführung der Fertigung und Maßnahmen zu ihrer Beschleunigung usw.
anzugeben. Während die Grundverfügung vom Führer u. Obersten Befehls=
haber erlassen wurde, da es sich um eine reine Führungsaufgabe handelte, soll=
ten die Durchführungsbestimmungen vom Chef OKW und dem Reichsmin. f.
Bewaffnung und Munition gemeinsam erlassen werden.
8. Über den Inhalt der Grundverfügung, vor allem der in den Anlagen enthaltenen
Forderungen, wurde am 27. 9. 40 dem Führer gemeinsam durch Chef OKW u. Reichs=
min. f. Bew. u. Mun. Vortrag gehalten. Nach Aufnahme gewisser vom Führer ge=
machten Änderungen und Ergänzungen konnte die Grundverfügg. (Nr. 1850/40 g.K.)
am 28. 9. 40 durch Herrn Chef OKW unterzeichnet werden. Die Durchführungsbe=
stimmg. (Verfg. Nr. 1990/40 g.K.) wurden unter Hinzuziehung d. Reichsmin. f. Bew.
79 E
A. Einführung
u. Mun. (Dr. Stellwaag) aufgestellt u. am i. 10. 40 durch Chef OKW sowie Dr. Todt
vollzogen.
9. In der Anlage 236 (Aktennotiz v. 22. 10. 40) sind die durch die Anordnung
„Steigerung der Rüstung" sowie Durchführungsbestimmungen hierzu erhobenen
Forderungen, in Anlage 237 (siehe Aktennotiz v. 22. 10. 40) die vom Chef HRiist u.
Ob.d.L. durchzuführenden Maßnahmen angegeben. Die Zahlen der Mindestferti=
gung für Munition, deren Bevorratung bereits jetzt hinreichend ist, werden in den
nächsten Tagen als Nachtrag zur Grundverfügung bekannt gegeben werden. Die
Aufteilung der bis 1. 4. 41 vorgesehenen Gesamtfertigung auf die einzelnen Monate
wird ebenfalls in den nächsten Tagen durch WaA durchgeführt sein.
Dringlichkeit der Fertigungsprogramme der Wehrmacht.
1. Durchführung des Erlasses „Der Vorsitzende des Reichsverteidigungsrates,
Min.Präs. Reichsmarschall Göring, OKW/WiRüAmt Ia Nr. 6710/40 g. v. 20. 9. 40"
durch das RWiMin.
a) Das RWiMin hat am 1. 10. 40 eine Verfügg. an die Kontingentsträger unter „Der
Beauftragte für den Vierjahresplan, der Generalbevollmächtigte für die Eisen=
u. Stahlbewirtschaftung II E.M. 1 Nr. 40422/40 v. 1. 10. 40" über die Einführung
der Dringlichkeitsstufen für die eisen= u. stahlverarbeitende Industrie erlassen,
mit der sie die Aufgliederung d. ZX u. ZY=Kennziffern u. deren Behandlung
durch die Kontingentsträger u. die Betriebe bekannt gibt (siehe Anlage 238 z.
Kriegstagebuch).
Rohstoffabteilg. (WiRüAmt) hat sich mit der Verfügg. nachträglich einverstanden
erklärt. Die Rü In erhielten mit einem entspr. Begleitschreiben die Verfügung am
12. 10. 40 zugestellt.
b) Das RWiMin unterbreitet am 8. 10. 40 durch Dr. Stoffregen den Entwurf einer
Verfügg. an sämtl. eisen= u. metallverarbeitenden Betriebe, um diese über die
neu eingeführte Dringlichkeitsfolge, besonders bzgl. der Gleischaltung der X= u.
Y=Aufträge des zivilen Sektors mit der Stufe I u. II der Wehrmachtfertigg., sowie
die Kenntlichmachung der Dringlichkeit.
2. Berichtigung des Erlasses „Der Vorsitzende des Reichsverteidigungsrates, Min.
Präs. Reichsmarschall Göring OKW/WiRüAmt Rü Ia Nr. 67x0/40 g. v. 20. 9. 40".
Mit dem 30. 9. ist das Sondervorhaben „Seelöwe" abgelaufen. Die hierin enthal=
tenen restlichen Programmteile mußten nunmehr, soweit eine Fertigstellung er=
wünscht ist, in eine Dringlichkeitsstufe eingestuft werden. Die WT werden zu entspr.
Anträgen aufgefordert. Für die Ausrüstung von Truppen für KoZom'aZunternehmun=
gen wird auf Weisung des Führers am 2j. 9. eine vor Sonderstufe rangierende Ein=
gliederung unter dem Stichwort „Achse" geschaffen. Laufzeit bis 15. 11. 40 (nach=
trägl. bis 15.12. verlängert). Wohl veranlaßt durch die Aussicht auf eine Berichtig
gung der Verfügung 6710/40 reichen die WT mit diesen angeforderten Anträgen auch
eine Reihe von weiteren Anträgen auf Um= oder Einstufung von Geräten und Pro=
grammteilen ein. Im einzelnen (beschränkt auf wichtige Punkte):
Heer: 1. Umstufung von Seelöwe nach Sonderstufe der Gummipolster und Gleis»
ketten für Raupenfahrzeuge wird anerkannt.
2. Umstufung der ungepanzerten Kfz. für Schnelle Truppen von Ib nach Ia.
Dem Antrag wird in beschränktem Umfang zugestimmt.
3. Neue Aufgliederung der Mangel=Waffen=Geräte= und Munition. Der Auf=
trag ergibt eine wesentliche Erweiterung der Ia Fertigung, wird aber trotz*
dem im wesentlichen anerkannt.
Über eine Gruppenleiterbesprechung vom 3. 12. 1940 wurde notiert: „Nach kurzer
Behandlung der Notwendigkeit, Betriebsstoff zu sparen und alle vermeidbaren
Fahrten mit Dienstkraftwagen zu unterlassen, wurde ein ausführlicher Bericht zur
80 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Cesamtlage, entsprechend den Ausführungen des Chef OKW gegenüber den Amts=
und Abteilungschefs gegeben. Wenn danach auch der Krieg grundsätzlich schon als
gewonnen anzusehen ist und der Sieg Deutschland nicht mehr entrissen werden
kann, so muß sich WiRüAmtRü doch in seiner Arbeit auf weitere Kriegführung bis
über das Jahr 1941 hinaus einstellen. Wie beim Abwägen sonstiger militärischer
Operationen muß auch für die Rüstung die ungünstigste Lage als Ausgang für alle
Überlegungen angenommen werden. Leider ist für die Arbeit auf lange Sicht in den
Grundfragen der Rüstung die klare Linie zu vermissen. Insbesondere ist die wün=
sehenswerte und erfolgsprechende Steuerung der Programmgestaltung durch OKW
nicht zu erreichen. Die Taktik des Lavierens, sowohl bei der Programmgestaltung,
als auch bei der Dringlichkeitseinstufung kann unmöglich zu dem erstrebenswerten
Nutzeffekt führen. Wenn trotzdem Optimismus auch in Bezug auf die weiteren
rüstungswirtschaftlichen Arbeiten angebracht ist, so nur im Hinblick auf die bis=
herigen Erfolge. Es wird daher auch in Zukunft trotz der sehr dehnbaren Abma=
chungen mit dem Mun.Min., mit dessen starker politischer Resonanz beim Führer
gerechnet werden muß, positive Arbeit geleistet werden. Es darf nicht vergessen
werden, daß alles, was bisher erreicht ist, von uns, d. h. von der Wehrmacht geleistet
ist. Die Anforderungen an die Arbeitskraft aller Beteiligten werden vollauf gewürdigt.
Reibungen und Schwierigkeiten sind nicht durch die Bearbeitung im Amt oder bei
Rü entstanden, sondern dadurch, daß die operative Führung die Programme der
Rüstungswirtschaft aufoktroyiert hat. Bezüglich der Schwierigkeiten der Gestaltung
der Sonderstufe ist festzustellen, daß als fraglos hineingehörig alles das anzusehen
ist, was für den Luftkrieg gegen England und zur Fertigung auf dem Gebiet der U=
Boote, Torpedos und Torpedorohre und der Panzerwagen gehört. Die Ausführungs=
bestimmungen zum Göringerlaß kommen wegen Einspruch zweiter WT noch nicht in
Anwendung. Es bleibt vorläufig bei dem früheren Göring=Erlaß und den Durch=
führungsbestimmungen.
Der Chef OKW zeigt seit einiger Zeit besonderes Interesse für die rüstungswirU
schaftlichen Arbeiten. Es ist daher besonders wichtig, den Chef OKW fortlaufend zu
unterrichten. Der Form nach ist diese Unterrichtung anders abzufassen als etwa die
Kriegstagebuchbeiträge oder die Wochenberichte. Der Chef OKW soll Unterrichtung
über das, was geschieht, erhalten, die Wochenberichte sollen chronologisch wieder=
geben, was geschehen ist, die Kriegstagebuchbeiträge die Zusammenhänge dessen,
was geschehen ist und geschieht, aufzeigen. Alle drei Arten von Berichten sind von
Wichtigkeit, die Mehrarbeit, die durch sie entsteht, muß unbedingt getragen werden.
Im übrigen geht aus den Denkschriften, die auf Grund früherer Berichte und Beiträge
bereits zusammengestellt sind, hervor, daß der tragende Teil bei den Arbeiten des
Amtes die Rüstungswirtschaftliche Abteilung ist. Dies hat eine Arbeitsbelastung zur
Folge, die erheblich über die anderer Abteilungen hinausgeht, was sich auch durch
unvermeidbare längere Arbeitszeit ausdrückt.
Abschließend ist festzustellen, daß die Gesamtlage und die Erfolge der Arbeiten
von Rü zu Optimismus das Recht geben."
Über den „Stand der Rüstung" im Dezember 1940 unterrichtete eine Aufzeich=
nung im KTB vom 17. 12. :
1. „In der Besprechung beim Amtschef am 18. 11. 40 wurde RWiM dargelegt, daß
in Verfolg der Verfügungen bezüglich „Dringlichkeit der Fertigungsprogramme" und
vor allem „Kennzeichnung der Dringlichkeit der Aufträge" (Rü Ia Nr. 6710/40 g und
13620/40 v. 20. 9. 40) starke Lähmungserscheinungen bei der Industrie sich bemerkbar
machen und daher die Verfügungen grundsätzlich geändert werden müssen.
2. Am 21. 11. 40 fand bei Chef Rü eine Aussprache mit den Referenten der WT
Beschaffungsämter statt, wobei diese über die seitens des Munitions= und Wirt=
81 E
A. Einführung
Schaftsministers geübte Kritik an der bisherigen Auftragsgebarung für Wehrmacht^
lieferungen unterrichtet und um Stellungnahme ersucht wurden.
3. Dabei kam klar zum Ausdruck, daß wohl in einigen Fällen ein Mißbrauch bzw.
eine Überschreitung der Verfügungen bei den Beschaffungsstellen stattgefunden hat,
daß aber die Grundursache in der zu geringen Menschendecke zu suchen sei. Dies
hatte auch das Wettrennen der Beschaffungsstellen um die höhere Dringlichkeits=
einstufung zur Folge. Es kam klar zum Ausdruck, daß die Gesamtprogramme sowohl
des unmittelbaren, als auch des mittelbaren Wehrmachtsektors einfach nicht neben=
einander und zu den vorgesehenen Fristen erfüllt werden können, da sie die Lei=
stungsfähigkeit der deutschen Industrie selbst unter Berücksichtigung der bereits
weitgehenden Heranziehung der Kapazitäten des besetzten Gebietes bei weitem
überschreiten. Es wurde daher von WiRüAmt im Einverständnis mit den WT vor=
geschlagen, daß dem Führer in einem gemeinsamen Vortrage durch Chef OKW und
die Oberbefehlshaber der WT, sowie Reichsmin. für Bewaffnung und Munition die
derzeitige Lage geschildert werde mit der Bitte, die Gesamtprogramme auf das
wirklich tragbare Maß zu reduzieren.
4. Anläßlich des am 21. 11. 40 durch Generalfeldmarschall Keitel, Generaloberst
Fromm und Minister Todt beim Führer gehaltenen Vortrages hat dieser sich auf
Grund der schwierigen Arbeitseinsatzlage damit einverstanden erklärt, daß überall
da, wo die Bevorratung, der geringe Verbrauch und die taktische Lage es ermöglichen,
die gestellten Termine hinausgeschoben werden. Grundsätzlich solle aber an dem
Umfang der Programme selbst nichts geändert werden.
Reichsmin. Todt unterrichtete am 22. 11. 30 persönlich WiRüAmt/General Stud,
WaJRü Mun.Oberst Henrici über den Inhalt der Führerausführungen (siehe Akten=
notiz Rü IIa vom 22. 11. 40, Anlage 2). Am 23. xi. 40 traf dann bei WiRüAmt noch
eine schriftliche Aktennotiz über den Inhalt der Führerbesprechung von Min. Todt
ein, der gleichzeitig Untersuchungen und Meldungen über die Auftragsverlagerung
in die besetzten Gebiete verlangte.
5. Rü hat daraufhin eine Verfügung ausgearbeitet, durch die die WT angehalten
werden sollten, eine eingehende Revision ihrer Auftragsvergabe durchzuführen mit
dem Ziel, den Gesamtauftragsbestand in Übereinstimmung zu bringen mit den
tatsächlich vorhandenen Kapazitäten, Rohstoffen und Arbeitskräften und gleich=
zeitig bekannt zu geben, welche Fertigungen im Hinblick auf die schwierige Arbeits*
einsatzlage und die Unmöglichkeit, die gesamten Programme fristgerecht fertigzu=
stellen, herabgesetzt oder aber in der Lieferfrist hinausgeschoben werden können.
Diese Feststellungen sollten als Unterlagen für den beabsichtigten Vortrag der Ober=
befehlshaber der WT beim Führer dienen. Dieses Schreiben ist jedoch nicht ausge=
laufen, da mittlerweile andere Überlegungen Platz griffen.
6. Um dem Chef OKW das Material an die Hand zu geben für eine Aussprache
mit den Chefs der Beschaffungsstellen wurde eine Vortragsnotiz vom 30. 11. 40 aus=
gearbeitet, worin nicht nur die derzeitige schwierige Lage dargelegt war, sondern
auch Vorschläge unterbreitet wurden, wie eine Steuerung der Aufträge von seiten
der Rohstoffzuteilung zweckmäßig erfolgen sollte. In einer Verfügung an die Chefs
der Beschaffungsstellen war dieser Vorschlag entsprechend zusammengefaßt.
Am 2. 12. 40 fand durch Amtschef, Chef Rü und Chef Ro eine eingehende Be=
sprechung bei Chef OKW über diese Lage und die daraus zu ziehenden Folgerungen
und vom WiRüAmt gemachten Vorschläge statt. Chef OKW konnte sich nicht zu
diesen Vorschlägen verstehen, so daß die Verfügung an die WT nicht ausgelaufen
ist. Er entwickelte seinen Standpunkt dahin, daß dem Wettrennen der WT nach der
höheren Dringlichkeit, vor allem nach der Sonderstufe, und den dadurch gezeigten
Schwierigkeiten und Mißständen am besten begegnet würde, indem man den Um«
fang der Sonderstufen=Fertigungen auf den im Führer=Erlaß vom 20. 8. 40 festge=
82 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939 — 1941
legten Rahmen zurückführe, d. h. also, daß eine Zurückstufung aller jener Aufträge
vorgenommen werden müsse, die nicht unter die damals angegebenen Programme
fallen und inzwischen nachträglich eingestuft wurden. Damit sollten auch alle z. Z.
vorliegenden Anträge der WT auf Neuhereinnahme von Fertigungen in die Sonder=
stufe ihre Erledigung gefunden haben. Chef OKW hat seine endgültige Entscheidung
für so bald wie möglich in Aussicht gestellt.
7. Zu der Vortragsnotiz für Chef OKW vom 30. 11. 40 wurde auch seitens WFSt/L
Stellung genommen. In einem Aktenvermerk von General Jodl wird dargelegt, daß
als Folgerung der vorhandenen Schwierigkeiten z. Z. nur die für die Kriegführung
gegen England wichtigsten Programme unter allen Umständen fristgerecht ausge=
führt werden müssen, und zwar
a) U=Boote, Minen,leichte Seestreitkräfte, Bomber und Abwurf=Munition,
b) alles zur Verstärkung der Luftverteidigung Notwendige: Jäger, Flak=Geschütze,
Scheinwerfer, Kommandogerät und Flak=Munition,
c) erst an dritter Stelle schwere Seestreitkräfte, Aufklärer pp. und schließlich alle
vordringlichen Forderungen des Heeres. "
Zur Frage der deutschen Wehrwirtschaft 1939—1941 teilte Gen. a. D. A.
Winter dem Bearbeiter des KTB noch ergänzend folgendes mit 26 :
Bei Kriegsbeginn war der Einfluß des OKW auf die Führung der Gesamt»
Wirtschaft und auf die industrielle Planung gering. Diese Tatsache wurde noch
unterstrichen durch die Bildung des „Ministerrats für die Reichsverteidigung",
wodurch praktisch die Bearbeitung der Aufgaben der Reichsverteidigung vom
RVA unter Vorsitz des Chefs OKW auf den Ministerrat für die Reichsvertei=
digung unter Vorsitz von Göring verlagert wurde. Die Aufgaben von WStb
(Wehrwirtschaftsamt) wurden darüberhinaus auf folgenden Gründen noch
erheblich erschwert:
a) In der regionalen Beschaffungsorganisation begannen die zu „Reichsver=
teidigungskommissaren" ernannten Gauleiter, denen jeder Überblick über
die militärischen Notwendigkeiten fehlte und deren Orientierung auf dem
politischen Weg erfolgte, in die Führung der Rüstungsindustrie einzugreifen
und die schon vorher nicht klare Rüstungsführung noch mehr zu kompli=
zieren.
b) Das Recht zur Ernennung der von WStb geschaffenen Wehrwirtschafts=
führer ging auf Göring über.
c) Die von WStb vorbereitete Mobilmachung der Rüstungsindustrie wurde
nur zögernd ausgelöst und die Gesamtwirtschaft wurde auf ihre Aufgaben
in einem totalen Krieg nicht ausreichend eingestellt oder gar umgestellt.
d) Die Außenorganisationen des GBW (Gen.=Bevollmächtigter für die Wirt=
schaff) war — im Gegensatz zu der voll arbeitsfähigen Organisation des
WStb — weder personell noch ausbildungsmäßig ausreichend vorbereitet.
Hitler lehnte die nach Ansicht der militärischen Stellen für einen Anlauf der
Kriegsindustrie unbedingt erforderlichen Maßnahmen und eine Zielsetzung
26 Nach einer Mitteilung von Herrn Gen.d.Geb.Tr. a.D. August Winter vom 15. 2.
1964 an den Bearbeiter.
83 E
A. Einführung
und Planung auf weite Sicht ab. Weder OKW/WStb noch der an einem
schnellen Ablauf seiner Rüstungsindustrie besonders interessierte Ober=
befehlshaber des Heeres konnten sich durchsetzen; sie fanden beim Chef OKW
keine Unterstützung ihrer Forderungen. Erst Ende 1939 wurden die für den
Kriegsfall vorgesehenen Fertigungsprogramme der Wehrmacht, die von WStb
in ein Fertigungsprogramm für die Erzeugung des gesamten Materials des
Heeres und für alles Material der gleichen Art für Luftwaffe und Kriegsmarine,
in ein Luftwaffenprogramm und in ein Marineprogramm zusammengefaßt
waren, voll in Kraft gesetzt. Die Umstellung der Gesamtwirtschaft auf den
Krieg wurde aber auch dann noch nicht befohlen, im Gegenteil blieb infolge
halber Maßnahmen des GBW die Masse der Wirtschaft bei ihrer Friedens=
Produktion. Unzählige Versuche des WStb hierin eine Änderung herbeizu=
führen, waren fruchtlos, da auch Göring und der GBW die von WStb gefor=
derte systematische Wirtschaftsplanung auf weite Sicht ablehnten.
Den einzigen Fortschritt, den WStb in dieser Beziehung erreichen konnte,
war Ende November 1939 ein Erlaß Görings, in dem Richtlinien zur Zusammen=
fassung aller Kräfte zur Steigerung der Rüstung gegeben wurden. Die For=
derungen von WStb wurden damit wenigstens teilweise erfüllt. Unmittelbar
darauf traf dann Göring auch noch eine grundlegende Organisationsänderung
in der Gesamtlenkung der Wirtschaft, um die Überschneidungen der Aufgaben=
gebiete des GBW und des Vierjahresplanes zu bereinigen. Er übernahm selbst
die Führung der Gesamtwirtschaft und beschränkte den GBW auf die Ange=
legenheiten des Reichswirtschaftsministeriums und der Reichsbank. Der Chef
WStb wurde gleichzeitig in den Generalrat des Vier jahresplanes berufen, seine
Stellung und Aufgaben änderten sich damit aber nicht.
So hatte der Krieg auf dem Rüstungsgebiet mit Improvisationen begonnen,
die den zu stellenden Forderungen nicht gerecht werden konnten. Die mili=
tärischen Stellen und die Industrie haben darunter gleichermaßen gelitten.
Neben den oben angeführten Anzeichen für die Absicht, den Einfluß der
Wehrmacht auf die wirtschaftliche Führung einzuschränken und einer politi=
sehen Kontrolle zu unterwerfen, war die für die Zukunft entscheidenste Folge
des durch die NichtUmstellung der Wirtschaft bedingten langsamen Anlaufens
der Rüstungsindustrie, daß Hitler die Schuld hierfür in einem Versagen von
WStb (ab Ende 1939 „Wehrwirtschafts= und Rüstungsamt" — WiRü — ) suchte.
In dieser Anfangszeit des Krieges legten die Wehrmachtteile ihren Bedarf
an Rohmaterial an OKW/WiRü vor, das die Forderungen gegenüber dem GBW
vertrat und mit ihm eine Übereinkunft für die der Wehrmacht aus der Gesamt=
fertigung zufallenden Kontingente traf. Bei Nichteinigung zwischen OKW und
GBW — was meist der Fall war — oblag Göring die Entscheidung. Die Vertei=
lung dieser Kontingente auf die Wehrmachtteile entschied dann Chef OKW
nach Vorschlag WiRü.
Mit Fortschreiten des Krieges aber leiteten die Wehrmachtteile ihre Rü=
stungsprogramme mehr und mehr selbständig und holten sich durch ihre Ober=
84 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
befehlshaber bei Hitler, der sich immer mehr mit Einzelheiten der Rüstung
befaßte, unmittelbar die erforderlichen Entscheidungen bzw. erhielten von ihm
ihre Befehle ohne vorherige Rücksprache mit Chef OKW oder WiRü. Göring
insbesondere lehnte jede Bevormundung seiner Luftwaffe durch OKW ab und
vergab seine Fertigungen an die Industrie ohne Zusammenarbeit mit WiRü.
Dazu kamen Änderungen der noch im Anlaufen befindlichen Rüstungs=
Programme, die Störungen hervorriefen. Überbelegungen der Industrie und
Unstetigkeit in der Arbeit der Fabriken waren die Folge dieser Planlosigkeit,
gegen die WiRü und R.Wi.Min. vergebens ankämpften. Zwischen den Wehr=
machtsteilen setzte bereits jetzt ein Kampf um Kontingente, Arbeitskräfte und
Kapazitäten ein, der sich mehr und mehr verstärkte. Die Versuche von WiRü,
in die Auftragserteilungen der Wehrmachtteile an die Industrie Ordnung und
Übersicht zu bringen, schlugen fehl und WiRü konnte in dieser Zeit die Be=
dürfnisse der Wehrmachtteile praktisch nur noch in der regionalen Ebene durch
die Wehrwirtschafts= und Rüstungsinspektionen aufeinander und mit der
übrigen Wirtschaft abzustimmen versuchen.
Infolge des langsamen Anlaufens der Rüstungsindustrie hatte Hitler schon
Anfang 1940 das Vertrauen zu den mit der Steuerung der Rüstungsindustrie
beauftragten Stellen des OKW und des Heeres (um die Rüstung der anderen
Wehrmachtteile bekümmerte sich Hitler zunächst wenig) verloren. Er ernannte
deshalb, als die ersten Heeresprogramme auf weite Sicht — insbesondere auf
dem Munitionsgebiet — durchgeführt werden sollten T o d t zum „Reichs=
minister für Bewaffnung und Munition" mit dem besonderen Auftrag, die
Fertigung des Heeres an Munition durch entsprechende Rationalisierungsmaß=
nahmen zu forcieren und beträchtlich zu steigern. Todt erhielt unmittelbares
Weisungsrecht an das Heereswaffenamt und noch im Frühjahr 1940 wurde sein
Auftrag auf Waffen und Panzer erweitert. Das damit zum Ausdruck gebrachte
Mißtrauen Hitlers wurde von WiRü, vom Chef OKW und OKH schwer emp=
funden.
Von Todt wurden die ersten grundsätzlichen Maßnahmen zur Rationalisie=
rung der Rüstungsindustrie des Heeres eingeleitet und die Organisation der
„Selbst Verantwortung der Industrie" geschaffen. Auf diese Weise bekam Todt
allmählich vermehrten Einfluß auf die Wirtschaftsführung und wurde Hitlers
Hauptberater in Rüstungsfragen, was durch die bis Mitte 1941 tatsächlich ein=
tretende Verbesserung der Rüstungslage des Heeres noch unterstrichen wurde.
Grundsätzliche Maßnahmen einer einheitlichen Gesamtplanung auf weite
Sicht — auch hinsichtlich der Arbeitskräfte — führte Todt jedoch trotz mehr=
facher Anstöße durch WiRü nicht durch. Er stand solchen Plänen zunächst ab=
lehnend gegenüber.
WiRü behielt auch während dieses Zeitabschnittes nominell seine bisherigen
Aufgaben, sein Einfluß auf die Steuerung der Rüstungsindustrie ging aber be=
ständig zurück und der Chef OKW wurde von Hitler mehr und mehr über=
gangen. Dagegen erweiterten sich in dieser Zeit die Aufgaben von WiRü auf
85 E
A. Einführung
dem wehrwirtschaftlichen Gebiet erheblich. Schon kurz nach Beendigung des
Frankreichfeldzuges hatte WiRü seine Außenorganisation zur Entlastung der
deutschen Kriegswirtschaft auf die neubesetzten Westgebiete ausgedehnt und
vom Reichswirtschaftsminister die planmäßige Ausnutzung dieser Gebiete ge=
fordert. Auch Auftragsverlagerungen der Rüstungsindustrie zur Entlastung der
eigenen Fertigungsstätten und zur Steigerung der Rüstungsleistungen wurden
von da ab von WiRü laufend veranlaßt. Ebenso wurden im Frühjahr 1941 die
Wirtschaftsorganisationen von WiRü auf den Balkan ausgedehnt, wo die
jugoslawischen Rohstoffquellen für die Versorgung der deutschen Rüstungs=
Wirtschaft von großer Bedeutung werden konnten. Daneben führte die Ver=
Iagerung von Rüstungsaufträgen in das verbündete und neutrale Ausland ab
Ende 1940 zur Schaffung von wehrwirtschaftlichen Dienststellen des OKW/
WiRü in Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Schweiz, Schweden, Slowakei, Finn=
land und Italien. Diese Dienststellen waren nicht nur für Auftragsverlagerun=
gen von großer Bedeutung, sondern wurden allmählich auch für die deutschen
Kriegsgerätlieferungen zum Bindeglied zwischen Deutschland und den be=
treffenden Staaten.
Über diese Maßnahmen hinaus wurde im Frühjahr 1941 auf Grund der
Erfahrungen in den vergangenen Feldzügen für den Rußlandfeldzug eine
Wehrwirtschaftsorganisation im Rahmen des Vier jahresplanes vorbereitet, in
der unter einem „Wirtschaftsstab Ost" neben der Wehrwirtschaft auch alle
anderen Wirtschaftszweige (Landwirtschaft, Forstwirtschaft, gewerbliche Wirt=
schaft, Handel, Arbeitseinsatz usw.) zusammengefaßt wurden. Die Vorarbeiten
hierfür leistete WiRü.
Beeinflußt durch die schnellen Erfolge in Polen, Frankreich und auf dem
Balkan waren Hitler und die ausschlaggebenden Persönlichkeiten der Wehr=
machtführung nach den ersten gewaltigen Siegen in Rußland Mitte 1941 der
Auffassung, daß auch der russische Feldzug schnell beendet werden würde.
Auf Grund dieser Fehlbeurteilung der Lage wurde im Spätsommer 1941 trotz
der Proteste des Oberbefehlshabers des Heeres die Heeresrüstung zu Gunsten
der Luftwaffe und der Kriegsmarine erheblich gedrosselt. Nach der „Führer=
Weisung" sollte der Schwerpunkt der Rüstung auf die in großem Umfange zu
verstärkende Luftwaffe übergehen, während die Rüstung der Kriegsmarine
scharf auf diejenigen Maßnahmen zusammengefaßt werden sollte, die der
Kriegführung gegen England und Amerika dienten. Beim Heer sollte im Rah=
men einer starken Verminderung seiner Stärke eine beträchtliche Vermehrung
der Panzerwaffe erfolge. Im Zuge der auf Grund dieser Weisung notwendigen
Neuregelung der Auftragsverteilung an die Rüstungsindustrie ging trotz mehr=
fachen Eingreifens von WiRü der Kampf zwischen den Wehrmachtteilen um
Rohstoffe, Arbeiter und Kapazitäten unvermindert weiter. Eine grundsätzliche
Besserung oder Ordnung in das Beschaffungssystem der Wehrmachtteile zu
bringen, gelang WiRü trotz verschiedenster Maßnahmen nicht. Erst Anfang
1942, als nach der Winterkrise im Osten der obersten Führung plötzlich wieder
86 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 193g — 1941
besondere Maßnahmen zur Förderung der Gesarafrüstung erforderlich erschie=
nen, wurde auch ein grundsätzlicher Wandel in der Führung der Kriegswirt=
schaft eingeleitet.
Über die „Kräftebilanz Deutschlands" in den Jahren 1939—1944 gibt die
nachfolgende Übersicht Auskunft 27 .
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1939
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1940
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34/8
1/2
5/7 0,1
5/6
40/5
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41/6
1941
19,0
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33/i
3/0
7/4 0,2
7/2
40/5
36,1
43/3
1942
16,9
14/4
3i/3
4/2
9/4 0,8
8,6
40,7
35/5
44/1
1943
T-5,5
14/8
30/3
6,3
11,2 1,7
9/5
41/5
36,6
46,1
1944
14,2
14/8
29,0
7A
12,4 3/3
9/1
4i/4
36,1
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1944 *
13,5
14/9
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7/5
13/0 3/9
9/1
4i/4
35,9
45/0
1 30.9-
4. Phase:
Auf dem Weg zum „Großgermanischen Reich":
Der Feldzug gegen die Sowjetunion
a) Mit dem im Spätherbst 1940 anlaufenden Aufmarsch „Barbarossa" (Feld=
zug gegen die Sowjetunion) vollzog sich der angedeutete qualitative Umschlag
des Krieges. Von diesem Zeitpunkt ab konzentrierte Hitler die politischen, wirt=
schaftlichen und militärischen Anstrengungen Deutschlands zunächst ganz auf
dieses eine große Ziel, das zu erreichen ihm, — wie das Zerschlagen des gordi=
sehen Knotens — die Lösung der noch schwebenden und der wichtigsten zu=
künftigen Probleme seiner Zeit verheißen mochte: die indirekte Bekämpfung
Englands, die Vernichtung des Bolschewismus, — damit zugleich die Aus=
Schaltung des ideologischen Gegners und erpresserischen Konkurrenten — , die
Gewinnung von „Lebensraum" im Osten mit den notwendigen Rohstoffvor=
kommen und die Beendigung des Krieges (allgemein rechnete die deutsche
Wehrmachtführung mit einem Feldzug von 3—5 Monaten), bevor die USA in
den Konflikt auf dem europäischen Kontinent eingreifen konnten 1 . Die Ko=
27 Vgl. Die deutsche Industrie im Kriege, a. a. O. (s. S. 28 E), S. 139.
1 Vgl. Anm. 1, S. 103 E.
87 E
A. Einführung
lonialpläne traten damit wieder in den Hintergrund. Ende Juni 1941 erklärte
Hitler dem Chef des Genst. d. Heeres, Generaloberst Halder: Deutschlands
zukünftige Aufgaben seien betont kontinental, freilich unbeschadet der An=
sprüche auf ein Kolonialreich, das Togo und Kamerun, einschl. Belgisch=Kongo
umfassen könne. Schließlich bestärkte der Verlauf des Ostfeldzuges Hitler
mehr und mehr in seinen alten Vorstellungen, daß „Kolonien ein fraglicher
Besitz" seien; hingegen könne die russische Erde Deutschland niemand streitig
machen 2 .
Nach allen bis heute vorliegenden Zeugnissen ist aber festzuhalten: der
seit Juli 1940 geplante und im Juni 1941 ausgelöste deutsche Angriff gegen die
Sowjetunion war kein Präventivkrieg; Hitlers Entschluß zur Offensive ent=
sprang nicht der tiefen Sorge vor einem drohenden, bevorstehenden sowjeti=
sehen Angriff, sondern war letzten Endes Ausdruck seiner Aggressionspolitik,
wie sie seit 1938 immer deutlicher zum Ausdruck gekommen war.
Bereits im Juli ig40 z hatte Hitler in seinen Besprechungen mit den Spitzen
des Heeres, seine weitgesteckten Kriegsziele im Osten angedeutet: Ein gewisser
Raumgewinn allein genüge nicht, so hatte er ausgeführt, der russische Staat
müsse „schwer zerschlagen" und mehrere Teilreiche (wie Ukraine, Baltischer
Staatenbund und Weißrußland) gebildet werden. Der Ostfeldzug würde seinen
Abschluß mit dem Erreichen etwa der Wolga finden, von wo aus Raids zur Zer=
Störung weiter entfernt liegender Rüstungsanlagen unternommen werden
müßten. Es würden alsdann neue Pufferstaaten (Ukraine, Weißrußland,
Litauen, Lettland) errichtet und Rumänien, das Generalgouvernement und
Finnland vergrößert werden; etwa 60. Div. müßten im Osten verbleiben
(5. 12. 40).
Einige Wochen später erklärte Hitler seiner engsten militärischen Um=
gebung:
„Der russische Riesenraum berge unermeßliche Reichtümer. Deutschland
müsse ihn wirtschaftlich und politisch beherrschen, jedoch nicht angliedern.
Damit verfüge es über alle Möglichkeiten, in Zukunft auch den Kampf gegen
Kontinente zu führen; es könne dann von niemand mehr geschlagen werden.
Wenn diese Operation durchgeführt würde, werde Europa den Atem anhalten".
(9. 1. 41).
Unter dem Hinweis, daß die „Entscheidung über die europäische Hegemonie"
im Kampfe „gegen Rußland falle" 4 , und daß dazu der günstigste Zeitpunkt aus=
genützt werden müsse, ließ Hitler Ende 1940 alle Vorbereitungen zu einem
Kampf mit einem Gegner treffen, dessen „Menschen" er für „minderwertig"
hielt und dessen Schicksal nach den Ausführungen Himmlers über die Behand=
2 Vgl. Halder=Tagebuch, a. a. O. (Anm. 5, S. 44 E), Bd. III, S. 29 v. 30. 6. 1941.
3 Vgl. die Eintragungen des Chefs des Genst.d.H., Gen.Oberst Halder, im Juli 1940:
Bd. II, a. a. O. (s. Anm. 5, S. 44 E).
4 Ebd., Bd. II, S. 227.
88 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
lung von Fremdvölkischen im Osten (1940) das eines „führerlosen Arbeits=
Volkes" sein sollte 5 .
Diese Absichten gab Hitler wahrscheinlich zum ersten Mal im März 1941
vor einem größeren Kreis von Partei und Wehrmacht (vor allem OKW und
OKH) bekannt.
In einer fast 2V2 stündigen Ansprache vor den Generalen aller Wehrmachts=
teile faßte Hitler am 30. März 1941 seine zukünftige ideologische Konzeption
gegenüber Rußland scharf zusammen. Ausgehend von einem „vernichtenden
Urteil über (den) Bolschewismus", den er als asoziales Verbrechertum kenn=
zeichnete, bedeutete er, daß der Kommunismus eine ungeheure Gefahr für die
Zukunft darstelle. „Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kame=
radentums abrücken", denn der Kommunist sei „vorher kein Kamerad und
nachher kein Kamerad". Es handele sich um einen Vernichtungskampf. Würde
Deutschland diesen Krieg nicht so aufassen, dann würde der Feind zwar
geschlagen, aber in 30 Jahren werde der kommunistische Feind Deutschland
erneut gegenüberstehen. „Wir führen nicht Krieg um den Feind zu konser=
vieren", erklärte Hitler. Dieser Kampf werde sich wesentlich von dem Kampf
im Westen unterscheiden; im Osten sei „Härte mild für die Zukunft" 6 . —
Ähnlich äußerte er sich noch einmal wenige Tage vor Beginn des Unternehmens
„Barbarossa" am 14. 6. 1941.
Aber im Grunde wollten Hitler und seine engsten politischen Berater im
Osten keineswegs „stalinfreie Republiken" unter deutschem Mandat schaffen;
auch dachten sie gar nicht daran, die besetzten Gebiete bis zum Ural wieder
abzutreten. Vielmehr wollten sie diese als „Lebensraum" rücksichtslos „beherr=
sehen, verwalten und ausbeuten". Goebbels proklamierte den „Aufbruch
Gesamteuropas gegen den Bolschewismus" und Hitler zum „Heerführer"
Europas 7 .
Hitler legte die Grundzüge der nationalsozialistischen Besatzungspolitik in
Rußland am 16. 7. 1941 wie folgt fest 8 :
„Wesentlich sei es nun, daß wir unsere Zielsetzung nicht vor der ganzen Welt
bekanntgäben; dies sei auch nicht notwendig, sondern die Hauptsache sei, daß wir
selbst wüßten, was wir wollen. Keinesfalls solle durch überflüssige Erklärungen
unser eigener Weg erschwert werden. Derartige Erklärungen seien überflüssig, denn
soweit unsere Macht reiche, könnten wir alles tun und was außerhalb unserer
Macht liege, könnten wir ohnehin nicht tun.
Die Motivierung unserer Schritte vor der Welt müsse sich also nach taktischen
Gesichtspunkten richten. Wir müßten hier genau so vorgehen, wie in den Fällen
Norwegen, Dänemark, Holland und Belgien. Auch in diesen Fällen hätten wir nichts
über unsere Ansichten gesagt, und wir würden dies auch weiterhin klugerweise nicht
tun.
5 Vgl. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1957, S. 194 ff.
6 Vgl. Eintragung Halders in sein KTB vom 30. 3. 1941, Bd. II, a. a. O.
7 Vgl. die Aufrufe, in: Jacobsen, Der Zweite Weltkrieg, a. a. O. (S. 1, Anm. 43 E),
S. 112 ff. (Antonescu und Arrese).
8 Vgl. Nürnberger Dok. (IMT) L=22i.
80 E
A. Einführung
Wir werden also wieder betonen, daß wir gezwungen waren, ein Gebiet zu
besetzen, zu ordnen und zu sichern; im Interesse der Landeseinwohner müßten wii
für Ruhe, Ernährung, Verkehr usw. sorgen; deshalb unsere Regelung. Es soll also
nicht erkennbar sein, daß sich damit eine endgültige Regelung anbahnt! Alle not=
wendigen Maßnahmen — Erschießen, Aussiedeln etc. — tun wir trotzdem und können
wir trotzdem tun.
Wir wollen uns aber nicht irgendwelche Leute vorzeitig und unnötig zu Feinden
machen. Wir tun also lediglich so, als ob wir ein Mandat ausüben wollten. Uns
muß aber dabei klar sein, daß wir aus diesen Gebieten nie wieder herauskommen.
Demgemäß handelt es sich darum :
1. Nichts für die endgültige Regelung zu verbauen, sondern diese unter der Hand
vorzubereiten;
2. wir betonen, daß wir die Bringer der Freiheit wären.
Im einzelnen:
Die Krim muß von allen Fremden geräumt und deutsch besiedelt werden.
Ebenso wird das alt=österreichische Galizien Reichsgebiet.
Jetzt ist unser Verhältnis zu Rumänien gut, aber man weiß nicht, wie künftig zu
jeder Zeit unser Verhältnis sein wird. Darauf haben wir uns einzustellen, und danach
haben wir unsere Grenzen einzurichten. Man soll sich nicht vom Wohlwollen anderer
abhängig machen; danach müssen wir unser Verhältnis zu Rumänien einrichten . . .
Die Bildung einer militärischen Macht westlich des Urals darf nie wieder in
Frage kommen und wenn wir hundert Jahre darüber Krieg führen müßten. Alle
Nachfolger des Führers müssen wissen: die Sicherheit des Reiches ist nur dann
gegeben, wenn westlich des Ural kein fremdes Militär existiert; den Schutz dieses
Raumes vor allen eventuellen Gefahren übernimmt Deutschland . . .
Keinesfalls dürfen wir eine Schaukelpolitik führen, wie dies vor 1918 im Elsaß
geschah. Was den Engländer auszeichnet, ist ein immer gleichmäßiges Verfolgen
einer Linie und eines Zieles! In dieser Hinsicht müssen wir unbedingt vom
Engländer lernen. Wir dürfen demgemäß unsere Stellungnahme auch nie abhängig
machen von einzelnen vorhandenen Persönlichkeiten; auch hier ist das Verhalten der
Engländer in Indien gegenüber den indischen Fürsten usw. ein Beispiel: Immer muß
der Soldat das Regime sicherstellen !
Aus den neugewonnenen Ostgebieten müssen wir einen Garten Eden machen; sie
sind für uns lebenswichtig; Kolonien spielen dagegen eine ganz untergeordnete
Rolle.
Auch wenn wir einzelne Gebietsteile jetzt schon abteilen, immer müssen wir als
Schützer des Rechts und der Bevölkerung vorgehen. Demgemäß seien die jetzt not=
wendigen Formulierungen zu wählen; wir sprechen nicht von einem neuen Reichs»
gebiet, sondern von einer durch den Krieg notwendigen Aufgabe . . ."
Himmler lehnte jede Rücksichtnahme auf die Gefühle und Lebensweise
der Russen als sentimentale Gefühlsduselei ab. Der Reichsführer SS faßte
dies in dem Satz zusammen: 9 „ . . . Wie es Russen, Tschechen . . . geht, ist mir
total gleichgültig, ob sie im Wohlstand leben oder vor Hunger verrecken"
interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen,
anders interessiert mich das nicht". Nach dem sog. „Generalplan Ost" sollten
später fast 75°/o der slawischen Bevölkerung nach Sibirien ausgesiedelt werden;
dem zurückbleibenden Rest der „Fremd Völker" aber war ein Helotenschicksal
9 Vgl. Nürnberger Dok. PS=i9i9.
90 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
im Stile extremer imperialistischer Kolonialpolitik bestimmt. Gleichzeitig sollte
in den Ostgebieten eine großzügige „Siedlungspolitik" eingeleitet, deutsche
Volksgruppen und als Folge einer planmäßigen Rassenpoltik „Norweger,
Schweden, Dänen, Niederländer" angesiedelt werden.
In einer Zirkularnote des Reichsaußenministers v. Ribbentrop vom
26. 8. 1.941 an alle deutschen Vertretungen im Ausland (mit Ausnahme von
Tokio) hieß es, daß der Sieg über Rußland vor allem aus dreierlei Gründen
wichtig sei: 10
1. Durch die Eroberimg der Ukraine sei das Ernährungsproblem Deutschlands
„für alle Zukunft" gelöst;
2. durch die Besetzung Südrußlands seien die wichtigsten Rohstoffgebiete der
UdSSR in deutsche Hand gefallen. Damit habe sich die Lage der deutschen
Wehrwirtschaft wesentlich verbessert, und
3. indem Deutschland den Feind im Osten beseitigt und nunmehr keine Be=
drohung mehr im Rücken zu befürchten habe, könne es sich mit seinem
gesamten Wehrpotential dem letzten Gegner zuwenden: England.
Ende September 1941 bemerkte Hitler gegenüber Reichsminister Rosen=
berg 11 , daß eine unabhängige Ukraine für die nächsten Jahrzehnte nicht infrage
käme; er denke an ein deutsches Protektorat über die Ukraine etwa für die
nächsten 25 Jahre. Daß auch in diesem Falle, wie schon in den Jahren vorher,
Deutschlands Ziele gegenüber Rußland nicht konkret formuliert und postuliert
wurden, war auf die Verschleierungstaktik der nationalsozialistischen Führung
zurückzuführen; diese sollte zudem verhindern, daß die Feindmächte aus fest
umrissenen Kriegszielen politisches Kapital schlagen konnten.
Zweifellos war Hitlers Entschluß, die Sowjetunion anzugreifen und in einem
„schnellen Feldzug" niederzuwerfen, eine der verhängnisvollsten Zäsuren des
Zweiten Weltkrieges, ja der jüngsten Geschichte überhaupt. Einmal, weil der
Diktator nunmehr durch seine wahnwitzige politische Zielsetzung und den da=
durch in der Folgezeit bedingten Kampf an allen Fronten die deutsche Wehr=
macht vor unerfüllbare Aufgaben stellte und die militärische Katastrophe her=
aufbeschwor. Zum anderen, weil er mit diesem 22. 6. 1941 die drei großen
Welt= und Seemächte, Großbritannien, die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten, über die sie trennenden Gegensätze hinweg, zu jenem unlösbaren
militärischen Kriegsbündnis gegen Deutschland und seine Verbündeten zusam=
menschmiedete, das den europäischen Konflikt zu einem Weltkrieg ausweitete
und das erst zerbrach, als das Reich 1945 die bedingungslose Kapitulation
unterschrieben und der Sowjetkommunismus seinen Herrschaftsbereich bis zur
Elbe ausgedehnt hatte 12 .
10 Vgl. Documents on German Foreign Policy 1918 — 1945, Series D, vol. XIII,
Washington 1964, S. 389 ff.
11 Ebd., S. 597.
12 Vgl. hierzu: Feis, H., Churchill, Roosevelt, Stalin. The War they waged and the
Peace they sought, Princeton— London 1957.
91 E
A. Einführung
Seinen Bündnispartnern gegenüber deutete Hitler den Kampf im Osten
jedoch in erster Linie noch als große Auseinandersetzung zwischen dem
Kontinentalblock und den Seemächten um die Hegemonie in Europa. Vor den
Mitgliedern des Dreimächtepaktes dozierte er: „Eine Niederlage der Achse
würde das Ende Europas bedeuten. Daher seien alle Länder Kontinentaleuro=
pas daran interessiert, daß dieses Europa durch den Sieg Deutschlands auf=
rechterhalten bleibe 13 /'
Dem japanischen Außenminister Matsuoka gab Hitler Ende März 1941 zu
verstehen 14 , daß es das Ziel der deutschen Kriegführung in Europa sei, unter
allen Umständen die „britische Hegemonie" zu brechen, den britischen Einfluß
in Europa auszuschalten und jeden amerikanischen Versuch einer Einmischung
in Europa zurückzuweisen. „Weiterhin würde die Neuordnung des europäi=
sehen Kontinents als wesentlichstes Element die Beschränkung der Rechte und
Pflichten auf diejenigen mit sich bringen, die auf dem Kontinent lebten und alle
Länder ausschließen, die nur von außen hineinreden wollten, insbesondere
England und Amerika." Für diesen Kampf sei es besonders günstig, so betonte
Hitler, daß es „zwischen Japan und seinen Verbündeten keine Interessenkon=
flikte gebe. Deutschland, das seine Kolonialansprüche in Afrika befriedigen
würde, sei in Ostasien ebensowenig interessiert wie Japan in Europa. Dies sei
die beste Voraussetzung für die Zusammenarbeit zwischen einem japanischen
Ostasien und einem deutsch=italienischen Europa".
In seiner Unterredung mit dem italienischen Außenminister, Graf Ciano,
am 25. 10. 1941 hob Hitler als „bemerkenswert" für die Kämpfe im Osten her=
vor 15 , „daß sich zum ersten Male ein Gefühl europäischer Solidarität entwik=
kelt habe. Dies sei besonders für die Zukunft von großer Wichtigkeit. Eine
spätere Generation würde sich mit dem Problem Europa— Amerika auseinan=
derzusetzen haben. Es würde sich nicht mehr um Deutschland oder England,
um Faschismus, Nationalsozialismus oder entgegengesetzte Systeme handeln,
sondern um die gemeinsamen Interessen Gesamteuropas innerhalb des euro=
päischen Wirtschaftsgebietes mit seinen afrikanischen Ergänzungen".
Propagandistisch und zweckbestimmt, aber nicht minder auf schlußreich waren
Hitlers Ausführungen gegenüber dem französischen Admiral Darlan am 11. 5.
1941. U. a. resümierte er 16 :
Er wisse, daß „man in gewissen Kreisen die Hoffnungen hege, Deutschland
würde doch noch unterliegen. Selbst wenn dieser Fall etwa eintreten sollte, so
würde dies keinen Gewinn für Europa bedeuten, weil man heute mit den Ge=
13 Hitler in der Unterredung mit dem bulgarischen Min.Präsidenten Filoff am
4. 1. 1941 auf dem Obersalzberg (Photokopie aus dem Pol.Archiv des Ausw.Am*
tes, Bonn).
14 Unterredung Hitler Matsuoka am 27. 3. 1941 (wie Anm. 13).
15 Photokopie aus dem Pol.Archiv des Ausw.Amtes (25. 10. 1941 im H.Qu.).
16 Aus der Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und Admiral
Darlan auf dem Berghof am 11. 5. 1941 (Photokopie).
92 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
samtinteressen Europas rechnen müsse und in dem vorerwähnten Falle sicher
sein könne, daß der Besitzstand Europas in der Welt verlorenginge. Länder
wie Holland, Belgien, Portugal mit ihren großen Überseebesitzungen, selbst=
verständlich auch Frankreich mit seinem Kolonialreich und schließlich auch Eng=
land selbst würden viel mehr betroffen sein. Deutschland habe seit fast 20 Jah=
ren sein Leben kontinental ausgerichtet. Die deutsche Chemie würde sicherlich
das nötige tun, um die für das Reich notwendigen Stoffe, wie z. B. Gummi oder
andere Rohmaterialien, künstlich herzustellen. Außerdem habe sich Deutsch=
land in Europa seinen Lebensraum gesichert, so daß es selbst auf jeden Fall
durchhalten könne. Es handele sich aber nicht um das, was Deutschland verliere,
sondern um das, was Europa verliere. Unter diesem Gesichtspunkt verstehe er
(der Führer) nicht, daß sich irgendjemand darüber freuen könne, wenn ein
europäischer Staat, der heute der stärkste Repräsentant der Verteidigung der
Lebensinteressen Europas den außereuropäischen Interessen gegenüber sei, den
Krieg verlöre. Es entstehe ein amerikanischer Imperialismus, wobei daran erin=
nert werden müßte, daß Frankreich schon gewisse, in Amerika gelegene, Ge=
biete in früherer Zeit an die Vereinigten Staaten verloren habe. Jetzt könne es
geschehen, daß es auch noch afrikanische Gebiete an Amerika abgeben müsse.
Diejenigen Kreise in Frankreich, die immer noch auf England bauten, müßten
sich darüber klar sein, daß die Initiative nicht mehr bei Großbritannien, son=
dem bei Amerika liege. Wenn schon das kleine England einen so großen Appe=
tit entwickelt habe, daß es ein Viertel der Gebiete der Erde in sein Weltreich
aufgenommen hätte, wie groß würde dann erst der Landhunger der viel grö=
ßeren Vereinigten Staaten sein".
Zusammenfassend erklärte er, daß
1. „die Not in Europa nicht Deutschlands Schuld sei, sondern der Verantwor=
tung englischer und französischer Staatsmänner zur Last gelegt werden
müsse, die den Krieg begonnen hätten;
2. die Fortdauer des Notstandes in Europa sei ebenfalls nicht Deutschlands
Schuld;
3. für die Beseitigung dieses Notstandes, d. h. für die Beendigung des Krieges
tue Deutschland alles in seinen Kräften Stehende, indem es energisch gegen
England kämpfe. Es erhebe sich die Frage, was die anderen zur Erreichung
dieses Zieles täten.
Deutschland wolle nicht etwa Europa beherrschen und tyrannisieren. Als
Nationalist wolle er (der Führer) lediglich der deutsche Volksführer sein und
sein eigenes Volk kulturell und vor allem sozial entwickeln. Er lege keinen
Wert darauf, als großer Feldherr aufzutreten, so bekleide er auch in der Armee
keinerlei Rang und trage keinerlei Abzeichen, obgleich er der Oberstkomman=
dierende sei. Wenn der Frieden wieder hergestellt wäre, wolle er lediglich als
innerer Kolonisator und als sozialer Reformator wirken. Er kämpfe also tat=
sächlich um den Frieden und frage sich, was die anderen für die Erreichung
dieses Zieles täten ..."
93
A. Einführung
Auf die von Darlan wegen des französischen Kolonialreiches geäußerten Be=
sorgnisse, erwiderte Hitler, daß „er dem Marschall Petain bereits erklärt habe,
Deutschland hätte nicht die Absicht, das französische Kolonialreich zu zer=
stören. Auch anläßlich der Waffenstillstandsverhandlungen hätte man dies
deutscherseits durchblicken lassen, denn sonst hätten die Waffenstillstands=
bedingungen ganz anders ausgesehen. Deutschland fordere lediglich die Rück=
gäbe der deutschen Kolonien. Diese Forderung sei Frankreich bekannt und
berühre die Interessen seines Kolonialreiches nicht. Die Forderungen der Ver=
bündeten Deutschlands seien ebenfalls maßvoll. Laval gegenüber habe er be=
reits erklärt, daß die koloniale Rechnung dieses Krieges von den Engländern
bezahlt werden müsse. Deutschland jedenfalls stelle für das französische Kolo=
nialreich keine Bedrohung dar. Es habe sich Riesengebiete im Osten des Rei=
ches angegliedert, zu deren Entwicklung es 100 Jahre Zeit brauche ..."
Doch ungeachtet dieser propagandistischen Redensarten zeichnete sich be=
reits im Kriegsjahr 1941 das eigentlich große Kriegsziel Hitlers ab: Die
völlige rassische Neugestaltung des europäischen Kontinents nach den Ord=
nungs= und „Wert"=Prinzipien des Nationalsozialismus 17 .
Rosenberg gegenüber hatte Hitler davon schon am 9. 4. 1940 18 gesprochen,
als er im Hinblick auf die Besetzung Dänemarks und Norwegens bemerkte:
„So wie aus dem Jahre 1866 das Reich Bismarcks entstand, so wird aus dem
heutigen Tag das Großgermanische Reich entstehen." War bisher dieser Begriff
und die mit ihm verbundene Zielsetzung vage und verschwommen, so enthüllte
Hitler im April 1940 zum ersten Mal konkreter seine Absicht, mehrere „ger=
manische Völker" unter Führung Deutschlands in einem „Großreich" vereini=
gen zu wollen. Himmler führte am 28. 11. 1940 19 vor den Kreisleitern der
NSDAP aus: „Ich glaube unter deutscher Führung an die germanische Völker=
gemeinschaft mit eigener Sprache und Kultur dieser Völker, nicht aber daran,
daß etwa Norwegen, Schweden (!), Dänemark, Holland und evtl. weitere Ge=
biete wirtschaftlich, militärisch oder außenpolitisch tun und machen können,
was sie sollen."
Damit wurde schrittweise zugegeben, daß alle anderen angedeuteten Ziele
mehr oder weniger nur Teilziele, Etappen auf dem langen, aber konsequent
verfolgten Weg zum politischen Fernziel waren. Strategie und Taktik der
nationalsozialistischen Politik ergänzten sich dabei ganz im Sinne jener Ideen,
die Hitler schon in den zwanziger Jahren geäußert hatte. Daß die Zeit zur Ver=
wirklichung seiner lang und heimlich gehegten Pläne schneller heranreifte als
er ursprünglich angenommen hatte, war auf eine Reihe von Umständen im
Innern Deutschlands und in der internationalen Politik seit 1933 zurückzufüh=
ren, vor allem aber auf die Kette seiner anfänglichen ununterbrochenen „Blitz=
17 Vgl. Gruchmann, a. a. O. (Anm. 6, S. 26 E), S. 113 ff.
18 Vgl. Rosenberg— Tagebuch, a. a. O. (S. 24 E), S. 104.
19 Vgl. Anm. 17.
94 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
siege". Allerdings war Hitler seit Kriegsausbruch nicht mehr allein der Trei=
bende, sondern auch der Getriebene; die militärische Erfolgsserie riß ihn und
seine Politik Zug um Zug vorwärts; ein Zurück oder Halt gab es für ihn nicht
mehr, denn stets lautete seine Parole: alles oder nichts.
Daß dieser Krieg im übrigen auch ein „kompromißloser Kampf" gegen das
Judentum bedeutete, daran ließ Hitler zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel.
„Auf der politischen Ebene" handele es sich um eine Auseinandersetzung zwi=
sehen Deutschland und England, erläuterte er, auf der weltanschaulichen um
einen „Kampf zwischen dem Nationalsozialismus und dem Judentum" 20 .
b) Der Balkanfeldzug und die Unterstützung Italiens in Nordafrika im Früh=
jähr 1941 waren dem Leistungsvermögen der deutschen Wehrmacht in jeder
Hinsicht angepaßt. Das konnte man jedoch mit dem Angriff gegen die
Sowjetunion nicht mehr behaupten, wenn man berücksichtigt, daß Eng=
land als Gegner noch keineswegs ausgeschaltet war. Aber Hitler war überzeugt,
daß er die Sowjetunion in einem Blitzfeldzug niederwerfen könne, um sich dann
erneut gegen England zu wenden. Diese Überzeugung war einerseits auf die
erstaunlichen Erfolge der deutschen Wehrmacht bis zum Sommer 1941 zurück=
zuführen, die die Welt teils mit Bewunderung, teils mit wachsender Furcht ver=
folgt hatte, andererseits auf die völlige Unterschätzung der sowjetischen Wider*
stands= und Regenerationskraft nach den großen „Säuberungsaktionen" im
Offizierskorps 1936—1938 sowie auf die schwachen Leistungen der Roten
Armee im finnischen Winterkrieg 21 .
Hitlers Operationsplan (OKW=Weisung vom 18. 12. 40, Aufmarschanwei=
sung des OKH vom 31. 1. 1941 22 ) sah vor, die im westlichen Rußland auf=
marschierten Streitkräfte des Gegners unter Vortreiben starker Pz.=Keile
einzukesseln und zu vernichten, um schließlich eine Abwehrlinie zu erreichen,
aus der die sowjetische Luftwaffe dem deutschen Reichsgebiet nicht mehr
gefährlich werden konnte. Im Endergebnis sollte das asiatische vom euro=
päischen Rußland etwa auf der allgemeinen Linie Wolga— Archangelsk abge=
riegelt werden. Trotz der Verschiebung der Offensive um 5—6 Wochen durch
den Balkanfeldzug hoffte Hitler, noch vor Ausbruch des Winters Moskau und
das Donezbecken erobern zu können. Nach Schätzungen der Abteilung Fremde
Heere Ost (OKH) umfaßte die Rote Armee damals 158 kampfstarke Ver=
bände, denen 153 deutsche Divisionen (zusätzlich rd. 40 Divisionen der Ver=
bündeten) gegenüberstanden. Angesichts dieses Kräfteverhältnisses glaubte
die deutsche Wehrmacht, leichtes Spiel zu haben 23 (vgl. Chronik 1940/41: Auf=
marsch „Barbarossa").
20 Hitler in der Unterredung mit dem Großmufti von Jerusalem am 28. 11. 1941
(Photokopie aus dem Pol.Archiv des Ausw. Amtes, Bonn).
21 Vgl. hierzu den Aufsatz v. H. Uhlig, a. a. O. (S. 28 E, Anm. 34).
22 Hitlers Weisungen für die Kriegführung, a. a. O. (s. S. 49 E, Anm. 1), S. 84 ff.
23 Vgl. Uhlig, a. a. O. (S. 28 E, Anm. 34).
95 E
A. Einführung
Das OKH stand dem geplanten Unternehmen „Barbarossa" (Ostfeldzug)
zunächst skeptisch gegenüber. Bereits Ende Juli 1940 waren v. Brauchitsch und
Halder zu der Ansicht gekommen, „besser mit Rußland Freundschaft zu hal=
ten", da auch die Gefahr eines Zweifrontenkrieges schreckte. Nachdem Hitler
das OKH im Juli 1940 beauftragt hatte, die Vorbereitungen für einen Feldzug
zu treffen, vergingen aber fast sechs Monate, bevor v. Brauchitsch Hitler in der
Reichskanzlei (5. 12. 40) vortrug. Das war ein weiterer Beweis dafür, daß die
Entscheidung über den direkten oder indirekten Kampf gegen England bis da=
hin noch nicht gefallen war. Halder hat nach dem Kriege seine persönliche An=
sieht dahin zusammengefaßt: Er habe den Krieg mit Rußland für vermeidbar
gehalten. Wohl sei auch er davon überzeugt gewesen, daß es zu einem späteren
Zeitpunkt einmal zu einer Kraftprobe zwischen der Sowjetunion und Deutsche
land kommen könne, zumindest solange die UdSSR auf ihren ausgeprägten
Expansionsbestrebungen nach Westen bestand. Halder vertrat jedoch die An=
sieht, Deutschland sollte einen derartigen Waffengang nicht provozieren; schon
gar nicht, solange es unter der schweren Belastung eines Krieges gegen Groß=
britannien stand. Er sah die Alternative zu einem Angriff auf die Sowjetunion
nur darin, den russischen Expansionsdrang gegen den Balkan und die Türkei
abzulenken. Das mußte mit Sicherheit zu einer Auseinandersetzung zwischen
Rußland und Großbritannien führen, die das deutsch=englische Verhältnis ver=
ändern konnte.
Fraglos hatte das OKH bei mehreren sich bietenden Gelegenheiten Hitler
auf die Schwierigkeiten des Feldzuges aufmerksam gemacht. Halder hatte
v. Brauchitsch noch am 28. 1. 1941 nach dem „Sinn" des Feldzuges gefragt. Er
selbst glaubte, daß Deutschland damit weder England treffen noch seine Wirt=
schaftsbasis verbesserte. Er warnte vor dem Risiko im Westen, das man wäh=
rend der Operation im Osten eingehen müsse. Überdies befürchtete er den
Zusammenbruch Italiens nach dem Verlust seiner Kolonien und damit den
Aufbau einer „Zweiten Front" der Alliierten gegen Deutschland durch Spa=
nien, Italien und Griechenland. Eine ähnliche Auffassung teilten auch die OB
der HGr., die am 31. 1. 1941 in der Wohnung des Ob.d.H. zusammengetroffen
waren 24 .
Allein gemessen an den Bemühungen des OKH im Winter 1939/40, die
Offensive im Westen zu verhindern, waren diese Vorstellungen gegen den
Feldzug im Osten nur ein schwaches Aufbegehren. Überzeugt von der Über=
legenheit der deutschen Wehrmacht ging auch das Heer schließlich im Juni 1941
voller Optimismus in den Kampf.
24 Hier zit. nach: Jacobsen, H.=A., Das „Halder=Tagebuch" als historische Quelle,
in: Festschrift für P. E. Schramm, Wiesbaden 1964, S. 261.
96 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939 — 1941
Kräfteverteilung des deutschen Feldheeres
die den wechselnden Schwerpunkt der Landkriegführung erkennen läßt
(in Kästchen = Stärke der jeweiligen Gegner Deutschlands. Nur als Vergleich im
großen gedacht.)
Zeitpunkt
Osten
Norden
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(10)
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+ 1 (Dan.)
1 3,75 |
156 2 /» 3,3
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6. 1940
7
7
— 142 2 /3
—
— —
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u. 2 Br.
7-
10. 1940
30
(3)
7
— Ö7 2 /3
-
- 5i
i55 2 /3
23.
12. 1940
34
(6)
8
- 63 2 /s
2
- 33*
(10)
140 2 /3*
6. 4. 1941 47 (3)
| 56 + 10 Br. [lug., Gr., Gr.Br.]
\3+2 in Ägypten]
— 51 28 2 52 I9O
+ 28 it.Div. + 2 it.
10 ung. Br.
22. 6
|"l3S + 40 Br~\
1941 153 (19) 8
[Verbündete :
33 + 14 Br.]
4 38
| Su , 4,7 |
208V3 3,8**
16. 6. 1942 179 (19) 12 5V2 26 (3) 5 3 (2) 3
233
In Klammern: Pz.Divn.
* außerdem: i. Auf st. = 26 Div.; beurlaubt: = 18 Div.
(davon 3,3 Mill. im Aufmarsch gegen die Sowjetunion)
Ersatzheer
Luftwaffe
Kriegsmarine
Waffen=SS
(1940 : 50 000)
1,2 Mill.
1,68 Mill.
0,404 Mill.
0,150 Mill.
Juni 1941 1
Insgesamt Wehrmacht
und Waffen=SS
= 7 234 000 Mann
(1943 : 10,7 Mill.)
97 E
A. Einführung
Im Rahmen der deutschen Operationen gegen die Sowjetunion wurde der
Kriegsmarine wiederum nur eine unterstützende Rolle zugewiesen. Sie sollte
„unter Sicherung der eigenen Küste ein Ausbrechen feindlicher Seestreitkräfte
aus der Ostsee" verhindern. Nach dem „Ausschalten der russischen Flotte"
hatte sie den „vollen Seeverkehr in der Ostsee", dabei auch „den Nachschub für
den nördlichen Heeresflügel über See" zu sichern. In der Weisung Nr. 33 vom
19. 7. 1941 befahl die Oberste Wehrmachtführung, „nach Freiwerden der Streit=
kräfte in der Ostsee" Schnell= und Minenräumboote in das Mittelmeer zu über=
führen; außerdem sollten zur Unterstützung der deutschen Operationen in
Finnland einige U=Boote in das Nordmeer entsandt werden. Neben dieser rein
defensiven Aufgabe der Kriegsmarine kam es im September 1941 zu einer ein=
zigen engeren Zusammenarbeit mit dem Heer, als die baltischen Inseln erobert
wurden 25 .
Vor Ausbruch der Feindseligkeiten (22. 6. 1941) hatte das OKW noch eine
als Arbeitsgrundlage dienende strategische Weisung herausgegeben, in der es
die- Aufgaben der Wehrmacht nach Niederwerfung der Sowjetunion umrissen
hatte. Offenbar wollte es den vor dem Frankreichfeldzug gemachten Fehler
vermeiden und dieses Mal auch Vorbereitungen für die Zeit nach Abschluß der
Kampfhandlungen treffen, um desto schneller und reibungsloser später der=
artige Pläne verwirklichen zu können. Diese Weisung Nr. 32 enthüllte nicht
nur die kontinentale Einseitigkeit, sondern auch die überheblichen Dimensio=
nen deutscher Strategie, die alle bisherigen Vorstellungen operativer Krieg=
führung zu sprengen drohten und die zweifellos das Ergebnis der ununter=
brochenen Erfolgsserie der deutschen „Blitzkriege" waren. Hitler wollte nichts
geringeres, als im Anschluß an den Sieg im Osten im Jahre 1942 die britische
Weltmachtstellung im Mittelmeer durch eine weitausholende dreifache Zangen=
Operation zu Lande zum Einsturz bringen. 60 Div. hatten den „Ostwall"
(Archangelsk— Wolga) zu halten; ein Stoßarm sollte von Libyen über Ägypten
nach Syrien vorbrechen, ein zweiter über Bulgarien unter möglicher Einbezie=
hung der Türkei und ein dritter über den Kaukasus durch den Iran, um im
konzentrischen Angriff die britischen Positionen auszuschalten 26 .
Aber die Kämpfe im Osten verliefen ganz anders, als es sich die Oberste
deutsche Wehrmachtführung vorgestellt hatte; damit wurde jeder weitere stra=
tegische Angriff gegen Großbritannien illusorisch. Schon im August 1941 wurde
deutlich, in welch waghalsiges Unternehmen Deutschland sich eingelassen
hatte und in welchem Umfang es die Schlagkraft seines sowjetischen Gegners
unterschätzt hatte. Es ist hier nicht der Ort, auf die Probleme des Feldzuges
im einzelnen oder auf die internen Spannungen und Kontroversen um die
Führung der Operationen einzugehen (vgl. aber S. 181 E ff).
25 Vgl. Einzelheiten bei: Meister, J., Der Seekrieg in den osteuropäischen Gewäs=
sern 1941—45, München 1958.
26 Vgl. Hitlers Weisungen für die Kriegführung, a. a. O. (S. 49 E, Anm. 1), S. 129 ff.
98 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Mit der Eroberung von Moskau, zu der die deutschen Divisionen Anfang
Oktober antraten, hofften Hitler und das OKH, die Entscheidung im Osten
doch noch im Jahre 1941 erzwingen zu können. Aber bereits am 27. 11. 1941
mußte der Generalquartiermeister des Genst.d.H., Gen. Wagner, zugeben 27 :
„Wir sind am Ende unserer personellen und materiellen Kräfte." Aber noch
bestand das OKH in Übereinstimmung mit der Heeresgruppenführung Mitte
auf Fortsetzung des Angriffs, „auch auf die Gefahr hin, daß die Truppe aus=
brennt". Es war ein letztes verzweifeltes Sichaufbäumen, die Metropole Ruß=
lands bis Jahresende zu erobern. Aber der sowjetische Gegenschlag vor den
Toren Moskaus im Dezember machte alle Anstrengungen und Hoffnungen
zunichte. Es entspann sich in der Truppe eine „Vertrauenskrise ernstester Art".
Ende Dezember melden mehrere Kdre. Generale, daß ihre Truppe erschöpft
und weiteren Angriffen nicht mehr gewachsen sei. Bei vielen gingen „die Ner=
ven durch"; FM v. Kluge wußte weder ein noch aus, während Hitler in „toben=
den Szenen" dem OKH vorwarf, die Armee „parlamentarisiert" und nicht
straff genug geführt zu haben, die Generale hätten „keinen Mut, harte Ent=
Scheidungen zu treffen" 28 .
Hatte es Hitler auch bei der Besprechung am ig. 11. 1941 29 als operative Auf=
gaben des deutschen Heeres für das Jahr 1942 bezeichnet, bis Ende April 1942
die russische Südgrenze am Kaukasus zu erreichen und im Norden Wologda
und Gorki bis Ende Mai (die Frage des dann zu errichtenden „Ostwalls" sollte
später geprüft werden), so gestand er doch gegenüber seinen Gesprächspart=
nern ein, daß „die beiden Feindgruppen sich nicht gegenseitig vernichten"
könnten; daher werde es wohl zu „einem Verhandlungsfrieden kommen".
Während er der Öffentlichkeit gegenüber Siegeszuversicht heuchelte, beur=
teilte er also persönlich die Lage weitaus skeptischer, wenngleich dies wohl
auch mehr unter dem Eindruck der momentanen Lage geschah. Welcher Art
Verhandlungsfriede ihm dabei vorgeschwebt haben mag, geht aus anderen
Quellen hervor, so etwa aus dem Tagebuch Goebbels. Danach betrachtete
Hitler noch im Jahre 1943 die Abtretung des westlichen Teils Rußlands (vom
Ural) als seine Mindestforderung 80 .
Am 2g. 11. ig^i hatte Hitler gegenüber dem italienischen Außenminister,
Graf Ciano, seine Gedanken über die allgemeine Lage mit Worten zusammen=
gefaßt, die mit der Wirklichkeit nur wenig übereinstimmten und die erneut
bewiesen, wie sehr er bilaterale Unterredungen auch zu propagandistischen
Zwecken mißbrauchte 31 : „Im großen gesehen", so erklärte er, sei der „Krieg
27 Vgl. Halder=Tagebuch, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. III, v. 27. 11. 1941.
28 Ebd., v. 3. 1. 1942.
29 Ebd., v. 19. 11. 1941.
30 Vgl. Goebbels Tagebücher, hrsg. v. L. P. Lochner, Zürich 1948, S. 443 f. v. 23. 9.
1943).
31 Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und dem ital. Außen=
minister Graf Ciano in Berlin am 29. 11. 1941 (Photokopie).
99 E
A. Einführung
bereits gewonnen." Er habe bei seinem letzten Zusammensein mit dem „Duce",
diesem ein Bild von den beabsichtigten Operationen an der Ostfront gegeben.
Die deutschen Ziele hätten damals darin bestanden, den Widerstand der Rus=
sen in der Mitte und im Süden der Front zu brechen und dann einen Stoß gegen
die Mitte zu führen. Diese Operationen seien planmäßig verlaufen. Was in
Rußland jetzt noch an Widerstand geleistet würde, käme nicht von den Men=
sehen, sondern von der Natur, d. h. dem Wetter und der Bodenbeschaffenheit.
Bei sechs Wochen gutem Wetter wäre Rußland von Deutschland liquidiert
worden.
Jetzt solle Sewastopol eingenommen werden. Die Angriffsartillerie würde in
den nächsten Tagen zur Stelle sein. Dann würde sofort der Angriff beginnen.
Die Durchführung dieser nächsten Aufgabe sei in ihrem Tempo natürlich wit=
terungsmäßig bedingt. Moskau solle umklammert werden. Es würde kein Sturm
auf die Stadt eröffnet werden, sondern nach und nach würden ihr sämtliche
Verbindungen mit der Außenwelt abgeschnitten. Eine weitere Aufgabe bestehe
in der Zerstörung Leningrads.
Die letzte Offensive gegen die Russen habe insofern durch die atmosphäri=
sehen Bedingungen gelitten, als unmittelbar nach Vollendung des ersten großen
Sprunges schlechtes Wetter einsetzte.
Insgesamt stünden jedoch sämtliche Operationen unter dem Zeichen des
Nachschubs und der Eisenbahn= und Straßenverbindungen. Deshalb sei es
auch beabsichtigt, weiterhin nach Südosten in Richtung auf den Kaukasus vor=
zunicken und die russische Schwarzmeerflotte zu vernichten, da dann leichtere
Verbindungswege über das Schwarze Meer die Nachschubfrage vereinfachen
würden.
An einem großen Teil der Front sei nunmehr Schneefall eingetreten und es
würden von den Truppen Winterquartiere bezogen. Das bedeute jedoch nicht,
daß nun dort den ganzen Winter über absolute Ruhe herrschen würde.
Die deutsche Wehrmacht würde im übrigen die Zeit zu einer Reorganisation
ihrer Verbände und zur Schaffung neuer Panzerdivisionen benutzen. Im übri=
gen habe man auch niemals die Vorsicht außer Acht gelassen, den Westen
ebenfalls zu sichern, falls etwa die Engländer einen Landungsversuch machen
sollten. So seien nicht nur im Westen, sondern auch in Norwegen Truppen in
genügender Anzahl belassen worden, um jeden derartigen Versuch von vorn=
herein zum Scheitern zu bringen.
Zusammenfassend seien daher die zukünftigen Aufgaben folgende:
1. Liquidierung des Ostens;
2. Sicherung des Westens;
3. Aktivierung des U=Bootkrieges und
4. unabhängig davon die Eroberung des Kaukasus.
Rußlands verzweifelte Lage charakterisierte der Führer mit einigen Zahlen.
Es habe 6^—y^°/o seiner gesamten Industrie verloren, 65—70% seiner Eisen=
vorkommen, 75 Vo seiner Kohlenvorkommen, 100 °/o seines Molybdäns, y^ %>
100 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
seines Mangans und 75 °/o seines Aluminiums. Da sich Amerika in einigen
dieser Bodenschätze aus Rußland versorge, werde auch dieses Land von den
Verlusten betroffen. Weiterhin habe Rußland 3,8 Millionen Gefangene, 4 Mil=
Honen Tote, 22 800 Panzer, 16 000 Flugzeuge und 28 000 Geschütze verloren.
Eine Erholung von diesen Schlägen sei unmöglich. Es fehle nicht nur an Ma=
terial, sondern auch die ausgebildete Truppe. Industrien könne man nicht ohne
weiteres verlegen, besonders nicht im Winter, wo infolge Gefrierens des Mör=
tels und des Betons die Errichtung von Fabrik= und Lagergebäuden unmöglich
sei. Zudem übe die deutsche Luftwaffe ihre zerstörende Tätigkeit gerade auf
den Industrieaufbau aus. Züge mit wertvollen Werkzeugmaschinen, die aus
einer zu verlegenden Fabrik nach dem Osten unterwegs wären, würden ver=
nichtet, die Fabriken selber bombardiert.
Im Mittelmeer sei im Augenblick der schwerste Angriff in Nordafrika im
Gange. Churchill könnte nicht länger warten. Er hätte eigentlich erst in dem
Augenblick angreifen müssen, in dem Deutschland und Italien gegen Tobruk
vorgingen ..."
Sodann führte Hitler aus, daß es sich „bei den militärischen Operationen
im Osten im wesentlichen um ein Transportproblem handele, und beschrieb in
diesem Zusammenhang im einzelnen die zur Verfügung stehenden wenigen
Eisenbahnlinien, den Zustand der Straßen sowie die von deutscher Seite bisher
geleistete Arbeit bei der Wiederingangsetzung des russischen Verkehrsnetzes,
insbesondere aber beim Bau der Brücken über den Dnjepr. Für den Zustand der
Straßen sei es z. B. charakteristisch, daß bei schlechtem Wetter im Osten die
Stundengeschwindigkeit motorisierter Fahrzeuge im Durchschnitt 2—3 km be=
trage.
Der Führer kam sodann auf die weiteren deutschen Operationspläne zu spre=
chen und bezeichnete als eines der Ziele der deutschen Armee Kaukasien, von
wo aus dann Iran und der Irak erobert werden sollten. Bei diesem Vormarsch,
der durch Wüstengebiete heißen Klimas führe, könne vielleicht Italien einen
nützlichen Beitrag leisten. Für den Kaukasus würden Alpentruppen in Frage
kommen. An und für sich wäre natürlich die Eroberung Kaukasiens nicht
kriegsentscheidend, aber einer Inbesitznahme Irans, des Irak, Syriens und Palä=
stinas könne man wohl einen solchen Charakter zuschreiben.
Im übrigen könne Italien eine nützliche Rolle spielen, wenn es alle Anstren=
gungen mache, um Nordafrika zu halten. Es sei absolut notwendig, daß
Deutschland und Italien von dort nicht verdrängt würden. Zwar sei in Franzö=
sisch=Nordafrika durch den Weggang Weygands der Druck etwas leichter ge=
worden, aber endgültig sei auch dort die Lage erst dann als gesichert zu betrach=
ten, wenn sich Deutschland und Italien auch im übrigen Nordafrika den Fein=
den gegenüber durchsetzen könnten.
Alle diese Probleme würden jedoch nicht entstanden sein, wenn Spanien vor
einem Jahr den deutschen Vorschlägen über die Inbesitznahme von Gibraltar
zugestimmt und dabei mitgewirkt hätte. Zwei deutsche Divisionen in Spanisch=
101 E
A. Einführung
Marokko würden die gesamte Situation in Französisch=Nordafrika stabilisiert
haben . . ."
Anschließend sprach Hitler über die günstige Lage der deutsch=italienischen
Truppen in Nordafrika und den beträchtlichen Erfolg, den sie bei der Abwehr
der englischen Offensive erzielt hätten. „Der Führer setzte Graf Ciano die bis=
her bekannten einzelnen Phasen dieses Kampfes näher auseinander.
Zum Schluß kam die Rede noch auf die innere Lage in Deutschland und Ita=
lien. Hitler erklärte, daß sich das deutsche Volk fabelhaft hielte und daß ledig=
lieh eine kleine, übelwollende, unbelehrbare Minderheit in Deutschland abseits
stünde. Wo er sich heute in Deutschland zeige, erhielte er begeisterte Ovatio=
nen wie nie zuvor. Das sei immerhin nach zwei Jahren Krieg eine bemerkens=
werte Tatsache.
Graf Ciano erwiderte, daß in Italien die Dinge ähnlich lägen. Bei seinen Be=
suchen in den als besonders schwierig geltenden Orten wie Parma und Bologna
sei der Duce begeistert empfangen worden. Jeder intelligente Italiener sähe
heute ein, daß es um das Sein und die Zukunft seines Landes ginge.
Im übrigen sei es auch ähnlich in Japan. Auch dort sei die große Masse der
Bevölkerung voller Begeisterung für den fortschrittlichsten Kurs."
In Wirklichkeit aber begannen die Krisentage vor Moskau Hitler heftig zu
erschüttern. Erst nachdem er die „Naturgewalten" und die „Generale" für den
Fehlschlag verantwortlich gemacht und letztere zu „Sündenböcken" gestempelt
hatte, gewann er sein altes Selbstvertrauen wieder. Jetzt sollte seine persönliche
Führung (19. 12. 41) erzwingen, was die Militärs durch ihr dauerndes Dazwi=
schenreden verdorben hatten 32 .
Aber der große Plan, die Sowjetunion in einem schnellen Feldzug nieder=
zuwerfen, um wieder mit aller Kraft den Kampf gegen England aufzunehmen,
war gescheitert. Das Ende der deutschen Blitzfeldzüge kündigte sich an. 1939
hatte Hitler voller Stolz auf seine „staatsmännische Leistung" hingewiesen,
daß Deutschland in diesem Krieg nur an einer Front zu kämpfen habe, jetzt
war der Mehrfrontenkrieg Tatsache geworden, zu dem Goebbels später in sei=
nem Tagebuch vermerkte, ein solcher sei „vom Reich noch nie gewonnen wor=
den" 33 . Die Widerstandskraft der Alliierten und der Sowjetunion erhielt durch
diese erste sichtbare Niederlage der deutschen Wehrmacht gewichtigen Auf=
trieb; der Nimbus der deutschen „Unbesiegbarkeit" war gebrochen. England
aber fand die so dringend notwendige Atempause, um seine Rüstung zu be=
schleunigen und die Ausbildung seiner Verbände zu verbessern 34 .
Doch war Hitler bereit, aus den bisherigen Erfahrungen die Konsequenzen
zu ziehen und die militärischen Möglichkeiten Deutschlands an allen Fronten
im Rahmen seiner politischen Zielsetzung neu zu durchdenken und abzuwä=
32 Vgl. Goebbels=Tagebücher, hrg. v. P. Lochner, S. 126 ff. (v. 20. 3. 1942).
33 Ebd., S. 444 (v. 23. 9. 1943).
34 Vgl. Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Bd. III, Stuttgart— Hamburg 1951.
102 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939 — 1941
gen? Vor allem in Hinblick auf Politik und Kriegführung der Vereinigten Staa=
ten; denn am 11. 12. 1941 hatte er den USA den Krieg erklärt. Das war die
entscheidende Frage, von dessen Beantwortung das Schicksal Deutschlands —
ja ganz Europas abhing (vgl. S. 107 E).
5. Phase :
Die Ausweitung zum Weltkrieg:
Zur Kriegserklärung Deutschlands an die USA am 11. 12. 1941
Seit Ausbruch des Krieges hatte Hitler alles vermieden, was zu einer Zuspit=
zung der deutsch=amerikanischen Beziehungen beitragen konnte 1 . 1940 hatte
er durch den Abschluß des Dreimächtepaktes und den Aufbau einer europäi=
sehen Kontinentalfront den Vereinigten Staaten demonstrieren wollen, daß
England den Krieg verloren habe und eine Einmischung der noch keinswegs
hinreichend gerüsteten USA in die „Neue Ordnung" aussichtslos sei. Hitler
glaubte, mit dieser Politik auch die Kräfte des Isolationismus in den Vereinig=
ten Staaten stärken zu können. In seiner Beurteilung der amerikanischen
Schlagkraft hatten ihn ebenso die Berichte des deutschen Militärattaches aus
Washington bestärkt, in denen es u. a. hieß, daß die USA erst im Laufe des
Jahres 1941, spätestens im Sommer 1942, über ein Heer von 1,2 Millionen Mann,
ausgezeichnet ausgerüstet und von hoher Moral, sowie eine starke Luftwaffe
verfügen würden 2 .
Doch ließ die Politik Washingtons in Madrid, in Vichy, auf dem Balkan und
gegenüber England bald erkennen, daß Roosevelt keineswegs gewillt war, sich
mit den „Realitäten" der Nationalsozialismus abzufinden. Dies bewies er in
Europa bereits im Sommer 1940, als er England 50 Zerstörer zur Verfügung
stellte, im besonderen im Frühjahr 1941, als der Kongreß das Leih= und Pacht=
abkommen verabschiedete, das allen Gegnern der Achsenstreitkräfte zugute
kommen sollte 3 . Mit Recht hatte also Botschafter Dieckhoff in einer Aufzeich=
nung vom 2g. 7. 40 über die Haltung Amerikas gegenüber Deutschland darauf
hingewiesen 4 :
„Darüber ist kein Zweifel, daß der Präsident in den letzten Jahren in steigen=
dem Maße sich in die Ansicht verrannt hat, daß nur er imstande sei, der „deut=
sehen Gefahr" — sowohl der ideologischen wie der militärpolitischen — Paroli
zu gebieten; die weichlichen Lenker der europäischen Demokratien mit ihrer
unschlüssigen, schwankenden Appeasement=Politik haben ihn zu tief ent=
täuscht, als daß er auf sie noch große Hoffnungen gesetzt hätte. Schon Ende
1 Allgemein zum Gesamtthema: Friedländer, S., Hitler et le Etats=Unis (1939—
1941), Genf 1963.
2 Ebd., S. 115.
3 Ebd., S. 147 ff.
4 Vgl. Akten zur deutschen auswärtigen Politik, a. a. O. (S. 23 E), Bd. X, S. 296.
103 E
A. Einführung
1937, während der Panay=Krise / hat er in einem Telegramm an den republi=
kanischen Führer Alfred Landon, der ihm die loyale Unterstützung der Repu=
blikanischen Partei in der Politik gegenüber Japan zusicherte, eine Wendung
gebraucht, die besagte, daß die Führung („guidance") im Kampf gegen die auto=
ritären Staaten früher oder später auf Amerika übergehen würde. Und das ist
heute, im Kampfe gegen Deutschland, sein letztes Ziel: Die Führung der„demo=
kratischen" Kräfte im Kampf gegen Deutschland zu übernehmen. Alles, was
er vor Ausbruch des Krieges und seit Anfang September 1939 in dieser Hin=
sieht tun konnte, hat er mit großer Zähigkeit und raffiniertem Geschick getan.
Wenn es nur nach ihm gegangen wäre, würde er die Aufrüstung der Vereinig=
ten Staaten schon früher beschleunigt, ihre Stellungnahme hinter England und
Frankreich schon früher noch klarer zum Ausdruck gebracht und alles versucht
haben, um die Alliierten noch stärker zu unterstützen, als dies geschehen ist.
Daß ihm dies bisher nicht gelungen ist, liegt nur an der ablehnenden Hal=
tung der öffentlichen Meinung seines Landes, wie sie bisher im Kongreß zum
Ausdruck gekommen ist und wie sie voraussichtlich auch weiter zum Ausdruck
kommen wird."
Ende März 1941 bedeutete Hitler dem japanischen Außenminister Matsu=
oka 5 , daß der Krieg gegen England praktisch gewonnen sei. Großbritannien
„klammere sich an jeden Strohhalm". Es hoffe vor allem auf Rußland und auf
die amerikanische Hilfe. Deutschland habe diese „von vornherein einkalku=
liert." „Greifbare Formen" würde die letztere „allerdings erst im Jahre 1942
annehmen, aber auch dann würde der Umfang dieser Hilfe in keinem Verhält=
nis zu der gesteigerten Produktionsleistung Deutschlands stehen".
In der zweiten Unterredung mit Matsuoka Anfang April 1941* wies Hitler
darauf hin, daß Deutschland „einen Konflikt mit den Vereinigten Staaten für
unerwünscht halte, ihn aber in seine Rechnung schon einkalkuliert habe. In
Deutschland stehe man auf dem Standpunkt, daß Amerikas Leistungen von
seinen Transportmöglichkeiten abhingen, die wiederum durch die zur Ver=
fügung stehende Tonnage bedingt sei. Der Krieg Deutschlands gegen die
Tonnage bedeute jedoch eine entscheidende Schwächung nicht nur Englands,
sondern auch Amerikas. Deutschland habe seine Vorbereitungen so getroffen,
daß in Europa kein Amerikaner landen könne. Es würde mit seinen U=Booten
und seiner Luftwaffe einen energischen Kampf gegen Amerika führen und
infolge seiner größeren Erfahrung, die sich ja die Vereinigten Staaten erst
erwerben müßten, erheblich überlegen sein, ganz abgesehen davon, daß die
deutschen Soldaten selbstverständlich hoch über den Amerikanern stünden".
Im Hinblick auf den möglichen Angriff Japans auf Singapur betonte Hitler
im weiteren Verlaufe des Gesprächs, daß Deutschland seinerseits sofort die
5 Vgl. Anm. ii, S. X97 E.
6 Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und dem Japanischen
Außenminister Matsuoka in Berlin am 4. 4. 1941 (Photokopie des Pol.Archivs des
Ausw. Amtes, Bonn).
104 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
Konsequenzen ziehen würde, falls Japan in einen Konflikt mit den Vereinigten
Staaten geriete. „Es sei gleichgültig, mit wem die Vereinigten Staaten zuerst in
Konflikt gerieten, ob mit Deutschland oder Japan. Sie würden stets darauf aus
sein, zunächst ein Land zu erledigen, nicht etwa, um sich anschließend mit dem
anderen Land zu verständigen, sondern um dieses danach ebenfalls zu erledigen.
Daher würde Deutschland unverzüglich in einem Konfliktsfall Japan— Amerika
eingreifen, denn die Stärke der drei Paktmächte sei ihr gemeinsames Vorgehen.
Ihre Schwäche würde darin liegen, wenn sie sich einzeln niederschlagen ließen".
Hitler fügte noch hinzu, daß es immer ratsam sei, das Risiko eines doch unver=
meidlichen Kampfes unter den günstigsten Umständen auf sich zu nehmen.
Er persönlich würde keinen Augenblick zögern, auf jede Kriegsausweitung, sei
es durch Rußland, sei es durch Amerika sofort zu antworten. Die Vorsehung
liebe denjenigen, der die Gefahren nicht über sich kommen ließe, sondern ihnen
mutig entgegensähe.
Hitler aber hoffte, durch einen schnellen Sieg über Rußland jedes Eingreifen
der USA auf dem Kontinent politisch und wirtschaftlich zunichte machen zu
können. Während die deutschen Divisionen einen erbitterten Kampf in
Rußland führten, ohne daß sich ein Ende des Feldzuges abzeichnete, vollzog
der amerikanische Präsident Schritt um Schritt den Übergang von der Neu=
tralität zum „unerklärten Krieg"; vor allem die Maßnahmen zur See, die er im
September 1941 anordnete, deuteten schon auf den kommenden Bruch mit
Deutschland hin 7 .
Über die praktischen Möglichkeiten, die für Amerika in seinen Kampf gegen
den Kontinent bestünden, äußerte sich Hitler am 25. 10. 1941 gegenüber
Ciano: 8 „Die Vereinigten Staaten rüsteten sich, um möglichst viel von der
englischen Erbschaft zu übernehmen. Diese Absicht maskierten sie durch einen
heiligen Kreuzzug gegen Faschismus und Nationalsozialismus, ein echt angel=
sächsisches Verfahren, da die Angelsachsen stes die Vertretung ihrer Interessen
mit einem moralischen Anschein zu umgeben pflegen. In diesem Zusammen=
hang sei es bezeichnend, daß eine amerikanische Zeitschrift vor einigen Tagen
erklärt habe, England sei derartig erschöpft, daß Amerika die Führung der
Welt und die Nachfolge der britischen internationalen Stellung übernehmen
müsse. Als Gegenleistung für seine Kriegsmateriallieferungen schiene Amerika
auch tatsächlich Forderungen in dieser Richtung an England gestellt zu haben,
die anscheinend derartig schwerwiegend seien, daß die Engländer bisher noch
nicht darauf geantwortet hätten.
Dem Vernehmen nach handele es sich um das amerikanische Verlangen,
überall da Stützpunkte zu besitzen, wo die Engländer ihrerseits Stützpunkte
hätten, sowie um die Forderung, England möge den Wirtschaftsschutz des
britischen Empire, d. h. seine Ottawa=Politik, aufgeben.
7 Friedländer, a.a.O. (s. Anm. i), S. 227 ff.
8 Aus der Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und dem
Grafen Ciano im H.Qu, am 25.10.1941 (Photokopie).
105 E
A. Einführung
Man höre oft die Meinung, daß am Ende des Krieges England zwar den
Kampf verloren habe, daß aber Amerika an seine Stelle treten würde. Dazu sei
zu bemerken, daß die Vereinigten Staaten die Probleme der inneren Ordnung
und der Gestaltung der sozialen Verhältnisse, die in Deutschland und Italien
gelöst worden wären, bisher keineswegs gemeistert haben und sich daher bei
Kriegsende sehr großen inneren Schwierigkeiten gegenüber sehen würden.
Wenn außerdem Europa, im Norden von Deutschland und im Süden von Italien
geleitet und zusammengehalten, zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen
den europäischen Nationen gelange als bisher, so würde es einen derartig über=
legenen Faktor darstellen, daß auch Amerika nichts gegen ein solch geeintes
Europa ausrichten könne. Es würden sich dann 500 Millionen Europäer 230
Millionen Amerikanern gegenüber befinden, wobei noch zu berücksichtigen
sei, daß in Amerika nur 60 Millionen Angelsachsen lebten, während der Rest
sich aus Italienern, Deutschen und Angehörigen anderer Rassen zusammen^
setze.
Mittel= und Südamerika würden unter dem Einfluß der jüdischen Propaganda
während des Krieges Amerika zwar noch Hilfsstellung leisten. Sobald aber
einmal der Frieden hergestellt wäre, würde ein derartiges wirtschaftliches Chaos
dort entstehen, daß eine Neuorientierung notwendig sein würde. Da die Süd=
amerikaner die gleichen Erzeugnisse verkaufen wollten, wie sie die Nord=
amerikaner im Überfluß herstellten, seien zwischen den beiden Teilen der west=
liehen Hemisphäre keine gesunden Wirtschaftsbeziehungen möglich, zumal da
die Südamerikaner nicht in der Lage seien, die Zahlungsmittel für die aus Nord=
amerika zu beziehenden Fertigwaren aufzubringen, und man schließlich nicht
dauernd Waren gegen unproduktives Gold austauschen könne.
Angesichts dieser Tatsachen des inneren und äußeren Chaos in Amerika sei
der Krieg und seine Rüstungen für die Vereinigten Staaten lediglich eine
Gnadenfrist, nach deren Verlauf sie einen Wirtschaftszusammenbruch erleben
würden, dem gegenüber die Krise von 192g als ein Kinderspiel erscheinen
würde.
Daher gehöre die Zukunft nicht dem lächerlichen halbkultivierten Amerika,
sondern dem neuerstandenen Europa, das sich mit seinen Menschen, seiner
Wirtschaft und seinen geistigen und kulturellen Werten auch unbedingt durch=
setzen würde unter der Voraussetzung, daß der Osten in den Dienst des euro=
päischen Gedankens gestellt würde und nicht gegen Europa arbeite. Daher sei
es auch ein Trugschluß zu glauben, daß Amerika letzten Endes der Nutznießer
der Niederlage Englands sein würde. Die ältere Kultur und das höhere geistige
Niveau Euopas würden schließlich doch den Sieg davon tragen ..."
Nachdem die Japaner am 7. 12. 1941 überraschend die amerikanische Flotte
in Pearl Harbor überfallen hatten, weitete sich der europäische Krieg zum
globalen Weltkrieg aus 9 . Hitler aber erklärte in leichtfertiger Überschätzung
9 Vgl. Jacobsen, Der Zweite Weltkrieg, a. a. O. (S. 43 E, Anm. x), S. 148 ff.
106 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939—1941
der Japaner und des gemeinsamen Bündnisses zusammen mit Italien den Ver=
einigten Staaten am 11. 12. 1941 den Krieg, ohne einen umfassenden Kriegs=
plan zur Lösung dieser neuen und der alten Aufgaben zu besitzen. Dieser weit=
reichende Entschluß ging nicht allein auf die bereits im Frühjahr 1941 den
Japanern gegebene Zusage zurück, im Falle eines japanisch=amerikanischen
Konfliktes einzugreifen, sondern auch auf das Drängen des Ob. d.M.; dieser
hoffte, in der U=Bootkriegführung die volle Handlungsfreiheit im Atlanti=
sehen Ozean zurückzugewinnen 10 , nachdem die amerikanische Seekriegsfüh=
rung offen zur Unterstützung Englands übergegangen war. Welche anderen
Überlegungen Hitler bei diesem, auch psychologisch äußerst ungeschickten
Schritt bestimmt haben mögen, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Staats=
sekretär v. Weizsäcker hat einen Ausspruch Ribbentrops aus dieser Zeit
überliefert 11 , der ein gewisses Licht auf die Mentalität der NS=Führung wirft
und der lautete: „Eine Großmacht läßt sich nicht den Krieg erklären, sie erklärt
ihn selbst". Das war aber im Grunde nur die Stimme „seines Herren", denn
ähnlich hatte Hitler bereits gegenüber den Japanern (s. oben) argumentiert.
Bedenkt man, daß seit Dezember 1941 den Achsenstreitkräften über 75% aller
personellen und materiellen Reserven der Welt gegenüberstanden, so war eine
solche Begründung für das eigene Handeln ein weiteres beredtes Zeugnis dafür,
wie überheblich und maßlos die deutsche Kriegführung geworden war, und in
welchem Mißverhältnis nunmehr politisches Ziel, gegebene Mittel und
operative Absichten auf deutscher Seite standen. Denn welche Möglichkeiten
besaß Deutschland, um langfristig gesehen den Vereinigten Staaten, Groß=
britannien und der UdSSR ihren eigenen Willen aufzuzwingen? Und dies vor
allem in Hinblick auf die amerikanische Wehrwirtschaft, der kriegsentschei=
dende Bedeutung zukam. General Thomas, der Chef des deutschen Wehrwirt=
schaftsamtes im OKW, hat später (1944) auf folgenden Tatbestand hinge=
wiesen: 12
„Das Studium der amerikanischen Wehrwirtschaft war schon vor dem Kriege
seitens des WFSt mit besonderem Nachdruck betrieben worden. Zu diesem
Zwecke war der damalige Major Warlimont vom WFAmt auf ein Jahr nach
Amerika kommandiert worden und hatte gute Unterlagen über die Organi=
sation der amerikanischen Wehrwirtschaft mitgebracht. Auch sonst war es
gelungen, ein ungefähres Bild der rüstungs= und wehrwirtschaftlichen Lei=
stungsfähigkeit der Vereinigten Staaten zu erhalten. Das Urteil des WiRü
Amtes bei Kriegsausbruch 1939 über die Vereinigten Staaten lautete dahin,
daß Amerika
1. bei überraschendem Kriegsausbruch nur gerade in der Lage sei, seine Wehr=
macht zu versorgen,
10 Vgl. Rohwer, a.a.O. (S. 27 E, Anm. 22), S. 339. Auch: Friedländer, a.a.O. (s.
Anm. 1), S. 260 (Anm. 160).
11 Vgl. Weizsäcker, E. v., Erinnerungen, München— Leipzig Freiburg 1950, S. 328.
12 Vgl. Jacobsen, S. 24 E.
107 E
A. Einführung
2. zur Umstellung seiner Industrie etwa ein Jahr benötige, um große Mengen
von Kriegsgerät, vor allem an Flugzeugen, Panzern und Kraftfahrzeugen
zu erzeugen,
3. nach einem 1—1 1 / 2jährigen Anlauf auf fast allen Rüstungsgebieten eine
Leistungsfähigkeit erreichen kann, die alle anderen Staaten weit übertrifft.
Infolgedessen wurde seitens des WiRüAmtes immer der Standpunkt ver=
treten, daß die Politik unter allen Umständen ein Eintreten Amerikas in den
Krieg gegen uns verhindern müsse und daß es am besten sei, Amerika als
Großlieferant für Deutschland zu gewinnen.
Diese Auffassung fand aber keine Würdigung, da man militärischerseits die
Ansicht vertrat, daß der Krieg längst gewonnen sein würde, ehe sich die
amerikanische Umstellung auf Kriegswirtschaft auswirken könne. Auch wurden
die Angaben des WiRüAmtes über die wehr= und rüstungsmäßige Leistungs=
fähigkeit Amerikas noch Ende des Jahres 1942 als zu pessimistisch abgelehnt.
Die heute (Sommer 1944) bekannt gewordenen Zahlen liegen zum größten
Teil weit über den damaligen Angaben des WiRüAmtes. Weiterhin wurde vom
WiRüAmt immer wieder darauf hingewiesen, daß, wenn Amerika erst mal
große Mittel für den Krieg investiert hat, es nicht eher den Krieg beenden
wird, bis daraus nicht ein erträgliches Geschäft erwachsen ist".
Einige Statistiken und Gegenüberstellungen mögen das Dargelegte noch
unterstreichen 13 :
Rüstungsproduktion der Großmächte in Mrd. $; Preise v. 1944
Land
1935-1939
1939
1940
1941
Steige»
rung
in°/o
1943
Steige»
rung
in %
Ver. St. v. Amerika
Großbritannien
Sowjetunion
1/5
2,5
8,0
0,6
I/O
3/3
1/5
3/5
5/0
4/5
6/5
8/5
200
86
70
37/5
11,1
13/9
733
71
64
Zusammen:
12,0
4/9
io,o
19/5
95
62,5
221
Deutschland
Japan
12,0
3/4
6,o
6,0
2,0
100
13/8
4/5
130
125
Zusammen :
8,0
18,3
129
Verhältnis:
1 :2,4
1 =3/4
13 Vgl. Die deutsche Industrie im Kriege, a. a. O. (S. 53 E, Anm. 10), S. 84 ft.
108 E
III. Kriegsziele und Kriegsplan 1939 — 1941
Aufschlußreich ist der Vergleich mit der Rüstungsproduktion der anderen
kriegführenden Mächte (in Einheiten; 1944 = 100) :
1938
1939
1940
1941
1942
1943
1944
Vereinigte Staaten
2
2
5
11
47
91
100
Kanada
O
2
6
27
73
102
IOO
Verein. Königreich (GB)
4
IO
34
59
83
100
IOO
UdSSR
12
20
30
53
71
87
IOO
Deutschland
16
20
35
35
51
80
IOO
Japan
8
IO
16
32
49
72
IOO
USA Produktion von Kriegsmaterial iQ^o—ig^) in MM.
2. Hälfte
1940
1941
1942
1943
1944
1. Hälfte
1945
1. Flugzeuge
2. Schiffe
3. Kampf= u. mot. Fahrzeuge
4. Geschütze usw.
5. Munition
342
391
260
1737
1852
1340
6095
6957
4 943
2 OO7
6263
12 519
12 489
6524
3 647
10 430
16 046
13 431
5 372
3 120
11 033
6855
4884
2695
1394
6184
89
806
396
2 320
US=Luftwaffe
Anzahl der bei den Verbänden der US=Heeresluftwaffe vorhandenen Flugzeuge
Gattung
l.Sept.
30. Juni
30. Juni
30. Juni
1939
1940
1941
1942
Überschwere Bomber
O
O
O
Schwere Bomber
22
54
120
846
Mittlere Bomber
428
438
611
IO47
Leichte Bomber und
Tiefangriff sflugzeuge
278
166
292
696
Jäger
489
477
10l8
295O
Aufklärer
359
414
415
468
Transporter
I36
127
144
824
Schulflugzeuge
754
1243
4124
12 6lO
Verbindungsflugzeuge
7
7
53
1732
Insgesamt
2 473
2 966
6777
2H73
109 E
A. Einführung
Kampfstärke der Marine=Luftwaffe bei Kriegseintritt 1941
Flugzeuggattung
Zahl
der Flugzeuge
Jagdflieger 519
Bomber 257
Tiefangriffsflugzeuge 510
Land=Aufklärungsflugzeuge 24
Land=Tiefangriffsflugzeuge 445
See=Aufklärungsflugzeuge 415
Flugboote 66
Transportflugzeuge 38
Versch. Ubungsflugzeuge 928
Insgesamt 3 202
Die
Einsatzbereitschaft der deutschen Luftwaffe im Rahmen der Operationen
1^^8—1941
Einsatz«
%«Satz im
1
Datum
Ist«Bestand
bereite
Flug«
zeuge
Verhältnis
zum
Ist=Bestanc
Ereignisse des Krieges
1.
8. 1938
2 180
1195
54%
Kurz vor dem Einmarsch in das
Sudetenland.
2.
9. 1939
2785
2 433
87%
Vernichtungsschlachten des Hee=
res. Kurzkrieg gegen Polen.
30.
12. 1939
3258
2424
74 %>
„Sitzkrieg" im Westen. Einige
Kampfhandlungen in der Nord=
see. Ausbildungsperiode.
30.
3. 1940
3692
2509
67%
Kurz vor der Offensive: Norwe=
gen und Frankreich. Im Westen
erneute Vernichtungsschlachten
des Heeres.
28.
12. I94O
3050
1956
64%
Versuch des „strategischen" Luft=
krieges gegen England. Der Krieg
im Mittelmeer wird vorbereitet.
29.
3. 1941
3 583
2490
69%
Der Mehrfrontenkrieg wird auch
auf dem Balkan eröffnet.
28.
6. 1941
3440
2 220
64%
Beginn neuer Vernichtungsschlach=
ten zu Lande gegen Rußland. Der
strategische Luftkrieg ist aufge=
geben.
27-
12. 1941
3306
1 462
44 %>
Verschleiß! Folgen der Landstra*
tegie.
110 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939-1941*
Ein systematischer Überblick
A. Zur Kriegsspitzengliederung der deutschen Wehrmacht
Zum Verständnis der einzelnen Aufgabenbereiche und Kompetenzen inner=
halb des OKW ist auf Seite 877 bis 946 die Kriegsspitzengliederung dieser
Kdo.=Behörde vom 1. 3. 1939 im vollen Wortlaut veröffentlicht worden. Über
die Stellenbesetzung im OKW in den Jahren 1939—1941 gibt die Übersicht
auf S. 113 E Auskunft. Zum Vergleich zwischen den Kriegsspitzengliederungen
von 1935 und 1939 ist die Skizze auf S. 112 E heranzuziehen.
Das Problem der deutschen Kriegsspitzengliederung seit 1933, das wieder=
holt zu heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Wehrmachtsteilen,
aber auch zwischen Hitler und den Oberbefehlshabern und ihren Beratern
geführt hat, kann hier nicht behandelt werden, da es ein umfassendes Thema
für sich wäre. B. Mueller=Hillebrand, F. Hoßbach und W.Erfurth 1 sind die
einzigen, die sich bisher zu diesem Fragenkreis eingehender geäußert haben.
Aber sie haben diesen noch keineswegs erschöpfend untersucht. Dies wird
einer besonderen Studie vorbehalten bleiben müssen, die hierzu alle archi=
vierten Dok. Bestände des Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg
auszuwerten hat. In Ergänzung zu den drei Arbeiten sei außerdem auf die von
W. Görlitz herausgegebenen Erinnerungen von Keitel und auf den Sammel=
band des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes über die „Generalstäbe in
Deutschland 1871—1945" hingewiesen 2 .
Die Behandlung dieser Fragen ist vor allem deshalb noch immer schwierig,
weil es bisher über das OKL nur einen einzigen Aufsatz aus der Feder von
Maass 3 gibt, und die Quelle der deutschen Luftwaffenführung sehr dürftig
sind. Etwas günstiger mag es wohl auf dem Gebiet der Seekriegführung aus=
sehen, aber bisher haben die Autoren es vorgezogen, sich mehr mit den
Operationen zur See zu beschäftigen.
Das Verhältnis Hitler und Oberste Wehrmachtführung haben in den Jahren
1933—1939 drei Zäsuren entscheidend bestimmt und beeinflußt: der 2. 8. 1934,
der 21. 5. 1935 und der 4. 2. 1938. Mit der Vereinigung der Ämter des Reichs=
* Vgl. hierzu die allgemeinen Bemerkungen S. 226 E ff.
1 Vgl. Mueller=Hillebrand, B., Das Heer 1933—1945, Bd. I und II, Darmstadt 1954
und 1956; Hoßbach, F., Die Entwicklung des Oberbefehls über das Heer in Bran=
denburg, Preußen und im Deutschen Reich von 1655—1945, Würzburg 1957;
Erfurth, W., Die Geschichte des deutschen Generalstabes von 1918 bis 1945, Göt=
tingen i960, 2. Aufl.
2 Vgl. Generalfeldmarschall Keitel. Verbrecher oder Offiziere, hrsg. v. W. Görlitz,
Göttingen 1961; Die Generalstäbe in Deutschland 1871—1945. Aufgaben in der
Armee und Stellung im Staate. Die Entwicklung der militärischen Luftfahrt in
Deutschland 1920—1933, Stuttgart 1962.
3 Vgl. Maaß, B., Vorgeschichte der Spitzengliederung der früheren deutschen Luft=
waffe 1920 — 1938, in: Wehrw. Rdsch. 9/1957, S. 505— 522.
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112 E
Das Oberkommando
der Wehrmacht : 1940/41
Dreimächtepakt
Sonderstab HWK
Chef: Admiral Groos
Allgem. Wehrmachtamt (AWA)
Gen. Reinecke
Abwehr III
Oberstlt.
v. Bentivegni
Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt (WiRü)
Gen. Thomas Chef : Oberst Hünermann
u.a.
Abt. Weh rm.
Verluste
und Kriegs-
gefangenen
wesen
Wehrwirtsch.
Abt. (WWi)
Oberst
Dr. Becker
Rüstungswi.
Abt. (WRü)
Oberst
Neef
Rohstoffabt.
(WRo)
Oberst
Becht
113 E/114 E
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Gen.d.Fl. Löhr
Lg.Kdo.VIII (Breslau)
Gen.d.Fl. Dankelmann
Lg.Kdo. XVII (Wien)
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116 E
Staatssekretär der Luftfahrt und
General-Inspekteur der Luftwaffe
Stand: 1940
ef des Ausbildungswesen
der Luftwaffe
Kdo. Stellen der
Fl. Schulen, Fl.Techn. Schulen
Ln. Schulen
117 E/118 E
[f Hitler
Deutsche Spitzengliederung
und Aufmarsch: 22.6.1941
7
OKL : Reidism. Göring
Chef d. Genst. : Gen. Jesdionnek
Chef d. LW Führungsstabes :
Gen. Hoffmann v. Waldau
1942: Oberst i. G. Meister
Gen. Qu. : Gen. Seidel
Gen.Insp. d. d. Lw. : GFM Milch
ü
OKM: Gr.Admiral Raeder
Chef der SKL : Admiral Sdiniewind
Chef d. Op. Abt. : KAdm. Fricke
O
T
ftflotte 2 :
"M Kesselring
N
^
Luftflotte 4:
Gen. Oberst Löhr
HGr. Mitte
OB: GFM v. Bock
GFM v. Kluge (18. 12. 41)
Chef Genst. : Gen. v. Greiffenberg
Ia: Oberstlt. i. G.v. Tresckow
HGr. Süd
OB : GFM v. Rundstedt
GFM v. Reichenau (3. 12. 41)
Chef Genst. : Gen. v. Sodenstern
I a : Oberstlt. i. G. Winter
4. Armee (v. Kluge)
XIII. (Felber)
VII. (Fahrmbacher)
IX. (Geyer)
XXXXIII. (Heinrici)
Pz.Gr. 2 (Guderian)
XXXXVI. (v. Vietinghoff)
XXXXVII. (Lemelsen)
XII. (Schroth)
XXIV. (v. Geyr)
9. Armee (Strauß)
VIII. (Heitz)
XX. (Materna)
XXXXII. (Kuntze)
Pz.Gr. 3 (Hoth)
XXXIX. (Schmidt)
VI. (Förster)
V. (Ruoff)
LVII. (Kuntzen)
17. Armee (v. Stülpnagel)
IV. (v. Schwedler)
XXXXIX. (Kubier)
LH. (v. Briesen)
11. Armee (v. Schobert)
XI. (v. Kortzfleisch)
XXX. (v. Salmuth)
LIV. (Hansen)
6. Armee (v. Reichenau)
XVII. (Kienitz)
XXXXIV. (Koch)
LV. (Vierow)
Pz.Gr. x (v. Kleist)
III. (v. Mackensen)
XXIX. (v. Obstfelder)
XXXXVIII. (Kempff)
119 E/120 E
A. Einführung
Präsidenten und Reichskanzlers (2. 8. 1934) wurde Hitler nicht nur oberstes
Regierungsorgan, sondern gleichzeitig übernahm er damit auch den Oberbefehl
über die gesamte Wehrmacht. Fast noch schwerwiegender war die am gleichen
Tage vom Reichskriegsminister, Gen.Oberst v. Blomberg, vollzogene Vereidi=
gung der Wehrmacht auf die Person Hitlers mit der Formel, „dem Führer
des Deutschen Reiches und Volkes, . . . unbedingten Gehorsam zu leisten".
In dem neuen Wehrgesetz vom 2%. 5. 1935 hieß es im Abschnitt I, Paragraph 3:
„Oberster Befehlshaber der Wehrmacht ist der Führer und Reichskanzler".
„Unter ihm übt der Reichskriegsminister als Oberbefehlshaber der Wehrmacht
Befehlsgewalt über die Wehrmacht aus". Wie Hoßbach mit Recht festgestellt
hat, überließ Hitler jedoch bis 1938 „die Ausübung des Oberbefehls noch in
weitem Umfange dem militärischen Fachmann und stützte sich, wenn er seinen
eigenen Willen zur Geltung bringen wollte, auf dessen Rat und Mitarbeit" 4 .
Aber mit der Blomberg=Fritsch=Krise im Januar und Februar 1938 voll=
zog sich auch die organisatorische Gleichschaltung der Wehrmacht. Nachdem
Gen.Feldm. v. Blomberg, selbstverschuldet, von seinem Amt zurückgetreten
war, und der Oberbefehlshaber des Heeres, Gen.Oberst v. Fritsch, durch eine
Intrige zum Rücktritt gezwungen worden war, veröffentlichte Hitler am 4. 2.
1938 einen „Erlaß über die Führung der Wehrmacht", der folgendermaßen
lautete:
„Die Befehlsgewalt über die gesamte Wehrmacht übe ich von jetzt an per*
sönlich aus.
Das bisherige Wehrmachtamt im Reichskriegsministerium tritt mit seinen
Aufgaben als Oberkommando der Wehrmacht und als mein militärischer Stab
unmittelbar unter meinen Befehl.
An der Spitze des Stabes des Oberkommandos der Wehrmacht steht der bis=
herige Chef des Wehrmachtamtes als Chef des Oberkommandos der Wehr=
macht. Er ist im Range den Reichsministern gleichgestellt.
Das Oberkommando der Wehrmacht nimmt zugleich die Geschäfte des
Reichskriegsministeriums wahr, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht
übt in meinem Auftrage die bisher dem Reichskriegsminister zustehenden Be=
fugnisse aus.
Dem Oberkommando der Wehrmacht obliegt im Frieden nach meinen Wei=
sungen die einheitliche Vorbereitung der Reichsverteidigung auf allen Ge=
bieten."
Über die Bedeutung dieses 4. 2. 1938 sei hier das überaus abgewogene und
zutreffende Urteil von F. Hoßbach zitiert 5 :
4 Vgl. Hoßbach, a. a. O. (s. Anm. 1), S. 112.
5 Ebd., S. 121 ff. Vgl. außerdem: Siegler, Fr. Frhr. v. (Hrsg.), Die höheren Dienst=
stellen der deutschen Wehrmacht 1933—1945, München 1953; Lohmann, W., und
H. H. Hildebrand, Die Deutsche Kriegsmarine 1939 — 1945. Gliederung Einsatz
Stellenbesetzung, Bad Nauheim 1956 ff. (Lieferungen) ; Keilig, W., Das Deutsche
Heer 1939—1945, Bad Nauheim 1956 ff. (Lieferungen).
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
„Mit der Zusammenfassung der politischen und militärischen Macht in der
Person Hitlers wurde die unumschränkte Kommandogewalt auf jeglichen Ge=
bieten des militärischen Daseins in einem Umfange wieder aufgerichtet, wie
sie sich unter wesentlich einfacheren und kleineren Verhältnissen des Abso=
lutismus im 18. Jahrhundert nur bewährt hatte, so lange zwei so hoch bedeu=
tende Herrscher wie Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große an der Spitze
von Staat und Heer gestanden hatten. Der geschichtliche Ablauf seit der napo=
leonischen Epoche hatte aber in größter Eindringlichkeit gelehrt, daß kein
menschliches Genie ausreichte, um alle Aufgaben der Staats= und Wehrmacht=
führung eines großen Volkes auf die Dauer und mit Erfolg in einer Hand zu
vereinigen. Gegen diese Erkenntnis verstieß der Autodidakt Hitler, als er der
Versuchung erlag, ohne eigene Erfahrung und echte Bildung in der Kriegskunst
das schwere Amt eines modernen Wehrmachtführers auf sich zu nehmen; er
begab sich damit der Möglichkeit, den notwendigen Ausgleich zwischen den
politischen Ansprüchen und Zielen und der militärischen Leistungsfähigkeit
von einer allen Stellen übergeordnete Warte aus zu bilden.
Am 4. 2. 1938 war das Reichskriegsministerium, die bisherige oberste mili=
tärische Einheitsinstanz, zu Grabe getragen worden. An seine Stelle traten vier
selbständige Militärbehörden — das neugeschaffene Oberkommando der Wehr=
macht (bisheriges Wehrmachtamt) und die seit 1935 bestehenden Oberkom=
mandos des Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe. Das Oberkommando
der Wehrmacht sollte Hitler in Zukunft als persönlicher Arbeitsstab dienen,
und dessen Chef, der Generaloberst und spätere Generalfeldmarschall Keitel,
„sein Vertreter und einziger Berater in den Dingen der Wehrmacht" sein, deren
„einheitliche und geschlossene Führung ihm heilig und unverletzbar" sei. Da
sich die Größe und die Stärke seiner Persönlichkeit in einem zu ungleichen Ver=
hältnis befanden, wurde Keitel im Laufe der Zeit auf das seinen Fähigkeiten
mehr entsprechende Teilgebiet der Organisation und Verwaltung der Wehr=
macht und der personellen und materiellen Rüstung beschränkt, während sein
Untergebener, der General Jodl (Chef des Wehrmachtführungsstabs) mehr
und mehr zum alleinigen Berater Hitlers in den Fragen der eigentlichen Wehr=
macht führung aufstieg. Beiden Männern stand eine eigene Befehlsgewalt
nicht zu Gebote; den Wehrmachtteilen konnten sie infolgedessen nur als aus=
führende Organe des Obersten Befehlshabers gegenübertreten; diese Rolle
haben sie im Glauben an die Sendung Hitlers bis zum Ende des Krieges bei=
behalten.
Die Maßnahmen des 4. 2. 1938 änderten dagegen die Funktionen der Ober-
kommandos der Wehrmachtteile nicht, wohl aber die Stellung ihrer drei Ober=
befehlshaber. Generaloberst v. Brauchitsch (Nachfolger Fritschs), Generalad=
miral Raeder und Generalfeldmarschall Göring nahmen von nun an ein un=
mittelbares militärisches Unterordnungsverhältnis zu Hitler ein und wurden
auf ihren Gebieten seine nächsten Ratgeber, was für Göring aus den bekannten
Gründen nur eine formale Bestätigung des bestehenden Zustandes, für die
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Oberbefehlshaber von Heer und Marine indessen eine tatsächliche Änderung
ihres bisherigen Dienstverhältnisses bedeutete. So war von Anfang an mit der
Übernahme der Befehlsgewalt durch Hitler eine Dezentralisation des obersten
W ehrmacht gremiums eingeleitet, die um so nachteiliger wurde, als der Reichs=
führer SS Himmler, der Chef der Waffen=SS, die neben der regulären Wehr=
macht sich nun schnell zu einer starken Sonderstreitmacht entwickelte, in einem
besonders gearteten Vertrauensverhältnis zu dem Diktator stand.
Bis zum 4. 2. 1938 hatte ein einzelner Mann — der Reichskriegsminister —
die Gesamtwehrmacht zentral geleitet und deren Belange beim Staatsoberhaupt
vertreten; nun aber befehligte Hitler selbstherrlich alle Streitkräfte mit Hilfe
von sechs Männern unmittelbar. Das Grundübel dieser Neuregelung lag nicht
in dem Rücktritt der Person des Feldmarschalls v. Blomberg, sondern in der
Beseitigung seiner Stellung als „Reichs=Kriegsminister und Oberbefehlshaber
der Wehrmacht", ohne eine im Sinne der militärischen Einheit bessere Lösung
zu wählen. Der zu Beginn der Blomberg=Fritsch=Krise seitens des Adjutanten
der Wehrmacht Hitler gemachte Vorschlag, der durch die zentralkontinentale
Lage Deutschlands bedingten entscheidenden Bedeutung der Armee als wich=
tigstes Element eines Landkrieges Rechnung zu tragen und daher dem Ober=
befehlshaber des Heeres bereits im Frieden auch die Gesamtführung (nicht die
Verwaltung) der Wehrmacht anzuvertrauen, blieb ebenso erfolglos wie ein
wenige Tage darauf in gleicher Richtung zielender Vorstoß des Chefs des Ge=
neralstabes Beck bei dem Leiter des damaligen Wehrmachtamtes, Keitel."
