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Full text of "Kritik der reinen Vernunft"

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IMMANUEL KANT'S 



'i^^-ötf/ 



KBITIK DER REINEN VERNUNFT. 



HERAUSGEGEBEN 



VOK 



BENNO ERDMANN. 



VIBRTE STEREOTTFADSftABE. 



MIT KANT'S BILDNI8S. 



HAMBURG UND LEIPZIG, 

VERLAG VON LEOPOLD VOSS. 

1889. 



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Vorwort des Herausgebers. 



Die Kritik der reinen Vemonft liegt uns bekanntlich in doppelter 
Gestalt vor. Blant hat in der sweiten „hin und wieder verbesserten*' 
Auflage, die 1787, sechs Jahre nach der ersten erschien, zahlreiche 
kleine Veränderungen, sowie mehrfache iimftuoigreiche Umarbeitungen, 
Weglassungen und Zusätze ftir nothwendig gehalten, von denen die ^- 
Btoren durch das ganze Werk zerstreut sind, während die letzteren, ab- 
gesehen von einer kurzen Anmerkung, mit dem ersten Hauptstück der 
trantwceudentalen Dialektik enden. Die drei späteren Auflagen, die noch 
zu Kants Lebzeiten (1790, 1794, 1799) veröffentlicht wurden, sind 
dieser zwdten, wenn auch etwas fehlerhaft, Wort für Wort nachgedruckt*, 
in der vierten ist dem Text nur ein genaues Inhaltsverzdchniss vorge- 
setzt, und in der fünften demselben eine Coluihne „Verbesserungen^^ auf- 
gehängt 

In Folge der eigenen, bestimmten Erklärungen Kants, dass seine 
ueue Darstellung „im Grunde in Ansehung der Sätze und selbst ihrer 
Beweisgründe schlechterdings nichts verändere*', wurden bis auf das 
Jahr 1838 die Abdrüdce der sweiten und der späteren Auflagen io aus- 
* schliesslich benutzt, dass abgesehen von dnigen, ganz vereinzelten Fäl1ei\, 
die sich hauptsächlich auf die Umformung der Aesthetik beziehen, nur 
die verhältnissmässig wenig umfimgrdche und sdbnell vergessene Lite- 
ratur der Zeit von 1782^-1787 eine Ausnahme bildet. £in ausdrück)- 
Hcher allgemeinerer Vergleich der beiden Bearbeitungen wurde damals^ 
80 viel ich wdss, nur in dem Au€»tz „lieber das Fundament der Kritik 
der reinen. Vernunft'^ angestellt, den Beinhold 1792 im zweiten Bande 
saner „Beiträge zur Berichtigung bisheriger Missverständnisse der Phi- 



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VI Vonrört des Heraiafflben. 

losopben^* veröffentHehte. Reiühold «i^t jedoch in «11^ Differenzea, die 
er bemerkt, l6^^<^ Verbesdenmgen der Darstellmigsart, welche die 
Nothwen^^cät etn^ Fun<]buiieiitlnkog des kantischeA Werks durch dne 
TbeoHe des meüsc^lldieii Yorstdlungsvennö^eiis noch dentlieher dar- 
legen^ ieib der Wortlaut d^- ersten Auflage. 

Jaoobi erst gab im Jahre 1:815, im zweiten Bande seiner. Werice^ 
t^ Oelegeidieit de^ Wiederabämdos^ seiner Sohrift: „David Hom^ über 
den Olauben oder Ideaüsmttii und EeaMsmus", die 1787 zuerst wsehienen 
irar, eine von dem Ürtbeü Kants abweichende &klftrung ab, Ai^ 
seinen, wie es si^^iit; absichtlich unbestimmt gehaltenen Aeusserungen 
Hess sich cBe Meinung hei^auslesea, Kant habe in der neu^ Bearbei- 
tung des Werks dm Widersj^eh der Realistischen Consequenzen, semer 
Analytik gegen seine V<Hraussetzung wirkender Dinge an s]<eh mit Vor- 
bedacht, wenn auch ohne hmereu Erfolg zu verded^en gesucht , 

Durch die Bestimmtheit, itiit der Sdbopenhauer «päter diese Behaup- 
tung erneuerte und motivirte, ist es idicht bloss zur Pflicht mam jeden 
Heransgebers geworden, die DifiEerenzen der beiden Auflagen genant 'an- 
zugeben, sondern auch fraglich geworden, ob es sachlich gereditfcirtigt 
ist, einem neuen Abdruck nach Kants Vorgang den Text d^ aweiten 
Auflage zu Grunde zu legen. Die bisherigen Herausgeber haben diese 
Frage bekanntlich in entgegengeaetstem Sinne beantwortet Bosenkranz 
hat die erste, Biai^tenstein die zweite Auflage zum. Grundtext benutzt, 
und beider Beispiel iai aadi für die.q/dueren Ausgaben in y. Kirchmanns 
philosophiseher und Bedams Universal-Bibliothek massgebend gebliebea 

Zur Entscheidung dieser Frage ist annltohat daran zu erinnern, dirsa 
die zweite Auflage diejenige iat^. in äßr das Werk hst ausscUieaalloh 
seine historisdie Wirksamkeit erlangt hat Für die ganze Literatur von 
1788 bis 1838 ist, abgesehen von dem Beispiel Jacol^s, das überdies 
nur ftir diese erste sedier Schriften gegen Kant gilt, und abgeseh^ von 
den ganz verdnielten Fällen, in denen gelegentiich v<hi Gegnern «Kants, 
iHe Maas, auf die transscendoitale Aestfaetik in der ersten Auflage zu- 
rüd^gegangen wurde, lediglieh die apätere Auflage vonEinflusfs ge- 
worden. Beachtet man nun, in weldbem Masse diese ganze Entwicklung der 



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Tovwofft dM HttftUBgolMr«. 



Y^l 



rttdd^aalistisefaeii M^tiipiiTsik churek die Lebreit der Kritik'4ec reinen Yer- 
ttfUnft bedingt ist, to ««oh^t es fiir ^en Hennut^eber selbst dauu ge- 
boten, die zweite Auflage seinem Abdruck m Grunde %u )egen, rw^oß. 
dttr XJrtbeil Scbopenbttaers, dass Kant sein ~W^ in derselben w&s 
Feigbdt und Unehrliehkeit absic^btlich entsteUl und aus/Alt^rsachw&ohe 
Tmk)H>en habe, sidi allgemein bestätigt hätte. 

IMese Anklagen einer gdiissigite Polemik wurdmi < jedoch nji^s? 
lange hfn und wieder gut geheissen« da man untcgrliesst ihre Wahrheit 
tk prflfen. Was TOn ihnen länger wirksam blieb, redncirte sich auf .die 
'Bdidtiptang, dä3S Etfnt in der späteren Bearbeitung gegenüber der fe- 
sten Irrthtlmllchen Interpretation seinev Leb^ die realjfltiadbe 9^ ^^- 
Mlb^ bestimmter hervorg^ioben habe, ab niM^ dem Gedank#099us|Ufir 
meiihät^ der ersten At^iage. sachlich gnlttssjg/ gewesen sei. A^ch in 
dieser Abschwächung ab^ sind jene Anklagen niemals allgemeiu zj^^ 
slanden w<»den. In immer gesteigerter Bestimmtheit wurde ihnen gegen- 
iflfaer yicbndir die Annahme verfochten, dass in der That nur derjenige 
iMtimMogiaoIie Unterschied zwis^en btiden Auflagen vorliege, dep 
JCint selbst angegeben hat. Diese entgegengesetzte Beurtheilung hat 
es Ober^es zur Folge gehabt, dass in dem letzten Jahrzehnt jene Ab- 
^<^ieh«iig dne »och longleich grössere geworden ist. 

' Für einen gegenwärtige Horansgeber iates deshalb gerc^dezu npth- 
wendJg geworden, die zweite Auflage «am Omndtezt zu wählen., . 

IHesen allgemdnen Uebert^ungen treten jedoch noch .besendere 
Gründe zur Sdte, diie idch ergeben, sobald man den Versuch macht, den 
' en^egengesetzten Weg wfrklidi einzusdilagen. Denn es ist ohne weiteres 
Uaf, dass ganz abgesehen von den sprachlicAiai Oorrecturen di^ Verän- 
derungen der spSteren Bearbeitung doch nidit ohne Ausnahme jenen, 
der Sache yermeintlich verderblichen Motiven entsprungen sein können. 
Es entsteht d^er för den Herausgeber in diesen Fall die Forderung, 
^ Elriterium zu suchen, das ihn in den 3tand setzt, die sachlichen und 
methodologischen Verbesserungen von den sachlichen und methodologi- 
schen Verschlechterungen zu unterscheiden^ Wie aber sollte sich gegen- 
fiber einem so complicirten Gedankenapparat und gegenüber so maniüg; 



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ÜBdai mhAmmmvaikmißa pe>yiehol(^cheu Metiveti ein i^olehes.Kritierhini 
auf^eUen IftK^eo? Desaattch bleibt nvuc dar Aiuiwag iöbrigy alle niebt reix| 
spradslißkeA iVerändieningmi voa, dem ßivtucidteixt AmszuacbUeg^eii. i £i]« 
solcbeft Y^Marea aber y^^csiöeat wiedemm offiw^Mur geg^a die a^betyi^rT 
stimdlichatart Pflkbtei^ die ein BJeransgeber seinem Autor ^eg^Qübßr an 
ctföllen hat 

Tm Verglich zu dem Gcwicirt dieser GrÄnde, die fSr die zw^te 
Auflage sprechen, sind die Argumentationen, die Ton allein beachten^- 
wevi&er Seite Mher für die erste Bearbeitung geltend gemacht worden 
sind; / eine bkiieäehende Beweiskraft. Denn nur das eine Argument irt 
durch 'die vöranstekenden Erorterongen noeb nidit widerle^gt, dass der 
Leser offenbar «m bequemst^i und gründlichsten' eur FAnwcbt gekmge, 
y^eiia er durch' die Aui^be dsensdben Weg gefölurt werde, den Kanlb 
selbst vor ihm betreten habe. 

Hiergegen sei mir gestattet, midi auf dfe Ergebnisse zu bcinifen, 
zu denen ich in meiner gleichseitig erschienenen 8chrift über „Kont^ 
Kiiticismus in der ersten und in der zweiten Auflage der Kritik der remeh 
Vernunft" gelaugt bin. Demzufolge liegen uns in den beiden Atiflagen 
zwei bestimmt unterscheidbare Phasen der Entwicklung Kants T6r. Es 
fragt 6i<^ daher, weldie dieser beiden Phasen dem Leiter duidi die Aus- 
gabe unmitt^bar vorgeführt werden solle. IHe Antwort hieraiif ist zu- 
nächst davoÄ abhängig, ob in der e^nen der beiden Auflagen der ifaver- 
änderte „kritische Hauptiemeck^^ des Werks reiner hervortrete als in der 
anderen. Dies ist, jedoch, wie ich ebenialls nachgewiesen ku haben glaobe, 
nidit der Fidl. Die ursprüngi^he Bearbeitung, frlr welehe die Wirkücb^ 
k^t der Dinge nfid des loh an sich selbstverständliohe Yoraussetzimg 
bt, verdunkelt d^i kritischen Gegensatz gegen Dogmatismus und Skep- 
ticismus durch den anscheinenden Idealismus; die spätere Auflage, die 
den po8iti\en Zweck des»W^ks im Vorwort bestimmter betont, schwächt 
denselben durch den anscheinenden Bationalismus. Ist demnach hier 
k^ine Entscheidung zu üm^, so werd^i wir wiederum auf die Frage 
zurückgewiefieu, in welcher Gkstak das Werk historisch mehr wirksam 
geworden iM, Hierüber al>er ist kein Zweiiel möglich. 



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YorVfOfir des HMUBgobur^. )XX 

In der vorliegenden' Ausgabe ist demnach g«mäss'd«m? Vorgänge 
HftTteKetein^ die ztreüe Anlage att Qnnide ^gielegl. Di» mn npmdi^ 
Üdien Dfffereneejd demelMn^ deren Angabe im IV^tden^sat^cben Za«> 
sanmtenliang nur unllebeam stört, sind obne^ Attain^ßne; ki den ,,A3ihaQg 
TOT TeKtrevisiön** verwiesen worden. Da die Gorenae zwii»chen ^radi? 
Kcbem tind bcicbüchem nicht streng gezogen werden \asai, so wird 
eii^g^ at^gemei^kt; wordesi sein, wa& anderen dem Aioiiang zugfh^ng 
er&cheiineii mag; vielleicbt auch nmgekeiirt. 

I>iejenigen saohliohen Differaiztu, deren Umfang und Inhalt einen 
iinTnitteU9ai*eit Vergkiob beider Auflagen gestattet, sind diem Text als 
Aimiericaagexi b^eftigt worden. I^ übrigen, ^. k das Vorwort, die 
transäeendentale Deduotioa und die Kritik der rationalen PsjH^ologie 
der ersten Auf li^ sind zum Schlaijui ak „Beilagen ans der ersten Auf' 
läge" zusammengedruckt. 

Die zahlreichen Correcturen, die Kants schnelle Niedersehiift des 
Werks, so wie der sehr feUerhafte Druck desselbesn notbwendig gemacht 
bat, sind bis auf ganz vereinzelte Ausnalimen ebenso wie die sprachlichen 
Differenzen ei«t iu dem Anhang angegeben worden. 

Am Kand^ des Textes habe icb die Ori^nalpaginirung der zweiten 
Auflage zum Abdruck bringen lass^i, weil icb gegenüber der höchst 
störenden Verwirning im ßitir^ die dureb die mannigfachen bisherige 
Ausgaben möglicb geworden ist, yorsehlagen möchte, die Originalpa- 
giuirung der zweiten Auflage künftig als die Norroalpagini<^ 
ruiig zu benutzen. Grerade durch diese wird ein Vortheil gewönne 
der auf keine andere Weise err^cht werden könnte. Denu da die spl«^ 
tereu Auflagen dieser zweiten Seite fiir Seite nachgedruckt sind, so 
werden dadurch aitch alle die Citate Terständlich. die der umfangreichen 
I^ratur von 1788 bis 1838 angehören. Ueberdies aber empiiehlt sich 
diese Paginirung dadurch, dass sie die kleinsten Abschnitte giebt, das 
Sudien also wesentlich erleichtert. 

Die Veraailassung zu der vorliegenden Ausgabe bot die Wahrnehmung, 
zu der ich durch die Untersuchung des Verhältnisses beider Auflagen 
geführt wurde, dasö in allen bisherigen Ausgaben eine grosse Eeihe 



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X Vorwort des Herausgeben: 

Ton Differenzon, unter ihnen solche, die für das sachliche Verhältniss 
derselben bedeutungsvoll sind, übersehen worden ist Näheres hierüber 
sowie über das Verhältniss der bisherigen Ausgaben enthält meine Be- 
sprechung der letzterschienenen Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft 
(Wissenschaftliche Monatsblätter, Jahrgang VI (1878) Nr. 1 und 5). Die 
dort gefüllten ürtheile finden durch diese Ausgabe und jene oben er- 
wähnte Erläuterungsschrift eine eingehendere Bestätigung. 

Berlin, am 22. Juni 1877. 



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Vorwort dfes Herausgebers zur dritten Auflage. 



üeber den Text der Kritik der reinen Yemunfb ist in den letzten 
Jahren mehrfiudi gehandelt worden. Vaihinger hat in der „Notiz, den 
Kanttext betreffisnd'^ (Philos. Honatsh. 1881) das von ihm wieder- 
an^gefundene Oorreotorenyerzeichniss Eantischer Schrifben von Grillo 
ans dem Jahre 1795 besprochen, und im Anschlnss an dasselbe eine 
Beihe yon Textverftnderongen empfohlen. Mehrfache YerbesserungS'- 
Torschlttge enthält ausserdem der erste Band seines Commentars zur 
Kr. d. r. V. (1881). Max Müller femer hat sowohl in der Vorrede 
zu seiner üebersetzung als in den Anmerkungen unter dem Text 
derselben einzelne Oorrecturen besprochen (J. Kant's GriUque of pwre 
reatariy 1881). Einzelnes findet sich auch in der Zusammenstellung 
Ton Textveränderungen, die der Herausgeber des Werkes in der 
Bechimschen üniversalbibliothek der zweiten Auflage desselben vor- 
ausgeschickt hat (Jenaer Literaturzeitung, 1879, Nr. 30). Endlich 
habe ich in den „Nachträgen zur Kr. d. r. V." (1881) die Text- 
verftnderungen abgedruckt und discutirt, die Kant selbst seinem Hand ^ 
Exemplar des Werks eingefägt hat, und in der Einleitung zu meiner 
Ausgabe der Kritik der ürtheilskraft (1880) den eigenartigen Charakter 
des Wortlauts yon Kants kritischen Schriften überhaupt besprochen. 

Eine Aeusserung Kants über den Text der Kr. d. r. V. in einem 
bisher unbeachtet gebliebenen Briefe an Biester yom Juni 1781 (man 



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zu Yorirort dea Heransgeban aur dritten XuMȤ^ 

ygl. im Anhang m dieser Ausgabe S. 662) schreibe ieh hier ab. Sie 
lautet: „Die$e3 Werk i^t von mir iswar versohiedene «bhre^dui^di wohl 
überdacht, aber nur in kiprtzer, Zeit in der gegeim^fffägß^ V(ma jxl 
Papier gebracht wQrde9; weswegen auch fh^ik einige NaeUtoigkeitei», 
oder Uebereilujagen der Schreibart, theila auch einige Ihmkelheiten üteig 
geblieben seyn werden, ohne die Druckfehler zu i:eßb9iei^, deum idi 
nicht abhelfen konnte, weil, wegen der Nahheit de^ Mesae, das Ver- 
zeichnis derselben nicht gemacht werden konnte. ... Ich konnte dfe 
Ausgabe des Werks nicht länger aufhalten, um den Vortrag mehr su 
schleifen inid der Fasslichkeit zu näheren. Denn, da ioh, W9a die Sache 
selbst betrift, nichts mehr zu sagen hatte und sich die Erltoterungen 
auch am besten geben lassen^ wenn man durch die Beurtkeüwg des 
Fublici. auf die St^l^en gewies^ worden,, die ihrer ^bedürfen a^emeti 
(daran ich e^ in der Folge nicht y^^rde, fQ^^<lfMj|en),.ida ioh lu^ 
dass diese ßache noch versduedene Federn und da4^^pch 4mch miidi h$p 
schäftigen wird und überdem m^anwehmandes, Alter. (juD[i>(8i;tea Jato^ 
wegen besorglicher Krankheiten anrieth, das heute 2u ihvin, was mtim 
vielleicht m^orgen nicht wird thun kOnnen: so musste die Ausfertigung 
der Schrift ohne Anstand betrieben werden; ich finde auch nicht, dass 
ich etwas von dem geschriebenen zurück zu haben wünschte, wohl abeif 
sich hin und wieder Erläuterungen, dazu mich aber der Ersten Ge* 
legenheit zu Nutze machen werde, anbringen Hessen.'* 

Aus Gründen, die ich im Anhang zur .Textrevision an ihren Ortei^ 
dargelegt habe, konnte ich von den neuerdings geltend gemachten Text- 
veränderungen nur wenige als zutreffend auihehmen. Einige der eigenen 
Emendationen Kants, welche unzweifelhafiie und an ihrer Stelle werth- 
volle Berichtigungen seiner Gedanken enthalten, habe ich in den Anr 
merkungen des Anhangs citirt. 

Weitaus den grdsst^i Theil der in dea Text au^enonunenen Ver- 
besserungen der früheren Auflagen verdanke ich einer erneuten Revision 
sowie der weitergehenden Kenntnissnahme von Kants Stilgewohnheiten, 
zu der ich Anlass hatte. Sie bestehe^ vielfach in Wiederherstellungen 
des ursprünglichen Wortlaute, 



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yia«#ort d«ft lliWMQ9gebers 2tir «tritten Auflag«». Xlil 

i' Die Setstelhmg emes sidieren Textes ist im allgemeinen die 
iaiedrigfiii)«^ Arbeit den* hkrtorischen Forschung. Eben deshalb aber bildet 
>rie lOkiB' elemeiiitare VoraiiesetKung auch für die Reconstruction der Eut^ 
irilsliil&igsgeB^dchte philosophischer Gedanken. Ob man diese Arbeit eine 
4[ih&^0^teeh^ heoMen Wül, ^ut nichts zur Sache. Ich will daher gegen 
ä«Q'<€Mib0n IßkAö flsdiersj „freilich braucht man zu einer solchen 
Arbeit keine Philrtogie*', nicht streiten, sondern nur erwähnen, dass 
M ar MSHer* in der Vorrede ta seiner Üeberseteung anders urtheilt: Jhe 
49xl''of JBkntU Oriti^pU ha» of laie yearg heeome ihe sub^eet of ihe moH 
mmite )fkildogicdl* critiekm, and it certainlt/ offen a^ good a field fav 
^'i^apm*&iae '(^ cr^Heal 9i^larskip as ant/ of ihe Gretk and Ihman 
tiauiei^ß OegenUber dem Zuisatt Euno Fischers zu den oben angeführtem 
W<misiim ,^abe^ das Sjbd braucht einen Namen^, sei nur hervorgehoben, 
tefr d^'Hame-^KiHitphilologie, den ich nie gehrabcht habe, ledSglicb 
dehj^odg^m bezeiehneilril er^einen kann, f&r welche die philologische 
Mei^öde ni^ht die selbstveriBt&nidliche Grundlage wissenschaftlicher Gre* 
f^iehtifor8(^ng ist. 

Kuno Fischer glaubt sich femer, obgleich er aus der ganzen !Zahl 
meiner Correcturen zu dem vorliegenden Werk, zur Kritik der Urtheils- 
kraft und zu den Prolegomenen nur eine einzige (von einem andern 
bemerkte) unzulängliche Textveränderung in der letztgenannten Schrift 
namhaft machen kann, zu demUrtheil berechtigt: „Nach seinem [meinem^ 
Verfahren, zu urtheilen, erscheint die ,Kani^hilologie* als eme Kunst 
Dnickfehier nicht bloss zu finden, sondern zu machen.^' Ich erw&hne 
dazu, dass diejenigen, die wie Max Müller den Text des vorliegenden 
Werks an der Hand meines Anhangs durchgearbeitet haben, auch hier 
ein anderes ürtheil föllen (a. a. 0. Vol. I, LV If.). 

. An dw Erörterung im Vorwort zur ersten Auflage über diei 
Gründe, aua denen die zweite Originalausgabe von mir als Urtext ge- 
wählt i^ habe ich nichts zu ändern gelinden. 

"' Die Motive, aus denen Max Müller die erste Auflage bevorzugt^ 
sind wesentlich persönlicher ]S[atur: ^I have ehosen the lext ofihe Firei 



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jnv Vonr^ üea Heranfgebers sor dritten AniUge. 

JEMtkm^ fif^t urf aüy heettuse ü was ike^ eentenart/ of ihat ediüon^ whiek 
led ine to carry out at laai iHg long ehe^nshed idea of an EngUsh irans^ 
kttioft. . . . JSeoondlg I mut ^öonfess ihat I have älways used mgself th^ 
First EdHion . . ♦ and that^ u>hen I came io read the Second Edition^, 
I tmver ewU feel so ai kome in ä as in {he first . * . Thdrdly, I eer^ 
imnlg dklikh in the Sseond EdMon a eertain apologeÜe tone, fuiUe un- 
fdorAif of Kant, 
' Am w^nigtteii rhot mir Ktmo Fi3cfa6rs Polemik Anlass zu einer 
^endemng m^JB^ üebeizeiigang bieten können. Derselbe glaubt, mein» 
Begrfindung »«f S. VI-— YIII der Vorrede zur ersten Anfli^ seinen 
Lesern gegenüber in die Worte zusammenfassen zu dürfen, dass idi 
fär meein Verfiliron, „das alleinige. Becfat in Ani^NrucV nebme, „weil 
die -zweite Ausgabe die fortgeschrittene Lehre Kants enthalte 
tmd, fun&ig Jahre hindurch der allein gelesene und wirksame 
Text der Kritik gewesoL sei". Diese Zusammenfassung yerwerihet er 
unmittelbar danmf fär seine Polemik f olgendermassen : „Als ob man 
diesen TermelntllclMn Fortschritt [ich spreche 8. Vm yon v^wei' 
bestimmt unterscheidbaren Phasen der Entwicklung Kants^] und dieses 
remieintlleh allein gelesene Buch [ich erwähne S. VI die That- 
sache, ,dass die zweite Auflage diejenige ist, in der das Werk fast, 
ausschliesslich seine historische Wirksamkeit erlangt hat*] aus dem 
ursprünglichen Grundtext mit Hinzufügung der späteren Abweichungen 
nicht ebenso gut kennen lernte, als aus einer umgekehrt eingeriditeten 
Ausgabe.*' Das letztere behauptet Kuno Fischer angesichts der That- 
sache, dass die Herausgeber der ersten Auflage die umfiuigreicfaeren 
Veränderungen der zweiten in vieiiindzwanzig resp. siebenondzwanzig 
Supplemente haben verstreuen, oder, wo dieselben auf fünf reducirt 
sind, den Grundtext der ersten Auflage durch noch viel zahlreichere 
Einklammerungen und abweichenden Druck haben unterbrechen müssen. 
Zum Schluäs citirt derselbe das Ergebniss meiner obigen Begründung 
mit den Worten, durch die ich im Vorwoii zu den Prolegomenen 
Su VI den Vorsdilag zu begründen suche, die Citat.e ktLnfbighin 
gleichmässig auf die Originalpaginirung der zweiten Auflage al» 



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Vorwort d«B Heraiugebert snr dritten Auiagc. XT 

Norm to beziehen, mit den Worten nämlich: da ,,do€h durüber ba den 
Etmdigea kein Zweifel mehr obwalten kann, dass allen wiss^isdiaft» 
Uehen Ausgaben des Eantischen Hauptwetks die zweite Auflage zu 
Grunde zu legen ist". Diese Begründung glaubt Kuno Fisoher in die 
Bdiauptnng verwandeln zu dürfen: ,,d. h. der Leser soll glauben, dasi 
dieser Herausgeber in dieser Sache der allein Kundige ist/' Die so 
gewonnene Behauptung endlich illustrirt er folgendermassen: ^^Eine 
glrundlose und nichtige Behauptung, die keinen Leser irre leiten wird, 
der zwischen besonnenem und blindem Wetteifer, zwischen d^ Sprache 
des Forsdiers und der Industrie eines Anfängers zu unta!«> 
sdieiden weiss.^ 

Auf eine liefergehende Würdigung dieser Polemik leiste ich 
y^tzicht. W&s sie zur Sache bietet, erhellt aus der Analyse ihres 
Attfbaus. Auf die in ihr enthaltenen Schmähungen einzugeben, liegt 
für mich kein Orund ror. Dem Bedauern darüber gkube ich je- 
doch Ausdruck geben zu sollen, dass ich midi an diesem „besonnenen 
Wetteifer" und dieser „Sprache des Forschers" Huno> Fischer nicht 
gaxa ohne Schuld weiss. In meiner Erstlingssehrift über „Martin 
Knutzen und seine Zeit" habe ich vor nunmehr nahezu acht Jahren 
Kuno Fischers Art der Greschiehtsschreibung, w^mgleich selbstver- 
ständlich ohne jede Bemerkung, die d^i obigen Invectiven auch nur 
entfernt tümlich wäre, so doch mit scharfen Worten chanJderisirt (S. 
188 — 189). Kuno Fischer selbst deutet im Vorwort des erwähnten 
Werks, wo ervon „der Industrie gewisser strebsamer Anftnger" 
spricht, „die sich dadurch zu vergrössern suchen und die An- 
massung für ein profitables Geschäft halten", in der ihm eigen^i 
Weise &uf diese Charakteristik hin. Ich erkläre gern, seit langem ge- 
lernt zu haben, dass in wi8sen8chafl;lich«i Erörterungen jeder Streit 
gegen die Personen den Sieg der Sache hemmt. 

Kuno Fischer hat es zweckmässig gefunden, die citirten Sdbmähungen 
fast auf jeder Seite seiner polemischen Ausführungen gegen mich zu vari- 
iren; Ich muss hier darauf verzichten dieselben wörtlich wiederzugeben. 
Aber ich bin bereit, sie niedriger zu hängen. Sie finden, sich in seiner 



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XTE Vorwort des Herausgebers sor dritten AulUge. 

f ^Oeschicfate der neuem Philosophie, dritter Band, dritte neu bearbeitete 
Auflage, München 1882", S. 565, S. VÜI; S. 50, S. 545 ff. 

Man hat dafür. Sorge getragen, dass diese Invectiven gegen 
meine Person in litterarischen und provinzialen Zeitschriften, ja sogar 
in der politischen Tagespresse verbreitet werden. Ich gebe zu, dass 
idi gegen Angriffe solcher Art ohne Waffen bin. 

Kiel, am 25. September 1883. 

B. Erdmann. 



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Inhal tsverzeichniss. 



Seiten der Seiten der 
Original* Torliegenden 
ansgabe. Ausgabe. 

Vorwort des Heraubgebers v-x 

'Vorwort des Herausgebers zur dritten Auflage . xi-xvi 

Vorrede zur zweiten Auflage vn-XLiv 5"- 25 

Einleitung 1-30 26-48 

I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen 

Erkeuutniss 1 26 

II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a pnari, und 

selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche . . 3 29 

III. Die Philosophie bedari einer Wissenschaft, welche die 
Möglichkeit, die Principien und den Umfang aller Er- 
kenntnisse a priori bestimme ........ 6 31 

IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer 

ürtheüe . 10 34 

V. In allen theoretische Wissenschaften der Vernimft sind 
synthetische Urtheile a jpnort als Principien enthalten 14 37 

VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft .... 19 41 
Vn. Idee und Eintheilung einer besonderen Wissenschaft, 

unter dem Namen einer Ejritik der reinen Vernunft . 24 44 

I. Transscendentale Elementarlehre 31-732, 49-484 

Ihrster Tkell. Die transscendentale Aesthetik 33-73 51-77 

Einleitung il 33 51 

1. Abdehn. Von dem Räume. $.2,3 37 54 

2. Abschn. Von der Zeit. §.4—7 46 ßl 

Allgemeine Anmerkungen zur transscendentalen Aesthe- 
tik. -§.8 59 69 



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KVIII 



InhaltsYeraeiclmiM. 



Seiten der Seiten der 
Original- TorUegenden 
»nsgabe. Ausgabe. 

Zweiter TheiL Die transscendental^ Lopk , . . . . 74-732 78-484 

Einleitung. Idee einer transscendentaleQ Logik . • 74-88 78-87 

I. Von der Logik öberbaupt . 74 78 

II. Von der tranascendentalen Logik 79 81 

m. Von der Eintheilung der allgemeinen Logik in 

Analytik und Dialektik 82 88 

lY. Von der Eintheilung der transscendentalen Logik 

in die transscendentale Analytik und Dialektik 87 86 

Erste Abtheilung. Die transscendentale Analytik . 89-349 88-250 

Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe. . . 90-169 89-137 

1. Haupt St. YoQ dem Leitfaden der Entdeckung 

aller reinen Verstandesbegn^Te 91 89 

1. Abschn. Yon dem logischen Yerstandesge- 

brauche überhaupt. 92 90 

2. Abachn. Von der logischen Function des Ver- 
standes in ürtheilen. §.9 95 92 

8. Absehn. Von den reinen Verstandesbegriffen 

oder j^ategorien. §. 10—12. 102 96 

2. Haupt st. Von der Deduction der reinen Ver- 
standesbegriffe \ 116 105 

1. Abschn. Von den Prineipien einer transscen- 
dentalen Deduction überhaupt. §. 18. ... . 116 105 

U ebergang zur tiransscendentalen Deduction der 

Kategorien. $. 14. . . . . 1^^ HO 

2. Abaohn« Tianwcendentale Deduction der rei- 
nen Verstandesbegriffe. §. 15—27. .... 129 113 

Zweites Buch. Die Analytik der Grundsätze (trans- 
scendentale Doetrln der Urt)&eilskraft) . , * , . 169-349 138-250 
Einleitung. Von der transscendentalen Urtheilskraft 
übex^upt 171 139 

1. Haupt St. Yen dem Schematismus der reinen Ver- 
standesbegriffe 176 142 

2. Haupt st. System aller Grundsätze des reinen 

Vewtandes 187 148 

1. Abschn. Von dem obersten Grundsatze aller 

analytischen Urtheiie 189 150 

2. Abschn. Von dem obersten Grundsatze aller 
synthetischen Urtheiie 193 152 

3. Abschn. Systematische Vorstellung aller syn- 
thetischen Grundsätze des reinen Verstandes . 197-294 155-213 

1. Axiome der Anschauung 202 158 



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InliAltsyerzetchiii9& XIK 

SeitML der SeiUa dez 
OrigiiMl- Torli«f6nd«]i 

ausgäbe. Antgabe. 

2. Anticipationen der Wabrnehmung^ .... 201 ,. ,- 16t 

B. Analogien der Erfahrung : . . . 218 , 168 

Erste Analogie. Grundsatz der Beharrlich- 
keit der Substanz ........ 224 172 

Zweite Analogie. Grundsatz der Zeitfolge 

nach deni Gesetze der Gausalit&t . . . 232 177 
Dritte Analogie. Grundsatz des Zugleich- ' 
seins nach dem Gesetze der Wechsel- 
wirkung 256 ^191 

4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt 265 197 
Allgemeine Anmerkung zum Systeme der Grund- 
sätze 288 210 

3. Haupt St. Von dem Grunde der Unterscheidung 
aller Gegenstände Oberhaupt in Phaenqtnena und 

NoMniena * 294 ^ 214 

Anhang. Von der. Amphibolie der Beflexionsbegrifi'e 816 281 

Zweite Abtheilung. Die transscendentale Dialektik . 349-782 251-484 

Einleitung 849-866 251-261 

I. Vom trausBccndentalen Scheine ; . 349 251 

n. Von der reinen Vernunft, als dem Sitze des trant- 

scendentalen Scheines 355 254 

A. Von der Vernunft überhaupt ; .... 355 254 

B. Vom logischen Gebrauche der Veminft . . 859 257 
G. Von dem reinen Gebrauche dw Verounft . 362 258 

Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft 866^896 262-279 

1. Absehn. Von den Ideen überhaupt .... 868 263 

2. Abschn. Von den tratoscendenlalea Ideen . 377 268 
8. Abschn. System der trants<jexidentaleii Ideen: '880 276 

Zweites Buch. Von den dialektischen Schlüssen der 

reinen Vernunft 896-7^ 280-484 

1. Hauptst. Von den Paralogismen der reinen Ver- 
nunft 399 281 

Allgemeine Anmerkung, den ITebergang von der ratio« 

nalen Psychologie znr Kosmologie betreffend ^ 428 298 

2. Hauptst. Die Antinomie der reinen Vernunft .432 301 

L Abschn. System der kosmologischen Ideen . 485 803 

2. Abschn. Antlthetik der reinen Vernunft . . 448 310 

Erste Antinomie ; . . . . 454 314 

Zweite Antinomie . 462 320 

Dritte Antinomie .......... 472 328 

Vierte Antinomie 480 334 



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XX 



Intidltsvmeiciinfi«: 



6 
7. 

• 9. 



AbBchn. Yon^em Interesse d^r Vernanft' b^i 
diesem ihrem Widerstreite ... . . . ,. 

Ab sehn. Von '^en transäccndentalen Aüfgabep 
der reinen Yernunlt, in so feni sie schlechter- 
dings m&ssen* aufgelöst werden können V . 
Ab sehn. Skeptische Yörstellung der'kösmolo- 
gischen Fragen durch ülle vier transsceiiden- 
talen Ideen *:"*■.-':' . :. ':"''. '\ . r /. ".'"^ 
Absc^hn. Der transscendentale Idealtijmns, als 
der Schlüssel tiü Auflösung der kx>smoIogischen 

Dhri^Bfttik . , ... 

Absdiin. Kritische Enti^cfaeidungt dw kösmolo 
gischen Streites der Vemnnlt mit sich Selbst . 
Abschn. Regulatives Princip der reinen Ver- 
nunft in Aos^uil^ dbr l}öiiho\6giuih^ tdtien . 
Abs'chn. Von dem empirischen Gebrauche des 
regulativen Princips der Tc^teüft !n Ai^ehung 

all6r kosmologisehen Ideen 

I. Auflösung di^ kosmologfsdhen Idee von 

der Totaütftl der Züsammensf^bniiig der Er- 

^heinutigen in einem Weltgansea , .< . 

U. Auflösung dor kotmologischen Idee^ von der 

Totalit&t der Theilong eines gegebenen 

Ganzen In 4et Anschauung . 

Schlussanmerlnvif- und Yore^nnanttg . 
m. Auflösung der kosmologisehen Ideen von 
der Totalität d^ ,AUf44vif der W^tbe^ 
gebenheiten aus ihren UrsachM. . 
MögUchkeit der GMseUtit durch FreiheU. . 
ErlAutemng der kosmologisehen Idee einer 

Freiheit 

lY. Auflösuni^ der. kosmologisehen Idee von der 
Totalit&t der Abhängigkeit der Erscheinun 
gen ihrem, Dasein Qach ftberhaupt . 
Schlnssanmerkung cur gansen Antinpn^e der 
reinen Yemonft 



Seit«m 4tt MtMi der 
Orlgisal- ToriitgendMi 

7 "" 490^ 340 

'1 ^ K .-. 



& Ha 
1. 
2. 
8. 



uptst. Das Ideal der reinen Yemunft . . 
Abschn. Yon dem Ideal überhaupt . . . 
Abschn. Yon dem transscendentalen Ideal 
Abschn. Yon den Beweisgründen der specu 
Jadven Yemunft, auf das Dasein eines höchsten 
Wesens lu schliessen 



504 848 

' 618 868 

ötö 357 

525 861 

586 867 

548 872 

51fr 373 



Ö5i 


376 


556 


379 


660 


882 


666 


385 


670 


387 



587 897 



598 


iPl 


695 


402 


695 


402 


Ö99 


405 



611 412 



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labaltsren^olmiss 



äeiten 4dr 
Orifiaal- 



XXI 

Seit«! der 
torli«fni4«B 



Mtf»b«. Amtfä«. 

4. Abiehö. Von deir Unmöglichkeit eine« ontolo- , 

gi8c^)i0n Beweises Tom Dasein Oottps . . . . ^20 417 

6. Abschn. Von dor Uiimqg;lichkeit eines Jco§- , . 
mologiscben Beweises vora Dasein Gotte$ . . ^1 424 
Ent^ejCknng des dialektischen ßoheines in.all^n 
traiisscendentf^Jen. i^eweisen von? Dasein ^einea. ; . 
noth wendigen, Wesens ... . ... ^ ,,; ., . ,, ,6^ 431 

> 6. Abaohn. Von der Unmöglichkeit des pbysiko- ,t 

theologischen Beweises , .,. . ^ ,. . . , . ^...< ß^ß.. ; ,434 

7. Abschn. Krjtik aller Theologie aus, fjpecnla- ,.i. 
ti?^-Principien der Vernunft . ,55Ö ,^ 441 

Anhang znr transsc^ndentalen Dialektik < .,,.,. . j670 . ^ 448 
Vo?f dem regulativen Gebnuacl^v d^.^ /^^^Off dei: ,. 

reinen Vernunft, .,.,.. . , . . . ... .. f .670,. ^ 448 

', Voi> der Enda})$ioht der natürlichen pialektik ., . , 

der menschlichen Vernunft . . , . , . ., €97,; ? 464 

Transscendentaie Methodenlehr^ ..... 73ß-^4 ,486-580 

Einleitung . .... 736 487 

Erstes Hauptst Die Discjplin der reinen Vernunft 786-823 489-541 

1. Abschn. Die Dtsciplin der rein^ Vernunft im 

' dogioUfttischen Gebraueke . . . /. 740 491 

2. Abschn. Die Disoiplhi der. reinen VerhuitiBt in 

Ansehung ihres polemischenr Gdbranchs . . * 766 507 

Von der Unmöglichkeit einer ^keptlBclMiiBefrie- > 

digung der mit sich s^bsrt venmeinigten n^ti 

Vernunft .........;.. 786 519 

3. Abschn. Die Discij^lin der reinen Vernunft in 

Ansehung der Hypothesen . . . . . . . . 797 526 

4. Absehn. Die Disciplin der reinen Vemnnft in 

Ansehung ihwr Beweise ........ 810 • 533 

Zweites Hauptst. Der Kanon der reinen Vernunft 823-884 ^42-580 
1. Abschn. Von dem letzten Zwecke des reinen 

Gebrauchs unserer Vernunft ....... 825 543 

2 Abschn. Von dem Ideal des höchsten Guts 832 548 

3. Abschn. Vom Meinen, Wissen und Glauben 848 557 
Drittes Hauptst. Die Architektonik der reinen 

Vernunft 860 565 

Viertes Hauptst. Die Geschichte der reinen Ver- 
nunft 880. 577 



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XXn Inbftlliverteiehnffls. 



Settta der Betten 4ler 

I. Aaflageder vorHesenAen 

Original. Aafr»)»e. 



Muftbe. 

Beilagen aus der ersten Auflage. 

Erste Beilage. Vorrede zur ersten Auflage .... i-xvi 583-591 
Zweite Beilage. Der Dednction der reinen Verstandes- 
begrüfe zweiter und dHtter Abschnitt ...... 95-130 592-613 

2. Abechn. Von den Gründen a priori zur Ht^g- 

Ikbkeit der Er&hmng 95 592 

3. Abschn. Von dem Verhältnisse des Verstandes 
zu Qegenstinden überhaupt und der Möglichkeit, 

diese a priwi zu erkennen 115 604 

Summarische Vorstellung der Richtigkeit dieser De- 

duction der reinen Verstandesbegriffe 128 612 

Dritte Beilage. Zu dem Hauptstück von den Para- 

logismen der reinen Vernunft 348-406 614-648 

£!i9ter Paralogismus, der Substantialität .... 348 614 

Zweiter Paralogismus, der Simplicität .... 351 616 

Dritter Paralogismus, der Personalitat 361 622 

Vierter Paralogismus, der Idei^itat ...... 866 625 

Betrachtungen über die Summe der reinen Seelen- 

lehrc 381 633 



Anhang des Herausgebers zur Textrevision . . 649-680 



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Kritik 

der 

reinen Vernunft. 



1787. 



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BACO DE VERULAMIO. 

INSTAÜRATIO MAGNA. PRAEFATIO. 

De nobis ipsis silemus. De re autem, quae agitar, petimus: ut homines eam 
non opinionem, sed opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non sectae nos alicujus, 
aut placiti, sed utilitatis et amplitadinis homanae fundamenta moliri. Deinde ut suis 
commodis aequi . . in eommnne consulant . . et ipsi in partem veniant Praeterea ut 
bene sperent, neque instauralionem nostram ut quiddam infinitum et ultra mortale 
fingant et animo concipiant; quum revera sit infiniti erroris finis et terminus legitimus.^ 



* Dieses Motto ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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Sr. Excellenz 

dem Königlichen Staatsminister 

FREIHERRN VON ZEDLITZ. 



Gnädiger HerrI 

Das Waclisthmn der WisseDSchaften an seinem Theile befördern, 
beisst an Ew. Excellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist 
mit jenen nicht bloss durch den erhabenen Posten eines Beschützers, 
sondern dnrch das viel vertrautere^ eines Liebhabers und erleuchteten 
Kenners innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des ein- 
zigen Mittels, daa gewissermassen in meinem Vermögen ist, meine Dank- 
barkdt für das gnädige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Excellensa 
mich beehren, als könne ich zu dieser Absicht etwas beitragen. 



*■ jffier ist wol das Wort »»Verbfiltniss" ausgefallen. 



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4 Zueignung. 

[Demselben gnädigen Augenmerke, dessen Ew. Excellenz die 
erste Auflage dieses Werks gewürdigt haben, widme ich nun auch 
diese zweite und hiermit zugleich alle übrige Angelegenheit meiner 
literarischen Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung^] 



Ew. Excellenz 



Königsberg, unterthänig gehorsamster Diener 

den 23. April 1787.« 

IMMANUEL KANT. 



' Statt des obigen Absatzes stehen in der ersten Auflage die beiden folgendenr 

„Wen das jspecnlative Lieben vergnügt, dem ist, unter massigen Wünschen, der 
Beifall eines aufgeklärten, giltigen Richters eine kräftige Aufinunterong zu Bemü- 
hungen, deren Nutzen gross obzwar entfernt ist, und daher von gemeinen Augen ^ 
gänzlich verkannt wird. 

Einem solchen und dessen gnädigem Augenmerke widme ich nun diese Schrift 
und seinem Schutze alle übrige Angelegenheit" u. s. w. 

^ Die Vorrede der ersten Auflage ist vom 29. März 1781 datirt. 



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VORREDE 

cur zweiten Auflage^ 



Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vemunftgescbäfl 
gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das 
lüsst sich bald aus dem Erfolg beurtheilen. Wenn sie nach viel ge- 
macht^i Anstalten und Zurüstungen, so bald es zum Zweck kommt, in 
Stecken geräth, oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen 
und einen anderen Weg einschlagen muss; ungleichen wenn es nicht 
möglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemein- 
schaftliche Absicht verfolgt werden soll, einhellig zu machen: so kann 
man immer überzeugt sein, dass ein solches Studium bei weitem noch 
nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein 
blosses Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die Vemimft^ 
diesen Weg wo möglich ausfindig zu machen, sollte auch manches als 
vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne Ueberlegung 
vorher genommenen Zwecke enthalten war. 

Dass die Logik diesen sicheren Gang schon von den ältesten vm 
Zeiten her gegangen sei, lässt sich daraus ersehen, dass sie seit dem 
Abistotbuqs keinen Schritt rückwärts hat thun dürfen, wenn man ihr 
nicht etwa die Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitäten oder 
deutlidiere Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserimgen anrechnen 
will, welches aber mehr zur Eleganz als zur Sicherheit der Wissenschaft 
gehört Merkwürdig ist noch an ihr, dass sie auch bis jetzt keinen Schritt 
vorwärts hat thun können, und also allem Ansehen nach geschlossen imd 



*■ Die Vorrede zur ersten Auflag^ bt im Anhang als „Erste Beilage" abgedruckt. 



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6 Vorrede 

vollendet zu sein scheint Denn, wenn einige Neuere sie dadurcli zu 
erweitem dachten, dass sie theüs psychologische Capitel von den ver- 
schiedenen Erkenntnisskräften (der Einbüdimgskraft, dem Witze), theils 
metaphysische über den Ursprung der Erkenntniss oder der ver- 
schiedenen Art der G^wissheit nach Verschiedenheit der Objecte (dem 
Idealismus, Skepticismus u. s. w.), theils anthropologische von Vor- 
urtheilen (den Ursachen derselben und Gegenmitteln) hineinschoben, so 
rührt dieses von ihrer Unkunde der eigenthümlichen Natur dieser Wissen- 
schaft her. Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissen- 
schaften, wenn man ihre Grrenzen in einander laufen lässt; die Grenze der 
Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, dass sie eine Wissenschaft 
IX ist, 'welche nichts als die formalen Eegeln alles Denkens (es m«^ a prtort 
oder empirisch sein, einen Ursprung oder Object haben, welches es wolle^ 
in unserem Gemüthe zuüQlige oder natürliche Hindemisse antreffen) 
ausführlich darlegt und str^ige beweist. 

Dass es d^ Logik so gut gelungen ist, diesen Vortheil hat sie 
bloss ihrer Eingeschränktheit zu verdanke, dadurch sie berechtigt, ja 
verbunden ist, von allen Objecten der Erkenntniss und ihrem Unterschiede 
zu abstrahiren, und in ihr also der Verstand es mit nichts weiter als 
sich selbst und seiner Form zu thun hat Weit schwerer musste es 
natürlicher Weise für die Vernunft sein, den sicheren Weg der Wissen- 
schaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloss mit sich selbst, sondern auch 
mit Objecten zu schaffen hat; daher jene auch als Propädeutik gleich- 
sam nur den Vorhof der Wissenschaften ausmacht, und wenn von 
Kenntnissen die Bede ist, man zwar eine Logik zu Beurtheilung derselben 
voraussetzt, aber die Erwerbung derselben in eigentlich und objectiv so 
genannten Wissenschaften suchen muss. 

Sofern in dies^i nun Vernunft sein soll, so muss darin etwas 
a priori erkannt werden, und ihre Erkemitniss kann auf zweierlei Art 
auf ihren Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen 
X Begriff (der anderweitig gegeben werden muss) bloss zu bestimmen, 
oder ihn auch wirklich zu machen. Die erste ist theoretische, 
die andere praktische Erkenntniss der Vernunft, Von beiden muss 
der reine Theü, so viel oder so wenig er auch mithalten mag, nämlich 
derjenige, darin Vernunft gänzlich a priori ihr Object bestimmt, vorher 
allein vorgetragen werden, und dasjenige, was aus anderen Quellen 



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Eur zweiten Anflage. 7 

kommt, damit nicht vermengt werden; denn es giebt übele Wirthschaft, 
wenn man blindlings ausgiebt, was einkommt, ohne nachher, wenn jene 
in Stecken geräth, unterscheiden zu können, welcher Theil der Einnahme 
den Aufwand tragen könne, und von welchem man d^iselben beschneiden 
muss. 

Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkennt- 
nisse der Vernunft, welche ihre Objecto a priori bestimmen sollen, die 
erstere ganz rein, die zweite wenigstens zum Theil rein, dann aber auch 
nach Mafisgabe anderer Erkenntnissquellen als der der Vernunft. 

Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her, wohin die 
Greschichte der menschlichen Vernunft reicht, in dem bewundernswürdigen 
Volke der Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. 
Allein man darf nicht denken, dass es ihr so leicht geworden wie der 
Logik, wo die Vernunft es nur mit sich selbst zu thun hat, jenen könig- 
lichen Weg zu treffen oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr xi 
glaube ich, dass es lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Aegyptem) 
beim Herumtappen geblieben ist, und diese Umänderung einer Revolution 
zuzuBchrd.ben sei, die der glückliche Einfall eines einzigen Mannes in 
einem Versuche zu Stande brachte, von welchem an die Bahn, die man 
nehm^i musste, nicht mehr zu verfehlen war, und der sichere Gang 
einer Wissenschaft ftlr alle Zeiten und in unendliche Weiten eingeschlagen 
und vorgezeichnet war. Die Geschichte dieser Revolution der Denkart, 
welche viel wichtiger war als die Entdeckung des Weges um das 
berühmte Vorgebirge, und des Glücklichen, der sie zu Stande brachte, 
ist uns nicht aufbehalten. Doch beweist die Sage, welche Diogenes 
DBB Labbtibr uns überliefert, der von den kleinsten, und nach dem 
gemeinen Urtheil gar nicht einmal eines Beweises benöthigten Elementen 
der geometrischen Demonstrationen den angeblichen Erfinder nennt, dass 
das Andenken der Veränderung, die durch die erste Spur der Entdeckung 
dieses neuen Weges bewirkt wurde, den Mathematikern äusserst wichtig 
geschienen haben müsse, und dadurch unvergesslich geworden sei. Dem 
ersten, der den gleichschenkligen Triangel demonstrirte (er mag 
nun Thales oder wie man will geheissen haben), dem ging ein Licht 
auf; denn er fand, dass er nicht dem, was er in der Figur sah, oderxn 
auch dem blossen Begriffe derselben nachspüren und gleichsam davon 
ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch das, was er nach Begriffen 



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8 Vorrede 

selbst a priori hineindachte und darstellte (durch Construction),^ hervor- 
bringen müsse, und dass er, um sicher etwas a priori zu wissen, (Ler 
Sache nichts beilegen müsse, als was aus dem nothwendig folgt, was 
er seinem Begriffe gemäss selbst in sie gelegt hat. 

Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den 
Heeresweg der Wissenschaft traf; denn es sind nur etwa anderthalb 
Jahrhunderte, dass der Vorschlag des sinnreichen Baco von Vebulam 
diese Entdeckung theüs veranlasste, theils, da man bereits auf der Spur 
derselben war, mehr belebte, welche eben sowol nur durch eine schnell 
vorgegangene Kevolution der Denkart erklärt werden kann. Ich will 
hier nur die Naturwissenschaft, so fem sie auf empirische Prindpieu 
gegründet ist, in Erwägung ziehen. 

Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm 
selbst gewählten Schwere herabrollen oder Torrigelu die Luft ein 
Gewicht, was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule 
gleich gedacht hatte, tragen Hess oder in noch späterer Zeit Stahl 
zm Metalle in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er 
ihnen etwas entzog und wiedergab,* so ging allen Naturforschem ein 
licht auf Sie begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie 
selbst nach ihrem Entwürfe hervorbringt, dass sie mit Principien ihrer 
Urtheüe nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nöthigen 
müsse, auf ilire Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein 
gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen 
zufällige, nach keinem vorher entwprfenen Plane gemachte Beobachtungen 
gar nicht in einem nothwendigen Gesetze zusammen, welches doch die 
Vernunft sucht und bedarf Die Vernunft muss mit ihren Principien, 
nach denen allein übereinkommende Erscheinungen fär Gesetze gelten 
können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen 
ausdachte, in der anderen an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt 
zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles 
vorsagen lässt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, 



* Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte der Experimentalmethode, 
deren erste Anfänge auch nicht wol bekannt sind. 



* Hier fehlt das Object zu „hervorbringen", etwa die Worte „seinen G^egen8tand 
allererst". 



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zur zweiten Auflage. 9 

der die Zeugen nöthigt auf die Fragen zu antworten, die er ihnen 
vorlegt Und so hat sogar Physik die so vorthdlhafte Eevolution ihrer 
Denkart lediglich d,em EinMle zu verdanken, demjenigen, was dieziv 
Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäss dasjenige in ihr zu 
suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muss und 
wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hierdurch ist die 
Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft 
gebracht worden, da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als 
ein blosses Herumtappai gewesen war. 

Der Metaphysik, einer ganz isolirten speculativen Yemunfterkennt- 
niss, die sich gänzlich Über Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch 
blosse Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendimg derselben auf 
Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soU, ist 
das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, dass sie den sicheren 
Gang einer Wissenschaft anzuschlagen vermocht hätte, ob sie gleich 
älter is^ als alle übrigen, und bleiben würde, wenn gleich die übrigen 
insgesammt in dem Schlünde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich 
verschlimgen werden sollten. Denn in ihr geräth die Vemimft continuirlich 
in Stecken, selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Er- 
fahrung bestätigt, (wie sie sich anmasst) a priori einsehen will. In ihr 
muss man unzählige Male den Weg zurück thun, weil man findet, dass 
er dahin nicht ftihrt, wo man hin wiU, und was die Einhelligkeit ihrer 
Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, xv 
dass sie vielmehr ein Kamp^latz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt 
zu sein scheint, seine Kräfte im Spielgefechte zu üben, auf dem noch 
niemals irgend ein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen 
und auf seinen Sieg einen dauerhaft;en Besitz gründen können. Es ist 
also kein Zweifel, dass ihr Verfahren bisher ein blosses Herumtappen 
und, was das Schlimmste ist, unter blossen Begriffen gewesen sei. 

Woran liegt es nun, dass hier noch kein sicherer Weg der Wissen- 
schaft hat gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat 
denn die Natur imsere Vermmft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, 
ihm als einer ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch 
mehr, wie wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu 
setzen, wenn sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wissbegierde 
nicht bloss verlässt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält und am 



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10 Vorrede 

Ende betrügt! Oder ist er bisher nur verfehlt: welche Anzeige können 
wir benutzen, um bei erneuertem Nachsuchen zu hoffen, dass wir glück- 
licher sein werden, als andere vor uns gewesen sind? 

Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissen- 

xvi Schaft, die durch eine auf einmal zu Stande gebrachte Eevolution das 
geworden sind, was sie jetzt sind, wären merkwürdig genug, um dem 
wesentlichen Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vortheühaft 
geworden ist, nachzusinnen und ihnen, so viel ihre Analogie als Vemunft- 
erkenntnisse mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Ver- 
suche nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntmss müsse 
sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche Übw sie a priori 
etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntniss erwdtert 
würde, gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte. Man versuche es 
daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser 
fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach 
unserer Erkentniss richten, welches so schon besser mit der verlangten 
Möglichkeit einer Erkenntniss derselben a priori zusammenstimmt, die 
über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. 
Es ist hiermit eben so als mit dem ersten Gedanken des Copbrnicus be- 
wandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht 
gut fort wollte, w^in er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um d^i 
Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den 
Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe Hess. In der 

xyii Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände be- 
trifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach 
der Beschaffenheit der Gegenstände richten müsste, so sehe ich nicht ein, 
wie man a priori -von ihr etwas wissen könne*, richtet sich aber der Ge- 
genstand (als Object der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres An- 
schauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wol vor- 
stellen. Weil ich aber bei diesen Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse 
werden sollen, nicht stehen bleiben kann, sondern sie als Vorstellungen 
auf irgend etwas als Gegenstand beziehen und diesen durch jene bestimmen 
muss, so kann ich entweder annehmen, die Begriffe, wodurch ich diese 
Bestimmung zu Stande bringe, richten sich auch nach dem Gegenstande, 
und dann bin ich wiederum in derselben Verlegenheit wegen der Art, 
wie ich a priori hiervon etwas wissen könne; oder ich nehme an, die Ge- 



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zur zweiten Auflage. J] 

genstände oder, welches einerlei ist, die Erfahrung, in welcher sie allein 
(ak gegebene Gegenstände) ^kannt werden, richte sich nach diesen Be- 
griffen, so sehe ich sofort eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung selbst 
eine «Eikenntnissart ist, die Verstand erfordert, dessen Begel ich in mir, 
noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori voraussetzen 
muss, welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird, nach denen sich 
also alle Gegenstände der Erfahrung nothw^ädig richt^i und mit ihnen xyi3 
übereinstimm^i müssen. Was Gegenstände betrifft, so fem sie bloss durch 
Vernunft und zwar nothwendig gedacht, die aber (so wenigstens, wie die 
Vernunft sie d^akt) gar nicht in der Erfeihrung gegeben werden können, 
so werden die Versuche sie zu denken (denn denken müssen sie sich 
doch lassen) hernach em&a, herrlichen Probirstein desjenigen abgeben, 
was wir als die y^änderte Methode der Denkungsart annehmen, da^s 
wir nämHch von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst 
in sie l^en.* 

Dieser Versuch gelingt nach Wimsch und verspricht der Metaphysik 
in ihrem ersten Theüe, da si^ sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt, 
davon die correspondirenden Gegenstände in der Erfahrung jenen ange- 
messen gegeb^i werden können, den sicheren Gkmg einer Wissenschaft, xix 
Denn man kann nach dieser Veränderung der Denkart die Möglichkeit 
caner Erkenntniss a priori ganz wol erklär^a, und, was noch mehr ist, 
die Gesetze, welche a priori der Natur als dem Inbegriffe der Gegen- 
stände der Erfahrung zum Grimde liegen, mit ihren genugthuenden Be- 

* Diese dem Naturforscher nachgeahmte Methode besteht also darin, die Elemente 
der reinen V^munft in dem zu suchen, was sich durch ein Experiment be> 
stätigen oder widerlegen lässt Nun ISsst sich zur Prüfung der Sätze der reinen 
Vernunft, Yomehmlich wenn sie über alle Grenze möglicher Erfahrung hinaus gewagt 
werden, keiu Experiment mit ihren Objecten machen (wie in der Naturwissenschaft); 
also wird es nur mit Begriffen und Grundsätzen, die wir a priori annehmen^ 
thunlich seiu, indem man sie nämlich so einrichtet, dass dieselben Gegenstände einer- 
seits als Gegenstände der Sinne und des Verstandes für die Erfahrung, andererseits 
aber doch als Gegenstände, die man bloss denkt, allenfalls fUr die isolirte und über 
die Erfahrungsgrenze hinausstrebende Vernunft, mithin von zwei yerschiedenen Seiten 
betrachtet werden können. Findet es sich nun, dass, wenn man die Dinge aus jenem 
doppelten Gesichtspunkte betrachtet, Einstimmung mit dem Prindp der reinen Ver> 
nunft stattfinde, bei einerlei G^ichtspunkt aber ein unvermeidlicher Widerstreit der 
Vernunft mit sich selbst entspringe, so entscheidet das Experiment für die Richtig- 
keit jener Unterscheidung. 



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12 Vorrede 

wdsen versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrungsart 
unmöglich war. Aber es ergiebt sich aus dieser Deduction unseres 
Vermögens a priori zu erkennen im ersten Theile der Metaphysik ein 
befremdliches und dem ganzen Zwecke derselben, der den zweiten Theil 
beschäftigt, dem Anscheine nach sehr nachtheiliges Eesultat, nämlich dass 
wir mit ihm nie über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen 
können, welches doch gerade die wesentlichste Angelegenheit dieser 

atx Wissenschaft ist. Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegen- 
probe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer Ver- 
nunfterkenntniss a priori, dass sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe, 
die Sache an sich selbst dagegen zwar ids für sich wirklich, aber von 
uns unerkannt liegen lasse. Denn das, was uns nothwendig über die 
Orenze der Erfehrung imd aller Erscheinungen hinaus zu gehen treibt, 
ist das Unbedingte, welches die Vernunft in den Dingen an sich selbst 
nothwendig und mit allem Eecht zu allem Bedingten, und dadurch die Reihe 
der Bedingungen als vollendet verlangt. Findet sich nun, wenn man an- 
nimmt, unsere Erfahrungserkenntniss richte sich nach den Gegenständen 
als Dingen an sich selbst, dass das Unbedingte ohne Widerspruch 
gar nicht gedacht werden könne; dagegen wenn man annimmt, unsere 
Vorstellung der Dinge, wie sie uns gegeben werden, richte sich nicht 
nach diesen als Dingen an sich selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr 
als Erscheinungen richten sich nach unserer Vorstellimgsart, der Wider- 
spruch wegfalle; und dass folglich das Unbedingte nicht an Dingen, 
-80 fem wir sie kennen (sie uns gegeben werden), wol aber an ihnen, so 
fem wir sie nicht, kennen, als Sachen an sich selbst, angetroffen werden 
müsse: so zeigt sich, dass, was wir anfangs nur zum Versuche annahmen, 

•xxi gegründet sei.* Nun bleibt uns immer noch übrig, nachdem der specu- 
lativen Vernunft alles Fortkommen in diesem Felde des Uebersinnlichen 



* Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker, welches 
sie manchmal den Versuch der Reduction, im allgemeinen aber das synthetische 
Verfahren nennen, viel Aehnliches. Die Analysis des Metaphysikers schied 
die reine Erkenntniss a priori in zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich die 
der Dinge als Erscheinungen und dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik 
verbindet beide wiederum zur Einhelligkeit mit der noth wendigen Vemunftidee 
<les Unbedingten und findet, dass diese Einhelligkeit niemals anders, als durch 
Jene Unterscheidung herauskomme, welche also die wahre ist 



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snr zweiten Auflage. l^i 

abgeeproclien worden, zu yersuchen, ob sich nicht in ihrer praktischen 
Eikenntniss Data finden, jaien transscendenten Yemunftbegriff d6s Un- 
bedingtem zu bestimmen, nnd anf solche Weise d^n Wunsche der Meta- 
phyök gemäss tiber die Grenze aller möglioheai Erfahrung hinaus mit 
unserer, aber nur in praktischer Absicht möglichen Erkenntniss a priori 
zu gelangen. Und bei einem solchen Verfahren hat uns die speculative 
Yemiinfit zu solcher Erweiterung immer doch wenigstens Platz verschafft, 
wenn sie ihn gleich leer lassen musste, imd es bleibt uns also noch un- 
b^iommen, ja wir sind gar dazu durch sie aufgefordert, ihn durch prak- xx» 
tisdie Data derselbe wenn wir können, auszufüllen.* 

In jenem Versudbe, daa bisherige VerMiren der Metaphysik um- 
znändem, und dadurch, dass wir nach dem Beispiele der Geometer und 
Naturforscher eine gänzlidie Bevolution mit derselben Yornehm^^ besteht 
nun das Greschftft dieser Kritik d€ar reinen speculativen Vernunft. Sie 
ist ein Tractat yon der Methode, nicht ein System der Wissenschaft 
selbBt; aber sie verzeichnet gleichwol den ganz^i Umriss derselben, so- 
wol in Ansehung ihrer Grenzoi als auch des ganzen inneren Gliederbaus xxiiy 
dorsdbeii. Denn das hat die reine speculatlve Vernunft Eigenthümliches 
an sich, dass sie ihr eigenes Vennögen nach Verschiedenheit der Art, 
wie sie sich Objecte zum Denken wählt, ausmessen, und auch selbst die 
mancherlei Arten, sich Aufgab^i vorzulegen, vollständig vorzählen und 
so den ganzmi Vorriss zu einem System der Metaphysik verzeichnen 



* So verschafften die Centralgesetze der Bewegungen der Himmelskörper dem> 
was CopERNicus anfanglich nur als Hypothese annahm, ausgemachte Gtewissheit, und 
bewiesen zugleich die unsichtbare den Weltbau verbindende Kraft (der New ton 'sehen. 
Anziehung), welche auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der erstere es nicht 
gtwagt hätte, auf dne widersinnige aber doch wahre Art, die beobachteten Be- 
wegungen Hiebt in den Gregenständen des Himmels, sondern in ihrem Zuschauer zu 
suchen. leh stelle in dieser Vorrede die in der Kritik vorgetragene, jener Hypothese 
analoge Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf, ob sie gleich in der 
Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer Vorstellungen von Raum und Zeit 
nnd den Elementarbegriffen des Verstandes nicht hypothetisch, sondern apodiktisch 
bewieien wird, ttm nur ^Ke rarsten Versuche dner solchen Umänderung, welche allemaP 
hypothetifich sind, bemerUlch bu machen. 



* Bfier scheint eine Zeile des Manuscripts im Druck ausgefallen zu sein, eti\'ar 
die Worte: „ihr den sicheren Gang einer Wissenschaft zu geben". (Vgl S. VII Z. 2^ 
8. XIV Z. ö, S. XIX Z. 1. u. o.) 



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J[4 Vorwde 

kann und soll; weil, wsa das erste betriffib, in der Erkemitniss a priori 
•den Objecten nichts beigelegt werden kann, als was das denkende 
Subject aus sich selbst hernimmt, und, was das zweite anlan^, sie in 
Ansehung der Erkenntnissprinoipien eine ganz abgesonderte, für sich 
besteh^ide Einheit ist, in wdcher ein jedes Glied, wie in einem orgam- 
«irten Körper, um aUer anderen und ^aLLe um eines wülen da sind, und 
kein Prindp mit Sich^rkeit in einer Beziehung geiommen werden 
kann, ohne es EUgleich in der durchgängigen Beziehung zum ganzen 
reinen Vemunftgebrauch untersucht zu haben. Daftir aber hat auch die 
Metaphysik das seltene Glück, welches keiner anderen YemunflkwissMi- 
schaft, die es mit Objecten zu thun hat (denn die Logik beschäMgt 
sich nur mit der Form des Denkens überhaupt), zu Theü werden kann, 
dass, wenn sie durch diese Kritik in dei sicheren Gang einer Wissen- 
schaft gebracht worden, sie das ganze Feld der ftlr sie gehörigen 

acmr Erkenntnisse Yöllig be&ussen und also ihr Weik vollenden und fttr die 
Nachwelt als einen nie zu v^rmehraid^aL Hauptstahl zian Gebrauche 
niederlegen kann, weil sie es bloss mit PrindpieQ und den Ein- 
schränkungen ihres Gebrauchs zu thun hat, welche durdi jene sdbst 
bestimmt werden. Zu dieser Vollständigkeit ist sie daher als Grund- 
wissenschaft auch verbunden, und von ihr muss gesagt werden können: 
ml actum reputans, ei quid superesset agendum. 

Aber was ist denn das^ wird man fragen, ftir ein Schatz, den wir 
-der Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten, 
dadurch aber auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik 
zu hinterlassen gedenken? Man wird bei einer flüchtigen Uebersicht 
^eses Werks wahrzunehmen glauben, dass der Nutzen davon doch nur 
negativ sei, uns nämlich mit der speculativen V^-nunft memals über die 
Erfahrungsgrenze hinaus zu wagen, und das ist auch in d^ That ihr 
erster Nutzen. Dieser aber wird alsbald positiv, wenn man inne wird, 
dass die Grundsätze, mit denen sich speculative Vemimft über ihre 
Grenze hinauswagt, in der That nicht Erweiterung, sondern, wenn 
man sie näher betrachtet, Verengung unseres Vemunftgebraudies 
zum unausbleiblichen Erfolg haben, indem sie wirklich die Grenzen der 

XXV Sinnlichkeit, zu der sie eigentlich gehören, über alles zu erweitem und 
so den reinen (praktischen) Vemunftgebrauch gar zu verdrängen drohen. 
Daher ist eine Kritik, welche die erstere einschränkt, sofern zwar 



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zur zweiten Auflage. X5 

negativ, aber, indem sie dadurch zugleich ein Hindemiss, welches den 
letstoren Grebrauch dnschränkt oder gar zu yemichten droht, aufhebt, in 
der That von positivem und sehr wichtigen jjTutzen, so bald man 
Überoeugt wird, dass es einen schlechterdings nothwendigen praktischen 
Clebrauch der reinen Vernunft (den moralischen) gebe, in welchem sie 
sich unvermddHdi über die Grenzen der ^nnlichkrat erweitert, dazu sie 
zwar von der speculativen keiner Beihüfe bedarf, dennoch aber wider 
ihre Greg^iwirkung gesichert sein muss, um nicht in Widerspruch mit 
sich selbst zu g^^athen. I^esem Dienste der Kritik den positiven 
Nutzen abzusprechen, wttre eben so viel als sagen, dass Polizei keinen 
positiven Nutzen schaffe, weil ihr Hauptgeschäft doch nur ist, der 
Oewaltthäitigkeit, welche Bürger von Bürgern zu besorgen haben, einen 
Biegel vorzuschieben, damit ein jeder seine Angelegenheit ruhig und 
mctiear treiben könne. Dass Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen 
Anschauung, also nur Bedingungen der Ezist^iz der Dinge ah Er- 
scheinungen sind, dass wir femer keine Yerstandesbegriffe, mithin auch 
gar keine Elemente zur Erkenntniss der Dinge haben, als so fem diesen xxvi 
B^riffen correspondirende Anschauung gegeben werden kann, folglich 
wir von keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, sondern nur so 
fe^a er Object der sinnlichen Anschauung ist, d. L als Erscheinung 
Erkenntniss haben können, wird im analytischen Theile der Kritik 
bewiesen; woraus denn freilich die Einschränkung aller nur möglichen 
speculativen Erkenntniss der Vernunft auf blosse Gregenstände der 
Erfahrung folgt. Gleichwol wird, welches wol gemerkt werden muss, 
doch dabei immer vorbehalten, dass wir eben dieselben G^g^istände 
auch als Dinge an sich selbst, wenn ^eich nicht erkennen, doch 
wenigstens müssen denken können.* Denn sonst wtirde der ungereimte 



* Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, dass ich seine Möglichkeit 
(es sei nach dem Zeugniss der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit oder a priori durch 
Vernunft) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mir 
nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke 
ist, ob ieh zwar dafUr nicht stehen kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten 
diesem auch ein Oloect coixespondire oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber 
objeetive Giltigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloss die logische) bei- 
snlegen, dazu wird etwas mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht eben nicht 
in theoi^etiscben Erkenntnissquellen gesucht zu werden, es kann auch in praktischen 



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16 Vorrede 

xxvn Satz daraus folgen, daas Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint. 
Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik nothwendig gemachte 
Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der Erfahrung von eben 
denselb^a als Dingen an sich selbst wäre gar nicht gemacht, so müsste 
der Grundsatz der Causalität und mithin der Naturmechanismus in 
Bestimmimg derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden 
Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen 
Seele, würde ich nicht sagen könn^i, ihr Wille sei frei imd er sei doch 
zugleich der Naturnothwendigkeii imterworfen d. i. nicht frei, ohne in 
einen offenbaren Widerspruch zu gerathen, weil ich die Seele in beiden 
Sätzen in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding überhaupt 
(als Sache an sich selbst) genommen habe, und ohne vorhergehende 
Kritik auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Elritik nicht 
geirrt hat, da sie das Object in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, 
nämlich als Erscheinung oder als Ding an sich selbst; wenn die De- 
duction ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz^ 
der Causalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich so 
fem sie Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber nach 
der zweiten Bedeutimg ihm nicht unterworfen sind, so ,wird eben derselbe 

xxvm Wille in der Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem Natur- 
gesetze nothwendig gemäss und so fem nicht frei, und doch anderer- 
seits als einem Dinge an «sich selbst angehörig jenem nicht imterworfen, 
mithin als frei gedacht, ohne dass hierbei ein Widersprach vorgeht. 
Ob ich nun gleich meine Seele, von der letzteren Seite betrachtet, durch 
keine speculative Vernunft (noch weniger durch empirische Beobachtung), 
mithin auch nicht die Freiheit als Eigenschaft eines Wesens, dem ich 
Wirkungen in der Sinnenwelt zuschreibe, erkennen kann, darum weil 
ich ein solches seiner Existenz nach, und doch nicht in der Zeit 
bestimmt erkennen müsste (welches, weil ich meinem Begriffe keine 
Anschauung unterlegen kann, unmöglich ist), so kann ich mir doch die 
Freiheit denken, d. i. die Vorstellung davon enthält wenigstens keinen 
Widerspruch in sich, wenn unsere kritische Unterscheidung beider (der 
sinnlichen und intellectuellen) Vorstellungsarten imd die davon herrührende 
Einschränkung der reinen Verstandesbegriffe, mithin auch der aus ihnen 
fliessenden Grundsätze statt hat. Gesetzt nun, die Moral setze noth- 
wendig Freiheit (im strengsten Sinne) als Eigenschaft unseres Willens. 



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zur zweiten Auflage. IJ 

voraus, indem sie praktische, in unserer Vernunft liegende ursprüngliche 
Grrundsätze als Data derselben « priori anftihrt, die ohne Voraussetzung 
der Freiheit schlechterdings unmöglich wären, die speculative Vernunft xnx 
aber hätte bewiesen, dass diese sich gar nicht denken lasse, so muas 
nothwendig jene Voraussetzung, nämlich die moralische, .deijenigen 
weichen, deren Gegentheil men offenbaren Widerspruch enthält, folglich 
Freiheit und mit ihr Sittlichkeit (denn deren G^gendieil enthält keinen 
Widerspruch, wenn nicht schon Freiheit vorausgesetzt wird) dem 
Naturmechanismus den Platz einräumen. So aber, da ich zur Moral 
nichts weiter brauche, als dass Freihat sich nur nicht selbst wider- 
spreche und sich also doch wenigstens denken lasse, ohne nöthig zu 
haben sie weiter dbizusehen, dass sie also dem Naturmechanismus eben 
derselben Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hinder- 
niss in den Weg lege: so behauptet die Lehre von der Sitüichkeit ihren 
Platz und die Naturlehre auch den ihrigen, welches aber nicht statt- 
gefunden hätte, wenn nicht Kritik uns zuvor von unserer unvermeid- 
lichen Unwissenheit in Ansehung der Dinge an sich selbst belehrt und 
alles, was wir theoretisch erkennen können, auf blosse Erscheinungen 
eingeschränkt hätte. Eben diese Erörterung des positiven Nutzens 
kritischer Grundsätze der reinen Vernunft lässt sich in Ansehung des 
Begriffs von Gott und der einfachen Natur unserer Seele zeigen, 
die ich aber der Kürze halber vorbeigehe. Ich kann also Gott,xxx 
Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des nothwendigen prak- 
tischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn ich 
nicht der speculativen Vernunft zugleich ihre Anmassung überschweng- 
licher EiDsichten benehme, weil sie sich, um zu diesen zu gelangen, 
solcher Grimdsätze bedienen muss, die, indem sie in der That bloss auf 
Gegenstände möglicher Erfahrung reichen, wenn sie gleichwol auf das 
angewandt werden, was nicht ein Gegenstand der Erfahrung sein kann, 
wirklich dieses jederzeit iq Erscheinung verwandeln und so alle prak- 
tische Erweiterung der reinen Vernunft für immöglich erklären. Ich 
musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu be- 
kommen, und^ der Dogmatismus der Metaphysik, d. i. das Vorurtheil, 
in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre 



^ £5 soll. statt „imd." wol t,demi" heissen. 
Eaht's Kritik der reinen Vernunft. 



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18 Vorrede 

Quelle alles der MoralitXt widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit 
gar selir dogmatisch ist. — Wenn es also mit einer nach Massgabe der 
Elritik der reinen Vernunft abgefassten systematischen Metaphysik eben 
nicht schwer sein kann, der Nachkommenschaft ein Vermächtniss zu 
hinterlassen, so ist dies kein für gering zu achtendes G^chenk; man 
mag nun bloss auf die Oultur der Vemunffc durch den sichere Ckmg 
einer Wissenschaft überhaupt in Vergldchung mit dem grundlosen 

xxn Tappen und Idchtsinnigen Herumstreifen deiselben ohne Kiitik sehen, 
oder auch auf bessere Zeitanweadung einer wissbegierigen Jugend, die 
beim gewöhnlichen Dogmatismus so frühe und so viel Aufmunterung 
bekommt, über Dinge, davon sie nichts versteht und darin sie, so wie 
niemand in der Welt, auch nie etwas einsehen wird, bequem zu ver- 
nünft^eln, oder gar auf Erfindung neuer Gedanken und Meinungen aus- 
zugehen und so die Erlernung gründlicher Wissenschaften zu verab- 
säumen; am meisten aber, wenn man den unschätzbaren Vortheil in 
Anschlag bringt, allen Einwürfen wider Sittlichkeit und Keligion auf 
sokratische Art, nämlich durch den klarsten Beweis der Unwissenheit 
der Gegner auf alle künftige Zeit, ein Ende zu machen. Denn irgend 
dne Metaphysik ist immer in der Welt gewesen und wird auch wol 
femer, mit ihr aber auch eine Dialektik der reinen Vernunft, weil sie ihr 
natürlich ist, darin anzutreffen sdn. Es ist also die erste und wichtigste 
Angelegenheit der Philosophie, einmal für allemal ihr dadurch, dass man 
die Quelle der Irrthümer verstopft, allen nachtheiligen Einfluss zu 
benehmen. 

Bei dieser wichtigen Veränderung im Felde der Wissenschaften 
und dem Verluste, den speculative Vernunft an ihrem bisher ein- 
gebildeten Besitze erleiden muss, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen 

xxxn menschlichen Angelegenheit und dem Nutzen, den die Welt bisher aus 
den Lehren der reinen Vernunft zog, in demselben vortheilhaft^n Zu- 
stande als es jemals war, und der Veriust trifft nur das Monopol der 
Schulen, keineswegs aber das Interesse der Menschen. Ich frage 
den unbiegsamsten Dogmatiker, ob der Beweis von der Fortdauer unserer 
Seele nach dem Tode aus der Einfachheit der Substanz, ob der von der 
Freiheit des Willens gegen den allgemeinen Mechanismus durch die 
subtilen, obzwar ohnmächtigen Unterscheidungen subjectiver und objec- 
tiver praktischer Nothwendigkeit, oder ob der vom Dasein Gottes aus 



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zur zweiten Auflage. \Q 

dem Begriffe dnes allerrealsten Wesens (der ZuföUigkdt des Verändere 
liehen und der Nothwendigkeit eines ersten Bewegers), nachdem sie von 
den Schalen ausgingen, jemals hahen bis zmn PaWcmn gelangen und 
auf dessen Ueberzeugong den mindesten Einfluss haben können? Ist 
dieses nun nicht geschehen, und kann es audi wegen der UntaugHchkeit 
des gemeinen Menschenyerstandes zu so subtiler Speculation niemals 
erwartet werden; hat viehnehr, was das erstere betrifft;, die jedem 
Maischen bemerkliche Anlage seiner Natur, dusch das Zeitliche (als zu 
den Anlagen seiner gsmzen Bestimmung unzulänglich) nie zuMeden 
gestellt w^-den zu können, die Ho&nng eines künftigen Lebens, 
in Ansehung des zweiten die blosse klare Darstellung der Pflichten imzxxm 
Gregensatze aller Ansprüche der Ndgungen das Bewusstsein der Frei- 
heit, und endlich, was das dritte anlangt, die herrliche Ordnung, 
Schönheit und Fürsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt, alldn 
den G-lauben an einen weisen und grossen Welturheber, die sich au& 
Publicum verbreitende TJeberzeugung, so fem sie auf Vemunftgründen 
beruht, ganz allein bewirken müssen: so bleibt ja nicht allein dieser 
Besitz ungestört, sondern er gewinnt vielmehr dadurch noch an Ansehn, 
dass cÜe Schulen nunmehr beldirt werden, sich keine höhere und aus- 
gebr^tetere Einsicht in einem Punkte anzumassen, der die allgemeine 
menschliche Angelegenheit betrifft, als diejenige ist, zu der die grosse 
(fiir uns achtungswürdigste) Menge audi eben so leicht gelange kann, 
und sich also auf die Gultur dieser allgemein fassHchen und in mora- 
lischer Absicht hinreichenden Beweisgründe allein einzuschränken. Die 
Veränderung betrifft also bloss die arroganten Ansprüdie der Schulen, 
die sich gern hierin (wie sonst mit Bedit in vielen anderen Stücken) 
für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher Wahrheiten möchten 
halten lass^ von denen sie dem PuMcum nur den Gebraudi mittheilen, 
den Schlüssel ders^ben aber für sich behalten {quod meoum neieit, solus 
vuU »eire viden). Gleichwol ist dodi auch flir einen billigeren Anspruch xxziy 
des speculativdn Philosophen gesorgt £r bleibt immer ausschliesslich 
Depositfir emer dem Publicum ohne dess^i Wissen nützlichen Wissen- 
schaft, n&nlkh der Kritik der Vemunfk; denn die kann niemals populär 
werden, hat aber auch nldit x»5thig es zu sein; weil, so wenig dem 
Volke die fein gesponnenen Ai^umente für nützlidie Wahrheiten in den 
Kopf woUen, eben so wenig kommen ihm auch die eben so Subtilen 



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20 Vorrede 

Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weSl die Schule so wie 
jeder sich zur Speculation erhebende Mensch unvermeidlich in beide 
geräth, jene dazu verbunden ist, durch gründliche Untersuchung der 
Rechte der speculativen Vernunft einmal für allemal dem Skandal vor- 
zubeugen, das über kurz oder lang selbst dem Volke aus den Streitig- 
keiten aufstossen muss, in welche sich Metaphysiker (und als solche 
endlieh auch wol Greistliche) ohne Kütik unausbleiblich verwickeln und 
die selbst nachher ihre Lehren verfälschen. Durch diese kann nur 
allein dem Materialismus, Fatalismus, Atheismus, dem firei- 
geisterischen Unglauben, der Schwärmerei und dem Aberglauben» 
die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem Idealismus 
und Skepticismus, die mehr den Schulen geßlhrlich sind und schwerlich 
ins Publicum übergehen können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden. 

XXXV Wenn Eegierungen sieh ja mit Angelegenheiten der Gelehrten zu be- 
fassen gut finden, so würde es ihrer wasen Fürsorge ftir Wissenschaften 
sowol als Menschen weit gemässer sein, die Freiheit einer solchen 
Kridk zu begünstigen, wodurch die Vernunftbearbeitungen allein auf 
einen festen Fuss gebracht werden können, als den lächerlichen Despo- 
tismus der Schulen zu unterstützen, wdche über öflFentliche Gefahr ein 
lautes Geschrei erheben, wenn man ihre Spinneweben zerreisst, von 
dtfien doch das Publicum niemals Notiz genommen hat und deren 
Verlust es also auch nie ftihlen kann. 

Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft 
in ihrer reinen Eikenntniss als Wissenschaft entgegengesetzt (denn 
diese nmss jederzeit dogmatisch, d. L aus sicher^i Principien a priori 
str^ig beweisend sem), sondern dem Dogmatismus, d. i. der An- 
massimg, mit dner reinen Erkenntmss aus BegrifPen (der philosophischen) 
nach Principien, ^o wie sie die Vernunft längst im Gebrauche hat, ohne 
Erkundigung der Art und des Bechts, wodurch sie dazu gelangt ist, allein 
fortzukommen. Dogmatismus ist also da« dogmatische Verfahren der 
reinen Vernunft ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Ver- 
mögens. Diese Entgegensetzung soll daher nicht der geschwätzigen 

xxxTi Sdchtigk^ imter dem angemassten Namen der Popularität, oder wol 
gar dem Sk^ticismus, der mit der ganzen Metaphysik kurzen Process 
macht, das Wort reden; vielmdur ist die Elritiik die nothwendige vor- 
läufige Veranstaltung zur Beförderung euier gründlichen Metaphysik als 



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zur zweiten Auflage. ^^ 

Wissenschaft, die nothwendig dogmatisch und nach der strengsten Fot- 
dening ayatematiseh, mithin schnlgerecht (nicht populär) ausgeführt 
werden muss; denn diese Forderung an sie, da sieaioh anheoscMg macht, 
^mzHch a priorij mithin zu völlige: Befriedigung der specidatiTen Vernunft 
ihr Gresdiäft .auszuftihr^i, ist uunachläaslich. In der Ausführung also 
des I^ana, den die EJritik vorschreiht, d. i. im künftigen System der 
Metaphysik müssen wsc dereinst der strengen Methode des berühmten 
WoM«, des grössten unter allen dogmatischen Philosophen folgen, der 
zuerst daa Beispiel gab (und durch dies Beispiel der Urheber des bisher 
noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in Deutschland wurde), 
wie durch gesetzmässige Feststellung der Principien, deutliche Be- 
stimmung der Begriffe, rersuchte Strenge der Beweise, Verfiütung kühner 
l^rünge in Folgerungen der sichere Gang einer Wissenschaft zu nehmen 
sei, der auch eben darum eine solche, als Metaphysik ist, in diesen Stand 
zu versetzen vorzüglich geschickt war, wemi es ihm beigefallen wäre, 
durch Kritik des Organs, nämlich der reinen Vernunft sdbst, sich dasxxxvn 
Feld vorher zu bereiten, mi Mangdi, der nicht sowol ihm als vielmehr 
der dogmatischen Denkungsart seines Zeitalters beizumessen ist, und 
darüber die Philosophen seiner sowol als aller vorigen Zeiten einander 
nichts vorzuwerfen haben. Diejenigen, welche seine Lehrart und doch 
zugleich auch das Verfahren der Kritik der reinen Vernunft verwerfen, 
können nkhts anderes im Sinn hab^ als die Fesseln der Wissenschaft 
gar abzuwerfen^ Arbeit in Spiel, Gewissheit in Meinung und Philosophie 
in Philodoxie zu verwandeln. 

Was diese zweite Auflage betrifft, so habe ich, wie billig, die 
Gelegenheit derselben riicht vorbeilassen wollen, um den Schwierigkeiten 
und der Dunkelheit so viel wie möglich abzuhel^, woraus manche 
Missdeutungen entsprungen sein mögen, welche scharfsinnigen Männern, 
viell^cht nicht ohne meine Schuld, in der Beurtheilung dieses Buchs 
aufgestossen sind. In den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, 
imgleichen der Form sowol als der Vollständigkeit des Plans habe ich 
nichts zu ändern geftmd^ü; welches theils der langen Prüfung, der ich 
ae unterworfen hatte, ehe ich sie dem Publicum vorlegte, theils d^ Be- 
schaffenheit der Sache selbst, nämlich der Natur einer reinen speculativen 
Vernunft beizumessen ist, die einen wfihren Gliederbau enthält, worin 
alles Organ ist, nämlich alles um eines wülen und ein jedes einzelne um x xxvm 



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22 VoiMde 

aller willen, ndtliin jede noch so kleine Gebrechlichkeit, sie sei ein Fehler 
(Irrthum) odar Mangel, sich im G^rauche unausbleiblich verrathen mnsa 
In dieser Unveränderlichkeit wird sich dieses System, wie ich hofPe, auch 
fernerhin behaupten. Nicht Eigendünkel sondern bloss die Evidenz, 
welche das Experiment der Gleichheit des Eesultats im Ausgange yoa 
den mindesteil Elementen bis zum Ganzen der reinen Vemunfi: und im 
Eückgange vom Granzen (denn auch dieses ist für sich durch die End- 
absicht dersdben im Praktischen gegeben) zu jedem Theile bewirkt, 
indem der Versuch, auch nur den kleinstai Theil abzuändern, sofort 
Widersprüche, nicht bloss des Systems, sondern der allgemdnaiMenschen- 
vemunft herbeiMirt, berechtigt mich zu diesem Vertrauen. Allein ia 
der Darstellung ist nodli viel zu thun, und hierin habe ich mit dieser 
Auflage Verbesserungen versucht, welche theils dem Missverstande der 
Aesthetik, vomehmlidi d^n im Begriffe der Zeit, theils der Dunkelheit 
der Deduction der Verstandesbegriffe, theils dem vermeintlichen Mangd 
einer genügsamen Evidenz in den Beweis^i der Grundsätze des reinen 
Verstandes, theOs endlich der Missdeutung der der rationalen Psychologe 
voi^erückten Paralogismen abhelfen sollen. Bis hierher (nämlich nur 
XXXIX bis zum Ende des ersten Hauptstü<^ der transscendentalen Dialektik) 
und weiter nicht ©»strecken sich meine Abänderungen der Darstellungsart,* 
xLW^ die Zeit zu kurz xmd mir in Ansehung des ülnrigen audi kein 
xLi Misflverstand sachkundiger und unpartdischer Prüfer vorgdkommen war, 
welche, auch ohne dass ich sie mit dem ihnen gebührenden Lobe n^inen 



• Eigentliche Vermehrung, aber doch nur in der Beweisart, könnte ich nur die 
nennen, die ich dtu*eh eine neue Widerlegung des psychologischen Idealismus und 
eu^en strengen (wie ich glaube auch einzig mdgUchen) Beweis von der obsJectiven 
Bealität der äusseren Aiechauung S. 275. gemacht habe. Der Idealismus mag in 
Ansehung der wesentlichen Zwecke der Metaphysik fiir noch so unschuldig gehalten 
werden (was er in der That nicht ist), so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie 
und allgemeinen Menschenvemunfk, das Dasein der Dinge ausser uns (von denen wir 
doiiAi den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unseren inneren Sinn h^ haben) 
bloss, auf Glauben annehmen eu müssen, und, wenn es jemand ehifiOlt es zu be* 
zweifdn, ihm keinen genug^nenden Beweis entgegenstellen a« kcmnen. Weil sich 
in d^n Ausdrücken des Beweises von der dritten Zeile bis zur sechsten^ einige 



^ KANT#bezieht sich auf den dritten Satz des Beweises: „Dieses Beharrliche... 
bestimmt werden kann." Man vgl. 8. 275, Anm. 1. 



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Auflage. - 23 

dar^ die Btteksielit, die itb auf ihre Erinnenrngen :getiomm6n kabe, schon zui 
▼on selbst an ihren Stellen antireffisn werden. Mit dieser Verbesserung aber 
ist ein kleiner Yerliuit ffir den Leser verbunden, der nicht su verhüten 
war, <^ne das Bu(^ gar eu voluminite zu machen, nämlich dass Ver- 
schiedenes, was zwar nicht wesentfich aur VoUstäadi^eit des Gänsen 
gehört, mancher Lesor aber doch ungern missen möchte, indem es sonst 
in anderer Absidit brauchbar sein luom, hat weggelassen oder abgekünst 
voj^etragen werden müssen, um: meiiier, wie ich h<^e, jetzt fasslicheren. 
Darstdkhmg Pktz zu machen, die im Grunde in Ansehung der Sätze und 
selbst ihrer Beweisgründe sdilechterdings mckts verändert, aber doch in 
der Methode des Vortmges hin «nd wieder so von der vorige abgeht, 
dass sie durch Einscikaitnngen sich nidit bewerkstelligt! Uess. Dieser 
kleine Verlust, der ohnedem imch jedes Belieben durch Vergleichung 
Mit der ersten Anfkige ersetzt werden kann, wird durch die grössere 



DmikeUMit findet, to bitte ich diese Periode so mnziiändem: „Dieses Beharrliche 
aber kann nicht eine Anschaunng in mir sein. Denn alle Bestimmungs- 
gründe meines Daseins, die in. mir angetroffen werden können, sind 
Vorstellungen nnd bedürfen als solche selbst ein von ihnen unter- 
schiedenes Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben, 
mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden 
könne." Man wir9~ gegen diesen Beweis vermuthlich sagen: ich bin mir doch nur 
dessen, was in mir ist, d. i. meiner Vorstellung äusserer Dinge unmittelbar bewusstf 
f<dglich bldbe es immer noch unausgemacht, ob etwas ihr Correspondirendes ausser 
mir sei oder nicht Allein ich bin mir meines Daseins in der Zeit (folglich xl 
auch der Bestimmbarkeit desselben in dieser) durch innere Erfahrung bewusst, und 
£eses ist me&r als bloss mir mein» Vorstellung bewusst zu sein, doch aber einerlei 
mit dem empirischen Bewusstsein meines Daseins, welches nur durch Be- 
ziehung auf etwas, was mit meiner Existenz verbunden ausser mir ist, bestimmbar 
ist Dieses Bewusstsein meines Daseins in der Zeit ist also mit dem Bewusstsein 
daes y whältnisses zu etwas ausser mir identisch Terbimden, und es ist also Erfahrung 
und nicht Erdichtung, Sinn und xdcht Einbildungskraft, welches das Aeussere mifr 
meinem inneren Sinn ui^rtrennlieh verknüpft; denn der äussere Sinn ist sehen «n 
sich Beziehung der Anschauung auf etwas Wirididies ausser mir, und die Bealitäl 
dessdben, zum Unterschiede von der Einbildung, beruht nur darauf, dass er mit der 
inneren Erfahrung selbst als die Bedingung der IfdglielÜLeit derselben unzertrenküieh 
verbunden werde, waches hier geschieht. Wenn ich mit dem intellectuellen 
Bewusstsein meines Dasdns in der Vorstellung „Ich bin", welche alle meine 
Urtfaeile und Verstandeshandluagen begleitet, zugleich eine Bertimmung meines Daseins 
durch intelleetuelle Anschauung verbinden könnte, so wäre zu derselben das 



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24 • Vorrede 

Fasslichkeit, wie ich hoffe, tiberwiegend ereetet. Ich habe in verschiedenen 
öffentlichen Schriften (theiis bei Grelegenheit der Eeoension mancher 
Bücher, thells in besonderen Abhandlungen) mit dai^bareea Vergnügen 
widirgenommen, dass der Oeist der Gründlidikeit in Deutschland nicht 
zijne)*storben, sondern nur durch den Modeton einer geniemässigen Freihat 
im Denken auf kurze Zeit überschrieen worden, und dass die dornigen 
Pfade der Kritik, die zu einer s^ulgerechten, aber als solche allein 
dauerhaften und daher höchst nodiwendigen Wissenschaft der reinen 
Vernunft ftthren, muihige und helle Köpfe nicht gehindert haben, sich 
derselben zu bemeistem: Diesen verdienten Männern, die mit der Gründ- 
lichkeit der Einsicht noch das Talent dner Hchtvoll^i Deu^stellung 
(dessen ich mir eben nicht bewusst bin) so glücklidi verbind^ üb^lasse 
ich meine in Ansehung der letzteren hin und wieder etwa noch mangel- 
hafte Bearbeitung zu vollenden; denn widerl^ zu werden ist in diesem 



Bewusstsein eines -Verhältnisses zu etwas ausser mir nicht nothweiidig gehörig. Nun 
aber jenes intellectaelle Bewusstsein zwar Yorangeht, aber die innere Anschauung, 
in der mein Dasein allein bestimmt werden kann, sinnlich und an Zeitbedingung 
gebunden ist, diese Bestimmung aber, mithin die innere Erfahrung selbst, von etwai 
zu Beharrlichem, welches in :mir nicht ist, folglich nur in etwas ausser mir, wogegen 
kh mich in Relation betrachten muss, abhängt: so ist die Beali1»t des äusseren 
Sinnes mit der des inneren zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt nothwendig 
verbunden, d. i. ich bin mir eben so sich^ bewusst, dass es Dinge ausser mir gebe, 
die sich auf meinen Sinn beziehen, als ich mir bewusst bin, dass ich selbst in der 
Zeit bestimmt existire. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber wirklich Ol^ecte 
ausser mir correspondiren, und die also zum äusseren Sinn gehören, welchem sie 
und nicht der Einbildungskraft zuzuschreiben sind, muss nach den Regeln, nach 
welchen Erfehrung übeiliaupt (selbst innere) von Einbildung unterschieden wird, in 
jedem besonderen Falle ausgemacht werden, wobei der Satz, dass es wirklich äussere 
Erfahrung gebe, immer zum Grunde liegt. Man kann hierzu noch die Anmerkung 
fägen: die Vorstellung von etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht einerlei mit 
der beharrlichen Vorstellung; denn diese kann sehr wandelbar und wechselnd 
sein wie alle unsere und selbst die Vorstellungen der Materie, und bezieht sich doch 
ftuf etwas Beharrliches, welches also ein von allen meinen Vorstellungen unterschiedenes 
und äusseres Ding sein muss, dessen Existenz in der Bestimmung meines eigenen 
Daseins nothwendig mit eingeschlossen wird und mit derselben nur eine einzige 
Erfahrung ausmacht, die nicht einmtil innerlich stattfinden würde, wenn sie nicht 
(zum Theil) zugleich änsserlich wäre. Das „Wie" lässt rieh hier eben so wenig 
weiter erklären, als wie wir überhaupt das Stehende in der Zeit denken, dessen 
Eugleichsein mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung hervorbringt. 



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zur zweiten Auflage. 25 

Falle keine Gefahr, wol aber nicht verstanden zu werden. Meinerseits 
kann ich mich auf Streitigkeiten von nun an nicht einlassen, ob ich zwar 
auf alle Winke, es sei von Freunden oder Gegnern, sorgfältig achten 
werde, um sie in der künftigen Ausführung des Systems dieser Propä- 
deutik gemäss zu benutzen. Da ich währaid dieser Arbeiten schon 
ziemlich tief ins Alter fortgerückt bin (in diesem Monate ins vier und 
sechzigste Jahr), so muss ich, wenn ich meinen Plan, die Metaphysik 
der Natur sowol als der Sitten als Bestätigung der Richtigkeit der 
Ejitik der speculativen sowol als.paraktischen Vernunft zu liefern, aus- 
führen will, mit der Zeit sparsam verfahren, und die Aufhellung sowol 
der in diesem Werke anfangs kaum vermeidlichen Dunkelheiten als diexLi? 
Veriheidigung des Ganzen von den veniienten Männern, die es ach zu 
eigen gemacht haben, erwarten. An einzelnen Stellen lässt sich jeder 
philosophische Vortrag zwacken (denn er kann nicht so gepanzert auf- 
treten, als der mathematische), indessen dass doch der GHederbau des 
Systems, als Einheit betrachtet, dabei nicht die mindeste Gefahr läuft, 
zu dessen Uebersicht, wenn es neu ist, /nur wenige die Gewandtheit des 
Geistes, noch wenigere aber, weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt, 
Lust besitz^i. Auch scheinbare Widersprüche lassen sich, wenn man 
einzelne SteUen, aus ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneinander 
vergleicht, in jeder, vomehmKch als freie Rede fortgehenden Schrift 
ausklauben, die in den Augen dessen, der sich auf fremde Beurtheilung 
verlässt, ein nachtheiliges Licht auf diese werfen, demjenigen aber, der 
sich der Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind. 
Lidessen, wenn eine Theorie in sich Bestand hat, so dienen Wirkimg 
und Gegenwirkung, die ihr anfänglich grosse Gefahr drohten, mit der 
Zeit nur dazu, um ihre Unebenheiten abzuschleifen, und wenn sich 
Männer von Unparteilichkeit, Einsicht und wahrer Popularität damit 
beschäftige, ihr in kurzer Zeit auch die erforderlidie 'Elegsaa zu 
verschaffen. 

Königsberg, im Aprilmonat 1787. 



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Einleitung. 



VoD dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntniss,. 

Dass alle nnsere Erkenntniss mit der Erfahrung anfange, daran ist 
gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das ErkenntnissTermögen sonst 



1 Die Einleitung zur ersten Auflage zedlült mir in zwei Abf ehnitte: L Idee der 
Transscendentalphiiosopliie; IL Eintheilung der Transscendentalphiloiophie. Der «rste 
dieser Abschnitte wird durch die Ueberschrilk „Von dem Unterschiede analytischer 
und synthetischer Urtheile" wiederum in zwei T heile zerlegt 

Die Abschnitte I, II und TU der obigen Einleitung entsprechen dem ersten TheQ 
der früheren. Von den obigen Abschnitten sind I und n eine erweiternde Umarbeitung 
der beiden ersten Absätze der früheren Auflage, während Abschnitt m ein nicht viel 
veränderter Abdruck der drei folgenden Absätze ist 

Der Abschnitt IV der obigen Einleitung stimmt mit dem zweiten Theil der 
Einleitung in der Auflage von 1781 bis auf einen Absatz, der zum Theü aus den 
im Jahre 1783 erschienenen „Prolegomenen zu einer jeden künftigen Metaphysik'* 
(§ 2. c. 1.) entnommen ist, im wesentlichen überein. 

Die Abschnitte V und VI der obigen Eialeitfliig sind in der zweiten Auflag» 
neu hinzugekommen. Die als 1. zusammengeÜEissten Absätze des Abschnitts V sind 
ein etwas modificirter Abdruck von § 2. c. 2 der Prolegomenen. Der Abschnitt 
VI ist eine verkürzte Darstellung des § 5 der Prolegomenen. 

Der Abschnitt VII wird aus dem letzten Absatz des ersten Abschnitts der 
früheren Auflage imd aus dem zweiten Abschnitt derselben gebildet. Beide sind in 
der obigen Fassung nur wenig verändert. 

Die Ueberschriften den Abschnitte I, ü, m, V, VI sind erst in der zweiten 
Auflage hinzugekommen. Im Abschnitt IV ist auch die Ueberschrift von der ersten 
Auflage beibehalten. Die Ueberschrift von VD ist eine Combination der Ueber- 
schriften von I imd II der früheren Auflage*, die Beziehung auf die Transscendental- 
philosophie ist jedoch der Beziehung auf die Kritik der reinen Vernunft gewichen. 

^ Die beiden Absätze der ersten Auflage, welche den obigen Abschnitten I u. II 
correspondiren, haben folgenden Wortlaut: 



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Emleitnng. 27 

ziff Aüsttbnng erweckt werden, geschähe es nidit dnrch Gregenstände^ 
die tinsere Sinne rühren und theils von s^bst YorsteUtingen bewirken^ 
theils tinsere Yerstandesthätigkeit in Bewegung bringen, diese zu ver- 
gleichen, sie zu verknü|^en oder zu trennen, und so den rohen Stoff 
sinnlicher Eindrücke zu emer Erkenntniss der Gegenstände zu verorbdten^ 
die Erfahrung heisst? Der Zeit nach geht also keine Erkenntniss in 
uns vor der Erfahrung vorher, und mit dieser füngt alle an. 

Wenn aber gleich alle unsere Erkenntniss mit der Erfahrung anhebt^ 
so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn 
es könnte wol sein, dass selbst unsere Er£ahrungserkenntniss ein Zu- 
sammengesetztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangeja, und 
dem, was unser eigenes Erkenntnissvermögen (durch sinnliche Eindrücke 
bloss veranlasst) aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von j^iem 
Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Uebung uns darauf t 
aufinerksam imd zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat. 



„ESrfahmng ist olae Bweifel das erste Product, welches unser Verstand hervor- 
bringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen bearbeitet. Sie ist eben 
dadurch die erste Belehrung, und im Fortgange so unerschöpflich an neuem Unter- 
richt, dass das zusammengekettete Leben aller künftigen Zeugungen an neuen Kennt- 
nissen, die auf diesem Boden gesammelt werden können, niemals Mangel haben wird. 
Gleichwol ist äe b^ weitem nicht das einzige Feld, darin sich unser Verstand ein- 
sehrfinken lisst Sie sagt uns zwar, was da sei, aber nicht, dass es noüiwendiger- 
weise so und nifiht anders sein müsse. iSben darum gibt sie uns auch keine wahre 
Allgemeinheit, und die Vernunft, welche nach dieser Art von Erkenntnissen so be- 
gierig ist, wird durch sie mehr gereizt als befriedigt. Solche allgemeine Erkenntnisse 
nun, die zugleich den Charakter der inneren Kothwendigkeit haben, müssen von der 
Erfahrung unabhttngig, für sich selbst klar und gewiss sein; man nennt sie daher 
Erkenntnisse a priori; da im Gegentheil das, was lediglich von der Erfahrung erborgt 
ist, wie man sich ausdrückt, nur a posteriori oder empirisch erkannt wird. 

Nun zeigt es sich, welches überaus merkwürdig ist, dass selbst unter unsere 
Erfahrungen sich Erkenntnisse mengen, die ihren Ursprung a p^-iori haben müssen 
und die vielleicht nur dazu dienen, um unseren Vorstellungen der Sinne Zusammen- 
hang zu verschaffen. Denn, wenn man aus den ersteren auch alles wegschafft, was 
den Sinnen angehört, so bleiben dennoch gewisse ursprüngliche Begriffe und aus ihnen 
erzeugte Urtheile übrig, die gänzlich a priori, unabhängig von der Erfahrung ent- 
standen sein müssen, weil sie machen, dass man von den Gegenständen, die den Sinnen 
erscheinen, mehr sagen kann, wenigstens es sagen zu können glaubt, als blosse Er- 
fahrung lehren würde, und dass Behauptungen wahre Allgemeinheit und strenge Noth- 
wendigkeit enthalten, dergleichen die bloss empirische Erkenntniss nicht liefern kann." 



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28 Eixüeitung. 

Es ist €dso wenigstezfö eine der näheren Untersuchung noch benöthigte 
xind nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage, ob es 
eine dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der 
Binne unabhängige Erkenntniss gebe. Man n^mt solche [Erkenntnisse 
^ priori und unt^scheidet sie von imx empirischen, die ihre Quellen 
-a posterioriy nämlich in der Erfahrung haben. 

Jener Ausdruck ist indessen noch nicht bestinunt genug, um den 
^nzen Sinn der vorgelegten Frage angemess^ zu bezeichnen. Denn 
man pflegt wol von mancher aus ErfiEihrungsquelleD abgeleitet^i Erkennt- 
niss zu sagen, dass wir ihrer a priori fikhig oder theilha^tig sind, weil 
'Wir sie nicht unmittelbar aus der Ernährung, sondern aus einer allgemeinen 
Eegel, die wir glddiwol selbst doch aus der Erfahrung entlehnt haben, 
ableiten. So sagt man von jemand, der das Fundament seines Hauses 
untergrub: er konnte es a priori wissen, dass es einfallen würde, d. i. er 
diu-fte nicht auf die Erfahrimg, dass es wirkUch einfiel, warten. Allein 
gänzlich a priori konnte er dieses doch auch nicht wissen. Denn dass 
die Körper schwer sind und daher, wenn ihnen die Stütze entzogen wird, 
fallen, musste ihm doch zuvor durch Erfehrung bekannt werden. 

Wir werden also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori nicht 
3 solche verstehen, die von dieser oder jener, sondern die schlechterdings 
von aller Erfahrung unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische Er- 
kenntnisse oder solche, die nur a posteriori, d. i. durch Erfahrung möglich 
sind, entgegengesetzt. Von den Erkenntnissen a priori heissen aber die- 
jenigen rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist.^ So ist 
z. B. der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori^ 
fdlein nicht rem, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Er- 
fahrung gezogen werden kann. 



^ Mfta vgl. S. 24. Anm. 2. 



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Ehileitiing. 2^ 



IL 



Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und selbst der 
gemeine Verstand ist niemals ohne solche. 

£b kommt hier auf ein Meikmal an, woran wir sicher eine rein^ 
Eikenntniss von empirischen unterscheiden kömien. Erfahrung lehrt 
uns zwar, dass etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, dass es nicht 
anders sein könne. Findet sich also erstlich ein Satz, der zugleich 
mit seiner Nothwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urtheil a prtori\ 
ist er überdem auch von keinem abgeleitet, als der selbst wiederum aLi> 
ein nothwendiger Batz giltig ist, so ist er schlechterdings a priori» 
Zweitens: Erfahrung gibt memJals ihren ürtheilen wahre oder strenge^ 
sondern nur angenommene und comparative Allgemeinheit (durch In- 
duction), 80 dass es eigentlidsi Geissen muss: so viel wir bisher wahr- 
genonmien haben, findet sich von dieser oder jener Regel keine Aus- 4; 
nähme. Wird also ein Urtheil in strenger Allgemeinheit gedacht, d. i. so, 
dass gar keine Ausnahme als möglich verstattet wird, so ist es nicht 
von der E^^^hrung abgeleitet sondern schlechterdings a priori giltig. 
Die empirische Allgemeinhdt ist also nur eine willkührliche Steigerung 
der Giltigkeit von der, ^welche in den meisten Fällen, zu der, die in allen 
gilt, wie z. B. in dem Satze: alle Körper sind schwer; wo dagegen 
strenge Allgemeinhdt zu einem TJrtheile wesentlich gehört, da zeigt 
diese auf dn^i besonderen Erkenntnissquell desselben, nämlich ein 
Vermögen der Erkenntnis« a priori. Nothwendigkeit imd strenge All- 
gemdnheit sind also sichere Kennzeichen einer Erkenntniss a priori, imd 
gehören auch imzertrennlich zu einander. Weil es aber im Gebrauche 
derselben bisweilen leichter ist, die empirische Beschränktheit derselben 
als die ZuföUigkeit in den Urtheüen, oder es auch manchmal einleuch- 
tender ist, die unbeschränkte Allgemeinheit, die wir einem Urtheüe 
beilegen, als die Nothwendigkeit desselben zu 2Eeigen, so ist es rathsam, 
sich gedachter beider Kriterien, deren jedes für sich unfehlbar ist, ab- 
gesondert zu bedienen. 

Dass es nun dergleichen nothwendige und im strengsten Sinne- 
allgemeine, mithin reine TJrtheile a priori in der menschlichen Erkennt- 



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30 Einleitung. 

niss wirklich gebe, ist leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus 
Wissenschaften, so darf man nur auf alle Sätze der Mathematik hinaus- 

6 sehen; will man ein solches aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, 
so kann der Satz, dass alle Veränderung eine Ursache hab^i müsse, 
dazu dienen; ja in dem letzteren enthält selbst der Begriff einer Ursache 
so offenbar den Begriff einer Nothwendigkeit der Verknüpftmg mit 
efiier Wirkung und einer strengen Allgemeinheit der Eegel, dass er 
gänzlich verloren gehen würde, wenn man ihn, wie Humb that, von 
einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem was vorhergeht, 
und einer daraus entspringenden Grewohnheit (mithin bloss subjectiven 
Nothwendigkeit) Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte. Auch 
könnte man, ohne d^gleichen Beispiele zum Beweise der Wirklichkeit 
rdner Grundsätze a priori in unserer Erkenntniss zu bedürf(Mi, dieser 
ihre Unentbehrlichkeit zur Möglichkeit der Erfahrung selbst, mithin 
a priori darthun. Denn wo wollte selbst Erfahrung ihre G^wissheit 
hernehmen, wenn alle Regeln, ncush denen sie fortgeht, imm^ wieder 
empirisch, mithin zuftlUig wären; daher man diese schwerlich ftlr erste 
Grundsätze gelt^i lassen kann. Allein hier können wir ims damit 
begnügen, den reinen Gebrauch unseres Erkenntnissvermögens als That- 
sache sammt den Kennzeichen desselben dargelegt zu haben. Aber 
nicht bloss in Urtheilen, sondern selbst in Begriffen zeigt sich ein 
Ursprung einiger derselben a priori. Lasset von eurem ErfieJirungs- 
begriffe eines Körpers alles, was daran empirisch ist, nach und nac^i 
weg, die Farbe, die Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Un- 
durchdringlichkeit, so bleibt doch der Raum übrig, den er (welcher nun 

«ganz verschwimden ist) einnahm, und den könnt ihr nicht weglassen. 
Eben so, wenn ihr von eurem empirischen B^riffö eines jeden körper- 
lichen oder nicht körperlichen Objects alle Eig^ischaften weglaast, die 
euch die Erfiahrung lehrt, so könnt ihr ihm doch nicht diejenige nehmen, 
dadurch ihr es als Substanz oder einer Substanz anhängend denkt 
(obgleich dieser Begriff mehr Bestimmung enthält als der eines Objects 
überhaupt). Ihr müsst also, überfahrt durch die Nothwendigkeit, womit 
sich dieser Begriff euch aufdrängt, gestehen, dass- er in eurem Erkenntniss- 
vermögen a priori seinen Sitz habe. 



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Einl^tnng. gj 



IIL 



Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die Möglichkeit, 
die Principien und den Umfang all^ Erkenntnisse a priori bestimme» 

Was noch weit mehr sagen will als alles vorige,^ ist dieses, dass 
gewisse Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen ver- 
lassen und durch BegHfPe, denen überall kein entsprechender Gregenstand 
in der Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urtheüe 
über aUe Grenzen derselben zu erweitem den Anschein haben. 

Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die 
Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden noch Be- 
richtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, die 
wir der Wichtigkeit nach für weit vorzüglicher, und ihre Endabsicht fUr t 
viel erhabener halten als alles, was der Verstand im Felde der Erschei- 
nungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Grefahr zu irren, eher alles 
wagen, als dass wir so angelegene Untersuchungen aus irgend einem 
Orunde der Bedenklichkeit oder aus Greringschätzung und Gleichgiltigkeit 
aufheben sollten. [Diese unvermeidlichen Aufgaben der reinen Vermmft 
selbst sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Die Wissenschaft aber, 
deren Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen eigentlich nur auf die 
Auflösung derselben gerichtet ist, heisst Metaphysik, deren Verfahren 
im Anfange dogmatisch ist, d. L ohne vorhergehende Prüftmg des 
Vermögens oder Unvermögens der Vernunft zu einer so grossen Unter- 
nehmung zuversichtlich die Ausführung übernimmt.^] 

Nun scheint es zwar natürlich, dass, so bald man den Boden der 
Erfahrung verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man 
besitzt ohne zu wissen woher, und auf den Credit der Grundsätze, deren 
Ursprung man nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne 
der Grundlegung desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher 
versichert zu sein, dass man also vielmehr* die Frage vorlängst werde 



^ Die Worte »^ alles rorige" sind ein Zusatz der zweiten Auflage. 
' Die Sätze „^^se onvenneidlichen Angaben . . . Ausführung übernimmt" sind 
^ Zusatz der zweiten Auflage. 

' Das Wort ,,vielmehr" ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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32 • Binleitung. 

aufgeworfen haben, wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen 
a priori kommen könne, und welchen Umfang, Giltigkeit und Werth sie 
haben mögen. In der That ist auch nichts natürlicher, wenn man unter 
dem Worte natürlich das versteht, was billiger und vernünftiger Weise 

8 geschehen sollte; versteht man aber darunter das, wa« gewöhnlichermassen 
geschieht, so ist hinwiederum nichts natürlicher und begreiflicher, als das» 
diese Untersuchung lange Zeit unterbleiben musste. Denn ein Theil dieser 
Erkenntnisse, als die mathematischen^ ist im alten Besitze der Zuverlässig- 
keit und giebt dadurch eine günstige Erwartung auch fKr andere, ob 
diese gleich von ganz verschiedener Natur sein mögen. Ueberdem, wenn 
man über den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch 
Erfahrung nicht widerlegt zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu 
erweitem, ist so gross, dass man nur durch einen klaren Widerspruch, 
auf den man stösst, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. 
Dieser aber kann vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen nur^ 
behutsam macht, ohne dass sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben. 
Die Mathematik ^bt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es un- 
abhängig von der Erfahrung, in der Erkenntniss a priori bringen können. 
Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen bloss 
so weit, als sich solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser 
Umstand wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst a priori 
gegeben werden kann, mithin von 'einem blossen reinen BegriflP kaum 
unterschieden wird. Durch einen solchen Beweis von der Macht der 
Vernunft eingenommen,^ sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. 
Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft theüt, deren 
Widerstand sie ftlhlt, könnte die Vorstellung fassen, dass es ihr im luft- 

9 leeren Raum noch viel besser gelingen werde. Ebenso verliess Plato 
die Sinnenwelt, weil sie dem Verstände so enge Schranken setzt, ^ und 
wagte sich jenseit derselben, auf den Flügeln der Ideen, in den leeren 
Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte nicht, dass er durch seine 
Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt, gleich- 



* Das Wort „nur** ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 
' Statt „eingenommen" steht in der ersten Auflage „aufgemuntert*'. 
' Statt „enge Schranken setzt" steht in der ersten Auflage „TielfKltige Hinder- 
nisse legt**. 



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Einleitong. 33 

sam zur Unterlage, worauf er sich steifen und woran er seine Kräfte 
anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen. Es ist 
aber ein gewöbnlichea Schicksal der menschlichen Vernunft in der 
Speculation, ihr Gebäude so früh wie möglich fertig zu machen und 
hintennach allererst zu untersuchen, ob auch der Grund dazu gut gelegt 
seL Alflfiftnn aber werden allerlei Beschönigungen herbeigesucht, um 
uns wegen dessen Tüchtigkeit zu trösten, oder auch ^ eine solche späte 
und gefahrliche Prüfung lieber gar^ abzuweisen. Was uns aber während 
des Bauens von aller Besorgniss und Verdacht frei hält und mit schein- 
barer Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses. Ein grosser Theil, und 
vielleicht der grösste von dem Geschäft unserer Vernunft besteht in 
Zergliederungen der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben. 
Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie gleich 
nichts weiter als Aufklärungen oder Erläuterungen desjenigen sind, was 
in unseren Begriffen (wiewol noch auf verworrene Art) schon gedacht 
worden, doch w^gstens der Form nach neuen Einsichten gleich geschätzt 
werden, wiewol sie der Materie oder dem Inhalte nach die Begriffe, die 
wir haben, nicht erweitem, sondern nur auseinander setzen. Da dieses lo 
Verfahr^i nun eine wirkliche Erkenntniss a priori giebt, die einen 
sicheren und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht die Vernunft, ohne 
es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung Behauptungen von 
ganz anderer Art, wo die Vernunft zu gegebenen Begriffen ganz fremde, 
und zwar a priori^ hinzu thut, ohne dass man weiss, wie sie dazu 
gelange, xmd ohne sich eine solche Frage auch nur in die Gedanken 
kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem Unterschiede 
dieser zwiefachen Erkenntnissart handeln. 



1 Dms Wort „auch" fehlt in der ersten Auflage. 
* Die Worte „lieber gar" fehlen fai der ersten Auflage. 

' Statt „ganz fremde und awar a priori hinauthut" steht in der ersten Auf« 
läge „a priori ganz fremde hmzuthaf *. 



Kaitt'i Kritik der reinen Vernnnfk. 



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34 Einleitong 

IV, 

Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urtheile. 

In allen Ürtheilen, worin das Verhältniss eines Snbjects zum 
Prädicat gedacht wird (wenn ich nur die bejahenden erwttge; denn auf 
die verneinenden ist nachher^ die Anwendung leicht), ist dieses Ver- 
hältniss auf zweierlei Art möglich. Entweder das Prädicat B gehört 
zmn Subject A als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckter Weise) 
enthalten ist, oder B liegt ganz ausser dem Begriff A, ob es zwar mit 
demselben in Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urtheil 
analytisch, in dem anderen synthetisch. Analytische TJrtheile (die 
bejahenden) sind also diejenigen, iö welchen die Verkntipftmg des Prädi- 
cats mit dem Subject durch Identität, diejenigen aber, in denen diese 
Verknüpfung ohne Identität gedacht wird, sollen synthetische Urtheile 
u heissen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-, die anderen Er- 
wdterungsurtheile heissen, weil jene durch das Prädicat nichts zum 
Begriff des Subjects hinzuthun, sondern diesen nur durch Zergliederung 
in seine Th§ilbegriffe zerfallen, die in selbigem schon (obgldch verworren) 
gedacht waren; da hingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjects 
ein Prädicat hinzuthun, welches in jenem gar nicht gedacht war und 
durch keine Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden. 
Z. B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt, so ist dies ein ana- 
lytisches Urtheil. Denn ich darf nicht über den Begriff,* den ich mit 
dem Wort Körper verbinde, hinausgehen, um die Ausdehnung als mit 
demselben verknüpft zu finden, sondern jenen Begriff nur zergliedern, 
d. i. des Mannigfaltigen, welches ich jederzeit in ihm denke, mir nur 
bewusst werden, um dieses Prädicat darin anzutreffen; es ist also ein 
analytisches Urtheil. Dagegen wenn ich sage: aUe Körper sind schwer, 
80 ist das Prädicat etwas ganz Anderes als das, was ich in dem blossen 
Begriff eines Körpers überhaupt denke. Die Hinzufügung eines solchen 
Prädicats gibt also ein synthetisches Urtheil. 



* Das Wort „niichher'' ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 

* Statt „über den Begrifft' steht in der ersten Auflage „aus dem Begriffe'S 



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Binleituiig. 35 

QErfahrungstirtheile als -«olche sind msgesammt * synthetisch. 
Denn es wäre ungereunt, ehi analytisches ürtheil «uf Erfahrung zu 
grindien^ weil ich^ aus meinem Begriffe gar tnckt hinausgehen daif, um 
das ürtheil abzufieuBsen, uod also kcän Zeugnäss der Ei^Eihmmg dazu 
nothig habe. Dass ein Körper ausgedeknt sd, ist ein Bat«, der a priori 
feststeht, und kein £r£Bkrungsurtheil. Denn, ehe ich zur Erfethrtmg gehe, la 
habe ich alle Bedingungen «u meinem Urtheile schon in dem Begriffe, 
aioB welchem ich das Prädieat nach d^n Sat^e des Widerspruchs nur 
herausziehen, und dadurch mir zugleich der Nothwendigkeit des 
ürtheils bewusst werden kann, welche mich Er^edirung nicht eimnäl 
Iduren würde. ^ Ds^gen,* ob ich schon in dem Begriff eines Körpars 
überiiJiu§pt das Prädieat der Schwere gar moht einscMiesse, so bezeichnet 
jener doch einen Gegenstand der Erfie^ung'^ durch einen Theil derselben, 
zu welchem ich also noch andere Theiie eben derselben Erfahrung als 
zu dem erst^ren ^^lörig hinzuftigen kann. 16k kann den Begdff des 
Körpers vorher analytisch -durch die Merkmale der Ausd^mung, der 
Undorebdruiglichkeit, derG^talt u.s.w., die allein diesem Begriffe gedaedit 
werden, erkennen. ISTun erweitere ich afber m^ne Erkenntniss und, 
indem ieh uuf die Erfahrung znH^cksehe, Ton welche ich diesen Begiiff 
des Körpers abgezogen hatte, so finde ich mit obigen Merkmalen auch 



' Statt „aU solche sind insgesammt" steht in den Prolegomenen (man vgL 
AnnL 1 S. 1): „sind jederzeit'. 

* Statt „wöil ich" steht in den Prolegomenen „da ich doch". 

' Statt der aus den Prolegomenen § 2 c. 1 übernommenen Worte „Er- 
fahmngsurtheile als solche — lehren würde" stehen in der ersten Auflage die Sätze: 

„Nun ist hieraus IfXax: 1) dass durch analytische Urtheile unsere Erkem^iss 
gar nicht erweitert werde, sondern der Begriff, den ich schon habe, auseinander- 
gesetzt und mir selbst verständlich gemacht werde; 2) daas bei synthetischen Ur- 
theilen ich ausser dem Begriffe des Subjects noch etwas Anderes (X) haben müsse, . 
worauf sich der Verstand stützt, um ein Prädieat, das in jenem Begriffe nicht liegt, 
doch als dazu gehörig zu erkennen. 

Bei empirischen oder Erfahrungsurtheilen hat es hiermit gar keine Schwierigkeit. 
Denn dieses X ist die vollständige Erfahrung von dem Gegenstande, den ich durch 
«inen Begriff A denke, welcher nur einen Thedl (Heser Erfahrung ausmacht" 

^ Statt „Dagegen" steht in der ersten Auflage ^Denn". 

* Statt ,Jener doch eiuen Gegenstand der Erfahrung" steht in dw ersten Auf- 
lage „er doch die vollständige Erfahrung". 

3* 



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36 Einleitung. 

die Schwere jederzeit verknüpft, [und füge also diese als Prädicat zu 
jenem BegrifPe synthetiscli hinzu. Es ist also die Erfahrung, worauf 
sich die MögUchkat der Synthesis des Prädicats der Schwere mit dem 
Begriffe des Körpers gründet, w^ beide Begriffe, ob zwar emer nicht 
in dem anderen enthalten ist, dennoch als Theile eines Granzen, nämlich 
der Erfahrung, die selbst eine synthetische Verbindung der Anschauungen 
ist, au eonander, wiewol nur zufHlliger Weise gehören.^] 

Aber bei S3nithetischen Urtheilen a priori fehlt dieses Hil&mittel 
18 ganz und gar. Wenn ich über den Begriff A* hinausgehen soll, um 
einen anderen B als damit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf 
ich mich stütze und wodurch die Synthesis möglich wird, da ich hier 
den y ortheil nicht habe, mich im Felde der ErBahrung danach umzu- 
sehen. Man nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seme Ursache. 
In dem Begriff von etwas, das geschieht, denke ich zwar dn Dasem, vor 
welchem eine Zeit vorhergeht u. s. w., und daraus lassen sich analytische 
Urtheile ziehen. Aber der Begriff einer Ursache Kegt ganz ausser jenem 
Begriffe, und* zeigt etwas von dem, was geschieht. Verschiedenes an, 
ist abo^ in dieser letzteren Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie 
komme ich denn dazu, von dem, was überhaupt geschieht, etwas davon 
ganz Verschiedenes zu sagen, und den Begriff der Ursache, ob zwar in 
jenem nicht enthalten, dennoch als dazu und sogar nothwendig^ gehörig 
zu erkennen? Was ist hier das Unbekannte = X, worauf sich der 
Verstand stützt, wenn er ausser dem Begriff von A ein demselben 
fremdes Prädicat B außsufinden glaubt, welches er gleichwol damit 



* Statt der Worte „und füge also diese — zufälliger Webe gehören" steht in 
der ersten Auflage Folgendes: 

,^8 ist also die Erfahrung jenes X, was ausser dem Begriffe A liegt und 
worauf sich die BfSglichkeit der Synthesis des Prädicats der Schwere B mit dem 
Begriffe A gründet." 

* Statt der Worte „über den Begriff A" steht in der ersten Auflage „ausser dem 
Begriffe A". 

' Die Worte „liegt g«nz ausser jenem Begriffe, und" sind ein Zusats der zweiten 
Auflage. 

^ Statt „ist also" steht in der ersten Auflage „und ist". 

* Die Worte „und sogar nothwendig" sind ein Zusatz der zweiten Auflaga 



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Einleitung. 37 

verknüpft zu sein erachtet?^ Erfahrung kann es nicht sein, weil der 
ang^brte Grundsatz nicht allein mit grösserer Allgemeinheit, als die 
Erfi^irung verschaffen kann, sondern auch mit dem Ausdruck der Noth- 
wendigkeit, mithin gänzlich a priori und aus hlossen Begriffen diese 
zweite Vorstellung zu der ersteren hinzufögt. Nun beruht auf solchen 
sjnthetisehen d. i Erweiterungs - Grundsätzen die ganze Endabsicht 
unserer speculativen Erkenntniss a priori] denn die analytischen sind 
zwar höchst wichtig und nöthig, aber nur imi zu derjenigen Deutlichkeit u 
der Begriffe zu gelangen, die zu einer sicheren und ausgebreiteten Syn- 
thesis als zu einem wirklich neuen Erwerb* erforderlich ist 



[»V. 

In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische 
Urtheile a priori als Principien enthalten. 

1. Mathematische Urtheile sind insgesammt synthetisch. 
Dieser Satz scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen 



^ Statt der Worte „welches er gleichwol damit verknüpft zu sein erachtet" 
steht in der ersten AuHage „das gleichwol damit verknüpft sei". 

* In der ersten Auflage steht ,^bau" statt „Erwerb". 

' Statt der beiden folgenden Abschnitte V und VI findet sich in der ersten 
Auflage der nachstehend abgedruckte Absatz, an den sich daselbst dann die ersten 
Worte des Abschnittes YII anschliessen: 

„Es liegt also hier ein gewisses Geheimniss verborgen,* dessen Aufschluss allein 
den Fortschritt in dem grenzenlosen Felde der reinen Yerstandeserkenntniss sicher 
und zuverlfissig machen kann: nämlich mit gehöriger Allgemeinheit den Ghrund der 
Möglichkeit synthetischer Urtheile a priori aufzudecken, die Bedingungen, die eine 
jede Art denelbea möglich machen, ekizusehen, und diese ganze Erkenntniss (die 
ihre eigene Gattung ausmacht) in einem System nach ihren ursprünglichen Quellen, 
Abtheilnngen, Umfang und Grenzen nicht durch einen flüchtigen Umkreis zu be- 
zeichnen, sondern vollständig und zu jedem Gebrauch hinreichend zu bestimmen. 
So viel vorläufig von dem Eigenthümlichen, was die synthetischen Urtheile an sich 
haben." 

* „Wäre es einem von den Alten eingefallen, auch nur diese Frage aufzuwerfen, 
so würde diese allein allen Systemen der reinen Vernunft bis auf unsere Zeit mächtig 
widerstanden haben, und hätte so viel eitele Versuche erspart, die ohne zu wissen, 
womit man eigentlich zu thun hat, blindlings unternommen worden." - 



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38 EänleUmi«. 

Vemmxft bisher^ ^oilgttigeiiv ja Ahn ihr^Yermmihxmgen gerade emtgegei»- 
gesetzt zu sein, ob er gleich imwiderspreebKeh gewisa^^uud inder Folge selur 
wicMig ist. Deiin^ w&tl ixian land, daaa die Soblüsse d«r Matlibematlker 
jdle nach dem Satoe des Widerspruchs fortgelkeii (welches die Natur* ^er 
jeden apodiktiadben O^wisaWt erfordert), so überredete man sich, daj9& 
»odi d^ Grundsätze aus dem Satze des Widerspruchs erkannt würdeo^ 
woriD sie sidi^ irrten; d^sun ein synthet^eher Sat2 kann allerdings naeli 
dem Sats0 des Widerspruch» eingesehen trerden, aber nta so, das» eia 
anderer sjnthetisclier Satz yovaUsgeselBt ndrdy aus dem er gefolgert werdcta 
kann, niemals ab^ an sich selbst. 

Zuvörderst muss bemerkt werden, dass eigentliche mathematische 
Sätze jederzeit Urtheile a priori und nicht empirisch sind, weil sie Noth- 
wendigkeit bei sich fähren, welche aus Erfahrung nicht abgenommen 
15 werden kann. Will man aber^ dieses nicht einräumen, wolan, so schränke 
ich meinen Satz auf die reine Mathematik ein, deren Begriff es schon 
mit sich bringt, dass sie nicht empirische, sondern bloss reine Erkenntnis» 
a priori enthalte. 

Man sollte anfänglich zwar* denken, dass der Satz 7 4-ö = 12 
ein bloss analytischer Satz sei, der aus dem Begriffe einer Summe von 
Sieben und Fünf nach dem Satze des Widerspruchs erfolge. Allein, wenn 
man es näher betrachtet, so findet man, dass der Begriff der Summe von 
7 und 5 nichts weiter enthalte als die Vereinigung bdder Zahlen in 
eine einzige, wodurch ganz und gar nicht gedacht wird, welches diese 
eiaadge Zahl sei, die beide zosammenfasst. Der 'BegnS von Zwölf igt 
keineswegs dadurch schon gedacht, dass ich mir Moss jene Veremigung 
von Sieben und Fünf denke, und ich mag meinen Begriff von einer 
solchen möglichen Summe noch so lange zergliedern, so werde ich dock 
darin die Zwölf nicht antreffen. Man muss über diese Begriffe hinaii8g^e% 
ind^n man £e AiuBchauung zu Hä^ mmmt, die eineäi von beiden corre^ 
spondirt, etwa seine fünf Fmger oder (wie SBGirBR in seiner Arithmetik) 
fiinf Punkte, und so nach und nach die Einheiten der in der Anschauung 



^ In den Prolegomeneu (vgl. Anm. 1. S. 1) steht „bisher ganz entgangen'*^ 
statt „bisher entgangen". 

" In den Prolegomenen steht „sich sehr irrten" statt ,^ch irrten". 

^ In den Prolegomenen steht „Will man mir aber" statt „Will man aber". 

^ In den Prolegomenen steht „wd" statt „zwar". 



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Eiiü^timg. 39 

gegebenen Fünf au dem Begriffe der Sieben- hinzuthut. p)enn ich 
nehme zuerst ^ie Zdbl 7> und indem ich für den Begriff der 5 die Finger 
meiner Haad ab Anadoüauung am Hilfe nehme, ao thne ich die Einheiten^ 
die ich Torher gua«imfWni>ahBi, um die Zahl 5 ausssnmachen« nun anie 
jenem meinen Bilde naeh und OAch am Zahl 7« und sehe so die Zahl 12 
entspringen. Daas & zu 7 hinzuge^han werden sollte, habe ich zwar 
in dem Begriff einea- Summa =?»^7 -^ 5 gedacht, aber nicht, dass diese 
Summe der Zahl 12 gleich sei.^] Der arithmetische Satz ist also jeder- 
zeit synthetiscb,^^ wekhes man desto deutiicher inne wird, wenn man 
etwas grössere Zahlen nimmt, da e9 denn klar einleuchtet, dass, wir 
möchiezi unsere Begriffb^ dreh^ und wenden, wie wir wollen, wir, ohne 
die Anschauung zu Hilfe zu nehmen, vermititelst djer blossen Zergliede^ 
mng unserer Begriffe, dia Summe niemals finden könnteia. 

Ebenso wenig ist irgend ein iStrundsatz der reinen Creometrie ana- 
lytisch. Dass die gerade linie zwischen zwei Funkten die kürzeste sei, 
ist du sjnthetiBcher Satz. Denn mein Begriff vom Geraden enthält 
mehts Ton Grösse^ eondam nur eine Qualität. Der Begriff des Kürzesten 
kommt also gäoizlieh hinzu, und kann durch keine Zergliederung aus dem 
Begriffe der geradmi Linie gezogen wanden. Anschauung muss also hier zu 
Hilfe geaaaxmBix werden, y^rmittelst deren allein die Synthesis möglich ist 

iädge wenige* GnjiKtstttze, wd^e die Geometer voraussetzen, sind 
zwar wirklich analytisch und beruhen auf dem Satze des Widerspruchs; 
sie dienen aber «ueh nur wie identische Sätze zur Kette der Methode, 
und nidit als Piincipi^, z. B. a^^ssa, das Ganze ist sich selber gleich, i7 
oder (« + &)> ay d. i. da« Ganze ist grösser als sein Thal. Und doch 
auch diese selbst, ob sie gleich nadi blossen Begriffen gelten, werden in 
der Madiematik nur darum zugelassen, weil sie m der Anschauung köimen 
dai^stellt werden. Was uns hier gemeinigUch glauben macht, als läge 
das Prädieat sol^er apodiktischen Urtheile sebon in unserem Begriffe 
und das Urtheil sei also analytiscb, ist bloss die Zweideutigkeit dea Aua- 



* Dia SatJi^ „Dqbii ict ncil^oae — ^ gleich aei" 3ind ein Zusatz der zweite» 
Auflage. 

* Statt der Worte „Der arithmetische Satz ist also jederzeit synthetisch" steht 
in den Prolegomenon „d. i. der arithmetische Satz ist jederzeit synthetisch". 

^ Statt „«Bseze Begriffe^^ haben die Prolegamenex). „mn^iea Begriff". 

* Statt „wollige" steht in de« ProXegomenen „andere". 



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40 Eänleitnng. 

drucks. Wir sollen nämlich zu dnem gegebenen Begriffe ein gewisses 
Prädicat hinzudenken, und diese Nothwendigkeit haftet schon an den 
Begriffen. Aber die Frage ist nicht, was wir zu dem gegebenen Begriffe 
hinzu denken sollen, sondern was wir wirklich in ihm, *obzwar nur 
dunkel, denken, und da zeigt sich, dass das Prädicat jenen Begriffen 
zwar nothwendig, aber nicht als im Begriffe sdbst gedacht,^ sondern 
vermittelst einer Anschauung, die zu dem Begriffe^ hinzukommen muss, 
anhänge. 

2. Naturwissenschaft {Physioa) enthält synthetische ür- 
theile a priori als Principien in sich. Ich will nur ein Paar Sätze 
zum Beispiel anführen, als den Satz, dass in allen Veränderungen der 
körperlichen Welt die Quantität der Materie unverändert bleibe, oder dass 
in aller Mittheilung der Bewegung Wirkung und Gegenwirkung jederzeit 
einander gleich sein müssen. An beiden ist nicht allein die Nothwendigkeit, 

18 mithin ihr Ursprung a priori^ sondern auch, dass sie synthetische Sätze sind, 
klar. Denn in dem Begriffe der Materie denke ich mir ni<^t die Beharr- 
lichkeit, sondern bloss ihre Gegenwart im Räume durch die EriuUung 
desselben. Also gehe ich wirklich über den Begriff von dw Materie 
hinaus, um etwas a priori zu ihm hinzuzudenken, was ich in ihm nicht 
dachte. Der Satz ist also nicht analytisch sondern synthetisch, und dennoch 
a priori gedacht; und so in den übrigen Sätzen des reinen Theils der 
Naturwissenschaft. 

3. In der Metaphysik, wenn man sie auch nur ftir eine bisher bloss 
versuchte, dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft un- 
entbehrliche Wissenschaft ansieht, sollen synthetische Erkenntnisse 
a priori enthalten sein, und es ist ihr gar nicht darum zu thun, Begriffe, 
die wir uns a priori von Dingen machen, bloss zu zergliedern und dadurch 
analytisch zu erläutern, sondern wir wollen unsere Erkenntuiss a priori 
erweitem, wozu wir uns solcher Grundsätze bedienen müssen, die zu 
dem gegebenen Begriff etwas hinzuthun, was in ihm nicht enthalten war, 
imd durch synthetische ürtheile a priori wol gar so weit über ihn 
hinausgehen, dass ims die Erfahrimg selbst nicht so weit folgen kann, 
z. B. in dem Satze: die Welt muss einen ersten Anfang haben u. a. m.; 



^ Statt „als im Begriffe selbst gedacht" steht in den Prolegomenen „unmittelbar". 
* Die Worte „zu dem Begriffe" sind ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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Einleitung. 41 

und 80 besteht Metaphysik wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter 
synthetischen Sätzen a priwi. 



VI. 19 

Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft. 

Man gewinnt dadurch schon sehr viel, w^m man eine Menge von 
Untersuchungen unter die Formel einer einzigen Aufgabe bringen kann. 
Denn dadurch erleichtert man sich nicht allein sdbst sein eigenes G^chttft, 
indem man es sich genau bestimmt, sondern auch jedem anderen, der es 
prüfen will, das Urtheil, ob wir unserem Vorhaben ein Gentige gethan 
haben oder nicht. Die eigentliche Aufgabe der reinen Vernunft ist nun 
in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urtheile a priori 
möglich? 

Dass die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zustande der 
Unwissenheit und Widersprüche geblieben ist, ist lediglich der Ursache 
zuzuschreiben, dass man sich diese Aufgabe, und vielleicht sogar den 
Unterschied der analytischen und synthetischen Urtheile nicht früher in 
Gredanken kommen Hess. Auf der Auflösung dieser Aufgabe oder dnem 
genugthuenden Beweise, dass die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen 
verlangt, in der That gar nicht stattfinde, beruht nun das Stehen und 
Fallen der Metaphysik David Humb, der dieser Aufgabe unter allen 
Philosophen noch am nächsten trat, sie aber sich bei weitem nicht be- 
stimmt genug und in ihrer Allgemeinheit dachte, sondern bloss bei dem 
synthetischen Satze der Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen 
{prindfium eausalitatis) stehen blieb, glaubte heraus zu bringen, dass 20 
dn solcher Satz a priori gänzlich unmöglich sei ; imd nach seinen Schlüssen 
würde alles, was wir Metaphysik nennen, auf einen blossen Wahn von 
vermeinter Vemunfteinsicht dessen hinauslaufen, was in der That bloss 
aus der Erfahrung erboi^ ist und durch Gewohnheit den Schein der 
Nothwendigkeit überkommen hat, auf welche alle reine Philosophie zer- 
störende Behauptung er niemals gefallen wäre, wenn er unsere Aufgabe 
in ihrer Allgemeinheit vor Augen gehabt hätte, da er denn eingesehen 
haben würde, dass nach seinem Argumente es auch keine reine Mathe- 
matik geben könnte, weil diese gewiss synthetische Sätze a priori enthält, 



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42 Eiuleituog. 

vor welcher Behauptung ihn alsdann sein guter Verstand wol würde 
bewahrt haben. 

In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit des 
reinen Vemunftgebrauchs in Gründung und Ausfiihrung aller Wissen- 
schaften, die eine theoretische Erkenntniss a priori von Gegenständen 
enthalten, mit begriffen, d. i. die Beantwortung der Fragen: 
Wie ist reine Mathematik möglich? 
Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? 
Von diesen Wissensehaften, da sie wirklich gegeben sind, lässt sich nun 
wol geaiemesid fragen, wie sie möglich sind; denn dass sie mögliich sein 
müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen.* Was aber Meta- 

jiphy^ik betrifft, so muss ihr bisheriger schlechter Fortgang, und weil 
man von keiner einaigffli bisher vorgetragenen, was ihren wesentUcbea 
Zweck angeht, sagen kann, sie sei wir^ich vorhanden, einen jeden mit 
Grunde an ihrer Möglichkeit zweifeln lassen. 

Nun ist aber diese Art von Erkenntniss in gewissem Sinne doch 
auch als gegeben anzusehen, und Metaphysik ist, wenn gleich nicht als 
Wissenschaft^ doch als Naturanlage {metaphysiea nat%uralii) wirklich. 
Denn die menschliche Vanunft geht unaufhaltsam, ohne dass blosse 
Eitelkeit des Vielwissens sie dazu bewegt, durch eigenes Bedürfinsa 
getrieben bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfiäbrungs- 
gebrauch der Vernunft und daher entlehnte Principien beantwortet 
werden können, und so ist wirklich in allen Mensche, so bald VemunjG^ 
sich in ihnen l»s zur Speculation erweitert, irgend eine Metaphysik ZQ 
aller Zeit gewesen, und wird auch immer darin bleiben. Und nun ist 
auch von dieser die Frage: 

22 Wie ist Metaphysik als Naturanlage möglich? 

d. i. wie entspringen die Fragen, welche reine Vernunft sieh auf^virft, 
und die sie, so gut als sie kann, zu beantworten durch ihr eigenea 



* Von der reinen Natarwiisenscha fl : könnte m«ieher dieses letetere noeh be* 
iweifeln. Allein man darf nur die versciuedenea S&tze, die im Anfange der eigene 
liehen (empirischen) Physik vorkommen, nachsehen, als den von der Beharrlichkeit 
derselben Quantität Materie, von der Trägheit, der Gleichheit der Wirkmig und 
Gegenwirkung u. s. w., so wird man bald überzeugt werden, dass sie eine Phytkam 
pur am (oder raUondUm) ausmachen, die es wol verdient, als eigene Wissenschaft in 
ihrem engen oder weiten, aber doch ganzen Umfange abgesondert aufgesteUt zu werden. 



