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Full text of "Kulturgeschichte Schwedens von den ältesten Zeiten bis zum elften Jahrhundert nach Christus"

x 



® OSCAR MONTELIUS © 

KULTURGESCHICHTE 

SCHWEDENS 




E. A.SEEMANN LEIPZIG 



VERLAG VON E. A. SEEMANN IN LEIPZIG 



JACOB BURCKHARDT, DIE KULTUR DER RE- 
NAISSANCE IN ITALIEN 

Neunte Auflage, besorgt von LUDWIG GEIGER. Zwei Bände, 
geh. 10.50 M., in Leinen geb. 12.50 M., in Halbfranz 14.50 M. 

Dieses klassische Werk ist eines der wenigen literarischen Kunstwerke, die sich 
durch Jahrzehnte in unveränderter Frische erhalten haben. Der Verfasser bietet in 
gedrängtester Form die Ergebnisse jahrzehntelanger Studien. Es ist eine in Auf- 
fassung, Gruppierung und stilistischer Durchführung gleich meisterhafte Leistung. 

DIE ZEIT KONSTANTINS DES GROSSEN 

Dritte, vom Verfasser selbst besorgte Auflage. Geheftet 6 Mark, 
gebunden 8 Mark. 

Diesem Werke eignen dieselben literarischen und wissenschaftlichen Qualitäten 
wie dem vorgenannten. Größtmögliche Kenntnis der Quellen und meisterhafte 
Verwertung, d. h. höchste plastische Bestimmtheit der Darstellung zeichnen die 
Arbeit des Verfassers aus. 

DER CICERONE 

Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens 

Neunte, vermehrte und verbesserte Auflage, unter Mitwirkung von 
C. von FABRICZY und anderer Fachgenossen bearbeitet von 
WILHELM BODE. In vier Bände gebunden 16.50 Mark. 

Burckhardts Cicerone ist seit fünfzig Jahren ein unentbehrlicher Ratgeber und 
Führer auf dem von Kunstwerken reich übersäten Boden Italiens für alle, die 
ein tieferes Interesse für klassische und Renaissancekunst haben, gewesen. Die in 
den letzten Jahren rasch aufeinanderfolgenden Auflagen haben fortwährend Be- 
reicherungen und Berichtigungen erfahren. Zur Empfehlung des weltbekannten 
Werkes etwas zu sagen, ist heute nicht mehr nötig- 



OSCAR MONTELIUS 



KULTURGESCHICHTE SCHWEDENS 



KULTURGESCHICHTE 

SCHWEDENS 



VON DEN ALTESTEN ZEITEN 
HIS ZUM ELFTEN JAHRHUNDERT NACH CHRISTUS 



VON 



OSCAR MONTELIUS 



MIT 540 ABBILDUNG KX 




LEIPZIG 

VERLAG V< »\ E. \. SEEMANN 

[1 |i 



LEIPZIG 

Druck von Ernst Hcdrich Nachf., G.m.b.H. 



INHALT 

Seite 

Einleitung i 

Die Steinzeit (bis zum Anfang des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt) 5 

I. Die ältere Steinzeit (bis zum fünften Jahrtausend vor Christi (leburt) . . 7 

II. Die jüngere Steinzeit (vom fünften bis zum Anfang des zweiten Jahrtausends 

vor Christi Geburt) 13 

1. Lebensweise 13 

2. Die Herstellung der steinernen Werkzeuge und Waffen 33 

3. Verkehr mit anderen Ländern n 

4. Gräber. — Religion 43 

5. Die Bevölkerung und deren Ausbreitung. - - Die Stein/fit der Lappen. — 
Abergläubische Vorstellungen von Stcinaltertümern in späteren Zeiten 57 

Die Bronzezeit (vom Anfang des zweiten bis zur Mitte des ersten Jahr- 
tausends vor Christi Geburt) 71 

1. Der Anfang der Bronzezeit und ihre Einteilung 73 

2. Lebensweise s 4 

3. Die Herstellung der Bronzesachen. — Einheimische Arbeiten . . . i"7 

4. Bevölkerung. — Verkehr mit anderen Ländern Il6 

5. Felsen Zeichnungen i- 1 ' 

6. Gräber. — Religion i-'i 

Die Eisenzeit (von der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus bis 

zur Mitte des elften Jahrhunderts nach Chr.) 143 

I. Die vorrömische Eisenzeit. (Von der Mitte des letzten Jahrtausends vor 

Chri>ti Geburt bis /um Anfang unserer Zeitrechnung) 147 

II. Die römische Eisenzeit. (Vom Anfang unserer Zeitrechnung bis um das 

Jahr 400) 163 

1. Verkehr mit dem römischen Reich. — Römische Schriftsteller über 

den Norden [63 

2. Lebensweise 17 1 

3. Handel. — Verkehr. — Fahrzeuge 193 

4. Religion. — Opfer. — Gräber 1 3 

5. Die ältesten Runen. — Die Sprache in Schweden in der älteren Eisenzeit 

III. Die Zeit der Völkerwanderungen. (Von ungefähr 400 bis 800) .... 21 | 

1. Die Verbindung mit dem byzantinischen Reich. Dei Goldreichtum 

2. Gräber - t' 

IV. Übergangszeit vom Heidentum zum Christentum. — Die Wikinger- 

zeit. (Von ungefähr 800 bis Mitte des 11. Jahrhunderts) ....... 251 

1. Wikingerzüge. — Wäiingerfahrten 

2. Schilf. - WaHen 

3. Friedlicher Verkehr mit In: I rn 

4. Lebensweise. — Erwerbszweige 

5. Religion. Gräber. — Die jüngeren Runen 










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I. Zwei Gräber aus der Steinzeit. Skane. 




ls Ansgar im neunten Jahrhundert die christliche Lehre in Schweden 
predigte, war das Eisen dort in allgemeinem Gebrauch, und zwar 
j schon seit langer Zeit. Jener Periode, welche jetzt gewöhnlich die 
»Eisenzeit« genannt wird, ging aber eine andere vorauf, in der Waffen und 
Werkzeuge aus Bronze, einer Mischung von Kupfer und Zinn, verfertigt wurden. 
Diese Periode, welche man die »Bronzezeit« genannt hat, hat ebenso wie die 
Eisenzeit mehr als ein Jahrtausend gedauert. Aber noch vor dieser Bronze- 
zeit hat Schweden schon während vieler Jahrtausende Einwohner gehabt, welche 
ihre Waffen und Geräte aus Stein, Hörn, Knochen und Holz verfertigten; diese 
Periode nennt man die »Steinzeit«. 

Schon im achtzehnten Jahrhundert ist eine solche Einteilung der älteren 
Zeit des Nordens in drei große Perioden vorgeahnt worden; von eigentlicher 
Bedeutung für die Altertumskunde wurde das > Dreiperiodensystem« aber erst 
in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts 1 ). 

Die Tausende von Funden, welche seitdem zu unserer Kenntnis gekommen 
sind, haben nicht nur die Richtigkeit des Dreiperioden>ysUms auf das glänzendste 
bestätigt, sondern sie haben — dank der modernen wissenschaftlichen Methode 2 ) 



i) Montelius, Det nordiska treperiodssystemet, cn historik, in der Svenska Fornminnes- 
föreningens tidskrift, Band 12, S. 185 folg. — Dersell rsigt öfver den aordiska forntidens 

perioder, intill kristendomens införande, ebenda, Bd. S, S. 127 folg. — Derselbe, De förbistoriska 
perioderna i Skandinavien, im Mänadsblad, 1893; vgl. Les temps prehistoriques 
selben, Anhang. 

2) Montelius, Typologien eller utvecklingsläran tillämpad pä det menskliga arbetet, in 
der Sv. Fornm.-for^ tidskr., Bd. 10, S. 237 folg. — Derselbe, Die typologische Methode separat 
aus: Die älteren Kulturperioden im Orient und in Buropa, Stockholm, M03). 

Montelius, Kultiir^eschichtr Schwedens. [ 



2 Einleitung. 

— für unsere Forschung auch weitere große Strecken eröffnet. Wir können 
uns jetzt ein Bild von den Verhältnissen machen, in denen die ersten Bewohner 
Schwedens lebten, und wir können Schritt für Schritt die langsam aber sicher 
fortschreitende Entwicklung verfolgen, durch welche sie aus einer Horde von 
Wilden zu dem wurden, was sie jetzt sind. 

Es ist wahr, daß uns von keinem Königsgeschlecht, keinem Heldennamen 
aus jenen ältesten Zeiten Kunde wird. Aber ist es nicht mehr wert, das 
Leben des Volkes und die Fortschritte seiner Kultur zu kennen, als die Namen 
fabelhafter Helden? Und muß man nicht den ganz gleichzeitigen, gar nicht 
anzuzweifelnden Zeugen, auf welche allein jetzt die Wissenschaft hört, den 
Altertümern, mehr Glauben schenken als den poetischen Erzählungen, welche 
jahrhundertelang nur im Gedächtnis der Skalden bewahrt blieben? 

Bevor wir jetzt versuchen, ein Bild des Lebens in Schweden während 
der vorhistorischen Zeit zu entwerfen, müssen wir darauf aufmerksam machen, 
daß, wenn dieses Bild unvollständig und undeutlich bleibt, dies zum Teil auf 
den Quellen beruht, aus denen wir unsere Kenntnis von einer Zeit, welche 
unsere auf Schriftdenkmale begründete Geschichtsforschung so wenig kennt, 
schöpfen müssen. Es ist gewiß wahr und muß dankbar anerkannt werden, 
daß noch viel zahlreichere Denkmäler der heidnischen Zeit gefunden worden 
sind, als man berechtigt war zu erwarten; aber der Hauptteil der bis auf unsere 
Zeit erhaltenen Altertümer besteht natürlich aus Gegenständen von Stein und 
Metall, während nur bei einem seltenen Zusammentreffen äußerst günstiger 
Umstände so leicht zerstörbare Materialien wie Holz, Knochen, Leder oder 
Zeug erhalten bleiben konnten. Daher kommt es denn, daß wir von den aus 
ihnen verfertigten Wohnhäusern, Hausgeräten, Werkzeugen und Kleidern — 
welche doch so außerordentlich wichtig für die vorliegende Frage sind — 
nur eine höchst mangelhafte Kenntnis besitzen. 

Aber selbst die während der heidnischen Zeit gebräuchlichen Gegenstände 
aus Stein und Metall kennen wir sehr unvollständig. Nur ein geringer Teil 
dessen, was einst existierte, kam in die Erde; nur ein Teil von dem, was in 
die Erde gelangte, ist der Zerstörung entgangen; von diesem Bruchteil ist 
noch nicht alles wieder ans Tageslicht gefördert worden, und wir wissen nur 
allzu wohl, wie wenig von dem, was gefunden wurde, auch der Wissenschaft 
zugute gekommen ist. Fast alle Funde, die in früheren Jahrhunderten gemacht 
wurden, sind spurlos verschwunden, und sogar vieles von dem, was seit dem 
Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gefunden wurde, ist zerstört worden. 

Wir können uns leicht vom Gewicht dieser Umstände überzeugen, wenn 
wir uns vorstellen, daß nach ein- oder ein paar tausend Jahren ein Gelehrter 
sich von unserem Leben ein Bild machen sollte, als Material dafür aber kaum 
mehr zu seiner Verfügung hätte, als einen kleinen Teil verwitterter und ver- 
rosteter Überbleibsel unserer Metallgeräte, und ohne daß er sich das Bild des 
zwanzigsten Jahrhunderts durch die Beihilfe der Erzeugnisse unserer Literatur 
und Kunst vervollständigen könnte. 



Einleitung. -3 

Dieser Vergleich zeigt, wie vorsichtig wir sein müssen, wenn wir ver- 
suchen, die Kultur in einer Periode zu beschreiben, deren ältester Teil mehrere 
Jahrtausende vor unserer Zeit liegt. 



Literatur. Allgemeines: A. E. Holmberg, Nordbon under hednatiden. Populär fram- 
ställning af vära förfäders äldsta kultur (Stockholm, 1852 — 54. 2. Aufl. 187 1). — H. Hildebrand, 
Svenska folket under hednatiden (Stockholm, 1866; 2. Aufl. 1872). — Derselbe, Das heidnische 
Zeitalter in Schweden. Eine archäologisch- historische Studie. Übers, von J. Mestorf (Hamburg, 187; . 

— Derselbe, The industrial arts of Scandinavia in the pagan time (South Kensington Museum art 
handbooks, London, 1883). — Derselbe, Statens historiska museum (Stockholm, 1873). — Mon- 
telius, Svenska fornsaker (Antiquites suedoises; Stockholm, 1873 — 75). — Derselbe, Om lifvet i 
Sverige under hednatiden (Stockholm, 1873; 2. Aufl. 1878; 3. Aufl. 1905). — Derselbe, La Suede pre- 
historique. Traduit par J.-H. Kramer (Stockholm, 1874). — Derselbe, Die Kultur Schwedens in 
vorchristlicher Zeit. Übers, von C. Appel (Berlin, 1885). — Derselbe, The civilization of Sweden 
in heathen times. Translated by Rev. F. H. Woods (London, 1888). — Derselbe, Les temps pre- 
historiques en Suede et dans les autres pays Scandinaves. Traduit par Salomon Reinach (Paris, 
1895). — Derselbe, Sveriges hednatid och medeltid tili är 1350, in Sveriges historia (Stockholm, 
1875 — 77; die 1903 erschienene 2. Aufl. dieser Arbeit ist das Original der jetzt vorliegenden Über- 
setzung). — Derselbe, Den förhistoriska fornforskningen i Sverige under ären 1878 — 84, in der Sv. 
Fornm.-för s t tidskr., Bd. 4, S. 148; Bd. 5, S. 1 ; Bd. 6, S. 27. — Derselbe, Statens historiska museum 
(Stockholm, 1872; 7. Aufl. 1901). — Derselbe, Führer durch das Museum vaterländischer Altertümer 
in Stockholm. Übers, v. J. Mestorf (Hamburg, 1876). — Derselbe, Das Museum vaterländischer Alter- 
tümer in Stockholm (Stockholm, 1897). — G. Retzius, Crania suecica antiqua. Beskrifning af svenska 
mennisko-kranier frän stenäldern, bronsäldern och järnäldern (Stockholm, 1899). — O. Almgren, 
Sveriges fasta fornlämningar frän hednatiden (Stockholm, 1904). — Auf den meisten geologischen 
Karten (Sveriges geologiska undersökning) sind Gräber und andere Denkmäler aus der heidnischen 
Zeit bezeichnet. 

Denkmäler und Altertümer der verschiedenen Provinzen: S. P. Bexell, Hallands historia och 
beskrifning (Göteborg, 181 7 — 19). — A. E. Holmberg, Bohusläns historia och beskrifning (Udde- 
valla, 1842 — 45; 2. Aufl., Örebro, 1867). — E. Ekhoff (und G. Gustafson), Bohusläns fasta 
fornlämningar fran hednatiden, in Bidrag tili kännedom om Göteborgs och Bohusläns fornminnen 
och historia. — Montelius und E. Ekhoff, Bohuslänska fornsaker frän hednatiden, ebenda. — 
H.Werner, Antiqvariska berättelser (Westergötland ; Norrtelge, 1870, und Stockholm, 1873). — 
Beschreibungen von den vorgeschichtlichen Denkmälern der verschiedenen Bezirke (Härad) in Wester- 
götland von R. Hjorth, L. Kinberg, C. S. Lindblad und C. J. Ljungström. — Montelius, 
Hvad vi veta om Westergötland under hednatiden, in der Sv. Fornm.-för^ tidskr., Bd. 5, S. 231 folg. 

— Beschreibungen von den vorgeschichtlichen Denkmälern einiger Bezirke in Smäland von J. A 1 1 v i n 
und W. Berg. — F. Bsehrendtz, Fasta fornlemningar i Södra Tjust, in Meddelanden fran Kalmar 
Hins Fornminnesförening. — J. A. Wittlock , Jord-fynd fran Wärends för-historiska tid (Smaland : 
Stockholm, 1874); vgl. Mänadsblad, 1883. — J. J. A. Worsaae, Blekingsche Denkmäler aus dem 
heidnischen Altertum (Leipzig, 1847). — A. Ahlquist, Ölands historia och beskrifning (Kalmar. 
1822 — 27). — C. Säve, Om Gotlands äldsta fornlemningar, in den Annaler for nordisk Oldkyndighed 
(Kopenhagen), 1S52. — L. F. Rääf, Samlingar och anteckningar tili en beskrifning öfver Ydre härad 
(östergötland), B<1. V (örebro, 1875). — Montelius, östergötland ander hednatiden, in der S 
Fornm.-för« tidskr., Bd. 12. — II. Hofberg, Nerikcs gamla minnen (örebro, i^"S). — Dcrsi i 
Förteekning öfver Nerikes fasta fornlemningar (Örebro, 1 87 1). — Beschreibungen von den vorge- 
schichtlichen Denkmälern einiger Bezirke in Södermanland von 11. O. Ind ebetou, N. A. Lund- 
gren, P. E. Pal mq v ist, G. Wcsterin und C. G. Osterberg. — H. Hofberg, Westmanlands 
fornlemningar och minnesmärken, in Westmanlands Fornminnesi j arsskrift — Beschreibui . 
von den vorgeschichtlichen Denkmälern in den verschiedenen Kirchspielen Upplands in Upplands 
Fornminnrsfr.rcnings tidskrift. — B. Salin, Den förhistoriska Üden, in Uppland, Skildeing at 



a Einleitung. 

land och folk (Stockholm, 1902). — Montelius, Huru gammal är bygden i Helsingland?, in 
Helsinglands Fornminnessällskaps ärsskrift, 1901. — K. Sidenbladh, Fornlemningar i Norrland 
(Helsingland, Medelpad und Angermanland), in Antiqvarisk tidskrift för Sverige, 2. — G. Adlerz, 
Arkeologiska undersökningar i Medelpad, im Mänadsblad, 1898 — 1900. 

Zeitschriften: Antiqvarisk tidskrift för Sverige (Stockholm, 1864 — ). — Mänadsblad (der voll- 
ständige Titel ist: Kongl. Witterhets Historie och Antiqvitets Akademiens Mänadsblad; Stockholm, 
1872 — ). — Svenska Fornminnesföreningens tidskrift (Stockholm, 1870 — ). — Zeitschriften von den 
Lokalvereinen in den Provinzen Skäne, Halland, Bohuslän, Westergötland, Smäland, Östergötland, 
Nerike, Södermanland, Uppland, Dalarna, Helsingland, Jämtland u. a. — R. Dybeck, Runa 
(Stockholm, 1842 — 50, 1865 — 74). 

Montelius, Bibliographie de l'archeologie prehistorique de la Suede pendant le XIX<> siecle 
^Stockholm, 1875). Mit Fortsetzung für die Jahre 1875 — 81, in Sv. Fornm.-förä tidskr. 



DIE STEINZEIT 

(BIS ZUM ANFANG DES ZWEITEN JAHRTAUSENDS 
VOR CHRISTI GEBURT) 



I. DIE ÄLTERE STEINZEIT 

(bis zum fünften Jahrtausend vor Christi Geburt). 




Die ersten Einwohner Schwedens. 

enn wir an die Geschichte unseres Vaterlandes herantreten, stößt uns 
als erste Frage auf: »Seit wann ist dieses Land, das wir heute Schweden 
nennen, bewohnt : 

Die Antwort darauf ist ersichtlich nicht leicht, denn die erste Besiedelung 
des Landes liegt vor der Zeit, welche die nur aus schriftlichen Quellen schöp- 
fende Geschichte kennt. Die Antwort fiel auch verschieden aus, je nach dem 
verschiedenen Standpunkt der Forscher und je nach den in ihrer Zeit herr- 
schenden Grundansichten über das Alter des Menschengeschlechtes. So ver- 
focht Olof Rudbeck vor mehr als zweihundert Jahren mit warmer Überzeugung 
die Ansicht, daß die schwedische Halbinsel schon vor der Sündflut bewohnt 
war, während Dalin nicht lange nach ihm zu beweisen suchte, daß der größere 
Teil Schwedens noch zu Christi Geburt unbewohnbar gewesen sein müsse, weil 
das Meeresniveau damals dreizehn Klafter höher gestanden hätte als zu seiner Zeit. 

Nun ist wohl längst festgestellt, daß Schweden nicht, wie Rudbeck glaubte, 
Anspruch auf eine so viel ältere Kultur machen kann als die übrigen Länder 
der Welt, aber da man die Sündflut zu seiner Zeit kaum zweitausendvierhundert 
Jahre vor Christus ansetzte, gibt seine Ansicht der ersten Besiedelung Schwedens 
nur ein Alter von etwas mehr als viertausend Jahren. Und das ist, wie wir 
jetzt wissen, nicht zu hoch gegriffen. 

Um für die Frage eine Antwort zu finden, wie sie die moderne Forschung 
ergeben kann, muß man die Hauptzüge des Bildes betrachten, das man von 
dem ältesten Zeitabschnitt der Kulturgeschichte Schwedens heutzutage zeichnen 
kann, von der Zeit, die unter dem Xamen »die ältere Steinzeit bekannt ist. 



Literatur. S. Nilsson, Skandinaviska Nordens Ur-invänare (Lund, [838 — 43. -. 
Stcnäldern, Stockholm, 1S66). — Derselbe, Das Steinalter oder die Ureinwohner des skandinavischen 
Nordens. Ein Versuch in der comparativen Ethnographie. Obers, von I Mestorf (Hamburg, i y 
— Derselbe, Les habitants primitifs de la Scandinavie. L Ige de la pierre (Paris, — Der- 

selbe, The primitive inhabitants of Scandinavia. Edited and with an introduetion by John I.ubhock 
(London, 1S6S). — Montclius, Sveriges forntid. Försök tili framställning .ii den svena 
forskningens result.it. Text 1. Stenäldern (Stockholm, i v 



8 Die ältere Steinzeit. 

Die Geologie lehrt, daß das europäische Klima nicht immer dem heutigen 
gleich gewesen ist, und daß es eine Zeit gab, in der die Länder im Norden 
und in der Mitte unseres Weltteils von ungeheuren, sich langsam verschiebenden 
Massen von Eis und Schnee bedeckt waren, wie das mächtige Inlandeis, das 
noch heute den größeren Teil Grönlands bedeckt 1 ). Erst als diese Eismassen 
zusammenschmolzen und sich in ihren letzten, noch heute vorhandenen Resten 
nach dem höchsten Norden und in die Alpen zurückzogen, konnten sich 
menschliche Ansiedelungen über Europa ausbreiten. 

Wann diese sogenannte Eiszeit (die ältere Quartärperiode) endete, kann 
man wohl noch nicht genau bestimmen; doch ist die Zeit von da bis zur Ge- 
burt Christi sicher in Zehntausenden von Jahren zu zählen. Dessenungeachtet 
haben zahlreiche Funde das Vorhandensein des Menschen zu so früher Zeit im 
westlichen Europa, in dem jetzigen Frankreich, Belgien, England und anderen 
Ländern, bewiesen, und sicherlich haben in verschiedenen Teilen Europas 
Menschen gelebt, schon längst bevor unser Land bewohnbar wurde. 

Erst als die Küsten der Skandinavischen Halbinsel eisfrei wurden, konnte 
der Mensch sich dort niederlassen. 

Das Eis zog sich mehr und mehr zurück und ließ Raum für eine Pffanzen- 
und Tierwelt, die zuerst derjenigen glich, die heute den nördlichsten Teil der 
Halbinsel belebt, dann aber allmählich ihren jetzigen Charakter annahm. Schließ- 
lich blieben von der früheren Eisdecke nur die Gletscher übrig, die man noch 
jetzt, vor allem in Jotunheim und im Hochgebirge des nördlichen Lapplands, sieht. 

Nach dem Ende der Eiszeit bildete die Ostsee zuerst einen kolossalen 
Binnensee, weil Südschweden mit Dänemark und Norddeutschland damals zu- 
sammengewachsen war. Dieser Periode, welche nach einer in den damaligen 
Ablagerungen häufig vorkommenden Süßwasserschnecke die »Ancyluszeit« 
genannt wird, folgte die »Littorinazeit«. Während dieser Zeit war die Ostsee 
wie heutzutage mit Salzwasser gefüllt, seitdem die dänischen Inseln von 
Jütland und Schonen getrennt wurden. Nach dem Anfang der Littorina- 
zeit haben so bedeutende Senkungen und Hebungen großer Teile der Skan- 
dinavischen Halbinsel stattgefunden, daß die älteste Littorinazeit mehr als zehn- 
tausend Jahre vor unserer Zeit anzunehmen ist. 

Mehrere Funde machen es wahrscheinlich, daß der Mensch schon in der 
späteren Ancyluszeit hier im Norden lebte. 2 ) Sicher ist Schweden während 
der ganzen Littorinazeit bewohnt gewesen. 

Die ältesten Steinartefakte, die wir im Norden gefunden haben, sind 
einige grob zugehauene Werkzeuge aus Feuerstein (Fig. 2). 3 ) Sie unterscheiden 
sich wenig von westeuropäischen Werkzeugen aus der ältesten Steinzeit, als 
die Menschen in Frankreich und Belgien noch mit dem Mammut und anderen 



i) G. de Geer, Om Skandinaviens geografiska utveckling efter istiden (Stockholm, 1896). 

2) G. Sarauw, En Stenalders Boplads i Magiemose ved Mullerup (Sseland), in den Aarböger 
f. nord. Oldkynd, 1903, S. 148 folg. 

3) Diese von mir schon 1873 in der elften Versammlung der skandinavischen Naturforscher 
in Kopenhagen ausgesprochene Ansicht ist jedoch noch nicht allgemein anerkannt. 



Die ersten Einwohner Schwedens. 



Tierarten zusammen- 
lebten, die entweder 
heute ausgestorben sind, 
oder in ganz anderen 
Gegenden vorkommen. 
Jüngeren Datums, 
aber trotzdem noch zur 
älteren Steinzeit gehörig, 
sind eine Menge Über- 
reste von ehemaligen 
Wohnplätzen der Urbe- 
völkerung in Südskandi- 
navien. 1 ) Unter diesen 
Funden sind die so ge- 
nannten Kjökkenmöd- 
dinger« (»Küchenabfall- 
haufen«), die man in 
großer Anzahl an den 
Küsten Dänemarks ent- 
deckt hat, besonders zu 
nennen. 

In diesen Kjökken- 
möddingern 2 ) findet man 
die mit Kohlen noch 
bedeckten, aus wenigen 
Steinen lose zusammen- 
gefügten Feuerstätten, 
nebst einer Masse grob 

zugehauener, unge- 
schliffener Werkzeuge 
aus Feuerstein, Bruch- 
stücken von einfachen 
Tongefäßen, Geräten 
aus Knochen und Hörn. 
Die Hauptmasse der 
Kjökkenmöddinger be- 
steht indessen aus Resten der Mahlzeiten, wodurch wir einen überraschenden 

i) Mit Skandinavien meine ich überall in dieser Arbeit nicht nur die Skandinavisch'- Halb- 
insel, sondern auch Dänemark. — Mit dem Norden« oder »dem Nordischen Gebiet« bezeichne ich 
Skandinavien und die nördlichsten Teile Deutschlands, wo Altertümer derselben Formen wie in 
Skandinavien vorkommen. 

2 A. P. Mausen, S. Müller, C. Neergard, J. Petersen, E. Kostrup, K. J. V. 
Steenstrup, H. Winge, Affaldsdynger fra Stenalderen i 1». min.uk, undersögte for Nationalmuseet 
(Kopenhagen, 1900). Vgl. u. Almgrcn, in Ymer (Zeitschrift der Schwedischen Gesellschaft tür 
Anthropologie und ( leographie), 1902, S. 56 folg. 




if. 



■ 



Feuersteinwerkzeug aus der ältesten Steinzeit. Bohuslän. */ 



JO Die ältere Steinzeit. 

Einblick in das tägliche Leben der Menschen jener Periode, in die Kultur des 
Nordens viele Jahrtausende vor Christus erhalten. 

Sie zeigen uns ein Volk, das, um seinen Unterhalt zu beschaffen, ganz 
auf Jagd und Fischfang angewiesen war und in vielen Hinsichten den Wilden, 
welche die Europäer in der neuen Welt kennen gelernt haben, glich. 

Der Hauptbestandteil der Kjökkenmöddinger sind Austernschalen und 
Schalen anderer eßbarer Muscheln. Zwischen ihnen eingebettet liegen Gräten 
und Knochen von Fischen, Vögeln und vielen Säugetieren, die meistens noch 
heutzutage eine begehrte Jagdbeute sind : von Edelhirschen, Rehen, Wildschweinen, 
Bibern, Ottern, Seehunden, Auerochsen, Bären, Füchsen, Wölfen, Luchsen, 
Mardern, Wildkatzen und anderen mehr. Sonderbar genug fehlt das Renntier, 
das in gewissen Perioden der ältesten Steinzeit im westlichen Europa allgemein 
vorkam. Dem Volk, das diese Reste hinterließ, war der Hund einzig und allein 
Haustier. 

Die Flora damaliger Zeit war der heutigen wenig ähnlich. Die Kjökken- 
möddinger haben sich nämlich als gleichzeitig mit dem Vorherrschen der Eichen- 
wälder in Südskandinavien herausgestellt. Erst später wird die Buche der in 
jener Gegend vorherrschende Waldbaum. 

In Schweden kommen keine Kjökkenmöddinger mit Austernschalen vor 

— der Küste von Skäne 5 ) fehlten die Austernbänke — , aber es ist sicher, daß 
zur gleichen Zeit auch in Südschweden Menschen lebten. In Skäne hat man 

— z. B. bei Limhamn 2 ) — Wohnplätze aus jener Zeit mit Feuerstein Werkzeugen 
entdeckt (Fig. 3 und 4), welche vollkommen dieselbe Form aufweisen, wie die 
aus den Kjökkenmöddingern. Sie sind grob zugehauen und ganz ungeschliffen; 
die Schneide wird nur von dem scharfen Winkel gebildet, den die beiden mit 
zwei Schlägen zurecht gespaltenen Breitseiten gegen einander bilden. Die beiden 
hier abgebildeten Werkzeuge sind in Skäne gefunden und zwar — wie die 
meisten dieser Art — nicht weit von der See. 

Wie zahlreiche Funde es zeigen 3 ), wurden die offenen nach dem Meere 
zu liegenden Gegenden Süd- und Westschwedens zuerst in Besitz genommen. 
Aber vor dem Schluß der ältesten Steinzeit hatte auch das innere Land schon 
seine Bewohner. An verschiedenen Stellen der am Ufer des großen Sees 
Ringsjön entdeckten alten Wohnplätze sind Steinwerkzeuge von der Art der- 
jenigen der Kjökkenmöddinger aufgefunden worden 4 ). Und nicht nur in Skäne 
hat man die charakteristischen Steinartefakte der älteren Steinzeit gefunden, 
sondern ebenso in anderen Teilen Südschwedens, besonders an der Westküste. 
Fig. 5 zeigt ein Werkzeug dieser Art, die in Östergötland, nicht weit vom 
Wetternsee, gefunden wurde. 



1) Die Namen sämtlicher schwedischen Provinzen werden in dieser Arbeit schwedisch ge- 
schrieben (Skäne, anstatt Schonen, Westergötland anstatt Westgotland usw.) 

2) K. Kjellmark, En stenäldersboplats i Järavallen vid Limhamn, in der Antiqv. tidskr. f. 
Sv., 17 (Stockholm, 1903). 

3) Kjellmark, Öfversikt af Sveriges stenäldersboplatser, in Ymer, 1904, S. 187 — 225. 

4) Mänadsblad, 1883, 1885, 1886 und 1889. 



Die Zeit der Kjökkenmöddinger. 



I I 



Auch Werkzeuge aus anderem Material als Feuerstein sind uns in Schweden 
wie in Dänemark aus jener Zeit erhalten geblieben, darunter besonders Hacken 
von Hörn, wie sie Fig. 6 zeigt. 




3. Feuersteinwerkzeug aus der älteren Steinzeit. 
Skäne. 2 / 3 . 





4. Feuersteinwerkzeug 

aus der älteren Steinzeit. 

Skäne. 2 / 3 . 



5. Feuersteinwerkzeug aus der älteren 

Steinzeit, von zwei Seiten gesehen. 

Östergötland. Ya- 



So einfach und kunstlos diese Gegenstände sind, anscheinend so wertlos 
und unbedeutend, daß sie erst in letzter Zeit die Aufmerksamkeit der Forscher 
und Sammler auf sich lenkten: sie haben in den Augen derer, die sich um 
Schwedens älteste Kulturgeschichte bemühen, einen unersetzlichen Wert, weil 
sie Überreste der ersten Einwohner unseres Landes sind. Sie erzählen von 
einem Volk auf der niedrigsten menschlichen Kulturstufe. Einer Mehrzahl von 



I 2 Die ältere Steinzeit. 

Jahrtausenden bedurfte es, der Arbeit so vieler aufeinander folgender Genera- 
tionen, bis von diesem niedrigen Standpunkte der erreicht werden konnte, den 
die Bewohner von Schweden heute einnehmen! Es ist die Aufgabe der natio- 
nalen Geschichtschreibung, dem schwedischen Volke Schritt für Schritt auf 
der langen Wegstrecke zu folgen, deren Anfang als die älteste Steinzeit und 
deren Ende als das Zeitalter der Elektrizität bezeichnet wird. 

Langsam ging das Aufwärtsschreiten vor sich, und sicherlich am langsamsten 
im Anfang. Aber selbst in der Steinzeit ist eine aufsteigende Entwickelung 
zu verfolgen, um so mehr wert beachtet zu werden, je ärmlicher die Mittel 
waren, die zur Verfügung standen. Um uns zu überzeugen, daß wirklich schon 
in der ersten Periode unserer Geschichte ganz bedeutende Fortschritte gemacht 
wurden, brauchen wir nur die äußerst groben Feuersteinwerkzeuge der ältesten 
Steinzeit mit den feinen, von einem wunderbar hohen Grad von Geschicklich- 
keit zeugenden Arbeiten des späteren Teils der Steinzeit zu vergleichen. 

Noch können wir wohl nicht genau bestimmen, wann die Steinzeit in 
Schweden anfing, wann Schweden zuerst von Menschen betreten ward. Aber 
so viel ist aus den Untersuchungen der letzten Jahre hervorgegangen, daß die 
erste Besiedelung des Landes viel mehr als achttausend Jahre vor Christi Geburt 
zurückliegt, mehr als zehntausend Jahre vor der Gegenwart, und daß der Schluß 
der älteren Steinzeit und folglich der Beginn der jüngeren Steinzeit erst in das 
fünfte Jahrtausend vor Christi Geburt fällt. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind 
diese Zahlen noch zu niedrig angesetzt. 




6. Hornhacke. Skäne. V 3 



II DIE JÜNGERE STEINZEIT 

(vom fünften bis zum Anfang des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt). 




1. Lebensweise. 

a wir nun versuchen wollen, mit Hilfe der verstreuten Überreste, die 
sich von so ferner Zeit bis heute erhalten haben, uns von der Kultur 
unseres Volkes in diesen frühen Zeiten ein Bild zu machen, müssen 
wir in Betracht ziehen, daß das meiste, was aus jener Zeit erhalten blieb, nur 
über einige Seiten des damaligen Lebens Aufklärungen gibt. Mit wenigen Aus- 
nahmen ist alles, was aus organischen Stoffen gefertigt war, zerstört: alle 
Kleider, alle Wohnhäuser, Hausgeräte und Werkzeuge aus Holz. Nur ein ganz 
geringer Teil der Arbeiten ist erhalten, die aus Stein oder anderen weniger der 
Zerstörung preisgegebenen Stoffen bestanden. 

Wären wir ausschließlich auf die Überreste der Steinzeit angewiesen, die 
die schwedische Erde bietet, so würde das Bild, das wir uns von dem Leben 
unserer Vorfahren zu machen suchen, recht unvollständig sein. Glücklicher- 
weise sind wir imstande dem Mangel abzuhelfen. Durch eine Vereinigung 
ungewöhnlich günstiger Verhältnisse ist in anderen europäischen Ländern das 
erhalten geblieben, was bei uns fehlt. Besonders die Ruinen der schweizer 
Pfahlbauten — Dörfer auf Pfählen im Wasser nah am Strande der Seen — 
geben uns einen Einblick in das Leben der Steinzeit, wie es niemand Mitte 
des vorigen Jahrhunderts hatte ahnen können. Außerhalb Europas hat man 
auch viele Völker kennen gelernt, welche noch in jüngster Zeit die Metalle 
nicht kannten und fast unter denselben Verhältnissen wie die Einwohner 
Schwedens während der Steinzeit lebten. 

Daß ungeachtet dessen noch viele Fragen über unsere Steinzeit offen 
bleiben, dürfte nicht überraschen. Wir können auch hoffen, daß zukünftige 
Funde und Untersuchungen über vieles Aufklärung geben werden, was uns jetzt 
noch dunkel und unerklärlich erscheint. 

Wir haben gesehen, daß die ältesten Funde im Norden von einem Volk 
berichten, das für seinen Unterhalt ausschließlich auf Jagd und Fischfang an- 
gewiesen war. Langt' Zeiten haben wohl diese Verhältnisse so fortgedauert, 
aber daß ein solcher Zustand nicht die notwendige Folge der Unkenntnis der 



14 



Die jüngere Steinzeit. 



Metalle ist und daß auch ein Volk der Steinzeit Viehzucht und Ackerbau be- 
treiben kann, lehrt die Erfahrung vieler europäischer und außereuropäischer 
Länder. 

Es ist daher nicht weiter überraschend, daß schon das Volk der jüngeren 
Steinzeit in Schweden Haustiere hatte. In Gräbern und Überbleibseln von 
Wohnstätten aus jener Zeit hat man Knochen von Hunden, Rindern, Pferden, 
Schafen, Ziegen und Schweinen gefunden. Die Umstände, unter denen man 
sie fand, waren solche, daß ein Zweifel über ihre Zugehörigkeit zur Steinzeit 
nicht aufkommen kann; ebenso unzweifelhaft ist es, daß diese Knochen von 
gezähmten Tieren herrühren. Haustiere waren zu der Zeit im Norden sogar 
ganz allgemein. 1 ) 





8. Handmühle von Stein. Westergötland. !/ 8 




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7. Sichel von Feuerstein mit 
Holzgriff. Dänemark. i / i . 



9. Getreidemahlen in Südafrika. 



Daß die in der älteren Steinzeit unbekannte Viehzucht in der jüngeren 
Steinzeit auftritt, ist von großer Wichtigkeit, nicht nur, weil es eine höhere 
Lebensstufe der Bevölkerung bedeutet, sondern auch, weil daraus die Verbindung 
Schwedens mit anderen Ländern hervorgeht, da man doch die Haustiere un- 
möglich als in unserem Land heimisch ansehen kann. 

Diese dürfen vielmehr als die älteste der vielen unschätzbaren Gaben be- 
trachtet werden, die Europa vom Orient erhielt. Andere solche Gaben sind 



1) Von 23 dänischen Knochenpfriemen aus der Steinzeit waren nur 2 von Rehknochen, 20 
von Schafen und 1 von einer Ziege. — Memoires de la Societe R. des Antiquaires du Nord, 1889, 
S. 398. — Vgl. Sveriges forntid (Text), S. 103. 



Lebensweise. 



15 



die verschiedenen Getreidearten und später nacheinander Kupfer, Bronze, Eisen 
und die Schrift — um nur einige Beispiele zu nennen. 

Die Überreste schweizer Pfahlbauten beweisen, daß Weizen, Gerste, Hirse 
und Flachs dort in der Steinzeit gebaut wurden. Auch in Schweden reicht 
der Ackerbau bis in die Steinzeit zurück. An der Oberfläche von Tongefäßen, 
deren einheimischer Ursprung nicht angezweifelt werden kann, hat man Ab- 
drücke von Körnern und Ähren von Hirse, Gerste und Weizen beobachtet. 
Fig. 7 zeigt eine aus einem dänischen Torfmoor ausgegrabene Sichel von Holz 
und Feuerstein, wie sie zum Schneiden des Getreides benutzt wurde. Außer- 
dem hat man verschiedene Handmühlen (Fig. 8) ältester Form unter Umständen 
gefunden, die zweifellos auf die Steinzeit hinweisen. Ähnliche Handmühlen 
werden noch heute von vielen Völkern auf niedriger Kulturstufe angewendet. 
Wie das geschieht, zeigt Fig. 9. 

Eine der wesentlichsten Voraussetzungen des Ackerbaues ist eine seßhafte 
Bevölkerung. Daß diese Voraussetzung im Schweden 
der jüngeren Steinzeit erfüllt war, beweisen die mäch- 
tigen Gräbermonumente jener Zeit, die trotz aller Zer- 
störung noch heute in großer Anzahl vorhanden sind. 
Der Bau dieser aus Steinblöcken errichteten Gräber, 
die uns oft durch ihre Größe in Erstaunen setzen, 
erforderte die gemeinschaftliche Arbeit einer größeren 
Anzahl Menschen, und scheint ohne den Anfang von 
geordneten Gemeindeverhältnissen kaum erklärlich. 
Daß diese Gräber an vielen Orten, wie z. B. in der 
Gegend von Falköping, in größerer Anzahl nahe bei- 
einander vorkommen, verstärkt den Beweis, daß die 
Bevölkerung in jener Zeit bereits seßhaft war. 

Selbst die besten Wohnstätten der Steinzeit waren hier im Norden nur 
einfache Hütten. Wo solche gestanden haben, kann man vielfach an den 
Feuerstätten, die noch vorhanden sind, sehen. Manchmal scheinen die Hütten 
etwas höher gelegen zu haben als der sie umgebende Boden, indem die Über- 
reste der Feuerstätten auf kleinen Erhöhungen sich befanden; oft waren sie 
jedoch in den Boden versenkt. Wir finden dann runde oder länglich runde 
Vertiefungen, gewöhnlich mit einem steingepflasterten Fußboden, der einige 
Fuß unter der heutigen Erdoberfläche liegt (Fig. io). 1 ) Die dunkle Erde, die 
die Vertiefung jetzt ausfüllt, enthält aufgelöste organische Stoffe, Kohlenstücke, 
gebrannte Steine und Tierknochen, beschädigte Steinwerkzeuge und Abfalle vom 
Behauen des Feuersteins, alles Dinge, die man auf dem Boden einer Steinzeit- 
hütte vorzufinden erwarten darf. 

Ganz ebensolche Wohnstätten mit gleichem Inhalt sind in anderen euro- 
päischen Ländern bekannt, besonders im nördlichen Italien, wo man sie oft in 
großer Anzahl nebeneinander antrifft. Überall war die runde Form allgemein 




10. Boden einer Hütte aus 

der Steinzeit; Grundriß und 

Durchschnitt. Bohuslän. 



1) Almgren, Sveriges fasta fornlämningar, S. 9. 



j(5 Die jüngere Steinzeit. 

vorherrschend und hat sich sehr lange erhalten. Die Hütten der Germanen 
auf römischen Siegesmonumenten aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. sind 
noch rund. *) 

Gewöhnlich, wenn auch nicht immer, waren die Hütten der Steinzeit nicht 
aus liegenden Balken gezimmert, wie die Häuser späterer Zeiten, oder aus auf- 
gestellten Planken erbaut, wie die Stabkirchen des Mittelalters, sondern sie 
waren auf dieselbe Art aufgeführt, wie die in gewissen Gegenden von Schweden 
noch heute vorkommenden Klenhusen . Das Skelett eines solchen Gebäudes 
ist von Holzpfosten und dünnen ineinander geflochtenen Asten und Zweigen 
gebildet und die Wände sind innen wie außen mit einer dicken Lage Ton 
verklebt. Wenn das Feuer eine solche Hütte zerstört, so wird der sie beklei- 
dende Ton gebrannt. Die herabfallenden Tonstücke müssen dann, weil sie 
gebrannt sind, ihre Form bewahren. Und so hat man wirklich solche Tonstücke 
bei uns gefunden, die auf der einen Seite Abdrücke von Asten und Zweigen, 
auf der anderen Seite Abdrücke der Finger, die vor Jahrtausenden die Wand 
geklebt haben, zeigen. Die Umstände, unter denen sie angetroffen wurden, er- 
lauben keinen Zweifel, daß sie aus der Steinzeit stammen. 

Möglich ist auch, daß Wohnhäuser von ungefähr derselben Form wie die 
unter dem Namen »Ganggräber« bekannten Gräber (Fig. 78) in jener Zeit hier 
vorkamen. Im nördlichsten Teil der Skandinavischen Halbinsel leben noch 
einige Lappen in ähnlichen Hütten, von ihnen »Gammer« genannt. 

Die Völker Mitteleuropas wohnten, wie wir gesehen haben, während der 
jüngeren Steinzeit vielfach in Dörfern, die auf Pfählen in die Seen hinausgebaut 
waren. Im nördlichen Deutschland hat man entschieden Reste solcher Pfahl- 
bauten angetroffen, aber von Schweden sind Funde dieser Art unbekannt. 

Dagegen hat sich gezeigt, daß in Schweden wie auch in vielen anderen 
europäischen Ländern ein Teil des Volkes der Steinzeit sich damit begnügte, 
von der Natur gebildete Höhlen zu bewohnen. Solche Höhlen sind in Skäne 
entdeckt worden, 2 ) und die geräumige Höhle »Stora Förvar«, auf der Insel 
Stora Karlsö westlich von Gotland ist lange Zeit bewohnt gewesen. 3 ) 

Man fand nämlich in dieser Grotte Schichten von ungefähr 3,5 m Mächtig- 
keit aus Kohlen und Asche mit eingelagerten Tierknochen und Artefakten. 
Die obersten Schichten rühren zwar von Leuten her, die die Grotte in der 
späteren heidnischen Zeit bewohnten. Aber der darunterliegende unvergleichlich 
größere Teil der Anhäufung von beinahe 3 m Tiefe stammt aus der Steinzeit 
und enthielt zuoberst Knochen von den gewöhnlichen Haustieren (merkwürdig 
genug keine Hundeknochen), gemischt mit Gräten von Fischen und Knochen 
von Seehunden; in den untersten Schichten kommen dagegen nur die letzteren 
Arten und keine Haustiere mehr vor. Außer den Knochen findet man große 



1) Montelius, Zur ältesten Geschichte des Wohnhauses in Europa, speziell im Norden, im 
Archiv für Anthropologie, Bd. XXIII (1895), S. 451 folg. 

2) G. Retzius und H. Wallengren, Arkeologiska undersökningar i grottor ä Kullaberg 
i Skäne, in Ymer, 1903, S. 143 folg. 

3) H. Hildebrand und G. Retzius, in Ymer, 1890, S. 276, 285, 286. 



Lebensweise. 



17 



Massen von zerbrochenen Tongefäßen aus der jüngeren Steinzeit, Äxte und 
anderes Gerät aus Stein, Pfrieme, Pfeil- und Harpunspitzen, auch Angelhaken 
aus Knochen, eine Art Messer von Wildschweinzähnen und andere Gegenstände. 
Reste von Feuerstätten befanden sich an vielen Stellen, sowohl an den Wänden 
der Grotte, w r ie auch in deren Mitte. Alle Zeichen deuten darauf hin, daß 
die Grotte in der jüngeren Steinzeit während des ganzen Jahres bewohnt war. 

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die hauptsächlich in den oberen 
Steinzeitschichten angetroffenen Menschenknochen. Diese rühren nicht von 
Begräbnissen her und bilden keine vollständigen Skelette, nicht einmal größere 
Teile davon. Sie waren immer zerstreut und gespalten oder auf andere Weise 
zerstückt und gegen die Wände der Grotte geworfen, Umstände, die den Ge- 
danken aufkommen lassen, daß Menschenfresser in der Grotte gewohnt 
haben. Dies ist um so weniger überraschend, da der in unseren Augen so schreck- 
liche Brauch, Menschenfleisch zu essen, einmal auf der Erde allgemein gebräuchlich 
war. Historische Hinweise erzählen von diesem Brauch in gewissen Teilen 
Europas noch nach dem Schluß der Steinzeit. 

Von Hausgeräten ist kaum etwas anderes erhalten geblieben als einige 
Toneefäße, deren mehrere offenbar als Kochtrefäße verwendet worden sind. 
Der Ruß, der sich noch jetzt hier und da an ihnen vorfindet, zeugt davon 
mit Bestimmtheit. 

Die Feuerstellen in den Kjökkenmöddingern ergeben ebenfalls, daß die 
Nordbewohner schon in der ältesten Steinzeit ihre Nahrung zu kochen ver- 
standen. In einer Zeit, da es weder Zündhölzer noch Feuerstahl gab, war es 
nicht leicht, ein Feuer anzumachen. Man konnte das nur entweder durch ein 
schnelles Aneinanderreihen zweier vollkommen trocknen Holzstücke — wie viele 
»wilde« Völker noch in den spätesten Zeiten taten — oder mit Hilfe von Feuer- 
stein und Schwefelkies, die ungefähr wie Stahl und Feuerstein verwendet wurden 
und in verschiedenen Funden aus der Steinzeit zusammen vorkommen. 

Als eine Erinnerung an jene Zeit, in der Feuer nur durch mühsames 
Reiben zweier trockner Holzstücke hervorgebracht wurde, kann man die Rolle 
betrachten, die das »Feuerreiben« in unserem Land noch bei Beschwörungen 
spielt, und auch der bei manchen Völkern bestehende Brauch, ein ewiges Feuer 
zu unterhalten, scheint zuerst aus praktischen, später aus religiösen Gründen 
gegolten zu haben. Wenn dieses heilige Feuer einmal ausging und wieder 
von neuem angemacht werden mußte, so durfte das vielfach nur durch Reiben 
geschehen. 

Noch in späten Zeiten war die Kunst der Töpferei vielen Völkern gewiß 
unbekannt. Die in den Kjökkenmöddingern gefundenen Stücke grober Ton- 
gefäße zeigen indessen, daß bei uns schon in der ältesten Steinzeit diese 
wichtige Kunst bekannt war, aber freilich in den Kinderschuhen stand. Eine 
große Anzahl in Gräbern — besonders in Skäne — gefundener Tonj 
(Fig. 11 und 12) zeigen, daß die Nordländer in der späteren Steinzeit ganz be- 
deutende Fortschritte in dieser Kunst gemacht haben, was Feinheit des Toih, 
Form und Ornamente betrifft. Außer diesen feineren Tongefäßen findet man 

BfontelillS, Kulturgeschichte Schwellen«- Z 



iS 



Die jüngere Steinzeit. 



indessen oft in Gräbern aus derselben Zeit auch gröbere Töpfe, die denen der 
älteren Zeit mehr gleichen. 

Selbst die besseren Töpfereien unserer Steinzeit sind aus mehr oder weniger 
ungeschlemmtem Ton. Sie sind in freier Hand geformt, ohne Hilfe einer Dreh- 
scheibe, und in offenem Feuer gebrannt. Die auf diesen Gefäßen angebrachten 
Ornamente waren oft mit einer weißen kreideartigen Masse ausgefüllt. Viele 
Tongefäße der Steinzeit sind nach unten zu schmaler und abgerundet, so~daß 
sie nicht stehen können. Die an ihnen gewöhnlich vorkommenden Löcher oder 
kleinen Henkel beweisen auch, daß beabsichtigt war, sie über dem Feuer auf- 
zuhängen oder an Riemen zu tragen. Nicht selten haben sie einen Deckel. 




n. Tongefäß. Blekinge. l j t 




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13. Holzlöffel. Dänemark. 




14. Tierbild auf einer in Skäne gefundenen 
Hornhacke. 1 / 1 . 




12. Tongefäß. Skäne. J / 2 . 



15. Elentier von Ton. Uppland. *j v 



Daß man auch Holzgefäße benutzt, ist selbstverständlich; in einigen 
dänischen Funden aus der Steinzeit hat man auch Holzgefäße und einen Holz- 
löffel (Fig. 13) angetroffen. 

Die Tongefäße aus der Steinzeit haben für uns einen besonderen Wert, 
weil sie uns beinahe die einzigen Proben nordischer Ornamentik der Steinzeit 
erhalten haben. Diese war, wie die hier abgebildeten Tongefäße zeigen, sehr 
einfach und bestand nur aus geraden Linien, Zickzacklinien, Rechtecken, die 
mit Parallelstrichen ausgefüllt sind, und ähnlichem. 



Lebensweise. 



19 



Aus der nordischen Steinzeit kennt man nur wenige Abbildungen von 
Tieren. 

Zwei Rehe sind auf einer Hornaxt zu sehen, die aus einem Torfmoor in 
Skäne stammt; das eine Tier ist in Figur 14 (Originalgröße) wiedergegeben. 
Einige zwischen den Tierbildern eingeritzte Ornamente sind charakteristisch für 
einen späteren Teil der jüngeren Steinzeit. 

Ein in Ton geformtes Kientier (Fig. 15) wurde neuerdings auf einem Wohn- 

o 

platze aus dieser Zeit bei Aloppe in Uppland ausgegraben. Das Bild ist sehr 
klein und das Tier selbst nur angedeutet, aber der Kopf ist auffallend geschickt 
und realistisch dargestellt. 

Auf einem gotländischen Wohnplatz aus der Steinzeit hat man einen 
knöchernen Kamm gefunden mit einem Pferde- und einem Menschenkopf (Fig. 16). 

Von Kleidern aus der jüngeren Steinzeit hat man bei uns keine Überreste 
gefunden. Dieselben waren wahr- 
scheinlich nicht nur aus Fell und Leder, 
sondern auch aus Wolle, da das Schaf, 
wie wir gesehen haben, damals hier 
schon heimisch war. In der Schweiz 
baute man wohl schon in der Stein- 
zeit Flachs, und in Resten eines Pfahl- 
baues aus jener Zeit hat man ein 
kleines Stück ganz feinen Leinens ge- 
funden. Aber für den Norden hat 
man keine Anzeichen, daß Flachs 
oder Leinen in jener Periode bekannt 
waren. Immerhin läßt sich auch das 
Gegenteil nicht beweisen. 

Mitteleuropäische Funde aus der 
Steinzeit enthalten oft Spinn wirtel, welche zeigen, daß die Kunst des Spinnens mit 
einer Spindel dort schon damals bekannt war. Wie weit die Verwendung von 
Spindeln in unserem Land zurückreicht, ist ungewiß. Spinnwirtel aus der Steinzeit 
sind weder in Schweden noch in Dänemark gefunden worden. Auch hier beweist 
die bloße Negative aber nichts, da ja Spindeln mit Holzwirteln noch sehr spät in 
gewissen Gegenden von Schweden verwendet wurden und man füglich nicht er- 
warten kann, daß ein so leicht vergängliches Material sich durch Jahrtausende kon- 
serviert hätte. Übrigens, wenn selbst der Gebrauch von Spindeln noch nicht bis 
Schweden vorgedrungen war, so würde daraus noch nicht folgen, daß die Kunst 
des Spinnens damals hier unbekannt gewesen wäre. Auch aus unserer Bronzezeit 
hat man keine Spindeln gefunden, und doch waren damals Wollstoffe aus hier 
im Norden gesponnener Wolle nachweislich im Gebrauch. Es gibt nämlich ein 
Spinngerät noch einfacher als die Spindel, das selbst heute in abgelegenen 
Teilen unseres Landes benutzt wird (Fig. 17) 1 ). Den langen Zweig a hält man 

1) G. J:son Karlin, in Studiir tillägnade Oscar Montelius af lärjungai S aolm, 
1903), S. 200. 




16. Kamm von Knochen. Gotland. -' 



20 



Die jüngere Steinzeit. 



in der rechten Hand, während die Linke die Wolle (das Leinen oder die Rinder- 
haare) bereitet, die bei c befestigt wird; mit Hilfe der rechten Hand wird der 
Haken herumgedreht. Das fertig gesponnene Garn wird um b herum auf- 
gewickelt. 

Die zur Bekleidung, Zeltbedachung und ähnlichen Zwecken bestimmten 
Felle wurden gereinigt und mit dem Feuersteinschaber (Fig. 18) bereitet. Diese 
Schaber sind auf der Unterseite flach und auf der Oberseite mehr oder weniger 
uneben und haben eine abgerundete, durch kleine Schläge entstandene Schneide. 
Die meisten haben nicht wie der hier abgebildete einen Griff von Feuerstein, 
sondern sind kurz, oft beinahe rund, und steckten in einem Griff von Holz oder 
Knochen, wie die von den Eskimos in späteren Zeiten benutzten Steinschaber. 





17- 
Moderner Spinnhaken 
von Holz. Schweden. 1 / 4 . 



18. 

Feuersteinschaber. 

Bohuslän. 1 / 2 . 



19. 

Knochenpfriemen. 
Westergötland. *-\ % . 




20. Knochennadel. 
Westergötland. 1 / 1 . 



Viele von den in großer Anzahl bei uns gefundenen Feuersteinwerkzeugen 
dieser Art sind doch ohne Zweifel auch zu anderen Zwecken verwendet worden, 
z. B. anstatt Hobeln, um Holz zu glätten. 

Die Fellbekleidungen wurden wahrscheinlich mit aus Sehnen gefertigten 
Fäden zusammengenäht, so wie Eskimos und Lappen es noch heute machen. 

Die Verarbeitung der Sehnen des Renntiers zu Fäden wird in folgender 
Weise beschrieben 1 ): »Die Sehnen, die sich an den Vorderfüßen des Renntiers 
finden, pflegt man, wenn sie nicht sofort verwendet werden, trocken zu ver- 
wahren, um sie später zu Fäden zu verarbeiten. Die entsprechenden Hinter- 
beinsehnen gelten als geringer, weil sie gröber sind, und werden mehr als 
Schnur verwendet. Die getrockneten Sehnen werden in Wasser geweicht, 

1) G. von Düben, Om Lappland och lapparne (Stockholm, 1873), S. 1 3 1 . 



Lebensweise. 



21 



frische direkt behandelt. Erst werden sie geklopft und dadurch aufgelockert, 
danach werden sie mit den Zähnen in lange Fäden zerschlissen, immer feiner 
und feiner. Hierauf werden sie nochmals gründlich aufgeweicht, erwärmt und 
mit Mark oder irgend einem anderen Fett eingerieben, bis sie so glatt und 
geschmeidig werden wie möglich. Dann wird jeder Faden zugespitzt und 
nacheinander durch Löcher von verschiedener Feinheit gezogen, die zu diesem 
Zweck in Scheiben von Metall, oder häufiger von Holz oder Knochen, be- 
sonders aus den bandförmigen Vorderschaufeln der Renntiergeweihe, gebohrt 
sind. Durch ein solches Durchziehen werden die Fäden glatt und gleichmäßig 
und, durch immer kleinere Löcher gezogen, zuweilen äußerst fein. Zwei solcher 
Fäden werden mit der Hand gegen die Backen oder Schenkel zusammen ge- 
zwirnt, indem man sie ab und zu mit Speichel anfeuchtet. Man braucht auch 
nicht überall solche Löcher zum Durchziehen, sondern behilft sich mit den 
bloßen Zähnen und Händen, wenn auch die Fäden dabei nicht so gleichmäßig 
und schön werden.« 





21. Bernsteinknopf, von zwei Seiten gesehen; mit V-Bohrung. Bohuslän. l / l . 



In schwedischen Gräbern aus der Steinzeit findet man nicht selten Knochen- 
pfrieme (Fig. 19), von denen die meisten wahrscheinlich angewendet wurden, 
um beim Xähen von Fellen und Leder Löcher für die Fäden zu bohren. Da- 
gegen hat man bei uns noch keine Nähnadeln aus jener Zeit gefunden. In 
Frankreich und England hatte man schon in der älteren Steinzeit ganz feine 
Nähnadeln aus Knochen, die mit einem kleinem Auge am obersten Ende ver- 
sehen sind und unseren heutigen Nähnadeln gleichen. Man hat in französischen 
Höhlen aus der erwähnten Zeit an einem Ende fein zugespitzte Feuersteinspäne 
gefunden, welche sicher dazu dienten, die Augen der Nadeln zu durchbohren. 
Ähnliche, wenn auch gröbere Knochennadeln wurden in Grönland noch Anfang 
vorigen Jahrhunderts gebraucht- Sir John Ross schreibt 1S19 von den grön- 
ländischen Frauen, sie nähten mit Nadeln aus Elfenbein und Fäden von See- 
hundsehnen; die Nähte seien so fein, daß man sie kaum sieht. 

Die Kleider werden mit knöchernen Nadeln zusammengehalten, die ge- 
wöhnlich durchbohrt sind und oft große, sogar scheibenförmige Köpfe haben 
(Fig. 20). Auch Knöpfe von Bernstein (Fig. 21) und Stein, mit eigentümlicher 
V-förmiger Bohrung, kommen vor. 



22 



Die jüngere Steinzeit. 



Als Zierate und ruhmreiche Erinnerungen an Jagden oder als Amulette 
wurden durchbohrte Zähne von Bären (Fig. 22), Wölfen, Wildschweinen und 
anderen Tieren getragen. Das war ein gewöhnlicher Brauch innerhalb wie 
außerhalb Europas, in der Steinzeit wie in späteren Perioden. In schwedischen 
Funden aus der Steinzeit kommen auch Hängezierate von Knochen vor, welche 
wie solche Zähne aussehen (Fig. 27). 

Der vornehmste Schmuck in dieser Zeit waren übrigens andere Zierate 
und Perlen aus Knochen und Bernstein. Erst gegen Ende der Steinzeit hat 
das Gold, wie eine große Seltenheit, den Weg zu uns gefunden. In einem bei 
Hjällby in Westergötland entdeckten Grab aus der letzten Periode der Steinzeit 
fand man vor einigen Jahren eine kleine spiralförmig gearbeitete Perle aus Gold- 
draht (Fig. 24). Perlen von Glas wurden hingegen im Norden erst während 
der Bronzezeit bekannt. 






24. Goldperle. 
Westergötland, 1 / J . 



23. Bernsteinperle. 
Westergötland. 1 / 1 . 



22. Durchbohrter 

Bärenzahn. 
Westergötland. 2 / 3 . 





26. Bernsteinperle. 
Westergötland. 1 / 1 . 




25. Hängezierat von Knochen, 
von zwei Seiten gesehen. 
Westergötland. i j v 



27. Zahnähn- 
licher Hänge- 
zierat von 
Knochen, mit 
Durchschnitt. 
Skäne. i/j. 



Die Küsten der Ostsee, auch die von Skäne, boten anstatt dessen Bern- 
stein, den die südlichen Völker Europas mit großem Kostenaufwand vom Norden 
holen ließen. Fig. 26 zeigt eine damals sehr gebräuchliche Form von Bern- 
steinperlen 1 ). In einem Ganggrab bei Falköping lag eine Bernsteinperle in Form 
der gewöhnlichen Steinäxte mit einem Loch für den Stil (Fig. 23); andere 
Hängezieraten von Bernstein oder Knochen (Fig. 25) gleichen mehr oder weniger 
solchen Äxten, die ausgeschweifte Schneiden an beiden Seiten haben. 

Selbst die weit von der Bernsteinküste entfernten Ganggräber in Wester- 
götland bergen oft Bernsteinperlen in Menge. In einem solchen Grab ganz 
nahe bei Falköping fand man 1868 über zweihundert solcher Perlen. In den 
einer späteren Zeit angehörenden Gräbern, die unter dem Namen »Steinkisten- 
gräber« bekannt sind, hat man hingegen höchst selten Bernstein angetroffen, 



1) N. G. Bruzelius, Beskrifning öfver fornsaker funna i Skäne (Lund, 1850), Taf. I. 
H. Werner, Antiqvariska berättelser, I, Taf. II; II, Taf. II und III. 



Lebensweise. 



23 



was besonders beachtenswert ist, weil einige von den äußerst sorgfältig durch- 
suchten Gräbern dieser Art in demselben Gebiet liegen wie die bernsteinreichen 
Ganggräber. Dieser Umstand verdient unsere Aufmerksamkeit um so mehr, als 
Bernsteinperlen auch in schwedischen Gräbern aus der Bronzezeit sehr selten 
vorkommen. 

Die Erklärung liegt ohne Zweifel 
darin, daß die Einwohner des Nordens 
durch den Verkehr mit anderen Völkern, 
welcher, wie wir sehen werden, schon 
in der Steinzeit angefangen hatte, er- 
fuhren, wie kostbar der Bernstein war. 
Die Folge davon war, daß schon in 
derjenigen Periode der Steinzeit, als die 
Steinkistengräber gebaut wurden — und 
ebenso in der Bronzezeit — Schmuck 
aus diesem kostbaren Material nicht 
mehr in die Gräber gelegt wurde, wie 
früher in der Zeit der Ganggräber, als 
man hier den hohen Wert des Bern- 
steins noch nicht kannte. Andererseits 
hat offenbar der Umstand, daß die süd- 
lichen Völker Europas durch diesen 
Verkehr den Reichtum des Nordens an 
Bernstein kennen lernten, stark dazu 
beigetragen, wenn nicht überhaupt ver- 
ursacht, daß der Handel mit unseren 
Gegenden zu der Bedeutung heran- 
wuchs, wie die Geschichte der Bronze- 
zeit zeigt. 1 ) 




Angelhaken von Knochen. 
Westergötland. 1 / 1 . 



Ä 




29. Netz. Dänemark. y,. 



30. Pfeilspitze 
aus Knochen. 
Östergötland. 1 / a . 



Wenn wir nach den Verhältnissen 
der meisten anderen Völker von ungefähr 
demselben Bildungsgrad wie die Nord- 
länder in der Steinzeit urteilen dürfen, 
war die Arbeit wohl so verteilt, daß 
die Frauen für alles sorgen mußten, was 
zu den Tätigkeiten im Hause gehörte, selbst den schwersten, während der Mann 
seine Zeit mit Jagen, Fischen und im Krieg zubrachte. Wie leicht erklärlich, 
haben sich jedoch weit mehr Spuren von den Beschäftigungen der Männer, als 
von den Arbeiten der Frauen bis heute erhalten. Die Sammlungen sind reich 
an Jagd- und Streitvvaffen. 



1) H. Stolpe, Sur l'origine et le commerce de l'ambre jaunc dans l'antiquite, im Compte 
rendu du Congres de Stockholm, 1S74, S. 777 folg. 



24 Die jüngere Steinzeit. 

Auch Fischgeräte wurden vielfach aufgefunden. Es sind hauptsächlich 
Angelhaken und Harpunen oder Spieße aus Knochen (Fig. 28, 30). Die Angel- 
haken gleichen in der Form beinahe ganz und gar denen, die noch heute, 
Tausende von Jahren nach dem Ende der Steinzeit, benutzt werden. Die Har- 
punen waren mit Spitzen aus Feuerstein oder Knochen versehen. 

Auch Netze wurden von unseren Vorfahren in der Steinzeit benutzt (Fig. 29). 

Daß man zum Fischfang und zur Seefahrt schon in der Steinzeit eine Art 
Fahrzeug hatte, ist selbstverständlich. Man hat auch in den Kjökkenmöddingern 
Gräten solcher Fische gefunden, die nur im tiefen Meereswasser gefangen werden. 
Soweit wir wissen, hat man jedoch in Schweden noch kein Fahrzeug gefunden, 
das mit Sicherheit der Steinzeit zugeschrieben werden kann. Die in unseren 
Seen und Mooren oft angetroffenen Kähne aus ausgehöhlten Baumstämmen, 
gewöhnlich Eiche, sind wohl den ältesten Fahrzeugen ganz ähnlich; ihr Alter 
läßt sich aber schwer bestimmen, da solche Einbäume auch lange nach der 
Steinzeit im Gebrauch w r aren, wie sie denn in gewissen entlegenen Teilen unseres 
Landes selbst heutigen Tages noch vorkommen. Dagegen hat man in schweizer 
Pfahlbauten mehrere solche Kähne gefunden, die nachweisbar der Steinzeit und 
der Bronzezeit angehören. 

Schon vor dem Ende der Steinzeit muß man jedoch hier im Norden 
etwas größere Boote als diese Einbäume gehabt haben, so daß man ohne zu 

o 

große Gefahren von der schwedischen Küste nach Aland und Finnland wie 
nach Gotland, Dänemark und Deutschland hinüberfahren konnte. Denn mit 
allen diesen Gegenden stand Schweden damals in lebhafter Verbindung. Ja, 
wir können sogar mit gutem Grund annehmen, daß ein direkter Verkehr zwischen 
Schwedens Westküste und England, wenigstens in der letzten Periode der Stein- 
zeit, stattfand. Die Erfahrung späterer Zeiten zeigt, daß ziemlich große Fahr- 
zeuge ohne Anwendung von Metall gebaut werden konnten, und daß man mit 
ihnen weite Meerfahrten machte. 

Die teils für die Jagd, teils für den Krieg bestimmten Waffen, welche 
in der Steinzeit benutzt wurden, waren Dolche, Speere und Lanzen, Bogen und 
Pfeile, Äxte und Streithämmer, Keulen aus Holz und Stein samt Schleudern. 
Der Schild aus Holz und Fell war wahrscheinlich die einzige Schutzwaffe. Von 
Schleudern und Schilden wurden keine Überreste in Schweden gefunden, obwohl 
die Erfahrung von anderen Steinzeitvölkern lehrt, daß sie zweifellos nicht un- 
bekannt waren. 

Sonst haben sich mit geringen Ausnahmen nur die Teile erhalten, die aus 
Stein waren, also die Spitzen der Lanzen und Pfeile, die Klingen der Dolche 
und die steinernen Äxte, Hämmer und Keulen. Solche Waffen sind zu Tausenden 
bei uns gefunden worden (Fig. 31 — 43). 

Die Speerspitzen von Feuerstein sind oft sehr groß und lang, bis zu 
40 cm, obgleich sie sehr dünn sind: Prachtstücke, welche wir mit Bewunderung 
und Erstaunen betrachten, wegen der Kunstfertigkeit, womit sie hergestellt sind, 
in so sprödem Material wie Feuerstein, und wegen der tadellosen Erhaltung. 

Wie die Lanzen und Pfeilspitzen an den Schäften befestigt wurden, sieht 



Lebensweise. 



25 



man an den von Steinzeitvölkern aus späteren Zeiten herstammenden Waffen 
mit Steinspitzen derselben Art, wie die Fig. 32 und 35 abgebildeten. 

Man hat ein paarmal im Norden Knochen von Menschen und Tieren ge- 






33. Pfeilspitze von Feuerstein. 

Sk.me. I ,. 



31. Steinerne Keule. Mittelschweden. 1 / i 



32. Moderner Pfeil 
mit Feuersteinspitze. 



34. Pfeilspitze von 
Feuerstein. Skäne. i/g. 





36. Pfeilspitze von ^jßi 
Feuerstein. Skiine. i / 1 . 



35. Lanze mit Steinspitze. 
Grönland. lj t . 



3S. Pfeilspitze 

von Knochen 
37. Lanzenspitze mit Feuerstein- 



von Feuerstein. 
Skäne. 8 / 8 . 



splittern. 
oe. ' ._.. 



funden, welche sichtlich von Pfeilen oder anderen Waffen aus Feuerstein ver- 
letzt oder getötet worden sind. So fand man bei Borrebv aul Själland in einem 
Ganggrab einen Menschenschädel, in dessen Augenhöhle eine kleine Pfeilspitze aus 



26 



Die jüngere Steinzeit. 





«m; 



Feuerstein eingedrungen war, und in einem dänischen Torfmoor den Unterkiefer 
eines Kronenhirsches, der von einem Feuersteinpfeil getroffen war. Dieser Pfeil 

war durch die Heftigkeit des Anpralls zersprungen, und 
viele kleine Splitter waren in die Knochenmasse einge- 
drungen, obwohl die Wunde später geheilt wurde. In 
einem anderen Torfmoor fand man das Skelett einer 
Kronenhirschkuh, in deren einer Rippe ein von der 
Knochenmasse später überwachsener Feuersteinsplitter 
saß. Auch in Skäne hat man neuerdings einen Pferde- 
kopf aufgefunden, in welchem die Speerspitze oder viel- 
mehr der Dolch aus Feuerstein, mit dem das Tier ge- 
tötet wurde, noch steckt. 

Außer den Pfeilspitzen aus Feuerstein verwendete 
man in der Steinzeit, wie viel später, auch knöcherne 
Pfeilspitzen. In den schwedischen Torfmooren ist auch 
eine Art Pfeil- oder Lanzenspitzen aus Knochen, mit 
Widerhaken (Fig. 30) oder an beiden Kanten mit einer 
Furche, gefunden worden, in welcher dünne, scharfe Feuer- 
steinsplitter mit einer dunkeln harzartigen Masse verkittet 
sind (Fig. 38); sie stammen wahrscheinlich aus einer 
sehr frühen Periode der Steinzeit. Überreste desselben 
Harzes sieht man oft am unteren Teil des Knochens, 
wo er am Pfeilschaft befestigt war. 

Die Bogen waren aus einem gebogenen Stück von 
elastischem Holz, ohne Stock, also wie die Bogen, die 
hier im Norden noch in der Bronze- und Eisenzeit, wie 
bei den modernen Steinzeitvölkern, gebräuchlich waren. 
In den Überresten eines zur Steinzeit gehörenden Pfahl- 
baues in der Schweiz fand man solche Bogen aus 
Eibenholz. 

Die meisten Feuersteindolchklingen sind den Speer- 
spitzen gleich. Die meisten hatten Holzgriffe, und da 
das Holz nicht erhalten ist, kann man oft nicht mehr 
feststellen, was mit einem kurzen Griff als Dolch oder 
mit einem langen Schaft als Speer gedient hat. 

Manche haben jedoch einen Griff von Feuerstein 
und kennzeichnen sich dadurch als Dolche (Fig. 39). 
Da der Dolch mit Holzgriff für den praktischen Zweck 
ebenso gut war, zeigt sich in der Anfertigung von 
Steingriffen bereits ein gewisser Geschmack am Luxus. 
Diese Steingriffe sind aus keinem andern europäischen 
Land bekannt als Skandinavien und Norddeutschland. Sie sind oft mit 
besonderer Sorgfalt gearbeitet: nach hinten ausgeschweift und an den 
Kanten in sehr feiner und regelmäßiger Weise verziert. Gewöhnlich ist die 



39. Dolch von Feuerstein, 
mit Durchschnitt. 
Bohuslän 



Vr 



Lebensweise. 



27 



Klinge an einem solchen Dolch groß, breit, fein gearbeitet und 
besonders schön geformt, mit geschmackvoll geschwungenem 
Kontur, manchmal mit feinen Sägezähnen an den Schneiden ver- 
sehen. Bisweilen ist jedoch die Klinge sehr schmal und unbe- 
deutend. Wenn die Schneide durch einen Stoß gegen etwas 
Hartes beschädigt war, mußte der Dolch neu behauen werden, 
und damit die Klinge nicht schief wurde, war es nötig, auch 
die andere Seite umzuarbeiten. Hierdurch wurde der Dolch 
schmäler, und man findet nicht selten Feuersteindolche mit nur 
ganz schmaler und kurzer Klinge, während der Griff seine ur- 
sprüngliche Form und Größe behalten hat 1 ). 

Solche Steinäxte, wie sie Fig. 41 — 43 zeigen, haben 
offenbar nicht als Werkzeug, sondern als Waffen gedient; 
die schöne Form und die darauf verwandte Arbeit bezeugen 
dies. Den meisten anderen Steinäxten läßt sich nicht ansehen, 
welchem Zwecke sie gedient haben. Die großen schweren 
Feuersteinäxte (Fig. 44) bis zu 45 cm Länge, die mehrmals in 



* "v 





40. Steinaxt mit 

Schaftloch. 

Gotland. J ,. 







41. Steinaxt mit 
Schaftloch. Mittel- 
schweden, '/g. 



43. Steinaxt mit Schaftloch, 
ue. Yi- 




42. Steinaxt mit Schaftloch, von zwei Seiten gesehen. 

Smaland. * .,. 

Schweden aufgefunden wurden, scheinen ebensowenig zweckmäßige Watten 
wie Werkzeuge gewesen zu sein; vielleicht hat man sie als Symbole des Sonnen- 



1) Sveriges forntid, Text, Fi^. 35. — Sveriges historia, [.Aufl., I. 1 



28 



Die jüngere Steinzeit. 



gottes oder als Votivstücke zu betrachten. Dasselbe gilt von den größten 
Steinäxten aus Diorit. Eine solche aus dem Kirchspiel Kville in Bohuslän ist 



ISä 




45. Feuersteinaxt, 46. Steinaxt, mit Vertiefung 47. Feuersteinaxt 

ungeschliffen. Skäne. 1 / 3 . für den Stiel. Bohuslän. 2 / 3 . mit Spuren vom' 

Holzstiel. Skäne. i j. i . 




48. Holzstiel für eine Steinaxt. Dänemark. 1 / 6 . 




44. Feuersteinaxt, ge- 
schliffen. Bohuslän. 1 / 3 . 




49. Steinaxt mit Holzstiel. England. 



35 cm lang und wiegt über 2,8 kg. Gewöhnlich sind jedoch die Äxte aus 
Feuerstein und anderen Steinarten bedeutend kleiner (Fig. 40, 45 — 47, 52, 53). 



Lebensweise. 



2 9 



Viele sind von einem Loch durchbohrt, in welchem der Griff steckte, 
ebenso wie bei den heutzutage gebräuchlichen Äxten. In Feuerstein konnte 
man solche Löcher nicht bohren; darum wurden alle Feuersteinäxte wie viele 
Äxte aus anderem Stein derart mit Griffen versehen, daß die Axt in einem 
gespaltenen oder durchbohrten Schaft befestigt war. So hat man in einem 
schwedischen Torfmoor die Fig. 52 abgebildete Steinaxt gefunden, die in einer 
Hornfassung steckt, deren Loch für den Stiel bestimmt war, und aus einem 
Torfmoor in Dänemark wurde der Holzgriff einer Steinaxt ausgegraben (Fig. 48). 
Figur 49 zeigt eine Steinaxt mit gut erhaltenem Holzgriff aus einem englischen 
Torfmoor und Figur 50 eine Feuersteinaxt mit Holzgriff aus einem dänischen 




50. Feuersteinaxt mit Holzstiel. Dänemark. 1 / u . 





51. Axt von Muschelschale mit Holzstiel. Pelew-Inseln. 1 / ä . 



Torfmoor. Außerdem hat man in einem Torfmoor bei Borreby, in der Nähe 
von Lund in Skäne, eine Feuersteinaxt (Fig. 47) gefunden, welche offenbar auf 
dieselbe Art mit Griff versehen war. Rund um diese Axt, deren Oberfläche 
jetzt grau ist, sieht man etwas über der Mitte einen helleren Streifen von 3,6 cm 
Breite, der dadurch entstand, daß der Griff sich im Moor noch lange erhalten 
hat und diesen Streifen bedeckte. Die schräge Richtung des Streifens beweist, 
daß die Axt beinahe in demselben Winkel zum Griff stand, wie die Fig. 49 
abgebildete Axt. 

Bisweilen findet man auch Äxte aus Diorit mit einer rinnenförmigen Ver- 
tiefung, in der der Griff ruhte (Fig. 46 ). 



3Q 



Die jüngere Steinzeit. 



Viele Steinäxte, besonders die mit ausgehöhlter Schneide (Fig. 54), müssen 
»Queräxte« gewesen sein, das heißt sie waren in den Griffen derart befestigt, 
daß die Schneide einen rechten Winkel zu dem gewöhnlich knieförmigen Griff 
bildete. Eine ähnliche Axt von einer Insel im Stillen Ozean ist Fig. 5 1 ab- 
gebildet. Diese Axt, aus einer großen und harten Muschel, ist mit der Ober- 
kante gegen einen rechtwinkligen Einschnitt im Griffe eingefügt. Diese An- 
ordnung, die wahrscheinlich den Nordländern der Steinzeit nicht unbekannt war, 
verhinderte, daß die Axt beim Hieb in den Griff eindringen konnte. 

Außer den Steinäxten wandte man 
bei uns in der jüngeren Steinzeit, wie 
auch schon in der älteren, Äxte und 
Hacken aus Knochen und Hörn (Fig. 6) 
an. Wie schon erwähnt, ist eine solche 
Hornaxt mit fein eingeritzten Tierbildern 
verziert (Fig. 14). 

Um Arbeiten in Holz auszuführen, 
hatten die Schweden der Steinzeit außer 
Äxten auch noch anderes Werkzeug: 
Meißel, Messer, Bohrer und Sägen. Die 
meisten sind aus Feuerstein, viele jedoch 
auch aus anderen Steinarten. 

Die meisten Meißel haben ge- 
rade, andere tief ausgehöhlte Schneiden 
(Fig. 56). Wie diese Werkzeuge gefaßt 
waren, kann man an den Meißeln mit 
noch erhaltenen Griffen aus schweizer 
Pfahlbauten (Fig. 55) sehen. 

Die Messer waren meist sehr ein- 
fach, ein- oder zweischneidig; manchmal 
findet man größere mit einer Schneide 
und einem dicken, sorgfältig zugehauenen, 
gegen die Spitze im Bogen verlaufenden 
Rücken (Fig. 57). Wenn die Messer 
gut gemacht und unbeschädigt sind, 
ist die Schneide ziemlich scharf; sie ist nicht durch Schleifen entstanden, sondern 
durch den sehr spitzen Winkel, den die Seiten gegeneinander bilden. Durch 
einen Versuch überzeugt man sich leicht davon, daß solche Feuersteine wirklich 
als Messer angewendet werden konnten. In Mexiko wurden noch nach der 
spanischen Eroberung solche Messer aus Obsidian zum Rasieren gebraucht. 

Fig. 58 zeigt ein australisches einschneidiges Steinmesser mit dickem 
Rücken, um dessen hinteren Teil ein Stück Haut mit noch daransitzendem 
Haar festgebunden ist, wodurch eine Art Griff gebildet wird. Wahrscheinlich 
sind viele von den schwedischen Feuersteinmessern auf gleiche Art mit Fell 
umwickelt oder in einen Griff von Holz eingefügt gewesen. 




52 



Steinaxt in Hornfassung, von zwei Seiten 
gesehen. Skäne. 1 / 2 . 



Lebensweise. 



31 





53. Feuersteinaxt, geschliffen; 

von zwei Seiten gesehen. 

Skäne. !/,,. 





'rt\ 



56. Feuerstein- 
meißel. 
Smaland. l .,. 




54. Feuersteinaxt mit 55. Steinmeißel in Holz- 

konkaver Schneide. Skäne. 1 /. 2 . fassung. Schweiz. 2 ... 




58. Steinmesser, hinten mit Fell umwickelt. Australien. ' 




59. Feuersteinsäge. Skäne. 1 / 2 . 

Als Bohrer wurden schmale, spitze Feuersteinsplitter 
angewendet, und die abgenutzten Spitzen verschiedener der- 
selben zeugen noch heute von den Diensten, die sie vor 
Jahrtausenden leisteten. Die in den Gräbern der Steinzeit 
gefundenen Bernsteinperlen und Knochennadeln zeigen, welche 
feine und gut gebohrte Löcher man ohne Metallbohrer zu- 
C^ stände brachte; und durch Versuche hat man sich über- 

c. zeugt, daß ranz runde und glatte Löcher in Hörn und Holz 

57. r-euersteinmesser, ** ' ° ° 

einschneidig (mit Durch- m ^ Feuersteinbolirern hergestellt werden können. Wenn 
schnitt). Skäne. >/,. man das Loch während der Arbeit nur ein wenig mit 



?2 Die jüngere Steinzeit. 

Wasser befeuchtet, wird man überrascht sein, wie leicht die Arbeit vonstatten 
geht und wie wenig die Feuersteinspitze leidet. 

Feuersteinsägen, wie die Fig. 59 abgebildete, sind sehr häufig. Die Säge- 
zähne sind jedoch nicht immer so deutlich wie die hier abgebildeten. Die 
Schneide hat nicht selten einen Glanz, der auf Abnutzung zurückzuführen ist; 
selbst an der entgegengesetzten, gewöhnlich stark ausgebogenen Kante pflegt 
ein glänzender Rand sichtbar zu sein, von der Reibung des Werkzeuges gegen 
den Schaft herrührend. 

Daß alle diese Werkzeuge viel gebraucht worden sind, geht daraus hervor, 
daß sie oft beschädigt, mit einer umgeschliffenen Schneide oder mit anderen 
deutlichen Zeichen eines andauernden Gebrauches vorgefunden werden. 

Werkzeuge aus Stein kommen uns recht mangelhaft vor, und mancher 
Zimmermann oder Schreiner würde meinen, daß man mit solchen Werkzeugen 
überhaupt nicht arbeiten könne. Ein solches Urteil ist jedoch verfrüht. Wenn 
wir, die wir an die Werkzeuge aus Bessemerstahl gewöhnt sind, nicht mit 
einem Feuersteinmesser oder mit einer Steinaxt arbeiten können, so folgt daraus 
noch nicht ein gleiches für Männer, die niemals eine Eisenaxt gesehen hatten, 
in deren Augen eine Feuersteinaxt ein ausgezeichnetes Werkzeug war, und die 
von Jugend auf daran gewöhnt waren, mit dieser zu hantieren. 

Sicherlich betrachten auch die heutigen Einwohner von Tahiti Steinäxte 
als untauglich, und doch ist es kaum hundert Jahre her, daß dort solche Äxte 
die einzigen waren, die es gab. Die Erfahrung lehrt sogar, daß Werkzeuge 
von Stein, besonders von Feuerstein, überraschend gut sein können, wenn man 
mit ihnen auch nicht so schnell arbeiten kann wie mit Stahlwerkzeugen. 

Einige neuerdings in Dänemark ausgeführte Versuche haben unwiderleglich 
bewiesen, daß diese Werkzeuge nicht nur viel besser sind, als man sich ge- 
wöhnlich vorstellte, sondern daß die Schneide einer gut geschliffenen Feuer- 
steinaxt, solange sie noch neu und unbeschädigt ist, an Schärfe mit unseren 
gewöhnlichen Werkzeugen fast wetteifern kann. Die Schneide einer Feuer- 
steinaxt hält sich auch merkwürdig gut. So konnte man mit derselben Axt, 
ohne daß sie inzwischen geschliffen zu werden brauchte, 26 Tannen von un- 
gefähr 8 Zoll Durchmesser fällen. Die Arbeit wurde in 10 Stunden geleistet, 
die Zeit eingerechnet, die es beanspruchte, die Bäume ein Stück von dem Platz 
zu schleppen, wo sie gestanden. Von den auf diese Weise gefällten Bäumen 
wurde eine Hütte gebaut: die Baumstämme wurden von den Zweigen befreit, 
und nach Abschälung der Rinde vierkantige Balken zurecht gehauen; die Balken 
wurden ineinander gefügt, Dach, Tür und Fenster mit Hilfe der Steinwerkzeuge 
hergestellt. Die ganze Arbeit wurde ohne irgend ein Werkzeug von Eisen 
ausgeführt. 1 ) 

Äxte aus anderen Steinarten als Feuerstein sind wohl minder gute Werk- 
zeuge, aber sicherlich verstanden die Nordländer, die sich solcher Äxte bedienten, 
ebensogut damit umzugehen, wie die Indianer in Nordamerika zu der Zeit als 

1) N. F. B. Sehested, Archaeologiske Undersögelser 1878 — 1881 (Kopenhagen, 1884), 
S. 3 folg. 



Lebensweise. 



33 



sie Steinäxte anwendeten. Sie pflegten erst durch Feuer den Teil des Baumes 
zu verkohlen, der entfernt werden sollte. 

Da man mit Recht annehmen darf, daß die bei uns in der Erde gefundenen 
Steinäxte im allgemeinen demselben Zweck dienten wie die Äxte der modernen 
Steinzeitvölker, kann der Gebrauch der Steinäxte in Neu-Seeland als Analogie 
dienen. »Es werden damit Bäume gefällt und Kanoes ausgehöhlt, Pfähle für 
Hütten und Brennmaterial zugehauen, Tiere getötet und Wurzeln zur Nahrung 
ausgegraben, das Fleisch von den Knochen der Tiere abgelöst und viele andere 
im täglichen Leben vorkommende Arbeiten ausgeführt. Außerdem werden sie 
in Kriegszeiten als Waffen benutzt.« Wir können hinzufügen, daß sie bei allen 
Völkern innerhalb und außerhalb Europas, die Ackerbau in der Steinzeit trieben, 
ohne Zweifel auch als Ackerbaugeräte angewendet wurden, ferner als Hacken 
bei den ersten Grubenarbeiten in unserem Erdteil, in den Feuersteingruben. 

Daß man mit Äxten und anderem Werkzeug von Stein nicht nur Holz, 
sondern auch härteres Material, wie Knochen oder Hörn, bearbeiten kann, be- 
zeugen zahlreiche bei uns gemachte Funde (Fig. 6, 7, 13, 14, 16, 19 und andere). 



2. Die Herstellung der steinernen Werkzeuge und Waffen. 

Als man anfing, den Überresten aus der Steinzeit Aufmerksamkeit zu 
schenken, konnte man sich zuerst schwer vorstellen, wie diese Steinarbeiten ge- 
macht wurden. Viele, die sich daran hielten, wie die Arbeiter in späteren 
Zeiten mit Hämmern von Eisen Flintensteine oder Feuerstahlsteine bearbeiteten, 
glaubten, daß der Feuerstein nur durch Metall bearbeitet werden könne, und 
daß daher auch die aus der Erde gegrabenen Feuersteinwerkzeuge mit Hilfe 
von Metallhämmern, wahrscheinlich Bronzehämmern, verfertigt worden wären. 
Vergebens fragte man, warum die Völker der Vorzeit, wenn sie Metall kannten, 
dieses nur zur Bearbeitung des Feuersteins benutzt hätten; wäre es doch weit 
zweckmäßiger gewesen, Waffen und Werkzeuge gleich aus Metall zu machen. 

Professor Sven Nilsson wies schon vor mehr als sechzig Jahren darauf hin, 
daß die Feuersteinwerkzeuge lediglich mit Zuhilfenahme von anderen Steinen 
verfertigt worden sind, und in seiner großen Arbeit über die Steinzeit gab er 
Abbildungen von Steinen, an denen er deutliche Spuren nachwies, daß sie zur 
Bearbeitung des Feuersteines gedient hatten. Er hatte sich als junger Mann 
auf der Jagd in Skäne öfters in der Lage gesehen, mit Steinen vom Felde 
den Feuerstein für seine Flinte zurecht schlagen zu müssen. 

Er beschreibt auf folgende Weise 1 ), wie er dabei zu Werke ging: »Ge- 
brauchte ich einen neuen Flintenstein, so war ein oft mehr als faustgroßer 
Kiesel leicht gefunden. Ich suchte dann einen passenden Rollstein von dichtem 
harten Granit oder Quarzsandstein, mittelst dessen ich durch Schläge aus freier 
Hand mehr oder minder dünne aber immer scharfkantige Splitter von dem 



1) S. Nilsson, Das Steinalter, S. 15. 
Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. 



■2A Die jüngere Steinzeit. 