Innerhalb des OKW war das Wehrmachtführung samt (ab Sommer 1940:
Wehrmachtführungsstab) der eigentliche operative Arbeitsstab; über dessen
Aufgabenbereich ab 1941 äußerte sich Gen. a. D. A. Winter:
„Seine Hauptaufgabe bestand auf dem Gebiet der strategischen und ope=
rativen Führung in folgendem:
1. Nach den Weisungen Hitlers die Strategie für die Gesamtkriegführung zu
planen;
2. den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht über den Verlauf der Opera=
tionen zu unterrichten und ihm für seine Entschlußfassung die erforderlichen
Unterlagen bereitzustellen.
3. Hatte Hitler seinen Entschluß gefaßt, mußte dieser die operativen Weisungen
ausarbeiten und zur endgültigen Formulierung dem Chef OKW oder Hitler
selbst vorlegen;
4. die Zusammenarbeit der Wehrmachtsteile im großen zu fördern, „sobald
mehrere Wehrmachtsteile an einer Operation beteiligt waren."
5. Die für die operative Zusammenarbeit mit den Verbündeten notwendigen
Unterlagen vorzubereiten.
Um eine enge Verbindung zwischen dem Wehrmachtführungsamt und den
Generalstäben von Heer, Luftwaffe bzw. der Seekriegsleitung zu halten, waren
V.Offz. eingeteilt worden.
123 E
A. Einführung
Der stellvertretende Chef WFSt (früher Chef Abt. L)
Der Stellv. Chef WFSt unterstand dem Chef WFSt und war dessen ständiger
Vertreter. Er hatte die Dienststellung und Befugnisse eines Divisionskomman=
deurs. Unter dem Stellv. Chef WFSt waren die operativen, organisatorischen
und Quartiermeister=Aufgaben des OKW einschließlich der Zusammenarbeit
mit den verbündeten und befreundeten Mächten, sowie die aus dem Zusam=
menwirken von Wehrmacht« und Staatsführung sich ergebenden grundlegen=
den Aufgaben zusammengefaßt.
Zu den operativen Aufgaben gehörten die Beratung des Chefs WFSt zur
Lagebeurteilung und Entschlußfassung, die Bearbeitung der vom OKW aus=
gehenden operativen Weisungen, sowie die Zusammenfassung von Berichten
über die Kriegslage.
Auf organisatorischem Gebiet waren die einheitlichen und grundlegenden
Richtlinien für die Organisation und Rüstung der Wehrmacht, sowie die mili=
tärischen Fragen der an der Führung des Waffenkrieges beteiligten außer=
militärischen Organisationen zu bearbeiten. Die Wehrgesetzgebung gehörte
zu diesem Bereich.
Das Yfehrmadit=Quartiermeisterwesen umfaßte sämtliche Aufgaben auf
dem Gebiet der Kriegsverwaltung für Operations« und besetzte Gebiete, sowie
die Versorgungsaufgaben, die leitend und einheitlich für die Gesamtwehrmacht
zu lösen waren.
Im Zusammenwirken von Wehrmacht und Staatsführung fiel ihm die zu=
sammenfassende Leitung der Kriegsvorbereitung und einheitliche Abstimmung
aller die Gesamtkriegführung berührenden Maßnahmen zu, sowie die zentrale
Mitarbeit an den die Wehrmacht berührenden Gesetzen.
Der Stellv. Chef WFSt war verantwortlich für die Unterrichtung der übrigen
Ämter und Abteilungen des OKW über die Kriegslage und erhielt von diesen,
sowie von den Oberkommandos der Wehrmachtteile die für Erfüllung seiner
Aufgaben notwendigen Unterlagen, im Bedarfsfall durch ständig abzustellende
Verbindungsoffiziere.
Der Stellv. Chef WFSt hatte nach jeweiliger Anweisung des Chefs WFSt
unmittelbaren Vortrag beim Chef OKW.
Der Stellv. Chef WFSt war gehalten, die ihm unterstellten Offiziere, soweit
sie einem anderen Wehrmachtteil angehörten wie er selbst, zu den für ihren
Wehrmachtteil besonders wichtigen Vorträgen beim Chef WFSt und Chef
OKW heranzuziehen.
Der 1. Generalstabsoffizier Heer im WFSt (Op H)
Die Gruppe IH in der Abteilung L im Wehrmachtführungsamt hatte als
Operationsgruppe des Heeres die Aufgabe, bei strategischen und operativen
Studien, Entwürfen, Vorschlägen, Weisungen und Befehlen den das Heer
betreffenden Teil zu bearbeiten und die für die Entschlußfassung der Obersten
Führung notwendigen Unterlagen zu beschaffen und auszuwerten.
124 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Für die Unterrichtung Hitlers über die Entwicklung der operativen Lage
hatte sie den als Grundlage für den Lagevortrag des Chefs WFSt dienenden
Lagebericht anzufertigen, soweit sich dieser mit den Operationen des Heeres
befaßte, und die auf Grund dieses Lageberichtes notwendigen Entscheidungen
vorzubereiten, die später getroffenen Entscheidungen zu formulieren und an
die Empfänger auszugeben. Nach Umwandlung der Gruppe IH in die Abteilung
Op H im Verlauf des Krieges kam zu den obengenannten Aufgaben die Be=
arbeitung der dem OKW unmittelbar unterstellten Kriegsschauplätze und
Wehrmachtbefehlshaber auf strategischem, operativem und teilweise tak=
tischem Gebiet hinzu.
Darüber hinaus wurden der Abteilung mit den erwähnten Auf gabenbereichen
verbundene Sondergebiete, wie z. B. Ausbau der Küsten und rückwärtigen
Stellungen, Vorbereitung des Fernkampfes, Bandenbekämpfung u. a. über=
tragen.
Während zu Beginn der Entwicklung die Gruppe IH lediglich aus 2 General*
Stabsoffizieren bestand, wurde der Ausweitung der Aufgaben entsprechend ein
personeller Ausbau vorgenommen.
Im Endziel verfügte die Abteilung über einen Ia, der in erster Linie die
Bearbeitung der Spezialaufgaben zu übernehmen hatte, und über 4 Gruppen,
entsprechend den vom WFSt zu bearbeitenden Kriegs=Schauplätzen Nord=
europa, Westen, Südwesten und Südosten, die jede mit einem, zeitweise mit
zwei Generalstabsoffizieren und je Gruppe mit ein bis zwei Ordonnanzoffi=
zieren besetzt war. Die Bearbeitung der Wehrmachtbefehlshaber im Osten
erfolgte durch die genannten Gruppen mit.
Der 1. Admiralstabsoffizier im WFSt (Op M)
Die Gruppe IM in der Abteilung L im Wehrmachtführungsamt hatte als
Operationsgruppe der Kriegsmarine die Aufgabe, bei strategischen und opera=
tiven Studien, Entwürfen, Vorschlägen, Weisungen und Befehlen den die
Kriegsmarine betreffenden Teil zu bearbeiten und die für die Entschlußfassung
der Obersten Führung auf ihrem Gebiet notwendigen Unterlagen zu beschaffen
und auszuwerten. Diese Aufgabe wurde weitgehend dadurch erschwert, daß
das Arbeitsgebiet der Gruppe IM — eigentlich nur eine Verbindungsgruppe
des Ob.d.M. — sehr stark beim Ob. d.M. zentralisiert war und die Gruppe häufig
dazu angehalten war, für die Vorlage ihrer Arbeiten vorher die Genehmigung
des Ob.d.M. bzw. der Seekriegsleitung einzuholen.
Für die Unterrichtung Hitlers über die Entwicklung der operativen Lage hatte
sie in dem dem Chef des WFSt als Grundlage für seinen Lagevortrag bei Hitler
dienenden Lagebericht die Seekriegslage zu bearbeiten. Im Rahmen dieser
Aufgabe berichtete sie auch in besonderen Berichten über die Entwicklung
des von der Seekriegsleitung unabhängig von der Wehrmachtführung geführ=
ten Kreuzer= und U=Boot=Krieges.
Die Angaben über den U=Boot=Krieg — sowohl Umfang wie auch Ziel des
125 E
A. Einführung
Einsatzes — wurden besonders geheimgehalten und auch bei den internen
Besprechungen im WFSt von der Gruppe IM nicht berührt.
Auf Grund der Lageberichte notwendige Entscheidungen Hitlers wurden
von der Gruppe IM meist nach Rücksprache und Genehmigung durch die
Seekriegsleitung vorbereitet und die getroffenen Entscheidungen formuliert.
Diese Aufgaben änderten sich nach der Umwandlung der Gruppe IM in die
Abteilung OpM nur insoweit, als ab März 1943 der Chef Op M bei den
täglichen Lagevorträgen bei Hitler die Seekriegslage selbst vorzutragen hatte.
Die Zusammensetzung der Abteilung blieb bis zum Kriegsende fast unver=
ändert.
Die Bildung der OKW=Kriegsschauplätze wirkte sich auf die Gruppe IM bzw.
Abteilung Op M im wesentlichen nur darin aus, daß die die Ostfront be=
rührenden Führungs= und Einsatzfragen der Marine (Ostsee und Schwarzes
Meer) nunmehr weitgehend vom Generalstab des Heeres über den bei ihm
befindlichen Verbindungsoffizier der Kriegsmarine unmittelbar geregelt wurden.
Der 1. Generalstabsoffizier der Luftwaffe im WFSt (Op L)
Die Gruppe IL in der Abteilung L im Wehrmachtführungsamt hatte als
Operationsgruppe der Luftwaffe die Aufgabe, bei strategischen und operativen
Studien, Entwürfen, Vorschlägen, Weisungen und Befehlen den die Luft=
waffe betreffenden Teil zu bearbeiten und die für die Entschlußfassung der
Obersten Führung auf ihrem Gebiet notwendigen Unterlagen zu beschaffen
und auszuwerten.
Ähnlich wie bei der Kriegsmarine wurde auch die Arbeit der Gruppe IL
wesentlich durch die scharfe Zentralisierung und straffe Führung des Luft=
krieges durch den Ob.d.L. bzw. dem Luftwaffen=Führungsstab erschwert, was
zur. Folge hatte, daß auch die Gruppe IL im wesentlichen nur eine Verbindungs=
gruppe des Ob.d.L. beim Wehrmachtführungsamt darstellte und gehalten
war, sich in ihren Bearbeitungen eng an die Richtlinien des Luftwaffen=
Führungsstabes zu halten. Eine eigene schöpferische Tätigkeit auf dem Gebiet
der Luftkriegführung im Wehrmachtführungsamt war hierdurch und durch
die starke persönliche Einschaltung des Ob.d.L. bei Hitler ausgeschaltet.
Für die Unterrichtung Hitlers über die operative Lage hatte die Gruppe IL
die Luftlage zu bearbeiten. Diese umfaßte sowohl die Tätigkeit der Luftwaffe
zur Unterstützung des Heeres an den Kampffronten (einschl. Luftversorgung),
wie auch die Entwicklung des operativen Luftkrieges auf den verschiedenen
Kriegsschauplätzen und über Deutschland.
Hinsichtlich der Unterrichtung über Luftlande= bzw. Fallschirmjäger=Ver=
bände erfolgte Bearbeitung und Berichterstattung — soweit es sich um Organi=
sation und Ansatz von Luftlandungen handelte — durch die Gruppe IL, soweit
es sich um Einsatz im Erdkampf im Rahmen der Heeresoperationen handelte,
durch die Gruppe IH.
126 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Die Unterrichtung Hitlers über den Einsatz der Flak=Artillerie und Boden=
Organisation fiel ebenfalls in den Aufgabenbereich der Gruppe IL. Hierbei
erforderte das in die Einzelheiten gehende Interesse Hitlers für die Luft=
Verteidigung der für den Feind wichtigen Ziele in Deutschland und in den
besetzten Gebieten eine Bereitstellung lückenloser Unterlagen über die jeweilige
Verteilung und Verschiebung der vorhandenen Flak=Kräfte.
Die auf Grund der Lageberichte notwendigen Entscheidungen Hitlers wurden
von der Gruppe IL meist nach Rücksprache und Genehmigung durch den
Luftwaffen=Führungsstab vorbereitet, die getroffenen Entscheidungen formu=
liert und an die Empfänger ausgegeben.
An diesen Aufgaben änderte sich auch nach Umwandlung der Gruppe IL
in die Abteilung Op L im Dezember 1941 fast nichts. Dementsprechend blieb
auch die Zusammensetzung der Abteilung (3 bis 4 Offiziere) bis zum Kriegs=
ende fast unverändert.
Die Bildung der OKW=Kriegsschauplätze wirkte sich ähnlich wie bei der
Abteilung Op M auch bei der Abteilung Op L nur darin aus, daß die die
Ostfront betreffenden Führungs= und Einsatzfragen der Luftwaffe in zu=
nehmendem Maße vom Generalstab des Heeres mit den bei ihm befindlichen
Verbindungsoffizieren der Luftwaffe unmittelbar geregelt wurden.
Der 2. Generalstabsoffizier im WFSt (Org)
Die dem 2. Generalstabsoffizier im WFSt unterstellte Organisationsabteilung
des WFSt war im Raum Berlin untergebracht, ein Verbindungsoffizier befand
sich beim Stellv. Chef WFSt im F.H.Qu.
Die Abteilung bearbeitete folgende Sachgebiete:
1. Grundsätzliche Organisationsfragen
Hierzu gehörten u. a. :
Organisation der Kriegs= und Friedenswehrmacht,
Kriegsspitzengliederung,
Befehlsbefugnisse innerhalb der Wehrmacht,
Verwendung der Truppe außerhalb der Wehrmacht (Notstände),
Organisationsunterlagen und Vorschläge für die Führung,
Organisatorische Einzelfragen für die Gesamtwehrmacht z. B. Luftschutz,
Unterkunft, Urlaub usw.
2. Führungsfragen der personellen Rüstung
Menscheneinsatz im militärischen und zivilen Sektor,
Wehrersatzwesen und Wehrüberwachung,
personeller Ausgleich zwischen den Wehrmachtteilen,
Übersicht der Menschenlage für die Führung,
Wehrgesetz 1 soweit sie die personelle
Mitprüfung von Reichsgesetzen J Lage betrafen.
127 E
A. Einführung
3. Führungsfragen der materiellen Rüstung
Rüstungsprogramme und Ausgleich von Kriegsgerät zwischen den Wehr=
machtteilen,
materielle Einzelfragen und Beute,
Abgabe von Kriegsgerät an das Ausland,
Übersicht der materiellen Lage für die Führung.
4. Statistik der Führung
Statistische Erfassung der personellen und materiellen Lage (Wehrkartei),
Verlust= und Verbrauchsmeldungen.
5. Allgemeine Führungsfragen
Stellung und Ansehen der Wehrmacht,
Wehrrecht und Völkerrecht,
Geheimhaltung und Abwehr,
Besondere Vorkommnisse usw.
6. Beobachtung der außerhalb der Wehrmacht stehenden Organisationen
hinsichtlich ihrer Gliederung und Verwendung.
Der Quartiermeister im WFSt (Qu)
Die Quartiermeisterabteilung im WFSt gliederte sich in:
a) Frontstaffel mit den Gruppen Qu 1, Qu 2, Qu 3, Qu 4 und Qu=Verw.
b) Standortstaffel mit den Gruppen Qu St, Qu Stb, Qu Stc und Qu=Verw. 1.
Frontstaffel:
Geographische Einteilung der Arbeitsgebiete:
Qu 1 Italien, Spanien, Afrika (mit Qu 4), Naher Osten, England, Amerika,
Portugal, Schweiz.
Qu 2 Rußland, Generalgouvernement, Ostland, Weißruthenien, Ukraine,
Slowakei, Ostasien.
Qu 3 Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Balkanländer.
Qu 4 Frankreich, Belgien, Niederlande.
Entsprechend dieser geographischen Einteilung wurden folgende Gebiete
bearbeitet:
1. Allgemeine politische und wirtschaftliche Grundlagen für die Kriegführung
und den Einsatz der Wehrmacht.
2. Anordnungen besonderer Art zu operativen Weisungen.
3. Anordnungen für die Verwaltung besetzter Gebiete, Abgrenzung der Be=
fugnisse zwischen Wehrmacht und zivilen Reichsbehörden, Frage der Wehr=
hoheit, Vorbereitung der hierfür grundlegenden Erlasse der Obersten
Führung.
4. Versorgungs= und Transportfragen (mit Ausnahme der Truppentransporte)
in Operations= und besetzten Gebieten, soweit einheitliche Richtlinien für
alle Wehrmachtteile erforderlich waren.
5. Quartiermeisterfragen bei Einsatz deutscher Truppen in verbündeten oder
befreundeten Ländern.
128 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
6. Quartiermeisterfragen bei Einsatz verbündeter Truppen oder Freiwilliger
Verbände unter deutschem Oberbefehl.
7. Grundlegende Weisungen und Richtlinien der Wehrmachtführung auf den
Sondergebieten des Wehrmacht=Quartiermeisterstabes.
Ohne Rücksicht auf die geographische Einteilung wurden folgende Gebiete
bearbeitet :
Qu 1 Richtlinien für die Mineralöl=Bewirtschaf tung vom Standpunkt der Wehr=
machtführung in allen im deutschen Machtbereich liegenden und ver=
bündeten Ländern.
Qu 4 Waffenstillstandsangelegenheiten, insbesondere im Zusammenwirken
mit der deutschen Waffenstillstandskommission in Wiesbaden. Fran=
zösische Legion.
Qu Verw. Begutachtung der bei der Quartiermeisterabteilung zu bearbeitenden
Fragen vom staats= und verwaltungspraktischen Standpunkt.
Mitwirkung bei der Abgrenzung der Befugnisse zwischen Wehrmacht
und zivilen Reichsbehörden.
Mitwirkung bei der Verwaltung von besetzten Feindgebieten. Auswer=
tung von Erfahrungsberichten der Militärverwaltung.
Völkerrechtliche Fragen des Wehrmacht=Quartiermeisterstabes.
Verwaltungs= und staatsrechtliche Prüfung von Gesetzen und Verord=
nungen vom Standpunkt der Kriegführung.
129
A. Einführung
B. Die direkte Führung
Der nachfolgende Überblick über die Deutsche Oberste Wehrmachtführung
in den Jahren von 1939 bis 1941 ist der erste Versuch einer Systematisierung.
Dabei soll im Mittelpunkt das mannigfache personelle und institutionelle Zu=
sammenwirken aller derjenigen Kräfte stehen, die auf Grund einer bestimmten
ebenso vorgegebenen wie eingespielten Organisation fördernd oder hemmend,
aufbauend oder zerstörend, richtungsweisend oder irreführend den strategisch=
operativen Einsatz der Gesamtstreitkräfte zum Zwecke der Kriegführung be=
einflußt oder bestimmt haben (direkte Führung). Seit Kriegsende sind zahl=
reiche, wertvolle und wichtige Einzelstudien zu den Fragen der deutschen Wehr=
machtführung erschienen, aber bisher sind die Autoren vor allem wegen der
unzureichenden Quellenlage über das Aufzählen des rein Faktischen und der
Schilderung des chronologischen Ablaufes nicht nennenswert hinausgediehen 1 .
Inzwischen aber hat sich diese etwas gebessert; daher ist es erforderlich, durch
einen systematischen Überblick zu einem tieferen und umfassenderen Verständ=
nis für den Mechanismus, für die Friktionen und Probleme der deutschen Ober=
sten Wehrmachtführung im Kriege vorzudringen. Gleichzeitig kann dadurch ein
weiterer Beitrag zur Klärung der Frage geleistet werden, wie Hitler und seine
engsten militärischen Mitarbeiter diesen Krieg geführt haben.
Im Rahmen einer Einführung zum KTB kann es sich dabei freilich nur um
eine erste Skizze handeln, die keineswegs erschöpfend ist. Hier soll nur soviel
zusammengefaßt werden, wie es zum Verständnis des nachfolgenden Dokumen=
tenteils (KTB) notwendig erscheint. Leider können eine Reihe zentraler Fragen
immer noch nicht hinreichend beantwortet werden, da die Quellen erhebliche
Lücken aufweisen. Im übrigen ist auf folgendes hinzuweisen: die deutschen
militärischen Akten sind zwar weitgehend an das Militärgeschichtliche For=
schungsamt in Freiburg zurückgegeben und dort archiviert worden, aber es
wird noch längere Zeit dauern, bis die dort erfaßten und katalogisierten Be=
stände systematisch ausgewertet werden können.
Vor allem kam es darauf an, das Typische und Wesentliche herauszuarbei=
ten, stets eingedenk der Tatsache, daß Stäbe, Institutionen und Dienst=
stellen nicht allein von ihrem organisatorischen Aufbau her beurteilt werden
dürfen; ihre Leistungen, im positiven wie im negativen, sind in erster Linie
das Verdienst der in ihnen wirkenden Persönlichkeiten. Unter diesen gibt es
Sympathien und Antipathien, Cliquenwirtschaft und Rivalitäten, Frontstellun=
gen und Intrigen. Diese haben in viel höherem Maß das erfolgreiche oder
erfolglose Zusammenwirken bestimmt. Zu bedenken bleibt ferner die Arbeits=
weise in einem politischen System, das auf dem gegenseitigen Mißtrauen auf=
baute und in dem die Spannungen zwischen Partei, Staat und Wehrmacht
oft ein geradezu auswegloses Labyrinth darstellten; dieses in seinen Veräste»
1 Vgl. KTB, Bd. I, S. 24 E ff.
130 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
lungen und all seinen Hindernissen der geschichtlichen Wirklichkeit entspre=
chend zu erforschen, ist ein schier unmögliches Unterfangen.
Wie schon angedeutet kann es sich in unserem Falle nur um Fragen der
strategisch=operativen Führung handeln. Damit ist aber das außerordentlich
vielschichtige, z. T. schwer durchschaubare System der Gesamtführung keines=
wegs erfaßt. Für einen solchen Überblick sind noch nicht hinreichende Vor=
arbeiten geleistet worden. Dennoch wäre es eine dringende Aufgabe, einmal
den Mechanismus der Gesamtkriegführung in den Jahren von 1939—1945 zu
beleuchten und seine wesentlichen Elemente im Wechselspiel zu analysieren 2 .
Um nur die wichtigsten anzudeuten: bis heute fehlen Untersuchungen über
die Arbeitsweise der Wehrmach tfüforimg auf den Gebieten der Versorgung,
des Transportwesens, des Nachrichten=Verbindungswesens, des Feind=Nach=
richtenwesens, der Wehrmachtpropaganda (sieht man von der kleinen Schrift
des Gen. v.Wedel ab). Außerordentlich empfindlich ist die Lücke auf dem
Sektor der Rüstungs= und Wehrwirtschaft (personelle und materielle Pro=
bleme). Damit im Zusammenhang stehen die Fragen um die richtige Abgren=
zung zwischen den Aufgaben und Befugnissen der Wehrmachtführung und
den selbstverantwortlichen Industrieführern, um die Ausbalancierung des per=
sonellen Bedarfs von Wehrmacht und Kriegswirtschaft und die Vertretung
der wehrwirtschaftlichen Bedürfnisse der Gesamtwehrmacht. Zu einem ständi=
gen Streitobjekt entwickelte sich im Kriege die Programmgestaltung innerhalb
der Gesamtwehrmacht und der damit verbundene Ausgleich unter den Wehr=
machtsteilen sowie die Abstimmung mit den Produktionsmöglichkeiten der
Industrie (vgl. S. 72 Eff.).
Unlösbar mit der Gesamtführung verbunden sind zahlreiche staatsrechtliche
Fragen wie die Auseinandersetzung um die „vollziehende Gewalt", um Gesetze
und Verordnungen, die Zusammenarbeit mit den Reichsverteidigungskommis=
saren. Die kriegsministeriellen Aufgaben des OKW während des Krieges sind
von Ausnahmen abgesehen so gut wie gar nicht behandelt worden, obwohl
in der Dezentralisierung der Gesamtrüstung eine der großen Schwächen des
deutschen Führungsapparates gesehen werden muß. Das Zusammenspiel oder
das Gegeneinander von Dienststellen der Partei, des Staates und der Wehr=
macht ist bisher nur an vereinzelten Beispielen deutlich geworden. Und schließ=
lieh sei noch auf das Kapitel der Besatzungspolitik verwiesen, auf die Tätigkeit
der Militär= und Wehrmachtsbefehlshaber und neben ihnen die der höheren
SS= und Polizeiführer, der Beauftragten für den Vier jahresplan, des Arbeits=
einsatzes und anderer Organisationen. Hinzu kommen Bedeutung und Einfluß
der Parteikanzlei unter Bormann. Bei allen diesen Fragen steht die Forschung
jedoch erst am Anfang ihrer Bemühungen 8 .
2 Einen ersten Überblick bietet: Ploetz, Geschichte des Zweiten Weltkrieges, 2. Teil:
Die Kriegsmittel, Würzburg i960.
3 Vgl. den Hinweis auf S. 190 E.
131 E
A. Einführung
a) Die Regel
aa) Das „geschriebene" Gesetz
1. Politischer Entschluß, strategische Entscheidung und operative Führung
Ausgangspunkt unseres Versuches, die Arbeitsweise und den Mechanismus
der deutschen Obersten Wehrmachtführung in den Jahren 1939—1941 zu skiz=
zieren, sind drei Fragen: wer faßte die jeweiligen politischen Entschlüsse und
in welcher Weise? Wer traf die strategischen Entscheidungen, unter welchen
Gesichtspunkten und wer führte die Operationen auf dem Schlachtfeld?
Mit dem Entschluß, die Politik „unter Einmischung anderer Mittel", d. h.
durch Krieg unter Einsatz der bewaffneten Streitkräfte, fortzusetzen, ver=
banden sich alle Probleme, auf die schon Carl von Clausewitz in seinem Werk
„Vom Krieg" mit Nachdruck hingewiesen hatte; der deutsche Kriegstheoretiker
schrieb im „Achten Buche": man solle „vernünftigerweise" keinen Krieg an=
fangen, „ohne sich zu sagen, was man mit und was man in demselben erreichen
will"; das erste sei „der Zweck", das andere „das Ziel". Durch diese
Hauptgedanken würden alle Richtungen gegeben, der Umfang, Mittel und das
Maß der Energie bestimmt, und „er äußert seinen Einfluß bis in die kleinsten
Glieder der Handlung hinab". Um aber das „Maß der Mittel" kennenzulernen,
welches man für den Krieg aufzubringen habe, müsse man „den politischen
Zweck desselben unsererseits und von Seiten des Feindes bedenken; wir müssen
die Kräfte und Verhältnisse des feindlichen Staates und des unsrigen, wir
müssen den Charakter seiner Regierung, seines Volkes, die Fähigkeiten beider,
und das alles wieder von unserer Seite, wir müssen die politischen Verbin=
düngen anderer Staaten und die Wirkungen, welche der Krieg darin hervor=
bringen kann, in Betracht ziehen" *.
Mit anderen Worten: von dem jeweiligen politischen Entschluß war der
Umfang der unmittelbaren oder später eintretender Gegnerschaft in geogra=
phischer, personeller, materieller und geistiger Hinsicht abhängig. Diese wie=
derum bedingten die Art des Einsatzes der Wehrmacht, die möglichen Front=
bildungen (Ein=, Zwei=, Allfrontkrieg) zu Lande, zu Wasser und in der Luft
(kontinentaler oder kontinental=maritimer Krieg) und die Ausrichtung des
eigenen verfügbaren bzw. zu mobilisierenden Wehrpotentials.
Der politische Entschluß legte also zugleich Rahmen und Hauptrichtung der
strategischen Entscheidungen fest. Diese konnten sehr verschieden ausfallen, je
nachdem, in welcher Zusammensetzung der Teilstreitkräfte, mit welchen Waf=
fengattungen und Waffen, an welchen Fronten und in welcher Zeit die Oberste
Wehrmachtführung den strategischen Sieg, d. h. die Vernichtung der feind=
liehen Streitkräfte, erringen zu können hoffte. Nach der strategischen Entschei=
düng richteten sich dann der Schwerpunkt der Gesamtrüstung und ihrer
1 Vgl. Clausewitz, C. v., Vom Kriege, 16. Aufl. Bonn 1952, S. 85p.
132 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Programme, die Fragen der Versorgung, des Transportes, des Nachschubes
und der Nachrichtenverbindungen usw., die Ausweitung der Kriegsschauplätze
und der Umfang der einzusetzenden Verbände sowie ihrer Unterstellungs= und
Führungsverhältnisse.
Je nach örtlicher Lage, dem vorgesehenen Einsatz der Wehrmachtsteile in
Zusammensetzung und Stärke wurde entschieden, wer mit der Führung der
Operationen im großen (OKH, OKW, Ob.Kdos.) oder im einzelnen beauftragt
wurde, wie das Zusammenwirken zu regeln war und welchem Ob.Kdo. (OB)
die Streitkräfte unterstellt wurden.
Unbestritten ist die Tatsache, daß Hitler in seiner Eigenschaft als „Führer
und Reichskanzler" alle politischen Entschlüsse persönlich gefaßt hat. Vom
Soldaten erwartete er, daß dieser absolut, ohne die Voraussetzungen zu prüfen,
gehorchte und die entsprechend gegebenen militärischen Befehle ausführte 2 .
Bemerkenswert dabei war lediglich die Art und Weise seiner Entschlußfassung.
Im Zuge der totalitären Gleichschaltung (1933—1939) hatte er schrittweise das
Recht usurpiert, über Krieg und Frieden in eigener Machtvollkommenheit zu
entscheiden. Dazu bedurfte es im Dritten Reich nicht mehr eines Reichsgesetzes
(vgl. die Weimarer Verfassung), das vom Reichstag (der ja nur noch als Fas=
sade existierte; 1939 gab es 884 Abgeordnete der NSDAP, die „einstimmig"
akklamiert hätten) beraten und verabschiedet worden wäre; ebensowenig hat
die sog. Reichsregierung unter Hitler „ihre Beschlüsse mit Stimmenmehrheit"
gefaßt. Schon längst waren die Ressortminister, von der Person Görings einmal
abgesehen, zu höchsten Exekutivbeamten mit beschränkten Befugnissen degra=
diert worden. Auch der Einfluß des Reichsaußenministers war im ganzen ge=
sehen unerheblich, während die Parteikanzlei (Bormann) die Durchführung
einer Führerentscheidung mit allen Mitteln unterstützt hat. Durch das Reichs=
Verteidigungsgesetz vom 21. 5. ±935 (am 4. September 1938 in etwas abge=
ander ter Form erneuert) erhielt der „Führer und Reichskanzler" als „Träger
der gesamten Staatsgewalt" das Recht, für das Reichsgebiet oder Teile davon
den Verteidigungszustand zu erklären, die Mobilmachung anzuordnen und den
Krieg zu erklären. Nachdem Hitler in dem Erlaß vom 4. 2. 1938 die „Befehls=
gewalt" über die gesamte Wehrmacht persönlich übernommen hatte, vereinigte
er bei Kriegsausbruch praktisch auch die ganze Exekutivgewalt in seiner Hand 3 .
Hitler faßte die meisten politischen Entschlüsse im Krieg ohne nennenswerte
Beratung oder intensivem Gedankenaustausch mit seinen engsten militärischen
Ratgebern. Dieses Verhalten, das er seit dem Einmarsch in die entmilitarisierte
Zone des Rheinlandes 1936 zu praktizieren begonnen hatte, zerstörte syste=
2 Vgl. zum Primat der Politik: Krausnick, H., Vorgeschichte und Beginn des mili=
tärischen Widerstandes gegen Hitler, in: Vollmacht des Gewissens, Frank=
fürt a. M. i960.
3 Vgl. Busch, E., Das Reichsverteidigungsgesetz vom 21. 5. 1935, in: Wehrw. Rdsch.
1950, S. 613 ff.; Mueller=Hillebrand, B., Das Heer 1933—1945, Bd. I, Darmstadt
1954, S. 113 ff.
133 E
A. Einführung
matisch das gegenseitige Vertrauen und begünstigte naturgemäß das Miß=
trauen 4 .
Auf Hitlers eigene politische Zielsetzung sind zunächst zwei der drei schick=
salsschwersten Entschlüsse zurückzuführen: Polen zu erobern und die Sowjet=
union in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen. Der dritte, in seinen Konse=
quenzen ebenso weitreichende Entschluß, den Vereinigten Staaten von Nord=
amerika den Krieg zu erklären, ergab sich dagegen mehr aus der militärischen
Konstellation des Kriegsjahres 1941 in Europa und Asien.
Während das Oberkommando der Luftwaffe auf die Besetzung Hollands
Wert gelegt und Hitler in dieser Hinsicht beeinflußt hatte, stellten der Ein=
marsch in Dänemark und die Eroberung Norwegens einen gewissen Sonderfall
dar. Den Anstoß zu diesem Entschluß haben sicherlich mehrere Überlegungen
gegeben: kriegswirtschaftliche, strategische Gesichtspunkte der Seekriegs=
leitung, politische Interessen des Außenpolitischen Amtes der NSDAP (Rosen=
berg; Quisling) und die politische Lage im Norden angesichts des sowjetische
finnischen Winterkrieges, bei der mit einem Eingreifen der Westmächte
zugunsten Finnlands zu rechnen war und eine Gefährdung der Neutralität
Norwegens gegeben schien.
Von der militärischen Lage diktiert waren zweifellos die politischen Ent=
Schlüsse, Griechenland zu besetzen, Jugoslawien auszuschalten und die arabische
Freiheitsbewegung im Irak zu unterstützen. Hier haben die katastrophalen
Rückschläge der Italiener an der griechisch=albanischen Front, der deutschfeind=
liehe Umsturz in Belgrad am 27. 3. 1941 und der Aufstand des englandfeind=
liehen irakischen Politikers El Gailani eine bestimmende Rolle gespielt 5 .
Eine Variante zu den oben angedeuteten Formen der politischen Entschluß=
bildung war das Einrücken deutscher Lehrtruppen und Verbände in Rumä=
nien und Bulgarien (1940 bzw. 1941). Im ersten Fall entsprach Hitler einer
Aufforderung Rumäniens. Angesichts der Lage auf dem Balkan hatte die
rumänische Regierung um deutschen militärischen Schutz gebeten, der auch
deshalb gewährt wurde, weil Deutschland im eigenen Interesse dieses Gebiet
(öl) vor jeder feindlichen Bedrohung abschirmen wollte. Im zweiten Falle
erfolgte der Einmarsch mit Einwilligung der bulgarischen Regierung 6 .
Fraglos hat Hitler als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht auch alle stra=
tegischen Entscheidungen getroffen. Doch hat er hierbei — im Gegensatz zu
seiner politischen Entschlußfassung — in starkem Maße seine militärischen
Mitarbeiter aus fachlichen Gründen zur Beratung hinzugezogen und sich ihre
Ansichten vortragen lassen, bevor er endgültige Richtlinien erteilte. Analysiert
man die deutsche Kriegführung von 1939—1941, so sind auch hier verschiedene
Formen strategischer Entscheidungen zu erkennen. Am Anfang stand zunächst
eine Entscheidung, die der eigenen Initiative Hitlers entgegen der Ansicht
4 Vgl. Anm. 2 (Krausnick). 5 Vgl. KTB=OKW, Bd. I, S. 368 ff.
6 Ebd., S. 284 ff.; vgl. auch: Hillgruber, A., Hitler, König Carol und Marschall Anto*
nescu, Wiesbaden 1954, S. 8g ff. (siehe auch Chronik, S. 1189 ff.).
134 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
seiner Militärs entsprungen war: angesichts der Kriegserklärung und dem
unbeugsamen Willen Frankreichs und Englands wollte Hitler den Krieg fort=
setzen und noch im Herbst bzw. Winter 1939/40 eine Offensive im Westen
auslösen. Auf Grund militärischer Empfehlungen der Kriegsmarine hat Hitler
die Besetzung Norwegens zur Sicherung der Nordflanke befohlen. In Überein=
Stimmung mit den strategischen Vorstellungen der Ob.Kdos. ließ er deutsche
Truppen zur Unterstützung der Italiener in Nordafrika einsetzen und Griechen=
land bzw. Jugoslawien angreifen.
Jedoch verdeutlichten bereits diese drei Entscheidungen, daß die deutsche
Kriegführung entgegen dem ursprünglichen Konzept aus einer militärischen
Zwangslage heraus hatte handeln müssen und damit in eine gewisse Abhängig=
keit von ihrem Bündnispartner geraten war. Die Folge war eine wachsende
Zersplitterung der eigenen Kräfte und eine Ausweitung der Kriegsschauplätze.
Gegen die strategische Konzeption eines Wehrmachtsteils (OKM) entschied
sich Hitler Ende 1940, als er zur indirekten kontinentalen Strategie gegen Eng=
land überging; mit dem Feldzug gegen die Sowjetunion hoffte er, alle ent=
scheidenden Fragen der deutschen Kriegführung innerhalb kürzester Zeit in
seinem Sinne zu lösen. Die zwischen dem Ende des Westfeldzuges 1940 und
dem Beginn des Ostfeldzuges 1941 darüber hinaus getroffenen oder erwogenen
strategischen Entscheidungen enthüllen kein unbedingt einheitliches Bild. Das
ist darauf zurückzuführen, daß die Ansichten der drei Wehrmachtsteile über
die wirkungsvollsten Möglichkeiten zur direkten Bekämpfung Großbritanniens
auseinandergingen, und einige „Entscheidungen" an politische (z. B. das Unter=
nehmen gegen Gibraltar an Spanien; die Eroberungen der Azoren und Kap=
verdischen Inseln an das Zusammengehen mit Frankreich in Afrika), andere
wiederum an militärische Voraussetzungen gebunden waren (z. B. die Landung
in England, die von der Luftherrschaft abhängig war) 7 .
Die Führung der Operationen lag im allgemeinen in den Händen der
Ob.Kdos. der drei Wehrmachtteile. Ziemlich unbehelligt konnte z. B. das
OKH den Feldzug gegen Polen im Sinne seiner Aufmarschanweisung und
operativen Ideen führen. Allerdings kam es infolge erster Spannungen zwi=
sehen Hitler und dem OKH zu einer Auseinandersetzung innerhalb des OKH
über die Frage der Verantwortlichkeit für die Operationen. Gen. Halder schrieb
damals einen Brief an den Ob.d.H, in dem er ausführte: nur einer könne die
Führung der Operationen maßgebend bestimmen. Entweder Hitler, der Ob.d.H.
oder der Chef des Genst.d.H. Beanspruche der Ob.d.H. diese für sich, so sei
es ratsam, an die Stelle des Chefs des Genst.d.H. eine Persönlichkeit mit einer
anderen Dienstbezeichnung zu setzen. Seit Moltke sei der Chef des Genst.d.H.
für die Operationsführung verantwortlich gewesen. Gen. Halder bat, im letz=
teren Falle um Enthebung von seinem Amt. Die sich an dieses Schreiben
(1. 10. 1939) anschließende Aussprache zwischen dem Ob.d.H. und seinem Chef
7 Vgl. Klee, K., Das Unternehmen „Seelöwe", Göttingen 1958, S. 31 ff.
135 E
A. Einführung
des Genst. ergab, daß v. Brauchitsch künftig die Operationsführung „im Namen
des Ob.d.H." ganz Gen. Haider überließ 8 . Wohl war damit die verantwortliche
Stellung des Chefs des Genst. innerhalb des OKH geklärt, aber die Reibungen
und Differenzen blieben bestehen, da Hitler sich mehr und mehr in den Gang
der Kampfhandlungen auf dem Schlachtfeld und in die operativen Vorberei=
tungen einschaltete (vgl. S. 174 Eff.). Immerhin führte Halder von diesem Zeit=
punkt an in souveräner Beherrschung seine Aufgaben die Operationen des Hee-
res. Das zeigte sich bei Planung und Durchführung des Westfeldzuges, bei den
Vorbereitungen zu den Unternehmen „Attila" und „Felix", im besonderen
während des Balkanfeldzuges 1941, der noch einmal hohe deutsche Führungs=
kunst demonstrierte. Das deutsche Afrikakorps unterstand zwar „de jure" dem
italienischen Comando Supremo, lag aber bis zum Sommer 1941 im Zustän=
digkeitsbereich des OKH. Seit dem 22. 6. 1941 war es jedoch Aufgabe des
OKH, den Feldzug in Rußland zu führen sieht man von Nordfinnland ab.
Parallel zu dieser Entwicklung kam es zur Herausbildung sog. OKW=Kriegs=
Schauplätze, was auch an der erweiterten Aufgabenstellung des Wehrmacht=
führungsamtes bzw. =stabes seit dem Winter 1939/40 deutlich wurde 9 .
War es zunächst nur dessen Aufgabe, die großen strategischen und ope=
rativen Richtlinien für die Kriegführung zu bearbeiten und das Zusammen*
wirken der Wehrmachtteile sicherzustellen, so befahl Hitler diesem im Winter
1939/40, die Besetzung Dänemarks und Eroberung Norwegens („Weser=
Übung") in allen Einzelheiten zu planen und diese „triphibischen" Opera=
tionen zu leiten. Wie es schien, hatten ihn dazu folgende Gründe veranlaßt:
1. „Bei den zu erwartenden Operationen aller drei Wehrmachtsteile war es
wenig zweckmäßig, die Kräfte einem einzigen Wehrmachtsteil zu unter=
stellen, da weder der Generalstab umfangreiche See= und Luftoperationen
leiten konnte, noch die Stäbe der Luftwaffe und Kriegsmarine die Lande=
Operationen."
2. Hinzu kam, daß die Operationen „eine enge Zusammenarbeit mit dem
Auswärtigen Amt" und seinen Vertretern in Dänemark und Norwegen
erforderten. Diese konnte bei Führung durch das OKW „leichter sicher=
gestellt" werden.
3. Die Geheimhaltung des ganzen Unternehmens, so glaubte Hitler, war bei
dem personell eng begrenzten Kreis besser zu garantieren.
4. Im übrigen sollte das OKH, das mit den umfassenden Vorbereitungen für
den Westfeldzug beschäftigt war, nicht weiter „mit einer zusätzlichen so
schwierigen und ihm z. T. wesensfremden Aufgabe" belastet werden. Zu=
dem hatte Hitler den Eindruck gewonnen, daß der ObdH das ganze Nor=
wegenunternehmen sehr skeptisch beurteilte 10 .
8 Vgl. Generaloberst Halder Kriegstagebuch, Bd. I, Stuttgart 1962, S. 95.
9 Vgl. Warlimont, W., Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939—1945,
Frankfurt 1962, S. 82 ff.
10 Zitiert nach: Mitteilung von Gen. a.D. A.Winter an den Verf. v. 10.10.1964.
136 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Wahrscheinlich sind ähnliche Gründe und Überlegungen maßgebend gewe=
sen, als später die Bearbeitung der Operationen in Nordafrika und Nordfinn=
land dem WFSt übertragen wurde und damit das System der sog. OKH= und
OKW ^Kriegsschauplätze endgültig verfestigt wurde. Bei den beiden letztge=
nannten Kriegsschauplätzen handelt es sich außerdem um die Zusammenarbeit
mit den Verbündeten Finnland und Italien. Dabei mußten bestimmte politische
Rücksichten genommen werden; das konnte vielleicht der Stab des OKW
besser verwirklichen, da er „eine engere Verbindung zu den politischen Stellen
und mehr Einblick in die politischen Verhältnisse" besaß.
Kurz vor Beginn des Rußlandfeldzuges entschied Hitler, den Ob.d.H. und den
Chef d. Genst.d.H. „von der Verantwortung und den Belastungen" anderer
Kriegsschauplätze zu befreien und denjenigen, die mit der Führung in den
besetzten Gebieten verbunden waren; beide sollten sich ganz auf den bevor=
stehenden Kampf im Osten konzentrieren können. Holland, Belgien, Frank=
reich und der Balkan wurden dem OKW unterstellt n .
Eine Ausnahme bildete lediglich das Kreta=Unternehmen im Mai 1941. Ob=
wohl dieses ebenfalls ein kombiniertes Unternehmen von Luft, See= und Land=
Streitkräften (Fallschirmjäger) war, beauftragte Hitler Reichsmarschall Cöring
(auf dessen Drängen hin) mit der Führung aller Operationen 12 .
Mit Beginn des Ostfeldzuges wurde die Gesamtverantwortung des OKW
insofern noch erweitert, als ihm alle Wehrmachtsbefehlshaber unterstellt wur=
den, die besondere Aufgaben hinter der Front (Schutz der Straßen, Bahnen
und militärischen Anlagen u. a.) zu erfüllen hatten. Ende 1941 hatte das OKW
nicht nur die verschiedenen Kriegsschauplätze in Nord= und Westeuropa, im
Mittelmeerraum und auf dem Balkan in eigener Veranwortung zu leiten und
im Osten militärische Sicherungsaufgaben zu übernehmen, sondern auch noch
die „zahlreichen deutschert Generale bzw. Militärmissionen bei den Verbün=
deten zu steuern" 13 .
Für diese umfassenden Aufgaben erwies sich der bisherige Führungsstab als
zu klein; daher mußte er vergrößert werden. Doch konnte eine Ausweitung
zu einer vollen Ausstattung mit allen Abteilungen, die für eine unabhängige
Operations=Führung notwendig gewesen wäre, nicht erfolgen, denn der Um=
fang des eigentlichen Op. Stabes (L) mußte zahlenmäßig „auf etwa 150 bis
200 Köpfe beschränkt bleiben, da nicht mehr in dem zur Verfügung stehenden
Arbeitszug arbeiten konnten". Diese Beschränkung war notwendig, da der
Führungsstab ja nicht nur die Op. Leitung auf den OKW=Kriegsschauplätzen
zu bearbeiten hatte, sondern darüber hinaus auch der Arbeitsstab Hitlers
blieb, der so beweglich gehalten werden mußte, daß er Hitler ohne große
Schwierigkeiten begleiten konnte 14 .
11 Ebd.
12 Vgl. Gundelach, K., Der Kampf um Kreta 1941, in: Entscheidungsschlachten des
zweiten Weltkrieges, Frankfurt i960, S. 135 ff.
13 Vgl. Anm. 10 (a.a.O.). 14 Ebd.
137 E
A. Einführung
Im übrigen leitete das Oberkommando der Luftwaffe unter Göring selb=
ständig den Luftkrieg gegen England, während es bei allen anderen Erd= und
See=Operationen auf Zusammenarbeit mit den beiden anderen Teilstreitkräften
angewiesen war. Und das OKM, d. h. der Chef SKL, Großadmiral Raeder,
führte fast völlig unabhängig den Über= und Unterwasserkrieg zu See. In
seinen laufenden Besprechungen mit dem Ob.d.W. unterrichtete Raeder diesen
über alle beabsichtigten Maßnahmen und stimmte seine eigenen Vorstellungen
mit denjenigen Hitlers ab 15 .
2. Der tägliche Lagevortrag als Befehlsausgabe
Der tägliche Lagevortrag — entweder im Befehlszug oder in den herge=
richteten Besprechungsräumen mit Karten und Nachrichtenmaterial — zählte
zu den regelmäßigsten Einrichtungen des Führerhauptquartiers; er war in
erster Linie Befehlsausgabe und daher Ausgangspunkt aller wesentlichen Ent=
Scheidungen. In gewisser Hinsicht war es das letzte „Überbleibsel" einer tradi=
tionell=konservativen deutschen Führung, bei der der Chef des Generalstabs
des Feldheeres dem Obersten Kriegsherrn täglich persönlich vortrug 1 . In der
anfänglichen Form war er noch mehr ein Lagebericht. Wie Warlimont in seinen
Erinnerungen berichtet hat, fand ein solcher das erstemal am Abend des
i. September 1939 im Wintergarten der Alten Reichskanzlei statt. Versammelt
war „ein bunter Kreis von Offizieren und der Wehrmacht nicht angehörigen
, Würdenträgern"'. Dabei schien sich Hitler vor allem für die Zahl der von seinen
Truppen zurückgelegten Kilometer in Polen interessiert zu haben, die ihm dann
„auch von beflissenen Adjutanten schnell und laut zugerufen wurden". Mochte
diese erste Lagebesprechung den Chef der Abt. L noch stark an das „frühere
Bühnenbild" von Wallenstein erinnern 2 , sehr bald entwickelte sich diese Ein=
richtung zum Mittelpunkt des Führungsmechanismus; stetig gewann diese an
Bedeutung. Mit der Zeit bildete sich dabei ein ganz bestimmter Führungsstil
heraus.
Bezeichnend war, daß an dem Lagevortrag nur ein eng begrenzter Kreis von
ständigen Mitgliedern (die sog. „Maison militaire") teilnahm : Der Chef OKW,
GFM Keitel, der Chef des WFSt., Gen. Jodl, die vier Adjutanten und im all=
gemeinen auch der „persönliche" V.Offz. Görings, Gen. Bodenschatz. Von Fall
zu Fall wurden Vertreter des OKH (Ob.d.H, Chef Genst.d.H., Chef Op.Abt.),
des KM (Raeder, Schniewind) und der Luftwaffe hinzugezogen. Zum „Haupt=
berichterstatter" stieg sehr bald der Chef des WFSt., Gen. Jodl, auf, der für
seine Vorträge die von der Abt. L „gesammelten Meldungen und Nachrichten"
der drei Oberkommandos verwertete. Wie Warlimont später zusammengefaßt
hat: „konnten diese in der Hauptsache nur die Tagesereignisse und Verände=
15 Vgl. Literaturhinweise auf S. 27 E.
1 Vgl. auch: Erfurth, W., Die Geschichte des deutschen Generalstabes 1918—1945,
Göttingen 1960, 2. Aufl.
2 Warlimont, a. a. O. (s. S. 136 E), S. 19.
138 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939— 194z
rungen enthalten, mußten dagegen jeden tieferen Gehalts entbehren, wie er der
Führung aller Stufen nur aus dem lebendigen und verantwortlichen Zusammen=
hang mit der Truppe erwachsen kann. Weder Hitler noch die ständig um ihn
tätigen Generale des OKW ließen sich dadurch jedoch beirren, sondern ent=
wickelten auf den unzulänglichen Grundlagen unbekümmert ihre Erörterun=
gen und Entschlüsse, durch die sich dann der Ob.d.H. immer von neuem vor
vorgefaßten Meinungen, wenn nicht gar, wie meistens, vor vollendete Tat=
sachen gestellt sah" 3 .
In den einzelnen Feldhauptquartieren gab es besondere Gebäude oder
Baracken, in denen Besprechungsräume eingerichtet waren. Außer den regeU
mäßigen Lagevorträgen wurden auf Grund besonderer wichtiger Einzelmel=
düngen der Oberbefehlshaber der Wehrmachtteile in engstem Kreise Sonder=
besprechungen einberufen.
Im F.H.Qu. „Wolfsschanze" fand die Lagebesprechung „vor dem Führer"
jeden Tag mittags statt. Grundlage dazu erteilte die Morgenmeldung der
Oberkommandos der Wehrmachtteile, „die sich beim OKH auf die Abschluß=
meidung des Tages von den HGr. stützte. Nur die OB in Finnland, Norwegen
und Nordafrika meldeten unmittelbar an OKW, und gleichzeitig nachrichtlich
an OKH".
Wie Gen. v. Loßberg, der frühere Mitarbeiter Warlimonts berichtete 4 , hatte
Hitler „seinen Tagesablauf" so geregelt, daß „ihm Jodl gegen 11 Uhr im klei=
nen Kreise die von uns während der Nacht zusammengestellten Meldungen
und Karten der Kriegsschauplätze vortrug. Manchmal wurde es noch später,
denn Hitler pflegte nach getaner Tagesarbeit die Nacht bis gegen 4 Uhr früh
bei Teegesprächen mit engen Vertrauten, vielfach auch seinen beiden Steno=
typistinnen, zu verbringen. Es war militärisch höchst unbequem, daß er dann
bis in den Tag hinein schlief und nicht gestört werden durfte.
Anschließend an den OKW= Vortrag erfolgte der Vortrag von v. Brauchitsch
und Halder. Bei diesen Gelegenheiten traf Hitler in seiner impulsiven Art oft
Entscheidungen, — sei es in grundlegenden Fragen, sei es in Einzelheiten, die
keineswegs in den Aufgabenbereich des Obersten Befehlshabers fielen und
vom Hauptquartier aus auch gar nicht zutreffend beurteilt werden konnten.
Dank des vorzüglich arbeitenden Nachrichtenapparates waren auf der Lagen=
karte des Heeres in allen Phasen des Feldzuges der Stand jeder Division, oft
auch die von kleinen Vorausabteilungen am Vorabend erreichten Punkte zu
ersehen. Hitler vertiefte sich gern in solche Details, übte Kritik an Dingen, die
von seinem Bunker in Ostpreußen aus beim besten Willen nicht zu übersehen
waren und gab sogar über den Kopf von v. Brauchitsch hinweg in persönlichen
Telephongesprächen und Funksprüchen oft direkte Befehle an Kommando=
stellen der Front.
Die militärischen Lagevorträge dehnten sich bis in die frühen Nachmittags=
3 Ebd., S. 59.
4 Vgl. Loßberg, B. v., Im Wehrmachtführungsstab, Hamburg 1949, S. 121 f.
139 E
A. Einführung
stunden aus. Bei ihnen war stets ein Stenograph 5 zugegen, der jedes von Hitler
gesprochene Wort festzuhalten hatte. Vom Stenogramm soll nur eine Abschrift
angefertigt worden sein, die Hitler selbst in Verwahrung nahm. Sicherlich
war es die Unterlage für die spätere Geschichtsschreibung. Da Hitler unendlich
viel sprach — man kann beinahe sagen, daß er laut dachte — , wäre es ihm nicht
schwer gefallen, später zu behaupten, daß er alles richtig beurteilt hätte.
Der Nachmittag gehörte den Besprechungen mit Bormann und anderen Stel=
len. Nach kurzer Abendorientierung über die Meldungen von der Front folgte
dann um 20 Uhr oder später in einem engen schmalen Raum, ebenfalls einer
Betonbaracke, das Abendessen, an dem ungefähr 15 Personen teilnahmen. In
der Mitte der Tafel saß Hitler, zu seiner Rechten meist ein zufällig anwesender
Gast — Himmler, Goebbels, Ley oder ein anderer Parteiführer — , zu seiner
Linken Jodl. Hitler gegenüber saßen Bormann und Keitel, nach den Enden des
Tisches zu einige Parteileute und Adjutanten. Regelmäßige Tischteilnehmer
waren weiter der Reichspressephotograph „Professor" Hoffmann und der Leib=
arzt Dr. Morell, fast immer auch der Pressechef Dr. Dietrich oder dessen Ver=
treter. Ebenso wie im Westen wurde schließlich täglich ein Offizier unseres
Stabes und ein Offizier des Führer=Begleitbataillons zur Tafel kommandiert."
Noch etwas ausführlicher hat General d. Geb.Tr. a.D. A.Winter 6 die Art des
Lagevortrages zusammengefaßt :
Hitler wurde gewöhnlich zweimal am Tage über die an allen Fronten entstandene
Lage durch Gen. Jodl, seinem Vertreter oder durch dazu bestimmte Offiziere unter*
richtet. Im großen Teilnehmerkreis fand diese Besprechung meistens gegen 13.00 Uhr,
die zweite kleinere zwischen 23.00 und 1.00 Uhr statt. Als Unterlagen für die Unter=
richtung wurden bei den Op. Abteilungen des WFSt auf Grund der Meldungen der
Wehrmachtteile und der Oberbefehlshaber auf den dem OKW unterstehenden
Kriegsschauplätzen sowie anderen eingehenden Meldungen, insbes. der Abt. „Fremde
Heere Ost" und „West" im Genst.d.H. und des Amtes Ausl.=Abw. nach besonderen
Anweisungen Lageberichte angefertigt und Lagenkarten gezeichnet. Die Vorarbeiten
für diese Unterlagen begannen etwa um 6.00 Uhr, sie waren gegen 11.00 Uhr abge=
schlössen und wurde sodann gegen 12.00 Uhr dem Chef WFSt zur Vorbereitung
seines Vortrages vorgelegt. Der Umfang dieser Lageberichte betrug oft bis zu
30 Seiten. Demgegenüber wurden die Berichte für die Abendlage kürzer gehalten; sie
brachten im übrigen nur besondere, im Laufe des Nachmittags bis 21.00 Uhr bekannt
gewordene Ereignisse (neue Lagenkarten wurden hierfür im allgemeinen nicht ge=
zeichnet).
Den Lageberichten wurden Aktennotizen oder Kurzbeurteilungen hinzugefügt, in
denen die Unterlagen für die nach der Lage notwendigen Entscheidungen oder Stel=
lungnahmen zu Anträgen oder Absichten der unterstellten Kdo.Behörden enthalten
waren. Mit den Lageberichten wurden ferner die ständig für Hitler auf dem laufen=
den zu haltenden Unterlagen vorgelegt, sie enthielten u.a.: Kriegsgliederungen der
einzelnen Kriegsschauplätze; Übersichten über die personellen und materiellen Stär=
ken (insbes. Panzer» und Paklage), Befestigungskarten, Übersichten über die Ver=
5 Das war erst ab September 1942 der Fall. Vgl. zu diesen Vorgängen: Hitlers
Lagebesprechungen, hrsg. v. H. Heiber, Stuttgart 1962.
6 Mitteilung an den Bearbeiter.
140 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
sorgungslage Afrikas mit laufender Schifftransportlage, Übersicht über den Einsatz
der Küstenartillerie, Stand der Neuaufstellungen usw. Diese Statistiken und Über=
sichten mußten peinlich genau geführt werden, da Hitler ein ausgezeichnetes Ge=
dächtnis — insbesondere für Zahlen — besaß, Fehler sehr bald merkte und dies übel
nahm.
Während der Lagevorträge auftauchende Fragen wurden meist aus dem Lage=
zimmer heraus telefonisch an die Bearbeiter gegeben und mußten möglichst noch
während des Lagevortrages, spätestens bis zum nächstfolgenden Vortrag geklärt
werden. Durch diese weit in die Einzelheiten hineingehende von Hitler geforderte
Unterrichtung war eine enge Zusammenarbeit mit den Wehrmachtteilen und den
unterstellten Kdo.Behörden notwendig, deren Zeit und Arbeitskraft durch die auch
ihrerseits notwendigen Rückfragen oft über Gebühr in Anspruch genommen werden
mußte.
Die Entscheidungen, die Hitler während des Lagevortrages fällte, wurden meistens
sofort fernmündlich voraus im Auszug an die betroffenen Dienststellen gegeben und
später, in Einzelheiten formuliert, zur Unterschrift vorgelegt. Dringende Entscheid
düngen, die sogleich Antwort erforderten und nicht bis zur nächsten Lagebesprechung
aufgeschoben werden konnten, wurden in Ausnahmefällen durch den Chef WFSt
auch außerhalb der Lagevorträge von Hitler persönlich oder fernmündlich eingeholt.
Hier ergaben sich oft Schwierigkeiten und Verzögerungen, da Hitler durch laufende
Staatsgeschäfte in Anspruch genommen, oft längere Zeit nicht zu erreichen war. Da
er aber trotzdem auf persönliche Entscheidung beharrte, entstanden hierdurch zeit-
weise gewisse Nachteile für die Kampfführung.
Durch die sehr oft ausgedehnte Abendlage, für die häufig noch Klärungen ge=
fordert oder in der Entscheidungen gefällt wurden, mußte der Dienstbetrieb in den
Gruppen bzw. Op.Abt., insbesondere bei der Op.Abt. (Heer) und bei der Qu.Abt.
oft bis 2.00 oder 3.00 Uhr durchgeführt werden; dies bedeutete für die Bearbeiter,
für die keine Ablösungsmöglichkeit bestand und die am frühen Morgen bereits mit
der Bearbeitung des nächsten Lageberichtes beginnen mußten, eine erhebliche Be=
lastung. Da Hitler im Verlaufe des Krieges mehr und mehr in Einzelheiten der
operativen Führung eingriff, ging er dazu über, seine operativen Weisungen in der
Lagebesprechung oder bei Sonderbesprechungen selbst zu umreißen, ja in den wich=
tigsten Punkten sogar im Wortlaut festzulegen. Diese grundlegenden Arbeitsan=
Weisungen Hitlers hat meistens der Chef OKW oder Chef WFSt mitgeschrieben
und mit eigenen Ergänzungen versehen, dann dem WFSt zur Bearbeitung über=
geben.
Bei der eingehenden fachlichen Bearbeitung und den Rücksprachen mit den Be=
teiligten oder ausführenden Dienststellen stellte es sich oft heraus, daß die ge=
gebene Anweisung zeitlich, räumlich, kräfte= oder nachschubmäßig nicht in der be=
f ohlenen Form durchzuführen war. Da die auf diese Rücksprachen hin ausgearbeiteten
Abänderungs= oder Gegenvorschläge meistens eine Beschränkung der von Hitler
befohlenen Zielsetzung enthielten, er also Abstriche von seinen mit der Operation
verbundenen politischen, militärischen oder wirtschaftlichen Zielen machen sollte,
führten diese Gegenvorschläge häufig zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten
zwischen Hitler und seinen militärischen Ratgebern, zumal die auch in Einzelfällen
von den hierzu ins FHQu. herangeholten OBs der betroffenen Fronten unterstützt
wurden. Hitler versuchte indessen die Stichhaltigkeit der vorgebrachten Gegengründe
oft durch eine zu optimistische und den Tatsachen nicht gerechtwerdende Beurteilung
der Schwierigkeiten zu entkräften; häufig ließ er sich dabei von durch ihn einge=
schaltete andere Dienststellen unterstützen.
Nach den Erinnerungen Keitels erfolgte während der Lagevorträge allerdings
nicht nur eine Befehlsausgabe in operativen Fragen, „sondern auf allen Gebie=
141 E
A. Einführung
ten, die mit der militärischen Kriegführung irgendwie in Zusammenhang
standen. Da Hitler bei diesen Gelegenheiten vom Hundertsten ins Tausendste
kam und von sich aus auch zahlreiche Fragen anschnitt, die von anderen
Seiten an ihn heran getragen wurden, dauerten die Lagebesprechungen mittags
durchschnittlich drei Stunden und abends nie unter einer Stunde, obwohl die
operativen und taktischen Fragen selbst in der Regel nur einen Bruchteil (der
Zeit) beansprucht hätten. So konnte auch ich, der ich mich über Morgen= und
Abendlage vorher selbst informieren ließ (Umdrucke WFSt. oder Anwohnung
bei der Abend=Orientierung bei Jodl), niemals von den zeitraubenden Führer=
vortragen fernbleiben, weil jedesmal allerhand Fragen, Anordnungen oder
Maßnahmen von Hitler verlangt wurden, die — weitab von Strategie und
Politik — in die Hand genommen werden mußten, und für die er sich an mich
hielt, als seinen Chef des Militärischen Stabes, auch dann, wenn keinerlei Zu=
ständigkeit des OKW gegeben war.
Es lag dies in der völlig ungeordneten Denk= und Arbeitsmethode dieses
Autokraten, der stets dann den Ressorts, gegeneinander, — schärfste Grenzen
zog, wenn er sie gegeneinander ausspielen, oder aber sie beherrschen wollte
nach dem Grundprinzip: Divide et impera 7 !"
Dank der subtilen Formulierungen Greiners bei der Abfassung des KTB 8
sind wir über die zahlreichen Unterschiede, Varianten, Alternativen und Dring=
lichkeitsstufen in der Befehlsgebung Hitlers gut unterrichtet. Eindeutig waren
die sog. Führerentscheidungen; es hieß in diesem Falle „Führer hat entschie=
den . . .", oder der Führer „traf folgende Entscheidung"; das gleiche Gewicht
besaßen die Führerbefehle: „Der Führer hat befohlen". Etwas abgeschwächter,
aber ebenso unmißverständlich waren die Anordnungen, die Hitler traf und
seine Aufträge, die er erteilte; bei den letzten handelte es sich vielfach um die
Überprüfung bestimmter Voraussetzungen. In besonders dringlichen Fällen
sprach er Verbote aus; z. B. untersagte er am 25. 3. 1941 „mit sofortiger Wir=
kung Luftangriffe auf London" oder am 26. 6. 1941 verbot er, „amerikanische
Kriegsschiffe auch in der Sperrzone anzugreifen". War sich Hitler noch nicht
ganz schlüssig, ob er angesichts der militärpolitischen Lage die eine oder andere
Absicht verwirklichen sollte oder konnte, behielt er sich die „Entscheidung
über die Durchführung" oder den betreffenden Befehl vor (z. B. beim Unter=
nehmen „Seelöwe", bzw. der Wegnahme der Insel Lemnos), oder die „Geneh=
migung für alle erkennbaren Vorbereitungen zum Donauübergang" (18. 1.
1941). Bestanden Zweifel an gelegentlichen oder einmal geäußerten Absichten
oder Entschlüssen Hitlers, so sprachen ihn Jodl oder andere Offiziere darauf
an oder Hitler betonte von sich aus mit Nachdruck seinen Führungswillen. Im
KTB formulierte Greiner dann, der „Führer" brachte erneut „seine Entschlos=
senheit zum Ausdruck" (18. 1. 1941), das Unternehmen „Barbarossa" durch=
7 Vgl. Generalfeldmarschall Keitel, hrsg. v. W. Görlitz, Göttingen 1961, S. 269 f.
8 Vgl. die Eintragungen im KTB=OKW, Bd. I, S. 4 ff.
142 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
zuführen. Oder Hitler ließ in die Weisung Nr. 18 den Satz einfließen: „Ich
halte an der Absicht fest, im ersten Halbjahr 1941 bei Eintritt einer hierfür
günstigen Lage die Landung (in England) durchzuführen."
War sich Hitler über den zu fassenden Entschluß noch nicht restlos im
klaren, schien es ihm ungewiß, wie er sich in einer bestimmten Situation ver=
halten sollte oder meinte er, auf die Mentalität seiner Bündnispartner Rücksicht
nehmen zu müssen, so faßte er seine Ansicht häufig in dem Wunsch („Der
Führer wünscht") als vorläufige Arbeitsgrundlage zusammen. Es kam aber
auch vor, daß er damit lediglich gewisse Anregungen — eben wirkliche Wünsche
— an die Wehrmachtteile übermitteln wollte, ohne die Durchführung im
einzelnen vorzuschreiben. Einmal hieß es z. B.: „Der Führer würde es gern
sehen" ein andermal „er lege großen Wert darauf". Damit war ein gewisser
Entscheidungsspielraum für die Oberkdos. angedeutet.
Auch wenn es mehr um eine studienmäßige Bearbeitung bestimmter vor=
beugender oder auf weite Sicht geplanter Unternehmungen ging, hieß es : „Der
Führer habe den Wunsch geäußert . . . "; am 17. 2. 1941 lautete die Eintragung
im KTB: „Der Führer wünsche die studienmäßige Bearbeitung eines Auf=
marsches in Afghanistan gegen Indien im Anschluß an die Operation ,Bar=
barossa'."
Bei den Lagevorträgen reagierte er offensichtlich unterschiedlich. Nur selten
kam es vor, daß er die unterbreiteten Vorschläge lediglich zur Kenntnis nahm,
ohne sich zu ihnen zu äußern. Häufig stimmte er der vorgetragenen Auffassung
oder der Beurteilung der Lage zu, erkannte er die erhobenen Forderungen als
„berechtigt" an und beauftragte dann die Organe des OKW, die Frage ihrer
Realisierung zu prüfen. Entweder schloß er sich den Gedanken des Vortragen=
den an und erklärte sich mit dem Operationsplan und den Absichten im großen
einverstanden, oder aber er befahl eine Abänderung in dem einen oder anderen
Punkte. War er gänzlich anderer Meinung als der Berichterstatter, so lehnte er
diesen Vorschlag ab. Wurden ihm Alternativlösungen vorgetragen, sprach er
sich für die eine oder andere Möglichkeit aus oder er verschob seine Entschei=
düng, um noch weitere Gesichtspunkte zur Klärung zusammentragen zu lassen.
Die von ihm in Auftrag gegebenen Studien, Weisungen oder Programme
genehmigte er; falls ihm das notwendig erschien, ordnete er entsprechende
Änderungen im Text usw. an oder nahm sie selbst vor, — bei kleineren
Anlässen sogleich, bei größeren, indem er die Papiere und Karten zu eigener
Durcharbeit mit sich nahm.
Am häufigsten äußerte er sich zur Durchführung bestimmter Maßnahmen
und Operationen. Das konnte im Ton des Zweifels geschehen, aber ebenso in
der Weise, daß er Einzelheiten ergänzte, auf die er besonderen Wert legte.
Dabei „gewann er" auch hin und wieder den Eindruck, daß bestimmte Befehls=
befugnisse nicht ausreichend geregelt seien. Er forderte dann z. B., die Dienst=
anweisungen zu überprüfen.
Wollte Hitler gewisse Entscheidungen mehr unteren Kdo.=Behörden über=
143 E
A. Einführung
lassen, so ließ er manches Mal diese „ersuchen", durch eine erneute Beurtei=
lung der Lage zu prüfen, ob und wie ein Einsatz am zweckmäßigsten durch=
geführt werden sollte.
Schwankungen in seiner Entschlußbildung kamen wiederholt in vorsichtigen
Andeutungen im KTB zum Ausdruck. Am 30. 8. 1940 hieß es: daß der Führer
nach einer Untersuchung durch das OKH „nunmehr doch wieder der Entsen=
düng stärkerer Kräfte ,nach Libyen' zuneige". Am 19. 11. 1940 berichtete Jodl,
daß das „Unternehmen Seelöwe" in den Gedanken des Führers „neuerdings
wieder eine stärkere Rolle spiele".
Die gedanklidie Entwicklung bestimmter Planungen und Operationen deu=
tete Greiner mit den Formulierungen an, der Führer beschäftige sich eingehend
mit „den Möglichkeiten" z. B. Irland in Besitz zu nehmen (27. 11. 1940) oder
die Inseln Oesel und Dago (11. 6. 1941) zu erobern. Mußte auf das Verhalten,
auf die Empfindungen und Besonderheiten der Verbündeten oder möglicher
Koalitionspartner Rücksicht genommen werden, so trug sich Hitler „mit dem
Gedanken", wünschte oder ordnete er an, die betreffenden Ob.Kdos. in seinem
Sinne zu befragen.
Wie der ehemalige Heeresadj. Hitlers, Gen. Engel, berichtete 9 , konnte es
in den Lagevorträgen aber auch durchaus vorkommen, daß Hitler völlig un=
systematisch Anordnungen erteilte, Hinweise gab und Einzelheiten korrigierte,
so daß die Generale Halder und Jodl sich häufig nach der Besprechung fragen
mußten : Was will der Führer eigentlich?
In manchen Fällen äußerte sich Hitler zweideutig oder unklar, wenn er
etwa ausführte: „Ich bin doch der Meinung, daß . . ." Faßten die anwesenden
Offiziere diese Äußerung des Obersten Befehlshabers als eine feste Absicht
auf und handelten sie dementsprechend, hing alles davon ab, ob die getroffene
Maßnahme gut verlief. Schlug die Sache fehl, suchte Hitler häufig einen
„Sündenbock", was in der zweiten Hälfte des Krieges immer häufiger der
Fall war. Häufig konnte Hitler auch vom Hundertsten ins Tausendste
fallen oder stundenlang bei Einzelheiten verweilen, vor allem dann, wenn es
sich um den Einsatz seiner SS handelte.
5. Die Weisungen für die Kriegführung
Die „Weisung für die Kriegführung" bestimmte im Zweiten Weltkrieg den
großen Rahmen der deutschen Strategie. Gedacht war, daß in ihnen zunächst be=
wüßt darauf verzichtet wurde, den „Führungswillen im einzelnen zu interpre=
tieren". Sie war an die drei Oberkommandos gerichtet und für einen „mög=
liehst langen Zeitraum" vorgesehen. Freilich sah es dann im Verlaufe der militä=
rischen Praxis recht unterschiedlich aus. Wie W. Hubatsch in seiner Einleitung
zu „Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939—1945" dargelegt hat 1 ,
9 Mündliche Mitteilung Gen. Engel an den Verf. vom 24. 1. 1965.
1 Vgl. Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939—1945, hrsg. v. W. Hubatsch,
144 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
unterschied sich die Weisung vom Befehl dadurch, „daß die Art der Durch-
führung der gegebenen Richtlinien den untergeordneten Dienststellen und
Kdo.=Behörden überlassen" werden sollte; dadurch sollte das Prinzip der
Auftragstaktik zum Ausdruck gebracht werden. Ausgehend von der politischen
Zielsetzung (die aber nur vereinzelt und partiell angedeutet wurde) sollten die
Weisungen das Zusammenwirken der Wehrmachtsteile regeln, ebenso den
Einsatz der „Kampfmittel zur Erreichung politischer und wirtschaftlicher Pläne"
bestimmen. Obwohl sie begrifflich von Anfang an an das Oberkommando der
Wehrmacht gebunden waren, betrafen sie alle Kriegsschauplätze; sie hatten
alle Wehrmachtteile einheitlich ins Bild zu setzen 2 .
Eine Genesis der Weisungen von 1939—1941 (Nr. 1—39) vermittelt inter=
essante Aufschlüsse darüber, wer an der Ausarbeitung im einzelnen beteiligt
gewesen ist und welche Formen der Weisungen zu unterscheiden sind. Viel=
leicht kann man sieben verschiedene Typen herausstellen, die freilich nicht in
jeder Hinsicht scharf voneinander zu trennen sind; immerhin überwiegen bei
diesen Kategorien jeweils bestimmte Kriterien.
Die häufigste Form war jene, in der ausgehend von dem politischen Ent=
Schluß Hitlers die Gedankengänge des einen oder mehrerer Wehrmachtsteile
auf Grund schriftlicher Eingaben oder mündlicher Vorträge zu Weisungen
mit spezifischen Ergänzungen des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht um=
geformt wurden. Hierzu zählen z. B. die Weisungen Nr. 3, 5, 8, 13, 14, 16, 17,
18, 19, 20, 21, 22, 23, 24 und 25.
Aufschlußreich in diesem Zusammenhang ist die Entstehung der Weisung
Nr. 8 vom 20. 11. 1939 zur Westoffensive 3 . Nachdem Ende Oktober 1939 der
Gedanke wieder aufgegeben worden war, auch Holland zu besetzen, meldete
das Ob.Kdo. der Luftwaffe ernste Bedenken an. Göring befürchtete, daß bei
Frankfurt 1962, S. 9.
Folgende Definitionen wurden in den Nürnberger=Prozessen gegeben:
(Aussage Halders im OKW=Prozeß : Nürnberg, Fall XII, Prot. S. 2106)
„Der Befehl stellt eine bindende Grundlage des Handelns für den Empfänger
dar. Die Weisung gibt eine Richtung, in der der Empfänger bei der Ausübung
seiner Befehlsbefugnis gehen soll, ist also erheblich weit bindender. Ich muß
allerdings eine Einschränkung machen, und die Einschränkung ist diese: Das
Wort „Weisung" ist vom OKW für die operativen Befehle gebraucht worden,
während im Sprachgebrauch des Heeres, also im Bereich des OKH, das Wort
Weisung in dem eben von mir erläuterten Sinne gebraucht wurde."
Oder (Aussage Warlimont im OKW=Prozeß: Fall XII, Prot. S. 6225):
„Der Vorgang war so und zwar regelmäßig, daß Hitler diese Befehle mündlich
an die Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe gab. Keitel und Jodl
waren dabei; dann kam früher oder später der Zeitpunkt, indem nun das, was
Hitler gesagt hatte, und was sich inzwischen zu einer bestimmten Form kristalli=
siert hatte, auch schriftlich niedergelegt werden sollte. Dazu unterrichtete Jodl
mich entweder mündlich, oder er schickte mir, schon weit vorgearbeitet, Zettel,
auf denen das notwendige aufgeschrieben stand, und diese Zettel dienten dann
dazu, im in der Form einer Redaktion also einer Übertragung in die militärische
Befehlsform eine Weisung entstehen zu lassen."
2 Vgl. Anm. 1, S. 144 E.
3 Vgl. Jacobsen, H.=A., Fall Gelb, Wiesbaden 1957, S. 44 ff.
145 E
A. Einführung
einem deutschen Angriff unter Verletzung der belgischen Neutralität England
nicht davor zurückschrecken würde, in Holland Flugplätze einzurichten; dadurch
mußte eine außerordentliche Bedrohung des Ruhrgebietes entstehen. Hitler
konnte sich diesem Einwand nicht entziehen; in der Weisung Nr. 8 entsprach
er den Wünschen der OKL und befahl, ganz Holland zu besetzen. Außerdem
sollten alle Vorkehrungen getroffen werden, „um den Schwerpunkt der Ope=
rationen" schnell von der „HGr. B zur HGr. A zu verlegen, falls dort . . .
raschere und größere Erfolge eintreten sollten als bei der HGr. B". Der letzte
Gesichtspunkt ging auf seine eigenen Überlegungen in der Frage der Schwer=
punktbildung zurück. Ähnlich verhielt es sich mit der Weisung Nr. 13 vom
24. 5. 1940, in der es um die Fortsetzung der Einkreisungsschlacht im Raum
von Dünkirchen und um die Vorbereitungen zur 2. Phase („Rot") des West=
f eldzuges ging. Der darin formulierte Auftrag an die Luftwaffe lautete : „Jeden
Feindwiderstand der eingeschlossenen Teile zu brechen, das Entkommen eng=
licher Kräfte über den Kanal zu verhindern und die Südflanke der HGr. A zu
sichern". Zweifellos war dies das Werk Görings, der Hitler versichert hatte,
die Liquidierung des Kessels könne seine Luftwaffe alleine übernehmen. Ins=
geheim mochte er hoffen, daß dann der Siegeslorbeer seiner Luftwaffe und
weniger dem Heer zufallen werde 4 .
Die berühmte Weisung Nr. 16 vom 1.6. 7. 1940 über die Vorbereitungen
einer Landungsoperation gegen England war das Ergebnis verschiedener Ge=
dankengänge: einmal die des Chefs des Genst.d.H., Gen. Halder, der Hitler
am 13. 7. auf dem Berghof eingehend über den „englischen Angriff" vorge=
tragen hatte, zum anderen die des Chefs des WFA, Gen. Jodl, der in einer
umfassenden Denkschrift vom 12. 7. 1940 seine Überlegungen zu einem solchen
Unternehmen („Seelöwe") niedergelegt hatte. Außerdem hatte Hitler seine
eigenen Vorstellungen in der Weisung, wie er das seit August 1939 immer
getan hatte, mit einfließen lassen 5 .
Relativ eingehend kann man die Entstehung der Weisung Nr. 18 vom
12. 11. 1940 im KTB des OKW verfolgen (vgl. die Eintragungen von 4. 11.,
5. 11., 6. ii v 7. 11., 9. 11., und 12. 11.). Diese Weisung hat verschiedene
Stadien durchlaufen, Abänderungswünsche durch das OKH, vor allem aber
auch durch Hitlers (Entscheidung bezüglich des Unternehmens Seelöwe) er=
fahren, bis sie dann unterzeichnet an die Ob.Kdos. der Wehrmachtsteile aus=
gegeben wurde.
Bei den Weisungen Nr. 21, 22, 23, 24 und 25 haben jeweils eingehende
Besprechungen mit dem Heer bzw. Denkschriften der Ski. die Grundlage gebildet,
unabhängig von der Tatsache, daß der WFSt. (L) meistens schon gleichzeitig
Entwürfe ausgearbeitet hatte und dann nur noch abzustimmen brauchte.
Waren die oben genannten Weisungen im eigentlichen Sinne mehr Richt=
4 Vgl. Jacobsen, H.=A., Dünkirchen, Neckargemünd 1958, S. 88 ff.
5 Vgl. Klee, a. a. O. (S. 26 E, Anm. 11), S. 59 ff.
146 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
linien für die große Strategie, so gab es auch eine Reihe von Weisungen, die,
wie es Gen. Warlimont einmal formuliert hat, eine Mischung von Auftrags=
und Befehlstaktik waren. Sie dokumentierten den sich immer stärker ausprä=
genden Führungswillen Hitlers, auch in die Einzelheiten operativer Maßnahmen
einzugreifen. Dies wird z. B. in den Weisungen Nr. 11, 12, 14 und 15, in
gewisser Weise auch in Nr. 21, sodann in den Nr. 33, 34, 35, 36, 37 und 39
deutlich. Schon die beiden Weisungen, die Hitler während des Westfeldzuges
herausgab (11, 12) ließen erkennen, auf welche Weise der Oberste Befehls=
haber der Wehrmacht unter dem Eindruck der Frontereignisse, impulsiv und
ängstlich, unmittelbar den Gang der Operationen beeinflussen wollte. Beson=
ders prägte sich diese Form der Weisung dann im Rußlandfeldzug aus, als er
immer stärker die Rolle des Strategen und Heerführers übernahm.
Eine weitere Kategorie war die einseitige Führungsentscheidung, so wie sie
etwa in den Ergänzungen zu den Weisungen Nr. 33 (23. 7. 1941), 34 und in
der berühmten „Führerweisung" vom 21. 8. 1941 zum Ausdruck kam. In
diesen befahl Hitler Operationen, die nicht mehr im Einklang mit den Füh=
rungsabsichten seiner Ob.Kdos. (in diesem Fall des OKH) standen 6 .
Zu den Weisungen, in denen überwiegend das Gedankengut der Teilstreit=
kräfte formuliert worden war, zählten die Nr. 1 (v. 31. 8. 1939) und Nr. 2
(v. 3. 9. 1939).
Neben den genannten Kategorien der Weisungen gab es noch zwei weitere,
die aber mehr die Ausnahme bildeten: die Weisungen für den Eventualfall
waren bestimmt für die operativen, organisatorischen und Quartiermeister=Vor=
bereitungen für mögliche eintretende militärische Fälle (z. B. Landung der Eng=
länder in Portugal und Spanien) oder sollten die strategischen Richtlinien für
die Zeit nach Beendigung bestimmter Kampfhandlungen im großen festlegen
(vgl. Weisung Nr. 32, S. 98 E). Die Weisung Nr. 31 vom 9. 6. 1941, eine Art
Dienstanweisung als Führerbefehl, regelte die komplizierten Befehls= und Kom=
petenzverhältnisse auf dem Balkan.
Weisungen, die in erster Linie auf die Richtlinien und Gedankengänge
Hitlers und seiner Mitarbeiter im OKW zurückgingen, waren die Nr. 4, 6,
„Weserübung", 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32 und 38. In ihnen wurden tatsächlich
im wesentlichen nur der große strategische Rahmen für die Ob.Kdos. umris=
sen, die Zusammenarbeit mit den Verbündeten und die Befehlsverhältnisse
auf den einzelnen Kriegsschauplätzen geregelt. Diese Weisungen sind etwa
nach folgenden „Verfahren" entstanden 7 :
Ausgehend von den jeweiligen politisch=strategischen Absichten, die Hitler
seinem engsten Führungsstab gegenüber äußerte, arbeiteten die einzelnen
Gruppen im Wehrmachtsführungsstab (vorher Amt) die erforderlichen Vor=
Vgl. Generaloberst Halder Kriegstagebuch, a. a. O. (5. 44 E, Anm. 5), Bd. III,
S. 96 ff. I
Vgl. Anm. 10, S. 136 E.
147
A. Einführung
lagen und Unterlagen aus. Auf ihrer Grundlage faßte der Oberste Befehlshaber
sodann seinen politischen Entschluß. Diesen teilte er den Oberbefehlshabern
der drei Wehrmachtsteile mündlich in einer Besprechung oder anläßlich eines
Befehlsempfanges mit; gleichzeitig beauftragte er die drei Oberbefehlshaber,
entsprechende Vorschläge für die Führung der Operationen in ihren Stäben
auszuarbeiten und dem OKW einzureichen. Hatten die drei Wehrmachtsteile,
meistens unabhängig voneinander oder nach jeweiliger Absprache unterein=
ander, ihre Vorschläge eingereicht, entschied Hitler im mündlichen Vortrag
über diese. Das Ergebnis dieser Entscheidung wurde sodann in den W e i =
s u n g e n schriftlich festgelegt. Damit war der große strategische Rahmen,
das Ziel der Operationen und der Kräfteansatz im großen für die drei Wehr=
machtsteile bestimmt. Es war nunmehr Aufgabe der Generalstäbe, Einzelheiten
der Operationen gemäß des ihnen erteilten Auftrags auszuarbeiten und
mit dem OKW (über Jodl mit Hitler) abzustimmen. Das OKH gab zu diesem
Zweck Aufmarschanweisungen heraus, die wiederum Grundlage für die Ent=
Schlußbildung der untergeordneten Kdo.=Behörden, der Heeresgruppen usw.
bildeten.
Als Beispiel hierfür sei der „Fall Weiß" (Angriff gegen Polen) angeführt. Im
Zuge seiner politischen Zielsetzung gegenüber Polen hatte Hitler am 3. April
1939 die „Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung für die Wehrmacht
1939/40" erlassen 8 . In dieser hatte er befohlen, die Vorbereitungen für den
„Fall Weiß" (Angriff gegen Polen) so zu treffen, daß die Offensive ab 1. 9. 1939
jederzeit möglich sei. Er hatte das OKW beauftragt, eine genaue Zeittafel für
dieses Unternehmen aufzustellen und „die zeitliche Übereinstimmung zwischen
den drei Wehrmachtteilen durch Besprechungen zu klären". Die Wehrmacht=
teile sollten dem OKW bis zum 1. 5. 1939 alle Unterlagen für ihre Absichten
und die Zeittafel einreichen. Während im Westen lediglich eine „Grenzsiche=
rung West" zur vorläufigen Sicherung des „Westgrenzgebietes" und die
„Verteidigung West" (volle Abwehrbereitschaft gegen feindliche Großangriffe)
vorgesehen waren, ließen die operativen Vorbereitungen gegenüber Polen klare
offensive Absichten erkennen. Es war bezeichnend für den Stil des Obersten
Befehlshabers, daß er seinen Entschluß in der sog. „Präambel" seiner Wei=
sungen stets als eine Präventivaktion oder als eine Art „Operation im Nach=
zuge" deklarierte, um den Anschein zu erwecken, selbst der Angegriffene zu
sein. So hieß es bereits in der Weisung vom 11. April 1939: „Die gegenwärtige
Haltung Polens" erfordere es, über die bisher bearbeitete „Grenzsicherung Ost"
hinaus, Vorbereitungen zu treffen, um notfalls jede Bedrohung von dieser
Seite auszuschließen. Das deutsche Verhältnis bleibe weiterhin von dem
„Grundsatz" bestimmt, „Störungen zu vermeiden". Sollte Polen „seine bisher
auf dem gleichen Grundsatz ruhende Politik gegenüber Deutschland umstellen
und eine das Reich bedrohende Haltung einnehmen", so könne ungeachtet des
8 Vgl. 48 E.
148 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
geltenden Vertrages (vom 24. 1. 1934, den Hitler am 28. 4. 1939 kündigte),
„eine endgültige Abrechnung erforderlich werden". Als Ziel der Offensive
stellte Hitler heraus: „Die polnische Wehrkraft zu zerschlagen und eine den
Bedürfnissen der Landesverteidigung entsprechende Lage im Osten zu schaf=
fen." Der Freistaat Danzig werde spätestens mit Beginn des Konfliktes zum
Deutschen Reichsgebiet erklärt. Aufgabe der politischen Führung sei es, in
diesem Falle Polen zu isolieren, d. h. den Krieg auf Polen zu beschränken.
Wohl wies das OKW in dieser Weisung darauf hin, daß die deutschen mili=
tärischen Maßnahmen vornehmlich gegen den Westen gerichtet seien und daß
der „Fall Weiß" lediglich eine vorsorgliche Ergänzung der Vorbereitungen,
keineswegs aber als Vorbedingung einer militärischen Auseinandersetzung mit
den Westgegnern anzusehen sei, doch nichts konnte darüber hinwegtäuschen,
daß hier, wie seinerzeit im Falle „Grün" (Angriff gegen die CSR), offensive
Absichten vorlagen.
Das Operationsziel im Osten war mehr als allgemein gefaßt. Es hieß lediglich:
das polnische Heer sei zu vernichten. Hierfür könne die HGr. Süd auch „slo=
wakisches Gebiet" betreten, während auf dem Nordflügel „schnell die Ver=
bindung zwischen Pommern und Ostpreußen herzustellen sei". Der Kriegs=
marine wurden eine Reihe detaillierter Aufträge erteilt, so die Vernichtung
polnischer Seestreitkräfte, Abschirmung und Sicherung der Landoperationen
von der Seeseite aus, auch gegenüber möglichem Eingriff sowjetischer See=
Streitkräfte; außerdem hatte sie die Verteidigung der Küsten und des Küsten=
Vorfeldes der Nordsee zu übernehmen. Aber sie sollte alles vermeiden, durch
vorbereitende Handlungen die „politische Haltung der Westmächte" zu ver=
schärfen.
Die Luftwaffe erhielt den Auftrag, unter Belassung von Sicherungskräften
im Westen, die polnische Luftwaffe auszuschalten und die Operationen des
Heeres unmittelbar zu unterstützen.
Aus diesen Anweisungen war deutlich zu erkennen, daß das Schwergewicht
der deutschen Kriegführung, wie von den meisten Vertretern des OKH immer
wieder unterstrichen, nach wie vor beim Heer liegen sollte; den beiden
anderen Wehrmachtteilen wurden unterstützende, teils sichernde Aufgaben im
Rahmen der Gesamtoperation zugewiesen.
Auf Grund dieser allgemeinen Richtlinien arbeitete der Genst.d. Heeres
im OKH den ersten Entwurf einer Aufmarschanweisung aus, der am
1. 5. 1939 vorlag 9 ; in diesem hatte der Ob.d.H. die Absichten des Heeres wie
folgt zusammengefaßt: es komme darauf an, „einer geordneten Mobil=
machung und Versammlung des polnischen Heeres durch überraschenden Ein=
bruch in das polnische Hoheitsgebiet zuvorzukommen und die westlich der
Weichsel=Narew=Linie zu erwartende Masse des polnischen Heeres durch
konzentrische Angriffe aus Schlesien einerseits, aus Pommern, Ostpreußen
9 US=Mikrofilm T=3ii (OKH=Genst.d.H. v. 15.6.1939).
149 E
A. Einführung
andererseits zu zerschlagen". Entsprechend diesem Plan war der Schwerpunkt
der Offensive aus Mittelschlesien heraus in allgemeiner Richtung auf War=
schau vorgesehen, während der entsprechende Angriff aus Ostpreußen erst
beginnen sollte, wenn der Polnische Korridor durchstoßen und so die „Ver=
bindung mit dieser Provinz hergestellt worden war". Die Vorbereitungen zu
dieser Offensive sollten zeitlich gestaffelt folgendermaßen ablaufen: In der
ersten Hälfte August in Ostpreußen, ab Mitte August Verlegung der vorge=
sehenen Stäbe und Verbände in Friedenstransporten; ab 16. 8. Aufstellung
und anschließende Zusammenziehung der übrigen in Ostpreußen befindlichen
bzw. aufzustellenden Stäbe und Verbände. Schließlich mußte am 6. Tag vor
Y=Tag (Angriffstag) die „Einsatzbereitschaft" gewährleistet sein.
Bezeichnend für die Haltung Hitlers in den Monaten Mai— August 1939 war
es, daß er es offensichtlich ablehnte, die deutsche Wehrmachtführung auf
den Fall einer gleichzeitigen Auseinandersetzung mit Polen und den West=
mächten vorzubereiten. Einen von der Abt. Landesverteidigtng unterbreiteten
Vorschlag, mit den Chefs der Generalstäbe in Kriegs= und Planspielen die
militärische Lage im Falle eines Westkrieges zu klären, lehnte er mit dem
Hinweis ab, daß sich der Konflikt mit Polen lokalisieren lasse.
Entsprechend dem vom OKH aufgestellten Zeitplan wurden sodann die
Vorbereitungen zum „Fall Weiß" auf allen Gebieten der Operation, Versor=
gung usw. getroffen. Am 25. 8. 1939, gegen 15.00 Uhr, erteilte Hitler den
Befehl zum Angriff; doch wenige Stunden später widerrief er diesen wieder,
da sich die internationale Lage zugespitzt hatte. Um 22.30 Uhr blies das OKH
das ganze Unternehmen ab. In den frühen Morgenstunden des 31. 8. 1939
erließ Hitler jedoch den endgültigen Befehl zum Angriff.
4. Andere schriftliche Befehlsformen
a) Allgemein
Wie Keitel berichtet hat, war die Folge „des inneren Widerstandes des OKH"
(im Herbst 1939), daß die Verkehrsform von . . . mündlichen Anweisungen
und Befehlen Hitlers zur schriftlichen Befehlsgebung immer mehr überleitete.
„Das OKW (WF=Stab) als Stab des Führers arbeitete seine Anweisungen aus,
sie gingen von Hitler oder mir (im Auftrag) unterschrieben an die Oberbefehls=
haber. Der WF=Stab unter Jodl kam so in den Sattel, während bisher der Führer
mit den Oberbefehlshabern — vielfach unter Ausschaltung des OKW — münd=
lieh verkehrt hatte, worauf auch der Ob.d.H. bis dahin größten Wert gelegt
hatte, während er nach dem schweren Zusammenstoß (v. 5.11.39) eigentlich
nur noch persönlich erschien, wenn er befohlen wurde" 1 .
Neben den „Weisungen zur Kriegführung" gab es noch andere Formen der
schriftlichen Befehlsführung, ohne daß sich immer klar und eindeutig sagen
läßt, worin der jeweilige Unterschied bestanden hat. Hitler oder in seinem
1 Vgl. Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7), S. 227.
150 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Auftrag das OKW erließen Sonderweisungen z.B. an Wehrmachtsbefehlshaber
für besondere Aufgaben und für einzelne Kriegsschauplätze, Kampf anweisun*
gen für die Verteidigung und den Krieg im Osten, Dienstanweisungen für
Militärbefehlshaber und Chefs der verschiedenen Wehrmachtsmissionen; sie
erteilten Richtlinien für die Durchführung von Transporte und Nachschub=
bewegungen, für die Rüstungs= und Wehrwirtschaft oder gaben allgemeine
Anordnungen heraus, so zum Beispiel im Juni 1941, als „alle Angebote frem=
der Staaten, an diesem Kreuzzug (gegen den Bolschewismus) teilzunehmen,
mit Begeisterung" aufgenommen werden sollten. Erlasse dienten in erster
Linie zur Regelung der politischen Verwaltung in den besetzten Gebieten,
aber auch wehrwirtschaftlichen Maßnahmen oder der Stellung der SS. Be=
stimmt für einen engeren Kreis war die Denkschrift mit Richtlinien für die
Kriegführung; eine solche hat Hitler am 10.10.1939 dem Ob.d.H. und dem
Chef des Genst.d.H. persönlich vorgelesen 2 .
Selbstverständlich war der Befehl im allgemeinen Sinne das am häufig=
sten angewandte Führungsmittel; er betraf sowohl operative wie taktische
Fragen, regelte das Verhalten der Truppen und bestimmte Einzelaufgaben.
Besondere Bedeutung und außergewöhnliche Dringlichkeit besaß der Führer=
befehl. (Auch hin und wieder als „Führerwillen" deklariert.) Die schärfste Vor=
schrift kam in dem „Grundsätzlichen Befehl" zum Ausdruck; ein solcher (Nr.i)
wurde zum ersten Male am 11. 1. 1940 erlassen. Er besagte 3 :
1. „Niemand . . . keine Dienststelle . . . darf von einer geheimzuhaltenden Sache
mehr erfahren, als sie nicht aus dienstlichen Gründen unbedingt davon Kenntnis
erhalten muß.
2. Keine Dienststelle . . . darf von einer geheimzuhaltenden Sache mehr erfahren, als
für die Durchführung ihrer Aufgabe unbedingt erforderlich ist.
3. Keine Dienststelle . . . darf von einer geheimzuhaltenden Sache bzw. den für sie
notwendigen Teil früher erfahren, als dies für die Durchführung ihrer Aufgabe
unbedingt erforderlich ist.
4. Das gedankenlose Weitergeben von Erlassen, Verfügungen und Mitteilungen,
deren Geheimhaltung von entscheidender Bedeutung ist, insbesondere laut irgend=
welcher allgemeiner Verteilerschlüssel, ist verboten."
Wie der Chef des Genst.d.H., Gen.Oberst Halder, nach dem Kriege aus=
gesagt hat, war es Zweck dieses Befehls, den höheren „militärischen Führern
keine Möglichkeit zu selbständigem umfassenden Urteil zu geben". Im Ver=
laufe des Krieges hat sich die starre Auslegung dieses Befehls zweifellos als
überaus verhängnisvoll für die Oberste Wehrmachtführung erwiesen (vgl.
z. B. S. 170 E).
In diesem Zusammenhang sei nur auf das „Kuriosum" hingewiesen, „daß
der höchste Stab der Wehrmacht" von Ende Juli bis Anfang Dezember 1940 an
„den Vorarbeiten zu dem größten Feldzug des zweiten Weltkrieges (gegen
Rußland) nur den geringsten Anteil gehabt hat" 4 .
2 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2), S. 12 ff.
3 Ebd., S. 93 ff., 290 f. 4 Vgl. Warlimont, a. a. O. (S. 136 E, Anm. 9), S. 150.
151 E
A. Einführung
b) Der ideologische Befehl
Die deutsche politische Führung hat den Krieg seit 1939 mehr und mehr im
Geiste ihrer Weltanschauung zu führen versucht. Es konnte daher nicht aus=
bleiben, daß sie Befehle und Richtlinien erließ, die weit über den militärisch=
operativen Rahmen hinausgingen; durch sie wurden Truppenbefehlshaber und
Kdre. in tiefe Gewissenskonflikte gestürzt. Mündlich erörterte Hitler diese nur
im allerengsten Kreise, meistens nur mit Himmler oder Heydrich direkt. Im
übrigen wurde der Verteiler für die schriftlichen Weisungen möglichst klein
gehalten 5 .
Hierzu zählten u. a. die Weisung Himmlers an die Soldaten der Waffen=SS
vom 28. 10. 1939, Kinder außerhalb der Ehe zu zeugen, da jeder „Krieg ein
Aderlaß des besten Blutes sei", die Richtlinien auf Sondergebieten zur Wei=
sung Nr. 21 „Barbarossa" vom 13.3.1941, in denen darauf hingewiesen wurde,
daß im Operations=Gebiet „der Reichsführer SS zur Vorbereitung der poli=
tischen Verwaltung Sonderaufgaben im Auftrage des Führers" erhalte, die sich
aus dem „endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter poli=
tischer Systeme" ergebe; ebenso gehörten dazu der berüchtigte „Kommissar=
befehl" Hitlers vom 6. 6. 1941, der den Verbänden vorschrieb, die Kommis=
sare der Roten Armee nicht gefangen zu nehmen, sondern „grundsätzlich mit
der Waffe sofort zu erledigen". Und schließlich ist die Weisung zur „kommu=
nistischen Aufstandsbewegung in den besetzten Gebieten" vom 16. 10. 1941 zu
nennen. Danach sollte als „Sühne" für ein deutsches Soldatenleben im all=
gemeinen die „Todesstrafe für 50—100 Kommunisten" als „angemessen gel=
ten". „Die Art der Vollstreckung müsse die abschreckende Wirkung noch
erhöhen", hieß es 6 .
Im ganzen freilich haben diese Formen der revolutionären Kriegführung,
wie sie sich Hitler und die „Himmlers" vorstellten, keineswegs Beifall im Heer
gefunden. Im Gegenteil : zahlreiche Quellen bezeugen zwar, daß dieser Ungeist
langsam, wenn auch unaufhaltsam in das Heer einzutröpfeln begann — z. T.
mit verheerenden Folgen — , die meisten Soldaten und Offiziere aber eingedenk
echter soldatischer Überlieferungen ihre Pflicht erfüllten. Das mußte auch
Hitler mit Erbitterung feststellen. Als er am 18. 10. 1942 den traditionswid=
rigen „Kommandobefehl" (Liquidierung der Angehörigen alliierter Kdo.=Unter=
nehmungen) erließ, mag er erneut gespürt haben, auf welche innere Ableh=
nung ein solcher bei der Truppe stoßen würde. Gegenüber seinem Adjutanten
äußerte er: er wisse ja, daß man im Heer die gegebenen Befehle, wie z. B. den
Kommissarbefehl (Juni 1941), gar nicht oder nur zögernd befolgt habe. Schuld
daran trage das Oberkommando des Heeres, das „aus dem Soldatenberuf mög=
5 Vgl. hierzu: Jacobsen, H.=A., Kommissarerschießungen und Massenexekutionen
sowjetrussischer Kriegsgefangener, in: Anatomie des SS=Staates, Freiburg 1965,
Bd. II, S. 163 ff.
6 Ebd.
152 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
liehst einen Pastorenstand" machen wolle. Wenn er seine „SS nicht hätte, was
wäre dann noch alles unterblieben . . . !" 7 .
5. Die zweiseitigen Besprechungen mit den Ob.Kdos. der Teilstreitkräfte
In gewissen Zeitabständen, aber ohne jede Regelmäßigkeit hielten die Ober=
befehlshaber der einzelnen Wehrmachtteile (mit oder ohne Chefs der Stäbe)
oder ihre Chefs — gerufen oder aufgrund eigener Initiative — Vorträge im
FHQu., zu denen je nach Bedarf besondere Fachleute (wie der Chef der
Op.Abt. des Genst.d.H., einzelne Waffengenerale oder Militärattaches usw.)
hinzugezogen wurden. Der Zweck derartiger Aussprachen, die durchschnitt=
lieh 1—2 Stunden dauerten, aber auch schon einmal den ganzen Nachmittag
beanspruchen konnten, war ein dreifacher: einmal wollte Hitler seine eigene
Auffassung zur Lage und seine Entscheidungen mitteilen, dazu diente häufig
ein umfassender militärpolitischer tour d'horizont mit anschließenden Hin=
weisen auf Einzelheiten der militärischen Operationen, bei dem es Hitler
naturgemäß auch darum ging, sein Gegenüber von der Richtigkeit seiner eige=
nen Entschlüsse zu überzeugen. Die OB's oder ihre Chefs der Stäbe erhielten
die Gelegenheit bzw. nahmen sie wahr, ihre Gedanken zu äußern und Vor=
schlage zu unterbreiten. Und schließlich benutzte Hitler diese Besprechung zur
„Befehlsausgabe"; häufig ließ er unmittelbar anfallende Fragen telefonisch
klären.
Für diese bilateralen Gespräche sind unsere bisher erschlossenen Quellen
relativ ergiebig, sieht man von der prekären Lage bei der Luftwaffe ab. Das
persönliche Tagebuch Halders, die Ob.d.M.=Besprechungen mit Hitler und die
erhalten gebliebenen Teile des KTB/WFSt verdeutlichen, an welchen Tagen,
zu welchen Zeiten und in welcher Form solche Aussprachen stattgefunden
haben 1 . Allerdings vermitteln die Quellen nicht immer etwas von jener Dra=
matik der Dialoge und Kontroversen, wie sie im Verlaufe des Krieges mehr
und mehr symptomatisch wurden. Das KTB verzeichnete z. B. im wesentlichen
nur Argument und Gegenargument (vgl. aber S. 950 ff.) mit den sodann vonHit=
ler erlassenen Befehlen oder Anordnungen. Aber das eigentliche Ringen um be=
stimmte Führungsmaßnahmen schimmert bei ihm doch nur vereinzelt durch.
Das erklärt sich vor allem daraus, daß die Aufzeichnungen Greiners schon in
zweifacher Weise gefiltert waren. Da er nicht persönlich an den Besprechungen
teilnehmen konnte, unterrichtete ihn sein Vorgesetzter, Gen. Warlimont; dieser
erhielt seine Informationen meistens von Jodl. Greiner selbst spricht daher
mit Recht von einer „Orientierung aus dritter Hand" 2 . Weitergehende Auf=
Schlüsse bieten dagegen die Tagebücher Halders. Aber was in allen Quellen
im Grunde nur sporadisch aufflackert, was aber doch entscheidend die Arbeits=
7 Aufzeichnung Gen. Engel vom 18. 10. 1942 (Abschrift i. Bes. d. Verf.).
1 Vgl. S. 157 E ff.; 162 E ff.
2 Vgl. Greiner, H., Die Oberste Wehrmachtführung 1939—1943, Wiesbaden 1951,
S. 18.
153 E
A. Einführung
weise der Obersten Wehrmachtführung mitbestimmt hat, waren die per=
sönlichen Gegensätze, die Spannungen innerhalb des Apparates und in der
militärischen Hierarchie, ganz zu schweigen von den zahllosen Differenzen
zwischen den Dienststellen von Partei, Staat und Wehrmacht.
a) OKH
Bei der Bedeutung, die das Heer (Landkrieg) für die gesamte deutsche Krieg=
führung besaß, mußten naturgemäß die Besprechungen zwischen Hitler und
den führenden Köpfen des OKH ein besonderes Gewicht haben. Aber von
Anfang an war dieses Verhältnis durch die tiefen persönlichen Gegensätze,
durch die Verschiedenartigkeit der Naturen, durch die unterschiedliche Auf=
fassung von Sinn und Führung des Krieges, insbesondere aber durch die Art
des hitlerischen Führungs Systems schweren Belastungen und mannigfachen
Krisen ausgesetzt. Hinzu kam das ständige Mißtrauen Hitlers gegenüber Brau=
chitsch und Halder und die Methoden der revolutionären Kriegführung, die die
gemeinsame Vertrauensbasis systematisch zerstörten. Seit 1940 hat Hitler das
Führungsinstrument des Heeres konsequent und fast zielstrebig entmachtet,
ausgehöhlt und zur Ohnmacht verurteilt. Dieser Prozeß kann hier im einzelnen
nicht nachgezeichnet werden; aber wer den verhängnisvollen Mechanismus der
Obersten deutschen Wehrmachtführung richtig begreifen will, muß sich dieser
Entwicklung stets bewußt bleiben.
Am 14. 8. 1939 befahl Hitler den Ob.d.H., Gen.Oberst v. Brauchitsch, und
Chef des Genst.d.H., Gen. Halder, auf den Berghof, damit sie ihm über den
Stand der getroffenen militärischen Vorbereitungen Vortrag hielten. Durch seine
eigenen Ausführungen wollte er den beiden Generalen klar machen, daß Eng=
land und Frankreich angesichts der militärpolitischen Lage nicht in den Krieg
eintreten würden, zumal kein Zwang für sie bestehe; der Konflikt werde sich
lokalisieren lassen. In versteckter Form wies er auch auf die sich abzeichnenden
Wandlungen des deutsch=sowjetischen Verhältnisses hin. Mit diesen Argu=
menten glaubte Hitler beide Offiziere beruhigt zu haben, da Brauchitsch und
Halder die Führung eines Zweifrontenkrieges für untragbar hielten 3 .
Während des Polenfeldzuges kam es nur zu vereinzelten Begegnungen; als
V.Offz. des OKH nahm Oberstlt. v. Vormann an den Lagebesprechungen im
F.HQu. teil. Im Herbst, Winter 1939/40 und im Frühjahr 1940 setzte dann das
Ringen um den deutschen Operationsplan zur Westoffensive ein. Entschlußbil=
düng und Planungen Hitlers führten zu einer der schwersten Vertrauenskrisen
zwischen dem Obersten Befehlshaber und dem OKH, die erst nach einer unmiß=
verständlichen Kampfansage des „Führers" am 23.11.1939 eingedämmt wurde.
In diesen Wochen und Monaten kam es zu achtzehn Vorträgen bei Hitler. Die
eigentliche Reihe begann am 10. 10. 1939 4 , als dieser dem Ob.d.H. und Chef
3 Vgl. Anm. 38/39, S. 28 E.
4 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2), S. 12 ff.
154 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
des Genst.d.H. eine selbst verfaßte Denkschrift vorlas, in der er mit allem
Nachdruck und in betonter Schärfe seinen Entschluß begründet hatte, im „Falle
des Zwanges" zur Fortsetzung der Feindseligkeiten rasch und hart im Westen
zuzuschlagen. Er hoffte, auf diese Weise auch Italien an die Seite Deutschlands
in den Kampf reißen zu können. Es war im Grunde seine erste entschiedene
Antwort auf die spürbare Ablehnung seiner Pläne durch das OKH. Aber Brau=
chitsch und Halder wollten nicht nur einen überstürzten unvorbereiteten Win ter=
feldzug vermeiden, sondern durch eine Verzögerungstaktik der politischen
Führung Spielraum für Verhandlungen verschaffen. Doch lag eine solche Ver=
ständigung gar nicht in der Absicht Hitlers.
Auffallend bei all diesen Besprechungen war von Anfang an die Tatsache,
in welchem Maße Hitler ein Interesse für taktischen Einzelfragen entwickelte.
Das bezog sich sowohl auf den Einsatz bestimmter Waffengattungen, Waffen
und Fragen der Unterstellungsverhältnisse, wie auf das Angriffsverfahren im
einzelnen und auf bestimmte Sonderunternehmen 5 .
War das OKH bei den Vorbereitungen zum Unternehmen „Weserübung"
so gut wie ausgeschaltet, was Halder zu einer bissigen Bemerkung in seinem
Tagebuch veranlaßte, so führte es um so souveräner die Operationen im
Westen. Während dieses „Blitzfeldzuges" trug überwiegend der Ob.d.H., ver=
einzelt auch der Chef des Genst. vor. Dabei kam es vor allem vor und während
der Schlacht um Dünkirchen zu erheblichen Friktionen, da sich Hitler unter
Umgehung des OKH wiederholt in die Führung der Operationen einschaltete
(vgl. S.i 74 Eff.).
Nach dem Westfeldzug trug der Chef d. Genst.d.Heeres erstmals wieder am
13. 7. 1940 auf dem Berghof vor 6 . Im Mittelpunkt dieser bedeutsamen Aus=
spräche stand das geplante Landeunternehmen in England; Halder referierte
über die Führungsgrundsätze. Hitler gab einige Anregungen, stellte aber so=
gleich politische Betrachtungen an, die in der entscheidenden Frage gipfelten,
warum England noch nicht zum Frieden geneigt sei. Um Großbritannien den
„Fangstoß" zu geben, befahl er, die praktischen Vorbereitungen einer Lan=
düng an der Südküste Englands voranzutreiben. Am 21. 7. äußerte sich Hitler
erstmals ausführlicher gegenüber v. Brauchitsch über seine Angriffsabsichten im
Osten; zehn Tage später erhielt das OKH den Auftrag, die entsprechenden
Voraussetzungen für die Führung eines solchen Feldzuges zu prüfen und ihm
bald darüber zu berichten. Aber es vergingen fast sechs Monate, bevor der
Ob.d.H. und der Chef des Genst.d.H. über „Barbarossa" vortrugen (5. 12. 1940);
dies ist ein weiterer Beweis dafür, wie unentschlossen Hitler im Sommer und
Herbst 1940 gewesen ist, und daß von einem „endgültigen Entschluß, Ruß=
land anzugreifen, noch keine Rede sein konnte 7 . Da das OKH von sich aus
5 Ebd., S. 154 ff.
6 Halder, a. a. O. (s. S. 44 E, Anm. 5), Bd. II, S. 19 ff.
7 Vgl. hierzu jetzt die grundlegende Untersuchung Hillgrubers (in Vorbereitung).
155 E
A. Einführung
keine Initiative ergreifen wollte, wartete es ab, bis Hitler zum Vortrag befahl.
Nach dem Molotow=Besuch Mitte November 1940 schien Hitler sich aber end=
gültig zu dem „unabänderlichen" Entschluß eines Angriffes gegen die Sowjet=
union durchgerungen zu haben. Die Vorbereitungen zum Feldzug liefen nun=
mehr mit erhöhtem Tempo an. Alle Besprechungen standen von jetzt ab — von
der Krisenperiode im März=April 1941 abgesehen, in der zeitweilig Jugoslawien
und der Balkan stärker in das Blickfeld rückten — im Zeichen des Ostfeld=
zuges.
Da mit Beginn des Rußlandfeldzuges die anderen Kriegsschauplätze dem
OKW unterstellt wurden, betrafen die seit Juni 1941 gehaltenen Vorträge
Brauchitschs und Halders bei Hitler in erster Linie die Führung der Opera=
tionen im Osten. Im Tagebuch des Generalstabschefs ist die sich erneut ver=
tiefende Vertrauenskrise zwischen dem Obersten Befehlshaber und dem OKH
im einzelnen und in dramatischer Weise zu verfolgen. Hier seien nur drei
Eintragungen angeführt: Am 3. 7. 1941 vermerkte Halder 8 :
„Es herrscht wieder einmal ,Groß=Zustand', weil der Führer Angst hat, daß
der nach Osten fortschreitende Keil der Heeresgruppe Süd von Norden und
Süden durch Flankenangriff bedroht wird. Diese Besorgnis ist natürlich taktisch
nicht unberechtigt. Aber dafür sind ja die Armeeführer und kommandierenden
Generale da."
Als Hitler entgegen den Ansichten des OKH den Schwerpunkt der Opera=
tionen in der 2. Phase auf die Flügel (HGr. Nord und Süd) verlagerte und seine
berühmte Denkschrift (vom 21. 8. 1941) gegen Brauchitsch verfaßte, schrieb
Halder:
„Ich halte die durch die Eingriffe des Führers entstandene Lage für OKH
untragbar. Es kann weder für den Zickzack= in den Einzelanordnungen des
Führers ein anderer die Verantwortung übernehmen als er persönlich, noch
kann das bisherige OKH, das im 4. siegreichen Feldzug steht, seinen guten
Namen mit den nunmehr getroffenen Anordnungen beflecken. Dazu ist die
Art der Behandlung des Ob.d.H. unerhört. Ich habe daher Ob.d.H. vorgeschla=
gen, um seine Enthebung vom Amt zu bitten und meine Enthebung gleich=
zeitig zu beantragen. Ob.d.H. lehnt ab, weil es praktisch doch nicht zur Nieder=
legung des Amtes käme, also nichts geändert würde."
Und mitten in der großen Krise, der Schlacht um Moskau, notierte der Chef
des Genst.d.H. am 7. 12. 1941:
„Die Erfahrungen dieses Tages sind wieder niederschmetternd und beschä=
mend . . . Der Führer verkehrt über ihn (Ob.d.H.) hinweg mit den OB der
Heeresgruppen. Das Schrecklichste aber ist, daß die Oberste Führung den
Zustand unserer Truppen nicht begreift und eine kleinliche Flickschusterei
betreibt, wo nur große Entschlüsse helfen können. Ein solcher müßte im Ab=
setzen der Heeresgruppe Mitte auf die Linie Rusa— Ostaschkow liegen."
8 Vgl. Anm. 5, S. 44 E.
156 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Soweit sich aus dem Tagebuch des Chefs des Genst.d.H. 9 ermitteln läßt,
fanden von 1939 bis 1941 folgende größere Besprechungen zwischen Hitler
und dem OKH statt, hinzu kommen sicherlich noch mehrere unbekannte
Lagevorträge :
Datum
Uhrzeit
Teilnehmer
Besprechungspunkte
14. 8. 1939
(?)
(des OKW unbekannt)
Brauchitsch, Halder
Polit. Lage; Polenfeldzug
2. 9. 1939
(12.00)
Halder
Polenfeldzug
27. 9. 1939
(17.00)
OBs und Chefs
Künftige Aufgaben: West=
feldzug
30. 9. 1939
(16.00)
Halder
Dank für Leistung im
Polenfeldzug
7. 10. 1939
(15.00)
Halder
Westoffensive
10. 10. 1939
(11.00)
Brauchitsch, Halder
Hitlers Denkschrift zur Füh=
rung des Westfeldzuges
25. 10. 1939
(12—18.00)
Brauchitsch, Halder
und HGr.=Armee OBs
Angriffsführung im Westen
28. 10. 1939
(10.00)
Halder
Angriffsführung im Westen
5. 11. 1939
(mittags)
Brauchitsch
Auseinandersetzung um
Auslösung der Westoffen=
sive
20. 11. 1939
(15—19.00)
Göring, Jeschonnek,
Student, ObdH, Halder,
Reichenau, Reinhardt
Einsatz der Luftwaffe bei
6. Armee
23. 11. 1939
(?)
Brauchitsch, Halder
„Geist von Zossen"
10. 1. 1940
(15-17.30)
1940
Halder
Auslösung der Westoffen=
sive
15. 1. 1940
(12.45—18.00)
Halder
Auslösung der Westoffen=
sive; Frage der Luftlandung
20. 1. 1940
(15.00)
Halder
Neues Angriffsverfahren
„Gelb"
21. 1. 1940
(18.00)
Brauchitsch, Halder
Angriffsführung im Westen
18. 2. 1940
(12.00)
Halder
Angriffsführung im Westen
(„Sichelschnittplan")
9 Ebd.
157 E
A. Einführung
Datum
Uhrzeit
Teilnehmer
Besprechungspunkte
15./16. 3. 40 (nachmittags) Brauchitsch, Halder,
OBs HGr. A und B
27. 3. 1940 (13.30)
14. 4. 1940 (mittags)
Brauchitsch, Halder,
OBs d. HGr. C
Brauchitsch
24. 4. 1940 (15.30) Halder
5. 5. 1940 (?) Halder
17. 5. 1940 (mittags) Brauchitsch
18. 5. 1940 (18.00) Brauchitsch, Halder
21. 5. 1940 (11.00) Halder
22. 5. 1940 (nachmittags) Brauchitsch
24. 5. 1940
(abends)
Brauchitsch
25. 5. 1940
(18.30)
Halder
26. 5. 1940
(13-30)
Brauchitsch
28. 5. 1940
(vormittags)
Brauchitsch
1. 6. 1940
(18.30)
Halder
6. 6. 1940
(15.00)
Halder
8. 6. 1940
(14.30)
Halder
10. 6. 1940
(mittags)
Brauchitsch
13. 6. 1940
(mittags)
Brauchitsch
13. 7. 1940
21. 7. 1940
(12.00)
(?)
Halder
Brauchitsch
31. 7. 1940 (11.30)
Brauchitsch, Halder
Angriffsführung im Westen
Angriffsführung im Westen
Lage in Norwegen; „Fall
Gelb"
Lage im Südostraum
Aussprache über Italien
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
(Dünkirchen)
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
(„Rot")
Führung der Westoffensive
Führung der Westoffensive
Vortrag über Landung in
England
Polit. Lage; „Russisches
Problem in Angriff
nehmen"
Englandunternehmen;
Rußlandfeldzug
158 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Datum
Uhrzeit
Teilnehmer
Besprechungspunkte
26. 8. 1940 (?) Brauchitsch
31. 8. 1940 (nachmittags) Halder
14. 9. 1940 (15.00) Halder
29. 9. 1940 — Brauchitsch (im OKW)
10. 10. 1940 (?) Brauchitsch
2. 11. 1940 (?) Halder
4. 11. 1940 (14.30)
5. 12. 1940 (15.00)
9. 12. 1940 (mittags)
1. 2. 1941 (12.30—14.30)
3. 2. 1941 (12.15—18.00)
17. 3. 1941 (15—20.30)
27. 3. 1941 (13-14.30)
28. 3. 1941 (12.30)
30. 3. 1941 (nachmittags)
2. 4. 1941 (13—14.00)
10. 4. 1941 (17.30)
30. 4. 1941 (15.00)
Keitel, Jodl, Deyhle,
Schmundt, Engel, Brau*
chitsch, Halder
Brauchitsch, Halder
(Gen. Brand zeitweise)
Halder
1941
Brauchitsch, Funck
Halder
Halder, Heusinger
Halder . . .
Halder, Paulus, Heu=
singer
Halder
Halder, Heusinger
Brauchitsch
Halder
14. 5. 1941 (?) Brauchitsch
14. 6. 1941 (vormittags) Gr. Bespr.
„Politisches Kaleidoskop"
Finnland; Rumänien; Lage
Englandproblem
Allg. Lage
Allg. Lage
Kriegführung gegen
England
Kriegführung gegen Eng=
land (Nordafrika, Balkan)
„Felix"; „Otto" (Opera«
tionsplan gegen Rußland)
Lage; Rußlandfeldzug
(Operationsplan)
Lage Nordafrika
„Barbarossa"
„Marita"; „Barbarossa"
Einmarsch in Jugoslawien
Operation geg. Jugoslawien
Operation geg. Jugoslawien
Operation geg. Jugoslawien
Operation geg. Jugoslawien
„Barbarossa"; Operation
gegen Jugoslawien
Fall Heß, Nordafrika
Operation gegen Jugo=
slawien; „Barbarossa"
30. 6. 1941 (16.30)
Brauchitsch, Halder
Ostfeldzug
159 E
A. Einführung
Datum
Uhrzeit
Teilnehmer
Besprechungspunkte
2. 7. 1941 (mittags)
8. 7. 1941 (12.30)
13. 7. 1941 (12.30)
23. 7. 1941 (18.00)
26. 7. 1941 (18 — 20.15)
5. 8. 1941 -
6. 8. 1941 —
15. 8. 1941 (mittags)
30. 8. 1941 —
5. 9. 1941 (17.50)
6. 9. 1941 —
1. 10. 1941 —
Brauchitsch
Brauchitsch, Halder
Brauchitsch, Halder
Halder
Halder
Brauchitsch
Paulus (i.V.)