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Einleitung. 4$ 

Bedürfiaiss getneb^a wkd, ans der Natur der allgemeinen Mensdiea^ 
Vernunft? 

Da sich aber bei allen bisherigea V^rsnehen, diese natürlichen 
Fragen, z. R ob die Weh einen Anfang habe oder von Ewigkdt her 
sei V. 8. w., 2U beantvrorten, jedenseit imvermeidMche Widersprüchd^ 
gelinden ha^b^ bo kann man ee nicht bei der bloss^i Naturanlage zur 
Metaphysik, d. L deaoa reinen Vemnnftvermögen selbst, woraus zwar 
immer irgend dne Metaphysik (es sei wdehe es woUe) erwächst, bewalden 
lass^Ei, soi^em es nitiss mögMi^ sdin, m^ ihr es znr Oewissheit zu 
bringen, entweder im Wissen oder Nicht-Wissen der G^egenaötnde) 
d. i. entwed^ der Entschddimg tlber die Gegenstände ihrer Fragen 
od«r über das Vennögra und Unvermögen dw Vernunft in Ansehung^ 
ihrer etwas «tt urtheäen, also entweder unsere reine Vernunft mit Zu* 
verlässigkeit zu erweitem oder ihr bestimmte und sichere Schranken zu 
setzen. Diese letzte Frage, die aus d^ obigen allgemeinen Au%abe 
fliesst, würde mit Recht diese sein: 

Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? 

Die Kritik ^er Vernunft ftlhrt also zuletzt nothwendig zur Wissen- 
Schaft; der dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf 
grundlose Behauptungen, denen man eben so scheinbare entgegensetzen sse 
kann, mithin zum Skepticismus. 

Auch kann diese Wissenschaft nicht von grosser, abschreckender 
Weitläufigkeit sein, weil sie es nicht mit Objecten der Vernunft, deren 
Mannigfaltigkeit unendlich ist, sondern bloss mit sich selbst, mit Auf- 
gaben, die ganz aus ihrem Schosse entspringen und ihr nicht durch die 
Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern durch ihre 
eigene vorgelegt sind, zu thun hat; da es denn, wenn sie zuvor ihr 
eigenes Vermögen in Ansehung der Gegenstände, die ihr in der Er-^ 
fahrung vorkonmien mögen, vollständig hat kennen lernen, leicht werden 
muss, den Umfang und die Grenzen ihres über alle Erfahrungsgrenzen 
versuchten Gebrauchs vollständig und sicher zu bestimm^i. 

Man kann also und muss alle bisher gemachten Versuche, eine 
Metaphysik dogmatisch zu Stande zu bringen, als ungeschehen 
ansehen; denn was in der einen oder der anderen Analytisches, nämlich 
blosse Zergliederung der Begriffe ist, die unserer Vernunft a priori bei- 
wohnen, ist noch gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung 



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44 Einleitung. 

Bu der eigentlichen Metaphysik, nämlich seine Erkenntniss a priori 
synthetisch zu erweitem, und ist zu diesem untauglich, weil sie bloss 
zeigt, was in diesen Begriffen enthalten ist, nicht aber, wie wir a priori 
zu solchen Begriffen gelangen, um danach auch ihren giltigen Gebrauch 
^in Ansehung der Gegenstände aller Erkenntniss überhaupt bestimmen 
zu können. Es gehört auch nur wenig Selbstverleugnung dazu, alle 
diese Ansprüche aufisugeben, da die nicht abzuleugnenden und im dog- 
matischen Verfahren auch unvermeidlichen Widersprüche der Vernunft 
mit sich selbst jede bisherige Metaphysik schon längst um ihr Ansehen 
gebracht haben. Mehr Standhaftigkeit wird dazu nöthig sein, sich durch 
•die Schwierigkeit innerlich und den Widerstand äusserlich nicht abhalten 
BU lassen, eine der menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissenschaft, 
von der man wol jeden hervorgeschossenen Stamm abhauen, die Wurzel 
aber nicht ausrotten kann, durch eine andere, der bisherigen ganz ent- 
gegengesetzte Behandlung endlich einmal zu einem gedeihlichen und 
fruchtbaren Wüchse zu befördern.^] 

VIL 

Idee und Eintheilung einer besonderen Wissenschaft, unter dem 
Namen einer Kritik der reinen Vernunft. 

Aus diesem allem ergiebt sich nun die Idee einer besonderen Wissen- 
schaft, die Kritik der reinen Vernunft heissen kann.^ Denn Vernunft 
ist das Vermögen, welches die Principien der Erkenntniss a priori an 
die Hand giebt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Principien, 
etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält. Ein Organen der reinen 
Vernunft würde ein Inbegriff derjenigen Principien sein, nsich denen alle 
:25 reinen Erkenntnisse a priori können erworben und wirklich zu Stande 
gebracht werden. Die ausftihrliche Anwendung eines solchen Organen 

* Bfan vgl S. 14 Anm. S. 

' Statt „die Kritik der reinen Vemunft heissen kann" steht in der ersten 
Auflage „die zur Kritik der reinen Vemunft dienen könne." 

Dann folgen daselbst die in der zweit^i Auflage im Abschnitt I näher ausge- 
führten und präcisirten Sätze: „Es heisst aber jede Erkenntniss rein, die mit nichts 
^emdartigem yermischt ist Besonders aber wird eine Erkenntniss schlechthin rein 
genannt, in die sich überhaupt keine Erfahrung oder Empfindung einnuscht, welche 
mithin yöllig a priori möglich ist. Nun ist Vemunft" u. s. w. 



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EiBleitang. 45 

würde ein System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr 
viel verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch hier^ übwhaupt eine^ 
Erweiterung uniserer Erkenntniss und in welchen Fällen sie möglich sei, 
so können wir eine Wissenschaft der blossen Beurtheilung der rdnen 
Vernunft, ihrer Quellen imd Grenzen, als die Propädeutik zum System 
der reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde nicht eine Doctrin, 
sondern nur Kritik der rdnen Vernunft heissen müssen, und ihr Nutzen 
würde in Ansehung der Speculation* wirklich nur negativ sein, nicht zur 
Erweiterung, sondern nur zur Läuterung unserer Vernunft dienen und 
sie von Irrthtimem ^i halten, welches schon sehr viel gewonnen ist 
Ich nenne alle Erkenntniss transscendental, die sich nicht sowol mit 
Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnissart von Gegenständen, so 
fem diese a priori möglich sein soll,^ überhaupt beschäftigt. Ein System 
solcher Begriffe würde Transscendental-Philosophie heissen* Diesa 
ist aber wiederum ftir den Anfang noch^ zu viel Denn, w'eil eine solche^ 
Wissenschaft sowol die analytische Erkenntniss als die synthetische^ 
a priori vollständig enthalte miisste, so ist sie, so weit^ es unsere Absicht 
betrifft, von zu weitem Um£etnge, indem wir die Analysis nur so weit 
troiben dürfen, als sie unentbehrlich nothwendig ist, um die Principien 
der Synthesis a priori, als warum es uns nur zu thun ist, in ihrem ganzen 
Umfiuige dnzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Dpctrin, sti 
sondern nur transscendentale Kritik nennen könn^[i, weil sie nicht die 
Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung der- 
selben zur Absicht hat, und den Probirstein des Werthes oder Unwerthea 
aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt 
beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo- 
möglich zu ein^n Organon, imd, wenn dieses nicht gelingen sollte,, 
wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem allenfalls dereinst 
das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag nun 



^ In der ersten Auflage: „ob aach überhaupt eine eol«he'^ 

* Die Wbrte ,4n Ansehung der Specolation" sind ein Zusatz der zwdten Auflage 

' Statt der Worte »^sondern mit unserer Erkenntnissart von Qogenständeu, so» 

fem diese a priori möglich sein soll" steht in der ersten Auflage „sondern mit; 

unseren Begriffen a priori von Gegenständen*'. 

^ Das Wort ,ynoch" ist ehi Zusatz der zweiten Auflage. 
^ Statt „so weit'* steht in der ersten Auflage „in so fem". 



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4^ Einleitaug. 

in Erweiterung oder blosser Begrensiing iluer Erkenntniss bestehen, 
sowol analytisch als synthetisch dargestellt werden könnt«. Denn dam 
dieses möglich sei, ja dase ein sokhes System von nicht gar grossem 
Umfange sein kdnne, um zu hoff«^ es gams zu ToUenden, lässt sich seiion 
ziun voraus daraus ermessen, dass hier nicht die Natur der Dinge, welche 
unersehc^ftieb ist, sondern d^ V^^stand, der über die Natur der Dinge 
urtheilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner Erkeomtniss 
a priori den Gregenstand ausmacht, dessen Yorrath, weil wir ihn doch 
nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verbodrg^ bleiben kann, und 
allem Vermuth^ nach klein genug ist, um vollständig angenommen, 
nach sdnem WeiÜie oder Unw^the beurtheilt und unter richtige 
J7 Schätzung gebracht zu werden. [Noch weniger darf man hier eine Kritik 
der Bordier und Systeme der reinen Vemunift erwarten, sondern die des 
r^en Vemunftvermögens selbst. Nur allein, wenn diese zum <3Tunde 
Hegt, ha^ man einen sicheren Probirstein, den philosophischen O^alt 
alter und neueor Werke in diesem Fache zu schätzen ; widrigenfalls be- 
:urtheilt der unbef\igte Oeschiditsehreüber veaä. Bichter grundlose Be- 
hauptungen anderer durch seine eigenen, die ebenso grundlos sind.^] 

Die Transscendental-PhüoBophie ist die Idee «ittM^^Wissensdiaft,^ 
•wozu die Kritik der rdnen Vernunft den ganzen Pkn ardiitektonisch, 
d. i. aus Prindpiai ^twerfen soll, mit TöUager G^währimstuiig der Voll- 
^^lUi^gkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausnachen. 
[Sie ist das System aller Prindpien der reinen Vernunft.^ Dass diese 
Kritik nicht schon selbst Transscendental- Philosophie heisst, beruht 
lediglich darauf dass sie, um ein voUständiges System zu sein, audi eme 
jtusfiihrliche Analysis der ganzen menschliehen Eitkenntoiss a pri0ri ent- 
iialten müsste. Nun muss zwar unsere Kritik adla:^dingB auch eine voü- 



^ Die Sätze: „Noch weniger — grundlos sind" bilden einen Zusatz der zweiten 
Auflage. Der erste derselben ist ein wenig veränderter Abdruck des folgenden Satzes 
aus dem Vorwort zur ersten Auflage (S. V^: ,^h verstehe aber hienmter nicht 
eine Kritik der BQefaer und Systeme, scmdem die des Yerautift^nnSg&ns Überhaupt 
in Ansehung aller Erkenntnräse, zu denen ^ unabhängig v^n slleir Erfalirung 
-streben mag" n. s. w. 

' Statt der Worte tM die Idee einer 'Wlssensohufl« steht fai der ersten Auflage, 
rderen zweiter Abschnitt tai dieser Stelle beginnt, ,48t Mer nur «fake Ide^". 

^ Dieser Satz bt erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. 



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Eanleitang 47 

atändige Herzählung eilet Stammbegriffe, welche die gedachte reine 
Erkenntniss ausmachen, vor Augen legen. Allein der ausfEihrlicheii 
Analysis dieser Begriffe selbst, wie auch d^ voltetändigen Becension der 
daraus abgeleiteten enthält sie sich billig, th^ls weil diese ZergHed^ui^ 
nicht sweokmässig wäre, indem sie die Bedenkliehkeit nicht hat, welche 28 
bm der dynthesis angetroffen wird, um deren willen eigentlich die ganze 
Kritik da ist, thdls weil es der Einheit des Plans zuwider wäre, sich 
mit der Verantwortung der Vollständigkeit einer solche AnaLysis und 
Ableitung zu befassen, deren man in Ansehung seiner Absicht äoeh über- 
hoben sein konnte. Diese Vollständigkeit der Zergliedemng sowol als 
der Ableitung aus den könftig zu liefernden Begriffen a priori ist indessen 
Idcht zu ergäns^n, wenn de nur aller^st aÜB cmsführliche Piincipien d^ 
Synthesis da sind und ilmen in Ansehung dieser wesentlichen Absicht 
nidits ermangelt. 

Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die 
TransBcendentid-Philosophie ausmacht, und c4e »t die vollständige Idee 
der Transscendcttital-Philoöophie, aber diese Wissenschaft noch nicht 
selbst, w^ sie ki der Analysis nur so weit geht, ak es zur Tollständigen 
Beurtheilung der synthetischen Erkenntniss a priori erforderlich ist. 

Das vornehmste Augenmerk bei der Eintheilung einer solchcLi 
Wissenschaft ist, dass gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend 
etwas Empirisches in sich enthalten, oder dass die Erkenntniss a priori 
völlig rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität und 
die Grundbegriffe demselben Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie 
doch nicht in die Transscendental- Philosophie, weil sie die Begriffe der^si 
Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen u. s. w., die insgesammt 
empirischen Urspnmgs sind, zwar selbst nicht zum Grunde ihrer Vor- 
schriften legen, aber doch im Begriffe der Pflicht als Hindemiss, das tiber- 
wunden, oder als Anreiz, der nicht zum Bewegungsgrunde gemacht werden 
soll, nothwendig in die Abfassung des Systems der reinen Sittlichkeit mit 
hineinziehen müssen.^ Daher ist die Transscendental -Philosophie eine 
Weltweisheit der reinen bloss spekulativen Vernunft. Denn alles Prak- 



^ Statt der Worte ,^ie die Begriffe . . . hineinziehen müssen" steht in der erstem 
Auflage: „die Begriffe der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Will« 
kür u. s.w., die insgesammt empirischen Ursprungs sind, dabei vorausgesetzt werden 
müssten." 



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48 Eiuleittuig. 

tische, so fem es Triebfedern^ enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche 
zu empirischen Erkenntnissquellen gehören. 

Wenn man nim die Eintheilung dieser Wissenschaft aus dem all- 
gemeinen G^chtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muss 
die, welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens 
eine Methoden-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser 
Haupttheile würde seine Unterabtheilung haben, deren Gründe sich gleich- 
wol hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint zur Einleitung 
oder Yorerinnerung nöthig zu sein, dass es zwei Stämme der menschlichen 
Erkenntniss gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns 
unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, 
durch deren ersten uns G^enstände gegeben, durch den zweiten aber 
gedacht werden. So fem nun die Sinnlichkeit Vorstellungen a prwri 

bo enthalten sollte, welche die Bedingung ausmachen, unter der uns Gegen^ 
stände gegeben werden, so würde sie zur Transscendental- Philosophie 
gehören. Die transscendentale Sinnenlehre würde zum ersten Theile der 
Elementar-Wissenschaft gehören inüssen, weil die Bedingungen, worunter 

. allein die Gegenstände der menschlichen Erkenntniss gegeben werden^ 
denjenigen vorgehen, unter welchen selbige gedacht werden. 



Statt „Triebfedern" steht in der ersten Auflage ,3ewegungsisründe". 



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I. 
Transscendentale Elementarlehre. 



Kjlmt*» Kritik der reinen Temnnn. 



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/ 



Der aj 

transscendentalen Elementarlehre 
erster Tiieil. 

Die transseendentale Aesthetik. 



Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine 
Erk^mtnifls auf Gegenstände bemehen mag, so ist doch diejenige, wodurch 
sie sieh auf dieselben unmittelbar bezieht, und worauf alles D^iken als 
ICttel abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt,' so fem 
uns der Gegenstand gegeben wird-, dieses aber ist wiederum, uns Menschen 
wenigst^ifl,' nur dadurch möglich, dass er das Gemüth auf gewisse 
Weise affidre. Die Fähigkeit (Receptivität), Vorstellungen durch die 
Art, wie wir von Gegenständen a£Gicirt werden, zu bekommen, heisst 
Sinnlichkeit Vermittelst der Sinnlidikeit abo ward^i uns Geg^stände 
gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen; durch den 
Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe. 
Alles D^iken aber muss sich, es sei geradezu (dtreete) oder im Um- 
sdiiweife (rndtrecte), yermittelst gewisser Merkmale^ zuletzt auf Anschau- 
angen, mithin bei uns auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere 
Weise kein Gegenstand gegeben werden kann. 

Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsf^^eit, so 34 



^ - Die Besdcfannng naeh Paragraphen ist • erat in der zweiten Auflage hinzn- 
gekommeu. 

' Die T^rte „uns Menschen wenigstens" sind ein Zusatz der zweiten Auflage. 

' Die Worte „vermittelst gewisser Merkmale'* sind ein Zusatz der zweiten 
Auflag 



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52 Elementarlehre L TheiL 

fem wir von demselben afficirt werden, ist Empfindung. Diejenige 
Anschauimg, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, 
heisst empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen 
Anschauung heisst Erscheinung. 

In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung correspon- 
dirt, die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, dass das 
Mannigfaltige der Erscheinimg in gewissen Verhältnissen geordnet werden 
kann,* nenne ich die Form der Erscheinimg. Da das, worin sich die 
Empfindungen allein ordnen, und in gewisse Form gestellt werden 
können, nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar 
die Materie aller Erachfiinung jmr a f9$tmQri gegebeii, die Form der- 
selben aber muss zu ihnen insgesammt im Gemüthe a priori bereit liegen, 
und daher abgesondert von aller Empfindimg können betrachtet werden. 

Ich nenne alle Vorstellimgen rein (im transscendentalen Verstände), 
in denen nichts, was zur Empfindung, gehört, angetroffen wird. Demnach 
wird die reine Form «innHcher Anschauungen überhaupt im Gemüthe 
pr^i angetroffen werden, worin alles Mannigfaltige der Erscheinungen' 
in gewissen Verhältnissen angec^diaut wird. Diese reine Form der Sinn-^ 
Uchkeit wird auch s^elber reine Anschauung h^ski. So, wenn icli' 
85 von der Vorstellung emes Körpers das, was der V^stand davon denkt, 
als Substanz, Kraft, Theilbark^t u< s. w., imgleichen, was davon zur 
Empfindung gehört, als ündürchdringHchkiBit, Härte, Farbe ü. s. w. ab-' 
aondere, sa bleibt ndr aus dieser ^npirischen Anschauung noch etwas 
übrig, n^onHch Ausddmung uüd Gestali. Die4e gehören zur reinen An- 
Qchauiitog:, die a priori^ auch ohne eineti wirklichen G^nstand der ^ne 
oder Empfindung, als eine blosse Form der Sümlichkdt im Gkmüthe' 
stattfindet. 

Eine .Wissenschaft von allen Prmdpien der Binnliehkeit a priori 
nmne ich die transscendeniale Aesthetik*. Es muss also eine 



* Die Deutschen tixid die einzigen, welehe rieh jetat des Worts Aesthetik 
bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andere Kritik des Geschmacks heissen. 
Es liegt hier eioa IraorfeMte Hotfiniing zum Grunde', die der vortreffliche Analjiit 
Bauhqabten fasste, die kritische Beurtheilung des Schonen unter yemun%rincipien 



^ l$tatt „geordiu^t werden kann" steht in der ersten Auflage „geordnet ange- 
schaut wird". ' 



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Die txansscendentale Aeffthetik. 53 

solche Wissenschaft geben, die den ersten Theil der transscendentalen m 
Elementarlehre ausmacht, im Gegensatz mit derjenigen, welche die Prin- 
dpien des reinen Denkens enthält und tr^msa^ndental^ Logik genannt 
wird. 

In der transscendentalen Aesthetik also werden wir zuerst die Sinn- 
lichkeit isoliren, dadurch, dass wir alles •absondern, was der Verstand 
durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung 
übrig bleibe. Zweitens warden wir Ton diee^ noch alles, was zur Em- 
pfindung gehört, abtrennen, damit nichts als reine Anschauung und die 
blosse Form der Erscheinungen übrig bleibe, welches das einzige ist, das 
die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei dieser Untersuchung wird sich 
finden, dass es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung als Principien 
der Erkenntnisse friori gebe, nämlich Baum und Zeit, mit tderen Er- 
wägung wir uns jetzt beschäfit^en werden. 



SU bringen und die Regeln derselben Emr Wissensciifift zu. erheben. Allein dieae 
Bemühung Ut vergeblich. Denn gedachte Begeln oder Kriterien sind ihren vor- 
nehmsten^ Quellen nach bloss empirisch, und können also niemals zu bestimmten' 
Gesetzen a priori dienen, wonach sich unser Geschmacksurtheil richten mtisste, viel- 
mehr macht das letztere den eigentlichen Probirsteiu der Richtigkeit der ersteren 
«08. Um deswillen ist es fathsam^ diese Beiienäang entweder wiederum eingeheB 
%XL lassen und sie deijenigen ' Lehr« aufzubehalten, die w^hre Wissensehaft ist (wo* 
durch man auch der Sprache und dem Sinne der Alten näher treten würde, bei 
denen die Eintheilung der Erkenntniss in alaS^rjzcc xal vorjtd sehr berühmt war), 
oder sich in die Benennung mit der speculativen Philosophie zu theilen und die 
Aestlietik theils im transscendentalen ^nnö, theils in psychologischer Bedeutung zu 
nehmen.^ 



^ Das Wort „vornehmsten'' ist ein -Zusatz der zweiten Auflage. 

* Das Wort „bestimmten" ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 

* Die Worte „oder sich zu nehmen" sowie die Klammern zu den vorher- 

^ihenden Nebensätzen ^d ^n Zusatz der zweiten Auflage. 



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54 Elementarlehre. I Theil. Transsoendentale Aesthetik. 

»» Der 

transscendentalen Aesthetik ' 
erster Absohnitt. 



Von dem Räume. 

§2. 
Metaphysische Erörterung dieses Begriffs.* 

Veimittebt des äusseren Sinnes (einer Eigenschaft unseres Gremüths) 
stellen wir uns Gegenstände als ausser uns, und diese insgesammt im 
Baume vor. Darin ist ihre Gestalt, Grösse und Verhältniss gegen ein- 
ander bestimmt oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessen 
das G^müth sich selbst oder seinen inneren Zustand anschaut, giebt 
zwar keine Anschauung von der Seele selbst als einem Object; allein es 
ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren 
Zustandes allein möglich ist, so dass alles, was zu den inneren Be» 
Stimmungen gehört, in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Aeusser- 
lich kann die Zeit nicht angeschaut werden, so wenig wie der Eaum als 
etwas in uns. Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche 
Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der 
Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an sich zukommen würdai, 
wenn sie auch nicht angeschaut würden, oder sind sie solche, die nur 
SS an der Form der Anschauung allein- haftai, und mithin an d^ subjec- 
tiven BeschaflPenheit unseres Gemüths, ohne welche diese Prädicate gar 
keinem Dinge beigelegt werden können? Um uns hierüber zu belehren, 
wollen wir zuerst den Begriff des Eaumes erörtern.* pch verstehe 
aber unter Erörterung {expoBttio) die deutliche (wenn gleich nicht 
ausfuhrliche) Vorstellung dessen, was zu einem Begriffe gehört; meta- 



^ Diese Überschrift ist wie die Bezeichnung als §. 8 ein Zusatz der zweiten 
Auflage. 

' Statt „den Begriff des Raumes erörtern" steht in der ersten Auflage „den Raum 
betrachten." 



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I Abfcfaoitt Von dem Baume. 55 

physisch aber ist die £rörteriing, wenn sie dasjenige enthält, was den 
Begriff als a priori gegeben darstellt. ^] 

1) Der Eanm ist kein empirische Begriff, der von äusseren Er- 
fahrungen abgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindung^i auf 
etwas ausser mir bezogen werden (d. i. auf etwas in einem ander^i Orte 
des Saumes, als darin ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als 
ausser imd neben ^ einander, mithin nicht bloss verschieden, sondern als 
in verschiedenen Orten vorstellen könne, dazu muss die Vorstellung des 
Raumes schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des 
Raumes nicht aus den Verhältnissen der äusseren Erscheinung durch 
Erfahrung erborgt sein, sondern diese äussere Erfahrung ist selbst nur 
durch gedachte Vorstellung allererst möglich. 

2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori^ die allen 
äusseren Anschauungen zum Gnmde liegt. Man kann sich niemals eine 
Vorstellung davon machen, dass kein Raum sei, ob man sich gleich 
ganz wol denken kann, dass keine Gegens^äinde darin angetroffen werden. 99 
Er wird also als die Bedingung de Möglichkeit der Erscheinungen und 
nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen, und ist 
dne Vorstellung a priwriy die nothwendiger Weise äusseren Erscheinungen 
zum Grunde liegt.* 

3)* Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeine 
Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sonden eine reine 



^ Dieser Satz ist erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. 

* Die Worte „und neben" sind ein Zusatz der zweiten Auflage. 

■ Hier folgt in der ersten Auflage als 3) der nachstehend abgedruckte Absatz: 
„3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich die apodiktische Gewissheit aller 
geometrischen Grundsätze und die Möglichkeit ihrer Constructionen a priori. Wäre 
nämlich diese Vorstellung des Raumes ein a posteriori erworbener Begriff, der aus 
der allgemeinen äusseren Erfahrung geschöpft wäre, so würden die ersten Grund- 
sätze der mathematischen Bestimmung nichts als Wahrnehmungen sein. Sie hätten 
also alle Zufälligkeit der Wahrnehmung, und es wäre eben nicht nothwendig, dass 
zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei, sondern die Erfahrung würde es 
80 jedearzeit lehren. Was von der Erfahrung entlehnt ist, hat auch nur oomparative 
Allgemeinheit, nämlich durch induction. Man. würde also nur sagen könn^i: so 
viel zur Zeit noch bemerkt worden, ist kein Baum gefunden worden, der mehr als 
drei Abmessungen hätte." — (Man vgl. ^lun. 1. S. 41). 

^ Dieser Absatz ist in der ersten Auflage als 4) bezeichnet. 



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56 Elementarlehre. I. TheiL TranMcendentaäe AestheÜk. 

Anschauung. Denn erstiich kann man eich nur eiitön einigen Raum 
vorstellen, und wenn man von vielen Räumen redet, so verstellt man 
daa'unter nur Theäle eines und desselben allemigen Raumes. Diese 
Theile können auch nicht vor dem einigen allbe&ssenden Räume gleich- 
sam als dessen Bestandtheile (daraus seine Zusammensetzung möglich 
sei) vorhergehen, sondern. nur in ihm gedadil werden. Er ist wesent- 
lich einig, das MannigMtige in ihm, mitbin auch der aUgem^e Begriff 
von Räumen überhaiq>t beruht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus 
folgt, dass in Ansehung seiner eine Anschauung a priori (die nicht 
empirisch ist) allen Begriffen von demselben aum Grrunde liegt So 
werden auch alle geometrischen Grundsätze, z, B. dass in dnem Triangel 
zwei Seiten zusammen grösser sind als die dritte, niemaU aus allgemeinen 
Begriffen von Linie und Triangel, sondern aus der Anschauung, und 
Äwar a priori mit apodiktischer Gewissheit abgeleitet. 

4) Der Raum wird ab eine unöadliche gegebene Grösse vor- 
40 gestellt. Nun muss man zwar einen jeden Begriff als eine Vörstdlung 
denken, die in einer unendlichen M^ige von verschiedenaa möglich^a 
Vorstellimgen (als, ihr gemdnschaftliches M^kmal) enthalten ist, mithin 
diese unter sich enthält; aber kdb Begriff als ein solcher kann so 
gedacht werden, als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen In 
sich enthielte. Gleichwol wird der Raum so gedadjt (denn alle Theile 
des Raumes ins unendliche sind zugleich). Also ist die^ ursprüngliche 
Vorstellung vom Räume Anschauung a priori^ und nicht Begriff.^ 

[§ 3. , 
Transscendentale Erörterung des Begriffs vom Räume. 

Ich verstehe unter einer transscendentalen Erörterung die Erklärung 
.-eines Begriffs als eines Princips, woraus die Möglichkeit anderer syu- 



* Der Absatz 4) lautet in der ersten Auflage: - 
„5) Der Baum wird als eine unendliche Grösse gegeben vorgesteUt. Kin allge- 
meiner Begriff vom Baum (der sowol einem Fusse als einer Elle gemein ist) kami 
in Ansehung der Grösse nichts bestimmen. Wäre es nicht die Grenzenlosigkeit im 
Portgange der Anschauung, so würde kein Begriff ron Verhältniss^i ein Principium 
der Unendlichkeit derselben bei sich führen/' 



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L A^hnitt. Voo dem Baume. 57 

thetiscber Erkennüdsse a priori ekigeeehm werden kann. Zu dieser Ab- 
sicht wird erfordert: 1) dase wirklich dergleichen Erkenntnisse aus dem 
gegeb^ien Begriffe herflieesen, 2) dass diewse Erkenntnisse nur unter der 
Voraossetaning einer gegebenen Erklärungsart dieses Begrifißs möglieh sind. 

Geometrie ist eme Wissenschaft, welche die Eigenschaft des 
Kaums synthetBSch und dodi a priori besthnmt. Was muss die Vor- 
stellung des Baumes denn sein, damit eine solche Erkennünss von ihm 
möglich sei? Er musis ursprünglich Anschauung sein*, denn aus einem 
bloss^i Begriffe lassen sich keine Sfttze, die über den Begriff hinausgehen, 41 
ziehai, welches doch in der Geometrie geschieht (Einleitung V.). Aber 
diese Anschauung muss a prioriy d. i. vor aller Wahrnehmung eines 
G^enstandes in uns angetroffen werden, mithin reine, nicht empirische 
Anschauung sein. Denn die geometrischen Sätze sind insgesammt apo- 
diktisch, 'd. i. mit dem Bewusstsein ihrer Nothwendigkeit verbunden, 
B. B. der Kaum hat nur drei Abmessungen; dergleichen Sätze aber können 
nicht empirische oder Erfiihrungsurtheäle sein, noch aus ihnen geschlossen 
werden (Einigt. 11.). 

Wie kann nun eine äussere Anschauung dem Gemüthe beiwohnen, 
die vor den Ohjecten selbst vorhergeht, und in welcher der Begriff der 
letzteren a priori bestimmt werden kann? Offenbär nicht anders als so 
fem sie bloss im Subjecte ^ die fonhale Beschaffenheit desselben, von 
Ohjecten afficirt zu werden und dadurch unmittelbare Vorstellung 
derselben d. i. Anschauung zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als 
Form des äusseren Sinnes überhaupt. 

Also macht allein unsere Erklärung die Möglichkeit der Geo- 
metrie als einer synthetischen Erkenntniss a priori begreiflich. Eine 
jede Erklärungsart, die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem Anscheine 
nach mit ihr einige Aehnlichkeit hätte, kaim an diesem Kennzeichen am 
sichersten von ihr unterschieden werden.*] 

Schlüsse aus obigen Begriffen. 43 

a) Der Kaum stellt gar keine Eigei;ischaft irgend einiger Dinge an 
sich, odw sie in ihrem Verhältniss auf einander vor, d. i. keine Bo- 



* Dieser ganze Paragraph ist ein Zusatz der zweiten Auflage; er giebt eine 
Terkfirzte Darstellung von §.6 — §.9 der Prolegomenen. (Man vgl. Anm. 1. S. 89). 



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58 Elementarlehre. L TheiL TranMcendemtale Aesthetik. 

stimmiing derselben, die an Gregenständen selbst haftete, und ^vrelche bliebe^ 
wenn man auch von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung abs- 
trahirte. Denn wieder absolute noch relative Bestinunungen könnei vor 
dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori an- 
geschaut werden. 

l) Der Kaum ist nichts Anderes, als nur die F(mn aller Erschei- 
nungen äusserer Sinne, d. i. die subjective Bedingung der Sinnlichkeit^ 
unter der allein uns äussere Anschauung möglich ist. Weil nun die* 
Beceptivität des Subjectes, von Geg^iständen a£&drt zu werden, noth- 
wendiger Weise vor allen Anschauungen dieser Objecto vorhergeht, so- 
lässt sich verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirk- 
lichen Wahrnehmungen, mithin a priori im Glemüthe gegeben sein könne^ 
und wie sie als eine reine Anschauung, in der alle Gregenstände bestimmt 
werden müssen, Principien der Verhältnisse dersdben vor aller Er&hrung; 
enthalten könne. 

Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen vonr 
Kaum, von ausgedehnten Wesen u. s. w. reden. Gehen wir von der- 
subjectiven Bedingung ab, unter welcher wir allein äussere Anschauung - 
bekommen können, so wie wir nlUnlich von den Gegenständen zSSis^jpt- 
43 werden mögen, so bedeutet die Vorstellung vom Kaume gar nichts. 
Dieses Prädicat wird den Dingen nur in so fem beigelegt, als sie uns- 
erscheinen, d. i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige Form, 
dieser Receptivität, welche wir Sinnlichkeit nenn^i, ist eine nothw^xdige 
Bedingung aller Verhältnisse, darin Gregenstände als ausser uns ange- 
schaut werden, und, wenn man von diesen Gegenständött abstrahirt, eine 
reine Anschauung, welche den Namen Kaum führt Weil wir die be- 
sonderen Bedingungen der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen der Mög- 
lichkeit der Sachen, sondern nur ihrer Erscheinungen machen können, 
so können wir wol sagen, dass der Kaum alle Dinge befasse, die uns 
äusserlich erscheinen mögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie 
mögen nun angeschaut werden oder nicht, oder auch von welchem Subject 
man wolle. Denn wir können von den Anschauungen anderer denkender 
Wesen gar nicht urtheilen, ob sie an die nämlichen Bedingungen ge- 
bunden seien, welche unsere Anschauung einschränken und ftir uns all- 
gemein giltig sind. Wenn wir die Einschränkung eines Urtheils zum 
Begriff des Subjects hinzufügen, so gilt das Urtheil alsdann unbedingte 



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I Abaebnitt Von dem Baume. 59> 

Der SatE: Alle Dinge sind neben einandw im Raum, gilt nur unter der 
I^bschränkiing, wenn diese Dinge als Gegenstände unserer sinnüek^ 
Anschauung genonmien werden. Füge ich hier die Bedingung zum Be- 
griffe und sage: Alle Dinge als äussere Erscheinung^ sind neb^i ein- 
ander im Baum, so gilt diese Begel allgemein und ohne Einschränkung. 
Ün8^*e Erörterungen khren demnach die Bealität (d. L die ohjectiveit 
Giltigkdt) des Raumes in Ansehung alles dessen, was äusserlich als G^ 
genstand uns vorkommen kann, aber zugldch die Idealität des Raums 
in Ansehung der Dinge, wenn sie durch die Vernunft an sich selbst 
erwogen werden, d. L ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit unserer 
Sinnlichkeit ou nehmen. Wir behaupten also die empirische Realität 
des Raumes (in Ansehung aller möglichen äusseren Erfahrung), ob zwar 
sogleich die transscendentale Ideali|;ät desselben, d. i. dass er nichta 
sei, so bald wir die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung weg- 
lassen und ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst zum Grunde 
Hegt, annehmen. 

Es giebt aber audi ausser dem Räume keine andere subjective und 
auf etwas Aeüsseres bezogene Vorstellung, die a priori objectiv heissen 
könnte, pjenn man kann von kehier derselben synthetische Sjfctze 
priori, wie von der Anschauimg im Räume herleiten (§. 3.). Daher 
ihnen, genau zu reden, gar keine Idealität zukommt, ob sie gleich darin 
mit der Vorstellimg des Raumes übereinkommen, dass sie bloss zur 
subjectiven Beschaffenheit der Sinnesart gehören^ z. B. des G^ichts, Ge- 
hörs, Geftlhls, durch die Empfindungen der Farben, Töne und Wärme, 
die aber, weil sie bloss Empfindungen und nicht Anschauungen sind, an 
sich kein Object, am wenigsten a priori, erkennen lassen.^] 



' Statt der Sätze: „Demi man kami — erkemien lassen" hat die erste Auflage 
Folgendes: 

,J>aher diese subjective Bedingung aller äusseren Erscheinungen mit keiner 
anderen kann verglichen werden. Der Wolgeschmack eines Weines gehört nicht 
zu den objectiven Bestimmungen des Weines, mithin eines Objectes sogar als Er- 
scheinung betrachtet, sondern zu der besonderen Beschaffenheit des Sinnes an dem 
Subjecte, was ihn geniesst. Die Farben sind nicht Beschaffenheiten der Körper, 
deren Anschauung ne anhängen, sondern auch nur Modificationen des Sinnes des 
G^edchts, welches vom Lichte auf gewisse Weise afficirt wird. Dagegen gehört der 
Kaum als Bedingung äusserer Objecto nothwendigerweise zur Erscheinung oder An- 
schanung derselben. Geschmack und Farben sind gar nicht nothwendige Bedin- 



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QO Elementarlehre. I. Theil. TraiiflBMiidehtale Aesthetik. 

45 Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dediin, tn verbiitm^ äasi 

m«n die behauptete MeäMtät des Eaumes nicht durch bei weitem unzii« 
längliche Belspide zu erläutern eich einfallen lasse, da nämlieli etwa 
Farben, GkschmadL u. s. w. mit Eecht nicht als Beschaff^heiteiL der Dinge^ 
sondern bloss als Yenäaderimgen unseres Subjeotes, die sogar bei yeiv 
sehiedenen Menschen versddeden sein können, betrachtet werden. Denn 
in diesem Falle gilt das, was ursprünglich Nselbst nur Erscheinung ist^ 
z. B. eine Böse, im empirischen Verstände ftir ein D^g an sich sdbst, 
welches doch jedem Auge in Ansehung dei* Farbe anders ersohein^i kanni 
Dagegen ist der transscendentale Begriff der Erscheinungen im Baume 
eine kritische Erinnerung, dass üb^haujit niclits, was im Baume an* 
geschaut wird, eine Sache' an sich, noch dass der Baum eine Form der 
Dinge sei, die ihnen etwa an üch selbst eigen wäre, sondern dass uns 
die Gegenstände an sieh gar nicht bekannt sind, und, was wü äussere 
Oegenstände nennen, nichts anderes als blosse Vorstellungen unsereif 
Sinnlichkeit sind, deren Form der Baum ist, deren wahres Oorrelatuih 
aber, d. i. das Ding an sich selbst, dadurdi gar nicht erkailnt wird noch 
erkannt werden kann,, nach welchen aber auch in d^ Er^edirung niemab 
gefragt wird. 



jungen, unter welchen die Gegenstände allein itir uns Objecte der Sinne werden 
können. Sie sind nur als zufallig beigefugte Wirkungen der besonderen Organisation 
mit der Erscheinung verbunden. Daher sind de auch keine Vorstellungen a priori, 
sondern auf Empfindung, d^r WolgQsobmack aber so^ auf GeffiU (der liüst und 
Unlust) als einer Wirkung der Pmp&idung gegründet Aw^k kimn niemaxid a prufri 
weder eine Vorstellung einer Farbe, noch irgend eines Cleschmack» haben; der Raum, 
aber betrifft nur die reine Form der Anschauung, schliesst also gar keine Empfin- 
dung (nichts Empirisches) in sich, und allb Arten und Bestimmungen des Ilaumes 
können und müssen sogar a poiori vorgestellt werden können, wenn Begriffe der Ge- 
stalten sowol als Verhältnisse entstehen sollen. Durch denselben ist es allein mög- 
lich, dass Dinge für uns äussere Gegenstände sind." 



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U AlxrolmiU. Vota der ^eit Ql 

Der 16 

transsceHdentalen Aesthetik 
sswelter Abschnitt* ^ 



Ton der Zeit 

§. 4. 

Metaphysische Erörterung des Begriffs der Zeit.^ 

Die Zeit ist 1)* kein empirischer Begriff, der irgend von einer Er* 
äOuroug abgezogen wordea. Denn das Zugleicbsein oder Aufeinander- 
folgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vor- 
ateUung der Zeit nicht a prtort sum Grunde läge. Nur unter derea 
Voraussetzung kann man sich vorstellen, dass einiges zu einer und dei^ 
selben Zeit (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten (nach einander) sei. 

2) Die 2ieit ist eine nothwendige Vorstellung, die allen Anschauungen 
zum Grunde liegt. Man kann in Ansehui^ der Erscheinungen üb^haupt 
die Zeit sdbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wol die Erscheinungen 
aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In 
ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können 
insgesammt we^aUen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihier 
Möglichkeit) kann nicht aufgehoben werden. 

3») Auf diese Nothweudigkeit a priori gründet sich auch die Möglich- \\ 
keit apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axi- 
omen von der Zeit überhaupt. Sie hat nur eine Dimension-, verschiedene 
Zeiten sind nicht zugleich, sondern nach einander (so wie verschiedene 
Räume nicht nach einander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze 
können aus der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder 
strenge Allgemeinheit noch apodiktische Gewissheit geben. Wir würden 



* Diese UebeEschrlft ist wie die Bezei^biuing aU §. 4 ein Zusatz der zweiten 
Auflage. 

> Statt der Worte „Die Z^t ist 1)" steht in der ersten Auflage eine I über 
dem Text; dann folgen die Worte ,»Die Zeit ist kein" u. s. w. 



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^2 Elementarlehre. L ThdiL Transscendentale AestheÜk. 

nur sagen können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: 
30 moss es sich verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter 
denen überhaupt Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor der- 
oselben, und nicht durch dieselbe. 

4) Die Zeit ist kein discursiver oder, wie man ihn nennt, allgememer 
Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene 
Zeiten sind nur Theile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nur 
durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber An- 
schauung. Auch würde sich der Satz, dass verschiedene Zeiten nicht 
zugleich sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. 
Der Satz ist synthetisch, und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. 
Er ist also in der Anschauung und Vorstellimg der Zeit unmittelbar 
enthalten. 

5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als dass alle 
48 bestimmte Grösse der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum 

Grunde liegenden Zeit möglich sei Daher muss die ursprüngliche Vor- 
stellung Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Theile 
selbst und jede Grösse ©Lnes Gegenstandes nur durch Einschränkung be- 
jstimmt vorgestellt werden können, da muss die ganze Vorstellung nicht 
durch Begriffe gegeben sein (denn die enthalten nur Theilvorstellungen^), 
Bondem es muss ihr* unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen. 

[§•6. 
Transscendentale Erörterung des Begriffs der Zeit 

Ich kann mich deshalb auf Nr. 3. berufen, wo ich, um kurz zu sein, 
'das, was eigentlich transscendental ist, unter die Artikel der metaphysi- 
schen Erörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, dass der 
Begriff der Veränderung und mit ihm der Begriff der Bewegung (als 
Veränderung des Orts) nur durch und in der Zeitvorstellung möglich ist; 
•dass, wenn diese Vorstellung nicht Anschauung (innere) a priori wäre, 
kein Begriff, welclier es auch sei, die Möglichkeit einer Verändenmg, 



^ Statt der Worte „die enthalten nur Theilvorstellnngen" steht in der ersten 
Auflage „da gehen die Theilvorstellangen vorher*'. 

' Die erste Auflage hat ,4hre", die sweite „ihnen". Jedoch nur die obige 
Lesart giebt einen deutßchen Sinn. 



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n. Abschnitt Von der Zeit gg 

d. i dner Y^bmdimg contradictoriscli entgegengesetzter Prädkate (z. B. 
das Sdn an einem Orte und das Nichts^ eben dessdben Dinges an 
demsdben Orte) in einem und demselben Objecte begreiflidi machen 
könnte. Nur in der Zeit können beide contradictonsoh entgegengesetzte 4o 
Bestimmungen in dnem Dinge, nämlich nach einander anzutreffen sein. 
Also erklärt unser Z^tbegriff die Möglidikdt so vieler sjnth^ischer 
Erkenntnisse a priori^ als die allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig 
fruchtbar ist, darlegt^] 

§.6. 
Schlüsse aus dieseu Begriffen. 

a) Die Zeit ist nicht etwas, was ftir sich selbst bestünde oder den 
Dingen als objective Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn 
man von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung derselben abs- 
trahirt; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen 
Gegenstand dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so 
könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmimg ^ oder 
Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen, 
und a priori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. 
Dieses Letztere findet dagegen sehr wol statt, wenn die Zeit nichts als 
die subjective Bedingung ist, unter der allein Anschauungen in uns 
stattfinden können. Denn da kann diese Form der inneren Anschauung 
vor den Gegenständen, mithin a priori vorgestellt werden. 

l) Die Zeit ist nichts Anderes als die Form des inneren Sinnes, 
d. L des Anschauens imserer selbst und unseres inneren Zustandes. 
Denn die Zeit kann keine Bestimmung äusserer Erscheinungen sein, sie 
gehört weder zu einer Gestalt oder Lage u. s. w., dagegen bestimmt sie so 
das Verhältniss der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und 
eben weil diese innere Anschauung keine Grestait giebt, suchen wir auch 
diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge durch 
eine ins unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige 
eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension ist, und schliessen 
aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit ausser 
dem Einzigen, dass die Theüe der ersteren zugleich, die der letzterei* 



^ Dieter ganze Paragraph ist erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. 



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34 Elementarlehre. L TheiL TramscMidezitale Aesihetik. 

aber jederzeit nach einander sind. Hieraus erhellt auch, dass die Vor« 
st^lnng der Zeit selbst Ansekammg sei, weil alle ihre Verhältnisse sich 
an einer äusseren Anschauung ausdrücken lassen. 

o) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinimgen 
überhaupt. Der Raum als die reine Form aller äusseren Anschaoimg 
ist als Bedingung a priori bloss auf äussere Erscheinungen eingeschränkt 
Dagegen, weQ alle Vorstellungen^ sie mögen nun äussere Dinge zum 
Gegenstande haben oder nicht, doch an sich selbst als Bestmmumgen 
des G^müths zum inneren Zustande gehören, dieser innere Zustand aber 
unter die formale Bedingung der inneren Anschauung, mithin die 2jeit 
gehört, so ist die Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung 
überhaupt, und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer 
Seele) und eben dadurch mittelbar auch der äusseren Erscheinungei;. 

öl Wenn ich a priori sagen kann: alle äusseren Erscheinungen sind im 
Räume und nach den Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt, so 
kann ich aus dem Princip des inneren Sinnes ganz fdlgemein sagen: 
alle Erscheinungen überhaupt, d. i alle Gegenstände der Sinne sind in 
der Zeit und stehen nothwendiger Weise in Verhältnissen der Zeit. 

Wenn wir von unserer Art, nns selbst innerlich anzuschauen und 
vermittelst dieser Anschauung auch alle äusseren Anschauungen in der 
Vorstellungskraft zu befassen, abstrahiren imd mithin die Gegenstände 
nehmen, so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. 
Sie ist nur von objectiver Giltigkeit in Ansehung der Erscheinungen, 
weil dieses schon Dinge sind, die wir als Gegenstände unserer Sinne 
annehmen; aber sie ist nicht mehr objectiv, wenn man von der Sinnlichkeit 
unserer Anschauung, mithin derjenigen VorsteUungsart, welche uns eigen- 
thümlich ist, abstrahirt und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit 
ist also lediglich eine subjective Bedingung unserer (menschlichen) An- 
schauung (welche jederzeit sinnlich ist, d. i. so fem wir von Gegen- 
ständen afficirt werden) und an sich, ausser dem Subjecte^ nichts. Nichts 
desto weniger ist sie in Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch.aUer 
Dinge, die uns in der Erfahrung vorkommen können, nothwendiger 
Weise objectiv. Wir können nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, 

ttweil bei dem Begriffe der Dinge überhaupt von aller Art der Anschau- 
ung derselben abstrahirt wird, diese aber die eigentliche Bedingung ist, 
unter der die Zeit in die Vorstdlung der Gegenstände gdiört Wird 



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II. Abschnitt. Von der Zeit. 65 

nun die Bedingung zum Begriffe hinzugefügt, und es heisst: alle Dinge 
als Erscheinungen (Gegenstände der sinnlichen Anschauung) sind in der 
Zeit, so hat der Grundsatz seine gute objective Richtigkeit und Allge* 
meinheit a priori. 

Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der Zeit, 
i i. objective Giltigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemals 
unseren Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung 
jederzeit sinnlich ist, so kann uns in der Erfahnmg niemals ein Gegen- 
stand gegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. 
Dagegen bestreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, 
da sie nämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung 
Rticksicht zu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder 
Eigenschaft anhinge. Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich 
zukommen, können uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. 
Hierin besteht also die transscendentale Idealität der Zeit, nach 
welcher sie, wenn man von den subjectiven Bedingungen der sinnlichen 
Anschauung absträhirt, gar nichts ist, und den Gegenständen an sich 
selbst (ohne ihr Verhältniss auf unsere Anschauung) weder subsistirend 
noch inhärirend beigezählt werden kann. Doch ist diese Idealität eben 
so wenig wie die des Raxraies mit den Subreptionen der Empfindungen »4 
in Vergleichung zu stellen, weil man doch dabei von der Erscheinung 
selbst, der diese Prädicate inhäriren, voraussetzt, dass sie objective 
Realität habe, die hier gänzlich wegfällt ausser so fern sie bloss em- 
pirisch ist, d. i. den Gegenstand selbst bloss als Erscheinung ansieht, 
wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts nachzusehen ist 

§•7. 
Erläuterung. 

Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht, 
aber die absolute und transscendentale bestreitet, habe ich von einsehen- 
den Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, dass ich darais 
abnehme, er müsse sich natürlicher Weise bei jedem Leser, dem diese 
Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet also: Verände- 
rungen sind wirklich (dies beweist der Wechsel unserer eigenen Vor- 
stellungen, wenn man gleich alle äusseren Erscheinungen sammt deren 

Kasit's Kritik' der reinen Vernunft. 5 



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QQ Elementarlehre. I. Thdl. Transscendentale Aesthetik 

Veränderungen leugnen wollte). Nun sind Veränderungen nur in der 
Zeit möglieb; folglich ist die Zeit etwas Wirkliches. Die Beantwortung 
hat keine Schwierigkeit. Ich gebe das ganze Argument zu. Die 2ieit ist 
allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren An- 
schauung. Sie hat also subjective Realität in Ansehung der inneren Er- 
fahrung, d. i. ich habe wirklich die Vorstellung von der Zeit und meinen 

64 Bestimmungen in ihr. Sie ist also wirklich/ nicht als Objeot, sondern als 
die Vorstellungsart meiner selbst als Objects anzusehen. Wenn aber ich 
selbst oder ein anderes Wesen mich ohne diese Bedingung der Sinnlichkeit 
anschauen könnte, so würden eben dieselben Bestimmungen, die wir uns 
jetzt als Veränderungen vorstellen, eine Erkenntniss geben, in welcher die 
Vorstellimg der Zeit, mithin auch der Veränderimg gar nicht vorkäme. 
Es bleibt also ihre empirische Realität als Bedingung aller unserer Erfah- 
rungen. Nur die alsolute Realität kann ihr nach dem oben Angeführten 
nicht zugestanden werden. Sie ist nichts als die Form unserer inneren 
Anschauung.* Wenn man von ihr die besondere Bedingung unserer 
Sinnlichkeit wegnimmt, so verschwindet auch der Begriff der Zeit, und 
sie hängt nicht an den Gegenständen selbst, sondern bloss am Subjecte, 
welches sie ansch&ut. 

Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht 
wird, und zwar von denen, die gleichwol gegen die Lehre von der Ide- 

55alität des Raumes nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. 
Die absolute Realität des Raumes hoflPten sie nicht apodiktisch darthun 
zu können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die 
Wirklichkeit äusserer Gegenstände keines strengen Beweises föhig ist; 
dagegen die des Gegenstandes unseres inneren Sinnes (meiner selbst 
und meines Zustandes) unmittelbar durchs Bewusstsein klar ist. Jene 
konnten ein blosser Schein sein, dieser aber ist ihrer Meinung nach un- 



* Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das heisst 
nur, wir sind uns ihrer als in einer Zeitfolge, d. i. nach der Form des inneren 
Sinnes bewusst. Die Zelt ist dämm nicht etwas an sich selbst, auch keine den 
Dingen objectiv anhängende Bestimmung- 



* Das Komma hinter „wirklich" fehlt in beiden Auflagen. Der Satz verliert 
jedoch ohne diese Interpunktion seine Beziehung zu dem vorhergehenden Beweis. 
Die Härte des Ausdrucks, die so entsteht, scheint mir erträglicher als die Schiefe 
des GedankenB, die anderenfalls vorliegen würde 



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JOL Abschnitt. Erläuterung. Qf 

leugbar etwas Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, dass beide, ohne 
dass man ihre Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwol 
nur zur Erscheinung gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine, 
da das Object an sich selbst betrachtet wird (unangesehßn der Art 
dasselbe anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum jeder- 
zeit problematisch bleibt), die andere, da auf die Form der Anschauung 
dieses Gegenstandes gesehen wird, welche nicht in dem G-egenstande an 
sich selbst, sondern itn Subjecte, dem derselbe erscheint, gesucht werden 
muss, gleichwol aber der Erscheinung dieses Gegenstandes wirklich und 
nothwendig zukommt. 

Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnissquellen, aus denen 
a priori verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können, 
wie vornehmlich die reine- Mathanatik in Ansehung der Erkenntnisse 
vom Räume imd dessen Verhältnissen em , glänzendes Beispiel giebt. 56 
Sie sind nämlich beide zusammengenommen reine Formen aller sinn- 
lichen Anschauung, und machen dadurch synthetische Sätze a priori 
möglich. Aber diese Erkenntnissquellen a priori bestimmen sich eben 
dadurch (dass sie bloss Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, 
nämlich dass ae bloss auf Gegenstände gehen, so fem sie als Erschei- 
nungen betrachtet werden, nicht aber Dinge an sieh selbst darstellen. 
Jene allein mnd das Feld ihrer Gildgkeit, woraus wenn man hinausgeht, 
weiter kein objectiver Gebrauch derselben stattfindet. Diese Realität des 
Raumes imd der Zeit lässt übrigens die Sicherheit der Erfahrungs- 
erkenntniss unangetastet; denn wir sind derselben eben so gewiss, ob 
diese Formen den Dingen an sieh selbst oder nur unserer Anschauung 
dieser Dinge nothwendiger Weise anhängen. Dagegen die, so die abBo- 
lute Realität des Raumes und der Zeit behaupten, Me mögen sie nun 
als snbsistirend oder nur inhärirend annehmen, mit d&a. Frincipien der 
Erfahrung selbst uneinig sein müsden. Denn, entschUesseo sie sich zum 
ersteren (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen Natur- 
forscher ist), so müssen sie zwei ewige und unendliche für sich be- 
stehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche da sind (ohne 
dass d(^h etwas Wirkliches ist), nur um alles Wirkliche in sich zu 
befeuBsen. Nehmen sie die zweite Partei (von der ^nige metaphysische 
Naturlehrer sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von der Er- 
fieJirung abstrahirte, obzwar in der Absonderung verworren vorgestdllte £7 



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68 Elementarlehre. I. Theil. TVansscendentale Aesthetik. 

Verhältnisse der Erscheinungen (neben oder nach einander), so müssen 
sie den mathematischen Lehren a priori in Ansehung wirklicher Dinge 
(z. R im Räume) ihre Giltigkeit, wenigstens die apodiktische Gewissheit 
bestreiten, indem diese a post&t'iori gar nicht stattfindet, und die Begriffe 
a priori von Eaum und Zeit dieser Meinung nach nur Geschöpfe der 
Einbildungskraft sind, deren Quell wirklich in der Erftihrung gesucht 
werden muss, aus deren abstrahirten Verhältnissen die Einbildung etwas 
gemacht hat, was zwar das Allgemeine derselben enthält, aber ohne die 
Restrictionen, welche die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht 
stattfinden kann. Die ersteren gewinnen so viel, dass sie für die mathe- 
matischen Behauptimgen sich das Feld der Erscheinungen jfrei machen. 
Dagegen verwirren sie sich sehr durch eben didse Bedingungen,' wenn 
der Verstand über dieses Feld hinausgehen will. Die zweiten gewinnen 
zwar in Ansehung des letzteren, nämlich dass die Vorstellungen von 
Raum und Zeit ihnen nicht inr den Weg kommen, wenn sie von Gegen- 
ständen nicht als Erscheinungen, sondern bloss im Verhältniss auf den 
Verstand urtheüen wollen, können aber weder von der Möglichkeit 
mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen "eine wahre und 
objectiv gütige Anschauung a priori fehlt) Grund angeben, noch die 
Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in die nothwendige Einstim- 
^'»mung bringen. In unserer Theorie von der wahren Beschaffenheit 
dieser zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit ist beiden Schwie- 
rigkeiten abgeholfen. 

Dass schliessHeh die transscendentale Aesthetik nicht mehr als 
diese ^wei Elemente, nämlich Raum und Zeit enthalten könne, ist daraus 
klar, weil alle anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe^ selbst der der 
Bewegung, welcher beide Stücke vereinigt, etW€U9 Empirisches voraus- 
setzen. D^an diese setzt die Wahmihmung von etwas Beweglichem 
voraus. Im Baum an sich selbst betrachtet ist aber nichts Bewegliches; 
daher das Bewegliche etwas sein muss, was im Räume nur durch 
Erfahrung gefunden wird, mithin ein empirisches Datum. Eben so 
kann die transscendentale Aesthetik nicht den Begriff der Veränderung 
unter ihre Data a priori zählen; denn die Zeit selbst verändert sieh 
mcht, sondern etwas, das in der Zeit ist. Also wird dazu die Wahr- 
nehmung von irgend einem Dasein und der Successiön seiner Bestim- 
mungen, mithin Erfahrung erfordert. 



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II. Abschnitt Allgemeine Anmerkungen. QQ • 

§. 8. 59 

Allgemeine AnmerkuDgen zur transscendentalen Aesthetik. 

I.^ Zuerst wird es nöthig sein, uns so deutlich als möglich zu er- 
klären, was in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen Erkennt- 
niss überhaupt unsere Meinung sei, um aller Missdeutung derselben vor- 
zubeugen. 

Wir haben also sagen wollen, dass alle unsere Anschauung nichts 
als die Vorstellung von Erscheinung sei; dass die Dinge, die^wir anschauen, 
nicht das an sich selbst sind, wofiir wir sie anschauen, noch ihre Ver- 
hältnisse so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns erscheinen,, und 
dass, wenn wir unser Subject oder auch nur die subjective Beschaffenheit 
der Sinne überhaupt aufheben, alle die Beschaffenheit, alle Verhältnisse 
der Objecte im Raum und Zeit, ja selbst Eaum und Zeit verschwinden 
würden, und als Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns 
existiren können. Was es für eine Bewandtniss mit den Gegenständen 
an sich und abgesondert von aller dieser Receptivität unserer Sinnlichkeit 
haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als 
unsere Art sie wahrzunehmen, die uns eigenthümlich ist, die auch nicht 
nothwendig jedem Wesen, ob zwar jedem Menschen zukommen muss. 
Ifit dieser haben wir es lediglich zu thuiL Eaum und Zeit sind die 
reinen Formen derselben, Empfindung überhaupt die Materie. Jene können 00 
wir alleui a priori, d. i. vor aller wirklichen Wahrnehmung erkennen, 
und sie heisst darum reine Anschauung-, diese aber ist das in unserer 
Erkenntmss, was da macht, dass sie Erkenntniss a posteriori, d. L em- 
pirische Anschauung heisst. Jene hängen unserer Sinnlicjikeit schlechthin 
nothwendig an, welcher Art auch unsere Empfindungen sein mögen; 
diese können sehr verschieden sein. Wenn wir diese unsere Anschauung 
auch zum höchsten Grade der Deutlichkeit bringen könnt^i, so würden 
wir dadurch der Beschaffenheit der Gregenstände an sich selbst nicht 
näher konmi^i. Denn wir würden auf allen Fall doch nur unsere Aii 
der Anschauung d. i. unsere Sinnlichkeit vollständig erkennen, und diese 
immer nur unter den dem Subject ursprünglich anhängend^i Bedingungen 



^ Die Bezeichnung ah I ist (ebenso wie die unter n — IV folgenden Abschnitte) 
ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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"70 Elementarlehre. I. Theil. Transscendentale Aesthetik. 

von Kaum und Zeit; was die Gegenstände an sich selbst s6in mögen, 
würde uns durch die aufgeklärteste Erkenn tniss der Erscheinung der- 
selben, die uns allein gegeben ist, doch niemals bekannt werden. 

Dass daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene 
Vorstellung der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen an 
sich selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäu^ing von Merk- 
malen und Theilvorstellungen, die wir nicht mit Bewusstsein auseinander 
setzen, ist eine VerftOschung des Begriffs von Sinnlichkeit imd von Er- 
scheinimg, welche die ganze Lehre derselben unnütz und leer macht. 

«iDer Unterschied einer undeutlichen von der deutlichen Vorstellung ist 
bloss logisch imd betrifft nicht den Inhalt. Ohne Zweifel enth^ der 
Begriff von Recht, dessen sich der gesunde Verstand bedient, eben 
dasselbe, was die subtilste Speculation aus ihm entwickeln kann, nur dass 
im gemeinen und praktischen Grebrauche man sich dieser mannigfaltigen 
Vorstellungen in diesem Gedanken nicht bewusst ist. Darum kann man 
nicht sagen, ^ass der gemeine Begriff sinnlich sei und eine blosse Er- 
scheinimg enthalte, denn das Recht kann gar nicht erscheinen, sondern 
sein Begriff liegt im Verstände, und stellt eine Beschaffenheit (die mora- 
lische) der Handlungen vor, die ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen 
enthält die Vorstellung eines Körpers in der Anschauung gar nichts, 
was einem Gegenstände an sich selbst zukommen könnte, sondern bloss 
die Erscheinung von etwas und die Art, wie wir dadurch afficirt werden^ 
und diese Receptivität unserer Erkenntnissföhigkeit heisst Sinnlichkeit, 
und bleibt von der Erkenntniss des Gegenstandes an sich selbst, ob man 
jene (die Erscheinung) gleich bis auf den Grund durchschauen möchte, 
dennoch himmelweit unterschieden. 

Die Ldbniz- Wolfische Philosophie hat daher allen Untersuchungen 
Über die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz un- 
rechten Gresichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinn- 
lichkeit vom InteUectuellen bloss als logisch betrachtete, da er offenbar 

«2 transscendental ist und nidbt bloss die Form der Deutlichkeit oder Un- 
deutlichkeit, . sond^^ den Ursprung und den Inhalt derselbai betrifft, so 
dass wir durch die erstere die Beschaffenheit der Dinge an sich selbst 
nicht bloss undeutlich, sondern gar nicht erkennen, imd, so bald wir 
unsere subjective Beschaffenheit wegnehmen, das vorgestellte Object mit 
den Eigenschaften, die ihm die sinnliche Anschauung beilegte, überall 



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IL Abschnitt. Allgemeine Anmerkungen. 71 

nirgend anzutreffen ist noch angetroffen werden kann, indem eben diese 
subjective Beschaffenheit die Form desselben als Erscheinung bestimmt 
Wir unterscheiden sonst wol unter Erscheinungen da«, was der 
Anschauung derselben wesentlich anhängt und fiir jeden menschlichen 
Sinn überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufalliger Weise 
zukommt, indem es nicht ftir die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt, 
sondern nur for eine besondere Stellung oder Organisation dieses oder 
jenes Sinnes giltig ist. Und da nennt man die erstere Erkenntniss eine 
solche, die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite aber nur 
die Erscheinung desselben. Dieser Unterschied ist aber nur empirisch. 
Bleibt man dabei stehen (wie es gemeiniglich geschieht) und sieht jene 
empirische Anschauung nicht wiederum (wie es geschehen sollte) als blosse 
Erscheinung an, so dass darin gar m'chts, was irgend eine Sache an sich 
selbst anginge, cmzutreffen ist, so ist imser transscendentaler Unterschied 
verloren, und wir glauben alsdann doch Dinge an sich zu erkennen, ob 
wir es gleich überall (in der Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erfor- 
schung ihrer Gegenstände mit nichts als Erscheinungen zu thun haben. 63 
So werden wir zwar den Regenbogen eine blosse Erscheinung bei einem 
Sonnenregen nennen, diesen Eegen aber die Sjwjhe an sich selbst, welches 
auch richtig ist, so fern wir den letzteren Begriff nur physisch verstehen, 
als das, was in der ^allgemeinen Erfahrung unter allen verschiedenen 
Lagen zu den Sinnen doch in der Anschauxmg so und nicht anders 
bestimmt ist. Nehmen wir aber dieses Empirische überhaupt und fragen, 
ohne uns an die Einstimmung desselben mit jedem Menschensinne zu* 
kehren, ob auch dieses einen Gegenstand an sich selbst (nicht die Regen- 
tropfen, denn die sind dann schon als Erscheinungen empirische Objecte) 
vorstelle, so ist die Frage von der Beziehung der Vorstellung auf den 
Gregenstand transscendental, und nicht allein diese Tropfen sind blosse 
Erscheinungen, sondern selbst ihre runde Gestalt, ja sogar der Raum, 
in 'welchem sie fallen, sind nichts an sich selbst, sondern blosse 
Modificationen oder Grundlagen unserer sinnlichen Anschauung; das 
transscendentale Object aber bleibt uns unbekannt. 

Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transscendentalen Ae- 
sthetik ist, dass sie nicht bloss als scheinbare Hypothese einige Gunst 
erwerbe, sondern so gewiss und ungezweifelt sei, als jemals von einer 
Theorie gefordert werden kann, die zum Organen dienen soll. Um diese 



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72 Elementarlehre. I. Theil. Transscendentale Aesthetik. 

Gewissheit völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgend einen Fall 
64 wählen, w;oran dessen Giltigkeit augenscheinlich werden und zu mehrer 
Klarheit dessen, was §. 3. angeführt worden, dienen^ kann. 

Setzet demnach, Kaum und Zeit seien an sich selbst objectiv und 
Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sieh 
erstlich, dass von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze 
in grosser Zahl, vornehmlich vom Eaum vorkommen, welchen wir darum 
vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der 
Geometrie synthetisch a priori und mit apodiktischer Gewissheit erkannt 
werden, so frage ich: woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf 
stützt sich unser Verstand, um zu dergldchen schlechthin nothwendigen 
und allgemein giltigen Wahrheiten zu gelangen? Es ist kein anderer 
Weg als durch Begriffe oder durch Anschauungen, beide aber als solche, 
die entweder a priori oder a posteriori gegeben sind. Die letzteren, nämlich 
empirische Begriffe, imgleichen das, worauf sie sich gründen, die empiiische 
Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben als nur einen 
solchen, der auch bloss empirisch d. i. ein Erfahrungssatz ist, mithin 
niemals Nothwendigkeit und absolute Allgemeinheit enthalten kann, der- 
gleichen doch das Charakteristische aller Sätze der Geometrie ist. Was 
aber das erstere und einzige Mittel sein würde, nämlich durch blosse 
Begriffe oder durch Anschauungen a priori zu dergleichen Erkenntnissen 
zu gelangen, so ist klar, dass aus blossen Begriffen gar keine synthetische 
esErkenntniss, sondern lediglich analytische erlangt werden kann. Nehmt 
•nur den Satz, dass durch zwei gerade Linien sich gar kein Kaum ein- 
schliessen lasse, mithin keine Figur möglich sei, und versucht ihn aus 
dem Begriff von geraden Lioien und der Zahl zwei abzuleiten; oder auch, 
dass aus drei geraden Linien eine Figur möglich sei, und versucht es 
eben so bloss aus diesen Begriffen. Alle eure Bemühung ist vergeblich, 
und ihr seht euch genöthigt, zur Anschauung eure Zuflucht zu nehmen, 
wie es die Geometrie auch jederzeit thut. Ihr gebt euch also einen Ge- 
genstand in der Anschauimg ; von welcher Art aber ist diese, ist es eine 
reine Anschauung a priori oder eine empirische? Wäre das letzte, so 
könnte niemals ein allgemein giltiger, noch weniger ein apodiktischer 
Satz daraus werden; denn Erfahrung kann dergleichen niemals liefern. 



* Die Worte „und zu — dienen" sind ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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IL Abschnitt Allgemeine Anmerkungen. 73 

Ihr mtisst also euren Gegenstand a priori in der Anschauung geben, und 
auf diesen euren synthetiscben Satz gründen. Läge nun in euch nicht 
ein Vermögen a priori anzuschauen; wäre diese subjective Bedingung 
der Torrn nach nicht zugleich die allgemeine Bedingung a priori, unter 
der allein das Object dieser (äusseren) Anschauung selbst möglich ist; 
wäre der Gegenstand (der Triangel) etwas an sich selbst ohne Beziehung 
auf euer Subject: wie könntet ihr sagen, dass, was in euren subjectiven 
Bedingungen einen Triangel zu construiren, nothwendig liegt, auch dem 
Triangel an sich selbst nothwendig zukommen müsse; denn ihr könntet 
doch zu euren Begriffen (von drei Linien) nichts Neues (die Figur) hinzu- 
fogen, welches darum nothwendig an dem Gegenstande angetroffen werden 66 
müsste, da dieser vor eurer Erkenntniss und nicht durch dieselbe gegeben 
ist. Wäre also nicht der Kaum (und so auch die Zeit) eine blosse Form 
eurer Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter denen 
allein Dinge ftlr euch äussere Gegenstände sein können, die ohne diese 
subjectiven Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr a priori ganz 
und gar nichts über äussere Objecte synthetisch ausmachen. Es ist also 
ungezweifelt gewiss und nicht bloss möglich oder auch wahrscheinlich, 
dass Baum und Zeit als die nothwendigen Bedingungen aller (äusseren 
und inneren) Erfahrung bloss subjective Bedingungen aller unserer An- 
schauung sind, im Verhältniss auf welche daher alle Gegenstände blosse 
Erscheinungen und nicht fiir sich in dieser Art gegebene Dinge sind, 
von denen sich auch um deswillen, was die Form derselben betrifft, 
vieles a priori sagen lässt, niemals aber das Mindeste von dem Dinge an 
sich selbst, das diesen Erscheinungen zum Grunde liegen mag. 

[^n. Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idealität des äusseren 
»owol als inneren Sinnes, mithin aUer Objecte der Sinne als blosser Er- 
scheinungen, kann vorzüglich die Bemerkung dienen, dass alles, was in 
unserer Erkenntniss zur Anschauung gehört (also Gefühl der Lust und 
Unlust und den Willen, die gar nicht Erkenntnisse sind, ausgenommen), 
nichts als blosse Verhältnisse enthalte, der Oerter in einer Anschauung 
(Ausdehnung), Veränderung der Oerter (Bewegung) und Gesetze, nache? 
denen diese Verändenmg bestimmt wird (bewegende Kräfte). Was aber in 



^ Die Abschnitte n, UI und JX sowie der Abschnitt: Beschluss der transscendeu- 
talen Aesthetik sind ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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74 Elementarlehre. L Theil. Transscendentale Aesthetik. 

dem Orte gegeniyärtig sei, oder was es ausser der Ortsverändenmg in den 
Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht gegeben. Nun wird durch 
blosse Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt; also ist wol 
zu urtheilen, dass, da uns durch den äusseren Sinn nichts als blosse 
Verhältnissvorstellungen gegeben werden, dieser auch nur das Verhältniss 
eines Gegenstandes auf das Subject in seiner Vorstellung enthalten könne, 
und nicht das Innere, was dem Objecte an eich zukommt. Mit der 
inneren Anschauung ist es eben so bewandt. Nicht allein, dass darin 
die Vorstellungen äusserer Sinne den eigentlichen Stoff ausmachen, 
womit wir unser Gemüth besetzen, sondern die Zeit, in die wir diese 
Vorstellungen setzen, die selbst dem Bewusstsein derselben in der Er- 
fahrung vorhergeht und als formale 'Bedingung der Art, wie wir sie im 
Gemüthe setzen, zum Grunde liegt, enthält schon Verhältnisse des Nach- 
einander-, des Zugleichseins und dessen, was mit dem Nacheinandersein 
zugleich ist (des Beharrlichen). Nun ist das, was als Vorstellung vor 
aller Handlung irgend etwas zu denken vorhergehen kann, die Anschau- 
ung, und, wenn sie nichts als Verhältnisse enthält, die Form der An- 
schauung, welche, da sie nichts vorstellt, ausser so fem etwas im Ge- 
müthe gesetzt wird, nichts Anderes sein kann als die Art, wie das Gemüth 
88 durch eigene Thätigkeit, nämlich dieses Setzen seiner^ Vorstellung, 
mithin durch sich selbst afficirt wird, d. i. ein innerer Sinn seiner Form 
nach. Alles, was durch einen Sinn vorgestellt wird, ist so fem jederzeit 
Erscheinung, und ein innerer Sinn würde also entweder gar nicht ein- 
geräumt werden müssen, oder das Subject, welches der Gegenstand des- 
selben ist, würde durch denselben nur als Erscheinung vorgestellt werden 
können, nicht wie es von sich selbst urtheilen würde, wenn seine An- 
schauung blosse Selbstthätigkeit d. i. intellectuell wäre. Hierbei beruht 
alle Schwierigkeit nur darauf, wie ein Subject sich selbst innerlich an- 
schauen könne; allein diese Schwierigkeit ist jeder Theorie gemein. Das 
Bewusstsein seiner selbst (Apperception) ist die einfeche Vorstellung des 
Ich, und wenn dadurch allein alles Mannigfaltige im Subject selbst- 
thätig gegeben wäre, so würde die innere Anschauung intellectuell sein. 



* Im Originaldruck steht „ihrer"; aber das, was „im G^müthe gesetzt wu-d", 
die Vorstellung also, die durch AflTection entsteht, kann nicht als eine Vorstellung 
der „eigenen Thätigkeit" gedacht werden. « 



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n. Abschnitt. Allgemeine Anmerkungen. 75 

Im Mensclien Erfordert dieses Bewussteem innere Wahrnehmung von dem 
Manmgfaltigen, was im Subjecte vorher gegeben wird, und die Art, wie 
dieses ohne Spontanität im Gemüthe gegeben wird, muss um dieses 
Unterschiedes willen Sinnlichkeit heissen. Wenn das Vermögen sich 
bewusst zu werden das, was im Gremtithe liegt, aufsuchen (apprehendiren) 
soll, 80 muss es dasselbe afficiren, und kann allein auf solche Art eine 
Anschauung seiner selbst hervorbringen, deren Form aber, die vorher 
im Gemüthe zum Grunde liegt, die Art, wie das Mannigfaltige im Ge- 
müthe beisammen ist, in der Vorstellung der Zeit bestimmt; da es denne» 
sich selbst anschaut, nicht wie es sich unmittelbar selbstthÄtig vorstellen 
würde, sondern nach der Art, wie es von innen affidrt wird, folglich wie 
es sich erscheint, nicht wie es ist. 

m. Wenn ich sage: im Eaum und der Zeit stellt die Anschauung 
sowol der äusseren Objecto, als auch die Selbstanschauung des Gemüths 
beides vor^ so wie es unsere Sinne afficirt, d. i. wie es erscheint, so will 
das nicht sagen, dass diese Gegenstände ein blosser Schein wären. 
Denn in der Erscheinung werden jederzeit die Objecto, ja selbst die Be- 
schaffenheiten, die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich Gegebenes ange- 
sehen, nur d6U9s, so fem diese Beschaffenheit nur von der Anschauungsart 
des Subjects in der Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt, 
dieser Q^enstand als Erscheinung von sich selber als Object an sich 
unterschieden wird. So sage ich nicht, die Körper scheinen bloss 
ausser mir zu sein, oder meine Seele scheint nur in meinem Selbstbe- 
wusstsein gegeben zu sein, wenn ich behaupte, dass die Qualität des 
Raums xmd der Zdt, welcher als Bedingung ihres Daseins gemäss ich 
beide setze, in meiner Anschauungsart und nicht in diesen Objecten an 
•sich liege. Es wäre meine eigene Schuld, wenn ich aus dem, was ich 
zur Erscheinung zählen sollte, blossen Schein machte.* Dieses geschieht 70 
aber nicht nach unserem Prindp der Idealität aller unserer sinnlichen 



• Die Prädicate der Erscheinung können dem Objecte selbst beigelegt werden 
in Verhältnis auf unseren Sinn, z. B. der Rose die rothe Farbe oder der Geruch; aber 
dar Schein kann niemals als Prftdicat dem Gegenstände beigelegt werden, eben darum, 
weil er, was diesem nur in Verhältniss auf die Sinne oder überhaupt aufs Subject 
sukommt, dem Object für sich beüegt, z. B. die zwei Henkel, die man anfänglich 
dem Saturn beilegte. Was gar nicht am Objecte an sich selbst, jederzeit aber im 
Verhältnisse desselben zum Subject anzutreffen und von der Vorstellung des ersteren 



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7ß Elementarlehre. L Theil. Transsceudentale Aesthetik. 

Anschauungen; vielmehr, wenn man jenen Vorstellungsformen objeetive 
Realität beilegt, so kann man nicht vermeiden, dass nicht alles dadurch 
in blossen Schein verwandelt werde. Denn, wenn man den Baum 
und die Zeit als Beschaffenheiten ansieht, die ihrer Mi^glichkeit nach in 
Sachen an sich angetroffen werden müssten, und tiberdenkt die Unge- 
reimtheiten, in die man sich alsdann verwickelt, indem zwei unendliche 
Dinge, die nicht Substanzen, auch nicht etwas wirklich den Substanzen 

Tilnhärirendee, dennoch aber Existirendes, ja die noihwendige Bedingung 
der Existenz aller Dinge sein müssen, auch flbrig bleiben, wenn gleich 
alle existirenden Dinge aufgehoben werden, so kann man es dem guten 
Berkelbt wol nicht verdenken, wenn er die Körper zu blossem Schein 
herabsetzte; ja es mtlsste sogar unsere eigene Existenz, die auf solche 
Art von der ftir sich bestehenden Realität eines Undinges wie die Zeit 
abhängig gemacht wäre, mit dieser in lauter Schein verwandelt werden, 
eine Ungereimtheit, die sich bisher noch niemand hat zu Schulden kom- 
men lassen. 

IV. In der natürlichen Theologie, da man sich ein^i Gegenstand 
denkt, der nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung, 
sondern der sich selbst durchaus kein Gegenstand der sinnlichen An- 
schauung sein kann, ist man sorgMtig darauf bedacht, von aller seiner 
Anschauung (denn dergleichen muss alle seine Erkenntniss sein, und 
nicht Denken, welches jederzeit Schranken beweist) die Bedingungen 
der Zeit und des Rai^nes wegzuschaffen. Aber mit welchem Rechte 
kann man dieses thun, wenn man beide vorher zu Formen der Dinge 
an sich selbst gemacht hat und zwar solchen, die als Bedingungen der 
Existenz der Dinge a priori übrig bleiben, wenn man gleich die Dinge 
selbst aufgehoben hätte; denn als Bedingungen alles Daseins überhaupt . 
müssten sie es auch vom Dasein Gottes sein. Es bleibt nichts übrig, 

72 wenn man sie nicht zu objectiven Formen aller Dinge machen will, als 
dass man sie zu subjectiven Formen unserer äusseren sowol als inneren 



unzertreimlich ist, ist Erscheinung, und so werden die Prädicate des Baumes und 
der Zeit mit Recht den Gegenständen der Sinne aU solchen beigelegt, und hierin ist 
kein Schein. Dagegen, wenn ich der Böse an sich die Böthe, dem Saturn die 
Henkel, oder allen äusseren Gegenständen die Ausdehnung an sich beilege, ohne 
auf ein bestimmtes Verhältniss dieser Gegenstände zum Suli^ect zu sehen und mein 
Urtheil darauf einzuschränken, alsdann allererst entspringt der Schein. 



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n. Abschnitt. Allgemeine Anmerkungen. 77 

Anscilaaungsarf macht, die darum sinnlich heisst, weil sie nicht ur- 
sprünglich d. i. eine solche ist, durch die selbst das Dasein des Ob- 
jects der Anschauung gegeben wird (und die, so viel wir einsehen, nur 
dem Urwesen zukommen kann), sondern von dem Dasein des Objects^ 
abhängig, mithin nur dadurch, dass die Vorstellungsföhigkeit des Subjects 
durch dasselbe afficirt wird, möglich ist. 

Es ist auch nicht nöthig, dass wir die Anschauungsart in Eaum- 
und Zeit auf die Sinnlichkeit des Menschen einschränken; es mag sein^ 
dass alles endliche denkende Wesen hierin mit dem Menschen nothwen- 
dig üböreinkommen müsse (wiewol wir dieses nicht entscheiden können)^ 
so hört sie um dieser Allgemeinheit willen doch nicht auf, Sinnlichkeit 
zu sein, eben darum, weil sie abgeleitet {mtuitus derivativus) ^ nicht ur- 
sprünglich {intuitus ortffmarms)^ mithin nicht intellectuelle Anschauung 
ist, als welche aus dem eben angefiihrten Grunde allein dem Urwesen,. 
niemals aber emem, seinem Dasein sowol als seiner Anschauung nach 
(die sein Dasein in Beziehung auf gegebene Objecte bestimmt) abhängigen 
"Wesen zuzukommen scheint; wiewol die letztere Bemerkung zu unserer 
ästhetiBchen Theorie nur als Erläuterung, nicht als Beweisgrund gezählt 
werden muss. 

Beschluss der transscendentalen Aesthetik. 7& 

Hier haben wir nun eines von den erforderlichen Stücken zur 
Auflösung der allgemeinen Aufgabe der Transscendentalphilosophie: 
wie sind synthetische Sätze a priori möglich? nämlich reine 
Anschauungen a priori^ Raum und Zeit, in welchen wir, wenn wir im 
Urtheile a priori über den gegebenen Begriff hinausgehen wollen, das- 
jenige antreffen, was nicht im Begriffe, wol aber in der Anschauung, die 
ihm entspricht, a priori entdeckt werden und mit jenem synthetisch ver- 
bunden werden kann, welche Urtheile aber aus diesem Grunde nie weiter 
als auf Gegenstände der Sinne reichen, und nur für Objecte möglicher 
Erfahrung gelten können.^] 



* Man vg) S. 66r Anmerkung 1. 



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u Der 

transscendentalen Elementarlehre 
zweiter TheiL 

Die transscendentaje Logik. 



Einleitung. 
Idee einer transsceudeiitaleii Logik, 

I. 

Von der Logik überhaupt. 

Unsere Erkenntniss entspringt aus zwei Grundquellen des Gemtiths, 
deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Receptivität der 
Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen 
Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe)*, durch die erstere 
wird uns ein Gegenstand gegeben, dujch die zweite wird dieser im Ver- 
hältniss auf jene Vorstellung (als blosse Bestimmung des Gemüths) 
gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller 
unserer Erkenntniss aus, so dass weder Begriffe ohne ihnen auf einige 
Art correspondirende Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe eine 
Erkenntniss abgeben können. Beide sind entweder rein oder empirisch. 
Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegen- 
standes voraussetzt) darin enthalten ist; rein aber, wenn der Vorstellung 
keine Empfindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie 
Töder sinnlichen Erkenntniss nennen. Daher enthält reine Anschauung 



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Einleitung. 79 

lediglich die Fonn, unter welcher etwae angeschaut wird, und reiner 
Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes überhaupt. 
Nur alldn reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori möglich, 
empirische nur a posteriori. 

Wollen wir die Keceptivität unseres Gemüths, Vorstellungen zu 
empfange so fem es auf irgend eine Weise afficirt wird, Sinnlichkeit 
nennen, so ist dagegen das Vermögen Vorstellungen selbst hervorzu- 
bringen, oder die Spontaneität der Erkenntniss, deic Verstand. 
Unsere Natur brmgt es so mit sich, dass die Anschauung niemals 
anders ab sinnlich sein kann, d. i. nur die Art enthält, wie wir von 
Gregenständen afficirt werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegen- 
stand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser 
Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde 
uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. 
Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. 
Daher ist es eben so nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen 
(d. L ihnen den G^enstand in der Anschauimg beizufügen), als seine 
Anschauimgeii sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu 
bringen). Beide Vermögen oder Fähigkeiten können auch ihre Func- 
tionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen, 
und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, dass sie sich vereinigen, 
kann Erkenntoiss entspringen. Deswegen darf man aber doch nicht 7ß 
ihren AnUieil vermischen, sondern man hat grjsse Ursache, jedes von 
dem anderen sorgfältig abzusondern imd zu unterscheiden. Daher 
unterscheiden wir die Wissenschaft der Kegeln der Sinnlichkeit über- 
haupt d. i. die Aesthetik von der Wissenschaft der Verstandesregeln 
überhaupt d. i. der Logik. 

Die Logik kann nun wiederimi in zwiefacher Absicht unternommen 
werden, entweder als Logik des allgemeinen oder des besonderen Ver- 
standesgebrauchs. Die erste enthält die schlechthin nothwendigen Regeln 
des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes stattfindet, 
und geht also auf diesen unangesehen der Verschiedenheit der Gegen- 
stände, auf welche er gerichtet sein mag. Die Logik des besonderen 
Verstandesgebrauchs enthält die Regeln, über eine gewisse Art von 
Gegenständen richtig zu denken. Jene kann man die Elementarlogik 
nennen, diese aber das Organon dieser oder jener Wissenschaft Die 



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80 Elementarlehre. II. Theil. Transscendentale Logik. 

letztere wird mehrentheils in den Schulen als Propädeutik der Wissen- 
schaften vorangescliickt, ob sie zwar nach dem Gange der menschlichen 
Vernunft das späteste ist, wozu sie allererst gelangt, wenn die Wissen- 
schaft schon lange fertig ist und nur der letzten Hand zu ihrer Berich- 
tigung und Vollkommenheit bedarf. Denn man muss die Gegenstände 
T7 schon in ziemlich hohem Grade kennen, wenn Inan die Regeln angeben 
will, wie sich eine Wissenschaft von ihnen zu Stande bringen lasse. 

Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine oder die ange- 
wandte Logik. In der ersteren abstrahiren wir von allen empirischen 
Bedingungen, unter denen unser Verstand ausgeübt wird, z. B. vom 
Einfluss der Sinne, vom Spiele der Einbildung, den Gesetzen des G^ 
dächtnisses, der Macht der Gewohnheit, der Neigung u. s. w., mithin 
auch den Quellen der Vorurtheile, ja gar überhaupt von allen Ursachen, 
daraus uns gewisse Erkenntnisse entspringen oder untergeschoben 
werden mögen; weil sie bloss den Verstand unter gewissen Umständen 
seiner Anwendung betreffen, und, um diese zu kennen, Erfahrung er- 
fordert wird. Eine allgemeine aber reine Logik hat es also mit 
lauter Principien a priori zu thun, und ist ein Kanon des. Verstandes 
und der Vernunft, aber nur in Ansehung des Formalen ihres Gebrauchs, 
der Lihalt mag sein, welcher er wolle (empirisch oder transscendental). 
Eine allgemeine Logik heisst aber alsdann angewandt, wenn sie auf die 
Regeln des Gebrauchs des Verstandes unter den subjectiven empirischen 
Bedingungen, die uns die Psychologie lehrt, gerichtet ist. Sie hat also 
empirische Principien, ob sie zwar in so fem allgemein ist, dass sie auf 
den Verstandesgebrauch ohne Unterschied der Gegenstände geht. Um 
deswillen ist sie auch weder ein Kanon des Verstandes überhaupt, noch 
tsein Organon besonderer Wissenschaften, sondern lediglich ein Kathar^ 
tikon des gemeinen Verstandes. 

Li der allgemeinen Lo^ muss also der Theil, der die reine Ver- 
nunftlehre ausmachen soll, von demjenigen gänzlich abgesondert werden^ 
welcher die angewandte (obzwar noch immer allgemeine) Logik aus- 
macht. Der erstere ist eigentlich nur allein Wissenschaft, üb27war kurz 
und trocken, und wie es die schulgerechte Darstellimg einer Elementar- 
lehre des Verstandes erfordert. Li dieser müssen also die Logiker jeder- 
zeit zwei Regeln vor Augen haben. 

1) Als allgemeine Logik abstrahirt sie von allem Inhalt der Ver- 



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Eanleitung. 81 

staiid^erkeimtDks und der Verschiedenheit ihrer Qegenstände, und hat 
mit nichts fds der blossen Fonn des DenkeiM». zu thun. 

2) Als reone Logik kat sie kdne empirischen Principien, mithin 
sehöpft sie nichts (wie man sick bisweilen überredet hat) aiys der Ps^rcho* 
logie, die also auf d^ Kanon des Verstandes gar keinen Eutfluas hat 
Sie ist eine demonstrirte Doctrin, und alles muss in ihr völlig a priori 
gewiss sein. . < . . 

Wais iek di^ angewandte Logik nenne (wider die gemeine Bedeutung 
dieses Worts, nach dter sie gewisse Exerdti^i, dazu die reine Logik die 
Regel giebty enthalten soU), so ist sie eine Vorst^ung. des Verstandes 
und der Eegeln seines nothwendigen Gebraudid in odnerdOf nämlich unter 
den «ilälligeQ Bedingungen des Su)\jects, die diesen Gebraiuch hindern 79 
oder befördern können, und die insgesammt nur empirisch gegeben w^den; 
ffie handelt von der Au&nerksamkeit, deren .Hindemiss und Folgen^ dem 
Unprange des LTthums, dem Zu«taade des Zweifels, des Sorupels, der 
üeberzeugung u« e. w., und zu ihr yetbiyt sich die allgemeine und reine 
Logik wie die reine Moral, welehe blo^s die nothwendigen sittUcken 6e* 
setze dnes freim Wülens Uberh»ipl enthält, zu der eigentlichen Tugend- 
lehre, welche die Gle«etze unter den Hindernisse der GMHhle, N^dgungen 
und Leidenschaft^i, denen die Mensdien mehr oder weniger unterworfen 
and, erwägt, und welche niemeds eine wahre und demonstrirte Wissen^ 
Schaft abgeben kann, weil sie ebenso wol als jene angewandte Logik 
empirisdier und psychologischer Principien bedarf. 

n. ' 

Von der transscendentalen Logik. 

Die allgemeine Logik abstrahirt, wie wir gewiesen, von aUem Inhalt 
der Erkenntziiss, d. i. von aller B^iehuug derselben auf das Ol\ject, und 
betraditet nur die logische Form im V^hältniss der Erkenntnisse auf 
einander, d. L die Form des Denkens überhaupt. Weil es nun aber so- 
wol reine als empirische Anschauungen giebt (wie die transscendentale 
Aesthetik d^rÜiutX so könnte auch wol ein Unterschied zwischen reinem 
und empirisch^QEi Denken der Gegenstände angetroffen werden. Li diesem so 
Falle würde es eine'*lia§pk geben, in der man i4cht von allem Inhalt der 
Erkemitniss abstrahirte; denn di^'enige, welche bloss die Hegeln des 

Ka>t*s Kritik der reinen Yernnnft. 6 



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02 Elementarlehre. II. Theil. Tilansscendeiitale Logik. 

i^einen Denkens eines G^enstandes enthielt, würde sdk diejenigen Er- 
kenntnisse ausschlieesen^ wdteke ron empirisdiem Inhalte wären. Sie 
würde auch aal den Ursprung nnserer Erkenntnisse rwt G^enständen 
gehen ^ so fem er nickt d^a G-^enständen zugeschrieben wer«^ kann; 
da hingegen die allgem^e Logik mit diesen Ursprünge der Erkenntniss 
nichts zu thun hat, s<mdern die Vorstellung^, sie mögen uranfanglich 
a priori in uns selbst oder nur empirisch gegeben sein, bloss nach d«i 
Gesetzen betrachtet, nach welchen der Verstand sie un Verbältniss gegen 
einander braucht, wenn er denkt, und also nur von der Verstakdesform 
handelt, die den Vorstellungen verschafift werdoi kann, woher sie auch 
sonst entsprungen sein mögen. 

Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluss auf alle, 
nachfolgenden Betrachtungen erstreckt, und die vcaak wol vor Augen 
haben mues, nämlicb dass nicht eine jede Erkenntniss a priori^ sondern 
nur die, dadurch wir erkennen, dass und wie gewisse Vorstellungen (An- 
schauungen oder Begriffe) ledi^lidi « priori angewandt werden oder 
möglich sind, transscendeutal (d. i. ^e Möglichkeit' der Erkenntniss oder 
der Gebraucb derselben a pr4wi) h.^ma müsse. Daher ist weder der 
si Baum noch irgend eine geometriöehö Bestimmung desselben » priori eine 
transseendenttde Vorstdllun^; sondern nur die Erkenntniss, dass^ diese 
Vorstellungen gar nicht empirieehen Ursprungs sind, und die Möglichkeit, 
wie sie sidi gldchwol a priori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen 
können, kann transscendental hassen. Imgleichen würde der Gebrauch 
des Baumes von Gegenständen überhaupt auch transscendeutal sein; aber 
ist er lediglich auf Gegenstände der Sinne eingeschränkt, so heisst er 
empirisch. Der Unterschieid des Transscendentalen ujid Empirischen ge- 
hört also nur zur Kritik der Erkenntnisse, und betrifft nicht die Bezie- 
hung derselben auf ihren Gegenständ. 

In der Erwartung also, dass es vielleicht Begriffe gebai könne, die 
sich a priori auf Gegenstände beziehen mögen, nidit als reine oder sinn- 
lidie Anschauungen, sondern bloss als Handlungen des reinen Denkens, 
die mithin Bögriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs 
sind, so machen wir uns zum voraus die Idee von einer Wissenschaft 
der reinen Verstandes- und Vernunfterkenntniss, dadurch wir Gegen- 
stände völlig a priori denken. Eine solche Wissenschaft, welche den 
Ursprung, den Umfang und die objective Giltigkeit solcher Erkenntnisse 



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EiÄleitimg. 83 

bestiinmte, würde txansseeiidesiale Xiogik heissdn müssen, weil sie 
es bloss mit dsa Gf^esetzen des Veätstandes und der VemunB;' zn thun hat, 
aber lediglich, so fem sie axif Gegenstände a priori bezog«» werden, und 82 
nicht, wie die allgemei&e Logik, auf die empirischen sowol als reinen 
Vemni^terkenntzüsse ohne Unterschied. 

III. 

Von der Eintheilung der allgemeinen Logik in 
Analytik und Dialektik. 

Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge 
zu treiben vermeinte, mld. sie dahin zu biingen suchte, dass me sich 
entweder auf ein^ elenden Diallele mussten hefsreSm lassen, oder ihre 
Unwissenheit, mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst brennen sollten, 
ist diese: Was ist Wahf-heit? Die Namenerklärung der Wahrheit, 
dass sie nämlidi die Uebereinstimmung der Erkenntniss mit ihrem 
Gegenstande sei, wird hier geschenkt und vorauisgesetzt; man verlangt 
aber zu wissen, welches das allgemeine und sichere Kriterium der 
Wahrheit einer jeden Erkenntnis« seL 

Es ist schon ein grosser und nöthiger Beweis der Klugheit oder' 
Einsieht, zu wissen, was man vernünftiger Weise fi^agen solle. Denn, 
wenn die Frage an sich ungereimt ist und unnödiige Antworten ver- 
langt, so hat sie ausser der Beschämung dessen, der sie aufvnrfk, bis- 
weilen noch den Nachthefl, den unbehutsam^i Anhörer derselben zu 
ungereimten Antworten zu verleiten, und den belachenswerthen Anblick 
zu geben, dalss einer (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der anderes» 
ein Sieb imterhält. 

Wenn Wahrheit in d^ Uebereinstimmung einer Erk^mtniss mit 
ihrem Gegenstande besteht, so inuss dadurch dieser Gegenstand von 
anderen unterschieden werd^i; denn eine Erkenntniss ist falsch, wenn 
sie mit dem G^^istande, worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, 
ob sie gleich etwas enthält, was wol von anderen Gegenständen gelten 
könnte. Nun würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige 
sein, welches von allen Erk^nntinssen ohne Unterschied ihrer Gegenstände 
giltig wäre. Es ist aber klar, dass, da man bei demselben von allem 
Inhalt der Erkenntniss (Bezielumg auf ihr Object) abstrahirt, und Wahr- 



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84 Elementarlehre. IL TheiL Transscendentale Logik. 

beit gerade diesen Inhalt angeht, es ganz nnmöglkh und nngereimt sei, 
nach einem Merkmale der Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse zu 
fragen, und dass also ein hinreichendes und doch zu^eich allgemeines 
Kennzeichen der Wahrheit unmöglich angegeben werden könne. Da 
wir oben schon den Inhalt einer Erkenntniss die Materie derselben 
genannt haben, so wird man sagen müssen: von der Wahrheit der Er- 
kenntniss der Materie nach lässt sich kein aUgemeines Kennzeichen 
verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist. 

Was aber die Erkenntniss der blossen Form nach (mit Beiseite- 
setzung alles Inhalts) betrifft;, so ist eben so klar, dass eine Logik, so 

84 fem sie die allgemeinen und nothwendigen Regeln des Verstandes vor- 
trägt, eben in diesen Begeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse. 
Denn, was diesen widerspricht, ist fälsch, weil der Verstand dabei seinen 
allgemeinen E^eln des Denkens, mithin sich selbst widerstrdtet IHese 
Kriterien aber b^effen nur die Form der Wahrfieit, d. i. des Denkens 
überhaupt, und sind so fem ganz richtig aber nicht hinrdch^id. Denn 
obgleich eine EAamtniss der logischen Form völlig gemäss sein möchte, 
d. i. sich selbst nicht widerspräche, so kann sie doch noch immer dem 
Gegenstande widersprechen. Also ist das bloss logische BüriteriTmi der 
Wahrheit, nämlich die Uebereinstimmung einer Erkenntniss mit den 
aUgemeinen und formalen G-esetzen des Verstandes und der Vemunffc, 
zwar die conditio sine qua non, mithin die negative Bedingung aller 
Wahrheit; weiter aber kann die Logik nicht geh^i, und den Irrthum, 
der nicht die Form, sondern den Inhalt trifft, kann die Logik durch 
kmnen Probirstein entdecken. 

Die allgemeine Logik löst nun das ganze formale Qeschäüfc des 
Verstandes imd der Vernunft in seine J^lemente auf, und stellt sie als 
Prindpien aller logischen Beurtheilung unserer Erkenntniss dar. Dieser 
Theil der Logik kann daher Analytik heissen, und ist eben darum ^der 
wenigstens negative Probirstein der Wahrheit, indem man zuvörderst 
alle Erkenntniss ihrer Form, nach an diesen Begeln prüfen und schätzen 
muss, ehe man sie selbst ihrem Inhalt nach untersucht, mn auszttmachen, 

85 ob sie in Ansehung des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten. Wdl 
aber die blosse Form der Erkenntniss, so sehr sie auch mit logischen 
Gesetzen übereinstimmen mag, noch lange nicht hinrdcht, materielle 
(objective) Wahrheit der Erkenntniss darum auszumachen, so kann sich 



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Einleitung. g5 

niemand bloss mit der Logik wagen, über G^enstände zu urtheilen und 
irgend etwas zu behaupten, ohne von ihnen vorher gegründete Erkun- 
digung ausser der Logik eingezogen zu haben, um henutch bloss die 
Baiutzung und die Yerknüp^g derselben in einem zusammenhängenden 
Ganzen nach loschen Gesetzen zu versuchen, noch besseir aber, sie 
lediglich danach zu prü£an. 31eiehwol li^ so etwas Verleitendes in 
dem Besitze einer so schdnbaren Kunst, allen unsevai Erkenntnissen 
die Form des Verstandes zu geben, ob man gleidi in Auisehung des 
Inhalts denselben niodi sehr leer und arm sein majg, dass jeike allgemeine 
Logik, die bloss ein Kanon zur Beurtheüung ist, gieochsam wie ein 
Oiganon zur wiiklichWi HervorbriDgung, wenigstens zuni Blendwerk von 
objeetiven Behaaptuagen gelnraueht, und nnthin in der Tb»i dadurch 
gemissbraucht worden. Die allgemeine Logik nun als vermeintes Or- 
ganen heisst Dialektik. 

So verschieden . aueh ^ Bedeutung ist« in der die Alten dieser 
Benennung einer Wisfiienschaft oder Kunst sich bedienten, so kann man 
doch aus dem wirklichen Ghebrauche derselben sicher abndm^n, dass sie 
bd Ümen nidiitd anderes war als die Logik des Scheins, Eine sophi-M 
stische Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vors&tGÜkhen Blend- 
werken den Anstriich der Wahrheit zu geben, dass man die Methode der 
Gründlichkeit, welche die Logik üb^iiaupt vorschreibt, nachahmte und 
ihre Topik zu Beschönigung jedes leerca Vorgebens benutzet Nun 
kann man es ab eine sidiere tmd brauchbare Warnung anmeiken, dass 
die aUgemeipB liOgik als Organon betrachtet jederacdt eine Logik 
des Scheins d. i dialektisch sei. Denn da sie uns gar nichts über den 
hihalt der Erkenntniss. lehrt, sondern nur hiosB die formalki Bedingungen 
der Ueb^reinstimmang mit dem Verstände, wdche übrigens in Ansehung 
der Gegenstände gänzlich gleichgiltig sind: so muss die Zumuthung, sieh 
derselben als eines Werkzeugs (Organon) zu bedienen, um seine Kennt- 
nisse wenigst^ia dem Vorgeben nach anszubreiten und zu erweit^n, 
auf nichts als Greschwätzigkeit hinauslMi£eo^ alles, was man will, mit 
einigem Schein zu behaupten oder auch nach Belidben anzufechten. 

Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine 
Wdse gemäss« Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik 
lieber als eine Kritik des dialektisehen Scheins der Logik bei- 
gezählt) und als eine solche wDllen wir sie auch hier verstanden wissen. 



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gg Elementarlehre. II. Theil. Transscendentale Logik. 



61 IV. 

Von der Eintheilung der transscendentaleu Logik in die 
transscendentale Analytik und Dialektik. 

In eiiiOT tpansseendentaten Logik isoliren wir d«ti Verstand (so Wie 
oben in der traassoencLentalen Aesthetik die Binitlichkelt), lind heben 
bloss den Tbßil des Denkens aus unserer Brkraintniss keraus, der ledig- 
lich seinen Ursprimg 411 dcni Verstände hat D« öebraudi dieser rein^i 
Erk^nntoiss aber beruht daranf als ihrer Bedingung, dass uns Geg^- 
stäude in der Anschammg g^eben sind, worauf jene angewandt werden 
kann. Denn ohne Anschauung fehlt es aller imserer Brkennttdss an 
Objecteu, nnd sie Ueibt alsdann völlig leer. Der Tiieü der transscen- 
dentalen Lo^ also, der die Elemente der reinen Verstandeserkenn^iisB 
vorträgt, und die Principien, ohne welche überall kern Geg^istand 
gedacht werden kann, ist die transscendeoftale Analytik und zugleich 
eine Logik der Wahrheit Denn ihr kann kdbete Brkennttiiss wider- 

, sprechen, ohne daes sie zugleich allen Inhalt verlöre, d. i. alle Begehung 
auf irgend ein Object, aithin alle Wahrheit. Weil es aber sdir anlockend 
und verleitend ist, sich dieser reinen Verstandeserkennünese und Grund- 
sätze aUein und selhsi; über die Grenzen der Erfahrung hinaus zu be- 
dienen, welche doch dnzig and allein uns die Materie (Objecte) an die 

ssHand geben kann,, worauf j^ie reinen Verstandesb^riffe angewandt 
.werden können: so geräth der Verstand in Gefahr, durdi leem Vemünfle- 
leien von den bloss formalen Prindpien des remen Verstandes einen 
materialen Gebrauch an inachen, und über Gegenstände ohne ünt^- 
schied zu Urtheilen, die uns doch nicht gegeben s^d, ja vielleicht auf 
keinerlei Weise gegeben werden können. Da sie al«o eigentlich nur ein 
Kenou deir BeurtheiLung des empirisdien Gebnmdis sein scdke, so wird 
sie gemissbraueht, wenn man sie ab das Organen eines «Ugemdnen 
uad unbeschränkten GebraueliB gelten liest, und sich mit dem reinen 
Verstcmde allem wagt, sjmthetisdt über Gegenstände überhaupt zu 
urtheilen, zu behaupten und zu entschfflden. Also würde der Gebrauch 
des reinen Verstandes alsdann dialektisch sein. Der zweite Theü der 
transsoendentalen Logik muss also eine Kritik dieses diid^tischen 
Scheines sein^ und heisst transscendentale Dialdctlk, nicht als eine 



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Einleitung. g^ 

Kunst dergleichen Schein dogmatisch zu erregen (eine leider sehr gang- 
bare Kunst mannigfaltiger metaphysischer Gaukelwerke), sondern als eine 
Kritik des Verstandes und der Vernunft in Ansehung ihres hyperphy- 
sischen Gebrauchs, um den falschen Schein ihrer grundlosen Anmas- 
simgen aufzudecken, und ihre Ansprüche auf Erfindung und Erweiterung, 
die sie bloss durch transscendentale Grundsätze zu erreichen vermeint, 
zur blossen Beurtheüu^ig und Verwahrung des reinen Verstandes vor 
sophistischem Blendwerk« herabzusetzen. 



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89 Der 

traiisscendentalen Logik 
erste Abtheilung. 

Die transseendentale Analytik. 

Diese AnalTÜk ist die Zergliederung unserer gesammten Erkennt- 
niss a priori in die Elemente der reinen Yerstandeserkenntniss. Es 
kommt hierbei auf folgende Stücke an: 1. Dass die Begriffe rdne und 
nicht empirische Begriffe seien. 2. Dass sie nicht zur Anschauung und 
zur Sinnlichkeit, sondern zum Denken und Verstände gehören. 3. Dass 
sie Elementarbegriffe seien und von den abgeleiteten oder daraus zu- 
sammengesetzten wol unterschieden werden. 4. Dass ihre Tafel voll- 
ständig sei und sie das ganze Feld des reinen Verstandes gänzlich aus- 
füllen. Nun kann diese Vollständigkeit einer Wissenschaft nicht auf den 
Ueberschlag eines bloss durch Versuche zu Stande gebrachten Aggregats 
mit Zuverlässigkeit angenommen werden; daher ist sie nur vermittelst 
einer Idee des Ganzen der Verstandeserkenntniss a priori und durch 
die daraus bestimmte Abtheilung der Begriffe, welche sie ausmachen, 
mithin nur durch ihren Zusammenhang in einem System möglich. 
Der reine Verstand sondert sich nicht allein von allem Empirischen, 
sondern sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. Er ist also eine für sich 

90 selbst beständige, sich selbst genügsame und durch keine äusserlich hin- 
zukommenden Zusätze zu vermehrende Einheit. Daher wird der Inbe- 
griff seiner Erkenntniss ein unter einer Idee zu be^Eissendes und zu be- 
stimmendes System ausmachen, dessen Vollständigkeit und Articulation 
zugleich dnen Probirstein der Richtigkeit und Aechtheit aller hinein- 
passenden Erkenntnissstticke abgeben kann. Es besteht aber dieser ganze 
Theil der transscendentalen Logik aus zwei Büchern, deren das eine die 
Begriffe, das andere die Grundsätze des reinen Verstandes enthält. 



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I Baob. I Hauptstttck. g9 

Der tmaseendenti^mi laalytlk 

erstes Buch. 

I^ie Analytik der Begriffe. 

Ich v^stehe imter der Analytik der Begrub nicht die Analjsis 
derselben oder da» : gewöhnHohe YerfiEÜb^ai in philosophischen ünter- 
snchnngen, Begriffe, die sich datbieten, ihrem Inhidtenach Bn^zergliedem 
und 2xat Deutlichkeit eu bringen, sondern die nodi wenig versuchte 
Zergliederung des VierstandesTermög^ns selbst, um die Mög- 
lichkeit der 'B^^nßk a priori dadurch bu erforschen, dass wir sie im Ver- 
stände allein als ihrem Geburtsorte aufsuchen und dessen reinen Gebrauch 
überhaupt analjsiren; demi dieses ist das eig^thümliche Geschäft einer 
Transscendental-Philosophie, das übrige ist die logische Behaadlung der9i 
Begriffe in der Philosophie überhaupt. Wir werden also die reinen Be- 
griffe bis zu ihren ersten Keimen i^d Anlagen im menschlichen Verstände 
verfolgen, in denen sie vorbereitet liegen, bis sie endlich bei Gelegenheit 
der Erfahrung entwickelt und durch eben denselben Verstand, von den 
ihnen aahfingenden empirischen Bedingungen befmt, in ihr^ Lauterkeit 
dargestellt Werden. 

Per Analytik der Begriffe 
erstes Hauptstack. 

Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen 
Verstai^desbegriffe. 

Wenn man ein Erkemitnissvermögen ins Spiel setzt, so thun sich 
nadi den mancherlei Anläöseü verschiedene Begriffe hervor, die dieses 
Vermögen kennbar machen, und sich ni einem mehr oder weniger aus- 
fühiüdien Aufeatze sammeln lassen, nachdem die Beobachtung derselben 
längere Zeit oder mit grösserer Schärfsinnigkeit angesteHt worden. Wo 
diese IJntersuchung ^erde vollendet sein, lässt sich nach diesem gleichsam 
mechanischen Verftdiren niemals mit Sicherheit bestimmen. Auch ent- 
de^en sich die Begriffe, die man nur so bei Gelegenheit auffindet, in 
keiner Ordnung und systematischen Einheit, sondern werden zuletzt nur 92 



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90 Elementarlehre. I. TbeiL I. Abttteilung. h Buch. L Hanptstück. 

nach Aehnlichkeiten gepaart und nach der Grösse ihres Inhalts von den 
einfachen an zu den mtlir eni8MiitD«ng«aQtetai in Reihen gestellt, die 
nichts weniger als systematisph, obgleich auf gewisse Weise methodisch 
zu Stande gebrsicht werden. 

Die Transscendeutalphilosoplue hat den Yortheil aber auch die 
Verbindlichkeit, ihre Begriffe nach einem Prindp au&usudien, weil sie 
AUS dem Verstände als absoluter Einhdt rein imd onvermis^t entspringen, 
und dator selbst nach einem Begriffe oder Idee unter sich zusammen- 
hängen müssen. Ein solcher Zusammenhang aber giebt eine Eagel «n die 
Hand, nach welcher jedem reinen VerBtandesbegriff^ seine Stelle «md allen 
inagesammt ihre Vollständigkeit a priori bestimmt werden kann, w^ldite 
olles sonst vom Belieben oder vom Zu&dl abhängen würde. 

Des transscendentalen Leitfadena der Entdeckung 
aller reinen Verstandesbegriffe 

erster Abschnitt. 

Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt. 

Der Verstand wurde oben bloss negativ erklärt: dureh^ein nichisinn- 
liches Erkenntnissvermögen. Nun können wir unabhängig von d^ Sinn« 
lichkeit keiner Anschauung theilhafdg werden. Also ist der Verstand 
kein Vermögen der Anschauung. Es giebt aber ausser der Anschauung 
83 keine andere Art zu erkennen als durch Begriffe. Also ist die Erkenntniss 
eines jeden, wenigstens des menschlichen Verstandes eine Erkenntniss 
durch Begriffe, nicht intuitiv sonäem öiscursiv. Alle Anschauimgen als 
sinnlich beruhen auf Affectionen, die Begriffe also aiif Functionen. Ich 
verstehe aber unter Function die Einheit der Handlung, verschiedene 
Vorstellungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen« Begriffe gründen 
sich also auf der Spontaneität des Denkens, wie sinnliche Anschauungen 
auf der Eeceptivität d^ Eindrücke. Von dießen Begriffen kftnn nun der 
Verstand keinen anderen Gebrauch machen, als dass ^ dßdürch urt^eili 
Da keine Vorstellung unmittelbar a^f den 6egenstaud g#bt cde bloss die 
Anschauung, so wird ein Begriff niemals auf eilten Gegepstand umnitt^* 
bar, sondern auf irgend eine andere Vorstellipig von demselben (m^^ sed 
Anschauung oder selbst sdbon Begriff) bezogen. Daa Urtheil iat aläo 
die mittelbare Erkenntniss eines Gegenstandes, mithin die Vorstellung 



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L Abschnitt Vom logischen Vörstandesgebraaclie Überhaupt Ql 

dner Vorstellung desselben. In jedem Urtheil ist ein Begriff, der fiir 
viele gilt und nnter diesem Vielen auch eine gegebene Vorstellung be- 
grdft, welche letztere denn auf den Gegenstand unmittelbar bezogen wird. 
So bezieht sich z. B. in dem Urthßile: alle Körper sind theilbar, der 
B^rifT des Theilbaren auf verschiedene andere Begriffe; unter diesen 
aber wird er hier besonders auf den 3egHff des Körpers bezogen, dieser 
aber auf gewisse tms vorkommende Erscheinungen. Also werden diese 9^ 
Gegenstände durch den Begriff der Thellbarkeit mittelbar vorgestellt. 
Alle Urtheile ^iod demnach Funotionon . deir Einheit unter unseren Vor- 
steUungmi, da nämlich statt #iner unmittelbaren Vorstellung eine höhere, 
die diese und mehrere unter siph begreift, zur Erkeimtniss des Gegen- 
standes g)obraucht^ und viele mögliche Erkeoantnisse dadurch in eine zur 
sammengezogen werden. Wir können aber alle Handlungen des Ver^ 
Standes auf Urtheile zurückfuhren, so dass der Verstand überhaupt als 
em Vermögen zu urth eilen vorgestellt werden kann. Denn er ist 
nach dem Obigen ein Vermögen zu denken. Denken ist die Erkenntniss 
durch Begriffe. Begriffe aber bezieh^i sich als Prädicate möglicher Ur- 
theile auf irgend eine Vorstellung von einem noch imbestimmten Gegen- 
stände. So bedeutet der Begriff des Körpers etwas, z. B. Metall, was 
durch jenen Begriff erkannt werden kann. Er ist also nur dadurch 
Begriff, dass unter ihm andere Vorstellungen enthalten sind, vermittelst 
deren er sich auf G^egenstände beziehen kann. Er ist also das Prädicat 
zu einem mögiiehen Uftheile, z. B. ein jedes Metall ist ein Körper. Die 
Functionen des Verstandes können also insgesammt gefunden werden, 
wenn man die Functionen der Einheit in den Urtheilen vollständig dar- 
stellen kann. Dass dies aber sich ganz^wol bewerkstelligen lasse, wird 
der folgende Abschnitt vor Augen stellen. 



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Elementarlehte. IL Theil L Abthdlimg. L Bach. I. HaaptstÜck. 



95 



Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen 
Verstandesbegriff^ 

zweiter Abschnitt. 



Von der logischen Function des Verstandes in Urtheilen. 

Wenn wir von allem Inhalte eines Urtheils überhaupt abstrahiren 
und nur auf die blosse Verstandesform darin Acht geben, so finden wir, 
dass die Function des Denkens in demselben unter vier l^tel gebracht 
werden könne, deren jeder drei Momente unter sich enthält. Sie können 
füglich in folgender Tafel vorgestellt werden. 



Quantität der ürtheile. 





Besondere. 






Einzelne. 




2. 




3. 


Qualität. 




BelatioA* 


Bejahende. 




Kategorische. 


Vemdnende. 




Hypothetische. 


Unendliche. 


4. 

Modalität. 

Problematische. 

Assertorische. 

Apodiktische. 


Di^unctive. 



96 Da diese Eintheilung in einigen, obgleich nicht wesentlichen Stücken 

von der gewohnten Technik der Logiker abzuweichen scheint, so werden 
folgende Verwahrungen wider den besorglichen Missverstand nicht un- 
nöthig sein. 

1. Die Logiker sagen mit Recht, dass man beim Grebrauch der 

^ Die Paragraphenbezeichnimg ist erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. 



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n. Abschnitt Von der l<Kgi9ohen Function in UrtheUen. 93 

Urthdle in Vemuirftscliliisseii die einselnen Urtheile gleich den allgem^ei^ 
behandeln kiuuie. Denn eben daimm, i^eU sie gar keinen Umfang haben^ 
kann das IVädkat derselben nickt bloss auf einiges dessen, was nnter 
dem B^riff des Subjeots ^tbalten ist, gezogen, von einigem aber auä» 
genommen werden. Es gilt also von jenem Begriffe okne Ausnahme^ 
gleich als wenn derselbe eai gemeingiltiger Begriff wäre, der einen 
Umfang hätte, von dessen ganser Bedeutung das Prädicat gdte. Ver-> 
gleichen wir dageg^i ein einzelnes Urthdl mit einem gemeingUtigen blos& 
als Eikeimtniss der Grösse niach, so verhält es sich zu diesem wie Ein- 
heit zur Umeodliehkeit, und ist also an sich selbst davon wesentlich 
unterschieden. Also wenn ich tan eiozehies Urtbeil (judtcmut singulare^ 
nicht bloss nach seiner inneren Gütigkdt, sondern auch als Eikenntmss. 
überhaupt nach der Grösse, die es in Vergleichung mit anderen Erk^uuU 
niesen hat, schätze, so ist es allerdings von g^nerngiltigen Urtheilen 
(juÜcia eommunta) unterschieden, und verdient in einer vollständigen Tafel 
der Momente des Denkens überiiaupt (obzwar freäich nicht in der bloss 
auf den Gebrauch der Urtheile untereinander eingeschränkten Logik) eine 9^ 
besondare Stelle. 

2. Ebenso müssen in einer transscendentalen Logik unendliche 
Urtheile von bejahenden noch imtersohieden werden, wenn sie gleich 
in der allgemeinen Logik jenen mit Eecht beigezählt sind und kein be-~ 
scmdares Glied der Eintheilung ausmachen. Diese nämlich abstrahirt 
von allem Inhalt des Pradicats (ob es gleich verneinend ist) und sieht 
nur darauf^ ob dasselbe dem Subject beigelegt oder ibm entgegengesetzt- 
werde. Jene aber betrachtet das Urtheil auch nach dem Werthe oder 
Inhalt dieser logischen Bejahung vemüttdst eines bloss vemeinendeni 
Prftdicats, und was diese in Ansehung der gesammten Erkenntniss ftir 
einen Gewinn verschafft Hätte ich von der Seele gesagt: sie ist nicht 
sterblich, so hätte ich durch ein verneinendes Urtheü wenigstens einen. 
Lrrthum abgdudten. Nun habe ich durch den Satz: die Seele ist nicht- 
sterblidi, zwar der logischen Form nach wirklieh bejaht, indem ich die> 
Seele in den unbesdu*äiikten Um&ng der nichtsterb^iden Wesen setze. 
Weil nun von dem ganzen Umfange möglicher Wesen das Sterbliche- 
einen Theil enthält, das Nichtsterbliche aber den anderen, so ist durch, 
meinen Satz nichts < anderes gesagt, als dass die Seele eines von der- 
unendlich^Q Menge Dinge sei, die übr% bleiben, wenn ich das Sterbe 



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94 Elementorlehre. IL Theil. I. Abtheilung. I Bncb. ' I. Hauptstück. 

liehe insgesammt -vregnehme. Dadurch aiber wird nur die unendliche 
Sphäre aUes Möglichen in bo weit beschränkt, das8 das Sterbliche davon 

d)s äbgetr^int und m den übrigen Umfang ihres Eamns ^ Seele gesetzt 
wird. Dieser Baum bleibt ab^ bei dieser Ausnahme noch immer un- 
endlich, imd könn^i noch mehrere Theüe desselben weggenoiomen 
werden, 6hne dass darum der Begriff rem dier Seele im mindest^i wächst 
und bejahend bestimmt wird. Diese unendlichen Uiftheile also in An-* 
sehung des logischen Umfangs sind wirklich bloss beschränkend in 
Ansehung des Inhedts der Erkenn^iiss überhaupt, irnd in so fem müssen 
sie in der transscendentalen TaM aller Momente des Denkens in den 
Urtheilen nicht übergangen werden, wdl die hierbei ausgeübte Function 
4e8 Verstandes vielleicht in dem Felde sein^ reinen Erkenntniss a priord 
wichtig sein kann. 

3. Alle Verhältnisse des Denkens in Urtheilen sind die a) des 
Prädicats zum Subject, h) des Grundes zur Fdge, c) der eingetheilten 
Erkenntniss und der gesammelten Glieder der Eintheilung unter einander. 
In der ersteren Art der Urtheile sind nur zwei Begriffe, in- deat zweit^i 
:zwei Urtheile, in der dritten mehrere Urtheile im Verhältniss gegeo. 
dnandei* betrachtet. Der hypothetisdie Satz: wenn eine vollkommene 
XS^erechtigkeit da ist, so wird der beharrlidi Böse bestraf)], enthält eigent^ 
lieh das Verhältmss zweier Sätze: es ist eine vollkommene G'ereditigkeit 
da, und: der beharrlich Böse wird bestraft. Ob beide dieser Sätze an 
sich wahr sden, bleibt hier unausgemacht. Es ist nur die Consequenz, 
die durch dieses Urtheil gedadit wird. Endlich enthält das disjunctive 

-99 Urtheil ein Veiiiältniss zwder oder mehrerer Sätze gegen einander^ aber 
nicht der Abfolge sondern d^ logischen Ent^genäetzung, so fem die 
Sphäre des einen die des anderen aussohliesst, aber doch zugleich der 
Gemeinschaft, in so fem sie zusammen die Sphäre der eigemäichen Er- 
kenntniss ausfallen, also ein Verhältmss der Theüe der S^äre ein^ 
Ei'kenntniss, da die Sphäre eines jeden Theils ein Ergänzüngsstüek der 
Sphäre des anderen zu dem ganzen Inbegriff der eingetheilten Erkennt^ 
niss ist, a. B. die Welt ist entweder durch einen blinden Zufall da, oder 
durch innere Nothwendigkeit^ oder durch eine äussere Ursache. Jedei^ 
dieser Sätze nimmt einen Theil der Sphäre der möglichen Erkenntniss 
über das Dasein einer Wdt überhaupt ein, alle zusammen die ganze 
Sphäre. Die Erkenntniss aus einer dieser Sphär^i wegnehmen, heisst, 



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n. Abschnitt Von der logischen Function in Urtheilen. 95 

üe in eine da: ttbri^ea. Eetaen, und dagegen sie in eine Sphäre setzen, 
keisst, sie ans den übrigen wegnehmen. Es ist also in einem disjunctiven 
Urtheile eine gewisse Gemdnschaft der Erkenntnisse, die darin besteht, 
dass sie sich wechselseitig einander ansschliessen, aber dadurch doch im 
ganzen die wahre Erkenntniss bestimmen, indem sie zusammenge- 
nommen den ganzett Inhalt einer einzigen gegebenen Erkenntniss aus- 
machen. Und dieses ist ee auch nur, was ich des Folgenden wegen 
hierbei anzumarken n5th^ finde. 

4. Die ModaÜtäl der ürtheile ist eine ganz besondere Eunction 
derselben, die das Unterscheidende an sich hat, dass sie nichts zumioo 
Inhalte des Urtheüs beiträgt (denn ausser Grösse, Qualität und Verhält- 
niss ist nichts mehr, was den Inhah eines Urtheils ausmachte), sondern 
nur den Werth der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt 
angeht. Problematische Ürtheile sind solche, wo man das Bejahen 
oder Verneinen als bloss möglich (beliebig) annimmt. Assertorische, * 
da es als wirklich (wahr) betrachtet wird. Apodiktische, in denen 
man es als nothw endig ansieht* So sind die beiden Ürtheile, deren Ver- 
hältniss das hypothetische Urtlieü ausmacht (antecedens und conseqttens), 
imgleichen in deren Wechselwirkung das disjtmctive besteht (Glieder 
.der Eintheilung), insgesammt nur problematisch. In dem obigen Beispiel 
wird der Satz: es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da, nicht asser- 
torisch gesagt, sondern nur als ein beliebiges Urtheü, wovon es möglich 
ist, dass jemand es annehme, gedacht, und nur die Consequenz ist asser- 
torisch. Daher können solche Urtheile^ auch offenbar falsch sein, und 
doch, problematisch genommen, Bedingungen der Erkenntniss der Wahr- 
heit sein. So ist das Urtheil: die Welt ist durch blinden Zufall 
da, in dem disjunctiven Urtheil nur von problematischer Bedeutung, 
nänüich dass jemand diesen Satz etwa auf einen Augenblick annehmen lOJ 
möge, und dient doch (wie die Verzeichnung des falschen Weges unter 
der Zahl aUer derer, die man nehmen kann), Aea wahren zu finden. 
Der problematische Satz ist also derjenige, der nur logische Möglichkeit 
(die nicht objectiv ist) ausdrückt, d. i. eine freie Wahl, einen solchen 



* Gleich als wenn das Denken im ersten TtXi eine Function des Verstandet, 
Im zweiten der Urtheilskraft, im dritten der Vernunft wäre. Eine Bemerkung, 
die erst in der Folge ihre Aufklilrnng erwartet. 



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96 Elementarlebre. IL Theil. I AbtheUung. L Buch. L HauptotUck. 

Satz gelten zu lassen, eine bloss wiUktthrliche Aufit^mning desselben in 
den Verstand. Der assertorische sagt von logische WirUichkeit odBr 
Wahrheit, wie etwa in einem hypothetischen Vemnnftsohluss das Ante- 
cedens im Obersatze problematisch, im Untersatze lEifisertorisch vorkommt^ 
und zeigt an, dass der Satz mit dem Verstände hach dessen Gresetzen 
schon verbanden sei; der apodiktische Stttz denkt sich den assertorischen 
durch diese Gesetze des -Verstandes selbst bestimmt und daher a priori 
behauptend, und drückt auf solche Weise logische Nothwendigkeit aus. 
Weil nun hier alles sidi gradweise dem Verstände einverleibt, so dass 
man zuvor etwas probl^natisch urtheilt, darauf auch wol es assertorisch 
als wahr annimmt, endlidi als unzertrennlich mit dem Verstände ver- 
bunden, d. i als nothwendig und apodiktisch behauptet, ao kann man 
diese drei Functionen der Modalität auch so viel Momente des Denkens 
überhaupt nennen. 

108 Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen 

Verstandesbegriffe 

dritter Abschnitt. 

§. 10.^ 

Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien. 

Die allgemeine Logik abstrahirt, wie mehrmals schon gesagt 
worden, von allem Inhalt der Erkenntniss, und erwartet, dass ihr ander- 
wärts, woher es auch sei, Vorstellungen gegeben werden, um diese zuerst 
in Begriffe zu verwandeln, welches analytisch zugeht Dagegen hat die 
transscendentale Logik ein Mannigfaltiges der Sinnlichkeit a priori vor 
sich liegen, welches die transscendentale Aesthetik ihr darbietet, um 
zu den reinen Verstandesbegriffen einen Stoff zu geben, ohne den sie 
ohne allen Inhalt, mithin völlig leer sein würden. Raum und Zeit ent- 
halten nun ein Mannigfaltiges der reinen Anschauung a priori, gehören 
aber gleichwol zu den Bedingungen der Receptivität unseres Gemüths, 
unter denen es allein Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann, 
die mithin auch den Begriff derselben jederzeit afficiren müssen. Allein 



^ Die Bezeichnung als §. 10 ist ein Zoftats der zweiten Auflage. 



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m. Abschnitt, Von den reinen Yerstandesbegiiffen. 97 

die Spontaneität unseres Denkens erfordert es, dass dieses Mannigfaltige 
zuerst auf gewisse Weise durchgegangen, aufgenommen und verbunden 
werde, um daraus eine Erkenntniss zu machen. Diese Handlung nenne 
ich Synthesis. 

Ich verstehe aber unter Synthesis in der allgemeinsten Bedeutung los 
die Handlung, verschiedene Vorstellungen zu einander hinzuzuthun und 
ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntniss zu begreifen. Eine solche 
Synthesis ist rein, wenn das Mannigfaltige nicht empirisch, sondern 
a priori gegeben ist (wie das im Eaum und der Zeit). Vor aller Ana- 
'lysis unserer Vorstellungen müssen diese zuvor gegeben sein, und es 
können keine Begriffe dem Inhalte nach analytisch entspringen. Die 
Synthesis eines Mannigfaltigen aber (es sei empirisch oder a priori ge- 
geben) bringt zuerst eine Erkenntniss hervor, die zwar anfänglich noch 
roll and verworren sein kann und also der Analysis bedarf, allein die 
Synthesis ist doch dasjenige, was eigentlich die Elemente zu Erkennt- 
niss^i sammelt und zu einem gewissen Inhalte vereinigt; sie ist also das 
erste, worauf wir Acht zu geben haben, wenn wir über den ersten 
Ursprung unserer Erkenntniss urtheilen wollen. 

Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehen werden, die 
blosse Wirkung der Einbildungskraft, einei blinden, obgleich unentbehr- 
lichen Function der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis» 
haben würden, der wir uns aber selten nur einmal bewusst sind. Allein 
diese Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Function, die dem 
Verstände zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntniss in 
eigentlicher Bedeutung verschafft. 

Die reine Synthesis, allgemein vorgestellt, giebt nun den 104 
reinen Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis die- 
jenige, welche auf einem Grunde der synthetischen Einheit a priori be- 
nüit; so ist unser Zählen (vornehmlich ist es in grösseren Zahlen merk- 
licher) eine Synthesis nach Begriffen, weil sie nach einem gemein- 
schaftlichen Grunde der Einheit geschieht (z. B. der Dekadik). Unter 
diesem Begriffe wird also die Einheit in der Synthesis des Mannigfaltigen 
nothwendig. 

Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff 
gebracht (ein Geschäft, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber 
nicht die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen 

Eaxt*8 Kritik der reinen Vernunft. 7 



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98 Elementariehre. IL Theil L Abtheilung. I. Buch. I Hauptstück. 

auf Begriffe zu bringen, lehrt die transecendentale Lo^. Das erste, 
was uns zum Behuf der Erkenntniss aller Gregenstände a priori gegeben 
sein muss, ist das Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Syn- 
th esis dieses Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, 
giebt aber noch keine Erkenntniss. Die Begriffe, welche dieser reinen 
Synthesis Einheit geben, und lediglich in der Vorstellung dieser noth- 
^wendigen synthetischen Einheit bestehen, thun das dritte zur Erkennt- 
niss eines vorkommenden Gegenstandes, und beruhen auf dem Verstände. 

Dieselbe Function, welche den verschiedenen Vorstellungen in 
to5 einem ürtheile Einheit giebt, die giebt auch der blossen Synthesis 
verschiedener Vorstellungen in einer Anschauung Einheit, welche, 
allgemein ausgedrückt, der reine Verstandesbegriff heisst. Derselbe 
Verstand also, und zwar durch eben dieselben Handlungen, wodurch er 
in Begriffen vermittelst der analytischen Einheit die logische Form eines 
Urtheils zu Stande brachte, bringt auch vermittelst der synthetischen 
Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung überhaupt in seine Vor- 
stellungen einen transscendentalen Inhalt, weswegen sie reine Verstandes- 
begriffe heissen, die a priori auf Objecte gehen, welches die allgemeine 
Logik nicht leisten kann. 

Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandes- 
begriffe, welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt 
gehen, als es in der vorigen Tafel logische Functionen in allen mög- 
lichen ürthdlen gab; denn der Verstand ist durch gedachte Functionen 
völlig erschöpft, und sein Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen. 
Wir wollen diese Begriffe nach dem Amstotbles Kategorien nennen, 
indem unsere Absicht uranfanglich riiit der seinigen zwar einerlei ist, ob 
sie sich gleich davon in der Ausführung gar sehr entfernt. 

iO% Tafel der Kategorien. 

1, 

Der Quantität 
Einheit. 
Vielheit. 
Allheit 



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m. Abschnitt Von den reinen Veistande$begriffen. 99 

2. 3. 

Der Qualität Der Relation.» 

Bealität. Inhärenz und Subsidtenz {mh- 

Negation. atantza et aoctdens). 

Limitation. G&uaalität und Dependenz (Ur- 

sache und Wirkung). . 
Gemeinscliaft(Wechselwirkung 
zwischen dem Handelnden 
und Leidenden). 
4. 
Der Modalität. 
Möglichkeit — Unmöglichkeit. * 

Dasein — Nichtsein. 
Nothwendigkeit — Zufölligkeit. 

Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglichen reinen BegrifiPe 
der Sjnthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um deren 
willen er auch nur ein reiner Verstand ist, indem er durch sie aüein 
etwas bei dem Mannigfaltigen der j^nschauung verstehen, d. L ein Object 
derselben denken kann. Diese Eintbeilung ist systematisch aus dnem 
gemeinschafitlichen Princip, nämlich dem Vermögen zu urtheilen (welches 
ebenso viel ist als das Vermögen zu denken) erzeugt, und nicht rhapso- 
distisch aus einer auf gut Glück unternommenen Au&uohung reiner 
Begriffe entstanden, deren VoUzähligkdt man niemals gewiss sein kann, lor 
da sie nur durch Induction geschlossen wird, ohne zu gedenken, dass 
man noch auf die letztere Art niemals einsieht, warum denn gerade 
diese und nicht andere Begriffe dem reinen Verstände beiwohnen. Es 
wai ein eines scharfsinnigen Maaanes würdiger Ansehlag des Abistotbles,. 
diese Grundbegriffe auBsusuchen. Da er aber kein Principium hatte, so 
raffte er sie auf, wie sie ihm aufstiessen, und trieb deren zuerst zehn 
auf, die er Kategorien (Prädicamente) nannte. In der Folge glaubte er 
noch ihrer fünf angefunden zu haben, die er unter dem Namen der 
Postprädicamente hinzufügte. AUdn seine Tafel blieb noch immer 
mangelhaft. Ausserdem finden sich auch einige modi der reinen Sinn- 
lichkeit darunter {qiMndo, tibi, sitm, imgleichen prim^ simtd), auch ein 
empirischer (tnottu\ die in dieses Stammregister des Verstandes gar nicht 
gehören; oder es sind auch die abgeleiteten. Begriffe mit unter die Ur- 

7* 



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100 Elementarlehre. IL Theil. I. Abtheilnng. I Buch, t Hauptst&ck. 

begriffe gezählt (aetiOf passto), und an einigen der letzteren fehlt es 
gänzlich. 

Um der letzteren willen ist also noch zu bemerken, dass die Kate- 
gorien ab die wahren Stamm begriffe des reinen Verstandes auch ihre 
eben so reinen abgeleiteten Begriffe haben, die in einem vollständigen 
System der Transscendental-Philosophie keineswegs tibergangen werden 
können, mit deren blosser Erwähnung aber ich in einem bloss kritischen 
Versuch zufrieden sein kann. 

lOS Es sei mir erlaubt, diese reinen aber abgeleiteten Verstandesbe- 

griffe die Prädicabilien des, reinen Verstandes (im Gegensatz der 
Prädicamente) zu nennen. Wenn man die ursprünglichen und primitiven 
Begriffe hat, so lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht hinzu- 
fügen, und der Stammbaimi des reinen Verstandes völlig ausmalen. Da 
es mir hier nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern nur der 
Principien zu einem System zu thun ist, so verspare ich diese Ergänzimg 
auf eine andere Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht ziemlich 
erreichen, wenn man die ontologischen Lehrbücher zur Hand nimmt 
und z. B. der Kategorie der Causalität die Prädicabilien der Kraft, der 
Handlung, des Leidens, der der Gemeinschaft die der Gegenwart, des 
Widerstandes, den Prädicamenten der Modalität die des Entstehens, Ver- 
gehens, der Veränderung u. s. w. unterordnet. Die Kategorien, mit den 
modü der reinen Sinnlichkeit oder auch unter einander verbunden, geben 
eine grosse Menge abgeleiteter Begriffe a priori^ die zu bemerken und 
wo möglich bis zur Vollständigkeit zu verzdchnen, eine nützliche und 
nicht unangenehme, hier aber entbduliche Bemühung sein würde. 

Der Definitionen * dieser Kategorien überhebe ich mich in dieser 
Abhandlung geflissentlich, ob ich gleich im Besitz derselben sein möchte. 
Idi wwrde diese Begriffe in der Folge bis auf den Grad zergliedern, 
welcher in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich bearbeite, hin- 

I09rdchend ist. In einem Syst^n der reinen Vernunft würde man sie mit 
Recht von mir fordern können; aber hier würden sie nur den Haupt- 
punkt der Untersuchung aus den Aug^i bringen, indem sie Zweifel und 
Angriffe erregten, die man, ohne der wesentlichen Absicht etwas zu 
entziehen, gar wol auf eine cmdere Beschäftigung verwdsen kann. In- 
dessen leuchtet doch ans dem Wenigen, was ich hiervon angeftihrt habe, 
deutlich hervor, dass ein vollständiges Wörterbuch mit allen dazu er- 



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DDL Abschnitt. Von den reinen VerstandeibegriflFen. 101 

forderlichen Erklärttngen nicht allein möglich, eondem auch leicht sei 
zu Stande zn bringen. Die Fächer sind einmal da; es ist nur nöthig 
sie auszufüllen, und eine systematische Topik, wie die gegenwärtige, 
lässt nidbt leicht die Stelle verfehlen^ dahin ein jeder. Begriff eigenthüm- 
lich gehört, nnd zugleich diejenige leicht bemerken, die noch leer ist. 

[^§.11. 

üeber die Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrachtungen 
anstellen, die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der wissenschaft- 
lichen Form aller Vemunfterkenntnisse haben könnten. 'Denn dass diese 
Tafel im theoretischen Theile der Philosophie ungemein dienlich, ja un- 
entbehrlich sei, den Plan zum Ganzen einer Wissenschaft, so fem 
sie auf Begriffen a priori beruht, vollständig zu entwerfen, und sie mathe- 
matisch nach bestimmten Principien abzutheilen, erhellt schon 
von selbst daraus, dass gedachte Tafel alle Elementarbegriffe des Ver- 
standes vollständig, ja selbst die Form eines Systems derselben im mensch- iio 
liehen Verstände enthält, folglich auf alle Momente einer vorhabenden 
speculativen Wissenschaft, ja sogar ihre Ordnung Anweisung giebt, wie 
ich denn auch davon anderwärts* eine Probe gegeben habe. Hier sind 
nim einige dieser Anmerkungen. 

Die erste ist, dass sich diese Tafel, welche vier Klassen von Ver- 
standesbegriffen enthält, zuerst in zwei Abtheilungen zerMlen lasse, deren 
erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowol als empirischen), 
die zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände (entweder in Bezie- 
hung auf einander oder auf den Verstand) gerichtet ist. 

Die erste Klasse werde ich die der mathematischen, die zweite 
der dynamischen Kategorien nennen. Die erste Klasse hat, wie man 
sieht, keine Correlate, die allein in der zweiten Klasse angetroffen werden. 
Dieser Unterschied muss doch einen Ijrrund in der Natur des Verstandes 
haben. 
♦ Zweite Anmerkung, dass allerwärts eine gleiche Zahl der Katego- 



* Metapbysiscbe Anfahgßgründe der jN'ata7W]09ensoliaft. 



^ Dieser ganze §.11 ist erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. Schon in 
den Prolegomenen findet sich eine bezügliche ausführliche Anmerkung am Schluss 
von §. 39. 



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102 Elementaxlelire. n. Theil. L Abtheilang. L Buch. L Hanptstüok. 

rien jeder Klasse, nämlich drei sind, welches ebenso wol zum Nachdenken 
auffordert, da s<mst alle Emtheütmg a priori durch Begriffe Dichotomie 
sein muss. Dazu kommt aber noch, dass die dritte Kategorie allentr 
halben aus der Verbindung der zw^ten mit der ersten ihrer E^asse 
entspringt 

111 So ist die Allheit (Totalität) nichts Anderes als die Vielheit als 
Einheit betrachtet, die Einschränkung nichts Anderes als Kealität mit 
Negation verbunden, die Gemeinschaft ist die Causalität einer Substanz 
in Bestimmung der anderen wechselseitig, endlich die Noth wendigkeit 
nichts Anderes als die Existenz, die durch die Möglichkeit selbst gegeben 
ist. Man denke aber ja nicht, dass darum die dritte Kategorie ein bloss 
abgeleiteter und kein Stammbegriff des reinen Verstandes sei. Denn die 
Verbindung der ersten und zweiten, um den dritten Begriff hervorzu- 
bringen, erfordert einen besonderen Actus des Verstandes, der nicht mit 
dem einerlei ist, der beim ersten und zweiten ausgeübt wird. So ist der 
Begriff einer Zahl (die zur Kategorie der Allheit gehört) nicht immer 
möglich, wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind (z. B, in der 
Vorstellung des Unendlichen), oder daraus, dass ich den Begriff einer 
Ursache und den einer Substanz beide verbinde, noch nicht sofort 
der Einfluss, d. i. wie eine Substanz Ursache von etwas in einer anderen 
Substanz werden könne, zu verstehen. Daraus erhellt, dass dazu ein 
besonderer Actus des Verstandes erforderlich sei ; und so bei den übrigen. 

Dritte Anmerkung. Von einer einzigen Kategorie, nämlich der der 
Gemeinschaft, die unter dem dritten Titel befindlich ist, ist die Ueber- 
einstimmung mit der in der Tafel der logischen Functionen ihm corre- 

112 spondirenden Form eines disjunctiven Urtheils nicht so in die Augen 
fallend als bei den übrigen. 

Um sich dieser Uebereinstimmung zu versichern, muss man be- 
merken, dass in allen disjunctiven Urtheilen die Sphäre (die M^ige alles 
dessen, was unter ihm enthalten ist) als ein Ganzes in Theile (die unter- 
geordneten Begriffe) getheüt vorgestellt wird, und, weil einer nicht unter 
dem anderen enthalten sein kann, sie als einander coordinirt, nicht 
subordinirt, so dass sie OTiandw nicht einseitig wie in ^er Reihe, 
sondern wechselseitig als in einem Aggregat bestimmen (wenn ein 
Glied der Eintheilung gesetzt wird, alle übrigen ausgeschlossen werden, 
und so umgekehrt), gedacht werden. 



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m'. Abschnitt Von den reinen Verstandesbegriffen. 103 

Nun "wird eine ähnliche Verknüpi^g in einem Ganzen der Dinge 
gedacht, da nicht eines als Wirkung dem anderen als Ursache seines 
Daseins untergeordnet, sondern zugleich und wechselseitig als Ursache 
in Ansehung der Bestimmung der anderen beigeordnet wird (z. B. in 
anem Körper, dessen Theile einander wechselseitig ziehen und auch 
widerstehen), welches eine ganz andere Art der Verknüp^fiing ist als die, 
so im blossen Verhältniss der Ursache zur Wirkung (des Grundes zur 
Folge) angetroff^i wird, in welchem die Folge nicht wechs^eitig wiederum 
den Grund bestimmt und darum mit diesem (wie der Weltschöpfer mit 
der Welt) nicht ein Ganzes ausmacht. Dasselbe Verfahren des Verstandes, 
wenn er sich die Sphäre eines eingetheilten Begriffs vorstellt, beobachtet lu 
er auch, wenn er ein Ding als theilbar denkt; imd wie die Glieder der 
Eintheüong im ersteren einander ausschliessen und doch in einer Sphäre 
verbunden sind, so stellt er sich die Theile des letzteren als solche, deren 
Existenz (als Substanzen) jedem auch ausschliesslich von den übrigen 
zuk(»nmt, doch als in einem Ganzen verbimden vor. ^J 



[*§• 12. 