Kiesel abschälte. Von diesen wählte ich den besten aus, suchte einen Granit- 
block, gegen welchen ich den Splitter stützte und begann nun ihn mit einer 
vorstehenden Kante oder stumpfen Spitze des Rollsteines zu bearbeiten und ihm 
die gewünschte Form zu geben. Haupterfordernis war, daß der Kieselsplitter 
während des Behauens eine feste Unterlage hatte, weil er sonst zersprang.« 

Professor Nilssons Ansicht wird durch die Beobachtungen von Reisenden 
an außereuropäischen Steinzeitvölkern bekräftigt. So kam vor Jahren ein 
Engländer zu einem Indianerstamm in Kalifornien, der noch Steinwerkzeuge 
benutzte. Unser Reisender kannte europäische Steinzeitfunde, war aber der 
Meinung, daß die Anfertigung mittelst Werkzeugen aus gehärtetem Kupfer 
geschah. Er traf nun einen der Pfeilspitzenmacher des Stammes und bat, eine 
Probe seiner Kunst sehen zu dürfen. Der Indianer setzte sich nieder, legte 
einen glatten Stein in seinen Schoß und nahm in eine Hand einen Meißel aus 
Achat, in die andere ein Stück Obsidian, welcher Stein für die ältesten Be- 
wohner Amerikas dieselbe Bedeutung hatte wie der Feuerstein für diejenigen 
Nordeuropas. Mit einem Schlag des Achats spaltete er das Obsidianstück und 
mit einem zweiten Schlag trennte er einen Span von ein viertel Zoll Dicke 
los. Diesen faßte er zwischen Daumen und Zeigefinger, hielt ihn gegen die 
Steinstütze auf dem Knie und führte mit dem Achat Schlag auf Schlag aus, 
deren jeder einen kleinen Splitter fortnahm. Bald erhielt das Obsidianstück 
eine bestimmte Form, und nach etwas mehr als einer Stunde hatte er eine 
Pfeilspitze vollendet, die einen guten Zoll lang war. Der Engländer gab ihm 
nun eine zerschlagene Flasche und bat ihn, eine Pfeilspitze aus Glas zu machen, 
das dem Obsidian ähnlich ist. Zwei Versuche mißglückten, aber das dritte Mal 
brachte er eine wirkliche Pfeilspitze zustande und entschuldigte sich wegen der 
beiden mißlungenen Versuche, da er vorher nie Glas bearbeitet hätte und dessen 
Natur nicht kannte. »Niemals,« sagt der Erzähler, »hat wohl ein Bildhauer 
seinen Meißel mit größerer Sicherheit und besser berechneter Kraft und Wirkung 
des Schlages geführt, als dieser Indianer. Unter den Indianern ist das Anfertigen 
von Pfeilspitzen ein bestimmtes Gewerbe, in dem nur wenige es zur Meister- 
schaft bringen. Alles, was ich je von gehärtetem Kupfer und ähnlichem zur 
Anfertigung von Steinäxten gelesen hatte, war durch den einfachen Vorgang, 
den ich eben erlebt hatte, widerlegt.« 1 ) 

Beim Bearbeiten eines Feuersteinblockes können entweder die abge- 
schlagenen Splitter oder die übrigbleibende Masse die Hauptsache sein. Das 
erstere gilt meistens für die Anfertigung von Messern, Pfeilspitzen und Schabern, 
das letztere für die Anfertigung von Äxten, Meißeln, Speerspitzen und Dolchen. 

Die Späne konnten, wie wir gesehen haben, ohne weitere Vorkehrung 
als Messer angewendet werden. Um Pfeilspitzen, Schaber und ähnliches daraus 
zu machen, wandte man entweder denselben Stein an wie beim Abschlagen 
der Späne oder auch ein anderes Werkzeug. Durch Versuche hat man sich 
überzeugt, daß die runde Schneide der Feuersteinschaber mit einem gewöhn- 



i) Lartet und Christy, Reliquiae Aquitanicce, S. 17. 



Die Herstellung der steinernen Werkzeuge und Waffen. ?c 

liehen Feldstein geklopft werden kann. Selbst durch den Druck mit einem 
Knochen- oder Hornwerkzeug kann man die Kante eines Feuersteinspanes 
bearbeiten. 

Die Eskimos wenden hierzu ein Werkzeug an, das gewöhnlich einen Griff 
aus fossilem Elfenbein hat, am einen Ende gebogen ist, um besser in der Hand 
zu liegen, und eine tiefe Furche am anderen Ende hat, in welcher ein Stück 
Renntiergeweih, das sich als härter erwiesen hat als das Elfenbein, mit nassen 
Lederriemen oder nassen Sehnen befestigt worden ist. Der Quarz- oder 
Feuersteinspan wird über eine löffeiförmige Vertiefung in ein Holzstück gelegt, 
und dann durch den Druck mit der Spitze des Instrumentes gegen die Kante 
des Spanes kleine Splitter bald von der einen bald an der anderen Seite ab- 
gelöst, bis die Pfeil- oder Lanzenspitze fertig ist mit zwei sägeartig ausgezähnten 
Schneiden. Durch praktische Versuche hat man sich auch überzeugt, daß 
mittelst eines Stückes Hirschgeweih in Form eines Meißels Feuersteinschaber 
hergestellt werden können. 

Ein Augenzeuge beschreibt folgendermaßen, wie die mexikanischen Apachen 
ihre Pfeilspitzen aus Feuerstein verfertigen 1 ): »Wie die meisten Stämme westlich 
von und in Klippbergen machen sie die Spitzen ihrer Pfeile und Lanzen aus 
heuerstein oder Obsidian, und wie die anderen machen sie ein tiefes Geheimnis 
aus der Art und Weise, wie man zu Werke geht. Jeder Stamm hat seine 
Werkstatt, wo der Bedarf des ganzen Stammes an Pfeilen von den eingeweihten 
Arbeitern hergestellt wird. Erratische Feuersteinblöcke werden gesammelt — 
bisweilen von weit hergeholt — und mit einem runden Stein, der einen Griff 
von geflochtenen Weiden hat, in Stücke zerschlagen. Wenn man ein passendes 
Stück ausgewählt hat, setzt sich ein Arbeiter auf die Erde und legt dasselbe 
gegen die linke Handwurzel, während er mit der rechten Hand einen Meißel 
gegen die Stelle setzt, die fortgenommen werden soll. Ein anderer, der ihm 
gegenüber sitzt, schlägt mit einem Hammer oder einem sehr harten Holzstück 
auf das obere Ende des Meißels und so werden Splitter bald von einer, bald 
von der anderen Seite des Feuersteins losgeschlagen, bis die Pfeilspitze fertig 
ist. Die Meißel sind ungefähr 18 cm lang und haben eine abgerundete oder 
zwei ebene Seiten. Sie werden aus Zähnen der Walfische, die an den Küsten 
des Stillen Ozeans stranden, hergestellt. Beide Arbeiter singen, und der Hammer 
fällt im Takt mit einem scharfen Prall nieder, aus welchem die Indianer seilet 
die geheimnisvolle Kraft des Verfahrens erklären« 

Der Feuerstein war gewiß das beste Material zu Waffen und schneidenden 
Werkzeugen, das unsere Vorfahren in der Steinzeit besaßen, 2 ) aber es war, wie 
wir wissen, nicht das einzige. Eine Menge von Werkzeugen aus Diorit und 
ähnlichen Steinarten ist aus jener Zeit erhalten geblieben, besonders in solchen 
Gegenden, die wie das mittlere und nördliche Schweden keinen Feuerstein 
lieferten. Auch bei der Herstellung der Werkzeuge und Waffen von Diorit 
und dergleichen wurden andere Steine angewendet, indem man durch Behauen 



i) Stevens, Flint Chips (London, 1870), S. 

2) In Schweden hat man bis jetzt weder Nephrit- noch Jadeitäxte gefunden. 



36 



Die jüngere Steinzeit. 



dem Stein, der bearbeitet werden sollte, ungefähr die gewünschte Form gab 
und die Arbeit durch Schleifen vollendete. 

Beinahe alle Messer, Dolche, Speer- und Pfeilspitzen nebst Sägen und 
Schabern aus Feuerstein sind nur zugehauen, nicht geschliffen. Spuren eines 
Schleifens findet man nur ab und zu am mittleren Teil eines Dolchblattes oder 
einer Lanzenspitze, wo dort eine Unebenheit übrig geblieben sein mag, die auf 
keine andere Weise beseitigt werden konnte; aber die Schneiden dieser Waffen 
sind niemals geschliffen. 

Die meisten Äxte und Meißel von Feuerstein und fast alle Arbeiten von 
anderem Stein sind mehr oder minder geschliffen, und dazu benutzte Schleif- 
steine sind uns in großer Anzahl erhalten. Die längslaufenden Schrammen, 
die man oft an den geschliffenen Äxten und Meißeln beobachten kann, beweisen, 




60. Schleifstein und Feuersteinaxt. Skdne. ] / v 




61. Schleifstein und Feuersteinmeißel. Skäne 



daß, wenigstens bei Beginn des Schleifens, zur Entfernung der größten Uneben- 
heiten Sand angewandt worden ist. 

Die beiden gewöhnlichen Sorten Schleifsteine aus der Steinzeit sind Fig. 60 
und 61 abgebildet. Auf der ersteren Sorte wurden die großen Äxte und ähn- 
lichen Werkzeuge geschliffen, auf der letzteren die schmäleren Meißel mit gerader 
oder konkaver Schneide, wie die konkaven oder konvexen Schlifflächen zeigen. 
Dazu hat man mehrere größere Schleifsteine gefunden, die nicht auf der ganzen 
flachen Seite benutzt wurden, sondern nur einige breite tiefe Rillen mit abge- 
rundetem Boden und abgerundeten Enden haben; diese wurden offenbar zum 
Schleifen der beinahe runden Steinäxte gebraucht, wie man sie nicht selten 
ausgegraben hat. 

Viele Äxte aus Diorit und ähnlichen Steinsorten haben, wie wir gesehen 
haben, ein gebohrtes Loch für den Stiel. Man zweifelte lange, ob ohne Zuhilfe- 
nahme eines Metallbohrers solche Löcher zu bohren waren. Manche hielten 



Die Herstellung der steinernen Werkzeuge und Waffen. 



37 




62. Durchschnitt einer 
Steinaxt mit unvollendetem 
Schaftloch. 



es für unmöglich. Aber seit man mehrere Male Äxte mit Schaftloch in Gräbern 
der Steinzeit gefunden hat, ist es klar, daß das Volk der Steinzeit auf irgend 
eine Art ohne Hilfe des Metalls diese Löcher zu bohren verstand; und man hat 
sich seither durch Versuche überzeugt, daß sich selbst in einen sehr harten 
Stein mit einem Holzstock, Sand und Wasser ein Loch bohren läßt. Xur mußte, 
wenn der Stein hart war, eine große Ausdauer entwickelt werden; einige Stunden 
Arbeit vertieften das Loch kaum merklich. Man beginnt das Bohren am besten 
auf beiden Seiten des Steins. Zuerst erhält man auf diese Weise an jeder 
Seite eine Vertiefung, die nach innen spitz zuläuft; endlich fällt die Scheide- 
wand zwischen beiden und das Loch sieht aus wie zwei mit den Spitzen gegen- 
einander gestellte Kegel (Fig. 
62). Daß die Vertiefungen 
diese Kegelform annehmen, 
kommt daher, daß der Stock 
sich, je länger man arbeitet, 
desto mehr abnutzt und unten 
schmäler wird. 

Unter den in der Erde 
gefundenen Steinäxten be- 
finden sich manche mit un- 
vollendeten Löchern, welche 
allen Stadien der erwähnten 
Art der Durchbohrung ent- 
sprechen. 

Andere schwedische Stein- 
äxte mit unvollendetem Schaft- 
loch ergeben eine andere Art 
der Durchbohrung. In der 
Mitte des Loches sitzt da ein 
runder, nach oben hin schma- 
lerer Zapfen wie ihn Fig. 63 
zeigt (vgl. Fig. 64). 

Durch Versuch hat man sich überzeugt, daß solche Löcher mit Sand, 
Wasser und dem Röhrenknochen eines Tieres oder einem Rohr von Hörn oder 
Holz hergestellt werden können. Erst bildet sich auf der Oberfläche des Steines 
eine ringförmige Einsenkung. Der Bohrer nutzt sich allmählig ab, und der Rin- 
wird infolge davon nach unten hin schmaler, während die weitere Bewegung 
des Bohrers oben die W 7 ände des schon vorgebildeten Loches ausweitet und 
dem Zapfen in der Mitte die Form eines stumpfen Kegels gibt. In den Wan- 
dungen des Bohrloches zeigen sich, ganz wie an den Wänden in den I öchern 
der alten Steinäxte, parallellaufende Rillen, welche deutlich in der im übrigen 
glatten Fläche sichtbar sind. Diese Rillen entstehen durch einzelne größere 
Sandkörner, die glatte Fläche wieder von den anderen, nach und nach zu feinem 
Pulver zerriebenen Körnern. 




63. Durchschnitt der Axt 
Fig. 64. 




64. Steinaxt mit unvollen- 
detem Schaftloch. Verm- 
land. !/«• 



■2 g Die jüngere Steinzeit. 

Auch in diesem Falle sind es natürlich eigentlich die Sandkörner, welche 
das Loch zustande bringen. Dieses Verfahren, das wahrscheinlich jünger ist 
als das erstbeschriebene, ist viel weniger zeitraubend, da man für das Schaft- 
loch nicht die ganze Steinmasse, sondern nur den Ring, der den Zapfen um- 
gibt, fortzuschleifen braucht. Der Zapfen wurde alsdann abgeschlagen oder 
fiel von selbst heraus. 

So haben wir hier eine interessante Erfindung, die vor Jahrtausenden 
gemacht wurde. Merkwürdig genug ist diese selbe Erfindung auch in unserer 
Zeit gemacht worden und zwar von Technikern, die ohne Zweifel nicht 
die geringste Kenntnis davon hatten, wie man die alten Steinäxte durchbohrte. 
Beim Sprengen eines Berges bohrt man gewöhnlich in derselben Art, wie die 
Löcher zuerst in den alten Steinäxten gemacht wurden, nämlich, indem man die 
ganze Steinmasse des zu bohrenden Loches zermalmt. Für Tunnelsprengungen 
aber benutzt man zylindrische Bohrer, welche, gleich wie bei den zuletzt be- 
schriebenen Steinäxten, eine ringförmige Aushöhlung um den in der Mitte stehen- 
bleibenden Zapfen bilden, welcher dann leicht entzwei geschlagen und heraus- 
genommen werden kann. Dasselbe gilt für die senkrechte »Diamantbohrung« 
nach Wasser, wenn es gilt tief durch Granit zu dringen; der Bohrer ist ein 
eiserner Zylinder, in dessen unterem Ende einige schwarze Diamanten sitzen. 

Die eben erwähnten Versuche zeigen, wie man mit den einfachen Mitteln, 
die den Schweden der Steinzeit zur Verfügung standen, selbst Äxte aus sehr 
hartem Stein durchbohren konnte. Freilich gehörte viel Zeit und Geduld dazu. 
Aber die Zeit hatte nicht denselben Wert damals wie heutzutage, und man hat 
bewunderungswürdige Proben der Geduld, welche die »wilden« Völker bei 
ähnlichen Arbeiten entwickeln können. So wird erzählt, daß ein Indianer in 
Nordamerika manchmal sein ganzes Leben darauf verwendet hat, um einen 
Tomahawk (Streitaxt) aus Stein zu machen, ohne dennoch ganz fertig damit 
zu werden! Und es gibt kleine Zylinder aus Bergkristall, io — 20 cm lang und 
etwa 3 cm im Durchmesser, welche die Eingeborenen in der Nähe von Rio 
Negro in Südamerika mit Sand, Wasser und biegsamen, zwischen den Händen 
gegen den Stein gerollten Gerten durchbohrt haben. Eine solche Arbeit er- 
fordert mehrere Jahre, und für die von den Häuptlingen getragenen Schmuck- 
sachen dieser Art werden zwei Menschenalter verwendet. 

Bei jeder kulturgeschichtlichen Untersuchung der Vergangenheit ist es 
wichtig, nicht nur zu erfahren, welche Überreste vorhanden sind, sondern 
auch, ob diese Überreste — oder einige von ihnen — im Lande selbst an- 
gefertigt worden sind. Nur in diesem Fall geben sie eigentlich eine unmittel- 
bare Aufklärung über den Grad der Kultur, die die Einwohner des Landes 
erreicht hatten. 

Es verdient deshalb in hohem Grade unsere Aufmerksamkeit, daß aus 
Gründen, die wir noch näher beleuchten werden, beinahe alle in Schweden ge- 
fundenen Gegenstände aus der Steinzeit, selbst die besten, als einheimische 
Arbeiten anzusehen sind. 



Die Herstellung der steinernen Werkzeuge und Waffen. tq 

Eine so große einheimische Produktion wurde durch das reichliche 
Vorkommen von Feuerstein in gewissen Teilen von Skäne erleichtert. Der 
Feuerstein bedeutete im Verhältnis zu anderen Steinen damals, was heute Stahl 
im Verhältnis zu Eisen bedeutet. Er findet sich gewöhnlich als mehr oder 
minder runde Knollen im Kreidelager und kommt auch in vielen anderen Ländern, 
wie zum Beispiel in Dänemark, England, Belgien und Frankreich vor. 

In Belgien und England hat man sogar die in der Steinzeit zur Gewinnung 
des Feuersteins bearbeiteten Gruben mit ihren Schächten und in die Erde ge- 
grabenen Gängen, die oft von bedeutender Ausdehnung sind, aufgedeckt. 

Daß die Herstellung von Feuersteingegenständen in Schweden während 
der Steinzeit einen großen Umfang hatte, beweisen die zahlreichen Funde an 
Schlagsteinen, Schleifsteinen, angefangenen und mißglückten Werkzeugen, nebst 
den beim Bearbeiten des Feuersteins abgeschlagenen Splittern. Solche Funde 
wurden an den verschiedensten Stellen des südlichen Schwedens, und vor allem 
in Skäne gemacht. Daß beinahe alle solche Stellen am Meere oder an 
größeren Seen liegen, beruht darauf, daß in der Steinzeit vor allem die offenen 
und leicht zugänglichen Küstenstrecken bewohnt waren. 

Mehrere Funde beweisen, daß man auch aus anderen Steinarten Waffen 
und Werkzeuge hier im Lande verfertigte. So sind bei Hults Bruk in Öster- 
götland auf der Südseite von Kolmärden, nicht weit von Norrköping, zusammen 
mit einigen Schleifsteinen eine große Menge teils unfertiger, teils fertiger Äxte 
aus Diorit, beinahe alle ohne Schaftloch, gefunden worden. In der Nähe sieht 
man den Steinbruch, der das Material lieferte. 

Nähere Aufklärung über das, was in jener Zeit hier im Lande verfertigt 
wurde, erhalten wir durch die vielen halbfertigen Objekte, die bei uns angetroffen 
wurden. Aber auch auf einem anderen Wege können wir uns darüber belehren. 
Da beinahe alle im Norden — das heißt in Skandinavien und den nördlichsten 
Teilen des heutigen Deutschlands — gefundenen Gegenstände von Stein, Knochen, 
Bernstein, gebranntem Ton und anderem Material Typen angehören, die hier 
äußerst allgemein, aber in anderen Ländern nicht ganz ähnlich vorkommen, so 
müssen wir daraus schließen, daß sie alle im Norden angefertigt sind. Hierzu 
kommt, daß in den meisten Fällen der Feuerstein oder das sonstige Material, 
aus dem die Gegenstände bestehen, nordischen Ursprungs ist. 

Auf diese Weise hat man sich davon überzeugt, daß nicht nur die ge- 
wöhnlichen vergleichsweise weniger gut ausgeführten Arbeiten nordische sind, 
sondern auch die prächtigsten, wie zum Beispiel die schönen Feuersteindolche 
und die feinen Pfeilspitzen wie Fig. 39 und 36. In gewissen Fällen, wie zum 
Beispiel bei den geschmackvollen Steinhämmern von der Form wie Fig. 42, 
kann man sogar mit Bestimmtheit erkennen, daß schwedische Arbeiten \ 
liegen, da diese Formen außerordentlich zahlreich in Schweden sind, aber selten 
in den anderen Teilen des nordischen Gebietes vorkommen. 

Die Einwohner Schwedens hatten sich schon vor Ablauf der Steinzeit so 
weit über den Standpunkt der rohen Naturvölker erhoben, daß sie nicht nur für 
das unumgängliche Bedürfnis arbeiteten, sondern auch dicht unbedeutende Mühe 



aq Die jüngere Steinzeit. 

darauf verwandten, ihre Arbeiten so schön wie möglich herzustellen. Die Äxte 
und Meißel sind gewöhnlich nicht nur an der Schneide sorgfältig geschliffen, 
sondern auf der ganzen Oberfläche; die Dolche haben oft Griffe aus Feuerstein; 
viele von den Dolchen und Streithämmern zeigen eine Reinheit der Form und 
eine Technik, die wir bewundern müssen. 

Die skandinavischen Völker hatten demnach schon vor dem Ende der 
Steinzeit einen nicht geringen Grad technischer Fertigkeit erreicht, und ein Ver- 
gleich zwischen den nordischen Arbeiten und denen, die in anderen Ländern 
aus der Steinzeit erhalten sind, zeigt, daß die nordischen Völker, was Kunstfleiß 
anbetrifft, sich nicht nur vollständig mit den anderen Völkern der Steinzeit 
messen können, sondern sie sogar übertreffen. Nirgends in Europa außer im 
Norden, nicht einmal in Italien und Griechenland, findet man Gegenstücke zu 
unseren feinsten Feuersteinarbeiten oder unseren schönsten Steinäxten, nirgends 
findet man so schöne Formen, so geschmackvoll gebogene Linien, im Verein 
mit einer solchen Überlegenheit, das Material zu beherrschen und zu behandeln, 
wie hier im Norden. In letzter Zeit hat man wohl in Aegypten Feuerstein- 
arbeiten von der jüngsten Steinzeit — einer Zeit, in der das Kupfer dort schon 
bekannt war — aufgefunden, die ebenso geschickt wie die nordischen ausgeführt 
sind; an Schönheit der Form aber stehen sie gegen diese zurück. 

Gewöhnlich nimmt man an, daß zu der Zeit, als die Metalle noch unbe- 
kannt waren, der Verkehr zwischen den verschiedenen Ländern und Landes- 
teilen gering war. Daß ein Verkehr zwischen den verschiedenen Teilen von 
Skandinavien in jener Zeit bestand, ergibt sich jedoch schon aus den beinahe 
vollständig gleichen Formen, welche die Werkzeuge, Waffen und Gräber ganz 
getrennter Gegenden im Norden untereinander haben. So kommen Steinäxte 

o 

von gleicher Form wie Fig. 42 in Lappland, Jämtland, Angermanland, Skäne 
und dazwischenliegenden Landschaften vor; und die Feuersteindolche aus Nor- 
wegen, Nord- und Südschweden, Dänemark und Mecklenburg sind einander so 
ähnlich, daß man sie verwechseln könnte. 

Andere Zeugen von der damaligen Verbindung zwischen den verschiedenen 
Teilen von Schweden sind die vielen in den mittleren und nördlichen Land- 
schaften ausgegrabenen Gegenstände aus Feuerstein, der aus Skäne stammt. 
Entweder sind die Sachen fertig aus Skäne in die Gegenden, wo sie gefunden 
wurden, gebracht, oder sie wurden dort aus Feuerstein, der von Skäne dorthin 
gebracht worden war, gearbeitet. 

Der in dieser Hinsicht merkwürdigste schwedische Fund ist um 1830 in 
Westerbotten am Byskeälf bei Bjurselet im Kirchspiel Skellefte gemacht 
worden. 1 ) Zwei Fuß tief in der Erde stieß man dort auf nicht weniger als 
70 Äxte aus Feuerstein, welche mit der Schneide nach unten gerichtet waren, 
in einem Kreis von ungefähr 3 Fuß Durchmesser. Von diesen Werkzeugen 
sind dreiundzwanzig im Historischen Museum; alle haben gleiche Form, sind 
ungeschliffen und wahrscheinlich unbenutzt, und alle haben dieselbe hellgraue 



1) Mänadsblad, 1876, S. 266. 



Die Herstellung der steinernen Werkzeuge und Waffen. 



41 



Farbe; alle sind aus Feuerstein von Skäne. Die Stelle, wo sie gefunden 
wurden, liegt jedoch mehr als hundert schwedische Meilen von Skäne entfernt. 

In der Nähe fand man auch andere Werkzeuge und unbearbeitete Stücke 
und eine Masse Splitter, alle von derselben Feuersteinart wie der Hauptfund. 

Von einer Verbindung zwischen Skäne und Mittelschweden erzählen auch 
die vielen Schmucksachen aus Bernstein, die man in den Ganggräbern in Wester- 
götland angetroffen hat. 



3. Verkehr mit anderen Ländern. 

Die große Ähnlichkeit zwischen den Altertümern der Steinzeit aus Got- 
land, Oland, Bornholm und dem schwedischen Festland zeigt, daß schon damals 
eine ständige Verbindung zwischen den Inseln und dem Festland, trotz der 




■2,- 




65. Kupferaxt, von zwei Seiten gesehen; 
mit Durchschnitt. Skdne. V 2 . 



66. Steinaxt, von zwei Seiten gesehen; 
mit Durchschnitt. Södermanland. 1 / 3 . 



Schwierigkeit, mit den damaligen Fahrzeugen über das Meer zu gelangen, be- 
stand. Das gleiche gilt für das Verhältnis von Jütland zur südwestlichen Küste 
von Norwegen. 

Mehrere Verhältnisse zeugen auch von einem Verkehr zwischen Skandi- 
navien und dem westlichen Europa in jenen Zeiten. Eine Folge dieses Ver- 
kehrs sehen wir schon in einem ganz frühen Teil der jüngeren Steinzeit in den 
»Dolmen« und etwas später in den »Ganggräbern«, Grabformen, die wir so- 
gleich näher kennen lernen werden. Die Ähnlichkeit einerseits zwischen ge- 
wissen englischen Gräbern und einer Art von noch jüngeren Gräbern, — Stein- 
kisten mit einem großen Loch in einem der Giebel, — die im mittleren Schweden 



4 2 



Die jüngere Steinzeit. 



«;«#* 



vorkommen, und andererseits das Fehlen dieser Grabform im südlichen Schweden 
und in Dänemark macht es unzweifelhaft, daß schon vor dem Ende der Stein- 
zeit eine direkte Verbindung zwischen der Westküste Schwedens und der Ost- 
küste Englands stattgefunden hat. 1 ) 

Selbst mit Ländern südlich von der Ostsee stand das Schweden der 
Steinzeit in Verbindung. 

Einen Beweis für den direkten Verkehr mit Deutschland haben wir unter 
anderem in solchen Steinäxten, wie sie Fig. 66 zeigt, indem diese Form den in Nord- 
deutschland (Fig. 6j) und dem mittleren Europa vorkommenden sehr nahe steht, 
während sie aus Dänemark nicht bekannt ist. Diese Steinäxte sind Nachbildungen 
von Kupferäxten, welche in den österreichisch-ungarischen Ländern vorkommen; 
ein dorther importiertes Exemplar ist in Skäne gefunden worden (Fig. 65). 

Dieselben Ornamentmotive (Fig. 68 und 
69), die man auf vielen nordischen, auch süd- 
schwedischen, Tongefäßen aus dem späteren 
Teil der jüngeren Steinzeit sieht, findet man 
im mittleren Europa, auf der Balkanhalbinsel, 
auf Cypern (Fig. 70 und 71) und in Aegypten 
wieder; aber sie kommen weder in West- noch 
in Osteuropa vor. Folglich sind sie zu uns 
über das europäische Festland gekommen. 2 ) 

Auch daß der Bernsteinschmuck in den 
nordischen Ganggräbern allgemein, dagegen in 
den einer späteren Zeit angehörenden Stein- 
kisten selten ist, beweist für die letztere Zeit, 
daß man damals durch den Handel mit an- 
deren Völkern schon den Wert des Bernsteins 
zu schätzen gelernt haben mußte, was zur Zeit 
der Ganggräber noch nicht in so hohem 
Grade der Fall war. 
Schweden war also in der Steinzeit nicht so von anderen Ländern ab- 
geschlossen, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Zwar nicht unmittelbar, 
sondern durch Vermittelung vieler dazwischen wohnender Völker, erfuhr unser 
Land schon etliche Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung den Einfluß 
der damaligen Kulturvölker. 

Zwei Wege kommen dabei hauptsächlich in Betracht: der eine führte um 
die Mittelmeerküsten und Westeuropa zu unseren Gegenden, der andere von 
dem östlichen Mittelmeer über den Kontinent. Den ersteren nennen wir den 
westlichen, den letzteren den südlichen. 





67. Steinaxt, von zwei Seiten 
gesehen. Schlesien. 



1) Montelius, Der Orient und Europa. Einfluß der orientalischen Kultur auf Europa bis 
zur Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr. Deutsche Übersetzung von J. Mestorf. (Stockholm, 
1899), S. 137 folg. 

2) Montelius, im Correspondenzblatt der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft, 1891, 
S. 101. 



Verkehr mit anderen Ländern. 



43 



Der Verkehr zwischen dem Orient und Europa in jenen Zeiten war dem 
Verkehr der europäischen Völker mit Afrika und Australien in unseren Tagen 
insofern ähnlich, daß man in jenem wie in diesem Fall sich lange begnügen 
mußte, den Küsten entlang zu fahren, ehe es gelang, sich einen Weg quer über 
den Kontinent mittelst der Flüsse, die ihn durchschneiden, zu eröffnen. Erst 
nachdem der Handel schon lange den westlichen Weg rund um Westeuropas 
Küsten gegangen w 7 ar, wurde der Weg über das europäische Festland geöffnet, 
den Flußwegen folgend, die die Xatur gebahnt hat. 

Es ist eins der wichtigsten Ergebnisse der älteren Kulturgeschichte Europas, 
die wir der neueren Forschung verdanken, daß der letztgenannte Weg über 
den Kontinent bereits lange vor dem Ende der Steinzeit von Bedeutung für den 
Verkehr mit dem Norden wurde. Es ist noch nicht lange her, daß man sich 
die Eröffnung dieses Weges als viel später vorstellte. 

Die bisherigen Zeugnisse eines Kultureinfiusses der südlichen Völker sind 
nicht die einzigen. Auf dem einen oder dem anderen Wege empfingen unsere 
Vorväter zugleich mit der Kenntnis von Viehzucht und Ackerbau gewisse 
religiöse Vorstellungen. 






>V 









68. Ornament. Skäne. 69. Ornament. Skane. 



70. Ornament. Cypcrn. 7 1. Ornament. C\ 



Im höchsten Grade auffallend ist, daß wir folglich schon während der 
Steinzeit einen Einfluß konstatieren können, der sich nicht nur auf dem mate- 
riellen, sondern auch auf dem ideellen Gebiet bemerkbar machte. Es muß ein 
langandauernder und starker Einfluß gewiesen sein, der im äußersten Norden 
von Europa zu einer Veränderung der Gräberformen und zu neuen religiösen 
Vorstellungen führte. 

Die überraschende Höhe technischer Fertigkeit und des Kunstgeschmackes, 
die die Erzeugnisse aus der letzten Periode der Steinzeit erkennen lassen, kann 
nicht, wie man früher glaubte, durch längere Dauer der Steinzeit im Norden 
als in den südlichen Teilen Europas, sondern nur durch einen starken Einfluß 
der südlichen Kultur erklärt werden. 



4. Gräber. Religion. 

Ans der älteren Steinzeit kennt man bis jetzt kein schwedisches Grab — 
was vielleicht auf unvollkommenem Wissen bezüglich der Altertümer aus jener Zeit 
beruht. Aus der jüngeren Steinzeit ist dagegen eine große Anzahl Gräber erhalten. 

Diese Gräber sind entweder Erdgräber, in die Erde gegraben, ungefähr 
wie die jetzt üblichen 1 ), oder aus Stein gebaute Grabkammern. Ein < irab 
erstercr Art ist meist nur für eine Leiche bestimmt, letztere für eine Mehrzahl. 

1) S. Müller, De l nkeltgrave ira Stenalderen, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 

1898, S. 157 folg. 



44 



Die jüngere Steinzeit. 



In einem wie im anderen Fall wurden die Leichen unverbrannt begraben. 
Die Leichenverbrennung war, soweit wir wissen, in Schweden während der 
ganzen Steinzeit unbekannt. 

Im Anfang der jüngeren Steinzeit hatte man nur Erdgräber, erst später 
begann man in gewissen Gegenden für einen Teil der Bevölkerung Grab- 
kammern aufzuführen. Die ältere unansehnlichere Art von Gräbern wendete 
man in diesen Gegenden mitsamt den Grabkammern an, und in den übrigen 
Teilen des Landes gab es fortwährend nur Erdgräber. 





73. Dolmen mit Schalen. Fasmorup in Skäne. 

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72. Dolmen (Ansicht und Grundriß). 
Skäne. 







74. Dolmen. Östra Värlinge in Skäne. 




Die aus Stein gebauten Grabkammern, welche unter dem Namen »mega- 
lithische Gräber« bekannt sind, können in drei Hauptgruppen geteilt werden, 
Ganggräber, Dolmen und Steinkisten 1 ). Die verschiedenen Grabformen 
gehören im allgemeinen verschiedenen Epochen der jüngeren Steinzeit an und 
folgen aufeinander in der eben angegebenen Reihenfolge, indem die Dolmen 
die ältesten und die mit einem Erdhücrel oder einem Steinhaufen bedeckten 
Steinkisten die jüngsten, dem allerletzten Teil der Steinzeit und dem Übergang 
zur Bronzezeit angehörig sind. 

Ein Dolmen (Fig. 1 und 72 — 75) ist eine Grabkammer mit Wänden von 
großen, dicken, auf die Kante gestellten Steinen, die vom Boden bis an die 
Decke reichen und auf der inneren Seite glatt, auf der äußeren aber gewöhn- 
lich uneben sind. Der Boden besteht aus Sand, kleinen Steinen und ähnlichem, 
die Decke gewöhnlich aus einem, selten aus mehreren großen Steinblöcken, 



1) Sveriges forntid (Text), S. in, und Compte-rendu du Congres de Stockholm, 1874, 
S. 152 (mit einer Karte). Für die Entwickelungsgeschichte der megalithischen Gräber innerhalb und 
außerhalb des Nordens siehe Montelius, Der Orient und Europa, S. 9 folg. 



Gräber. 



45 



welche ebenfalls auf der Innenseite glatt, im übrigen aber unregelmäßig sind. 
Die Form der Kammer ist oft so vielseitig, daß sie beinahe rund erscheint; 
selten ist sie regelmäßig vierseitig. Ihre Länge beträgt meistens 1,50 bis 2 m, 
die Höhe selten mehr als 1,50 m. Gewöhnlich haben die Dolmen auf der 
südlichen oder östlichen Seite der Kammer eine große Öffnung, in welcher zu- 
weilen ein niedrigerer Stein sitzt. 



. 




caür 



75. Dolmen auf oblongem Hügel. Schegrie in Skane. 



Die meisten Dolmen liegen in oder auf einem Hügel, der ursprünglich 
wenigstens den obersten Teil der Wandsteine unbedeckt läßt. Der Hügel, 
der in Schweden gewöhnlich eine runde, selten eine oblonge Form hat (Fig. 75), 
ist am Fuß oft von großen Steinen umgeben. Wenn der Hügel langgestreckt 
ist, liegt der Dolmen gewöhnlich dem einen Ende näher. Bisweilen befinden 
sich zwei Dolmen auf einem solchen Hügel ') 




76. Ganggrab. Luttra in Westergötland. 

Ein Ganggrab besteht aus einer Grabkammer und einem dazuführenden 
niedrigen und schmalen Gang; das Ganze ist von einem Hügel umgeben, 
dessen Fuß einen Kreis von großen runden Steinen bildet. Fig. j6 — jS zeigen 
solche oft großartige Grabbauten 2 ). 



1) N. G. Bruzelius, Svenska fornlemningar (Lund, 1S53), S. 25. 

2) M. Bruzelius, in Iduna, 9 (Stockholm, 1S22), S. 285 (Äsahögen in Skane), 1'. G. 
Alander, Om ganggrifterna i Westergötland (Skara, 1860 und [862); B. E. Hildebrand, in der 
Antiqv. tidskr. f. Sv., Bd. 1, S. 255 (Luttra und Slöta in Westergötland); Mänadsblad, [873, S. 10 
(Karlcby in Westergötland); Sv. Fornm. für» tidskr., Bd. 5, S. 21 (Eldsbcrga in Eialland); Bd. 

S. 40 (Lundby in Westergötland); Bd. 7, S. 23 u. 122 (Berg in Bohuslän); Retzius, Crania suecica 
antiqua, S. 46 folg. (mehrere Ganggrabcr). 



4 6 



Die jüngere Steinzeit. 



Die Kammer in einem Ganggrab ist entweder beinahe rund oder oval 
oder bildet ein längliches Viereck. Die Wände sind in derselben Weise ge- 
baut wie in den Dolmen, indem sie von großen, auf die Kante gestellten Stein- 
platten oder Blöcken gebildet sind, die auf der Innenseite eben sind, wenn 
auch niemals glatt behauen. Der Zwischenraum zwischen diesen Steinen pflegt 
mit großer Sorgfalt mit kleinen Steinfliesen ausgefüllt zu sein. Bisweilen findet 
man Birkenrinde zwischen den Fliesen; letztere sind zuweilen aufeinander gelegt 
wie die Steine in einer Mauer. Das Dach besteht aus mächtigen Steinblöcken 
oder Platten, die von einer zur anderen Wand reichen und die auf der unteren 
Seite glatt, auf der oberen oft unregelmäßig sind. Auch der Zwischenraum 




77. Ganggrab. Karleby in Westergötland. 



zwischen diesen pflegt auf dieselbe Art wie die Fugen der Wände gedichtet 
zu sein. Der Boden ist in einigen Gräbern mit kleinen flachen Steinen belegt, 
aber gewöhnlich wird er nur von Erde gebildet. 

Auf der einen Längsseite der Kammer, gewöhnlich nach Süden oder 
Osten, — später in der einen Giebelwand, — befindet sich eine größere 
Öffnung, durch die ein Gang, auf dieselbe Art wie die Kammet gebaut, nur 
niedriger und schmäler, hinausführt. Der Gang, wenigstens sein innerer Teil, 
ist mit großen Steinen bedeckt, die den Decksteinen der Kammern gleichen, 
außer daß sie etwas kleiner sind. An der inneren Mündung des Ganges und 
am äußeren Ende des bedeckten Teiles findet man nicht selten eine Art Tür- 
einfassung, bestehend aus einem Schwellenstein und zwei schmalen, etwas ein- 
geschobenen Türpfosten (Fig. 78 A, C und 79). Manchmal liegt hier eine bei- 
nahe rechteckige Kalksteinplatte, die in die Türöffnung paßt und deutlich als 



Gräber. 



47 



Tür gedient hat (Fig. 78 B). Möglicherweise waren einige Ganggräber mit 
Holztüren verschlossen, wie es der Fall war bei einem vor einigen Jahren in 
Sachsen aufgefundenen Grab. 

Die schwedischen Ganggräber sind von sehr verschiedener Größe. Die 
Länge der Kammer ist gewöhnlich 4 — 7 m, deren Breite 1,50 — 3 m und die 
Höhe 1,20 — 1,80 m. Der Gang ist oft ebenso lang wie die Kammer, selten 
länger; ihre Breite ist gewöhnlich 0,60 — 1,20 m und die Höhe I — 1,50 m. 

Einige Ganggräber in der an solchenDenk- 
mälern sehr reichen Gegend vonFalköping 
sind aber bedeutend größer und haben 
Kammern von 9,50 — 12,50 m Länge. Das 
größte Ganggrab Schwedens und wahr- 
scheinlich des ganzen Nordens, ist eines 
von den vielen, die bei der Karlebykirche 
in der Nähe von Falköping liegen. Das 





78. Grundriß des Ganggrabes Fig. 77. 

A äußere Türpfosten mit Schwelle, B steinerne Tür, 
C innere Türpfosten mit Schwelle. 



79. Türöffnung in einem Ganggrab. 
Berc in Bohuslän. 



Dach der noch nicht ausgegrabenen Kammer wird von neun großen Granitblöcken 
gebildet und ist 16,65 m ^ an S> 2,40 m breit; der Gang ist beinahe 12 m lang. 

Die Ganggräber in Schweden sind wie die Dolmen sehr selten ganz und 
gar von dem sie umgebenden Hügel verdeckt. Besonders die oberen Teile 
der Dachsteine sind mehr oder minder sichtbar. In Fällen, wo das ganze 
Grab von dem Hügel bedeckt war, ist der obere Teil zweifellos erst nach 
dem Ende der Steinzeit dazu gekommen, was unter anderem daraus hervor- 
geht, daß man in solchen Hügeln oft Gräber aus der Bronzezeit findet (Fig. 226). 

Die Steinkisten werden von großen auf die Kante gestellten Steinplatten 
(Fig. 80 und 81) gebildet. Sie sind stets vierseitig, wenn auch die Längsseiten 
nicht immer ganz parallel stehen, wodurch das Gral) an dem einen Ende 
schmäler wird als an dem anderen. Sie sind oder waren mit einer oder 
mehreren Steinplatten bedeckt 1 ). 

1) H. Hildebrand, in der Antiqv. tidskr. f. Sv., Bd. 3, S. 25 (Skünc). — Montelius, in 
der Sv. Fornm.-för^ tidskr., Bd. }. S. [53 (Hammar in Skäne); Bd. 6, S. 39, 46 (W nd und 

Östergötland). — Mänadsblad, 1 s 7 7 (Kinnasanden in Westergötland) , Rydaholm in Sm.i- 

land), 1886 (Nöbbeled in Smäland). — Retzius, Crania suecica antiqua, S. 65) ,,s und ; 



4 8 



Die jüngere Steinzeit. 



Gewöhnlich liegen diese Gräber in der Richtung von Nord nach Süd 
und sind mit einem kleinen Hügel von Erde oder Steinen umgeben. Viele 
Steinkisten erheben sich, wie die Ganggräber, so weit über die Oberfläche des 




wBäß r m Ka 






80. Steinkiste; 6,55 m lang. Skottened in Westergötland. 



^'•J^w 



äfi£ 



L3M. 



81. Grundriß einer Steinkiste. 
Västerlösa in Östergötland. 




5555 




82. Steinkiste. Dverred im nördlichen Hailand. 








84. Der mit einem Loch 
83. Der mit einem Loch versehene Giebel versehene Giebel in der Stein- 
einer Steinkiste. Herrljunga, Westergötland. kiste Fig. 85. 




Jä/Ai 



85. Grundriß einer Steinkiste. Backa in Westergötland. 

Hügels, daß mindestens die Deckplatten, wo sie noch erhalten sind, und die 
oberen Kanten der Wandplatten sichtbar sind, andere sind ganz und gar von 



dem Hügel bedeckt. 



Gräber. 



49 



Diese Grabform ist aus den Ganggräbern entstanden und zunächst aus 
denen, die den Gang in der Längsrichtung der Kammer haben. Es gibt näm- 
lich verschiedene Zwischenformen, welche zeigen, wie der Gang nach und 
nach verändert wurde und sich verkleinerte, bis er schließlich nur noch in 
dem offenen, meistens schmäleren südlichen Ende des Grabes wiederzufinden ist. 

Ein anderes Überbleibsel des Einganges zu dem Ganggrab muß wohl 
die Öffnung sein, die man manchmal ungefähr in der Mitte auf der östlichen 
Langseite sieht, gerade an der Stelle, wo der Gang bei den älteren Gräbern 
gewöhnlich einmündete. In einem im Jahr 1875 untersuchten Steingrab bei 
der Eisenbahnstation Herrljunga in Westergötland fand ich eine solche Öffnung 
von 2,30 m Breite (Fig. 83); die Länge des Grabes betrug nicht weniger 
als 9,40 m 1 ). 




86. Steinkiste. Karleby in Westergötland. 



Manchmal haben die Steinkisten nur eine runde oder ovale Öffnung im 
südlichen Giebel (Fig. 82, 84 — 87). Solche Gräber findet man, wie schon be- 
merkt wurde, nur im mittleren Schweden: Bohuslän, dem nördlichen Hailand, 
Westergötland, Östergötland und Nerike. 

Eines der bemerkenswertesten Gräber dieser Art liegt in der Nähe der 
schon erwähnten Ganggräber bei Karleby in der Gegend von Falköping und 
wurde 1874 untersucht 2 ). Unter einem großen aber nicht sonderlich hohen 
Steinhügel traf man auf ein aus Kalksteinplatten gebildetes Grab mit einer 
größeren und davor zwei kleineren Kammern (Fig. S6). Die Decke war auch 

1) Montelius, in Compte-rendu du Congres de Budapest, 1876, S. 200. 

2) Manadsblad, 1877, S. 425. — Retzius, Crania suecica antiqua, S. 
Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. 1 



5o 



Die jüngere Steinzeit. 



aus Kalksteinplatten gebildet, die in gleicher Höhe mit der sie umgebenden 
Erdoberfläche lagen. In der Zwischenwand — Stein i (Fig. 87) — zwischen 
der eigentlichen Grabkammer und der inneren Vorkammer sieht man eine 
größere halbrunde 60 cm breite Öffnung (wie Fig. 82). Auf der Außenseite 
war die Öffnung mit einer Art Tür geschlossen, einer kleineren Platte, die ge- 
stützt und auf dem Platz gehalten wurde von einem großen runden Stein 
(Fig. 87 Nr. 18 und 19). In der Scheidewand (Steine Nr. 15 und 16) zwischen 
der inneren und äußeren Vorkammer befindet sich ebenfalls eine große runde 
Öffnung von 75 cm Breite, jedoch nicht unten wie die vorige, sondern oben. 
Diese Öffnung war ebenfalls mit einer Tür verschlossen, einer größeren Platte 
(Fig. 87 Nr. 20). Die Länge der Grabkammer ist in ihrer Mitte 4,50 m; die 
Breite 2,10 m und die Höhe 1,85 m, also gewöhnliche Manneshöhe. 

In diesem Grab, das ganz mit Sand und Erde gefüllt war, lagen mehr 
als sechzig unverbrannte Leichen und an deren Seite eine ungewöhnlich große 
Zahl von Dolchen, Lanzenspitzen, Pfeilspitzen und anderen Arbeiten aus Feuer- 

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87. Grundriß der Steinkiste Fig. 86. 

stein, woraus hervorgeht, daß das Grab der Steinzeit angehört. Dies festzu- 
halten ist um so wichtiger, als zwischen den Skeletten im untersten Teil des 
Grabes zwei Perlen von Bronze und das Ende einer Lanzenspitze aus dem- 
selben Material lagen. Folglich muß die Bronze schon zu der Zeit, als das 
Grab benutzt wurde, in Westergötland bereits bekannt gewesen sein. 

Das ist aber nicht der einzige Fund, welcher beweist, daß solche große 
von Hügeln bedeckte Steinkisten dem allerletzten Teil der Steinzeit angehören. 
In derselben Weise hat man nämlich Bronzegegenstände zusammen mit Stein- 
sachen auch in anderen ähnlichen Gräbern gefunden, und ganz ebensolche von 
einem Erd- oder Steinhügel bedeckte Steinkisten wurden auch in der Bronze- 
zeit benutzt, insbesondere im ersten Teil der Periode. 

Mehrere Steinkisten, aus dem jüngsten Teil der Steinzeit, sind ganz ge- 
schlossen (Fig. 81). 

Die Länge der Steinkisten ist gewöhnlich 2,50 — 4 m, die Breite 1 — 1,50 m 
und die Höhe oder Tiefe 0,75 — 1,50 m. Einige, insbesondere in Westergötland, 
sind jedoch größer, von 6 — 9,50 m Länge. Das längste bis jetzt bekannte 
Grab dieser Art in Schweden befindet sich wohl auf Stora Lundskullen im 
Härene Kirchspiel, Westergötland. Seine Länge ist 10,40, seine Breite 2,40 m. 



Gräber. 



51 



Ebenso wie die Ganggräber werden auch die Steinkisten oft in der 
Volkssprache »Riesenstuben« oder »Riesengräber« genannt. Da ein modernes 
Grab nur eine Leiche birgt, die Steinkiste aber oft größer ist als gewöhnliche 
Manneslänge, glaubte man, solch ein Grab sei einst für einen Riesen erbaut 
worden. 

Xebst den Dolmen sind die Ganggräber die ältesten Denkmäler der Bau- 
kunst in Schweden. Gewiß sind es einfache Bauten, aber sie sind so dauer- 
haft aufgeführt, daß die Wände nach Verlauf von so vielen Jahrtausenden 
noch unverändert stehen und die schweren Steinblöcke der Decke tragen. 
Selten ist ein solcher Bau zusammengestürzt, es sei denn durch das Graben 
nach Schätzen oder sonst durch Menschenhand. 

Mit Recht hat man sich gefragt, wie es möglich war, daß das Volk der 
Steinzeit ohne die mechanischen Hilfsmittel, die wir jetzt haben, solche groß- 
artigen Bauten, wie die jetzt besprochenen megalithischen Gräber sind, auf- 
führen konnte. Große Schwierigkeiten mußte schon das Herzuschaffen des 
Materials gemacht haben. Dieses Material ist Granit und in gewissen Gegenden 
Kalkstein; in vielen westgötischen Gräbern sind nämlich besonders die Wände 
aus Kalkstein. Man hat demnach schon verstanden, aus Kalksteinbrüchen 
große Platten zu gewinnen und zuzurichten, was ohne Metallwerkzeuge große 
Schwierigkeiten machen konnte; die Steine sind jedoch niemals glatt gehauen. 
Jedenfalls war es wohl leichter Kalksteinplatten als die für die Gräber passenden 
Granitblöcke herzustellen. 

Diese sind mit Sorgfalt ausgewählt und so aufgestellt oder gelegt, daß 
sie nach der Innenseite der Kammer eine ebene Fläche bilden. Da jedes 
größere Grab eine Menge Steine mit je wenigstens einer ebenen Seite er- 
forderte, und da man selbst in kleinem Umkreis oft heute — nachdem gewiß 
viele der Zerstörung der Zeit zum Opfer gefallen sind — noch mehrere solche 
Gräber findet, sieht man leicht ein, daß so viele Steine von passender Größe 
und Form nicht zufällig zu finden waren, sondern daß das Steinzeitvolk ver- 
standen haben muß, auf irgend eine Weise diese mächtigen Steinblöcke zu- 
zurichten. 

Vielleicht ist man dabei ebenso zu Werk gegangen, wie noch heute in 
verschiedenen Gegenden des Nordens große Findlinge von Granit zerlegt 
werden. In der Richtung, in welcher man den Stein am bequemsten zu spalten 
erwartet, klopft man eine Furche aus und gießt Wasser darein, das man eine 
Zeitlang stehen läßt. Dann macht man um oder unter dem Stein Feuer an, 
um ihn zu erhitzen, und setzt kleine Keile in die Furche, auf die mit einer 
Keule geschlagen wird, bis der Stein in zwei Stücke mit je einer ebenen St 
zerfällt. Eine solche Furche ließ sich mit Werkzeu-en der Steinzeit leicht 
herstellen. Statt Hitze kann auch Kälte angewendet werden; das zu Eis ge- 
frorene Wasser in der Furche sprengt alsdann den Stein. 

Das erstere Verfahren wenden die Kassier im indischen Hochland an, 
ein Volk, das noch heute Dolmen zu Gräbern für seine Toten baut. Die 

4* 



C2 Die jüngere Steinzeit. 

für diese Gräber nötigen Steine erhält man dadurch, daß man in größeren 
Steinblöcken Furchen klopft, in diese kaltes Wasser gießt, dann den Stein er- 
hitzt und zersprengt. Taue und Hebestangen sind die einzigen mechanischen 
Hilfsmittel, die die Kassier brauchen, um die Steine zu bewegen und die 
Dolmen zu bauen. 

Die größte Schwierigkeit bestand beim Bau der Dolmen und Ganggräber 
wohl darin, die mächtigen Steinblöcke der Decke in die Lage zu bringen. 
König Friedrich VII. von Dänemark hat zu beweisen versucht 1 ), daß diese 
Schwierigkeit durch Hinaufschieben der Steine auf den das Grab umgebenden 
Hügel, der oft gerade bis zur Oberkante der Wände reichte, überwunden wurde. 

Welche großartigen Gebäude ein Volk, das keine Metalle kennt, aufführen 
kann, zeigt die von Kapitän Cook mitgeteilte Erzählung von einem Grabmal, 
das die Bewohner von Tahiti gebaut hatten, die am höchsten entwickelten 
aller späteren Steinzeitvölker. Dieses Grabmal, in Form einer Pyramide mit 
hohen Treppenstufen auf allen vier Seiten, war aus weißem, zugehauenen und 
polierten Korallenstein ohne Bindemittel aufgebaut, 13,40 m hoch, 81,40 m 
lang und 26,50 m breit. 

Auch von anderen Ländern kennen wir eine große Menge megalithische 
Gräber derselben oder ähnlicher Form wie die unserer Steinzeit. 

Dolmen ohne Gang gibt es im südlichen Teil der Skandinavischen Halb- 
insel, in Dänemark, in Norddeutschland, wo sie östlich nicht weiter als bis 
zum Flußtal der Oder gehen, in Holland, Belgien, England, Schottland, Irland 
und auf den normannischen Inseln, in Frankreich, Spanien und Portugal. Man 
hat sie auch in der Schweiz gefunden, dort sind sie jedoch sehr selten, auf 
Korsika, in Bulgarien und in der europäischen Türkei, in der Krim und sonst 
an der Nordküste des Schwarzen Meeres. In anderen Teilen von Europa ver- 
mißt man sie, so in ganz Mitteleuropa, in Süd- und Mitteldeutschland sowohl 
wie in allen österreichisch-ungarischen Ländern. Im Norden von Afrika sind 
sie zahlreich. Man findet sie auch im Sudan, Palästina und im Kaukasus; in 
Indien sind sie zahlreich. Viele, insbesondere in den letztgenannten Ländern, 
unterscheiden sich jedoch von unseren Dolmen dadurch, daß sowohl Wand- 
wie Deckensteine dünner, flacher und regelmäßiger sind; sie nähern sich hier- 
durch den schwedischen Steinkisten. 

Ganggräber kommen in Dänemark zahlreich vor; außerdem hat man auch 
in Nordwestdeutschland, den Niederlanden, England, Schottland, auf Irland und 
den normannischen Inseln, in Frankreich und auf der pyrenäischen Halbinsel 
Gräber gefunden, die mehr oder weniger unseren Ganggräbern gleichen. 

Steinkisten mit solchen ovalen und runden Öffnungen, wie sie Fig. 82 — 84 
abbilden, sind aus Nordwestdeutschland, Frankreich und England bekannt, wie 
auch aus den Kaukasusländern und Indien. 

Da solche Steingräber, wie sie oben beschrieben wurden, nicht nur in 
Schweden, sondern auch in vielen anderen aneinander grenzenden Ländern 

1) Frederik VII., Über den Bau der Riesenbetten der Vorzeit (Kopenhagen, 1863). Vgl. 
die (dänische) Antikvarisk Tidsskrift, 1855 — 57, S. 88. 



Gräber. 



53 



vorkommen, ist es klar, daß der Gebrauch, solche Gräber zu bauen, sich durch 
einen Verkehr zwischen den verschiedenen Gegenden verbreitet hat. Ebenso 
klar ist es bei angemessener Würdigung aller damit in Verbindung stehenden 
Fragen, daß wir hier mit einem Einfluß vom Süden auf den Norden zu tun 
haben, nicht in entgegengesetzter Richtung. Dieser Einfluß hat, vom Orient 
ausgehend, sich über die Nordküste von Afrika, die Westküste Europas und 
bis zu den Ländern an der Nord- und Ostsee erstreckt. 

Der gemeinsame Gedanke, der dem Errichten dieser Gräber zugrunde 
liegt, ist gewiß, daß die Verstorbenen ihr Leben im Grabe möglichst in der- 
selben Weise fortsetzen sollten, wie sie hier auf der Erde gelebt hatten. Sie 
bekamen nicht nur ihre Kleider, Waffen, Schmuck und ähnliches mit, sondern 
das Grab selbst glich auch, soweit es möglich war, der Wohnung, in der sie 
gelebt hatten. Die Form war ungefähr dieselbe, aber da die Grabwohnung 
für eine lange Zeit bestimmt war, wurde sie von dauerhafterem Material als 
die gewöhnlichen Wohnstätten, aus Stein gebaut. Der aus mehreren im Kreis 
stehenden Steinen gebildete Dolmen war eine Nachbildung der runden Hütten 
der Steinzeit. 

Diesen Gebrauch, die Gräber mit W'ohnungen der Lebenden überein- 
stimmend zu bauen, finden wir bei vielen Völkern lange nach der Zeit der Dolmen 
und Ganggräber: in den Ländern des Orients, in Griechenland und Italien. 

Nach allem was man weiß, wurden, wie wir schon gesehen haben, die 
Toten der Steinzeit in Schweden unverbrannt begraben. Manchmal wurden 
sie ausgestreckt, oft mit aufgezogenen Beinen (»liegende Hocker«) bestattet; 
nicht selten scheinen sie in sitzender Stellung begraben worden zu sein, welch 
letzterer Brauch sich auch außer im Norden bei verschiedenen anderen Völkern 
älterer und neuerer Zeiten vorfindet. 

In den Ganggräbern sind zuweilen den Wanden der Kammern entlang 
kleine Nischen durch auf die Kante gestellte, gegen die Wand winkelrechte 
kleine Steinplatten angebracht, gewöhnlich 45 — 60 cm hoch, so daß sie be- 
deutend niedriger als die Grabkammer sind. Diese kleinen Räume, welche 
eine oder mehrere Leichen enthalten, sind oft mit kleinen Platten von derselben 
Art wie die Scheidewände bedeckt. 

Außer den Resten von liegenden und sitzenden Leichen hat man in 
schwedischen Gräbern aus der Steinzeit auch eine Masse Menschenknochen in 
der größten Unordnung gefunden, deutlich davon zeugend, daß die vorher be- 
grabenen Leichen gestört wurden, um neue Leichen in das Grab legen zu 
können. Eine solche Erklärung ist um so wahrscheinlicher, als man nicht selten 
zwei Lager von Knochen findet, von welchen das untere, zusammengepackt 
und durcheinander geworfen, durch ein Sandlager von dem oberen getrennt 
ist, wo die Knochen nicht in solcher Unordnung liegen. Dies ist offenbar so 
zu erklären, daß man, um Platz für neue Leichen zu schaffen, die schon dort 
befindlichen in einen möglichst kleinen Raum zusammenpackte und durch eine 
darüber gelegte Sandschicht (inen neuen Boden bildete. 



Ca Die jüngere Steinzeit. 

Einige schwedische Gräber aus der Steinzeit enthalten nur Reste von je 
einer Leiche; gewöhnlich findet man jedoch Knochen von mehreren Skeletten 
in einem Grab. In den Ganggräbern von Westergötland hat man öfter Knochen 
von fünfzig bis hundert Leichen in einer Kammer gefunden, ab und zu noch 
mehr. Auch in dem Gang liegen nicht selten Skelette oder verstreute Menschen- 
knochen. 

Da Knochen von Männern und Frauen und Kindern in diesen Gräbern 
zusammenliegen, hat man an eine Art Familiengräber zu denken. 

Einige Male hat man in dänischen Gräbern aus der Steinzeit Schädel 
mit großen durch Trepanation hervorgebrachten Löchern gefunden; die Kanten 
der Löcher sind so abgerundet, daß sie ein langes Überleben der Operierten 
beweisen 1 ). 

Neben die Toten legte man gewöhnlich einige Waffen, Geräte oder 
Schmuck. In den Steinkisten liegen gewöhnlich nur Waffen, sehr selten Werk- 
zeuge. Oft findet man in Gräbern aus jener Zeit auch Tongefäße, welche 
heute nur Erde enthalten; wahrscheinlich waren in vielen einmal Nahrungsmittel. 

Etliche von den Steingegenständen, die man in Gräbern findet, scheinen 
neu und unbenutzt gewesen zu sein, als man sie niederlegte; andere sind un- 
vollständig, und einige müssen wohl absichtlich zerschlagen worden sein. 
Solche zerschlagene Sachen trifft man auch in englischen und französischen 
Gräbern der Steinzeit an, und wie wir sehen werden, zeigen ebenfalls nordische 
Gräber aus dem letzten Teil der Heidenzeit die Spuren solcher absichtlicher 
Zerstörung der dem Toten mitgegebenen Waffen. 

In den die Gräber umgebenden Hügeln wurden bei uns öfters Knochen 
von zahmen oder wilden Tieren gefunden, wie auch Schalen von eßbaren 
Muscheln, Anzeichen eines zum Gedächtnis des Toten abgehaltenen Toten- 
schmauses oder -Opfers. Manchmal findet man in oder dicht bei den Gräbern 
Stücke von Tongefäßen, die mit Absicht zerschlagen worden sind. Auch in 
Griechenland war es Sitte, die Tongefäße zu zertrümmern, die dem Toten- 
schmaus gedient hatten. 

Die Dolmen wurden früher im Norden wie in anderen Ländern als Opfer- 
altäre betrachtet. Obgleich man heute weiß, daß es Gräber sind, ist es doch 
sehr wahrscheinlich, daß auf oder neben ihnen Opfer verrichtet wurden. Opfer 
für die Toten, längere oder kürzere Zeit nach dem Begräbnis wiederholt, waren 
nämlich bei den Völkern verschiedener Stämme und verschiedensten Bildungs- 
grades im Gebrauch, bei Indiern, Griechen und Römern, wie auch bei den Lappen 
und Finnen; selbst im christlichen Kult können solche Grabesopfer erkannt 
werden. Deshalb ist es auch an und für sich nicht unwahrscheinlich, daß 
solche Opfer in einer oder der anderen Form schon in der Steinzeit hier im 
Norden Sitte gewesen wären. Dafür sprechen auch die ohne Zweifel für Opfer 
angebrachten schalenartigen Vertiefungen von ein paar Zoll Durchmesser, die 

i) S. Hansen, Om forhistorisk Trepanation i Danmark, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 
1889, S. 170 folg. 



Religion. c e 

sich oft auf der Oberseite der Decksteine unserer Dolmen (Fig. 73) und 
Ganggräber finden. Selbst auf den Decksteinen der Steinkisten, wie an der 
Innenseite der Wände in den Ganggräbern findet man ähnliche Schalen. Da 
die Gräber unbedeckt waren, könnte man sich freilich vorstellen, daß diese 
Schalen in einer späteren Zeit angebracht worden wären. Aber eine solche 
Ansicht ist unhaltbar, einmal wegen des häufigen Vorkommens auf den Gräbern 
der Steinzeit der verschiedensten Landesteile, und dann weil man sie auch 
auf den Dolmen und Ganggräbern anderer Länder wiederfindet. 

Fig. 88 zeigt einen Stein mit solchen Schalen, der seinen Platz in dem 
Gang eines Grabes bei Lundby in Westergötland hatte 1 ). Daß dieser von 
mir gefundene Stein derselben Zeit wie das Grab angehört, ist nicht zweifelhaft. 

Solche Schalen, unter dem Xamen »Älfkvarnar« (Mühlen der Elfen) be- 
kannt, kommen auch auf Denkmälern späterer Zeit vor. Daß sie wirklich für 
Opfer bestimmt waren, beweist unter anderem, daß man noch heutzutage in 
solchen ><Alfkvarnen" opfert. 

Diese Grabopfer, die Sorgfalt, mit der man für die Ruhe der Toten 
sorgte, die Waffen, Geräte und Schmucksachen, 
die man ihnen mit ins Grab gab, alles deutet 
darauf hin, daß die Bewohner Schwedens in der 
Steinzeit, gleich wie die meisten anderen Völker, 
an ein Leben nach dem Tod glaubten. Obgleich 
wir keine schriftliche Nachricht aus jener fernen 
Zeit besitzen, können wir durch die Funde etwas 
von den religiösen Vorstellungen, welche die 
damaligen Bewohner Schwedens hatten, erfahren. S8. Schalenstein. Westergötland. V 8 . 

Die Totenopfer deuten an, daß der Ahnen- 
kult, dessen Ausläufer bis in die Gegenwart verfolgt werden können, bei unseren 
Vorfahren der Steinzeit blühte. 

Daß der Sonnengott schon damals verehrt wurde, geht daraus hervor, 
daß zwei seiner Symbole vor dem Ende der Steinzeit hier bekannt waren. 
Eines ist das vierspeichige Rad 2 ), ein Bild der am Himmel rollenden Sonne, 
welches Symbol wir Gelegenheit haben, in der Bronzezeit näher kennen zu 
lernen — noch heute reden ja die Dichter von dem »Rad der Sonne«. Das 
andere Symbol ist die Axt, die Vorgängerin des Torshammers, ein Symbol 
des Sonnengottes, weil man im Norden wie in Indien und vielen anderen 
Ländern glaubte, daß die Blitze Äxte seien, die der Licht- und Sonnengott 
im Kampf gegen die Mächte der Finsternis schleudert 8 ). 

In schwedischen Gräbern aus der Steinzeit findet man nicht selten kleine 
als Schmuck zu tragende Abbildungen von Äxten aus Bernstein oder Knochen 




1) Sv. Fornm. fnr 9 tidskr., Bd. 6, S. 40. 

2) Montelius, Das Rad als religiöses Sinnbild in vorchristlicher und christlicher Zeit ^übers. 
von A. Lorenzen), in Prometheus, 1904. 

3) Montelius, Solgudens yxa och Tors hammare, in der tidskr., Bd. 10, 
S. 277 folg. 



56 



Die jüngere Steinzeit. 



(Fig. 23 und 25). Man hat auch sehr kleine Äxte aus Stein gefunden (Fig. 89 
und 90), die weder als Schmuck getragen worden, noch groß genug sind, um 
als Werkzeug oder Warte zu dienen. Sie müssen als Symbole oder Votiväxte 

angesehen werden. So auch die große 
Fig. 91 abgebildete Axt aus Bernstein. 
Vielleicht hat die Fig. 92 abgebildete 
Steinaxt eigentümlicher Form, mit Zick- 
zackornamenten (Symbolen des Blitz- 
strahls), ebenfalls eine religiöse Bedeutung 
gehabt. 




89. Kleine Votiv-Axt 
von Stein, mit Durch- 
schnitt. Gotland. 1 / 1 . 





90. Kleine Votiv-Axt 

von Stein, von zwei 

Seiten gesehen. 

Helsingland. 1 / 2 . 




91. Bernsteinaxt, von zwei Seiten gesehen. 
Bohuslän. 2 / 3 . 



92. Steinaxt mit Zickzack-Ornamenten. 
Bohuslän. 1 / 3 . 



Noch andere Funde aus unserer Steinzeit haben wahrscheinlich einen Zu- 
sammenhang mit religiösen Gebräuchen. Man hat nämlich mehrmals Stein- 
sachen angetroffen, die offenbar mit Absicht und mit einer gewissen Sorgfalt in 
die Erde niedergelegt wurden, obgleich sie nicht zu Gräbern gehören. Wahr- 
scheinlich sind sie als Opfer für einen Gott dargebracht worden. 

Als Proben von solchen Funden können wir folgende anführen. Bei 



Religion. cy 

Ryssvik im Kirchspiel Urshult, Smäland, wurden im Jahre 1821 fünfzehn große 
und gut geschliffene Feuersteinäxte (wie Fig. 44) gefunden, die >in einem Halb- 
kreis lagen, die spitzen Enden gegen Osten«. Im Jahr 1863 wurde ein gleicher, 
wenn auch kleinerer Fund bei Bro in Nerike, Kirchspiel Gellersta, gemacht: 
fünf große, gut geschliffene Feuersteinäxte derselben Form, »in einer Reihe am 
Strand des zur Hälfte trocken gelegten Sees Mosjön«. Im Jahre 1900 wurden 
sieben solche gutgeschliffene Feuersteinäxte derselben Form zusammen in 
einem Acker bei Kulstäde auf Gotland, Kirchspiel Wall, gefunden. Bei Knem 
im Kirchspiel Tanum, Bohuslän, fand man 1843 sieben Sägen (wie Fig. 59), 
eine Lanzenspitze, einen Schaber, alle aus Feuerstein, nebeneinander liegend 
unter einer Steinplatte. Bei Skarstad im Kirchspiel Bro, Bohuslän, wurden 
ebenfalls 1843 zehn Feuersteinsägen derselben Form unter einer Stein- 
platte gefunden. Auch im Kirchspiel Skee, Bohuslän, fand man vor einigen 
Jahren zehn solche Sägen, beieinander liegend; sie waren von Birkenrinde 
umgeben. 

Auf ähnliche Funde ist man auch in Torfmooren gestoßen. So fand man 
im Jahr 1863 in einem Torfmoor bei Skedala in der Nähe von Halmstad un- 
gefähr zwanzig Feuersteinsägen derselben Form wie die eben beschriebenen, 
dicht beieinander liegend. 

Auch in Dänemark und in anderen Ländern hat man unter großen Steinen 
und in Torfmooren ähnliche Funde aus der Steinzeit gemacht l ). 



5. Die Bevölkerung und deren Ausbreitung. — Die Steinzeit der 
Lappen. — Abergläubische Vorstellungen von Steinaltertümern 

in späteren Zeiten. 

Oft trifft man auf die Vorstellung, als ob die Einwohner Schwedens in 
der Steinzeit eine ganz andere Körpergröße als die jetzt lebende Bevölkerung 
gehabt hätten. Die in den Gräbern jener Zeit gefundenen Skelette beweisen 
indessen, daß die Bevölkerung in der jüngeren Steinzeit ungefähr dieselbe 
Körperlänge hatte wie die heutigen Schweden. 

Eine besonders wichtige Frage ist natürlich: Zu welchem Volksstamm 
gehörten die Einwohner Schwedens in der Steinzeit? Man hat darauf durch 
das Studium der in den Gräbern aufgefundenen Schädel zu antworten gesucht. 
Da jedoch, wie wir gesehen haben, keine Gräber aus der älteren Steinzeit in 
Schweden bekannt sind, so können wir auf diesem Wege eine Aufklärung nur 
für unsere jüngere Steinzeit erwarten. 

Von den aus den Gräbern der letztgenannten Zeit stammenden Schädeln 
haben sich die meisten als verhältnismäßig lange (dolikocephal) herausgestellt 



1) S. Müller, Trouvailles danoises d'ex-voto des äges de la pierre et du bronze, in den 
Memoires de la Soc. des Antiquaires du Nord, 1887, S. --5; H. Petersen, in den Aaxböger f. 
nord. Oldkynd., 1890, S. 209. 



rg Die jüngere Steinzeit. 

und von derselben Form wie die der heutigen Schweden, aber eine kleine 
Anzahl zeigt die »kurze« (brachycephale) Form der Lappenschädel 1 ). 

Der Umstand nun, daß die Mehrzahl der aus der jüngeren Steinzeit in 
schwedischen Gräbern gefundenen Schädel denen der heutigen Schweden 
gleicht, spricht in hohem Grad dafür, daß wirklich die Vorväter der heute 
lebenden Bevölkerung schon damals im Lande wohnten. Und dies 
wird dadurch bestätigt, daß kein Zeitpunkt nach dem Ende der Steinzeit irgend 
eine solche Unterbrechung der Entwickelung aufweist, daß man sagen könnte: 
> Damals wanderte in Schweden ein neues Volk ein« 2 ). Nach der Steinzeit 
hat gewiß zu mehreren Malen ein Zuzug von Fremden in unser Land statt- 
gefunden. Aber man hat keinen Grund, an eine große Einwanderung zu 
denken, durch welche in diesen vielen Jahrtausenden die Hauptmasse der Be- 
völkerung Schwedens eine ganz andere geworden wäre, als sie vorher gewesen. 

Mehrere Grabfunde aus der älteren Bronzezeit scheinen freilich zu ergeben, 
daß das Volk, welches damals lebte, schwarzes Haar hatte. Aber dies hat 
sich bei näherer Untersuchung als Irrtum herausgestellt: das Haar war blond 3 ). 

Wenn wir uns also mit Recht als Abkömmlinge des Volkes der jüngeren 
Steinzeit ansehen, bleibt noch die Frage zu beantworten: Sind unsere Vorfahren 
hier zu Anfang der jüngeren Steinzeit eingewandert, oder wohnten sie hier 
schon vorher? 

Da man weder Gräber aus der älteren Steinzeit, noch sonstige Funde 
hat, die sichere Aufklärung über die Schädelform der damaligen Bevölkerung 
geben, kann man nicht mit Sicherheit feststellen, ob die Schädelform in der 
älteren Steinzeit dieselbe war wie in der jüngeren. Aber daß man in den 
Gräbern der jüngeren Steinzeit neben den vielen langen Schädeln eine geringere 
Anzahl kurze findet, ist gerade das, was man erwarten mußte, wenn der 
dolikocephale Stamm zu Anfang der jüngeren Steinzeit eingewandert wäre und 
einen brachycephalen Stamm vorgefunden hätte, mit welchem er sich ver- 
mischte. Der Unterschied in der Kultur zwischen der älteren und jüngeren 
Steinzeit scheint auch so groß zu sein, daß man hierin einen neuen Grund 
sehen könnte zu der Annahme, daß eine neue Einwanderung in Schweden zu 
Anfang der jüngeren Steinzeit wirklich stattgefunden haben kann. 

Wie nahe verwandt der brachycephale Volksstamm, der vielleicht einsam 
hier in der älteren Steinzeit wohnte, mit dem arktischen Volk war, von dessen 
Steinzeit — wie wir später sehen werden — viele Erinnerungen in den nörd- 
lichsten Teilen der Skandinavischen Halbinsel vorhanden sind, oder mit den 
Lappen, die noch heute in diesen Gegenden herumstreifen, läßt sich nicht sagen. 

i) Retzius, Crania suecica antiqua, S. 140. — Die aus der älteren nordischen Bronzezeit 
bekannten Schädel sind dolikocephal und mesocephal; die wirklich brachycephalen scheinen damals 
sehr selten gewesen zu sein. Vgl. S. Hansen, Om Bronzealdersfolket i Danmark, in den Aar- 
böger f. nord. Oldkynd., 1893, S. 121. 

2) Montelius, Om vara förfäders invandring tili Norden, in der Nordisk tidskrift för 
vetenskap, konst och industri (Stockholm), 1884. — Derselbe, Über die Einwanderung unserer Vor- 
fahren in den Norden, im Archiv für Anthropologie, XVII (1888), S. 151 folg. 

3) B. Gram, in den Memoires de la Soc. d. Antiqu. du Nord, 1891, S. 82. 



Die Bevölkerung und deren Ausbreitung. 



59 



Einige Forscher haben angenommen, daß das Urheim der ganzen indo- 
germanischen oder arischen Völkerfamilie in den Ländern um die Ostsee zu 
suchen sei. So schmeichelhaft es für uns sein müßte, wenn die »Wiege der 
Arier« hier gestanden hätte, kann ich diese hauptsächlich von nichtskandina- 
vischen Forschern ausgesprochene Ansicht doch nicht teilen. Meine Gründe 
habe ich an anderer Stelle dargelegt. 

Dagegen bin ich längst der Meinung, daß die Germanen hier im nordischen 
Gebiet — Skandinavien und Norddeutschland — ihren L'rsitz hatten. 



Wertvolle Aufklärungen verschaffen uns die Gräber und andere Funde 
darüber, welcher Teil des Landes in jener fernen Zeit bewohnt war. 

Die sicherste Antwort auf diese Frage geben die Wohnplätze und Gräber 
der Steinzeit. 

Aus der jüngeren Steinzeit stammende Wohnplätze sind an vielen Stellen 
in Skäne, auf der Insel Gotland (Fig. i6undo,3) 
und in anderen Teilen von Götaland, aber 
auch in Swealand entdeckt worden 1 ). Einen 

o 

solchen Wohnplatz hat man bei Aloppe in 
Uppland, südwestlich von Upsala, untersucht 
(Fig. 15). Die meisten dort gefundenen Gegen- 
stände sind älter als die Ganggräberzeit. 

Von Gräbern haben glücklicherweise viele, 
wie wir schon gesehen haben, ein solches 
Äußeres, daß man ihre Entstehungszeit ohne 
Schwierigkeit feststellen kann. Um eine Über- 
sicht über die Ausbreitung dieser Gräber zu ermöglichen, geben wir eine 
Karte, auf der alle die megalithischen Gräber, die man bis jetzt in Schweden 
kennen gelernt hat, angegeben sind (Fig. 94) 2 ). 

Aber auch die sehr zahlreichen, nicht in Gräbern gefundenen Gegenstände, 
die aus der Steinzeit stammen, sind von großem Gewicht für die vorliegende 
Frage, insbesondere wo sie in einer Gegend zahlreich vorkommen. 

Eine Zusammenfassung aller jetzt bekannten Gräber und Funde hat er- 
wiesen, daß nicht nur ganz Götaland mitsamt den Inseln Oland und Gotland, 




93. Bruchstück eines Tongefäßes. 
Gotland. 2 /~. 



1) H. Hildebrand, in der Antiqv. tidskr. f.JSverige, Bd. 3, S. 8, 19. — Gunnar Andersson, 
in Ymer, 1902, S. 96 (Hven). — Kj eilmark, ebenda, 1904, S. 197 folg. — W. Berg, in Bidrag 
tili kännedom om Bohusläns fornminnen, Bd. i, S. 127 (Hisingen). — H. Hansson, En stenalders- 
boplats pa Gotland (Gullrum), in der Sv. Fornm. für» tidskr., Bd. 10, S. I — 16 (vgl. für die dort 
gi fundenen Knochen, Manadsblad, 1900, S. 66). — R. Sernander, Om nigra arkeologiska torf- 
mossefynd, in den Antiqv. tidskr. f. Sv., Bd. 16, No. 2. 

2) Im nördlichen Schweden, außerhalb der Karte, kennt man nur ein Grab aus dir Stein- 
zeit: eine 3,70 m lange, von einem Steinhügel (Rose) bedeckte Steinkiste, die im Kirchspiel Skön, 
in Mcdelpad, entdeckt worden ist. 



6o 



Die jüngere Steinzeit. 



sondern auch große Strecken von Swealand und Norrland 1 ) schon vor dem 
Ende der Steinzeit mehr oder minder dicht bevölkert waren. 2 ) J[_n Norrland 
reichen die Funde aus der Steinzeit bis Westerbotten, in die Gegend von 
Skellefte, wo man mehrere solche Steingegenstände, die in den südlicheren 




94. Verbreitung der Steinaltergräber in Schweden. 
Jedes rote Kreuz bezeichnet ein oder mehrere Gräber. 



1) Götaland ist Südschweden, Swealand Mittelschweden und Norrland Nordschweden. Swea- 
land umfaßt die Provinzen Uppland, Södermanland, Nerike, Wermland, Westmanland und Dalarna. 
Zu Götaland werden die übrigen auf der Karte angegebenen Provinzen gerechnet. Norrland ist der 
nördlich von Swealand belegene Teil Schwedens. 

2) W. Schürer von Waldheim, Uppländska stenäldersfynd, in der Antiqv. tidskr. f. Sverige, 
Bd. 6, S. 1 — 48, und Bd. 8, Nr. 3; vgl. Bd. 3, S. 182, 409. — Montelius, Huru gammal är 
bygden i Helsingland? — P. Olsson, in der Sv. Fornm. för^ tidskr., Bd. 3, S. 292, Bd. 5, S. 64 
(Jämtland und Angermanland), Bd. 10, S. 205 (Herjeädalen). 



Die Bevölkerung und deren Ausbreitung. 



61 



Landschaften gewöhnlich sind, entdeckt hat. Verstreute Gegenstände derselben 
Art wurden sogar in Lappland aufgefunden. 

Daß die schwedische Bevölkerung schon in der Steinzeit Norrland in 
Besitz nahm, kann keine Verwunderung erregen, da wir aus vielen in Finnland 
gemachten Funden wissen, daß Schweden auch in diesem Land schon in jener 

a 

fernen Zeit lebten. Der Weg ging sicherlich nicht nur über die Alandischen 

o 

Inseln nach der Gegend von Abo, sondern auch über den Bottnischen Meer- 
busen, insbesondere über dessen schmälsten Teil, Kvarken, nach der Gegend 
von Wasa. 

Die Teile von Schweden, die am Meer, an den größten 
Seen und an den wichtigsten Flüssen lagen, wurden zuerst 
bebaut. Im Innern des Landes kamen die fruchtbarsten Striche 
zuerst daran. 

Die meisten Überbleibsel der Steinzeit, feste und lose, 
fand man in Süd und West. Unvergleichlich am reichsten an 
Altertümern aus jener Zeit ist Skäne, wo man, obwohl es nur 
ein achtel von Götaland ausmacht, mehr als dreiviertel von 
allen aus ganz Schweden bekannten Gegenständen von den 
Formen fand, die zur Steinzeit gehören. Die allermeisten 
kommen von den ebenen Gegenden an der Küste, relativ nur 
wenige vom Innern der Provinz. Die Küstengegenden von 
Skäne waren folglich in der Steinzeit viel dichter bewohnt, 
als irgend eine andere Gegend in Schweden. 

Nächst Skäne sind die Süd- und Westküsten — Blekinge, r 
Hailand und Bohuslän — samt Westergötland, Dal und der Süd- p» 
westen von Wermland am reichsten an Gräbern und anderen I 
Altertümern dieser Zeit. In der Ebene bei Falköping findet t*£V| 
man trotz tausendjährigem Landbau eine größere Menge 
Gräber aus der Steinzeit als irgend sonst. 

Reich an Überresten aus der Steinzeit sind auch gewisse 
Gegenden von Smäland, besonders die Ostseeküste und der Teil 
des Innern, der an den großen Seen liegt, die durch die Blekinge 
und Hailand durchschneidenden Flüsse mit dem Meer in Verbindung stehen. 

Besondere Aufmerksamkeit verdient, daß die verschiedenen Typen der 
Steinsachen und Gräber nicht gleichmäßig in den Teilen von Schweden ver- 
teilt sind, die in der Steinzeit bewohnt waren. So hat man in Skäne solche 
Feuersteinäxte wie Fig. 95, die dem Anfang der jüngeren Steinzeit ange- 
hören 1 ), verhältnismäßig öfter gefunden als in anderen Gegenden. 

Alles dieses zeigt, daß Skäne nicht nur am dichtesten, sondern auch am 
frühesten bewohnt war. 

Noch merkwürdiger dürfte die Verteilung der verschiedenen Grabformen 




95. Feuersteinaxt 
älterer Form. 
Skäne. ' .. 



1) Montelius, Sur les dimrents types des baches en silez suedoises, im Compte rendu du 
Congres de Stockholm, 1874, S. 238. 



52 Die jüngere Steinzeit. 

im Lande sein 1 ). Wie wir schon gesehen haben, ist die Reihenfolge der Stein- 
gräber: i. die Dolmen, 2. die Ganggräber, 3. die Steinkisten. Von den letzt- 
genannten stammen diejenigen, welche von einem Hügel ganz und gar bedeckt 
sind, aus der letzten Periode der Steinzeit und dem Anfang der Bronzezeit. 

Nun kommen die Dolmen nur in Skäne, Halland und Bohuslän vor. Der 
nördlichste liegt bei Massleberg im Kirchspiel Skee, im nördlichsten Bohuslän. 

Die Ganggräber sind in Skäne und besonders auf den Ebenen in Wester- 
götland zahlreich; sie kommen aber auch in Halland und Bohuslän wie auf 
Öland vor. Von allen bekannten Ganggräbern liegen mehr als zwei Drittel 
in Westergötland, die meisten in der Gegend von Falköping. 

Aus anderen Teilen von Schweden kennt man bis jetzt kein Ganggrab, 
also weder in Dal, Wermland und Nerike, in Blekinge, Smäland und Öster- 
götland, noch auf Gotland, während in allen diesen Gegenden Steinkisten, also 
Gräber aus der letzten Periode der Steinzeit, vorkommen. Solche spätere 
Steinaltergräber sind auch in den Gegenden, wo Dolmen und Ganggräber 
liegen, zahlreich. Nördlich von Swealand ist nur eine Steinkiste bekannt, im 
Kirchspiel Skön, Medelpad. 

Die Dolmen liegen stets in der Nähe des Meeres, selten mehr als eine 
Meile von der jetzigen Küste entfernt. Die anderen Gräber aus der Steinzeit 
trifft man, wie wir gesehen haben, auch weit vom Meer entfernt; aber sie 
liegen beinahe immer in der Nähe eines Stromes oder eines Sees, der in Ver- 
bindung mit dem Meer steht und noch jetzt oder früher von Bedeutung war. 

Alles dies — besonders da auch die Hauptmasse der außerhalb der 
Gräber gefundenen Steinsachen den südlichen und westlichen Küstengegenden 
angehört — beweist, wie mir scheint, endgültig, daß Skäne und die Westküste 
von Schweden zuerst in Besitz genommen wurden; daß die Bevölkerung sich 
dann ausbreitete und Schritt für Schritt gegen Norden und Nordosten und in 
das Innere des Landes eindrang, indem sie dem Lauf der Flüsse, den großen 
Seen und der Ostseeküste folgte, ebenso daß die östlichen Teile des Landes, 
wie Gotland, noch in der späteren Steinzeit verhältnismäßig wenig bevölkert 
waren. 

Hierbei müssen wir uns erinnern, daß seit Anfang der Steinzeit sehr be- 
deutende Niveauveränderungen in Schweden stattgefunden haben 2 ). Noch in 
der ältesten Periode der jüngeren Steinzeit lag ein großer Teil des östlichen 
Schwedens unter der Ostsee. Selbst in der Zeit, als die Bronze bekannt 
wurde, war die Grenze zwischen Land und See eine andere als heute. Dies 
erklärt, warum zum Beispiel in Uppland und Södermanland die ältesten Stein- 
zeitfunde nur in den westlichen Gegenden vorkommen, während in den öst- 
lichen Gegenden kaum einige Reste, die älter sind als der letzte Teil der 
Steinzeit, angetroffen wurden. Der Mensch lebte längst in Schweden, ehe die 
flachen Gegenden um Stockholm und Uppsala aus der Ostsee auftauchten. 

1) Montelius, im Compte rendu du Congres de Stockholm, 1874, S. 176, mit einer Karte, 
wo die Verteilung der verschiedenen Gräberformen angegeben ist. 

2) A. Hollender, Om Sveriges niväförändringar efter människans invandring (Stockholm, 1901). 



Die Bevölkerung und deren Ausbreitung. 



63 



Als ein wichtiges Resultat des Gesagten ergibt sich, daß die erste Ein- 
wanderung unseres Volkes von Süden oder vielmehr Südwesten, d. h. über 
Dänemark, erfolgt sein muß. Diese Richtung von Südwest ist um so mehr 
beachtenswert, als auch die Verbindung mit dem Südosten in den folgenden 
Perioden bis auf die letzten Jahrhunderte von so großer Bedeutung für unser 
Land gewesen ist. 



Außer den hauptsächlich in Süd- und Mittelschweden gefun- 
denen Altertümern, die wir bisher betrachteten, hat man im Norden 
unseres Landes verschiedene Altertümer aus Stein, gewöhnlich 
Schiefer, gefunden, die der südskandinavischen Steinzeit und dem 
Volk, das die Dolmen und Ganggräber baute, nicht zugeschrieben 
werden können 1 ). Diese Altertümer, welche man ^ arktische« nennt 
und von denen einige Proben hier (Fig. 96 und 97) gegeben sind, 
wurden meist in Lappland und Norrland, wo die Steinobjekte von 
südskandinavischen Typen nicht häufig sind, gefunden. Beide Arten 
von Steinsachen sind selten zusammen gefunden worden; und die 
arktischen zeigen eine große Übereinstimmung mit denen, die in Finn- 
land und in den anderen von Lappen, Finnen oder nahverwandtem Volk 
bew r ohnten nördlichen Gegenden gefunden wurden, woSteingegenstände 
der südskandinavischen Formen selten, wenn nicht unbekannt sind. 



/ f^li 






96. Schiefermesser. Norrland. V2 



97. Lanzenspitze 
von Schiefer. 
Norrland. x j % . 



Alles dieses scheint dafür zu sprechen, daß die arktischen Steinobjekte 
Reste von in Schweden wohnhaft gewesenen Lappen und aus einer Zeit sind, 
wo die Lappen die Bearbeitung des Metalles noch nicht kannten. Die ver- 
hältnismäßig große Anzahl solcher Steinobjekte in Westerbotten bis Gestrik- 
land und in Dalarne, würde darauf deuten, daß die Lappen früher südlicher 
als heute wohnten 2 ). 



1) O. Rygh, Sur le groupe arctique de l'äge de la pierre polie en Norvege, im Compte 
rendu du Congres de Stockholm, 187 j, S. 177 folg. — Montelius, Sur les Souvenirs de Tage de la 
pierre des Lapons en Suede, in demselben Compte rendu, S. [88 folg. (mit einer Karte). — Derselbe, 
Minnen frän Lapparnes stenalder i Sverige, im Mänadsblad, [874. — R. Arpi, in Upplands Forn- 
minnesförenings tidskrift, 3, S. 92 (nein- Funde aus Uppland). 

2) J. Nordlander, in der Sv. Fornm.-for^ ti< lskr. , Bd. 10, S. 216 folg. 



6 4 



Die jüngere Steinzeit. 



Wenn auch selten, hat man doch ebenfalls in Swealand, südlich von 
Dalarne, und in Götaland die der arktischen Steinzeit eigentümlichen Lanzen- 
spitzen und Messer von Schiefer gefunden. Entweder wohnten also Lappen 
einmal südlich vom Dalälfven, oder unsere Vorfahren bekamen die Gegenstände 
aus Schiefer von den nördlichen Nachbarn. 



- >M 



m 



Daß mindestens ein Teil dieser arktischen Schiefersachen gleichzeitig mit 
der Steinzeit in Südschweden ist, beweisen einige Funde. So lagen in einem 
Grab bei Gothem auf Gotland nebst einem Skelett acht Lanzenspitzen von 
Schiefer und zwei von Knochen (Fig. 98), alle arktischer Typen, 
aber auch zwei geschliffene Feuersteinäxte von einer in der 
jüngeren Steinzeit im südlichen Skandinavien gewöhnlichen Form 1 ). 

o 

Auch bei Aloppe in Uppland und auf Jäderen im südwestlichen 
Norwegen hat man arktische Schiefersachen zusammen mit skan- 
dinavischen Steinzeitarbeiten gefunden. 

Das hindert indessen nicht, daß die arktische Steinzeit viel 
länger dauern konnte als die skandinavische. Daß die Lappen 
die Metalle später kennen lernten als unsere Vorfahren und durch 
ihre Vermittlung, ist ja an und für sich natürlich und wird da- 
durch bestätigt, daß die Lappen die Namen aller Metalle von 
unseren Vorfahren bekommen haben. Das lappische rauta für 
Eisen ist das altnordische rauSi (Sumpferz); Kupfer heißt in der 
Lappensprache kuoppar oder air, altnordisch eir (Kupfer); und 
ebenso ins Auge fallend ist die Ähnlichkeit zwischen den schwe- 
dischen Namen für Stahl (stäl), Gold (guld) und Zinn (tenn) 
und den lappischen Benennungen: stale, gäll und tadne. 

Wenn, wie man annimmt, die von Tacitus erwähnten »fenni« 
die Lappen sind — die Norweger nennen ja die Lappen noch 
heute »Finner« — so haben sie wahrscheinlich noch in den ersten 
Jahrhunderten nach Christi Geburt die Metalle nicht gekannt. »Ihre einzige 
Zuversicht«, sagt er, »sind die Pfeile, die sie mit Knochen- statt mit Eisen- 
spitzen versehen«. Zu jener Zeit waren die Einwohner Südskandinaviens aber 
schon lange mit dem Gebrauch des Eisens vertraut. 

Die Lappen sollen übrigens noch in späten Zeiten, als sie Eisen und Stahl 
schon kannten, Werkzeuge aus Stein benutzt haben. So hat man eine Angabe, 
derzufolge Speerspitzen aus Stein noch am Ende des achtzehnten Jahrhunderts 
von den Lappen in Enare Lappmark benutzt wurden, um Renntiere zu töten, 
indem solche Speere in Renntiergruben (»rengrafvar«) auf Sprungfedern aus 
Wachholder befestigt wurden. Und in Kemi Lappmark sollen noch in der 
ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Steinmeißel zum Abschaben der 
Haare von aufgeweichten Renntierhäuten benutzt worden sein. 



98. Lanzenspitze 
von Knochen. 
Gotlancl. 1'.. 



1) Mänadsblad, 1887, S. 110. 



Die Steinzeit der Lappen. Die Chronologie der Steinzeit. ß~ 

Daß die südskandinavische Steinzeit eine sehr lange Zeit umspannt, 
zeigen die großen Mengen Altertümer verschiedener Art, die uns von jener fernen 
Periode überkommen sind, und die bedeutenden Fortschritte, die wir erkennen 
können, wenn wir die Arbeiten vom Anfang und vom Ende der Steinzeit mit- 
einander vergleichen. Zwischen der Zeit, wo Arbeiten wie Fig. 2 — 4 das höchste 
waren, was man leisten konnte, und der Zeit, da man aus dem spröden Feuer- 
stein Meisterwerke wie Fig. 39 hervorzubringen vermochte, müssen Tausende 
von Jahren verflossen sein. 