Paulus, Brauchitsch
Brauchitsch
Halder
Halder, Heusinger
Brauchitsch
5. 10. 1941 (nachmittags) Brauchitsch, Halder
10.10.-3.11. [?]
7. 11. 1941 —
15. 11. 1941 (13.00)
30. 11. 1941 (13.00)
1. 12. 1941 (15.30)
(da Halder im Lazarett
war, Brauchitsch bei
Hitler?)
Brauchitsch
Halder
Brauchitsch
Brauchitsch
6. 12. 1941 (nachmittags) Halder
17. 12. 1941 (Mitternacht)
19. 12. 1941 (13.00)
(von da ab etwa täglich)
Brauchitsch, Halder,
Heusinger
Halder
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Ostfeldzug
Lage, Aufgaben für 1942
Ostfront
Ostfront
Lage an der Ostfront
Lage an der Front der HGr.
Mitte
Hitler übernimmt den
Oberbefehl über das Heer
b) OKM
Aus den Erinnerungen Raeders wird deutlich, aus welchen Gründen und
über welche Fragen der ObdM mit Hitler konferiert hat. Mag er auch in vielen
160 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939— 1941
Fällen ins F.H.Qu, bestellt worden sein, mehrmals hat er von sich aus die
Initiative ergriffen. Als im Herbst 1939 die Frage der norwegischen Neutralität
zur Diskussion stand, meldete er sich bei Hitler an und „erstattete ihm am
10. 10. 1939 Bericht über den ganzen Fragenkomplex 10 . Er vertrat damals die
Ansicht, daß die Behandlung Norwegens zwar eine politische Angelegenheit
sei, doch müsse er auf die Gefahren einer Besetzung durch England hinweisen.
Wie es schien, war Hitler „bis dahin mit diesen Fragen offensichtlich nicht
befaßt worden". Er bedeutete dem Ob.d.M., daß ihm das Problem ferner liege,
da er „mit den Verhältnissen der Seekriegführung zu wenig vertraut" sei.
Immerhin versprach er, sich damit zu beschäftigen; zu diesem Zweck bat er
den Ob.d.M., ihm seine „Vortragsnotizen als Grundlage für seine Überlegungen
zu belassen". Zwei Monate später (14. 12. 1939) befahl Hitler dem OKW, die
Frage einer militärischen Besetzung Norwegens eingehender zu prüfen („Studie
Nord"). Unter „vier Augen" konnte Raeder am 29. 3. 1940 Hitler von seinem
Plan abbringen, die Seestreitkräfte in ihren Ausschiffungshäfen bei Narvik als
Rückhalt für die Truppe zu belassen.
Die direkte Bekämpfung Englands zur See hatte seit Herbst 1939 vor allem
die Kriegsmarine übernommen. Es war daher verständlich, daß der Ob.d.M. alles
unternahm, um Mittel der Kriegführung und Rüstung für die Förderung des
Zufuhrkrieges gegen die britische Insel einzusetzen. Im Dezember 1939 ließ
Raeder in einer Planstudie prüfen, unter welchen Bedingungen eine Landung
in England erfolgen könne. Nur dann, wenn diese sich nicht als allzu schwierig
erweisen sollte, was, wie Raeder feststellte, „höchst unwahrscheinlich war",
konnte von dem einmal eingeschlagenen Kurs (s. oben) abgewichen werden.
Nachdem die deutschen Pz.Truppen am 20. 5. 1940 bis zur Kanalküste vor=
gedrungen waren und sich im Westen damit ein außergewöhnlicher Erfolg
abzuzeichnen begann, hielt der Ob.d.M. den Augenblick für gekommen, die
„Frage einer Invasion bei Hitler anzuschneiden". Er befürchtete, daß „sonst
von unverantwortlicher Seite der naheliegende Vorschlag zu einer Landung
gemacht würde, Hitler den Gedanken aufgriff und dann die Marine plötzlich
vor unlösbare Aufgaben gestellt wurde". Wie Raeder sich erinnerte, war es
nach seiner „Kenntnis der Persönlichkeit Hitlers ... in solchen Fällen immer
richtig", ihn über seine eigene Beurteilung „rechtzeitig zu unterrichten, ehe
die Einflüsse Sachunkundiger" sich geltend machten 11 . Über diese Frage hat dann
Raeder im Sommer 1940 mehrmals mit Hitler konferiert (s. Übersicht).
Am 6. September 1940 hielt der Ob.d.M. im F.H.Qu, einen längeren Vortrag
über die Gesamtkriegslage. Dabei versuchte er, Hitlers Aufmerksamkeit auf
den Mittelmeerraum, vor allem auf die Schlüsselpositionen Gibraltar, den
10 Vgl. zunächst noch: Fuehrer Conferences on naval affairs, 1939 — 1945, in: Bras=
sey's Naval Annual 1948, S. 29 ff. In Vorbereitung befindet sich eine wissen=
schaftliche Edition: Die Lagevorträge des Ob.d.M. bei Hitler 1939—1945 (be=
arbeitet von G.Wagner und G. Hümmelchen).
11 Vgl. Raeder, E., Mein Leben, Bd. 2, Tübingen 1957, S. 228.
161 E
A. Einführung
Hafen von Dakar und Suez zu lenken. Als Raeder wenige Tage später zum
ersten Male etwas von den Rußlandplänen der Obersten Wehrmachtführung
hörte, hielt er es für erforderlich, seinen „Standpunkt dazu und seine Auf=
fassung über die Kriegslage" noch einmal in nachdrücklicher Form Hitler
darzulegen. Dies geschah in einer längeren Unterredung unter vier Augen am
26. g. 1940. Wie Raeder berichtete, erbat er eine solche Aussprache immer
dann, wenn er etwas „besonders Wichtiges vorzutragen hatte, und er auf
Hitler einwirken" wollte. Denn dann schien ihm dieser „leichter zugänglich"
zu sein; auch „hörte er sich Darlegungen und Einwände sorgfältiger an, als wenn
noch weitere Personen zugegen waren." Freilich vermochte der Ob. d.M. Hitler
nicht in seiner Entscheidung umzustimmen, obwohl er Ende Dezember erneut
seine „schweren Bedenken gegen den Rußlandfeldzug vor Niederringung Eng=
lands" zur Sprache gebracht hatte 12 .
Im einzelnen hat Raeder über folgende Lagevorträge 1939—1941 13 bei Hitler
Aufzeichnungen angefertigt:
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
1939
7-9-
23.9.
Im Befehlszug
Hitlers (Polen=
feldzug)
Zoppot
10. 10. N. Reichs»
kanzlei
Keitel
16. 10.
N. Reichs=
kanzlei
Jodl
23. 10.
N. Reichs=
kanzlei
Keitel
10. 11.
N. Reichs=
kanzlei
Keitel
v. Puttkamer
(Absetzen Panzerschiffe; Ein=
schränkung des U=Bootkrieges ge=
gen Frankreich; Politische Lage).
(Seekriegslage; Behinderung des
U=Bootkrieges durch Einschrän=
kungen; Einsatz der Panzerschiffe ;
U=Bootsbauprogramm.)
(Lage Ost= u. Nordsee; „Belage»
rung" Englands; U=Bootsbaupro=
gramm; kein Interesse d. Marine
an belgischen Stützpunkten;
Norw. Stützpunkte von Nutzen.)
(U 47, Prien, in Scapa Flow; Ver=
schärf ung des Seekrieges; Stütz»
punkt Murmansk.)
(Wirtschaftskrieg; Panzerschiff
„Deutschland"; Flugzeugeinsatz
im Kanal.)
(Minenoperationen Nordsee; U*
Bootskrieg; Polit. Lage — Italien,
Japan, Rußland, USA; City of
Flint"=Fall; Stützpunkte an der
holl./belg. Küste für die Marine
ohne Bedeutung.)
12 Ebd.
13 Nach einer freundlichen Mitteilung von Admiral a. D. G. Wagner v. 14. 1. 1965
an den Bearbeiter.
162 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
22. 11. N. Reichs=
kanzlei
8. 12. N. Reichs=
kanzlei
26. 1. N. Reichs=
(nachm.) kanzlei
23. 2. N. Reichs=
(10.30 kanzlei
Uhr)
9.3.
(12.00)
N. Reichs=
kanzlei
Keitel
v. Puttkamer
Keitel
v. Puttkamer
12. 12.
N. Reichs»
kanzlei
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
16. 12.
N. Reichs=
kanzlei
Jodl, v. Puttl
30. 12.
N. Reichs=
kanzlei
Keitel
v. Puttkamer
1940
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
Keitel
(Lage Ostsee/Nordsee; Feindl.
Handelssch. Verluste; Minenwarn=
gebiet NW=Engl.; Operationen der
Panzer= und Schlachtschiffe; Wirt=
schaftskrieg; U=Bootsbau; Ausbau
Seeluftstreitkräfte; U=Boote und
Stützpunkte von Japan?)
(Lage Ostsee/Nordsee; Absicht
mit Schlachtschiff »Unternehmung;
Rückkehr von Handelsschiffen;
Wirtschaftskrieg; Fall „Gelb";
Keine U=Boote von Japan; U«
Bootsbau verzögert; Rüstungslie=
ferungen an Rußland.)
(Empfang des Staatsrats Quisling;
Konflikt Rußland/Finnland.)
(„Graf Spee" in Montevideo)
(Lage Ostsee; Bedrohung Norwe»
gens durch England; Nördlicher
Seeweg— Sibirien; Minen= u. Luft=
krieg gegen England; Verschär=
fung U=Bootskrieg; Versenkung
„Graf Spee"; Kreuzereinsatz
Nordsee; U=Bootsbauprogramm.)
(Ostseelage/Schweden; Entsen»
düng „Lützow" und 5 Hilfskreu=
zer ab Februar; Minenlegen der
Zerstörer; U=Bootseinsatz; Ver=
schärf ung des Handelskrieges;
Einspruch gegen Weisungen des
OKW; Abgabe von Personal, evtl.
Außerdienststellung von Kriegs»
schiffen; Italienische Lieferungs»
wünsche; Politische Fragen, Ruß=
land, Frankreich; Technische
Neuerungen.)
(Lage Ostsee; Vorstoß der
Schlachtschiffe in der Nordsee;
Verlust 2 Zerstörer; Minen gegen
England; U=Bootserfolge u. =ver=
luste; Verschärfung des U=Boots=
krieges; U=Bootseinsatz gegen
Halifax und im Mittelmeer abge=
lehnt; „Weserübung"; Rußland»
vertrag.)
(„Weserübung"; Luftminen Scapa
Flow.)
163 E
A. Einführung
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
26. 3. N. Reichs=
(nachm.) kanzlei
29. 3. N. Reichs=
(mittags) kanzlei
10. 4. N. Reichs=
(mittags) kanzlei
13. 4. N. Reichs=
(mittags) kanzlei
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
unter 4 Augen
Keitel, Jodl, v. Putt=
kamer, Göring,
Bodenschatz
ohne Teilnahme von
Vertretern des OKW
22.4.
(15.00
Uhr)
N. Reichs=
kanzlei
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
26. 4.
(15.00
Uhr)
N. Reichs=
kanzlei
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
29.4.
(15.30
Uhr)
N. Reichs»
kanzlei
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
7-5-
(15.00
Uhr)
N. Reichs=
kanzlei
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
21.5.
(mittags'
„Felsennest"
1
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
unter 4 Augen
(„Weserübung"; U=Bootsaufstel=
lung Nordsee; Einbringung der
„Altmark"; Luftminenkrieg; U=
Boote Mittelmeer.)
(Luftminenfrage; „Weserübung";
Ölversorgung; Gründung Schiff=
fahrtsamt.)
(Zurücklassung der Seestreitkräfte
in Narvik und Drontheim bei
„Weserübung".)
(„Weserübung"=Lagebericht.)
(„Weserübung" : Materialtrans=
port mit U==Booten; Operation
der Schlachtschiffe; Minensperren;
U=Bootseinsatz; Nachschub von
Oslo; Verwendung dänischer See=
Streitkräfte; Zweifel an Erfolgs=
meidungen der Luftwaffe.)
(Nachschub Norwegen; Luftminen
England; Verwendung dänischer
Seestreitkräfte aufschieben; Tor=
pedoversager bei U=Booten.)
(Französischer Zerstörervorstoß in
den Skagerrak; Minensperre Ska=
gerrak geplant; Sicherung der
Stützpunkte Norwegen; Minen-
abwehr.)
(Bau des Flugzeugträgers „Graf
Zeppelin" einstellen; „Emden" in
Oslo belassen; Truppentransporte
Norwegen.)
(Norwegentransporte; Armierung
norwegische Küste; Luftminenge=
fahr; Luftwaffeneinsatz für See=
krieg; Wegnahme des brit. U=Boo=
tes „Seal").
(Seeverteidigung Norwegen;
Transporte; Rückführung der
Handelsschiffe; Absichten der
Schlachtschiffe und Schnellboote;
U=Bootskrieg; Hilfskreuzer; Mi*
nenkrieg; Küstenverteidigung in
Holland/Belgien; Schwerpunkt d.
Bau d. U=Boote und Ju 88 nach
dem Westfeldzug.)
(Landung in England)
164 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
4. 6. Bruly le Pesche
(mittags) („Wolfs=
schlucht")
20. 6. („Wolfs=
schlucht")
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
11. 7. Obersalzberg
Keitel
v. Puttkamer
21.7.
N. Reichs=
kanzlei
25.7.
(17.00
Uhr)
N. Reichs=
kanzlei
Keitel, Jodl, v. Putt=
kamer, Minist. Todt
Oberst Schmundt
31.7.
Berghof
Keitel, Jodl, v. Putt=
kamer, Halder
13. 8.
(17.30
Uhr)
N. Reichs=
kanzlei
Keitel, Jodl, v. Pütt»
kamer, C/Skl (Adm.
Schniewind)
(Schlachtschiffsoperation am 4. 6.;
Landung im Lyngenfjord geplant;
Flak für Norwegen; Verzögerung
des U=Bootsprogramms; Hitlers
Ziel nach dem Westfeldzug: Ver=
minderung des Heeres, Schwer=
punkt bei Luftwaffe und Marine.)
(Waffenstillstand mit Frankreich;
Luftangriffe auf englische Stütz=
punkte; Vorbereitung der Lan=
düng in England: Vorbedingung
ist Luftherrschaft; Stützpunkte
Norwegen; „Ikarus"; U=Boots=
bau; Personalfragen.)
(Norwegen; Ausbau von Dront=
heim; U=Bootsstützpunkte in der
Biscaya; Entblößung der Ostsee=
küste; Belagerung Englands; Lan=
düng in England; Teilnahme
Frankreichs gegen England; Stütz=
punkte Westafrika; Canaren;
Aufbauplan Flotte: Weiterbau der
Schlachtschiffe H und I, Schlacht=
kreuzer O, P, Q.)
(Hitlers Auffassung über dieVor=
aussetzungen einer Landung in
England.)
(Beteiligung Italiens am U=Boots=
krieg, Artillerie Doverstraße (Vor=
trag Kpt. z. S. Voss); „Seelöwe":
Stand der Vorbereitung.)
(„Seelöwe" ab September 1940
oder Mai 1941 Vorschlag d. Ob.d.
M.: zwei Panzerdivisionen gegen
Suezkanal anzusetzen; Hitler
plant die Einnahme von Gibral=
tar.)
(„Seelöwe"; Befestigung Fjorde
Nordnorwegen; Dringlichkeit der
Torpedofabrikation für U=Boote.)
165 E
A. Einführung
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
6. 9. N. Reichs=
(nachm.) kanzlei
14. 9. N. Reichs=
kanzlei
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
„Besprechung der
Oberbefehlshaber
beim Führer"
(„Seelöwe"; Norwegentransporte;
U=Bootskrieg; Hilfskreuzer; Wei=
tere Möglichkeiten des Krieges
gegen England; Gibraltar, Suez-
kanal; Problem USA; Behandlung
der französischen Kolonien;
„Operation S"; Verhältnis zu den
besetzten Gebieten; Aussichten
für den deutschen Überseever=
kehr; Beurteilung des U=Boots=
krieges durch den Gegner.)
(„Seelöwe")
26. 9.
(17.00
Uhr)
N. Reichs=
kanzlei
unter 4 Augen
14. 10. N. Reichs»
(16.00 kanzlei
Uhr)
14. 11.
(13.00
Uhr)
N. Reichs*
kanzlei
3. 12. N. Reichs=
(16.30 kanzlei
Uhr)
27. 12. N. Reichs=
(16.00 kanzlei
Uhr)
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
Schmundt
v. Puttkamer
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
(Auffassung des Ob.d.M. über
den Fortgang der Kriegführung:
Gibraltar, Suezkanal, NW=Afrika,
Abbau von „Seelöwe"; „Hipper"=
Unternehmung im Atlantik; Luft=
minenkrieg; Russischer Kriegs=
Schiffbau.)
(Lageüberblick Seekrieg; Absich=
ten: „Scheer", Atlantik, Zerstörer
Biscaya, Minen gegen England;
Organisation der Schiffahrt.)
(Beurteilung der Lage: England;
Minenkrieg, U=Bootskrieg;
„Scheer" und 5 Hilfskreuzer im
Atlantik und Indischen Ozean;
Panamerikanische Sicherheits=
zone; Blockadebrecher; Mittel»
meerlage; Hitlers weitere Absich=
ten: Atlantische Inseln, Ausein=
andersetzung mit Rußland; Miß=
stände in der deutschen Verwal=
tung von Norwegen.)
(Irlandfrage; „Hipper" zum At=
lantik; U=Bootserfolge; Bulgarien;
Unternehmen „Felix" und Cana=
ren; Flugzeugtorpedos.)
(Mittelmeerlage ungünstig; Gi=
braltar; Singapore; Lage England/
Amerika; Schwerpunktbildung
gegen England; Auflockerung
„Seelöwe"; Forderungen an Luft=
waffe; „Hipper"=Operation; Be=
absichtigte Schlachtschiff=Opera=
tionen; Norwegen=Sicherung.)
166 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
8. und Berghof
9.1.
4. 2. N. Reichs=
(nachm.) kanzlei
1941
Chef 1/Skl (K. Adm.
Fricke, Gen.Stb.«
Heer, Gen.Stb. Luft=
waffe, Außen=
minister u. a.)
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
18. 3. N. Reichs=
(16.00 kanzlei
Uhr)
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
20. 4. N. Reichs=
kanzlei
22. 5. Berghof
Jodl, Kpt. z. See v.
Puttkamer,
R. Außenminister
6. 6. Berghof
unter 4 Augen
Keitel, Schmundt,
v. Puttkamer
(Erörterung von Landoperationen
auf dem Balkan und in Libyen;
Albanien; „Marita"; Evtl. Beset=
zung von Toulon; Gesamtlage.)
(Hilfskreuzeroperationen ;
Schlachtschiffunternehmung im
Atlantik; Geringe U=BootserfoIge;
Sperrung KW=Kanal; Blockade=
bruch; Absicht: Treffen mit dem
italienischen Ob.d.M.; Lage bei
Kriegseintritt USA/Japan „Ma=
rita", „Attila", „Barbarossa" See=
luftstreitkräfte; Kauf von 8 däni*
sehen Torpedobooten; Fremdar=
beiter für Werften; Auflockerung
„Seelöwe".)
(Atlantik=Operationen; U=Boots-
und Minenkrieg; Feindurteile
über deutsche Kriegführung; Si=
cherung der Norwegenküste; Si=
cherung von NW=Afrika; Italien
und Mittelmeerkrieg; Vorberei-
tung von „Marita" und „Attila"
Japan; Arbeiter= und Rohstoff=
läge; Fertigstellung „Bismarck".)
(Kreuzerkrieg; U=Bootskrieg;
Transportsicherung Norwegens
und des Westraums ; Schlachtschiff =
Operation im April; Luftminenein=
satz; Keine U=Boote ins Mittel*
meer; Behinderung des Seekrieges
durch panamerikanische Sicher-
heitszone; Handelskrieg gegen
USA=Schiffe; Japan, Rußland,
Frankreich; Deutsch=italienische
Zusammenarbeit in der Ägäis.)
(U=Bootskrieg, Kreuzerkrieg;
deutsche Überseeschiffahrt; Bin=
nenwasserstraßen Holland; Luft-
minenkrieg; Haltung USA; Befe-
stigung Kanarische Inseln; Beset=
zung Azoren für Luftkrieg?; „Bar-
barossa=Planung; Organisation
Südostraum; Italienische U=Boote;
Haltung Japan; Zurückhaltung
bei Rußlandlieferungen.)
(Untergang der „Bismarck"; Wei=
terführung des Atlantikkrieges
mit Uberwasserstreitkräften.)
(Handelskriegsfragen; Mittel-
meerkrieg und Italien.)
167 E
A. Einführung
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
21. 6. N. Reichs*
(nachm.) kanzlei
9. 7. „Wolfs*
(nachm.) schanze"
25. 7. „Wolfs=
(nachm.) schanze"
22. 8. „Wolfs=
(nachm.) schanze"
17. 9. „Wolfs=
(nachm.) schanze"
Keitel, Jodl, v. Putt=
kamer, Speer
(nur für den ersten
Punkt)
Keitel, Jodl, v. Putt=
kamer, Ob.d.L. Chef
Genst. Luftw., R.=
Außenminister
„Ohne OKW" (Jodl
nachher mündlich
unterrichtet)
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
Keitel, Jodl, B.d.U.
(Dönitz), v. Pütt*
kamer, R. Außen=
minister, Botsch.
Ritter
(Werftbau in Drontheim; Unneu=
trales Verhalten der USA: Zwi=
schenfälle vermeiden.)
(Besetzung Island durch die USA;
Nordwestafrika (Dakar); Evtl. In-
ternierung russischer Kriegsschiffe
in Schweden.)
(Stand der Schlacht im Atlantik;
Seelage im Ostkrieg; Lage im
Mittelmeer; Förderung des U=
Bootsbaues.)
(Beiträge für das Gespräch Hit=
lers mit dem Duce; Verhältnis zu
Frankreich; Bedeutung Gibraltars;
Verteidigungsbereitschaft spani=
scher Häfen; Panamerikanische
Neutralitätszone; Konzentration
der U=Boote im Atlantik; Aus=
Schaltung Hangös; Absichten für
britische Kanalinseln; Haltung Ja=
pans; Norwegische Schiffe in
Schweden.)
(Lagebeurteilung USA (Roose=
velt=Rede) Folgerungen für den
Seekrieg; Lageüberblick Ostsee,
Nordsee, Westraum, Atlantik, Pa=
zifik, Mittelmeer; U=Bootskrieg
(Vortrag Dönitz), Spätere Aus=
nutzung der Insel ösel.)
13. 11. „Wolfs=
(nachm.) schanze"
unter 4 Augen
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
unter 4 Augen
(Artikel über „Bismarck"; Kriegs»
gerichtsurteil betr. Verlust von
Minenschiffen; Behandlung einer
Marinefrau durch die Gestapo.)
(Nachschub, U=Bootseinsatz, Kü=
stenverteidigung im Polarraum;
Verlegung der „Tirpitz" nach
Drontheim; Verlegung der
Schlachtschiffe von Brest nach
Norwegen; Einsatz „Scheer" im
Atlantik; Lage der Hilfskreuzer;
Verhalten gegen US=Kriegsschiff e ;
Handelsschiffahrt nach Übersee;
U=Bootskrieg; Mittelmeerlage;
Rüstungslage, Arbeitseinsatz, öl;
Engelmann= und Walther=U=Boot.)
(Aussichten des
Ordensantrag.)
Minenkrieges;
168 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Datum Ort
weitere Teilnehmer Besprechungspunkte
12. 12. N. Reichs=
kanzlei
(Berlin)
29. 12. „Wolfs=
schanze"
Keitel, Jodl,
v. Puttkamer
unter 4 Augen
Keitel, Vizeadm.
Fricke (C/Skl), v.
Puttkamer
(Lage nach Japans Kriegseintritt;
Stützpunkt Dakar erwünscht; U=
Bootskrieg; Transport vonKriegs=
schiffen ins Schwarze Meer;
Transportraum Mittelmeer; Kriti=
sehe öllage.)
(Gespräch Ob. d.M. mit Admiral
Darlan genehmigt.)
(Britische Aktivität an der Nor=
wegenküste; Überführung der
„Tirpitz" nach Drontheim im Ja=
nuar; Entsendung „Scheer" in den
Atlantik; „Scharnhorst", „Gnei=
senau", „Prinz Eugen" in Brest;
Hitler wünscht Konzentration der
Flotte in Norwegen; Torpedoflug=
zeuge; U=Bootskrieg.)
c) Luftwaffe
Die zahlreichen Gespräche und Konferenzen, die Hitler mit Reichsmarschall
Göring (oder mit dessen Chef des Genst. bzw. Verb. Offizier, Gen. Boden=
schätz) geführt hat, lassen sich im einzelnen noch nicht feststellen. Hinweise
in den Quellen zeigen, daß es sich dabei sowohl um den Einsatz der Luftwaffe
als auch um allgemeine politisch=wirtschaftliche Fragen gehandelt hat, was sich
aus dem großen Verantwortungsbereich Görings von selbst ergab. Wie sich
Gen. Warlimont erinnerte, „schlössen sich fast regelmäßig sämtliche Türen",
wenn Göring bei Hitler erschien, ganz abgesehen von der Tatsache, daß der
„zweite Mann im Staate" „auch außerhalb der üblichen Vortragszeiten" beim
„Führer" ein und aus gehen konnte 14 . In einer Reihe von kriegsgeschicht=
liehen Studien ist an mehreren Beispielen deutlich geworden, welchen Einfluß
Göring auf Hitler ausgeübt und wie verhängnisvoll er verschiedentlich in den
Gang der Operationen eingegriffen hat. Daß er dabei stets und in erster Linie
seine eigenen Interessen und die seiner Luftwaffe vertreten hat, dürfte außer
Frage stehen (vgl. S. 184 E).
6. Die Zusammenarbeit der OberKdos. untereinander und mit dem OKW
Untereinander haben die Ob.Kdos. der Wehrmachtteile auf verschiedenen
Wegen ihre Ansichten ausgetauscht, miteinander konferiert und vor allem
sich durch die jeweiligen V.Offz. auf dem laufenden gehalten, solange nicht
besondere Geheimhaltungsbestimmungen eine Unterrichtung der anderen
14 Vgl. Warlimont, a. a. O. (S. 136 E, Anm. 9), S. 76.
169 E
A. Einführung
Wehrmachtteile verbot (vgl. z. B. die Planungen zum Rußlandfeldzug). Natür=
lieh haben sich dabei auch mannigfache Reibungen und vielfach die Unverein=
barkeit der Standpunkte ergeben. Diese lagen einmal in der Natur der Sache,
zum anderen in dem Anspruch eines Wehrmachtteiles gegenüber dem anderen;
sie hatten aber ebenso ihre Ursache in den verschiedenen Temperamenten
der OB's und ihrer Chefs der Genst. Insgesamt drängt sich allerdings der Ein=
druck auf, daß die Zusammenarbeit keineswegs so nahtlos und eng gewesen
ist— sieht man einmal ganz von den Intentionen Hitlers ab (vgl. S. 198 E)— wie
es die Notwendigkeit einer systematischen und zielstrebigen Koordinierung
aller Planungen im Sinne der Gesamtkriegführung diktiert hätte. In den ver=
schiedenen „Blitzfeldzügen" hat sich wohl auf der unteren Ebene (HGr.)
ein weithin reibungsloses Zusammenwirken auf dem Schlachtfeld eingespielt,
aber was zu wünschen übrig ließ, waren ein planvoller, uneigennütziger Aus=
tausch und ein Abstimmen der Ansichten in den höchsten Führungsstäben über
die gegenwärtige Lage, über die militärischen Möglichkeiten und über die sich
daraus ergebenden Konsequenzen und Aufgaben für die Teilstreitkräfte 1 .
Die Zusammenarbeit des WFSt mit dem Heer war naturgemäß besonders
eng, da dem WFSt zahlreiche „Führungselemente fehlten und er daher gezwun=
gen war, für die ihm auf seinen Kriegsschauplätzen gestellten Führungsauf=
gaben die Mitwirkung von Dienststellen des OKH und besonders von Abtei=
hingen des Genst.d.H. in Anspruch zu nehmen" (z. B. Ic Dienst) 2 . Außerdem
bestanden enge Verbindungen zu den Abteilungen Ausbildung, Organisation,
dem Gen.Insp. der Pz.Truppen, dem General der Heeresküstenartl. im OKH,
die entsprechend ihren Aufgabengebieten auch die auf den OKW=Kriegsschau=
platzen eingesetzten Verbände des Heeres betreuten und deren Tätigkeit sich
ebenso auf operative wie auf taktische Fragen auswirkte. Der für die operative
Führung besonders wichtige „Chef des Transportwesens" und der „Inspekteur
der Pioniere und Festungen" waren in Personalunion zugleich Dienststellen
des OKW und hielten meist durch besondere Verbindungsoffz. Kontakt zum
WFSt. Die Versorgung der OKW Kriegsschauplätze übernahm verantwortlich
der Generalquartiermeister des Heeres, zu dem die Qu.Abt. des WFSt enge
Verbindung hatte.
Natürlich war das Verhältnis zwischen Genst.d.H. und WFSt weitgehend
von dem Verhältnis der führenden Persönlichkeiten untereinander abhängig.
Auf der Ebene der Abt. Chefs und Referenten war dieses „immer gut"; es
wurde „auf beiden Seiten versucht, durch verständnisvolle Zusammenarbeit
die in der Organisation liegenden Schwierigkeiten zu überwinden" 3 .
Die Zusammenarbeit mit Luftwaffe und Kriegsmarine wurde sehr viel mehr
durch den persönlichen Einfluß der beiden OB's (Göring und Raeder) be=
stimmt. Die beiden Gruppen bzw. Abteilungen (Luftw. und Marine) waren ge=
1 Vgl. hierzu die Literaturangaben auf S. 26 E ff.
2 Zit. nach: S. 136 E, Anm. 10.
3 Ebd.
170 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
halten, „alle ihre Wehrmachtteile betreffenden Entscheidungen vor Herausgabe
von Befehlen und Weisungen mit ihren Oberkommandos zu besprechen und
deren Einsprüche gegebenenfalls anzumelden. Ganz allgemein betrachtet war
die Zusammenarbeit mit der Luftwaffe leichter und befriedigender" 4 . Die See=
kriegsleitung „führte den U=Boot= und Kreuzerkrieg selbständig. Diese Spe=
zialgebiete waren dem Einfluß der Wehrmachtführung (WFSt) völlig entzogen
und der WFSt wurde über sie auch nur lückenhaft und selten unterrichtet.
Schwierig gestaltete sich auch die Zusammenarbeit in Fragen der Küstenver=
teidigung, da die Kriegsmarine außerordentlich auf ihre Stellung bedacht war
und sich am wenigsten zu Kompromissen entschließen konnte, die durch die
wechselnde Lage bedingt waren."
Ein besonderes Problem für die Gesamtkriegführung war die räumlich ge=
trennte Befehlsführung und die Cruppen= (bzw. Front=) Bildung innerhalb des
OKW und OKH. Schon während des Polenfeldzuges blieb der eigentliche ope=
rative Arbeitsstab des OKW, die Abt. L, in Berlin (im Dienstsitz des OKW)
zurück; er erhielt seine Weisungen fernmündlich und hatte sich im wesent=
liehen auf die Zusammenstellung der Lagemeldungen der einzelnen Wehr=
machtteile zu beschränken. Oder es wurden Sonderstäbe gebildet (wie z. B. im
Falle Norwegen), deren Spitze Hitler ohne Beratung mit den Oberbefehls=
habern von sich aus einsetzte.
Diese räumliche Trennung wurde vor allem in den einzelnen Feldhauptquar=
tieren verwirklicht; selbst innerhalb des OKW. Es gab jeweils den sog. „Sperr*
kreis l" , in dem die engste politische und militärische Umgebung Hitlers („In=
nerer Kreis") untergebracht war, die einen entsprechenden Einfluß auf die
Führung ausüben konnte; diese war wesentlich besser unterrichtet als der im
„Sperrkreis 11" arbeitende militärische Stab.
Nach dem Westfeldzug 1940 hatte sich z. B. das „Deutsche Hauptquartier"
(vgl. Karte S. 173 E) erneut in „einzelne Gruppen aufgelöst" 5 . Hitler kehrte in
die Reichskanzlei zurück; dort arbeitete sein „innerer Kreis" wieder in den
alten Räumen aus dem Winter 1939/40. Die Feldstaffel der Abt. L blieb „der
größeren Beweglichkeit halber zunächst im Sonderzug auf einem alten Abstell=
gleis des Bahnhofs Grunewald"; sie wurde erst Mitte November, eine Fahr=
stunde von der Reichskanzlei entfernt, in den Kasernen der Kavallerieschule
Krampnitz bei Potsdam untergebracht. „Dort blieb die Abt. L auch während
der ersten Monate" des Jahres 1941, als die „Spitze des OKW Stabes (Keitel,
Jodl) mit Hitler in Berchtesgaden weilte. Das OKH, das vom Juli bis Ende
Oktober 1940 in Fontainebleau bei Paris sein H.Qu, bezogen hatte, hielt
fernmündlich, über Fernschreiber, durch Kuriere und Verb.Offz. bzw. durch
Reisen des Ob.d.H, des Chefs Genst.d.H. und anderen Abt.Chefs die Verbin=
düng mit dem F.H.Qu, aufrecht. Es kehrte wieder in seine Baracken in Zossen
4 Ebd.
5 Vgl. Warlimont, a. a. O. (S. 136 E, Anm. 9), S. 132 f.
171 E
A. Einführung
(33 km Südost, v. Berlin) zurück. Das OKM „behielt nach wie vor ihre Friedens=
Unterkunft am Tirpitzufer in Berlin" bei; das OKL hatte wieder ihre Bunker=
gruppe im Wildpark bei Potsdam bezogen 6 .
Wie Warlimont festgestellt hat, fehlte in diesen Monaten nicht nur für die
„Generalstabsarbeit der hohen Führungsstellen" das gleiche Schrittmaß und die
„einheitliche Zielsetzung", sondern die „Meinungsbildung und die Ansichten"
liefen „im großen vielfach sogar weit auseinander". Auch während des Balkan=
feldzuges war die Verbindung zwischen dem F.H.Qu. (Feldhauptquartier) in
dem Sonderzug und der Abt. L „nur recht lose", überbrückt lediglich „durch
Fernschreiber und durch Flugreisen des Abt.Chefs".
Diese ständige Trennung des Chefs des WFSt (Jodl) von seinem Arbeitsstab
hatte viele Nachteile. „Selbst die Informationen, die aus den meist wortkargen
Mitteilungen des Gen. Jodl oder aus der flüchtigen Niederschrift eines Adj.
gewonnen werden konnten, erwiesen sich als unzureichend." Von einer ständi=
gen sachgemäßen Information über die Führungsabsichten auf höchster Ebene
konnte also nur sehr bedingt die Rede sein. Auch das mag auf die Eigenart
der Führung Hitlers und auf die befohlenen Geheimhaltungsbestimmungen
zurückzuführen sein.
Im Feldhauptquartier „Wolfsschanze" (Ostpreußen) kam es erneut zur Bil=
düng der beiden Sperrkreise, die etwa einen km voneinander entfernt lagen
und durch entsprechende Sicherungsvorkehrungen voneinander getrennt waren.
Im Sperrkreis I wohnten Hitler, sein „Gefolge", seine Adj., Keitel, Jodl und der
neu hinzugetretene „Hof=Historiograph", Oberstlt.d.G. Scherff. Eine Fahrstunde
davon entfernt lag das H.Qu, des OKH „in den Wäldern um Angerburg"; auch
„Göring mit seinem Stab befand sich in der Nähe". Bezeichnend für die Zu=
sammenarbeit der Führungsstäbe mit der Abt. L war die Tatsache, daß Gen.
Warlimont (Chef L) „in mehr als drei Jahren nicht einmal am Ort des OKL
gewesen" 7 war, während mit dem H.Qu, des OKH — „dienstlich und außer=
dienstlich" — zu jeder Zeit eine lebhafte Verbindung bestanden hat. Das Ober=
kommando der Kriegsmarine, das in Berlin verblieben war, stellte lediglich
einen Admiral als ständigen Vertreter ab, der ebenfalls im Sperrkreis I unter=
gebracht wurde.
Wie Warlimont mit Recht kritisiert hat, mußte die Frage des Feldhaupt=
quartiers „in solcher Lage nicht nur seinen Sinn verloren haben, sondern
höchstwahrscheinlich von verderblichem, kriegsverlängerndem Einfluß gewe=
sen sein. Der Mann, der alle politische und militärische Macht in Deutschland
immer noch mehr in seinen Händen zu vereinigen trachtete und dazu große
Teile Europas in den besetzten Gebieten oder den Ländern der Verbündeten
beherrschte, gehörte spätestens mit dem Beginn der Winterkrise im Dezember
1941 nach dem Muster aller anderen kriegführenden Staaten samt seinem
6 Ebd., S. 132.
7 Ebd., S. 188.
172 E
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173 E
A. Einführung
Hauptquartier in die Landeshauptstadt oder doch in deren nächste Nähe. Nach
menschlichem Ermessen hätten er und seine Berater dann, solange es noch nicht
zu spät war, vermutlich weniger die Neigung verspürt, jede einzelne Division
an der Ostfront zu führen, um so mehr sich aber gezwungen gesehen, die
Wirklichkeiten der Lage in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Stattdessen baute
man die ,Wolfsschanze' im Laufe der drei Jahre zu einer ,Festung' mit immer
tiefer gestaffelten Drahtverhauen und Minensperren aus, in der die Beton=
klotze wie auf Land gesetzte Aufbauten alter Schlachtkreuzer herausragten,
und ließ unter dem ,BerghoP, wohin immer wieder für kürzere oder längere
Zeit übergesiedelt wurde, unterirdische Gänge und Räume von unbekannter
Ausdehnung entstehen" 8 .
Ein besonderer Wesenszug in der Zusammenarbeit zwischen OKW und
OKH war auch, wie es Warlimont anschaulich beschrieben hat, daß Keitel und
Jodl sich infolge der latenten Spannungen zwischen den beiden Kdo.=Behörden
in „ihrem mündlichen Verkehr" meistens an die „dienstjüngeren Offiziere des
OKH hielten: der Chef OKW an Halder, Jodl an den Chef der Op.Abt." Im
Laufe der Zeit bildeten sich überdies bestimmte „Fronten", heraus, d. h. Grup=
pen, die in ihren Ansichten dank gemeinsamer Erziehung oder Anschauung viel=
fach übereinstimmten und daher reibungsloser miteinander auskamen. Das
waren z. B. auf der einen Seite Hitler mit Keitel, Jodl und Göring, auf der
anderen Brauchitsch, Halder und mit ihnen aber auch die Heeresgenst. Offz.
der Abt. L 9 .
bb) Das „ungeschriebene" Gesetz
7. Hitlers Eingriffe in die operative Kriegführung
Vor und während des Polenfeldzuges hielt Hitler sich noch sehr zurück. So
war er z. B. mit dem Vorschlag des Heeres zur Führung der Operationen gegen
Polen im großen und ganzen einverstanden; er bestand lediglich darauf, daß
auch der nördliche Umfassungsflügel aus Ostpreußen sofort antreten müsse.
Von vornherein strebte er eine größere Lösung an, um das Festsetzen der
Polen hinter der Weichsel zu verhindern. Zur Verstärkung des nördlichen An=
griffsflügels ließ er der HGr. Nord weitere Verbände aus dem Reich zuführen.
Außerdem befahl er, entsprechende Tarnmaßnahmen zu ergreifen; jede Form
der offenen Mobilmachung ließ er verbieten 1 .
Verlauf und Schnelligkeit des Feldzuges gegen Polen haben ein Eingreifen
Hitlers in den Gang der Operationen verhindert. Soweit uns die Quellen ein
Urteil erlauben, haben die drei Oberkommandos im Rahmen der ihnen erteil=
ten Aufträge relativ selbständig zusammenarbeiten und führen können; zu
8 Ebd., S. 192.
g Ebd., S. 77.
1 Vgl. Dokumente zur Vorgeschichte des Westfeldzuges 1939—1940, hrsg. v.
H.=A. Jacobsen, Göttingen 1956, S. 28 f.
174 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
nennenswerten Friktionen ist es nicht gekommen. Vorschläge des Obersten
Befehlshabers der Wehrmacht wurden zumeist sachlich geprüft; Wünschen des
„Führers", die sich als berechtigt herausstellten, wurde Rechnung getragen.
Immerhin behielt sich Hitler grundsätzliche und strategische Entscheidungen
von Anfang an vor: so z. B. Maßnahmen, die den Handelskrieg betrafen, die
Frage der Aufklärung der Luftwaffe über dem Westgebiet, die der Abgrenzung
von Operationsgebieten, der Übernahme der Verwaltung durch die zivilen
Stellen („Vollziehende Gewalt") oder etwa die Frage des Luftangriffes auf
Warschau. Zwar machten sich bereits im Polenfeldzug erste Spannungen zwi=
sehen der politischen Führung (bzw. OKW) und dem OHK aufgrund der Fest=
legung der deutsch=russischen Demarkationslinie bemerkbar, aber sie wurden
von dem Gang der Ereignisse bald überholt. Der Chef des Genst.d.H. bemän=
gelte in seinem persönlichen Tagebuch am 10. 9. 1939 2 , daß die Heerführung
die politische Linie „genauestens" kennen müsse, ebenso die Möglichkeiten
ihrer Schwankungen, da andernfalls ein „planmäßiges Handeln" in eigener
Verantwortung „unmöglich" sei. Das Heer verliere das Vertrauen, wenn es
von der politischen Führung hin und her gerissen werde.
Von dem Einfluß Hitlers auf das Unternehmen „Weserübung" vermittelte
das persönliche Kriegstagebuch des Adj. des Gen. Jodl, Hptm. Deyhle, einen
gewissen Eindruck. Seine Eintragungen von Jahre 1940 lauten u. a. 3 :
„Mitte Januar
Der Entschluß, den dänischen und norwegischen Raum für die deutsche Krieg»
führung nutzbar zu machen, wird vom Führer gefaßt.
Febr./März
Die Norwegenoperation kann überhaupt erst durchgeführt werden, wenn das Eis
in der westl. Ostsee aufgegangen ist: es ist zu hoffen, daß die Westmächte die
Gunst der Lage nicht erkennen und diese Zwangslage von uns nicht zu einer Be=
Setzung von Norwegen durch ihre Streitkräfte ausnützen. ... Für Norwegen
entscheidet der Führer, daß die dort einzusetzenden Kräfte von vornherein so stark
zu wählen sind, daß ein Rückschlag nicht eintreten kann.
April
Am ersten nach der Eislage möglichen Tag wird am 9.4. die Aktion Däne =
mark/Norwegen durchgeführt. Wir kommen der Gegenseite um wenige Stun=
den zuvor. Nachdem es nicht gelungen ist, die norwegische Regierung zu über=
raschen und damit wahrscheinlich Widerstand zu vermeiden (Torpedierung eines
Truppentransportdampfers am 8. 4. ruft in Norwegen Abwehrmaßnahmen hervor.
Daher unerwartet starker Widerstand in Oslo, außerdem wird Luftlandung in Oslo
durch Wetter verzögert), muß Norwegen mit Gewalt besetzt werden.
Führer betont als besonders wichtig:
a) Schnellste Verbindung Oslo— Drontheim auf Land,
b) Schnellste Verbindung Oslo— Westküste auf Land,
2 Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. I, S. 70.
3 Vgl. Hubatsch, W., „Weserübung". Die deutsche Besetzung von Dänemark und
Norwegen 1940, Göttingen i960, 2. Aufl., S. 389 f.
175 E
A. Einführung
c) Gewinnung von Flughäfen, vor allem bei Drontheim und an der Westküste,
d) Aufbau der Küstenverteidigung der wichtigsten Häfen,
e) Verstärkung der Kräfte bei Drontheim, Verhinderung des Festsetzens der Eng=
länder und Franzosen bei Andalsnes und Namsos,
f) Sichere und dauernde Nachschubverbindung über See von Deutschland bzw.
Dänemark nach Norwegen.
Seine Befürchtung, daß Narvik nicht gehalten werden könne und daher aufge=
geben werden müsse — die für Narvik bestimmten Dampfer mit Geschützen und
Flak sind nicht angekommen — gibt der Führer nur ganz allmählich auf."
Sehr viel komplizierter und vielschichtiger erwiesen sich demgegenüber die
operativen Vorbereitungen und die Durchführung des Unternehmens „Gelb"
(Westoffensive 1939/ 40) 4 . In mancher Hinsicht waren sie geradezu ein klas=
sisches Beispiel dafür, wie sich der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht mehr
und mehr in die militärische Führung bis ins kleinste Detail hinein einzuschal=
ten wußte, wie er seine Ideen, Wünsche und Vorstellungen konkretisierte und
gegen den Willen und die Beurteilung der Lage durch seine Fachmänner durch=
setzte. Damit bildete sich der eigentliche Führungsstil hitlerischer Prägung im
Zweiten Weltkrieg heraus, ein Stil, der durch ein wachsendes Selbstvertrauen
in die eigenen militärischen Fähigkeiten, durch ein sich steigerndes Mißtrauen
gegenüber den engsten militärischen Beratern und durch eine unzulässige Ver=
mischung militärischer, wirtschaftlicher und politischer Gesichtspunkte bei ope=
rativen Entscheidungen gekennzeichnet war. Schritt für Schritt vollzog sich die
Transformation Hitlers vom politischen Führer, Diktator und Volksführer auch
zum absoluten militärischen Diktator und „größten Feldherrn", der schließlich
nur noch Krieg um des Krieges willen führte und der am Ende hoffte, mit den
Praktiken aus seiner Kampfzeit der 2oiger Jahre das Schicksal ein zweites Mal
meistern zu können.
Dieser Stil soll an drei bemerkenswerten Beispielen charakterisiert werden:
an der Entschlußbildung zum Angriff im Westen, an dem Einfluß Hitlers auf
die operativen Planungen zu „Fall Gelb" und an dem Beispiel Dünkirchen im
Mai/Juni 1940.
Wir sind über die Vorbereitungen zum „Fall Weiß" aufgrund der bisher
immer noch unzureichenden Quellenlage nicht hinreichend informiert, wann
Hitler den Entschluß zum Angriff gefaßt hat und wie seine engste militärische
Umgebung, vor allem die Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile, darauf
im einzelnen reagiert haben. Da Hitler stets von einem lokalisierten Konflikt
sprach und meinte, die deutsche Wehrmacht könne Polen ohne weiteres zer=
schlagen, dürfte sich kein nennenswerter Widerspruch erhoben haben, zumal
Hitler bis dahin mit seinen Prognosen immer recht behalten hatte. Anders
dagegen lagen die Verhältnisse in den Herbst= und Wintermonaten 1939/40.
Während die Oberbefehlshaber, vor allem der Ob.d.H, Gen.Oberst v. Brau=
chitsch, eine Ausweitung des Konfliktes vermeiden wollten, drängte der rast=
4 Vgl. Jacobsen, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2).
176 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
und ruhelose Hitler weiter. Wir wissen nicht, welche Überlegungen ihn im
einzelnen während des Septembers 1939 veranlaßt haben, im Anschluß an den
Feldzug in Polen sogleich die Westmächte angreifen und vernichtend schlagen
zu wollen. Vielleicht waren es die überraschenden Leistungen der deutschen
Wehrmacht, der ihm günstig erscheinende historische Augenblick, einen waf=
fenmäßig unterlegenen Gegner in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen, um
damit ein für allemal die Vorherrschaft Großdeutschlands in Mitteleuropa zu
sichern oder auch die Einsicht, daß England, einmal in den Krieg eingetreten,
nicht eher nachgeben würde, bis es militärisch besiegt sei. Auch führte er seinen
Generalen gegenüber immer wieder das Argument an: angesichts der Be=
drohung des Ruhrgebietes durch die Westmächte, der Achillesferse der deut=
sehen Wehrwirtschaft, müsse Deutschland im Westen offensiv werden, um die=
sen Zustand zu beseitigen. Sicherlich haben derartige Überlegungen bei Hitler
eine Rolle gespielt, als er bereits Mitte September 1939 im engsten Kreise von
seinen Angriffsabsichten sprach. Ohne sich mit seinen Befehlshabern der drei
Wehrmachtteile beraten zu haben, eröffnete er diesen am 27. 9. 193g diese
weitreichende Absicht. Zugleich befahl er den Generalstäben, entsprechende
Vorbereitungen zu treffen, um den geplanten Aufmarsch personell und mate=
riell zu sichern. Wohl spürte Hitler in den zahlreichen Aussprachen mit den
Generalen v. Brauchitsch, Halder, v. Reichenau, Jeschonnek, GFM Göring,
Großadmiral Raeder und anderen, wie skeptisch seine militärische Umgebung
einer solchen, noch im Winter auszulösenden Offensive gegenüberstand; auch
blieb ihm sicherlich nicht verborgen, daß bei der Ablehnung einer solchen
Offensive durch das OKH nicht nur fachlich=militärtechnische Argumente mit=
sprachen, sondern ebenso prinzipielle Erwägungen, nämlich die Ausweitung
des Krieges überhaupt zu verhindern. Aber ungeachtet der warnenden Stim=
men und Ratschläge seiner militärischen Berater drängte er unablässig zum
Angriff; Mitte Oktober 1939 war sein Entschluß so gut wie „unabänderlich",
zumal England und Frankreich den „Friedensappell", vom 6. 10. 1939, sein
Alibi vor der Nation, entschieden zurückgewiesen hatten. Zwar ließ Hitler nun=
mehr alle Vorbereitungen treffen, die Offensive am 12. 11. 1939 auszulösen,
aber die ständig ungewissen Wetteraussichten, die noch keineswegs befriedigen=
den operativen Planungen und gewiß auch die unverhohlene Opposition seiner
Generale veranlaßten ihn, den Termin für diese Offensive immer von neuem
zu verschieben. Auch Brauchitschs eindringlicher, zweifellos bewußt überspitz=
ter Appell vom 5. 11. 1939, die Truppe sei den Belastungen eines Feldzuges im
Westen noch nicht gewachsen, im Grunde ein Spiel um Zeitgewinn, hatte
Hitler nicht zur Aufgabe seiner Politik bewegen und ihn in seiner grundsätz=
liehen Auffassung umstimmen können. Im Gegenteil, nun erst recht wollte
er beweißen, daß er das Instrument der Wehrmacht besser kannte als seine
Fachmänner. Neunundzwanzigmal aber verschob er den Termin für den
Feldzug im Westen, ehe er am 9. 5. 1940 den endgültigen Befehl zum Angriff
erteilte.
177
A. Einführung
Wohl hatte Hitler den Entschluß zum Angriff in eigener Machtvollkommen=
heit und ohne Beratung gefaßt, aber die militärisch=operativen Planungen
überließ er zunächst weitgehend seinen einzelnen Stäben. In der Weisung Nr. 6
vom g. 10. igjg, vor allem aber in der umfassenden Denkschrift vom gleichen
Tage über die Führung des Krieges im Westen, hatte er Ziel, Grundsätze und
Einzelheiten des deutschen Angriffes im Westen in großen Umrissen dargelegt
(s. S. 50 E). Aufgrund dieser Richtlinien arbeiteten die drei Wehrmachtteile ihre
eigenen Vorschläge aus, die in einer Reihe von Aufmarschanweisungen des
OKH, Weisungen des OKL für die Kampfführung in der Abwehrschlacht und
Weisungen des OKM für die Unterstützung der Heeresoperationen durch die
Nordseekriegführung ihren Niederschlag fanden.
Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie durch den Einfluß Hitlers, durch Denk=
schriften und Vorschläge untergeordneter Kdo. Behörden der deutsche Opera=
tionsplan zur Westoffensive sich schrittweise gewandelt und schließlich jene
Fassung angenommen hat, die Churchill später mit einer gewissen Berechtigung
als den „Sichelschnitt=Plan" bezeichnete. Das OKH hatte, im ganzen wohl sehr
improvisiert und als Zeichen einer unverkennbaren Reserve gegenüber dem
Drängen des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht, am ig. Oktober igjg
einen ersten Aufmarschplan vorgelegt, der sogleich Anlaß zur heftigen Kritik
durch das OKW und durch die HGr. Kdos. gab. Brauchitsch hatte als Zweck
des Angriffes befohlen, „möglichst starke Teile des französischen Heeres und
seiner Verbündeten zu schlagen und gleichzeitig möglichst viel holländischen,
belgischen und nordfranzösischen Raum als Basis für eine ausreichende Luft=
und Seekriegführung gegen England und als weites Vorfeld des Ruhrgebietes
zu gewinnen". Hierzu sollte eine HGr. (B) frontal in Richtung auf die belgische
Küste angreifen, während die zweite (A) diesen Vorstoß gegen feindliche An=
griffe aus Süden und Südwesten decken mußte. Dieser im ganzen ideenlose
Plan, der aber keineswegs mit dem berühmten Schlieffenplan zu vergleichen
war, war im Grunde nur eine Umformung der Gedankengänge Hitlers vom
9. 10. 1939 in einen militärischen Plan.
Die massivste Kritik richtete sich vor allem gegen die gedachte Verteilung
der mot.= und Pz. Verbände und damit gegen den vorgesehenen Schwerpunkt.
Im Verlaufe der mehrfachen Wandlungen, die dieser Plan durchlief — im gan=
zen kann man vier Phasen unterscheiden, die hier nicht im einzelnen dargelegt
werden können 5 — , verschob sich der Schwerpunkt immer mehr zu der in der
Mitte angesetzten HGr. A (Rundstedt), bis der Aufmarschplan vom 24. 2. 1940
den Einsatz der Kräfte endgültig festlegte und den Schwerpunkt bei der HGr. A
vorsah. Diese HGr. sollte beiderseits Sedan über die Maas auf die Kanalküste
vorstoßen, um gemeinsam mit der im Norden (Holland— Mittelbelgien) angrei=
fenden und zunächst den Schwerpunkt vortäuschenden HGr. B den Gegner zu
einer Schlacht mit verkehrten Fronten zu zwingen.
5 Ebd., S. 25 ff.
178 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
In unserem Zusammenhang ist bemerkenswert, in welcher Weise dieser
später aufsehenerregende Operationsplan durch die Ideen Hitlers und durch
die Vorschläge des Gen. v. Manstein mitgestaltet worden ist. Soweit sich heute
übersehen läßt, ist dieser Plan in der Tat so etwas wie eine Gemeinschaft^
arbeit, das Resultat verschiedenster, ideenreicher und kühner Erwägungen. Die
Anteile beim Zustandekommen dieses „Sichelschnittplanes" verteilten sich auf
Manstein, Hitler und das OKH. Im Grunde war der Winter 1939/40 gekenn=
zeichnet durch ein ständiges Ringen zwischen OKW, OKH und vor allem der
HGr. A um den bestmöglichen Plan. Unabhängig voneinander hatten Hitler
und Manstein den Durchbruchsgedanken geäußert; auf der einen Seite der
Laie, der seine Worte anfangs nicht in die militärische Form zu kleiden wußte,
auf der anderen Seite der hochbegabte Fachmann, der in einer Reihe von Denk=
Schriften einen großartigen Plan, freilich noch mit einer von der Endfassung
abweichenden Kräfteverteilung entwickelte. Erst das Zusammentreffen dieser
Ideen mit der sorgfältigen, glänzenden Organisationsarbeit des OKH führte
schließlich zur Ausarbeitung und Durchführung des „Sichelschnittplanes".
Für den weiteren Verlauf der deutschen Kriegführung war verhängnisvoll,
daß Hitler selbst auf den kühnen Gedanken des Durchbruchs zur Kanalküste
gekommen war. Nach dem militärischen Sieg im Westen fühlte er sich mehr
und mehr als „Feldherr"; seine Intuition schien ihm recht gegeben zu haben.
Was die Fachmänner in langjähriger, zielstrebiger und systematischer Arbeit
erlernt hatten, das konnte er dank seiner „genialen" Begabung, seinem unver=
kennbaren Einfallsreichtum und seiner schnellen Auffassungsgabe.
Auch der berühmte Befehl zum Anhalten der deutschen Panzertruppen vor
Dünkirchen, am 24. 5. 1940 6 , enthüllte etwas von dem neuen Führungsstil
Hitlers. Nachdem es den schnellen Verbänden Rundstedts gelungen war, am
20. 5. 1940 die Kanalküste zu erreichen, drehten sie nach Norden und Nord=
osten ein, um den von der HGr. B in Mittelbelgien gebundenen Gegner in
Flanke und Rücken zu stoßen. In dieser, für die deutsche Wehrmachtführung
günstigen militärischen Lage, in der sich eine klassische Vernichtungsschlacht
(Cannae) anbahnte, befahl Hitler nach einem Lagevortrag der Gen.Obersten
von Rundstedt den Pz. Verbänden, in den erreichten Linien zur Verteidigung
überzugehen. Wir haben in unserem Zusammenhang nicht die einzelnen
Gründe zu untersuchen, warum Hitler und Rundstedt entgegen der Auffassung
des OKH diesen Entschluß gefaßt haben. Für uns bleibt die Feststellung wich=
tig, daß vor Dünkirchen zum ersten Mal das eigentliche Führungsinstrument
des Heeres — das OKH — durch ein Zusammenspiel Hitlers mit dem OB der
HGr., Gen.Oberst v. Rundstedt, auf dem Höhepunkt der Schlacht praktisch
überspielt und ausgeschaltet wurde. Denn in diesem entscheidenden Augen=
blick überließ Hitler einer untergeordneten Kdo.Behörde die Entscheidung dar=
über, wann die Pz. Truppen wieder antreten sollten. Dies tat Hitler auch des=
6 Vgl. Jacobsen, Dünkirchen, a. a. O. (S. 26 E, Anm. 7), S. 70 ff.
179 E
A. Einführung
halb, weil er in die Führung Rundstedts besonderes Vertrauen setzte, dem
OKH indes immer noch mißtrauisch gegenüberstand (vgl. S. 154 E f.). Als in der
Nacht vom 24.725. 5. 1940 das OKH der HGr. eine Weisung zum weiteren
Vorrücken übermittelte, beriefen sich Rundstedt und sein Stab auf die Anord=
nungen Hitlers, daß der OB der HGr. A selbst entscheiden könne. Das OKH
mußte also abwarten, bis Rundstedt zu einer neuen Lagebeurteilung kam; dies
geschah erst am 26. 4. Zwei kostbare Tage waren inzwischen verstrichen, in der
die Alliierten alles zur Evakuierung ihrer Streitkräfte auf die britische Insel
vorbereiten konnten. Neben diesem ersten Schritt zur systematischen Aushöh=
lung des Führungsinstrumentes des Heeres durch Hitler ist die Rolle Görings
zu erwähnen. Dieser hatte sich zur gleichen Zeit aus Prestigegründen für die
Vernichtung der eingeschlossenen Streitkräfte durch seine Luftwaffe eingesetzt.
Damit bestärkte er Hitler in dem Entschluß, die Pz. Verbände auf der Stelle
treten zu lassen. Aber unzureichende Vorbereitungen der Luftwaffenführung,
vor allem aber das für den Gegner günstige Wetter und die geographischen Be=
dingungen, vereitelten den „Vernichtungssieg" der Luftwaffe; über 330000 bri=
tische und französische Soldaten konnten entkommen.
In welchem Umfange Hitler in den Monaten August 1940 bis Juni 1941 (bzw.
bis Ende 1941) die operativen Planungen und Maßnahmen bis zu den ver=
schiedensten taktischen Einzelmaßnahmen hinein beeinflußt oder bestimmt
hat, wie er Meinungsverschiedenheiten zwischen den Wehrmachtteilen „aus=
zugleichen" pflegte, wieweit er beeinflußbar war (etwa durch Jodl u. a.), geht
z. T. aus dem erhalten gebliebenen Teilen des KTB=OKW (vgl. S. 3—410) her=
vor, aus den Anlagen Nr. 26, 31, 33, 39, 41, 44, 45, 48, 55, 56, 58 („der Führer
hat entschieden"), 61—71 (1. Plan des Rußlandfeldzuges), 76—91, 97—100, 103,
104, 110 („der Führer hat befohlen"), aber auch aus dem persönlichen Tage=
buch des Chefs des Generalstabes des Heeres (vgl. z. B. 13. 7., 21. 7., 31. 7.,
14. 9., 17. 3. 1941, 2. 4. 1941 während des Balkanfeldzuges). Greiners Aufzeich=
nungen vermitteln darüber hinaus einen ersten Eindruck davon, welche Ent=
Scheidung Hitler auf dem Gebiet der Rüstungs= und Wehrwirtschaft, derKriegs=
Verwaltung und der besetzten Gebiete getroffen hat. Allerdings geht nicht im=
mer klar daraus hervor, aufgrund welcher Beurteilung der Lage, welcher
Anträge und Vorträge er dies getan hat 7 .
Im März 1941 gab es z. B. eine scharfe Auseinandersetzung zwischen OKW
und OKH wegen eines „unmittelbaren Eingreifens in die Befehlsbefugnisse
des Heeres" (Austausch von Divisionen). Zudem kam es vor, daß Hitler einmal
die besondere Aufgabe einer einheitlich straffen Wehrmachtführung betonte,
ohne jedoch die entsprechenden praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen 8 .
Am 6. 12. 1940 äußerte er sich dem Chef OKW, GFM Keitel, und dem Chef
WFSt, Gen. Jodl, gegenüber folgendermaßen:
7 Vgl. Eintragungen S. 38 u. ö.
8 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. II, S. 309.
180 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
„Jede derartige Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Wehrmachtteilen wie die
eben vorgetragene (bez. des Einsatzes der Lufttorpedos — ein Streitfall zwischen
OKM und OKL) beweise erneut die Notwendigkeit eines starken Oberkommandos
der Wehrmacht. Solche Streitfälle zeigten, daß in vielen Fragen eine Verschiedenheit
der Auffassungen herrsche, die durch Besprechungen zwischen den beteiligten Wehr=
machtteilen nicht beseitigt werden könne. Gäbe es nun keine übergeordnete Stelle,
die eine Entscheidung fälle, so bestehe die Gefahr, daß z. B. in dem vorliegenden
Fall das Schießen von Torpedos vom Flugzeug aus überhaupt nicht weiterentwickelt
oder sogar eingestellt würde, weil die beiden Wehrmachtteile sich nicht darüber
einigen könnten, wem diese Aufgabe zufalle. Ein solcher Zustand sei aber nicht zu
verantworten. Für die Kriegsentscheidung sei es völlig gleichgültig, ob die Luftwaffe
oder die Kriegsmarine die Lufttorpedos verwende; entscheidend sei lediglich, daß
die Lufttorpedos von dem Wehrmachtteil eingesetzt würden, der den größten Erfolg
damit erringe.
Man müsse aus solchen Streitfällen weiter der Lehre ziehen, daß die Oberste
Wehrmachtführung die Zügel straff führen müsse, um den bestmöglichen Einsatz
der Kräfte aller drei Wehrmachtteile zu erreichen. Dies sicherzustellen sei die Auf=
gäbe des OKW. Das gelte schon heute, wo seine — des Führers — Autorität letzten
Endes immer eine Entscheidung ermögliche.
Im Hinblick auf die Zukunft sei eine dauernde Stärkung der Stellung des OKW
erst recht erforderlich. An seine — des Führers — Stelle könne einmal ein Mann
treten, der zwar der beste Politiker sei, aber vielleicht nicht über so viel militärisches
Wissen und Können verfüge wie er selbst. Ein solcher Mann bedürfe eines sehr
starken OKW, sonst bestünde die große Gefahr, daß die Kräfte der drei Wehrmacht»
teile auseinanderfielen, anstatt zu einheitlicher Wirkung zusammengefaßt zu werden.
Dann würde die Wehrmacht aber niemals das Höchste leisten können, ein Zustand
der im Kriege, wo es um den Bestand des Reiches ginge, nicht zu verantworten sei 9 ."
Am stärksten prägten sich Hitlers Eingriffe in die operative Führung seit
Beginn des Ostfeldzuges 1941 aus 10 . Die großen deutschen Anfangserfolge bei
den Grenzschlachten in Rußland — die drei HGr. erreichten bis Mitte Juli wie
vorgesehen die Düna=Dnjepr=Linie — schienen alle Hoffnungen auf eine rasche
Beendigung des Feldzuges zu rechtfertigen. Hitler erklärte am 23. y., noch in
diesem Jahr werde er bis an die Wolga und in den Kaukasus vormarschieren.
Einige Tage zuvor hatte auch das OKH die Ansicht geäußert, daß der Ostfeld=
zug wohl innerhalb von 14 Tagen gewonnen sei; die täglichen Gefangenen=
Ziffern und die Anzahl der als zerschlagen gemeldeten russischen Divisionen
verleiteten zu der Annahme, daß die Masse der bis dahin ermittelten sowjeti=
sehen Divisionen, 200, vernichtet und daher höchstens vor Moskau noch einmal
mit stärkerem Widerstand zu rechnen sei. Als es nun zu befehlen galt, wie die
Operationen nach Erreichen des ersten Angriffsziels fortgesetzt werden soll=
ten, schlugen Brauchitsch und Halder vor, den Schwerpunkt allein gegen Mos=
kau anzusetzen, zumal die Leistungsfähigkeit der schnellen Verbände nur noch
den Einsatz für eine entscheidende Operation erlaube und hierfür die beiden
9 Vgl. Eintragung ins KTB=OKW, Bd. I, S. 214 f.
10 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5); außerdem: Uhlig, H., Das Einwirken Hit=
lers auf Planung und Führung des Ostfeldzuges, in: Beilage zur Wochenzeitung
„Das Parlament" v. 16. 3. i960 und 23. 3. i960.
181 E
A. Einführung
Monate September/Oktober — vor Einbruch des Winters — auszunutzen waren.
Das OKH hoffte, die letzte Vernichtungsschlacht vor den Toren der sowjeti=
sehen Hauptstadt schlagen zu können, denn hier erwartete es mit Recht den
Hauptteil der noch einsatzbereiten Kräfte des Gegners. Wie wir heute wissen,
haben die Sowjets in der Tat über 40 % ihrer an allen Fronten verfügbaren
Verbände zur Verteidigung von Moskau zusammengerafft.
Doch Hitler war anderer Auffassung. Ihm ging es in erster Linie um poli=
tisch=ideologische und wehrwirtschaftliche Ziele 11 . Im Norden wünschte er die
Einnahme von Leningrad, um Rußlands Ostseezugang abzuriegeln und zu=
gleich die Verbindung mit Finnland herzustellen sowie die „Brutstätte" des Bol=
schewismus zu zerstören; im Süden hatten es ihm die reichen Kornfelder der
Ukraine und das öl des Kaukasus angetan. Zudem versprach er sich von einem
Vordringen in den Kaukasus ein Druckmittel gegen die neutrale Türkei, die er
gern am Kriege auf seiner Seite beteiligt hätte.
Fast 6 Wochen zog sich diese „schwerste Entscheidung" des Feldzuges hin,
wie Hitler selbst zugab. Am 21.8. ig 41 fiel sie gegen den Vorschlag des OKH
aus. Der Tenor der Weisung ließ erkennen, daß der Oberbefehlshaber der
Wehrmacht nicht mehr auf den Rat seiner engsten militärischen Umgebung zu
hören gewillt war, solange sich deren Ansichten nicht mit seinen eigenen deck=
ten. „Der Vorschlag des Heeres für die Fortführung der Operationen im Osten
vom 18. 8. stimmt mit meinen Absichten nicht überein. Ich befehle folgen=
des . . .", begannen seine Ausführungen, in denen er Moskau als letztes An=
griff sziel nach Leningrad, der Krim und dem Donezbecken nannte. Dieser weit=
reichende Entschluß traf das OKH um so mehr, als es seit August mit unver=
kennbarer Bestürzung festgestellt hatte, wie sehr es die Widerstands= und
Leistungsfähigkeit der Sowjetunion personell, materiell und auch politisch
unterschätzt hatte. Doch diese Einsicht kam zu spät; denn nun tat Hitler die
berechtigten Warnungen des Generalstabes wiederholt als „Defaitismus" ab
und maß diesen nicht mehr die notwendige Bedeutung bei, da er ganz auf sein
eigenes Beurteilungsvermögen vertraute. So kategorisch hatte er bisher noch
nicht in die operative Kriegführung eingegriffen. Nicht einmal vor Dünkirchen;
damals hatte er Rundstedt, dem OB der HGr. A, dessen Ansichten mit den
seinen übereinstimmten, die letzte Entscheidung überlassen. Hitler war von
jetzt ab mehr denn je entschlossen, voll und ganz das Amt des „Feldherrn"
auszuüben, nicht nur sporadisch in den Gang der Operationen einzugreifen.
Wir wissen, daß Hitler weder militärische Erfahrungen noch eine entspre=
chende Schulung besaß, er war Dilettant unter den führenden Köpfen der
Wehrmacht. So äußerte er anfang des Krieges seine Pläne meist als spontane
Einfälle und gleichsam zufällig im Gespräch. Sie waren Geistesblitze, weniger
konkrete Vorschläge, auch nicht bis zum Ende wohlüberlegt und begründet. Da
11 Das hatte sich bereits im Westfeldzug 1940 gezeigt, vgl. Halder a. a. O. (S. 44 E,
Anm. 5), Bd. I, S. 334 ff.
182 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
er nicht über die Argumentation eines Generalstabsoffiziers verfügte, ließ er
seinen Gefühlsregungen und plötzlichen Eingebungen freien Lauf. Was er da
von sich gab, mußten seine militärischen Berater erst in eine für sie geeignete
Form bringen.
Mit Recht ist mehrfach hervorgehoben worden, daß Hitler alles andere als
ein militärischer Dummkopf war. Schnelle Auffassungsgabe, ein erstaunliches
Gedächtnis für militärische Fakten und Zahlen (die nicht immer einer kritischen
Überprüfung standgehalten hätten) und seine besondere Vorliebe, taktische
Einzelheiten festzulegen und schwierige Einzel= und Sonderunternehmen bis in
das kleinste Detail auszuarbeiten, waren die augenfälligsten Eigenschaften die=
ses militärischen Autodidakten, der sich im übrigen unermüdlich mit den ver=
schiedensten Problemen der Kriegführung vertraut zu machen suchte.
Nach dem Westfeldzug, der die Überlegenheit des deutschen militärischen
Instruments bewiesen hatte, vollzog sich ein tiefgreifender Wandel: Hitler
wurde mehr denn je in der Vorstellung befangen, „Feldherr" zu sein, der dank
unfehlbarer „Intuition" dasselbe zu leisten vermochte wie hochqualifizierte
Generale und Generalstäbler. Letztere waren für ihn längst nicht mehr die
unbestrittene fachliche Autorität, sondern steigendes Mißtrauen, ja fast Ver=
achtung kennzeichneten seine Einstellung gegenüber den militärischen Exper=
ten. Dies mußte umso verhängnisvollere Folgen haben, je weiter er das OKH
als eigentliches Führungsinstrument des Heeres unterhöhlte und schließlich
ausschaltete.
Die wachsende Kritik an den Eingriffen Hitlers in die operative Führung des
Rußlandfeldzuges läßt sich anhand der Eintragungen Halders in sein Tagebuch
am besten verfolgen 12 . Der Verfasser äußerte sich dabei zwar recht vorsichtig,
vieles deutete er nur versteckt an. Normalerweise notierte er nur „Führer"
(Besprechung, Führerbesprechung). Aber wir finden auch andere Bezeichnun=
gen für Hitler: „oben", „man", das „Laienauge" oder Halder nannte dessen
Maßnahmen „Querschüsse aus der Stratosphäre".
Gelegentlich verzeichnete er auch Wutausbrüche („tobt"), die nun allerdings
nichts mit dem berühmten „Teppichbeißen" zu tun haben. Die sich offensicht=
lieh steigernden Gegensätze zwischen Hitler und Halder in der Auffassung über
die Lage und die Führung der Operationen werden an verschiedenen Stellen
deutlich: Mit Beginn des Ostfeldzuges bemängelte Halder immer häufiger,
daß man an „oberster Stelle" kein Vertrauen auf die ausführenden Organe —
und zwar kraft einer gemeinsamen Ausbildung und Erziehung des Führer=
korps — kenne (3. 7. 1941). Skeptisch äußert er sich an anderer Stelle: „Schade
um die Zeit, die man mit einem solchen Vortrag (bei Hitler) vertut" (23. 7. 41).
Am 12. 7. „quängelte" Hitler, und noch schärfer: „Das ewige Hineinreden des
Führers in Dinge, deren Zusammenhänge er nicht kennt, wächst zu einer Plage
12 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. III (S. 576: Sachregister: Eingriffe Hit=
lers in die operative Kriegführung).
183 E
A. Einführung
aus, die unerträglich wird" (24. 7. 41). Das „Reagieren auf Nadelstiche" (bei
Staraja Russa) macht uns jeden „Führungsplan und jede Schwerpunktbildung
zunichte". Mehr und mehr empfand Halder die Eingriffe als „untragbar"
(22. 8. 1941). Daß der Chef des Generalstabs des Heeres dennoch wiederholt
seinen Kopf durchzusetzen verstand, geht aus mehreren Eintragungen bis zum
Mai und Juli 1942 hervor.
Aber vor Moskau fiel die Entscheidung, wer nun eigentlich das Heer führte.
In den sogenannten „Führerweisungen" hatte Hitler die Strategie meist im
großen Rahmen festgelegt und den einzelnen Wehrmachtteilen in der Aus=
führung doch relative Freiheiten gelassen. Jetzt riß er die gesamte Führung des
Heeres an sich, befahl bis in alle Einzelheiten vieler Divisionen, später sogar
in die mancher Regimenter hinein und machte die Bewegungen auf dem
Schlachtfelde von seiner persönlichen Entscheidung abhängig. Zugleich leitete
er allein das komplizierte und vielschichtige Räderwerk des militärischen Appa=
rates. Hatte vor Dünkirchen die Entmachtung des OKH begonnen mit der Ab=
lösung Brauchitschs als Ob.d.H., am ig. 12.. 1941 fand diese ihren Abschluß:
„Ob.d.H. ist kaum mehr Briefträger", vermerkte Halder. Das war eine erschüt=
ternde Bilanz. Hitler selbst übernahm die Führung des Heeres mit den Worten :
das bißchen Operationsführung kann jeder machen; es komme darauf an, das
Heer im Geiste des Nationalsozialismus zu erziehen. Diktatorisch, sprunghaft
und meist unbelehrbar bestimmte er von nun an das Gesetz des militärischen
Handelns ohne Rücksicht auf die Maxime operativer Führung. Der Untergang
des Generalstabes des Heeres als Führungsorgan aber zog die Katastrophe der
gesamten Wehrmacht nach sich 13 .
8. Die Schlüsselpositionen des „Inneren Kreises"
Zweifellos hat im Verlaufe der ersten Kriegsjahre der sog. „Innere Kreis"
des Führerhauptquartiers einen bestimmenden Einfluß auf den Mechanismus
des militärischen Führungssystems und in gewisser Weise auch auf Hitler aus=
geübt. Wohl haben diese Offiziere Cöring, Keitel, Jodl, Schmundt, Engel,
v. Below, v. Puttkamer, Deyhle, Bodenschatz und Christian die politischen Ent=
Schlüsse des Obersten Befehlshaber der Wehrmacht nicht zu ändern oder zu
verhindern vermocht, doch ist ihr Einfluß auf Denken und Handeln Hitlers
sicherlich hoch, wenn auch unterschiedlich einzuschätzen. Wie sich die Anteile
im einzelnen verteilen, ist schwer zu ermessen. Gewiß hat Göring auf Grund
seiner langjährigen politischen Zusammenarbeit mit dem Führer und Reichs=
kanzler, seiner zahlreichen Dienststellungen und seiner Designation zum zwei=
ten Manne im Staate Hitler am nächsten gestanden; dieser hat von ihm
manchen Ratschlag angenommen und dessen Empfehlungen entsprochen. Den
Wünschen Görings hat Hitler oft Gehör geschenkt. Wie Warlimont berichtet
hat, wurde der Reichsmarschall laufend über Ansichten und Gegenansichten
13 Vgl. die weiteren KTB=Bände: II, III und IV.
184 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
im F.H.Qu, durch seinen V.Off z., Gen. Bodenschatz, einem im ganzen wohl
etwas farblosen Offz., auf dem laufenden gehalten. Dadurch konnte er sich
ganz nach Belieben im F.H.Qu, fernmündlich oder persönlich einschalten. Seine
Zusammenkünfte mit Hitler waren „meist keinem anderen Auge und Ohr"
zugänglich l .
Obwohl GFM Keitel als Chef OKW zum „Inneren Kreis" zählte, war sein
Einfluß auf Hitler gering. Im Grunde war er nur ausführendes Organ, auch in
allen unangenehmen und unbequemen Dingen („Blitzableiter"), ein vor=
urteilsloser Gehilfe. Er hat sein hohes Amt schon deshalb bekommen und be=
halten, weil, wie es einmal ein Adj. spöttisch überspitzt ausgedrückt hat, Hitler
sicher gehen wollte, bei einer Besprechung mit 12 Teilnehmern zumindest einen
dabei zu haben, der für ihn (Hitler) stimmte 2 .
Da sich der Chef OKW von Anfang an in den Fragen der operativen Füh=
rung bewußt zurückhielt und sich vor allem auf seine anderen Aufgaben kriegs=
ministerieller Art konzentrierte, stieg Jodl als Chef des W.F.St. zum eigent=
liehen, persönlichen Berater und „Gen.Stabschef" Hitlers in „allen Fragen der
strategischen Planung und Op.Führung" auf, insbesondere bei Operationen
verbundenen Wehrmachtteile.
Keitel erinnerte sich später 3 :
„Fast regelmäßig fanden in der Reichskanzlei die täglichen Lagebesprechun=
gen bzw. mittäglichen Vortrags=Zeiten bei Hitler statt. Jodl und ich hatten je
neben dem alten Reichskabinettssaal ein Arbeitszimmer und ein Büro für
Adjutanten und Schreibpersonal. Ich kam stets erst gegen Mittag vom Kriegs=
ministerium herüber und bisweilen auch abends noch einmal eine Stunde . . .,
während Jodl in Ermangelung eines Arbeitsraumes in der Bendlerstraße beim
W.F.St. eigentlich nur in der Reichskanzlei arbeitete, und so auch dem Führer,
wenn er etwas wollte, stets zur Verfügung stand. So festigte sich auch sein
Verhältnis zu Hitler und eine Anerkennung seiner Fähigkeiten, was ich nur
begrüßt habe."
Wie General a. D. Winter mitgeteilt hat 4 , war Jodls Stellung nur inso=
fern eingeengt gewesen, als z. B. Göring und Raeder auf ihren Gebieten
einen bestimmenden Einfluß auf Hitler ausübten; hinzugekommen sei das
Mißtrauen Hitlers gegenüber den Berufsoffz. — in erster Linie Genst.Offz. — ,
das das gegenseitige Vertrauensverhältnis zu überschatten begann und er, Jodl
selbst, zu bestimmten Einschränkungen neigte. Jodl wird als ein „Soldat mit
Leib und Seele" beschrieben, der die Eigenschaften „bester deutscher Soldaten=
tradition" in sich vereinigt hätte. Anspruchslos und einfach in seinen Bedürf=
nissen, ohne persönlichen Ehrgeiz, ging er voll in der schweren Aufgabe auf,
die ihm gestellt wurde. Klar und bestimmt in seinen Ansichten, stellte er große
1 Vgl. Warlimont a. a. O. (S. 136 E, Anm. 9), S. 76, 106.
2 Mündliche Mitteilung Gen. Engels a. d. Verf. v. 24. 1. 1965.
3 Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7), S. 229.
4 Vgl. S. 136 E, Anm. 10.
185 E
A. Einführung
Ansprüche an seine Arbeitskraft und an die seiner Mitarbeiter. Als „Genst.Offz.
war er sorgfältig durchgebildet", aber sein Interesse galt etwas einseitig der
Operationsführung. Nicht „überdurchschnittlich begabt", fühlte er „seine Gren=
zen, und diese veranlaßten ihn wohl dazu, sich den Rahmen seines Einfluß=
strebens selbst eng zu stecken". War es auch verständlich, daß die Persönlich=
keit Hitlers auf ihn nicht ohne Einfluß blieb, so war er doch einer der wenigen
Männer in der nächsten Umgebung des „Führers", „der in wirklich entschei=
denden Fragen offen seine Meinung sagte, wenn ihn auch bald die Erfahrung
lehrte, daß nur bei diplomatischer Ausnutzung günstiger Gelegenheiten hier=
mit ein Erfolg zu erzielen war. Zäh in der Verfolgung einer einmal gefaßten
Überzeugung verstand er es, wenn auch oft mit zu großen Verzögerungen, die
ihm wichtig erscheinenden Entscheidungen immer wieder an Hitler heranzu=
tragen und damit manchen Erfolg zu erringen."
Jodls engster Mitarbeiter, Gen. Warlimont, faßte seine Eindrücke von seinem
Vorgesetzten folgendermaßen zusammen 5 :
„Im Gegensatz zu aller Tradition des Generalstabs des Heeres wollte Jodl . . .
— auch hierin Hitler folgend — in den Offizieren seines Stabes nur die Organe zur
näheren Ausarbeitung von Befehlen, nicht aber die zu selbstverantwortlichem Den=
ken, zu Anregung und Beratung berufenen Mitarbeiter sehen. Diese seine Neigung
war nicht allein durch persönliche Eigenheiten bedingt, sondern entsprach ganz
seinen Vorstellungen von einer neuen Schule des Generalstabs, wie sie Göring
schon seit dem Frühjahr 1939 in der Luftwaffe zu verwirklichen suchte, — in beiden
Fällen zweifellos ausgehend von dem nationalsozialistischen Grundsatz der „abso=
luten Verantwortung nach oben und unbedingten Autorität nach unten". Der Neue=
rung im inneren Bereich der Generalstabsarbeit entsprach in der äußeren Form das
gleichzeitig ebenfalls von lodl übernommene System Hitlers, an die Stelle der im
deutschen Heere bewährten „Auftragstaktik" eine Art oberster Führung zu setzen,
die ihren Willen durch bis in letzte Einzelheiten gehende Befehle zu erzwingen
suchte.
Wesentlich gefördert wurden die Tendenzen des Chefs WFStab noch durch die
Entfernung, die er — ebenfalls gegen alle Regel — zwischen sich und seinen Stab
legte. Dabei war es gleichgültig, ob der räumliche Abstand, wie zunächst in Berlin
vom Bendlerblock zur Reichskanzlei und während der nächsten Jahre auch in der
Mehrzahl der Feld=Hauptquartiere vom „Sperrkreis I" — mit Hitler und seiner näch=
sten Umgebung — zum „Sperrkreis II" — mit der Feldstaffel der Abt. L — sich nur
auf wenige Fahrminuten oder aber auf mehrere Flugstunden belief, wie es zeitweilig
vorkam. Sah Jodl sich doch gerade infolge dieser Trennung noch mehr, als es an
sich schon seiner Art entsprach, dazu bewogen, den Richtlinien Hitlers gleich mit
eigener Hand die gebotene Form zu geben und die Abt. L nur noch, soweit notwen=
dig, zur Abstimmung seiner Entwürfe mit dem Führungsabteilungen von Heer,
Marine und Luftwaffe, häufig aber lediglich als Schreibbüro und Registratur heran=
zuziehen. Auch im mündlichen Verkehr mit den obersten Stäben der Wehrmachtteile
bildete sich von diesen Ursachen her ein „Dienstweg" heraus, der an der oft nur
dürftig und verspätet unterrichteten Abt. L vorbeilief und stattdessen Ausgang
und Ende allein bei dem Chef des WFStabes als dem zuverlässigen Mitwisser von
Hitlers Denken und Wollen fand.
5 Warlimont, a. a. O. (S. 136 E, Anm. 9), S. 60 ff.
186 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Als weitere Folge der räumlichen Trennung ergab es sich, daß General Jodl für
die dienstjüngeren Angehörigen seines Stabes fast genau so unsichtbar blieb wie
Hitler selbst. Manche der älteren Offiziere mit dem Abteilungschef an der Spitze
verkannten dem gegenüber nicht den unschätzbaren persönlichen Vorteil, dem Trei=
ben um Hitler entrückt zu sein und die klare Luft eines rein militärischen Stabes zu
atmen. Dienstlich gesehen aber fanden sie sich isoliert und von dem Gang der
Geschehnisse vielfach ausgeschaltet, nicht zuletzt auch zum empfindlichen Schaden
für die gerade von Jodl vertretene Forderung eines einheitlichen Führungsstabes an
der Spitze der Wehrmacht.
Tiefer greifend als alle diese Mißstände im Bereich des Stabes waren aber die
Gegensätze, die den Chef WFStab und den als seinen nächsten Mitarbeiter be=
rufenen Chef L im Hinblick auf Politik und Kriegführung insgesamt voneinander
trennten. Der Glaube Jodls an Hitler, der schon in den Dithyramben seines frühen
Tagebuchs einen militärisch ungewöhnlichen Ausdruck gefunden hatte, prägte auch
weiterhin, wenngleich nie ein Wort darüber fiel, sein ganzes Wesen und Handeln.
„Wir gewinnen diesen Krieg und wenn er 100 X einer Generalstabsdoktrin wider=
spricht", schrieb er am 15. Oktober 1939 inmitten der Wirren mit dem OKH um
die Offensive im Westen, „weil wir die bessere Truppe, die bessere Ausrüstung,
die besseren Nerven und eine geschlossene, zielbewußte Führung haben".
Die Einstellung Jodls erhellt auch aus einem besonderen Beispiel, das Warlimont
festgehalten hat. Als Neuerung hatte es sich „die Gruppe Heer der Abt. L, vom
Abteilungschef beifällig aufgenommen", angelegen sein lassen, „den Morgenmeldun=
gen jeweils eine sogenannte „Kurzbeurteilung" der Lage nachzusenden. Diese Äu=
ßerungen verfolgten den doppelten Zweck, die Gedanken und Absichten des OKH,
als der für die Führung der Operationen letztlich allein berufenen Stelle dem Chet
WFStab vor der mittäglichen Lagebesprechung mit Hitler täglich von neuem nahe=
zubringen und außerdem vielleicht mit Jodl endlich in eine generalstabsmäßige
Form der Zusammenarbeit im eigenen Stabe zu gelangen. Der Versuch schlug jedoch
in beiderlei Hinsicht fehl. Schon nach wenigen Wochen erklärte er dem Chef L, er
könne auf die Beurteilungen gern verzichten; viel wesentlicher sei es ihm, wenn
dafür gesorgt würde, daß die Lagekarten keine Fehler enthielten. — Diese Beschei=
düng, die schon ihrer Form nach, wie ihm auch bedeutet wurde, nicht viel weniger
als verletzend war, enthüllte im Grunde nur erneut den unveränderten Anspruch
der „obersten Führung", vertreten allein durch Hitler— Jodl, auch auf den weiten
Schlachtfeldern des Ostens autoritär zu verfahren und das eigene Besserwissen
jedweder Beratung voranzustellen 9 ."
Die Wehrmachtadjutantur war eine Kdo.Dienststelle beim „Führer und
Reichskanzler"; sie bestand aus vier Offizieren mit etatmäßigen Feldwebeln
und Uifz. Während der Chefadjutant, Oberst d. G. Schmundt, ins OKW ver=
setzt worden war, waren Hptm. Engel (Heer), Hptm. v. Below (Luftwaffe) und
Kpt.z.S. v. Puttkamer (Marine) von den einzelnen Teilstreitkräften abkom=
mandiert worden; sie waren also in erster Linie Verbindungsoffiziere der OB's
der Teilstreitkräfte zum Obersten Befehlshaber der Wehrmacht. Schmundt
hatte sämtliche militärischen Belange der Wehrmacht zu bearbeiten; die drei
anderen Offiziere hatten neben der Vertretung der Belange ihres Wehrmacht=
teils bestimmte Arbeitsgebiete übernommen. Das Ic=Gebiet, Attache=Berichte und
Fragen personeller Art in Verbindung mit den „Nürnberger Gesetzen" wurden
6 Ebd., S. 190.
187 E
A. Einführung
Engel übertragen, Puttkamer war für protokollarische Fragen, Vorlagen zur
Wehrwirtschaft und Rüstung, zur Seekriegslage und für Gnadengesuche ver=
antwortlich; zu den Aufgaben Belows zählten alle Angaben über den Luftkrieg,
Fragen der Dienstreisen, der Organisation und des F.H.Qu.
Alle vier Offiziere haben ihre Aufgaben selbständig erfüllt, Hitler dabei
häufig unter vier Augen berichtet und ihm auch die „delikaten" Angelegen=
heiten vorgetragen, die z. B. der Chef OKW, aus welchen Gründen auch immer,
Hitler nicht vorzulegen gewagt hatte. Hinzu kamen die zahlreichen Frontreisen
der Adj. im Auftrage (als Sendboten) Hitlers zu den Truppenteilen oder Kdo.=
Behörden, die von OKH und OKW zwar nicht gern gesehen wurden, aber auf
Zustimmung bei den Truppenführern stieß; diese hofften natürlich, dadurch
ihre Nöte und Sorgen unmittelbar an Hitler herantragen zu können (unter
Umgehung des Dienstweges) 7 . Hptm. Engel unterrichtete z. B. den OQ IV im
Genst.d.H., Gen. v. Tippeiskirch, fast jeden Vormittag über alle wichtigen
militärpolitischen Fragen, die im F.H.Qu, erörtert oder zur Diskussion gestellt
wurden. Im Halder=Tagebuch ist sehr genau zu verfolgen, welche Einzelheiten
der Heeresadj. dem General mitgeteilt hat 8 . Natürlich wurden die Adj. durch
diese Arbeiten, stets in engster Fühlungnahme mit Hitler, durch ihre zahl=
reichen Verbindungen und Beziehungen bald in eine Rolle hineingedrängt, zu
denen sie unter normalen Verhältnissen weder befugt noch berechtigt gewesen
waren. Praktisch wurden sie mehr und mehr dazu verführt, entgegen allen
militärischen Dienstregeln zu verfahren. Dies war ein weiterer Ausdruck für
das so heterogene deutsche militärische Führungssystem. Zweifellos haben die
Adj. auf diese Weise Hitler beeinflussen können, so z.B. auf dem personellen
Gebiet, was die Zustandsberichte der Truppe und die daraus zu ziehenden
Konsequenzen anbetraf; ebenso haben sie Hitler Informationen und Stim=
mungsberichte zugetragen, die dieser auf dem Dienstwege nicht lückenlos
erhielt. Auf die strategisch=operative Kriegführung haben sie, von einer Aus=
nähme abgesehen (s. unten), indessen keinen Einfluß gehabt.
Vor allem ist der Einfluß des Chefadj., Oberst Schmundt, im Guten wie im
Tragischen, sehr viel größer gewesen als er sich heute aus den Akten heraus^
lesen läßt. Er war von allen genannten Offizieren der engste Vertraute Hitlers
in militärisch=personellen Fragen, allerdings in klarer Trennung von den poli=
tischen Sachgebieten. Es gab kaum ein Problem der militärischen Führung, das
er nicht mit Hitler persönlich besprach. Diese beherrschende Stellung nahm er
nicht nur auf Grund seiner Dienststellung ein, sondern vor allem deshalb, weil
er sich, im Gegensatz z.B. zu Hptm. Engel, zu einem glühenden Bewunderer
Hitlers entwickelt hatte, der fast alles bona fide kritiklos aufnahm, was der
„Führer" sagte oder befahl. Anfänglich stand er noch zwischen den Fronten,
wollte er die Vermittlerrolle zwischen den traditionell eingestellten Heerführern
und Hitler übernehmen. Später gab es für ihn jedoch nur noch ein großes Ziel :
7 Mündliche Mitteilung Gen. Engel an den Verf. v. 24. 1. 1965.
8 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. I— II (und Register Bd. III).
188 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
die Glut des Bekennertums auch auf das Offizierkorps des Heeres zu über=
tragen und dieses zu bedingungslosen Gefolgsmännern des „großen Genies"
zu machen. Dieser Prozeß ist dadurch gefördert worden, daß Schmundt in der
ständigen Umgebung Hitlers sehr bald dessen zwingendem Bann erlegen ist.
Freilich hat er diese Rolle wohl um der militärischen Sache willen, frei von
persönlichem Ehrgeiz, übernommen. In seiner Stellung sah er so etwas wie
eine Mission, Hitler für die militärische Führung der Nation alles zuzuführen,
was notwendig war. Dabei mag er häufig innerlich zerrissen gewesen sein,
fühlend und ahnend, daß manches in dem System falsch und verhängnisvoll
war; aber er wollte eben an Hitler und seine Idee glauben. Für ein kamerad=
schaftliches Gespräch war er durchaus aufgeschlossen; auch war er keineswegs
nachtragend. Auf sein tiefes Pflichtempfinden gegenüber Hitler war es zurück=
zuführen, wenn er allzuscharfe Kritiker des Obersten Befehlshabers der Wehr=
macht aus ihren Stellungen zu entfernen wußte; meistens geschah dies in
der Weise, daß er beim Vortrag bei Hitler den betreffenden Offizier als „unge=
eignet" für diese oder jene Laufbahn abqualifizierte. Typische Fälle waren z. B.
die Ablösung des Obersten v. Loßbergs und des Gen. Frhr. v. Funcks 9 .
Wie verhängnisvoll sich im ganzen sein Einfluß geltend gemacht hat, mag
aus einem bisher unbekannten Beispiel erhellen. In der berühmten Führungs=
krise des deutschen Heeres vor Moskau, als der ObdH aus physischen wie
psychischen Gründen entlassen wurde, war es Schmundt, der Hitler empfahl,
den Oberbefehl über das Heer persönlich zu übernehmen. Darüber hieß es in
einer Aufzeichnung des Heeresadj. Engel am 22. 11. 1941 10 :
„Schmundt spielte wieder auf den bevorstehenden Wechsel im Oberbefehl
des Heeres an; es ist zum Verzweifeln. Er ist von seiner Idee, den F[ührer]
dazu zu bringen, den Oberbefehl über das Heer selbst zu übernehmen, nicht
abzubringen; [er] sieht darin eine große Chance für [die] Wiederherstellung
des Vertrauens. Meine Einwände, daß dies doch nur eine Formsache sei und
das Heer führerlos würde, sieht er nicht ein. Unverständlich ist auch seine im=
mer wieder hervortretende positive Auffassung über Keitel, das ändert sich
zwar, je nach dem, wie er sich über diesen ärgert, wenigstens ist er von dem
Gedanken [abgekommen] . . ., den er vor Jahren hatte, Himmler vorzuschla=
gen. Den hat er wohl doch erkannt. Es ist aber eine bedrückende Situation,
und unsere offenen Aussprachen sind manchmal recht heftig.
Nach der Spätlage bat ich F[ührer] noch um einige Unterschriften und kam
über den Oberbefehlshaber ins Gespräch. F[ührer] sprach sehr ruhig über
Br[auchitsch]; hält ihn für einen total kranken Mann, der am Ende seiner
Kräfte sei. Ich schnitt die Frage an, ob er ihn nicht durch Manstein oder Kessel=
ring ersetzen wollte; F[ührer] schwieg und verabschiedete sich."
Es war Schmundt, der als erster von den Angriff sabsichten Hitlers im Westen
1939 erfuhr. Ihm war es zu verdanken, daß Hitler von dem berühmten Man=
9 Mündliche Mitteilung Gen. Engel v. 24. 1. 1965.
10 Aufzeichnungen Gen. Engel vom 22. 11. 1941.
189 E
A. Einführung
stein=Plan Kenntnis erhielt, den das OKH nicht hatte weiterreichen wollen 11 .
In der ersten Vertrauenskrise des Herbst 1939 verlangte Keitel von Schmundt,
er solle dem „Führer" sagen, daß er angesichts des schweren Mißtrauens=
votums um eine andere Verwendung bitte 12 . Viele wichtige Einzelheiten
erfuhren die Angehörigen im F.H.Qu, nur aus dem Munde des Chefadj. Viel=
fach mußte er vermitteln oder ausgleichen. Er führte nächtliche Gespräche mit
den HGr. Armee=Ob.Kdos., um im Auftrag Hitlers ganz bestimmte Weisungen
durchzugeben, meist unbekümmert um den Gesamtzusammenhang der Opera=
tionen.
Während der V.Offz. zu Göring, Gen. Bodenschatz, eine völlig untergeord=
nete Rolle spielte, sind noch dieMajoreDeyJi/e und später Christian zu nennen.
Beide haben als Adj. und Ia von Jodl nach dem Lagevortrag durch den Chef
W.F.St. Hitler häufig die Feindlage vorgetragen und auch in operativen Fragen
ihre Ansichten geäußert.
Schließlich ist noch Reichsleiter Bormann in diesem Zusammenhang aufzu=
führen; zwar pflegte sich dieser nicht in strategisch=operative Probleme einzu=
mischen, aber auf dem personellen Gebiet gewann er insofern wachsenden
Einfluß, als ihm über die Kanäle von SD und Partei kritische Stimmen inner=
halb der Wehrmacht zugetragen wurden. Darüber berichtete er Hitler, falls
ihm das erforderlich schien. Nicht selten erfolgten daraufhin Versetzungen
oder die Ablösung des betreffenden Offiziers. Bormann hatte im übrigen schon
im Jahre 1940 Hitler vorgeschlagen, die Wehrmachtspfarrer der Truppe abzu=
schaffen; dies war ein weiteres Symptom für seine laufenden Angriffe gegen
das Heer in allen kirchenpolitischen Fragen 13 .
b) Die Ausnahme
9. Der Ministerrat für die Reichsverteidigung
Schon vor 1939 hatte Hitler einen sog. Reichsverteidigungsrat eingesetzt, der
für die Vorbereitung und Durchführung eines Krieges mitverantwortlich sein
sollte. Nominell führte Hitler in ihm den Vorsitz, Göring war seit 1938 sein
ständiger Stellvertreter. Diesem Rat gehörten als Mitglieder an:
Der Reichsminster der Luftfahrt und Ob.d.L.,
Der Oberbefehlshaber des Heeres,
Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine,
Der Stellvertreter des Führers (Heß),
Der Reichsminister und Chef der Reichskanzlei (Lammers),
Der Präsident des Geheimen Kabinettsrates (v. Neurath),
Der Generalbevollmächtigte für die Reichsverwaltung,
Der Generalbevollmächtigte für die Wirtschaft,
Der Reichsminister des Äußeren (v. Ribbentrop),
11 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2).
12 Vgl. Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7), S. 224.
13 Mündliche Mitteilung Gen. Engel an den Verf. v. 24. 1. 1965.
190 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Der Reichsminister des Innern (Frick),
Der Reichsminister der Finanzen (Schwerin v. Krosigk)
Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda (Goebbels)
Der Präsident der Reichsbank.
Die Durchführung der Beschlüsse des Reichsverteidigungsrates hatte der sog.
Reichsverteidigungsausschuß zu gewährleisten. Diesem gehörten an:
Das Oberkommando der Wehrmacht,
Bevollmächtigte Vertreter des Vierjahresplanes,
des Generalbevollmächtigten der Reichsverwaltung,
des Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft,
Facharbeiter aller in Betracht kommenden obersten Reichsbehörden z. B. der Polizei,
des Reichsarbeitsdienstes, des Reichsverkehrsministeriums und der Reichspost (usw.).
Mitwirkung vom 30. 8. 1939 ließ Hitler aus dem Reichsverteidigungsrat einen
ständigen Ausschuß bilden; dies war der sog. „Ministerrat für die Reichsver=
teidigung". Er wurde mit folgenden Mitgliedern besetzt:
Göring, Vorsitzender (zugleich Beauftragter f. d. Vierjahresplan),
Der Stellvertreter des Führers,
Der Generalbevollmächtigte für die Reichsverwaltung (Frick),
Der Generalbevollmächtigte für die Wirtschaft (Funk),
Der Reichsminister und Chef der Reichskanzlei,
und der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht.
Göring konnte nach Paragraph I, 3 auch „andere Mitglieder des Reichs ver=
teidigungsrates sowie weitere Persönlichkeiten" zur Beratung hinzuziehen.
Nach Paragraph II konnte dieser neugebildete Ministerrat „Verordnungen mit
Gesetzeskraft erlassen", falls Hitler nicht die Verabschiedung eines Gesetzes
durch die Reichsregierung oder den Reichstag anordnete.
Mit Recht hat B. Mueller=Hillebrand darauf hingewiesen, daß die Zusam=
mensetzung dieses Ministerrates zunächst zu zeigen schien, daß das „Schwer=
gewicht seiner Tätigkeit darin liegen sollte, die militärischen Planungen für
die Kriegführung mit denjenigen der Verwaltung und Wirtschaft in Uberein=
Stimmung zu halten und die volle Ausschöpfung des Kriegspotentials zu ermög=
liehen" 1 . Aber in der Praxis der Jahre 1939—1941 konnte davon nicht die
Rede sein. Wohl erließ der Ministerrat z.B. am 1.9.1939 die „Verordnung über
die Bestellung von Reichskommissaren", denen die einheitliche Steuerung der
zivilen Reichsverteidigung in den Wehrkreisen übertragen wurde, oder am
16.11.1942 die „Verordnung über die Reichskommissare und die Vereinheit=
lichung der Wirtschaftsverwaltung". Aber irgendeinen Einfluß auf die Krieg=
führung hat diese neue Institution nicht gehabt; sie stand mehr oder weniger
auf dem Papier, wenngleich sie auch die einzig integrierte Institution von poli=
tischer, militärischer und wirtschaftlicher Führung sein mochte. Es müßte einer
1 Vgl. Mueller=Hillebrand, a. a. O. (S. 111 E, Anm. 1), Bd. I, S. 113; Bd. II, S. 93 f.;
vgl. auch: Hossbach, F., Die Entwicklung des Oberbefehls über das Heer in
Brandenburg, Preußen und im Deutschen Reich von 1655—1945, Würzburg 1957,
S. 121 f.
191 E
A. Einführung
speziellen Untersuchung vorbehalten bleiben, zu prüfen, wann und mit welchen
Ergebnissen auf dem Gebiet der Verwaltung dieser Ministerrat zusammen=
getreten ist und in welcher Form er Hitler Empfehlungen vorgelegt hat.
10. Die Koalitionsbesprechungen
Es ist hier nicht der Platz und die Aufgabe, die Koalitionsbesprechungen,
jene an der Nahtstelle von Politik und Kriegführung geführten Gespräche, auf
höchster Ebene, auf der Ebene von OKW, OKH und der der Deutschen Gene=
rale bei den verbündeten Ob.Kdos. im einzelnen zu analysieren. Die Gipfel=
konferenzen werden Gegenstand einer eingehenden Untersuchung durch
A. Hillgruber sein 1 . Wir müssen uns hier auf einige allgemeine Bemerkungen
beschränken.
Die vorhandenen Protokolle, Aufzeichnungen und Notizen über die zahl=
reichen Besprechungen sind im großen und ganzen sehr kritisch zu bewerten,
weil die meisten von ihnen (etwa die Schmidt=Protokolle) 2 nicht immer
Schein und Wirklichkeit der Ausführungen Hitlers und Ribbentrops erkennen
lassen. Die Monologe Hitlers waren z.T. so zweckbestimmt, daß in ihnen
weniger die tatsächliche militärpolitische Lage Deutschlands zum Ausdruck kam,
vielmehr das, wodurch Hitler sein Gegenüber beeindrucken wollte. In jedem Fall
wäre zunächst sehr sorgfältig zu prüfen, wann Hitler die Wahrheit sprach, wie
und wann er bluffte, übertrieb oder offensichtlich die Dinge auf den Kopf
stellte; wie er mit den Zahlen und Ziffern jonglierte oder etwa glaubte, durch
einen „grandiosen Betrug" Spanien und Italien auf Kosten Frankreichs befrie=
digen zu können 3 . Ein überaus aufschlußreiches Beispiel dafür ist auf S. ooEff.
dieser Einführung im Wortlaut veröffentlicht worden. Auf dem Höhepunkt
der ersten großen Krise der Obersten deutschen Wehrmachtführung vor Mos=
kau spiegelt es eindrucksvoll die Dialektik der hitlerischen Gesprächsführung;
es läßt die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen und der wünschenswerten
Lage sehr deutlich erkennen.
In den Jahren 1940/41 haben Hitler und sein Reichsaußenminister zahlreiche
Besprechungen mit Politikern, Staatsmännern und Militärs neutraler und ver=
bündeter Staaten geführt. Diese standen alle mehr oder weniger im Zeichen
der deutschen „Blitzsiege"; die deutschen Verhandlungspartner waren dabei
bestrebt, angesichts der unmittelbar bevorstehenden neuen „Konsolidierung"
Europas unentschlossene Staaten auf die Seite Deutschlands zu ziehen oder
zumindest die Interessen mit ihnen zu koordinieren. Indem sie auf die Kette
der militärischen Erfolge, auf die unüberwindliche Stärke der deutschen Wehr=
macht, auf die offensichtliche Niederlage Englands und zunächst mehr ver=
1 Es ist geplant, die Konferenzprotokolle der Jahre von 1939—1945 in zwei Bänden
(Bd. 1: 1939 — 1941 in Vorbereitung), eingeleitet und kommentiert v. A. Hillgruber,
zu veröffentlichen.
2 Vgl. Literaturhinweise S. 23 E.
3 Vgl. Literaturhinweise S. 26 E.
192 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
steckt, später um so deutlicher auf die Bedrohung Europas vor den Gefahren
des Bolschewismus hinwiesen, glaubten und hofften sie, die kleineren Staaten
von der Notwendigkeit überzeugen zu können, sich den Achsenmächten anzu=
schließen, zumal diese jeden gewünschten Schutz vor feindlichen Angriffen,
von welcher Seite auch immer, anbieten konnten. Mit den Verbündeten
Italien, Japan, Ungarn (Beitritt zum Dreimächtepakt), Rumänien, Slowakei,
Bulgarien ,Kroatien und Finnland wurden neben den Fragen der territo=
rialen Neuordnung auf dem Balkan, der Abgrenzung der Interessenräume
(mit Japan) und der Wirtschaftsbeziehungen auch die mögliche militärische
Zusammenarbeit je nach dem Stand der deutschen Vorbereitungen erörtert 4 .
Bei diesen Militärkonferenzen gab stets Hitler den Ton an (sehen wir einmal
von den Verhandlungen mit Japan ab), da er sich bereits ganz als Herr
Europas fühlte und an einem Sieg der deutschen Waffen eigentlich nur
die wenigsten zu zweifeln schienen.
Eine deutsch=italienische Koalitionskriegführung 5 sollte schon vor Beginn
der Westoffensive und dem offiziellen Kriegseintritt Italiens (10.6.1940) prak=
tiziert werden. Trotz des im Mai 1939 abgeschlossenen „Stahlpaktes" zwischen
Deutschland und Italien hatte es jedoch keinerlei Absprachen der beiden Ver=
bündeten über die gemeinsamen Kriegsziele gegeben. Statt die operativen
Maßnahmen und Planungen von Anfang an sorgfältig aufeinander abzustim=
men, teilte die politische Führung beider Seiten dem anderen Partner nur
soviel mit, wie es die diplomatische Höflichkeit gebot. Hitler, der seit Beginn
des Krieges durch militärische Erfolge das zögernde Italien an seine Seite in
den Kampf ziehen wollte, hatte zunächst am 10. 3. 1940 Reichsaußenminister
v. Ribbentrop die Haltung Italiens in Rom sondieren lassen. Mussolini bedeu=
tete diesem, daß er vorbehaltlich einer Entscheidung über das genaue Datum in
den Kampf einzugreifen gedenke. Seinem Schwiegersohn Ciano erklärte er:
wenn der deutsche Feldzug im Westen beginne, müßten die italienischen Streit=
kräfte „am linken Flügel" stehen, damit sie — „ohne zu handeln" — die gleiche
Zahl feindlicher Streitkräfte binden könnten, „aber doch bereit, im rechten
Moment in den Kampf einzugreifen". Unter dem Eindruck der Argumente
Hitlers erklärte sich Mussolini am 18. 3. ig 40 damit einverstanden, in den
Krieg einzutreten. Freilich war dieser Entschluß des italienischen Diktators mit
sehr viel mehr Vorbehalten verbunden, als Hitler dies anzunehmen gewillt
war, denn Mussolini wußte um die zunehmende Abneigung weiter Kreise des
italienischen Adels, der Militärs und Politiker gegen militärische Aktionen
ihres Landes.
Immerhin traf das Oberkommando der Wehrmacht im März 1940 erste Vor=
4 Vgl. den Überblick Hillgrubers: Der Einbau der verbündeten Armeen in die deut=
sehe Ostfront 1941—1944, in: Wehrw. Rdsch., i960, S. 659 ff.
5 Vgl. Warlimont, W., Die Entscheidung im Mittelmeer 1942, in: Entscheidungs=
schlachten des zweiten Weltkrieges, a.a.O. (S. 62 E, Anm. 22), S. 233 ff.; Rinte=
len, E. v., Mussolinis Parallelkrieg im Jahre 1940, in: Wehrw. Rdsch. 1962, S. 16 ff.
193 E
A. Einführung
bereitungen, um mit den Italienern die Frage gemeinsamer Operationen an
der Oberrheinfront zu besprechen. Am 5. 4. 1940 beauftragte das OKH den
deutschen Militärattache in Rom, Gen. v. Rintelen, dem italienischen General=
stab folgenden Vorschlag zu unterbreiten: Italien sollte 20—30 Divisionen nach
Süddeutschland schicken, um mit diesen Verbänden hinter der 7. deutschen
Armee den Oberrhein zu überschreiten, durch die Pforte von Beifort und über
das Plateau von Langres rhoneabwärts zu stoßen und dadurch den italienischen
Hauptkräften den Austritt aus den Alpen zu ermöglichen. Es zeigte sich jedoch
sehr bald, daß die Italiener an einer solchen Offensive kein Interesse hatten;
die in Aussicht gestellte Besprechung zwischen Gen. Oberst Keitel und Gen.
Roatta, dem stellv. ital. Genst.Chef, kam nicht zustande. Es waren schließlich
der Ehrgeiz und das Geltungsbedürfnis Mussolinis, die Italien trotz der ableh=
nenden Haltung der führenden Militärs in den Krieg trieben. Der Duce lebte
in der eitlen Hoffnung, daß der Krieg in kürzester Zeit entschieden würde,
und es daher nur noch darauf ankomme, sich rechtzeitig an den Früchten des
Sieges zu bereichern. Für einen ernsthaften Waffengang war die italienische
Wehrmacht indessen nur unvollkommen vorbereitet. Erst zehn Tage nach
Kriegseintritt begannen die italienischen Operationen an der Alpenfront, die
sich aber schon nach wenigen Tagen festliefen 6 .
Bezeichnend für die deutsch=italienische Koalitionskriegführung vom Juni
1940 bis zum Januar 1941 war die Tatsache, daß sich beide Partner ohne nen=
nenswerte Absprache im Zuge der „Politik der getrennten Räume" bestimmte
Kriegsschauplätze überließen. Italien, das einen Parallelkrieg zu seinen eigenen
„Gunsten" führte, behielt sich den Raum südlich der Alpen vor, während sich
Hitler auf den mitteleuropäischen Raum beschränkte. Aber diese Waffen=
brüderschaft zeichnete sich bald dadurch aus, daß sich beide Staatsführer trotz
eines regen Briefwechsels und bilateraler Gespräche 1 immer wieder gegen=
seitig mit einem „fait accompli" überraschten. Hitler hatte mit dieser Methode
schon vor Kriegsausbruch begonnen, als er in Prag einmarschierte, den Pakt
mit der Sowjetunion abschloß, und als er Norwegen besetzen ließ. Mussolini
antwortete in gleicher Weise. Ohne Hitler eingehend zu informieren, überfiel
er am 28. 10. 1940 Griechenland, weil er glaubte, das „Blitzkriegsrezept" hier
ebenso erfolgreich wie sein Partner im Norden anwenden zu können; die Fol=
gen waren unübersehbar, zumal auch die italienische Offensive in Nordafrika
stecken blieb. Zwar hat es im Herbst 1940 von deutscher Seite nicht an Ange=
boten gefehlt, die Italiener militärisch zu unterstützen, aber Mussolini wies
zunächst seit Oktober 1940 alle Angebote aus Mißtrauen gegenüber dem
deutschen Führungsanspruch zurück. Erst unter dem Eindruck der zahlreichen
Rückschläge zu Lande und auf See (vgl. Chronik S. 1184 ff.) kam es zu der großen
Besprechung vom 20. Januar 1941 auf dem Berghof, bei der Hitler und Mus=
6 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2). S. 128 ff.
7 Vgl. Literaturhinweise S. 25 E ff.
194
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939 — 1941
solini in Anwesenheit mehrerer höherer Offiziere der deutschen und italie=
nischen Wehrmacht ihre militärischen Operationen zum ersten Male eingehen=
der aufeinander abstimmten. Wohl hatten bereits der Chef OKW, GFM Keitel,
und der Chef des ital. Wehrm.Genst., Marsch. Badoglio, in Innsbruck am 14.11.
1940 eine Vereinbarung getroffen, enger militärisch zusammenarbeiten zu wol=
len; aber gemeinsame Führungsstäbe wurden nicht aufgestellt. Nach wie vor
waren der deutsche Militärattache, inzwischen „Deutscher General beim Ob. Kdo.
der ital. Wehrmacht", Gen. v. Rintelen, und der italienische Mil. Attache in Berlin,
Gen. Marras, die einzigen Bindeglieder zwischen den beiden Stäben.
Bei der genannten Besprechung auf dem Berghof kündigte sich das Ende des
italienischen Parallelkrieges an, wenn auch von einer einheitlichen Koalitions=
kriegführung oder gar Festlegung der Operationsziele für das Jahr 1941 keine
Rede sein konnte. Lediglich gegenüber dem Balkan kam es zu einer verbind=
liehen Absprache. Daß Deutschland zu diesem Zeitpunkt seine militärischen
Anstrengungen schon auf den Rußlandfeldzug konzentrierte, davon wußten
Mussolini und seine Militärs nichts.
Wohl hatte das Eingreifen deutscher Kräfte in Nordafrika und auf dem
Balkan 1941 zu einer Entspannung der Lage im Mittelmeer zugunsten der
Achsenstreitkräfte geführt, aber das Problem der einheitlichen Kdo. Führung
blieb auf diesem Kriegsschauplatz nach wie vor ungelöst; das wurde auch an
dem Problem der geplanten Eroberung der bedeutsamen britischen Seefestung
Malta deutlich.
Im Juli 1940 intensivierte Hitler auch die diplomatischen Bemühungen,
Spanien für seine Pläne zu gewinnen. Aber Franco, nach dem deutschen Sieg
einer Beteiligung am Kriege nicht abgeneigt, schraubte seine Forderungen
einerseits bewußt sehr hoch. Er verlangte Kriegsmaterial aller Art, schwere
Waffen, Munition, Treibstoff, Ausrüstung und Getreide für sein Land, das
die Folgen der inneren Auseinandersetzungen noch nicht überwunden hatte.
Andererseits reizte ihn der Erwerb neuer Territorien wie Gibraltar, Franz.=
Marokko, Teile Algeriens (Oran), die Vergrößerung der Kolonie Rio de Oro
auf Kosten Frankreichs und Gebiete am Golf von Guinea. Hätte Hitler der=
artige Wünsche berücksichtigt, wäre er mit Vichy=Frankreich in Konflikt ge=
raten; dies widersprach zu diesem Zeitpunkt allerdings seinen Absichten, da
er noch mit dem Gedanken spielte, eine große Kontinental=Koalition (mit
Spanien, Frankreich und Italien) gegen England zustande zu bringen. Außer=
dem stand zu befürchten, daß dann weitere Teile des französischen Kolonial=
gebietes zu de Gaulle übergingen. Hitler sah sich hier einem unverkennbaren
Dilemma gegenüber. Aber bereits Mitte Dezember 1940 mußte er einsehen,
daß aus politischen Gründen ein Zusammengehen mit Spanien nicht möglich
war (vgl. S. 70 E).
Ein weiteres, hier nicht näher auszuführendes Kapitel sind die militär=poli=
tischen Gespräche mit den Vertretern Vichy=Frankreichs. E.Jäckel hat dem
deutsch=französischen Verhältnis im Zweiten Weltkrieg eine eingehende
195 E
A. Einführung
Studie 8 gewidmet, die über die Schwankungen, Intentionen und Möglich*
keiten der Politik auf beiden Seiten Aufschluß gibt. Zweifellos hat die deutsche
politische Führung bemerkenswerte Fehler gemacht, Frankreich durch ein
unzweideutiges Verhalten auf die eigene Seite zu ziehen, gemeinsam die Ver=
teidigung Nordwestafrikas zu organisieren und damit der labilen Lage im
Mittelmeerraum ein stabilisierendes Moment hinzuzufügen. Aber die „Politik
von Montoire" scheiterte nicht nur an der Unaufrichtigkeit Hitlers, mit Frank=
reich zu einem echten „accord" zu kommen, sondern ebenso an der intransi=
genten Haltung Italiens, das allen Annäherungsversuchen Deutschlands und
Frankreichs mißtrauisch gegenüberstand.
Seit Hitler sich im Sommer 1940 mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut
gemacht hatte, die Sowjetunion in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen,
beschäftigte ihn auch die Frage, in welcher Form er andere Staaten an dem
Kampf gegen den Bolschewismus 9 beteiligen konnte. Da er aber bis zuletzt
sorgfältig darauf bedacht blieb, alle Planungen und Maßnahmen streng geheim
zu halten, konnte er die Fragen einer Koalitionskriegführung mit den verschie=
denen Ländern erst in einem sehr späten Stadium des Aufmarsches, d. h. un=
mittelbar vor Auslösung der Offensive besprechen, wollte er nicht das Moment
der Überraschung gefährden.
Rumänien und Finnland kamen aufgrund ihrer politischen Differenzen mit
der Sowjetunion als erste in Betracht. In der Weisung Nr. 21 v. 18.12.1940
ging Hitler bereits von der Annahme aus, daß sich beide Länder an dem Ost=
feldzug beteiligen würden. Aber obwohl General Antonescu schon sehr früh=
zeitig seine Bereitschaft zu erkennen gegeben hatte, daß Rumänien an der
Seite Deutschlands zum Kriege bereit sei, weihte ihn Hitler erst am i2.6.ig4o
näher in die geplanten Operationen ein.
Mit Finnland fanden erste Besprechungen auf der Ebene des OKH und dem
finnischen Gen.Stab Ende Januar 1941 statt, nachdem die Wehrmachtführung
seit Herbst 1940 vorsichtig sondiert hatte. „Weitere Fühler vor allem durch
den Chef des Gen.d.AOK Norwegen, Obert i.G. Buschenhagen, schlössen sich
an, ohne daß sich bei der nach den Erfahrungen des Winterkrieges vorsichtigen
Haltung der Finnen etwas Greifbares ergab" 10 .
Am 25.5.1941 unterrichtete Gen. Jodl den finnischen Genst.Chef, Gen.Hein=
richs, über Einzelheiten der deutschen Offensive gegen Rußland; er wies darauf
hin, daß die deutsche Oberste Wehrmachtführung mit Rücksicht auf die finni=
sehen Verluste im Winterkrieg 1939/40 lediglich darum bitte, sowjetische Ver=
bände im Hohen Norden zu binden, während deutsche Divisionen über Nord=
norwegen und Nordfinnland gegen Murmansk und Salla vorgehen würden.
8 Der vorläufige Arbeitstitel lautet: Die deutsche Frankreichpolitik im Zweiten
Weltkrieg. Vom Waffenstillstand bis zur Totalbesetzung (Juni 1940 — November
1942), Habil. Schrift Kiel 1961.
9 Vgl. Hillgruber, a. a. O. (S. 27 E, Anm. 32).
10 Ebd.
196 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Erst im Juni 1941 (3.-5.6.) fanden die abschließenden entscheidenden Ge=
spräche zwischen beiden Seiten statt; einige Tage später legten die General»
stäbe die Befehlsgliederung im Nordabschnitt fest. Finnland proklamierte am
26. 6. ig4i den „Fortsetzungs= bzw. 2. Verteidigungskrieg", aber mit dem be=
zeichnenden Hinweis, es sei ein „Waffenbruder", nicht aber der politische
Verbündete Deutschlands.
Die anderen Staaten, die sich seit Ende Juni 1941 am Feldzug gegen die
Sowjetunion beteiligten (Italien, Slowakei, Ungarn und Kroatien) wurden erst
nach Beginn der Offensive gebeten (Italien wurde z.B. erst in der Nacht vom
21./22.6. 1941 von Hitlers Plänen unterrichtet), Kontingente zur Verfügung
zu stellen.