Es findet sich aber iq. der Transscendentalphilosophie der Alten 
noch ein Hauptsttlck vor, welches reine Verstandesbegriflfe enthält,, die, 
ob sie gleich nicht unt^r die Kategorien gezählt werden, dennoch nach 
ihnen als Begriffe a priori von Gregenständen gelten sollten, in welchem 
Faüe sie aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches i»el4 
sein kann. Diese tr%t der unter den Soholastikem so berufene Siatz vor: 
quodlibei ens est unum^ verum^ honum. Ob nun zwar der Grebranch dieses 
Princips in Absicht auf die Folgerungen (die lauter tautologische Sätee 
gaben) sehr kümmerlich ausfiel, so dass man es auch in neueren Zeiten 
beinahe nur ehrenb^ber in der Metaphysik anfeusteUen pflegt, so verdient 
doch ein Gkdanke, der sich so loßgß Z&H erhalten hat, so leer er anck 
zu sein sdieint, immer eine ynter8^chung »eines Ursprungs, und berechtigt 
zur Vermuthung, dass er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund 



1 Man Yf^ S. 109. Abul 1. 

* Aach dieser Pa£agra{>b ut ein Za9atz der zweiten Auflag«. 



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104 Elementarlehre, ü. TheU. I. Abtheilung. I Buch. L Hauptstack. 

habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch gedohnetscht worden. Diese 
lu vermeintlich transscendentalen Prädicate der Dinge sind nichts Anderes 
ab logische Erfordernisse und Kriterien aller Erkenntniss der Dinge 
überhaupt, und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der 
Einheit, Vielheit und Allheit zum Grunde, nur dass sie diese, welclie 
eigentlich material als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig genommen 
werden müssten, in der That nur in formaler Bedeutung als zur logischen 
Forderung in Ansehung jeder Erkenntniss gehörig brauchten, und doch 
diese Kriterien des Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der 
Dinge an sich selbst machten. In jeder Erkenntniss eines Objects ist 
nämlich Einheit des Begriffs, welche man qualitative Einheit nennen 
kann, so fern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannig- 
faltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa die Einheit des Thema 
in einem Schauspiel, einer Bede, einer Fabel. Zweitens Wahrheit in 
Ansehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen 
Begriffe, desto mehr Kennzeichen seiner objectiven Realität. Dieses 
könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale, die zu einem Be- 
griffe als einem gememschaftlichen Grunde gehören (nicht in ihm als 
Grösse gedacht werden), nennen. Endlich drittens Vollkommenheit, 
die darin besteht, dass umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit 
des Begriffs zurückftihrt und zu diesem und keinem anderen völlig zu- 
sammenstimmt, welches man die qualitative Vollständigkeit (Tota- 
ußlität) nennen kann. Woraus erhellt, dass diese logischen Kritmen der 
Möglichkeit der Erkenntniss überhaupt die drd Kategorien der Grösse, 
hl denen die Einheit in der Erzeugung des Quantum durchgängig gleich- 
artig angenommen werden muss, hier nur in Absicht auf die Verknü- 
pfung auch ungleichartiger Erkenntnissstücke in einem Bewusstsein 
durch die Qualität einer Erkenn^ss als Princips verwandeln. So ist 
das Kriterium der Möglichkdt eines Begriffs (nicht des Objects desselben) 
die Definition, in der die Einheit des Begriffe, die Wahrheit alles 
dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag, endlich die Voll- 
ständigkeit dessen, was aus ihm gezogen worden, zur Herstellung des 
ganzen Begriffis das Erforderliche desselben ausmacht; oder so ist auch 
das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit des angenom- 
menen Erklär ungsgrundes oder dessen Einheit (ohne Hil&hypothese), 
die Wahrheit (Uebereinstimnrang unter sich selbst und mit der Er- 



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HL Abselmitt Von den reinen VeTstandeebegrifPen. 105 

Ehrung) der daratus abzuleitenden Folgen, nnd endHcb die Vollständig- 
keit des Erklärungsgrnndes zu ihnen, die auf nichts mehr noch weniger 
zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden, und das, was 
« prfori synthetisch gedacht war, a posteriori analytisch wieder liefern 
und dazu zusamm^istimmen. — Also wird durch die Begriffe von Ein- 
heit, Wahrheit und Vollkommenheit die transscendentale Tafel der Kate» 
gorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, sondern nur, 
indem das Verhältniss dieser Begriffe auf Objecto gänzlich bM Seite ge- iie 
setzt wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische Regeln der 
üebereinstimmung der Erkenntniss mit sich selbst gebracht^] 



Der transscendentalen Analytik 

zweites Hauptstück. 



Von der peduction der reinen Verstandesbegriffe. 

Erster Abschnitt. 

§. 13.* 

Von den Prineipien einer transscendentalen Deduction 

überhaupt. 

Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen und Anmassungen reden, 
unterscheiden in einem Rechtshandel die Frage über das, was Rechtens 
ist (^id itirü\ von der, die die Thatsache angeht (quid facti)*, und indem 
sie von beiden Beweis fordern, so nennen sie den ersteren, der die Be- 
fugniss oder auch den Rechtsanspruch darthun soll, die Deduction. 
Wir bedienen uns einer Menge empirischer Begriffe ohne jemandes 
Widerrede, und halten uns auch ohne Deduction berechtigt, ihnen einen 
Siim und dngebÜdete Bedeutung zuzueignen, weil wir jederzeit die Er- 



1 Man vgl. S. 113. Anm. 2. 

* Die Bezeiclmnng als §. 13 ist ein ^Zusatz der zweiten Auflage. 



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106 Elementarlehre. II. TheiL L Abtheilang. I. Buch. II. Hanptstück. 

117 fahrung bei der Hand habea, ihre objective Bealität zu beweisaL Eb 
giebt indessen aucb usurpirte Begriffe, wie etwa Glück, Schicksal, 
die zwar mit fast allgemeiner Nachsicht hemmlaujfön, ab^ doch bisfweilea 
durch die Frage, qutd iurüy in Anspruch genommen waxUn, da mau. 
alsdann wegen der Deductiön derselben in nicht geringe Verlegenheit 
geräth, indem man keinen deutlichen Eechtsgrund weder aus der Erfahr 
rung noch der Vernunft anfuhren kann, dadurch die Befagniss ihres- 
Gebrauchs deutlich würde. 

Unter den mancherlei Begriffen aber, die das sehr vermischte G^> 
webe der menschlichen Erkenutniss ausmachen, giebt es einigt) die auch 
zum reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von aller Erfahrung) 
bestimmt sind, und dieser ihre Befugniss bedarf jederzeit einer Deduction; 
weil zu der Eechtmässigkeit eines solchen Gebraußha Beweise aus der 
Erfahrung nicht hinreichend sind, man aber doch wissen muss, wie diese 
Begriffe sich auf Objecte 'beziehen können, die sie doch aus keiner Er- 
fahrung hemehmeu. Ich nenne daher die Erklärung der Art, wie sich 
Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können, die transscenden- 
tale Deduction derselben, und unterscheide sie von der empirisch en. 
Dedüction, welche die Art anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung und 
Keflexion über dieselbe erworben worden, und daher nicht die Kecht- 
mässigkeit, sondern das Factum betrifft, wodurch der Besitz entsprungen. 

118 Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener 
Art, die doch dcurin mit einander Übereinkommen, dass sie beiderseita 
völlig a priori sich auf G^enstände beziehen, nämlich die Begriffe de» 
Baumes und der Zeit als Formen der Sinnlichkeit, und die Kategorien 
als Bcjgriffe des Verstandes. Von ihnen eine empirische Deductioii ver- 
suchen wollen, würde ganz vergebliche Arbeit sein, weil eben darin da» 
Unterscheidende ihrer Natur U^, dass sie sich auf ihre G^g^istände 
beziehen, ohne etwas zu deren J^orstellung aus der Erfahrung entlehnt 
zu haben. Wenn also eine Deduction dersdben nöthig ist, so wird sie 
jederzeit transscendental sein müssen. 

Indessen kann man von diesen Begriffen, wie von .aller Erkennlimss, 
wo nicht das Principium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen 
ihrer Erzeugung in. der Erfahrung aufeuchen, wo abdann die Eindrücke 
der Sinne den ersten Anlass geben, die ganze Erkenntnisskraft in Anse- 
hung ihrer zu eröffnen und Erfahrung zu Stande zu bringen, die zwei sehr 



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L Abschidtt Von den Principien einer transscendentalen Deduction, -^QJ 

nngldcliartige Elemente enthält, nämlich eiae Materie zur Erkenntnis» 
atiB den Sinnen, nnd eine gewisse Form sie zu ordnen aus ä.em iimeren 
Quell des reinen Anschauens und Denkens, die hei Gelegenheit der 
ersteren zuerst in Ausühung gehracht werden und Begriffe hervorbringen. 
VAn solches Nachspüren der ersten Bestrebungen unserer Erkenntnisse 
kraft, um von einzelnen Wtihmehmungen zu allgemeinen Begriffen zun» 
steigen, hat ohne Zweifel sdnen grossen Nutzen, und man hat es dem 
berühmt^i Locke zu verdanken, dass er dazu zuerst den Weg eröffiiet 
hat. Allein eine Deduction äeac reinen Begriffe a priori kommt dadurch 
niemals zu Stande, denn sie liegt ganz und gar nicht auf diesem Wege^ 
weil in Ansehung ihres künftigen Gebrauchs, der von der Erfahrung 
gänzlich unabhängig sein soll, sie einen ganz anderen Geburtsbrief als 
den der Abstammung von Erfahrungen müssen aufzuzeigen haben. Diese 
versuchte physiologische Ableitimg, die eigentlich gar nicht Deduction 
heissen kann, weil sie eine quaestionem facti betrifft, wiü ich daher die 
Elrklärung des Besitzes einer reinen Erkenntniss nennen. Es ist also 
klar, dass von dieser es allein dne transscendentale Deduction und 
keineswegs eine empirische geben könne, und dass letztere in Ansehung 
der rdnen Begriffe a priori nichts ab eitele Versuche dnd, womit sich 
nur derjenige beschäftigen kann, wdcher die ganz ^enthümliche Natur 
dieser Erkenntnisse nicht begriffen hat 

Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduction der 
rdnen Erkaantniss a prioriy nämlich die auf dem transscendentalen 
Wege eingeräumt wird, so erhellt dadurch doch eben nicht, dass sie sa 
unumgänglich noöiwendig sei Wir haben oben die Begriffe des Kaumea 
und der Zeit vermittelst einer transscendttitalen Deduction zu ihren 
Quellen verfolgt, und ihre objective Gütigkeit a priori erklärt und be- 120 
stimmt. Gleichwol geht die Geometrie ihren sicheren Schritt durch lauter 
Erkenntnisse a priori, ohne dass sie sich wegen der reinen und gesetz* 
massigen Abkunft ihres Grundbegriffs vom Räume von der Philosophie 
einen Beglaubigungsschdn erbitten darf. Allein der Gebrauch des Be» 
griffs geht in dieser Wissenschaft auch nur auf die äussere Sinnenwelt, 
von welcher der Eaum die reine Form ihrer Anschauung ist, in welcher 
also alle geometrische Ikkenntniss, weil sie sich auf Anschauung a priori 
gründet, unmittelbare Evidenz hat, und die Gegenstände durch die Er- 
kenntniss selbst a priori (der Form nach) in der Anschauung gegeben 



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108 Elementarlehre, ü. TheU. L Abtheilung. I. Buch. ü. Hauptstück. 

werden. Dagegen ftmgt mit den reinen Verstandesbegriffen das 
nnumgängliche Bedürfhiss an, nicht allein von ihnen selbst, sondern auch 
vom Raum die transscendentale Dednction zu such^i, wdl, da sie von 
Gegenständen nicht durch Prädicate der Anschauung und der Sinnlich- 
keit, sondern des reinen Denkens a priori reden, sie sich auf Gregen- 
stände ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit allgemein beziehen, und 
sie, da sie nicht auf Erfahrung gegründet sind, auch in der Anschauung 
a priori kern Object vorzeigen können, worauf sie vor aller Erfahrung 
ihre Synthesis gründeten, und daher nicht aUein wegen der objectiven 
Giltigkeit und Schranken ihres Gebrauchs Verdadit err^en, sondern 
auch jenen Begriff des Eaumes zweideutig machen, dadurch, dass sie 

i«iihn über die Bedingungen der sinnlichen Anschauung* zu gebrauchen 
geneigt sind, weshalb auch oben von ihm eine transscendentale Deduc- 
tion von nöthen war. So muss denn der Leser von der unumgänglichen 
Nothwendigkeit einer solchen transscendentalen Deduction, ehe er einen 
^zigen Schritt im Felde der reinen Vemirnft gethan hat. Überzeugt 
werden, weil er sonst blind verföhrt und, nachdem er mannigfaltig 
umher geirrt hat, doch wieder zu der Unwissenheit zurückkehren muss, 
von der er ausgegangen war. Er muss aber auch die unvermeidliche 
Schwierigkeit zum voraus deutlich einsehe damit er nicht über Dunkel- 
heit klage, wo die Sache selbst tief eingehüllt ist^ oder über die Weg- 
räumung der Hindemisse zu früh verdrossen werde, weil es .darauf 
ankommt, entweder alle Ansprüche zu Einsichten der reinen Vernunft, 
als das beliebteste Feld, nämlich dasjenige üb^ die Grenzen aller mög- 
lichen Erfahrung hinaus, völlig aufeugeben, oder diese kritbche Unter- 
suchung zur Vollkommenheit zu bringen. 

Wir haben oben an den Begriffen des Jlaumes und der Zeit mit 
leichter Mühe b^eiflich machen können, wie diese als Erkenntnisse 
« priori sich gleichwol auf Gegenstände nothwendig beziehen müssen 
und eine synthetische Erkenntniss derselben unabhängig von all^ Er^ 
fahrung möglich machen. Denn da nur vermittelst soldier reinen Formen 
der Sinnlichkeit uns ein Gegenstand erscheinen, d. i ein Object der 
empirischen Ansdiauung sein kann, so sind Raum und Zeit reine An- 

122 sch^iuungen, wel<^ die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände als 
Erscheinungen a priori enthalten, und die Synthesis in denselben hat 
objective Giltigkeit. 



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L Abscbiütt. Ton den Principien einer transscendentalen Dedaction. 109 

Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die 
Bedingungen vor, nnter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben 
werden; mithin könn^i uns allerdings Gegenstände erscheinen, ohne das» 
sie sich noihwendig auf Functionen des Verstandes beziehen müssen und 
diesa* also die Bedingungen derselben a priori enthielte. Daher zeigt 
mk hier eine Schwierigkeit, die wir im Feld« der Sinnlichkeit nicht 
antrafen, wie nämlich subjective Bedingungen des Denkens sollten 
objective Giltigkeit haben, d. i. Bedingungen der Möglichkeit aller 
Erkenntniss der Gegenstände abgeben; denn* ohne Functionen des Veiv 
Standes können allerdings Erscheinungen in der Anschauung gegeben 
werden. Ich nehme z. B. den Begriff der Ursache, welcher eine besondere 
Art der Synthesis bedeutet, da auf etwas A etwas ganz Verschiedenes 
B nach einer Begel gesetzt wird. Es ist ä priori nicht klar, warum Er- 
scheinungen etwas dergleichen enthalten sollten (denn Erfahrungen kann 
man nicht zum Beweise anführen, weil die objective Giltigkeit dieses Be- 
griffe a priori muss dargethan werden können), und es ist daher a priori 
zweifelhaft, ob ein solcher Begriff nicht etwa gar leer sei und überall unter 
den Ersehmungen keinen Gegenstand antreffe. Denn dass Gegenstände 
der sinnlichen Anschauung den im Gemüth a priori liegenden formalen 12a 
Bedingungen der Sinnlichkeit gemäss sein müssen, ist daraus klar, weü 
sie sonst nicht Gegenstände für uns sein würden; dass sie aber mich 
überdem den Bedingungen, deren der Verstand zur synthetischen Ein- 
heit des Denkens bedarf, gemäss sein müssen, davon ist die Schluss- 
f[)]ge nicht so Idcht einzusehen. Denn es können wol all^ifalls Er- 
scheinungen so beschaffen sein, dass der Verstand sie den Bedingungen 
seiner Einheit gar nicht g^näss fünde, und alles so in Verwirrung läge,, 
dass z. B. in der Beihenfolge der Erscheinungen sich nichts darböte^ 
was eine Eegel da* Sjnthesis an die Hand gäbe und also dem Begriffe 
der Ursache und Wirkung entspräche, so dass dieser Begriff also ganz 
leer, nichtig und ohne Bedeutung wäre. Erscheinungen würden nichts- 
destoweniger unserer Anschauung G^gaistände darbieten, denn die An- 
schauung bedarf der Functionen des Denkens auf keine Weise. 

Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen 
dadurch loszuwickeln, dass man sagte, die Erfe^rung böte unablässig 
Beispiele einer solchen Eegelmässigkeit der Erscheinungen dar, die- 
genugsam Anlass geben, den Begriff der Ursache davon abzusondern und 



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110 Elementarlehre. H. TheiL I. Abtheüung. I Buch. H. Hraptstück. 

dadurch zugleich die objective Giltigkeit eines solchen Begriffs zu be- 
währen, so bemerkt man nicht, dass auf diese Weise der Begriff der 
Ursache gar nicht «itspringen kann, sondern dass er entweder völlig 
a priori im Verstände müsse gegründet sein oder als dn blosses Hirn- 
1S4 gespinst gänzlich aufgegeben werden müsse. Denn dieser Begriff erfor- 
dert durchaus, dass etwas A von der Art sei, dass- em Anderes B daraus 
nothwendig und nach einer schlechthin allgemeinen Eegel 
folge. Erscheinimgen geben gar wol Fälle an die Hand, aus denen eine 
Begel möglich ist, nach der etwas gewöhnlichermassen geschieht, aber 
niemals, dass der Erfolg nothwendig sd; daher der Synthesis der ür- 
4Bache und Wirkung auch eine Dignität anhängt, die man gar nicht ^oa- 
pirisch ausdrücken kann, nämlich dass die Wirkung nicht bloss zu der 
Ursache hinzu komme, sondern durch diesdbe gesetzt sd und aus ihr 
erfolge. Die strenge Allgemeinheit der Begel ist auch gar keine Eigen- 
schaft empirisdier Begeln, die durch Inducdon keine andere als compa- 
rative Allgemeinheit d. i. ausgebreitete Brauchbarkeit bekommen können. 
Nun würde sich aber der Gebrauch der reinen Verstandesbegriffe gänz- 
lich ändern, wenn man sie nur ab empirische Producte behtmdeln wollte. 

§• 14.1 
Uebergang zur transscendentalen Deduction der Kategorien. 

Es sind nur zwd Fälle möglich, unter denen synthetische Vor- 
stellungen und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich auf einander 
nothwendiger Weise beziehen und gleichsam dnand^ beg^nen könn^i. 
Entweder wenn der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den Q^gen- 
125 stand allein möglich macht. Ist das ^stere, so ist diese Beziehung 
nur empirisch, und die Vorstellung ist memals a priori möglich. Und 
dies ist der Fall mit Erscheinungen in Ansehung dess^, was an ihnen 
zur Empfindung gehört. Ist aber das zweite, weil Vorstellung an sich 
selbst (denn von der^n Causalität vermittelst des Willens ist hier gar 
nicht die Eede) ihren Gegenstand dem Dasein nach nicht hervor- 
vbringt, so ist doch die Vorstellung in Ansehung des Gegenstandes als- 



^ Die Beeeichnani^ als §. 14 ist ein Zosate der zweiten Auflage. 



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L Abschnitt. Von den Prindpien einer transscendentalen DeductioiL Hl 

dann a priori bestinunend, wenn durch sie allein es möglich ist, etwas 
als einen Gegenstand zu erkennen. Es sind aber zwei Bedingungen, 
unter d^ien allein die Erkenntniss eines Gegenstandes möglich ist, erst- 
lich Anschauung, dadurch derselbe, aber nur als Erschdnung, gegeben 
wird, zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand gedadit wird, der 
dieser Anschauung entspricht Eb ist aber aus dem Obigen klar, dass 
die erste Bedingung, nämlich die, unter der aliein Gegenstände ange- 
sdiaut werden können, in der That den Object^i der Form nach a priori 
im G^miLth zum Grunde liege. Mit dieser formalen Bedingung der Sinn« 
lichkeit stimmen also alle Erscheinungen nothwendig tiberein, ^eil sie 
nur durch dieselbe erscheinen, d. i. empirisch angeschaut und gegeben 
werden können. Nun fragt es sich, ob nicht auch Begriffe a priori voraus- 
gehen als Bedingungen, unter denen allein etwas, wenn gleich nicht ange- 
schaut, dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht wird; denn alsdann 
ist alle empirische Erkenntniss der Gegenstände solchen Begriffen noth- 126 
wendiger Weise gemäss, weil ohne deren Voraussetzung nichts als Object 
der Erfahrung möglich ist. Nun enthält aber alle Erfahrung ausser der 
Anschauung der Sinne, wodurch etwas gegeben wird, noch einen Be- 
griff von einem Gegenstände, der in der Anschauung gegeben wird oder 
erschdnt; demnach werd^i B^riffe von G^nständen überhaupt als 
Bedingungen a priori aller Erfahrungserkenntniss zum Grunde liegen; 
folglich wird die objective Giltigkeit der Kategorien als Begriffe a priori 
darauf beruhen, dass durch sie allein Erfahrung (der Form des Denkens 
nach) möglich sd. Denn alsdann beziehen sie sich nothwendiger Weise 
und a priori auf Gegenstände der Erfehrung, weil nur vermittelst ihrer 
überhaupt irgend ein Gegenstand der Erfahrung gedacht werden kann. 
Die transscend^itale Deduction. aller Begriffe a priori hat also ein 
Prindpium, worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muss, 
nämlich dieses, dass sie als Bedingungen a priori der Möglichkeit der 
Erfahrung erkannt werden müssen (es sei der Anschauung, die in ihr 
angetroffen wird, oder des Denkens). Begriffe, die den objectiven Grund 
der Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind eben darum nothwendig. 
Die Entwickelung der Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist 
nicht ihre Deduction (sondern Illustration), weil sie dabei doch nur zu- 
HQlig sein würden. Ohne diese ursprüngliche Beziehung auf mögliche 127 
Erfisihmng, in welcher alle Gegenstände der Erkenntniss vorkommen, 



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1X2 Elementarlehre. IL Thdi I Abtheilang. L Buch. IL Hauptstttek. 

würde die Beziehung derselben auf irgend ein Object gar nicht begriffen 
werden können. 

[^Der berühmte Looks hatte aas Ermangelung dieser Betrachtang, 
und weil er reine Begriffe des Verstandes in der Erfahrung antraf, sie 
auch von der Erfahrung abgeleitet, und verfuhr doch so inconsequent, 
dass er damit Versuche zu Erkenntnissen wagte, die weit über alle 
Erfahrungsgrenze hinausgehen. David Humb erkannte, um das Letztere 
thun zu können, sei es nothwendig, dass diese Begriffe ihren Ursprung 
a priori haben müssten. Da er sich aber gar nicht erklären konnte, wie 
es möglich sei, dass der Verstand Begriffe, die an sich im Verstände 
nicht verbunden sind, doch als im Gegenstände nothwendig verbunden 
denken müsse, und darauf nicht verfiel, dass vielleicht der Verstand 
durch diese Begriffe selbst Urheber der Erfahrung, worin seine Gegen- 
stände angetroffen werden, sein könne, so leitete er sie, durch Noth ge- 
drungen, von der Erfahrung ab (nämlich von einer durch öftere Asso- 
ciation in der Erfahrung entsprungenen subjectiven Nothwendigkeit, 
welche zuletzt ÜQschlich ffir objectiv gehalten wird, d. i. der Gewohn- 
heit), ver^ihr aber hernach sehr consequent darin, dass er es fär un- 
möglich erklärte, mit diesen Begriffen und den Grundsätzen, die sie 
veranlassen, über die Erfahrungsgrenze hinauszugehen. Die empirische 
Ableitung aber, worauf beide verfielen, lässt sich mit der Wirklichkeit 
der wissenschafüichen Erkenntnisse a priori, die wir haben, nämlich der 
128 reinen Mathematik und allgemeinen Naturwissenschaft nicht 
vereinigen, und wird also durch das Factum widerlegt. 

Der erste dieser beiden berühmten Männer öfi&iete der Schwär- 



^ Statt der Absätze, welche oben bis som Sohlnss des {. 14 folgen, steht in der 
ersten Auflage das Folgende: 

„Es sind aber drei ursprüngliche Quellen (Fähigkeiten oder VermSgen der Seele), 
die die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrung enthalten und selbst aus keinem 
anderen Vermögen des Gemttths abgeleitet werden können, nämlich Sinn, Ein- 
bildungskraft und Apperception. Darauf gründet sich 1) die Synopsis des 
Mannigfaltigen a priori durch den Sinn, 2) die Synthesis dieses Mannigfkltigen 
durch die Einbildungskraft, endlich 3) die Einheit dieser Synthesis durch Ursprung* 
liehe Apperception. Alle diese Vermögen haben ausser dem empirischen Gebrauch 
noch einen transscendentalen, der lediglich auf die Form geht und a priori möglich 
ist. Von diesen haben wir in Ansehung der Sinne oben im ersten Theile geredet; 
die zwei anderen aber wollen wir jetzt ihrer Natur nach einzusdben trachten. 



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n. Absclinitt Transsc. Deduction der reinen Verstandesbegnffe. 113 

merei Thür und Thor, weil die Vernunft, w^an sie einmal Beftignifise 
auf ihrer Seite hat, sich nicht mehr durch unbestimmte Anpreisungen 
der Mässigung in Schranken halten lässt; der zweite ergab sich gftnsdich 
dem Skepticismus, da er einmal dne so aÜgemdne, ftlr Yemunft g^ 
haltene Täuschung unseres Erkenntnissvermögens glaubte aitdeekt zu 
haben. — Wir sind jetzt im Begriffe einen Versuch zu machen, ob man 
nicht die maischliche Vernunft zwischen diesen beiden Klippen glücke 
Hch dnrcfabringen, ihr bestimmte Grenzen anweisen, und damooh daa 
ganze Feld ihrer zweckmässigen Thätigkeit ftlr sie geöffnet erhalt^i können 
Vorher will ich nur noch die Erklärung der Kategorien vor* 
anschicken. Sie sind Begriffe von einem Oegaistande überhaupt, dadurdi 
dessen Anschauung in Ansehung einer der logischen Functionen zu 
Urtheilen als bestimmt angesehen wird. So war die Function des 
kat^orischen Ürtheils die des Verhältnisses des Subject» zum Prädicat, 
8.« B. alle Körper sind theilbar. Allein m Ansehung des bloss logischen 
Gebrauchs des Verstandes blieb es unbestimmt, welchem von beiden 
Begriffen die Function des Subjects, und welchem die des Prädicats man 129 
geben wolle. Denn man kann auch sagen: einigies Theilbare ist dn 
Körper. Durch die Kategorie der Substanz aber, wenn ich den Begriff 
eines Körpers darunter bringe, wird es bestimmt^ dass seine empirische 
Anschauung in der Erfahrung immer nur als Subject, niemals als blosses 
Prädicat betrachtet werdwi müsse; und so in allen tibrigai Kat^orien.] 

Der Deduction der reinen Verdtandesbegriffe 

zweiter Abschnitt.^ 

Transscendentale Deduction der reinen Verstandesbegriffe. - 

§. 15. 
Von der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt. 

Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung 
gegeben werden, die bloss sinnlich d. i. nichts als Empfänglichkeit ist, 

* Dieser ganze „zweite Absehnitt" you §^ 15 bis zum End« von §.27 gehdrt 
in der obigen Fassimg erst der zweiten Auflage an. Det Wortlaut der ersten Auf- 
lage ist im Anhang als „Zweite Beilage" abgedruckt 

Kaht*8 Krttik der reinen Yernunft. 8 



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114 Elementarlehre. II. Tboil l. Abtbellnng. l Biush. {L Hauptstfick. 

und die Form äieB&r Awach&nvmg kann a priori in unserean Voretellungs- 
Tennögen Hegen, ohne doeh etwas Anderea als die Art zu sein, wie das 
Subjeot affickt wird. Altein die Verl)indung {(Hmjunetio) dnes Mannig- 
Mtigen überhaupt kana oiosialf diurch Swie in «ns kommen, und kann 
aiso auch nicht in der reineoi^ Fonn der sLanliehen Anschauung zugleich 

130 mit enthalten sein; denn «e ist em Actus der Spontai^ität der Yorstellungs- 
kraft, und da man diese zum Untersebiede v(m ä$T Sinnlichkeit Verstand 
nennen muss, so ist aUe Yearbindungt wir mü^n uns ihrer b^wu^st werden 
oder ni^t, es mag i^e Verbindung des Mannig&ltigen der AnsdiauuQg 
oder mancherlei Begriffe, und an dar a'stm:'eii der similich^n <>40r nicht- 
sinnüohen Ansdbauung sein, eine Verstandeshandlung, die wi; mit der 
aUgemeinen Beneimung Bjnthesis belegen werden, um dadurch zu- 
gleich bemerklioh zu machen, dass wir uns nichts als im Object verbunden 
vorstellen könn^, ohne es vorher selbst verbunden zu haben, und unter 
idlen Vorstellungen die Verbindung die dnzige ist, di^ ndcht durch 
Objecte gegeben, sondern nur vom Sul^cte sdbßt verrichtet werden 
kann, weil sie ein Actus seiner Selbstthä^gkeit ist. Man wird hier 
leicht gewahr, dass diese Handlung ursprünglich einig und fiir alle 
Verbindung gleichgrit^nd sein müsse, und 'dass die Auflösung d. i. die 
Analysis, die ihr GegentbeU zu sdn scheint, sie doch jederzeit voraus- 
setze; dam wo der Verstand vorher nichts verbunden hat, da kann er 
auch ni^ts auflösen, weil es nur durch ihn als verbunden der Vor- 
stellungskraft hat gegeben werden können. 

Aber der Begriff der V^bindung fuhrt ai^sser dem Begriffe des 
Mannigfaltigen und der Synthesis desselben noch den der Einheit des- 
selben bei sich. Verbindung ist Vorstellung der synthetischen Ein- 

isiheit des Mannigfaltigen.* Die Vorstellung dieper Einhdt kann also 
nicht aus der Verbindung entstehen, sie macht vielmehr dadurch, dass' 
sie zur Vorstellung des MannigMtigen hinzukommt, den Begriff der 
'Verbindung allererst möglich. Diese Einheit, die a priori vor allen Be- 
griffen der Verbindung vorhergeht, ist nicht etwa jene Kategorie der 



* Ob die Yorfitellungeu selbst icbentisch su^d, und also eine durch die andere 
analytisch könne gedacht werden, das kommt hier nicht in Betrachtang. Das Be- 
wuastsein der einen ist, so fem vom Mannigfaltig^i die Rede ifAf vom Bewusstsein 
4«r anderen doch immer s« unterscheiden, und a«f dio Synthe^ dieses (möglichen; 
Hewusstseins kommt es hier allein an- 



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n. Absduutt. Trftpssc. Deduction defr r^nen Verstandesbegzifb. 115 

Einheit (§, 10); demi alle Kategorie gründen sich wa£ Ipgjscte Func- 
tionen in Tlrtheileji, in diesen abe^ isit 9^n Yerl^jüpkdiw^ mittBiB üinb^t 
g€^bej3üßr Begriffe g^d^cht Die Kfrfiegorie sel^ ^ scho» V^Wndung 
voraus. Als© wtii^se^ vir diese JEinb^t (^ guaJit^ve §, 120 ^^^ 
höher such^, nämlich in demjen%^ was seihst de^ (^cnind der Einheit 
yerschiedener Begriffe i^ Urth^en, mitbin der lli>g}ich^t des Ver- 
standes sogar in seinem loschen Gehrauche enthalt. 

§. 16. 
Van der iirspränglitsli- synthetischen Einheit der Apperception. 

Das ,Jeh denke" muss aEie meii^e Vorstellungen begleateu kü^nnen; 
denn sonst würde etwas in mx Forgestellt werden, was gar pjicbt ge-i39 
dacht werden köm^^, we)cbes ebenso viel heisst^ sUb ^ Vorstellung 
würde entweder unmöglich oder wenigstens fUr mich nichts «^ Die- 
j^iige Vorstellung, die vor Allem D^en g^tgebe^ aem kapp, heisst 
Anechauun^. Also bat »lies M^i^ügfaltige der AnAchawimg me 
nothwendige Besziehung auf das „Ich denke" in demselben Subject, 
dazjn dießes Mannigfaltige angetroffen w^. Diese Vorstellung aber ist 
ein Actu^ der Spcji^t^^eität, d. i sie )ißm i^bt als zur 3in|pjüchkelt 
gehörig angesehen werden. Ich nei^ne ^ie die reii^e Apperception, 
ujn sie von der empirischen zu untterscheiden, oder ^ch die ur» 
sprüngliche Apperception, weil .sie da^eoige Selbstbeirusstsein ist, 
was, indem es die Vorstellung „leb denke^' hervorbrimgt, die a% 
anderen muss begleiten können und in allem Bewusstsein ein und das- 
selbe ist, von keiner weiter begleitet werden kenn. Ich nenne $^ch die 
Einheit derselben die traiisscendentale Einheit des Selbstibewusst^ 
Bans, um die Mögüehkeit der Erkeimtniss a friert aus ihr sn bezeichnen. 
DaHi die mamiigMtigen Verätzungen, die in einer gewissen Anschauung 
gegeben werden, würden nicht insgesammt meine Vorstellungen sein, 
wenn ;9ie nicht insgesammt zu ^em Se^bstbewusstsein gehörten, d. L 
als meine VorstelluAgeu (ob ich mix ihrer gM^h oicbt als s<>lch^ be- 
wusst Yna) müssen sie doch dw Bedingung nothwendig gemSss sein, 
imter der ne aUeSn in dnem allgemdnen Selbstbewxtsstsein zusamm^i- 
stehen können, weil sie sonst nicht durchgän^g mir angehören würden. 133 
Aus dieser ursprünglichen Verbindung lässt sich Vieles folgern. 



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116 Elömentarlehre. n. Theil. L Abtheütmg. I. Buch. 11. Hauptstfick. 

Nämlich diese durchgängige Identität der App erceptiou eines in der 
Anschammg gegebenen Mannigfaltigen enthält eine Synthesis der Vor- 
stellungen, und ist nur durch das Bewusstsein dieser Syndiesis möglicK. 
Denn das empirische Bewusstsein,, welches verschiedene Vorstellungen 
begleitet, ist an sich zerstreut und ohne Beziehung auf die Identität des 
Bnbjects. Diese Beziehung geschieht also dadurch noch nicht, dass ich 
jede Vorstellung mit Bewusstsebi begleite, sondern dass ich dne zu der 
' anderen hinzusetze und mir der Synthesis derselben bewusst bin. 
Also nur dadurch, dass ich ein Mannigfaltiges gegebener Vorstellungen 
in «einem Bewusstsein verbind^a kannf ist es möglich, dass ich mir 
die Identität des Bewusstseins in diesen Vorstellungen selbst 
vorstelle, d. i. die analytische Einheit der Apperception ist nur unter 
:i«*der Voraussetzung irgend einer synthetischen möglich.* Der Ge- 
danke: diese in der Anschauung gegebenen Vorstellungen gehören mir 
insgesammt zu, heisst demnach so viel als: ich vereinige sie in einem 
Selbstbewusstsein oder kann sie wenigstens darin vereinigen; und ob er 
gleich selbst noch nicht das Bewusstsein der Synthesis der Vor- 
stellungen ist, so setzt er doch die Möglichkeit der letzteren voraus, 
d. i. nur dadurch, dass ich das Mannigfaltige derselben in einem Be- 
wusstsein begreifen kann, nenne ith diesdben insgesammt meine Vor- 
stellungen; denn sonst würde ich ein so vielfarbiges verschiedenes Selbst 
haben, als ich Vorstellungen habe, deren ich mir bewusst bin. Synthe- 
tische Einheit des Mannigftiltigen der Anschauungen als a priori gegeben 
fet also der Grund der Identität der Apperception selbst, die a prtori 



* Die analytische Einheit de^ Bewusstseins hängt aHen gemeinsamen Begriffen 
sä» solchen an; a. B. wenn !<^ mir roth ttbertiaupt denke, so stelle ich mir dadurch 
ein^ Beschaffenheit yor, die (als Merkmal) ixgend woran angetroffen oder mit anderen 
Vorstellungen verbunden sein kann; also nur vermöge einer Toraosgedachten mög- 
lichen synthetischen Einheit kann ich mir die analytische yorstellen. Eine Vor- 
stellung, die als yerschiedenen gemein gedacht werden soll, wird als zu solchen 
gehörig angesehen, die ausser ihr noch etwas Verschiedenes an sich haben; folglich 
DKtss sie in ^rnthetiscber Mnheit mit anderen (wenn gleich nur möglichen Vor- 
stellungen) yorher gedacht werden, «be ich die analytische Einheit des Bewussi^t^s, 
-Reiche sie zum eonc<iptm cimmums macht, an ihr denken kann. VM so ist di« 
synthetische Einheit der Apperception der höchste Punkt, an den man allen Vor-, 
Standesgebrauch, selbst die ganze Logik, und nach ihr die Transscendental-Philosophie 
heften muss. Ja dieses Vermögen ist der Verstand selbst. 



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n. Abtcbnitt Tnmsyc Deductloii der reinen Terstandesbegriffe. X17 

allein meinem bestiminten Denken yorhergelit. Verbindung liegt aber 
nicht in den Gegenständen, und kann von ihnen nicht etwa durch 
Wahrnehmung entlehnt und in den Yersti^d dadurch allererst aufge- 
nommen werden, sondern ist allein eine Verrichtung des Verstandes, der iss 
sdbst nichts weiter ist als das Vermögen, a ffriort zu verbinden und das 
Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter die Einhdt der Appercep- 
tion zu bringen, welcher Grundsatz der oberste in der ganzen mensch- 
lichen Erkenntniss ist 

Dieser Grundsatz der nothwendigen Einheit der Apperception ist 
nun zwar selbst identisch, mithin ein analgetischer Satz, erklärt aber 
doch eine Synthesis des in dner Anschauung gegebenen Mannigfaltigen 
als nothwendig, ohne welche jene durchgängige Identität des Selbst- 
bewosstseins nicht gedacht werden kann. Denn durch das Ich als ein- 
fyxhe Vorstellung ist nichts Mannigfaltiges gegeben; in der Anschauung, 
die davon unterschieden ist, kann es nur gegeben, und durch Verbin« 
düng in einem Bewusstsdn gedacht werden. Ein Verstand, in welchem 
durch das Selbstbewusstsein zugleich alles Mannigfaltige gegeben wtlrde, 
würde anschauen; der unsere kann nur denken xmd muss in den 
IKnnen die Anschauung suchen. Ich bin mir also des identischen Selbst 
bewusst in Ansehung 'des Mannigfaltigen der mir in dner Anschauung 
gegebenen Vorstellungen, weU ich sie insgesammt meine Vorstellungen 
nenne, die eine ausmachen. Das ist aber so viel als dass ich mir einer 
nothwendigen Synthesis derselben a prufH bewusst bin, welche die ur- 
sprüngliche sjnUietische Einheit der Apperception heisst, unter der alle 
mir gegebenen Vorstellungen stehen, aber unter die sie auch durch eine tH 
Sjnthesis gebracht werden püssen. 

§.17. 

Der Grundsatz d^r sjuth^isohen Einheit der Apperception ist das 
oberste Princip alles Verstandesgebrauchs. 

Der oberste Grundsalz der Möglichkeit aller Anschauung in Be- 
ziehung auf die Sinnlichkeit war laut der transscendentaleif Aesthetik, 
dass alles Mannigfeltige derselben unt^ den ^imalen Bedingongen des 
Raums und der Zdt stehe. Der oberste Grundsatz eben ders^ben in 
Beziehung auf den Verstand ist, dass alles Manm'gfaltige der Anschauung > 



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118 Elementarlehre. II. Theil. t Abtheilung, t Buch. II. Öauptstück. 

unter ißediiigungen der m^sprünglich synttetfechen Einhdt der Apper- 
ception stehe.* Unter dem etöteten stehen alle mannigfaltigen Vor- 
stellungen de? Anschauung, so fem siö toM gegeben werden, unter 
dem zweiten, so fern sie in einem Bei^usstseiu müssen verbunden 

137 werden können; denii ohnö dat6 kaim nichts dadurch gedacht oder er- 
kannt werden, weü die gegebenen Vorstellungen den Actus deif Apper- 
ception „Ich denke'* nicht gemein habeü, uhd dadurch nicht in einem 
Selbstbewusstsein zusammengefasst sein würden. 

"V'erständ i^ allgemein zu reden, daö vermögen der Erkennt- 
nisse. Biese bestehen in der bestimmtön fieiiehung gegebener Vor- 
stellungen auf ein öbject. Object aber ist das, in dessen Begritf das 
Mannigfeltigö einer gegebenen Ahschautog vereinigt ist. Nun erfor- 
dert aber alle Vereinigürig der Vorstellungen Einheit deä Bewusstseins 
in der Synthesis derselben. IPolglich ist die Einheit des Bewusstseins 
dasjenige, was aÖein die BeÄietuhg dör Votötellungen auf einen Gegen- 
stand mithin ihre objective Gütigkeit, fblg^ch dass sie Erkenntnisse 
werden, ausmacht, und worauf folglich selbst die MögBchteit des Ver- 
standes beruht. 

Üie erste reine Verstandeserkenntnisö also, worauf sein ganzer 
übriger Gfebrauch sich gründet, welche auöh zugleich von allen Bedin- 
gungen der sinnliclieh Anschauung ganz unabh^gig ist, ist nun der 
Grundsatz der ursprünglichen synthetischen Einheit der Appercep- 
tion. So ist di6 olosse Form der äusseren siiinlichen Anschauung, der 
Kaum, nbcii gär keine Erkenntniss-, er giett nur das Mannig-faltige der 
Anscfeäüüng d przort zu einer möglichen Erkehhtniss. Um aber irgend 
etwas im Räume zu erkennen, z. B. eine liinlö, muss ich "fiie ziehen 

138 und also eine bestimmte Verbindung des gegebenen Mannigfaltigen 
synthetisch zu Stande bringen, so dass die Einheit dieser Handlung 
zugleich ^ Eiqibeit'des. Bewufestd^ins (im £eg^r3& ^uier Zime),!i$t, wjj 



* Der Kaum und die Zeit und alle Theile desselben sind Anschauungen, 
mithin einzelne Vörstellutigen mit dem Manhi^faltigeti, da^ sl^ in äich Enthalten 
(ii^& die tr^ih^^cc^idetiftAtd Aesthe^), mithin lÜch« Uoäse B^^ff^« chi^h die eben 
dasseifte Bttrusitsdn ab in vielML Voe^ellungen, wmAem viele VoTatMlungen als in 
,einer tib4 der^ BewusfttSein enthalten, mithin aU zusammeogesotzt^ iblglich die 
Einheit des bewusstseins als synthetisch aber doch ursprünglich angetroffen wird. 
Diese Einzelheit derselben ist wichtig in der Anwendung (siehe §. 25.). 



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IL Al>Mlmitt Tratisac. Dedaetion dcor reinen Ver^tandeabegrifie. 1 1^ 

dadoreh alta^rst eia Ob^t (ein bestimmte Eawq) erkannt wird. D&$ 
sTnthetiache Biaheit des BewiASStseins ist also eine objective Bediogunf 
aller SrkeiiBtniss, nicht deren ieli bloss s^bst bedarf, tim ein Oli^ieot 0u 
^kenneft, sondern nnter dier jede Anschauung stehen miUS) um für 
mich Objeet »n werden, weil anf andere Art und ohne diese Sjnth^ 
sis dfts Mannigfedti^ si(^ nicht in einem BewUBstsein vereinige würdiei 

r^seir letKt^re Satas ist, wie gtaagt, selbst analjtisoh, ob er aw«t 
die syntketisehe Einheit zur Bedingtmg sdles Denken» maeht^ denn et 
sagt nichts weiter, als daa» alle meine Yorst^nngen in kg^d einest 
gegebenen Anschauung untar deir Bedingung stehen nüssen, unter dev 
ich sie allein als meine Yorstelhingen au dem identischen S^bst reehuen^ 
mnd also als in em^ Appe^rception synthedsdh verbnaaden durch den 
allgemeinen AnsdjmdE ,Jch denke^^ zusammenfassen kaniL, 

Aber diesw Grrundsatz ist doch ni^^ ein Prindp für jeden übe^ 
haupt m^lidien Verstaad^ sondern nur fiir den^ durch dessen reind 
Apperceptioii im der Vorstellung ,^teh bin" noch gair lädii» HannigH 
fidtigecr gegeben ist Deijenige Yetstaad, durch dessmi S^bstbewusstsenf 
zugleich das Mannigfaltige der Anschauung gegeben würde^ ein Yevstand^ ist 
durch dessen Yorstellung zugleich die Objecto dieser Yorstellung exi- 
stirten, würde einen besonderen Actus der Synthesis des Mannigfaltigen 
zu der Einheit des Bewusstseins nicht bedürfen, deren der menschliche 
Yerstand, der bloss denkt, nicht anschaut, bedarf. Aber für den menst^-^ 
liehen Yerstand ist er doch unventoeidlicif der erste Ghfttndsatz, so dass 
er sich sogar ^on einem anderen möglichen Verstände, entweder einem 
solchen, der selbst anschaute, oder, wenn gleich eine sinnUche Anschau7 
ung, aber doch von aAder^ Art als die im Eaume und äer Zeit zun| 
Grunde liegend besässe« sich nicht ien mincbstjen Begriff machen kann« 

§• ^^• 
Wäs objective E3nhert des Selbstbewusstseins sei 

Die transscendentale Einheit der Apperception ist diejenige, 
durch welche alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen 
Befrriff vom ObjeCt vereinigt wird. Sie heisst darum objectiv, und 
muss von der subjectiven Einheit des Bewusstseins imterschieden 
werden, die eine Bestimmung des inneren Sinnes ist» dadurch jenes 



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120 Elementarlelire. II. Theil. L AbtheUnng. L Buch. IL Hauptst^k. 

Hannigfaltige der Anschauung zu einer solclien Yerbuidimg empiriscb 
gegeben wird. Ob ich mir des Mannigfaltigen als zugleich od^ nach 
einand^ empirisch bewusst sein k^hme, kommt auf Un»9tände oder 

140 empirische Bedingungen an. Dah^ die empirische £inheit des Bewnsist* 
Beins durch Association der Vorstellungen selbst eine Erscheinung betrifft 
und ganz zuMlig ist. Dagegen steht die reine Form der Anscha;iiimg 
in der Zeit bloss als Anschauung überhaupt^ die dn gegebenes Mannig- 
feltiges enthält, unter der ursprünglichen Einheit des Bewusstseins ledig* 
Höh durch die nothwendige Beziehung des Mannigfaltigen der Anschauung 
«um einen „Ich denke", also durch die reine Synthesis des Verstandes, 
welche a priori der empirischen zum Grunde liegt. J^ie Einheit ist 
allein objectiv giltig; die empirische Einhdt der Apperception, die wir 
hier nicht erwäg^i, und die auch nur von d^ ersteren unter gegebenen 
Bedingungen in concreto abgelötet ist, hat nur subjective Giltigkeit. 
Einer verbindet die Vorstellung eines gewissen Worts mit ein« Sache, 
der andere mit einer anderen Sache; und die Einheit des Bewusstseins 
in dem, was empirisch ist, ist in Ansehung dessen, was gegeben ist, nicht 

. noihwendig und allgemein gelt^d. 

§. 19. 

Pie logische Form aller ürtheile besteht in der objeetiven Einheit 
der Apperception der darin enthaltenen Begriflfe. 

Ich habe midi niemals durch die Erklärung, welche die Logiker 
von einem Ürtheile überhaupt geben, befriedigen können: es ist, wie sie 
Äagen, die Vorstellung eines Verhältnisses zwischen zwei Begriffen. 
uiOhne nun hier über das Fehlerhafte der Erklärung, dass sie allenftdls 
nur auf kategorische, aber nicht auf hypothetische und disjunctive ürtheile 
passt (als welche letzteren nicht ein Verhältniss von Begriffen, sondern 
selbst von UxthepULen' enthalten), mjt ihnen zu sanken (ohnecachtet aus 
diesem Versehen der Logik manche lästige Folgen erwachsen sind*), 



* Die weitläufige Lehre von den vier syllogistischen Figuren betrifft nur di« 
kategorischen Vemunftschltisse, und ob sie zwar nichts weiter ist als eine Kunst, 
durch Versteckung unmittelbarer Schlüsse (consequentiae immeduUae) unter die ^rit- 
missen eines reinen Vemunftschlusses den Schein mehrerer Schlussarten als des in 



L 



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n. Abschuitt. Tranase. Doduetion der reinen Verstandesbegiiffe. 121 

merke ich nur an, dass, worin dieses Verhältniss bestehe, hier nicht 
bestimmt ist. 

Wenn ich aber die Beziehung gegebener Erkenntnisse in jedem 
Urtheile genauer untersuche, und sie als dem Verstände angehörig von 
•dem Verhältnisse nach Gesetzen dfer reproductiven Embildungskraft 
{welches nur subjective Gütigkeit hat) unterscheide, so £nde ich, dass ein 
Urtheil xuchts Anderes sei als die Art, gegebene Erkenntnisse zur ob- 
j^ctiv^n Einheit der Apperceplion zu bringen. Darauf zielt das Ver- 
hältnisswörtchen »ist" in denselben, um die objeetive Einheit gegebener la 
Vorstelhmgeii von der eubjectiven zu unterscheiden. Denn dieses be« 
Edchnet die Beziehung derselben auf die ursprüngliche Appereeption und 
die Bothwendige Einheit dersdben, weiui gleich das Urtheil selbst 
empirisch, mithiyi zufallig ißt, z. B. die Körper sind schwer. Damit ich 
zwar nicht sagen wUl, diese Vorstellungen gehören in der empirisch^a 
Anschauung nothwendig zu einander, sondern sie gehören vermöge 
der Both wendigen Einheit der Appereeption in der Synthesis der 
Anschauungen zu einander, d. i mach Principien der ol>jectiven Bestim- 
mung aller Vorstellungen, so fem dsuraus Erkenntniss werden kann, welche 
Prioicipien alle aus dem Grundsatze der transsc^dentalen Einheit der 
Appereeption abgeleitet sind. Dadurch allein wird aus diesem Verhält- 
nisse ein Urtheil d. i. ein Verhältniss, das objectiv giltig ist und 
sich von dem Verhältnisse eben derselben Vorstellungen, worin bloss 
subjective Gütigkeit wäre, z. B. nach Gesetzen der Association, hinreichend 
unterscheidet. Nach den letzteren würde ich nur sagen können: wenn 
ich einen Körper trage, so ftihle ich einen Druck der Schwere, aber nicht: 
^, der Körper, Ut schwer, welches so viel sagen will ab: diese beiden 
Vorstellnngen sind im Object, d, i, ohne Unterschied des Zustandes des 
Sobjects verbunden, und nicht bloss in der Wahrnehmung (so oft sie 
«uch wiederholt sein mag) beisammen. 



•der ersten Figur zu erschleichet!, so Würde sie doch dadurch allein kein sonderliches 
Olück gemacht haben, wenn es ihr nicht gelungen wäre, die kategorischen Urtheile 
4ds die, worauf sich alle anderen müssen beziehen lassen, in ausschliessliches Ansehen 
SU cmngen, weiches aber nach §. 9. falsch isp. 



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122 Elemefutarlehre. n. Tbeil. I. Abthdilmig, L Buch. H^ Haaptsttck. 



143 §. 20. . . * 

Alle sinnlichen Anschauungen stehen unter den Kategorien al9> 

Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige derselben in 

einem Bewusstsein zusammenkcMnmen kann. 

Das mannigfaltige in einer sinnlichen Ansdbauting ^egtähefle gehöit 
nothwendig unter die ursprüngliche synthetische Einheit döi» Af ptt*ccptioÄv 
weil durch diese die Einheit der Anschaütmg aUein Inö^ch ist (§, 17)i 
Diejenige Handlung des Verstandes aher, dure^h die das MltttfligMtig^ 
gegebener Vorstellungen (sie mögen Anschauung^ oder Begriffe sein) 
unter eine AppercepÜon überhaupt gebracht iw^d, ist fie tegi^che Fufli** 
tion der Urtheüe (§. 19). Also ist alles Mannigfeftigiö, so fem es Itt 
einer empirischen Anschauung gegeben ist, in Ansehung eiiier äer lo*^ 
gischen Functionen zu urtheüen bestimmt, dtttch die es nSmiSeh sm 
einem Be^msötsein überhaupt gebracht wird. Nun ^ttd aber die Kate^^ 
gorien nichts Anderes als eben diese! Functionen zu urth^öö, So ^dmda» 
Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung in Ans^ung ihrer b^timmt 
ist (§. 13). Also steht auch das Mannigfaltfge in einer gegebenen An»^ 
schauung nothwendig unter Kategorien. 

lu §. 21. 

Anmerkung. 

Ein Mannigfaljdges, das in einer Anschauung, ^er ich di^ i^dn%^ 
nenne, enthalten ist, wird durch die Synthesis des Verstands als z^ 
nothwendigen Einheit des Sdbstbewusstsehis gehörig vofge«eellt, und 
dieseö geschieht durch die Kategorie.* Diese zeigt also an, dass da« 
empirische Bewusstsein eines gegebenen MamligfiEdtigt^n einer Anschauung^ 
ebenso wol unter einem reinen Selbstbewusstsein a priori, wie empirische 
Anschauung unter einer reinen sinnlichen, die gleichfalls a priori statt 



* Der Beweisgrund beruht auf der Yoreestellten Einheit der Anschauung, 
dadurch ein Gegenstand gegeben wird, welche jederzeit eine Synthesis des mannig- 
faltigen zu einer Anschauung Gegebenen in sich schliesst und schon die Beziehung 
dieses letzteren auf die Einheit der Apperception enthält 



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n. Abselmitt. Transsc. Deduction der reinen Verstandesbegriffe. 123 

hat, stehe. — Im obigem Satze ist also der Anfang einer Deduction 
der reinen Verstandesbegriffe gemacht, in welcher ich, da die Kategorien 
aiabhängig ron Sinplickkeit bloss im Verstände entspringe«, 
noch v<»i der Art, wie das Manni^aldge zu einer empirischen Anschauung 
gegeben werde, abstrahiren muss, um nur auf die Einheit, die in die 
Anschauting vermittelst der Kategorie ditfch den Verstand hinzukommt, 
zu selten. In det I^olge (§. 26.) wird aus de!^ Art, wie in der Sinnlich- 
keit äit ömpirfeche Anschauung gegeben wird, gezeigt worden, dass die 145 
Einheit derselben keine andere sei*, als welche die Kategorie nach dem 
vorigen §. 20. dem Mannigfaltigen einer gegebenen Anschauung übei'- 
haupt Vorschreibt, und dadurch also, dass ihr6 öiltlgkeit a priori in An- 
sehung alktf Cfegenstände unserer Sinne erklärt wird, die Absicht der 
DedactSon aÖeferst völlig erf eicht Börden. 

Allöin voll ^ü6m Stücke konnte ich im obigen Beweise doch nicht 
abstrahiren, Hätfllich davon, daSs das Mannigfaltige fttr die Anschauung 
noch vor det^ Syhthfesii^ des Verstandes und unabhängig von ihr gegeben 
sehi nifiösöj Me aböif, blefbt hiei* linbestimmt. Denn, wollte iöh mir 
einen Vöi-stand denken, döi' öelbst atischaute (wie etwa einen göttlichen, 
def ni^t gegebene Gregenstände sidh vorstellte, sondern dui*ct dessen 
Voröteüung die Öegen^tände öelbi^ j^ugleich gegeben oder hervorgebracht 
wtirdeil), so würden die Kategorien in Anöehung einer solchen Erkennt- 
niss gät- keine Bedeutung hdbeti. Sie sind nur llegeln för einen Verstand, 
dessen ganies Verniögeh im Üenken besteht, d. i. in der Handlung, die 
Sjmthe^ des Mannigfeltlgeil, wd6hes ihm anderweitig in der Anschau- 
ung gegeben wotdeii, iztu^ Kfhhelt det Apperceptloti zu bringet, der also 
für dich gdr litchtsr ei'ketmt, ööndem Hur den Stoff ^r Erkenntniss, die 
Anschauiöig, Sii ihm dufchs öbject gegeben werden muss, verbindet 
und ordnet. "Vöü (fef !fögenthümlichkeit ünsei^es Verstandes aber, nur 
vermittetet def Kategorien und nur gerade dtli-ch diese Art! und Zahlue 
detsdbeh ifönhelt der Apperceptioü ä priori ±\x Stiecöde zü bringen, lässt 
sieh ebeMo Wenig ferndi* ein Oiiind angeben, als \^ärtim #if gerade 
diese tÜid feeiäfe änderen l'ünctfönen td tfriteilen hab^n, oder wanini 
Zeit ondßäüin dI6 einzigen t*örmeii unsei*er mögliclien Anschauung sind. 



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124 Elementarlehre. IL Theil. I. Abtkeilung. L Buch. DL Haupt6t&ck. 

§. 22. 

Die Kategorie hat keinen anderen Gebrauch zur Erkenntniss der 
Dinge, als ihre Anwendung auf Gegenstände der Erfahrung. 

Sich einen Gegenstand denken, un4 einen Gegenstand erkennen 
ist also nicht einerlei Zur Erkenntniss gehören nämlich zwei Stücke: 
erstlich der Begriff, dadurch überhaupt ein Gegenstand gedacht wird 
^die Kategorie), und zweitens die Anschauung, dadurch er gegeben wird; 
denn könnte dem Begriffe eine correspondirende Anschauung gar nicht 
gegeben werden, so wäre er ein Gedanke der Form nach, aber ohne allen 
Gegenstand, und durch ihn gar keine Erkenntniss von irgend einem 
Dinge möglich, weil es, so viel icji wüsste, nichts gäbe noch geben 
könnte, worauf mein Gedanke angewandt werden k(mnt6. Nun ist alle 
uns mögliche Anschauung sinnlich (Aesthetik), also kann das Denken 
eines Gegenstandes überhaupt durch einen reinen Verstandesbegriff bei 
uns nur Erkenntniss werden, so fem dieser auf Gegenstände der Sinne 
147 bezogen wird. Simaliche Anschauung ist entweder reine Anschauung 
(Raum und Zeit) oder empirische Anschauung desjenigen, was im Baum 
imd der Zeit unmittelbar als wirklich, durch Empfindung vorgest^t wird. 
Durch Bestimmung der ersteren könn^ wir Brkaintnisse a priori von 
Gegenständen (in d^r Mathematik) bekommen^ aber nur ih»er Form nach, 
als Erscheinungen; ob es Dinge geben könne, die in dieser Form ange- 
schaut werden müssen,- bleibt doch dabei noch unausgemacht. Polglich 
sind alle mathematische Begriffe ^ sich nicht Erkenntnisse, ausser so 
fem man voraussetzt, dass es Dinge giebt, die sich nur der Form jener 
reinen sinnlichen Anschauipag gemäss von uns darstellen lassen. Dinge 
im Eaum und der Zeit werden aber nur gegeben, so fem sie Wahr- 
nehmungen (mit Empfindung begleitete Vorstellimgen) sind, mithin durch 
empirische Vorstellung. Folglich verschaffen die reinen Verstaadesbegriffe, 
selbst wenn sie auf Anschauungen a priori (wie in der Mathematik) an- 
gewandt werden, nur so fem Erkenntniss, als diese, mithin auch die 
Terstandesbegriffe vermittelst ihrer auf empirische Anschauungen ange- 
wandt werden können. Folglich liefem uns die Kategorien vermittelst 
der Anschauung auch keine Erkenntniss von Dingen, als nur durch ihre 
mögliche Anwendung auf empirische Anschauung, d. L sie dieD'=in 



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n. AbMbnitt Transsc. Ddduction d^ reinen Verstandesbegrifie. 125 

nur zur MögKclikeit empirisclier Erkenntniss. Diese aber heisst 
Erfahrung. Folglich haben die Kategorien keinen anderen Gebrauch 
zur Erkenntniss der Dinge, als nur so fem diese als Gegenstände mög- 148 
Hoher Erfahrung angenommen werden. 

§. 23. 

Der obige Sata ist von der grössten Wichtigkeit; denn er bestimmt 
ebenso wol die Grenzen des Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe in 
Ansehung der Gegenstände, als die transscendentale Aesthetik die 
Grenzen des Gebrauchs der reinen Form unserer sinnlichen Anschauung 
bestimmte. Baum und Zeit gelten als Bedingungen der Möglichkeit, wie- 
uns Geg«istände gegeben werden können, nicht weiter als ftir Gegen- 
stfinde der Sinne, mithin nur der Erfahrung. lieber diese Grenzen hinaus 
stellen sie gar nichts vor; denn sie sind nur in den Sinnen imd haben 
ausser ihnen keine Wirklichkeit. Die reinen Verstandesbegriffe sind von 
dieser Einschränkung frei, und erstrecken sich auf Gegenstände der An- 
schauung Überhaupt, sie mag der unsrigen ähnlich sein oder nicht, wenn 
sie nur sinnlich und nicht intellectuell ist. Diese weitere Ausdehnung 
der Begriffe Über unsere sinnliche Anschauung hinaus hilft uns aber zui 
nichts. Denn es sind alsdann leere Begriffe von Objecten, von denen. 
ob sie nur einmal möglich sind oder nicht, wir durch jene gar nicht ur- 
theilen können, blosse Gedankenformen ohne objective Realität, weil wir 
keine Anschauung zur Hand haben, auf weldie die synthetische Einheit 
der Apperception, die jene allein enthalten, angewandt werden, und sie 
so einen Gegenstand bestimmen könnten. Unsere sinnliche und empi-i4» 
rische Anschauung kann ihnen allein Sinn und Bedeutung verschaffen. 

Nimmt man also ein Object einer nichtsinnlichen Anschauung als 
gegeben an, so kann man es freilich durch alle die Prädicate vorstellen, 
die schon in der Voraussetzung liegen, dass ihm nichts zur sinn- 
lichen Anschauung Gehöriges zukomme, also dass es nicht aus- 
gedehnt od^r im Räume sei, dass die Dauer desselben keine Zeit sei, 
dass in ihm keine Veränderung (Folge der Bestimmungen in de» Zeit) 
angetroffen werde u. s. w. Allein das ist doch keine eigentliche Erkennt- 
niss, wenn ich bloss anzöge, wie die Anschauung des Objects nicht sei, 
ohne sagen zu können, was in ihr denn enthalten sei; denn alsdann habe* 



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126 Elementarlehre. DL Theil L Abtheilung. I. ^mh. fü fUfi^taiaick. 

ich gar nicht die Möglichkeit eines Objects «u ^leinem reinen Verßtandea- 
begriff vorgestellt, weü ich keine Ansebammg habe geben können, die 
Ihm correapondirte, sondern nur sagen konnte, daaa dje mwrigß nicfet 
für ihn gelte. Aber das Vornehmste ist hier, d^^ss ß>}4 ein solches Etwas 
auch nicht einmal eine einzige Kategorie angewandt werden könnte, z. B. 
der Begriff einer Substanz d. i. von etwas, das als Subject, niemals aber 
als blosses Prädicat existiren könne, wovon ich gar nicht weiss, ob es 
irgend ein Ding geben könae, das dieser Gred^x^k^nhestimmm^g corre- 
spondirte, wenn nicht exHq[)irisehe Ai^achauung mir den FaU d^ Anwe»- 
dung gäbe. Doch mehr hiervon ia der Folge. 

150 §. 24. 

Von der Anwendung der Kategorien auf Gegenstände 
der Sinne überhaupt. 

Die reinen Verstandesbegriffe beziehen sich dim^h den blossen Ver- 
stand auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, unbestimmt ob sie 
die unsrige oder irgend eine andere, doch sinnliche sei, sind. aber eben 
4arum blosse Gedankenformen, wodurch noch kein bestimmter Ge- 
genstand erkannt wird. Die Synthesis oder Verbindung des Mannigfal- 
tigen in denselben .bezog sieh bloss auf die Einheit der Apperc^ption 
und war dadurch der Grimd der Möglichkeit dex Erkenntoiss a priori^ 
jBo fem sie auf dem Verstände beruht, und mithin ni(?ht allein transscen- 
dental, sondern auch bloss rein intellectual. Weil in uns aber eine ge- 
wisse Form der sinnlichen Anschauung a priori zmn Grunde liegt, welclie 
auf der ßeceptivität der Vorstellungsfähigkeit (Sinnlichkeit) beruht, so 
kann der Verstand als Spontanität den inneren Sinn durch das Mannig- 
faltige gegebener Vorstellungen der syntlietischen Einheit der Appercep- 
1ion gemäss bestimmen, und so synthetische Einheit der Apperception 
des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung a pritm denken, als 
die Bedingung, unter welcher alle Gegenstände innerer (der nj^ußchlichen) 
Anschauung nothwendiger Weise stehen müssen, dadurch denn die Kate- 
gorien als blosse Gßdank^ormen objective Eealit^t, d. i. Aawmdung 
.^61 auf Gegenstände, die uns in der Anschauung gegeben werden köimen, 
aber nur als Erscheinungen, bekommen j denn ^ nur von diesen sind wir 
der Anschauung a priori fähig. 



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U. jk})9^\aL%yi. y^n^aaß. Deduction der reinen Verstandesbegriflfe. 1^7 

jCHeee Synitbesis des Mamu^oltigeu d^r sinnlichen Anschauung, 
^ a priori mö^ch und nothwendig ist, k^nn figürlich (st/nth^ü speeiosa) 
genannt werdet^, zvm Unterschiede von derjöug^ft, wdche in Ansehung 
•des Mannigfaltigen ^er Ans<2bauung überhaupt in der blossen Kategorie 
gedacht wilrde, und Verstandesv^jrbindung {synthesü inteilectualis) heisst; 
beide sind tr an sscen dental, nicht bloss weil sie selbst a priori vorge- 
t^en, sondern auch die Möglichkeit andrer Erkenntniss a priori begründen. 

Allein die :ßgürliche Synthesis, wenn sie bloss auf die ursprüngliche 
synthetische Einheit der Appercepöon, d. i. diese transscendentale Ein- 
heit geht, welche in den Kategorien gedacht wird, muss zum Unter- 
schiede von dör bloßs i^tellßctpeUen Verbindimg die transscendentale 
•Syntb^esis der Einbildungskraft heisaen. Einbildungskraft ist 
4iu3 Yennöge][i, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in 
der AnBchaun^g vpr^usißUon. jO|a nun alle unsere Anschauung sinnlich 
ist, so gehöj^ die Jpinbildiu^kraft der subjectiven Bedingung wegen, 
jonter der sie allein den Ve^ratandesbegriffen eine correspondirende An- 
schauung geben kann, zur Sinnlichkeit; so fem aber doch ihre Syn- 
.^esis eine Ausübnng der Spontaneitlit ist, welche bestimmend und nicht 
nie der Sinn bloss bestimmbar ist, mithin n priori den Sinn seiner Form isj 
oadb d^r Einheit der Apperception gemäss bestimmen kann, so ist die 
Einbildun^kraft so fem ein Vermögen die Sinnlichkeit a priori zu be- 
fltinunen, nnd äu*e Synthesis d^a* Anschauungen den Kategorien 
gemäss nmss die transscendentale Synthesis der Einbildungskraft 
sein, weldbes dne Wirkung des Verstandes auf die Sinnlichkeit und die 
erste Anwaidujftg desselben (zugleich der Grund aller übrigen) auf 
Gegenstände der uns mögüchen Anschauuijg ist. Sie ist als figürlich 
von der inteUectueUen Synthesis ohne alle Einbildungskraft bloss durch 
den V^staud unterschieden. So fem die Einbildungskraft nun Sponta- 
neität ist, nenne ich sie auch bisweilen die productive Einbildungs- 
kraft nnd unterscheide sie dadurch von der reproductiven, deren 
Synthesis ledigUch empirischen Gesetzen, nämlich denen der Association 
unterworfen ist, nnd wekhe daher zur Erklärung dar Möglichkeit der 
Erkenntniss a priori nichts beiträgt und um des willen nicht in die 
TransscendentalphiJo9ophi^ sondern in die Psy-^shologie gehört. 



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128 Elementarlehre. IL Theil. I. Abtheilung. I. Buch. ü. Hauptstück. 

Hier ist nun der Ort, das Paradoxe, was jedermann bei der Expo- 
sition der Form des inneren Sinnes (§. 6.) auffallen musste, verständlich 
zu machen: nämlich wie dieser auch sogar uns selbst nur, wie wir uns 

158 erscheinen, nicht wie wir an uns selbst sind, dem Bewusstsein darstelle, 
weil wir nämlich uns nur anschauen, wie wir innerlich afficirt werden, 
welches widersprechend zu sein scheint, indem wir uns gegen uns selbst 
als leidend verhalten müssten; daher man auch lieber den inneren 
Sinn mit dem Vermögen der Apperception (welche wir sorgfältig 
unterscheiden) in den Systemen der Psychologie fttr einerlei auszugeben 
pflegt. 

. Dsis, was den inneren Sinn bestimmt, ist der Verstand und dessen 
ursprüngliches Vermögen, das Mannigfaltige der Anschauung zu ver- 
binden, d. i unter eine Apperception (als worauf selbst seine Möglich- 
keit beruht) zu bringen. Weil nun der Verstand in uns Menschen selbst 
kein Vermögen der Anschauung ist, und diese, wenn sie auch in der 
Sinnlichkeit gegeben wäre, doch nicht in sich aufiiehmen kann, um 
gleichsam das Mannigfaltige seiner eigenen Anschauung zu verbinden, 
so ist seine Synthesis, wenn er ftlr sich allein betrachtet wird, nichts 
Anderes als die Einheit der Handlung, deren er sich als einer solchen 
auch ohne Sinnlichkeit bewusst ist, durch die er aber selbst die Sinn- 
lichkeit innerlich in Ansehung des Mannigfaltigen, was der Form ihrer 
Anschauimg nach ihm gegeben werden mag, zu bestimmen vermögend 
ist. Er also übt, unter der Benennung einer transscendentalen 
Synthesis der Einbildungskraft, diejenige Handlung aufe passive 
Subject, dessen Vermögen er ist, aus, wovon wir mit Recht sagen, 

isidass der innere Sinn dadm-ch afficirt werde. Die Apperception und 
deren synthetische Einheit ist mit dem inneren Sinne so gar nicht einer- 
lei, dass jene vielmehr als der Quell aller Verbindung auf das Mannig- 
faltige der Anschauungen überhaupt unter dem Namen der Kate- 
gorien, d. i. vor aller sinnlichen Anschauung auf Objecte Überhaupt geht; 
dagegen der innere Sinn die blosse Form der Anschauung, aber ohne 
Verbindung des Mannigfaltigen in derselben, nuthin noch gar keine be- 
stimmte Anschauung enthält, welche nur durch das Bewusstsein der 
Bestimmung desselben durch die transscendentale Handlung der Ein- 
bildungskraft (synthetischer Einfluss des Verstandes auf den inneren Sinn), 
welche ich die figürliche Synthesis genannt habe, möglich ist 



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n. Absch^tt. Tnm^sc. D^^ootion der r^mm Yorsttuid^begiiffe. l^^Q 

IMeses neluneii wir auch jederzeit in uns wahr. Wir können uns 
keine linie denk^, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Cirkel 
d^iken, ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Baums 
gar nicht vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Idnien senkrecht 
auf einander zu setzen, und selbst die Zeit nicht, ohne indem wir im 
Ziehen einer geraden Linie (die die äusserlidi figürliche Vorstellung 
der Zeit sein soll) bloss auf die Handlung der Synthesis des Mannig- 
faltig^i, dadurch wir den innren Sinn suecesäv bestimmen, uüd dadurch 
auf die Succession dieser Bestimmung in demselben Acht hab^i. Be- 
w^ung als Handlung des Subjects (nicht ab Bestimmung eines Objects'^), i56 
folglich die Synthesis des Mannigfaltigen im Baume, w^im wir von 
diesem abstrahiren und bloss auf die Handlung Acht haben, dadurch« 
wir den inneren Sinn seiner Form gemäss bestimmen, bringt sogar 
den Begriff der Succession zuerst hervor. Der Verstcmd findet also in 
diesem nicht etwa schon eine dergleichen Verbindung des Mannigfaltigen, 
sondern bringt sie hervor, indem er ihn afficirt. Wie aber das Ich, 
der ich denke, von dem Ich, das sich selbst anschaut, unterschieden 
(indem ich mir noch andere Anschauungsart wenigstens als möglich 
vorstellen kann) und doch mit diesem letzteren als dasselbe Subject 
einerlei sei, wie ich also sagen könne: Ich als Intelligenz und den- 
kendes Subject erkenne mich selbst als gedachtes Object, so fem 
ich mir noch über das in der Anschauung gegeben bin, nur gleich 
anderen Phänomenen nicht, wie ich vor dem Verstände bin, sondern wie 
ich mir erscheine, hat nicht mehr auch nicht weniger Schwierigkeit bei 
sich, als wie ich mir selbst überhaupt ein Object und zwar der An- 
schauung und innerer Wahrnehmungen sein könne. Dass es aber doch i56 
wirklich so sein müsse, kann, wenn man den Baum fiir eine blosse reine 
Form der Erscheinungen äusserer Sinne gelten lässt, dadurch klar dar- 
gethan werden, dass wir die Zeit, die doch gar kein Gegenstand äusserer 
Anschauung ist, uns nicht anders vorstellig machen können als unter 



* Bewegung dmes Objeets Un Räume geh^t nicht in eine reine Wissenschaft, 
folglich anch nicht in die Geometrie, w^, dass etwas beweglich sei, nicht a priori, 
sondern nur durch Erfahrung erkannt werden kann. Aber Bewegimg als Beschrei- 
bung eines Baumes ist ein reiner Actus der suceessiven Synthesis des Mannigfaltigen 
in der ftusseren Anschauung überhaupt durch i>roductive Einbildungetkrafi;, und gehört 
nicht allein zur Geometrie, sondern sogar 9ur Transscendentalphilosopbie. 
Kaut's Kritik der reinen Vernunft. 9 



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1^0 EVBm&atäsMm>. U. Tbeä. I Abtihi^img. I. Buch. &. HMiplAtück. 

dem Bude einer Lmie^ so lern wir sie ziehen, ohne welche Baa^stelliings* 
art wir die Eiafaeit i^er Abmesenng gao* nicht erkseniien kdimten, im- 
gleichen dass wir die B(9säniinimg der ZeltJänge oder auch der Zelti^dleii 
för düe innereai Wcihmehsiiiaig^i imin«r von dem hernehmen müsBen, 
was nns aussei:« Dinge Verän^lerlidües darstellen, folglich dk Bestim- 
mungen des inneren Sinnes gerad« anf dies^be Ait als Erschehiungen 
in der Zeit ordnen müssen, wie wir die der äusseren ^[m»e im Banme 
oidnen, mithin, wenn wir von den letzteren eintftum^ra, dase wir dadurch 
Objecte nur so fem erkämen, als wir äusseiüch iüSßkt werden, wir 
alich vom inner^ Sinne zügei^^ien müssen, dass wir dadurch uns selbst 
nur 80 anschauen, wie wir innerlich von uns seihst afficürt; werden, 
.3 d. i. was die innere Anschauung betHIBt, unser eigenes Subjeet nur als 
Erscheinung, nicht aber nach dem, was es aa c^ch selbst ist, erkennen.^ 

157 §25. 

Dagegen bin ich mir meiner selbst in der transscendentalen Syn- 
thesis des Mannigfaltigen der Vorstellungen überhaupt, mithin in der syn- 
thetischen ursprünglichen Einheit der Apperception bewusst, nicht wie 
ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur dass ich 
bin. Diese Vorstellung ist ein Denken, nicht ein Anschauen. Da 
nun zur Erkenn tniss unserer selbst ausser der Handlung des Denkens, 
die das Mannigfaltige einer jeden möglichen Anschauung zur Einheit der 
Apperception bringt, noch eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch 
dieses Mannigfaltige gegeben wird, erforderlich ist, so ist zwar mein 
eigenes Dasein nicht Erscheinung (viel weniger blosser Schein), aber die 
158 Bestimmung meines Daseins** kann nur der Form des inneren Sinnes 
gemäss nach der besonderen Art, wie das Mannigfaltige, das ich verbinde, 



* Ich sehe nicht, wie man so viel Schwierigkeit darin finden könne, dass d«r 
innere 9!nn von uns selbst afficirt wefde. Jeder Actus ^r -Atifiherk^Amkeit 
kann uns ein Bebpiel davon geben. Der Verstand bestimmt darin jed er z e i t den 
inneren Sinn der Verbindung, die «r denkt, ^miwls aur isberea Ansehauung, die dem 
Mannigfaltigen in der Synthesb des Verstandes iMmrespondirt Wie sehr das Oemtith 
gemeiniglich hierdurch afficirt wefde, wird ^n jeder in sich wahrü^üien könaea. 

** Das „Ich de^e" drttokt den Aerius aus, mehi DaseSn «u bestimmen. Das 
Dasein ist dadurch also schon gegeben, aber die Art, wie ich es bestfirameii, d. L 
das Mannigfaltige, bu demselben OehÖrige in mir sietten sdlle, ist dadurch nö«h nicht 



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H. Abschnitt. Trapsse. Deductioii der redaen A^stMKkesbegriffe. 131 

in der inneren AnsQliauung gegeben wird, ge^oh^ben, und ich habe also 
deHuiacli l^eine Erkenntnisa Y<m mii^ wie i^b bin, sondern bloss, wie 
ich mir selbst erscheine. Das Bewuss^ejp seiner selbst ist also noch 
lange nicht eine Erkenntnisip seiner selbst, nneraehtet tdlto Kategorie 
welche daa Denken eines Objeota überhaijipt dwroh Verl^dimg des 
Mannigfaltigen in einer A^xperception ausniuih^a. So wie «or Eikennt- 
niss eines von mir versddedenen Ol^ts ausser dem Denken eines Ob* 
jects überhanjpt (in der J^tegorie) ich doeh ^^ einer Anschauung 
bedarf, dadurch ich jenen aUgemßj^^ Be^nff bestimme^ so bedarf ich 
auch zur Erkenntniss meiner s(dbst ausser dem Bewusstsein oder ausser 
dem, dass ich mich denke, noch einer Anßcha^xmg ^s. Mannigfaltigen 
in mir, wodurch ich diesen Gedanken foestinfnie; xmi lek ezistire als 
Intelligenz, die sich lediglich ihres Yerbind^uigsyermöge^s bewusst ist, 
m Ans^ung d^ Mannigfaltigen aber, das sie verbmden »all, einer ein-i69 
schränk^id^n Bedingung, die sie den inneren Sinn nennt, unterworfen 
ist, jene Verbindung nur nach Zeitrerhältniasen, welche goto ausserhalb 
der eigentlichen Verstandesbegriffe liegen, anschaulich zu machen, und 
sich daher selbst doch nur eikennen kann, wie sie in Absiebt auf «ine 
Anschauung (die nicht intellectuell und durch den Verstand selbst ge- 
geben sein kann), sich selbst bloss erscheint, niisht wie sie $Uii erkenn^i 
würde, wenn ihre Anschauung intellectuell wäre» 

§. 26. 

Transscendentale Deduction des allgemein möglichen Erfahrungs- 
gebrauchs der reinen Vefstandesbegriffe. 

In der metaphysischen Deduction wurde der Ur^nuig der 
Kategorien a priori überhaupt durch ihre völlige 2kisainnientireffung mit 



gegeben. Dasu gebort Selbstanschammg, die eine a priori gegebene Fonn, d. i. die 
Zdt sam Grande liegen hat, welche ^nliöh und zur Beceptivität des Besömmbaren 
gefadrig ist Habe ich n«n m^i noch eine andere Selbstanschaunng , die das Öe* 
itimmende in mir, dessen Spontaneit&t leih mir ttur bewusst tain$ eben so vor dem 
Actus des Bestimmens giebt, wie die Zeit das Bestimmbare, so kann ich inein 
Dasein als eines selbstthätigen Wesens nicht b^stinnrnn, sondern ich stelle mir nor 
die Spontaasitftt meines ]>enkens d. i. des Bestimmons f or, und mein Dasehi bleibt 
immer nur onnlich d. 1. aU das Das^ eiAer Erscheinung bestimmbar. Doch macht 
diese Spontaneität, dass ich mich Intelligenz nenne. 

9» 



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132 Elementarlehre. IL Theil. I Abtheilung. I. Buch. ü. Hauptstttck. 

den allgemeinen logischen Functionen des Denkens dargethan, in der 
transscendentalen aber die Möglichkeit derselben als Erkenntnisse 
a priori von Gregenständen einer Anschauung tlberhaupt (§.'20. 21.) 
dargestellt. Jetzt soll die Möglichkeit, durch Kategorien die Gegen- 
stände, die nur immer unseren Sinnen vorkommen mögen, und 
zwar nicht der Form ihrer Anschauung, sondern den Gesetzen ihrer Ver- 
bindung nach a priori zu ^kennen, also der Natur gleichsam das Gre- 

160 setz vorzuschreiben und sie sogar möglich zu machen, erklärt werden. 
Denn ohne ^ese ihre Tauglichkeit würde nicht erhellen, wie alles, was 
unseren Sinn«i nur vorkommen mag, unter den Gesetzen stehen müsse, 
die a priori aus dem Verstände alldn entspringen. 

Zuvörderst merke" ich an, dass ichimterder Synthesisder Appre- 
hension ^e Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen 
Anschauung verstehe, dadurch Wahrnehmung, d. i. empirisches Bewusst- 
sein derselben (als Erscheinung) möglich wird. 

Wir haben Formen der äusseren sowol als inneren sinnlichen An- 
schauung a priori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen 
muss die Synthesis der Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung 
jederzeit gemäss sdn, weil sie selbst nur nach dieser Form geschehen 
kami. Aber Raum und Zeit sind nicht bloss als Formen der sinnlichen 
Anschauung, sondern cds Anschauungen selbst (die ein Mannigfaltiges 
enthalten), also mit der Bestimmung der Einheit dieses Mannigfaltigen 
in ihnen a priori vorgestellt (siehe transscendentale Aesthetik).* Also 

161 ist selbst schon Einheit der Synthesis des Manni^dtigen ausser 
oder in uns, mithin auch eine Verbindung, der alles, was im Räume 



* Der Baum als Gegenstand vorgestellt (wie man es wirklich in der Geo- 
metrie bedarf enthttlt mohr als blosse Form der Ansehauimg, nämlich Zusammen- 
fassung des mannigfaltigen nach der Form der Sinnlichkeit Gegebenen in eine 
anschauliehe Vorstellung, so dass die- Form der Anschauung bloss Mannig- 
faltiges, die formale Anschauung tSbet Einheit der Vorstellung ^ebt. Diese 
Eiidleit hatte ich in der AeBthetik bloss tut Slnnßehkeit gezählt, um nur au be- 
merken/ dass sie vor allem Begriffe vorhergehe, ob «le zwar eine Synthesis, die 
nicht den Sinnen angehört, durch welclie aber alle Begriffe von Raum und Zeit zu- 
erst möglich werden, voraussetzt. Denn da. durch sie (indem der Verstand die 
Sinnlichkeit bestimmt) der Raum oder die Zeit als Anschanungeii zuerst gegeben 
werden, so gehöirt die Einheit dieser Anstauung a prioii zum Räume und der Zeit 
und nicht zum Begriffe des Verstandes. (§. 24.) 



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n. Abschnitt. TrAnssc. Deducüon der reinen Yerstandeabegiiffe. 133 

oder der Zeit bestimmt vorgestellt werden soll, gemäss sein musa, a 
friert als Bedingung der Synthesis aller Apprehension. mit (nicht 
in) diesen Anschauungen zugleich gegeben. Diese synthetische £in- 
hdt aber kann keine andere sein als die der Verbindung des Mannig- 
Mtig^i einer gegebenen Anschauung überhaupt in ein^aoi ursprüng- 
lichen Bewusstsein den Kategorien gemäss, nur auf unsere sinnliche 
Anschauung angewandt. Folglich steht alle Synthesis, wodurch selbst 
Wahrnehmung möglich wird, unter den Kategorien, und da Er&hrung 
Erkenntniss durch verknüpfte Wahrnehmungen ist, so sind die Kate- 
gorien Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung, und gelten also 
a priori auch von allen Gegenstttpi^n der Erfahrung. 



Wenn ich also z. B. die empirische Anschauung, eines Hauses i6f 
durch Apprehension des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung 
mache, so liegt mir die nothwendige Einheit des Baumes und der 
äusseren sinnlichen Anschauung überhaupt zum Grunde, und ich zeichne 
gleichsam seine Grestalt dieser synthetischen Einheit des Mannigfaltigen 
im Eaume gemäss. Eben dieselbe synthetische Einheit aber, wenn ich 
von der Form des Raumes abstrahire, hat im Verstände ihren ^tz, und 
ist die Kategorie der Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung 
überhaupt d L die Kategorie der Grösse, welcher also jene Synthesis 
der Apprehension d. i. die Wahrnehmung durchaus gemäss sein muss.* 

Wenn ich (in einem anderen Beispiele) das Gefrieren des Wassers 
wahrnehme, so apprehendire ich zwei 2iustände (der Flüssigkeit und 
Festigkeit) als solche, die, in einer Belation der Zeit gegen einander 
stehen. Aber in der Zeit, die ich der Erscheinung als innere Anschau« 
ung zum Grunde lege, stelle ich mir nothwendig synthetisdie Einheit i6S 
des Mannigfaltigen vor, ohne die jene Relation nicht in einer Anschauung 
bestimmt (in Ansehuug der Zeitfolge) gegeben werden kannte. Nun 
ist aber diese synthetische Einheit als Bedingung a priori^ unter der idi 



* Auf solche Weise wird bewiesen, dass die Synthesis der Apprehension, welch« 
empirisch ist, der Synthesis der Apperception, welche intellectuell und gänzlich 
4 pri4yri in der Ejttegorie enthalten ist, nothwendig gemäss sein müsse. Bis ist eine 
und dieselbe Spontaneität, welche dort tmter dem Namen der EinbÜdungskraft, hier 
des Ventandea VerbindiiBg In das KaBnigahHign der Ansobaming hineinbringt 



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134 Elenooentariehre. n. Thell. I Abtheilung. I Buch. H. Hauptstück. 

das MahnigfkltS'ge e^erAns^chaaung überliaupt verbinde, wenn icb 
von der besföndigen Form mdner inneren Anschauung, der Zeit abs* 
trakire, die Kategorie der Ursache, dtcröh \eelche ich, wenn ich sie 
auf meine Sii»il$chkeit anwehde, alles, was geschieht, in der Zeit 
tlberhfttipt seiner Relation nach bestimme. Also steht die Ap- 
prehensioii in dner soldlfen Begebenheit, mithin diese selbst dfer mög- 
lichen Wahrnehmung nach unter dem Begriffe des Vei'hältnlsses der 
Wirkungen und Ursachen; und so ih allen anderen Pftüen. 



Kategorien sind Begriflte, weiche den Erscheinungen, mithin der 
Natur als dem Inbegriffe aller Erscheinungen {natura materiaUUr speo- 
tatd) Gesetze a priori vorschreiben, und nun fragt sich, da sie nicht 
von der Natur abgeleitet werden und sich nach ihr als ihrem Muster 
richten (weil sie sonst bloss empirisch sein würden), 'wie es zu begreifen 
sei, dass die Natur sich nach ihnen richten müsse, d. i. wie sie die Ver- 
bindung des Mannigfaltigen der Natur, ohne sie von dieser abzunehmen^ 
a priori bestimmen können. Bäer ist die Auflösung dieses Räthsels. 
164 Es ist um nichts befremdlicher, wie die Gesetze der Erscheinungen 

in der Natur mit dem Verstände und seiner Form a priori, -d. i. seinem 
Vermögen das Mannigfaltige Überhaupt zu verbinden, als wie die 
Erscheinungen selbst mit der Form der sinnlichen Anschauung a priori 
üb^reinsthnmen müssen. I>fenn Gesetze existiren ebenso wenig in den 
Erscheinungen, sondern nur relativ auf das Subject, dem die Erschei- 
nungen inhäriren, so fem es Verstand hat, als Erscheinungen nicht an 
sich existiren, sondern nur relativ auf dasselbe Wesen, so fem es 
Shme hat. Dingen an sich selbst würde ihre Gesetzmässigkeit noth- 
wendig auch ausser einem Verstände, der sie erkennt, zukonmien. 
Allein Erscheinungen sind nur Vorstellungen von Bingen, die nach 
dem, was äie an s&h sein mögen, unerkannt da sind. Als blosse 
V<)rfi^llimge(n aber stehen sie unter gar keinetn Cresetze der Verknü- 
pfung als demjenigen, welches das verknüpfende Vermögen vorschreibt 
Nun ist das, was das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung ver- 
knüpft, Einbildungskraft;, die vom Veyiitaf^e der Einheit . ihrer intel- 
lectuellen. Sjnithjesis xvoti von dor SixmUdikeii^ der Mam^gfoltigkeil der 
Apprehttiaioift nach abhängt Da nm ven «to ßja^eeis der Apprehen- 



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n. Abschnitt. Tvansse. Dodnetion de» reinen Yerstaadesbegiifl^. 135 

61011 alle m^Uc^ Wafamduuuog, m. selbst aber, diese mupinscbe- 
Syntkesis, ton der Ixmsscendintftlm^ mkhm dien Kfttegoiieod abbäsigt, sa 
müssen alle. mJigU^tt WcJxmcdaiimmgeiif mitbüi «och alles, was xaa\ 
cmpiriBclieii Bewnsstaein imiuät gebwgen kcyoa, d. i sdUe £rscbeii»iuigen les 
der Naifeiir Qasea^ Yerbiaäiü»e ^uaudi unter dea Kfilegoiieii stehen, von 
welchen dsB l^eAux (Uoss ab Natur übedbMpt betbraobtet) ah dam uiv 
sfiräBgHfiben 6ruiD!d& ibr^ notiivweBdigen 6esetzmlü9$igt;»it (als natura 
famuditer Bfßctßtd^ abläLngi Auf mebr^« Gresetse eJber als die, auf 
denen eine Natur überhaupt als C^etsmüsai^keit der Erscheinungeii 
m Bamn und Zcat beruht, reicht auch das reine YemtaDdesyersii^ögm 
nicht am, duvcb Ueese Kategori^x den Itecbeinuogen a priori Gnesetae 
T<«zn0dbDelbe<i^ Sesondere Gieseito, weil sie empirieeh bestimmte £]s 
echdüungen betreffs^, kennen dayen nicht yollständig abgeleitet 
werdeif ob sie gleioh alle lusgefefuumt unter jen/en stehen. Es muas £r^ 
&hrang dam kommen, uxn die letzteren überhaupt kennen^ zu lesnen; voii 
£(faiskruiig aber übearhaupt und dem, was als ein Gegenstand deirselb^ 
erkannt werden kann, geben allein jene Gesetze a priori die BekihruQg^ 

§• ^7. 
Resultat dieser Deduction der Verstandesbegriflfe. 

Wir kennen uns keinen Gegenstand denken, ohne durch Kate* 
l«men; wir ki^nnan keinen gedachten Gegenstand erkennen, ohne» 
durch Anschauungen, die jeaften Begriffen emtsprechm. Nun sind all« 
uns^e Anackauungen sinnlidi, und diege Eikenntniss, so fern der 
Qtgeo^toid deritelben gegeben i^, ist empirisch. Empirische Erkennt- 
iB^BB ,9lfm ist Erfahrung. Folglich ist uns keine Erkenntniss aiz% 
priori mögUc.h^ <als lediglich von Gegenständen möglicher 
Erfajir*ng.* . 

Ab^r diese Erkenntniss, die bloss auf Gegenstände der Er&hrung 
€ÜQgeacbrä^kt ist, ist darum nicht alle von der Erfithrung entlehnt^ 



* Damit nnui sich nicht Toreiliger Weise an dega besorglichen naclvtheüigon 
Folgen dieMs Satzes s^se, will ieh nurr ii^ Drionerong Isdngen, daßs die Eoktego^ 
rien im Denken durch die Bedingungen unserer sinnlichen Anschauung nicht eint 
gesehxünkt sind^ sondern ein unbegrenstes Feld haben, und nur das Erkenne^ 
dessen, was wir uns denken, das Bestimmen des Olijects, Anschauung bedürfe, w,c» 



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136 Elementarlehre. IL TheiL I. Abtheilnng. L BuiCfa. IL Haaptsttlck. 

sondern, was sowol die reinen Anschammgai als die rein^ Verstandes- 
begriffe betri£Pt, so sind diese Elemente der Eikenntniss, die in uns a 
priori angetroflPen werden. Nun sind nur zwei Wt^, auf welchen eine 
noth wendige Uebweinstimmung der Eilkhrang mit den Begriffen Yon 
ihren G^genstfinden gedacht werden kann: entweder die Er£Edimng macht 
diese Begriffe, oder diese Begriffe machen die Erfahrung möglich. Das 

167 erstere findet nicht in Ansehung d^ Kategorien (auch nicht der mnen 
sinnlichen Anschauimg) statt; denn sie sind Begriffe a priori^ mithin 
unabhängig von der Erfahrung (die Behauptung eines em^m-kchen Ur- 
sprungs wäre eine Art von generatio aequivoea). Folgfich bleibt nur das 
«weite übrig (gleichsam ein System der Epigenesis d^ reinen Vernunft), 
dass nämlich die Kategorien von Seiten des Verstandes die Gründe der 
Möglichkdt aller Erfahrung überhaupt enthalten. Wie sie aber die Er- 
Ehrung möglich machen, und welche Grundsätze der Möglichkeit der- 
selben sie in ihrer Anwendimg auf Erscheinungen an die Hand geben, 
wird das folgende Hauptstück von dem transscendentalen Gebrauche der 
Urtheflskraft das Mehrere lehren. 

Wollte jemand zwischen den zwei genannten einzigen Wegen noch 
einen Mittelweg vorschlagen, nämlich dass sie weder selbstgedachte 
erste Principien a priori unserer Erkenntniss, noch auch aus der Er- 
fahrung geschöpft, sondern subjective, uns mit unserer Existenz zugleich 
eingepflanzte Anlagen zum Denken wären, die von unserem Urheber so 
eingerichtet worden, dass ihr Gebrauch mit den Gesetzen der Natur, an 
welchen die Erfahrung fortläuft, genau stimmte (dne Art von Präfor- 
mationssystem der r^en Vemimft), so würde (ausser dem, dass bei 
einer solchen Hypothese kein Ende abzusehen ist, wie weit man die 
Voraussetzung vorbestimmter Anlagen zu künftigen Urtheäen treiben 

168 möchte) das wider gedachten Mittelweg entscheidend sein, dass in solchem 
Falle den Kategorien die Nothwendigkeit mangeln würde, die ihrem 
Begriffe w^enl^ch angehört. Denn z. B. der Begriff der Ursache, 
wekher die Nothwendigkeit eines Erfolgs unter emer vorausgesetzte 



beim Mangel der letzteren der Gedanke vom Objecte übrigens noch immer seine 
wahren und nützlichen Folgen auf den Vernunftgebrauch des Sabjects haben 
kann, der sich aber, weil er nicht immer auf die Bestimmimg des Objjects, mithin 
aiif die Erkenntniss, sondern anch auf die des Subjects mid dessen Wollen gerichtet 
ist, hier noch nicht vortragen l&sst 



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n. Abschnitt Transsc. Deduction der reinen Verstandesbegriffe. 137 

Bedingung aussagt, würde falsch sein, wenn er nur auf einer beliebigen 
uns eingepflanzten subjectiven Nothwendigkeit, gewisse empirische Vor- 
stellungen nach einer solchen Regel des Verhältnisses zu verbinden, be- 
ruhte. Ich würde nicht sagen können: die Wirkung ist mit der Ursache 
im Objecto (d. L nothvjrendig) verbunden, sondern: ich bin nur so ein- 
gerichtet, dass ich diese Vorstellung nicht anders als so verknüpft 
denken kann, welches gerade das ist, was der Skeptiker am meisten 
wünscht; denn alsdann ist alle unsere Einsicht durch vermeinte objec- 
tive Giltigkeit unserer ][Jrtheile nichts als lauter Sfhein, und es würde 
auch an Leuten nicht fehlen, die diese subjective Nothwendigkeit (die 
gefühlt werden muss) von sich nicht gestelien würden; zum wenigsten 
könnte man mit niemandem über dasjenige hadeiUt ^^ bloss auf der 
Art beruht, wie sein Subject organisirt ist. 

Kurzer Begriff dieser Deduction. 

Sie ist dir Darstellung der r^en Verstandesbegriffe (und mit 
ihnen aller theoretischen Erkenntniss a prior*) als Prindpien der Mög- 
Mehkeit der Erfahrung, dieser aber als Bestimmung der Erscheinungen i6i> 
in Baum und Zeit überhaupt, — endlich dieser aus dem Princip der 
ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperception als der Form 
des Verstandes in Begehung auf Baum und Zeit als ursprün^che 
Foimen der Sinnlichkeit. 



Nur bis hierher halte idi die Paragraphen-Abtheilung für nöthig, 
weil wir es mit den Elementarbegrifibn zu thun hatt^. Nun wir den 
(jebrauch derselben vorstellig machen wollen, wird der Vortrag in cou- 
tinuirlicheai Züsammeahanga, ohne dieselbe, fortgdien dürfen.^] 



> Han Tgl. S. 119, Anm, I. 



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l^r tniB«so6iid6iitaleii Analytik 

zweites Buch. 

Hie Analytik der Grundsätze. 

Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbaut, der gans 
genau mit der Eintheilung der oberen Erkeuntnissvermögen zusammen- 
trifft. Diese sind Verstand, Urtbeilskraft und Vei'nunft. Jene 
Doctiin banddt daher in ihrer Analytik yon Begriffen, Urtkeilen 
und Schlüssen, gerade den Functionen unddtr Ordnung jener Gremflth»i 
krä^ gemäss, die man unter der weitläufigen Benennung des Yerstaadas 
überhaupt begreift. 
170 Da gedaclM:e bloss fimnale Logik von allem Lthalte der Erkenntnis^ 

(ob sie rein oder empirisch sei) abstrahirt und sich bloss mit der Fon» 
des Denkens (der discursiven Erkenntniss) überhaapt beschäftigt, so kann 
sie in ihrem analytischen Theile auch den ELanon ftir die Vernunft mit 
befassen, deren Form ihre sichere Vorschrift hat, die, ohne die besondere 
Natur der dabei gebrauchten Erkenntniss in Betracht zn ziehen, a prtoriy 
durch blosse Zergliederung der Vemnnfthanrihmgen in ihre Momentv 
eingesehen wej^d^ kann. 

Die tiansscendentak Logik, da sie auf cumü bestimmten Inhalt^ 
nämlich bloss der reinen Erkenntnisse a priori eingeschränkt ist, kann 
es ihr in dieser Eintheilung nicht nachthun., Denn e^ zeigt sicti, das» 
der transscendentale Gebrauch der Vernunft gar nicht objectiv 
giltig sei, mithin nicht zur Logik der Wahrheit d. i. der Analytik gehöre, 
sondern als eine Logik des Scheins einen besonderen Theil des scho* 
lastischen Lehrgebäudes unter dem Namen der transscendentalen Dia- 
lektik erfordere. 



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Analytik 4er Orondsiltze. Ig9 

VidMt«»d tuid U)*th^[kkrall kaben äemnach unreif Kanoa des objeetif 
gStigesiy ttiltlÄ widere» Gr€lnmu<^ in der transgeeiidentaleii Logik, und 
geh5i«fi ^ako m &ren anaJjNobchen ühä^, Alldn YeTDunft in ihre» 
Versndieti, tbcor ö^^istSbido ^ ffnort t^?ww aussninacben tmd die Ev« 
kouitoids über dfti Gbenseki m^gMober Erfithrung zu erweJ^em, ist gaafiiiTi 
und goic di£tlBktiscli* imdihFe BdidnbibAUptuttgera sehii^en sidi dtu^cb^ 
ans niete in einen Kanon, dengleiclien ddeb dif^ Amkyißk enthaken soll 

I>id> Analytik d^r Gtundftltz^ wird d^emnaeh le^igMob ein Kanon 
^ die Ur4iielil«kr«.ft sein, der i^ lehrt, die YerstandesbegtifPe, welcbei 
die Bedingimg^ zu Bejgdb a pr^kn entbiedten, anf Ersdieiniuigen aiftzn^ 
irendmi. An» dieaev Ursacbe werde ic^, indem leb die e^enüicb^a 
Grnnd&ll>tz« des Verstandes zvm Tbema nehme, nä^ der Bettenming^ 
msx DootTin det Ürt^eili8<kraft bedienen, woduvcb diese« äesobäft 
geaanev bttaeiehnel wivd. 



Einleitung. 
Von der tr^ss.'P.^^A^entaJeu ürtheilskraft überhai^pt 

Wi^in d^ Verstisnd tlberbanpt als das Vermögen der Regeln erkl2h:t 
wird, so ißt Urtb^skraft das Vermögen nnter Regeln zu subsumiren, 
i i. zu nntersc^cäden, ob etwas unt^ dner gegebenen Regel {eams datae 
kgis) stebe oder'ni6bt. Die aUgemdne Logik enthält gar keine Vor- 
M^kriften ftr ^e ürtheilskraft, und kann sie auch nicht enthalten. Denn 
da sie von allem Inhalte der Erkenntniss abstrahirt, so Meibt 
ibr nichts «br^ als das G^eöchäft, die blosse Form der EAenntniss in 
Begiiffßn, UMKÜen und ScWftssen analytfech aus dnander zu setzen, und i7i 
dadnrdi fi»rmale Regeln alles VerstjmdesgelKraudis zu Stande zu bringen. 
Wollte sie nun allgemein zeigen, wie man unter diese Regeln subsumireii, 
d. L uniesadieiden.iSQUte, ^b etwa« daroDtav «t^e oder moht, so könnte 
dieses nicht «nders fds wiecter durch ein» Regel gesdiehen. Diese aber 
erfordert eben darum, weil sie eine Regel ist, aufe neue ehie Unterweisung' 
der Urth^lskraft, und so zeigt sich, dass zwa^ der Verstand einer Be- 
lehrung und AusrüstÄWg durch. Regeln följiigj Urtheilakyaft aber ein be- 
sonderes TaJmk Mi, . welches g^r nicht bekhrt^ sondemruuv geübt s^ 
will. Daher ist diese auch das Specifische des sogenaniitmi^ MutterwitiDes^ 



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:140 £lementarlehre. IL Theii. L Abtheilung. IL Buch. 

dessen Mangel kdine Schule ersetzen kann; denn, ob diese gleich einem 
eingeschränkten Verstände Begeln vollauf yom fremder Einsiebl enl^ehnt, 
darreichen und gleiehsam einpfropfen kann, so muss doch das Veormögen 
sich ihrer richtig zu bedienen dem Lehrlinge selbst angehören^ und keine 
Begel, die man ihm in dleseJr Absicht yorschreibeii m&chte, ist in Er- 
mangdung euier solchen Katurgabe vor Missbrauch sieher.* Em Arst 

U78 daher, ean*Bichter odw ein Btaatakundiger kann yiele schlkke path<ribgi8dief 
juristische oder politische Begeln^ im Kopfe haben, in dem Gtade, dass 
«r selbst darin ein gründlicher Lehrer wa:de& kann, mii wird dennoch 
in der Anwendung derselben leicht Verstössen, entweder w^ es ihm an 
natürlich w UrtheUskraft (obgleich nidit am Verstände) mangelt; und er 
zwar dafl Allgemdme m abetraoto einsäen, aber ob ein Fall «»^ eoticreio 
darunter gehöre, nicht unterscheiden kann, oder auch darum, weil er 
nicht genug durch Beispiele und wirkliche Geschäfte zu diesen Urtheile 
abgerichtet worden. Dieses ist auch der einzige und grosse Nutzen der 
Beispiele, dass sie die Urtheilskraft schärfen. Denn was die Richtigkeit 
und Präcision der Verstandeseinsieht betrifft, so thun sie derselben viel- 
mehr gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur selten die Bedingung 
der Regel adäquat erfüllen (als ea9U$ in termtnt$\ und überdem diejenige 
Ansteengung des Verstandes oftmals schwächen, Regeln im allgemeinen 
und unabhängig von den besonderen Umständen der Erfehrung nach 
ihrer Zulänglichkeit einzusehen, und sie daher zuletzt mehr wie Formeln 
ab wie Grundsätze zu gebrauchen angewöhnen. So sind Beispele der 

1T4 Gängelwagen der Urtheüskraft, welchen derjenige, dem ea am natürlichen 
Talent derselben mangelt, niemals entbehren kann. 

Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urtheibkraft keine 
Vorschrift^ geben kann, so ist es doch mit der transscendentalen 
ganz anders bewandt, sogar dass es sch^Dt, die leiztmi habe.es zu ihrem 



* Der Mangel an ürtheilskraft ist eigentHöh dw, was man Dammlieit nennt, 
tmd einem solchen Gebreehen ist gi^ nicht abzuhiilfeo. Ein aton^Ae oder eiBge- 
■achränkter Kopf, dem es an nichts als am gehörigen Grade des Verstandes und 
•eigenen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung sehr wol, sogar bis zva 
Gelehrsamkeit auszurasten. Da es aber gemeiniglich alsdann auch an jenem (der 
sectmda Petri) zu fehlen pflegt, so ist es nichts Ungewöhnliches, sehr gelehrte MSnner 
anzutreffen, die im Gebrauche fiurer Wissenschaft jenen nie su beasemden Mangel 
bftvfiff WdMo laste«. 



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Einloituftg. 141! * 

dgentliclieii Geschäft, die Urtheilskraft im Gebrauch des reinen Verstandes 
dnrch bestimmte Regdn zn berichtigen nnd zu sichern. Üenn, um dem- 
Verstände im Felde reiner Erk^imtnisse a priori Erweiterung zu ver- 
schaffen, mithin als Doctrin scheint Philosophie gar nic^ht nöthig oder 
viehnehr tibel angebracht zu sein, weü man nach allen bisherigen Yer- 
Buchen damit doch wenig oder gar kein Land gewonnen hat, sondern als 
Kritik, mn die Fehltritte der Urtheilskraft {iapsus judieii) im Gebrauch 
der wenigen reinen Verstandesbegriffe, die wir haben, zu verhüten, dazu 
(obgleich der Nutzen alsdann nur negativ ist) wird Philosophie mit ihrer 
ganzen Scharfeinnigkeit und Prüfnngskunst aufgeboten. 

Es bat aber die Transscendental- Philosophie das Eigenthtimliche, 
dass sie ausser der Regel (oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu 
Regeln), die in dem reinen Begriffe des Verstandes gegeben wird, zugleich 
a priori den Fall anzeigen kann, worauf sie angewandt werden soll. i7f 
Die Ursache von dem Vorzuge, den sie in diesem Stücke vor allen an- 
deren belehrenden Wissenschaften hat (ausser der Mathematik), liegt 
eben darin, dass sie von Begriffen handelt, die sich auf ihre Gegenstände 
a priori beziehen sollen; mithin kann ihre objective Giltigkeit nicht tt 
posteriori dargethan werden, denn das würde jene Dignität derselben- 
ganz unberührt lassen, sondern sie muss zugleich die Bedingungen, unter 
welchen Gegenstände in Uebereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben 
werden können, in allgemeinen aber hinrdchenden Kennzeichen darlegen, 
widrigenftüls sie ohne allen Inhalt, mithin blosse logische Formen und" 
nicht reine Verstandesbegriffe sein würden. 

Diese transscendentale Doctrin der Urtheilskraft wird nun zwei' 
Hauptstücke enthalten: das erste, welches von der sinnlichen Bedingung- 
handelt, tmter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht werden- 
können, d. i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das zweite- 
aber von den synthetischen UrtheHen, welche aus reinen Verstandesbe- 
griffen unter diesen Bedingungen a priori herfliessen und allen übri^en^ 
Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen, d. i. von den Qrundsatzen. 
des ranen Verstandes. 



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14^ Elementarlehre, n. Theil. L Abthmlung. IL Buch. L Hauptstück. 

176 Der tranasoendentaleii Dootdzi dor Urtbeilslomlt 

(oder Analytik der Gmit^tse) 
erstes Hauptstück. 

Von dem Schematisxtitis der reinen Verstandesbegriffe. 

In allen Subsumtionen ein^s Gegenstandes unter eixken Begziff muss 
4ie Vorstellung des erateren mit dem letzteren gleichartig sein, d. i. der 
Begriff muss dasjenige enthalten, was in d«m darunter zu substiinirenden 
^gegenstände vorgestellt wird, denn das bedeutet eben der Ausdruok, ein 
Oegenstand sei unter einem Begriffe enthalten* So bat der empirische 
Betriff eines Tellers mit dem reinen geometrischen eines Cirkels 
Oleichartigkeit, indem die Rundung, die in dem ersterea gedacht wird, 
sich im letzteren anschauen lässt. 

Nun sind aber reine Verstandesbegriffe in Vergleichmag mit em- 
pirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen ganz ungleichartig, 
und können niemals in irgend einer Anschauung angetroffen werden. 
Wie ist nun die Subsumtion der letzteren unter die ersten, mithin die 
Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen mögUdi> da doch nie- 
mand sagen wird, diese, z. B. die Causalität, könne auch durch Sinne 

177 angeschaut werden und sei in der Erscheinung enthalt^. Diese so 
natürliche und erhebliche Frage ist nun eigentlich die Ursache, welche 
eine transscendentale Doctrin der Urtheilskraft nothwendig macht, um 
nämlich die Möglichkeit zu zeigen, wie reine Verstandesbegriffe auf 
Erschajiungen überhaupt angewandt werden können. In allen anderen 
Wissenschaften, wo die Begriffe, durch die der Gregenstand allgemein ge- 
dacht wird, von denen, die diesen tn eomoreto vorstellen, wie er gegeben 
wird, nicht so unterschieden und heterogen sind, ist es unnöldng, wegesi 
der Anwendimg des ersteren auf den letzten besondere Erörterung zu geben. 

Nun ist klar, dass es ein Drittes geben müsse, was einerseits mit 
•der Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in (Gleichartigkeit stehen 
muss und die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht. 
Diese vermittelnde Vorstellung muss rein (ohne alles Empii^isohe) und 
doch einerseits intellectuell, andererseits sinnlich sein. Eine solche 
ist das transscendentale Schema. 



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Von dem S<(liettatisMni$ ctor reiften TeMtaAdesbe^ffe. 148 

Der V^tstandesbegriff enthält seine s|yhithetS0che Einheit des Mannig- 
faltigen überhaupt. J>i^ Zeit als die fomiale Bedis^img des Maanig- 
ifthigen des innerca Sitmes, mithin der y«rkiiöpfiukg aller Vorstellungen, 
•enthält ein Manni^cfalit^eiB a prt^i in der rdnen Ansdrauung. Nim ist 
-eine tranaseeudentale ZextbestimniUng mit der Kad>egorie /die iae Einheit 
d^selben ausmacht) so Bern gleichartig, als sie allgemein ist und auf 
«ner Begel a prior* bwuht. Sie ist aber «nder^-seits BbÄt der Erschei- 17& 
nung so ^MHft gldichartig, als die ZdH; in jedser «mpiikchen Vorstellung 
4a& Mannigfaltigen enthalten ist. Daher wird eine Anwendung der Kate- 
gorie ma£ Erseheinpangen soögiich sein vermittelst der transseendentalen 
Zeitbestimmung, w-dcbe als das Bohema der Verstandesbegriffe die Sub- 
sumtion der letzten, unter die erste vennittelt. 

Nach denvjenigen, was m der Dednetion der ELategorien gezeigt 
worden, wird he^enthch niemiaiid im Zweifel stehen, sich Über die Frage 
<u entschliessen, ob diese reinen Verstandesbegriffe ron bloss^emiörisdiem 
^der a«eh von transseendentalem Gkibraudie sind^ d. i. H>b iBie ledigHdi 
als Bedingungen einer möglichen Erfahrnng sich a priori afuf Erschei- 
nungen beeieh^, oder ob sie SEk Bedlingmigem der Mögtichkeit der 
Dinge tlberiiaupt auf OegetQstände an Edeh sdbst (ohne einige Bestrietite 
auf unsere Sinnlichkeit) eratreckt WM^dea fcöonen. Denn da haben wir 
gesehen, dass Begriffe ganz tädOficSgiich sind, noeh irgöid einige Bedeu- 
tung haben können, wo nidlit entweder ihnen selbst oder wemgstens den 
Ek'menten, daraus sie bestehen, ein G^enstand gegeben ist, mithin «uf 
Dinge an sieh (ohne Eüeksieht, ^ und tele ^e uns gege^n werd^ 
mögen) gar nicht gehen können-, d^tös ^mer die emsige Art, wie uns 
Gegenstände gegeben werd^^, die ModificaticMi uriseiier Stnnlkhkeit «i^; 
endtich dass reine Begiifife ä priori ausser der F^ictiön des Verstandes 179 
In der Kategoiie nooh fbrmale Bedingungen dei" Shmlichk«it (namentlidi 
des inneren Sinnes) a priori enthalten müssen, welche die allgememe 
Bedingung enthalten, unter der die Kaftegorie allein auf Irgend einen 
Gegenstand angffv^ahdt wenden kann. Wir wollen diese fownale und 
rdne Bedingung der SinnlitJhkeit, auf w^fehe dei* Vewtandesbegriff in 
seinem Gebrauch restiingfrt ist, diöö Sfehema di^es Vettrtandesbegrifife, 
und das Verfahren des Vei'standes mit diesen Schefmaften den Schema- 
tismus des reinen Vei^andeä nennen. 

Das Schema ist an si<ih siebst Jeder^dt nuf ein Prodnet der Ein- 



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144 Elementariehr©. II. Thefl. l Abth^ihiÄg. Tl. Biich. ^ HÄnptstück. 

bildungskraft; aber indem die Synthesis der letzt^en keine einzelne 
Anschaunng, sondern die Einheit in der BesÜmmong der Sinnlichkeit 
allein zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde zu unter- 
scheiden. So, wenn ich fünf Punkte hinter einander setze: , ist 

dieses em BOd von der Zahl Mnf. Dagegen wenn ich eine Zahl über- 
haupt nur draike, die nun fünf oder hundert sdn kann, so ist dieses 
Denken mehr die Vorstellung einer Methode, einem gewissen Begriffe 
gemäss eine Menge (z. B. tausend) in einem Bildis vorzustellen, als 
dieses Bild selbst, welches ich im letzteren Falle schwerlich würde über- 
sehen und mit dem Begriff vergleichen können. Diese Yorstdlung nun 

180 von dnem allgemeinen Verfahren der f^bildungskraft, einem Begriff 
sein Bild zu verschaffen, nenne ich das Schema zu diesem B^riffe. 

In 'der That liegen unseren reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder 
der Gregenstände, sondern Schemate zum Grunde. Dem Begriffe vo» 
einem Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat 
sein. Denn es würde die Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen, 
welche macht, dass dieser ftir edle recht- oder schiefvrinkligen u. s. w. 
gilt, sondern immer nur auf dbien TheU dieser Sphäre einges<^änkt sein. 
Das Schema des Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken 
existiren, und bedeutet eine Begel der Synthesis der Einbildungskraft 
in Ansehung reiner Gestalten im Räume. Noch viel weniger erreicht 
ein G-egenstand der Erfahrung oder ein Bild dessellßn jemals den empi- 
rischen Begriff, sondern dieser bezieht sich jederzeit unmittelbar auf das 
Schema der Einbildungskraft als eine Regel der Bestimmung unserer 
Anschauung geibäss einem gewissen allgemeinen Begriffe. Der Begriff 
vom Hunde bedeutet eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft 
die Gestalt eines solo];ken vierfttssigen Thieres allgemein verzeichnen kann, 
ohne auf irgeiid eine einzige besondere Gestalt, die mir die Erfahrung 
darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto dar- 
stellen kann, eingeschränkt zu sein. Dieser Schematismus unseres Ver- 
standes in Ansehung der Erscheinungen und ihrer blossen Form ist eine 
verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, der^ wahre 

isi Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abrathen und sie unver- 
deckt vor Augen legen werden. So viel können wir nur sagen: das 
Bild ist ein Product des empirischen Vermögens der productiven Ein- 
bildungskraft, das Schema sinnlicher Begriffe (als der Figuren im 



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. Von Aem Sefaem&tismiis der reinen Verstandesbegriffe. X45 

Baume) ein Prodnct und gleichsam ein Monogramm der reinen Ein- 
bildnngdcraft a priori^ wodnrch und wonach die Bilder allererst möglich 
werden, die aber mit dem Begriffe nur immer vermittelst des Schema, 
welches sie bezeichnen, verknüpft werden müssen und an sich demselben 
nicht völlig cöngrulreD. Dagegen ist das Schema eines reinen Ver- 
standesbe^riffs etwas, was in gar kein Bild gebracht werden kann, 
sondern ist nur die reine Synthesis gemäss einer Regel der Einheit 
nach Begriffen Überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und ist ein 
transscendentales Product der Einbildimgskraft, welches die Bestimmung 
des innren ^nnes überhaupt nach Bedingungen seiner Form (der Zeit) 
in Ansehmig aDer Vorstellungen betrifft, so fem diese der Einheit der 
Appereeption gemäss a priori in einem Begriff zusammenhängen sollen. 

Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung 
dessen, was zu transsc^id^talen Sehem&ten reiner V^standesbegriffe 
überhaupt erfordert wird, au^uh^ten, wollen wir sie lieber nach der 
Ordnung der Kategorien und in Verknüpftmg mit diesen darstellen. 

Das reine Bild aller Grössen (quanUrim) vor dem äusseren Sinne isi 
ist der Eaum, aller Gregenstände der Sinne aber überhaupt die Zeit. 
Das reine Schema der Grösse aber (quantitatis) als eines Begriffs des 
Verstandes ist die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die successive 
Addition von Einem zu Mnem (Gleichartigen) zusammenbefasst. Also ist 
die Zahl nichts Anderes als die Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen 
einer gleichartigen Anschauung Überhaupt, dadurch, dass ich die Zeit 
selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge. 

BeaHtät ist im remen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung 
überhaupt correspondirt, dasjenige also, dessen Begriff an sich selbst ein 
Sein (in der Zeit) anzeigt, Negation, dessen Begriff ein Nichtsein (in der 
Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider geschieht also in dem Unter- 
schiede derselben Zeit als einer erfällten oder leeren Zeit. Da die Zeit 
nur die Form der Anschauung, mithin der Gegenstände als Erscheinun- 
gen ist, so ist das, was an diesen der Empfindung entspricht, die trans- 
scendentale Materie edler G^enstände als Dinge an sich (die Sachheit, 
Bealität). Nun hat jede Empfindung einen Grad oder Grrösse, wodurch 
sie dieselbe Zeit, d. i. den inüeren Sinn in Ansehung derselben Vor- 
stellung eines G^nstandes mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in 
nichts (= = negatio) aufhört. Daher ist ein Verhältnis« und Zu- 

KAirT*8 Kritik der reinen Vernunft, 10 



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146 Elementarlehre. IL Theü. L Abthellong. IL Boeh. L Hauptstück. 

188 sammenhang oder vielmehr eia Uebergang von Eealität zur Negation, 
welcher jede Be^tät als ein Quantum vorstellig macht; und das Schema 
emer Eealität als der Quantität von etwas, so fem es die Zeit erfüllt, 
ist eben diese continuirliche und gleichförmige Erzeugung dersdben in 
der Zeit, indem man von der Empfindung, die einen gewissen Grad hat, 
in der Zeit bis zum Verschwinden derselben hinabgeht, oder von der 
Negation zu der Grösse derselben alknählich au&teigt 

Das Schema der Substcmz ist die Behanüchkeit des Bealen in 
der Zeit, d. i. die Vorstellung desselben als eine» Subetratum der empi- 
rischen Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alks An- 
dere wechselt (Die Zeit v^läuft nicht, sond^n in ihr verläuft das 
Dasein des Wandelbcuren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und 
bleibend ist, correspondirt in der Erscheinung das Unwandelbare im 
Dasein, d. i. die Substanz, und bloss an ihr kcum die Folge und das 
Zugleichsein der Erscheinungen der Z^t nach bestimmt werden.) 

Das Schema der Ursache und der Causalität eines I^ges über- 
haupt ist das Eeale, worauf wenn es nach Belieben gesetzt wird, jeder- 
zeit etwas Anderes folgt. Es besteht also in der Suoeeasion des Mannig- 
faltigen, in so fem sie einer Regel unterworfen ist. 

Das Schema der Gemdnschaft (Wechselwirkung) oder der wechsel- 
seitigen Causalität der Substanzen in Ansdiung ihrer Acddenzen ist 
184 das Zugleichsein der Bestimmungen der dnen mit denen der anderen 
nach einer allgemeinen Regel. 

Das Schema der Möglichkeit ist die Zuaanmienstimmung der Syn- 
thesis verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit über- 
haupt (z. B. dass das Entgegengesetzte in dnem Dinge nicht zi^leieh, 
sondern nur nach einander sein kann), also die Bestimmung der Vor- 
stellung eines Dinges zu irgend dner Zeit 

Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit 

Das Schema der Nothwendigkdt ist das Dase&n eines Gegenstandes 
zu aller Zeit. 

Man sieht nun aus allem diesem, das& das Schema einer jeden 
Kategorie, als das der Grösse die Erzeugung (Syn^esis) der Zdt selbst 
in der successiven Apprehension eines Gegenstandes, das Schema der 
Qualität die Sjnthesis der Empfindung (Wahmelunung) mit der Vor^ 
Stellung der Zeit oder die Erfüllung der Zeit, das der Ration das Vor- 



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Von dem Schematismas der reinen Verstandesbegriffe. X47 

hältmss der WahmelEnungen unter einander zn aller Zeit (d i. nach 
dner Begel der Zeitbestinunung), endlich das Schema der Modalität und 
ihrer Elategorien die Zmt selbst, als das Correlatum der Bestimmung 
eines Gegenstandes, ob und wie er 2sur Zeit gehöre, enthalte und vor- 
stellig mache. Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen 
a priori nach Kegeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien 
auf die Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung, endlich deniss 
Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen G^enstände. 

Eü^aus erhellt nun, dass der Schematismus des Verstandes durch 
die transscendentale Synthesis der Einbildimgskraft auf nichts Anderes 
als die Einheit alles Maimigfaltigen der Anschauung in dem inneren 
Sinne, und so indireet auf die Einheit der Apperception als Fimction, 
welche dem inneren Oma (einer Keceptivität) correspondirt, hinauslaufe. 
Also sind die Schemate der reinen VerstandesbegrifFe die wahren und 
einzigen Bedingungen, diesen eine Bezielnmg auf Objecte, mithin Be- 
deutung zu verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von 
keinem anderen als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie 
bloss dazu dienen, durch Gründe einer a priori nothwendigen Einheit 
(wegen der nothwendigen Vereinigung alles Bewusstseins in einer ur- 
sprünglichen Apperception) Erscheinungen allgemeinen Regeln der Syn- 
thesis zu unterwerfen und sie dadurch zur durchgängigen VerknÜpftmg 
in einer Erfahrung schicklich zu machen. 

In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere 
Erkenntnisse, und in der allgemeinen 'Beziehung auf dieselbe besteht die 
transscendentale Wahrheit, die vor aller empirischen vorhergeht und sie 
möglieh macht. 

Es fällt aber doch auch in die Augen, dass, obgleich die Schemate 
der Sinnlichkeit die K!ategorien allererst realisiren, sie doch selbige i86 
gleichwol auch restringiren, d. i. auf Bedingungen einschränken, die 
ausser dem Verstände liegen (nämlich in der Sinnlichkeit). Daher ist 
das Schema eigentlich nur das Phänomenon oder d^ sinnliche Begriff 
eines Gegenstandes in Uebereinstimi^ung mit der Kategorie {Nu merus 
eit quantitas phaefwmmony sensaiio realitas phaenommon, eonstans et 

perdtirabile rerum sübstanÜa phaenommon aetemitas neeessitas 

phaenomenon et cet.). Wenn wir nun eine restringirende Bedingimg weg^ 
lassen, so ampMciren wir, wie es scheint, den vorher eingeschränkten 

10* 



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148 Mementarlehre. IL Theil. L Abtheilang. H Buch. IL Haaptstück. 

Begriff, so sollten die Kategorien in ihrer reinen Bedeutung ohne alle 
Bedingungen der Sinnlichkeit von Dingen überhaupt gelten, wie sie 
sind, anstatt dass ihre Schemate sie nur vorstellen, wie sie erschei- 
nen, jene also eine von aUen Schematen unabhängige und viel weiter 
erstreckte Bedeutung haben. In der That bleibt den reinen Verstandes- 
begriffen allerdings auch nach Absonderung aller sinnlichen Bedingung 
eine, aber nur logische Bedeutung der blossen Einheit der Vorstellungen, 
denen aber kein Gegenstand, mithin auch kdne Bedeutung gegeben wird, 
die einen Begriff vom Object abgeben könnte. So würde z. B. Substanz, 
wenn man die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegliesse, nichts 
weiter als ein Etwas bedeuten, das als Subject (ohne ein Prädicat von 
etwas Anderem zu sein) gedacht werden kann. Aus ^eser Vorstellung 

187 kann ich nun nichts machen, indem sie mir gar nicht anzeigt, welche 
Bestimmungen das Ding hat, welches als ein solches erstes Subject 
gelten soll. Also sind die Kategorien ohne Schemate nur Functionen 
des Verstandes zu Begriffen, stellen aber keinen Gegenstand vor. Diese 
Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlichkeit, die den Verstand realisirti 
indem sie ihn zugleich restringirt. 

Der transscendentalen Doctrin der IJrtheilskraft 

(oder Analytik der Grundsätze) 

zweites Hauptstück. 

System aller Grundsätze des reinen Verstandes. 

Wir haben in dem vorigen Hauptstücke die transscendentale IJrtheils- 
kraft nur nach den allgemeinen Bedingungen erwogen, unter denen sie 
allein die reinen Verstandesbegriffe zu synthetischen Urtheilen zu brauchen 
befugt ist. Jetzt ist unser Geschäft, die ürtheile, die der Verstand unter 
dieser kritischen Vorsicht wirklich a priori zu Stande bringt, in syste- 
matischer Verbindung darzustellen, wozu uns ohne Zweifel unsere Tafel 
der Kategorien die natürKche und sichere Leitung geben muss. Denn 
diese sind es eben, deren Beziehung auf mögliche Erfehrüng alle reine 
Verstandeserkenntniss a priori ausmachen muss, und deren Verhältniss 

188 zur Sinnlichkeit überhaupt um deswillen alle transscendentalen Grund- 



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L Abschnitt. Vom obersten Grundsätze analytischer Urtbeild. 14^ 

BStze des 'VerBtandesgebrauchfi vollständig und in einem System darlegen 
wird. 

Grundsätze a priori ftlhren diesen Namen nicht bloss deswegen, 
weil sie die Gründe anderer Urtheüe in sich enthalten, sondern auch 
weil sie selbst nicht in höheren und allgemeineren Erkenntnissen gegrün- 
det sind. Diese Eigenschaft überhebt sie doch nicht allemal eines Be- 
weises. Denn, obgMdi dieser nicht weiter objeotiv gefiihrt werden könnte, 
sondern vidmehr aller Erkenntniss seines Objects zum Grunde' Uegt, so 
hindert dies doch nicht, dass nicht einen Beweis aus den sübjectlven 
Quellen der Mäglichkdt einer Erkenntniss des G^egenstandes überhaupt 
zu sdiafPen möglich, ja auch nötibig wäre, weil der Satz sonst gleidiwol 
den grössten Verdacht einer bloss erscl^chenen Behauptung auf sich 
haben würde. 

Zweitens werden wir uns bloss auf diej^gen Grundsätze, die sich 
auf die Kategorien beziehen, einschränken. Die Prindpien der transsqen- 
dentalen Aesthetik, nach welchen Baum und Zeit ^ Bedingungen der 
Möglichkeit aller Dinge als Erscheinungen sind, ungleichen die B^trio- 
tion dieser Ghrundsätze, dass sie nämlich nicht auf Dinge aa sich selbst 
bezogen werden können, gehören also nicht in unser abgestecktes Feld 
der Untersuchung. ]^benso machen die mathematisohen Grundsätze kei- 
n^i Theil dieses Systems aus, weil sie nur aus der Anschauung, aber 
nicht aus dem reinen Verstandeabegriffe gezogen sind; doch wird die i8f 
Möglichkeit derselben, weü sie gleichwol synthetische. Urtheüe a priori 
sind, hier nothwendig Platz finden, zwar nicht, um ihre Bichtigkeit und 
apodiktische Gewissheit zu beweisen, welches sie gar nicht nöthig haben, 
sondern nur die Möglichkeit solcher evidenten Erkenntoisse a priori be- 
greiflich zu machen tmd zu deduciren. 

Wir werden aber auch von dem Ghrundsatze analytischer Urtheüe 
reden müssen, und dieses zwar im Gegensatz mit dem der synthetischeil, 
als mit welchen wir u.dS eigentüch beschäfdgen, weü eben diese G^en- 
stellung die Theorie der ktzteren von allem Missverstande befreit xmi 
sie in ihrer eigenthümüchen Natur deutlich vor Augen legt 



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150 Elementarlehre. II. Theil. I Abtheünng. IL Buch. IL fiaUptstÜck. 

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes 
Qrstor Abacd^nitt. 

Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urtheile. 

Von wekhem I^hait äüoh unsere Erkernitniss sd, und wie sie siofa 
auf das Objeet bezieh^a mag, so. ist doch die aUgeioeine, obzwar nur ne- 
gative Bedingung aller unserer Urtheile überhai^, dass »e jich nicht 
selbst widersprechen; widrig^i&dls diese Urtheile an sich selbst (auch 

190 ohne Eückdcht aufs Objeot) nichts sind« Wenn aber auch gläch in 
unserem Urthdle kern Widerspruch ist, so kann es demungea(^itet doch 
Begriffe so verbinden, wie es der Gegenstand nicht mit sich bringt, oder 
auch ohne dass uns irgend ein Grund weder a priori noch a fügteriori 
gegeben ist, wd^eher ein solches Urtibeil berechtigte*, und so kann ein 
Urthdl bei allem dem, dass es von allem inneren Widerspruche fi«i ist, 
doch entweder feüsch oder grundlos sein. 

Der Satz nun.- Keinem Dii^e kommt ein Prädieat zü^ wekhes ihm 
widerspricht, heisst der Satz des Widerspruchs, und ist ein «^gemeines, 
obzwar bloss negatives Kriterium aller Wahrheit, gehört aber auch darum 
bloss in die Logik, weil er ^on Erkenntnissen bloss als Erk^mtnissen 
überhaupt, unangesehen ihres Inhalts gilt und sagt, dass der Widerspruch 
sie gänzlich vernichte und aufhebe. 

Man kann aber doch von demselben auch ^inen positiven Gebraudi 
machen, d. i. nioht bloss um Falschheit und Irrthitm (so iexn er aof dem 
Widerfi^>ruch bei-uht) ais verbannen, sondern auch Wahrh^t zu erkennen. 
Denn, wenn das Urtheil analytisch ist, es mag nun verndnend oder 
bejahend sdn, so muss dessen Wahrheit jed^zeit nach dem Satze des 
Widerspruc)is hinreichehd können erkannt werdoi. Denn von dem, was 
in der Erkenntniss des Objects schon sds Begriff liegt und gedacht wird, 
wird das Widerspiel jederzdt richtig vem^t, der Begriff selber aber 

191 nothwendig von ihm bejaht werden müssen, darom, wal das Gegentheil 
desselben dem Objecto widersprechen würde. 

Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das 
allgemeine und völlig hinreichende Principium aller analytischen Er- 
kenntniss gelten lassen; aber weiter geht auch sein Ansehen und 



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n. Abschnitt Vom obersten Gtondsatze analytischor Urtheile. 151 

Brauchbarkeit nicht als eines hinreichenden Kriteriums der Wahrhdt 
Denn dass ihm gar keine Erkenntniss zuwider sem könne, ohne sich 
selbst zu vemiehten, das macht diesen Satz wol zur etmdüto stne qua non, 
aber nicht zum Bestimmungsgrunde der Wahrheit unserer Erkenntniss. 
Da wir es nun eigentlich nur mit dem synthetischen Theile unserer Er- 
kenntniss zu thun haben, so werden wir zwar jederzeit bedacht sein, 
diesem unverletzlichen Grundsatz niemals zuwider zu handeln, von ihm 
aber in Ansehung der Wahrheit von dergleichen Art der Erkenntniss 
niemals ^nigen Aufschluss gewttrügen können. 

Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten, obzwar von allem 
Lohalt entblössten und l^ss formalen Grundsatzes, die eine Synthesis 
endfcftlt, welche aus Unvorsiditigkdt und ganz unnöthiger Webe in sie 
gemischt worden, ^e heisst: Es ist unmöglich, dass etwas zugleich sei 
und nicht seL Ausser dem, dass hier die apodiktische Gewissheit (durch 
das Wort unmöglich) tiberflüssiger Weise angelangt worden, die sich 
doch y<m sdbst aus dem Satz muss verstehen lassen, so ist der Satz 
durdi die Bedingung der Zeit a£&cirt, und sagt gleichsam: Ein Ding 192 
SS A, welches etwas sss B ist, kann nicht zu gleicher Zeit Non-B sein, 
aber es kann wol beides (B sowol als Nm-B) nach einander sein; z. B. 
ein Mensch, der jung Ist, kann nicht zugleich elt sein, eben derselbe 
kann aber sehr wol zu einer Zeit jung, zur anderen nicht jung d. i. alt 
sem. Nun muss der Satz des Widerspruchs als ein bloss logischer 
Grondsatz seine Aussprüche gaar nicht auf die Zeitveiiiältnisse ein* 
schränken, dahor ist eine solche Formel der Abmcht desselben ganz 
zowider. Der Missverstand kommt bloss daher, dass man ein Prädieat 
eines Dinges zuvörd^st von dem Begriff desselben absondert und nach- 
her san Gegenthal mit diesem Prädicate v^knüpft, welches ni^nals 
emen Widersprach mit dem Subjecte, sondern nur mit dessen Prädicate, 
welches mit jenem synthetisch verbunden worden, abgiebt, und zwar nur 
dann, wenn das erste und zweite Prjidicat zu gldcher Zeit gesetzt werden. 
Sage ich: ein Mensch, der ung^ehrt ist, ist nicht gelehrt, so muss die 
Bedingung „zugleich*^ dabei stehen-, denn dw, so zu emer Zeit unge- 
lehrt ist, kann zu einer anderen gar wol gdehrt sein. Sage ich aber: 
kein angelehrter Mensch ist gelehrt, so ist da: Satz analytisch, weil das 
Merkmal (der Ungelehvthdt) nunmehr den Begriff des Subjects mit aus- 
macht, and nlaAwi^ erhellt ^er vaneiuende Satz unmittelbar aus dem 



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152 Elem«ntarlehre. IL Theil. L AbtheUung. H. Buch. IL H&nptstück. 

Satze des Widerspruchs, ohne daas die Bedingung „asugleich" hinzti 
komm^i dajrf. Dieses ist d^m auch die Ursache, weswegen ich oben die 

193 Formel desselben so verändert habe, dass die Natur ein^ aaalytischen 
Satzes dadurch deutlich ausgedrückt wird. 

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes 
zweiter Abschnitt. 

Von dem obersten Grundsatze aller synthetischen Urtheile. 

Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urtibeile ist eine Auf* 
gäbe, mit der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat^ die auch 
sogar ihren Namen nicht einmal kennen darf, ^e ist aber in Giner 
transscendentalen Logik das wichtigste Geschäft unter allen^ und sogar 
das einzige, wenn von der Möglichkeit synthetischer Urtheile a priori 
die Rede ist, ungleichen den Bedingungen und dem Umfange ihrer 
Giltigkeit. Denn nach Vollendung desselben kann sie ihrem Zwecke, 
nämlich den Umfang imd die Grenzen des reinen Verstandes zu be- 
stimmen, vollkommen ein Grenüge thun. 

Im analytischen Urtheile bleibe ich bei dem gegebenen BegrifBs, 
um etwas von ihm auszumadien. Soll es bejahend sein, so lege ich 
diesem Begriffe nur dasjenige bei, was in ihm schon gedacht war; ooiX 
es verneinend sein, so schliesse ich nur das Gegentheil desselben vcm 
ihm aus. In synthetischen Urtheilen aber soll ich aus dem gegebenea 
Begriff hinausgehen, um etwas ganz Anderes als in ihm gedacht war, 

194 mit demselben in Verhältniss zu betrachten, welches daher niooials 
weder ein Verhältniss der Identität noch des Widerspruchs ist, und 
.wobei dem Urtheile an sich selbst weder die Wahrheit noch der Irrthum 
angesehen werden kann. 

Also zugegeben, dass man aus einem gegebenen Begriffe hinaus- 
gehen müsse, um ihn mit ^em anderen synthetisch zu vergleidien, so 
ist ein Drittes nöthig, worin allein die Synthesis zweier Begriffe ent- 
stehen kann. Was ist nun aber dieses Dritte als das Medium aller 
synthetischen Urtheile? Es ist nur ein Inbegriff, darin alle unsere 
Vorstellimgen enthalten sind, nämlich der innere Sinn und die Fcmn 
desselben a priori^ die Zeit. Ke Sjrnthesis der Vorstellungen ba-uht 



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n. Abscbnitt. Vom obersten Grandsatze s^thetischer Urtheile. 153 

auf der Embildungskraft, die sjnthetisehe Einheit derselben aber (die 
aum Urthdle erforderlich ist) auf der Einhdt der Apperception. Hierin 
wird also die Mögtidikeit synthetischer Urthwle, tind da alle drei die 
Qnell^i zu VorsteUnng^ a priori enthalten, anch die Möglichkeit reiner 
synthedseher IJriheile eu suchen sein, ja sie werden sogar aus diesen 
Gründen nothwendig sein, wenn eine Erkenntniss von Gegenständen zu 
Stande kommen soll, die lediglich auf der Bynthesis der Vorstellungen 
beruht. 

Wenn eine Erkenntniss objective Bealität haben, d. i. sich auf einen 
Gregenstand beziehen und in demselben Bedeutung und Sinn haben soll, 
60 muss der Gegenstand auf irgend^ eine Art gegeben werden können. 
Ohne das siad die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, 
in der That aber durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloss mit i9S 
Vorstellungen gespielt. Einen Q^enstand geb^i, wenn dieses nicht 
wiederum nur mittelbar gemeint sem soll, sondern unmittelbar in der 
Anschauung darst^en, ist nichts Anderes als dessen Vorstellung auf 
Erfahrung (es sei wirkliche oder doch mögliche) beziehen. Selbst der 
Baum und die Zeit, so rein diese Begriffe auch von allem Empirische 
sind, und so gewiss es auch ist, dass sie völlig a priori im Gemüthe 
vorgestellt werdöa, würden dodi ohne objective Gilligkeit und ohne 
Sinn und Bedeutung sein, wenn ihr nothwendiger Gebrauch an den 
Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt würde, ja ihre Vorstellung 
ist dn blosses Scheia, das sich muner auf die reproductive Einbildungs- 
kraft bezieht, welche die Gegenstände der Erfisihrung herbei ruft, ohne 
die sie keine Bedeutung haben würden; und so ist es mit allen Begriffen 
ohne Dntersdiied. 

Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unseren 
Erkenntnissen a priori objective Eealität giebt. Nun beruht Erfahrung 
auf der synthetischen Einheit der Erschmnungen, d. i. auf einer Syn- 
theffls nach Begriffen vom Gegenstande der Erscheinungen überhaupt, 
ohne welche sie nicht einmal Erkenntniss, sondern eine Ehapsodie von 
Wahm^miungen sein würde, die sich in keinen Gontext nach Kegeln 
eines durchgängig verknüpften (möglichen) Bewusstseins, mithin auch 
nicht zur transscendentalen und nothwendigen Einheit der Apperception 
zusammen schicken würden. Die Erfeihrung hat also Principien ihrer i96 
Form a priori zum Grunde liegen, nämlich allgemeine Kegeln der Ein- 



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154 Elementarlehre, ü. Thea L Abtheilimg. IL Buch. ü. HaaptfttfidL 

heit in der Synthesis der Ersebemimgen, deren objectlve Bealität als 
nothwendige Bedingungen jederzeit in der Er£ibrung, ja sogar ihrer 
Möglichkeit gewiesen werden kann. Ausser dieser Beztehnng aber sind 
synthetische Sätze a priori gftnzHch unmöglich, weil sie /kein Drittes^ 
nämlich keinen Gegenstand haben, an dam die ^mthetische Einheit ihr^r 
Begriffe objective Realität darthun könnte. 

Ob wir daher gleich vom Baume überhaupt oder 'den GrostaXten^ 
welche die productive Einbildungskraft in ihm verzeichnet, so vieles 
a priori in synthetischen Urtheilen erkennen, so dass wir wirklich hier- 
zu gar keiner Erfahrung bedürfen, so würde doch diese Erkenntniss 
gar nichts, sondern die Beschädigung mit einem blossen Himsesionnst 
sein, wäre der Raum nicht als Bedingung der Erscheinung^i, welche 
den Stoff zur äusseren Erfahrung ausmachen, anzusehen; dah^ sich 
jene reinen synthetisch^i Urtheile, obzwar nur mittelbar, auf mögliche 
Erfahrung oder vielmehr auf dieser ihre Möglidbkeit selbst beziehen» 
und darauf allein die objective Giltigkeit ihr» Synthesis gründexi. 

Da also Erfahrung als empirische Synthesis in ihrar Möglichkeit 

die einzige Erkenntnissart ist, welche aller anderen Synthesis Realität 

giebt, so hat diese als Erkenn<mss a priori auch nur dadureh Wahrheit 

197 (Einstimmung mit dem Object), dass sie nichts weit» enthält, als was 

zur synthetischen Einheit der Erfahrung überhaupt nothwendig ist. 

Das oberste Prindpium aller synthetischen Urtheile ist also: ein 
jeder Gegenstand steht unter den nothwendigen Bedingungen der syn- 
thetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauang in esner mög- 
lichen Erfahrung. 

Auf solche Weise sind synthetische Urtheile a priori mö^beh, wenn 
wir die formalen Bedingungen der Anschauung a prioriy die Synthesis 
der Einbildungskraft und die nothwendige iSnhest dersett>«L in einer 
transscendentalen Apperception, auf eine mögliche Er£säir«ngs»k»mtniss 
überhaupt beziehen und sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der 
Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingtmgen der Möglichkeit 
der Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objective Giltig- 
keit in einem synüietischen Urtheile a priori. 



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HL Albschn. Syst. Vorstellung aller synthetbchen Grundsätze. 155 

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes 
dritter Absolinitt. 

Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze 

desselben. 