Dies wird auch dadurch bekräftigt, daß die im Vorhergehenden berührte 
bedeutende Erhebung des Landes, die in der Steinzeit stattfand, Jahrtausende 
gebraucht haben muß. Selbst die Niveauveränderung in der jüngeren Steinzeit 
kann nicht unter einigen tausend Jahren zustande gekommen sein. 

Man kann auch in der jüngeren Steinzeit in Schweden vier Perioden mit 
verschiedenen Grabformen unterscheiden 1 ). In der ersten wurden die Toten in 
Erdgräber bestattet, die zweite Periode ist die der Dolmen, die dritte die der 
Ganggräber und die vierte die Zeit der Steinkisten. 

Die erste Periode muß sehr lange gedauert haben, weil während ihr 
sich die dem Norden eigenen Typen von Werkzeugen, Waffen und Schmuck- 
sachen entwickelt haben, die in den Gräbern der zweiten Periode liegen. Und 
da die Grabformen sich nicht leicht ändern, besonders in einem Kulturstadium 
wie dem der Steinzeit, müssen wir auf jede der drei folgenden Perioden 
mindestens einige Jahrhunderte rechnen. Das wird dadurch bestätigt, daß man 
immer noch oft genug in einem kleinen Umkreis viele Gräber desselben Typus 
findet — und wie viele solche Denkmäler mehr mögen in den Jahrtausenden, 
die verflossen sind, zerstört worden seinl 

Da nun der Norden, wie wir gesehen haben, schon längst vor dem Ende 
der Steinzeit in einer wenn auch nicht unmittelbaren Verbindung mit dem 
Süden stand, und da die geschichtliche Zeit der östlichen Mittelmeerländer, 
besonders Ägyptens, Jahrtausende vor Christi Geburt anfängt, ist es uns 
möglich, die spätere Periode der schwedischen Steinzeit einigermaßen zu 
datieren. In Berücksichtigung aller bezüglichen Umstände bin ich überzeugt, 
daß die ersten Steingräber hier im Norden mehr als dreitausend Jahre vor 
Christus aufgeführt worden sind. Da nun die vorhergegangene erste Periode 
aus Gründen, die eben angeführt worden sind, sehr lang gewesen sein muß, 
können wir den Anfang dieser ersten Periode und demnach der jüngeren Stein- 
zeit im Norden nicht später als in das fünfte Jahrtausend vor Christus setzen. 
W ahrscheinlich ist das noch zu spät. Auf jeden Fall müssen indessen unsere 
Vorfahren mehr als 6000 Jahre hier gelebt haben. 

Die Periode der Ganggräber fängt ungefähr in der Mitte des dritten Jahr- 



1) Montelius, Zur Chronologie der jüngeren Steinzeit in Skandinavien, im Com 
d. deutschen Antlirop. Gesellsch., 1S91, S. 99 folg. (vgl. Compte rendu du Congres de Stockholm, 
1*74, s. 152, 238). — Derselbe, De förhistoriska perioderna i Skandinavien, im Manadsblad, [8 
Vgl. Sv. Fornm. för^ tidskr., Bd. 8, S. u; folg. 

Montelius, Kulturgeschichte Schwed c 



66 Die jüngere Steinzeit. 

tausends v. Chr. an; und die Zeit der Steinkisten entspricht den Jahrhunderten 
um 2000 v. Chr. 

Das Ende der Steinzeit fällt also im südlichen Teil Skandinaviens in den 
Anfang des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. 

Schon längst vor jener Zeit hatte das Volk des Nordens Metalle kennen 
gelernt, zuerst Kupfer und Gold; auch die von Kupfer und Zinn gemischte 
Bronze war nicht mehr ganz unbekannt. Aber man kann nicht vom Ende 
der Steinzeit oder, was dasselbe ist, vom Anfang der Bronzezeit reden, bevor 
die Bronze so allgemein war, daß sie und nicht der Stein die materielle Grund- 
lage für die Kultur bildete. 

Viele Umstände deuten an, daß das Kupfer hier im Norden schon in der 
Zeit der Ganggräber und Steinkisten bekannt war. Aber da der Stein fort- 
dauernd das gewöhnliche Material für Waffen und Werkzeuge blieb, während 
das aus fremden Ländern eingeführte und daher kostspielige Kupfer nur selten 
verwendet wurde, rechnet man diese Zeit mit guten Gründen zur Steinzeit. 
Zieht man nun in Betracht, daß das Kupfer schon bekannt war, so kann man 
indessen von einer Kupferzeit sprechen 1 ). 

Die Zeit bis zur Bronzezeit kann also eingeteilt werden in: 

I. Die Zeit, in der alle Metalle unbekannt waren: 

1. Die ältere Steinzeit. 

2. Die erste und zweite Periode der jüngeren Steinzeit. 

IL Die Zeit, in der Kupfer, gewöhnlich ungemischt, bekannt war: 

3. Die dritte und vierte Periode der jüngeren Steinzeit, oder die 
Kupferzeit. 

Weil das Ende der nordischen Steinzeit in den Anfang des zweiten Jahr- 
tausends vor Chr. fällt, ist folgende Äußerung des Japetus Steenstrup nicht so 
gewagt, wie es im ersten Augenblicke scheint: »Mit den Bauten der Pharaonen 
sind unsere Dolmen und Ganggräber zum mindesten gleichzeitig, wenn sie 
nicht, was uns nicht unmöglich scheint, schon damals als tausendjährige Denk- 
mäler dastanden«. Falls er mit den pharaonischen Bauten nicht die Pyramiden, 
sondern die Tempel verstand, die von einem Thutmosis oder Ramses erbaut 
wurden, ist seine Äußerung ganz richtig. 

In den alten Kulturländern am Mittelmeer war die Steinzeit weit früher 
abgeschlossen. Bis zur Kaiserzeit scheint sich jedoch eine Tradition von dieser 
Kindheitsepoche der Menschheit erhalten zu haben, wie die Worte des Lucrez 
ergeben, daß »die ältesten Waffen Hände, Nägel und Zähne, Steine und Stöcke 
waren; dann wurden Eisen und Kupfer entdeckt. Aber vor dem Eisen lernte 
man Kupfer gewinnen«. Hier haben wir die Grundidee unseres Dreiperioden- 
systemes. 



1) Montelius, Finnas i Sverige minnen frän en kopparälder?, in der Sv. Fornm.-förs tidskr., 
Bd. 8, S. 203 — 38. — Derselbe, Findet man in Schweden Überreste von einem Kupferalter?, im 
Archiv f. Anthrop., XXIII (1895), S. 425 — 49. 



Die Chronologie der Steinzeit. Abergläubische Vorstellungen von Steinsachen. (jj 

In dem klassischen Boden Italiens und Griechenlands, in Kleinasien und 
Ägypten, in China und Japan, ebenso wie in Amerika und auf den Inseln des 
Großen Ozeans: man kann sagen, in allen Teilen der Welt hat man Altertümer 
der Steinzeit gefunden. Aber nachdem diese Epoche in den meisten euro- 
päischen Ländern längst vorüber war, hat sie in anderen Erdteilen, besonders 
in der neuen Welt, bis in unsere Tage angedauert. 

Auch nach Kenntnis der Metalle fuhr man hier in Schweden lange fort, 
Werkzeuge und Waffen aus Stein zu benutzen. Für leicht verlierbare Gegen- 
stände, wie Speer- und Pfeilspitzen, oder für solche, die viel Rohmaterial er- 
fordern, wie die schweren Streitäxte, bediente man sich auch während der 
Bronzezeit des billig-eren Steins statt der von ferne kommenden kostbaren 
Bronze, besonders da der Stein in solchen Fällen fast ebenso gute Dienste 
leistete wie das Metall. Daher enthalten mehrere Funde der Bronzezeit auch 
Waffen und Werkzeuge von Stein. 

Wenn dagegen Steinwaffen hier im Norden auch noch in der Eisenzeit 
benutzt wurden, geschah es mehr wegen der Zauberkraft, die man ihnen zu- 
schrieb, als aus anderen Gründen. So wird erzählt, daß Orvar Odd von einem 
alten Mann in Hunaland drei »Steinpfeile« 
erhielt, die sich als stärker gegen Zauber 
erwiesen als selbst die berühmten Pfeile 
»Gusesnöt«, die Odd vom König der 
Finnen erhalten hatte. 

Daß einige von den Steinäxten, 
die man später in der Erde gefunden 
hat, in den Händen unserer Vorfahren gg Steinaxt mit Runeninschrift Uppland. »/ 3 . 
während der Eisenzeit waren, wird 

unter anderem durch eine solche in Uppland gefundene und mit einer Runen- 
inschrift versehene Axt bewiesen, welche Inschrift viel jünger als der Anfang 
der Eisenzeit ist (Fig. 99). Diese Axt muß zweimal ausgegraben worden sein. 
Ebenso die Fig. 100 abgebildete Steinaxt, die in Westergötland gefunden w T urde. 
Das sie zierende Ornament ist offenbar mittelalterliche Arbeit; nachher ist sie 
wieder in die Erde gekommen. 

Lange übrigens, nachdem die Steinwerkzeuge schon im täglichen Leben 
nicht mehr benutzt wurden, finden wir sie noch bei religiösen Akten im 
Gebrauch. 

In Ägypten wurde beim Einbalsamieren der Leichen »ein scharfer äthio- 
pischer Stein« benutzt, um den Körper zu öffnen. Auch die Leichen der 
Guanchenhäuptlinge auf Teneriffa wurden mit Obsidianmessern aufgeschnitten 
von Personen, die besonders dazu ausersehen waren. Aus den Schriften des 
Alten Testaments sehen wir, daß die Juden bei der Beschneidung Messer von 
Stein benutzten. Auch bei den Römern können wir Spuren der Benutzung 
•von Steinwerkzeugen bei gewissen heiligen Verrichtungen nachweisen 

Nachdem die Steinsachen ganz außer Gebrauch gekommen waren, fiel 
ihre wirkliche Bedeutung allmählich in Vergessenheit Wenn sie dann in der 

5* 




68 



Die jüngere Steinzeit. 



Erde angetroffen wurden, gab Unkenntnis und Aberglaube ihnen phantastische 
Beziehungen. Die Steinäxte wurden »Donnerkeile« — im Norden »Torkeile« 
— genannt und als das, wodurch der Blitzstrahl tötet, angesehen. Tor hält 
einen solchen Keil in der Hand und wirft damit nach dem Unhold: das ist - 
nach einem bei uns noch heute nicht ganz ausgestorbenen Glauben — das 
Gewitter. Wenn der Blitz einschlägt, trifft der Torkeil die Erde. Dabei wird 
der Keil tief in die Erde getrieben. Auf Gotland glaubte man vor noch 
nicht langer Zeit, daß der Donnerkeil sieben Ellen in die Erde hinein getrieben 
wird, wonach er in sieben Jahren wieder ans Tageslicht kommt, weil er in der 
Zwischenzeit zur Erdoberfläche steigt, jedes Jahr eine Elle. 





ioo. Steinaxt mit romanischen Ornamenten, von drei Seiten gesehen. Westergötland. 2 / 3 



Ähnliche Ansichten von dem Ursprung der Steinäxte findet man merk- 
würdigerweise überall in der Welt wieder. Schon vor zweitausend Jahren 
dachten die Griechen ebenso. 

Infolge ihres Ursprunges vom Donnergott und dem Unholdenbesieger 
werden diese Donnerkeile als ein außerordentlich wirksames Schutzmittel gegen 
Gewitter und Zauberei angesehen. Darum ist es oft sehr schwer, die Besitzer 
von Altertümern aus Stein zum Verkauf zu bewegen, weil sie glauben, daß sie 
damit einen Talisman verlieren. Im Museum zu Visby wird eine Steinaxt auf- 
bewahrt, die einer Frau auf Gotland gehörte; sie weigerte sich lange dieselbe 
herzugeben und entschloß sich erst, als der Blitz ungeachtet ihres Donnerkeiles 
in einen neben ihrer Wohnung gelegenen Kirchturm einschlug. 

Um neuerbaute Häuser gegen Blitz und anderes Unglück zu schützen, 
pflegte man noch im achtzehnten Jahrhundert eine Steinaxt oder einen Feuer- 
steindolch in die Wand oder unter die Schwelle zu legen. 



Abergläubische Vorstellungen von Steinsachen. 



6 9 




Noch in unseren Tagen pflegte eine Frau auf Gotland eine große Stein- 
axt in den Braukessel zu hängen, um den Unhold zu verhindern, das Gebräu 
zu verderben. Ein Bauer in Wermland beschwerte seine Fischreuse mit einer 
Steinaxt und glaubte zu bemerken, »daß die Fische mit viel größerer Begehr- 
lichkeit in das Gerät gingen, an 
welchem Steinäxte zu Beschwersteinen 
verwendet würden«. Ein Bauer der- 
selben Gegend verwahrte einen Feuer- 
steindolch unter dem Korn in seiner 
Scheune, wo dieser großen Nutzen 
brachte«. Als ein anderer Bauer, der 
in Smäland wohnte, noch um das 
Jahr 1860 (!) ein Stück Land ab- 
schwendete, pflegte er, ehe er anzün- 
dete, eine sorgsam verwahrte Steinaxt 
mit einer durch das Griffloch ge- 
zogenen Schnur von einem Knecht 
dreimal rund um das Stück Land 
schleppen zu lassen, damit das Feuer 
nicht ausbrechen sollte. Dann wurde 
die Axt wieder weggelegt, um im 
nächsten Jahr in derselben Weise zu 
dienen. 

Auch gegen Krankheiten bei 
Menschen und Tieren sollten die alten 
Steinäxte eine wunderbare Kraft be- 
sitzen. Das Schwedische National- 
museum besitzt eine Steinaxt aus 
Blekinge, deren Schneide pulverisiert 
und kranken Tieren als Heilmittel 
a^eben worden war. Diese heilende 
Kraft wurde auch Spinnwirteln von 
Stein zugeschrieben, obwohl die- 
selben nicht älter sind als die 
Kisenzeit. 

Ein merkwürdiges Beispiel, daß 
Steinäxte als Amulette angewendet 
wurden, haben wir an einer ägyp- 
tischen Axt, die auf beiden Seiten 
mit einer eingeritzten mystischen 

Inschrift bedeckt ist Fig.] 101). Die Buchstaben sind griechisch und von 
«Irr Form, die im dritten und vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung all- 
gemein war. Eine andere Steinaxt mit griechischer Inschrift wurde in 
• rriechenland gefunden. 




IOI. 



Ägyptische Steinaxt mit griechischer 

Inschrift. 5 1 und 2 ,. 



jq Die jüngere Steinzeit. 

Während die Steinäxte als Donnerkeile betrachtet wurden, hat man in 
den Feuersteinpfeilen teils Blitzgeschosse des Donnergottes, teils Hexenschüsse 
gesehen. In Schottland und Irland war dieser letztere Glaube allgemein, und 
man betrachtete die Steinspitzen auch als Schutz gegen die von den Hexen 
(oder Eiben) insbesondere den Tieren angezauberten Krankheiten und anderes 
Unglück. Deshalb wurden sie in diesen und anderen Ländern als Amulette 
getragen, manchmal in Silber eingefaßt. An einem griechischen oder etruski- 
schen Halsband von Gold, das jetzt im Britischen Museum aufbewahrt wird, 
hängt in der Mitte eine in Gold gefaßte Pfeilspitze aus Feuerstein. 



DIE BRONZEZEIT 

(VON ANFANG DES ZWEITEN BIS ZUR MITTE DES ERSTEN JAHR- 
TAUSENDS VOR CHRISTI GEBURT). 



1. Der Anfang der Bronzezeit und ihre Einteilung. 




j ie Bronze ist jahrtausendelang in weiten Gebieten der Erde für den 
Menschen von einer Bedeutung gewesen, der die Betrachtung erst 
spät vollkommen gerecht geworden ist. 
Seit nun aber unsere Augen für die geschichtliche Bedeutung der Bronze- 
zeit geöffnet sind, ist der Anfang dieser Periode Gegenstand besonderer Auf- 
merksamkeit geworden. 

Bronze 1 ) ist eine Mischung von Kupfer und Zinn, Eisen 
ein einfaches Metall: wie kommt es, 
daß die Bronze so vielen Völkern und 



-i 



so lange Zeiten hindurch ausschließ- 
lich zu den verschiedensten Zwecken 
gedient hat, und daß das Eisen erst 
so viel später verwandt wurde? Die 
scheinbare Schwierigkeit, dies zu er- 
klären, verschwindet mit der Einsicht, 
daß Bronze nicht das erste Metall 
war, das der Mensch anwandte, viel- 
mehr Kupfer schon lange Zeit un- 
gemischt (Fig. 102) benutzt worden 
war, ehe man sich durch einen Zusatz 
von anderem Metall, vor allem Zinn, 
ein besseres und durch eine gold- 
ähnliche Farbe ausgezeichnet schönes 








102. Kupferaxt, mit 
Durchschnitt. Skane. ] / 2 



102 a. Axt von sehr 
zinnarmer Bronze, 
mit Durchschnitt. 
Skäne. 1 / 2 . 



S. Nilsson, Skandinaviska Nordens Ur-invanarc (Lund, 1S3S — 43; das 6. Kapitel behandelt 
die Bronzezeit. — 2. Aufl., Bd. 2. Bronsäldern. Stockholm, 1862 — 64. — 3. Aufl. Bronsäldern. Lund, 
[872). — Derselbe, Die Ureinwohner des Scandinavischen Nordens. Das Bronzealter (Hamburg, 
1863 — 66). — Montelius, L'äge du bronze en Suede, im Compte rendu du Congres de Cop«-n- 
baguc, 1869, S. 249. — Derselbe, Sur l'äge du bronze en S m Comptc rendu du Con. 

Stockholm, 1 874, S. 488. — Derselbe, Die Chronologie der ältesten Bn in Norddeutschland 

und Skandinavien. Sonderabdruck aus dem Archiv für Anthro] Bd. XXV u. XWI [Braun- 

schweig, 1900. Vgl. 1 >. Almgren, in Yincr, 191- 15, und L. Laloy, in L'Anthn 

1899, S. 699; 1901, S. 719). 

1) Gleichwie das Wort Kupfer von Kypros gebildet ist, dei bischen Namen der Insel 

Cypcrn, wird Bronze von einem < Ortsnamen, Brundusium, dem beutigen l'rin.li-i in Italien, abgeleitet. 



74 



Die Bronzezeit. 



Material zu verschaffen wußte. Anfangs war der Zinnzusatz zur Bereitung der 
Bronze gering, ein oder einige Prozente (Fig. 102 a), nach und nach stieg er bis 
zu zehn Prozent, und dies Verhältnis wurde dann allgemein. 1 ) 

Daß die Menschen Kupfer vor dem Eisen benutzen lernten, kann nicht 
wundernehmen. Die Kupfererze fallen leichter ins Auge als die Eisenerze, 
auch ist Kupfer leichter auszuschmelzen. 

In Südwestasien haben die am Euphrat und Tigris wohnenden uralten 
Kulturvölker Kupfer und Bronze früher als irgend ein anderes Volk in den 
Teilen der Alten Welt, mit dem Europa in Verbindung stand, benutzt. Von 
dort verbreitete sich die Anwendung des Kupfers und dann der Bronze über 
Ägypten und Europa. 

Daß die Kultur der Bronzezeit ihren Ursprung nicht in unserem Norden 
genommen hat, sah man von jeher ein. Nur darüber gingen die Ansichten aus- 
einander, auf welchem Wege diese Kultur hierher gedrungen ist. Ob auf dem 
Seeweg, rund um Europas Westküsten, oder auf dem Landweg, über das 
Festland; ob durch Einwanderung eines neuen Volkes oder durch den Handels- 
verkehr. 

Seit die rastlosen Arbeiten der letzten Jahrzehnte auf dieses Gebiet ein 
vorher nicht geahntes Licht geworfen haben, 2 ) und besonders seit man zu 
unterscheiden weiß, was dem Anfang der Bronzezeit und was einer späteren 
Periode angehört, hat es sich herausgestellt, daß unsere Vorfahren die Bekannt- 
schaft mit der Bronze weder den Phöniziern, noch den Etruskern — wie etliche 
glaubten — verdanken, und daß auch keine Einwanderung am Anfang der 
Bronzezeit hier stattgefunden hat. 

Die Kenntnis des Kupfers und danach der Bronze hat sich vielmehr 
schrittweise von Volk zu Volk verbreitet, ungefähr auf dieselbe Art, wie in 
unserer Zeit die Erfindungen, an denen die Gegenwart so reich ist, den ver- 
schiedenen Völkern zugute kommen. Die Zeit des Dampfes und der Elektri- 
zität, die für den zukünftigen Forscher sich ebenso scharf abgegrenzt von der 
vorhergehenden Zeit zeigen wird, wie die Kupfer- und Bronzezeit von der 
reinen Steinzeit, hat in keinem europäischen Land mit der Einwanderung eines 
neuen Volkes begonnen. Höchstens sind einzelne, die mit der neuen Erfindung 
vertraut waren, von einem zum anderen Lande übergesiedelt. 

Ungefähr auf gleiche Art haben wohl unsere Vorfahren, wie die übrigen 
Völker Europas, die ersten Metalle kennen gelernt. Durch den Verkehr mit den 
Gegenden, die den älteren Kulturländern am nächsten lagen, sind Kupfer- und 
Bronzearbeiten nach dem Norden gekommen, und einige Menschen, geschickt 
im Anfertigen solcher Arbeiten, sind vielleicht hierher übergesiedelt und haben 
hier ihre Kunst geübt. Die Einwohner der nordischen Länder haben sich nach 
und nach diese Kunst angeeignet, und die Bronzekultur ist auf diese Weise in 
unseren Gegenden einheimisch geworden. 

i) Montelius, Die Bronzezeit im Orient und in Griechenland, im Archiv f. Anthrop., XXI, 
S. 3. — Derselbe, Die Chronologie der ältesten Bronzezeit, S. 23. 

2) Derselbe, Die Chronologie der ältesten Bronzezeit, S. 133 folg. 



Der Anfang der Bronzezeit. r - 

Die allerersten im Norden angewandten Metallgeräte waren aus anderen 
Ländern eingeführt, aber bald fing man an, diese Sachen nachzumachen. Selbst 
die alten in der Steinzeit hier benutzten Typen wurden in Metall nachgemacht. 
Hierdurch erhielten auch die nordischen Arbeiten in Kupfer und Bronze bald 
ein eigenes nationales Gepräge. 

Wurden also die Arbeiten bei uns verfertigt, so wurde doch das Material 
von außerhalb eingeführt; und der Handelsverkehr dürfte schon in jener ent- 
legenen Zeit von größerer Bedeutung gewesen sein, als wir uns gewöhnlich 
vorstellen. Daß dabei das Verlangen der südlichen Völker nach dem geschätzten 
Bernstein eine große Rolle spielte, haben wir schon gesehen. 

Da der Norden schon lange vor dem Ende der Steinzeit mit dem übrigen 
Europa sowohl auf westlichem wie auf südlichem Weg in Handelsverbindung 
stand, — jener führte zu den Britischen Inseln und den westeuropäischen Ländern, 
dieser über Norddeutschland zu Mittel- und Südeuropa, — so konnten die Nord- 
länder Kenntnis von den Metallen auf jedem dieser beiden Wege erhalten. 

Es hat sich indessen herausgestellt, daß hauptsächlich auf dem südlichen 
Weg Kupfer und Bronze hierhergekommen sind. Was vom westlichen Europa 
zu uns kam, ist im Vergleich damit nicht so bedeutend. 

Irgendwelche Spur davon, daß uns die Phönizier die Bronzekultur hierher 
gebracht hätten, ist nicht anzutreffen. 1 ) Das erste Erscheinen dieser Kultur im 
Norden fällt in eine so frühe Zeit, daß die Phönizier unmöglich deren Vermittler 
gewesen sein können. Dies gilt um so mehr für die Etrusker, die in Italien erst 
auftreten, nachdem die Nordländer bereits ein Jahrtausend das Kupfer kennen 
gelernt hatten. Eher wäre es möglich, daß wir das Eisen dem Handel mit 
den Etruskern zu verdanken haben. 

Eine klare Auffassung vom Anfang der nordischen Bronzezeit war erst 
möglich, als man die Überreste aus dem ältesten Abschnitt dieses Zeitraumes 
von den späteren zu unterscheiden lernte. In den letztverflossenen Jahrzehnten 
hat sich die Forschung, nicht zum mindesten in Schweden, darauf bezüglichen 
Untersuchungen mit Eifer gewidmet. 

Da man unter den Tausenden von Funden aus der Bronzezeit im Norden 
niemals auch nur eine einzige Münze oder einen anderen Gegenstand mit In- 
schrift gefunden hat, auch einheimische Funde aus der Bronzezeit in Verbindung 
mit ausländischen Arbeiten von bekanntem Alter selten sind, so konnte es bei- 
nahe hoffnungslos erscheinen, für unsere Bronzezeit zu einer, wenn auch nur 
relativen Zeitbestimmung zu kommen. Es ist jedoch durch eine sorgfältige und 
weit umfassende Durchmusterung der Gräber und Altertümer aus jener Zeit, 
die uns zur Verfügung stehen, insbesondere durch genaue Berücksichtigung der 
Umstände, unter welchen sie gefunden wurden, gelungen, nicht nur eine relative, 
sondern auch eine absolute Chronologie für die schwedische Bronzezeit auf- 
zustellen. 



i) Die I'lninizisehe Theorie ist hauptsächlich von Professor Sven Nilsson aufgestellt und ver- 
teidigt worden. S. Nilsson, Dio Ureinwohner des Skandinavischen Nordens. Das Bronzealter 




Die Bronzezeit. 







'J-UlUilliuuj 

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^^^ i ^pft 



104. Halsschmuck von Bronze. Skäne. i \ 2 . 





105. Bronzeaxt mit 
Schaftloch. Öland. i j s . 



106. Bronzeaxt, von zwei Seiten 107. Lanzenspitze 108. Bronzedolch, 
gesehen. Öland. 1 j i . von Bronze. Sk. 1 /„. Öland. y.,. 

Arbeiten aus der älteren Bronzezeit. 



Die Einteilung der Bronzezeit. 



77 




109. Ornament. Wcstergötland. 





110. Ornament. Skäne. 



III. Bronzener Gürtelschmuck. 
Skäne. >/ 2 . 



1 13. Ornament. Westergötland. 




114. Halsring von Bronze. Wermland. '/.,. 




115. Halsring von Bronze. Södermanland. '/i 




&r 



[l6. Bronzegefafl. Bohusliin. i / i . 

Arbeiten aus der jüngeren Bronzezeit. 



117. Br< 
beschlag eines 
baftes. 
Skäne. % 



78 Die Bronzezeit. 

Schenkt man den Überbleibseln unserer Bronzezeit nähere Aufmerksamkeit, 
so fällt bald eine große Ungleichheit der Gräber und der Formen und Zierate 
der Gerätschaften auf. In einigen Gräbern findet man Reste von unverbrannten 
Leichen, die anderen enthalten gebrannte Knochen. Und ein Blick auf die 
hier abgebildeten Gegenstände genügt, um uns den Unterschied zu zeigen, der 
zwischen den verschiedenen Bronzegeräten besteht. Einige Waffen und Schmuck- 
sachen (Fig. 103 — 108) sind mit Spiralen und Zickzacklinien verziert, andere 
mit ganz abweichenden Ornamenten (Fig. 109 — 117). An den letzteren findet 
man keine eingravierten oder mit einem Punzen eingeschlagenen Spiralen, wo- 
hingegen die Ring-Enden, Messergriffe und andere Sachen oft in einer Spirale 
aufgerollt sind. 

Die Frage, welche sich nun ganz natürlich aufdrängt, ist: gehören diese 
verschiedenen Gräber und Gerätschaften derselben Zeit an, oder bezeichnen sie 
verschiedene Perioden? 1 ) 

Wir müssen uns hierbei nicht nur an Schweden, sondern an ganz Skan- 
dinavien und Norddeutschland halten, wobei betont werden muß, daß die be- 
obachtete Verschiedenheit nicht etwa so aufgefaßt werden kann, daß Gräber 
mit unverbrannten Leichen in einer Gegend sich finden und Gräber mit ge- 
brannten Knochen in einer anderen. Beide Arten von Gräbern und beide 
Arten von Altertümern findet man in derselben Gegend und im ganzen südlichen 
Teil der Skandinavischen Halbinsel wie in Dänemark und Norddeutschland. 

Beginnen wir mit den Gräbern. Wenn die beiden so verschiedenen Ge- 
bräuche, die Toten zu verbrennen oder unverbrannt zu bestatten, zu ein und 
derselben Zeit herrschten, so konnten, wie es schien, drei Möglichkeiten in Be- 
tracht kommen: es sind die Toten verschiedener Volksstämme oder verschiedenen 
Geschlechts oder verschiedener Klassen, das heißt verschiedener Vermögens- 
verhältnisse. 

Aber daß die Verschiedenheit der Gräber nicht durch zwei verschiedene 
Stämme zu erklären ist, die gleichzeitig Seite an Seite hier gelebt hätten, wird 



1) J. J. A. Worsaae, Om en ny Deling af Steen- og Broncealderen, in Danske Videnskabs 
Selskabs Forhandlinger, 1859. — Montelius, L'äge du bronze en Suede, im Compte rendu du 
Congres de Copenhague, 1869, S. 249. — Derselbe, Sur les epoques de l'äge du bronze en Suede, 
im Compte rendu du Congres de Bologne, 1871, S. 288. — - Derselbe, Svenska fornsaker (1872). — 
Derselbe, in der Antiqv. tidskr. f. Sv., 3 (1S72 — 73). — Derselbe, Sur l'äge du bronze en Suede 
und Sur les poignees des epees et des poignards en bronze, im Compte rendu du Congres de Stock- 
holm, 1874, S. 488 und 882. — Derselbe, Minnen frän bronsälderns slut i Norden und Ett fynd 
frän vär bronsälders äldsta tid, im Mänadsblad, 1880, S. 97 und 129. — Derselbe, Om den nordiska 
bronsälderns Ornamentik och dess betydelse för frägan om periodens indelning, im Mänadsblad, 1881, 
S. 17. — Derselbe, Om tidsbestämning inom bronsäldern, med särskildt afseende pä Skandinavien 
(Stockholm, 1885; vgl. Materiaux pour l'histoire de l'homme, 1885, S. 108). — Derselbe, Die Chro- 
nologie der ältesten Bronzezeit in Norddeutschland und Skandinavien, im Archiv für Anthropol., 
XXV u. XXVI (1900); vgl. Almgren, in Ymer, 1900, S. 395 folg. — S. Müller, Bronzealderens 
perioder, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1876 (Die nordische Bronzezeit und deren Perioden- 
teilung, übers, von J. Mestorf, Jena, 1878). — Derselbe, Ordning af bronzealderens fund, ebenda, 
1891. — Derselbe, Ordning af Danmarks Oldsager, Bronzealderen (Kopenhagen, 1891). — W. 
Splieth, Inventar der Bronzealterfunde aus Schleswig-Holstein (Kiel, 1900). 



Die Einteilung der Bronzezeit. 7Q 

durch die zahllosen Fälle bewiesen, in denen Gräber beider Art in demselben 
Hügel gefunden worden sind. Zwei verschiedene Volksstämme konnten denk- 
barer Weise in einem Land friedlich miteinander wohnen, aber für ihre Toten 
hätten sie keine gemeinschaftlichen Ruhestätten geschaffen. 

Die erwähnte Ungleichheit kann ebensowenig — wie es versucht worden 
ist — damit erklärt werden, daß das eine Geschlecht, z. B. die Männer, ver- 
brannt und die Frauen unverbrannt beerdigt wurden oder umgekehrt; denn 
die Gräber mit unverbrannten Leichen aus der Bronzezeit haben sich bald als 
Männer-, bald als Frauengräber erwiesen, wie Skelette und Kleider unwider- 
leglich dartun. Wir werden noch auf diese merkwürdigen Funde zurückkommen. 
Auch hat man Schwerter und andere für Männer charakteristische Waffen zu- 
sammen mit gebrannten wie mit ungebrannten Knochen gefunden. 

Man hat wohl eine Zeitlang angenommen, daß die Reichen unverbrannt 
in den großen, von einem mächtigen Hügel bedeckten Steinkisten ruhten, 
während die Leichen der Armen verbrannt worden wären und nur ihre Asche 
in den der Frde anvertrauten Tongefäßen aufbewahrt sei. Neuere Unter- 
suchungen haben indessen gezeigt, daß diese Annahme nicht richtig ist, indem 
kostbare Waffen und Schmucksachen von Bronze, ja sogar von Gold, aus 
mehreren Gräbern mit gebrannten Knochen an den Tag gefördert wurden. 

Es ist folglich unmöglich, daß die beiden Arten der Gräber im allgemeinen 
gleichzeitig waren, und es gibt eine Tatsache, die jeden Gedanken einer solchen 
Gleichzeitigkeit abweisen muß. In den Gräbern der Bronzezeit, die unverbrannte 
Leichen enthalten, finden sich Waffen und Schmucksachen mit den bereits er- 
wähnten schönen Spiralen und feinen Zickzackornamenten, die der einen Gruppe 
angehören. In den Gräbern mit gebrannten Knochen liegen dagegen nur selten 
ähnliche Sachen; die Bronzen der anderen Gruppe kommen aber nur zusammen 
mit gebrannten Knochen vor. 

Dieses Zusammentreffen einer bestimmten Begräbnisform mit einer ge- 
wissen Art von Altertümern und einer anderen Begräbnisform mit einer anderen 
Art von Altertümern beseitigt den letzten möglichen Zweifel daran, daß die 
verschiedenen Arten verschiedenen Perioden der Bronzezeit angehören. 

Die beiden verschiedenen Arten von Altertümern sind auch außerhalb der 
Gräber so gut wie nie zusammen gefunden worden. Solche Halsringe wie 
Fig. 114 und 115 oder ein solches Bronzegefäß wie Fig. 116 sind niemals — 
so oft sie auch mit anderen Altertümern zusammen gefunden worden sind — 
auf derselben Stelle mit Schmuck oder Waffen wie Fig. 103 — 108 ange- 
troffen worden. 

Gehören nun die beiden Gruppen von Gräbern und Altertümern nicht 
derselben Zeit an, so bleibt nur noch zu untersuchen, welche von beiden die 
ältere ist. 

Fig. 118 zeigt den Durchschnitt eines großen Grabhügels aus der Bronze- 
zeit, der vor mehreren Jahren mit großer Sorgfalt untersucht wurde. Inmitten 
des Hügels bei a stand eine große Steinkiste von 2,10 m Länge, die Re 
einer unverbrannten Leiche enthaltend. An drei anderen Stellen weiter oben 



8o 



Die Bronzezeit. 



in demselben Hügel fand man in kleinen Steinkisten von nur 30 bis 60 cm Länge 
gebrannte Knochen. Auf einer Stelle, neben der kleinen Steinkiste im obersten 
Teil des Hügels, war ein Tongefäß mit gebrannten Knochen niedergesetzt 
worden, und neben der Kiste b lag ein flacher Stein über einer Höhlung, die 
ebenfalls gebrannte Knochen barg. Die große Kiste und zwei kleine enthielten 
außer den Knochen Altertümer aus der Bronzezeit; und es ist sehr wahrschein- 
lich, daß auch die anderen drei Gräber mit den gebrannten Knochen aus der- 
selben Periode stammen. 

Nun muß aber das große Grab mit der unverbrannten Leiche älter sein 
als die anderen, denn es war sonst nicht möglich, ersteres zu bauen, ohne 
letztere zu zerstören. 

Dies gilt übrigens nicht nur für den soeben beschriebenen Hügel. Ein 
gleiches gilt auch sonst. Beinahe jeder Hügel aus der Bronzezeit, in dem man 
ein Grab mit unverbrannten Leichen findet, hat auch Gräber mit gebrannten 
Knochen; immer befanden aber erstere sich näher zur Grundfläche und Mitte 
des Hügels als letztere. 




118. Durchschnitt eines Grabhügels. Dömmestorp in Hailand. 



Hieraus folgt, daß die Gräber mit unverbrannten Leichen, ebenso wie die 
in ihnen so oft vorkommenden mit Spiralen und Zickzacklinien geschmückten 
Altertümer, im allgemeinen einem älteren Teil der Bronzezeit zugerechnet 
werden müssen, als die Gräber mit gebrannten Knochen und Altertümern der 
anderen Gruppe. 

Dieses Resultat wird von allem bestätigt, was man sonst kennt. 

So gleichen mehrere Gräber mit unverbrannten Leichen aus dem ersten 
Teil der Bronzezeit denen aus dem letzten Abschnitt der Steinzeit und mehrere 
Gräber mit gebrannten Knochen aus dem Ende der Bronzezeit denen aus dem 
Anfange der Eisenzeit. 

Eine andere Bestätigung finden wir darin, daß man sowohl an den Gräbern 
wie an den Altertümern verfolgen kann, daß die Formen, die als die jüngsten 
zu betrachten sind, langsam aus den älteren sich entwickelten. 

Was die Form der Gräber betrifft, so kann man schon ohne weiteres 
sehen, wie die, welche dem Schluß der Bronzezeit angehören, sich allmählich 
aus denen entwickelt haben, die aus dem Anfang dieser Periode stammen. 



Die Einteilung der Bronzezeit. 



81 



Da nun letztere, wie wir eben erwähnten, den Gräbern vom Ende der Stein- 
zeit gleichen, deren Zusammenhang mit den älteren Dolmen und Ganggräbern 
hinwiederum im Vorangehenden bewiesen worden ist, so folgt, daß man in 
der Entwickelung der schwedischen Gräberform eine ununterbrochene Reihe 
hat, an deren Anfang die großen Grabkammern der Steinzeit und an deren 
Schluß die unansehnlichen Aufbewahrungsplätze für eine Handvoll gebrannter 
Knochen der jüngsten Bronzezeit und der ältesten Eisenzeit sind. 

Die ältesten Gräber in unserem Land, die man aus der Bronzezeit kennt, 
sind große Steinkisten, ungefähr 2 m lang oder gerade groß genug, um ein 
Skelett zu bergen. Gleichzeitig wurden Eichensärge von ungefähr derselben 
Größe verwendet; diese waren aus einem gespaltenen und ausgehöhlten Stamm 
in der Art wie Fig. 119 zeigt hergestellt. Solche Holzsärge waren sogar all- 
gemeiner als die von Stein. 1 ) 



Bä^- 







Tßin sr 



119. Eichener Sarg. Trindhöi, Jütland. 



Einige dieser Kisten von gewöhnlicher Manneslänge sind unserer beson- 
deren Aufmerksamkeit wert: als Übergangsform zu den kleinen Kisten mit ge- 
brannten Knochen. Man hat nämlich manchmal solche Kisten von 2 m Länee 

o 

angetroffen, die also für eine unverbrannte Leiche berechnet waren, jedoch 
statt dieser einen kleinen Haufen gebrannter Knochen enthielten. Diese Gräber 
gehören offenbar der Zeit an, als die Leichenverbrennung im Lande Eingang 
zu finden begann. Dann kann man die Größenabnahme der Kisten verfolgen, 
von denen, die 2 m lang sind, bis zu solchen, die nicht einmal 30 cm lang 
sind. Mehr Raum war nicht erforderlich, um die von dem Scheiterhaufen zu- 
sammengesuchten Reste der Knochen zu bestatten. Auch Kisten von Holz, in 
der Form der Figur 119, wenn auch bedeutend kleiner, sind ganz allgemein 
gewesen. 

Viele kleine Steinkisten sind gerade groß genug für ein Tongefäl», in 
dem man die Knochen verwahrte, statt sie lose zwischen die Steine zu legen. 



1) Montelius, Grafkistor af ldufna och urhälkade stockar, in der Sv. Komm, för« tiilskr., Bd. 9, 
S. 77 toli,'. — Derselbe, Ein I'.ron/.calters-Grab in Südschweden, in den Prähistorischen Blättern, 
uisgcg. v. J. Naue (München), 1890, S. 81. — W. Boye, Trouvailles de cercueils en ebene de 
l'age du hronzc en Danemark (Kopenhagen , 1896). — Solche hölzerne Särge kommen auch in 
Mittelitalien v<.r. Montelius, La civilisation primitive en Italie, Taf. 308 (Falerii), 356 u. 357 (Rom, 
Forum), 360 (Rom, Esquilin. Nachbildungen in gebranntem Ton). 

Montelius, Kulturgeschichte Schwedens, f, 



82 Die Bronzezeit. 

An anderen Stellen findet man keinen solchen Steinschutz mehr, sondern nur 
ein Tongefäß mit gebrannten Knochen und einem kleinen Bronzemesser, einer 
zerbrochenen Bronzesäge oder ähnlichem. Endlich wurden die Knochen zu- 
weilen, wie bei b in dem Figur 1 1 8 abgebildeten Hügel, in eine kleine Grube 
gelegt, ohne Hügel, Kiste oder Tongefäß, nur von einem flachen Stein bedeckt: 
eine Art des Begrabens, die auch der ältesten Eisenzeit in den sogenannten 
»Brandgruben« eigen ist. 

Man kann indessen nicht nur bestimmen, was dem älteren und was 
dem jüngeren Teil der Bronzezeit angehört, sondern es hat sich sogar als 
möglich erwiesen, mehrere »Perioden« in diesem langen Zeitabschnitt zu 
unterscheiden. 

Die mit Spiralen geschmückten, von besonders hoch ausgebildetem tech- 
nischen Geschick zeugenden Bronzen sind nicht die ältesten hier verfertigten 
Arbeiten in diesem Metall. Da ebensolche Bronzen nur in dem nordischen 
Gebiet und nicht in anderen Teilen Europas vorkommen, von denen der Ge- 
brauch der Bronze zu unseren Vorfahren kam, ist es klar, daß diese Typen 
sich hier entwickelt haben: aber eine solche Entwicklung erforderte lange Zeit. 
Man kennt auch jetzt die erste lange Periode unserer Bronzezeit, in der diese 
Entwickelung vor sich gegangen ist. Man kann beobachten, wie in dieser 
Periode die Typen, die von Süden her eindrangen, sich allmählich veränderten, 
bis sie in die Formen übergingen, die für die zweite Periode charakteristisch 
sind: die Zeit der hübschen Spiralzierate, die man mit Recht als die Blütezeit 
der älteren Bronzezeit bezeichnet. 

Gegen Ende dieser zweiten Periode fing man hier an, die Toten zu ver- 
brennen. In der dritten Periode wurde die Leichenverbrennung allgemein und 
ist vor Schluß dieser Periode allein herrschend; sie bleibt es während der 
ganzen übrigen Bronzezeit. 

Die Spiralen wurden längst vor dem Schluß der dritten Periode von 
anderen Ornamenten abgelöst, und in der vierten Periode entwickelte sich teils 
aus diesen, teils aus neuen aus dem Süden kommenden Motiven die Ornamentik, 
die während der fünften Periode charakteristisch ist und die man Fig. 109, 
110, 112 — 114 sieht. 

Die Ornamentik der jüngeren Bronzezeit-Perioden ist eine durchaus andere 
als die der Blütezeit der älteren Bronzezeit, und die Formen werden, je weiter 
man fortschreitet, um so schwerer und übertriebener; aber die Arbeit an sich 
zeichnet sich im allgemeinen durch dieselbe Höhe der Technik wie in der 
älteren Zeit aus, sowohl was den Guß des Gegenstandes als das Anbringen 
der Ornamente betrifft. 

Das Eisen, das in der Zeit, die der dritten Periode unserer Bronzezeit ent- 
spricht, in den Kulturländern des Südens allgemein bekannt war, zeigt sich 
vereinzelt in den nordischen Funden schon in der vierten und der fünften 
Periode, aber es war doch noch so selten, daß man ohne Bedenken alle diese 
Jahrhunderte der Bronzezeit zuschreiben muß, insbesondere weil Waffen und 
Werkzeuge fortdauernd aus Bronze gemacht wurden. 



Die Einteilung der Bronzezeit. 3 3 

Erst in der sechsten Periode, mit dem Stilverfall der Bronzezeit, können 
wir von einer eigentlichen Übergangszeit zur Eisenzeit reden. 

Daß diese Perioden wirklich ebensoviele verschiedene Zeitabschnitte der 
nordischen Bronzezeit bezeichnen, wird schon daraus ersichtlich, daß die Typen, 
die für eine dieser Perioden charakteristisch sind, sehr oft zusammen angetroffen 
werden, während nur selten ein Fund Typen enthält, die zwei verschiedenen 
Perioden angehören. Und in diesen wenigen Fällen sind es immer Typen 
von zwei unmittelbar aufeinander folgenden Perioden, die in demselben Fund 
vorkommen. 

Diese letztgenannte Tatsache, die ich schon vor vielen Jahren beobachtete 
und bei allen seitdem gemachten Funden bestätigt sah, ist von der allergrößten 
Wichtigkeit für die nun vorliegende Frage. 

Daraus folgt nämlich, daß jede Periode nicht nur wirklich einen beson- 
deren Teil der Bronzezeit bedeutet, sondern auch von erheblicher Dauer war. 
Da Typen aus der ersten und dritten Periode niemals zusammentreffen, obwohl 
so viele Funde Typen nur von der einen oder der anderen enthalten, muß die 
dazwischen liegende Periode eine so lange Zeit umfaßt haben, daß die Typen 
der ersten Periode außer Gebrauch kommen konnten, ehe die dritte Periode 
anfing. Und dasselbe gilt von allen folgenden Perioden: jede von ihnen muß 
eine lange Zeit angedauert haben. 

Nach Berücksichtigung aller Verhältnisse, die für die relative Chronologie 
unserer Bronzezeit maßgebend sind, ist es mir möglich gewesen, sechs Perioden 
in der langen Zeit von Beginn der Bronzezeit bis zu ihrem Schluß zu unter- 
scheiden. Innerhalb jeder Periode kann man außerdem feststellen, was zu 
ihrem früheren oder späteren Teil gehört. 

Daß die verschiedenen Perioden wirklich in der von mir angegebenen 
Reihenfolge aufeinander gefolgt haben, geht mit Sicherheit aus den typologischen 
Verhältnissen hervor, in dem die Typen jeder Periode älter sind als diejenigen 
der nächstfolgenden. Es wird auch dadurch bestätigt, daß die Gegenstände, 
welche dem Ende einer Periode entstammen, große Ähnlichkeit mit denen zeigen, 
die charakteristisch für den Anfang der folgenden sind. 

Heutzutage brauchen wir aber nicht bei dieser relativen Chronologie 
stehen zu bleiben, sondern sind in der Lage, uns weit besser als das noch 
vor wenigen Jahrzehnten möglich war, eine absolute Chronologie zu schaffen. 

Dieses ist dadurch möglich geworden, daß schon in der Bronzezeit ein 
lebhafter Verkehr zwischen dem Norden und den südlichen Ländern stattfand; 
daß vieles aus Süd- und Mitteleuropa hierher gebracht und anderes von hier 
nach dem Süden, wenigstens bis Mitteleuropa, gebracht wurde; daß solche aus 
dem Süden stammende Gegenstände bei verschiedenen Gelegenheiten in nor- 
dischen Gebieten zusammen mit Einheimischem angetroffen wurden, und daß 
Gegenstände aus dem Norden in Mitteleuropa — in Süddeutschland, der 
Schweiz und Frankreich — mit dort einheimischen Arbeiten zusammen gefunden 
wurden. Kennen wir nun das Alter der fremden Arbeiten, die sich als gleich- 
zeitig mit den nordischen ausweisen, so können wir auf das Alter der nordischen 

6* 



8 4 



Die Bronzezeit. 



Sachen schließen; wie wir ja auch in bezug auf die ersten Jahrhunderte der 
christlichen Zeitrechnung solche Aufklärungen durch die Funde erhielten, die 
römische Münzen zusammen mit nordischen Arbeiten enthielten. Das Alter 
der fremden Gegenstände, die gleichzeitig mit unserer Bronzezeit sind, hat man 
aber mit Sicherheit bestimmen können, da Mitteleuropa und mehr noch der 
Süden unseres Weltteils damals in lebhaftem Verkehr mit den Kulturländern 
des Orients standen, deren historische Zeit schon längst angefangen hatte. 

Ein einziger Fund der letztgenannten Art gibt gewiß nur eine Andeutung 
davon, daß eine aus dem Süden eingeführte und eine im Norden einheimische 
Arbeit derselben Zeit angehören. Aber da wir mehrere übereinstimmende 
Funde haben, können wir sicher sein, daß es sich hier um eine wirkliche 
Gleichzeitigkeit und kein zufälliges Zusammentreffen handelt. 

Auf diesem Wege ist es möglich geworden, zu folgender absoluter Chrono- 
logie der nordischen Bronzezeit zu kommen, wobei jedoch bemerkt werden 
muß, daß das angegebene Alter, besonders die erste Periode betreffend, vielleicht 
durch spätere Untersuchungen etwas höher hinaufgesetzt werden wird, wohin- 
gegen ich sicher bin, daß es jetzt nicht zu hoch angesetzt ist: 

Die erste Periode. Unverbrannte Leichen: 18. — 16. Jahrhundert v. Chr. 

Die zweite Periode. Unverbrannte Leichen; gegen Ende zeigt sich Leichen- 
verbrennung: 15. — 14. Jahrhundert v.Chr. 

Die dritte Periode. Anfangs unverbrannte wie verbrannte Leichen; dann 
nur Leichenverbrennung: 13. — 12. Jahrhundert v. Chr. 

Die vierte Periode. Leichenverbrennung: 11. — 10. Jahrhundert v.Chr. 

Die fünfte Periode. Leichenverbrennung: 9. — 8. Jahrhundert v. Chr. 

Die sechste Periode. Leichenverbrennung: 7. und erste Hälfte des 6. Jahr- 
hunderts v. Chr. 

Es würde aber zu weit führen, Periode um Periode der Entwickelung zu 
folgen, und wir müssen uns folglich, hier wie bei der Steinzeit, damit begnügen, 
die ganze Zeit in einem Bild zusammenzufassen. Nur soll man nie vergessen, 
daß die Bronzezeit einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren umfaßt, und 
daß also die Verhältnisse der ersten und sechsten Periode in vielen Fällen 
nicht dieselben waren. 



2. Lebensweise. 

Zahlreiche Frauengräber aus der Bronzezeit, ebenso prächtig ausgestattet 
wie die der Männer, zeugen davon, daß die nordische Frau schon in jener ent- 
legenen Zeit dem Manne mehr ebenbürtig war, als man es erwarten könnte; 
und die Tatsache, daß man mehrmals in demselben Hügel ein männliches Grab 
und ein Frauengrab aus ein und derselben Zeit fand, kann mit gutem Grund 
als Beweis gelten, daß der Mann eine rechtmäßige Frau hatte. In einigen 
von diesen Fällen sind ersichtlich Mann und Frau gleichzeitig begraben worden. 
Ob das darauf beruhte, daß sie zufällig zu gleicher Zeit gestorben waren, oder 



Lebensweise. 



85 




120. Reiter, auf einer Felsenzeichnung. Tegneby in Bohuslün. ' '.,,. 





121. Pferdegebiß von Bronze. Gotland. 1 / 4 . 



122. Reiter, auf einer Schwertscheide. Am Zügel 
sieht man drei runde Bronzebuckeln (vgl. Fig. 123). 
Hallstatt in Österreich. 




123. Bronzebuckel (zum Pferdegeschirr), mit Durchschnitt. 

Gothind. ' ... 




124. Wagen mit zwei Rädern und 
zwei 1 auf einem Wandstein im 

Kivik in S 



86 



Die Bronzezeit. 



ob bei den Nordländern der Bronzezeit, gleichwie bei so vielen anderen Völkern 
auf entsprechender Kulturstufe, die Frau dem Mann nach der Landessitte in 
den Tod folgen mußte, ist noch nicht mit Sicherheit festzustellen. 

Schon in der letzten Periode der Steinzeit lebten die Nordländer, wie 
wir gesehen haben, nicht nur von Jagd und Fischfang, sondern auch von Vieh- 
zucht und Ackerbau. Dasselbe gilt natürlich auch für die Bronzezeit. 

In der letzteren Zeit waren die Haustiere dieselben wie in der zunächst 
vorangegangenen. Auf den Felsenzeichnungen sehen wir häufig Ochsen und 
Pferde abgebildet; und in den Gräbern findet man nicht selten Reste von 
Häuten, Kleider von Wolle, Schwert- und Dolchscheiden von Fell nebst Ar- 














-•' ' ' ' "^ü 

125. Wagen mit vier Rädern und zwei Ochsen, auf einer 
Felsenzeichnung. Rished in Bohuslän. 




126. Angelhaken von Bronze. 
Dalsland. 1 / i . 





127. Pflug, auf einer Felsenzeichnung. 
Tegneby in Bohuslän. 1 / zo . 



128. Sichel von Bronze. Södermanland. '/ 2 



beiten von Hörn, alles das von Haustieren hergenommen, also Zeugnisse, wie 
allgemein damals die Viehzucht war! In einigen mit prächtigen Waffen ver- 
sehenen Männergräbern fanden sich auch Angelhaken aus Bronze (wie Fig. 126), 
welche zeigen, daß die vornehmen Männer sich mit Fischfang vergnügten. 

Daß Pferde sowohl wie Ochsen als Zugtiere benutzt wurden, sieht man 
aus den Felsenzeichnungen (Fig. 124 und 125). Die von Pferden gezogenen 
Wagen haben gewöhnlich zwei Räder; doch finden sich auch Abbildungen vonvier- 
räderigen Wagen. Besonders bemerkt zu werden verdient, daß die zweiräderigen 
Wagen von zwei Pferden gezogen wurden, und daß der Fahrende im Wagen 
aufrecht stand, wie es auch bei südeuropäischen und morgenländischen Völkern 
Sitte war. Ein Wagen mit vier Rädern, von zwei Ochsen gezogen, ist auf 
einem Felsen im Kirchspiele Askum, Bohuslän, abgebildet (Fig. 125). Die 
Zeichnung ist, schon auf Grund des schwer zu bearbeitenden Materiales, sehr 



Lebensweise. 



87 



einfach, jedoch sind die Hörner der Ochsen deutlich angegeben; da man nicht 
perspektivisch zeichnen konnte, sehen wir die vier Räder ohne Verkürzung und 
ohne daß der Wagen etwas verdeckt. 

Bisweilen sind Reiter abgebildet (Fig. 120). Bei vielen südlichen Völkern 
wurden in alten Zeiten Pferde nur zum Fahren, nicht zum Reiten verwendet. 

Einige schwedische Funde aus der Bronzezeit zeigen, wie die Pferdege- 
bisse aussahen und wie das Geschirr mit großen, runden, glänzenden Bronze- 
beschlägen (Fig. 121 und 123) geschmückt wurde. Oft sind diese Beschläge 
unter solchen Umständen angetroffen worden, daß sechs für jedes Pferd be- 
rechnet sein mußten. Eine Abbildung aus Österreich, gleichzeitig mit dem 
letzten Abschnitt unserer Bronzezeit, zeigt gleichfalls drei solche Beschläge auf 
der einen Seite, also auch sechs für jedes Pferd (Fig. 122). Ähnlichen runden 
Schmuck aus Messing sieht man noch heute an Pferden, insbesondere Arbeits- 
pferden, in vielen europäischen Ländern. Daß Überreste vom Pferdegeschirr 
aus unserer Bronzezeit nicht öfter angetroffen werden, beruht darauf, daß selten 
Bronze dafür verwendet wurde. An den meisten Gebissen waren, wie viele 
Funde anderer Länder zeigen, die Teile, die man nunmehr aus Metall herzu- 
stellen pflegt, aus Hörn oder Holz, wie es noch vor nicht langer Zeit in ab- 
gelegenen schwedischen Dörfern gesehen werden konnte. Sporen und Steig- 
bügel sind niemals unter solchen Umständen angetroffen worden, daß man sie 
der Bronzezeit zuschreiben könnte. Wahrscheinlich waren sie in jener Zeit hier 
gänzlich unbekannt. 

Auf einer Felsenzeichnung bei Tegneby in Bohuslän sehen wir einen 
Mann hinter einem Pflug gehen (Fig. 127). Der Pflug, von einfachster Art, 
wird von zwei Tieren gezogen, wahrscheinlich Ochsen oder Stieren. Andere 
Erinnerungen an den damaligen Ackerbau haben wir in den bronzenen Sicheln, 
die bisweilen bei uns aufgefunden werden (Fig. 128). Da Mühlen jetzt gebräuch- 
licher Art, mit rotierenden Steinen, noch nicht bekannt waren, wurde das Korn 
in einfachen Handmühlen, wie sie Fig. 8 zeigt, gemahlen. Solche Mühlen 
lagen in verschiedenen schwedischen Grabhügeln aus der Bronzezeit. 

Einige interessante Funde haben uns gezeigt, w T elche Kornarten in der 
Bronzezeit bei uns gebaut wurden. Viele in Schweden, gleichwie in an- 
grenzenden Ländern, ausgegrabenen Tongefäße aus dieser Zeit haben auf die- 
selbe Art, wie die früher beschriebenen aus der Steinzeit, Abdrücke von Ge- 
treidekörnern. Und ein in einem dänischen Grab aus der fünften Periode der 
Bronzezeit gefundenes Tongefäß enthielt eine Menge solcher Körner nebst 
Spreu und Überresten ganzer Ähren, was beweist, daß dies Korn in der Nähe 
gebaut wurde; diese Gewächsreste sind uns dank dem Grünspan erhalten ge- 
blieben. ') 

Danach sind in der Bronzezeit Weizen, Gerste und Hirse bei uns gebaut 
worden, dagegen weder Roggen noch Hafer. Ob Flachs hier gebaut wurde, 
ist unsicher. In Mitteleuropa wurde er, wie wir gesehen haben, schon in der 
Steinzeit kultiviert. 



1) E. Rostrup, in den A r f. aord. Oldkynd., i s 77. S 78. 



88 



Die Bronzezeit. 



Die nordischen Wohnhäuser waren in der Bronzezeit wie in der ihr 
vorangegangenen Zeit sehr einfach. Daß sie fortwährend eine runde oder ab- 
gerundet längliche Form hatten, zeigen uns einige in nordischen Gräbern auf- 
gefundene Tongefäße, die das Wohnhaus nachbilden. Eine dieser sogenannten 
»Hausurnen« (Fig. 132) aus Norddeutschland gibt nicht ein rundes, sondern ein 
abgerundet längliches Gebäude wieder; auf einigen anderen in nordischem 
Gebiet gefundenen Hausurnen ist der längs der Mitte des Daches laufende 
Balken wiedergegeben. 





129. Hölzerner Stuhl. Dänemark. */.. 



130. Spanschachtel. Dänemark. i / i . 




131. Holzschale mit Zinnstiften verziert. Dänemark. */ 4 . 



132. Tönerne Hausurne. 
Norddeutschland. ' ,,,. 



Selbst die besseren Wohnhäuser in Schweden waren nur Hütten aus 
Holz, die wir heute gering und unansehnlich nennen würden. In Südeuropa 
und dem Morgenland hatte man hingegen schon in unserer älteren Bronzezeit, 
als das Eisen auch im Süden noch nicht bekannt war, prächtige Bauten mit 
vierseitigem Grundriß. 

Wie in der Steinzeit hatten die nordischen Wohnungen Fußböden von 
Erde, — Holzfußböden waren wohl noch unbekannt, — die nicht selten, 
wenigstens der Herd, tiefer lagen als die sie umgebende Erdoberfläche. 

Daß man, wie in der Steinzeit, Feuer mit Feuerstein und Schwefelkies 
schlug, zeigen verschiedene Gräberfunde. 



Lebensweise. 8q 

Von Hausgeräten ist außer Tongefäßen nur wenig erhalten. In nor- 
dischen Gräbern aus der zweiten Periode hat man indessen Reste von Holz- 
stühlen gefunden. Ein solcher wunderbar erhaltener Stuhl (Fig. 129) wurde 
einem dänischen Grab entnommen. Kr ist von noch heute gebräuchlicher 
Form, die in Ägypten schon vor Anfang unserer Bronzezeit vorkommt. Der 
Sitz war von Leder, manchmal mit eingeschlagenen Bronzespiralen verziert; er 
wurde gestützt von zwei kreuzweis gelegten Lederriemen. Den Bronzebeschlag 
zu solchen Stühlen fand man mehrfach in Südskandinavien, auch in Schweden. 

Die gewöhnlichen Gefäße jener Zeit waren von Holz oder gebranntem 
Ton. Merkwürdigerweise sind einige Holzgefäße aus dieser entlegenen Zeit 
erhalten geblieben. Eine schöne Probe davon ist die Fig. 131 abgebildete 
Holzschale, die gedrechselt sein soll. Sie ist wie verschiedene andere ähnliche 
mit kleinen eingeschlagenen Zinnstiften verziert, die einfache Figuren bilden. 
In einigen Gräbern, die ebenfalls aus der Bronzezeit 
stammen, hat man so^ar runde Holzschachteln mit 
Deckel (Fig. 130) gefunden, beinahe ganz wie die 
noch jetzt benutzten. Ein Fund aus Hailand zeigt, 
wie diese Schachteln längs der Fugen mit Harz ver- 
dichtet waren, um sie auch für Flüssigkeiten zu be- 

nutzen. M* ''<'•"' V j ■ "' •"'■ 

Die meisten Tongefäße, die wir aus der Bronze- jfc m 

zeit haben, sind einfache Graburnen. Einige andere \ |l \ r"^l -& ^►H i i 

Gefäße, die nicht Aschenurnen waren, weisen indessen \\\ : K« 

höhere Leistungen der Töpferkunst auf. Wie viele '•'.*• '< >•''.■' 

von den Bronze- und Goldgefäßen aus der Bronzezeit, '• :: -':: :.: • 
die in ziemlich großer Anzahl erhalten sind, zum Haus- 
gerät gehört haben, ist schwer zu sagen. Solch schöne 

.... Seiten gesehen; der Boden mit 

Bronzegefaße, wie die r\g-. 116 und 163 abgebildeten, . . . . , 

o ' fc> J t> ' Harzeinlagen verziert, akane. ■ 2 . 

scheinen zum Aufhängen bestimmt gewesen zu sein, 

aber sie können nicht als Küchengefäße gedient haben, da ihr Boden 
reich verziert ist und manchmal mit Harz eingelegt, das keine Hitze verträgt. 
Eine Menge von Zwischenformen läßt uns die Entwickelung ihrer Form aus 
den runden Bronzedosen mit eingelegtem Harz verfolgen (Fig. 133), die einem 
älteren Teil der Bronzezeit angehören. 1 ) Diese mit einem Deckel aus Bronze ver- 
sehenen Dosen sind ihrerseits Nachbildungen nach Dosen von Holz gleich denen, 
die noch in unserer Zeit benutzt werden; sogar die wagerechten Bänder, die 
die Holzdose umgeben und zusammenhalten, sind auf der Bronzedose nach- 
geahmt. 

Auf den Felsenzeichnungen sieht man oft menschliche Figuren, manchmal 
beinahe in Lebensgröße; diese Bilder geben aber keine besonderen Aufklärungen 
über die Kleidung der Bronzezeit. Dahingegen haben einige Gräberfunde uns 
darüber auf unerwartete Weise Belehrung gegeben. 




1) Montelius, Die typologischc Methode, S, 5^> — 7°- 



90 



Die Bronzezeit. 



Wahrscheinlich wandte man noch, wie in der Steinzeit, viel Felle und 
Pelzwerk an — wie sie auch noch getragen werden, besonders auf dem Lande. 
Da Schafe in der späteren Steinzeit hierzulande gehalten wurden, hat man 
wahrscheinlich schon damals auch wollene Kleider gefertigt; dies wird von 
mehreren nordischen Funden aus der Bronzezeit bestätigt, die Überreste von 
Wollengeweben enthalten. 

Der bemerkenswerteste schwedische Fund dieser Art wurde im Jahre 
1869 bei der Untersuchung eines Grabhügels bei Dömmestorp im südlichen 
Hailand gemacht. Der Hügel barg eine sorgfältig zusammengefügte Steinkiste 
von etwas mehr als 1 m Länge. Als man die Decksteine fortnahm, zeigte 
sich die Kiste ganz frei von Sand und Erde, so daß man mit Leichtigkeit den 
Inhalt untersuchen konnte. Auf dem Boden lagen eine Menge gebrannter 
Knochen, über welche eine Art Schal von Wolle gebreitet war. Dieser ging 
beinahe über die Länge der ganzen Kiste und war in Falten gelegt. In der 
größten Falte lag ein Bronzedolch, der in einer gut gearbeiteten und wohl- 
erhaltenen Lederscheide stak (Fig. 171 und 172). Der Schal war ungefähr 

1,50 m lang und 60 cm 
breit; die Farbe ist nunmehr 
braun, an beiden Enden mit 
einer 10 cm breiten hell- 
gelben Kante. Ein Stück 
dieses Zeuges ist in natür- 
licher Größe Fig. 134 ab- 
gebildet und gibt eine Probe 
der damals gewöhnlichen 
Gewebe. 1 ) 
Noch mehr überraschend sind einige dänische Funde. Im Jahre 1861 
fand man in »Trindhöi« (Treenhöi), einem Grabhügel bei Vamdrup, in der 
Nähe von Kolding, einen Sarg, der aus einem 3 m langen, gespaltenen und 
ausgehöhlten Eichenstamm bestand; die innere Länge des Sarges war 2,10 m. 
Beim Abnehmen des Deckels sah man Reste einer Haut, vermutlich einer 
Kuhhaut, die einst alles umschloß, was in dem Sarg lag. Unter der Haut lag 
ein weiter, in viele Falten gelegter Mantel aus grobem Wollenzeug (Fig. 138). 
Dieser war aus einem Stück, mit einem kleinen Ausschnitt für den Hals; an 
der Innenseite waren eine Menge herunterhängender Wollfäden. Am einen 
Ende des Mantels stand eine runde Spanschachtel mit Deckel, die Fig. 130 
abgebildet ist; am anderen Ende sah man den oberen Teil einer wollenen Mütze 
und hinter dieser ein zusammengerolltes Stück Wollzeug. Fig. 119 zeigt das 
Aussehen des Sarges, solange der Mantel noch unberührt war. 

Als man den Mantel vorsichtig entfernte, zeigten sich die Reste eines 
männlichen Skeletts, das um den Rumpf mit einem Rock bekleidet war (Fig. 139). 
Dieser wurde von einem wollenen Gürtel zusammengehalten, der zweimal herum 

1) B. Gram, in den Memoires de la Soc. des Antiquaires du Nord, 1891, S. 94. — 
Karlin, in Studier tillägnade O. Montelius, S. 192. 




134. Wollenes Gewebe. Halland. */i- 



Lebensweise. 



91 



ging, vorn zusammengeknotet war und lang herabhängende Enden mit Quasten 
hatte. Auf dem Kopf, — von dem seltsam genug nur das Haar und das Gehirn 
übriggeblieben war, während der Schädel ganz zerstört war, — saß die er- 
wähnte Mütze (Fig. 137) aus dicker gewebter Wolle, deren Außenseite mit 




135. Mütze. 





137. Mütze. 



136. Schal. 





138. Mantel. 139. Rock. 

Fig- r 35 — 1 39- Männliche Kleidung aus Wollenstolf. Trindhöi in Jütland. 



hervorstehenden Wollefäden bedeckt \v;ir, alle in Knoten endigend. In Form 
und Gewebe besitzt sie eine auffallende Ähnlichkeit mit den Mützen, die noch 
heute allgemein in Ungarn und den angrenzenden Gebieten getragen werden. 
Eine andere Wollmütze (Fig. 135) von einfacherem Gewebe und etwas 
abweichender Form lag nebst einem Hornkamm und einem Bronzemesser in 
einer kleinen Holzschachtcl, die zu Füßen der Leiche in der oben erwähnten 



9 2 



Die Bronzezeit. 




140. Wollenes Netz. Borum-Eshöi, Jütland. 



größeren Holzschachtel stand. Das Messer, 
das in der Form unseren Rasiermessern gleicht, 
ist offenbar auch als solches benutzt worden. 
Das Stück Wollenstoff am Kopf stellte sich 
als die eine Hälfte eines mit Fransen verzierten 
Schals heraus (Fig. 136), dessen andere Hälfte 
zu Füßen lag, wo noch einige schmälere Stücke 
Wollzeug sich fanden, die wahrscheinlich die 
Beine bedeckten, und außerdem unbedeutende 
Reste von Leder, das vielleicht Fußbekleidung gewesen war. 

An der linken Seite des Skeletts lag ein Bronzeschwert in einer mit Fell 

gefütterten Holzscheide. 

Seitdem hat man auch in anderen däni- 
schen Eichensärgen aus der Bronzezeit ähnliche, 
merkwürdig wohlerhaltene Männerkleider ge- 
funden. 

Eine vollständige Frauenbekleidung aus 
derselben Zeit wurde im Jahr 187 1 in einem 
dänischen Grabhügel bei Borum-Eshöi, in der 

o 

Nähe von Arhus in Jütland, entdeckt. Auch 
hier lag die Leiche in einem ähnlichen Eichen- 



sarg. Der Boden des Sarges war mit einer 
ungegerbten Haut bedeckt, wahrscheinlich 
einer Kuhhaut, welche, wie die in Trindhöi, 
wohl einmal alles umschlossen hatte, was in 
den Sarg gelegt worden war. Auf dieser 
Haut lag ein großer Mantel, aus grober Wolle 
und Rinderhaaren gewebt. In den Mantel war 
die Leiche einer PVau gehüllt, deren Skelett 
von dem Wasser, das in den Eichensarg ge- 
drungen war, in Verbindung mit der Gerb- 
säure des Eichbaums, fast schwarz gefärbt 
war. Die Leiche, deren Geschlecht an dem 
guterhaltenen Skelett erkannt werden konnte, 
hatte sehr langes Haar, das vermutlich mit 
einem gut erhaltenen Hornkamm aufgesteckt 
oder zusammengehalten war. Auf dem Kopf 
trug die Tote ein Netz oder eine Mütze aus 
Wolle (Fig. 140). Auch von einem anderen 
gröberen Netz fand man Reste. Im übrigen war 
die Tote in ein ganzes Kleid aus gewebtem 
Wollstoff gekleidet, nämlich in eine kurze Ärmeljacke und einen langen Rock 
(Fig. 141). Das Gewebe ist genau dasselbe wie das vorherbeschriebene Zeug 
von Dömmestorp (Fig. 134) und das von Trindhöi. 




HI- 



Weibliche Kleidung aus Wollenstoff. 
Borum-Eshöi, Jütland. 



Lebensweise. 



93 



Die Jacke ist unter den Armen und auf dem Rücken, wo unten ein schmaler 
Rand von gröberem Zeug angesetzt ist, mit Wollfaden zusammengenäht. Vorn, 
wo sie offen ist, war sie vielleicht von einer Schnur oder einer kleinen, im 
Sarg gefundenen Bronzefibel zusammengehalten, wofern diese nicht am .Mantel 
saß. Der gröbere Saum auf dem Rücken der Jacke deutet an, daß die Jacke 
vom Mantel bedeckt werden sollte; auch der gröbere Ansatz unten scheint zu 
zeigen, daß dieser Teil der Jacke in den Rock hineingesteckt werden sollte. 
Um den Leib wurden die Kleider mit einem Band und einem etwas breiteren 
Gürtel befestigt. Letzterer war aus Wolle und Rinderhaaren gewebt, in drei 
Streifen, von denen der mittlere wohl eine andere Farbe gehabt hat. Lr endet 
in stattlichen, mit großer Sorgfalt geflochtenen Quasten. 

Neben der Leiche stand ein Tongefäß, und an Bronzesachen fand man 
außer der schon erwähnten Bronzefibel einen Spiralfingerring, zwei Armbänder, 
einen gewundenen Halsring, eine größere und zwei kleinere runde Platten — 
Gürtelschmuck — und eine kleine Zange. Merkwürdig genug lag an der Seite 
dieser weiblichen Leiche auch ein Bronzedolch mit einem Horneriff. 

Das weibliche Gewand der Bronzezeit bestand also aus ebendenselben 
zwei Hauptteilen ■ — Rock und Jacke — wie sie noch heute, besonders auf dem 
Lande, üblich sind. Aber wenn die in Trindhöi gefundenen Männerkleider als 
Probe für die gewöhnliche vollständige Kleidung betrachtet werden sollen, so 
weisen sie eine bedeutende Abweichung nicht nur von der heutigen Tracht, 
sondern auch der der letzten heidnischen Zeit auf. Insbesondere ist das Nicht- 
vorhandensein von Hosen merkwürdig, da diese Beinbekleidung allen germanischen 
Völkern gemeinsam sein dürfte, wenigstens in der allerdings viel späteren ge- 
schichtlichen Zeit, während sie bei den keltischen Stämmen und den Völkern 
Südeuropas nicht vorkommen. Dieser Umstand ist zu beachten, obgleich wir 
darin natürlich gar keinen Beweis sehen können, daß das nordische Bronzezeit- 
volk nicht germanisch gewesen wäre. 

Die Bronzen von Trindhöi und Borum-Eshöi ergeben einen recht frühen 
Abschnitt der Bronzezeit, mehr als dreitausend Jahre vor der Gegenwart. Daß 
sich wollene Kleider so lange halten konnten, beruht auf ungewöhnlich günstigen 
Verhältnissen und vielleicht besonders darauf, daß die Kleider in Eichenkisten 
lagen, da die Gerbsäure der Eiche ein ausgezeichnetes Mittel zur Erhaltung 
organischer Stoffe ist. 

Das gewöhnliche Gewebe in der Bronzezeit war offenbar aus Wolle. In 
einem der Bronzezeit entstammenden Grab hat man indessen auch Stücke 
von ziemlich feinem Leinengewebe gefunden, die älteste bekannte Spur von 
Leinewand bei uns. Wir haben aus unserer Bronzezeit auch Nähnadeln \ 
Bronze und Knochen. 

In Gräbern aus dem späteren Teil der Bronzezeit findet man sehr häufig 
unter den gebrannten Knochen einen Pfriemen, eine kleine Zange und ein Messer 
von derselben Form wie Fig. 143; beinahe immer von Bronze, einige Pfrieme 
und Zangen jedoch von Gold (Fig. [42). Der Schaft des Fig. [44 abgebildeten 
Pfriemens ist von Bernstein. .Manchmal sind diese drei Geräte durch einen Ring 



94 



Die Bronzezeit. 



vereinigt. Auch die Gräber aus der älteren Bronzezeit enthalten nicht selten ein 
dünnes Messer, eine kleine Zange oder einen Pfriemen. 

Diese Messer, die oft in einem Lederetui oder kleinen Holzkästchen liegen, 
waren ohne Zweifel Rasiermesser. Daß die Männer, wenigstens die vornehmen, 
sich in jener Zeit rasierten, wird dadurch bewiesen, daß man in einigen eichenen 
Särgen, die männliche Leichen mit gut erhaltenem Haupthaar enthielten, keine 
Spur von Bart fand. Diodor, der zu Augustus' Zeit lebte, erzählt, daß etliche 
Gallier den Bart vollständig rasieren, andere nur teilweise; die Vornehmen 
rasierten das Kinn, trugen aber lange Schnurrbarte. Dasselbe teilt Caesar von 
den Briten mit. Auch die kleinen Zangen sind sicher dazu gebraucht worden, 
Haare zu entfernen. 



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143. Rasiermesser von Bronze. Skane. 2/ 3 



142. Kleine Gold- 
zange. Hailand. */j. 



144. Bronze- 
pfriemen mit 
Bernsteinschaft. 
Skäne. 2 / 3 . 



Der dänische Forscher Sophus Müller vertritt die Ansicht, daß die Nord- 
länder der Bronzezeit sich mit Hilfe der Pfriemen, von denen einige mit einem 
Bernsteingriff versehen sind, tätowierten. Er erinnert daran, daß nach den alten 
Schriftstellern sowohl die Assyrer, wie auch andere Völker Asiens und Europas 
sich zu tätowieren pflegten: eine Sitte, die sich so lange in Schottland erhalten 
hat, daß sie auf einem Kirchenkongreß im Jahre 787 verboten werden mußte. 

Wenn der Schmuck, der den Schweden der Steinzeit zur Verfügung 
stand, selten und wenig ansehnlich war, so hatte man dagegen in der Bronze- 
zeit weit prächtigere und abwechselungsreiche Schmucksachen, hauptsächlich 
in Gold und Bronze. Bernsteinschmuck war in der Steinzeit allgemeiner als in 
der Bronzezeit. Silberschmuck war noch unbekannt und Glasperlen sehr selten. 

In Gräbern und Depotfunden aus der älteren Bronzezeit kommen prächtiger 
Hals- und Gürtelschmuck nebst Fibeln (Fig. 146, 152) aus Bronze, Diademe, 
Armringe und Fingerringe aus Bronze und Gold, oft spiralförmig (Fig. 150, 151), 
Knöpfe aus Bronze (Fig. 155), einige Bernsteinperlen und anderes mehr vor. 
Daß solche diademähnliche Schmucksachen wie Fig. 104 für den Hals bestimmt 
waren, und daß große runde spiralverzierte Bronzeplatten wie Fig. 161 als 
Gürtelschmuck dienten, ergeben die Gräberfunde (Fig. 164). Viele Funde zeigen, 



Lebensweise. 



95 




145. Kolossale Bronze- 

nadcl, 70,5 cm lang. 

Gotland. 1 |. 




146. Bronzefibel. Oland. 2 / 3 . 




147. Bronzekamm. Westergötland. x /i- 



v 








/^J-^zjfe- lü^ä/LiOMl/" 



148. Goldener Armring. Skane. Yi- 




Spiralarmring von Bronze. Skäne. ' .,. 



9 6 



Die Bronzezeit. 



daß goldene Armringe von Männern getragen wurden und einige von den 
Bronzeringen, die wie Armringe aussehen, Fußgelenkringe gewesen sind, wie es 
bei gewissen Völkern noch heute gebräuchlich ist. Die Spiralringe rindet man 
meist, infolge der Elastizität, in dem 
Zustand, denFig. i 50 zeigt. Daß das 
Gewinde dicht aneinander lag, wenn 
der Ring den Arm oder Finger um- 





150. Spiralfingerring von Gold. Skäne. l \ l 



151. Golddiadem. Skäne. 2 |, 




152. Bronzefibel. Skäne. 2 ,., 





153. Bronzeknopf. 
- rmanland. ] 




154. Bronzeknopf. 
Bohuslän. ^L.^v 





157. Bronzenadel. 



Uppland. 2 | 



3- 



155. Bronzeknopf, von zwei Seiten gesehen. 
Öland. »L 



156. Bronzeknopf. 
Blekinge. ] |j. 



schloß, geht aus vielen Grabfunden hervor (Fig. 149). Kämme von Bronze (Fig. 147) 
oder von Hörn trifft man nicht selten in den Gräbern der älteren Bronzezeit an. 



Lebensweise. 



97 




158. Bronzener Gürtelschmuck, mit Durchschnitt; der harzinkrustierte Knopf von oben gesehen. 

Hailand. »L. 




159. Bronzener Halsring. Westmanland. ] ■: 




c 



160. Große Bronzcfibel, von zwei Seiten gesehen. Sk. :; 
Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. 



g3 Die Bronzezeit. 

In der jüngeren Bronzezeit benutzte man, nebst Schmucksachen derselben 
Art (aber nicht derselben Formen) wie diejenigen aus der älteren Zeit, ver- 
schiedenen Hängeschmuck, große Nadeln und besonders eine Menge größerer 
Bronzeringe, von welchen die meisten wenigstens um den Hals getragen wurden 




161. Gürtelschmuck von Bronze, von zwei Seiten gesehen. Skäne. a j 3 . 

(Fig. in, 114, 115, 145, 148, 153, 154, 156, 157 — 160, 162). 1 ) Viele von diesen 
Ringen haben, ungeachtet sie mehr als 2500 Jahre in der Erde lagen, ihre 
Elastizität beinahe ganz behalten. Der Reichtum an Halsringen und anderem 
großen Ringschmuck, der sich in der jüngeren Bronzezeit zeigt, ist sehr be- 

1) S. Müller, in Nordiske Fortidsminder, I, S. 19. — In Schweden haben wir schon längst 
diese Ringe als Halsschmuck betrachtet; Antiquites suedoises, Fig. 227 — 233. 



Lebensweise. 



99 



merkenswert, weil weder zu Anfang der Bronzezeit noch in der älteren Eisen- 
zeit solche Ringe so allgemein waren. 

Auch die Schmucksachen zeigen den bedeutenden Unterschied, der im 
allgemeinen zwischen den Arbeiten der älteren und jüngeren Bronzezeit beob- 
achtet wird. Der Schmuck aus der älteren Zeit zeichnet sich in hohem Grade 




162. Bronzener Gürtelschmuck, mit Details und Durchschnitt. Skäne. x | 2 . 

durch geschmackvolle Formen und Zierate aus, während später oft das Be- 
mühen hervortritt, mehr durch die Masse des verwandten Materiales, als durch 
die Edelheit der Form und Verzierung zu wirken. Man hat zu verschiedenen 
Malen Bronzefibeln gefunden, von gleicher Form wie Fig. 160, die bis zu 
25 cm lang sind. 1 ) 




163. Bronzegefaß. Westcrgötland. J ... 

Die Waffen der Bronzezeit sind zum großen Teil dieselben, wie die der 
Steinzeit: Dolch, Axt, Pfeil und Bogen, und wahrscheinlich Keule und Schleuder. 



1 Wie diese Fibeln der jüngeren Bronzezeit aus den älteren Fibeln (Fig. 14'' entwickelt 

!. habe ich in der Arbeit Die typologische Methodi S. $4 ; " 'g l - 

7* 



IOO 



Die Bronzezeit. 







Die vornehmste Schutzwaffe war der Schild, der ja wohl auch von dem Stein- 
zeitvolk angewendet wurde. Aber zu diesen Waffen kommt jetzt noch das 
Schwert und, wenn auch seltener, der Helm. 

Im Zusammenhang mit den Waffen müssen wir der prächtigen Trompeten 
gedenken, die öfters angetroffen worden sind (Fig. 166). Diese Trompeten, die 

entweder Kriegshörner waren oder im Tempeldienst 
angewendet wurden, um die Menge zusammenzurufen, 
haben sich als gute Musikinstrumente erwiesen. 1 ) 
Wie sie beim Gebrauch gehalten wurden, zeigen 
einige Felsenzeichnungen (Fig. 167). 

Die Schilde waren gewöhnlich 
von Holz oder Leder. Die meisten auf 
den Felsenzeichnungen abgebildeten sind 
rund (Fig. 216). Ein prächtiger Bronze- 
schild, ziemlich groß und beinahe rund, 
von dünnem Blech mit getriebenen 
Ornamenten, wurde bei Nackhälle, in 
der Nähe von Warberg in Halland, aus 
einem Torfmoor gezogen (Fig. 168). 
Mitten auf der Rückseite sitzt ein Hand- 
griff, der aber so klein ist, daß nur 
zwei Finger darin Platz haben. 

Daß in dieser Zeit Helme benutzt 
wurden, beweisen ein in Dänemark 
gefundenes, prächtiges, mit Gold be- 
legtes Kinnstück eines solchen (Fig. 1 70) 
'. und einige Felsenzeichnungen, auf denen 
die Helme zwei große hornähnliche 
Zierate aufweisen (Fig. 169). Andere 
Schutzwaffen, wie Panzer, Beinschienen 
oder ähnliches, sind in Funden aus 
unserer Bronzezeit nicht angetroffen, und 
erst in der älteren Eisenzeit scheinen 
' Kettenpanzer bei unseren Vorfahren 
in Gebrauch gekommen zu sein. 






m 



165. Bronze- 
dolch, in einem 
weiblichen 
Schwerter und Dolche von Bronze Grab gefunden. 

Ol o Jl 

wurden in Schweden in großer Anzahl ane ' I* - 



164. Weibliches Grab. Dänemark. 2 ) 

gefunden (Fig. 103, 108, 171 — 176). Dolche werden nicht selten auch in Frauen- 



1) A. Hammerich, in den Memoires de la Soc. d. Antiqu. du Nord, 1890—95, S. 137; 
vgl. Aarböger f. nord. Oldkynd., 1902, S. 79; 1903, S. 62; 1904, S, 65. 

2) Rechts vom Kopf lag eine Fibel, zu beiden Seiten des Gesichts Ohrringe, auf dem Halse 
ein Schmuck wie Fig. 104, an den Lenden ein Gürtelschmuck (von einer großen Scheibe wie 
Fig. 161 und vier kleinen Scheiben derselben Form) und ein Dolch. Die Bestattete hatte auch 
Armringe und Fingerringe. — Sehested, Archseologiske Undersögelser, Taf. IV. 



Lebensweise. 



IOI 



gräbern angetroffen (Fig. 164 und 165), 
aber das Schwert nur in Männergräbern. 
Die Schwerter, zweischneidig J ) und ersicht- 
lich mehr Stich- als Hiebwaffe, sind eigent- 
lich nur verlängerte Dolche. In der ältesten 
Bronzezeit hatte man, wie in der Steinzeit, 
nur Dolche, keine Schwerter. Um den 
Feind in etwas größerer Entfernung, als es 
mit einem Dolche möglich war, zu töten, 
befestigte man eine Dolchklinge recht- 
winkelig in einem langen Stiel. Solche 
sogenannte »Schwertstäbe« kommen in der 
ersten Periode vor (Fig. 198) 2 ). Allmählich 
werden indessen die Dolchklingen läng-er, 
und schon vor dem Ende der ersten Periode 
kann von Schwertern die Rede sein. 

Die Dolch- und Schwertgriffe, die 
unrichtigerweise für zu klein für eine Hand 
gewöhnlicher Breite gehalten werden, waren 
insbesondere in der älteren Zeit oft von 
Bronze, manchmal mit Gold belegt und 
mit Einfassungen von Bernstein oder Harz 
geschmückt. Aus der späteren Bronzezeit 
hat man in Schweden, nebst einheimischen 
Schwertern, nicht wenige Bronzeschwerter 
ausländischer Arbeit gefunden (Fig. 173, 
175 und 176). 

Manchmal sind die zu den Schwertern 
und Dolchen gehörigen Scheiden mehr 
oder weniger gut erhalten. So fand man 
in dem auf Seite 90 erwähnten Grabe bei 
Dömmestorp in Halland eine ungewöhn- 
lich gut erhaltene Dolchscheide, welche, 
wie viele andere, aus Holz besteht, mit 
einem Überzug von wohlgegerbtem Leder 
und mit feinem Fell gefüttert. Zu unterst sitzt 
ein Ortband von Bronze (Fig. 172). Damit 
der Dolch nicht aus der Scheide gleitet, 
geht die Haarrichtung des Falles nach unten. 



1) Eine einschneidige, säbelähnliche Waffe von 
Bronze ist in Üstcrgötland gefunden worden. Die 
Chronologie d< r ältesten Bronzezeit, S. 85. 

2) Antiquifc :ssu< ih.iscs, Fig. 1 3 I . — Die Chrono- 
logie der ältesten Bronzezeit, S. 27. 




166. Bronzetrompete. Das fehlende ist 
nach einer vollständig erhaltenen Trompete 
^zeichnet. Üland. 



gez 



12- 




117. Trompetenbläser, auf einer Felsen- 
zeichnung. Bohuslän. 



102 



Die Bronzezeit. 




168. Bronzeschild (fremde Arbeit). Halland. J j 




169. Behelmter Mann; der Helm mit zwei großen Hörnern verziert. 
Auf einer Felsenzeichnung. Bohuslän. 



Lebensweise. 



IO3 



In anderen nordischen Gräbern hat man Schwertscheiden von Holz gefunden, 
die nicht mit Leder überzogen waren; einige sind mit ausgeschnittenen ein- 
fachen Ornamenten geschmückt. Neben dem Schwert liegt nicht selten ein 
gut gearbeiteter Bronzehaken, mit dessen Hilfe es am Gehänge befestigt wurde. 
Daß in so vielen Frauengräbern Dolche lagen, verdient Aufmerksamkeit. Wir 
erinnern an die Erzählungen von den nordischen »Sköldmör« (an dem Kampf 
teilnehmende Jungfrauen) gegen Ende unserer Heidenzeit. 

Sehr viele schöne Streitäxte von Bronze aus der älteren schwedischen 
Bronzezeit sind uns erhalten (Fig. 105). Äxte wie Fig. 106 waren ebenfalls 
Streitäxte; man hat sie oft in Gräbern mit anderen Waffen zusammen gefunden. 

Um das kostbare Metall zu sparen, wurden in der älteren Bronzezeit, wie 
mehrere Funde in Schweden und anderen Ländern zeigen, noch Streitäxte aus 
Stein (Fig. 177) und Pfeil- und Speerspitzen aus Feuerstein benutzt. Auf den 




170. Kinnstück eines Helmes von goldbelegter Bronze. Dünemark. 1 |a. 



Felsenzeichnungen sind oft Bogenschützen abgebildet, aber Pfeilspitzen aus 
Bronze werden sehr selten bei uns gefunden. Daß man lieber Knochen und 
Feuerstein für diese leicht verloren gehenden Waffen anwendete, ist einleuchtend; 
noch im älteren Teil der Eisenzeit benutzte man im Norden, wie wir später 
sehen werden, Pfeilspitzen von Knochen. 

Lanzenspitzen aus Bronze sind dagegen in Schweden nicht selten (Fig. 107). 
Die Felsenzeichnungen zeigen, daß die Lanzen lange Schäfte hatten und oft als 
Wurfgeschosse dienten. 

Wir stießen schon bei Betrachtung der Steinzeit auf die Schwierigkeit, 
zu erkennen, welche Äxte als Waffe und welche als Werkzeug angewendet 
wurden. Nach den Felsenzeichnungen zu urteilen, diente die Axt in der Bronze- 
zeit oft, wie der Tomahawk der Indianer, als Streitaxt, und für solche prächtige 
\xte, wie die Fig. 105 und 106 abgebildeten, ist daran auch kein Zweifel 
möglich; aber von der großen Mehrzahl der Bronzeäxte kann man nicht mehr 




J 1 



M'M 



Hl 



171 und 172. Bronzedolch mit 

Horngriff und lederne Scheide 

mit bronzenem Ortband. 

Halland. »L. 



173. Bronze- 
schwert. 
Bohuslän. J | 4 . 




175. Bronzeschwert. 
Blekinge. l L. 



176. 
Bronze- 
schwert. 
Uppland. 



174. Bronzeschwert. 
Bohuslän. 1 L. 



Lebensweise. 



10; 



mit Sicherheit angeben, ob sie für den einen oder den anderen Zweck bestimmt 
gewesen sind. Solche Äxte wie Fig. 179 und 181 sind doch wahrscheinlich 
als Werkzeuge zu betrachten. 




'' * 




* - 






177. Steinaxt mit Schaftloch. 
Dalsland. ] L 



179. Bron 
^Gotland. 1 .. 



178. Bronzeaxt mit langem Stiel; 
auf einer Felsenzeichnung. Skäne. 




180. Bronzeaxt mit hölzernem Stiel. Dänemark. ' 



«• 



Mehrere Äxte von Bronze haben ein Schaftloch und waren ebenso wie 
die jetzt gewöhnlichen im Griff befestigt. Dagegen war die Befestigung der meisten 
Bronzeäxte eine andere. 1 ) Einige waren ebenso wie die Feuersteinäxte, denen 
sie ursprünglich nachgebildet sind, in das eine Ende eines knieförmigen Griffes 



1) Sie werden oft, wenn auch wenig glücklich, Celt( d genannt, eine Bi nennnng, die nichts 
mit den Volksnamen Celten oder Kelten zu tun bat, sondern von dem selten vorkommenden latei- 
nischen Worte: celtis, Meißel, stammt. 



io6 



Die Bronzezeit. 



eingefügt, der sich zuweilen bis heute erhalten hat (Fig. 180; vgl. Fig. 178, 
183 und 184). Oder ein ebenfalls knieförmiger Griff steckte in einer gegen die 
Schneide senkrechten Dülle und war vermittelst der kleinen Öse festgebunden, 
die oft am Rande sitzt (Fig. 181). Fig. 182 zeigt eine solche Bronzeaxt, mit 
noch erhaltenem Holzgriff, die man in einer Salzgrube bei Hallein in Oster- 
reich fand. 