Obwohl Deutschland, Japan und Italien zunächst im Dreimächtepakt und
schließlich in militärischen Vereinbarungen des Jahres 1941/42 eine Koalitions=
kriegführung im großen Rahmen verankert hatten, blieb diese von Anfang an
mehr eine demonstrative, propagandistische Geste. Das „weltpolitische Drei=
eck" 11 , das sich zu keinem Zeitpunkt zu einer wirklichen Interessengemein=
schaft entwickelte — jeder Partner führte seinen eigenen Krieg — , war von
Anfang an eine „Allianz ohne Rückgrat". Das lag nicht alleine an der geogra=
phischen Lage der einzelnen Kriegsschauplätze, sondern in erster Linie an den
divergierenden Kriegszielen. Während Deutschland bestrebt war, die Japaner
zu einem Entlastungsangriff auf Singapur (gegen die Engländer) und gegen
die UdSSR zu bewegen, versuchten japanische Regierungsstellen, einen deutsch»
russischen Ausgleich herbeizuführen, von dem sie sich eine Entlastung ihrer
eigenen Kriegführung im pazifischen Raum versprachen, wenn Deutschland
sich wieder stärker dem Kampf gegen Großbritannien und die USA zuwen=
den würde.
Wie der frühere deutsche Militärattache in Tokio, Gen. Kretschmer, fest=
gehalten hat, waren der japanische Generalstab und das Kriegsministerium in
Tokio auch nach Abschluß des Abkommens vom 27. 9. 1940 unverändert zurück»
haltend, während sich ihre Fragen nach deutschen Kriegserfahrungen, takti=
sehen wie technischen, besonders seit der deutschen Landung in Norwegen
und dem Westfeldzug häuften. Zu dem gleichen Zweck traf 1941 eine etwa
zwanzigköpfige Gruppe japanischer Offiziere unter General Yamashita in
Deutschland ein; sie sammelte in sechs Monaten wichtige Kriegserfahrungen.
Aber einem Meinungsaustausch über die Lage in Mitteleuropa besonders
im Hinblick auf das deutsch=sowjetische Verhältnis wich die deutsche Wehr=
machtführung immer wieder aus.
11 Vgl. Sommer, Th. Deutschland und Japan zwischen den Mächten 1935—1940, Tü=
hingen 1962, S. 324 ff.
197 E
A. Einführung
11. Gipfelbesprechungen mit den drei Ob.Kdos.
Nichts hätte im Interesse einer einheitlichen, zielstrebigen Gesamtkriegfüh=
rung näher gelegen, als in regelmäßigen Abständen, außerdem bei besonderen
Anlässen, gemeinsame Besprechungen der drei Ob.Kdos. von Heer, Luft=
waffe und Kriegsmarine abzuhalten, um die jeweiligen Auffassungen aufein=
ander abzustimmen, die notwendigen Prioritäten zu beraten, ein reibungs=
loseres Zusammenwirken der Teilstreitkräfte zu gewährleisten und, falls bei
einzelnen Problemen zwischen den Oberbefehlshabern (bzw. ihren Chefs) der
Stäbe keine Einigung erzielt werden konnte, Hitlers Entscheidung zu erbitten.
Aber einen derartigen Kriegsrat, der auch im Hinblick auf die weitgetrennten
Kriegsschauplätze und der damit verbundenen Aufgaben aller Art erforderlich
gewesen wäre, hat es niemals gegeben. Die Oberbefehlshaber der Wehr=
machtteile trafen eigentlich nur dann zusammen, wenn sie ins Führerhaupt=
quartier berufen wurden. In den wenigen gemeinsamen Besprechungen domi=
nierte im übrigen Hitler; in seinen Monologen oder in der Befehlsausgabe
unterrichtete er die OB's über die Lage und legte ihnen jeweils einzelne Teile
seiner Kriegsziele offen; daran anschließend folgte eine Aussprache über die
militärischen Aufgaben der Teilstreitkräfte.
Dies war bezeichnend für den Stil der Obersten Wehrmachtführung, der
in der Wesensart Hitlers begründet lag. Hitler zog es aus verschiedenen
Gründen, nicht zuletzt denen der Geheimhaltung 1 , vor, mit jedem OB
(oder dessen Chef) getrennt zu sprechen (meistens in Anwesenheit der Ver=
treter des OKW). Um so weniger brauchte er zu befürchten, daß bei divergie=
renden Auffassungen eine einheitliche Front gegen ihn zustande kam. In die=
sem Zusammenhang drängen sich bemerkenswerte Parallelen zu seiner Taktik
im politischen Kampf auf. Schon in den zwanziger Jahren hatte es Hitler sorg=
fältig vermieden, mit mehreren Parteien gleichzeitig zusammenzuarbeiten oder
zu koalieren; auch in seiner Außenpolitik zeichnete sich eine solche Tendenz
seit 1933 immer deutlicher ab, als er zu einer Politik der zweiseitigen Bünd=
nisse überging und das System kollektiver Sicherheit verließ 2 .
Soweit uns die bisher erschlossenen Quellen eine Bilanz erlauben, hat Hitler
von September 1939 bis Dezember 1941 überhaupt nur dreimal alle drei OB's
zusammen, dreimal je zwei OB's. und einmal die Vertreter aller Führungs=
stäbe zur Besprechung bestellt (abgesehen von den beiden bedeutsamen Kon=
ferenzen vor Kriegsausbruch am 23. 5. und 14. 8. 1939).
Am 27. 9. 1939 3 eröffnete Hitler den überraschten Zuhörern seinen Ent=
Schluß, noch im Herbst 1939 zur Offensive im Westen anzutreten und den
Krieg angriffsweise siegreich zu beenden. Über die „große Besprechung" der
1 Vgl. Anm. 3, S. 151 E.
2 Vgl. Bracher, K. D., Die nationalsozialistische Machtergreifung, Köln— Opladen
1960, S. 220 ff.
3 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. I.
198 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
drei Oberbefehlshaber, die am Nachmittag des 5. März 1940* im Zusammen=
hang mit dem geplanten Unternehmen „Weserübung" angesetzt worden war,
vermerkte Gen. Jodl in seinen Aufzeichnungen: „. . . Feldmarschall (Göring)
tobt sich aus, da (er) bisher (mit der ganzen Angelegenheit) nicht befaßt (wor=
den ist). (Er) reißt die Aussprache an sich und will beweisen, daß alle bis=
herigen Vorarbeiten nichts taugen." Nach dem Abschluß des Westfeldzuges
berief Hitler seine Oberbefehlshaber dreimal in das F.H.Qu., nämlich am 21. 7.,
31.7. und 14.9.1940 5 , um mit ihnen die Probleme einer Landung in England
zu erörtern. Besonders auf schlußreich war der 31. 7. Auf dem Berghof waren an=
wesend: GFM Keitel, Gen. Jodl, Kpt.z.S.v. Puttkamer, derOb.d.M.,derOb.d.H.
und Gen. Oberst Halder (Chef des Genst.d.H.); es fehlte also Göring. Es kam
zu einem lebhaften Gedankenaustausch über die Möglichkeiten und Schwierig=
keiten des Unternehmens „Seelöwe". Nachdem dieser Punkt der Besprechung
abgeschlossen war, verabschiedete sich Großadmiral Raeder. Erst danach erläu=
terte Hitler den führenden Köpfen des OKH seinen neuen, freilich noch nicht
endgültig gefaßten Entschluß, im Frühjahr 1941 die Sowjetunion in einem
schnellen Feldzug niederzuwerfen. Außerdem skizzierte er bereits die gedachte
Stoßrichtung und den möglichen Ansatz der deutschen Kräfte. Wann Groß=
admiral Raeder und Reichsmarschall Göring zum ersten Male von diesen
Plänen unterrichtet worden sind, läßt sich bisher nicht einwandfrei klären;
Raeder spricht von „Mitte September". Immerhin dürften sie erst später von
diesen Absichten erfahren haben, zumal alle Vorarbeiten zunächst unter
strengster Geheimhaltung im Oberkommando des Heeres getroffen wurden.
Für den 8-/9. 1.1941 befahl Hitler Vertreter der einzelnen Führungsstäbe
auf den Berghof 6 . Zum Vortrag erschienen: der Oberbefehlshaber des Heeres,
GFM v. Brauchitsch, der OQu. I des Heeres, Gen. Paulus, der Chef der Opera=
tionsabteilung, Gen. Heusinger, der Chef der Op. Abt. d. Seekriegsleitung, Adm.
Fricke, und der Chef des Genst.d.Luftwaffe, Gen. Jeschonnek. In Gegenwart
des Chefs OKW und Gen. Jodl besprach Hitler mit den genannten Offizieren
den vorgesehenen Einsatz deutscher Verbände in Nordafrika, die Lage in Alba=
nien, die Unternehmen „Attila" und „Felix". Im Anschluß daran gab er, nun=
mehr „in Anwesenheit des Reichsaußenministers" v. Ribbentrop, eine Beurtei=
lung der Gesamtlage ab, die in der Feststellung gipfelte, daß er bisher stets
nach dem „Prinzip gehandelt" habe, „immer die wichtigsten feindlichen Posi=
tionen zu zerschlagen, um einen Schritt weiterzukommen". Daher müsse nun=
mehr Rußland vernichtet werden. Entweder würden die Engländer dann end=
gültig nachgeben oder aber er könne den Krieg gegen Großbritannien unter
weitaus günstigeren Bedingungen zu einem siegreichen Abschluß führen. Eine
Zertrümmerung Rußlands „würde es auch Japan ermöglichen, sich mit allen
4 Vgl. Hubatsch, a. a. O. (S. 26 E, Anm. 5), S. 361.
5 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. II.
6 Vgl. Jacobsen, H.=A., 1939—1945. Der Zweite Weltkrieg in Chronik und Doku=
menten, Darmstadt 1962, 6. Aufl., S. 205 ff.
199 E
A. Einführung
Kräften gegen die USA zu wenden. Das würde dann die letzteren von einem
Kriegseintritt" gegen die Achsenmächte abhalten.
Und schließlich berief Hitler am 2j. 3. lg^i. 1 die Oberbefehlshaber des
Heeres und der Luftwaffe überraschend in die Reichskanzlei, um mit ihnen
das schnelle Einrücken in Jugoslawien zu besprechen, zu dem er sich unter dem
Eindruck des Staatsstreichs in Belgrad kurzfristig entschlossen hatte.
12.. Das Gespräch unter vier Augen
Wiederholt hat auch das Gespräch oder die Besprechung unter vier Augen
eine wichtige, manchmal eine klärende, manchmal eine verhängnisvolle Rolle
gespielt. Meistens waren es Persönlichkeiten, die das besondere Vertrauen
Hitlers aus politischen oder militärischen Gründen besaßen oder die auf Grund
ihrer Dienststellung mit dem Obersten Befehlshaber bestimmte Fragen ohne
Zeugen erörtern konnten und wollten. Ist es auch angesichts der ungünstigen
Quellenlage schwer, mehr über Form, Zweck, Verlauf und Ergebnis solcher
Besprechungen auszusagen, so sind sie doch erwähnenswert. An einigen Bei=
spielen läßt sich sogar verdeutlichen, wie einzelne Gespräche verlaufen
sind. Dabei konnte es vorkommen, daß die betreffenden Persönlichkeiten
durch ihre Beziehungen zum F.H.Qu, (wahrscheinlich in den meisten Fällen
über die militärischen Adjutanten Hitlers) um eine Unterredung von sich aus
gebeten und vorgetragen haben, oder aber, Hitler hatte bestimmte Angelegen=
heiten mit einem Befehlshaber oder General (usw.) besprechen wollen. Hatte
er doch noch vor Kriegsausbruch durch seinen Chefadj. mitteilen lassen, daß
er gern im Sinne des alten Immediatvortrages (ab Kdr.Gen.) verfahren wolle.
An der Spitze solcher Gesprächspartner stand naturgemäß Reichsmarschall
Göring, der auf Grund seiner Stellung in Staat und Wehrmacht in den An=
fangsjahren des Krieges jederzeit, nicht nur telefonisch, Hitler erreichen
konnte, wann immer ihm das erforderlich schien. Zweifellos hat er in den
Jahren bis 1941 zahlreiche vertrauliche, im einzelnen nicht belegte Ausspra=
chen mit Hitler geführt, in denen er vor allem die Interessen seiner Waffen=
gattung, der „nationalsoz. Luftwaffe", mit der ihm eigenen Art zu vertreten
und häufig durchzusetzen verstand, zumal Hitler ihm anfänglich recht freie
Hand in der Führung des Luftkrieges ließ. Als zweiter Mann im Staate und als
Wirtschaftsdiktator übte er einen nicht unerheblichen Einfluß auf Hitler aus,
auf den an anderer Stelle schon hingewiesen worden ist (vgl. S. 184 E).
Eine beherrschende Stellung in operativen Fragen hat bekanntlich der Chef
des W.F.St., Gen. Jodl, eingenommen, da er sich ständig in der engsten Um=
gebung Hitlers befand und durch seine täglichen Vorträge und einzelne Denk=
Schriften bald mehr und mehr Einfluß auf die wichtigsten Fragen der Kriegfüh=
rung gewinnen konnte. Daß er mit Hitler vieles ohne Zeugen erörterte, dürfte
feststehen. Das gleiche gilt für den Chefadj., Gen. Schmundt, der sich zudem
7 Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. II.
200 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
in allen Personalangelegenheiten einmischte und fraglos das „Ohr" seines
Führers besaß. Sicherlich dürfte er die einflußreichste Stellung in der „Cama=
rilla" besessen haben (vgl. S. 188 E f.).
Der Chef OKW, GFM Keitel, hat in seinen Erinnerungen von mehreren
Aussprachen mit Hitler unter vier Augen berichtet, was sich auf Grund seiner
Funktionen fast selbstverständlich ergeben mußte. So hat er zum Beispiel nach
der berühmten „Führungskrise" im April 1940, die im Zusammenhang mit der
Einsetzung einer Zivilverwaltung in Norwegen im OKW entstanden war, am
20. 4. Hitler „allein und in aller Ruhe" von der „Zweckmäßigkeit einer mili=
tärischen Verwaltung des besetzten norwegischen Raumes zu überzeugen ver=
sucht 1 ", ohne indessen Erfolg zu haben. Bei einer anderen Gelegenheit befahl
Hitler den Chef OKW in die Reichskanzlei, um dessen Denkschrift zu kriti=
sieren; in dieser hatte sich Keitel gegen die Führung eines Feldzuges in Ruß=
land ausgesprochen. Wie der Chef OKW berichtet hat, war die „Aussprache"
„eine sehr eindeutige Belehrung durch Hitler". Die Darlegungen Keitels hatten
diesen in „keiner Weise" zu überzeugen vermocht. Im Gegenteil: Hitler hielt
die strategische Beurteilung der Lage einfach für falsch. Als der Chef OKW
durch die harte Kritik und den Ton, „in dem sie erfolgte", tief getroffen um
seine Ablösung bat, wies Hitler dieses Ansinnen aufs schärfste zurück. „Es sei
sein gutes Recht, mir (Keitel) zu sagen, daß meine Beurteilung seiner Meinung
nach unrichtig sei; er müsse es sich verbitten, daß die Generale dann ihr Amt
zur Verfügung stellten, wenn sie belehrt würden; er könne sein Amt auch nicht
zur Verfügung stellen."
Nach dem Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt im März 1941 rief
Hitler Keitel „am Spätnachmittag" allein zu sich; dabei äußerte er sich sehr
befriedigt darüber, daß es nun auf dem Balkan keine unangenehmen Über=
raschungen mehr geben würde. Sodann las er dem GFM einen „soeben an
Mussolini diktierten Brief" vor und wollte von ihm wissen, „ob er Bedenken
hätte", „daß er dem Duce so radikale Vorschläge" unterbreitete; Keitel „ver=
neinte entschieden" 2 .
Unter der Heeresgeneralität galt Gen.Oberst v. Reichenau als ein enger An=
hänger der NSDAP und daher als eine Art „persona grata". Aus einer Reihe
indirekter Zeugnisse ist überliefert, daß er Hitler im Herbst 1939 mehrfach
persönlich aufgesucht hat 3 , um ihn zur Verschiebung der Westoffensive zu
bewegen; jedoch ist ihm das ebenso wenig gelungen wie den anderen Befehls=
habern, die gleiches versucht haben. Worüber er und Hitler allerdings im ein=
zelnen gesprochen haben, ist unbekannt. Die wohl dramatischste Aussprache
unter vier Augen spielte sich in der Neuen Reichskanzlei am 5, IX. 1939 4 ab,
als der Oberbefehlshaber des Heeres, Gen.Oberst v.Brauchitsch, ein letztes
1 Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7), S. 229 f.
2 Ebd., S. 260.
3 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2), S. 26, 45 u. ö.
4 Ebd., S. 44 ff.
201 E
A. Einführung
Mal Hitler zumindest zu einer Verschiebung der Westoffensive veranlassen
wollte; an diesem Tage mußte der Einsatzbefehl für die angreifenden Ver=
bände erteilt werden, denn Hitler hatte den 12.11.1939 zum Beginn der Offen*
sive bestimmt. Brauchitsch las Hitler eine selbst verfaßte Denkschrift vor, in
der er noch einmal alle Gründe zusammengefaßt hatte, die im Augenblick
gegen einen derartigen „schweren Waffengang" im Westen sprachen. Dabei
übertrieb er absichtlich, indem er u. a. darauf hinwies, daß während des Polen=
feldzuges Disziplinlosigkeiten vorgekommen seien, die an die Bilder von
1917/18 erinnerten; das Heer sei also noch nicht auf dem Stand der Leistungen
der deutschen Infanterie von 1914. Bei diesen letzten Worten schien Hitler
die Beherrschung verloren zu haben. Sehr wahrscheinlich faßte er Brauchitschs
Worte als Kritik an seiner nationalsozialistischen Jugenderziehung auf. Wütend
unterbrach er den Vortragenden und verlangte von ihm, er solle ihm sofort
die entsprechenden Unterlagen für die zitierten Vorkommnisse zur Verfügung
stellen. In scharfer Form widerlegte Hitler die Argumente Brauchitschs und
verabschiedete sodann den Ob.d.H. in schroffster Weise. Allerdings verschob er
den Angriffsbefehl doch mit dem Hinweis, die Wetterbedingungen ließen zu
wünschen übrig. Höhepunkt dieser seit Oktober 1939 schwelenden Vertrauens=
krise zwischen Hitler und den führenden Köpfen desOKH war der 23.11.1939,
als Brauchitsch und Halder nach dem „Befehlsempfang" um 18.00 Uhr in die
Reichskanzlei befohlen wurden. Beiden Offizieren machte Hitler noch einmal
„unter sechs Augen" heftige Vorhaltungen wegen ihres zweifelnden und def en=
siven Verhaltens; mit unmißverständlichen Worten wandte er sich dabei gegen
den „Geist von Zossen".
Es blieb schließlich Gen. Guderian vorbehalten, die Stimmung unter den
höchsten Befehlshabern des Heeres nach der Befehlsausgabe vom 23.11.1939
Hitler all eine vorzutragen 5 . Die Generale würden weder die gegen sie erhobe=
nen Vorwürfe nach dem siegreichen Polenfeldzug verstehen, noch hielten sie
das Mißtrauen des Obersten Befehlshaber der Wehrmacht gegenüber dem
OKH für tragbar, bedeutete der Pz. Fachmann seinem Obersten Befehlshaber.
Als Guderian vorschlug, unter diesen Umständen einen anderen Oberbefehls=
haber des Heeres zu ernennen, lehnte Hitler ab. Die Gegensätze und Spannun=
gen traten erst im Frühjahr 1940 wieder in den Hintergrund, als die Offensiven
in Norwegen und im Westen alle Kräfte beanspruchten.
Im Verlaufe der ersten Kriegs jähre haben auch noch andere Offiziere per=
sönliche Gespräche mit Hitler unter vier Augen führen können, unter ihnen
z.B. Gen. v.Manstein, Gen. Rommel und Major Galland 6 . Auch der Ober=
befehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Raeder 7 , hat verschiedentlich
bestimmte Fragen mit Hitler allein erörtert (vgl. S. 160 E ff.). Sehr wahrscheinlich
ging dabei die Initiative meistens von ihm selbst aus. Seine Niederschriften
5 Vgl. Guderian, H., Erinnerungen eines Soldaten, Heidelberg 1951, S. 76 f.
6 Vgl. die Literaturhinweise S. 25 E.
7 Vgl. Anm. 21/22, S. 27 E.
202 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
zeigen, daß er am 29. 3. 1940, am 21. 5. 1940 (zum ersten Male wegen der
Landung in England), am 26. 9. 1940, am 6. 6. 1941 (wegen des Unterganges
des Schlachtschiffes „Bismarck") und am 17. 9. 1941, 13. 11. sowie am 12.12.
1941 mit Hitler unter vier Augen gesprochen hat.
Naturgemäß hat der Chef des Amtes Ausl./Abwehr im OKW, Admiral Ca=
naris, überwiegend ohne Zeugen mit Hitler konferiert. Einzelheiten dieser Ge=
spräche sind bisher nicht bekannt geworden; am 13. 5. 1941 trug Canaris z.B.
im Zusammenhang mit dem Fall Heß vor 8 .
Im weiteren Verlauf des Krieges hat Hitler wiederholt mit HGr.= und Armee=
Oberbefehlshabern unter vier Augen gesprochen; sei es, daß er diese zum Vor=
trag bestellt hatte, oder sei es, daß diese auf dem Umweg über die Adj. einen
Termin im F.H.Qu, erhielten. Hitler verstand es dann immer meisterhaft
durch die Art und Weise, wie er die Kriegslage interpretierte, den betreffenden
Frontbefehlshaber von der Richtigkeit seiner Entschlüsse zu überzeugen und
diesen von allen unmittelbaren Sorgen zu befreien, zumal sich die jeweiligen
Argumente Hitlers der Einsicht des betreffenden Offz. entzogen.
13. Fachvorträge und Berichterstattung
Daneben gab es eine Reihe von Aussprachen mit den Oberbefehlshabern
der HGr. und Armeen, mit einzelnen Waffengeneralen, militärischen Experten,
Sonderbeauftragten und Militärattaches. Die Gründe für solche Fachvorträge,
die in erster Linie Hitlers eigener Unterrichtung dienten und häufig auch
unter Umgehung des Dienstweges stattfanden, waren sehr verschieden. Einmal
war es der eigene spontane Einfall, den Hitler mit qualifizierten Offizieren auf
seine Durchführbarkeit hin klären oder überprüfen lassen wollte; ein anderes
Mal waren es taktische Aufgaben, für die sich der OB der Wehrmacht beson=
ders interessierte. Hinzu kamen die Situationsberichte von Sonderbeauftragten,
die vereinzelt seine Entschlüsse beeinflußten. Schließlich ließ er sich vor grö=
ßeren operativen Unternehmungen bzw. Feldzügen von den Oberbefehls=
habern über Ansatz der Kräfte und gedachte Operationsführung vortragen,
um sich von den getroffenen Vorbereitungen einen persönlichen Eindruck zu
verschaffen.
Aufschlußreich für die vortragenden Generale war, in welchem Umfange
Hitler über „Gelände, Hindernisse u. dergl. auf Grund eingehendsten Karten=
Studiums" unterrichtet war. Von Mal zu Mal bewiesen sein „kritisches Urteil
und seine Ratschläge aller Art", „daß er" „sich in die Ausführung der grund=
legenden Befehle sehr vertieft hatte" und daher keineswegs mehr als „Laie"
zu bezeichnen war. Sein „unvergleichliches Vorstellungsvermögen" überraschte
seine Zuhörer stets von neuem; auch „ließ er nicht ab mit Fragen, Einwänden
und Durchdringen der Materie, solange seine . . . Phantasie noch irgendeine
Lücke sah" i .
8 Aufzeichnungen von Gen. Engel vom 13. 5. 1941.
1 Vgl. Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7), S. 232 f.
203 E
A. Einführung
Am 28. September 1939 besuchte Hitler den BdU, Kpt.z.S. Dönitz, in Wil=
helmshaven; in Gegenwart des Ob. d.M., Großadmiral Raeder, trug dieser über
die Lage der U=Bootwaffe vor. Dabei äußerte sich Dönitz, daß England mit den
U=Booten entscheidend getroffen werden könne, vorausgesetzt, daß genügend
Boote einsatzbereit seien; er bezeichnete 300 Boote als das Minimum für den
gewünschten „durchschlagenden Erfolg" seiner Waffe. Hitler nahm zu den
Ausführungen des BdU keine Stellung 2 .
In der Phase der militärischen Vorbereitungen zur Offensive im Westen
konnten die OBs. der HGr. und Armeen, die mit ihren Truppen im Schwer=
punkt der Offensive eingesetzt werden sollten, ihre Ansichten Hitler erstmals
am 25. 10. 1939 vortragen 3 . Es war bezeichnend für den Stil dieser Aussprache,
daß es in diesem Stadium des Krieges tatsächlich zu einem lebhaften Gedanken=
austausch kam. Da Hitler sich noch keineswegs sicher fühlte, ohne Beratung
operative Entscheidungen zu treffen, berücksichtigte er weitgehend die Beden=
ken der Militärs. Zwei Tage später (27. 10. 1939) 4 bestellte er Gen. Student,
den Kdr. der 7. Fl.Div., in die Reichskanzlei; mit diesem wollte er seinen
kühnen Gedanken erörtern, durch Überfallkommandos auf Lastenseglern das
stark befestigte belgische Fort Eben Emael handstreichartig zu erobern. Zu=
nächst lehnte Student dieses Unternehmen als zu „phantastisch" ab; aber Hitler
bat ihn, diesen Plan doch einmal in aller Ruhe von seinem Stab prüfen zu
lassen. Am 10. 5. 1940 gelang dann dieses Unternehmen fast genauso, wie
es sich Hitler vorgestellt hatte. Da bei der Uberquerung der Maas Schwierigkei=
ten zu erwarten waren, besprach Hitler den taktischen Ansatz zur Wegnahme
der Brücken von Maastricht am 20. 11. 1939 mit GFM Göring, den Generalen
Jeschonnek, Student, v. Reichenau und Reinhardt. Vor allem wollte er die
Luftunterstützung während des Überraschungsmomentes gesichert wissen 5 .
Im Mittelpunkt der Diskussion um die Führung der Westoffensive stand im
Winter 1939/40 die Schwerpunktfrage; unablässig beschäftigte sich Hitler mit ihr.
Aus diesem Grund befahl er z. B. am 2j. 11. Gen.Oberst v. Rundstedt, Gen.
Guderian und Gen. Busch 6 zum Vortrag. Wie Keitel festgehalten hat, hat Hitler
mit Gen. Busch, dem OB d. 16. Armee, persönlich „alle Phasen für den Aufbau
der Flankensicherung nach Süden zur Deckung des glatten Pz.=Durchstoßes"
durchgesprochen und ihm die „kriegsentscheidende Bedeutung des Gelingens
des Pz.=Angriff s ans Herz gelegt" 7 .
Einen Empfang neu beförderter Kdr. Generale am 17. 2. 1940 benutzte Hitler
dazu, um sich nach dem Frühstück eingehend mit Gen. v. Manstein, dem ehe=
maligen Chef des Genst. d. HGr. A., über dessen Plan zur Westoffensive zu
2 Vgl. Dönitz, K., Zehn Jahre und zwanzig Tage, Bonn 1958, S. 122 f.
3 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2), S. 36 ff.
4 Ebd., S. 154 f.
5 Ebd., S. 158.
6 Ebd., S. 66.
7 Vgl. Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7), S. 232.
204 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
unterhalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der damalige Vortrag des
hochqualifizierten Generals Hitlers letzte Zweifel in der Schwerpunktfrage
ausgeräumt. Wenige Tage später wurde der „Sichelschnitt=Plan" geboren, der
einer der wichtigsten Voraussetzungen für den Sieg in Frankreich schuf 8 .
Im Rahmen des OKW=Sonderunternehmens gegen Dänemark und Nor=
wegen empfing Hitler mehrmals den Gen. v. Falkenhorst, den er mit dessen
Durchführung betraut hatte; am 2. 4. 1940 bestätigte ihm dieser den „Abschluß
der Vorbereitungen". Am 13. und 16. 3. 1940 mußten die Oberbefehlshaber
der HGr. und Armeen des Angriffsflügels im Westen über ihre Aufträge und
Absichten berichten mit dem Ergebnis, daß Hitler nunmehr mit den „getroffe=
nen Vorbereitungen" zur Offensive einverstanden und „offensichtlich vom
Erfolg" überzeugt zu sein schien. Ende März (27. 3.) frühstückte er mit dem
OB der HGr. C, Gen.Oberst v. Leeb, und den OBs. der 1. und 7. Armee, um
sich über die Angriffsmöglichkeiten an der Oberrheinfront gegen die Maginot=
Linie zu unterrichten 9 .
Da Hitlers Interesse in diesen Monaten ganz besonders den sog. Sonderunter=
nehmen galt, bestellte er sich am 5. 3. ig40 die Generale Kesselring, Student,
Graf Sponeck, Hptm. Koch und Oblt. Witzig in die Reichskanzlei. Er verge=
wisserte sich dabei, ob alle Vorbereitungen für die Luftlandeunternehmen in
Holland und an den belgischen Brücken in seinem Sinne getroffen waren.
Und am 2. 5. ig40 trugen Göring, Kesselring, Student und Sponeck den Fall
„Festung Holland" vor 10 .
Es vergingen über vier Monate, bevor Hitler solche Fachvorträge wieder
aufnahm. Am 13. 9. 1940 fand ein großer Empfang in der Reichskanzlei statt.
Gemeinsam mit Hitler frühstückten vom Heer: GFM v. Brauchitsch, Gen.Oberst
Halder, ferner die Generale Hoepner, Haase, Busch, Falkenhorst, Guderian,
Weichs, Dollmann, Kleist, Küchler, Fromm, Hoth, Schobert und Strauß; von
der Luftwaffe: Göring, Milch, Stumpft, Weise, Udet, Grauert und Keller; und
von der Kriegsmarine Admiral Carls. Nach dem Mittagessen unterhielt sich
Hitler zunächst mit den Panzerführern über Einzelheiten ihrer Waffe, sodann
ließ er sich von den Oberbefehlshabern der 9. und 16. Armee über die von
ihnen getroffenen Argriffsvorbereitungen „Seelöwe" berichten 11 . Am 7. 12.
1940 erschienen die Generale v. Kubier und v. Richthof en in der Reichskanzlei;
sie erläuterten in Anwesenheit des Ob.d.H., des Gen.Feldm. v. Reichenau,
Keitels, Jodls und Gen. Warlimonts die „taktische Durchführung" des Angriffes
gegen Gibraltar und die vorgesehene Zielwahl der Luftverbände. Hitler erklärte
sich mit den vorgesehenen Plänen im ganzen einverstanden, ergänzte lediglich
die Ausführungen noch mit einem Hinweis für die Sicherung des eigenen Artl.=
Aufmarsches 12 .
8 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2), S. 115.
9 Ebd., S. 125. 10 Ebd., S. 164 ff.
11 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. II.
12 Vgl. die entsprechende Eintragung im KTB=OKW, Bd. I.
205 E
A. Einführung
Nachdem die deutsche Wehrmachtführung im Herbst 1940 erwogen hatte,
die Kampfhandlungen der Italiener in Nordafrika zu unterstützen, entsandte
Hitler Sonderbeauftragte nach Libyen, um die Lage an Ort und Stelle prüfen
zu lassen. Am 3. 11. 1940 erstattete Gen. v. Thoma über seine Frontreise
Bericht, so daß Hitler zunächst den Entschluß faßte, „bis auf weiteres von der
Entsendung eines Pz.Verbandes nach Libyen" abzusehen. Der als Kdr. des
Pz. Sperrverbandes vorgesehene Gen. v. Funck unternahm im Januar 1941 eine
Erkundungs fahrt; darüber berichtete er in der Reichskanzlei Anfang Februar
(1. 2. 1941). Sein im ganzen recht pessimistisch lautender Lagebericht von dem
italienischen Kriegsschauplatz veranlaßte Hitler zu einem dringenden Fern=
schreiben an das ital. H.Qu. Er bat um präzise Angaben über die beabsichtigte
Fortsetzung der Kampfhandlungen. Da Hitler aber unter allen Umständen ein
debäcle der Italiener verhindern und die Front in Nordafrika stabilisieren
wollte, gab er Anweisung, stärkere deutsche Kräfte für den Einsatz in Nord=
afrika vorzusehen. Im gleichen Zusammenhang empfing Hitler am 6. 2. 1941
den Deutschen Gen. bei der ital. Wehrmacht, Gen. v. Rintelen, und Gen. Rom=
mel, den er mit der Führung des deutschen Afrikakorps beauftragt hatte. Über=
das geplante Fallschirmunternehmen im Frühjahr 1941 ließ sich Hitler am
21. 4. 1941 ins Bild setzen: der Chef des Genst.d.L., Gen. Jeschonnek, und Gen.
Student trugen ihm den „Kreta=Plan" vor, der von ihm genehmigt und dann
am 20. 5. 1941 ausgeführt wurde 13 .
Inzwischen aber hatten sich die Vorbereitungen zum Rußlandfeldzug einem
gewissen Abschluß genähert. Um sich über die Absichten der Befehlshaber zu
informieren, besprach Hitler am 30. 3. 1941 nachmittags mit den OBs der HGr.
den Ansatz der Kräfte, die geplante Stoßrichtung und die Frage des Schwer=
punktes; das gleiche wiederholte sich noch einmal in der Abschlußphase am
14. 6. 1941. An diesem Tage mußten auch die Gen.Obersten v. Falkenhorst und
Stumpff über das Unternehmen „Silberfuchs" (im hohen Norden) vortragen.
Zweifellos haben noch zahlreiche weitere Fachbesprechungen im Führer=
hauptquartier stattgefunden, vor allem von Experten der Wehrwirtschaft, der
Rüstung, des BdE. und anderer militärischer Dienststellen 14 . Aus den Aufzeich=
nungen Raeders geht z. B. hervor, daß bei bestimmten Besprechungen zu ein=
zelnen Sachpunkten ween hundert Jahren, über Entstehung, Inhalt,
Zweck, Glaubwürdigkeit und über den publizistischen Einsatz des Wehr=
machtberichtes mit seinen Auswirkungen gut unterrichtet 1 . Danach hat das
Oberkommando der Wehrmacht diese „Waffe auf militärischem Gebiet be=
wüßt eingesetzt und die militärische Nachrichtenausgabe in seinem eigenen
Arbeitsbereich zentralisiert". Schon 1938 hatten sich das Reichsministerium
für Volksaufklärung und Propaganda und das OKW darüber geeinigt, daß der
„Propagandakrieg" als wesentliches „dem Waffenkrieg gleichgesetztes Kriegs=
mittel anerkannt wird". Am 10. 5. 1942 schrieb Goebbels in sein Tagebuch:
„Die Nachrichtenpolitik im Krieg ist ein Kriegsmittel. Man benutzt es, um
Kriege zu führen, nicht um Informationen auszugeben." In diesen Worten
drückte sich die wahre Absicht aus, die Hitler mit dem Wehrmachtbericht und
seinen „Sondermeldungen" verband.
Das Oberkommando der Wehrmacht sah in dem Wehrmachtbericht ein
„Führungsmittel nach innen" und eine „Waffe in Angriff und Abwehr nach
außen". Durch ihn sollten Truppe und Öffentlichkeit über die Vorgänge an der
Front unterrichtet und die Wehrmacht in einer vom OKW „genehmen Rich-
tung" geistig beeinflußt werden; als Propagandawaffe sollte er außerdem in
den Gegner wirken 2 . Mit Recht hat Murawski darauf hingewiesen, daß die
Murawski, E., Der deutsche Wehrmachtbericht 1939—1945. Ein Beitrag zur Unter=
suchung der geistigen Kriegführung, Boppard 1962.
In Ergänzung hierzu heißt es bei H. v. Wedel, Die Propagandatruppen der Deut=
sehen Wehrmacht, Neckargemünd 1962, S. 28 f. und 35:
„Der Propagandakrieg ist als politisches Kampfmittel in Friedenszeiten als Vor=
läufer des Waffenkrieges anzusprechen. Er verstärkt sich mit Kriegsbeginn zu
rücksichtslosem Einsatz.
Propaganda wirkt durch Wort, Bild, Film und Ton unmittelbar auf die Menschen=
massen diesseits und jenseits der politischen Grenzen. Sie kann positiv (werbend)
oder negativ (zersetzend) angesetzt werden.
Der militärische Erfolg oder Mißerfolg ist der beste Ausgangspunkt im positiven
oder negativen Sinne.
Propaganda kann die innere Haltung der Menschen beeinflussen und dadurch
militärische Erfolge vorbereiten und etwaige Mißerfolge in ihrer Auswirkung
abschwächen.
Im Dienste der Wehrmacht wird die Propaganda eingesetzt:
1. zur Erhaltung der Opferfreudigkeit und der geschlossenen Wehrwilligkeit des
eigenen Volkes,
2. zur Aufklärung über die das Leben des eigenen Volkes beeinflussenden mili=
tärischen Maßnahmen,
3. zur Überwindung von Unruhe und Erregung im Volke, die durch feindliche
Einwirkung auf das Heimatgebiet hervorgerufen werden,
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Möglichkeiten der geistigen Führung im Dritten Reich auf dem Gebiet der
Berichterstattung noch dadurch erhöht wurden, „daß zum Unterschied von dem
während des Ersten Weltkrieges gehandhabten Verfahren jede Veröffentlichung
der gegnerischen Wehrmachtberichte sowie außerdem auch noch das Abhören
ausländischer Sender überhaupt grundsätzlich verboten waren. Damit erhielt
die gelenkte deutsche Kriegsberichterstattung innerhalb der Heimat und der
besetzten Gebiete eine durchschlagende Bedeutung und zugleich eine einzig=
artige Monopolstellung". Angesprochen wurde durch ihn vor allem die eigene
Truppe und Bevölkerung, die verbündeten Länder, die Neutralen, und, soweit
möglich, Volk und Führung der Gegner.
In unserem Zusammenhang können die divergierenden Auffassungen von
Dienststellen der Wehrmacht und der Partei über Sinn und Zweck des Wehr=
machtberichtes nicht erörtert werden. Wichtiger ist hier die Feststellung, daß
Hitler diese täglichen, von ihm in der Endfassung genehmigten und häufig
sogar redigierten Berichte bewußt als ein äußerst wirksames Propagandamittel
betrachtet hat.
Im wesentlichen enthielt der WB „militärische Nachrichten über den Einsatz
der gesamten Wehrmacht und ihre Kampfhandlungen an allen Fronten zu
Lande, zur See und in der Luft". Sehr bald hat er so etwas wie einen eigenen
Stil entwickelt, der neben einer sachlichen und nüchternen Berichterstattung,
— meist die günstigeren Situationen im einzelnen beschreibend, die ungünsti=
geren nur knapp streifend — , nicht darauf verzichtete, sich bei bestimmten
4. zur Tarnung, Verschleierung und Irreführung eigener militärischer Absichten
usw."
Als Beispiel dafür führt H. v. Wedel u. a. folgendes an:
„Für jeden Operationsplan, den die Operationsabteilung des Wehrmachtfüh=
rungsstabes bearbeitete, stellte die Abt. WPr im engsten Einvernehmen mit die=
ser einen Propagandaplan auf. Nur wenige Mitarbeiter wurden daran beteiligt.
Die Pläne selbst bestanden aus drei Teilen:
a) Maßnahmen und vorbereitende Arbeiten für die Zeit vor Beginn der Ope=
rationen. Vor allem handelte es sich um die evtl. notwendig werdende Auf=
Stellung neuer Prop.=Einheiten oder organisatorische Änderungen, um Täu=
schungs= oder Verschleierungsmaßnahmen während der Vorbereitung und
des Anlaufs eventueller Aufmärsche und um vorbereitende Arbeiten für den
Einsatz einschl. der Vorbereitung eines notwendig werdenden Propaganda=
materials, wie Flugblätter usw.
b) Die notwendigen Propagandamaßnahmen bei Einsetzen der Operationen ein=
schl. der Maßnahmen der mil. Nachrichtengebung und der mil. Zensur.
c) Um Vorbereitung solcher Prop.=Maßnahmen während des weiteren Ablau=
fens der Operationen, die mit einiger Sicherheit vorauszusehen waren, wie
z. B. die Aufstellung von Prop. Einheiten für die besetzten Gebiet usw.
Der so im engsten Kreise von WPr bearbeitete Propagandaplan wurde dann
dem Chef des Wehrmachtführungsstabes zur Genehmigung vorgelegt, der seiner=
seits die wichtigsten Punkte dem Führer vortrug oder den ganzen Plan vorlegte
und dessen Genehmigung einholte. Damit wurde dann der Plan zur Führer=
Weisung, die im notwendigen Augenblick dem Prop.=Minister übergeben und
immer akzeptiert wurde, ohne daß es zu irgendwelchen nennenswerten Reibun=
gen kam. Natürlich erhielt Dr. Goebbels nur einen Auszug über die Dinge, die
ihn angingen."
213 E
A. Einführung
Ereignissen aus militärischer Notwendigkeit eine gewisse Zurückhaltung auf=
zuerlegen oder gewisse Vorgänge einfach ganz zu verschweigen. Die Kette der
anfänglichen Blitzsiege führte außerdem in den Jahren von 1939—1941 zu
einem unverkennbaren Aufbauschen der Erfolgsmeldungen im Stile der NS=
Parteisprache, während erste Mißerfolge und Niederlagen (Luftschlacht, Schlacht
um Moskau) systematisch verschleiert wurden.
Eine besondere Form der Auszeichnung bestand darin, daß der WB Träger
höchster Tapferkeitsorden erwähnte oder Einzelkämpfer sowie Einheiten
nannte, die sich ganz besonders hervorgetan hatten. Zur Eigenart des WB
zählte es, bei Beginn des jeweils geführten Feldzuges eine politische Begrün=
düng abzugeben. Natürlich sprach man dann nur vom „aufgezwungenen
Krieg" oder von der Notwendigkeit einer Präventivaktion gegen unmittelbar
bevorstehende feindliche Angriffe, um damit stets den Gegner für den Kampf
an der neuen Front verantwortlich machen zu können. Diese propagandistisch
gelenkte Verdrehung der Tatsachen, die Deutschland stets und immer als den
Angegriffenen hinstellte, hat sich zum Teil so fest manchen Gemütern einge=
prägt, daß noch zwanzig Jahre nach Kriegsende viele der ehemaligen Kriegs=
teilnehmer nicht zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden vermögen.
Daß der WB aber auch die ideologische Seite des Kampfes nicht außer acht
ließ, kam bei verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck. In dem sog. Schluß=
bericht des OKW zum Westfeldzug 1940 hieß es an einer Stelle bezeichnendem
weise: „. . . Die Gründe für die deutschen Erfolge liegen tiefer; sie sind dort
zu suchen, wo Deutschlands Feinde unsere Schwäche zu sehen glaubten, in der
revolutionären Dynamik des Dritten Reiches und seiner nationalsozialistischen
Führung."
Als Ergänzungen zu den Wehrmachtberichten kamen die sog. „Sonderbe=
richte" heraus, für die besonders eindrucksvolle Erfolgsmeldungen von allen
Fronten vorbehalten waren und die der deutsche Rundfunk meist außerhalb
des eigentlichen Nachrichtendienstes „nach mehrmaliger Voransage", einge=
rahmt durch die „Preludes" von Liszt, bekanntgab. Die „berühmten" zwölf
Sondermeldungen vom zg. 6. 1941, die der Rundfunk nacheinander in kurzen
Abständen über den „siegreichen" Verlauf des Ostfeldzuges durchgab, waren
das freilich später kritisierte Werk Hitlers, der sich durch eine solche Anhäu=
fung einen besonderen Beifallssturm der deutschen Bevölkerung erhofft hatte.
Doch blieb der erwünschte Erfolg aus.
Schließlich gab es noch den sog. zusammenfassenden Bericht des OKW
nach bestimmten Abschnitten der Kriegführung. Über sie urteilt Murawski:
„Sieht man genauer hin, so entdeckt man feine Unterschiede. Bei Abschluß
des Polenfeldzuges gab man dem deutschen Volk und den Gegnern zu ver=
stehen, daß man auch noch weitere Aufgaben meistern werde. Gelegentlich
des Westfeldzuges verstieg man sich zu der Drohung gegen die Gegner. Nach
der ersten Etappe des Ostfeldzuges hielt man es für nötig, den vielen verbor=
genen Zweiflern im deutschen Volk eine Ermunterung zuteil werden zu lassen.
214 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Daraus ergibt sich, daß auch die zusammenfassenden Berichte entgegen den
Anschauungen des Heeres und der Kriegsmarine vom FHQu. als Propaganda=
mittel gebracht wurden." Zu erwähnen wären in diesem Zusammenhang noch
die sog. Erläuterungen des Wehrmachtberichtes in Presse, Film und Rundfunk;
hier haben die Generale Dittmar (Heer) und Quade (Luftwaffe) sowie Adm.
Lützow ihr Metier zweifellos zu handhaben gewußt.
W. Hagemann hat in seiner Analyse des WB schon 1948 festgestellt: „Die
große Mehrheit des deutschen Volkes hat bis zuletzt an die unbedingte Zuver=
lässigkeit des Wehrmachtberichtes geglaubt, nur wenige machten sich die
Mühe und waren sachverständig genug, um an Hand der Karten, früherer
Wehrmachtberichte und der feindlichen Gegenberichte Unrichtigkeiten und
Widersprüche sowie Verschweigungen festzustellen. Dadurch wurde der
Wehrmachtberichte für die Führung zu einem wirksamen publizistischen In=
strument, um die Bevölkerung durch scheinbar sachliche Unterrichtung in ihrer
Haltung und in ihrem Handeln zu beeinflussen" 3 . Das gleiche gilt mutatis
mutandis auch für die Wirkungen des Wehrmachtberichtes auf die kämpfende
Truppe.
17. Proklamationen, Aufrufe, Erlasse und Tagesbefehle
des Obersten Befehlshabers an die \M ehrmacht
Die erste Proklamation erließ Hitler bei Kriegsausbruch am 1. 9. 193g 1 ,
in der er vom Kampf um „Ehre und die Lebensrechte des wiedererstandenen
deutschen Volkes mit harter Entschlossenheit sprach" eingedenk der „großen
Tradition des ewigen deutschen Soldatentums"; er forderte seine Soldaten auf,
sich stets bewußt zu bleiben, „Repräsentanten des nationalsozialistischen Groß=
deutschland" zu sein.
Zwei Tage später, am 3. 9. 193g, richtete er „an die Soldaten der Ostarmee"
einen Aufruf, in dem er mit knappen Worten seinen politischen Entschluß,
Polen anzugreifen, begründete und die bisherigen Leistungen der Wehrmacht
hervorhob, „auf die ganz Deutschland mit Stolz" blicke. Er selbst begebe sich
„als alter Soldat des Weltkrieges und als Euer Oberster Befehlshaber noch
heute an die Front zu Euch".
Und „an die Westarmee" wandte er sich mit den ähnlichen „zündenden"
Worten; „unerschütterlich" sollten sie wie eine Mauer „aus Stahl und Eisen"
die Grenzen des Reiches gegen „jeden Angriff" hüten; sie hätten dazu eine
„Festungsanlage, die hundertmal stärker ist als die nie besiegte Westfront des
großen Krieges".
Einen ersten Tagesbefehl gab Hitler am 22. 9. 1939 zum Tode des ehemaligen
Ob.d.H., Gen.Oberst v. Fritsch, heraus.
Zum Abschluß des Polenfeldzuges dankte Hitler am 5. 10. ig3g den Truppen
3 Zitiert nach: Murawski, a. a. O. (S. 212 E, Anm. i), S. 160.
1 Dies und das folgende zit. nach: Domarus, a.a.O. (S. 210 E, Anm. 1).
215 E
A. Einführung
der Ostarmeen für die Erfüllung der gestellten Aufgaben und die „vorbildliche
Waffenkameradschaft zwischen Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine". Zum
Jahreswechsel veröffentlichte er einen Erlaß an die Wehrmacht, der zum Schluß
unter Anrufung des „Allmächtigen" in den Worten gipfelte: „ . . . Vor uns
liegt der schwerste Kampf um Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes. Mit
stolzer Zuversicht blicke ich und die ganze Nation auf euch ! Denn : mit solchen
Soldaten muß Deutschland siegen."
Die Proklamation vom 30. 4. 1940: „ ... an die deutschen Soldaten in Nor=
wegen" war wiederum erfüllt von „markigen" Worten des Dankes für „die
ungeheuerliche Aufgabe", die sie gelöst hätten und wofür er „die Tapfersten"
auszeichnen werde.
In den frühen Morgenstunden des 10. 5. ig40 verkündete der Deutsche
Rundfunk eine Proklamation Hitlers „an die Soldaten der Westfront", daß
die „Stunde des entscheidendsten Kampfes" gekommen sei, der das „Schicksal
der deutschen Nation für die nächsten tausend Jahre" entscheide.
Am Ende der ersten Phase des Westfeldzuges und zu Beginn der zweiten
Phase „Rot" (Schlacht um Frankreich) am 5. 6. 1940 wandte sich Hitler erneut
an seine Soldaten mit überschwenglichen Worten des Dankes und der An=
erkennung : die größte Schlacht der Weltgeschichte (Dünkirchen) sei beendet. . .
„Mein Vertrauen zu euch war ein grenzenloses. Ihr habt mich nicht enttäuscht.
Der kühnste Plan der Kriegsgeschichte wurde durch eure beispiellose Tapfer=
keit, durch eure Kraft des Ertragens größter Strapazen, härtester Anstrengun=
gen und Mühen verwirklicht." „Ganz Deutschland" sei in dem nun beginnen=
den zweiten Akt des Kampfes „im Geiste bei euch".
Weitere Tagesbefehle kamen am 13. 6. 1940 („Soldaten in Norwegen"), am
l. 1. 1941, am 6. 4. 1941 („An die Soldaten der Südostfront") und am 22. 6.
1941 („An die Soldaten der Ostfront") heraus.
Bemerkenswert bei dem Tagesbefehl zu Beginn des Balkanfeldzuges war erst=
mals die Aufforderung : „Ihr werdet dort menschlich sein, wo Euch der Gegner
menschlich gegenübertritt. Da, wo er die ihm eigene Brutalität zeigt, werdet ihr
ihn hart und rücksichtslos niedertreten." Damit kündigte sich schon die wach=
sende Radikalisierung des Krieges an.
In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober 194J-, unmittelbar vor dem Beginn der
die Entscheidung suchenden Offensive „Taifun", die mit der Eroberung Mos=
kaus abgeschlossen werden sollte, erließ Hitler eine längere Proklamation an
die „Soldaten der Ostfront", in der er zum Schluß prophezeite, daß die Wehr=
macht in den letzten 3V2 Monaten des Krieges endlich die Voraussetzungen
geschaffen hätte „zu dem letzten gewaltigen Hieb", der noch „vor Einbruch
des Winters diesen Gegner zerschmettern und auch England vernichtend treffen
werde". „Vom Deutschen Reich aber und von ganz Europa nehmen wir damit
eine Gefahr hinweg", schrieb Hitler, „wie sie seit den Zeiten der Hunnen und
später der Mongolenstürme entsetzlicher nicht mehr über dem Kontinent" ge=
schwebt habe.
216 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Die letzte Proklamation im Jahre 1941 gab Hitler am ig. Dezember heraus,
als er sich selbst nach dem physischen Zusammenbruch des Ob.d.H. und ange=
sichts der steigenden Vertrauenskrise zwischen ihm und den Befehlshabern des
Heeres auch noch zum Oberbefehlshaber des Heeres ernannte. Diese Prokla=
mation, offenbar von seinem Chefadj., Gen. Schmundt, entworfen 2 , atmete
nicht mehr die gleiche unbedingte Siegeszuversicht, wie das bei den anderen
in den vorhergehenden Jahren und Monaten der Fall gewesen war. Indem er
an seine eigenen „Schrecken fast aller großen Materialschlachten" des Ersten
Weltkrieges als einfacher Soldat erinnerte und daran, daß er mit einem „fana=
tischen Willen" es fertiggebracht habe, „die ganze deutsche Nation nach mehr
als i5Jähriger Arbeit zusammenzuschließen und vor dem Todesurteil von
Versailles zu befreien", forderte er seine Soldaten auf, ihm in Treue und
Gehorsam zu folgen „bis zur endgültigen Rettung des Reiches". . .
18. Die Auszeichnung
Eine weitere Form der indirekten Führung waren bestimmte Versammlungen
und Empfänge, bei denen Hitler Orden verlieh, den Dank für geleistete Auf=
gaben oder Beförderungen persönlich aussprach, verdienten Heerführern zum
Geburtstag gratulierte oder hohe Offiziere der verbündeten Staaten auszeich=
nete. Dabei benutzte er auch oftmals die Gelegenheit, einzelne Offiziere im
vertrauten Gespräch von der Lauterkeit seiner Absichten zu überzeugen, etwas
von der Stimmung im „Volke" zu erfahren oder mit seiner Sachkenntnis zu
beeindrucken. Am 30. 9. 1939 * verlieh er den Oberbefehlshabern der drei
Wehrmachtteile und einigen anderen höheren Befehlshabern das Ritterkreuz
zum Eisernen Kreuz; gleichzeitig sprach er diesen Offizieren und dem Chef
des Genst.d.H. seinen Dank für die Leistungen im Polenfeldzug aus. Am
27. 10. erhielten elf weitere Generale und drei andere Offiziere in der Reichs=
kanzlei aus seiner Hand diese bis dahin höchste Auszeichnung. In einer kurzen
Ansprache drückte er den „versammelten Offizieren, zugleich auch im Namen
des ganzen deutschen Volkes" seinen Dank und seine Anerkennung aus; er
bat die Kommandeure, „diese Anerkennung auch ihren Truppen zu über=
mittein" 2 .
Über seinen Empfang in der Reichskanzlei berichtete z. B. Gen. Guderian 3 ,
daß er nach der feierlichen Verleihung des Ritterkreuzes am 27. 10. 1939 wäh=
rend des „Frühstücks" neben Hitler gesessen und dabei eine „angeregte Unter=
haltung über die Entwicklung der Panzertruppe" und „über die Erfahrungen
des Feldzuges" in Polen geführt habe. Plötzlich habe Hitler ihm ganz unvermittelt
gefragt: „Ich möchte wohl wissen, wie man im Volk und im Heer den Pakt
mit der Sowjetunion aufgenommen hat?" Als Guderian von der Erleichterung
2 Vgl. Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7); mündl. Mitteilung v. Gen. Engel a. d. Verf.
1 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. I.
2 Vgl. Domarus, a. a. O. (S. 210 E, Anm. i), Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. I.
3 Guderian, a. a. O. (S. 202 E, Anm. 5), S. 75.
217 E
A. Einführung
der Rückenfreiheit sprach und darauf hinwies, daß Deutschland damit der
Zweifrontenkrieg erspart geblieben sei, „der uns im vorigen Weltkrieg doch
auf die Dauer zur Strecke gebracht habe", brach Hitler, wohl etwas erstaunt,
das Gespräch ebenso abrupt wieder ab.
Die Reihe der zahlreichen Einzelempfänge verdienter U=Bootkommandanten,
Jagdflieger oder Heeresoffiziere, meist verbunden mit einem vorausgehenden
Glückwunschtelegramm, setzte am 18. 10. 1939 ein, als Hitler Kptl. Prien und
seine Besatzung empfing, die am 14. 10. in Scpapa Flow eingedrungen waren
und das britische Schlachtschiff „Royal Oak" (29000 t) versenkt hatten. Es
folgten Kptl. Schultze (1. 3. 40), Gen. Dietl (20. 7. 40), Major Mölders (22. 9.
1940) — anläßlich der Verleihung des Eichenlaubes zum Ritterkreuz des Eiser=
nen Kreuzes — Major Galland (24. 9. 1940), Major Wick (12. 10. 1940), Kptl.
Prien (31. 10. 1940) und Kptl. Kretschmer (13. 11. 1940) 4 .
Der Form und dem Umfang nach war die Anerkennung der deutschen Heer=
führer durch Hitler auf der Reichstagssitzung vom ig. 7. 1940 außergewöhnlich.
Wie nachhaltig tief der Eindruck bei vielen höheren Offizieren damals gewesen
sein mag, verdeutlichen die Erinnerungen Keitels. Der Chef OKW schrieb
nach Kriegsende : „Die Ehrung der Wehrmacht . . . war wohl das einzigartigste
Erlebnis meines Lebens als Soldat. Die Bekanntgabe der Ehrungen der höchsten
Befehlshaber — insbesondere Heer und Luftwaffe — durch Beförderungen und
Auszeichnungen . . . überstieg alle Vorstellungen 5 ."
Galland hat sein Gespräch mit Hitler unter vier Augen später beschrieben.
Er gestand ein, daß er damals „von den Worten Hitlers" beeindruckt gewesen
wäre; diesem sei es gelungen, „mir völlig den Wind aus den Segeln meiner
Erbitterung zu nehmen". Galland hatte sich über die falschen und herablas=
senden Kommentare im deutschen Rundfunk und in der Presse über die
Royal Air Force beschwert, worauf Hitler ihm bestätigt zu haben scheint, daß
auch er die „höchste Achtung" „vor der angelsächsischen Rasse" habe. Um so
schwerer sei ihm „der Entschluß gefallen, gegen sie diesen Krieg zu führen,
der mit der Vernichtung eines der sich jetzt im Kampfe auf Leben und Tod
gegenüberstehenden Gegner enden müsse". „Es sei eine weltgeschichtliche
Tragödie, daß dieser Kampf sich, trotz aller seiner ehrlichen (!) verzweifelten
Bemühungen, darum nicht habe vermeiden lassen" 6 .
Im Jahre 1941 begann der Reigen der öffentlichen Auszeichnungen im Füh=
rerhauptquartier mit Oberstlt. Harlinghausen (8. 3. 1941) und Gen. Dietl;
letztem überreichte Hitler am 19. 3. das neugestiftete Narvik=Schild. Gen.
Rommel (20. 3. 1941), der Obergefreite Brinkforth — der erste Ritterkreuz=
träger aus dem Mannschaftsstand — die Kptle. Schultze, Liebe und Endraß
(30. 6. 1941) und schließlich die Generale Student, Ringl und Oberstlt. Galland
(17./18. 7. 1941) wurden in der gleichen Weise ausgezeichnet. Seinen beson=
4 Vgl. Domarus, a. a. O. (S. 210 E, Anm. 1).
5 Vgl. Keitel, a. a. O. (S. 142 E, Anm. 7), S. 238.
6 Vgl. Galland, A., Die Ersten und die Letzten, Darmstadt 1953, S. 103 f.
218 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939— 1941
deren Dank sprach Hitler am 11. 12. 1940 dem Reichsminister für Bewaffnung
und Munition, Dr. Todt, und seinen Mitarbeitern aus, am ig. 6. 1941 dem
Generalfeldm. List, der die Operationen während des Balkanfeldzuges geleitet
hatte; am 8. 12. 1941 empfing er den bulg. Genst.=Chef, Gen. Lukesch, und den
span. Gen. Moscarde. In noch feierlicher Form vollzog sich die Verleihung des
Ritterkreuzes an den rumänischen Marschall Antonescu am 7. August 1941 in
einer Schule zu Berditschew (Ukraine). Hitler hielt zunächst eine kleine An=
spräche, darauf dankte Antonescu mit bewegten Worten. Nach der erfolgten
Auszeichnung fand noch eine etwas längere Aussprache über den Rußland=
f eldzug statt 7 .
ig. Frontbesuche im Zeichen der Verbundenheit von Oberster Führung und
kämpfender Truppe
Hitler hatte in seiner ersten Reichstagsrede im Kriege am 1. 9. 1939 mit
allem Pathos der Überzeugung ausgerufen, er wolle jetzt nichts anderes sein,
„als der erste Soldat des Deutschen Volkes". Er habe damit „wieder jenen Rock
angezogen, der ihm einst selbst der heiligste und der teuerste gewesen sei"; er
werde ihn nur ausziehen „nach dem Sieg" oder er werde dieses „Ende nicht
erleben" 1 . Diese hier betonte Verbundenheit des soldatischen Volksführers
mit jedem deutschen Mann, der die Waffe trug und Opfer für das Gemeinwohl
zu bringen bereit war, demonstrierte Hitler in den ersten Jahren des Krieges
bei mehreren Gelegenheiten, wohlberechnet auf die Empfindungen der breiten
Öffentlichkeit. Am eindrucksvollsten geschah dies zweifellos im Polenfeldzug
1939 und während der Kriegsweihnachten 1939 und 1940. Schon am 4. 9. 1939
fuhr Hitler in seinem Kraftwagen in das Korridorgebiet, um den Übergang
„seiner Truppen" über die Weichsel (südlich von Kulm) zu besichtigen. Mitte
September besuchte er einige Divisionsstäbe im Raum von Lodz; Kolonnen,
die am 13. 9. den San überquerten, ließ er „grüßend" an sich vorüberziehen 2 .
Am Vormittag des 21. 9. 1939 besichtigte er das Linienschiff „Schleswig=
Holstein", das durch die Beschießung der Westerplatte den Krieg eröffnet hatte,
schließlich nahm er am 5. 10. ig^g eine große Siegesparade in Warschau ab.
In den Weihnachtstagen 1939 besuchte Hitler Verbände im Hunsrück und im
Raum von Saarbrücken, bis auf die Kriegsmarine kam jeder Wehrmachtteil
auf seine Rechnung: eine Aufklärungsstaffel und eine Jagdgruppe der Luft=
waffe, das Inf.Rgt. „Großdeutschland" und das IR List, sowie eine Flakbattr.
in der Luftverteidigungszone West. Am 23. 12. nahm er an dem „Julfest"
seiner Leibstandarte teil; bei dieser Gelegenheit deutete er seinen SS=Männern
in einer kurzen Ansprache den „Sinn des Kampfes". Wie der Völkische Be=
obachter berichtete, hatte Hitler den Heiligen Abend „zwischen den Linien"
7 Vgl. Documents on German Foreign Policy 1918—1945, Series D, Vol. XIII,
Washington 1964, S. 296 ff.
1 Vgl. Domarus, a. a. O. (S. 210 E, Anm. 1).
2 Ebd.
219 E
A. Einführung
verbracht. Ein Jahr später weilte der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht
zur Weihnachtszeit wieder bei „seinen Truppen im Westen". Dieses Mal
feierte er im Kreise einer Fernkampfbatterie des Heeres und der Kriegsmarine
bei Calais; dann aß er mit den Arbeitern der OT Todt zu Mittag. Seine Reise
beschloß er mit Ansprachen an zwei Jagd= und Bombengeschwader am 25. 12.
1940. Galland schrieb über diese halbstündige Ansprache 3 : Hier sprach ein
anderer Hitler „als der, den ich unter vier Augen in der neuen Reichskanzlei
kennengelernt hatte. Es sprach der Hitler, den wir aus seinen Rundfunkreden
kannten. Er war ganz Siegesgewißheit. Der Krieg, sagte er, sei praktisch schon
so gut wie gewonnen. Es sei ihm gelungen, einen Gegner nach dem anderen
zu stellen und zu schlagen und einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Die
Gefahr eines sowjetischen Angriffes sei gebannt. England würde durch eine
ungeahnte Steigerung des U=Bootkrieges und durch eine gewaltige Intensi=
vierung der Luftrüstung endgültig niedergerungen werden. Keine Mächte=
konstellation der Welt könnte uns mehr den Sieg entreißen". Jeder Satz
Hitlers war geradezu zum Weitersagen bestimmt. Wie Galland feststellte:
„Es war eine typische Zweckrede, die in der beabsichtigten Richtung ihre Wir=
kung nicht verfehlte." Freilich: die zunehmenden Belastungen durch die Krieg=
führung an allen Fronten ließen dem „Volksführer" allerdings in den nächsten
Jahren keine Zeit mehr, hin und wieder engere Fühlung mit dem einfachsten
Soldaten zu halten. Mehr und mehr schloß sich Hitler in seinem Führerhaupt=
quartier ab.
b) Nichtöffentliche Mittel
20. Der Appell im großen Rahmen
Schon vor Kriegsausbruch hatte Hitler wiederholt Gelegenheit genommen,
Offiziersanwärter oder Offiziers]' ahrgänge (Leutnante) über die Grundlagen
und Maxime seiner Politik durch einen längeren Vortrag zu unterrichten und
sie gleichzeitig auf ihre Aufgaben als deutsche Offiziere hinzuweisen. So befahl
er am 18. Januar 193g den Offiziers] ahrgang 1938 * in die Neue Reichskanzlei;
in „Anwesenheit der drei Oberbefehlshaber der Wehrmachtteile und des Chefs
OKW" sprach „der Führer in der Mosaikhalle ... zu seinen Leutnanten von
Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe". Im „Anschluß an die Ansprache" waren
die jungen Offiziere „Gäste des Führers in der neuen Reichskanzlei". Am Abend
des 25. Januar 193g hielt Hitler vor den höheren Befehlshabern aller drei
Wehrmachtteile einen längeren Vortrag über die Grundlagen der nationaU
sozialistischen Weltanschauung und die Pflichten des Offiziers. Eine ähnliche
Ansprache richtete er am 10. 2. ig3g an „sämtliche Gruppenkommandeure (de
facto vom Rgt.Kdr. an abwärts bis Btl.Kdr. und gleiche Dienststellungen) des
Heeres" 2 .
3 Galland, a. a. O. (S. 218 E, Anm. 6), S. 115 f.
1 Vgl. Domarus a. a. O. (S. 210 E, Anm. 1). 2 Ebd.
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Im Kriege setzte Hitler diese „Tradition" des direkten Appells fort. Zum
erstenmal berief er am 24. Januar ig40 7000 Offiziersanwärter des Heeres
und der Luftwaffe sowie Junker der SS=Verfügungstruppe in den Berliner
Sportpalast 3 .
In dem amtlichen Kommunique des Deutschen Nachrichtenbüros vom glei=
chen Tage hieß es : „ . . . Der Führer sprach ausgehend von Sinn und Lebens=
notwendigkeit des Kampfes unseres Lebens, von den Pflichten und Aufgaben
des Offiziers in der nationalsozialistischen Wehrmacht. Am Gedenktage des
großen Königs stellte der Führer Friedrich den Großen (geb. am 24. 1. 1712)
und seine Soldaten als Vorbild bester Soldatentugenden hin. Die von den . . .
jungen Soldaten mit Begeisterung aufgenommenen Worte des Führers ließ
Gen. Feldmarschall Göring in einem nicht endenwollenden Sieg=Heil auf den
ersten Soldaten des Reiches ausklingen. " Die ganze Rede Hitlers war auf den
Tenor abgestellt, daß der „Kampf der Weltgeschichte" gegen England und
Frankreich nicht durch „Abwarten oder durch Zusehen" entschieden würde,
sondern nur durch den sicheren Sieg Großdeutschlands über seine Feinde und
dieser „Sieg" werde wiederum „nur entschieden durch den Kampf". So wie
er die obersten Spitzen der Wehrmacht am 23. 11. 1939 von der Notwendig=
keit dieses Waffenganges im Westen überzeugen wollte, so wollte er dies auch
bei den jüngeren Offizieren tun.
Wenige Tage vor Beginn der Westoffensive, am 3. 5. 1940, versammelte
Hitler 6000 Offiziersanwärter des Heeres, der Luftwaffe und der Waffen=SS
wiederum im Sportpalast, um ihnen die Aufgaben zu umreißen, „die sie an
der Front im Kampf um Sein oder Nichtsein unseres Volkes zu erfüllen"
hätten. Auch bei dieser Gelegenheit wies er mit beschwörenden Worten auf
den Enthusiasmus und auf die Opferbereitschaft der jungen soldatischen Vor=
bilder hin; es ginge darum, für den Sieg einer weltgeschichtlichen Entscheidung
zu kämpfen. Er beschrieb die Zeit als den „zweiten Akt des Kampfes", dessen
erster der Weltkrieg 1914—1918 gewesen sei; in dieser sei nun einmal die
„Erde ein Wanderpokal", der immer den Völkern genommen werde, die
schwach werden. Dabei ließ Hitler keinen Zweifel aufkommen an dem Sieg
der volkreichsten Staatswesen' deutscher Germanen", weil es die „bestge=
rüsteten Soldaten der Welt" hätte. Er forderte seine Zuhörer auf, „tapfere,
mutige und vorbildliche" Offiziere zu sein; gänzlich gleichgültig sei es, „ob der
einzelne von uns" lebe; was leben müsse, sei unser Volk.
Den nächsten Appell an die junge Generation richtete Hitler am 18. Dezem=
ber ig40 an 5000 Offiziersanwärter; die Eröffnungsworte sprach Gen.Feldm.
v. Brauchitsch. Hitler schweifte bei seinen Ausführungen wieder weit in die
Geschichte ab, schilderte sodann die „Zwangsläufigkeit des Kampfes überhaupt"
und verwies schließlich auf Deutschland, das nicht nur „das beste, sondern
auch zahlenmäßig" das stärkste Volk sei. Sich dem Krieg des Jahres 1940 zu=
3 Ebd.
A. Einführung
wendend, erläuterte er, daß es sich bei diesem nicht um das eine oder andere
„System" handele, sondern darum, „ob diese 85 Millionen Menschen in ihrer
nationalen Geschlossenheit ihren Lebensanspruch durchsetzen können oder
nicht. Wenn ja, dann gehöre diesem Volk die Zukunft Europas. Wenn nein,
dann werde dieses Volk vergehen, dann werde es zurücksinken, und es werde
nicht mehr lohnend sein, in diesem Volk dann zu leben". Zwar sei das Sterben
für jeden gleich hart, aber wenn eine „Generation dieses Opfer nicht mehr
bringen" wolle, dann „ende mit ihr eben die Schicksalskette eines Volkes". Das
sei zwar hart für den einzelnen, aber es sei nicht zu umgehen. „Im übrigen
könne der Frieden nur durch das Schwert erzwungen werden".
Das gleiche Schauspiel wiederholte sich noch einmal wenige Wochen vor
Beginn des Rußlandfeldzuges: am 29. 4. 194.1. 9000 Offiziersanwärter von
Heer, Kriegsmarine, Luftwaffe und Waffen=SS begrüßten Hitler in Anwesen=
heit des Ob.d.M., des Ob.d.H., des Chefs OKW und des Reichsführers SS mit
einem „Heil mein Führer". Nach seinem üblichen Gedankenflug über „Gott
und die Welt" im Lichte des Nationalsozialismus ging Hitler auf den gegen=
wärtigen Krieg ein. Heute, so führte er u. a. aus, beherrsche das Reich einen
riesigen Wirtschaftsraum; es habe „ohne Zweifel das gewaltigste Kriegsinstru=
ment aller Zeiten, das jemals auf der Erde war". Auf die Frage, wann dieser
Krieg zu Ende sei, könne er nur antworten: „Wenn wir gesiegt haben." Die
Deutschen würden weder das Wort „Kapitulation" noch die „Ergebung in den
Willen eines anderen kennen". „Niemals, niemals", rief er aus. Genauso
hätten sie, die jungen Offiziere, zu denken. Großadmiral Raeder versicherte
in seinen Schlußworten, „die Offiziersanwärter würden heldenhaft sterben".
Abschließend brachte er ein „dreifaches Sieg=Heil auf den Führer und Obersten
Befehlshaber" der Wehrmacht aus.
An der Inszenierung, aber ebenso aus dem Inhalt dieser einzelnen Appelle
wird deutlich, wie Hitler, Parteiführer, Ideologe und Oberster Befehlshaber der
Wehrmacht, bestrebt blieb, die junge Offiziersgeneration zu indoktrinieren
und zu großen soldatischen Leistungen anzuspornen. Was er damit tat,
war im Grunde gar nichts anderes als gewisse, erprobte Parteiprinzipien aus
den zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre umzuformen zu einem spezi=
fischen Programm für eine gläubige, opferbereite, junge, soldatische Gene=
ration, die sich als Garant einer neuen Epoche fühlte. Hitler sprach vor
allem die Gefühle seiner jungen Zuhörer an, stets in dem Wissen um „die Be=
einflußbarkeit und Leichtgläubigkeit" der Massen 4 . Auch im soldatischen
Bereich wandte er nunmehr jene Methoden der Suggestion und der Werbung
für seine eigene Sache an, die ihm schon einmal, nämlich in den Jahren der
Weimarer Republik zum Siege verholfen hatten. Diese Veranstaltungen er=
innerten an die zahllosen Parteikundgebungen, SA= und SS=Appelle, die Hitler
als machtvolle Demonstration des Willens seiner Bewegung bewertet hatte.
4 Ebd.
222 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
Zwar gab es jetzt keine Zwischen^ und HeiURufe mehr wie früher, die den
Redner unterbrachen, aber der Zweck war der gleiche : Der Redner wollte und
mußte seine Zuhörer von der Richtigkeit seiner Politik und von dem greifbar
nahen Sieg seiner Weltanschauung in dem Kampf um Europa überzeugen. Die
Offiziersanwärter aber sollten dann diesen von ihnen geforderten Geist fester
Entschlossenheit und des fanatischen Sieges willens auf die Truppe übertragen;
sie sollten vorleben und vorsterben. Das war eine weitere Waffe aus dem
Arsenal des revolutionären Kampfes, die Hitler von Anfang des Krieges be=
denkenlos einsetzte, auch dann noch, als jede reale Grundlage für die Ver=
wirklichung seines wahnwitzigen Zieles dahingeschwunden war.
21. Der „Befehlsempfang" im beschränkten Kreis
Für die Spitzen der Wehrmacht hatte Hitler seit August 1939 mit sichtbarem
Erfolg sog. „Befehlsempfänge" eingeführt, bei denen nur er selbst das Wort
ergriff, die Generale schweigend zuzuhören hatten. Meistens begann er seine
Ausführungen mit einer umfassenden Beurteilung der militärpolitischen Lage,
die freilich ganz den Stempel seiner eigenwilligen, einseitigen Interpretation
trug, d. h. sie war häufig eine Mischung seines eigenen Wunschdenkens und
tatsächlich gegebener Faktoren der Umwelt; sodann begründete er seinen
jeweils gefaßten Entschluß mit Argumenten, die stets auf den betreffenden
Zuhörerkreis zugeschnitten waren. Naturgemäß eröffnete Hitler bei dieser
Gelegenheit den Generalen der Wehrmacht nur soviel, wie er dies für die
Durchsetzung und zum unmittelbaren Verständnis seiner Zielsetzung für not=
wendig hielt. Somit hatte der „Befehlsempfang" überwiegend den Charakter
einer doktrinären Belehrung, mit der sich programmatische Erklärungen und
richtungsweisende Angaben über die vorzubereitenden oder auszuführenden
militärischen Maßnahmen verbanden.
Von 1939 bis 1941 gab es vier solcher „Befehlsempfänge" (oder auch
„große Besprechung" genannt) mit einem klar begrenzten Zuhörerkreis. Am
22. 8. 1939 1 (von der Ebene der Armeeführer aufwärts), am 23. 11. 193g 2 (die
gesamte Generalität bis zum Kdr.Gen. einschl.), am 30. 3. 1941 3 (sog. „Gene=
ralsversammlung") und am 14.6. 1941 (Appell an die höheren Befehlshaber und
Chefs der Generalstäbe) 4 . Sinn und Zweck eines solchen „Empfanges" waren
vor allem: die ranghöchsten Offiziere der Wehrmacht von der geschichtliche
politischen Berechtigung und Notwendigkeit seiner Maßnahmen zu überzeu=
gen, die „Kleinmütigen" und Wankelmütigen mitzureißen und keinen Zweifel
daran zu lassen, daß gewisse Bedenken um eines höheren Zieles willen zu=
rückgestellt werden müßten. Da Hitlers Gedankengänge bis auf die Ansprache
vom 14. 6. 1941 überliefert sind, läßt sich sagen, daß der Oberste Befehlshaber
1 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. I.
2 Vgl. Jacobsen, Fall Gelb, a. a. O. (S. 43 E, Anm. 2), S. 59 ff.
3 Vgl. Halder, a. a. O. (S. 44 E, Anm. 5), Bd. II.
4 Vgl. Eintragungen ins KTB=OKW, Bd. I, S. 415.
223 E
A. Einführung
der Wehrmacht über die Ziele und Methoden seiner Politik und Kriegführung
— im Gegensatz zu den anderen Appellen und Reden — keinen Zweifel gelassen
hat. Aber leider sind wir bis heute noch immer nicht hinreichend über die ver=
schiedenartige Reaktion der Generalität auf diese Ansprachen unterrichtet. Die
nach 1945 gemachten Aussagen sind so stark im Sinne der eigenen Recht=
fertigung verfaßt worden, daß ihnen nur eine bedingte Glaubwürdigkeit zu=
kommt.
Am 22. 8. 1939 hatte Hitler im großen Saal des Berghofes die höheren Be=
fehlshaber der Wehrmachtteile mit ihren Stabschefs und Vertreter des OKW
versammelt, um ihnen seinen Entschluß, Polen anzugreifen, im einzelnen
zu begründen. In diesem Zusammenhang verwies er auf das bevorstehende
Bündnis mit der Sowjetunion; der Westen würde sich sicher defensiv ver=
halten. Zudem belehrte er seine Generale, daß die „Mittel gleichgültig" seien,
die diesen Krieg auslösen würden, denn der Sieger werde nie „interpelliert",
ob die Gründe berechtigt seien oder nicht. Für Deutschland handele es sich in
dem kommenden Kampf einzig und allein um den Sieg, nicht aber darum,
das Recht auf seiner Seite zu haben.
Für den 23. it. 1939 befahl Hitler seine Generale in die Reichskanzlei, um
ihnen, wie es in der amtlichen Verlautbarung hieß, „wie im Vorjahr unter
Auswertung der Kampferfahrungen in Polen" Richtlinien für die zukünftige
Kriegführung zu geben. In Wirklichkeit hatte ihn aber seit Mitte Oktober
1939 die Frage beschäftigt, wie er die zwischen ihm und einigen seiner engsten
militärischen Ratgebern offen schwelende Vertrauenskrise beseitigen könne.
Er wollte offenbar mit aller Entschiedenheit einen Wandel in der Auffassung
der Generalität herbeiführen, die oppositionellen Kräfte ein für allemal aus=
schalten und ihre immer wieder vorgebrachten Argumente gegen eine Offen=
sive im Westen widerlegen. Die wirksamste Form bot sich ihm in einem
„Befehlsempfang", bei dem nur er alleine sprechen konnte, die anwesenden
Offiziere aber von der Macht seiner Rede beeindruckt würden. Nach einem
allgemeinen tour d'horizont, bei dem er auf die beispiellose Kette seiner poli=
tischen Erfolge gegen alle Unheilsprophezeiungen seit 1933 hinwies, ging er
auf das mögliche Verhalten und die militärische Schlagkraft der großen und
kleinen Mächte in Europa ein. Eingehend motivierte er Ziele, Zeitpunkt und
Wahl der Mittel für die Offensive im Westen („Fall Gelb"); nur durch einen
schnellen Feldzug, der dieses Mal dank seiner genialen Politik lediglich an einer
Front zu führen sei, könne der Krieg siegreich beendet werden. Hitler wies auf
den kühnen Angriffsgeist hin, der rücksichtslos auf die Truppe übertragen werden
müsse. Mit aller Schärfe wandte er sich schließlich gegen jeden Miesmacher; er
werde nicht davor zurückschrecken, jeden zu vernichten, der gegen ihn sei. Nach
außen hin gebe es keine Kapitulation, nach innen hin keine Revolution.
Zwar erhoben der Ob.d.H., Gen.Oberst v. Brauchitsch, der Chef des Genst.
d.H., Gen. Halder und Gen. Guderian, später Vorstellungen gegen die scharfen
Angriffe Hitlers gegen die Führung des Heeres, doch änderten diese nichts an
224 E
IV. Die deutsche Oberste Wehrmachtführung 1939—1941
dem einmal gefaßten Entschluß Hitlers. Im Grunde hatte er erreicht, was er
wollte: er hatte jetzt die Generalität von der Notwendigkeit seines politischen
Entschlusses überzeugt. Diejenigen, die noch Einwände haben mochten oder
sich innerlich dagegen aufbäumten, hatten keine Möglichkeit mehr (von der
aktiven Opposition einmal abgesehen) gegen ihn zu argumentieren, denn
Hitler wollte ja den Krieg im Westen durch einen Waffengang so schnell wie
möglich beenden.
Einen besonders dramatischen Akzent erhielt die Generalsversammlung, die
für den Vormittag des 30. März ig 41 in die Reichskanzlei einberufen worden
war. Hitler teilte den anwesenden Offizieren mit, daß er beabsichtige, Rußland
anzugreifen. Aber, so führte er dabei u. a. aus, bei dem kommenden Feldzug
würde es sich nicht um einen der üblichen Waffengänge handeln, sondern um
einen Vernichtungskrieg. Ausgehend von der Überlegenheit der deutschen
Wehrmacht erläuterte Hitler, warum er in der gegenwärtigen Lage diesen
Feldzug führen müsse. Nachdem er auf die Frage der Operationen eingegangen
war, wandte er sich dem eigentlichen Kern seiner Ausführungen zu: dem Kampf
zweier Weltanschauungen und der damit verbundenen Vernichtung des
Kommunismus, seiner Hoheitsträger und fanatischer Anhänger. Durch diese
Ansprache wollte Hitler seine Generale für seine Auffassung gewinnen, daß
man in der kommenden Kriegführung gegen Rußland Opfer bringen und be=
stimmte Bedenken überwinden müsse. Wie GFM Keitel sich später erinnerte,
soll Hitler die Ansprache mit den Worten beendet haben: „Ich verlange nicht,
daß die Generale mich verstehen, aber ich fordere, daß sie meinen Befehlen
gehorchen." Wiederum kam es nicht zu einer Diskussion über die von Hitler
vorgetragenen Gedanken. Allerdings mögen zahlreiche Offiziere mit einem
beklemmenden Gefühl Berlin verlassen haben und zu ihren Truppenteilen
zurückgekehrt sein. Über die Reaktion der Generalität auf diese Ansprache
sind wir im einzelnen nicht ausreichend informiert; zum Teil liegen sich wider=
sprechende Aussagen vor. Aber die meisten Offiziere zogen es vor, schweigend
zu gehorchen und nicht im Geiste traditioneller, soldatischer Überlieferung
gegen die angekündigten Maßnahmen zu protestieren. Das geschah eigentlich
erst in dem Augenblick — und dann auf dem militärischen Dienstweg in in=
direkter Form — als sich die Praxis des sog. „Kommissarbefehls" — die Konse=
quenz der Ausführungen Hitlers — im Verlaufe der ersten Phase des Rußland=
feldzuges als gefährlicher „Bumerang" erwies. Denn die Kommissare der Roten
Armee kämpften fanatisch um ihr Leben, weil sie statt Gefangenschaft ein
sofortiger Tod erwartete.
Der letzte in unserem Zeitraum anberaumte „Befehlsempfang" fand wenige
Tage vor Auslösung der Offensive im Osten statt: am 14. Juni 1941. Sehr
wahrscheinlich hat Hitler, wie vor dem Polenfeldzug, in einer längeren An=
spräche noch einmal „seine Gründe zum Angriff auf die Sowjetunion" zusam=
mengefaßt und die „Erwartung ausgesprochen, daß die Niederwerfung Ruß=
lands auch Großbritannien zum Einlenken bewegen würde".
225 E
A. Einführung
Ergänzung
Allgemeine Bemerkungen zur Einführung zum KTB — Bd. I
Der Bearbeiter des KTB — Bd. I hat den nachfolgenden Offizieren der ehemaligen
Deutschen Wehrmacht (Nr. 1—5) die Einführung zur kritischen Stellungnahme über=
sandt. Die für die Geschichtsschreibung festzuhaltenden wichtigen Bemerkungen
werden hier im Wortlaut wiedergegeben.
1. Von Herrn General d. Artl. a.D. W. Warlimont (27. 2.1965):
Zur Seite 30 E:
Greiner war seiner Mob.Bestimmung nach schon im Herbst 1938 (Sudetenkrise)
im Wehrmachtführungsamt tätig geworden.
Zur Seite 122 E:
Betr. neugeschaffenes Oberkommando der Wehrmacht:
Diese immer wiederkehrende Meinung ist falsch (vgl. : Im Hauptquartier, a. a. O.,
S. 21 ff.). Wie anders denn als „Oberkommando der Wehrmacht" hätte sich wohl
auch die Dienststelle Blombergs bezeichnen sollen?
Zur Seite 123 E:
1. Die Hauptaufgabe des Chefs WFSt lag auf dem Gebiet der strategischen und
operativen Führung, und zwar
(1) den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht vor oder — wie meist — erst nach
seinen Entschließungen durch Bereitstellung von militärischem Auskunftsmaterial
und andere Hinweise zu beraten;
(2) nach seinen Richtlinien die Grundzüge für die „Weisungen des OKW für die
Kriegführung" sowie die zugehörigen „Besonderen Anordnungen" niederzulegen
und von seinem Stabe ausarbeiten zu lassen;
(3) die Ansichten des Obersten Befehlshaber der Wehrmacht bei den Oberkom=
mandos der Wehrmacht=Teile zu vertreten und ihre Zusammenarbeit untereinander
nach Bedarf zu fördern;
(4) den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht in dem Zusammenwirken mit den
Verbündeten zu unterstützen;
(5) ihn über den Stand der Vorbereitungen der Operationen, ihren Ablauf und
alle damit verbundenen Ereignisse laufend zu unterrichten.
Weiterhin nahm sich der Chef WFAmt stets „Sonderaufgaben" verschiedenster
Art an, die der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht für die gesamte im Felde
stehende Wehrmacht (Fronttruppe und besetzte Gebiete) von Fall zu Fall für nötig
befand.
Auf gleicher Stufe mit den eigentlichen Führungsaufgaben gehörte es außerdem
zu seinen Obliegenheiten, die ihm unterstellten Abteilungen „Wehrmacht, Presse und
Propaganda" sowie „Wehrmacht Nachtrichtenwesen" mit den nötigen Richtlinien
zu versehen und in ihrer Tätigkeit zu überwachen.
Zur Seite 124 E:
Der Abschnitt „Stellv. Chef WFStab" ist eine wörtliche Wiedergabe der „Dienst=
anweisung", die ich zum 1. Januar 1942 für mich mit eigener Hand aufgestellt habe,
226 E
Allgemeine Bemerkungen zur Einführung
und die, wie ich aus Nürnberg weiß, erhalten geblieben ist. Infolgedessen könnte
man unter diesem Abschnitt sagen:
Für den „Stellv. Chef WFStab" galt die folgende „Dienstanweisung" vom
1. Januar 1942 (Zeitpunkt, in dem die Abt. L aufhörte zu bestehen und der Chef
dieser Abteilung die Dienstbezeichnung wie oben erhielt, ohne daß seine Aufgaben
sich dadurch änderten).
Zu dem Abschnitt „Der 1. Genst.Offz.Heer" :
„Der 1. Genst.Offz.Heer im WFStabe (bis 31. Dezember 1941 ,Gruppe IH' in der
Abt. L) war die bearbeitende Stelle für alle Führungsaufgaben des Landkrieges, die
vom WFStab teils in Zusammenarbeit mit dem Generalstab des Heeres teils — auf
den sog. ,OKW=KriegsschaupIätzen' — selbständig vom OKW wahrzunehmen waren.
Zu seinen Aufgaben gehörten außerdem verwandte Gebiete wie Schutz und Be=
festigung der Küsten, Ausbau rückwärtiger Stellungen, Richtlinien für den Banden=
(Guerilla=) Krieg, Vorbereitung und Überwachung des ,Fernkampfs' mit V= Waffen.
Entsprechend der vorwaltenden Bedeutung des Heeres innerhalb der Gesamt=
Wehrmacht war die Dienststelle auch vielfach mit ausgleichenden und einheitlich
zu leistenden Aufgaben auf dem Führungsgebiet wie beispielsweise im Verkehr
mit den Verbündeten befaßt.
Die Dienststelle, die ursprünglich nur aus 2—3 Genst.Offizieren bestand, wurde
allmählich zu einer Stärke einer Abteilung mit 4 unterstellten „Gruppen" von je
1—4 Generalstabs= und Hilfsoffizieren ausgebaut, und zwar eingeteilt nach den sog.
,OKW=Kriegsschauplätzen' in Nordeuropa, Westen, Südwesten (Mittelmeer) und Süd=
osten."
Nicht erwähnt sind:
a)Die „Gruppe L III", die bei Kriegsbeginn nach Mob=Plan neu begründet wurde
als Nachrichtensammelstelle, ebenfalls besetzt mit 1 Generalstabsoffizier im Stabs=
offizierrang, die ich aber im frühen Jahr 1940 wieder aufgelöst habe, da die Samm=
lung der Nachrichten und die Zusammenstellunng für den „Lagebericht" besser bei
den einschlägigen Stellen (I Heer usw.) aufgehoben war;
b) der „Heimatstab Übersee", gleichfalls unter Leitung eines älteren Generalstabs=
offiziers, begründet mit der Besetzung Dänemarks und Norwegens im Frühjahr 1940;
seine Aufgabe, die Quartiermeistertätigkeit der 3 Wehrmachtteile, soweit sie für
„Übersee" aus dem üblichen Rahmen fiel, rationell zusammengefaßt und vielfach
in Verbindung mit zivilen Dienststellen gelöst werden mußte, wurde im weiteren
Verlauf des Krieges auf alle überseeischen Kriegstheater ausgedehnt.
Zur Seite 125 E:
Den Abteilungen „1. Admst.Offz. und 1. Genst.Offz.Luftw. im WFStabe" (bis
31. Dezember 1941 „Gruppe IM" bzw. „IL" in der Abt. L) fielen dieselben Aufgaben
der Führung für den Bereich ihrer Wehrmachtteile zu, jedoch mit der Einschränkung,
daß die Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und Luftwaffe den dienstlichen Ver=
kehr mit dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht in allen wichtigen Führungs=
fragen grundsätzlich ohne nähere Beteiligung des WFStabes und seiner Organe in
eigener Person wahrnahmen,
und daß diese Regelung unterschiedslos auch für die sog. „OKW=Kriegsschau=
platze" galt.
Beide Abteilungen konnten daher im Grunde nur als Verbindungsorgane ihrer
Oberkommandos tätig werden und blieben deswegen auch auf die Besetzung mit
2—3 Offizieren beschränkt.
227 E
A. Einführung
Zur Seite 137 E:
Betr. Erweiterung des Wehrmachtführungsstabes :
Das stimmt so auch nicht. 1. war der Stab nie so groß und 2. haben die Raum=
Verhältnisse des Arbeitszuges dabei nie eine Rolle gespielt (wir hatten 1944 zwei
große Züge). Der eigentliche Grund war, daß nur die Führungsaufgaben im engsten
Sinne (Operationen) vom OKW=Wehrmachtführungsstab bearbeitet wurden und
diese auch nur für die Heeresseite, während alle anderen Funktionen beim General=
stab des Heeres sowie den Oberkommandos Marine und Luft verblieben.
Zur Seite 142 E:
Betr. subtile Formulierungen Greiners :
So „ernst" war das wohl damals nicht gemeint, daß man diesen Formulierungen
einen dokumentarischen Wert beimessen könnte.
Zur Seite 148 E:
Betr. Fall Weiss :
Man sollte vielleicht klären, daß es sich hier um ein Teilstück aus den im Frieden
jährlich erneuerten „Weisungen für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehr=
macht" gehandelt hat.
Zur Seite lgi E:
(Ministerrat für die Reichsverteidigung) :
Er hat hauptsächlich dazu gedient, unter dem maßgeblichen Einfluß von Bormann
die militärischen Forderungen überall zurückzudrängen und hinter die An= und
Absichten der Partei zu stellen (Verkehr, Bauten usw.).
Zur Seite 201 E:
Hier muß eine Täuschung in Keitels Gedächtnis vorliegen, wahrscheinlich ver=
mischt er verschiedene Vorgänge miteinander. Seine Denkschrift zum Ostfeldzug
1940 hatte sogar Erfolg.
2. Von Herrn General d. Geb. Tr. a.D. A. Winter (27. 2. 1965):
Zur Seite 151 E, vorletzter Absatz:
Meines Erachtens entstand dieser Befehl seinerzeit wirklich nur auf Grund des
schockierenden (und in seiner Auswirkung zunächst überbewerteten) Vorfalls von
Mechelen — 10. Januar 1940 — als Aufmarschunterlagen bei der Notlandung deut*
scher Offiziere in belgische Hand gefallen waren. Erst im Verlaufe des Krieges, ins=
besondere während des Rußlandfeldzuges, gewann dieser Befehl dann die von Ge=
neraloberst Halder erwähnte Bedeutung, da der Befehl dann von Hitler bewußt nach
und nach im Sinne nicht nur (berechtigter) Geheimhaltung, sondern zur „Abschir=
mung" der höheren Führer untereinander verwendet wurde.
Zur Seite 20g E (Mitte):
Hitler wollte die „Schlacht um Kiew" schlagen, um in den Kaukasus weiter stoßen
zu können — also eine exzentrische Operation. Rundstedt wollte dagegen diese
Schlacht schlagen, um der H.Gr. Mitte (und seiner eigenen HGr. Süd) die Opera=
tion auf Moskau (im Sinne des OKH) zu ermöglichen. Das sind also zwei verschie=
dene Ausgangsüberlegungen. Rundstedt und sein Genst. waren der Auffassung,
daß ein Stoß auf Moskau nicht durchgeführt werden konnte, solange eine Feind=
gruppe von ca. 1 Millionen Mann in der rechten Flanke der Heeresgruppe Mitte
228 E
Allgemeine Bemerkungen zur Einführung
stand. Deshalb verlangte er, daß diese Feindgruppe angegriffen und vernichtet wer=
den sollte. Man mußte ja doch annehmen, daß diese Feindgruppe gegen die Süd=
flanke der H.Gr. Mitte offensiv werden würde.
Letzter Absatz:
Der OB der HG. Süd wurde seiner Stellung enthoben, d. h. abberufen, weil er an
den Ob.d.H. (Brauchitsch) gemeldet hatte, daß er den Befehl, den Südflügel bei
Rostow nicht zurückzunehmen, nicht mehr nachkommen könne; dem Fernschreiben
hatte er sinngemäß hinzugefügt: Falls man in seine Führung kein Vertrauen mehr
setze, bitte er, ihn durch einen anderen Oberbefehlshaber zu ersetzen. Dem wurde
in der Nacht auch entsprochen. Nach Hitlers Flug nach Mariupol fand dann die
bekannte Aussprache in Poltawa zwischen Hitler und Rundstedt statt, die wieder
zur „Versöhnung" führte.
Zu Kapitel IV:
Aus eigenem Erleben, das sich auf die Zeitspanne November 1944 bis April 1945
beschränkt, möchte ich noch folgendes bemerken: In den letzten 3—4 Monaten des
Krieges erschienen zur Nachtlage in der Reichskanzlei im allgemeinen weder Keitel
noch Jodl. Lediglich (jüngere) Genst.Offz. des OKW (und OKH) trugen die letzten
Meldungen vor. Stets aber waren anwesend Bormann und VO der SS.
Wir hatten den bestimmten Eindruck, daß in diesen Nachtstunden von Hitler mit
Bormann auch die militärischen Dinge eingehend erörtert wurden und staunten des
öfteren über zunächst ganz unverständliche Eingriffe in die Führung während der
frühen Morgenstunden. Zweifellos war Bormann in stets zunehmenden Maße auch
hier der „böse Geist" (soweit ein solcher noch nötig war). Ich entsinne mich noch
eines schweren Zusammenstoßes von Jodl mit Bormann aufgrund eines von Bor=
mann (!) „I.A." herausgegebenen Befehls, der dann zurückgenommen werden mußte.
3. Von Herrn Großadmiral a. D. K. Dönitz (25. 2. 1965):
Zu Seite 43 E, letzter Absatz:
In meiner Sorge wegen der Gefahr eines baldigen Krieges mit England hatte ich
Juni 1939 den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Raeder, gebeten,
Hitler persönlich zu melden, daß in einem Kriege mit England die deutsche U=Boot=
Waffe, welche die schwerste Last des Seekrieges zu tragen haben würde, bei ihrer
zahlenmäßigen Schwäche „den Engländern nur Nadelstiche versetzen könne". Groß=
admiral Raeder teilte dies Hitler mit.
Am 28. 8. 39 meldete ich in einer Denschrift, FdU Chefs. Gkdos. 172, „daß mit
der im Augenblick eingesetzten Bootzahl und den nach dem jetzigen Bauplan auf
die Dauer erreichbaren Bootzahlen ein ins Gewicht fallender Druck auf England,
und eine entscheidende Kriegführung gegen Englands Handel in absehbarer Zeit
nicht zu erwarten ist, sondern nur Nadelstiche gegen den englischen Handelsverkehr
möglich sind . . ."
Wenn daher Hitler nach dem 17. 9. 39 glaubte, „die Alliierten" — also auch
England — „in einem sofortigen Feldzug niederwerfen zu können", so zeigt dies
sein völliges Unverständnis für die Lebensgrundlagen der Seemacht England, trotz
meiner obigen Warnungen.
Zu Seite 50 E, vorletzter Absatz:
Da Hitler in seiner Denkschrift vom 9. Oktober 39 „eine erfolgreiche Seekrieg=
führung gegen England auf längere Sicht hin" als sein Kriegsziel hingestellt hat,
22g E
A. Einführung
hätte er sofort die fehlende Rüstung für den Kampf im Atlantik so schnell wie
möglich in die Wege leiten, also U=Boote mit allen Mitteln der deutschen Industrie
und des Staates bauen müssen. Dies geschah nicht.
Ohne ein solches Handeln waren daher diese obigen Worte in seiner Denkschrift
ohne jeden Gehalt.
Zu Seite 55 E unten und Seite 56 E oben:
Der holländisch=belgische und nordfranzösische Raum war für eine aussichtsreiche
Seekriegführung gegenüber England „von nur" geringer Bedeutung. Der entschei=
dende Kriegsschauplatz gegen England war der Atlantik. Ausgangsbasen für deut=
sehe Seestreitkräfte an der Atlantikküste waren daher für eine „aussichtsreiche See=
kriegführung" wertvoll. Die aus den „Operationszielen" zitierten Worte Hitlers
haben daher keinen Gehalt.
Zu Seite 57 E, erster Absatz:
Da 11=60016, als einzige Ausnahme gegenüber allen anderen Kriegsschifftypen,
nicht gegen ihresgleichen, also gegen feindliche U=Boote zu kämpfen haben, war
die deutsche „Parität" mit der englischen U=Bootwaffe ohne jede Bedeutung. Die
Engländer hatten in ihrer großen Marine nur wenige U=Boote, denn sie brauchten
diese nicht, weil sie Seeverbindungen nicht anzugreifen, sondern die eigenen zu
schützen hatten. Wir brauchten große U=Boot=Zahlen, weil wir als seestrategische
Hauptaufgabe in einem Krieg mit England die britischen Lebenslinien anzugreifen
hatten. »
Zu Seite 70 E, letzter Absatz:
Die richtige Alternative war, sich durch forcierten U=Boot=Bau mit allen Mitteln
der deutschen Rüstungsindustrie für die Schlacht im Atlantik zu entscheiden. Diese
Erkenntnis fehlte jedoch bei Hitler und bei unserer Wehrmachtführung.
Zu Seite 100 E, unten:
zu 3 „Aktivierung des U=Boot=Krieges" :
Dies waren Ende 1941 nur leere Worte, nachdem vorher und nachher nichts für die
Voraussetzungen für eine Aktivierung, die Forcierung des U=Boot=Baues getan wor=
den war bzw. dann geschah.
Zu Seite 6q E, vorletzter Absatz:
Als das Unternehmen „Seelöwe" von Hitler aufgegeben worden war, weil die
Invasion sich nicht durchführen ließ, bleib als einzige Alternative für eine entschei=
dende Kriegführung gegen England nur der Tonnagekrieg, der Kampf gegen Eng=
lands Seeverbindungen. Damit wurde England direkt getroffen. Von ihnen hing das
Leben der englischen Nation unmittelbar ab. Auf sie war die gesamte englische
Kriegführung unmittelbar und weitgehend angewiesen. Auf ihre ernsthafte Bedro=
hung mußte die englische Politik unbedingt reagieren. Wir waren durch den Erfolg
des Feldzuges gegen Frankreich, besonders durch den Besitz der Biskaya=Küste, in
die günstige strategische Position gegen England gekommen. Was lag näher, als
diese nun mit allen Mitteln auszunutzen, und die gesamte deutsche Kriegs= und
Rüstungstrategie auf diesen entscheidenden Kampf gegen England im Atlantik als
Hauptaufgabe auszurichten — auf diese „Atlantikschlacht", die Churchill als den
dominierenden Faktor während des ganzen Krieges bezeichnet hat. Dies war die
immer wieder vom Befehlshaber der U=Boote gestellte Forderung und diese deutsche
Strategie war es, die der englische Gegner fürchtete.
Aber diese Erkenntnis hatte Hitler nicht. Seine Hoffnung, England in Rußland
230 E
Allgemeine Bemerkungen zur Einführung
schlagen zu können, war der entscheidende Irrtum infolge seines kontinentalen
Denkens.
Sicher waren diese Mittelmeer=Ziele / welche Großadmiral Raeder nannte, von
großer strategischer Bedeutung. Sie waren jedoch — im Gegensatz zu der Schlacht
im Atlantik — für England nicht kriegsentscheidend. Da die Hauptaufgabe der deut=
sehen Kriegsmarine doch im Kampf gegen die englischen Seeverbindungen im Atlan=
tik lag, barg daher dieser Rat des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine für die
Kriegsmarine die Gefahr in sich, den Schwerpunkt ihrer U=Boot=Streitkräfte vom
Atlantik ins Mittelmeer verlegen zu müssen. Ich war damals als Befehlshaber der
U=Boote und bin auch heute noch der Ansicht, daß der Oberbefehlshaber der Kriegs=
marine nach Aufgabe des Planes „Seelöwe" mit aller Kraft das strategische Ziel der
Atlantikschlacht zu vertreten hatte. Denn die Erfüllung dieses Ziels war doch
rüstungsmäßig noch in keiner Weise sichergestellt. Die Zahlen der U=Boote als
Hauptkampfträger waren völlig unzureichend; der U=Boot=Bau hatte keinen
rüstungsmäßigen Vorrang vor einer Fülle anderer Rüstungsaufgaben. Die Zunahme
an neuen U=Boot=Streitkräften war daher gering. Auch die gesamt=strategische Be=
deutung des Kampfes im Atlantik war bei unserer politischen Führung und bei der
Führung des OKW doch noch in keiner Weise anerkannt.
So kam es dann, daß dieser Mittelmeer=Rat des Oberbefehlshabers der Kriegs=
marine für die Seekriegführung die Folge hatte, daß Ende 1941 die Schlacht im
Atlantik durch die Entsendung des leistungsfähigsten Teiles der U=Boote ins Mittel»
meer zum Erliegen kam, und daß in den ersten Monaten des Jahres 1942 die großen
Versenkungsmöglichkeiten im amerikanischen Seeraum von der U=Boot=Waffe wegen
der nur geringen dort zur Verfügung stehenden U=Boot=Zahlen bei weitem nicht
ausgenutzt werden konnten, so daß infolgedessen und infolge anderer Abstellungen
von U=Booten zu strategisch falschen, unfruchtbaren Zwecken, — gegen die ich kräf=
tig protestiert hatte — etwa eine Million BRT Ende 1941 und 1942 weniger versenkt
wurden. Dies war nach englischer Ansicht ein entscheidender Faktor in der Atlantik»
schlacht. Für uns war es für die Niederringung Englands ein sehr schwerwiegender,
nicht wieder gutzumachender Nachteil.
Ich glaube, daß die Kehrseite der Mittelmeer=Strategie erwähnt werden sollte.
4. Von Herrn Gen.Lt. a.D. Engel (4.3.65):
Zur Seite 138 E (betr. 1. Lagebericht v. i.g.39):
Unzutreffend. Es handelte sich damals um eine zufällig, zwanglose Unterhaltung
ohne jeden offiziellen Anstrich,
(betr. Jodl. Einfluß bei den Lagevorträgen). (Mitte)
Nicht zutreffend. Jodl war in der Zeit noch zurückhaltend; der Ob.d.H. hatte weit=
gehenden Einfluß und Spielraum.
Zur Seite 140 E (betr. Lagevortrag):
Niemals haben „dazu bestimmte Offiziere" (d. h. Vertreter) vorgetragen; in Aus=
nahmef allen der Ia (Deyhle, später Christian) oder der diensttuende Adj.
Zur Seite 143 E (betr. Hitlers Zustimmung zum Lagevortrag) :
Hitler nahm im Gegenteil sehr häufig keine sofortige Stellungnahme.
Zur Seite 202 E (betr. Vortrag Guderians):
Diesen Vortrag Guderians bei Hitler war auf Wunsch des Pz.Gen. von mir (Hptm.
Engel) organisiert worden und zwar ohne Wissen des Ob.d.H., Chef Genst.d.H. und
Chef OKW. Dasselbe geschah mit Admiral Canaris, aber viel häufiger.
231 E
A. Einführung
5. Von Herrn Oberstlt. a.D. Friedrich Greffrath (6.1.1965):
Zur Seite 16g E (Luftwaffe) :
Ich habe in den 20 Jahren, in denen ich mich ausschließlich mit Luftwaffenakten
beschäftigte, auch nicht den kleinsten Anhalt dafür erhalten, daß die Besprechungen
Görings mit Hitler in irgendeiner Weise protokolliert worden sind. In der behan=
delnten Zeit war das Verhältnis Görings zu Hitler noch so gut, daß die notwendigen
Entscheidungen durch mündliche Besprechungen erledigt wurden, zumal die beiden
ja in dieser Zeit noch dauernd zusammen waren. Es finden sich selbst in dem so=
genannten „Milch=Archiv" keine Besprechungsnotizen. Erst ab 1942 findet man No=
tizen über solche Besprechungen, die Göring mit seinen Mitarbeitern gehalten hat.
Diese wurden von Görings Adjutanten oder dessen Technischem Offizier nachträg=
lieh angefertigt. Leider hat Göring im Jahre 1945 seine gesamten Unterlagen ver=
nichten lassen. Ich hatte noch im März 1945 Gelegenheit, mit Göring zu sprechen,
da ich den Auftrag hatte, diese Unterlagen nach Karlsbad zu bringen. Göring lehnte
dies aber ab und zeigte mir die Verbrennungsöfen, die rings um Karinhall aufgebaut
worden waren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß irgendwo derartige Proto=
kolle anderweitig vorhanden sind, da ich die Aktenlage der Luftwaffe genau kenne.
Sicher ist Jeschonnek bei derartigen Besprechungen hinzugezogen worden, wenn es
sich um grundsätzliche Einsatzfragen handelte; waren technische Dinge zu bespre=
chen, war Udet dabei.
Man könnte fast behaupten, daß bis zum Jahre 1942 die von Göring vorgetragenen
Fragen von Hitler angenommen wurden, da er ja von der Luftwaffe nicht allzu viel
verstand. Erst als er merkte, daß die Luftwaffe nicht mehr ihrer Aufgabe gerecht
wurde, hat sich Hitler sogar oft gegen die Ansicht von Göring gestellt.
232 E
B. Kriegstagebuch
Das dritte Quartal
(1. August bis 30. September 1940)
1. August 1940
Chef L überreicht dem Chef WFA die gewünschte Beurteilung der Gesamt=
läge und schlägt ihm vor, die in Vorbereitung befindliche neue Weisung für
die Gesamtkriegführung 1 auf allgemeine Direktiven zu beschränken, da für
eine nähere Festlegung die Ergebnisse der Studien in erster Linie des Heeres
abgewartet werden müßten.
Chef WFA ist hiermit einverstanden. Er macht sodann Mitteilungen über
die am 31. 7. abgehaltenen Besprechungen des Führers mit dem Ob. d.M. und
dem Ob.d.H. 2
Der Ob. d.M. habe gemeldet, daß die Vorbereitungen zur Bereitstellung des
Schiffsraums für das Unternehmen „Seelöwe" bis zum 5. o. 3 , die übrigen Vor=
bereitungen, insbesondere das Minenräumen und Minenlegen, nicht vor 13. o. 4
beendet sein könnten, das Minenräumen und Minenlegen auch nur unter der
Voraussetzung einer günstigen Wetterlage und eigener Luftüberlegenheit.
Der Ob.d.M. habe hierbei nochmals eindringlich auf die Wirkung der
beabsichtigten Maßnahmen für die deutsche Binnenschiffahrt hingewiesen, die
eine 30 %ige Einschränkung erfahren würde. Auch wäre die Einziehung sämt=
licher Fischdampfer erforderlich. Abschließend habe er den Herbst als die im
allgemeinen ungünstigere Jahreszeit für ein solches Landungsunternehmen als
das Frühjahr bezeichnet. Zu Ausführungen über die seestrategische Lage sei
er nicht gekommen.
1 Vgl. zu den OKW= Weisungen: Klee, Karl (Hrsg.), Dokumente zum Unternehmen
„Seelöwe". Die geplante Landung in England 1940, Göttingen 1959, S. 335 ff.;
Hubatsch, Walther (Hrsg.), Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939—1945,
Frankfurt 1962, S. 65 ff. (Weisung Nr. 17 v. 1. 8. 1940).
2 Klee, a. a. O. (s. Anm. 1), S. 253 ff.; Generaloberst Halder Kriegstagebuch, Bd. II,
bearb. v. H.=A. Jacobsen, Stuttgart 1963, S. 46 ff.
3 D. h. für die geplante Landung in England.
4 Vgl. Anm. 2.
B. Kriegs tagebuch
Der Führer habe entschieden, daß die Vorbereitungen für das Landungs=
unternehmen zunächst auf den 15. a. 5 abzustellen seien.
Bei den weiteren Erörterungen habe der Ob. d.M. darauf hingewiesen, daß
die Auf f assungen des Heeres und der Marine in einzelnen wesentlichen Punkten
strittig seien. Hierzu gehörten: 1. die Organisation der Befehlsführung beim
Übergang, 2. die Ausdehnungsbreite bei der Landung, 3. die zeitliche Auf=
einanderfolge der 2., 3. und 4. Welle und 4. die Wahl der Tageszeit für die
Landung der 1. Welle.
Der Führer habe schließlich noch das U=Boot=Programm auch für das Jahr
1942 genehmigt.
Auf den Vortrag des Ob.d.H. über den Stand der Vorbereitungen für das
Unternehmen „Seelöwe" habe der Führer entschieden, daß die Planungen für
eine Landung auf breiter Front fortzusetzen seien. Etwa notwendig werdende
Einschränkungen könnten im Laufe des Unternehmens erfolgen.
Weitere Ausführungen des Führers gegenüber dem Ob.d.H. siehe Notizen
des Chefs L vom 1. 8.
Beim Vortrag des Chefs L vor dem Chef WFSt berichtet LIL (Major Frhr. v.
Falkenstein) über seine Fühlungnahme mit der Luftwaffe am 31. 7. in Kurfürst
bzgl. der Absichten der Luftwaffe hinsichtlich des Zeitpunktes und der Art der
Durchführung des verschärften Luftkrieges gegen England (siehe Weisung
Nr. 17). 6 Über die Gründe für die Verschiebung des Luftkrieges gegen England
äußert er sich folgendermaßen: Die Luftwaffe sei an sich einsatz= und ver=
sorgungsmäßig für den verschärften Luftkrieg seit längerem vorbereitet. Die
voneinander abweichenden Vorschläge der Luftflottenbefehlshaber für ein
England gegenüber anzuwendendes neues taktisches Verfahren hätten indessen
bisher nicht in Einklang gebracht werden können, weil der Reichsmarschall
hierüber keine Entscheidung getroffen hätte, da er auf Grund von Äußerungen
des Führers angenommen habe, noch etwa 8 Tage Zeit bis zum Beginn des
verschärften Luftkrieges gegen England zu haben. Nachdem nun am 31. 7. die
Entscheidung des Reichsmarschalls dahin gefallen sei, daß zunächst ein Luft=
großangriff gegen London vorgetäuscht werden solle, bei dem durch Einsatz
starker Jagdkräfte die englische Jagdabwehr vernichtend getroffen werden
solle, würden noch 5—6 Tage erforderlich sein, um in eingehenden Besprechun=
gen bis zu den Gruppenkommandeuren hinab und in Planspielen die Be=
Satzungen mit der neuen Taktik vertraut zu machen.
Aus den 7 Mitteilungen des Chefs WFA ergeben sich folgende Anordnungen:
1. Die Entscheidungen des Führers werden in einem OKW=Befehl vom 1. 8.
zusammengefaßt.
2. Weisung Nr. 17 für den verschärften See= und Luftkrieg gegen England.
5 Vgl. zur Verschiebung des Unternehmens „Seelöwe" Eintragungen S. 29; Klee,
a. a. O. (Anm. i), S. 406 u. ö.
6 Vom 1. 8. 1940 (s. Hubatsch, a. a. O. Anm. i, S. 65 ff.).
7 Handschr. Verbesserung („diesen").
2. August 1940
3. Zusammenstellung der strittigen Punkte in den Auffassungen des Heeres
und der Kriegsmarine über das Unternehmen „Seelöwe".
4. Befehl der Irreführungsmaßnahmen in Verbindung mit dem Unternehmen
„Seelöwe"; hierzu Vorschlag des OKH.
5. Richtlinien für Propaganda in Verbindung mit dem Unternehmen „See=
löwe".
6. Zusammenstellung der Maßnahmen für die Kriegführung gegen England
im Winterhalbjahr, wenn das Unternehmen „Seelöwe" in diesem Jahr nicht
mehr zur Durchführung kommen sollte. Hierzu kommen in Frage :
a) nach Vorschlägen der Abt. L und des Ob.d.H. die Abstellung von
Panzerverbänden zur Unterstützung des italienischen Vorgehens gegen
Ägypten, die Unterstützung Italiens durch die Luftwaffe bei der Weg=
nähme von Gibraltar und bei Unternehmungen gegen Alexandria;
b) Maßnahmen in Syrien und gegen die arabischen Länder;
c) Inanspruchnahme japanischer Unterstützung für den Seekrieg.
7. 8 Tarnbefehl für den Aufbau Ost 9 .
8. 10 Sammlung von Unterlagen zu einem Befehlsentwurf für Vorbereitungen
von längerer Dauer (betr. Vorbereitungen zu einem Feldzug gegen die
Sowjetunion) u .
2. August 1940
Chef L legt dem Chef OKW die Weisung Nr. 17 und die Zusammenstellung
der Entscheidungen des Führers auf die Vorträge des Ob. d.M. und Ob.d.H.
vor. Erstere wird vom Führer, letztere vom Chef OKW unterzeichnet.
Chef L legt dem Chef OKW ferner die Verfügung über Täuschungsmaß=
nahmen in Verbindung mit dem Unternehmen „Seelöwe" und den Entwurf
eines Befehls für den Aufbau Ost 1 vor. Letzterer wird in den Grundzügen
gebilligt und danach weiterbearbeitet.
Chef Ausl./Abw. berichtet dem Chef OKW und danach dem Chef L über
die Durchführung und die Ergebnisse der Erkundung gegen Gibraltar.
Der Chef der Abt. Wehrwirtschaft 2 (WeWi) im WiRüAmt, Oberst Becker,
dringt bei Chef L auf Ingangsetzung der Kontrolle an den französischen
Außengrenzen, die schon von der WStK beantragt und von der Abt. L sowie
von der Abw.Abt. III vorbereitet worden ist, und regt zusätzlich an, die Kon=
trolle auch auf die französischen Kolonien auszudehnen. Als Gründe hierfür
führt er u. a. die Fortsetzung der Kriegsgeräte=Ausfuhr der Schweiz nach
8 Handschr. Verbesserung von „6 d".
9 Im Original durchgestrichen: „Chef L fragen".
10 Handschr. Verbesserung von „6e"; im Original gestrichen „Chef L".
11 Handschr. Eintragung.
1 Vgl. hierzu: Greiner, Helmuth, Die Oberste Wehrmachtführung 1939— 1943, Wies=
baden 1951, S. 293 fr. (Voraussetzungen für einen Ostaufmarsch).
2 Handschr. Eintragung.
B. Kriegstagebuch
England, den zunehmenden französischen Schiffsverkehr zwischen dem Mutter=
land und den französischen Kolonien und das deutsche Interesse an der Aus=
fuhr aus den französischen Kolonien an.
Chef L verweist auf den Stand der Vorbereitungen für die Ingangsetzung
der Kontrolle und auf seine bevorstehende Besprechung mit dem Chef des
Stabes der WStK.
Weiterhin wird der Stand der Maßnahmen zur Verstärkung der Vorrats=
Wirtschaft an wehrwirtschaftlichen Gütern besprochen; hierzu legt Oberst
Becker eine Übersicht über die gesteigerte öleinfuhr aus Rumänien vor.
In Verbindung hiermit hat das Amt Ausl./Abw. erweiterte Maßnahmen zum
Schutz der deutschen ölinteressen getroffen.
Am Nachmittag findet eine Besprechung des Chefs OKW mit dem Chef des
WiRüAmtes in Gegenwart des Chefs L über die Vorbereitung neuer Führer=
Entscheidungen zum Waffen= und Munitionsprogramm gemäß dem nunmehr
vorgesehenen Umfang des Kriegsheeres und den übrigen Umstellungen (Ver=
Stärkung der Flakfertigung, Genehmigung des U=Boot=Programms für 1942)
statt. Die Erörterungen erstrecken sich außerdem auf die Verwertung der
Kriegsbeute zur Befriedigung der Waffen= und Munition sf orderungen be=
freundeter und neutraler Staaten. Als Reihenfolge wird hierbei festgelegt, daß
zunächst die Wünsche Italiens, und zwar in erster Linie aus der hochwertigen
französischen Beute 3 , in 2. Linie, und zwar etwa zu gleichen Teilen, die For=
derungen Rumäniens und Bulgariens erfüllt werden sollen. Lieferungen an
Finnland sollen vorläufig nicht stattfinden.
Für die Vorbereitung des umfassenden Arbeitsurlaubs, der gegebenenfalls
im Winter 1940/41 beim Heere gegeben werden soll, gibt Chef OKW als
Richtlinie, daß mit dem Urlaub unmittelbar nach einer etwaigen negativen
Entscheidung des Führers über das Unternehmen „Seelöwe" begonnen, alle
Kräfte ausgenutzt und der arbeitsfreie Heimaturlaub abgekürzt werden soll.
Chef L läßt eine von ihm aufgesetzte Verfügung über „Aufbau Ost" den
Gruppenleitern der Gruppen IH, IK, IL, II und IV sowie dem VO des
WiRüAmtes zur Stellungnahme und evtl. Ergänzung zugehen 4 .
In diesem Entwurf heißt es: Der Führer habe sich entschlossen, von der
Bildung eines selbständigen Restpolen abzusehen und die besetzten Ostgebiete
dem Großdeutschen Reich einzugliedern. Daraus ergebe sich auch für die Wehr=
macht die Forderung, den neugewonnenen Ostraum auf allen Gebieten zu
festigen und auszubauen. Hinzu komme während der Kriegsdauer, daß die
3 „Ende Juli hat mir der Führer bereits erklärt, daß die Italiener nichts aus der
Beute bekommen könnten. v. R(intelen)"
(Randbemerkung des Deutschen Generals beim Hauptquartier der italienischen
Wehrmacht in Rom, Gen. von Rintelen, der das KTB im Sommer 1944 ein=
gesehen hat.) Gr.(einer)
4 Randbemerkung Chef L: Hierzu werde ich zeitgerecht noch eine Begründung
hinzufügen. gez. W(arlimont)
Hinweis auf Anlage in den Akten L IV.
5. August 1940
zunehmende Luftbedrohung im Westen die militärische Ausnutzung der ge=
sicherten Ostgebiete in verstärktem Maße erfordere.
Folgende Richtlinien seien hierfür maßgebend: Noch erforderlich werdende
Neuaufstellungen und die Truppenausbildung sollten vorzugsweise in den
Ostgebieten erfolgen und hierzu beschleunigt Übungsmöglichkeiten geschaffen
werden. Aus den luftbedrohten Westgebieten müßten Wehrmachtvorräte aller
Art gegebenenfalls dorthin überführt werden. Die Forderungen der Wehrmacht
für den Ausbau des Eisenbahn= und Straßennetzes seien baldigst den zu=
ständigen Reichsstellen zuzuleiten, die Nachrichtenverbindungen weiter aus=
zubauen, dem unmittelbaren Truppenbedarf dienende rüstungswirtschaftliche
Einrichtungen in ausreichendem Maße zu schaffen, das Kartenwesen Ost müsse
beschleunigt dem Truppenbedarf angepaßt werden. Demgegenüber seien die
für die Landesbefestigung nach früheren Richtlinien vorgesehenen Maßnahmen
bis auf weiteres zurückzustellen.
Diese Richtlinien würden gleichzeitig auch den beteiligten Obersten Reichs=
behörden und dem Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete zu=
gestellt werden.