Dass tiberbaupt irgendwo Grandslitze stattfinden, das ist lediglich 
dem reinen Verstände zuzuschreiben, der nicht aliein das Vermögen der 
Regeln ist in Ansehung dessen, wias geschieht, sondern selbst der Quell 19a 
der Grundsätze, nach welchen ^es (was uns nur als Gegenstand vor- 
kommen kann) nothwendig unter Kegehi steht, weil ohne solche den 
Erscheinungen niemals Eiisemstniss eines ihnen correspondirenden Gegen- 
standes zukommen könnte. Selbst Naturgesetze, wenn sie als Grund- 
sätze des empirischen Verstandesgebrauchs betrachtet werden, führen 
sogleich dnen Ausdruck der Nothwendigkeit, mithin wenigst^is die 
Vermuthung einer Bestimmung aus Gründen, die a priori und vor all^ 
£kr£ahrang giltig sind, bei skh. Aber ohne Unterschied stehen alle G^ 
setze der Natur unt^ höhearen Gh-undsätzen des Verstandes, indem sie 
^ese nur ai^ besondere EäUe der Erscheinung anwenden. Diese allein 
geben aleö den B^riff, der die Bedingung und gleichsam den Exponen- 
ten zu dner Begd Hb^haupt enthält, Erftihrung aber giebt den Fall, 
der unter der Regel steht' 

Dass man bloss empirische Gnmdsätze für Grundsätze des reinen 
Verstandes oder auch umgekehrt ansehe, deshalb kann wol eigentlich 
keine Gefahr sein; denn die Nothwendigkeit nach Begriffen, welche die 
letzteren auszeichnet, und deren Mangel in jedem empirischen Satze, so 
allgemein er auch gelten mag, leicht wahrgenommen wird, kann diese 
Verwechselung l^cht verhüten. Es giebt aber reine Grundsätze a priori^ 
die ich gleichwoT doch nicht dem reinen Verstände eigenthümlich bei- 
messen möchte, darum, weü sie nicht aus reinen Begriffen, sondern aus 199 
reinen Anschauungen (obgleich vermittelst des Verstandes) gezogen sind; 
Verstand ist aber d^s Vermögen der Begriffe. Die Mathematik hat der- 
gleichen, aber ihre Anwendung auf Erfahrung, mithin ihre objective 
Gütigkeit, ja die Möglichkeit solcher synthetisdi^ Erkenntniss a priori 
(die Deduction ders^ben) beruht doch immer auf d^n reinen Verstände. 



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156 Elemeutarlehre. II. TheiL I. Abtheilung. n. Buch. IL Haaptstück. 

Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht 
mitzählen, aber wol diejenigen, worauf sich dieser ihre Möglichkeit und 
«objective Giltigkeit a pnori gründet, und die mithin als Principien dieser 
Grundsätze anzusehen sind, und von Begriffen zur Anschauung, nicht 
aber von der Anschauung zu B^riffen ausgehen. 

In der Anwendung der reinen VerstandesbegrifFe auf mögliche 
Erfahrung ist der Gebrauch ihrer -Synthesis entweder mathematisch 
oder dynamisch; denn sie geht theüs bloss auf die Anschauung, 
theils auf das Dasein einer Erscheinung tibearhaupt. Die Bedingungen 
ü priori der Anschauung sind aber in Ans^mng eoner möglichen Er- 
fahrung durchaus nothwendig, die des Daseins der Objecte einer mög- 
lichen empirischen Anschauung an sich nur zu^ßlllig. Daher werden die 
Grundsätze des mathematischen Gebrauchs unbedingt nothwendig d. i. 
apodiktisch lauten, die aber des dynamischen Gebrauchs werden, zwar 
auch den Charakter einer Nothwendigkeit a priori^ aber nur unter der 
Bedingung des empirischen Denkens in einer Erfahrung, mithin nur 
200 mittelbar und indirect bei sich führen^ folglich diej^ge xmmittelbare 
Evidenz nicht enthalten (obzwar ihrer auf Er£ethrung allgem^ bezo- 
genen G^wissheit unbeschadet), die jenen eigen ist Doch dies wird sich 
beim Schlüsse dieses Systems von Grundsätzen besser beurtbeikn lass^a. 

Die Tafel der Kategorien giebt uns die ganz natürliche Anweisung 
2ur Tafd der Grundsätze, weü diese doch nidits Anderes als Begdn des 
objectiven Gebrauchs der ersteren sind. Alle Grundsätze des reinen 
Verstandes sind demnach 





1. 


• 




Axiome 




2. 


der Anschauung. 


3'. 


Anticipationen 




Analogien 


der Wahrnehmung. 


4. 

Postulate 


der Erfahrung. 



des empirischen Denkens überhaupt. 

Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt, um die Unter- 
schiede in Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze 



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m. Abschn. Syst Vorstelliing aller synthetischen Qnmdsätze. 157 

mcht unbemerkt zn lassen. Es wird sich aber bald zeigen, dass, was 
sowol die Evidenz als die Bestinunung der Erscheinungen a priori nach 20^ 
den Kategorien der Grösse und der Qualit&t (wenn man lediglich auf 
die Form der letzteren Acht hat) betrifft, die Grimdsätze derselben sich 
darin von den zwei übrigen namhaft unterscheiden, indem jene einer 
intuitiven, diese aber einer bloss discursiven, obzwar beiderseits einer 
völligen Gewissheit flüiig sind. Ich werde daher jene die mathema- 
tischen, diese die dynamischen Grundsätze nennen.* Man wird aber 
wol bemerken, dass ich hier ebenso wenig die Grundsätze der Mathe- 20«! 
matik in einem Falle als die Grundsätze der allgemeinen (physischen) 
Dynamik im andeten, sondern nur die des reinen Verstandes im Ver- 
hältniss auf den inneren Binn (ohne Unterschied der darin gegebenen 
Vorstellungen) vor Augen habe, dadurch dann jene insgesammt ihre 
Möglichkeit bekommen. Ich benenne sie also mehr in Betracht der An-^ 
Wendung als um ihres Inhalts willen, und gehe nun zur Erwägung der^ 
selben in der nämlichen Ordnimg, wie sie in der Tafel vorgestellt werden. 



[*A11e y erbindang {eoi^ftmctio) ist entweder Zusammensetzung (compo^ 
ikio) odw Verknüpfung (nexut). Die erotere ist die Synthesis des Mannigfaltigen, 
was nicht nothwendig zu einander gehört; wie z. B. die zwei Triangel, darin, 
ein Quadrat durch die Diagonale getheilt wird, für sich nicht nothwendig zu ein- 
ander gehören; und dergleichen ist die Synthesis des Gleichartigen in allem, 
was mathematisch erwogen werden kann (welche Synthesis wiederum in die der 
Aggregation imd Coalition eingetheilt werden kann, davon die erstere aui 
extensive, die andere anf intensive Grössen gerichtet ist). Die zweite Yerbin- 
dong (neacmi) ist die SyAthesis des Mannigfaltigen, so fem es noth{W endig zi^ 
einander gehört — - wie z. B. das Accidens zu irgend einer Substanz oder die 
Wirkung zu der Ursache, — mithin auch als ungleichartig, doch a priori ver- 
banden vorgestellt wird, welche Verbindung, weil sie nicht willkürlich ist, icb 
darum dynamisch nenne, weil de die Verbindung des Daseins des Mannigfalü«. 
gea betrifft (£e wiederum in die physische der Erscheinungen unter einander,, 
nnd die metaphysische, ihre Verbindung im ErkenntnissvermÄge^n a j^riori^ eingQit. 
theilt werden kann).'] 



' Diese Anmerkung ist ein Zusatz der zweiten Auflage 



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158 ^ementarlelire. IL TheiL L Abtheilung. n. Buch. IL Hauptstück. 

1. Axiome der Anschauung. 

Das Pruicip derselben ist: Alle Anschauungen sind extensive 

Grössen.^ 

[Beweis.] 

[Alle Erscheinungen enthcdten der Form nach eine Anschauung in 
Baum und Zeit, welche ihnen insgesanunt d prton zum Grunde li^t 
Sie können also nicht anders apprehendirt d. i. ins empirische Bewusst- 
sein aufgenommen werden, als durch die Synthesis des Manuig^Eiltigen, 
wodurch die Vorstellungen eines bestimmten Baumes oder Zeit erzeugt 
werden, d. i. durch die Zusammensetzung des Gleichartigen und das Be- 
«03 wusstsein der synthetischen Einheit dieses Mannigfaltigen (Gleichartigen). 
Nun ist das Bewusstsein des mannigfaltigen Gleichartigen in der An^ 
schauung überhaupt, so fem dadurch die Vorstellung eines Objects zuerst 
möglich wird, der Begriff einer Grösse {quanti). Also ist selbst die 
Wahrnehmung eines Objects als Erscheinung nur durch dieselbe syn- 
thetische Einheit des Mannigfaltigen der gegebenen sinnlichen Anschau- 
ung möglich, wodurch die Einheit der Zusammensetzung des mannig- 
faltigen Gleichartigen im Begriffe einer Grösse gedacht wird-, d. i. die 
Erscheinungen sind insgesammt Grössen, und zwar extensive Grössen, 
weü sie als Anschauungen im Kaume oder der Zeit durch dieselbe Syn- 
thesis vorgestellt werden müssen, als wodurch Baum und Zeit überhaupt 
bestimmt werden.^ 

Eine extensive Grösse nenne ich diejenige, in welcher die Vorstel- 
lung der Theile die VorsteUimg des Ganzen möglich macht (und also 
uothwendig vor dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein 
sie auch sei, vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d. i. von einem 
Punkte alle Theile nach und nach zu erzeugen und d^idurch allererst 
diese Anschauung zu verzeichnen. Ebenso ist es auch mü jeder, auch 
der kleinsten Zeit bewandt. Ich denke mir darin nur den successiven 
Fortgang von einem Augenblick zum anderen, wo durch alle Zeittheile 



* Statt der obigen Definition und Ueberschrift hat die erste Auflage Folgendes: 
„Von den Axiomen der Anschauung. — Grundsatz des reinen Verstandes: 
AUe Erscheinungen sind ihrer Anschauung nach extensive Grössen." 

' Dieser erste Absatz ist wie auch die Ueberschrift „Beweis" ein Zusatz der 
zweiten Auflage.^ 



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HL Abschn. Syst Yorstelliing aller synthetbclien Gfrundsätze. 159 

und deren Hiuzuthuix endlich eine bestimmte Zeitgrösse erzeug wird. 
Da die blosse Anacbftuuu^ an allen Erscheinungen entweder der Raum 
oder die Zeit i^t, so ist jede Erscheiaung als Anschauung eine extensive 204 
Grösse, indem sie vai durch succeasire Sjnthesis (von Theil zu Theil) 
in der Apprehension. erkannt werden kann. Alle Erscheinungen werden 
denmach schon als Aggregate (Menge vorher gegebener Theile) angeschaut, 
welches eben nicht der- Fall bei jeder Art Grössen, sondern nur derer 
ist, die von uns extensiv als solche vorgestellt und apprehendirt werden. 

Auf diese successive Synthesis der productiven Einbildungskraft in 
ier Erzeugung der Gestüten gründet sich die Mathematik der Ausdeh- 
nung (Geometrie) mit ihren Axiomen, wdche die Bedingungen der sinn- 
Hchen Anschauung a jpriort ausdrücken, unter denen allein das Schema 
eines reinen Begriff der äusseren Erscheinung zu Staude kommen kann; 
s. B. zwischen zwei Punkten ist nur eme gerade Linie möglich; zwei 
gerade Linien schliessen keinen Kaum ein u. s. w. Dies sind die Axi- 
ome, welche eigentlich nur Grössen (qtianta) als solche betreffen. 

Waa aber die Grösse {quantitai}^ d. i. die Antwort auf die Frage, 
wie gross etwas sei, betrifft, so giebt es in Ansehung derselben, obgleich 
verschiedene dieser Sätze sjmthetisch und unmittelbar gewiss {indemon- 
drdbüid) sind, dennoch im eigentlichen Verstände keine Axiome. Denn 
dass Gleiches zu Gleichem hinzugethan oder von diesem abgezogen ein 
Gleiches gebe, sind analytische Sätze, indem ich mir der Identität der 
einen Grössener^eugung mit der anderen immittelbar bewusst bin; Axi-205 
ome aber sollen 83mthetische Sätze a priori sein. Dagegen sind die 
eyidenten Sätze der Zahlverhältnisse zwar allerdings synthetisch, aber 
sieht allgemein wie die der Geometrie, und eben um deswillen auch nicht 
Axiome, sondern können Zahlformeln genannt werden. Dass 7 -|- 5 = 12 
fld, ist kein analytischer Satz. Denn ich denke weder in der Vorstellung 
von 7, noch von 5, noch in der Vorstellung von der Zusammensetzung 
beider die Zahl 12 (dass ich diese in der Addition beider denken 
solle, davon ist hier nicht die Eede; Assasi bei dem analytischen Satze ist 
nur die, Frage, ob ich das Prädicat wirkljßh u^ der Vor^t^lung des Sub- 
jects denke). Ob er aber gleich synthetisch ist, so ist er doch nur ein 
enzelner Satz. So fem hier bloss auf die Synthesis des Gleichartigen 
(der Einheiten) gesehen wird, so kann die Synthesis hier nur auf eine 
einzige Art geschehen, wiewol der Gebrauch dieser Zahlen nachher 



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160 Elementarlehre. H. Theil. I Abthellung. 11. Buch. 11. Hauptsttick. 

allgemein ist. Wenn ich sage: durch drei Linien, deren zwei zusammen- 
genommen grösser sind als die dritte, lässt sich ein Triangel zeichnen, 
so habe ich hier die blosse Function der productiven Einbildungskraft, 
welche die Linien grösser und kleiner ziehen, imgleichen nach allerlei 
beliebigen Winkeln kann zusammenstossen lassen. Dagegen ist die Zahl 
7 nur auf eine einzige Art möglich, und auch die Zahl 12, die durch 
die Synthesis der ersteren mit 5 erzeugt wird. Dergleichen Sätze muss 

206 man also nicht Axiome (denn sonst gäbe es deren unendliche), sondern 
Zahlformeln nennen. 

Dieser transscendentale Grundsatz der Mathematik der Erschei- 
nungen giebt unserer Erkenntniss a priori grosse Erweiterung. Denn er 
ist es allein, welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präcision auf 
Gegenstände der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen 
Grundsatz nicht so von selbst erhellen möchte, ja auch manchen Wider- 
spruch veranlasst hat. Erscheinungen sind keine Dinge an sich selbst. 
Die empirische Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und 
der Zeit) möglich; was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne 
Widerrede von jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der 
Sinne nicht den Regeln der Gonstruction im Räume (z. B. der unend- 
lichen Theilbarkeit der Linien oder Winkel) gemäss sein dürften, müssen 
wegfallen. Denn dadurch spricht man dem Räume und mit ihm zu- 
gleich aller Mathematik objective Giltigkeit ab, und weiss nicht mehr, 
warum und wie weit sie auf Erscheinungen anzuwenden sei. Die Syn- 
thesis der Räume und Zeiten als der wesentlichen Formen aller Anschau- 
ung ist das, was zugleich die Apprehension der Erscheinung, mithin jede 
äussere Erfahrung, folglich auch alle Erkenntniss derselben möglich 
macht; und was die Mathematik im reinen Gebrauch von j^ier beweist, 
das gilt auch nothwendig von dieser. Alle Einwürfe dawider sind nur 

507 Chicanen einer falsch belehrten Vernunft, die irriger Weise die Gegen- 
stände der Sinne von der formalen Bedingung unsere Sinnlichkeit los- 
zumachen gedenkt und sie, obgleich sie bloss Erscheinungen sind, als 
Gegenstände an sich selbst, dem Verstände gegeben, vorstellt^ in welchem 
Falle freilich von ihnen a priori gar nichts, mithin auch nicht durch 
reine Begriffe vom Räume synthetisch erkannt werden könnte, und die 
Wissenschs^, die diese bestimmt, nämlich die Geometrie, selbst nicht 
möglich sein würde. 



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III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthetischen GrondsIltEe. 161 

2. ÄQÜcipatioiieii der Wahmehmang. 

Das Princip derselben ist: In allen Erscheinungen hat das 
Eeale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive 
Grösse, d. i. einen Grad.* 

[Beweis.] 

[Wahrnehmung ist das empirische Bewusstsein, d. i. ein solches, in 
welchem zugleich Empfindimg ist. Erscheinungen als Gegenstände der 
Wahmehmimg sind nicht reine (bloss formale) Anschauungen wie Kaum 
und Zeit (denn die können an sich gar nicht wahrgenommen werden). 
Sie enthalten also über die Anschauung noch die Materien zu irgend 
einem Objecto überhaupt (wodurch etwas Existirendes im Eaume oder 
der Zeit vorgestellt wird), d. i. da« Reale der Empfindung als bloss sub- 
jective Vorstellimg, von der man sich nur bewusst werden kann, dass 
das Subject afficirt sei, und die man auf ein Object überhaupt bezieht, 20s 
in sich. Nun ist vom empirischen Bewusstsein zum reinen eine stuten- 
artige Veränderimg möglich, da das Reale desselben ganz verschwindet 
und ein bloss formales Bewusstsein (a priori) des Mannigfaltigen in Baum 
und Zeit übrig bleibt; also auch eine Synthesis der Grössenerzeugune: 
einer Empfindung von ihrem Anfange, der reinen Anschauung ^ an 
bis zu einer beliebigen Grösse derselben. Da nun Empfindimg an sich 
gar keine objective Vorjstellung ist, und in ihr weder die Anschauung 
vom Baum noch von der Zeit angetroffen wird, so wird ihr zwar keine 
extensive, aber doch eine Grösse (imd zwar durch die Apprehension der- 
selben, in welcher das empirische Bewusstsein in einer gewissen Zeit von 
nichts =0 bis zu ihrem gegebenen Masse erwachsen kann), also eine 
intensive Grösse zukommen, wacher correspondirend allen Objecten der 
Wahrnehmung, so fem diese Empfindung enthält, intensive Grösse, 
d. i. ein Grad des Einflusses auf den Sinn beigelegt werden muss.*] 



^ Obige Definition und Ueberschrift lauten in der ersten Auflage: 
,,Die Antieipationen der Wahrnehmung. — Der Grundsatz, welehear 
•lle Wahmehmungep. als solche anticii^ heisst so: In allen Erscheinungen hat die 
■ Empfindung und das Beale, welches ihr an dem Gegenstande entspricht (reoMtaa 
pJutenomenon), eine intensive Grösse, d. i einen Grad." 

* Dieser erste Absatz ist wie die Ueberschrift „Beweis" ein Zusatz der zweiten 
Auflage. 

Eavt*s Kritik der reinen Vernunft. 11 



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Jß2 Elemontarlebre. 11. Thea L AbtheUung. IL Buch. IL Ä».upt»tück. 

Man kann alle Erkenntniss, wodurch ich dasjenige, was zur empi- 
rischen Erkenntaiss g^t^rt, a prißfi erkennaa und bestimmen kann, eine 
Anticipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in welcher 
Epjcur seinen Ausdruck ütQoXijtpLq brauchte. Da aber an den Erschei- 
nungen etwas ist, was niemals a priori erkaunt wird, und welches daher 
auch den eigentlichen Unterschied des Empirischen von der Erkenntniss 

«09 a priori ausmacht, nämlich die Empfindung (als Materie der Wahr- 
nehmung), so folgt, dass diese es eigentlich sei, was gar nicht anticipirt 
werden kann. Dagegen würden wir die reinen Bestimmungen im Eaume 
und der Zeit, sowol in Ansehung der Gestalt als Grösse, Anticipation en 
der Erscheinungen nennen können, weil sie dasjenige a priori vorstellen, 
was immer a posteriori in der Erfahrung gegeben werden mag. Gesetzt 
aber, es finde sich doch etwas, was sich an jeder Empfindung als Em- 
pfindung überhaupt (ohne dass eine besondere gegeben sein mag) a 
priori erkennen lässt, so würde dieses im ausnehmenden Verstände 
Anticipation genannt zu werden verdienen, weü es befremdlich scheint, 
der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen, was gerade die Materie der- 
selben angeht, die man, nur aus ihr schöpfen kann. Und so verhält es 
sich hier wirklich. 

Die Apprehension bloss vermittelst der Empfindung erfüllt nur 
einen Augenblick (wenn, ich nämlich nicht die Succession vieler Em- 
pfindimgen in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinimg, dessen 
Apprehension keine successive Öynthesis ist, die von Theilen zur ganzen 
Vorstellung fortgeht, hat sie also keine extensive Grosse-, der Mangel 
der Empfindimg in demselben Augenblicke würde diesen als leer vor- 
stellen, mithin = 0. Was nun in der empirischen Anschauung der 
Empfindung correspondirt, ist Realität (realitaa phaenomenon)\ was dem 

110 Mangel derselben entspricht, Negation = 0. Nun ist aber jede Empfin- 
dimg einer Verringerung fähig, so dass sie abnehmen und so allmählich 
verschwinden kann. Daher ist zwischen Realität in der Erscheinung 
tmd Negation ein coatinuirlicher Zu$aromenhang vieler möglicher Zwi- 
Bchenempfindungen, deren Untersebied von einander immer kleiner ist, 
als der Unterschied zwisch«i der gegebenen und dem Zero oder der 
gänzlichen Negation. Deis ist: das Reale in der Erscheinung hat jeder- 
zeit eine Grösse, welche aber nicht in der Apprehension angetroiffen 
wird, indem diese vermittelst der blossen Empfindung in einem Augen- 



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m Absehnitt. S^at. Vorstellung aller s^thefischen Ghnmdsätze. 163 

blicke, und nic^ durch 8ucc68«lye*B^tbe8is vieler Empfindungen ge- 
schieht, und also nicht von den Theilen zum Ganzen geht*, es hat also 
zwar eine Grosse, aber keine extenmve. 

Nun nenne ich diejenaige Grösse, die nur als Einheit apprehendirt 
wird, und in welcäier die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation 
= vorgestellt werden kann, die intensive Grösse. Also hat jede 
Bealität in der Erscheinung intensive Grösse, d. i. einai Grad. Wenn 
m«i diese Bealität als Ursache (es sei der Empfindung oder anderer 
Bealität in der Erschemung, z. B. einer Veränderung) betrachtet, so 
nennt man den Grad der Bealität ^ Ursache ein Moment, z. B. d£is 
Moment der Schwwe, und zwar darum, weil der Grad nur die Grösse 
bezeichnet, deren Apprehension nicht suooessiv, sondern augenblicklich 
ist. Dieses berühre ich aber hier nur beiläufig, denn mit der Causalität 
habe ich fiär jetzt noch nicht zu thun. 

So hat demnach jede^ Empfindung, mithin auch jede Bealität in der 211 
Erscheinimg, so klein 1^ aueh sein mag, einen Grad, d. i. eine intensive 
Grösse, die noch immer vermindert werden kann, imd zwischen Bealität 
und Negation ist ein continuirlicher Zusammenhang möglicher BeaUtäten 
und möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z. B. die 
rothe, hat dnen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals der 
kleinste ist, und so ist es mit der Wärme, dem Moment der Schwere u. s. w. 
überall bewandt. 

Die Eigensdiaft der Grössen, nach welcher an ihnen kein Theil 
der UeinstmÖgHche (kein Theil einfach) ist, heisst die Continidtät der- 
selben. Bauin und Zeit sind quanta eontmuaj weil kein Thdl derselben 
gegeben werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Funkten und Augen- 
blicken) einzusc))Jie8sen, müMn nur so, dass dieser Theil selbst wiederum 
ein Baum oder dne Zeit ist. Der Baum besteht also nur aus Bäumen, 
die Zeit ans Zeit^L Punkte und AugenbHi^ sind nur G^nz^i, d. i« 
blosse Stellen ihrer ISnschränkung; Stell^i ab^ 'setzen jederzeit j^ie 
Anschauungen, die sie beschränken oder be^^immen sc^eb, voraus, und 
aus blossen Stellen als aus Bestandtheilen, die noch vor dem Baume 
oder der Zeit gegeben werden könnten, kann weder Baum noch Zeit 
zusammengesetzt w^den. Dergleichen. Grössen kann .man auch flies-^ 
sende nennen, weil di^ Synthesis (der prodüotiven J^bildung^aft) in 
ihrer Er zengimg ein > Fortgang in- der Zeit ist, deren GontinxBiät mansis 

11* 



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164 Elementarlehre. H Theil. L Abtheilung. H Buch. n. Hauptstöck. 

besonders dnreh den Ausdruck des Fliessens (Verfliessens) zu bezeichnen 
pflegt. 

Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach continuirliche Grössen, 
sowol ihrer Anschauung nach als extensive, oder der blossen Wahrneh- 
mung (Empfindung und mithin Eealität) hach als intensive Grössen. 
Wenn die Synthesis des Manni&rfaltisren der Erscheinung unterbrochen 
ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erschein nnsren, und nicht 
eigentlich Erscheinung als ein Quantum, welches nicht durch die blosse 
Fortsetzung der productiven Synthesis einer gewissen Art, sondern durch 
Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt wird. Wenn 
ich 13 Thaler ein Gkldquantum nenne, so benenne ich es so fem richtig, 
als ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Süber verstehe, welche 
aber allerdings eine continuirliche Grösse ist, in welcher kdn Theü der 
kleinste ist, sondern jeder Theil ein Geldstück ausmachen könnte, welches 
immer Materie zu noch kleineren enthielte. Wenn ich aber unter jener 
Benennung 13 runde Thaler verstehe als so viel Münzen (ihr Süber- 
gehalt mag sein, welcher er wolle), so benenne ich es unschicklich durch 
ein Quantum von Thalem, sondern muss es ein Aggregat, d. i. eine 
Zahl Geldstücke nennen. Da nun bei aller Zahl dodi Einheit zum 
Grunde liegen muss, so ist die Erscheinung als Einheit em Quantum, 
und als ein solches jederzeit ein Gontinuum. 

Wenn nun alle Erscheinungen, sowol extensiv als intensiv betraxjh- 
sistet, continuirliche Grössen sind, so würde der Satz, dass auch alle Ver- 
änderung (Uebergang eines Dinges aus einem Zustande in den anderen) 
continuirHch sei, leicht und mit mathematische Evidenz hier bewiesen 
werden können, wenn nicht die Gausalität einer Veränderung überhaupt 
ganz ausserhalb der Grenzai einer Transscendental«Philos<^hie läge und 
empirische Prindpien voraussetzte. Denn dass eine Ursache möglich sei, 
welche den Zustand der Dinge verändere, d. L sie zum Gkgenthdl eines 
gewissen gegebenen Zustandes bestimme, davon giebt uns der Verstand 
a priori gar keine Eröffimng, nicht bloss desw^en, weil er die Möerlich- 
keit davon gar lucht einsieht (denn diese Einsicht fehlt uns in mehreren 
Erkenntnissen a 'pmori\ sondern weil die VeränderÜohkeit nur gewisse 
Bestimmungen deriBrscheinun^to trifft, welche die Erfahrung allein 
lehren kamif indesis^ dass ihre Ursache in dem Unveränderlichen anzu- 
treffen ist Da wir aber hier nichts vor uns nahen, diessen wir uns 



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IIL Abschnitt. Sjst. VorsteUung aller synthetischen Grondsätse. j^g5 

bedienen können, als die ranen Grundbegriffe aller möglichen Erfahrung, 
unter welchen durchaus nichts Empirisches sein muss, so können wir, 
ohne die Einheit des Systems zu verletzen, der allgemeinen Naturwissen- 
sdiaft, welche auf gewisse Grunderfahrungen gebaut ist, nicht vorgreifen. 

Geichwol mangelt es uns nicht an Beweisthtimem des grossen Ein- 
flusses, den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu anticipiren, 
und sogar deren Mangel so fem zu ergänzen, dass er allen falschen 
Schlüssen, die daraus gezogen werden möchten, den Biegel vorschiebt. 

Wenn alle Bealität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen 214 
dem und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade 
stattfindet, \md gleichwol ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der Re- 
oeptivität der Empfindungen haben muss, so ist keine Wahrnehmung, 
mithin auch keine Erfahrung möglich, die dnen gänzlichen Mangel alles 
Bealen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar (durch 
welchen Umschweif im Schliessen man inuner wolle), bewiese, d. i. es 
kann aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Baume oder 
einer leeren Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des 
Bealen in der sinnlichen Anschauung ksum erstlich selbst nicht wahr- 
genommen werden, zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung 
und dem Unterschiede des Grades ihrer Bealität gefolgert, oder darf 
auch zur Erklärung derselben niemals angenommen werden. Denn, 
wenn auch die ganze Anschauung eines bestimmten Baumes oder Zeit 
durch und durch real, d. i. kein Theil derselben leer ist, so muss es 
doch, weil jede Bealität ihren Grad hat, der bei unveränderter extensiver 
Grösse der Erscheinung bis zum Nichts (dem Leeren) durch unendliche 
Stufen abnehmen kann, unendlich verschiedene Grade, mit welchen Baum 
oder Zeit erfüllt sei, geben, imd die intensive Grösse in verschiedenen 
Erscheinungen kleiner oder grösser sein können, obschon die extensive 
Grösse der Anschauung gleich ist. 

Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da 215 
sie ^en grossen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener 
Art unter Reichem Volumen (theils durch das Moment der Schwere 
oder des Gewichts, theils durch das Moment des Widerstandes gegen 
andere bewegte Materien) wahrnehmen, schliessen daraus einstimmig, 
dieses Volumen (extensive Grösse der Erscheinimg) müsse in allen Ma- 
terien, ob zwar in verschiedenem Masse, leer sein. Wer hätte aber von 



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IQQ Elementarlehre. n. llieil. I. Abtheilung. II. Buch. ü. Hanptstück. 

diesen grösstentheüs mathematischen und mechanischen Nattcrforschem 
eich wol jemals einMlen lassen, dass sie diesen ihi-en Schltrös lediglwh 
anf eine metaphysische Vo!^aussetznng, welche sie doch s<y sekr äu ver- 
meiden vorgeben, grtindeten, indem sie annahmen, daas das Keale im 
Ranme (ich mag es hier nicht Undurchdringlicihkeit od^ Gewicht nennen, 
weil dieses empii^he Begriffe sind) allerwärts einerlei sei und sich 
nur der esrtensiven Grösse d. i. der Menge nach unterscheiden könne. 
Dieser Voraussetzung, dazu Sie keinen Grund m der Erfehrung haben 
konnten, und die also bloss metaphysisch ist, setze ich einen transscen- 
dentalen Beweis entgegen, der zwar den Unterschied in der ErföUung 
der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte NothwendigkdH; 
jener Voraussetzung, gedachten Unterschied nicht anders als durch an- 
zunehmende leere Räume erklären zu können, völlig aufhebt, imd das 
Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu versetzen, sich 
«16 diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denken, wenn die Natuiv 
erklärung hierzu irgend eine Hypothese nothwaidig machen sollte. Denn 
da sehen wir, dass, obschon gleiche Räume von verschiedenen Materien 
vollkommen erfüllt sein mögen, so dass in keinem von ihnen ein Punkt 
ist, in welchem nicht ihre Gregenwart anzutreffen wäre, so habe doch 
jedes Reale bei derselben Qualität ihren Grad (des Widerstandes oder 
des Wiegens), welcher ohne Verminderung der extensiven Grösse oder 
Menge ins imöndliche kleiner sein kann, ehe sie in das Leere übergeht 
und verschwindet. So kann eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, 
2. B. Wärme, und auf gleiche Weise jede andere Realität (in der Er- 
scheinung), ohne im mindesten den kleinsten Theil dieses Raumes leer 
zu lassen, in ihren Graden ins unendliche abnehmen, und nichts desto 
weniger den Raum mit diesen kleineren Graden ebenso wol erfüllen, als 
eine andere Erscheinimg mit grösseren. Meine Absicht ist hier keines- 
wegs, zu behaupten, dass dieses wirklich mit der Verschiedenheit der 
Materien ihrer specifischen Schwere nach so bewandt sei, sondern nur 
aus einem Grundsätze des reinen Verstandes darzuthun, dass die Natur 
unserer Wahrnehmungen eine solche Erkläruhgsart möglich mache, und 
dass man fälschlich das Reale der Erscheinung dem Grade nach als 
gleich, und nur der Aggregation und deren extensiver Grösse nach als 
verschieden annehme, und dieses sogar vorgeblicher maseen durch einen 
Grundsatz des Verstandes a priori behaupte. 



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m Abschniti Syst VorsteUung aller syntfaetischeKi Gnmdsätze. ^67 

Es hat gleichwol diese Anücipation der Wahrnehmung für einen 217 
der transscendentalen XJeberlegung gewohnten und dadurch behutsam 
gewordenen Nachfbrseher immer etwas AufißEillendes an sich, xmd erregt 
darüber einiges Bededkeii, dass det Verstand einen dergleichen synthe- 
tischen Satz, als der von dem Grad alles Eealen in den Erscheinungen 
ist, und mithin der Möglichkeit de» tnn/eren Unterschiedes der Empfindung 
selbst, wenn man von ihrer empirüchen Qualität abstrahirt, anticipire; 
und es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage, wie der 
Verstand hierin synthetisch über Erschemungen a priori aussprechen, 
und diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloss empirisch ist, 
nämlich die Empfindung angeht, anticipiren könne. 

Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloss empirisch, und 
kann a priori gar nicht vorgestellt werden (z. B. Farben, Geschmack u. s. w.). 
Aber das Beale, was den Einpfindungen überhaupt correspondirt, im 
Gegensatz mit der Negation =;0, stellt nur etwas vor, dessen Begriff an 
sich ein Sein enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in einem 
empirischen Bewusstsein überhaupt In dem inneren Sinn nämlich kann 
das empirische Bewusstsein von bis zu jedem grösseren Grade erhöht 
warden, so dass eben dieselbe extensive Grösse der Anschauung (z. B. 
erleuchtete Fläche) so grosse Empfindung erregt, als ein Aggregat von 
vielen anderen (minder erleuchteten) zusamma:!. Man kann also von der 
extensiven Grösse der Erscheinung gänzlich abstrahireU) und sich doch2i8 
an der blossen Empfindung in einem Moment eine Synthesis der gleich- 
förmigen Steigerung von bis zu dem gegebenen empirischen Bewusst- 
sein vorstellen. Alle Empfindungen werd^i daher als solche zwar nur 
a posteriori gegeben, aber die Eigenschaft derselben, dass sie einen Grad 
haben, kann a priori erkannt werden. Es ist merkwürdig, dass wir an 
Grössen überhaupt a priori nur eine einzige Qualität, nämlich die Con- 
tinuität, an aller Qualität aber (dem Eealen der Erscheinungen) nichts 
weiter a priori als die intensive Quantität derselben, nämlich dass sie 
einen Grad haben, erkennen können; alles Uebrige bleibt der Erfahrung 
überlassen. 



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168 Elemeutarlehre. IL Theü. I. Abtheilung. IL Buok IL Hauptstttck 

3. Analogien der Erfahrung. 

Das Princip derselben ist: Erfahrung ist nur durch die Vor- 
stellung einer nothwendigen Verknüpfung der Wahrneh- 
mungen möglich.^ 

[Beweis.] 

[Erfahrung ist eine empirische Erkenntniss, d. i. eine Erkenntniss, 
die durch Wahrnehmungen ein Object bestimmt. Sie ist also dne Syn- 
thesis der Wahrnehmungen, die selbst nicht in der Wahrnehmung ent- 
halten ist, sondern die synthetische Einheit des Mannigfaltigen derselben 
in einem Bewusstsein enthält, welche das Wesentliche einer Erkenntniss 
ii^der Objecto der Sinne, d. i. der Erfahrung (nicht bloss der Anschauung 
oder Empfindung der Sinne) ausmacht. Nun kommen zwar in der Er- 
fahrung die Wahmehmimgen nur zuföUiger Wdse zu einander, so dass 
keine Nothwendigkeit ihrer Verknüpfung aus den Wahrnehmungen selbst 
erhellt noch erhellen kann, weil Apprehension nur dne Zusammenstellung 
des MannigfiEtltigen der empirischen Anschauung ist, aber keine Vorstel- 
lung von der Nothwendigkdt der verbundenen Existenz der Erschei- 
nungen, die sie zusammenstellt, in Baum und Zeit in derselben ange- 
troffen wird. Da aber Erfahrung dne Erkenntniss der Objecto durch 
Wahrnehmungen ist, folglich das Verhältniss im Dasein des Mannig- 
faltigen nicht wie to in der Zeit zusammengestellt wird, sondern wie es 
objectiv in der Zeit ist, in ihr vorgestellt werden soll, die Zeit selbst 
aber nicht wahrgenommen werden kann, so kann die Bestimmung der 
Existenz der Objecto in der Zdt nur durch ihre Verbindung in der Zdt 
überhaupt, mithin nur durch a priori verknüpfende Begriffe geschehen. 
Da diese nun jederzeit zugleich Nothwendigkdt bd sich führen, so ist 
Erfahrung nur durch eine Vorstdlung der nothwendigen Verknüpfung 
der Wahrnehmungen möglich.*] 

Die drei modi der Sidt sind Beharrlichkeit, Folge und Zu- 

* Obige Definition und Ueberschrift lautsn in der ersten Auflage: 

,,Die Analogien der Erfahrung. — Der allgemeine Grundsatz derselben 

Ist: Alle Erscheinungen stehen ihrem Dasein nach a priori unter Regeln der Be- 

rftimmung ihres Verhältnisses unter einander in einer Zeit 

' Dieser erste Absata ist wie die Ueberschrift „Beweis** ein Zusata der sweiten 

Auflage. 



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in. Abselinitt. Syst. YorstoUang aller 87ntbetisclien Grundsätze. "[QQ 

^leichsein. Daher werden drei Kegeln aller Zeitverhältnisse der Er- 
sclieinimgen, wonach jeder ihr Dasein in Ansdiung der Einheit aller Zeit 
bestmunt werden kann, vor aller Erfahrung vorangehen und diese aller- 
erst mö^ch machen. 

Der allgemeine Grundsatz aller drei Analogien beruht auf dersso 
nothwendigen Einheit der Apperception in Ansehung alles möglichen 
^npirischen Bewusstseins (der Wahrnehmung) zu jeder Zeit, folglich, 
da j^QC a priori zum Grunde liegt, auf der synthetischen Einheit aller 
Erscheinungen nach ihrem Verhältnisse in der Zeit. D^m die ursprüng- 
liche Apperception bezieht sich auf den inneren Sinn (den Inbegriff aller 
Vorstellung^, imd zwar a friori auf die Form desselben, d. i. das Ver- 
bältniss des mannigfaltigen empirischen Bewusstseins in der Zeit. In der 
ursprünglichen Apperception soll nun alles dieses Mannigfaltige seinen 
Zieitverhältnissen nach vereinigt werden; denn dieses sagt die transscen- 
dentale Einheit derselben a priori ^ unter welcher alles steht, was zu 
meinem (d. i. meinem einigen) Erkenntnisse gehören soll, mithin ein G^ 
genstand für mich werden kann. Diese synthetische Einheit in dem 
Zeitverhältnisse aller Wahrnehmungen, welche a priori bestimmt 
ist, ist also das Gesetz, dass alle empirischen Zeitbestimmungen unter 
Regeln der allgemeinen Zeitbestimmung stehen müssen; und die Ana- 
logien der Erfisdirung, von denen wir jetzt handeln wollen, müssen der- 
gleichen Regdn sein. 

Diese Grundsätze haben das Besondere an sich, dass sie nicht die 
Erscheinung^i und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung, sondern 
bloss das Dasein und ihr Yerhältniss unter einander in Ansehung 
dieses ihres Daseins erwägen. Nun kann die Art, wie etwas in der Er- 
scheinung apprehendirt wird, a priori dergestalt bestimmt sein, dass diessi 
Begel ihrer Synthesis zugleich diese Anschauung a priori in jedem vor- 
liegenden empirischen Beispiele geben, d. i. sie daraus zu Stande bringen 
kann. Allein das Dasein der Erscheinungen kann a priori nicht erkannt 
werden, und ob wir gleich auf diesem Wege dahin gelangen könnten^ 
auf irgend ein Dasein zu schliessen, so würden wir dieses doch nicht 
bestimmt erkennen, d. i. das, wodurch seine empirische Anschauung sich 
von anderen imterschiede, anticipiren können. 

Die vorigen zwei Grundsätze, welche ich die mathematischen nannte, 
in Betracht dessen, dass sie die Mathematik auf Erscheinungen anzu- 



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170 Elementarlehre. ü. Theil. L AbtheUung. U. Biidi. IL Hanptstfick. 

wenden berechtigen, gingen anf Erscheinungen ihrer blossen Möglichkeit 
nach, nnd lehrten, wie sie, sowol ihrer Anschaunng als dem Eealen ihrer 
Wahmehmnng nach, nach Kegeln ein^ mathematischen Synthesis erzengt 
werden könnten; daher sowol bei der einen als bei der anderen die Zahl- 
grossen, und mit ihnen die Bestimmung der Erscheinung ab Grrösse, ge- 
braucht werden können. So werde ich z. B. den Grad der Empfindung 
des Sonnenlichts aus etwa 200000 ErleuchtnngeiSL durch den Mond zu- 
samm^isetzen, und a priori bestimmt geben d. i. constmiren können. 
Daher können wir die ersteren Grundsätze constitutive nennen. 

Gknz anders muss es mit denen bewandt sein, die das Dasein der 
Erscheinungen a priori unter Regeki bringen sdllea. Denn, da dieses 

ft2i sich nicht construiren lässt, so werden sie nur auf das Yerhältniss de» 
Dasdns gehen, und keine anderen als bloss regulative Principien ab- 
geben können. Da ist also weder an Axiome noch an AnticipationeD 
zu denken, sondern, wenn uns eine WiJumehmung in einem Zeitverhält- 
nisse gegen andere (obzwar unbestimmte) gegeben ist, so wird a priori 
nicht gesagt werden können, welche andere und wie grosse Wahr- 
nehmimg, sondern wie sie dem Dasein nach in diesem modo der Zeit mit 
jener nothwendig verbunden sei. In der Philosophie bedeuten Analogien 
etwas sehr Verschiedenes von demjenigen, was sie in der Mathematik 
vorstellen. In dieser sind es Formeln, welche die Gleichheit zweier 
Grössenverhältnisse aussagen, und jederzeit constitutiv, so dass, wenn 
drei Glieder der Proportion gegeben sind, auch das vierte dadurch ge- 
geben wird, d. i. construirt werden kann. In der Philosophie aber ist 
die Analogie nicht die Gleichheit zweier quantitativen sondern quali- 
tativen Verhältnisse, wo ich aus drei gegebenen Gliedern nur da« Ver- 
hältniss zu einem vierten, nicht aber dieses vidrte Glied selbst er- 
kennen und a priori geben kann, wol aber ek^ B^l habe, es in der 
Erfahrung zu suchen, und ein Merkmal, es in derselben a«£Bufinden. 
Eine Analogie der Erfahrung wird also nur eine B^el s«n, nach welcher 
aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung (nidit wie Wahrnehmung 
selbst als empirische Anschauung überhaupt) entspringen soll, und als 
Grundsatz von den Gegenständen (den i^scheinungen) nicht constitutiv, 

22S sondern bloss regulativ gelten. Eben dassdbe aber wird auch von den 
Postulaten des empirischen Denkens flb^haupt, welche die Syntheus der 
blossen Anschauung (der Form der Erscheinung), der Wahrnehmung 



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in. Abschnitt Syst. Vorst^ung aller synthetischen Grundsätze. 171 

(der Materie derselben) und der Erfahrung (des Yerhältnisses dieser 
Wahmehmungen) zusammen betreffen, gelten, nämlich dass sie nur regu- 
lative Grundsätze sind und sich von den mathematischen, die constitutiv 
sind, zwar nicht in dier Gewissheit, welche in beiden a priori feststeht» 
aber doch in der Art der Evidenz, d. i. dem Intuitiven derselben (mithin 
auch der Demonstration) unterscheiden. 

Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward und 
hier vorzüglich angemerkt werden muss, ist dieses, dass diese Analogien 
nicht als Grundsätze des transscendentalen, sondern bloss des empirischen 
Verstandesgebrauohs ihre alldnige Bedeutung und Gütigkeit hab^, mithin 
auch nur als solche bewiesen werden können, dass folglich die Erschei- 
nungen nicht unter die Kategorien schlechthin, sondern nur unter ihre 
Schemata subsümirt werden müssen. Denn wären die Gegenstände, auf 
wdche diese Grundsätze bezogen werden sollen, Dinge an sich selbst, sa 
wäre es ganz immöglich, etwas von ihnen a priori synthetisch zu er- 
kennen. Nun sind es nichts ds Erscheinungen, deren vollständige Er- 
kenntniss, auf die alle Grundsätze a priori zuletzt doch immer auslaufen 
müssen, ledigKch die mögliche Erfahrung ist, folgüch köimen jene nichts 
als bloss die Bedingungen der Einheit der empirischen Erkenntniss in 2341 
der Synthesis der Erscheinungen zum !Sele haben-, diese aber wird nur 
allein in dem Schema des reinen Yerstandesbegriffs gedacht, von deren 
Einhdt als einer Synthesis überhaupt die Kat^orie die durch keine 
sinnliche Bedingung xestringirte Function enthält. Wir werden also durch 
diese Grundsätze die Erscheinungen nur nach einer Analogie mit der 
logischen und allgemeinen Einheit der Begrilfe zusammeaizusetzen be- 
rechtigt werden, und daher uns in dem Grundsatze selbst zwar der Kate- 
gorie bedienen, in der Ausföhrung ater (der Anwendung auf Erschei- 
nungen) das Schema derselben als den Schlüssel ihres Gebrauchs mt 
deren Stelle, oder jener vidmehr als restringirende Bedia^une: unter dem 
Namen einer Pormel des ersteren ^ht Seite setzen. 



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1172 Elementarlehre. II. Theil. L Abtheilung. IL Buch. IL Hauptatück. 

A. Erste Analogie. 
Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz. 

Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Sub- 
stanz, und das Quantum derselben wird in der Natur weder 
vermehrt noch vermindert.^ 

[Beweis.] 

[Alle Erscheinungen sind in der Zeit, in welcher als Substrat (als 
beharrlicher Form der inneren Anschauung) das Zugleichsein sowol 
als die Folge allein vorgestellt werden kann. Die Zeit also, in der aller 
1225 Wechsel der Erscheinungen gedacht werden soll, bleibt und wechselt 
nicht, weil sie dasjenige ist, in welchem das Nacheinander- oder Zu* 
gleichsein nur als Bestimmungen derselben vorgestellt werden können. 
Nim kann die Zeit ftir sich nicht wahrgenommen werden. Folglich musa 
in den Gregenständen der Wahrnehmung d. i. den Erscheinungen, das 
Substrat anzutreffen sein, welches die Zeit überhaupt vorstdAt, und an 
dem aller Wechsel oder Zugleichsm durch das Yerhältniss der Erschei- 
nungai zu demselben in der Apprehension wahrgenommen werden kann. 
Es ist aber das Substrat alles Eealen, d. i zur Existenz der Dinge Ge- 
hörigen, die Substanz, an welcher alles, was zum Dasein gehört, nur als 
Bestimmung kann gedacht werden. Folglich ist das Beharrliche, womit 
in Yerhältniss alle Zeitverhältnisse der Erscheinungen allein bestimmt 
werden können, die Substanz in der Erscheinung, d. L das Beale der- 
selben, was als Substrat alles Wechsels immer dasselbe bleibt. Da diese 
:also im Dasein nicht wechseln kann, so kann ihr Quantum in der Natur 
Auch weder vermehrt nodi vermindert werden.*] 



^ Obige Definition und Ueberschrift lauten in der ersten Auflage: 

„Grundsatz der Beharrlichkeit. — Alle Erscheinungen enthalten das Be- 
liarrliche (Substanz) als den Gegenstand selbst, und das Wandelbare als dessen blosse 
Bestimmung, d. i eine Art, wie der Gegenstand existirt" 

' Statt dieses ersten Absatzes und der Ueberschrift „Beweis" hat die erste 
Auflage Folgendes: 

„Beweis dieser ersten Analogie. — Alle Erscheinungen und in der Zeit 
Diese kann auf zweifache Weise das Yerhältniss im Dasein derselben bestimmen, 
entweder so fem sie nach einander oder zugleich sind. In Betracht der ersteren 
wird die Zeit als Zeitreihe, in Ansehung der zweiten als Zeitumfang betrachtet- 



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HL Abschnitt Syst Vorstellung aller synthetischen GnmdsÄtze. 173- 

Unsere Apprebension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist 
jederzeit successiv, nnd ist also immer wecliselnd. Wir können also dar 
durch allein niemals bestimmen, ob dieses Mannigfaltige als G^enstand 
der Er&hmng zugleich sd oder nach einander folge, wo an ihr nicht 
etwas zum Grunde liegt, was jederzeit ist, d. i. etwas Bleibendes 
und Beharrliches, von welchem aller Wechsel und Zugleichsein nichts 22e; 
als so viel Arten {modt der Zeit) sind, wie das Beharrliche existirt. Nur 
in dem Beharrlichen sind also Zeitverhältnisse möglich (denn Simulta- 
neität und Succession sind die dnzigen Verhältnisse in der Zeit), d. i 
das Beharrliche ist das 9 üb Stratum der empirischen Vorstellung der 
Zt&t selbst, an welchem alle Zeitbestimmung allein möglich ist. Die Be- 
harrlichkeit drückt überhaupt die Zeit als das beständige Correlatum 
alles Daseins der Erscheinungen, alles Wechsels und aller Begleitung 
aus. Denn der Wechsel trifft die Zeit selbst nicht, sondern nur die Er- 
scheinungen in der Zeit (so wie das Zugleichsein nicht ein modm der 
Zdt selbst ist, als in welcher gar keine Theile zugleich, sondern alle* 
nach einander sind). Wollte man der Zeit selbst eine Folge nach ein- 
ander beilegen, so müsste man noch eine andere Zeit denken, in welcher 
diese Folge möglich wäre. Durch das Beharrliche allein bekommt das 
Dasein in yerschiedenen Theilen der Zeitreihe nach einander eine 
Grösse, die man Dauer nennt. Denn in der blossen Folge allein ist 
das Dasein immer verschwindend und anhebend, und hat niemals die- 
mindeste Grösse. Ohne dieses Beharrliche ist also kein Zeitverhältniss. 
Nun kann die Zeit an sich selbst nicht wahrgenommen werden; mithin 
ist dieses Beharrliche an den Erscheinungen das Substratum aller Zeit- 
bestimmung, folglich auch die Bedingung der Möglichkeit aller synthe- 
tischen Einheit der Wahrnehmungen d. i. der Erfahrung, und an diesem 22r 
Beharrlichen kann alles Dasein und aller Wechsel in der Zeit nur als 
ein modus der Existenz dessen, was bleibt und beharrt, angesehen werden. 
Also ist in all^ Erscheinungen das Beharrliche der Gegenstand selbst 
d. i. die Substanz {phaenomen(m\ alles aber, was wechselt oder wechseln 
kann, gehört nur zu der Art, wie diese Substanz oder Substanzen exi- 
Btiren, mithin zu ihren Bestimmungen. 

Ich finde, dass zu allen Zeiten nicht bloss der Philosoph, sondern 
selbst der gemeine Verstand diese Behariüchkeit als ein Substratum 
alles Wechsels der Erscheinungen vorausgesetzt haben, und auch jeder- 



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^t aU migesweifelt aimehmea wevd^en, i^mr i»^^ iffr Philosoph sich hier- 
tiJ;>er etwas bestiminter ausdrückt, indem .er sagt; bei allen Veräude- 
yuugen i» dflr Welt bleibt die Substanz uad mir die Accidenzen 
wechselÄf Ich treffe abcjr toä dies^w so syathefiijQheu Satze nirgends 
auch nur den Versuch von ^em Beweise an, ja er steht auch nur selten, 
-wie Qs ihm doch, gebührt, an der Spitze der renj^n m^ völlig a friori 
bestehenden Gesetze der Natur. In der That ist d«? 8at?5, dass die Sub- 
stanz beharrlich sei, tautologjsch. Depn bloss diese Beharrlichkeit ist 
der Grund, wai'um wir auf die Erscheinung di^ J&ategorie der Substanz 
anwenden, und man hätte bewogen müsse», dasfs in allen Erschefaiungen 
etwas Beharrliches s0, aix welchem das Wandelbwe nichts als Bestim- 

^28 mung seines Daseins ist. Da aber ein solche^ Beweis niemals dog^latisch 
d. i. aus BegrifPen gefiihrt werden kann, weil er einen synthetischen Satz 
a priori betrifft, und man niemals daran daebte, dass der^ichen Sätze 
nur in Beziehung auf mögliche Erfahrung giltig sind, mithin auch nur 
durch eine Deduction der Möglichkeit der letzte^^n bewiesen werden 
können, so ist kein Wunder, wenn er zwar b^i all^ ErMirung zum 
Grunde gelegt (weü man dessen Bedür&iss bei der empirischen Erkennt- 
niss fühlt), niemals aber bewiesen worden ist. 

Ein Philosoph wurde gefragt: wie viel wiegt der Bauch? Er ant- 
iv'ortete: ziehe von dem Gewichte des verbrannten Hqlzes das Gewicht 
der übrig bldbenden Asche ab, so hast du das Gewidttt des Bauchs. 
Er setzte also als unwidersprechlich voraus, dass selbst im Feuer die 
Materie (Substanz) nifiht vergehe, sondern nur die Form derselb^i eine 
Abänderung erleide. Ebenso war der Satz; ^us nichts wird nichts, nur 
ein anderer Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit oder viel- 
mehr des immerwährenden Daaeins des eigentljiQben Subjects an den 
Erscheinungen, Denn, wenn daajenige an der Erscheinuiig, was man 
Substanz nennen will, das eigentliche Substratum aller Zeitb^iimmung 
sein soU, so muss sowol alles Dasein in der vergangenen ak das der 
künftigen Zeit daran einzig und allein bestimmt werden können. Daher 
können wir einer Erscheinung nur darum den Namen Substanz geben, 
weil wir ihr Dasein zu aller Zeit voraussetzen, welches durch das Wort 

529 Beharrlichkeit nicht einmal wol ausgedrückt wird, indem dieses mehr auf 
künftige Z&i geht Lodessen ist die innere Noth.w^digkeit zu behaa-ren 
if^ unzertrennlich mit der Nothwendigk^t, imm^ ^w^esen zu sein, 



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JJL Abschnitt, ^t VorsteUnog «Uer syatbetisebeii Gruivlsätze. 175 

verbundaii, und der Ausdruck mag also bleibai Gi^t de nihüo mhil, 
in nihdlum ml posae retfieritj waren zwei Sätze, wetebe die Alten unzer- 
trennt veriknüpfben, imd die man aus Missverßtand jetpt bisweüen trennt, 
weil man sich vorstellt, dass sie Dinge an sich selbst angeben, und der 
erstere der Abhängigkeit der Welt von einer obersten Ursache (auch 
sogar ihrer Substanz n*eh) entgegen sein dürfte, welche Besorgniss un- 
nöthig ist, ind^n hier nur von Erscheinungen im Felde der Erfahrung 
die Bede ist, deren Einheit niemals möglich sein würde, wenn wir neue 
Dinge (der Substanz nach) wollten entstehen lassen. Denn alsdann fiele 
daf^'enige weg, wdohes die Einheit der Zeit allein vorstdl^i kann, näm- 
lich die Identität des Substratum, als woran alkr Wechsel allein durch- 
gängige Einheit hat. Diese Beharrlichkeit ist indess doch weiter nichts 
als die Art, uns das Dneein der Dinge (in der Ersdieinung) vorzustellen. 

Die Bestimmungen einer Substanz, die nichts Anderes sind, als be- 
sondere Arten derselben zu existiren, heissen Ac.cidenzen. Sie sind 
jederzeit real, weü sie das Dasein der Substanz betreffen (Negationen 
sind nur Bestimmungen, die daß Nichtsein von etwas an der Substanz 
ausdrücken). W^m man nun diesem Bealen an der Substanz ein be- 280 
sonderes Dasein beilegt (z. B, der Bewegung als einem Acddens der 
Materie), so nennt man dieses Dasein die Inhäjenz, zum Unterschiede 
vom Dasein der Substanz, das man Subsistenz nennt.' Allein hieraus 
«itspringen vi^ Missdeutungen, und es ist genauer und richtiger geredet, 
wenn man das Aceid^is nur durch die Art, wie das Dasein emer Sub- 
stanz posiüv bestimmt ist, beiseich&et. Indessen ist es doch vermöge de^ 
Bedingungen des loschen Gebrauchs uMeres Verstandes unvermddlich, 
dasjeni^, was im Dasdn einer Substanz weehsdn kann, indessen dass 
die Subftftaflaz bldibt, gleichsam abzusondern, und in Verhältniss auf das 
eigentliche Beharrlicfae und Eadicale zu betrachten; daher denn auch 
diese Kategorie unter dem Titel der Verhältnisse steht, mehr als die Be- 
dingzmg derselben, als dass sie selbst dn V^hältniss enthielte. 

Auf diese BeharrÜehkent gründet sich nun auch die Berichtigung 
des Begrifßs von Veränderuhg. Entstehen und Vergehen sind nicht 
Veränderungen desjenigen, was entsteht oder vergeht. Veränderung ist 
eine Art zu existiren, welche auf eine andere Art zu existiren eben des- 
selben Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, blei- 
bend, und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur 



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176 Elementarlehre. II. Theil. I. Abtbeilung. 11. Buch. IL Hauptstfic^ 

die Bestiminttngen trifft, die aufhören oder ancli aüheben k^nneai, so 
können wir in einem etwas paradox schdnenden Ausdruck sagen: nur 
2Sidas Beharrliche (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet 
keine Veränderung, sondern einen Wechsel, da einige Bestinunungen 
aufhören und andere anheben. 

Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, 
und das Entstehen oder Vergehen schlechthin, ohne dass es bloss eine 
Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahr- 
nehmung sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem 
Uebergange aus einem Zustande in den anderen, und vom Nichtsein zum 
Sein möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, 
was bleibt, empirisch erkannt werden können. Nehmt an, dass etwas 
schlechthin anfange zu sein, so müsst ihr einen Zeitpunkt haben, in dem 
es nicht war. Woran wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an das- 
jenige, was schon da ist? Denn eine leere Zdt, die yorherginge, ist kein 
Gegenstand der Wahrnehmung; knüpft ihr dieses Entstehen aber an 
Dinge, die vorher waren und bis zu dem, was entsteht, fortdauern, so 
war das letztere nur eine Bestimmung des ersteren als des Bdiarrlichen. 
Ebenso ist es auch mit dem Vergehen; denn dieses setzt die empirische 
Vorstellung einer Zeit voraus, da eine Erscheinung nicht mehr ist. 

Substanzen (in der Erscheinung) dnd die Substrate aller Zeit- 
bestimmungen. Das Entstehen einiger imd das Vergehen anderer der- 
selben würde selbst die einzige Bedingung der empirischen Einheit der 
233 Zeit aufheben, und die Erscheinungen würden sich alsdann auf zweier- 
lei 2ieiten beziehen, in denen neben einander das Dasein verflösse, welches 
ungereimt ist. Denn es ist nur eine Zeit, in welcher alle verschiedenen 
Zeiten nicht zugleich, sondern nach einander gesetzt werden müssen. 

So ist demnach die Beharrlichkeit eine nothwendige Bedingung, 
unter welcher allein Erscheinungen als Dinge oder Gegenstände in einer 
möglichen Erfahrung bestimmbar sind. Was aber das empirische Krite- 
rium dieser nothwendigen Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität 
der Ersoheinuingen sei, davon wird uns die Folge Gelegenheit geben das 
Nöthige anzumerken. 



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HL Abstthnitt Syst Vorstellung aller synthetischen Grundsätze. 177 

B. Zweite Analogie. 

Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Causalität 

Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der 
Verknüpfung der Ursache und Wirkung.^ 

Beweis. 

[(Dass alle Erscheinungen der Zeitfolge insgesammt nur Verände- 
rungen, d. i. ein successives Sein und Nichtsein der Bestimmungen der 
Substanz sind, die da heharrt, folglich das Sein der Substanz selbst, 
welches aufe Nichtsein derselben folgt, oder da»- Nichtsein derselben, 
welches aufs Dasein folgt, mit anderen Worten, dass daa Entstehen oder 234 
Vergehen der Substanz selbst nicht stattfuide, hat der vorige Grundsatz 
dargethan. Dieser hätte auch so ausgedrückt werden können: Aller 
Wechsel (Suceession) der Erscheinungen ist nur Veränderung; 
denn Entstehen oder Vergehen der Substanz sind keine Veränd^ungen 
derselben', weil der Begriff der Veränderung eben dasselbe Subject mit 
zwei entgegengesetzten Bestimmungen als ezistirend, mithin als beharrend 
voraussetzt. — Nach dieser Vorerinnerung folgt der Beweis.) 

Ich nehme wahr, dass Erscheinungen auf einander folgen, d. i. dass 
ein Zustand der Dinge zu einer Zeit ist, dessen Gegentheil im vorigen 
Zustande war. Ich verknüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in 
der Zeit Nun ist Verknüpfung kein Werk des blossen Sinnes und der 
Anschauung, sondern hier das Product eines synthetischen Vermögens 
der Einbildungskraft;, die den inneren Sinn in Ansehung des Zeitverhält- 
nisses bestimmt. Diese kann aber gedachte zwei Zustände auf zweierlei 
Art verbinden, so dass der eine oder d^r andere in der Zeit vorausgeht; 
denn die Zat kann an sich selbst nicht wahrgenommen, und in Beziehung 
auf sie gleichsam empirisch, was vorhergehe und was folge, am Objecte 
bestimmt werden. Ich bin mir also nur bewusst, dass meine Imagination 
eines vorher, das andere nachher setze, nicht dass im Objecte der eine 
Zustand vor dem anderen vorhergehe, oder mit anderen Worten, es bleibt 



^ Obige Definition und Ueberschrift lauten in der ersten Auflage: 
Grundsats der Erzeugung. — Alles, was geschieht (anhebt zu sein), setzt 
etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt. 

Kjüit's Kritik der reinen Yemunft. 12 



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178 £lementarlehre. IL TheU. L Abtheilong. IL Buch. IL Hauptstück. 

834 durch die blosse Wahmehmung das objective Verhältniss der ein- 
ander folgenden Erscheinungen unbestinunt. Damit dieses nun als be- 
stinunt erkannt werde, muss das Verhältniss zwischen den beiden Zu- 
ständen so gedacht werden, dass dadurch als nothwendig bestinunt wird, 
welcher derselben vorher, welcher nachher und nicht umgekehrt müsse 
gesetzt werden. Der Begriff aber, der eine Nothwendigkeit der synthe- 
tischen Einheit bei sich fährt, kann nur ein reiner Yerstandesbegriff sein, 
der nicht in der Wahmehmung liegt, und das ist hier der Begriff des 
Verhältnisses der Ursache und Wirkung, wovon die erstere die 
letztere in der Zeit als die Folge, und nicht als etwas, was bloss in der 
Einbildung vorhergehen (oder gar überall nicht wahrgenommen sein) 
könnte, bestimmt. Also ist nur dadurch, dass wir die Folge der Er- 
schdnungen, mithin alle Veränderung dem Gresetze der Gausalität unter- 
werfen, selbst Erfahrung, d. i. empirische Erkenntnks von d^iselben 
möglich; mithin sind sie selbst als Gregensiände der ErMirung nur nach 
eb^i dem Gesetze möglich.^] 

Die Äpprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit 
«uccessiv. Die Vorstellui^en der Theile folgen auf einander. Ob sie 
sich auch im Gegenstande folgen, ist ein zweite Punkt der Beflexion, 
der in der ersteren nicht enthalten ist. Nun kann man zwar alles, und 
sogar jede Vorstellung, so fem man sidi ihrer bewusst ist, Object nennen; 

is5alldn was dieses Wort bei Erscheinungen zu bedeuten habe, nicht in 
so fem sie (als Vorstdlungen) Objecte sind, sondern nur ein Object 
bezeichn^i, ist von tieferer Untersuchung. So fem sie nur als Vorstel- 
lungen zugleich Gegenstände des Bewusstseins sind, so sind sie von 
der Appr^ension, d. i. der Aufi:iahme in die S3mthesis der Einbildungs- 
kraft, gar nicht imtersdiieden, und nmn muss also sagen: das Mannig- 
faltige der Erscheinungen wird im Gemüth jederzeit successiv erzeugt. 
Wären Erscheinungen Dinge an sich selbst, so würde kein Mensch aus 
der Sucoession der Vorstellungen von ihrem Mannigfaltigen ermessen 
können, wie dieses in dem Object verbunden sei. Denn wir haben es 
doch nur mit unseren Vorstellungen au thun; wie Dinge an sich sdbst 
(ohne Bücksicht auf Vorstellungen, dadurch sie uns afQciren) sein 
mögen, ist gänzlich ausser unserer Erkenntnisssphäre. Ob nun gleich die 



^ Diese beideu ersteu Absätze sind erst in der zweiten Auflage hinzngeKommen. 



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nL Abscbnitt Syst. Vorstellimg aller synthetischen Onmds&tse. 179 

Ersdiemimgeii nicht Dinge an sich selbst, und gleichwol doch das Einzige 
sind, was nns zur Erkenntniss gegeben werd^i kann, so soll ich anzeigen, 
was dem Mannigfaltigen an den Erscheinungen selbst für eine Verbindung 
in der Zeat sukonune, indessen dass die Vorstellung desselben in der 
Apprehen^on jederzeit successiv ist. So ist z. B. die Apprehension des 
Mannigfaltigen in d^ Erscheinung eines Hauses, das vor mir steht, 
successiv. Nun ist die Frage, ob das Mannigfaltige dieses Hauses selbst 
auch in sich successiv sei, welches freilich niemand zugeben wird. Nun 
ist aber, so bald idi meine Begriffe von einem Gegenstande bis zur 236 
.transscendentalen Bedeutung steigere, das Haus gar kein Ding an sich 
selbst, scmdem nur eine Erscheinung d. i. Vorstellung, deren transscen- 
dentaler Gegenstand unbekannt ist; was verstehe ich also unter der 
Frage, wie das Mannigfaltige in der Erschdnung selbst (die doch nichts 
an sich selbst ist) verbundiBn sein möge. Hier wird das, was in der 
successiven Apprehension Hegt, als Vorstellung, die Erscheinung aber, 
die mir gegeben ist, unerachtet sie nichts weiter als ein Inbegriff dieser 
Vorstellungen ist, als d^ Gegenstand derselben betrachtet, mit welchem 
mein Begriff, den ich aus den Vorstellungen der Apprehension ziehe, 
zusammaistimmen solL Man sieht bald, dass, weil Uebereinstimmung 
der Erkenntniss mit dem Object Wahrheit ist, hier nur nach den foi^ 
malen Bedingungen der ^npirischen Wahrhdt gefragt werden kann, und 
Erscheinung im G^genveihlÜtniss mit den Vorstellungen der Apprehen- 
sion nur dadurch als das davon unterschiedene Object derselben könne 
vorgestellt werden, wenn sie imter einer B^el steht, welche sie von jeder 
anderen Apprehension unterscheidet, und eine Art der Verbindung des 
Mannigfaltigen nothwendig macht. Dasjenige an der Erschdnimg, was 
die Bedingung dieser nothwendigen Eegel der Apprehension enthält, ist 
das Object. 

Nun lasst uns zu unsa^r Aufgabe fortgehen. Dass etwas geschehe, 
d. i. etwas oder dn Zustand werde, der vorher nicht war, kann nicht 
empirisch wahrgenommen werden, wo nicht eine Erschdnung vorhergeht, jsi 
welche diesen Zustand nicht in sich enthalt; denn eine Wirklichkeit, die 
auf eine leere Zeit folgt, mithin dn Entstehen, vor dem kein Zustand 
der Dinge vorhergeht, kann ebenso wenig als die leere Zeit selbst appre- 
hendirt werden. Jede Apprehension einer Begebaiheit ist also eine Wahr- 
nehmung, welche auf eine andere folgt. Weil dieses aber bei aUer Syn- 

12» 



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IgO Elementarlehre. II. Theil. L Abtheilung. n. Buch. IL Hauptstück. 

thesis der AppTehension so beschaff!^ ist, wie ich oben an der Erscbei- 
nung eines Hauses gezeigt habe) so unterscheidet sie sich dadurch noch 
nicht von anderen. Allein ich bemerke auch, dass, wenn ich an einer 
Erscheinung, welche ein Geschehen enthält, den vorhergehenden Zustand 
der Wahrnehmung A, den folgenden aber B nenne, dass B auf A in der 
Apprehension nur folgen, die Wahrnehmung A aber auf B nicht folgen, 
sondern nur vorhergehen kann. Ich sehe z. B. ein Schiff den Strom 
hinab treiben. Meine Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb folgt auf 
die Wahrnehmung der Stelle desselben oberhalb des Laufes des Flusses, 
und es ist unmöglich, dass in der Apprehension dieser Erscheinung das 
Schiff zuerst unterhalb, nachher aber oberhalb des Stromes wahrge- 
nommen werden sollte. Die Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen 
in der Apprehension ist hier also bestimmt, und an dieselbe ist die 
letztere gebunden. In dem vorigen Beispiele von einem Hause konnten 
meine Wahrnehmungen in der Apprehension von der Spitze desselben 
238 anfangen und beim Boden endigen, aber auch von unten an^gen und 
oben endigen, imgleichen rechts oder links das Mannigfaltige der em- 
pirischen Anschauung apprehendiren. In der Beihe dieser Wahrneh- 
mungen war also keine bestimmte Ordnung, welche es nothwendig machte, 
wann ich in der Apprehension anfangen müsste, um das Mannigfaltige 
empirisch zu verbinden. Diese Regel aber ist bei der Wahrnehmung 
von dem, was geschieht, jederzeit anzutreffen, und sie macht die Ord- 
nung der einander folgenden Wahmehmimgen (in der Apprehension 
dieser Erscheinung) nothwendig. 

Ich werde also in unserem Fall die subjective Folge der Appre- 
hension von der objectiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen, 
weil jene sonst gänzlich unbestimmt ist und keine Erscheinung von der 
anderen unterscheidet. Jene allein beweist nichts von der VerknÜpftmg 
des Mannigfaltigen im Object, weil sie ganz beliebig ist. Diese also wird 
in der Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung bestehen, nach 
welcher die Apprehension des einen (was geschieht) auf die des anderen 
(das vorhergeht) nach einer Begel folgt Nur dadurch kann ich von 
der Erscheinimg selbst, und nicht bloss von meiner Apprehension be- 
rechtigt sein zu sagen, dass in jener eine Folge anzutreffen sei, welches 
so viel bedeutet, als dass ich die Apprehension nicht anders anstellen 
könne als gerade in dieser Folge. 



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m. Abschiiitt. Syst. Vorstellung aller synthetischen GnincU&tze. IQl 

Nach einer solchen Begel also muss in dem, was überhaupt vor 
einer Begebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Kegel liegen, nach 239 
welcher jederzeit und nothw^diger Weise diese Begebenheit folgt; um- 
gekehrt aber kann ich nicht von der Begebenheit zurückgehen und das- 
jenige bestimmen (durch Apprehension), was vorhergeht. Denn von dem 
folgenden Zeitpunkt geht keine Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber 
bezieht sich doch auf irgend einen vorigen; von einer gegebenen 
Zeit ist dagegen der Fortgang auf die bestimmte folgende nothwendig. 
Daher, w^ es doch etwas ist, was folgt, so muss ich es nothwendig 
auf etwas Anderes überhaupt beziehen, »was vorhergeht und worauf es 
nach einer Begd,.d. i. nothwendiger Weise folgt, 30 dass die Begebenheit 
als das gedingte auf irgend eine Bedingung sichere Anweisung giebt, 
diese aber die Begebenheit bestimmt. 

Man setze, es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher, worauf 
dieselbe nach einer Eegel folgen müsste, so wäre alle Folge der Wahr- 
nehmimg nur lediglich in der Apprehension, d. i. bloss subjectiv, aber 
dadurch gar nicht objectiv bestimmt, welches eigentlich das Vorherge- 
hende, und welches das Nachfolgende der Wahrnehmungen sein müsste. 
Wir würden auf solche Weise nur ein Spiel der Vorstellungen haben, 
das sich auf gar kern Object bezöge, d. i. es würde durch unsere Wahr- 
nehmung eine Erscheinimg von jeder anderen dem Zeitverhältnisse nach 
gar nicht unterschieden werden, w^ die Succession im Apprehendiren 
allerwärts einerl^, und also nichts in der Erscheinung ist, was sie be- 
stimmt, so dass dadurch me gewisse Fcdge objectiv nothwendig gemacht 240 
wird. Ich werde also nicht sagen, dass in der Erscheinung zwei Zustände 
auf einander folgen, sondern nur, dass eine Apprehension auf die andere 
folgt, welches bloss etwas Subjectives ist und kein Object bestimmt, 
mithin gar nicht &ir Erkenntniss irgend eines Gegenstandes (selbst nicht 
in der Ersdieinung) gelten kann. 

Wenn wir also erfahren, dass etwas geschieht, so setzen wir dabei 
jederzeit voraus, dass irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer 
Begel folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Object sagen, 
dass »es folge, weil die blosse Folge in meiner Apprehension, wenn sie 
nicht durch dne Begel in Beziehung auf ein Vorhergehendes bestimmt 
ist, keine Folge im Objecto anzunehmen berechtigt Also geschieht es 
iuuner in Bücksicht auf eine Eegel, nach welcher die Erscheinungen in 



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182 Elementarlehre. IL Theil. L Abtheilan^^. n. BvLtSh. U. Hauptstück. 

ihrer Folge, d. i. so wie sie geschelien, durch den vorigen Zustand be* 
stimmt sind, dass ich meine subjectiye Synthesis (der Apprehension) ob- 
jectiv mache, und nur ledigBeh unter dieser Voranssetzung allein ist 
selbst die Erfahrung von etwas, was geschieht, mögHck 

Zwar scheint es, als widerspredie dieses allen Bmnerkungen, die 
man jederaeit über den Gang unseres Yerstandesgebrauchs gemacht haty 
nach welchen wir nur allererst durch die wahrgenommenen und ver- 
glichenen übereinstimmenden Folgen vieler Begebenheit^ auf vorher- 

541 gehende Erscheinungen eine Regel 2tt entdecken geleitet worden, der 
gemäss gewisse Begebenheiten auf gewisse Erscheinungen jederzdt folgen^ 
und dadurdi zuerst veranlasst worden, uns den BegrifP von Ursache zu 
machen. Auf solchem Fuss würde dieser Begriff bloss empir^ch sein, 
und die Regel, die er verschafft, dass alles, was geschieht, eine Ursache 
habe, würde ebenso zu^Ülig sdn als die Erfahrung selbst; seine All- 
g^neinheit und Nothwendigkeit wären alsdann nur angedichtet und hätten 
keine wahre allgemeine Giltigkeit, weil sie nicht a priori s<mdem nur 
auf Inductioif gegründet wären. Es geht aber hiermit so, wie mit an- 
deren reinen Vorstellungen a priori (z. B. Ramn und Zeit), die wir darum 
allein aus der Erfahrung als klare Begriffe herausziehen können, weil 
wir sie in die Erfahrung gelegt hatten, und diese daher diorch jene aller- 
erst zu Stande brachten. Freilich ist die logische Klarheit dieser Vor- 
stellung, einer die Reihe der Begebenheiten bestimmenden Regel als eines 
Begriffe von Ursache, nur alsdann möglich, wenn wir davon in der Er- 
fahrung Gebrauch gemacht haben-, aber eine Rücksicht auf diesdbe als 
Bedingung der synthetischen Einheit der Erscheinungen m der Zeit war 
doch der Grund der Erfahrung sdbst, und ging also a priori vor ihr 
vorher. 

Es kommt also darauf an, im Beispiele zu zeigen, dass wir niemals 
selbst in der Erfahrung die Folge (einer B^benheit, da etwas geschieht, 
was vorher nicht war) dem Object beilegen, und sie von der subjectiven 

542 unserer Apptehension unterschdden, als wenn eine Regel zum Grunde 
liegt, die uns nöthigt, diese Ordnung der Wahrnehmungen vielmehr als 
eme andere zu beobachten, ja dass diese Nöthigung es eigentlich sei, was 
die Vorstellimg einer Succession im Object allererst möglich macht 

Wir haben Vorstellungen in uns, der» wir uns aoch bewusst werden 
könn«[L Dieses Bewusstsein aber mag so weit erstreckt und so genau 



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m. Abschnitt. Syst Vorstallimg aUer «yntheti8ch«n GnmdsätM. Ig3 

oder pfhiküicli sein, als man woDe, so bl^en es doch mir immer Vor- 
stellimgen, d. i. innere Bestimmungen nnseres Gemttths in diesem oder 
jenem ZeitveriiSQtnisse. Wie kommen wir ntm dazu, dass vir diesen 
Vorstellungen con Object setzen, oder tiber ihre subjeetire Realität als 
Modifieadonen ihnen noch, ich weiss nicht was ftlr eine objecti^e be- 
legen? ObjeetiTe Bedeutung kann nicht in der Beziehung auf dne andere 
Vorstellung (von dem, was man vom G^egenstande n^men wüHte) be- 
stehen, denn sonst erneuert sich die Frage: wie geht diese Vorstellung 
wiederum aus Eddli selbst heraus und bekemimt objeetive Bedeutung' noch 
über die subjective, welche ihr als fiestimmmig des G^emüthszustandes 
eigen ist? Wemi wi^ tmtersuchen, was denn die Beziehung auf einen 
Gegenstand unseren Vorstellungen für eine neue Beschaff^heit gebe, 
und welches die Dignität sei, die sie dadurch erhalten, so finden wir, dass 
sie nichts wdter thue, als die Verbindtmg der Vorstellungen auf eine 
gewisse Art nothwendig zu machen und sie einer Regel zu unteiwerfen, 
dass umg^ehrt nur dadurch, dass eine gewisse Ordnung in dem Zeit-34s 
veriiältnisse imserer Vorstellungen nothwendig ist, ihnen objeetive Be- 
deutung ertheilt wird. 

In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannigfaltige der 
Vorstellungen jederzek nach einander. Hi^urdi wird nun gar kein 
Object vorgesteilt, weil durch dtese Folge, die allen Apprehennonen 
gemein ist, ni^ts vom anderen untersdiieden wird. Sobald ich aber 
wahrnehme oder voraus annehme, dass in dieser Folge eine Bezi^ung 
auf den vorkei^ehMiden Zustand sei, aus welchem die Vorstellimg nach 
einer Regel folgt, so stdlt sich etwas vor als Begebenheit oder was da 
geschieht, d. i. ich erkemie einen G^enstand, den ich in der Zeit auf 
eine gewisse bestimmte Stelle setzen muss, die ihm nach dem vorher^ 
gehenden Zustande nicht anders ertheilt werd^i kann. Wenm ich also 
wahrnehme, dass etwas geschieht, so ist in dieser Vorstelhmg erstlich 
enthalten, dass etwas vorhergehe, weil eben in Besiehung auf dieses die 
Erschdnung ihr ZeitverhIÜtmss bekommt, nämHdi nach emer vorher- 
geh^iden Zeit, in der sie nicht war, zu existiren. Aber ihre bestimmte 
Zeitstelle in diesem Verhldtnisse kann i^e nur dadurch bekommen, dass 
im vorhergeh^od^i Zustande etwAs vorausgesetzt wird, worauf es jeder* 
zeit, d. i. nach einer Regel ^Igt*, woraus sich denn orgiebt, dass ich 
erstlich nicht die Reihe umkehren und das, was geschieht^ demjenigen 



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]^S4 Elementarlehre. IL Theil. L Abtheilung. H Buch. n. Hauptstück. 

voransetzen kann, worauf es folgt-, zweitens dass, wenn der Zustand, der 

544 vorhergeht, gesetzt wird, diese bestimmte Begebenheit unausbleiblich und 
^ nothwendig folge. Dadurch geschieht es, dass eine Ordnung unter un- 

Berea Vorstellungen wird, in welcher das Gegenwärtige (so fem es ge- 
worden) auf irg^d einen vorhergehenden Zustand Anweisxmg giebt als 
ein, obzwär noch imbestimmtes Correlatum dieses Ereignisses, das ge- 
geben ist, welches sich aber auf dieses als seine Fo^ bestimmend be- 
zieht, und es nothwendig mit sich in der Zeitreihe verknüpft. 

Wenn es nun em nothwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin 
dne formale Bedingung aller Wahrnehmungen ist, dass die vorige 
Zeit die fdigende nothwendig bestimmt (indem ich zur folgend^i nicht 
anders gelangen kann als durch die vorhergehende), so ist es auch ein 
unentbehrliches Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, 
dass die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgen- 
den bestimmen, und dass diese als Begebenheiten nicht stattfinden, als 
so fem jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimm^i, d. i. nach einer 
E^el festsetzen. Denn nur an den Erscheinungen können wir 
diese Continuität im Zusammenhange der Zeiten empirisch 
erkennen. 

Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, und 
das erste, was er dazu thut, ist nicht, dass er die Vorstellung der G:egen- 
stände deutlich macht, sondern dass er die Vorstellung eines G^en- 

545 Standes überhaupt möglich macht. Dieses geschieht nun dadurch, dass 
er die Zeitordnung auf die ^Erscheinungen und deren Dasein überträgt, 
indem er jeder derselben als Folge eine in Ansehung der vorhergehenden 
Erscheinungen a priori bestimmte Stelle in der Zeit zuerkennt, ohne 
welche sie nicht mit der Zeit selbst, die allen ihren Theilen a priori ihre 
Stelle bestimmt, übereinkommen würde. Diese Bestimmung der Stelle 
kann nun nicht von dem Verhältniss der Erscheinungen gegen die ab- 
solute Zeit öitlehnt werden (d^m die ist kein Gregenstand der Wahr- 
nehmung), sondern umgekehrt, die Erscheinungen müssen einander ihre 
ät^en in der Zeit selbst bestimmen und dieselb^i in der Zeitordnung 
nothwendig machen, d. i. dasjenige, was da felgt oder geschieht, muss 
nach einer allgemeinen Eegel ai^ das, was im vorigen Zustande entiialten 
war, folgen; woraus eine Beihe der Erschdnungen wird, die vermittelst 
des Verstandes eben dieselbige Ordnimg und stetigen Zusammenhang in 



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HL Abschnitt. Sylt Torstellang aller synthetischen Grundsätze. 185 

der H^e möglicher Wahmebmungen hervorbringt und nothwendig 
maeht, ab sie in der Form der inner^i Anschauung (der Zeit), darin 
alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben müssen, a priori angetroffen wiid. 

Dass also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer 
mögHchen Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wmD. ich die 
Erscheinung ihrer Stelle nach in der Zeit als bestimmt, mithin als ein 
Object ans^e, w^hes nach einer Begel im Zusamm^ihange der Wahr- 
nehmungen jederzeit geftmden werden kann. Diese Begel aber, etwas M6 
der Zeitfolge nach zu bestimmen, ist, dass in dem, was yorhergeht, die 
Bedingung anzutreffen sei, unter welcher die Begebenheit jederzeit (d. i. 
nothwendiger Weise) folgt. Also ist der Satz vom zureichenden Grund^ 
der Grund möglicher Erfahrung, nämlich der objectiven Erkenntniss der 
Erscheinungen in Ansehung des Verhältnisses derselben in Beihenfolge 
der Zeit. 

Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden 
Momenten. Zu aller empirisdien Erkenntniss gehört die Syntliesis des 
Hannigfaldg^i durch die Einbüdungskrafb, die jederzeit successiv ist, 
d. i. die Vorstellungen folgen in ihr jederzeit auf einander. Die Folge 
aber ist in der Einbildungskraft der Ordnimg nach (was vorgehen und 
was folgen müsse) gar nicht bestimmt, und die Beihe der einen der 
folgenden Vorstellungen kann ebenso wol rü<^:wärts als vorwärts ge- 
nommen w^en. Ist aber diese Synthesis dne Synthesis der Appre* 
hension (des Mannig^tigen einer gegebenen Erscheinung), so i3t die 
Ordnung im Object bestimmt, oder, genauer zu reden, es ist darin eine 
Ordnung der successiven Synthesis, die ein Object bestimmt, nach welcher 
etwas nothwendig vorausgehen, und wenn dieses gesetzt ist, das andere 
nothwendig folgen müsse. Soll also meine Wahmehmimg die Erkennt- 
niss emet Begebenheit enthalten, da nämlich etwas wirklich geschieht, 
so muss sie ein empirisches Urtheü sdn, in welchem man sich denkt, 
dass die Folge bestimmt sei; d. i. dass sie eine andere Erscheinung der 
Zeit nach voraussetze, worauf sie nothwendig oder nach einer Eegel 247 
folgt. Widrigenfalls, wenn ich das Vorhergehende setze, und die Be- 
gebenhdt folgte nicht dc^auf nothwendig, so würde ich sie nur für ein 
subjectives Spiel meiner Einbildungen halten müssen, und stellte ich mir 
darunter doch etwas Objectives vor, sie einen blossen Traum nennen. 
Also ist das Verhältniss der Erschdnungen (als möglicher Wahrneh- 



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\QQ Elementarlehre. n. TheU. L Abthttlung. IL Buch. IL HauptstQck. 

mungen), nack welchem das Nachfolgende (was gesdneht) durch etwas 
Vorhergehendes seinem Dasein »ach nothwendig mid nach emer Regel 
in der Zmt bestimmt ist, mitbin das Verhäkniss der Ursadie zur Wir- 
kung die Bedingung der objectiven Gfiltigkeit unserer empmschen Ur- 
theile in Ansehung der Beihe der Wahrnehmungen, mithin der empiri- 
schen Wahrheit derselben, und also der Er^EÜirung. Der Grundsates des 
CausalverhältmssM in der Folge der Erscheiirungmi gilt daher auch Tor 
allen Gregenstttnden der Erfahrung (unter den Bedingung^ der Suoees- 
sion), weil er selbst der Grund der Möglichkeit einer solche Erfahrung ist. 
Hier äussert sich aber noch eine Bedenklichkeit, die gehoben 
werden muss. Der Satz der Gaustüverknüpfting unter den Ersdi^nun* 
gen ist in imserer Formel auf die Beihenlblge derselben emgeschränkt^ 
da es sich doch bei dem Gebrauch desselben &idet, dass er auch auf 
ihre Begleitung passe, imd Ursache und Wirkimg zugleich sein könne. 
248 Es ist z. B. Wärme im Zimmer, die nicht in dreier Lulk angetroffen 
wird. Ich sehe mich nach der Ursache um, und finde einen geheizten 
Ofen. Nun ist dieser als Ursache mit seiner Wiikung, der Stubenwärme^ 
zugleich; also ist hier keine Reihenfolge der Zeit nach zwiachen Ursache 
und Wirkung, sondern sie sind zugldch, und das Gesetz gilt dodb. Der 
grösste Theil der wirkenden Ursachen in der Natur ist mit ihren Wir* 
kungen zugleich, und die Zeitfolge der letzteren wkd nur dadurch ver* 
anlasst, dass die Ursache ihre ganze Wirkung nicht in einem Augenblick 
verrichten kann. Aber in dem Augenblicke, da sie zuerst entsteht, ist 
sie mit der Causalität ihrer Ursache jederzeit zugleich, weil, we»n jen* 
einen Augenblick yorher aufgehört hätte zu sein, ^ese gar nicht ent* 
standen wäre. Hier muss man wol bemerken, dass es auf die Ordnung 
der Zeit, und nicht den Ablauf derselben angesehen sei; das Verhältniss 
bleibt, wenngldch keine Zeit y^laufen ist. Die Zeit zwischen der Causa* 
lität der Ursache und derai unmittelbarer Wirkung kann verschwin- 
dend (sie also zugleich) sein, aber das Verh&ltniss der einen zur anderen 
bleibt doch immer der Zeit nach bestimmbar. Wenn ich eine Kugel, die 
auf einem ausgestopften Kissen liegt und ein Grübchen darin drückt, als 
Ursache betrachte, so ist sie mit der Wirkung zugleich. Alldn ich unter- 
scheide doch beide dun^ das Zeitverhältniss der dynamischen Verknüp- 
fting bdd^. Denn, wenn ich die Kugel auf das Kissen lege, so folgt 
auf die vorige glatte Gestalt desselben das Grübchen; hat aber das 



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ÜL Abschnitt Syst Yorstellung ftller synthetischen Grundsätze. 137 

Kissen (ich weiss nicht woher) ein Grübchen, so folgt darauf nidit eine 24» 

Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzige empirische Krite- 
rinm der Wirkung In Beai^ting auf die Causcdität der Ursache, die 
vorhergeht. Das Glas ist die Ursache von dem Steigen des Wassers 
über seine Horizontalfläd^, obgleich beide Erschwungen zugleich sind. 
Denn sobald ich dieses aus emem grösseren Gel^s mit dem Glase 
schöpflB, so erfolgt etwas, näaEolich die Veränderung des Horizontalstandes^ 
den es dort hatte, in eincoi concaven, den es im Glase annimmt. 

Diese Oausalität fühtt auf d^ Begriff der Handlung, diese auf den 
Begriff der Kraft, und dadurch auf den Begriff der Substanz. Da ich 
mein kritisches Vorhaben, welches lediglich auf die Quellen der synthe- 
tischen Erkenntmss a priori geht, nicht mit Zergliederungen bemengen 
will, die bloss die Erläutenmg (nicht Erweiterung) der Begriffe angehen^ 
so überlasse ich die umständliche Erörterung derselben einem künftigen 
Systral der reinen Vernunft, wiewol man eine solche Analysis im reichen 
Masse auch aebon in d^i bisher bekannten Lehrbüchern dieser Art aa* 
trifft Allein das empirische Kriterium einer Substanz, so fem sie sich 
nicht durch die Beharrlichkeit der Erscheinung, sondern besser und 
leichter durdi Handlung zu offenbaren sdieint, kann ich nicht unberührt 
lass^i. 

Wo Handlung, mithin Thätigkeit und Kraft ist, da ist auch Sub-250 
stanz, tmd in dieser alleia muss der Sitz jener fruchtbaren Quelle der 
Erschdnmigen gesucht werd^i. Das ist ganz gut gesagt; aber wenn 
man sidi darüber erklären soll, was man unter Substanz verstehe, und 
dabei d^i Milerlmft^i Orkel vermeiden will, so ist es nicht so leicht 
verantwortet. Wie will man aus der Handlung sogleich auf die Be* 
harrlichkeit des Handelnden schliessen, welches doch ein so wesent- 
liches und eigenthümliches Kennzeichen der Substanz (phaenmnenon) ist? 
Allem nach unserem Vorigen hat die Auflösung der Frage doch keine 
solche Schwierigkeit, ob sie gkieh nach der gemeinen Art (bloss analy« 
tisch mit aemm Begriffen zu verfahren) ganz unauflöslich ßem würde. 
Handlung bedeutet schon das Verhältniss des Subjects der Oausalität 
zur Wirkung. Weü nun alle Wirkung in dem besteht, was da geschieht^ 
mithin im Wandelbaren, was die Zeit der Succession nach bezmchnet, so 
ist das letaste Subjeot desselben das Beharrliche als das Substratum 



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IgS Elementarlehre. n. TheiL L Abtheilong. n. Buch. IL HauptstOck 

alles Wechselnden, d. i. die Substanz. Denn nach dem Grundsatze der 
Kausalität sind Handlungen immer der erste Grund von allem Wechsel 
der Erscheinungen, und können also nicht in einem Subject liegen, was 
«elbst wechselt, weil sonst andere Handlimgen und ein anderes Subject, 
welches diesen Wechsel bestimmte, erforderlich wären. £!raft dessen 
beweist nun Handlung als ein hinreichendes empirisches Kriterium die 

«Ol Substantialität, ohne dass ich die Beharrlichkeit desselben durch ver- 
glichene Wahrnehmungen allererst zu suchen nöthig hätte, welches auch 
auf diesem Wege mit der Ausführlichkeit nicht geschehen könnte, die 
zu der Grösse und strengen Allgemeingiltigkeit des Begriffs erforderlich 
ist. Denn dass das erste Subject der Gausalität alles Entstehens und 
Vergehens selbst nicht (im Felde der Erscheinungen) entstehen und ver- 
gehen könne, ist ein sicherer Schluss, der auf empirische Nothwendigkeit 
und Beharrlichkeit im Dasein, mithin auf den Begriff einer Substanz als 
Erscheinung ausläuft. 

Wenn etwas geschieht, so ist das blosse Entstehen, ohne Bücksicht 
auf das, was da entsteht, schon an sich selbst ein G^enstand dar Unter- 
suchung. Den Uebergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen 
Zustand, gesetzt, dass dieser auch keine Qualität in der Erscheinung ent- 
hielte, ist schon allein nöthig zu untersuch^L Dieses Entstehen trifft, wie 
in der Nummer A gezeigt worden, nicht die Substanz (denn die entsteht 
nicht), sondern ihren Zustand* Es ist also bloss Veränderung, und nicht 
Ursprung aus nichts. Wenn dieser Ursprung als Wirkung von einer 
fremden Ursache angesehen wird, so heisst er Schöpftmg, welche ab 
Begebenheit imter den Erscheinungen nicht zugelassen w^den kann, 
indem ihre Möglichkeit allein schon die Einheit der Erfahrung aufheben 
würde, obzwar, wenn ich alle Dinge nicht ab Phänomene, scmdem ab 

«52 Dinge an sich betrachte und ab Gegenstände des blossen Verstandes, 
sie, obschon sie Substanz^i sind, dennoch wie abhängig ihrem Dasein 
nach von fremder Ursache angesehen w^den können, welches aber als- 
dann ganz andere Wortbedeutungen nach sich ziehen, und auf Erschei- 
nungen ab mögliche Gegenstände der Erfahrung nicht passen würde. 

Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne, wie es möglich 
sei, dass auf einen Zustand in einem Zeitpunkte ein entgegengesetzter im 
anderen folgen könne, davon haben wir a priori nicht den mindesten 
Begriff. Hierzu wird die Kenntnbs wirklicher Kräfte erfordert, welche 



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in. Abschnitt Syst Vorstellung aller synthetischen Grundsätze. 189^ 

nur empirisch gegeben werden kann, z. B. der bewegenden Kräfte oder^ 
welches einerlei ist, gewisser successiv^r Erscheinungen (als Bewegungen)^ 
welche solche Kräfte anzeigen. Aber die Form einer jeden Veränderung,^ 
die Bedingung, unter welcher sie als ein Entstehen eines anderen Zu- 
standes allein vorgehen kann (der Inhalt derselben, d. i. der Zustand, 
der verändert wird, mag sein, welcher er wolle), mithin die Succession 
der Zustände selbst (das Geschehene) kann doch nach dem Gesetze der 
Causalität und den Bedingungen der Zeit a priori erwogen werden.* 

Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen anderen b über- 253. 
geht, so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zu- 
Standes tmterschieden, imd folgt demselben. Ebenso ist auch der zweite 
Zustand als Realität (in der Erscheinung) vom ersteren, darin diese nicht 
war, wie b vom Zero unterschieden; d. i. wenn der Zustand b sich auch 
von dem Zustande a nur der Grösse nach unterschiede, so ist die Ver« 
änderung ein Entstehen von b — a, welches im vorigen Zustande nicht 
war, und in Ansehung dessen er = ist. 

Es fragt sich also, wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen- 
anderen = b übergehe. Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine 
Zeit, und zwischen zwei Zuständen in denselben immer ein Unterschied,, 
der eine Grösse hat (denn alle Theile der Erscheinungen sind immer 
wiederum Grössen). Also geschieht jeder Uebergang aus einem Zustande 
in den anderen in einer Zeit, die zwischen zwei Augenblicken enthalten 
ist, deren der erste den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding heraus- 
geht, der zweite den, in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen 
der Z^eit einer Veränderung, mithin des Zwischenzustandes zwischen 
beiden Zuständen, und gehören als solche mit zu der ganzen Verände-^ 
rung. Nun hat jede Veränderung eine Ursache, welche in der ganzen 
Zeit, in welcher jene vorgeht, ihre Causalität beweist. Also bringt diese 
Ursache ihre Veränderung nicht plötzlich (auf einmal oder in einem 
Augenblicke) hervor, sondern in einer Zeit, so dass, wie die Zeit vom 2.54. 
Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung in b wächst, auch die 
Grösse der Realität (b — a) durch alle kleineren Grade, die zwischen 



* Man merke wol, dass ich nicht Ton der Veränderung gewisser Belationen 
überhaupt, sondern von Veränderung des Zustandes rede, Daher, wenn ein Körper 
sich gleichförmig bewegt, so verändert er seinen Zustand (der Bewegung) gar nicht,. 
aber wol, wenn seine Bewegung zu- oder abnimmt. 



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190 Elementarlehre. IL Theil. L Abtheilung, n. Buch. ü. Hauptstück. 

dem ersten und letzten enthalten sind, erzeugt wird. Alle Veränderung 
ist also nur durch eine continuirliche Handlung der Causalität möglich, 
welche, so fem sie gleichförmig ist, ein Moment heisst. Aus diesen 
Moment^i besteht nicht die Veränderung, sondern wird djidurch erzeugt 
4ds ihre Wirkung. 

Das ist nun das Gesetz der Continuität aller Veränderung, dessen 
Grund dieser ist, dass weder die Zeit noch a^ch die Ikscheinung in der 
Zeit aus Theilen besteht, die die kleinsten sind, und dass doch der Zu- 
stand des Dinges bei seiner Veränderung durch alle diese Theüe als 
Elemente zu seinem zweiten Zustande übergehe. Es ist kein Unterschieä 
des Realen in der Erscheinung, so wie kein Unterschied in der Grösse 
der Zeiten der kleinste, imd so erwächst der neue Zustand der Realität 
Ton dem ersten an, darin diese nicht war, durch alle unendlichen Grade 
derselben, deren Unterschiede von einander insgesammt kleiner sind als 
der zwischen imd a. 

Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge, 
das geht uns hier nichts an. Aber wie ein solcher Sajtz, der unsere Er- 
kenntniss der Natur so zu erweitem scheint, völlig 0, priori möglich sei, 
das erfordert gar sehr unsere Prüftmg, wenn gleich der Augenschein 
;«56 beweist, dass er wirklich und richtig sei, und man also der Frage, wie 
er möglich gewesen, überhoben zu sein glauben möchte. Denn es giebt 
so mancherlei ungegründete Anmassungen der Erweiterung unserer Er- 
kenntniss durch reine Vernunft, dass es zum allgemeinen Grundsatz an- 
genommen werden muss, 'deshalb durchaus misstrauisch zu sein, und 
ohne Documente, die eine gründJidie Deduction verschafiPen können, 
selbst auf den klarsten dogmatischen Beweis nichts dergleichen zu 
glauben und anzunehmen. 

Aller Zuwachs der empirischen Erkenntniss und jeder Fortschritt 
4er Wahrnehmung ist nichts als eine Erweiterung der Bestimmung des 
inneren Sinnes, d. i. ein Fortgang in der Zeit, die G^enstände mögen 
49ein, welche sie wollen, ErsdieinuQgen oder reine Anschauungen. Dieser 
Fortgang in der Zeit bestimmt alles, und ist an sich selbst durch nichts 
-weiter bestimmt, d. i. die Theile desselben sind nur in der Zeit, und 
<lurch die Synthesis derselben, sie aber nicht vor ihr gegeben. Um des- 
willen ist ein jeder Uebergang in der Wahrnehmung zu etwas, was in 
ier Zeit folgt, eine Bestimmung der Zeit durch die Erzeugung dieser 



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HL Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthetischen Grundsätze. X91 

Wahrnehmung, und da jene inuner und in allen ihren Theilen eine 
Grösse ist, ^die Erzeugung einer Wahrnehmung als einer Grösse durch 
alle Grade, deren käner der kleinste ist, von dem Zero an bis zu ihrem 
bestimmten Grad. Hieraus erhellt nun die Möglichkeit, ein Gesetz der 
Veränderungen ihrer Form nach a priori zu erkennen. Wir anticipiren 25« 
nur Tins€9'e eigene Apprehension, deren formale Bedingung, da sie uns 
vor aller gegebenen Erscheinung selbst belTfohnt, allerdings a priori 
muss erkannt werden können. 

So ist demnach ebesiso, wie die Zeit die sinnliche Bedingung a 
priori von der Möglichkeit eines continuirlichen Fortganges des Existi- 
rendeai zu dem Folgenden enthält, der Verstand vermittelst der Einheit 
der Apperception die Bedingung a priori der Möglichkeit einer continuir- 
lichen Bestimmung aller Stellen für die Erscheinungen in dieser Zelt 
durch die Eeihe von Ursachen und Wirkungen, deren die ersteren der 
letzteren ihr Dasein unausbleiblich nach sich ziehen, und dadurch die 
empirische Erkenntniss der Zeitverhältnisse für jede Zeit (allgemein), 
mithin objectiv giltig machen. 



C. Dritte Analogie. 

Grundsatz des Zugleichseiiis nach dem Gesetze der 
Wechselwirkung oder Gemeinschaft. 

Alle Substanzen, so fern sie im Kaume als zugleich wahr- 
genommen werden können, sind in durchgängiger Wechsel- 
wirkung.* 

Beweis. 

[Zugleich sind Dinge, wenn in der empirischen Anschauimg die 
Wahrnehmung des einen auf die Wahrnehmung des anderen Wechsel- 207 
fieitig folgen kann (welches in der Zeitfolge der Erscheinungen, wie 
beim zwelt^a Grundsatze gezeigt worden, nicht geschehen kann). So 
kann ich meine Wahrnehmung zuerst am Monde tmd nachher an der 



* Hier ist das Verb des Nachsatzes ausgefallen, etwa die Worte: „so geschieht**. 

* Obige Definition und Ueberschrift lauten in der ersten Auflage: 
Grundsatz der Gemeinschaft. — Alle Substanzen, so fem sie zugleich sind, 
stehen in durchgängiger Gemeinschaft (d. i. Wechselwickung unter einander). 



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192 Elementarlehre. II Theil. I Abtheilung. H. Buch. IL Hauptstuck. 

Erde, oder auch umgekehrt zuerst an der Erde und dann am Monde 
anstellen, und darum, weil die Wahrnehmungen dieser Gegenstände ein- 
ander wechselseitig folgen können, sage ich, sie existiren zugleich. Nun 
ist das Zugleichsein die Existenz des Mannigfaltigen in derselben Zeit. 
Man kann aber die Zeit selbst nicht wahrnehmen, um daraus, dass 
Dinge in derselben Zeit gesetzt sind, abzunehmen, dass die Wahrneh- 
mungen derselben einander wechselseitig folgen können. Die Synthesis 
der Einbildungskraft in der Apprehension würde also nur eine jede 
dieser Wahrnehmungen als eine solche angeben, die im Subjecte da ist, 
wenn die andere nicht ist, und wechselsweise, nicht aber, dass die Objecto 
zugleich seien, d. i. wenn das eine ist, das andere auch in derselben 
Zeit sei, und dass dieses nothwendig sei, damit die Wahrnehmungen 
wechselseitig auf einander folgen können. Folglich wird ein Verstandes- 
begriff von der wechselseitigen Folge der Bestimmungen dieser ausser 
einander zugleich existirenden Dinge erfordert, um zu sagen, dass die 
wechselseitige Folge der Wahrnehmungen im Objecte gegründet sei, 
und daß Zugleichsein dadurch als objectiv vorzustellen. Nun ist aber 
das Yerhältniss der Substanzen, in welchem die eine Bestimmungen ent- 
«58 hält, wovon der Grund in der anderen enthalten ist, das Verhältniss des 
Einflusses, und wenn wechselseitig dieses den Grund der Bestimmungen 
in dem anderen enthält, das Verhältniss der Gemeinschaft oder Wechsel- 
wirkung. Also kann das Zugleichseiu der Substanzen im Baume nicht 
anders in der Erfahrung erkannt werden, als unter Voraussetzung einer 
Wechselwirkung derselben untereinander; diese ist also auch die Bedin- 
gung der Möglichkeit der Dinge selbst als Gegenstände der Erfahrung. ^ 
Dinge sind zugleich, so fem sie in einer imd derselben Zeit exi- 
stiren. Woran erkennt man aber, dass sie in einer und derselben Zeit 
sind? Wenn die Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses 
Mannigfaltigen gleichgiltig ist, d. i. von A durch B, C, D auf E, oder 
auch umgekehrt von E zu A gehen kann. Denn, wäre sie in der Zeit 
nach einander (in ä&c Ordnung, die von A anhebt und in E endigt), so 
ist es unmöglich, die Apprehension in der Wahrnehmung von E anzu- 
heben, und rückwärts zu A fortzugehen, weil A zur vergangenen Zeit 
gehört, und also kein Gegenstand der Apprehension mehr sein kann. 



^ Dieser erste Absatz ist erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. 



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in. Abschnitt Syst Vorst^lang aller synthetischen Gmnds&tze. 193 

Nehmt nun an, in ein^ MannigfEdtigkeit von Substanzen als Er* 
schemungen wäre jede derselben völlig isoHrt, d. i. keine wirkte in die 
and^?e nnd empfinge von dieser wechselseitig £Snflüsse, so sage idi, dass 
das Zugleichsein derselben kein Gegenstand einer mißlichen Wahr- 259 
nehmung sein würde^ imd dass das Dasein der einen durch keinen Weg 
der empiiischen Synthesis auf das Dasebi der anderen führen könnte. 
Denn wenn ihr euak gedenkt, sie wären durch dnen yölHg leeren Baum 
getrennt, so würde die Wahrnehmung, die von der einen zur anderen in 
der Zeit fortgeht, zwar dieser ihr Dasein vermittelst einer folgenden Wahr* 
nehmung bestimmen, aber nicht unterschdden können, ob die Erschei-; 
nung objectiv auf die erstB-e folge oder mit jener vielmehr zugleich sei. 
Es muss also noch ausser dem blossen Dasein etwas sdn, wodurch. 
A dem B seine Stelle in der Zeit bestimmt und umgekehrt auch wie- 
derum B dem A, weU nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen, 
als zugleich existirend empirisch vorgestellt werden können. Nun be-* 
stimmt nur dasjenige dem ander^i seine Stelle in d^ Zeit, was die Ur- 
sache von ihm oder seinen Bestimmungen ist Also muss jede Substanz 
(da sie nur in Ansehung ihrer Bestimmungen Folge sein kann) die Cau- 
salität gewisser Bestimmungen in der anderen, und zugleich die Wir^ 
kungen von der Gausalität der anderen in sich enthalten, d. i. sie müssen 
in dynamischer Gemeinschaft (unmittelbar oder mittelbar) stehen, wenn 
das Zugleichsdn in irgend einer möglichen Erfahrung erkannt werden 
soll. Nun ist aber alles dasjenige in Ansehung der Gregenstände der 
Ernährung nothwendig, ohne welches die Erfahrung von diesen Gregen- 
ständen selbst unmöglich sein würde. Also ist es allen Substanz^i inseo 
der Erscheinung, so fem sie zugleich sind, nothwendig, in durcl^ängiger 
Gemeinschaft der Wechselwirkung unter einander zu stehen. 

Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig, und 
kann so viel als cammunw, aber auch als eommerdtim bedeuten. Wir 
bedienen tms hier desselben im letzter^i Sinn als einer dynamischen Ge« 
mdnschafi;, ohne welche selbst die locale (eommunio spatii) niemals em- 
pirisch erkannt werden könnte. Unseren Er&hrungen ist es leicht an* 
zumerken, dass nur die conthmirliohen Einflüsse in allen Stellen des 
Raumes unseren Sinn von einem Gegenstände zum anderen leiten können, 
dass das licht, welches zwischen unserem Auge und den Weltkörpem 
spielt, eine mittelbare Gemeinschaft zwischen uns und diesen bewirken, 

Kavt*s Kritik der reinen Vernunft. 13 



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]^4 Elementarlehi^ IL TfaeiL L Abtheifamg. H. Badi IL HauptstfU^k. 

tmd dadurdi dftd Zugleicbseiii der letzteren beweisen kbimeA, dass wir 
keinen Ort empirisch verändern (diese Veründeirang wabm^imen) können, 
ohne dass nns allerwärts Materie die Wakmehmang unserer Stelle mög- 
lich mache, und diese nnr yermittelst ihres wechselseitigen Einfinsses 
ihr Zngleichsein, und dadurch bis zu den emüegensten Gregenständen die 
Oo^dstenfiB^ derselben (obzwar nur mittelbar) darthun kann. Ohne Ge- 
m^nscbaffc ist jede Wahrnehmung (der Erscheinung im Baume) ven der 
anderen abgebrochen, und die Kette empirischer Vorstellungen d. i £2^- 

2(31 fahrung wörde bd einem neuen Object ganz von vom anfongen, ohne 
dass die vorige damit im geringsten zusammenhängen od^ im Zeitveiv 
hältnisse stehen könnte. Den leeren Kaum will idi hiedurch gar niohti 
"widerl^en; denn der mag immer sein, wohin Wahn^hmungen gar nicht 
rdchen, und also keine empirische Erkenntniss des Zugkichseins statt- 
findet; er ist aber alsdann fUr alle unsere möglkhe Er£ahnmg gar kein 
Gbject 

Zur Erläuterung kann Folgendes dienen. In unserem Gremüldie müssen 
alle Erschdnungen, als in emer möglichen Erfahrung enthalten^ in Ote* 
meinschaft (cammunio) der Apperoeption stehen*, imd so fem die Gegen- 
stände als zugleich existirend verknüpft vorgestdlt werdaa sdtlen, so 
müssen sie ihre Stelle in einer Zeit wechselsettig besthnmen und da- 
durch ein Gunzes ausmaeh^i. Soll diese subjeotiv« Gemeinschaft auf 
ehiem objectiven Grunde beruhen oder auf Erscheinungen als Substanzen 
bezogen werden^ so muss die Wahrnehmung der einen als Ghrund die 
Wahrnehmung der anderen, und so umg^ehrt, möglich machen, damit 
die Succession, die jederzdt in den Wahrnehmungen als Apprehensionen 
iBt, nicht den Objeoten bdgeiegt werde, sondern diese als zugleich exi- 
stirend vorgestellt w^en können. Dieses ist aber ein wechsdsdtiger 
Einfluß, d. i. eine reale Gemeinschaft (ammer^um) der Substanzai, ohne 
welche also das empirische VerhlQtniss des Zugleichsdoos nidit in der 
Erfahrung stattfinden könnte. Durch dieses Gommerchmi machen die 

t6ä Erscheinungen, so fem sie ausser einander und doch in YerknÜpfiing 
st^en, ein Zusammengesetztes aus (comp^gäum rtal$)^ und dergleidi^i 
Composita werden auf mancherlei Art mögüoh. Die drei dynamischen 
y^hältnisse, daraus alle übrigen entspnngen, sind daher das der In- 
härenz, der Consequ^az und der Gomposition. 



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Die» sind äßxm ala« did drei/ Anidogien iet Erfahrung, Sie sind 
mchts Andet^es ab Grnndsät«» iw Beetitnmung des Daseins der Erschei- 
nung^i in der Zeit nach allen drei tnodis derselben, dem. VerhSltni^e zu 
der Zeit selbst als einer Grösse (die Grösse des Daseins, d. i, die Daner), 
dem Verh^tniflse in der Zeit als einer Beilne (naoh eia^ader), endlich 
aaeh in ihr als eonem Inbegriff aUea Da^iüs: (zugleich). Diese Einheit 
der Zdtbesdnunung iist dnrch und durch dynamisch d i die Zeit wird 
nicht ab dasjenige angeseh^i, w<nin cÜie Er&hrung unmittelbar jedem 
Dasein seine Stelle bestimmte^ welches UBmöglioh ist, weil die absolute 
Zmt kein Geg^stand der Wahmehi&ung ist, wiOBEot Erscheinungen/ 
könnien zusammengehalten werden; sondern die Begel des Verstandes, 
dnrch welche aUein* das. Dasein der Erst^einungen synthetische Einheit 
nach Zeitverhältnissen bekommeni kann, bestimmt jeder derselben ihre 
Stelle in der Zeit, mithin a priori und gütig Air alle und jede Zeit 

Unter Natur (im empirischen Verstände) verstehen wir den Zu-^w 
sammenhaag der Ersichmnungen ihrem Dasein nach nach nothwendigen 
Begeln, d. L nach Gesetzen. Es sind abo gewisse Gesetze, und z^ar 
a priortj welche allererst eine Natur . möglich machen; die empirischen 
können nur vermittabt der Erfahrung, imd zwar zufolge jener ursprüng- 
lichen Gesetze, nach welchm selbst Erfahrung allererst möglich wird^ 
statduidai und gefond^ werden. Unsere Analogien steUen abo eigent- 
lich die Natureinheit im Zusammenhange aller Erscheinungen unter 
gewissen Exponent^i dar, welche nichts Anderes ausdrücken ab das 
Yerhältniss der Zeit (so fem. sie aUes Dasein in sich begreift) mt Ein- 
heit der Apperception, die nur in d^r Synthesb nach Regeln statt&iden . 
kann. Zusammen sagen sie abo: alle Erscheinimgen liegen in einer 
Natur und müssen darin liegen, weil ohne diese Einheit a priori keine 
Einheit der Erfahrung, mithin auch keine Bestimmung der Gregenstände 
in derselben möglich wäre. 

lieber die Beweisart aber, deren wir uns bei diesen transscenden- 
talen Natorgesetzen bedient haben, und die Eigenthümlichkeit derselben 
ist «ne Anmerkimg zu machen, die zugleich ab Vorschrift für jeden 
anderen Versuch, intellectuelle und zugleich synthetische Sätze a priori 
zu beweben, sehr wichtig sein muss. Hätten wii diese Analogien dog- 
matiscn d. i. aus Begriffen beweben wollen, dass nänüich alles, was 
exburt, nur in dem angetroffen werde, was beharrlich bt, dass jede Be- 864 

13* 



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196 ElemeatftriehTO. IL ThelL I AbäwihiBg. IL BiuAi. IL Hauptstfick. 

gebenlieit etwas im vortgen Zustande voraussetze, w<nraiif sie nach einer 
Regel folgt, endlich in dem Mannigfttltigen, das asugkioh ist, die Zustände 
in Beziehung auf einander nach emer Regel zugleich seien (in G^nein- 
schait stehen), so wäre alle Bemühung gänzfich vergehlich gewesen. 
Denn man kann von einem Gegenstände imd dess^i Dasein auf das 
Dasein des «ideren oder seine Art zu existiren durch blosse Begnfb 
dieser Dinge gar nicht kommen, man mag dieselben zergliedern, wie man 
wolle. Was blieb uns nun übrig? Die Möglichkeit der Er^Ethrung als 
einer Erkenntniss, darin uns alle Gegenstände zuletzt müss^i gegeb^i 
werden können, wenn ihre Vorstdlung für uns objeetive Realität haben 
soll. In diesem Dritten nun, dessen wesentliche Form in der synthe- 
tischen Einheit der Apperception all^ Ersdieinung^i besteht, fanden 
wir Bedingimgen a priori der durolfgängigen und nothwendigen Zeit- 
bestimmung alles Daseins in der Erscheinung, ohne welche selbst die 
empirische Zdtbestimmimg unmöglich sein würde, und ^den Regeln 
der synthetischen Einheit a priori^ vermittelst deren wir die Erfahrung 
anticipiren konnten. In Ermangelung dieser Methode, und bei dem 
Wahne, synthetische Sätze, weldie der Er^Bihrungsgebrauch des Ver- 
standes als seine Principien empfiehlt, dogmatisch beweisen zu wdil^ ist 
es denn geschehen, dass von dem Satze des zureichenden Grundes so oft, 
265 aber immer vergeblich, ein Beweis ist versucht worden. An die beiden 
übrigen Analogien hat niemand gedacht, ob man sich ihrer gleich immer 
stillschweigend bediente,* wdil der Leitfjiden der Kategorien fehlte, der 
all^ jede Lü(^e des Verstandes sowol in Begriffen als Grundsätzen 
entdecken tmd merklieh machen kann. 



* Die Einheit des Weltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft sein 
sollen, ist offenbar eine blosse Folgerung des insgeheim angenommenen Grundsatzes 
der Gemeinschaft aller Substanzen, die zugleich sind; denn wären sie isolirt, so 
wthrden sie nicht als Theile ein Gknzes ausmachen, und wäre ihre Verknüpfung 
(Wechselwirkung des Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins willen noth« 
wendig, so könnte man aus diesem als einem bloss idealai Verbältnisa auf jene aU 
ein reales nicht schliessen; wiewol wir an seinem Ort gezeigt haben, dass die Ge- 
meinschaft eigentlich der Grund der Möglichkeit einer empirbchen Erkenntniss der 
Coexistenz sei, und dass man also eigentlich nur aus dieser auf jene als ihre Be- 
dingung zurfick schliesse. 



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in. Abschnitt Syst. VorsteUimg allef syBthotbehen Orundsätse. .1^7 



4. Die Postulate des empdmehen Denkens überhaupt 

1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfalirung (der An- 
schauung und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich. 

2. Was mit den materialen Bedingungen der Er&hrung (der Em- «66 
pfindung) zusanunenhängt, ist wirklich. 

3. Dessen Zusanunenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen 
Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existirt) nothw endig. 

Erläuterung. 

I^ Kategorie dei* ModaUtftt haben das Besondere an sich, dasa 
de den B^riff, d^pa sie als Pribdicate beigefiigt werden, als Bestimmung 
des Oyects nicht Sm mindesten vermehrai, soacidem nur das Verhältnis 
sum Erkenntnissvetmögen aniadfüeken. Wenn der Begriff eines Dinges 
schon ganss YoUsiöndSg ist, so kum ich dpdi noch von diesem (Jegeii- 
stande fragen, ob er bloss möglidi od^ auch wirklich, oder, wenn e^ 
das letostere ist, ob er gor audi nothwendig seiP Hierdurch w^don keine 
Bestumnungen mehr im Olbjjecte selbst gedacht, sondern es fragt sich nur, 
wie es si(^' (sammt aUen seinen Besiänunungen) zum Ver$t$nde und 
dessen empirisdien Gebraüehe, zur empiriaehen Urtheilskr^ und zur 
Yemunft (in ihrer ^^endiUQ^ auf Eifchm^g) v^halte? 

Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts 
weiter als EiUärungen der BegriBfe der; Mö^U^^f^t, Wirklichkeit und 
Nothwendigkeit in ihr^öi empiriseben Oebrau^e, und hiermit {ungleich 
Bestrictionen aller Ejategorien auf den bloss eknpirisehen <3ehrauch, ohne 
den transscendentaleb »uEidassen.und su erlauben. .Denn, wetm diese 267 
nicht ebne Uoss logische Bedeutotg haben^ und die Form des Denkens 
«oalytiseh ausdrüeke^ soUen, sondern Dinge .und derßn^MQgUjC^eii^ 
Wirklichkeit -oder JSTotbwendagfccii betteffiftfe bollen, so müssen sie «!?rf 
die mS^Uohe Etfahmng und der^n synthetische Binfaeit gdien, in wacher 
allein G^;enstände dte Erkenn/anss gsegdben werden. 

Das Postu]e;t der M2)g)iehkeil der I^ge fordert aldOy dass der Be- 
gnß derselban Mt den finanalen Bedingungen einer Erfahrung üb^haupt , 
«usammensömme. Diese; nfUöEch die ofbjeotfcre F.om^ der Erfahrung 
äHBnbfttfpt, ^nüküt aber alle Synthssis^ welche anr Eiken^tkiiss der Obr 



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196 Eldne&tarlehre. IL Thdl. l Abtheila&g. H. Bach. IL Hauptstttck. 

jecte erfordert wird. Em BegriflF, der eine Synthesie in sich fesst, ist ftlr 
leer zu halten, und heiidit sit^ «itf keinen Gegenstand, wenn diese Syn- 
thesis nicht zur Erfahrung gehört, ^tweder als von ihr erborgt, und 
dann heisst er ein empirischer Begriff, oder als eine solche, auf der 
als Bedingung a priori Erfahrung überhaupt (die Form derselben) be- 
ruht, und dann ist es ein reiner Begriff, der dennoch zur Erfahrung 
gehört, weil sein Olyect nur in dieser angetroffen werden kann. Denn 
wo will man den Charakter der Möglichkeit eines Gegenstandes, der 
durch einen synthetischen Begriff a priori gedacht worden, hernehmen, 
wenn es nicht von der Synthesis geschieht, welche die Form der empi- 
.rischen Erkenntniss der Objecto ausmacht? Dass in einem solchen Be- 

t6»1giWe kein Widerspruch enäialt^en sein ittttsM, iet zwar eine notfawiendige 
logische Bedingung; aber zur objee^en Bealitüt des Begri^, d. i. d(» 
MögHtihkeit eined seichen Oegenstandee, als dureh (den Begiiff gedadit 
wkd, bd weitem nicht genug &b ist te dem fiegriffe einer flgur, ^^ 
in tswM gearaden limen cftngesdblosM» ist, k^n Vfiderspmch, denn die 
Begi<^ von zw^ geraden I^ic^ und deren Z«isatnsfönkos£nmg mi&alten 
keine Verneinung einer F^gur; sondom die UnmögHcbkeit; bendri nicht 
auf dem Begriffe an sieh selbet, sondern der Construction desselbeii im 
^ume, <d. i. den Bedingungen des Baumes und der Bestlmmuiig desielben*, 
diese hab^ aber wiederam ihre objeotive fiealiüü, d. 1 sie gehen auf 
mögliche Dinge, weil sie die Fonn der Ei;fobrung überhaupt a ft^iari in 
sich enthalten. ^ 

Und nun wollen wir d^ «asgebreiteten SFutBen «nd !E]influ«B cKeses 
S^>stulietts der M^glichkdt vor Augen legen. Wenn jch mir «in Ding 
'vorstelle, das ^han^Üäi Ist, j4& <iass alles, was d« we^selt, bloss vä 
seinem Zustande geh^ so kiLnn idi niemals »w cin^n solchmi Begriffe 
^ein erkennen, dass ein dergieiohen Dkg mögMi^ sä. Oder ich stelle 
Aiir etwas vor^ weldies so beschedBf^ sein s^Ms <^S) wenn es gesetst 
Wkd, jederzeit u»d laiaudbldMIeh dtwtts iksidemi darauf erfolgt, so mag 
dieses alfevdings dl»ie 'WidiN*spnioh so gedacht werden kennen; <yb «tber 
dergleichen Eigenschaft (als Ositsafität) wl irgend tiivem mögUehen Dinge 
tm^^trofiß^ werde, katm dadurch iddit geartheilt werden. EndHoh kann 

169 Ich mir 'v^mchiedene Dinge (ddhstanfisen) vamtellim, die so bes(äiaSe& 
sind, dasis ^ 2hiet^d 4es ^en eine Folge im Üustande des anderen 
tiä(ih äck iä^, ^ubdiso weohselsweise; oba^ber ebi dergleichen V^bSlt- 



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m. Abschnitt. Syst. Vorstellimg aller syntheüscilien 6hrand«tttz8. 199 

niss irgend Dmgen ^zukominen kbme, kann ans dies^i Begriffen, 'Welche 
dne bloss wülkitlkErlidie SjFnthesis enÜMtai, gar nicht abgenommen 
werden. Not dairan äIso, dass diese BegriÄe die Verhältnisse der Wahr- 
nehmnngen in jed^ ErflEdirnng a priori ausdrücken, erkennt man ihre 
objectxTB Realität, d. i ihre transsoendentale Wahrheit, und zwar freilich 
unabhängig von der Erfahrung, aber doch nicht tmabhängig von aller 
Beziehung auf &b Form emer Erfieihrung Überhaupt und die synthetische 
Emheit, in der allem G^egenstände empirisch können erkannt werden. 

Wenn maili dich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften, 
von Wedisehmknng^ aus dem Stoffe, den uns die Wahrnehmung dar- 
bietet, machen wollte, ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer 
Veilmfip^mg zu entlehnen, so würde man in lauter Himgespinnste ge»- 
rothen, derrai Mb^^hkeit ganz und gar kein Kennz^ehen für sich hat^ 
weil man bei ihnen nicht Erfaihrung zur Lehrerin aimi^oomt^ liich diesö 
B^riffe "von ihr endehnt. Deffgleichen gedichtete Begriffe attien den 
Charakter ihxer Möglichkeit nicht so wie die Kategorien a ^^pt^i, als 
Beengungen, von denen alle Erfahrung abhlUigt, sondern nur « pStüriarif 
als solche, die durch die Eriahning selbst gegeben werden, bekommen, 
und ihre Möglichkeit muss eütwed^r a posieriori und empirisch, od0r sie S70 
kann gar nicht erkaamt werden. Eine Substanz, welche b^tarrlioh uki 
Baume gegenwärtig wäre, doch ohne ihn zu evMllen (wie dasjenige 
Mittelding zwisehien Materie und denkenden Wesen, welcfhes einige haben 
einfuhren wollen), oder eine besondere Grundkrafb unseres Gremüths, das 
Künftige zum voraus tanzuisrohauen (nicht etwa bloss zu folgern), odmr 
endlich ein Yermogen desselb^i, mit anderen MensdEilBn in G^meinscQiaE 
der Gedauhen zu stehen (Ho entfmit sie «udi.sein mögen), das sind Be^ 
griffe, deren Möglichkeit ganz grundlos ist, weil sie nicht auf Erfahrunjg 
und deren bekannte Gesetze gegründet werden köam, und ohne «le eitie 
wülkühriache ^dank^averbindung ist, die, ob sie zwar Wn»i Wideiw 
sprach enthält, doch keinen Anspruda auf ol(|ective iBealität, oütbin mi 
die ]^gHckkeit ^nes solchen* Gegenstandes, als man sich hier denken 
will, machen kann. Was Healität betrifft, so verbietet es sich wol v€A 
selbst, sich eine solche in concreto zu denken, ohne die Erfahrung zu 
SjMb zunebubB, rweil isiei nur atif QQmpfindung als M^rie d^ Erfah- 
rung gdien kann, 'uM nicht die Eonrn des Y^rhältnisse^ betrilE^ mit öfft 
man iallenfaJls in Erdichtungen spielai köaitnte. 



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200 Elemetitarlehre. IL TheiL L Abtheilang. ü. Buch. ü. Haapt^ck. 

Aber ich lasse alles vorbei, desfl^i Möglichkeit nur aus der Wirklich- 
keit in der Erfahrung kann abgenommen werden, und erwäge hier nur 
die Möglichkeit der Dinge durch Begriffe a priori^ von d^ien ich fort- 

S71 fahre zu behaupten, dass sie niemals als solche Begriffe flür sich allein, 
sondern jederzeit nur als formale und objectire Bedingungen ^er Er- 
fahrung überhaupt stattfinden können. 

Es hat zwar den Anschein, als wenn die Möglichk^ eines Triangels 
aus seinem Begriffe an i^ch selbst könne erkannt werden (von der Er- 
fahrung ist er gewiss unabhängig); denn in d^ That können wir ihm 
gänzlich a priori einen Gegenstand geben j d. i. ihn coüstruiren. ' Weil 
dieses aber nur die Form von einem Gegenstande ist, so würde er doch 
immer nur ein Product der Einbildung bleiben, von dessen Gegenstand 
4ie Möglichkeit noch zweifelhaft bliebe, als wozu noch etwas mehr er- 
fordert wird, nämlich dass dne solche Figur unter lauter Bedingungen, 
auf denen alle Gegenstände der Erfahrui^ beruh^i, gedacht flei Da^s 
nun der Kaum ^e formale Bedingung a priori von äusseren Erfahrungen 
ist, dass eb^ dieselbe bild^ide Sjnthesis, wodurch wir in der Ein- 
loldungskraft einen Triangel construir^ mit derjenigen gänzlich einerlei 
sd, welche wir in der Apprehension einer Erscheinung ausüben, um uns 
davon einen Er&hrungsbegriff zu machen, das ist es allein, was mit 
diesem Begriffe die Vorstellung von der Möglichkeit eines solchen Dinges 
verknüpft. Und so ist die Möglichkeit continuirlicher Grössen , ja sogar 
der Grössen überhaupt, weil diö Begriffe davon insgesanmit synthetbch 

t72 8ind, niemals aus den B^riffen selbst, sondern aus ihnen als formalen 
Bedingungen der Bestimmung der Gegenstände in der Er&hrung über^ 
haupt allererst klar; ui^ wo sollte man auch Gegenstände suchen wollen, 
die den Begriffen oorrespondirten, wäre es nicht in der Er&hnmg, durch 
die uns allein Gegeni^nde gegeben werden, wiewol wir, ohne eben Er- 
fahrung mlbst voranzuscMeken, bloss in Beziehung auf £e formalen Be- 
'^dingungen, unter welchen in ihr überhaupt etwas als Gegenstand bestimmt 
witd, mithin völlig /y priori^ aber doch nur in Beziehung auf sie und 
innerhalb ihr^ Grisiizen, die Mö^ichkeit der IHnge erkennen tmd charak- 
terisiren können. 

Bas Postulat, die Wirklichkeit der Dinge au erk^tnen, fordert 
Wahrnehmung, mithin Empfindung, deren man sich bewustt ist, zwar 
nicht eben unmittelbar von dem Gegenstände selbst, dessen Dasein er»- 



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m. Abschnitt. Syst. Yoistellang aller synthetischen Grundsätze. 201 

kannt weiden soll, aber doch Zusammenliang desselben mit irgend einer 
wirkHcben Wabmebmung naeh den Analogien der Er£abrang, welobe 
alle reale Yerknüp^g in einer Erfabrang überbaupt darlegen. 

Li dem blossen Begriffe eines Dinges ka^n gar kein Cbarakter 
seines Daseins angetroffen werden. Denn ob derselbe gleicb nocb so voll- 
st&ndig sei, dass nicbt das mindeste ermangelte^ um ein Ding mit allen 
sdnen innerm Bestimmungen su denkest ^o bat das Dasein mit allem 
diesen docb gar nidits zu tlmn, sondern nur mit der Frage, ob ein solches 
Ding uns gegeben sei, so dass die Wabmebmung desselben vor dem 
BegrifiPe allenMIs vorhergehen kömie. J^ma dass der Begriff vor der Wahr- «7« 
nehmnng vorhergeht, bedeutet dessen blosse Möglichkeit; die Wahrneh- 
mung aber, die den Stoff zum Begriff hergiebt, ist der einzige Charakter 
der Wirklichkeit Man kann, aber au(dti vor der Wahmdimung des Dinges, 
und also comparativ a^ priori da§. Dasein desselben ^rk^nen, wenn es 
nur mit einigen WahmebDpiungen na^k den Grundsätzen der empirischen 
Verknüpfang derselben (den Analo^n) zusammenhängt. Denn alsdann 
hängt doch das Dasein des Dinges mit uns^en Wahrnehmungen in 
einer möglichen £)r&h^rung zusammen, und wir kömien nach dem Leit- 
£Eiden jener Analogien von unserer wirklichen Wahrnehmung zu dem 
Dinge in der Beihe möglicher Wahrnehmungen gelangen. 'So erkennen 
wir das Dasein einer alle Körper durchdringenden magnetischen Materie 
aus der Wabnehinung des gezc^enen Eisenfeiligs, obzwar eine unmittel- 
bare Wahrnehmung dieses Stpffß uns nach der Beschaffenheit unserer 
Organe unmöglich ist Denn überhaupt würde» wir nach Gesetzen der 
Sinnlichkeit und dem Context ijaiserer Wahrnehmungen in einer Erfah- 
rung auch auf die unmittelbare ^p|ri3che Anschauung derselben stossen, 
wenn unsere Sinne feiner wären, de^^ Grobjieit die Form möglicher 
Erfahrung überhaupt nichts angeht Wo also Wahrnehmung und deren 
Anhang nach empirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch unsere 
Erkeuntniss vom Dasein der Dinge. Fangen wir nic^t von Erfahrimg 
an, oder geben wir nicht nach Gesetzen des ^pirisdien Zusammenhangs 274 
der Erscheinungen fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein 
irgend eines Dinges errathen oder erforschen zu wollen. [^Einen mäch- 



^ Das Folgende bis zum Schiuss der Anmerkung 3. ist ein Zusatz der zweiten 
AufUge. 



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202 Elementarlelire. H. TheiL L Abtheilung. H. Buch. IL Haaptitfick. 

tigen Einwurf aber wider diese Regeln, das Dasein mitti^bar zu beweisen, 
macht äßr Idealismms, dessen Widerlegong hier an der redeten Stelle ist 



Widerlegung des IdealisttiiB. 
Der Idealismns (ich verstehe den materialen) ist die Theorie 
welche das Dasem der Gegenstände im Raum ausser uns entweder bloes 
für zweifelhaft und unerweislich, oder fftr ftdsch tmd unmöglicli 
erklärt; der erstere iöt der problematische des CAUTESicrs, der nttr 
eine empirische Behauptung {as8ertto\ nämlich „Ict bin" ftir unge- 
zweifelt erklärt; der zweite ist der dogmatische des Bärkeley, der 
den Raum mit allen den Dingen, welchen er als unabtrennfiche Be- 
dingung anhängt, ftlr etwas, was an sich selbst unmöglich sei, und 
darum auch die Dinge im Raum fttr blosse Einbildungen erklärt. Der 
dogmatische IdeaBsmus ist unvermeidlich, wenn man den Raum aGb 
Eigenschaft, die den Dingen an sich selbst zukommen soll, ansielrt; 
denn da ist er mit allem, dfem er zur Bedingung dieiit, ein Unding. 
Der Grund zu diesem Idealismus aber ist von uns in der transscenden- 
talen Aesthetik gehoben. Der problematische, der nichts hiertiber be- 

«76hauptet, sondern nur das Unvermögen, ein Dasein ausser dem unsrigen 
durch unmittelbare Erfahrung zu beweisen, vorgiebt, ist vernünftig und 
einer gründlichen philosophischen Denkongsart gemäss, nämlich bevor 
ein hinreichender Beweis geftmden worden, kein entscheidendes Urthisil 
zu erlauben. Der verlangte Beweis muss also darthun, dass wir von 
äusseren Dingen auch Erfahrung und nicht bloss Einbildung haben; 
welches wol nicht anders wird geschehen können, als wenn man beweisen 
kann, dass selbst unsere innere, dem Cartesius nnbezweifelte Eifeb- 

' rung nur unter Voraussetzung äusserer Erfalhtttng möglich sei. 

Lehrsatz. 
Das blosse, aber empiritsch bestimmte Bei^usstsein meineis 
eigenen Daseins be<weist das Dasein der G^gen^iäadie im Rai^^m 
ausser mir. 

Beweis* 

Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewusst Alle 
Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung .voraus. 
Dieses Beharrliche aber kann nicht eine Anschauung in mir sein. Denn 



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m Abschnitt. %st VorsteUnng «Uet s^mfthetbehen Grundsätze. 203 

alle Bestimmtingsgi^iide mdnes Daseins , die in wit angetrofffen ^rerden 
können, ßind Vorstelhingen, und bedüi^fen als solcbe selbst em von ihnen 
unterschiedenes Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben, 
mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechs^, bestimmt werden 
könne. ^ Also ist die Wälimehmung dieses Beh«ri*Hchen nur durch ein 
Ding atisB«* mir und ftich* durch die blosse Vorstellung eines Dingeö 
ausser «dr mögBeh. Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit 
nur dtirch äie Existene wirhlidier Dinge, ^e ich ausser mir wahrnehme, 27S 
möglidh. N^ ist das Bmvttösitsein ^ der Zeit mit dem Bewusstsein delr 
Möglichkeit Hefter ZeitWtimmung uMhwendig verbünden; also ist es auch 
mit der Existenz der Dinge ausser mir als Bedingung der Zeitbestimmung 
not^wendig verbunden, d. i. das Bewusstsein meines Eigenen Daseins ist Zu- 
gloch ein unmittelbares Bewusstsein des Daseins anderer Dinge ausser mii*. 
Anmerkung 1. Man wird in dem vorhergehenden Beweise gewahr, 
dass das Spiel, welches der Idealismus trieb, ihm mit mehrerem Rechte 
umgekelHt vergolten wird. . Dieser nahm an, dass die einzige unmittel- 
bare Erfahrui^ die innere sei, und daraus auf äussere Dinge nur ge«» 
schlössen werde, aber, wie allemal, wenn man aus gegebenen Wir- 
kungen auf bestimmte Ursachen schKesst, nur unzuverlässig, weil audi 
in uns sdbst die Utsaohe der Vorstellungen liegen kann, die wir äusseren 
Dingen, viellddit ftkcU^h, zuschreiben. Alldn hier wird bewiesen, 
dass äussere Erfahrung ^igenäich unmittelbar sei,'^ dass nur vermittelst 27? 



* Das uBmittfilhare BewasrtMin des Paseins äusserer Dinge wird in dem 
vorstehenden Lehrsatae nicht vorausgesetzt sondern bewiesen, die Möglichkeit dieses 
Bewusstseins mögen wir einsehen oder nicht. Die Frage wegen der letzteren würde 
sein, ob wir nur einen inneren Sinn, aber keinen Süsseren, sondern bloss äussere 
Einbildung hätten. Es ist aber klar, dass, um uns auch nur etwas als äusserUöh 
einzubilden, d. L dem Shine- ia der JknsekatUQi^g daxcsuBtellen, wir«chon euien äusseren 
Sinn haben und dadurch die blosse Beceptivität eiaer äussere Anschauung von der 
Spontaneität, die jede Einbildung charakterisirt, unmittelbar unterscheiden müssen. 
Denn sich auch einen äusseren Sinn bloss einzubilden, würde das Anschauungsver-^ 
mögen, welches durch die Einbildungskraft bestimmt werden soll, selbst yemichteOL 



^ Pie Worte; ,^ie6M Be^aiArliche abw, . . . .bestimmt werden könne", sind nach 
Kjjrr'a in, der Vorrede zur zweiten Auflage ausgesprochenem Wunsch (Man vgl. S. 
^xxi>^ Anm.) hier eingefügt worden. Der ursprüngliche Text der zweiten Auflage 
lautet: ,4>ieses Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein, weil eben mein 
Dasem in der 2eit durch dieses Behwrliche allerent bestimmt werden kann.'< 



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,204 Elementarlehre. IL Theil. L Abtheilnng. IL Bach. IL Hauptstück. 

ihrer zwar nicht das Bewiu[8tsein unfierer ^geneu Existenz, aber doch 
die Bestinunung derselben in der Zeit, d. i. innere Erf^ong möglich 
«ei. Freüich ist die Vorstellung „Ich bin", die das Bewnsstaein ausdrückt, 
welches alles Denken begleiten kann, das, wag unmittelbar die Existenz 
eines Subjects in sich schliesst, aber noch k^oe Erkenntnis» desselben, 
mithin auch nicht empiiische, d. i. Er&hrung; denn dazu gehört ausser 
dem Gredanken von etwas Existirendem noch Anschauung, und hier 
innere, in Ansehung deren d. i der Zeit das Subject bestimmt werden 
muss, wozu durchaus äussere Cr^enstände exfbrderlich 9ind, so dass 
folglich innere Erfahrung selbst Uiur mitjtelbor und nur durch äussere 
möglich ist 

Anmerkung 2. Hiermit stimmt nun itflßr Srfahrungsgebrauch 
imseres Erkentnissvermögens in Bestimmung dar Z^t vollkommen über- 
•ein. Nicht allein, dass wir alle Zeitbeetimm^pg nur durch den Wechsel 
in äusseren Verhältnissen (die Bewegung) in Beziehung auf das Beharr- 
<78jiche im Räume (z, B. Sonnenbewegung in .Ansehung der Giegenstände 
■der Erde) wahrnehme können, so haben wir SQglur nichts Beharrliches, 
was wir dem Begiiffe einer Substanz dB An^auung unterlege könnten, 
als bloss die Materie, und selbst dieae Beharrlichkeit wird nicht aqs 
äusserer Erfahrung geschöpft, sondern a priori als nothwend%e Bedin- 
gung aller Zdtbegtimmung, mithin auc^ «Is Bestimmung des inneren 
Sinnes in Ansehung undere^ eigeuen Daseins durch. dieEa^Jstenz äusserer 
Dinge vorausgesetzt. Das- Bewusstsein meiner selbst in der Vorstellung 
„Ich" ist gar keine Anschauung, sondern (^e bloss intellectuelle 
Vorstellung der Selbstthätigkeit eines denkenden Subjects. Daher hat 
dieses „Ich" auch nicht das mindeste Prädicat der Anschauung, welches 
^s beharrlich der Zeitbesüjo^ung im inneren Sinne zupi Correlat 
di^ien irömite, wie etwa Undurchdringiickkeii an der Jyüaterie als 
empirischer Anschauung ist. ' i ■. • 

Anmerkung 3. Daraus, dass die Existenz äusserer Gegenstände 
zur Möglichkeit eines bestimmten Bewusstseins unserer selbst erfordert 
wird, folgt nicht, dass jede anschauliche Vorstellung äusserer Dinge zu- 
gleich die Existenz derselben einsehliesse, i^tfnn jede kamfi gar wol die 
blosse Wirkung der Einbildungskraft (hi Träumen so'v^ol'^als im Wahn- 
sinn) sein; sie ist es aber bloss durch die Reproduction ehemsüiger äus- 
serer Wahrnehmungen » welche, wie gezeigt worden, npr durcn die 



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m Absclmitt. Syst. Vorstellimg aller synthetisclien Grundsätze. 205 

Wirklicbkdt äusserer Gegenstände mögHch sind. Es hat hier nur be- 
wiesen werden sollen, dass innere Erfahrnng überhaupt nur durch aus- 27a 
sere Erftdirung überhaupt möglich sei. Ob diese oder jene vermeinte 
Erfahrung nicht blosse Einbildung sd, muss nach den besonderen Be- 
stimmungen derselben und durch Zusammenhaltung mit den Kriterien 
aller wirklichen Erfahrung ausgemittelt werden.^] 



Was endlich das dritte Postulat betrifft, so geht es auf die materiale- 
Nothwendigkeit im Dasein und nicht die bloss formale und logische in 
Verknüpfung der Begriffe. Da nun keine Existenz der Gegenstände der^ 
Sinne völlig a priori erkannt werden kann, aber doch comparativ a prion\^ 
relativisch auf ein anderes schon gegebenes Dasöu, man gleichwol aber 
auch alsdann nur auf diejenige Existenz kommen kann, die irgendwo ia. 
dem Zusammmhange der Erfahrung, davon die gegebene Wahmelmiung 
ein Theil ist, enthalten sein muss, so kann die Nothwendigkeit der 
Existenz niemals aus Begriffen, sondern jederzeit nur aus der Verknü*. 
pfang mit demjenigen, was wahrgenommen wird, nach allgemeinen Ge- 
setzen der Erfahrung erkannt werden. Da ist nun kein Dasein, waa 
unter der Bedingung anderer gegebener vErscheinungen ab nothwendig- 
erkannt werden könnte, als das Dasein der "Wirkungen aus gegebenen 
Ursachen nach Gesetzen der Causalitat. Also ist es nicht das Dasein 
der Dinge (Substanzen), sondern ihres Zustandes, wovon wir allein die 
Nothwendigkeit erkennen können, und zwar aus anderen Zuständen, dieaso- 
in der Wahrnehmung gegeben sind, nach empirischen Gesetzen der 
CausaHtät Hieraus folgt, dass das Kriterium der Nothwendigkeit ledig- 
lich in dem Gesetze der möglichen Erfahrung liege, dass alles, was ge- 
schieht, durch seine Ursache in der Erscheinung a priori bestimmt sei 
Daher erkennen wir nur die Nothwendigkeit der Wirkungen in der 
Natur, deren Ursachen uns gegeben sind, und das Merkmal der Noth- 
wendigkeit im Dasein reicht nicht weiter als das Feld möglicher Er-- 
fahrung j und selbst in diesem gilt es nicht von der Existenz der Dinge 
als Substanzen, weil diese niemals als empirische Wirkimgen oder etwas,., 
das geschieht und entsteht, können angesehen werden. Die Nothwendig- 
keit betrifft also nur die Verhältnisse der Erscheinungen nach deau 



» Man vgl. S. 274 Anm. 1. 