182. Bronzeaxt mit hölzernem 
Stiel. Österreich. 



181. Kleine Bronzeaxt. Üland. 2 |, 




183. Bronzeaxt mit hölzernem Stiel. Aegypten. 1 [ ö . 




184. Moderne Eisenaxt mit hölzernem Stiel. Congo (Stanley Falls). *[ 



Außer Äxten hatten unsere Vorfahren in der Bronzezeit zur Ausführung 
ihrer Holzarbeiten Meißel, Messer, Sägen (Fig. 187) und anderes mehr, also 
ungefähr dieselben Werkzeuge, wie in der Steinzeit; nur daß sie jetzt gewöhnlich 
von Bronze sind. In den ersten Jahrhunderten der Bronzezeit wurden aber 
auch noch Steinwerkzeuge viel angewendet. 



Die Herstellung der Bronzesachen. 



IO; 



3. Die Herstellung der Bronzesachen. Einheimische Arbeiten. 

Die Werkzeuge, die wir bisher betrachtet haben, dienten hauptsächlich 
der Bearbeitung von Holz und ähnlichem. Die Anfertigung der Bronzesachen 
erforderte nur sehr einfache Werkzeuge, da so gut wie alle Metallarbeiten der 
Bronzezeit im Norden gegossen worden sind. 

Beim Bronzeeießen kann man dreierlei Methoden anwenden. 1 ) 
Die einfachste ist, in Stein oder Bronze eine Vertiefung zu bilden, von 
der Form, die man dem Gegenstand zu geben wünscht (Fig. 186), und die 
geschmolzene Masse in diese Vertiefung zu gießen. Fine solche Gußform 





185. Gußzapfen von Bronze. 
Dalsland. *|,. 



186. Gußform für vier solche Bronzesägen wie Fig 187, 
Skane. 1 | 2 . 




1 S 7. Bronzesiige. Dalsland 



besteht oft aus zwei Hälften. Da es sehr schwer ist, diese Hälften so aufein- 
ander zu passen, daß sie absolut zusammenschließen, dringt leicht beim Guß 
etwas Metall in die Ritze zwischen den beiden Formhälften und bildet die 
sogenannte Gußnaht, die häufig auf den in dieser Art verfertigten Gegenständen 
der Bronzezeit zu sehen ist. Die Methode, die in der Bronzezeit oft angewendet 
wurde, bietet den Vorteil, daß dieselbe Form immer wieder benutzt werden 
kann; doch können nur einfache Arbeiten auf diese Art verfertigt werden. 

Eine andere Methode, die heutzutage beim Metallgießen die gewöhnlichste 
ist, besteht darin, daß man von Holz ein Modell herstellt in Form und Gri 
genau wie das, was man gießen will, und dann mit diesem Modelle eine Gieß- 
form in feinem Sand macht. Der Sand ist feucht und in zwei Holzkasten 



1) A. Morlot, in den Memoires de la Soc. d. Antiqu, du Nord, 1S66, S. 42 folg. — 
O. Olshausen, in den Verhandl. d. Berl. Anthrop. Gesellsch., 1885, S. 410 folg. 



jOg Die Bronzezeit. 

gepackt, die den beiden Gußformhälften aus Stein entsprechen; auch hier er- 
geben sich Gußnähte, wie eben besprochen. Die Sandform wird allerdings 
beim Gießen zerstört, aber mit Hilfe des Holzmodelles ist es leicht, sie zu 
wiederholen. 

Die dritte Methode ist eine ganz andere. Auch hier fungiert ein Modell, 
aber nicht aus Holz, sondern aus Wachs. Dieses Wachsmodell wird mit feinem 
sandvermischten Ton umgeben, der trocknet, und dann wird es auf gelindes 
Feuer gesetzt; die Tonform wird leicht gebrannt, das Wachs schmilzt aus 
einem zu dem Zweck angebrachten Loch heraus und die Luft dringt durch ein 
oder einige Löcher ein. Schließlich wird in das erste Loch das geschmolzene 
Metall gegossen und füllt die durch das Wachsmodell gebildete Höhlung in der 
Form aus. So können mit einfachen Mitteln sehr feine Arbeiten hergestellt 
werden; und man vermeidet noch dazu die Gußnähte, deren Entfernung oft 
mit Schwierigkeit verknüpft war; nur brauchte man für jeden Guß ein neues 
Modell und eine neue Form. Diese Methode ist in der Bronzezeit viel an- 
gewendet worden. Infolgedessen gleichen sich auch zwei Bronzesachen der- 
selben Art, selbst solche eines Fundortes, äußerst selten so vollständig, daß sie 
als in derselben Form gegossen angesehen werden könnten. Da diese Methode 
sehr zeitraubend ist, kann es uns nicht wundernehmen, daß sie heutzutage selten 
angewendet wird; in der Bronzezeit war aber die Zeit weniger wertvoll. 

Diese Methode ist den anderen darin überlegen, daß sie die Herstellung 
viel mehr komplizierter Arbeiten ermöglicht, sogar solcher, die sich auf andere 
Art überhaupt nicht machen ließen, so zum Beispiel die aus dünner Bronze 
über einem Tonkern gegossenen Äxte (Fig. 229) und Tierbilder (Fig. 194), oder 
solche Gefäße mit hochstehenden Ohren, wie Fig. 116, 133 und 163, und 
anderes mehr. 

Einige Forscher waren geneigt anzunehmen, daß die Einwohner Schwedens 
in der Bronzezeit die Kunst des Bronzegusses nicht selbst geübt oder doch nur 
die einfacheren und gröberen Arbeiten selbst verfertigt hätten. Diese Ansicht 
ist aber unrichtig. 

Daß Bronzesachen damals in Schweden verfertigt wurden, geht daraus 
hervor, daß man bei mehreren Gelegenheiten zusammen mit Gegenständen aus 
der Bronzezeit teils Ansammlungen von zerbrochenen, untauglichen und zum 
Umschmelzen offenbar bestimmten Bronzesachen fand, teils geschmolzene Bronze- 
klumpen, von denen einige jedenfalls Reste sind, wie sie nach dem Guß im 
Tiegel zurückbleiben, teils »Gußzapfen« aus Bronze. Wenn die Bronze in die 
Form gegossen wird, füllt sie meist auch das Loch aus, durch das sie hinein- 
gegossen wird. Ist dann der Guß vollendet und die Bronze erkaltet, wird der 
nicht mit zum Guß gehörende Bronzeklumpen, der in dem Loche blieb, das 
heißt der Gußzapfen, abgeschlagen. 

Der Fig. 185 abgebildete Gußzapfen, in einer Form mit viergezweigtem 
Kanal wie Fig. 186 entstanden, gehört zu einem bemerkenswerten Fund, der' 
beweist, daß es in Mittelschweden Bronzegießer gab. Er lag nämlich in einem 
Tongefäß, das bei Bräckan, Kirchspiel Järn, in Dal ganz nahe am Strand des 



Die Herstellung der Bronzesachen. jqq 

Wänern Sees gefunden wurde, und außerdem noch verschiedene andere Guß- 
zapfen und Bronzeklumpen, sowie eine Menge Stücke von zerbrochenen Schwertern, 
Ringen, Nadeln, Sägen und anderes mehr, alles aus Bronze, enthielt. Knochen 
fand man hingegen weder in noch neben dem Gefäß. Die Bedeutung des 
Fundes wird dadurch erhöht, daß man in derselben Gegend, bei Backen im 
Kirchspiel Tössö, eine Gußform für Bronzemeißel fand. 

Solche Ansammlungen von zerbrochenen und ersichtlich zum Einschmelzen 
bestimmten Schmucksachen, Waffen und Werkzeugen, von Bronzeklumpen, Guß- 
zapfen und ähnlichem, wurden auch an vielen anderen Stellen des Landes ge- 
funden, sowohl in Skäne, als nördlich davon. 1 ) 

Ist damit außer Zweifel gestellt, daß Bronzesachen in unseren Gegenden 
angefertigt wurden, so geben diese Funde doch keine Antwort auf die wichtige 
Frage: Welche Arbeiten sind während der Bronzezeit im Norden angefertigt 
worden? Glücklicherweise haben wir auf andere Weise hiervon Kunde. 

An mehreren Orten im südlichen Schweden hat man nämlich Gußformen 
aus jener Zeit gefunden; eine auf Gotland war von Bronze, die anderen aus 
Stein. In den bis jetzt bei uns gefundenen Formen aus Stein goß man Äxte, 
Meißel, Sägen (Fig. 186), Messer und anderes mehr. 2 ) Daß nicht die Zahl der 
schwedischen Gußformen aus dieser Zeit noch größer ist, beruht ohne Zweifel 
darauf, daß solche beim ersten Ansehen wenig bemerkenswerte Altertümer erst 
in den letzten Zeiten gesammelt worden sind, teils darauf, daß nur bei dem 
ersten hier beschriebenen Verfahren die Formen des Bronzegusses erhalten 
bleiben können. 

Es war ein Irrtum zu behaupten, daß, weil die in Schweden aufgefundenen 
Formen nur für verhältnismäßig einfache und grobe Sachen bestimmt waren, 
feinere Arbeiten nicht hier im Lande ausgeführt worden seien. Man übersah 
eben den wichtigen Umstand, der aus der soeben gegebenen Erklärung der 
verschiedenen Gußverfahren hervorgeht, nämlich daß nur die Formen für die 
einfachen Sachen erhalten bleiben konnten. Dasselbe gilt auch für andere 
Länder, nirgends hat man Gußformen für unsere feineren Bronzen gefunden. 

Andere Funde, die uns unmittelbar kennen lehren, was hier im Norden 
gemacht wurde, sind auch vorhanden. So hat man zu verschiedenen Malen 
Arbeiten aus der Bronzezeit gefunden, die nach dem Guß nicht abgeputzt worden 
sind oder beim Guß mißlungen waren. So fand man auf Fünen ein Bronze- 
gefäß von derselben Form wie Fig. 116, in dem noch der Tonkern steckt, 
über welchen das dünne Metall gegossen wurde. 

Sind das immerhin nur vereinzelte glückliche Zufälle, denen wir solche 
unmittelbare Aufklärungen verdanken, so können wir nicht erwarten, auf diesem 
Wege eine vollständige Kenntnis von dem, was hier in der Bronzezeit verfertigt 
wurde, zu erhalten. Eine solche Kenntnis wird nur dadurch möglich, daß man 
die bei uns gefundenen Gegenstände aus dieser Periode darauf untersucht, wie 

i) Montelius, in Bidrag tili kännedom om Bohusliins fornminnen, Bd. I. - -' v . t'olg. 
2) Antiquites suedoises, Fig. 209 — 212. — Montelius, im Manadsblad, 1872, S. «17; vgl. 
ebenda, 1890, S. 55, 56. 



jIO Die Bronzezeit. 

weit sie Typen angehören, die hier allgemein waren, in anderen Ländern aber 
niemals oder doch nur äußerst selten vorkamen, in welchem Fall es klar ist, 
daß diese Typen hier einheimisch und alle zu ihnen gehörenden Gegenstände 
hier verfertigt sind. 

So ist zum Beispiel der Fall mit Sägen wie die Fig. 187 abgebildete. Sie 
sind bei uns in sehr großer Anzahl gefunden worden, außerhalb des Nordens 
aber unbekannt. Auch hat man in Schweden und Dänemark bei mehreren 
Gelegenheiten Gußformen von Sägen derselben Form (Fig. 186) gefunden, 
wodurch direkte und indirekte Beweise für den nordischen Ursprung dieser 
Werkzeuge zugleich gegeben sind. 

Noch ein Umstand kommt hinzu, der mehr Aufmerksamkeit verdient, als 
ihm bisher geschenkt wurde. Die eben erwähnten Sägen sind eines Typus, 
der ersichtlich aus einer anderen, für den Norden eigentümlichen Form von 
Bronzesägen entstand, und diese sind ihrerseits Nachbildungen von Feuerstein- 
sägen, die nur im Norden angetroffen werden. 1 ) So kann man die ganze Ent- 
wickelung des Typus als eine rein nordische zurückverfolgen und damit die 
Überzeugung natürlich noch mehr befestigen, daß diese Bronzesägen in Skan- 
dinavien verfertigt wurden. 

Auf dieselbe Weise kann man feststellen, daß die prächtigen und von 
nicht geringer Kunstfertigkeit zeugenden Bronzegefäße von der Art wie Fig. 116 
und 163 skandinavische Arbeiten sind. Man hat das verneint und darauf be- 
standen, daß sie aus etruskischen Werkstätten hervorgegangen sein müßten, 
weil sie zu gut gearbeitet seien und einen zu verfeinerten Geschmack verrieten, 
als daß sie im Norden gearbeitet sein könnten. Das ist aber gar kein Grund, 
da es sich um eine Zeit handelt, aus der man von der Kunstfertigkeit der 
Nordländer nur das kennt, was eben die alten Funde selbst ergeben. Es ist 
nunmehr auch allgemein anerkannt, daß diese Gefäße hier im Norden angefertigt 
wurden, weil die fünf folgenden Umstände einstimmig das beweisen : 

1. Solche Bronzegefäße kommen in Skandinavien und in dem Teil von 
Deutschland, welcher zum nordischen Gebiet gehörte, so häufig vor, daß man 
schon mehr als 2 50 Stück kennt, die an etwa zweihundert verschiedenen Stellen 
von Norwegen bis hinab zur Harzgegend gefunden worden sind. Dahingegen 
wurden ähnliche Gefäße niemals in Italien und so gut wie niemals in anderen 
Teilen von Europa außer dem Norden gefunden. 

2. Man kann die Entwickelung dieses der jüngeren Bronzezeit angehörenden 
Typus aus einer Form verfolgen, die der älteren nordischen Bronzezeit an- 
gehört. Es sind nicht nur alle die verschiedenen Entwickelungsformen hier auf- 
gefunden worden, sondern sie erweisen sich auch als charakteristisch für den 
Norden, da sie in anderen Ländern unbekannt sind. 

3. Alle diese Bronzegefäße sind, wie die anderen skandinavischen Bronze- 
arbeiten aus der Bronzezeit, gegossen; die gleichzeitigen südeuropäischen Bronze- 
gefäße sind beinahe alle gehämmert. 



1) Montelius, im Compte rendu du Congres de Stockholm, 1874, S. 494. 



Einheimische Arbeiten. j ji 

4. Die Ornamente, welche die nordischen Gefäße zieren, gleichen voll- 
kommen denen, die wir auf einer ganzen Menge skandinavischer Arbeiten aus 
derselben Zeit sehen, die aber nicht in Italien und anderen Teilen von Europa 
vorkommen. Sie sind gepunzt und nicht getrieben, wie die im Süden gewöhn- 
lichen Ornamente. 

Einige von unseren Gefäßen sind mit erhöhten Punkten und konzentrischen 
Kreisen verziert, die beim ersten Anblick wie getrieben aussehen. Aber, wenn 
man sie aufmerksamer betrachtet, findet man bald, daß sie durch den Guß 
hervorgebracht sind. Ohne Zweifel hat man es hier — wie auch bei einigen 
solchen nordischen Fibeln wie Fig. 160 — mit einer Nachbildung getriebener 
südeuropäischer Arbeiten zu tun, wie sie in der späteren Bronzezeit bei uns 
eingeführt wurden. Also, weit entfernt, einen Stützpunkt für die Ansicht abzu- 
geben, daß die Gefäße südlichen Ursprungs seien, können diese Ornamente als 
ein weiterer Beweis dafür gelten, daß jene im Norden angefertigt wurden. Sie 
zeugen zugleich von der Geschicklichkeit, mit der die Nordländer mit ihrem 
Gießen die prächtigen Arbeiten nachzuahmen verstanden, die sie aus den süd- 
lichen Ländern erhielten, wo die Kunstfertigkeit schon bedeutende Fortschritte 
gemacht hatte, und wo man schon längst andere Methoden der Bronzebearbeitung 
kannte als den Guß, der noch immer die einzige war, die den Nordländern 
bekannt war. 

5. Zu all diesen Gründen, die an sich bereits ausschlaggebend sind, kommt 
schließlich noch der oben besprochene Fund von Fünen, ein noch mit dem 
inneren Tonkern gefülltes Gefäß, daß beim Guß mißglückt zu sein scheint. 
Ihm fehlen auch die reichen Zierate, die sonst solche Gefäße bedecken und die 
erst nach vollendetem Guß angebracht wurden. Eine solche halbfertige und 
unbrauchbare Arbeit kann nicht auf dem langen und beschwerlichen Weg von 
Südeuropa hierher gebracht worden sein; auch würde man für den Transport 
doch den schweren, noch darin festsitzenden, ganz wertlosen Tonkern ent- 
fernt haben. 

Ich habe diese Frage so ausführlich behandelt, weil es für die Kenntnis 
des Kulturzustandes in einem Land während einer gewissen Zeit von großer 
Wichtigkeit ist, nicht nur zu wissen was für Gegenstände im Gebrauch waren, 
sondern welche das einheimische Handwerk imstande war hervorzubringen. 
Ein Volk, das solche Bronzegefäße gießen und geschmackvoll ornamentieren 
konnte, wie sie Fig. 116 und 163 abgebildet sind, war in materieller Kultur 
und Kunstfieiß schon weit vorgeschritten. 

Geht man nun Typus für Typus die wichtigsten in Schweden angetroffenen 
Altertümer aus der Bronzezeit durch, so findet man, daß die grolle Mehrzahl 
im Norden angefertigt ist, und daß verhältnismäßig nur weniges aus fremden 
Ländern stammt. Auch in anderen Teilen Europas hat sich die Hauptmas 
der gefundenen Gegenstände als einheimisch herausgestellt. 

Es kann wohl unerwartet sein, daß unsere Vorfahren schon vor 3000 Jahren 
solche gute Arbeiten zustande bringen konnten, aber die Bronzezeit ist jetzt in 



I 12 



Die Bronzezeit. 



den verschiedenen Teilen Europas so bekannt, daß die Richtigkeit des eben 
Gesagten nicht angezweifelt werden kann. 

Das angegebene Resultat ist um so mehr sicher, als nicht nur ein einzelner 
Typus, sondern eine ganze Reihe von Typen, alle von großer Geschicklichkeit 
zeugend, sich als im Norden einheimisch erwiesen haben. 

Noch mehr überraschend ist es freilich, daß die Nordländer an Geschmack 
und in der Geschicklichkeit Bronze zu gießen sogar alle anderen Bronzezeit- 
völker Europas übertroffen haben. Ein Schwert, wie es Fig. 103 zeigt, mit 
dem feinen, reich verzierten Griff, Äxte wie Fig. 105 und 106, oder eine hohl- 
gegossene Axt wie Fig. 229, ein Gefäß wie Fig. 163 und ein Gürtel wie Fig. 188, 
deren eines Glied in das andere gegossen ist, suchen ihresgleichen; ein hellenischer 
Bronzegießer aus der besten klassischen Zeit, wo das Eisen schon seit Jahr- 
hunderten in allgemeinem Gebrauch bei seinem Volke war, hätte sich eines 
solchen Werkes nicht zu schämen brauchen. Darum betrachten wir mit Stolz 

diese nordischen Arbeiten einer Zeit, die so weit 
vor des Perikles Tagen liegt. 

Ein fühlbarer Mangel jener Zeit muß freilich 
die Unkenntnis, wie man Metall lötet, gewesen sein. 
Wenn zwei Stücke Metall zusammengefügt werden 
sollten oder wenn eine Reparatur nötig war, mußte 
man sich, wie viele noch vorhandene Arbeiten be- 
weisen, entweder mit Nieten behelfen oder auf ganz 
grobe Art über den Sprung Bronze gießen. J ) 

Knöpfe, Schwertgriffe und andere Gegenstände 
aus Bronze sind manchmal mit Bernstein eingelegt 
Noch öfter sind jedoch die Bronzearbeiten jener 
Zeit, zum Beispiel die Gefäße und Schwertgriffe, 
mit Einlagen von einer dunkelbraunen harzartigen 
Masse geschmückt, die auf der gelben, beinahe goldglänzenden Bronze gut ge- 
wirkt haben müssen. Große runde Kuchen von dieser Harzmasse, — die im 
übrigen für verschiedene andere technische Zwecke benutzt wurde, — werden 
nicht selten in unsern Torfmooren gefunden. Der größte uns bekannte Fund 
dieser Art wurde 1845 in einem kleinen Torfmoor bei Tägarp in Skäne ge- 
macht, w t o man vierzehn solche Harzkuchen auffand, die dicht aneinander 
standen und in der Mitte durchbohrt waren; sie waren sicher zusammen- 
gebunden gewesen. 2 ) 

Daß die Nordländer ihre Bronzesachen mit solchen Harzeinlagen schmückten, 
ist offenbar südlicher Einfluß. Im Orient übte man schon früh die Kunst, Ein- 
lagen von Kupfer, Silber, Gold und Glasfluß (Email) in Bronze zu machen. 

Vergoldung war wohl noch unbekannt. Man findet indessen zuweilen 
Bronzen mit dünnen Goldplatten belegt, die dadurch festgehalten werden, daß 




188. Ende eines Bronzegürtels 
mit Stangenknopf; von zwei 
Seiten gesehen. Öland. 1 |,. 



1) Antiquites suedoises, Fig. 123 (Nieten) und 231 (Guß). 

2) Antiquites suedoises, Fig. 194. 



Einheimische Arbeiten. 



113 



sie um den Gegenstand herumgebogen sind. Proben davon sind die beiden 
großen Rronzeäxte von Skogstorp (Fig. 229) nebst verschiedenen Schwertgriffen, 
Nadeln, Knöpfen und anderem mehr. 

Eine Menge schwedischer Bronzearbeiten aus der Bronzezeit sind reich 
mit Ornamenten versehen, von denen einige schon mit dem Gegenstand selbst 
gegossen waren; die meisten sind jedoch gepunzt, das heißt nach dem Guß 
durch wiederholtes Aufschlagen auf den Kopf einer »Punze«, eines sehr schmalen 
Meißels, der während der Arbeit langsam so versetzt wird, wie man die Orna- 
mente laufen lassen will, hervorgebracht. Daß die Zierate wirklich gepunzt 
sind, wird unter anderem dadurch erwiesen, daß die Rückseite der dünnen 
Bronze den vertieften Ornamenten entsprechende Erhöhungen zeigt. 

Man hat besonders außerhalb Skandinaviens behauptet, diese Ornamente 
hätten nur mit Sticheln aus Stahl gearbeitet werden können, was man als 
einen endgültigen Beweis dafür betrachtete, daß die skandinavische Auffassung 
der Bronzezeit unrichtig sei. Es hat sich indessen vor mehreren Jahren durch 
Versuche herausgestellt, daß solche Ornamente wirklich mit Punzen aus Bronze 
hergestellt werden konnten, wenn auch selbst sehr geschickte Arbeiter langer 
Übung bedürfen, um so schöne und regelmäßige Linien zu ziehen wie die 
Spiralen auf den alten Bronzen. Bei näherem Nachforschen hat man dann auch 
solche kleinen bei dieser Arbeit angewendeten Bronzepunzen entdeckt. 

Einige in Schweden gefundene Bronzen, die der Bronzezeit entstammen, 
sind wohl mit getriebenen Ornamenten verziert, d. h. die Zierate sind mit Hilfe 
eines Hammers in ziemlich dünner Bronze in der Weise hervorgebracht, daß auf 
der Vorderseite erhabene Figuren gebildet werden, denen Vertiefungen auf der 
Rückseite entsprechen. Aber diese Bronzen sind so gut wie alle aus Südeuropa 
hierher gebracht. 

Der Reichtum an Zieraten, den die nordischen Bronzearbeiten aufweisen, 
ist um so mehr bewunderungswürdig, da man in den meisten anderen Ländern 
nichts Entsprechendes aus der eigentlichen Bronzezeit findet. 

Insofern sind die Zierate der nordischen Bronzezeit denen unserer Stein- 
zeit ähnlich, daß sie fast alle — mit wenigen Ausnahmen aus dem späteren 
und spätesten Teil der Periode — Linienornamente, obgleich nicht nur gerad- 
linig, sind. Menschen oder Tiere sind äußerst selten abgebildet (Fig. 109, 
110 und 190) und Pflanzenmotive kommen, soweit wir wissen, niemals aut 
Bronzen jener Zeit vor. Unsere Bronzezeit unterscheidet sich also in der 
Ornamentik von der Eisenzeit, in welcher stilisierte Tierbilder eine hervor- 
ragende Rolle spielten, und vom Mittelalter, wo Pflanzenmotive von großer 
Bedeutung waren. 

Gegossene Menschen- und Tierfiguren aus der Bronzezeit gehören zu den 
Seltenheiten (Fig. 191). So laufen einige Messergriffe aus der älteren Bronze- 
zeit in deutlich kennbaren Pferdeköpfen aus (Fig. 189); weil dies einheimische 
Arbeiten sind, wird dadurch bestätigt, daß das Pferd schon in jener Zeit bei 
uns zu Hause war. 

Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. S 



H4 



Die Bronzezeit. 



Ein paar Messergriffe aus dem späteren Teil der Periode endigen auch 
in Menschenköpfen, und ein in Skäne gefundener solcher Griff (Fig. 192) hat 
die Form eines menschlichen Oberkörpers. Das Messer ist ohne Zweifel hier 
im Norden angefertigt. 




189. Bronzemesser mit Pferdekopf. Öland. 1 \ 1 



35=^ 




190. Ornament. Mecklenburg. 




192. Bronzener Messergriff, 
von drei Seiten gesehen. Skäne. 1 j 1 . 




191. Bronzenadel, von zwei 
Seiten gesehen. Gotland. 2 | 3 . 




193. Bronzestatuette, von zwei 
Seiten gesehen; massiv. Skäne. *|». 



Vor einigen Jahren fand man bei Stockhult an der Grenze zwischen Skäne 
und Smäland außer einer Anzahl anderer prächtiger Bronzen aus der älteren 
Bronzezeit zwei ganz gleiche gegossene Menschenfiguren (Fig. 193). Die ange- 




Einheimische Arbeiten. j t C 

setzten Arme fehlten. Die Kopfbedeckung ist ein Helm; zwei kleine Löcher 
im unteren Teil waren, wie es scheint, für solche hochstehenden hornartig-en 
Helmverzierungen bestimmt, die früher besprochen wurden; wie die anderen 
zu diesem Funde gehörenden Sachen sind die beiden Figuren offenbar ein- 
heimische Arbeiten. 1 ) 

Zur selben Zeit wurden in Skäne zwei kleine Tierbilder (Fig. 194) ge- 
funden, deren Augen aus Bernstein eingesetzt sind. Sie sind aus Bronze über 
einem noch vorhandenen Kern von Ton gegossen, und wurden zusammen 
mit mehreren Bronzen gefunden, welche zeigen, daß sie mit dem Fund von 
Stockhult gleichzeitig sind. 

* :•: 

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Wir haben uns überzeugt, daß die meisten der im Norden gefundenen 
Bronzen aus der Bronzezeit hier verfertigt sind. Und doch beruhte diese ganze 
einheimische Industrie auf ununterbrochener Zufuhr eines Rohmateriales, das aus 
fremden Ländern eingeführt werden 
mußte. 

Die in Schweden damals verwen- 
dete Bronze enthält, wie wir gesehen 
haben, gewöhnlich ungefähr 90 Prozent 
Kupfer und 10 Prozent Zinn. 2 ) Kupfer 
gibt es wohl hierzulande, aber nur in Erzen, 
die man erst lange nach dem Ende der 

D 194. Bronzenes Iierbild; Hohlguß. 

Bronzezeit zu behandeln verstand, und Die Augen von Bernstein. Skäne. i|,. 

Zinngruben existieren in Skandinavien 

überhaupt nicht. 3 ) Folglich müssen wir alle in der Bronzezeit hier angewen- 
dete Bronze als aus anderen Ländern importiert betrachten. Da reines 
Kupfer und reines Zinn in unseren Funden aus jener Zeit sehr selten vorkommen, 
so ist es höchst wahrscheinlich, daß die meiste Bronze fertig eingeführt wurde, 
entweder als Barren oder als Waffen, Werkzeug, Schmuck, Gefäße und ähn- 
liches, das später hier umgearbeitet worden ist. 

Die im Norden verwendete Bronze kam teils von den Britischen Inseln, 
teils aus Mitteleuropa. Daß der Import von dort viel bedeutender war als aus 
Westeuropa, zeigt das in unseren Bronzesachen oft enthaltene Nickel (0,5 bis 
1,5 Prozent), was offenbar als Verunreinigung des Kupfers zu erklären ist. Eine 
so starke Beimischung von Nickel ist für die mitteleuropäischen Kupfererzgruben 
charakteristisch, während Nickel entweder gar nicht oder nur in sehr kleinen 
Quantitäten in den englischen Kupfererzen vorkommt. 

1) In dänischen Torfmooren hat man einige Menschenbilder von Holz gefunden, die wahr- 
inlich aus der Bronzezeit stammen. Sie stellen Männer (Götter) vor, deren Geschlechtsorgane, 

wie auf den Felsenzeichnungcn, sehr deutlich angegeben sind. A. Feddersen, in den Aarböger 1. 
nord. Oldkynd., 18S1, S. 369. 

2) J. Berzelius, in den Annaler for nord. Oldkynd., [836—37, x . 104. — N. 1. Berlin, 
da, [852, S. 249. — Montclius, Die Chronol ältesten Bronzezeit, S. 22 — J4. 

3) H. Hildebrand, Om Kassiteriderna och tennet i forntiden, in der Antiqv. tidskr. f. S 
Bd. 5, S. 181 folg. 

8« 



jj6 Die Bronzezeit. 

Da die Bronze von fernen Ländern geholt werden mußte, war sie natür- 
lich teuer. Wir können auch sehen, daß man sehr sparsam damit umging. 
So sind z. B. die Griffe an den prächtigen Schwertern und Dolchen, von der 
Art wie Fig. 103, beinahe niemals massiv, sondern hohl gegossen über einen 
Kern von Ton. Wir haben auch früher erwähnt, daß man, um das kostbare 
Metall nicht zu vergeuden, noch lange nach Beginn der Bronzezeit Feuerstein 
und andere Steinsorten zu Lanzen und Pfeilspitzen, Streitäxten und dergleichen 
mehr benutzte. 



Bisher haben wir nur die Anfertigung der Bronzearbeiten behandelt. Die 
nordische Bronzezeit kannte indessen noch ein anderes Metall, nämlich das 
Gold, und man hat an mehreren Stellen in Schweden Gefäße, Diademe, Arm- 
bänder, Fingerringe und anderes von Gold gefunden. Viele von diesen Sachen 
sind ersichtlich im Norden angefertigt, weil sie Typen angehören, die nur hier 
vorkommen. Bei Bearbeitung des Goldes spielte der Hammer eine größere 
Rolle als bei Anfertigung der Bronzearbeiten. 

Wahrscheinlich war alles Gold, das man bei uns in der Bronzezeit hatte, 
aus anderen Ländern eingeführt, besonders von Mitteleuropa und von den 
Britischen Inseln, — Irland war ein sehr goldreiches Land, — wenngleich es 
größtenteils hier umgearbeitet wurde. 1 ) 

Weil alles Metall, Gold wie Bronze, das während der Bronzezeit in Schweden 
gebraucht wurde, aus anderen Teilen Europas eingeführt wurde, so muß unser 
Land in ununterbrochenem und lebhaftem Verkehr mit jenen Gegenden ge- 
standen haben. 



4. Bevölkerung. — Verkehr mit anderen Ländern. 

Schon vor dem Ende der Steinzeit war, wie wir gesehen haben, nicht 
nur der südlichste Teil Schwedens, sondern auch große Gebiete des übrigen 
Landes von unseren Vorfahren bewohnt. Skäne hatte freilich während der 
Bronzezeit eine verhältnismäßig stärkere Bevölkerung als die übrigen Gegenden. 
Der Unterschied ist aber nicht mehr so groß wie in der Steinzeit. Die Be- 
völkerung im mittleren Schweden ist offenbar bedeutend größer geworden als 
früher. Auch im nördlichen Schweden kommen Funde aus der Bronzezeit vor. 
Aus dieser Zeit stammende W r ohnplätze sind wohl schwerer zu konstatieren 
als aus der Steinzeit, und Gräber, die als mit Sicherheit der Bronzezeit zuge- 
hörig betrachtet werden können, sind, so viel wir kennen, bis jetzt nicht nörd- 
lich von Wermland und Uppland entdeckt worden. Bronzen und andere der 



1) Montelius, im Archiv f. Anthropol., XIX, S.S. — Olshausen, in den Verhandl. d. 
Berl. Anthrop. Ges., 1890, S. 282. 



Bevölkerung. 



117 



skandinavischen Bronzezeit entstammende Arbeiten wurden aber dort aus- 
gegraben, die nördlichsten in Medelpad (Fig. 195) und Ängermanland'). 

Die Fig. 196 abgebil- 
dete, in Lappland gefundene 
Bronzeaxt einer Form, die in 
anderen arktischen Ländern 
vertreten ist 2 ), muß, wie die 
oben erwähnten Schiefer- 
sachen (Fig. 96 und 97), als 
lappländisch betrachtet wer- 
den. 

Mit den Gegenden öst- 
lich vom Bottnischen Meer- 
busen stand Schweden zu 
jener Zeit in reger Verbindung. 
Man hat nämlich in Finnland, 
besonders im Süden und 
Westen dieses Landes, in der 

Nähe der Finnischen und 

196. Bronzeaxt, von zwei 

Bottnischen Meerbusen, ver- Seiten geS ehen. Lappland. 2 , 

schiedene Bronzealtertümer 

gefunden, die aus Schweden eingeführt sind 3 ). 

Als Folgen einer mehr oder minder unmittelbaren 
Verbindung mit anderen Ländern, besonders mit dem 
mittleren und südlichen Europa, können wir eine nicht 
geringe Anzahl in Schweden gefundener Arbeiten aus 
Bronze und Gold betrachten, die unserer Bronzezeit 
gehören. Daß diese wirklich fremden Ursprungs sind, 





1) Montelius, im Compte rendu du Congres de Stockholm, 
1874, S. 510 — 12. — Derselbe, in der Sv. Fornm.-för« tidskr., Bd. 4, 
S. 163 — 170; Bd. 5, S. 16 — 36; Bd. 6, S. 52 — 76 (die in den Jahren 
1878 — 84 gemachten Funde). — Derselbe, Ilalländska fornsaker frän 
hednatiden, in der Hailands Fornminnes-Förenings ärsskrift, 1S69 und 
1872. — Derselbe und Ekhoff, Bohuslänska fornsaker frän hednatiden. 
- — Ekhoff und Gustafson, Bohusläns fasta fornlemningar fran 
hednatiden (die bronzezeitlichen Gräber und Felsenzeichnungen sind 
auf den Karten angegeben). — Montelius, Fynd Iran bronsäldern 
i Kalmar län, in der Sv. Fornm.-för* tidskr., Bd. 4, S. 259- 
— G. Gustafson, Gotländska bronsäldersfynd, ebenda, Bd. 6, 
S. 209 — 31. — Montelius, Bronsäldern i oorra och mell' 
ige, in der Antiqv. tidskr. f. Sv., 3. — B. Salin, im Mänadsblad, 1S90, S. 109 (Uppland, 

Gräber). — R. Arpi, in Upplands Fornminnesfbrenings tidskrift, Bd. 3, S. -24 (Uppland). — F.in 

in Angrrmanland gefundener Bronzedolch gehört dem Nationalmuseum. 

2) A. Hackman, in Studier tillägnade Oscar Montelius, S. <>. 

3) A. O. Heikel, im Mänadsblad, iSss, s. 74. — Hackman, Die Bronzezeit Finnlands, 
in der Finska Fornminnesföreningens tidskrift, XVII, S. 391. 



195. Großer Bronzedolch; 
mit Detail. Medelpad. 1 | 2 . 



n8 



Die Bronzezeit. 



geht daraus hervor, daß sie in Form, Ornament und Technik mit einer Menge 
in den genannten fremden Ländern gefundenen Sachen übereinstimmen, während 
sie sich von den Arbeiten unterscheiden, die nordischen Ursprunges sind. 




197. Bronzeaxt, mit Schaftlappen; 
r von zwei Seiten gesehen und Durch 
schnitt. Öland. 'U. 



198. Schwertstab von Bronze. 

Skäne. 1 |». 




200. Bronzeband mit getriebenen Ornamenten. Södermanland. 3 j 4 . 

Proben solcher bei uns aufgefundenen ausländischen Arbeiten sind: der 
Schwertstab Fig. 198, die Bronzeaxt Fig. 197, die Bronzenadel Fig. 199 und 
das Ortband Fig. 203, welche aus Deutschland gekommen sind. 



Verkehr mit anderen Ländern. 



119 






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Aus den Alpengegenden und 
Italien stammen das Messer Fig. 
204, das Band mit getriebenen 
Ornamenten Fig. 200, der kleine 
bei Ystad in Skäne gefundene 
Bronzewagen Fig. 201 1 ), das in 
einem Torfmoor bei Bjärsjöholm 
in derselben Provinz gefundene 
große Bronzegefäß Fig. 202 2 ), 
einige andere Bronzegefäße, der 
in Halland gefundene Bronzeschild 
Fig. 168, verschiedene Schwerter 
aus Bronze (Fig. 173, 175 und 
176), und andere Gegenstände. 

Den Verkehr mit dem Süden 
beweisen aber nicht nur die in 
Schweden gefundenen, aus süd- 
lichen Ländern importierten 
Gegenstände. Ebenso gute Be- 

. . 201. Kleiner Bronzewagen, auf dem ein jetzt verloren 

Weise Sind auch die bei uns ver- gegangenes Bronzegefäß befestigt war. Skäne. \. 





202. Italienisches Bronzegefäß, mit Details. Skane. ' ,. 



1) Ähnliche Bronzewagen mit darauf stehenden Gefäßen sind in Dänemark, Mecklenburg und 
Böhmen gefunden worden. Montelius, in der Sv. Fornm.-för^ tidskr., Bd. 10, S. 19 folg. Vgl. 

Tndset, in der Zeitschr. f. Ethnol., 1890, S. 49. 

2) Ahnliche Bronzegefäße sind in Dänemark, Norddeutschland, Böhmen und Italien gefunden worden. 
Montelius, im Mänadsblad, 1889, S. 125. und in der Sv. Fomm.-föi* tidskr., Bd. IO, S. 1 t 



120 Die Bronzezeit. 

fertigten Arbeiten, welche Nachbildungen von südlichen Typen sind. Eine 
sehr wichtige Gruppe dieser Art bilden unsere ältesten Fibeln (Fig. 146), 
welche nach den gleichzeitigen italienischen Fibeln (Fig. 205) gebildet sind. 
Andere Beispiele haben wir in mehreren Dolchen, Schwertern 1 ), Gefäßen 
(Fig. 227) usw. 

Wichtig in dieser Beziehung sind ebenfalls die Ornamente. Schon in der 
Steinzeit haben wir Ornamente kennen gelernt, die aus dem Süden gekommen 
sind (Fig. 68 und 69). Denselben Ursprung haben die in der älteren Bronze- 
zeit hier allgemeinen Spiralen. Man kann sie nach dem östlichen Mittelmeer- 
gebiet und Ägypten verfolgen (Fig. 208 und 209) 2 ). Aus dem Süden stammen 
auch das Schnurornament und der Mäander, die in der jüngeren Bronzezeit 
hier auftreten. Wir finden nämlich dieselben Ornamente in Mitteleuropa wie 
im Mittelmeergebiet wieder (Fig. 112, 113, 163, 210 — 213) 3 ). 

Wir werden sehen, daß in der Bronzezeit wie in der Steinzeit die Gräber- 
formen und die Behandlung der Toten einen starken Einfluß aus dem Süden 
zeigen. Durch ihre Verbindung mit Mitteleuropa lernten unsere Vorfahren 
endlich auch das Eisen kennen. 

Beweise für den Verkehr zwischen dem Norden und südlicheren Ländern 
in der Bronzezeit sind ebenfalls einige nordische Bronzen, die in Süddeutsch- 
land, Frankreich und der Schweiz gefunden worden sind (Fig. 206 und 207) *), 
und die Funde von baltischem Bernstein, die man sogar in Griechenland ge- 
macht hat. So lagen in den reichen Königsgräbern innerhalb der Burg von 
Mykenae Hunderte von Bernsteinperlen, welche, wie die chemische Analyse 
gezeigt hat, von baltischem Bernstein sind 5 ). Sie beweisen folglich, daß schon 
um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends der Bernstein von dem 
Norden bis Griechenland geführt wurde. 



1) Montelius, Die typologische Methode, S. 37 und 39. — Derselbe, Sur les poignees des 
epees et des poignards en bronze, im Compte rendu du Congres de Stockholm, 1874, S. 882 — 923. 

2) Montelius, im Mänadsblad, 1881, S. 22. — Die Chronologie der ältesten Bronzezeit, 
S. 145 (Ägypten), 165 — 172 (Griechenland), 175 (Bosnien). 

3) Montelius, im Mänadsblad, 1SS1, S. 26. — Das Schnurornament ist im Norden mehr 
oder weniger mißverstanden, indem die beiden umeinander gewickelten Bänder nicht so gezeichnet 
sind, wie in einer wirklichen Schnur: die verschiedenen Teile derselben passen nämlich nicht zu- 
sammen. Anfangs hat wohl das Band überall dieselbe Breite; später werden aber die Bänder sehr 
unregelmäßig. 

4) Montelius, in den Materiaux pour l'histoire de l'homme, 1880, S. 14. — Derselbe, in 
L'Anthropologie, 1901, S. 620. — Die beiden hier (Fig. 206 und 207) abgebildeten Bronzen ge- 
hören der 5. Periode der nordischen Bronzezeit an und sind mit Arbeiten aus der 5. Periode der 
mitteleuropäischen Bronzezeit gefunden worden. In Württemberg wurde ein nordischer Bronze- 
schmuck aus der 4. Periode zusammen mit Arbeiten aus der 4. Periode der mitteleuropäischen 
Bronzezeit gefunden (L'Anthropologie, 1901, S. 618). — In Italien sind wohl bis jetzt keine sicheren 
Funde von nordischen Bronzen bekannt (vgl. Undset, Nordische Bronzen in Italien, in der Zeit- 
schrift f. Ethnologie, 1886, S. 1 folg.); es ist aber gar nicht unmöglich, daß nordische Arbeiten nach 
Italien kommen konnten zu einer Zeit, wo so viele italienische Arbeiten nach dem Norden kamen. 

5) O. Helm, in Schliemanns Tiryns, S. 426. Vgl. Verhandl. d. Berliner Anthropolog. 
Gesellsch., 1901, S. 403. 



Verkehr mit anderen Ländern. 



121 




203. Bronzenes Ortband einer Schwertscheide. 
Öland. l|ä. 




-- iaa 



207. Bruchstücke von einem 

nordischen Bronzegefäß. 

Frankreich. 'U. 




204. Bronzemesser. Skäne. ' . 




205. Bronzefibel. Italien. 2 , 




208. Spiralornament. 
Aegypten. 




206. Nordisches Bronzegefäß. Schweiz, % 



209. Spiralornament. Bosnien. 




10. Schnurornament. Cypern. 



C 



3 



f(G 



1 



3 



212. Mäander. Schweiz. 



:ii. Schnurornament. 
Etrurien. 




.' 1 ; . Mäander. Sk&n< 



122 



Die Bronzezeit. 



Auch von einer Verbindung mit den Britischen Inseln zeugen bemerkens- 
werte, wenn auch weniger zahlreiche Funde (Fig. 214) 1 ). Solche Schilde wie 
Fig. 215 sind wohl nicht aus Schweden bekannt, aber ein ganz ähnlicher Schild 
ist auf einer schwedischen Felsenzeichnung abgebildet (Fig. 216). 



llllllllll Jl 




214. Englische Bronzeaxt, 
mit Querschnitt. Skäne. 1 |2. 




215. Bronzeschild. England. 1\ . 




\ • 'UMHIN! Ulli lll.ll'lliin ; 



216. Krieger mit solchem Schild wie Fig. 215; 
auf einer Felsenzeichnung. Bohuslän. 



Daß die fremden Arbeiten aus der Bronzezeit, die hier im Norden an- 
getroffen wurden, größtenteils durch den Handel hierherkamen, ist unzweifel- 

1) Montelius, Förbindelse mellan Skandinavien och vestra Europa före Kristi födelse, in 
der Svenska Fornm.-för^ tidskr., Bd. 7, S. 124 (1889). — Derselbe, Verbindungen zwischen Skandi- 
navien und dem westlichen Europa vor Christi Geburt, im Archiv f. Anthropol., XIX (189 1), S. 1. 
— Die Chronologie der ältesten Bronzezeit, S. 122. 



Verkehr mit anderen Ländern. j23 

haft, und daß die verhältnismäßig große Bedeutung des Handels schon zu 
jener Zeit hauptsächlich durch den reichen Gewinn an Bernstein, den man im 
Norden fand, bedingt wurde, haben wir gesehen. 

Der Bernstein kommt in großen Mengen teils an der Westküste von Jüt- 
land vor, teils an der Küste von Ostpreußen. In der Bronzezeit war, wie un- 
zweideutige Beweise darlegen, der jütländische Bernstein für den Handel viel 
wichtiger als der preußische, ein Verhältnis, das sich indessen im Laufe des 
letzten Jahrtausends vor Christi Geburt änderte 1 ). 

Der Handel zwischen Süd- und Nordeuropa, quer durch den Kontinent, 
wurde in hohem Maße dadurch erleichtert, daß unser Weltteil von so vielen 
Flüssen in dieser Hauptrichtung durchschnitten wird. Unter diesen Flüssen 
kommt besonders die Elbe mit ihren Nebenflüssen in Betracht, und zwar nicht 
nur wegen der Bedeutung ihres Wassersystems, sondern vor allem, weil sie 
an der Basis der jütländischen Halbinsel, also gerade in dem Gebiet ausmündet, 
das der damalige Bernsteinhandel vornehmlich suchte. Hierzu kommt, daß 
einer der größten Nebenflüsse der Elbe, die Moldau, in seinem Lauf eine Gegend 
durchkreuzt, die nur wenige Meilen von der Donau entfernt und nicht durch 
hohe Berge vom Talgang dieses Flusses geschieden ist. 

Einer der wichtigsten Wege, die der Handel zwischen Norditalien und 
Nordeuropa in jenen alten Zeiten ging, ist an Etsch und Eisack entlang, durch 
Tirol hinauf bis zum Brennerpaß, der noch heute, wie bekannt, für den Ver- 
kehr zwischen Italien und Europa nördlich der Alpen von großer Bedeutung 
ist. Von da ging es hinunter, erst den Sill, einem Zufluß des Inn, und danach 
den Inn entlang bis zur Donau. Wollte man dann weiter nach dem Norden, 
so wählte man den Donauweg ungefähr bis dahin, wo heute Linz liegt. Von 
hier ging man zum oberen Lauf der Moldau über und kam so längs dieses 
Flusses und der Elbe zur Nordseeküste. Auch die anderen nach Norden 
fließenden Ströme: Weichsel, Oder, Weser und Rhein w T aren natürlich schon 
früh von großer Bedeutung für den Handel, doch scheint in der Zeit, mit der 
wir uns hier beschäftigen, der Elbweg für den Verkehr mit unseren Gegenden 
der wichtigste gewesen zu sein. Außer dem eben genannten Weg längs der 
Moldau konnte man von dem Donaugebiet zur Elbe auch auf einem west- 
licheren Weg gelangen, der erst auf die Saale traf und dann diesem Fluß bis 
zu seiner Vereinigung mit der Elbe folgte. 

Manche glauben, daß der Handel eine sehr lange Zeit, vielleicht mehrere 
Menschenalter, in jenen alten Zeiten brauchte, um die Waren von Norditalien 
zu unseren nordischen Gebieten zu befördern. Dies ist jedoch ein Irrtum. 

Haben wir doch gesehen, daß der Weg von Italien nach dem Norden 
schon längst geöffnet war, und daß ein lebhafter Tauschhandel bestand, der 
den nordischen Bernstein nach dem Süden und Bronze, unbearbeitet oder \ 
arbeitet, Gold und andere kostbaren Sachen nach dem Norden brachte. Selbst 
wenn wir gebührendermaßen in Betracht ziehen, daß hier nicht die Rede von 

i) Montelius, im Mänadsblad, [88l, S. 62. — Olshausen, Der alte Bernsteinhandel und 
die Goldfunde, in deo Verhandl. d. Berliner Anthrop. Gesellschaft, 1890, S. 270; [891, S. .■ ■ 



124 



Die Bronzezeit. 



einem direkten Handel zwischen diesen so weit auseinander liegenden Teilen 
von Europa sein kann, vielmehr ein Händler die Erzeugnisse Italiens vielleicht 
nur bis zum Donautal brachte, ein anderer zum Moldautal oder in die Gegend 
um die obere Elbe, ein dritter nach Norddeutschland und ein vierter oder 
fünfter nach Dänemark oder Südschweden, so können wir doch leicht einsehen, 
daß man die Zeit, die die Waren von Norditalien bis zur Südküste der Ostsee 
unterwegs waren, nach Monaten abschätzen kann, und daß ein Zeitraum von 
zwei bis drei Jahren mehr als genug war, um bequem eine Ladung Waren 
über die Alpen nach Norddeutschland zu transportieren. Die Entfernung von 
der nördlichsten Küste des Adriatischen Meeres bis zur Eibmündung ist in der 
Luftlinie nicht weiter als von Ystad nach Umeä. 

Die Erfahrungen aus anderen Gegenden, zu einer Zeit, wo sie noch un- 
berührt von der modernen europäischen Kultur waren, spricht gleichfalls dafür, 
daß eine solche Strecke, wenn der Weg erst einmal für den Handel offen war, 
und besonders wenn er den Flüssen oder Flußtälern folgte, in einigen Monaten, 
längstens in einem Jahre, zurückgelegt werden konnte. 

Damit stimmen die Erzählungen überein, die man von Handelsfahrten im 
alten Europa hat. Gewiß hören wir da viel von den Beschwerden und Ge- 
fahren der Reise, weshalb oft viele zusammen fuhren, wie auch heute noch 
im Karawanenverkehr, um sich leichter gegen Räuber zu verteidigen und um 
sich gegenseitig beizustehen, wo das Weiterkommen noch schwieriger war als 
gewöhnlich. Aber wir erfahren aus diesen Erzählungen, daß die Zeit selbst 
für verhältnismäßig lange Fahrten nach Wochen und Monaten, nicht nach 
Jahren berechnet wurde. Und wir bekommen hierdurch keineswegs den Ein- 
druck, als ob die europäischen Verkehrsverhältnisse tausend Jahre vor Christi 
Geburt wesentlich andere gewesen wären als im Beginn unserer Zeitrechnung 
oder tausend Jahre später, d. h. daß eine Fahrt, die zur Wikingerzeit in einem 
Monat möglich war, in unserer Bronzezeit viele Monate oder gar Jahre ge- 
dauert hätte. 

Eine dieser Erzählungen berührt gerade Schweden in der Wikingerzeit. 
Meister Adam aus Bremen spricht nämlich davon, daß, wenn man den Land- 
weg von Skäne über Skara, Teige und Birka fährt, so käme man nach einem 
Monat nach Sigtuna. Aber diese Reise, die lange Strecken durch wilde Wälder 
ging, war fast ebenso weit wie die Entfernung von Linz bis Hamburg. 

Ein anderer Bericht schildert den Zinnhandel zwischen England und den 
Mittelmeerländern über Frankreich, ehe die Römer ihre prächtigen Wege durch 
dieses Land legten. Diodor, der zu Cäsars Zeit lebte, erzählt nämlich, wie das 
Zinn in Booten aus Fellen über den Kanal und dann auf Saumpferden längs 
der Flußtäler nach der Küste des Mittelmeeres gebracht wurde. Von der 
Seinemündung diesen Fluß, dann Loire und Rhone entlang bis Marseille oder 
einen anderen Ort nahe der Rhönemündung brauchte man einen Monat. Nun 
ist es in der Luftlinie von Havre bis Marseille ungefähr dreiviertel so weit wie 
von Verona bis Hamburg. Wenn man auf letzterem Weg ebenso schnell vor- 
wärts kam, wie auf ersterem, — und die Verhältnisse waren im wesentlichen 



Verkehr mit anderen Ländern. 



12: 



wohl dieselben, sobald man die Alpen überschritten hatte, — so würden, selbst 
in Berücksichtigung der Alpen und unvermeidlicher Umwege, kaum mehr als 
zwei Monate nötig gewesen sein, um vom Adriatischen Meer an die Nordsee 
zu kommen. Rechnen wir nun das Sechsfache oder ein ganzes Jahr, so dürfte 
das unter allen Umständen hinreichen. Will man aber selbst zwei oder drei 
Jahre rechnen, ist es immer noch eine kurze, nicht zu zählende Zeit im Ver- 
gleich mit den Jahrtausenden, die zwischen uns und der Bronzezeit liegen. 

Mit alledem sollte natürlich nur gezeigt werden, daß die Waren keine so 
lange Zeit brauchten, um aus Italien hierher zu gelangen, nicht etwa, daß alle 
hier gefundenen südlichen Arbeiten in so kurzer Zeit hierher gekommen wären. 





217. Schiff mit Kriegern; auf einer 
Felsenzeichnung. Bohuslän. 



218. Schiff mit 6 Männern; auf einer 
Felsenzeichnung, Bohuslän. 




219. Schiff mit 15 Männern; auf einer Felsenzeichnung. Bohuslän. 



Der Verkehr, in dem Schweden damals mit dem übrigen Europa stand, 
setzt natürlich Fahrzeuge voraus, da ja alle Verbindungen außer mit Norwegen 
über See führten. Von Fahrzeugen aus jener Zeit ist nichts mehr vorhanden. 
Was wir über ihre Form und Größe wissen, verdanken wir den Darstellungen 
auf den Felsenzeichnungen; manchmal finden sich solche Darstellungen auch 
auf Messern und anderen Gegenständen aus Bronze. 

Zuweilen werden menschliche Figuren als Besatzung des Fahrzeuges ge- 
zeichnet (Fig. 217 und 218), aber da es schwer war, in den harten Felsen eine 
Menge solcher kleinen menschlichen Figuren abzubilden, begnügte man sich 
gewöhnlich damit, die Personen der Besatzung nur durch senkrechte Striche 
anzudeuten (Fig. 219). Manchmal ist die Anzahl dieser Striche recht bedeutend, 
bis zu dreißig und mehr; so müssen also die Fahrzeuge schon recht ansehn- 
lich gewesen sein. 

Wahrscheinlich wurden die Fahrzeuge nur mit Rudern vorwärts getrieben, 
wenigstens findet sich in den Felsenbildern weder Mast noch Segel. Hin paar- 



I 25 Die Bronzezeit. 

mal, wenn auch äußerst selten, sieht man wohl etwas, das vielleicht als Mast 
oder Segel gedeutet werden könnte, aber ganz sichere Abbildungen davon 
dürften sich in unserer Bronzezeit nicht finden. Wahrscheinlich war es erst 
spät in der Eisenzeit, daß die Kunst des Segeins bei uns bekannt wurde. 
Allerdings sind auch die Ruder nicht auf den Felsenzeichnungen abgebildet; 
doch findet man sie ein paarmal, und es war doch weit schwerer, auf einem 
solchen Bild die vielen längs der Seite des Fahrzeuges liegenden Ruder an- 
zubringen, als einen freistehenden Mast mit Segel. 

Die Vorder- und Hintersteven, die meistens verschiedene Form haben, 
sind sehr hoch; ersterer scheint zuweilen in einem Tierkopf zu enden. Vor 
dem Steven sieht man beinahe immer eine schmale, mehr oder minder hoch 
nach oben gebogene Spitze. 



5. Felsenzeichnungen. 

Da wir das meiste, was wir von den Fahrzeugen aus der Bronzezeit 
wissen, den Felsenzeichnungen verdanken, und da diese Zeichnungen uns auch 
viele andere wertvolle Aufklärungen über jene Zeit geben, wollen wir noch 
einen Augenblick bei diesen merkwürdigen Überresten der Vorzeit verweilen ). 

In verschiedenen schwedischen Landschaften sind sehr alte Bilder in die 
während der Eiszeit glattgeschliffenen Granitfelsen eingehauen, die Menschen, 
Tiere, Fahrzeuge, Waffen und anderes mehr zeigen und oft beträchtliche Flächen 
bedecken. So mißt z. B. das Bild, das Fig. 220 wiedergegeben ist, nicht weniger 
als 7,50 m Höhe und 5 m Breite. 

Einige von den Felsen, auf denen diese Bilder angebracht sind, haben 
eine beinahe wagerechte Oberfläche, aber die meisten sind mehr oder weniger 
abschüssig, wenn auch niemals senkrecht. 

Die einzelnen Figuren sind von sehr verschiedener Größe. Die Menschen 
sind gewöhnlich 40 — 50 cm hoch, aber bisweilen sind Kämpfer in einer Größe 
von 1,50 m dargestellt, und bei Lissleby im Kirchspiel Tanum, Bohuslän, gibt 
es eine männliche Figur von nicht weniger als 2,30 m Länge. 

Die Fahrzeuge sind selbstverständlich in einem viel kleineren Verhältnis 
gezeichnet. Ihre Länge ist im allgemeinen nicht größer als 0,50 bis 1,50 m; 
einige sind aber bis zu 2,25 m lang. 



1) A. E. Holmberg, Skandinaviens hällristningar (Stockholm, 1848). — C. G. Brunius, 
Försök tili förklaringar öfver hällristningar (Lund, 1868). — B. E. Hildebrand, in der Antiqv. 
tidskr. f. Sv., 2 (1869). — Montelius, im Compte rendu du Congres de Stockholm, 1874, S. 453 — 74. 
— N. G. Bruzelius, ebenda, S. 475 — 83. — Derselbe, im Antiqv. tidskr. f. Sv., 6. — P. Olsson, 
im Manadsblad, 1875, S. 44 (Skäne). — C. M. Fürst, ebenda, 1880, S. 158 (Blekinge). — Mon- 
telius und L. Baltzer, in Bidrag tili kännedom om Bohusläns fornminnen, 1 u. 2. — Baltzer, 
Glyphes des rochers du Bohuslän (Göteborg, 1881— ; vgl. Manadsblad, 1881, S. 89). — E. Ekhoff, 
in der Sv. Fornm.-förs tidskr., 8, S. 102 (Westergötland). — E. von Ehrenheim, in Upplands 
Fomm.-för 9 tidskr., 3, S. 228 (Uppland). 



Felsenzeichnungen. 



127 



Seit beinahe drei Jahrhunderten haben die nordischen Altertumsforscher 
diese merkwürdigen Denkmäler studiert; die erste Abbildung einer Felsenzeich- 



. 


















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220. Felsenzeichnung. Tegneby in Bohuslän. 

nung stammt aus dem Jahr 1627. Es haben indessen die verschiedensten An- 
sichten über ihr Alter gegolten, bis man in letzter Zeit einig wurde, daß sie 



128 



Die Bronzezeit. 



der Bronzezeit angehören. Viele davon schreiben sich, wie man aus den 
Formen der abgebildeten Äxte und Schwerter (Fig. 178 und 221) sehen kann, 
aus einem sehr frühen Teil dieser Periode her. 

Ahnliche Bilder sieht man auch auf der Innenseite der Wandsteine in 
einigen der ältesten schwedischen Grabkammern aus der Bronzezeit. Das 
merkwürdigste dieser Gräber wurde in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts 
mitten in einem ungewöhnlich großen Steinhügel bei Kivik an der Ostküste 
Skänes, nicht weit nördlich von Simrishamn, gefunden. Die Grabkammer, 
deren Längsrichtung von Nord nach Süd geht, mißt 4,15 m Länge und 0,90 m 

Breite; die Höhe der Wandsteine beträgt ungefähr 
1,20 m (Fig. 124, 230 und 23 1) 1 ). 

Solche mit Bildern geschmückte Wände ähn- 
licher Gräber findet man auch an anderen Stellen in 
Skäne, und vor einigen Jahren wurden ebensolche in 
Södermanland in der Nähe von Mälaren entdeckt 2 ). 



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I 



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llt) Die meisten bis jetzt bekannten Felsenzeichnungen 

«Ä'l finden sich in Bohuslän, Ostergötland und Skäne, einige 
»* auch in Blekinge, Westergötland, Dalsland, Wermland 

.,"A J , . o 

Tij und Uppland. Aus Angermanland und Jämtland sind 
iv einige Felsenzeichnungen bekannt; es ist jedoch un- 
I ! sicher, ob sie derselben Periode angehören wie die 
jetzt besprochenen Denkmäler in den südlichen Land- 
schaften. 

In Norwegen hat man ebenfalls eine große 
Anzahl Felsenzeichnungen aus der Bronzezeit kennen 
gelernt, besonders in dem Teil von Norwegen, der an 
Bohuslän grenzt. 

Mit der Buchstabenschrift noch nicht bekannt. 
21. Schwert, auf einer Felsen- bedienten sich die Nordländer der Bronzezeit also 
Zeichnung. Ostergötland. 1 |.-. . . „., . . . r , . . , . . . 

einer Art Bilderschrift, um das Andenken an wichtige 

Begebenheiten zu bewahren. Das ist um so interessanter, als auch die mexi- 
kanischen Azteken, die ungeachtet ihrer hoch entwickelten Kultur noch bei 
Cortez' Ankunft im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in der Bronzezeit 
lebten, zwar eine Bilderschrift, aber keine Buchstabenschrift besaßen. Andere 
Völker in Nordamerika bedienen sich noch einer Bilderschrift (Fig. 222) 3 ). Im 
Norden wie in Amerika lebte wohl neben dieser Bildschrift eine mündliche 
Überlieferung, die zum Verständnis notwendig war. Diese Tradition ist un- 
wiederbringlich verloren, und so ist die Hoffnung gering, jemals die dunkle 



\i 



1. 



X4^fc4 YNsiWfaw.OV^ ! 



1) N ilssou, Die Ureinwohner des Skandinavischen Nordens. Das Bronzealter. 2. Aufl. 

(1866), s. 5. 

2) Montelius, in der Sv. Fornm.-förs tidskr., Bd. io, S. 189. 

3) G. Mallery, Pictographs of the North American Indians, in dem Fourth Annual Report 
of the Bureau of Ethnology to the Secretary of the Smithsonian Institution, 1882 — 83 (Washington, 1886). 



Felsenzeichnungen. j 20 

Sprache unserer Felsbilder vollständig zu deuten. Doch sind diese Bilder nicht 
ganz und gar unverständlich, wenn wir nur nicht zu viel von ihnen verlangen, 
Sie erzählen von friedlichen Beschäftigungen und kriegerischen Taten, sie reden 
von Fahrzeugen und Seefahrt, von Landwirtschaft und Viehzucht, von Gebrauch 
der Pferde zum Reiten und Fahren und anderes mehr. 

Felsenzeichnungen dieser Art sind im übrigen Europa sehr selten; einige 
in den Alpengegenden des nordwestlichen Italien vorkommenden stammen 
ebenfalls aus einem sehr frühen Teil der Bronzezeit. l ) 

Außerhalb Europas findet man sie in verschiedenen Ländern, so in 
Amerika, Australien, Südafrika und Sibirien. Auch Ägypten und das westliche 
Asien haben historische Bilder in Felsen gehauen; einige ägyptische Dar- 
stellungen ähneln unseren Felsenzeichnungen sehr, gehören aber einer noch 
älteren Zeit an. Die meisten fremden Felsenzeichnungen sind indessen von 
Völkern ausgeführt, die auf einer bedeutend höheren Entwickelungsstufe standen 
als die Schweden in der Bronzezeit. Nichtsdestoweniger können wir diese 
Bilder miteinander vergleichen. Allen liegt derselbe Gedanke zugrunde, der- 
selbe Wunsch, merkwürdige Ereignisse festzuhalten. Nur die Kunstfertigkeit 
ist verschieden. 

12 345«7 8 9 10 11 12 

222. Moderne Bildschrift. Nordamerika. 2 ) 



6. Gräber. — Religion. 

In der Bronzezeit wurde gewöhnlich über dem Grabe ein Hügel von Erde 
oder Steinen aufgeworfen. Sehr oft ist das in der Mitte des Hügels liegende 
Grab von einem kleineren Steinhaufen bedeckt, und darüber liegt eine starke 



1) Montelius, La civilisation primitive en Italie, Taf. 127. 

2) Die aus Alaska stammende Originalzeichnung wurde im Jahre 1882 erworben mit folgender 
Erklärung eines Eingeborenen: I. Der Berichterstatter, sich selbst mit der rechten Hand bezeichnend 
und mit der linken die Richtung angebend. — 2. Derselbe, ein Ruder haltend (Bootfahrt). — 3. Die 
rechte Hand beim Kopfe (Schlaf), die linke mit einem Finger (eine Nacht). — 4. Kreis mit einem 
Punkt (eine Insel mit Hütten). — 5. Wie 1. — 6. Kreis (eine andere Insel). — 7. Wie 3, aber 
mit zwei Fingern (zwei Nächte). — 8. Eine Harpune in der rechten Hand, die linke auf einen See- 
löwen (9) zeigend. — IO. Bogenschießen. — II. Boot mit zwei Ruderern. — 12. Hütte (Winl 
wohnung). Übersetzung des Ganzen: »Ich fahre mit meinem Boot auf einer Insel zu übernachten; 
seitdem fahre ich nach einer anderen Insel, um zwei Nächte da zu schlafen; ich töte ein - wen 
und kehre zurück nach Hause«. 

Die Eingeborenen bedienen sich solcher Zeichnungen, um ihren Freunden von einer bi 
stehenden Reise Nachricht zu geben. Die Bilder sind auf einem Stück Hol/, gemalt, das man aul 
einem augenfälligen Platz beim Eingange der Hütte aufstellt (vgl. Hoffmann, Transactions of the 
Anthropol. Society, Washington, 1883, S. 134). 

Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. 9 



130 



Die Bronzezeit. 



Erdschicht 1 ). Oft findet man in solchen Hügeln außer dem ursprünglichen 
Grab in der Mitte noch andere spätere Gräber aus der Bronzezeit (Fig. 1 1 8), 
oder sogar aus der älteren Eisenzeit. Nicht selten findet man in der Mitte des 
Grabhügels ein Grab aus der Steinzeit (Fig. 224); der größte Teil des Hügels 
stammt jedoch, wie wir oben (S. 47) gesehen haben, aus der Bronzezeit. 

Die meisten Gräber aus jener Zeit liegen auf Anhöhen mit Aussicht über 
das Meer oder anderes Wasser. Die meisten Steinhügel finden sich auf hohen 
Bergen, und es muß eine außerordentliche Mühe gekostet haben, die vielen Steine, 
die einen solchen Hügel bildeten, auf die Berghöhen zu schaffen (Fig. 223). 

Alle Fälle, in denen, wie bei dem auf Seite 90 beschriebenen Fund, das 
Grab in demselben Zustand erhalten ist, in dem es zugeschlossen wurde, er- 
geben, daß die Leichen vollständig bekleidet in die Särge gelegt wurden, die 




223. Grabhügel von Stein. Bohuslän. 

Männer gewöhnlich mit einer Mütze auf dem Kopf. Über den im Tode 
Schlummernden wurde der Mantel gebreitet und dieser wieder mit einer Tier- 
haut bedeckt, die manchmal alles einhüllte. Ob die Häute von Ochsen oder 
Kühen genommen w T urden, läßt sich nicht ersehen; unseren Vorfahren ver- 
wandte Völker, wie z. B. die Inder, hüllten ihre Leichen in Kuhhäute ein. 

Solche Gräber mit unverbrannten Leichen aus unserer Bronzezeit sind oft 
reich ausgestattet. An der Seite des Mannes liegen seine Waffen, die Frau ist 
mit ihrem Schmuck angetan 2 ). In vielen Gräbern stehen außerdem — wie in 
den Gräbern der Steinzeit und der Eisenzeit — Gefäße aus Ton oder aus Holz, 
die vermutlich einst Nahrungsmittel enthielten. 



1) Einige schwedische Gräber aus der Bronzezeit sind oben (S. 79, 90) erwähnt. Beschreibungen 
von einigen anderen findet man in Iduna, 7 (Stockholm, 181 7), S. 189 (Bosgärden in Skäne), in 
der Antiqv. tidskr. f. Sv., 1, S. 230 (Bäckaryd in Smäland); Mänadsblad, 1884, S. 163 (Hyllie in 
Skäne); Sv. Fornm.-förs tidskr., Bd. 5, S. 16 — 24 (Stora Köpinge und Ramlösa in Skäne, Eldsberga 
und Söndrum in Halland), Bd. 6, S. 58 — 65 (Löddesborg und Ramlösa in Skäne, Eldsberga in 
Halland); Hallands Fornminnesförenings ärsskrift , 1869, S. 75 — 118 (Dömmestorp in Halland): 
Retzius, Crania suecica antiqua, S. 67 — 77. 

2) K. Bahnson, Sepultures d'hommes et de femmes de l'äge du bronze, in den Memoire? 
de la Soc. des Antiqu. du Nord, 1887, S. 251. 



Gräber. 



131 



Zu der Zeit, als man die Leichen verbrannte, wurden die vom Scheiter- 
haufen zusammengesuchten Stücke weißgebrannter Knochen von Erde und 
Kohle gereinigt, ehe sie in das Grab, oft ein Tongefäß (Fig. 226 — 228), gelegt 
wurden. Im allgemeinen enthalten die Gräber jener Zeit nicht so viele und 
kostbare Gegenstände wie die aus der älteren Zeit. Besonders findet man 
dort selten Waffen. An Stelle des in der älteren Bronzezeit allgemeinen Ge- 




224. Grabhügel bei Eldsberga in Hailand. 1 ) 



brauches, an die Seite des toten Kriegers sein Schwert zu legen, findet man 
bisweilen in der jüngeren Bronzezeit aus Bronze gefertigte Miniaturnachbildun^en 
von Schwertern. Vielleicht war in den Gräbern für die wirklichen Waffen kein 
Platz, vielleicht hielten aber auch die Hinterbliebenen es für unnötig, sich des 
Toten halber brauchbarer Waffen zu entledigen, und ersetzten sie durch die 
kleinen Nachbildungen, um nicht ganz mit der traditionellen Sitte zu brechen. 
Man könnte aber auch an die Vorstellungen anderer Völker auf gleicher Kultur- 

1) Bei dem von einem niedrigen Hügel umgebenen Ganggrab wurde in der älteren Bronze- 
zeit zwei eichene Särge gestellt und von einem großen Hügel bedeckt, dessen Kern von Rollstcinen 
gebildet war. Aus der späteren Bronzezeit stammen einige Gräber mit gebrannten Knochen, dii 
den Hügel hincin^esetzt wurden. Montelius, Der Orient und Europa, S. 122. 

9* 



132 



Die Bronzezeit. 



stufe denken, wonach die Seele des Schwertes der Seele des Toten in die 
andere Welt folgte, wenn nur ein Abbild dieser Waffe neben dem Toten 
niedergelegt wurde. Dafür spricht, daß man in einem Grab in Skäne aus der 
fünften Periode, als das Eisen hier noch sehr selten und teuer war, ein Miniatur- 
schwert aus Eisen fand (Fig. 225). Denn in diesem Fall können Sparsamkeits- 
rücksichten nicht mitgesprochen haben. 

Schon in der Steinzeit machte sich, wie wir gesehen haben, ein Einfluß der 
südlichen Völker auf die nordischen Grabformen bemerkbar. Die Dolmen und 
dann die Ganggräber waren durch einen solchen Einfluß hier allgemein ge- 
worden. Ebenso treffen wir auch in der Bronzezeit zu verschiedenen Zeiten 
Beweise für einen fremden Einfluß in bezug auf die Grabgebräuche an. 

In der älteren Bronzezeit wurde es in Skandinavien, wie in vielen 
anderen Ländern 1 ), üblich, über dem Grab einen mächtigen Hügel 
aus Erde oder Steinen aufzuwerfen, der durch seine Größe sich von 
den niedrigen Grabhügeln um die Steingrabkammern der Steinzeit 
augenfällig unterscheidet. 

Gegen Ende der Bronzezeit tritt auch bei uns die in süd- 
licheren Teilen Europas zur selben Zeit allgemeine Sitte auf, die 
Reste der verbrannten Leichen in Tongefäßen zu bestatten, ohne 
daß irgend ein Hügel die Stätte des Grabes angab. Mehrfach hat 
man solche Tongefäße an Stellen gefunden, wo der Boden ganz 
eben war und nichts den Begräbnisplatz ahnen ließ. In Mittel- 
europa und Norditalien sind ähnliche Gräberfelder zur selben Zeit 
gebräuchlich gewesen. 

225. Symbo- £) er Zusammenhang mit dem Süden zeigt sich auch in der 

lischesSchwert t-« . , ™ r-n j- ■ ••<. r> 1 

.borm vieler longelaße, die in unserer spateren Bronzezeit als 
aus Eisen. ° 

Skäne V Aschenurnen gebraucht wurden. 

So hat man in Schweden, Dänemark und in dem norddeutschen 
Gebiet um die untere Elbe mehrere Tongefäße gefunden, deren Form für ein Gefäß 
sehr auffallend ist, indem sie mehr oder weniger treue Abbildungen einer Hütte 
sind mit Tür und Dach (Fig. 132 und 228). Ahnliche »Hausurnen« kommen 
in Mittelitalien vor 2 ). Die Idee derselben ist offenbar, den Überresten des auf 
dem Scheiterhaufen Verbrannten eine letzte Ruhestätte zu geben, die in der 
Form der Hütte möglichst glich, in welcher der Lebende gewohnt hatte. Ver- 
gleicht man die nordischen und italienischen Hausurnen, zeigt sich indessen, 
daß jene — besonders solche wie die Fig. 132 abgebildete aus Norddeutschland, 
mit sehr hohem Dache — nicht Nachbildungen der italienischen Hausurnen 
sein können, sondern daß ihnen nur die Idee gemeinsam ist. Hier, wie auch 



1) So hat man z. B. in den Kaukasusländern große Grabhügel aus der Bronzezeit entdeckt, 
welche wie die nordischen aus einem von Erde bedeckten Steinkern bestehen. Verh. d. Berl. Anthr. 
Ges., 1896, S. 80; 1898, S. 322; 1901, S. 129. 

2) Montelius, La civilisation primitive en Italie, Taf. 133 und 134 A (Rom), 135 — 40 
(Latium), 175 (Vetulonia), 275 (Corneto). 



Gräber. 



133 




227. Tongefäß. 
Blekinge. 1 j i 



bei den Dolmen und Ganggräbern, ist es die Idee, die aus dem fremden Lande 
übernommen wurde. 

Auch sonst kann man den Einfluß Italiens auf den Norden in der Bronze- 
zeit konstatieren. Mehrere unserer Tongefäße aus dem späteren Teil dieser 
Periode, die gebrannte Knochen enthielten, zeigen in ihrer bikonischen Form 
(Fig. 227) große Ähnlichkeit 



mit denjenigen, die in Italien 
für die Übergangszeit von 
der Bronze zum Eisen, die in 
Italien sogenannte Villanova- 
zeit, charakteristisch sind 1 ). 
Die Ähnlichkeit ist so groß, 
auch in bezug auf die um- 
gekehrten Schälchen, die als 
Deckel dienten, daß die nor- 
dischen Tongefäße zweifel- 
los als Nachbildungen der 
italienischen anzusehen sind. 

Wichtiger noch als 
alles dies ist es, daß einige 
hundert Jahre nach Beginn 
der Bronzezeit unsere Vor- 
fahren zu einer ganz und gar 
verändertemBehandlung der 
Verstorbenen übergingen. 

Im Anfang der Bronze- 
zeit wurden nämlich diese 
unverbrannt bestattet, wie 
in der Steinzeit. Aber in der 
zweiten Periode der Bronze- 
zeit, um die Mitte des 
zweiten Jahrtausends vor 
Christi Geburt, fängt man 
bei uns an, die Toten zu 
verbrennen, und bald wurde 
dies allgemein. Auch hier 



226. Tongefäß. Skäne. 1 / 5 . 







228. Hausurne von bemaltem Ton. Skäne. 



machte sich unverkennbar 
ein Einfluß aus dem Süden 

geltend, da die Leichenverbrennung gerade in den Ländern, mit denen der 
Norden in Verbindung stand, zur selben Zeit oder kurz vorher allgemein herr- 
schend wurde. 

Diese Veränderung ist in höchstem Grade auffallend. Früher suchte 
man, den Toten eine sichere Ruhestätte im Grab zu bereiten, und gab ihnen 

i) La (Zivilisation primitive en Italic, Tal". 41, 93, 94. 



j -> i Die Bronzezeit. 

für die Fahrt ins Jenseits alles mit, was man für nötig hielt, da man sich das 
Leben dort ungefähr als eine Fortsetzung des diesseitigen Lebens vorstellte. 
Nun läßt man das Feuer in einer kurzen Stunde den ganzen Körper verzehren. 

Man hat verschiedene Erklärungen für diese Veränderung versucht. Einige 
halten dafür, daß man sich gegen die Gefahr sichern wollte, daß der Tote 
»umgehe« und die Lebenden quäle oder ihnen schade. Andere stellen sich 
vor, daß man durch die Zerstörung des Körpers der Seele erleichtern .zu 
können vermeinte, sich vom Irdischen zu lösen. Dafür kann angeführt werden, 
daß man von amerikanischen Völkern, die ihre Toten verbrannten, wirklich 
weiß, daß sie es taten, um die Seele zu befreien, damit sie, losgelöst von dem 
Körper, in der anderen Welt weiter leben könne. Ähnliche Vorstellungen 
treffen wir im homerischen Griechenland. Und aus Nordeuropa, wenn auch 
aus späterer Zeit, haben wir eine Bestätigung dieser Erklärung. Wir kennen 
ein Zwiegespräch zwischen zwei Männern, während das Feuer des Scheiter- 
haufens eine Leiche verzehrte. Der eine gehört einem Volke an, das die 
Leichen unverbrannt beerdigte; der andere einem Volk, das die Toten ver- 
brannte. Der letztere sagt: »Ihr seid doch ein dummes Volk. Ihr nehmt den 
Mann, der euch von allen der liebste und geehrteste ist, und werft ihn in die 
Erde, wo ihn kriechende Tiere und Würmer fressen. Wir hingegen verbrennen 
ihn in einer kurzen Stunde, so daß er unmittelbar und ohne langes Warten in 
das Paradies eingeht.« Darauf setzt er, vor Freude lachend, hinzu: »Die Liebe, 
die sein Herr und Gott für ihn hegt, macht, daß der Wind schon bläst und 
ihn in einem Augenblicke mit sich nimmt.« Das Gespräch hat der Mann 
aus dem Land aufgezeichnet, in dem man die Leichen unverbrannt beerdigte. 

Mögen die Ursachen nun gewesen sein, welche sie wollen, sicher ist, daß 
die Leichenverbrennung eine Revolution oder Evolution in den Vorstellungen 
über das Leben nach dem Tod bedeutet. 

Eine solche Evolution hat jedoch nicht bei allen Völkern stattgefunden. 
In Ägypten und in Palästina hat man die Bestattung beibehalten; und da das 
Christentum in einem Volk entstand, das seine Toten nicht verbrannte, ist auch 
das Begraben unverbrannter Leichen für die christliche Kirche die einzige Be- 
stattungsart geblieben. 

Von so viel größerer Bedeutung war die Leichenverbrennung für die 
arischen, die indogermanischen Völker, zu denen unsere Vorfahren gehörten. 
Bei den arischen Völkern scheint man mit Verbrennung der Toten kurz vor 
Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus angefangen zu haben, also nicht 
lange, ehe diese Sitte hier im Norden aufkam. 1 ) 

Wir haben besonderes Gewicht darauf zu legen, daß die Einführung der 
Leichenverbrennung keineswegs bedeutet, daß der Glaube an ein Leben nach 
dem Tode in der Art, wie er bisher bestand, aufgehört hätte. Bei den Völkern, 
die ihre Toten verbrannten, lebte er ebenso weiter wie bei denen, die sie be- 



i) Die Angaben, daß Leichenverbrennung in einigen europäischen Ländern schon während 
der Steinzeit stattgefunden haben sollte, scheinen mir nicht zuverlässig genug zu sein. 



Religion. 



135 



erdigten. Die Gräber mit verbrannten Knochen zeigen durch ihren Inhalt, daß 
man noch immer glaubte, die Verstorbenen hätten ungefähr dieselben Bedürf- 
nisse wie die Lebenden. 

Die Leichenverbrennung bezeichnet eine reinere und höhere Auffassung 
des Lebens im Jenseits; nur war diese immaterielle Auffassung zunächst noch 
ganz mit den alten materiellen Vorstellungen des Fortlebens versetzt. 



In der Bronzezeit, wie in der vorangegangenen Periode, glaubten unsere 
Vorväter also an ein Leben nach dem Tode, das in den Hauptsachen sich un- 
gefähr wie das Erdenleben fortsetzte. 

In der Bronzezeit, wie in der 
Steinzeit, finden wir Spuren von 
Opfern für die Toten und von 
Ahnenkultus. Bei Untersuchung 
eines großen Grabhügels bei Ham- 
marlöf in Skäne, in der Nähe von 
Trelleborg, habe ich auch mitten 
unter dem Hügel die Überreste 
eines Eichensarges mit einer der 
älteren Bronzezeit angehörigen un- 
verbrannten Leiche und einen run- 
den, aus Rollsteinen gebauten ein- 
fachen Altar gefunden, auf dem 
Kohle und Knochen lagen, wahr- 
scheinlich Tierknochen. Auf dem 
Altar, der wie der Sarg mit dem 
mächtigen Hügel bedeckt worden 
war, war offenbar ein Opfer ver- 
richtet worden. 



Viele Umstände beweisen, 
daß der Kultus des Sonnengottes, 22 9- Axt aus dünner Bronze, über einen Tonkern 

welcher ebenfalls in der vorher- ^ ossen - mit Gold und Bernstein verziert 

,,_,., .... Södermanland. i / i . 

gehenden renode nachweisbar ist, 

in der Bronzezeit allgemein bei uns fortbestand. Seine Symbole sind auch aus 

dieser Zeit häufig anzutreffen. 

Dazu gehörte, wie wir schon gesehen haben, vor allem die Axt. Bei 
Skogstorp im westlichen Södermanland fand man 1864 zwei prächtige Bronze- 
äxte mit Gold und Bernstein verziert (Fig. 229). *) Sie sind nicht mau mdern 
lediglich von dünner Bronze, die über einem noch darin befindlichen Kern von 
Ton gegossen ist, haben also weder als Waffen noch als Werzeug gedient. 
Beim ersten Hiebe wären sie zersprungen. Aus Skäne kennt man eine ganz. 




I) G. Stephens, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., [866, S. 120. — C. F. Herbst. 

ebenda, S. 124. 



136 



Die Bronzezeit. 



ebensolche Axt; ob auch dort zwei Exemplare gefunden würden, weiß man 
nicht. Ferner hat man in Jütland zwei zusammengehörige Bronzeäxte derselben 
Form, wie die drei schon erwähnten, aus dünner Bronze über einem Kern von 
Ton gegossen, ausgegraben. Daß solche Äxte also wenigstens zweimal paar- 
weis gefunden wurden, ist um so bemerkenswerter, als zwei Äxte auch auf 
einem Wandstein im Kiviksgrab abgebildet sind; sie haben auch dieselbe Form 
wie die eben beschriebenen (Fig. 230). 

Ein anderes Symbol des Sonnengottes war das Rad, gewöhnlich vier- 
speichig. Unzählige solcher Räder sind auf den Felsenzeichnungen zu sehen; 
sie sind derart angebracht, daß sie nicht als wirkliche Räder erklärt werden 
können, sondern als Symbole betrachtet werden müssen. Sie finden sich auch 
auf den Wandsteinen des Kivikgrabes (Fig. 231). Eine Reihe vierspeichiger 
Räder zieren den prächtigen Bronzebeschlag, den man vor vielen Jahren aus 
einem Torfmoor bei Balkäkra in der Nähe von Ystad entnahm (Fig. 232). In 




j^_^**i 




^f|#^^ -_ 



230 und 231. Zwei der Wandsteine in der Grabkammer von Kivik in Skäne. 



der Mitte eines jeden Rades ist ein rundes Loch, der Öffnung für die Achse 
an einem wirklichen Rad entsprechend. Zum Beschlag gehört eine große Bronze- 
scheibe, mit punktierten Ornamenten geschmückt, die den Abbildungen der 
strahlenden Sonne gleichen, w T ie man sie aus dem Altertum kennt. Nach alle- 
dem ist es unzweifelhaft, daß diese Bronzen, die aus der ersten Periode der 
Bronzezeit stammen, bei Anbetung des Sonnengottes benutzt wurden. 1 ) 

Ein bronzenes Rad, mit Strahlen umgeben (Fig. 233), gehörte dem unten 
besprochenen Funde von Eskelhem auf Gotland. 

Da man sich die Sonne in einem Boote fahrend vorstellte, gehört auch 
das Boot zu den Sonnensymbolen. Unter den vielen Fahrzeugen, die wir auf 
den Felsenzeichnungen sehen, dürften verschiedene eher als Symbole, denn als 
wirkliche Fahrzeuge aufzufassen sein. Dasselbe gilt von verschiedenen ähn- 



1) Man hat früher angenommen, daß sie ein größeres hölzernes Gefäß schmückten und sie 
sind daher so abgebildet, wie wir sie hier sehen. Es ist indessen mehr wahrscheinlich, daß sie um- 
gekehrt gezeichnet werden sollten, indem die Scheibe auf einem Altar lag, der von dem Beschlag 
oben umgeben war. 



Religion. 




232 a. Bronzezierat eines Altars (?). Die Räder waren wahrscheinlich nach unten gerichtet. 

Skäne. */ 4 . 




232b. Die runde sonnenähnliche Bronzescheibe der Fi^ T . 232a; 
sie hatte wahrscheinlich ihren Platz auf dem Altar. 



138 



Die Bronzezeit. 



liehen Abbildungen auf Messern und anderen hier im Norden gefundenen Bronzen 
aus jener Zeit. Und symbolisch sind offenbar die kleinen Boote aus dünnem 
Gold, mit Rippen aus schmalem Bronzeband, die zu ungefähr hundert in einer 
mit einer kleinen Steinplatte bedeckten Tonurne bei Nors in Jütland gefunden 
wurden. Eines davon ist Fig. 234 abgebildet. 






233. Große Bronzescheibe, von zwei Seiten gesehen. Gotland. *j 2 . 



Unter anderen Symbolen kommen auf den Felsenzeichnungen auch paar- 
weis gestellte Fußabdrücke mit oder ohne sichtbaren Zehen vor. Solche Füße 
hatten in andern Ländern und haben noch heute bei den buddhistischen Völkern 
eine heilige Bedeutung. 

Gefäße, die zu religiösem Gebrauch wahrscheinlich bestimmt waren, sind 
unter anderem das Fig. 202 abgebildete große prächtige, aus Italien eingeführte 
Bronzegefäß aus einem Torfmoor bei Bjärsjöholm, nicht weit von Ystad, und 
ein paar Schalen aus Gold. Eine solche Schale aus Blekinge ist Fig. 235 ab- 



Religion. 



139 




234. Symbolisches Boot aus Gold, von drei Seiten gesehen, 
mit Durchschnitt. Dänemark. 2 / 3 . 



gebildet, eine andere stammt von »Smörkullen« im Kirchspiel Skrea, Halland. 1 ) 
Der Name »Smörkullen« (Salbenberg) selbst, der auch an einigen anderen 
Stellen in Schweden vorkommt, ist von Interesse, da er auf Salbungen oder 
ähnliche religiöse Handlungen, die auf dem Platze verrichtet wurden, hindeutet. 

Daß diese Goldschalen 
Opfergefäße w r aren, wird da- 
durch bestätigt, daß ver- 
schiedene solche Schalen, 
jede mit einem pferdekopf- 
ähnlichen Henkel, am Rande 
eines kleinen natürlichen, 
jedoch künstlich umgeform- 
ten Hügels »Borrebjerg« bei 
Boslunde auf Själland ge- 
funden wurden. Der Hügel 
hatte noch im Anfang des 
neunzehnten Jahrhunderts die Form einer stumpfen Pyramide mit drei 
Terrassen. Die Spitze bildete ein quadratischer Plan, jede Seite war an 53 m 
lang, jede Terrasse maß ungefähr 10 m in der Höhe und 3,50 m in der 
Breite. Zwei von den Goldschalen sind 1842 nahe der Spitze und vier 1874 
an dem nördlichen Rand auf der mittleren Terrasse gefunden worden. Es ist 
mehr als wahrscheinlich, daß sich in der Bronzezeit ein Tempel oder Altar auf 
der Spitze der Pyramide erhob, an deren Fuß jetzt eine Kirche liegt. 2 ) Auch 
im Orient hat es ja Tempel auf solchen Stufenpyramiden gegeben. 

Elf ähnliche Goldschalen 
wurden in einem großen Bronze- 
gefäß derselben Form wie Fig. 202 
in einem Torfmoor bei Lavinds- 
gärd, in der Nähe von Odense 
auf Fünen, entdeckt. 

Als heilige Gefäße sind wahr- 
scheinlich auch die zu betrachten, 
welche auf kleinen, auf vier Rädern 
laufenden Bronzewagen standen. 
Fig. 201 zeigt einen solchen Wagen, 
der 1855 aus einem Torfmoor bei 
Ystad gezogen wurde. Das früher 
irgend etwas von diesem Wagen 

getragen wurde, zeigen die aufrecht stehenden Stützen, die in diesen vorhandenen 
Nietlöcher und ein noch darin festsitzender Nietnagel. Daß es ein Broi faß war, 

ist zweifellos, da ein solches Gefäß von der Form, wie die Abbildung zeigt, aut 

1) Antiqu. sued., Fig. 24'j. 

2) H. Petersen, in A. P. Madscn's Afbildninger af danske Oldsager, B 
Taf. XXVIII). 




W 



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235. Goldschale. Blekirjge. 



2 



140 



Die Bronzezeit. 



einem ganz ebensolchen Bronzewagen ruht, der in einem Grabhügel bei Peccatel 
in Mecklenburg, nahe bei Schwerin, gefunden wurde. 1 ) 

Votiv- oder Opfergegenstände haben wir schließlich ohne Zweifel in 
mehreren mit Absicht niedergelegten größeren und kleineren Sammlungen von 
Bronzen aus dieser Zeit, die an vielen Orten gefunden wurden, entweder in 
der Erde oder in Torfmooren. 2 ) Diese Depotfunde sind offenbar derselben 
Art wie die oben (Seite 56) besprochenen aus der Steinzeit. 3 ) 

In der Nähe von Eskelhem Kirche auf Gotland machte man vor einigen 
Jahren einen solchen, aus der Zeit um 600 v. Chr. stammenden Fund, der offen- 
bar mit der Gottesverehrung in der älteren Bronzezeit zusammenhängt. Beim 
Umgraben eines Ackers wurden zwei Pferdegebisse, zwölf runde Beschläge 
(Fig. 121 und 123), einige andere zum Pferdegeschirr gehörende Zierate, eine 
große runde, durchbrochene Scheibe (Fig. 233) mit Bronzegehängen, die gegen 
die Scheibe klingen, wenn sie geschüttelt werden, die Überreste von drei Ge- 
fäßen und anderes mehr gefunden, alles aus Bronze, außer dem einen Gebiß, 
das teilweise aus Eisen ist. Offenbar gehörten diese Metallsachen zu einem 
mit zwei Pferden bespannten Wagen. Die große, ehedem wie Gold glänzende 
Scheibe, die aller Wahrscheinlichkeit nach am vorderen Ende der Deichsel 
zwischen den beiden Pferdeköpfen hing, stellte die Sonne vor: die Mitte hat 
die Form eines vierspeichigen Rades, von dem eine Menge von Strahlen aus- 
gehen. Daß der Fund in der Nähe der Kirche von Eskelhem gemacht wurde, 
ist beachtenswert, weil hier, wie an anderen Orten, nicht nur im Norden, die 
christliche Kirche auf dem Platz errichtet worden ist, wo seit Jahrtausenden 
Gottesdienst gefeiert worden war. 4 ) 

Wir werden unten sehen, daß bei Dejbjerg in Dänemark zwei Wagen 
aus der Zeit kurz vor Christi Geburt gefunden wurden, die ebenfalls religiösen 
Zwecken gedient haben. Wie der Fund von Eskelhem erinnern sie an die Er- 
zählung des Tacitus 5 ) von der Göttin Nerthus, die »auf einer Insel im Ozean« 
einen heiligen Hain hatte, und deren Bild auf einem mit Kühen bespannten 
zeltbedeckten Wagen von einem Priester aus dem Hain in die ihn umgebende 
Gegend gefahren wurde, wo dann aller Streit ruhte und allgemeiner Friede 
herrschte. 