5. August 1940
Chef WFA befiehlt in Abwesenheit des Chefs L am Vormittag die Gruppen=
leiter der Gruppe I zu sich in die Reichskanzlei und teilt ihnen folgendes mit:
Wie bereits bekannt, habe der Ob.d.M. in der Besprechung beim Führer am
31. 7. (vgl. 1. 8.) vorgeschlagen, die Vorbereitungen für das Unternehmen
„Seelöwe" auf einen Übergang auf der schmalen Basis Ostende— Deal/Somme=
Mündung— Eastbourne abzustellen. Der anwesende Ob.d.H. habe dem nicht
widersprochen, der Führer den Vorschlag zur Kenntnis genommen, ohne sich
dazu zu äußern. Der Ob.d.M. habe hieraus den Eindruck gewonnen, daß der
Führer und der Ob.d.H. seiner Auffassung zustimmten, und die Seekriegs=
leitung habe auf dieser Basis weitergearbeitet 1 .
Tatsächlich habe indessen der Ob.d.H. nach dem Weggang des Ob.d.M.
dem Führer gegenüber starke Bedenken gegen einen Übergang auf der
schmalen Basis geltend gemacht, und der Führer habe daraufhin befohlen, die
Vorbereitungen weiter auf die breite Übergangsbasis Ostende— Margate/Cher=
bourg— Lyme Bay abzustellen, sich aber die Durchführung auf schmaler oder
breiter Basis vorbehalten.
Der Chef des Stabes der Seekriegsleitung habe mittlerweile in einem Schrei=
ben an den GenStdH und den Führungsstab der Luftwaffe (B.Nr. l/Skl. I
op 1110/40 g.K. Chefs, vom 2. 8.) nochmals festgestellt, daß die Durchführung
des Truppentransportes, solange Häfen noch nicht zur Verfügung stünden und
der Gegner zur See noch nicht durch Maßnahmen der Luftwaffe und Kriegs=
marine aus dem Kanal vertrieben sei, nur in dem Raum in und beiderseits
1 Vgl. Klee, Anm. 1 v. 1. 8. 1940; auch: Klee, K., Das Unternehmen „Seelöwe". Die
geplante Landung in England 1940, Göttingen 1958, S. 75 ff.
B. Kriegstagebuch
der Straße von Dover, der begrenzt würde durch die Linien Ostende— North
Foreland und Etaples— Beachy Head, gewährleistet werden könne. In diesem
verengten Raum werde — im Gegensatz zu der bisher vorgesehenen Über=
fuhrung in Form von Treffen — unter Hinzuziehung der westlich und ostwärts
gelegenen Häfen und des durch Küstenartillerie gesicherten Weges entlang
der Festlandküste die Überführung nunmehr in Form eines ständig fließenden
Stroms von Transporteinheiten möglich sein. Auch erscheine eine wirksamere
Sicherung der Flanken dieses verengten Überführungsgebietes durch Minen
und sonstige Maßnahmen der Seekriegsleitung (U=Boote, S=Boote, artille=
ristischen Schutz) möglich.
Um nun die in diesem Schreiben erneut zu Tage getretenen gegensätzlichen
Auffassungen über die Ausdehnungsbreite bei der Landung zu klären, finde
heute Vormittag eine Aussprache zwischen dem Ob.d.H. und dem Ob. d.M.
statt, über deren Ergebnis er, der Chef WFA, noch nicht unterrichtet sei.
Eine fernmündliche Anfrage des Chefs OKW beim Ob. d.M. ergibt, daß
letzterer mit dem Ob.d.H. übereingekommen ist, noch heute den Chef des
Stabes der Seekriegsleitung mit Sachbearbeitern zum HQu. des OKH nach
Fontainebleau zu entsenden, um eine Einigung in dieser strittigen Frage
herbeizuführen. Der Ob.d.M. sichert dem Chef OKW zugleich zu, daß die
Vorbereitungen für einen Übergang auf der breiten Basis einstweilen weiter=
liefen.
Im Anschluß an diese Mitteilungen gibt der Chef WFA in Ergänzung der
Weisung Nr. 17 noch einige Anordnungen zur Unterstützung des bevor=
stehenden Großeinsatzes der Luftwaffe gegen England durch das Heer und die
Kriegsmarine.
Das Heer solle als zusätzlichen Schutz für die Bodeneinrichtungen der
Luftwaffe in den gefährdeten Gebieten MG. Bataillone und Fla.MG.Einheiten
einsetzen, die Kriegsmarine den Seenotdienst im engeren Küstenvorfeld des
Kanals während des Großeinsatzes der Luftwaffe mit allen geeigneten Fahr=
zeugen verstärken, soweit es die Vorbereitungen für die Landung zuließen,
und der Möglichkeit, daß der Gegner den Einsatz der Luftwaffe als Vor=
bereitung einer Landung anspreche und infolgedessen mit stärkeren Seestreit=
kräften im Kanalgebiet auftrete, durch Einsatz von U=Booten und anderen
Kampf maßnahmen Rechnung tragen, soweit es die auch in dieser Zeit fort=
zuführende „Belagerung" Englands zuließe.
LIH regt noch an, den Großeinsatz der Luftwaffe zum Einschießen der an
der Kanalküste stehenden und bis England reichenden Batterien (K 5 und K 12)
auszunutzen, den Munitionseinsatz aber im Hinblick auf die Unterstützung
eines späteren Landungsunternehmens zu begrenzen. Chef WFA ist hiermit
einverstanden.
Eine entsprechende Weisung ergeht noch am gleichen Tage an die Ober=
kommandos der Wehrmachtteile (OKW/WFA/L 33199/40 g.K. Chefs, vom
5. 8. — in den Akten LIH).
8
5- August 1940
Von der Unterkommission Heer der WStK geht eine Verfügung über den
Aufbau der Kontrollorganisation des Heeres zur Überwachung der Durch=
führung des Waffenstillstandsvertrages im unbesetzten Gebiet Frankreichs
vom 30. 7. ein.
Danach ist am 1. 8. in Wiesbaden eine Heereskontrollinspektion gebildet
worden, die der WStK unmittelbar untersteht, mit der Durchführung sämt=
licher das französische Heer betreffenden Kontrollmaßnahmen im deutschen
Kontrollgebiet des unbesetzten Teiles von Frankreich beauftragt ist und der
auch die Kontrolle der personellen Demobilmachung der französischen Luft=
waffe obliegt, während die materielle Kontrolle der französischen Luftwaffe
durch die der WStK unmittelbar unterstellte Luftwaffenkontrollinspektion
ausgeübt wird.
Für die Durchführung ihrer Aufgaben sind der Heereskontrollinspektion
unterstellt:
1. die Heereskontrollkommissionen A, B und C zur Überwachung der voll=
ständigen personellen und materiellen Demobilmachung und Abrüstung des
französischen Kriegsheeres sowie zur Überprüfung des Übergangsheeres auf
Verstöße gegen die Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages;
2. die Heereskontrollkommissionen I, II und III sowie 9 Heereskontroll=
Unterkommissionen zur laufenden Überprüfung der an den Kontrollplätzen
gelagerten sowie der ausgelieferten Bestände an Waffen, Munition und Gerät
auf Richtigkeit und Vollzähligkeit gemäß den französischen Angaben. Die
Kontrollunterkommissionen sollen nach Beendigung der Lagerung und deren
Überprüfung aufgelöst, aus ihrem freiwerdenden Personal die Kontrollkom=
missionen I, II und III verstärkt werden, denen sodann die weitere Durch=
führung der Kontrolle der 9 Lagerorte und der Munitionslager in Form von
Stichproben zufällt. Bis dahin sind die Kontrollkommissionen Verbindungs=
und Durchgangsstellen zwischen der Inspektion und den Unterkommissionen,
die sie zu überwachen haben.
Die Heereskontrollinspektion hat, ebenso wie die Luftwaffen= und die
Rüstungskontrollinspektion sowie die Kontrollkommissionen A, B und C, ihren
Sitz in Bourges, die Kontrollkommissionen I, II und III liegen vom 5. 8. an in
Angouleme, Vierzon und Le Creusot, die nach ihren Standorten bezeichneten
Unterkommissionen in Limoges, Perigeux, Bergerac, St. Livrade (Kontroll=
komm. I), Issoudun, Neuvy=Pailloux (Kontrollkomm. II), Mably, Roanne und
Macon (Kontrollkomm. III).
Die Kontrollen sollen streng im Rahmen der Waffenstillstandsbedingungen
durchgeführt werden, alle Weisungen für die Durchführung durch die WStK
ergehen, der die Wehrmachtteile ihre Wünsche zu übermitteln haben. Die
Besuche bei den französischen Dienststellen, Truppenteilen und Waffen= usw.
Lagern sollen in der Regel vorher angesagt, für in dringenden Fällen erforderliche
unangesagte Besuche das vorherige Einverständnis der WStK eingeholt werden.
Zur Verbindung mit den französischen Dienststellen treten zur Kontroll=
B. Kriegstagebuch
inspektion sowie zu den Kommissionen und Unterkommissionen französische
Verbindungsoffiziere.
Die zwischen der deutschen und italienischen WStK vereinbarte Gebiets=
abgrenzung (Straße Bellegarde— Pont d'Ain=Miribel / Ostrand Lyon, Rhone bis
zur Mündung ins Mittelmeer) gilt für die Kontrollen des Heeres und der Luft=
waffe, während die Kontrollen auf dem Gebiet der Rüstungswirtschaft, des
Kriegsgefangenenwesens sowie der Zivilinternierten, Haft= und Strafgefange=
nen sich über das gesamte unbesetzte französische Gebiet erstrecken.
Vorstehende Verfügung wird mit einer Vortragsnotiz des L III (Maj. v.
Tippeiskirch) und einer am 5. 8. bei der Abt. L eingegangenen, von der WStK
eingereichten Übersicht über den bisher von den Franzosen gemeldeten Bestand
an Waffen, Munition und Gerät im unbesetzten französischen Gebiet am 6. 8.
dem Chef WFA vorgelegt.
Die WStK legt einen Entwurf für eine Anweisung an die WStK 2 , betr. Be=
handlung der Demarkationslinie und Einrichtung einer Kontrolle an den
Außengrenzen Frankreichs, vor. Der Entwurf ist gleichzeitig dem OKH,
Gen. Qu., zur Stellungnahme zugegangen (vgl. 21. und 27. 7.). Darin wird trotz
der an den französischen Außengrenzen einzurichtenden Kontrolle aus mili=
tärischen Abwehrgründen die Beibehaltung der Personenkontrolle an der
Demarkationslinie gefordert.
Randbemerkung Chef L.-
Etwas dürftig! L III soll Ihnen das einmal im vollen Zusammenhang auseinander
setzen. Beginn dieser Erwägungen liegt viel weiter zurück.
gez. W(arlimont)
Randbemerkung Min.Rat Greiner:
Ist schon eingehend am 21. und 27. 7. behandelt, bleibt hier also so.
6. August 1940
Der Entwurf der WStK für eine Anweisung an die WStK, betr. Behandlung
der Demarkationslinie und Einrichtung einer Kontrolle an den Außengrenzen
Frankreichs, wird dem Chef WFA vorgelegt, der die darin enthaltene Erklärung,
daß die Verwaltungs= und Wirtschaftseinheit Frankreichs in bestimmtem
Umfange aufrechterhalten bleiben und der französischen Regierung auf diesen
Gebieten ein Einfluß auch auf das besetzte Gebiet zugestanden werden solle,
als dem Wunsche des Führers zuwiderlaufend wegstreicht (vgl. 5. 8.).
Chef WFA übersendet ein am 4. 8. beim Chef OKW eingegangenes Schrei=
ben des OKH 1 , in dem um Zustimmung zu der Absicht des OKH gebeten wird,
die Verwaltung des zu besetzenden englischen Gebietes zwecks Ausnutzung
der Hilfskräfte des Landes für die Bedürfnisse der Truppe im wesentlichen
durch vorhandene Einrichtungen der Truppe (Kommandant des rückwärtigen
2 Hinweis auf Anl. in den Akten L III.
1 Hinweis auf Anl, Ob.d.H., GenStdH, Gen.Qu. 0183/40 g.Kdos. Chefs, v. 30. 7.
in den Akten L IV.
10
7. August 1940
Armeegebiets, FelcU und Ortskommandanturen) zu führen und die vollziehende
Gewalt den AOK's zu übertragen bei einheitlicher Steuerung durch das OKH
(GenStdH/Gen.Qu.).
ChefOKW hat hierzu den Erlaß einer kurzen Weisung angeordnet (vgl. 8.8.).
7. August 1940
Chef L beauftragt den LIH, im Hinblick auf den vom Ob.d.H. gelegentlich
seines Vortrages vor dem Führer am 31. 7. gemachten Vorschlag, die geplante
italienische Offensive gegen Ägypten durch ein deutsches Expeditionskorps zu
unterstützen, und in Anknüpfung an den von der Abt. L in ihrer „Beurteilung
der Gesamtlage" vom 30. 7. gemachten Vorschlag, den Italienern für diese
Offensive ein deutsches Panzerkorps zu überlassen, die jahreszeitlichen Be=
dingungen für einen solchen Einsatz, den Kräftebedarf und die Transport=
Verhältnisse in einer kurz gefaßten Studie zu untersuchen zwecks Vorlage
vor dem Führer im Rahmen der bei Ausfall des Unternehmens „Seelöwe"
vorzuschlagenden Maßnahmen.
Des weiteren gibt Chef L dem LIH Auftrag, in Zusammenarbeit mit LIK und
LIL auf der Grundlage des vom Chef Ausl./Abw. vorgelegten Ergebnisses der
Erkundung von Gibraltar und der vom Chef L erteilten Richtlinien eine Studie
zur Vorlage vor dem Führer anzufertigen, die sich mit den Operationsmöglich=
keiten, der Organisation der Befehlsführung, dem Kräftebedarf, den sofort zu
erteilenden Erkundungsaufträgen, der Bildung eines Arbeits= und Kommando=
Stabes und den Aufträgen für diesen zu befassen habe.
LIL, Major Frhr. v. Falkenstein, berichtet über die Durchführung des ver=
schärften Luftkrieges gegen England. Es sei beabsichtigt, durch Vorstöße der
Luftflotten 2 und 3 mit starken Jagdverbänden und je nach der Entwicklung der
Lage in wachsender Stärke einzusetzenden Kampfverbänden die englische
Luftwaffe niederzuringen. Die Angriffe sollten sich gegen die Umgebung von
London richten, ohne London selbst zu berühren, um den Gegner zu zwingen,
starke Jagdverbände einzusetzen. Für den ersten Tag sei ein genauer Plan
aufgestellt, alsdann solle je nach der Lage verfahren werden. Der Zeitpunkt
für den Beginn der Angriffe sei noch nicht festgesetzt. Maßgebend hierfür sei
die Wetterlage, die z. Z. noch ungünstig sei.
Die Erfolgsaussichten könnten durchaus günstig beurteilt werden. Eine ge=
wisse Schwierigkeit bestehe nur darin, daß der Ob.d.L. sich veranlaßt sehen
könnte, die Angriffe vorzeitig abzubrechen, wenn die eigenen Verluste während
der ersten Tage, wie zu erwarten, nicht unerheblich sein sollten und man
andererseits nur unzureichend über die Angriffserfolge und die feindlichen
Verluste unterrichtet wäre.
LIH erstattet dem Chef L Bericht über das Ergebnis der Besprechung des am
6. 8. aus Fontainebleau zurückgekehrten Hauptmanns Fett mit dem Ia der
Op.Abt. des GenStdH, Oberst Heusinger, am 3. 8.
11
B. Kriegstagebuch
Es habe sich dabei lediglich um einen Meinungsaustausch zwischen ihm
(Oberstleutnant v. Loßberg) und Oberst Heusinger über die bei der Besprechung
des Führers mit dem Ob.d.H. und dem Ob.d.M. am 31. 7. zu Tage getretenen
unterschiedlichen Auffassungen über die Durchführung des Unternehmens
„Seelöwe" gehandelt.
Hauptmann Fett habe Oberst Heusinger zunächst von der am 2. 8. aus=
gegebenen Weisung Nr. 17 und der gleichzeitig vom Chef OKW erlassenen
Verfügung, daß die operativen Vorbereitungen für das Unternehmen „See=
löwe" auf der bisher vorgesehenen breiten Basis fortzusetzen seien unterrich=
tet. Oberst Heusinger habe bereits das an den GenStdH und den Führungsstab
der Lw. gerichtete Schreiben der Ski vom 2. 8. in Händen gehabt, in dem fest=
gestellt werde, daß die Ehirchführung des Truppentransportes nur in dem
Raum in und beiderseits der Straße von Dover gewährleistet werden könne.
Zur Frage des Zeitpunktes der Landung habe Oberst Heusinger mitgeteilt,
daß nach Feststellungen der Kriegsmarine auch noch in der ersten Hälfte des
Oktobers meist gutes Wetter im Kanal herrsche. Was die Zeitdauer des Über=
setzens anbelange, so werde eine derartig lange Übersetzzeit, wie die Kriegs=
marine sie sich ausgerechnet habe, nämlich 14 Tage für 13 Inf.=, 6 Pz.= und
3 mot.Div., wobei in der Überführung infolge Feindeinwirkung und schlechten
Wetters noch eine mehrtägige Pause eintreten könne, vom OKH scharf
abgelehnt, da das ganze Unternehmen dann undurchführbar würde.
Über die Verwendung der Fallschirm= und Luftlandetruppen bestünden beim
Heere und bei der Luftwaffe verschiedene Auffassungen. Die Luftwaffe wolle
sie erst nach Bildung des Brückenkopfes als bewegliche Reserve einsetzen. Das
Heer lehne nach Mitteilung des Obersts Heusinger dies ab, stünde vielmehr
auf dem Standpunkt, daß die Fallschirmtruppen helfen müßten, den Brücken=
köpf zu bilden. Wenn die Luftwaffe nicht über genügend Fallschirmjäger ver=
füge, so sei das Heer jederzeit bereit, ihr geeignete Mannschaften zur Aus=
bildung zu überweisen. Der Idealfall wäre, wenn man über etwa 7000
Fallschirmjäger verfüge. Luftlandetruppen kämen bei der Bildung des Brücken=
kopfes wegen der hohen englischen Abwehrbereitschaft nicht in Betracht.
Größten Wert lege das OKH auf Berücksichtigung seines Wunsches, daß die
Befehlsgebung über das Verhalten in Küstennähe den Truppenbefehlshabern
vorbehalten bleibe.
Die Zeittafel des OKH habe bis 3. 8. nur die 1. Staffel des 1. Treffens auf=
marschieren lassen 1 . Für die Durchführung des Aufmarsches der 2. Staffel des
1. Treffens und des ganzen 2. Treffens benötige man etwa 12 Tage vor der
Landung einen Vorbefehl. Der Befehl für die Geräteverladung müsse 2 Tage
vor der Abfahrt ergehen, die Mannschafts Verladung einen Tag vorher erfolgen.
Hinsichtlich der Täuschungsmaßnahmen sei eine straffe Steuerung seitens
des OKW erwünscht.
1 Randbemerkung Chef L: „. . . mit 3. 8. bereitgestellt".
12
8. August 1940
Oberst Heusinger seien schließlich noch die von Maj. v. Necker eingereichten
Unterlagen über England und der Lehrfilm über die Gestaltung der englischen
Südküste übergeben worden.
Auf Grund des Entwurfs der WStK für eine Anweisung an die WStK 2 , betr.
Behandlung der Demarkationslinie und Einrichtung einer Kontrolle an den
Außengrenzen Frankreichs (vgl. 6. 8.), wird von L III unter Berücksichtigung
der vom Chef WFA in dem Entwurf der WStK vorgenommenen Streichungen
ein Befehlsentwurf aufgestellt.
Zu der von Chef L 3 am 2. 8. aufgesetzten Verfügung über „Aufbau Ost"
reicht L IV a (Hptm. Pollek) eine Vortragsnotiz ein, in der darauf hingewiesen
wird, daß nach den vorliegenden Nachrichten bei den zivilen Dienststellen
noch keine Klarheit über den neuen Führerentscheid, daß das Generalgouverne=
ment in den großdeutschen Raum eingegliedert werden solle, bestehe. Durch
die vorgesehene Verfügung des OKW würde demnach den zivilen Dienststellen
eine politische Entscheidung des Führers bekanntgegeben, die für diese weit=
gehende Folgerungen mit sich bringe. Um dies zu vermeiden, werde vor=
geschlagen, den Führerentscheid durch den Chef der Reichskanzlei oder den
Reichsminister des Innern als Zentralstelle für alle Ostfragen allgemein bekannt
geben zu lassen.
Übersicht über die kriegsbereiten deutschen Seestreitkräfte am 15. 9. 40 und
am 15. 4. 41 vgl. Anl. 7. 8.
8. August 1940
Chef L berichtet dem Chef WFA am Nachmittag über das Ergebnis des durch
Vermittlung des Hauptmanns Fett erfolgten Meinungsaustausches zwischen
dem LIH, Obstlt. v. Loßberg, und dem Ia der Op.Abt. des GenStdH, Oberst
Heusinger (vgl. 7. 8.).
Chef L weist sodann gemeinsam mit dem LIL, Maj. Frhr. v. Falkenstein,
darauf hin, daß die Luftwaffe sich auf Befehl des Reichsmarschalls noch gar
nicht mit den Vorbereitungen für das geplante Landungsunternehmen „See=
löwe" gemäß der Weisung Nr. 16 befasse, daß daher nunmehr eine straffe
Führung durch das OKW einsetzen müsse, und daß die Meinungsverschieden=
heiten des Heeres und der Kriegsmarine über die Durchführung des Unter=
nehmens auf schmaler oder breiter Basis die Luftwaffe veranlaßt hätten,
bereits wieder Luftangriffe gegen west= und südenglische Häfen zu richten.
Auch müsse der Ansatz der Fallschirmtruppen bei dem Unternehmen „See=
löwe" geklärt werden, da hierüber, wie sich aus dem Bericht des Hauptmanns
Fett ergebe, verschiedene Auffassungen beim Heere und bei der Luftwaffe
bestünden.
2 Hinweis auf Anl., OKW, WFA/L III Nr. 00611/40 gldso. v. 7. 8., in den Akten
L III.
3 Hinweis auf Anl. vom 7. 8.
13
B. Kriegstagebuch
Chef WFA erklärt, daß er sich wegen dieser Fragen unmittelbar mit dem
Chef des GenStdLw in Verbindung setzen werde.
Chef L legt dem Chef WFA gemäß der Anordnung des Chefs OKW ein
Schreiben an das OKH (Gen. Qu.) vor 1 , in welchem diesem mitgeteilt wird,
daß die vom OKH beabsichtigte Regelung der Verwaltung des zu besetzenden
Gebiets Englands der vom Führer nach der Entscheidung über die Durch=
führung des Unternehmens „Seelöwe" zu erwartenden Weisung entspreche
und daß die erforderlichen Vorarbeiten des OKH auf dieser Grundlage bereits
in Angriff genommen werden könnten (vgl. 6. 8.).
Im Anschluß hieran hält LIL dem Chef WFA Vortrag über die geplante
Durchführung des verschärften Luftkrieges gegen England und dessen Erfolgs=
aussichten (vgl. 7. 8.).
Chef L legt dem Chef WFA weiterhin den Befehlsentwurf über „Aufbau
Ost" 2 nebst einer Vortragsnotiz des L IVa (vgl. 2. und 7. 8.) vor und bittet
um Entscheidung der darin aufgeworfenen Frage der Bekanntgabe des Führer=
entscheids über das Generalgouvernement.
OKH (GenStdH Gen. Qu.) übersendet seine Stellungnahme 3 zum Entwurf
der WStK für eine Anweisung an die WStK betr. Behandlung der Demar=
kationslinie und Einrichtung einer Kontrolle an den Außengrenzen Frankreichs
(vgl. 3.8.). Darin kommt die Tendenz zum Ausdruck, an der Absperrung des
besetzten französischen Gebietes gegen das unbesetzte Gebiet soweit wie
irgend möglich festzuhalten.
Diese Tendenz des OKH wird in einer Neubearbeitung des Entwurfs einer
entsprechenden Anweisung an die WStK (vgl. 7. 8.) weitgehend berücksichtigt.
Chef L bittet den Chef Ausl. um Mitteilungen über die derzeitige russische
Wehrkraft und um Prüfung, gegen welche Punkte des britischen Weltreiches
abgesehen von Gibraltar und Ägypten aussichtsreiche Angriffe gerichtet wer=
den könnten, falls das Unternehmen „Seelöwe" auf das Frühjahr verschoben
werden sollte.
Chef WFA teilt mit, der Führer habe entschieden, daß die französische
Kriegsschiffbauindustrie nur zur Wiederinstandsetzung beschädigter deutscher
Kriegsschiffe, nicht zum Weiterbau französischer Kriegsschiffe herangezogen
werden solle.
Die deutsche Luftwaffe verfügt z. Z. über
949 einsetzbare Kampfflugzeuge
336 einsetzbare Sturzkampfflugzeuge
869 einsetzbare Jagdflugzeuge und
268 einsetzbare Zerstörerflugzeuge
insgesamt also über 2422 Flugzeuge.
1 Hinweis auf Anl., OKW, WFA/L IV ,. . . 00/40 g.K. Chefs, v. 7. 8., in den Ak»
ten LIV. 2 Vgl. Anm. 1 v. 2. 8. 1940.
3 Hinweis auf Anlage (OKH, GenStdH, Gen.Qu. lb 17382/40 v. 7. 8.) in den
Akten L III.
14
2422 Flugzeuge.
8. August 1940
Das Wehrmachtführungsamt (WFA) heißt von heute an Wehrmachtfüh=
rungsstab (WFSt).
[handschr.] :
Standort: Arbeitszug „Atlas", abgestellt auf dem Bahnhof Berlin=Grunewald.
LIL: 949 einsatzbereite Kampfflugzeuge
869 einsatzbereite Jagdflugzeuge
268 einsatzbereite Zerstörer
336 einsatzbereite Sturzkampfflugzeuge
IV: Führer=Erlasse über Ernennung der Gauleiter Wagner und Bürckel zu
Chefs der Zivilverwaltung in Elsaß=Lothringen (Luxemburg).
L III : Waffenstillstandskommission Lagebericht über französische Kolonien.
Abrüstung nicht im erwünschten Maße, liegt ausschließlich in Händen der
Italiener.
L III: Führer hat entschieden, daß französische Rüstungsindustrie nur zur
Instandsetzung von Kriegsschiffen, nicht zum Weiterbau französischer Kriegs=
schiffe herangezogen werden soll.
Ausland: französische Regierung wünscht
1. Entlassung der Gefangenen,
2. Übersiedlung der Regierung nach Paris,
3. Versorgung mit Lebensmitteln und Rohstoffen.
Interne Besprechung:
Chef L hat Chef Ausland (Kpt. Bürkner) gebeten, das gesamte englische
Weltreich nach Angriffspunkten zu überprüfen, die in Frage kommen bei
Verschiebung von „Seelöwe". Ägypten und Gibraltar auslassen.
Weitere Bitte an Chef Ausland um Unterrichtung über russische Wehrkraft.
Bemerkungen des Oberbefehlshabers des Heeres zur Demarkationslinie heute
an Chef L abgegangen. L III arbeitet Erfahrungsberichte Norwegen zur Aus=
nutzung für „Seelöwe" durch.
LIK: Kriegsschiff Übersicht September 1940/ April 1941 4 . Gegenüberstellung
der deutschen und englischen Seestreitkräfte am 1. 5. 1941. Zur Zeit 9 Zerstörer
verfügbar, 1 in der Werft. Hinzu kommen ab Oktober neue Zerstörer. Gesamt=
verlust 26 U=Boote, 55 vorhanden, im nächsten Halbjahr 73. „UA" für Türkei
gebaut, UB=„Seal", UC und UD (ehemals) norwegische Boote.
LIL: Gesamte Programme nicht ablaufbar wegen Wetter; von 4 auf 3 An=
griffe, 3. Angriff soll wegfallen, nicht 4. sehr starker. Oder 4. Angriff am
2. Tage. Befürchtung, daß Reichsmarschall vorzeitig abbricht. Noch keine
Entscheidung, wann und ob Durchführung beabsichtigt; am 2. Tage: Vorstoß
durch Jäger, Angriff durch Bomber auf Luftplätze in London etc. LIL fragen.
4 Hinweis auf Anl. Übersicht über kriegsbereite Seestreitkräfte 15. 9. 40 u. 15. 4.
41, v. 7. 8.
15
B. Kriegstagebuch
LIK: Besprechungen Chef Ski. mit Operationsabteilung (GenStdH) in Fon=
tainebleau (ist) noch im Gange.
LIL: Auf die Anordnung der Seekriegsleitung, eine Umsteuerung auf breite
Basis vorläufig nicht vorzunehmen, hat Luftwaffe Verminung der englischen
Südküste bis einschließlich Eastbourne freigegeben.
Einsatz italienischer Luftverbände gegen England. Frage geht nichts vorwärts.
Chef Wehrmacht=Führungsamt(stab) hat Chef L zugesagt, daß er auf
grundsätzliche Entscheidung des Führers über Zusammenarbeit mit Italien
dringen werde.
Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit von Heer und Kriegsmarine gegen
Luftwaffe bzgl. Seelöwe.
Befehl „Aufbau=Ost" = Tarnung für Maßnahmen gegen Ruß(land).
Luftwaffe fordert Angebot des Heeres für Aufbau Bodenorganisation.
Zusammenfassender Bericht von Wehrmachts=Propagandaamt über Wirkung
der Wehrmachtspropaganda in den Feind vom Juli 1940.
Wehrmachtsführungsamt heißt vom 8. 8. ab Wehrmachts=Führungs=Stab
(WFSt).
9. August 1940
Der Chef des Stabes der Seekriegsleitung, Admiral Schniewind, ist am 8. 8.
aus Fontainebleau zurückgekehrt, ohne daß in der am 7. 8. abends zwischen
ihm und dem Chef des GenStdH abgehaltenen Besprechung eine Einigung
über den bei dem Unternehmen „Seelöwe" zu wählenden Ubergangsraum
erzielt worden wäre.
Wie aus einer Niederschrift des Chefs der Op.Abt. der Ski., Admiral Fricke,
der der Besprechung beigewohnt hat, hervorgeht, hat der Chef des GenStdH
festgestellt, daß er die Konzentration der Landung auf den Raum Folkestone—
Beachy Head keinesfalls annehmen könne, da der Raum zu schmal und das
Gelände zu ungeeignet seien, um mit entsprechenden Kräften eine „Keiltaktik
zur Durchbrechung der stark überlegenen feindlichen Verteidigung" anwenden
zu können. Hinzu komme noch, daß nach Feststellung der Seekriegsleitung
mit einer taktischen Überraschung des Gegners wegen der Besonderheiten
der Überführung der Landungstruppen nicht gerechnet werden könne 1 .
Demgegenüber hat der Chef des Stabes der Ski. nochmals klargestellt,
daß eine Landung auf breitem Raum aus technischen und militärischen Grün=
den nicht möglich sei. Das gleiche gelte auch für eine gleichzeitige Landung
bei Deal.
Chef L stellt in einer Besprechung mit den Gruppenleitern der Gruppe I
fest, daß es angesichts dieser gegensätzlichen Auffassungen des Heeres und
der Kriegsmarine Aufgabe des OKW sei, eine Entscheidung des Führers
1 Hinweis auf Anl. 1/9. 8.
16
g. August 1940
vorzubereiten, und ordnet hierzu an, die abweichenden Ansichten der beiden
Oberkommandos mit stichwortartiger Begründung gegenüberzustellen. Hierfür
stünden Unterlagen der Kriegsmarine schon zur Verfügung, während zur
Klarstellung der Auffassung des Heeres die Rückkehr des Obersts v. Witzleben
aus Fontainebleau abgewartet werden müsse. Auf Grund dieser Unterlagen
solle dann von der Abt. L ein Vorschlag für die Entscheidung des Führers
gemacht werden, der im wesentlichen von dem auszugehen habe, was der
Führer auf die Vorträge des Ob. d.M. und Ob.d.H. am 31. 7. befohlen habe,
daß nämlich die Vorbereitungen für den Absprung und die Ausschiffung der
1. Staffel des 1. Treffens auf der bisherigen breiten Basis fortzusetzen seien
und eine etwa notwendig werdende Verkürzung der Basis erst später er=
folgen solle.
Die Prüfung des Vorschlages des OKH, das geplante italienische Vorgehen
gegen Ägypten durch deutsche Panzerkräfte zu unterstützen, führt zu einer
Vortragsnotiz für den Chef OKW und den Chef WFSt 2 , in welcher der in der
„Beurteilung der Gesamtlage" vom 30. 7. von der Abt. L gemachte Vorschlag,
bei Ausfall des Unternehmens „Seelöwe" den Italienern für ihren Angriff
gegen den Suezkanal Panzerkräfte anzubieten, erneuert und begründet wird.
Die Begründung lautet dahin, daß bis zum Frühjahr 1941 Panzerkräfte ent=
behrlich seien, die Entsendung eines Panzerkorps sich vor allem dann lohnen
werde, wenn gleichzeitig ein Unternehmen gegen Gibraltar vorbereitet werde,
da dann begründete Aussicht bestehe, die englische Stellung im Mittelmeer
in den Wintermonaten zu Fall zu bringen, daß weiterhin die klimatischen
und Gelände= Verhältnisse in dem schmalen Küstenstreifen Libyens und Ägyp=
tens für schnelle Verbände günstig seien, letztere aber den Italienern zur
Ausnutzung von Anfangserfolgen fehlten, und daß die Engländer auf diesem
Kriegsschauplatz voraussichtlich an Panzern überlegen seien. Eine baldige
Entschlußfassung hierüber sei erwünscht, da die erforderliche Umstellung
von Personal und Material auf afrikanische Verhältnisse, die Einrichtung einer
Versorgungsbasis in Afrika und die Bereitstellung von Schiffsraum in Süd=
italien zur Überführung der Panzerkräfte nach Libyen Zeit in Anspruch nehme.
Der Vortragsnotiz wird ein Schreiben an die Oberkommandos des Heeres
und der Kriegsmarine beigelegt 3 , in dem diese gebeten werden, sich über die
Operationsverhältnisse im ägyptischen Küstenstreifen, die Sicherung der Be=
vörratung und Versorgung etwa eines Panzerkorps, die Dauer der Umstellung
der Truppe und des Geräts auf die neue Verwendung, die Dauer des An=
transports bis zu den süditalienischen Häfen, die Überführungsmöglichkeiten
von dort nach Libyen und darüber zu äußern, ob bei Abgabe eines Panzerkorps
die vorgesehenen Neuaufstellungen an Panzerverbänden durchgeführt werden
könnten.
2 Anlage in den Akten LIH.
3 Hinweis auf Anlage, OKW, WFSt 33217/40 g.K. Chefs., in den Akten LIH. Ab=
gegangen am ... 8. 1940.
17
B. Kriegstagebuch
Auf der Grundlage des Ergebnisses der Erkundung Gibraltars durch den
Erkundungsstab des Admirals Canaris 4 werden von der Abt. L studienartig
die Operationsmöglichkeiten gegen Gibraltar untersucht und dabei auch die
politischen Voraussetzungen Spanien gegenüber geprüft. Das Ergebnis wird
in großen Zügen in einer Vortragsnotiz für den Chef OKW und den Chef
WFSt niedergelegt, in der für den Fall, daß das Unternehmen „Seelöwe" in
diesem Herbst nicht mehr zur Durchführung kommen sollte, die Wegnahme
Gibraltars, und nicht nur die Zerstörung des Hafens und Vertreibung der
englischen Flotte, vorgeschlagen wird. Das Unternehmen wäre in vier Zeit=
abschnitten durchzuführen :
i. Bindende Abmachungen mit General Franco dahingehend, daß Spanien
unter völlig getarnter deutscher Beteiligung die Abwehr eines englischen
Vorstoßes oder einer englischen Landung in der Gibraltarzone sicherstelle;
2. Überraschender Angriff starker deutscher Luftverbände von Bordeaux aus
auf die englische Flotte im Hafen von Gibraltar, gleichzeitig Überführung
von Stukas und Küstenbatterien nach Spanien;
3. Zerstörung des Hafens und Vertreibung der englischen Flotte durch Stukas
und Küstenbatterien;
4. Wegnahme des Felsens durch Angriff von der Land= und möglichst auch
Seeseite her; hierbei wäre spanischer Oberbefehl uneingeschränkt anzu=
erkennen, durch die Persönlichkeit des deutschen Befehlshabers aber sicher=
zustellen, daß die Führung der Operationen praktisch in deutscher Hand liege.
Die weitere Bearbeitung der Operation gegen Gibraltar komme erst dann
in Betracht, wenn über ihr Ziel und ihre Anlage auf Grund der Untersuchung
der Abt. L Entscheidung getroffen sei. Die erste weitere Maßnahme müsse
dann sein, einen verantwortlichen Führer zu bestimmen und ihn mit der
Leitung der Vorbereitungen zu beauftragen.
Chef WFSt sendet den Befehlsentwurf über „Aufbau Ost" und die Vor=
tragsnotiz des L IVa (vgl. 8. 8.) mit dem Bemerken zurück, der Führer wünsche,
daß als Begründung für die im Osten vorgesehenen Maßnahmen nur der
Luftkrieg im Westen angeführt werde, um den Schwierigkeiten, wie sie in der
vorgelegten Vortragsnotiz bzgl. der Bekanntgabe der politischen Entscheidung
des Führers an die zivilen Dienststellen dargelegt worden seien, aus dem
Wege zu gehen.
Der Befehlsentwurf wird dementsprechend abgeändert 5 , alsdann vom Chef
OKW unterzeichnet und an die Wehrmachtteile, die Dienststellen des OKW,
die Obersten Reichsbehörden und den Generalgouverneur ausgegeben.
Die WStK teilt zur Frage der Einrichtung einer deutschen Kontrolle an den
französischen Außengrenzen mit 6 , daß das Auswärtige Amt auf Weisung des
Reichsaußenministers bereits mit der italienischen Regierung wegen der Kon=
trolle des Kapital= und Warenverkehrs an den französischen Außengrenzen
4 Hinweis auf Anl., Abt. L Nr. 33216/40 g.K. Chefs, v. 9. 8. in den Akten LIH.
18
g. August 1940
in Verbindung getreten sei und daß die italienische Regierung am 3. 8. sich
zustimmend zu diesem Vorschlag geäußert habe. Sie wünsche alsbald mit der
deutschen Regierung in einen Gedankenaustausch hierüber einzutreten und
sei bereit, außer der Kontrolle an der französisch=italienischen Grenze auch
die Kontrolle in den französischen Mittelmeerhäfen zu übernehmen (vgl. 8. 8.).
Demgegenüber lege der Chef Ausl./Abw. auf die Einschaltung Deutschlands
in die Kontrolle an der französischen Mittelmeerküste besonderen Wert,
da hier die besten Möglichkeiten für den Personen= und Nachrichtenverkehr
nach Nordafrika und von dort in das nichtfranzösische Ausland bestünden.
Die WStK beabsichtige daher, die französische Mittelmeerküste unter eine
gemischte deutsch=italienische Kontrolle zu stellen und bitte auf das Auswärtige
Amt einzuwirken, daß es die Abgrenzung der Kontrollbereiche mit den
Italienern im Einvernehmen mit der WStK nach deren Wünschen vornehme.
Im übrigen sei die baldige Herausgabe der am 5. 8. von der WStK vorgelegten
Richtlinien erwünscht, damit die Arbeit der verschiedenen Ressorts in eine
Richtung gebracht werde.
Chef L unterrichtet den Chef Ausl. von diesen Wünschen der WStK zwecks
Einwirkung auf das Auswärtige Amt.
Chef Ausl. teilt später mit, daß auch das Auswärtige Amt beabsichtige,
bei den Verhandlungen mit den Italienern über die Abgrenzung der Kontroll=
bereiche auf Einsetzung von gemischten deutsch=italienischen Kontrollkom=
missionen an der Mittelmeerküste zu dringen.
[handschr.] :
Im Juli in England infolge der deutschen Luftangriffe 258 Tote und 321
Schwerverletzte unter der englischen Zivilbevölkerung.
Entscheidung des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht über Aus=
nutzung der französischen Rüstungsindustrie für Instandsetzung und Weiter=
bau von Beutewaffen und =gerät.
Chef L (hat) gestern mit Chef Wehrmachts=Führungs=Amt gesprochen über
Unterstützung durch italienische Kriegsmarine und Luftwaffe; italienische
U=Boote Unterstellungsverhältnis so, wie Ob.d.M. es haben will. Schriftliche
Zusammenfassung durch LIK und LIL: Panzerangebot Libyen LIH.
General von Greiffenberg gibt fernmündlich seiner Erschütterung über
Täuschungsmaßnahmen Ausdruck.
Chef Wehrmachts=Führungs=Amt(stab) bittet um nähere Nachricht über
angebliche russische Truppenzusammenziehungen an finnischer Grenze. Führer
gestern zum Berghof, allein, bis Anlauf des Luftkrieges. Admiral Schniewind
(ist) gestern aus Fontainebleau abgereist, ohne daß (eine) Einigung über
Landungsbasis erreicht worden ist.
5 Hinweis auf Anl.
6 Hinweis auf Anl., WFSt K. Chefgruppe 23/40 g. v. 6. 8., in den Akten L III.
19
B. Kriegstagebuch
10. August 1940
Chef L erörtert mit den Gruppenleitern der Gruppe I und mit L III, Major
v. Tippeiskirch, die Frage der Organisation des Nachschubs und der Nach=
Schubtransporte bei Durchführung des Unternehmens „Seelöwe", insbesondere
die Frage, ob hierfür eine besondere Organisation aufgezogen werden muß.
Es kommen drei Lösungen in Frage:
i. Der gesamte Nachschub und die Nachschubtransporte werden zentral von
einer für diesen Zweck zu bildenden Wehrmacht=Transport= und Nachschub=
Abteilung gesteuert, die über die Dringlichkeit der Nachschubgüter und die
Reihenfolge der Nachschubtransporte zur See und auf dem Luftwege ent=
scheidet.
2. Der Nachschub und die Nachschubtransporte für die einzelnen Wehrmacht=
teile werden von den Wehrmachtteilen selbständig geregelt, wobei jedem
Wehrmachtteil die erforderlichen Transportmittel zur Verfügung gestellt
und bestimmte Häfen zugewiesen werden müßten.
3. Die Wehrmachtteile melden die Seetransporte bei der Kriegsmarine, die
Lufttransporte bei der Luftwaffe an, diese entscheiden über die Reihenfolge
der Transporte.
Chef L entscheidet sich dafür, daß keine neue Organisation geschaffen
werden sollte, die Wehrmachtteile vielmehr nach dem Grundsatz der Dezen=
tralisation ihren Nachschub selbständig regeln sollten, die einheitliche Steuerung
der Transporte aber, soweit erforderlich, durch den Wehrmachttransportchef
zu erfolgen hätte.
Chef L macht dem Chef WFSt bei seinem Vortrag am Nachmittag einen
dementsprechenden Vorschlag. Chef WFSt stimmt dem Grundsatz der Dezen=
tralisation zu, hält es aber für erforderlich, daß die bei dem Landungsunter=
nehmen einzusetzenden Armeen mit der selbständigen Regelung ihres Nach=
schubs und ihrer Nachschubtransporte, auch für die in ihrem Bereich eingesetzten
Teile der Luftwaffe, betraut werden. Dementsprechend müßten die Seetrans=
portdienststellen der Kriegsmarine mit den Armeen gekoppelt und mit Ver=
bindungsoffizieren des Heeres und der Luftwaffe durchsetzt werden.
L III nimmt auf dieser Grundlage am 12. 8. die Verbindung mit der Kriegs=
marine auf und bereitet einen entsprechenden Befehl vor.
Chef L legt dem Chef WFSt außerdem die Vortragsnotizen über die Unter=
Stützung des geplanten italienischen Vorgehens gegen Ägypten durch ein
deutsches Panzerkorps und über die Operationsmöglichkeiten gegen Gibraltar
(vgl. 7. und 9. 8.), ferner den Entwurf der Richtlinien für die Behandlung
der Demarkationslinie und deren Auflockerung im Zuge der Bewachung der
Außengrenzen Frankreichs sowie einen von L II aufgesetzten Entwurf neuer
Richtlinien für die Bekämpfung von Fallschirmjägern und Luftlandetruppen
vor. Letzterer wird vom Chef OKW unterzeichnet.
io. August 1940
Randbemerkungen Chef L:
Diese Dinge stellen (ausnahmsweise!) eigene Gedankenarbeit der L dar und
müssen auch dementsprechend hier behandelt werden. Dafür können viele andere
Begebenheiten in kürzerem Verfahren (Hinweis auf Anl.) behandelt werden.
gez. W(arlimont)
Bemerkungen Min.Rat Greiner:
Am 7. und 9. 8. eingehend behandelt, worauf oben auch hingewiesen wird.
[handschr.] :
17. 6. — 17. 7. in England 336 Tote, 476 Verletzte unter der Zivilbevöl=
kerung. LIL.
Ausland: Rumänisch=Bulgarische Verhandlungen über Abtretung der Süd=
dobrudscha werden zu Vereinbarung führen; rumänisch=ungarische Verhand=
lungen sind noch nicht so weit. Zwischen Rußland und Finnland anscheinend
wieder ernste Spannungen.
WiRü: Kriegswirtschaftlicher Lagebericht für Juli 1940. Nur noch 2 Dring=
lichkeitsstufen. Der vom Führer befohlene Anlauf der Konsumgüterindustrie
ist noch nicht möglich. Kriegsrüstung steht noch im Vordergrund. 6o=Stunden=
Woche wird Leistungsminderung nach sich ziehen. Transportlage im ganzen
befriedigend, aber nicht hinsichtlich Versorgung mit Industrie =und Hausbrand=
kohle.
Im (Gen.) Gouvernement Polen Versorgungslage sehr schwierig, Wirtschafte
läge erschwert durch fortgesetzte Umsiedlungen.
Interne Besprechung:
LIV: Elsaß=Lothringen=Frage.
LIL: Gestern wegen Wetterlage verschoben; heutige Entscheidung noch
nicht bekannt.
L ///: Transport und Nachschub. Organisation „Seelöwe".
Muß Sonderorganisation aufgezogen werden?
Wehrmachtsteile melden Seetransporte bei Marine an, diese bestimmt
Reihenfolge, ebenso bei Lufttransport Vorschlag Wehrmacht=Zentralstelle
(Einteilung Lufttransportraum in takt. und Nachschub) ; Wehrmacht Transport=
und Nachschub=Abteilung entscheidet über Reihenfolge, Dringlichkeitsliste,
Lösung Nr. 1 Dezentralisation, Verantwortung der Oberbefehlshaber der
Wehrmachtsteile. Lösung Nr. 2 Zentralisation. Lösung Nr. 3 laisser faire.
Vorschlag Chef L: Keine neue Organisation.
Betreuung des Wehrmachttransportchefs, General Gercke, mit dieser Aufgabe.
11. 8. keine Lagebesprechung.
21
B. Kriegstagebuch
12. August 1940
Der Chef der Abw.Abt. I, Oberst Piekenbrock, sucht im Auftrage des Chefs
des Amtes Ausl./Abw. mittags den Chef L auf und kündigt ihm die Absicht
des Admirals Canaris an, die Erkundung gegen Gibraltar fortzusetzen 1 . Er
bittet um Zustimmung hierzu und um Angabe besonders wichtiger Erkun=
dungsgebiete.
Chef L weist darauf hin, daß es hierfür nur einen leitenden Gesichtspunkt
geben dürfe, nämlich auf keinen Fall die Aufmerksamkeit der Engländer auf
die eigenen Angriffsvorbereitungen zu lenken, ehe genügende Sicherheit gegen
die dann bestimmt zu erwartenden englischen Versuche, die Verteidigung
Gibraltars nach Norden und Westen vorzuschieben, gegeben sei. Andererseits
sei es selbstverständlich erwünscht, das Feindbild, und zwar auch hinsichtlich
des Verhaltens des Gegners zu ergänzen und die Grundlagen für den eigenen
Aufmarsch, soweit es in diesem Rahmen möglich sei, zu verbessern. Erktmdet
werden müßten in erster Linie das Wegenetz, das Festpunktnetz, die Instand=
haltung der Flugplätze und ähnliches 2 .
Der VO des OKH bei der Ski, Oberst v. Witzleben, sucht den Chef L nach=
mittags im Zug „Atlas" auf und überreicht ihm ein Schreiben des Ob.d.H.
an den Chef OKW 3 , in welchem die einander entgegenstehenden Auffassungen
des OKH und des OKM über die Durchführung des Unternehmens „Seelöwe"
noch einmal eingehend dargelegt werden und gebeten wird, die maßgebende
Stellungnahme der Wehrmachtführung bald ergehen zu lassen.
Das OKH lehnt darin den Standpunkt des OKM, daß eine Landungs=
Operation nur in dem durch die Linien Dünkirchen— Folkestone und Boulogne—
Beachy Head begrenzten Gebiet durchführbar sei, aus folgenden Gründen ab:
Die gelandeten Truppen würden auf stark überlegene feindliche Kräfte stoßen,
das von zahllosen Wasseradern durchzogene Marschgelände des Küstenbereichs
sei für die eigenen Waffen, besonders für die schnellen Verbände, außerordent=
lieh ungünstig, für die feindliche Abwehr ideal, die die gesamte Landungsfront
halbkreisförmig umgebenden Höhen böten dem Gegner günstige Stellungen,
die lange Dauer des Übersetzens — 6 Tage für die 6 Landungsdivisionen des
l. Treffens einschließlich gewisser Heerestruppen, weitere y Tage für weitere
6 Divisionen mit Heerestruppen und Flakverbänden — gebe ihm die Mög=
lichkeit, eine so starke Verteidigungsfront aufzubauen, daß die Aussicht, sie
schnell zu durchbrechen, nicht mehr gegeben erscheine, womit ein wesentlicher
Faktor für einen raschen Erfolg in England entfalle.
Demgegenüber fordert das OKH, daß auch von Le Havre aus gleichzeitig
eine Landung bei und westlich Brighton durchgeführt werde, wo das Gelände
i Vgl. Einzelheiten bei: Detwiler, D.S., Hitler, Franco und Gibraltar. Die Frage
des spanischen Eintritts in den Zweiten Weltkrieg, Wiesbaden 1962, S. 27 ff.
2 Randbemerkung Chef L: „Nein" R.
3 Hinweis auf Anlage.
12. August 1940
für den Ansatz schneller Verbände besonders geeignet sei, daß weiterhin
frühzeitig bei Deal gelandet werde, was für die rasche Gewinnung der Höhen
nördlich Dover notwendig sei, und daß innerhalb von 4 Tagen die ersten
Treffen von insgesamt 10 Divisionen mit den entsprechenden Zuteilungen
an der englischen Küste zwischen Ramsgate und westlich Brighton an Land
gesetzt würden, da nur dann Aussicht vorhanden sei, frühzeitig das erste
Operationsziel (Themse=Mündung— Southampton) zu erreichen, wenn auf die=
ser breiten Front gleichzeitig genügend starke und ausreichend schnell genährte
Kräfte angesetzt würden.
Bei der anschließenden Erörterung betont Oberst v. Witzleben, daß in der
Besprechung des Chefs des GenStdH mit dem Chef des Stabes der Ski. in
Fontainebleau am 7. 8. (vgl. 9. 8.) irgendein Ansatzpunkt zur Überbrückung
der Meinungsverschiedenheiten nicht zu Tage getreten sei. Beide Ober=
kommandos hielten nunmehr eine Entscheidung des Führers für erforderlich.
Zeit dürfe nicht mehr verloren gehen.
Bei den vom Chef L mit dem LIH und dem LIK in Gegenwart des Oberst
v. Witzleben weiterhin angestellten Erhebungen scheint sich insofern eine
Möglichkeit für eine teilweise Befriedigung der Forderungen des Heeres zu
ergeben, als geprüft werden müßte, ob die Landung einer hinreichend starken
gemischten Kampfgruppe lediglich aus kleinen Motorbooten und aus der Luft
in der Bucht von Brighton durchführbar wäre. Nach Ansicht des Obersts
v. Witzleben müßten diese Kräfte wenigstens 4 verstärkte Regimentsgruppen
umfassen. Für diesen Zweck seien etwa 500 Motorboote mit einem Fassungs=
vermögen von je 6—20 Mann mit leichten Inf.=Waffen verfügbar.
Chef L übermittelt dem Chef WFSt um 16.00 Uhr fernmündlich diesen Vor=
schlag und kündigt entsprechende schriftliche Unterlagen an. Er weist hierbei
besonders darauf hin, daß vor Übermittlung dieser Unterlagen ein Vortrag
des Ob.d.M. beim Führer über die Stellungnahme der Ski. zu diesem Vorschlag
keinen Erfolg verspreche 4 .
Eine von der Abt. L verfertigte Gegenüberstellung 5 der gegensätzlichen Auf=
fassungen des OKH und des OKM über die Frage der Breitenausdehnung bei
der Landungsoperation wird dem Chef WFSt noch am gleichen Abend als
Unterlage für die Entscheidung des Führers eingereicht (vgl. 13. 8.).
In der Frage der Unterstützung der Kriegführung gegen England 6 durch
italienische See= und Luftstreitkräfte (vgl. Vortrag des Ob.d.M. beim Führer am
25. 7.) hat der Führer sein Einverständnis dazu erteilt, daß die italienische
Wehrmacht mit U=Booten an der deutschen Seekriegführung im Atlantik und
4 Randbemerkung: Chef L: „nein". R.
5 Hinweis auf Anl. 12. 8.
6 Randbemerkung: R.
23
B. Kriegstagebuch
mit Verbänden der Luftwaffe am Luftkrieg gegen das englische Mutterland
teilnimmt.
Der Führer hat weiterhin den hierzu vorliegenden, nachstehend aufgeführten
Absichten des Ob.d.M. und Ob.d.L. zugestimmt:
Die einheitliche Ausrichtung des gemeinsamen U=Boot=Einsatzes im Atlantik
soll durch einen deutschen Verbindungsstab beim Führer der italienischen
U=Boote sichergestellt, als Stützpunkt den Italienern ein geeigneter Hafen an
der südfranzösischen Atlantikküste überlassen werden. Dessen Versorgung
sowie der Nachschub für die italienischen U=Boote soll Sache der Italiener, der
Flakschutz Sache des Ob.d.L. sein.
Die am Luftkrieg gegen das englische Mutterland teilnehmenden italienischen
Verbände sollen in einer auch bodenmäßig möglichst selbständigen Division
zusammengefaßt werden.
Eine entsprechende Verfügung des Chefs OKW ergeht am 12.8. an die Ober*
befehlshaber der Wehrmachtteile.
Kampf= und Stuka= Verbände der Lfl. 3 und 2 griffen am 11. 8. unter starkem
Zerstörer* und Jagdschutz die Hafenanlagen von Portland und Weymouth
sowie mehrere Geleitzüge vor der englischen Süd= und Ostküste an. Hierbei
kam es am Nachmittag über dem Kanal zu einer Reihe von Luftkämpfen mit
feindlichen Jägern, in deren Verlauf dem Gegner schwere Verluste zugefügt
wurden. In der Nacht vom 11./12. 8. wurden u. a. die Hafenanlagen von Bristol,
Cardiff und Middlesborough angegriffen. Eingesetzt waren insgesamt 230
Kampf= und 620 Zerstörer* und Jagdflugzeuge. Die feindlichen Verluste
belaufen sich auf 90 Flugzeuge und 8 Sperrballone, die eigenen auf 28 Flugzeuge.
Gegen 17.00 Uhr teilt der Führungsstab der Luftwaffe mit, daß der Ob.d.L.
sich entschlossen habe, am 13. 8. mit dem verstärkten Luftkrieg gegen England
zu beginnen, da die Wetteraussichten für die nächsten Tage günstig seien.
(Der Ob.d.L. hat dem Führer am 11. 8. gemeldet, er beabsichtige mit dem
verschärften Luftkrieg gegen England zu beginnen, sobald 3 Tage günstiges
Wetter in Aussicht stünden. Der Führer hat sich hiermit einverstanden erklärt.)
Nach Mitteilung des OKH hat der Reichsführer SS dem Ob.d.H. gegenüber
geäußert, der Führer habe die Erweiterung der Leibstandarte zu einer starken
Brigade befohlen. Eine Rückfrage ergibt, daß Oberst Schmundt diese An=
gelegenheit beim Führer zur Sprache gebracht hat und von ihm beauftragt wor=
den ist, seinerseits einen Vorschlag für die Erweiterung der Leibstandarte zu
machen. Der daraufhin von Oberst Schmundt vorgelegte Befehl, der die
Verstärkung der Leibstandarte auf 5 Batl. und 1 Artl.Rgt. (dabei 1 lei. und
1 schw.Flakbattr.) vorsieht, ist vom Führer vollzogen worden.
Wie aus der Reichskanzlei mitgeteilt wird, hat der Führer darauf verzichtet,
auf der von WStK am 16. 7. der französischen Abordnung übergebenen
Forderung auf Errichtung deutscher Flugstützpunkte in Nordafrika (vgl. 21. 7.)
zu bestehen, um den Engländern keinen Vorwand zur Besetzung des fran=
zösischen Kriegshafens Dakar (Französisch West=Afrika) zu liefern. Von einer
24
12. August 1940
Beantwortung des Schreibens des Marschalls Petain vom 17. 7. hat der Führer
abgesehen 7 .
Chef OKW unterzeichnet nach Zustimmung des Führers die Richtlinien über
die künftige Behandlung der Demarkationslinie und deren Auflockerung im
Zuge der Überwachung der Außengrenzen Frankreichs (vgl. 10. 8.).
[handschr.]:
Am 11. 8. erfolgreicher Angriff der Luftflotte 3, eingesetzt 230 Kampf= und
620 Jagd=Flugzeuge. Aus eigener Initiative des Generalfeldmarschalls Sperrle
entstanden. Günstige Wetteraussichten, daher Befehl zum Großangriff zu
erwarten.
L IV: Botschafter Abetz, Auftrag etc. Oberster Vertreter des Reiches nach
außen hin bleibt der Chef der Militärverwaltung.
Ausländische Entwicklung der Lage in Sowjet=Rußland. Keine weiteren
Nachrichten über Verstärkung der russischen Truppen an iranischer und
türkischer Grenze. Türkei bemüht sich, Beziehungen zu Rußland zu (ver)=
bessern. In Finnland Gesellschaft zur Vertiefung des Friedens und der Freund=
schaft zu Rußland. Wird angeblich von finnischer Regierung bedrängt. Jugo=
slawischer Gesandter (in) Moskau 8 hat gemeldet, daß Molotow finnischen
Gesandten 9 zur Rede gestellt habe. Ganze Reihe von Botschafts=, Attache=,
V.=Mann=Nachrichten über Verstärkung der an finnischer Grenze stehenden
15 russischen Divisionen durch Panzer=Einheiten. Ab 15. 8. Alarm dieser Trup=
pen zu erwarten.
Besorgnisse der Engländer über Lage im Mittelmeer und in Afrika. Größter
Wert gelegt auf Beherrschung des westlichen Mittelmeers.
General von Bötticher meldet, vor Mitte 1941 keine Verwendung der
amerikanischen Wehrmacht außerhalb Heimat möglich. In China nur noch
amerikanische Streitkräfte, etwa 1500 Mann. Japan hat Seestreitkräfte und
Truppen im Golf von Tonkin zusammengezogen. Petain hat Widerstand bei
japanischer Landung befohlen. Chinesen ziehen Kräfte an indochinesischer
Grenze zusammen.
WiRüAmt: Im besetzten Frankreich 3 Verpflegungserfassungsstäbe ein=
gesetzt.
Interne Besprechung:
LIK: Unterstützung Italien, Zusammenfassung. Führer hat Brief an Petain
wegen Casablanca nicht fertig geschrieben, wegen Absichten der Engländer auf
Dakar. Oberst von Witzleben heute nachmittag bei Chef.
7 Vgl. Einführung.
8 Milan Gavrilovic.
9 P. J. Hynninen.
25
B. Kriegstagebuch
13. August 1940
Die Kampfverbände der Luftwaffe griffen am 12.8. und in der Nacht zum 13.
die Hafenanlagen von Portsmouth, Ramsgate, Middlesborough, Newcastle und
Shields, ferner Industrieanlagen, Funkstationen, Flugplätze und Seeziele erfolg=
reich an. Es waren insgesamt 300 Kampf= und 1160 Zerstörer= und Jagd=
flugzeuge eingesetzt. Die feindlichen Verluste belaufen sich auf 86, die eigenen
auf 25 Flugzeuge.
Nach Meldung des Führungsstabes der Luftwaffe hat die Lfl. 3 heute morgen
um 7.00 Uhr in der Gegend nördlich Portsmouth angegriffen. Der gleichzeitige
Angriff der Lfl. 2 mußte wegen der Wetterlage abgebrochen werden. Die Ent=
Scheidung über weitere Angriffe der beiden Luftflotten hat der Reichsmarschall
sich bis 14.00 Uhr vorbehalten.
Der Führer kehrt gegen Mittag vom Berghof nach Berlin zurück. Um
17.30 Uhr empfängt er den Ob. d.M. mit dem Chef des Stabes der Ski. zum
Vortrag, dem der Chef OKW, der Chef WFSt und Freg.Kpt. v. Puttkamer bei=
wohnen 1 .
Der Ob. d.M. bittet hierbei um baldige Entscheidung, ob das Unternehmen
„Seelöwe" auf breiter oder schmaler Basis durchgeführt werden solle, da die
Vorbereitungen sonst in Verzug kämen. Zu der von Oberst v. Witzleben über=
brachten Denkschrift des Ob.d.H. vom 10. 8. (vgl. 12. 8.) nimmt er folgendem
maßen Stellung:
Die Ski. erkenne die Notwendigkeit der Forderungen des OKH durchaus an,
sehe ihrerseits aber keine Möglichkeit, ihnen zu entsprechen. Eine gleichzeitige
Landung in der Bucht von Brighton und bei Deal sei undurchführbar, die
Erfolgsaussichten schon bei der ersten Landung, erst recht aber bei der Nach=
führung von Kräften seien so gering, daß eine Durchführung unverantwortlich
wäre. Weitere Transportmittel über die am 2. 8. mitgeteilten Zahlen hinaus,
ließen sich weder bereitstellen noch in den Absprunghäfen unterbringen. Damit
sei die vom OKH gestellte Forderung auf Landung von insgesamt 10 Divi=
sionen mit den entsprechenden Zuteilungen an der Küste zwischen Ramsgate
und westlich Brighton unerfüllbar. Eine schnellere Nachführung weiterer Kräfte
und des Nachschubs sei aus den gleichen Gründen unmöglich. Zusätzlicher
Schiffsraum für eine Landung in der Lyme=Bucht stünde angesichts dieser
Forderungen des Heeres noch viel weniger zur Verfügung.
Zusammenfassend sei zu sagen, daß die Durchführung des Unternehmens
„Seelöwe", wie vom OKM schon wiederholt betont worden sei, bei der
Beschränktheit der zur Verfügung stehenden Seekriegs= und Transportmittel
nur die ultima ratio sein könne, wenn England anders keinesfalls friedens=
bereit zu machen sei.
1 Hinweis auf Niederschrift des OKM . . ./40 g.K. Chefs, in den Akten LIK.
26
13. August 1940
Der Führer stimmt dieser Auffassung durchaus zu. Ein Mißlingen des
Landungsunternehmens würde den Engländern einen großen Prestigegewinn
bringen. Es bleibe abzuwarten, welche Wirkung der verschärfte Luftkrieg
haben werde. Er (der Führer) werde die Entscheidung nach Rücksprache mit
dem Ob.d.H. am 14. 8. treffen.
Der Führer kommt sodann auf die sich neuerdings zuspitzenden Beziehungen
zwischen Finnland und Sowjetrußland zu sprechen. Er wünscht im Hinblick
darauf einen stärkeren Ausbau des nordnorwegischen Raumes, insbesondere
die stärkere Befestigung der dortigen Fjorde, hauptsächlich an den Straßen=
überquerungen, so daß sowjetrussische Angriffe dort aussichtslos sein würden
und eine Basis für die Besetzung von Petsamo geschaffen würde. In diesem
Zusammenhang solle die Einsetzung eines Marinebefehlshabers in diesem
Gebiet erwogen werden.
Der Ob. d.M. beantragt schließlich noch die vordringliche Fertigung von
U=Boot=Torpedos und Torpedorohren vor der übrigen Fertigung der 1. Dring=
lichkeitsstufe, da der U=Boot=Krieg sonst vom Oktober an in Frage gestellt sei.
Begründet sei dieser Antrag durch den starken Mehrverbrauch von Torpedos
infolge Benutzung des französischen Kriegshafens Lorient als Stützpunkt und
durch das Zurückbleiben der Rohrfabrikation hinter der Planung infolge Nicht=
erfüllung der Forderungen auf Gestellung der notwendigen Arbeitskräfte trotz
aller Bemühungen des Reichsarbeitsministeriums.
Der Führer erkennt diese Forderung als berechtigt an und beauftragt den
Chef OKW, diese Frage zu regeln.
Die Abt. L reicht dem Chef WFSt abends ihren am 12. 8. um 16.00 Uhr fern=
mündlich angekündigten Vorschlag für eine Landung bei Brighton ein.
Darin wird, unter Anerkennung des Standpunktes der Kriegsmarine, daß
die breite Kanalstelle bei Brighton gegen die englische Flotte nicht geschützt
werden könne und daß die Atlantik=Dünung den Anmarsch beladener Prähme
verhindere, vorgeschlagen, zwei Regimentsgruppen zu je 2100 Mann (3 Batl.
V2 13. und V2 14. Kp., je 1 Nachr.=, Pi.= u. Radf.Zug) in 500 Motorbooten mit
einem Fassungsvermögen von je 10 Mann mit 10 Lasten nach der Bucht von
Brighton zu überführen und gleichzeitig zwei Regimentsgruppen (etwa 5000
Mann der 7. Flieg.Div.) über den südlichen Downs abspringen zu lassen mit
dem Auftrage, an deren nördlichen Steilabfällen gegen englische Reserven zu
sichern und die Landung der Motorboote von der Landseite her zu unter=
stützen. Artillerie und weitere Verstärkungen sowie der Nachschub müßten
auf dem Luftwege nachgeführt werden, sobald ein genügend großer Brücken=
köpf gewonnen sei.
Aufgabe der Luftwaffe würde es sein, anfangs die Artillerie zu ersetzen und
über die Linie Southampton— London anmarschierende englische Kräfte zu
zerschlagen. Eine besondere Wirkung verspreche in diesem Zusammenhang ein
rücksichtsloser Luftangriff auf London, möglichst am Vortage der Landung, da
er sicherlich ein Herausströmen zahlloser Einwohner aus der Stadt nach allen
27
B. Kriegstagebuch
Seiten, damit eine Verstopfung der Straßen und darüber hinaus eine Demo=
ralisation der Bevölkerung zur Folge haben werde.
Die WStK hat am 12. 8. abends gemeldet, daß die Kontrollkommissionen
ihre Tätigkeit im unbesetzten Gebiet Frankreichs aufgenommen hätten und
daß die Demobilmachung der französischen Truppen im Mutterland im wesent=
liehen abgeschlossen sei; insgesamt seien 1 560000 Mann demobilisiert worden.
Nach einem von der Abt.Ausl. am 11. 8. übermittelten Bericht des Militär=
attaches in Rom 2 vom 7. 8. über seine am gleichen Tage abgehaltene Be=
sprechung mit Marschall Badoglio hat letzterer erklärt, er nehme an, daß die
Franzosen in ihren Kolonien, insbesondere in Nordafrika, sich die Möglichkeit
des Widerstandes wahren wollten, falls der Krieg gegen England nicht schnelle
Erfolge zeitigen sollte, und er sei überzeugt, daß die Franzosen viele Waffen
und Flugzeuge in Nordafrika verbergen würden. Der Duce habe vor 14 Tagen
erklärt, daß er die Wirkung der den Franzosen nach dem Zwischenfall von
Oran für ihre Demobilmachung gewährten Erleichterungen 4 Wochen abwarten
wolle. Falls die Lage bis dahin nicht geklärt sei, so werde der Duce die rest=
lose Durchführung der Demobilmachung in Nordafrika verlangen. Wenn
Deutschland auf der Einrichtung von Flugstützpunkten bei Casablanca be=
stehen würde, so würde auch Italien für sich Flugstützpunkte bei Oran fordern,
um von dort aus Gibraltar angreifen zu können. Auch die Lage in Syrien sei
noch durchaus unklar, wie in allen anderen französischen Kolonien. Falls
deutscherseits ein schärferes Vorgehen gegen Frankreich gewünscht würde,
so wäre Italien hierzu bereit.
Auf Anfrage des L III (Maj. v. Tippeiskirch) nimmt der Chef des Stabes der
WStK hierzu am 13. 8. fernmündlich folgendermaßen Stellung: Die Dinge
lägen anders als die Italiener sie darstellten. Diese hätten sich infolge des
Zwischenfalls von Oran grundsätzlich mit dem Aussetzen der französischen
Demobilmachung in Nordafrika einverstanden erklärt, was nach deutscher
Ansicht zu weit gegangen wäre. Die WStK stehe auf dem Standpunkt, daß
Nordafrika genau so behandelt werden müsse wie das Mutterland, auch
hinsichtlich der Kontrolle, und sei daher bestrebt, die Italiener nach dem
deutschen Vorgehen auszurichten. Für die Abrüstung der französischen Luft=
waffe sei dies gelungen. Was die Landabrüstung anbelange, so habe die WStK
vorgeschlagen, den Franzosen wie im Mutterland je 1 Div. für Tunis, Algier
und Marokko zuzugestehen. Die Italiener hätten sich jedoch hierzu nicht ent=
schließen können, vielmehr zum 20. 8. einen französischen Vorschlag für die
Demobilmachung und Abrüstung in Nordafrika eingefordert. Die WStK habe
ihre Beteiligung an den diesbezügl. italienisch=französischen Verhandlungen
verlangt. Im übrigen müsse die WStK wissen, wie die französischen Einwände
hinsichtlich der Bedrohung Marokkos durch Spanien bewertet würden und
beantwortet werden sollten (vgl. 17. 8.).
2 Gen. v. Rintelen. Hinweis auf: Abt. Ausl. Nr. 90/40 g.K. Chefs, v. xo. und 15. 8.,
in den Akten LIH.
28
ij. August 1940
[handschr.] :
L IV: OKH hat beantragt, Elsaß und Lothringen aus dem Operationsgebiet
herauszunehmen.
Die Waffenstillstandskommission hat gemeldet, daß die Kontrollkommis=
sionen ihre Tätigkeit aufgenommen hätten. Die Franzosen hätten 1560000
Mann demobilgemacht (L III).
Gestern haben über 1000 deutsche Flugzeuge angegriffen.
Ausland: Geschlossene englische Meinung, Krisis vom Ende Juni hervor=
gerufen durch die ersten deutschen Luftangriffe, überwunden. Auch die Dün=
kirchen=Kämpfer 3 nicht geneigt zum Frieden (V.=Mann=Meldung).
Italienische Aspirationen, die albanische Südgrenze vorzuschieben. Grenz=
Zwischenfall.
In der russischen Wehrmacht sind die politischen Kommissare abgeschafft 4 .
Nicht mehr Republique francaise, sondern Etat francais.
Interne Besprechung:
LIL: Wegen Wetterverschlechterung Angriff angehalten, neue Entscheidung
des Reichsmarschalls 14.00 Uhr. Luftflotte 2 überhaupt nicht eingesetzt. Führer
kehrt 11.20 Uhr nach Berlin zurück. Gegenüberstellung der Auffassungen
Heer— Marine bezüglich schmaler oder breiter Basis; gestern von LIH zu=
sammengestellt. Über Zeitpunkt keine Klarheit. Wenn Tag feststeht, bestimmt
Marine die Stunde.
Nächste Aufgabe: Vorschlag, wie abweichende Auffassungen in Uber=
einstimmung gebracht werden können. 500 Motorboote verschiedenster Art
und Geschwindigkeit. Marine bereit, auf diesen Vorschlag einzugehen: (diese
Bewegung) heißt „grüne Bewegung". Welche Folgerung für „blaue Bewegung" 5 ?
Fassungsvermögen 6000 Mann. Verluste 1000 Mann = 5000 Mann.
Dementsprechend stärkere Fallschirmkräfte.
Artl. bei Übersetzbewegung muß Luftwaffe ersetzen. Vorschlag L soll heute
abend noch in (die) Reichskanzlei (zu Chef WFSt gebracht werden).
14. August 1940
Der für den 13. 8. befohlene Großangriff der Luftflotten 2 und 3 begann
planmäßig, wurde von der Lfl. 3 um 7.00 Uhr in der Gegend nördlich Ports=
mouth erfolgreich durchgeführt, von der Lfl. 2 aber gleich nach dem Start
wegen ungünstigen Wetters abgebrochen. Lediglich 1 Kampfgeschwader der
3 D. h. diejenigen, die aus dem Kessel von Dünkirchen Ende Mai— Anfang Juni
1940 nach England entkommen waren.
4 Vgl. hierzu: Erickson, J., The Soviet High Command. A military=political History,
London 1962, S. 603.
5 Vgl. Klee, Anm. 1. v. 1. 8. 1940, S. 3.
29
B. Kriegstagebuch
Lfl. 2, das der Befehl zum Abbrechen des Angriffs nicht mehr erreichte, griff
die feindliche Bodenorganisation bei Eastchurch ostwärts London an.
Um 11. oo Uhr befahl der Reichsmarschall erneuten Angriff der beiden
Luftflotten im Laufe des Nachmittags in der Gegend südostwärts London
und in der Gegend von Bournemouth, er behielt sich aber die Durchführung
wegen der Wetterlage bis 14.00 Uhr vor. Der dann um 17.00 Uhr erfolgende
Angriff mußte von der Lfl. 2 wegen ungünstigen Wetters wieder vorzeitig
abgebrochen werden.
Um 19.12 Uhr erging folgender Vorbefehl des Reichsmarschalls für den 14. 8.:
Hauptaufgabe sei die weitere Zerschlagung der feindlichen Jagdkräfte im
südenglischen Raum. Hierzu sollten die Lfl. 2 und 3 beim ersten Angriff
englische Jagdverbände in der Luft sowie die feindliche Bodenorganisation
ostwärts und südlich London bzw. im Raum bei und ostwärts Southampton
und nordostwärts Plymouth angreifen. Anzustreben sei, die Angriffe unter
gleichzeitigem Überfliegen der englischen Küste um 9.00 Uhr durchzuführen,
Kriegshäfen und Kriegsschiffe sollten wegen ihrer hohen Abwehrkraft im
An= und Rückflug ausgespart werden. Wenn ein Überfliegen der Küste bis
10.00 Uhr wegen der Wetterlage nicht möglich sei, so würde die gemeinsame
Angriffszeit durch den Ob.d.L. erneut festgesetzt werden.
Als 2. Angriff sei der vorbereitete Einsatz „Lichtermeer" (Angriff auf die
Umgebung von London) vorgesehen, für den Befehl durch den Ob.d.L. bis
spätestens 13.00 Uhr ergehen werde.
Um 22.10 Uhr erließ der Reichsmarschall dann folgende Weisung an die
Lfl. 2, 3 und 5:
Der gleichzeitige Einsatz der Lfl. 2 und 3 zu einheitlichem Schlage werde
nach wie vor angestrebt. Nur wenn ihn die Wetterlage verbiete, könnten die
Luftflotten bei günstiger Wetterlage in ihrem Kampfraum selbständig die
befohlenen Ziele der feindlichen Bodenorganisation angreifen, wobei stärkster
Jagdschutz einzusetzen sei. Hauptzweck bleibe zunächst die weitgehende Schä=
digung der feindlichen Jagdwaffe. Sollte die Wetterlage einen Einsatz starker
Verbände unter Jagd= und Zerstörerschutz nicht zulassen, so hätten die beiden
Luftflotten in ihren Kampfräumen durch Einsatz kleinster Einheiten oder
einzelner Flugzeuge die Ziele der Luftfahrtindustrie und Bodenorganisation
überraschend anzugreifen. Ein Begleitschutz komme hierbei wegen der Wetter=
läge. nicht in Frage.
Kriegsschiffe sollten nur dann angegriffen werden, wenn die Anwesenheit
schwerer Streitkräfte festgestellt sei und die Wetterlage den Einsatz stärksten
Jagdschutzes ermögliche. Dem Antrag der Lfl. 3, den Raum nördlich und nord=
westlich Southampton beim 1. Angriff des 14. 8. von neuem angreifen zu
dürfen, habe der Reichsmarschall zugestimmt.
Chef WFSt übersendet dem Chef L eine von ihm verfaßte Beurteilung der
Lage, wie sie sich aus den Auffassungen des OKH und des OKM über die
Durchführbarkeit einer Landung in England ergebe.
30
14. August 1940
Chef WFSt führt darin folgendes aus :
Das geplante Landungsunternehmen dürfe unter keinen Umständen schei=
tern, da ein Mißerfolg politische Folgen haben könnte, die weit über die
militärischen hinausgingen.
Wolle man einen Mißerfolg nach menschlichem Ermessen ausschließen,
so halte auch er in Übereinstimmung mit dem OKH es für nötig, daß man
gleichzeitig an der Küste von Folkestone bis zur Bucht von Brighton Fuß
fasse, in diesem Abschnitt innerhalb von 4 Tagen 10 Divisionen an Land
werfe und innerhalb von 4 weiteren Tagen durch die Straße von Dover
mindestens 3 Divisionen mit voller Ausstattung auch dann folgen lasse, wenn
der Seegang die Benutzung von Prähmen ausschließe — die weiter westlich
übergesetzten Truppen müßten dann durch Luftlandetruppen verstärkt wer=
den — , daß weiterhin sich an der englischen Südküste überhaupt keine eng=
lischen Kriegsfahrzeuge mehr befänden, insbesondere nicht in Portsmouth,
und daß die Gegenwirkung der englischen Luftwaffe so gut wie ausgeschaltet
sei oder werden könne.
Er glaube, daß die Luftwaffe die beiden letzteren Voraussetzungen erreichen
werde. Sei aber die Kriegsmarine, was nunmehr genau zu klären wäre, nicht
in der Lage, die ersten drei Forderungen zu erfüllen, so halte er die Landung
für eine Verzweiflungstat, die in einer verzweifelten Lage gewagt werden
müsse, die aber jetzt zu unternehmen, Deutschland keinerlei Ursache habe.
England sei auch auf anderem Wege auf die Knie zu zwingen. Dazu sei
aber eine sehr viel engere Zusammenarbeit der Achsenmächte notwendig als
bisher. Das Ziel könne erreicht werden durch:
1. die Fortführung des Luftkrieges bis zur wehrwirtschaftlichen Vernichtung
Südenglands, wozu alle z. Z. nicht eingesetzten italienischen Luftstreitkräfte
mit herangezogen werden müßten;
2. die Steigerung des U=Boot=Krieges von der französischen Basis aus durch
Heranziehung der Hälfte aller italienischen U=Boote;
3. die Wegnahme Ägyptens, wenn erforderlich mit deutscher Hilfe, und
4. die Wegnahme Gibraltars im Einvernehmen mit Italien und Spanien;
5. die Vermeidung von Operationen, die für den Sieg über England nicht not=
wendig seien, sondern nur wünschenswerte, nach dem Siege über England
mühelos zu erreichende Kriegsziele verfolgten (Jugoslawien).
Man solle nicht für Kriegsziele, sondern um den Sieg kämpfen. Englands
Widerstandswille müsse bis zum Frühjahr gebrochen werden, wenn nicht durch
eine Landung, dann mit allen anderen Mitteln. In dem jetzt beginnenden
Entscheidungskampf gegen England müßten alle Kräfte an der entscheidenden
Stelle zusammengefaßt werden, nämlich zum Luft= und U=Bootkrieg gegen
das englische Mutterland. Die Italiener hätten eine gewisse Bereitschaft gezeigt,
hierbei mitzuwirken, weil sie selbst erkannt hätten, daß sie nur einen Teil
ihrer Kräfte auf ihrem Kriegsschauplatz zur Wirkung bringen könnten. Dieser
richtige Gedanke müsse mit aller Energie in die Tat umgesetzt werden. Durch
31
B. Kriegstagebuch
Aussprache mit dem Duce werde man dahin kommen, den Endkampf nicht
nebeneinander, sondern miteinander zu führen.
Beim Vortrage des Chefs L am Nachmittag teilt Chef WFSt mit, daß der
Führer bei der am Vormittag in der Neuen Reichskanzlei erfolgten Über=
reichung der Marschallstäbe an die am 19. 7. ernannten Generalfeldmarschälle
dem Ob.d.H. gegenüber kurz auf die Vorbereitungen für das Unternehmen
„Seelöwe" eingegangen sei und hierbei bestätigt habe, daß diese fortgesetzt
und bis zu dem bisher vorgesehenen Termin zum Abschluß gebracht werden
sollten. Die Entscheidung über die Durchführung des Unternehmens habe
sich der Führer bis zur weiteren Klärung der Gesamtlage vorbehalten.
Weiterhin habe der Führer befohlen, die Vorbereitungen für eine Landung
in der Lyme Bay mangels ausreichender Sicherungsmöglichkeit einzustellen,
den Absprung aber von dem Küstenstreifen Ostende— Le Havre vorzusehen,
um das Zusammenballen von Schiffsraum in wenigen feindnahen Häfen zu
vermeiden und den Schwerpunkt der Landungsoperation zu verschleiern,
und, falls die Überführung von diesem Küstenstreifen aus in voller Breite
von der Kriegsmarine in der bisher vorgesehenen Form nicht gesichert werden
könne, die Voraussetzungen für eine einmalige Überführung ausreichender
Kräfte ohne schweres Gerät mit behelfsmäßigen Mitteln der Kriegsmarine
zu prüfen. In diesem Falle könne sich für die Luftwaffe die zusätzliche Aufgabe
ergeben, die Landung durch Fallschirm= und Luftlandetruppen mit Schwerpunkt
im westlichen Teil des Angriffsraumes (bei und westlich Brighton) zu unter=
stützen.
Diese Befehle des Führers sollten den Oberbefehlshabern der drei Wehr=
machtteile zur Stellungnahme zugestellt werden.
Chef L meldet zur Frage der gemeinsamen See= und Luftkriegführung
Deutschlands und Italiens gegen England, daß die italienische Luftwaffe den
Einsatz von je 2 Kampf= und Jagdgeschwadern mit insgesamt 80 Flugzeugen
gegen das englische Mutterland vorgesehen habe. Was die gemeinsame See=
kriegführung anbelange, so habe die italienische Marine als U=Boot=Basis
Bordeaux gewählt und den Einsatz von zunächst xo U=Booten in etwa 14 Tagen
in Aussicht gestellt.
Chef WFSt teilt sodann mit, daß der Führer sich auf Grund der von der
Abt. L am 10. 8. vorgelegten Studie über Operationsmöglichkeiten gegen
Gibraltar für die große Lösung (Wegnahme Gibraltars — vgl. 9. 8. Blatt 3)
ausgesprochen habe, da Spanien nur an dieser Lösung Interesse haben könne.
Demgemäß solle die Abt. L nunmehr eine eingehende Operationsstudie vor=
legen, die nach Genehmigung des Führers vor allem die Zustimmung des
Generals Franco finden müsse.
Chef WFSt teilt weiterhin mit, daß der Führer den Oberbefehlshaber der
Gruppe XXI, Generaloberst von Falkenhorst, zu sich befohlen und mit ihm
eine stärkere Sicherung Nordnorwegens besprochen habe (vgl. 13. 8. Blatt 2).
Generaloberst v. Falkenhorst habe hierbei dem Führer den Vorschlag gemacht,
32
14- August 1940
das ganze Gebirgskorps in den Raum Narvik— Kirkenes zu verlegen, womit
der Führer sich einverstanden erklärt habe. Abt. L solle nunmehr eine ent=
sprechende Verfügung vorlegen, in die auch die dem Ob.d.M. gegenüber am
13. 8. geäußerten Wünsche des Führers und eine Anweisung an die Luftwaffe
zur Vorbereitung einer Basis in Nordnorwegen, worüber der Führer bereits
mit dem Ob.d.L. gesprochen habe, aufgenommen werden müßten.
Chef L überreicht dem Chef WFSt schließlich noch eine Vortragsnotiz über
„Jugoslawische Befestigungen an der deutschen Grenze" nebst den ihr zu
Grunde liegenden Unterlagen des OKH zur Vorlage vor dem Führer.
Diese Unterlagen sind vom OKH eingefordert worden auf die vom Militär=
attache in Rom am 23. 7. übermittelte Bitte des Generals Roatta, ihm im
Hinblick auf eine mögliche deutsch=italienische Operation gegen Jugoslawien
oder einen möglichen Durchmarsch italienischer Truppen durch deutsches
Gebiet Unterlagen über die jugoslawischen Befestigungen an der deutschen
Grenze zu überlassen.
Chef L schlägt vor, dieses Material 1 den Italienern zu überlassen unter
Weglassung des Werturteils des OKH, welches dahin lautet, daß die an der
deutschen Grenze errichteten Befestigungsanlagen für einen neuzeitlich aus=
gerüsteten Gegner kein ernsthaftes Hindernis böten und höchstens, in Ver=
bindung mit Straßensprengungen, eine Verzögerung des Vormarsches zur
Folge haben würden.
Chef L legt gleichzeitig einen Bericht des Militärattaches in Rom vom 9. 8.
über eine am gleichen Tage abgehaltene Besprechung mit General Roatta vor.
Danach hat letzterer mitgeteilt, daß der GenSt des italienischen Heeres von
der politischen Führung den Auftrag bekommen habe, eine Studie über einen
Angriff gegen Jugoslawien 2 auszuarbeiten unter der Voraussetzung des Ein=
satzes italienischer Kräfte auch gegen die jugoslawische Nordgrenze durch
Kärnten und Steiermark. Um die hierfür in Frage kommenden Truppen= und
Nachschubtransporte auf deutschen Bahnen vorbereiten und Vereinbarungen
über die von Italien gewünschte Überlassung deutscher Flugplätze, Kraft=
Wagenkolonnen und Lazarette treffen zu können, sei eine baldige Besprechung 3
mit Vertretern des deutschen GenStdH erwünscht.
[handschr.] :
L1L: Luftangriff der Luftflotten 3 und 2 am 13. 8. planmäßig angelaufen,
bei Luftflotte 2 aber wegen ungünstigen Wetters alsbald abgebrochen; nur
1 Kampfgruppe zum Einsatz gekommen, die wegen Mangel an Jagdschutz
stärkere Verluste erlitten hat. Reichsmarschall gab daraufhin um 11.00 Uhr
neuen Angriffsbefehl für 14.00 Uhr, der bei Luftflotte 2 wieder nicht voll
1 „Die Unterlagen haben die Italiener nie bekommen, v. R(intelen)"
2 Hinweis auf Anlage, Ausl. 91/40 Chefs. Ausl. Org. v. 12. 8. 1940, in den Akten
LIH.
3 „Haben nie stattgefunden, v. R(intelen)"
33
B. Kriegstagebuch
zur Durchführung kam. Um 19.00 Uhr neuer Befehl des Reichsmarschalls für
den 14. 8., der am Abend wegen des Wetters abgeändert wurde.
LIV: Vorverlegung der Zollgrenze an die Westgrenzen Elsaß=Lothringens
und Luxemburgs in der Nacht vom 14./15. 8.
Ausland: Rundfunkansprache Petains. (General) Köstring Moskau meldet
bessere Behandlung und Unterrichtung seitens der russischen Kommando=
behörden.
Chef L: Oberstlt. Böhme teilt mit, daß General Thomas vorstellig geworden
sei wegen zu geringer Beteiligung an der Kontrolle der Mittelmeerhäfen. Ge=
mischte italienisch=deutsche Kommission.
Interne Besprechung:
Zusammenstellung von Nachrichten über russische Absichten gegen Finn=
land (Baumbach).
Erweiterung Leibstandarte „Adolf Hitler" zur Brigade. Reichsführer SS zum
Oberbefehlshaber des Heeres gesagt, Führer habe wesentliche Erweiterung
der Leibstandarte befohlen. Anfrage Schmundts beim Führer ergibt, daß es
nicht stimmt. Führer hat Oberst Schmundt daraufhin beauftragt, Vorschlag
zu machen. Dieser sieht vor 5 Bataillone und 1 Artl.Regiment, dabei eine
leichte und eine schwere Flakbatterie.
Zu „Seelöwe" neuer Vorschlag des Chefs Wehrmacht=Führungs=Stabes.
Tritt ebenfalls für breite Basis ein. Sollte Kriegsmarine Landung auf breiter
Basis nicht für möglich halten, so müsse man auf Landung verzichten, die
auf schmaler Basis Verzweiflungstat mit erheblichen militärischen und poli=
tischen Folgen bei Mißlingen sein würde.
England auch auf anderem Wege in die Knie zu zwingen, engeres Zusam=
menarbeiten der Achsenmächte, Steigerung des U=Boot=Krieges, 40 Boote von
Bordeaux, Wegnahme Ägyptens und Gibraltars. Englischer Widerstandswille
muß bis Frühjahr gebrochen werden.
LIH: Anfrage Roatta an Heer betr. Jugoslawien, Wünsche der italienischen
Wehrmacht, Besprechung in Deutschland erwünscht.
15. August 1940
Infolge ungünstigen Wetters kam es am Vormittag nicht zu dem geplanten
Einsatz der Lfl. 2 und 3. Um 12.00 Uhr entschied der Reichsmarschall, daß
die Luftflotten je nach der Wetterlage ihre Verbände geschlossen unter starkem
Jagdschutz oder im Einzelflug einsetzen sollten. Im Laufe des Nachmittags
wurden daraufhin von der Lfl. 2 geschlossene Angriffe in etwa Gruppenstärke
auf die Flugplätze von Dover und Manston, von der Lfl. 3 Einzelangriffe auf
Flugplätze, Hafen=, Fabrik= und Sendeanlagen, Versorgungsbetriebe und Trup=
penlager in ihrem Angriffsraum durchgeführt. Um 19.00 Uhr erging vom
Ob.d.L. Weisung, am 15. 8. je nach der Wetterlage entweder mit Einzelflug=
34
15. August 1940
zeugen oder mit Verbänden unter starkem Jagdschutz anzugreifen. Bei ge=
eigneter Wetterlage werde der Reichsmarschall gleichzeitigen Einsatz der
beiden Luftflotten befehlen. Der Lfl. 5 wurde der Einsatz am Nachmittag des
15. 8. freigegeben.
Insgesamt waren am 14. 8. und in der Nacht vom 14./15. 91 Kampf= und
398 Jagd= und Zerstörer= Flugzeuge eingesetzt. Die feindlichen Verluste be=
laufen sich auf 18 Flugzeuge und 7 Sperrballone, die eigenen auf 16 Flugzeuge.
Die WStK übersendet eine Zusammenstellung der Nachrichten über die
Bestrebungen des französischen Generals de Gaulle (WStK Abt. Ic 162/40 geh.
v. 8. 8.). Daraus ergibt sich folgendes: Nach gewissen ersten Erfolgen infolge
starker englischer Propaganda scheint die Aktion des Gen. de Gaulle stark
an Resonanz verloren zu haben. Sein Einfluß in den französischen Kolonien
ist z. Z. gering. Politiker von Rang haben sich ihm nicht zur Verfügung
gestellt. Er verfügt zwar über geringe Streitkräfte zu Lande (nach Bericht der
deutschen Botschaft in Madrid etwa 2—3000 Mann in England und geringe
von Syrien und Palästina übergetretene Kräfte), zu Wasser (die veralteten
Schlachtschiffe „Paris" und „Courbet" und eine nicht bekannte Zahl moderner
leichter Einheiten) und in der Luft (die Zahl der Flugzeuge und Piloten ist
nicht bekannt), sie sind jedoch zu schwach, als daß sie als ernsthafte Ver=
Stärkung der englischen Kriegführung angesehen werden könnten.
Die bisher geringen Erfolge der Bewegung de Gaulle's führt die WStK
auf zwei Gründe zurück: Einmal auf die große Kriegsmüdigkeit und den
Verlust des Selbstvertrauens der französischen Wehrmacht auch außerhalb
des Mutterlandes, zum anderen auf die Autorität des Marschalls Petain und
des Generals Weygand. Es bestehe durchaus die Möglichkeit, daß de Gaulle
einen stärkeren Widerhall in den nationalistischen französischen Kreisen
finden würde, wenn sich seine Bestrebungen nicht als Verrat an diesen beiden
anerkannten französischen soldatischen Führern charakterisieren würden.
Die WStK hat weiterhin am 14. 8. nachmittags folgendes gemeldet:
1. Nach Mitteilung der französischen Abordnung erstrecke sich die Demobil=
machung der französischen Flotte nicht nur auf die Entlassung sämtlicher
Reservisten, sondern auch eines Teiles des aktiven Personals. Der Mann=
schaftsbestand einschließlich Marineluft waffe und Küsten Verteidigung werde
in kürzester Zeit auf 53000, die Zahl der Offiziere auf 3300 herabgesetzt
sein, d. h. auf Vi der Kriegsstärke.
2. Nach verschiedenen Nachrichten treffe der Generalgouverneur von Fran=
zösisch=Indochina Vorbereitungen zur Verteidigung der Provinz Tonkin. Es
seien Mobilmachungsanordnungen ergangen und die Zusammenziehung der
in Ostasien befindlichen französischen Seestreitkräfte nach Indochina befohlen
worden. Diese Maßnahmen stünden im Widerspruch zum Waffenstillstands=
vertrag. Im Zusammenhang mit der Mitteilung des Generals Huntziger vom
7. 8. über die Forderung der japanischen Regierung auf Truppendurchmarsch
35
B. Kriegstagebuch
durch Tonkin nach Yuennan (vgl. 8. 8.) bitte die WStK um Entscheidung,
welche Folgerungen sie gegenüber den französischen Maßnahmen ziehen solle.
3. Die WStK habe auf Grund des Art. 10 des Waffenstillstands Vertrages
die Absicht, an die französische Regierung die Forderung auf Rückberufung
der im Ausland befindlichen französischen Militärmissionen zu stellen. Da
hiervon auch Deutschland befreundete und neutrale Staaten betroffen würden,
so bitte die WStK um grundsätzliche Zustimmung zu diesem Vorhaben. Die
französischen Militärattaches würden hiervon nicht berührt.
Chef WFSt übermittelt dem Chef L folgende heute getroffenen Entschei=
düngen des Führers:
1. Die gestern ergangenen Befehle des Führers für das Unternehmen „See=
löwe" sollten in einem Weisungsentwurf zusammengefaßt werden (vgl.
14. 8. Blatt 3).
2. Was die italienischen Wünsche hinsichtlich eines Angriffs auf Jugoslawien
anbelange (vgl. 14. 8. Blatt 5) 1 , so sei der Führer daran völlig uninteressiert.
Er wünsche Ruhe an der deutschen Südgrenze und warne davor, den
Engländern eine Gelegenheit zu verschaffen, sich mit ihrer Luftwaffe in
Jugoslawien festzusetzen. Deutsch=italienische Generalstabsbesprechungen
seien daher überflüssig. Auch sollten die vom OKH eingereichten Unter=
lagen über die jugoslawischen Befestigungen an der deutschen Grenze nicht
an die Italiener abgegeben werden.
3. Der Luftkrieg gegen England dürfe nicht abgebrochen, sondern müsse unter
Ausnutzung der jeweiligen Wetterlage fortgesetzt werden.
4. Gegenüber den militärischen Vorbereitungen der Franzosen in Indochina
solle die WStK ein Auge zudrücken. Auf der Rückberufung der französischen
Militärmissionen aus allen Ländern solle sie hingegen bestehen (vgl. 15. 8V2).
5. Die Überwachung der französischen Verbindungen nach Nordafrika solle
weniger im Rahmen der italienischen Kontrollkommissionen als vielmehr
auf Grund persönlicher Vereinbarung der beiderseitigen Abwehrchefs er=
folgen.
Von der Entscheidung des Führers bezüglich Jugoslawiens wird der Chef
Ausl., von den Entscheidungen auf Fragen der WStK der Chef des Stabes
der WStK unterrichtet. Der Befehl des Führers zur Fortsetzung des Luftkrieges
wird vom LIL dem Führungsstab der Luftwaffe übermittelt.
[handschr.] :
Einsatz Luftflotte 2 und 3 entfiel am Vormittag des 14. 8. wegen der
Wetterlage. Am Nachmittag Einsatz einzelner Flugzeuge, der wegen der
Wetterlage teilweise verlustreich verlief. Verluste eigene 16, feindliche 18 + 7
Sperrballone; letztere werden sich noch erhöhen durch eine Anzahl am Boden
zerstörter Flugzeuge. Für heute zunächst Einzeleinsatz, bei Besserung der
Wetterlage geschlossener Einsatz.
1 Vgl. S. 33.
36
i6. August 1940
L ///: Waffenstillstandskommission=Bericht über Tätigkeit des General
de Gaulle in England; verfügt über etwa 2—3000 Mann Landtruppen, un=
wesentliche Seestreitkräfte (2 alte Linienschiffe, aber stärkere modernere leich=
tere Streitkräfte).
Ausland: Rundfunkansprache Edens. Für England habe der Krieg kaum
begonnen. Aus Dünkirchen ca. 200000 Mann gerettet. Feste Zuversicht auf
den englischen Sieg. Zwischen Rumänien und Bulgarien noch keine Einigung
über Silistria. Ungarisch=rumänische Verhandlungen laufen an.
Anscheinend keine Absicht der Russen, am 15. 8. in Finnland einzumar=
schieren.
Kein Druck Deutschlands auf Frankreich wegen ihres Verhaltens in Indo=
china gegenüber Japan.
Chef L: Wenn man Franzosen sich in Indochina bewaffnen läßt, so wider=
spricht das dem Bestreben des Auswärtigen Amtes, Japan für uns einzu=
spannen — im Hinblick auf bedrohliche Haltung der USA.
Norwegen: Zusammenziehung der Gebirgskorps (2., 3. Geb., 181. Div.) in
Nordnorwegen. 196. Division nach Drontheim, um bei russischem Einmarsch
in Finnland dessen Nordteil zu besetzen.
Entsprechende Bevorratung.
16. August 1940
[handschr.] :
LIL: Tagesablauf. Zunächst keine Starterlaubnis. Mittags zwei Stukagruppen
der Luftflotte 2 angesetzt, nachmittags alle 3 Luftflotten Angriffe durchgeführt.
55 eigene, 108 feindliche Flugzeuge abgeschossen. Ergebnis ungünstiger, da
Jäger wegen Wetter nicht starten konnten, bzw. im Dunst Anschluß verloren,
so daß die Kampfflieger starken Angriffen englischer Jäger ausgesetzt waren.
England in den letzten Tagen Brandröhren abgeworfen, neuerdings Watte=
bausche mit Schädlingen. Deutscherseits Fallschirmtaschen, um Anschein von
Fallschirmtruppen=Landung hervorzurufen. Große Aufregung in der englischen
Presse. Für heute Großangriff vorgesehen, Start aber nicht möglich wegen
Wetters; um 11.00 Uhr neue Entscheidung des Ob.d.L.
In der Nacht vom 14. /15. Mailand und Turin angegriffen von England aus.
Entfernung von England nach Görlitz weiter, aber gute fliegerische Leistung
im Hinblick auf Uberfliegung der Alpen.
L IV: Elsaß=Lothringen und Luxemburg scheiden am 20. 8. aus dem Opera=
tionsgebiet aus, militärische Belange im Elsaß durch AOK 12, in Lothringen
durch AOK 1, in Luxemburg durch Mil.=Befehlshaber Frankreich wahr=
genommen.
L ///; Durchführung der französischen Demobilmachung in Nordafrika.
Tägliche Zahlung von 20 Mill. RM, ab 21.; Nachzuzahlen 1320 Mill. RM.
Franzosen haben keinen Einspruch erhoben, finden aber Forderung sehr hoch.
37
B. Kriegstagebuch
Chef L: Führer hat entschieden, daß wir uns nicht um den japanisch=
französischen Indochina=Konfiikt kümmern sollen.
Ausland: Litauen— Lettland ein Militär=Bezirk. Estland zum Bezirk Leningrad.
Starke Truppenbelegung vorgesehen.
Militär= Attache in Kaunas 2 hat günstigen Eindruck von russischen Truppen.
Intelligenter, aufgeschlossener als zaristische Truppen. Russisch=finnische
Spannung anscheinend gemindert. Keine namhaften russischen Verstärkungen
an finnischer Grenze.
Finnische Armee 5 Korps mit 15 Divisionen. Schwache Artillerie, keine
Flieger.
In Griechenland Erregung über Versenkung des griechischen Kreuzers „Helli".
Telegramm des General von Bötticher über Haltung amerikanischer Presse
befriedigend.
17. August 1940
Um 9.00 Uhr findet eine Besprechung des Chefs OKW mit dem Chef des
WiRüAmtes, dem Chef d. St. des BdE 1 und dem Gruppenleiter L II (Obstlt.
Münch) über die Anpassung der Rüstung an das auf 180 Feld=Divisionen zu
verstärkende Kriegsheer statt. Ergebnis siehe Vortragsnotiz L II v. 18. 8.
Daraus ist hervorzuheben (Anlage),
1. daß auf dem Gebiet der Munitionsfertigung der Munitionsverbrauch in der
Zeit vom 10. 5. — 20. 6. 1940 plus 10 % Zuschlag für evtl. Produktionsaus=
fall als monatliche Kriegskapazität und der i2fache Verbrauch plus eine
erste Ausstattung als Bevorratung festgesetzt werden soll,
2. daß bei der Luftwaffe die Fertigung von Flakmunition von 400000 Schuß
auf 1000000 im Monat erhöht werden soll,
3. daß das bisher auf den 31. 12. 1940 befristete U=Boot=Programm nunmehr
unbefristet weiterlaufen soll,
4. daß dem Dringlichkeitsprogramm eine eng begrenzte Sondergruppe der
wichtigsten Fertigung vorangestellt werden soll, in welche der U=Bootbau
und die Herstellung von Torpedoausstoßrohren, der Flugzeugbau der ver=
lustreichsten Typen und der Bau von Panzerkampfwagen III und IV mit
Geschützen aufgenommen werden sollen.
Mit der Fertigung von Waffen= und Kriegsgerät, insbesondere Panzer=
kämpf wagen — jedoch nicht von Munition — in Holland, Belgien und im
besetzten Teil Frankreichs hat sich der Chef OKW einverstanden erklärt;
jedoch sollen dort möglichst nur Teile gefertigt werden.
Gemäß einer Verfügung des OKW=AHA (2763/40 g) v. 17. 8. werden vom
1. 10. 1940 an zur Erfüllung der aktiven Dienstpflicht von 2 Jahren heran=
gezogen
2 Oberstlt. Just.
i Oberst Haseloff.
38
ig. August 1940
1. die Ers.Res. I der Geb.=Jahrgänge 1919 (letztes Drittel) und 1920 (rd. 90000
+ 417000 Mann),
2. die am 1. 10. verfügbaren Ers.Res. I der Geb.=Jahrgänge 1914—1919 (1. und
2. Drittel),
3. Kriegsfreiwillige und länger dienende Freiwillige der vorerst genannten und
jüngerer Geb.= Jahrgänge.
19. August 1940
[handschr.] :
(Am 17. und 18. 8. keine Lagebesprechung).
Truppen in Norwegen unterstehen dem Oberkommando des Heeres.
LIL: 18. 8. Luftflotte 2 nach 10.00 Uhr und nachmittags Angriff, Luftflotte 3
nur 1 Angriff. Englische Jäger traten nicht mehr so stark in Erscheinung, gehen
nicht mehr recht ran. In Gegend Portsmouth eine kleine Panne, Verluste der
eigenen Stukas, da ohne Jagdschutz. Verluste: 147 eigene, 49 feindliche Flug=
zeuge. Absichten für 19. 8. Angriffe nach Wetterbesserung. Luftflotte 5 greift
heute Gegend Newcastle an. Engländer schießen Flakgeschosse, die nach
Detonation Drahtseile abwerfen. Führer hat Ausdehnung Flakschutzes auf
ganz Deutschland befohlen. Heranziehung von Beutegeschützen und der In=
dustrie im besetzten Frankreich zur Herstellung von Bettungen. 656 + 81
am Boden zerstörte Flugzeuge in der Zeit vom 8.— 18. 8. — 261 eigene Flugzeuge.
L ///; 300 norwegische Arbeiter in Bardufoss haben Arbeit niedergelegt,
da sie im Hinblick auf bedrohliche Entwicklung in Finnland ihre Familien
schützen müßten.
Entscheidung des Führers, daß Italien für Waffenstillstandsfragen im Mittel=
meer maßgebend.
Ausland: Neue Rede Duff Coopers. Rede des republikanischen Präsident^
Schaftskandidaten *. Hetzrede Bullitt. Bericht Botschaft Washington spricht von
einem Umschwung in den Beziehungen USA— Japan zum Schlechteren. 2 Tele=
gramme des Generals von Bötticher bitten um bessere Orientierung über Luft-
krieg gegen England.
WiRüAmt: die durch englische Bombenangriffe verursachten Mineralölver=
luste nicht entscheidend.
L III: Frage der französischen Mil. Attaches und Missionen.
Feindliche Schiffsverluste (nach französischen Angaben):
September 152 657 BRT durch U=Boote 32 769 durch Minen
Oktober 133 958 BRT durch U=Boote 35 924 durch Minen
November 47 071 BRT durch U=Boote 137 029 durch Minen
Dezember 67 196 BRT durch U=Boote 95 177 durch Minen
Januar 8^ 000 BRT durch U=Boote
Wendell Willkie.
39
B. Kriegstagebuch
Februar 142 174 BRT durch U=Boote
März 46 573 BRT durch U=Boote
April 25 780 BRT durch U=Boote
1939/40 Sept. — Febr. 136 — X24 — 25 — 34 — 18 — 65 = 402 000 BRT
1915 Juni — Nov. 83 — 96 — 157 — 124 — 72 — 167 = 699 000 BRT
nur englisch=französische Tonnage.
(20. 8. In Abwesenheit des Chefs L (bei Chef WFSt) hält LIH eine kurze
Besprechung ab.)
20. August 1940
Chef L legt dem Chef WFSt den von der Abt. L bearbeiteten Operationsplan
für den Angriff auf Gibraltar vor als Unterlage l.für militärische Abmachungen
mit Spanien, 2. für den deutschen Befehlshaber, der die Gibraltar Verbände
führen und dann eingesetzt werden soll, wenn durch vorangegangene Einigung
mit Spanien eine klare Arbeitsgrundlage geschaffen ist (Anlage).
Chef L weist hierbei im Sinne der beigefügten Vortragsnotiz noch besonders
auf folgendes hin: In den bisherigen deutsch=spanischen Besprechungen sei
spanischerseits die Neigung zu erkennen gewesen, sich von Deutschland in den
Krieg hineintreiben zu lassen. Einen deutschen Luftangriff gegen Gibraltar
wollten die Spanier zunächst mit einem formellen Protest beantworten, dem
dann freilich der gemeinsame Angriff folgen sollte 1 .
Eine solche Lösung entspreche den deutschen Interessen nicht. Deutschland
würde den Gegnern einschließlich USA einen billigen Propagandastoff liefern,
u.U. auch in weiten Kreisen des spanischen Volkes als Friedensbrecher dastehen.
Von Spanien wäre daher zu fordern, daß es sich von Beginn der Operation an
offen auf die Seite Deutschlands stelle.
Anzustreben sei ferner, daß Spanien seine Beziehungen zu Portugal so
vertiefe, daß die Engländer nach Verlust Gibraltars dort keinen Flotten=
Stützpunkt fänden und Portugal nötigenfalls spanische Hilfe anrufe.
Als sofortige deutsche Gegenleistung könnte den Spaniern Material aus der
französischen Beute überlassen werden.
Italien, dessen Beteiligung wegen der Bedeutung seiner Stellung im Mittel=
meer sich nicht werde vermeiden lassen, werde schon zu den politischen Vor=
besprechungen hinzugezogen werden müssen, besonders wenn hierbei die
spanischen Kriegsziele in Nordafrika erörtert werden sollten.
Zur Frage der Befehlsführung werde vorgeschlagen, die beteiligten deutschen
Kräfte, abweichend von den sonstigen Grundsätzen der Wehrmachtführung,
einem Befehlshaber (General des Heeres mit Generalstab aus den drei Wehr=
1 Vgl. Anm. 1 v. 12. 8. 1940.
40
21. August 1940
machtteilen) zu unterstellen, dem auch die zu dem Angriff eingesetzten
spanischen und die etwa beteiligten italienischen Verbände unterstellt werden
müßten. Der deutsche Befehlshaber seinerseits würde dem spanischen Staats=
chef Franco zu unterstehen haben.
Chef L legt dem Chef WFSt weiterhin eine Karte vor, in der die an der
Kanalküste in Stellung gebrachten Küstenbatterien eingezeichnet sind. Er regt
hierbei an, in den Höhepunkten des Luftkampfes gegen England auch diese
Batterien mitwirken zu lassen und den davon zu erwartenden psychologischen
Eindruck propagandistisch im In= und Ausland zu verwerten. Chef WFSt
stimmt dieser Anregung zu.
Chef L macht in diesem Zusammenhang noch darauf aufmerksam, daß die
Propaganda gegen England in der Öffentlichkeit immer noch allzugroße Hoff=
nungen erwecke, indem immer wieder von einer Vergeltungsschlacht die Rede
sei, statt daß der im Gange befindliche Luftkrieg als solcher herausgestellt werde.
Hierüber kündigt Chef L eine schriftliche Vorlage an, in der auch noch weitere
Vorschläge für die Propaganda gemacht würden.
Chef L übergibt dem Chef WFSt ferner eine Verfügung des AHA über die
Einziehung des Jahrgangs 1920 im Oktober.
Chef WFSt erörtert mit Chef L schließlich noch die von der Gruppe XXI
gestellten Rückfragen hinsichtlich der Verlegung des Gebirgskorps nach Nord=
norwegen.
Diese Erörterungen finden ihren Niederschlag in einem Schreiben des Chefs L
an den Chef des Stabes der Gruppe XXI. [Büschenhagen]
21. August 1940
Chef WFSt übermittelt dem Chef L Gedanken, die der Führer am 20. 8.
geäußert hat. Sie sollen dem Ob.d.H. mitgeteilt werden, der bei seinem in den
nächsten Tagen vorgesehenen Vortrag dazu Stellung nehmen solle.
1. Der Führer möchte gern wieder eine Geb.Div. an Stelle der 2. Geb.Div. in
den Raum um Drontheim verlegt haben. Ihm sei gemeldet worden, daß
Transportraum hierfür nur beim Ausfall des Unternehmens „Seelöwe"
zur Verfügung stünde.
2. Der Führer halte es für erforderlich, die Überlegungen für eine deutsche
Mithilfe bei einer italienischen Offensive gegen den Suezkanal darauf
abzustellen, daß eine hochwertig mit allen neuzeitlichen Waffen ausge»
stattete gemischte Panzerbrigade (nicht ein Panzerkorps) vorgesehen werde.
Bevor an die Italiener herangetreten würde, solle der Ob.d.H. einen Vor=
schlag für Zusammensetzung, Ausrüstung und Nachschub machen, wobei
die Zuteilung neuartiger Angriffs= und Pz.Abw.=Waffen zu berücksichtigen
sei, und den Zeitpunkt angeben, zu dem die etwaige Entsendung des Panzer=
Verbandes in Frage käme (WFSt — LIH — 0652/40 g. K. an OKH).
4i
B. Kriegstagebuch
3. Der Führer habe darauf hingewiesen, daß die Armierung der Ostseeküste
mit Batterien schon jetzt dringlich sei. Die Marine solle sich über den Zeit=
punkt und das Ausmaß äußern.
4. Der Führer würde es gern sehen, wenn aus politischen Gründen nach Ost=
preußen schon jetzt ein Panzerverband gelegt würde.
Chef WFSt weist seinerseits auf die Notwendigkeit hin, die bisher geltenden
Einschränkungen für den Luft= und Seekrieg gegen England nach der am 17. 8.
erfolgten Erklärung der totalen Blockade der britischen Inseln aufzuheben,
und ordnet die Vorlage einer entsprechenden Weisung an. Er teilt weiterhin
mit, daß nach Meldung des Chefs des GenSt der Luftwaffe die WStK Schwierig=
keit mache, von den Franzosen die Ablieferung von Scheinwerfern und
schweren Bordwaffen zu verlangen, und befiehlt, die WStK anzuweisen, daß
dies geschehen müsse.
In einem von Abt. Ausl. übermittelten Bericht des Militär= Attaches Rom 1
vom 16. 8. (Nr. 136/40 g.K.) wird als oberstes Kriegsziel Italiens die Erreichung
der Vorherrschaft im Mittelmeer bezeichnet. Die territorialen Forderungen
gegenüber Frankreich erstreckten sich auf Nizza, Korsika, Tunis, einen Teil
von Algier mit den Erzlagern von Constantine und Französisch=Somaliland.
Darüber hinaus werde die Vorherrschaft im Nahen Orient erstrebt. Weitere
Kriegsziele Italiens beträfen den Balkan. Das Adriatische Meer solle in Zukunft
ganz unter italienischer Herrschaft stehen, die Einflußsphäre auf dem Balkan
weiter ausgebaut werden. Hierzu werde die Zerschlagung Jugoslawiens, die
Bildung eines unter italienischem Einfluß stehenden selbständigen Kroatiens,
die Vergrößerung Albaniens durch Einbeziehung der von Albanesen bewohn=
ten Gebiete Südjugoslawiens und Griechenlands sowie die Einverleibung
Korfus und vielleicht einiger Ionischer Inseln für notwendig gehalten.
Die Lage an der jugoslawischen Grenze sei seit Wochen so gespannt, daß
es jederzeit zu Grenzzwischenfällen, auch schwererer Natur kommen könne.
Griechenland werde grundlos vorgeworfen, daß es englische Kriegs= und
Handelsschiffe begünstige. Jetzt würden Terrorakte gegen Irredentisten kon=
struiert, griechische Konsuln aus Italien ausgewiesen, kurz, eine Atmosphäre
geschaffen, die binnen kurzem zur Explosion gebracht werden könne. Mili=
tärische Vorbereitungen gegen Griechenland seien bisher nicht erkennbar.
Hingegen habe der Duce beschleunigte militärische Vorbereitungen gegen
Jugoslawien gefordert, um nicht wieder wie im Juni an der französischen Front
eine günstige politische Gelegenheit vorbeigehen lassen zu müssen.
[hanäschr.] :
LIL: Wegen der Wetterlage am 20. 8. nur vereinzelte Angriffe der Luft=
flotten 2 und 3 auf englische Flugplätze. Verlagerung von Stukas an der
französischen Küste auf Anordnung des Ob.d.L. Unterschiedliche Angriffs=
1 Gen.Major E. v. Rintelen. Hinweis auf Ausl. 719/40 g.K. v. 20. 8.
42
22. AugUSt 1940
Freudigkeit der feindlichen Jäger; Einsatz zu kurz ausgebildeter Flieger, Un=
Sicherheit der Führung infolgedessen. Wetteraussichten einstweilen schlecht.
Vorläufig noch schwacher Einsatz eigener Kampfverbände.
L ///: Französisch=japanische Besprechungen über Indochina. Spanische Trup=
pentransporte nach Marokko beunruhigen die französische Regierung. Eng=
lische Flieger werfen Flugblätter gegen die französische Regierung über Nord=
Afrika ab (Besprechung Stülpnagel=Huntziger am 19. 8.).
Ausland: Reden Churchills und Halifax im Unter= und Oberhaus. Russische
Forderungen an Finnland. Griechischer Militär= Attache 2 gestern bei Ausl.,
griechischer Ministerpräsident 3 habe 19. früh fernmündlich mitgeteilt, daß
Italien bedrohliche Truppenzusammenziehungen an albanisch=griechischer
Grenze vornehme. Ist zutreffend, vor allem schnelle Verbände. Außenminister
hat daraufhin Alfieri gebeten, italienische Regierung zur Ruhe zu mahnen.
WeWi hat große Denkschrift über Wehrwirtschaft Englands herausgegeben.
Vortrag Hauptmann Fett über Feindbild England: s. Anlage zum Lagebericht
West (410) des OKH.
Interne Besprechung:
L III: Abgabe von Waffen der französischen Luftwaffe an die deutsche
Luftwaffe.
Gestrige Rücksprache Chef L mit Chef WFSt:
Anregung, bei den Angriffen der Luftwaffe die Ferngeschütze mitwirken
zu lassen. Chef L schlägt vor, Fernschreiben an OKH, Fernfeuer freizugeben.
Norw. XXXIII. Geb.Korps und noch ein weiteres. Letzte Norwegen=Weisung.
„Seelöwe" General Jeschonnek zu General Jodl. Will wissen, wie Heer sich
Einsatz der Fallschirmtruppen denkt. LIH schlägt vor, Insel Wight zu besetzen
durch Luftlandetruppen. LIL Versorgung aus der Luft im Winter ausgeschlos=
sen. Hauptzweck: Küstenbatterien in die Hand zu bekommen.
„Aufbau Ost" 4 : Ohne nähere Kenntnis der großen Absichten kein Aufbau
der Bodenorganisation (Ansicht der Luftwaffe).
LIL soll mal wieder bei Luftwaffe anfragen.
22. August 1940
Der Chef der Op.Abt. des GenStdH, Generalmajor v. Greiffenberg, sucht
den Chef L vormittags im Zuge „Atlas" auf und bittet um die Entscheidung
des OKW hinsichtlich des von der Kriegsmarine bei dem Unternehmen „See=
löwe" für die grüne Bewegung (Landung in der Bucht von Brighton von
Le Havre aus) zur Verfügung zu stellenden Transportraumes.
2 Oberst Nikolaus Lengeris.
3 Joannis Metaxas.
4 Vgl. S. 5.
43
B. Kriegstagebuch
Die Kriegsmarine habe für diesen Zweck neben den 200 Motorbooten und
100 Küsten=Motor=Seglern / mit denen die beiden Regimentsgruppen über=
führt werden sollten, 25 Dampfer vorgesehen, das Heer benötige aber
70 Dampfer zur Überführung der im Räume um Le Havre stehenden vier Divi=
sionen (8., 28., 6. Geb. und 30.). Die Kriegsmarine habe diese Forderung strikt
abgelehnt mit der Begründung, daß eine so starke Transportbewegung nicht
hinreichend gesichert werden könne und der Verlust der Dampfer die Gesamt=
bewegung gefährden würde.
Für das Heer sei es andererseits unmöglich, die Masse der im Räume um
Le Havre stehenden Divisionen etwa in die holländischen Häfen, wie die
Kriegsmarine vorsehe, abzutransportieren, da damit weitere umfangreiche
Transportbewegungen verbunden wären und eine Führung dieser Divisionen
sowohl diesseits wie jenseits des Kanals unmöglich werden würde.
Was die Mitwirkung der Luftwaffe anbelange, so habe sich bei einer Be=
sprechung mit dem Chef der Op.Abt. des GenStdLw ergeben, daß die Luftwaffe
die Landungsoperation des Heeres einerseits durch Bekämpfung der englischen
Stellungen und rückwärtigen Verbindungen aus der Luft unterstützen, also
anfangs die Rolle der Artillerie übernehmen werde, und daß sie andererseits
die Fallschirmtruppen der 7. Flieg.Div. einsetzen werde, und zwar mit schwä=
cheren Teilen auf den Höhen nördlich Dover, mit der Masse in der Gegend
von Brighton. Die Einzelheiten des Absetzens sollten erst noch erkundet wer=
den. Aufgabe der Fallschirmtruppen würde es sein, an den genannten beiden
Stellen die Landung der Heerestruppen zu erleichtern, wobei es sich in der
Gegend von Dover um den Schutz der rechten Flanke der Gesamtoperation
handle, während im Räume von Brighton ein Vorstoß nach Norden im Verein
mit den gelandeten Heerestruppen in Frage käme.
Im Anschluß an die Erörterungen über das Unternehmen „Seelöwe" be=
spricht Chef L mit General v. Greiffenberg die Umgruppierung der Heeres=
verbände in Norwegen (vgl. 21. 8.) und die vom Chef WFSt am 21. 8. über=
mittelten Wünsche des Führers, soweit sie das Heer angehen (vgl. Schreiben
des Chefs WFSt vom 21. 8. Ziffer 1, 2 und 4). Er teilt ihm ferner mit, daß
der Chef OKW dem OKH das Feuer der an der Kanalküste eingebauten
Ferngeschütze in den Höhepunkten des Luftkrieges gegen England freige=
geben habe.
Nach Beendigung der Besprechungen mit General v. Greiffenberg unter=
nimmt Chef L einen neuen Vermittlungsversuch zwischen den gegensätzlichen
Auffassungen des OKH und des OKM in der Frage des für die grüne
Bewegung von der Kriegsmarine, zur Verfügung zu stellenden Transport=
raumes.