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206 Elementarlehre. ü. TheiL L Abthoilimg. Q. Buch. IL HaaptstüQk. 

dynamischen Gesetze der Causalität und dfe dsarauf sich gründende 
Möglichkeit, aus irgend einem gegebaaen Dasein (ein0i: Ursache) a priori 
auf ein anderes Dasein (der Wirkung) zu schliessen. Alles ^ was ge- 
schieht, ist hypothetisch nothwendig*, das ist ein Grundßata,. welcher die 
Veränderung in der Welt einem Gesetze unterwirft, d. i. einer Eegel des 
nothwendigen Daseins, ohne welche gar nicht einmal Natur stai;tfinden 
würde. Daher ist der Satz: nichts geschieht durch ein blindes Ohngefahr 
{in mundo non datur casus) ein Naturgesetz a priori'^ imgleichen: keine 
Nothwendigkeit in der Natur ist blinde, sondern bedingte, mithin ver- 

J8I ständliche Nothwendigkeit {non dattir fatum). Beide sind solche Gesetze, 
durch welche das Spiel der Veränderungen einer Natur der Dinge 
(als Erscheinungen) unterworfen wird, oder, welches einerlei ist, der 
Einheit des Verstandes, in welchem sie allein zu einer Erfahrung als der 
synthetischen Einheit der Erscheinungen gehören können. Diese beiden 
Grundsätze gehören zu den dynamischen. Der erstere ist eigentlich eine 
Eolge des Grundsatzes von der Causalität (unter den Analogien der Er- 
fahrung). Der zweite gehört zu den Grundsätzen der Modalität, welche 
zu der Causalbestimmung noch den Begriff der Nothwendigkeit, die aber 
imter einer Regel des Verstandes steht, hinzu thut. Das Princip der 
Continuität verbot in der Eeihe der Erscheinimgen (Veränderungen) allen 
Absprung {in mundo non datur saltus)^ aber auch in dem Inbegriff aller 
empirischen Anschauungen im Räume alle Lücke oder Kluft zwischen 
zwei Erscheinungen {non datur hiatus)^ denn so kann man den Satz 
ausdrücken, dass in die Erfahrung nichts hinein kommen kann, was ein 
vaouum bewiese oder auch nur als einen Theil der empirischen Synthesis 
züliesse. Denn was das Leere betrifft, welches man sich ausserhalb des 
Feldes möglicher Erfahrung (der Welt) denken mag, so gehört dieses 
nicht vor die Gerichtsbarkeit des blossen Verstandes, welcher nur über 
die Fragen entscheidet, die die Nutzung gegebener Erscheinungen zur 
empirischen Erkenntniss betreffen, und ist eine Aufgabe ftir die idealische 
Vernunft, die noch über die Sphäre einer möglichen Erfahrung hinaus- 

sssgeht und von dem urtheilen will, was diese selbst umgiebt und begrenzt; 
dasselbe muss daher in der transscendentalen Dialektik erwogen werden. 
Diese vier Sätze {in mundo non datur hiatus, non datur saltus, non datur 
casusy non datur fatum) könnten wir leicht, so wie alle Grundsätze trans- 
scendentalen Ursprungs, nach ihrer Ordnung gemäss der Ordnung der 



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IQ. Absofanitt. Syst. Vorstellang aUer synthetisclieii Grundsätze. 207 

Kut^goiwi vorstellig machen und jedem seine Stelle beweisen, allein dea: 
sfihon geübte Leser wird dieses von selbst Üiim oder^ den Leitfaden daau 
laicht entdecken. Sie v^einigen sieh aber alle ledigtich dabin, um in 
d^r empiriscb^i Sjnthesis nichts snzulai^en, was dem Verstände und 
de9tn oontinuirlidben Zusammenhange aller Erscheinungen, d. i. der Ein- 
heit seiner Begriffe Abbruch oder Eintrag thun könnte. Denn er ist es 
alliein, worin die Einheit der Erfahrung, in der alle Wahrnehmungen 
ihre Stelle haben müssen, möglich wird. 

Ob das Feld der Mög^chkeit grösser sei als das Feld, was alles 
Wir^c^ enthäUi dieses aber wiederum grösser als die Menge desjenigen, 
was nothwendig ist, d^ sind artige Fragen, und zwar von synthetischer 
Auflösung, die aber audb. nur der Grerichtsbarkeit der Vernunft anheim 
fijlen; denn sie woU^ ungefähr so viel sagen, als ob alle Dinge ab Er- 
scheinungen insgesammt in den Inbegriff imd den Context einer einzigen 
Erfahrung gehören, von der jede gegebene Wahrnehmung ein Theil ist, 
der also mit keinen anderen Erscheinungen könne verbunden werden, sss 
oder ob meine Wahrnehmungen zu mehr als einer möglichen Erfahrung 
(in ihrem allgemeinen Zusammenhange) gehören können. Der Verstand 
giebt a priori der Er&farung überhaupt niir die Begel nach den subjec- 
tiven und formalen Bedingungen sowol der Sinnlichkeit als der Apper- 
c^ption, welche sie allein möglich machen. Andere Formen der An- 
schauung (als Kaum und Zeit), imgleichiBn andere Formen des Verstandes 
(als die discursiven des Denkens oder d^ Erkenntniss durch B^riffe), 
ob sie gleich möglich wären, könnwi wir uns doch auf keinerlei Weise 
erdenken und fasslich machen; aber wenn wir es auch könnten ^ so 
würden sie doch nicht zur Erfahrung als d^ einzigen Erkenntniss ge^ 
hör^i, worin ims Gegenstände gegeben werden. Ob andere Wahmeh- 
mung^i, ab überhaupt zu unserer gesammten möglichen Erfahrung 
gehören, imd also ein ganz anderes Feld der Materie noch stattfinden 
könne, kann di^ Verstand nicht entsch^den, er hat es nur mit der 
Synthesis dessen zu thim, was gegeben ist. Sonst ist die Armselig* 
keit unserer gewöhnlichen Schlüsse, wodurch wir ein grosses Beich der 
Möglichkeit h^ausbringen, davon alles Wirkliche (aller Gegenstand der 
Erfahrung) nur ein kleiner l^ieil sei, sehr in die Augen fallend. Alles 
Wirkliche ist möglich; hieraus folgt natürlicher Weise nach den logischen 
Kegeln der Umkehrung der bloss particulare Satz: einiges Mögliche ist 



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208 Element&rlehre. IL Theil. I. Abtheilnng. ll Buch H HanptstÜck. 

tw wirklich, welches dann so viel zu bedeuten scheint als: es ist vieles 
möglich, was nicht wirklich ist. Zwat hat es den Ans'chein, als könne 
man auch geradezu die Zahl des Möglichen tlber die des Wirklichen 
dadurch hinaussetzen, weil zu jener noch etwas hinzukommen muss, um 
diese auszumachen. Allein dieses Hinzukommen zum Möglichen kenne 
ich nicht. Denn was über dasselbe noch zugesetzt werden sollte, wäre 
unmöglich. Es kann nur zu meinem Verstände etwas über die Zu- 
sammenstimmung mit den formalen Bedingungen der Erfahrung, nämlich 
die Verknüpfung mit irgend einer Wahrnehmung hinzukommen; was 
aber mit dieser nach empirischen Gesetzen verknüpft ist, ist wirklich, 
ob es gleich unmittelbar nicht wahrgenommen wird. Dass aber im 
durchgängigen Zusammenhange mit dem, was mir in der Wahrnehmung 
gegeben ist, eine andere Eeihe von Erscheinungen, mithin mehr als eine 
einzige alles befassende Erfahrung möglich sei, lässt sich aus dem, was 
gegeben ist, nicht schliessen, und ohne dass irgend etwas gegeben ist, 
noch viel weniger, weil ohne Stoff sich fiberall nichts denken lässt 
Was unter Bedingungen, die selbst bloss möglich sind, allein möglicb 
ist, ist es nicM in aller Absicht. In dieser aber wird die Frage ge- 
nommen, wenn man wissen will, ob die Möglichkeit der Dinge sich 
weiter erstrecke, ab Erfahrung reichen kann. 

Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung gethan, um keine Lücke 

jsöin demjenigen zu lassen, was der gemeinen Meinung nach zu den Ver 
standesbegriffen gehört. In der That ist aber die absolute Möglichkeit 
(die in aller Absicht giltig ist) kein blosser Verstandesbegriff, und kann 
auf keinerlei Weise von empirischem Gebrauche sein, sondern er gehört 
allem der Vernunft zu, die über allen möglichen empirischen Verstandes- 
gebrauch hinausgeht. Daher haben wir uns hierbei mit einer bloss kri- 
tischen Anmerkung begnügen müssen, übrigens aber die Sache bis zum 
weiteren künftigen Verfahren in der Dunkelheit gelassen. 

Da ich eben diese vierte Nummer und mit ihr zugldch das System 
aller Grundsätze des reinen Verstandes schliessen will, so muss ich noch 
Grund angeben, warum ich die Prindpien der Modalität gerade Postu- 
late genannt habe. Ich will diesen Ausdruck hier' nicht in der Bedeu- 
tung nehmen, welche ihm einige neuere philosophische Verfesser wider 
den Sinn der Mathematiker, denen er doch eigentlich angehört, gegeben 
haben, nämHch dass Postuliren so viel heissen solle, als einen Satz für 



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m. Abtfchuitt. Syst. Vorstellttng aller synthetiscben Orundsütze. 209 

immittelbar gewiss ohne Eeohtfertignng oder Beweis ausgeben; dieaa^ 
wenn wir das bei synthetischen Sätzen, so evident sie anoh sein mög^ 
einräumen sollten, dass man sie ohne Deduction «of das Ansehen ilureft 
eigenen Ausspruchs dem unbedingten Beifalle aufheften dürfe, so ist alle 
Ejitik des Y^standes reidoren, und da es an dreisten Anmassungen nicht 
fehlt, deren sich «^uch der gemeine Glaube (der aber kein Cjreditav ist) «8« 
nicht weigert 7 so wird unser Verstand jedem Wahne offen stehen, ohne 
dass er seinen Bei£dl den Aussprüchen versagen kann, die, obgleich 
unrechtmässig, doch in eben demsdben Tone der Zuversicht als wirkUd^ 
Axiome eingelassen su werden verlaaE^n. Wenn also zu dem Begriffe eines 
Dinges eine Bestimmung a priori synthetisch hinzukinnmt, so muss von 
einem solchen Satze, wo nicht ein Beweis, doch wenigstens eine Deductio^ 
der Bechtmäßsigjkeit seiner Behauptung unnachlässlich hinzugefügt werden. 
Die Grundsätze der Mpdalität sind aber nicht objectiv sjnthetischy 
weil die Prädicate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit 
den Begriff, von dem sie gQsa^ werden, nicht im mindesten vermehren, 
dadurch dass sie der .Vorstellung des Gegenstandes noch etwas hinzu«- 
setzten. Da sie aber gleichwol doch immer synthetisch sind, so sind sie 
es nur subjectiv, d. L sie ftigen zu dem Begriffe eines. Dinges (Kealen)^ 
von dem sie sonst nichts sagen, die Erk^mtnisskraft hinzu, worin er 
entspringt und seinen Sitz hat, so dass, wenn er bloss im Verstände mit 
den formalen Bedingungen der Erfiahrung in Verknüpftmg ist, sein Ge- 
genstand möglich heisst; ist er mit der Wahrnehmung (Empfindung als 
Materie der Sinne) im Znsammenhange und durch dieselbe vermittelst 
des Verstandes bestiiomt, . so ist das Olyect wirklich; ist er durch den 
Zusammenhang der Wahrnehmungen nach Begriffen bestinunt, so hasat 
der Gegenstand ^otbwendig. Die Grjondsätze der Modalität also sagen ss? 
von einem Begriffß nichts Anderes als dj^e Handlung des Erk^ntnissver- 
mögens., dadurdhi er erzeugt wird. Nun heisst ein Postulat in der Mather 
matik der praktische Satz, der nichts als die Synthesis enthidt, wodurch 
wir einen Gegenstand uns zuerst geben und dessen Begriff erzeugen, z. B. 
mit einer gegebenen Linie aus einem gegebenen Punkt auf einer Ebene 
einen Cirkel za besehreibenj und ein dergleichen Satz kann darimi nicht 
bewiesen wwden, wdäi das Verfahr^i, was er fordert, gerade das ist, wo^ 
durch wir den Begriff von einer solchen Figur zuerst erzeugen. So 
können wi^* d,em»a/eh mit, ebe^ djB5?selben Rechte die (pl^run^s^t^« der 

Kaht*s Eritilc der reinen Yernunft. 14 



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210 Elementarlehre. IL Theü. L ▲btheilong. IL Buch. IL Ha&ptstfick. 

Modalität postolir«^, weil sie ihren B^ri£P von Dingen überlMmpt nicht 
Termehr^QL,* sondern nur die Art anzeigen, wie er tiherhanpt mit der 
Erkenntmsdcraft verlmnden wkd. 



SS8 [^Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze. 

Es ist etwas sehr Bemerkttngswürdiges, dass wir die Möglichkeit 
keines Dinges nach der blossen Kategorie einsäen können, sondern 
inmier eine Anschaanng bei der Hand haben müssen, mn an derselben 
die objective Realität des reinen YerstandesbegrifTs darzulegen. Man 
nehme z. B. die Kategorien der Belation. Wie 1) etwas nur als Subject, 
nicht als blosse Bestilnmung anderer Dinge existiren, d. i Substanz 
sein könne, oder wie 2) darum, weil etwas ist, etwas Anderes sdn müsse, 
mithin wie etwas überhaupt Ursache sdn könne, oder 3) wie, wenn 
mehrere Dinge da sind, daraus, dass eines derselben da ist, etwas auf 
die übrigen und so wechselseitig folge, und auf diese Art dne Oemdn- 
Schaft von Substanzen statt haben könUe, lässt sich gar nicht aus blossen 
Begriffen einsehen. Eben dieses gilt auch von den übrigen Kategorien, 
z. B. wie ein Ding mit vielen zusammen einerlei, d. i. eine Grösse sdn 
könne u. s. w. So lange es also an Anschauung fehlt, weiss man meht, 
ob man durch die Kategorien ein Object denkt, und ob ihnen auch 
Überall gar irgend ein Object zukommen könne; und so bestätigt sich, 
dass sie für sich gar keine Erkenntnisse, sondern blosse Gedanken- 
formen sind, um aus gegebenen Anschauungen Erkenntnisse zu machen. — 

S89Eben daher kommt es auch, dass aus blossen Kategorien kdn synthe- 
tischer Satz gemacht werden kann. Z. B. in allem Dasein ist Substanz, 
d. i. etwas, was nur als Subject und nicht als blosses Prädicat existiren 
kann; oder: ein jedes Ding ist ein Quantum u. s. w., wo gar nichts ist, 
was uns dienen könnte, über einen gegebenen Begriff hinauszugehen und 
einen anderen damit zu verknüpfen. Daher es auch niemals gelungen 

* Durch die Wirklichkeit eines Dinges setze ich freilich mehr als die 
Möglichkeit, aber nicht in dem Dinge, denn das kann niemals mehr in der T^^k- 
lichkeit enthalten, als was in dessen vollständiger Möglichkeit enthalten war; son- 
dern, da die Möglichkeit bloss eine Position des Dinges in Bezielnmg auf den Ver- 
stand (dessen emfMsohen Oebrandi) war, so ist die Wiridiehkeit sttgieieh «ine Vor- 
knüpfong deiwelben nüt der Wahrnehmung. 



' Diese „AUgemeine Anmörktmg^' ist tSn Ztttati der ürtMeai Auflag». 



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flt Abschnitt. Syst. Vorstelhmg aller synthetischen Grundsätze. 211 

ist, aus blossen fein^ Yerstandesbegriffen eineH synHieÜscheii Satz zu 
beweisen, t. B. d^ 8at£: alle^ züMlig Existirende hat ^ne Ursacbe. 
Man konnte niemals weiter konunen als zu bewdsen, iäss obne diese 
Beziehung wir die ExIstiBnä des ZuflQligeü gar nkht begreifen, d. i. 
a prior* dnreh den Veirstand die Eiisten« eanes solchen Dinges nicht er- 
kennen könnte; T^orattä aber nicht folgt, dass eben dieselbe Auch die 
Bedingung der Möglichkeit der Bachen selbst sei. W^nn man daher nach 
unserem Beweise des Grundsatzes der Gausaiitllt zurück ^heü wiü, so 
wird man gewahr werden, dass wir denselben üur von Objecten mög- 
licher Erfahrtmg beweisen konnten: alles, was geschieht (^e jede Be- 
geb^heit), setzt eme Ursache voraus, und zwar so, dass wir ihn auch 
nur als Princip der Möglichkeit der Er&hmng, nd^id del* Erkennt- 
niss eines in der empirischen Anschauung gegebenen Objects, und 
nit^t aus blossen Begriffen beweisen konnte. Dass gldchwol der Satz, 
alles ZufölHge müsse eine Ursache haben, doch jedermann aus blossen 
Begriffen klar einleuchte, ist nicht zu leugnen; aber alsdann ist der Be-«9t 
griff des ZuMligen schon so gef^st, dass er ni(^t die Kategorie der 
Modalität (als etwas, dessen Nichts^ sich denken lässt), s<Midem die 
der Relation (als etwas, das nur als Folge von einem anderen existiren 
kann) enthält, tind da ist es ^^Heh ein identischer Satz: Was nur als 
Folge exifitiren kann, hat seine Ursache. In der That, wenn wir Bei- 
spiele vom zufügen Dasein ^ben sollen, berufen wir uns imm^ auf 
Veränderungen und nicht bloss auf die Möglichkeit des Gedankens 
vom Gegentheil.* Veränderung ab^ ist Begebenheit, die als solche I9i 
nur durch eine Ursache möglich, deren Nichtsein also iiir irich möglich ist, 
und so erk^Qoit man die Zui^lHgkeit daraus, dass etwa» nur «ds Wirkung 



* Man kann sich das Nichtsein der Materie leicht denken, aber die Alten fol- 
gerten daraus doch nicht ihre Zufälligkeit. Allein selbst der Wechsel des Seins und 
Nichtseins eines gegebenen Zustandes eines Dinges, darin alle Veränderung besteht, 
beweist gar nicht die Zufälligkeit dieses Zustandes, gleichsam aus der Wirklichkeit 
seines Gegentheils, 2. B. die Buhe eines Korpers, welche auf die Bewegung folgte 
noch nicht die Zufiaügkeit der Bewegung desselben, dacaas, weil 41« erstere da» 
Gegentheil der letzteren ist £>ena dies$§ Gegentheil ipi hifK nur log^h^ nicht rea- 
liter dem anderen entgegengesetzt. Mau müsste beweisep^ dass anstatt der 
Bewegung im vorhergehenden Zeitpunkte es möglich gewesen, dass der Körper 
damals geruht hätte, ym die Zufälligkeit seiner Bewegung zu beweisen, nicht dass 
er hernach ruhe;-^^ du k^ek beide €Ug«ntheile gar wol mit einander bestehen. 



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212 Mementarlehre. ü TheU. I Abtheilimg. U. Baoh. IL Haujptst&ck. 

einer Ursache ^»tiren Js;aim', wird daher ein Ding als zjif^g ange- 
nconm^, so ist's ein analytisdier 3at», zn sagen, es bfibe.eine Ursache. 
Nooh merkwürdiger aber ist, dass wir, ui^ die , JMf ogUchkeit det 
Dinge zu Folge der Kategorien zu verst^^ und also die objective 
Realität der letzteren darzuthun, nidit bloss Anschauungen, sondern 
sogar immer äussere Anschauungen bedilrfeQ. Wenn. wir z. B, die 
reinem Begrifie.der Belation nehmen, so finden wir, dass 1) um dem 
Begriffe der Substanz correspondirend. etwas BeJharrliches in der 
Anschauung ^n geben (und dadurch die ot^ective Bealität dieses Begriffs 
darzuthun), ^^ ^hie Anschauung im Räume (der Matme) bedürfen, 
weil der Ea'om allein bßhai^rlich bestimmt,^ die Zeit aber, mithin alles, 
was im inneren Sinne ist^ besttodig fliesst 2) Um Veränderung als 
die dem Begriffe der Causalität correspondir^de Anschauung darzu- 
stellen, müssen wir Bewegung als Veränd^ung im Baume zum Beispiele 
nehmen, ja sogar dadurch allein können wir uns Veränderungen, deren 
Möglichkdt kein reiner Verstand begreüen kann, CMcisdiaulich machen. 
Veränderung ist Verbindung contradictorisch einaaxder ^t^gengesetater 
Bestimmung<$n im Dasein eines und desselben Dinges. Wie ea nun 
sd2 möglich sei, dasß aus einan gegebnen Zustande ein ihm entgegenge- 
s^zter desselben Dinges folge, kann nicht allein keine Vernunft sich 
ohne Beispiel begireiflich, sondern nicht einmsd ohne Anschanimg ver- 
ständlich machen, und diese Anschauung ist die der Bewegung eines 
Punkts im Baume, dessen Dasein in versdnedenen Oertem (als eine 
Folge entgegengesetzter Bestimmungen) zuerst uns allein Veränderung 
anschaulich maeht; denn, um uns nachher selbst innere Veiä&nderungen 
denkbar zu machen, müssen wir die Zeit als die Form des inneren Sinnes 
figürlich durch eine Linie, und die innere Veränderung durch das Zieh^i 
dieser Linie (Bewegung), mithin die successive E^dstenz unserer selbst 
in verschiedenem Zustande durch äussere Anschauung uns fasslich machen; 
wovon der eigentliche Grund dieser ist, dass alle Veränderung etwas 
Beharrliches in der Anschauung voraussetzt, um auch seihst nur als 
Veränderung wahi^enommen zu werden, im inneren Sinn aber gar keine 
beharrliche Anschaüiüig angetroffen wird. — Endlich ist die Kat^orie 
der Gemeinschaft ihrer Möglichkeit nach gar nicht durch die blosse 



^ £§ sobeiot «takt »ib^stimmt" wol „Iwstoht*' he^n «n aoUflii. 



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HL A%sdmitt. BfHt VoiBtolliuig ullör syiit3i«ti«ehen Brandsätze. 213 

Yemtinft zu begreifen, und also die objective Eealität dieses Begriffs 
ohne Ansehauung, imd zwar änssere iin I^um niebt ^nztisefaen möglich. 
Denn wie will man sich die Möglichkeit dei^ken, dass, wenn mehrere 
Substanzen existiren, aus der Existenz der dnen auf die Existenz der 
anderen wechselseitig etwas (als Wirkung) folgen könnne und also, weil 
in der ersteren etwas ist, darum auch in den anderen etwas sein müsse, 29$^ 
was aus der Existenz der letzteren allein nicht verstanden werden kann? 
Denn dieses wird zur Gremeinschaft erfordert, ist aber unter Dingen, die 
räch ein jedes durch seine Subsistenz völlig isoMren, gar nicht begreiflich. 
Daher Lmbniz, indem er den Substanzen der Welt, nur wie sie der Ver- 
stand allein denkt, eine Gemeinschaft beilegte, eine Gottheit zur Ver- 
mittlung brauchte; denn aus ihrem Dasein allein sdhnen sie ihiti mit 
Becht unbegteiflfcL Wir können aber die Möglichkeit der G;emeinschaft 
(der Bubstanzen als Erscheinungen) uüs gar wol fasslich machen, wenn 
wir sie uns iin Eaume, also in der äusseren Anschauung vorstellen. 
D^m dieser enthBlt schon a pHori formale äussere Verhältnisse als Be- 
dingungai der Möglichkdt der realen (in Wirkung und Gegenwirkung, 
mithin der Gremöinschaft) in sich. — Ebenso kann leicht dargethan 
warden, das9 die Möglichkeit der Dinge als Grössen und also die ob- 
jektive Realität der Kategorie der Grösse auch nur in der äusseren An- 
schauung könne dargelegt j und vermittelst ihrer allein hernach auch auf 
den inneren Sinü angewandt werden. Allein ich muss, um WeStläufigkdt 
EU vermeiden, die Beispiele davon dem Nachdenken des Lesers überlassen. 

IHese ganze Bemerkung ist von grosser Widitigkeit, nicht allein um 
unsere vorhergehende Widerlegung des Idealismus zu bestätigen, sondern 
viel mehr nodi um, wenn von der Selbsterkenntniss aus dem blossen 
inneren Bewusstse^ und der Bes^mmung unserer Katur ohne Beihilfe 394 
äusserer empirischer AndbhaMungen die Eede sein wird, uns die Schran- 
ken der Möglichkeit einer solchen Erkenntniss anzuzeigen. 

Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Absdlmitte'^ist also: ADe 
Grundsätze des rdnen Verstandes sind nichts weiter als Principien a 
priori der Möglichkeit der Erfahrung, und auf die letztere allein beziehen 
sich auch aUe synthetischen Sätze a priori, ja ihre Möglichkeit beruht 
selbst gänzlich auf dieser Beziehimg. ^] 



1 Man vgl. IS. 28d Anm. 1. 



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214 Elementwletire. II. TbeU. L AbtbeUang. IL.i^ob. m. H^uptitttck. 

Der transsaend^ntalen Dootarin der IJrtheilalKralt 

(Analytik der Grundsätze) 
drittes Hauptstück. 

Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt 
in Phamomena und Noumena. 

Wir haben jetzt das Land des rdnen Verstandes nicht allein durch- 
reist und jeden Theil davon sorgfältig in Augensch^ gffliomun^ soadem 
es auch durchmessen und jedem Dii^Lge auf demselben seine Stelle bestimaEU. 
Dieses Land ^ber ist eine Lisel, und durch die Natur selbst in oaver- 
änderliche Grenzen eingesehlossei^ Es ist da? I^and dar Wahrheit (ein 

S95 reizender Nam^), umgeben von einem weiten und stü^nisch^ Oceane, 
dem eigentlichen Sitze des Scheins, w(^ m^<she Ifebelbank u^ mane^es 
bald wegschmelzende Eis neue liänder Itigt, und indem es den auf Ent- 
deckungen herumschwärme];idGn See&^urer unaufhörlich mit le^en Hoff- 
nungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemi^ ab- 
lassen und sie doch auch i^emt^ zu Ende bringen kann. . Ehe ^ una 
aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breite zu durchs^cheifi 
und gewiss zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich 
sein, zuvor noch einen BHck auf die Karte des Landes zu werfen, da9 
wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen^ ob wir mit dem, was 
^s in Siich enthält, nicht allenfalls zu&ied,6n sein könn|t;^ oder auch aus 
Noth zuMeden sein nassen, wenn es sonst tIberaU, keinen Boden giebl;, 
9.uf dem wir uns anbauen könnten; zweitens, miter M^elchem Titel wijr 
di^nn selbst diesea Land besitzen imd uns yni,^ aUe feindseligen Anr 
Sprüche gesichert halten können. Obschon wir diese Fragen in dem 
Lauf der Analjrtik schon hinreichend bean,twortet haben, so kanj^ doch 
ein summarischer XJeberschlaig ihrer Auflösungen die IJeberzeugvng da- 
durch vei^stärken, dass er die Moment^ derselben in, einem Punkt veiv 
einigt. 

Wir haben nämlich gesehen, dass alles, was der Verstand aus sich 
selbst schöpft, ohne es von der Erfahrung z^. borgen, da^ habe er denr 
noch zu keinem anderen Behuf als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. 

fseDie Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun a priori cpnsti- 



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PhftenosMD« und Nonmena. 215 

tutiv sein (wie die mathemßitieeh^), oder \Jk>BB reguladv (wio die dyiur 
mischen), mithalten nichts als gleichsam nur das reine Sch^na zur mög'* 
liehen Erfiihning; denn diese hat ihre Einh^t nur von der sjmthetischen 
Einheit, welche der Verstand der Synthesis der Einbildungskraft in Be- 
riehung auf die Apperception ursprünglich und von selbst ertheilt, und 
auf welche äit Erscheinungen als data zu einer mögliolMBa Erkenntniss 
schon a primri in Benehung und Einstimmung stehen müssen. Ob nun 
aber gleich diese Yerstandesregehi nicht allein a priori wahr sind, sondern 
sogar der QoeU aller Wahrheit, d< i. der Uebcgeinstitnmung unsere Er^ 
kenntniss mit Objeoten, dadurch dass sie den Grund" der MdgHehkdt 
der Erfahrux^ als des Znb^riffes aller Edi^enntniss^ darin uns Objecte 
g^eben werden mögen, in sich enthalten, so scheint es uns doch nicht 
genug, sich bloss dasjenige yortn^;en zn lassen, waa wahr ist, sondern, 
wa8 oian zu wissen begdiirt. Wenn wir also durch diese kritische Unter« 
suehong nichts Hehreres lernen, als was wir im bloss empirische Gof 
brauche des Verstandes auch ohne so subtile Nachforschung rem selbcit 
wol würden ausgeübt haben, so schdni es, sei der Vortheü, den man 
«OS ihr zieht, den Aufwand und die Zurüstung nicht werth» Nun kann 
man zwar hierauf nxütiirorten, dass kein Vorwitz der Erweiterung unse^r 
Erkamtniss nachlh^ilSger sei als der, so den Nutzen jederzeit zum voiv 
aus wissen wiU, ehe man dch auf Nachforscthung^i einUsst, und ehe 897 
man noch sich den nindeste BegtifFvon diesem Nutzen machen kdnnte; 
wenn d^»elbe auch vor Augen gestellt würde. Allein es giebt doch 
einen VortheU, der auch dem schwierigste und unlustigsten Lehrling» 
solcher transsoendentalen Nachforschung begreiflich und zugleich ange«^ 
Ic^en gemacht werden kann, nftmlich ^eaaat dass dar bloss mit sein^d 
emprisehen G^rauche besehäütigte Verstand, der über die Quellen 
seiner eigenen Edkenntniss nidit naehsinnt, zwar sehr gut fortkooEmnen^ 
eines aber gar uicht leisten könne, nämlich sich selbst die Greozen 
seines Gebrauchs zu bestimmen und zu wiss^i, was innerhalb oder 
aass«rhalb seiner ganzen Sphttte Uegeaa mag; dmm dazu werden eben 
die tie&n Untersuchungen erfordert, die wir angestellt haben. Kann er 
aber nicdit unterscheiden, ob gewisse Fragen in seinem Horizonte liegm 
oder nicht, so ist er ni^oials seiner Ansprüche und seines Besitzes sicher^ 
sondern darf ^uoh nur auf vielüiltiger beschämende Zureditweisungen 
Bechnuip^ machea, wenn er die Grenzen seines Gebiets (wie es unv^- 



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216 Elementarlehre, ü. Theil. I. Abtheilong. ü. Buch. m. Hauptstfick. 

meidlicli ist) unauf höflich überschreitet' venä sieh in Wahn und Blend- 
werke verirrt. 

DasB «dso der Verstand von allen seinen Grunds^flen a priori, ja 
von allen seinen B^riffen kdnen anderen ak empMsdien) niemals aber 
einen transscendentalen Gebrauch machen könne, ist da Satz, der, wenn 

Sdser mit Ueberzengung erkannt werden kann, in wichtige Folgen hinaus- 
sieht. Der transscendentale Gebrauch eines Begriffs in irgend einem 
Grundsätze ist dieser, dass er auf Dinge überhaupt und an sich 
selbst, der empirische aber, wecm er bloss auf Erscheinungen, d. i 
Gegenstände einer möglichen Erfahrung bezogen wird. Dass a.ber 
überall nur der letztere stattfii^en könne, ersieht man daraus. Zu jedem 
Begriff wird erstlich die logische Form eines Begriffs (den Denkens) 
überhaupt, und dann zweitens auch die MögHcMc^t, ihm einen Gegten- 
stand zu geben, darauf &t sich beziehe, erfordert Ohne diesen letzteren 
hat er keinen Sinn und ist völHg leer an Inhalt, ob er gleich noch immer 
die logische Function enthalten mag, aus etwaigen SaÜs dnen Begriff zu 
machen. !Nun kann d^ Gegenständ ^em Begriffe nicht anders gegeben 
werden als in d^ Anschautmg, und wenn eine reine Anschauung noch 
vor dem Gegenstande a priori mögHch ist, so kann doch auch dSese 
selbst ihren Gegenstand, mithin die objtotive Giltigkeit, nur durch die 
empirisehe Anschauung bekommen, wovon e^ die blosse Form ist Also 
beziehen sidi alle Begriffe und mit Ihnen alle Grundsätze, so s^ir sie 
auch a priori möglich s^ mögen, dennoch auf empirische Anschauun- 
gen, d i. auf data zur möglichen £^r£fthrung. Ohne dieses haben sie gar 
kdne dbjective Giltigkeit, sondern sind ein blosses Spiel, es Bei der Ein« 
bildungskrafit oder des Verstandes, respective mit ihren Vorstellungen. 

t99Man nehme nur die Begriffe der Math^natik zum Beispiele, Und zwar 
erstlich in ihren reinen Anschauung^i: Der Kaum hat drei Abmessungen; 
zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein u. s. w. Ob- 
gleich alle diese Grundsätze, und die Vorstellung des Gegenstandes, wo*> 
mit sich jene Wissenschaft beschäftigt, völlig a priori im G^nüdi erzeugt 
werden, so würden sie doch gar nichts bedeuten, könnten wir nicht 
immer an Erscheinungen (empirisch^fi Gegenständen) ihre Bedeutung 
darlegen. Dah^ erfordert man imch, einen abgesonderten Begriff sinn- 
lich zu machen, d. i. das ihm correspondirende Object in der An* 
schauung darzulegen, weü ohne dieses der Begriff (wie man sagt) ohne 



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Phaenomexut und Nouumda. -217 

Simn, ds 1 okue Bedeotnng bleiben wtirde. Die Hatbematik exßült diese 
Forderang dticeb die Constrnction der Gestalt, welbhe eine den Sinnen 
gegenwärtig» (obswar a pnoH bu Stande gebraebte) Ersebeinnng ist 
Der Begriff der ährösee Bvdit in dben der Wiss^iscbaft seine Haltung 
nnd Sinn in dec Zabl, diese f|b^ an den Fingern, den Koraiien des 
Bediei^wette oder den Strieii^i und Punkten, die vor Angen gesteh 
werden. Der Begaff bMbt immer « priori erzeugt, sammt densynthe- 
tiseben Oroodsätzen oder Fonkiein aus solcben B^riffen^ aber der Qe- 
branch ders^ben ond BezidivBg auf ang^licbe Gkgmistttnde kann am 
Fbde doeb nii^^d als in der Er&brung gesucht werden, deren Mögliob- 
keat (der Form nach) jene a priori enthalten. 

Dass dieses aber atu^ der Fall xmt allen Kategorien und den da- soo 
i»ns geaponnenen (Grundsätzen sei, erhellt aucsh daraus, dass wir sogar 
keine einzige dfixsdben real definiren, d. i. die MJog£cbkeit. ihres Objeets 
Terständlich machen können,^ ohne uns sofbrt zu Bedingungen d^ Sinn- 
Hdikeit, miünn dier Form der Erschwungen herabzulassen, als auf 
welche als ihre ehizigen Gegenstände sie folglich eingeschränkt sein 
müssen; weil, wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, 
d. i. Beflnehung ait& Objeet wegMlt, und man durdi kein Beispiel akk 
Belbet fasslich machen kann, was unter einem dergleichen Begriffe denn 
eigentlich i^ ein Ding gemdnt sei.^ 

Den Begriff der^ Gtrösse überhaupt kann niemand erklären als ^wa 
00, dass sie die Bestimniuag eines Dinges sei, dadinrchy wie vielmal eines 



^ Statt der Worte „real definiren, d. i. die MögU^hkelt ihres Objeets verständ- 
lich machen können" st^t in 1^ ersten Auflag: „definiren können". 

* Zwischen diesem Absatz und dem folgenden stehen in der ersten Auflage 
noch folgende Sätze: , 

„Oben bei Darstellung der Tafel der Kategorien überhoben wir uns der Defi* 
nition einer jeden derselben dadurch, dass unsere Absieht, die lediglich auf den 
synthetischen Gebrauch derselben geht, sie nicht nöthig mache, und. man sich mit 
unnöthigen Unternehmungen keiner Verantwortung aussetzen müsse, deren man über- 
hoben sein kann. Das war keine Ausrede, sondern eine nicht unerhebliche Klug« 
beitsregel, aich nl<^ sofctrt ans Definken zu wagen und VoUständigkelt oder Präd- 
non in der Bestimmung des Begriffs zu versuchen oder vorzugeben, wenn man mit 
irgend einem oder anderen Merkmale desselben auslangen kann, ohne eben dazu 
eine vollständige Herzählung aller derselben, die den ganzen Begriff ausmachen, zu 
bedürfen. Jetzt aber zeigt sich, dass der Grund dieser Vorsicht noch tiefer liege, 



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218 Elementarlehre. IL Tbeil L AUh^ang. IL Bach. UL Hauptstttek. 

in ihm gesetsl ist, gedacht werden kann. Aiiiem dieses Wievielmal 
gründet sich auf die sücoessi^e Wiederhohmg, mitbin anf die Zeit nnd 
& Sjirthem (des Gkdchartigen) in dersd^Mn. Bealilät kann man im 
G^ensatse mit der Negation nur afadann erklären, wem. man sich dne 
Zeit (als den Inbegriff von allem Sein) gedenkt, die entwedsr womit ei?- 
fbllt oder ker ist Lasse ich die Behan^chkeit (weldie ein Dasein za 
aller Zeit ist) wegt so bleibt mir sum Begriffe der Substanz nichts übrig 
ak die logische Yorstallnng vom Sub^^ weldie ieb dadurch zn reaüi- 
siren vermeine, dass ich mir etwas vorstelle, welohce bloss als Sabjeot 
801 (ohne wovon ein Prftdicat zu sein) stattfinden kann. Aber ni^t aUein, 
dass ich gar keine Bedingung^ weiss, unter wichen denn dieser logische 
Vorzug irgend dnem Diuge mgen sein werde, so ist auch gar nichts 
weiter daraus zu machen, und nicht die mindeste Folgerung zu ziehen, 
weil dadurch gar kein Object des Gebrauchs dieses Begriffs bestimmt 
wird, und man also gar nicht weiss, ob dieser überall irgend etwas be- 
deute. Vom Begriffe der Ursache würde ich (weaan ich die 25eit weglasse, 
in der etwas auf etwas Anderes nach einer Begä folgt) in der reinen 
Kategorie nichts weiter finden, als dass es so etwas sei, woraus sieh- aof 
das Dasein eines anderen schliessen lässt, und es würde dadurch nicht 
allein Ursache und Wirkung gar nicht von einander unterechieden werden 
können, sondern weil dieses Schliessenkönn^ti doch bald Bedingungen 
erfordert, von denen ich nichts weiss, so würde der Begriff gar keine 
Bestimmung haben^ wie er auf irgend ein Objeet passe^ Der vermeinte 



nämlich dass wir sie nicht definiren konnten, wenn wir aach wollten * sondern, wenn 
man alle Bedingungen der Sinnlichkeit wegschafft, die sie als Begriffe eines mög- 
lichen empirischen Gebrauchs auszeichnen, und sie für Begriffe von Dingen überhaupt 
(mithin von transscendentalem Gebrauch) nimmt, bei ihnen gar nichts weiter zu thim 
sei, als die logische Function in Urtheilen als die Bedingung der Möglichkeit der 
Sachen selbst anzusehen, ohne doch im mindesten anzeigen zu können, wo sie denn 
ihre Anwendung und ihr Object, mithin wie sie im reinen Verstände ohne Sinnlich- 
keit irgend eine Bedeutung und objective Giltigkeit haben können." 

* „Ich verstehe hier die Realdefinition, welche nicht bloss dem Namen einer 
Sache andere und verständlichere Wörter unteriegt, sondern die, so ein klares Merk- 
mal, daran der Gegenstand (d^tdlMm) jederseit sicher wkannt werden kann und den 
erklärten Begriff zur Anwendung brauchbar macht, in sich 6nÜ»£li Die Realerklä* 
rung würde also diejenige sein, welche nicht bloss ednen Begriff, sondern zugleich 
die objective Realität desselben deutlich macht. Die mathematischen Erklärungen 
welche den Gegenstand dem Begriffe gemäss in der Anschauung darstellen, sind von 
der letateren Art^ 



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PlMtenomen» und SronmeiiA. 219 

Grundsatz: alles ZufHÜlige bat eme Ursaohe, triti zwar zümlich gravi* 
täusch aof^ als hat>^ er some dgene Würde in sich salbst Allein frage 
ich: was y ersteht ihr unter zufilUig? und ihr antwortet, dessen Nichtsein 
möglipb ist, so möehte ieh gern wissei^ woran ihr diese Möglichkeit des 
Nichtanns. erkennen wollt, w^ ihr euch nicht in der Beihe der Er- 
Schwüngen eine &icoes9ion und in dieser ein Dasein, waches auf das 
Nichtsein folgt (oder umgekehrt), midnn einen Wechsel vorstellt; denn 
dass das Nichtsein eines Dinges sich selbst nicht widerspreche, ist eine 
liJnne Berufung auf eine logische Bedingung, die sswar zürn Begriffe sos 
nothwendig, i^ber zur realen MögUdikeit bei weitem nicht hinreicl^nd 
ist; wie ich denn eine jede existirende Substanz in Gedanken aufheben 
kann, ohne mir selbst zu widersprechen, daraus aber auf die objective 
ZuMLigkeit derselb^i in ihrem Dasein, d. i. die Möglichkeit seines Nicht- 
seins an sich selbst gar nicht schlissen kann. Was den Begriff der 
Gemeinschaft betrifft, so ist leicht zu ermessen, dass, da die reinen Kate- 
gorien der Substanz sowol als Causalität keine das Object bestimmende 
Erklärung zulassen, die wechselseitige Gausalität in der Beziehung der 
Bubstanzen a«f einander (omnmereium) ebenso wenig derselben föhig sei. 
Möglidikeit, Dasein und Nothwendigkeit hat noch niemand anders als 
durch offenbare Tautologie erklären können, wenn man ihre Definition 
lediglich aus dem reinen Verstände schöpfen wollte. Denn das Blend- 
werk, die logische Möglichkeit des Begriffs (da er sich selbst nicht 
widerspricht) der transscendentalen Möglichkeit der Dinge (da dem 
Begriff ein 'Gegenstand correspondirt) zu unterschieben, kann nur Un- 
versuchte hintergehen und zufrieden stellen.* 



[* Ifit einem Worte, alle diese Begrifife lassen sich durch nichts helegen und 
dadurch ihre reale Möglichkeit dartbun, wenn alle sinnliche Anschauung (die einzige, 
die wir haben) weggenommen wird, und es J[)leibt dann nur noch die logische 
Möglichkeit übrig, d. i dass der Begriff (Gledanke) möglich sei, wovon aber nicht 
die Bede ist, sondern ob er sieh auf ein Object beziehe und also irgend etwas bedeute«'] 



^ Diese Anmerkung ist ein Zusatz der zweiten Auflage. Dagegen steht im 
Text der ersten zwischen den Worten „zufrieden stellen" und ,3ie]^aus fliesst" fol- 
gender Absatz: 

„Es hat etwas Befremdliches und sogar Widersinniges an sich, dass ein Begriff 
sein soll, dem doch eine Bedeutung zukommen muss, der aber keiner Erklärung 
fähig wäre. Allein hier hat es mit den Kategorien diese besondere Bewandtniss, das» 



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220 Elementarlehre. IL Tlteü. t AbtheUung. IL Buch. lEL Hauptstfiok. 

908 Hieraiift fliesst nim unwiderspr^cMidi, dass die reineaxVco'staiidea- 

begriffe niemals von transscendentaleiQ, eondem jedei*eeit nor 
von empirischem Gkbraudie sein können^ und dass die Grundsätze 
des reinen Yeistandes nnr in Bezieiiimg atif die allgemeinen Bedingungen 
einer mögHehen Erfahrung auf Gegenstände der Binne, niemtds aber auf 
Dinge überhaupt (ohne Eücksicht auf die ^rt zm nehmen, wie wir sie 
anschauen mögen) bezogen werden können^ 

Die transscendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat, 

- dass der Verstand a priori niemals mdir leisten könne als die Form 
einer möglidien Erfahrung überhaupt zu anticipiren, und, da dasjenige, 
was nicht Erscheinung ist, kdn Gegenstand der Ernährung sehi kann, 
dass er die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb deren uns all^ Gegeii- 



sie vennittelst der allgemeinen sinnlichen Bedingung eine bestimmte Bedeutung 
und Beziehung auf irgend einen Gegenstand haben können, diese Bedingung aber 
aus der reinen Kategorie weggelassen worden, da diese denn nichts als die logische 
Function enthalten kann, das Mannigfaltige unter einen Begrifif zu bringen. Aus 
dieser Function, d. i. der Fonn des BegHffii allein Icana aber gar nichts erkannt, 
imd unterschieden werden, welches Object darunter gehör^i w^ ebejn tou d«r sinn- 
liehen Bedingung, unter der überhaupt Gegenstände unter sie gehören können, abs- 
trahirt worden. Daher bedürfen die Kategorien noch über den reinen Verstandes- 
begriff Bestimmungen ihrer Anwendung auf Sinnlichkeit überhaupt (Schemate), und 
sind ohne diese keine Begriffe, wodurch ein Gegenstand erkannt und von anderen 
nntersohieden würde, sondern nur so viel Aj^n, einen Gegenstand su möglichen An- 
iK^auungen zu denken und Ihm nach irgend einear Func^on des Verotandes seine 
Bedeutung (unter noch erforderlichen Bedingungen) zn geben, d. i ihn zu definiren; 
selbst können sie also nicht definirt werden. Die logischen Functionen der Urtheile 
Überhaupt: Einheit und Vielheit, Bejahung und Verneinung, Subject und Prädicat, 
können, ohne einen Zirkel zu begehen, nicht definirt werden, weil die Definition 
doch selbst ein Urtheil sein und also diese Functionen schon enthalten müsste. Die 
reinen Kategorien sind aber nichts Anderes als Vorstellungen der Dinge überhaupt, 
«0 fem das Mannigfaltige ihrer Anschauung durch eine oder andere dieser logischen 
Functionen gedacht werden muss; Grösse ist die Bestimmung, welche nur durch ein 
Urtheil, das Quantität hat (Judicium commune), Realität diejenige, die nur durch ein 
bejahendes Urtheil gedacht werden kann, Substanz, was in Beziehung auf die An- 
schauung das letzte Subject aller anderen Bestimmungen sein muss. Was das nun 
aber für Dinge seien, in Ansehung deren man sich dieser Function vielmehr als einer 
anderen bedienen müsse, bleibt hierbei ganz unbestimmt; mithin haben die Katego- 
rien ohne die Bedingung der sinnlichen Anschauung, dazu sie die Synthesis enthalten, 
gar keine Beziehung auf irgend ein bestimmtes Object, können also keines definiren 
und haben folglich an sich selbst keine Giltigkeit objectiver Begriffe.** 



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Fbaenomena und Noumena. 221 

Stände g^eben werden, niemaU ffbei«chrdten könne. Sdne Grundsätze 
sind bloss Prmcipen der Exposition der Erscheinimgen, und der stolze 
Name einer Ontologie, welche sich anmasst, von Dingen überhaupt syn- 
thetische Ei^ttsntnSsse a priori m einer systematischen Doctrin zu geben 
(z. B. den Girundsatz der OamsalMt), muss dem bescheidenen einer blossen 
Analytik des reinen Verstandes Platz machen. 

Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen soir 
Gegoistand zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei 
Weise gegeben, so ist d* Gegenstand bloss transscendental, und der 
Verstandesbegriff hat keinen imderen als transscendentalen Gebrauch, 
nämlich die Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen tlberhaupt. Durch 
eine reine Kat^orie nun, in welcher von aller Bedingung der sinnlichen 
Anschauung als d^ dnzigen, die uns möglich ist, abstrahirt wird, wird 
also kein Object bestimmt, sondern nur das Denken eines Objects über- 
haupt nach versdiieden^ modü au0gedrtid£t. Nun gehört zum Ge- 
brauche eines Begriffs noch eine Function der Urtheilskraft, wodurch ei» 
G^enstand unter ihm subsumlrt wird, mithin die wenigstens formale 
Bedingung, unter der etwas in der Anschauung gegeben werden kann.. 
Fehlt diese Bedingung der Urtheilskraft (Schema), so fallt qUe Subsum*. 
tion weg; deim es wird nichts gegeben, was imter den Begriff subsumiri 
werden könnte. Der bloss trwisscendentale Gebrauch also der Kate- 
gorien ist in der That gar kein Gebrauch, und hat keinen bestimmten 
oder auch nur der Form nach bestimmbaren Gegenstand. Hieraus folgt,. 
dass die reine Kategorie auch zu keinem synthetischen Grundsatze o- 
pri(fri zulange, und dass die Grundsätze des rdnea V^standes nur von 
empirischem f ni^oials aber von transsc^dentalem Gebrauche sind, über 
das Feld möglicher Erfahrung hinaus aber es überall keine syntlietischen soo. 
Grundsätze a priori geben könne. 

Es kann daher rathaam sein 4ch also auszudrücken; die reinea 
Kategorien, ohne fonnole Bedingungesi der Sinnlichkeit, haben blosa 
transscend^tale Bedeutm^, sind aber von keinem transscendentalen Ge^ 
brauch, weil dieser an sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle Be- 
dingungen irgend eines Gebrauchs (in ürtheilen) abgehen, nämlich die 
formalen Bedingungen der- Subsumtion irgend eines angeblichen Gegen» 
Standes imter diese B<^riffe« Da sie aJsu (als bloss reine Kai^egoriai) 
nidit von empirischem €^brauche sein sdllen, und von transsoendentalem 



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29^^ Elementarlehre, ü. Theil. L Abtheilung. IL Bftch. m. Hauptstfick. 

nicht sein kömifitt, so sind sie- von gar keinem Grel»rauebe^ wenn man 
sie von aller Sinnlichkeit absandert, d. i. sie können auf gar kernen an- 
geblichen Gleg^istand angewandt werden; yiehnahr sind sie bloss die 
reine Form des Yerstandesgebrauchs in Ansehung der Geg^^tStide über- 
haupt und des Denkens, ohne doch durch ne allem irgend ein Object 
denken oder bestimmen zu können, 

[^Es liegt indessen hier eine schwer tu yenneidende Täusdiung 
zum Grunde. Die Kategorien gründen sich ihrem Uri^runge naeii nicht 
auf Sinnlichkeit, wie die Anschauungsformen Baum und Zeit, scheinen, 
also eine über alle Gregenstände der Sinne erweit^te Anwendung zu ver- 
statten. Allein sie sind ihrerseits wiederum nichts als Gedankenformen, 
die bloss das logische Vermögen enthalten, das mannigfaltige in d^ An- 
«06 schauung Gegebene in ein Bewussts^ ß priori zu vereinigen, und da 



^ Statt der Erörterungen der folgenden vier Absfttxe, die durch die Worte „Es 
liegt indessen — Bedeutung verstanden werd^" begrenzt sind, hat die erste Auflage 
die nachstehende Darstellung: 

„Erscheinungen, so fem sie als Gegenstände nach der Einheit der Kategorien, 
gedacht werden, heissen Phaenomena. Wenn ich aber Dinge annehme, die bloss 
Gegenstände de» Verstandes sind und gleichwol als solche einer Anschauung, obgleich 
nicht der sinnlichen, (als cor am wUndbi mtdUotnoM) gegeben werden können, so 
würden der^ichen Dinge Noümena (Intelligibilia) heissen. 

Nun sollte man denken, dass der durch die transscendentale Aestbetik einge- 
schränkte Begriff der Erscheinungen schon von selbst die objective Bealität der 
Noumenorum an die Hand gebe und die Eintheilung der Gegenstände in Phaeno- 
mena und Noumena, mithin auch der Welt in eine Sinnen- und eine Verstandes- 
welt (mundus sensädUe ab mUlägibiiis) bereohtigo, nhd zwar so, dass der Unterschied 
hier ^icht bloss die logische Form der undeutlieh^ oder 4euiilichen £rkenntniss • 
eines und desselben Dinges, sondern die Verschiedenheit treffe, wie sie unsere Er- 
kenntniss ursprünglich gegeben werden können, und nach welcher sie an sich selbst 
<ler Gattung nach von einander unterschieden seien. Denn, wenn uns die Sinne 
etwas bloss vorstellen, wie es erscheint, so muss dieses Etwas doch auch an sich 
s^bst ein Din^ und ein Gegenstand einer nieht sinnHchen Anschauung d. i. des 
Verstandes sein, d. i. es muss eine Erkenntniss möglieh sein, darin keine Sinnlichkeit 
angetroffen wird und welche allein schlechthin objective Realität hat, dad^orch uns 
nämlich Gegenstände vorgestellt werden, wie sie sind, da hingegen im empirischen 
'Gebrauche unseres Verstandes Dinge nur erkannt werden, wie sie erscheinen. 
Also würde es ausser dem empirischen Gebrauche d^r Kategorien (welcher auf sinn- 
liehe Bedingungen eingeschränkt ist) noch einen reinen waA doch objectiv giltigen 
^eben, und wir könnten nicht behatq^n, was wir bisher yoiigegeben haben, dass 



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niaenomena und Noamena. 223 ' 

könn^ 8i6f wenn maü ilmen die uns allein mögliche Anschauung weg- 
nimmt, noch wen^r Bedeutox^ haben als jene reinen sinnlichen Fonnen, 
durch die doch wenigstens ein Object gegeben wird, anstatt dass eine 
miserom Verstände eigene Verbindungsart des Mannigfaltigen, wenn die- 
jenige Anschauung, darin dieses allein gegeben werden kann, nicht hinzu 
kommt, gar nichte bedeutet* — Gleichwol liegt es doch schon in unserem 
BegrifPe, wenn wir gewisse Gregenstände als Ersdieinung^i Sinnenwesen 
(Phaenomena) nennen, indem wir die Art, wie wir sie anschauen, von 
ihrer Beschaffenheit an sieh selbst unterscheiden, dass wir entweder eben 
dieselb^i nach dieser letzteresi Beschaffenheit, wenn wir sie gleich in der- 
selben nicht aaschau^ oder auch andere mögliche Dinge, die gar nicht 
Objecte unserer Sinne sind, als Gregenst&id« bloss durch den Verstand 
gedacht jenen gleichsam gegenüber stellen und sie Verstandeswesen (Nou- 
mena) nennen. Nun fragt sich, ob imsere reinen Verstandesbegriffe nicht 
in Ansehung dieser letzteren Bedeutung haben und eine Erkenntnisse 
derselben sein könntea? 

Gleich anfimgs aber zeigt sich hier eine Zwddeutigkeit, welche 
grossen Missverstand veranlassen kann, dass, da der Verstand, wenn er 
einen Gegenstand in einer Beziehung bloss Phlinomen nennt, er sich zu- 
^^ch ausser die^BOr Bezidiung noch eine Vorstellung von einem Gegen- 
stande an sich selbst macht, und sich daher Y(»*stellt, er könne sichsor 
auch von dergleiehen. Gegenstände Begriffe machen, und, da der Ver- 



imsere reinea VeistaiMleBdrkwmtnisse üborall nichts Treiter wären als Prinoipien der 
Exposition der Erscheinung, die auch a priori nicht weiter als auf die formale Mög- 
lichkeit der Erfahrung gingen; denn hier stände ein ganz anderes Feld vor uns 
oAeiv) gleichsam eine Welt im Geiste gedacht (Tielleicht auch gar angeschaut), die 
niefat BÜnder, ja noch weit edler unseren reinen Verstand beschäftigen könnte. 

AUe unsere Voffstellungen werden in der That durch den Verstand auf irgend 
^n Object bezogen, und da Erscheinungen nichts als Vorstellungen sind, so bezieht 
sie der Verstand auf ein Etwas als den .G^enstand der sinnlichen Anschauung; 
aber diase» Etwas ist in so. fem nur das transscendentale Object. Dieses bedeutet 
aber ein Etwas «= x, wovon wir gar nichts wissen noch überhaupt (nach der jetzigen 
Emriohtong unseres Verstandes) wissen können, sondern welches nur als ein Corre- 
Utum der Einheit der Appercepticoi zur Einheit des Mannigfaltigen in der sinnlichen 
Anschavung dienen kann, vermittelst deren der Verstand dasselbe in den Begriff 
eines ^l^g^nstandes v^winigt Diesem transscendentale Object li^st sich gar nicht 
von 4en sinnJÜMh^ 4«#is absondeim, weU al^ann nichts übrig, bleibt, wodurch es 
f9da<^t würda Es T»t aiso kein Gc^^epstand ^ Eikenntniss an sich selb^ sondern 



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224 Elementarlehre. ü. Th^. I Abtheilung. IL Bach. m. Hauptstuck. 

stand keine anderen als die Kategorien liefert, der Gegenstand in der 
letzteren Bedeutung wenigstens durch diese reinen Yerstandesbegrifiße^ 
müsse gedacht werden können, dadurch aber verleitet wird, den ganz 
unbestimmten Begriff von einem Verstandeswesen als einem Etwas 
überhaupt ausser unserer Sinnlichkeit ftlr einen bestimmten Begriff 
von einem Wesen, welches wir durch den Verstand auf einige Art er- 
kennen könnten, zu halten. 

Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht 
Object unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer 
Anschauungsart dessdiben abstrahiren, so ist dieses ein Noumenon im 
negativen Verstände. Verstehen wir aber darunter ein Object einer 
nicht sinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere An- 
schauungsart an, nämlich die intellectuelle, die aber nicht die unsrige ist, 
von welcher wir auch die Möglichkeit nicht einsehen können, und das 
wäre das Noumenon in positiver Bedeutung. 

Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Xiehre von den 
Noumenen im negativen Verstände d. i. von Dingen, die der Verstand 
sich ohne diese Beziehung auf imsere Anschauungsart, mithin nicht bloss 
als Erscheinungen, sondern als Dinge an sich selbst denken muss, von 
denen er aber in dieser Absonderung zugleich begreift, dass er von seinen 
008 Kategorien in dieser Art sie zu erwägen, keinen Gebrauch macken könne, 
weil, da diese nur in Beziehung auf die Einheit der Anschauungen in. 



nur die Vorstellung der Erscheinungen unter dem Begriffe efaies Gegenstandes fiber^ 
haupt, der durcli das Mannigfaltige derselben bestimmbar ist. 

Eben um deswillen stellen nun auch die Kategorien kein besonderes, dem Ver^ 
Stande allein gegebenes Object vor, sondern dienen nur dazu, das traassoendetftele 
Object (den Begriff von Etwas Überhaupt) durch das, was in der Sinnliohkeit gegeben 
wird, zu bestimmen, um dadurch Erscheinungen unter Begriffen von Gegenständen, 
empirisch zu erkennen. 

Was aber die Ürsatihö betrifft, weswegen man, durch das Substratom der Sinn- 
lichkeit noch nicht beledigt, den Phaenomen& noch Noumena zugegeben hat, die- 
nur der reine Verstand denken kann, so beruht sie lediglieh darauf. Die SinnHohkelt. 
und ihr Feld, n&Aiiöh das der Erscheinungen, wird selbst durch den Verstand dahin 
eingeschränkt, d&ss de nicht auf Dinge an sich selbst, sondern nur auf die Art gehe,. 
wie uns verm<l^ge unserer subjectiven Beschaffenheit Dinge erscheiüeiL Dias war da«- 
Resultat ^ef ganjzen transscendentalen Aesthetik, tmd es folgt liueh natfirUeberweis» 
aus dem begriffe einer Erscheinung überhaupt, dass ihr etwas entspvechen mfisM, 
was afi sich nicht Erscheinung ist, weil Erscheinung nichts fUr sich «elbst und 



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Fhaenomena und Noumena. 225 

• 

Baum und Zeit Bedeutung liaben, sie eben diese Einheit auch nur wegen 
der blossen Idealität des Baums und der Zeit durch allgemeine Ver* 
bindungsbegriffe a priori bestimmen können. Wo diese Zeiteinheit nicht 
angetroffen werden kann, mithin beim Noumenon, da hört der ganze Ge- 
brauch, ja selbst alle Bedeutung der Kategorien völlig auf; denn selbst 
die Möglichkeit der Dinge, die den Kategorien entspi:echen soUen, lässt 
sich gar nicht einsehen; weshalb ich mich nur auf das berufen darf, was 
ich in der allgemeinen Anmerkung zum vorigen Hauptstticke gleich zu 
Anfang anführte. Nun kann aber die Möglichkeit eines Dinges memals 
bloss ^us dem Nichtwidersprechen eines Begriffs desselben, sondern nur 
dadurch, dass man diesen durch eine ihm corresipondirende Anschauung 
belegt, bewiesen werden. Wenn wir also die Kategorien auf Gegenstände, 
die nicht als Erscheinungen betrachtet werden, anwenden wollten, so 
müssten wir eine andere Anschauung als die sinnliche zum G-runde legen, 
und alsdann wäre der Gegenstand ein Noumenon in positiver Bedeu- 
tung. Da nun eine solche, nämlich die iicrtellectuelle Anschauung, schlechter- 
dings ausser unserem Erkenntnissvermögen liegt, so kann auch der Ge- 
brauch der Kategorien keineswegs über die Grenze der Gegenstände der 
Erfahrung hinansreichen; und den Sinnenwesen correspondiren zwar 
freilich Verstandeswesen, auch mag es Verstandeswesen geben, auf welche a 
unser sinnliches Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat, aber 
unsere Verstandesbegriffe als blosse Gedapkenformen fär unsere sinnliche 



unserer Vorstellungsart sein kann, mithin, wo nicht ein beständiger Zirkel heraus- 
kommen soll, das Wort Erscheinung schon eine Beziehung auf etwas anzeigt, dessen 
anmittelbare Vorstellung zwar sinnlich ist, was aber an sich selbst, auch ohne diese 
Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit (worauf sich die Form unserer Anschauung gründet) 
Etwas, d. i. ein von der Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein muss. 

Hieraus entspringt nun der Begriff von einem Noumenon, der aber gar nicht 
positiv ist und eine bestimmte Erkenntniss von irgend einem Dinge, sondern nur 
das Denken von Etwas überhaupt bedeutet, bei welchem ich von aller Form der 
annlichen Anschauung abstrahire. Damit aber ein Noumenon einen wahren, von 
allen Phaenomenen zu unterscheidenden Gegenstand bedeute, so ist es nicht genug, 
dass ich meinen Gedanken von allen Bedingungen sinnlicher Anschauung befreie, 
ich muss noch überdem Grund dazu haben, eine andere Art der Anschauung, als 
diese sinnliehe ist, anzunehmen, unter der ein solcher Gegenstand gegeben werden 
könne; denn sonst ist mein Gedanke doch leer, obzwar ohne Widerspruch. Wir 
habön zwar oben nicht beweisen können, dass die sinnliche Anschauung die einzige 
mögliche Anschauung überhaupt, sondern dass sie es nur für uns sei; wir konnten 
Kaut's Kritik der reinen Vernunft. 15 



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226 Bnementarlehre. IL Theil. 1. Abtheilung. IL Buch. HL Hauptstttck 

Anschauung reichen nicht im mindesten auf diese hinaus; was also von 
uns Noumenon genannt wird, muss als ein solches nur in negativer 
Bedeutung verstanden werden.*] 

Wenn ich alles Denken (durch Kategorien) aus einer empirischen 
Erkenntniss wegnehme, so bleibt gar keine Erkenntniss irgend dnes Gre- 
genstandes übrig; denn durch blosse Anschauung wird gar nichts gedacht, 
und dass diese Affection der Sinnlichkeit in mir ist, macht gar keine Be- 
ziehung von dergleichen Vorstellung auf irgend ein Object aus. Lasse 
ich aber hingegen alle Anschauung weg, so bleibt doch noch die Form 
des Denkens d. i. die Art, dem Mannigfaltig^i einer möglichen Anschau- 
ung einen Gegenstand zu bestimmen. Daher erstrecken sich die Kate- 
gorien so fem weiter als die sinnliche Anschauung, weil sie Objecte 
überhaupt denken, ohne noch auf die besondere Art (der SinnUehkeit) 
zu sehen, in der sie gegeben werden mögen. Sie bestimmen aber dadurch 
nicht eine grössere Sphäre von Gegenständen, weil, dass solche gegeben 
werden können, man nicht annehmen kann, ohne dass man eine andere 
als sinnliche Art der Anschauung als möglich voraussetzt, wozu wir aber 
keineswegs berechtigt sind. 
»10 Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch ent- 

hält, der auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit anderen Er- 



ftber auch nicht beweisen, dass noch eine andere Art der Anschauung möglich sei, 
und obgleich unser Denken von jeder Sinnlichkeit abstrahiren kann, so bleibt doch 
die Frage, ob es alsdann nicht ein^ blosse Form eines Begriffs sei, und ob bei dieser 
Abtrennung überall ein Object übrig bleibe. 

Bas Object, worauf ich die Erscheinung überhaupt beziehe, ist der transscen- 
dentale Gegenstand, d. i. der gänzlich unbestimmte Gedanke von Etwas überhaupt 
Dieser kann nicht das Noumenon heissen; denn ich weiss von ihm nicht, was er 
an sich selbst sei, und habe gar keinen Begriff von ihm, als bloss von dem Gegen- 
stande einer sinnlichen Anschauung überhaupt, der also für alle Erscheinungen 
einerlei ist. Ich kann ihn durch keine Kategorie denken; denn diese gilt von der 
empirischen Anschauung, um sie unter einen Begriff vom Gegenstände überhaupt zu 
bringen. Ein reiner Gebrauch der Kategorie ist zwar möglich, d. i. ohne '^der- 
spruch, aber hat gar keine objective Giltigkeit, weil sie auf keine Anschauung geht, 
die dadurch Einheit des Objects bekommen sollte; denn die Kategorie ist doch eine 
blosse Function des Denkens, wodurch mir kein Gegenstand gegeben, sondern nur, 
was in der Anschauung gegeben werden mag, gedacht wird." 



> Man vgl. S. 805. Anm. 1. 



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Phaonomenii und Noomenft. 227 

kenntnlssen zusammenhängt, dessen objective Bealität aber auf keine 
Weise erkannt werden kann. Der Begriff eines Noumenon d. i. eines 
Dinges, welches gsur nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein 
Ding an sich selbst (lediglich dnrch einen reinen Verstand) gedacht 
werden soll, ist gar nicht widersprechend; denn man kann von der Sinn- 
lichkeit doch nicht behaupten, dass sie die einzige mögliche Art der An- 
schaaiing seL Femer ist dieser Begriff nothwendig, tun die sinnliche 
Anschattung nicht bis über die Dinge an sich selbst auszudehnen, imd 
also um die objective Giltigkeit der sinnlichen Erkenntniss einzuschi*änken, 
(denn die übrigen, worauf jene nicht reicht, heissen eben darum Noumena, 
damit man dadurch anzeige, jene Erkenntnisse können ihr Gebiet nicht 
über alles, was der Verstand denkt, erstrecken.) Am Ende aber ist doch 
die Möglichkeit solcher Noummorum gar nicht einzusehen, und der Um- 
fang ausser der Sphäre der Erscheinungen ist (für uns) leer, d. i. wir 
haben einen Verstand, der sich problematisch weiter erstreckt als jene, 
aber keine Anschauung, ja auch nicht einmal den Begriff von einer 
möglichen Anschauung, wodurch uns ausser dem Felde der Sinnlichkeit 
Gegenstände gegeben, und der Verstand über dieselbe hinaus asser- 
torisch gebraucht werden könne. Der Begriff eines Noumenon ist also 
bloss mi Grenzbegriff, um die Anmassung der Sinnlichkeit einzu-sii 
schränken, und also nur von negativem Gebrauche. Er ist aber gleich- 
wol nicht willkürlich erdichtet, sondern hängt mit der Einschränkung 
der Sinnlidikeit zusammen, ohne doch etwas Positives ausser dem Um- 
fiuige derselben setzen zu können. 

Die Einthdlung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena, 
und der Welt in eine Sinnen- und Verstandeswelt kann daher in posi- 
tiver Bedeutung^ gar nicht zugelassen werden, obgleich B^riffe aller- 
dings die Eintheilung in sinnliche und intellectuelle zulassen; denn man 
kann den letzteren keinen Gegenstand bestimmen, und sie also auch nicht 
ftir objectiv giltig ausgeben. Wenn man von den Sinnen abgeht, wie 
will man bereif lieh machen, dass unsere Kategorien (welche die einzigen 
übrig bleibenden Begriffe ftir Noumena sein würd^) nodb überall etwas 
bedeuten, da zu ihrer Beziehung auf irgend eiuen Gegenstand noch etwas 
meh{ als bloss die "Einheit des Denkens, nämlich überdem eine mögliche 



^ Die Worte ,4n positiver Bedeatnng** sind ein Zusatz der zweiten Auflage. 

lö* 



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228 Elementarlehre. IL TheiL L Abtheihmg. II Buch. m. Hauptstfick. 

Anschanung gegeben sein mtiss, darauf jene angewandt werden können? 
Der Begriff eines Noummt, bloss problematisdi genommen, bldbt dem- 
ungeachtet nicht allein zulässig, sondern auch als ein die Sinnlichk^t in 
Schranken setzender Begriff unvermeidlich. Aber alsdann ist das nicht dn 
besonderer intelligibeler Gegenstand för unseren Versttuid, sondern 
ein Verstand, vor den es gehörte, ist selbst em Probl^na, nämlich nidit 

812 discursiv durch Kategorien, sondern intuitiv in einer nichtsinnlichen An- 
schauung seinen G-egenstand zu erkennen, als von welchem wir uns nieht 
die geringste Vorstellung seiner Mö^ehkeit mcu^hen können. Unser 
Verstand bekommt nun auf diese Weise eine negative Erweiterung, d, L 
er wird nicht durch die Sinnlichkeit eingeschränkt, sondern schränkt 
vielmehr dieselbe ein, dadurch deuss er Dinge an sich selbst (nicht als 
Erscheinungen betrachtet) Noumena nennt. Aba» er setzt sidii auch 
sofort selbst Grenzen, sie durch keine Kategorien zu erkennen, mitbin 
sie nur unter dem Namen eines unbdcannten Etwas zu d^iken. 

Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz anderen 
Gebrauch der Ausdrücke eines mtmdt sensfbilü und mtellufibtlü,* der 
von dem Sinne der Alten ganz abweicht, und wobei es frdlich keine 
Schwierigkeit hat, aber auch nichts als leere Wortkrämerei angetroffen 
wird. Nach demselben hat es einigen beliebt, den Inbegriff der Erschei- 
nungen, so fem er angeschaut wird, die Sinnenwelt, so fem aber der 
Zusammenhang derselben nach allgemeinen Verstandesgesetzen gedacht 

613 wird, die Verstandeswelt zu nennen. Die theoretiscfee Astronomie, welche 
die blosse Beobachtung des bestirnten Himmels vorträgt, würde d^Le 
erstere, die contemplative dagegen (etwa nach dem copemicanischen Welt- 
system oder gar nach Newtons Gravitationsgesetzen erklärt) die zweite, 
nämlich dne intelligibele Welt vorstellig machen. Aber eine solche Wort- 
verdrehung ist dne blosse sophistische Ausflucht, um einer beschwisrHchen 
Frage auszuweichen, dadurch dass'man ihren Sinn zu seiner Gkmäch- 



[* Man muss nicht statt dieses Ansdraeks den einer intellectuellen Welt, 
wie man im deutschen Vortrage gemeinhin zu tiiun pflegt, brauchen; denn intel- 
lectuell oder sensitiv sind nur die Erkenntnisse. Was aber nur ein Gegenstand 
der einen oder der anderen Anschauungsart sein kann, die Qbjecte also, müssen (un- 
erachtet der Härte des Lauts) intelligibel oder sensibel heissen.^] 



' Diese Anmerkung ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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Pha^^ome]la \md Noumena. 229 

Hdikeit lierabstiinmt. Li Ansehung der Eracheinungen lässt eich aller- 
dings Verstand und Vernunft brauchen; aber es fragt sich, ob diese auch 
Boch eiBigen Gebrauch haben, wenn der Gregenstand nicht Erscheinung 
(Noumena») ist, und in diesem Sinne nimmt man ihn, wenn er an sich 
als bloss inteUigib^, d, i. dem Verstände allein und gar nicht den Sinnen 
g^ebeiL gedacht wird. Es ist also die Frage, ob ausser jenem empirischen 
gebrauche des Verstandes (selbst m der Nbwton'schen Vorstellung des 
Weltbaues) noch ein transscendentaler möglich sei, der auf das Noumenon 
als einen Gegenstand gehe, welche Frage wir verneinend beantwortet haben. 

Wenn wir denn also sagen: die Sinne stellen uns die Gegenstände 
vor, wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, so ist das 
letztere nicht in transscendentaler, sondern bloss empirischer Bedeutung 
zu nehmen, nämlich wie sie als Gegeixstände der Erfahrung im durch- 
gängigen Zusammenhange der Erscheinungen müssen vorgestellt werden, su 
und nicht nach dem, was sie ausser der Beziehung auf mögliche Erfah- 
rung und folglich auf Sinne tlberhaupt, mithin als Gegenstände des reinen 
Verstandes sein mögen. Denn dieses wird uns immer unbekannt bleibeui 
80 gar, dass es auch unbekannt bleibt, ob eine solche transscendentale 
(ausserordentliche) Erkenntniss überall möglich sei, zum wenigsten als 
eine solche, die unter unseren gewöhnlichen Kategorien steht. Verstand 
und Sinnlichkeit können bei uns nur in Verbindung Gegenstände 
bestimmen. Wenn wir sie trennen, so haben wir Anschauungen ohne 
Begriffe oder Begriffe ohne Anschauungen, in beiden Fällen aber Vor- 
stellungen, die wir auf keinen bestimmten Gegenstand beziehen können. 

Wenn jemand noch Bedenken trägt, auf aüe diese Erörterungen 
dem bloss transscendentalen Gebrauche der Kategorien zu entsagen, sa 
mache er einen Versuch von ihnen in irgend einer synthetischen Be- 
hauptimg. Denn eine analytische bringt den Verstand nicht weiter, und 
da er nur mit dem beschäftigt ist, was in dem Begriffe schon gedacht 
wird, so lässt er es unausgemacht, ob dieser an sich selbst auf Gegen- 
stände Beziehung habe oder nur die Einheit des Denkens überhaupt be- 
deute (welche von der Art, wie ein Gegenstand gegeben werden mag, 
völlig abstrahirt). Es ist ihm genug zu wissen, was in seinem Begriffe 
Hegt; worauf der Begriff selber gehen möge, ist ihm gleichgiltig. Er ver- 
suche es demnach mit irgend einem synthetischen und vermeintlich trans- 315 
scendentalen Grundsatze als: aQes, was da ist, ezistirt als Substanz oder 



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230 Elementarlehre. IL Theil. L Abtheiltmg. ü. Buch. HL Hauptstfick. 

eine derselben anhängende Bestimmung; alles ZofHUige existirt als Wir* 
kung eines anderen Dinges, nämlich seiner Ursache u. s. w. Nun frage 
ich: woher will er diese synthetischen Sätze nehmen, da die Begriffe nicht 
beziehungsweise auf mögliche Erfahrung, sondern von Dingen an sich 
selbst {Noumena) gelten sollen? Wo ist hier das Dritte, welches jederzeit 
zu einem synthetischen Satz erfordert wird, um in demselben Begriffe, 
die gar keine logische (analytische) Yerwandtschafit haben, mit einander 
zu verknüpfen? Er wird seinen Satz niemals beweisen, ja, was noch mehr 
ist, sich nicht einmal wegen der Möglichkeit einer solchen reinen Be- 
hauptung rechtfertigen können, ohne auf den empirischen Yerstahdefi- 
gebrauch Rücksicht zu nehmen und dadurch dem reinen und sinnenfreien 
XJrtheile völlig zu entsagen. . So ist denn der Begriff reiner, bloss intelli« 
gibeler Gegenstände gänzlich leer von allen Grrundsätzen ihrer Anwen- 
dung, weil man keine Art- ersinnen kann, wie sie gegeben werden sollen, 
und der problematische Gedanke, der doch einen Platz für sie offen lässti 
dient nur wie ein leerer Raum, die empirischen Grundsätze einzuschränken^ 
ohne doch irgend ein anderes Object der Erkenntniss ausser der Sphäre 
der letzteren in sich zu enthalten imd aufisuweisen. 



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Anhang. m 

Ton der Amphibolle der Beflexlonsbegriffe 

durch die Verwechselung des empirischen Verstandesgebrauchs 
mit dem transscendentalen. 

Die Ueberlegung {reflexio) hat es nicht mit den Gegenständen 
selbst zu thnn, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern 
ist der Zustand des Gremüths, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, 
um die subjectiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir 
SU Begriffen gelangen können. Sie ist das Bewusstsein des Yerhültnisses 
gegebener Vorstellungen zu xmseren yerschiedenen Erkenntnissquellen, 
durch welches allein ihr Verhlütniss unter ehiander richtig bestimmt 
werden kann. DicT erste Frage vor aller weiteren Behandlung unserer 
Vorstellungen ist die: in welchem Erkenntnissvermögen gehören sie zu* 
sammen? Ist es der Verstand oder sind es die Sinne, von denen sie 
verknti^ oder verglichen werden? Manches Urtheil wird aus Gewohn- 
heit angenommen oder durch Neigung geknüpft; weil aber keine Ueber- 
legung vorhergeht oder wenigstens kritisch darauf folgt, so gUt es ftir 
dn soldiee, das im V^stande seinen Ursprung erhalten hat Nicht alle 
Urtheile bedürfen einer Untersuchung, d. i. einer Auftnerksamkeit 
auf die Gründe der Wahrheit; denn, wenn sie unmittelbar gewiss sind,8i7 
z. B. zwischen zwei Paukten kann nur eine gerade Linie sein, so lässt 
sich von ihnen kein noch näheres Merkmal der Wahrheit, als das sie 
selbst ausdrücken, anzeigen. Aber alle Urtheile, ja alle Vergleichungen 
bedtirfen einer Ueberlegung, d. i. einer Unterscheidung der Brkennt- 
nisskraft, wozu die gegebenen Begriffe gehören. Die Handlung, dadurch 
ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der Brkentnniss- 
kraft zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und wodurch ich unter- 



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Qoo^^ 



232 Elementarlelire. IL Theil. L Abtheilung, ü. Buch. Anhang. 

scheide, ob sie als zum reinen Verstands oder zur sinnlichen Anschau- 
ung gehörend unter einander verglichen werden, nenne ich die trans- 
scendentale Ueberlegung. Das Verhältniss aber, in welchem die 
Begriffe in einem Gemtithszustande zu einander gehören können, ist das 
der Einerleiheit und Verschiedenheit, der Einstimmung und des 
Widerstreits, des Inneren und des Aeusseren, endlich des Be- 
stimmbaren und der Bestimmung (Materie und Form). Die richtige 
Bestimmung dieses Verhältnisses beruht darauf, in welcher Erkenntniss- 
kraft sie subjectiv zu einander gehören, ob in der Sinnlichkeit oder 
dem Verstände. Denn der Unterschied der letzteren macht einen grossen 
Unterschied in der Art, wie man sich die ersten denken solle. 

Vor allen objectiven Urtheilen vergleichen wir die Begriffe auf die 
Einerleiheit (vieler Vorstellungen unter einem Begriffe) zum Behuf 
der allgemeinen Urtheile, oder die Verschiedenheit dersdben zu Er- 
81 s Beugung besonderer, auf die Einstimmung, daraus bejahende, und den 
Widerstreit, daraus verneinende Urtheile werden können u. s. w. Aus 
diesem Grunde sollten wir, wie es scheint, die angeführten Begriffe Ver- 
^dchungsbegriffe nennen (o^nesptus cojnparationis). Weil aber^ wenn es 
nicht auf die logische Form, sondern auf den Inhalt der Begriffe an- 
kommt, d. i ob d^ Dinge selbst emerlei oder rerschiedon, enwtimmig 
oder im Widerstreit sind u. s. w.« die Dinge ein zwiefeiches Verhältiuss 
2u unserer Erkenntoiaskraft, nämlich zur Sinnlichkdt und zum Verstände 
haben k^noten, auf diese St^e aber, darin sie gebör^ die Art ankommt, 
wie sie zu einander gehören sollen: so wird die transsoendentile Be- 
flexion, d. i, das Verhältniss gegebener VorMellungen zu einer oder der 
andecen Erksnntnissart ihr Verhältniss unter einander allein bestimmen 
können*, und ob die Dinge einerld oder verschieden, eina&mnig oderwider- 

^ $Ch»Ue^d ffliid u. s. w,, irird nicht sofort aus den Begriff sdbst durch 
blosse Vei^leichimg (oomfaraiio\ sondern allererst durch die Untetschei- 
duug der Erkex^ntnissÄrt, wozu sie gehören, vernrittelst einer transscen- 
dentalen Ueberlegung {rsflexio) ausgemacht werden können. Man könnte 
also awar sagen, dass dX^ logische Reflexion eme blosse Comparation 
ßei, di»n bei ihr wird vo.n der Erkenntnisskraft, wozu die gegebenen 
Vorstellungen gehören, gäniJich abstrahirt, und sie sind also so fem 

si» ihrem Sitze nach im Gemftthe txi^ gleichartige zu bAofidein^ die trans- 
scendentale Reflexion aber (wc>iche auf die Gegenst&nde selbst geht) 



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Von der Amphibolie der Itefleziondt)egTiffe. 233 

euthHlt den Grund der MögKchkeit d&t objectivw Oomparation der Vor- 
stelliiagen unter anander, mtä. ist idso von der letzteren gar sehr ver- 
ftcbie«ten, weil die Erkenntnisskra^ dazu sie g^ören, nicht eben dieselbe 
ist. Diese transscendentale Ueberlegung ist eine Pflieht, y<Ni der sich 
memand lossagen ka&n^ wenn er a prt&rt etwas über Dinge urtheilen 
mUl. Wir woll^i ae jetzt zur Haad nehmen, «ad werden daraus fiir die 
Hestkaiimng des eigeoflBchj»! Gtsehäfts des Vearstandes nicht wenig lacht 
siehai. 

1. Einerleiheit und Verschiedenheit. Wenn uns ein Gegen- 
«tand HMhrmsd», jedesmal aber mit eben denselben inneren Bestimmungen 
{qtcalttas et quantitas) dargestellt wird, so ist derselbe, wenn er als G^genf 
' stand des reiP)^ Verstandes gilt, immer eben derselbe, und nicht viele, 
-sondern nur ein Ding {nuimricat identiias)', ist er aber Erscheinung, so 
koHMut es auf die Vei*^ichuBg der Begiiffe gar nicht an, sondern so 
4B^r auch in Aasehting derselben alles einerlei sein mag, so ist doch die 
VerscbiedeiAeit der Oerter dieser Erscheinung zu gleicher Zeit ein ge- 
nügsamer Grujld der numerischen Verschiedenheit des Gegenstandes 
(^er Sinne) s^bst So kann man bei zwei Tropfen Wasser von aller 
mneren Ve»8chied«nheit (der Quadität und Quantität) völlig abstrahiren, 
uad es ist geni^, dass sie in verschiedenen Oertem zugleich angeschaut 
we]*den, ma sie. für numerisch verschieden zu halten. Leibniz nahm 320 
die fkschi^ungen als Dinge an sich selbst, mithin für intelli^üiay d. L 
Gegenstände des reinen Verstöndes (ob er gleich wegen der Verworren- 
heit ihrer Voret^ungen dieselben mit dem Namen der Phänomene be- 
legte), ui^ da konnte sein. Satz des Nichtzuunterscheidenden {prin- 
€ipiism ide9vtüaU$ indüeerntbümm) allerdings nicht bestritten werden*, da 
sie ab^ G^enstände der Sinnlichkeit sind^ und der Verstand in Ansehung 
ihrer nicht von reinem, sondern bloss empirischem Gebrauche ist, so wird 
die Vielheit vmA numerische Verschiedenheit schon dui-ch den Raum 
eelbst als die Bedingung der äusseren Erscheinungen ang^eben. Denn 
ein Theil des Raums, ob er zwar ein,em anderen völlig ähnlich und gleich 
sein mag) ist doch ausser ihm, und eben dadurch ein vom ersteren ver- 
schiedener Theil, der zu ihm hinzukommt, um einen grösseren Raum 
auszumachen; und dieses muss daher von allem, was ia den mancherlei 
Stellen ^^s Raums zugleich ist, gelten, so sehr es sich sonst auch ähnlich 
und gleich sein mag. 



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234 Elementarlehre. IL Theil. I. Abtheüimg. IL Buch. Anhang. 

2. Einstimmung nnd Widerstreit Wenn Bealität nnr durch 
den reinen Verstand vorgestellt wird {reaUtai noumenon\ so iSsst sich 
zwischen den Realitäten kein Widerstreit denken, d. L ein solches Ver- 
hältoiss, da sie in dnem Subject verbunden einander ihre Folgen au^ 
heben, und 3 — 3 = sei. Dagegen kann das Eeale in der Erscheinung 

821 {reaUtas phaenomenan) unter einander allerdings im Widerstreit sein, und 
vereint in demselben Subject eines die Folge des anderen ganz oder 
zum Theil vernichten, wie zwei bewegende Kräfte in derselben geraden 
Linie, so fem sie einen Punkt in entgegengesetzter Bichttmg entweder 
ziehen oder drücken, oder auch ein Vergnügen, was dem SchnMrse die 
Wage höt 

3. Das Innere und Aeussere. An einem Glegenstande des 
reinen Verstandes ist nur dasjenige innerlich, welches gar keine Bezie- 
hung (dem Dasein nach) auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat 
Dagegen sind die inneren Bestimmungen einer nthstan^ phamomenoH 
im Kaume nichts als Verhältnisse, und sie selbst ganz und gar em In- 
begrifP von lauter Belationen. Die Substimz im Kaume kennen wir nur 
durch Kräfte, die in demselben wirksam sind, entweder andere dahin zu 
treiben (Anziehung), oder vom Eindringen in ihn abzuhalten (Zurück- 
stossung und Undurchdringlichkeit); andere Eigenschaften kennen wir 
nicht, die den Begriff von der Substanz, die im Eaum erscheint und die 
wir Materie nennen, ausmachen. Als Object des reinen Verstandes muss 
jede Substanz dagegen innere Bestimmungen und Kräfte haben, die auf 
die innere Bealität gehen. Allein was kann ich mir ftir innere Acdden- 
zen denken als diejenigen, so mein innerer Sinn mir darbietet, nämlich 
das, was entweder selbst ein Denken oder mit diesem andlogisch ist? 

882 Daher machte Leibniz aus allen Substanzen, weil er sie sich als Noumena 
vorstellte, selbst aus den Bestandtheilen der Materie, nachdem er ihnen 
alles, was äussere Belation bedeuten mag, mithin auch die Zusammen- 
setzung in Gedanken genommen hatle, einfache Subjecte mit Vorstel- 
lungskräften begabt, init einem Worte Monaden. 

4. Materie und Form. Dieses sind zwei Begriffe, welche aller 
anderen Reflexion zum Grunde gelegt werden, so sehr sind sie mit jedem 
Gebrauch des Verstandes unzertrennlich verbunden. Der erstere bedeutet 
das Bestimmbare überhaupt, der zweite dessen Bestimmung (beides in 
transscendentalem Verstände, da man von allem Unterschiede dessen, 



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Ton der AmphiboUe der Reflexion»begiiffe. 235- 

was ^geben wird, und der Art, wie es bestimmt wird, abstrahirt). Die 
Logiker nannten ebed^n das Allg^neine die Materie, den specifiscben 
Unterschied aber die Form. In jedem Urtheile kann man die gegebenen 
Begriffe logische Materie (zum Urtheile), das VerhIÜtniss derselben (ver- 
mittelst der Copula) die Form des Urtheils nennen. In jedem Wesen 
sind die Bestandstficke desselb^i (esienttaita) die Materie, die Art, wie 
^e in einem Dinge v^knüpft sind, die wesentBdie Form. Auch wurde 
in Ansehung der IHnge überhaupt unbegrenzte Realitttt als die Materie 
aUer Möglichkeit, Einschränkung derselben aber (Negation) als diejenige 
Form angesehen, wodurch sich ein Ding vom anderen nach transscen^ 
dentalen Begriffen unterscheidet. Der Verstand nämlich verlangt zuerst, 
dass etwas gegeben sei (wenigstens im Begriffe), um es auf gewisse Artss» 
bestimmen zu können. Daher geht im Begriffe des reinai Verstandes 
die Materie der Form vor, und Leibniz nahm um deswillen zuerst 
Dinge an (Monaden) und innerlich dne Vorstellungskrafit derselben, um 
danach das äussere Verhältniss d^selben und die G^mmnschaA; ihrer 
Zustände (nämlich der Vorstellungen) darauf zu gründ^i. Daher waren 
Raum und Zeit, jener nur durch das Verhältniss der Substanzen, diese 
durch die Verknflpfimg der Bestimmungen derselben unter einander als 
Gründe und Folgen möglich. So würde es auch in der That sein müssen^ 
wenn der reine Verstand unmittelbar auf Gregenstände bezogen werden 
könnte, und wenn Raum und Zeit Bestimmungen der Dinge an sich 
selbst wären. Sind es aber nur sinnliche Anschauungen, in denai wir 
alle Gegenstände ledigMch als Erscheinungen bestimmen, so geht die 
Form äßr Anschauung (als eine subjective Beschaffenheit der Sinnlich- 
keit) vor aller Materie (den Empfindungen), mithin Raum und Zdt vor 
allen Erscheinungen und aUen datü der Er^rung vorher, und macht 
diese vielmehr allererst möglich. Der InteUectualphilosoph konnte es 
nicht leiden, dass die Form ror den Dingen selbst vorhergehen und 
dieser ihre Möglichkeit bestimmen sollte; eine ganz richtige Censur, 
wenn er annahm, dass wir die Dinge emschauen, wie sie sind (obgleich 
mit verworrener Vorstellung). Da aber die sinnliche Anschauung eine 
ganz besondere subjective Bedingung ist, welche aller Wahrnehmung 324 
a priori zum Grunde li^, und deren Form ursprünglich ist, so ist die 
Form ftir sieh allein gegeben, und weit geifehlt, dass die Materie (oder 
die Dinge selbst, welche erscheinen) zum Qrunde li^en sollte (wie man 



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^36 Elementarlehre. IL TheU. L Abtliۆuiig. H. Bach. Anhang. 

nach blossen BegrifEen urtbeilen müsste), so setzt* die Möglichkeit der- 
selben vielmehr eine formale Ansehaanng (Zeit und Bawa) als gegeben 
Toraos. 

Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegrifie. 

Man erlaube mir, die Stelle, welche wir ebieia Begriffe oitweder in 
der SinnHohkeit oder ha reinai Verstände eortheilen, d^ transscen- 
dentalen Ort att nennen. Auf solehe Weiae wljbre die Beurtheilung 
dieser St^le, die jedem Begriffe nach Verschiedenheit seines (xebrauchs 
ankommt, nnd die Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen 
zu bestimmen, die transscendentale Topik; me Lehre, die vor Er- 
schleichungen des reinen Verstandes und daraus entspringenden Blend- 
werken gründlich bewahren würde, indem sie jederzeit unterschiede^ 
welcher Erkenntnisskrai^ die Begriffe eigentlich angehören. Man kann 
einen jed^i Begriff, einen jeden Titel, darunter viele Erk^mtnisse ge- 
hören, einen logischen Ort nennen. Hierauf gründet sich die logische 
Topik des Abjstoteles, deren sich SehuUehrer und Redner bedienen 
^25 kannten, um imter gewissen Titeln des Denkens nachzusehen, was sioh 
am besten für ihre vorliegende Materie schickte, und darüber mit einem 
Schein von Gründlichkeit zu vernünfteln od^ wortreich su schwataen 

Die transscendentale Topik enthält dagegen nicht mehr als die an- 
geführten vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die sich 
dadurch von Kategorien unterscheiden, dass durch jene nicht der Gregen- 
«tand nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht (Grösse, Realität^ 
«ondern nur die Vergldehung der Vorstellungen, welche vor dem Begriffe 
von Dingen vorhergdxt, in aller ihrer Mannig£edtigkät dargestellt wird. 
IHese Vei^leiehimg aber bedarf zuvörderst einer Ueberlegung, d. i. einer 
Bestimmung desjenigen Chrts, wo die Vorst^un^^ der Dii^e, die ver- 
gliche werden, hingehören, ob sie der reii^e Verstand denkt* oder die 
Sinnlichkeit in dear Erscheinung giebt 

Die Begriffe können logisch vergehen wenden, ohne sich darum zu 
bekümmern, wohin ihire Ob|eote gehören, ob als Noumeaa vor den Ver- 
stand od^ als Phänomena vor die Sinnlichkeit Wenn wir aber mit 
diesen Begriffe zu den Gegeni$tlUiden gehen wollen, so ist zuvörderst 
transscendentale Ueberlegung nöthig, fUr wdche Srikenntnisskraft sie 
Cregenstände sein sdilen, ob fär den reinen Verstand oder die Somlich- 



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Von d^ Amphibolie der Beflexionsbegriffe. 237 

keit. Ohne diese üebertegung mache ich dnen sehr tmsicherenGrebrauch 
von diesen Begriffen, und es entspringen rermeinte syntiietisehe Grund- 826: 
Sätze, welche die kritische Vernunft nicht anerkennen kann, und die sich 
lediglich auf einer transscendentalen Amphibolie, d. i. einer Verwechse- 
lung des reinen Verstandesob^cts mit der Erscheinung gründen. 

In Ermangelung einer solchen transscendentalen Topik, und mithin 
durch die Amphibolie der Eeflexionsbegriffe hiiitergangen, errichtete der 
berühmte LbebnIä eia intellectuelles System der Welt, oder glaubte 
vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit ssu erkennen, indem er alle 
Gegenstände nur mit dem Verstände und den abgesonderten formalen 
Begriffen seines Denkens verglich. Unsere Tafel der Refleiionsbegriffe 
schafft uns den unerwarteten VcMrtheil, das Unterscheidende seines Lehr^ 
begriffis in allen seinen Hieilen, und zugleich den leitenden Grund dieser 
eigenthümMchen Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts als 
einem Missverstande beruhte. Er verglich alle Dinge bloss durch Be- 
griffe mit eittander und fknd, wie natürlich, keine ahderen Verschieden- 
heiten als die, durch welche der Verstand seine reinen Begriffe von ein- 
ander unterscheidet. Die Bedingungen der sinnlichen Anschauung, die 
ihre eigenen Unterschiede bd sich fähren, sah er nicht für ursprünglich 
an; denn die 8innHehkeit war ihm nur eine verworrene Vorstellungsart 
und kein besonderer Quell der Vorstellungen; Erscheinung war ihm die 
Vorstdlung des Dinges an sich selbst, obgleich von der Erkenntniss 
durch den Verstand der logischen Form nach unterschieden, da nämlich S2r 
jene heü ihtem gewöhnlichen Mangel der Zergliederung eine gewisse 
Vermischung von Nebenvorstellungen in den Begriff des Dinges zieht, 
die der Verstand dav^ abzusondern weiss. Mit einem Worte: Leibkiz 
intellectuirte die Erscheinungen, so wie Locke die Verstandesbegriffe 
nach seinem Syötem der Noogonie (wenn es mir erlaubt ist, mich dieser 
Ausdrücke zu bedienen) insgesammt sensificirt, d. i. für nichts als 
empirische oder abgesonderte Eeflexionsbegriffe ausgegeben hatte. An- 
statt im Verstände und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene Quellen 
von Vorstellimgen zu suchen, die aber nur in Verknüpfung objectiv 
giltig von Dingen urtheÖen könnten, hidt sich ein jeder dieser grossen 
Männer nur an dne von beiden, die sich ihrer Meinung nach unmittel- 
bar auf Dinge an «idi selbst bezöge, indessen daas die andere nichts that 
als die Vorstellimgen der ersteren zu verwirren oder zu ordnen. 



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-238 Elementarlehre. IL Theil. I Abtheilung. IL Buch. Anhang. 

LeiSniz verglich demnach die Gregenstände der Sinne als Dinge 
überhaupt bloss im Verstände unter einander. Erstlich: so fern sie 
von diesem als einerlei oder verschieden genrtheüt werden sollen. Da 
er also lediglich ihre Begriffe und nicht ihre Stelle in der Anschauung, 
darin die Gregenstände allein gegeben werd^ können, vor Augen hatte, 
und den transscendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Objeot unter Er- 
scheinungen oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei) gänzlich aus 

:888der Acht Hess, so konnte es nicht anders ausfallen ak dass er seinen 
Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden, der bloss von Begriffen der 
Dinge überhaupt gilt, auch auf die Gregenstände der Sinne (mundu$ 
phaenomenon) ausdehnte und der Naturerkenntniss dadurch keine ge- 
ringe Erweiterung verschafft zu haben glaubte. Freilich, wenn ich einen 
Tropfen Wasser als ein Ding an sich selbst nach allen seinen inneren 
Bestimmungen kenne, so kann ich keinen derselben von dem anderen 
iiir verschieden gelten lassen, wenn der ganze Begraff desselben mit ihm 
^einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Baume, so hat er seinen Ort 
jiicht bloss im Verstände (unter Begriffen), sondern in der sinnlichen 
äusseren Anschauung (im Baume), und da sind die physisch^oi Oerter 
in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge ganz gleich^tig^ 
und ein Ort =b kann ein Ding, welches einem anderen in dem Orte 
s=a, völlig ähnlich und gleich ist, ebenso wol aufiiehmen, als wenn es 
von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die Verschieden- 
heit der Oerter macht die Vielheit und Unterscheidung der Gregenstände 
^s Erscheinungen ohne weitere Bedingungen schon ftir sich nidit allein 
möglich, sondern auch nothwendig. Also ist jenes scheinbare Glesetz 
kein Gesetz der Natur. Es ist lediglich eine analytische Begel oder 
Vergleichung der Dinge durch blosse Begriffe. 

Zweitens: der Grundsatz, dass Eealitäten (als blosse Bejahungen) 
einander niemals logisch widerstreiten, ist ein ganz wahrer Satz von dem 

:«i9 Verhältnisse der Begriffe, bedeutet aber weder in Ansehung der Natur 
noch überall in Ansehung irgend eines Dinges an sich selbst (von diesem 
haben wir gar keinen Begriff) das mindeste. Denn der reale Wider- 
streit findet allerwärts statt, wo A — B = ist, d. L wo eine Eealität 
mit der anderen in dnem Subject verbunden eine die Wirkung der an- 
deren aufhebt, welches alle Hindemisse und Gegenwirkungen in der 
.Natur unaufhörlich vor Augen legen, die gleichwol, da sie auf Kräften 



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Von der AmphiboUe der R^exionsbegriffe. 239 

bemhen, redUtates phaenomma genannt werden müssen. Die allgemeine 
Mechanik kann sogar die empirische Bedingung dieses Widerstreits in 
einer Kegel a priori angeben, mdem sie auf die Entgegensetzung der 
Richtungen sieht, eine Bedingung, von welcher der transscendentale Be- 
griff der Realität gar nichts weiss. Ohzwar Herr von Leibmiz dies^ 
Satz nicht eben mit dem Pomp eines neuen Grundsatzes ankündigte, so 
bediente er sich doch desselben zu neuen Behauptungen, und seine 
l^achfolger trugen ihn ausdrücklich in ihre Lbibniz- Wölfischen Lehr- 
^häude ein. Nach diesem Grundsatze sind z. B. alle Uebel nichts als 
Folgen von den Schranken der Geschöpfe, d. i Negationen,- weil diese 
das einzige Widerstreitende der Realität sind (in dem blossen Begriffe 
eines Dinges überhaupt ist es auch wirklich so, aber nicht in den Dingen 
als Erscheinungen). Imgleichen finden die Anhänger desselben es nicht 
allein möglich sondern auch natürlich, alle Realität ohne irgend einen 
besorgHchen Widerstreit in einem Wesmi zu vereinigen, weil sie keinen 330 
anderen als den des Widerspruchs (durch d^i der Begriff eines Dinges 
selbst aufgehoben wird), nicht aber den des wechselseitigen Abbruchs 
kennen, da ein Realgrund ^\a Wirkung des anderen aufhebt, und dazu 
wir nur in der Sinnlichkeit die Bedingungen antreffen, uns einen solchen 
vorzustellen. 

Drittens: die Lbibnizisghe Monadologie hat gar kein^i anderen 
Grund, als dass dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und 
Aeusseren bloss im Verhältniss auf den Verstand vorstellte. Die Sub- 
stanzen überhaupt müssen etwas Inneres haben, was also von allen 
äusseren Verhältnissen, folglich auch der Zusammensetzung frei ist. 
Das Einziehe ist also die Grundlage des Inneren der Dinge an sich 
selbst. Das Innere aber ihres Zustandes kann auch nicht in Ort, Gestalt, 
Berührung oder Bewegung (welche Bestimmungen alle äussere Verhält- 
nisse sind) bestehen, und wir können daher den Substanzen keinen an- 
deren inneren Zustand als denjenigen, wodurch wir unseren Sinn selbst 
innerlich bestimmen, nämlich den Zustand der Vorstellungen beilegen. 
80 wurden denn die Monaden fertig, weldie den Grundstoff des ganzen 
Universum ausmachen sollen, deren thätige Kraft aber nur in Vorstel- 
lungen besteht, wodurdi sie eigentlich bloss in sich selbst wirksam sind. 
Eben darum musste aber auch sein Prindpium der möglichen Ge- 
meinschaft der Substanzen unter einander eine vorherbestimmte ssi 



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240 Elementarlehre. II. Theil. I. Abtheilung. n. Buch. Anhang. 

Harmonie, und konnte kein physischer Einfluss sein. Denn weil alles 
nur innerlich, d. i mit seinen Yorstdlungen bescbüftigt ist, so konnte 
der Zustand der Vorstellungen der einen mit dem der anderen Substanz 
in ganz und gai kdner wirksamen Verbindung stehen, sandem es muBSte 
irgend eine dritte und in alle insgesaaoamt einfÜessende Ursache ihre Zu- 
stände einandei- correspondirend mctdien, zwar nicht eben durch gelegent- 
lichen und in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand 
(Syatema assütentuie) , sondern durch die I^nheit der Idee einer fOr all& 
giltigen Ursache, in welcher sie insgesammt ihr Dasein und BeharrHoh- 
keit, mithin aucii wedisclscitige Oorrespondenz unter einander nach all- 
gemeinen GesetzeL bekommen mtissen. 

Viertens: der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit undRaum, 
darin er diese Formen der Sinnlichkdt intellectuirte, war lediglich aus 
eben derselben Täuschtmg der transscendentalen Reflexion entsprungen. 
Wenn ich mir durch den blossen Verstand äussere Verhältnisse der 
Dinge vorstellen will, so kann dieses nur vermittelst eines Begriffs ihrer 
wechselseitigen Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand eben 
desselben Dinges mit einem anderen Zustande verknüpfen, so kann dieses 
nur in der Ordnung der Gründe imd Folgen geschehen. So dachte sich 
also Leibniz den Raum als eine gewisse Ordnung in der Gemeinschaft, 
der Substanzen, und die Zeit als die dynamische Folge ihrer Zustände. 
438 Das Eigenthümliche aber und von Dingen Unabhängige, was beide an 
sich zu haben scheinen, schriel er der Verworrenheit dieser Begi-iffe 
zu, welche machte, dass dasjenige, was eine blosse Form dynamischer 
Verhältnisse ist, für eine eigene für sich bestehende und vor den Dingen , 
selbst vorhergehende Anschauung gehalten wird. Also waren Raum und 
Zeit die int^gibele Form der VerknüpAmg der Dinge (Substanzen 
und ihrer Zustände) an sich selbst Die Dinge aber wareh intelligibele 
Substanzen {atthstantme naumena). Gleichwol wollte er diese Begriffe fUr 
Erscheunmgen geltend machen, weil er der Sinnlichkeit keine eigene Art 
der Anschauung zugestand, sondern alle, selbst die empirische Vorstel- 
lung der Gegenstände im Verstände suchte, und den Sinnen nichts als 
das verächtliche Geschäft Hess, die Vorstellungen des ersteren zu ver- 
wirren und zu verunstalten. 

Wenn wif aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch 
den reinen Verstand synthetisch sagen könnten (welches gleichwol un- 



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Von der Amphibolie der Boflexionsbegriflfe. 241 

möglicli ist), so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche 
mcht Dinge an sich selbst vorstellen, bezogen werden könn^i. Ich 
werde also in diesem letzteren Falle in der transscendentalen lieber- 
legung meine Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlich- 
keit vergleichen müssen, und so werden Eaum und Zeit nicht Bestim- 
mungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein; was die 
Dinge an sich sein mögen, weiss ich nicht, und brauche es auch nicht 
zu wissen, weil mir doch niemals em Ding anders aU in der Erscheinung s33 
vorkommen kann. 

So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die 
Materie ist 8ub$tanim phaemmemm. Was ihr innerlich zukomme, suche 
ich in allen Theilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wir- 
kungen, die sie ausübt, imd die freilich nur immer Erscheinungen äusse- 
rer Sinne sein können. Ich habe also zwar nichts schlechthin sondern 
lauter comparativ Innerliches, das selber wiederum aus äusseren Ver- 
hältnissen besteht. Allein daeu schlechthin, dem reinen Verstände nach 
Innerliche der Materie ist auch eine blosse Grille; denn diese ist überall 
kein Gregenstand fiir den reinen Verstand, das transscendentale Objeet 
aber, welches der Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir Materie 
nennen, ist ein blosses Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, 
was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte. Denn wir können 
nichts verstehen, als was ein unseren Worten Correspondirendes in der 
Anschauung mit sich führt. Wenn die Klagen: Wir sehen das Innere 
der Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten sollen als, wir begreifen 
nicht durch den reinen Verstand, was die Dinge, die uns erscheinen, an 
sich sein mögen, so sind sie ganz unbillig imd unvernünftig', denn sie 
wollen, dass man ohne Sinne doch Dinge erkennen, mithin anschauen 
könne, folglich dass wir ein von dem m^Mchlichen nicht bloss dem 
Grade, sondern sogar der Anschauung und Art nach gänzlich unter- S34 
schiedenes Erkenntnissvermögen haben, also nicht Menschen, sondern 
Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht angeben können, ob sie 
einmal möglich, viel weniger wie sie beschaffen seien. Ins Innere der 
Natur dringt Beobachtung und Zergjiederung der Erscheinungen, und 
man kann nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen werde. Jene 
transscendentalen Fragen aber, die über die Natur hinausgehen, würden 
wir bei allem dem doch niemals beantworten können, wenn uns auch 

Kaht's Kritik der reinen Vernunft. 16 



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242 Elementarlehre. EL. Theil. 1 Abtheilung. IL Buch. Anhang. 

die ganze Natur aufgedeckt wäre, da es uns nicht einmal gegeben ist, 
unser dgenes G^müth mit einer anderen Anschauung als der unseres 
inneren Sinnes zu beobachten. Denn in demselben liegt das Greheimniss 
des Ursprungs unserer Sinnlichkeit Ihre Beziehung auf ein Object, und 
was der transscendentale Grund dieser Einheit sei, liegt ohne Zwdfel zu 
tief verboi'gen, als dass wir, die wir sogar uns selbst nur dur(^ inneren 
Sinn, mithin als Erscheinung kennen, ein so unschickliches Werkzeug 
unserer Nachforschung dazu brauchen könnten, etwas Anderes als immer 
wiederum Erscheinungen aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache wir 
doch gern erforschen wollten. 

Was diese Kritik der Schlüsse aus den blossen Handlungen der 
Reflexion überaus nützlich macht, ist, dass sie die Nichtigkeit aller 
Sclüüsse über Gegenstände, die man lediglich im Verstände mit einander 
vergleicht, deutlich darthut, und dasjenige zugleich bestätigt, was wir 

<j35 hauptsächlich eingeschärft haben, dass, obgleich Erscheinungen nicht als 
Dhige an sich selbst unter den Objecten^des reinen Verstandes mit be- 
griffen sind, sie doch die einzigen sind, an denen unsere Erkenntniss 
objective Realität haben kann, uämlich wo den Begriffen Anschauung 
entspricht 

Wenn wir bloss logisch reflectiren, so vergleichen wir lediglich 
unsere Begriffe unter einander im Verstände, ob beide eben dasselbe 
enthalten, ob sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem Begriffe 
innerlich enthalten sei oder zu ihm hinzukomme, und welcher von beiden 
gegeben, welcher aber nur als eine Art den gegebenen zu denken gelten 
soll. Wende ich aber diese Begriffe auf einen Gegenstand überhaupt 
(im transscendentalen Verstände) an, olme diesen weiter zu bestimmen, 
ob er ein Gegenstand der sinnlichen oder intellectuellen Anschauung sei, 
so zeigen sich sofort Einschränkungen (nicht aus diesem Begriffe hinaus- 
zugehen), welche allen empirischen Gebrauch derselben verkehren und 
eben dadurch beweisen, dass die Vorstellung eines Gegenstandes als 
Dinges überhaupt nicht etwa bloss unzureichend, sondern ohne sinn- 
liche Bestimmung derselben und imabhängig von empirischer Bedingung 
in sich selbst widerstreitend sei, dass man also entweder von allem 
Gegenstande abstrahiren (in der Logik) oder, wenn man einen annimmt, 
ihn unter Bedingungen der sinnlichen Anschauung denken müsse, mithin 

S3C das Intelligibele eine ganz besondere Anschauung, die wir nicht haben. 



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Von der Amphibolie der Beflexionsl^iBgriffe. 243 

erfordern würde und in Ermangelung derselben für uns nichts sei, 
dag^ön aher audi die Erscheinungen nicht Gegenstände an sich selbst 
sein können. Denn, wenn ich mir bloss Dinge überhaupt denke, so kann 
fireilich die Verschiedenheit der äusser^i Verhältnisse nicht eine Ver- 
fichiedenh^t der Sachra selbst ausmachen, sondern setzt diese vielmehr 
vorauß; und wenn d«r Begriff von dem ein^i innerlich von dem des 
anderen gar nicht unterschieden ist, so setze ich nur ein imd dasselbe 
Ding in verschiedene VerhiQtnisse. Ferner, durch Hinzukunft einer 
blossen Bejahung (Kealität) zur anderen wird ja das Positive vjBrmehrt, 
und ihm nichts entzogen oder aujfgehoben; daher kann das Heale in 
Dingen überhaupt einander nicht widerstreiten u. s. w. 



Die Begriffe d^ Eeflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine 
gewisse Ttfissdeutung einen solchen Einfluss auf den Verstandesgebrauch, 
dass sie sogar einen der scharfsinnigsten unter allen Philosophen zu 
ein^n vermeinten System intellectueller Erkenntniss, welches seine Gre- 
genstände ohne Dazukunft der Sinne zu bestimmen unternimmt, zu ver- 
leiten im Stande ge^^esen. Eben um deswillen ist die Entwickelung der 
täuschenden Ursache der Amphibolie dieser Begriffe in Veranlassung 
falscher Grundsätze von grossem Nutzen, die Grenzen des Verstandes 
zuverlässig zu bestimmen und zu sichern. 

Man muss zwar sagen: was einem Begriff allgemdn zukommt, oder 837 
widerspricht, das kommt auch zu oder widerspricht allem Besonderen, 
was unter jenem Begriff enthalten ist (dictum ds omni et nulio)] es wäre 
aber ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern, dajss er 
80 lautete: was in einem cdlgemeinen Begriffe nicht enthalten ist, das ist 
auch in den besonderen nicht enthalten, die unter demselben stehen; denn 
diese sind eben darum besondere Begriffe, weil sie mehr in sich enthalten,^ 
als im allgemeinen gedacht wird. Nun ist doch wirklich auf diesen 
letzteren Grundsatz das ganze intellectueUe System Leibnizbns erbaut; 
es föllt also zugleich mit demselben, sammt aller aus ihm entspringenden 
Zwddeutigkeit im Verstandesgebranche. 

Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sieh eigentlich auf 
die Voraussetzung, dass, wenn in dem Begriffe von einem Dinge über- 
haupt eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch 
nicht in den Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle Dinge völlig 

16* 



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244 Elementarlehre, ü. Theil. I. Abtheihmg. II. Buch. Anhang. 

einerlei {numero eadefn), die sich nicht schon in ihrem Begriffe (der Quali- 
tät oder Quantität nach) von einander unterscheiden. Weil aber bei dem 
blossen Begriffe von irgend einem Dinge von manchen nothwendigen 
Bedingungen seiner Anschauung abstrahirt worden, so wird durch eine 
sonderbare Uebereilung das, woVon abstrahirt wird, daftlr genommen, 

833dass es überall nicht anzutreffen sei, und dem Dinge nichts eingeräumt, 
als was in seinem Begriffe enthalten ist. ~ ■ 

Der Begriff von einem Kubikfusse Eaum, ich mag mir diesen denken, 
wo und wie oft ich wolle, ist. an sich völlig einerlei. Allein zwei Kubik- 
ftisse sind im Baume dennoch bloss durch ihre Oerter unterschieden 
{num&i'o dwersa)^ diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das 
Object dieses Begriffs gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch 
zur ganzen Sinnlichkeit gehören. Gleicher GTestalt ist in dem Begriffe von 
einem Dinge gar kein Widerstreit, wenn nichts Verneinendes mit einem 
Bejahenden verbunden worden; und bloss bejahende Begriffe können in 
Verbindung gar keine Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen 
Anschauung, darin Realität (z. B. Bewegung) gegeben wird, finden sich 
Bedingungen (entgegengesetzte Richtungen), von denen im Begriffe der 
Bewegung überhaupt abstrahirt war, die einen Widerstrdt, der freilich 
nicht logisch ist, nämlich aus lauter Positivem ein Zero = möglich 
machen, und man könnte nicht sagen, dass darum alle Realität unter 
einander in Einstimmung sei, weil unter ihren Begriffen kdn Widerstreit 

339 angetroffen wird.* Nach blossen Begriffen ist das Innere das Substratum 
aller Verhältniss- oder äusseren Bestimmungen. Wenn ich also von allen 
Bedingungen der Anschauung abstrahire, ulid mich lediglich an den Be- 
griff von einem Dinge überhaupt halte, so kann ich von allem äusseren 
Verhältniss abstrahiren, und es muss dennoch ein Begriff von dem übrig 
bleiben, das gar kein Verhältniss, sondern bloss innere Bestimmungen 



* Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen, dass wenigstens 
realitates noumena einander nicht entgegen wirken können, so müsste man doch ein 
Beispiel von dergleichen reiner und sinnenfreier Realität anfuhren, damit man ver- 
stände, ob eame solche überhaupt etwas oder gar nichts vorstelle. Aber es kann 
kein Beispiel woher anders als aus der Erfahrung genommen werden, die niemals 
mehr als pJiaenomena darbietet, und so bedeutet dieser Satz nichts weiter, als dass 
den Begriff, der lauter Bejahungen enthält, nichts Verneinendes enthalte; ein Satz, 
' an dem wii* niemals gezweifelt haben 



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Von der AmphiboHe der R^exionsbegriflfe. 245 

bedeutet. Da scheint es nun, es folge daraus, in jedem Dinge (Substanz) 
sei etwas, was schleclithin innerlich ist und allen äusseren Bestimmungea 
vorgeht, indem es sie allererst möglich macht; mithin sei dieses Substra- 
tum 80 etwas, das keine äusseren Verhältnisse mehr in sich enthält, 
folglich einfach (denn die körperlichen Dinge sind doch immer nur Ver- 
hältnisse, wenigstens der Theüe ausser einander); und weil wir keine 
schlechthin inn^:en Bestimmungen kamen als die durch unserai inneren 
Sinn, so sei dieses Substratum nicht allem dnfach, sondern auch (nach 
der Analogie mit unserem inneren Sinn) durch Vorstellungen bestimmt, 
d. i. alle Dinge wären eigen^ch Monaden oder mit Vorst^ungen be-340 
gabte einfache Wesen. Dieses würde auch «dies seine Richtigkeit haben, 
gdiörte nicht etwas mehr als der Begriff von einem Dinge überhaupt zu 
den Bedingungen, unter denen alkin uns Gregenstände der äusseren Aur 
schauung g^ben werden können, und von denai der reine Begriff abs^ 
trahirt. Denn da zeigt sich, dass eine beharrliche Erscheinung im 
Räume (undurchdringliche Ausdehnung) lauter Verhältnisse und gar 
nichts scMedithin Innerliches enthalten und dennoch das erste Substra- 
tum aller äusseren Wahrnehmung sein könne. Durch blosse Begriffe 
kann ich freilich ohne etwas Inneres nichts Aeuss^es denken, eben darum, 
weil Veihältnissbegriffe doch schlechthin gegebmie Dinge voraussetzen 
und ohne diese nicht möglich sind. Aber da in der Anschauung etwas 
enthalten ist, was im blossen Begriffe von einem Dinge überhaupt gar 
nicht li^t, und dieses das Substratum, welches durch blosse Begriffe gar 
nicht erkannt werden würde, an die Hand giebt, nämlich einen Raum, 
der mit allem, was er enthält, aus lauter formalai oder auch realen Ver- 
hältnissen besteht, so kann ich nicht sagen: weil ohne ein schlechthin 
Inneres kein Ding durch blosse Begriffe vorgestdlt werden kann, so 
sei auch in den Dingen selbst, die unter diesen Begriffen enthalten seien, 
und ihrer Anschauung nichts Aeusseres, dem nicht etwas schlechthin 
Iimerliches zum Grunde läge. Denn, wenn wir von allen Bedingimgen 
der Anschauung abstrahirt haben, so Ueibt uns freilich im blossen Be-3iL 
griffe nichts übrig als das Innere überhaupt und das Verhältniss des- 
selben unter einander, wodurch allein das^ Aeussere möglich ist. Diese 
Nothwendigkeit aber, die sich allein auf Abstraction gründet, findet nicht 
bei den Dingen statt, so fem sie in der Anschauung mit solchen Be- 
stimmungen gegeben werden, die blosse Verhältnisse ausdrücken, ohne 



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246 Elementarlehre, ü. Th^. L Abtheilnng. IL Buch. Anhang. 

etwas Inneres zum Grunde zu habai, darum, weil sie nicht Diijge an 
sich selbst sondern lediglich Erscheinungen sind. Was wir auch nur au 
der Materie kennen, sind lauter Verhältnisse (das, was wir innere Be- 
stimmungen derselben nenn^ ist nur comparatir innerlich), aber es sind 
darunter selbständige und beharrliche, dadurch uns ein bestimmter Ge- 
genstand gegeben wird. Dass ich, wenn ich Yx>n diesen Verhältnissen 
abstrahire, gar nichts weiter zu denken habe, hebt den Begriff von dnem 
Dinge als Erscheinung nicht auf, auch nicht d«i Be^iff von einem Ge- 
genstande m ahstraotOy woi aber alle Möglichkeit eines sol«ehen, der nach 
blossen Begriffen bestimmbar ist, d. L eines Noumenon. Fr^ch macht 
es stutzig zu hören, dass em Ding ganit und gar aus Verhältnissen be- 
stehen solle, aber ein soldies Ding ist auch blosse Erscheinimg und kann 
gar nicht dnrch reine Kategorien gedacht werden; es besteht selbst in 
dem blossen Verhältnisse von Etwas überhaupt zu den Sinnen. Ebenso 
kann man die Verhältnisse der Dinge in abstracto^ wenn man es mit 
342 blossen Begriffen anföngt, wol nicht anders denken, als dass eines die 
Ursache von Bestimmungen in d^n anderen sei; d^m das ist imser Ver- 
standesbegriff von Verhältnissen selbst. Allein, da wir alsdann von aller 
Anschauung abstrahiren, so lallt eine ganze Art, wie das Mannigfaltige 
einander seinen Ort bestimmen kann, nämlieb die Form der Sinnlichkeit 
(der Eaum) weg, der doch vor aller empirischen Causalität vorhergelit. 
Wenn wir unter bloss intelligibelen Glegenötänden diejenigen Dinge 
verstehen, die durch reine Kategorien ohne edles Schema der Sinnlichkeit 
gedacht werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die Bedingung 
des objectiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbegriffe ist bloss die 
Art unserer sinnliehen Anschauung, wodurch tms Gegenstände gegeben 
werden, und wenn wir von der letzteren abstrahiren, so habwi die erste- 
ren gar keine Beziehung auf irgend ein Object. Ja wenn man auch eine 
andere Art der Anschauung, als diese uns^e sinnliehe ist, anndimen 
wollte, so würden doch unsere Functionen zu denken in Ansehung der* 
selben von gar keiner Bedeutung sein. Verstehen wir darunter nur Ge- 
genstände dner nichtsinnlichen Anschauung, von denen unsere Kate^ 
gorien zwar freilich nfeht gelten, und von denen wir also gar keine Er- 
kenntniss (weder Anschauung noch Begriff) jemals haben können, so 
müssen Noumena in dieser bloss negativen Bedeutung allerdings zuge- 
lassen werden; da sie denn nichts Anderes sagen, als dass unsere Art 



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Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe. 247 

der Anschauung nicht auf alle Dinge, sondern bloss auf Gegenstände 343 
unserer Sinne geht, folglich ihre objective Giltigkeit begrenzt ist, und 
mi thin für irgend eine andere Art Anschauung, und also auch fär Dinge 
als Objecte derselben Platz . übrig bleibt. Aber alsdann ist der Begriff 
eines Noumenon problematisch, d. i. die Vorstellung eines Dinges, von 
dem wir weder sagen können, dass es möglich noch dass es unmöglich 
sei, indem wir gar keine Art der Anschauung als unsere sinnliche kennen, 
und keine Art der Begriffe als die Kategorien, keine von beiden aber 
einem aussersinnlichen Gegenstände angemessen ist Wir können daher 
das Feld der Gegenstände unseres Denkens über die Bedingungen unse- 
rer Sinnlichkeit darum noch nicht positiv erweitem, und ausser den Ei> 
scheinungen noch Gegenstände des reinen Denkens d. i. Noumena an- 
nehmen, weil jene keine anzugebende positive Bedeutung haben. Denn 
man muss von den Kategorien eingestehen, dass sie allein noch nicht zur 
Erkenntniss der Dinge an sich selbst zureichen und ohne die data der 
Sinnlichkeit bloss subjective Formen der Verstandeseinheit, aber olme 
Gegenstand sein würden. Das Denken ist zwar an sich kein Product 
der Sinne, imd so fem durch sie auch nicht eingeschränkt, aber darum 
nicht sofort von eigene« imd reinem Gebrauche ohne Beitritt der Sinn- 
lichkeit, weil es alsdann ohne Object ist. Man kann auch das Noumenon 
nicht ein solches Object nennen; denn dieses bedeutet eben den proble- 
matisch^i Begriff von einem Gegenstande für eine ganz andere Anschau- 3i\ 
ung und einen ganz anderen Verstand als den unsrigen, der mithin selbst 
ein Problem ist. Der Begriff des Noum^ion ist also nicht der Begriff 
von einem Object, sondern die unvermeidlich mit der Einschränkung 
unserer Sinnlichkeit zusanunenhängende Aufgabe, ob es nicht von jener 
ihrer Anschauung ganz entbundene Gegenstände geben möge; welche 
Frage nur unbestimmt beantwortet werden kann, nämlich dass, weil die 
sinnliche Anschauung nicht auf alle Dinge ohne Unterschied geht, fiir 
mehr und andere Gegenstände Platz übrig bleibe, sie also nicht schlecht- 
hin abgeleugnet, in Ermangelung eines bestimmten Begriffs aber (da 
keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht ab Gegenstände für un- 
seren Verstand behauptet werden können. 

Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein 
eigenes Feld zu erweitem, imd indem er jene warnt, dass sie sich nicht 
anmasse, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf Er- 



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248 Elementarlehre. U. TheiL 1. Abtheilung, IL Buch. Anhang. 

Bcheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur 
als transscendentales Object, das die Ursache der Erscheinung (mithin 
selbst nicht Erscheinung) ist und weder als Grösse noch als Eealität 
noch als Substanz u. s. w. gedacht werden kann (weil diese Begriffe inuner 
sinnliche Formen erfordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen); 
wovon also völKg unbekannt ist, ob es in uns oder auch ausser uns an- 
zutreffen sei, ob es mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben werden oder, 

815 wenn wir jene wegnehmen, noch übrig bleiben würde. Wollen wir dieses 
Object Noumenon nennen, darum, weil die Vorstellimg von ihm nicht 
sinnlich ist, so steht dieses uns frei. Da wir aber keine von unseren 
Verstandesbegriffen darauf anwenden können, so bleibt diese Vorstellung 
doch fiir ims leer, und dient zu nichts als die Grenzen unserer sinnlichen 
Erkenntniss zu bezeichnen und einen Kaum übrig zu lassen, den wir 
weder durch mögliche Erfahrung noch durch den reinen Verstand aus- 
ftillen können. 

Die Kritik dieses reuien Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein 
neues Feld von Gegenständen ausser denen, die ihm als Erscheinungen 
vorkommen können, zu schaffen und in intelligibele Welten, sogar nicht 
einmal in ihren Begriff auszusehweifen. Der Fehler, welcher hierzu auf 
die aller scheinbarste Art verleitet, und allerdings entschuldigt, obgleich 
nicht gerechtfertigt werden kann, liegt darin, dass der Gebrauch des 
Verstandes wider seine Bestimmung transseendental gemacht wird, und 
die Gegenstände d. i. mögliche Anschauungen sich nach Begriffen, nicht 
aber Begriffe sich nach möglichen Anschauungen (als auf denen allein 
ihre objective Giltigkeit beruht) richten müssen. Die Ursache hiervon 
aber ist wiederum, dass die Appereeption und mit ihr das Denken vor 
aller möglichen bestimmten Anordnung der Vorstellungen vorhergeht. 
Wir denken also etwas überhaupt, und bestimmen es einerseits sinnlich, 

846 allein unterscheiden doch den allgemeinen und in abstracto vorgestellten 
Gegenstand von dieser Art ihn anzuschauuen; da bleibt uns nun eine 
Art, ihn bloss durch Denken zu bestimmen, Übrig, welche zwar eine 
blosse logische Form ohne Inhalt ist, uns aber dennoch eine Art zu sein 
scheint, wie das Object an sich existire (Noumenon), ohne auf die 
Anschauung zu sehen, welche auf unsere Sinne eingeschränkt ist. 



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Von der AmphiboHe der Beflexionsbegriffe. 249 

Ehe wir die transscendentale Analytik verlassen, müssen wir noch 
etwas hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher Erheb- 
lichkeit, dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich scheinen 
dürfte. Der höchste Begriff, von dem man eine Transscendentalphilo- 
Sophie anzufangen pflegt, ist gemeiniglich die Eintheilung in das Mög- 
liche und Unmögliche. Da aber alle Eintheilung dnen eingetheilten 
Begriff voraussetzt, so muss noch ein hohler angegeben werden, und 
dieser ist der Begriff von einem Gegenstande Überhaupt (problematisch 
genommen und imausgemacht, ob er etwas oder nichts sei). Weil die 
Kategorien die einzigen Begriffe sind, die sich auf Gegenstände überhaupt 
beziehen, so wird die Unterscheidung eines Gegenstandes, ob er etwas oder 
nichts sei, nach der Ordnung und Anweisung der Kategorien fortgehen. 

1) Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles auf-S47 
hebt, d. i. Keines, entgegengesetzt, und so ist der Gegenstand 
eines Begrifib, dem gar k^e anzugebende Anschauung correspon- 
dirt, = nichts d. i. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die Nou- 
mena, die nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden können, ob- 
gleich auch darum nicht für unmöglich ausgegeben werden müssen 
{ens rati(mü)\ oder wie etwa gewisse neue Grundkräfte, die man sich 
denkt, zwar ohne Widerspruch, aber auch ohne Beispiel aus der 
Er£Edirung gedacht werden, und abo nicht unter die Möglichkeiten 
gezählt werden müssen. 

2) Bealität ist etwas, Negation ist nichts, nämlich ein Begriff von 
dem Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte {nihil 
privativum), 

3) Die blosse Form der Anschauung, ohne Substanz, ist an sich kein 
Gegenstand, sondern die bloss formale Bedingung desselben (als 
Erscheinimg), wie der reine Kaum und die reine Zeit, die zwar 
etwas sind als Formen anzuschauen, aber selbst keine Gegenstände 
sind, die angeschaut werden {ms imaginarium). 

4) Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist nichts, 343 
weil der Begriff nichts ist, das Unmögliche, wie etwa die geradlinige 
Figur von zwei Seiten {nihü negativum). 

Die Tafel dieser Eintheilung des Begriffs von Nichts (denn die 
dieser gleichlaufende Eintheilung des Etwas folgt von selber) würde daher 
80 angelegt werden müssen: 



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250 Elementarlebre. H. Theil. I. Abtheilong, IL Buch. Anhang. 

Nichts 

als 

1. 

Lea^^ Begriff ohne Gregenstand, 

ens rattonü. 

2. 3. 

Leerer Gegenstand eines Leere Anschauung ohne 

Begriffs, * Gregenstand, 

nihil privativum, ens imagtnarium. 

4. 

Leerer Gegenstand ohne Begriff, 

nihil negativum. 

Man sieht, dass das Gedankending (No. 1.) von dem Undinge 
(No. 4.) dadurch unterschieden werde, dass jenes nicht unter die Mög- 
lichkeiten gezählt werden darf, weil es bloss Erdichtung (obzwar nicht 
widersprechende) ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt ist, in- 
349 dem der Begriff sogar sich selbst aufhebt. Beide sind aber leere Begriffe. 
Dagegen sind das ntkü privativum (No. 2.) und ens imaginarium (No. 3.) 
leere data zu Begriffen. Wenn das Licht nicht den Sinnen gegeben 
worden, so kann man sich auch keine Finstemiss, und, warn nicht aus- 
gedehnte Wesen wahrgenommen worden, keinen Kaum vorstellen. Die 
Negation sowol ab die blosse Form der Anschauung sind ohne ein Re- 
ales keine Objecto. 



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Der 

transscendentalen Logik 
zweite Abtheilung. 

Die transscendentale Dialektik. 



Einleitung. 

I. Vom transscendentalen Schein. 

Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins 
genannt Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlich- 
keit; denn diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, 
deren Erkenntniss also aswar mangelhaft, aber darum doch mchi trtiglieh 
ist, und mithin von dem analytischen Theile der Logik nicht getrennt 
werden muss. Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein Mr 
einerld gehalten werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im 30a 
Gegenstande, so fem er angeschaut wird, sondern im Urtheile über den- 
selbei, so fem er gedacht wird. Man kann also zwar richtig sagen, dass 
die Sinne nicht irren, aber nicht darum, weil sie jederzeit richtig urtheilen, 
sondern weil sie gar nicht urtlieilen. Daher sind Wahrheit sowol als 
irrthum, mithin auch der Schein als die Verleitung zum letzteren nur 
im UrÜieile, d. i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu miserem 
Verstände anzutreffen. In einer Erkenntniss, die mit den Verstandes- 
gesetzen durchgängig zusanmienstimmt, ist kein Lrthum. In einer Vor- 
stellung der Sinne ist (weil sie gar kein Urtheil enthält) auch kein Irr- 
thum. Keine Kraft der Natur kann aber von selbst ^^on ihren eigenen 
Gesetzen abweichen. Daher würden weder der Verstand für sich allein 
(ohne Einfluss einer anderen Ursache), noch die Sinne ftir sich irren; 



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"252 Elementarlehre, U. Theil. IL Abtheüung. Transsc. Dialektik. 

der erstere darum nicht, weil, wenn er bloss nach seinen Gesetzen handelt, 
die Wirkung (das Urtheil) mit diesen Gesetzen nothwendig übereinstim- 
men muss. In der Uebereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes 
besteht aber das Formale aller Wahrheit. In den Sinnen ist gar kein 
Urtheil, weder ein wahres noch falsches. Weil wir nun ausser diesen 
beiden Erkenntnissquellen keine anderen haben, so folgt, dass der Irr- 
thum nur durch den unbemerkten Einfluss der Sinnlichkeit auf den 
Verstand bewirkt werde, wodurch es geschieht, dass die subjectiven 

^51 Gründe des Urtheils mit den objeotivai zusammenfliessen und diese 
von ihrer Bestimmung abweichend machen,* so wie ein bewegter Körper 
zwar för sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten 
würde, die aber, wenn eine andere Kraft nach einer anderen Richtung 
zugleich auf ihn einfliesst, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um 
die eigenthümliche Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit 
einmengt, zu unterscheiden, wird es daher nöthig sein, das irrige Urtheil 
als die Diagonale zwischen zwei Kräften anzusehen, die das Urtheil nach 
zwei verschiedenen Richtungen bestimmen, die gleichsam einen Winkel 
einschliessen, und jene zusammengesetzte Wirkung in die einfache des 
Verstandes und der Sinnlichkeit aufzulösen, welches in reinen Urtheilen 
a priori durch transscendentale Ueberlegung geschehen muss, wodurch 
(wie schon angezeigt worden) jeder Vorstellung ihre Stelle in der ihr 
angemessenen Erkenntnisskraft angewiesen, mithin auch der Einfluss der 
letzteren auf jene unterschieden wird. 

Unser Geschäft ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z. B. dem 

852 optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche sonst 
richtiger Verstandesregeln vorfindet, imd durch welchen die Urtheils- 
kraft, durch den Einfluss der Embildung, verleitet wird, sondern wir 
haben es mit dem transscendentalen Scheine allein zu thun, der 
auf Grundsätze einfliesst, deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung 
angelegt ist, als in welchem Falle wir doch wenigstens einen Probirstein 
ihrer Richtigkeit haben würden, sondern der uns selbst wider alle War- 
nungen der Kritik gänzlich über den empirischen Gebrauch der Kate- 



• Die Sinnlichkeit, dem Verstände untergelegt als das Object, worauf dieser 
seine Function anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse. Eben dieselbe aber, so 
fem sie auf die Verstandeshandlung selbst einfliesst und ihn zum Urtheilen bestimmt, 
ist der Grund des In*thums. 



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Einleitung. 253" 

gorien wegführt und uns mit dem Blendwerke einer Erweiterung des 
reinen Verstandes hinhält. "Wir wollen die Grundsätze, deren An- 
wendung sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung hält, 
immanente, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen sollen, 
transscendente Grundsätze nennen. Ich verstehe aber unter diesen 
nicht den transscendentalen Gebrauch oder Missbrauch der Kate- 
gorien, welcher ein blosser Fehler der nicht gehörig durch Kritik gezü- 
gelten Urtheilskraft ist, die auf die Grenze des Bodens, worauf allein 
dem reinen Verstände sein Spiel erlaubt ist, nicht genug Acht hat; 
sondern wirkliehe Grundsätze, die uns zumuthen, alle jene Grenzpföhle 
niederzureissen und uns einen ganz neuen Boden, der überall keine De- 
marcation erkennt, anzumassen. Daher sind transscendental und 
transscendent nicht einerlei. Die Grundsätze des reinen Verstandes, 
die wir oben vortrugen, sollen bloss von empirischem und nicht von 
transscendentalem, d. i. über die Erfahrungsgrenze hinausreichendem 35a. 
Grebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese Schranken wegnimmt, 
ja gar gebietet sie zu überschreiten, heisst transscendent. Kann un- 
sere Kritik dahin gelangen, den Schein dieser angemassten Grundsätze 
aufzudecken, so werden jene Grundsätze des bloss empirischen Gebrauchs 
im Gegensatz mit den letzteren immanente Grundsätze des reinen Ver- 
standes genannt werden können. 

Der logische Schein, der in der blossen Nachahmung der Vemunfb- 
form besteht (der Schein der Trugschlüsse) entspringt lediglich aus einem 
Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. Sobald daher diese auf 
den vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der 
ti'ansscendentale Schein dagegen hört gleichwol nicht auf, ob man ihn 
schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transscendentale Kiitik 
deutlich eingesehen hat (z. B. der Schein in dem Satze*: die Welt muss 
der Zeit nach einen Anfang habeu;. Die Ursache hiervon ist diese, dass 
in unserer Vernunft (subjectiv als ein menschliches Erkenntnissvermögen 
betrachtet) Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs liegen, welche 
gänzlich das Ansehen objectiver Grundsätze haben, und wodurch es ge- 
schieht, dass die subjective Nothwendigkeit einer gewissen Verknüpfimg 
unserer Begriffe zu Gunsten des Verstandes für eine objective Nothwen- 
digkeit der Bestimmung der Dinge an sich selbst gehalten wird. Eine 
Illusion, die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig als wir es vermeiden S54. 



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254 Elementarlehre. II. Theil. II. Abtheilung. Transsc. Dialektik.. 

können, dajss uns das Meer in der Mitte nicht höher schdne, wie an dem 
Ufer, weil wir jene durch höhere Lichtstrahlen als diese sehen, oder noch 
mehr, so wenig selbst der Astronom verhindern kann, dass ihm der Mond 
im Aufgange nicht grösser scheine, ob er gleich durch diesen Schein nicht 
betrogen wird. 

Die transscendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den 
Schein transscendenter Urtheile aufzudecken, und zugleich zu verhüten, 
dass er nicht betrüge; dass er abei' auch (wie der logische Schein) sogar 
verschwinde und ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals be- 
werkstelligen. Denn wir haben es mit einer natürlichen und unver- 
meidlichen Illusion zu thun, die selbst auf subjectiven Grundsätzen 
beruht und sie als objective unterschiebt, anstatt dass die logische Dia- 
lektik in Auflösung der Trugschlüsse es nur mit einem Fehler in Be- 
folgung der Grundsätze, oder mit einem gekünstelten Scheine in Nach- 
ahmung derselben zu thun hat. Es giebt also eine natürliche und un- 
vermeidliche Dialektik der reinen Vernunft, nicht eine, in die sich etwa 
ein Stümper durch Mangel an Kenntnissen selbst verwickelt, oder die 
irgend ein Sophist, um vernünftige Leute zu verwirren, künstlich er- 
sonnen hat, sondern die der menschlichen Vernunft unhintertreiblich 
anhängt, und selbst, nachdem wir ihr Blendwerk aufgedeckt haben, den- 
«55 noch nicht aufhören wird ihr vorzugaukeln, und sie unablässig in augen- 
bHckliche Veriirungen zu stossen, die jederzeit gehoben zu werden be- 
dürfen. 

IL Von der reinen Vernunft als dem Sitze des 
transscendentalen Scheins. 

A. Von der Vernunft überhaupt 

Alle unsere Erkenntniss hebt von den Sinnen an, geht von da zum 
Verstände, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in 
uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter 
die höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser 
obersten Erkenntnisskraft eine Erklänmg geben soll, so finde ich mich 
in einiger Verlegenheit. Es giebt von ihr wie von dem Verstände einen 
bloss formalen d. i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem In- 
halte der Erkenntmss abstrahirt, aber auch einen realen, da sie selbst 



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Einleitung. 255 

den Ursprung gewisser Begriffe und Grundsätze enthält, die sie weder 
von den Sinnen noch vom Verstände entlehnt. Das erstere Vermögen 
ist nun freilich vorlfingst von den Logikern durch das Vermögen mittel- 
bar zu schliessen (zum Unterschiede von den unmittelbaren Schlüssen 
consequentiu imtnediatis) erklärt worden; das zweite aber, welches selbst 
Begriffe erzeugt, wird dadurch noch nicht eingeseh^i. Da nun hier eine 
Eintheilung der Vernunft in ein logisches und transscendento^les Ver-356 
mögen vorkommt, so muss ein höherer Begriff von dieser Erkenntniss- 
quelle gesucht werden, welcher beide B^riffe unter sich be&sst, indessen 
wir nach der Analogie mit den Verstandesbegriffen erwarten können, 
dass der logische Begriff zugleich den Schlüssel zum transscendentalen, 
und die Tafel der Functionen der ersteren zugleich die Stammleiter der 
Vernunftbegriffe an die Hand geben werde. 

Wir erklärten im erstem Theile unserer transscendentalen Logik 
den Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir 
die Vernunft von demselben- dadurch, dass wir sie das Vermögen der 
Principien nennen wollen. 

Der Ausdruck eines Prindps ist zweideutig, und bedeutet gemeinig- 
lich nur eine Erkenntniss, die als Princip gebraucht werden kann, ob 
sie zwar an sich selbst und ihrem eigenen Ursprünge nach kein Prind- 
pium ist. Ein jeder allgemeine Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung 
(durch Induetion) herg^iommen sein, kann zum Obersatz in einem Ver- 
nunftschlusse di^en; er ist darum aber nicht selbst ein Prmdpium. Die 
mathematischen Axiome (z. B. zwischen zwei Punkten kaim nur eine 
gerade Linie sein) sind sogar allgemeine Erkenntnisse a priori^ und 
werden daher mit Eecht relativisch auf die Fälle, die unter ihnen sub- 
sumirt wei-den können, Principien genannt. Aber ich kann darum doch 
nicht sagen, dass ich diese Eigenschaft der geraden linie überhaupt 357 
imd an sich aus Prindpien erkenne, sondern nur in der reinen An- 
schauung. 

Ich werde daher Erkenntniss aus Prindpien diejenige nennen, da 
ich das Besondere im AUgememen durch Begriffe erkenne. So ist denn 
ein jeder Vemunftschluss eine Form der Ableitung einer Erkenntniss 
aus einem Princip. Denn der Obersatz giebt jederzdt dnen Begriff, der 
da macht, dass alles, was unter der Bedingung desselben subsumirt 
wird, aus ihm nach einem Princip erkannt wird. Da nun jede allgemeine 



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256 Elementarlßhre. n. Theil. IL Abtheilung. Transsc. Dialektik. 

Erkenntniss zum Obersatze in einem Vemunftschlusse dienen kann, und 
der Verstand dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet, so können 
diese denn auch in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs Principien 
genannt werden. 

Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an 
sich selbst ihrem Ursprünge nach, so sind sie nichts weniger als Er- 
kenntnisse aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a 'priori 
möglich sein, wenn wir nicht die reine Anschauung (in der Mathematik) 
oder Bedingungen einer möglichen Erfahrung überhaupt herbei zögen* 
Dass alles, was geschieht, eine Ursache habe, kann gar nicht ,aus dem 
Begriffe dessen, was überhaupt geschieht, geschlossen werden; vielmehr 
zeigt der Grundsatz, wie man allererst von dem, was geschieht, einen 
bestimmten Erfahrungsbegriff bekommen könne. » 

Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also' 
»68 gar nicht verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich schlecht- 
hin Principien nenne, indessen dass alle allgemeinen Sätze überhaupt 
comparative Principien heissen können. 