1) Montelius, im Mänadsblad, 1873. 

2) Votivfunde und andere Depotfunde aus Schweden sind beschrieben: M. Bruzelius, in 
Iduna, 6, S. 49 (Wemmerlöf in Skäne). — Montelius, in Bidrag tili kännedom om Bohusläns 
fornminnen, I, S. 271 (Wegstorp und Hogstorp in Bohuslän, nebst Verzeichnis der wichtigeren aus 
Schweden bekannten Depotfunde). — H. Hildebrand, im Mänadsblad, 1878, S. 687 (Torpa in 
Smäland). — Montelius, ebenda, 1880, S. 129 (Pile in Skäne); 1884, S. 180 (Sylstorp und 
Ynglingarum in Skäne); und in der Sv. Fornm för s _ tidskr., Bd. 6, S. 72 (Stenbro auf Gotland). 

3) Worsaae, Sur quelques trouvailles de Tage du bronze faites dans les tourbieres, in den 
Memoires de la Soc. des Antiqu. du Nord, 1866, S. 61. — S. Müller, Trouvailles danoises d'ex- 
voto, ebenda, 1887, S. 225. — Vgl. H. Petersen, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1890, S. 234. 

4) Montelius, im Mänadsblad, 1887, S. 145 folg. 

5) Germania, c. XL. 



Vorstellungen vom Übernatürlichen. 



141 



Natürlich will ich die Erzählung des Tacitus nicht gerade auf Eskelhem 
oder Dejbjerg beziehen, nur glaube ich, daß die Funde an diesen beiden Orten in 
Zusammenhang mit ähnlichen Gebräuchen stehen, die folglich älter sind als die 
Zeit des Tacitus, wie wir unten sehen werden, daß sie sich auch noch lange 
nach dessen Zeit erhalten haben. 

Ein paar eigentümliche Grabfunde aus der Bronzezeit geben uns uner- 
warteterweise eine Ahnung von einigen Vorstellungen unserer Vorväter vom 
Übernatürlichen. 

In einem Hügel bei Hvidegärd, nicht weit von Kopenhagen, fand man 
1845 e i ne mannslange Steinkiste, in der auf einer Tierhaut ein kleiner Haufen 
gebrannter Menschenknochen in einem Mantel von Wollstoff lag; daneben ein 
Bronzeschwert in seiner Scheide, eine Bronzefibel und ein Lederfutteral, das 
folgende Gegenstände enthielt: ein Stück einer Bernsteinperle, eine kleine 
Mittelmeerschnecke, einen Würfel aus Kiefernholz, den Schwanzteil einer Schlange, 
eine Vogelklaue, den Unterkiefer eines jungen Eichhörnchens, einige kleine Steine, 
eine kleine Zange und zwei Messer aus Bronze, eine Lanzenspitze aus Feuer- 
stein in ein Darmstück eingenäht, so daß sie nicht herausgenommen werden 
konnte; auch die beiden Bronzemesser waren mit Leder umwickelt. Das Grab 
stammt aus dem Anfang der dritten Periode. 1 ) 

Einen ähnlichen Fund machte man 1888 in »Maglehöi«, einem Grabhügel 
bei Frederikssund auf Själland. 2 ) Eine kurze Steinkiste enthielt außer gebrannten 
Knochen ein kleines Gefäß, ein Messer, eine Fibel und einen Knopf, alles aus 
Bronze und dem Ende der dritten Periode, der Zeit um 1 100 v.Chr., angehörig. 
Obgleich das Gefäß durch einen Deckel aus Bronze verschlossen war, so daß 
nichts später hineingekommen sein kann, fand man darin: einen längsgespaltenen 
und an der Wurzel abgebrochenen Pferdezahn mit glänzenden, wie abgeriebenen 
Bruchflächen; ein Stück eines anderen Zahnes, offenbar auch von einem Pferd; 
Stücke eines Wieselskeletts; ein durch Reiben geglättetes Stück der Klaue eines 
Luchses oder anderen Katzentieres; das Knochenstück eines sehr jungen Säuge- 
tieres (Lamm oder Reh?); einen Teil der Luftröhre eines Vogels; drei Glieder 
eines Schlangenskeletts und einige Stückchen gebrannter Knochen; einen kleinen 
Ebereschenzweig, ein Stück Holzkohle, wahrscheinlich von einer Espe; zwei 
Stücke Schwefelkies, ein paar andere kleine Steine, zwei Stückchen eines Bronze- 
messers und einen am einen Ende umcrebog-enen Bronzedraht. 

Fast alle die Tiere, von denen man Teile im Maglehöi-Grab fand, haben 
später und bis auf unsere Zeit als Heilmittel oder Amulette eine Rolle im 
Volksglauben gespielt. Dasselbe gilt von der Eberesche. Die Reibspuren an 
den Zähnen und der Klaue beweisen, daß diese lange im Gebrauch gewesen 
waren. Die kleinen Steine hatten sicherlich auch irgend eine übernatürliche 



1) C. F.Herbst, in den Annaler for nordisk Oldkyndighed, [848, v . $36. 

2) W. Boyc, in den Mmioires de la Soc. d. Antiqu. du Nord, [890, S. 22. 



\A2 Die Bronzezeit. 

Bedeutung, wie die Steinäxte und Feuersteinspitzen, von denen man glaubte, 
sie seien vom Himmel gefallen, und die in vielen Ländern noch heute zu Zau- 
bereien angewendet werden, wie wir im Vorangehenden gesehen haben (S. 68). 
Man glaubte Kranke durch Berührung eines solchen Steines oder durch 
Waschungen mit Wasser, das über einen solchen Stein gelaufen war, zu heilen, 
oder ließ die Kranken das Wasser trinken. Auch im Hvidegärdgrab lag ja 
eine sorgfältig eingenähte Feuersteinspitze. 



DIE EISENZEIT 

(VON DER MITTE DES ERSTEN JAHRTAUSENDS VOR CHRISTUS BIS 
ZUR MITTE DES ELFTEN JAHRHUNDERTS NACH CHR.). 




er Ausdruck Eisenzeit bezeichnet, wie wir schon gesehen haben, den 
Teil der Heidenzeit, in dem das Eisen bekannt war. Halten wir uns 
nur an die Bedeutung des Wortes und bedenken wir, welche Rolle 
Stahl und Eisen gerade heutzutage spielen, so könnte man sagen, wir befinden 
uns noch in der Eisenzeit, aber für den Altertumsforscher endigt die Eisenzeit 
Schwedens mit dem Sieg des Christentums über die heidnischen Götter. 

In der Eisenzeit lernten die Einwohner Schwedens außer Eisen und Stahl 
noch Silber, Glas, Elfenbein, geprägte (ausländische) Münzen kennen, ferner die 
Kunst zu löten, Metalle zu vergolden, und anderes mehr. Und da das Eisen 
mit den damals zu Gebote stehenden Mitteln nicht wie die Bronze gegossen 
werden konnte, gewann die Schmiedekunst eine ganz andere Bedeutung als in 
der Bronzezeit. Eine der wichtigsten Neuheiten war aber die Schreibkunst, 
mit der sich die Nordländer bereits in der älteren Eisenzeit vertraut zeigen. 
Die ältesten Schriftzeichen im Norden, und zugleich die einzigen in der ganzen 
Heidenzeit hier angewandten, sind die Runen. 

Durch umfassende Untersuchungen der unzähligen bekannt gewordenen 
Funde aus unserer Eisenzeit ist es möglich geworden, mehrere — meiner An- 
sicht nach acht — Perioden in der langen Zeit vom Anfang der Eisenzeit bis 
zur Einführung des Christentums zu unterscheiden. *) Und mit Hilfe der Tau- 
sende von Münzen und anderer fremder, chronologisch bestimmbarer Arbeiten, 



H. Hildebrand, Svenska folket under hednatiden (Stockholm, 1866; 2. Aufl., 1872). — 
Derselbe, Das heidnische Zeitalter in Schweden, übersetzt von J. Mestorf (Hamburg, 1873). — Der- 
selbe, Den äldre jernäldern i Norrland, in der Antiqv. tidskr. f. Sv., Bd. 2. — Derselbe, Jernäldern 
pä Gotland, im Manadsblad, 1878, 1879 und 1885. — B. E. Hildebrand und H. Hildebrand, 
Teckningar ur svenska Statens historiska Museum (Stockholm, 1873 — 1883). — Montelius, Fr.in 
jernäldern (Remains from the Iron Age of Scandinavia, Stockholm, 1869). — F. J. Baehrendtz, 
Fynd frän den äldre jernäldern i Kalmar Hin, in der Sv. Fornm.-ibr s # tidskr., Bd. 7, S. 215. — L. F. 
Palmgren, Undersökningar i Smäland, ebenda, Bd. 2 und 4. — G. Adlers, Arkeologiska under- 
sökningar i Medelpad, im Manadsblad, 1898 — 1900. — S. B. Ulfsparre, Svenska fornsaker (Stock- 
holm, 1874). — I. Undset, Jernalderens begyndelse i Nord-Europa (Christiania, 1881). — Derselbe, 
Das erste Auftreten des Eisens in Nord-Europa, übersetzt von J. Mestorf (Hamburg, 1SS2). 

I) Montelius, De förhistoriska perioderna i Skandinavien, im Manadsblad, 1893. — Der- 
selbe, Den nordiska jernälderns kronologi, in der Sv. Fornm.-för s tidskr., Bd. 9 und IO. 
Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. IO 



146 Die Eisenzeit. 

die in den schwedischen Funden enthalten sind, ist es sogar verhältnismäßig 
leicht, die Jahrhunderte zu bestimmen, die diesen Perioden entsprechen. Hier 
wollen wir indessen nur folgende vier große Abteilungen der Eisenzeit in 
Schweden betrachten: 

I. Die vorrömische Eisenzeit oder die Zeit, ehe der Einfluß der römischen 
Kultur bis zum Norden vordrang. Diese Zeit entspricht etwa den letzten 
fünfhundert Jahren vor Christus. 

II. Die römische Eisenzeit oder die Zeit des eben erwähnten Einflusses. 
Vom Anfang unserer Zeitrechnung bis ungefähr 400. 

III. Die Zeit der Völkerwanderungen. Von ungefähr 400 bis ungefähr 8oo, 

IV. Die Vikingerzeit. Von ungefähr 800 bis zur Mitte des elften Jahr- 
hunderts. 



I. DIE VORRÖMISCHE EISENZEIT. 

(Von der Mitte des letzten Jahrtausends vor Christi Geburt bis zum Anfang 

unserer Zeitrechnung.) 




ir, die wir in der Zeit des Dampfes und der Elektrizität leben, können 
uns nur schwer vorstellen, wie Menschen Zehntausende von Jahren auf 
der Erde leben konnten, ohne den Gebrauch des Eisens zu kennen. 
Wir können es um so schwerer verstehen, da, wie wir wohl wissen, unsere ganze 
heutige materielle Kultur ohne den reichlichen Verbrauch von Eisen undenkbar 
ist. Theoretisch gibt es wohl kein Hindernis, eine Dampfmaschine, eine Loko- 
motive aus Bronze zu bauen, man kann sich statt Eisenschienen Bronzeschienen 
denken und folglich Bronzebahnen statt Eisenbahnen. Aber jeder sieht ein, daß in 
der Wirklichkeit Dampfmaschinen, Dampfschiffe und Bahnzüge unmöglich wären, 
wenn wir nicht Eisen, sondern nur Bronze hätten, deren Bestandteile verhältnis- 
mäßig sparsam in der Natur vorkommen und deren Mischung folglich zu teuer 
ist und immer bleiben wird, um in solchen Mengen verwendet zu werden, wie 
man dazu nötig hätte. Noch unmöglicher als die Verwendung des Dampfes 
wäre diejenige der Elektrizität, denn weder Telegraphen und Telephone noch 
Dynamomaschinen sind ohne Eisen denkbar. 

Da letztgenanntes Metall eine so große Rolle in der Kulturgeschichte 
spielt, ist es natürlich, daß die Frage von seinem ersten Auftreten im allge- 
meinen — und für uns Nordländer besonders die von seinem ersten Auftreten 
in unserem Gebiet — vom höchsten Interesse ist. 

Zu unserer Überraschung erfahren wir indessen, daß die neuesten For- 
schungen ergeben, wie spät das Eisen entdeckt wurde. Diese Entdeckung 
wurde, wie man erwarten konnte, im Süden gemacht, wo die Wiege der 
menschlichen Kultur stand, aber erst lange nachdem die Kultur in diesen 
Ländern bereits einen hohen Grad der Entwickelung erreicht hatte. Von 
Ägypten, dessen ältere Geschichte heute weit besser bekannt ist als noch vor 
einigen Menschenaltern, wissen wir, daß das Eisen nicht vor dein Anfang des 

10* 



148 



Die vorrömische Eisenzeit. 



fünfzehnten Jahrhunderts v. Chr. im Gebrauch war. 1 ) Wahrscheinlich wurde es 
erst etwas später dort bekannt, folglich einige Generationen nach Moses und 
ein paar Jahrtausende nach der Zeit der großen Pyramiden, die ohne Zuhilfe- 
nahme von Eisen oder Stahl erbaut wurden. 

Alles was wir von den übrigen Ländern des Orientes kennen, spricht da- 
für, daß das Eisen weder in der Euphratgegend noch in Westasien älter ist, 
als die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus. 

Die Kenntnis des Eisens, das seitdem von so außerordentlicher Bedeutung 
für die Menschen geworden ist, verbreitete sich langsam. Wir, die wir erlebt 
haben, wie die entferntesten Länder der Welt einander nahe gerückt werden 
und eine gleichmäßige Kultur sich über einen großen Teil der bewohnten Erde 
ausbreitet, wir, die wir an den schnellsten Austausch von Ideen und Entdeckungen 
zwischen den verschiedenen Völkern gewöhnt sind, können kaum verstehen, 
wie es Jahrhunderte dauern konnte, bis das Eisen vom Mittelmeer seinen Weg 
an die Ostsee fand. Und doch war es so. 

Bis vor kurzem nahm man an, daß es noch länger gedauert hätte. Man 
glaubte, das Eisen sei in Ägypten und Westasien schon viele Jahrtausende 
vor Christi Geburt bekannt gewesen und die Eisenzeit habe im Norden erst 
mit unserer Zeitrechnung begonnen; es ist sogar noch nicht viele Jahrzehnte 
her, daß der Anfang der Eisenzeit in Südskandinavien sogar erst viele hundert 
Jahre nach Christus angesetzt wurde. 

Jetzt wissen wir, daß der Zeitraum zwischen dem ersten Auftreten des 
Eisens im Süden und im Norden nicht so groß ist. 

In Griechenland und Italien wurde das Eisen gegen das Ende des 2. vor- 
christlichen Jahrtausends bekannt — in Mittelitalien gleichzeitig mit der Ein- 
wanderung der Etrusker — und schon bei Beginn des letzten Jahrtausends vor 
Christus hatte sich die Kenntnis des neuen Metalles über die Alpen verbreitet, 
aber es dauerte lange, ehe dieses Metall von nennenswerter Bedeutung für die 
nordischen Völker wurde. Die erste Kenntnis des Eisens empfingen die Süd- 
teile des nordischen Gebiets zwar früh, — vereinzelte nordische Funde aus 
der fünften Periode der Bronzezeit und noch früher weisen eiserne Gegen- 
stände auf, — aber trotzdem kann hier von einer Eisenzeit erst kurz vor 
der Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends die Rede sein. Denn man 
kann nicht sagen, daß die Eisenzeit in einem Land angefangen hat, bevor 
Waffen und Werkzeug allgemein aus Eisen angefertigt werden und nicht mehr 
aus Bronze. Die Eisenzeit beginnt nicht mit dem ersten eisernen Gegenstand 
im Lande. 

Schweden, mit seinem außerordentlichen Eisenreichtum, war also sehr 



i) Montelius, L'äge du bronze en Egypte, in L'Anthropologie, I (Paris, 1890), S. 27 folg. 
— Derselbe, Die Bronzezeit im Orient und in Griechenland, im Archiv für Anthropologie, XXI 
(1892), S. 1 folg. — Derselbe, in Man, a monthly Record of Anthropological Science (London), 
1905, S. 12. — Keine sicheren Funde aus älterer Zeit enthalten Arbeiten von Eisen oder geben 
an, daß der Gebrauch dieses Metalls damals bekannt war. Die Existenz des Eisens, als tellu- 
risches Eisen und Meteoreisen, ist selbstverständlich viel älter als der Mensch. 



Das erste Auftreten des Eisens. 



149 



lange bewohnt, noch dazu von einem Volk mit hochentwickelter Kunstfertigkeit, 
ehe dies Volk lernte, die leicht zugänglichen Sumpferze zu verarbeiten. 

Gewiß kann es im ersten Augenblick auffällig scheinen, daß vom ersten 
Auftreten des Eisens im Norden bis zu der Zeit, die man recht eigentlich die 
Eisenzeit zu nennen hat, Jahrhunderte verflossen sein sollen, aber das ist leicht 
zu erklären. 

Anfangs war das Eisen nämlich sehr selten und folglich ohne Zweifel 
teurer als die Bronze, weshalb man nicht aus Sparsamkeitsgründen das neue 
Metall anstatt des von alters her bekannten vorziehen konnte. 

Man mußte auch, um das Eisen zu bearbeiten, eine neue Technik lernen. 
Man konnte in jener Zeit nicht das Eisen gießen, so wie man Bronze goß, 
sondern mußte es schmieden, während doch der Hammer zur Bronzezeit bei 
uns wenig in Anwendung gekommen war. 

Endlich ist Eisen als Material für Waffen oder Werkzeuge nicht besser 
als Bronze. Guter Stahl ist wohl besser als Bronze, aber die Bronze übertrifft 
das gewöhnliche Eisen weit an Elastizität und Schärfe; ein guter Stahl war 
aber in den Anfängen der Eisenzeit nicht so leicht zu haben wie heute. Rö- 
mische Schriftsteller berichten auch von den Galliern, die ein paar hundert 
Jahre vor Christi Geburt in Italien einfielen, ihre Eisenschwerter seien so weich 
gewesen, daß die Klingen stumpf wurden und leicht sich verbogen, und daß die 
Krieger sie oft mitten im hitzigen Kampf wieder ausrichten mußten. Solche 
Schwerter taugen weniger als Bronzeschwerter. 

Hierzu kommt noch ein anderes. Die große Überlegenheit des Eisens 
über die Bronze beruht im wesentlichen darauf, daß es in viel größeren Quan- 
titäten erhältlich ist. Aber eine solche Massenproduktion von Eisen wie heut- 
zutage ist früher nie vorgekommen; und die Gewinnung von Eisen in großen 
Massen ist erst seit Beginn der Neuzeit möglich. Erst fünfzehnhundert Jahre 
nach Christi Geburt, also dreitausend Jahre nach der Entdeckung des Eisens, 
lernte man die großen Hochöfen zu bauen, aus welchen ein beständiger Strom 
geschmolzenen Eisens fließt. Vordem hatte man nichts als kleine Ofen, in 
denen eine geringe Menge Eisenerz und Kohle Raum fand. Wenn die Kohle 
ausgebrannt und das Erz geschmolzen war, mußte der Ofen auskühlen, die 
auf dem Boden liegenden Eisenklumpen wurden herausgenommen, und der Ofen 
wurde neu gefüllt und wieder angezündet. 

Wie von der Bronze glaubte man lange auch vom Eisen, es sei mit der 
Einwanderung eines neuen Volkes nach dem Norden gekommen. 1 ) Das hat 
sich indessen als unrichtig herausgestellt. In beiden Fällen fehlt es an allen 
Anzeichen einer Neueinwanderung. Die Gräber und die Art des Begrabens in 
der letzten Periode der Bronzezeit sind dieselben wie in der ersten Periode 
der Eisenzeit, und zwischen den einheimischen Arbeiten, die aus diesen beiden 
Perioden stammen, ist kein größerer Unterschied als zwischen denen, die zwei 
aufeinander folgenden Perioden der Bronzezeit angehören. In der Eisenzeit 



1) H. Hildebrand, S\ Iket under hetnatiden, 2. Aufl. (Stockholm, [872 S. l8. 



i5o 



Die vorrömische Eisenzeit. 



machten die Nordländer gewiß Bekanntschaft mit vielem Neuen; aber das Neue 
tritt nicht — wie man lange glaubte — auf einmal mit dem Anfang der Eisen- 
zeit, sondern allmählich, auf. So war das Silber noch viele hundert Jahre nach 
der Bronzezeit hier unbekannt, und die Runen kommen erst ungefähr ein Jahr- 
tausend nach der Zeit vor, in der das Eisen in den Gegenden der südlichen 
Ostsee bekannt wurde. 



Wir haben gesehen, wie die Völker des Nordens in der Bronzezeit in 

lebhaftem, wenn auch nicht unmittel- 



mit dem Süden 




Durch diese Verbindung 



236. Bronzespange. Hallstatt. 1 / 1 . 



barem Verkehr 
standen. 

kam die erste Kenntnis des Eisens 
nach dem Norden, und durch einen 
steten Verkehr mit südlichen Gegen- 
den wurden die Nordländer vertrauter 
mit dem Gebrauch des neuen Metalls. 
Unsere Vorfahren haben das Eisen 
wie die Bronze auf dieselbe Weise 
kennen gelernt wie die Erfindungen, 
die in späteren Zeiten von andern 
Völkern gemacht wurden. 

Der Einfluß, den Italien in der 
Bronzezeit auf die Länder nördlich 
von den Alpen ausübte, ist auch 
von großer Bedeutung 
für die Ausbreitung 
des Eisens in Mittel- 
europa und Skandina- 
vien gewesen. Da das 
neue Metall in Mittel- 
italien gleichzeitig mit 
den Etruskern auftritt, 
ist es nunmehr klar, 
daß die Völker Mittel- 
europas und des Nor- 
dens in hohem Grade den Etruskern die Kenntnis dieses Metalls zu ver- 
danken haben. 

Früher wurde vielfach angenommen, daß die Bronze von den Etruskern 
nach Mittel- und Nordeuropa gebracht wurde, das Eisen dagegen von den 
Römern. Heute wissen wir, daß die Völker nördlich von den Alpen durch 
die Etrusker mit dem Eisen bekannt wurden und daß dies geschah, längst ehe 
die Römer irgend welchen Einfluß außerhalb Italiens übten, ja sogar daß das 
erste Erscheinen des Eisens in den Ländern nördlich von Italien stattfand vor 
der Zeit, wo Rom der Tradition gemäß gegründet wurde. 




237. Bronzespange. Norddeutschland. 



Das erste Auftreten des Eisens. 



151 




238. Ein Paar »tutulusförmige« Bronzespangen; 
die Nadeln waren aus Eisen. Smaland. ^j a . 



Die letzten Jahrzehnte haben unsere Kenntnisse von der ältesten Eisen- 
zeit in Schweden erheblich erweitert. 1 ) 

In allen Ländern war das Eisen zuerst sehr selten und folglich auch teuer. 
So war es z. B. in den Mittelmeerländern und Mitteleuropa. Erst wandte man 
deshalb das neue Metall nur zu einfachen Ornamenten, als Nadeln, Ringe und 
dergl. oder als Einlagen in Bronze an; solch eingelegtes Eisen sieht man an 
den Bronzegriffen von einigen Schwertern, deren Klingen von Bronze sind. 

Dasselbe hat man hier im Norden beobachtet. Ein in Dänemark gefun- 
denes Bronzemesser zeigt einfache Ornamenteinlagen aus Gold und Eisen. 
Mehrere der ältesten Eisengegenstände, die wir aus dem nordischen Gebiet 
kennen, sind Nadeln, 



Armbänder und Hals- &* 
ringe, also Schmuck- Ö>)A 
sachen. Schon vor dem 



Schluß der eigentlichen 
Bronzezeit kommen in- 
dessen öfters Messer 
und andere Schneidewerkzeuge aus Eisen 
vor. So enthielt, wie wir schon gesehen 
haben (S. 132), ein schwedisches Grab aus 
der Bronzezeit ein Miniaturschwert von 
Eisen. Zu dem oben erwähnten be- 
merkenswerten Fund bei Eskelhem auf 
Gotland, der aus dem Anfang der sechsten 
Periode der Bronzezeit stammt, gehörte 
auch ein Zaum, dessen Gebiß aus Eisen 
bestand; das beweist, daß das Eisen da- 
mals nicht mehr selten oder teuer war. 
Ein anderer am selben Ort gefundener 
Zaum, der übrigens dem ersteren ganz 
gleich ist, hat das Gebiß aus Bronze. 

Daß das Eisen wenigstens im 
südlichen Schweden an der Mitte des 
letzten Jahrtausends vor Christus allge- 
mein im Gebrauch war, zeigt sich unter 

anderem an mehreren dort gefundenen runden Spangen derselben Art wie 
Fig. 239. Die Spangen selbst sind aus Bronze, aber alle bis jetzt aus Schweden 
wie aus Dänemark bekannten — die einzigen Länder, wo sie überhaupt ge- 
funden wurden — haben Nadeln aus Eisen gehabt. 2 ) Da die Nadeln nicht 
sichtbar waren, verfertigte man sie aus Eisen sicher nicht, um den Schnallen- 
schmuck durch Nadeln aus dem neuen kostbaren Metall zu erhöhen. Vielmehr 




239. »Tutulusförmige« Bronzespange, von zwei 
Seiten gesehen; die Nadel war aus Eisen. 
Öland. Vi- 



1) Montelius, im Manadsblad, 1885, S. 78, und in der Sv. Fornm.-für» tidskr., Bd. 9, S. [62. 

2) Montelius, Remains from the Iron Age of Scandinavia, S. 22. 



152 



Die vorrömische Eisenzeit. 



beweist die Anfertigung gerade des nicht sichtbaren Schmuckteiles aus Eisen, 
daß dieses Metall damals schon etwas Gewöhnliches gewesen sein muß. 

Spangen dieser Art werden meist paarweis gefunden und wurden offen- 
bar paarweis getragen (Fig. 238). Es sind skandinavische Nachbildungen einer 
Art norddeutscher Spangen (Fig. 237), die selbst wieder durch den nahen Zu- 
sammenhang, in welchem sie zu einer anfangs des letzten vorchristlichen Jahr- 
tausends in Griechenland und in südeuropäischen Ländern griechischen Ein- 
flusses gewöhnlichen Typus (Fig. 236) steht, sich der ersten Hälfte des Jahr- 
tausends zugehörig ausweist. 



i 





241. Halsring von Bronze. Gotland. Y 2 . 





242. Halsring von Bronze, mit Scharnier. Schweden. 1 /% u. i/j. 




240. Eiserne Nadel. 
Gotland. 2 L. 



243. Halsring von Bronze. Gotland. 1 j 2 . 

Aus derselben Zeit wie die Spangen Fig. 238 und 239 stammen Halsringe 
wie Fig. 241. Ein solcher Ring besteht aus einem größeren und einem klei- 
neren Teil. Durch das Scharnier, das beide Teile vereinigt, kann der Ring 
geöffnet werden. Der größere Teil endet in einer kleinen Vertiefung, die 
durch ein Zäpfchen am Ende des" kleinen Teiles ausgefüllt wird, wenn der Ring 
auf dem Halse sitzt und durch die Elastizität der Bronze geschlossen ist. 



Schmucksachen. 



153 



Zu den ersten Jahrhunderten der Eisenzeit in Schweden gehören auch 
solche Halsringe aus Bronze wie Fig. 242, 243 und 247. Es ist bemerkenswert, 
dal) man aus jener Zeit so viele Halsringe hat, ein Schmuck, welcher ja auch 
in der jüngeren Bronzezeit im Norden sehr allgemein' war, und welcher in der 
Periode, die der vorrömischen Eisenzeit im Norden entspricht, auch von den 
keltischen Völkern in Mitteleuropa allgemein getragen wurde. Die römischen 
Schriftsteller reden oft von den »torques« der Gallier, den nicht selten ge- 
wundenen Halsringen, die man auch auf römischen Abbildungen von Galliern sieht. 




244. »La-Tene-Fibula« von Eisen. Bohuslän. '/ 2 




245. Eisen mit Bronze belegt. Östergötland. 1 / i . 




246. Eisen mit Bronze belegt. Östergötland. */,. 





248. Eiserne Fibel, von ver- 
schiedenen Seiten gesehen. 
Öland. 2 / 3 . 




249. Tongefaß. 
Östergötland. ' ; . 



247. Halsring von Bronze. Södermanland. 1 / 2 . 



Aus der Periode unserer Eisenzeit, die wir jetzt betrachten, wurden auch 
viele andere Arbeiten gefunden (Fig. 245, 246, 250, 251); unter den Schmuck- 
sachen sind besonders Nadeln (Fig. 240) und Spangen verschiedener Formen 

zu nennen. Die bogenförmige Spange (»Fibula«, Fig. 244) ist junger als die eben 
beschriebenen runden; noch jünger ist die Fig. 248 abgebildete. Vergleicht 



154 



Die vorrömische Eisenzeit. 



man diese Fibeln mit Spangen aus dem späteren Teil der nordischen Bronze- 
zeit (Fig. 160), so findet man nicht die geringste Ähnlichkeit. Sie sind doch 
alle untereinander verwandt, obwohl sie verschiedenen Zweigen derselben 
Familie angehören, die lange voneinander getrennt gelebt haben. 1 ) 

Die meisten dieser Schmucksachen, sowohl Ringe wie Spangen sind, so- 
fern sie nicht aus edlem Metall sind, aus Bronze; und dasselbe ist während der 
ganzen Eisenzeit der Fall. 

Einige in Schweden gefundene Fibeln und andere Bronzearbeiten aus 
dieser Periode sind emailliert.-) Weil die meisten solche Formen zeigen, die 
für unsere Gegenden charakteristisch sind, muß man hier im Lande schon so 

früh mit der Emaillierungstechnik bekannt gewesen sein. 
Die goldähnliche Farbe der Bronze machte sie zum 
Schmuck geeigneter als das Eisen, und so wurde sie auch 
nach dem Eintritt der Eisenzeit allgemein zu Schmuck- 
gegenständen oder Gefäßen verwendet, wie wir ja auch 
noch heutzutage Bronze und andere Kupferlegierungen 
benutzen. 

Waffen und Werkzeuge wurden dagegen nunmehr 
beinahe ausschließlich aus Eisen verfertigt (Fig. 252 — 263). 
Nur selten findet man ein Messer oder ein ähnliches 
kleines Werkzeug aus Bronze. Freilich sind auch ver- 
hältnismäßig wenig Waffen aus der vorrömischen Periode 
der Eisenzeit bekannt; dies beruht wohl gerade darauf, 





250. Bronze. Gotland. 1 / 1 . 



251. Bronze. Gotland. * j v 



daß sie aus Eisen waren und in der langen Zwischenzeit verrosten mußten. 
Eine von Rost zerfressene, vielleicht beinahe zerstörte Eisenwaffe läßt sich 
aber meistens zeitlich nicht bestimmen; es sei denn, daß sie mit irgend- 
welchen charakteristischen Arbeiten aus Bronze oder aus anderem widerstands- 
fähigem Material zusammen gefunden wird. Mehr als eine jetzt unkenntliche 
oder zum mindesten schwer zu bestimmende Arbeit aus Eisen kann daher aus 
dieser Zeit stammen, ohne daß wir es wissen. 



1) H. Hildebrand, Studier i jämförande fornforskning. Bidrag tili spännets historia. Inder 
Antiqv. tidskr. f. Sv., Bd. 4 (1872—80). 

2) T. J s ° n Arne, Svenska emaillerade föremäl frän den fbrromerska järnäldern, in Studier 
tillägnade Oscar Montelius, S. 121. 



Waffen und Werkzeuge. 



155 



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253. Ofen für Eisenschmelzung. 
Bjärsgärd in Skäne. 



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254. Schildbuckel von Eisen. Öland. 7s- 



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252. Eisen- 
schwert (»Hall- 
statt-Typus«). 

Ostergötland. 

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255. Kessel von Bronze und Eisen, öland. ^s- 




256. Kisen- 

schwert (»La- 

Tenc-Typu- ) 

mit Eisen- 

scheide. Skäne. 

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Die vorrömische Eisenzeit. 



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257. Eisenschwert, 

einschneidig. 

Öland. l/ 6 . 




258. Schere von Eisen. Östergötland. Y 3 




259. Eisenmesser. Östergötland. 2 / 3 . 



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260. Sichel von Eisen. Gotland. 1 / i . 




261. Eisenschwert, einschneidig. Öland. 1 j 3 . 



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262. Lanzen- 
spitze von Eisen. 
Öland. l/ 4 . 




263. Lanzen- 
spitze von Eisen. 
Öland. 1/3. 



Waffen und Werkzeuge. 



157 



Viele in Schweden gefundenen Gegenstände aus Eisen haben sich als im 
Lande verfertigt herausgestellt, wahrscheinlich aus einheimischem Material. 
Denn als das Eisen einmal bei uns bekannt geworden war, dauerte es sicher 
auch nicht mehr lange, bis man darauf kam, Eisen aus den rostfarbigen Klumpen 
von Sumpferzen auszuschmelzen, die vom Grunde der Seen heraufgeholt wurden. 
Von welcher großen Bedeutung das werden mußte, ist leicht zu ermessen, 
wenn wir uns erinnern, daß alles in der Bronzezeit hier zu Waffen und Werk- 
zeugen verarbeitete Metall vom Ausland gekauft worden war. 

Ein kleiner Ofen einfachster Art, in dem, wie wir aus der darin gefun- 
denen Schlacke sehen, das Eisen geschmolzen wurde, ist Fig. 253 abgebildet. 
Er wurde kürzlich bei Bjärsgärd in Skäne gefunden und gehört einem frühen 
Teil der Eisenzeit an, weil man zwischen der vor dem Ofen liegenden Schlacke 
Gefäßscherben aus jener Zeit fand. Ob er in den Jahrhunderten vor oder kurz 
nach Christi Geburt benutzt wurde, kann man jedoch nicht bestimmen. 




264. Römische Bronzeschale, mit Details. Gotland. ^4 UQ d Vi- 



Im Anfang der Eisenzeit hatte man dieselben Waffen wie in der Bronze- 
zeit: Schwerter, Lanzen (Fig. 262 und 263), Pfeile und Äxte, mit dem Schilde 
als Hauptschutzwaffe. 

Die Schwerter waren teils wie diejenigen aus Bronze, zweischneidig (Fig. 
252 und 256), teils einschneidig (Fig. 257, 261 und 267), was in der Bronzezeit 
nicht vorkommt. In beiden Fällen sind sie jedoch wesentlich von denen der 
vorhergehenden Zeit verschieden, weil die Bronzeschwerter, wie wir gesehen 
haben, ausschließlich oder so gut wie ausschließlich Stichwaffen, die Eisen- 
schwerter aber eigentlich Hiebwaffen waren. Die meisten Klingen sind aller- 
dings mehr oder minder spitzig, doch gehen auch manche nicht in eine Spitze 
aus. Fig. 252 zeigt ein kürzlich in Östergötland gefundenes Eisenschwert aus 
unserer ältesten Eisenzeit; es ist von dem in Mitteleuropa wohlbekannten 
Hallstatttypus. Viele Schwerter aus späterer Zeit aus den Jahrhunderten kurz 
vor Christi Geburt — der la Tenezeit — hatten Scheiden von Kisen (Fig. 256), 
andere von Holz. 

Von den Schilden, die aus Holz gefertigt wurden, sind selten mehr als 
die eisernen Buckel übrig (Fig. 254). Diese hatten ihren Platz mitten auf .hin 



i 5 8 



Die vorrömische Eisenzeit 



Schild und dienten dazu die Hand zu schützen, die querüber einer Öffnung 
unter dem Schildbuckel den Griff hielt. 

Die Tongefäße waren, wie in der Bronzezeit, ziemlich grob, aus freier 
Hand, nicht auf der Scheibe geformt und schlecht gebrannt. Bisweilen ver- 
raten sie, trotz der einfachen Form, einen Einfluß aus dem Süden (wie Fig. 249). 
Einige schwedische Funde, wie auch einige dänische und deutsche aus 
derselben Zeit enthielten große Kessel aus Eisen oder Eisen und Bronze; im 
letzteren Fall ist der obere Teil aus Eisen, der untere aus Bronze (Fig. 255). 

Einige von den im Norden gefundenen 
Kesseln hatten eine religiöse Bestimmung. 
Aus der Zeit des Kaisers Augustus wird von 
den Cimbern erzählt, die an der Elbemündung 
saßen und, als sie für einen Angriff auf die 
Römer um Verzeihung zu bitten hatten, den 
heiligen Kessel ihres Volkes als Geschenk nach 
Rom brachten. 

In einigen Bronzeeefäßen klassischer 




265. 



Bronzebild, von zwei Seiten 
gesehen. Skäne. 2 / 3 . 



Herkunft, die in dem südlichsten Teil des 
nordischen Gebiets gefunden wurden, haben 
wir Zeugen der Handelsverbindungen mit Süd- 
europa. Ein solches römisches Bronzegefäß 
aus der Zeit kurz vor Christi Geburt wurde 
auf Gotland gefunden (Fig. 264). 

Der Handel führte, wie in der Bronze- 
zeit, Bernstein nach Süden und brachte süd- 
europäische Kulturerzeugnisse nach Norden. 
Offenbar können wir die Einwirkung des Südens 
in gewissen Bronzebildnereien aus den Jahr- 
hunderten unmittelbar vor Christi Geburt, die 
in Südschweden gefunden wurden (Fig. 265), 
erkennen. In Übereinstimmung mit den Bildern 
aus der Bronzezeit, die wir schon kennen gelernt haben, verraten sie mehr tech- 
nische Fertigkeit als künstlerische Ausbildung. Aber sie sind von großem 
Interesse, weil wenigstens mehrere von ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach 
nordische Arbeiten sind. 

Daß die nordischen »Barbaren« mehr technische Fertigkeiten besaßen, als 
man ihnen nach den Schilderungen der klassischen Schriftsteller zutrauen sollte, 
zeigt übrigens ein bemerkenswerter Fund, der vor einigen Jahren in Dänemark 
gemacht wurde. Man fand nämlich dort in einem Torfmoor in der Nähe der 
Dejbjerg-Kirche an der jütischen Westküste zwei Wagen aus Holz mit Bronze- 
beschlägen, welche von einer hochentwickelten Metall- und Holzbearbeitung 
zeugen. 1 ) Dank der schützenden Eigenschaft des Torfes war das Holz so gut 
erhalten, daß einer der Wagen wieder zusammengesetzt werden konnte (Fig. 266). 

1) H. Petersen, Vognfundene i Dejbjerg Proestegaardsmose (Kopenhagen, 1888). 



Einheimische Arbeiten. Religiöse Vorstellungen. 



159 



Wie vielfach in Sizilien noch heutzutage, stand auf dem Wagen ein Stuhl, — 
die schwedische Sprache hat das Wort »stol« für Wagensitz beibehalten, — 
auf dem der Fahrende saß. Das heilige Zeichen, das auf den Bronzebeschlägen 
des Wagens vorkommt, läßt uns freilich annehmen, daß dieser Wagen ebenso 
wie die früher besprochenen Wagen von Eskelhem für ein Gottesbild bestimmt 
war. 1 ) Die Dejbjergwagen konnten ebensogut von Pferden als von Kühen 
gezogen werden. 

Daß es in jener Zeit auch Wagen zum profanen Gebrauch gab, entnehmen 
wir unter anderem daraus, daß ein anderer dänischer Grabfund Wagenbeschläge 
genau so wie die von Dejbjerg enthielt, nur ohne die heiligen Sinnbilder. 

Unter diesen Sinnbildern verdienen die »Triskelen« besondere Aufmerk- 
samkeit (Fig. 266 a), die gleich den im späteren Teil der Eisenzeit gebräuch- 
lichen Hakenkreuzen symbolisch die Bewegung der Sonne darstellen. 




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266. Wagen von Holz mit Bronzebeschlägen. Dejbjerg in Jütland. ' 



88- 



In der vorrömischen Zeit war, wie auch jahrhunderte- 
lang vorher, die Leichenverbrennung in Schweden allgemein. 2 ) 
Die Reste des Scheiterhaufens wurden nicht selten in einer 
besonders hergestellten kleinen Grube ohne Steinkiste oder 
sonstiges Behältnis, und ohne Aufschüttung eines Hügels, unter- 
gebracht. In den Brandgruben« — in Dänemark, wo sie 
zuerst Gegenstand der Aufmerksamkeit wurden, nennt man 



266a. Ein I'.ronze- 
beschlag des W'a. 
Fig. 266 (mit 
Triskelen). 1 / a . 



1) Vgl. Tacitus, Germania, c. XL; Montelius, im Mänadsblad. iSSS. S. 174. 

2) Montelius, »Brandpletter i Östergötland, im Mänadsblad, 1882, S. 181. — F. Baehrendtz, 
Saltet vid <)fre Älebiick (auf Öland), im Mänadsblad, 1896, S. 107. — O. Almgren, G 

Iran äldre jernaldern vid Alvastra (in Östergötland), im Mänadsblad, 1900, S. 94. — Derselbe, Ny- 
lunna brandgropar frän la-TYne-tiden i Westergötland, in der Sv. Fornm.-för" tidskr., Bd. 11 
— Derselbe, im Centralblatt für Anthrop., Ethnol. und Urgeschichte, Jahrg. 6 (1901 . S 257 Got- 
land). — Montelius, in der Sv. Fornm.-iSr^ tidskr., Bd. 12 (1905), S. 268 (1 tland). — T. 

Arne, Ett urnegraffält i Westergötland, ebenda, Bd. 12, S. 233. 



i6o 



Die vorrömische Eisenzeit. 



sie »Brandpletter« 1 ) — liegen die Knochen nicht rein gewaschen wie die 
der Bronzezeit, sondern mit Kohlen und Asche vom Scheiterhaufen verunreinigt. 
In anderen, gewöhnlich mit einem kleinen Hügel bedeckten Gräbern dieser 
Zeit liegen indessen die Knochen in einem Gefäß von Ton oder Metall. 

Viele Gegenstände in den Gräbern jener Zeit und der späteren Eisenzeit 
tragen deutliche Spuren, daß sie mit den Leichen zusammen verbrannt worden 
sind. Schwertklingen, Speerspitzen usw. sind, heiß vom Feuer, zusammenge- 
bogen worden (Fig. 261 und 267); und das geschah, wie sich verschiedentlich 
gezeigt hat, nicht nur, um die Gegenstände in die Urnen hineinzupassen. 

Mit den Toten zu verbrennen, was ihnen nach dem herrschenden Glauben 
jenseits des Grabes nützlich sein konnte, war auch bei anderen Völkern Sitte. 
Und eine Erzählung Herodots, der ungefähr in der Zeit lebte, als das Eisen in 
Schweden allgemein wurde, zeigt, daß nach Ansicht der Griechen dem Toten 
nicht nur seine Kleider und andere Habseligkeiten mit ins Grab zu geben waren, 
sondern daß sie mit ihm auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden mußten, da- 
mit ihre »Seelen« — wie wir oben (S. 13 2) uns ausdrückten — sich von ihrer Hülle 
frei machen und seiner Seele in das Totenreich folgen konnten. Herodot erzählt 
nämlich, wie ein griechischer Herrscher durch seine verstorbene Frau erfahren 





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267. Einschneidiges Eisenschwert, mit Details. Öland. Y 4 . 

wollte, wo ein Schatz verborgen war. Er befragte deshalb das »Totenorakel«. 
Aber seine tote Gattin wollte ihm keine Auskunft geben, weil er sie nackt ge- 
lassen habe und sie frieren müßte; denn die Kleider, die man ihr mit ins 
Grab gegeben hätte, nützten ihr nichts, da sie nicht verbrannt worden seien. 
Darauf ließ der Herrscher eine Menge Kleider für die Tote verbrennen und 
erhielt endlich die Antwort, um die er gebeten hatte. 

Obgleich Gräber mit unverbrannten Knochen aus den drei letzten Perioden 
der schwedischen Bronzezeit nicht bekannt sind, hat man doch seltsam genug 
einige solche gefunden, die der ersten Eisenzeit angehören. So auf Gotland 
und Öland; neben den Skeletten lagen Bronzeringe wie Fig. 243. 



Der Einfluß der westlich und südlich von Skandinavien belegenen Länder, 
der, wie wir gesehen haben, während der ganzen Bronzezeit bedeutend war, 
kann auch in der nun in Frage kommenden Zeit verfolgt werden. 



1) E. Vedel, Bornholms Oldtidsminder og Oldsager (Kopenhagen, 1886). — Derselbe, Efter- 
skrift til Bornholms Oldtidsminder og Oldsager (Kopenhagen, 1897). — Derselbe, in den Memoires 
de la Soc. d. Antiqu. du Nord, 1872, 1878 — 1879 und 1890. 



Keltischer Einfluß. Thule. jÖj 

Nicht nur die Britischen Inseln und Frankreich, sondern auch das jetzige 
Süddeutschland, die Schweiz und mehrere Länder, die heute zu Österreich ge- 
hören, waren damals von Kelten bewohnt, den Briten, Galliern, Helvetiern usw. 
Sie wohnten in der Nähe derjenigen Gegenden, wo die klassische Kultur sich 
ausbreitete, erfuhren daher eine starke Einwirkung derselben und gaben sie 
weiter. Danach darf man von vornherein annehmen, daß in Schweden und 
in den anderen zu dem nordischen Gebiet gehörenden Ländern die Kultur- 
verhältnisse jener Zeit denen der keltischen Völker geglichen haben. Und 
wirklich treffen wir sowohl im Anfang als auch — vielleicht noch mehr — 
später in dieser die letzten fünf Jahrhunderte vor Christus umfassenden Periode 
mannigfaltige Arbeiten, die entweder aus den keltischen Ländern zu uns ge- 
kommen oder hier keltischen Mustern nachgebildet worden sind. Die letzteren 
haben zwar größere oder geringere Ähnlichkeit mit den mitteleuropäischen 
Typen, sind aber zweifellos bei uns angefertigt, indem sie genau so sonst 
nirgends vorkommen. 

Da wir uns jetzt schon unmittelbar vor Christi Geburt befinden, ist es 
natürlich leichter, als es für die älteren Perioden war, das Jahrhundert der ver- 
schiedenen Arbeiten zu bestimmen. In dieser Zeit beginnt bereits auch in dem 
Europa nördlich von den Alpen das Licht der Geschichte zu scheinen. Viele 
von den im Norden gefundenen Waffen vom Ende der vorrömischen Eisenzeit 
haben dieselben Formen wie die Funde von Alesia, dem heutigen Alise Sainte- 
Reine im französischen Departement Cöte-d'Or. Diese Stadt wurde nach 
langem Kampf von Caesar im Jahre 52 vor Chr. eingenommen; und damit ist 
es festgestellt, daß die fraglichen Typen dem letzten Jahrhundert vor Christus 
entstammen. 

In der Periode, die wir jetzt betrachten, nehmen die damaligen Kultur- 
völker, soweit aus jener Zeit überkommene Schriften ersehen lassen, zum ersten- 
mal literarisch vom skandinavischen Norden Notiz. Die ältesten Angaben über 
unser Gebiet finden sich in der Beschreibung der Reise, die Pyteas von Massilia 
(Marseille) nach Nordeuropa machte, ungefähr dreihundert Jahre vor Christi 
Geburt. Er besuchte Britannien und hörte dort von einem Lande Thule 1 ) 
reden, das sechs Tagereisen gen Norden liege und an das Eismeer grenze. Die 
Einwohner in Thule trieben Ackerbau; die Ernte werde in Scheunen gebracht. 
wo die Garben ausgedroschen würden; unter freiem Himmel, wie im Süden, 
könne das nicht geschehen, weil man in Thule selten sonnenklare Tage hätte, 
dahingegen Überfluß an Regen. Aus Korn und Honig werde eine Art < retränk 
bereitet: womit sicher Met gemeint ist. Da auch nach der Meinung der 
späteren klassischen Schriftsteller Skandinavien im Norden von England lag, 
hat zweifellos Pyteas mit Thule die Westküste der skandinavischen Halbinsel, 
wahrscheinlich Norwegen, gemeint. Pyteas teilt auch manches aus der 1 leimat 
des Bernsteins, das heißt dem Süden des nordischen Gebietes, mit. Er spricht 



1) Man erklärt den Namen Thule aus dem im Altirischen imenden thu.il, was 

Norden bedeutet. 

Mo n teli us, Kulturgeschichte Schwedens. II 



j(52 Die vorrömische Eisenzeit. 

von einem Volk der Guttonen oder — wie andere den Namen lasen — Teu- 
tonen. In den Guttonen will man die Guten oder »Götar« erkennen. 

Die Glaubwürdigkeit des Pyteas ist angezweifelt worden, da diese An- 
gaben nicht mit den Vorstellungen der alten Geographen übereinstimmten. Eine 
unparteiische Untersuchung hat indessen zu seinen Gunsten entschieden, und 
besonders hat sich in letzter Zeit herausgestellt, daß seine Schilderung einer 
merkwürdigen Erscheinung im Meer bei Thule — eine Schilderung, die als be- 
sondere Probe seiner erfinderischen Phantasie gegen ihn geltend gemacht wurde 
— ein treues Wirklichkeitsbild der eigentümlichen Art ist, in der das Wasser 
an unseren Küsten gefriert. 

Unglücklicherweise sind die sämtlichen Originalschriften des Pyteas zu- 
grunde gegangen; was uns erhalten ist, sind nur kurze Auszüge bei späteren 
Schriftstellern. 



IL DIE RÖMISCHE EISENZEIT. 

(Vom Anfang unserer Zeitrechnung bis um das Jahr 400.) 




1. Verkehr mit dem römischen Reiche. Römische Schriftsteller 

über den Norden. 

chon vor der Zeit, in die man gewöhnlich die Gründung Roms ver- 
legt, hatte, wie wir gesehen haben, ein ganz bedeutender, durch die 
Zwischenvölker vermittelter Handel zwischen den bernsteinreichen 
Gegenden der Nord- und Ostseeküste einerseits und Südeuropa, besonders 
Italien, andererseits stattgefunden ] ). 

Dieser Handel wurde noch bedeutender, als die Römer Mitteleuropa zu 
erobern begannen. Gallien wurde durch Julius Cäsar dem römischen Reich 
einverleibt und in dem folgenden Jahrhundert ein großer Teil Britanniens 
unterworfen. Schon Cäsar war über den Rhein gegangen; bald faßten die 
Römer festen Fuß östlich von diesem Fluß, und die Länder südlich der Donau 
wurden römisch. 

In vielen zum heutigen Deutschland und Österreich gehörenden Ländern 
breitete sich die römische Kultur aus, und ihr Finfluß erstreckte sich bis zum 
Fall des weströmischen Reiches weit über die Grenzen des Cäsarenreici 
Die römischen Heere sind wohl nie bis Skandinavien vorgedrungen, weil die 
Schlacht im Teutoburger Walde ein für allemal den Versuch zunichte machte 
Norddeutschlands kräftige Bevölkerung zu unterjochen. Aber eine römische 
Flotte hatte kurz vorher, um den Anfang unserer Zeitrechnung, Jütland um- 
segelt. Die Wandinschrift eines römischen Tempels in Ankyra. dem heutigen 



1) Montelius, Ett i Sverige funnet fornitaliskt bronskärl. Bidrag tili v.ir kun 
handelsförbindelserna mellan Skandinavien och länderna söder härom före v.ir tideräknings liörjan. 
In d'-r Sv. Fornm.-for* tidskr., Bd. ir (1900), S. 1. — Derselbe, Ein in Schwi 

Li altitalischer Arbeit, in Strena Helbigiana (Leipzig, 1900), S. 200. — Derselbe, The Earliest 
Communications between Italy and Scandinavia, in The Journal ot" the Anthropological Institut 

t Britain and Ireland, XXX London, 1900), S. 89. — Derselbe, 1 rela l'Italia e la 

Scandinavia prima <li Augusto, in den Atti del Congresso internazionale di iche, Roma, 

1903, Bd. V (Roma, 1904), S. 233. 

11* 



164 



Die römische Eisenzeit. 



Angora in Kleinasien, spricht von diesem denkwürdigen Ereignis und setzt 
hinzu, daß kein Römer vordem zu Land oder zu Wasser bis zu diesen von 
Cimbern und anderen nordischen Völkern bewohnten Gegenden gelangt sei. 

Die Germanen, sogar die in den nördlichsten Gebieten wohnenden, kamen 
zu der Zeit auch auf manche andere Art mit den Römern in Berührung. Schon 
während der Regierung des Augustus hielten sich viele in Rom auf, entweder 
als Soldaten der Leibwache oder aus anderen Gründen; und die Anzahl der 
; Barbaren«, die auf diese Weise die römische Kultur aus eigener Anschauung 
kennen lernten, nahm mit der Zeit immer mehr zu. 

Von noch größerer Bedeutung für die Ausbreitung des römischen Kultur- 
einflusses war der Handel: eine Tatsache, die wir weniger aus römischen 
Schriften, als aus zahlreichen Funden entnehmen, deren Wert durch die neuesten 
Forschungen klargestellt worden ist. 1 ) 

Wir hören wohl, daß die römischen Kaufleute weit über die Grenzen 
ihres Landes hinaus Handel treiben; so erzählt Tacitus, wie die am Niederrhein 
wohnenden Bataver sich in einem unvermutet ausgebrochenen Krieg im Jahre 70 
nach Christi Geburt auf die römischen Kaufleute warfen, die ohne Ahnung 
von der Gefahr im Lande weilten. Auch in den Gegenden um die obere 
Elbe, dem von den Markomannen bewohnten Böhmen, hielten sich nach Tacitus 
römische Kaufleute auf. 

Wichtigere Aufklärungen über diese Handelsbeziehungen als von zeit- 
genössischen Schriftstellern erhalten wir indessen durch Funde. Einige in Nord- 
deutschland entdeckte Gräber, die in Einrichtung und Inhalt von den Gräbern 
ringsum abweichen, dagegen mit römischen übereinstimmen, dürften Gräber 
römischer Kaufleute sein. Unzählige in Skandinavien ausgegrabene Münzen 
und Bronzegefäße, Glasgefäße, Waffen, Schmucksachen und Kunstgegenstände 
aus römischen Werkstätten beweisen, daß unsere Vorfahren während der ersten 
Jahrhunderte nach Christus in lebhaftem, mehr oder weniger unmittelbarem Ver- 
kehr mit dem vornehmsten Volk ihrer Zeit standen, eine Berührung, die be- 
wirkte, daß auch viele von den einheimischen Arbeiten aus derselben Zeit sich 
durch o-eschmackvolle Form und feine Ornamentik auszeichnen. 

Nur soll der Ausdruck »Römische Werkstätten« nicht direkt Rom be- 
zeichnen; denn mit Ausnahme der Münzen dürften die meisten der im Norden 
befundenen römischen Arbeiten aus den Provinzen des Reiches stammen. 

Die Entfernung der Provinzen am Rhein und an der Donau von dem 
südlichsten Teil des nordischen Gebietes war ja nicht groß, und der Handel 
mit dem Norden war leichter als früher. 



i) C. F. Wiberg, Der Einfluß der klassischen Völker auf den Norden durch den Handels- 
verkehr. Aus dem Schwedischen von J. Mestorf (Hamburg, 1867. — 2. Aufl., Stockholm, 1868). 
Für die anderen Schriften Wibergs über diese Frage siehe Montelius, Bibliographie de l'archeo- 
logie prehistorique de la Suede, S. 47 und 77. — C. Engelhardt, Klassisk Industri og Kulturs 
Betydning for Norden i Oldtiden, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1875, S. I. — Derselbe, In- 
fluence de l'industrie et de la civilisation classiques sur Celles du Nord dans l'antiquite, in den 
Memoires de la Soc d. Antiqu. du Nord, 1872 — 1877, S. 199. 



Verkehr mit dem römischen Reiche. 



I6 5 



Wir können an der Hand der zahlreichen Funde aus Deutschland und 
den daran grenzenden Gebieten des europäischen Festlandes den Weg ver- 
folgen, auf dem die römischen Arbeiten nach dem Norden kamen. Viele, 
wahrscheinlich die meisten der nach Norden gelangten Münzen aus den zwei 




268. Römische Silbermünze (»Denar»)- 
Skäne. l/i • 




269. Barbarische Nachbildung einer 
römischen Silbermünze. Gotland. 1 / 1 . 




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270. Emaillierte Bronzespange, von zwei 
Seiten gesehen. Gotland. i / l . 




Glasbecher. Westergötland. 




271. Emaillierte Bronzescheibe, 
von zwei Seiten gesehen. Gotland. 1 / 1 . 




273. Glasbecher, Westergötland. ' 



ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt brachte der Handel von Südosten 
die Oder und Weichsel hinab in die Bernsteingegend. 

Wahrscheinlich gilt dies auch von vielen anderen in Skandinavien 
fundenen Gegenständen. Ein Teil davon ist jedoch nachweisbar aus Südwesten, 
vom Rhein, gekommen. 



t 56 Die römische Eisenzeit. 

Die Fundorte der römischen Münzen in Skandinavien beweisen ebenfalls, 
daß die meisten aus dem Süden oder Südosten hierher kamen. Südost-Skäne, 
Bornholm, Oland und vor allem Gotland sind die skandinavischen Gebiete, in 
denen die meisten römischen Münzen aus den ersten zwei Jahrhunderten nach 
Christus gefunden wurden. 

Von den ungefähr 6400 römischen Münzen aus diesen Jahrhunderten, die 
man bis jetzt aus Skandinavien kennt, sind nämlich mehr als 4200 auf Got- 
land, 850 auf Oland und Bornholm, 650 in Skäne, aber kaum 100 auf dem 
Festland Schwedens außerhalb Skäne gefunden worden; etwa 600 in Däne- 
mark außer Bornholm, in Norwegen nur fünf 1 ). Einige dieser Münzen sind 
gleichzeitige barbarische Nachbildungen (Fig. 269). 

Auf dem Festland von Schweden sind solche Funde im allgemeinen selten, 
außer der südöstlichen Spitze von Skäne, dem Bornholm und Norddeutschland 
am nächsten liegenden Teile von Schwedens Festland. Dort hat man des 
öfteren in alten Zeiten römische Münzen gefunden, und im Frühling 1871 fand 
man beim Pflügen eines neu angelegten Ackers bei Hagestadborg im Kirchspiel 
Löderup eine große Menge ähnlicher Münzen, ganz nah an der Erdoberfläche 
liegend. Von dem Funde wurden für das Nationalmuseum 550 Münzen ange- 
kauft, die 1,60 kg wogen; sie sind zwischen 54 und 211 nach Chr. geprägt. 
Die Münzen waren von Silber, sogenannte »Denare«; dasselbe gilt von beinahe 
allen im Norden gefundenen römischen Münzen aus der Zeit. Fig. 268 zeigt 
einen von den bei Hagestadborg gefundenen Denaren. Er trägt den Kopf 
des Antoninus Pius und ist kurz nach dessen 161 n. Chr. erfolgtem Tod ge- 
prägt; auf dem Revers ist der Scheiterhaufen abgebildet, auf dem die Leiche 
des Kaisers verbrannt wurde. 

Der bei Hagestadborg gefundene Münzschatz ist der größte seiner Art, 
den man bis jetzt von ganz Skandinavien kennt, mit Ausnahme von Gotland. 
Dort fand man nämlich 1842 bei Kams im Kirchspiel Lummelunda etwa 600 
römische Silbermünzen aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. 
Und beim Reinigen eines Grabens in einem zu Sindarfve im Kirchspiel Hemse 
gehörenden Acker fand man 1870 etwa 1500 ähnliche Silbermünzen in einem 
Tongefäß; sie wogen zusammen mehr als 4,25 kg. 

Alle bei Sindarfve gefundenen Münzen sind — wie die meisten anderen 
im Norden gefundenen römischen Silbermünzen — sehr abgenutzt, was beweist, 
daß sie lange von Hand zu Hand gegangen waren. 

Diese Beobachtung muß ohne Zweifel mit der merkwürdigen Tatsache 



1) Montelius, Remains from the Iron Age of Scandinavia (Stockholm, 1869). — Derselbe, 
im Manadsblad, 1872, S. 55. — P. Hauberg, Skandinaviens Fund af romerske Guld- og Sölvmynt 
fö] aar 550, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1894, S. 325. — Derselbe, Medailles romaines d'or 
et d'argent d'avant le milieu du VI« siede, trouvees dans les pays scandinaves, in den Memoires de 
la Societe des Antiquaires du Nord, 1890 — 95, S. 381. — O. Almgren, Om fynden af romerska 
silfvermynt i Norden, in der Svenska Fornm.-förs tidskr., Bd. II (1901), S. 187. — H. Hilde- 
brand, De romerska denarerna i mellersta och norra Europa, im Manadsblad, 1901, S. 41. — 
C. Jörgensen, Denarfundet fra Robbedale (Bornholm), in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1900, S. 92. 



Verkehr mit dem römischen Reiche. 



167 



in Zusammenhang gebracht werden, daß, während die römischen Münzen aus 
den ersten zwei Jahrhunderten nach Christus, insbesondere von der Antoninen- 
zeit, in großer Masse im Norden gefunden wurden, römische Münzen aus dem 
dritten und vierten Jahrhundert bei uns sehr selten sind. Wahrscheinlich beruht 
das darauf, daß die römischen Silbermünzen sich kurz nach 200 bedeutend 
verschlechterten, weshalb man im Handel, besonders außerhalb der Reichs- 
grenzen, die wohlbekannten alten vollwichtigen Münzen vorzog. Auch andere 
Umstände, außer der eben erwähnten Abnutzung, weisen darauf hin, daß die 
Denare aus der Antoninenzeit lange im Umlauf waren 1 ). 

Allerdings sind bei uns viele römische Münzen aus dem ersten und aus 
der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christus gefunden worden; 
aber bei einer näheren Untersuchung aller Verhältnisse hat es sich gezeigt, 
daß die römischen Münzen in nennenswerter Anzahl erst nach der Mitte des 
zweiten Jahrhunderts hierher kamen, in der Zeit des Marc Aurel (161 — 180). 
Die älteren Münzen müssen mit denen aus dieser Zeit mitgekommen sein. Daß 
so viele Münzen damals nach Skandinavien geführt wurden, steht ohne Zweifel 
im Zusammenhang damit, daß die Germanen in lebhaftere Berührung mit den 
Römern durch das gewaltige Zusammenstoßen der beiden Völker kamen, das 
unter Marc Aurel stattfand, die in der Geschichte wohlbekannten »Marko- 
mannenkriege«. 

Die allermeisten römischen Münzen aus den ersten zwei Jahrhunderten 
n. Chr., die in Skandinavien gefunden wurden, sind, wie gesagt, aus Silber. 
Xur einige wenige sind aus Gold oder Kupfer. Dasselbe gilt von den anderen 
damals von Germanen bewohnten Ländern. Tacitus, 2 ) der davon spricht, daß 
die Germanen lieber Silber als Gold nähmen, gibt als Grund dafür an, daß für 
ihren Handel eine größere Anzahl Silbermünzen zweckmäßiger seien, als eine 
kleinere Anzahl von Goldmünzen. Es sollte hier auch bemerkt werden einer- 
seits, daß das Silber damals in der römischen Welt einen viel höheren Wert 
im Verhältnis zum Gold als heute besaß, und andererseits, daß dies hier im 
Norden in noch viel höherem Maße der Fall gewesen sein muß. Hier war, 
wie wir gesehen haben, das Gold schon längst bekannt, aber Silberarbeiten, 
die älter sind als das Auftreten der römischen Silbermünzen, sind selten. 

Außer Münzen hat man bei uns auch noch andere römische Arbeiten 
aus der Kaiserzeit gefunden. Einige sind schon im ersten Jahrhundert n. Chr. 
angefertigt, andere sind jünger. 

Unter den ersteren verdienen besondere Aufmerksamkeit solche, die Fabrik- 



1) Daß einzelne römische Denare aus dem zweiten Jahrhundert in Schweden zusammen mit Münzen 
aus dem zehnten Jahrhundert gefunden wurden, berechtigt dagegen nicht zu dem Schluß, daß die ersteren 
so lange im Gebrauch gewesen wären. Es ist wahrscheinlich, daß inige Jahrhvu nach 
Christus vergraben wurden, dann bei Erdarbeiten in der Wikingerzeit gefunden, als Zahlung ver- 
wendet wurden und aufs neue mit Mün laiigen Zeit in die Erde kamen, um schließlich 
zum zweitenmal ausgegraben zu werden. Beispiele zweimaliger Ausgrabung haben wir auch bei 
einigen Steinäxten (S. 67). 

2) Germania, c. V. 



i68 



Die römische Eisenzeit. 



Stempel tragen 1 ). Ein in Skäne gefundenes Bronzegefäß mit einem solchen 
Stempel ist Fig. 274 abgebildet. Mehrere andere Bronzegefäße von ganz 
gleicher Form fand man in anderen skandinavischen Gegenden, und einige von 
ihnen zeigen, wie das hier abgebildete, durch ihre Stempel, aus welcher Werk- 
stätte sie hervorgegangen sind und welcher Zeit sie angehören. Dieselben 
Namen liest man nämlich auf Bronzearbeiten, die in den Ruinen der 79 nach 
Chr. zerstörten Städte Herkulanum und Pompeji ausgegraben wurden; diese 
Bronzen stammen also aus der Zeit um die Mitte des ersten christlichen Jahr- 
hunderts. Zwei Namen solcher Fabrikanten sind besonders erwähnenswert. 



l»IMjMH*fflni P 





274. Römische Schöpfkelle von Bronze, mit Fabrikstempel (NARCISSCATT); 
Details und Durchschnitte. Skäne. %. 

Der eine Name ist Publius Cipius Polybius, der andere Lucius Ansius Epa- 
phroditus 2 ). Neun Bronzegefäße mit dem Namen des ersteren wurden in 
Pompeji gefunden, viele sind aus anderen Orten in Italien bekannt, sowie aus 
Mittel- und Nordeuropa: eines aus Kroatien, eines aus Ungarn, eines aus der 
Schweiz, zwei aus England, eines aus Schottland, drei aus der Rheingegend, 
eines aus Hannover, eines aus Hinterpommern, eines aus Schleswig, und nicht 
weniger als sechs aus verschiedenen Gegenden in Dänemark. Bronzegefäße 

1) I. Undset, Iscrizioni latinc, ritrovate nella Scandinavia, im Bullettino dell' Instituto di 
Corrispondenza archeologica, 1883. — Chr. Blinkenberg, Romerske Bronzekar med Fabrikmarke, in 
den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1900, S. 51. — Derselbe, Vases de bronze romains avec marques 
de fabrique, in den Memoircs de la Soc. d. Antiqu. du Nord, 1896 — 1901, S. 297. 

2) Die Werkstätten der Cipier und Ansier lagen wahrscheinlich in Capua. H. Willers, Die 
römischen Bronzeeimer von Hemmoor (Hannover u. Leipzig, 1901), S. 212. 



Verkehr mit dem römischen Reiche. 



169 



aus der Werkstätte des Epaphroditus fand man ebenfalls in Pompeji, an anderen 
Orten in Italien und in Mittel- und Nordeuropa: eines in Kroatien, zwei in 
Frankreich, zwei in England und Schottland, zwei in Dänemark und eines in 
Schweden. Letzteres wurde im Jahre 1828 samt einer Eisenaxt in einem 
Grabhügel bei Kungsgärden im Kirchspiel Hög, Helsingland, gefunden. Eines 
von den in Dänemark gefundenen Gefäßen mit dem Namen des Epaphroditus 
lag im selben Grab mit zwei Gefäßen von Polybius, was bestätigt, daß diese 
Arbeiten wirklich kurz nach der Zeit, in der sie angefertigt wurden, nach 
Norden kamen. Daß Bronzegefäße aus derselben Werkstätte in so großer 
Anzahl und so weit auseinander liegenden Gegenden vorkommen, zeugt augen- 
fällig von der großen Verbreitung, 
die die 



römischen Fabrikate 
hatten. 

Beim Aufnehmen von Baum- 
wurzeln in einem Acker bei Len- 
stad im Kirchspiel Torslunda auf 
Öland fand man im Jahre 1824 
den schönen Griff eines größeren 
Bronzegefäßes. Die Augen des 
Bacchuskopfes, mit dem der Griff 
nach unten abschließt, sind in 
Silber eingelegt. Auf derselben 
Insel ist das Original der Fig. 279 
gefunden worden. 

Einer der merkwürdigsten 
Funde von römischen Arbeiten, 
die bisher aus Schweden bekannt 
sind, wurde im Jahre 1818 bei 
Fycklinge im Kirchspiel Björksta, 
zwei Meilen von Westeräs, ge- 
macht. Hier fand man in einem 

Grabhügel eine große Bronzevase (Fig. 278), die gebrannte Knochen und einige 
Stücke geschmolzenes Glas, vielleicht von Spielsteinen, enthielt 1 ). Die Inschrift 
dieser Vase besagt, daß sie von Ammillius Constans, dem Tempelvorsteher des 
Gottes, dem Apollo Grannus geweiht war. Dieses prächtige Bronzegefäß, ein 
Prunkstück unseres Nationalmuseums, ist beinahe 45 cm hoch; die um den 
oberen Rand laufenden Ornamente sind mit Silber eingelegt. 

Apollo Grannus wurde von den Kelten verehrt. Der Nanu- kommt in- 
schriftlich in Schottland, in den Rheingegenden und in Bayern, auch auf einem 
Altar in Rom vor. Grannus ist die lateinische Form eines keltischen Wortes, 
das Sonne bedeutet. 

Unsere Vase gehörte also einst einem rempel an, der in einem keltischen 

1) J. Hallenberg, Berättelse om ett forntids romerskt metallkärl funnet i Westmanland ir 

18 18 (Stockholm, 1819). 




275. Glasbecher, mit geschliffenen Ornamenten. 



Skäne. 2 / 3 . 



I/O 



Die römische Eisenzeit. 



Lande innerhalb des römischen Reiches stand, wahrscheinlich in Südwest- 
deutschland oder im Rheinland. 




276. Römische Schöpfkelle mit Sieb von Bronze; der Griff auch von oben gesehen. Skäne. 1 / 3 




- -. 



277. Teil eines eisernen Kettenpanzers. Skäne. ] r 




278. Bronzevase, dem Apollo Grannus geweiht. 
Römisches Fabrikat. Westmanland. !/ 5 . 




276a. Das Sieb Fig. 276 von unten 
gesehen. */ 3 . 




279. Teil eines römischen 
Bronzegefässes. Oland. 2 L. 



Da ein Verkauf des Tempelgefäßes nicht gut anzunehmen ist, dürfte es 
einmal als Beute entführt worden sein und wanderte dann nach Norden, um 
schließlich in Schweden als Graburne der Aufbewahrung der vom Scheiter- 



Verkehr mit dem römischen Reiche. 



171 



häufen gesammelten Reste ihres letzten Besitzers zu dienen. Dieser war sicher 
reich und mächtig, seinen Namen kennt man aber nicht. 

Auch sonst noch trifft man römische Bronzegefäße in Schweden, sowohl 
auf dem Festland wie auf Oland und Gotland, an. Viele davon fand man in 
Gräbern. 

Ein großer und kostbarer Fund römischer Altertümer wurde im Jahr 1S72 
bei Öremölla an der Südküste Skänes gemacht. Dort fand man in der Erde 
unter einem kleineren Steinhaufen in einem großen Bronzegefäß verbrannte 






280. Römische Bronzestatuette. 
Uppland. Jj.j. 



281. Römische Bronzestatuette. 
Öland. V 



Knochen, die in einem Kettenpanzer von Eisen (Fig. 277) lagen und mit feinem 
Stoff umwickelt waren. Neben dem Gefäß standen eine Schöpfkelle aus Bronze 
mit dazugehörigem Sieb (Fig. 276) und zwei Glasbecher (Fi-. 2;-,). Das Bronze- 
gefäß, die Glasbecher und der Kettenpanzer sind sicher römische Arbeiten 1 ). 
Ahnliche Funde von einem großen Bronzegefäß, Kelle und Sieb hat man 
mehrmals in Skandinavien gemacht. Schöpfkelle mit da/n passendem Sieb 
fand man auch oft in römischen [.ändern. Die Römer benutzten sie, um Wein 
aus dem großen Gefäß zu schöpfen, in welchem der Wein mit Wasser oder 
Schnee vermischt wurde. Da man mit der Kelle und dem darein gelegten 



1) II. Ilildebraml, Öremölla-fyndet, im Manadsblad, [874. 



172 



Die römische Eisenzeit. 



Sieb den Wein schöpfte und dann das Sieb heraushob, wurde die Kelle mit 
dem klaren Wein angefüllt, während der Bodensatz in dem Sieb stecken blieb. 

Weil man nun so oft im Norden nicht nur diese Kellen mit Sieb, sondern 
auch große Bronzebowlen gefunden hat, können wir die Frage aufwerfen, ob 
nicht der Wein schon damals zu den Waren gehörte, die der Handel aus den 
südlichen Ländern zu uns brachte. Aus Cäsars Schilderung sehen wir, daß der 
Wein zu den Völkern in Westeuropa durch römische Kaufleute kam. Und von 
den Sueven im Westen des heutigen Deutschland berichtet er, sie hätten diese 
Weineinfuhr verhindert, weil sie fürchteten, der Wein schwäche die Arbeits- 
tüchtigkeit und mache weichlich. 

Außer den zwei erwähnten Glasbechern aus ( Jremölla gibt es noch viele 
andere in schwedischer Erde gefundene Glasgefäße (Fig. 272 und 273), die 
nicht nur durch ihre Form und Verzierungen, sondern auch durch die Um- 
stände, unter denen sie gefunden wurden, den vier ersten Jahrhunderten nach 
Christus zuzuteilen sind. 

Unter einem Steinhaufen fand man im Kirchspiel Sjonhem auf Gotland 
vor mehreren Jahren einen Sarg mit einem hohen, prächtigen Becher aus 
weißem Glas, jetzt im Nationalmuseum. In dem Grab lag ein ausgestrecktes 
Skelett, zu dessen Häupten links der Glasbecher, in der Mitte ein eisernes 
Messer und zu Füßen ein Tongefäß, Bronzebeschläge zweier Trinkhörner und 
anderes mehr. 

Aber nicht nur Gebrauchsgegenstände von Bronze und Glas wurden aus 
dem römischen Reiche nach Norden gebracht, sondern auch Kunstgegenstände, 
wie Statuetten und ähnliches 1 ). So fand man im Jahre 1837 bei Ösby im 
Kirchspiel Gräsgärd auf Oland eine schöne, beinahe 30 cm hohe Venus von 
Bronze (Fig. 28 1) 2 ). Auf derselben Insel wurde auch das Bein einer kleinen 
römischen Figur und ein massiver Stier, beides von Bronze, ausgegraben. Der 
Stier, der 4,45 kg wiegt, lag in einem Acker bei Lilla Frö im Kirchspiel Resmo. 
Im Bauch befindet sich ein großes viereckiges Loch; vielleicht war er einst 
auf einer Stange befestigt gewesen und hatte römischen Kriegern als Feld- 
zeichen gedient. In Uppland im See Fysingen fand man die römische Bronze- 
statuette Fig. 280. 

Unter den vielen anderen Gegenständen, die unsere Vorfahren durch den 
Handel mit den Römern erhielten, sind auch einige emaillierte Arbeiten zu er- 
wähnen (Fig. 270 und 271). 



* 



1) C. Engelhardt, Romerske Statuetter og andre Kunstgjenstande fra den tidlige nordiske 
jernalder, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1S71, S. 432, mit 12 Taf. — Derselbe, Statuette^ 
romaines et autres objets d'art du premier äge de fer, in den Memoires de la Soc. d. Antiqu. du 
Nord, 1872 — 77, S. 47, mit 12 Taf. — Chr. Blinkenberg, Romerske Bronzestatuetter, in den 
Aarböger f. nord. Oldkynd., 1900, S. 65. 

2) H. Schuck, in der Svenska Fornm.-för s tidskrift, Bd. 7, S. 238. 



Römische Schriftsteller über den Norden. 



173 



Da Skandinavien, wie wir gesehen haben, schon lange vor Anfang unserer 
Zeitrechnung mit dem Süden in Verbindung stand und der Verkehr mit dem 
Römischen Reiche in der älteren Kaiserzeit so lebhaft war, kann es nicht wunder- 
nehmen, daß einige römische Schriftsteller etwas von unseren Gegenden zu 
erzählen wissen. 

Der Name Codanonia, womit die uns überkommenen geographischen 
Werke des Pomponius Mela unsere Halbinsel bezeichnen, ist wahrscheinlich 
eine nur durch fehlerhaftes Abschreiben entstandene Verdrehung von Scandinavia. 
Diese Arbeit stammt aus der Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. Codanonia 
wird als eine große und fruchtbare, von Teutonen bewohnte Insel beschrieben. 

Der erste, bei dem der Name Skandinavien deutlich vorkommt, ist Plinius 
der Altere, der selbst die Küsten der Nordsee besuchte und bei dem be- 
kannten Ausbruch des Vesuvs, der Herkulanum und Pompeji begrub, sein 
Leben einbüßte. Ich habe erzählen hören«, sagt er, »von unermeßlich großen 



282. Ptolemäische Karte über Südskandinavien (Jütland, dänische Inseln und Südschweden). 

Inseln, die nicht weit von Germanien entdeckt wurden.« Die berühmteste dieser 
vielen Inseln, die in der Codanischen Bucht liegen, sei Scandinavia, von un- 
bekannter Größe: den Teil aber, den man kenne, bewohnen die Hillevionen, 
die ihr Land eine neue Welt nennen. Als Plinius die Britischen Inseln besuchte, 
hörte er dort anderes über den Skandinavischen Norden, was er auch anführt, 
ohne gewahr zu werden, daß es sich um dasselbe Land handelt. Unter den 
Inseln, die im Germanischen Meer gegenüber Britannien liegen, nennt er 
Scandia, Nerigon als die größte und Thule als die äußerst gelegene. Scandia 
und Skandinavien sind wahrscheinlich verschiedene Formen desselben Namens, 
ursprünglich für den südlichsten Teil der Insel, wo man ihn noch im Namen 
Skäne wiederfindet. Nerigon kann nur Norwegen sein und Thule der nördlichste 
Teil desselben, als eine Insel für sich betrachtet. Daß die Römer, denen der 
Zusammenhang der Skandinavischen Halbinsel mit Finnland und Rußland nicht 
gut bekannt sein konnte, und die ihre Angaben über den Norden in unsicherer 
Weise von verschiedenen Seiten erhielten, unsere Halbinsel als Insel oder viel- 
mehr als mehrere Inseln betrachteten, wird uns nicht wundern. 

Den schwedischen Namen treffen wir zuerst bei Tacitus an, der un- 
gefähr hundert Jahre nach Christi Geburt seine bekannte, für die Kenntnis 



174 



Die römische Eisenzeit. 



Germaniens so äußerst wichtige Arbeit schrieb. Wie die alten Schriftsteller 
im allgemeinen, so hält auch er die Ostsee für ein offenes Meer, das er das 
Suevische nennt. Im Westen liegt die Jütische oder, wie sie die Römer 
nannten, die Cimbrische Halbinsel, die nach Tacitus und Plinius sich in einem 
ungeheuren Bogen nach Norden erstreckt; an der Ostseite wird das Suevische 
Meer vom Ostyernland begrenzt, das als die Heimat des Bernsteins bezeichnet 
wird, und in dem wir die südöstliche Ostseeküste wiederfinden. In diesen 
großen nach Norden offenen Meerbusen des Ozeans verlegt Tacitus das Gebiet 
der Svionen, die durch ihre starke Bevölkerung mächtig an Waffen und an 
Schiffen sind. Auf die eigenartige Beschreibung, die er von ihren Booten 
macht, werden wir noch näher eingehen. Nördlich von den Svionen ist nach 
Tacitus ein zweites Meer, das schwerflüssig, ja fast unbeweglich ist und den 
Erdkreis einschließen und umgeben soll, während der Glanz der untergehenden 
Sonne bis zum Aufgang weilt, so hell, daß das Licht der Sterne davor erbleicht. 

Im zweiten Jahrhundert nach Christus schreibt der Alexandrinische Geo- 
graph Ptolemäus, daß östlich von der Cimbrischen Halbinsel die Skandischen 
Inseln liegen, drei kleinere und östlich von ihnen die vierte und letzte, die 
eigentlich Skandia heiße. Er zählt sechs Völker auf dieser Insel auf, deren 
Namen aber, teilweise wahrscheinlich durch Fehler beim Abschreiben, außer 
»Gutai«, Gutar oder Gotar, unkenntlich sind. Ptolemäus ist der erste, der von 
den Gutai als auf Skandinavien wohnend spricht. Auf der Karte von Nord- 
europa, die zu seiner Geographie gehört, sehen wir Skandinavien zum ersten- 
mal (Fig. 282). 

Unter den auf der anderen Seite der Ostsee wohnenden Völkern, die 
Ptolomäus aufzählt, sind die Finnen und Gytonen, die in der Gegend der 
Weichsel wohnen sollen. Wenn er Skandia der W'eichselmündung gegen- 
über legt, kommt das sicher daher, daß der gewöhnliche Weg vom Festland 
nach Schweden über diese Flußmündung ging, was durch dortige Funde 
römischer Münzen und anderes bekräftigt wird. 



2. Lebensweise. 

Zahlreiche Funde aus der älteren Eisenzeit im Norden geben uns ein 
gutes Bild der Lebensweise und des Kulturzustandes in Skandinavien zur 
Zeit, wo Heidentum und Christentum um die Herrschaft in der römischen 
Welt kämpften, und die Einfälle der Germanen in das Reich immer heftiger 
wurden, bis sie mit dem Sieg der »Barbaren« und dem scheinbaren Untergang 
der alten Bildung endeten. 

Die Kulturländer des Südens hatten damals eine Geschichtschreibung, 
die selbst kleinere Ereignisse aufgezeichnet hat. Nicht so unser Land, und wir 
sind fast ganz und gar auf die Monumente und die Museen als Quellen ange- 
wiesen. Was die zeitgenössischen römischen Schriftsteller von uns zu erzählen 
haben, ist nämlich, wie wir gesehen haben, nicht viel. 



Lebensweise. 



i/5 



Fig. 283 gibt das Bild eines nordischen Häuptlings vor fünfzehnhundert 
Jahren. Es ist nicht aus der Phantasie entstanden, sondern kann als historisch 
treu angesehen werden. Kleider, Waffen und Schmucksachen sind genau nach 
denen gezeichnet, die man in den dänischen Torfmooren bei Torsbjerg und 




283. Nordischer Krieger aus dem vierten Jahrhundert nach Chr. 



Nydam in Sönderjylland gefunden hat. Die konservierende Eigenschaft 
Torfes hat hier Kleider, Holzarbeiten und anderes aus der älteren Eisenzeit 
auf wunderbare und beinahe einzige Art erhalten. Und wir können mit Recht 
annehmen, daß die Aufklärungen, tue diese durch ungewöhnlich günstige Um- 
stände ausgezeichneten Funde aus Dänemark geben, auch für unser Land gelten. 



i;6 



Die römische Eisenzeit. 




284. Schere von Bronze. Gotland. * , 



-— T^r— 



fiiifiiijif.>«>*! 



^y> <<3>>X<3 



Die Kleider sind aus Wolle. 1 ) Das Gewebe ist feiner und zeugt von 
größerer Webfertigkeit als das der Bronzezeit; ein Rautendrellmuster kommt oft 
vor (Fig. 285). Die Hauptbekleidungsstücke bestehen aus einem langen Rock 
mit Armein bis zu den Handgelenken und Hosen, die um den Leib mit einem 
Riemen (auf dem Bilde nicht sichtbar) festgehalten werden und unten mit 

kurzen Strümpfen zusammengenäht 



sind. Die äußere Fußbekleidung 
sind eine Art lederne Sandalen 
mit feinen gepreßten Ornamenten. 
Über der Schulter hängt ein Mantel 
aus Wolle, unten mit langen 
Fransen versehen. Einer der im 
Torsbjergmoor gefundenen Mäntel 
hatte seine Farbe bewahrt, sie ist 
grün mit gelben und dunkelgrünen 
Borten. Die Hosen scheinen, wie 
wir schon gesehen haben (S. 93), 
in der Bronzezeit hier im Norden 
noch nicht getragen gewesen zu 
sein; es verdient daher Beachtung, 
daß sich diese das germanische 
Volk im allgemeinen kennzeich- 
nende Beinbekleidung um etwa 
dreihundert Jahre nach Christus 
in Skandinavien zeigt. 

Die Sandale, die den Fuß 




■*h 



285. Wollenstoff. Torsbjerg 
in Schleswig, ^j. 



286. Spindel (modern), 

mit hölzernem Wirtel. so wenig bedeckt, scheint für das 
Dalarne. | B . nordische Klima wenig passend, 
und so ist es wahrscheinlicher, daß 
diese Fußbekleidung durch einen 
vom Süden eingewanderten Stamm 
eingeführt wurde, als daß sie 
einem im Süden wohnenden Volk 
entlehnt worden sei. 

Aus der älteren schwedischen 
Eisenzeit kennt man allerdings bis 
jetzt keine Reste von Leinen- 
geweben. Aber das kann Zufall 
sein und beweist nicht, daß Leinen damals unbekannt gewesen wäre, da wir 
doch Spuren von Leinwand schon aus der Bronzezeit in Südskandinavien 
haben. In schwedischen Gräbern aus der späteren Eisenzeit ist Leinwand 
gefunden worden. 





287. Tönerner Spinnwirtel, von zwei Seiten gesehen. 
Bohuslän. 2 L. 



1) Th. Thomsen, Vaevede Stoffer fra Jernalderen, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 
1900, S. 257. 



Lebensweise. jyy 

Unter den Funden aus der älteren Eisenzeit kommen nicht selten eine 
Art anscheinend unbedeutender Altertümer vor, die doch- unsere Aufmerksam- 
keit verdienen, nämlich solche runde durchbohrte Scheiben wie die Fig. 287 
abgebildete. Es waren »Spinnwirtel«, das heißt sie haben als Schwungrad an 
den unter dem Namen Spindel bekannten einfachen Spinngeräten gedient, die 
sogar noch in unserer Zeit in Dalarne (Fig. 286), Härjedalen und anderen ab- 
gelegenen Gegenden Schwedens gebraucht wurden, während sie sonst längst 
dem Spinnrocken weichen mußten, der seinerseits von den modernen, zeit- 
sparenden Spinnmaschinen verdrängt wurde. Der hier abgebildete Spinn- 
wirtel ist wie viele andere aus gebranntem Ton; doch gab es auch solche aus 
Stein, und sicher waren auch in der älteren Eisenzeit wie heutzutage viele 
aus I Iolz. 

Die Spindel ist seit Urzeiten beinahe überall benutzt worden. In Homers 
Gesängen begegnen wir der hellenischen Frau , die mit der Spindel arbeitete, 
und in den Ländern des Südens ist sie noch allgemein im Gebrauch. Wir 
finden Spindeln in Amerika wieder, die den europäischen ganz ähnlich sind. 
In Peru pflegte man, wenn eine Frau starb, ihr die Spindel mit ins Grab zu 
geben, und dieselbe Sitte herrschte im Norden. Der Wirtel, der Fig. 287 
abgebildet ist, wurde neben einem zweiten ebensolchen und einem mit gebrannten 
Knochen angefüllten Tongefäß in einem Hügel des prächtigen Gräberfeldes 
von Greby in ßohuslän gefunden (Fig. 333). Ohne Zweifel enthielt dieser 
Hügel die Reste einer Frau, da das Grab w r eder Waffen noch anderes Mannes- 
gerät enthielt. 

Wie wir aus dem Vorangehenden gesehen haben, ist es ungewiß, wieweit 
man bei uns Spindeln vor dem Anfang der Eisenzeit kannte. In Mitteleuropa 
waren sie jedenfalls viel früher in Gebrauch. 

Neu tritt bei uns im Anfang der Eisenzeit die Schere (Fig. 284) auf. 
Vorher mußte das Messer deren Dienste leisten. Die Scheren, die in Schweden 
in der Eisenzeit benutzt wurden — und die aus zwei Messern gebildet waren - 
hatten alle dieselbe Form wie die für die Schafschur heute noch üblichen: 
Scheren dieser Form werden in gewissen Teilen des Landes auch noch ander- 
weitig benutzt. Da die im Norden in der Eisenzeit gebräuchlichen Scheren 
denen der Römer gleichen, haben wir hier wahrscheinlich wieder die Spur 
römischen Einflusses. Die abgebildete Schere ist, wie einige andere aus der 
älteren Eisenzeit, von Bronze und liefert dadurch den Beweis, daß die Bron/e 
noch nach Schluß der Bronzezeit, wenn auch selten, zu Schneide Werkzeugen 
verwendet wurde. 

Solche anscheinend unbedeutende Umstände wie das Vorkommen derSpinn- 
wirtel und das erste Erscheinen der Schere dürfen nicht übersehen werden, 
wenn man die Kulturgeschichte eines Landes kennen lernen will. Diese in 
unseren Augen so einfachen Erfindungen, — die so alt sind, daß wir sie kaum 
als Erfindungen betrachten, — haben vielleicht einen ebenso großen Einfluß aus- 
geübt, wie die Erfindung der Nähmaschine in unserer Zeit. 

Monte lius, Kulturgeschichte Schwc I j 



i 7 8 



Die römische Eisenzeit. 




Spange von Bronze und Silber, von zwei Seiten 
gesehen. Westergötland. 1 / 1 . 






<2_ 



3 fa 



291. Hakenkreuzförmige Bronzespange, 
von zwei Seiten gesehen. Blekinge. 2 | 3 . 



290. Goldener Hängezierat. 
Westergötland. i / 1 . 



289. Silberspange, von zwei Seiten 
gesehen. Östergötland. 1 / 1 . 




292. Goldring. Gotland. °/ 3 . 




293. Goldener Finger- 
ring. Medelpad. 1 / 1 . 




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»"i*"iin»M<tiLHIIil l^ftl' frL^^^i i-nj 




294. Bronzespange, mit vergoldetem Silber belegt 
und mit farbigem Glasfluß besetzt. Uppland. 1 / 1 . 



295. Bronze mit vergoldetem Silber 
und farbigem Glas. Boh. J j x . 



Lebensweise. 



179 



Die Kleider wurden in der älteren Eisenzeit meist mit Nadeln oder Spangen 1 ) 
zusammengehalten, die in großer Menge in den Funden vorkommen. Knöpfe 
oder Haken trifft man hingegen äußerst selten an. 

Die Spangen (Fibeln) waren von Eisen, Bronze oder Silber, bisweilen 
mit Gold belegt oder mit Email geschmückt (Fig. 270). Eine in dem ersten 
Jahrhundert nach Christus gebräuchliche Form der Fibel ist Fig. 288 abgebildet; 
dem dritten Jahrhundert entstammt das Original der Fig. 289. Die Spangen 
dieser Periode zeichnen sich oft durch Feinheit und geschmackvolle Arbeit aus. 
Manchmal sind sie ziemlich groß, aber niemals so grob wie in einigen anderen 
Abschnitten der Heidenzeit. Die Nadel läuft oft in mehreren Windungen um 
eine durch das obere Ende der Fibel gehende kleine Querstange und bekommt 
dadurch große Elastizität. Aus Grabfunden — den einzigen Quellen für unsere 
Kenntnis von der Anwendung dieser Spangen und anderer zur selben Zeit 
gebräuchlichen Schmucksachen — bat es sich gezeigt, daß man oft mehrere 
solche Spangen auf einmal trug. So fand man vor einigen Jahren in einem 




r 'i 



\ 



296. Bronze mit vergoldetem 

Silber und farbigem Glas. 