Dieser Vermittlungsversuch geht von dem grundlegenden Gedanken aus,
daß das Unternehmen „Seelöwe" nach dem Willen des Führers nur dann
durchgeführt werden soll, wenn eine besonders günstige Ausgangslage sichere
Aussichten für das Gelingen bietet. Bei einer solchen Grundlage kann dann
44
23. August 1940
aber auch das Risiko bei der grünen Bewegung für die Kriegsmarine als
gemindert angesehen werden. Unter solchen Umständen sollte es der Kriegs=
marine möglich sein, so viel Schiffsraum in und bei Le Havre bereitzustellen,
daß die Überführung kampfkräftiger Verbände von dort in die Bucht von
Brighton sich bewerkstelligen läßt. Hierbei wird in erster Linie an die vorderen
Staffeln der im Raum um Le Havre stehenden vier Divisionen gedacht. Die
rückwärtigen Staffeln dieser Divisionen und etwaige weitere Divisionen müß=
ten dagegen entweder schon während der Vorbereitungszeit oder nach Anlauf
der Bewegung, sobald die Lage genauer zu übersehen ist, in günstigere Ab=
sprunghäfen überführt werden.
Auf dieser Grundlage gelingt es durch im Laufe des Tages fortgesetzte
Besprechungen, die Kriegsmarine zu dem Zugeständnis zu bringen, daß sie
nunmehr 50 Dampfer in Le Havre einsetzen will, von denen 25 bei ent=
sprechend günstiger Lage im Rahmen der Motorboot=Landung unmittelbar
auf die englische Küste zu bewegt und die restlichen 25 Dampfer zunächst
unter der französischen Küste nordostwärts und dann auf dem linken Flügel
der blauen Bewegung (Übergang von Dünkirchen— Boulogne nach Folkestone—
Beachy Head) gefahren werden sollen.
LIK (Korv.Kpt. Junge) und der VO des OKH bei der Ski. (Oberst v. Witz=
leben) melden übereinstimmend am Spätnachmittag des 22. 8. vorstehendes
Ergebnis ihrer Besprechungen mit der Ski. als beiderseitige Vereinbarung
vorbehaltlich der Zustimmung des Ob.d.M.
Chef L unterrichtet hierauf fernmündlich den Chef WFSt über diesen Ver=
mittlungsversuch und gleichzeitig über die zwischen dem Heere und der
Luftwaffe getroffenen Vereinbarungen (s. 22. 8., Blatt 1).
23. August 1940
Vormittags bestätigt der Chef des Stabes der Ski, Konteradmiral Fricke,
fernmündlich dem Chef L, daß die Kriegsmarine nunmehr auf der am 22. 8.
nachmittags mit dem VO des OKH und mit dem LIK vereinbarten Grundlage,
der auch der Ob.d.M. zugestimmt habe, die Vorbereitungen für das Unter=
nehmen „Seelöwe" fortsetzen werde.
Im Laufe des Tages mehrfach unternommene Versuche des Chefs L, auch
das endgültige Einverständnis des OKH mit dieser Abmachung und die vom
Heere dementsprechend beabsichtigten Maßnahmen zu erfahren, bleiben er=
gebnislos, da der Chef der Op.Abt. des GenStdH, General v. Greiffenberg,
noch nicht nach Fontainebleau zurückgekehrt ist.
[handschr.]:
(Am 22. 8. wegen Anwesenheit des Chefs der Op.Abt. des Generalstabes
des Heeres keine Besprechung.)
45
B. Kriegstagebuch
Der Luftkrieg leidet beiderseits unter dem schlechten Wetter. Für nächste
Woche Wetterbesserung in Aussicht.
LIK soll Beurteilung abgeben über Bedeutung der Abgabe von 50 USA=
Zerstörern an England: Bedeutende Verstärkung der englischen Geleitstreit=
kräfte, reichen zur artilleristischen Bekämpfung von U=Booten aus.
Wo ist englische Heimatflotte? 5 Schlachtschiffe gestützt auf das Clyde=
Gebiet stehen bereit zur Abwehr deutscher Streitkräfte. 7 Schlachtschiffe im
Mittelmeer. „Revenge" im Geleitdienst im Nordatlantik. „Queen Elizabeth"
im ganzen Krieg noch nicht aufgetreten, befand sich bei Kriegsbeginn in der
Werft, bei „Resolution", die immer im Gibraltar=Bereich bleibt, nimmt man
Beschädigung an. „Hood" und „Valiant" sind aus Gibraltar ausgelaufen zur
Sicherung von Geleitzügen.
L ///; Bericht Waffenstillstandskommission über Demobilmachung des fran=
zösischen Heeres, s. Anl.
Französisch=englische Beziehungen. 1. Kurzbericht Ausl.
Ausland: Abwehr kommt auf Grund eigener Meldungen in Übereinstim=
mung mit Abt. Fremde Heere auf 22 vollbereite englische Divisionen (darunter
1— 2 Panzer=Divisionen) und 12V2 noch unfertige Divisionen im englischen
Mutterland.
Japan strebt ostasiatisches Commonwealth an 1 .
WiRü: Unterteilung der Dringlichkeitsstufe. An der Spitze Vorbereitung für
„Seelöwe". Gefährdung der Treibstoffvorräte an der belgisch=französischen
Küste. An der belgischen und holländischen Küste Verlagerung schon durch=
geführt.
Interne Besprechung:
Vorschlag Chef L: Umrüstung der 196. Division als Gebirgs=Division, im
Antransport nach Drontheim. Kräftegliederung der Gruppe XXI: SS=Brigade,
Teile in Kirkenes, Masse Oslo. Führer beabsichtigt, noch eine SS=T=Standarte
nach Norwegen zu legen. Haltung der Norweger versteift sich.
„Seelöwe". Admiral Fricke heute morgen angerufen. Grüne Bewegung.
25 Dampfer geradeaus, 25 nach Osten. Zustimmung Ob.d.M. soll heute ein=
geholt werden.
Chef WFSt (Wehrmacht=Führung=Stab) Sorgen um Einschränkungsmaß=
nahmen. Nach Ansicht des Chefs L gibt es keine. Trotz uneingeschränkten
Luftkrieges gewisse Einschränkungen noch in Kraft. 22044/40 soll nach An=
Ordnung des Chefs WFSt aufgehoben werden. Verfahren in der amerikanischen
Sperrzone (300 sm Grenze) an amerikanischer Küste und sonstige noch be=
stehende einschränkende Bestimmungen sollen in neuer OKW=Verfügung
zusammengestellt werden. Gruppe I.
1 Zu den japanischen Bestrebungen, eine großostasiatische „Wohlstandssphäre"
aufzubauen: Vgl. Jones, F. C, Japan's New Order in East Asia. Its rise and fall
1937—45, London 1954.
46
24. August 1940
Besprechung Chef L. LIL, Major von Wussow. VO W Pr. England zu Beginn
des verschärften Luftkrieges 900 Jagdflugzeuge + 200 ältere als Reserve.
Davon 630 einsatzbereit. Man schätzt, daß England noch 450 hat (+ 200)
wahrscheinlich 600. Deutsche Verluste tragbar.
Chef Wehrmacht Propaganda=Abt. hat bei Chef Wehrmacht=Führungs=Stab
Vortrag gehalten. Ist dabei über Einsatzfragen der Luftwaffe nicht unterrichtet
gewesen. Unterrichtung über die ... [?] erfolgt durch Luftlageberichte. In Ab=
sichten Wehrmacht=Propaganda=Abt. nicht eingeschaltet. Chef Wehrmacht=
Propaganda bisher im großen von Chef L unterrichtet. Kurzfristige Unter=
richtung über bevorstehende Ereignisse:
Luftwaffe unterrichtet OKW=WPr, gleichzeitig Propaganda=Ministerium. In
letzter Zeit Presse schneller unterrichtet als LIL und WPr, liegt an WPr.
Mittags ruft Major Deyhle an und teilt mit, daß die Abt. L wahrscheinlich
noch am 23. 8. abends nachgezogen würde. (Der Führer befindet sich seit dem
17. 8. auf dem Obersalzberg. Chef OKW war am 18./19. 8. dort und hat sich
neuerdings am 21. 8. mit Chef WFSt Major Deyhle und LIL Major Queissner
in die Reichskanzlei nach Berchtesgaden begeben. Um 16.00 Uhr trifft der
Befehl für den Abtransport ein. Zug „Atlas" fährt 19.55 Uhr ab und trifft
am 24. 8., 9.45 Uhr, auf dem Hauptbahnhof Salzburg ein, wo er neben dem
Zug „Heinrich" (R.A.M.) abgestellt wird. Chef L, LIK, LIL, L III, K und Ober=
feldarzt Prof. Dr. Nissen werden im Hotel „österreichischer Hof" einquartiert.
Am 24. 8. findet keine Abteilungs=Besprechung statt.
LIH (Obstlt. von Loßberg) ist am 23. 8. früh mit Hauptmann Dr. Borner
nach Brüssel und Fontainebleau zwecks Rücksprache mit dem OKH und den
am Kanal eingesetzten AOKs abgeflogen.
24. August 1940
Auf die gestrigen vergeblichen Anrufe des Chefs L teilt der Chef der Op.Abt.
des GenStdH am Nachmittag fernmündlich mit, daß die neuen Vorschläge des
OKM zur Durchführung der „grünen Bewegung" des Unternehmens „Seelöwe"
nicht das Einverständnis des Ob.d.H. gefunden hätten. Das OKH müsse viel=
mehr an seiner Forderung festhalten, daß die Masse der um Le Havre bereit=
gestellten vier Divisionen aus diesem Räume auch überführt werde. General
v. Greiffenberg bittet daher von neuem um die Entscheidung des OKW und
kündigt an, daß der Ob.d.H. sich in persönlichem Vortrag vor dem Führer am
26. 8. Klarheit verschaffen wolle.
Chef L weist noch einmal auf die allgemeinen Voraussetzungen für das
Unternehmen „Seelöwe" hin (vgl. 22. 8., Blatt 2), denen auch das Heer bei
seinen Forderungen Rechnung tragen müsse. Es bliebe jedoch in jeder auch
noch so günstigen Lage mit dem Eingreifen der englischen Flotte zu rechnen.
Setze man die vom Heere geforderten 70 Dampfer für die Überführung von
47
B. Kriegstagebuch
Le Havre aus dieser Gefahr aus, so würden diese späterhin bei der entschei=
denden „blauen Bewegung" und den folgenden Nachschub=Bewegungen fehlen,
und das ganze Unternehmen würde damit in Frage gestellt werden. Auch er
selbst sei infolgedessen der Ansicht und würde den Chef OKW dahingehend
beraten, daß jede weitere Verstärkung des bei Le Havre bereitzustellenden
Schiffsraums nicht verantwortet werden könne.
LIH legt eine Studie über eine Landung auf der Insel Wight vor, die zu dem
Ergebnis kommt, daß ein Einzelunternehmen mit diesem Ziele nicht in Be=
tracht kommt und daß die Wegnahme der Insel als Vorstufe zu dem Unter=
nehmen „Seelöwe" zeitlich nicht mehr durchführbar ist.
Chef WFSt teilt mit, daß der Führer die Studie über die Wegnahme von
Gibraltar genehmigt habe und daß General Franco in politischen Besprechun=
gen mit dem deutschen Botschafter in Madrid, Stohrer, die Absicht kund=
gegeben habe, in den Krieg einzutreten unter der Voraussetzung militärischer
Unterstützung seitens Deutschlands und der Zufuhr von Treibstoffen und
Brotgetreide aus Deutschland 1 .
25. August 1940
Am Vormittag teilt der Chef des Stabes der Ski. dem Chef L fernmündlich
mit, daß auch ihm die ablehnende Stellungnahme des OKH zu den letzten
Vorschlägen der Kriegsmarine hinsichtlich des für die „grüne Bewegung" bereit=
zustellenden Schiffsraums zugegangen sei, und bittet dringend um die Ent=
Scheidung des OKW.
Chef L erwidert, daß die Kriegsmarine auf der Grundlage der am 22. 8.
getroffenen Vereinbarung ihre Vorbereitungen fortsetzen solle und daß er=
wartet werden könne, daß der Führer sich beim Vortrag des Ob.d.H. am 26. 8.
in diesem Sinne entscheiden werde. Das OKM werde von der Entscheidung
des Führers sofort benachrichtigt werden.
[handschr.] :
Wetterlage: Geschlossene Verbandseinsätze gegen England wahrscheinlich
nicht möglich.
LIK: Schlachtschiff „Bismarck" am 24. 8. in Dienst gestellt.
L IV a: Im Generalgouvernement darf nur mit Zloty bezahlt werden.
1 Zloty = 0,50 RM. Mitgenommen werden dürfen höchstens 600 Zloty.
L ///: Deutsche Interessen in Marokko, Führer=Entscheidung, daß die Atlan=
tikküste unter deutscher Kontrolle steht, Kontrolle soll aber nicht ausgeübt
werden. Bericht Waffenstillstands=Kommission.
LIH: Überraschende Nachrichten über russische Truppenansammlungen am
Pruth. Einmarschdrohung. Früherer finnischer Militär=Attache in Oslo hat
x Vgl. Anm. 1 v. 12. 8. 1940.
48
29. August 1940
Generaloberst von Falkenhorst aufgesucht, um deutsche Haltung bei erneutem
russischen Angriff zu sondieren. Schwierige Lage Finnlands.
Interne Besprechung (IH und IK) :
Verfügung betr. Einschränkungen „Seelöwe" : Karte mit Verteilung des Ge=
samtschiffraumes. Schiffsraum verteilt auf die Häfen, Schiffswege, Flanken=
sperren, Landungsräume. Bereitstellungsräume der 10 Divisionen der 16. und
9. Armee.
Hauptbewegung = „blaue Bewegung", Landung Brighton =* „grüne Be=
wegung".
LIH: Täuschungsmaßnahmen, Unterlagen von den Wehrmachtsteilen. Ver=
band z.b.V. 800. Regiment soll entweder in England oder bei den Italienern
eingesetzt werden.
L ///; Schreiben an WStK Kontrolle in Nord= Afrika: Casablanca und Dakar.
Vorschlag Jodl abgelehnt vom Führer. Wirtschaftliche Lage der französischen
Kolonien. WStK an Ski. und Wirtschafts=Rüstungs=Amt zur Stellungnahme.
Bemerkung Jodl auf Vortragsnotiz L IV über französische Demobilmachung.
Fernschreiben der Luftwaffe betr. Bevorratung in Norwegen. Angeblich morgen
Vortrag beim Reichsmarschall. L III schlägt Zwischenbescheid vor, daß vor
14 Tagen mit Anlauf der Bevorratung nicht zu rechnen sei.
29. August 1940
Vormittags meldet das OKH den Anlauf der Vorbereitungen zur Besetzung
des rumänischen ölgebiets, die Inmarschsetzung der 13. (mot.) Div. in den
Raum um Wien und die Absicht, zunächst diese Div. und die beiden dort schon
befindlichen Pz.Div. unter dem Generalkommando XXXX (Gen. Stumme) ein=
zusetzen.
Gegen Mittag kehrt der LIL von der Besprechung mit dem Führungsstab
der Luftwaffe mit der Meldung zurück, daß auch die Luftwaffe die ersten
Vorbereitungen zum Einsatz in Rumänien eingeleitet habe. Wesentliche Rück=
fragen seien vom Führungsstab der Luftwaffe bei der Besprechung nicht ge=
stellt worden.
Mittags beginnen in Wien die Verhandlungen des Reichsaußenministers und
des Grafen Ciano mit der ungarischen und rumänischen Delegation.
Bei der Lagebesprechung hält LIH Vortrag über die Kräfteverteilung auf
dem Balkan: Von den 24 ungarischen Brigaden stehen 23 an der rumänischen
Grenze, von den 35 rumänischen Divisionen 8—10 an der ungarischen, 22—24
an der russischen, der Rest an der bulgarischen Grenze, von den 44—45 tür=
kischen Divisionen 18 in Thrazien, 6 an den Dardanellen, 2 am Bosporus,
12 an der Kaukasus=Grenze und der Rest als Heeresreserve in Anatolien. In
Jugoslawien sind nur Teilkräfte an der italienischen und albanischen Grenze
aufmarschiert, Griechenland hat noch nicht mobilgemacht.
49
B. Kriegstagebuch
Von der Luftwaffe wurden am 28. und in der Nacht zum 29. 8. insgesamt
400 Kampf = und 576 Jagdflugzeuge gegen England eingesetzt. U. a. wurden
über Liverpool und Birkenhead in der Nacht 722 Spreng= und 6840 Brand=
bomben abgeworfen, die Trefferlage war jedoch infolge unsichtigen Wetters
nicht genau festzustellen. Die eigenen Verluste belaufen sich auf 21, die feind=
liehen auf etwa 43 Flugzeuge. In der Nacht zum 29. 8. haben englische Kampf=
flugzeuge zum ersten Male Großberlin angegriffen. Es wurden 8 Spreng= und
zahlreiche Brandbomben abgeworfen, hauptsächlich auf Wohnviertel am Gör=
litzer Bahnhof, wobei 8 Zivilpersonen getötet, 21 schwer und 7 leicht verletzt
wurden.
Infolge des Luftangriffs auf Groß=Berlin entschließt sich der Führer zur
sofortigen Rückkehr nach Berlin.
Zug „Atlas" fährt um 20.45 Uhr von Salzburg ab und trifft am 30. 8. gegen
10.00 Uhr auf dem Bhf. Grunewald ein.
Um 23.40 Uhr meldet der O.v.D. der Standortstaffel, Kaptlt. Loewe, fern=
mündlich, daß nach einem bei der italienischen WStK eingetroffenen, der
deutschen WStK übermittelten Funkspruch der französischen Regierung in
Äquatorialafrika ein Aufstand ausgebrochen sei und die dort stehenden fran=
zösischen Kolonialtruppen sich dem General de Gaulle angeschlossen hätten.
Über den Umfang der Aufstandsbewegung sei noch nichts bekannt. Die
französische Regierung bitte um die Genehmigung, französische Kriegsschiffe
aus Toulon nach Westafrika auslaufen zu lassen. Eine Entscheidung sei italieni=
scherseits noch nicht getroffen worden. Die deutsche WStK befürworte das
Auslaufen französischer Kriegsschiffe, da sie den Standpunkt vertrete, daß
man der französischen Regierung die Möglichkeit geben müsse, ihren Willen
durchzusetzen. Zudem bestehe ein politisches Interesse, die afrikanischen Be=
Sitzungen Frankreichs nicht an de Gaulle fallen zu lassen (Anl.).
Der Chef des Stabes der WStK, Obstlt. Böhme, teilt am 30. 8., 00.30 Uhr,
fernmündlich hierzu noch mit, daß die französische Abordnung in Wiesbaden
um 23.00 Uhr die WStK gebeten habe, von den in Toulon liegenden Seestreit=
kräften 3 Kreuzer und 3 Flottillenführer nach Westafrika zur Niederwerfung
des Aufstandes entsenden zu dürfen. Die WStK befürworte diesen Antrag.
[handschr.] :
(Am 28. 8. nur kurze Lagebesprechung unter Oberstlt. Priess).
In der Nacht vom 29. über Großberlin 4 Bomben in der Gegend des Görlitzer
Bahnhofs abgeworfen. 10 Tote, 28 Verletzte, darunter 21 schwer, mehrere
Dachstuhlbrände. Wetterlage über England wechselnd, bereits Auftreten von
Nebel.
LIM: Grenzzwischenfälle an der ungarisch=rumänischen Grenze.
LIH: Ungarn, von 24 Brig. 23 an der rumänischen Grenze. Rumänien: Von
35 Divisionen 8—10 an Westgrenze, 22—24 an der russischen, Rest an der
bulgarischen Grenze. Griechenland nicht mobilgemacht. Jugoslawien gewisser
50
30. August 1940
Aufmarsch an der albanischen und italienischen Grenze. Türkei: 18 Divisionen
Thrazien, 6 Dardanellen, 2 Bosporus, 12 an der Kaukasus=Grenze; insgesamt
44—45 Divisionen.
WiRüAmt: Tägliche Wagengestellung von 150 auf 155000 Wagen erhöht;
die 700 Lokomotiven im besetzten Gebiet größtenteils zurückgezogen, da
Belgien, Luxemburg, Elsaß=Lothringen wieder über eigenes Material verfügen.
Auswirkung „Seelöwe" auf Binnenschiffahrt = 10 °/o. Herausgezogene Kähne
können wegen Betonbodensatz später nicht mehr verwendet werden. Ab=
transport von Treibstoff aus gefährdeten Zonen.
Rumänisches Erdöl : 98,7 °/o ölf örderung und Raffinerien im Gebiet von
Ploesti.
L III: Aufzeichnung Huntziger über Waffenstillstandsverhandlungen in
Compiegne. Auseinandersetzung zwischen Kolonial= und Kriegsministerium.
Stülpnagel gestern abend angerufen: Abfall der französischen Tschadkolonie.
Bessere Verbindung zwischen Mutterland und Kolonien. Zug „Atlas" verläßt
Salzburg um 20.45 Uhr. Ankunft auf Bahnhof Grunewald am 30. 8., 10.00 Uhr.
Befehl zur Abfahrt trifft aus der Reichskanzlei um 15.30 Uhr ein.
Der Führer kehrt ebenfalls am 29. 8. nach Berlin zurück.
30. August 1940
0.30 Uhr: Der Chef des Stabes der WStK, Oberstlt. Böhme, teilt fernmünd=
lieh mit, daß die französische Abordnung in Wiesbaden am 29. 8. um 23.00 Uhr
die WStK gebeten habe, von den in Toulon liegenden Seestreitkräften 3 Kreu=
zer und 3 Flottillenführer nach Westafrika zur Niederkämpfung des in der
Tschad=Kolonie ausgebrochenen Aufstandes entsenden zu dürfen. Die WStK
befürworte diesen Antrag.
Im Laufe des Vormittags meldet die WStK fernmündlich, daß der italienische
VO bei der WStK, Oberst Mancinelli, folgendes mitgeteilt habe: Die Franzosen
hätten bei der italienischen WStK die Einstellung der Demobilmachung der
in Afrika befindlichen französischen Streitkräfte, die bereits erwähnte Ent=
sendung von 3 Kreuzern und 3 Flottillenführern nach Dakar und die Ent=
sendung von 2 Gruppen von Transportflugzeugen zur Versorgung der Be=
völkerung der Tschad=Kolonie mit Verpflegung beantragt. Auf den ersten
Antrag sei eine Antwort nicht ergangen, da die Demobilmachung in Afrika
noch gar nicht eingeleitet sei. Die Anträge auf Entsendung von Senegalesen
vom Mutterland nach Afrika und von Seestreitkräften nach Dakar seien ab=
gelehnt, der Antrag auf Entsendung von Transportflugzeugen hingegen ge=
nehmigt worden, jedoch mit der Einschränkung, daß es sich dabei nur um in
Nordafrika stationierte Flugzeuge handeln dürfe (Anl.).
Obwohl die im Laufe des Vormittags aus Wien eingehenden Nachrichten
einen günstigen Verlauf der Verhandlungen zur Beilegung des ungarisch=
51
B. Kriegstagebuch
rumänischen Konflikts erwarten lassen und mittags gemeldet wird, daß eine
Einigung erzielt sei, bleibt es bei der auf 15.00 Uhr in der Reichskanzlei an=
beraumten Besprechung zwischen den Vertretern der Gen.St. des Heeres und
der Luftwaffe unter dem Vorsitz des Chefs WFSt (vgl. 28. 8.).
An ihr nehmen teil: vom OKW Chef L mit LIH (Hptm. v. Trotha für den
erkrankten Obstlt. v. Loßberg) und LIL, Chef Ausl./Abw. mit Chef Abw Abt. II;
vom Heere der Ia der Op.Abt. des GenStdH (Oberst Heusinger), der Chef
des GenSt des XXXX. AK. 1 ; von der Luftwaffe der Chef der Op.Abt. des
Führungsstabes der Lw (Gen. v. Waldau).
Chef WFSt legt eingangs kurz die politische Lage dar. Falls eine Einigung
durch Schiedsspruch nicht zustandekomme, müsse das deutsche Interessen=
gebiet in Rumänien vor dem Zugriff anderer Mächte geschützt und hierzu von
der Wehrmacht auf schnellstem Wege besetzt werden. Ungarn und Rumänien
würden sich hiermit voraussichtlich einverstanden erklären. Wenn nach den
neuesten Nachrichten auch anzunehmen sei, daß eine Einigung bei den Wiener
Verhandlungen zustande komme, so müßten die Vorbereitungen zur Besetzung
des rumänischen Erdölgebietes doch vorderhand noch fortgesetzt werden.
Chef Ausl. Abw. berichtet über die von ihm getroffenen Maßnahmen zum
Schutze des ölgebiets. Zur Unterbindung von Sabotageakten und Hand=
streichen stünden zum Einsatz zur Verfügung:
1. etwa x$o Mann mit tüchtigen Offizieren in Ruse an der Donau; etwa
150 Mann in Bukarest und im ölgebiet um Ploesti; diese Leute hätten
Uniformen und Waffen, auch s.MG., und könnten 15—20 Stunden nach
Alarmierung im ölgebiet eintreffen;
2. etwa 6 Donaukutter und 2 Motorboote mit Bewaffnung;
3. getarnt Bewaffnete auf ölschiffen.
Der Befehl zum Einsatz dieser Abwehrkräfte müsse möglichst 24 Stunden
vorher gegeben werden.
Der Chef der Op.Abt. des Führungsstabes d. Luftwaffe schlägt den Einsatz
von 1 verst. Fallschirm=Jäg.Rgt. zu 3 Btl., 1 Pz.Jäg.= u. 1 Inf .Gesch.Komp., 1 Fall=
schirm=Flak= u. 1 lei.Bttr. vor. Die Bereitstellung von 270 Transportmaschinen
sei vorbereitet, weitere 230 Maschinen könnten innerhalb 72 Stunden aus den
Schulen herausgezogen werden, die Bevorratung von Betriebsstoff im Luft=
gau XVII sei eingeleitet. Für die Landung kämen 6 Plätze um Ploesti in
Betracht, deren derzeitiger Zustand von der Abwehr festgestellt werden müßte.
Die Luftabwehr könnten die Rumänen übernehmen, die hierzu über Heinkel=
Jäger und deutsche Flak verfügten. Das Abziehen von Jagdkräften aus dem
Westen sei unerwünscht und auch nicht notwendig. Wenn weiterer Flakschutz
erforderlich sei, so könne noch 1 gem.mot.Flakrgt. eingesetzt werden und als
Tiefschutz eine Flugmeldeabteilung. Die gelandeten Kräfte müßten durch
landeskundige Führer zu den zu schützenden Objekten geführt werden.
1 Oberstlt. i. G. v. Kurowski. Hinweis auf Anlage: Besprechungsprotokoll in den
Akten LIH.
52
30. August 1940
Der Ia der Op.Abt. des GenStdH meldet, daß vom 1. 9. an im Raum um
Wien das XXXX. (mot.) AK unter General Stumme mit der 2. und 9. Pz.= und
der 13. (mot.) Div. bereitstehen werde. Die beiden Pz.Div. verfügten nur über je
eine Pz. Abt. (Chef WFSt hat dagegen keine Bedenken). Das Korps könne, wenn
es nicht auf Widerstand stoße, nach 3 Tagen an der ungarisch=rumänischen
Grenze, nach 5 Tagen im ölgebiet um Ploesti stehen, und zwar die Räder=
fahrzeuge mittels Landmarsch auf 2—3 Straßen, die Kettenfahrzeuge mittels
Bahntransport auf 2 Bahnen. Weiter könnten eingesetzt werden: das mot.
Inf .Rgt. „Großdeutschland" und die mot. SS=Standarte „Adolf Hitler", die beide
z. Z. in Elsaß=Lothringen stünden, nach 48 Stunden marschbereit sein und nach
weiteren 48 Stunden an der deutsch=ungarischen Grenze eintreffen könnten.
Außerdem seien 2 Inf.Div. zur späteren Ablösung des mot.Korps vorge=
sehen. Wegen der Schwerfälligkeit des ungarischen Eisenbahnbetriebes müß=
ten die durch Ungarn laufenden Bahntransporte 1—2 Tage vorher festgelegt
werden.
Abschließend stellt Chef WFSt fest, daß diese Unterlagen einstweilen
genügten. Die Vorbereitungen sollten auf dieser Grundlage fortgesetzt werden.
Der Führer beabsichtige, nach der Festsetzung neuer Grenzen zwischen Ungarn
und Rumänien eine starke deutsche Militärmission nach Rumänien zu ent=
senden.
Chef L wird beauftragt, die erforderliche Weisung des OKW für die
Auslösung des Unternehmens vorzubereiten und für den Bedarfsfall bereit=
zuhalten.
Im Anschluß an die Besprechung meldet Chef L dem Chef WFSt, daß nach
den bisherigen Ermittlungen die Entscheidung des Führers über die Durch=
führung des Unternehmens „Seelöwe" etwa 8—10 Tage vor dem Beginn fallen
müsse. Chef WFSt befiehlt, auf dieser Grundlage eine Zeittafel aufzustellen.
Er fügt hinzu, daß der Führer nach dem derzeitigen Stande des Luftkrieges
gegen England die Voraussetzung für das Unternehmen „Seelöwe" (Erringung
der Luftherrschaft) noch nicht als erfüllt ansehe und die Absicht geäußert habe,
sich über die Durchführung erst um den 10. 9. herum zu entscheiden 2 .
Oberst Heusinger hebt in diesem Zusammenhang nochmals die Auffassung
des Chefs des GenStdH hervor, daß auf der nunmehr befohlenen schmalen
Basis eine Operation des Heeres in dem ursprünglich beabsichtigten Ausmaß
nicht durchführbar sei, es sich vielmehr nur noch darum handeln könne,
einem durch den Luftkrieg niedergeworfenen Gegner den Fangstoß zu geben.
Ein Mißlingen des Unternehmens müsse ausgeschlossen sein, da hiermit ein
unerträglicher Rückschlag im Hinblick auf den bisherigen Gesamterfolg des
Krieges verbunden sein würde.
Chef WFSt stimmt dieser Auffassung, die er selbst stets vertreten habe, un=
eingeschränkt zu und verweist auf die übrigen Mittel, die zu dem gleichen
2 Vgl. Klee, a. a. O. (Anm. 1 v. 1. 8. 1940), S. 197 ff.
53
B. Kriegstagebuch
Ziele, der Niederringung Englands, führen könnten. (Gemeint ist wohl die
„Belagerung" Englands.)
Chef WFSt teilt weiterhin mit, daß der Führer, nachdem ihm das Ergebnis
der Untersuchungen des OKH über die Entsendung von deutschen Panzer=
kräften nach Libyen 3 vorgetragen worden sei, nunmehr doch wieder der
Entsendung stärkerer Kräfte, etwa zweier Pz.Div., zuneige. Diese Operation
gegen Ägypten in Verbindung mit dem geplanten Angriff gegen Gibraltar —
über den Stand der Vorbereitungen für dieses Unternehmen wird Oberst
Heusinger kurz unterrichtet — sei geeignet, England seine Machtstellung im
Mittelmeer völlig zu entreißen und darüber hinaus sehr günstige Voraus=
Setzungen für die gemeinsame deutsch=italienische Seekriegführung gegen die
englische Flotte zu sichern.
Chef WFSt unterrichtet den Ia der Op.Abt. des GenStdH schließlich noch
davon, daß der Führer die Genehmigung zu Waffenlieferungen großen Um=
fangs an Finnland erteilt habe, und daß die Finnen ihrerseits Deutschland
Schiffsraum für die Nachschubtransporte nach Nordnorwegen zur Verfügung
gestellt und die Benutzung der durch Finnland nach Kirkenes führenden Straße
zugestanden hätten.
Nach Abschluß der Besprechungen mit Oberst Heusinger teilt Chef WFSt
dem Chef L auf dessen Frage nach den weiteren Absichten für die Fortführung
des Luftkrieges gegen England mit, daß der Führer nunmehr bei günstiger
Wetterlage Vergeltungsangriffe gegen London mit zusammengefaßten Kräften
durchführen lassen wolle.
Nach Meldung der Abt. Ausl. 4 hat der Militär= Attache in Rom dem Chef Ausl.
am 29. 8. folgende Mitteilung gemacht:
1. Marschall Badoglio sei anscheinend glücklich über die Ablehnung des
italienischen Wunsches nach deutsch=italienischen Generalstabsbesprechungen
über einen evtl. Angriff auf Jugoslawien (vgl. 14. und 15. 8.). Die geplanten
italienischen Unternehmungen gegen Jugoslawien und Griechenland würden
nicht zur Durchführung kommen, wenn nicht ganz außergewöhnliche Maß=
nahmen dieser Länder Italien zum Eingreifen zwingen würden.
2. Die Seewege im östlichen Mittelmeer würden in zunehmendem Maße
durch die italienische Kriegsmarine und Luftwaffe gesperrt.
3. Die Vorbereitungen der italienischen Wehrmacht für eine Offensive gegen
Ägypten seien im wesentlichen beendet. Der Angriff solle beginnen, sobald
das erste deutsche Btl. seinen Fuß auf englischen Boden gestellt habe. Die
Begeisterung für dieses Unternehmen sei bei den höheren Stäben gering,
am geringsten bei Marschall Graziani, der ein draufgängerischer alter Troupier,
aber nicht vorgeschult sei, große taktische Entschlüsse zu fassen, und deshalb
der nicht ganz einfachen Lage anscheinend etwas ratlos gegenüberstehe.
3 Vgl. 26. 8. 1940.
4 Hinweis auf Anlage, Abt. Ausl. III Org. 101/40 g.K. Chefs, v. 30. 8., in den
Akten LIH.
54
31. August 1940
4. Die Italiener würden sich das Verhalten der Franzosen in Nordafrika noch
etwa 4 Wochen ansehen, dann aber die vollständige Demobilisierung verlangen.
5. Die italienische Führung, die Wehrmacht und das Volk seien der Ansicht,
daß der Krieg unter allen Umständen in Kürze beendet sein müsse.
[handschr.] :
Luftangriffe durch Wetterlage beeinträchtigt. Großangriff auf Liverpool
Birmingham.
L ///: Aufstand in der Tschadkolonie. Franzosen an italienische und deutsche
Waffenstillstandskommission herangetreten mit der Bitte, Seestreitkräfte dort=
hin entsenden zu dürfen.
Ausland: Verhandlungen in Wien. Einigung gestern erzielt. Ungarn zu=
gestimmt. Rumänen haben erbetene Frist ohne Antwort verstreichen lassen.
Englischer Militär=Attache in Athen wirbt Freiwillige an. England soll Absicht
haben, griechische Inseln zu besetzen. Frage der französischen Kolonien in
neues Stadium getreten, indem Petain eine Anzahl von Gouverneuren durch
andere, nicht von de Gaulle abhängige Persönlichkeiten ersetzt hat; seiner=
seits je 1 Gouverneur für Kamerun und Tschad=Kolonie ernannt. Papst hat
Sympathie mit Italien geäußert.
Interne Besprechung:
Heute 15.00 Uhr Besprechung bei Chef WFSt. Teilnehmer Chef L, Major von
Falkenstein, Hptm. v. Trotha für den erkrankten Obstlt. v. Loßberg. Thema :
Besetzung rumänischen Erdölgebiets. Militär= Attaches sollten ursprünglich nach
dem Berghof kommen, wurde dann abgesagt.
31. August 1940
[handschr.] :
Abteilungsbesprechung wird in Abwesenheit des Chefs L (Vortrag vor den
ausländischen Militärattaches) von Obstlt. Priess abgehalten: In der Nacht zum
31. 8. englische Luftangriffe auf Berlin mit Schwerpunkt Siemensstadt (erheb=
liehe Brände, teil weiser Ausfall der Produktion für etwa 14 Tage).
L ///; Lage in Zentralafrika spitzt sich zu. Französische Regierung sieht sie
als sehr ernst an. Anträge an die WStK (Waffenstillstandskommission).
Führer hat entschieden, daß Italien diese Angelegenheit zu regeln habe und
daß von uns kein Druck auf die Italiener ausgeübt werden dürfe, um den
französischen Forderungen zu entsprechen.
Ausland: Lage kann als entspannt angesehen werden; den Italienern ist
bedeutet worden, und zwar anscheinend vom Führer persönlich, daß sie an
der albanisch=griechischen Grenze Ruhe halten sollten. — Kommunistische
Umtriebe im unbesetzten französischen Gebiet. Stellung der französischen
Regierung nicht sehr fest.
55
B. Kriegstagebuch
2. September 1940
Vom OKH (GenStdH Op.Abt.) geht die durch Weisung des OKW vom
27. 8. (vgl. 26. 8.) eingeforderte Meldung über die beabsichtigte Gliederung
der beim Unternehmen „Seelöwe" zu überführenden Kräfte und über den
voraussichtlichen zeitlichen Ablauf der Überführung ein (Anl. 1).
Danach können, wenn nicht besonders ungünstige Umstände eintreten, bis
zum S. + 16. Tag abds. 5 Gen.Kdos. mit 10 Divisionen einschließlich rück=
wärtiger Dienste und Korpstruppen vollzählig gelandet sein und in 4 Wochen
etwa 16 Divisionen überführt werden.
Chef L hält dem Chef WFSt am Nachmittag Vortrag über die heute ein=
gegangene Meldung des OKH (s. oben) und übergibt ihm einen Antrag des
OKH, im Hinblick auf das Unternehmen „Seelöwe" das Operationsgebiet im
Westen auf die holländischen Provinzen Zeeland, Zuid=Holland und Noord=
Brabant westlich und einschließlich der Eisenbahnlinie Neerpelt— Geldermalsen
auszudehnen (Anl. i. Akten LIH).
Er legt ihm ferner den nunmehr abgeschlossenen Entwurf einer Weisung
(Anl. 2) für die Besetzung des rumänischen Erdölgebietes vor, die erst unter*
zeichnet und ausgegeben werden soll, wenn die Entwicklung der Lage in
Rumänien die Besetzung des Erdölgebietes notwendig macht. Chef WFSt
erklärt sich mit dem Entwurf einverstanden und teilt hierzu noch folgendes
mit:
Der Führer beabsichtige, wenn die gegenwärtige Spannung zwischen Ungarn
und Rumänien abgeklungen sei, an Ungarn die Forderung zu stellen, daß es
gegebenenfalls den Durchmarsch deutscher Truppen, die Benutzung seiner
Eisenbahnen und das Überfliegen seines Gebietes mit Zwischenlandungen
gestatte, und von Rumänien die Zustimmung zur Besetzung seines Erdöl=
gebietes durch deutsche Truppen zu verlangen, um dieses gegen den Zugriff
dritter Staaten zu sichern. Der gleiche Zweck solle vorläufig durch Entsendung
einer aus Offizieren des Heeres und der Luftwaffe zu bildenden Militärmission
erreicht werden, der deutsche „Lehrtruppen" für Panzerabwehr und Luftschutz
anzugliedern seien. Von den Oberkommandos des Heeres und der Luftwaffe
sollten hierfür Vorschläge eingefordert werden.
Chef WFSt teilt weiterhin mit, daß der Führer sich den Gedanken, die der
LIK in seiner Vortragsnotiz vom 26. 8. über das Kräfteverhältnis zwischen der
deutsch=italienischen und der englischen Flotte und über die Möglichkeiten
einer gemeinsamen deutsch=italienisdhen Seekriegführung (vgl. 26. 8.) ent=
wickelt habe, angeschlossen habe. Voraussetzung für die Verwirklichung dieser
Gedanken sei die Durchführung der geplanten Unternehmungen gegen Gibral=
tar und Ägypten, die damit an Bedeutung gewönnen. Die wirtschaftlichen
Forderungen, die Spanien als Bedingung für seinen Kriegseintritt gestellt habe,
dürften kein Hindernis für die Durchführung des Angriffs auf Gibraltar sein;
sie würden am ehesten durch den Sieg der Waffen Erfüllung finden.
56
2. September 1940
Chef L legt dem Chef WFSt sodann eine von der WStK übersandte Karte
mit den eingezeichneten Standorten des künftigen französischen Übergangs=
heeres nach dem Vorschlag der französischen Abordnung bei der WStK vor
(Anl. 3).
Danach würde das französische Übergangsheer 8 Div. mit 24 Inf.Rgt. (dar=
unter 4 Jäger= und 2Kolonial=Rgt.), 8 Div. (mit) Kav.Rgt., 8 Artl.Rgt. mit je einer
mot. Battr. (darunter 1 Geb.= und 2 Kolonial=Abt.), 8 Pi.Batl., 8 Nachr.Abt.
und 8 Kraftfahr=Komp. sowie 2 Reiter=Brig. mit 4 Reiter=Rgt. umfassen; an
Polizeitruppen (garde mobil) sollen 12 Komp., 12 Schwad, und 24 Krad=Schwad.
aufgestellt werden. Die WStK hat diesen Vorschlag im einzelnen noch nicht
geprüft und behält es sich vor, u. U. Abänderungen zu fordern.
Chef L überreicht dem Chef WFSt ferner eine Vortragsnotiz des L III
über die Lage in den französischen Kolonien zur Vorlage an den Chef OKW.
Darin wird dargelegt, daß die Mehrzahl der französischen Kolonien aus eigener
Kraft nicht lebensfähig sei und Anlehnung suchen müßte, wenn sie nicht vom
französischen Mutterland unterstützt würde, daß aber die Italiener die darauf
abzielenden Anträge der Franzosen zumeist abgelehnt hätten und infolge=
dessen die Gefahr bestehe, daß der Brandherd in Äquatorialafrika sich auf
Nordafrika ausdehne, was u. U. zu einem Festsetzen der Engländer in Dakar
und Casablanca führen könne. Es werde daher vorgeschlagen, durch das
Auswärtige Amt auf die Italiener einzuwirken, daß sie die Konsolidierung
der politischen Lage in Äquatorialafrika zu Gunsten der Regierung Petain
und die Sicherstellung der wirtschaftlichen Lage der französischen Kolonien im
Rahmen der durch den Krieg gegen England gegebenen Möglichkeiten er=
strebten (Anl. 4).
Chef L legt dem Chef WFSt weiterhin eine von der WStK übersandte Über=
Setzung einer Note der französischen Abordnung vom 28. 8. vor 1 , in welcher
mitgeteilt wird, daß der Generaldelegierte der französischen Regierung in Paris
die Frage der Rückkehr der Flüchtlinge in die reservierten Zonen des besetzten
französischen Gebietes beim Chef der deutschen Mil.Verw. von neuem auf=
werfen werde, mit der Absicht, fürs erste wenigstens die Zustimmung zur
Heimkehr der Verwaltungsbehörden dieser Zonen und gewisser Kategorien
wirtschaftlich beschäftigter Personen zu erreichen, und in welcher der Vor=
sitzende der WStK gebeten wird, sich bei der deutschen Regierung für eine
rasche Zustimmung hierzu einzusetzen.
Chef L legt dem Chef WFSt schließlich noch eine Vortragsnotiz des L III
über die Versorgung der in Nordnorwegen eingesetzten deutschen Truppen für
den Chef OKW vor 2 . Darin wird darauf hingewiesen, daß das Auswärtige Amt
einen Antrag des Heimatstabes Nord, die Zustimmung der finnischen Regie=
1 Hinweis auf Anlage, Chefgruppe Ib 42/40 g.K. v. 30. 8., in den Akten LIV.
2 Anlage 3.
57
B. Kriegstagebuch
rung für die Durchfuhr von militärischen Nachschubgütern aller Art durch
finnisches Gebiet nach Kirkenes zu erwirken, ohne Weitergabe an die Finnen
abgelehnt habe, während die Luftwaffe, anscheinend unter Umgehung des
Auswärtigen Amtes, die Zustimmung der Finnen zur Durchfuhr ihres Nach=
Schubes erhalten habe. Da die Lage ein weitgehendes Ausnutzen dieser Nach=
Schubmöglichkeit unbedingt erfordere, sei es notwendig, daß das Auswärtige
Amt durch einen Befehl des Führers veranlaßt werde, auch für die übrigen
Wehrmachtteile die finnische Durchfuhrerlaubnis zu erwirken.
Auf Hinweis von LIL, daß die Schlüsselpunkte des rumänischen Erdöl=
gebietes sich über ganz Rumänien erstreckten, erteilt Chef L Anweisung, in
Zusammenarbeit mit dem WiRüAmt eingehende Unterlagen zu beschaffen,
um in einem späteren Zeitpunkt nötigenfalls über alle Unterlagen zur Siche=
rung der deutschen Erdölinteressen zu verfügen.
[handschr.] :
(Am 1. 9. keine Lagebesprechung.)
LIL: Am 1. 9. Angriffe gegen Flugplätze in London, nachts Schwerpunkt der
Angriffe Bristol. Nacht zum 2. 9. auf Berlin und Umgebung keine Bomben.
Gefangenen= Aussagen: Klagen über Überanstrengung, große Wirkung der
deutschen Angriffe. Täuschungsmanöver: Spitfire mit auf den Tragflächen
aufgemalten Me 109. Teilweise immer noch starke Jagdabwehr. Einsatz ameri=
kanischer Flugzeuge bevorstehend. In Süd= und Mittelengland Hochdruck=
wetter. Wird noch einige Tage bleiben.
LIK: Im Atlantik 3 italienische U=Boote, operieren von Italien aus.
L7L: Italienische Luftwaffe hat sich ihre Einsatzhäfen an der Kanalküste
angesehen. Kommt in der 2. Hälfte September. Ihr Hauptquartier wird Alost.
L III: Nachrichten über die Streitkräfte de Gaulles. Alle auf englischer Seite
kämpfenden Franzosen müßten nach dem Waffenstillstandsvertrag als Frei=
schärler angesehen werden. Die Frage ist aber noch nicht entschieden.
L IV: Italiener haben französische Bitte auf Entsendung französischer Kriegs=
schiffe nach Dakar zur Unterdrückung des Aufstandes im Tschad=Gebiet
abgelehnt.
Übergangsheer 24 Inf.=, 8 Artillerie=, 2 Kav.Divisions=Stäbe (davon 3 Jäger,
2 Kol.), 3 Reiter=Regimenter.
Lw 351 Flugzeuge + Polizei=Flugzeuge in Afrika.
Ausland: In Rumänien Kundgebungen gegen den Schiedsspruch, kleine
Revolten in Bukarest. In Moskau keine Kommentare. In Südafrika Antrag
Hertzog auf Friedensschluß mit Deutschland mit 83 gegen 65 Stimmen ab=
gelehnt. General von Bötticher meldet, daß eine amerikanische Kommission
nach England geschickt ist, um Roosevelt über Verteidigungsmaßnahmen zu
berichten. Hat sehr günstigen Eindruck gewonnen (Vortragsnotiz).
WiRüAmt: Für „Seelöwe" 1000 Kähne aus der Binnenschiffahrt heraus=
geholt.
58
3. September 1940
LIH: 74 italienische Divisionen, davon 28 an der jugoslawischen Grenze,
14 Divisionen in Libyen. Schweizer Grenzbrigade — 2 Bataillone, Finnland
5 AK — 16 Divisionen. 140—150000 Mann, 600 Flugzeuge. Auf russischer Seite
15—20 Divisionen. Russen bauen Eisenbahnnetz in den neugewonnenen finni=
sehen Gebieten aus.
Bericht des Chefs des Heeresnachrichtenwesens über 2. Teil der West=
offensive. Englische Kräfteverteilung: Küstenverteilung 16 op.Res., 19V2, 3 un=
bekannt; Englische Verluste in Frankreich. Geschütze 65%), Panzerfahrzeuge Va.
In England daher neues behelfsmäßiges Panzerfahrzeug entwickelt.
180—200 Flugzeuge monatlich aus USA.
Französische Truppen in England in englischer Uniform mit Ärmelstreifen
„France".
Interne Besprechung:
1. „Seelöwe": Heute früh die vom Heer eingeforderte Gliederung und Zeit=
einteilung eingegangen. Zeittafel : Regie LIK. Richtlinien für Nachschub „See=
löwe". L III: Nachmittags Besprechung bei Chef WFSt.
2. Südosten: Vorbereitungen für Einsatz deutscher Panzerverbände sollen so=
bald wie möglich abgeblasen werden [?], aber weg. evtl. Unruhen vorläufig
noch nicht.
Weisung LIH. Regie LIL.
3. Italien: Rintelen hat am 29. 8. mitgeteilt: Badoglio über deutsche Ableh=
nung glücklich. Teilt Chef OKW mit, daß Unternehmen gegen Jugoslawien und
Griechenland erledigt. Wege im östlichen Mittelmeer im zunehmenden Maße
von Italien beherrscht. Vorbereitungen gegen Ägypten abgeschlossen. Durch=
führung, wenn erstes Bataillon auf englischem Boden. In Libyen keine Nei=
gung. Italienische Wehrmacht und Volk drängen auf baldige Kriegsbeendigung.
4. Finnland: Reichsmarschall hat durch persönliche Beziehungen erreicht, daß
Finnland ^o 000 t Transportraum zur Verfügung stellt.
5. Vortragsnotiz LIK hat in Reichskanzlei anscheinend auch beim Führer ein=
geschlagen (betr. Einsatz deutscher und italienischer Schlachtflotte gegen Eng=
land). Neuerdings rechnet das Oberkommando der Kriegsmarine nicht mit 19,
sondern nur mit 15 englischen Schlachtschiffen.
3. September 1940
[handschr.]:
LIH: 1. Panzer=Division nach Ostpreußen.
LIL: Über Bristol in der Nacht 1./2. 33 t abgeworfen; insgesamt 65 t. Am
2. 9. Wiederaufnahme der Bekämpfung der englischen Jagdabwehr. Soll am
3. 9. fortgesetzt werden. In der Nacht zum 3. 9. feindliche Flieger im Anflug
auf Berlin, drehen aber ab. Berlin in der Woche vom 25. 8.— 1. 9.= 8V2 Std. im
Keller.
59
B. Kriegstagebuch
Ziel der Angriffe des Monats August war Erringung der Luftüberlegenheit
durch Bekämpfung der feindlichen Jäger. Beginn der Angriffe: 8. 8. Verluste:
England: 1115 Jagdflugzeuge, 92 Kampfflugzeuge,
deutsche: 252 Jagdflugzeuge, 215 Kampfflugzeuge.
1 140 Sprengbomben, zahlreiche Brandbomben abgeworfen.
Zerstört 18 Flugplätze, weitere 26 beschädigt.
10% der Bodenorganisation zerstört, in der Jäger repariert werden können.
Kampfflugzeugen noch kein wesentlicher Schaden zugefügt.
Angegriffen 8 Flugzeug=, 3 Aluminium=, 19 Zellenwerke.
Von den Flugzeugen, die von uns als abgeschossen gemeldet wurden, kann
eine größere Zahl sicherlich sehr schnell wieder repariert werden.
Nach Berechnungen der Luftwaffe verfügten die Engländer am
1. 7. über 900 Jagd= und 250 Res. Flugzeuge
1. 9. über 600 Jagd= und 100 aus der Industrie, davon 420 einsatzbereit.
Englische Flakartillerie scheint neuerdings im Süden des Landes zusammen=
gezogen zu sein. Leistungen der Flakartillerie im allgemeinen schlecht. Sperr=
ballone 4 000 m hoch, stehen 400 m auseinander, werden überflogen und durch=
flogen. Englische Kampf verbände : keine größere Tagaktion. Etwa 600 Flug=
zeuge. Nachtflugzeuge 500, eingesetzt aber höchstens 100. Wenig Verluste.
Englischer Schiffsraum nicht zu fassen. Englische Bevorratung daher gestiegen.
Flugzeugindustrie: Juli je 300 Kampf= und Jagdflugzeuge. Amerikanische
Produktion läuft erst Mitte Mai 1941 an. Schlußfolgerung: Englische Jagd=
abwehr stark angeschlagen. Werden die deutschen Angriffe auf die englischen
Jäger im Laufe September bei günstiger Wetterlage fortgesetzt, so ist an=
zunehmen, daß die Jagdabwehr dann so geschwächt ist, daß die Luftangriffe
auf Produktionsstätten und Hafenanlagen derart gesteigert werden können,
daß die englische Bevorratung erheblich darunter leidet. Ob England dann noch
weiter kämpft, ist die Frage.
L III: Beim französischen Übergangsheer 2 Kavallerie=Brigaden, nicht Divi=
sionen. Kolonialregimenter bestehen nur aus Weißen. Französische Streitkräfte
im Tschad=Gebiet ganz unbedeutend.
Ausland: Chef L antwortet auf Anfrage, daß dem Führer die Lage in
Zentralafrika vorgetragen werden soll.
WiRüAmt: Wehrmachtausgaben des 1. Kriegsjahres 38 Milliarden RM,
davon etwa 20 Milliarden für Rüstung.
Interne Besprechung:
1. „Seelöwe": Auf Grund Vorlage Kriegsmarine kurzer Befehlsentwurf für
Zeittafel mit Daten heute morgen an Chef WFSt. Befehl am 5.— 10. Tage muß
Inkraftsetzung der Irreführungsmaßnahmen enthalten. „Grüne Bewegung":
Kriegsmarine Raum E über „grün" und „blau", Auffassung beim Heer noch
abweichend. Klärung von Oberkommando zu Oberkommando auf der Basis
der Weisung unter Beteiligung des Oberkommandos der Wehrmacht.
60
4. September 1940
Bemerkungen der Abt. L zu Operationsentwurf OKH (Aufmarschanweisung
Heer).
2. Rumänien: Chef WFSt: Führer beabsichtigt, wenn Spannung Rumänien-
Ungarn beseitigt, s(ehr) [?] gestrenges Diktat (?). Rum. Anregung Militär«
mission durch Lehrtruppen zu verstärken. Entwurf Chef L.
Verfahren, daß Militär=Attaches nur über Botschaft melden, soll geändert
werden.
[KTB]:
Nachmittags Verfügung „Seelöwe".
4. September 1940
General v. Stülpnagel bittet erneut um Weisung, welche Richtlinien den
Franzosen gegenüber hinsichtlich Westafrika beobachtet werden sollen. An=
laß hierzu gibt der für den 4. 9. abends angekündigte Besuch des Generals
Huntziger. Seiner Ansicht nach müsse man über die bisherigen Einzel=
genehmigungen hinaus, die sämtlich Zeit zur Verwirklichung brauchten, den
Franzosen Gelegenheit geben, in einem bestimmten Rahmen selbständig zu
handeln und die getroffenen Maßnahmen nachträglich zu melden. Nach Rück=
spräche mit Chef WFSt teilt Chef L dem General v. Stülpnagel mit, daß beim
OKW die Absicht bestünde und mit dem Auswärtigen Amt bereits besprochen
worden sei, den Franzosen die Verpflichtung aufzuerlegen, in ihrem Kolonial=
reich Ordnung zu schaffen. Eine Nichterfüllung dieser Forderung müsse schwer=
wiegende Folgen auch im französischen Mutterland haben. Diese Absicht solle
aber noch mit Italien abgeglichen werden und dürfe vor Entscheidung des
Führers nicht zum Gegenstand der Erörterung mit General Huntziger gemacht
werden.
Nach erneuter Rücksprache mit dem Auswärtigen Amt teilt Chef WFSt am
4. 9. nachmittags mit, daß die endgültige Übereinstimmung mit dem Aus=
wärtigen Amt im vorstehenden Sinne erzielt worden sei und daß das Aus=
wärtige Amt die erforderliche Abstimmung mit Italien betreiben werde. Offen
geblieben sei noch die Frage der Kontrolle der französischen Maßnahmen, wozu
Vorschläge von der Abt. L gemeinsam mit der Abt. Ausl. vorgelegt werden
sollten.
Chef L reicht dem Chef WFSt Vorschläge für die Unterrichtung der deut=
sehen Militär= und Luftattaches in Washington über den Luftkrieg gegen und
die Landung in England ein, um sie zu befähigen, der amerikanischen Propa=
ganda entgegenzutreten.
Chef L unterrichtet mittags den stellv. Chef des Stabes WNV, Freg.Kpt.
Humpricht, über die Lage im Südosten, die es erfordere, nachrichtentechnische
61
B. Kriegstagebuch
Vorbereitungen zu treffen, um bei einer noch immer möglichen, schnell ein=
tretenden Notwendigkeit der Besetzung des ölgebietes über die nötigen Ver=
bindungen zu verfügen. ChefL teilt dem stellv. Chef des StabesWNV weiterhin
mit, daß binnen kurzem voraussichtlich eine deutsche Militärmission größeren
Umfanges in Rumänien zum Einsatz kommen werde, zu deren Aufgaben im
Bedarfsfalle auch die Besetzung wehrwirtschaftlich wichtiger rumänischer Ge=
biete gehören könne. Chef L weist weiterhin auf die Dringlichkeit der nach=
richtentechnischen Vorbereitungen für den etwaigen Einsatz deutscher Truppen
gegen Gibraltar hin.
L1H. Schreiben über Erkennungssignale und Leuchtzeichen.
[handschr.] :
LIL: Starke Luftangriffe südöstlich London zur Bekämpfung der englischen
Jäger. Abschußverhältnis hat sich wesentlich zu unseren Gunsten geändert.
Nacht zum 4. 9. Schwerpunkt der englischen Angriffe Umgebung von Berlin
(10 Sprengbomben); Norden, keine Angriffe auf die Innenstadt. London vom
Führer noch nicht freigegeben; den Italienern ist eine Gr. Stukas von uns über=
lassen worden.
LIK: Abgabe der 50 amerikanischen Zerstörer an England (+ Vs des bis=
herigen [engl.] Bestandes) perfekt.
Italienische Wehrmachtführung hat entschieden, keinen Einsatz der italieni=
sehen Schlachtschiffe. L III: Führer hat italienisch=deutschem Vorschlag zur
Abrüstung der französischen Luftwaffe zugestimmt. Franzosen haben zur
Wiederherstellung der Lage in Aviso 1 U=Boot und 1 Bananendampfer von
Dakar nach Liberville in Marsch gesetzt. Die 3 Kreuzer dürfen von Zerstörern
nur bis Gibraltar begleitet werden.
Ausland: Englische Abtretungen in Westindien: Neufundland, Bermudas=
Inseln, westindische Inseln. V. O. des Reichsaußenministers: Molotow hat dem
deutschen Botschafter 1 seine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht,
daß Deutschland Sowjet=Rußland nicht vom deutschen Schiedsspruch 2 im
rumänisch=ungarischen Konflikt rechtzeitig unterrichtet hat.
Interne Besprechung:
1. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Beteiligung Spaniens am
Kriege sind nach neuerer Anschauung nicht mehr entscheidend. Neue Waffen=
anforderungen Spaniens. WiRüAmt soll melden, wie weit sie aus der Kriegs=
beute erfüllt werden können.
2. „Seelöwe". Neben Zeittafel soll Ausführungsbefehl (am 11. 9.) aus=
gegeben werden. Führungsunterlagen für den Führer beim täglichen Ablauf:
Verfahren, wie man täglich kartenmäßig Ablauf zusammenfaßt. Von Luftwaffe
1 Graf von der Schulenburg.
2 Vom 30. August 1940.
62.
5. September 1940
fehlt Vorschlag für Einsatz von Fallschirmtruppen. Plätze der Führungstäbe:
Gießen oder Felsennest?
3. Letzte Angabe des Admirals Canaris über Rücksprache mit Vigon (LIH).
4. Nordnorwegen. Admiral Nordküste eingesetzt.
5. Studie Südost. IH.
LIK: Demobilmachung der französischen Flotte: „Jean Bart" und „Richelieu"
noch draußen; ersterer soll in Casablanca abgerüstet werden. Letzterer liegt
beschädigt hinter der Mole von Dakar. „Bearn" [Flugzeugträger] in den An=
tillen. Zugestandene Kolonialflotte für den Rest des Krieges.
5. September 1940
L III mit Ausl. wegen Westafrika verhandelt. Von der WStK Vorschläge für
Kontrolle erbeten. Chef L macht dem Chef WFSt am 6. 9. hierzu eigene Vor=
schlage.
Die Entwicklung in Rumänien zeichnet sich klar als Maßnahme im Sinne der
Achsenpolitik ab. Niederschlag im Telegramm des deutschen diplomatischen
Vertreters in Bukarest, der von sich aus den Vorschlag zur Einsetzung einer
Militärmission macht. An der Bereitschaft zum Einmarsch wird einstweilen noch
festgehalten, daneben laufen die planmäßigen Vorbereitungen für die künftige
Entsendung einer Militärmission. Ein entsprechendes Schreiben wird am 6. 9.
dem Chef WFSt vorgelegt.
Der Ob. d.M. unterrichtet am 6. 9. den Führer über den Stand der Vorberei=
tung für das Unternehmen „Seelöwe" und meldet ihm deren planmäßigen
Verlauf bei der Kriegsmarine. Der Ob. d.M. gibt hierbei erneut sein Urteil dahin
ab, daß die Kriegsmarine unter der Voraussetzung erreichter Luftherrschaft
aller Voraussicht nach den ihr gestellten Aufgaben gerecht werden würde.
Chef L legt dem Chef WFSt einen Entwurf zur Zeittafel vor, der nunmehr
zur Prüfung und Vervollständigung den Oberkommandos der Wehrmachtteile
zugeht. Chef L weist hierbei noch besonders auf die Notwendigkeit der Zu=
sammenfassung des Führerhauptquartiers und der Hauptquartiere der Ober=
befehlshaber der Wehrmachtteile nach Erlaß des Vorbefehls hin. Nach Mit=
teilung des Chefs WFSt kommen hierfür nach wie vor „Mühle" (Ziegenberg)
und „Gisela" (Gießen) 1 in Frage.
Chef WFSt teilt weiterhin mit, daß der Führer dem Ob.d.M. gegenüber die
Absicht ausgesprochen habe, im Falle der Absage des Unternehmens „Seelöwe"
während des Winters die Lage im Mittelmeer zu bereinigen, und daß er sich
hierbei erstmalig dahin geäußert habe, daß auch die Azoren, die Kanarischen
und die Kap Verdischen Inseln von deutsch=italienischen Kräften rechtzeitig in
die Hand genommen werden müßten, um ein Festsetzen der Engländer und
1 Die Angaben in Klammern sind handschriftliche Ergänzungen.
63
B. Kriegstagebuch
später auch der Amerikaner auf diesen Inseln zu verhindern. Die Abt. L solle
die nötigen Unterlagen hierfür zusammenstellen.
Chef WFSt teilt fernerhin mit, daß der italienische Militärattache in Berlin
ihn aufgesucht und erneut um die Überlassung von Lastkraftwagen, Panzer=
abwehrwaffen und Zugmaschinen gebeten habe. Er, der Chef WFSt, habe ihn
daraufhin in großen Zügen mit der Absicht des Führers, deutsche Panzer=
verbände nach Libyen zu entsenden, bekanntgemacht, aber hierbei darauf
hingewiesen, daß diese Entsendung längere Zeit in Anspruch nehmen würde
und der Beginn der italienischen Offensive gegen Ägypten hiervon nicht ab=
hängig gemacht werden dürfe.
Chef L legt dem Chef WFSt einen neuen Entwurf für einen zusammen=
fassenden Befehl des OKW zur Erweiterung des Kriegsheeres auf 180 Div.
vor, der zuvor die Zustimmung des AHA gefunden hat. Er berichtet weiter über
die Vorbereitungen zum Ausbau der großen Übungsplätze im Ostraum (L II)
und über eine dem Amt Ausl./Abw. erteilte Anweisung über Verhalten gegen=
über dem russischen Nachrichtendienst (LIH).
Die vom Heer gewünschte Erweiterung des Operationsgebietes auf den
Südwestteil der Niederlande soll in anderer Form erfolgen (L IV).
Rekrutenzuteilungen an die Wehrmachtteile und die Waffen=SS aus den
Jahrgängen 1919 (letztes Drittel) und 1920.
Nach Mitteilung des Oberst v. Witzleben sind im Aufmarsch des Heeres für
das Unternehmen „Seelöwe" größere Veränderungen beabsichtigt (LIH).
OKH (GenStdH Op.Abt.) nimmt zur Frage der Entsendung einer gemischten
Pz.=Brigade nach Libyen (vgl. 26. 8.) dahingehend Stellung 2 ,
1. daß die Versorgung auch in diesem Falle in deutschen Händen liegen und
die Bevorratung vor Operationsbeginn abgeschlossen sein müsse,
2. daß die personelle, materielle und technische Umbildung der zur Abgabe
vorgesehenen 3. Pz.Div. 4 Wochen, ihr Antransport zu den süditalienischen
Häfen 6 Tage und die Gewöhnung der Truppe an die klimatischen Verhältnisse
8 Wochen in Anspruch nehmen würde, der Einsatz in Libyen mithin nicht vor
Anfang Dezember möglich sei.
Das OKH bittet um baldige Entscheidung, ob mit den erforderlichen Vor=
arbeiten begonnen werden solle, und gleichzeitig um die Genehmigung zur
Aufnahme von Besprechungen mit den Italienern (vgl. 11. 9.).
[hanäschr.] :
Gestern nachmittag Verhandlungen im Auswärtigen Amt zwischen Ober=
kommando der Wehrmacht und Vertretern des Auswärtigen Amtes über
französisches Verhalten in Nordafrika. Franzosen müssen sich selber helfen;
es ist ihnen aufzugeben, die Ordnung in Nordafrika wieder herzustellen. Dazu
2 Hinweis auf Anlage, OKH, GenStdH, Op.Abt. 459/40 g.K. Chefs. 2 Ang., v. 3. 9.,
in den Akten LIH.
64
6. September 1940
die nötigen Truppen bewilligen. Deutsch=italienische Kontrolle. Zurückgreifen
auf Forderung auf deutsche Stützpunkte (Ferngespräch Chef und General von
Stülpnagel 11.00 Uhr).
LIL: Bei gestrigen Vorstößen wenig feindliche Jagdabwehr. Englische Nacht=
angriffe, Schwerpunkt Osnabrück, /Bomben auf Potsdam. Neuauf bau desFlak=
Schutzes Berlin: 31 schwere, 17 leichte, i± Scheinwerf er=Batterien. Auch der
Osten wieder geschützt. Wetterlage im gesamten Nordwesten Europas gut mit
einzelnen Störungsgebieten.
LIK: Vortrag über englische Gebietsabtretungen an USA. Am 4. 9. das 1.
italienische U=Boot in Bordeaux eingetroffen.
L IV: Führer wünscht nicht Verallgemeinerung (allgemeine Einführung) der
deutschen Rechtsetzung in Elsaß=Lothringen und Luxemburg.
L 7/7: Französische Waffenstillstands=Kommission hat bereits gegen Maß=
nahmen protestiert, die Annektierung vermuten lassen. Lage in den fran=
zösischen Kolonien. In Marokko ist man überzeugt, daß die Amerikaner bei
Eingreifen in den Krieg sich in Marokko festsetzen werden, um von dort die
Achsenmächte zu bekämpfen. Ungarischer Einmarsch in Rumänien vom
5.-12. 9.
In Rumänien lokale Unruhen.
Interne Besprechung:
Bisher in Bulgarien bereitgestellte Abwehr II=Kräfte (70 Mann) gehen nach
Rumänien. Ausländische Denkschrift über sowjetrussische Armee.
L7H: Neugliederung im Osten: Heeresgruppe B mit AOK 18, 4 und 12 =
35 Divisionen — 24. 10. Darunter 6 Panzer=, 3 mot.Div. {17 Divisionen ein=
schließl. 1 KD + 9). Oberst von Witzleben hat gestern gemeldet, daß Gruppe
XXI bereits mit Irreführungsmaßnahmen begonnen habe. Schreiben an Ausl.
Abw. General Huntziger hat gestern mitgeteilt, er würde in einigen Wochen
Chef der französischen Heeresleitung.
Zeittafel „Seelöwe". Von LIK zusammengestellt. Einzelne Ergänzungen
notwendig. LIH schlägt Koppelung Großangriff London mit „Seelöwe" vor.
Luftflotte 5 wird in den nächsten Tagen zum Großangriff auf L nach Holland
heruntergezogen. Einsatz der italienischen Verbände in etwa 3 Wochen. Reichs=
marschall interessiert sich nicht für „Seelöwe"= Vorbereitungen, da er nicht an
Durchführung glaubt.
6. September 1940
Chef L hält dem Chef WFSt an Hand einer Vortragsnotiz des L IV d
(Ob.Reg.Rat Frhr. v. Fritsch) Vortrag über die Frage der Behandlung der bel=
gischen Kriegsgefangenen.
Aus dem Tätigkeitsbericht des Mil.Befh. Belgien und Nordfrankreich vom
4. 8. gehe hervor, daß in Belgien die auf einem Mißverständnis beruhende Mit=
65
B. Kriegstagebuch
teilung von der bevorstehenden Entlassung aller belgischen Kriegsgefangenen
große Freude erregt und die Stimmung zu Deutschlands Gunsten beeinflußt
habe. Eine entsprechende Veröffentlichung sei durch die Brüsseler Presse
gegangen, und der König habe Reichsminister Meißner um Übermittlung seines
Dankes an den Führer gebeten.
Der Mil.Befh. selbst habe dem L IV d gegenüber darauf hingewiesen, daß es
für die künftige Entwicklung in Belgien von entscheidender Bedeutung sei, ob
die belgischen Kriegsgefangenen entlassen würden oder nicht, da das belgische
Volk an die Erfüllung der angeblichen Zusage glaube. Er habe weiterhin betont,
daß, wenn man Absichten auf gewisse Teile des Landes haben sollte, man
besonderen Anlaß hätte, durch die Entlassung der Kriegsgefangenen die Be=
völkerung zu gewinnen. Bei der großen Zahl wehrfähiger, der Gefangenschaft
entgangener und sich im Lande aufhaltender Männer spielten die noch zu
entlassenen Kriegsgefangenen ohnehin keine Rolle. Als besondere Belastung
würde die Internierung der aus dem unbesetzten Frankreich abgeschobenen,
noch nicht gedienten Jugendlichen wallonischen und flämischen Volkstums
empfunden.
Chef L bittet um eine grundsätzliche Regelung dieser Frage.
Zu der Verfügung des OKW (WFSt L IIa 2119/40 g. v. 24. 8.), nach der bei
der Verteilung der zur Einstellung heranstehenden Rekruten der Geb.=Jahr=
gänge 1919 (letztes Drittel) und 1920 auf die drei Wehrmachtteile und die
Waffen=SS die Stärke der Kriegswehrmacht am 1. 5. 1941 zu Grunde gelegt
werden soll, legt das AHA (2883/40 g. v. 3. 9.) eine Vortragsnotiz über die
Rekruteneinstellung im Herbst 1940 zur Vorlage vor den Chef OKW vor.
Nach dem Stande vom 1. 5. 1941 wird die Kriegswehrmacht insgesamt
6 763 000 Mann stark sein, und zwar das Heer 4 900 000 Mann = 72,5 °/o, die
Kriegsmarine 298 000 Mann — 4,4 °/o, die Luftwaffe 1 485 000 Mann = 22 %
und die Waffen=SS 80 000 Mann = 1,1 °/o.
Diese Prozentsätze ergeben zahlenmäßig folgende Rekrutenquoten für die
Geb.=Jahrgänge 1919 (letztes Drittel) und 1920:
1. Geburtsjahr gang 1919 (letztes i
Musterungsergebnis
(-) uk=Gestellte
Heer Kriegs=
marine
Drittel):
208 500
16424
ins=
gesamt
192076
Luft=
waffe
Waffen-
SS
Quote
Freiw.
139255
85300
8451
4000
42257
33000
2113
2000
192076
124300
noch
verfügbar
53 955
4 451
9257
113
6yyy6
66
6. September 1940
2. Geburtsjahrgang igio:
Musterungsergebnis
(-) uk=Gestellte
Heer Kriegs=
marine
613 264
92525
ins=
gesamt
520
739
Luft=
waffe
Waffen=
SS
Quote
Freiw.
377536
102 108
22913
12232
114562
71924
5728
15718
520739
201 982
Ausgl. SS
275428
7322
10681
445
42638
2223
—
—
noch
verfügbar
268 106
10236
40415
—
318757
[handschr.] :
L1L: Englische Jagdstaffeln von 12—15 au ^ 5~7 Flugzeuge abgesunken. Die
Londoner haben in der vergangenen Nacht 7V2 Stunden im Keller gesessen.
Etwa 80 englische Flugzeuge nachts in Deutschland eingeflogen. Absicht für
heute: Vorstöße auf London mit Bekämpfung der englischen Jagdabwehr.
Der Luftflotte 3 sind alle Jäger und Zerstörer zugunsten der Luftflotte 2
abgenommen worden. Englische Luftangriffe gegen das Reichsgebiet: Juli 854,
August 884 Stellen, wo Bomben geworfen, nicht Bombenzahl. Juni 1315.
Nachlassen im Rheinland und Ruhrgebiet, Zunahme im übrigen Reichs=
gebiet. Kellerkarte zeigt im August wesentliche Zunahme. Luftangriffe gegen
Großbritannien: Juni 122, Juli 271, August 691 Angriffe. August 3085 t Bom=
ben abgeworfen. Zahl wird sich im September erhöhen.
L III: General Huntziger befürchtet im Winter Unruhen im unbesetzten
Frankreich.
Ausland: König von Rumänien hat zugunsten seines Sohnes Michael auf den
Thron verzichtet 1 .
WiRüAmt: Ausfälle in der Industrie=Produktion im August wegen der
häufigen Alarmierungen. In der Rüstungsindustrie keine Stockung. Flugzeug=
Lieferung USA an England August 236 Flugzeuge.
Interne Besprechung:
Oberst von Witzleben teilt fernmündlich mit, daß nach Eingabe der Heeres=
gruppen und Armeen die Aufmarschausweitung des OKH sich noch ändert.
Neue Unterlagen nicht vor Dienstag. Oberst von Witzleben hat eine Auf=
1 Vgl. hierzu: Hillgruber, A., Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die
deutsch=rumänische Beziehungen 1938 — 1944, Wiesbaden 1954, S. 95 ff.
6 7
B. Kriegstagebuch
Zeichnung über „Herbstreise" übergeben. Westafrika: Forderung, Ordnung
zu schaffen. Mittel den Franzosen zu geben, deutsche Kontrolle. Vorschlag von
den Franzosen einzuholen, da wir keine Unterlagen über Kräfteverteilung
haben. Vorbereitungen treffen zur Besetzung von deutschen Stützpunkten.
Es ist angeregt worden, daß die deutschen Kontrollkommissionen in Casablanca
und Dakar eingesetzt werden sollen. Chef regt hierzu an, die Kommissionen
vom Mutterland aus Kontrollbesuche machen zu lassen. Sollen die von uns
genehmigten Maßnahmen daraufhin prüfen, ob sie zur Niederschlagung des
Aufstandes verwendet werden.
L1K: Täuschungsmaßnahmen der Kriegsmarine bei „Seelöwe" am S 2. Tage
aus der deutschen Bucht, Skagerrak und Norwegen. „Hipper" am S 3. Tag mit
2 Tankern in den Atlantik.
7. September 1940
[handschr.] :
In der vergangenen Nacht wieder starker Luftangriff auf Berlin. In den
beiden letzten Nächten wurden die Dockanlagen von London angegriffen.
Heute nachmittag und in der kommenden Nacht Angriff auf Ost= und Westteil
von London beabsichtigt. Japanischer Luft=Attache in London hat seiner
Regierung über gute Wirkung der deutschen Luftangriffe berichtet; japanischer
Luft=Attache Berlin hat geringe Wirkung der englischen Luftangriffe gemeldet
(Mitteilung des Chefs WFSt).
LIV: Denkschrift des Ministerial=Direktor Dr. Dankwerth über Rückkehr
der französischen Regierung nach Paris; würde für alle Teile große Schwierig=
keiten mit sich bringen.
L 777: Italiener haben den Franzosen gestattet, außer den drei Kreuzern auch
3 Zerstörer nach Dakar zu bringen, im übrigen volle Abrüstung in Nord= und
Westafrika verlangt.
Ausland: Beruhigung der Lage in Rumänien. Königin Helene kehrt nach
Bukarest zurück, stimmungsmäßige Abkehr von König Carol. Telegramme
Antonescus an Führer und Duce. Unruhen in Bukarest. Umbildung der fran=
zösischen Regierung. General Huntziger Kriegsminister, Weygand Oberbefehl
in Afrika.
Wöchentliche Fettration in England 170 gr, davon 113 gr Butter.
Interne Besprechung:
Ausl. Denkschrift über russische Wehrmacht. LIH=Studie über Straßen= und
Eisenbahnlage Südost. Weisung Rumänien ausgabefertig bei LIL. Verfügung
über Einsetzung der Militär=Mission in Rumänien liegt bei Chef OKW zur
Unterschrift vor. Führer hat dem Ob.d.M. gegenüber erklärt, daß Gibraltar
und Ägypten ernster angefaßt werden sollen. Führer hat seiner engeren
68
9. September 1940
Umgebung gegenüber geäußert, eine Panzer=Brigade für Ägypten sei zu
wenig, ein Panzerkorps mit 2 Panzer=Divisionen ohne mot. Division solle
vorgesehen werden.
Gibraltar: Bei Chef OKW Absicht, deutschen Befehlshaber nun zu ernennen.
Demgegenüber Vorschlag Chef L, zunächst einmal die Verhandlungen mit
Franco zum Abschluß zu bringen. Eigener Artillerie=Einsatz. LIK soll sich mit
der Frage der Besetzung der Azoren, Kap Verdischen Inseln etc. beschäftigen.
LIK trägt vor eine Denkschrift der Kriegsmarine über „Seelöwe". Voraus
Motorboote und Motorsegler, dann 1. Schlepp mit Prähme, 2. Dampfer mit
besetzten Prähmen, 3. Dampfer mit leeren Prähmen.
9. September 1940
Abt. L (1628/40 g.K.) legt dem Chef WFSt eine Unterbringungsübersicht
der Gruppe XXI nach dem Stande vom 1. 9. vor, aus der sich ergibt, daß
die Verlegung der 2. Geb.Div. nach Nordnorwegen am 1.9. bereits große
Fortschritte gemacht hat, während die Masse der 196. Div. noch im Räume
von Oslo eingesetzt ist.
[handschr.] :
(Am 8. 9. (Sonntag) keine Lagebesprechung).
In der vergangenen Nacht 58 Einflüge. Schwerpunkt Hamburg. Nach Berlin
wegen schlechten Wetters nicht durchgekommen. Für gestern vorgesehene
Angriffe gegen London wegen schlechten Wetters abgebrochen, nachts Angriffe
durchgeführt, starke Brandwirkung. Am 7. 9. nachmittags 1 großer Angriff
auf London. Von morgen ab mit Wetterverschlechterung über England zu
rechnen.
L III: Die 3 französischen Kreuzer und 3 Zerstörer laufen heute nachmittag
16.00 Uhr aus Toulon aus. Führer hat Vorschläge der Abt. L bezüglich West=
afrika genehmigt. L III gestern Chef Ausland gesprochen. Telegramm an
deutschen Militär= Attache * abgegangen, soll Einverständnis der italienischen
Waffenstillstandskommission herbeiführen.
Ausland: Telegramm Bötticher über Ergebnis deutscher Luftangriffe bis 8. 9.
nachmittags. Moral der Bevölkerung stark angeschlagen. Große Ermüdungs=
erscheinungen. Optimismus verschwunden. Wirkung im Herzen Londons wie
ein Erdbeben. Große Schäden an den Versorgungsbetrieben (Gas, Elektrizität,
Wasser).
König Carol von Rumänien in Lugano eingetroffen.
Rumänisch=bulgarische Verhandlungen zum Abschluß gekommen.
1 Gen. v. Rintelen.
69
B. Kriegstagebuch
Interne Besprechung:
Ausland Chef L: Antonescu hat dem deutschen Militär=Attache seine Wün=
sehe übermittelt. Deutsche Offiziere als Lehrer, deutsche Lehrtruppen. General
Hansen Besprechung zwecks intensiver Zusammenarbeit.
General von Bötticher übermittelt befürwortend Wunsch USA=Wehrmacht,
amerikanische Attaches Frontbesuche machen zu lassen bei deutschen Heer=
und Luftwaffen= Wehrmachtsteilen; soll mitgeteilt werden, daß OKW Wert
auf Erfüllung des amerikanischen Wunsches legt.
LIL: Zusammenstellung der in Rumänien zu sichernden Objekte. „Seelöwe".
Letzter Anhaltetermin S— 1 24 Stunden vor Anlandezeit. Auslaufen „Hipper"
wahrscheinlich schon am S—8.
LIL: Major von Falkenstein zum Oberbefehlshaber der Luftwaffe geflogen.
Vortragsnotiz L II über Verlegung der Ersatztruppen WKT (141. und 151. Divi=
sion) in das Protektorat, um Unterkünfte für Feldtruppen freizumachen. Be=
ginn 14. 9.
10. September 1940
Chef WFSt teilt dem Chef L bei dessen Vortrag am Nachmittag mit, daß
der Führer sich am Vormittag auf Vortrag des Chefs OKW entschlossen habe,
von dem frühest möglichen Termin für die Ausgabe des Befehls zum Anlauf
des Unternehmens „Seelöwe" (= 11.9.) keinen Gebrauch zu machen, da die
Ergebnisse des verschärften Luftkrieges gegen England noch nicht voll zu
übersehen seien und nicht schon der frühest mögliche Tag (21. 9.), sondern
der günstigste Tag (24. 9.) für die Landung in Aussicht genommen werden
solle. Eine Verschiebung des Vorbefehls habe auch nicht so schwerwiegende
Folgen wie die des endgültigen Befehls am S— 3. Tage. Denn bei einer Ver=
Schiebung des letzteren gewinne der Gegner Zeit zum Räumen der von der
Kriegsmarine vom S— 10. Tage an gelegten Flankensperren in den Kanalaus=
gangen und dem Legen neuer Minen in den Überführungsgewässern, und für
die Luftwaffe würde sich eine Verschiebung der Ausgabe des endgültigen
Befehls insofern sehr ungünstig auswirken, als vom S— 10. Tage an die für
das Unternehmen vorgesehene Flakartillerie aus ihren derzeitigen Stellungen
herausgezogen werden müsse, womit sie für andere Zwecke ausfalle.
Chef L übergibt dem Chef WFSt die von der Abt. L im Einvernehmen mit
den Oberkommandos der Wehrmachtteile ausgearbeitete grundlegende Wei=
sung für das Unternehmen „Seelöwe" (Nr. 18) l , deren Ausgabe für den
S— 10. Tag vorgesehen ist, die nun aber wegen Verschiebung des Vorbefehls
vom Chef WFSt lediglich entgegengenommen wird.
Hinweis auf Anlage, OKW/WFSt/L 33270/40 g.K. Chefs, v. 11. 9. 1940, in den
Akten LIH.
70
io. September 1940
Im Anschluß hieran erörtert Chef WFSt mit Chef L und dem LIL die Frage
des Einsatzes und der Unterstellung der Luftaufklärungsverbände des Ob. d.M.
auf Grund eines Schreibens der Seekriegsleitung, das dem Chef WFSt heute
vom LIK vorgelegt worden ist 2 .
Darin stellt die Ski. im Zusammenhang mit der Vorbereitung und Durch=
führung des Unternehmens „Seelöwe" und den beabsichtigten Diversions=
Unternehmungen „Hipper" und „Herbstreise" folgende Forderungen hinsicht=
lieh des Einsatzes und der Unterstellung der Luftaufklärungsverbände des
Ob.d.M. (Anl.) :
1. die Aufklärung in der Nordsee, im Nordmeer und im Nordatlantik bis zu
einer die Orkney=Inseln einschließenden und in einem Abstand von 60 sm
längs der englischen Ostküste bis zum 53. Breitengrad verlaufenden Linie
durch das Marinegruppenkommando Nord mit den Aufklärungskräften des
F. d. Luft durchführen zu lassen und letzterem hierzu die Küstenfl. Gr. 506,
die anläßlich der „Weserübung" auf Widerruf dem Ob.d.L. zur Verfügung
gestellt worden sei, wieder zu unterstellen;
2. die Aufklärung im Seegebiet südlich der Linie Cape Clear— Land's End, in
der Biscaya und in dem Seegebiet westlich davon durch das Marinegruppen=
kommando West durchführen zu lassen und die in Brest liegende Küstenfl.
Gr. 606 hierzu durch die z. Z. zum Seenotdienst im Kanalbereich eingesetzte
Fernaufklärungsstaffel 2/106 zu verstärken;
3. die Aufklärung der Flottenstützpunkte an der Nord= und Westküste Eng=
lands, des 60 sm Streifens an der Ostküste sowie der Seegebiete des
St. Georgs=Kanals, der Irischen See und des Nord=Kanals durch die Auf=
klärungskräfte des Ob.d.L. durchführen zu lassen.
Die Ski. begründet diese Forderungen damit, daß die Aufklärung in den
genannten Seegebieten für die Durchführung der geplanten Diversionsunter=
nehmungen einerseits und für die Handelskriegführung mit U=Booten und
Überwasserstreitkräften von den westfranzösischen Stützpunkten aus anderer=
seits von besonderer Bedeutung sei und daß der Ansatz und die Steuerung
dieser Aufklärung nur in den Händen der für die Seekriegführung in diesen
Gebieten verantwortlichen Gruppen liegen können.
Demgegenüber vertritt der LIL den Standpunkt des Ob.d.L., daß der ver=
schärfte Luftkrieg gegen England dazu zwinge, alle hierfür verwendbaren
Fliegerverbände in der Hand des Ob.d.L. zusammenzufassen, um sie einheitlich
zur Wirkung bringen zu können, und daß insbesondere die Luftaufklärung
über England und den umliegenden Seegebieten einheitlich vom Ob.d.L. ge=
steuert werden müsse, um ein Überschneiden der Auf klärungs auftrage und ein
Brachliegen wertvoller Aufklärungskräfte zu vermeiden.
Chef L schlägt vor, an dem bisherigen System der Unterstellung von Luft=
aufklärungsverbänden unter den Ob.d.M. im Prinzip festzuhalten, also davon
2 Hinweis auf Anlage, Ski. 1. Abt. 13005/40 g.K. v. 9. 9., in den Akten LIK.
71
B. Kriegstagebuch
abzusehen, die gesamte Luftaufklärung ein für alle Mal in die Hände des
Ob.d.L. zu legen, die Zuteilung der Verbände aber den jeweiligen Umständen
anzupassen.
[handschr.] :
HL: Schwerpunkt der deutschen Luftangriffe am 9. 9. und Nacht 9./10.
wieder London. In der Nacht 190 Flugzeuge eingesetzt. Abs. für 10. Bei Luft=
flotte 2 Angriff mit 1 Geschwader gegen London und den übrigen gegen Luft=
häfen= und Industrie.
LIK: Marine steht auf dem Standpunkt, daß Boulogne von See her be=
schössen worden ist.
Ausland: Admiral Canaris ist aus Bukarest zurückgekommen, hat Eindruck,
daß Antonescu Lage beherrscht. Voraussetzung für Bestand ist deutscher Sieg.
Baldige Hinsendung eines deutschen Generals erwünscht. Chef L Sofortbereit=
schaft der für Rumänien bereitgestellten Truppen aufgehoben.
Ausland: General Weygand Autounfall, fällt für 3 Wochen aus. Sollte
nach Afrika, um Ordnung zu schaffen.
WiRü: In Frankreich ab 15. 9. 2450 g Brot, 350 g Fleisch, 80 g Butter und
Fett, 50 g Käse, 150 g Zucker pro Person und Woche.
Interne Besprechung:
Einrichtung einer gemeinsamen deutsch=italienischen Kontrollkommission für
die Atlantikküste in Nordafrika (L III). Vorschläge des General von Rintelen
hierzu. Deutsche Militär=Mission Rumänien soll General von Tippeiskirch
bearbeiten; Festlegung der Aufgaben nicht ohne Abt. L.
L7L: Luftstützpunkte in Nordafrika (Atlantikküste: Casablanca und Dakar):
General Jeschonnek verlangt Schutz durch Erdtruppen. Frage soll zurückgestellt
werden, bis „Seelöwe" erledigt ist.
Gibraltar: Angriffseröffnung durch Ju 88. General Jeschonnek nicht dafür.
Ju 88 können wenn nötig jederzeit kurzfristig eingesetzt werden. Soll nicht
Voraussetzung für Unternehmen sein.
Libyen: Wenn deutsches Panzer=Korps hingeht, will General Jeschonnek
hier durch starke deutsche Luftverbände unterstützen.
Norwegen: Eine bei Leipzig zusammengestellte Flakabteilung soll nach
Nordnorwegen gehen, und zwar in Uniform durch Finnland auf Anordnung des
Reichsmarschalls. Heer hat Luftwaffe um Einsatz einer Rowehl=Staffel über
Rußland zwecks Luftbildaufnahmen gebeten.
Neue Fassung Weisung 18 bis . . . 3 .
Die Weisung Nr. 18 wurde am 12. 11. 1940 erlassen (vgl. Hubatsch, a. a. O.
s. Anm. 1 v. 1. 8. 1940 — S. 6y ff.).
72
ii. September 1940
11. September 1940
Chef L legt dem Chef WFSt die Stellungnahme des GenStdH zur Frage der
Entsendung (Anl.)
a) eines Pz.Korps (vgl. 26. 8.),
b) einer gemischten Pz.Brig. (vgl. 5. 9.)
nach Libyen vor und meldet, daß die Luftwaffe, wie beim Ob.d.L. festgestellt
worden sei, die deutschen Pz.Kräfte durch starke Fliegerverbände für Nah=
kampfaufgaben unterstützen, den Flakschutz bei der Überführung und beim
Einsatz sicherstellen und zeitgerecht Vorschläge für den Einsatz von Kampf=
verbänden für Fernaufgaben machen werde.
Für die Weiterbehandlung der Frage macht Chef L folgende Vorschläge:
1. den Italienern solle in einer offizielleren Form, nämlich durch ein Schreiben
des Führers an den Duce, nochmals der Einsatz deutscher Pz.Kräfte in Libyen
angeboten, hierbei aber zum Ausdruck gebracht werden, daß der Beginn
der italienischen Offensive gegen Ägypten keinesfalls von dem Eintreffen
dieser Kräfte abhängig gemacht werden dürfe;
2. den Italienern sollten ein Pz.Korps zu 2 Pz.Div. sowie Aufklärungs=, Nah=
kampf= und Flakkräfte der Luftwaffe angeboten werden;
3. das Heer solle, um Zeitverlust zu vermeiden, schon vor der italienischen
Antwort beauftragt werden, wenigstens für die Pz.Brig. alle in Deutschland
möglichen Vorbereitungen beschleunigt zu treffen.
[handschr.] :
LIL: Gestrige Tagangriffe litten stark unter Wetterlage; daher kein ge=
schlossener Angriff auf London. Nachts etwa 40 Flugzeuge über London. 50
Einflüge nach Deutschland; Angriffe auf Berlin Regierungsviertel, 10 Flugzeuge.
2 Schwer=, 2 Leichtverletzte. London gestern 5 Alarme, heute Nacht 8 Std.
13 Min. Alarm. In 3 Tagen und 2 Nächten bis 10. 9. früh 1 220 t Sprenge
bomben, 1 490 Bombenschüttkästen auf London abgeworfen. Berlin von ig auf
zg schwere Flakbatterien gesteigert, dazu 14 leichte, 11 Scheinwerferbatterien.
L ///: Italiener haben deutschem Vorschlag zugestimmt, den Franzosen auf=
zugeben, die in Westafrika einzusetzenden Kräfte zu melden (s. u.).
Ausland: Oberkommando des Heeres ist aufgefordert, einen General für
Rumänien (Militär=Mission) namhaft zu machen. Russen haben deutsche
Garantie für Rumänien in die falsche Kehle bekommen. Auswärtiges Amt
drängt auf schleunige Entsendung der Militär=Mission. Französisch=japanisches
Abkommen über Indochina.
Interne Besprechung:
Italien gestern abend 19.00 Uhr den Franzosen in Turin Note wegen West=
afrika überreicht, die in Wiesbaden unbekannt ist, dem Wortlaut nach sich
aber im wesentlichen stützt auf Schreiben L an Rintelen.
73
B. Kriegstagebuch
Frage Kontrollkommission Westafrika von Abt. L straff geleitet. Rumänien:
Abt. L hat lediglich Aufgaben der Militär=Mission festzulegen, soweit sie sich
auf die Kriegführung beziehen. Die übrigen Aufgaben (Instruktion, Unter=
Stellungsverhältnis) müssen vom OKH, Ob.d.L. und Ausl. gestellt werden.
Heutiger Tag wird nicht als Befehlstag ausgenutzt. Vorbefehl soll erst auf
24. abgestellt, also erst am 14. gegeben werden. Entwurf Weisung 18 vom
Chef WFSt nur mit Zögern entgegengenommen. Punkt 2 angenommen: Flak=
artillerie soll dem Heer so lange unterstellt bleiben, wie Weisung 16 bestimmt.
Soll in Weisung 18 nicht mehr berührt werden.
Große Debatte über Seeluftstreitkräfte (LIL und LIK). Gestern abend Ver=
legung Entscheidung „Seelöwe" durch Fernschreiben den Oberkommandos mit=
geteilt. LIK — L III Organisation des Nachschubs.
12. September 1940
[handschr.] :
Heeresgruppe B wird vom 17.— 19. 9. nach dem Osten transportiert. Gestern
nachmittag Angriff gegen London, z. T. wegen Wetterlage nicht durchgeführt.
1.48 Flugzeuge haben angegriffen. Rund 200 t abgeworfen. Anscheinend wieder
erhebliche Schäden. Engländer griffen Calais, Boulogne, Ostende an. Ca. go Ein=
flüge gegen Rez'c/isgebiet. Für heute zusammengefaßte Angriffe der Luftflotte 2
und 3 gegen London, bei ungünstiger Wetterlage Störangriffe. Wetteraus=
sichten nicht sehr günstig. Nach wie vor ist Heranziehung der Luftflotte 5 für
einen Großangriff auf London beabsichtigt. Verlegung noch nicht befohlen.
LIV: In Böhmen und Mähren sind in den ersten 7 Monaten 1940 15 000 Per=
sonen wegen politischer Delikte abgeurteilt worden.
Ausland: Spanischer Außenminister rechnet mit Anschluß Marokkos an
de Gaulle in den nächsten Tagen.
WiRüAmt: Tonnage Englands vor dem Kriege 18 (16), jetzt 25 (20) Mil=
lionen t Differenz=Schiffsraum für Wehrmacht und in Kolonien.
Interne Besprechung:
Hauptmann Fett gestern aus Fontainebleau zurückgekehrt. Vortragsnotiz
mit Karte. OKH hat Sorge, daß Täuschungsmaßnahmen Norwegen zu früh
anlaufen. Schiffe fahren leer oder beladen? Heer hat sich damit einverstanden
erklärt, daß Fallschirmtruppen nur bei Dover abgesetzt werden. Canaris=Bericht
Gibraltar. Bereitschaft der Transportgruppen der Luftwaffe für Rumänien soll
aufgehoben werden.
Admiral Fricke gestern im Auftrag des Oberkommandos der Marine bei
General Jodl um mitzuteilen, daß Ob.d.M. mit Abgabe der Seeluftaufklärung
im Falle „Seelöwe" an Ob.d.L. einverstanden ist. LIK legt Protokoll zum Vor=
trag Ob.d.M. am 6. 9. vor.
74
13. September 1940
13. September 1940
[handschr.] :
LIL: Nacht jagddivision hat die Aufgabe, feindliche Flugplätze abzufliegen
und landende bzw. startende feindliche Flugzeuge abzuschießen: sie hat aber
auch Brand= und Sprengbomben (SC 50) mit, um Ausweichziele anzugreifen.
Große Reichweite. Gestrige Angriffe litten unter dem ungünstigen Wetter.
Gegen London gestern nachmittag 20, nachts 40 Flugzeuge eingesetzt. Fort=
dauer der unbeständigen Wetterlage. Bei günstigem Wetter heute nachmittag
wieder Angriffe auf London. Schwere Verluste unter der engl. Zivilbevölkerung
in den letzten Nächten.
LIK: Passage der französischen Kreuzer und Zerstörer am 11. 9., 8.30 Uhr
durch Straße Gibraltar. Englische Einheiten daraufhin aus Gibraltar Kurs SW
ausgelaufen.
L III: In Rom Einigung zwischen deutscher und italienischer Waffenstill=
Standskommission über Abschirmung französischer Außengrenzen bei Auf=
lockerung der Demarkationslinie erzielt. Die gemeinsamen Forderungen sollen
nun den Franzosen übergeben werden. Deutschland bekommt die Kontrolle
der französischen Post nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Italien nach
Jugoslawien, Griechenland, Türkei. Zusammenstellung des OKH über Lage
in den französischen Kolonien Afrika. Lage in Marokko ungeklärt. In Mada=
gaskar Unruhen bevorstehend. In Syrien gelungen, Aufstandsbewegung nieder=
zuhalten. In Indochina Lage noch ungeklärt.
Ausland: Für heute in Rumänien große Kundgebungen der eisernen Garde
erwartet. Gesandter dringt erneut auf schleunige Absendung der Militär=
Mission. Immer wieder fürchterlich ungeschickte deutsche Pressepolitik und
Propaganda.
WiRüAmt: Getreideernte um ca. 30 % unter der vorigen Ernte.
Interne Besprechung:
Italienische Luftkontroll=Kommission rechnet für morgen mit Angriff, 1 eng=
lisches Schlachtschiff und leichte Einheiten auf Casablanca, 2 Kreuzer, 1 Flug=
zeugmutterschiff, mehrere Zerstörer. Französische Kreuzer haben 12. 9., 3.00 Uhr,
Casablanca passiert. Italienische Luftkontrollkommission hat dort beträchtliche
französische Luftstreitkräfte für Angriff auf England freigegeben. In Casablanca
liegt „Jean Bart", in Dakar „Richelieu".
Chef WFSt 11.43 Uhr durch Chef L unterrichtet.
Rede Churchills, der sich über die deutschen Absichten für „Seelöwe" be=
merkenswert gut orientiert zeigt. (Gespräch mit General von Stülpnagel über
englische Angriffsabsichten auf Casablanca — nach Marine=Nachrichten un=
wahrscheinlich — oder Dakar. Nach neueren italienischen Meldungen für 15. 9.
große Aufstandsbewegung in Syrien. General Huntziger hat bei seinem Ab=
schiedsbesuch erneut zum Ausdruck gebracht, daß er an seiner Idee der
75
B. Kriegstagebuch
Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich trotz seiner geringen
Erfolge in Wiesbaden auch in seiner neuen Stellung als Kriegsminister fest=
halten werde.) Militärmission für Rumänien: Betr. Dienstanweisung hat Chef
OKW dem Vorschlag Chef L zugestimmt. Vorschlag des OKH für Zusammen=
setzung der Militär Mission (bei LIH).
14. September 1940
Chef WFSt teilt Chef L bei dessen Vortrag am Nachmittag mit, daß der
Führer bei seiner heutigen Besprechung mit den Oberbefehlshabern der
Wehrmachtteile sich entschlossen habe, den Anlauf des Unternehmens „See=
löwe" weiter zu verschieben. Eine neue Entscheidung werde am 17. 9. ergehen,
die Vorbereitungen seien fortzusetzen.
Der Führer habe weiterhin befohlen, die Bekämpfung der englischen auf die
französische Küste schießenden Fernfeuerbatterien durch die Luftwaffe durch=
zuführen, sobald die Vorbereitungen hierfür abgeschlossen seien, und die Luft=
angriffe gegen London unter Erweiterung der bisherigen Angriffsräume nach
wie vor in erster Linie gegen kriegswichtige und für die Großstadt lebens=
wichtige Ziele einschl. der Bahnhöfe zu richten. Terrorangriffe gegen reine
Wohnviertel sollten als letztes Druckmittel vorbehalten bleiben und daher
jetzt noch nicht zur Anwendung kommen.
Auf die Frage des Chefs L nach der voraussichtlichen weiteren Entwicklung
teilt Chef WFSt mit, daß der Führer am 13. 9. bereits den Entschluß gefaßt zu
haben schien, das Unternehmen „Seelöwe" ganz aufzugeben, daß er sich dann
aber doch für eine Verschiebung entschieden habe. Das bedeute keinesfalls, daß
der Führer die Durchführung des Unternehmens „Seelöwe" erzwingen wolle,
auch ohne daß die Voraussetzung hierfür, die Erringung der Luftherrschaft,
gegeben sei. Vielmehr käme der Übergang über den Kanal nach wie vor nur
dann in Frage, wenn es sich darum handle, einem durch den Luftkrieg bereits
niedergekämpften England den Fangstoß zu geben. Von dieser Möglichkeit
abgesehen, solle aber durch Fortsetzung der Vorbereitungen für den Übergang
der moralische Druck auf die Engländer weiter verstärkt werden, während ein
Zurückziehen auch nur eines Teiles des in den Kanalhäfen zusammengezogenen
Schiffsraums nicht verborgen bleiben und somit die psychologische Wirkung
des Luftkrieges vermindern würde.
Eine weit wesentlichere Nebenwirkung des Aufmarsches für das Unter=
nehmen „Seelöwe" läge darin, daß die englische Luftwaffe durch ihn auf die
Kanalhäfen gezogen und damit unter günstigen Voraussetzungen dem Angriff
der eigenen Jäger ausgesetzt würde. Schließlich vermindere der Einsatz der
englischen Kampfverbände gegen die Kanalhäfen zwangsläufig die nächtlichen
Feindeinflüge nach Deutschland, was sich bei der eigenen Bevölkerung stim=
mungsmäßig günstig auswirken werde.
7 6
14- September 1940
Chef WFSt knüpft hieran vorsorglich die Bemerkung, daß demnächst etwa
frei werdender Schiffsraum der Gruppe XXI zur Verfügung gestellt werden
müsse, um die Bevorratung in Norwegen zu verstärken, und daß die aus den
Kanalhäfen zurückkehrenden Schiffe weitgehend als Transportraum aus=
genützt werden müßten. .
Auf Vorschlag des Chefs L wird in den beim WFSt bereits aufgestellten
Entwurf eines Befehls, durch den die neuen Entscheidungen des Führers den
Wehrmachtteilen bekannt gegeben werden, der Hinweis eingefügt, daß die zur
Spionageabwehr und zur Täuschung erforderlichen Maßnahmen zu verschärfen
seien.
Der Befehl wird noch am 14. 9. ausgegeben 1 .
Im Anschluß hieran bespricht Chef WFSt mit Chef L die von der Abt. L am
11. 9. gemachten Vorschläge zur Frage der Entsendung deutscher Panzerkräfte
nach Libyen, zu denen er sich folgendermaßen äußert:
Der italienische Militärattache in Berlin, General Marras, habe mitgeteilt,
daß die deutsche Anregung vom italienischen Generalstab geprüft worden sei
und daß Marschall Badoglio baldigst darauf antworten werde. Sollte diese
Antwort negativ ausfallen, so würde die Absicht, auch auf diese Weise zur
Bereinigung der Lage im Mittelmeer beizutragen, auf dem von der Abt. L vor=
geschlagenen Wege, nämlich durch ein Schreiben des Führers an den Duce,
weiter verfolgt werden.
Den Italienern sei bereits durch den deutschen Militärattache zum Ausdruck
gebracht worden, daß der Beginn der italienischen Offensive gegen Ägypten
keinesfalls von dem Eintreffen der deutschen Panzerkräfte abhängig gemacht
werden dürfe. Es habe den Anschein, als ob die Italiener in diesen Tagen
antreten wollten.
Ob später ein Pz.Korps oder nur eine Pz. Brigade nach Libyen zu entsenden
sei, hänge von der Antwort des Marschalls Badoglio ab. Einstweilen sollten alle
in Deutschland möglichen Vorbereitungen für die Absendung einer Pz. Brigade
getroffen werden. (Eine entsprechende Anweisung ergeht am 15. 9. an die
Op.Abt. desGenStdH) 2 .
Chef L legt sodann dem Chef WFSt vor (Anl.) :
1. eine Vortragsnotiz des L II über die weitere Behandlung der uk.=gestellten
Ers.Res., in der vorgeschlagen wird, alle Ers.Res. der Jahrgänge 1914—1921,
soweit sie nicht innerhalb der Sonder=Dringlichkeitsstufe der Wehrmacht^
fertigung beschäftigt seien, vom 1. 1. 1941 an der Wehrmacht zum Wehr=
dienst zur Verfügung zu stellen,
2. eine Vortragsnotiz des L JJ über die beabsichtigte Umorganisation der in
Norwegen stehenden Kräfte, durch welche die Bewegungs= und Einsatz=
fähigkeit des Gebirgskorps in Nordnorwegen gesichert werden solle.
1 Hinweis auf Anlage, OKW/WFSt L 33287/40 g.K. Chefs, v. 14. 9., in den
Akten LIH.
2 Hinweis auf Anlage, OKW/WFSt L I 33288/40 g.K. Chefs, v. 15. 9., in Akten LIH.
77
B. Kriegstagebuch
Der M.ilitär= Attache Rom meldet, daß nach Mitteilung des ital. Wehrmacht=
Generalstabes die Offensive gegen Ägypten am 12. 9. begonnen habe. Der
Angriff gehe mit gutem Erfolg vorwärts, Sollum sei genommen. Der Beginn
der Offensive werde italienischerseits vorerst nicht bekanntgegeben.
Chef WFSt teilt Chef L mit:
Die Entscheidung über die Frage der Offensive in Libyen sei dahin ergangen,
daß die Stellungnahme des Marschalls Badoglio auf die über General Marras
an ihn gerichtete Frage abgewartet und inzwischen lediglich der Einsatz einer
verstärkten Pz. Brigade vorbereitet werden soll.
Chef L macht einen neuen Vorstoß zur Beschleunigung des Angriffs auf
Gibraltar, vor allem hinsichtlich der Abgabe von Batterien und geeigneter
Waffen zur Abwehr eines etwaigen englischen Vorgehens aus Gibraltar.
Chef WFSt teilt mit, daß die Kräftebereitstellung gegen Rumänien auf=
gehoben und daß gestern vom OKH ein Vorschlag für die Zusammensetzung
der Militärmission in Rumänien eingegangen sei, der bei dem gestrigen Vortrag
des Ob.d.H. als Grundlage für die weiteren Entschließungen des Führers ge=
dient habe. Von der Abt. L solle diese Frage zusammenfassend erst bearbeitet
werden, wenn die Luftwaffe, die wiederholt gedrängt worden ist, einen Vor=
schlag hierzu gemacht habe.
[handschr.] :
L1L: Gestern wegen schlechten Wetters nur eine Reihe von Störangriffen.
Absichten für heute Fortsetzung der Störangriffe. Längerer Bericht des Militär=
attaches Washington über Wirkung unserer Luftangriffe auf die Moral der
Bevölkerung. Die Engländer klären in verstärktem Maße über der französisch*
belgischen Kanalküste auf, daher weniger Einflüge in das Reichsgebiet.
Uli: Bericht der Waffenstillstandskommission über den Abschiedsbesuch
des General Huntziger. Kämpfe der Franzosen mit den Italienern um die
Stärke des französischen Kolonialheeres.
Ausland: In Rumänien Demonstrationen der Eisernen Garde. Führer hat
sich entschlossen, zunächst vorübergehend den General von Tippeiskirch nach
Rumänien zu entsenden. Portugal bemüht sich, einwandfreie Neutralitäts=
politik zu treiben.
Interne Besprechung:
Hpt.d.Res. Prof. Dr. Kipp (von der Universitätsklinik Bonn) zu L III und
L IV. Rum.Mil. Mission: Chef L nimmt an, daß General von Tippeiskirch
auch Chef der Militär=Mission wird. Gestern die neuen Generalobersten zum
Essen beim Führer, der sich sehr optimistisch geäußert und erklärt hat, daß er
in dieser Lage nicht daran denke, ein so großes Risiko einzugehen, wie es eine
Landung darstelle. Führer hat nach Mitteilung von L III dem Generaloberst
von Falkenhorst 3 000 t Schiffsraum versprochen. Befehl Chef WFSt für See=
aufklärungsverbände. LIK.
Am 15. 9. keine Lagebesprechung.
7 8
iy. September 1940
16. September 1940
[handschr.] :
LIL: In der Nacht zum 15. 9. eine Reihe von Störangriffen. Am 15. 9. An=
griffe der Luftflotte 2 und 3 auf London, wobei es zu größeren Luftschlachten
über London gekommen ist, die für die deutschen Verbände wegen mangelnden
Jagdschutzes sehr verlustreich verlaufen sind (50 eigene gegen 79 feindl. Flug=
zeuge). Angriffe auf deutsches Gebiet haben an Intensität erheblich nach=
gelassen. Absichten für heute: Fortsetzung des Großangriffs auf London bei
günstigem Wetter, sonst Störangriffe.
LIH: Bericht des deutschen Luftattaches 1 Rom über italienische Offensive
gegen Ägypten. L III legt Karte von Indochina vor mit russischen Nachrichten
über die japanischen Wünsche.
Ausland: Der finnische Abwehrchef hat gebeten, die Russen über die deut=
sehen Transporte durch Finnland nach Kirkenes zu orientieren. Rumänien:
Antonescu hat die Eiserne Garde als einzige Partei im Staate anerkannt.
Interne Besprechung:
Finnen haben Straße Haparanda— Kirkenes Deutschland angeboten sowie
Schiffsraum. Auch 1 Flak.Abt. in Uniform. Auswärtiges Amt ist davon unter=
richtet.
+ L: Im Zuge der Kontrolle in den französischen Außengrenzen neue
Schwierigkeiten. Franzosen lehnen Einsatz italienischer Kontrollorgane auf
französischem Boden ab. Gespräch Huntziger — Ges. Hemmen. Letzter macht
Vorschläge: Gemeinsame deutsch=italienische Kontrolle in den Mittelmeer=
häfen. Chef L erhebt Anspruch, an den diesbezüglichen deutsch=italienischen
Verhandlungen das OKW zu beteiligen. Weiter soll angesichts dieser neuen
Lage erneut geprüft werden, ob diese Kontrolle an den französischen Außen=
grenzen vom Abwehr= und wirtschaftlichen Standpunkt überhaupt notwendig
ist.
17. September 1940
[handschr.] :
LIL: In der Nacht keine Einflüge im deutschen Reichsgebiet; wegen ge=
schlossener Wolkendecke gestern nur Störangriffe gegen London, nachts neue
Angriffe. Bericht Bötticher über gehobene Stimmung der Londoner Bevölkerung
wegen Verstärkung der Flakabwehr, aber auch sinkende Moral wegen Wirkung
der LZZ (Langzeitzünder). Absichten für heute: Fortsetzung der Störangriffe,
bei Wetterverbesserung Einsatz geschlossener Verbände unter stärkstem Jagd=
1 General Ritter von Pohl.
79
B. Kriegstagebuch
schütz. London in der letzten Woche 74V4 Std. im Keller (gegen 23 Münster
als Maximum).
LIH: Engl. Kräfte in Ägypten 3 mot.=, 1 Panzer=Division, Italiener 9 Divi=
sionen + 2 als Reserve. Zahlreiche italienische Panzer, aber geringer Kampf=
wert (3t).
Ausland: Roosevelt hat Gesetz über allgemeine Wehrpflicht (20—35. Lebens=
jähr) unterzeichnet. 3 Kategorien: 1. sofort einzuziehende, 2. sich bereit=
haltende, 3. frei bleibende wegen ziviler Berufe. Geplant für 1941 Heer von
900000 Mann.
WiRüAmt: Vortrag über Rohstofflage. Durchschnittlicher Monatsverbrauch:
Stahl 1,7 Mill. t, Kupfer 23 000 t etc., das bedeutet erheblichen Mehrverbrauch
und ein Angreifen der Vorrräte für das 2. Kriegsjahr. Trotzdem infolge Beset=
zung rohstoffreicher Länder günstige Rohstofflage im 2. Kriegsjahr. Engpaß
nur bei Kupfer. Wirtschaftliche Studienkommission unter Führung des Aus=
wärtigen Amtes geht morgen nach Dakar.
LIH: 2. Vortrag Hpt. Fetts über englische Heeresgliederung. Im Küstenschutz
20 Divisionen, davon 14 voll verwendungsfähig, operative Reserve 14V2 Divi=
sionen, davon 4 voll verwendungsfähig.
Interne Besprechung:
Äußerungen der Abwehr Abt. III und des Wirtschafts=Rüstungs=Amtes über
Kontrolle an den französischen Außengrenzen. Neue Äußerungen der Waffen=
Stillstandskommission über die Außenkontrolle. Gestern Notiz Chef L an Chef
OKW hierüber. Chef OKW hat sich hierüber noch nicht geäußert. Oberst
Brinckmann teilt Anfrage dtsch.Mil.Att. Stockholm über Verhalten gegenüber
firmischem Militär=Attache mit. Betr. schwedische Hilfe für Finnland. LIL bei
General v. Waldau.
LIL: Große Scheinanlage bei Koe . . .*, nur in dunklen Nächten in Betrieb, ab
heute. Spanien soll bei Eroberung Gibraltars eine der Kanarischen Inseln an
Deutschland abtreten (Las Palmas). Niederkämpf ung der englischen Jäger
bisher nicht gelungen. Ende des Monats italienische Luftwaffe an der Kanal=
küste. 20.— 23. 9. über Brenner (?).
18. September 1940
Nach einem am 17. 9. abends von der Abt.Ausl. übermittelten Telegramm
des nach Bukarest entsandten Generalleutnants v. Tippeiskirch hat letzterer
bereits am 15. 9. abends eine längere Aussprache mit dem rumänischen Mini=
sterpräsidenten Antonescu gehabt, die folgendes ergeben hat 1 :
1 Im Original unlerserlich.
1 Hinweis auf Anlage, OKW/Ausl. III 03462/40 g.K. v. 17. 9., in den Akten LIH.
80
i8. September 1940
Rumänien fühlt sich weiter durch seine Nachbarn, besonders durch Rußland,
stark bedroht, erstrebt nach außen erkennbare Sicherheit durch praktische
Durchführung der deutschen Grenzgarantie, wünscht daher baldige deutsche
Hilfe in Gestalt von Flugzeugen, Flak, mot.= und Pz.=Einheiten unter dem
Deckmantel der nach Rumänien zu entsendenden Militärmission. Die in Frage
kommenden Verbände sollen mit vollem Lehrpersonal entsandt werden, um
die rumänischen Truppen in der Verwendung des Materials taktisch und
technisch zu schulen. Das Material soll später an Rumänien übergeben werden.
General v. Tippeiskirch will die rumänischen Wünsche im einzelnen weiter
klären und bittet um Weisung, wie er sich gegenüber dem Wunsche auf Über=
gäbe des Materials nach beendeter Ausbildung verhalten solle.
Durch Anfrage bei Abt.Ausl. wird festgestellt, daß der Chef Ausl. das vor=
stehende Telegramm am 18. 9. morgens dem Chef OKW vorgelegt und vor=
geschlagen hat, die Frage der späteren Übergabe der Waffen an Rumänien
zunächst offen zu lassen.
Später teilt Major Deyhle auf Anfrage des L I hierzu noch mit, daß der Chef
WFSt über das Telegramm bereits unterrichtet sei und daß der Chef OKW dem
General v. Tippeiskirch unmittelbar antworten und ihn anweisen werde, die
Frage der Übergabe der Waffen an Rumänien zunächst offen zu lassen.
Nach Mitteilung des italienischen GenStdH an den Mil.Att. Rom ist die 49.
und 51. Div. nach Albanien überführt worden, die 29. Div. soll bis 30. 9. folgen.
[handschr.] :
(Chef L mit L III tritt morgens eine Informationsreise nach Den Haag —
Brüssel — AOK 16 und 9 Fontainebleau an). Vertr. Chef L Oberstlt. Priess.
LIH: Gestern wieder Angriffe auf London. Absicht des Oberkommandos der
Luftwaffe, mit starken Verbänden London anzugreifen, wegen des stürmischen
Wetters nur teilweise durchgeführt. Weitere Absichten: Fortsetzung der Stör=
und Verbandangriffe auf London je nach der Wetterlage. Neuaufbau des Flak=
Schutzes im Osten. Montag (16.) in London fast 14 Stunden Luftalarm. Wegen
des stürmischen Wetters Feindeinflüge nur im Westen des Reiches.
LIH: Ägypten: Offensive 4 Div.=Front, 90 km östl. Grenze. Bericht Rintelen:
Offensive nur mit beschränktem Ziel, Badoglio nicht sehr für Einsatz deutscher
Panzer= Verbände, lieber Stukas.
Ausland: Neue Rede Churchills 2 . Weist auf die nicht zu unterschätzenden
Schäden hin, die dem deutschen Schiffsraum zugefügt wurden. In der 1. Sep=
temberhälfte unter der englischen Zivilbevölkerung 2000 Tote, 8000 Ver=
wundete. Neue Warnmethoden: Vorwarnung, Warnung durch geschulte Be=
obachter.
1. Bericht des Generals von Tippeiskirch aus Rumänien.
Antwort ist vom Chef OKW unmittelbar ergangen.
2 Churchill sprach am 17. 9. 1940 im Unterhaus über die Kriegslage.
81
B. Kriegstagebuch
LIH wird morgen 15.30 Chef WFSt die bei L bearbeitete Oststudie vortragen.
Telegramm Tippeiskirch ist durch Chef Ausl. heute morgen Chef OKW vor=
gelegt, der Chef Ausl. aufforderte, Vorschlag für Antwort zu machen. Chef
Ausl. hat vorgeschlagen, die Frage einer späteren Waffenabgabe an Rum. zu=
nächst offenzuhalten. Major Deyhle teilt 12 Uhr mit auf Anfrage LIH, daß
Chef WFSt über Fall (?) bereits orientiert und daß Antwort Chef OKW an
Tippelsk. unmittelbar erfolgen werde dahin, daß Waffenabgabe zunächst offen=
zulassen wäre.
Operationsstudie Ost (33 290/40 g.K. Chefs, v. 15. 9.) an Chef WFSt ab=
gegangen am 19. 9.
19. September 1940
Der Führer hat befohlen:
1. die Aufmarschbewegung der Transportflotte, soweit sie noch nicht beendet
ist, anzuhalten;
2. die Schiffsansammlungen in den Absprunghäfen so aufzulockern, daß die
Verluste an Schiffsraum durch feindliche Luftangriffe auf ein Mindestmaß
verringert werden; dabei soll angestrebt werden, daß die Frist von S— 10 Ta=
gen ausreichend bleibt, um den Schiffsraum bei günstiger Wetterlage wieder
in den Absprunghäfen rechtzeitig zu versammeln;
3. die für das Unternehmen „Herbstreise" vorgesehenen 10 Dampfer der
Norwegenfahrt bis auf weiteres wieder ihrer normalen Verwendung zu=
zuführen und 6 weitere für das Unternehmen „Seelöwe" vorgesehene
Dampfer zeitlich gestaffelt und unauffällig zurückzuziehen und bis auf
weiteres zur Beschleunigung der Versorgung der Gruppe XXI einzusetzen;
4. den Luftschutz in den Absprunghäfen soweit irgend möglich zu verstärken.
Die Oberkommandos der Wehrmachtteile werden hiervon durch eine Wei=
sung des Chefs OKW in Kenntnis gesetzt 1 .
[handschr.] :
HL: Gestern lebhafte Jagdkämpfe in der Nähe von London, englische Jäger
griffen schneidig an. Starke englische Angriffe auf die Kanalküste, 80 Prähme
gesunken. 500 t Munitionszug in die Luft geflogen. Engländer fliegen zur Zeit
mit sehr geringen Kräften nach Deutschland ein.
LIK: Torpedoboot 2 Treffer (T 11), heute Nacht T 3 infolge Bombentreffers
gesunken.
Ausland: Englischer Luftminister gibt englische Flugzeugverluste auf 621
seit Beginn des Luftkrieges an. 1 griechische Division in Dedeagatsch (Alex=
andropolis) ausgeladen und an die bulgarische Grenze vorgeschoben.
1 Hinweis auf Anlage, OKW/WFSt/L 33294/40 g.K. Chefs, v. 19. 9., in den Akten
Chef L.
82
2i. September 1940
20. September 1940
Militär=Attache Rom meldet 1 unter dem 15. 9. (162/40 g.K.), er sei mit dem
Chef der Transport=Abt. des italienischen Generalstabes in Verbindung ge=
treten wegen der Frage des Transportes deutscher Pz.Truppen nach Libyen.
General Roatta habe darauf hingewiesen, daß Schwierigkeiten hierbei nur die
Ausladung bereite, da die Häfen der Cyrenaika nicht sehr leistungsfähig seien
und bei Ausladung in Tripolis für die Überführung auf dem Landmarsch nach
der ägyptischen Grenze viel Betriebsstoff verbraucht werden würde. Marschall
Badoglio habe über den Einsatz deutscher Pz. Verbände in Nordafrika noch
keine Entscheidung getroffen.
[handschr.] :
LIL: Gestrige Angriffe der Luftwaffe litten wieder unter dem Wetter. Zu=
sammenfassende Beurteilung der Angriffe gegen London bis 19. 9. :
Vom 6.I7 .— 13./14. 9. 1 927,40 t und 2 425 BSK,
vom 14.— 19. 9. früh 3 259,80 t und 4 482 BSK,
über London abgeworfen = 5187,20 t + 6907 BSK in 13 Nächten und 12 Tagen.
Englische Flak schießen Fallschirmnetzraketen, haben sich anscheinend nicht
bewährt. In 12 Tagen 131 Stunden Luftalarm in London. 1 BSK (Brandschütt=
kästen = 36 Brandbomben zu je 1 Kilo). LIL weist darauf hin, daß beim Einsatz
deutscher Panzer= Verbände in Libyen die Luftwaffe nicht nur diese Verbände
unterstützen müsse, sondern auch die englische Flotte im Mittelmeer in Schach
halten.