Es ist ein alter Wunsch, der wer weiss wie spät vielleicht einmal 
in Erfüllung gehen wird, dass man dach einmal statt der endlosen 
Mannigfaltigkeit bürgerlicher Gesetze ihre Principien aufsuchen möge*^ 
denn darin kann allein das Geheimniss bestehen, die Gesetzgebung, wie 
man sagt, zu simpliflciren. Aber die Gesetze sind hier auch nur Ein- 
schränkungen unserer Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie durch- 
gängig mit sich selbst zusammenstimmt; mithin gehen sie auf etwas, 
was gänzlich unser eigenes Werk ist, und wovon wir durch jene Begriffe 
selbst die Ursadie sein können. Wie aber Gegenstände an sich selbst, 
wie die Natur der Dinge unter Principien stehe und nach blossen Be- 
griffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht etwas Unmögliches, wenig- 
stens doch sehr Widersinniges in seiner Forderung. Es mag aber 
hiermit bewandt sein, wie es wolle (denn darüber haben wir die Unter- 
suchung noch vor uns), so erhellt wenigstens daraus, dass Erkenntniss 
aus Principien (an sich selbst) ganz etwas Anderes sei, als blosse Ver- 
standeserkenntniss, die zwar auch anderen Erkenntnissen in der Form 
eines Princips vorgehen kann, an sich selbst aber (so fem sie synthetisch 
ist) nicht auf blossem Denken beruht, noch ein Allgemeines nach Be* 
griffen in sich enthält 



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Einleitung. 257 

Der Verstand mag ebi Vermögen der IXnbeit der Erecheinungen 559 
vennittelßt der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vennögen der Ein- * 
heit der Verstandesregeln unter Principi^a. Sie geht also niemals zu- 
nächst auf Erfahrung oder auf irgend einen Gegenstand, sondern auf 
den Verstand, um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit 
a priori durch Begriffe zu geben, welche Vemunfteinheit heissen mag, 
und von ganz anderer Art ist, als sie von dem Verstände geleistet 
werden kann. 

* Das ist der allgemeine Begriff von dem Vemunftvermögen, so weit 

er bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben 
werden sollen) hat begreiflich gemacht werden können, 

B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft, 

Man macht einen Unterschied zwischen dem, was unmittelbar er- 
kannt, und dem, was nur geschlossen wird. Dass in einer Figur, die 
durch drei gerade linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittel- 
bar erkannt ; dass diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, 
ist nur geschlossen. Weil wir des Schliessens beständig bedürfen und 
es dadurch endlich ganz gewohnt werden,* so bemerken wir zuletzt diesen 
Unterschied nicht mehr und halten oft, wie bei dem sogenannten Betrüge 
der Simie, etwas ftir unmittelbar wahrgenommen, was wir doch nur ge- 
schlossen haben. Bei jedem Schlüsse ist ein Satz, der zum Grunde liegt, 360 
und ein anderer, nämlich die Folgerung, die aus jenem gezogen wird, 
und endlich die Schlussfolge (Consequenz), nach welcher die Wahrheit 
des letzteren unausbleiblich mit der Wahrheit des ersteren verknüpft ist 
Liegt das geschlossene Urtheil schon so in dem ersten, dass es ohne 
Vermittelung einer dritten Vorstellung daraus abgeleitet werden kann, 
so heisst der Schluss unmittelbar {eonsequentia immediata)\ ich möchte ihn 
lieber den VerstandesscUuss nennen. Ist aber ausser der zum Grunde 
gelegten Erkenntniss noch ein anderes Urtheil nöthig, um die Folge zu 
bewirken, so heisst der Schluss ein Vemunftachluss. In dem Satze: alle 
Menschen sind sterblich, liegen schon die Sätze: einige Menschen 
sind sterblich; emige Sterbliche sind Menschen; nichts, was unsterblich 
ist, ist dn Mensch; und diese sind also unmittelbare Folgerungen aus 
dem ersteren. Dagegen liegt der Satz: alle Gelehrte sind sterblich, nicht 
in dem untergelegten UrtheHe (denn der Begriff des Gelehrten kommt 

iiAirT'8 Kritik der reinen Vernunft. 17 



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258 Elementarlehre, n. Theil. IL Abtheilung. Transsc. Dialektik. 

in ihm gar nicht vor), und er kann nur vermittelst eines Zwischenurtheils 
aus diesem gefolgert werden. 

In jedem Vemunftschlusse denke ich zuerst eine Regel {major) 
durch den Verstand. Zweitens subsumire ich eine Erkenntniss unter 
d5e Bedingung der Regel {minor) vermittelst der Urtheilskraft. End- 
SGi lieh bestimme ich meine Erkenntniss durch das Prädicat der Regel {eon- 
clmw\ mithin a priori durch die Vernunft. Das Verhäkniss also, 
welches der Obersatz als die Regel zwischen einer Erkenntniss und 
ihrer Bedingung vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vemunft- 
schlusse aus. Sie sind also gerade dreifach, so wie alle ürthdle über- 
haupt, so fem sie sich in der Art unterscheiden, wie sie das Verhältniss 
der Erkenntniss im Verstände ausdrücken, nämlich kategorische oder 
hypothetische oder disjunctive Vemunftschlusse. • 

Wenn, wie mehrentheils geschieht, die Conclusion als ein ürtheD 
aufgegeben worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen 
Urtheilen, durch die nämlich ein ganz anderer Gegenstand gedeicht 
wird, fliesse, so suche ich im Verstände die Assertion dieses Schluss- 
satzes auf, ob sie sich nicht in demselben unter gewissen Bedingungen 
nach einer allgemeinen Regel vorfinde. Finde ich nun eine solche Be- 
dingung, und lässt sich das Object des Schlusssatzes unter die gegebene 
Bedingung subsumiren, so ist dieser aus der Regel, die auch für an- 
dere Gregenstände der Erkenntniss gilt, gefolgert Man sieht 
daraus, dass die Vernunft im Schliessen die grosse Mannigfaltigkeit der 
Erkenntniss des Verstandes auf die kleinste Zahl der Principien (allge- 
meiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die höchste Einheit der- 
selben zu bewirken suche. 

862 C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft. 

Kann man die Vernunft isoliren, und ist sie alsdann noch ein 
eigener Quell von Begriffen und ürtheüen, die lediglich aus ihr ent- 
springen und dadurch sie sich auf Gregenstände bezieht, oder ist sie ein 
bloss subalternes Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form 
zu geben, welche logisch heisst, und wodurch die Verstandeserkenntnisse 
nur einander, und niedrige Regeln anderen höheren (deren Bedingung 
die Bedingung der ersteren in ihrer Sphäre brfasst) untergeordnet werden, 
80 viel sich durch die Vergleichung derselben will bewerkstelligen lassen? 



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Eiiüeitimg. 259 

Dies ist die Frage, mit der wir uns jetzt mpr yoyläii% bes^cbäfligen. In 
der That ist Mannigfaltigkeit der Begeln und Einheit der Principien 
eine Forderung der Yemunft, um den Verstand mit sich selbst in durch- 
gängigen Zusammenhang zu bringen, so wie der Verstand das Mannig- 
faltige der Anschauung unter Begriffe und dadurch jene in Verknüpfdng 
bringt. Abw ein solcher Grundsatz schreibt den Objecten kein Gesetz 
vor und enthält nicht den Grund der Möglichbeit, sie als solche über- 
haupt zu erkenn^i und zu bestimme, sondern ist bloss ein subjectires 
Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrathe unseres Verstandes, durch 
Vergldchung seiner Begriffe den aJlgemdnen Grdbrauch derselben auf 
die kleinstmögliche Zahl derselben zu bringen, ohne d^s man deswegen 
von den Gegenständen s^bßt eine solche Einhelligkeit, die der Gemäch- S63 
lichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes Vorschub thue, zu fordern, 
und jener Maxime zugleich objective Giltigkeit zu gdben berechtigt wäre. 
Mit einem Worte: die Frage ist, ob Vernunft an sich, d. i. die reine Ver- 
nunft a priori synthetische Grundsätze und Eeg^ enthalte, und worin 
diese Principien besteh^a mögeu. 

Das formale und logische Verfahren derselben in Vemunftschlüssen 
giebt uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde 
das transscendentale Principium derselben in der synthetbchen Erkennt- 
niss diu'ch reine Vernunft beruhen werde. 

Erstlich geht der Vemunftschluss nicht auf Anschauimgen, um 
dieselben unter Eegeln zu bringen (wie der Verst^d mit seinen Kate- 
gorien), sondern auf Begriffe und Urtheile. Wenn also reine Vernunft 
auch auf Gegenstände geht, so hat sie doch auf diese und deren An- 
schauung keine unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand 
und dessen Urtheüe, welche sich zunächst an die Sinne und deren An- 
schauung wenden, um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen. Vemunft- 
einheit ist also nicht Einheit dner möglichen Er&hmug, sondern von 
dieser als der Verstandeseinheit weseni^ch unterschieden. Dass alles, 
was geschieht, eine Ursache habe, ist gar kein durch Vernunft erkannter 
und vorgesdbriebener Grundsatz. Er macht die Einheit der Erfahrung 
möglich und entlehnt nichts von der Vernunft, welche ohnß diese Be-sei 
Ziehung auf mögliche Erfahrung, aus blossen Begriffen, keine solche 
synthetische Einheit hätte gebieten können. ^ 

Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die 

17* 



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260 Elementarlebre. II. Theil. n. Abtheilung. Transsc. Dialektik. 

allgemeine Bedingung ilires Urtheils (des Schlußssatzes), und der Veiv 
nunftschluss ist selbst nichts Anderes als ein Urtheil vermittelst der Sub- 
sumtion seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel (Obersatz). Da 
nun diese Eegel wiederum eben demselben Versuche der Vernunft aus- 
gesetzt ist, und dadurch die Bedingung der Bedingung (vermittelst eines 
Prosyllogismus) gesucht werden muss, so lange es angeht, so sieht man 
wol, der eigenthümliche Grundsatz der Vemtmft überhaupt (im logischen 
Gebrauche) sei, zu dem bedingten Erkenntnisse des Verst8uides das Un- 
bedingte zu finden, womit die Einheit desselben vollendet wird. 

Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Prindpium der 
reinen Vernunft werden als dadurch, dass man annimmt, wenn das 
Bedingte gegeben ist, so sei auch die ganze Eeihe einander untergeord- 
neter Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben (d. i. in dem 
Gegenstande und seiner Verknüpfung enthalten). 

Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar syn- 
thetiscfh; denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf irgend 
eine Bedingung, aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus demselben 
auch verschiedene synthetische Sätze entspringen, wovon der reine Ver- 
ses stand nichts weiss, als der nur mit Gegenständen einer möglichen Er- 
fahrung zu thun hat, deren Erkenntniss und Synthesis jederzeit bedingt 
ist. Das Unbedingte aber, wenn es wirklich statt hat, kann besonders 
erwogen werden nach allen den Bestimmungen, die es von jedem Beding- 
ten unterscheiden, und muss dadurch Stoff zu manchen synthetischen 
Sätzen a 'priori geben. 

Die aus diesem obersten Princip der reinen Vernunft entspringenden 
Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transscen- 
dent sein, d. i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von 
demselben jemals gemacht werden können. Er wird sich also von allen 
Grundsätzen des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, in- 
dem sie nur die Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben) 
gänzlich unterscheiden. Ob nun jener Grundsatz, dass sich die Reihe 
der Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen oder auch des 
Denkens der Dinge überhaupt) bis zum Unbedingten erstrecke, seine 
objective Richtigkeit habe oder nicht, welche Folgerungen daraus auf 
den empirischen Verstandeagebrauch fliessen; oder ob es vielmehr überall 
keinen dergleichen objectiv giltigen Vemunftsatz gebe, sondern eine bloss 



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Einleitung. 261 

logische Vorschrift, sich im Aufsteigen zu immer höheren Bedingungen 
der Vollständigkeit derselben zu nähern und dadurch die höchste uns 
mögliche Vemunfteinheit in unsere Erkenntniss zu bringen; ob, sage 
ich, dieses Bedürfiiiss der Vernunft durch einen Missverstand ftir einen 86^ 
transscendentalen Grundsatz der reinen Vernunft gehalten worden, der 
eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilter Weise von der Reihe 
der Bedingungen in den Gegenständen selbst postulirt; was aber auch in 
diesem Falle fttr Missdeutungen und Verblendungen in die Vemunft- 
ßchltisse, deren Obersatz aus reiner Vernunft genommen worden (und 
der vielleicht mehr Petition als Postulat ist), und die von der Erfahrung 
aufwärts zu ihren Bedin^ngen steigen, einschleichen mögen; das wird 
unser Geschäft in der transscendentalen Dialektik sein, welche wir jetzt 
aus ihren Quellen, die tief in der menschlichen Vernunft verborgen sind, 
entwickeln wollen. Wir werden sie in zwei Hauptstücke theüen, deren 
ersteres von den transscendenten Begriffen der reinen Vernunft, 
das. zweite von transscendenten und dialektischen Vernunftschlüs- 
sen derselben handeln soll. 



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Der transseendentalen Dialektik 

«rstes Bück 

Von den Begriffen der reinen Vemtmft. 

Was es auch mit der Möglichkeit der BegrifTe aus reiner Vernunft 
für eine Bewandtniss haben mag, so sind sie doch nicht bloss reflectirte, 
sondern geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch a priori 

S67 vor der Erfahrung und zum Behuf derselben gedacht; aber sie enthalten 
nichts weiter als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen, in so 
fem sie nothwendig zu einem möglichen empirischen Bewusstsein gehören 
sollen. Durch sie allein wird Erkenntniss und Bestimmung eines Ge- 
genstandes möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schliessen, und vor 
ihnen gehen keine Begriffe a priori von Gegenständen vorher, aus denen 
sie könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich ihre objective 
Realität doch lediglich darauf, dass, weil sie die intellectuelle Form aller 
Erfahrung ausmachen^ ihre Anwendung jederzeit in der Erfahrung muss 
gezeigt werden können. 

Die Benennung eines Vemunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig, 
dass er sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, 
weil er eine Erkenntniss betrifft, von der jede empirische nur ein Theil 
ist (vielleicht das Ganze der möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen 
Synthesis), bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig zu- 
reicht, aber doch jederzeit dazu gehörig ist. Vemunftbegriffe dienen zum 
Begreifen, wie Verstandesbegriffe zum Verstehen (der Wahrneh- 
mungen). Wenn sie das Unbedingte enthalten, so betreffen sie etwas, 
worunter alle Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals ein Gegen- 
stand der Erfahrung ist, etwas, worauf die Vernunft in ihren Schlüssen 
aus der Erfahrung führt und wonach sie den Grad ihres empirischen Ge- 

363 brauchs schätzt und abmisst, welches aber niemals ein Glied der empin'schen 



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L Abschnitt. Von den Ideen überhaupt. 263 

Synthesia ausmacht. Haben dergleichen B^riffe dessen ungeachtet ob- 
jective Giltigkeit, so können sie cenceptus raUoeinaii (richtig geschlossene 
Begriflfe) heiss^i*, wo nidit,. so sind sie -wenigstens durch einen Schein des 
Schliessens erschlichen, und mögen eoneeptus rattoeinantet (vernünftelnde 
Begriffe) genannt werden. Da dieses aber allererst in dem Hauptstilcke 
von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft aiu^gemacht werden 
kann, so können wir darauf noch nicht Rücksicht nehmen, sondern werden 
vorläufig, so wie wir die reinen Verstandesbegriflfe Kategorien nannten, 
die Begriffe der reinen Vernunft mit dnem neuen Namen belegen und 
sie transscendentale Ideen nennen, diese Benennung aber jetzt ^läutern 
und rechtfertigen. 

Des ersten Buchs der transscendentalen Dialektik 
erster Abschnitt. 

Von den Ideen überhaupt. 

Bei dem grossen Reichthum unserer Sprachen findet sich doch oft 
der denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe 
genau anpasst, und in dessen Ermangelung er weder anderen noch sogar 
sich selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, 3G3 
ist eine Anmassung zum 6esetzgdben in Sprachen, die selten gelingt, 
und ehe man zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es rathsam, 
sich in einer todten und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst 
nicht dieser Begriff sammt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde; 
und wenn der alte Gebrauch desselben durch Unbehutsamkeit seiner 
Urheber auch etwas schwankend geworden wäre, so ist es doch besser, 
die Bedeutung, die ihm vorzüglich eigen war, zu befestigen (sollte es 
auch zweifelhaft bleiben, ob man damals genatt eben diesdbe im Sinne 
gehabt habe), als sein Geschäft nur dadurch zu verderben, dass m«ui 
sich unverständlich macht. 

Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein 
einziges Wort vorfände, das in schon eingeftihrt«r Bedeutung diesem 
Begriffe genau anpasst, dessen Unterscheidung von anderen verwandten 
Begriffen von grosser Wichtigkeit ijBt, so ist es rathsam, damit nicht 
verschwenderisch umzugehen oder es bloss zur Abwechselung synonym 



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264 Elementarlehre. H. Theil. n. Abtheilung. L Buch. 

statt anderer zu gebrauelien, sondern ihm seine eigenthümÜclie Bedeu- 
tung sorgfältig au&ubehalten; weil es sonst leichtlidi geschieht, dass, 
nachdem der Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders beschäf- 
tigt, sondern sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender Be- 
deutung verliert, auch der Gedanke verloren gehe, den er allein hätte 
aufbehalten können. 

870 Plato bediente sidi des Ausdrucks Idee so, dass man wol sieht, 

er habe darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den 
Sinnen entlehnt wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, 
mit denen sich Abistotblbs beschäftigte, weit übersteigt, indem in der 
Erfahrung niemals etwas damit Congruirendes angetroffen wird. Bi« 
Ideen sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst, und nicht bloss Schlüssel 
zu möglichen Erfeihrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung 
flössen sie aus der höchsten Vernunft aus, von da sie der menschlichen 

. zu Theil geworden, die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem ursprüng- 
lichen Zustande befindet, sondern mit Mühe die alten, jetzt sehr ver- 
dunkelten Ideen durch Erinnerung (die Philosophie heisst) zurückrufen 
muss. Ich will mich hier in keine literarische Untersuchung einlassen, 
imi den Sinn auszumachen, den der erhabene Philosoph mit seinem Aus- 
drucke verband. Ich merke nur an, dads es gar nichts Ungewöhnliches 
sei, sowol im gemeinen Grespräche als in Schriften durch die Vergleichung 
der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen G^enstand äussert, ihn 
sogax besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, indem er seinen 
Begriff nicht genugsam bestimmte, und deidurch bisweilen seiner eigenen 
Absicht entgegen redete oder auch dachte. 

Plato bemerkte sehr wol, dass imsere Erkenntnisskraft; ein weit 
höheres Bedtirfiiiss fühle, als bloss Erscheinungen nach synthetische 

«71 Einheit zu buchstabiren, um sie als Erfahrung lesen zu können, und dass 
unsere Vemimft natürlicher Weise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, 
die viel weiter gehen, als dass irgend em Gegenstand, den Erfahrung 
geben kann, jemals mit ihnen congruiren könne, die aber nichtsdesto- 
weniger ihre Bealitftt haben und keineswegs blosse Hirngespinste seien. 
Plato fand sdne Ide^i vorzüglich in allem, waa praktisch ist,* 



* Er dehnte seinen Begriff freilich auch auf speculatire Erkenntnisse ans, wenn 
ide nur sein und yiöllig a priori gegeben waren, sogar über die Mathematik, ob diese 



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I. Absobnitt. Von den Ideen überhaupt. 265 

d. i. auf Freiheit beruht, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die 
ein eigenthtlmllches Product der Vernunft sind. Wer die Begriffe der 
Tugend aus Erfahrung schöpfen wollte, wer das, was nur allen&lls als 
Beispiel zur unvoUkonunenen Erläuterung dienen kann, als Muster zum 
ErkenntnissqueU machen wollte (wie es wirklich viele gethan haben), der 
würde aus der Tugend ein nach Zeit und Umstanden wandelbares, zu 
keiner B^el brauchbares, zweideutiges Unding machen. Dagegen wird 
ein jeder inne, dass, wenn ihm jemand a^ Muster der Tugend vorgestellt 872 
wird, er doch immer das wahre Original bloss in seinem eigenen Kopfe 
habe, womit et dieses angebliche Muster vergleicht und es bloss danach 
schätzt. Dieses ist aber die Idee der Tugend, in Ansehung deren alle 
möglichen Gegenstände der Erfahrung zwar als .Beispiele (Beweise der 
Thunlichkeit desjenigen in gewissem Grade, was der Begriff der Vemunft 
heischt), aber nicht als Urbilder Dienste thun. Dass niemals dn Mensch 
demjenig^ adäquat handeln werde, was die reine Idee der Tugend ent- 
hält, beweist gar nicht etwas Chimärischeß in diesem Gedanken. Denn 
es ist gleichwol alles Urthdl über den moralischen Werth oder Unwerth 
nur vermittelst dieser Idee möglich; mithin liegt sie jeder Annäherung 
zur moralischen Vollkommenheit nothw^adig zum Grunde, so weit auch 
die ihrem Grade nach nicht zu bestimmenden Hindemisse in der mensch- 
lichen Natur uns davon entfernt halten mögen. 

Die platonische Bepublik ist als ein v^rmeintlieh auffallendes 
Beispiel von erträumter Vollkoimmenheit, die nur im Gehirn des müssigen 
Denkers ihr^i Sitz haben kann; zum Sprüchwort geworden; und Bruckeb 
findet es lächerlich^ dass der Philosoph bdiauptete, niemals würde ein 
Fürst wol regieren, wenn er nicht, der Ideen theilhaftig wäre. Allein man 
würde besser thun, diesem Gedanken mehr nadizugehen und ihn (wo 
der vortreffliche Mcmn uns ohne Hilfe lässt) durch neue Bemühungen 
ins Licht zu stellen, als ihn unter dem sehr elenden und schädlichen 37s 
Verwände der Unthunlichkeit als unnütz bei Seite zu setzen. Eine Ver- 
£Eissttng von der grössten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, 



gleicb ihren Gegenstand nirgend anders als in der möglieben Erfahrung hat. 
Hierin kann ich ihm nun nicht folgen, so wenig als in der mystischen Deduction 
dieser Ideen, oder den tJebertreibungen, dadurch er ne gleichsam bypostasirte; wie- 
wol die hohe Sprache, deren er ach in diesem Felde bediente, einer mildwen und 
der Natur dar Dinge angemessenen Auslegimg ganz wol fähig ist. 



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266 Elementarlehre. IL TheiL U. Abtheilung. L Buch. 

welche machen, dass jedes Freiheit mit der anderen ihrer zu- 
sammen bestehen kann (nicht von der grössten Glückseligkeit, denn 
diese wird schon von selbst folgen), ist doch wraigstens eine nothwendige 
Idee, die man nicht bloss im ersten Entwürfe emer Staatsverfiussung, 
sondern auch bei allen G-esetzen zum Grunde legen muss, und wobei 
man anf^glich von den gegenwärtigen Hindernissen abstrahiren muss, 
die vielleicht nicht sowol aus der menschlichen Natur unvermeidlich ent- 
springen mögen, als vielmehr aus der Vernachlässigung der ächten Ideen 
bei der Gesetzgebung. Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philo- 
sophen Unwürdigeres gefunden werden als die pöbelhafte Beruftmg auf 
vorgeblich widerstreitende Erfehrung, die doch gar nicht existiren würde, 
wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen würden 
und an deren Statt nicht rohe BegriffB eben darum, weil sie aus Erfah- 
rung geschöpft worden, alle gute Absicht vereitelt hätten. Je überein- 
stimmender die Gresetzgebung und Regierung mit dieser Idee eingerichtet 
wären, desto seltener würden allerdings die Strafen werden, und da ist 
es denn ganz vernünftig (wie Piato behauptet), dass bei dner vollkom- 
menen Anordnung derselben gar keine dergleichen nöthig aem würden. 
Ob nun gleich das Letztere niemals zu Stande kommen mag, so ist die 
874 Idee doch ganz richtig, welche dieses Maximum zum Urbilde aufstellt^ 
um nach demselben die gesetzliche Verfassung der Menschen der m<)glich 
grössten Vollkommenheit immer näher zu bringen. Denn welches der 
höchste Grad sein mag, bei welchem die Menschheit stehen bleiben 
müsse, und wie -gross alßo die Kluft, die zwischen der Idee und ihrer 
Ausftihrung nothwendig übrig bleibt, sein möge, - das kann und soll nie- 
mand bestimmen, eben darum, weil es Freiheit ist, welche jede ange- 
gebene Ghrenze übersteigen kann. 

Aber nicht bloss in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft 
wahrhafte Causalltät zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der Hand- 
lungen und ihrer Gegenstände) werden, nämlich im Sittlichen, sondern 
auch in Ansehung der Natur selbst sieht Plato mit Kecht deutliche 
Beweise ihres Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Thier, die regel- 
mässige Anordnung des Weltbaus (vermuthlich also auch die ganze 
Naturordnung) zeigen deutlich, dass sie nur nach Ideen möglich seien; 
dass zwar kein einzelnes Geschöpf unter den einzelnen Bedingungen 
seines Daseins mit der Idee des Vollkommensten seiner Art congruire 



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L Abschnitt Von den Ideen überhaupt. 267 

(so wenig wie der Mensch mit der Idee der Menschheit, die er sogar 
selbst als das Urbild seiner Handlangen in seiner Seele trägt), dass 
gleichwol jei^ Ideen im höchsten Verstände einzeln, unveränderlich, 
durchgängig bestimmt und die nrsprünglich^i Ursachen der Dinge sind, 
und nur das Ganze ihrer Verbindung im Weltall einzig und allein jener 37& 
Idee völlig adäquat sei. Wenn man das Uebertriebene des Ausdrucks 
absondert, so ist d^ Geistesschwung des Philosophen, von der copei- 
lich^i Betrachtung des Physischen der Weltordnung zu der architekto- 
nischen Verknüpfung derselb«ii nach Zwecken d. L nach Ideen hinauf- 
zusteigen, dne Bemühung, die Achttmg und Nachfolge verdient; in An- 
sehung desjenigen aber, was die Principien der Sittlichkeit, der Gesetz- 
gebung und der Eeligion betri£Ft, wo die Ideen die Erfahrung selbst (des 
Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals darin völlig ausgedrückt 
werden können, ein ganz eigenthtimliches Verdienst, welches man nur 
darum nicht ^kennt, weil man es durch eben die empirischen Begeln 
beurtheüt, deren Giltigkmt als Principien eben durch sie hat aufgehob^i 
werden sollen. Denn in Betracht der Natur giebt uns Erfahrung die 
Regel an die Hand und ist der Quell der Wahrheit; in Ansehung der 
sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung (Idder!) die Muttw des Scheins, 
und es ist höchst verwerflich, die Gesetze über das, was ich thun soll, 
von demjenigen herzunehmen oder dadurch einschränken zu wollen, was 
gethan wird. 

Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der 
That die eigenthümliche Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen 
wir uns jetzt mit einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht ver- 
dienstlosen Arbeit, nämlich den Boden zu jenen majestätischen sittlichen 376 
Gebäuden eben und baufest zu machen, in welchem sich allerlei Maul- 
wurfsgänge einer vergeblich; aber mit guter Zuversicht auf Schätze 
grabenden Vernunft vorfindoi, und die jenes Bauwerk unsicher machen. 
Der trftnsscendentale Gebrauch der reinen Vernunft, ihre Principien und 
Ideen sind es also, welche genau zu kennen uns jetzt obliegt, um den 
Einfluss der reinen Vernunft und den Werth derselben gehörig bestimmen 
und schätzt zu können. Doch ehe ich diese vorläufige Einleitung bei 
Seite 1^, ersuche ich diejenigen, denen Philosophie am Herzen liegt 
(welches mehr gesagt ist, als mm g^neiniglieh antrifBt), wenn sie sieh 
durch £eses und das Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Aus- 



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268 Elementarlehre. IL Thea ü. Abtheilung. L Buch. 

tirud^ Idee seiner ursprünglichen Bedeutung nach in Schute zu nehmen, 
damit er nicht fernerhin unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhn- 
lich allerlei Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezdk^et werden, 
gerathe, und die Wissenschaft dabei einbüsse. Fehlt es'ims doch nicht 
an Benennungen, die jeder Vorstellungsart gehörig angemessen sind, 
ohne dass wir nöthig haben, in das Eigenthum einer anderen einzugreifen. 
Hier ist eine Stufenleiter derselben. Die Gattung ist Vorstellung über- 
haupt {repraeeentatio). Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewusstsein 
{perceptio). Eine Perception, die sich lediglich auf das Subject als die 
Modification seines Zustandes bezieht, ist Empfindung {sensatio)^ eine 
8T7 objeetive Perception ist Erkenntniss {cognitio). Diese ist entwed^ 
Anschauung oder Begriff {intuitui vel omceptus). Jene besrieht sich 
unmittelbar auf den Gregenstand imd ist einzeln; dieser mittelbar, ver- 
mittelst eines Merkmals, was mehreren Dingen gemein sein kann. Der 
Begriff ist entweder ein empirischer oder reiner Begriff; und der 
reine Begriff, so fem er lediglich im Verstände seinen Ursprung hat 
(nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit), heisst notto. Ein Begriff aus 
Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, ist die Idee 
oder der Vemunftbegriff. Dem, der sich einmal an diese Unterscheidung 
gewöhnt hat, muss es unerträglich fallen, die Vorstellung der rothen 
Farbe Idee nennen zu hören. Sie ist nicht einmal Notion (Verstandes- 
begriff) zu nennen. 

Des ersten Buchs i^^r transscendentalen Dialektik 
zweiter Abschnitt 

Von den transscendentalen Ideen. 

Die transscendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die blosse 
logische Form unserer Erkenntniss den Ursprung von reinen Begriffen 
a priori enthalten kckme, welche vor attear Erfahrung G^egenstände vor- 
S78 stellen oder vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche allein eine 
empirische Erkenntniss von Gegenständen möglich macht Die Form 
der Urtheile (in einöi Begriff von der Synthesis der Anschauungen ver- 
wandelt) brachte Kateg<»ien hervor, welche allen Verstandesgebrauch in 
dw Erfahrung leiten. Ebenso können wir erwarten, dass die Form der 



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n. Abschnitt. Von den transscendentalen Ideen. 269 

Vemunftschlüsse, wenn man sie auf die synthetische Einheit der An- 
schauungen nach Massgehung der Kategorien anwendet, den Ursprung 
besonderer Begriffe a priori enthalten werde, welche wir reine Vemunft- 
begriffe oder transsc.endentale Ideen nennen können, und die den 
Verstandesgebrauch im Ganzen der gesammten Erfahrung nach Princi* 
pien bestimmen werden. 

Die Function der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der All- 
gemeinheit der Erkenntniss nach Begriffen, und der Vemunftschluss 
selbst ist ein ürtheil, welches a priori in dem ganzen Umfange seiner 
Bedingung bestimmt wird. Den Satz : Cajus ist sterblich, könnte ich auch 
bloss durch den Verstand aus der Erfahrung schöpfen. Allein ich suche 
einen Begriff, der die Bedingung enthält, unter welcher das Prädicat 
(Assertion überhaupt) dieses Urtheils gegeben wird (d. i. hier den Begriff 
des Menschen), und nachdem ich ihn unter diese Bedingung, in ihrem 
ganzem Umfange genommen (alle Menschen sind sterblich), subsumirt 
habe, so bestimme ich danach die Erkenntniss meines Gegenstandes 
(Cajus ist sterblich). 

Demnach restringiren Wir in der Conclusion eines Vemunftschlusses 
ein Prädicat auf einen gewissen Gegenstand, nachdem wir es vorher in37»> 
dem Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung 
gedacht haben. Diese vollendete Grösse des Umfangs in Beziehung auf 
eine solche Bedingung heisst die Allgemeinheit {universalitas). Dieser 
entspricht in der Synthesis der Anschauungen die Allheit (umversttas) 
oder Totalität der Bedingungen. Also ist der transscendentale Ver- 
nunftbegriff kein anderer als der von der Totalität der Bedingungen 
zu einem gegebenen Bedingten. Da nun das Unbedingte allein die 
Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die Totalität 
der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist, so kann ein reiner Ver- 
nunftbegriff überhaupt durch den Begriff des Unbedingten, so fem er 
dnen Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt werden. • 

So viele Arten des Verhältnisses es nun giebt, die der Verstand 
vermittelst der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine Vemunftbe- 
griffe wird es auch geben, und es wird also erstlich ein Unbedingtes 
der kategorischen Synthesis in einem Subject, zweitens der hypo- 
thetischen Synthesis der Glieder einer Eeihe, drittens der disjunc- 
tiven Synthesis der Theile in einem System zu suchen sein. 



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270 Elementarlehre, ü. Theil. IL Abtheilung. L Buch. 

Es giebt nämlich ebenso viele, Arten von Vernunftsclilüssen, deren 
jede durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet, die eine zum 
Subject, welches selbst nicht mehr Prädicat ist, die andere zur Voraus- 
sso Setzung, die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu einem Aggregat 
der Grlieder der Eintheilung, zu welchem nichts weiter erforderlich ist, 
um die Eintheilung eines Begriffs zu vollenden. Daher sind die reinen 
Vemimftbegriffe von der Totalität in der Syiithesis der Bedingungen 
wenigstens als Aufgaben, um die Einheit des Verstandes wo möglich 
bis zum Unbedingten fortzusetzen, nothwendig und in der Natur der 
menschlichen Vernunft gegründet, es mag auch übrigens diesen trfiuis- 
scendentalen Begriffen an einem ihnen angemessenen Gebrauch in con- 
creto fehlen, und sie mithin keinen anderen Nutzen haben, als den Ver- 
stand in die Richtung zu bringen, darin sein Gebrauch, indem er aufs 
äusserste erweitert, zugleich mit sich selbst durchgehends einstimmig 
gemacht wird. 

Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem 
Unbedingten als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vemunftbegriffe 
reden, so stossen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht ent- 
behren imd gleichwol nach einer ihm durch langen Missbrauch anhän- 
genden Zweideutigkeit nicht sicher brauchen können. Das Wort abso- 
lut ist eines von den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfanglichen Be- 
deutung einem Begriffe angemessen worden, welchem nach der Hand gar 
kein anderes Wort eben derselben Sprache genau anpasst, und dessen 
Verlust oder, welches ebenso viel ist, sein schwankender Gebrauch daher 
581 auch den Verlust des Begiiffs selbst nach sich ziehen muss, und zwar 
eines Begriffs, der, weil er die Vernunft gar sehr beschäftigt, ohne grossen 
Nachtheil aller transscendentalen Beurtheilungen nicht entbehrt werden 
kann. Das Wort absolut wird jetzt öfters gebraucht, um bloss anzu- 
zeigen, dass etwas von einer Sache an sich selbst betrachtet und also 
innerlich gelte. In dieser Bedeutung würde absolut möglich das 
bedeuten, was an sich selbst {interne) möglich ist, welches in der That 
das Wenigste, ist, was man von einem Gegenstande sagen kann. Da- 
gegen wird es auch bisweilen gebraucht um anzuzeigen, dass etwas in 
aller Beziehung (uneingeschränkt) giltig ist (z. B. die absolute Herrschaft), 
und absolut möglich würde in dieser Bedeutung dasjenige bedeuten, 
was (in aller Absicht) in aller Beziehung möglich ist, welches 



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n. Abschnitt Von den transscendentalen Ideen. 271 

wiederum das Meiste ist, was ich Über die Möglichkeit eines Dinges 
sagen kann. Nnn treffen zwar diese Bedeutungen manchmal zusammen. 
So ist z. B., was innerlich unmöglich ist, auch in aller Beziehimg, mithin 
absolut immöglicL Aber in den meisten Fällen sind sie unendlich weit 
auseinander, und ich kann auf keine Weise. schliessen, dass, weil etwas 
an sich selbst möglich ist, es darum auch in aller Beziehimg, mithin ab- 
solut möglich sei. Ja, von der absoluten Nothwendigkeit werde ich in 
der Folge zeigen, dass sie keineswegs in allen Fällen von der inneren 
abhänge, und also mit dieser nicht als gleichbedeutend angesehen werden 
müsse. Dessen G«gentheil innerlich unmöglich ist, dessen Gregentheil istsss 
freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es selbst absolut 
nothwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schliessen, was absolut 
nothwendig ist, dessMi Gtegentheil sei innerlich unmöglich, d. i. die 
absolute Nothwendigkeit der Dinge sei eine innere Nothwendigkeit; 
denn diese innere Nothwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz leerer 
Ausdruck, mit welchem wir nicht den mindesten Begriff verbinden können, 
dagegen der von der Nothwendigkeit eines Dinges in aller Beziehung 
(auf alles Mögliche) ganz besondere Bestimmungen bei sich fiihrt. Weil 
nun der Verlust eines Begriffs von grosser Anwendung in der specula- 
tiven Weltweisheit dem Philosophen niemals gleichgiltig sein kann, so 
hoffe ich, es werde ihm die- Bestimmung und sorgfältige Aufbewahrung 
des Ausdrucks, an dem der Begriff hängt, auch nicht gleichgiltig sein. 

In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich denn des Worts 
absolut bedienen, und es dem bloss comparativ oder in besonderer 
Rücksicht Giltigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf Bedin- 
gungen restringirt, jenes aber gilt ohne Eestriction. 

Nun geht der transscendentale Vernunfbbegriff jederzeit nur auf die 
absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen, und endigt niemals 
als bei dem schlechthin d. L in jeder Bezi^ung Unbedingten. Denn 
die rdne Vernunft überlässt alles dem Verstände, der sich zunächst auf 383 
die Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren Synthesis in der 
Einbildungskraft bezieht. Jene behält sich allein die absolute Totalität 
im Gebrauche der Verstandesbegriffe vor, und sucht die synthetische 
Einheit, welche in der ELategorie gedacht wird, bis zmn schlechthin 
Unbedingten hinauszuführen. Man kann daher diese die Vernunft- 
einheit der Erschemungen, so wie jene, welche die Kategorie ausdrückt. 



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272 Elementarlehre. ü. Theil. II. AbÜieiliing. I. Buch. 

Verstandeseinheit nennen. So bezieht sich demnach die Vernunft 
nur auf den Verstandesgehrauch, und zwar nicht, so fern dieser den 
Grund möglicher Erfahrung enthält (denn die absolute Totalität der 
Bedingungen ist kein in einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil keine 
Erfahrung unbedingt ist), sondern um ihm die Eichtung auf eine gewisse 
Einheit vorzuschreiben, von der der Verstand keinen Begriff hat, und 
die darauf hinaus geht, alle Verstandeshandlungen in Ansehung eines 
jeden Gegenstandes in ein absolutes Ganze zusammen zu fassen. 
Daher ist der objective Gebrauch der reinen Vemunftbegriffe jederzeit 
transscendent, indessen dass der von den reinen Verstandesbegriffen 
seiner Natur nach jederzeit immanent sein muss, indem er sich bloss 
auf mögliche Erfahrung einschränkt. 

Ich verstehe unter der Idee einen noliiwendigen Vemunftbegriff, 
dem kein congruirender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden 
kann. Also sind unsere jetzt erwogenen reinen Vemunftbegriffe trans- 
384scendentale Ideen. Sie sind Begriffe der reinen Vernunft; denn sie 
betrachten alle Erfahrungserkenntniss als bestimmt durch eine absolute 
Totalität der Bedingungen. Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern 
durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, und beziehen sich daher 
nothwendiger Weise auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind end- 
lich transscendent und übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher 
also niemals ein Gegenstand vorkommen kann, der der transscendentalen 
Idee adäquat wäre. Wenn man eine Idee nennt, so sagt man dem Ob- 
ject nach (als von einem Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel, 
dem Subjecte nach aber (d. i. in Ansehung seiner Wirklichkeit unter 
empirischer Bedingung) eben darum sehr wenig, weil sie als der Be- 
griff eines Maximum in concreto niemals congruent kann gegeben werden. 
Weil nun das Letztere im bloss speculativen Gebrauch der Vernunft 
eigentlich die ganze Absicht ist, und die Annäherung zu einem Begriffe, 
der aber in der Ausübung doch niemals erreicht wird, ebenso viel ist, 
als ob der Begriff ganz und gar verfehlt würde; so heisst es von einem 
dergleichen Begriffe: er ist nur eine Idee. So würde man sagen können: 
das absolute G«nze aller Erscheinungen ist nur eine Idee, denn, da 
wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können, so bleibt es ein 
Problem ohne alle Auflösung. Dagegen weil es im praktischen Ge- 
brauch des Verstandes ganz allein um die Ausübung nach Regeln zu 



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II. Abschnitt. Von den transscendentalen Ideen. 273 

thun ist, 80 kann die Idee der praktischen Vernunft jederzeit wirklich 385 
ob zwar nur zum Theil m concreto gegeben werden, ja sie ist die un- 
entbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs der Vernunft. Ihre 
Ausübung ist jederzeit begrenzt und mangelhaft, aber unter nicht be- 
stimmbaren Grenzen, also jederzeit unter dem Einflüsse des Begidffs 
einer absgluten Vollständigkeit. Demnach ist die praktische Idee jeder- 
zeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen un- 
umg£uiglieh nothwendig. In ihr hat die reine Vernunft sogar Causalität, 
das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff enthält; daher kaim man 
von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig sagen: sie ist nur 
eine Idee; sondern eben darum, .weil sie die Idee von der nothwen- 
digen Einhdt aller möglichen Zwecke ist, so muss sie allem Praktischen 
als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende Bedingung zur Regel 
dienai. 

Ob wir nun gleich von den transscendentalen Veraunftbegriffen 
sagen müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keines- 
wegs für überflüssig und nichtig anzu^ehoi haben! Denn, wenn schon 
dadurch kein Object bestimmt werden kann, so können sie doch im 
Grunde und unbemerkt dem Verstände zum Kanon seines ausgebreiteten 
und einhelligen Gebrauchs dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand 
mehr erkennt, als er nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in 
dieser Erkenntniss besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen, sse 
dass sie vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen 
Uebergang möglich machen und den moralischen Ideen selbst auf solche 
Art Haltung und Zusammenhang mit den speculativen Erkenntnissen 
der Vernunft verschaffen können. lieber alles dieses muss man den 
Au&chluss in dem Verfolg erwarten. 

Unserer Absicht gemäss setzen wir aber hier die praktischen Ideen 
bei Seite, und betraditen daher die Vernunft nur im speculativen, und 
in diesem noch enger, nämlich nur im transscendentalen Gebrauch. Hier 
müssen wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der De- 
duction der Kategorien nahinen, nämlich die logische Form der Vemunft>- 
erkenntniss erwägen und sehen, ob nicht etwa die Vernunft dadurch auch 
ein Quell von Begriffen werde. Objecto an sich selbst als synthetisch a 
priori bestimmt in Ansehung einer oder der anderen Function der Ver- 
nunft anzusehen. 

Kaitt's Kritik d«T reinen Vemnnft. 18 



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274 Elementarlehre. IL Theil. IL Abtheilnng. L Buch. 

Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Er- 
kenntniss betrachtet, ist das Vermögen zu schliessen, d. i. mittelbar 
(durch die Subsumtion der Bedingung eines möglichwi Urtheils unter 
die Bedingung eines gegebenen) zu urtheilen. Das gegebene Urtheil ist 
die allgemeine Eegel (Obersatz, major). Die Subsumtion der Bedingung 
eines anderen möglichen Urtheils unter die Bedingung der Begel ist der 
Untersatz {minor). Das wirkliche Urtheil, welches die Assertion der 

»87 Regel in dem subsumirten Falle aussagt, ist der Schlusssatz (ooncli^ 
sü>). Die Eegel nämlich sagt etwas allgemein unter einw gewissen Be- 
dingung. Nun findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der 
Regel statt. Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein galt, 
auch in dem vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich fiihrt) 
als giltig angesehen. Man sieht leicht, dass die Vernunft durch Ver- 
standeshandlungen, welche eine Reihe von Bedingungen ausmachen, zu 
einer Erkenntniss gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind 
veränderlich, nur dadurch gelange, dass ich von der entfernteren Er- 
kenntniss (worin der Begriff des Körpers noch nicht vorkommt, der aber 
doch davon die Bedingung enthält) anfange: alles Zusammengesetzte ist 
veränderlich, von dieser zu einer näheren gehe, die unter der Bedin- 
gung der ersteren steht: die Körper emä zusammengesetzt, und von 
dieser allererst zu einer dritten, die nunmehr die ^itfemte Erkennt- 
niss (veränderlich) mit der vorliegenden verknüpft: folglich and die 
Körper veränderlich, so bin ich durch eine Reihe von Bedingungen 
(Prämissen) zu einer Erkenntniss (Conclusion) gelangt. Nun lässt sich 
eine jede Reihe, deren Exponent (des kategorischen oder hypothetischen 
Urtheils) gegeben ist, fortsetzen; mithin ftihrt eben dieselbe Vemunft- 
handlung zur ratiocinatio polysyllogütieay welche eine Reihe von Schlüs- 
sen ist, die entweder auf der Seite der Bedingungen {per prosyllogisnios) 

<S8 oder des Bedingten {per episyUogümos) in unbestimmte Weit^ fortgesetzt 
werden kann. 

Man wird aber bald inne, dass die Kette oder Reihe der Prosyllo- 
^smen, d. L der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe oder 
der Bedingungen zu einer gegebenen Erkenntniss, mit anderen Worten 
die aufsteigende Reihe der Vemimft»chlttBse sich gegen das Vemunft>- 
vermögen doch anders verhalten müsse als die absteigende Reihe, 
d. i. der Fortgang der Vernunft auf der Seite des Bedingten durch 



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n. Abschnitt. Von den transscendentalen Ideen. 275 

Episyllogismen. Denn, da im ersteren Falle die Erkenntniss {oonehisio) 
nur als bedingt gegeben ist, so kann man zu derselben vermittelst der 
Vernunft nicht anders gelangen als wenigstens unter der Voraussetzung, 
dass alle Glieder der Beihe auf der Seite der Bedingungen gegeben sind 
(Totalität in der Reihe der Prämiösen), wdl nur unter deren Vorausse- 
tzung das vorliegende Urtheil a priori möglich ist, dagegen auf der Seite 
des Bedingten oder deK Folgerungen nur eine werdende und nicht schon 
. ganz vorausgesetete oder gegebene Reihe, mithin nur ein potentialer 
Fortgang gedacht wird. Daher, wenn eine Erkenntniss ak bedingt an- 
gesehen wird, so ist die Vernunft genöthigt, die R^he der Bedingungen 
in aufsteigender Linie als vollendet und ihrer Totalität nach gegeben 
anzusehen. Wenn aber eben di^dbe Erkenntniss zugldch als Bedin- 
gung anderer Erisenntnisse angesehen wird, die unter dnander einessd 
Reihe von Folgerungen in abstdgendea* Linie ausmachen, so kann der 
Vernunft ganz gleichgiltig sein, wie weit dieser Fortgang sich a parte 
posteriori erstrecke, und ob gar überall Totalität dieser Reihe möglich 
sei, weil sie einer dergleichen Reihe zu der vor ihr liegenden Oondusion 
nicht bedarf, indem diese durch ihre Gründe a parte priori schon hin- 
reichend bestimmt und gesichert ist. Es mag nun sein, dass auf der 
Seite der Bedingungen die Reihe dw Prämissen ein Erstes habe als 
oberste Bedingung oder nicht, und also a parte priori ohne -Grenzen sei, 
so muss sie doch Totalität der Bedingung enthalten, gesetzt, dass wir 
niemals dahin gelangen könnten sie zu fassen, und die ganze Reihe 
muss unbedingt wahr sein, wenn das Bedingte, welches als eine daraus 
entspringende Folgerung angesehen wird, als wahr gelten soll. Dieses 
ist eine Forderung der Vernunft, die ihre Erkenntniss als a priori be- 
stimmt und als nothwendig ankündigt, ^itweder an sidi selbst, und dann 
bedarf es keiner Gründe, oder, wenn sie abgeleitet ist, als ein Glied emer 
Reihe von Gründen, die selbst unbedingter Weise wahr ist 



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276 Elementarlehre. IL Theil. n. Abtheilung. I. Buch. 

590 Des ersten Buchs der transscendentalen Dialektik 

dritter Abschnitt. 

System der transscendentalen Ideen. 

Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu thun, 
welche von allem Inhalte der Erkenntniss abstrahirt und lediglich den 
falschen Schein in der Form der Vemunftschlüsse aufdeckt, sondern mit 
einer transscendentalen, welche völlig a priori den Ursprung gewisser 
Erkenntnisse aus reiner Vernunft und geschlossener Begriffe, deren 
Gegenstand empirisch gar nicht gegeben werden kann, die also gänz- 
lich ausser dem Vermögen des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. 
Wir haben aus der natürlichen Beziehimg, die der transscendentale Ge- 
brauch unserer Erkenntniss sowol in Schlüssen als Urthdlen auf den 
logischen haben muss, abgenommen, dass es nur drei Arten von dialek- 
tischen Schlüssen geben werde, die sich auf die dreierlei Schlussarten 
beziehen, durch welche Vernunft aus Principien zu Erkenntnissen ge- 
langen kann, und dass in allen ihr Geschäft sei, von der bedingten Sjn- 
thesis, an die der Verstand jederzeit gebunden bleibt, zur unbedingten 
anzusteigen, die er niemals erreichen kann. 

Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere Vorstellungen 

591 haben können 1) die Beziehmig aufe Subject, 2) die Beziehung auf Ob' 
jecte, und zwar entweder als Erscheinungen oder als G^enstände des 
Denkens überhaupt. Wenn man diese Untereintheilung mit der oberen 
verbindet, so ist alles Verhältniss der Vorstellungen, davon wir uns ent- 
weder einen Begriff oder Idee machen können, dreifach: 1) das Verhält- 
niss zum Subject, 2) zum Mannigfaltigen des Objeets in der Erscheinung, 
3) zu allen Dingen überhaupt. 

Nun haben es alle reinen Begriffe überhaupt mit der synthetischen 
Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft (transscendentale 
Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen Einheit aller Bedingungen 
überhaupt zu thun. Folglich werden alle transscendentalen Ideen sich 
unter drei Klassen bringen lassen, davon die erste die absolute (un- 
bedingte) Einheit des denkenden Subjects, die zweite die absolute 
Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung, die dritte 



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DL Abschnitt. Syatem der transscendentalen Ideen. 277 

die absolute Einheit der Bedingung aller Gegenstände des 
Denkens tiberhaupt enthält. 

Das denkende Subject ist der Gegenstand der Psychologie, der 
Inbegriff aller Erscheinungen (die Welt) der G^enstand der Kosmologie, 
und das Ding, welches die oberate Bedingung der Möglichkeit von allem, 
was gedacht werden kann, enthält (das Wesen aller Wesen) der Gegen- 
stand der Theologie. Also giebt die reine Vernunft die Idee zu einer 
transscendentalen Seelenlehre {jpBychologta rationalis), zu einer transscen- 
dentalen WeltwissenBchaft {cosmologia rMonalü)^ endlich auch zu einer 39s 
transscendentalen Gotteserkenntniss (theologta transseendentaiü) an die 
Hand. Der blosse Entwurf, sogar zu einer sowol als der anderen dieser 
Wissenschaften schreibt sich gar nicht von dem Verstände her, selbst 
wenn er gleich mit dem höchsten logischen Grebrauche der Vernunft, d. i. 
allen erdenklichen Schlüssen verbunden wäre, um von einem G^egenstande 
desselben (Erscheinung) zu allen anderen bis in die entlegensten Glieder 
der empirischen Sjnthesis fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines 
und achtes Product oder Problem der reinen Vernunft. 

Was unter diesen drei Titeln aller transscendentalen Ideen ftir modi 
der reinen Vemunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke 
vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort. 
Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gregenstände, 
sondern auf die Verstandesbegriffe von denselben. Ebenso wird sich 
auch nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die 
Vernunft lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben 
Function, deren sie sich zum kategorischen Vemunftschlusse bedient, 
nothwendiger Weise auf den Begriff der absoluten Einheit des denkenden 
Subjects kommen müsse, wie das logische Verfahren in hypothetischen 
Vemunftschlüssen die Idee vom schlechthin Unbedingten in einer Reihe 
gegebener Bedingungen, endlich die blosse Form des disjunctiven Ver-sgs 
nunftschlusses den höchsten Vemunftbegriff von einem Wesen aller 
Wesen nothwendiger Weise nach sich ziehen müsse, ein Gedanke, der 
beim ersten Anblick äusserst paradox zu sein scheint. 

Von diesen .transscendentalen Ideen ist eigentlich keine objective 
Deduction möglich, so wie wir sie von den Kategorien Hefem konnten. 
Denn in der That haben sie keine Beziehung auf irgend ein Object, was 
ihnen congruent gegeben werden könnte, eben darum, weil sie nur IdeeA 



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278 Elementarlehre. IL TheU. IL Abtheilung. L Bnch. 

sind. Aber eine subjective Ableitung derselben aus der Natur unserer 
Vernunft konnten wir unternehmen, und die ist im gegenwärtigen Haupt- 
stücke auch geleistet worden. 

Man sieht leicht, dass die reine Vernunft nichts Anderes zur Absicht 
habe als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Be- 
dingungen (es sei der Lihärenz oder der Dependenz oder der Concur- 
renz), und dass sie mit der absoluten Vollständigkeit von Seiten des 
Bedingten nichts zu schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf sie, 
um die ganze Beihe der Bedingungen vorauszusetz^i, und sie dadurch 
dem Verstände a priori zu geben. Ist aber eine vollständig (und unbe- 
dingt) gegebene Bedingung einmal da, so bedarf es nicht mehr eines 
Vemunftbegriffs in Ansehung der Fortsetzung der Keihe; denn der Ver- 

ft)4 stand thut jeden Schritt abwai-ts von der Bedingung zum Bedingten 
von selber. Auf solche Weise dienen die transscendentalen Ideen nur 
zum Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten 
d. i. zu den Principien. In Ansehung des Hinabgehens zum Beding- 
ten aber giebt es zwar einen weit erstreckten logischen Gebrauch, den 
unsere Vernunft von den Verstandesgesetzen macht, aber gar keinen 
transscendentalen, und wenn wir uns von der absoluten Totalität einer 
solchen Synthesis (des progressus) eine Idee machen, z. B. von der ganzen 
Reihe aller künftigen Weltveränderungen, so ist dieses ein Gredanken- 
ding {ms ratioiMi)^ welches nur willkürlich gedacht und nicht durch 
die Vernunft nothwendig vorausgesetzt wird. Denn zur Möglichkeit des 
Bedingten wird zwar die Totalität seiner Bedingungen, aber nicht seiner 
Folgen vorausgesetzt. Folglich ist ein solcher Begriff keine transscenden- 
tale Idee, mit der wir es doch hier lediglich zu thun haben. 

Zuletzt wird man auch gewahr, dass unter den transscendentalen 
Ideen selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und 
dass die reine Vernunft vermittelst ihrer alle ihre Erkenntnisse in ein 
System bringe. Von der Erkenntniss seiner selbst (der Seele) zur Welt- 
erkenntniss und vermittelst dieser zum Urwesen fortzugehen, ist ein so 
natürlicher Fortschritt, dass er dem logischen Fortgange der Vernunft 

896 von den Prämissen zum Schlusssatze ähnlich scheint* Ob nun hier 



[* Die Metaphysik bat zum eigentlichen Zwecke ihrer Nachforschung nur drei 
Ideen: Oott, Freiheit und Unsterblichkeit, so dass der zweite Begriff, mit 



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ni. Abschnitt. System der transscendentalen Ideen. 279 

wirklich eine Verwandtschaft von der Art als zwischen dem logischen 
und transscendentalen Verfahren insgeheim zum Grunde liege, ist auch 
eine von den Fragen, deren Beantwortung man in dem Verfolg dieser 
Untersuchungen allererst erwarten muss. Wir haben vorläufig unseren 
Zwjeck schon erreicht, da wir die transscendentalen Begriffe der Vernunft, 396 
die sich sonst gewöhnlich in der Theorie der Philosophen unter andere 
mischen, ohne dass diese sie einmal von Verstandesbegriffen gehörig 
unterscheiden, aus dieser zweideutigen Lage haben herausziehen, ihren 
Ursprung und dadurch zugleich ihre bestimmte 2iahl, über die es gar 
keine mehr geben kann, angeben, und sie in einem systematischen Zu- 
sammenhange haben vorstellen können, wodurch ein besonderes Feld für 
die reine Vernunft abgesteckt und eingescba-änkt wird. 



dem ersten verbunden, auf den dritten als einen nothwendigen Schlusssatz führen 
soll. Alles, womit sich diese Wissenschaft sonst beschäftigt, dient ihr bloss zum 
Mittel, um zu diesen Ideen und ihrer Realität zu gelangen. Sie bedarf sie nicht 
zum Behuf der Naturwissenschaft, sondern um über die Natur hinaus zu kommen. 
Die Einsicht in dieselben würde Theologie, Moral tmd durch beider Verbindung 
Keligion, mithin die höehaten Zw«cke unseres Dasein» bk»s vom speculativen Vei^- 
nunftyermögen und sonst von nichts Anderem abhängig machen. In einer syste- 
matischen Vorstellung jener Ideen würde die angeführte Ordnung als die synthe- 
tische die schicklichste sein; aber in der Bearbeitung, die vor ihr nothwendig vor- 
hergehen muss,« wird die analytische, welche diese Ordnung umkehrt, dem Zwecke 
angemessener sein, um, indem wir von demjenigen, was uns Erfahrung unmittelbar 
an die Hand giebt, der Seelenlehre, zur Weltlehre, und von da bb zur Er- 
kenntniss Gottes fortgehen, unseren grossen Entwurf zu vollziehen.'] 



^ Piese Anmerkung ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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Der transscendentalen Dialektik 

zweites Buch. 

Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft. 

Man kann sagen, der Q^genstand einer blossen transscendentalen 
Idee sei etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz 
nothwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Q^etzen erzeugt 
worden. Denn in der That ist auch von einem Gegenstände, der der 
Forderimg der Vernunft adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff mög- 
lich, d. i ein solcher, welcher in einer möglichen Erfahrung gezeigt und 
anschaulich gemacht werden kann. Besser würde man sich doch und 
397 mit weniger Gefahr des Missverständnisses ausdrücken, wenn man sagte, 
dass wir vom Object, welches einer Idee correspondirt, keine Kenntniss, 
obzwar einen problematischen Begriff haben können. 

Nun beruht wenigstens die transscendentale (subjective) Realität der 
reinen Vemunftbegriffe darauf, dass wir durch einen nothwendigen Ver- 
nunftschluss auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es Vemunft- 
schlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten, und vermittelst 
deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas Anderes schliessen, wovon 
wir doch keinen Begriff haben und dem wir gleichwol durch einen un- 
vermeidlichen Schein objective Realität geben. Dergleichen Schlüsse sind 
in Ansehung ihres Resultats also eher vernünftelnde als Vemunft- 
schlüsse zu nennen; wiewol sie ihrer Veranlassung wegen wol den letz- 
teren Namen führen können, weil sie doch nicht erdichtet oder zufällig 
entstanden, sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind. Es 
sind Sophisticationen nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft 
selbst, von denen selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht 
losmachen, imd vielleicht zwar nach vieler Bemühung den Irrthum ver- 
hüten, den Schein aber, der ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals 
völlig los werden kann. 

Dieser dialektischen Vemunftschltisse giebt es also nur dreierlei Arten, 
so vielfach als die Ideen sind, auf die ihre Schlusssätze .auslaufen. In 



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Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft 281 

dem Vernunft Schlüsse der ersten Klasse schliesse ich von dem transscen- 
dentalen Begriffe des Subjects, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die 398 
absolute Einheit dieses Subjects selber, von welchem ich auf diese Weise 
gar keinen Begriff habe. Diesen dialektischen Schluss werde ich den 
transscendentalen Paralogismus nennen. Die zweite Klasse der ver- 
nünftelnden Schltlsse ist auf den transscendentalen Begriff der absoluten 
Totalität der Eeihe der Bedingungen zu einer gegebenen Erscheinung 
überhaupt angelegt; und ich schUesse daraus, dass ich von der unbedingten 
synthetischen Einheit der Eeihe' auf einer Sdte jederzeit einen sich selbst 
widersprechenden Begriff habe, auf die Bichtigkeit der entgegenstehenden 
Einheit, wovon ich gleichwol auch keinen Begriff habe. Den Zustand 
der Vernunft bei diesen dialektischen Schlüssen werde ich die Antinomie 
der reinen Vernunft nennen. Endlich schliesse ich nach der dritten 
Art vernünftelnder Schlüsse von der Totalität der Bedingungen, Gegen- 
stände überhaupt, so fem sie mir gegeben werden können, zu denken, 
auf die absolute synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit 
der Dinge überhaupt, d. i. von Dingen, die ich nach ihrem blossen trans- 
Bcendentalen Begriff nicht kenne, auf ein Wesen aller Wesen, welches 
ich durch einen transscendentalen Begriff noch weniger kenne, und von 
^ess^ unbedingter Nothwendigkeit ich mir keinen Begriff machen kann. 
Diesen dialektischen Vemunftschluss werde ich das Ideal der reinen 
Vernunft nennen. 

Des zweiten Buchs der transscendentalen Dialektik 399 

erstes Hauptstück. 

Von den Paralogismen der reinen Vernunft. 

Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines Vernunft- 
schlusses der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein, welcher er wolle. 
Ein transscendentaler Paralogismus aber hat einen transscendentalen 
Grund, der Form nach falsch zu schliessen. Auf solche Weise wird ein 
dergleichen Fehlschiuss in der Natur der Menscnenvemutift seinen Grund 
haben, und eine unvermeidliche, obzwar nicht unauflösliche Illusion bei 
sich fuhren. 

Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben in der allgemeinen 
Liste der transscendentalen Begriffe nicht verzeichnet worden, und den- 



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282 Elementarlehre. H. Theil. n. Abthoilung. 11. Buch. I. Hauptstück. 

noch dazu gezählt werden muss, ohne doch darum jene Tafel im minde- 
sten zu verändern und ftlr mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff 
oder, wenn man lieber will, das Urtheil „Ich denke." Man sieht aber 
leicht, dass er das Vehikel aller Begriffe überhaupt und mithin auch der 
transscendentalen sei, und also unter diesen jederzeit mit begriffen werde, 
und daher ebenso wol transscendental sei, aber keinen besonderen Utel 

400 haben könne, weil er nur dazu dient, alles Denken als zum Bewusstsein 
gehörig aufzuführen. Indessen so rein er auch vom Empirischen (dem 
Eindrucke der Shiue) ist, so dient er doch dazu, zweierlei Gegenstände 
aus der Natur unserer Vorstellungskraft zu unterscheiden. Ich, als 
denkend, bin ein Gegenstand des inneren Sinnes und heisse Seele. Das- 
jenige, was ein Gegenstand äusserer Sinne ist, heisst Körper. Demnach 
bedeutet der Ausdruck Ich als ein denkendes "Wesen schon den Ge- 
genstand der Psychologie, welche die rationale Seelenlehre heissen kann, 
wenn ich von der Seele nichts weiter zu wissen verlange, als was unab- 
hängig von aller Erfahrung (welche mich näher und in concreto bestimmt) 
aus diesem Begriffe Ich, so fem er bei allem Denken vorkommt, ge- 
schlossen werden kann. 

Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von 
dieser Art; denn, wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgend 
eine besondere Wahrnehmung meines Zustande» noch unter die Erkennt- 
nissgründe dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht mehr 
rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon 
eine angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze 
„Ich denke" erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier 
ganz schicklich und der Natur einer Transscendentalphilosophie gemäss 
untersuchen können. Man darf sich daran nicht stossen, dass ich doch 
an diesem Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine 

401 innere Erfahrimg habe, und mithin die rationale Seelenlehre, welche 
darauf erbaut wird, niemals rein, sondern zum Theil auf ein empirisches 
Principium gegründet sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts 
weiter als die blosse Apperception „Ich denke", welche sogar alle trans- 
scendentalen Begriffe möglich macht, in welchen es heisst: Ich denke die 
Substanz, die Ursache u. s. w. Denn innere Erfahrung überhaupt und 
deren Möglichkeit oder Wahrnehmung überhaupt und deren Verhältniss 
zu anderer Wahrnehmung, ohne dass irgend ein besonderer Unterschied 



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Von den Paralogismen der reinen Vernunft. 28 S 

derselben und Bestmmung empirisch gegeben ist, kann nicht als empi- 
rische Erkenntniss, sondern muss als Erkenntniss des Empirischen über- 
haupt angesehen wefden» und gehört zur Untersuchung der Möglichkeit 
einer jeden !Ekfahrung, welche allerdings transscend^atal ist Das min- 
deste Object der Wahrndimung (z. B. nur Lust oder Unlust), welches 
zu d^ altgenmn^iL Vorstellung de» Belbstbewusstsdbs hinzu käme, würde 
die ratitmale PsycJiologlÄ sogleich in eine empirische verwandeln. 

„Ich denke^^ ist also dei* dleäbige Text der rationalen Psychologie, 
aus welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht, 
dass dieser Gedanke^ wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen 
werden soll, nichts Anderes al^ transscendentale Prädicate desselben ent- 
halten könne, weil das mindeste empirische Prädicat die rationale Eeinig- 
keit und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung verderbt! 
würde. 

Wir werd^i aber hier bloss dem Leitfeden der Kategorien zu folgen 40a 
haben, nur, da hier zuerst ein Bing, Ich als denkendes Wesen, gegeben 
worden, so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien unter 
einander, wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht verändern, aber* doch 
hier von der Kategorie der Substanz anfangen, dadurch ein Ding an sich 
selbst vorgestellt wird, und so ihrer Reihe rückwärts nachgehen. Die 
Topik der rationalen Seelenlehl?e, woraus alles Uebrige, was sie nur entr 
halten mag, abgeleitet werden muss, ist denmach folgende: 

1. 

Die Seele ist 

Substanz. 

2. 3. 

Ihrer Qualität nach einfach. Den verschiedenen Zeiten nach, in 

welchen sie da ist, numerisch 
identisch d. i. Einheit (nicht 
Vielheit). 
4. 
Im Verhältnisse 
zu möglichen Gegenständen im Räume.* 



* Der Leser, der aus diesen Ausdrücken in ihrer transscendentalen Abgezogen- 
heit nicht so leicht den psychologiaehen Sinn derselben, und warum das letztere 



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284 Elementarlehre. n. Theil. II. Abtheilung. IL Buch. I. Hauptstück. 

403 Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der reinen Seelen- 

lehre lediglich durch die Zusammensetzung, ohne im mindesten em an- 
deres Principium zu erkennen. Diese Substanz bloss als Gegenstand 
des inneren Sinnes giebt den Begriff der Immaterialität, als einfache 
Substanz der Incorruptibilität; die Identität derselben als intellec- 
tueller Substanz giebt die Personalität; alle diese drei Stücke zu- 
sammen die Spiritualität; das Verhältniss zu den G^enständen im 
Kaume giebt das Commercium mit Körpern; mithin stellt sie die 
denkende Substanz als d«is Principium des Lebens in der Materie, d. i. 
sie als Seele {anima) und als den Grund der Animalität vor; diese 
durch die Spiritualität eingeschränkt: Immortalität. 

Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transscenden- 
talen Seelenlehre, welche fölschlich fiir eine Wissenschaft der reinen 
Vernunft von der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird. 

•404 Zum Grunde derselben können wir aber nichts Anderes legen als die 
einfache und für sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorstellung Ich, 
von der man nicht einmal sagen kann, d£iss sie ein Begriff sdi, sondern 
ein blosses Bewusstsein, das alle Begriffe begleitet. Durch dieses Ich 
oder Er oder Es (das Ding), welches denkt, wird nun nichts weiter als 
ein transscendentales Subject der Gedanken vorgestellt =X, welches 
nur durch die Gedanken, die seine Prädicate sind, erkannt wird, und 
wovon wir abgesondert niemals den mindesten Begriff haben können; 
um welches wir uns daher in einem beständigen Örkel herumdrehen, 
indem wir uns seiner Vorstellung jederzeit schon bedienen müssen, um 
irgend etwas von ihm zu urtheilen; eine Unbequemlichkeit, die davon 
nicht zu trennen ist, weil das Bewusstsein an sich nicht sowol eine Vor- 
stellung ist, die ein besonderes Object unterscheidet, sondern eine Form 
derselben überhaupt, so fem sie Erkenntniss genannt werden soll; denn 
von der allein kann ich sagen, dass ich dadurch irgend etwas denke. 



Attribut der Seele zur Kategorie der Existenz gehöre, errathen wird, wird sie in 
dem Folgenden hinreichend erklärt und gerechtfertigt finden, üebrigens habe ich 
wegen der lateinischen Ausdrücke, die statt der gleichbedeutenden deutschen wider 
den Geschmack der guten Schreibart eingeflossen sind, sowol bei diesem Abschnitte 
als auch in Ansehung des ganzen Werks zur Entschuldigung anzuführen, dass ich 
Heber etwas der Zierlichkeit der Sprache habe mitziehen all den Schalgebrauch 
durch die mindeste Unverständlichkeit erschweireik wollen. 



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Von den Paralogismen der rdnen Vernunft. 285 

Es muss aber gleich anfangs befremdlich scheinen, dass die Be> 
dingong, unter der ich überhaupt denke, und die mithin bloss eine Be- 
schaffenheit meines Subjects ist, zugleich fflr alles, wob denkt, ^tig sein 
solle, und dass wir auf einen empirisch scheinenden Satz ein apodikti- 
sches imd allgemeines Urtheil zu gründen uns anmassen können, nämlich 
dass alles, was denkt, so beschaffen sei, als der Ausspruch des Selbstbe- 
wusstseins es an mir aussagt. Die Ursache aber hiervon liegt darin, «ofr 
dass wir den Dingen a priori alle die Eigenschaften nothwendig bei- 
legen müssen, . die die Bedingungen ausmachen, unter welchen wir sie 
allein denken. Nun kann ich von einem denkenden Wesen durch keine 
äussere Erfahrung, sondern bloss durch das Selbstbewusstsein die mm- 
deste Vorstellung haben. Also sind dergleichen Gregenstände nichts- 
weiter als die Uebertragnng dieses meines Bewusstseins auf andere 
Dinge, welche nur dadurch als denkende Wesen vorgestellt werden. 
Der Satz „Ich denke^' wird aber hierbei nur problematisch genommen, 
nicht so fem er .eine Wahrnehmung von dnem Dasein enthalten mag 
(das Cabtbbianisghe eogito, ergo sum)^ sondern seiner blossen Möglich- 
keit nach, nm zu sehen, welche Eigenschaften aus diesem so einfachen 
Satze auf das Subject desselben (es mag dergleichen nun existiren oder 
nicht) fliessen mögen. 

Läge imserer reinen Vemunfterkenntniss von denkenden Wesea 
überhaupt mehr als das eogito zum Grunde; würden wir die Beobach- 
tungen über das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu schöpfenden 
Naturgesetze des denkenden Selbst auch zu Hilfe nehmen, so würde eine 
empirische Psychologie entspringen, welche eine Art der Physiologie 
des inneren Sinnes sdn würde, und vielleicht die Erscheinungen dessel- 
ben zu erklären, niemals aber dazu dienen könnte, solche Eigenschaften, 
die gar nicht zur möglichen Erfahnmg gehören (als die des Einfachen) ior- 
zu eröffnen, noch von denkenden Wesen überhaupt etwas, das ihre Natur 
betrifft, apodiktisch zu lehren; sie wäre also keine rationale Psy- 
chologie. 

Da nun der Satz „Ich denke" (problematisch genommen) die Form 
eines jeden Verstandesurtheils überhaupt enthält und aUe Kategorien als 
ihr Vehikel begleitet, so ist klar, dass die Schlüsse aus demselben einen, 
bloss transscendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können', welcher 
alle Beimischung der Erfahrung ausschlägt und von dessen Fortgang wir 



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286 Elementarlehre. ü. Theil. IL Abtbeilimg. IL Buch. L Hauptstück. 

nach dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum voraus keinen 
vortheilherften Begriff machen können. Wir wollen ihn also durch alle 
Prädicamente der reinen Seelenlehre mit einem kritischen Auge, verfolgen, 
[^doch um der Kürze willen ihre Prüfung in einem ununterbrochenen 
Zusammenhange fortgehen laasen. 

Zuvörderst kann folgende allgemdne Ben^kung unsere Achtsam- 
keit auf diese Schlussart schärfe. Nicht dadurch, dass ich bloss denke, 
erkenne ich irgend ein Object; soaidem nur dadurch, dass ich eine ge- 
gebene Anschauung in Absicht auf die Einheit des Bewusstseins, darin 
alles Denken besteht, bestimme, kann ich irg^id einen Gregenstand er^ 
kennen. Also erkenne ich mich nicht selbst dadurch, dass idi mir meiner 
als denkend bewusst bin, sondern wenn ich mir der Ausehauung meiner 
selbst als in Ansehung der Function des Denkens bestimmt bewusst bin. 
407 Alle imdi des Selbstbewusstseins im Dmken an sich sind daher noch 
keine Verstandesbegriffe von Objecten (Kategorien), sondern blosse lo- 
gische Functionen, die dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich 
selbst auch nicht als Gegenstand zu erkennen geben. Nicht das Be- 
wusstsein des bestimmenden, sondern nur das des bestimmbaren 
Selbst, d. i. meiner inneren Anschauung (so fem ihr Mannigfaltiges der 
allgemeinen Bedingung der Einheit der Apperception im Denken gemäss 
verbunden werden kann) ist das Objed;. 

1) In allen Urtheilen bin ich nun immer das bestimmende Sub- 
ject desjenigen Verhältnisses, welches das Urtheil ausmacht Dass aber 
Ich, der ich denke, im Denken immer als Subject und als etwas, was 
nicht bloss wie ein Prädicat, dem Denken anhängend, betrachtet werden 
kann, gelten müsse, ist ein apodiktischer und selbst identischer Satz; 
«.ber er bedeutet nicht, dass ich als Object ein für mich selbst be- 
stehendes Wesen oder Substanz sei Das Letztere geht sehr weit, 
erfordert daher auch Data, die im Denken gar nicht angetroffen werden, 
vielleicht (so fem ich bloss das denkende ab ein solches betrachte) mehr, 
als ich überall (in ihm) jemals antreffen werde. 



^ Die bis znm Schlüsse dieses ersten Hauptstticks, bis S. 432 folgendeu Er- 
örterungen gehören in der obigen Fassung erst der zweiten und den folgenden Auf* 
lagen an. Der Wortlaut der ersten Auflage ist im Anhang als „Dritte Beilage** 
.abgedruckt 



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Ton den Pftralogismen der reinen Vernunft. 287 

2) Dass das leh der Apperception folglich in jedem Denken ein 
Singular sei, der nicht in eine Vielheit der Subjecte aufgelöst werben 
kann, mithin ein logisch einfaches Subject bezeichne, liegt schon im Be- 
griffe des Denkens, ist folglich ein analytischer Satz; aber das bedeutet 403 
nicht, daes das denkende Ich eine einfache Substanz sei, welches ein 
synthetischer Satz sein würde. Der Begriff der Substanz bezieht sich 
immer auf Anschauungen, die bei mir nicht anders als sinnlich sein 
können, mithin ganz ausser dem Felde des Verstandes und seinem 
Denken liegen, von welchem doch eigentlich hier nur geredet wird, 
wenn gesagt wird, dass das Ich im Denken einfach sei. Es wäre auch 
wunderbar, wenn mir das, was sonst so viele Anstalt erfordert, um in 
dem, was die Anschauung darlegt, das zu unterscheiden, was darin Sub- 
stanz sei, noch mehr aber, ob diese auch einfach sein könne (wie bei 
den Theilöi der Materie), hier so geradezu in der ärmsten Vorstellung 
unter allen gleichsam wie durch eine Offenbarung gegeben würde. 

3) Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen, 
dessen ich mir bewusst bin, ist ein ebenso wol in den Begriffen selbst 
liegender, mithin analytischer Satz-, aber diese Identität des Subjects,^ 
deren ich mir in allen seinen Vorstellungen bewusst werden kann, be- 
trifft nicht die Anschauung desselben, dadurch es als Object gegeb^Q ist, 
kann also auch nicht die Identität der Person bedeuten, wodurch das 
Bewusstsein der Id^itität seiner eigenen Substanz als denkenden Wesens 
in allem Wechsel der Zustände verstanden wird, wozu, um sie zu be- 
weisen, es mit der blossen Analysis des Satzes ,Jch denke" nicht aus- 
gerichtet sein, sondern versdiiedene synthetische Uriheile, wdche sich409 
auf die gegeb^ie Anschauung gründen, würden erfordert werden. 

4) Ich unterscheide meine eigene !Ekistenz als eines denkenden 
Wesens von anderen Dingen ausser mir (wozu auch mein Körper ge- 
hört), ist ebenso wol ein analytischer Satz-, denn andere Dinge sind 
solche, die ich als von mir unterschieden denke. Aber ob dieses Be- 
wusstsdn meiner selbst ohne Dinge ausser mir, dadurch mir Vorstel- 
lungen gegeben werden, gar möglich sd, und ich also bloss als d^iken- 
des Wesen (ohne Mensdbi zu sein) existiren könne, weiss ich dadurch 
gar nicht. 

Also ist durch die Analyi^ des Bewusstseins mein^ selbst im 
Denken überhaupt in Ansehung der Erkenntniss meiner selbst als Ob- 



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288 Elementarlehre. IL Theil. ü. Abtheilnng. IL Buch. I. Hanptstück. 

Jects mcht das mindeste gewonnen. Die logische Erörterung des Den- 
kens überhaupt wird fölschlich für eine metaphysische Bestimmung des 
Objects gehalten. 

Ein grosser, ja sogar der einzige Stein des Anstosses wider unsere 
ganze Kritik würde es sein, wenn es eine Möglichkeit gäbe, a priori zu 
beweisen, dass alle denkenden Wesen an sich einfache Substanzen sind, 
als solche also (welches eine Folge aus dem nämlichen Beweisgrunde ist) 
Persönlichkeit unzertrennlich bei sich führen, und sich ihrer von aller 
Materie abgesonderten Existenz bewusst sind. Denn auf diese Art hätten 
wir doch einen Schritt Über die Sinnenwelt hinaus gethan, wir wären in 
410 das Feld der Noumenen getreten, und nun spreche ims niemand die 
Befiigniss ab, in diesem uns weiter auszubreiten, anzubauen und, nach- 
dem einen jeden sein Glücksstern begünstigt, darin Besitz zu nehmen. 
Denn der Satz: ein jedes denkende Wesen als ein solches ist einfache 
Substanz, ist ein synthetischer Satz a priori^ weil er erstlich über den 
ihm zum Grunde gelegten BegrifiP hinausgeht und die Art des Daseins 
S5um Denken überhaupt hinzuthut, und zweitens zu jenem Begriffe ein 
Prädicat (der Einfachheit) hinzufügt, welches in gar keiner Erfahrung 
gegeben werden kann. Also sind synthetische Sätze a priori nicht bloss^ 
wie wir behauptet haben, in Beziehung auf Gegenstände möglicher Er- 
fahrung, und zwar als Prindpien der Möglichkeit dieser Erfahrung 
selbst, thunlich und zulässig, sondern sie können auch auf Dinge Über- 
haupt und an sich selbst gehen, welche Folgerung dieser ganzen Kritik 
ein Ende macht und gebieten wtlrde, es beim Alten bewenden zu lassen. 
Allein die Gefahr ist hier nicht so gross, wenn man der Sache näher tritt 
In dom Verfahren der rationalen Psychologie herrscht ein Para- 
loglsmus, der durch folgenden Yemunfitschluss dargestellt wird. 

Was nicht anders als Subject gedacht werden kann, existirt 
auch nicht anders als Subject, und ist also Substanz, 
iu Nun kann ein denkendes Wesen, bloss als ein solches be- 
trachtet, nicht anders als Subject gedacht werden. 
Also existirt es auch nur als ein solches, d. L als Substanz. 
Im Obersatze wird von einem Wesen geredet, das überhaupt in 
jeder Absicht, folglich auch so wie es in der Anschauung gegeben 
werden mag, gedacht werden kann. Im Untersatze aber ist nur von 
demselben die Bede, so fem es sich selbst als Subject nur relativ auf 



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Von den Paralogismen der reinen Vernunft 289 

dafi Daaken tind die Emheit des Bewusataednfi, mcht aber zugleich in 
Beziehung auf die Anschauung, wodurch sie als Object zum Denken 
gegeben wird, betrachtet. Also wird per sophüma figurae dtetionü, mit- 
hin durch einen Trugschluss die Conclusion gefolgert.* 

Dass diese Auflösung des berühmten Arguments in einen Para-4is 
logismus so ganz richtig sei, erhellt deutlich, wenn man die allgemeine 
Anmerkung zur systematischen Yorstellung der Grundsätze und den 
Abschnitt von dai Noumenen hierbei nachsehen wül, da bewiesen 
worden, dass der Begriff eines Dinges, was ftLr sich s^bst als Subject, 
nicht aber als blosses Prädicat existären kann, noch gar keine objecthre 
Bealität bei sich föhre, d. i. dass man nicht wissen kdnne, <A> ihm über- 
all ein Gegenstand zukommen könne, ind^n man die MögUohkeit einer 
solchen Art zu ezistiren nicht einsieht, folglich dass er schlechterdings 
keine Erkezmtniss abgebe. Soll er also unter der Benennung einer Sub- 
stanz ein Object, das g^eben werden kann, «mzeigen, soll er eine Er- 
kenntnisft werdai, so muss eine beharrliche Anschanus^ ab die unent- 
behrliche Bedingung der objectiy^L Bealität eines Begriffs, nämlich das, 
wodurch allein der G^nstand gegeben wird, zum Grunde gelegt werd^. 
Nun haben wir aber in der inneren Anschauung gar nichts Beharrliches, 4i3 
denn das Ich ist nur das Bewusstsein meines Denkens; also fehlt es uns 
auch, wenn wir bloss beim Denk^i stehen Ueiben, an der nothwendigjoa 
Bedingimg, dai Be^^riff der Substanz, d. i. einelt fiir sich besteh^idea 
Subjects, auf sich selbst als denkendes Wesen anzuwenden, und di/9 
damit Terbundene Einfachheit d^ Substanz föllt mit der objectiven Re* 
alität dieses Begriffs gänzlich weg und wird in eine blosse logische quar 



* Das Denken wkd in beiden Prämissen in ganz varsc^edener Bedeutung ge* 
nommen, im Obers&tse, wie es auf ein Object überhaupt (mithin wie es in der An- 
schauung gegeben werden mag) geht, im Untersatze aber nur, wie es in der Be- 
ziehung aufs Selbstbewusstsein besteht, wobei also an gar kein Object gedacht wird, 
sondern nur die Beziehung auf Sich als Sübject (als die Form des Denkens) vor- 
gestellt wird. Im' ersteren wird von Dingen geredet, die nicäil anders «li Subjeeta 
gedacht wOTdeqifcdnmen, im sweiteh aber nicht von Dingen, ,s0nd4m vom Denken 
(indem man von allem Objecto ab^ahirt), in welchem das -Ich immer zum Subject 
des Bewusstseins dient; daher im Schlusssatze nicht folgen kann: ich kann nicht 
anders als Subject existiren^ sondern nur: ich kann im Denken meiner Existenz mich 
nnr zum Subject dett' Urtbelli brMchen, welches eih identischer Satz ist, der schlechter- 
dings nichts tb«r dl« Art meines Daseins eröffhei 

Eaht^s Kritik der reinen Yernnnft.* 19 



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290 Elementarlehre. IL Theil. IL AbtheUung. IL Bach. L Haaptstück. 

litative Einheit des Selbetbewnssteeins im Denken überhaupt, das Sub- 
ject mag zusammengesetzt sein oder nicht, verwandelt 

Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises von der 
Beharrlichkeit der Seele. 

Dieser scharfsinnige Phäosoph merkte bald in dem gewöhnliche 
Argumente, dadiorch bewiesen werden soll, dass die Seele (wenn man 
einräumt, sie sei em einfedies Wesen) nicht 'durch Zertheilung zu 
sein aufhdren könne, dnen Mangel der Zulän^chkeit zu der Absicht, 
ihr die nothwendige Fortdauer zu sichern, indem man noch ein Auf hör^i 
ihres Daseins durch Verschwinden annehmen könnte. In seinem Phä- 
don suchte er nun diese Yergänglichkdt, wekhe eine wahre Vea^niehtung 
sein würde, von ihr dadurch abzuhalten, dass er sich zu beweisen ge* 
traute, ein einfaches Wesen könne gar nicht axtfhihren zu sein, weil, da 
es gar nicht vermindert werden und also nach and nach etwas an seinem 

41^ Dasein verlieren, und so allmählidi in nichts verwandelt w^en könne 
(indem es keine Theile, also aueh keine Vielheit in sich habe), zwischen 
^em Augenblicke, darin es ist, uoid dem änderen, darin es niefat mehr 
ist, gar keine Zeit angetroffen werdai würde, welches umnöglich ist. — 
Allein er bedachte nicht, dass, wenn wir gleich der Seele diese ein&che 
Natur einräumen, da sie nämlich kein MannigMtiges ausser einander, 
mithin keine extensive Grösse enthiih, man ikr doch so wenig wie irgend 
dnem Existirenden intenfflve Grösse, d. 1. einen Grad der BeaHtät in 
Ansehung aller ihrer Vermögen, ja überhaupt ^es dessen, was das 
Dasein ausmacht, ableugnen könne, welcher durch alle unendlich vielen 
kleineren Grade abnehme, und so die vorgebliche Substanz (das Ding, 
dessen Beharrlichkeit nicht sonst schon fest steht), obgleich nicht durch 
Zertheilung, doch durch allmähliche Nachlassung (remmio) ihrer Ki-äfte 
(mithin durch Elanguescenz, wenn es mir erlaubt ist, pich dieses Aus- 
drucks 2u bedienen,) in nichts verwandelt w^d^ kiö^uii^ Denn selbst 
das Bewusstsein hat jederzeit einen Grad, der imm^ noch vermindert 

416 werden kann,* folglich auch das Vermögen sich sdner bewusst zu sein. 



* KlarlMit ist nicht, wie At hof^ker Mgca» ^am BtvmitlMiA -eimr VontoUiuDigi 
denn ein gewisser Grad des Bewinstseins, der ab«r ftor firina^tung »iolit surmeht, 



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y<m ^n Paraloglsmen der reinen Vernunft. 2dl 

und so alle übrige Vermögen. — - Also bleibt die Beharrlichkeit der 
Sede afe blossen Gegenstandes des inner^i Sinnes anbewiesen und 
selbst unerweislich, obgl^idi ihre Beharrlichkeit im Leben, da das den- 
kende Wesen (als Mensch) sich zugleich ein Gegenstand äusserer Sinne 
ist, ftir sich klai ist, womit aber dem rationalen Psjdbologen gar nicht 
Genüge gesciueht, der die absolute Beharrlichkeit derselben selbst über 
das Leben hinaus ans blossen Begriffen zu beweis^i unternimmt * 



mnss selbst in. manchen dnnkelen Voritdlongen ansotreffMi seiii, weSl ohne alles Be- 
wnsstsein wir in der Verbindang dankeler Veest^ungen keinen Untenchied machen 
wurden, wekhes wir doch bei den Merkmalen mancher Begriffe (wie der von Recht 
und Billigkeit; und der Tonkünstler, wenn ,er viele Noten im Phantasiren zugleich 
greift) zu thun vermögen; sondern eine Vorstellung ist klar, in der das Bewusstsein 
zum Bewusstsein des Unterschiedes derselben von anderen zureicht. Reicht 
dieses zwar zur Unterscheidung, aber nicht zum Bewusstsein des Unterschiedes zu, 
so müsste die Vorstellung noch dunkel genannt werden. Also giebt es unendUßh 
viele Grade des Bewusstseins l»s zum Verschwinden. 

* Diejenigen, welche, um eine neue Möglichkeit auf die Bahn zu bringen, schon 
genug gethan zu haben glauben, wenn sie darauf trotzen, dass man ihnen keinen 
Widerspruch in ihren Voraussetzungen zeigen könne (wie diejenigen insgesammt sind, 
die ^e Möglichkeit des Denkens, wovon sie nur bei den empirischen Anschauungen 
im menschlichen Leben ein Bdspiel ihaben, bmA nach dessen Aufhörung einzusehen 
glauben), können durch andere Möglichkeiten, die nicht im mindesten kühner sind, 
in grosse Verlegenheit gebracht >f erden. Der^teichen ist die Möglichjteit der Thei- 
^ung einer einfachen Bubstanz in mehrere Substaiizen, und umgekehrt das Zu- 
sammenfliessen (Coalition) mebrfffer in eine einfache. Denn, obzwar d^e Theilbaxkeit 
ein Zusammengesetztes voraussetzt, so erfordert sie doch nicht nothwendig ein Zu- 
sammengesetztes von Substanzen, sondern bloss von Qraden (der mancherlei Vermögen) 
einer und derselben Substanz. Gleichwie man soch nun alle Er&fte und Vermögen der 
Beele, s^st das des Bewusstseins als auf die Hälfte ges^wunden denken kann, so 
doch, dass immer noch Substanz iil^rig bUj^be, ^o kann man sich auch diese erloschene 
Hälfte als aufbehalten, aber nicht in Hir, sondwn ausser ihr ohne Widerspruch 
vorstellen, und dass, da Mer alles, was in ihr nur immer real ist, folglich einen 
Grad hat, mitbin die ganze Eiastenz derselben, so da3S nichts mangelt, halbirt worden» 
ausser ihr alsdann eine besondere Substanz enlispringen würde. Deim die Vielheit, 
welche getheilt worden, war schon voriger, ^ber nfcht a^ Vielheit der Substanzen, 
. sondern jedw Realität als Quantum der Existenz in ihr, ui^d di? Einhmt der Sub- 
stanz war nur eine Art zu existiren, die durch diese Theilung allein i^ eine Mehrheit 
der Subsistenz verwandelt worden. So könnten abesr auph mehrere einfache Sub- 
stanzen in e4ne wiederum ^usaiqfin^enfliesaeAj dabei nic^s verloren ginge als bloss die 
Mehrheit der. Sfibsistens, indem die e)j;xe den Grad der Realität aller vorigen zu- 



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292 Elementarlehre. IL Theil. H Abtheiliing. ü. Buch. I. Hauptstück. 

416 Nehmen wir nun unsere obigen Sätze, wfe sie auch als für alle 
denkenden Wesen giltig in der rationalen Psychologie als System genom- 
men -w^erden müssen, in synthetischem Zusammenhange, und gehen 

417 von der Kategorie der Relation mit dem Satze: alle denkenden Wesen 
sind als solche Substanzen, rttckw&rts die Eeihe derselben, bis sich der 
Cirkel schliesst, durch, so stossen wir zuletzt auf die Existenz derselben, 
deren sie sich in diesen System unabhängig von äusseren Dingen nicht 

418 allein bewusst sind, sondern die sie auch (in Ansehung der Beharrlichkeit, 
die. nothwendig zum Charakter der Substanz gehört) aus sieh selbst be- 
stimmen können. Hieraus Mgt aber, dass der Idealismus in eben 
demselben rationalistischen System unvermeidlich sei, wenigstens der 
problematische, und, wenn das Dasein äusserer Dinge zu Bestimmung 
seines eigenen in der Zeit gar nicht erforderlich ist, jenes auch nur ganz 
umsonst angenomm^i werde, ohne jemals einen Beweis davon geben zu 
können. 

Befolgen wir dagegen das analytische Verfahren, da das „Ich 
denke^* als ein Satz, der schon ein Dasein in sich schliesst, als gegeben, 
mithin die Modalität zum Grunde liegt, und zergliedern ihn, um seinen 
Inhalt, ob und wie nämlich dieses Ich im Baum oder der Zeit bloss da- 
durch sein Dasein bestimmt, zu erkennen, so würden die Sätze der ra- 



sammen in dch enthielte; imd vielleicht möchten die einfachen Substanzen, welche 
ans die Erscheinung eineir Materie geben (freilich zwar nicht durch einen mechi^ 
nischen oder chemischen Einfluss auf einander, aber doch durch einen uns unbekannten, 
davon Jener nur die Erscheinung wäre), durch dergleichen dynamische Theilxmg 
der Eltemseelen als intensiver Grössen Kinderseelen hervorbringen, indessen dass 
jene ihren Abgang Wiederum durch Ooalition mit neuem Stoffe von derselben Art er- 
gänzten. Ich bin weit entfernt, dergleichen ESmgespinnsten den mindesten Werth oder 
Giltiglceit ^nzuräumen; auch haben die obigen Prindpien der Analytik hinreichend 
eingeschärft, von den Kategorien (als der der Substanz) keinen anderen als Er- 
fahrungsgebrauch zu machen. Wenn aber der Rationalist aus dem blossen Denkungs- 
vermdgen, ohne irgend eine beharrliche Anschauung, dadurch ein Gregenstand gegeben 
würde, ein fttr sich bestehendes Wesen zu machen kühn genug ist, bloss weil die 
Einheit der Apperception im Denken ihm keine Erklärung aus dem Zusammenge- 
setzten eriaubt, statt dass er besser thun wtbrde zu gestehen, er wisse die llSgüch- 
keit einer denkenden Natur nicht zu erklären, warum soll der Materialist, ob er 
gleich ebenso wenig zum Behuf seiner MSgUchkeiten Erfahrung anführen kann, nicht 
zu gleicher Kühnheit bereclitigt sein, sich seines Grundsatzes mit Beibehaltung der 
formalen Einheit des ersteren zum entgegengesetzten GFebrsuche zu bedienen? 



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Von den Paralogismen der reinen Vemunft. 293 

tionalen Seelenlehre mcht vom Begriffe eines denkenden Wesens über- 
haupt, sondern von einer Wirklichkeit anfangen, und aus der Art, wie 
diese gedacht wird, nachdem alles, waa dabei empirisch ist, abgesondert 
worden, das was einem denkenden Wesen überhaupt zukommt, gefolgert ii» 
werden, wie folgende Tafel zeigt: 

1. 

Ich denke, 

2. 3. 

• als Subject, als einfaches Subject, 

4. 

als identisches Subject 

in jedem Zustande memes Denkens. 

Weil hier nun im zweiten Satze nicht bestimmt wird, ob ich nur 
als Subject und nicht auch als Prädicat eines anderen existiren imd ge-. 
dacht werden könne, so ist der Begriff eines Subjects hier bloss logisch 
genommen, und es bleibt unbestimmt, ob darunter Substanz verstanden 
werden solle oder nicht. Allein in dem dritten Satze wird die absolute 
Einheit der Apperception, daÄ einfache Ich, in der Vorstellung, darauf 
sich alle Verbindung oder Tr^inung, welche das Denken ausmacht, be- 
zieht, auch für sieh wichtig, wenn ich gleich noch nichts über des Sub- 
jects Beschaffenheit oder Subsistenz ausgemacht habe. Die Apperception 
ist etwas Eeales, und die Einfachheit derselben liegt schon in ihrer 
Möglichkeit. Nun ist im Baum nicht Beales, was einfach wäre; denn 
Punkte (die das einzige Einfa<^he im Baxun ausmachen) sine bloss Gren- 
zen, nicht selbst aber etwas, was den Baum als Theal auszuma^^hen dient 
Also folgt daraus die Unmöglichkdt einer Erklärung meiner als bloss 420 
denkenden Subjects Beschaffenheit aus örtlnden des Materialismus. 
Weil aber mein Dasein in dem ersten Satze als gegeben betrachtet wird, 
indem es nicht heisst, em jedes denkendes Wesen existirt (welches" zu- 
gleich absolute Nothwendigkeit, und aldo zu viel von ihnen sagen würde), 
sondern nur: ich existire d^okend, ao ist er empirisch, und enthält 
die Bestimmbarkeit meines Dasdinjs bloss in Ansehung meiner Vorstel- 
lungen in der Zeit Da ich aber wiederum hierzu zuerst etwas Beharr- 
liches bedarf dergleichen mir, so fem ich mich denke, gar nicht in der 
inneren Anseha;uung gegeben ist, so ist die Art, wie ich existire, ob als 



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294 Elementarlehre, ü. Theil. H Abtheilnng. ü. Buch. I Hauptstfick. 

Substanz oder als Accidenz, durch dieses eSüfache Selbstbewusstsein gar 
nicht zu bestimmen möglich. Also wenn der Materialismus zur Er- 
klärungsart meines Daseins untauglich ist, so ist der Spiritualismus 
zu derselben ebenso wol unzureichend, und die Sehlussfolge ist, dass 
wir auf keine Art, welche es auch sei, von der Beschaffenheit unserer 
Seele, die die Möglichkeit ihrer abgesonderten 'Existenz überhaupt betriffl, 
irgend etwas erkennen können. 

Und wie sollte es auch möglich sein, durch die Einheit des Be- 
wusstseins, die wir selbst nur dadurch kennen, dass wir sie zur Mög- 
lichkeit der Erfahrung tmentbehrlich brauchen, über Erfahrung (imser 
Dasein im Leben) hinaus zu kommen, und sogar unsere Erkenntniss auf 

491 die Natur aller denkenden Wesen überhaupt durch den empirischen, aber 
in Ansehtmg aller Art der Anschauimg unbestimmtai Satz „Ich denke^* 
zu erweitem? 

Es giebt also keine rationale Psychologie als Doetrin, die uns 
einen Zusatz zu unserer Sdbsterkenntmss verschafflte, sondern nur als 
Disciplin, welche der speculativen Vernunft in diesem Felde untiber- 
schreitbare Grenzen setzt, einerseits um sich nicht dem seelenlosen Ma- 
terialismus in den Schoss zu werfen, andererseits sieh nicht in dem i^ 
uns im Leben grundlosen Spiritualismus herumsohwärmend zu verlieren, 
sondern uns vielmehr erinnert, diese Weigerung unserer Vernunft, den 
neugierigen über dieses Leben hinaus reichenden Fragen befriedigende 
Antwort zu geben, als einen Wink derselben anzusehen, unsere Selbst- 
erkenntniiss von der fruchtlosen überschwenglichen Speculafion zum 
fruchtbaren praktischen Grebrauche anzuwenden, welcher, wenn er gleich 
auch nur immer auf Gegenstände der Erfahrung gerichtet ist, seine 
Prindpien doch höher hernimmt, und das Verhalten so bestimmt, als 
ob unsere Bestimmung unendlich weit über die Erfahrung, mithin über 
dieses Leben hinaus reiche. 

Man sieht aus allem diesem, dass ein blosser Missverstand der rar 
tionalen Psychologie ihren Ursprung gebe. IHe Einheit des Bewusst- 
seins, welche den Kategorien zum Grunde liegt, wird hier für Ansohau-^ 

4s«ung des Subjects als Objects genommen, tmd darauf die Kategorie der 
Substanz angewandt. Sie ist aber nur die Einheit im Denken, wodurch 
allein kein Object gegeben wird, worauf also die Kategorie der Substanz, 
als die jederzeit gegebene Anschauung voraussetzt, nicht uigewandt, 



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Von den Paralogismen der reinen Veraunft 295 

mithin dieses Snbfect gar nieht erkannt w^den kann. Das Subject der 
Kategorien kann also daditroli^ dass es diese denkt, nicht von sidi selbst 
ids einem Oljecte der Kategori^a ein^» Bognff bekommen; denn tun 
diese zu denken inuss es sein reines S^bstlHwnsstsein, webhes dox^ hat 
erklärt werden sollen, zum Grande legen. Ebenso kann das Subject, iq 
wiehern die Vorstdkmg der Zeit' or^rüngUeh ihren Grund hat, sein 
eigenes Dasein in d^ Zeit dadurch nieht bestimmen; und wenn das 
letztere nicht; seiai kann, so kann auch das erstere als Bestimmung 
seiner selbst (als denkenden Wesens öberhai^t) durch Kategorien nicht 
stattfinden.* 



* Das „Ich denke" ist, wie schon gesagt, ein empirischer Satz, und hält den 
Satz „Ich existire" in sich. Ich kann aber nicht sagen: alles, was denkt, existirt; 
denn da würde die Eigenschaft des Denkens alle Wesen, die sie besitzen', zu noth- 
wendigen Wesen mae&enf. Daher kami meine VitiM^mvi auch nieht ftos- dem Satze 
,4idi denke" ate gefolgert angesehen werden, wie Cabtesius dafUr hielt (weU sonst 
der Obersatz: alles, waa denkt, existirt, vorausgehen mttsste), sondern ist mit ihm 
idraitisch. Er drückt eine unbestimmte empirische Anschauung d. i. Wahrnehmung 
aus (mithin beweist er doch, dass schon Empfindung, die folgSch zur Sinnlichkeif 
gehört, diesem Existenzlalsatz zum Grunde liege), geht aber vor der Erfahrong toot- 
her, die das Obg^t der Wahmehmimg durch die Kategorie in Ansehung der Zelt 
bestimmen soU, «nd die Existesä ist hier noch keine Kategorie, als welche nicht 
auf ein unbestimmt gegebenes Object, sondern nur ein solches, davon man einen 
Begriff hat, und wovon man wissen will, ob es auch ausser diesem Begriffe gesetzt 
sei oder nicht, Beziehung hat. Eine unbestimmte WahmehniCung bedeutet hier nur 
etwas Bealeä, das gegeben wotden, und zwar nur aam Denken überhaupt, also nidit 
als Brseheinung; andk niksht ab Sache an sieh selbst (Noumeaoa)^ sondern ala etwaa, 
wai in der Thajb existirt, und in dem Satze „Ich d^nke" als ein solches bezeichnet 
wird. Denn es ist zu merken, dass, wenn ich den Satz ,Jch denke" einen empi- 
rischen Satz genannt habe, ich dadurch nicht sagen will, das Ich in diesem Satze 
sei empirische Vorstellung; vielmehr ist sie rein intellectueU , weil sie zum Denken 
überhaupt gehört Allein ohne irgend ekie empirisefte Vovstellitag, die dem Stotf 
Bum Denken abgiebt^ wüMtd der Actus „Ich denke** dodi nieht stattfinden, und das 
Bmpirisehe ist nur die Bedingung" der Anwendung oder des Gebrauchs des reinen 
mtellectuellen Vermögens. 



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296 Elementarlehre. H Theil. IL Abthdlong. IL Buch. L Hafbptstück. 

488 So verschwindet denn eine über die Ghrenaen möglicher Erfahrung 

hinaus versuchte und doch zum höchsten Interesse der Menschheit ge- 
hörige Erkenntniss, so weit sie der speculotiven Philosophie verdankt 

424 werden soll, in getäuschte Erwartung; wobei gleiohwol dieBtrenge der 
Erkak dadurch, dass sie zugleidi die Unmöglichkeit bewdst, von einem 
Gegenstande der Erfahrtüig über die Erfahrungsgrenze hinaus etwas 
dogmatisch auszumachen, der Vernunft hd diesem ihrem Interesse den 
ihr nicht unwichtig^i Di^ist thut, sie ebenso wol wider alle möglichen 
Behauptungen des Gegentheils in Sich^heit zu stellen; welches nicht 
anders geschehen kann als so, dass man entweder seinen Satz apodiktisch 
beweist oder, wenn dieses nicht gelingt, die Quellen dieses Unvermögens 
aufsucht, welche, wenn sie in den nothwendigen Schranken unserer Ver- 
nunft liegen, alsdann jeden Gegner gerade demselben Gesetze der Entsa- 
gung aller Ansprüche auf dogmatische Behauptung unterwerfen müssen. 

Gleichwol wird hierdurch für die Beftigniss, ja gar die Nothwendig- 
keit der Annehmung eines künftigen Lebens nach Grundsützen des mit 
dem speculativen verbundenen praktischen Vemunftgebrauchs nicht das 
mindeste verloren; denn der bloss speculative Beweis hat auf die gemeine 
Menschenvemunft ohnedem niemals einigen Einfluss habei^ können. Er 
ist so auf eine Haaresspitze gestellt, dass selbst die Schule ihn auf der- 
selben nur so lange erhalten kann, als sie ihn als einen Kreisel um sich 
. selbst sich unaufhörlich drehen lässt, und er in ihren eigenen Augen also 
keine beharrliche Grundlage abgiebt, worauf etwas gebaut werden könnte. 

425 Die Beweise, die für die Welt brauchbar sind, bleiben hierbei alle in ihrem 
unverminderten Werthe, und gewinnen vielmehr durdi Abstellung jener 
dogmatischen Anmassungen an Klarhdt und ungekünstelter Ueberzeu- 
gung, indem sie die Vernunft in ihr eigenthümliches G^ebiet, nämlich die 
Ordnung der Zwecke, die doch zugleich eine Ordnung der Natur ist, 
versetzen, die dann aber zugleich als praktisches Vermögen an sich selbst, 
ohne auf die Bedingungen der letzteren eingeschränkt zu sein, die erstere 
und mit ihr unsere eigene Existenz über die Grenzen der Erfahrung und 
des Lebens hinaus zu erwdtem berechtigt ist Nach der Analogie mit 
der Natur lebender Wesen in dieser Welt, an welchen die Vernunft es 
nothwendig zum Grundsatze annehmen muss, dass kein Organ, kein Ver- 
mögen, kein Antrieb, also nichts Entbehrliches oder ftir den Gebrauch 
Unproportionirtes, mithin Unzweckmässiges anzutreffen, sondern alles 



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Von den Paralogismen der reinen Yemiinfk. 297 

seiner Besthnmuiig im Leben genau ang^nessen sd, zu urtheilen, müsste 
der Mensch, der doch allein den letzten Endzweck von allem diesem in 
sich enthalten kum, das einzige G^chöpf sein, welches davon ausge- 
nommen wäre. Denn seine Naturanlagen, nicht bloss den Talenten und 
Antrieben nach, dayon Geln*aiich zu machen, sondern vom^isalich das 
' moralische G^esetz in ihm, gehen so weit über allen Nutzen und Yortheil, 
den er in diesem Leben darans zieh^i könnte, dass das letztere sogar 
das blosse Bewusstsein der Eechtscha^nheit der Gesinnung bei Er- 
mangdung aller Vortheile, selbst sogar des Schattenweriks vom Nach- 426 
mhm/ über idles hochschätzen lehrt, und ^ sich innerlich dazu berufen 
fühlt, sich durch sein Verhalten in dieser Welt mit Yemchtthuung auf 
yiele Vortheile zun Bürger einer besseren, die er in der Idee 1^ taug- 
lich zu machen. Dieser mächtige, niemals zu widerlegende Beweisgrund, 
begleitet durch eine sich unaufhörlich vermehrende Erkenntniss der 
Zweckmässigkeit in allem, was wir vor uns sehen, tmd durch eine Aus- 
sicht in die ünennesslichkeit der Bchöpftmg, mithin auch durch das Be- 
wusstsein dner gewissen Unbegrenztheit in der möglichen Erweiterung 
unserer Kenntnisse, sammt eln^n dieser angemessenen Triebe bleibt 
immer noch ül^rig, wenn wir es gleich aufgeben müssen, die nothwendige 
Fortdauer unserer Existenz aus der bloss theoretischen Erkenntniss 
unserer sdbst dnzuseh^i. 

Beschluss der Auflösung des psychologischen Paralogismus. 

Der dialektische Schein in der rationalen Psychologie beruht auf 
der Verwechselung einer Idee der Vernunft (einer reinen Intelligenz) mit 
dem in allen Stücken unbestimmten Begriffe eines denkenden Wesens 
überhaupt. Ich denke mich selbst zum Behuf einer möglichen Erfahrung, 
indem ich noch von aller wirklichen Erfahrung abstrahire, und schliesse 
daraus, dass ich mir meiner Existenz auch ausser der Erfisdirung und 
den empirischen Bedingungen derselben bewusst werden könne. Folglich 427 
verwechsele ich die mögliche Abstraction von meiner empirisch be- 
stimmten "Existenz mit dem vermeinten Bewusstsein einer abgesondert 
möglichen Existenz meines denkenden Selbst, und glaube das Substan- 
tiale in mir als das transscendentale Subject zu erkennen, indem ich bloss 
die Einhdt des Bewusstseins, welche allem Bestimmen als der blossen 
Form der Erkenntniss, zmn Grunde liegt, in Gedanken' habe. 



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298 Elementarlehre. IL TheU. IL Abtbeilimg. IL Buch. L Hauptstack. 

Die Aufgabe, die Gemeinschaft der Seele mit dem Körp^ zu eiv 
klären, gehttrt nicht eigei»didi zu derjenigen Psychologie, wovon hier die 
Rede ist, weil sie die PersimHcyaeit der Seele auch ansset dieser Gemein- 
schaft (nach dem Tode) zn beweiseci die Absicht hat, und also im eigent- 
Hehen Verstände transscendent ist, ob sie sich gkieh mit einem Objecto 
der Erfahrung beschäftigt, aber nur so fem es aufhörty ein G^enstand der 
Erfahrung zu sein. Indessen kann auch hierauf nach unserem Lelirbegriffe 
hinreichende Antwort gegeben werden. Die Schwierigkeit', welche diese 
Au%abe yeraztlasst hat, besteht, wie bekannt, in d^r vorausgesetzten 
Ungleichartigkeit des Gegenstandes des iimeren SiiMies (der Seele) mit 
den Gegenständen äusserer Sinne, da jenem nur die Zeit, dieam auch 
d^ Raum zur formalen Bedingung ihrer Anschauung «aahängt. Bedenkt 
man aber, dass beiderlei Art von Gegenständen hierin sich meht innere 
Kch, sondern nur, so fem einer dem anderen äussei^ch erscheint, von 

428 einander unterscheiden, mithin das, was der Erscheinung der Materie als 
Ding an sich selbt zum Grunde liegt, vielleicht so ungleichartig nicht 
sein dürfte, so verschwindet diese Schwierigkeit, und es bleibt keine 
andere übrig als die, wie überhaupt eine Gemeinschaft von Substanzen 
möglich sei, welche zu lösen ganz ausser drai F^de der Fsjehologie 
und, wie der Leser nach dem, was in der Analytik von Grundkräften 
und Vermögen gesagt worden, leicht urtheilen wird, <^me.alle» Zweifd 
auch ausser dem Felde aller menschlichen Erkenntniss liegt. 

• Allgemeine Anmerkung, den üebergang von der rationalen 
Psychologie zur Kosmologie betreffend. 

Der Satz „Ich denke" oder Jich exisüre denkend" ist ein empi- 
rischer Satz. Einem solchen aber liegt empirische Anschauung, folglich 
auch da& gedachte Object als Erscheinung zum Grunde, und so scheint 
es, als wenn nach unserer Theorie die Seele ganz und gar, selbst im 
Denken, in Erscheinung verwandelt würde, und auf solche Weise unser 
Bewusstsein selbst als blosser Schein in der That auf nichts gehen müsste. 

Das Denken, für sich genommen, ist bloss die logische Function, 
mithin lauter Spontaneität der Verbindung des Mannigfaltigen einer bloss 
möglichen Anschauung, und stellt das Subject des Bewusstseins keines- 

429 wegs als Erscheinung dar, bloss darum, wal es gar keine Rücksicht auf 



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Von den Paralogismwi der reinen Vernunft. 299 

die Art der Anschoaung nimmt, ob Glie similich oder intellectuell sei. 
Dadureli stelle ich mich mir selbst weder wie ich bin, noch wie ich mir 
erscheine, roi«, sondern ich denke mich nur wie ein jedes Object über* 
hanpt, von dessen Art der Anschauung ich abstrahire. Wenn ich mich 
hier ak Subject ä&t Gedanken oder auch als Grund dös Denkens vor- 
stelle, so bedeuten di^se Vorstellungsarten nicht die Kategorien der Sub- 
stanz oder der Ursache, denn diese sind jene Functionen des Denkens 
(Urthdlens) schon auf unsere sinnliche Anschauung angewandt, welche 
freilich erfordert werden würde, wenn ich mich erkennen wollte. Nun 
will ich mir mehi^ aber nur als d^ikend bewusst werden; wie mein 
eigenes Selbst in der Anschauung gegeben sei, das setze ich bei Seite, 
und da könnte es mir, der ich denke, aber nicht so fem ich denke, bloss 
Erscheinung sein; im Bewusstsein meiner Selbst beim blossen Denken 
bin ich das Wesen selbst, von dem mir aber freilich dadurch noch 
nichts zum Denken g^eben ist. 

Der Satz aber „Ich denke", so fem er so viel sagt als: „Ich exi- 
stire denkend", ist nicht blosse logische Function, sondern bestimmt 
das Subject (welches denn zugleich Object ist) in Ansehung der Existenz, 
und kann ohne den inneren Sinn nicht stattfinden, dessen Anschauung 
jederzeit das Ol\ject nicht als Ding an sich selbst, sondern bloss als Er- 
scheinung an die Hand giebt. In ihm ist also schon nicht mehr blosse 48<^ 
Spontaneität des Denkens, sondern auch Beceptivitat der Anschauung^ 
d. i. das Denken meiner selbst auf die empirische Anschauung eben des- 
selben Subjects angewandt. In dieser letzteren müsste denn nun das 
d^ikende Selbst die Bedingungen des Gebrauchs seiner logische Func- 
tionen zu KategoHen der Substanz, der Ursache u. s. w. suchen, um sich 
als Object aoft sich sdbst nicht bloss durch das Ich zu bezeidmen, sondern 
auch die Art seines Dasein» zu bestimmen, d. i. sich als Noumenon zu 
erkennen, welches ab^ unmöglich ist^ indem die innere empirische An- 
schauung sinnlich ist und nichts .als Data der Erscheinung an die Hand 
giebt, die dem Objeet des reinen Bewusstseins zur Kenntniss seiner 
abgesonderten Existenz nichts lie^m, sondern bloss der Erfahrung zum 
B^ufe dienen kann. 

Gesetzt aber, es f^de sich in der Folge, nicht in der Erfahrung, 
sondern in gewissen (nicht bloss logischen Kegeln, sondern) a priori fest- 
stehenden, unsere Existenz betreffenden Gesetzen des reinen Vemunft- 



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300 Elementarlehre. IL TheiL IL Abtheilimg. IL Bacb. I Hauptstück. 

gebrauchs Veranlassung, uns völlig a priori in Ansehung unseres eigenen 
Daseins als gesetzgebend und diese Existenz aucb selbst bestimmend 
vorauszusetzen, so würde sich dadurch eine Spontaneität entdeckmi, wo- 
durch unsere Wirklichkeit bestimmbar wäre, ohne dazu der Bedingungen 
der empirischen' Anschauung zu bedürfen; und hier würden wir inne 
werden, dass im Bewusstsein unseres Daseins a priori etwas enthalten 

481 sd, was unsere nur sinnlieh durchgängig bestimmbare Existenz doch in 
Ansehung eines gewissen inneren Vermögens in Beziehung auf eine intelli- 
gibele (freilich nur gedachte) Welt zu bestimme dienen kann. 

Aber dieses würde nichts desto weniger alle Versuche in der ratio- 
nalen Psychologie nicht im mindest^i weiter bringen. Denn ich würde 
durch jenes bewundernswürdige Vermögen, welches mir das Bewusstsein 
des moraüscben Gesetzes allererst offenbart, zwar ein Princip der Be- 
stimmung meiner Exist^iz, welches rein intelleetudl ist, haben; aber 
durch welche Prädicate? Durch keine anderen als die mir in der sinn- 
lichen Anschauung gegeben werden müssen, und so würde ich da wiederum 
hin gerath^i, wo ich in der rationalen Psychologie war, n&nUch in das 
Bedürfiiiss sinnlicher Anschauungen, um m^en Verstandesbegriffen, 
Substanz, Ursache u. s. w., wodurch ich allein Erkenntniss von mir 
haben kann, Bedeutung zu verschaffen; jene Anschauungen können mir 
aber über das Feld der Erfahrung niemals hinaus helfim. Indessen würde 
ich doch diese Begriffe in Ansehung des praktische Gebrauchs, welcher 
doch immer auf G^genstäijtde der Erfahrung gerichtet ist, der im theo- 
retischen Gebrauche analogen Bedeutung gemäss auf die Freiheit und 
das Subject derselben anzuwenden befugt sein, indem ich bloss die 
logischen Functionen des Subjects und Prädicats des Grundes und der 
Folge darunter verstehe, denen gemäss die Hiindlungen oder die Wir- 

4S2kungen, jenen Gesetzen gemäss, so bestimmt werden, dass sie zugleich 
mit den Naturgesetzen, den Kategorien der Substanz und der Ursache 
allemal gemäss, erklärt werden können, ob sie gläch aus ganz anderem 
Princip entspringen. Dieses hat nur zur Verhütung des IMissverstandes, 
dem die Lehre von unserer Selbstanschauung als Ercheinung leicht aus- 
setzt ist, gesagt sein sollen. Im Folgenden wird man davon Gkbraoch 
zu machen Gelegenheit haben. ^] 



vgl. S. 40C. Anm. 1. 



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Von den Paralo'gismen der reinen Vernunft. 301 

Der transm^endentalen Dialektik 
zweites Hauptstück. 

Die Antinomie der reinen Vernunft. 

Wir haben in der Einleitung zu diesem Theile unseres Werks ge- 
zeigt, dass aller transseendentale Schein der reinen Vernunft auf dialek- 
tischen Schlüssen beruhe, deren Schema die Logik in den drei formalen 
Arten der Vemunftschltisse überhaupt an die Hand giebt, so wie etwa 
die Kategorien ihr lo^sches Schema in den vier Functionen aller Urtheile 
antreffen. Die erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse ging auf die . 
unbedmgte Einheit der subjectiven Bedingungen aUer Yorstellungen 
überhaupt (des Subjects oder der Seele) in Correspondenz mit den kate- 
gorischen Vermmftschlüssen, deren Obersatz als Prindp die Beziehung 
eines Prädicats auf ein Subject aussagt. Die zweite Art des dialek-439 
tischen Arguments wird also 'nach der Analogie mit hypothetischen 
VemunftschlÜBsen die unbedingte Einheit der objectiven Bedingungen in 
der Erscheinung zu ihrem Inhalte machen, so wie die dritte Art, die 
nn folgenden Hauptstücke vorkommen wird, die unbedingte Einheit der 
objectiven Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände überhaupt zum 
Thema hat. 
\ Es ist aber 'merkwürdig, dass der transscendentale Paralogismus 

einen bloss einseitigen Schein in Ansehung der Idee von dem Subjecte 
\ unseres Denkens bewirkte , und ^ur Behauptimg des Gregentheils sich 
Weht der mindeste Schein aus Vemunftbegriffen vorfinden will. Der 
VortheSl ist gänzlich auf der Seite des Pneumatismus, obgleich dieser 
den Erbfehler nicht verleugnen kann, bei allem ihm günstigen Schein in 
der Feuerprobe der Kritik sidi in lauter Dunst aufeulösen. 

Ganz anders fällt es aus, wenn wir ^e Vernunft auf die objective 
Synth esis der Erscheinungen anwenden, wo sie ihr Prindpium der 
unbedi;Lgten !^uiheit zwar mit vielem Scheine geltend zu machen denkt, 
eich aber bald in solche Widersprüche verwickelt, dass sie genöthigt wird 
in kosmologischer Absicht von ihrer Forderung abzustehen. 

Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Ver- 
nunft, nämlich eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeli^ 



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302 Elementarlehre. IL Theil. H. Abtheilimg. IL Buch. IL Hauptstück. 

434 und künstlich Schlingen zu legen hraucht, sondern in welche die Yemunfit 
von selbst und zwar unvermeidlich geräth, und dadurch zwar vor dem 
Schlummer einer eingebildeten Ueberzeugung, den ein bloss einsdtiger 
Schein hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung gebracht 
wird, sich entweder einer skeptischen Hofihungsloeigkeit zu überlassen, 
oder einen dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf steif auf ge- 
wisse Behauptungen zu setzen, o]fnB den Gründen des Gregendieils €rehör 
und Gerechtigkeit wider&bren zu lassen. Beides ist dw Tod einer ge- 
bunden Philosophie, wiewol jener allenfalls noch die Euthanasie der 
reinen Vernunft genannt werden könnte. 

Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Z^errtlttnngen sehen 
lassen, welche dieser Widerstreit ' der Gesetze (Antinomie) der reinen 
Vemimft veranlasst, wollen wir gewisse Erörterungen geben, welche die 
Methode erläutern und rechtfertigen können, deren wir ^nns in Behand- 
lung unseres Gegenstandes bedienen. Ich nenne alle transscendental^i 
Ideen, so fem sie die absolute Totalität in der Synthesis der Erschei- 
nungen betreffen, Weltbegriffe, theils wegen eben dieser unbedingten 
Totalität, worauf auch der Begriff des Weltganzen beruht, der selbst nur 
eine Idee ist, theils w'eil sie ledigUch auf die Synthesis der Erscheinungen, 
mithin die empirische gehen, da hingegen die alsolute Totalität in der 

485 Synthesis der Bedingungen iedler möglichen Dinge tlberhaupt ein Ideal 
der reinen Vernunft veranlassen wird, welches von dem Weltbegriffe 
gänzlich unterschieden ist, ob es gleich darauf in Beziehung steht Da- 
her, so wie die Paralogismen der reinen Vernunft den Grund zu einer 
dialektischen Psychologie legten, eq wird die Antinpinie der reloen Ver- 
nunft die transscendentalen Grundsätse einer vermeinten reinen (ratio- 
nalen) Kosmologie vor Augen stdlen, nicht um sie gilt^ zu ßni&x und 
sich zuzueignen, sondern, wie es auch schon die Benennung von einem 
Widerstreit der Vernunft anzeigt, um sie als eij^e Idee, die sich mit Er- 
scheinungen nicht vereinbaren lässt, in ihrem blendenden aber falschen 
.Scheine darzustellen. 



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I. Abschnitt. System der kosmologisehen Ideen. 303 

Der Aütinomie der reinen Vernunft 
erster Abschnitt. 

System der kosmologisehen Ideen. 

Um mm diese I^n ncieh einem Priocip mit systemaüschex Präci- 
sion aa&ählmi zu können, müssen wir erstlich bemerken, dass nur der 
Verstand ea 8<^, aus welchem reine und transsoendentale Begriffe mt^ 
springen köm^oa, dass die Ver»wft eig^itlich gar keinen Begriff erzeuge, 
sondern allea&Us nur den Vers tan des begriff Ton den unvermeidlichen 
Einschränkungen einer mi^üchBi Erfahrung frei mache, und ihn also 
flJb^ die Gr^izen des Empirische, doch aber in Veirknüpfung mit dem- 
selben, zu erweitern sudbe. Diese» geschieht dadurch, d^ss ^e zu einem 436 
gegebenen Bedingten auf der Si^te der Bedingungen (unter denen der 
Verstand alle Erscheinungen d^ synthetischen Einheit unterwirft) abso- 
lute TotaUtüt fordert und dadurch die Kategorie zur transscendeujt^en 
Idee macht,, um der empirische Bynthesis durch die Fortsetzung der- 
selben bis zum Unbedingten (welches niemals in der Erfahrung, sondern 
nur in der Idee angetroffen wird) absolute Vollständigkeit zu geb^i. Die 
Vernunft fordert dieses nach dem Grrundßatze: wenn das Bedingte 
gegeben iit, so ißt auch die ganze Summe der Bedingungen, 
mithin das schlechthin Unbedingte gegeben, wodurch jenes allein 
möglich war. Also werden erstlich die transscendentalen Ideen eigent- 
Hch nichts als bis zum Unbediagten erweiterte Kategorien sein, und jene 
werden sich vsi mne Tafel bringe lassen, die nach den Titeln der letz- 
teren mägeocdlieit ist. ^weitenfi aber werde doch auch mcht alle 
Kategorie, dazu taugen, sondern nur diejenigen, in welchen die Syn- 
thesis ^ne Beihe ausmalt, und zwar der einander u;nt€^gerdnete 
(nicht be^eordnete) E^ediogunge zu einem Bedingten. Die absolute 
Totalitäik wlrdi von der Vernunft nur so fem gefordert, als sie die auf- 
steigende Eeihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten angeht, 
mithin nicht, wesm voi^ der abstei^nde linie i^ Eolgen, noch auch 
von dem Aggregßi^ cooirdinirter Bedingunge z^i diese Folgen die Bede 
ist. Den B^dipgui^en sind in Ansehung des^ gegebenen Bedingten«? 
schon ycaai|sge$et0t und mit diesem auch als gegeben anzusehen, an- 



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304 Elementarlehre. II. Theil. U Abtheilnng. IL Buch. IL Hauptstttck. 

Statt dass, da die Folgen ihre Bedingungen nicht möglich machen, soih 
dem vielmehr voraussetzen, man im Fortgange zu den Folgen (oder im 
Absteigen von der gegebenen Bedingung zu dem Bedingten) unbeküm- 
mert sein kann, ob die Reihe aufhöre oder nicht, und überhaupt die 
Frage wegen ihrer Totalität gar kdne Voraussetzung der Vernunft ist. 

So denkt man sich nothwendig eine bis auf den gegebenen Augen- 
blick völlig abgelaufene Zeit auch als gegeben (wenn gleich nicht durch 
uns bestimmbar). Was aber die künftige betrifft, da sie die Bedingnng^ 
nicht ist zu der Gregenwart zu gelang^i, so ist es, um diese zu begreifen, 
ganz ^eichgiltig, wie wir es mit der künftigen Zeit halten wollen, ob 
man sie irgendwo aufhören oder ins unendliche laufen lassen wilL Ea 
sei die Eeihe m, n, o, worin n als bedingt in Ansehung von m, aber zu- 
gleich als Bedingung von o gegeben ist-, die Reihe gehe aufvrärts von 
dem bedingten n zu m (1, k, i u. s. w.), imgl^dien abwärts von der 
Bedingung n zum bedingten o (p, q, r u. s. w.), so muss ich die erstere 
Reihe voraussetzen, um n als gegeben «izusehen, und n ist nach der 
Vernunft (der Totalität der Bedingungen) nur vermittdst jener Reihen 
möglich; seine Möglichkeit beruht aber nicht auf der folgenden Reihe o, 
t38p, q, r, die daher auch nicht als gegeben, sondern nur als dahilte ange> 
sehen werden könnte. 

Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingung^ 
also von. derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung- 
ist, und so zu den entfernteren Bedingungen, ^e regressive, diejenige 
aber, die auf der Seite des Bedingten von der nächsten Folge zu den 
entfernteren fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere 
geht in anteeedentta, die zweite in oonsequentia. Die kosmologischen 
Ideen also beschäMgen r.di mit der Totalität der regressiven Synthesis, 
und gehen in anteeedentia, nicht ih e&nsequentia. Wenn dieses letztere 
geschieht, so ist es dn willkürliches und nicht nothwendiges Probl^n 
der reinen Vernunft, weil wir zur vollständigen Begreifliehkdt dess^ 
was in der Erscheinung gegeben ist, wol der Gründe, nicht aber dw 
Folgen bedürfen. 

um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen dn- 
zurichten, so nehmen wir zuerst die zwei ursprüngHchen quanta aller 
unserer Anschauung, Zeit und Raum. Die Zeit ist an sich sdbst eine 
Reihe (und die formale Bedingmig aller Reihen)^ und daher fidnd in ihr 



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I. Abschnitt System dei; kosmologischea Ideen. 305 

in Ansehung einer gegebenen Gegenwart die anteoedmtia als Bedingungen 
(das Vergangene) von den eonsequefUtbus (dem Künftigen) a priori zu 
unterscheiden. Folglich geht die transscendentale Idee der absoluten 
Totalität der Eeihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten 439 
nur auf alle vergangene Zeit. Es wird nach der Idee der Vernunft die 
ganze verlaufene Zeit als Bedingung des gegebenen Augenblicks noth- 
wendig als gegeben gedacht. Was aber den Eaum betrifft, so ist in 
ihm an sich selbst kein Unterschied* des Progressus vom Eegressus, weil 
er ein Aggregat aber keine Reihe ausmcujht, indem seine Theile ins- 
gesammt zugleich sind. Den gegenwärtigen Zeitpunkt konnte ich in 
Ansehung der vergangenen Zeit nur als bedingt, niemals aber als Be- 
dingung derselben ansehen, weil dieser Augenblick nur durch die ver- 
flossene Zeit (oder vielmehr durch das Verfliessen der vorhergehenden 
Zeit) allererst entspringt. Ab^ da die Theile des Raumes einander nicht 
untergeordnet, sondern beigeordnet sind, so ist ein Theil nicht die Be- 
dingung der Möglichkeit des anderen, und er macht nicht so wie die 
Zeit an sich selbst eine Reihe aus. Allein die Synthesis der mannig^ 
faltigen Theile des Raumes, wodurch wir ihn apprehendiren^ ist doch 
successiv, geschieht also in der Zeit imd enthält eine Reihe. Und da in 
dieser Reihe der aggregirten Räume (z. B. der Füssein einer Ruthe) 
von ein^n gegebenen an die weiter hinzugedachten immer die Bedin- 
gung von der Grenze der vorigen sind, so ist das Messen eines 
Raumes auch als eine Synthesis einer Reihe der Bedingungen zu einem 
gegebenen Bedingten anzusehen, nur dass die Seite der Bedingungen 
von dejr Seite, nach welcher das Bedingte hin liegt, an sich selbst nicht 
unterschieden ist, folglich re^ressus und progreisus im Räume einerlei jpu 440 
sein scheint. Weil indessen ein Theü des Raums nicht durch den. ande- 
ren gegeben^ sondern nur begrenzt wird, so müssen wir jed^i begrenzten 
Raum in so fern auch als bedingt ansehen, der einen anderen Raum als 
die Bedingung seiner Grenze voraussetzt, und so fortan. In Ansehung 
der Begrenzung ist also der Fortgang im Räume cuich ein Regressus, 
und die transscendentale Idee der absoluten Totalität der Synthesis in 
der Reihe der Bedingungen triflPt auch den Raum, und ich kann ebenso 
wol nach der absoluten Totalität der Erscheinung im Räume, als der in 
der verflossenen Zeit fragen. Ob aber überall darauf auch eine Antwort 
möglich sei, wird sich künftig bestimmen lassen. 

Kabt's Kritik der reineu Yernunft. 20 



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306 Elementarlehre. IL Theil. II. Abtheilnng. II. Bach. 11. Hauptstück. 

Zweitens, ßo ist die Realität im Kaiune d. i. die Materie ein Beding- 
tes, dessen innere Bedingungen seine Theile, und die Tbeile der Th^e 
die entfernten Bedingungen sind, so dass hier eine regressive Syntfaesis 
stattfindet, deren absolute Totalität die Vernunft fordert, welche nicht 
anders als durch eine vollendete Theilung, dadurch die Bealität der 
Materie entweder in nichts oder doch in das, was nicht mehr Materie 
ist, nämlich das Einfache verschwindet, stattfinden kann. Folglich ist 
hier auch eine Reihe von Bedingungen und em Fortschritt zum Un- 
bedingten. 

441 Drittens, was die Kategorien des realen Verhältnisses unter d«i 
Erscheinungen anlangt, so schickt sich die Kategorie der Substanz mit 
ihren Accidenzen nicht zu einer transscendentalen Idee, d. i. die Ver- 
nunft hat keinen Grund in Ansehung ihrer regressiv auf Bedingungen 
zu gehen. Denn Accidenzen sind (so fern sie einer einigen Substanz in- 
häriren) einander coordinirt und machen keine Reihe aus. In Ansehung 
der Substanz aber sind sie derselben eigentlich nicht subordinirt, sondern 
die Art zu existiren der Substanz selber. Was hierbei noch scheinen 
könnte eine Idee der transscendental^i Vernunft zu sein, wäre der Be- 
griff vom Substantial^. Allein da dieses iiichts Anderes bedeutet ab 
den Begriff vom Gegenstande tib^haupt, welcher subsistirt, so fem man 
an ihm bloss das transscendentale Subject ohne alle Prädicate denkt, 
hier aber nur die Rede vom Unbedingten in der Reihe der Erscheinun- 
g^i ist, so ist klar, dass das Substantiale kein Glied in d^selben aus- 
machen könne. Eben dasselbe gilt auch von Substanzen in Gemeinschaft, 
welche blosse Aggregate sind und keinen Exponenten einer Reihe haben, 
indem sie nicht einander als Bedingungen ihrer Möglichkeit subordinirt 
sind, welches man wol von den Räumen sagen konnte, deren Grenze 
niemals an sich, sondern immer durch einen anderen Raum bestimmt 
war. Es bleibt also nur die Kategorie der Causalität übrig, welche 
dne Reihe der Ursachen zu einer gegebenen Wirkung darbietet, in 

442 welcher man von der letzteren als dem Bedingten zu jenen als Bedin- 
gungen aufsteigen, und der Vemunftfrage antworten kann. 

Viertens, die Begriffe des Möglielien, Wirklichen und Nothwendigen 
führen auf keine Reihe, ausser nur, so fern das ZufMllige im Dasein 
jederaeit als bedingt angesehen werden muss,*und nach der Regel des 
Verstandes auf eine Bedingung weist, darunter e« nothwendig ist, diese 



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I. Abschnitt. System den kosmologischen Id^eo. 307 

auf ciac höhtt^ Bedingung zu weisen, bis die Vernunft nur in der To- 
talität dieser ß^e die unbedingte Nothwendigkeit antrifft. 

Es sind demnach mcht mehr als vier kosmologische Ideen, nach 
den vier Titeln dar Kategorien, wenn man diejenigen aushebt, welche 
eine Beihe in d^r Synthesis des Mannigfaltigen nothwendig bei sich 
führen: 

1. 443 

Die absolute Vollständigkeit 

der Zusammensetzung 

des gegeb^aen Ganzen aller Erscheinungen. 

2. 3. 

Die absolute Vollständigk^t Die absolute Vollständigkeit 

der Theilung der Entstehung 

eines gegebenen Ganzen in der einer Erscheinung Überhaupt 

Erscheinung 

4. 

Die absolute Vollständigkeit 

der Abhängigkeit des Daseins 

des Veränderlichen in der Erscheinung. 

Zuerst ist hierbei anzumerken, dass die Idee der absoluten Totali- 
tät niefats Anderes als die Exposition der Erscheinungen betreffe, 
mithin mcht den reinen Verstandesbegriff von emem Ganzen der Dinge 
überhaupt. Es werden hier also Erscheinungen als gegeben betraclitet, 
und die Vernunft fordert die absolute Vollständi^ceit der Bedingungen 
ihrer Möglichkeit, so fem diese eine Beihe atismaeben, mithin eine 
schledidiin (d. i. in aller Absicht) vollständige Syntheeis, wodurch die 
Erscheinung nach Verstandesgeßetzen exponiii; werden könne. 

Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte, was die Vernunft in 
dieser reihenweise, und zwar regressiv fortgesetzten Syntiiesis der Be-414 
diiigungen sudit, gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der Prä* 
missen, die zusammen weiter keine anderen voraussetzen. Dieses Unbe- 
dingte ist nun jedei-zeit in der absoluten Totalität der Reihe, wenn 
man sie sich in der Einbildung vorstellt, enthalten. Allein diese schlecht- 
hin vollendete Synthesis ist wiederum nur eine Idee; denn man kann 
wenigst^is zum voraus nicht wissen ^ ob eine solche bei Erscheinungen 
auch möglich sei. Wenn man sich alles duceh blosse reine Verstandes- 

20* 



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308 Elementarlebre. n. Theil. II. Abtheilung. II. Buch. n. Hauptstück. 

begriffe, ohne Bedingungen der sinnlichen Anschauung vorstellt, so kann 
man geradezu sagen, dasis zu einem gegebenen Bedingten auch die ganze 
Keihe einander siibordiniiter Bedingungen gegeben sei; denn jenes ist 
allein durch diese gegeben. Allein bei Erscheinungen ist eine besondere 
Einschränkung der Art, wie Bedingungen gegeben werden, anzutreffen^ 
nämlich durch die successive Synthesis des Mannigfaltigen der Anschau- 
ung, die im Eegressus vollständig sein soll. Ob diese Vollständigkeit 
nun sinnlich möglich i^ei, ist noch ein Problem. Allein die Idee dieser 
Vollständigkeit liegt doch in der Vernunft, unangesehen der Möglichkeit 
oder Unmöglichkeit, ihr adäquat ^npirische Begriffe zu verknüpfen. Also 
da in der absoluten Totalität der regressiven Synthesis des Mannigfalti- 
gen in der Erscheinung (nach Anleitung der Kategorien, die sie als eine 
Eeihe von Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten vorstellen) das 

415 Unbedingte nothwendig enthalten ist, man mag auch unausgemacht lassen, 
ob und wie diese Totalität zu Stande zu bringen sei, so nimmt die Ver- 
nunft hier den Weg, von der Idee der Totalität auszugehen, ob sie gleich 
eigentlich das Unbedingte, es sei der ganzen Reihe oder eines Theils 
derselben, zur Endabsicht hat. 

Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken entweder als bloss 
in der ganzen Eeihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme 
bedingt und nur das Ckinze derselben schlechthin unbedingt wäre, und 
dann heisst der Regressus unendlich; oder das absolut Unbedingte ist 
nnr ein 'Bieil der R^e, dem die übrigen Glieder derselben untergeord- 
net sind, der selbst aber unter keiner anderen Bedingung steht* In dem 
ersteren Falle ist die Reihe a parte priori ohne Grenzen (ohne Anfang), 
d. i. unendlich, und gleichwol ganz gegeben; der Regressus in ihr aber 
ist niemals vollendet, und kann nur potentialiter unendlich g^isuint 

446 werden. Im zweiten Falle giebt es ein Erstes der Reihe, welches in 
Ansehung der verflossenen Zeit der Welt an fang, in Ansehung de» 
Raumes die- Welt grenze, in Ansehung der Theile eines in seinen 



* Das absolate Ganze der Rßihe von Bedingungen su einem gegebenen Be- 
dingten ist jederzeit unbedingt, weil ausser ibr keine Bedingungen mehr sind, in 
Ansehung deren es bedingt sein könnte. Allein dieses absolute Ganze einer solchen 
Reihe ist nur eine Idee oder vielmehr ein problematischer Begriff, dessen Möglichkeit 
imtersucht werden muss, und zwar in Beziehung auf die Art, wie* das Unbedingte 
als die eigentliche transscendentale Idee, worauf es ankommt, darin enthalten sein mag. 



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I. Abschnitt System der kosmologischeu Ideen. 309 

Orenzen gegebenen Gaazm das Einfache, in Ai^gebung der Ursachen 
die absolute Selbstthätigkeit (Freiheit), in Anjsehung des Daseins ver- 
änderlicher Dinge die absolute Natu rnoth wendigkeit beisst. 

Wir hdben zwei Ausdrücke: „Welt" und „Natur", wddhie bisweilen 
in einander laufen. Der erste bedeutet das mathematische Ganze aller 
Erscheinungen und die Totalität ihrer Synthesis im grosse sowol als 
im kldnen, d. i. sowol in dem Fortschritt derselbe^ durch Zuswpimen- 
fletzung als durch Theilung. Eben dieselbe Welt wird aber Natur* ge- 
nannt, so fem sie als ein dynamisches Ganze betrachtet wird, und man 
nicht auf die Aggregation im Räume oder der Zeit, um sie als eine 447 
Grösse zu Stande zu bringen, sondern auf die Einheit im Dasein der 
Erscheinungen sieht. Da beisst nun die Bedingung von dem, was ge- 
schieht, die Ursache, und die imbedingte Causalität der Ursache in der 
Erscheinung die Freiheit, die bedingte dagegen beisst im engeren Ver- 
stände Naturursache. Das Bedingte im Dasein überhaupt beisst zufällig, 
^md das Unbedingte nothwendig. IKe unbedingte Nothwendigkeit der 
Erscheinungen kann Natumothwendigkeit heissen. 

Die Ideen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, habe ich oben 
kosmologische Ideen genannt, theils darum, weil unter Welt der Inbe- 
griff aller Ersdieinungen verstanden wird, und unsere Ideen^ auch nur 
auf das Unbedingte unter den Erscheinungen gerichtet sind, theils auch, 
weil das Wort Welt im transscendentalen Verstände die absolute Tota- 
lität des Inbegiiffe existirender Dinge bedeutet, und wir auf die VoU- 
ständigk^t der Synthesis (wiewol nur eigentlich im Regressus zu den 
Bedingungen) allein unser Augenmark richten. In Betracht dessen, dass 
iiberd^n diese Ideen insgesammt transscendent sind, und, ob sie zwar 
das Object, nämlich Erscheinungen der Art nach nicht überschreiten, 
sondern es lediglich mit der Sinnenwelt (nicht mit noummiB) zu thun 
haben, dennoch die Synthesis bis auf einen Grad, der alle m^^che Er- 



* Natof, a^ective (fotmalüer) genommen, bedeutet den Zosianm^ihang der Be- 
stimmungen eines Dinges nach einem inneren Prineip der Causalität. Dagegen ver- 
steht man unter Natur svbstantioe (nuUeriaUter) den Inbegriff der Erscheinungen, so 
fem diese vermöge eines inneren Princips der Causalität durchgängig zusammen- 
hängen. Im ersteren Verstände spricht man roh der Katur der flüssigen Materie, 
^bs Feuers u. s. w., und bedient sieh dieses Worts nur adf'eetwt', dagegen wenn man 
Ton den Dingen der Natur redet, so hat man ein bestehendes Ganze in Gedanken. 



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310 Elementarlehre. II. Theil. IL Abtheilung. IL Buch. IL Hanptstück, 

fahrung übersteigt, trdben, so kann man sie insgesammt meiner Meinung 
nach ganz schicklich Weltbegriffe nennen. In Ansehung des Unter- 
448schiedes des mathematisch und des dynamisch ünbedmgten, worauf der 
Kegressus abzielt, wttrde ich doch die zwei ersteren in engerer Bedeutung 
Weltbegriffe (der Welt im grossen und kleinen), die zwei übrigen aber 
transscendente Natur begriffe nennen. Diese Unterscheidung ist für 
jetzt noch nicht von sonderlicher Erheblichkeit, sie kann aber im Fort- 
gange wichtiger wwden. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
zweiter Abschnitt. 

Antithetik der reinen Vernunft. 

Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist, so ver* 
stehe ich unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegeb- 
theils, sondern den Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen Er- 
kenntnisse {thesis cum antithesi), ohne dass man einer vor der anderen 
einen vorzugehen Anspruch auf Beifall beil^ Die Antithetik be- 
schäfögt sich also gar nicht mit einseitigen Behauptungen, sondern be- 
trachtet allgemeine Erkenntnisse der Vernunft nur nach dem Widerstreite 
derselben unter einander und den Ursachen desselben. Die transscen- 
dentale Antithetik ist eme Untersuchtmg über die Antinomie der reinea 
Vernunft, die Ursachen und das Eesultat derselben. Wenn wir unsere 
Vernunft nicht bloss zum Gebrauch der Verstandesgrundsätze auf Qe- 
449 genstäJüde der Erfahrung verwenden, sondern jene über die Grenze der 
letzteren hinaus auszudehnen wagen, so entsprhigen vernünftelnde 
Lehrsätze, die in der Erfahrung weder Bestätigung hoffen noch Wider- 
legung fürchten dürfen^ und deren jeder nicht allein an sich selbst ohne 
Widerspruch ist, sondern sogar in der Natur der Vernunft Bedingungen 
seiner Nothwendigkeit antrifft, nur dass unglücklicher Weise der Gegen- 
satz ebenso giltige und nothwendige Gründe der Behauptung auf seiner 
Seite hat. 

Die Fragen, welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft 
sich natürlich darbieten, sind also: 1. Bei welchen Sätzen denn eigent- 
lich die reine Vernunft einer Antinomie unausbleiblich unterworfen sei; 



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n. Abschnitt. Die Antithetik der i'eiiien Yemuufb. 311 

2. Auf welchen Ursachen diese Antinomie beruhe; 3. Ob und aufweiche 
Art dennoch der Vernunft unter diesem Widerspruch ein Weg zur Ge- 
wisshdit offen bleibe. 

Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muss demnach dieses 
ihn von allen saphistischen Sätzen Unterscheidende an sich haben, dass 
er nicht eine willkürliche Frage betrifft, die meui nur in gewisser Absicht 
auf wirft, sondern eine solche, auf die jede m^ischlic];ie Vernunft in ihrem 
Fortgange nothwendig stosseu muss; und zweitens, dass er mit seinem 
Gegensatze nicht bloss einen gekünstelt^i Schein, der, wenn man ihn 
einsieht, sogleich verschwindet, sondern einen natürlichen und unver- 
meidlichen Schdn bei sich führe, der selbst, wenn man nicht mehr durch 45o 
ihn hintergang^i wird, noch immer täuscht obschon nicht betrügt, und 
also zwar unschädlich gemacht aber niemals vertilgt werden kann. 

Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die Verstandes- 
einheit in Erfahrungsbegiiffen, sondern auf die Vemunfteinheit in blossen 
Ideen beziehen, deren Bedingung, da sie erstlich als Synthesis nach 
Regeln dem Verstände, imd doch zugleich als absolute Einheit derselben 
der Vernunft congruiren soll, wenn sie der Verhunfteinheit adäquat ist, 
für den Verstand zu gross, und, wenn sie dem V^stande angemeösen, 
ftlr die Vemimft zu klein sein wird;, woraus denn ein Widerstreit ent- 
springen muss, der nicht vermieden werden kann, man mag es anfangen^ 
wie man will 

Diese vernünftelnden B^iauptungen eröffnen also einen dialektischen 
Kamp^latz, wo jeder Theil die Oberhand behält, der die Erlaubniss hat 
den Angriff zu thun, und derjenige gewiss unterliegt, der bloss verthei- 
digungsweise zu verfahren^ genöthigt ist. Daher auch rüstige Ritter, sie 
mögen sich für die gute oder schlimme Sache verbürgen, sicher sind den 
Siegeskranz davon zu tragen, wenn sie nur dafür sorgen, dass sie den 
letzten Angriff zu tliun das Vorredht haben, und nicht verbujiden sind 
einen neuen Anfall des Gegners auszuhalten. Man kann sidi leicht vor- 
stellen, dass dieser Tummelplatz von jeher oft genug betreten worden, 
dass viele Siege von beiden Seiten erfochten, für den letzten aber, derisi 
die Sache entschied, jederzeit so gesorgt worden sei, dass der Verfechter 



* Statt der Worte „der bloss vertlieidigungsweise zu verfahren" steht in der 
ersten Auflage „der sich bloss vertheidigungsweise zu führen". 



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312 Elementaxlehre. IL Theü. ü. Abtheilung. II. Buch. n. Hanptstück. 

der guten Sache den Platz allein liehielt, dadurch dasß semem Gegner 
verboten wurde, fernerhin Waffen in die Hände zu nehmen. Als impar- 
teiische Kampfrichter müssen wir es ganz bei Seite setzen, ob es die gute 
oder die schlimme Sache sei, um welche die Streitenden fechten, und sie 
ihre Sache erst unter sich ausmachen lassen. Vielleicht dass^ nachdem 
sie einander mehr ermüdet als geschadet haben, sie die Nichtigkeit ihres 
Streithandels von selbst einsehen und als gute Freunde auseinander gehen. 
Diese Methode, einem Streite der Behauptungen zuzusehen oder 
vielmehr ihn selbst zu veranlassen, nicht um endlich zum Vortheüe des 
einen oder des anderen Theils zu entscheiden, sondern um zu imter- 
suchen, ob der Gregenstand desselben nicht vielleicht ein blosses Blend- 
werk sei, wonach jeder vergeblich hascht, und bei welchem er nichts ge- 
winnen kann, wenn ihm gleich gar nicht widerstanden würde, dieses 
Verfahren, sage ich, kann man die skeptische Methode nennen. 
Sie ist vom Skepticismus gänzlich unterschieden, einem G-rundsatze 
einer kunstmässigen und scientifischen Unwissenheit, welcher die Grund- 
lagen aller Erkenntfiiss imtergräbt, um wo möglich üb^all keine Zuver- 
lässigkeit imd Sicherheit derselben übrig zu lassen. Denn die skeptische 
Methode geht auf Gewissheit, dadurch, dass sie in einem solchen auf 
462 beiden Seiten redlich gemeinten und mit Verstand geführten Streite den 
Pimkt des Missverständnisses zu entdecken sucht, um, wie weise Gesetz- 
geber thun, aus der Verlegenheit der Eichter bei Rechtshändeln für sich 
selbst Belehrung von dem Mangelhaften und nicht genau Bestimmten in 
ihren G^etzen zu ziehen. Die Antinomie, die sich in der Anwendung 
der Gesetze offenbart, ist bei imserer eingeschränkten Weisheit der beste 
Prüfungs versuch der Nomothetik, um der Vernunft, die in abstracter 
Speculation ihre Fehltritte nicht leicht gewahr wird, dadurch auf die 
Momente in Bestimmung ihrer Grundsätze auftnerksam zu machen.- 

Dieie skeptische Methode ist aber nur der Transscendentalphiloso- 
phie allein wesentlich eigen, imd kann allenfalls in jedem anderen Felde 
der Untersuchungen, nur in diesem nicht entbehrt werden. In der Mathe- 
matik würde ihr Gebrauch imgereimt sein, weil sich in ihr keine fidschen 
Behauptungen verbergen und unsichtbar machen können, indem die Be- 
weise jederzeit an dem Faden der reinen Anschauung, und zwar durch 
jederzeit evidente Synthesis fortgehen müssen. In der Experimental- 
philosophie kann wol ein Zweifel des Aufschubs nützlich sein, allein es 



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IL Abschnitt. Die Antithetik der reinen Vemxmft. 313 

ist doch wenigstens kein Missverstand möglich, der nicht leicht gehoben 
werden könnte, und in der Erfahrung müssen doch endlich die letzten 
Mittel der Entscheidung des Zwistes liegen, sie mögen nun früh oder 
spät au%^m(len werden. Die Moral kann ihre Grundsätze insgesammt 463 
'auch in concreto^ zusammt den praktischen Folgen, wenigstens in mög- 
lichen Erfahrungen geben, und dadurch den Missverstand der Abstraction 
vermeiden. Dagegen sind die transsp^identalen Behauptungen, welche 
selbst über das Feld aller möglichen Erfahrungen hinaus sich erweiternde 
Einsichten anmassen, weder in dem Falle, dass ihre abstracte Synthesis 
in irgend einer Anschauung a priori könnte g^eben, noch so beschaffen, 
dass der Missverstand vermittelst irgend einer Erfahrung könnte entdeckt 
werden. Die transscendentale Vernunft also verstattet keinen anderen 
Probirstein als den Versuch der Vereinigung ihrer Behauptungen unter 
sich selbst und mithin zuvor des freien und imgehinderten Wettstreits 
derselben imter einander; und diesen wollen wir anjetzt umstellen.* 



* Die Antinomien folgen einander nach der Ordnung der oben angeführten 
transscendentalen Ideen. 



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314 £lemeiitarlehre. II. Theil. II Abtheilung. II. Buch. II. Hauptstück. 



4M Der Antinomie 

erster Widerstreit 

Thesis. 

Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Ranm nach 
auch in Grenzen eingeschlossen. 

Beweis. 

Denn mai; nehme an, die Welt habe der Zeit nach keinen Anfangs 
öü ist bis zu jedem gegebenen Zeitpunkte eine Ewigkeit abgelaufen, und 
mithin eine unendliche Reihe auf einander folgender Zustände der Dinge 
in der Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit 
einer Reihe, dass sie durch successive Synthesis niemals vollendet sein 
kann. Also ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin 
ein Anfang der Welt eine nothwendige Bedingung ihres Daseins; welches 
zuerst zu beweisen war. 

In Ansehung des zweiten nehme man wiederum das Gegentheil an, 
so wird die Welt ein unendliches gegebenes Ganze von zugleich exi- 
stirenden Dingen sein. Nun können wir die Grösse eines Quanti, welches 
nicht innerhalb gewisser Grenzen jeder Anschauung gegeben wird,* auf 
456 keine andere Art als nur durch die Synthesis der Theile, und die Tota- 
lität eines solchen Quanti nur durch die vollendete Synthesis oder durch 
wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst gedenken.** Dem- 



* Wir können ein unbestimmtes Quantum als ein Ganzes anschauen, wenn es 
in Grenzen eingeschlossen ist, ohne die Totalität desselben durch Messung, d. i. 
die successive Synthesis seiner Theile construiren zu dürfen. Denn die Grenzen 
bestimmen schon die Vollständigkeit, indem sie alles Mehrere absqhneiden. 

** Der Begriff der Totalität ist in diesem Falle nichts Anderes als die Vorstel- 
lung der vollendeten Synthesis seiner Theile, weil, da wir nicht von der Anschau- 
ung des Ganzen (als welche in diesem Falle unmöglich ist) den Begriff abziehen 
können, wir diesen nur durch die Synthesis der Theile bis zur Vollendung des Un- 
endlichen, wenigstens in der Idee fassen können. 



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iL Abschnitt Die Antithetik der reinen Vernunft. 31& 



der reinen Vemnnft 455 

der trausscendentalen Ideen. 

Antithesis. 
Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Räume, sondera 
ist 8OW0I in Ansehung der Zeit als des Kaums unendlich. 

Beweis. 

Denn man setze, sie habe einen Anfeng. Da der Anfang ein Dasein 
ist, wovor eine Zeit vorhergeht, darin das Ding nicht ist, so muss eine 
Zeit vorhergegangen sein, darin die Welt nicht war, d. i. eine leere Zeit. 
Nun ist aber in einer leeren 24eit kein Entstehen irgend eines Dinges 
möglich, weil kein Theil einea' solchen Zeit vor einem anderen irgend 
eine unterscheidende Bedingung des Daseins für die des Nichtseins an 
sich hat (man mag annehmen, dass üe von sich selbst oder durch eine 
andere Ursache eitstehe). Ako kann zwtir in der Welt manche Eeihe 
der Dinge anfangen, die Welt selber aber kann keinen Anfang haben^ 
und ist also in Ansehung der VOTgangenen Z^t unendlich. 

Was das zweite betrifft, so nehme man zuvörderst das G^gentheil 
an, dass nämlich die Welt dem Baume nach endlich und begrenzt ist; 
so befindet sie sich in einem leereu Kaum, der nicht begrenzt ist. Es 
würde also nicht allein ein Verhaltniss der Dinge im Raum, sondern 
auch der Dinge zum Räume angetroffen werden. Da mm die Welt ein 
absolutes Ganze ist, ausser welch^sn kein Gegenstand der Anschauung, 457 
und mithin kein Correlatum der Welt angetroffen wird, womit dieselbe 
in Verjiältniss stehe, so würde das Verhaltniss der Welt zum leeren 



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316 Elementarlehre. IL Tbeil. IL Abtheilnng. II. Buch. II. Hanptstllck 

nach, um sich die Welt, die alle Räume erftlllt, als ein Ganzes zu denken, 
mtisste die successive Synthesis der Theile einer unendlichen Welt als 
vollendet angesehen, d. i. eine unendliche Zeit müsste in der Duichzäh- 
lung aller coexistirenden Dinge als abgelaufen angesehen werden; weldbed 
unmöglich ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat wirklicher Dinge 
nicht als ein gegebenes Ganze, mithin auch nicht als zugleich gegeben 
angesehen werden. Eine Welt ist folglich der Ausdehnung im Räume 
ncuih nicht unendlich, sondern m iüren Grenzen eingeschlossen; welches 
das zweite war. 

458 Anmerkung zur 

L zur Thesis. 

Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht 
Blendwerke gesucht, lun etwa (wie man sagt) einen Advocatenbeweis zu 
führen, welcher sich der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vor- 
theüe bedient, und säne Berufung auf ein missverstandenes G^etz gern 
gelten lässt, um seine eigenen unrechtmässigen Ansprüche auf die Wider- 
legung desselben zu bauen. Jeder dieser Beweise ist aus der Nfttur der 
Sache gezogen und det Vortheil bei Seite gesetzt worden, den uns die 
Fehlschlüsse der Dogmatiker von beiden Theilen geben »könnten. 

Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen 
können, dass ich von der Unendlichkeit einer gegebenen Grösse nach 
der Gewohnheit der Dogmadker einen fehlerhaften BegrifP vorangeschickt 
hätte. Unendlich ist eine Grösse, über die kdne grössere (d. i. über 
die darin enthaltene Menge einer gegebenen Einheit) möglich ist. Nun 
ist keine Menge die grösste, weil noch immer eine oder mehrere Einheiten 
binzugethan werden können. Also ist eine unendliche gegebene Grösse, 
mithin auch eine (der verflossenen Reihe sowol als der Ausdehnung nach) 
unendliche Welt unmöglich; sie ist also beiderseitig b^renzt. So hätte 



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n. Abschnitt Die Anüthetik der reinen Vernunft. 317 

Kaum ein Yerhältmss derselben tm keinem Gegen stände Reiü. Ein 
dergleichen Verhältniss aber, mithin auch die Begrenzung der Welt durch 
den leeren Kaum ist nichts; also ist die Welt dem Eaume nach gar nicht 
begrenat, d. i sie ist in Ansehung der Ausdehnung unendlich.* 



ersten Antinomie. 45»^ 

n. zur Antithesis. 

Der Beweis fiir die Unendlichkeit der gegebenen Weltreihe und des 
WeltinbegrifGg beruht darauf, dass im entgegengesetzten Falle eine leere 
Zeit, ungleichen ein leerer Baum die Weltgrenze ausmachen müsste. 
Nun ist mir nicht unbekannt, dass wider diese Consequenz Ausflüchte 
gesucht werden, indem man vorgiebt, es sei eine Grenze der Welt der 
Zeit und dem Eaume nach ganz wol möglich, ohne dass man eben eine- 
absolute Zeit vor der Welt Anfang, oder einen absoluten ausser der wirk- 
lichen Welt ausgebreiteten Raum annehmen dürfe; welches immöglicE 



* Dex Baum ist bloss die Form der äusseren Anschauung (formale Anschauung)^ 
aber kein wirklicher Gegenstand, der äusserlich angeschaut werden kann. Der Raum 
vor allen Dingen, die ihn bestimmen (erfüllen oder begrenzen), oder die vielmehr 
eine seiner Form gemässe empirische Anschauung geben, ist, unter dem Namen 
des absoluten Raumes, nichts Anderes als die blosse Möglichkeit äusserer Erschein 
nungen, so fem sie entweder an sich ezistiren oder zu gegebenen Erscheinungen, 
noch hinzu kommen können. Die empirische Anschauung ist also nicht zusammen- 
gesetzt aus Erscheinungen und dem Räume (der Wahrnehmung und der leeren An- 
schanung). Eines ist nicht des anderen Correlatum der Synthesis, sondern nur in^ 
einer und derselben empirischen Anschauung verbunden, als Materie und Form der- 
selben. Will man eins dieser zwei Stücke ausser dem anderen setzen (Raum ausser- 
hsfia aller Eirscheinungen), so entstehen daraus allerlei leere Bestimmungen der äusserenv 
Anschauung, "die doch nisht mögliche Wahrnehmungen sind; z. B. Bewegung oder 
Ruhe der Welt im unendlichen leeren Raum, eine Bestimmung des Verhältnisses- 
beider unter einander, welche niemalH wahrgenommen werden kann, und also auch 
das Prädicat eines blossen Oedankendinges bt. 



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318 Elementarlehre. IL Theil. II. Abthdlnng. 11. Buch. IL Hauptstück. 

ich meinen Berweis führen können; allein dieser B^rifP adzuint nicht mit 
idem, was man unter einem unendlichen Ganzen y^steht. Es wird da- 
durch mcht vorgestellt, wie gross ea sei; mithin ist sein Begriff auch 
<60iiicht der Begri£P eines Maximum, sondern es wird dadurcii mir sein 
Verhältniss zu einer beliebig anzunehmenden Einheit, in Ansehung deren 
dasselbe grösser ist als alle Zahl, gedacht. Nachdem die Einheit nun 
grösser oder kleiner angenommen wird, würde das Unendliche grösser 
oder kleiner sein; allein die Unendlichkeit, da sie bloss in dem Verhält- 
nisse zu dieser gegebenen Einheit besteht, würde immer dieselbe bleiben, 
obgleich freilich die absolute Grösse des Ganzen dadurch gar nicht er- 
JLannt würde, davon auch hier nicht die Rede ist. 

Der wahre (transscendentale) Begriff der Unendlichkeit ist, dass die 
«uccessive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals 
vollendet sein kann.* Hieraus folgt ganz sicher, dass eine Ewigkeit 
^wirklicher auf einander folgender Zustände bis zu einem gegebenen (dem 
gegenwärtigen) Zeitpunkte nicht verflossen sein kann, die Welt also einen 
Anfang haben müsse. 

In Ansehung des zweiten Theils der Thesis fällt die Schwierigkeit 
^tm äner unendlichen und dodi abgelaufenen Keihe zwar weg; denn 
das Mannigfaltige einer der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zu- 
gleich gegeben. Allein um die Totalität einer solchen Menge zu denken, 
da wir uns nicht auf Grenzen berufen können, welche diese Totalität 
von selbst in der Anschauung ausmachen, müssen wir von unserem Be- 
griffe Rechenschaft geben, der in solcliem Falle nicht vom Ganzen zu 
der bestimmten Menge der Theile gehen kann, sondern die Möglichkeit 



* Dieses enthält dadurdi eine Menge (von i^egebener Einheit) , die grösser bt 
als alle Zahl, welches der mathematische Begriff des Unendlichen isL 



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n. Abschnitt. Die Antithetik der reinen Vernunft. 319 

ist. Ich bin mit dem letzteren Theile dieser Mdnung der Philosophen 
ans der Leibnizischen Schule ganz wol zufrieden. Der Kaum ist bloss 
die Form der äusseren Anschauung, aber kein wirklicher Gegenstand, 
der äusserHch angeschaut werden kann, und kein Correlatöm der Er- 
jscheinimgen, sondern die Form der Erscheinungen selbst. Der Raum 
also kann absolut (für sich allein) nicht als etwas Bestimmendes in 
dem Dasein der Dinge vorkommen, weil er gar kein Gegenstand ist, 
«ondem nur die Form möglicher Gegenstände. Dinge alsa als Erschei- 
nungen bestimmen wol den Raum, d. i. unter allen möglichen Prädi- 
caten desselben (Grösse und Verhältniss) machen sie es, dass diese 
oder jene zur Wirklichkeit gehören; aber umgekehrt kann der Raum 
ab etwas, welches för sich besteht, die Wirklichkeit der Dinge in An- 
sehung der Grösse oder Gestalt nicht bestimmen, weil er an sich selbst 
nichts Wirkliches * ist. Es kann also wol ein Raum (er sei voll oder det 
ieer*) durch Erscheinungen begrenzt, Erscheinungen aber können nicht 
durch einen leeren Raum ausser denselben begrenzt werden. Eben 
dieses gilt auch von der Zeit. Alles dieses nun zugegeben, so ist gleich- 
Tvol unstreitig, dass man diese zwei Undinge, den leeren Raum ausser 
and die leere Zeit vor der Welt^ durchaus annehmen müsse, wenn man 
«ine Weltgrenze, es sei dem Räume oder der Zeit nach annimmt. 

Denn was den Ausweg betrifft, durch den man der Consequenz 
auszuweichen sucht, nach welcher wir sagen, dass, wenn die Welt (der 
Zeit und dem Raum nach) Grenzen hat, das unendliche Leere das Dasein 
vrirkKcher Dinge ihrer Grösse nach bestimm^i müsse, so besteht er in- 
^eheim nur darin, dass man statt einer Sinnenwelt sieh, wer weiss 
welche, intelligibele Welt gedenkt, und statt des ersten Anfanges (ein 
Dasein, vor welchem eme Zeit des Nichtseins vorhergeht) sich überhaupt 
■ein Dasein denkt, welches keine andere Bedingung in der Welt vor- 
aussetzt, statt der Grenze der Ausdehnung Schranken des Welt- 
ganzen denkt, und dadurch der Zeit und dem Räume aus dem Wege 
^elit. Es ist hier aber nur von dem mundus phaenomenon die Rede und 

* Man bemerkt leicht, dass hierdurch gesagt werden solle, der leere Raum, 
-so fern er durch Erscheinungen begrenzt wird, mithin derjenige inner- 
halb der Welt widerspreche wenigstens nicht den trapsscjondentalen Prijicipien und 
könne also in Ansehung dieser eingeräumt (obgleich darum seine Möglichkeit nicht 
sofort boliauptet) werden. 



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320 Elementaxlehre. H Theil. H Abtheilang. ü. Buch. IL Hauptstück. 

eines Ganzen durch die successive Synthesis der Theile darthun muss. 
Da diese Synthesis nun eine nie zu vollendende Eeihe ausmachen müsste, 
so kann man sich nicht vor ihr, und mithin auch nicht durch sie eine 
Totalität denken. Denn der Begriff der Totalität selbst ist in diesem 
Falle die Vorstellung dner vollendeten Synthesis der Theile, und diese 
Vollendung, mithin auch der Begriff derselben ist immöglich. 



2 Der Antinomie 

zweiter Widerstrelt 

Thesis. 

Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus ein- 
fachen Theilen, und es existirt überall nichts als das Einfache oder das, 
was aus diesem zusammengesetzt ist. 

Beweis. 

Denn nehmt an, die zusanunengesetzten Substanzen beständen nicht 
aus einfachen Theilen, so würde, wenn alle Zusammensetzung in Gedanken 
aufgehoben würde, kein zusammengesetzter Theil, und (da es keine ein- 
fachen Theile giebt) auch kein einfacher, mithin gar nichts übrig bleiben^ 
folglich keine Substanz sein gegeben worden. Entweder also lässt sich 
unmöglich alle Zusamm^isetzung in Gedanken aufheben, oder es muss 
nach deren Aufhebung etwas ohne alle Zusammensetzung Bestehendes, 
d. i. das Einfache übrig bleiben. Im ersteren Fsdle aber würde das Zu- 
sammengesetzte wiederum nicht aus Substanzen bestehen (weilTjel diesen 
die Zusammensetzung nur eine zufallige Eelation der Substanz^i ist, 



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Q. Abschnitt Pie Antithetik der reinen Vernunft. 321 

van jdessen Grösse, bei dem mau von gedAchten Bedingungen der Sinn- 
lichkeit keineswegs abstrahiren ketnn, ohne das Wesen desselben aufeu- 
heben. Die Sinnenwelt, wenn sie begrenzt ist, liegt notWendig in dem 
unendlichen Leeren. Will man dieses, ulid mithin den Raum überhaupt 
als Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen a priori weglassen, so 
fallt die ganze Sinnenwelt weg. In unserer Aufgabe ist uns diese allein 
gegeben. Der mundus intelUgibilis ist nichts als der allgemeine Begriff 
•dner Welt überhaupt, iä welchem man von allen Bedingungen der An- 
schauung derselben absteahirt, und in Ans^ung dessen folglich gar kein 
synthetischer Satz, weder bejahend noch verneinend, möglich ist. 

der reinen Vernunft ^«s 

der transscendentalen Ideen. 

Antithesis. 
Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen 
Theilen, und es existirt überall nichts Einfaches in derselben. 

Beweis. 

Setzet, ein zusammengesetztes Ding (ab Substanz) bestehe aus ein- 
fachen Theilen. Weil alles äussere Verhältniss, mithin auch alle "Zu- 
sammensetzung au9 Substanzen nur im Räume möglich ist, so muss, aus 
so viel Theilen das Zusammengesetzte besteht, aus ebenso viel Theilen 
auch der Raum bestehen, den, es . ^iniiimmt. ; Nun besteht der Raum nicht 
aus einfachen Theilen, sondern aus Räumen. Also muss jeder Theil des 
Zusammengesetzten qinen Raum eäimehmen. Die seblechthi?! ersten Theile 
aber alles Zusammengesetzten sind einfach. Also nimmt das Einfache 
einai Raum eini Da nun alles Reale, was einen Raum eiiitilmimt, ein 
ausserhalb einander befindliches Mannnigfaltige in sich fasst, mithin zu- 
sammengesetzt ist, ^und Kwbr^als ein reiE^leto Zusammengesetzte "^cht aus 
Accidenzen (denn die, können nicht ohne Substanz ausser einander sein)^ 
mithin aus Substanzen, öo MMe dag Elnfiiche ein substantielles Zu- 
sammengesetzte sein, welches sich widerspricht , 

Der Weite Satz der Antithesis, dass in der Welt gar nichts Ein- 
faches existire, soll hieT wir so viel bedeuten als, es ^önne, daß Dasein 465 

Kart 's Kritik der reinen Vernunft. 21 



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322 Elementarlebre. TL. Theil. IL Abtheilung, n. Buch. H Hauptsttick. 

ohne welche diese als ftir sich beharriiohe Wesen bestehen müssen). 
464 Da nun dieser Fall der Voraussetzung widerspricht, so bleibt nur der 
aweke übrig, dass nämlich das subsUuitieUd Zx^uunm^ngeseUte in der 
Welt aus einfachen Theilen bestehe. 

Hieraus folgt unmittelbar, dass die Dinge der Welt insgesammt ein- 
fache Wesen 8eiei^ dass die Zusammensetzung ^ur ein äusflßrer Zustand 
derselben sei, und dass, wenn wir die Elemwitarsubstanasen gleidi niemals 
völlig aus diesem Zustande der Verbindung setzen und isoliren können, 
doch die Vernunft sie als die ersten Subjecte aller Composition, und 
mithin vor derselben als einfache Wesen denken müsse. 



466 Anmerkung zur 

I. zur Thesis. 
Wenn ich von einem Oanzen rede, welches nothweirdig aus ein- 
fachen Theilen besteht, so v^*stehe kh daarnnter mak ein^ substoiLzirika 
CUnze ab das ^enüiehe Compositum,, d. i. die zufällige Einheit das 
ilannigfciltigen, welches, ab ge sondert (wenigstens in Gedanken) gegeben, 
in eine wechselseitige Verbindung gesetzt wird und dadurch Eines aus- 
macht. Den Eauto sollte man eigentHch nichf Compü^unt sondern Tb- 



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H. Abschnitt Die Antdthetik Äer reiii«n Veruun^t. 323 

des echleclitladii Eiiü&cben ao« keiner {Jrfahcnvg odt^r Wsvhmehmuug, 
weder äusseren noch inneren dargethan werden, und das schlechthin 
Einehe sei also eixte blosse Idee, derea objectmt Eeaa&tät nienials in 
irgend einer möglichen Erfahrung kann dargethan werden, mithin in 
der Exposition der Erscheinungen ohne alle Anwendung und Gegen- 
stand. Denn wir wollen annehmen, es Hesse sich för diese transscen- 
dentale Idee ein Gregenstand in der Erfahrung finden, so müsste die em- 
piriscbe Anschauimg irge]:^d em^B Gegenstandes aJs eine scdehe erkannt 
werden, welche schlechthin kein Mannigfaltiges ausserhalb einander und 
zKir Eindateiit vevbundeia eoitbcft^. Da mm Y<m i^W^Nlobllbemm^em ei^as 
solchen .Mannigfaltigen auf die gänzliche Unmöglichkeit desselben^ in ir- 
gend einher Anschauung* eines Objects kein Behluss gik, dieses letztere 
aber zur absoluten Simplicität durchaus nöthig ist, so folgt, dass diese 
aus kefaier Wahrnehmung, welche sie auch sei, könne geschlossen werden. 
Da also etwas als eiijL schlechthin einfaches Object niemals in irge];Ld 
einer möglichen Erfahrimg kann gegeben wierden, die Sinnenwelt aber 
als der Inbegriff aller istöglicb^ Jirfftbrung^n anges^lvß«^ werben miw, 
80 ist überall in ihr nichts Einfaches gegeben. 

Dieseor zweite Satz der AntitheiaB gehV viel» weiiter al& der ecste, der 
das Einfache nur von der Anschauung des Zusammengesetzten verbannt, 
da hingen dieser es aus der' gmxm Natur w^egisehaiBb^ daher er awch 
nicht aus dem Begriffe eines gegebenen Gegenstandes der äusseren An- 
schauung (des Zusammengesetzten), sondern aus dem Verhältfiiss de»- 
selben zu eiuer möglichen Erfahrung Überhaupt hat bewiesen werdep 
können. 



zweiten Antinomie. 407 

n. zur Antithesis. 

Wider diesen Satz einer unendlichen Theilung der Materie, dessen 

!ßewei§grun4 bloss mathematisch ist, werden von den.Monadisten Ein- 

. würfe vorgebracht, welche sich dadurch schon verdächtig machen, dass 

sie die klarsten mathanatisclhen Bbweiifee nicht 'ftyi»!^inslohi)Bn in die Be- 



^ ßtatt dee Worte „&m»A ^o^fHaim ^MM^Ji^tig^ii : «^ di|» f fifiaijkihe UmjadgUch- 
keit desselben" steht in der ersten Auflage „eines Mannigfaltigen auf die g&nzüche 
"Huttögliehkeit «In «olclies**/ - . - . 

21» 



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324 Elementarlehre, ü. Th^. U. Abtheüung. 11. Buch. IL Hauptstück. 

tum nennen, wdl die Theile desselben nuir im Ganzen, nnd nicht das 
Ganze durch die Theite möglich ist. Er würde allenfalU ein Compositum 
itl^eah, aber nicht reaU heliaen közuien. Doch dieses ist nur Subtilität. 
Da der Raum kein Zusammengesetztes aus Substanzen , (nicht einmal aus 
realen Accidenzen) ist, so muss, wenn ich alle Zusammensetzung in ihm 
Bufhebe, niehts, auch nicht einfnal der Punkt übrig bMben; denn dies^ 
ist nur ala die Grenze eines Baumes (mithin emiea Zusammengesetzten) 
468 möglich. Kaum und Zeit bestehen also nicht aus einfachen Theilen. 
Was nur zum Zustande einer Substanz gehört, ob es gleich eine Grösse 
hat (z. B. die Veränderung), besteht auch nicht aus dem Einfachen, 
d. i. ein gewisser Grad d^ Veränderung entsteht nicht durch einen An- 
wacha vieler emfachen Veränderungen. Unser Schluss von^ Zusammen- 
gesetzten auf das EiniGache gilt nur von fär sich selbst bestehenden 
Dingen. Accidenzen aber des Zustandes bestehen nicht für sich selbst 
Man kann also den Beweis für die Nothwendigkeit des Einfachen als 
der Bestandthdle alles substanziellen Zusammengesetzten, und dadurch 
überhaupt seine Sache leichtlich verderben, wenn m^ ihn zu weit aus- 
dehnt, und ihn für alles Zusammengesetzte, ohne Unterschied geltend 
machen will, wie es wirklich mehrmals schon geschehen ist 

Ich rede übrigens hier nur von dem Einfachen, so fern es notli- 
-wendig itUuZitsdmtneng^Qtzten gegeben ist, indem dieses darin als in 
seine Bestandtheile aufgelöst werden kann. Die eigentliche Bedeutung 

470 des Woites Mo^as- (riaich LfiiBinzfiNS Gebrauch) sollte wol nur muf das 

'■ • ,''•■■ •',,-■ , • • 

Einfache gehen, welches unmittelbar als einfache-Substanz gegeben ist 



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H Abschnitt. Die Antitbetik d9r reinen Yernuxift 325 

sehaffenh^t des Eanmee, so fem er in der That die formte Bedingung 
der Möglichkeit aller Materie ist, wollen gelten lassen, sondern sie nur 
als Schlüsse aus abstracten aber willkürlichen Begriffen ansehen, die auf 
wirkliehe Dinge nicht bezogen werden könnten. Gleidi als wenn es auch 
nur möglich wäre, eine andere Art der Anschauung zu erdenken, als die 
in der ursprünglichen Anschauung des Raumes gegeben wird, und die 
Bestimmungen desselben a priori nicht zugleich alles dasjenige beträfen, 
was dadurch allein möglich ist, dass es diesen Eaum erfüllt. Wenn man 
ihnen Gehör giebt, so müsste man ausser dem mathematischen Punkte, 
der einfach, aber kein Theil sondern bloss die Grenze dnes Baums ist^ 
sich noch physische Punkte denken, die zwar auch einÜEich sind, aber 
den Vorzug haben, als Theile des Rauins durch ihre blosffe Aggregation 
denselben zu erftlllen. Ohne nun hier die gemeinen und l^aren* Wider- 
legungen dieser Ungereimtheit, die man in Menge antrifft, zu wiederholen, 
wie es denn gänzlich umsonst ist, durch bloss discursive Begriffe die Evi- 
denz der Mathematik weg vernünfteln zu wollen, so bemerke ich nur, 
dass, wenn die Philosophie hier mit der Mathematik chicanirt, es darum 469 
geschehe, weil sie vergisst, dass es in dieser Frage nur um Erschei- 
nungen und deren Bedingung zu thun sei. Hier ist es aber nicht ge- 
nug, zum reinen Verstandesbegriffe des Zusammengesetzten den Be- 
griff des Einfachen, sondern zur Anschauung des Zusammengesetzten 
(der Materie) die Anschauung des Einfachen zu finden, und dieses ist 
nach G^etzen der Sinnlichkeit, mithin auch bei Gegenständen der Sinne 
gänzlich unmöglich. Es mag also von einem Ganzen ans Substanzen, 
welches bloss durch den reinen Verstand gedacht wird, immer gelten, 
dass wir vor aller Zusammensetzung desselben das Einfache haben 
müssen, so gilt dieses doch nicht vom Mum »uhstanUah phaemmman^ 
welches als empirische Anschauung im Eaume die nothwendige Eigen- 
schaft bei sich führt, dass kdn Theil desselben einfach ist, darum weil 
kein Theil des Baumes einfach ist Indessen sind die Monadisten fein 
genug gewesen, dieser Schwierigkeit dadurch ausweichen zu woUen, dass 
sie nicht den Baum als eine Bedingung der Möglichkeit der G^g^istände 
äusserer Anschauung (Körper), sondern diese und das dynamiBche Ver- 
hältniss der Substanzen Überhaupt als die Bedingung der Möglichkeit 
des Baumes voraussetzen. Nun haben wir von Körpern nur als Erschei- 
nungen einen Begriff, als solche aber setzen sie den Baum als die Be- 



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326 Elementarlehre. II. Theil. IL Abtheilnng. H. Bach. II Hauptstück. 

(z. B. im Selbfiftbewusstsein), und nicht als Element des Eusaimmaig^ 
setzten, welches man besser den Atomus nennen könnte. Und da ich 
nur in Atisehimg des ^nsAmmengesetsiten ^e einffachen ^bstanzen als 
deren Elemente beweisen will, so könnte ich die Thesis der zweiten 
Antinonne die tronsseend^täl^ Atomistik nennen. Weil ober, dieses 
Wort ßchon v.orlängst zur Bezeichnimg einer besondem Erklärxmgsart 
kötperlicher Erscheinungen {fnokctdarmn) gebiraucht 'wwden, raid also 
empirisch^ BeerrWe voraussetzt, so .mag er der dialektische Grundsatz 
der Mon«dolog*ie heissen. 



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n. Abschnitt. iE>ie Antlthetik der mnen Vemnnft. J27 

dingnng der Möglichkeit aller äusseren Erscheinung nothwendig voraus, 
und dsB Ajäsflvoht ist also vergeblich, wie sie denn auch oben in der 
transscendentalen Aesthetik hinreichend ist abgeschnitten worden. Wären 
sie Dinge an sich fifelb^t, so würde der Beweis der Monadisten allerdings 
gelten. 471 

Die zweite dialektische Behauptung hat das Besondere an sich, dass 
sie eine dogmatische Behauptung wider sich hat, die unter allen vernünf- 
telnden die emzige ist, Ti^ek^ sicli untermmmt, asi eintiii iGkgenstaqjd« 
der Er&hrung die WirklicUseit dessen, was wir oben bloss zu transscen^ 
dentalen Ideen rechneten, nämlich die absolute Simplicität der Substanz 
augenscheinlich zu beweisen, nämlich dass der Gegenstand des inneren 
Sinnes, das Ich, was da denkt, «ine schlechthin einfache Substanz sei. 
Ohne mich hierauf jetzt einzulassen (da es oben ausführlicher erwogen 
ist), so bemerke kh nur, dass, wettn etwas bloss als fiegenstand gedacht 
wird, «hne irgend eine synthetische Befttiwmung seiner Anschauung hinzii 
zu setteen (wie wenn dieses durch die ganz nackte Vorstellung „Ich" ge- 
schieht), so könne freilich nichts Mannigfaltiges und keine Zusanunen- 
setzung in einer solchen Vorstellung wahrgenommen werden. Da über- 
dem die Prädicate, wodurch ich diesen Gegenstand denke, bloss Anschau- 
ungen des inneren ^nes sind, so kann darin auch nichts voite)mmen, 
welches ein Mannigfaltiges atiss^iialb eixMnider, «liäiin reale Zasammen^- 
setEung bewiese. Es bringt also nur das SdbstbewussAsein es so mit 
sich, dass, weil das Subject, welches denkt, zugleich sein eigenes Object 
ist, es sich selber nicht theilen kann (obgleich die ihm inhärirenden Be- 
stimmungen); denn in Ansehung seiner selbst ist jeder Gegenstand ab- 
solute Einheit Nichts desto weniger, wenn dieses Subject ausser lieh, 
als ein Gegenstand der Anschauung, betrachtet wird, so würdfees doch 
wol Zusammensetzung in der ErscheimsEtg an sich zeigen. So muss es 
•her jederoeü betrachtet werden, wenn man wissen will^ ob in ihm ein 
Maimigfedtiges auaaerhalb einander »ei oder nicht 



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J 



328 Elementarlehre. n. Theil I. Abihellimg. n. Buch. II Haaptstück. 

47« Der Antinomie 

dritter Widerstreit 

ThesiB. 

Die Cftttsali^^ ixach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus 
welcher die Ersehdmingen der W^ insgies^iEutQt abgeleitet werden können. 
Es ist noch eine Causalität durch FrdheH zur Erklärung derselben an- 
zunehmen nothwendig. ' 

Beweis. . - 

Man n^me an, es gebe keine aandere Causi^lität als nach G^aetzen 
der Natur, so setzt alles, was geschieht, einen vorigen Zustasd voraus, 
auf den es unausbleiblich nach einer Eegel folgt. Nun muäs 'aber der 
vorige Zustand selbst etwas sein, was geschehen ist (m der Zeit geworden, 
da es vorher nicht war), weil, wenn es jederzeit gewesen wäre, seine 
Folge auch nicht allererst entstanden, sondern inuner gewesen sein würde. 
Also ist die Causalität der Ursache, durch welche etwas geschieht, selbst 
etwas Geschehenes, welches nach dem Gesetze der Natur wiederum 
einen vorigen Zustand und dessen GausaHtät, dieser aber ebenso einen 
noch älteren voraussetzt, u. s. w. Wenn also alles nach blossen Gesetzen 
der Natur geschieht, so giebt es jederzeit nur einen subalternen, niemals 
474 aber einen ersten Anfang, und also überhaupt keine Vollständigkeit der 
Keihe auf ^er Seite der von maader abstammenden Ursachen. Nun be- 
steht aber eben darin dad Gesetz der Natur, dass ohne hmreiohend a 
priori bestimmte Ursache nichts geschehe. Also widerspricht der Satz, 
als wenn alle Causalität nur nach Naturgesetzen möglich sei, sich selbst 
in seiner unbeschränkten Allgemeinheit, und diese kann also nicht als 
die einzige angenommen werden. 

Diesemnach muss eine Causalität angenommen werden, durch 
welche etwas geschieht, ohne dass die Ursache davon noch weiter durch 



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n. AbselmiÜ ^bie AntHhetik der reinen Yerminft 329 

der reinen Vernunft «8 

der transscendentalen Ideen. 

Antithesis. 

Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich 
nach Gesetzen der Natur. 

Beweis. 

Setzet, es gebe eine Freiheit im trsmsscendentalen Verstände als 
eine besondere Art von Causalität, nach welcher die Begebenheiten der 
Welt erfolgen könnten, nämlich ein Vermögen, einen Zustand, mithin 
auch eine Reihe von Folgen desselben schlechthin anzufangen, so wird 
nicht allein eine Eeihe durch diese Spontaneität, sondern die Bestimmung 
dieser Spontaneität selbst zur Henrorbringung der Bdhe, d. i. die Cau- 
salität wird schlechthin anfangen, so dass nichts vorhergeht , wodurch 
diese geschehende Handlung nach beständigen Gesetzen bestimmt sei. 
Es setzt aber ein jeder Anfang zu handeln einen Zustand der noch nicht 
handelnden Ursache voraus, und ein dynamisch erster Anfting der Handr 
lung dnen Zustand, der mit dem vorhergehenden eben dersdben Ursache 
gar keinen Zusammenhang der Caiuaütftt hat, d. i. auf keine Weise da- 
raus erfolgt. Also ist die transscendentale Freiheit dem Oausalgesetze 
entge^m. und dne solche VeH^ndung^ der succeseiven Zustände wirken- 476 
der Ursachen, nach welcher keine Einheit der Er^Ethrung mögUeh ist, 
die also auch in kedner Erfahrung angetroffen wird, mithin ein leeres 
Gedankending. 

Wir haben also nichts als Natur; in welcher wir den ZusammeBC- 
bang und Ordnimg^ der Weltbegebenbeiten suchen mttSAen. Die Freiheit 
{Unabhängigkeit) von den G^etzen der Natur ist xwarmiß Befreiung 
Tom Zwange, aber auch vom Leitfad/en aller Bi^ofai.' Denn man 
kann nidit äagen,- dass anstatt der G^etzeder Natur Qesetae der Frei* 
heit in die Causalitftt des Welüaufs eintreten, weil, wenn diese nach Ge- 
setzen bestimmt wäre, sie xucht Freiheit, sondern selbst mehts Anderes 
als Natur wäre. Natur also und transscendentaLe Freiheit unterscheiden 
eich wie G^esetzmässigkeit und Gesetzlosigkeit^ davon jene zwax den Ver- 



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330 Elementarlehre. H. Theil. n. Abth^long. H Buch. H Hauptstück. 

eine andere vorhergehende Ursache nach nothwendigen Gesetzen bestimmt 
sei, d. i. eine absolute Spontaneität der Utsachen, eine Reihe von 
Erscheinungen, die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen, 
mithin transscendentale Freiheit, ohne welche selbst im Laufe der Natur 
die Eeihenfolge der Erscheinungen auf der Seite der Ursachen niemals 
vollstäi^g ist 



476 Aümerkimg zur 

I. zur Thesis. 

Die transscendentale Idee der Freiheit macht zwar bei weitem nicht 
den ganzen Ii^halt des psychologischen Begriffs dieses Namens aua, 
welcher gross^i Theils empirisch ist, sooidecn a«r den deo: absolutem 
Spontaneätöt der Handlung als den eigentlichen Gnmd der ImputabiHtät 
derselben, ist aber dennoch der eigentliche Stein d^s Anstosses &r die 
Philosophie, welche unüberwindliche Schwierügl^eiten findet, dergleichen 
Art von UBbedingter Causalität einzuräumen. Daejeüdge also in der Frt^ 
über die Freihdt des Willens, was die speoulj^ve Venwwift \von je ,her in 
so grosM Verlegenheit gesetzt hat, ist eigefttlieh nur transscendentale 
und g^t lediglieh darauf, ob ein Venaegien ä,i^;enomii;iken werden müsse^ 
eme Heihe von succeasiven Dingen oder Zuständen von selbst anzu- 
fangen. Wie ^in solches mö^ich sei, ist nieht ebenso nothwendig be- 
antworten zu können, da wir uns ebenso wol bei der CausaUtät UAch 
Naturgesetzen damit bdgoägea müssen, a prüt^i »u .ei:kennen, dass eine 
solche vorausgesetzt werden müsse, ob wir gleich die M^liiehkeit, wie 
durch ein gewisses Dasem das Dasein etines anderen ges^t werde, auf 
keine Weise begreifen, und uns desfalls lediglich an dii» Erfahrung halten 
müssen. Nun haben wir diese Nothwesidigkeit eines ersten An&n^ einer 
Reihe von Ebsoheiiiungen aus Frdheit zwar nur eigmitUch in so fem 
dargethan, ab zur Begreiflichkeit eines Urs^ujugs der Welt erforderlich 
ist, indessen dass man ^e naehfolgenden Zustüiiä« für eine Abfolge 
478 nach blossen Naturgesetzen nehmen kann. Weil ab^r dadurch doch eiur 



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n. Abschnitt. Die Antitheltik d^r rciinen Yenmiift. 33} 

stand mit der 6elKWk»igkeit belä^^ d^ A^mtcunmung der Begebeaheiten 
in der (Reihe d^ ürsÄchwi immer höher hinaof zu suchen, weil die Cau- 
saHttft an ihnen jederaeit bedingt ist, tiber ^ur Sc^ya^shaltdn^ durch- 
gängige imd gesetzmässige KnbeSt der l^t^fehrung rersprieht, da hin- 
gegen dais Blendwerk v<m Freiheit zwar dem foirsobenden Verstände in 
der Kette der Ursachen Ruhe verheisfit, indem sie ihn zu einer unbe^ 
dingten Ckostditftt fiälnrt, eüie von selbst zu handeln anhebt, die ab^, da 
sie selbst Wnd. ist, d^em Leitfkden der Regeln abreisst, an welchem allem 
eme ^nirdigängig zusammenlf^ngende firfahrung möglich ist. 



drittel AnMiüomie. ^ 477 

n. zur Antithesiö. 

Der Vertheidiger der Allvermögendheit der Natur (transsoendentale 
Physiekrati'e) im Wid^Nspiel mit der Lehre von der Freiheit wtlrde 
semen Satz gegen die vemttnilbelnden SchHlsBe der letzteren auf folgende 
Art behaiip^^. Wenn ihr kein mathematisch Erstes der Zeit 
nach in d^t Welt annehmt, so habt ihr auch nicht nöthig, ein 
dynattiiseh ^Er^stes der Causalität nach zu suchen. Wer hat euch 
geheissen, einen echleehthin ersten Zustand der Welt, und mitibin ein^i 
absoluten Anfang der üiadi und nach ablau^den Reihe der Erscheinun- 
gen zu ^eidetiken und, damit ihr eurer Einbildung ein^i Ruhepunkt ver- 
schajQfen tu^get, der tmumsohi^bikt^i Natui* Grrenzen zu setzen? Da di^ 
Substanzen in der Welt jederzeit gewesen sind, wenigstens die Einheit 
der Erfahrung >dine 'Solche Y^ausscHzung nothwendig macht, so hat es 
keine Schwierigkeit, auch «tnziftföbmen, dass der Wechsel ihrer Zustände, 
d. i. eine ^^Eteihe ihr^ Yeräftideiiungen jederzeit geweeen seä, und mithin 
kein erster Anfang, wedi^ tnaithematssch noch dynamisch, ^sucht werden 
dürfe. Die Möglichkeit 'einer solchen unendli^en Abstommung ohne 
ein erstes Glied, in Ansehung dessen alles Uebrige bloss nachfolgend ist, 
lässt sich seiner Möglichkeit nach nicht begreiflich machen. Aber wenn 
ihr diese Naturräthsel darum wegwerfen wollt, so werdet ihr euch ge- 
nöthigt sehen, viele synthetische GrundbeschaflFenheiten zu verwerfen 
(Grundkräfte), die ihr ebenso wenig begreifen könnt; und selbst die 47a 
Möglichkeit einer Veränderung überhaupt muss euch anstössig werden. 



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332 Elementarlehre. II. Theil. IL Abtbdlnng. 11. Buch. IL Hauptstück. 

mal das Vermögen) eme Beihe in der Zeit gm^ von selbet anznfai^ei, 
bewiesen (obawar nicht eingesehmi) i«t, so ist es uns nunmehr auch er- 
laubt, mitten im Laufe der Welt verschiedene Keihen der Causalität nadi 
von selbst anfangen zu lassen, und d^i Substanzen derselben ein Ver- 
mögen beizulegen, aus Freiheit au Ijondeln. Man lasse sich aber hierbei 
nicht durch einen Miss verstand aufhalten, dass, da nämlich eine succes- 
49ive Eeihe in der Welt nur ein^i oomparativ erstem An^g haben kann, 
indem dwjh immer ein Zustand der Dinge in der Welt vorhergeht, etwa 
kein absolut erster Anfang der Reihen währ^d des Wehlaufes möglich 
sei. Denn wir reden hier nicht vom absolut ersten Anfange der Zeit 
nach, sondern der Causalität nach. Wenn ich jetzt (zum Beispiel) völlig 
frei und ohne den nothwendig bestunmenden Einfluss der Naturursachen 
von meinem Stuhle aufstehe, so fangt in dieser Begebenheit sammt deren 
natürlichen Folgen ins unendliche eine neue Eeihe schlechthin an, ob- 
gleich der Zeit nach diese Begebenheit nur die Fortsetzung einer vor- 
hergehenden Beihe ist. Denn diese Entschliessung und That liegt gar 
nicht in der Abfolge blosser Naturwirkungen, und jst nicht eine blosse 
Fortsetzung derselben, sondern die bestimmenden N^turursaoh^i hören 
oberhalb derselben in Ansehung dieses Erdgnisses ganz ai;f^ das zwar 
auf jene folgt, aber daraus nicht erfolgt, und daher zwfur nicht der Zeit 
nach, aber doch in Ansehung der Oatisalität ein sdUei^thin erster Anfang 
einer Reihe von Erscheinungen genannt werden nmsa. 

Die Bestätigung von dem Bedürfinss der V^^winft, in der ^E^eihe 
der Naturursachen sich auf einen ersten Anfang aus Freiheit zu berufen, 
leuchtet daran sehr klar in die Augen, dass (die epiAUreiache Schule aus- 
genommen) alle Phüoso^en des Ait^iJiums sich gedrungen sahen, zur 
Erklärung der Weltbewegungen einen ersten Beweger anzunehmen, 
d. i. eine frei handelnde Ursache, weldie diese R^e von Zuständen 
zuerst und von selbst anfing. Demi aus bleaser Natiir unterfingen sie 
«ich nicht einen erstad Anfang begre&fUch ^u maehdu. 



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II. Abschnitt. Die Antithetik iler reinen Vernunft. g3S 

Denn, wenn ihr nicht durch Erfahrung fändet, dass sie wirklich ist, so 
würdet ihr niemals a priori ersinnen können, wie eine solche unaufhör- 
liche Folge von Sein und Nichtsein möglich sei. 

Wenn auch indessen allenfalls ein transscendentales Vermögen der 
Freiheit nachgegeben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so 
würde dieses Vermögen doch wenigstens nur ausserhalb der Welt sein 
müssen (wiewol es immer dne kühne Anmassung bleibt, ausserhalb de& 
Inbegriffes aller möglichen Anschauungen noch einen G^egenstand anzu- 
nehmen, der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden kann). 
A11^i:x in der Welt selbst den Substanzen ein solches Vermögen beizu- 
messen kann nimmennekr erlaubt sdn, weil alsdann der Zusammenhang 
nach allgemeinen Gesetzen sich einander nothwendig bestimmender Er- 
scheinungen, den man Natur nennt, und mit ihm das Merkmal empiri- 
scher Wahrheit, welches Erfahrung vom Traum unterscheidet, grössten- 
theils verschwinden würde. Denn es lässt sich neben einem solchen 
gesetsilos^Ei Vermögen d^ Freiheit kaum mehr Natur denken, weil die 
Gesetze der letztei^en durch die Einflüsse der erster^ unaufhörlich ab- 
geändert, und das Spiel der Erscheinungen, welches nach der blossen 
Natur regelmässig und gleichfönnig sein würde, dadurch verwirrt und. 
vinzusammenhängend gemacht wird. 



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334 Glementarlehre. XL TheU. O. AbtheUuog. U. Buch. U. Hauptstück. 

480 Der Antinomie 

Tierteir Widerstreit 

TJuesis. 

Zu des Welt gehört etwas, das entweder «1» ihr Theil edev ihre 
Ursache ein »cUeohthm ootbwendigee Weaea iai 

Beweis. 

Die Sinnenwelt als das Ghuize aller Erscheinimgen enthSÜt zugleich 
«ine Beihe t^oa Veränderaiigen. Denn ohne diese würde seUbst die Vor« 
stelliing der Zeitreihe als einer Bedingung der Mög&cUkelt der Sinnmi* 
weit uns nicht gegßben sein.* Eine jede Veränderung ober steht unter 
ihrer Bedingung, die der Zeit nach vorhergeht, und unter welcher sie 
nothwendig ist. Nun setzt ein jedes Bedingte, das gegeben ist, in An- 

* sehung seiner Existenz eine vollständige Reihe von Bedingungen bis zum 
schledithin Unbedingten voran», welches allein' abioiai nothw«fidig ist 
Also muas etwas absolut Nothw^idifft^H^e^dstir^ weiNi^ eiftei Veränderung 
als seine Folge existirt Dieses Nothwendige aber gehört selber zur 
Sinnenwelt. Denn setzet, es sei ausser derselben, so würde von ihm die 

•482 Reihe der Weltveränderungen ihren Anfang ableiten, ohne deiss doch 
diese nothwendige Ursache selbst zur Sinnenwelt gehörte. Nun ist dieses 
unmöglich. Denn, da der Anfang einer Zeitreihe nur durch dasjenige, 
was der Zeit nach vorhergeht, bestimmt werden ^ann, so muss die oberste 
Bedingung des Anfangs einer Reihe von Veränderungen in der Zeit exi- 
stiren, da diese noch nicht war (denn der Anfang ist ein Dasein, vor 
welchem eine Zeit vorhergeht, darin das Ding, welches. anfangt, noch 
nicht war). Also gehört die Causalität der nothwendigen Ursache der 
Veränderungen, mithin auch die Ursache selbst zu der Zeit, mithin zur 
Erscheinung (an welcher die Zeit allein als deren Form möglich ist), 
folglich kann sie von der Sinnenwelt als dem Inbegriff aller Erschei- 
nungen nicht abgesondert gedacht werden. Also ist in der Welt selbst 
etwas schlechthin Nothwendiges enthalten (es mag mm dieses die ganze 
Weltreihe selbst oder ein Theil derselben sein). 



* Die Zeit geht zwar als formale Bedingung der Möglichkeit der Verfinderungen 
Tor diesen objectiv vorher, allein subjectiv und in der Wirklichkeit des Bewusätseim 
ist diese Vorstellung doch nur so wie jede andere durch Veranlassung der Wahr* 
' tMhmungen gegeben. 



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n. AbscliniU. Die Anüthetik d«r reinen Vemanffc. 335 

der reinen Vernunft m 

der transseendentalen Ideen. 

Antithesis. 
Es exisfirt überall kein selüechtbin uotliweiidigeB Wesen, weder iu 
der Welt, noch ausser der Welt als ihre Ursache. 

Beweis. 

Setzet, die Welt selber oder in ihr sei ein nothwendiges Wesen, so 
würde in der Beibe iibrer Yeränder^jägen entweder ein Anfang sein, der 
unbedingt nothwendig, mithin ohne Ursache wäre, welches dem dyna- 
mischen Gesetae der Bestimmung aller Erscheinungen in der Zeit wider- 
streitet; oder die Eeihe selbst wäre ohne allen Anfeng und, oli^eich in 
allen ihren Theüen zufällig imd bedingt, im Ganzen dennoch schlechthin 
nothwendig tmd unbedingt, w^khes sich selbst widerspricht, weil das 
Dasein einer Menge nidht nothwendig sein kann, wenn kein einziger 
Tiheü derselben ein au, sich nothwendiges Dasein besitzt. 

Sfetaet dagegen, es gebe eine sohleckthin nothwendige Weltursadie 
ausser der Welt, so würde dieselbe als das oberste Glied in der It ei he 483 
der ürfiachen der Weltvewuiderwngen d96 Dasein der letzteren und ihre 
Keihe zuerst anfangen.* Nun müsste sie aber alsdann auch anfangen zu 
handeln, und ihre Caua«^tät würde in die Zeit, eben darum aber in den 
Inbegriff der Erscheinungetn, d. i. ki die WeH geMmiiy MgMi sie s^bfit^ 
die Ursache, nicht ausser der Welt sein, welches der Voraussetzung 
widerspridkt. Also isl weöer in- Awr Wek nöeb. aussei? derselben (aber 
mit ihr in Causalverbindung) irgend ein öchlechthifl nothwendiges Wesen. 



* Das Wort „tofan^" yrM. in awiA&ch^ fied^tituög geii©miÄeÄ. IMe et»t9 
ist äctlv, da' di^ Ui-SÄCÜfe öMe Reihe "ViOBf ZüstKofden als ihw WirkiHig Äftfimgt 
(in/U). tfiQ »weite pÄssiv, da die Oausalitäf in der Ursache seihst anhebt (ßt). 
Ich schßesse hier ans der ersteröit auf die -letäJte. ' 



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336 Elemeutarlehie. IL Thea IL AbtheUung. U. Buch. n. Hftuptstück. 

484 . Anmerkung zur 

I. zur Thesis. 

Um das Dasein eines nothwendigen Wesens zu beweisen, liegt mir 
hier ob, kein anderes als einkosmologiscbes Argument zu brauchen, 
welches nämlich von dem Bedingten in der Erscheinung zum Unbedingten 
im Begriffe aufsteigt, indem man dieses als die nothwendige Bedingung 
der absoluten Totalität der Reihe ansieht. Den Beweis aus der blossen 
Idee eines obersten aller Wesen überhaupt zu versuchen, gehört zu 
einem anderen Princip der Vernunft, imd ein solcher wird daher be- 
sonders vorkommen müssen. 

Der reine kosmologische Beweis kann nun das Dasein eines noth« 
wendigen Wesens nicht anders darthun, als dass er es zugleich unaus- 
gemacht lasse, ob dasselbe die Welt selbst oder ein von ihr unterschie- 
denes Ding sei. Denn um das letztere auszumitteln, dazu werden Grund- 
sätze erfordert, die nicht mehr kosmologisch dind, und nicht in der Eeihe 
der Erscheinungen fortgehen, sondern Begriffe von zufölligen Wesen 
überhaupt (so fem sie bloss' als Gegenstände des Verstandes erwogen 
werden), und ein Princip, solche mit dnem nothwendigen Wesen durch 
blosse Begriffe zu verknüpfen^ welches alles vor eine transscendente 
Philosophie gehört, für welche hier noch nicht der Platz ist 

Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch anfangt, indem 
man die Reihe von Erscheinungen and den Regressus in derselben nach 
empirischen Gesetzen der Causalität zum Grunde legt, so kann man 
nachher davon nicht abspringen und auf etwas übergehen, was gar nicht 
486 in die Reihe als ein Glied gehört Denn in eben derselben Bedeutung 
muss etwas als Bedingung angesehen werden, in welcher die Relation 
des Bedingten zu seiner Bedingung in der Reihe genommen wurde, die 
auf diese höchste Bedingung in continuirlichem Fortschritte führen sollte. 
Ist nun dieses Verhältniss sinnlidi und gehört zum möglicheQ Bmpirischen 
Verstandesgebrauch, so kann die oberste Bedingung oder Ursache nur 
nach Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin nur als zur Zeitreihe gehörig den 
Regresses besohliessen, und d£is nothwendige Wesen inusa' als das oberste 
Glied der Weltreihe angesehen werden. 

Gleichwol hat man sich die Freiheit genommen, einen solchen 
Absprung (fierdßaöig slg aXXo yivog) zu thun. Man schlpss nämlich 
aus den Veränderungen in der Welt auf die empirische ZußQligkeit, d. i 
die Abliängigkeit derselben von empirisch bestimmenden XJ^r^ftcheP) luid 
bekam eine aufsteigende Reihe empirischer Bedingungen, welches auch 
ganz recht wiu:. Da pian aber hierin keinen ersten Anfang ui^d kein 
oberstes Glied ünden konnte, so ging man plötzlich vom eoipirischen 



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II. Abschnitt Die Antithetik der reinen Vernunft. 337 

vierten Antinomie. «0 

n. zar Antithesis. 

Wenn man beim Aufeteigen in der Reihe der Erscheinungen wider 
das Dasein einer schlechthin nothwendigen obersten Ursache Schwierig- 
keiten smzntreffen vermeint, so müssen sich diese auch nicht auf blosse 
Begriffe vom nothwendigen Dasein eines Dinges überhaupt gründen, und 
mithin nicht ontologisch sein, sondern sich aus der Gaussdverbindung 
mit einer Reihe von Erscheinungen, um zu derselben eine Bedingung 
anzunehmen, die selbst unbedingt ist, hervor finden, folglich kosmologisch ' 
und nach empirischen G^etzen gefolgert sein. Es muss sich nämlich 
zeigen, dass das Aufeteigen in der Reihe der Ursachen (in der Sinnen- 
welt) niemals bei einer empirüsch unbedingten Bedingung endigen könne, 
und dass das kosmologische Argument aus der Zu^lligkeit der Welt- 
zustände laut ihrer Veränderungen wider die Annehmung einer ersten 
und die Reihe schlechthin zuerst anhebenden Ursache ausfalle. 

Es zeigt sich aber in dieser Antinomie ein seltsamer Contrast, dass^s? 
nämlich aus eben demselben Beweisgrunde, woraus in der Thesis das 
Dasein eines Urwesens geschlossen wurde, in der Antithesis das Nicht- 
sein desselben, und zwar mit derselben Schärfe geschlossen wird. Erst 
Hess es: es ist ein nothwendiges Wesen, weil die ganze vergangene 
Zeit die Reihe aller Bedingungen und hiermit also auch das Unbedingte 
(Nothwendige) in sich fasst. Nun heisst es: es ist kein noth wen- 
diges Wesen, eben darum, .weil die ganze verflossene Zeit die Reihe 
aller Bedingungen (die mithin insgesammt wiederum bedingt sind) in 
sich fasst. Die Ursache hiervon ist diese. Das erste Argument sieht 
nur auf die absolute Totalität der Reihe der Bedingungen, deren 

Kaät's Kritik der reinen Vernunft. 22 



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338 Elementarlehro. II. Theil. H. Abtheilung. IL Buch. II. Hauptstück. 

Begriff der Zufölligkeit ab, und nahm die reine Kategorie, welche alsdann 
eine bloss intelligibele Eeihe veranlasste, deren Yolbtändigkeit auf dem 
Dasein einer schlechthin nothwendigen Ursache beruhte, die nunmehr, 
da sie an keine sinnlichen Bedingungen gebunden war, auch von der 
Zeitbedingung, ihre Causalität selbst anzufangen, befreit wurde. Dieses 
Verfahren ist aber ganz widerrechtlich, wie man aus Folgendem schlies- 
scn kann. 

Zufällig im reinen Sinne der Kategorie ist das, dessen contradic- 
torisches Gegentheil möglich ist. Nun kann man aus der empirischen 
Zufälligkeit auf jene intelligibele ^or nicht schliessen. Was verändert 
488 wird, dessen Gegentheil (seines Zustandes) ist zu einer smderen Zeit 
wirklich, mitbin auch möglich; mithin ist dieses nicht das contradictorische 
Gegentheil des vorigen Zustandes, wozu erfordert wird, dass in derselben 
Zeit, da der vorige Zustand war, an der Stelle desselben sein Gegentheil 
hätte sein können, welches aus der Veränderung gar nicht geschiossen 
werden kann. Ein Körper, der in Bewegung war = A, kommt in Rul^e 
== non A. Daraus nun, daiss ein entgegengesetzter Zustand vom Zustande 
A auf diesen folgt, kann gar nicht geschlossen werden, dass das contra- 
dictorische Gegentheil von A möglich, mithin A zuföllig sei; denn dazu 
würde erfordert werden, dass in derselben Zeit, da die Bewegung war, 
anstatt derselben die Ruhe habe sein können. Nun wissen wir nichts 
weiter, als deiss die Ruhe in der folgenden Zeit wirklich, mithin auch 
möglich war. Bewegung aber zu einer Zeit und Ruhe zu einer anderen 
Zeit sind einander nicht contradictorisch entgegengesetzt. Also beweist 
die Succession entgegengesetzter Bestimmungen, d. i. die Veränderung 
keineswegs die Zufälligkeit nach Begriffen des reinen Verstandes, und 
kann also auch nicht auf das Dasein eines nothwendigen Wesens nach 
reinen Verstandesbegriffen fuhren. Die Veränderung beweist nur die 
empiiische Zufälligkeit, d. i. dass der neue Zustand fär sich selbst, ohne 
dne Ursache, die zur vorigen Zeit gehört, gar nicht hätte stattfinden 
können, zu Folge des Gesetzes der Causalität. Diese Ursache, und wenn 
sie auch als schlechthin nothwendig angenommen wird, muss auf diese 
Art doch in der Zeit fmgetroffen werden und zur Rdhe der Erseht- 
nimgen gehören. 



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n. Abschnitt. Die Antithetik der reinen Yemonft. 339 

eine die andere in der Zeit bestimmt, und bekommt dadurch ein Un- 
bedingtes und Nothwendiges. Das zweite zieht dagegen die Zufällig- 
keit alles dessen, was in der Zeitreihe bestimmt ist, in Betrachtung 
(weil vor jedem eine Zeit vorhergeht, darin die Bedingung selbst wiede- 
rum als bedingt bestimmt sein muss), wodurch denn alles Unbedingte 
und alle absolute Nothwendigkeit gänzlich wegfällt. Indessen ist die 48a 
Schlussart in beiden selbst der gemeinen Menschenvemuui^. guiE ange- 
messen, welche mehrmals in den Fall geräth, sich mit sich selbst zu 
entzweien, nachdem sie ihren Gegenstand aus zwei verschiedenen Stand- 
punkten erwägt. Herr von Mairan hielt den Streit zweier berühmter 
Astronomen, der aus einer ähnlichen Schwierigkeit über die Wahl des 
Standpunkts entsprang, für ein genugsam merkwürdiges Phänomen, um 
darüber eine besondere Abhandlung abzufassen. Der eine schloss nämlich 
so: der Mond dreht sich um seine Achse, darum wdl er der Erde 
beständig dieselbe Seite zukehrt; der andere: der Mond dreht sich 
nicht um seine Achse, eben darum, weil er der Erde beständig die- 
srislbe Seite zukehrt Beide Schlüsse waren richtig, nachdem man den \. 
Standpunkt nahm, aus dem man die Mondbewegung beobachten wollte. 



«?.* 



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340 Elementarlehre. IL Theü. IL Abtheilung. IL Buch. n. Hauptstück. 

490 Der Antinomie der reinen Vernunft 

dritter Abschnitt. 

Von dem Interesse der Vernunft bei diesem ihreni 
Widerstreite. 

Da haben wir nim das ganze dialektische Spiel der kosmologischen 
Ideen, die es gar nicht verstatten, dass ihnen ein congruirender Gegen- 
stand in irgend einer möglichen Erfahrung gegeben werde, ja nicht ein- 
mal, dass die Vemunfl sie einstimmig mit aUgemeLuen Erfahrungsgesetz^i 
denke, die gleichwol doch nicht willkürlich erdacht sind, sondern auf 
welche die Vernunft im continuirlichen Fortgange der empirischen Syn- 
thesis nothwendig geführt wird, wenn sie das, waa nach Kegeln der Er- 
fahrung jederzeit nur bedingt bestimmt werden kann, von aller Bedingung 
befreien und in seiner unbedingten Totalität fassen will. Diese vernünf- 
telnden Behauptmigen sind so viele Versuche, vier natürliche und un- 
vermeidliche Probleme der Vernunft au&ulösen, deren es also nur gerade 
so viel, nicht mehr, auch nicht weniger geben kann, weil es nicht mehr 
Keihen synthetischer Voraussetzungen giebt, welche die empirische Syn- 
thesis a priwri begrenzen. 

Wir haben die glänzenden Anmassungen der ihr Gebiet über aUe 
Grenzen der Er&hrung erweiternden Vernunft nur in trockenen Formeln^ 

491 welche bloss den Grund ihrer rechtlichen Ansprüche enthalten, vorgesteUt, 
und, wie es einer Transscendentalphilosophie geziemt, diese von allem 
Empirischen entkleidet, obgleich die ganze Pracht der Vemunftbehaup- 
timgen nur in Verbindung mit demselben hervorleuchten kann. In dieser 
Anwendung aber und der fortschreitenden Erweiterung des Vemunft- 
gebrauchs, indem sie von dem Felde der Erfahrungen anhebt, und sich 
bis zu diesen erhabenen Ideen aUmähüch hinau&chwingt, zeigt die Phi- 
losophie eine Würde, welche, wenn sie ihre Anmassungen nur behaupt^i 
könnte, den Werth aller anderen menschlichen Wissenschaft weit unter 
sich lassen würde, indem sie die Grundlage zu unseren grössten Er* 
Wartungen und Aussichten auf die letzten Zwecke, in welchen aUe Ver- 
nunftbemühungen sich endlich vereinigen müssen, verheissi Die Fragen^ 
ob die Welt einen Anfang und irgend eine Grenze ihrer Ausdehnung 
im Kaume habe, ob es irgendwo und vieUeicht in meinem denkenden 



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III. Abschnitt Von dem Interesse der Vernunft u. s. w. 



341. 



Selbst eine untheilbare und unzerstörKcbe Einheit oder nichts als das 
Theilbare und Vergängliche gebe, ob ich in meinen Handlungen frei 
oder wie andere Wesen an dem Faden der Natur und des Schicksals 
geleitet sei, ob es endlich eine oberste Weltursache gebe oder die Natur- 
dinge und deren Ordnung den letzten Geg^istand ausmachen, bei dem 
wir in allen unseren Betrachtungen stehen bleiben müssen: das sind 
Fragen, um dexm Auflösung der Mathematiker gern seine ganze Wissen- 
schaft dahin gäbe; denn diese kann ihm doch in Ansehung der höchsten 
und angelegensten Zwecke der Menschheit keine Befriedigung verschaffen. 49s 
Selbst die eigentliche Würde der Mathematik (dieses Stolzes der mensch- * 
liehen Vernunft) beruht darauf, dass, da sie der Vernunft die Leitung 
giebt, die Natur im grossen sowol als im kleinen in ihrer Ordnung und 
Kegelmässigkeit, imgleichen in der bewundernswürdigen Eii^eit der sie 
bew^enden Kräfte weit über alle Erwartung der auf gemeine Erfahrung 
bauenden Philosophie einzusehen, sie dadurch selbst zu dem über alle 
Erfahrung erweitert^i Gebrauch der Vernunft Anlass und Aufinunterung 
giebt, imgleichen V die damit beschäftigte Weltweisheit mit den vortreff- 
lichsten Materialien versorgt, ihre Nachforschung, so viel deren Beschaf- 
fenheit es erlaubt, durch angemessene Anschauungen zu unterstützen. 

Unglücklicher Weise für die Speculation (vielleicht aber zum Glück 
fOx die praktische Bestimmung des Menschen) sieht sich die Vernunft 
mitten imter ihren grössten Erwartimgen in. dnem Gedränge von Grün- 
den und Gegengründen so b^angen, dass, da es sowol ihrer Ehre als 
auch sogar ihrer Sicherheit wegen nicht thunlich ist, sich zurück zu 
ziehen und diesem Zwist als einem blossen Spielgefechte gleichgiltig zu- 
zusehen, noch weniger schlechthin Friede zu gebieten, weil der Gegen- 
stand des Streits sehr interessirt, ihr nichts weiter übrig bleibt, als über 
den Ursprung dieser Veruneinigung der Vernunft mit sich selbst nach- 
zusinne3>, ob nicht etwa ein blosser Missverstand daran Schuld sei, nach 
dessen Erörterung zwar beiderseits stolze Ansprüche vielleicht wegfallen, 49s 
aber dafür ein dauerhaft ruhiges Eegiment der Vernunft über Verstand 
und Sinne sein^i Anfang nehmen würde. 

Wir wollen für jetzt diese gründliche Erörterung noch etwas aus- 
setzen und zuvor in Erwägung ziehen, auf welche Seite wir uns wol am 
liebsten schlagen möchten, wenn wir etwa genöthigt würden Partd au 
nehmen. Da wir in diesem Falle nicht den logischen Probirstein der 



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^42 Elementarlehre. IL Theil. ü. Abtheilung, n. Buch. IL Hauptsttick. 

Wahrheit, sondern bloss unser Interesse befragen, so wird eine solche 
Untersnchung, ob sie gleidi in Ansehung des streitigen Rechts beider 
Theile nichts ausmacht, dennoch den Nutzen haben, es begreiflich zu 
machen, warum die Theilnehmer an diesem Streite sich lieber auf die 
eine Beite als auf die andere geschlagen haben, ohne dass eben dne vor- 
zügliche Einsicht des Gregenstandes daran Ursache gewesen, imgleichen 
noch andere Nebendinge zu erklären, z. B. die zelotische Hitze des dnen 
imd die kalte Behauptung des cmderen Thdls, warum sie gern der einen 
Partei freudigen Beifall zujauchzen, imd wider die andere zum voraus 
• unversöhnlich eingenommen sind. 

Es ist aber etwas, das bei dieser vorläufigen Beurtheilung den 
Gresichtspunkt bestimmt, aus dem sie allein mit gehöriger Gründlichkeit 
angestellt werden kann, und dieses ist die Vergleichimg der Principien, 
von denen beide Theile ausgehen. Man bemerkt unter den Behauptungen 
der Antithesis eine vollkommene Gleichförmigkeit der Denkungsart und 
494 völlige Einheit der Maxime, nämlich ein Principium des reinen Empi- 
rismus, nicht allein in Erklärung der Erscheinungen in der Welt, 
sondern auch in Auflösung der transscendentalen Ide^ vom Weltall 
selbst. Dagegen legen die Behauptungen der Thesis ausser der empi- 
rischen Erklärungsart innerhalb der Reihe der Erscheinungen noch in- 
tdlectuelle Anfönge zum Gnmde, und die Maxime ist so fem nicht einfach. 
Ich will sie aber von ihrem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal den 
DogiAatismus der reinen Vernunft nennen. 

Auf der Seite also des Dogmatismus in Bestimmui^ der kos- 
mologischen Vemunftideen oder der Thesis zeigt sich 

Zuerst ein gewisses praktisches Interesse, woran jeder Wol- 
gesinnte, wenn er sich auf seinen wahren Vortheil versteht, herzlich 
l^il nimmt. Dass die Welt einen Anfang habe, dass mein denkendes 
Selbst einfacher und daher unverweslicher Natur, dass dieses zugleich 
in sdnen willkürlichen Handlungen frei und Über den Naturzwang ei^ 
haben sei, tmd dass endlich die ganze Ordnung der Dinge, welche die 
Welt ausmachen, von einem Urwesen abstamme, von welchem alles seine 
Einheit und zweckmässige Verknüpfung entlehnt, das sind so viel Grund- 
steine der Moral und Reli^on. Die Antithesis raubt uns alle diese 
Stützen, oder scheint wenigstens sie uns zu rauben. 

Zweitens äussert sich auch ein speculatives Interesse der 



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in. Abschnitt Von dem Interesse der Vernunft u. s. w. 343 

Vemunft auf dieser Seite. I>enn, wenn man die transsoendentalen Ideen 
auf solche Art annimmt und gebraucht, so kann man völlig a priori die 495 
ganze Kette der Bedingungen fassmi und die Ableitung des Bedingtai 
b^rdfen, indem man ,vom Unbedingtai anfängt; welches die Antithews 
nicht leistet, die dadurch sich sehr übel empfiehlt, dass sie auf die Frage 
wegen der Bedingungen ihrer Synthesis keine Antwort geben kann, die 
nicht ohne Ende immer weiter zu fragen übrig Hesse. Ncuih ihr muss 
man von einem gegebenen Anfange zu einem noch höheren aufsteigen, 
jeder Theü führt auf einen noch kleineren Theil, jede Begebenheit hat 
immer noch eine andere Begebenheit als Ursache über sich, und die 
Bedingungen des Daseins überhaupt stützen sich immer wiederum auf 
andere, ohne jemals in einem selbständigen Dinge als Urwesen unbe- 
dingte Haltung und Stütze zu bekommen. 

Drittens hat diese Seite auch den Vorzug der Popularität, der 
gewiss nicht den kleinsten Theil ihrer Empfehlung ausmacht. Der ge- 
meine Verstand findet in den Ideen des unbedingten Anfangs aller Synr 
theas nicht die mindeste Schwierigkeit, da er ohnedem mehr gewohnt 
ist, zu den Folgen abwärts zu gehen als zu, den Gründen hinaufzusteigen, 
und hat in den Begriffen des absolut Ersten (über dessen Möglichkeit 
er nicht grübelt) eine Gemächlichkeit imd zugleich einen festen Punkt, 
um die Leitschnur seiner Schnitte daran zu knüpfen, da er hingegen an 
dem rastlosen Aufsteigen vom Bedingten zur Bedingimg, jederzeit mit 
einem Fusse in der Luft, gar kein Wolgefallen finden kann. 

Auf der Seite des Empirismus in Bestimmung der kosmologischen 496 
Ideen oder der Antithesis findet sich 

Erstlich kein solches praktisdies Interesse aus reinen Principieii 
d^ Vemirnft, als Moral und Keligion bei sich führen. Vielmehr scheint 
der blosse Empirismus beidai die Kraft und Einfluss zu benehmen. 
Wenn es kein von der Welt unterschiedenes Urwesen giebt, wenn die 
Welt ohne Anfang und also auch ohne Urheber, uns^ Wille nicht fi:ei 
und die Seele von gleicher Theilbarkeit und Verweslichkeit mit der 
Materie ist, so verlieren auch die moralischen Ideen und Grundsätze 
alle GiltigkBit, und fallen mit den transscendentalen Ideen, welche 
ihre theoretische Stütze ausmachten. 

Dagegen bietet aber der Empirismus dem speculativen Interesse 
der Vernunft Vorthdle an, die sehr anlockend sind und diejenigen weit 



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344 Elementarlehre. n. Theil. n. Abtheilung. IL Buch. n. Hauptstück. 

übertreffen, die der dogmatische Lehrer der VernunMdeen rerfeprechen 
mag. Nach jenem ist der Verstand jederzeit auf seinem eigenthümlichen 
Boden, nämlich dem Felde von lauter möglichen Erfahrungen, deren Ge- 
setzen er nachspüren und vermittelst derselben er sdne sichere und 
fassliche Erkenntniss ohne Ende erweitem kann. Hier kann und soll er 
den Gegenstand sowol an sich selbst als in seinen Verhältnissen der An- 
schauung darstellen, oder doch in Begriffen, deren Bild in gegebenen 
Ähnlichen Anschauungen klar und deutlich vorgelegt werden kann. Nicht 
allein, dass er nicht nöthig hat, diese Kette der Naturordnung zu ver- 

i»7 lassen, um sich an Ideen zu hängen, deren Gegenstände er nicht kennt, 
weil sie als Gedankendinge niemals gegeben werden können, sondern es 
ist ihm nicht einmal erlaubt, sein Geschäft zu verlassen und unter dem 
Verwände, es sei nunmehr zu Ende gebracht, in das Gebiet der ideali- 
sirenden Vernunft und zu transscendentalen Begriffen überzugehen, wo 
er nicht weiter nöthig hat zu beobachten und den Naturgesetzen gemäss 
zu forschen, sondern nur zu denken und zu dichten, sicher, dass er 
nicht durch Thatsachen der Natur widerlegt werden könne, weil er an 
ihr Zeugniss eben nicht gebunden ist, sondern sie vorbeigehen, oder sie 
sogar selbst einem höheren Ansehen, nämlich dem der reinen Vernunft 
unterordnen darf 

Der Empirist wird es daher niemals erlauben, irgend eine Epoche 
der Natur fär die schlechthin erste anzunehmen, oder irgend eine Grenze 
seiner Aussicht in den Umfang derselben als die äusserste anzusehen, 
oder von den Gegenständen der Natur, die er durch Beobachtung und 
Mathematik auflösen und in der Anschauung synthetisch' bestimmen 
kann (dem Ausgedehnten), zu denen überzugehen, die weder Sinn noch 
Einbildungskraft jemals m eonereto darstellen -kann (dem Einfachen), noch 
einrämnen, dass man selbst in der Natur ein Vermögen, imabhängig 
von Gesetzen der Natur zu wirken (Freiheit), zum Grunde lege imd 
dadurch dem Verstände sein Geschäft schmälere, an dem Leitfeden noth- 
wendiger Regeln dem Entstehen der Erscheinungen nachzuspüren, noch 

498 endlich zugeben, dass man irgend wozu die Ursache ausserhalb der 
Natur suche (Urwesen), weil wir nichts weiter als diese kennen, indem 
sie es allein ist, welche uns Gegenstände darbietet und von ihren Cre- 
setzen unterrichten kann. 

Zwar wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine 



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m. Abschnitt. Von dem Interesse der Yemanft u. s. W. 345 

andere Aboicht bat, ab den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre 
wahre Beatinminng verk^inenden Vemunft niederzuschlagen, welche mit 
Einsicht und Wissen gross thut, da wo eigentlich Einsicht und Wis- 
sen aufhören, und das, was mau in Ansehung des praktischen Interesses 
^Iten lässt, für eine Beförd^ung des speculativen Interesses ausgeben 
will, um, wo es ihrer Gemächlichkeit zuträglich ist, den Faden physischer 
Untersuchungen abzureissen und mit einem Vorgeben von Erweiterung 
der Erkenntnifls ihn an transscendentale Ideen zu knüpfen, durch die 
man * eigentlich nur erkennt, dass man nichts wisse; wenn, sage ich, 
^er Empirist och hiermit begnügte, so würde sein Grundsatz eine Maxime 
der Mäsmgung in Ansprüchen, der Bescheidenheit in Behauptungen und 
zugleich der grösst möglichen Erweiterung unseres Verstandes durch den 
eigentlich uns vorgesetzten Lehrer, nämlich die Erfahrung sein. Denn 
in solchem Falle würden uns intellektuelle Voraussetzungen und Glaube 
zum Behuf uiserer praktischen Angelegenheit nicht genommen werden; 
nur könnte man sie nicht unter d^n Titel und dem Pompe von Wissen- 
schaft und Vemunfteinsicht auftreten lassen, weil das eigentliche 8pecu-499 
lative Wissen überall keinen anderen Gegenstand als den der Erfeihrung 
treffen kann, und, wenn man ihre Grenze überschreitet, die Synthesis, 
weldie neue und von jener unabhängige Erkenntnisse v^sucht, kein 
Sobstratum der Anschauung hat, an welchem sie ausgeübt werden könnte. 

So aber, wenn der Empirismus in Ansehung der Ideen (wie es 
mehrentheils geschieht) selbst dogmatisch wird, und dasjenige dreist ver- 
meint, was über der Sphäre seiner anschauenden Erkenntnisse ist, so fällt 
er selbst in den Fehler der Unbescheid^iheit, der hier um desto tadel- 
barer ist, wdl dadureh dem praktisch^i Interesse der Vernunft ein un- 
«raetzlidier Nachtheil verursacht wird. 

Dies ist der Gegensatz des Epicureismus* gegen den Piatonismus. 

* Es ist indessen noch die Frage, ob Epicub diese Grundsätze als objective 
Behauptungen Jemals vorgetragen habe. Wenn sie etwa weiter nichts als Maximen 
des speculativen Gebrauchs der Vernunft waren, so zeigte er darin einen achteren 
philosophischen Geist als irgend einer der Weltweisen des Alterthums. Dass man 
in Erklärung der Erscheinungen so zu Werke gehen müsse, als ob das Feld der 
Untersuchung durch keine Grenze oder Anfang der Welt abgeschnitten sei, den Stoff 
der Welt so annehmen, wie er sein muss, wenn wir von ihm durch Erfahrung be- 
lehrt werden wollen; dass keine andere Erzeugung der Begebenheiten, als wie sie 
durch unveränderliche Naturgesetze bestimmt werdoi, und endlich keine von der 



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346 Elementarlehre, n. Theil. TL. Abtheilong. ü. Buch. II. Hauptstück. 

500 Ein jeder von beiden sagt mehr als er weiss, doch so, dass der 
erstere das Wissen, obzwar zum Nachtheile des Prakttsohen, auftnuntert 
imd befördert, der zweite zwar znm Pr^üschen vortreffliche Principien 
an die Hand giebt, aber eben dadoreh in Ansehung alles dessexi, worin 
uns allein ein speculatives Wissen vergönnt ist, der Vemuaft erlaubt,, 
idealischen Erklärungen der Naturerschemungen naeheuhiingen imd 
darüber die physische Nachforschung zu verabsäumen. 

Was endlich das dritte Moment, worauf bei der v<M*läufigen Wahl 
zwischen beiden streitigen Theilen* gesehen werden kann, anlangt, so ist 
es überaus befremdlich, dass der Empirismus aller Popularität gänzlich 
zuwider ist, ob man gleich glauben sollte, der gemeine Verstand werde 
einen Entwurf begierig aufiiehmen, der ihn durch nichts als Erfahrungs- 
erkenntnisse und deren vemunftmässigen Zusammenhang zu befriedigen 
verspricht, anstatt dass die transscendentale Dogmatik ihn nöthigt, zu 
Begriffen hinaufzusteigen, welche die Einsicht und das Vwnunftvermögen 

501 der im Denken geübtesten Köpfe weit tibersteigen. Aber eben dieses 
ist sein Bewegungsgrund. Denn er befindet sich alsdann in einem Zu* 
Stande, in welchem sich auch der Gelehrteste über ihn nichts heraus- 
nehmen kann. Wenn er wenig oder nichts davon versteht, so kann sich 
doch auch niemand rühmen, viel mehr davon zu verstreu; und ob er 
gleich hierüber nicht so schulgerecht als andere sprechen kann, so kann 
er doch darüber unendlich mehr vemünft^, weil er unter lauter Ideen 
herumwandelt, über die man eben darum am beredtsten ist, weil man 
davon nichts weiss, anstatt dass er über der Nachforschimg der Natur 
ganz verstummen imd seine Unwissenheit gestehen müsste. Gemächlich- 
keit und Eitelkeit cdso sind sclK>n eine starke Empfehlung dieser Grund- 
sätze. Ueberdem, ob es gleich einem Philosophen sd» schwer wird^ 
etwas als Grundsatz anzunehmen, ohne deshalb sich selbst Redienschaft 
geben zu können, oder gar^ Begriffe, deren objective Realität nicht ein- 



Welt unterschiedene Ursache müsse gebraucht werden, sind noch jetzt sehr richtige, 
aber wenig beobachtete Grundsätze, die speculative Philosophie zu erweitem, so wie 
auch die Principien der Moral unabhängig von fremden Hilfsquellen auszufinden, 
ohne dass darum deijenige, welcher verlangt, jene dogmatischen Sätze, so lange als 
wir mit der blossen Speculation beschäftigt sind, zu ignoriren, darum beschuldigt 
werden darf, er wolle sie leugnen. 



* Statt „oder gar" steht in der ersten Auflage „noch w^ger'^ 



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in. Abschnitt. Von dem Interesse der Vernunft u. s. w. 347 

gesehen werden kann, einzuführen, so ist doch dem gemeinen Verstände 
nichts gewöhnlicher. Er wiU etwas haben, womit er zuversichtlich an- 
fangen könne. Die Schwierigkeit, eine solche Voraussetzung selbst zu 
begreifen, beunruhigt ihn nicht, weil sie ihm (der nicht weiss, was be- 
greifen heisst) niemals in den Sinn kommt, und er hält das für bekannt, 
was ihm durch öfteren Gebrauch geläufig isi Zuletzt aber verschwindet 
alles speculative Interesse bei ihm vor dem praktischen, und er bildet 
sich ein, dcis einzusehen und zu wissen, was anzunehmen oder zu glauben 
ihn seine Besorgnisse oder Hoffiiungen antreiben. So ist der Empirismus 5o* 
der transscendental-idealisirenden Vernunft aller Popularität gänzlich be- 
raubt, und so viel Nachtheiliges wider die obersten praktischen Grund- 
sätze er auch enthalten mag, so ist doch gar nicht zu besorgen, dass 
er die Grenzen der Schule jemals überschrdten, und im gemeinen Wesen 
ein nur einigermassen beträchtliches Ansehen und einige Gunst bei der 
grossen Menge erwerben werde. 

Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach archit^tonisch, d. i. 
sie betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen System, 
und verstattet daher auch nur solche Principien, die eine vorhabende Er- 
kenntniss wenigstens nicht unftlhig machen, in irgend einem System mit 
anderen zusammen zu stehen. Die Sätze der Antithesis sind aber von 
der Art, dass sie die Vollendung eines Gebäudes von Erkenntnissen 
gänzlich unmöglich machen. Nach ihnen giebt es über einen Zustand 
der Welt immer einen noch älteren, in jedem Theile immer noch andere, 
wiederum theilbare, vor jeder Begebenheit eine andere, die wiederum 
ebenso wol anderweitig erzeugt war, und im Dasein überhaupt alles 
immer nur bedingt, ohne irgend ein unbedingtes und erstes Dasein an- 
zuerkennen. Da also die Antithesis nirgend ein Erstes einräumt, und 
keinen Anfang, der schlechthin zum Grunde des Baues dienen könnte, 
so ist ein vollständiges Gebäude der Erkenntniss bei dergleichen Vor- 
aussetzung gänzlich unmöglich. Daher fiihrt das architektonische Liter- 50a 
esse der Vernunft (welches nicht empirische, sondern reine Vemunft- 
einheit a priori erfordert), eine natürliche Empfehlung ftir die Behaup- 
tungen der Thesis bei sich. 

Könnte sich aber ein Mensch von allem Interesse lossagen, und die 
Behauptungen der Vernunft, gleichgiltig gegen alle Folgen, bloss nach 
dem Gehalte ihrer Gründe in Betrachtungen ziehen, so würde ein solcher, 



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348 Elementarlehre. IL Thea IL Abtheilung, n. Buch. IL Hauptstück. 

gesetzt dass er keinen Ausweg wüsste, anders aus dem Gedränge zu 
kommen als dass er sich zu einer oder anderen der streitigen Lehren 
bekennte, in einem unaufhörlich schwankenden Zustande sein. Heute 
würde es ihm überzeugend yorkommen, der menschliche Wille sei frei; 
morgen, wenn er die unauflösliche Naturkette in Betrachtung zöge, 
würde er dafür halten, die Freiheit sei nichts als Selbsttäuschung, und 
alles sei bloss Natur. Wenn es nun aber zum Thun und Handehi 
käme, so würde dieses Spiel der bloss speculativen Vernunft wie Schatten- 
bilder eines Traums verschwinden, und er würde seine Principien bloss 
nach dem praktischen Interesse wählen. Weil es aber doch einem nach- 
denkenden und forschenden Wesen anständig ist, gewisse Zeiten lediglich 
der Prüfung seiner eigenen Vernunft zu widmen, hierbei aber alle Partei- 
lichkeit gänzlich auszuziehen, und so seine Bemerkungen anderen zur 
Beurtheilung öffentlich mitzuiheilen, so kann es niemandem verargt noch 
«04 weniger verwehrt werden, die Sätze und Gegensätze, so wie sie sich, 
durch keine Drohung geschreckt, vor Geschworenen von seinem eigenen 
Stande (nämlich dem Stande schwacher Menschen) vertheidigen können, 
auftreten zu lassen. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
vierter Abschnitt. 

Von den transscendentalen AufgabcB der reinen Vernunft, 
in so fern sie schlechterdings naüssen aufgelöst 
-werden können. 

AUe Aufgaben auflösen und alle Fre^^ beantworten zu wollen, 
würde eine unverschämte Grosssprecherei und ein so ausschweifender 
Eigendünkel sein, dass man dadurch sich sofort um alles Zutrauen 
bringen müsste. Gleichwol giebt es Wissenschaften, deren Natur es so 
mit sich bringt, dass eine jede darin vorkommende Frage aus dem, was 
man weiss, schlechthin beantwortlich sein muss, weil die Antwort aus 
denselben Quellen entspringen muss, daraus die Frage entspringt, und 
wo es keineswegs erlaubt ist, unvermeidliche Unwissenheit vorzuschützen, 
sondern die Auflösung gefordert werden kann. Was in allen möglichen 
Fällen Eecht oder Unrecht sei, muss man der Begel nach wissen 



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lY. Abschmtt Von den transscendemtalen Aufgaben u. s. w. 349 

können, weil es nnsere VerbindKchkeit betrifft, tmd wir zu dem, was wir 
nicht wissen können, auch keine Verbindlichkeit haben. In der Er- 
klärung der Erscheinungen der Natur muss uns indessen vieles ungewiss 50S 
und manche Frage unauflöslich bleiben, weil das^ was wir von der Natur 
wissen, zu dem, was wir erklären sollen, bei weitem nicht in allen Fällen 
zureichend ist. Es fragt sich nun, ob in der Transscendentalphilosophie 
irgend eine Frage, die ein der Vernunft vorgelegtes Object betrifft, durch 
eben diese reine Vernunft unbeantwortlich sei, und ob man sich ihrer 
entscheidenden Beantwortung dadurch mit Becht entziehen könne, dass 
man es als schlechthin ungewiss (aus allem dem, was wir erkennen können) 
demjenigen beizählt, wovon wir zwar so viel Begriff haben, um eine 
Frage aufeuwerfen, es uns aber gänzlich an Mitteln oder an Vermögen 
fehlt, sie jemals zu beantworten. 

Ich behaupte nun, dass die Transscendentalphilosophie unter aller 
speculativen Erkenntniss dieses Ei^i^enthtimliche habe, dass gar keine 
Frage, welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gregenstand betrifft, 
für eben dieselbe menschliche Vemimft unauflöslich sei, und dass kein 
Vorschützen einer imvermeidlichen Unwissenheit und unergründlichen 
Tiefe der Aufgabe von der Verbindlichkeit frei sprechen könne, sie 
gründlich und vollständig zu beantworten; weil eben derselbe Begriff, 
der uns in den Stand setzt zu fragen, durchaus uns auch tüchtig machen 
muss auf diese Frage zu antworten, indem der Gegenstand ausser dem 
Begriffe gar nicht angetroffen wird (wie bei Recht und Unrecht). 

Es sind aber in der Transscendentalphilosophie keine anderen alsßoe; 
nur diekosmologischen Fragen, in Ansehimg deren man mit Recht eine 
genugthuende Antwort, die die Beschaffenheit des öregenstandes betrifft, 
fordern kann, ohne dass dem Philosophen erlaubt ist, sich derselben da- 
durch zu entziehen, dass er undurchdringliche Dunkelheit vorschützt;, 
und diese Fragen können nur kosmologische Ideen betreffen. Denn, der 
Gregenstand muss empirisch gegeben sein, und die Frage geht nur auf 
die Angemessenheit desselben mit einer Idee. Ist der Gegenstand trans- 
scendental und also selbst unbekannt, z. B. ob das Etwas, dessen Er- 
scheinung (in uns selbst) das Denken ist (Seele), ein an sich einfaches, 
Wesen sei, ob es eine Ursache aller Dinge insgesammt gebe, die schlecht-^ 
bin nothwendig ist u. s. w., so sollen wir zu unserer Idee einen Gegen-v 
i^tand suchen, von wdchem wir gesteh^i können, dass er uns. unbekannt;. 



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350 Elementarlehre. IL TheU. IL Abtheilung. U. Buch. IL Hauptstück. 

«07 aber deswegen doch nicht unmögKch sei.* Die kosmologischen Ideen 
haben allein das Eigenthümliche an sich, dass sie ihren Gegenstand nnd 
die zu dessen Begriff erforderliche empirische Synthesis als gegeben 
voraussetzen können, und die Tra^e, die aus ihnen «itspringt, betrifft 
nur den Fortgang dieser Synthesis, so fem er absolute Totalität mithalten 
soll, welche letztere nichts Empirisches mehr ist, indem sie in keiner Er- 
fahrung gegeben werden kann. Da nun hier lediglich von einem Dinge 
«Is Gegenstande einer möglichen Erfahi:ung, und niebt als einer Sache 
an sich selbst die Kede ist, so kann die Beantwortung der transscenden- 
ten kosmologischen Frage ausser der Idee sonst nirgend liegen; denn 
sie betrifft keinen Gegenstand an sich selbst, und in Ansehung der 
möglichen Erfahrung wird nicht njui demjenigen gefragt, was *n concreto 
in irgend einer Erfahrung gegeben werden kann, sondern was in der 
Idee liegt, der sich die empirische Synthesis bloss nähern soll; also muss 
sie aus der Idee allein aufgelöst werden können, denn diese ist ein 
blosses Geschöpf der Vernunft, welche also die Verantwortung nicht von 
sich abweisen und auf den unbekannten Gegenstand schieben kann. 

^8 Es ist nicht so £UisserordenÜich als es anfangs scheiat, dass eine 

Wissenschaft in Ansehung aller in ihr^ Inbegriff gehörigen Fragen 
(quaesttones domesttcae) lauter gewisse Auflösungen fordern und erwai-ten 
könne, ob sie gleich zur Zeit noch vielleicht nicht geftmd^i sind. Ausser 
der Transscendentalphilosophie giebt es noch zwei reine Vernunftwissen- 
Bchaften, eine bloss speculativen, die andere praktischen Inhalt«: reine 
Mathematik und reine Moral Hat man wol jemals gdaört, dass, 
gleichsam wegen einer nothwendigen Unwissenheit der Bedingungen, es 



* Man kann zwar auf die Frage, was ein transscendentaier Gegenstand für eine 
Beschaffenheit habe, keine Antwort geben, nämlich was er sei, aber wol, dass die 
Präge selbst nichts sei, darum, weil kein Gegenstand derselben gegeben worden. 
Daher sind alle Fragen der transscendentalen Seelenlehre auch beantwortlich und 
wirklich beantwortet; denn sie betreuten das txansscendentale Subjeet lUler inneren 
Erscheinungen, welches selbst nicht Erscheinung ist, und also nicht als Gegenstand 
gegeben ist, und worauf keine der Kategorien (auf welche doch eigentlich die Frage 
gestellt ist) Bedingungen ihrer Anwendung antrifft. Also ist hier der Fall, da der 
gemeine Ausdruck gilt, dass keine Antwort auch eine Antwort sei, nämlich dass eine 
Frage' nach der Beschaffenheit desjenigen Etwas, was durch kein bestimmtes Prädi- 
cat gedacht werden kann, weil es gänzlich ausser der SphäM der Gegenstände g»- . 
«etzt wird, die uns gegeben werden können, gänaBch nichtig und leer sei 



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IV. Absehnitt. Von den trausscendentaleu Aufgaben u. s. w. 351 

für ungewiss sei ausgegeben worden, welches Verhältniss der Durch- 
messer zum Kreise ganz genau in Eational- oder Irrationalzahlen habe? 
Da es durch er^tere gar nicht congruent g^eben werden kann, durch 
die zweiten aber noch nicht gefunden ist, so urtheilte man, dass wenig- 
stens die Unmöglichkdt solcher Auflösung mit Gewissheit erkannt werden 
könne, und Lambert gab einen Beweis davon. In den allgemeinen Prin- 
cipi^i der Sitten kann nichts Ungewisses sein, weil die Sätze entweder 
ganz und gar nichtig und sinnleer sind, oder bloss aus unseren Ver- 
nimftbegriffen fliessen müssen. Dagegen giebt es in der Naturkunde eine 
Unendlichkeit von Vermuthungen, in Ansehung deren niemals Gewiss- 
heit erwartet werden kann, weil die Naturerscheinungen Gegenstände 
sind, die uns unabhängig von unseren Begriffen gegeben werden, zu 
denen also der Schlüssel nicht in ims und unsei*em reinen Denken, son- 
dern ausser uns liegt, und eben darum in vielen Fällen nicht aufge- 
funden, mithin kdn sicherer Au&chluss erwartet werden kann. Ich 509 
rechne die Fragen der transscendentalen Analytik, welche die Deduction 
tmserer reinen Erkenntniss betreffen, nicht hierher, weil wir jetzt nur 
von der Gewissheit der Urtheile in Ansehung der Gegenstände und nicht 
in Ansehung des Ursprungs unserer Begriffe selbst handeln. 

Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen 
Auflösung der vorgelegten Vemunftfragen dadurch nicht ausweichen 
können, dass wir über die engen Schranken unserer Vernunft Klagen 
erheben und mit dem Scheine einer demuthsvoUen Selbsterkenntniss 
bekennen, es sei über unsere Vernunft, auszumachen, ob die Welt von 
Ewigkeit her sei oder einen Anfang habe, ob der Weltraum ins unend- 
liche mit Wesen erfüllt oder innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossen 
sei, ob irgend in der Wdt etwas einfach sei oder ob alles ins unend- 
liche getheilt werden müsse, ob es eine Erzeugung und Hervorbringung 
aus Freiheit gebe oder ob alles an der Kette der Naturordnung hänge, 
endlich ob es irgend dn gänzlich unbedingtes und an sich nothwendiges 
Wesen gebe oder ob alles seinem Dasein nach bedingt und mithin 
äusserlich abhängend und an sich zufällig sei. Denn aUe diese Fragen 
betreffen einen Gegenstand, der nirgend anders als in unseren Gedanken 
gegeben werden kann, nämlich die schlechthin unbedingte Totalität der 
Synthesis der Erscheinungen. Wenn wir darüber aus unseren eigenen 
Begriffen nichts Gewisses sagen imd ausmachen können, so dürfen wir 510 



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352 Elementarlehre, ü. Theil. ü. Abtheilung. IL Buch. n. Eauptstück. 

nicht die Schuld auf die Saehe schieben, die sich uns verbirgt; denn es 
kann uns dergleichen Sache (weil sie ausser unserer Idee nirgends ange- 
troffen wird) gar nicht gegeben werden, sondern wir müssen die Ursache 
in unserer Idee selbst suchen, welche ein Problem ist, das keine Auf- 
lösung verstattet, und wovon wir doch hartnäckig annehmen, als ent- 
spreche ihr ein wirklicher Gegenstand. Eine deutliche Darlegung der 
Dialektik, die in unserem Begriffe selbst liegt, würde uns bald zur völ- 
ligen Gewissheit bringen von dem, was wir in Ansehung einer solchen 
Frage zu urtheilen haben. 

Man kann eurem Vorwande der Ungewissheit in Ansehung dieser 
Probleme zuerst diese Frage entgegensetzen, die ihr wenigstens deutlich 
beantworten müsst: Woher kommen euch die Ideen, deren Auflösung 
euch hier in solche Schwierigkeit verwickelt? Sind es etwa Erschei- 
nungen, deren Erklärung ihr bedürft, und wovon ihr zufolge dieser 
Ideen nur die Principien oder die Regel ihrer Exposition zu suchen 
habt? Nehmt an, die Natur sei ganz vor euch aufgedeckt, euren Sinnen 
und dem Bewusstsein alles dessen, was eurer Anschauung vorgelegt ist, 
sei nichts verborgen, so werdet ihr doch durch keine einzige Erfahrung 
den Gegenstand eurer Ideen in concreto erkennen können (denn es wird 
ausser dieser vollständigen Anschauung noch eine vollendete Synthesis 
511 und das Bewusstsein ihrer absoluten Totalität erfordert, welches durch 
gar keine empirische Erkenntniss möglich ist), mithin kann eure Frage 
keineswegs zur Erklärung von irgend einer vorkommenden Erscheinung 
nothwendig und also gleichsam durch den Gegenstand selbst aufgegeben 
sein. Denn der Gegenstand kann euch niemals vorkommen, weil er durch 
keine mögliche Erfahrung gegeben werden kann. Ihr bleibt mit allen 
möglichen Wahrnehmungen immer unter Bedingungen, es sei im 
Eaume oder in der Zeit, befangen, und kommt an nichts Unbedingtes, 
um auszumachen, ob dieses Unbedingte in einen absoluten Anfang der 
Synthesis, oder eine absolute Totalität der Reihe ohne allen Anfang 
zu setzen sei. Das* All aber in empirischer Bedeutung ist jederzeit nur 
comparativ. Das absolute All der Grösse (das Weltall), der Theilung, 
der Abstammung, der Bedingung des Daseins überhaupt, mit allen 
Fragen, ob es durch endliche oder ins unendliche fortzusetzende Syn- 
thesis zu Stande zu bringen sei, geht keine mögliche Erfahrung etwas 
an. Ihr würdet z. B. die Erscheinimgen eines Körpers nicht im min- 



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y. Abschnitt. Ske^ttische VorsteEung aller kosmolog. Fragen. 353 

desten besstr oder auch nur anders erhläüm können, ob ibr annehmt, 
er bestehe aus einfachen oder diurchgehendis immer aus zusammengesetz- 
ten Theüeuiv denn es kann euch käine einfache Erscheinung und ebenso 
wenig auch eine unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen. Die 
Erscheinuhgen ^Isrlajagen nur erklärt 2u werden, so weit ihre Erklärungs* 
bedingurigeii in! der Wahrnehmung ^egebeii sind; alles aber, was jemals 512 
in ihnen gegeben: werden mag, in eiüem absoluten Ganzen zusammen- 
genommen, ist sdbst keine Wahrnehmung. Dieses All aber, ist. es eigent- 
lich, dessen Efklävimg in den transscendentalen Vernunftaufgaben ge- 
fordert wird» 

Da lüiso sälbsfc die Auflösung dieser Aufgaben niemals in der Er^ 
fahrung Yorkommen kann, so könnt ihr nicht sagen, dass es ungewiss 
sei, was hierüber dem Gegenstände beizulegen sei. Denn euer Gegen- 
stand ist bloss in eurem Gehirn, und kann ausser demselben g€ff nicht 
gegeben werden; daher ihr nur ds^r zU sorgen habt, mit euch selbst 
einig zu werden, . und die AmphiboUe au verhüten, die eure Idee zu einer 
vermeintli^^Di Vorgtellimg eines empirisch gegebenen und also auch 
nach Eifahrungsgesetzen zu erkennenden Objeets macht Die dogma-, 
tische Auflösung ist also nicht etwa ungewiss, sondern unmögHch. Die 
kritische aber, wel^fe völlig gewiss sdn kann, betrachtet die I*rage gar 
nicht objectiv, sondern nach dem Fundaöiente der Erkenntniss;, worauf 
sie gegründet ist. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 513 

fünfter Abschnitt. 

Skeptische Vorstellung der köstoologischen Fragen durch 
alle tier transscendentalen Ideen. 

Wir würden von d^r Forderung gern abstehen, unsere Fragen dog- 
matisch beantwortet zu sehen, wenn wir schon zum voraus begriffien; die 
Antwort xpöchte ausfallen,^ wie i^ie wollte, so würde sie unsere Unwissen- 
heit nur nock vermehren, und uns aus einer Unbegreiflichkeit in eine 
andere» aus ^iAer Dunkelheit in eine, noph grössere, und tielleicht gar 
in Widersprüche stiirzen; Wenn unsere Frage bloss auf Bejahung oder 
Vernein):^lg gestellt ist, so ist ?s klüglich gehandelt, die vermuthüchen 
Gründe der Beantwortui^ vo;r der Hand dahin gestellt sein zu lassen, 

Kavt's Kritik der reinen Yemunft. 23 



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554 Elementarlehre. H. Th^. H. AbtfaeUung. IL Bach. IL Hnuptstück. 

und auvörderat in Erwägung zu ziehen, was man denn gewinnen würde, 
wenn die Antwort auf die eine, und was, wenn sie auf die Gegenseite 
ausfiele. Triißt es ^ch mm, dass in beiden Fällen krater 3innleeres 
(Nonsei») herauskommt, so haben wir eine gegründete Aufforderung, 
unsere Frage selbst kritisch zu untersuchen, und zu sehen, ob «sie nicht 
selbst a«f einer grundlesen Vorauaeetzung beruhe und mit einer Idee 
spiele, die ihre Falschheit besser dn der Anwendung und durch ihre 
Folgen, als in der abgesonderten Vorstellung verräth. Das fet der grosse 

514 Nutzen, den die skeptische Art hat, die Fragen au behandehi, welche 
reine Vernunft an reine Vernunft thut, und wodurch man ^es grossen 
dogmatisdien Wustes mit wenig Anfirand überhoben sein kaam, um au 
dessen Statt eine nüchterne Elritik zu setzen, die als an wahres ELathar- 
tikon den Wahn zusammt seinem Gtefoige, der Vielwisserei, glücklich 
abftihren wird. 

W^mn ich demnach von einer ko^mologischen Idee zum ^v^raus ein- 
sehen könnte, dass, auf welche Seite des Unbedingten der T^gressiyen 
Synthesis der Erscheinungen sie sieh auch schltl^, so Würd^e sie doch 
für einen jeden Vers t and es begriff feötwed» zu gross oder zu klein 
sein, so würde ich begifeifen, dass, da jaie doch es nur mit einem Ge- 
genstand« d der Edyirung zu thun hat, welcher einem mliglichen Ver- 
Standesbegriffe ang«ttuessen sesn soll, ^e ganz leer und ohne Bedeutmig 
sein müs£ »e, weil ihr der Gegenstand nicht anpasst, ich mag ihn derselben 
bequemen , wie ich will. Und dieses ist wirklich der Fall mit aJlen Welt- 
begriffen, welche auch eben tun deswillen die Vernunft, so lange sie ihnen 
anhängt, in eine unvermeidliche Antinomie verwickeln. Denn nehmt 

Erstlich an, die Welt habe keinen Anfang, so ist sie ftlr 
euren Begidff zu gross; denn dieser, welcher in einem successiven Ke- 
gressus besteht, kann die ganze verflossene Ewigkeit niemals erreichen. 
Setzt, sie habe einen Anfang, so iöt öife WlfedWiun Rü- fetA^ön Ver- 

515 standesbegKiff in dem öothwendigfen enlpnUsIdifen R^g:W566ilfe zu klein. 
Denn, w^ der Anfkng nodi immet ehie Äeit, dJ* vviäiiöl-g^ht, Voraussetzt, 
so ist &r no<ih nicht unbedingt, und d^ C^e^etfc d^a ^pMöchen Gebrauchs 
des Verstandes legt es tfut^ auf, boch näth eföer höheren Zeftbedmgung 
zu fragen, üÄd die Welt M also öfffenb^ Mt dieses Gesetz zu Wem. 

Ebenso ist es mit der d^ppMt^n Beantwortung der Fragte wegen 
der WältgrSöse äffta Rattim natth be#andt. Denn^ ist sie unendlich 



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y. Abschnitt. B:epti5cbe Vorstellung aller feossiolog. Fragen. 355 

tuffid lüibeguMaat, bo l&t sie fttr idl^ Inä^liobNi eäiphisohen Begriff zu 
gross. Iflt eie «ndlioh mid be^neftiaEl;^ so fragt ihr imt Eeckt noch: 
was bestinmit diese GrenzeP Der leere Eaum isl nicht ein jpßr sich be^ 
stehendes Oorrciktim der Binge^ imd kami klBonö BediBgimg sein, bei 
der ihr istehen bleib«9i kösuEfc^ nsDch 'v&ei. weldger «ne eiii]p&riBche Bedin- 
^gang, die einen Theü dner möglkhea iBr£ahniBg auahaohte« (Denn wer 
kann eine Erfahrung ^om oehleehihin Leeren h*ben?) Zur absoluten 
Totalität «ber d^ 6ni|»r4edsLen ßjioldiesb isißä. jederzeit erfordert, dass 
das Unbedingte ein Et^hrfm^^grilff sei^ Also ist eine begr^nste 
Welt für euren Begriff zu kMn. 

Zweitens: befet^ jede Endidiiung im fiaume {Mata:^) ans un* 
«ndlich «-ielen Theilen, so ist ^ Begreeeus d^ Theiltoig för euren 
Begriff jederzeit zu gross; und soti die Theilning dies ßaumes irgend 
bei «inem Gliede dersdben (dem Einehen) aufhören, so ist er fUr die 
Idee des Unbedingten zu klein. Denn diesem 3Hed lässt Dodi immer 6i6 
einen Eegressus zu mehreren in ihm enthaltenen Theikn tibrig. 

Drittens: nehmt ihr an, in allem, was in der Welt gesohieht, sei 
nichts als J^olg nach Gesetzen der Natur, so ist die Oaxisalität der 
Uipsadiie immer wiederum etwas, das gesdiielit, und euren Begressus zu 
noch höherer Ursache, mithin die Yerlöngemng der B^he von Beding' 
gungen a parie pnhri ohn^ Atifhören noünren^g maekt Die blosse 
irkkende Naitar ist ^ilm :fär allen euren Begriff in der Sjaithesis der 
Weltbegebciikekea zu gf^ss. 

WäMt ikr hin und wieder von selbst gewdrkto Begebenheiten, 
mithia Eiseagimg mm S^reilieit, «o verfolgt euch das Warum nach 
einem tuKveniiaßi^cben ISTatul^eaetse, und nötia%t^nidi, tiber diesen Punkt 
nach dem Causalgesetze der üiäfaiDinng hinaus ^n gelben^ und ilu* findet, ^ 
däss dei^kichen TotatitKt der Vedtnt^ung för euren nothwendigen em- 
prischen Be^iff^zu kledn ist. 

yie»rt«n»: twenn ihr ein ftohleifatiiiai ntithwendiges Wesen (es 
sd die Wlilt selbst »öder etwas . in der Widt «der die Weltilrsache) an- 
nelnnt, ^o setet ihr es in «iine «vcm jedtoi g^ebenen Zeitpunkt unendlich 
entfernte Zeit, weil «e ^sanlst von (einem anderen und älteren Dasein ab- 
hängend sein würde. Alsdann ist aber diese Existenz &üf ewren emp^ 
rischen Begriff unzugänglich und zu gross, als dass ihr jemals durch 
irgend einen fortgesetzten Begressus «dazu gelangen könntet. 

23* 



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356 Blementarlehre. IL Theil. IL Abtheilang. IL Buch. IL Hauptstück. 

517 Ist aber eurer Meinung nach alles, was zur Welt (es sei als bedingt 

oder als Bedingung) gehört, zufällig, so ist jede euch gegebne Existenz 
fUr euren B^ri£P zu klein. Denn sie nöthigt euch, euch noch immer 
nach einer anderen Existenz umzusehen, von der sie abhängig ist. 

Wir haben in allen diesen Fällen gesagt, dass die Weltidee ^ 
ä&n empirischen Eegressua, mithin jeden möglichen Verstandesbegriff 
entweder zu gross, oder auch für d^iselb^i zu klein sei. Warum haben 
wir uns nicht umgekehrt ausgedrückt, imd gesagt, daiss im ersteren Falle 
der empirische Begriff für die Idee jederzeit zu klein, im zweiten aber 
zu gross sei, und mithin gleichsam die Schuld auf dem ^npirisch^i Re- 
gressus hafte, anstatt dass wir die kosmologische Idee cmklagten, dass 
sie im Zuriel oder Zuwenig von ihrem Zwecke, nämlich der möglichai 
Erfahrung abwiche? Der Grund war dieser. Mögliche Erfehrung ist 
das, was unseren Begriffen allein Bealität geb^i kann; ohne das ist aller 
Begriff nur Idee, ohne Wahrheit und Beziehung auf einen Gegenstand. 
Daher war der mögliche empirische Begriff das l^chtmass, wonach die 
Idee beurtheilt werden musste, ob sie blosse Idee und Gedankending sei 
oder in der Welt ihren Gegenstand antreffe. Denn man sagt nur von 
demjenigen, dass es verhältnissweise auf etwas Anderes zu gross oder 
zu klein sei, was nur ran dieses letzteren willen angenommen wird und 

61^ danach eingerichtet sein muss. Zu dem Spielwerke der alten dialektischen 
Schulen gehörte auch diese Frage: wenn eine- Kugel nicht durch ein 
Loch geht, was soll man sagen: ist die Kngel zu gross oder das Loch 
zu klein? Iii diesem Falle ist es gleichgiltig, wie ihr euch ausdrücken 
wollt; denn ihr wissi nicht, wdiches von beiden um des anderen willen 
da ist. Dag^en werdet ihr nicht sagen: der Mann ist für smt Kleid 
' zu lang, sondern.; das Kleid ist für den Mann zu kurz. 

Wir sind abo wenigstens auf den gegründeten Verdacht gebracht, 
dass die kosmologischen Ideen, und mit ihnen alle unter einander in 
Streit gesetzten vernünftelnden Behauptungen vielleioht einen leeren und 
bloss eingebildeten Begriff von d^ lArt, wie uns ^er Gfegenstand dieser 
Ide^DL gegeben wird, zum Grunde liegen haben, und dieser Verdacht 
kann uns schon auf die rechte Spur führen, das Blmdwerk zu Entdecken, 
was uns so lange irre gefuhrt hat 



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VL Absclinitt. Schlüssel zu Auflösung der kosmol. Dialiektik. 357 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
sechster Absclmitt. 

Der transscendentale Idealismus, als der Schlüssel 
zu Auflösung der kosmologischen Dialektik. 

Wir haben in der transscendentalen Aesthetik hinreichend bewiesen, 
dass alles, was im Räume oder der Zeit angeschaut wird, mithin alle 
Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung, nichts als Erscheinungen, 
d. i. blosse Vorstellungen sind, die so, wie sie vorgestellt werden, alssia 
ausgedehnte Wesen oder Reihen von Veränderungen, ausser unseren 
Gedanken keine an sich gegründete Existenz haben. Diesen Lehrbegriff 
nenne ich den transscendentalen Idealismus* Der Realist in 
transscendentaler Bedeutung macht aus diesen Modificationen unserer 
Sinnlichkeit an sich subsistirende Dinge, und daher blosse Vorstel- 
lungen zu Sachen an sich selbst. 

Man würde uns Unrecht thun, wenn man uns den schon längst so 
verschrieenen empirischen Idealismus zumuthen wollte, der, indem er die 
eigene Wirklichkeit des Raumes annimmit, das Dasein der ausgedehnten 
Wesen in demselben leugnet, wenigstens zweifelhaft findet, und zwischen 
Traum und Wahrheit in diesem Stücke keinen genugsam erweislichen 
Unterschied einräumt. Was die Erscheinungen des inneren Sinnes in 
der Zeit betrifft, an denen als wirklichen Dingen findet er keine 
Schwierigkeit; ja er behauptet sogar, dass diese innere Erfahrung das 
wirkliche Dasein ihres Objects (an sich selbst, mit aller dieser Zeitbe- 
stimmung) einzig und allein hinreichend beweise. 

Unser transscendentaler Idealismus erlaubt es dagegen, dass dieöw 
Gegenstände äusserer Anschauung ebenso, wie sie im Räume angeschaut 
werden, auch wirklich sind, und in der Zeit alle Veränderungen so, wie 



[* loh habe ihn auch sonst bisi^cöleii den formalen Idealismus genftnnt, um 
Ihn von dem materialen d. i. dem gememen, der die ^Existenz äusserer Pinge 
selbst bezweifelt oder leugnet, zu unterscheiden. In manchen Fällen scheint es rath- 
sam zu sein, sich lieber dieser als der obgenannten Ausdrücke zu bedienen, um alle 
Missdeutung zu verhüten.'] 



^ IHese Aomerisung ist ein Zusatz der zweiten Auflage. 



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358 Elementarlehre. IL Theil. H. Abtheiltmg. II. Buch. IL Hauptstück 

sie der innere Sinn vorstellt. Denn, da der. Raum schon eine Form 
derjenigen Anschauung ist, die wir die äussere nennen, und ohne Gegen- 
stände in demselben es gar keine empirische Vorstellung geben wtirde, 
so können und müssen wir darin ausgedehnte Wesen als wirklich an- 
nehmen; und ebenso ist es auch mit der Zeit. Jener Eaum selber aber 
sammt dieser Zieit, und zugleich mit beiden alle Erscheinungen sind doch 
an sich selbst keine Dinge, sondern nichts als Vorstellungen, und 
können gar nicht ausser unserem Gemüth existiren, und selbst ist die 
innere und sinnliche Anschauung unseres Gemüths (als Gegenstandes 
des Bewusstseins), dessen Bestimmung durch die Succession verschiedene 
Zustände in der Zeit vorgestellt wird, auch nicht das eigentlich^ Selbst, 
so wie es an sich existirt, oder das transscendentale Subject, sondern 
nur eine Erscheinung, die der Sinnlichkeit dieses uns unbekannten 
Wesens gegeben worden. Das Dasein dieser inneren Erscheinung als 
eines so an sich existirenden Dinges kann nicht eingeräumt werden, 
weil ihre Bedingung die Zeit ist, welche keine Bestimmung irgend eines 
Dinges an sich selbst sein kann. In dem Kaume aber und der Zeit ist 
die empirische Wahrheit der Erscheinungen genugsam gesichert und 
sjivon der Verwandtschaft mit dem Traume hinreichend unterschieden, 
wenn beide nach empirischen Gesetzen in einer Erfahrung richtig imd 
durchgängig zusammenhängen. 

Es sind demnach die Gegenstände der Erfahrung niemals au 
sich selbst, sondern nur in der Erfahrung gegeben, und existiren 
ausser derselben gar nicht. Dass es Einwohner im Monde geben könne, 
ob sie gleich kein Mensch jemals wahrgenommen hat, mus» allerdings 
eingeräumt werden, aber es bedeutet niv so viel, dass wir in dem mög- 
lichen Fortschritt der Erfahrung auf sie treffen könnten; denn alles ist 
wirklich, was mit einer Wahrnehmung nach Gesetzen des empirischm 
Fortgangs in einem Context st^t Sie sind also alsdann wirklich, wenn 
sie mit mdnem wirklichen Bewusstsein in einem empirischen Zusammen- 
hange stehen, ob sie gleich darmn nicht an sich, d. i. ausser diesem Fort- 
schritt der Erfahrung wirWich sind. 

Uns ist wirklich nichts gegeben als die Wahrnehmung und der 
empirische Fortschritt von dieser zu anderen möglichen Wahrnehmungen. 
Denn an sich selbst sind die Erscheinungen als blosse Vorstellungen nur 
in der Wahrnehmung wirklich, die in der That nichts Anderes ist als 



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VX. A1»«clmitt Sohlössel eu Auflösung der kosmol. Dialektik. 3Ö9. 

die Wirküi^hlo^ einer eBapiriscben Vorstellung d. i. Ersoheiiwing, Vor 
der Wahrnehmung me EbracheinuBg em wirklich^es Ding mengen, be^ 
deutet entweder^ dA§& wi£ inL.fov^ange der Erfahrung auf dne solche 
Wahrnehmung treffen müaaeQ, oder es hat gar keine Bedeutung. Denn 
dass sie an. si6h selbsit, ohae Bezielmng auf unsere Sinne und mögliche 
Ei^nrung existibre) könnte alletdings gesagt werden, wenn von einem 52i 
Dinge an i^h. selbst die Bedet wäre. Es ist aber bloss von eii^er Eor* 
s^ieiniong im BdiUine und der Zeit, die beides keine Bestimmungen der 
Dinge an sißh selbst, sondem nur unsererr Suudliehkeit sind, die Eede; 
daher das, waa in ihnen ist (Erscheinungen)^ n»^t an sich etwas, sondern 
blosse Vorstelhmgeik »md, die, wienn sie nicht in ims' (in der Wahmeh- 
Ht^iig) gegeben» sii^, überall nirgend angetroffeni werden. 

Das siponrlieher Anaeha^i^ngftveniftögen ist eigentlich nur eine Eocep- 
tivttSt, auf gewisse Weise mit VorstaUungen a^ßoirt za werd^i, deren 
Verhidtniss zu einander eine reinf^f Anschauung des Baumes und der Zeit 
ist (lauter F.ormen unsa*er äinAÜehkeit), und welche, so fem sie in diesan 
V^ätoaisae (dem Baume und der Zeit) nach G^etzen der Einheit der 
Er&ditnwg yerknüpft und bestimmbar sind, Ge^natände heissen. Die 
n^tsiiimlichjB Ursache dieser VoistellungeBf kt uihs gänzlii^ unbekannt, 
und diese können wir dsdier nicht e^ Objeot anschauen; denn dei^lei^en 
Gegenstand würde wed^ im Baome noch der Zeit (als blossen Bedin^ 
gnngen der sinnlioben Vorstettung) v<wrgestellt werdwi müssen, ohne 
weiche Bedingungen wir uns gar keine Ansdianung denken können. 
Indessen können wir ^e bk>s& imtelHgibele Ursad»e der Ersdieinungen 
überhaupt das traeescend^tale Objeet nennen, bloss damit wir etwa» 
haben, was der Sinnlichkeit als ein^ Beceptivität eorrespondirt. Diesem 
transscendentalen Object können irkr allen Umfang und Zusammenhang 
unserer möglich^i Wahrai(^inunigen> aiGBdtreaiben, und sagen, daos es vor 02a 
alier Erfahrung an bjk^ sdhst ^^^«^Den sei: Die Ersdieinungen aber sind 
ihm gemäss nicht an sich, sondern nur* in dieser Erfahrung gegeben, weil 
sie blosse Vorstellungen smd, die nnr ak Wahmdimungen einen wirk- 
lichen Grßgaistand bedeuten, wenn- nämlich diese Wahrnehmung mit allen 
anderen nach den Hegeln der Erfii&rungseinheit zusammenhängt. So 
kann man sagen: die wdrkliehen- Dinge^ der vergangenen Zeit sind in dem 
transscendentalen Gregenstande der Erfahrung gegeben; sie sind aber ^ 
mich nur (Jegen»föbide und in der vergangenen Zeit wirklich, so fem al& 



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360 Elementarlehre, ü. Theil. U. Abtheilang. n. Buch. H. HauptstUck. 

ich mir vorstelle, daes eine regressive Reihe möglicher Wahmehmungen 
(es sei am Leitfeden der Geschichte oder an den Fussstapfen der Ursachen 
nnd Wirkungen) nach empirischen Gesetzen, mit einem Worte dw Welt- 
lauf auf eine verflossene Zeitreihe als Bedingung der gegenwärtigen Zeit 
fahrt, welche alsdann doch nur in dem Zusammenhange einer möglidien 
Erfahrung und nicht an sich selbst als wirklich vorgestellt wird, so dass 
alle von undenklicher Zeit her vor meinem Dasein verflossenen Begeben- 
heiten doch nichts Anderes bedeuten als die Möglichkeit der Verlänge- 
rung der Kette der Erfahrung von der gegenwärtigen Wä-hrnehmung 
nn aufw^ärts zu den Bedingungen, welche diese dw Zeit nach besthnmen. 
Wenn ich mir demnsu^h alle exi^tirenden Gegenstände der Sinne in 
aller Zeit und allen Räumen insgesämmt vorstelle, so setze ich solche 

624 nicht vor der Erfahrung in beide hinein, sond-em diese Vorstellung ist 
nichts Anderes als der G^edanke von einer möglichen Erfahrung in ihrer 
absoluten Vollständigkeit. In ihr allein sind jene Gegenstände (welche 
nichts als blosse Vorstellungen sind) gegeben. Dass man aber sagt, sie 
existiren vor aller meiner Erfahrung, bedeutet nur, dass me in dem 
Theile der Erfahrung, zu welchem ich, von der Wahrnehmung anhe- 
bend, allererst fortschreiten muss, anzutrefP(^ sind. Die Ursache der 
empirischen Bedingungen dieses Fortschritts, mithin auf weldie Glieder, 
oder auch wie weit ich auf dergleichen im Regressus treffen könne, 
ist transscendental, und inir daher noüiwendig tmbekannt. Aber um 
diese ist es auch nicht zu thun, sondern nur um die Regel des Fort- 
schritts der Erfahrung, in der mir die G^enstände, nämlich Erschei- 
nungen gegeben werden. Es ist auch im Ausgange ganz dnerlei, ob ich 
sage: ich könne im empirischen Fortgange im Räume auf Sterne treffen, 
die hundertmal weiter entfernt sind, als die äussersten, die ich sehe, oder 
ob ich sage: es sind vielleicht deren im Welträume anzutreffen, wenn sie 
gleich niemals ein Mensch wahrgenommen bat oder wahrnehmen wird; 
denn, wenn sie gleich als Dinge an sich selbst, ohne Beziehung auf mög- 
liche Erfahrung, überhaupt gegeb^i wären, so sind sie doch für mich 
nichts, mithin keine Gegenstände, als so fem sie in der Reihe des empi- 
rischen Regressus enthalten sind. Nur in anderweitiger Beziehung, wenn 

535 eben diese Erscheinungen zur kosmologisehen Idee von einem absoluten 
Ganzen gebraucht werden sollen, und wenn es also um eine Frage zu 
thun ist, die über die Grenzen möglicher Erfahrung hinausgeht, ist die 



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Vn. Abschnitt. Kritische Entscheidung des kosmol. Streites. QQ) 

Unterscheidung der Art, wie man die Wirklichkeit gedachter Gregenstände 
der Sinne nimmt, von Erheblichkeit, um einem trü glichen Wahne vor- 
zubeugen, welcher aus der Missdeutung unserer eigenen Erfahrungsbe- 
griffe unvermeidlich entspringen muss. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
siebenter Abschnitt. 

Kritische Entscheidung des kosmologischen Streites der 
Vernunft mit sich selbst 

Die • ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf dem dialek* 
tischen Argumente: Wenn da« Bedingte gegeben ist, so ist auch die 
ganze Reihe aller Bedingungen desselben gegeben. Nun sind uns Gregen- 
stände der Sinne als bedingt gegeben; folglich u. s. w. Durch diesen 
Vemunftschluss, dessen Obersatz so natürlich und einleuchtend scheint, ' 
werden nun nach Verschiedenheit der Bedingungen (in der Synthesis der 
Erscheinungen), so fem sie eine Reihe ausmachen, ebenso viele kosmo- 
logische Ideen eingefährt, welche die absolute Totalität dieser Reihen 
postuliren und eben dadurch die Vernunft unvermeidlich in Widerstreit 
mit sich s^bst versetzen. Ehe wir aber dais Trügliche dieses vernünf- 
telnden Arguments aufdecken, müssen wir uns durch Berichtigung und 626 
Bestimmung gewisser darin vorkommender Begriffe dazu in Stand setzen. 

Zuerst ist folgender Satz klar und ungezweiMt gewiss, dass, wenn 
das Bedingte gegeben ist, uns eben dadurch ein Regressus in der Reihe 
aller Bedingungen sni demselben aufgegeben sei; denn dieses bringt 
schon der Begriff des Bedingten so mit sich, dass dadurch etwas auf eine 
Bedingung, und^ wenn diese wiederum bedingt ist, auf eine entferntere 
Bedingung, und so durch alle Glieder der Reihe bezogen wird. Dieser 
Satz ist also analytisch, und erhebt sich üb^ alle Furcht vor einer trans- 
BOöndentalen Kritik. Er ist ein logisches Postulat der Vernunft, diejenige 
Verknüj^ng eines Begriffs mit seinen Bedingung^i durch den Verstand 
zu verfolgen und so weit als möglich fortzusetzen, die schon d^n Begriffe 
selbst anhängt 

Ferner: wenn das Bedingte sowol als seine Bedingung Dinge an 
sich selbst sind, so ist, wenn das erstere gegeben worden, nicht bloss 



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362 Elementarlehre. II. Theil. II. Abth^ung. II. Buch. n. Hauptstück. 

der Rßgresaus zu dem zweiten aufgegeben, sondern dieses ist dadurch 
wirklich schon mit gegeben, und weil dieses von allen Gliedern der 
Reihe gilt, so ist die voUstiUidige Eeihe der Bedingungen, mitbin auch 
das Unbedingte da,durch zugleich gegeben oder vielmehr vorausgesetzt, 
dass das Bedingte, welches nur durch jene Reihe möglich war, gegeben 
ist. Hier ist die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung eine 
Synthesis des blossen Verstandes, welcher die Dinge vorstellt, wie sie 

627 sind, ohne darauf zu achten, ob und wie wir zur Kenntniss derselben 
gelangen können. Dagegen, wenn ich es mit Erscheinungen zu thun 
habe, die als blosse Vorstellungen gar nicht gegeben sind, wenn ich nicht 
zu ihrer Kenntniss (d. i. zu ihnen selbst, denn sie sind nichts als empi- 
rische Kenntnisse) gelange, so kann ich nicht in eben d^r Bedeutung 
sagen: wenn das Bedingte gegeben ist, so sind auch alle Bedingungen 
(als Erscheinungen) zu demselben gegeben, und kann mithin auf die ab- 
solute Totalität der Reihe derselben keineswegs schliesaen. Denn die 

. Erscheinungen sind in der Apprehenslon selber nichts Anderes als 
eine empirische Synthesis (im Räume und der Zeit), und sind, also nur 
in dieser gegeben. Nun folgt es gar nicht, dasa, wenn* das Bedingte (in 
der Erscheinung) gegeben ist, auch die Synthesi», die seine empirische 
Bedingung ausmacht, dadurch mitg^eben und vorausgesetzt sei, sondern 
diese findet allererst im Regressus, und niemals oime deibselben statt. 
Aber das kann man wol in einem solch^i Falle sagen, dass ein Regres- 
sus zu den Bedingungen, d. i. eine fortgesetzte empirische Synthesis auf 
dieser Seite geboten oder aufgegeben sei, und dass es nicht an Bedin- 
gungen fehlen könne, die durch diesen Regressus gegeben werden. 

Hieraus erhellt, dass der Obersatz des kesmologisohen Vernunft- 
Schlusses das Bediingte in transscendentaler Bedeutung esbier reinen Kate- 
gorie, der Untersatz aber in empirischer Bedeutung eines auf blosse Er- 
scheinungen angewandten Verstande»begriffs nehme, folglich derjenige 

338 dialektiische Betrug darin angetroffen werde, den^mEoi sophkma ßgurae 
dicUondi nennt. Dieser Betrug ist aber meht erkünstelt, sondern eine 
ganz nattirliche Täuschung der gemein^i Vernunft. Denn durch dieselbe 
setzen wir (im Obersatze) die Bedingungen und ihre Reihe gleichsam 
unbesehen voraus, wenn etwas als bedingt gegeben ist, weil dieses 
nichts Anderes als die logisdie Forderung ist, vollständige Präftiissen 
zu einem gegebenen Sdilusssatze anzimehmen; und da ist in der Ver- 



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VH. Abschnitt Kritische Entsdieidung des kosmol. StT^4)es. 363 

kiiüp^mg des Bedingten mit seiner Bedingimg keine Zeitordnung tuazu- 
treffen ; sie werden an sich, als zugleich gegeben, vorausgesetzt. Femer 
ist es ebenso natürlich (im Untersatze), Erscheinungen als Dinge an sich 
und ebenso wol dem blossen Verstände gegebene G^egenstände anzusehen, 
wie es im Obersatze geschah, da ich von allen Bedingungen der An- 
schauung, unter denen £tllein Gegenstände gegeben werden könn«n, abs- 
trahirte. Nun haitten wir aber hierbei emen merkwürdigen Untersdiied 
zwischen ^n Biegri^en übersehen. Die Synthesis des Bedingten raat 
seiner Bedingung und die ganze Eeihe der letzteren (im ObersatSEe) föhrte 
gar m^hts voa Einschränkung durch die Zeit und kdnen Begriff d^ 
Suecessiott hei sich. Dingen ist die empirisf^e ^mthesis und die Bdhe 
der Bedingungen in der Ecseheinung (die im UntSTsatae subsmmrt wird) 
nothwendig successiv und nur in der Zeit nach einander gegeben; folg- 
lich konnte ich die absolute Totalität dea*- Synthesis imd der dadurch 
vorgestellten Eei^ hier nicht ebenso wol als dort voraussetzen, w^589 
dort aUe> GHedeir ä.ev Bdhe an sich (ohne Zeitbedmgung) gegeben sind, 
hoßi aber nur durch« den sioccessiven Eiegressus möglkh sind, der nur 
dad^irdii gegeben ist^ das» man ihn wieMioh vollführt. 

N«oh der Ueberweisung eines solchen Fehltritts des gemeinschaMich 
Bom 69«nde (der kosmologisehen Behauptungen) gelegten Arguments, 
können hAiB streitende Theile mit Eeeht als solche, die ihre Forderui^ 
auf kein^[L gpündlicbdn Titel gründe»^ abgewiesen werden. Dadurch aber 
ist ihr Zwist noch nicht, in so iBm geendigt, dass sie überführt worden 
wären, aoe oder eineor von beidect hätte in der Bache selbst, die er be- 
hauptet (im Sehlusssatae), Umaeeht, wenn ar sie gldch nicht auf tüchtige 
Bewosgrimde zm bauen wusete. Es adieint doeh nichts klarer, als dass 
voiL zweien, deren der eine behauptet: die Weit hat einen Anfang, der 
andere: die Welt hat keinen Anfang, sondern sie ist von Ewi^eit her, 
doch einer Becht haben müsse. Ist aber dieses, so ist es, wei} die Klar- 
heit auf beiden Seitoa gleich ist, doch unm5gHeh, jemals auszumitteln, 
auf welcher Beke das Eedit sei, und der Streit dauert nach wie vor. 
wenn dkt Parteiem gleieh bei dem Geriehtshofe der Vernunft zur Ruhe 
verwiestti worden. Es bleibt cdso keui Mittel übrig, den Btrdt gründ- 
lich und zur Zufriedenheit beider Theile zu endigen, als dass, da sie 
dnander doch so- sehtu widerlegbar können, sie endlich überfuhrt werden, 
dass sie um idoht» streiten, und ein gewisser transseendentd^er Schein 



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364 Elementarlehre. IL TheiL II. Abtheilung, n. Buch. H. Hauptstück. 

*30 ihnen da eine Wirklichkeit vorgemalt habe, wo keine anzu^ffen ist 
Diesen Weg der Beilegung eines nicht abzuurtheilenden Streits wollen 
wii* jetzt einschlagen. 



Der eleatiache Zbno, ein subtiler Dialektiker, ist schon vom 
Plato als ein muthwilHger Sophist darüber sehr getadelt worden, dass 
er, um. seine Kunst zu zdgen, einerlei Satz durch scheinbare Argumente 
zu beweisen^ und bald darauf durch andere ebenso starke wieder um- 
zustürzen suchte. Er behauptete, G-ott (vermuthlich war es bei ihm 
nichts als die Welt) sei weder endlich noch unendlich, er s«i weder in 
Bewegung noch in Euhe, sei keinem anderen Dinge weder ähnlich noch 
unähnlich. Es schien denen, die ihn hierüber beurtheilten, er habe zwei 
einander widersprechende Sätze gänzlich ableugnen wollen, welches im- 
gereimt ist. Allein ich finde nicht, dass ihm dieses mit Eecht zm* Last 
gelegt werden könne. Den ersteren dieser Sätze werde ich bald nSlier 
beleuchteui Was die übrigen betrifft, wenn er unter dem Worte Gott 
das Universum verstand, so musste er allerdings sagen, dass dieses weder 
in seinem Orte b^iarrlich g^^iwärtig (in Ruhe) sei, noch denselben 
verändere (sich bewege), weil alle Oerter nur im Universum, dieses selbst 
also in keinem Orte ist. Wenn das Weltall alles, was existirt, in sich 
fasst, so ist es auch so fem keinem anderen Dinge weder ähnlich 
631 noch unähnlich, wdl es ausser ihm kein anderes Ding giebt, mit 
dem es könnte verglichen werden. Wenn zwei einander entgegengesetzte 
ürth^e eine unstatthafte Bedingung voraussetzen, so fallen sie uner- 
Ächtet ihres Widerstreits (der gkichwol kein eigentliche Widersprueh 
ist) alle beide weg, weil die Bedingung wegMlt, unter der ailein jeder 
dieser Sätze gelten sollte. 

Wenn jemand sagte: ^n jeder Körper riecht ^tweder gut öder er 
riedit nicht gut, so findet ein Drittes statt, nlünlich daas er gar nicht 
rieche (ausdufte), und so können beide widerstreitende Sätze &lsch sein. 
Sage ich: er ist entweder wolriechend oder er ist nicht wolriediend {vef 
stKweolene ml non maveolen8\ so sind beide Urtheile einander oontradic- 
torisch entgegengesetzt, und nur das erste ist falsch, sein contradictorisches 
G^entheil aber, nämlich einige Körper sind nicht wolriechend, befasst 
auch die Körper in sich, die gar nicht riechen, lii der vorigen Ent- 



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Vn. Abschnitt. EjitUche Entscheidung des kosmol. Slsreites 365 

gegensteliung {per disparata) blieb die zufällige Bedingung des Begriffs 
der Körper (der Geruch) noch bei dem widerstreitenden Urtheik. und 
wurde durch dieses also nicht mit aufgehoben, daher war das letztere 
nicht daß contradictorische Gegentheil des ersteren. 

Sage ich demnach: die Welt ist dem Baume nach entwed^ unend- 
lich oder sie ist nicht unendlich (non est mfimtus), so muss, wenn der 
erstere Satz Msch ist, sein contradictorisches Gegentheil: die Welt ist 
nicht unendlich, wahr sdn. Dadurch würde ich nur eine unaidliche 
Welt aufheben, ohne eine andere, nämlich die endliche zu setzeoi. Hiesse 532 
es aber: die Welt ist entweder imendlich oder endlich (niehtimendlich), 
80 könnten beide falsch sein. Denn ich sehe alsdann die Welt als an 
sich selbst ihrer Grösse nach bestimmt an, ind^n ich in d^n Gegensatz 
nicht bloss die Unendlichkeit aufhebe, und mit ihr vielleicht ihre ganze 
abgesonderte Existenz, sondenreine Bestimmung zur Welt als einem an 
sich selbst wirklichen Dinge hinzusetze, welches ebenso wol falsch sein 
kann, wenn nämlich die Welt gar nicht als ein Ding an sich, mithin 
auch nicht ihr^ Grösse nach, weder als unendlich noch als endlich ge- 
geben s^ sollte. Man erlaube mir, dass ich dergleichen Entgegensetzung 
die dialektische, die des Widerspruchs aber die analytische Oppo- 
sition nennen darf Also können von zwei dialektisch einander entge- 
gengesetzten Urtheilen alle beide falsch sein, darum, weil dnes dem an- 
deren nicht bloss widerspricht, sondern etwas mehr sagt, als zum Wider- 
sprudie erforderlidi ist. 

Wenn man die ^awei Sätze: die Welt ist der Grösse nach unendlich^ 
die Welt ist ihrer Grösse nach endlich, als einander contradictorisch ent- 
geg^gesetzte ansieht, so nimmt man an, dass die Wek (die ganze Eeihe 
der Erscheinungen) ein Ding an sieh selbst s^ Denn ^e bleibt, idi 
mag den unendlichen oder endlichen Begressus in der Eeihe ihrer Erschei- 
nungen aufhieben. Nehme ich aber diese Voraussetzung oder diesen trans- 
scendentalen Schein weg, und leugne, dass sie dn Ding an sich selbst 
sei, so verwandelt sieh der contradictorische Widerstreit beider Behaup-6331 
tunken in einen bloss diätetischen, imd weil die Welt gar nicht an sich 
(unabhängig von der regressiven Beihe meiner Vorstellungen) existirt, so 
existirt sie weder als ein an sioh unendliches, noch als ein an sich 
endliches Gflnze. Sie ist nur im empirischen Begressus der Beihe der 
Erscheinungeai, xmd för sich selbst gaör nicht anzutreffen. Daher, wenn 



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366 Elementarlehre. IL Theil. n. Abtheilung. IL Buch. IL Haujitstück. 

diese jederzeit bedingt ist, so ist sie niemals ganz ^gegeben, und die Welt 
ist elso kein unbedingtes -Ganze, «odstirt also auch nicht als dn solches, 
weder mit unendlichOT noda endlicher <3TÖSBe. 