Uppland. 1 / l . 




297. Goldener Armring. Oland. 1 / 1 . 



Grab, das die Reste einer unverbrannten Leiche enthielt, nicht weniger als vier 
Spangen. Eine von ihnen hatte, wie die Lage des Skelettes ergab, am Halse 
gesessen, unter dem Kinn, eine auf jeder Schulter und eine mitten auf der Brust 

Einige Male fand man in nordischen Gräbern aus jener Zeit Spangen in 
Form eines Hakenkreuzes (wie Fig. 291). Der Gürtel wurde gewöhnlich mit 
Schnallen zusammengehalten (Fig. 294). Das Original dieser Abbildung war, 
wie mehrere andere Arbeiten derselben Zeit (Fig. 295 und 296), mit dünn- 
gepreßten Platten von vergoldetem Silber belegt und mit gefärbtem Glas 
schmückt; die meisten Schnallen waren viel einfacher. 

Der im letzteren Teil der Bronzezeit vorherrschende Geschmack an 



1) H. Hildebrand, Bidrag tili spännets bistoria, in dei Antiqv. tidskr. f. Sv., Bd. 4 18; 

1880) — O. Almgren, Studien über nordeuropäische Fibelformen Sl rafeln. 

[2* 



j gQ Die römische Eisenzeit. 

Ringschmucksachen aus Bronze ist in den ersten Jahrhunderten nach Christus 
beinahe verschwunden. Nur selten trifft man größere Ringe an, und sie sind 
öfter von Gold als von Bronze (Fig. 292) 

Zu dieser Periode gehören auch die massiven Armspiralen aus Gold, wie 
die Fig. 297 abgebildete; die Enden schließen meist in mehr oder weniger 
deutlichen Tierköpfen. Auch Goldfingerringe derselben Form fand man (Fig. 293). 

Andere Fingerringe aus Gold sind glatt und sehen aus wie unsere heutigen 
Trauringe. Bemerkenswert ist, daß man in einigen dänischen Skelettgräbern 
aus jener Zeit solche glatte Ringe auf dem Ringfinger der rechten Hand fand, 
also genau da, wo noch heute in Dänemark der Trauring getragen wird. Hier 
haben wir eine Andeutung, daß wirkliche Ehen schon in der älteren Eisenzeit 
im Norden vorkamen, was auch an und für sich wahrscheinlich ist. In vielen 
italienischen Gräbern aus der Zeit vor Christi Geburt fand man ähnliche glatte 
Ringe an dem Ringfinger der einen Hand. 

Von Schmucksachen und Putzgegenständen haben wir Gehänge aus Gold 
(Fig. 290), Perlen aus Gold, Glas und Bernstein, Kämme aus Knochen, kleine 
Döschen aus Silber, wahrscheinlich für Salben, kleine Zangen und Ohrlöffelchen, 
gewöhnlich aus Bronze, bisweilen aus Silber. Eine solche Zange, manchmal 
an einem kleinen Ring zusammen mit dem Ohrlöffelchen, wurde sicher an- 
gewendet, um Haare zu entfernen; eine ähnliche Anwendung solcher Zangen 
kennen wir auch noch aus späterer Zeit. In einem dänischen Grab lag ein 
kleiner römischer Spiegel aus Metall; er ist rund und hat nur ein paar Zoll 
im Durchmesser. 

Der schöne aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammende Hänge- 
schmuck Fig. 290 verdient besondere Aufmerksamkeit. Er ist, wie auch 
andere Arbeiten aus jener Zeit, mit aufgelöteten Drähten und Körnchen von Gold 
geschmückt. Die Anfertigung solcher Filigranornamente *) hatten die Nordländer 
durch die Berührung mit der römischen Kultur erlernt: auch unsere Vorfahren 
erreichten bald einen hohen Grad von Geschicklichkeit in der Verfertigung 
solcher Schmucksachen, wie die außerordentlich feinen und großartigen Gold- 
filigranarbeiten aus der Mitte des ersten Jahrtausends und die ebenso ausge- 
zeichnet schönen Silberfiligranarbeiten aus der Wikingerzeit beweisen. Dieser 
aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung stammende Zweig des Kunst- 
handwerkes lebte im Mittelalter weiter fort und ist auch heute auf der Skan- 
dinavischen Halbinsel noch nicht ausgestorben. 

Das Gold war nicht länger so selten, wie in den vorhergehenden Zeiten. 
Von den vielen schwedischen Goldfunden, die aus dieser Periode stammen, sind 
folgende besonders bemerkenswert. 

Massive Goldarmringe wie Fig. 297 sind auffallend oft gefunden worden: 2 ) 
in Uppland, bei Westra Rickeby, im Jahre 1823, drei solche Ringe (Gesamt- 
gewicht 574 Gramm); Längalma, 1834, ein Ring (191,5 g); Längtora, 1852, 



1) Die Benennung Filigran kommt vom lateinischen Filum, Faden, und Granum, Korn. 

2) H. Hildebrand, Ormhufvudringarne frän den üldre jernäldern, im Mänadsblad , 1873 
und 1891. 



Lebensweise. j g j 

das Endstück eines Ringes; Tuna, 1891, zwei Ringe (199,6 und 178,2 g) 1 ). 

— Nerike, Luggawi, 1856, ein solcher Ring (182 g) nebst einem Goldring 
anderer Form (beide zusammen 323 g) 2 ). — Bohuslän, Höwikenäs, 1834, 
ein Ring (191,5 g) 3 ). — Skäne, Bunkeflo, 1865, ein Ring (191,3 g); Eskils- 
torp, 1869, ein Ring (189,6 g) 4 ). — Smäland (Kalmar Län), Krakelund, 1825. 
ein Ring; Tryserum, 1881, ein Ring (186,6g); Päboda, 1905, ein Ring (202,2 g). 

— Öland, Ösby, 1 8 1 5, ein Ring (199,2 g) 5 ); Kastlösa, 1853, ein Ring (217,5 g)«); 
Näsby, 1868, ein Ring (191,7 g); Resmo, 1897, ein Ring (191,5 g). — Gotland, 
Hejnum, 1843, ein Bruchstück; Lilla Ryftes, 1873, ein solcher Ring (184 g) 
nebst einem Goldring, ähnlich dem von Luggawi in Nerike (beide zusammen 
362,1g); Mannegärda, 1882, ein ungewöhnlich kleiner Ring; Träkumla, 1895, ein 
R ing (197.7 g); Westrings, 1898, ein Ring (226,9 g). 

Andere bedeutende Goldfunde aus derselben Periode wurden gemacht: 
in Medelpad, bei Skottgärd, im Jahre 1843, ein Ring (78,6 g) T ). — Westman- 
land, Möklinta, 17 13, ein Goldarmring und andere Sachen aus Gold und Silber 
(Gesamtgewicht 127 g Gold und 65 g Silber). — Södermanland, Fröstuna, 
1842, ein Halsring (131,4g) 8 ). — YYestergötland, Angered, 1687(1), das 
Endstück eines großen Ringes (Gürtels?); Wäby, 1885, ein Ring (156,2 g); 

o 

Asaka, 1901, ein schwerer Armring (267 g) 9 ). — Bohuslän, Lilla Jored, 
18 16, in einem Grabe, ein Spiralring und anderer Schmuck 10 ). — Halland. 
Ffulrugered, 1833, ein Halsring (133,5 g) 11 )- — Skäne, Keglinge, 1832, ein 
Ring (176 g); Trelleborg, 1846, eine Barre (151,3 g); Stenestad, 1868, ein 
Halsring (136,3 g) 12 ); YYidtsköfle, 1888, ein schwerer Spiralarmring (383 g) ia ; 

— Smäland, Byarum, 1781, ein breiter Fingerring und ein Stück Gold (Gesamt- 
gewicht 212 g); Klefva, 1881, das Endstück eines Halsringes 14 ). — < >land, 

o 

Persnäs, 1848, ein Armring; Solberga, 1854, ein Halsring; As, 1868, ein Hals- 
ring von 99,5 °/ (!) Goldgehalt (190 g) 15 ); Köping, 1888, ein Armring; Hügby, 
1889, ein Armring; Kolstad, 1897, ein Ring (208,3 g)- — Gotland, Walla, 
1844, ein Ring (189,6 g) 16 ), ein zweiter Ring, eine Barre und eine Münze des 
Kaiser Titus, alles aus Gold (367,9 g); Burg, 1850, in einem Grabe, die Enden 
eines Halsringes 14 ); Alfva, 1861, ein Halsring 14 ); Källunge, 1866, ein Halsring u ; 
Lilla Ryftes, 1875, ein Ring (178 g); Rings, 1886, in einem solchen Haus wie 
Fig- 3 l 3> ein großer Spiralring (177,4 g) 17 ); Wamblingbo, 1891, ein schwerer 
Fingerring und andere Goldsachen (209,3 g); Dynisser, 1898, ein Halsring 
(99.4 g). . * 



l) (Tuna) Abgebildet im Manadsblad, 1891, S. 138, Fig. 25 und 26. — 2) (Luggawi II i 
berg, Nerikes gamla minnen, S. 76. — 3) (Höwikenäs) Bidrag tili kännedom om Bohusläns 1 
minnen, Bd. 3, S. 545. — 4) (Eskilstor^ Antiquites suedoises, Fig. - 5) benda, Fig. 345. 

— 6) (Kastlösa) Ebenda, Fig. 346; das Original unserer Fig. 297. — 7 [Skottgärd) Abgebildet in 
Antiquites suedoises, Fig. 341. — 8) (Fröstuna) Ebenda, Fig. 343. — 9 Isaka) Derselben Form 
Manadsblad, 1888, S. 183. — 10) (Lilla Jored) Bidrag tili kännedom om Bohusläns fornminnen, Bd. 2. 
S. 205 und 213; vgl. Antiqu. su&l., Fig. 47z. — m llulrugered) Hallands Fornm.-f ritt. 

1869, S. 51, Taf.I, Fig.2.— 12) (Sl Isblad, 1873, S. 41. — 13) (Widtskö nda, 

$, S. 183. — 14) (Klefva, Burg, Alfva und Källunge) Wie Antiqu. sued., 1 — 15) \- 

Ebenda. Fig. 349.— 16) (Walla) Ebenda, Fig. 342. — 17) (Kings) Manadsblad, i v 



182 



Die römische Eisenzeit. 



298. Eiserne 
Lanzenspitze. 
Gotland. 1 / 3 . 




nrnr 




299. Eiserne Schildbuckel, mit Handhabe (von zwei Seiten 
gesehen). Östergötland. i/j. 




300. Bronzene Schildbuckel. Oland. * 



•2- 








301. Eisen- 
schwert, ein- 
schneidig. Öster- 
götland. 1/4- 




302. Schwertscheide-Beschlag von Silber. 
Uppland. 1 / 1 . 



303. Bronzeortband einer Schwertscheide, 
von zwei Seiten gesehen. Skäne. J / 2 . 



Lebensweise. 



18' 



Fig. 283 veranschaulicht nicht nur Kleider und Schmuck, sondern auch die 
Waffen jener Periode. Diese Waffen waren in der Hauptsache dieselben wie 
in der älteren Zeit, wenn auch von etwas anderer Form. 

Das Schwert ist, wie in der ältesten Eisenzeit, mehr Hieb- als Stichwaffe. 
Die Klingen, immer von Eisen oder Stahl, sind zweischneidig (Fig. 304) oder 
einschneidig (Fig. 301), nicht selten damasziert (Fig. 305) und oft sehr geschickt 
gearbeitet; auf einigen ist ein Fabrikstempel, der einen mit lateinischen Buch- 
staben geschriebenen Namen enthält (Fig. 304). Der Griff war fa>t immer von 





305. Teil einer damaszierten 
Schwertklinge von Eisen. 
304. Eisenschwert mit Stempel (MARCIM), von "zwei Nydam, Schleswig. 2 /.,. 

Seiten gesehen; mit Details. Östergötland. i / i (und 1 / 1 ). 

Holz, Knochen oder Hörn, manchmal mit Bronze oder Silber belegt; ab und 
zu ist er ganz aus Bronze. 

Die Scheiden, aus dünnen Holzplatten mit Ortband und anderem Beschlag 
von Bronze (Fig. 302 und 303), sind nicht selten ganz gut erhalten. I >ie We 
wie das oft aus Metall oder Elfenbein verfertigte Ortband abgenutzt worden 
ist, zeigt, daß das Schwert meist an der rechten Seite getragen wurde, wie 
bei den römischen Kriegern. 

Man fand zuweilen auch die 1 ehenke, in denen das Schwert getragen 

wurde; auf einem solchen aus YYimose auf Fünen war unter anderen Figuren 
ein Delphin gestickt, wie man an den deutlich sichtbaren Stichlöchern sieht. 
Auch das deutet auf römischen Einfluß. 



184 



Die römische Eisenzeit. 



Übungszwecke 



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In Torsbjergsmoor und in Wimose fand man Holzschwerter; an ersterer 
Stelle auch eine Lanzenspitze und eine Pfeilspitze aus Holz, wahrscheinlich für 
Römische Schriftsteller reden davon, daß man Holzschwerter 

bei Übungen verwendete. 

Eine noch allgemeinere Waffe 
als das Schwert war der Speer 
oder die Lanze. In den Mooren 
findet man nicht nur die gutge- 
schmiedeten, oft mit langen Wider- 
haken versehenen Eisenspitzen, 
die auch in anderen Funden all- 
gemein vorkommen (Fig. 298), 
sondern auch Lanzenschäfte, die 
gut erhalten sind. Sie sind ge- 
wöhnlich aus Eschenholz und 
scheinen gedrechselt zu sein. Ihre 
Länge ist oft mehr als 3 m, die 
Dicke übersteigt kaum 3 cm. An 
einigen Lanzenschäften ist der 
Schwerpunkt durch eingeschla- 
gene Stifte oder eine umge- 
wickelte Schnur angegeben, damit 
der Werfende dem Speer schnell 
und sicher die richtige Lage in 
der Hand geben konnte. 

Die Pfeile waren lang, gewöhn- 
lich mit Spitzen von Eisen, oft auch 
von Knochen. Letzteres ist über- 
raschend genug, da man meinen 
sollte, knöcherne Pfeilspitzen wären 
nur in der Zeit angewendet wor- 
den, als die Metalle noch unbe- 
kannt oder selten waren. Die 
hölzernen Pfeilschäfte sind 60 bis 
90 cm lang; hinten, wie man noch 
sieht, waren vier Reihen Federn 
mit gepechtem Faden festgebun- 
den. In die Pfeilschäfte waren 
oft Zeichen eingeschnitten, damit 
der Besitzer seinen Pfeil wieder- 
finden konnte. Einige von diesen Zeichen sind Runen. 

Auch Bögen sind erhalten (Fig. 283). Sie sind ungefähr 1,80 m lang. 
Die Bogensehnen sind allerdings nicht mehr vorhanden. Bögen mit Stock, wie 
die Armbrust des Mittelalters, waren in der heidnischen Zeit unbekannt. 




Lebensweise. I g c 

Von Pfeilköchern aus der älteren Eisenzeit hat man einen, ganz und gar 
aus Holz, gefunden, in dem wohl zwanzig Pfeile Platz hatten. Ferner sind 
Bronzebeschläge zu einigen solchen Köchern gefunden worden. 

Schutzwaffen waren vor allem der Schild, wie in der vorangehenden 
Periode, ferner Helm und Panzer. 

Die Schilde waren rund und flach, aus mehreren gehobelten dünnen 
Brettern zusammengesetzt. Die Größe wechselt zwischen 60 cm und 1,20 m im 
Durchmesser; die kleinsten wurden sicher von den Reitern getragen. Um den 
Rand herum laufen zuweilen feine Beschläge, gewöhnlich aus Bronze, bisweilen 
aus Silber. Die Schäden in den Schilden sind manchmal mit einem über den 
Sprung genieteten Bronzeband repariert. Die Buckeln waren von Eisen, Bronze, 
Silber oder Holz (Fig. 299 und 300). Auf einem solchen hier im Norden ge- 
fundenen Buckel von Bronze steht mit lateinischen Buchstaben • der Name 
AEL. AELIANUS, auf einem anderen eine Runeninschrift. 

Im Torsbjergmoor fand man ein paar Helme, die einzigen, die man 
aus der älteren Eisenzeit im Norden kennt (vergl. S. 100). Der eine ist aus 
Bronze, eine schöne römische Arbeit. Ein anderer, der Fig. 283 abgebildet ist, 
ist eine ungewöhnlich kostbare Arbeit aus Silber, mit Gold belegt; er besteht 
aus einer runden, durchbrochenen Bedeckung für den übrigen Kopf, während 
das Gesicht von einer Art Maske mit einer Öffnung für Augen, Nase und 
Mund geschützt wird. Ein in Deutschland gefundener ebensolcher Silberhelm ' 
macht es mehr als wahrscheinlich, daß diese Öffnung zum Teil mit einem ver- 
loren gegangenen Stück bedeckt war, das etwa dem Visier der Helme aus 
späterer Zeit entspricht. 

Daß so selten Helme aus den älteren Zeiten gefunden werden, beruht 
ohne Zweifel darauf, daß wohl nur die Häuptlinge Helme trugen. Noch im 
siebenten Jahrhundert n. Chr. kämpften die Heruler, ein gotisches Volk in 
römischem Sold, »nach altem Brauch«, wie es heißt, »ohne Helm, Brustharnisch 
oder anderen Schutz als Schild und grobe lose Gewänder, die aufgeschürzt 
wurden, wenn sie in den Kampf zogen; und ihre Sklaven durften nicht einmal 
einen Schild tragen, ehe sie sich tapfer erzeigt hatten.« Bloß ihre Könige 
scheinen als besondere Auszeichnung Helme gehabt zu haben. 

Wir erwähnten schon den Kettenpanzer aus einem Grab in Skäne, der 
aus feinen zum Teil zusammengeschmiedeten, zum Teil genieteten Eisenringen 
bestand (Fig. 277). Solche Panzer, die genau so sind wie dir aus dem christ- 
lichen Mittelalter, wurden auch in den dänischen Mooren gefunden; auf einem 
von ihnen sind alle Nieten von Bronze, was dem Panzer, als er neu war, ein 
prächtiges Aussehen gegeben haben muß. 

In einem Moor im Kirchspiel Barfva, in Södermanland, fand man Reste 
eines großen Ochsenhornes mit länglichen Bronzebeschlägen an beiden Enden 
und mit einer Bronzekette versehen (Fig. 3c6)' 2 ). Das war entweder ein Kriegs- 
horn, oder es wurde im Tempeldienst verwendet (siehe S. ioo>. 

1) Lindenschmit, Dir AJti rer heidnischen \ Mainz, 1881), Bd. 3, 5, PI. 4. 

2) H. Hildebrand, im Mänadsblad, 188 1, S. [47. 



i86 



Die römische Eisenzeit. 



Daß die meisten im Norden gefundenen Arbeiten aus dieser Zeit einheimisch 
sind, ergibt sich daraus, daß ganz ebensolche in anderen Ländern nicht vor- 
kommen, und daß man hier mehrfach Werkzeuge und halbfertige Arbeiten aus 
jener Zeit fand. So müssen wir eine Menge Waffen, Goldringe, Spangen und 
andere Schmucksachen, Holz- und Tongefäße, Fahrzeuge (siehe unten) und 
anderes mehr als bei uns gearbeitet betrachten. 

Von Werkzeugen erwähnen wir als schon in der Bronzezeit vorkommend: 
Messer (Fig. 307), Äxte (Fig. 309 und 310), Hämmer, Meißel und Pfriemen. 
Diese sind jetzt, mit Ausnahme von wenigen Messern, alle aus Eisen. Die Äxte 

haben ein mit der Schneide paralleles Schaft- 
loch wie die heute üblichen oder, wie viele 
von den Bronzeäxten, eine gegen die 
Schneide winkelrechte Tülle, in welcher das 
Ende des gebogenen Schaftes saß. Hinzu 
kommen aber viele Werkzeuge, die früher 
hier unbekannt waren oder wenigstens in 
den uns bekannten Bronzezeitfunden nicht 
vorkommen: große und kleine Zangen, 
große Schmiedehämmer, Stempel und Feilen, 
alle von Eisen. Man hat sogar einige 
Hobel gefunden (Fig. 308), von denen einer 
eine Runeninschrift trägt. 

Aus einem dänischen Torfmoor stammt 
die Fig. 3 1 1 abgebildete Harke, die wunder- 
bar gut erhalten ist. 

In Funden aus der älteren Eisenzeit 
kommen oft ovale Steine vor, gewöhnlich 

Quarz, an welchen man 
mit einem Feuerstein 
Feuer schlug, auf die- 
selbe Art, wie man noch 
vor nicht langer Zeit 
Feuer mit Stahl und 




307. Eisenmesser mit Holzgriff. 
Östergötland. 2 / 3 . 




308. Hölzerner Hobel (das Eisen ist verloren gegangen). 
Wimose, Fünen. 1 / 3 . 



Feuerstein entzündete. Sie wurden am Gürtel getragen. 



Reste von Wohnhäusern aus den ersten Jahrhunderten nach Christus 
wurden mehrfach auf Öland und Gotland entdeckt 1 ). Sie werden von dem 
Volk der Gegend »Riesengräber« genannt, weil man ihre wirkliche Bedeutung 
vergessen hatte und sie für Gräber von Riesen ansah. Wie Fig. 312 und 313 



1) J. H. Wall man, Lemningar efter gamla boningar ifrän hedna-tiden pä Öland, in der 
Iduna, IO (Stockholm, 1824), S. 293. — F. Nordin, Gotlands s. k. kämpagrafvar, im Mänadsblad, 
1886 und 1888. —Vgl. Montelius, Zur ältesten Geschichte des Wohnhauses in Europa, im Archiv 
f. Anthrop., XXIII (1895), S. 452. 



Lebensweise. 



I8 7 



zeigen, sind sie länglich viereckig, haben gewöhnlich abgerundete Ecken und 
den Eingang auf einer der Schmalseiten. Die meisten sind 20 — 40 m lang 
und 8 — 15 m breit; einige sind kleiner. Die Wände - - das einzige, was von 
den Häusern noch übrig ist — sind aus unbehauenen Steinen und Erde. Sie 





^o<) und 310. Zwei Eisenäxte mit hölzernen Stielen. 
Nydam, Schleswig. 1 /-. 



311. Hölzerne Harke. Torsbjerg, 
Schleswig. ty 15 . 



sind 1,50 — 2,50 m dick, manchmal noch dicker; hoch sind sie nur etwa 1 m. 
Die meisten sind niemals hoher gewesen. Bei einigen war jedoch der obere 
Teil aus Holz und ist niedergebrannt, wie man aus den heruntergefallenen, 
verkohlten Resten des Holzes sieht und aus dem durch das Feuer gehärteten 
Ton, mit welchem die Zwischenräume zwischen den Balken gedichtet waren. 



i88 



Die römische Eisenzeit. 



Das hohe, nach allen vier Seiten schräge Dach (Walmdach) ruhte auf den 
niedrigen Wänden, wie die hier beigefügte Zeichnung (Fig. 314) eines ähnlichen 
Hauses auf den Hebriden zeigt, das noch heute bewohnt ist. Den Fußboden 
bildete die Erde selbst ohne Holzbelag, und eine Decke unter dem Dach gab 
es nicht. Das Feuer flammte frei auf der Erde, und der Rauch breitete sich 
in dem oberen Teil der Hütte aus, bis er durch die ganz oben angebrachte 
Rauchöffnung abzog. Wahrscheinlich gab es noch keine Fenster; das Licht 
kam nur durch die Rauchöfthung und die Tür. 

In solchen Hütten fand man auf Gotland, wo derartige Reste mit großer 
Sorgfalt untersucht worden sind, neben einer Menge Stücken von Tongefäßen, 




3t: 



Überreste von Häusern aus der älteren Eisenzeit. Gotland. 



Werkzeuge, Waffen, Schmucksachen, römische Münzen aus dem zweiten Jahr- 
hundert nach Christus, einen Spielstein, Würfel, Schlüssel, Spinnwirtel, Handmühlen 
(wie Fig. 8) und anderes mehr. Zwei Vertiefungen in einem verkohlten Baiken 
enthielten Saatkörner (angeblich Roggen), die ihre Form beibehalten hatten, 
obwohl auch sie verkohlt waren. In einer Hütte fand man einen dicken spiral- 
förmigen Goldring von bedeutendem Gewicht (177,4 g; oben S. 181). 

Die zu jener Zeit angewandten Schlüssel waren einfache Dietriche, wie 
Fig. 3 1 5 zeigt. Selbst hier herrscht ein römischer Einfluß. 

Unter den Hausgeräten treffen wir nun zum erstenmal auf Löffel und 
Trinkhörner; letztere waren wohl auch in der Bronzezeit nicht unbekannt, 
obwohl man keinen entscheidenden Beweis für ihr damaliges Vorkommen hat. 

Die Löffel der älteren Eisenzeit waren gewöhnlich aus Holz oder Knochen 



Lebensweise. 



I89 



In einem zu jener Zeit gehörenden dänischen Grab hat man indessen einen 
Silberlöffel gefunden, der sich durch seine Form als römische Arbeit erweist. 
Von den Trinkhörnern sind natürlich im allgemeinen nur die Bronzebe- 
schläge erhalten (Fig. 316), seltener Reste des Hornes selbst. Der Beschlag 
zeigt, daß man aus dem breiteren Ende des Hornes trank, also auf dieselbe Art, 
wie auch wir noch manchmal tun. Die Römer tranken dagegen, wie wir auf 
einem pompejanischen Gemälde sehen, das Hörn höher als den Mund haltend, 
aus dem durchbohrten spitzen Ende. 





314. Modernes Haus. Hcbriden. 




313. Überreste eines Hauses der älteren 
Eisenzeit. Gotland. 



315. Bronzeschlüssel, von zwei Si 
gesehen. Gotland. ] t . 



Das Trinkhorn folgte, wie andere Gefäße, in dem älteren Teil unserer 
Eisenzeit oft dem Toten ins Grab. Seltsam genug findet man gewöhnlich in 
Schweden Reste von zwei Hörnern in demselben Grab und bei nur einer Leiche. 

Einige Male fand man in nordischen Gräbern aus jener Zeit kostbare Trink- 
gefäße aus Glas in Form eines Hornes. Ein solches prächtiges Gefäß mit auf- 
gelegten milchweißen und dunkelblauen Ornamenten I .. $17) wurde in einem 
Grabhügel im Kirchspiel Hvarf, Östergötland, gefunden; die übrigen im Grabe 
liegenden Gegenstände zeigten ; daß der Tote im dritten Jahrhundert nach 
Christus begraben worden war. 



190 



Die römische Eisenzeit. 




N. 



316. Bronzebeschlag und Bronzekette eines Trinkhornes. 
Gotland. \. 



Außer Hörnern wurden eine Menge andere römische und einheimische 
Gefäße aus Glas, Bronze, Silber und vor allem aus Holz und gebranntem Ton 
benutzt (Fig. 320 — 322). Wie in der Bronzezeit (siehe S. 89) hatte man mit 
Harz gedichtete Holzschachteln; die Schachteln sind heute zerstört, aber die 
Harzdichtung findet man nicht selten noch in den Gräbern vor (Fig. 318 und 

319). Die Tongefäße, die 
beinahe alle einheimisch sein 
dürfen, sind oft viel feiner, 
dünner und besser gebrannt 
als die der Bronzezeit; ihre 
Form ist meistens ziemlich 
geschmackvoll. Auch hier 
zeicrt sich zuweilen römischer 
Einfluß, und einige von ihnen 
scheinen nach römischen Vor- 
bildern gemacht zu sein. Die 
Tongefäße aus der älteren 
Eisenzeit sind, ebenso wie 
die aus den zwei vorher- 
gehenden Perioden, niemals 
glasiert. 

Das Vorkommen von 
Spielsteinen und Würfeln ist 
offenbar eine Folge der Be- 
rührung mit den Römern. 
Die Spielsteine, aus Knochen, 
Glas (Fig. 323) oder Bernstein, 
sind rund, auf der unteren 
Seite glatt, auf der oberen 
schwach gewölbt. Die Würfel 
sind entweder beinahe ebenso 
wie die jetzt gebräuchlichen 
oder länger und schmäler 
(Fig. 324). In Wimose fand 
man große Stücke eines Spiel- 
brettes (Fig. 325). Die eine 
Seite zeigt quadratische Fel- 
der, die andere Seite größere 
und kleinere Kreise und Halbkreise nahe zum Rand, während die Mitte 
leer ist. 

Daß Trinkgefäße und Spielmarken mit ins Grab gegeben wurden, war 
noch in späteren Zeiten gebräuchlich; in mehreren Teilen von Schweden 
sollen noch im vorigen Jahrhundert die Branntweinflasche und die Karten dem 
Toten in die Erde gefolgt sein. 




317. Trinkhorn von Glas. Östergötland. ] | 



Lebensweise. 



IQI 



In einigen der erwähnten gotländischen Häuser fand man »Warpor«, platte, 
durch Behauen des Randes abgerundete Steine, die bei dem auf Gotland noch 
sehr beliebten und fleißig ausgeübten »Warp-Spiel« benutzt wurden, das also 
auf dieser Insel schon in der älteren Eisenzeit bekannt war. Einige von diesen 
Steinen sind so klein, daß sie offenbar für Kinderhände bestimmt waren. Auch 
heute üben die Kinder auf Gotland bereits das > Warp-Spiel . 




318. Harzdichtung einer Holzschachtel. Östergötland. ' .,. 



A L. 





321. Tongefäß. Gotland. *| 3 . 




319. Holzschachtel, mit dem Fig. 318 abgebildeten 
Harz gedichtet (Restauration). 



322. Tongefäß. Skane. '/ 3 . 




.».-**.•*».< 






320. Holzgefäß mit (Irin. Wimose, Fünen. ' -,. 




Die Untersuchungen der letzten Jahre haben uns unerwartete Aufklärung 
über zwei merkwürdige Tatsachen gebracht. 

In mehreren Torfmooren im südlichen Teil des nordischen Gebietes, aul 
der jütischen Halbinsel und in Norddeutschland, fand man Leichen von Männern 
wie von Frauen, die — als die Torfmoore noch Sümpfe waren — absichtlich 
versenkt und mittels Pfählen und Haken von Holz gewaltsam niedergehalten 



192 



Die römische Eisenzeit. 



wurden. Kleider und andere Zeichen lassen keinen Zweifel, daß man hier Bei- 
spiele zu der Angabe des Tacitus über die Todesstrafe in Germanien hat. Er be- 
richtet, wie bekannt, daß die zum Tode Verurteilten in Sümpfen ertränkt wurden. 
Diese fürchterliche Todesstrafe hat sich in gewissen Gegenden bis in späte 
Zeiten erhalten 1 ). 

Andere Funde haben gezeigt, daß das Trepanieren, das wir aus der Stein- 
zeit kennen, auch in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt hier im 
Norden vorkam *). Auf zwei Grabfeldern aus dieser Zeit in Ostergötland, dem 
einen bei Alvastra, dem anderen bei Sundby im Kirchspiel Weta, und auf einem 
Grabfeld bei Xickarfve im Kirchspiel Wange auf Gotland sind fünf Schädel mit 
großen, runden, durch Trepanierung entstandenen Löchern aufgefunden worden. 





323. Spielstein 
von Glas. Oster- 
götland. Vj. 




324. Würfel von Knochen, von zwei Seiten 
gesehen. Gotland. 1 /i- 





326. Trepanierter Schädel. 
Ostergötland. 



325. Spielbrett von Holz. Wimose, Fünen. * ',.. 



Die Ränder zeigen, daß die Patienten die Operation lange überlebt haben 
(Fig. 326). Es verdient in hohem Grade unsere Aufmerksamkeit, daß in ein 
und derselben Gegend so viele solcher Operationen in verhältnismäßig kurzer 
Zeit vorgenommen wurden. Eine bloße Zufälligkeit dürfte nicht vorliegen. Aus 
der Form der Schädel kann man ersehen, daß sowohl Frauen wie Männer 
trepaniert wurden. 



1) Tacitus, Germania, c. XII. — J. Mestorf, Zweiundvierzigster Bericht des Schleswig- 
Holsteinischen Museums vaterländischer Altertümer bei der Universität Kiel (Kiel, 1900), S. 10 folg. 
(Moorleichen). 

2) S. Hansen, Om forbistorisk Trepanation i Danmark, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 
1889, S. 170. — G. Retzius, Om trepanation af hufvudskalen säsom folksed i forna och nyare 
tider, in Ymer, 1901, S. II. — Derselbe, Ein neuer Fund von Schädeln aus dem Eisenzeitalter in 
Ostergötland. Trepanierte Schädel. Nachtrag zu den Crania suecica antiqua (Stockholm, 1900). 
Mit 8 Taf. 



Handel und Verkehr. 



193 



3. Handel. — Verkehr. — Fahrzeuge. 

Einheimische geprägte Münzen gab es in der älteren Eisenzeit nirgends 
im Norden. Man bezahlte teils mit römischen Münzen, die man, wie wir gesehen 



haben, oft in unserer Erde antreffen, 
teils mit verarbeitetem oder rohem 
Gold und Silber nach Gewicht. 
Einige Funde aus jener Zeit ent- 
halten kleine Wagen aus Bronze, 
die offenbar römischen Ursprungs 
sind, da sie denen völlig gleichen, 
welche die Römer benutzten. Die 
Form ist die heute gebräuchliche: 
eine Stange, an deren Enden zwei 
Schalen hängen. 

Die Gewichteinheit scheint 
aber nicht die römische »libra« 
(327,5 Gramm) gewesen zu sein. 
Der Umstand nämlich, daß viele 
schwedische Goldringe aus jener 
Zeit ein Gewicht von 200 Gramm 
haben (S. 180 und 1 8 1), -- Differen- 
zen von wenigen Grammen können 
auf Ungenauigkeit der damaligen 
Wagen oder auf Abnutzung zurück- 
zuführen sein — macht es höchst 
wahrscheinlich, daß schon damals 
in Schweden dieselbe Gewichts- 
einheit wie im Mittelalter galt: 
die Mark = 200 Gramm. Daß das 
Gewicht der erwähnten Ringe nicht 
zufällig war, wird dadurch bestätigt, 
daß die Sagas der letzten Jahr- 
hunderte der Heidenzeit oft von 
Goldringen zu einer Mark oder einer 
halben Mark Gewicht sprechen. 

Die ausländischen Münzen und 
die vielen anderen im Norden 
gefundenen ausländischen Gegen- 
stände zeugen von einem lebhaften 
Handel und Yerk ehr mit fremden 
Ländern. Dies <jeht auch daraus 




l. 



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327. Zaumzeug von Bronze. Smäland, 
V 6 und V,. 



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Bronzener Sporn. < rotland. ' _. 



hervor, daß Gotlaiul und Öland wie auch Bornholm schon von großer Be- 
deutung waren, Gotland bis zum Schluß des Mittelalters 



ig waren, 

Monte litis, Kulturgeschichte Schwedens. 



Mußte es doch zu 

' ) 



194 



Die römische Eisenzeit. 



einer Zeit, in der der Kompaß unbekannt war und man deshalb nicht gern das 
Land außer Sicht verlor, den über die Ostsee fahrenden Kaufleuten besonders 
lieb sein, an den drei erwähnten Inseln Zwischenstationen zu haben. 

Auf dem Lande reiste man gewöhnlich zu Pferde, nicht zu Wagen, indem 
man die Waren auf den Rücken des Lastpferdes band. Zaum, Zügel und 
Sporen kommen nicht selten in Funden aus jener Zeit vor (Fig. 327 und 328), 
nicht so Hufeisen. Steigbügel scheinen erst in der jüngeren Eisenzeit aufgekommen 
zu sein. Wagen waren indessen, wie wir gesehen haben, schon längst bekannt. 
Räder und andere Wagenteile fand man einigemale in Torfmooren, zusammen 
mit Arbeiten aus der älteren Eisenzeit. 

Jedenfalls war der Seeverkehr wichtiger als der Land- 
verkehr, und die Kunst, Schiffe zu bauen, stand im Norden 
zu jener Zeit sehr hoch. Einen Beweis dafür liefert der Fund 
des Jahres 1863 in dem schon erwähnten Nydamermoor auf der 




ivi? 1 "^.^; 1 .: 



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329. Schiff von Eichenholz. Nydam, Schleswig. 



Ostküste von Schleswig. Man fand dort zwei große Boote zusammen mit 
römischen Münzen aus der Zeit der Antonine und einer großen Menge von 
Waffen und anderen Gegenständen aus dem vierten Jahrhundert. Es kann 
deshalb kein Zweifel herrschen, daß die Boote dem vierten Jahrhundert 
entstammen. 

Das eine Fahrzeug, ein großes und prächtiges Boot aus Eichenholz für 
achtundzwanzig Ruder, ist Fig. 329 abgebildet. Das Boot war, offenbar mit 
Absicht, unbrauchbar gemacht. In die Planken unter dem Wassergang hatte 
man große Löcher gehauen. 

Im Laufe der Zeit hatte der Rost die Nietbleche der Klinknägel, die die 
Planken zusammenhielten, zerfressen, und das Tauwerk, mit dem Bord und 
Spanten einmal verbunden waren, hatte sich aufgelöst. So fielen die Planken 
auseinander, reckten sich aus und nahmen ihre natürliche Form wieder an. Die 
Dollen hatten sich von der Reeling gelöst, die Rippen fielen auseinander und 
die beiden hohen Steven stürzten ein. So ging das Boot aus den Fugen, 
und das Moor wuchs über den Stücken und bewahrte sie vor der Zerstörung. 



Fahrzeuge. jgr 

Nachdem alle Teile des Bootes mit Sorgfalt gehoben und vorsichtig ausge- 
trocknet waren, glückte es, dasselbe wieder aufzubauen und jetzt zeigt es die 
schöne Form, die unsere Zeichnung wiedergibt. 

Das Boot, ohne Deck, ist zwischen den äußersten Spitzen der hohen 
Steven beinahe 24 111 lang, in der Mitte 3,30 m breit und ziemlich flach, an 
beiden Enden aber hoch und zugespitzt. Es ist aus elf mächtigen Eichen- 
planken gebaut, nämlich fünf auf jeder Seite, und einer Bodenplanke mit dem 
Kiel (Fig. 329a); die Bodenplanke mißt in ihrer ganzen Länge 14,25 m und ist 
ein einziges Stück. Das Boot ist in der Art gebaut, daß die Kante jeder höher 
liegenden Seitenplanke über die nächstfolgende niedrigere übergriff. Die Planken 
waren von großen Eisennieten, außen mit runden Köpfen und innen mit Nietblechen, 
zusammengehalten; die Zwischenräume zwischen den Planken waren mit Wollzeug 
und einer teerigen, klebrigen Masse gedichtet. Die Bordbekleidung war mit den 

Spanten durch Bastseile verbunden; in die Span- 

||/ ten sind nämlich Löcher gebohrt, welche den 

J auf den Bordplanken sitzenden durchbohrten 

■ /iLff Klötzen entsprechen. Diese Klötze sind nicht 

r *:-'/ etwa aus losen Stücken gemacht und auf den 

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330. Teil eines Schiffes von Fichtenholz. 
329a. Durchschnitt des Schiffes Fig. 329. Nydam, Schleswig. 

Planken festgenagelt, sondern aus ihnen herausgehauen; dadurch haben die 
Planken mehr als die Hälfte ihrer Dicke verloren. Eine solche Verschwendung 
von Eichenholz deutet auf reichliches Vorhandensein. Diese eigentümliche Art, 
Spanten und Seitenplanken zu verbinden, war in der Heidenzeit nicht ungewöhn- 
lich. Die Boote erhielten dadurch eine Geschmeidigkeit, die in der Brandung 
und auf hoher See willkommen war. 

In den beiden Steven, die an der Bodenplanke mit Holzpflöcken befestigt 
sind, befinden sich zwei größere Löcher, durch welche man, nach der Ab- 
nutzung zu urteilen, wahrscheinlich ein Tau zog, wenn das Boot aufs Land ge- 
zogen wurde. In älteren Zeiten wurden nämlich die größeren Schiffe beim 
Anfang des Winters oder wenn man sonst länger an einer Stelle blieb, aufs 
Land gezogen. In dem Boden des eben beschriebenen Bootes befindet sich 
noch ein Loch, das offenbar dazu diente, das im Boote angesammelte Wasser 
ablaufen zu lassen, wenn das Boot aufs Land kam. 

Die Ruderdollen waren nicht an der Reeling festgenagelt, -indem mit 
Binsenstricken festgebunden, damit man sie leicht umdrehen konnte, wenn man 

13« 





jg5 Die römische Eisenzeit. 

auf einem Fluß oder irgend einem anderen schmalen Wasser zurückrudern mußte. 
Das Boot ist auch an beiden Enden so gleichmäßig gebaut, daß man kaum 
sagen kann, was Vordersteven und was Achtersteven ist. Das erinnert merk- 
würdig an die Beschreibung, welche Tacitus von den Schiffen der Svionen gibt, 
nicht lange Zeit vor der Erbauung des Nydamerbootes. »Die Schiffe der Svionen«, 
sagt er 1 ), »waren darin den römischen ungleich, daß sie an beiden Enden so gleich 
waren, daß man nach Belieben landen konnte, und sie hatten keine Segel«. 
Von den Rudern erzählt er, wie sie nicht auf gewöhnliche Art an den Seiten 
befestigt wären, sondern so, daß man beliebig in der einen oder anderen Richtung 
rudern konnte. Auch darin stimmt seine Beschreibung mit dem Nydamerboot 
überein, daß dasselbe nur zum Rudern bestimmt war. Von einem Mast fand 
man keine Spur. Die Ruder entsprechen genau den heute gebräuchlichen und 
sind beinahe 3,60 m lang. 

An der Seite des Bootes, drei Meter von dem einen Steven, fand man 
das Steuerruder, das schmaler und mehr einem Ruder ähnlich ist, als die heutigen ; 
ungefähr in der Mitte hat es ein Loch, durch welches offenbar der Strick ging, 
der das Steuerruder an der Seite des Bootes festhielt. Die ältesten Steuer — 
noch bis in das späte Mittelalter — waren nämlich nicht wie jetzt in der 
Mittellinie des Bootes befestigt, sondern auf einer Seite, gewöhnlich der rechten, 
die darum noch heutzutage »Steuerbord« genannt wird; sie hatten auch die- 
selbe Form wie Ruder oder, richtiger gesagt, man wandte ursprünglich ein 
Ruder als Steuer an. Ein Andenken an diesen Ursprung des Steuerruders 
haben wir unter anderem darin, daß das Wort »roder«, das im Schwedischen 
und Dänischen nur Steuer bedeutet, in seiner deutschen Form (Ruder) die ur- 
sprüngliche Bedeutung bewahrt hat. 

Im Nydamermoor fand man einige Monate später als das eben beschriebene 
Boot, ganz in seiner Nähe liegend, ein anderes ähnliches Schiff aus Fichtenholz. 
Der kurz danach ausbrechende Krieg machte es indessen unmöglich, dieses 
Fahrzeug in die nötige Obhut zu nehmen und so soll es zugrunde gegangen 
sein. Sein Verlust ist um so mehr zu beklagen, als dies Fichtenboot sich durch 
eine wichtige Eigentümlichkeit von dem Eichenboot unterschied, dem es sonst 
in Form, Größe und Bauart glich. Die 15,70 m lange Bodenplanke hatte 
nämlich an beiden Enden eine starke, hervorstehende Spitze, die unter der 
Wasserlinie lag und wahrscheinlich mit Eisen beschlagen war (Fig. 330). Sie 
bildete also eine Art Schiffschnabel, mit welchem man das feindliche Schiff in den 
Grund bohren konnte. Auch viele von den Schiffen auf Felsenzeichnungen aus 
der Bronzezeit zeigen am Vordersteven eine hervorstehende Spitze, die dem 
eben beschriebenen Schiffschnabel ähnlich ist. 

Von zwei anderen ähnlichen Schiffen nebst einem Eisenanker, die am selben 
Ort gefunden sein sollen, fehlt die nähere Beschreibung. In Wimose auf Fünen 



1) Tacitus, Germania, c. XLIV: »Forma navium eo differt quod utrimque prora paratam semper 
appulsui frontem agit. Nee velis ministrant nee remos in ordinem lateribus adjungunt: solutum, ut 
in quibusdam fluminum, et mutabile, ut res poscit, hinc vel illinc remigium.^ 



Fahrzeuge. 



197 



lagen übrigens unter anderen gleichzeitigen Altertümern zwei aus zugehauenen 
und ausgehöhlten Stämmen hergestellte Einbäume. 

In einem Torfmoor bei Fiholm in Westmanland fand man vor mehreren 
Jahren nebst einer Eisenaxt Stücke eines Bootes, das dem von Nydam gleicht, 
und von dem einige Reste jetzt im Schwedischen Nationalmuseum aufbewahrt 
werden. Die Bordplanken waren an den Spanten festgebunden, wie es die Enden 
der Binsenstricke zeigen, die noch in den durchbohrten, aus demselben Stück 
wie die Bordplanken ausgehauenen Klötzen sitzen, ganz ebenso wie auf Fig. 329 a. 
Da diese eigentümliche Art, wie wir sehen werden, noch in dem letzten Teil 
der Heidenzeit angewendet wurde, ist es indessen schwer zu bestimmen, ob das 
bei Fiholm gefundene Schiff aus der älteren oder der jüngeren Eisenzeit stammt. 




331. Stein mit Abbildung eines Bootes. Häggeby in Uppland. 



Im Nationalmuseum ist auch ein merkwürdiger Stein aus der Kirche von 
Häggeby in Uppland, auf dessen einer Seite man ein Ruderboot mit zwölf 
Paar Rudern sieht, das in hohem Grade dem eben beschriebenen Schiff ähnelt. 
Man sieht deutlich, wie es an beiden Enden spitz ist, mit sehr hohen Steven; 
es hat kein Segel und die Anzahl der Ruder ist beinahe ebensogroß wie bei 
dem Eichenboot von Nydam. Das Steuer, das sich wenig von einem Ruder 
unterscheidet, sitzt auf einer Seite, sichtlich auf der linken (Fig. 331). Die 
Zeichnung auf dem Häggebystein ist aller Wahrscheinlichkeit nach nur wenig 
jünger als das Boot von Nydam l ). 

Schließlich müssen wir die Aufmerksamkeit auf die große Ähnlichkeit 
lenken, die zwischen den Schiffen der älteren Eisenzeit und den vortrefflichen 
Fahrzeugen besteht, die man noch heute an der Küste von Norwegen, besonders 
in Nordlanden benutzt. Auch die »Nordlandsboote sind lang, schmal und spitz 
an beiden Enden; die Ruderdollen sind an der ganzen norwegischen Küste 
nördlich von Lister ganz genau wie die auf Fig. 329. 



1) T. J:son Arne, Huru gammal är ristningen .1 Häggebystenen?, in der Svenska Fornm.-för^ 

tidskr., Bd. II, S. 321. 



198 



Die römische Eisenzeit. 



Das Eichenboot von Nydam ist jedoch länger und verhältnismäßig viel 
schmäler als die Nordlandsboote, obwohl gerade diese sich unter den norwegi- 
schen Booten durch ihre große Länge im Verhältnis zur Breite auszeichnen. 
Ein Unterschied zwischen den Booten aus der älteren Eisenzeit und den Nord- 
landsbooten ist indessen, daß letztere außer den Rudern noch Mast und 
Segel haben. 

Auch die Boote, die heute noch auf den Färöern und für einige schwe- 
dische Binnenseen (in Dalarne) benutzt werden, gleichen dem von Nydam. Wenn 
man in Betracht zieht, mit welcher Treue ein Volk einmal an dem hängt, was 
sich als zweckmäßig herausgestellt hat, so kann man verstehen, wie sich die- 
selbe Art des Bootbaues in entlegenen Gegenden von Geschlecht zu Geschlecht 
während Jahrtausenden erhalten konnte. Das Nydamerboot war ein Ostseeboot; 
heutzutage ist dieser Typus aber in der Ostsee und in Südskandinavien nicht 
mehr zu finden, nur an der Nordseeküste des nördlichen Norwegens und im 
inneren Schweden. 

Sachkundige Männer, die sorgfältig die verschiedenen Arten der norwegi- 
schen Boote verglichen haben, geben den Nordlandsbooten den Preis. Wenn 
aber nun, wie es wahrscheinlich ist, die Schiffe der älteren Eisenzeit den Nord- 
landsbooten zum Modell dienten, sind es die Schiffsbauer jenes grauen Alter- 
tumes, denen der Preis gebührt l ). 



4. Religion. — Opfer. — Gräber. 

Wertvolle Einblicke in die religiösen Vorstellungen jener Zeit erhalten 
wir durch die eben beschriebenen Moorfunde, zu denen aus unserem Land einige, 
wenngleich kleinere Seitenstücke bekannt sind. 2 ) 

So hat man am Strande des Finjasees bei Sjöröd in Skäne etliche mehr 
oder weniger zerbrochene Schwertgriffe, Ortbänder, Spangen und andere Gegen- 
stände aus Silber gefunden, alles nur wenig jünger als der Fund von Nydam. 



i) Conr. Engelhardt, Nydamsbaaden ogNordlandsbaaden, in den Aarböger f. nord.Oldkynd., 
1866, S. 197. 

2) C. Engelhardt, Thorsbjerg Mosefund (an der Ostküste Schleswigs; Kopenhagen, 1863), 
mit 18 Taf. — Derselbe, Nydam Mosefund (an der Ostküste Schleswigs; Kopenh., 1865), mit 
15 Taf. — Derselbe, Kragehul Mosefund (auf Fünen; Kopenh., 1867), mit 4 Taf. — Derselbe, Vimose 
Fundet (auf Fünen; Kopenh., 1869), mit 19 Taf. Für die Namen Thorsbjerg und Vimose, vgl. 
Aarböger f. nord. Oldkynd., 1890, S. 217. — Derselbe, Denmark in the Early Iron Age, illustrated 
by recent discoveries in the peat mosses of Slesvig (London, 1866), mit iS-j- 15 Taf. — W. Splieth, 
Ausgrabungen im Nydamer-Moor, in den Mittheilungen des Anthropol. Vereins in Schleswig-Holstein, 
7 (Kiel, 1894), S. 3. — H. Kjaer, Et nyt Fund fra Nydam Mose, in Nordiske Fortidsminder, I 
(Kopenhagen, 1902), S. 181. — Andere Moorfunde in Dänemark: Engelhardt, Thorsbjerg Mose- 
fund, S. 63. — Derselbe, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1881, S. 128 (Porskaer Moor, unweit 
Horsens in Jylland). — H. Kjaer, To nye Mosefund fra Jaernalderen (Illemosen und Krogsbölle, 
beide auf Fünen), in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1901, S. 26. — S. Müller, Nordische Alter- 
tumskunde (Straßburg, 1897), S. 127. 



Religion. — Opfer. 



199 



Diese Gegenstände mögen in ähnlicher Weise an den Fundort geraten sein wie 
in Torsbjerg und Nydam, nur daß sich hier kein Torfmoor wie dort ausbildete. 1 ) 

Ehe wir nun der Frage näher treten, wie die Waffen, Kleider und Schmuck- 
sachen, Gefäße und Werkzeuge in die Moore kamen, wollen wir den Zustand 
kurz beschreiben, in welchem sie gefunden wurden. Die meisten sind offen- 
bar durch Waffengewalt, Schwerthiebe und Pfeilschüsse, beschädigt, doch könnte 
ein noch so heftiger Kampf nicht alle diese Schäden erklären. Eine genaue 
Untersuchung hat vielmehr ergeben, daß viele Sachen mit Absicht nachträglich 
zerstört worden sind, namentlich solche, die nicht unmittelbar dem Kampf aus- 
gesetzt waren. Die Mäntel, deren jeder für sich zusammengerollt war, sind 
zerrissen, andere Kleider ebenso behandelt; die Kettenpanzer in einem Maße 
zerstört, w T ie es kein Kampf mit sich bringen konnte; die Schmucksachen zer- 
brochen, die Lanzenspitzen und Schwerter zusammengebogen, manchmal beinahe 
zusammengerollt. Ein Schwert war zur Hälfte aus der Holzscheide gezogen 
und danach verbogen. In einem Schildbuckel fand man fünf verbogene Eisen- 
lanzenspitzen von verschiedener Form, derart zusammengeknäuelt und ineinander- 
getrieben, daß sie einen untrennbaren Klumpen bilden; die eine Lanzenspitze 
war außerdem abgehauen und flach gehämmert. Selbst die Pferdeskelette zeigen 
Spuren wildester Zerstörungslust; viele Schädel sind mit mehreren Hieben zer- 
trümmert, von denen ein einziger genügt hätte, das Tier auf der Stelle zu töten. 

Daß die Sachen nicht zufällig dahin gerieten, erhellt schon daraus, daß 
an einigen Stellen ein geflochtener Zaun mit eingesteckten Pfählen oder Schwer- 
tern und Lanzen bemerkbar war. 

Die Tatsachen, welche bei der Erklärung beachtet werden müssen, sind: 
daß alles, was man ausgegraben hat, einem Lager gehört hat; daß nirgends oder 
doch höchst selten Menschenknochen mit den Gegenständen gefunden wurden; 
daß ein Kampf stattgefunden hat, dann aber die meisten Sachen mit Absicht 
zerstört worden sind und unbrauchbar waren, als sie niedergelegt wurden; 
und daß der Teil des Moores, in dem die Altertümer lagen, gewöhnlich 
deutlich umgrenzt war. 

Bei flüchtiger Betrachtung der Nydamerschiffe konnte man wohl meinen, 
sie seien samt Ladung gesunken. Aber eine solche Erklärung, unwahrschein- 
lich schon wegen der absichtlichen Zerstörung, ist vollends unmöglich, 
nachdem sich gezeigt hat, daß der Fundort so hoch über dem jetzigen und 
wahrscheinlich auch damaligen Meeresspiegel liegt, daß die Fahrzeuge erst auf 
den Strand gezogen werden mußten. Wir sind also gezwungen nach einer 
anderen Lösung des Rätsels zu suchen. 

Daß ein Kampf in der Nähe eines jeden solchen Fundortes stattgefunden 
hat, darin sind alle Forscher einig. 

Man hat gesagt, die Sieger mögen nach dem Kampf einen Teil der beute. 
den sie nicht mitschleppen konnten, dort verwahrt haben, oder plündernde 
Horden mögen dort versteckt haben, was sie auf dem Schlachtfelde geraubt 



1) B. Salin, Fynd frän l os Strand, Skäne, im Manadsblad, i v . . - 



200 Die römische Eisenzeit. 

hatten. Aber warum wurden dann alle diese zerhauenen Lanzenschäfte, Pfeil - 
bögen, Harken, Amboße, Wagen, Pferdeskelette und andere schwere und zugleich 
wertlose Sachen zusammengehäuft? Warum Silber, Münzen, Goldringe und so 
viele andere kleine, aber kostbare Gegenstände, die man leicht fortschaffen konnte, 
ins Wasser geworfen? 

So zeigten sich alle anfänglichen Versuche zur Aufklärung gleichmäßig 
unbefriedigend, und man verzweifelte bereits an einer zutreffenden Beantwortung 
der geheimnisvollen Frage, als endlich im Jahre 1 865 Worsaae eine Hypothese 
aufstellte, die in ihren Hauptzügen immer mehr Anhänger fand 1 ). »In der 
Nähe des Moores«, so lautet seine Erklärung, »stand ein Kampf, nach welchem 
die Sieger ihren Göttern die eroberte Beute ganz oder zum Teil opferten, 
nachdem sie zuvor absichtlich zerstört worden war.« 

Nur in einem wichtigen Punkt scheint die Ansicht modifiziert werden zu 
müssen. Er nahm an, daß die Sachen in einen See versenkt wurden, und daß 
der See sich im Laufe der Jahrhunderte in ein Torfmoor verwandelte. Aber 
schon sein um diese großen Moorfunde besonders verdienter Landsmann Engel- 
hardt hatte einige Jahre früher bei der Beschreibung des Torsbjerger Fundes 
die Ansicht vertreten, daß die Sachen nur in einer sumpfigen Niederung nieder- 
gelegt waren, wo sie von der Pflanzendecke allmählich überwuchert wurden. 
Daß diese Ansicht der Wahrheit sehr nahe kommt, hat der jetzige Direktor 
des dänischen Nationalmuseums, Sophus Müller, kürzlich festgestellt. Die von 
ihm unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten vorgenommene Untersuchung 
der Verhältnisse, in welchen man die Gegenstände antraf, ergibt als unzweifel- 
haft, daß sie nicht in das Wasser geworfen wurden, sondern eine Zeitlang in 
freier Luft an einem Ort gelegen haben müssen, der freilich feucht war, aber 
nicht so feucht, daß man dort nicht gehen konnte. 2 ) Eine üppige Vegetation 
hat dann verhältnismäßig schnell die Sachen bedeckt und geschützt, und all- 
mählich hat sich der Torf gebildet, der bis in unsere Zeit so viel davon erhalten 
hat, was unter anderen Umständen verloren gegangen wäre. 

Die eben angeführte Ansicht über die Niederlegung der Gegenstände, die 
geeignet ist, alle besprochenen eigentümlichen Umstände zu erklären, wird da- 
durch unterstützt, daß man denselben Brauch auch bei anderen Völkern in 
alter und neuer Zeit beobachtet hat. So erzählt Cäsar von den Galliern 3 ): 
»Wenn sie in den Streit ziehen, pflegen sie ihrem Kriegsgott die Beute zu ge- 
loben. Im Falle des Sieges opfern sie die Tiere, die ihnen in die Hände ge- 
fallen sind, und schleppen die übrige Beute an einen Ort zusammen. In manchen 
Gegenden kann man ganze Haufen solcher Beutestücke an geweihten Orten 
erblicken, und es kommt selten vor, daß einer so gottlos ist, ein Beutestück zu 



1) J. J. A. Worsaae, Om Slesvigs eller Sönderjyllands Oldtidsminder (Kopenhagen, 1865), 
S. 55. — Vgl. Engelhardt, Kragehul Mosefund, S. 15, und H. Petersen, in den Aarböger f. 
nord. Oldkynd., 1890, S. 212. 

2) S. Müller, Nordische Altertumskunde, S. 132. 

3) Caesar, De bello gallico, VI, 17. 



Gräber. 



201 



verheimlichen oder von dem Haufen zu entwenden. Auch steht martervolle 
Todesstrafe auf dieses Verbrechen. 

Im Zusammenhang hiermit wollen wir an die Erzählung des Orosius er- 
innern, wie die vom Norden kommenden Cimbern und Teutonen nach dem 
Sieg über die Römer bei Arausio in der Nähe der Rhone (105 v. Chr.) die 
ganze Beute opferten. »Als die Feinde«, so erzählt er, »sich zweier Lager und 
einer ungeheuren Beute bemächtigt hatten, zerstörten sie unter noch nie ver- 
nommenen und sonderbaren Flüchen alles, was in ihre Hände geraten war. Die 
Kleidungen wurden zerrissen und verstreut, Gold und Silber in den Fluß ge- 
worfen, die Kettenpanzer zerhauen, die Pferdegeschirre zerbrochen, die Pferde 
selbst in die Tiefe gestürzt, die Männer mit dem Strick um den Hals an Bäumen 
aufgehängt. Keine Bereicherung gab es für die Sieger und 
keine Gnade für die Besiegten.« 

Dieselbe Sitte, Waffen und andere Sachen zu verbiegen 
oder zu zerstören, zeigen uns viele Gräber aus der älteren 
Eisenzeit, die Reste von verbrannten Leichen enthalten. 

Im allgemeinen verbrannte man in jener ganzen Zeit die \\\\jj 
Toten wie in der vorangegangenen Periode. Immerhin kommen 
auch Gräber mit Resten von unverbrannten Leichen sowohl aus 
den ersten Jahrhunderten nach Christus, wie aus allen folgenden 
Jahrhunderten vor (Fig. 332) *). 

Die verbrannten Knochen findet man entweder in »Brand- 
gruben«, wie sie in der vorigen Periode so allgemein waren, 
— in welchen also die Knochen nicht in Gefäßen lagen, — 
oder sie liegen in Gefäßen von gebranntem Ton oder Bronze; 
die Fig. 278 abgebildete große römische Vase und der S. 171 
erwähnte Fund von Öremölla zeigen die letztere Art. Die 
Waffen, Schmucksachen usw., die man in den Gräbern jener Grab m j t Skelett 
Zeit bei den verbrannten Knochen fand, sind oft feuerbeschä- Alvastra in öster- 
digt, was in den meisten Fällen daher kommt, daß sie dem gütland. 

Toten auf den Scheiterhaufen mitgegeben wurden. 

Viele Gräber jener Zeit enthielten außer dem Gefäß für die Knochen noch 
andere Gefäße. Dies war bei den Bronzezeitgräbern nicht der Fall und wir 
begegnen hier zweifellos einer aus dem Süden gekommenen Sitte. Sowohl vor- 
römische Gräber in Italien wie römische Begräbnisplätze in verschiedenen Teilen 
von Europa zeigen nämlich dieselbe Eigentümlichkeit. 




1) Schwedische Gräber aus dieser Periode sind beschrieben im Minadsblad, [873 Greby in 
Bohuslän), 1874 (Öremölla in Skane), 1878 (Gotland), 1888 Bodarp in Skine), [896 (Tibble in 
Uppland), 1897 (Österhvarf in Östergötland) ; — in der Antiqv. tidskrift f. Sven. i Gotland); — 
in der Svcnska Fornm.-för» tidskr., Bd. 3— S, (Bjers, Tingstäde und Westkinde, alle auf Gotland), 
12 (Östergötland); — in Bidrag tili kännedom om Bofausläns foraminnen, 2 (G — Vgl. N. 

G. Bruzelius, Svenska fornlemningar, 2 (Lund, 1S60: Skane), und O. Almgren, im Centralblatt 
f. Anthrop., Ethnol. u. Urgeschichte, Jahrg. 6 (1901), S. 257 (Gotland). 



202 



Die römische Eisenzeit. 



Die unverbrannten Leichen liegen nicht selten, besonders auf Öland und 
Gotland, in Steinkisten, die aus flachen, auf die Kanten gestellten Platten be- 
stehen, wie die aus der Bronzezeit, von denen wir oben (S. 79) sprachen. Wenn 
die Toten nicht verbrannt wurden, scheinen sie mit Kleidern und Schmuck be- 
graben worden zu sein, die Männer mit ihren Waffen. Zuweilen findet man 
auf der Brust der Leiche den Buckel und andere Teile des Schildes, der also 
noch im Tode seinen Eigentümer bedeckte. Sonderbar ist jedoch, daß eine 
Menge Gräber aus jener Zeit, die offenbar Männergräber sind, keine Waffen 
enthalten, und daß so gut wie niemals Werkzeuge in den Gräbern liegen. Wir 
haben schon davon gesprochen, daß man mehrmals an der Seite der Leiche 




333. Grabfeld bei Greby in Bohuslän. 



Trinkhörner, Glasbecher und andere Gefäße, sowie Spielsteine, W 7 ürfel und 
dergleichen findet; zu den Füßen standen nicht selten mit Harz gedichtete Holz- 
schachteln, wie sie oben erwähnt wurden. Wahrscheinlich haben einige Gefäße Ge- 
tränke enthalten, die dem Toten mitgegeben wurden. Auch Reste von Eßwaren 
(Lämmer und andere Tiere) sind in Gräbern aus jener Zeit gefunden worden. 

Zuweilen liegen die Gräber aus der älteren Eisenzeit, wie die eben er- 
wähnten Brandgruben, unter der natürlichen Erdoberfläche, ohne von irgend 
einem Hügel bedeckt oder durch einen Stein gekennzeichnet zu sein; wenigstens 
ist nichts derartiges über der Erde heutzutage bemerkbar. 

Gewöhnlich liegen jedoch die schwedischen Gräber jener Zeit unter einem 
runden oder länglichen Erdhügel oder einem Steinhügel. Oft sind sie mit 
»Bautasteinen« geschmückt, aufrecht gestellten Steinen bis zu ansehnlicher 
Größe. Ein solches Grabfeld befindet sich bei Greby, unweit Grebbestad an 



Gräber. 



203 



der Küste von Bohuslän (Fig. 33 3 j. 1 ) Hier sieht man noch auf dem Gipfel und 
dem Abhänge einer Anhöhe beieinander mehr als hundertundfünfzig teils runde, 
teils längliche Hügel, auf denen sich eine Menge Bautasteine erheben. Der 
höchste Stein mißt nicht weniger als 4.50 m über der Erde. 

Im südlichen Skandinavien hat man dieselbe Beobachtung wie im nörd- 
lichen Deutschland gemacht. Gräberfelder, die seit langer Zeit im Gebrauch 
gewesen sind, hören im 3. und 4. Jahrhunderte nach Chr. auf. In Norddeutsch- 
land gilt dies von fast allen Gräberfeldern; im südlichen Skandinavien scheint 
es auch sehr allgemein gewesen zu sein. Offenbar ist dieses Aufhören dadurch 




334. Bautasteine bei Björketorp in Blekinge. 

zu erklären, daß die dortige germanische Bevölkerung eben zu jener Zeit au- 
gewandert ist, um im Römischen Reich sich niederzulassen. 2 ) Daß die Germanen 
aus Skandinavien freiwillig ausgewandert sind, nicht etwa von einem 

anderen Volk ausgetrieben, — liegt auf der Hand. 8 

Die Bautasteine aus jener Zeit sind fast alle stumm, seit die Erinnerung 
an jene, zu deren Ehre sie errichtet wurden, schon vor Jahrhunderten schwand; 

1) Montelius, im Manadsblad , [873, S. 146, und in Bidrag tili kännedom om Bohus 
fornminnen, 2 (1879), S. 1. 

2) Montelius, im Korrespondenz-Blatt der deutschen Anthropol. Gesellschaft , 1899, S. 128 
(vergl. 1900, S. 113). — K. Stjerna, Bidrag tili Bornholms befolkningshistoria ander järnaldern, 
in der Antiqv. tidskr. t. Sv., Bd. [8 (1905). 

3) Dadurch wird es auch um so mehr wahrscheinlich, daß die Auswanderung aus Nord- 
deutschland ebenfalls freiwillig war und nicht durch die Slaven erzwungen. Seitdem das Land von 
den Germanen zum größten Teil verlassen war, haben die Slaven davon B men. 



204 ^' e römische Eisenzeit. 

nur wenige haben eine kurze Inschrift, die uns dann gewöhnlich den Namen 
des Toten gibt. Fig. 334 zeigt drei prächtige Bautasteine, von welchen der eine 
eine Runeninschrift trägt; sie enthält einen Fluch über den, der diesen Denk- 
stein zerstören würde. Sie stehen in einem schönen Birkenwäldchen bei Björke- 
torp in Blekinge nicht weit von Ronneby. Die Runen haben die der älteren 
Eisenzeit eigentümliche Form, aber die Sprache weist darauf hin, daß sie erst 
später eingehauen wurden. 

Einer der wichtigsten Fortschritte in der Eisenzeit Schwedens war, wie 
schon angedeutet, daß unsere Vorfahren damals zum erstenmal mit der Buch- 
stabenschrift bekannt wurden. Wir müssen deshalb bei diesen merkwürdigen, 
unter dem Namen Runen bekannten Schriftzeichen, die man damals benutzte, 
etwas länger verweilen. Auch hierin können wir die Einflüsse klassischer Kultur 
auf die germanischen Völker verfolgen. 



5. Die ältesten Runen. Die Sprache in Schweden in der 

älteren Eisenzeit. 

Schon im 16. Jahrhundert, als die Erinnerung an die Bedeutung der Runen 
wenigstens in abgelegenen Gebieten noch im Volke lebte, haben Johannes Magni, 
der letzte katholische Erzbischof von Schweden, und sein Bruder Olaus, wie 
Olaus Petri, in ihren Schriften die Runen besprochen. 1 ) In den Arbeiten der beiden 
letzteren finden wir die Runen als »Das gotische Alphabet« abgebildet, mit 
Angabe der Bedeutung jedes Zeichens. Nach ihrer Ansicht war die Runen- 
schrift im Norden uralt. Johannes Magni glaubte sogar, daß »die Goten ihre 
Buchstaben längst hatten, ehe Carmenta und Evander aus Griechenland an die 
Tibermündung kamen und dem rohen Volk Bildung und die Schreibkunst 
brachten«. Ein Beweis dafür, meinte er, seien die mächtigen Runensteine, die 
»mit Riesenkraft vor der Sündflut aufgestellt wurden oder kurz darnach«. 

Seit der Zeit desBureus, im Anfang des 17. Jahrhunderts, hat sich dann 
die schwedische Gelehrtenwelt beständig um die Runen bemüht, und die ver- 
schiedensten Ansichten über Alter und Herkunft dieser Schriftzeichen sind auf- 
gestellt worden. 

Olof Rudbeck und seine Schule sahen in den Runensteinen Denkmäler 
aus der Zeit lange vor Christi Geburt. Noch im Anfang des 17. Jahrhunderts 
fabelte Peringsköld, die Runen seien durch Japhets Sohn Magog von Asien nach 
Schweden gebracht, und erklärte einen schwedischen Runenstein für Magogs 
Grabstein ! 

Mit Hilfe einer anderen schwedischen Runeninschrift wies derselbe die 
Verbindung der Nordländer mit Tyrus und »Sodom« nach. Solche abenteuerliche 
Ansichten fanden sogar noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts einen eifrigen 
Vertreter in Göransson. Wohl sah er es als zweifelhaft an, ob mit dem Worte 



1) L. F. Wimmer, Runeskriftens Oprindelse og Udvikling i Norden, in den Aarböger f. 
nord. Oldkynd., 1874, S. 8. — Derselbe, Die Runenschrift (Berlin, 1887), S. II. 



Die ältesten Runen. 205 

Sodoma auf dem erwähnten Steine das Sodom gemeint sei, das im Jahre 2IOO 
nach der Schöpfung der Welt zerstört wurde. l ) Aber er verlegt unbedenklich 
einige schwedische Runensteine ins Jahr 2000 vor Christi Geburt, und sein Stand- 
punkt wird durch den Titel bezeichnet, den er seinem im Jahre 1 747 gedruckten 
Buch über den Ursprung der Runen gab: »Is Atlinga; das ist: der alten Goten 
hier im Schwedenreich Buchstaben und Religion zweitausendzweihundert Jahre 
vor Christus verbreitet in alle Land, wiedergefunden von Johan Göransson . 

Im Anfang des 18. Jahrhunderts hatte jedoch Olof Celsius 2 ) schon darauf 
aufmerksam gemacht, daß die meisten Runensteine, die damals bekannt waren, 
nicht so alt sein konnten, wie Rudbeck und seine Nachfolger annahmen, sondern 
daß sie erst kurz nach der Einführung des Christentums in Schweden aufgestellt 
worden sind, eine Ansicht, die auch der berühmte Sprachforscher Ihre teilte, 
und an deren Richtigkeit, die Mehrzahl der Runensteine betreffend, kein Zweifel 
mehr obwaltet. Noch vor einigen Jahrzehnten kannte man unter den hunderten 
in unserem Land befindlichen Runensteinen kaum einen einzigen, von dem man 
mit Sicherheit sagen konnte, daß er älter sei als das Ende der heidnischen Zeit. 

Dagegen ging man zu weit, als man die Runenschrift überhaupt für unsere 
heidnische Zeit leugnete. Einer dieser Zweifler wollte in den Runen sogar nichts 
als eine Verdrehung des mit dem Christentum eingeführten lateinischen Alpha- 
betes sehen. Nicht so Geijer, der in »Svea rikes häfder? mit einem für seine 
Zeit erstaunlich klaren Blick die richtige Ansicht aussprach, daß die Runen schon 
in der heidnischen Zeit von unseren Vorfahren benutzt wurden, wenn man auch 
nicht durch vorhandene Runeninschriften den direkten Beweis erbringen könnte. 

Seit einigen Jahrzehnten besitzen wir auch durch glückliche Funde eine 
Anzahl nordische Runeninschriften von zweifellos höherem Alter als dem Ende 
der heidnischen Zeit, einige davon sogar aus dem dritten Jahrhundert n. Chr. 

Schon lange hatte man zwar einige schwedische, wie norwegische und 
dänische Runensteine mit einer ungewöhnlichen Form von Runen gekannt, aber 
nicht lesen können. Ahnliche Runen fanden sich auch in England und in Deutsch- 
land, und man nannte sie deshalb die angelsächsischen oder deutschen Runen. 
Aber schließlich stellte sich heraus, daß jene sogenannten unleserlichen und 
die angelsächsischen und deutschen Runen in Wirklichkeit alle dasselbe, nämlich 
eine um mehrere Jahrhunderte ältere Runenschrift als die gewöhnliche sind. 3 i 

Ebenso wie die Ansichten über das Alter der Runen auseinandergingen, 
wurde auch die Fraee ihrer Herkunft auf das verschiedenste beantwortet. 



1) Die fraglichen Runen bilden in Wirklichkeit die Worte su[n]tum (Sund) und .1 
position: bei). 

2) O. Celsius, Monumenta queedam Sveo-Gothicci suis temporibus reddita, in den 
Literaria Svecise (Uppsala, 1726 — 34). 

3) G. Stephens, The Oldnorthern Runic Monumenl - ia and England, I— IV 
(Kopenhagen, iS( l4 — 1901). — Derselbe. Handbook of the Oldnorthern Runic Monuments of Scan- 
dinavia and England (Kopenhagen, [884). - S. Bugg Indskrifter n eldre Runer 
(Christiania, 1891 folg.) — L. F. Wimmer, De danske Runemindesmasrker , I— III (Kopenhag 
[895—1905).— A. Noreen, Altisländische und Altnoi Grammatik, 3. Aufl. -Halle, 1903). 
Anhang: Die wichtigsten urnordischen Inschriften. 



206 



Die römische Eisenzeit. 



Einige haben zu zeigen versucht, daß die Runen nicht irgend einem anderen 
Alphabet nachgebildet sind, sondern von den Germanen erfunden. Der eben 
erwähnte Göransson glaubte sogar, daß die südeuropäischen Völker ihre Buch- 
staben den nordischen Runen verdankten. Manchmal wurde auch behauptet, 
die Runen seien aus der Bilderschrift der bronzezeitlichen Felsenzeichnungen 
hervorgegangen. 

Ein autochthoner Ursprung der Runen wurde jedoch seltener angenommen. 
Die meisten Forscher waren der Ansicht, die Runen müßten auf die eine oder 
die andere Weise mit einem der südeuropäischen Alphabete oder mit einem 
solchen, von dem diese gemeinsam abstammen, verwandt sein. Nur gingen die 




335. Wandstein einer Grabkammer, mit Runenschrift. Kylfver auf Gotland. 

Ansichten wieder darüber auseinander, welches von diesen Alphabeten der 
Runenschrift zu gründe liege. Der eine dachte an das hebräische Alphabet, 
andere an das phönizische, während andere wieder, wie zuerst Erich Benzelius 
im Jahre 1724, die ältesten griechischen Buchstaben für die Herkunft der Runen 
in Anspruch nahm. Einige glaubten, die Runen seien aus dem etruskischen 
Alphabet entstanden, andere aus dem lateinischen oder aus dem gotischen, 
das Ulfilas für seine Bibelübersetzung benutzte. 

Daß die Runen nicht ganz selbständig von dem germanischen Volk erfunden 
worden sind, sondern irgend ein anderes Alphabet zum Vorbild hatten, wird 
schon durch die augenfällige Ähnlichkeit zwischen den Runen und den Buch- 
staben der südeuropäischen Alphabete bewiesen. Denn davon kann keine Rede 
sein, daß die letzteren von den Runen herstammten. Die Meinuneen über 



Die ältesten Runen. 



207 



das besondere Alphabet, von dem die Runen abstammen, könnten aber lange 
so geteilt sein, weil alle diese Alphabete durch ihren gemeinsamen Ursprung 
viel Ähnlichkeit untereinander haben. 

Unter den vielen Kulturgütern, die Kuropa dem Orient dankt, ist die 
Schriftkunst wohl das größte. Schon Herodot erzählt, daß die Griechen ihre 
Buchstaben von den Phöniziern bekamen, und diese Angabe ist heute allgemein 
als richtig anerkannt. Ungeachtet der großen Ähnlichkeit zwischen dem ältesten 
griechischen und dem semitischen Alphabet finden wir indessen bei dem ersteren 
eine wesentliche Neuerung, welche sozusagen den letzten großen Fortschritt in 
der Entwickelung der Buchstabenschrift bezeichnet. Das altsemitische Alphabet 
bewahrt nämlich noch Erinnerungen an seine Herkunft von einer Silbenschrift 
darin, daß es nur Zeichen für Konsonanten hat, so daß jeder Buchstabe den 
Konsonanten mit dem Vokal bezeichnet, der ihn zu einer Silbe macht. Die 
Griechen erfanden hingegen bei Annahme des phönizischen Alphabetes besondere 
Zeichen für die Vokale. 

Die älteste Schrift der Etrusker und Römer wich wenig von der ältesten 
griechischen Schrift ab. 

Solange man nur die gewöhnlichen jüngeren Runen kannte, war es schwer, 
die Frage nach der Herkunft der Runen richtig zu beantworten. Dies ist leichter 
geworden, seit man die älteren Runen kennen gelernt hat. 1 ) 

Die älteste Runenreihe 2 ), die wir unter anderem von einem bei Wadstena 
im Jahr 1774 gefundenen, Fig. 354 abgebildeten Goldschmuck ") her kennen, 
bestand aus vierundzwanzig Runen, wie folgt: 

rnt>F:R<XP:N + l§^&YH:TBMl*irO£M 
futharkgw h n i j e p -r s t b e m 1 ng o d 

Die Runen: V und P entsprechen lautlich wohl dem englischen th und w. 
Die Rune \ bezeichnete teils e, teils i. Die Rune Y kam zu der Zeit nur 
am Ende des Wortes vor; der Laut, den sie bezeichnete, war erst das fran- 
zösische z (in seize), ging dann, als die Sprache sich änderte, aber in r über. 



1) S. Bugge, Bidrag til Tydning of de seldeste Runeindskrifter, in der Tidsskrift for Philologi 
og Psedagogik, VII (Kopenhagen, 1867 — 1868). — Derselbe, Runeskriftens Oprindelse og seldste 
Historie, in Norges Indskrifter med de seldre Runer (1905). — L. Wimmer, Die Runenschrift, 
S. 174. — B. Salin, Die altgermanische Thierornamentik, S. 146. ■ O. von Friesen, Om 
runskriftens härkomst (Upsala, 1904). 

2) Man begegnet auch dem Ausdruck Runenalphabet, obwohl bei einer Reihenfolge, die nicht 
mit A und B (griech. Alpha, Beta), sondern mit F, U, Th, A, R. K, beginnt, nicht gut von Alphi 
die Rede sein kann. Man hat daher auch statt dessen das Wort Futhark« gebildet 

3) Seitdem hat man dieselbe Runenreihe mit geringen Abweichungen auf dem W 

einer Grabkammer bei Kylfver, Gotland (Fig. 335 und S. 209V auf einer prächtigen vergoldeten 
Silberspange bei Charnay, Bourgogne, und auf einer kurzen eisernen, einschneidigen Schwertkli 
indem Fluübctt der Thames hei London gefunden; alle stammen, wie der Wadstenaschmuck aus der 
Mitte des ersten Jahrtausends. Dieselbe Runenreihe wiederholt sieh beinahe unverändert in < 
schiedenen Handschriften aus dem neunten und elften Jahrhundert, die in England und aufierhalb di< 
Landes vorkommen, die aber alle aus England stammen. Die wichtigste ist eine, welche ein 
Runenlied enthalt mit den Runen, ihren Namen und Bedeutung, nebst einer Erklärung der Namen. 



208 



Die römische Eisenzeit. 



Betrachten wir nun die ältesten Runen und ihre Bedeutung, so finden wir 
sofort, daß die Übereinstimmung mit den alten südeuropäischen Alphabeten auf- 
fallend ist. Niemand wird es für zufällig halten, daß die Runen R. <, H, I, H, E>, & 
beinahe vollkommen griechischen und römischen Buchstaben gleichen und 
ihnen lautlich entsprechen. Nach umfassender und gründlicher Untersuchung 
aller mit der Herkunft der Runen zusammenhängenden Umstände ist man zu 
dem Schluß gelangt, daß die Runen wahrscheinlich im zweiten Jahrhundert n.Chr. 
bei einem nördlich vom Schwarzen Meere wohnenden germanischen Stamm 

der im römischen Reich da- 
mals gebrauchten Schrift nach- 
gebildet worden sind. Wenig- 
stensfünfzehn, vielleicht zwanzig 
Runen entstammen dem grie- 
chischen und vier dem römi- 
schen Alphabet. 

In den meisten Fällen, 
wo die Form der Runen von 
der südlichen Buchstabenform 
abweicht, kann die Ungleich- 
heit dadurch erklärt werden, 
daß die Runen ursprünglich 
nur in Holz geritzt wurden, und 
man deshalb die wagrechten 
Striche vermied, die leicht mit 
den Adern des Holzes zu- 
sammenfallen und dadurch un- 
deutlich w T erden; auch die 
bogenförmigen Linien boten 
dem Holzschneider Schwierig- 
keiten. Daher bestehen die 
ältesten Runen nur aus senk- 
rechten und schräglaufenden 
53 6. Runenstein bei Möjebro in Uppand. >) geraden Strichen. 

Bei der Annahme des fremden Alphabetes zeigten die Germanen eine 
merkwürdige Selbständigkeit darin, daß sie den Runen neue Namen gaben und 
sie auf eine neue Art ordneten, denn alle semitischen, griechischen und italienischen 
Alphabete rangieren A, B usw. Warum die Germanen ihren Buchstaben 
eine abweichende Reihenfolge gaben, ist noch nicht endgültig erklärt. Eine 
andere eigentümliche Neuheit ist die Einteilung der Runen in drei Gruppen zu je 
acht Runen. 2 ) Diese drei Gruppen sind schon auf den Wadstenabrakteaten vermerkt. 

i) Die Inschrift lautet: Frawaradar anahaha is [sjlaginar, »Frawaradar (Frarädr) der 
Mutige ist (tot-) geschlagen«. 

2) Die Einteilung in dreimal acht wurde auch in anderen Fällen von den Germanen ange- 
wendet, wie z. B. in ihrem Gewichtssystem, wo die Mark in 8 Öre und die Öre in drei Örtugar 
geteilt wurde. Ob diese Gewichtsteilung schon in der Zeit, als sich die Runen bildeten, bestand, 
weiß man jedoch nicht. 




Die ältesten Runen. 



209 



Auch in bezug auf etwas anderes weicht die Runenschrift von der ge- 
wöhnlichen griechischen und lateinischen Schrift ab; letztere geht, wie die heute 
gebräuchliche, von links nach rechts, aber die älteren Runen gehen oft wie 
einige sehr alte südeuropäische Inschriften von rechts nach links (Fig. 336). Die 
Richtung von links nach rechts kommt aber auch in der Runenschrift (Fig. 337 
und 338) vor und wird bald allgemein. Zuweilen findet man in einer Inschrift 
beide Richtungen, so daß die eine Reihe von rechts nach links, die nächste 
Reihe von links nach rechts geht, oder auch umgekehrt. 

Inschriften mit diesen älteren Runen kennt man, wie schon erwähnt wurde, 
aus mehreren Orten im Norden und anderen jetzt oder früher von Germanen 
bewohnten Ländern. 1 ) 

Die ältesten Runen, deren Zeit bestimmt werden konnte, gehören der Zeit 
um 300 nach Chr. an. 2 ) 






,*■• V 





8Äi 









337. Runenschrift auf einem Stein bei Skärkind in Östergötland. 3 ) 



In verschiedenen Teilen von Schweden und Norwegen fand man mehrere 
Bautasteine mit Inschriften von älteren Runen (Fig. 337). 

In einer Grabkammer bei Kylfver im Kirchspiel Stänga in Gotland war, 
wie wir schon gesehen haben (S. 207, Note), die Runenreihe auf einem Wand- 
stein eingehauen (Fig. 335). Diese Runenreihe weicht in einigen Punkten von 
den anderen ab. 4 ) 

Einer der schwedischen Steine, der bei Skääng im Kirchspiel Vagnhärad, 
Södermanland, steht (Fig. 338), kennzeichnet sich dadurch, daß einige Jahr- 
hunderte, nachdem die ursprüngliche Inschrift eingehauen war, der Stein nochmals 
mit Runen — welche von den ursprünglichen verschieden sind -- versehen worden 



1) Stephens, The Oldnorthern Runic Monuments. — Derselbe, ll.uidb.iok. — R. HenB 
Die deutschen Runendenkmäler (Straßburg, 1889); vgl. E. Drate, in der Zeitschrift f. Ethnol, 18 
S. 76. — L. Wimmer, De tyske Runemindesmserker, in den Aarböger f. nord. Oldkynd, 1 

S. 1. — Derselbe, Les monuments runiques de l'AUemagne, in den Memoires de la Soc. d. Antiqu. 
du Nord, 1890 — 1895, S. 225. 

2) Montclius, Runornas älder i Norden, in : Fornm.-for« lidskr., Bd. 6 : 

S. 236. — Derselbe, Das Alter der Runenschrill im Norden, im Archiv f. Anthrop., Will i s ^ ,S 151. 

3) Die Inschrift: Ski njthaleubar, »Skinnl I Mannsname, mit feiner Haut ) ruht hi 

I O. von Friesen und II. Elansson, Kyl runrad, in der Anliqv. 

tidskr. f. Sv., Bd. [8 (1905). 

U 11 teli US, Kulturgeschichte Schwedens. 1 ( 



2IO 



Die römische Eisenzeit. 



ist. Die Schlußworte der letzteren Inschrift: »Gott helfe seiner Seele« zeigen, 
daß sie der Zeit nach der Einführung des Christentums angehört. 

Außerdem hat man in Schweden mehrere andere Altertümer mit älteren 
Runen gefunden, so eine prächtige Spange, aus vergoldetem Silber, die aus 
Etelhem auf Gotland stammt (Fig. 377), ein knöchernes Amulet aus Lind- 
holmsmoor in Skäne (Fig. 339) und viele Goldbrakteaten (Fig. 353 — 358). 
In England sind Inschriften von diesen »älteren« Runen häufig. 

Noch in der letzten Zeit wurde 
freilich die Ansicht ausgesprochen, 
daß die Runen niemals bei anderen 
Völkern als den Nordländern und 
den aus dem südlichen Teile des 
nordischen Gebietes nach England 
gezogenen Angelsachsen vorkommen 
sollten. Das ist aber falsch. Die 
Runen waren gemeinsames Eigentum 
der germanischen Völker oder wenig- 
stens einer Mehrzahl unter ihnen. 

In Frankreich, Deutschland, 
Westrußland und in der Walachei 
hat man auch Runeninschriften ge- 
funden, die in Gegenstände einge- 
ritzt sind, welche weder skandina- 
vische noch englische Typen zeigen, 
sondern Formen, die in den in Frage 
kommenden, damals von germani- 
schen Völkern bewohnten Gegenden 
einheimisch waren. 

Die Runenkenntnis der Süd- 
germanen wird noch weiter durch zeit- 
!r^ genössische Schriftsteller bewiesen, 
die ausdrücklich davon sprechen, daß 
Runenstein bei Skääng in Södermanland. 1 ) die Runen bei germanischen Völkern, 

die außerhalb Skandinaviens und 
Englands wohnten, im Gebrauch waren. Der wichtigste von diesen Zeugen ist 
Venantius Fortunatus, der, in Norditalien geboren und in Ravenna erzogen, sich 
später an verschiedenen Orten in Deutschland und Frankreich aufhielt, bis er zum 
Schluß des sechsten Jahrhunderts Bischof von Poitiers wurde. Unter seinen lateini- 
schen Gedichten befindet sich ein Brief an einen Freund, in welchem er diesen 
auffordert, entweder lateinisch oder in irgend einer anderen Sprache zu antworten; 




lVA^D HANSEN. 



338. 



1) Die ältere Inschrift (längs der Mitte): Haringa Aleugar >Haringa, der ohne Falsch 
[ruht hier ', und die jüngere (in der Schlange): Skanmals auk Olauf thau litu kiara merki 
thausi eftir Suain fathur sin. Kuth hialbi salu hans, »Skanmals und Olauf (Frauenname), 
sie ließen diese Denkmale für Sven, ihren Vater, machen. Gott helfe seiner Seele!« 



Die Sprache der älteren Eisenzeit. 



211 



wenn er nicht lateinisch schreiben wolle, könne er ja z. B. »mit barbarischen 
Runen« schreiben, auf Holztafeln oder auf einen glatten Holzstab. Mit bar- 
barisch meint er offenbar germanisch. Auch im Norden ritzte man ja die 
Runen in Holztafeln oder Holzstäbe ein. 

Bei den germanischen Völkern des europäischen Kontinents wurden die 
Runen von Ulfilas gotischem Alphabet und vom römischen verdrängt. Die 
Germanen in England und Skandinavien behielten jedoch die ältere Schrift lange 
bei, und besonders in letzterem Land waren die Umstände dem Fortleben der 
Runenschrift günstig. Erst nach Ablauf vieler Jahrhunderte wurde sie bei der 
Einführung des Christentums durch das lateinische Alphabet verdrängt, und 
noch lange nach dem Sieg der christlichen Lehre lebte die in dem Volk 
tief eingewurzelte Kenntnis der Runen fort. 

Der Umstand, daß Inschriften mit älteren Runen nicht nur auf Grabsteinen, 
sondern auch auf so vielen zum täglichen Gebrauch gehörenden Gegenständen 
vorkommen, spricht sehr dafür, daß die Kenntnis der Runen sich nicht auf 
wenige beschränkte, sondern im Volk allgemein verbreitet war. 




339. Knöchernes Amulett mit Runenschrift. Skane. 4 / 5 . 



Obwohl diese Inschriften keine Kunde von historisch wichtigen Persön- 
lichkeiten oder Ereignissen geben, sind sie doch von allergrößter Bedeutung für 
die Wissenschaft, nicht nur für viele kulturhistorisch interessante Verhältnisse, 
sondern besonders für die Sprache. Sie sind unsere ältesten schriftlichen Ur- 
kunden, über acht Jahrhunderte älter als die ältesten schwedischen auf Pergament 
geschriebenen Schriften, die uns erhalten sind. 1 ) Sie zeigen, daß die Sprache 
in Schweden in der älteren Eisenzeit germanisch war, aber sie zeigen auch, daß 
die Sprache, die im Norden in den ersten fünfhundert Jahren nach Christus 
gesprochen wurde, mit der Sprache verwandt war, die die Goten an der Donau 
zur selben Zeit sprachen. Letztere kennen wir vor allem aus der Bibelüber- 
setzung des Bischofs Ulfilas (gegen Ende des vierten Jahrhunderts\ von der 
beträchtliche Teile (in einer Abschrift von c. 500) in dem prachtvollen und 
weltberühmten »Codex argenteus : erhalten sind, der durch Magnus Gabriel 
de la Gardies Freigebigkeit als Hauptschatz die Universitätsbibliothek von 
Upsala ziert. 



1) Die ältesten in Schweden geschriebenen Pergamenturkunden, die wir noch besitzen, stammen 
aus der Mitte des 12. Jahrhunderts : sie sind lateinisch geschrieben. Die ältesten Handschriften in 
schwedischer Sprache, die uns erhalten wurden, sind einige Landschaftsgesetze aus dem 13. Jahrhundert. 

14* 



212 



Die römische Eisenzeit. 