Ausland: Führer hat gestern entschieden, daß eine Division nach Rumänien
geschickt werden soll, Mannschaften und Waffen aber nicht getrennt, wie die
Rumänen wünschen. Auswärtiges Amt tritt an Ungarn wegen Durchtransport
heran.
OKH hat vorgeschlagen, eine durch Panzer verstärkte motorisierte Division
nach Rumänien zu entsenden.
Befehlsentwurf heute an Chef WFSt.
Chef OKW hat entschieden, daß der nach Dakar gehenden Wirtschafte
kommission ein getarnter Marine=Offizier beigegeben wird.
21. September 1940
[handschr.]:
LIL: Gestern wieder schlechtes Wetter, daher nur Einzelflüge am Tage (20
Flugzeuge), nachts starke Einsätze. Engländer am Tage nicht eingeflogen, nachts
wieder stärkere feindliche Angriffe auf die Kanalhäfen und Einflüge in das
westliche Reichsgebiet.
1 Hinweis auf Anlage Ausl. 833/40 g.K. v. 19. 9.
83
B. Kriegstagebuch
LIH: In Ägypten sind die italienischen Erdoperationen zum Stillstand ge=
kommen.
(LIK: Bericht über die Unternehmung der 3 französischen Kreuzer nach
Französisch=Äquatorialafrika).
L IV: trägt vor über Rückführung der französischen Flüchtlinge in das be=
setzte Gebiet und Frage der sogenannten Führerlinie 1 . OKH bittet um Ent=
Scheidung. Führer hat entschieden, daß Linie aufrechterhalten bleiben soll,
auch dann, wenn das diesseits der Führerlin. gelegene Land von uns aus
Bauernmangel nicht besiedelt werden kann. Noch etwa 2 Millionen Flüchtlinge
nicht in der Heimat, davon 400 000 aus Paris.
Ausland: Hauptthema der Verhandlungen Ribbentrop— Duce die Frage des
spanischen Kriegseintritts. Heute beginnt Besetzung der Süddobrudscha durch
Bulgarien, bis 30. 9. beendet.
Am 22. 9. keine Lagebesprechung.
Chef L und L III am 21. 9. abends zurückgekehrt. Chef L erkrankt.
23. September 1940
Chef L legt dem Chef OKW und dem Chef WFSt einen Bericht über seine
vom 18.— 21. 9. unternommene Reise nach den Niederlanden, Belgien und
Nordfrankreich vor (Anl. in den Akten Chef L).
Zweck der Reise sei es gewesen, unmittelbare Eindrücke über den Stand
der Vorbereitungen für das Unternehmen „Seelöwe" und den Stand des Luft=
krieges zu gewinnen. Es seien der WB Niederlande in Den Haag, das AOK 16
in Tourcoing, die Lfl. 2 auf ihrem Gefechtsstand bei Calais sowie das AOK 9
in Limesy nördlich Rouen besucht und die Häfen Rotterdam, Antwerpen,
Calais, Boulogne und Le Havre besichtigt worden.
Die Vorbereitungen für das Unternehmen „Seelöwe" seien, auch soweit sie
vom Gegner nicht gestört werden könnten, noch nicht beendet, was die Folge
zu spät ergangener Entscheidungen in zahlreichen offenen Fragen zwischen den
drei Wehrmachtteilen sei. Das OKH habe sich mit den Einschränkungen, die
gegenüber seinem ursprünglichen Plan erfolgt seien, abgefunden. Bei der 16.
wie bei der 9. Armee herrsche angespannte Ubungstätigkeit in Vorbereitung
des Unternehmens „Seelöwe", wobei aber teilweise noch erste Versuche ver*
schiedener Landmanöver gemacht würden. Die Heimatstäbe seien bei beiden
Armeen in der vorgesehenen Form gebildet worden.
Die Schiffs= und Prahmansammlungen in den besichtigten Häfen seien sehr
massiert, außerdem Schiffe und Prähme teilweise in Hafenteilen untergebracht,
die für die Beobachtung der Bevölkerung und etwaige Sabotage vollkommen
offen lägen. In benachbarten Hafenschuppen lagere vielfach Munition und
1 Vgl. Generaloberst Halder KTB, a. a. O. (Anm. 2 v. 1. 8. 1940), Bd. II, S. 43.
84
23. September 1940
anderes Wehrmachtgerät in großen Mengen, das nur teilweise für das Unter=
nehmen „Seelöwe" bestimmt sei. Zur Vermeidung weiterer Verluste sei eine
Auflockerung dieser Ansammlungen notwendig und in den meisten Häfen
auch möglich.
Falls die Operation noch in Frage komme, müßten auch die weiteren Vor=
bereitungen für die Übernahme des Truppengeräts und der Truppe selbst
auf diese aufgelockerten Liegeplätze abgestellt werden, da ein Wiederzusam=
menziehen für die Verladung die gleiche Gefahr für die Schiffe wie für die
Truppe und das Gerät mit sich bringen würde.
Die bisher eingesetzten Zeiten für Verladung, Beginn der Bewegung und
letzte Abrufmöglichkeit müßten überprüft werden, da z. B. in Antwerpen
wegen der geringen Zahl der Schlepper sowie der Schleusen= und Fahrwasser=
Verhältnisse der Beginn der Verladung schon 8 Tage, der des Auslaufens
schon 4 Tage vor dem S=Tage angesetzt sei. Die Bevölkerung der Hafenstädte
leide unter den durch die Schiffsansammlungen hervorgerufenen Flieger=
angriffen, wenn auch die Flakabwehr von den Kommandostellen als aus=
reichend bezeichnet werde.
Bei der Lfl. 2 hätten erst am ig. 9., also 2 Tage vor dem ursprünglich ehest
möglichen Landungstermin, grundlegende Besprechungen über den Einsatz des
VIII. Flieg.Korps und zahlreiche andere Fragen in Verbindung mit der 16. Armee
und 7. Flieg.Div. stattgefunden. Das VIII. Flieg.Korps könne nur die beiden
Korps der 16. Armee in der Front unterstützen, und zwar infolge der großen
Frontbreite von 30 km auch nur in geringem Maße. Die Neutralisierung der
Flanken bei Dover und Dungeness sowie die Aufgaben in der Tiefe müßten
von anderen Verbänden gelöst werden.
In Verbindung hiermit sei von dem kommandierenden General des
VIII. Flieg.Korps der Gedanke vorgebracht worden, möglichst zunächst nur
ein Armeekorps zu überführen, um ihm eine um so stärkere Unterstützung
seitens der Luftwaffe zukommen lassen zu können. Der bei der Besprechung
anwesende Chef des GenStdLw habe sich diesem Vorschlage angeschlossen.
Er selbst (Chef L) habe demgegenüber darauf hingewiesen, daß schon mit
Rücksicht auf die feindliche Flotte und die nicht übersehbaren Seegangver=
hältnisse in der 1. Welle so starke Verbände wie möglich übergesetzt werden
müßten und daß auch die zwangsläufig bei dem Einsatz der Luftwaffe ein=
tretenden Zwischenräume dazu zwängen, von vornherein kampfkräftige Teile
des Heeres überzusetzen. Der Vorschlag des Generals v. Richthofen sei darauf=
hin nicht weiter verfolgt worden.
Weiterhin sei nach längerer Erörterung auf Nebelwirkung durch die Luft=
waffe zugunsten der Brisanzwirkung verzichtet worden, wovon lediglich die
Aufklärungsstaffeln H ausgenommen werden würden, die über dem Kanal
nebeln sollten.
Die 7. Flieg.Div. solle mit der Masse in der Dämmerung des S=Tages vor
dem rechten Flügel der 16. Armee eingesetzt werden, um die Downs in Besitz
85
B. Kriegstagebuch
zu nehmen. Für den S + 1. Tag komme der Einsatz ihrer restlichen Teile in
der Gegend von Folkestone in Betracht.
Die unmittelbare Unterstützung der 9. Armee würde dem I. Flieg.Korps
zufallen.
Was den verschärften Luftkrieg gegen England anbelange, so seien die
Flugplätze im Küstengebiet ausgezeichnet ausgebaut und getarnt. Der Ober=
befehlshaber der Lfl. 2 und sein Chef des Stabes hätten über das nach wie vor
ungünstige Wetter geklagt, das immer wieder die Verschiebung des Einsatzes
starker Verbände notwendig mache. Schwierigkeiten schiene auch jetzt noch
die Zusammenarbeit zwischen Jagd= und Kampf= Verbänden zu machen.
Über den bisherigen Ablauf des Luftkrieges habe der Chef des Stabes,
Gen.Lt. Speidel, folgendes ausgeführt: Die erste Phase sei durch erfolgreiches
Niederkämpfen der feindlichen Jäger gekennzeichnet, die immer mehr an Zahl
und Angriffskraft verloren hätten. Als die Luftflotte daraufhin zum Groß=
angriff auf London habe schreiten wollen, sei dieser zunächst nicht genehmigt
und erst auf mehrfaches Drängen freigegeben worden. Dann habe aber nur
noch 1 Tag guten Wetters zur Verfügung gestanden, so daß der Angriff nicht
in der geplanten Form habe durchgeführt werden können. Die Atempause
habe die Engländer in die Lage versetzt, aus sämtlichen Schulen Personal und
Material und aus der Industrie noch nicht einmal fertig gestrichene Jagd=
flugzeuge heranzuziehen. Infolgedessen habe sich in den folgenden Tagen die
feindliche Jagdabwehr erneut allmählich verstärkt. Hierbei hätten die Eng=
länder auch weniger gut ausgebildete Jagdstaffeln rücksichtslos gegen die deut=
sehen Kampfverbände anfliegen lassen, wobei als letztes Kampfverfahren
das Rammen mehrfach in Erscheinung getreten sei. Die deutschen Jagdflugzeuge
würden hingegen meist nur von geübteren englischen Jägern angegriffen.
Diese Entwicklung habe dazu geführt, daß seit einigen Tagen der Kampf
gegen die feindlichen Jäger wieder habe aufgenommen werden müssen, so daß
man jetzt in der 3. Phase des Luftkrieges gleichzeitig starke Kampfverbände,
wenn auch hauptsächlich bei Nacht, und starke Jagdkräfte einsetze. Die eigenen
Kräfte fühlten sich dem Feind nach wie vor stark überlegen, und es herrsche
volle Zuversicht auf eine erfolgreiche weitere Durchführung des Luftkrieges.
Die Zahl der feindlichen Jagdflugzeuge werde auf etwa 300 geschätzt, zu
denen monatlich etwa 250 aus der englischen Neufertigung hinzukämen.
Über die Zahl der englischen Kampfflugzeuge gingen die Meinungen stark
auseinander; sie würde von dem früheren Luftattache in London, General
Wenninger, auf etwa 800 geschätzt und die bisherige Zurückhaltung in ihrem
Einsatz damit erklärt, daß die Engländer sich ihren massierten Einsatz für
den noch erwarteten Höhepunkt des Luftkrieges bei einer deutschen Landung
vorbehielten. Demgegenüber bezweifle der Oberbefehlshaber der Lfl. 2, daß
noch so starke Bomberkräfte vorhanden seien.
Die Besprechungen mit dem WB Niederlande hätten ergeben, daß die Zu=
sammenarbeit mit dem Reichskommissar befriedigend sei und in entscheidenden
86
23. September 1940
Fragen volles gegenseitiges Einverständnis herrsche. Die Unterbringung der
in den Niederlanden liegenden Verbände sei einwandfrei, der Luftschutz für
die Truppe und Flugplätze sichergestellt. Der niederländische Aufbaudienst
unter Leitung eines besonderen Pi.=Stabes des Heeres sei in der Hauptsache
zum Abbau der früheren Befestigungslinien an der Yjssel und Grebbe ein=
gesetzt; die neue Wasserlinie bleibe vorläufig erhalten, Versuche, mit einfachen
Mitteln Befestigungen mit verwandter Front gegen Westen zu verwenden,
seien erfolgreich verlaufen. Auf den Kanälen herrschten geordnete Verkehrs=
Verhältnisse, der Straßen= und Eisenbahnverkehr hingegen würde nach wie
vor dadurch stark beeinträchtigt, daß noch bis etwa Ende November nur
eine Nordsüd=Verbindung über die Brücke von Moerdijk bestehe. Die Be=
völkerung füge sich allen Anforderungen und lasse keinerlei organisierte
Opposition erkennen.
Die Truppe sei überall durch Übungen, Wachdienst und Arbeit voll be=
schäftigt. Im Zusammensein mit Truppenoffizieren kämen immer wieder die
vermeintliche Bevorrechtung der Waffen=SS und die schwerwiegenden Folgen
des uk.=Stellungsverfahrens zur Sprache. Von den Offizieren einer Div. 3. Welle
sei es als unverständlich bezeichnet worden, daß die SS=Truppen wie ein
„wanderndes Waffenarsenal" ausgerüstet seien, während die Div. 3. Welle
bis zum heutigen Tage noch vieler Waffen ermangelten und großenteils mit
alten Waffen ausgerüstet seien. Weiter sei scharf darauf verwiesen worden,
daß SS=Führer, die niemals gedient und nicht einen Tag vor dem Feind ge=
standen hätten, sich Dienstgradabzeichen und Dienststellenbezeichnungen der
Wehrmacht zulegten. Die uk.=Stellungen würden also um so beunruhigender
angesehen, je mehr junge Leute davon betroffen würden und je mehr beim
Heere die Truppe mangels eigentlicher Kampfhandlungen nach Hause dränge.
Hierzu könne nur der Vorschlag wiederholt werden, alle jüngeren Jahrgänge
an die Front zu schicken bzw. zur Ausbildung heranzuziehen, den Ersatz für
die Industrie aber grundsätzlich den älteren Jahrgängen zu entnehmen.
[handschr.] :
LIL: Luftwaffe hat gestern wieder gegen schlechtes Wetter zu kämpfen
gehabt. Amerika gibt Helium=Gas an England ab für Sperrballons; brennt
nicht, entweicht bei Beschuß, Ballons können geflickt werden. Absichten für
heute: Angriffe auf London und Southampton. Scheinangriffe auf Portland.
Heute Nacht waren englische Flieger über Berlin, haben nur Leuchtbomben
abgeworfen.
LIH: Italiener machen in Ägypten vier Wochen Pause.
L IV: Marschall Petain beabsichtigt eine Informationsreise durch das be=
setzte Gebiet. Führer wird hierüber noch entscheiden.
L III berichtet über Reise (seine mit Chef L), die von Amsterdam bis
Le Havre geführt hat. Vorbereitungen für „Seelöwe" sind noch nicht so weit
gediehen, daß das Unternehmen am 21. 9. hätte durchgeführt werden können.
87
B. Kriegstagebuch
Ausland: Warfenstillstandskommission teilt mit, daß Franzosen Wünsche
nach enger Zusammenarbeit mit Deutschland ausgesprochen haben. Spanische
Presse tritt für Kriegsbeteiligung ein. In Indochina sollen Japaner 2 Stunden
vor Ablauf ihres Ultimatums bei Hanoi gelandet sein. Wilkie will Hilfe für
England bis zur Grenze der Vorsicht, aber keinen Kriegseintritt. Sehr schlechtes
Benehmen der Ungarn in den abgetretenen rumänischen Gebieten.
24. September 1940
[handschr.] :
LIL: Angriffe in der Nacht vom 22723. 9. konzentrierten sich wieder auf
London. Am 23. 9. nur Störangriffe, die z. T. auch abgebrochen werden mußten
wegen ungünstiger Wetterlage (Wolken und Sonne). In der Nacht vom
23-/24. 9. waren 250 Kampfflugzeuge über London. 150 Feindeinflüge ins
Reich ... (?), haben 60 Bomben abgeworfen. Über Berlin ca. 45 Flugzeuge, die
an 17 Stellen Bomben abgeworfen haben.
L III: Gestern mittag ist ein starker englischer Verband vor Dakar erschienen,
hat Ultimatum gestellt, de Gaulle an Bord der Engländer. Angriff wurde ab=
geschlagen. Neuer Angriff soll im Gange sein. Französische Abordnung hat
Waffenstillstandskommission Note überreicht mit Forderungen. Diese an
Führer. Unter Einwirkung von Ribbentrop alle Forderungen der Franzosen ab=
gelehnt. Neuer Vorstoß des Chefs WFSt. Dieser hat sich von L Note erbeten,
in der den Franzosen aufgetragen wird, in Westafrika Ordnung zu schaffen.
Madagaskar, Dahomey und Togo sind von der Bewegung de Gaulle noch nicht
erfaßt.
Ausland: In Indochina sind den Japanern 3 Luftstützpunkte mit 60000 Mann
Besatzung zugestanden. General von Bötticher berichtet über Eindrücke des
Gen. Strong in England:
England sei entschlossen, den Krieg bis zum bitteren Ende durchzukämpfen.
Interne Besprechung:
Frage der Militär=Mission. Reichsmarschall will auf keinen Fall Unterstellung
der Luftmission unter Heeresmission. (Unsere Kriegführung scheint neuerdings
nur noch aus Rücksichtnahme auf den Reichsmarschall und die Italiener zu
bestehen).
25. September 1940
Chef L bittet bei seinem nachmittags stattfindenden ersten Vortrag nach der
Rückkehr von seiner Reise in die besetzten Westgebiete und anschließender
Krankheit den Chef WFSt um eine allgemeine Unterrichtung über die militär=
politische Lage besonders hinsichtlich der Lage im Mittelmeer und in Westafrika.
Chef WFSt bezeichnet die Gesamtlage als labil. Insbesondere hätten die
88
25. September 1940
zahlreichen diplomatischen Gespräche der vergangenen Woche noch nicht zu
einem endgültigen Ergebnis geführt 1 .
Die Besprechungen mit dem spanischen Innenminister Serrano Suner seien
befriedigend verlaufen, hätten aber in der Hauptsache allgemeinen politischen
Fragen gegolten, die sich aus dem Kriegseintritt Spaniens ergeben würden.
Unmittelbare Fragen der gemeinsamen Kriegführung seien seines Wissens
dabei vorläufig nicht berührt worden, so daß auch weiterhin die Grundlagen
für eine enge militärische Zusammenarbeit mit Spanien und Italien im Mittel=
meer nicht gegeben seien.
Die Besprechungen des Reichsaußenministers in Rom hätten ausschließlich
oder doch in der Hauptsache den bevorstehenden Abschluß des deutsch=
italienisch=japanischen Militär= und Freundschaftsbündnisses zum Gegenstand
gehabt.
Im übrigen müßten die Fragen der Kriegführung im Mittelmeer nach der
neuerdings eingetretenen Entwicklung in enger Verbindung mit den Vor=
gangen in Westafrika (Dakar) betrachtet werden. Er (der Chef WFSt) habe
in Übereinstimmung mit dem Chef L bisher schon jede Gelegenheit benutzt,
um den Führer von den weitgehenden Möglichkeiten zu überzeugen, die in der
Ausnutzung der gemeinsamen deutschen und französischen Interessen in dem
alles beherrschenden Kampf gegen England lägen.
Während der Führer noch bei der eben erfolgten Entscheidung über die
Freigabe französischer Kräfte zur Abwehr englischer Angriffe auf Dakar auch
entsprechend dem Rat des Reichsaußenministers die in Toulon liegenden
französischen Seestreitkräfte ausgenommen und damit von neuem sein Miß=
trauen gegen die französischen Absichten ausgedrückt habe, scheine sich
neuerdings eine Wandlung in den Anschauungen des Führers vorzubereiten.
Man müsse sich aber klar darüber sein, daß hiermit auch ein völliger Wandel
in den grundlegenden Anschauungen über die Weiterführung und Zielsetzung
des Krieges überhaupt verbunden sein würde. Besonders seien die Schwierig*
keiten, die von Italien und Spanien als den an der Wegnahme der französischen
Besitzungen hauptsächlich interessierten Bundesgenossen gemacht werden wür=
den, nicht zu verkennen.
Für die Kriegführung gegen England könne es aber keinem Zweifel unter=
liegen, daß sich durch Einspannen Frankreichs wesentliche neue Möglichkeiten
ergeben würden. Gleichzeitig würde man hierdurch auch am besten der Gefahr
eines Ubergreifens des englischen Einflusses auf Nordafrika begegnen.
Es käme ihm (dem Chef WFSt) infolgedessen darauf an, den Führer auch
weiterhin in dieser Richtung zu bestimmen. Von einer Absicht des Führers,
den früheren französischen Botschafter in Berlin, Francois=Poncet, zu sprechen
und mit dem Marschall Petain zusammenzutreffen, sei bereits die Rede ge=
1 Hitler empfing am 10. 9. 1940 den ungarischen Gesandten Graf Sztojay; am 17. 9.
den spanischen Innenminister Serrano Suner. Reichsaußenminister v. Ribbentrop
konferierte am 19./20. 9. 1940 mit Mussolini in Rom.
89
B. Kriegstagebuch
wesen. Zweifellos würde aber einem derartigen Wandel eine Besprechung
des Führers mit dem Duce vorausgehen.
Chef L erklärt, daß er damit der Absicht enthoben sei, in die gleiche Richtung
laufende Gedanken und Vorschläge vorzutragen. Angeordnet sei von ihm
bereits, als erste Unterlage eine Übersicht über die französische Kräftever=
teilung und über die Verbindungswege zwischen Nord= und Westafrika auf=
zustellen. Außerdem werde die vor wenigen Tagen vorgelegte Studie des LIK
über die atlantischen Inseln unter dem Gesichtswinkel einer Zusammenarbeit
mit Frankreich ergänzt werden müssen.
In diesem Zusammenhang beauftragt Chef WFSt die Abt. L am 28. 9.
außerdem, die Formen einer derartigen Zusammenarbeit mit Frankreich vor=
bereitend zu prüfen.
[handschr.J :
(Chef L wieder gesund) (Schwerpunkt Siemensstadt).
LIL: Heute Nacht 5/j Spreng= und etwa 30 Brandbomben abgeworfen.
Gestern wieder nur Störangriffe gegen England wegen der Wetterlage. Ab=
sichten für heute: Angriff auf London unter Jagdschutz, bei ungünstigem
Wetter Störangriffe. Die englische Jagdabwehr ist im Süden konzentriert.
LIK: Die deutsche Wirtschaftskommission, die mit getarnten Seeoffizieren
nach Dakar unterwegs ist, ist in Casablanca angekommen. Merkwürdige
Vorgänge in der Gibraltar=Straße. Note mit Führer=Entscheidung über Dakar
ist den Franzosen gestern 18.50 Uhr in Wiesbaden übergeben worden. Ober-
befehlshaber der Kriegsmarine geht heute zum Führer, um ihm vorzuschlagen,
den Franzosen weitere Kriegsschiffe für Dakar freizugeben. Petain hat den
Gouverneur von Dakar zu seiner Haltung beim englisch=französischen Angriff
(auf Dakar) beglückwünscht. (Italienischer Stützpunkt in Spanien: Cartagna.
40 Flugzeuge (?)).
L IV: Führer hat entschieden, daß der französische Antrag auf Informations=
reise des Marschalls Petain erst beantwortet werden soll, wenn eine definitive
Entscheidung über die Haltung gegenüber Frankreich getroffen ist.
Ausland: In Rom spanische und japanische Frage behandelt. Serrano Suner
anscheinend noch in Berlin. Verhandlungen mit Spanien sollen so weit sein,
daß der Vertrag paraphiert werden soll.
Interne Besprechung:
Reichsaußenminister pikiert, daß er vom Einsatz italienischer U=Boote in
Bordeaux und italienischer Luftstreitkräfte in Alost nichts gewußt hat. Unter=
richtung über Abt. Ausland. Anfang September kommt italienische Kommis=
sion unter Leitung d. Gen. Fouggier nach Alost und Karinhall. Italienische Luft=
Streitkräfte werden der Luftflotte 2 unterstellt. Mit ihrem Einsatz ist Anfang
Oktober zu rechnen.
L ///: Fliegende deutsch=italienische Kontrollkommission. Zustimmung des
90
26. September 1940
Auswärtigen Amtes noch heute erforderlich. Außenkontrolle : Franzosen lehnen
italienische Kontrolle an der Mittelmeerküste schärfstens ab. In Unterredung
Ges. Hemmen — General Huntziger ist vereinbart worden, italienische Kon=
trolle an der Alpengrenze, gemischte deutsch=italienische Kontrolle unter deut=
scher Führung an der Mittelmeerküste.
OKH: Abänderungen zu „Seelöwe" LIH.
Chef L: Vorschlag betr. Weisung v. xo. 9.: Auflockerung in den Hafengebie=
ten und Einladung in den aufgelockerten Häfen. Vorbereitungen in Rotterdam
und Antwerpen unter den Augen der Zivilbevölkerung. Massierung der Prähme
in bestimmten Hafengebieten. Mangelnde Vorbereitung der Luftwaffe für
„Seelöwe". Marine arbeitet auf Grund eines Gesprächs des Generals Jodl mit
Admiral Fricke mit einer S— 15 Zeit. Heer beantragt das gleiche für sich. Marine
ist der Ansicht, daß Heer auf Landung in der Dämmerung verzichtet hat. Dem=
gegenüber stehen AOKs 9 und 16 nach wie vor auf dem Standpunkt, daß
Landung überhaupt nur 20 Minuten nach Dämmerungsbeginn in Frage komme.
Vorschläge LIH und LIL für die Dienstanweisung der Militär=Mission in Ru=
mänien. Reichsmarschall hat sich über die Stärke der Luftmission noch nicht
geäußert. Chef L beauftragt LIH, sich mit Chef WPr (Wehrmachtspropaganda=
Abt.) über propagandistischen Abbau von „Seelöwe" ins Benehmen zu setzen.
Dakar: Politische Grundlage unbekannt. Daher schwierig, militärische Ent=
Schlüsse zu fassen. Baldigst möglichst klares Bild über militärische Feindlagen
in Nord= und Westafrika.
26. September 1940
1.33 Uhr. Die WStK meldet durch Fernschreiben 1 , daß die französische Ab=
Ordnung am 23. 9., 22.43 Uhr, folgende Mitteilungen über die Lage bei Dakar
gemacht habe: Am 23. 9. sei der Flottillenführer „L'Audacieux" bei einer Auf=
klärungsfahrt infolge Torpedotreffers gesunken. Am frühen Vormittag des
24. 9. seien nach einem zweiten Ultimatum der Engländer, das zurückgewiesen
worden sei, zwei erfolglose Luftangriffe auf das Schlachtschiff „Richelieu" er=
folgt, wobei 3 englische Flugzeuge abgeschossen worden seien. Das englische
Geschwader habe daraufhin das Schlachtschiff „Richelieu", den Hafen und die
Küstenbatterien von Dakar unter Feuer genommen, aber nur ein Küsten=
geschütz außer Gefecht gesetzt. Gegen 10.00 Uhr hätten französische Bomben=
flugzeuge das englische Geschwader angegriffen und einen Treffer schweren
Kalibers auf einem englischen Kreuzer erzielt. Am frühen Nachmittag sei die
Beschießung des Hafens und der Stadt wieder aufgenommen worden und ein
neuer Luftangriff auf das Schlachtschiff „Richelieu" erfolgt, der durch Flak ohne
Schwierigkeiten abgewiesen worden sei. Die französischen Verluste beliefen sich
auf ungefähr 100 tote und 100 verwundete Soldaten und 60 tote und 200 ver=
1 Hinweis auf Anl.
91
B. Kriegstagebuch
wundete Zivilisten. Im Laufe des Tages seien die französischen Seestreitkräfte
unter dem Kommando des Vizeadmirals La Croix zum Schutz der Küste aus=
gelaufen und hierbei erfolglos durch Torpedoflugzeuge angegriffen worden,
von denen drei abgeschossen worden seien. Anschließend sei es zu einem
Gefecht mit 2 englischen Schlachtschiffen (nach Gefangenenaussage „Reso=
lution" und „Barham") und einem 10 ooo=t=Kreuzer gekommen, die mehrere
Treffer erhalten hätten.
Am 25. 9. habe der englische Angriff um 10.10 Uhr wieder eingesetzt. Ein
wahrscheinlich von einem Torpedo getroffenes englisches Schlachtschiff habe
Schlagseite bekommen und sei abgelaufen.
Von den französischen Seestreitkräften befänden sich
1. in Dakar: das nicht voll seefähige Schlachtschiff „Richelieu", die leichten
Kreuzer „Georges Leygues" und „Montcalm", die Flottillenführer „Le Fantas=
que" und „Le Malin", der Zerstörer „Le Hardi", die Minensucher „Commandant
Riviere" und „Gazelle" sowie die Avisos (Kanonenboote) „d'Iberville",
„d'Entrecasteaux" und „Calais"; auf dem Marsch von Casablanca nach Dakar
seien die kleinen Unterseeboote „La Sibylle", „Amazone", „Antiope" und
„Amphitrite",
2. in Casablanca: die leichten Kreuzer „Gloire" und „Primauguet" (letzterer
auf dem Marsche dorthin zusammen mit einem Convoi) sowie die großen
Unterseeboote „Ajax" (havariert) und „Sidi Ferruch",
3. in Libreville: das große Unterseeboot „Poncelet" und der Aviso (Kanonen=
boot) „Bougainville".
An englischen Seestreitkräften seien am 23. und 24. 9. vor Dakar erkannt
worden: 2 Schlachtschiffe (wahrscheinlich „Resolution" und „Barham"), der
Flugzeugträger „Hermes" und das Flugzeugmutterschiff „Albatros", zwei
10 ooo=t=Kreuzer Typ „Kent", „Dorsetshire" und „Cornwall", zwei 4850=1=
Kreuzer („Delhi" und „Dragon"), eine Anzahl von Torpedobooten und 6 Hilfs=
kreuzer. Außerdem sei eine als 3. Geschwader bezeichnete Gruppe am 24. 9. im
Marsch von Norden nach Dakar festgestellt worden, deren Zusammensetzung
unbekannt sei.
Im Südatlantik stünden zwei 10 ooo=t=Kreuzer, der veraltete Kreuzer „Haw=
kins" (9 800 t) und 7 Hilfskreuzer.
An französischen Landstreitkräften befänden sich
1. in französisch Westafrika 32000 Mann, darunter 2500 Europäer, sowie
ein am 25. 9. in Dakar eingetroffenes Senegalesen=Btl.,
2. in französisch Äquatorialafrika 10 000 Mann, darunter 1 500 Europäer;
davon sei ein Teil zu den Aufständischen übergegangen.
Die englischen Landstreitkräfte in West= und Äquatorialafrika beliefen sich,
soweit bekannt, auf 1 Komp. in Gambia, 1 Btl. in Sierra Leone, 3 Btl. an der
Goldküste sowie 5 Btl. in Nigeria; in diesen Stärken sei das Expeditionskorps
des Ex=Generals de Gaulle nicht enthalten.
Im Laufe des 24. 9. hätten 60 französische Bombenflugzeuge unter dem
92
26. September 1940
Schutz von 36 Jagdflugzeugen Gibraltar angegriffen und 45 t Bomben ab=
geworfen. In der Werft seien zahlreiche Feuersbrünste entstanden, 1 englisches
Schlachtschiff sei getroffen worden und ausgelaufen. Alle französischen Flug=
zeuge seien trotz starker englischer Luftabwehr zurückgekehrt.
[handschr.] :
LIL: 256 t Bomben in der Nacht auf London, tagsüber kein Angriff, nur ein
einzelnes Flugzeug. Seit 8 Tagen keine wesentlichen Jagdkämpfe mehr. Eng=
lische Jäger überholen anscheinend. Starke englische Angriffe auf die KanaU
küste in der Nacht zum 25. Heute nacht 63 Einflüge ins Reichsgebiet, 4 Bomben
auf Berlin, 5 Stunden Luftalarm; Wetterbesserungen in Aussicht. Luftgau Ber=
lin um 3 schwere, 8 leichte Flak.Abt. verstärkt.
Außerdem 1 Jagdnachtstaffel und 1 Schwärm (4) nach Berlin verlegt. Gesamte
Wasserversorgung von Le Havre wegen Luftangriffs in der Nacht zum 25. 9.
ausgefallen.
LIK: Einsatz eigener U=Boote im Gebiet von Dakar nur nach längeren Vor=
bereitungen möglich.
L ///: Neue Anträge der Franzosen (Munition und Bomben). Bitte um
moralische Unterstützung durch deutsche Erklärung, daß afrikanische Kolonien
bei Frankreich verbleiben.
Ausland: Aufruf Petains an französische Bevölkerung in Afrika. Lage
in Indochina: Einigung zwischen Franzosen und Japanern bestätigt. Japan in
Haiphong.
Norwegen: Parteien aufgelöst. Regierung wahrgenommen durch Staatsräte
aus der Umgebimg Quislings gegen Auffassung der Gr. XXI.
WiRüAmt: Eisenbahnprogramm Otto.
Interne Besprechung:
Anweisung für Militär=Mission Rumänien: bei Uneinigkeit der beiden Mis=
sionen soll Chef OKW entscheiden. Weisung soll vor Unterzeichnung dem
Reichsmarschall noch mal vorgelegt werden.
Bemühungen Chef L, gestern in Reichskanzlei etwas zu erfahren, haben zu
einem gewissen Erfolg geführt. (Rücksprache Führer=Duce, wenn „Seelöwe"
endgültig aufgegeben) :
1. Besuch Serrano Sufiers. Keine Besprechung gemeinsamer Kriegführung.
2. Ribbentrop=Besuch in Rom,
3. Führer bis in letzte Tage den Franzosen gegenüber mißtrauisch. Erst durch
Ereignisse von Dakar andere Einstellung; bestrebt, Frankreich weitgehend
vor unseren Wagen zu spannen. Will Botschafter Francois Poncet kommen
lassen und sich mit Petain treffen.
4. „Seelöwe". Es bleibt bei S— 10. Befehl wird nicht gegeben werden ohne An=
frage bei Wehrmachtsteilen, ob Frist ausreicht. Chef L hat auf Schwierigkeit
des propagandistischen Abbaus „Seelöwe" aufmerksam gemacht. Soll von
93
B. Kriegstagebuch
WPr weiter behandelt werden. Invasion niemals einzige Absicht, nur ein
Mittel neben anderen.
27. September 1940
[handschr.] :
LIL: London hat 4865 t Bomben und 7336 BSK abbekommen seit Beginn der
Angriffe auf London. Gestern nur 3 Flugzeuge über London wegen ungünstigen
Wetters. Nachts 160 Flugzeuge. 28 Einflüge ins Reichsgebiet, 23 Bomben in der
vergangenen Nacht. Vorgestern nacht Karinhall mit Spreng= und Brand=
bomben angegriffen. Französische Luftangriffe auf Gibraltar haben anscheinend
erhebliche Schäden verursacht.
LIK: Englische Seestreitkräfte haben sich von Dakar nach Süden, also offen=
bar nach Freetown abgesetzt.
Ausland: Heute ist Abschluß eines deutsch=japanischen Defensivbündnisses.
Deutsch=spanische Abmachungen zum Abschluß gekommen 1 .
WiRüAmt : Deutsche Kohleförderung pro Jahr 250 Mill. t, Ausfuhr 48 Mill. t,
Einfuhr aus Holland 4,8 Mill. t.
Interne Besprechung:
LIK soll Übersicht über Stärkeverhältnisse in Westafrika aufstellen. LIL und
WiRü: Orientierung des General von Bötticher über Öllage.
Auftrag Chef L militärische Möglichkeiten und Verbindungswege in West=
afrika festzustellen (LIK).
Chef L: beauftragt den LIK mit der Aufstellung einer Übersicht über die
Stärkeverhältnisse in Westafrika und der Untersuchung der dortigen mili=
tärischen Möglichkeiten und Verbindungen.
28. September 1940
[handschr.] :
LIH: Osten: Heeresgr. B z. Z. Berlin, ab 6.— 10. 10. Posen. AOK 12 Kra=
kau. 4 Warschau, 18 Bromberg, später Königsberg. Insgesamt 35 Divisionen,
davon 30 in Ostpreußen und im Gen.=Gouvernement. (25 Inf.=, 1 Kav.= 3 Pz.=,
1 mot.Div.). Dazu XXXX. AK. (2 Pz.=, 1 mot.Div.) bei Wien. 11. Schütz.Brig.
wird 11. Pz.Div., 60. Division wird Pz.Div. Luftflotte 1 wird von Berlin nach
Königsberg verlegt.
LIL: Gestrige Verluste: eigene 42, Feind 8g Flugzeuge. Absichten für heute:
geschlossener Einsatz und Vorstoß auf London bei günstigem Wetter. Da
Engländer gestern nicht aufgetreten, nachts 12 Einflüge ins Reichsgebiet mit
1 Abschluß des Dreimächtepaktes zwischen Deutschland, Italien und Japan am
27. 9. 1940.
94
30. September 1940
4 Bomben. Englische Jäger treten den deutschen Verbänden neuerdings wieder
über dem Kanal entgegen.
L III: Franzosen haben Eindruck, daß englische Seestreitkräfte vor Dakar
erhebliche Beschädigungen erlitten haben. Gestern Besprechungen im Aus=
wärtigen Amt über Demarkationslinie und Außenkontrolle stattgefunden
(Bevorratung Norwegens).
Ausland: Englische Presse kritisiert scharf englischen Rückzug bei Dakar.
WiRüAmt: Mitteilungen an General von Bötticher.
Chef L: General Huntziger vorgestern beim Ob.d.H. Versicherung größter
Loyalität; Ereignisse bei Dakar bewiesen Aufrichtigkeit der Franzosen und
ihren Wunsch nach Einsatz an der Seite Deutschlands. Den Franzosen ist in
diesem Fall Rolle als Hilfsvolk zugedacht.
Interne Besprechung:
General Jodl hat Frage aufgeworfen, welche Form man einer gemeinsamen
Kriegführung mit einem Hilfsvolk geben müsse. Bei der bevorstehenden Be=
sprechung Duce=Führer soll auch diese Frage behandelt werden.
LIK: Transportraum „Seelöwe": im wesentlichen alles Hafenauflockerung:
für Rotterdam und Antwerpen bereits befohlen, sonst nicht möglich. (Ergän=
zung Lw. zur Denkschrift LIK über Atlantik=Inseln.)
L ///: Aktennotiz über Besprechung im Auswärtigen Amt betr. Außen=
kontrolle. Vortragsnotiz des Heimatstabes Nord über Bevorratung Norwegen.
Chef L: Formen klären einer Zusammenarbeit zwischen Deutschland und
Frankreich. Welche Form für gemeinsame Aufgabe positiver Art.
Am 29. 9. keine Lagebesprechung.
30. September 1940
Durch Verfügung des Chefs des GenStdH (Att.Abt. 3706/40) v. 20. 9. ist der
deutsche Mil.=Att. in Rom, Generalmajor v. Rintelen, unbeschadet seiner Stel=
lung als Militär=Attache für die Dauer des Krieges zum Chef des deutschen
Verbindungsstabes beim italienischen Heere ernannt worden. Als Vertreter des
OKW beim Marschall Badoglio führt er hinfort die Bezeichnung „Deutscher
General beim Hauptquartier der italienischen Wehrmacht". (Entsprechend führt
der italienische Militär=Attache in Berlin, General Marras, die Bezeichnung
„Italienischer General beim Hauptquartier der deutschen Wehrmacht".)
[handschr.J :
LIL: Nachts 87 Einflüge, 35 Spreng=, 70 Brand=Bomben bis Südrand Berlin.
Gestern London durch geschlossene Wolkendecke angegriffen, nachts weitere
Angriffe. Teilweise geringe Angriffsfreudigkeit der englischen Jäger.
95
B. Kriegstagebuch
LIK: Englische Dakar=Streitkräfte anscheinend in Beathurst (Gambia=Mün=
düng). Italienische Luftstreitkräfte mit Masse der Bombenkräfte am 28. 9. in
Belgien eingetroffen. Italienische U=Boote in Bordeaux.
Ausland: Dreimächtepakt von USA=Presse als Drohung gegen Amerika
angesehen. Bestürzung in Regierungskreisen. Serrano Sufier in der kommenden
Woche zu wichtigen Besprechungen nach Italien.
WiRüAmt: Wöchentliche Butterration in England $y g, neben 170 g Fett.
Interne Besprechung:
Erfahrungsbericht von der 22. Luftlande=Division über ihren Einsatz in der
Festung Holland eingegangen. OKW wird hierzu demnächst Stellungnahme
OKH und OKL einfordern (soll beiden OKW angekündigt werden). Zweck:
um möglichst bald zu eigener Stellungnahme zu kommen.
Form gemeinsamer Kriegführung Deutschland=Frankreich, Studie LIK. L III
schlägt an Stelle Waffenstillstands=Kommission Entsendung von Militär=
Missionen vor. Frage der Kriegsgefangenen. Erschließung der Rohstoffquellen.
Chef L: Auf welche Gebiete soll sich Zusammenarbeit erstrecken: Auf alle
Kolonien, vor allem West= und Äquatorial=Afrika und Syrien. Erleichterungen
personeller, wirtschaftlicher, organisatorischer Art. Gegenseitiges Vertrauens=
Verhältnis, keine Kontrollkommissionen, sondern Verbindungsstäbe. Bestehen=
bleiben der Waffenstillstandskommission. Muß nach Paris verlegt werden.
LIK: Dislokation des Transportraums für „Seelöwe".
Chef L: Man kann nicht mehr auf einen S— 10 Tag exerzieren.
LIK: Ob.d.M. hat am 26. 9. dem Führer vorgeschlagen, bis 15. 10. zu warten,
dann „Seelöwe" ganz abzusagen. Frage Luftminenkrieg: Vortragsnotiz LIK mit
Befehlsentwurf für Chef WFSt.
L III: Gedanken Chef L zu gemeinsamer deutsch=französischer Kriegführung.
Vortragsnotiz heute nachmittag für Vortrag Chef WFSt.
L III: Interniertenfrage Schweiz.
Entwürfe zum KTB 6. — 30. September 1940
Notizen betr. : Militärmission Rumänien vom 6. — 30. September 1940 1
Anfang September
Telegramm des deutschen Gesandten in Bukarest über die Lage in Rumänien.
Der Gesandte schlägt von sich aus die Einsetzung einer Militärmission vor.
6.9.
Vortragsnotiz LIL über den Schutz der deutschen Interessen in Rumänien.
Vom Chef L am 7. 9. LIH übergeben als Material für Militärmission und
spätere Planungen.
x Vgl. hierzu Anm. x v. 6. 9. X940.
.96
ii. September 1940
Chef L legt dem Chef WFSt den Entwurf eines Schreibens an den Ob.d.H.
und Ob.d.L. vor (L I 00702/40 g.K. s. Anl.). Das Schreiben geht am 7. 9. ab.
8.9.
Vortragsnotiz LIH über die Transportwege nach Rumänien.
9.9.
Vortragsnotiz Abt.Ausl. (9552/40 geh.) betr. Meldung des Militär=Attache
Bukarest vom 8. 9. über sein Gespräch mit General Antonescu am 7. 9. nach=
mittags: Die rumänische Armee wünscht Entsendung deutscher Offiziere als
Lehrer für Kriegsakademie und Schulen und als technische Sachverständige
im Generalstab, die Entsendung von ganzem Truppenkörper mech. Art sowie
von Fliegerverbänden, die Überlassung von Material für die Luft= und Pz.=
Abwehr und die baldige Entsendung eines deutschen Generals, um in Ver=
handlungen über Zusammenarbeit deutscher und rumänischer Armee ein=
zutreten. Deutsche Offiziere sollen aber nicht als Lehrer von Truppeneinheiten
Verwendung finden.
General Antonescu beabsichtigt Verkleinerung der Armee und Umwandlung
in starke mot. und mech. Verbände. Die Verteidigung soll mit dem Schwerpunkt
nach Osten gelegt, die Front gegenüber Ungarn und Bulgarien entblößt werden.
General Antonescu will ioo°/oig mit Deutschland zusammenarbeiten.
(Von Oberst Brinckmann bei der Lagebesprechung am 9. 9. vorgetragen).
10. 9.
Oberst Brinckmann teilt bei der Lagebesprechung mit, daß Admiral Canaris
aus Budapest zurückgekommen sei. Er habe den Eindruck gewonnen, daß
General Antonescu die Lage beherrsche.
Die mit der Mil.Miss. in Rumänien zusammenhängenden Fragen sollen vom
O.Qu. IV, General v. Tippeiskirch, bearbeitet werden.
Chef L teilt mit, daß die Sofortbereitschaft der für Rumänien bereitgestellten
Truppen aufgehoben sei.
11. 9.
Oberst Brinckmann teilt bei der Lagebesprechung mit, daß das OKH auf=
gefordert worden sei, einen General für die Mil.Miss. in Rumänien namhaft zu
machen. Das Auswärtige Amt dränge auf schleunige Entsendung der Militär=
Mission.
Chef L stellt fest, daß die Abt. L lediglich die Aufgaben der Militär=Mission
festzulegen habe, die die Kriegführung beträfen. Die übrigen Aufgaben
(Instruktion etc.) müßten vom OKH, Ob.d.L. und Abt.Ausl. festgelegt werden.
Chef L nimmt in einer Vortragsnotiz für den Chef WFSt und den Chef
OKW Stellung zu dem am 11. 9. von Oberst Brinckmann vorgelegten Entwurf
einer Dienstanweisung für die Militär=Mission Rumänien, die der Gesandte v.
Rintelen im Auftrage des Reichsaußenministers aufgestellt hat.
97
B. Kriegstagebuch
12. 9.
Die Bereitschaft der für den Einsatz in Rumänien vorgeschlagenen Luftlande=
trappen und Transporteinheiten wird durch Verfügung des OKW/WFSt Abt. L
00732/40 g.K. an Ob.d.L. aufgehoben. Die Einheiten stehen für andere Ver=
wendung zur Verfügung.
13.9.
Oberst Brinckmann macht bei der Abt.=Besprechung Mitteilung von einem am
13. 9. 0.30 Uhr bei Abw. II eingegangenen Funkspruch des Wehrmachtattaches
Bukarest (Oberst Gerstenberg), wonach sich der Gegensatz zwischen General
Antonescu und der Eisernen Garde verschärft habe, letztere für den 13. 9. an=
läßlich des Namenstages Codreanus große Kundgebungen beabsichtige und der
deutsche Gesandte in Bukarest erneut auf schleunige Entsendung der Mil.=Miss.
dringe.
Chef OKW hat sich am 12. 9. mit der Stellungnahme des Chefs L zu der vom
Gesandten v. Rintelen entworfenen Dienstanweisung für die Militär=Missionen
Rumänien einverstanden erklärt.
Vorschlag des OKH für Zusammensetzung der Mil.=Miss. (bei LIH).
14.9.
Oberst Brinckmann teilt 17.35 Uhr mit, der Führer habe entschieden, daß,
um Zeit zu gewinnen und die Mil.=Miss. genügend vorbereiten zu können,
zunächst Gen. Lt. v. Tippelskirch vorübergehend nach Bukarest entsandt wer=
den solle. Das OKH sei hiervon unterrichtet.
Nach einem um 17.00 Uhr eingegangenen Funkspruch aus Bukarest sei die
gestrige Demonstration in Ruhe verlaufen und eine Einigung des Generals
Antonescu mit Sima erzielt.
17. 9.
Telegramm des Gen.Lt.v. Tippelskirch vom 16. 9., 19.30 Uhr, an OKW s.
KTB 18. 9.
19.9.
Chef WFSt übergibt der Abt. L eine bei ihm am 19. 9. von der Att.Abt. des
GenStdH eingegangene Aufzeichnung des Gen.Lt. v. Tippelskirch vom 18. 9.
über seine Besprechungen in Bukarest vom 15.— 17. 9. und die dieser Aufzeich=
nung beigefügten Vorschläge der rumänischen Regierung für die Entsendung
einer deutschen Mil=Miss.
20. 9.
Abt.Ausl. teilt dem Staatssekretär im Ausw.Amt, Frhr. v. Weizsäcker, und
nachrichtlich Abt. L über Chef WFSt mit, der Führer habe auf Vortrag des
Chefs OKW am 19. 9. nachmittags entschieden, daß 1. entgegen den ramäni=
98
25. September 1940
sehen Vorschlägen in erster Linie und zwar möglichst bald deutsche Truppen
in Stärke etwa 1 Div. nach Rumänien verlegt werden sollten, 2. eine Abgabe
von deutschem Kriegsgerät an Rumänien während des Krieges nicht in Frage
komme. Die übrigen Vorschläge der Rumänen würden vom WFSt im Be=
nehmen mit Heer und Luftwaffe geprüft werden.
Es werde im OKW erwogen, den Mil.= und Luft=Attache Bukarest in die
Heeres= bzw. Luftwaffenmission nebenamtlich einzubauen, um so die Verbin=
düng zur Deutschen Gesandtschaft Bukarest sicherzustellen.
Das Ausw.Amt wird gebeten, folgende politische Fragen vorzubereiten:
1. Durchmarsch der deutschen Verbände durch Ungarn, 2. Unterrichtung der
Sowjetunion über die Entsendung deutscher Truppen nach Rumänien.
23.9.
Von Abt.Ausl. geht bei Abt. L ein Bericht des deutschen Mil.=Att. Bukarest
an die Att.Abt. des GenStdH vom 11. 9. ein, nach dem General Antonescu dem
japanischen Militär=Attache über seine Pläne für die Organisation des künf=
tigen rumänischen Heeres folgende Mitteilungen gemacht hat :
Das zukünftige Heer solle etwa 100 000 Mann und 5 000 Offiziere stark sein
und etwa so ausgestaltet werden wie das ehemalige deutsche iooooo=Mann=
Heer. Es solle ferner so modern wie möglich ausgestattet, motorisiert, vor allem
mit Pz.= und Luftabwehrwaffen versehen und von jungen Führern befehligt
werden. Als Grundstock für die Gliederung solle die „brigade mixte" (eine
verstärkte mot.Brig. zu 2 Rgtn. zu je 2 Btl. mit 1 Rgt. Pz=Kpf.=Wagen und i
mot.Artl.Rgt.) dienen, die hohe Beweglichkeit und große Feuerkraft als Haupt=
eigenschaften aufweisen solle.
24.9.
LIL teilt bei der Lagebesprechung mit, daß der Reichsmarschall sich auf
keinen Fall mit der Unterstellung der Luftwaffenmission unter die Heeres=
mission einverstanden erklären würde.
25.9.
LIH und LIK legen Entwürfe für die Dienstanweisung für die Wehrmacht^
mission in Rumänien vor.
Abds.: OKH (GenStdH, Op.Abt.) (I 2050/40 g.K.) teilt zu OKW/WFSt=L
33298/g.K. Chefs, mit: Die Militär=Mission für Rumänien sei 1. mit dem
Vorkommando des Stabes des Chefs der Militär=Mission am 30. 9. in Dresden,
2. mit dem Reststabe des Chefs der Militär=Mission einschließlich der Offiziere
für die rumänische Kriegsakademie und die Waffenschulen am 10. 10. in
Dresden, 3. mit den Lehrtruppen (verstärkte 13. mot.Div.) ab 10. 10. im Räume
nördlich Wien.
99
B. Kriegstagebuch
26. 9.
Abends :
OKW, GenStdH, Op.Abt. (I 2055/40 geh.) teilt die Namen der als Vor=
kommando der Militär=Mission bestimmten Offiziere mit: Chef der Militär=
Mission Gen.Lt. Hansen, Chef des Stabes Oberst i.G. Hauffe, 1. General=
Stabsoffizier Obstlt. i.G. Schwarz, OQu. Major i.G. Merk.
27.9.
Chef L legt dem Chef WFSt die Meldung des Heeres über die Marsch=
bereitschaft der Militär=Mission Rumänien vor und schlägt vor, der Bitte des
OKH, den OQu., Major Merk, sofort zur Anmeldung des Vorkommandos zum
Militär=Attache Bukarest entsenden zu dürfen, stattzugeben und sich mit der
Entsendung des Vorkommandos Mitte der kommenden Woche, um den 2. 10.
herum, unter der Voraussetzung, daß bis dahin auch das Vorkommando der
Luftwaffe verfügbar sei, einverstanden zu erklären, und bittet um Angabe
eines Zeitpunktes für die Meldung des Generals Hansen beim Chef OKW.
28. 9.
Major Deyhle teilt mit, der Führer sei mit der Inmarschsetzung des Majors
Merk einverstanden und habe befohlen, daß General Hansen sich am 30. 9.,
13.00 Uhr, in der Reichskanzlei bei ihm melden solle. Das OKH, GenStdH
Op.Abt., wird hiervon benachrichtigt.
29.9.
Die Abt. Ausland bittet das Auswärtige Amt, der rumänischen Regierung
mitzuteilen, daß die durch General v. Tippeiskirch überbrachten rumänischen
Vorschläge im großen und ganzen die Zustimmung der zuständigen deutschen
Stellen gefunden hätten. Die Frage der Lieferung von Kriegsgerät müsse den
Rumänen gegenüber weiterhin offen bleiben.
30.9.
OKH meldet folgende Zusammensetzung der 13. mot.Div. für Rumänien:
1.3. mot.Div. ohne 2 Inf.Btl., verstärkt durch Pz.Rgt. 4, 1 Korps Pi.Btl. mit
2 Brückenkolonnen B und 1 Korps Nachr.Abt. mit einem Horchzug.
Chef WFSt wird hiervon in Kenntnis gesetzt.
Abt. Ausland (III 00112/40 g.K.) übersendet einen Vorschlag des OQu. IV
des GenStdH für die Dienstanweisung für die Wehrmachtmission in Rumänien.
100
Das vierte Quartal
(1. Oktober bis 31. Dezember 1940)
1. Oktober 1940
LIK trägt dem Chef WFSt am Nachmittag im Beisein des Chefs L die ab=
lehnende Stellungnahme der Ski. zu dem vom Führungsstab der Lw. am
28. 9. gestellten Antrag vor, die dem F. d. Luft Wilhelmshaven unterstellte
Staffel 1/106 (He 115) wegen ihrer größeren Reichweite, Geschwindigkeit
und Bombentragfähigkeit gegen die der 9. Flieg.Div. unterstellte Staffel 3/406
(Do 18) auszutauschen (Anl. 1).
Die durch die bisherigen Abgaben an die Luftwaffe verringerten Seeluft*
Streitkräfte würden in ihrer jetzigen Zusammensetzung voll benötigt. Ins=
besondere sei ihre weitere Schwächung im Typ „He 115" nicht tragbar, da
dieser vorwiegend für die wichtige Aufgabe des „engen Geleits" für aus=
laufende Fahrzeuge bzw. bei Ansteuerung der durch U=Boote gefährdeten
Küstengewässer eingesetzt sei, wofür sich der Typ „Do 18" nicht eigne, da
er nur eine geringe Bombenlast und keine Wasserbomben mit sich führen
könne.
Chef L fügt hinzu, daß seit der am 13. 9. ergangenen Entscheidung des
Führers (vgl. Anl. 13. 9.) keine Änderung der Lage auf diesem Gebiete ein=
getreten sei, die einen neuen Eingriff der Luftwaffe rechtfertige. Chef WFSt
schließt sich dieser Auffassung an. Die Entscheidung des Chefs OKW steht
noch aus.
LIK trägt dem Chef WFSt weiterhin die Gründe vor, aus denen die Ski.
besonderen Wert auf den stärkst möglichen Einsatz der Luftminen legt (Anl. 2) :
Nachdem die Engländer ein Räummittel gegen die Magnetminen ge=
funden hätten, komme jetzt eine neue Art der Zündung zur Verwendung,
die eine große Wirkung erwarten lasse. Es solle daher ein Masseneinsatz von
Luftminen, erfolgen, bevor der Feind auch gegen die neue Art ein Räummittel
finde.
Die Ski. sehe in ständiger stärkerer Minenverseuchung die wirkungsvollste
Ergänzung des Luftkrieges gegen die feindlichen Häfen und des U=Bootkrieges.
Sie halte es daher für zweckmäßig, die verhältnismäßig geringe Zahl der
B. Kriegstagebuch
für den Minenabwurf geeigneten Flugzeuge mit ihrem Spezialpersonal (9. Flieg.=
Div.) nur für diese Aufgabe einzusetzen und den Bombenabwurf der Masse
der Kampfverbände zu überlassen, und mache in diesem Sinne das ihr zu=
gestandene Mitwirkungsrecht im Luftminenkrieg geltend.
Bei der Verwendung der Luftminen als Bombe wirke es sich sehr nachteilig
aus, daß die Mine nur am Fallschirm abgeworfen werden könne. Dieser könne
gerade beim Abwurf auf bebaute Gegenden leicht hängen bleiben, so daß
die Mine nicht detoniere und dem Feinde unbeschädigt in die Hände falle,
was bereits geschehen und durchaus unerwünscht sei.
Chef WFSt teilt hierzu mit, daß der Führer bisher den Masseneinsatz von
Luftminen für einen späteren Zeitpunkt in Aussicht genommen, ihn nunmehr
aber befohlen habe, da bereits Luftminen mit dem neuen Zünder (Bezeich=
nung: Fab) abgeworfen worden seien. Es solle noch geprüft werden, ob sie
schon über London abgeworfen seien. Die Ski. hatte dringend gebeten, es
zu unterlassen; die Lw. meldet auf Anfrage des LIK, daß es nicht gesche=
hen sei.
Chef L legt dem Chef WFSt im Zusammenhang mit der neuerdings beab=
sichtigten Einspannung Frankreichs in die Kriegführung gegen England eine
von LIK bearbeitete Übersicht über die gegenwärtige Verteilung der fran=
zösischen und englischen Land=, Luft= und Seestreitkräfte in Nord= und
Westafrika und der für den Einsatz vor der westafrikanischen Küste weiterhin
in Frage kommenden französischen und englischen Seestreitkräfte sowie eine
Karte, die die Wege und Verkehrsverhältnisse in Nord= und Westafrika er=
sichtlich macht, vor. Er weist hierbei auf die schwachen Landstreitkräfte in den
englischen Kolonien Westafrikas, auf die zahlreichen französischen Luftstütz=
punkte und auf die noch nicht abgerüsteten starken französischen Luftstreit=
kräfte in Afrika hin und bemerkt zu der Karte, daß nach französischer Angabe
die Verbindungswege zwischen Nord= und Westafrika z. Z. in Stand gesetzt
und mit Vorratslagern versehen würden. Chef L kündigt ferner eine Ergänzung
der Studie des LIK über Stützpunkte im östlichen Nordatlantik vom 22. 9.
(vgl. ... 9.) unter der Annahme einer Beteiligung Frankreichs am Kriege gegen
England an (vgl. 2. 10.) (Anl. 3).
Chef L kommt sodann auf die Unterredung zu sprechen, die am 26. 9.
zwischen dem Ob.d.H. und dem neuen Chef der französischen Heeresleitung,
General Huntziger, stattgefunden hat (vgl. ... 9.). Erweist hierbei insbesondere
auf die Notwendigkeit hin, Italien im gegenwärtigen Zeitpunkt von weiteren
Forderungen auf Abrüstung französischer Heerestruppen in Afrika abzuhalten,
und macht für die Einschaltung der Franzosen in die deutsch=italienische
Kriegführung gegen England folgende Vorschläge (Anl. 4) :
Die Einschaltung der Franzosen müsse gleichzeitig den französischen Lebens=
interessen dienen. Der Einsatz der französischen Wehrmacht könne sich nur
auf außereuropäische Gebiete, in erster Linie Afrika und Syrien, erstrecken.
Die hierfür auszugebende Parole „Frankreichs Kolonialreich in Gefahr" werde
1. Oktober 1940
es der Regierung Petain ermöglichen, die dort stehenden französischen Streit=
kräfte zum aktiven Handeln gegen England zu veranlassen.
Die Zusammenarbeit mit den Franzosen müsse auf nachstehender Grund=
läge erfolgen:
Ihre Mitwirkung beim Kampfe gegen das englische Mutterland komme nicht
in Frage, das besetzte Gebiet würde aber weiterhin für die eigenen Zwecke
der Kriegführung gegen England in Anspruch zu nehmen sein. Die Demar=
kationslinie müsse bestehen bleiben, jedoch wesentlich aufgelockert werden.
Eine Verstärkung des im unbesetzten Gebiet stehenden französischen Uber=
gangsheeres sei nicht erforderlich, da es zu Kampfhandlungen nicht heran=
gezogen werden würde. Hingegen seien die französische Flotte und Luftwaffe
zum Kampf gegen England freizugeben und ebenso im Bedarfsfalle auch das
stockierte Kriegsmaterial.
Die französische Rüstungsindustrie müsse, soweit sie nicht für deutsche
Zwecke benötigt werde, sowohl im besetzten wie im unbesetzten Gebiet im
erforderlichen Umfang in Gang gebracht und die französischen Facharbeiter
müßten aus deutscher Gefangenschaft entlassen werden. Es erscheine ferner
als notwendig, die Höhe der Besatzungskosten und das Abziehen von Roh=
Stoffen aller Art einer erneuten Prüfung zu unterziehen, da das deutsche
Interesse an der Erhaltung der Lebensfähigkeit der französischen Wirtschaft
größer wäre als bisher.
Auch für die französischen Kolonien als voraussichtliches Kampfgebiet
würden Erleichterungen notwendig sein. Sie würden sich in erster Linie auf
die Aufhebung der jetzigen engen Bindungen erstrecken, was eine andere
Art der Überwachung als bisher erforderlich machen würde.
Was die Formen der Zusammenarbeit mit Frankreich anbelange, so würde
als das geeignetste Instrument für die Verbindung mit der französischen
Wehrmacht die WStK angesehen. Sie unterstehe dem OKW, setze sich aus
Vertretern aller drei Wehrmachtteile zusammen, besitze die erforderliche Er=
fahrung im Verkehr sowohl mit den Franzosen wie auch mit den Italienern
und verfüge über eine besonders geeignete Führung. Sie müsse aber ihren
Sitz nach Paris verlegen, da sie dort der französischen Gegenstelle, vor allem
nach Übersiedlung der französischen Regierung nach Versailles, näher sei
und auch in engerer Verbindung mit den deutschen Dienststellen des besetzten
und unbesetzten Gebietes stehe. Sie würde ihre Bezeichnung zunächst noch
behalten und ihre bisherigen Aufgaben von einer besonderen Unterabteilung
weiter durchführen lassen; ihre Zusammenarbeit mit dem OKW hätte im Wege
des Auftrages und der Berichterstattung zu erfolgen.
Die politischen Fragen müßten vom Auswärtigen Amt wie einem freien
Staat gegenüber unmittelbar behandelt, die wirtschaftlichen Fragen von der
WStK losgelöst und vom Auswärtigen Amt bzw. vom Bev. f. d. Vierjahresplan
direkt mit der französischen Regierung bearbeitet werden, Auswärtiges Amt
und Vier jahresplan jedoch weiterhin im engsten Einvernehmen mit der Militär»
103
B. Kriegstagebuch
Verwaltung Frankreich handeln. Die bisher für Afrika vorgesehenen Kontroll=
stäbe würden als deutsch=italienische Verbindungsorgane mit der Überwachung
der französischen Führung zu betrauen sein, wodurch eine getarnte Kontrolle
sichergestellt wäre.
Bei der anschließenden Erörterung dieses ganzen Fragenkomplexes deutet
der Chef WFSt an, daß die beabsichtigte Besprechung des Führers mit dem
Duce für einen der nächsten Tage in Aussicht genommen sei. Die Abt. L
solle hierzu noch eine Übersicht über die sonst z. Z. noch schwebenden Fragen
der gemeinsamen Kriegführung mit Italien vorlegen.
Weiter erwähnt Chef WFSt in diesem Zusammenhang das unbefriedigende
Ergebnis der Besprechungen mit dem spanischen Innenminister Serrano Suner,
der als Preis für den Kriegseintritt Spaniens an der Seite der Achsenmächte
ganz französisch Marokko und außerdem eine weitgehende wirtschaftliche
und militärische Unterstützung Spaniens durch Deutschland und Italien ge=
fordert habe. Unter diesen Umständen solle der Plan eines gemeinsamen
deutsch=spanischen Angriffs auf Gibraltar in der bisher beabsichtigten Form
vorläufig nicht weiter verfolgt werden. Nötigenfalls könne die Vertreibung
der englischen Seestreitkräfte aus Gibraltar durch Unternehmungen der deut=
sehen, italienischen und französischen Luftwaffe angestrebt werden.
Chef L überreicht dem Chef WFSt alsdann eine Vortragsnotiz des L IVd
(Ob.Reg.Rat Frhr. v. Fritsch) über die Frage der Rückkehr der französischen
Regierung nach Paris, in der auf die politischen Schwierigkeiten, die sich
aus einer Umsiedlung der französischen Regierung in das besetzte Gebiet
ergeben würden, hingewiesen und mitgeteilt wird, daß in einer neuerlichen
Besprechung zwischen der WStK und dem OKH Übereinstimmung dahin
erzielt worden sei, daß die Rückkehr der französischen Regierung nach Ver=
sailles oder Paris auf die Dauer nicht verhindert werden könne, aber keinesfalls
vor dem 1. 11. 1940 erfolgen dürfe. Chef WFSt wird die Stellungnahme des
Chefs OKW herbeiführen (Anl. 5).
Chef L übergibt weiterhin eine von LIK bearbeitete Übersicht über den
Stand der Heranführung des Transportraumes für das Unternehmen „See=
löwe", wobei er darauf hinweist, daß die Befehlserteilung für den Anlauf des
Unternehmens jetzt nicht mehr entsprechend der Zeittafel am S— 10. Tage
erfolgen könne, vielmehr erst die Bereitschaft der einzelnen Wehrmachtteile
wieder hergestellt werden müsse (Anl. 6).
Chef L unterrichtet den Chef WFSt sodann über den Stand der Vorberei=
tungen für die Militärmission Rumänien. Er schlägt vor, das Vorkommando
des Stabes des Chefs der Militärmission sofort in Marsch zu setzen und den
vom 10. 10. ab in Dresden marschbereit stehenden Reststab sowie die vom
gleichen Zeitpunkt ab im Räume um Wien marschbereit stehenden Lehrtruppen
in Marsch zu setzen, ohne die Marschbereitschaft der zur Mission tretenden
Teile der Luftwaffe abzuwarten. Nach vorliegender Meldung der Luftwaffe
würden die Vorkommandos der letzteren Ende der ersten Oktober=Woche
104
i. Oktober 1940
marschbereit sein. Nach einer heute morgen eingegangenen Mitteilung der
Abt. Ausland habe die ungarische Regierung ihre Zustimmung zum Durch=
transport der deutschen Militärmission erteilt. Für die Lehrtruppe sei vom
OKH folgende Zusammensetzung vorgesehen: 13. mot.Div. ohne 2 Inf.Btl.,
verstärkt durch das Pz.Rgt. 4, 1 Korps Pi.Btl. mit 2 Brücken=Kolonnen B und
1 Korps Nachr.Abt. mit einem Horchzug. Eine namentliche Liste der als Lehrer
an der rumänischen Kriegsakademie und an den Waffenschulen in Aussicht
genommenen Offiziere sei vom OKH eingefordert worden (Anl. 7).
Chef WFSt teilt hierzu noch mit, daß der Chef der Heeresmission, Gen.Lt.
Hansen, sich am 30. 9. um 13.00 Uhr in der Reichskanzlei beim Führer ge=
meldet habe und daß der Führer ihn auf die Notwendigkeit, die ihm zur
Verfügung stehenden Kräfte zum Schutze der deutschen ölinteressen in Ru=
mänien zusammenzuhalten, hingewiesen und ihn vor einem zu starken Her=
vortreten im Hinblick auf Rußland gewarnt habe. Der Chef der Heeresmission
werde in den nächsten Tagen abreisen und die einzelnen Teile der Mission
je nach der Lage abrufen.
Chef L übermittelt dem Chef WFSt die Bitte des Chefs des GenStdL, in der
Frage der Handhabung des Luftalarms in Berlin schnellstens eine Entscheidung
zu treffen. Auf Grund des letzten Führerbefehls werde Berlin jetzt bei An=
näherung eines einzelnen Flugzeuges gewarnt. Es sei anzunehmen, daß der
Feind dieses Warnsystem erkannt habe und entsprechend ausnutze. Der Chef
des GenStdL schlage demgegenüber vor, zu der früheren Regelung zurück=
zukehren, nach der Berlin nur dann gewarnt worden sei, wenn mehr als
2 Flugzeuge im Anflug auf Berlin erkannt worden seien und den Warnring
überflogen hätten oder wenn aus anderen Gründen ein großer planmäßiger
Luftangriff zu erwarten gewesen sei.
Der Chef des GenStdL habe weiterhin gebeten, den in Berlin kursierenden
Gerüchten über Verschärfung des Luftkrieges seitens der Engländer, seine
Ausweitung durch Benutzung von Kampfstoffen und die bevorstehende Ver=
Wendung amerikanischer Großflugzeuge in schärfster Form entgegenzutreten.
Chef L fragt seinerseits, was es für eine Bewandtnis mit der angeblich
beabsichtigten Evakuierung der Kinder aus Berlin habe.
Chef WFSt teilt hierzu mit, daß der Führer vorläufig an der jetzigen Art
der Luftwarnung festhalten wolle. Er selbst halte es für zweckmäßig, dem
Führer eine eingehende schriftliche Darlegung der Nachteile des bisherigen
Warnverfahrens vorzulegen, wobei aber auch die Nachteile berücksichtigt
werden müßten, die mit einer nur fallweise vorgenommenen Warnung bzw.
einer vorzeitigen Entwarnung verbunden seien (z. B. Lichtschein weiterfahren=
der Eisenbahnen und sonstiger Verkehrsmittel).
Was die Evakuierung der Kinder aus Berlin anbelange, so seien die dies=
bezüglichen Anordnungen ohne sein Zutun vom Führer selbst gegeben worden.
Die näheren Gründe hierfür seien ihm nicht bekannt. Fest stehe, daß bei der
NSV=Führung, anscheinend infolge Abwesenheit des Leiters, Irrtümer vor=
105
B. Kriegstagebuch
gekommen seien. Die hieraus resultierende Unruhe unter der Bevölkerung und
ebenso die in Berlin umlaufenden Gerüchte über eine Verschärfung des
Luftkrieges seien bekannt. Seit dem 30. 9. abds. würden gemeinsam vom WPr
und dem Propaganda=Ministerium Gegenmaßnahmen getroffen.
(Der Luftwaffenführungsstab wird von diesen Mitteilungen des Chefs WFSt
noch am gleichen Nachmittag (17.30 Uhr) in Kenntnis gesetzt).
Chef L kommt weiter auf die recht folgenschweren englischen Luftangriffe
auf die Kanalhäfen zu sprechen, deren Wirkung durch Treffer auf Munitions=
lager und =züge, darunter auch Beutemunition, wesentlich verschärft wor=
den sei. Der Luftschutz sei dort anscheinend völlig unzureichend. Chef WFSt
ordnet die Vorlage eines Erlasses zum Vollzug durch den Führer an, durch den
die Wehrmachtteile angewiesen werden sollen, sofort Maßnahmen zur Aus=
Schließung derart' schwerwiegender Folgen der feindlichen Luftangriffe zu treffen.
Chef L bringt sodann noch einmal die Frage der Unterrichtung der ameri=
kanischen Wehrmachtattaches in Berlin zur Sprache. Die eben gemäß der
Stellungnahme der Oberkommandos des Heeres und der Luftwaffe ergangene
Entscheidung des Chefs OKW, daß diese Attaches gelegentlich durch geeignete
Offiziere über die militärische Lage, ähnlich wie der deutsche Militärattache
in Washington, unterrichtet, zu Besuchen an der Front aber nicht zugelassen
werden sollten, genüge nach seiner (des Chefs L) Ansicht nicht, wenn man
durch diese Attaches eine Gegenpropaganda gegen die von den amerikanischen
Wehrmachtattaches in London nach Washington gesandten Berichte treiben
wolle. Chef L schlägt daher von neuem vor, die Attaches durch entsprechende
Maßnahmen der Luftwaffe an der Kanalküste den unmittelbaren Eindrücken
des Luftkrieges auszusetzen.
Chef L legt dem Chef WFSt im Zusammenhang mit dem am 28. 9. er=
gangenen Erlaß des Führers über Abgabe von 300000 Metallarbeitern aus
dem Bereich des Feld= und Ersatzheeres an die Rüstungsindustrie während der
Wintermonate (vgl. Anl. 28. 9.) ein entsprechendes Schreiben an den Reichs=
arbeitsführer mit Unterzeichnung durch den Chef OKW vor, um auch von
Seiten des RAD alle Maßnahmen zur Behebung des Arbeitermangels zu
treffen (Anl. 8).
[handschr.] :
LIL: 103 Einflüge ins Reichsgebiet, 9 Sprengbomben auf Berlin. London und
Liverpool angegriffen.
LIK: Die ersten 4 Zerstörer aus USA in England eingetroffen.
L ///: Italien hat Absetzung des Hohen Kommissars in Syrien von Frankreich
gefordert.
L IV: Führer hat angeordnet, daß Sommerzeit bis auf weiteres verlängert
wird. Evakuierung der Kinder aus Berlin soll nur eine freiwillige sein.
Chef L: Übergabe amerikanischer Luftfestungen (Großbomber) an England
scheint bevorzustehen.
106
2. Oktober 1940
Ausland: Engländer sollen Ultimatum an Gouverneur von Madagaskar. . . (?)
WiRüAmt: Täglich 2000 Waggons Kohle nach Italien. Soll von 1 Mill. t
monatlich wird erreicht.
Interne Besprechung:
Ob.d.H. billigt Bericht 22. Division nicht und fordert ihn zurück. Chef L
wird Chef WFSt darüber vortragen.
LIK: Kräfteverteilung und Wegeverbindungen Nord= und Westafrika.
L III: Brief Stülpnagel an General Jodl.
2. Oktober 1940
OKH (GenStdH, Op.Abt.) weist in einem Schreiben an OKW/L vom 30. 9.
(Ia 562/40 g.K., Chefs.) auf die Folgen hin, die die Aufrechterhaltung des der=
zeitigen Bereitschaftsgrades des Unternehmens „Seelöwe" für einen längeren
Zeitraum für das Heer haben würde.
1. Die Notwendigkeit, bei lotägiger Vorwarnung sofort nach Ausgabe des
Stichwortes mit der Materialverladung zu beginnen, mache das Bereithalten
erheblicher Kräfte und Bestände in unmittelbarer Nähe der Häfen erforderlich.
Dies führe bei den ständigen englischen Luftangriffen auf die Küstengebiete
zu dauernden personellen und materiellen Verlusten. Wenn diese sich z.Z. auch
in erträglichem Umfange hielten, so würden sie doch bei längerem Anhalten
dieses Zustandes die Truppe fühlbar schädigen.
2. Die vom OKH im Laufe des Winters durchzuführenden organisatorischen
Maßnahmen ließen sich bei Aufrechterhaltung des jetzigen Bereitschaftsgrades
für „Seelöwe" bei den für diese Operation vorgesehenen Verbänden nicht
durchführen. Diese müßten im Laufe des November etwa Vs ihrer Stärke für
Neuaufstellungen abgeben und erhielten dafür Rekruten. Ihre Einsatzbereit=
schaft würde somit in den Monaten November bis Februar beeinträchtigt sein.
Wenn die Abgabe dieser Stämme infolge der Aufrechterhaltung des Bereit=
schaftsgrades für „Seelöwe" nicht möglich sei, werde sich auch die Aufstellung
der Div. 12., 13. und 14. Welle in der geplanten Weise nicht durchführen lassen.
3. Die Ausbildung der für das Unternehmen „Seelöwe" bereitgestellten
Truppen sei unter der ständigen kurzfristigen Bereitschaft erschwert.
4. Unter den für „Seelöwe" bereitgestellten Verbänden befänden sich Trup=
penteile (Pioniere pp.), die zu den nach dem Osten abbeförderten Div. gehörten
und bei diesen dringend benötigt würden. Ihr Herauslösen aus dem vorgesehe=
nen Einsatz bei dem Unternehmen „Seelöwe" und ihr Ersatz durch andere For=
mationen sei jedoch bei dem jetzigen Bereitschaftsgrad nicht möglich.
Sei es beabsichtigt, den Bereitschaftsgrad für das Unternehmen „Seelöwe"
während des Winters so zu erhalten, daß der Angriff jederzeit nach einer Vor=
warnfrist als Fangstoß für ein zusammenbrechendes England durchgeführt
107
B. Kriegstagebuch
i
werden könne, so beantrage das OKH, die Vorwarnfrist auf 3 Wochen zu
verlängern, um dadurch die Möglichkeit zur Auflockerung der Truppe, zum
Austausch von Einheiten und zur Erleichterung der Ausbildung zu gewinnen.
Sei es beabsichtigt, die Bereitschaft für das Unternehmen „Seelöwe" während
des Winters lediglich als militärisches und politisches Druckmittel auf England
aufrechtzuerhalten, ohne das Unternehmen selbst durchzuführen, so würde das
OKH durch geeignete Maßnahmen die Forderung des militärischen Druckes auf
England sicherstellen, wobei gleichzeitig die Verbände aufgelockert und aus=
getauscht, die Ausbildungsmöglichkeiten verbessert und die notwendigen orga=
nisatorischen Maßnahmen in vollem Umfange durchgeführt werden könnten.
Das OKH bittet um Entscheidung spätestens bis Mitte Oktober, um die
erforderlichen Maßnahmen rechtzeitig veranlassen zu können.
Chef L hält dem Chef WFSt um 17.30 Uhr Vortrag über das vorstehend im
Auszug wiedergegebene Schreiben des OKH und schlägt vor, die bisherige
lotägige Frist für die Vorwarnung aufzuheben und dem OKH mitzuteilen, daß
bei ihm, falls das Unternehmen „Seelöwe" in nächster Zeit doch noch zur
Durchführung kommen sollte, rechtzeitig angefragt werden würde, welche
Anlaufzeit (etwa 15 Tage) erforderlich sei.
Chef WFSt stimmt zu und stellt die Entscheidung darüber, in welchem Be=
reitschaftsgrad die Verbände im Winter gehalten werden müßten, für Mitte
Oktober in Aussicht.
Das OKH (GenStdH, Op.Abt.) wird durch Fernschreiben hiervon unter=
richtet (Anl.).
[handschr.]:
LIL: Angriffe auf England leiden nach wie vor unter Wetterlage: Über Süd=
england teilweise aufgerissene Wolkendecke. Keller=Karte : Nächst Münster hat
Berlin am längsten im Keller gesessen. Bericht über Zeit 16.— 22. 9. 516 Spreng=
bomben auf Deutschland abgeworfen.
L III: (Unterredung General Huntziger — Gen.Feldm. v. Brauchitsch.) Neuer
heute morgen eingegangener Antrag der Franzosen auf Indiensthaltung von
Kriegsschiffen in Toulon. Soll sofort an Reichskanzlei.
UV: (Elsaß=Lothringen).
Ausland: Spanischer Innenminister gestern iV2Stündige Unterredung mit
Duce in Gegenwart Graf Cianos.
Chef L: Führer hält am bisherigen Warnsystem und Verhalten der Bevölke=
rung fest; hat diese Grundsätze selbst bestimmt.
WiRüAmt: Russenaufträge' in Dringlichkeitsstufe Ia aufgenommen.
Interne Besprechung:
Besprechungspunkte Führer — Duce. Ziel der Winterkriegführung: Be=
reinigung der Lage im Mittelmeer, im größeren Rahmen unter Beteiligung der
Franzosen. Es sollen die politischen Voraussetzungen geprüft werden. Für
108
3. Oktober 1940
französisches Mutterland Erleichterungen hinsichtlich Demarkationslinie. Au=
ßenkontrolle.
LIL: Notschrei Luftwaffe bzgl. Luftwarnung etc.
3. Oktober 1940
[handschr.] :
LIL: Luftangriffe litten weiter unter Wetterlage. Für heute Fortsetzung der
Angriffe auf London und Angriffe auf englische Flugzeugindustrie. Vor allem
Spitfire. Starke bei Southampton geplant. Wetterlage schlecht. 1. 7. 40 1250
englische Jagdflugzeuge + 900 bis 30. 9. Abgeschossen 2079, tatsächlich 1470,
10% Bruch. 1670 Flugzeuge, also 30. 9. 500 Jagdflugzeuge 1. Klasse.
Um London 18, südl. England 4, usw. im ganzen 32 Staffeln. Im Oktober
kein wesentlicher Zugang. Einsetzbar täglich ca. 500 Jagdflugzeuge. Personal
1. 7. 1 250 + 300 bis 30. 9. Flugzeug=Führer. Etwa 1 000 Piloten verloren. Zahl
von 500 Flugzeugen und Flugzeug=Führern immer noch sehr hoch. Eine ähnliche
Berechnung für Kampfflugzeuge liegt nicht vor.
LIH: Bisherige Verluste der Italiener in Ägypten: 600 Tote und Verwundete.
Hauptschwierigkeit der Italiener schlechte Wegeverhältnisse. Englische Kräfte
ca. 7 Divisionen. Vorläufig noch keine Fortsetzung der italienischen Offensive.
Chef L: Führer mit engerer militärischer Umgebung verläßt heute nach=
mittag Berlin, um sich am Brenner mit dem Duce zu treffen. Rückkehr vor=
aussichtlich am Sonnabend oder Sonntag.
Interne Besprechung:
Chef L: Chef Heeresmission für Rumänien, General Hansen, hat freie Hand
für Abreise und Nachziehen der einzelnen Teile der Mission.
Chef L: General von Bötticher hat telegrafiert, er könne der Gegen=
Propaganda nur entgegenwirken, wenn er eingehend über Lage orientiert
würde. Soll von L aus geschehen. 17.30 Uhr gestern Chef WFSt von Chef L
über neue Einsprüche der Luftwaffe gegen Verbleib der Staffel 1/106 bei der
Marine unterrichtet.
Führer gestern in dieser Frage Verfügung im Sinne der Kriegs=Marine unter=
zeichnet.
Chef L: Führerreise. Besprechung geht auf ganze Einschaltung der Fran=
zosen in Krieg gegen England. Italiener haben gestern neue Abrüstungs=
forderungen erhoben. Franzosen gestern neue Angaben über englische Luft=
waffe. Wegeverbindungen in Westafrika gemacht.
109
B. Kriegstagebuch
4. Oktober 1940
[handschr.] :
LIL: Gestern wegen Wetterlage nur Einzeleinflüge. Gute Treffergebnisse
der aus den Wolken herunterstoßenden Flugzeuge. Nachts Luftflotte 2 keine
Angriffe. Luftflotte 3 Einsatz von 38 Flugzeugen. England gestern ersten
Einflug ins Ruhrgebiet. 13 Flugzeuge in Gegend Bergen. Nachts kein Einflug.
Absichten wie bisher, Wetter schlecht. In England Sperrballone in 4 — 5000 m
Höhe, müssen weit auseinander stehen, sie reißen sich leicht los. Aus einer
Karte der Nacht Jagdgebiete ergibt sich, daß insgesamt 1 Gruppe und 1 Staffel
und bei Berlin 1 Schwärm von 4 Flugzeugen vorhanden.
(L IV: Umgliederung des Gen.Qu. beim OKH).
Ausland: An Stelle Chamberlains, der demissioniert hat, ist Henderson ge=
treten. Die entscheidende Vorherrschaft der Konservativen Partei ist damit
beseitigt.
LIH: Schweden verfügt über 3 Generalkommandos mit 9 Divisionen, von
denen 5 mobil sind und 3 an der finnischen Grenze stehen. Schweiz hat 8 Divi=
sionen, 1 leichte Division, 3 Gebirgs=Brigaden und ein paar leichte Brigaden.
(Bericht von Ausl.)
Interne Besprechung:
(LIL + WiRüAmt: Stellungnahme des WiRüAmtes.)
Zur Frage des Luftalarmes (wird von LIL zur heutigen Besprechung mit
Chef GenStdL mitgenommen) weist L daraufhin, daß pro einfliegendes eng=
lisches Flugzeug nicht mehr als 1 geworfene Bombe kommt. Gestern Be=
sprechung zwischen General Jodl und General Jeschonnek. Ersterer weist auf
die schnelle und gute Unterrichtung der USA=Presse über englische Luftangriffe
auf Berlin und die eigene schlechte Unterrichtung über Schäden in London hin.
Die ausländische Presse in Berlin soll künftig weniger gut orientiert werden.
(Angelegenheit Minenwarnsendung (?) über London geht noch weiter. Lw. be=
gnügt sich nicht.)
5. Oktober 1940
Nach einem Bericht des Militär= Attaches Rom vom 24. 9. (171/40 g.K.) 1 beläuft
sich die Stärke des italienischen Feldheeres z.Z. auf 74 Div., von denen sich im
Mutterland 51, in Albanien 8, in Libyen 14 und im Dodekanes 1 Div. befinden.
Von den im Mutterland befindlichen Div. stehen an der Schweizer und fran=
zösischen Grenze 14, an der jugoslawischen Grenze 18, in der östlichen Po=
Ebene 10, in den Südtiroler Alpen 3 und in Mittelitalien, Sardinien und Sizi=
lien 6 Div. In Libyen stehen an der ägyptischen Front 9, an der tunesischen
Grenze 3 Div.
1 Hinweis auf Anlage Ausl. 00114/40 g.K. v. 5. 10.
110
5. Oktober 1940
[handschr.] :
LIL: Gestern am Tage Einzelangriffe auf London, Masse auf Ausweichziele.
Nachtangriffe auf London. Englische Einflüge an der Küste. 4 Flugzeuge im
Reichsgebiet, nachts keine Einflüge. Flakeinsatz in Rotterdam, Ostende, Calais,
Dünkirchen, Boulogne, Brest, Cherbourg, Lorient ist verstärkt worden. Berlin
45 schwere, 24 leichte, 18 Scheinwerfer=Batterien. Keine weitere Verstärkung
von Berlin. Masse der Verstärkungen kommt aus Neu auf Stellungen. Flak=
korps bestehen noch im Hinblick auf „Seelöwe". Amerikanische Presse meldet
Absicht der Belieferung der Engländer mit 4 mot. fliegenden Festungen
(1000 PS, 400 km maximal, 330 km Marschgeschwindigkeit, 3 MG. 12,7 mm,
2 lei.MG., Steighöhe 6500—8900 m Höhe, bei 4300 km Reichweite können
1000 kg Bomben mitgenommen werden. Englisches Flugboot: 325 km max.
Geschw., Reichweite 6 000 km ohne Bomben, 3 600 mit 1 800 kg Bomben. Beide
Typen können sich leicht Angriffen entziehen. Deutscher Typ Condor etwa
gleichwertig. Neuester Typ C soll 4 starre, 6 bewegliche MG., 4 Kanonen
haben. Wetteraussichten schlecht.
LIII: Die 5 restlichen Senegal Battaillone noch auf dem Transport nach Dakar.
Ausland: General Weygand soll am 5. 10. nach Dakar abreisen, um Ober=
befehl zu übernehmen.
Interne Besprechung:
Ausland: las neue Dienstanweisung des Auswärtigen Amtes für deutsche
Militär=Mission Rumänien vor. General v. Tippeiskirch hat sich bei Chef L
beklagt, daß eine Kommission 7. Armee in Spanien Verkehrsverhältnisse unter=
sucht.
Stand politischer Verhandlungen: Besprechung mit Duce sehr harmonisch.
Wiederaufnahme italienischer Offensive in Ägypten zwischen 12. und 15. 10. in
Aussicht gestellt; er wünscht Panzer=Kampfwagen, vor allem besonders für die
Fortsetzung der Offensive über Marsa Matruk hinaus. Führer hat 100 zugesagt,
mit möglichst viel Kolonne (gem. Brigade). Anordnung vom 15. 9. soll Ergän=
zung erfahren: italienisches Einverständnis Umfang Abstellung. (Besprechung
der OKH.) Befehl soll heute noch unterschrieben werden (LIH). Frage der
Überführung: Italiener rechnen von Neapel bis Bengasi 40—50 Tage. Kriegs=
marine=Schiffahrtsabteilung soll damit befaßt werden. (Weiterführung Krieg
gegen England.) Eindruck der Wünsche Serrano Suners in Rom ist noch
schlechter als in Berlin. Fortsetzung der Verhandlungen, um spanischen Stand=
punkt zu wandeln; wenn nicht gelingt, Zusammentreffen Führer mit Franco.
Führer: er habe ganz phantastische Pläne, Duce: er finde sie gar nicht 60
phantastisch. Beabsichtigter Gang: Besprechung mit Spanien. Führer mit Fran=
cois Poncet und Petain. — Italiener für Absichten des Führers gewonnen. Ihre
Befürchtungen wegen französischer Stärke in Afrika beschwichtigt. Führer hat
sich für ein paar Tage nach dem Berghof begeben, um die neue politische
Konzeption in Ruhe überdenken zu können.
111
B. Kriegstagebuch
LIL: Luftwaffe meldet, daß sie weder über London, noch überhaupt über
Land Luftminen mit dem neuen Zünder „Fab" geworfen habe, sondern nur
ins Wasser. Reichsmarschall sehr erregt über Fassung der Anweisung betr.
Luftminen, will heute Führer sprechen, sieht in der Fassung unberechtigten
Vorwurf der KM gegen Lw, will auf Abwurf der Luftminen über London nicht
verzichten, da sie am wirkungsvollsten sind.
LIL: (Randnotiz) Ergebnis gestrigen Gesprächs mit Gen. Jeschonnek. Chef
Luftwaffenmission Rumänien wird General Speidel.
General Jeschonnek wünscht weitere Drosselung der Unterrichtung der
amerikanischen Diplomaten und Presse über den Luftkrieg.
Luftalarm: Bei der neulichen Besprechung bei Reichsmarschall ist die Frage
wieder aufgenommen worden. Reichsmarschall will nochmals mit Führer dar=
über sprechen.
y6 italienische Flugzeuge sind in Belgien eingetroffen, 15 befinden sich noch
auf der Strecke, die italienischen Jäger noch jenseits der Alpen wegen der
Wetterlage (Einsatzbereitschaft in etwa 14 Tagen).
(LIK: Besprechung Ob.d.M. mit Führer.)
7. Oktober 1940 [Montag]
[handschr.] :
Obstlt. Böhme da. Am 6. 10. keine Besprechung.
LIL: An den beiden letzten Tagen wegen ungünstigen Wetters London nur
von einzelnen Flugzeugen erreicht. Keine englischen Einflüge. Wetter nicht so
schlecht, daß sie nicht einfliegen könnten, aber Landung bei Rückkehr wegen
Bodennebels schwierig.
L ///: (Unter den Papieren des General Huntziger Note über Demobilisation
gefunden. Vortragsnotiz)
L IV: Übereinkommen zwischen Ob.d.H. und Reichschef SS über Tätigkeit
der Sonderkommissare.
Ausland: Vertrag zwischen finnischer Regierung und deutscher Reichs=
regierung über Durchtransport der Truppen und Nachschubgüter über finni=
sches Gebiet nach Kirkenes vom 23. 9.
WiRüAmt : Besprechung des Amtschefs am 4. 10. mit Göring hauptsächlich
über Treibstoffversorgung. Verlegung von Tanklagern in luftsichere Gebiete.
Produktionsausfall infolge feindlicher Luftangriffe.
Obstlt. Böhme: Franzosen versuchen nach Dakar wieder ins Gespräch zu
kommen. Hilfe für Verteidigung des Kolonialreiches, wirtschaftliche Hilfe,
moralische Hilfe. Schwanken in der Stimmung. Huntziger glaubt, daß Weiter=
existenz Frankreichs als Großmacht nur durch Bindung an Deutschland er=
reichbar ist. Große Teile des Offiziers=Korps noch an England gebunden. Auch
Weygand für Lavieren zwischen Deutschland und England, ebenso Baudoin.
112
8. Oktober 1940
Engländer rücken bewußt von de Gaulle ab. Will man die Franzosen für uns
einspannen, so muß man ihnen Zugeständnisse machen, dafür, daß sie ihr
Kolonialreich behalten und im Mutterland im wesentlichen nicht mehr als
Elsaß=Lothringen verlieren. Darüber vor allem will man Klarheit haben.
Schwierige Lage bei italienischen Forderungen, denen man auf keinen Fall ent=
sprechen will.
Dakar: Ereignisse bedeuten keinen Kriegszustand.
LIH: 74 italienische Divisionen, davon 14 in Libyen, 1 Dodekanes, 8 in
Albanien, im übrigen Schwerpunkt gegen Jugoslawien.
Chef L: Botschafter von Mackensen bittet um deutsche Offiziere und Unter=
Offiziere für freiwillige Verbände in Abessinien, um diese nicht in italienische
Verbände aufgehen zu lassen. (Besprechungspunkte Führer— Duce, von General
Jodl nochmals zusammengefaßt.)
LIL: Meldung über Stärke der Luftwaffe an den Führer.
LH: SS=Sache. Stellungnahme des Chef L wörtlich in Kriegstagebuch auf=
nehmen. Weisung für Abstellung Libyen am 5. vorgelegt. Unterrichtung Gene=
ral von Stülpnagel über Brenner=Ergebnisse durch General Jodl.
8. Oktober 1940
Chef L überreicht dem Chef IVFSt bei seinem Vortrag am Nachmittag eine
von L II bearbeitete Vortragsnotiz über das Verhältnis von Wehrmacht und
Waffen=SS. Er führt hierzu aus (Anl.) :
Anlaß und Ausganspunkt dieser Vortragsnotiz ist das vielfach bereits ver=
wirklichte Bestreben des Rf.SS, von sich aus militärische Rechte, die den vor=
übergehend in die Wehrmacht eingegliederten Teilen der SS für die Dauer ihrer
Eingliederung zugestanden sind, auf die gesamte Waffen=SS auszudehnen, also
auch auf die nicht in die Wehrmacht eingegliederten Teile (SS=Polizei), die im
Kriege im allgemeinen dieselben Aufgaben haben, welche im Frieden der
gesamten Waffen=SS als „Staatstruppenpolizei" zufallen.
Diese Teile sowie die Ämter der Waffen=SS haben sich militärische Rechte
(z.B. militärische Dienstgradbezeichnungen und militärische Rangabzeichen)
zugelegt und fordern in Verbindung damit die nur militärischen Vorgesetzten
zustehenden Befugnisse und Ehrenbezeigungen. Dabei haben die Träger dieser
Abzeichen großenteils nicht einmal gedient, können schon deswegen keine
Soldaten sein und lehnen auch die Übernahme entsprechender Pflichten ab.
Vor allem ist von der SS keinerlei weitere Bindung an die Wehrmacht beabsich=
tigt. Weiterhin findet zwischen der SS im Wehrdienst und der SS im Polizei=
dienst ein Austausch statt, weshalb den Wehrersatzdienststellen die erforder=
liehe Übersicht über das Wehrdienstverhältnis der SS=Männer fehlt. Infolge=
dessen finden junge Wehrpflichtige eine Kriegsverwendung in der Etappe,
obwohl nach dem Wunsche des Führers nur ältere Freiwillige verwendet
werden sollen.
113
B. Kriegstagebuch
Dieses eigenmächtige Vorgehen, so heißt es in der Vortragsnotiz, trübe das
Verhältnis zwischen Wehrmacht und Waffen=SS und sei geeignet, künftig
ernste Gefahren für Volk und Staat hervorzurufen. Demgegenüber sei eine
Klarstellung des gegenseitigen Verhältnisses erforderlich, um einen Geist
aufrichtigen Vertrauens herzustellen, eine weitgehende Zusammenarbeit auf
allen Gebieten zu sichern und Anlässe zu Reibungen zu vermeiden.
Um dieses Ziel zu erreichen, habe die Abt. L eine klare Trennung, das
AWA eine Verschmelzung der Wehrmacht und Waffen=SS unter weitgehender
Aufgabe militärischer Rechte, Verwischung des Wehrbegriffs und aller natür=
liehen Unterschiede sowie unter Verzicht auf militärische Oberaufsicht vor=
geschlagen.
Die Grundlage der von der Abt. L vorgeschlagenen Lösung bildeten die
Richtlinien des Führers, nämlich
1. die Erlasse über die Waffen=SS vom 17. 8. 1938 und 18. 9. 1939, in denen
zum Ausdruck gebracht worden sei, daß die Waffen=SS eine politische Organi=
sation der NSDAP für besondere innerpolitische Aufgaben polizeilicher Natur,
auch im Mob.=Fall sei, während die Wehrmacht einzig und allein zum Einsatz
gegen den äußeren Feind bestimmt sei;
2. die im vergangenen Winter getroffene Entscheidung des Führers, daß die
feldgraue Uniform und die militärischen Dienstgradabzeichen allein der Wehr=
macht vorbehalten seien;
3. die durch einen Brief des Oberst Schmundt vom 16. 8. 1940 übermittelte
Willensmeinung des Führers, daß die Waffen=SS die Staatsautorität im Innern
vertreten, die Wehrmacht hingegen niemals mehr gegen eigene Volksgenossen
mit der Waffe eingesetzt werden solle, womit eine klare und endgültige
Aufgabentrennung von neuem gegeben worden sei.
Stehe somit schon der erklärte Führerwille der vom AWA erwogenen Rege=
lung entgegen, so verbiete diese sich von selbst, da hierdurch eine militärische
Organisation außerhalb der Wehrmacht ohne die Möglichkeit einer Einfluß=
nähme des OKW geschaffen würde. Weiterhin spräche dagegen, daß von
Gesetzes wegen nur Wehrmachtangehörige Soldaten sein könnten, die poten=
zierten politischen Rechte der Waffen=SS das „Soldatsein" als Körperschaft
aber ausschlössen, ein unklarer Zwischenzustand jedoch unabsehbare Folgen
haben müßte.
Zur Weiterbehandlung dieser Frage werde vorgeschlagen, den Rf.SS in
einem im Entwurf beiliegenden Schreiben des Chefs OKW noch einmal auf
die vom Führer gewünschte klare Abgrenzung der Aufgaben der Wehrmacht
und der Waffen=SS hinzuweisen und ihn aufzufordern, die sich hieraus er=
gebenden Folgerungen für das Ergänzungsverfahren der Waffen=SS, die Un=
terstellungsverhältnisse der Ergänzungseinheiten der SS=Div. sowie die Fragen
der Uniform, militärischen Abzeichen und Dienstgradbezeichnungen der nicht
in die Wehrmacht eingegliederten Waffen=SS gemeinsam mit dem OKW
festzulegen (Anl.).
114
8. Oktober 1940
Als Gegenleistung hierfür bleibe zu erwägen, für die dem OKW unterstellte
Waffen=SS durch die SS eine Dienststelle im OKH einrichten zu lassen, die
die militärischen Fragen der eingegliederten Waffen=SS zu regeln, die Organi=
sationsfragen zu bearbeiten und als Verbindungsstelle zum Rf.SS den welt=
anschaulich und personell erforderlichen Einfluß des Rf.SS auszuüben habe.
Chef WFSt stimmt dem Vorschlag der Abt. L zu und wird ihn dem Chef
OKW zur Entscheidung unterbreiten.
Chef L legt weiterhin den Entwurf eines Befehls zur Entsendung eines Pz.=
Verbandes nach Libyen vor.
Zu der letzteren Angelegenheit teilt Chef WFSt mit, bei einer Rückfrage
auf dem Berghof seien die diesbezüglichen bisherigen Mitteilungen des Führers
dahin ergänzt worden, daß nach Aussprache des Führers mit dem Duce mit
der Entsendung einer kleinen Pz.Div. gerechnet werden könne.
Der Befehl an das OKH wird wegen Abwesenheit des Führers noch nicht
vollzogen, das OKH aber noch am Nachmittag vom wesentlichen Inhalt des
Befehls unterrichtet.
Chef WFSt teilt weiterhin mit, daß die dem Chef OKW vorliegende Dienst=
anweisung für die nach Rumänien zu entsendenden Truppenbefehlshaber des
Heeres und der Luftwaffe noch Gegenstand von Verhandlungen des Chefs
OKW mit dem Auswärtigen Amt seien, da das Auswärtige Amt neuerdings,
nachdem große Teile der Weltöffentlichkeit sich bereits mit der Entsendung
der Militärmission beschäftigt hatten, noch vermehrt auf die hochpolitische
Bedeutung der Mission in der gegenwärtigen Lage hingewiesen habe. Durch
ausreichende Einschaltung des deutschen Gesandten in Bukarest solle sowohl
eine Belastung des Prestiges der rumänischen Regierung durch Erscheinen
deutscher Truppen in Rumänien wie auch eine etwaige Trübung der Be=
Ziehungen zu Sowjetrußland vermieden werden. Aus diesen Gründen solle
auch vor Durchführung der ersten Transporte jeweils das Einvernehmen mit
dem Auswärtigen Amt hergestellt werden.
Die Absicht, die Oberkommandos des Heeres und der Luftwaffe hiervon
durch Fernschreiben zu unterrichten, läßt Chef L fallen, da bereits in dem am
6. 10. nachmittags abgegangenen Fernschreiben an die Oberkommandos des
Heeres und der Luftwaffe sowie die Abt. Ausland (OKW/WFSt=L 00826/40
g.K.), in welchem die Inmarschsetzung aller für die Militärmission bestimmten
Teile des Heeres und der Luftwaffe freigegeben war, befohlen war, die Abreise
der Vorkommandos und die Transportzeiten der Lehrtruppe zur Verständigung
der ungarischen und rumänischen Regierung bei OKW/ Ausland anzumelden.
Im Zusammenhang mit der Besprechung des Führers mit dem Duce auf
dem Brenner regt Chef L hinsichtlich der künftig Frankreich gegenüber ein=
zunehmenden Haltung an:
1. den Gesandten Hemmen über das Auswärtige Amt mit entsprechenden
Richtlinien zu versehen, die ihm nach Angabe des Chefs des Stabes der WStK
bisher nicht zugegangen seien;
115
B. Kriegstagebuch
2. die Oberkommandos der Wehrmachtteile, insbesondere das des Heeres,
die sich gegenwärtig über die nächsten Absichten der Kriegführung für nicht
hinreichend unterrichtet hielten, mit den nötigen Richtlinien zu versehen.
Chef WFSt stimmt diesen Anregungen zu und hält es für angezeigt, mit
der Unterrichtung der Oberkommandos der Wehrmachtteile über die nächsten
Absichten der Kriegführung auch eine Anweisung für den Abbau des Unter=
nehmens „Seelöwe" zu verbinden, falls der Führer bei seiner Rückkehr vom
Obersalzberg am 9. 10. einen entsprechenden Entschluß gefaßt haben sollte.
Chef L legt dem Chef WFSt weiterhin vor:
1. . . . [nicht ausgeführt] ;
2. einen von der WStK übermittelten Antrag der französischen Regierung,
zwei Jagdgruppen nach Indochina entsenden zu dürfen; der nach Angabe des
Chefs des Stabes der WStK gleichzeitig von der französischen Abordnung
gestellte Antrag, außerdem 2000 Mann Heerestruppen nach Indochina ent=
senden zu dürfen, sei in dem Fernschreiben der WStK nicht erwähnt. Durch
Rückfrage bei der WStK werde festgestellt werden, wie es sich damit verhielte;
3. eine Vortragsnotiz des L IV d
a) über die vom Chef der Zivilverwaltung im Elsaß, Reichsstatthalter und
Gauleiter Robert Wagner, angeschnittene Frage der Entlassung der in der
Schweiz internierten französischen Soldaten elsässischer Abstammung und der
jetzt noch in der französischen Wehrmacht im unbesetzten Gebiet und in den
französischen Kolonien befindlichen französischen Soldaten elsässischer Ab=
stammung, die den Wunsch haben, nach dem Elsaß zurückzukehren,
b) über den von der WStK gestellten Antrag, die Mangelberufen angehören=
den und im besetzten Frankreich außerhalb der Führerzone beheimateten
französischen Kriegsgefangenen zu entlassen;
4. eine Vortragsnotiz des LIV über die vom OKH beabsichtigte Neuregelung
der Befehlsverhältnisse im besetzten französischen Gebiet nach Verlegung des
Hauptquartiers des OKH aus Paris. Anstelle des bisherigen „Chefs der Militär=
Verwaltung" soll dann ein „Militärbefehlshaber in Frankreich" mit dem
Dienstsitz in Paris eingesetzt werden, der dem Ob.d.H. unmittelbar unterstehen
und die Militärverwaltung nach den Weisungen des OKH in Frankreich leiten
soll. Ihm würden der OQu. Frankreich und der Wehrwirtschafts= und Rüstungs=
stab Frankreich unterstellt werden, über die Militärverwaltung der Ober=
befehlshaber der H.Gr. A die Aufsicht als örtlicher Vertreter des Ob.d.H.
mit einem beschränkten unmittelbaren Weisungsrecht gegenüber dem Militär=
befehlshaber führen;
5. eine Vortragsnotiz des LIV über die vom Führer auf Vortrag des Reichs=
Statthalters Greiser angeordnete Einverleibung der Kreise Petrikau und Toma=
schow in den Reichsgau Wartheland mit dem 1. 11. 1940. Durch die neue
Grenzziehung sei das gesamte Litzmannstädter (Lodzer) Industriegebiet wieder
vereinigt und liege nunmehr geschlossen im Warthegau. Reine militärische
Belange würden durch die Änderung nicht berührt, da die Verteidigungslinie,
116
g. Oktober 1940
die Verwaltungs= und Zollgrenze in dieser Gegend sowieso nicht an Gelände=
Abschnitte angelehnt seien, größere Wehrmachtplanungen in diesem Gebiet
nicht vorlägen und das Ausbildungszentrum „Mitte" bei Radom noch ca. 30 km
ostwärts der neuen Grenze liege.
[handschr.] :
LIL: In der Nacht zum 7. und am 7. Angriffe auf London wegen schlechten
Wetters abgebrochen, Nacht z. 8. 180 Flugzeuge einges., davon 140 gegen
London. England am 7. Einflüge ins Küstengebiet, nachts 110 Einflüge ins
Reichsgebiet, — bisher schwerster Angriff auf Berlin — , 54 nach Berlin. 50
Sprengbomben, 48 Br.B. in Berlin, 25 Tote, 50 Schwer= und Leichtverletzte .—
Wetterlage veränderlich. Abgeworfene Bomben in England und Deutschland
im September: England auf Reichsgebiet 387 t, Deutschland auf England
7 145 t. London 5 818 t (etwa so viel wie auf Warschau) + 3 326, 76 Brand=
bomben.
Ausland: Gerüchte über eine Friedensaktion in Berliner diplomatischen
Kreisen.
WiRüAmt: Gestern Besprechung des Reichsmarschalls mit den Chefs der
Militärverwaltungen etc.
Interne Besprechung:
L III: Franzosen wollen 2 Jagdgruppen und 2000 Mann nach Indochina
bringen. Diese Angelegenheit wird wegen Japan nicht weiter behandelt. Auch
ein Antrag auf größere Freizügigkeit der französischen Seestreitkräfte in
Toulon nicht weiter behandelt, da Gesamtregelung bevorstehend. Stellung=
nähme OKH (?) zur Umwandlung der Waffenstillstandskommission zum
15. 10. gefordert. Einsatz von Luftminen in Ägypten.
LIK und LIL: Bedenklich, Fab. (?) an Italiener zu geben. Ein Grund mehr,
1 Staffel hinzusenden. Luftwaffe beantragt Staffel 1/106 also die strittige.
Vortragsnotiz: LIK hierzu befohlen mit Antwortschreiben an Ski. (Seekriegs=
leitung). Vortragsnotiz über Einsatz französischer Luftwaffe gegen Gibraltar.
LIK.
L IV: Neuabgrenzung im Osten, Elsaß=Lothringen=Frage.
9. Oktober 1940 [Mittwoch]
[handschr.] :
(Chef L hat sich zu Besprechungen nach Brüssel begeben.)
LIL: Wegen schlechten Wetters nur Störangriffe und Angriffe auf Aus=
weichziele. Englische Einzeleinflüge, nachts Anflüge auf Berlin anscheinend
wegen schlechten Wetters in England zurückgerufen. Bombenabwürfe auf
Emden, Bremen, Hamburg. Wetterverschlechterung in Frankreich, Südengland,
117
B. Kriegstagebuch
Deutschland. Kellerkarte: Münster i2 3 /4, Berlin 8V2 Stunden in der ver=
gangenen Woche. (Gespräch Loßberg=Siewert. Transport 1 Panzer=Regiment =
100 Panzer=Wagen 35—40 Tage. Zweck: Verband soll für 3. Teil der Offensive
von Marsa Matruk aus zur Verfügung stehen. General Hansen morgen mit
einem Vorkommando ab 20., Truppen ab 24. 10.).
L ///: Führerentscheid betr. Antwort an Franzosen.
L IV: Ersatztruppen des Wehrkreises VIII sollen nach Elsaß=Lothringen und
Luxemburg verlegt werden.
Ausland: Rede Churchills: 8 500 Tote, 13 000 Verwundete in London. Fran=
zösische Kriegsschiffe seien versehentlich durch Gibraltar=Straße nach Dakar
durchgelassen worden.
LIL: Seit gestern schlechteres Wetter, daher nur Einzelangriffe auf London,
auch nachts nur Einzelangriffe. Englische Angriffe nachts auf Rheinland und
Ruhrgebiet. Verwendung von Jägern als Bomber, da leichter und wendiger
als Kampfflugzeuge.
LIK: Verteilung der englischen schweren Seestreitkräfte: 5 Schlachtschiffe
in der Heimat, „Revenge" im Nordatlantik, 5 in Alexandria, „Renown" Gibral=
tar, 2 bei Dakar beschädigt. Flugzeugträger: 1 in Aden, 2 in Alexandria,
2 in Freetown.
Ausland: Russen haben Luft= und Militärattache nach London geschickt.
Russisch=j apanische Entspannung. Ribbentrop gestern nachmittag nach Berlin
zurückgekehrt.
LIH: Ob.d.H. und Ob.d.L. haben gestern abend Befehl bekommen, die
Chefs der Militärmissionen in Marsch zu setzen.
Chef L kehrt am 10. 10. nachmittags zurück.
10. Oktober 1940
Der Chef des deutschen Verbindungsstabes bei der italienischen Luftwaffe,
Gen.Lt. Ritter v. Pohl, berichtet durch Fernschreiben am 9. 10. über seine Unter=
redung mit Marschall Badoglio am gleichen Tage folgendes :
Marschall Badoglio 1 habe die Notwendigkeit einer möglichst sofortigen Be=
sprechung mit Gen.Feldm. Keitel zur Festlegung der Operationspläne für den
Winter betont. Er halte eine Landung in England nach wie vor für erforderlich,
um den Krieg schnell zu beenden, glaube aber nicht, daß sie noch in diesem
Herbst erfolgen könne. Im Winter müsse neben der Fortführung des Luft= und
U=Bootkrieges gegen England der Schwerpunkt des Kampfes in das Mittelmeer
gelegt werden, um die Engländer aus Ägypten und Gibraltar zu vertreiben.
Marschall Badoglio habe weiterhin erklärt, daß er, wenn er gefragt worden
1 „Diese Ausführungen Marschall Badoglios hatte ich schon vorher berichtet. Sie
sind hier nicht erwähnt, wie auch meine anderen Unterhaltungen mit Badoglio
nicht angeführt sind. v. R(intelen)"
118
ii. Oktober 1940
wäre, sich gegen die Entsendung des italienischen Fliegerkorps nach Belgien
ausgesprochen hätte, weil dieses an die dortigen Schlechtwetterverhältnisse
nicht gewöhnt und daher während der Wintermonate zur Untätigkeit ver=
dämmt sei. Hingegen böten sich in dieser Jahreszeit im Mittelmeer beste Ein=
satzmöglichkeiten. Er würde daher die Beteiligung der deutschen Luftwaffe am
Kampf gegen Ägypten begrüßen und dann im Frühjahr die Hälfte der italieni=
sehen Fliegertruppe für den Kampf gegen England zur Verfügung stellen.
Marschall Badoglio rechne mit der Einnahme von Marsa Matruk in 2—3 Wo=
chen, nachdem die Wasserleitung Sollum— Sidi Barrani 2 behelfsmäßig her=
gestellt sei. Trotz der Verstärkung der englischen Truppen in Ägypten, die er
auf 160000 Mann veranschlage, glaube er zuversichtlich, daß das Nil=Delta
und der Suez=Kanal erreicht würden. Palästina und Syrien würden dann von
selbst fallen. Eine Verhinderung der englischen Zufuhren durch das Rote Meer
sei nicht möglich, weil die italienische Luftwaffe in Ostafrika zu schwach sei.
Marschall Badoglio sei weiterhin auf die ungenügende Ausnützung der im
Atlantik eingesetzten 30 italienischen U=Boote zu sprechen gekommen, die des=
halb nicht zur Wirkung kämen, weil durch den ihnen zugewiesenen Operations=
streifen überhaupt kein Schiffsverkehr laufe 3 .
11. Oktober 1940
LIK legt dem Chef L mit einem Abdruck für Chef WFSt eine Vortragsnotiz
über den Einsatz der 9. Flieg.Div. (Luftminen bzw. Bomben) vor. Chef L sieht
davon ab, die Vortragsnotiz in dieser Form weiterzugeben und behält sich die
weitere Behandlung der Angelegenheit selbst vor.
[handschr.] :
LIL: 110 Einflüge ins Reichsgebiet, an 34 Stellen, 88 Sprengbomben ab=
geworfen. Gestern 101 Kampfflugzeuge am Tage, 298 in der Nacht gegen
England eingesetzt. Seit Beginn des verschärften Luftkrieges 8108,64 ' au f
England abgeworfen, dazu über 10000 BSK (Bombenschüttkästen).
LIK: berichtet über verdächtige Bewegungen der Engländer bei Gibraltar.
Munition für das französische Schlachtschiff „Richelieu" freigegeben.
Ausland: Ausländische Zeitungen und Sender sind voll von Kombinationen
über die Entsendung deutscher Truppen nach Rumänien. Dienstanweisung für
2 Handschriftliche Eintragung „Küstenstreifen" ist durchgestrichen.
3 „Diese Äußerung Badoglios nahm der Großadmiral Raeder übel und schickte den
Admiral Weichold, Chef des Verbindungsstabes der Marine, zu Badoglio. Dieser
ärgerte sich darüber und weigerte sich daraufhin, den General v. Pohl noch ein=
mal zu empfangen. Er ließ mich kommen und teilte mir das mit. Er wolle nur
mit einem Verbindungsoffizier zu tun haben. Pohl hatte sich mit einem Brief des
Reichsmarschalls den Empfang bei Badoglio ermöglicht. Auch hierüber habe ich
eingehend an Abt. Ausland berichtet. v. R(intelen)"
119
B. Kriegstagebuch
Militärmission unterschrieben. De Gaulle am 9. 10. in Dualla (Kamerun) ein=
getroffen. Amerikanische Geschäftsträger in Berlin und Rom sind nach Wa=
shington zurückberufen worden zur Berichterstattung. Obstlt. Steinhäuser,
H.VO. beim RAM: Aus der Umgebung des Reichsaußenministers verlautet,
daß Rückkehr der französischen Regierung nach Paris bevorsteht. Ges. Hem=
men deswegen nach Berlin berufen.
WiRüAmt: 100000 Waggons zur Bewältigung des gesteigerten Herbst=
Transport=Verkehrs aus dem besetzten Gebiet ins Reich herangezogen.
LIH: Amerikanisches Heer: 16. 9. neues Wehrgesetz beschlossen mit ijäh=
riger Dienstzeit für die 21— 35jährigen. Vorgesehen 35 Divisionen: 13 akt.,
22 Reserve, 2 AOKs, 4000 Heeres= und 4000 Marineflugzeuge. Großer Rück=
stand der Rüstungsindustrie. Erst Anfang 1942 werden stärkere Teile eines
neuzeitlichen Heeres zur Verfügung stehen.
Interne Besprechung:
Luftgefahr für die ölgebiete Rumänien besteht nur von Flugzeugträgern
evtl. von Griechenland aus. (Außenkontrolle Frankreichs (L III). Auswärtiges
Amt hat sich den Italienern gegenüber auf Sondierung beschränkt und ist nicht
durchgekommen. Fühlungnahme des Generals v. Pohl mit Marschall Badoglio.)
Durchschnittlich stehen 10 deutsche U=Boote am Feind. Italiener beklagen sich
über die geringen Chancen für ihre U=Boote von Bordeaux aus. Oberst Buschen=
hagen war vorgestern bei Todl. Folge Befehl des Führers, daß Kriegsmarine
über die für „Seelöwe" herangezogenen 18 Dampfer der Norwegenfahrt wieder
verfügen kann.
LIH: schlägt vor, Druck auf England während des Winters aufrechtzuerhal=
ten. Befehlsentwurf bzw. Vortragsnotiz soll vorgelegt werden.
Führerentscheid über Photographieren im Osten.
L II: Rumänienbefehl. Deckblatt hierzu.
Regierungstruppe im Protektorat (L IV).
Regierungstruppe im Protektorat (L IV).
WiRüAmt : Dienstanweisung für WeWi Stab. Rumänien, Einspruch L gegen
Form.
Dienstanweisung für Wehrmacht=Nachrichtenverbindung. Dienststellen in
Rumänien vom Stab WNV. Übersicht über Dringlichkeitsstufen. Flugzeug=
Programme für 1941/42. Streit zwischen Heer und Luftwaffe über Abgabe von
20 000 Karabinern und Pistolen an Luftwaffe. Erfassung von Beutepistolen, die
widerrechtlich getragen werden.
Chef L: General Jodl hat am 8. 10. anerkannt, daß die Frage des Verhält=
nisses der Wehrmacht zur Waffen=SS von der Abt. L in der vorgelegten Vor=
tragsnotiz (s. 8. 10.) zum ersten Mal gründlich untersucht worden ist, hat sich
aber nicht endgültig dem Vorschlag Chef L angeschlossen, sondern scheint
einem Kompromiß zuzuneigen.
(L II Vorschlag für Geheimhaltungsbefehl.)
14. Oktober 1940
12. Oktober 1940
[handschr.] :
LIL: Am Tage nur Jagdbomber gegen London, nachts 250 Kampfflugzeuge.
Englische Flugzeuge nachts an der Nordseeküste. Absichten wie bisher. Wech=
selnde Wetterlage. 10. 8. Soll 1 171 Jäger, 933 einsatzbereit. 1. 10. 730, Stuka
346—375. Kampfflugzeuge 1600 — 1015—898. Zerstörer 448—357—174. Schwer=
punkt der Fertigung Jäger Me 109, 110, Ju 88, Ju 87. Hauptquartier der Luft=
waffe in Beauvais im Zuge.
L ///: Ju 52 mit Luftwaffen=Kontrollkommission und 3 französischen Offi=
zieren überfällig.
Ausland: Nach diplomatischen Berichten aus London will britische Luftwaffe
ihre Angriffe in konzentrierter Form auf näher gelegene Ziele in Nord= und
Westdeutschland richten.
Übertriebene ausländische Nachrichten über deutsche Truppentransporte nach
Rumänien. — Finnisch=russisches Abkommen über Desarmierung der Aaland=
inseln.
WiRüAmt: Nächste Woche Fortsetzung der Wirtschaftsverhandlungen mit
Rußland in Moskau (Gesandter Schnurre).
Chef L: Japaner drängen auf Zusammentritt der im Dreimächtepakt vor=
gesehenen technischen Kommissionen.
Für Abbau „Seelöwe" soll ein Befehlsentwurf aufgestellt werden.
13. 10. (Sonntag) keine Lagebesprechung.
14. Oktober 1940
Chef OKW beauftragt den deutschen General beim Hauptquartier der
italienischen Wehrmacht, Gen.Maj. v. Rintelen 1 , Marschall Badoglio davon in
Kenntnis zu setzen, daß er dessen Vorschlag, in gemeinsamer Besprechung
möglichst bald die Operationspläne für den Winter festzulegen, voll zustimme
und daß Zeit und Ort dieser Besprechung spätestens vorgeschlagen würden,
wenn die eingeleiteten politischen Besprechungen die erforderlichen Voraus=
Setzungen für die künftige Kriegführung geschaffen hätten 2 .
[handschr.] :
LIL: Einzelangriffe mit Jagdbombern auf London am Tage, nachts etwa
200 Kampfflugzeuge auf London mit guter Erdsicht. In der vergangenen Nacht
Einflüge ins Reichsgebiet mit frühzeitigem Zurückruf. Absichten wie bisher;
nachts beide Luftflotten mit stärksten Kampfkräften auf London.
1 Hinweis auf Anlage OKW/WFSt Abt. L 00855/40 g.K. v. 14. 10. 1940.
2 „Badoglio war nicht sehr glücklich über diese Verschiebung, v. R(intelen)"
121
B. Kriegstagebuch
LIK: Gefechtsberührung zwischen englischen und italienischen leichten See=
Streitkräften in der Nacht vom 11./12. 10.
L ///: Französischer Antrag auf Entsendung von Truppen und Flugzeugen
nach Indochina abgelehnt, soll der Gesamtregelung vorbehalten bleiben. Fran=
zösische Seestreitkräfte Toulon dürfen Übungsfahrten machen. Franzosen
stellen immer neue Einzelanträge.