Was hier von der ersten kosmologisohen Idiee, nämlich der abso- 
luten Totalität ^er QröBse üi der Erschein/ung gesagt worden, gilt auch 
Y0D. dllen übrigen. Die Reihe d^ Bedingungen ist iini in der regressiven 
SjntheeSs selbst, nicht aber an sich in der Ersdiein«ng als einem eigenen, 
vor aUen Regressus gegebelieHi Dinge anzutrefi^. Daher werde ich auch 
sagen müsseb: die Menge diet The&le in •einer gegebenen Erscheinung ist 
an sich wedier endlich noch unendlich, weil Erschesnong niclits an sich 
sdbst E^a^remdes ist, und diie Theile iEÜererst durch dera Regressus der 
decomponirenden Bynthesis und in demselben gegebeik werden, welcher 
EegressuB niemals schlechthin ganz, wieder als ennüich noch als unend- 
lich gegeben ist. Eben das gut von der Reihe der üb^ ^^ander geord* 
neten UrKichen , oder der bedingten bki zur tmbedingt nothwendigen 

£34 Existenz, welche niemals weder an sich ihrer TotaMtät ncush als endlich, 
noch als unendlich angesehen werden kann, wdl sie als Reihe subordi- 
nirter Vorstellungen nur im dynamischen Regressus besteht, txkt dem- 
selben aber, und als füt sich besteh^ide Rdhe von Dingen an sidi selbst 
gar nicht exieüreilL kann. 

So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren kofr* 
mologisohen Ideen gehoben, dadurch dass gezeigt wird, sie sei bloss dia- 
lektisch und ein Widerstreit eines Scheins, der daher «ttHtpringt, dass mau 
die Idee der absoluten Totalität, wekhe nur als eine Bedingung der 
Dinge an sich selbst gilt, auf Erscheinungen ai^ewmudt hat, ^e nur in 
der Vorstellung, und, wenn sie leine Reiln ausmachen, im sucoessiven 
Regressus, sonst aber gar nicht existiimi. Man kann edier auch umge- 
kehrt aus dieser Antinonue einen wahren, zwar nicht dogmatisdien, aber 
doch kritischen und dootrinalen Nutzen ziehen, nättilich die ^»nsscen- 
dentale Idealität dftr Ersdüeinungen dadurch indireet an beweisen^ wenn 
jemand etwa an dem direoten Beweise in der transscendentalen Aesthetik 
nicht genug hätte. Der Beweis würde m diesem Dälemma bestehen: 
Wenn die Welt ein an sich existibrendes Oanze ist, so ist sie entweder 
endlich oder unendlich. Nun ist das erstere sowol als das zweite falsch 
(laut der oben angeftihrten Bewdse der Antitheeis einer^ und der Thesis 

535 andererseits). Also i&t es auch falsch, dass die Welt (der Inbegriff aller 



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Vn. Abschnitt. Edtische Entscheidung des kosmol. Streites. ^^ 

Ersckeinungen) em an sieh existir€(nd€B Ganze sei. Woraus denn folgt, dass 
Erscheannngen überhaupt ausser unseren Vorstellungen nichts sind, wel- 
dies wir eben durch die transscendentale Idealität derselben sagen wollten. 
Diese Anmerkung ist- von Wichtigkeit. Man «ieht daraus, dass die 
obigen Beweise der Ysei^acben Antinomie nicht Blendwerke, sondern 
grtindHeh waren, unter der Yomnssetzung nämBch, dass Erscheinungen 
oder eine 8innenwed<t, die sie insgesammt in ai^ begreift, Dinge an sich 
selbst wären. Der Widerstreit der daraus gezogenen Sätze entdedtt aber, 
duBS im der Voraussetsung eine Falschhe^ Hege, und bringt ans dadurch 
zu einer Entdeckung der wahren Beschaffenheit der Dinge als G^gen* 
stände der Simie. Die tranäseendentale Dialektik thut also keineswegs 
dem ökepticismus einigen Vorsdiub, wol aber der skepdfloben Methode, 
welche an ihr ein Beispiel ihres grossen Nutzens aufweisen kmm, w^nn 
man die Argumente der Vernunft in ihrer grössten Freiheit g^en ein- 
ander auftreten lässt, die, ob sie gldch zuletzt nicht dasjenige, was man 
suchte, d^nxioch jed^^zeit etwas Nützliches und zur Berichtigung unserer 
Urtheile Dieiilii^es liefern werden. 

D^ Antinomie der reinen Vernunft «s« 

achter Abschnitt. 

Regulatives Princip der reinen Vernunft in Ansehung der 
kosmologischen Ideen. 

Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalität kein Maxi- 
mum der Reihe von Bedingungen in einer Sinnenwelt als einem Dinge 
an sich selbst gegeben wird, sondern bloss im Regressus derselben auf- 
gegeben werden kann, so behält der gedachte Grundsatz der- reinen 
Vernunft in seiner dergestalt berichtigten Bedeutung annoch seine gute 
Giltigkeit, zwar nicht als Axiom, die Totalität im Object als wirklich 
zu denken, sondern als ein Problem fär den Verstand, also für das Snb- 
ject, um, der Vollständigkeit in der Idee gemäss, den Regressus in der 
Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingtet anzusteUen und 
fortzusetzen. Denn in der Sinnlichkeit, d. i. im Räume und der Zeit ist 
jede Bedingung, zu der wir in der Exposition gegebener Erschemungen 
gelangen können, wiederum bedingt; weil diese keine Gegenstände an 
sich selbst sind, an denen allenfalls das schlechthin Unbedingte stattfin- 



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368 Elementariefare. IL Theil. IL Abtheilimg. n. Buch. n. Hauptstück. 

den könnte, sondern bloss empirische Vorstellungen, die jederzeit in der 
Anschauung ihre Bedingung finden müssen, welche sie dem Eaume oder 
der Zeit nach bestimmt. Der Grundsatz der Vernunft also ist eigentÜcb 

637 nur eine Regel, welche in der Eiahe der Bedingungen gegebener Er- 
scheinungen einen Eegressus gebietet, dem es niemals erlaubt ist, bei 
einem schlechtlmi Unbedingten stehen zu bleiben. Er ist also kein Prin- 
cipium der Möglichkeit der Erfahrung und der empirischen Erkenntniss 
der Gegenstände der Sinne, mithin kein Grundsatz des Verstandes, denn 
jede ErfaJirung ist in ihren Gfenzien (der gegebenen Anschauung gemäss) 
eingesclil<!w8sen, auch kein constitutives Princip der Vernunft, d^i 
Begriff der ^nneöwelt Über alle mögliche ErfSahrung zu erweitem, son- 
dern du Grundsatz der grösstmöglichen Fortsetzung und Erweiterung der 
Erfahrung, nach welchem keine empirische Grenze ftir die absolute Gr^ize 
gelten muss, also ein Principium der Vernunft, welches als Begel postu^ 
lirt, was von uns im Regressus geschehe soll, und nicht anticipirt, 
was im Objecte vor allem Regressus an sich gegeben ist Daher nenne 
ich es ein regulatives Princip der Vernunft, da hiagegem der Grundsatz 
der absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen als im Objecte (den 
Erscheinungen) an sich selbst gegeben ein constitutives kosmologisches 
Prindp sein würde, dessen Nichtigkeit ich eben durch diese Unterschei- 
dung habe anzeigen und dadurch verhindern wollen, dass man nicht, wie 
sonst unvermeidlich geschieht, (durch transscendentale Subreption) einer 
Idee, welche bloss zur Regel dient, objective Realität beimesse. 

Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehörig zu be- 

538 stimmen, so ist zuvörderst zu bemerken, dass sie nicht sagen könne, was 
das Object ser, sondern wie der empirische Regressus anzustel- 
len sei, um zu dem vollständigen Begriffe des Objects zu gelangen. 
Denn fände das erstere statt, so würde sie ein constitutives Principium 
sein, dergleichen aus reiner Vernunft niemals möglich ist. Man kann also 
damit keineswegs die Absicht haben zu sagen, die Reihe der Bedingungen 
zu einem gegebenen Bedingten sei an sich endlich oder unendlich j denn 
dadurch würde eine blosse Idee der absoluten Totalität, die lediglich in 
sich selbst geschaffen ^ ist, einen Gegenstand denken, der in keiner Er- 
fahrung gegeben werden kann, indem einer Reihe von Erscheinungen eine 



* ISs «)U statt „^eschafifen" wol „geschlossen" heissen. 



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Vm Abachöitt. Regulatives Prmcip der r^e» Vernunft u. s. w., 369 

von der eimpiri^te^ Synthesis unabhängige pbjective Realität ertheilt 
würde. Die Vemunftidee wird «üjbo nur der regressiven Synthesis in der 
Reihe der Bedingungen eine Regel vorsdireiben, nach welcher sie vom- 
Bedingten vermittelst aller einander untergeordneten Bedingungen zum 
Unbedingten fortgeht, obgleich dieses niemals erreicht wird. Denn das 
schlechthin Unbedingte wird in der ErfSahrung gar nicht angetroffen. 

Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe, so fem 
sie niemals vollständig ist, genau zu bestimmen. Man bedient sich in 
dieser Absicht gewöhnlich zweier Ausdrücke, die darin etwas unterschei- 
den sollen, ohne dass man doch den Grund dieser Unt^scheidimg recht 
anzugeben weiss. Die Mathematiker sprechen lediglich von einem pro- 
greams in mßmtum. Die Forscher der Begriffe (Philosophen) wollen an 589 
dessen Statt nur den Ausdruck von einem progresms in indefinitum gelten 
lassen. Ohne mich bei der Prüfimg der Bedenklichkeit, die diesen eine 
solche Unterscheidung angerathen hat, und dem guten oder fruchtlosen 
Gebrauch derselben aufzuhalten, will ich diese Begriffe in Beziehimg auf 
meine Absicht genau zu bestimmen suchen. 

Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, sie könne ins 
unendliche verlängert werden, und hier würde die Unterscheidung des 
unendlichen und des unbestimmbar weiten Fortgangs (progreastM in in- 
definitum) eine leere Subtilität sein. Denn obgleich, wenn es heisst: zieht 
eine Linie fort, es freilich richtiger lautet, wenn man hinzusetzt: in inde- 
finitwn^ als wenn es heisst: in infinitumy weil das erstere nicht mehr be- 
deutet, als: verlängert sie, so weit ihr wollt, das zweite aber: ihr sollt 
niemals aufhören sie zu verlängern (welches hierbei eben nicht die Ab- 
sicht ist), so ist doch, wenn nur vom Können die Rede ist, der erstere 
Ausdruck ganz richtig; denn ihr könnt sie ins unendliche immer grösser 
machen. Und so verhält es «ich auch in allen Fällen, wo man nur vom 
Progressus d. L dem Fortgange von der Bedingimg zum Bedingten spricht; 
dieser mögliche Fortgang geht in der Reihe der Erscheinungen ins un- 
endlicha Von einem Eltempaar könnt ihr in absteigender Linie der 
Zeugung ohne Ende fortgehen und euch auch ganz wol denken, dass sie 
wirklich in der Welt so fortgehe. Denn hier bedarf die Vernunft niemals 540 
absolute Totalität der Reihe, weil solche nicht als Bedingung und 
wie gegeben {datum) vorausgesetzt, sondern nur als etwas Bedingtes, das 
nur angeblich {dahile) ist, und ohne Ende hinzugesetzt wird. 

Kaht'8 Kritik der reinen Vernunft, 24 



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370 Elemöntarlebre. II. Theil. H. Abtheihing. n. Buch. H. Hauptstück 

Granz anders ist es mit der Aufgabe bewandt, wie weit sicli der Re- 
gressus, der von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer 
Reihe aufsteigt, erstrecke, ob ich sagen könne, er sei ein Rückgang 
ins unendliche, oder nur ein unbestimmbar weit (m indefinitum) 
sich erstreckender Rückgang; und ob ich also von den jetzt lebenden 
Menschen in der Reihe ihrer Voreltern ins unendliche aufwärts steigen 
kÖnnB, oder ob nur gesagt werden könne, dass, so weit ich auch zurück- 
gegangen bin, niemals ein empirischer Grund angetroffen werde, die Reihe 
irgendwo ftir begrenzt zu halten, so dass ich berechtigt und zugleich ver- 
bunden bin, zu jedem der Urväter noch fernerhin seinen Vorfahren auf- 
zusuchen, obgleich eben nicht vorauszusetzen. 

Ich sage demnach: wenn das Ganze in der empirischen Anschauung 
gegeben worden, so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren Be- 
dingungen ins unendliche. Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben, 
von welchem der Regressus zur absoluten Totalität allererst fortgehen 
^j soll, so findet nur ein Rückgang in unbestimmte Weite {in indefinitum) 
statt. So muss von der TheUung einer zwischen ihren Grenzen gegebenen 
Materie (eines Körpers) gesagt werden, sie gehe ins unendliche. Denn 
diese Materie ist ganz, folglich mit allen ihren möglichen Theilen in der 
empirischen Anschauung gegeben. Da nun die Bedingung dieses Ganzen 
sein Theil, und die Bedingung dieses Theils der Theil vom Theile u. s. w. 
ist, und in diesem Regressus der Decomposition niemals ein imbedingtes 
(untheilbares) Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird, so 
ist nicht allein nirgend ein empirischer Gnmd, in der Theilimg aufzu- 
hören, sondern die ferneren Glieder der fortzusetzenden Theilung sind 
selbst vor dieser weitergehenden Theilung empirisch gegeben, d. i. die 
Theilung geht ins unendliche. Dagegen ist die Reihe der Voreltern zu 
einem gegebenen Menschen in keiner möglichen Erfahrung in ihrer ab- 
soluten Totalität gegeben, der Regressus aber geht doch von jedem Gliede 
dieser Zeugung zu einem höheren, so dass keine empirische Grenze an- 
zutreffen ist, die ein Glied als schlefchthin unbedingt darstellte. Da aber 
gleichwol auch die Glieder, die hierzu die Bedingung abgeben könnten, 
nicht in der empirischen Anschauung des Ganzen schon vor dem Re- 
gressus liegen: so geht dieser nicht ins unendliche (der Theilung des 
Gegebenen), sondern in unbestimmbare Weite der Aufsuchung mehrerer 
Glieder zu den gegebenen, die wiederum jederzeit nur bedingt gegeben sind. 



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Vm Abschnitt. Regulatives Princip der reinen Vernunft u. •. w. 371 

In keinem von beiden Fällen, sowol dem regresma in infinitum als 642 
dem in indeßnitum^ wird die Reihe der Bedingungen als nnendlich im 
Object gegeben angesehen. Es sind nicht Ding^, die an sich selbst, son- 
dern nur Erscheinungen, die als Bedingungen von einander nur im Be- 
gressus selbst gegeben werden. Also ist die Frage nicht mehr, wie gross 
diese Reihe der Bedingungen an sich selbst sei, ob endlich oder unend- 
lich, denn sie ist nichts an sich selbst, sondern, wie wir den empirischen 
Regressus anstellen, und wie weit wir ihn fortsetzen sollen. Und da ist 
denn ein namhafter Unterschied in Ansehung der Regel dieses Fort- 
schritts. Wenn das Ganze empirich gegeben worden, so ist es möglich, 
ins unendliche in der Reihe seiner inneren Bedingungen zurück zu 
gehen, Ist jenes aber nicht gegeben, sondern soll durch empirischen Re- 
g^ressus allererst gegeben werden, so kann idi nur sagen: es ist ins un- 
endliche möglich, zu noch höheren Bedingungen der Reihe fortzuge- 
hen. Im ersteren Falle konnte ich sagen: es sind immer mehr Glieder 
da tmd empirisch gegeben, als ich durch den Regressus (der Decompo- 
sition) erreiche; im zweiten aber: ich kann im Regressus noch immer 
weiter gehen, weU kein Glied als schlechthin unbedingt empirisch gege- 
ben ist, und also noch immer ein höheres Glied als möglich, und mithin 
die Ncuih&age nach demselben als nothwendig zulässt. Dort war es noth- 
wendig, mehr Glieder der Reihe anzutreffen-, hier aber ist es immer 
nothwQ^dig, nach mehreren zu fragen, weil keine Erfahrung absolut 64» 
begrenzt. Denn ihr habt entweder keine Wahrnehmung, die euren 
empirischen Regressus schlechthin begrenzt, und dann mtisst ihr euren 
Regressus nicht für vollendet halten; oder habt eine solche eure Reihe 
begrenzende Wahrnehmung, so kann diese nicht -ein Theil eurer zurück- 
gelegten Reihe sein (weil das, was begrenzt, von dem, was dadurch be- 
grenzt wird, unterschieden sein muss), und ihr müsst also euren Re- 
gressus auch zu dieser Bedingung weit» fortsetzen, und so fortan. 

Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre An- 
wendung in ihr geüönges Licht setzen. 



«4* 



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372 ElementÄrlehre. ß. Theil. ü. Abtheilung, n. Buch. ü. Hauptstück. 

Der Antinomie der reineu Vernunft 
neunter Abschnitt. 

Von dem empirifiichen Gebrauchs des regulativen Princips 
der Vernunft m Ansehung aÜer kosmologischen Ideen. 

Da es, Tne wir mehnnds gezeigt hatjen, keinen traiisscendentalen 
Gebrauch, so we«ig von reinen Verstandes- als Vemunftbegriffen giebt, 
da die absolute Totalität der Reihen der Bedingungen in der Sinnenwelt 
sich lediglich auf einen transscendentalen Gebraudi der Vernunft fusst, 
welche diese unbedingte Vollstäiidigkeit von demjeifi^en fordert, was sie 

644 ak Ding an sich selbst voraussetzt, da dfe SinnenWelt aber dergleichen 
nicht enthält: so kann die Rede niemals mehr von der absoluten Grösse 
der Reihen in derselben sein, ob sie begrenzt oder an sich unbegrenzt 
sein mögen, sondern niir, wie weit wir im empirischen Regressus bei 
Zurückfilhrung der Erfahrung auf ihre Bedingungen zurückgehen sollen, 
um nach der Regel der Vernunft bei keiner anderen als dem Gegenstande 
angemessenen Beantwortung der Fragen derselben stehen zu bleiben. 

Es ist also nur die Giltigkeit des Vernunftprincips als einer 
Regel der Fortsetzung und Grösse einer möglichen Erfahrung, die uns 
allein übrig bleibt, nachdem seine Ungiltigkeit als eines constitutiven 
Grundsatzes der Erscheinung^i an sich selbst hinlängHch dapgethan 
worden. Auch wird, wenn wir jene ungezweifelt vor Augen legen^ 
kömien, der Streit der Vernunft mit sich selbst völlig geendigt, indem 
nicht allein durch kritische Auflösung der Schein, der sie mit sich ent- 
zweite, aufgehoben worden, sondern an dessen Statt der Sinn, in welchem 
sie mit sich selbst zusammenstimmt und dessen Missdeutung allein den 
Streit veranlasste, auf^schlossen, und ein sonst dialektischer Grund- 
satz in einen doctrinalen verwandelt wird. In der That, wenn dieser 
seiner subjectiven Bedeutung nach, den grösstmögüchen Verstandesge- 
brauch in der Erfahrung den Gegenständen derselben angemessen zu 
bestimmen, bewährt werden kann, so ist es gerade ebenso viel, als ob 

645 er wie ein Axiom (welches aus reiner Vernunft unmöglich ist) die Gegen- 
stände an sich selbst ey^nm bestimmte; dedn auch dieses könnte in An- 
sehung der Objecte der Erfahrung keinen grösseren Einfluss auf die Er- 
weiterung imd Berichtigung unserer Erkenntniss haben, als dass es sich 



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ES. AbäcbHitt. VonJ kmpjr. ©«brauch« des r^gul. Mnc. n. I. «W. %^^ 

in dem ausg^brelfetst^ Erftihrtwigi^g^brauclie unseres Verstandes thätig 
bewiese. 

L AoflSauiig d«r kosdioldgii^k^ Idee 

Von der Totalität der Zusammensetzung der Erscheinungen in 
' " öiiiem Weltganzen. 

äowQJI; hier «Js bei dp^ übngen kq»pa<d9gijs»che^ ^fflgfii ist der &ruiiid 
des regulativen Princip» der Vernunft 4er S^t«, dass im ea^pirischea Ee^ 
gressus keii^e Erfahrung von ein^r absal^ten GrTena©j mithin von 
keiner Beengung als einer solchen, die e^mp^irisch schlechthin un- 
bedingt ^^ angetüToffen werden könne, p.ei* öxund dfvon aber ist^ dass 
eine dergl^ich^. Erfahrung ein& Begrenzung der Erscheinungen durch 
nichts oder das Leere, darauf der fortgeführte Seg^feaaus verpiittdst 
^iner Wahrnehmung stossen könnte, in sich ei^thalten müsste, welches 
ui^nöglich Ist ., 

Dieser Sa^z jinut der ebenso viel sagt, als dass ich im ernji^risdijen 
B^greesu^ jederzeit <|iur zu ^er Bedingung gelange, die selbst wiederum 646 
als empirisch bedingt- angesehen werd^ muijß, enthält die B*egel m ierr 
mini^^ dass, £|o weit ich auch damit in der aufsteigenden Beihe gekommen 
3 ein möge, ich jederzeit nach einem höheren Gliede der Eeüie &ageit| 
jnüsse, es mag mir dieses nun durch Erfahrung bekannt werd^ oder nicht. 

Nun Ist zur Auflösung der ersteif kosmplogischen Aufgabe nichts 
weiter nötbig, als noch fi-uszumachen, ob in dem j^l^^essus zu der un- 
bedingten Grösse des Weltgaozen (der Zeit und dem Eaume nach) dieses 
niemals begrenzte Aufsteigen ein Rückgang i^s uncfudliche heissen 
könpie, oder nur' ein unbestimpa^bar fort^geset^ster Eegressus {m 
indefinttum). 

Die blosse allgemeine Vorstellung der Eeihe. aller vergangenen Wejj^ 
zustände, inigleichen der Dinge, welche Im Welträume zugleich sind, ist 
selbst nichts Anderes als dn möglicher empirischer ]^eg5essus, den ich 
mir, obzwar noch unbestimmt denke, und wodurch der Begriff einer 
solchen Reihe von Bedingungen zu der gegebenen Wahrnehmung allein 
entstehen kann * Nun habe idi das ^ Weltganze jederzeit nur im Begriffe, 547 



* Diese Wdtiwihe k»no #so ancb weder grösser noch kleiner sein als der mög- 
liche empirische Regressus, auf dem allein ihr Begriff beruht. Und da dieser kein 



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374 Elementaxlehre. U. TheiL IL AbtheMung. IL Buch. H. Hftuptätück. 

keineswegs aber (als Ghuizes) in der Anscbauting. Also kann ich nicht 
von seiner Grösse auf die G-rösse des Eegressos schliessen und diese j^ier 
gemäss bestimmen, sondern ich muss mir allererst einen Begriff von der 
Weltgrösse durch die Ghrösse des empirischen Eegresdus machen. Von 
diesem aber w&bb ich niemals etwas mehr, als dass ich von jedem ge- 
gebenen Gliede der Reihe von Bedingungen immer noch zu einem höhe- 
ren (entfernteren) Gliede empirisch fortgehen müsse. Also ist dadurch 
die Grösse des Granzen der Erscheinungen gar nicht schlechthin bestimmt, 
mithin kann man auch nicht sagen, dass dieser Regressus ins imendliche 
gehe, weil dieses die Glieder, dahin der Kegressus noch nicht gelangt ist, 
anticipiren, und ihre Menge so gross vorstellen würde, dass keine empi- 
rische Synthesis dazu gelangen kann, folglich die Weltgrösse vor dem 
Regressus (wenn gleich nur negativ) bestimmen würde, welches un- 
möglich ist. Denn ^ese ist mir durch keine Anschauung (ihrer Totalität 
nach), mithin auch ihre Grösse vor dem Regressus gar nicht gegeben. 
Demnach können wir von der Weltgrösse an sich gar nichts sagen, auch 
nicht einmal, dass in ihr ein regressTM in infinünm stattfinde, sondern 
müssen nur nach der Regel, die den empirischen Regressus in ihr be- 
fltimmt, den Begriff von ihrer Grösse suchen. Diese Regel aber sagt 
nichts,^ mdir,' als dass, so weit wir auch in der Reihe der empirischen 
Bedingungen gekommen sein mögen, wir nirgend eine absolute Grenze 
b4Ä annehmen sollen, sondern jede Erscheinung als bedingt einer anderen als 
ihrer Bedingung unterordnen, zu dieser also femer fortschreiten müssen, 
welches der regressus in indefinitum ist, der, weü er keine Grösse im Ob- 
ject bestimmt, von dem in infinitum deutlich genug zu unterscheiden ist. 
Ich kann demnach nicht sagen: die "Welt ist der vergangenen Zeit 
oder dem Räume nach unendlich. Denn dergleichen Begriff von Grösse 
als einer gegebenen Unendlichkeit ist empirisch, mithin auch in An- 
-«*hung der Welt als eines Gegenstandes der Sinne schlechterdings iin- 
■ |. / Ich werde auch nicht sagen; der Regressus von einer ^'Q^- 
1 W Ti ^^^g 8^ zu allem dem, was diese im Räume sowol als 

1 . „ ,' ^rx einer Reihe begrenzt, geht Ins unendliche, 

der vergangenen Zeit *. 



«i^ber AVLch eio bestimmtes Endliclie (scbleoht- 
tesümmte» ünendKohe, e!>enso wenig . ..,^^ ^^^ ^ ^^ WdtgrÖM» weder lOs 
hin Begrenztes) geben kann, so ist daraus lu. ^ g«,g^^ ^^^^^, j^ vorge- 

endlich noch unendlich annehmen können, weil der 
stellt wird) keines von beiden zulässt 



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IX. Abschnitt. Vopi ^mpir. Gebrauche des regul. Princ. u. s. w. 375 

denn diese« setzt die unendliche Weltgrösse voraus; auch nicht: sie ist 
endlich, denn die absolute Grenze ist gleichfalls empirisch unmöglich. 
Demnach werde ich nichts von dem ganzen Gegenstande der Erfahrung 
(der Sinnenwelt), sondern nur von der Eegd, nach welcher Erfahrung 
ihrem Ge^nstande angemessen angestellt und fortgesetzt werden soll, 
sagen können. 

Auf die kosmologische Frage also wegen der Weltgrösse ist die 
erste und negative Antwort: die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit 
und keine äuiserste Grenze dem Haume nach. 

Denn im entgeg;engesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit 
einer- und durch den leeren B^m andererseits begrenzt sein. Da si^649 
nun als Erscheinung keines von beiden an sich selbst sein kann, denn 
Erscheiuung ist kein Ding an sich selbst, so müsste eine Wahrnehmung 
der Begrwizung durch schlechthin leere Zeit oder leeren Raum möglich 
sein, durch welche diese Weltenden in einer möglichen Erfahrung gege- 
ben wären. Eine solche Erfahrung aber, als völlig leer an Inhalt, ist 
unmöglich. Also ist eine absolute Weltgrenze empirisch, mithin auch 
schlechterdings unmöglich.* 

Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort: der Regressus 
in der Reihe der Welterscheinuiigen als eine Bestimmung der Weltgrösse 
g^t in indeßmtum^ wei(;jlie& ebenso viel sagt als: die Sinnenwelt hat keine 
absolute Grösse, sondern d^ empirische Regressus (wodurch sie auf der 
Seite ihrer Bedingungen ^allein gegeben werden kann) hat seine Regel, 
nämlich von einem jeden Gliede der Reihe als einem Bedingten jederzeit 
S5U einem noch entfernteren (es sei durch eigaie Erfahrung oder densso 
Leitfaden der Geschichte oder die Kette der Wirkungen und ihrer Ur- 
sachen) fortzuschreiten, -und sich der Erweiterung des möglichen empi- 
rischen Gebrauchs seines Verstandes nirgend zu überheben, welches denn 



• Man wird bemerken, dass der Beweis hier auf ganz andere Art geführt worden, 
als der dogmatische oben in der Antithesis der ersten Antinomie. Daselbst hatten 
wir die Sinnenwolt nach dea: gemeinen und dogmatischoi VorsteUnngsart für ein 
Ding, was an sich selbst, vor all^oa Regressus seiner Totalität nach gegeben war, 
gelten lassen, und hatten ihr, wenn sie nicht alle Zeit und alle Bäume einnähme, 
überhaupt irgend eine bestimmte^ Stelle in beiden abgesprochen. Daher war die 
Folgerung auch anders als hier, nilmlibh es wurde auf die wirkliche Unendlichkeit 
derselben geechlMseai - 



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376 Elementarlehre. II. Theil. II. Abtheilung, n.. Buch. n. Hauptstöck. 

auch da» eigentliche und einzige Geschäft der Vemtmft bei ihren Princi- 
pien ist. 

Ein bestimmter empirischer Eegressns, der in einer gewissen Art 
Ton Erscheinungen ohne Aufhören fortginge, wird hierdurch nicht vor- 
geschrieben, z. B. dass man von einem lebenden Menschen immer in einer 
Reihe von Voreltern aufwärts steigen müsse, ohne ein erstes Paar zu 
erwarten, oder in der Reihe der Weltkörper, ohne eine äusserste Sonne 
zuzul6issen; sondern es wird nur der Fortschritt von Erscheinungen zu 
Erscheinungen geboten, sollten diese auch keine wirkliche Wahrnehmung 
(wenn sie dem Grade nach för unser Bewusstsein zu schwach ist, um 
Erfahrung zu werden) abgeben, weil sie dem imgeachtet doch zur mög- 
Kchen Erfahrung gehören. 

Aller Anfang ist in der Zeit, und alle Grenze des Ausgedehnten im 
Räume. Raum und Zeit aber sind nur in der Sinnenwelt. Mithin sind 
nur Erscheinungen in der Welt bedingterweise, die Welt aber selbst 
weder bedingt noch auf unbedingte Art begrenzt. 

Eben um deswillen, und da die Welt niemals ganz, und selbst die 
Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nicht als Weltreihe 
ganz gegeben werden kann, ist der Begriff von der Weltgrösse nur 
651 durch den Regressus, und nicht vor demselben in einer coHecüveü An- 
schauung gegeben. Jener besteht aber immer nui* im Bestimmen der 
Grösse, und giebt also keinen bestimmten Begriff, also auch keinen 
Begiiff von einer Grösse, die in Ansdiung eines gewissen Masses un- 
endlich wäre, geht also nicht ins unendliche (gleichsam gegebene), son- 
dern in unbestimmte Weite, um eine Grösse (der Erfahrung) zu geben, 
die allererst durch diesen Regressus wirklich wird. 

IL AaflSsung der kosmologlsehen Idee 

von der Totalität der Theilung eines gegebenen Ganzen in der 

Anschauung. 

Wenn ich ein Gfanzes, das In der Anschauung gegeben ist, theile, 
so gehe ich von einem Bedingten zu den Bedingungen seiner Möglichkeit. 
Die Theilung der Theile {auhdwüio oder deeompontio) ist ein Regressus 
in dj9r Reihe dieser Bedangungen. Die absolute Totdität dieser Reihe 
würde nur alsdann gegeben sein, wenn der Regressus bis 211 einfachen 



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IX. Abschnitt. Vom empir. Gebrauehe des regul. Princ. ti. s. W. 377 

Theilen gelangen könnte. Sind aber alle Theile in einer continüirlicli 
fortgehenden Decomposition immer wiederum theilbar, ßo geht die Thei- 
lung, d. i. der Eegressus von dem Bedington zu seinen Bedingungen in 
infinitum^ weil die Bedingungen (die Theile) in dem Bedingten selbst 
enthalten sind und, da dieses fn einer zwischen seinen Grenzen einge-65« 
8chlossenen Anschauung ganz gegeben ist, insgesammt auch mit gegeben 
Bind. Der Eegressus darf also nicht bloss ein Rückgang in indefinitum 
genannt werden, wie es die vorige kosmologische Idee -allein erlaubte, da 
ich vom Bedingten zu seinen Bedingungen, die ausser demselben, mithin 
nicht dadurch zugleich mit gegeben waren, 'sondern die im empirischen 
Hegressus allererst hinzu kamen, foi-tgehen sollte. Diesem ungeachtet ist 
es doch keineswegs erlaubt, von einem solchen Ganzen, das ins unend- 
liche theilbarist, zu sagen, es bestehe aus unendlich vielen Theilen. 
Denn, obgleich alle Theile in der Anschauung des Ganzen enthalten sind, 
80 ist doch darin nicht die ganze Theilung enthalten, welche nur in 
der fortgehenden Decomposition oder dem Hegressus selbst besteht, der 
die Eelhe allererst wirklich macht. Da dieser Regressüs nun unendlich 
ist, so sind zwar alle Glieder (Theile), zu denen er gelangt, in dem ge- 
gebenen Ganzen als Aggregate enthalten, aber nicht die ganze Reihe 
der Theilung, welche successiv unendlich und niemals ganz ist, folg- 
lich keine unendliche Menge, und keine Zusanunennehmung derselben in 
^nem Ganzen darstellen kann. 

Diese allgemeine Erinnerung ISsst sich zuerst sehr leicht auf den 
Baum anwenden. ESn jeder in seinen Grenzen angeschaute Raum ist ein 
solches Ganze, dessen Theile bei aller Decomposition immer wiederum 
Räume sind, und fet daher ins unendliche theilbar. 

Hieraus folgt auch ganz natürlich die zweite Anwendung, auf eine 553 
fei ihren Grenzen eingeschlossene äussere Erscheinung (Körper). Die 
Theilbarkeit desselben gründet «ich auf die Theübarkeit des Raumes, der 
die MögUelikeit des Körpers als eities ausgedehnten Ganzen ausmacht. 
Dieser ist also ins unendliche theilbar, ohne doch darum aus unendlich 
vielen Theüen zu bestdben. ' 

Es schdfit zwMT, dass, da ein Körper als Substanz im Räume vor- 
gestellt werden muss, «r, was das Gesetz der Theilbarkeit des Räume.«? 
betriff!, ki«riti von Lesern unterschieden sein werde: denn mar kann es 
nllenfyis w^l BQgeben, dasi^ die Decomposition im letzteren niemals alle 



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378 Elementarlehre. U. Theü. H. AbtheUung. U. Buch. JL Hauptstticfe. 

Zusammensetzung wegschafien könne, indem alsdann sogar aller Baum,, 
der sonst nichts Selbständiges hat, aufhören würde (welches unmöglich 
ist); allein dass, wenn alle Zusammensetzung der Materie in Gredanken 
aufgehoben würde, gar nichts übrig bleiben solle, scheint sich nicht mit 
dem Begriffe einer Substanz vereinigen au lassen, die eigentlich daa Sub- 
ject aller Zusammensetzung sein sollte und in ihren Elementen übrig 
bleiben müsste, wenn gleich die Verknüpfung derselben im Räume, dar 
durch sie einen Körper ausmachen, aufgehoben wäre. Allein mit dem^ 
was in der Erscheinung Substanz heisst, ist es nicht so bewandt, als 
man es wol von einem Dinge an sich selbst durch reinen Verstandesbe- 
griff denken würde. Jenes ist nicht absolutes Subject, sondern beharr- 

oö^liches Bild der Sinnlichkeit, und nichts als Anschauung, in der überall 
nichts Unbedingtes emgetroffen wird. 

Ob nun aber gleich diese Regel des Fortschritts ins unendliche bei 
der Subdivision einer Erscheinimg als einer blossen Er^illung des Raumes 
ohne allen Zweifel stattfindet, so kann sie doch nicht gelten, wenn wir 
sie auch auf die Menge der auf gewisse Weise in dem gegebenen Ganzen 
schon abgesonderten Theile, dadurch diese ein qiMntum düerdum aus- 
machen, erstrecken wollen. Annehmen, dass in jedem gegliederten (or- 
ganisirten) Ganzen ein jeder Theil wiederum gegliedert sei, und dass man 
auf solche Art bei Zerlegung der Theile ins unendliche immer neue 
Kunsttheüe antreffe, mit einem Worte, dass das Ganze ins unendlich^ 
gegliedert sei, will sich gar nicht denken lassen, obzwar wol, dass die 
Theile der Materie bei ihrer Decomposition ins unendliche gegliedert 
werden könnten. Denn die Unendlichkeit der Theilung einer gegebenen 
Erscheinung im Räume gründet sich allein darauf, dass durch diese bloss 
die Theilbarkeit, d. i. eine an sich schlechthin unbestimmte Menge von 
Theilen gegeben ist, die Theile selbst aber nur durch die Subdivisioa 
gegeben und bestimmt werden, kurz dass das Ganze nicht an sich selbst 
schon eingetheilt ist Daher die Theilung eine Menge in demselben be- 
stimmen kann, die so weit geht, als man im Regressus der Theilung fort* 
schreiten wül. Dagegen wird bei einem ins unendliche gegliederten or« 

665 ganischen Körper das Ganze eben durch diesen Begriff schon als einge- 
theilt vorgestellt, und eine an sich selbst bestimmte aber unendliche 
Menge der Theile vor allem Regressus der Theüung in ihm angetroffen, 
wodurch man sich selbst widerspricht, indem diese unendliche Einwicke- 



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OL Abscbnitt Vom empir. Gebräuche des regnl. Prlne. u. b. w. 379' 

long als eine niemaLB zu vollendende Reibe (unendlidi), und gleichwol 
doch in einer ZuBaaunesmehmtmg als vollendet angeaehen wird. Die nn- 
endücho Theüung bezeichnet nur die Erscheinung als ^tMiUum eorUinuuniy 
und ist von der Erfüllung des Baumes unzertrennUc^, weil eben in der- 
selben der Qrund der unendlichen Theilbai^eit ]i»gt\ So bald aber etwas 
als quantum dtfi^rdum aogenommJdn wird, so ist^die Menge der Einheiten 
darin bestimmt; daher auch jederzeit einer Zahl gkick Wie weit also 
dio Organisirung in einem gegliederte Körper gehen möge, kann nur 
die Erfahnmg ausmachen, und wenn i^e gldch mit G^wissheit zu keinem 
unorganischen Theile gelangte, so müssen solche ioek wen^tens in der 
möglichen Erfahrung liegen. Aber wiiB weit sich die transscendentale 
Theilung einer Erscheinung jdberhat^ erstreoke, ist gar keine Sache der 
Erfahrung, sondern ein Ftincipiiun der Vernunft, d^i empirischen Ee- 
gressus in der Deo^mi^sition des Ausgedelmten der Natur dieser Er- 
scheinung gemäss niemals Üix schl«<^thin YoUendet zu halten. 



Sohliuusianindrkiuig S56^ 

zur Auflösung der mathematisch transscendentalen, 

und Voreiinnerung 

zur Auflösung der dynamisch transscendentalen Ideen. 

Als wir die Antinomie der reinen Vemimfi; durch alle tramsscen«- 
dentalen Ideen in einer TaM vorstellten, da wir den Grund dieses 
Widerstreits und das einzige Mittd, ihn zu heben, anzeigten, weldies» 
daxin bestax^, dass beide entgegengesetzte Behauptungen für fiedsch er- 
klärt wurden, so haben wir idlenthalben die Bedingungen als zu ihrem 
Bedingten nach YerhlQtmssen des Baumes und der Zeit gehörig vorge- 
stellt, welches die gewöhnliche Voraussetzung d^ gemeinen Menschen« 
Verstandes ist, worauf denn auoh^ jener Widerstreit gÄnzlich beruhte. In 
dieser Bücksicht waren auch alle dialektischen Vorstellungen der Tota- 
lität in der Beihe der Bedingvmgeti zu einem gegebenen Bedingten durch 
imd durch von gleicher Art Ss war immer eine Beihe, in welcher die 



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380 El«m«ntarlehTO, U, ICbcdl. H Abthe&lung. H Bnch. II. ^auptstück. 

Bedingung mit dem Bedingten ate Glieder dereell^en verknöpft tind da- 
durch gleichartig waren, da denn der Regresöus niemals vollendet ge- 
dacht, oder, wenn dieses geschehen sollte, ein an sich bedingtes Glied 
Mschlieh als ein eistes^ mithin als unbedingt angenommen ireirden müsste. 
Es wurde also zwar nicht allerwärts das Object d. i. d^e Bedingte, aber 

657 doch die Reihe der Bedingungen zu d^nsf^ben bloss ihäfer Grösse nach 
erwogen, und da bestand die öchwierigkcit, die duröh k^Stoen Vergldeh, 
sondera durch gänzliche Abschnefidung des Knotens alleift gehoben werden 
konnte, darin, dass^ die Vwnmift es dem Verstände entweder jbu lang 
oder zu kur« machte, so dass/dieMr ihrer Idee niemals gleich kmnm^i 
konnte. 

Wir haben aber hitt»bei enaeü wesentlichen Unterschied übersehen, 
der unter den Ob^cten d. i. den Verstand^begtiffeii herrscht, welche 
die Vernunft zu Ideen zu erheben trachtet, da äftmlich nach unserer 
obigen Tafel der Kategorien zwei derselben matheiÄ artische, die zwm 
übrigen aber eine dynamische Synthesis der Erscheinungen bedeuten. 
Bis hierher konnte dieses auch gar wol geschehen, indem, so wie wir in 
der allgemeinen Verstellung aller transscendentalen Ideen immer nur 
unter Bedingungen in der Erscheinung blieben, ebenso auch in den 
zwei mathematisch transscendentalen keiiien anderen Gegenstand als 
den in der Erscheinung hatten. Jetzt aber, da wir zu dynamischen 
Begriffen des Verstandes, so fem sie der Vemunftidee anpassen sollen, 
fortgehen, wird jene Untersoiieidmig wichtig, «ttid eröffiiet uns eine ganz 
neue Aussicht in Ansehung des Streithandels, darin die Vernunft ver- 
flochten ist, und welcher, da er vorher, als auf beiderseitige falsche 
Voraus^tzungen g^aut abgewiesen worden, jetzt, da vielleicht in der 

658 dynamischen Antinomie eine solche Voraussietzung stattfindet, die mit 
der Prätention der Vernunft zueammen besteht kann, «is diesem Ge- 
sichtspunkte, und, da der BIchto d^ Mangel deär Bedil^grüttde, die man 
beiderseits verkannt hatte, ei^gänzt, zu beolder Thinte G^augthuimg ver- 
glichen werden kann, welches »eh bei dam Stricte iA der mathanati- 
scben Antinomie nicht thun üeaa. 

Die Beihen der Bedingung^ sind fiteilich in so iexn all& gleichartig, 
als man lediglich auf die Erstreekung der&dibeni sieht, ob sie der Idee 
angemessen sind, oder ob diese ftiar jei^.ziu giroas oder m Mabi sei^L 
Allein d^ Verstaode^begiriff, der diesen Ideen zum Grunde liegt, mithält 



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IX. Abschnitt. Vom «mpir. Gebrauche des regul/ Who. m ». w. 38 f 

entweder lediglich eine Synth e sie des Gleiehaftlg*«n (welches b^ 
jeder Grösse, in der Zusammensetzung sowol als Thefinng derselben, 
vorausgesetzt wird) oder auch des Ungleichartigen, welches in der 
dynamischen Synthßsis der Cauedhrerbindung sowol als der des' Noth- 
wendigen mit dem Zufalligen wenigstens zugelassen werden kann. 

Daher kommt es, dass in d^r mathematischen Verknüpfung der 
Keihen der Erscheinungen keine andere als sinnliche Bedingung hinein 
kommen kann, d. i. eine solche, die selbst ein Thdl der Reihe ist; da 
hingegen die dynsEmische H^he sinnlicher Bedingungen doch noch ein© 
ungleichartige Bedingung zulässt, die nicht ^n Th^ der Keihe ist,, 
sondern als bloss intelligibel ausser der Reihe Hegt, wodurch d^nß59 
der Vernunft ein Genüge gethan und das Unbedingte den Erscheinungen 
vorgesetzt wird, ohne die Beihe der letzteren als jederzdt bedingt dadurch 
zu verwirren und den Verstandesgruildsätaien zuwider abzubrechen. 

Dadurch nun, dass die dynamischen Ideen eine Bedingung der Er- 
scheinungen ausser der Reihe derselben, d. i. eine solche, die selbst nicht 
Erscheinung ist, zulaw^, geschieht etwas, was von dem Erfolg der 
mathematischen Antinomie gänzlich imterscMeden ist. Diese nämlich 
verursachte, da«s beide dialektische G^g^behaupt^ngen für ^sch erklärt 
werden mussten. Dagegen das durchgängig Bedingte der dynamischen 
Reihen, welches von ihnen als Erschmnungen unzertrennlich ist, mit der 
zwar empirisch unbedingten aber auch nichtsinnlichen Bedingun§^ 
verknüpft, dem Verstände einerseits und der Vernunft andererseits* 
Genüge Idsten kann, und, indem die dialektischen Argumente, welche 
unbedingte Totalität in blossen Erscheinungen attf eine oder andere Art 
suchten, w^Ml^, dagegen die Vemunftsätze in der auf solche Weise 56a 
berichtigten Bedeutung alle beide wahr sein können, welches bei den 
kosmologischen Ideen, die bloss mathematisch unbedingte Einheit betreffen, 
memials stattfiinden kann, weil bei ihnen keine Bedingung der Reihender 



* Denn der Verstand erlaubt unter Erscheinungen keine Bedingung, die 
selbst emplnseh unbedingt wUse. Idesse sich ab« ^ne intelligihele Bedingung, 
die also nicht in die Reihe der Erscheinungen ab ein Glied mit gehörte, zu einem 
Bedingten Qu der Erscheinung) gedenken, ohne doch dadurch die Beihe empirischer 
Bedingungen im mindesten zu unterbrechen, so könnte eine solche als empirisch 
unbedingt lugelasseu werden, so dass dadurch dem empirischen coiitinuirlichen 
Begresdus nirgend Abbrueh geschähe. 



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382 Elementarlehr«, n. TheiL IL Abtbeiimng. IL Buch. IL Haoptstack. 

Erscheinnngeii aogetroffm wird^ ak die auch selbst Erscheinung ist und 
als BolcbB mit ein Glied der Reihe ausmacht. 



IIL Auflösung der fcosmologischeii Idee 

von der Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten 
aus ihren Ursachen. 

Man kann sich nur zweierl^ Causalität in Ansehung dessen, was 
geschieht, denken, entweder nach der Natur oder aus Freiheit. Die 
erste ist die Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorigen in der 
fiinnenwelt, worauf jener nach einer Begel folgt. Da nun die Causali- 
tät der Erscheinungen auf Zeitbedingungen beruht, mid der vorige Zu- 
stand, wenn er jederzeit gewesen wäre, auch keine Wirkung, die allererst 
in der Zeit entspringt, hervorgebracht hätte, so ist die Causalität der 
Ursache dessen, was geschieht oder entsteht, auch entstanden, und 
bedarf nach dem Verstandesgrundaatze selbst wiederum eine Ursache. 
$61 Dagegen verstehe ich unter Freiheit im kosmologischen Verstände 

das Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, äsren. Causalität 
also nicht nach dem Naturgesetze wiederum unter dner anderen Ursache 
steht, welche sie der Zeit nach bestimmte. Die Freiheit ist in dieser 
Bedeutung eine reine transscendentale Idee, die erstlich nichts von der 
Erfahrung Entlehntes enthält, zweitens deren Gegenstand auch in keiner 
Erfahrung bestimmt gegeb^ werden kann, weil es ein allgconeines Glesetz 
selbst der Möglichkeit aller Erfahrung ist, dass alles, was geschieht, eine 
Ursache, mithin auch die Causalität der Ursache, die selbst geschehen 
oder entstanden, wiederum eine Ursache haben müsse; wodurch denn das 
ganze Fdd der Eilfabrung, so weit es sich erstrecken mag, in einen In- 
begriff blosser Natur verwandelt wird. Da aber auf solche Wd«e keine 
absolute Totalität der Bedingungen im Causalverhältnisse heraus zu be- 
kommen ist, so schafft sich die Vernunft die Idee von einer Spontanei- 
tät, die von selbst anheben könne zu handeln, ohne dass eine andere 
Ursache vorangeschickt werden dürfe, sie wiederum nach dem Gesetze 
der Causalverknüpftmg zur Handhmg zu besÜmmen. 

Es ist überaus merkwürdig, dass auf diese transscendentale 
Wee der Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe, und 
jene in dieser das eigentliche Moment der Schwierigkeiten ausmache, 



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IX. Abschnitt. Tom «mpir. Gebrauche des regul. Princ u. t. w. 383 

welche die Frage ffba: ihre Möglichkeit von jeher umgeben haben. Die 
Freiheit im praktischen Verstände ist die Unabhängigkeit der 569 
Willkür von der Nöthigung durch Antriebe der Sinnlichkeit Denn 
eine Willkür ist sinnlieh^ so fem sie pathologisch (durch Beweg* 
Ursachen der Sinnlichkeit) afficirt ist; sie heisst thierisch {arhürmm 
hrwium)ywenii sie pathologisch necessitirt werden kann. Die mensch- 
liche WiUkür ist zwar ein arhtirmfn smsitwum^ aber nicht hndum^ sondern 
Merum^ weil Sinnlichkeit ihre Handlung nicht nothwändig macht, sondern 
dem Menschen dn Vermög^i beiwohnt, sidi unabhängig von der Nöthi- 
gung durch sinnliche Antriebe von selbst zu bestimmen. 

Man sieht leicht, dass, wenn alle Causalität in der Sinnenwelt bloss 
Natur wäre, so würde jede Begebenheit durch dne andere in der Zdt 
nach nothwendigeäi G^etzen "bestimmt sein, und mithin, da die Erschei- 
nungen, so fem sie die Willkür bestimmen, jede. Handlung als ihren 
natürlichen Erfolg nothwend^ machen müssten, so würde die Aufhebung 
der transscendentalen Freiheit zugleich alle praktische Freiheit vertilgen* 
Denn diese setzt voraus, dass, obgleich etwas nicht geschehen ist, es doch 
habe geschehen sollen, und seine Ursache in der Erscheinung also ni(^t 
so bestimmend war, dass nidit in unserer Willkür eine Causalität liege, 
unabhängig von jenen Naturursachen und selbst wider ihre Gewalt und 
Einfluss etwas hervorzubringen, was in der Zeitordnung nach empirischen 
Gesetzen bestimmt ist, mitbin eine Reihe von Begebenheiten ganz von 
selbst anzufangen. 

Es geschieht also hier, was überhaupt in dem Widerstreit einer sich 568 
über die Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagende Vernunft ange- 
troffen wird, dass die Aufgabe eigentlich nicht physiologisch, sondern 
transsoehdental ist Daher die Frage von der Möglichkdt der Fres- 
bät die Psychologie zwar anficht, aber, da sie auf dialektischen Argn« 
menten der bloss reinen Vemunft beruht, sammt ihrer Auflösung ledig- 
lich c^e Transscendentalphilosophie beschäftigen muss« Um nun diese, 
welche dne beMedigende Antwort hierüber nicht ablehnen kann, dazu 
in Stand zu setzen, muss ich zuvörderst ihr Verfahren bei dieser Aufgabe 
durch dne Bemerkung näher zu besümmen suchen. 

Wenn Erscheinung^i IHngo an sich selbst wären, mithin Raum und 
Zeit Formen des Daseins der Dinge an sich selbst, so würden die Be- 
dingung^i mit dem Bedingten jederzeit als Glieder zu einer und derselben 



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384 Elementarlehre, ü. TheR IL Abtlieilnng. ü. Buch. IL Hauptstflck. 

Reibe gehören, und daraus auch m gegenwärtigem Falle die Antinomie 
entspringen, die allen transsoendentalen Ideen gemein ist, dass diese 
Beihe unvermeidlich f^ dai Verstand zu gross oder 2ni klein ausfall^i 
müssta Die dynamisehen VernunfbbegrifißB abar, mit daien wir uns in 
dieser und der folgend^i Nummer beschäftigen, haben dieses Besondre, 
dass, da sie es nicht mit einem Gegenstande als Grösse brachtet, 6<m^ 
dern nur mit seinem Dasein zu thun haben, man auch von der Grösse 
der Beihe der Bedingungen abstrahiren kann, und es bei ihnen bloss auf 

564 das dynamisd^ Verhältniss der Bedingung zum Bedingi^n ankommt, so 
dass wir in der Frage über Natur und Freihat schon die Schwierigkeit 
antreffen, ob Freiheit tiberall nur mögHoh sei, und ob, w^m sie es ist, 
sie mit der Allgemeinheit des Naturgeseizes der Oausalität zusammen 
bestehen könne; mithin ob es ein richtig disjunctiver Satz sei, dass eine 
jede Wirkung in der Welt entweder aus Natur oder aus Freiheit ent- 
springen müsse, oder ob nicht vielmehr beides in verschiedener Bezie- 
hung bei einer und derselben Begebenheit zugleich stattfinden könne. 
Die Richtigkeit jenes Grundsatzes von dem durchgängigen Zusammen- 
hange aller B^ebenheiten der Sinnenwelt nach unwandelbaren Naturge- 
setzen steht schon als ein Grundsatz der transscendentalen Analytik fest 
und leidet keinen Abbruch. Es ist also nur die Frage, ob dem unge- 
achtet in Ansehung eben derselben Wirkung, die nach der Natur be- 
stimmt wt, auch Freiheit stattfinden könne, oder diese durch jene un- 
verletzliche Regel völlig ausgeschlossen sei. Und hier zeigt die zwar 
geijaeine, aber betrügliche Voraussetzung der absoluten Realität der 
Erscheinungen sogleich ihren nachtheiligen Einfluss, die Vernunft zu ver- 
wirren. Denn sind Erscheinungen Dinge an sich selbst, so ist Freiheit 
nicht zu retten. Alsdann ist Natur die vollständige und an sich hin^ 
reichend bestimmende Ursache jeder Begebenheit, und die Bedingung 
derselben ist jederzeit nur in der Reihe der Erscheinungen enthalten, die 
sammt ihrer Wirkung unter dem Naturgesetae nothwendig sind. Wenn 

665 dagegen Erscheinungen fUr nichts mehr gelten, als sie in der Thai sind, 
nämlich nicht für Dinge an sich, sondern blosse Vorstellungen, die nach 
empirischen Gesetzen zusammenhängen, so müss^i sie selbst noch Gründe 
haben, die ni(^t Erscheinung^ sind. Eine solche intelligibele Ursache 
aber wird in Ansehung ihrer Causalität nicht durch Erscheinung^ be« 
stimmt, obzwar ihre Wirkungen erscheinen, und so durch andere Ep- 



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IX. Abschnitt. Vom empir. Gebrauche de» regul. Princ. u. s. w. 385 

BcheiBungen besthnmt werden können. Sie ifit also sammt ihrer Cau- 
salität ausser der Keihe; dagegen ihre Wirknng^i in der Beihe der empi- 
rischen Bedingungen cuigetroff<^ werden. Die Wirkung kann also in 
Ansehung ihrer intelligibelen Ursache als. frei, und doch zu^eich in An- 
sehung d^ Erscheinungen alß Erfolg aus denselben nach der Nothwenr 
digkeit der Natur angesehen werden; eine Unterscheidung, die, wenn sie 
im allgemeinen und ganz abstract vorgetragen wird, äusserst subtil und 
dunkel scheinen muss, die sich aber in der Anwendung aufklären wird. 
Bier habe ich nur die Anmerkung machen wollen, dass, da der durchr 
gängige Zusammenhang aller Erscheinungen in einem Context der Natur 
ein unnaehlassliches Gesetz ist, dieses alle Freiheit nothwendig umsttirz^ti 
müsste, wenn man der Bealität der Erscheinungen hartnäckig anhängen 
wollte. Dtüier auch diejenigen, wel^e hierin der gemein^i Meinung 
folgen, niemals dahin haben gelangen könn^i, Natur und Freiheit mit 
einander zu vereinigen- 

HSgUchkelt der CansalltSt durch Freiheit set 

in Vereinigung mit dem allgemeinen Gesetze der 
Natumothwendigkeit, 

Ich nenne da^jemige an einem Gegenstande der Sinne, was sdbst 
nicht Erscheinung i^, intielllgibeL Wenn demnach dasjenige, was in 
der l^imenwelt ala Erschdnung angesehen werden muss, an sich selbst 
auch ein Vermögen hat, welches kein Gegenstand der sinnlichen Anschau- 
ung ist, wodurch es aber dodi die UrscMihe von Erscheinungen sein kann^ 
so kann man die Causalität dieses Wesens anf zwei Seiten betrachtoi^ 
als intelligibel nach ihrer Handlung als eines Dinges an sich selbst, 
und als sensibel nach den Wirkungen derselben ah einer £k»chei« 
nung in der Sinn^iwelt. Wir würden uns demnach von ä&aa. Vermögen 
eines solch^i Subjects einen empixssdien, imgleieh^i andb einen intdleo« 
tueU^ B^riff seiner Cansälität machen, welche bei einer und derselben 
Wirkung zusammen stattfinden. Eine solehe dopp^te Seite, das Ver-* 
mögen dnes Gegenstandes der Sinne sich zu denken, widerspricht keinen 
von den B^rifßm, die wir udb von Erscheinungen und von einer mög-r 
Heben Er&hnmg zu machen haben. Denn da diesen, weil sie an sich 
keine Dinge sind, ein transscendentakr Gregenstand zum Grunde li^en 

Kart '8 Kiitilc der reinen Vernunft. 25 



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386 Elementarlehre. IL Theil. ü. Abtheilung. ü. Bach. II. Hauptstück. 

muss, der sie als blosse Vorstellungen besthnmt, so hindert nichts, dass 

567 wir diesem transscendentalen Gegenstände ausser der Eigenschaft, dadurch 
er erscheint, nicht auch dne Gau sali tat beilegen sollten, die nicht Er- 
sdieinung ist, obgleich ihre Wirkung dennoch in der Erscheinung an- 
getroffen wird. Es muss aber dne jede wirkende Ursache einen Cha- 
rakter haben, A, i. ein Gesetz ihrer Causalität, ohne welches sie gar 
nicht Ursache sein würde. Und da würden wir an einem Subjecte der 
Sinnenwelt erstlich einen empirischen Charakter haben, wodurch 
seine Handlungen als Erscheinungen durch und durch mit andren Er- 
scheinungen nach beständigen Naturgesetzen im Zusammenhange ständen 
tmd von ihn^i als ihren Bedingungen abgeleitet werd^i könnten, und 
also mit diesen in Verbindung Glieder einer einzigen Rohe der Natur- 
ordmmg ausmachten. Zwedtens würde man ihm noch ^en.intelli- 
gibelen Charakter einräumen müssen, dadurch es awar die Ursache 
jener Handlungen als Erscheinungen ist, der abw s^bst unter keinen 
Bedingungen der Sinnlichkeit steht, und selbst nicht Erscheinung ist. 
Man könnte auch den ^rsteren den Gharakt^ äbaes solcheai Dinges in 
der Erscheinung, den zweiten den Charakter des Dinges an sich selbst 
nennen. 

Dieses handelnde Subject würde nun nach seinem intelligibelen 
Charakter iwter kdnen Zdtbedingungen stehen, denn die Zdt ist nur 
die Bedingung der Erscheinungen, nicht aber der Dinge an sieh selbst. 
In ihm würde keine Handlung entstehen oder vergehen, mithin 

568 würde es auch nicht dem Gesetze aller Zmtbestimmung, alles Veränder- 
lichen unterworlsn sein, dass alles, was geschieht, in den Erschei- 
nungen (des vorigen Zustandes) seine Ursache antrefifo. Mit dnem 
Worte, die Causaütät desselben, so fem sie intellectueU ist, stände gar 
nicht in der Kdhe empirischer Bedingungen, welche die Begebenheit in 
der Sinnenw«h nothwendig machen. Dieser intelli^bele Charakter k(nmte 
sswar niemals unmittelbar erkannt werden, weil wir niehts wahrnehmen 
können, als so fem es erscheint; aber ear würde daeh dem emprischen 
Charakter gemäss gedacht werden müssen, so wie wir überhaupt einen 
transseendental^i Gegenstand den Erscheinungen ini€^edaaiken zum Grunde 
legal müssen, ob wir zwar von ihm, was eac ma sidi selbst sei, nidits wissen. 

Nadi seinem empirischen Charakter würde also dieses Subject als 
Erscheinung allen Gesetzen der Bestimmung nach der Causdverbindung 



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IX. A bfl chnitt. Vom empir. Qebraucbe des reguL Princ. u. 8. w. 387 

unterworfen sein, und es wäre so fepx nichts als eun Theil der Slnnen- 
wdit, dessen Wiriuingen, so wie j^de ^uptdere Crsdieimmg aus der Natur 
unausbleiblich abflössen. So wie äussere KrscheinM^gen in dassel^be ein- 
flössen, wie sein empirischer Chara}^, d. i. das Gresetz semear Causalität 
durch £r£Eihrung erkannt wäre, imüssten sich aUe fseine Handlungen nach 
Naturgesetzen erMären lassen, und ^e Requisite zu einer vollkommenen 
und nothwendigen Bestimmung derselben müssten in einer möglichen 
Erfahrung angetroffien werden. 

Nach dem inteU^belen Charakter desselben aber (ob wir zwar 569 
davon nichts als bloss den a%em^en Begriff desselben haben köimen) 
würde dasselbe Subject dennoch von all^m Einflüsse der Sinnlichkeit und 
Bestimmung durch Ersdieinungen freigesprochen werden müssen, und 
da in ihm, so fem es Noumenon ist, nichts geschieht, keine Ver- 
änderung, welche dynamische Zeitbestimmung erheischt, mithin keine 
Verknüpfung mit Erscheinungen als Ursachen angetroffen wird, so würde 
dieses thätige Wesen so fem in seinen Handlungen von aller Natumotii- 
wendigkeit, ds die lediglich in der Siimenwdt angetroffen wird, unab- 
hängig und freii sein. Man würde von ihm gajiz richtig sagen, dass es 
seine Wirkungen in der Sinnenwelt von selbst anfange, ohne dass die 
Handlung in ihm sdbst anfängt; und dieses würde giltig sein, ohn^ dass 
die Wirkungen in der Sinnenwelt darum von selbst anfangen dürfen, wdl 
sie in ders^lb^ jederzeit durch empirische Bedingungen in der vorigen 
Zeit, aber doch nur vermittdst des empirischen Charakters (d^ bloss die 
Erscheumng des inteUigibelen ist), vofher bestimmt, und nur als eine 
Fortsetzung der Beihe der Naturursachen möglich sind. So würde denn 
Freiheit und Natur, jedes in seiner vollständigen Bedeutung, bei eben 
denselben Handlungen, nachdem man sie mit ihrer inteUigibelen oder 
sensibelen Ursache vergleicht, zugleich und ohne allen Widerstreit an- 
getroffen werdisn. 

ErlSuterung 570 

der kosmologischen Idee einer Freiheit in Verbindung mit der 
allgemeinen Natumothwendigkeit. 

Ich habe gut gefunden, zuerst den Schattenrlss der Auflösung 
unseres transscendaitalen Problems zu entwarfen, damit nu^i den Grang 

25* 



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388 Eletnent&rlehre. n. Theil. II. Abtheilimg. IL Buch. II. Hattptstfick. 

der Vernunft in Auflösung desselben dadurch besser tibersehen möge. 
Jetzt wollen wir die Momente ihrer Entscheidung, auf die es eigentiieh 
ankommt, auseinander setzen, imd jedes besonders in Erwftgimg ziehen. 

Das Naturgesetz, dass alles, was geschieht, eine Ursache habe, dass 
die Oausalität dieser Ursache, d. i. die Handlung, da sie in der Zeit 
vorhergeht und in Betracht einer Wirkung, die da entstanden, selbst 
nicht immer gewesen sein kann, sondern geschehen sein muss, auch 
ihre Ursache unter den Erscheinungen habe, dadurch sie bestimmt wird, 
und dass folglich alle Begebenheiten in einer Naturordnung empirisch 
bestimmt sind : dieses Gesetz, durch welches Erscheinungen allererst eine 
Natur ausmachen und G-egenstände einer Erftihrung abgeben können, 
ist ein Verstandesgesetz, von welchem es unter keinem Vorwande erlaubt 
ist abzugehen oder irgend eine Erscheinung davon auszunehmen, weü 
man sie sonst ausserhalb aller möglichen Erfahrung setzen, dadurch aber 
671 von allen Gegenständen möglicher Erfahrung unterscheiden und sie zum 
blossen G^ankendinge und einem Himgespinnst machen wtirde. 

Ob es aber gleich hierbei lediglich nach einer Kette von Ursachen 
aussieht, die im Eegressus zu ihren Bedingungen gar keine absolute 
Totalität verstattet, so* hält uns diese Bedenklichkeit doch gar nicht 
auf; denn sie ist schon in der allgemeinen Beurtheflung der Antinomie 
der Vernunft, wenn sie in der Keihe der Erscheinungen aufe Unbedingte 
ausgeht, gehoben worden. Wenn wir der Täuschung des transscenden* 
talen Realismus nachgeben wollen, so bleibt weder Natur noch Freiheit 
tibrig. Hier ist nur die Frage, ob, wenn man in der ganzen Reihe aller 
Begebenheiten lauter Natumothwendigkeit aneritennt, es doch möglich 
sei, eben dieselbe, die einerseits blosse Naturwirkung ist, doch anderer^ 
seits als Wirkung aus Freiheit anzusehen, oder ob zwischen diesen zwd 
Arten von Causalität ein gerader Widerspruch angetroffen werde. 

Unter den Ursachen in der Erscheinung kann sicherlich nichts sein, 
welches dne Reihe schlechthin und von selbst anfangen könnte. Jede 
Handlung als Erscheinung, so fem sie eine Begebenheit hervorbringt, 
; ist selbst Begebenheit oder Ereigniss, welche einen anderen Zustand 
voraussetzt, darin die Ursache augetroffen werde; und so ist alles, was 
geschieht, nur eine Fortsetzung der Reihe, und kein Anfang, der sich 
572 von selbst zutrtige, in derselben möglich. Also sind alle Handlungen 
der Naturursachen in der Zeitfolge selbst wiederum Wirkungen, die ihre 



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IX. Abschnitt. Vom ompir. Gebrauche de» reguL Princ. u. s. w. * 389 

Ursachen ebenso wol in der Zeitreihe voraussetzen. Eine ursprüng- 
liche Handlung, wodurch etwas geschieht, was vorher nicht war, ist 
von der Cansalverknüpfimg der Erscheinungen nicht zu erwarten. 

Ist es denn aber auch noth^endig, dass, wenn die Wirkungen Er- 
scheinungen sind, die Causaütät ihrer Ursache, die (nämlich Ursache) 
selbst auch Erscheinung ist, lediglich empirisch sdn müsse; und ist es 
nicht vielmehr möglich, dass, obgleich zu jeder Wirkung in der Erschei- 
nung eine Veritnüpfung mit ihper Ursache nach Gesetzen der empirischen 
Causaütät allerdings erfordert wird, dennoch diese empirische Causalität 
selbst, ohne ihren Zusammenh^^ng mit den Naturursachen im mindesten 
zu unterbrechen, doch eine Wirkung einer nicht empirischen, sondern 
intelligibelen Causalität sein könne, d. i. cdner in Ansehung der Erschei- 
nungen ur^rünglichen Handlimg einer Ursache, die also in so fem nicht 
Erscheinung, sondern diesem Vermögen nach intelligibel ist, ob sie gleich 
übrigens gänzlich als ein Glied der Naturkette mit zu der Sinnenwelt 
gezählt werden muss. 

Wir bedürfen des Satzes, der Causalität der Erscheinimgen unter 
einander, um von Naturbegebenheiten Naturbedingungen, d. i. Ursachen 
in der Erscheinung zu suchen und angeben zu können. Wenn dieses 
eingeräumt und durch keine Ausnahme geschwächt wird, so hat der 
Verstand, der bei seinem empirischen Gebrauche in allen Ereignissen 67i 
nichts als Natur sieht und dazu auch. berechtigt ist, alles, was &r fordern 
kann, und die phy^schen Erklärung^ gehen ihren ungehinderten Gang 
fort. Nun thut ihm das nicht den mindesten Abbruch , gesetzt dass es 
übrigens auch bloss erdichtet sein sollte, wenn man annimmt, dass unter 
den Naturursachen es auch solche gebe^ die ein Vermögen haben, welches 
nur intdligibel ist, indem die Bestimmung desselben zur Handlung nie- 
mals auf empirischen Bedingungen, sondern auf blossen Gründ^i des 
Verstandes berutit, so doch, dass die Handlung in der Erscheinung 
von dieser Ursache allen Gresetzen der empinscben Causalität gemäss 
sei. D^in auf diese Art würde das handelnde Subject als eausa phaeno- 
menon mit der Natur in unzertrennter Abhängigkeit aller ihrer Hand- 
lungen verkettet sein, und nur das noumenon dieses Subjects (mit aller 
Causalität desselben in der Erscheinung) wtlrde gewisse Bedingungen 
enthalten, die, wenn man von dem empirischen Gegenstände zu dem 
transscendentalen aufsteigen will, als bloss intelligibel müssten angesehen 



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390 Elementarlehre. ü. Theil. ü. Abtheilong. H. Buch. II. Haaptstttck. 

werden. Denn wenn wir nur in dem, wa» unter den Erscheinungen die 
Ursaclie sein mag, der Naturregel folgen, so können wir darüber unbe- 
kümmert sein, was in dem transscendentalen Subject, weiches uns em- 
pirisch unbekannt ist, ftlr ein Grund von diesen Erschdnungen und deren 
Zusammenhange gedacht werde. Dieser intelHgibele Grund ficht gar nicht 
die empirischen Fragen an, sondern betrifft etwa bloss das Denken im 

674 reinen Verstände; und obgleich die Wirkungen dieses Denkens und Han^ 
delns des reinen Verstandes in den Erscheinungen angetrofPen werden, so 
müssen diese doch nichts desto minder aus ihrer Ursache in der Erschei- 
nung nach Naturgesetzen vollkommen erklärt werden können, indem 
man den bloss empirischen Charakter derselben als den obersten Erklä- 
rungsgrund befolgt, und den intölligibelen Charakter, der die transscen- 
dentale Ursache von jenem ist, gänzlich als imbekannt vorbeigeht, ausser 
so fem er nur durch den empirischen als das sinnliche Zeichen desselben 
angegeben wird. Lasst uns dieses auf Erfahrung anwenden. Der Mensch 
ist eine von den Erscheinungen der Sinnenwelt, und in so fem auch eine 
der Naturursachen, deren Causalität unter empirischen Gesetzen stehen 
muss. Als eine solche muss er demnach auch einen empirischen Cha- 
rakter haben, so wie alle anderen Naturdinge. Wir bemerken denselben 
durch kräfte und Vermögen, die er in seinen Wirkungen äussert. Bei 
der leblosen oder bloss thierisch belebten Natur finden wir keinen Grund, 
irgend ein Vermögen uns anders als bloss sinnlich bedingt zu denken. 
Allein der Mensch, der die ganze Natur sonst lediglich nur durch Sinne 
kennt, erkennt sich selbst auch durch blosse Apperception, und zwar in 
Handlungen und inneren Bestimmungen, die er gar nicht zum Eindrucke 
der Sinne zählen kaim, und ist sich selbst freiHch einestheils Phänomen^ 
anderentheils aber, nämlich in Ansehung gewisser Vermögen, ein bloss 

675 intelligibeler Gegenstand, weil die Handlung desselben gar nicht zur 
Receptivität der 3in:nlichkeit ge^lßilt werden kann. Wir nennen diese 
Vermögen Verstand und VemunA-, vornehmlich wird die letztere ganz 
eigentlich und vorzüglicher Weise von allen empirisch bedingten Kräften 
unterschieden, da sie ihre Gregenstände bloss na^h Ideen erwägt und den 
Verstand danach bestimmt, der denn von seinen (zwar auch reinen) Be- 
griffen einen empirischen Gfebrauch ma^ht 

Dass diese Vernunft nun Causalität habe, wenigstens wir uns eine 
dergleichen an ihr vorstellen, ist aus den Imperativen klar, welche 



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DL Absclmiitt. Vom ompiz. Gebrauche des regul. Princ. o. s. w. ^91 

wir in allem Praktischen den ausübenden Kräfte ala B^eln aufgeben. 
Daa Sollen drückt eine Art von Nothwendigkat und Yerlcnüpfang mit 
Gründen aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der Ver- 
stand kann tou dieser nur erkennen^ was da i#t) oder gewesen ist, oder 
sein wird. Es ist unmöglichy dass etwas dairin anders sein soll, aU es 
in allen diesen Zeitverhältaisaen in der That ist, ja daa Sollen, wena 
man bloss den Lauf der Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine 
Bedeutung. Wir können gar nicht fragen, was in der Natur geschehen 
soll, ebenso wenig als, was ftir Eigenschaß;en ein Cirkel haben soll, 
sondern was darin geschieht, oder welche Eig^ischa^n der letztere hat. 

Dieses Sollen nun drückt eine mö^iche Handlung aus, davon der 
Grund nichts Anderes als ein blosser B^riff ist; da hingegen von ein^ 
blossen Natnrhandlung der Grund jederzeit eine Erscheinung sein muss. 576 
Nun muss die Handlung allerdings unter Naturbedingungen möglich sein, 
wenn auf sie das Sollen gerichtet ist; aber diese Naturbedingungen be- 
treffen nicht die Bestimmung der Willkür selbst, sondern nur die Wir- 
kung und den Erfolg derselben in der Erscheinung. Es mögen noch so 
vid Natuvgründe sein, die mich zum Wollen antreiben, noch so viel 
sinnliche Anreize, so können sie nicht das Sollen hervorbringen, sondern 
nur ein noch lange nicht nothwendiges^ sondern jederzeit bedingtes WoUen, 
dem dagegen das Sollen, das die Vernunft ausspricht, Mass und Ziel, ja 
Verbot und Ansehen entgegensetzt Es mag ein Cregenstand der blossen 
Sinnlichkeit (das Angenehme) oder auch der rein^i Vernunft (das Gute) 
sein, so giebt die Vernunft nicht demjenigen Grunde, der empirisch ge^ 
geben ist, nach, und folgt joicht der Ordnung der Dinge, so wie sie sich 
in d^ Erscheinung darstellen, somdem macht sich mit völliger Sponta- 
neität dne eigene Ordnung nach Ideen, in die sie die empirischen Be-- 
dingung^Ei hinein passt, und nach deneoa sie sogar Handlungen ftir noth- 
wendig erklärt, die doch nicht geschehen sind und vielleicht nicht 
geschehen werden, von allen aber gleichwol voraussetzt, dass die Vernunft 
in Beziehung auf sie Causalitftt haben könne; denn ohne das würde sie 
nicht von ihren Ideen Wirkungen im der Erj&^irung erwarten. 

Nun lasst ims hierbei stehoi bleiben und es wenigstens als möglich 
annehmen, die Vernunft habe wirklich Causalität in Ansehung der Er-^77 
scheinungen, so muss sie, so 9ehr sie auch Vernunft ist, dennoch einen 
empirischen Charakter von sich zeigen, weil jede Ursache eine Begel 



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392 Eletfientarlehre. ü. Theil ü. Abtheilang. IL Buch. IL Hauptstück. 

voraussetzt, danach gewisse Erseh^ungen als Wirftungen folgen, und 
jede Regel eine Crleiohförmigkeit der Wirkungen erfordert, die den Be- 
griflF der Ursache (als ^es Vermögens) gründet, welchen wir, so fem er 
exL8 blossen Erscheinungen erhdkn mnss, seinen empirischen Charakter 
heissen können, der beständig ist, indessen die Wirkungen nach Ver- 
»chiedenheit der b^leitenden und zum Th&il einschränkenden Bedin- 
gütigen in veränderlichen Gestalten erscheinen. 

So hat denn jeder Mensch einen empirischen Charakter sdner Will- 
kür, welcher nichts Anderes ist als eine gewisse CausaHtät s^er Ver- 
nunft, so fem diese an ihren Wirkungen in der Ersohdnung eine Regel 
zeigt, danach man die Vemunftgrtinde und die Handlungen derselben 
nach ihrer Art und ihren Graden abnehmen, und die subjectiven Prin- 
cipien seiner Willkür beurtheilen kann. Weil dieser empirische Charakter 
selbst aus den Erscheinungen als Wirkung und aus der Regel derselben, 
welche Erfahrang an die Hand ^ebt, gezogen werden muss, so sind alle 
Handlungen des Menschen in der Erscheinung aus seinem empirischen 
Charakter und den mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung 
der Natur bestimmt, und wenn wir alle Erscheinungen seiner Willkür bis 
578 sraf den Grund erforschen könnten, so würde eä keine einzige menschliche 
Handlung geben, die wir nicht mit G^wissheit vorhersagen und aus ihren 
vorhergehenden Bedingungen als nothwend^ erkennen könnten. In Anseh- 
ung dieses empirischen Charakters giebt es also keine Freiheit, imd nach 
diesem können wir doch allein den Menschen betrachten, wenn wir ledig- 
lich beobachten, und, wie es in der Anthropologie geschieht, von seinen 
Handlungen die bewegenden Ursachen physiologisch erforschen wollen. 
Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Beziehung auf die 
Vernunft erwägen, und zwar nicht die speculative, um jene ihrem Ur- 
sprünge nach zu erklären, sondern ganz allein, so fem Vernunft die 
Ursache ist, sie selbst zu erzeugen; nut einem Worte, verglichen wir sie 
mit dieser in praktischer Absicht, so finden wir eme ganz andere Regel 
und Ordnung, als die Naturordnung ist. Denn da sollte vielleicht alles 
das nicht geschehen sein, was dodi nach dem Naturlaulid gesche- 
hen ist, und nach seinen empirischen Grtinden imausbldbüdi geschehen 
musste. Bisweilen aber finden wir, oder glauben wenigstens 2u finden, 
dass die Ideen der Vernunft wirklich Causalität in Ansehung der Hand- 
lungen des Menschen als Erscheinungen bewiesen haben, und dass sie 



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IX. Abschnitt. Vom empir. Gebrauche des regiü. Princ. u. s. w. 393 

4aruin geschehen sind, nicht weil sie durch empirische Ursachen, nein, 
sondern weil sie durch Gründe der Vernunft bestimmt waren. 

Gesetzt nun, man könnte sagen ^ die Vernunft habe Causalität in 579 
Ansehung der Erscheinung: könnte da wol die Handlung derselben frei 
lieissen, da sie im empirischen Ghartüiter derselben (der Sinnesart) ganz 
genau bestimmt, und ad th wendig ist? Dieser ist wiederum im intelligibelen 
Charakter (der Denkungsart) bestimm** Die letztere kennen wir aber 
nicht, sondern bezeichnen sie durch Erscheinungen, wdche eigentlich nur 
^e Sinn^art (empirischen Charakter) unmittelbar zu erkennen geben.* 
Die Handbing nun, so fem sie der Denkungsart als ihrer Ursache bei- 
zumessen ist, erfolgt dennoch daraus gar nicht nach empirischen Ge- 
setzen, d. L so, dass die Bedingungen der reinen Vemimft, sondern nur 
«o, dass deren Wirkungen in der Erscheinung des inneren Sinnes vor- 
hergehen. Die reine Vernunft als ein bloss intelligibeles Vermögen ist 
der Zeitform, imd mithin auch den Bedingungen der Zeitfolge nicht 
unterworfen. Die Causalität der Vernunft im intelligibelen Gharakter 
entsteht nicht, oder hebt nicht etwa zu einer gewissen Zeit an, um 
eine Wirkung hervorzubringen. Denn sonst wiirde sie s^bst dem Natur- 680 
gesetz der Erscheinungen, so fem es Causalreihen der Zeit nadi bestimmt, 
unterworfen sein, und die Causalität wäre alsdann Natur und nicht Frei- 
heit. " Also werden wir sagen können: wenn Vernunft Gausalität in An- 
eehung der Erscheinungen haben kann, so ist sie ein Vermögen, durch 
welches die sinnliche Bedingung dner empirischen Beihe von Wirkungen 
zuerst anfangt Denn die Bedingung, die in der Vernunft liegt, ist nicht 
sinnlich, und ^gt also s^bst nicht an. Demnach findet alsdann das- 
jenige statt, was wir in allen empirischen Edhen vermissten, dass die 
Bedingung einer sucoeesiven Reihe von Begebenheiten selbst empirisch 
unbedingt sein konnte. D^in hier ist die Bedingung ausser der Reihe 
der Ersdieinungen (im Litelligibelen), und mithin keiner sinnBchen Be^ 



* IMe eigentliehe Moralität der Handlungen (Verdienst und Sehuld) bleibt uns 
daher, selbst die unseres eigenen Yeirhaitens, gäazlich verborgen. Unsere Zurech- 
nungen können nur auf den empirischen Charakter bezogen werden. Wieviel aber 
davon reine Wirkung der Freiheit, wieviel der blossen Natur und dem unverschul- 
deten Fehler des Temperaments oder dessen glücklicher Beschaffenheit (merüo fortu- 
nae) zuzuschreiben sei, kann niemand ergründen, und daher auch nicht nach völliger 
Gerechtigkeit richten. 



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394 Elementarlehre. U. Theü. n. Abtheilung. 11. Buch. IL Hftuptstfick. 

» 
dingimg und keiner Zeitbestimmung durch vorhergehende Ursache unter- 
worfen. 

Gleichwol gehört doch eben dieselbe Ursache in einer anderen Be- 
ziehung auch zur Reihe der Erscheinungen. Dw Mensch ist selbst Er- 
scheinung. Seine Willkür hat dnen empirischen Charakter, der die (em- 
pirische) Ursache aller seiner Handlungen ist. Es ist kerne d^ Bedinr 
gungen, die den Menschen diesem Charakter gemäss bestimmen, welche 
nicht in der Eeihe der Naturwirkungen enthalten wäre imd dem G^etze 
derselben gehorchte, nach welchem gar kdne empirisch unbedingte Cau- 
salität von dem, was in der Zeit geschieht, ax^etrofien wird. Daher kann 

581 keine gegebene Handlung (w«il sie mir als Erscheinung wahrgenommen 
werden kann) sddechthin von selbst an&ngen. Aber von der Vernunft 
kann man nicht sagen, dass vor demjenigen Zustande, darin sie die WiU- 
kür bestimmt, dn anderer vorhergehe, darin dieser Zustand seibat be- 
stimmt wird. Denn, da Vernunft selbst keine Erscheinung und gar keinen 
Bedingungen der Sinnlichkeit unterworfen ist, so findet in ihr selbst in 
Betreff ihrer Causalität keine Zeitfolge statt, und auf sie kann also das 
dynamische Gresetz der Natur, was die Zeitfolge nach Regehn bestimmt» 
nicht angewandt werden. 

Die Vernunft ist adso die beharrliche Bedingung aller willkürlichen 
Handlungen, unter denen der Mensch erscheint. Jede derselben ist inl 
empirischen Charakter des Menschen vorher bestimmt, die noch als sie 
geschieht. In Ansehung des intelligibelen Charakters, wovon jener nur 
das sinnliche Schema ist, gilt kein Vorher oder Nachher^ und jede 
Handlung, unangesehen des Zeitverhältnisses, darin sie t^t anderen Et* 
scheinungen steht, ist die unmittdbare Wirkung des intelligibelen Cha* 
Katers der reinen Vernunft, welche mithin ftei handelt, ohne in d^ 
Kette der Naturursachen durch äussere oder innere, aber dar Zeit nach 
vorhergehende Ghründe dynamisch bestimmt zu sein-, und diese ihre Frei- 
heit kann man nicht allein negativ als Unabhängigkeit von empirischen 
Bedingungen ansehen (denn dadurch würde das Vemunftvermögen auf- 

588 hören, eine Ursache der Erscheinungen zu sein), sondern auch positiv 
durch ein Vermögen bezeichnen, eine Reihe von Begebenheiten von sdbst 
anzufangen, so dass in ihr selbst nichts anfangt, sondern sie als unbe- 
dingte Bedingung jeder willkürlichen Handlung über sich keine der Zeit 
nach vorhergehenden Bedingungen verstattet, indessen dass doch ihre 



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IX. Abschnitt. Vom empir. Gebrauche dei regol. Princ. n. i. w. 395 

WirkBBg in der Eeike der Erscheiirnngen afifangt, aber darin niemals 
einen schleclithin ersten Anfang ausmachen kann. 

Um das regulatire Princip der Venwmfib dt[rch ein Beispiel aus 
dem empirischai Gebrauch desselben zu erläutern, nieht um es «a be- 
stätig^n (denn dergleieheft B^rfmse sind zu transseendeixtaleii Bebaup- 
tungen untaugücb), so nehme man eine willktiriiche Handhing, z. B. eine 
boshafte Ltlge, durch die eui Mensch eine gewisse Verwirrung in die 
Grefiji&llsohaft gebracht hat, und die man zuerst ihren Bdwegursadien nach^ 
woraus sie entstanden, untersucht und darauf beixrdieilt, wie ne sammt 
ihr^a Folgen ihm zugerechnet werden kdnne. In der ersten Absicht geht 
man seinen empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben dtrroh^ 
die man in der schlechten Erziehm^, ttUer Oesellsehaft, zum Theil auch 
in der Bösartigkeit eines für Beschämung unempfindticbem Naturells auf-- 
sucht, zum Theil auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit schiebt*, wobei 
man dann die veranlassenden Gcleg^iheitsursachen nicht aus der Acht 
lässt. In aOffln diesem Yorf^rt man, wie überhaupt in Untersuchung 
der Eelhe bestimmender Ursachen au einer gegeb^ien Naturwirkung. 
Ob man nun gleich die Handlung dadurch bestimmt zu sein glaubt, 80 58s 
taddt man nichts desto w^ger den Thäter, und zwar nicht wegen seines 
unglückliehen NatureHs, nicht wegen der auf ihn einfliessenden Umst^mde, 
ja sogar xöcht wegen seines rbrher geföhrten Lebaiswandels, ^m man 
setzt voraus, man könsie es gänzlich bei Seite setzen, wie dieser be- 
schaffen gewesen, und die vm^ssene Rdhe von Bedingungen als unge- 
schehen, diese That aber als gänzUch unbedingt in Ansehung des vori- 
g&a. Zustandes ansehen, als ob der Thäter damit eine Eeihe von Folgen 
ganz v<m selbst anhebe. Dieser Tadd gründet sich auf ein Gresetz d^ 
Vernunft, wobei man diese als edne Ursaehe aMeht, welche das Veif- 
halten des Ikfensch^a unaiigiesehen aller genannten empirischen Bedin- 
gungen anders habe bestimmen können und sollen. Und zwar sieht m$si 
die Causalität der Vemulift nicht etwa bloss wie Concurrenz, sondern 
an sich selbst als vollständig an, wenn ^eich die sinnbehen Triebfedern 
gar nicht dafftr, sondern wol gar dawider wären*, die Handlung wird 
seinem intelH^belen Charakter beigemeese«!, er hat jetzt, in dem Augen- 
blicke, da er lügt, gänzlich Schuld; mithin war die Vernunft unerachtet 
aller empirischen Bedingungen der That völfig frei, und ihrer Unter- 
lassung ist diese gänzlich beizumessen. 



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396 Elementarlehre. XL TheiL IL Abtheilung. XL Bach. IL Hauptstück. 

Man sieht diesem zurechnenden Urtheile es leicht an, dass man 
•dabei in Gedanken habe, die Vernunft werde durch alle jene Sinnlich- 
keit gar nicht affidrt, sie verändere sich niciht (wenngleich ihre Erschei- 

584nungen, nämlich die Art, wie sie sich in ihren Wirkungen zeigt, sich 
verändern), in ihr gehe kein Zustand vorher, der den folgend^i bestimme, 
mithin gehöre sie gar nicht in die Reihe der sinnlichen Bedingungen, 
welche die Erscheinungen nach Naturgesetzen nothwendig mach^tL Sie, 
die Vernunft, ist allen Handlungen des Menschen in allen Zeitumständen 
gegenwärtig und einerlei, selbst aber ist sie nicht in der Zeit und geräth 
«twa in einen neuen Zustand, darin sie vorher nicht war; sie ist bestim- 
* mend aber nicht bestimmbar in Ansehung desselben. Daher kann 
man nicht fragen: warum hat sich nicht die Vernunft anders bestimmt? 
sondern nur: warum hat sie die Erscheinungen durch ihre Causalität 
nicht anders bestimmt? Darauf aber ist keine Antwort möglich. Denn 
ein anderer intelligibeler Charakter würde einen ander^i empirischen 
gegeben haben, und wenn wir sagen, dass unerachtet seines ganzen bis 
dahin geführten Lebenswandels der Thäter die Lüge doch hätte unter- 
lassen können, so bedeute dieses nur, dass sie unmittelbar unter der 
Macht der Vernunft stehe, und die Vernunft in ihrer Causalität keinen 
Bedingungen der Erscheinung und des Zeiflaufe unterworfen ist, der 
Unterschied der Zeit auch zwar einen Ha^ptunterschied der Erschei- 
nungen respective gegen einander, da diese aber keine Sachen, mithin 
auch nicht Ursachen an sich selbst sind, keinen Unterschied der Hand- 
lung in Beziehung auf die Vernunft machen könne. 

585 Wir können also mit der Beurtheilung freier Handlungen in An- 

sehimg ihrer Causalität nur bis an die intelligibele Ursache, aber nicht 
über dieselbe hinaus kommen; wir können erkennen, dass sie frei, 
d. i. von der Sinnlichkeit unabhängig bestimmt, und auf solche Art die 
sinnlich unbedingte Bedingung der Erscheinungen sein könne. Warum 
aber der intelligibele Charakter gerade diese Erscheinungen und diesen 
empirischen Charakter unter vorliegenden Umständen gebe, das Über- 
schreitet so weit alles Vermögen unserer Vernunft, es zu beantworten, 
ja alle Beftigniss derselben, nur zu fragen, ids ob man früge, woher der 
transscendentale Gegenstand unserer äusseren sinnlichen Anschauung 
gerade nur Anschauung im Räume und nicht irgend eine andere gebe. 
Allein die Aufgabe, die wir aufzulösen hatten, verbindet uns hierzu gar 



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IX. Abschnitt. Vom empir. Gebrauche des regul. Prfnc. u. f. w. 397 

nicht, denn sie war nur diese, ob Freiheit der Natumothwendigkeit m 
einer und derselben Handlung widerstreite; und dieses haben wir hin- 
reichend beantwortet, da wir zdgten, dass, da bei jener eine Beziehung^ 
auf eine ganz andere Art von Bedingungen möglich ist als bei dieser^ 
das Gesetz der letzteren die erstere nicht afficire, mithin beide von ein- 
ander unabhängig und durch einander ungestört stattfinden können. 



Man muss wol bemerken, dass wir hierdurch nicht die Wirklich- 
keit der Freiheit als eines der Vermögen, welche die Ursache von denssev 
Erscheinungen unserer Sinnenwelt enthalten, haben darthun wollen. 
Denn ausser dass dieses gar keine transscendentale Betrachtung, die 
bloss mit Begriffen zu thun hat, gewesen sein würde, so könnte es auch, 
nicht gelingen, indem wir aus der Erfahrung niemals auf etwas, was gar 
nicht nach Erfeihrimgsgesetzen gedacht werden muss, schliessen können. 
Femer haben wir auch gar nicht einmal die Möglichkeit der Freiheit 
beweisen wollen; denn dieses wäre auch nicht gelungen, weil wir über- 
haupt von keinem Eealgrunde und keiner Causalität aus blossen Begriffen- 
a priori die Möglichkdt erkennen können. Die Freiheit wird hier nur 
als transscendentale Idee behandelt, wodurch die Vernunft die Eeihe der 
Bedingungen in der Erscheinung durch das sinnlich Unbedingte schlecht^ 
hin anzuheben denkt, dabei sich aber in eine Antinomie mit ihren eigenen 
Gresetzen, welche sie dem empirischen Gebrauche des Verstandes vor- 
schreibt, verwickelt. Dass nun diese Antinomie auf einem blossen Scheine 
beruhe, und dass Natur der Causalität aus Freiheit wenigstens nicht 
widerstreite, das war das einzige, was wir leisten konnten, und woran 
es uns auch einzig und allein gelegen war. 

IT« Auflösung der kosmologlschen Idee 687: 

von der Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen 
ihrem Dasein nach überhaupt 

In der vorigen Nusomer betrachteten wir die Veränderungen der 
Sinnenwelt in ihrer dynamischöi Eeihe, da eine jede unter «[ner anderen 
als ihrer Ursaehe steht. Jetst di^it uns diese Eeihe der Zinstände nur 
zur Leitung, um txl einem Dasein zu gelangen, das die höchste Bedin- 
gung alles Veränderlichen sein könne, nämlich dem nothwendigen- 



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398 Elementarlehre. H. TheU. H. Abtheilung. H Buch. ü. HauptstCck. 

Wesen. Es ist Mer nicht um die unbedingte Causalität, sondern die 
unbedingte Existenz der Substanz selbst zu thun. Also ist die Reihe, 
welche wir vor uns haben, eigentlich nur die von BegnSen, und nicht 
Ton Anschauung^i, in so fern die eine die Bedingung dea: anderen ist. 
Man sieht aber leicht, dass, da alles in dem Inbegriffe der Erschei- 
nungen veränderlich, mithin im Dasein bedingt ist, es überall in der 
Eeihe des abhängigen Daseins kein unbedingtes Glied geben könne, 
dessen Existenz schlechthin nothwendig wäre, und dass abo, wenn Er- 
scheinungen Dinge an sich selbst wären, eben darum aber ihre Bedin- 
gung mit dem Bedingten jederzeit zu einer und derselben Reihe der 

,588 Anschauungen gehörte, ein nothwendiges Wesen als Bedingung des 
Daseins der Erscheinungen der Sinnenwelt niemals stattfinden könnte. 
Es hat aber der dynamische R^ressus dieses Eigenthümliche und 
Unterscheidende von dem mathematischen an sich, dass, da dieser es 
/eigentlich nur mit der Zusammensetzung der Theile zu einem. Ganzen 
oder der Zerfällung eines Ganzen in seine Theile zu thun hat, die Be- 
dingungen dieser Reihe immer als Theile derselben, mithin als gleich- 
artig, folglich als Erscheinungen, angesehen werden müssen, anstatt dass 
in jenem Regressus, da es nicht um die Möglichkeit eines unbedingteu 
Ganzen aus gegebenen Theilen oder eines unbedingten Theils zu einem 
gegebenen Ganzen, sondern um die Ableitung eines Zuetandes von seiner 
Ursache oder des zufalligen Daseins der Substanz selbst von der noth- 
wendigen zu thun ist, die Bedingung nicht eben nothwendig mit dem 
Bedingten eine empirische Reihe ausmachen dürfe. 

Also bleibt uns bei der vor uns liegenden scheinbaren Antinomie 
noch ein Ausweg offen, da nämlich alle beide einander widerstreitenden 
Sätze in verschiedener Beziehung zugleich wahr sein können, so dass alle 
Dinge der Sinnenwelt durchaus zufallig sind, mithin auch immer nur 
empirisch bedingte Existenz haben, gleichwol aber von der ganzen Reihe 
auch eine nichtempirische Bedingung, d i. ein unbedingt nothwendiges 
Wesen stattfinde. Denn dieses würde als intelli^bele Bedingung gar 
nicht zur Rdhe als ein Glied derselben (sdcbt dn»al ab das oberste 

j589 Glied) gehören, und auch k^ Glied d«r Reihe empiriscdi unbedingt 
machen, sofern' die ganze Sinnenwelt in ihrem durch alle Glieder 
gehenden empirisch bedingten Dasein lassen. Darm würde sich also 
diese Art, ein unbedingtes Dasein den Ersch^ung^i aum Grunde zu 



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ES. Abschnitt Vom empir. Gebrauche des regul. Princ. u. s. w. 399 

legen, von der empirisch unbedingten Causalität (der Freiheit) im vorigen 
Artikel unterscheiden, dass bei der Freiheit das Brng selbst als Ursache 
(subdaniia phamomemm) dennoch in die Eeihe der Bedingungen gehörte, 
tind nur sdne Causalität als intelligibel gedacht wurde, hier aber das 
iiothwendige Wesen ganz ausser der Rdhe der öinnenwelt (als ens exira- 
munianwn) und bloss inteüigibel gedacht werden mtisste, wodurch allein 
©s veriititet werden kann, dass es nieht selbst dem Gresetze der Zuf ällig- 
kdt und Abhängigkeit aller Erscheinungen unterworfen werde. 

Das regulative Princip der Vernunft ist also in Ansehung dieser 
unserer Au%abe, dass aJlee in der Sinnenwelt empirisch bedingte Exi- 
stenz habe, und dass es überall in ihr in Ansehung keiner Eigenschaft 
eine unbedingte Nothwendigkeit gebe, dass kein Glied der Reihe von 
Bedingungen sei, davon man nicht immer die empirische Bedingung in 
einer möglichen Erfahrung erwarten i^d, so weit man kann, suchen müsse, 
«md nichts uns berechtige, irgend ein Dasein von einer Bedingung ausser- 
halb der empirischen Rdhe absuläten, oder auch es als in der Reihe 
seihst ftir echlechterdings unabhängig imd selbständig zu halten, gleich- 
wol aber dadurch gar nicht in Abrede zu ziehen, dass nicht die ganze 590 
Reihe in ii^end einem intelligibelen Wesen (welches darum von aller 
empirischeii Bedingung firei ist, und vielmehr den Grund der Möglichkeit 
äll&c dieser Erscheinungen enthält) gegründet sein könne. 

Es ist aber hierbei gar nicht die Meinung, das unbedingt nothwen- 
dige Daseki duQs Wesens zu beweisen, oder auch nur die Möglichkeit 
einer bloss intelligibelen Bedingung der Existenz der Erscheinungen der 
fiinncnwelt hierauf zu .gründen, sondern nur ebenso, wie wir die Vernunft 
einschränken, daas sie nicht den Faden der empirischen Bedingungen ver- 
lasse, und sich in tranfrscenden.te und keiner Darstellung m concreto 
fähige Erklärungsgründe verlaufe, also sMck andererseits das Gesetz des 
Uoss empirifloh^i Verstandesgebrauchs dahin einzuschränken, dass es 
nicht über die Möglichkdt der Dinge überhaupt entscheide, und das 
Intelligibele, ob es gldch von uns zur Erklärung der Erscheinungen 
nicht zu gebrauchen ist, darum nicht für unmöglich erkläre. Es wird 
also daduirc^ nur gezagt, dass die durchgängige Zuftllligkeit aller Natur- 
dinge und ÄÜer ihrer (empirischen) Bedingungen ganz wol mit der will* 
ktirlichen Voraussetzung einer nothwendigen, ob zwar bloss intelligibelen 
Bedingung zuaammen bestehen könne, also kein wahrer Widerspruch 



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" 400 Elementarlehre. II. Theil. II. Abtheilung. 11. Buch. n. Hauptstück. 

zwiscnen diesen Behauptungen anzutreffen sei, mithin sie beiderseits 
wahr sein können. Es mag immer ein solches schlechthin nothwendiges 
Verstandeswesen an sich unmöglich sein, so kann dieses doch aus der 

691 allgemeinen Zufälligkeit und Abhängigkeit alles dessen, was zur Sinnen- 
welt gehört, imgleichen aus dem Princip, bei keinem einzigen Gliede der- 
selben, so fem es zufslUig ist, aufzuhören und sich auf eine Ursache ausser 
der Welt zu berufen, keineswegs geschlossen werden. Die Vernunft geht 
ihren Gang im empirischen, und ihren besonderen Gang im transscenden- 
talen Gebrauche. 

Die Sinnenwelt enthält nichts als Brschdnungeii, diese aber sind 
blosse Vorstellungen, die immer wiederum sinnlich bedingt sind; und da 
wir hier niemals Dinge an sich selbst zu unseren Gegenständen haben, 
so ist nicht zu verwundem, dass wir niemals berechtigt sind, von einem 
Gliede der empirischen Eeihe, welches es auch sei, einen Sprung ausser 
dem Zusammenhange der Sinnlichkeit zu thun, gleich als wenn es Dinge 
an sich selbst wären, die ausser ihrem transscendentalen Grunde exi- 
stirten, und die man verlassen könnte, um die Ursache ihres Daseins 
ausser ihnen zu suchen; welches bei zuMligen Dingen allerdings end- 
lich geschehen mtisste, aber nicht bei blossen Vorstellungen von 
Dingen, deren Zufälligkeit selbst nur Phänomen ist, und auf kein^i 
anderen Regressus als denjenigen, der die Phänomena bestinmit, d. L 
der empirisch ist, fuhren kann. Sich aber einen intelligibelen Grund 
der Erscheinungen d. i. der Sinnenwelt, imd denselben befreit von der 
Zufölligkeit der letzteren denken, ist weder dem uneingeschränkten em- 
pirischen Regressus in der Reihe der Erscheinungen, noch der durch- 

Ö92 gängigen Zufälligkeit derselben entgegen. Das ist aber auch das Ein- 
zige, was wir zu Hebung der scheinbaren Antinomie zu leisten hatten, 
und was sich nur auf diese Weise thun Hess. Denn, ist die jedesmalige 
Bedingung zu jedem Bedingten (dem Dasein nach) sinnlidi und eben 
darum zur Reihe gehörig, so ist sie selbst wiederum bedingt (wie die 
Antithesis der vierten Antinomie es ausweist). Es musste abo entweder 
ein Widerstreit mit der Vernunft, die das Unbedingte fordert, bleiben, 
oder dieses ausser der Reihe in das Intelligibele gesetzt werden, dessmi 
Nothwendigkeit keine empirische Bedingung erfordert noch verstattet, 
und also respective auf Erscheinungen unbedingt nothwendig ist 

Der empirische Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Bedin- 



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IX. Absehnitt Vom ompir. Qebrauch« des regal. Prino. n. & w. 401 

gmtg&OL des Pasema" in der äinoenwelt) wird durch die Einräumimg 
eines bloss intelligibelen Wesens nkbt al&drty sondern geikt nach dem 
Princip der durchgängigen ZnMligkeit von empirischen Bedingungen e« 
höheren, die immer ebenso wol empirisch sind Ebenso wenig^ sohliesst 
aber auch dieser regulative Grandsatz die Annelmmng eänerinteUigibelen 
Ursache, die nidit in der Edhe ist, aus, wenn es um den rein^i Gebrauch 
der Vernunft (in Ansehung d^ Zwecke) eu &un ist Denn da bedeutet 
jene nur den für uns bloss transsoendentalen und unbekannte Glrund 
der Mö^chkeit der sinnliehen Be^ überhaupt, dessen von ail^ii Bedin^ 
gungen der letzteren unabhängiges und m Ansehiu^.diieser unbedingt 
nothwendiges Dasein der unbegrenzten 2hiMligkeit der ersterea, undsss 
darum auch dem nirgend geendigton Begressus in der Beihe empiriseher 
Bedingungen gar nicht entgeg^i ist 

Schlussanmerkung zxlt ganzen Antinomie 
der reinen Vernunft. 

So lange wir nut unseren Vemunftbegrifien bloss die Totalität der 
Bedingungen in der Innenwelt, und was in Ansehung ihrer der Vernunft 
zu Diensten geschehen kann, zum Gregenstande haben, so sind unseve 
Ideen zwar transscendental, aber ^eh kosmologisch. Sobald wir aber 
das Unbedingte (um das es doch eigentlich zu thun ist) in dasjenigiß 
setzen, was ganz ausserhalb der Sinnenwelt, mithin ausser aller möglichen 
Erfahrung ist, so werden die Ideen transscendent; sie dienen nicht 
bloss zur Vollendung des empirischen Vernunftgebrauchs (der immer eine 
nie auszuführende, aber dennoch zu befolgende Idee bleibt), sondern sie 
trennen sich davon gänzlich, und machen mok selbst Gregenstande, deren 
Stoff nicht aus Erfahrung genommen, deren objective Realität auch nicht 
auf der Vollendung der empirischen Reihe, sondern auf reinen Begriffen 
a priori beruht. Dergleichen ü*änsscendente Ideen haben einen bloss 
intelligibelen Gregenstand, welches, als mx transscendentales Object, von 
dem man übrigens nichts weiss, zuzulassen allerdings erlaubt ist, wozu 
aber, um es als ein durch seine unterscheidenden und inneren Prädicate 
bestimmbares Ding zu denken, wir weder Gründe d«p Möglichkeit (als 594 
unabhängig von allen Erfahrungsb^riffen), noch die mindeste Rechtferti* 
gung, einen solchen Gegenstand anzunehmen, auf unsere Seite haben, 
und weldies doher ein blosses Gedankending ist. Gleichwol drängt uns 

Kaht^s Kritik der reinen Vernunft. 26 



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403 Elementailehre. IL TheiL IL Abtheilung. IL Buch. m. Hauptstüek. 

lUtter allen kosmologisolien Ideen diejenige, so die vi&de Antinomie ver- 
anlaastei diesen Sehritt zu wagen. Denn da& in nch selbs<7 gans* und gar 
nicht gegründete, sondern stets bedingte Dasein der Erscheinungen Bdrdert 
uns auf, uns nach etwas von allea ErseheinungeD üntevschiedenem, mit- 
hin einem intdligibelen Gegenstände umsnsehen, bei welchem diese Zu* 
fiüligkeit aufhöra Weil aber, wenn wir uns einmal die Eiiaubniss ge- 
nemmen haben, ausser dem Felde der gesammten Sinnlichkeit eine für 
sich best^ende Wirklichkeit anounehmeit^ Ersohdnimgen nur als zu&llige 
Vorstellungsajrten intelligibel^ Qegenttftnde^ tob aohdien Wesen, die selbst 
intdügenzes sind, anzusdien sind, ao bleibt una nickts Anderes* übrig ala 
die Analogie, nach der wir die Ih&dKrungebegrifBe nntaen, um «ms yoil 
inteltigibeien Dingen, von denen wv mt sich nicht die mindeste ELenntniss 
haben, doch irgend einigen Begriff zu machen. Weil wir das Zuzüge 
nicht anders als durch Erfahrung kennen lernen, hier aber von Dingen, 
die gar nicht Gegenstände der Erfahrung sein sollen, die Rede ist, so 
werden wir ihre Kenntniss aus dem, was an sich nothwendig ist, aus 
Beinen Begriffen v<m Dingen überhaupt ableiten müssen. Daher nöthigt 
) uns der erste Schritt, daa wir ausser der Sinnenwdt thnn^ unsere neuen 
Kenntnisse von der Untersuchung des sdbleohthin nothwendigmi Wesena 
anzufangen, und von den BegrifPen desselben die BegrifiPe von allen/ Dii^n, 
so fem sie bloss intetligibel sind, abzuleiten, und. diesen Yersueh wollen 
wir: in dem folgenden^ Hiauptstücke anstellen^ 



Dos ;&weiteu Buchs der transacandentalen Dialektik 
drittes Haaptstttek. 

Das Ideal der reinen Vernunft. 



Brster Absotinitt. 

Von dem Ideal überhaupt. 

Wir haben oben gesehen, dass durch r^e Yerstandesbegriffe 
ohne alle Bedingungen der SinnÜehkeit gar keine Gegenstände können 
vorgestellt werden, weil die Bedingungen d^ objectiven Realität ders^- 
ben fehlen und nichts i^s die blosse Form des Denkens in ihnen an- 



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I Absehnitt. Von dem Ideal ttfoerhaapt. 403 

getroffen wird. Gleickwol könn^ sie m eonofeto dargedtellt werden, 
wenn man sie auf Erschednimgen anwendet; debil an ibneii haben sie 
eigentBch d^ Stoff mm Erfahtungsbegriffe, dei' nicbta al« ei» V^-stan- 
desbegriff in concreto iöt. Ideen aber sind noeh wdter txÄi der objec- 
tiven BeaEt^ etit^mt al& Kategorien; denn es kann kehie Ersdieinnng 
gefunden werden, an d^ si^ sitih in e^ncr€t0 vorstellen fiessen. ^e ent- 
halten eine gewii^se Yolls^Hndigkeit, su welcher keine A^liicihe empirische 59ß 
Erkenntniss Anlangt, und die V^Winft hat dabei nur eine systemati»che 
Einheit im Sinne, welcher sie die emf^iriseh mögHche Einheit zu nähern 
sucht, ohne sie jemals völlig zu erreichen. 

Abw noch weiter äfe die Idee scheint dasjenige von der objeotiven 
Realität eütfemt zu sein, was ich das Ideal nenne, und worunter ich 
die Idee nicht bloss in concreto, sondern in indivitfuo, d. i. als ein ein- 
zelnes, dtirch die Idee allein bestimmbares oder gar bestimmtes Ding 
verstehe. 

Die Menschhdt fn ihrer ganzen Yollkommehheit enthält nicht allein 
die Erweiterung aller zu dieser Natur gehörigen wesentlichen Eigen- 
schaften, welche unseren Begriff von derselben ausmachen, bis zur voll- 
fftäncKgen Congruenz mit ihren Zwecken, welches unsere Idee der voll- 
kommenen Menschheit sein wtode, sondern auch alles, was ausser diesem 
Begriffe zu der durchgängigen Bestimmung der Idee gehört; denn von 
allen entgegengesetzten Prädicaten kann sich doch nur em dnziges zu 
der Idee des vollkommensten Menschen schicken. Was uns ein Ideal 
ist, war dem Plato dne Idee des göttlichen Verstandes, ein ein- 
zelner Gegenstand in der reinen Anschauung desselben, das Vollkommen- 
ste einer jeden Art möglicher Wesen und der Urgrund aller Neichbilder 
in der Erscheinimg. 

Ohne uns aber so weit zu versteigen, müssen wir gest^en, dasssor 
die menschliche Vernunft nicht all^ Ideen, sondern auch Ideale ent- 
halte, die zwar nicht wie die platonischen schöpferische, aber doch 
praktische Kraft (als regulative Principien) haben, und der Möglich- 
keit der Vollkommenheit gewisser Handlungen zum Orunde liegen. 
Moralische Begriffe sind nicht gänzlich reine Vemunftbegriffe, weil ihnen 
etwas Empirisches (Lust oder Unlust) zum Grunde liegt. Gleichwol 
können sie in Ansehung des Princips, wodurch die Vernunft der an 
sich gesetzlosen Freiheit Schranken setet (also wenn man bloss auf ihre 

26* 



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404 Elementarlehre. IL Theil. IL AbtheUvtng. U. Buch. IIL Hanptstück. 

Form Acllt hat), gar wol zum Beispiele reiner Vemmiftbegriffe dienen. 
Tugend und mit ihr menschliche Weisheit in ihrer ganzen Keinigkeit 
sind Ideen. Aber der Weise (des Stoikers) ist ein Ideal, d. i. ein Mensch, 
der bloss in Gedanken existirt, der aber mit der Idee der Weisheit völlig 
congruirt So wie die Idee die Eegel giebt, so dient das Ideal in solchem 
Falle zum Ur bilde der durchgängigen Bestimmung des Nachbildes, und 
wir haben kein anderes Biohtmass unserer Handlungen, als das Verhalten 
dieses göttUchen Menschen in uns, womit wir nns vergleichen, beurtheilen, 
und dadurch uns bessern, obgleich es niemals erreichen können. Diese 
Ideale, ob man ihnen gleich nicht objective Bealität (Existenz) zugestehen 
möchte, sind doch um deswillen nicht für Himgespinnste anzusehen, 
sondern geben ein unentbehrliches BlGhtmass der Vernunft ab, die des 

B Begriffs von dem, was in seiner Art ganz vollständig ist, bedarf, um 
danach den Grad und die Mängel des Unvollständigen zu schätzen und 
abzumessen. Das Ideal aber in einem Beispiele, d. i. in der Erscheinung 
realisiren wollen, wie etwa den Weisen in einem Eoman, ist imthunlich, 
und hat überdem etwas Widersinniges und wenig Erbauliches an sich, 
indem die natürlichen Schranken, welche der Vollständigkeit in der Idee 
continuirlich Abbruch thun, alle Illusion in solchem Versuche unmöglich, 
und dadurch das Gute, das in der Idee liegt, selbst verdächtig und einer 
blossen Erdichtung ähnlich machen. 

So ist es mit dem Ideale d^ Vernunft bewandt, welches jederzeit 
auf bestimmten B^riffen beruhen und zur Begel und ürbilde, es sei der 
Befolgung oder Beurtheilung, dienen muss. Ganz anders verhält es sich 
mit den Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber sidhi niemand erklären 
und einen verständlichen B^riff gßben kann, gleichsam Monogram- 
men, die nur einzelne, obzwar nach keiner angeblichen Eegel bestimmte 
Züge sind, welche mehr eine im Mittel verschiedener Erfahrungen gleich- 
sam schwebende Zeichnung als ein bestimmtes Bild ausmachen, derglei- 
chen Maler und Physiognomen in ihrem Kopfe au haben vorgeben, und 
die ein nicht mitzutheüendes Schattenbild ihrer Producte oder auch Be- 
urtheilungen sein sollen. Sie können, obzwar nur uneigentlich, Ideale 
der Sinnlichkeit genannt werden, weil sie das nicht erreichbare Muster 

) möglicher empirischei: Anschauungen sein sollen, imd gleichwol keine 
der Erklärung und Prüfung föhige Eegel abgeben. 

Die Absicht der Vernunft mit ihrßm Ideale ist dagegen die durch- 



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IL Abscbnitt Vom transscondentalen IdeaL 405 

gängige Besümmnng nach Kegeln a priori\ daher sie sich einen Gegen- 
stand denkt, der nach Prino^ien durchgängig bestimmbar sein soll, ob- 
gleich dazu die hinreichenden Bedingungen in der Erfieihrung mangeln, 
und der Begriff selbst also iransscendent ist. 

Des dritten Hauptstücks 

zweiter Absohnitt. • 

Von dem transscendentalen Ideal 
{prototypon transscendentale). 

Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen, ww in ihm selbst nicht 
enthalten ist, unbestimmt, und steht unter dem Grundsatze der Bestimm- 
barkeit, dass nur eines von jeden zwei einander contradiqtorisch ent- 
gegengesetzten Prädicaten ihm zukommen könne, welcher auf dem Satze 
des Widerspruchs beruht, und daher ein bloss logisches Prindp ist, das 
von allem Inhalte der Erii^enntniss abstraMrt und nichts als die logische 
Tonn derselben vor Augen hat. 

Ein jedes Bing aber^ seiner Möglichkeit nach, steht noch unter dem 
Grundsatze der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm 
von allen möglichen Prädicaiten der Dinge, ßo fem sie mit ihren 
Gegentheilen verglichen «werden, eins zukommen muss. Dieser beruht eco 
nicht bloss a^f dem Satite des Widerspruchs*, deim er betrachtet auss^ 
dem Verhältniss zweier einander widerstreitenden Prädicate jedes Ding 
noch im Verhältniss auf die gesammte Möglichkeit ab den Inbegriff 
aller Prädicate der Di^ge überhaupt, und indem er solche als Bedingung 
a priori voraussetzt, so stellt er ein jedes Ding so vor, wie es von dem 
Antheil^ den es an jener gesammten Möglichkeit hat, seine eigene Mög- 
lichkeit ableite** Das Principium der durchgängigen Bestimmung betrifft 



* Es wird also durch diesen Grundsatz jeded Ding auf ein gemeinschaftliches 
tk>]telataiii, nämfich die gesMntttte HSgMeMLdl bezogen, w^he, wenn tle <d. i der 
Stoff zu allen möglichen Prftdicaten) in der Idee emi elnsigeii Dingei aqgetooffen 
würd^, eine Affinitlit alles M^gUcben dnreh die Identität des Grundes d^ durch- 
gilngigen Bestimmung desselben beweisen würde. Die Bestimmbarkeit eines jeden 
Begriffs ist der Allgemeinheit (unwersaläcu) des Grundsatzes der Ausschliessung 
eines Mittleren zwischen zwei entgegengesetzten Piüdicaten, die Bestimmung aber 
eines Dinges der AHh^H (iMMer$ita») oder dem Inbegriffe aller mögU<aien FrSdi- 
«ate untergeordnet. 



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406 Elementarlehre. II. Theil. II. Abtiieilimg. H. Baeh. JB.. Hauptstück. 

also den Jnkak mid nicht Mobs die logificfae Form» Es ist der Grund- 
satz ä.er Synthesis aller Pi^idieate, die den voliständigen Begriff von einem 
Dinge machen sollen, und nicht bloss der a&alytisoheQ Yoistellung durcb 
eins zweier entgegengesetzten Prädicate, nnd enthält emt transseenden- 
eoitale Voraussetzung, nämlich die der Materie zu aller Möglichkeit, 
welche a priori die data zur besonderen Möglichkeit jedes Dinges ent- 
halten soll. 

Der Satz: alles Existirende ist durchgängig bestimmt, be- 
deutet nicht allein, dass von jedem Paare einander entgegengesetzter ge- 
gebener, sondern auch von allen möglichen Prädicaten ihm immer eins 
zukomme; es werden durch diesen Satz nicht bloss Prädicate unter ein- 
ander logisch, sondern das Ding selbst mit dem Inbegriffe aller möglichen 
Prädicate transscendental verglichen. Er will so viel sagen als: um ein 
Ding vollständig zu erkennen, muss man alles Mögliche erkennen, xmd 
es dadurch, es sei bejahend oder verneinend, bestimmen. Die durch- 
gängige Bestimmung ist folglich ein Begriff, den wir niemals m concreto 
seiner Totalität nach darstellen können, und gründet sich also auf eine 
Idee, welche ledi^ch in der Vernunft ihren Sitz hat, die dem Verstände 
die Eegel seines vollständigen Gebrauchs vorschreibt. 

Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller Möglichkeit, 
so fem er als Bedingung der durchgängigen«» Bestimmung eines jeden 
Dinges zmn Grunde Hegt, in Ansehung der Prädicate, die denselben aus- 
machen mögen, selbst noch unbestimmt ist, nnd wir dadurch nichts weiter 
als einen Inbegriff aller möglichen Prädicate überhaupt denken, so finden 
wir doch bei näherer Untersuchung, dass diese Idee als Urbegriff eine 
Menge von Prädicaten auastosse, die als abgeleitet durch andere schon 
608 gegeben sind oder neben einander nicht stehen können, und dass sie sich 
bis zu einem durchgängig a priori besöiümten Begriffe läutere, und da- 
durch der Begriff von einem einzelnen Gegenstande werde, der durch die 
blosse Idee durchgängig heatimiBt ist, mithin ein Ideal der reinen Veiv 
nunft genannt ymtAim mnss. 

Wenn wir alle möglichen Prädicate nicht bloss logisch, sondern trans- 
scendental, d. i. nach ihrem Inhalte, der ian ihnen a priori gedacht werden 
kann, erwägen, so finden wir, dass durch einige derselben ein Sein, durch 
andere ein blosses Nichtsein vorgestellt wird. Die logische Verneinung, 
die lediglich durch das Wörtchen „nicht" angezeigt wird, häi^ eigent- 



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XL AlMolmitt Vom transsc^dentalen Ideal 407 

lieh wkmak 'elnam Begriffe, sosdem nur dem Verhältaiase demselben zu 
einem anderen im ürtheile an, und kann also dazu bei weitem nicht 
hinreicheBid mn^ eatien Begriff in Ansehung seines Inhalts zu bezi^hnen. 
Der Auadmek „niohtsterblich" kann gor nicht zu ed^ennan geben^ dasß 
dadiuroli ein bloeses Nichte^ am (Gegenstände vorgestelU werde, sondern 
läset aJH^ Inhalt unhmrtihrt. Eine transscendentale Yemeinuog bedeutet 
dagegen das Niehts^ au sieh sdbst, dem die tcansscendentale Bejahung 
entgegengesetzt wird, welche ein Etwüs isit;, dess^i Begriff an sich selbst 
schon em Sdn ausdrückt, und daher iReaUtät (Sachheit) genannt wird, 
weil durch £06^ allein, und so w«it sie reicht, Gegenstände Etwas (Dii^e). 
sind, die entgegenstehende Negation hingegen ein^ blossen Maogd be* eos 
deutet, und, wo diese aUein gedacht wird, die Aufhebung alles Dinges 
vorgastellt wird. 

Nun kann sich niemand eine Yenzeinung besthnmt denken, ohne 
dass ßt die entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe. Der 
Blindgebome kann sich nicht die mindeste Yorstellung von Pinstemiss 
machen, weü er keine vom lichte hat, der Wilde nicht von der Armuth, 
weil er den Wolstand nicht kennt.* Der Unwissende hat keinen Begriff 
von seinem Unwissenheit, weil er keinen von der Wissenschaft hat, u. s. w. 
Es sind also auch alle Begriffe der Negationen abgeleitet, »nd die Rea- 
litäteu enthalten die datß und so zu sagen die HAterie oder den trans- 
scendentalen Inhalt zu der Möglichkeit und durchgängigen Bestimmung 
«Uer Dioge. 

Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Yemunft ein 
transscendentales Substratum zum Grunde gelegt wird, welches gleichsam 
den gan^ Yorrath des Stoffes, daher alle mögliehen Prädicate der Dinge 
gi^onuuen werdetn können., enthält, so ist dieses Substratum nichts An- 
d^es als die Idee von einem All der Bealität (pmnäudo realihtts). Alle eoi 
wahren Yemeinungen sind ;^denn nichts als Schranken, welches sie 



* Die Beobachtungen waA B«reclmmigen der Sternkundigen haben uns viel Be- 
wundernswürdiges gelehrt, aber das Wichtigste ist wol, dass sie uns den Abgrund 
der Unwissenheit aufgedeckt haben, den die menschliche Vernunft ohne diese 
Kenntnisse !dch niemals so gross hfitte vorstellen können, und worfibar das Nach» 
denken eine grosse Veränderung in der Bestunmong der EndabsiiditQn mumes Ve|i^ 
nm^gebraiißhs heirvorbzingen mufts. 



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408 Elementarlehre. IL Theil. H. Abtbeiliing. IL Btiofa. IH HauptstUck. 

nicht genannt werden könnten, wenn nicht das XJnbesdirXxikte (das All) 
zmn Grunde läge. 

Es Ist aber auöh durch diesen AUbesits der Realität der Begriff 
eines Dinges an sich selbst als durchgängig bestimmt voi^estellt, und 
der Begriff dnes entü rea^stmt ist der Begriff eines einzelnen Wesens, 
weil von allen möglichen entgegengesetzten Prädicaten eins, näniHch das, 
was zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung angetroffen wird. 
Also ist es ein transscendentales Ideal, welches der durchgängigen Be- 
stimmung, die nothwendig bei allem, was eidstirt, angetroffen wird, zum 
Grunde Hegt, und die oberste und vollständige mateiiale Bedingung seiner 
Möglichkeit ausmacht, auf welche alles Denken der Gegenstände über- 
haupt ihrem Inhalte nach zurückgeführt werden mnss. Es ist aber auch 
das einzige eigentliche Ideal, dessen die menschliche Vwnunft fähig ist; 
weil nur in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von 
einem Dinge durch sich selbst durchgängig bestimmt und ak die Vor- 
stellung von einem Individuum erkannt wird. - •• • 

Die logische Bestimmung eines Begriffig durch die Vernunft beruht 
auf einem disjunctiven Vemunftschlusse, in welchem der Obersatz eine 
logische Eintheilung (die Theflung der Sphäre eines allgemeinen Begriflfe) 
«05 enthält, der Untersatz diese Sphäre bis auf einen Theil dnsehränkt, und 
der Schlusssatz den Begriff durch diesen bestimmt. Der allgemeine Be- 
griff einer Realität überhaupt kann a prion nicht eingethdlt werden, 
weil man ohne Erfahrung keine bestimmten Arten von Realität kennt, die 
unter jener Gtittung enthalten wären. Also ist der transscendentale Ober- 
öatz der durchgängigen Bestimmung aller Dinge nichts Anderes als die 
Vorstellung des Inbegriffs aller Realität, nicht bloss ein Begriff* der alle 
Prädicate ihrem transscendentalen Inhalte nadi unter sich, sondern der 
sie in sich begreift; und die durchgängige Bestimmung eines jeden 
Dinges beruht auf der Einschränkung dieses Alls der Realität, indem 
einiges derselben dem Dinge beigelegt, das übrige aber ausgeschlossen 
wird, welches mit dem Entweder und Oder des disjuncdven Obersatzes, 
und der Bestimmung des Gegenstandes durch eins der Glieder dieser 
Theilung im Untersatze übereinkommt. Demnach ist der Gebrauch 
der Vemunift^ durch den sie das transscendentale Ideal zum Grunde 
ihrer Bestimmung aUer möglidien Dinge legt, d^i\|enigen analog, nach 
welchem sie in disjunctiven Vemunftschlüssen verfilhrt; welches der Satz 



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n. Abscbiütt. Tom tnuisscendentalen Ideal. 409 

war, den ich oben zum Grunde der systematisclien Eintbeilang aller 
transscendentalen Ideen legte, nach welchem sie den drei Arten von 
VemunftscWüssen parallel nnd correspondirend erzeugt werden. 

Es versteht sich von sdbst, dass die Vernunft zu dieser ihrer Ab- 
sicht, nämBeh sidi lediglich die nothwendige durchgängige Bestimmung 
der Dinge vorzustellen, nicht di^ Existenz dnes solchen Wesens, daseoc 
dem Ideale gemäss ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um 
von einer unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung. die be- 
•dingte, d. i. die des Eingeschränkten abzuleiten. Das Ideal ist ihr also 
das Urbild (prototi/pon) aller Dinge, welche insgesammt als mangelhafte 
Copien {ectypa) den StofiF zu ihrer Möglichkeit daher nehmen, und, in- 
dem sie demsdben mehr oder weniger nahe kommen, dennoch jederzeit 
imendlich weit daran fehlen es zu erreichen. 

So wird denn alle Möglichfcdt der Dinge (der Syndiesis des Mannig- 
fisdtigen ihrem Inhalte nach) als abgeleitet, und nur allein die desjenigen, 
was alle BeaHtät in sich schliesst, als ursprünglich angesehen. Denn alle 
Verneinungen (welche doch die einzigen * Prädicate sind, wodurch sich 
alles andere vom realsten Wesen unterscheiden lässt) sind blosse Ein- 
schränkungen einer grösseren und endlich der höchsten Kealität, mithin 
setzen sie diese voraus und sind dem Inhalte nach von ihr bloss abgelei- 
tet. Alle Mannigfaltigkeit der Dinge ist nur eine ebenso vielfältige Art, 
den Begriff der höchsten EeaUtät, der ihr gemelnschafiöiches Substratum 
ist, einzuschränken, so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den 
unendlichen Eaum einzuschränken, mÖgHch sind. Daher wird der bloss 
in der Vernunft befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen 
{ens originarium)^ so fem es keins tiber sich hat, das höchste Wesen 
{ens 8ummum\ und so fei^i alles als bedingt unter ihm steht, das Wesen 
aller Wesen {ms mtium) genannt. Alles dieses aber bedeutet nicht eo? 
das bbjective Verhältniss ehies wiiklichen Gegenstandes zu anderen 
Dingen, sondern der Idee zu Begriffen, und lässt uns wegen d^ 
Existenz eines Wesens von so ausnehmendem Vorzuge in völliger Un- 
wissenheit. 

WeÜ man auch nicht sagen kann, dass ein Urwesen aus vielen ab- 
geleiteten Wesen bestehe, indem ehi jedes derselben jenes voraussetzt, 
mithin es nicht ausmachen kann, so wird das Ideal des Urwesens auch 
als einfach gedacht werden niftissen.. 



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410 Elementarlehre. IL TheiL H AbtheOwD«. IL Bueb. Ul Hanptstack. 

Die Abldtung aller ftadiH<6]i Möglichkeit von diesem Urwesoa wird 
daher, geuau zu redea^ aw)h nicht als eine Einschränkung seiner 
höchsten Realität und gleichsam als eine Tbeüung derselben angesehen 
werd^i können; denn alsdann würde das Urwesen als ein blosses Aggre- 
gat von abgeleiteten Wesen angesehen werden, welches nach dem Vongen 
unmöglich ist, ob wir es gleich antogüch im ersten rohen Schattenrisse 
so vorstellten. Vielmehr würde der Möglichkeit aller Dinge die höchste 
Eealität als ein Grund und nicht als Inbegriff Kum Grunde liegen^ 
und die Mannigfaltigkeit der ersteren nicht auf der Einschränkung des 
Urwesens selbst, sondern seiner vollständigen Folge beruhen, eu welcher 
denn auch unsere ganze Sinnlichkeit sammt aller Realität in der Erschei- 
nung gehören würde, die zu der Idee des höchsten Wesens als ein In- 
grediens nicht gehören kann. 

608 Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasiren, so 
femer nachgehen, so werden wir das Urwesen durch den blossen Begriff 
der höchsten Eealität als ein einiges, ein&dies, aUgenugsames, ewiges 
u. s. w., mit einem Worte, es in seiner unbedingten VoUständJigkeit durch 
alle Prädicamente bestimmen können. Der Begriff dnes solchen Wesens 
ist der von Gott, in transscendentalem Verstände gedacht; und so ist 
das Ideal der reinen Vernunft der Gegenstand einer transacendentalen 
Theologie, so wie ich es auch oben angeführt habe. 

Indessen würde dieser Gebrauch der transscendentalen Idee doch 
schon die Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten. 
Denn die Vernunft legte sie nur als den Begriff von aller Eealität der 
durchgängigen Bestimmung der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu 
verlangen, dass alle diese Bealität objectiv gegeben sei und selbst ein 
Ding ausmache. Dieses letztere ist eane blosse Erdichtung, durch welche 
wir das Mannig&ltige unserer Idee in einem Ideale als einem besonderen 
Wesen zusammenfassen und realisiren, wozu wir keine Beftigniss haben, 
sogar nicht eiomal, die Möglichkeit einer solchen Hypothese geradezu 
anzunehmen, wie denn auch alle Folgerungen, die aus einem solchen 
Ideale abfliessen, die durchgängige Bestimmung der Dinge überhaupt^ 
als zu deren Behuf die Idee allein nöthig war, nichts angeh^i und da- 
rauf nicht den mindeste Einfluss haben. 

609 Es ist nicht genug, das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dia- 
lektik zu beschreiben, man muss auch die Quellen derselben zu entdecken 



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IL Abflchniti Vom tsraasscendentaleii Ideal. 411 

sndbAOi, um dtoMsi Soheia «elbst wie eän Pk&iMiKien des YerstaEides er- 
klUr^ zu k^Kmen; denn im Ideal, itoyichi wir reden, ist auf eine ^tiatür- 
liehe «od sieht bloss wollküilidie Idee giogrthidei Daher finge ich: 
W3B kemiat die Ytt^ncift dasu, alle Möglurhkeifc d^ Dänge als abgeleitet 
von aner tboai^^m, die wun Gtninde liegt, näml&eh der der höchsten 
Bealkifafc anvusiehen, ^md diese sedann als in einem besonderen Urwesen 
^thalte» y<»*a«8«use4is»n? 

Die Antwort bietet eich aoe den Verhandltmgen der transseenden- 
talen Analytik von selbst dar. Die ICögliehkeit der QiegeiLBtände ä&t 
Sinne ist ein YerhlQtniss derselben zu unserem Denken, worin etwa» 
• (nämlich die empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige 
aber, was die Materie ausmacht, die Eealität in der Erscheinung (waa 
der Empfindung entspricht) gegeben sein muss, ohne welches es auch 
gar nicht gedacht xind mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden 
könnte. Nun kann ein Gegenstand der Sinne nwr durchgängig bestimmt 
werden, wenn er mit allen Prädicaten der Erscheinung verglichen und 
durch dieselben bejahend oder verneinend vorgestellt wird. Weil aber 
darin dasjenige, was das Ding selbst (in der Erscheinung) ausmacht, 
nämlich das Reale gegeben sein muss, ohne welches es auch gar nicht 
gedacht werden könnte, dasjenige aber, worin das Reale alley Erschei-6i<^ 
nungen gegeben ist, die einige allbefassende Erfahrimg ist: so muss die 
Materie zur Möglichkeit aller Gegenstände der Sinne als in einem In- 
begriffe gegeben vorausgesetzt werden, auf dessen Einschränkung allein 
alle Möglichkeit empirischer Gegenstände, ihr Unterschied von einander 
und ihre durchgängige Bestimmung beruhen kann. Nun können uns in 
der That keine anderen Gegenstände als die der Sinne, und nirgend als 
in dem Context einer mögßcheu Erfahrung gegeben werden, folglich ist 
nichts für uns ein Gegenstand, wenn es nicht den Inbegriff aller empi- 
rischen Realität als Bedingung seiner Möglichkeit voraussetzt. Nach 
einer na^türlichen Dlusion sehen wir nun das flir einen Grundsatz an, 
der von elkai Dingen iiberhaapt jgdten müsse, weleher eigentlich nur 
von denen j^t, die als 'ö«genstäöÄe unserer Sinne g^eben werden. 
Folglich werden wir das empirische Princip unserer Begriffe der Mög- 
lichkeit der Dinge als Erscheinungen durch Weglassung dieser Ein- 
schränkung fiic ein transscendentales Princip der Möglichkeit der Dii^e 
überhaupt halten. 



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412 Elementarlehre. IL TheiL IL Ab^eUang. IL Bttch. IM. Haaptstftek. 

Dass wir aber liemach diese Idee vom Inbegriffo aller EeaJüät 
liTpostasiren, kommt daher, weil wir die distributive Mnkeit des Er- 
iahrung^ebraoeks des Verstandes in die collective Ehüieit ^es Er- 
&hrting8gaiizea diaLektisok verwandeln, tu^ an dksem Oans^ d^ Er- 
«eheinnng uns ein einzelnes Ding denl^n, was alle aftprische Realität 
611 in sich enüiält, welches dann vermittelst der schon gedachte transscen- 
dentalen Subreption mit dem Begriffe eines Dinges verwechselt wird, 
was an der Spitze der Mögliol&eit aller Dinge steht, tu der^ durch- 
gängiger Beetmmmng es die realen Bedingungen beigebt.* 

Des dritten Hauptstücks 
dritter Abschnitt. 

Von den Beweisgründen der speculativen Vernunft, auf das Dasein 
eines höchsten Wesens zu scliliessen. 

Ungeachtet dieses dringenden Bedürfiusses der Vernunft, etwas 
vorauszusetzen, was dem Verstände zu der durchgängigen Bestimmung 
seiner Begriffe vollständig zum Grunde Hegen könne, so bemerkt sie 
doch das Idealische und bloss Gedichtete einer solchen Voraussetzung 
viel zu leicht, als dass sie dadurch allein überredet werden sollte, ein 
«12 blosses Selbstgeschöpf ihres Denkens sofort für ein wirkliches Wesen 
anzunehmen, wenn sie nicht wodurch anders gedrungen würde, irgendwo 
ihren Euhestand in dem Begressus vom Bedingten, das gegeben ist, zum 
Unbedingten zu suchen, das zwar an sich und seinem blossen Begriff 
nach nicht als wirklich gegeben ist, welches aber allein die Beihe der 
zu ihren Gründen hinausgeführten Bedingungen vollenden kann. Dieses 
ist nun de^r natürliche Gang, den jede menschliche Vernunft, selbst die 



* Dieses Ideal des aUerreaktea Wesens ^drd also, ob es zwar dne blosse Vor- 
«t^ung ist, zuelrst'reaiislrt, d. 1 ztim Object gemacht, daratif 'hypostasltt, end- 
Uch dxach. eiben natirlichen Sovischiitl; 4er Yiimtuifti ■ z«r VoUendviig d«r Einheit 
40gar personifiolri, wi» w^ bi^ aoföbrfoi. wetfßipni rTreil. die.rngulative Einheit 
der Erfahrung nicht auf den ErschQinopgen selbst (der Sinnlichkeit allein), sondern 
auf der Verknüpfung ihres Mannigfaltigen durch den Verstand (in einer Apper- 
ception) beruht, mithin die Einheit der höchsten Realitfit und die durchgängige Be- 
i^timmbarkeit (Möglichkeit) aUer Dinge in einem höchsten Terstande, n^ln In einer 
Intelligenz zu liegen scheint. 



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m. Abschintt. Von d. Beweiien d. Daseins eines höchsten Wesens. 41S 

gemeinste nimmt, obgleich nicht eine jede in demselben anshält. Sie 
fängt nicht von Begriffen, sondern von der gemeinen Erfahrung an, und 
1^ also etwas Exisörendes zum Grunde. Dies^ Boden aber sinkt, 
wenn er nicht auf dem imbeweglichto Felsen des absolut Nothwendigen 
ruht. Dieiser selber aber schwebt ohne Stätze, wenn noch ausser und 
unter ihm leerer Eaum ist, und er nicht selbst alles erföllt und dadurch 
keinen Platz zum Warum mehr übrig lässt, d. i. der Bealität nach un- 
endlich ist. 

Wenn etwas, was es auch sei, existirt, so muss auch eingeräumt 
werden, dass irgend etwas nothwendigerweise existbe. Denn das 
ZufälHge «dstirt nur unter der Bedingung eines anderen als seiner Ur^ 
sachCy und von dieser gilt dwr Schloss fernerhin bis zu einer Ursache, 
die nicht zuMlig und eb^ darum ohne Bedingung nothwendigerweise 
da ist. Das ist das Argument, worauf die Vernunft ihren Fort&chritt 
zum Urwesen gründet. 

Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um, eis: 
das sich^u einem solchen Vorzuge der Existenz, als die unbedingte Noth- 
wendigkeit, schicke, nicht sowol, um alsdann von dem Begriffe desselben 
a priori auf sein Dasein zu schliess^ (detin getraute sie sieh dieses, so 
dürfte sie überhaupt nur unter blossen Begriffen forschen, und hätte nicht 
nöthig, ein gegebenes Dasein ztmi Grunde zu legen), sondern nur, um 
unter allen Begriffen möglicher Dinge denjenigen zu finden, der nichts 
der absoluten Notibwendigkeit Widerstmtendes in sich hat. Denn das» 
doch irgend etwas schlechthin nothwendig exisdren müsse, hält sie nach 
dem ersteren Schlüsse schon ftbr ausgemacht Wenn sie nun alles weg- 
schaffen kann, wa& sich mit dieser Nothwendigkeit nicht verträgt, ausser 
einem, so ist dieses das schlechthin nothwendige Wesen, man mag nun- 
die Nothwendigkcät desselben bereifen, d. i. aus seinem Begriffe allein 
ableit^i können oder idcht 

Nun sdidnt dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum 
in sich enthält, das in kemem ^ücke und in keiner Al)Bicht defect ist, 
welches allerwärts als Bedingung hinreicht, eben darum das zur absolu-- 
ten Nothwendigkeit schiddiche Wesen zu s^, weil es bei dem Selbst- 
besitz aller Bedingungen zu allem Möglichen selbst keiner Bedingung^ 
bedarf, ja dersdben -nidit einmal ftlhig ist, folglich wenigstens in einem 
Stücke d^n Begriffe der unbedingten Nothwendigkeit ein Genüge ikmt^ 



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414 Elementarlekre. . IL Theil. n. Abtheilung. IL Buch. m. Hauptstfick. 

<i4 darin es kein anderer BegHff ihm gleichthun kann^ der, weil er mangel- 
haft und der ihrgftnzung bedürftig ist, kein solches Merkmal der Unab- 
hängigkeit Yon allen fernerer Bedingungen an sich säBigt. Es 10t wahr, 
dass hieraus noch nicht sicher gefolgert werden könne, dass, was nicht 
die höchste und in aller Absieht voUstlbädige Bedingung in sieh enthält, 
darum selbst seiner Existenz nach bedingt sein müsse; aber es hat denn 
doch das einzige Merkzeichen des unbedingten Dsaiemß nicht an sich, 
dessen die Vernunft mächtig ist, um durch einen Begriff a priori irgend 
ein Wesen als unbedingt zu erkennen. 

Der Begriff eines Wesens von der höchsten Kealität w&rde sich also 
unter allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe eines unbedingt 
nothwendigen Wesens am besten schic^^ä, und, weiln er diesem auch 
nicht YöUig genugthut, so haben wir doch keine Wahl, sondern sehen 
uns genöthigt uns an ihn zu halten, weil wir die Existenz ehies noth- 
wendigen Wesens nicht in den Wind schlagen dürfen, geben wir sie aber 
zu, doch in dem ganzen Felde der Möglichkeit nichts finden können, was 
auf einai solchen Vorzug im Dasein einen gegründetem Ansprudi machen 
könnte. 

So ist also der natürliche Gang der menschlichen Vernunft beschaf- 
fen. Zuerst überzeugt sie sich vom Dasein irgend eines nothwendigen 
Wesens. In diesem erkennt sie eine unbedingte Exastena. Nun sucht 

•«15 sie den Begriff des Unabhängigen von aller Bedingung, und findet ihn 
in dem, was selbst die zurdchende Bedingung *zu allem anderen ist, d. i. 
in demjen^n, was alle Bealität enthält Das All aber ohne Schranken 
ist absolute Einheit, und führt d^i Begriff eines einigen, nämlich des 
höchsten Wesens bei sich; und so schliesst sie, dass das höchste Wesen 
als Urgrund aller Dinge schlechthin nothwendiger Weise da s^ 

Diesem Begriffe kann eine ge^wiase Gründlichkeit nicht bestritten 
werden, wenn von EntSchliessungen die Rede ist) nämHoh w^m ein- 
mal das Dasein irgend eines nothwendigtti Wessis zugegeben wird, und 
man darin übereinkommt, dass man seine Partei ergreifen müsse, worin 
man dasselbe setzen wolle; d^on idsdann kann man nicht scfaic^cher 
w^ählen, oder man hat vielmehr keine Wahl, sondern ist genöthigt, der 
absoluten Einheit d^ vollständigen Bealität als dem Urqudle der Mögw 
lichkeit seine Stimme zu gdben. Wenn ims aber nichts treibt, uns zu 
«ntschliessen, und wir lieber diese ganze Sache dahin gest^t sein Hessen, 



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HL Abtebnitt; Von d. Beweisen d. Daseins eines höchsten Wesens. 415 

bis wir dxitch düi yefle Giewicht der B^weisgrfüide zum Beifalle gezwungm 
würden, d^ ir w«tt» e» bloss nm Beurtheilung zu tbuu ist, wie viel wir 
Tom dieser Aukube wiss^ und was wir ubs nur zu wissen schmeicbeln, 
diuin erscbeit^ obigcor Sdilass bei. weitem niobt in so yortbeilballtier Gre- 
staLt, und bedarf Ghinail, um danMangel sesner Reebtsansprücbe zu ersetzen. 

D^im, wenn wir alles so gut sdn lassen, wie es biar vor uns liegt, 
dass nämliob erstilekvonirgaud dnev gegebenen Existenz (allenfalls aucb eie 
bloss meiner eigenen) ein ricbtiger Scbluss auf die Existenz emes unbe- 
dingt notbwendigen Weisena stattfinde-, zweitens dass icb ein Wesen, 
welcbes idle BeaUtät,, mitbin auch alle Bedingung enthält^ aüa scblecbtbin 
unbedingt asweb^^ s^sse, folfilicb der Begriff des Dinges, welches sich 
snx absDluten N^oibwendigkeit schickt, bierdfcrcb gefunden sei: so kann 
daraus doch* gax> nicht geschlossen werden, dass der Begriff dnes einge- 
schränkten Wesens^ das nicht die höchste Bealität bat^ darum der abso- 
luten ütothwendi^&ext widerspreche. Denn, ob ich gleich in seinem Be- 
griffe nicht das Unbedingte antreffe, was das All der Bedingungen schon 
bei sich lUhrt, so kaion daraus dodb gar' nicht gefolgert werden, dass sdn 
Dasein eben darum bedingt sein müsse-, so wie ich in einem hypothe- 
iäschen Vemunftscblusse nicht sagen kann: wo eine gewisse Bedingung 
(nämlich hier der Vollständigkeit nach Begriffen) nicht ist, da ist auch 
das Bedingte nicht« Es wird uns viebnehr unb^ommm bleiben, alle 
übrigen eingeschränkten Wesen ebenso wol für unbedingt nothwendig 
gdten zu lassen, ob wir gldch ihre Nothwendigkeit aus dem allgemeinen 
Begriffe, den wir von ihnen haben, nicht scbüesse