Die Sprache der Nordländer jener Zeit ist jedoch der Gotensprache keines- 
wegs vollkommen gleich. Trotz der Kürze der ältesten im Norden gefundenen 
Runeninschriften kann man in wichtigen Beziehungen eine erhebliche Ver- 
schiedenheit feststellen. Einer unserer ersten Sprachkenner meint daher sogar, 
daß zu der Zeit, mit der wir uns hier beschäftigen, die Differenzen zwischen 
den gotischen und nordischen Sprachen weit mehr in die Augen fallen als die 
Übereinstimmungen. 1 ) 

Die Runeninschriften geben uns freilich die älteste, direkteste Aufklärung 
über die Sprache hier im Norden; aber man hat auch auf indirekte Weise 
von der Sprache unserer Vorfahren in noch älterer Zeit Kenntnis erhalten. Im 
Lappländischen und Finnischen finden sich nämlich viele Worte, die die Lapp- 
länder in Schweden und Norwegen von ihren schwedischen und norwegischen 
Nachbarn und die Finnen von den schon sehr früh östlich von der Ostsee 
wohnhaften Schweden und anderen Germanen entlehnten. 2 ) Diese Lehnworte 
zeigen noch heute durch unzweideutige Merkmale, daß sie in einer Periode auf- 
genommen wurden, in der die nordische Sprache noch altertümlicher war, als 
zur Zeit der ältesten Runeninschriften. Die erwähnten Lehnworte müssen also 
den Standpunkt der nordgermanischen Sprache schon vor dem Anfang unserer 
Zeitrechnung bezeichnen. 

Soweit wir sehen können, war die Sprache, die in der ersten Hälfte des 
ersten Jahrtausends nach Christi Geburt in Schweden gesprochen wurde, bei- 
nahe ganz dieselbe wie die Sprache der anderen skandinavischen Völker zur 
selben Zeit. Noch viele hundert Jahre später, in der Wikingerzeit, war der Unter- 
schied zwischen der schwedischen und anderen nordischen Sprachen sehr 
unbedeutend. 

Die schwedische Sprache der älteren Eisenzeit war aber sehr verschieden 
von der schwedischen Sprache der Wikingerzeit und natürlich noch mehr vom 
heutigen Schwedisch. 

Eine Sprachprobe der ältesten schwedischen Runeninschriften (siehe auch 
Fig. 336 — 338) gibt ein Stein bei Järsberg im Kirchspiel Warnum, Wermland: 
Ubar Hite Harabanar wit iah ek Erilar runor waritu 3 ); in modernem 
Schwedisch: Uf ät Hit. Rafn vi tvä och jag Jarl runor skrefvo, oder 
»Uf (hat den Stein) über Hit errichtet. Rafn und ich Jarl, wir beiden schrieben 
die Runen«. 

Plötzlich auftretende Veränderungen in der Einrichtung der Gräber und 
in verschiedenen anderen Verhältnissen, die hier nicht weiter verfolgt werden 
können, sprechen dafür, daß größere oder kleinere Scharen, die ohne Zweifel, 



1) A. Noreen, Geschichte der nordischen Sprachen, im Grundriß der germanischen Philo- 
logie von H. Pauli, V, S. 3. 

2) V. Thomsen, Den gotiske sprogklasses indflydeke pä den finske (Kopenhagen, 1869). — 
Derselbe, Über den Einfluß der germanischen Sprachen auf die finnisch-lappischen (Halle, 1870). 

3) Das englische »write« hat den Anfangsbuchstaben w beibehalten, den das altschwedische 
Wort, wie wir aus diesen und anderen Inschriften sehen, hatte. 



Die Sprache der älteren Eisenzeit. 213 

wie die damaligen Einwohner des Nordens, Germanen waren, ungefähr zwei- 
hundert Jahre nach Christus in Skandinavien einzudringen begannen. J ) Wahr- 
scheinlich haben diese Neuangekommenen, die nach allem zu urteilen ihr früheres 
Heim in Gegenden um die Donau herum und am Schwarzen Meer hatten, 
nicht nur viele römische Arbeiten mit sich gebracht, die man in unserer Erde 
fand, sondern auch die Kenntnis der Schreibkunst, die Runen. Man hat 
ohne Zweifel mit Recht angenommen, daß die früher beschriebenen großen 
Moorfunde auf Fünen und an der Ostküste von Jütland Andenken an die 
gewaltsame Besitznahme dieser Teile des jetzigen Dänemark durch den neuen 
Stamm sind. 



i) Näheres findet man bei B. Salin, Die altgermanische Thierornamentik (Stockholm, 1904). 



III. DIE ZEIT DER VÖLKERWANDERUNGEN. 

(Von ungefähr 400 bis 800). 

1. Die Verbindung mit dem byzantinischen Reich. — 

Der Goldreichtum. 




iele Menschenalter hindurch hatten germanische Krieger im römischen 
Heer gedient, und viele Menschenalter hindurch waren germanische 
Völker durch Handel und auf andere Weise mit den Römern in Be- 



rührung gekommen. 

Die nähere Bekanntschaft mit der römischen Welt und ihren Herrlich- 
keiten hatte mehr und mehr zu Einfällen in das Imperium gelockt, und immer 
offenkundiger war die Schwäche des Reiches geworden, das ganze Mietlings- 
scharen von Barbaren zu seinem Schutz gegen deren eigene Volksgenossen 
nötig hatte. 

Schon in der Mitte des dritten Jahrhunderts wurden die Römer von den 
vordringenden Germanen gezwungen, einen Teil ihrer Besitzungen am rechten 
Rheinufer preiszugeben, und um das Jahr 400 begannen die großen Völker- 
wanderungen, die in kurzer Zeit ganz Europa politisch umgestalten sollten. 

Gegen Ende des vierten Jahrhunderts ergossen sich die nördlich vom 
Schwarzen Meer und am unteren Lauf der Donau wohnenden Germanen über die 
Balkanhalbinsel und Italien und drangen nach W 7 esten vor. Es waren kaum einige 
Jahre des neuen Jahrhunderts vergangen, als Rom von den Westgoten unter 
Alarich erobert wurde und zahlreiche Haufen von Germanen über den Rhein 
setzten, wonach sie bald das reiche Gallien in Besitz nahmen. Zur selben Zeit 
wurde ein großer Teil des keltischen Britanniens, das die Römer nicht mehr 
verteidigen konnten, durch die von den Gegenden an der unteren Elbe 
kommenden Angelsachsen erobert. 

Nördliche wie südliche Germanenstämme nahmen also an der Völker- 
wanderung teil. Die neuesten Forschungen haben interessante Aufschlüsse dar- 
über gegeben, wie Germanen, die an der Südküste der Ostsee und an der 
Eibmündung saßen, sich nicht nur nach den Britischen Inseln, sondern auch 
nach den Rheingegenden wandten. 



Die Verbindung mit dem byzantinischen Reich. 2 1 $ 

Daß die Verbindung zwischen den Ländern, die wie die skandinavischen 
noch germanisch waren, und den neuerdings germanisch gewordenen lebhaft 
wurde, liegt in der Natur der Sache. Die Geschichtschreiber des Südens 
reden auch von dem Verkehr, der zu jener Zeit zwischen den Goten im Süden 
und im Norden stattfand. So wird erzählt, daß der Ostgotenkönig Theoderich, 
der Eroberer Italiens, in lebhafter und freundlicher Verbindung mit unseren 
Ländern stand. Die Italiener schmückten sich mit Pelzwerk aus Schweden, und 
der König eines skandinavischen Volkes, der freiwillig oder gezwungen sein 
Land verließ, fand Gastfreundschaft in Ravenna, der Hauptstadt Theoderichs. 

Prokop, der im sechsten Jahrhundert lebte und längere Zeit am Hofe 
des Kaisers Justinian verweilte, erzählt von einer gotischen Einwanderung, die kurz 
vorher in unseren Gegenden stattgefunden hätte. Wenn sie auch möglicher- 
weise unbedeutend war, ist sie doch bemerkenswert, da sie von einem beinahe 
zeitgenössischen Schriftsteller stammt, dessen Glaubwürdigkeit zu bezweifeln 
kein Anlaß ist. Prokop folgte nämlich dem byzantinischen Feldherrn Belisar 
als Sekretär in den Gotenkrieg und hatte so Gelegenheit, von den Goten selbst 
und ihnen nahestehenden Völkerschaften denkbarst zuverlässige Kunde zu 
erlangen. 

Von den Herulern, einem solchen den Goten verwandten Volk, erzählt 
er, daß sie unter Kaiser Anastasius I. (491 — 518) an der Donau wohnten, heid- 
nische Götter anbeteten und ihnen Menschen opferten. Mit ihren Nachbarn, 
den Longobarden, gerieten sie in Streit, wurden geschlagen und gezwungen, 
ihre Heimat zu verlassen. Erst nahmen sie ihre Zuflucht zu den Gepiden, die 
zwischen der Donau und der Dnjestr wohnten; aber auch von diesen wurden 
sie nach einiger Zeit vertrieben. Ein Teil flüchtete über die Donau und erhielt 
von dem oströmischen Kaiser die Erlaubnis, sich in Illyrien niederzulassen. 
Die übrigen zogen unter vielen Häuptlingen, die vom königlichen Blute waren, 
nordwärts durch die Länder derSlaven, durchwanderten dann große Einöden und 
kamen schließlich zu den Varneren, einem Volk, das am nördlichen Ozean wohnte 
(wahrscheinlich im heutigen Mecklenburg). Von da setzten sie ohne feindlichen 
Widerstand ihren Zug durch die Länder der Dänen fort, begaben sich von hier 
aus zur See und landeten in Thule (Skandinavien), wo sie sich niederließen. 
Unter den Völkern von Thule fand sich ein großer Stamm mit Namen > Gautai« 
(Goten). Bei diesen nahmen die Neuangekommenen ihre Wohnplätze. 

Einige Zeit danach geschah es, fährt Prokop fort, daß die Heruler, die 
vom Kaiser Wohnplätze in Illyrien angewiesen erhalten hatten, ihren König 
Okon erschlugen. Sie beschlossen, an seiner Statt einen vom königlichen 
Blute aus Thule zu holen, zu welchem Zweck sie einige von ihren vornehmsten 
Leuten hinschickten. Diese kamen nach Thule, fanden dort viele vom könig- 
lichen Geschlecht, wählten den, der ihnen am besten gefiel, und begaben sich 
mit ihm auf die Rückreise. Er starb aber unterwegs. 1 >a kehrten sie nach 
Thule zurück und wählten einen anderen, dein zweihundert junge Männer der 
in Thule wohnenden Heruler folgten. Unterdessen gereute es die Heruler in 
Illyrien, daß sie ohne Kaiser Justinians (527 — 565) Zustimmung nach Thule 



-?j(5 Die Zeit der Völkerwanderungen. 

geschickt hatten, um einen König zu holen. Sie erbaten sich deshalb vom 
Kaiser einen Regenten nach seiner Wahl und er bestimmte den Suartuas, einen 
Heruler, der aber lange in Konstantinopel gelebt hatte. Diesen nahmen sie mit 
großer Freude an. Einige Tage darauf kam jedoch die Nachricht, daß die 
Gesandtschaft von Thule zurückkehre. Suartuas machte sich gegen sie mit 
einem Haufen Volkes auf, um seinen Nebenbuhler zu töten; seine Leute gingen 
aber nachts zum Feinde über, und Suartuas, von allen verlassen, mußte nach 
Konstantinopel entweichen. 

Prokop ist der erste, der uns nähere Auskunft über die skandinavische 
Halbinsel und deren Bewohner gibt. Thule ist eine sehr große Insel, sagt er, wohl 
zehnmal so groß als Britannien, weit nördlich von dort gelegen. Ein Teil der 
Insel sei unbewohnt und öde; der bewohnte Teil sei unter dreizehn großen 
Stämmen mit ebensoviel Königen verteilt. Obwohl Prokopius sehnlichst trachtete, 
diese wunderbare Insel selbst zu besuchen, hatte er doch niemals Gelegenheit, 
seinen Plan auszuführen, und mußte sich mit den Mitteilungen von Personen 
begnügen, die dort gewesen waren. 

Etwas Sonderbares berichteten sie von dieser Insel. Im Sommer ginge 
nämlich die Sonne vierzig Tage und Nächte nicht unter, sondern bliebe über 
dem Horizont. Und sechs Monate später, zur Zeit der Wintersonnenwende, 
ginge sie ebensoviele Tage und Nächte nicht auf, so daß die Einwohner 
währenddes in beständiger Nacht lebten und verhindert würden, zusammenzu- 
kommen und die Tagesarbeit zu verrichten. Prokop fragte die Einwohner 
von Thule, mit denen er zusammenkam, wie sie denn in dieser Zeit die Tage 
rechneten, und sie erzählten ihm, daß die Sonne während der vierzig Tage im 
Sommer nicht immer an derselben Himmelsgegend stehe, sondern bisweilen im 
Osten, bisweilen im Westen; wenn sie nun ihren ganzen Kreis vollendet hätte, 
und wieder an die Stelle käme, wo man gewohnt wäre, sie aufgehen zu sehen, 
wüßte man jedesmal, daß ein Tag vergangen sei. In der dunklen Zeit, in der 
sie allerdings an gewissen Stunden des Tages Dämmerung hätten, berechneten 
sie die Tage nach dem Mond. Wenn sie aber fünfunddreißig Tage in der 
Finsternis gelebt hätten, pflegten sie nach altem Brauch Späher auf die 
höchsten Bergspitzen zu entsenden. Sobald sie dann von den Bergspitzen die 
Sonne zuerst gesehen hätten, gäben sie den in den Tälern Wohnenden Nach- 
richt davon; diese, froh, obgleich sie sich noch im Dunkeln befänden, feierten 
mit großen Gastmahlen die Wiederkunft der Sonne. Dies sei bei den Völkern 
von Thule die größte Feier. Wir erkennen leicht die mitten im Winter 
gefeierte Weihnacht. 

Die Sitten der Einwohner von Thule waren von denen der anderen 
Völker nicht sehr verschieden. Sie beteten viele Götter an und Geister, 
die im Himmel, in der Luft, auf der Erde und im Meer, auch solche, die in 
Quellen und Flüssen wohnten. Diesen allen wurde fleißig geopfert. Das beste 
Opfer war der Mensch. Den ersten Gefangenen in einem Krieg opferten 
sie dem Kriegsgott, der bei ihnen an Rang allen voranginge. Die Opferung 
wurde nicht nur, wie gewöhnlich, durch einen Schnitt in den Hals vollzogen; 



Die Verbindung mit dem byzantinischen Reich. 2 I 7 

sie töteten ihre Kriegsgefangenen auch durch Aufhängen an Bäumen und auf 
andere Weise. 

Ein Zeitgenosse des Prokop ist der erste germanische Schriftsteller, der 
von unserem Lande spricht: Jordanes oder Jornandes, von Geburt ein 
Gote, der in der Mitte des sechsten Jahrhunderts lebte. Was er vom Norden 
erzählt, rührt wahrscheinlich von dem lateinischen Geschichtsschreiber Cassio- 
dorius her, welcher um 530 eine jetzt verloren gegangene gotische Geschichte 
schrieb. Cassiodorius soll seine Nachrichten vom Norden durch einen norwe- 
gischen König Roduulf erhalten haben, der beim gotischen König Theoderich 
dem Großen lebte. Die Nachrichten waren also zuverlässig; viele Völkernamen 
sind jedoch entstellt. In Schweden spricht er neben anderen Stämmen von den 
Suehans (Svear), der Name ihres Reiches Svethiud (die altschwedische Form des 
altisländischen Svipiöö) kommt als »Suetidi« vor. Er nennt auch »Theustes 
und »Finnaithae«, die in den smäländischen Bezirken Tjust und Finved wohnten, 
»Gautigoth« (Götgotar), die Einwohner Westergötlands, »Ostrogothae«, die Ein- 
wohner Östergötlands, »Finni«, und andere mehr. 1 ) 

Mit dieser Periode der nordischen Geschichte beschäftigte sich auch der 
alte angelsächsische Gesang von Beowulf, der ein Verwandter des Geaten- 
königs Hygeläc (Hugleik) war und endlich selbst König der Geaten wurde. 2 ) 
Dieser Gesang, der verhältnismäßig kurze Zeit nach den darin erzählten Er- 
eignissen gedichtet sein muß, 3 ) meldet viel von Kämpfen zwischen den Svear 
und Geaten, womit ohne Zweifel die in Südschweden wohnenden Götar gemeint 
sind. Aus dem schwedischen Königsgeschlecht Skilfinger werden unter anderen 
Ohthere und sein Sohn Eädgils genannt, dieselben die in der Ynglingasage Ottar 
und Adils heißen. Hygeläc, von dem erzählt wird, er habe auf einem Kriegsztig 
in das Land der Friesen sein Leben verloren, ist jedenfalls derselbe König, von 
dessen Zug nach Friesland und Tod im Jahr 5 1 5 ein gleichzeitiger fränkischer 
Geschichtschreiber spricht. Die beiden erwähnten Könige der Svear müßten 
demnach im sechsten Jahrhundert gelebt haben und ganz Svealand müßte unter 
die Herrschaft nur eines Königs gekommen sein. Das Reich oder Land wird 
Sviörice genannt (c wird wie k ausgesprochen), sicherlich das erste Mal, d a 11 
dies Wort Svearike in der Geschichte vorkommt. 

Die in Skandinavien wohnenden Lappen erwähnt wohl schon Tacitns 
(vgl. S. 64). Aber erst bei Prokop wird ausführlicher von ihnen berichtet. Unter 
allen Einwohnern Thules waren die Skridfinnen die einzigen, die beinahe wie 
Tiere lebten, denn sie brauchten weder Kleider, noch bedeckten sie ihre Füße 



1) L. Fr. Läffler, Om de östskandinaviska folknammn hos Jordanes, in den Nvare bidrag 
tili kännedom om de svenska landsmalen och svenskt folklif, Heft 51 (Stockholm. 1 S04). 

2) P. Kahlbeck, Beovulfsqvädet sasom källa för nordisk fornhistoria, in der Antiqv. tidskr. 
f. Sv., Bd. 8. 

3) K. Stjerna, Hjälmar och svärd i Beovulf, in Studier, tillägnade O. Montelius, - 
Derselbe, Vendcl och Vendclkraka, in Arkiv for Nordisk Filologi, Ny följd, Bd. XVII, S. 71. — 
Derselbe, Arkcologiska antecknin^'ar tili Beovulf, im Mänadsblad, [903— 1904. — Derselbi 

och Götar under folkvandringsüden, in der Sv. Fornm.-för' tidskr., Bd. i- 1905), S. 339. 



2 1 8 Die Zeit der Völkerwanderungen. 

mit Schuhen, noch nährten sie sich von Feldfrüchten. Der Mann pflügt und 
sät nicht, die Frau tut keine Hausarbeit, beide gehen auf die Jagd. Uner- 
meßliche Wälder, hier größer als irgendwo anders, und hohe Berge gewährten 
ihnen einen unerschöpflichen Vorrat von Tieren, von deren Fleisch sie lebten. 
Weder Leinen noch andere Gewebe hatten sie; ihre Kleidung war aus Häuten 
mit Tiersehnen zusammengefügt und über den Körper geworfen. Die Frauen gäben 
ihren Kindern nicht die Brust, sondern brächten die Neugeborenen, in Tierfelle 
gewickelt, auf Bäumen unter, steckten ihnen Tiermark in den Mund und gingen 
dann auf die Jagd. 

Der Longobarde Paulus Warnefrid, der in der letzten Hälfte des achten 
Jahrhunderts lebte und mit Gewährsmännern aus der Skandinavischen »Insel« 
gesprochen hatte, gibt eine in den Hauptsachen ähnliche Schilderung der »Skrid- 
finnen«. Er gibt an. daß sie ihren Namen von einem Wort haben, das in 
ihrer Sprache »springen« bedeutet, denn mit Hilfe eines krummen Holzes, das 
wie ein Bogen geformt ist, vorwärts springend verfolgten sie die wilden Tiere. 
»Bei ihnen«, erzählt er weiter, »gibt es ein Tier, das einem Hirsch ganz ähnlich 
sieht, und aus dessen langhaarigem Fell Jacken gemacht werden, die bis zu 
den Knien reichen«. Von den Wohnsitzen der Finnen sagt er, sie seien nicht 
einmal im Sommer schneefrei. — In dieser Beschreibung Warnefrids erkennen 
wir leicht das Skielaufen (auf Schneeschuhen), die Renntiere und das Gebirge. 
Daß die Lappen als Finnen bezeichnet werden, wird uns nicht weiter wundern, 
da sie noch jetzt von den Norwegern Finnen genannt werden. Schon bei der 
Erwähnung der Steinzeit (S. 63) haben wir bemerkt, daß sie früher auch süd- 
lichere Teile der skandinavischen Halbinsel inne hatten. 



Ein Besuch im schwedischen Nationalmuseum und eine Musterung der dort 
befindlichen Goldschmuckgegenstände aus der Mitte des ersten Jahrtausends n. Chr. 
lehrt, welchen wunderbaren Reichtum an Gold Schweden vor vierzehnhundert 
Jahren hatte. Goldringe von zwei Pfunden Gewicht sind angetroffen worden, und 
häufig fand man bei Erdarbeiten Goldschmuck in solchen Massen aufgehäuft, 
daß der Geldwert selbst für heutige Verhältnisse sehr ansehnlich ist. 

Von den vielen schwedischen Goldfunden aus dieser Periode sind folgende 
besonders bemerkenswert: 1 ) 

In Uppland, bei Ängeby, im Jahre 1757, ein Stück Gold (215 Gramm); 
Kaggeholm, 1783, zwei kleine Goldringe und 21 Goldmünzen (Solidi) 2 ); Tuna, 
1797, zwei Stück Gold (111 g); Husby Länghundra, 1845, e i n Halsring 3 ) und 
vier andere Ringe (453 g); Söderby, 1876, neun Goldbrakteaten und anderer 
Schmuck 4 ); Österunda, 1885, ein Spiralring (85,5 g); Wäsby, 1897, e ' n Schwert- 



1) Einige von den hier erwähnten Gegenständen einfacher Form können möglicherweise 
etwas älter oder etwas jünger sein. 

2) (Kaggeholm) Montelius, Remains from the Iron Age, Fund Nr. 120. — 3) (Husby und 
Näshulta) Wie unsere Fig. 344, aber ohne halbmondförmige Ornamente. — 4) (Söderby) Mänads- 
blad, 1877, S. 393. 



Der Goldreichtum. 



219 



knauf, mit Granaten und Email (130 g) ! ). - Södermanland, in dem See 
Wammeln, 1700, ein großer Ring und neun daraufhängende Spiralringe (551 g) 2 ); 
Bogsta, 1768, ein Spiralring (97 g); Tureholm, 1774, der unten beschriebene 
Fund (ungefähr 12300 g, oder 12,3 Kilo!]; Quicksta, 1862, ein runder Schwert- 
knauf (228 g) 3 ); Näshulta, 1897, ein Halsring (634,3 g; s. Seite 218, Anm. 3). — 
Westmanland, Kungsör, 1827, ein Ring (236 gj; Sohviksborg, 1869, zwei Hals- 
ringe 4 ) und drei andere große Ringe (778 g). — Nerike, Askersund 6 ), 1722, 
zwei Halsringe (1776 g) 6 ). — Wermland, im See Glafsfjolen, 1843, e i n 
Schwertknauf aus Gold und Silber, mit Granaten 7 ); Jernskogsboda, 1860, in 
einem Grabe, zwei Goldbrakteaten und eine Spange aus vergoldetem Silber 8 ). — 
Östergötland 9 ), Wadstena, 1774, zwei Goldbrakteaten (der eine abgebildet 
Fig. 354); Torlunda, 1859, neun Goldbrakteaten und ein Spiralring (104 g; 
Fig. 356 — 357); Ingelstad, 1869, die Parierstange eines Schwertgriffes; Xarf- 
veryd, 1882, siebenundzwanzig Spiralringe (238,5 g). 

In Westergötland, bei Saleby, im Jahre 1732, ein Ring (98 g); Ban- 
källa, 1738, zwei große Halsringe (der eine 532, der andere 579 g) und ein 
kleiner Ring mit acht daran hängenden Spiralringen (Gesamtgewicht 1654 g) 10 ); 
Sunnersberg, 1763, ein Stück Gold (317 g); Fredsberg, 1773, ein größerer 
Ring mit zehn daran hängenden kleineren, ein zweiter Ring mit sechs daran 
hängenden und mehrere andere Stücke Gold; Swenneby, 1780, ein großer Ring; 
Ulricehaum, 1780, mehrere Stücke Gold (92 g); Hultsjö, 1805, spiralförmiger 
Goldbeschlag einer Schwertscheide (150 g) 11 ); Ullerfva, 18 19, zwei Stücke Gold 
( r 53 g) ; Gestad, 1821, mehrere Ringe und andere Stücke Gold (339 g); Mällby, 
1822, Goldbeschlag einer Schwertscheide mit Filigranverzierungen (Fig. 342) 12 ); 
Olleberg, 1827, prachtvoller Halsschmuck (620 g, Fig. 348); Fröfvet, 1845, ein 
Stück Gold (131 g); Hendened, 1849, ein Ring (163 g); Wiglunda, 1849, ein 
Goldbrakteat und vier Spiralringe 13 ); Wamb, 1S59, drei Ringe (168, 201 und 209 g, 
zusammen 578 g);Möne, 1864, prachtvoller Halsschmuck (823 g, Fig. 349); Saleby, 
1866, ein Spiralring (173 g); Lund, 1877, ein Halsring, unvollständig, (431 g) u ); 
Bragnum, 1878, ein prächtiger Halsring (828 g, Fig. 344); Gällqvist (Skara), 1880, 
ein Halsring, zwei Brakteaten, eine Barre und andere Gegenstände aus Gold (344 g), 
nebst neun Barren und Schmucksachen aus Silber (1664 g) 15 ); Wäby, 1885 und 1904, 
zwei Spiralringe (156 und 203,5 g) j Wättlösa, 1892, vier Goldbrakteaten und 
sechzehn Glasperlen 10 ); Skarstad, 1895, vier Goldbarren (632 g); Sköfde, 1904, 
zwei große Barren und fünfundzwanzig Ringe (7,100 g oder mehr als 7 Kilo!) 

1) (Wäsby) Mänadsblad, 1897,8.56.-2) (Wammeln) E. Björner, Nordisk Hjälta Prydnad 
af Gullringar (Stockholm, 1739), S. 43; Antiqv. sued., Fig. 457. — 3) (Quicksta) Ebenda, Fig. 413. — 
4) (Solwiksborg) Wie Fig. 343 und 344, ohne Ornamente. — 5) (Askersund) Acta literaria Suecis 1 
(Upsala, 1720 — 1724), S. 590. — 6) Der von Hofberg, Nerikes gamla minnen, S. 75, abgebildete 
Ring stammt nicht aus Nerike. — 7) (Glafsfjolen) Sv. Fornm.-fdr> tidskr., Bd. 10, S. 89. — 8) (Jern- 
skogsboda) Remains from the Iron Age, Fund Nr. 302. — 9) (Östergötland) Sv. Fornm.-f >r* tidskr., 
Bd. 12, S. 255— 261. — 10) (Bankälla) Björner, Nordi H Ita Prydi S. H- — u) (Hultsjö) 
Abgebildet in Antiqu. sued., Fig. 470. — 12) (Mällby) Ebenda. Fig. 416. — 13) (Wiglunda) Re- 
mains from the Iron Age, Fund Nr. 316. — 14) (Lund) Wie unsere Fig. ;44- (Gällqvist) 
Mänadsblad, 1892, S. 10. — 16) (Wättlösa) Ebenda, [892, - j8 



220 D' e Zeit der Völkerwanderungen. 

In Dalsland, bei Frändefors, im Jahre 1872, ovaler Spiralring (185 g). 
- Bohuslän, Haborskulle, 1769, ein Halsring (87,5 g); Rolfsered, 1826 und 1827, 
fünf Brakteaten, drei Spiralen und einige kleine Stücke Gold 1 ); Backa, 1838, 
Goldbeschlag einer Schwertscheide, mit Filigranverzierungen 2 ); Tanum, 1849, 
ein schwerer Halsring, unvollständig (703 g) 3 ); Dingle, 1854, fünf Halsringe 
(699 g) 4 ); Hög Edsten, 1863, Schwertknauf, mit Granaten 5 ), und einige kleinere 
Schmucksachen aus Gold; Bulltorp, 1888, ovaler Spiralring (54 g). — ■ Hailand, 
Leijeby, 1869, runder Schwertknauf (54,7 g) G ); Köinge, 1889, ein an beiden 
Enden abgehauenes Stück eines großen Ringes (Gürtels) mit Filigranverzierungen 
(221 g, Fig. 345). — Skäne, Wä, 1674(1), drei große Brakteaten 7 ); Raflunda, 
1781 und 1784, vier Brakteaten 8 ); Börringe, vier Brakteaten 9 ); Skurup, 1867, 
ein Schwertknauf, mit Filigranverzierungen (Fig. 346); Hammenhög, 1877, ein 

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Spiralring (141 g); Asum, 1882, der größte, jetzt bekannte Goldbrakteat (Fig. 358); 
Maglarp, 1899, ein Halsring und vier andere Stücke Gold (335 g). — Ble- 
kinge, Tjurkö, 1817, vier Brakteaten und zwei Solidi 10 ); Sturkö, 1901, im 
Meere, ein Schwertknauf mit Granaten 11 ). — S mal and, (Kalmar Län), Lofta, 
1905, neun Solidi. 

Auf Ol and, bei Bredsätra, im Jahre 18 14, elf Solidi und vier kleine 
Ringe aus Gold und Silber 1 ^); Hässleby, 1838, ein Spiralarmring und fünf daran 
hängende, kleine Ringe (206 g); Kalla, 185 1, ein großer und dreizehn kleinere 
Ringe (173 g); Algutsrum, 1859, ein Ring (162 g); Färjestaden, im Kirchspiel 
Torslunda, 1860, prachtvoller Halsschmuck (707 g; Fig. 347); Björnhofda, im 
Kirchspiel Torslunda, 1864, sechsunddreißig Solidi 13 ); Törneby, 1869, ein Hals- 
ring 14 ) mit einem kleinen Spiralring (200 g); Böda, 1889, ein ovaler Spiralring (71 g). 

Auf Gotland, bei Lojsta, im Jahre 1797, mehrere Ringe (»ein paar 
Pfund«); Nähr, 1836 und 1852, sieben Solidi 15 ); Arges, 1848, ein Halsring, un- 
vollständig (196 g) 16 ); Hemse, 1848, ein Spiralring (195,7 g); Eskelhem, 1860, 
elf Solidi 1 '); Allwans, 1864, vier Solidi und vier kleine Goldringe J 8); Sandegärda, 
1872, ein ovaler Spiralring (174 g); Wallstena, 1878, in einem Grabe, ein 
Schwertknauf mit Granaten (Fig. 362); Dyple, 1885, ein Halsring (193 g) 16 ); 
Sproge, 1890, ein Spiralring (168 g); Rowalds, 1902 — 1904, acht Solidi. 

Der größte Goldschatz, den man aus Schweden kennt, und einer der 
größten aus ganz Europa, ist 1774 bei Tureholm, in der Nähe von Trosa, in 
Södermanland gefunden worden. Von den näheren Fundverhältnissen wissen 
wir nur noch, daß man ungefähr 30 cm tief auf verschiedene Goldringe, 



1) (Rolfsered) Remains from the Iron Age, Fund Nr. 306 und 307. — 2) (Backa) Bidrag 
tili kännedom om Bohusläns fornminnen, Bd. I, S. 346. — 3) (Tanum) Ebenda, Bd. I, S. 388. — 
4) (Dingle) Ebenda, Band II, S. 353. — 5) (Hög Edsten) Antiqu. sued., Fig. 407. — 6) (Leijeby) 
Ebenda, Fig. 413. — 7) (Wä) J. Schefferus, De orbibus tribus aureis nuper in Scania erutis (Stock- 
holm, 1675!); Remains from the Iron Age, Fund Nr. 351. — 8) (Raflunda) Ebenda, Fund Nr. 350. 
— 9) (Börringe) Ebenda, Fund Nr. 346. — 10) (Tjurkö) Ebenda, Fund Nr. 353. — 11) (Sturkö) 
Mänadsblad, 1901 — 1902, S. 86. — 12) (Bredsätra) Manadsblad, 1872, S. 81. — 13) (Björnhofda) 
Remains from the Iron Age, Fund Nr. 156. — 14) (Törneby) Wie unsere Fig. 344. — 15) (Nähr) 
Remains, Fund Nr. 212 und 213. — 16) (Arges und Dyple) Wie unsere Fig. 344. — 17) (Eskelhem) 
Ebenda, Fund Nr. 200. — 18) (Allwans) Ebenda, Fund Nr. 192. 



Der Goldreichtum. 



221 




340. Goldbeschlag einer Schwertscheide. 
Tureholm, Södermanland. ^L 




341. Goldbeschlag eines Schwertgriffes. 
Tureholm, Södermanland. */,. 




342. Goldbeschlag einer Schwertsch' 
Westergötland. 1 / 1 . 







343. Goldener Halsring, massiv. Tureholm, Södermanland. -^ 



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Die Zeit der Völkerwanderungen. 



größere und kleinere, stieß, einige ganz schmal und glatt, andere dick und 
ornamentiert; außerdem einige Goldverzierungen, die vermutlich an Schwer- 
tern gesessen hatten, und Stücke geschmolzenen Goldes. Alles zusammen 
wog 29 Pfund (12,3 kg). Von diesem kostbaren Fund, dessen Metallwert heute 
ungefähr 35000 Mark sein würde 1 ), wurde leider nur ein Zehntel vom Staat 
erworben, der Rest eingeschmolzen. Der Teil des Fundes, der im National- 
museum aufbewahrt wird, besteht aus einem großen Halsring und vier Gold- 
beschlägen zu einem SchwertgrifT und zu zwei Schwertscheiden (Fig. 340, 341 
und 343). Diese Beschläge sind mit Filigranarbeiten verziert. Der Halsring 
wiegt beinahe I kg und ist von ungewöhnlich feinem Gold (beinahe o,8°/ ). 

Mehrere andere massive Halsringe von Gold aus jener Zeit wurden in 
Schweden gefunden; einer von ihnen, der nicht geöffnet werden kann, ist 
Fig. 344 abgebildet. 

Der prachtvollste Goldschmuck aus der ganzen Heidenzeit, der bis jetzt 
im Norden gefunden wurde, sind drei im Nationalmuseum aufbewahrte große 




344. Goldener Halsring, massiv. Westergötland. 1 | 



breite Halsringe aus dem fünften Jahrhundert, deren jeder allein 600 — 800 g wiegt 
und aus mehreren (3, 5 und 7) übereinanderliegenden Röhren besteht, die mit 
äußerst feinen Filigranornamenten und anderen aufgelegten Goldzieraten bedeckt 
sind. Hinten ist ein Scharnier, und vorn wird der Ring dadurch zusammen- 
gehalten, daß die Enden der Röhren sich ineinander schieben. Zwei dieser 
kostbaren Halsringe (Fig. 348 und 349) sind an verschiedenen Orten in Wester- 

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götland gefunden, der eine am Fuß des Alleberg bei Falköping, der andere nur 
zwei und eine halbe Meile davon entfernt in der Nähe der Kirche von Möne. 
Der dritte Schmuck (Fig. 347) wurde im Kirchspiel Torslunda auf Öland, bei 
Färjestaden, dem Überfahrtsort zum Festland, gefunden. 

Bei Köinge in Halland fand man ein großes, an beiden Enden abgehauenes 
Stück eines goldenen Gürtels, das auffallende Ähnlichkeit mit den drei Hals- 
ringen zeigt (Fig. 345). 

Diese durch ihre Masse und die außerordentlich feine Arbeit äußerst 



1) Der Wert des Goldes war im vierzehnten Jahrhundert mindestens zehnmal so groß wie 
heute. Wahrscheinlich war er im fünften Jahrhundert noch höher. 



Der Goldreichtum. 



223 









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2 24 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



kostbaren Schmuckgegenstände sind die einzigen ihrer Art, die wir kennen. 
Ihr Wert wird dadurch erhöht, daß sie einheimische Arbeiten sind. 

So hat nicht nur der Reichtum und die Prachtliebe, sondern auch die 
Goldschmiedekunst unserer Vorfahren schon in der Mitte des ersten christlichen 

Jahrtausends eine Höhe er- 
reicht, von der wir uns erst 
der letzten Zeit eine Vor- 




348. Teil eines solchen goldenen Halsschmuckes wie Fig. 34^ 
Olleberg, Westergötland. i \ 1 . 



in 



Stellung machen konnten. 



Da es damals einheimi- 
sche geprägte Münzen in 
Schweden noch nicht gab, 
bediente man sich als Zahl- 
mittel des Goldes nach dem 
Gewicht; erst in der Wikinger- 
zeit scheint das Silber so all- 
gemein in Umlauf gekommen 



zu sein, daß es ein allgemeiner Wertmesser wurde. Man findet auch oft bei uns 
in der Erde größere oder kleinere, glatte, spiralförmig verarbeitete Ringe aus 
Gold (Fig. 356), die aus dem fünften und sechsten Jahrhundert stammen. Daß 
sie Zahlungsmittel gewesen sind, geht daraus hervor, daß die meisten weder 
das Maß von Fingerringen noch das von Armringen haben, und daß sie nicht 

selten an einem oder an bei- 
den Enden abgehauen sind. 
Manchmal ist in dem abge- 
rundeten Ende eine kleine 
schalenförmige Vertiefung; 
dieses Ende ist noch unberührt. 
Dem als Bezahlungsmittel 
bestimmten Gold konnte man 
keine bessere Form geben, 
als die des Spiralringes. Da- 
durch, daß das Metall ver- 
hältnismäßig schmal ausge- 
zogen war, wurde es leicht, 
soviel gerade erforderlich war 
abzuschneiden, und die Spiral- 
Aus demselben Grund ist 




349. Teil eines solchen goldenen Halsschmuckes wie Fig. 347. 
Möne, Westergötland. Vi- 



form hatte den Vorteil, wenig Platz einzunehmen 

noch heute das ungemünzte Gold oft zu Spiralringen verarbeitet. 

Die medaillenähnlichen, gewöhnlich einseitig geprägten Goldplättchen aus 
der Zeit der Völkerwanderung, die sogenannten Goldbrakteaten 1 ) (Fig. 354 

1) Der Name Brakteat ist erst in der letzten Zeit gebildet aus dem lateinischen Wort bractea, 
was eine dünne Platte bezeichnet. Wie diese Schmucksachen zu der Zeit, als man sie trug, genannt 
wurden , weiß man nicht. Sie dürfen nicht mit den dünnen , einseitig geprägten Silbermünzen aus 
dem Mittelalter verwechselt werden, die auch Brakteaten heißen. 




350. Barbarische Nachbildung eines römischen Goldmedaillons, von zwei Seiten gesehen. Bohuslän. J t . 





351. Barbarische Nachbildung 
eines römischen Goldmedaillons 
(s. S. 227). Dänemark. 1 / 1 . 

• •iyfcMr\Y 35 2 - Barbarisches Goldmedaillon, von zwei Seiten gesehen. Uppland. 1 /,. 







353. Goldmedaillon mit Runen- 
schrift (s. S. 227). Bohuslän. '/,. 



354. Goldbrakteat mit Runen- 
schrift (s. S. 207). Wadstena, 



355. Goldbrakteat. 
Bohuslän. i / 1 . 




und 357. Spiralring und Brakteaten aus Gold ad. ' t . 

Mi nte litis, Kulturgeschichte Schwedens. 1^ 



226 Die Zeit der Völkerwanderungen. 

bis 358), die man oft in Schweden, wie in den anderen nordischen Ländern 
findet, sind als Schmucksachen oder Amulette, nicht etwa als Belohnungs- 
medaillen zu betrachten 1 ). Zuweilen findet man mehrere an derselben Stelle, 
zusammen mit Perlen von Gold oder Glas; offenbar waren sie auf einer Schnur 




358. Goldbrakteat. Äsum, Skäne. i / 1 . 



1) Atlas de l'archeologie du Nord (Kopenhagen, 1857). — C. J. Thomsen, Om Guld- 
bracteaterne , in den Annaler f. nord. Oldkynd., 1855, S. 265. — Derselbe, Sur les bracteates en 
or, in den Memoires de la Soc. des Antiqu. du Nord, 1850 — 1860, S. 203. — G. Stephens, The 
Oldnorthern Runic Monuments of Scandinavia and England (Kopenhagen, 1864 — 1901). — Derselbe, 
Handbook of the Oldnorthern Runic Monuments of Scandinavia and England (Kopenhagen, 1884). 
— Montelius, Remains from the Iron Age of Scandinavia (Stockholm, 1869). — Derselbe, in der 
Sv. Fornm.-förs tidskr., Bd. 10 (1897), S. 68. — J. J. A. Worsaae, Om Forestillingerne paa Guld- 
bracteaterne , in den Aarböger f. nord. Oidkynd., 1870, S. 382. — Derselbe, Les empreintes des 
bracteates en or, in den Memoires, 1866 — 187 1 , S. 319. — S. Bugge, Bemaerkninger om Rune- 
indskrifter paa Guldbrakteatcr, in den Aarböger, 1 87 1 , S. 171. — B. Salin, De nordiska guld- 
brakteaterna. Nägra bidrag tili kännedomen om brak eaternas utbredning och kulturhistoriska 
betydelse. In der Antiqv tidskr. f. Sverige, 14 2 (Stockholm, 1895). — Vgl. Mänadsblad, 1877, 
S- 393 (Fund in Uppland), 1890, S. 128 (Fund auf Gotland), und 1892, S. 10 und 38 (zwei Funde 
in Westergötland). 




Der Goldreichtum. 22 7 

aufgereiht und wurden um den Hals getragen. Die Perlen saßen zwischen den 
Brakteaten, um deren Aufeinanderfallen zu verhindern. 

Die Sitte solchen Schmuckes, die wenigstens in gewissen Teilen des 
Landes (z. B. auf Gotland) sich bis in das Mittelalter erhielt, ist offenbar daraus 
entstanden, daß man hier die römischen Goldmünzen als Schmuck zu tragen 
pflegte. Daher findet man sie häufig durchbohrt oder mit einer Öse versehen, 
wie die Brakteaten. Anstatt der im Römischen Reich geprägten Goldmünzen 
und Goldmedaillons 1 ) machte man sich selber ähnliche Schmucksachen, die 
anfangs mehr oder weniger treu den römischen Mustern nachgebildet wurden. 
So findet man zuweilen bei uns medaillonähnliche Schmucksachen (Fig. 350 — 353), 
die offenbar von irgend einem »barbarischen« Volk im Norden oder auf dem 
Festland gemacht worden sind, das die römischen Münzen oder die Gold- 
medaillons aus dem vierten Jahrhundert nachzubilden versuchte. Das Brustbild 
des Kaisers und die Figuren auf der Rückseite sind verhältnismäßig geglückt, 
aber die Umschrift mit den römischen Buchstaben ist in den meisten Fällen 
durch Zeichen ersetzt, die ganz und gar jeder Bedeutung entbehren. 2 ) 

Die Bilder auf den Brakteaten hatten wahrscheinlich eine dem 

damaligen Nordländer wohlbekannte Bedeutung, obwohl man diese 

jetzt nicht mehr in allen Einzelheiten bestimmen kann, besonders TI , 

J 359- Haken- 

weil die Inschriften keine Erklärungen dazu geben. Aus guten kreuz, auf 

Gründen glaubt man auf einigen von diesen Schmucksachen Oden einem 

ö brakteat. 

zu erkennen, sein Pferd und seine Raben, auf anderen Tor und 
einen von seinen Böcken. Daß viele von den Brakteatenbildern eine religiöse 
Bedeutung hatten, wird dadurch bekräftigt, daß wir auf denselben so oft das 
Hakenkreuz (Swastika; Fig. 359) und andere heilige Zeichen finden. 

Nach und nach wurden die verwirrten und unverständlichen Nachahmungen 
römischer Buchstaben durch Runen ersetzt (Fig. 353). 3 ) Auf dem oben (S. 207) 
erwähnten Wadstenabrakteat sieht man die ganze ältere Runenreihe (Fig. 354). 
Andere Inschriften können auch gedeutet werden, aber in den meisten Fällen 
scheinen sie fehlerhaft geschriebene Worte zu enthalten. 

Die Goldbrakteaten, welche hier im Norden verfertigt sind, zeigen, daß 
die Kunst, Stempel zu schneiden und Metalle zu prägen, bei uns schon längst 
vor dem Ende der heidnischen Zeit bekannt war. Die Mitte der Brakteaten 
ist nämlich meistens geprägt, und nicht selten findet man an weit voneinander 
gelegenen Orten Goldbrakteaten, die offenbar mit demselben Stempel geschlagen 
sind. Beinahe immer sind die Brakteaten einseitig geprägt; sie haben nur 

1) C. Jörgensen, Romerske Guldmedailloner, in den Aarbörger f. nord. Oldkynd, 1900, 
S. 103. — Derselbe, Medaillons romains en or, in den Memoires de la Soc. d. Antiqu. du Nord, 
1896 — 1901, S. 319. 

2) Die Inschrift des römischen Medaillons, nach dem der Goldschmuck Fig. 351 nachgebildet 
ist, war D. N. FL. CONSTANS P. F. AVG; nur die letzt.- Hälfte ist noch zu erkennen. Kaiser 
Constans regierte 337 — 350. 

3) Die Inschrift enthält den Mannsname Sigadur (mit zwei S geschrieben). — S. Bug 
Kuneindskriftcn paa en Guldmedaljon funden i Svarteborgs socken, Bohuslän, in der Sv. Fornm.-l 
tidskr., Bd. II (1900), S. 109. Vgl. F. Läffler, ebenda, S. 244. 

IS* 



228 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



Bilder auf der Seite, die man sah, wenn der Schmuck getragen wurde, während 
die andere Seite glatt war, mit Ausnahme der mehr oder weniger deutlichen 
Vertiefungen, die den Erhöhungen der Vorderseite entsprechen. Rund um die 
Figuren sieht man oft auf der Vorderseite feine, mit einem kleinen Stempel 
eingeschlagene Ornamente. 

Quelle des großen Goldreichtumes, der zu dieser Zeit sich so plötz- 
lich im Norden zeigt, ist wohl hauptsächlich die Beute in den siegreichen 
Kriegen der Germanen gegen das immer schwächer werdende Römerreich, 
wodurch jene sich eines bedeutenden Teiles des Goldes bemächtigten, das die 
Kaiser im Laufe der Jahrhunderte gesammelt hatten. Besonders dürfen wir 
an den Tribut denken, den, wie wir durch die Geschichte wissen, mehrere 
oströmische Kaiser eben zu dieser Zeit, um ihre Grenzen zu schützen, den 
Goten an der Donau und den Hunnen bezahlten, unter denen die Goten gegen 
das oströmische Reich kämpften. 

Schon Theodosius der Große soll den Goten sogenannte Subsidien ge- 
geben haben und zur Zeit des Friedensschlusses zwischen den Hunnen und 
Theodosius dem Zweiten (447) waren diese jährlichen Hilfsgelder bis zweitausend- 

io^ ff 





360. Römische Goldmünze (»Solidus«) 
Öland. l/i- 



361. Barbarische Nachbildung eines Solidus. 
Schweden. 1 j l . 



einhundert Mark in Gold gestiegen. Als Leo I. (457 — 474) den Goten die 
Zahlung verweigerte, verheerten sie Illyrien und erzwangen die Wiederaufnahme 
der Zahlungen. Leos Nachfolger Zeno sicherte sich den Beistand Theoderichs, 
des berühmten Königs der Ostgoten, durch ungeheure Summen. Eben diese 
Kaisernamen, Theodosius, Leo und Zeno, treffen wir oft auf den in Schweden 
gefundenen Goldmünzen. 

Von dem byzantinischen Gold, das in die Hände der Goten gekommen 
war, ging ein großer Teil nach den verwandten Völkern im Norden. Mit Hilfe 
der Funde auf dem europäischen Festland können wir leicht verfolgen, wie die 
von Konstantinopel ausgestreuten Goldschätze ihren Weg bis zur Ostsee 
machten. Sie folgten wie in den Zeiten der Denare (siehe S. 65) den großen 
Flußbetten, besonders der Weichsel, und den Talwegen des heutigen Ostdeutsch- 
land und Polen. Daß der gewöhnliche Handelsweg von Südosteuropa nach 
Skandinavien dem Lauf der Weichsel folgte, läßt sich auch daraus entnehmen, 
daß Jornandes, wo er von der »Insel Scanzia« (Skäne oder Schweden) redet, 
sich so ausdrückt, als ob die Insel mitten vor der Weichselmündung liege. 

Der Umstand, daß die bei uns gefundenen Goldmünzen oft nur geringe 
Spuren von Abnützung zeigen, scheint anzudeuten, daß sie nicht lange im Um- 
lauf waren. Auffällig ist, daß man bei uns auch oft Münzen von Kaisern fand, 



Der Goldreichtum. 



229 



die sehr kurze Zeit regiert haben, z. B. von Kaiser Leo IL, der nur einige 
Monate auf dem Thron saß. 

Das meiste Gold, geprägtes und ungeprägtes, das zu jener Zeit hierher- 
kam, wurde gewiß zu den prächtigen Schmucksachen verarbeitet, die wir schon 
erwähnten. Viele nicht umgearbeitete Münzen sind jedoch im skandinavischen 
Boden wiedergefunden worden. Es sind das sogenannte »Solidi« *), durch ihr 
feines Gold und dadurch, daß sie jahrhundertelang mit unverändertem Gewicht 
und Gehalt geprägt wurden, in der Finanzgeschichte des Mittelalters sehr 
wichtig. 

Man kennt jetzt fast 500 in Skandinavien gefundene Goldmünzen aus 
dieser Periode (Fig. 360). Die allermeisten sind für die weströmischen und 
oströmischen (byzantinischen) Kaiser des fünften Jahrhunderts geprägt. Mit 
Anastasius (491 — 518) hören sie eigentlich auf; seine Nachfolger Justinus (518 
bis 527) und Justinianus (527 — 565) sind nur durch vier Münzen vertreten. 
Einige der hier gefundenen Münzen sind indessen »barbarische«, wahrscheinlich 
von Germanen gemachte Nachbildungen der Solidi. Die Prägung ist schlecht 
(Fig. 361), aber Gewicht und Gehalt sind vollwertig. 

Diese Münzen sind nicht in den skandinavischen Ländern gleichmäßig 
verteilt. Auf den drei großen Inseln der Ostsee sind ungefähr 8o°/ gefunden 
worden (auf Gotland 10 1, auf Oland 164 und auf Bornholm 117 Münzen). Im 
übrigen Dänemark fand man 24, auf dem Festlande Schwedens 71 (davon 69 
in Skäne und den östlichen Provinzen), in Norwegen nur i. 2 ) 

Wie die römischen Denare aus den ersten Jahrhunderten nach Christus 
sind die meisten Solidi aus dem fünften Jahrhundert auf den drei eben ge- 
nannten Inseln gefunden worden; aber während die Silbermünzen unvergleich- 
lich zahlreicher auf Gotland vorkommen, sind die Goldmünzen am allerzahl- 
reichsten auf Oland, wo man ein Drittel aller aus dem ganzen Norden be- 
kannten Solidi fand. 

Auffallend ist, daß Münzen von Anastasius und seinen nächsten Nach- 
folgern nie auf Oland gefunden worden sind; auf Bornholm und besondersauf 
Gotland kommen sie dagegen häufig vor (auf Gotland 43, auf Bornholm 9). 
Dies ist wahrscheinlich durch große politische Veränderung auf Oland zu 
erklären. 3 ) 

In Norwegen und im westlichen Schweden findet man sehr selten Solidi, 
im östlichen Schweden und Skäne sind mehrere gefunden worden und auf den 



1) Aus dem lateinischen Solidus ist das italienische »Soldo« (das französische - ent- 
standen. Ein Solidus war aber eine wertvolle Goldmünze, ein Soldo ist nur eine kleine Kupfermünze. 

2) Montelius, Remains from the Iron Age of Scandinavia. — Derselbe, im Manadsblad, 
1872, S. 74. — Salin, Romerska och by/.antinska guldmynt funna i svensk jord, im Manadsblad, 
1892, S. 114. — H. Hildebrand, Solidus-importen tili Svcrige under den tidigare jernäldern, in 
seiner Schrift Frun uldre tider (Stockholm, 1882), S. 58. — Hauberg, in den Aarböger f. nord. 
Oldkynd., 1894, S. 325. — Derselbe, in den Memoires de la Soc. d. Antiqu. du Nord, 1S90 — 95, 
S. 381. 

3) K. Stjerna, Svear och götar under folkwandrii a, in der Sv. Fornm.-för* tidskr., 
Bd. 12, S. 346. — Vgl. II. Hildebrand, Frän iildre tider, 



230 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



Inseln der Ostsee kommen sie zahlreich vor. Dies zeigt, — was an und für 
sich natürlich ist — daß sie direkt vom Süden durch das östliche Norddeutsch- 
land zu uns gelangt sind. Im nord- 
östlichen Deutschland, besonders in 
der unteren Weichselgegend, sind 
auch große Funde von Solidi ge- 
macht worden. 1 ) 



Diese Periode hat 
uns auch sonst eine 
Fülle schöner und kost- 
barer Arbeiten hinter- 
lassen. Waffen und 
Schmuck wetteifern in 
Pracht. 

Die Griffe der 
Schwerter sind reich 
vergoldet (Fig. 362) oder 
aus reinem Gold (Fig. 
341). Der dreieckige 
Knopf, in welchem der 
Griff oben ausläuft, ist 
nicht selten von Gold 
und außerdem mit Fili- 
gran (Fig. 346), mit ein- 
gefaßten Granaten (Fig. 
362) oder mit Email 
geschmückt. Auch der 
runde Knopf an der 
Seite der dreieckigen 
(Fig. 362) war manch- 
mal aus massivem Gold 
und von bedeutendem 
Gewicht. Ein solcher, 





362. Schwertgriff aus vergoldeter Bronze mit 

Granaten ; die Klinge aus Eisen. Wallstena, 

Gotland. 2 / :) . 





364. Eiserne 
Lanzenspitze. 
363. Ortband aus Silber, für eine Schwertscheide. Wendel, Upp- 



Skäne. *! 



land. 1/s 



1) Friedlaender, 
Funde römischer Münzen im 
nordöstlichen Deutschland, in 
der Zeitschrift für Ethnologie, 
IV (Berlin, 1872), S. 163. — 
Ein Fund von Bresin unweit 
Putzig in Westpreußen enthielt 
150 Solidi; die allermeisten 
(9O°/ ) für Anastasius geprägt. 



Waffen. 



231 




365. Schildbuckel aus Eisen mit Bronze belegt; von der Seite gesehen. 

Ulltuna, Uppland. V 2 . 

in der Nähe von Strengnäs gefunden, wiegt mehr als ein halbes Pfund. Auch 
die Beschläge der Schwertscheiden sind oft vergoldet oder aus reinem Gold 
und dann zuweilen mit Filigran geschmückt (Fig. 340 und 342). Ortband und 
Riemenbeschlag ist nicht selten vergoldet oder aus Silber (Fig. 407, 363, 37 5). 




366. Schildbuckel aus Eisen, mit Bronze belebt; von oben gesehen. 

Wendel, Uppland. ' 4 . 



232 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 




367. Helm aus Eisen, mit Bronze 
belegt. Wendel, Uppland. 1 / 3 . 








368. Teil des Helmes Fig. 367 ; dünne Bronze. Wendel. 1 L 



369. Teil eines Helmes; dünne Bronze. 
Wendel. 1|,. 





370. Bronze. Öland. , | l . 



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371. Bronze. Öland. 1 L. 



Waffen und Schmuck 




372. Bronzespange, von zwei Seiten 
gesehen. Medelpad. l j . 





373. Silberne Spange, von zwei Seiten gesehen. 
Skäne. 'I,. 



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375. Silberner Riemen- 
beschlag. Skane. ' ,. 




374. Bronzespange, 

Medelpad. Vi- 



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234 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



Prächtig sind auch die Schildbuckel (Fig. 365 und 366). Der Buckel 
selbst ist von Eisen, aber nicht selten mit vergoldeter Bronze belegt, und die 
großen halbkugelförmigen Köpfe der Nägel, mit welchen der Buckel am Schild 
befestigt war, sind oft reich vergoldet. Der Schild selbst war, wie viele Ab- 
bildungen zeigen (Fig. 368 und 369), rund. 





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Aus schwedischen Gräbern um 600 haben wir außerdem prachtvolle 
Helme (Fig. 367), zu welchen gleichzeitige Gegenstücke aus anderen Ländern 
nicht bekannt sind. Sie sind aus Eisen und dünner Bronze mit Bildpressung 
(Fig. 368 und 369). 

Daß diese Helme, wie die meisten anderen Waffen, einheimische Arbeiten 
sind, geht aus dem Stil hervor. Im Kirchspiel Torslunda auf Oland sind auch 



1) Die Inschrift: M[i]k M[a]r[i]la w[ulrta, »Mich Marila machte«. 
isländische und altnorwegische Grammatik, 3. Aufl. (Halle, 1903), S. 336. 



— Noreen, Alt- 



Waffen und Schmuck. 







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379- Bronzespange. 
Gotland. !/,. 




380. Hronzespange. 
Gotland. 7,. 



378. Bronzespange, von zwei 
Seiten gesehen. Gotland. 1 \. 





382. Bronzespange. Gotland. 1 L, 



381. Bronzespange. Gotland. 1 / l . 





384. Bronzespange, 
vergoldet, öland. * ',. 




383. Hronzespange, vergoldet, 
mit Granaten. Gotland. ' ,. 



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Helsingland. 1 /,. 



236 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



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vier Bronzeplatten gefunden worden, die offenbar Formen für den eingepreßten 
Bilderschmuck an Helmen waren. Drei davon sind Fig. 370, 371 und 416 ab- 
gebildet. 

Lanzenspitzen (Fig. 
364) sind ebenfalls ge- 
schmackvoll gearbeitet. 

Gleichermaßen kost- 
bar war der weibliche 
Schmuck. Die Spangen 
(Fig. 372—374, 376— 
390), unter welchen 
mehr als eine durch 
ihre Größe überrascht, 
waren aus Bronze oder 
Silber, oft vergoldet, 
bisweilen ganz aus Gold. 
Einige sind mit Granaten 
verziert; die Teile, die 
aus Gold sind, nicht 
selten mit Filigranorna- 
menten bedeckt. Wenn 
das Silber nicht ver- 
goldet war, war es oft 
nieliiert. 

Der Fig. 398 abge- 
bildete Hängeschmuck 
ist fremden Ursprungs. 
Fremd ist auch die dun- 
kelfarbige Glasgemme 
Fig. 400, mit eingeritzten 
menschlichen Bildern. 1 ) 

Die Kunst der Fili- 
granarbeit, die schon 
im ersten Jahrhundert 
nach Christi Geburt hier 
bekannt war, erreicht 
für Schweden in dieser 
Periode ihren Höhe- 
345 — 349 und unzählige 




Davon zeugen Schmucksachen wie 



Fig. 



punkt 

andere Arbeiten. 

Neu ist aber etwas anderes, das unsere Vorfahren in jener Zeit durch 
ihre Verbindungen mit dem Süden erlernten. Das ist die Kunst, fein ge- 

1) Über solche sogenannte Alsengemmen siehe Zeitschrift für Ethnologie, 1882, S. 179, und 
Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft, 1887, S. 688. 



Schmuck. 



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schlififene Scheiben aus Granat in Gold zu fassen: dünne Wände von Gold 
bilden kleine Zellen, die mit den Granaten 1 ) ausgefüllt sind; gewöhnlich liegen 
feingestrichelte Goldbleche unter den Steinen. Daß die meisten auf diese Art 
verzierten Gegenstände, die man in Schweden antrifft, einheimisch sind, wird 
dadurch bewiesen, daß es Typen sind, die man sonst nicht findet, die aber 
hier allgemein vorkommen. In vielen Fällen kann man sogar bestimmen, in 
welchem Teil des Landes die Arbeit ausgeführt ist. So stammen Spangen 
wie Fig. 383 und 386 von Gotland. 

Zahlreiche Funde beweisen, daß man auch die Kunst des Niellierens 
kannte: in Silberarbeiten sind vertiefte Ornamente mit einer schwarzen Masse 
(einer Mischung von Schwefel und Silber oder einem anderen Metall) ausgefüllt. 

Die Kunst, mit Email zu verzieren (Fig. 401) war ebenfalls bekannt. 





387. Bronzespange. Skane. \. 388. Bronzespange. Lappland. 

Bewundernswert ist die Geschicklichkeit, mit der man damals Silber und 
Bronze vergoldete. Viele solcher Gegenstände haben noch heute einen blen- 
denden Goldglanz, nachdem sie dreizehnhundert Jahre in der Erde gelegen haben. 

In dem südlichen Teil des nordischen Gebietes entwickelte sich während 
dieser Periode ein neuer Ornamentstil, der hauptsächlich stark stilisierte Tier- 
gestalten verwandte. 3 ) Die Glieder der Tiere sind manchmal derart verschlungen, 

1) Französisch: verroterie cloisonnee; das Verfahren ist ähnlich wie beim email cloiso: 
(Zellenemail). 

2) Im Kirchspiel Wilhelmina, Äsele Lappmark, mit anderen Schmucksachen . Is- 
blad, 1897, S. 46. 

3) H. Hildebrand, Djurtyper i den äldre nordiska Ornamentiken, in Tidskrift för bildande 
konst och konstindustri, redigerad af L. Dietrichson, Jahrg. 1876 (Stockholm, [876 . S. I und 59. — 
S.Müller, Dyreornamcntiken i Norden, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., i s S. 185. — 
S. Söderberg, Om djurornamentiken under folkvandringstiden, in der Antiqv. tidskr. f. Sv., Bd. 11 
(1893). — Derselbe, Die Tierornamentik der Völkerwanderungszeit, in Prähistorische Blätter, von 
J.Naue, Jahrg. 6 (München 1894). B. Salin, Studier i Ornamentik, in der Antiqv. tidskr. I. - 
Bd. 11 (1890). — Derselbe, Ornamentstudiex tili belysning af 1 iremal ui V ndclfynden, in 
Upplands Fornra.-förs tidskr., Bd. 3 üpsala, 1894—189! tgermanische 
Thierornamentik (Stockholm. 



238 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



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daß es dem ungeübten 
Betrachter schwer fällt, 
die verschiedenen Teile 
zu unterscheiden. Einige 
Proben dieses Stiles, der 
aus dem Norden nach 
Mitteleuropa kam, sehen 
wir Fig. 378—396,401 
und 405 — 407. Bemer- 
kenswert ist, daß, wäh- 
rend das Tiermotiv eine 
so große Rolle spielt, 
Pflanzenmotive sehr 
selten sind. 

Die Figurendar- 
Stellungen auf den Hel- 
men und andere Bild- 
nereien geben uns Auf- 
klärung über die Trach- 
ten jener Periode. 

Die Männer bevor- 
zugten einen mitÄrmeln 
versehenen Rock (Fig. 
368 und 371), der un- 
gefähr bis zum Knie 
reichte und unten wie 
vorn mit Pelz verbrämt 
oder sonst besetzt war. 
Er war oft, wie die heu- 
tigen, vorn offen und 
wurde mit einer Schärpe 
um den Leib zusammen- 
gehalten; einige Bilder 
scheinen anschließende 
Hosen zu zeigen (Fig. 

37o)- 

Ein kleines bei Tuna 

in Uppland gefundenes 

merkwürdiges Figür- 

chen aus Bronze (Fig. 

399) gibt uns eine Idee 

von der Frauentracht. 

Das Haar ist teils in 

einem üppigen Knoten 



Schmuck. 



239 



im Nacken aufgesteckt, teils fällt es über den Rücken. Auf der Brust wohl 
ein Halsband von Perlen. Über den Schultern ein Schal; daß dieser eine 
andere Farbe hatte als das übrige Kleid, sieht man daran, daß er mit einem 














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390a. Bronzespange, vergoldet. Skabersjö, Skäne. ^j. 1 ) 




blaugrauen Metall belegt, der Rock aber vergoldet ist. Letzterer scheint weit 
und im Rücken in viele Falten gelegt gewesen zu sein, wohingegen er vorn 
glatter und mit zwei gestickten Bändern verziert ist, deren unteres am Rand 



des Rockes angebracht ist. 



1) S. Bugge und B. Salin, Bronsspiinne med runinskrift, funnet vid Skabersjö i Skäne, 
in drr Sv. Fornm.-för« tidskr., Bd. 10 (1897), S. 17. 



240 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 




391. Bronzebeschlag. Gotland. 3 | 4 . 




392. Bronzebeschlag, vergoldet. Wendel. '|,. 




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394. Bronzebeschlag, vergoldet. Wallstena, 
Gotland. 1 | 1 . 



393. Bronzebeschlag, vergoldet. Wendel. A | x . 









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395. Bronzebeschlag. Gotland. 1 j 1 _. 




396. Bronzebeschlag, vergoldet. Wallstena, Gotland. ^^ 



Grahcr. 



24I 



2. Gräber. 

Die Einrichtung der Gräber in jener Zeit war nicht gleichmäßig. In ge- 
wissen Gegenden wurden die Toten verbrannt, und ein Hügel wurde an der 
Stelle aufgeworfen, wo der Scheiterhaufen gestanden hatte. In anderen Gegenden, 
auch in solchen, die den ersteren benachbart sind, wurden die Toten unverbrannt, 
gewöhnlich mit dem Kopf gen Norden, begraben; vielerort wurde der oder 
die Tote — denn Männer und Frauen wurden auf diese Art begraben — in 
ein Boot gelegt. Das Boot wurde entweder in eine große auf ebener Erde 
gegrabene Grube gesetzt, die man danach ausfüllte ohne einen Hügel zu bilden; 
oder auch wurde das Boot auf die Erdoberfläche gesetzt und ein Hügel dar- 
über aufgeworfen. 




397. Camee, 

spätrömisch. 

Gamla Uppsala. 

Vi- 






399. Bronze, 

vergoldet. 

Tuna, Uppland. 

II 



400. »Alsengemme 
(Glas). Gotland. l| r 



398. Gold (spätrömisch). Skäne. i j 1 . 




401. Bronzebeschlag, vergoldet und emailliert. Skäne. 2 | 3 , 



Die bedeutendsten Gräber mit verbrannten Knochen aus jener Zeit sind 
die bei Gamla Uppsala (Alt-Uppsala) gefundenen. 1 ) Hier liegen ganz in der 
Nähe der Kirche verschiedene kleinere und drei große Grabhügel, die jeder 
einen Durchmesser von 65 m haben; sie werden »Königshügel genannt (Fig. 402). 
Sie haben eine beträchtliche Höhe, aber der untere Teil wird von einer natür- 
lichen Erhöhung gebildet und rührt also nicht von Menschenhand her. 

Der östlichste dieser Hügel wurde in den Jahren 1846 und 1847 unter- 
sucht, indem man einen horizontalen, tunnelähnlichen Gang bis in die Mitte 
ausgrub; dieser Gang wurde mit Holz bekleidet und einige Jahre offen gehalten, 
bis er anfing zu verfallen und gefüllt werden mußte. Der Hügel besteht haupt- 



1) B. E. Hildebrand, Sur les tumulus du Vieil-Upsal , im Compte rendu du Congn 
Stockholm, 1874, S. 602. — Derselbe, im Mänadsblad, 1876, S. -50. 

Mo melius, Kulturgeschichte Schwedens. l6 



242 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



sächlich aus Sand, aber in der Mitte ist ein runder Steinhaufen, 1 5 m im Durch- 
messer. Ein Teil des Steinhaufens bedeckte die Reste des Scheiterhaufens. 
Die Leiche war nämlich an Ort und Stelle verbrannt worden. Mitten unter 
dem Steinhaufen fand man ein festgepacktes Lager (1,80 m im Durchmesser) 
aus Asche, Kohlen und verbrannten Knochen, unter welchen ein mit verbrannten 
Knochen gefülltes Tongefäß gewöhnlicher Art stand, mit dünnen Steinfliesen 
bedeckt und von Rollsteinen umgeben. In dem Gefäß und in dem großen 
Knochenlager befand sich, was noch übrig war von den mit dem Toten zu- 
sammen verbrannten Gegenständen. 

Der westlichste Hügel wurde im Jahre 1874 mittelst eines großen offenen 
Einschnittes von der Seite untersucht. Im Innern glich er übrigens dem anderen 
Hügel, aber der Steinhaufen war kleiner, und die Knochen waren nicht in einem 
Tongefäß verwahrt. Auch hier war die Leiche an Ort und Stelle verbrannt 
worden. 

Der mittelste Hügel soll bereits im 17. Jahrhundert geöffnet worden sein. 




402. Die drei großen Grabhügel bei Gamla Uppsala. 



Aus den Gräbern der beiden erstgenannten Hügel wurden Reste von 
mehreren durch die Hitze des Feuers geschmolzenen Bronzeschmucksachen und 
Glasgefäßen entnommen, außerdem Glasperlen, Kämme, Spielsteine und mit 
Tierornamenten geschmückte Arbeiten aus Knochen, eine kleine spätrömische 
Camee (Fig. 397), Stückchen von Goldschmucksachen, die mit ungewöhnlich 
feinem Filigran und eingefaßten Granaten verziert waren, und Goldfäden, die 
in die Kleider eingewebt waren, Nietnägel aus Eisen, Knochen von Hunden 
und anderes mehr. Daß die Gräber Gold enthielten, ist bemerkenswert, weil 
das, trotz des Goldreichtums in jener Zeit, sehr ungewöhnlich war. Der öst- 
liche Hügel erwies sich als älter als der westliche; letzterer stammt aus der 
Zeit um 600. 

Andere bedeutende Gräber aus jener Periode wurden bei der Kirche von 
Wendel in Uppland, nördlich von Uppsala, entdeckt. 1 ) Von 1881 bis 1893 wurden 
hier vierzehn Gräber untersucht, die von ganz anderer Art sind, als jene bei 



1) Hj. Stolpe, Vendelfyndet , in der Antiqv. tidskr. f. Sv. , Bd. 8. — H. Hildebrand, 
ebenda. — Stolpe, Om Vendelfyndet, in der Upplands Fornminnesförenings tidskrift, Bd. 3. — 
B. Salin, Ornamentstudier tili belysning af nägra förema.1 ur Vendelfyndet, ebenda. — Derselbe, 
Die altgermanische Thierornamentik. 



Gräber. 



243 



Gamla Uppsala, obwohl das älteste Wendelgrab 
ungefähr gleichzeitig mit dem westlichsten Uppsala- 
hügel ist, und die Entfernung zwischen den beiden 
Orten nur einige Meilen beträgt. In Wendel sind 
nämlich die Toten unverbrannt beerdigt, jeder in 
seinem Boot, und die Gräber sind nicht von 
Hügeln bedeckt. Die Boote, die in große Gruben 
gesetzt wurden, sind an beiden Enden spitz, 7,50 
bis 10,50 m lang. Früher war der Fluß offenbar 
für solche Schiffe bis Wendel befahrbar. 

Fig. 403 zeigt die innere Anordnung eines 
dieser Gräber. In dem Boot lag der tote Häupt- 
ling ausgestreckt, der Kopf mit dem prächtigen 
Helm (Fig. 367) bedeckt, im Achterteil des Bootes. 
Der reich verzierte Schildbuckel und die Lage des 
langen Schildgriffes zeigen an, daß er noch im 
Tod von seinem Schild bedeckt war. An der 
rechten Seite hatte er die Lanze mit der Spitze 
nach unten, an der linken Seite sein Schwert. 
Dort lag ebenfalls das aufgezäumte Reitpferd. 
Zwei Hunde waren außerdem ihrem Herrn in 
das Grab gefolgt. Im Vorderteil des Bootes stand 
reichliche Wegzehrung: ein Schinken, ein Rinder- 
braten und der Kopf eines Schafes. Endlich ent- 
hielt das Grab auch einen Kessel aus Eisen, um 
Essen darin zu kochen, eine Schere und anderes 
mehr. 

In einem anderen Grab lagen nicht weniger 
als drei Pferde, drei Hunde, ein Stier, ein Eber, 
eine Sau, ein Widder, ein Mutterschaf und eine 
Gans. Die Hufen der Pferde waren mit Eisen- 
nägeln beschlagen, beinahe ebensolche, wie man 
sie noch heutzutage für Ochsen verwendet. Huf- 
eisen scheinen in der Heidenzeit in Schweden nicht 
bekannt gewesen zu sein. Zwei von den Hunden 
waren mit Eisenstücken zusammengekoppelt, von 
denen noch Reste vorhanden waren. 

Auch in anderen Gräbern fanden sich drei 
Pferde. Ein Pferdeschädel trug noch das pracht- 
volle mit vergoldeter und emaillierter Bronze 
schmückte Zaumzeug, das Fig. 408, 409 und 4 1 2 




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1) Der Verstorbene war in einem großen Hoot bestattet Die schwarzen Punkte sind die 
eisernen Nietnägel, womit dir Planken zusammengehalten waren. 



ii.' 



244 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



abgebildet ist. Daß die Männer, die in den Wendelgräbern ruhen, die 
Falkenjagd gekannt hatten, ersieht man daraus, das in einem Grab das 







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404. Schwertgriff aus vergoldeter Bronze, mit eingelegten Granaten. Wendel. 1 | 1 . 

Skelett eines Jagdfalken lag. Dasselbe Grab enthielt auch die Knochen eines 
Berguhus, eines Kranichs, einer zahmen Ente und einer Gans. In verschie- 



Gräber. 



245 



denen Gräbern lagen Kessel, Roste und andere Küchengeräte (Fig. 410 

und 41 1). 

Daß die Toten nicht nur Eßwaren, sondern auch Getränke mit auf den 
Weg bekamen, geht aus den Glasbechern in einigen Gräbern hervor. Diese 
Becher sind groß und von eigentümlicher Form (Fig. 413); ganz ähnliche finden 
sich auch auf Gotland, in Norwegen, England, Nordfrankreich und in West- 
deutschland. 




405. Bronzebeschlag, vergoldet. Wendel, ^j. 





406. Bronzebeschlag, vergoldet. 
Wallstena, Gotland. ^^ 



407. Ortband aus vergoldeter Bronze, 
für eine Schwertscheide. Wendel. 1 / 1 . 



Die ungewöhnlich reiche Ausstattung der Gräber bei Wendel (Fig. 36;, 
39 2 . 393. 404—408) macht es wahrscheinlich, daß hier Häuptlinge eines Königs- 
geschlechts begraben waren. Dafür sprechen auch die prächtigen Helme, die 
in nicht weniger als drei Gräbern lagen. Helme waren nämlich in jener 
Zeit selten, bei gewissen Völkern wurden sie nur von den Königen getragen; 
der » Helmgeschmückte« bezeichnet bei den nordischen Sängern den König. 



246 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



Die Gräber bei Wendel gehören nicht alle derselben Zeit an. Während 
die oben beschriebenen aus dem siebenten Jahrhundert stammen, ist das jüngste 
nicht älter als aus der Mitte oder dem Ende des zehnten Jahrhunderts; es ent- 
hielt Silbermünzen aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. 

Bei Ulltuna, südlich von Uppsala und an demselben Fluß wie diese Stadt 
und Wendel, hatte man schon 1855 ein ebensolches Grab wie diejenigen bei 
Wendel entdeckt, nur daß es von einem Hügel überdeckt war. 1 ) Auch hier 
lagen neben dem toten Häuptling zwei Pferde und prächtige Waffen, Schwert 




408. Zaumzeug von Eisen und vergoldeter Bronze, mit Email. 

Wendel. >L. 



(Fig. 415) und Schild; sein Kopf war auch mit einem Helm bedeckt. Außer- 
dem hatte man ihn mit einer Stiege Pfeile und wahrscheinlich einem Bogen 
versehen. Letzterer war zerstört, und von den Pfeilen waren nur die Eisenspitzen 
übrig. Im Vorderteil des Schiffes lagen Knochen von einem Schwein und 
einer Gans, außerdem ein Kessel und ein Rost aus Eisen. Das Grab bei 
Ultuna enthielt außerdem 36 Spielsteine und drei W'ürfel aus Knochen, also 
dieselbe Anzahl Würfel, wie bei den Römern gebräuchlich. 



1) B. E. und H. Hildebrand, Teckningar ur Svenska Statens Historiska Museum, I (Stock- 
holm, 1873), mit 10 Tafeln. — Vgl. O. Almgren , im Mänadsblad , 1901 — 2, S. 147 (ein anderer 
Hügel bei Ulltuna mit Bootgrab und verbrannter Leiche aus derselben Periode wie das 
erste Grab). 



Gräber. 



247 




v. 



yio. t irofie Zange 
äen. 
Wendel. ' 7 . 



409. Detail vom Zaumzeug Fig. 408. ' ,. 



248 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



Bootgräber, wie die von Wendel, fand man auch bei Tuna im Kirchspiel 
Alsike, nicht weit von Ulltuna. Während in den Gräbern bei Wendel und 




411. Eisernes Rost, von zwei Seiten gesehen. Wendel. 1 





412. Pferdekopf mit dem Zaumzeug 
Fig. 408 (Rekonstruktion). 




413. Glasbecher. 

Wendel. !| 4 . 414. Becher von blauem Glas. Gotland. 1 j i . 

Ulltuna nur Männer begraben waren, fand man bei Tuna Frauen und Männer- 
leichen. Bei Augerum in Blekinge, in der Nähe von Karlskrona, entdeckte ich 



Grüber. 



249 




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vor mehreren Jahren ein mit Frauenschmuck versehenes Skelett aus dem siebenten 
Jahrhundert in einem Bootgrab, das, ebenso wie die bei Wendel, von keinem 
Hügel überdeckt war. 1 ) 

Der Gedanke, der in dieser Art der Beerdigung lag, war also nicht nur, 
daß der tote Häuptling, »der Seekönig«, in der anderen Welt sein Fahrzeug 
zur Verfügung haben sollte, 
sondern, da auch Frauen auf 
diese Weise beerdigt sind, 
wohl eher, daß der Tote ein 
Fahrzeug brauchte, um in 
die andere Welt zu gelangen. 
Ähnliche Vorstellungen trifft 
man in vielen anderen Län- 
dern. Die griechische Mythe 
von Charons Fähre ist all- 
bekannt. Merkwürdig genug 
geht die Ähnlichkeit der Vor- 
stellungen unserer Yorväter 
und die der südlichen Völker 
so weit, daß ebenso wie die 
Griechen dem Toten eine 
Münze als Fährgeld in den 
Mund legten, man bei uns 
denselben Brauch übte, wenn 
der Tote kein eigenes Boot 
zur Überfahrt hatte. So fand 
man in einem bei Kälder im 
Kirchspiel Linde aufGotland 
untersuchten Grab, das keine 
Reste von einem Boot ent- 
hielt, eine Goldmünze im 
Mund des Toten; es war 
die Nachbildung einer byzan- 
tinischen Münze. 2 ) Ob der- 
artiges auf autochthonen 
nordischen Vorstellungen be- 
ruhte oder ob ein Einfluß vom 
Süden her stattgefunden hat, 
ist schwer zu sagen. 




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5$&&i&tt§g§&*&!^G5^§S§^QE9^<31S£^tt; 




415. Schwertgriff von vergoldeter Bronze. 

Ulltuna, Uppland. '-' 



1) Bootgriibcr aus dieser Periode, wie aus der folgenden, kommen in verschieden Geg< nden 
Skandinaviens, oft in Hügeln, vor. Montelius, Om högsättning 1 skepp under vikjngatiden, in 'Kr 
Sv. Fornm.-fr>r H tidskr., Bd. 6 (1886), S. 149. — S. Söderberg, in der Antiqv. tidskr. f. Sv., 9; 2 
(öland; gebranntes Boot). — Vgl. S. 246, Note 1. 

2) Almgren, in Studier tillägnade Oscar Montelius, S 



250 



Die Zeit der Völkerwanderungen. 



Auf Gotland sind mehrere Gräber aus jener Zeit gefunden worden (Fig. 414), 
aber keine Bootsreste. Eines der bedeutendsten wurde bei der Kirche von 
Wallstena entdeckt; es enthielt ein Schwert mit prachtvollem Griff (Fig. 362), 
dessen dreieckiger Knopf von Gold und mit Granaten eingelegt ist, einen Schild- 
buckel mit vergoldeter Bronze, Teile eines Zaumes und mehrere zum Geschirr 
gehörende Beschläge aus reich vergoldeter Bronze mit schönen Tierornamenten 
(Fig. 394, 396 und 406), ein Bronzegefäß, Pferdeknochen und anderes mehr. 

In den südlichen Provinzen Norrlands sind auch, besonders in den Küsten- 
gegenden, mehrere Funde aus dieser Zeit gemacht worden. 1 ) 

Die Bildnereien auf den Wendelhelmen geben nicht nur wertvolle Aus- 
kunft über die damalige Tracht, sondern haben wahrscheinlich auch religiöse 
Beziehungen. Der Reiter (Fig. 369), der mit seinem Speer den Wurm angreift, 
während zwei Vögel seinen Kopf umkreisen, kann füglich als Oden betrachtet 
werden und die beiden Vögel als seine Raben Hugin und Numin, wie die Edda 
sie nennt. Auch die oben erwähnten Bronzeplatten aus Torslunda auf Oland 
geben vielleicht mythologische Szenen: den Fig. 416 abgebildeten, offenbar in 
Fellhosen gekleideten Mann hat man als den Lodbrok gedeutet, wie er den 
Wurm tötet und Tora, die Tochter des Herröd Jarl in Götaland, befreit, oder 
wie er mit dem Bären kämpft, den er erlegt haben soll. Wir würden, wenn 
diese Erklärung zutrifft, den Beweis haben, daß die Lodbrokssage schon lange 
vor der Zeit desjenigen Ragnars existierte, der nach der Tradition mit Lodbrok 
identisch sein soll. 2 ) 



1) H. Hildebrand, Den äldre jernäldern i Norrland, in der Antiqv. tidskr. f. Sv., 2 (1869), 
S. 222. 

2) H. Schuck, Till Lodbroks-sagan, in der Sv. Fornm.-för^ tidskr., Bd. II, S. 131. — Vgl. 
N. Sjöberg, ebenda, Bd. 12, S. 323. 




416. Bronze. Öland. */,. 



IV. ÜBERGANGSZEIT VOM HEIDENTUM ZUM 
CHRISTENTUM. — DIE WIKINGERZEIT. 

(Von ungefähr 800 bis Mitte des II. Jahrhunderts.) 



1. Wikingerzüge. — Wäringerfahrten. 




egner hat in seiner »Frithjofsage« der poetischen Auffassung jener Zeit 
Ausdruck gegeben und mit lebhaften Farben ein Bild der Lichtseiten 
des Wikingerlebens entworfen, während das Gedicht »Wikingen von 
Geyer die Schattenseiten dieser kräftigen aber wilden Zeit malt. Auf die Frage : 
welche Schilderung ist historisch die wahre? glaube ich antworten zu müssen: 
die letztere; und mit dieser Auffassung der Wikingerzeit stehe ich nicht allein 
da. Einer der wärmsten Bewunderer des schwedischen Altertums sagt: Es 
ist wahr, daß über der Wikingerzeit des Nordens ein rosiger Schimmer liegt, 
aber wenn wir unser Auge mit dem Glas der Geschichtsforschung bewaffnen, 
finden wir bald, daß dieser Farbenschimmer nichts anderes ist als eine Mischung 
von Blut und Tränen. Er setzt hinzu: Auf dem Namen einer Sache beruht 
viel von dem Begriff, den man sich von ihr bildet. Unter den Wikingerfahrten 
denkt man gern an ein ritterliches Jagen nach Gefahren und kriegerischen 
Abenteuern; besser würden sie definiert als Streifen auf Mord und Plünderung. 
Wir übersetzen deshalb am besten: , Seeräuberei'«. 1 ) 

Dieses Urteil mag allzustreng erscheinen, wir müssen es jedoch für richtig 
erklären, wenn jene Zeit mit dem Maß unserer Zeit gemessen werden soll, und 
wenn wir von der großen politischen Bedeutung der Wikingerzüge abschen. 
Aber welche Wandlungen der Weltanschauung und der Moral sind nicht während 
jener tausend Jahre eingetreten, die uns von den Tagen der Normannenzüge trennen I 
Um gerecht zu sein, müssen wir uns in die Anschauung einer Zeit zurückdenken, 
nach deren Glauben nur die vom Schwert gefällten Krieger der Freu. 
Walhalls teilhaftig werden, deren sittliches Bewußtsein die Besten mahnte. 
Ruhm bei Mit- und Nachwelt durch blutige Großtaten zu erwerben, und deren 
Recht das Gewaltrecht des Siegers war. Was im offenen Streit gewonnen 



1) A. E. Holmberg, Nordbon undei hednatiden [Stockholm, 1852), S. 



it2 Die Wikingerzeit. 

war, war rechtmäßiges Eigentum, und genügende Ursache zum Kampf war, 
daß der Angefallene reich an Gold und Silber war. 

Und noch von einer anderen Seite dürfen wir die an Großtaten reiche 
Zeit betrachten, in der die Söhne des Nordens ihr Heim zu eng fanden und 
über das Meer nach Ehre und Gold auszogen, um in fernen Ländern die 
Völker mit ihrem frischen Blut zu verjüngen. Das ist der welthistorische Zu- 
sammenhang, aus dem die moderne europäische Gesellschaft nach und nach 
hervorging. Was erst nur wie Seeräubertaten erschien, vertieft sich zum Aus- 
bruch desselben unwiderstehlichen Triebes, der noch heutzutage Scharen von 
Kindern des Nordens in fremde Länder lockt. Und wollen wir die Zeit an 
eine ältere Vergangenheit anschließen, so erscheinen die Wikingerzüge als die 
letzten Wellenbewegungen des großen Stromes der Völkerwanderung, der wohl 
anfangs die ganze klassische Kultur fortzuspülen drohte, dann aber eine neue 
schönere Zukunft schuf, als die alternde römische Welt aus sich gebären konnte. 



Was waren die Ursachen der Wikingerzüger 

Viele normannische Schriftsteller folgen einer volkstümlichen Überlieferung, 
wonach der Norden in der Wikingerzeit, allzu stark bevölkert, nicht alle er- 
nähren konnte. Der Grund hierzu sollte in der Vielweiberei gelegen haben, 
indem jeder Mann mehrere Frauen neben der legitimen Hausfrau halten konnte. 
Dadurch wäre Übervölkerung entstanden, und die streitbare Jugend hätte in 
Scharen das Land verlassen, um sich Beute und Grundbesitz auf fremder 
Scholle zu erobern. Oft soll der Vater selbst seine jüngeren Söhne vertrieben 
haben, um nur einem Sohn Haus und Hof zu vererben. Diese Tradition wird 
in ihren Hauptzügen durch das unterstützt, was einheimische Schriftsteller er- 
zählen, obwohl man darüber streiten kann, ob die übermäßige Kinderzahl auf 
der Vielweiberei beruhte. 

Es kamen jedoch andere Ursachen dazu. Zu der Lust, sich mit dem 
Schwert Ehre und Beute zu erkämpfen, kommt der den Küstenbewohnern des 
Nordens eingeborene Freiheitsdrang und ihre Liebe für die See. Überall, wo 
mächtig gewordene Herrscher die Freiheit verkürzten, wurden unzufriedene 
Häuptlinge und andere frei geborene Männer dazu getrieben, in fernen Gegenden 
ein neues Heim zu suchen, um dort frei und unabhängig zu leben. Als die 
Macht der nordischen Herrscher größer wurde, waren die Wikinger, die erst 
auch den Norden heimsuchten, gezwungen, anderswo ihre Beute zu suchen. 

Die Wikingerzüge waren nach der Anschauung der Zeit ein vollkommen 
rechtliches und ehrliches Kriegshandwerk, das in gewissen Formen geübt werden 
mußte, etwa wie das moderne Kaper wesen nicht nur von den Königen zuge- 
lassen, sondern zeitweise auch von ihnen selbst oder den ihnen zunächst 
Stehenden geübt worden ist. Die Waffentaten, die auf einem Winkingerzug aus- 
geführt wurden, wurden ebenso wie die Großtaten zu Lande von den Dichtern 
besungen und in allen nordischen Ländern gepriesen und bewundert. Damit 



Wikingerzüge. 2 s 3 

einen Häuptling Ansehen genießen sollte, scheint es sogar als notwendige Be- 
dingung gegolten zu haben, daß er an einem Wikingerzuge teilnahm und sich 
durch Tapferkeit auszeichnete. Die Handelsschiffe führten oft ebensoviele und 
wohl bewaffnete Leute wie die Wikingerschiffe, und deshalb war es weit ent- 
fernt, daß jene immer erobert und ausgeplündert wurden. Es kam auch vor, 
daß der Kauffahrer Schiffe der Feinde enterte und nahm. Oft war es ein Kampf 
Mann gegen Mann, ein gewagtes und lebensgefährliches Spiel, in dem ebenso- 
gut der Angreifer wie der Angegriffene den Kürzeren ziehen konnte. 

Die großen Erfolge der nordischen Wikinger beruhten gewiß auf ihrer 
Tüchtigkeit und Waffenkunde nebst dem unerschrockenen Mut, der sie jeder 
Gefahr trotzen ließ, aber sie beruhten ebensosehr auf der Schwäche ihrer 
Feinde und der Zwietracht und Sittenverderbnis, die in Westeuropa zu jener 
Zeit herrschten und von den eigenen Zeitgenossen beklagt wurden. Fromme 
Christen, später als Heilige verehrt, sahen mit tiefem Kummer auf die Sünden 
der Zeit und weissagten, Gottes Langmut sei erschöpft. Viele Wahrzeichen 
erschienen nach den Vorstellungen der Zeit am Himmel und auf der Erde und 
sollten die Strafe verkünden, die der Herr über die Christenheit um der zu- 
nehmenden Gottlosigkeit und Laster willen verhängen würde. 

Und diese oft ausgesprochene Befürchtung einer nahen Heimsuchung erwies 
sich als begründet. Wenig mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem Karl 
Martel durch seinen glänzenden Sieg im Jahre 732 die Sarazenen zurückge- 
schlagen hatte, nahte eine neue Gefahr. An mehreren Orten der westeuropäischen 
Küste sah man feindliche Schiffe mit kampfbegierigen Heiden aus den fernen 
Gegenden des skandinavischen Nordens. 

Nach den angelsächsischen Chroniken geschah es um das Jahr 790, 
daß zum erstenmal nordische Wikingerschiffe sich an der Küste Englands 
zeigten. Einige Jahre später kamen sie wieder, zerstörten Kirchen und Klöster, 
mordeten Mönche und Priester und traten die »Heiligtümer« mit Füßen. Gleich- 
zeitig erfolgte der erste Angriff der Nordländer an der Küste Schottlands und 
Irlands. Um das Jahr 800 finden wir auch zum erstenmal einen politischen 
Zusammenstoß zwischen dem Norden und dem wachsenden Frankenreich. Die 
sächsischen Stämme in Norddeutschland versuchten ihre Unabhängigkeit wieder 
zu erlangen, und Widukind suchte und erhielt Hilfe vom König von Dänemark. 
Man hat als Folge dieses Bündnisses zwischen Dänen und Sachsen den Um- 
stand betrachtet, daß zahlreiche Wikingerflotten gerade damals die französischen 
Nordküsten verheerten. 

Wenn es auch zweifelhaft ist, ob, wie die Chronisten erzählen, die Wi- 
kingerschiffe schon Karl dem Großen selbst an der Mittelmeerküste Frankreichs 
zu schaffen machten, so ist doch so viel sicher, daß der Kaiser bei den traurigen 
Nachrichten aus dem Norden des Landes sich gezwungen sah, in aller Eile, 
zweimal um das Jahr 800 die Küsten seines Reiches zu besuchen, eine Flotte 
auszurüsten, Küstenwächter einzusetzen und andere Verteidigungsanstalten gegen 
den gefürchteten Feind zu treffen. Als Karls des Großen klüftiger Arm das 
Reich nicht mehr beschützte, wurde es. von inneren Streitigkeiten geschwächt, 



2C.A Die Wikingerzeit. 

bald eine willkommene Beute für die stetig anwachsenden Wikingerhaufen. Ein 
gleiches Schicksal traf die Britischen Inseln. 