L IV: Territoriale Einteilung der Militärverwaltung Frankreich: 5 Bezirke,
an der Spitze Bezirkschefs. Protektorat: Größter Teil der Bevölkerung ab=
lehnend gegenüber Deutschland. Bericht WB Prag. 250 000 Deutsche im Protek=
torat, davon 170000 Reichsbürgerrecht, Rest Volksdeutsche.
Ausland: Deutsche Wehrmachtsmission Rumänien planmäßig in Bukarest
eingetroffen, begeistert empfangen. Englischer Gesandte 3 aus Bukarest ab=
gereist. Diplomatische Beziehungen noch nicht abgebrochen. Englischer Ge=
sandte Budapest hat Vorstellungen gegen deutschen Durchtransport erhoben.
De Gaulle von den Engländern nicht fallen gelassen. Amerikanische Bericht=
erstatter geben drastische Schilderungen über wachsende Zerstörungen in
London, betonen aber gute Haltung der Bevölkerung.
Interne Besprecliung:
Dienstanweisung für die Militärmission in Rumänien von Chef OKW unter=
schrieben, nachdem Führer Forderungen des OKW voll zugestimmt hat; will
keinen Zwist zwischen diplomatischen Vertretungen und Militär=Chef z.Z. in
Spanien. Unterredung Jodl — Amerikanischer Militär=Attache, dieser hat sich
auf Zuhören beschränkt. Seine Kommandierung zu einem Artillerie=Regiment
hat der Führer abgelehnt. Unternehmen „Seelöwe" : Auf Vorschlag Chef L soll
für V2 Jahr Ruhe sein.
(Vorstehendes sind Mitteilungen, die Chef WFSt am 12. 10. nachmittags dem
Chef L gemacht hat.)
15. — 22. Oktober 1940
(Notizen des Hptms. Ogilvie bei den Lagebesprechungen während meiner
Dienstreise durch Belgien und Frankreich).
15. 10. ; Erfolge des B=Dienstes werden wieder besser. Entsendung Kontroll=
kommission Casablanca angehalten.
16. 10.: Vortrag des Majors Zinnemann über Treibstoffversorgung Groß=
britanniens im Nahen Osten und Mittelmeergebiet. Unterlagen sind Chef L
zugegangen.
17. 10. : Vortrag des Majors Prinz Reuß über Einfluß von Liefersperren durch
die USA und das Empire auf das japanische Kriegspotential. Vortrag liegt im
Wortlaut vor.
3 Hoare, Sir Reginald.
23. Oktober 1940
18. 10.: Angriff Italiens gegen Griechenland mit 10 Divisionen Ende Oktober
(26. 10. ?) Kein Angriff auf Jugoslawien.
ig. 10.: Nichts besonderes.
20. 10.: Keine Lagebesprechung.
21. 10.: Nichts besonderes.
22. 10.: Bulgarischer Aufmarsch mit 3 Div. gegen Griechenland und 4 Div.
gegen Türkei. Angeblich soll Italien weiterhin Angriff gegen Griechenland
beabsichtigen. Umorganisation der Befehlsbereiche der Armeen in Frankreich.
22. Oktober 1940
Nach einem Fernschreiben des Luftwaffenführungsstabes vom 21. 10. 1 hat ein
Oberstlt. des italienischen Generalstabes dem Chef des deutschen Verbindungs=
stabes bei der italienischen Luftwaffe vertraulich als Termin für die italienische
Offensive gegen Griechenland den 25. oder 26. 10. bezeichnet. Erstes Ziel seien
die Inseln Korfu und Cephalonia sowie Yannina, zweites Ziel Saloniki, drittes
Ziel Athen, das von zwei Kolonnen erreicht werden solle. Bulgarien solle
angeblich gleichzeitig den Küstenstreifen ostwärts der Halbinsel Chalkidike
besetzen 2 .
23. Oktober 1940
[handschr.] :
LIL: Westküste England von Westfrankreich aus durch KG 30 (der 9. Fl. Div.)
vermint. Einzelangriffe auf London. Feindeinflug ins Küstengebiet, keine ins
Reichsgebiet, offenbar wegen Nebels in England.
L ///: Unterredung General Doyen mit deutschem VO (Verbindungsoffizier)
über Verlegung der französischen Regierung nach Paris, elsaß=lothringische
Frage, Truppenentsendung nach Indochina um Kap der Guten Hoffnung.
LIM: Erklärung Washingtoner Kongreßkreise, daß USA seine Superbomber
England nicht zur Verfügung stellen werden.
Ausland: Besprechung Führer — Laval. Aus Vichy bekanntgegeben, daß diese
Woche für deutsche Beziehungen entscheidend.
Meldung V.Mann, London vom 4. 10. über Wirkung deutscher Angriffe auf
London und englische Industrie; im September wenig, Anfang Okt. stärker.
Stimmung fatalistisch, aber keine Demoralisation 1 .
1 Hinweis auf Abt. Ausl. 981/40 g.K. v. 22. 10. 1940.
2 „Ich habe auch über die dauernden Vorbereitungen eines Feldzuges gegen Grie=
chenland berichtet. v. R(intelen)"
1 Hinweis auf Abw. I 5881 g.K. F. H. Ost v. 17. 10. 1940.
123
B. Kriegstagebuch
Interne Besprechung:
Chef L: General Jodl hält es für möglich, daß Führer dem Duce auf dem
Brenner Einverständnis zum Angriff auf Griechenland gegeben hat, ohne seine
nähere Umgebung davon zu unterrichten. Befehl für Auflockerung „Seelöwe",
Meldungen der 3 Wehrmachtteile; lange Anlauf fristen.
Neue Täuschungsbefehle. Maßnahmen aufrechterhalten, in der Hauptsache
nach Norwegen verlagert.
Führerauftrag, Frage der atlantischen Inseln noch einmal untersuchen,
Azoren.
Rumänien: Heeresstab eingetroffen, Jagdstaffel und Flak. Abt. unterwegs;
sonst nichts. Reisebericht Oberstlt. Münch über Quartiermeisterfragen heute
an Chef WFSt. Karte der Unterbringung. Interessante Nachrichten des Staats=
Sekretärs Ankara an türkischen Botschafter London über Erklärungen des
deutschen Militär= Attaches (über Moskau nach Berlin gelangt). Fingerzeig für
Irreführung.
Führerreise: soll bis Sonnabend dauern. Begegnung mit König der Belgier in
Yvoir. Vor Rückkehr nichts zu veranlassen, auch nichts bzgl. Libyens. VIII. Flieg.=
Korps. Erkundung eines Verb. Stabes im Gange. Vorschlag am Sonntag oder
Montag dem Führer vom Reichsmarschall übergeben. Chef Vorbereitungen
Heer 3. Panzer=Division soll 1. 11. marschbereit sein.
Von Heer und Luftwaffe sollen endgültig Stärken der Verbände erfragt
werden, um Führer nach Rückkehr Absichten zusammengefaßt vorzutragen
und es ihm zu ermöglichen, mit den Italienern endgültige Abmachungen zu
treffen.
Von L Vorschläge zu machen über 1. Zusammenspiel der Transportdienst=
stellen, 2. . . . 2 , 3. Führung.
LIL: General von Richthofen wird Aufgabe erhalten, in erster Linie die
Panzer=Division vorzutreiben und erst in 2. Linie die englische Flotte zu be=
kämpfen. Vorschlag Chef L: Schaffung eines einheitlichen Verbandes, Unter=
Stellung unter Gen. Graziani, einheitlicher Einsatz. Bildung eines Heimatstabes
ist vorzusehen, zusammengesetzt aus den beiden Wehrmachten, arbeitet nach
Anweisung desOKW. Aufgabe: Steuerung der Transporte bis zur Übergabe an
Wehrmachttransportchef etc. Gen. v. Thoma (Kdr. 3. Pz.Div.), schon in
Italien gewesen. Bestes Einvernehmen. Obstlt. Münch hat gestern vom Chef L
eine Denkschrift des Gen. Jänicke über Schaffung eines Generalquartiermeister=
Stabes der Wehrmacht mit ablehnender Stellungnahme des Chefs L bekommen.
Vorschläge Chef L.
LIH: Stimmung der Truppe ausgezeichnet, angestrengt, aber nicht über=
anstrengt. Tendenz mit Einzelflugzeugen anzugreifen, setzt sich mehr und mehr
durch. Jeschonnek hofft damit im Laufe des Winters Erhebliches zu erreichen.
London laufend weiter nachts unter Druck halten, wenn Wetter es erlaubt.
2 Nicht ausgefüllt.
124
24. Oktober 1940
Ersatzlage pers. und mat. gut. Tags nur bedingt mit Kampf verbänden angreifen.
Ansichten aber verschieden. Nur noch Jäger mit 250 kg Bomben in größten
Höhen angesetzt auf London oder Ausweichziele. Schäden in London nach
Ansicht General Jeschonneks ganz erheblich. Reichsmarschall hat angeordnet,
daß Nachtflughäfen angegriffen werden sollen. Italienverbände voll einge=
troffen, fliegen sich ein, Jäger veraltetes Material. Ebenso 60 Kampfflugzeuge.
Zwischen Heer und Luftwaffe Einsatz Gibraltar besprochen. Luftflotte 5 hat
1 Kampfgr. bekommen zur Unterstützung. Ausreise „Admiral Scheer".
9. Flieg.Div.= IX. Flieg.Korps; . . . (2) 3 erledigt.
24. Oktober 1940
[handschr.] :
LIL: Angriffe gegen London tagsüber zumeist wegen Wetter nicht zur
Durchführung gekommen, nachts 60 Kampfflugzeuge über London. Nachts
30 Spreng= und 40 Brandbomben auf Deutschland (u. a. Bahnhof Grunewald).
Absichten wie bisher. Wetter wechselnd. Bericht General v. Bötticher über Lage
bis 21. 10.:
Lage zusehends schwieriger, Ziel: Leben zu erschweren und Produktion zu
stören, sei erreicht. Rückgang der Produktion, Gefahr von Epidemien. Schwie=
rige Verkehrslage, Nachrichten der Gesandtschaften Lissabon und Sofia lauten
ähnlich. Eindrucksvolle Änderung im Ton der englischen Presse.
LIK: Italienische U=Boote im Nordbereich eingesetzt, z.Z. 3 deutsche und
4 italienische U=Boote.
Ausland: Meldungen General v. Pohl über italienische Angriffsabsichten
gegen Griechenland. Bericht v. Rintelen: General Roatta hat Rintelen gegen=
über solche Absichten verneint. Bericht Rintelen vom 18. am 23. bei L ein=
gegangen. Zusammentreffen Führer— Franco an spanischer Grenze, Laval Be=
sprechungen in Paris, Vichy und mit dem Führer. Eindruck: 2 Strömungen
im französischen Lager, einerseits Petain, Laval, Huntziger, andererseits Wey=
gand. Nach Mitteilung General v. Tippeiskirch an Kpt. Bürkner sollen 13 Trans=
portschiffe in Duala gelandet sein.
Chef L: Fall Italien— Griechenland. Möglich, daß Italien diesbezügliche Ab=
sichten geheimhält, weil es auch erst sehr spät über unsere Absichten hinsicht=
lieh Rumänien unterrichtet worden ist. Große Vorteile, wenn es Italien ge=
lingt, Griechenland in seine Hand zu bringen, aber ebenso große Nachteile,
wenn dies wegen unzureichenden Kräfteeinsatzes nicht gelingt. LIL=Vortrags=
notiz über Kreta. Vortrag LIL über Bedeutung Kretas als Luftstützpunkt für
England. Englische Flugzeuge können nur zum Teil von Kreta aus gegen
rumänisches Erdölgebiet eingesetzt werden. 1 Landflugplatz für 1 Kampf=
gruppe.
3 Unleserlich.
125
B. Kriegstagebuch
LIH: In Albanien 8 + 1 Panzer=Division. Griechenland an albanischer und
jugoslawischer Grenze 8 Divisionen.
Interne Besprechung:
Major von Necker: Arbeit über Land, Klima, Operationsmöglichkeiten der
Engländer in Westafrika von Abt. Fr.H.West auf Befehl des Generalobersten
Halder angefertigt. Neue Arbeit von der 9. Abt.
L IV: Stellung des Militär=Befehlshabers in Frankreich, neuer Befehl.
LIK: „Scheer" unter Kpt. Kramke gestern ausgelaufen.
Luftwaffe mit Italien noch keine Verbindung bzgl. Libyens. Fabrikmäßige
Vorbereitungen für die dorthin zu entsendenden Luftverbände. Bereitschaft
nicht vor 28. 10. Einsatz nicht vor Januar. Marine befürchtet englische Offensive
in Ägypten. Vortragsnotizen WPr über Drosselung der deutschen Sender.
LIH: OKH=Studie über Gibraltar.
L IV: Dienstanweisung OKH für Militär=Befehlshaber Frankreich. Besondere
Befugnisse des Ob.d.H. in Südholland. Brief Chef OKW an Reichsminister
Lammers.
25. Oktober 1940
General v. Rintelen teilt durch Fernschreiben vom 24. 10. mit, daß Marschall
Badoglio gebeten habe, die Besprechung mit Gen.Feldm. Keitel in Innsbruck
zwischen dem 10. und 15. 11. abzuhalten 1 (Ausl. 123/40 v. 25. 10.).
Chef L legt dem Chef WFSt bei seinem Vortrag am Nachmittag eine Vor=
tragsnotiz der Abt. L über die Entsendung deutscher Truppen nach Libyen vor,
die die beabsichtigte Zusammensetzung des mit der 3. Pz.Div. dorthin zu über=
führenden VIII. Flieg.Korps aufzeigt und in der zu den Fragen der Befehls=
Verhältnisse und der Überführung nach Libyen Stellung genommen wird. Hin=
sichtlich der Befehlsverhältnisse wird vorgeschlagen, die deutschen Truppen
als geschlossenen gemischten Verband unter gemeinsamer Führung dem Mar=
schall Graziani unmittelbar zu unterstellen, nachdem zuvor ihr Einsatz im
großen durch die beiderseitigen Oberkommandos auf Grund der Erkennungs=
ergebnisse der zu entsendenden Verbindungsstäbe und der von General
v. Rintelen einzuholenden Vorschläge festgelegt worden sei. Hinsichtlich der
Überführung wird darauf hingewiesen, daß das Tempo des Antransportes von
1 „Inzwischen war die Entscheidung für den griechischen Feldzug gefallen, daher
die weitere Verschiebung der Besprechung. Es war auf Vorschlag von Ciano vom
Duce angeordnet, den Deutschen nichts über den bevorstehenden Angriff mit=
zuteilen.
Bei dieser Unterredung am 24. X. habe ich Badoglio gefragt, was an den Gerüch=
ten über den geplanten Angriff gegen Griechenland wahr sei. Badoglio war sehr
verlegen und antwortete, daß nur Vorbereitungen getroffen seien, in Griechen»
land einzumarschieren, wenn die Engländer dort landen würden.
Das steht auch in diesem Telegramm. v. R(intelen)"
126
25. Oktober 1940
der Leistungsfähigkeit der Häfen, insbesondere der Landehäfen, und von dem
zur Verfügung stehenden Schiffsraum abhinge (vgl. 1. 11.) (Anl.).
Chef L legt dem Chef WFSt weiterhin eine Vortragsnotiz des L IVa vor, in
der darauf hingewiesen wird, daß die sich aus dem Abschluß des Waffenstill=
Standsvertrages ergebenden laufenden militärischen, wirtschaftlichen und poli=
tischen Verhandlungen auf deutscher Seite z.Z. von 4 Stellen: der dem OKW
unterstellten WStK, der WStDelegation für Wirtschaft nach den Weisungen
des Vierjahresplans und des Auswärtigen Amts, dem dem Ob.d.H. unter=
stellten Mil.Bef. in Frankreich und der Dienststelle des Botschafter Abetz nach
den Weisungen des Auswärtigen Amtes und des Propaganda=Ministeriums
geführt würden und daß demgegenüber die weitere Entwicklung des deutsch=
französischen Verhältnisses die einheitliche Vertretung der Wehrmachtinter=
essen gegenüber der französischen Regierung erfordern werde. Als geeignete
Stelle hierfür wird unter Vorlage eines Befehlsentwurfs die WStK vor=
geschlagen, deren bisherige Aufgabe der Durchführung des Waffenstillstands=
Vertrages im großen als erledigt zu betrachten sei (Anl. i. d. Akten L IVa).
Durch Verfügung des Ob.d.H. (GenStdH, Gen.Qu. II 684/40 v. 21. 10.) ist
mit dem 25. 10. unter Wegfall der Stelle des bisherigen Chefs der Militär=
Verwaltung in Frankreich der bisherige stellvertretende kommandierende Ge=
neral im Wehrkreis XVII, Gen.d.Inf. Otto v. Stülpnagel, zum Militär=Befehls=
haber in Frankreich ernannt worden.
[handschr.] :
LIL: Angriffe durch Wetter gestört. Verminung der englischen Ost= und
Westküste. Nachts englische Einflüge ins Küstengebiet und nach Deutschland.
Schwerpunkt Hamburg. An 4 verschiedenen Oktober=Tagen 645 Einflüge,
davon 541 Flugzeuge mit Bomben, 986 Sprengbomben, 933 Brandbomben ab=
geworfen. Wetter wechselnd. Absichten wie bisher.
Ausland: Begegnungen mit Laval, Franco, Petain anscheinend günstig ver=
laufen. Näheres noch nicht bekannt. Sehr interessant englischer amtlicher
Bericht über Zerschlagung der deutschen Invasionsvorbereitungen.
Interne Besprechung:
1. mit L II, soll Quartiermeisterfragen in Rumänien behalten. (Telefongespräch
mit General Jodl: Fernschreiben über Begegnung Führer— Franco gestern
bei L eingegangen; im Auszug an OKH weitergegangen. Chef L X6.30 Uhr
bei Chef WFSt.)
2. L J7=Bericht über Rumänien. Hohe unberechtigte Geld= und Verpflegungs=
forderungen der deutschen Stäbe auf Kosten der Rumänen.
3. L II: Überführung des Sicherheits= und Hilfsdienstes in die Wehrmacht
kommt nicht in Frage. Aber Loslösung des Luftwarndienstes und Anschluß
an den Luftmeldedienst und Loslösung des SHD von der Polizei.
4. L II : Luftwaffen=Übersichten für den Führer.
127
B. Kriegstagebuch
5. Einrichtung von Wehrmachtdienststellen in Elsaß=Lothringen / keine gesetz=
liehen Unterlagen. Chef L weist darauf hin, daß dort eine Art Gewohnheits=
recht geschaffen wird, infolgedessen dort alles geschehen kann, als ob es
Reichsgebiet wäre.
6. Kriegsgliederung Norwegen.
Besprechung mit Gruppe I und L IV:
LIK: Vorlage betr. Schiffsbereitschaft. „Bismarck" 1.4., „Tirpitz" Sommer 41,
„Scharnhorst", „Gneisenau" Nov. 40, „Lützow" 1. 4., „Hipper" November
kriegsbereit. Hilfskreuzer 21, gestern in Lorient erwartet, ist nicht eingetroffen.
Vorlage LIK über Dauer des Transports nach Libyen, hängt nicht von Zahl der
Schiffe, sondern Entladungsmöglichkeiten ab. Anregung Halder, an freier Küste
zu landen zwecks Zeitersparnis. Neuer Bericht Rintelens über Unterredung mit
Badoglio, Offensive gegen Marsa Matruk erst im Dezember.
Chef L: Gestern mit Oberst Heusinger gesprochen. General v. Thoma kehrt
erst in diesen Tagen zurück, dann erst Klarheit mit Italien und weitere Vor=
bereitungen.
Vorschläge L. Entwurf der Gr. I. Einsatz des Verbandes soll im großen durch
beiderseitige OKW festgelegt werden. Grundlage Erkundungen der Verb.=
Stäbe. Unterstellung der deutschen Verbände unmittelbar unter Marschall
Graziani. Reihenfolge der Überführung soll von dem deutschen Befehlshaber
bestimmt werden, rechtzeitige Bereitstellung deutscher Luftschutzverbände.
Verantwortlich für Seetransport, Geleit und Luftschutz dtsch. Seebefehl.
L IV: Ob.d.H. und Ob.d.L. haben schon eine Art Heimatstab gebildet, sie
sind zweckmäßig zu einem Heimatstab Süd zusammen zu fassen.
Führerbesprechungen
1. mit Laval am 22. 10.,
2. mit General Franco am 23. 10. in Hendaye,
3. mit Marschall Petain am 24. 10.
26. Oktober 1940
[handschr.] :
LIL: Nacht vom 24725. sehr starkes Minenunternehmen an der englischen
West= und Ostküste durchgeführt. Am 23. 1.0. erster Einsatz italienischer
Kampfflugzeuge (13) auf Harwich. In der Nacht zum 26. 10. 62 englische
Bomben auf Nordwest= und Süddeutschland; Vs der Bomben auf S= Anlagen.
„Verkaufsstelle 500" bisher nicht besonders angegriffen.
L III : der Ton, in dem die Franzosen mit dem Gesandten Hemmen verkehren,
unterscheidet sich erheblich von dem, den sie der Waffenstillstandskommission
gegenüber gebrauchen.
L IV: Mit dem 25. 10. ist General der Infanterie Otto von Stülpnagel zum
Militärbefehlshaber Frankreichs ernannt worden.
128
28. Oktober 1940
Ausland: Ober Führerbesprechungen nichts zu erfahren.
Chef L: Im großen sind nach Mitteilung Chefs OKW die Besprechungen
mit Petain ebenso befriedigend verlaufen wie die mit Franco und Laval.
Ausland: In amtlichen griechischen Kreisen wird mit Besetzung der griechi=
sehen Inseln durch England gerechnet.
Interne Besprechung:
Erklärung des Marschalls Badoglio gegenüber General v. Rintelen, daß
Italien nur Vorbereitungen englischen Eingreifens in Griechenland treffe, er=
schien bis gestern abend einleuchtend.
Gestern nachmittag 6.00 Uhr Anruf Feldmarschall Keitel, daß Duce dem
Führer Mitteilungen über offensive italienische Absichten gegen Griechenland
gemacht habe. Feldmarschall wollte heute evtl. für 1 Tag herkommen zu Be=
sprechungen über militärische Maßnahmen. Kriegsmarine ist dafür, daß bei
Besetzung Griechenlands vor allem auch Kreta besetzt werden sollte, da
besonders wichtig. General Jodl will nach Rückkehr des Führers ihm einen
Brief an den Duce vorschlagen zur Beschleunigung der Ägypten=Offensive.
Besprechung Chef OKW mit Marschall Badoglio in Aussicht genommen.
Vortragsnotiz über Entsendung deutscher Truppen nach Libyen gestern
vorgelegt, kleine Abänderung der Truppenzusammensetzung durch Erkun=
dungsergebnis des General v. Thoma.
(27. 10. 1940, 12.00 Uhr (Sonntag) habe ich fernmündlich und durch Fern=
schreiben an Bürkner (Ausland) mitgeteilt, daß der Angriff gegen Griechenland
am 28. früh beginnt. Bürkner hat diese Nachricht an Jodl weitergegeben.
v. R(intelen))
(Von der beabsichtigten Übergabe des Ultimatums ist die deutsche Botschaft
in Rom Geschäftsträger Fürst Bismarck am 27. 10., 21.00 Uhr, informiert
worden. Die Nachricht hiervon hat der Führer am 28. 10. früh in Bologna
erhalten. v. R(intelen))
28. Oktober 1940
Lagebesprechung:
LIL meldet, daß am 27. 10. 227 Kampf= und Aufklärungs= und 138 Jagd=
Flugzeuge und in der Nacht zum 28. 10. 225 Kampf=Flugzeuge gegen England
eingesetzt und über London am Tage 52,8 t, in der Nacht 126,7 t und 40 BSK
abgeworfen worden seien. Weiterhin seien, anscheinend mit gutem Erfolg,
die englischen Nachtflugplätze angegriffen worden. Die eigenen Verluste be=
liefen sich am 27. 10. auf 9, die feindlichen auf 29 Flugzeuge. Das IX. Flieg.=
Korps habe Minenunternehmen an der West= und Südküste Englands durch=
geführt. Feindliche Einflüge seien erfolgt am 27. 10. in den Luftgau Holland =
129
B. Kriegstagebuch
2, mit Angriff auf den Flugplatz Den Helder, in der Nacht zum 28. 10. in die
Luftgaue Holland = 69, Belgien/Nordfrankreich = 12 und Westfrankreich
= 25, mit Bombenabwurf an insgesamt 14 Stellen; in das Reichsgebiet = 85,
mit Abwurf von 114 Sprengbomben und über 140 Brandbomben, hauptsächlich
in den Luftgauen VI, IV und IX.
LIH meldet, daß von der nach Rumänien entsandten Wehrmachtmission die
Luftwaffenmission ohne 2 Aufkl. Staffeln H und 1 San.Bereitschaft, von der
Heeresmission bisher nur der Stab und Vorkommandos eingetroffen seien
und bis 31. 10. die Lehrstäbe, 2 Inf.Btl., 1 Pz.Abt., 1 Aufkl.Abt., 1 gemischte
Artl.Abt. und eine Reihe von Nachschub=Einheiten nach Rumänien verlegt
würden. Der Gesamtverband würde bis zum 12. oder 13. 11. eintreffen.
Abt. Ausland teilt mit, daß italienische Truppen heute morgen um 6.00 Uhr
von Albanien aus in Griechenland einmarschiert seien, nachdem der griechi=
sehen Regierung von dem italienischen Gesandten in Athen um 3.00 Uhr eine
Note übergeben worden sei. — Der Führer habe sich zu einer Besprechung mit
dem Duce nach Florenz begeben 1 . — Bei der sowjetrussischen Gesandtschaft
in Bukarest seien 4 russische Offiziere zur Beobachtung der deutschen Wehr=
machtmission in Rumänien eingetroffen.
Der Vorsitzende der deutschen Waffenstillstandskommission, General d.
Inf. v. Stülpnagel, sucht den Chef L vormittags im Zug „Atlas" auf, um sich
über den Ausgang der Besprechungen des Führers mit dem stellvertretenden
französischen Ministerpräsidenten Laval und dem französischen Staatschef,
Marschall Petain, hinsichtlich des künftigen Verhältnisses zu Frankreich und
der daraus zu ziehenden Folgerungen für das Verhalten und die Organisation
der Waffenstillstandskommission zu unterrichten.
Zu der letzteren Frage spricht Chef L mit General v. Stülpnagel den von
L IVa aufgestellten Entwurf eines Führererlasses über die künftige einheitliche
Vertretung der deutschen Wehrmachtinteressen gegenüber Frankreich (vgl.
Vortragsnotiz L IVa v. 25. 10. — Anl. 25. 10.) durch, mit dem General v. Stülp=
nagel sich im allgemeinen einverstanden erklärt.
Über den Ausgang der Verhandlungen des Führers mit den französischen
Staatsmännern teilt der Chef WFSt in einer anschließenden Besprechung dem
General v. Stülpnagel soviel mit, daß sich auf französischer Seite eine weit=
gehende Bereitwilligkeit gezeigt habe, mit Deutschland bei der künftigen
Neuordnung Europas unter deutscher Führung zusammenzuarbeiten, daß Mar=
schall Petain eine endgültige Antwort aber noch nicht erteilt habe. Es bliebe
auch durchaus offen, welche militärischen Schlußfolgerungen sich aus einer
allgemeinen politischen Verständigung, über deren Einzelheiten nicht ge=
sprochen worden sei, ergeben würden. An eine Kriegserklärung Frankreichs
an England sei nicht zu denken, hingegen werde die französische Regierung
wahrscheinlich bereit sein, nicht nur das französische Kolonialreich gegenüber
1 „Keine mil. Vertreter auf ital. Seite zugegen. v. R(intelen)"
130
28. Oktober 1940
englischen Übergriffen zu verteidigen, sondern auch gegebenenfalls in Afrika
Stützpunkte für die deutsche Kriegführung einzuräumen.
Für die Waffenstillstandskommission blieben hiernach fürs erste die bis=
herigen Richtlinien maßgebend. Der Führer habe lediglich angeordnet, daß
künftig Zugeständnisse an Frankreich jeweils mit zusätzlichen, über den
Waffenstillstandsvertrag hinausgehenden Forderungen verbunden werden
sollten und daß das gleiche Verfahren im umgekehrten Fall, d. h. bei deutschen
Forderungen an Frankreich, anzuwenden sei.
Chef WFSt ergänzt die vorstehenden Mitteilungen in einer Besprechung
mit dem Chef L und den Gruppenleitern IH, IK, IL und /// im Zug „Atlas"
um 15.00 Uhr noch dahin, daß mit Spanien ein Geheimabkommen abgeschlos=
sen, mit seinem baldigen Kriegseintritt aber nicht zu rechnen sei. Das OKH
solle darauf hingewiesen werden, daß die bereits mit Genehmigung des Führers
angeordnete Erkundung gegen Gibraltar auf diese politische Lage Rücksicht
zu nehmen habe, um Spanien nicht vorzeitig seiner freien Willensbestimmung
über die weitere politische Gestaltung seiner Beziehungen zu den Achsen=
mächten und über die weitere Durchführung seiner wirtschaftlichen Konsoli=
dierung zu berauben.
Auf Befragen des Chefs L fügt Chef WFSt noch hinzu, daß auch der Luft=
waffe Erkundungsmaßnahmen in Verbindung mit dem OKH freigegeben
werden sollten, daß aber vor Ausgabe allgemeiner operativer Richtlinien für
den künftigen Angriff auf Gibraltar die hierüber vom GenStdH verfaßte Studie
einzufordern sei. An den allgemeinen Absichten, wie sie in der Studie des
OKW vom 19. 8. (vgl. Anl. 20. 8.) niedergelegt seien, solle vorläufig fest=
gehalten werden.
Chef WFSt verliest sodann einen Brief des Duce an den Führer, in welchem
das italienische Vorgehen gegen Griechenland des Näheren begründet und
zugleich die Forderung auf Wegnahme bzw. Besetzung weiterer englischer
Stützpunkte im europäischen Räume erhoben wird. Das Verhalten Italiens
Jugoslawien gegenüber wird hierin als das einer peinlichen Wachsamkeit
bezeichnet.
Bei der anschließenden Erörterung ergibt es sich, daß die vom LIK am
26. 10. im Hinblick auf das erwartete italienische Vorgehen gegen Griechen=
land erhobenen Vorstellungen wegen der strategischen Bedeutung Kretas
(vgl. 26. 10.) den Chef WFSt veranlaßt haben, sich eingehend mit dieser
Frage zu befassen. In einer noch am gleichen Tage entstandenen Aufzeichnung
hat der Chef WFSt hierzu folgendermaßen Stellung genommen (Anl. 5) :
Eine militärische Aktion der Italiener gegen Nordgriechenland und den
Piräus führe mit Sicherheit zu einer Inbesitznahme der Insel Kreta durch die
Engländer. Damit würde die Verbindung Italiens mit Libyen dauernd bedroht
sein. Eine überraschende italienische Aktion gegen Kreta sei möglich und
verhältnismäßig leicht zu tarnen, erfordere aber den vollen Einsatz der italieni=
sehen Schlachtflotte. Erfolge letzterer nicht, womit nach den bisherigen Er=
131
B. Kriegstagebuch
fahrung und den Mitteilungen des Generals Roatta 2 zu rechnen sei, so
würden die gelandeten italienischen Truppen sich schwerlich halten können,
da dann mit Sicherheit das englische Alexandria=Geschwader gegen Kreta
eingesetzt werden würde. Sehr viel günstiger seien die Erfolgsaussichten einer
Landung zu beurteilen, wenn nach weiteren italienischen Erfolgen in Ägypten
(Wegnahme von Marsa Matruk) Stukas, Minen und U=Boote gegen das
englische Geschwader eingesetzt würden und dieses hierdurch Verluste erleide.
In diesem Falle würde es wahrscheinlich nicht mehr gegen ein italienisches
Landungsunternehmen auf Kreta eingesetzt werden, und wenn dies doch
geschähe, so würde es von der dann erheblich überlegenen italienischen Flotte
mit Erfolg angegriffen werden können. Folgender Ablauf der Operationen
scheine daher zweckmäßig:
1. Frühestmögliche Fortführung der italienischen Offensive in Ägypten zur
Gewinnung von Marsa Matruk,
2. nach Besetzung von Marsa Matruk Bekämpfung des englischen Alexandria=
Geschwaders mit allen verfügbaren Mitteln,
3. nach genügender Schwächung des Geschwaders Beginn der Operation
gegen Griechenland mit gleichzeitiger Besetzung Kretas.
Diese Aufzeichnung sollte auf Weisung des Chefs OKW am 28. 10. zum
Gegenstand einer Aussprache zwischen dem Chef WFSt und dem italienischen
Militärattache in Berlin gemacht werden. Hierzu ist es indessen wegen der
schon heute begonnenen italienischen Operation gegen Griechenland nicht
mehr gekommen.
Chef L hält, das Ausbleiben einer unmittelbaren englischen Gegenaktion
gegen das italienische Vorgehen vorausgesetzt, diese Aussprache jedoch für
so wichtig, daß er dem Chef WFSt die vom LIK nach dessen mündlichen Vor=
trag am 26. 10. aufgestellte Vortragsnotiz über die Bedeutung des griechischen
Raumes im Rahmen der Mittelmeerlage, auf die der Chef WFSt verzichtet
hatte, nun doch vorlegt (Anl. 6).
Chef WFSt ordnet hierzu noch an, die Unterlagen über die militärische
Bedeutung Kretas durch das Amt Ausl./Abw. verdichten zu lassen.
Chef WFSt teilt sodann mit, daß der Führer im Zusammenhang mit dem
Vortrag, den ihm der BdU während der Reise in Frankreich gehalten habe,
die Frage der Besetzung der atlantischen Inseln erneut aufgegriffen habe. Die
hierüber von der Abt. L angestellten Untersuchungen sollten daher weiter
vertieft werden, besonders unter dem Gesichtspunkt der Ausnutzung fran=
zösischer Stützpunkte. Der Führer habe weiter auf den Vortrag des BdU hin
angeordnet, daß durch die Organisation Todt in Lorient betonierte Unterstände
für U=Boote geschaffen werden sollten (vgl. 7. 11.).
2 „Roatta hatte%ür gegenüber in einer Aussprache erwähnt, daß ein Unternehmen
gegen Kreta nicht in Frage käme. Tatsächlich waren auch nur Landungen auf
Korfu und Cephalonia vorbereitet, fanden aber wegen ungünstiger Witterung
nicht statt. v. R(intelen)"
132
28. Oktober 1940
Chef WFSt weist schließlich noch darauf hin, daß in Anbetracht der er=
höhten Aufklärungs= und Störungstätigkeit der Engländer gegen die Schiffahrt
in den norwegischen Gewässern die Durchführung der am 22. 10. erlassenen
Richtlinien für die Feindtäuschung (vgl. Anl. 22. 10.) zu einer Gefährdung
der in diesen Gewässern laufenden Transporte führen könnte.
Eine fernmündliche Anfrage des Chefs L beim Chef des Stabes des W.B.
Norwegen ergibt, daß z. Z. noch stärkere Truppentransporte (ca. 6 000 Mann)
nach Nordnorwegen laufen, für die Oberst Buschenhagen stärkeren Schutz
durch die Kriegsmarine und Luftwaffe erbittet (vgl. 30. 10.).
Am Nachmittag um 15.00 Uhr findet im OKW Berlin unter Leitung des L II
(Obstlt. Münch) eine Besprechung mit Vertretern der Ämter und Abteilungen
des OKW sowie des A.H.A. und des V.A. über die für den Fall einer Entsen=
düng deutscher Truppen nach Nordafrika vom OKW zu erlassenden „Be=
sonderen Anordnungen" statt. Hierbei wird von fast allen vertretenen Dienst=
stellen, insbesondere vom OKH, die baldige Aufstellung eines Heimatstabes
Süd gefordert, in dem das Heer, die Luftwaffe und die Marine vertreten
sein sollten und der seinen Sitz in Berlin haben und bereits jetzt die For=
derungen der Wehrmachtteile hinsichtlich der Transportreihenfolge, Bevor=
ratung usw. in Einklang bringen müßte. Demgegenüber steht die Abt. L auf
dem Standpunkt, daß die Aufstellung eines Heimatstabes Süd erst bei Beginn
der Transporte zu erfolgen habe und daß zur Vorbereitung des Unternehmens
ein Arbeitsstab des zukünftigen Befehlshabers in Nordafrika zu bilden wäre,
der den Grundstock für den später nach Libyen gehenden Stab und für den
in Deutschland verbleibenden Heimatstab bilden würde. Dieser Arbeitsstab
würde in Quartiermeisterfragen, die einer Regelung durch das OKW bedürften,
grundlegende Richtlinien von der Abt. L (IV) erhalten und hiernach die be=
sonderen Anordnungen für die Truppe aufstellen. Über die weiterhin bei der
Besprechung behandelten Einzelfragen siehe die Vortragsnotiz des L IV vom
29. 10. (Anl. 9/28. 10.) (Anl. 7—9).
[handschr.] :
(27. 10. keine Lagebesprechung. Besprechung am 28. 10. wird von LIH ab=
gehalten, da Chef L Besprechung mit General d. Inf. von Stülpnagel hat).
LIL: Gestern Angriffe gegen die englischen Nachtflugplätze, nachts gegen
London und Liverpool. Über England entwickelt sich Hochdruckwetter.
L III : Der Führer hat angeordnet, daß alle französischen Forderungen ver=
knüpft werden sollen mit deutschen über den Waffenstillstandsvertrag hinaus=
gehenden Forderungen.
LIK: Vortragsnotiz über Bedeutung des griechischen Raumes.
L II: Herzlicher Empfang der deutschen Mission. Starke Stellung Antonescus,
Sympathien für den König. Hohe Kosten der Mission (Ve des gesamten
rumänischen Haushalts).
Ausland: Italiener heute morgen 6.00 Uhr in Griechenland einmarschiert
*33
B. Kriegstagebuch
auf Grund eines gemachten Zwischenfalls. Gestriges Telegramm Rintelens
kündigt Aktion für heute an. Ziel Athen und Saloniki. 3.00 Uhr Notenüber=
gäbe in Athen. Aufruf des Königs von Griechenland zum Kampf. Heute
mittag Besprechung des Führers mit dem Duce in Florenz. — Russen gehen
daran, die Donau=Delta=Inseln zu besetzen. 4 getarnte russische Offiziere
bei russischer Gesandtschaft in Bukarest eingetroffen, zur Beobachtung der
deutschen Truppen in Rumänien.
DNB=Nachricht über Zusammenkunft des Marschalls Petain mit dem Führer.
Kpt. Bürkner teilt mit, daß Besprechungen des Führers mit Franco nicht zu
alsbaldigem Eingreifen Spaniens in den Krieg führen würden.
29. Oktober 1940
Lagebesprechung:
LIH meldet, daß der Oberbefehlshaber der H.Gr. A (Generalfeldmarschall
v. Rundstedt) unter Beibehaltung des Oberbefehls über die H.Gr. A zum
Oberbefehlshaber West ernannt worden sei (OKH, GenStdH, Op.Abt. Ia
37 130/40 g.K. v. 26. 10.). Dem Oberbefehlshaber West unterstünden die H.Gr. A
mit 9. und 16. Armee und die H.Gr. D (Generalfeldmarschall v. Witzleben)
mit 1., 6. und 7. Armee. Im Osten befinde sich die H.Gr. B (Generalfeldmarschall
v. Bock) mit der 4., 12. und 18. Armee, in der Heimat die H.Gr. C (General*
feldmarschall v. Leeb) mit der 2. und 11. Armee. Das Hauptquartier des OKH
würde am 30. 10. von Fontainebleau nach Zossen (Zeppelin) verlegt werden.
LIL meldet, daß am 28. 10. 143 Kampf= und 236 Jagd=Flugzeuge und in der
Nacht zum 29. 10. 226 Kampf=Flugzeuge und 10 Nachtjäger gegen England
eingesetzt worden seien. Auf London seien am Tage von 63 Kampf=Flugzeugen
16 t, in der Nacht von 146 Kampf=Flugzeugen 176 t Sprengbomben und
111 BSK abgeworfen worden. Die eigenen Verluste beliefen sich auf 9, die
feindlichen auf 7 Flugzeuge. Das IX. Flieg.Korps habe Minenunternehmungen
an der Ost= und Südküste Englands durchgeführt. Während der Nacht seien
60 Einflüge in den Luftgau Holland mit Abwurf von 10 Sprengbomben an
4 Stellen, 20 Einflüge in den Luftgau Belgien/Nordfrankreich mit Bomben=
abwurf an 16 Stellen, 11 Einflüge in den Luftgau Westfrankreich mit Bomben=
abwurf an 1 Stelle und 80 Einflüge in das Reichsgebiet mit Abwurf von
38 Spreng= und 30 Brandbomben an 24 Stellen in Nordwestdeutschland
erfolgt. LIL gibt sodann einen Überblick über die deutschen Luftangriffe auf
England während des Monats September: Insgesamt sind 741 Angriffe durch=
geführt, davon 268 auf London, und hierbei 6223,92 t Sprengbomben und
8546 BSK auf London (Brandschüttkästen mit 36 Brandbomben), 1096,55 t
Sprengbomben und 1723 BSK auf das übrige England abgeworfen worden.
Abt. Ausland berichtet, daß in Griechenland die Generalmobilmachung be=
fohlen und der Belagerungszustand erklärt worden sei. Die englische Regierung
134
29. Oktober 1940
habe dem griechischen Gesandten in London mitgeteilt, daß England sich
als Alliierten Griechenlands betrachte und ihm jede mögliche Hilfe gewähren
werde.
Im Anschluß an die Abteilungsbesprechung macht Chef L den Gruppen=
leitern der Gruppen I, III und IV sowie dem Vertreter der Abt. Ausland
(Oberst Brinckmann) noch ergänzende Mitteilungen über die Besprechungen
des Führers mit dem spanischen und dem französischen Staatschef.
Die Besprechung mit General Franco, der übrigens auf den Führer keinen
besonders günstigen Eindruck gemacht habe, habe ergeben, daß die derzeitige
wirtschaftliche Lage Spaniens dessen baldigen Kriegseintritt an der Seite der
Achsenmächte ausschlösse, doch würde auf dieses Ziel weiter methodisch
hingearbeitet werden. Dieser augenblicklichen Lage müßten die gegenwärtig
im Gange befindlichen Erkundungen des Heeres angepaßt werden. Vorgesehen
sei, den schon bestehenden Erkundungsstab des Admirals Canaris durch einige
wenige Generalstabsoffiziere des GenStdH zu verstärken.
Marschall Petain habe durch sein würdiges Auftreten als französischer
Staatschef und sein klares militärisches Wesen einen ausgezeichneten Eindruck
auf den Führer gemacht. Die Unterredungen mit ihm seien durchaus be=
friedigend verlaufen, wenn sie auch nicht zu unmittelbaren Resultaten geführt
hätten. Dem Marschall gegenüber habe der Führer die Stärke des deutschen
Heeres im Frühjahr X941 mit 230 Div. angegeben, davon 186 Div. 1. Klasse,
darunter 20 Pz.Div., 4 Pz.Brig. und 12 mot.Div. Er habe ihm weiterhin mit=
geteilt, daß 1941 monatlich 25 neue U=Boote in Dienst gestellt werden würden.
An diese Zahlen habe man sich bei allen Auskünften gegenüber ausländischen
politischen und militärischen Dienststellen zu halten. Der Marschall habe dem
Führer auf das Bestimmteste erklärt, daß die englische Luftwaffe noch keine
amerikanischen Kriegsflugzeuge für Kampfaufgaben verwendet habe. Der
stellvertretende Ministerpräsident Laval, der jetzt zum Außenminister ernannt
worden sei, sei mit größter Bereitwilligkeit auf die Ideen des Führers ein=
gegangen.
Nach Abschluß dieser Besprechungen habe der Führer die Frage der Be=
Setzung der atlantischen Inseln (Kanarische Inseln, Azoren, Madeira und Kap
Verdische Inseln) wieder aufgegriffen. Für die Abt. L ergäbe sich hieraus die
Aufgabe, unter Zugrundelegung der seinerzeit am 22. 9. und 2. 10. von LIK
vorgelegten Studien die Möglichkeiten für eine Operation zur Besetzung
dieser Inseln genauer zu untersuchen. Die hierüber anzustellende Studie müßte
in einem ersten Abschnitt militärpolitische, militärgeographische und rein
militärische Angaben über die Inseln enthalten und zu der Frage Stellung
nehmen, ob die Versorgung der zu landenden Truppen aus dem Lande selbst
möglich sei. In einem zweiten Abschnitt seien die Operationsmöglichkeiten
zur See und in der Luft unter Berücksichtigung der einzuschiffenden Heeres=
truppen zu untersuchen unter der Voraussetzung, daß Spanien sich zur still=
schweigenden Unterstützung des Unternehmens bereit erkläre, Portugal —
135
B. Kriegstagebuch
obwohl englischem Druck ausgesetzt — neutral bliebe und Frankreich deutsche
Maßnahmen auf seinem Hoheitsgebiet dulde, sich vielleicht sogar zur mittel=
baren Unterstützung durch Überlassung von Transportschiffen und Luft=
Stützpunkten und zur Anlage von Vorratslagern bereitfinde. In einem dritten
Abschnitt wären Vorschläge für die zu treffenden Vorbereitungen (Ausrüstung
von Transportschiffen, Transport=U=Booten und Transportflugzeugen, Ab=
Stellung von Küstenbatterien) und für die an Frankreich in diesem Zusammen=
hang zu stellenden Forderungen zu machen.
Verfügung des OKW (WFSt/L IV oo 930/40 g.K.) vom 29. 10. über Sperrung
des Schiffsverkehrs aus dem Ostseeraum (vgl. Vortragsnotiz L IV vom 23. 10.).
[handschr.J :
Neue Gliederung des Heeres:
LIH: Generalfeldmarschall Rundstedt (Hgr. A: 9., 16. Armee)
Oberbefehlshaber West (Hgr. D: %., 7., 6. Armee)
Osten (Hgr. B: 18., 4., 12. Armee)
Heimat (Hgr. C: 2., 11. Armee)
HQu. OKH trifft am 30. 10. in Zossen ein.
LIL: Am 27. 10. abends 11 Nachtflugplätze in England angegriffen. Heute
nacht 80 Einflüge in Deutschland (38 Sprengbomben abgeworfen). Lfl. 5 hält
Kampfverbände bereit zur Unterstützung des Unternehmens Nord (Auslaufen
des Panzerschiffes „Admiral Scheer").
Sept.: Münster 65, Berlin 40 Stunden im Keller. Angriffe auf England. 268
Angriffe auf London, insgesamt 741 Angriffe auf Großbritannien. 8300 t,
davon 6000 t auf London, ohne Brandbomben.
LIK: Anweisung der englischen Kriegsmarine an griechische Handelsschiffe.
Llll: Am 22.10. Luftangriff von Flugzeugen deGaulles auf Lambarene
(Liberia) .
LIH: Lagekarte Afrika: (Lagebericht Westkarte). Libyen 15 italienische Divi=
sionen. Ägypten England, sehr verstärkt, in der Tiefe auseinandergezogen.
Keine Überlegenheit der Italiener. Italien Ostafrika: Äthiopien 230000 Italie=
ner. Karte von Rumänien: Russen am 26. morgens 3 Inseln Ismail und Kis=
manuela (?) besetzt.
LIV: Am 1, November Neuregelung des Schiffsverkehrs aus dem Ostsee=
räum. Auf Vorschlag HWK.
L7M; Meldungen über italienische Angriffe auf Griechenland.
Ausland: Griechische Generalmobilmachung. Englische Unterstützung. Jugo=
slawien will neutral bleiben. Frankreich : Laval Außenminister, Baudoin Staats=
sekretär des Ministerpräsidenten. Erregte Aussprache des USA=Botschafters
in London Kennedy mit Roosevelt.
Interne Besprechungen:
Führer hat sich in Unterredung mit Petain über Stärke des deutschen Heeres
geäußert und erklärt, daß 1941 monatlich 25 U=Boote fertiggestellt würden.
136
30. Oktober 1940
Petain hat erklärt, daß noch keine amerikanischen Flugzeuge in England.
Starker Eindruck Petains. Große Würde, glänzende militärische Erscheinung.
Laval fixer Junge. Franco hat auf den Führer keinen sonderlichen Eindruck
gemacht. Methodische Entwicklung auf längere Sicht. Wirtschaftliche Lage
Spaniens schließt baldigen Kriegseintritt aus.
Erkundungsstab Canaris mit wenigen Generalstabsoffizieren Studien über
atlantische Inseln (am 29. 10. an Oberst Brinckmann) 22. 9., 2. 10. Neue Unter=
suchung notwendig. Operationsmöglichkeiten genauer untersuchen.
1. Militärpolitische, militärgeographische und rein militärische Angaben über
die Inseln. Wie ist Versorgung aus dem Lande selbst möglich.
2. Untersuchung der Operationsmöglichkeiten zur See und zur Luft unter
Berücksichtigung der einzuschiffenden Heerestruppen. Bereitwilligkeit Spaniens
zur stillen Unterstützung, Portugal neutral, Druck England ausgesetzt, fran=
zösische Duldung deutscher Maßnahmen auf französischem Hoheitsgebiet und
mittelbare Unterstützung (Transportschiffen, Luftstützpunkten, Vorratslager).
3. Vorschläge für Vorbereitung (Ausrüstung von Transportern, Abstellung
von Küstenbatterien, Ausrüstung von Transport=U=Booten, Nachprüfung und
Ausrüstung von Transportflugzeugen, Forderungen an Frankreich).
Verfügung vom 22. 10. über neue Täuschungsmaßnahmen „Seelöwe". Er=
höhte Aufklärungs= und Störungstätigkeit der Engländer gegen Schiffahrt
Norwegen. Sorge Chef WFSt, daß diese Schiffahrt durch die Täuschungsmaß=
nahmen sehr gestört werden könnte. Gestern Gespräch mit Buschenhagen.
6 000 Mann nach Nordnorwegen. B. wünscht stärkeren Schutz durch Kriegs=
marine und Luftwaffe.
Abwehrmaßnahmen im Küstengebiet, Ausweisungen von Ausländern, Sperr=
maßnahmen.
Meldung Militär=Attache Washington über beabsichtigten englischen Angriff
auf Casablanca soll an Waffenstillstandskommission zur Übermittlung an
Franzosen gehen mit Anfrage über Verteidigungsmöglichkeit.
30. Oktober 1940 [Mittwoch]
Lagebesprechung:
LIL meldet, daß am 29. 10. 290 Kampf= und Aufklärungs= und 285 Jagd=
Flugzeuge und in der Nacht zum 30. 10. 323 Kampf = Flugzeuge gegen England
eingesetzt worden seien. Auf London seien am Nachmittag von 77 lei. Kampf=
Flugzeugen 25 t, in der Nacht von 186 Kampfflugzeugen 236 t Sprengbomben
und 109 BSK abgeworfen worden. Weiterhin seien in den späten Nachmittags=
stunden die zwischen London und The Wash sowie nördlich davon gelegenen
15 Flugplätze von 123 lei. und 75 Kampf=Flugzeugen unter starkem Jagdschutz
mit guter Wirkung angegriffen worden. Die eigenen Verluste beliefen sich
auf 17, die feindlichen auf 47 Flugzeuge. Das IX. Flieg.Korps habe Minenunter=
nehmungen an der Ost= und Süd=Küste Englands durchgeführt. Am Tage
137
B. Kriegstagebuch
seien 5—y Einflüge in den Luftgau Westfrankreich mit Bombenabwurf an
2 Stellen, in der Nacht 108 Einflüge in den Luftgau Holland mit Bombenabwurf
an 9 Stellen, besonders auf Den Helder, 17 Einflüge in den Luftgau Belgien/
Nordfrankreich mit Bombenabwurf an 2 Stellen, 18 Einflüge in den Luftgau
Westfrankreich mit Bombenabwurf an 1 Stelle und 121 Einflüge in das
Reichsgebiet bis zur Linie Kopenhagen— Brandenburg— Rastatt mit Abwurf von
•75 Spreng= und 397 Brandbomben an 34 Stellen (9 Tote und 2 Verletzte)
erfolgt.
LIK meldet, daß die Engländer ihren Schiffsraumverlust in der Woche vom
20.— 27. 10. mit 198 000 BRT angeben. Es seien stets 8—10 deutsche U=Boote
am Feind.
LIH gibt einen Bericht des deutschen Militärattaches in Rom vom 28. 10.,
18.35 Uhr, wieder. Danach hat Marschall Badoglio General v. Rintelen am
23. 8. mitgeteilt, daß Italien nichts gegen Griechenland unternehmen werde,
falls nicht irgendwelche griechische oder englische Maßnahmen dazu zwingen
würden. Die für Anfang September geplante politische Aktion gegen Griechen=
land sei denn auch nicht durchgeführt worden, im Laufe des Monats jedoch die
vorgesehene Verstärkung des in Albanien stehenden XXVI. AKs. durch 3 Div.
erfolgt. Seit Mitte Oktober seien dann gesteigerte militärische Vorbereitungen
gegen Griechenland wahrzunehmen gewesen. Während General Roatta ihm
gegenüber am 23. 10. geleugnet habe, daß irgendwelche militärische Absichten
gegen Griechenland bestünden, habe Marschall Badoglio am folgenden Tage
zugegeben, daß alle Vorbereitungen zu einer Offensive getroffen seien für den
Fall der Verletzung der griechischen Neutralität durch die Engländer.
Am 27. io v 21.00 Uhr, habe Graf Ciano den deutschen Geschäftsträger,
Fürst Bismarck, offiziell davon unterrichtet, daß am folgenden Morgen um
3.00 Uhr der griechischen Regierung die ultimative Forderung der militärischen
Besetzung strategischer Punkte übergeben werden und um 6.00 Uhr auf jeden
Fall der Einmarsch in Nordgriechenland von Albanien aus erfolgen würde.
Ziel der Operation sei die Besetzung von Corfu, Vorstoß über Yannina bis
zum Golf von Patras zur Besetzung der diesem vorgelagerten jonischen Inseln
Levkas, Cephalonia und Zante sowie Vormarsch auf Athen und Saloniki. Die
Führung liege in der Hand des Kommandierenden Generals des XXVI. AKs.,
Visconti Prasca. Da von den in Albanien stehenden 9 Div. 2 zum Grenzschutz
gegen Jugoslawien benötigt würden, dürfte die italienische Überlegenheit nicht
so groß sein, daß bei einem ernsthaften Widerstand der Griechen mit einem
schnellen Erfolg gerechnet werden könne.
LIH berichtet weiterhin, daß nach Meldung des Militär=Attaches in Rom vom
29. 10., 13.45 Uhr, der italienische Vormarsch am 28. 10. bei schwachem Wider=
stand der griechischen Grenztruppen und sehr geringen eigenen Verlusten plan=
mäßig durchgeführt worden sei, aber starke Marschverzögerungen infolge des
ungünstigen Wetters eingetreten seien. Der Einsatz von Kampf= Verbänden der
italienischen Luftwaffe von Albanien aus sei wegen der Witterung unmöglich
138
3°- Oktober 1940
gewesen, von Italien aus hätten 60 Kampf=Flugzeuge den Flugplatz Tatoi bei
Athen, den Kanal von Corinth sowie die Häfen von Patras und Preveza
angegriffen (Akte WStK, Anlage 2).
L /// meldet, daß nach Mitteilung der WStK vom 29. 10. die Franzosen um
die Genehmigung gebeten hätten, 7 U=Boote aus dem Mittelmeer nach Casa=
blanca und Dakar entsenden zu dürfen, um ihre dortige U=Bootflotte wieder
auf den Stand von Anfang September (18 Boote) zu bringen. Der augen=
blickliche Bestand von 11 Booten erscheine angesichts der ständigen Bedrohung
ihrer west= und äquatorialafrikanischen Besitzungen als zu schwach. Die WStK
befürworte diesen Antrag.
Auf die vom Chef WFSt am 28. 10. geäußerten Besorgnisse und das am
gleichen Tage mit dem Chef des Stabes des W.B. Norwegen geführte Fern=
gespräch hin wird Ausl./Abw. III angewiesen, die z.Z. noch nach Nordnorwegen
laufenden Truppentransporte zunächst nicht für Täuschungszwecke gemäß den
am 22. 10. ausgegebenen neuen Richtlinien auszunutzen, um sie nicht zu ge=
fährden, und erst nach Abschluß der Transporte dem gegnerischen Nachrichten=
dienst Nachrichten über Verstärkung der in Norwegen stehenden Kräfte
zuzuspielen, um eine Bedrohung der englischen Insel aus dem norwegischen
Raum glaubhaft erscheinen zu lassen und zugleich die offensiven Operationen
der Kriegsmarine im Atlantik zu entlasten (Anl. 6).
Verfügung des OKW (WFSt/L II/IV 0660/40 geh.) v. 30. 10. über Befehls=
befugnisse im Generalgouvernement. Danach geht die durch den Führererlaß
v. 19. 10. 39 dem Oberbefehlshaber Ost übertragene militärische Führung im
Generalgouvernement nebst den damit verbundenen besonderen Rechten und
Befugnissen im Zuge der Neugliederung im Osten auf die jeweils oberste
Kommandobehörde des Heeres (z. Z. H.Gr. B) über (Anl. 7).
[handschr.] :
LIL: 121 Einflüge in deutsches Reichsgebiet, 30 Sprengbomben. Am Tage 25 t
auf London, nachts starker Einsatz.
LIK: Engländer geben Schiffsraumverlust der letzten Woche auf 198000 t an
(der Dünkirchen= Woche — 10000 t). Es sind stets 8—10 U=Boote am Feind,
einschließlich Italiener.
LIH: Meldungen des General von Rintelen über Kräfteansatz in Griechen=
land. Ziele südlicher Gruppe bis Golf von Patras, andere Gruppen Larissa und
Saloniki. Wetter außerordentlich schlecht. L III Verhandlungen deutsch=italieni=
scher Wirtschaftskommission mit französischen Mineralölindustriellen.
Frz. Antrag, 7 U=Boote nach Casablanca zu überführen.
Abtransport von 7 000 französischen Seeleuten aus England nach Frankreich.
LIM: Keine Bestätigung der Nachricht von der Landung englischer Truppen
in Kreta.
Ausland: In Athen Englandtaumel. Italienische Flieger mußten wegen schlech=
ten Wetters von Italien aus starten.
139
B. Kriegstagebuch
LIH: Gliederung Norwegen: XXXVI. (69, 214), XXXIII. Geb.Korps, etc.
Interne Besprechung:
Urlauberverkehr durch Finnland (L III).
L 77: Generalquartiermeisterfragen in einer Quartiermeistergruppe bei L
zusammenzufassen.
L II: Neue grüne Hefte (Monatsübersichten). Frage der Landesaufnahme.
Übernahme der Wehrmacht=Transporte Heer nach Libyen von Neapel aus
ab 1. 12. Dauer 3 Monate. Frage Heimatstab Süd bleibt noch in der Schwebe.
Eingliederung Elsaß=Lothringen. Ausübung der militärischen Hoheitsrechte,
Durchführungsbestimmungen. Neue Geheimhaltungsverfügung.
(20 Panzer=Divisionen / 4 Panzer=Brigaden / 12 mot. Divisionen und (unter ?)
18 Divisionen 1. Klasse.)
31. Oktober 1940
Lagebesprediung:
LIL meldet, daß am 30. 10. 67 Kampf= und 302 Jagdflugzeuge, in der Nacht
zum 31. 10. 175 Kampf=Flugzeuge gegen England eingesetzt worden seien. Auf
London seien am Tage von 52 lei. Kampf=Flugzeugen 13 t, in der Nacht von
125 Kampf=Flugzeugen 178 t Sprengbomben und 92 BSK abgeworfen worden.
Am Tage sei es beim Anflug und Angriff auf London sowie beim Rückflug zu
einer Reihe von Luftkämpfen mit zahlreichen englischen Jagdflugzeugen ge=
kommen, von denen 12 abgeschossen worden seien. Nachträglich sei noch
gemeldet worden, daß Kampf=Flugzeuge des italienischen Fliegerkorps am
29. 10. nachmittags die Hafenanlagen von Ramsgate mit 92 Bomben = 11 t
beworfen hätten. Das IX. Flieg.Korps habe in der Nacht zum 31. 10. Minen=
Unternehmungen an der Ostküste Englands durchgeführt. In der gleichen
Nacht seien in den Luftgau Holland 63 Feindeinflüge mit Bombenabwurf auf
Vlissingen, in den Luftgau Belgien/Nordfrankreich 41 Einflüge mit Bomben=
abwurf an 4 Stellen und ins Reichsgebiet 24 Einflüge mit Abwurf von
13 Sprengbomben an 5 Stellen in Nordwestdeutschland erfolgt. Die eigenen
Verluste beliefen sich auf 5, die feindlichen auf 13 Flugzeuge.
Nach Mitteilung des WiRüAmtes sollen die USA im ersten Kriegsjahr
743 Flugzeuge an England geliefert haben, davon etwa 250 im August und über
100 im Juli.
1777 meldet über die Lage in Griechenland am 29. 10. abends : Im Süd=
abschnitt verhindere eine Straßenunterbrechung bei Delvinakion den Vor=
marsch der 131. (Pz.)Div. Die 3. Alp.Div. habe die Gebirgspässe ostwärts
Konitza erreicht. Vom Nordabschnitt werde nur Spähtrupptätigkeit und Art.=
Störungsfeuer gemeldet.
L III berichtet, nach Mitteilung der WStK vom 30. 10. abends habe die
französische Abordnung an diesem Tage die Aufhebung der reservierten Zone,
140
31. Oktober 1940
die verwaltungsmäßige Rückgliederung der Departements Pas de Calais und
Nord sowie die Verstärkung der Land= und Luftstreitkräfte in Afrika und der
Landstreitkräfte in Indochina beantragt. Ihr sei erwidert worden, daß die
Entscheidung auf diese Wünsche vom Verlauf der z. Z. mit der französischen
Regierung geführten politischen Verhandlungen abhänge. Die französische
Abordnung habe weiterhin die Bitte um Freigabe der Rückführung der in der
Schweiz internierten französischen Soldaten (rd. 1 000 Offiziere und 30 000
Mann) erneuert, worauf ihr geantwortet worden sei, daß ein rechtlicher An=
spruch nicht bestünde, eine günstige Lösung dieser Frage aber denkbar sei,
wenn die französische Regierung die deutsche Forderung auf Entlassung aller
Elsässer und Lothringer aus dem französischen Wehrdienst und den Arbeits=
lagern vorbehaltlos erfülle. Auf Anfrage habe die französische Abordnung
mitgeteilt, daß die Kolonie Gabone nach wie vor zur Regierung Petain halte,
bei Angriffen der de Gaulle=Truppen aus Äquatorialafrika aber stark gefährdet
sei, da die dort stehenden Kräfte schwach seien und ihre Verstärkung z.Z. nicht
möglich sei. Die Engländer ließen französische Schiffe nicht über Conakry (etwa
100 km nördl. Freetown) hinausfahren (Akte WStK, Anl. 1 + 2).
[handschr.] :
LIL: Geringe englische Einflüge, Vereisung. Eigene Kampfhandlungen gegen
England litten unter der Wetterlage. 32 Londoner Kirchen zerstört oder nicht
benutzbar.
LIH: Stand italienischer Offensive gegen Griechenland am 29. 10. abends:
auf dem rechten Flügel i. allg. 10—12 km über die Grenze. General v. Rintelen
meldet geringe Ziele, kein Stoß auf Saloniki, Vorangekommen fast nur die
Alpendivision.
L III: De Gaulle hat Verteidigungsrat der französischen Kolonien gebildet.
Franzosen beantragen u. a. Aufhebung der reservierten Zone. Heute Laval und
Huntziger, 13.30 Uhr, bei Botschafter Abetz in Paris, der Obstlt. Speidel zu=
ziehen will. Antwort der Franzosen soll morgen im Auswärtigen Amt beraten
werden. Oberst Böhme fliegt wahrscheinlich heute vormittag nach Paris, um an
der Zusammenkunft mit den Franzosen teilzunehmen.
Ausland: Griechischer Kronprinz, der als russen=freundlich gilt, soll in
Sicherheit gebracht werden. Türkei scheint nur eingreifen zu wollen, wenn
Bulgarien sich feindlich gegen Griechenland einstellt. Rundfunkansprache Pe=
tains über seine Zusammenkunft mit dem Führer.
Bei englisch=amerikanischen Besprechungen in Washington soll die Uber=
lassung von Langstreckenbombern und weiteren Zerstörern an England be=
handelt worden sein.
WiRüAmt: Im ersten Kriegs jähr soll USA 743 Flugzeuge an England
geliefert haben, davon 250 im August und über 100 im Juli, im Juni annähernd
100.
141
B. Kriegstagebuch
1. November 1940
Die WStK meldet durch Fernschreiben vom 31. 10., 21.35 Uhr, daß an dem
Frühstück beim Botschafter Abetz in Paris am 31. 10. an führenden Persönlich=
keiten von französischer Seite der Außenminister Laval und der Kriegsminister
General Huntziger, von deutscher Seite der Militär=Befehlshaber in Frankreich,
General Otto v. Stülpnagel, der Gen.Qu. Heer, General Wagner, und der
Marinegruppenbefehlshaber West, Generaladmiral Saalwächter, teilgenommen
hätten. Nach dem Frühstück habe der französische Außenminister in längeren
programmatischen Erklärungen betont, daß Frankreich zur Zusammenarbeit
mit Deutschland bereit sei und die Einzelheiten der Durchführung zu regeln
wünsche. Er habe hierbei insbesondere die Erfüllung der deutschen militä=
rischen Wünsche in Afrika in Aussicht gestellt und als Kompensation ver=
waltungsmäßige und wirtschaftliche Erleichterungen im Mutterland (Lockerung
der Demarkationslinie, Rückgliederung der Departements Nord und Calais,
Herabsetzung der Besatzungskosten, Festsetzung eines neuen Umrechnungs=
kurses) erbeten. Grundsätzliche territoriale Fragen habe er nicht berührt.
Anschließend habe General Huntziger dem Chef des Stabes des Militär=
Befehlshabers in Frankreich, Oberstleutnant Speidel, eine Aufzeichnung über
die militärischen Verhandlungspunkte übergeben, die am 1. 11. nachmittags an
die WStK gelangen werde und sogleich an das OKW weitergeleitet werden
würde. Botschafter Abetz und Oberstleutnant Speidel hätten sich rezeptiv
verhalten und betont, daß weitere Verhandlungen Aufgabe der WStK bzw. der
WSt=Delegation für Wirtschaftsfragen seien (Akte WStK, Anl. 1).
General Huntziger sei auch auf die Frage der Entlassung der elsässischen
und lothringischen Soldaten zu sprechen gekommen und habe um Zeit gebeten,
um einen geeigneten Weg zur Erfüllung der deutschen Wünsche zu finden.
Botschafter Abetz habe der WStK ferner mitgeteilt, er sei vom Gauleiter
Bürckel aufgefordert worden, der französischen Regierung mitzuteilen, daß von
der nächsten Woche an 100 000 Lothringer mit täglich zwei Zügen in das
unbesetzte Frankreich abgeschoben werden sollten. Er habe demgegenüber
Bedenken geäußert, ob diese Maßnahme z.Z. politisch zweckmäßig sei, und
eingewandt, daß die französische Regierung erst Vorbereitungen zur Auf=
nähme treffen müsse. Außerdem sei die Mitteilung dieser beabsichtigten Maß=
nähme an die französische Regierung Aufgabe der WStK. Er halte mindestens
eine Verschiebung für zweckmäßig. Die WStK habe diese Angelegenheit dem
Auswärtigen Amt zur Entscheidung unterbreitet.
Lagebesprechung:
LIL meldet, daß am 31. 10. 64 Kampf= und Aufklärungs=Flugzeuge und in
der Nacht zum 1. 11. statt der vorgesehenen 200 Kampf=Flugzeuge wegen un=
günstiger Witterung nur 69 Kampf=Flugzeuge gegen England eingesetzt wor=
den seien. Über London seien am Tage 7 t, in der Nacht 48 t Sprengbomben
142
l. November 1940
und 83 BSK abgeworfen worden. Das IX. Flieg.Korps habe ein Minenunter=
nehmen an der Südwestküste Englands durchgeführt. Feindliche Einflüge mit
Bombenabwurf seien nur am 31. 10. in holländisches Gebiet erfolgt.
LIK meldet, daß als erster der zum Handelskrieg eingesetzten Hilfskreuzer
Schiff 21 heimgekehrt und am 31. 10. in Brest eingelaufen sei. Die Erkundung
der libyschen Häfen durch Kpt.z.S. Montigny habe ergeben, daß der Hafen
von Benghasi für die Ausladung der nach Libyen zu entsendenden deutschen
Truppen nicht in Betracht komme und daß in Tripolis täglich nur 2 Dampfer
entladen werden könnten. Er stellt zur Erwägung, das deutsche Expeditions=
korps in Tunis zu landen und von dort auf dem Landwege nach Ägypten vor*
zuführen.
LIH berichtet über eine Unterredung des Militär=Attaches in Rom mit
Marschall Badoglio am 30. 10. nachmittags. General v. Rintelen habe dem Mar=
schall das Einverständnis des Chefs OKW mit dem für die Besprechung in
Innsbruck vorgesehenen Termin zwischen dem 10. und 15. 11. übermittelt und
ihm weiterhin mitgeteilt, daß die Vorbereitungen für den Transport der Pz.Div.
nach Libyen soweit gefördert seien, daß die Vorkommandos am 5. 11. abreisen
könnten. Marschall Badoglio habe um Festsetzung des Tages für die Be=
sprechung gebeten und hinsichtlich des Einsatzes der Pz.Div. darauf hin=
gewiesen, daß der Duce mit dem Führer in Florenz übereingekommen sei,
diese Frage bis zur Innsbrucker Besprechung aufzuschieben. Marschall Badoglio
habe bei dieser Gelegenheit seiner Genugtuung über die großen Erfolge der
U=Boote in den letzten Tagen Ausdruck gegeben und die Abschnürung von
der Zufuhr als wirksamstes Mittel erklärt, um England zur Übergabe zu
zwingen. Zur Lage in Griechenland habe er auf die ungünstige Witterung
hingewiesen, die den Einsatz der Luftwaffe nicht gestatte. Der Widerstand der
Griechen sei schwach, die Engländer hätten sich bisher nicht gerührt, und auch
Jugoslawien und die Türkei verhielten sich ruhig. Italien sei es sehr erwünscht,
wenn möglichst starke deutsche Kräfte in Rumänien stünden, um einen Druck
auf die Türkei auszuüben. Was die italienischen operativen Absichten in
Griechenland anbelange, so solle zunächst Epirus bis zum Golf von Arta
besetzt und alsdann der Vormarsch in der Richtung auf Athen fortgesetzt
werden. Ob die nördliche Gruppe auf Saloniki antreten würde, hänge von der
Entwicklung der Lage ab (Anl. 4).
Abt. Ausl. teilt mit, daß der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu
Griechenland aus Abwehrgründen und zwecks Austausches der in Griechenland
befindlichen Deutschen und der in Deutschland befindlichen Griechen noch
hinausgezögert werden solle.
Chef L meldet dem Chef WFSt bei seinem Vortrag am Nachmittag in
Ergänzung der am 25. 10. vorgelegten Vortragsnotiz über die Entsendung deut=
scher Truppen nach Libyen (vgl. 25. 10./S. 126), daß auf Grund des Erkundungs=
ergebnisses des Generals Ritter v. Thoma für die nach Libyen zu überführende
3. Pz.Div. nunmehr folgende Gliederung beabsichtigt sei: Pz.Rgt. 5 mit 2 Abt.,
143
B. Kriegstagebuch
Schütz.Rgt. 394 (mot.) mit 2 Inf. und 1 Krad=Schütz.Btl. / Aufkl. 3 sowie
1 weitere Aufkl.Abt., Artl.Rgt. y5 mit 1 lei. und 1 schw.Abt., 1 Pz.Jäg.Abt.,
x Pi.Komp. mit 2 Brückenkolonnen und 1 Nachr.Abt. mit x zusätzlichen Fern=
sprech=Komp. für rückwärtige Verbindungen. Außer den planmäßigen Nach=
schubdiensten würden der Pz.Div. noch zusätzliche Nachschubverbände zur
Sicherstellung selbständiger Versorgung zugeteilt werden (Anl. 6).
Chef L legt dem Chef WFSt weiterhin die Vortragsnotiz des L IV vom 19. 10.
über die tags zuvor unter Leitung des L 7/ abgehaltene Besprechung der mit der
Entsendung deutscher Truppen nach Libyen zusammenhängenden Quartier=
meisterfragen vor (vgl. 28. 10./6, Anl. 5/28. 10.).
Chef WFSt erklärt sich damit einverstanden, daß von der Aufstellung eines
Heimatstabes Süd vor der Hand abgesehen und die diesem zufallende Aufgabe
zunächst von L IV übernommen wird. Er macht sodann folgende Mitteilungen :
Der Führer sei mit dem Vorgehen Italiens gegen Griechenland, dessen Aus=
sichten er in jeder Hinsicht negativ beurteile, so wenig einverstanden, daß er
jede Neigung zu einem engen militärischen Zusammenarbeiten mit Italien ver=
loren habe. Infolgedessen sei es fraglich, ob es noch zu dem bisher beabsich=
tigten Einsatz deutscher Truppen in Libyen kommen werde. Eine Entscheidung
hierüber werde aber erst fallen, nachdem der Ob.d.H. zusammen mit General*
major Ritter v. Thoma dem Führer am 2. 11. Vortrag gehalten und nachdem die
vorgesehene Besprechung zwischen dem Chef OKW und Marschall Badoglio
stattgefunden habe. Sollte vom Einsatz deutscher Truppen in Libyen abgesehen
werden, so komme als allerdings geringwertiger Ausgleich ein Vorstoß aus
Bulgarien an das Ägäische Meer in Frage. Im übrigen wolle der Führer nun=
mehr den Angriff gegen Gibraltar zusammen mit Spanien, aber möglichst ohne
Mitwirkung Italiens durchführen. Weiterhin habe er die Besetzung der Atlan=
tischen Inseln und gegebenenfalls auch Portugals ins Auge gefaßt.
Chef L nimmt hierzu folgendermaßen Stellung: Die Absichten für die Fort=
führung des Krieges während des Winters können nicht voll befriedigen. Der
verschärfte Luftkrieg gegen England leide erheblich unter der ungünstigen
Witterung, die wohl während des ganzen Winters anhalten werde. Sähe man
von der Entsendung deutscher Truppen nach Libyen ab, so werde die italieni=
sehe Offensive gegen Ägypten wohl kaum zu einem entscheidenden Erfolge
führen und es nicht zu der so erwünschten Bereinigung der Lage im Mittelmeer
kommen. Damit würde die italienische Schlachtflotte weiterhin im Mittelmeer
festgehalten werden und ihr Einsatz im Atlantik gemeinsam mit den deutschen
schweren Seestreitkräften gegen die englischen Schlachtschiffe nicht in Frage
kommen.
Chef WFSt erklärt demgegenüber, daß es bei dem vorgesehenen Einsatz deut=
scher Luftstreitkräfte gegen Ägypten bleiben solle, weiterhin der Einsatz von Luft=
minen gegen Alexandria und den Suez=Kanal beabsichtigt sei und außerdem
der Einsatz von Stukas von Syrien aus gegen das englische Alexandria=
Geschwader erwogen werde. Auch erwarte man vom Fall Gibraltars Rück=
144
i. November 1940
Wirkungen auf das östliche Mittelmeer. Was die militärische Zusammenarbeit
mit Frankreich anbelange, so sei sie bei den Verhandlungen des Führers mit
Marschall Petain und Außenminister Laval nur in ganz großen Zügen be=
sprochen worden.
Bei der weiteren Erörterung dieser Frage mit dem Chef WFSt und dem
hinzukommenden Chef OKW ergibt es sich, daß Frankreich Deutschland
gegenüber künftig die Haltung einer wohlwollenden neutralen Macht ein=
nehmen, sich hingegen nicht als im Kriegszustand mit England befindlich
erklären wird. Es werde auf seinem Hoheitsgebiet Maßnahmen der deutschen
Kriegführung gegen England dulden und, soweit erforderlich, auch durch
Einsatz eigener Verteidigungsmittel unterstützen. Frankreich sei sich darüber
im klaren, daß sich aus dieser Haltung für einzelne französische Kolonien oder
auch für das gesamte französische Kolonialreich eine Art Kriegszustand mit
England entwickeln könnte.
Chef L weist hierzu darauf hin, daß im Hinblick auf diese Zusammenarbeit
mit Frankreich die Frage der einheitlichen Vertretung der Wehrmacht gegen=
über der französischen Regierung nunmehr dringlich geworden sei, und legt
hierfür einen neuen Befehlsentwurf nebst einer Vortragsnotiz des L IV a vor,
in denen gegenüber dem Befehlsentwurf und der Vortragsnotiz vom 25. 10.
(vgl. 25. 10./S. 126 f.) die inzwischen erfolgte Ernennung eines Oberbefehls=
habers West und eines Mil.Bef. in Frankreich berücksichtigt ist (Anl. 6).
Chef WFSt teilt hierzu mit, daß die von der Abt. L in der Vortragsnotiz vor=
geschlagene Schaffung der Stelle eines Wehrmachtbevollmächtigten in Frank=
reich unter gleichzeitiger Auflösung der WStK nicht mehr in Frage komme,
da der Führer befohlen habe, daß die Verhandlungen mit der französischen
Regierung über die künftigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frank=
reich vom Reichsaußenminister unter Zuziehung eines höheren Offiziers des
Wehrmachtführungsstabes geführt werden sollten, und zwar nicht in Paris
oder in Wiesbaden, sondern an einem noch zu bestimmenden dritten Ort. Die
WStK werde in Wiesbaden bleiben und ihre bisherige Aufgabe behalten, sie
werde also alle auf Grund des Waffenstillstandsvertrages erforderlichen Ver=
handlungen mit den Vertretern der französischen Regierung zu führen haben
und darüber hinaus durchführende Stelle für die Ergebnisse der vom Reichs=
außenminister zu führenden Verhandlungen sein. Mit der Linie, die bei den
letzteren eingehalten werden solle, habe sich der Duce bei den Besprechungen
in Florenz einverstanden erklärt. Daher seien von italienischer Seite keine
Einsprüche und keine militärischen Forderungen an die Franzosen, durch
welche die Verhandlungen mit den Franzosen gestört werden könnten, mehr
zu befürchten.
Von der Abt. L sollten nunmehr alle Wünsche und Forderungen der Wehr=
macht an Frankreich auf den Gebieten der Kriegführung, der Wehr= und
Rüstungswirtschaft und des Verkehrs als Grundlage für die bevorstehenden
Verhandlungen zusammengestellt werden.
145
B. Kriegstagebuch
Was die Forderung des Gauleiters Bürckel auf Abschub von 100 ooo Lothrin=
gern in das unbesetzte Frankreich anbelange, so habe der Führer entschieden,
daß der Abschub sofort durchgeführt werden solle. Der Führer habe sich bei
dieser Gelegenheit dahin ausgesprochen, daß es nicht zweckmäßig sei, von
derartigen Maßnahmen mit Rücksicht auf die bevorstehenden Verhandlungen
mit Frankreich im Augenblick Abstand zu nehmen. Vielmehr sollten sie gerade
jetzt durchgeführt werden, ehe die eigentlichen Verhandlungen mit Frankreich
begonnen haben, um diese nicht bei späterer Durchführung zu stören.
Chef L kommt im Anschluß hieran nochmals auf das Vorgehen der Italiener
gegen Griechenland zu sprechen und schlägt vor, die Italiener auf die strate=
gische Bedeutung Kretas eindringlich hinzuweisen. Er meldet weiterhin, daß
die Luftwaffe sich an der vom OKH vorgesehenen Erkundung gegen Gibraltar
nicht beteiligen wolle und daß der Reichsmarschall hierüber dem Führer selbst
Vortrag halten werde.
Chef WFSt weist darauf hin, daß die schwierige wirtschaftliche Lage Spaniens
es notwendig mache, daß der nach Spanien gehende Erkundungsstab des Heeres
sich mit bescheidenen Reisemitteln begnüge und seine gesamte Versorgung von
der Heimat aus erfolge. Das OKH solle hierauf hingewiesen werden.
Chef L meldet dem Chef WFSt sodann, anknüpfend an die von diesem am
28. 10. geäußerten Besorgnisse, daß der Chef des Stabes des W.B. Norwegen
ihn fernmündlich um einen stärkeren Schutz der z.Z. noch nach Norwegen
laufenden Truppentransporte durch die Kriegsmarine und Luftwaffe gebeten
habe. Er (Chef L) habe daraufhin, um eine Gefährdung dieser Transporte zu
vermeiden, Ausl./Abw. III am 30. 10. angewiesen, diese Bewegungen zunächst
nicht für Täuschungszwecke gemäß den am 22. 10. ausgegebenen neuen Richt=
Knien auszunutzen und erst nach Abschluß der Transporte dem gegnerischen
Nachrichtendienst Nachrichten über Verstärkung der in Norwegen stehenden
Kräfte zuzuspielen (vgl. 28. und 30. xo.).
Chef L überreicht dem Chef WFSt schließlich noch eine von L II bearbeitete
Vortragsnotiz, in welcher zu der vom General Jänicke in einer Denkschrift
erhobenen Forderung nach Bildung einer neuen großen Organisation als
„Generalquartiermeister Wehrmacht" im ablehnenden Sinne Stellung genom=
men und stattdessen vorgeschlagen wird, die vom OKW zu leitenden Quartier=
meisteraufgaben der Gesamtwehrmacht auf den Gebieten der Verwaltung, der
Versorgung und des Rechtswesens bei WFSt/ Abt. L zusammenzufassen und
hierzu die bisherige Gruppe L IV zu einer Quartiermeister=Gruppe auszubauen.
Chef WFSt stellt sein Einverständnis hiermit in Aussicht (Anl. 7).
Lagebericht 3 zur Unterrichtung des „deutschen Generals beim Haupt=
quartier der italienischen Wehrmacht" (Anl. 8).
Verfügung des OKW (WFSt/L IV 3608/40) vom 1. 11. über den Reiseverkehr
für Einzelreisende zwischen dem Reichsgebiet und der deutschen Wehrmacht«
mission in Rumänien (Anl. 9).
Vortragsnotiz L III über Jahresbevorratung Norwegens (Anl. 10).
146
3. November 1940
Amt Ausl./Abw. wird vom Chef WFSt auf Anregung des Chefs L darauf
hingewiesen, daß die wiederholt und nachdrücklich bekanntgegebenen Geheim=
haltungsbestimmungen neuerdings vielfach verletzt worden seien und daß
infolgedessen vom Führungsstandpunkt aus eine erneute Belehrung und War=
nung in eindringlicher Form geboten sei (Anl. 11).
[handschr.] :
LIL: Gestern tags und nachts keine Einflüge. Auch die deutschen Angriffe
litten unter der Wetterlage. Tags 64Kampf= und Auf klärungs=Flugzeuge, nachts
73. Wetter wechselnd.
L ///: In Paris gestern Besprechung Laval, Huntziger mit Hemmen; zur
Zusammenarbeit weitgehend bereit; von deutscher militärischer Seite Mil.Bef.
Frankreich, Generalquartiermeister, Adm. Saalwächter, anwesend, aber kein
Vertreter der WStK (Waffenstillstandskommission).
LIH: OKH hat beantragt, die Brücken diesseits der Führerlinie mit Minen=
kammern zu versehen.
L IV: Erlaß des Führers über Angleichung Elsaß=Lothringens und Luxem=
burgs. Befehlsverhältnisse im Generalgouvernement.
Ausland: Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Griechenland soll
noch hinausgezögert werden, um Austausch der Deutschen und Griechen zu
ermöglichen und aus Abwehrgründen. Nach Äußerung Lavais soll bei der
Besprechung Führer— Petain die Frage territorialer Abtretungen nicht berührt
sein.
Chef L: Besprechung mit Marschall Badoglio soll vorbereitet werden.
Ausland: Auffassung des Führers über das italienische Vorgehen gegen
Griechenland in allen Punkten negativ. Der Führer hat von der italienischen
Absicht nichts gewußt.
LIK: Erkundung des Kpt. v. Montigny: Bengasi scheidet aus, Tripolis täglich
2 Schiffe, Gedanke in Tunis zu landen. Chef L stimmt zu.
L IV: Frage der Errichtung eines militärischen geographischen Instituts. Chef
L schlägt vor, einen Führerbefehl zu erwirken. Entwurf. — Frage der einheit=
liehen Vertretungen der Wehrmachtinteressen gegenüber der französischen
Regierung.
3. November 1940 [Sonntag]
Lagebericht (keine Lagebesprechung):
Nach dem Lagebericht des Lw.Fü.Stabes vom 3.11. sind am 2.11. 152 Kampf=
und 324 Jagd=Flugzeuge, in der Nacht zum 3. 11. 118 Kampf=Flugzeuge gegen
England eingesetzt und am Tage von 37 Kampf=Flugzeugen 11 t, in der Nacht
von 102 Kampf=Flugzeugen 117 t Sprengbomben und 126 BSK auf London
abgeworfen worden. Während des Tageseinsatzes ist es mehrfach zu Luft=
kämpfen gekommen, bei denen 3 eigene und 2 feindliche Flugzeuge ab=
147
B. Kriegstagebuch
geschossen worden sind. Von den nachts gegen London eingesetzten Kampf=
Flugzeugen, die bei Sturm, starken Böen und Regenschauern z.T. vereisten,
sind 4 nicht zurückgekehrt. Die Gesamtverluste betragen mithin g eigene und
2 feindliche Flugzeuge. Vom IX. Flieg. Korps wurde nachts ein Minenunter=
nehmen an der Südostküste Englands durchgeführt. Außer 7 kurzen Ein=
flügen in den Luftgau Belgien/Nordf rankreich am 2. 11. abends mit Bomben=
abwurf in der Gegend von Boulogne erfolgten keine Feindeinflüge in die
besetzten Gebiete und das Reichsgebiet. — Nach Pressemeldungen werden
durch das englische Ernährungsministerium z.Z. in ganz London Lebensmittel
lager in Kirchen, Kinos und anderen Gebäuden eingerichtet, um einer Hungers=
not in den infolge der deutschen Luftangriffe vom Verkehr abgeschnittenen
Stadtteilen vorzubeugen.
In Nordgriechenland erzielte die italienische 51. Div. jenseits des Kalamas bei
Kalbaki geringen Geländegewinn, die 3. Alp.Div. erreichte die Linie Furka—
Zerma.
4. November 1940
Lagebesprechung:
LIL meldet, daß am 3. 11. 33 Kampf=Flugzeuge gegen England eingesetzt
worden seien, von denen 11 auf London 17 1 Sprengbomben abgeworfen hätten.
In der Nacht zum 4. 11. seien wegen der Wetterlage keine Angriffe erfolgt.
Das IX. Flieg.Korps habe ein Minenunternehmen an der Südwestküste Eng=
lands durchgeführt. In den Luftgau Holland seien am Tage 5 feindliche Flug=
zeuge eingeflogen, die 8 Sprengbomben auf die Scheidewerft bei Vlissingen
und 4 Sprengbomben auf Amsterdam geworfen hätten. In der Nacht seien 11
Feindeinflüge in das Reichsgebiet erfolgt mit Abwurf von 25 Spreng= und 10
Brandbomben an 5 Stellen bei Kiel. Die eigenen Verluste beliefen sich auf 2,
die feindlichen auf 3 Flugzeuge.
LIH meldet, daß in Nordgriechenland die 3. Alp.Div. Samarina erreicht habe.
LIK berichtet, der englische Erste Seelord habe bekanntgegeben, daß eng=
lische Truppen in Griechenland gelandet seien. Auf Kreta solle die Errichtung
englischer Flotten= und Luftstützpunkte in Gang sein.
Chef L überreicht dem Chef WFSt bei seinem Vortrag am Nachmittag eine
Zusammenstellung der französischen Forderungen auf Grund des Memoran=
dums des Generals Huntziger vom 31. 10. (vgl. Akte WStK Anl. 2/2. 11.) nebst
Stellungnahme der WStK vom 3. 11. und der Abt.L vom 4. 11.
Chef L führt hierzu aus: Er stimme der Auffassung der WStK grundsätzlich
zu, daß bei der Freigabe französischer Kräfte im Mutterland und in Nordafrika
zur Sicherung des afrikanischen Kolonialreiches und Rückgewinnung der ver=
lorenen Gebiete im Hinblick auf die zu erwartende englische Gegenwirkung
halbe Maßnahmen nicht am Platze seien. Es komme vielmehr darauf an, die
Wünsche der Franzosen schnell und großzügig zu befriedigen, soweit es die
148
4. November 1940
Interessen der deutschen Kriegführung, in erster Linie auf wehrwirtschaftlichem
Gebiet, zuließen, da hierdurch die Stellung der Regierung Petain zum Schaden
Englands gestärkt werden würde.
Soweit bisher zu übersehen, werde auch seitens der Wehrmachtteile und des
WiRüAmtes kein grundsätzlicher Einspruch erhoben. Die Seekriegsleitung habe
bereits zugestimmt, fordere lediglich, der französischen Admiralität operative
Handlungsfreiheit nur im Rahmen entsprechender Operationen zuzubilligen
und von Frankreich die Bekanntgabe der Geheimchiffren zu verlangen, die im
Verkehr mit den französischen Seestreitkräften benutzt werden sollten. Ähn=
liehe Einschränkungen seien vom Ob.d.L. und vom WiRüAmt zu erwarten, die
grundsätzliche Zustimmung zu den Forderungen der Franzosen brauche aber
nicht ausgesetzt zu werden, bis sie eingegangen seien.
Es werde daher vorgeschlagen, die Forderungen der Franzosen grundsätzlich
zu bewilligen und die WStK zu beauftragen, mit der französischen Abordnung
die Durchführung in großzügiger Form zu regeln, wobei die noch einer näheren
Klärung bedürfenden Fragen zunächst zurückzustellen seien. Es erscheine nicht
zweckmäßig und erforderlich, mit den Italienern hierüber in Verhandlungen
einzutreten, diesen sei vielmehr durch das Auswärtige Amt und die WStK
lediglich Kenntnis von den getroffenen Entscheidungen zu geben. Die von den
Franzosen für Indochina beantragten Verstärkungen (vgl. 31. 10./2) sollten
ebenfalls freigegeben werden.
Chef L legt dem Chef WFSt weiterhin eine Vortragsnotiz des L II vom 31. 10.
über die vom OKH geforderte Errichtung eines Militärkartographischen Insti=
tuts nebst zustimmender Stellungnahme der Abt. L und einen Entwurf für
einen entsprechenden Führerbefehl und ferner eine Vortragsnotiz des L II vom
4. 11. über die Gestellung von Lastkraftwagenkolonnen für die vom Führer
angeordneten Luftschutzbauten im gesamten Reichsgebiet mit einem Ver=
fügungsentwurf vor. (Letzterer wird vom Chef OKW am 5. 11. unterzeichnet,
an die Wehrmachtteile ausgegeben und dem Generalbevollmächtigten für die
Regelung der Bauwirtschaft, Reichsminister Dr. Todt, zur Kenntnisnahme über=
sandt.) (Anl. 5.)
Chef WFSt teilt dem Chef L mit, daß der Chef OKW dem am 1. 11. unter=
breiteten Vorschlag, die bisherige Gruppe IV der Abt. L zu einer Quartier=
meistergruppe auszubauen (vgl. Anl. 7/1. 11.), zugestimmt und die ent=
sprechende Verfügung unterzeichnet habe. (Letztere wird noch am gleichen
Tage ausgegeben. Der Ausbau der bisherigen Gruppe L IV zu einer Quartier=
meistergruppe soll bis 1. 12. durchgeführt sein.)
Chef WFSt teilt sodann folgendes mit: Der Führer habe nach Vortrag des
Ob.d.H. und des Generals Ritter v. Thoma den Entschluß gefaßt, bis auf
weiteres von der Entsendung eines Pz.=Verbandes nach Libyen abzusehen. Er
habe sich hierzu durch folgende Gründe bestimmen lassen:
1. die von General Ritter v. Thoma gemeldete mangelnde Bereitschaft der
Italiener zur Fortsetzung der Offensive gegen Ägypten, weshalb die italienische
149
B. Kriegstagebuch
Führung auch keinerlei Neigung zeige, einen deutschen Stoßverband in Ägyp=
ten zu verwenden;
2. die unbefriedigenden Eindrücke, die General Ritter v. Thoma sowohl im
Hauptquartier der in Libyen eingesetzten italienischen Heeresgruppe wie auch
bei der italienischen 10. Armee von der italienischen Führung erhalten habe;
3. die geringen Ergebnisse der bisherigen Kämpfe in Ägypten, die un=
günstigen Aussichten für die Fortsetzung der Offensive bei zunehmender Ent=
fernung von der Basis, die schwierige Wasserversorgung auch nach Durch=
führung der von den Italienern bisher in dieser Hinsicht getroffenen Maß=
nahmen und der starke Leistungsabfall der Motoren der in Libyen und
Ägypten verwendeten Kraftwagen.
Für die von der Abt. L zu bearbeitende neue Weisung für die Kriegführung
erteilt Chef WFSt auf Grund der heutigen Besprechung des Führers mit dem
Ob.d.H. und dem Chef des GenStdH folgende Anweisungen (Anl. 8) :
Unabhängig von der erwähnten Entscheidung des Führers seien allgemeine
Vorbereitungen für den Einsatz deutscher Kräfte in Libyen weiter zu betreiben,
praktische Vorarbeiten jedoch zurückzustellen, bis die Italiener den zweiten
Sprung nach Marsa Matruk gemacht hätten. Alsdann sei in erster Linie der
Einsatz deutscher Fliegerkräfte ins Auge zu fassen. Von den in italienischen
Häfen liegenden deutschen Schiffen sollten diejenigen, die sich zum Truppen^
transport eigneten, hierzu hergerichtet werden, da sie, wenn nicht für Libyen,
so doch sicher für Transporte nach Nordafrika gebraucht würden.
Das OKH habe Vorbereitungen zu treffen, um im Bedarfsfalle gemeinsam
mit den Bulgaren und in Übereinstimmung mit den italienischen Operationen
in Griechenland Griechisch=Mazedonien und =Thrazien in Besitz zu nehmen
und damit die Voraussetzung für den Einsatz deutscher Fliegerverbände gegen
diejenigen englischen Luftstützpunkte zu schaffen, von denen aus das rumä=
nische Erdölgebiet bedroht werden könnte. Eine Verstärkung des bulgarischen
Flankenschutzes gegen die Türkei werde hierbei nicht zu vermeiden sein. Der
sofortigen Verstärkung der Heeresmission in Rumänien um 1 Geb.Btl. und
1 Geb.Battr. habe der Führer zugestimmt.
Zur Verbesserung der Lage im westlichen Mittelmeer und im Atlantik trage
der Führer sich mit folgenden Absichten:
Sobald die politischen Verhandlungen mit Spanien zu einem günstigen Er=
gebnis geführt hätten, sollten in getarnter Form die Erkundungen gegen Gibral=
tar und die Einrichtung von Flugplätzen auf spanischem Boden durchgeführt
und die zum Einsatz in Spanien bestimmten Verbände in Südfrankreich ver=
sammelt werden.
Zu einem günstigen Zeitpunkt hätten sodann Kampfverbände der Luft=
waffe einen Luftüberfall auf die im Hafen von Gibraltar liegenden englischen
Flottenteile durchzuführen, gleichzeitig die in Südfrankreich bereitgestellten
Verbände die französisch=spanische Grenze zu überschreiten oder zu über=
fliegen, um Gibraltar anzugreifen, das der Führer nach der Wegnahme den
150
4. November 1940
Spaniern übergeben wolle. Zur Sicherung der Meerenge sollten spanische und
gegebenenfalls auch französische Seestreitkräfte herangezogen, mit dem
Küstenschutz vorerst deutsche Batterien betraut werden. Wichtig sei es, in
Erfahrung zu bringen, was an Küstenbatterien in Ceuta und Tanger ver=
wendungsbereit sei. Vielleicht werde es auch nötig sein, deutsche Kräfte nach
Spanisch=Marokko zu überführen.
Gleichzeitig mit dem Angriff auf Gibraltar sollten die Kanarischen und Kap
Verdischen Inseln von deutschen Kräften besetzt werden. Der Führer habe den
Wunsch ausgesprochen, daß ihm baldigst eine im engsten Kreise zu bear=
beitende Studie vorgelegt werde, in der zu dieser Frage vom Standpunkte der
Land=, Luft= und Seekriegführung Stellung genommen werden solle. Die
Inbesitznahme der Kap Verdischen Inseln wolle der Führer in einer Note an
Portugal damit begründen, daß die Engländer beabsichtigten, sie zu besetzen.
Der portugiesischen Regierung solle hierbei erklärt werden, daß ihr Land sofort
von deutschen Truppen besetzt werden würde, wenn sie den Engländern
irgendwelche Unterstützung gewährten. Als Bekräftigung dieser Drohung
sollten hinter den Angriffstruppen für Gibraltar einige mot. Divisionen folgen.
Was das Unternehmen „Seelöwe" anbelange, so seien die Vorbereitungen
ernsthaft weiter zu betreiben, da die Möglichkeit oder Notwendigkeit, im
Frühjahr auf das Unternehmen zurückzukommen, nicht ausgeschlossen sei.
In die Weisung seien schließlich noch die auf die künftige Zusammenarbeit
mit Frankreich hinzielenden Absichten des Führers aufzunehmen, wobei darauf
hingewiesen werden müsse, daß die vorgesehenen Besprechungen mit der
französischen Regierung vorerst ausschließlich durch das Auswärtige Amt in
Verbindung mit dem OKW geführt werden sollten.
Chef WFSt ordnet ferner an, für die bevorstehende Besprechung des Chefs
OKW mit Marschall Badoglio die hierbei zu behandelnden Fragen (Einsatz
deutscher Truppen bei der italienischen Offensive gegen Ägypten, Angriff
auf Gibraltar ohne Beteiligung italienischer Kräfte, Verstärkung der Wehr=
machtmission in Rumänien und gegebenenfalls Vorstoß deutsch=bulgarischer
Kräfte durch Griechisch=Mazedonien und =Thrazien an das Ägäische Meer,
Zurückziehung der an der Kanalküste eingesetzten italienischen Fliegerver=
bände während des Winters nach Italien, Durchsetzung des deutschen Stand=
punktes im Verhalten gegenüber Frankreich, Lieferung von Rohstoffen an
Italien) zusammenzustellen (vgl. Anl. 6/6. 11.).
Chef L bringt die bei seinem Vortrag am 8. 10. angeschnittene Frage des
Verhältnisses von Wehrmacht und Waffen=SS (vgl. 8. 10.) erneut zur Sprache
und drängt auf baldige Regelung.
Verfügung des OKW über den Einsatz geheimer Feldpolizei in Rumänien
(Anl. 9).
[handschr.] :
LIL: Am 3. 11. wegen Wetterlage nur geringe Angriffe, nachts konnten
151
B. Kriegstagebuch
die Luftflotten 2 und 3 nicht starten, dagegen die Luftflotte 5 gegen Schottland.
In London werden überall Lebensmittellager eingerichtet, um einer Hungersnot
vorzubeugen.
LIK: Englische Truppen sind in Griechenland (Kreta) gelandet.
Ausland: Antonescu ist nach Berlin eingeladen worden.
WiRüAmt: Italien fordert 80000 t Heizöl, 20000 t Flugbenzin; die Franzosen
haben ihnen 4000 t angeboten. Sie fordern weiter Kautschuk. Vortrag des
General Thomas beim Reichsmarschall. Beschleunigte Luftschutzbauten. Prof.
Dr. Speer ist hiermit beauftragt. Die Wehrmacht soll Lkw zur Verfügung
stellen. Die Organisation Todt soll rumänische Ölleitungen nach Bagis und
Giurgiu bauen.
Interne Besprechung:
Thema: Französische Wünsche. Stellungnahme der Waffenstillstandskom=
mission. Nach Ansicht des Chefs L sollte man die französischen Wünsche
möglichst schnell bewilligen ohne das bisherige Mißtrauen, um die Zusammen=
arbeit bald in Gang zu bringen. Vor einem entsprechenden Schritt von Chef L
soll die Stellungnahme der Wehrmachtsteile angefordert werden.
LIK: Marine hat wahrscheinlich keine Einwendungen. Vom WiRüAmt wird
die Angelegenheit noch überprüft.
Am 5. 11. wegen Hubertusjagd keine Lagebesprechung.
5. November 1940
Lagebericht (keine Lagebesprechung):
Von der Luftwaffe wurden am 4. 11. 47 Kampf= und Aufklärungs= und
14 Jagdflugzeuge, in der Nacht zum 5. 11. 195 Kampf=Flugzeuge gegen England
eingesetzt und am Tage 2,4 t, in der Nacht 183,75 * Sprengbomben und 16 BSK
auf London abgeworfen. In die Luftgaue Holland, Belgien/Nordfrankreich und
Westfrankreich erfolgten am 4. und in der Nacht zum 5. 11. einzelne Feind=
einflüge mit Abwurf von Spreng= und Brandbomben bei und südlich Boulogne
und bei Le Havre. Ins Reichsgebiet flogen keine feindlichen Flugzeuge ein.
Die eigenen Verluste beliefen sich auf 1, die feindlichen auf 2 Flugzeuge.
In Norwegen ist der Ausbau der Straße Narvik— Kirkenes in Länge von
810 km mit 3 Fährstellen für durchgängigen Kraftfahrzeugverkehr beendet.
In Nordgriechenland erreichte die 3. Alp.Div. den Oberlauf der Vojusa,
mit dem Brückenbau über den Kalamas wurde begonnen; die italienischen
Verluste belaufen sich bis zum 3. 11. abends auf etwa 100 Tote und 500 Ver=
wundete.
Dem Chef WFSt wird der von der Abt. L nach den Richtlinien des Chefs
WFSt aufgestellte Entwurf zur Weisung Nr. 18 eingereicht. In ihm ist der
das Unternehmen „Seelöwe" betreffende Abschnitt an die erste Stelle gesetzt.
152
6. November 1940
Er lautet: „Ich halte an der Absicht fest, im ersten Halbjahr 1941 bei Eintritt
einer hierfür günstigen Lage die Landung durchzuführen. Die Anstrengungen
der drei Oberkommandos müssen darauf gerichtet sein, die Grundlage für
ein solches Unternehmen in jeder Hinsicht zu verbessern. Richtlinien hierfür
folgen" (vgl. 6. 11., Anl. 5).
Verfügung des OKW (WFSt/L IV 00 949/40 g.K.) v. 5. 11. über die Geld=
Versorgung der zum Einsatz gegen Gibraltar bestimmten Gruppe Kubier
(Gen.Kdo. XXXXIX. AK., Anl. 6) - vgl. 1. 11./9.
6. November 1940
Lagebesprechung:
LIL meldet, daß am 5. 11. 106 Kampf= und 273 Jagd=Flugzeuge, in der Nacht
zum 6. 11. 185 Kampf= und 2 Nacht jagd= Flugzeuge sowie 8 Kampf=Flugzeuge
des italienischen Fliegerkorps gegen England eingesetzt worden seien. Auf
London seien am Tage von 13 Kampf=Flugzeugen 3 t Sprengbomben und
1 BSK, in der Nacht von 119 Kampf=Flugzeugen 139 t Spreng= und 10 Leucht=
bomben abgeworfen worden. Am Nachmittag habe 1 Verband lei. Kampf*
Flugzeuge unter starkem Jagdschutz Stadt und Hafen Portland mit 2,5 t
Sprengbomben angegriffen. Italienische Kampf=Flugzeuge hätten nachts 6,2 t
Sprengbomben auf die Hafenanlagen von Harwich abgeworfen. Das IX. Flieg.*
Korps habe Minenunternehmungen an der Ost= und Südwestküste Englands
durchgeführt. Nachts seien in den Luftgau Holland 57 Feindeinflüge mit Ab=
wurf von 48 Spreng= und 20 Brandbomben an 7 Stellen, in den Luftgau
Belgien/Nordfrankreich 46 Einflüge mit Abwurf von 40 Sprengbomben an
5 Stellen und ins Reichsgebiet 57 Einflüge mit Abwurf von 7^ Spreng= und
275 Brandbomben an 21 Stellen in Nord= und Südwestdeutschland, haupt=
sächlich auf Hamburg, erfolgt (Verluste unter der Zivilbevölkerung: 3 Tote,
4 Vermißte, 31 Verletzte). Die eigenen Verluste beliefen sich auf 7, die feind=
liehen auf 23 Flugzeuge.
L1H berichtet, daß vom OKH die Zahl der in Großbritannien befindlichen
Divisionen mit 34V2 angenommen werde gegenüber 39 Divisionen im August
1940. Die fehlenden 4V2 Divisionen seien vermutlich nach Übersee, haupt=
sächlich in den Nahen Osten, überführt worden. Von diesen 34V2 Divisionen
gehörten wahrscheinlich 18 zur Coastal Defence Force, 12V2 zur Mobile
Defence Force, 1 stünde in Nordirland, 2 seien in der Aufstellung begriffen,
von einer sei der Verbleib unbekannt. GenStdH, (Abt. Fr. H. W., Lagebespr.
West 422 v. 27. 10. 40).
L /// meldet, die französische Regierung sei bei Botschafter Abetz in Paris
gegen die überstürzte Überführung der auszusiedelnden Lothringer in das
unbesetzte Gebiet vorstellig geworden, da Vorbereitungen zu deren Aufnahme
in so kurzer Zeit nicht getroffen werden könnten. Gauleiter Bürckel habe sich
153
B. Kriegstagebuch
nach Paris begeben, um die Durchführung mit der französischen Regierung
unmittelbar zu regeln. Bis dahin bliebe der Beginn der Transportbewegung
ausgesetzt (Akte WStK, Anl. 1).
Chef L legt dem Chef WFSt bei seinem Vortrag am Nachmittag eine von
der Abt. L auf Grund der Vorschläge der Wehrmachtteile und der WStK ver=
fertigte Zusammenstellung der an die französische Regierung zu richtenden
militärischen Gegenforderungen mit einem Abdruck für das Auswärtige Amt
vor. Letzterer soll auf Befehl des Chefs OKW dem Auswärtigen Amt erst
übergeben werden, wenn die Zustimmung des Führers zu diesen Forderungen
vorliegt 1 .
Chef L legt weiterhin eine Vortragsnotiz des L III (Anl. 5) vor, in der im An=
Schluß an den am 4. 11. gemachten Vorschlag für die Behandlung der französi=
sehen Forderungen (vgl. 4. n./i, Akte WStK, Anl. 1/4. 11.) noch darauf hinge=
wiesen wird, daß Forderungen, die ohne weiteres abgelehnt werden müßten, von
den Franzosen nicht erhoben worden seien, und in der ferner die Forderungen
aufgeführt werden, die nur mit Einschränkung zu bewilligen sind oder aus
wehrwirtschaftlichen Gründen noch Gegenstand weiterer Verhandlungen sein
müssen.
Chef L weist hierbei auf die mehrfachen Eingaben der WStK und der Abt. L
hin, die sich für eine großzügige Regelung der in dem Memorandum der
französischen Regierung vom 31. 10. vorgebrachten Wünsche aussprächen,
und geht gegen den vom Chef WFSt mitgeteilten Standpunkt des Chefs OKW
an, mit den Franzosen nur Zug um Zug zu verhandeln und ihnen nur dann
Zugeständnisse zu machen, wenn sie gleichzeitig deutsche Gegenforderungen
bewilligten. Nach seiner (des Chefs L) Ansicht entspreche diese Verhandlungs=
praxis weder den Interessen der deutschen Kriegführung, da damit die Er=
Schließung afrikanischer Stützpunkte für die Fortsetzung des Kampfes gegen
England auf lange Zeit hinausgeschoben würde, noch könne unter solchen
Umständen von den Franzosen erwartet werden, daß sie die schon seit
langem erhobenen deutschen Forderungen auf Wiederherstellung der Ruhe
und Ordnung in ihrem afrikanischen Kolonialreich erfüllten, geschweige denn,
daß sie in absehbarer Zeit zu einer wirksamen Zusammenarbeit mit Deutsche
land im Kampf gegen England kämen.
Chef WFSt erklärt sich bereit, dem Chef OKW gegenüber auf diese Frage
zurückzukommen.
Chef L überreicht sodann die von der Abt. L zusammengestellten Unter=
lagen für die Besprechung des Chefs OKW mit Marschall Badoglio (Anl. 6).
Chef WFSt will hierzu noch eine Beurteilung der Lage beigeben (vgl. 13. 11.).
Auf die Frage des Chefs L, ob bereits eine Entscheidung über den gestern
vorgelegten Entwurf zu einer neuen Weisung für die Kriegführung getroffen
worden sei, erklärt Chef WFSt, daß eine wesentliche Änderung nur hinsicht=
1 Akte WFStK, Anl. 2.
154
6. November 1940
lieh des Unternehmens „Seelöwe" erfolgen müsse, da die von der Abt. L
vorgenommene Herausstellung an erster Stelle wohl den Ansichten des Heeres,
aber nicht denen des Führers entspräche.
Auf die Einwendung des Chefs L, daß das Unternehmen „Seelöwe" doch
nach wie vor als kriegsentscheidende Operation zu gelten habe, gibt der Chef
WFSt dies zwar zu, betont aber, daß nach wie vor erst die Voraussetzungen
für ein sicheres Gelingen geschaffen werden müßten, ehe an die Durchführung
zu denken sei.
Aus dieser Einstellung ergibt sich die Fassung, die Chef WFSt dem jetzt
an letzter Stelle eingerückten Abschnitt über das Unternehmen „Seelöwe"
gegeben hat. Sie lautet: „Da bei Veränderungen in der Gesamtlage die Mög=
lichkeit oder Notwendigkeit gegeben sein kann, im Frühjahr 1941 doch noch
auf das Unternehmen „Seelöwe" zurückzukommen, müssen die drei Wehr=
machtteile ernstlich bestrebt sein, die Grundlage für ein solches Unternehmen
in jeder Hinsicht zu verbessern" (vgl. die Fassung der Abt. L in dem am 5. 11.
vorgelegten Entwurf — 5. 11./1, Anl. 5/5. 11.). Chef OKW hat dieser Fassung
zugestimmt.
Chef L übergibt dem Chef WFSt schließlich noch eine Vortragsnotiz des
L 7/ über die vom Ob.d.L. angestrebte Militarisierung des Sicherheits= und
Hilfsdienstes I. Ordnung und des Luftschutzwarndienstes mit ablehnender
Stellungnahme hinsichtlich des SHD und den auf Grund einer Vortragsnotiz
des Chefs WNV, Generalleutnant Fellgiebel, von L IV aufgestellten Entwurf
eines Schreibens des Chefs OKW an den Chef der Reichskanzlei, in welchem
dieser gebeten wird, für die einheitliche Lenkung des Fernmeldewesens der
Post und Eisenbahn in den neu zum Reich getretenen oder von deutschen
Truppen besetzten Gebieten Sorge zu tragen.
Abt. Ausland übersendet eine Ausarbeitung über Griechenland mit all=
gemein=geographischen und militär=geographischen Angaben.
[handschr.]:
LIL: 57 Einflüge in Nordwestdeutschland. Über London 265 t Bomben
abgeworfen, nachts 137 Flugzeuge eingesetzt, 47 t Bomben. Engländer richten
anscheinend auf Lemnos einen Flugplatz ein und bereiten Einsatz von Eleusis
aus vor.
L III: Franzosen haben gebeten, den Abtransport der 100000 Lothringer
zu verschieben.
Ausland: Churchill erklärt, daß Engländer Luft= und Seestützpunkt auf
Kreta eingerichtet hätten. Verstärkung der britischen Truppen in Ägypten
und der englischen Flotte im östl. Mittelmeer. Italienische Ski. hält Flotte
zurück. 14 000 Tote, 20 000 verwundete Zivilpersonen durch die deutschen
Luftangriffe auf England. Die deutschen U=Boot=Angriffe — wird gemeldet —
trügen ernsteren Charakter als die deutschen Luftangriffe. Roosevelts Wahl
scheint gesichert zu sein (35 gegen 11 Staaten). Obstlt. von Esebeck geht mit
T-55
B. Kriegstagebuch
Generalfeldmarschall Keitel zu der Besprechung mit Marschall Badoglio nach
Innsbruck.
Interne Besprechung:
Wehrwirtschaftliche Lage Portugals (WiRüAmt). Treibstoff =Frage Deutsch=
land— Italien— Frankreich gestern an TH. Oberst Hühnermann gestern vor=
mittag bei Chef L, dabei auch Treibstofflage besprochen. Vorlage über wehr=
wirtschaftliche Gegenforderungen an Frankreich. Anteile der französischen Re=
gierung an der französischen Luftfahrtindustrie sollen übergeben werden.
L IV: Denkschrift Gen. Quartiermeister genehmigt. Durchführung am 1. 12.
LIV soll sich mit Quartiermeisterfragen Gibraltar befassen. Neue Weisung bei
Gruppe I in Vorbereitung. Vorlagen L IV.
Nach Lagekarte Südost des Lw.Fü.Stabes, abgeschlossen am 2. 11. 1940, sind
folgende italienische Fliegerverbände gegen Griechenland eingesetzt worden:
von Apulien aus: 112 Kpf.Flugz. 24 Jagd=Flugz. 18 Aufkl.Flugz.
von Albanien aus : 56 Kpf.Flugz. 120 Jagd=Flugz. 17 Aufkl.Flugz.
Insgesamt: 168 Kpf.Flugz. 144 Jagd=Flugz. 35 Aufkl.Flugz.
Italien verfügt z. Z.
insgesamt über: 800 Kpf.Flugz. 844 Jagd=Flugz. 875 Aufkl.Flugz.
davon einsatzbereit: 593 Kpf.Flugz. 661 Jagd=Flugz. 308 Aufkl.Flugz.
Auf dem Dodekanes befinden sich 46 Kampf = und 16 Jagd=Flugzeuge.
Auf griechischer Seite sind vermutlich eingesetzt:
30 Kampf=Flugzeuge I. KL, 40 Jagd=Flugzeuge II. Kl., 30 Aufklärungs=
Flugzeuge IL Kl.
7. November 1940
Lagebesprechung:
Aus den Vorträgen über die Lage ergibt sich im wesentlichen folgendes:
Von der Luftwaffe wurden am 6. 11. 54 Kampf = und 113 Jagd=Flugzeuge,
in der Nacht zum 7. 11. 278 Kampf =Flugzeuge gegen England eingesetzt, am
Tage von 10 Kampf=Flugzeugen 7 t, in der Nacht von 192 Kampf=Flugzeugen
223 t Sprengbomben und 4 BSK auf London abgeworfen. Am Nachmittag des
6. 11. führten 6 lei. Kampf=Flugzeuge unter Begleitschutz von 65 Jagd=Flug=
zeugen einen Sturzangriff auf Southampton mit Abwurf von 3 t Spreng=
bomben durch; hierbei kam es zum Luftkampf mit 42 feindlichen Jagd=Flug=
zeugen, von denen 9 abgeschossen wurden bei Verlust eines eigenen Flugzeuges.
Weiterhin wurden am Spätnachmittag Flugplätze in Ostengland und Geleitzüge
angegriffen. Das IX. Flieg.Korps führte Minenunternehmungen an der Südost=
und Südwestküste Englands durch. Feindliche Flugzeuge griffen am 6. 11.
156
7. November 1940
Flugplätze bei Gent und Den Helder sowie Norderney mit Bomben und
Borkum mit MG.=Feuer an; 1 Flugzeug stieß bis in die Gegend von Rheine vor
und warf 5 Sprengbomben auf eine Jutespinnerei ab. In der Nacht erfolgten
17 Feindeinflüge in die Luftgaue Holland, Belgien und Westfrankreich mit
Bombenabwurf an 11 Stellen und 50 Einflüge ins Reichsgebiet bis Fürsten=
walde, Dortmund— Koblenz und Pforzheim— Offenburg mit Abwurf von
100 Spreng= und 200 Brandbomben an etwa 25 Stellen. Die eigenen Verluste
beliefen sich auf 3, die feindlichen auf 9 Flugzeuge.
In Nordgriechenland überschritten die Italiener den unteren Kalamas und
drangen unter heftigem feindlichen Widerstand bis Gomenica— Varfani vor.
An der Vojusa wurde ein starker feindlicher Gegenangriff zurückgewiesen.
Südlich des kleinen Prespa=Sees sind die italienischen Vorpostenstellungen
nach wiederholten griechischen Angriffen etwas zurückgenommen worden.
Die gegen Griechenland eingesetzten italienischen Kräfte sind folgendem
maßen gegliedert 1 : ostwärts der Küste in etwa 80 km Breite die Gruppe
Ciamura (1 aus einem Inf. und 3 Kav.Rgt. zusammengesetzter Verband,
51. und 23. Inf.=, 131. Pz.= und 3. Alp. Div.), beiderseits Korea das XXVI. AK.
(29. und 49. Div.), in Albanien 2 Div. (19. und 53.) zur Sicherung an der
albanisch=jugoslawischen Grenze. Die Überführung von 4 weiteren Div. aus
dem Mutterland nach Albanien ist eingeleitet.
Von der italienischen Luftwaffe sind gegen Griechenland von Apulien aus
112 Kampf=, 24 Jagd= und 18 Aufklärungs=Flugzeuge, von Albanien aus
56 Kampf=, 120 Jagd= und 17 Aufklärungs=Flugzeuge eingesetzt worden; auf
dem Dodekanes befinden sich 46 Kampf= und 16 Jagd= Flugzeuge. Italien verfügt
z. Z. insgesamt über 800 Kampf=, 844 Jagd= und 875 Aufklärungs=Flugzeuge,
von denen 593 Kampfe 661 Jagd= und 308 Aufklärungs=Flugzeuge einsatz=
bereit sind. Auf griechischer Seite sind vermutlich 30 Kampf=, 40 Jagd= und
50 Aufklärungs=Flugzeuge eingesetzt. Die Einrichtung einer englischen Flotten=
basis in Navarino (Pilos) wird bestätigt.
Dem Chef WFSt wird ein neuer Entwurf zur Weisung 18 2 eingereicht, in
dem die vom Chef WFSt in dem bisherigen Entwurf vorgenommenen Ände=
rungen berücksichtigt sind (vgl. 6. 11./3, Anl. 6/6. 11.).
Der Entwurf wird vom Chef WFSt und vom Chef OKW gebilligt und noch
vor Unterzeichnung durch den Führer den Oberkommandos der Wehrmacht=
teile übersandt, um zunächst als einheitliche Arbeitsgrundlage für die General=
stäbe des Heeres und der Luftwaffe und die Seekriegsleitung zu dienen. Das
VViRüAmt wird davon in Kenntnis gesetzt, daß die bulgarischen Waffen=
wünsche entgegenkommend zu behandeln sind. Chef Ausl./Abw. und Chef
WNV werden durch die Abt. L über den Inhalt der Weisung, soweit erforder=
lieh, unterrichtet.
1 GenStdH, Abt. Fr. H. West, Lagebespr. West 423 v. 4. 11. 40.
2 Anl. 6
T-57
B. Kriegstagebuch
Die Seekriegsleit imgübersendet ihre Stellungnahme 3 zu dem im Memorandum
des Generals Huntziger vom 31. 10. ausgeführten Wünschen hinsichtlich der
französischen Kriegsmarine. Sie deckt sich mit der Stellungnahme der Abt. L
in der Vortragsnotiz vom 4. 11. (vgl. 4. n./i, Akte WStK Anl. 1/4. 11.). Sie
wird dem Chef WFSt übersandt.
Der Chef des Stabes der WStK, Oberst Böhme, teilt fermündlich mit 4 ,
daß die französische Abordnung der WStK eine genaue Übersicht über die
in Afrika stehenden französischen Kräfte und deren Verwendungsmöglichkeit
überreicht und hierbei darauf hingewiesen habe, daß eine schnelle Entscheidung
auf das französische Memorandum vom 31. 10. erforderlich sei, da Operationen
gegen die de Gaulle=Truppen in Äquatorial Afrika nur in der Regenzeit
möglich seien und deshalb sofort mit den notwendigen Vorbereitungen be=
gönnen werden müsse. Die französische Abordnung habe weiterhin gebeten,
außer General Carles (vgl. Anl. 2/2. 11., Übersetzung des französischen Me=
morandums S. 5) den General Falvy, der die Verhältnisse in Äquatorial=Afrika
besonders gut kenne, zur Führung dieser Operationen aus der Kriegsgef angen=
schaft zu beurlauben. Die Franzosen hätten schließlich noch mitgeteilt, daß sie
den Italienern von dem Memorandum des Generals Huntziger Kenntnis zu
geben beabsichtigten. Die WStK wolle sie aber bis zum Eingang einer Weisung
des OKW hiervon abhalten.
Oberst Böhme wird erwidert, daß die Freilassung eines zweiten französischen
Generals voraussichtlich auf keinen Widerstand stoßen werde und daß es im
Sinne des OKW's sei, die Franzosen von der Bekanntgabe des Memorandums
an die Italiener abzuhalten.
LIM 2 legt eine Übersicht über den Betriebsstoffverbrauch der Wehrmacht
in