Eine der wichtigsten Folgen der Wikingerzüge für den Norden war, daß 
sie, wie bereits gesagt, die nordischen Reiche von einer Menge schwer zu 
regierender Elemente befreiten und es den Königen erleichterten, die verschie- 
denen Landesteile zu größeren Staaten zu vereinigen. Außerdem waren es 
meistens die eifrigsten Heiden, die unter die Wikinger gingen, und häufig 
wurden sie durch die Berührung mit den christlichen Völkern zur Annahme 
des Christentums bewogen. Sie trugen aus den fremden Ländern Samenkörner 
einer höheren Kultur heimwärts, und je größere Schrecknisse sie den christ- 
lichen Völkern brachten, mit desto größerem Eifer arbeiteten diese an der 
allmählichen Bekehrung der Nordländer. 

Das Ende der Wikingerzeit fällt mit der vollständigen Bekehrung des 
Nordens zusammen. Wohl saßen auch nach der Annahme der Taufe nicht 
alle Söhne des Landes friedlich daheim, aber die Rechtfertigung des Wikinger- 
lebens fiel mit der Odenslehre, und die Wikingerzüge wurden zu Kreuzzügen 
verchristlicht. Nordische Kreuzzüge, bis ins zwölfte Jahrhundert hinein, haben 
eine auffällige Ähnlichkeit mit den alten Wikingerfahrten; so Sigurd Jor- 
salafares Zug nach dem Heiligen Land und desselben Norweger-Königs Kreuz- 
zug nach Smäland im Jahre 1123. Snorre erzählt uns in seiner kurzen und 
treffenden Sprache, wie der König »mit dreihundert Schiffen ostwärts nach 
der Handelsstadt Kalmarna steuerte, dort plünderte, in Smäland fünfzehnhundert 
Rinder raubte und die Smäländer zu Christen machte. Dann wandte er sich 
mit dem Heer heimwärts und kam in sein Reich zurück mit großen Kostbar- 
keiten und Schätzen, alle auf dieser sogenannten Kalmarnafahrt erworben«. 

Die Wikingerzüge, die eine Fortsetzung der Völkerwanderungen waren, 
wurden also selbst als Kreuzzüge weiter fortgesetzt. 



Die Gegenden, die von den Nordmännern (dem gemeinsamen Namen der 
Wikinger aus allen Teilen des Nordens) heimgesucht wurden, waren einerseits 
die Küsten der Ostsee und andererseits Nordwestdeutschland, Frankreich und 
die Britischen Inseln. Die Einwohner des damaligen Schwedens, die beinahe 
vom Westmeer abgeschlossen waren, richteten ihre Züge wohl gewöhnlich 
nach den Ländern des östlichen Europas, aber sie nahmen auch, wie zahlreiche 
Runensteine beweisen, an den Wikingerzügen nach dem Westen teil. Und daß 
die Einwohner derjenigen Teile des jetzigen Schwedens, die damals nicht dem 
schwedischen König zugehörten, an den Taten im westlichen Europa teilnahmen, 
ist wohlbekannt. Das damals norwegische Bohuslän und die zu Dänemark 
gehörenden Landschaften (Hailand, Skäne und Blekinge) haben viele von den 
Wikingern ausgesandt, die den Namen der Nordmannen bei den Völkern der 
Nordseeküste gefürchtet machten. 

Die Nordmänner beherrschten das Meer vollkommen, da es damals keine 
nennenswerte Seemacht selbst in den Ländern gab, die später — ohne Zweifel 



Wäringerfahrten. ^ZZ 

t 

gerade durch den Einfluß ansässig gewordener Nachkommen der Nordmänner — 
ihre Flotten über alle Weltmeere sandten. 

Unaufhörlich erhielten die Nordmänner Nachschübe aus der Heimat; sie 
ließen sich auf Inseln an den Küsten nieder, von wo aus sie auf den Flüssen 
tief in das Land eindrangen, es durchstreiften und Brand und Plünderung ver- 
breiteten. Schließlich schritten sie zu planmäßigen Eroberungen und zur Grün- 
dung neuer Reiche in Frankreich und England, wie in Schottland und Irland. 1 ) 



Auch die Fahrten nach dem Osten, an denen die Schweden hauptsächlichst 
teilnahmen, waren von großer Bedeutung. 

Zahlreiche Funde zeugen davon, daß der Verkehr mit Finnland, das, wie 
wir gesehen haben (S. 61), schon seit Jahrtausenden eine schwedische Be- 
völkerung neben der finnischen gehabt hatte, besonders lebhaft war. Zwei von 
diesen Funden stammen aus sehr nördlichen Gegenden. So hat man bei Kuusamo, 
tief im Kemi Lappmark, zwei große ovale Bronzespangen von schwedischer 
Form gefunden; und noch weiter nach Norden, 6y Grad nördlicher Breite, 
ungefähr halbwegs zwischen dem Weißen Meer und der jetzigen Grenze Schwe- 
dens, fand man vor mehreren Jahren einen Halsring und anderen Silberschmuck, 
angelsächsische und deutsche Münzen, nebst einer Wage und zwölf Gewichten, 
alle in Birkenrinde gewickelt. Der Silberschmuck war, wie auch die Wage und 
die Gewichte, von Formen die aus den nordischen Funden wohlbekannt sind, 
und die Münzen stammten vom Ende unserer heidnischen Zeit. 

Die nordischen Sagen erzählen auch von lebhaften und lohnenden Handels- 
fahrten der Nordmannen zur See bis zu den Ufern des Weißen Meeres, dem 
alten Bjarmaland. 

Dieselben Sagen deuten auch an, daß der schwedische König zeitweise 
gewisse Teile der jetzigen russischen Ostseeprovinzen beherrschte. 

Die wichtigste Folge der Verbindungen Schwedens mit seinen östlichen 
Nachbarländern war jedoch die Gründung des Russischen Reiches, das einmal 
so groß werden sollte. 

Der russische Chronist Nestor, ein Mönch in Kiew, der im Anfang des 
zwölften Jahrhunderts starb, berichtet folgendes über jene Gründung: 

»Im Jahre 6367 (nach der Erschaffung der Welt, d. h. 859 nach Chr. 
Geb.) kamen die Warjager über das Meer und nahmen Steuern von den Tschuden 
und Slaven, von den Merern und Vessern und von den Krivitschen. Im Jahre 
6370 (862 nach Chr. Geb.) jagten diese die Warjager über das Meer, gaben 
ihnen keine Steuern und fingen an, sich selber zu regieren, aber es ging schlecht 



1) J. J. A. Worsaae, Den danske Erobring af England og Normandiet (Kopenhagen, 1863). 
— Johannes Steenstrup, Normannerne: I. Indledning i Normannertiden (Kopenhagen, 187 
II. Vikingetogene mod Vest i det gde Aarhundrede (1878 . III. Danske og m.rske Rigor paa de 
brittiske 0er i Danevseldens Tidsalder (1879—82); IV. Danelag [882). — Alexand 
Vikingerne (Kopenhagen, 1904). — Derselbe, Vesterlandenes indflydi irdboern 

Nordrnsendenes y<lrr kultur, levesset og samfundsforhold i Vikingetiden (Christiania, 191 - 



2CÖ Die Wikingerzeit. 

mit dem Rechtswesen. Geschlecht stand gegen Geschlecht auf, Zwietracht 
entstand unter ihnen und sie fingen an, gegenseitig Bürgerkrieg zu führen. Sie 
sagten zu einander: ,Laßt uns einen Fürsten suchen, der über uns regiere 
und richte, was recht ist'. Und sie gingen über das Meer zu den Warjagern, 
zu den Russen, wie diese Warjager genannt wurden, wie auch andere genannt 
wurden Sviar, andere Normannen, andere Anglianer und andere Goten. Und 
die Tschuden, Slaven, Krivitschen und Vessern sagten zu den Russen: ,Unser 
Land ist groß und fruchtbar, aber es ist keine Ordnung darin, so kommt doch 
über uns zu herrschen'. Und drei Brüder mit ihrem Gefolge wurden auserwählt, 
sie nahmen alle Russen mit sich und kamen. Und der älteste Bruder, Rurik, 
setzte sich in Nowgorod nieder, der andere, Sineus, in Bjelo-Jesero und der 
dritte in Isborsk; der hieß Truwor. Nach diesen Warjagern wurde das Russische 
Reich genannt, nämlich die Xowgoroder, d. h. das nowgorodische Volk von 
warjagischem Geschlecht; früher w T aren die Nowgoroder Slaven. Nach Verlauf 
von zwei Jahren starben Sineus und sein Bruder Truwor. Rurik übernahm dann 
die Regierung und teilte die Städte seinen Leuten aus, einem gab er Polotsk, 
einem andern Rostow und dem dritten Bjelo-Jesero. Und in diese Städte 
wanderten die Warjager ein. Die früheren Einwohner in Nowgorod waren 
Slaven, in Polotsk Krivitschen, in Rostow Merern und in Bjelo-Jesero Vessern« 1 ). 

Die nordischen Sagen, nebst zahlreichen Altertümern, die in den Ländern 
östlich vom Baltischen Meer gefunden worden sind, geben unzweideutiges Zeugnis 
davon, daß seit uralten Zeiten das schwedische Volk Beziehungen zu den er- 
wähnten Ländern hatte, und machen es wahrscheinlich, daß schon sehr früh 
größere und kleinere Einwanderungen dorthin stattfanden. Das von Nestor 
erwähnte Auftreten schwedischer Häuptlinge ist deshalb an und für sich nicht 
überraschend, und seine Erzählung wird dadurch bestätigt, daß man gerade 
um die Städte herum, die von Nestor warjagisch genannt werden, eine Menge 
Gräber, Waffen und Schmucksachen gefunden hat, über deren skandinavischen 
Ursprung kein Zweifel herrscht. 

Man muß indessen Nestors Worte nicht so verstehen, als ob ein Volk 
mit Namen Rus erst zu der angegebenen Zeit von Schweden herüberkam, um 
so weniger, als byzantinische Schriftsteller ungefähr ein Jahrhundert früher von 
einem Einfall in das oströmische Reich von zweitausend kleinen »russischen 
Schiffen« sprechen. Auch ist in fränkischen Jahrbüchern von einer Gesandtschaft 
des byzantinischen Kaisers Theophilus an Kaiser Ludwig den Frommen die 
Rede, mit welcher Gesandtschaft einige Männer kamen, die dem Volke »Ros« 
angehörten. Sie waren von ihrem König an den byzantinischen Kaiser geschickt 
worden, nun aber w T ünschten sie mit Ludwigs Hilfe auf einem anderen Weg in 
ihr Vaterland zurückzukehren, weil der Weg, den sie nach Konstantinopel ge- 
macht hatten, durch barbarische und wilde Länder, nicht ohne große Gefahr, 

i) Von den hier erwähnten Städten ist Nowgorod die in unserer älteren Geschichte so oft 
vorkommende Stadt bei dem See Ilmen. Bjelo-Jesero liegt nördlich von Smolensk, Isborsk südlich 
vom Peipus-See, Polotsk bei Düna, zwischen Vitebsk und Diinaburg, und Rostow südwestlich von 
Jaroslav. 



Wäringerfahrten. 2C7 

führe. Bei näherer Untersuchung fand der fränkische Kaiser, daß diese Männer 
dem schwedischen Volk zugehörten. 

Mehrere Jahrhunderte nach Ruriks Zeit war das schwedische Königshaus 
mit dem Großfürsten in Nowgorod oder Holmgärd, wie unsere Vorfahren diese 
Stadt nannten, durch Heiraten verschwägert, und mehr als einmal erhielten 
diese Fürsten Hilfe aus Schweden. 

So erzählt Nestor, daß im Jahre 977 der Großfürst Wladimir von Now- 
gorod, später unter dem Beinamen »der Große« bekannt, vor seinem Bruder 
Jaropolk über das Meer flüchtete, was offenbar nach Schweden bedeutet, 
worauf Jaropolk einen Statthalter in Nowgorod einsetzte und allein über Ruß- 
land herrschte. Aber drei Jahre danach kam Wladimir mit Warjagern nach 
Nowgorod zurück und es glückte ihm schließlich, seinen Bruder zu be- 
siegen. Er richtete nun eine Art stehendes Heer der tapfersten nordischen 
Krieger ein, das er nach Kiew, seiner vornehmsten Hauptstadt, verlegte. Diese 
Krieger wurden Warjager oder Wäringer genannt, was Eidesverbundene 
bedeutet. 1 ) Warjager war jedoch in Rußland eine allgemeine Bezeichnung von 
Männern aus Ländern westlich von der Ostsee, und noch zu Ende des sech- 
zehnten Jahrhunderts wurde der Ausdruck Warjager zur Bezeichnung der 
Schweden benutzt. 

Als Beweis für den starken nordischen Einfluß in Rußland zu jener Zeit 
hat man mit Recht den merkwürdigen Umstand angeführt, daß während der 
zwei Jahrhunderte nach Rurik der größte Teil der Männer, die in der russischen 
Geschichte genannt werden, rein nordische Namen haben, die trotz der Ver- 
drehung in der slavischen Chronik leicht zu erkennen sind. So haben beinahe 
alle Bevollmächtigten, die im Auftrage der russischen Großfürsten Oleg und Igor 
im Jahre 911 und 945 mit dem griechischen Kaiser Frieden schlössen, nordische 
Namen. Desgleichen die genannten Großfürsten, von denen Igor der Sohn des 
Rurik war; denn Oleg ist Helge 2 ) und Igor ist Ingvar. Von den Namen der 
genannten Bevollmächtigten führen wir an: Karl, Inegeld, Ivor, Vuefast, Uleb, 
Bern, Schigobern, Turbern, Grim, Kol, Sven, Gunar und andere mehr. 3 ) 

Die lebhafte Verbindung zwischen Rußland und Schweden dauerte noch 
bis in die Mitte des elften Jahrhunderts, bis zur Zeit des Großfürsten Jaroslavs, 
der mit Olof Skötkonungs Tochter vermählt war. Nach dessen Tod (1054) 
fing Rußland an, sich mehr abzuschließen, indem die Slaven das Übergewicht 
bekamen. Bis 1598 stammten Rußlands Herrscher jedoch väterlicherseits von 
Rurik ab. 



1) Das \\,>rt stammt ohne Zweifel von dem altnordischen vär = Eid, heiliges Gelübde, Treu- 
versprechen. 

2) Der schon damals in Rußland vorkommende Frauenname • Hga wird von den byzantini- 
schen Schriftstellern Elga geschrieben, also nur durch das Fehlen des leichtverschwindenden II von dem 
nordischen Helga verschieden. 

3) Karl, Ingjald, Ivar, Vigfast, Ulf, Björn, Sigbjörn, Torbjörn, Grim, Kol, Sven. Gunnar. 

Monte lius, Kulturgeschichte Schwedens. I" 



: 5 8 



Die Wikingerzeit. 



Nicht nur nach Westen, Norden und Osten richteten die Nordländer in 
dieser tatenreichen Zeit ihre abenteuerlichen Fahrten; auch nach Süden, bis 
zu dem prachtvollen Miklagärd (»große Stadt«) oder Konstantinopel zogen sie, 
um in des Kaisers Dienst Ehre und Gold zu gewinnen. 

Nestor erzählt, daß eine Anzahl Warjager, die mit dem Dienst bei dem 
ebenerwähnten Großfürsten Wladimir dem Großen unzufrieden waren, nach 
Konstantinopel gingen, und daß Wladimir dem Kaiser sagen ließ: »Sieh, die 
Warjager kommen zu dir! Behalte sie nicht in der Stadt, denn sie werden 

Verdruß erregen, wie sie es 
hier getan haben; sondern ver- 
teile sie an verschiedenen 
Stellen und laß keinen von 
ihnen hierher zurückkommen«. 
Dies soll kurz nach 980 ge- 
schehen sein. 

Der griechische Kaiser 
hatte indessen wahrscheinlich 
schon vorher ein kleines stehen- 
des Heer von Nordländern oder 
Wäringern, wie sie auch in 
Konstantinopel ') genannt wur- 
den, zusammengebracht. Diese 
Wäringer leisteten dem Kaiser 
gute Dienste und kamen zu 
hohem Ansehen. Auch zu Haus 
im Norden galt es als eine 
Ehre, Wäring in Miklagärd ge- 
wesen zu sein, und Männer aus 
den vornehmsten Geschlech- 
tern, selbst Königssöhne, ließen 
sich in diese Truppe aufnehmen. 
Harald Sigurdsson, Halbbruder 
Olafs des Heiligen, war lange 
Anführer der Wäringer in Miklagärd, erwarb Ehre und Reichtum und wurde, 
in sein Vaterland zurückgekehrt, König von Norwegen unter dem Namen 
Harald Härdräde. 

Die ersten in den Sagen genannten Wäringer sind Torkel Tjostarsson 
und Övind Bjarnesson, die vor dem Jahre 950 in Miklagärd waren. Die by- 
zantinischen Geschichtsschreiber erwähnen die Wäringer jedoch erst im Jahre 
1034. Einzelne Nordländer mögen aber schon längst vor der Mitte des zehnten 
Jahrhunderts den Kaisern in Konstantinopel gedient haben. Diese hatten sich 
nämlich, wie die römischen Kaiser, schon viele Jahrhunderte vorher mit ger- 




417. Marmorlöwe von Piräus (jetzt in Venedig). 
Höhe 3 m. 



1) Bei den byzantinischen Schriftstellern kommt der Name in der Form »Varanger« vor 



Wäringerfahrten. Schiffe. j; , 

manischen Leibwachen umgeben, auf deren Treue und Tapferkeit sie mehr 
rechneten, als auf die der einheimischen Truppen. 

Snorre erwähnt, daß die Wäringer bei dem Tode des Kaisers berechtigt 
waren, in seine Schatzkammer zu gehen, ;>wo ein jeder das Recht hatte, zu 
behalten, was er mit seinen Händen greifen konnte«. Das nannten sie polu- 
tasvarf«, das heißt Palastplünderung. 

Die Kaiser gebrauchten die »Axttragenden Barbaren aus Thule«, wie die 
Wäringer von den Griechen genannt wurden, nicht nur als Leibwache in Kon- 
stantinopel, sondern schickten sie auch auf Kriegszügen in die verschiedensten 
Teile des Reiches. So erzählt Snorre, daß der eben erwähnte Harald Sigurdsson 
mit den Wäringern nach den griechischen Inseln, nach Sikelön (Sizilien) und 
nach Afrika fuhr; in Afrika blieb er viele Jahre, gewann dort dem Kaiser 
achtzig Burgen und sammelte große Schätze auf eigene Rechnung. 

Der gewöhnliche Weg vom Norden nach Byzanz ging nicht über See 
um Westeuropa und durch die Meerenge von Gibraltar, sondern über Rußland, 
den Dnjepr abwärts bis zu seiner Mündung und von dort über das Schwarze Meer. 

Eine interessante Erinnerung an die Fahrten der Nordländer nach Griechen- 
land in der Wikingerzeit findet sich an dem Marmorlöwen (Fig. 417), den die 
Venetianer nach der Einnahme Athens (1687) nach Venedig brachten, und 
der jetzt am Eingange zum Arsenal steht; früher stand er am Hafen im Piräus, 
der gerade deshalb den Namen Porto Leone trug 1 ). Schon vor mehr als hundert 

o 

Jahren entdeckte der schwedische Sprachforscher Akerblad, der damals in 
Venedig lebte, daß sich auf den Seiten des Löwen zwei lange, teilweise ver- 
wischte Runeninschriften befanden. Der Versuch, diese Inschriften vollkommen 
zu entziffern, stellte sich aber als unmöglich heraus, weil die Runen zu abge- 
nutzt sind. Wir können nur sagen, daß sie von einem Nordländer eingeritzt 
worden sein müssen. Der Löwe selbst ist griechische Arbeit. Die Tierschlingen, 
welche die Runen umgeben und noch deutlich zu sehen sind, lassen uns doch 
die Herkunft des Mannes erkennen, der die Runen eingeritzt hat. Solche 
Schlingen, genau von derselben Art, sind nämlich auf Runensteinen im mittleren 
Schweden sehr allgemein, besonders in der Gegend um den Mälarsee und am 
häufigsten in Uppland. In anderen schwedischen Landschaften sind solche 
Schlingen auf Runensteinen sehr selten und beinahe nie gerade so wie auf dem 
Löwen. Dänemark und Norwegen haben nichts Derartiges. Also stammen die 
Türschlinsen nebst den Runen auf dem Piräuslöwen von einem Mann aus 
Schweden, wahrscheinlich aus Uppland. Er wird wohl um die Mitte des elften 
Jahrhunderts unter der Wiiringerschar gewesen sein. 

2. Schiffe. — Waffen. 

Im Zusammenhang mit den Wikingerzügen und den Wäringerfahrten müssen 
wir die Schiffe der Nordländer 2 ) und ihre Waffen aus jener Zeit betrachten. Mut 

i) C. C. Rafn, Inscription runique du Piree, in den Antiquars de l'Orient (Kopenli 
[856). — S. Bugge, im Manadsblad, 1875, S. 97. 

2) N. E. Taxen, De nordiske Langskibe, in den Aarböger f. nord. Oldkynd., l886, S 

17* 



2ÖO 



Die Wikingerzeit. 



und Tüchtigkeit allein würden nicht genügt haben, die Siege zu erfechten, es 
bedurfte auch guter Schiffe und Waffen. 

Der Schiffbau stand im Norden derzeit wohl höher als in den meisten 
christlichen Ländern, und der Reichtum der nordischen Länder an Schiffen muß 
groß gewesen sein, wenn auch die meisten dieser Fahrzeuge natürlich weit 
kleiner waren als die heutigen. In einem Krieg gegen Dänemark hatte der 
schwedische König Anund Jakob eine Flotte von mehr als vierhundert Schiffen; 
bei anderen Gelegenheiten werden noch mehr erwähnt. Ja Snorre Sturlesson 
erzählt in der Sage des heiligen Olaf, daß Knut der Große Norwegen mit 
zwölf Hundert, das heißt 12 X 120= 1440 Schiffen angriff (man rechnete damals 
zehn Zwölfer auf das Hundert). 




418. Normannisches Schiff. Tapete in Bayeux. 1 ). 



Wenn man die Schiffe der Wikingerzeit und der älteren Eisenzeit mit- 
einander vergleicht, bemerkt man einen großen Fortschritt: auf den älteren 
Schiffen sieht man keinen Mast, und Tacitus sagt, wie wir gesehen haben (S. 196), 
daß die Schiffe der Svionen keine Segel führten. In der Wikingerzeit kannte 
man dagegen die Kunst zu segeln. 

Ein damaliges Schiff hatte gewöhnlich nicht mehr als einen Mast und ein 
Segel (Fig. 418). Das Segel glich zumeist unseren Rahsegeln und war gewöhnlich 
aus grobem Wollenstoff, oft mit blauen, roten und grünen Streifen. Wie hoch 
die Nordländer ihre prächtigen Segel schätzten, zeigt eine Erzählung, in der 
Sigurd Jorsalafahrer Sage. Als der König auf dem Rückweg von Jerusalem nach 
Miklagärd segeln sollte, lag er einen halben Monat mit seiner ganzen Flotte still, 
ungeachtet jeden Tag ein guter Mitwind wehte; er wollte aber seitlichen Wind 
abwarten, so daß die Segel in der Längsrichtung der Schiffe stünden und von 



1) Auf einem langen Wandteppich in Bayeux (Normandie) aus der Zeit um 1100 ist der Zug 
Wilhelms des Eroberers nach England dargestellt. Frank Rede Fowke, The Bayeux Tapestry 
(London, 1875). 



Schiffe. 



2ÖI 







419. Schiff von Tune, Norwegen. 




420. Schiff von Gokstad, Norwegen. 



'«^_ 




421. Das Schiff von Goksta.l, wie es einmal war. 



2Ö2 Die Wikingerzeit. 

den Zuschauern auf beiden Küsten bewundert werden könnten. »Alle seine 
Segel waren nämlich mit Seidenzeug bekleidet, und zwar auf beiden Seiten. 
Weder im Vorderteil noch hinten im Schiff wollten die Leute die weniger 
schöne Seite der Segel sehen. Als König Sigurd in Miklagärd einfuhr, segelte 
er ganz nahe am Lande. Man konnte von dort aus die ganze Breite aller 
Segel sehen, die einer zusammenhängenden Wand glichen. Alles Volk lief 
zusammen, um zu sehen, wie Sigurd segelte«. 

Die Zahl der Ruder war oft bedeutend; die Größe der Kriegsschiffe wurde 
nach der Zahl der Ruderbänke angegeben. Ein »Zwanzigsitzer« war ein Schiff 
mit zwanzig Ruderbänken oder Ruderpaaren. Olaf Tryggvessons berühmtes 
Schiff »Der Lange Wurm«, seinerzeit das größte in Norwegen, hatte vierund- 
dreißig Paar Ruder mit tausend Mann Besatzung; der Kiel maß 45 m Länge 
(150 Fuß). Knut der Große hatte ein Schiff mit sechzig Paar Rudern. Gewöhnlich 
lagen alle Ruder in einer Reihe; aber Erling Skakke in Norwegen ließ im 
zwölften Jahrhundert ein Schiff mit zwei Reihen übereinander bauen. 

Das Steuer befand sich, wie an den früher (S. 196) besprochenen Schiffen 
aus der älteren Eisenzeit, nicht in der Mittellinie, sondern etwas rechts von 
derselben. 

Gewöhnlich waren die Schiffe bemalt und die Reling mit einer Reihe von 
Schilden geschmückt (Fig. 421). Der Vordersteven endete oft mit einem ver- 
goldeten Drachenkopf, wodurch der Name »Drache« aufkam, und der Hinter- 
steven hatte oft Ähnlichkeit mit einem Drachenschwanz. Aus einer Stelle in 
Olaf Tryggvessons Sage sehen wir, daß die schwellenden Segel als die Flügel 
des Drachen betrachtet wurden. Einige Schiffe hatten einen Drachenkopf an 
jedem Steven, andere am Vordersteven einen Männerkopf oder einen vergol- 
deten Bisonochsenkopf. Letzteres war der Fall mit Olaf des Heiligen Schiff, 
das deshalb der »Wisund« genannt wurde. Derselbe König schnitzte eigen- 
händig einen Männerkopf für den Vordersteven seines Schiffes »Karlshaupt«. 

Erik Jarl hatte in der Schlacht bei Svolder ein großes Schiff, das »Jern- 
barden« hieß; jeder Steven war mit einer dicken Eisenplatte beschlagen und 
mit Eisenspitzen versehen. 

Vor einer Seeschlacht pflegte man die Vordersteven aneinander zu binden, 
so daß die Schlachtlinie ein zusammenhängendes Ganzes bildete. Der heftigste 
Kampf entwickelte sich daher am Vordersteven, wo auch die besten Krieger 
gewöhnlich ihren Platz hatten. 

Wenn die Schiffe still lagen, besonders bei Nacht, wurden Zelte darüber 
gespannt. Der Häuptling lag auf der Erhöhung unter dem Zelt. Zuweilen 
lagerte man jedoch am Strand unter Zelten. 

Den Unterschied zwischen Kriegs- und Handelsfahrzeugen zeigt Snorre 
Sturlessons Erzählung, wie der alte Norweger Härek von Tjotta durch den 
Öresund entkam. Nach der Schlacht bei Helgeän, als Olaf Haraldsson in der 
Ostsee eingeschlossen war und über Land heimkehren mußte, hielt Härek sich 
für zu alt zu dieser Wanderung und fuhr allein über See. Als er nun an den 
von den Dänen bewachten Öresund kam, nahm er den Mast herunter, spannte 



Waffen. 



26' 




422. Schwertgriff aus Eisen, mit Silber 
inkrustiert. Södermanland. y. 2 . 





424. Schwertgriff aus Eisen und ver- 
goldetem Silber, mit Golddraht umwickelt; 
der Knauf auch von oben gesehen. 
Skane. Yj. 






& 



V 



'■[• ^P^PH-'.'t; 



423. Eisernes 

Wikinger- 
schwert. Smä- 
land. l/ . 










<K.S 






425. Bronzenes Ortband einer Schwert- 
scheide. Öland. Yi- 



126. Stück einer damaszierUn Schwert- 
klinge. Bohuslän. '/i- 



264 



Die Wikingerzeit. 



graues Zelttuch über die Schiffsseiten und ließ nur einige Ruder vorn und 
hinten gehen, während die Hauptzahl der Mannschaft sich hinlegen mußte, um 
nicht gesehen zu werden. Dadurch getäuscht, hielten die Dänen das Schiff 
für ein Handelsschiff, das mit Häringen oder Salz beladen sei, und Härek kam 
unbehelligt davon. 

In Schweden kennen wir nun keine Schiffe mehr aus der Wikingerzeit, 
obwohl vielleicht Reste von solchen bei zukünftiger Untersuchung noch 
unberührter Gräber zutage kommen werden. In Norwegen hat man aus 
den Grabhügeln von Tune, Gokstad und Oseberg 1 ) — alle am 
Christianiafjord — drei merkwürdig gut erhaltene »Wikinger- 
schiffe« ausgegraben, die im Universitätsmuseum zu Christiania 
aufgestellt sind (Fig. 419 — 421). Besonders das bei Gokstad 
gefundene Schiff ist wunderbar gut erhalten, was darauf be- 
ruht, daß der Hügel zum großen Teil aus blauem Lehm 
bestand. Das Gokstadschiff ist 24 m lang und war an der 
Reling mit Schilden geschmückt, abwechselnd mit einem hellen 
und einem dunklen. 



Von den Waffen der nordischen Wikinger haben wir 
zahlreiche Funde und mannigfaltige Erzählungen. 

Verteidigungswaffen sind fortdauernd: Panzer, Helm 
und Schild. 

In den nordischen Gräbern aus der Wikingerzeit sind 
allerdings Reste von Panzern sehr selten und solche von Helmen 
niemals gefunden worden, aber es wird viel von ihnen in der 
Edda und in den Sagas gesprochen. Die Bänke in Odens 
Saal, glaubte man, waren mit Panzern bedeckt. Außer den 
Panzerhemden aus Eisen, wie das Fig. 277 abgebildete, wurden 
auch oft Panzer aus Leder, dickem Sacktuch oder ähnlichem 
benutzt. 

Schildbuckel aus Eisen sind in den schwedischen Gräbern 
aus der Wikingerzeit nicht selten (Fig. 433). Die Schilde selbst, 




:*J :: 



427. Eisernes Schwert 



mit Inschrift: die aus Holz waren, sind meistens zerstört; daß sie, wie in 

\ LFBERHT. Nor- ^ vorhergehenden Zeit (S. 234) rund waren, beweisen die 
wegen. 1 / 4 . 2 ) fe v J*iv 

Schilde des Gokstadschiffes (Fig. 430), ferner Abbildungen 

und poetische Umschreibungen, wie das »Rad des Streites«. 

Die Angriffswaffen der Wikingerzeit waren: Schwert, Lanze, Keule, Bogen 
und Pfeile und nicht zum mindesten die Axt, die als die fürchterlichste Waffe 
der Nordmannen galt (Fig. 422 — 432). 

Die Lanzenspitzen und Axtblätter sind zuweilen mit Silber oder Gold 



1) I. ündsct, Universitetets Sämling af nordiske Oldsagcr (Christiania, 1878), S. 90 (Tune). 
— N. Nicolaysen, The Viking-ship from Gokstad (Christiania, 1882). — G. Gustafs on, Oseberg- 
fundet, in der Aarsberetning af Foreningen til norske Fortidsmindesmserkers Bevaring for 1904, S. 107. 

2) A. Lorange, Den yngre jernalders svrerd (Bergen, 1889). 



Waffen. 



265 







429. Eiserne Axt. Gotland, ^/g. 



" 



m 




428. Eiserne 
Lanzenspitze, 

mit Silber 
verziert. Got- 

land. «/,. 




430. Hölzerner Schild, mit eiserner Buckel; auch im 
Durchschnitt gesehen. Gokstad, Norwegen. 1; 20 . 




. 







432. Eiserne Lanzen- 
.-pitzc. Gotland. 1 / 3 . 



431. Eiserne Axt. Uppland. 1 / 3 



2 66 Die Wikingerzeit. 

verziert; Bogen und Pfeile wurden im Kampf ebenso wie auf der Jagd ange- 
wendet. In den Gräbern aus der Wikingerzeit wurden Pfeilspitzen aus Eisen 
sehr oft mit anderen Waffen zusammen gefunden, und im Seekampf waren die 
Bogenschützen oft von großer Wichtigkeit. 

Im Kampf wurden den Häuptlingen Abzeichen vorausgetragen. Man 
kennt allerdings keine schwedischen Abbildungen von solchen, aber aus dem 
normannischen Bayeux-Teppich sehen wir, daß die Abzeichen an Form und 
Größe den in späteren Zeiten benutzten Standarten glichen. Fig. 418 zeigt ein 



433. Eiserne Schildbuckel. Medelpad. J / 2 . 

solches Abzeichen im Achterteil eines Schiffes an der Stelle, wo heute die 
Flagge angebracht ist. Auf den Abzeichen der nordischen Könige waren oft 
die heiligen Raben Odens dargestellt. 

3. Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. 

Der Verkehr zwischen dem Norden und der übrigen W'elt während der 
Wikingerzeit war nicht immer kriegerisch. Der friedliche Verkehr war von 
einer Wichtigkeit, die man früher allzusehr geneigt war, zu unterschätzen. 

Unter den friedlichen Fahrten der Nordländer in dieser Zeit müssen wir 
vor allem an die kühnen Entdeckungsreisen erinnern, die sie damals machten. 
Sie besiedelten Island; von dort aus entdeckten sie erst Grönland und um das 
Jahr 1000 Vinland, oder den nordöstlichen Teil Nordamerikas. Den Nordländern 
kommt die Ehre zu, soweit die Geschichte davon weiß, als erstes unter allen 
europäischen Völkern Amerika entdeckt zu haben; erst ein halbes Jahrtausend 
später fanden die Einwohner Südeuropas den Weg zur neuen Welt, möglicher- 
weise dazu veranlaßt durch die Berichte von den Fahrten der nordischen Völker. ' 

Auch die ersten Entdeckungsreisen in die Polargegenden wurden von den 
Nordländern jener Zeit vorgenommen. Der norwegische König Harald Härdräde 
segelte in der ersten Hälfte des elften Jahrhundertes so weit nördlich in das 
Eismeer, wie es ihm möglich war, nur um zu erforschen, wie weit das Meer 
sich erstrecke. 

Wie schon angedeutet, waren die Einwohner Schwedens zu der Zeit, als 
beinahe seine ganze jetzige Westküste dänisch oder norwegisch war, durch die 
Lage ihres Landes hauptsächlich auf Verkehr mit den Ländern an der Süd- 



Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. 



267 



und Ostküste der Ostsee hingewiesen. Aber auch mit den Ländern in West- 
europa stand das alte Svitjod in kriegerischer wie in friedlicher Verbindung, 
insbesondere mit England. 

In Uppland und Gestrikland, in Westmanland, Södermanland, Östergötland 
und Smaland sind zahlreiche Runensteine in dieser Zeit zum Andenken an 
Männer errichtet, die nach England gefahren waren. So befindet sich in der 
Kirchenmauer von Gamla Uppsala ein Runenstein, den »Sigvid der Englandfahrer 
seinem Vater setzte. Sigvid war also glücklich von seiner Fahrt heimge- 
kommen. Von anderen wird ausdrücklich gesagt, daß sie in England starben. 
So von einem Mann aus dem Kirchspiel Hjälstad in Uppland, von einem 
anderen aus der Westeräsgegend, von einem Sverre aus der Gegend von \y- 
ki'iping, von Toke aus dem Kirchspiel Kaga in Östergötland, von Tore aus 
dem Kirchspiel Berga in Finveden (Smaland) und anderen mehr. Allen diesen 
wurden Denksteine gesetzt, deren Runeninschriften die näheren Umstände angeben. 





434. Angelsächsische Silbermünze (Edward I.). 
Schweden. */i- 




435. Angelsächsische Silbermünze (/Ethelrasd). 
Uppland. J /j. 



436. Schwedische Silbermünze (Olof Skötkonung). Schweden. * ,. 



Bei Kolstad im Kirchspiel Häggeby, Uppland, steht ein Runenstein, der 
von zwei Söhnen ihrem Vater Gere gesetzt wurde, der im Westen im Tingalid 
saß. Er war ohne Zweifel einer der Thingamannalid bildenden Söldner, die 
sich die englischen Könige im elften Jahrhundert hielten. Dies Söldnerheer 
wurde unter Knut dem Großen um 1018 aufgestellt und kurz nach der Mitte 
des Jahrhunderts aufgelöst. Der Zusatz Gott helfe seiner Seele« zeigt, daß 
die, welche die Inschrift schrieben, getauft waren. Im Kirchs >iel < »sseby in 
Uppland hat man bei Wäsby einen Runenstein mit folgender merkwürdiger 
Inschrift gefunden: »Ale ließ diesen Stein sich selber setzen, er nahm für 
Knut Steuer in England ein. Gott helfe seiner Seele . Mit Knut ist ohne 
Zweifel der eben erwähnte König gemeint. 

Ein Runenstein bei Rösäs im Kirchspiel Nävelsjö, Smaland, ist einem 
Gunnar gesetzt, der von seinem Bruder in einer Steinkiste in der englischen 
Stadt Bath begraben wurde. 

Noch zahlreichere Andenken an die Fahrten haben wir durch Tausende 
von angelsächsischen Münzen aus der Wikingerzeit, die in schwedischer Erde 



268 



Die Wikingerzeit. 



gefunden wurden. Wir kennen mehr als zwanzigtausend allein aus den letzten 
hundert Jahren, alle aus Silber. Noch weit mehr sind sicher früher gefunden 
worden, wie zahlreiche Berichte von solchen Funden beweisen. l ) 

Wider Erwarten sind gerade Münzen aus dem neunten und dem größten Teil 
des zehnten Jahrhunderts (Fig. 434) sehr selten in Schweden und in den anderen 
skandinavischen Ländern gefunden worden 2 ), obwohl die Nordländer damals große 
Strecken Englands eroberten und König Alfred mit ihnen verzweifelt focht, um 
die Selbständigkeit seines Landes zu retten. Die weit überwiegende Mehrzahl 
ist vom Ende des zehnten und aus dem elften Jahrhundert. Besonders häufig 
sind solche, die den Namen des Königs Ethelred tragen (Fig. 435); das schwe- 
dische Nationalmuseum besitzt mehr davon als irgend eine andere Sammlung, 




437. Fränkische Silbermünze (Pipin). 
Westergötland. 1 /, . 




439. Arabische (»kufische«) Silbermünze 
(903 in Samarkand geprägt). Gotland. i / 1 . 




438. Deutsche Silbermünze (Otto III. und 
Adelheid). Goüand. Vi- 




440. Byzantinische Silbermünze (948 — 959). 
Uppland. i j 1 . 



selbst das Britische Museum. Dies erklärt sich wahrscheinlich aus den großen 
Summen, die Ethelred nach seinen unglücklichen Kämpfen den Xordmannen 
geben mußte. Er soll als solches »Dänengeld« nicht weniger als 167,000 Pfund 
Silber ausgezahlt haben. 

Die eigentümliche Art, auf die seine Münzen und Münzen anderer vor 
und nach ihm regierender englischer Könige in den verschiedensten Teilen des 
Nordens angetroffen werden, verlangt aber noch eine besondere Erklärung. Da 
die Mehrzahl der Nordländer, welche die in England erpreßten Silberschätze 
heimführten, wohl in Dänemark, im westlichen Schweden und in Norwegen 
ansässig waren, sollte man erwarten, daß die Hauptmasse dieser Münzen gerade 
in jenen Gegenden zu finden gewesen wäre. Das ist aber nicht der Fall, viel- 



1) B. E. Hildebrand, Anglosachsiska mynt i Svenska kongl. Myntkabinettet, funna i Sveriges 
jord (Stockholm, 1846; 2 Aufl. 1881). — H. Hildebrand, Angelsaksiska myntfynd i Sverige efter 
1845, im Mänadsblad, 1886 und 1S87. 

2) Mänadsblad, 1877, S. 495. 



Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. 2ÖQ 

mehr kommen sie hauptsächlich an der schwedischen Ostseeküste, am Mälarsee 
und in der Nähe der größeren Wasserläufe vor, die in Verbindung mit der 
Ostsee stehen, vor allem aber auf Oland und besonders zahlreich auf dem am 
weitesten von England entfernt liegenden Teil des Nordens, auf ( iotland, woher 
wohl nur ein geringer Teil der Krieger stammte, die das Land der Angelsachsen 
brandschatzten. 

Dies weist darauf hin, daß die meisten dieser Münzen nicht unmittelbar 
nach der Heimkehr der Englandfahrer der Erde anvertraut, sondern durch den 
Handel dorthin gebracht worden sind, wo man sie später ausgegraben hat. 

Außer den angelsächsischen Münzen hat man in schwedischer Erde auch 
Münzen, die für die nordischen Könige in Dublin geprägt worden waren, und 
Schmucksachen, die entweder von den Britischen Inseln mitgebracht oder nach 
von dort stammenden nachgebildet worden sind, gefunden. 

Die Verbindung mit England zeigt sich auch darin, daß die Münzen des 
Olof Skötkonung (Eig. 436) und Anund Jacob nicht nur nach gleichzeitigen 
englischen Münzen kopiert, sondern sogar von englischen Münzmeistern geprägt 
worden sind, wie aus den Namen auf dem Avers und angelsächsischen Worten 
in der Umschrift erhellt. 

Einen noch weit wichtigeren Einfluß hat England auf unser Vaterland 
durch Sendboten des Christentumes ausgeübt, die zum schließlichen Sieg der 
neuen Religion in Schweden kräftig beitrugen. 

Ebenso wie die Wikingerzüge nach den Britischen Inseln vor der letzten 
Hälfte des zehnten Jahrhunderts, haben auch die Fahrten nach Frankreich vor 
dieser Zeit nur wenige Denkzeichen bei uns hinterlassen. Aus allen drei nordischen 
Ländern kennt man nicht fünfzig fränkische Münzen, die von den fränkischen 
Herrschern im achten und neunten Jahrhundert geprägt sind (Fig. 437) x ). 

Deutsche Münzen aus der zweiten Hälfte des zehnten und der ersten 
Hälfte des elften Jahrhunderts sind dagegen im ganzen Norden, besonders in 
Schweden, sehr zahlreich. Sie sind sogar häufiger als die angelsächsischen 
Münzen; an einzelnen Stellen fanden sich tausende beieinander. Sie sind teils 
für deutsche Kaiser und Könige, teils für Könige und Fürsten, Erzbischöfe und 
andere geistliche Autoritäten und auch für Städte in verschiedenen Teilen des 
jetzigen Deutschlands, in Böhmen und den Niederlanden geschlagen. Die meisten 
Prägestellen sind an den großen Flüssen Deutschlands, den alten Pulsadern 
des Handels, der Elbe, Donau und besonders am Rhein mit seinen Neben- 
flüssen zu suchen. Am häufigsten sind unter t\en Kaisermünzen die, welche 
den Namen Ottos des Dritten und seiner Großmutter Adelheid tragen (Fig. 438). 
Sie regierte für den minderjährigen Enkel von 991 bis 995. Unter den St. alte 
münzen und den Münzen der geistlichen Territorien herrschten die kölnischen 
vor. Münzen der böhmischen Herzöge sind auch sehr zahlreich. 

Außer diesen Münzen fand man einige aus Ungarn und Morditalien, die 
wohl mit den deutschen Münzen hierher kamen und daher nicht als Beweis 



ii Montelius, im Mänadsblad, [873, S [69. 



-, jq Die Wikingerzeit. 

eines unmittelbaren Verkehres zwischen diesen Ländern und dem Norden an- 
gesehen werden können. 

Vielfach finden sich auch arabische Münzen (Fig. 439) 1 ). 

Die Araber prägten damals Gold und Silber, aber beinahe nur Silber- 
münzen, die sogenannten »Dirhemen« sind bis zu uns gekommen. Goldmünzen 
sind äußerst selten. Dasselbe gilt von den anderen nordischen Ländern. 

Die ältesten in Schweden gefundenen kufischen Münzen 2 ) sind freilich in 
den letzten Jahren des siebenten Jahrhundertes geprägt, aber bei näherer Unter- 
suchung hat es sich gezeigt, daß sie alt waren, als sie hierher gelangten. Erst 
gegen Ende des neunten Jahrhunderts haben die arabischen Münzen ihren Weg 
hierher gefunden. Die meisten sind von der Mitte des neunten Jahrhunderts bis 
zur Mitte des zehnten, die jüngsten um das Jahr 1000 geprägt. 

Man kennt mehr als 20.000 arabische Münzen, die nur während der 
letzten hundert Jahre in Schweden gefunden worden sind, also ungefähr die- 
selbe Anzahl wie von den angelsächsischen Münzen. Die arabischen wiegen 
aber doppelt so viel als die anderen. 

Diese arabischen Münzenfunde verteilen sich auf die verschiedensten Ge- 
genden in Schweden, ebenso wie die angelsächsischen und deutschen; die 
meisten entfallen auf Gotland, nämlich mehr als die Hälfte aller kufischen 
Münzen im ganzen Norden. In großer Menge sind solche Münzen auch auf 
Öland und in den östlichen Küstenlandschaften, von Skäne bis Uppland, 
gefunden worden. Weiter nach Norden fand man sie auch längs der Küste, die 
nördlichsten in Ängermanland. An Schwedens Westküste und im Innern des 
Landes, wie auch in Norwegen, kommen sie nur selten vor. Diese Verteilung 
der von Osten gekommenen Münzen ist aber natürlicher als die der west- 
europäischen. 

Die deutschen und arabischen Münzen zeugen von weit ausgestreckten 
Handelsverbindungen, einem Handel, von dem unsere schriftlichen Quellen wenig 
oder nichts ergeben. Man neigte vereinzelt wohl dahin, das Vorkommen der 
arabischen Münzen mit den Wikingerzügen nach dem zum großen Teil von 
Arabern bewohnten Spanien in Verbindung zu bringen. Schon eine flüchtige 
Bekanntschaft mit den Verhältnissen verbietet aber eine solche Annahme. Gewiß 
können einige Stücke auch auf jenem Wege hierher gekommen sein, aber ihre 
Anzahl ist auf jeden Fall verschwindend klein. Die allermeisten sind über Ruß- 
land gekommen, wo große Funde von arabischem Silber die Wege bezeichnen, 
die der Handel zwischen Asien und dem Norden zu jener Zeit ging. Allerdings 
läßt sich eine unmittelbare Handelsverbindung zwischen Skandinavien und den 
arabischen Ländern in Asien nicht beweisen, aber der russische Zwischen- 
handel war lange sehr bedeutend 3 ). 



1) Solche arabische Münzen pflegt man kufische zu nennen. Diese Bezeichnung kommt von 
Kufa, — einem Kalifensitz südlich von Bagdad, an einem Nebenfluß des Euphrat gelegen, — ist 
jedoch ungenau; nur wenige stammen wirklich von jener Stadt her. 

2) C. J. Tornberg, Numi cufici regii Numophylacii Holmiensis (Upsala, 1848). 

3) Mänadsblad, 1890, S. 186. 



Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. 



271 



Ein kleinerer Teil des arabischen Silbers kann jedoch auf andere Art als 
durch den Handel nach Rußland gekommen sein. Die in diesem Land an- 
sässigen Nordländer — Russen in der ursprünglichen Bedeutung — haben 
nämlich von den mohammedanischen Ländern in Asien ebenso wie die nor- 
dischen Wikinger aus Westeuropa kostbare Beute weggeschleppt. So wird von 
einem zeitgenössischen Schriftsteller ein Kriegszug erwähnt, den die Russen 
im Anfang des zehnten Jahrhunderts bis zum Kaspischen Meer ausführten, auf 
welchem Meer man schon seit langer Zeit gewohnt war, nur Fischerboote und 
friedliche Handelsschiffe zu sehen. Die Russen waren mit vielen Schiffen den 
Dnjepr zum Schwarzen Meer hinabgezogen, hatten die Krim umsegelt und 
durch das Asowsche Meer 
die Mündung des Don ge- 
wonnen. Dann fuhren sie 
stromaufwärts, und wo dieser 
Fluß sich der Wolga nähert, 
zogen sie ihre Schiffe über 
Land, setzten sie in die 
Wolga und segelten den Fluß 
hinab in das Kaspische Meer, 
dessen Küsten sie durch 
mehrere Monate brandschatz- 
ten. Dann gingen sie den 
Fluß Kur hinauf und ver- 
weilten über ein Jahr krieg- 
führend in jenen Gebieten. 

Das Silber, das sie auf 
diese Art gewannen, war je- 
doch eine Kleinigkeit im 
Vergleich zu dem, was der c .,, „ , . , , * c .,«,«/ 

& 441. Silberner Halsring (modern). Sumatra. e / a . 

Handel unauffällig, aber un- 
ablässig während langer Zeitenräume von Asien nach Europa brachte. 

Die meisten bei uns in der Erde gefundenen arabischen Münzen aus jener 
Zeit sind für samanidische Fürsten geschlagen, die die Länder östlich vom 
Kaspischen Meer beherrschten, und aus deren Hauptstadt Samarkand eine große 
Menge stammt. Demnächst an Zahl kommen die für abassidische Kalifen 
prägten, die meisten aus Bagdad. Außerdem finden sich die Namen vieler 
anderer asiatischer Städte. Die wenigen in Spanien und Afrika geprägten 
Münzen, die den Weg in unser Land fanden, sind fast ausnahmslos von dort 
erst nach Asien und von Asien mit den anderen Münzen hierhergekommen. 

Auch arabische Halsringe, Armringe, Spangen und andere silberne Schmuck- 
sachen in Formen, die vorher hier nicht in Gebrauch waren, kamen nach 
Norden und sind bei uns zusammen mit den arabischen Münzen gefunden 
worden. Viele solche Schmucksachen sind auch nach östlichen Mustern hier 
kopiert. Noch heute werden in arabischen Ländern Silberschmucksachen 




272 Die Wikingerzeit. 

tragen, die oft auffallend an diejenigen erinnern, die unsere Vorväter vor einem 
Jahrtausend aus dem Osten bekamen (Fig. 441). 

Rußland verband unsere Heimat auch mit dem byzantinischen Kaiserreich. 
Die bereits (S. 257) erwähnten Friedensverträge, die in den Jahren 911 und 945 
zwischen den russischen Großfürsten und den byzantinischen Kaisern geschlossen 
wurden, dienten unter anderem gut dem russischen Handel mit Konstantinopel. 
Daß schwedische Kaufleute diese Stadt oft in Gesellschaft mit den Wäringern 
oder ihren russischen Anverwandten besuchten, ist mehr als wahrscheinlich, 
und sicher ist, daß Schweden aus Konstantinopel kostbare Stoffe und andere 
begehrte Handelsartikel im Austausch gegen Pelzwerk und anderes erhielten. 
Einige byzantinische Silbermünzen (Fig. 440) aus jener Zeit finden sich auch 
in unserer Erde vor. 

Der Handel mit Rußland gab den Handelsplätzen an der Ostküste von 
Schweden, und vor allem Gotland, eine große Bedeutung. 



Von den Fahrten schwedischer Männer nach Osten, kriegerischen und 
friedlichen, zeugen noch zahlreiche Runensteine in verschiedenen Teilen des 
Landes. Viele sind Männern gesetzt, die den »Ostweg« oder nach »Österreich« 
fuhren, das heißt nach den Ländern im Osten; andere nennen bestimmte Fahrten 
nach Finnland, Tavastland, Estland, Wirlande (Teil von Estland), Livland, 
»Gärdarne« (Gärdarike, Rußland) und Holmgärd (Novgorod). 

Ein Runenstein im Kirchspiel Ytter-Selö, Södermanland, ist von Sirid 
ihrem Manne Sven gesetzt, der »oft mit prächtigen Schiffen nach Semgallen 
um ,Tumisnis' segelte«. Semgallen ist das östliche Kurland bis zur Düne, und 
»Tumisnis« ist Domesness, Kurlands nördlichste Spitze am Meerbusen von 
Riga. Auf dem Kirchhof von Turinge in derselben Landschaft steht ein 
anderer Runenstein, zum Andenken an einen Mann, »der im Streite ostwärts 
in Gärdarne als Häuptling einer Schar fiel«. 

Zahlreiche Runensteine in Uppland, Södermanland und Östergötland reden 
von Männern, die einem Ingvar auf seiner Fahrt nach dem Osten folgten. Ein 
Stein im Kirchspiel Odensala, Uppland, ist von zwei Brüdern ihrem Vater 
zum Andenken gesetzt, »der ostwärts das Schiff steuerte mit Ingvar nach Est- 
land«; aus den Inschriften anderer Runensteine sieht man, daß die Fahrt bis 
Särkland, das heißt bis zu den Sarazenen in Asien ging. Einer dieser Steine 
aus der Gegend von Gripsholm ist dem Havald, Ingvars Bruder, gesetzt von 
seiner Mutter, so daß Ingvar vielleicht aus jener Gegend stammte und seine 
Fahrt also vom Mälarsee ausging. Diese Fahrt ist wahrscheinlich der Aus- 
gangspunkt der romantischen isländischen Sage von »Ingvar dem Weitgereisten«, 
der zu Olof Skötkonungs Zeit gelebt haben soll; damit stimmt das Alter der 
Runensteine überein. 

Nicht wenige Steine erzählen von Fahrten nach Griechenland, von Männern, 
die dort starben, oder von dort zurückkehrten und den Namen »Griechenland- 
fahrer« erhielten. Im Kirchspiel Ed, Uppland, gibt es einen solchen Stein, 



Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. 21 ~\ 

dessen Runen ein Rangvald schreiben ließ, der in Griechenland Häuptling des 
Heeres oder der Wäringer war; und bei Fjukeby, nicht weit von Uppsala, steht 
ein Runenstein, den ein Vater seinen Söhnen gesetzt hat, von denen der eine 
»die Heerschar führte, nach Griechenlands Häfen kam und in der Heimat starb . 
Und nicht nur in den Küstenlandschaften Uppland, Södermanland und 
Ostergötland kommen diese Griechensteine vor; auch tiefer im Land, in Sma- 
land, im Kirchspiel Hvittaryd, berichtet ein Runenstein von einem »Sven, der 
im Osten, in Griechenland starb <. Wie allgemein diese Fahrten auch vom 
westlichen Schweden aus waren, und wie lange ihre Periode währte, zeigen 
die Bestimmungen des westgötischen Gesetzes aus dem dreizehnten Jahrhundert, 
wonach niemand, der in Griechenland abwesend war, einen Daheimgebliebenen 
beerben konnte, und nur der einen Griechenlandfahrer beerben konnte, der be- 
reits sein Erbe war, als jener die Heimat verließ. 

Als Schweden christlich wurde und Pilgerfahrten nach Jerusalem aufkamen, 
benutzte man gewöhnlich denselben Weg über Rußland, den die Wäringer 
nach Konstantinopel gezogen waren. In der Gutasage heißt es auch ausdrück- 
lich von solchen Pilgern, die auf Ausreise und Heimfahrt über Gotland kamen, 
daß sie »den Weg östlich durch Rußland und Griechenland nahmen, um nach 
Jerusalem zu fahren«. 

Besondere Aufmerksamkeit verdienen noch einige Runensteine für Männer, 
die in »Langbardaland« starben, das ist das Land der Longobarden, die heutige 
Lombardei. Der eine dieser Steine steht im Kirchspiel Täby, Uppland, der 
andere im Kirchspiel Stora Malm, Södermanland. 



Der Handel und die Wikingerzüge brachten in dieser Zeit eine große 
Menge edlen Metalles, meist Silber, nach Schweden. Wie groß der Zugang 
an Silber damals gewesen sein muß, kann man am besten daran abschätzen, 
was nach Verlauf von etwa einem Jahrtausend noch heute aus der Erde ge- 
hoben wird. Bemerkenswert ist, daß das Silber mit einem Mal in solchen 
Mengen auftritt; es war im Lande seit kurz nach Christi Geburt bekannt, aber 
in den vielen Jahrhunderten bis zum Anfang der Wikingerzeit scheint es 
seltener als Gold geblieben zu sein. 

Schwedens Reichtum im letzten Teil der Heidenzeit wird auch von zeit- 
genössischen Verfassern erwähnt. So sagt Meister Adain: 'Schwellen ist ein 
sehr fruchtbares Land, reich an Korn und Honig, und in der Viehzucht über- 
trifft es alle Länder, indem der Lauf der Flüsse und die Lage der Wälder die 
Zufuhr ausländischer Waren von überallher begünstigen. Mau kann deshalb 
sagen, daß die Schweden keine Annehmlichkeit irgendwelcher Art missen . . . 
Denn alles, womit sich die Eitelkeit brüstet, Gold und Silber, stattliche Pferde, 
Pelzwerk aus Biber und Marder, was wir alle fast unsinnig hochschätzen, all 
das sehen die Schweden für nichts an . 

Mo melius, Kulturgeschichte Schwedens. |S 



274 ^' e Wikingerzeit. 

Der Handelsbetrieb war in mancher Beziehung von dem unsrigen 
sehr verschieden. Der Kaufmann saß damals nicht zu Haus und sandte seine 
Briefe und Waren aus; er mußte vielmehr selbst von Ort zu Ort mit seinen 
Waren ziehen und war aller Art Gefahren ausgesetzt, Beraubung und Totschlag. 

In Ansgars Lebensbeschreibung haben wir eine Schilderung der Aben- 
teuer, mit denen eine Handelsreise in unser Land zu jener Zeit verknüpft war. 
Dort wird erzählt, wie Ansgar in Gesellschaft von Kaufleuten nach Schweden 
segelte, und wie das Schiff unterwegs von »Seeräubern« oder Wikingern an- 
gefallen wurde. Die Kaufleute hielten dem ersten Angriff tapfer stand, beim 
zweiten Angriff unterlagen sie aber, verloren ihre Schiffe und alles; sie mußten 
allesamt über Bord springen, um durch Schwimmen das Land zu erreichen. 

Wie wir schon sahen, war der Unterschied zwischen Kaufmann und 
Wikinger manchmal sehr gering: derselbe Mann trat einen Tag als friedlicher 
Handelsmann auf und den anderen als raubgieriger Feind. Mehrmals wird er- 
wähnt, daß, wenn die Kauf leute in ein fremdes Land kamen, sie mit den Ein- 
wohnern eine bestimmte Zeit für den Handel festsetzten; nach deren Ablauf 
behandelte man einander als Feinde. So erzählt Snorre in der Sage Olafs 
des Heiligen von einigen Norwegern, die nach Bjarmaland mit Waren segelten 
und dort Handel trieben. »Als der Handel beendet war, fuhren sie nach der 
Insel Wina (Dvina), und der Friede mit dem Volk des Landes war zu Ende.« 
Sie landeten und plünderten einen heiligen Ort, wo viele Schätze verwahrt 
lagen. Es verdient bemerkt zu werden, daß einer dieser Norweger die Fahrt 
im Auftrag des Königs Olaf unternommen hatte, unter der Bedingung, »daß er 
dem Könige die Hälfte abzugeben hatte.« 

Eine ebensolche Fahrt wird in einer anderen Sage beschrieben. Der be- 
rühmte Isländer Egil Skallagrimsson und sein Bruder fuhren im Sommer 925 
nach den Gegenden östlich von der Ostsee und verheerten das Land. »Sie 
segelten nach Kurland, machten dort mit den Einwohnern einen halben Monat 
Frieden und hielten in der Zeit Markt ab; aber als die Zeit abgelaufen war, 
fingen sie an, das Land zu verheeren.« 

Die Kaufleute suchten natürlich gern solche Orte auf, wo viel Volk zu- 
sammenkam, wie Thing- und Opferstätten. Wo sich solche größere Volks- 
versammlungen jährlich zu bestimmter Zeit wiederholten, entstanden regelmäßige 
Märkte; und manche unserer Jahrmärkte verraten noch heute durch ihre 
Namen oder auf andere Weise den Ursprung aus der heidnischen Zeit, so 
der Anfang Februar stattfindende Markt »Disting« zu Uppsala. Schon im 
dreizehnten Jahrhundert schrieb Snorre: »In Svitjod war es zur Heidenzeit eine 
alte Sitte, daß das Hauptopfer in Uppsala im Göje 1 ) abgehalten wurde,, und 
dort sollte man für Frieden und Siege seinem König opfern. Dorthin sollte 
man aus dem ganzen Schweden gehen, dort sollte gleichzeitig Thing für das 
ganze Volk sein, und Markt eine Woche lang. Als das Christentum eingeführt 
wurde, wurden Thing und Markt dort beibehalten, nur auf Lichtmeß verlegt; 

1) Noch im vorigen Jahrhundert hat der Monat Februar im schwedischen Kalender auch den 
Namen Göjemonat beibehalten. 



Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. 



2/5 



so ist die Sitte geblieben, aber der Markt währt nicht länger als drei Tage. Da 
ist Thing für alle Einwohner des Svitjods und man kommt aus dem ganzen 
Land zusammen.« Lichtmeß fällt auf den zweiten Februar, und noch immer 
fängt der Distingsmarkt in den ersten Tagen dieses Monats an; der Name 
stammt wahrscheinlich von den großen heidnischen Opferfesten, den »Disarthingen« 
oder >Disarbloten«. 

Eine Sage schildert einen Markt an der Küste Bohusläns im zehnten Jahr- 
hundert. Jeden dritten Sommer pflegten die nordischen Könige sich auf den 
Inseln Brännöarna an der Mündung des Götaälfs einzufinden, um dort mit her- 
vorragenden Männern zusammenzutreffen und Königsgericht zu halten. Man 




iS.>l 



442. Die Stadt Birka auf der Insel Björkö in Mälaren. J ) 

fand sich da zahlreich ein, und Volk aus vielen Ländern strömte zusammen: 
die Inseln lagen ja auch an der Grenze dreier Reiche. Buden und Zelte 
wurden überall aufgeschlagen, in denen es Lustbarkeit, Spiel und Gelage gab. 
Ein Zelt, etwas abseits von den anderen, zeichnete sich durch besondere Pracht 
aus; das gehörte dem reichsten Kaufmann, namens Gille, mit Zunamen der 
russische, den er wegen seiner Reisen nach dem Gärdarike bekommen hatte. 
Der Isländer Höskuld ging zu ihm und wollte eine Sklavin kaufen, (iille sagte 
darauf: »Ich merke wohl, daß du mich in Verlegenheit bringen willst, durch 
Nachfrage nach Waren, die ich, wie du glaubst, nicht habe. Das ist iber 
noch nicht ausgemacht«. Darauf schlug er einen Vorhang zunick, der das 
Innere des Zeltes abteilte, und zeigte Höskuld zwölf Sklavinnen. Höskuld kaufte 



1) A. »Die schwarze Erde-, wo die Stadt lag. — B— C. Erdwall, der die Stadt schützte. — 
D. Burg. — E. Die vielen kleinen Kreise außerhalb der Stadtmauer bezeichnen Grabhügel. 

iS* 



->7(5 Die Wikingerzeit. 

darauf für drei Mark Silbers eine Sklavin, die sich später als eine irländische 
Königstochter entpuppte, die kürzlich in Gefangenschaft geraten war. 

Aus den wichtigsten Handels- und Marktplätzen wurden mit der Zeit 
Städte. Viele der ältesten schwedischen Städte liegen daher unweit der Grenze 
zwischen verschiedenen Landschaften oder Gauen, wo die Einwohner dieser 
Länderteile ihre Waren austauschten; andere an den großen Wasserstraßen 
oder sonst an Stellen, die für Handel und Verkehr günstig waren. Für jene 
Zeit werden in dem damaligen Schweden Sigtuna, Birka, Talje (Södertälje), 
Kalmar, Skara, Falköping und Lödöse erwähnt. Der im zwölften Jahrhundert 
lebende arabische Geograph Edrisi redet von Sigtuna und Kalmar. Vielleicht 
gab es auch bei Uppsala eine Stadtanlage schon vor dem Ende der Heidenzeit. 

Auf der Insel Björkö im Mälarsee zwischen Sigtuna und Talje lag in den 
letzten Jahrhunderten der Heidenzeit die wichtige und nicht zum mindesten 
durch xA.nsgars Besuch berühmt gewordene Handelsstadt Birka, wovon noch 
bedeutende Überreste zu sehen sind, mit dem Erdwalle, der einmal die Stadt 
umgab, mit der Burg und mit mehr als 2000 Grabhügeln und anderen Gräbern 
rings um die Stadt, die aus den letzten Jahrhunderten der heidnischen Zeit 
stammen (Fig. 442). ') 

Nachdem Birka um das Jahr 1000 zerstört worden war, wurde Sigtuna 
die wichtigste Handelsstadt in Svitjod. Für Sigtunas Reichtum in der letzten 
Hälfte des elften Jahrhunderts spricht eine gleichzeitige Erzählung. Als der 
Bischof Adalvard zum erstenmal nach Sigtuna kam, um Hochmesse zu halten, 
sollen nicht weniger denn 70 Mark Silber als Opfergabe in seine Hände gelegt 
worden sein, eine für jene Zeit sehr bedeutende Summe. 2 ) 

In den zu Norwegen und Dänemark damals gehörenden Teilen des jetzigen 
Schwedens lagen die Städte Kungälf (Konnagahälla) und Lund, wie auch wahr- 
scheinlich Vä und Skanör. In der schon erwähnten Egilssage wird erzählt, 
daß Lund, ungeachtet die Stadt von einer hölzernen Burg geschützt war und 
tapfer verteidigt wurde, von Egil und seinem Gefolge eingenommen, geplündert 
und verbrannt worden sei. Dies geschah im Jahr 925. 

Wir besitzen nur unvollständige Berichte über die Waren, die damals 
unseren Handel mit den fremden Ländern ausmachten. Einfuhrware waren 
edle Metalle in Form von Münzen, Barren und Schmuck, Kupfer und Bronze, 
kostbare Waffen, Seide und andere feine Stoffe, Weine und anderes mehr. 



1) Wo die Stadt lag, ist jetzt ein Feld von neun Hektaren, welches mit einer I — 2,50 m 
mächtigen Schicht von Kohlen und Asche (den nach und nach ausgeschütteten Rückständen der 
Herdfeuer) und von Tierknochen (dem Abfall der Mahlzeiten) bedeckt ist. In dieser Schicht hat 
man eine Menge Gegenstände gefunden, von denen die jüngsten der Zeit um 1000 entstammen. — 
H. Stolpe, in der Öfversigt af k. Vetenskaps Akademiens förhandlingar, 1872 und 1873. — Der- 
selbe, Björköfyndet, i (Stockholm, 1874), mit 2 Taf. und 2 Karten. — Derselbe, im Compte rendu 
du Congres de Stockholm, 1874, S. 619. — Derselbe, in der Tidskrift för antropologi och kultur- 
historia, Bd. 1 (Stockholm, 1875 — 76). — Derselbe, im Mänadsblad, 1878 und 1880. — Derselbe. 
in der Sv. Fornm. för» tidskr., Bd. 5 (1882). 

2) Das sind nach niedrigster Berechnung ungefähr 30000 deutsche Mark. 




Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. 2"" 

Wenn man Schlüsse aus dem Handel unseres Mittelalters und aus anderen 
Verhältnissen ziehen darf, waren die wichtigsten Ausfuhrartikel der Wikingerzeit: 
Sklaven, kostbares Pelzwerk, Pferde (die schwedischen Pferde waren berühmt), 
Wolle, Fische und anderes. Ob Holz und Eisen, die später für die Ausfuhr so 
wichtig wurden, schon vor Ende der Heidenzeit ins Ausland gingen, getrauen 
wir uns nicht zu entscheiden. 

Gewiß ist, daß der Sklavenhandel, besonders mit Kriegsgetangenen, in 
Schweden wie in den benachbarten Ländern blühte. In der Olaf Tryggvesson- 
Sage erzählt Snorre, daß, als Olaf drei Winter alt war, seine Mutter Estrid mit 
ihm zu ihrem Bruder, einem angesehenen Mann im Gärdarike, fuhr. Das 
Schiff wurde auf der Reise von Wikingern aus Estland angefallen, Mutter und 
Sohn getrennt, und dieser erst für ein Bock, kurze Zeit danach für einen kost- 
baren Mantel vertauscht. Die Königin Estrid wurde auf einem Markt in Est- 
land als Sklavin feilgeboten, aber von einem Norweger wiedererkannt und frei- 
gekauft. Auch Olaf wurde schließlich ausgelöst. 

Der Handel war wohl im allgemeinen Tauschhandel; doch waren Gold 
und vielleicht noch mehr Silber gewöhnliche Wertmesser. Als solcher galt 
auch Vieh, was wir daraus sehen, daß das schwe- 
dische Wort fä (Vieh) zu gleicher Zeit Vieh, Güter 
im alleemeinen und Geld bedeutete. 

Zwar gab es auch Landesmünzen, aber erst 

gegen Ende dieser Periode, mit Olof Skötkonung 

. 443- Silbermünze. Björkn, 

(Fig. 436) und Anund Jakob; bis dahin hatte man Uppland ' 

hier nur ausländische Münzen. 1 ) 

Aus diesem Teil der Heidenzeit hat man so gut wie nur Silbermünzen 
im Norden gefunden-, ein beachtenswerter Umstand, besonders weil gerade in 
der Zeit kurz vorher nur Goldmünzen im Umlauf waren. 

Das Silber hatte in der Wikingerzeit natürlich einen viel höheren Wert 
als heute; solche Münzen wie Fig. 438 und 443 — die kleinsten damals - • ent- 
sprechen folglich unseren größeren Silbermünzen. Dem Mangel an Kleinmünze 
half man dadurch ab, daß man die Münzen zerbrach oder in kleine Stücke 
zerschnitt, wie die Funde es beweisen. Die auf der einen Seite vieler Münzen 
vorkommenden Kreuze (Fig. 435) erleichterten die Teilung sehr. 

Bei größeren Bezahlungen mußte das Silber, ob es nun Münzen, Schmuck 
oder Barren waren, gewogen werden. Das ungeprägte Silber, das als Zahl- 
mittel dienen sollte, lag, wie früher das Gold (siehe S. 224), in Spiralen; dii 
Spiralen sind jedoch bedeutend größer als die älteren von Gold. In unserem 
Nationalmuseum werden einige Spiralen aus jener Zeit aufbewahrt, die als Falsi- 
fikate anzusehen sind. Sie bestehen nämlich aus Kupfer und sind nur mit 
einer dünnen Silberschicht belegt. Sie müssen bei größeren Zahlungen gedient 
haben, wobei das gewöhnliche Zerschneiden nicht vorkam, weil sonst der Be- 

1) Man hat freilich angenommen, daß solche Münzen wie Fig. 44 3 «■' ^ ilk - 1 während 
zehnten Jahrhunderts geprägt seien; die Richtigkeit dieser Ansicht ist aber bestritten worden. M&nad- 

blad, 1885, S. 130. 



278 



Die Wikingerzeit. 



trug sofort entdeckt worden wäre. Dies erinnert an den Goldring, den König 
Olaf Tryggvesson von der Tempeltür bei Lade in Norwegen nahm und dann 
als eine große Kostbarkeit der schwedischen Königin Sigrid Storräda schenkte. 
Snorre Sturlesson erzählt, daß der Ring von allen gepriesen wurde; nur zwei 
Brüder, die Schmiede der Königin, wogen ihn in der Hand und redeten dann 
heimlich miteinander. Auf die Frage der Königin, weshalb sie so täten, 
sagten sie, daß es mit dem Ringe nicht richtig sei, und als man ihn darauf 
zerbrach, fand man inwendig Kupfer. 

Wagen und Gewichte, die zu jener Zeit benutzt wurden, um Gold und 
Silber zu wägen, kommen in den Funden nicht selten vor. Die Wagen (Fig. 444) 
gleichen den unsrigen, nur mit dem Unterschied, daß der dreiteilige Wage- 
balken zusammengeklappt und 
in die beiden runden hohlen 
Wageschalen gelegt werden 
konnte. Auf diese Art wurde 
es möglich, die Wage mit sich 
zu führen, ohne daß sie der 
Gefahr des Zerbrechens aus- 
gesetzt war. Runde Bronze- 
dosen dienten zur Verwahrung 
von Wage und Gewichten. 





444. Wage von Bronze. Uppland. l / s 



445. Gewicht von Eisen, mit Bronze 
überzogen. Gotland. i \ l . 



Die Gewichte haben gewöhnlich die Form, wie sie Fig. 445 zeigt. Sie 
bestehen aus Eisen mit einem dünnen Überzug von Bronze, wodurch in sinn- 
reicher Art einer Verfälschung vorgebeugt war, indem eine Gewichtsverringerung 
durch Abkratzen das Eisen zutage brachte und sich so von selbst verriet. 
Die ältesten Gewichte dieser Art wurden ohne Zweifel zusammen mit dem 
arabischen Silber hierher gebracht. Man fand in Asien ganz ebensolche Ge- 
wichte, und einige der unsrigen zeigen eine Nachbildung arabischer Schrift. 

Die Nordländer hatten damals schon dasselbe Gewichtssystem wie im 
Mittelalter: Mark (ungefähr 200 g, vgl. S. 193), Öre und Örtug. 



Friedlicher Verkehr mit fremden Liindern. 



279 



Bei Fahrten im Inneren des Landes benutzte man in alten Zeiten tunlichst 
die vielen Wasserläufe, die bessere Verkehrswege waren als die Landstraßen, 
die, sofern überhaupt vorhanden, in schlechtem Zustand und wohl nur für Reiter, 
nicht für Wagen bestimmt waren. In abgelegenen Gegenden folgen noch 
viele Wege diesen alten Reitpfaden, die oft über hohe Berge gingen, was be- 
schwerlich war, aber sehr natürlich zu einer Zeit, da der Boden weit sumpfiger 
war als heute. 

Größere Aufmerksamkeit schenkte man dem Wegebauen erst mit dem 
Eindringen des Christentums, indem man besser als früher die Vorteile eines 
leichteren Verkehrs zwischen den verschiedenen Landesteilen einsah. Die Ver- 
künder des neuen Glaubens erklärten das Bauen von Wegen und Brücken für 
gute Werke, welche die ewige Seligkeit zu verschaffen dienlich seien. 

Zahlreiche Runensteine aus jener Zeit haben auch das Andenken an 
Männer bewahrt, die Wege oder Brücken bauten. Oft wird ausdrücklich von 
denen, die das Werk unternahmen und die Steine setzen ließen, hinzugesetzt, 
daß sie es für ihr eigenes oder ihres Vaters, ihrer Mutter, Gattin oder Kinder 
Seelenheil taten. Manchmal war es auch eine Witwe, die es für die Seele 
ihres Mannes tat. Bei Täby im Kirchspiel gleichen Namens, nördlich von 
Stockholm, ging der Weg noch in späten Zeiten in einer Niederung über eine 
alte Brücke« von Stein und Kies, die auf beiden Seiten mit hohen Steinen 
bezeichnet war, in gleichem Abstand voneinander aufgerichtet und durch eine 
Reihe von kleineren Steinen verbunden. Die zwei äußersten großen Steine 
am nördlichen Ende hatten folgende, beinahe gleiche Inschriften: »Jarlabanke 
ließ diese Steine für sich aufstellen noch bei Lebzeiten, er machte diese Brücke 
für sein Seelenheil und ihm gehörte ganz Täby. Gott helfe seiner Seele , 
Die Tierschlingen und die Form der Runen auf diesen wie auch auf einigen 
anderen in derselben Gegend gefundenen Steinen, die ebenfalls Jarlabankes Namen 
tragen, zeigen, daß er im elften Jahrhundert lebte, eher anfangs als nach der 
Mitte desselben. Die »Brücke« bei Täby ist also während neun Jahrhunderten 
im Gebrauch gewesen. 

Auch sonst sieht man in Schweden noch Brücken, von denen die Runen- 
steine aus den ersten Tagen des Christentums reden; andere sind umgebaut 
worden. Beim Umbau der Brücke, die nah bei der Kirche von Kullerstad in 
( »stergötland über einen Bach führte, fand man vor fünfzig Jahren einen umgefallenen 
und vergessenen Runenstein und stellte ihn von neuem auf. Seine Inschrift 
beginnt: »Hakon machte diese Brücke, aber sie soll Gunnarsbrücke heißen . 

Ein Runenstein bei Sundbv im Kirchspiel Fundbo, unweit Uppsala, er- 
wähnt unter anderem, daß Türe eine Herberge zum Andenken an seine Iran 
errichten ließ. Solche Herbergen wurden am Weg in den Gegenden errichtet, 
wo der müde Reisende kein anderes Obdach linden konnte. Eine 1 [erberge diesei 
Art stand in einer Einöde in Jämtland. Snorre erzählt, daß in einer Nacht um das 
Jahr 1030 Kaufleute, die dorthin gekommen waren, alle, außer einem, ermordet 
wurden. Eine andere lag zwei Tagereisen von Kungält auf dem Weg nach 
Skara. Auch dort bedrohten Räuber das Leben oder die Nabe der Reisenden. 



28o 



Die Wikingerzeit. 




446. Wagen auf einem gotländischen Bildstein. 



'f^ 




447. Bronzebeschlag zum Pferdegeschirr. Östergötland. 2 / 3 




448. Zaumzeug von Eisen; mit Durchschnitt. Smäland. 1 / s . 





450. Eiserner Steigbügel. 
Uppland. 1 / 3 . 



449. Eiserner Sporn. Smäland. Va 



Friedlicher Verkehr mit fremden Ländern. -?8l 

Halfred Vandrädeskald, ein berühmter Isländer, wurde dort überfallen und ent- 
rann dem Tod nur durch einen Zufall: einer von seinen Gefährten wurde ee- 
tötet. Noch in späteren Zeiten wurden solche Herbergen angelegt. 

Diese Erzählungen zeigen, mit welchen Gefahren eine Reise in der Heiden- 
zeit verbunden war. Die Kaufleute reisten deshalb oft, wie wir schon gesehen 
haben (S. 124), mehrere zusammen, um sich leichter gegen Räuber zu verteidigen 
und einander an den Stellen beizustehen, wo die Wege besonders beschwer- 
lich waren. 

Wir, die wir eine Reise von Malmö bis Stockholm nach Stunden be- 
rechnen, können uns nur schwer eine Vorstellung von den Reisebeschwerden 
einer Zeit machen, in der dieselbe Reise mehr als doppelt so viel Tage als 
jetzt Stunden in Anspruch nahm. Meister Adam erzählt, daß der Landweg 
von Skäne durch Götaland über Skara, Talje und Birka nach Sigtuna einen 
Monat forderte. 

Im Winter, wo man im Norden ziemlich unabhängig von Wegen und 
Brücken ist, benutzte man Schlitten, in den anderen Jahreszeiten war man ge- 
wöhnlich gezwungen zu reiten und die Waren zu Pferde zu befördern. Wagen 
werden wohl erwähnt, waren aber wahrscheinlich nur wenig gebräuchlich. Auf 
gotländischen Runensteinen vom Ende der Heidenzeit sehen wir solche mit 
vier Rädern (Fig. 446). In Grabhügeln aus der Wikingerzeit finden sich Geschirr- 
beschläge von Bronze (Fig. 447), manchmal auch vergoldet. Gräber derselben 
Zeit enthalten auch Zäume, Sporen und Steigbügel, welche letztere damals erst 
in Gebrauch kamen (Fig. 448—450). 

4. Lebensweise. — Erwerbszweige. 

Ein großer Teil, vielleicht der größte der Bevölkerung von Schweden, 
wohnte gegen Ende der Heidenzeit in Dörfern, von denen die meisten schon 
damals dieselben Namen hatten wie heute und auch an denselben Stellen lagen. 
Beinahe bei jedem Dorf liegt oder lag vor nicht langer Zeit der Begräbnisplatz, 
wo die heidnische Bevölkerung des Dorfes ruht. Ehe man eine allgemeine 
Übersicht über die Reste aus unserer Heidenzeit hatte, hielt man jede Ansamm- 
lung von alten Gräbern für eine Wahlstatt. Dazu sind aber diese Grabstätten 
viel zu zahlreich; auch enthalten sie Frauen- und Kindergräber. 

Urkunden aus dem frühen Mittelalter zeigen, daß Hof- und Dorfnamen 
dieselben waren w T ie jetzt, nur mit den unbedeutenden Unterschieden, die die 
Veränderung der Sprache mit sich gebracht hat. Viele von den heutigen Orts- 
namen in Schweden sind heidnischen Ursprungs, weil sie den alten Götternamen 
nachgebildet sind. Verschiedene Runensteine lassen uns auch nicht nur den 
Namen des Dorfes, sondern auch den der Besitzer wissen. So gibt Gida auf 
einem für Tordjerf Gudlögsson, ihren Ehemann, in der Nähe von Ekolsund, 
Uppland gesetzten Stein an, daß sie in »Harvistam wohnte, das ist das in der Nähe 
liegende heutige Härfvesta. Bei Runby im Kirchspiel Ed bei Stockholm steht 
ein Stein, den Ingrid ihrem Mann Ingar und ihren Söhnen Dan und Bänke 



2S2 Die Wikingerzeit. 

setzte: »sie wohnten und besaßen Land in Runby«, heißt es darauf. Von dem 
oben (S. 279) erwähnten Jarlabanke erklären fünf verschiedene Runensteine, 
daß er »allein ganz Täby besaß«. 

Ein Hof, der einsam lag oder zu einem Dorf gehörte, bestand aus mehreren 
Häusern, da man noch nicht angefangen hatte, die verschiedenen Baulichkeiten 
unter ein Dach zu bringen. Das Kirchengesetz in Uppland befiehlt gegen Ende 
des dreizehnten Jahrhunderts den Bauern, beim Neubau eines Priestergutes 
»Wohnhaus, Schlaf haus, Brathaus, Vorratskammer, Viehstall, Scheune und Korn- 
scheuer aufzuführen ■< . Das »Schlaf haus« entspricht unserem Schlafzimmer, das 
»Brathaus« der Küche und Backstube, und die Scheunen sind ja noch heute, 
wie gewöhnlich auch die Vorratskammern, Gebäude für sich. 

Von den Wohnhäusern der Wikingerzeit hat man interessante Überreste 
in dem alten Birka auf der Insel Björkö (Fig. 442) gefunden. Sie waren entweder 
eine Art Lehmfachwerk, wie die noch heute in Skäne vorkommenden »Klen- 
husen«, oder gezimmert und die Fugen mit Moos und dann mit Lehm gedichtet. 
Die Reste von den Häusern sind hauptsächlich Lehmstücke, die infolge der 
großen Hitze, der sie ausgesetzt waren, als die Häuser verbrannten, ihre Form 
beibehalten haben 1 ). 

»An der Hand dieser Reste«, heißt es in der Beschreibung der Aus- 
grabungen auf Björkö, »kann man zwei verschiedene Arten von Gebäuden 
unterscheiden: Lehmhütten und gezimmerte Holzhäuser, deren Fugen mit Lehm 
eedichtet waren. Die Reste der ersteren Art Gebäude sind Lehmstücke von 
unregelmäßiger Form, die außen gewöhnlich glatt sind, aber innen Abdrücke 
von meist etwas mehr als halbzolldicken Zweigen zeigen, und zwar einer Wei- 
denart. Danach waren die Wände eine Art Fachwerk von Zweigen, das von 
beiden Seiten mit Ton bekleidet wurde, wie es noch heute bei den skänischen 
Klenhusen der Fall ist. Die Reste der anderen Art von Gebäuden bestehen 
aus dreiseitig prismatischen Lehmstücken von 3 — 12 cm Länge, die auf der 
Außenseite deutliche Abdrücke der Finger zeigen, die den Lehm in die Fugen 
hineindrückten. Die Innenflächen zeigen oft unregelmäßige Abdrücke des Mooses, 
das zuerst in die Fugen gestopft wurde. Auf einigen Stücken sind die Ab- 
drücke so deutlich, daß man die feinsten Blätter der Moose unterscheiden kann; 
das verwendete Moos ist dasselbe, das man noch heute zu gleichem Zweck 
gewöhnlich benutzt. Auf einem Lehmstück sieht man noch deutlich den Ab- 
druck des Eichenholzes, wovon des Haus gezimmert war.« 

Von den schwedischen Wohnhäusern im letzten Teil der Heidenzeit haben 
wir allerdings keine zeitgenössischen Beschreibungen, sie waren aber ohne Zweifel 
nicht anders als die norwegischen und isländischen, die wir durch die Sagas 
besser kennen. Wir können eine solche Übereinstimmung um so eher annehmen 
als in entlegenen Gegenden unseres Landes noch vereinzelt Häuser dieser Art 
vorkommen, die sogenannten »Ryggässtugor«. 

Ein solches Haus bestand aus einem einzigen, länglich viereckigen Zimmer, 



1) Erst nach Einführung des Christentums lernte man in Schweden Ziegel brennen. 



Lebensweise. 



283 



dessen Längswände gewöhnlich unter Manneshöhe sind und weder Fenster 
noch Tür haben. Der Eingang war in dem einen Giebel entweder direkt vom 
Freien oder durch einen Vorraum, und die Fenster, wenn überhaupt vor- 
handen, saßen in dem hochaufgerichteten Dach, das auf Querbalken ruhte; 
die Zwischenräume /.wischen diesen Querbalken ließen das wenige Licht herein, 
das durch die Fenster und den Rauchfang drang. Einen eigentlichen Schorn- 
stein gab es nämlich nicht, sondern nur eine Öffnung im Dach, durch die der 
Rauch des mitten auf dem Fußboden flammenden Feuers abzog. Das Dach 
war außen mit Torf, Stroh oder Spänen bedeckt. 

War das Haus sehr geräumig und infolgedessen die Spannung zu groß, 
um das Dach in der beschriebenen Art anzubringen, so stützte man es durch 
zwei Reihen längs der Mitte aufgestellter Pfosten. Hierdurch konnte man einen 
Saal von bedeutender Größe erhalten 1 ). 

Bei Augerum in Blekinge hat man be- 



deutende Reste eines Gebäudes gefunden, X«.'" Sx Q\ 

von der Form wie Fig. 45 1 zeigt. Es war ,'/ • • • \\ 

ein 7,80 m langes und 5,50 m breites e .__ \\ 

Klenhus mit abgerundeten Ecken und mit ,, tf 

dem Eino-anff an einer Giebelseite, wo einige \'< • // 

Pfeiler ein Vordach trugen. In der Mitte \\^ ,o' 

des Gebäudes lagen eine Menge Kohlen ^-"o;--- -$>' 

von dem »Langfeuer«, das früher dort ge- 

451. Grundriß eines Wohnhauses aus der 

brannt hatte. Zwischen der Feuerstatte und ...... . a„™.„ ri^;„„» 

\\ lkingerzeit. Augerum, Blekinge. 

den Wänden hatten zwei Reihen Ilolzsäulen 

gestanden, die das Dach trugen. Man sah noch in dem hellen Boden die mit 
schwarzer Erde angefüllten Löcher dieser Säulen und der Pfosten, die das Gerippe 
der Wände gebildet hatten. Von dem Lehm, mit dem die Wände bekleidet 
gewesen, wurden viele Stücke gefunden. 

Die Fenster waren stets klein und scheinen ursprünglich nur Gucklöcher 
gewesen zu sein, die mit einem beweglichen Holzschieber versehen waren. Im 
besten Fall waren sie mit einer mehr oder minder durchsichtigen Scheibe 
bedeckt, wahrscheinlich am häufigsten aus der Membran, die das Kalb im 
Mutterleib umgibt (noch heute zu demselben Zweck in Island gebraucht). Glas- 
fenster dürften, obwohl sie den Römern bekannt waren, in der nordischen 
I leidenzeit nicht gebräuchlich gewesen sein. 

Die Wände waren auf der Innenseite gewöhnlich unbekleidet oder nur 
mit Schilden, Waffen usw. behängt. Für Festlichkeiten hatte man besondere 
lang herabhängende Teppiche, die zuweilen in kunstreichen farbigen Bildern 
gestickt waren. Noch im sechzehnten Jahrhundert gehörten solche Wandbe- 
kleidungen zu der Aussteuer adeliger Töchter, und bis in unsere Zeit haben 
solche bei großen Festlichkeiten manch schwedisches Bauernhaus geschmückt 2 ). 



1) H. Hoff, Bemserkninger om Skaalebygningen, in der Aarböger t. nord. Oldkynd., 1872, 
S. 274. 

2) Das nordische Museum besitzt mehrere solche Wandteppiche aus den letzten Jahrhunderten. 



284 



Die Wikingerzeit. 

Der Fußboden bestand, wie noch vielerorts 
heute, nur aus hartgestampftem Lehm. Er konnte 
nicht gut holzgedielt sein, solange es noch keinen 
Herd gab, sondern das Feuer frei auf dem Boden 
brannte. In Norwegen hatte man seit Ende des 
elften Jahrhunderts gemauerte Öfen und Schorn- 
steine; in Schweden kamen solche wahrscheinlich 
nicht früher vor. 

Der Hausrat war weder groß noch kostbar. 
Bänke und Betten fest an den Wänden, lange 
452. Hirsch in Gold auf Seide Tische vor den Bänken, und eine Truhe, um die 

gestickt; Boden von Silber. 
Björkö. Vi- 




Kostbarkeiten des Hauses zu verwahren; das war 




453. Bettstelle von Holz. Gokstad, Norwegen. J / 



25- 



wohl die Hauptsache, wenn nicht alles. Möbel wie unsere Sofas 

und Lehnstühle, Kommoden und ähnliches waren unbekannt. 

Stühle werden jedoch, obwohl selten, erwähnt. So sagt Odin 

in Havamal: 

»Gunnlöd gab mir 

auf goldenem Stuhle 

den Trunk des trefflichen Meths « 1 ). 

In der Stube des norwegischen Bauern, w T ie sie in den 
Sagas geschildert wird, war der Ehrenplatz des Hausvaters, 
»der Hochsitz«, in der Mitte der einen Längswand. Vorn am 
Hochsitz standen die beiden in der Heidenzeit heiligen »Hoch- 
sitzsäulen«. Daß es einen solchen Hochsitz auch in dem schwe- 
dischen Bauernhaus gab, sieht man daraus, daß der Name 
und die Sache bis in späte Zeiten fortlebte, obgleich der Sitz 
an eine der Ecken kam. 2 ) 

Die Bänke wurden nicht nur benutzt, um bei Tag darauf 

zu sitzen, sondern ursprünglich auch, um bei Nacht darauf zu . v 

' r ° 454. Bronzener 

schlafen; das war der Fall noch zu Linnes Zeit in den von Schlüssel. Gotland. 
ihm geschilderten Häusern in Smäland. In den isländischen 2/ 3 . 

1) Dieses und folgende Zitate aus der Edda sind hauptsächlich nach der Übersetzung Hugo 
Gerings (1892) angeführt. 

2) Carl Linnsei Skänska resa, pä höga Öfwerhetens befallning förrättad är 1749 (Stock- 
holm, 175 1), S. 36, Taf. I. 




Lebensweise. 



285 



Sagas werden jedoch auch besondere mit Decken oder Kissen belegte Betten 
hinter den Bänken erwähnt. Reste von Daunenkissen sind uns in einigen 
nordischen Funden aus der Wikingerzeit erhalten; in einem der Gräber auf 
Björkö lag ein solches von Seide, das auf beiden Seiten mit einem Hirsch in 
Silber bestickt war, wie ihn Fig. 452 abbildet. Im Gokstadschiff (siehe S. 264) 
fand man einige Betten (Fig. 453)- 

Vor den Bänken standen die langen schmalen Tische, also gewöhnlich 
in der Längsrichtung des Raumes und auf beiden Seiten der Feuer, die mitten 
auf dem Boden brannten. Zwischen diesen und den Tischen war noch Platz 
zum Gehen. 

Schon die Edda spricht von Kisten (Truhen). Im Lied von Wölund heißt 
es von den jungen Söhnen des Königs Nidhods, die in der Schmiede Wölunds sind: 

»Sie kamen zur Kiste, 

verlangten die Schlüssel 

und schauten hinein. 

— Da entschied sich ihr Los. 

Viel Kleinode gab's da, 

die Knaben meinten 

schimmerndes Gold 

und Geschmeide zu sehen«. 

Natürlich können wir nicht erwarten, andere Reste davon zu finden als 
die Metallteile, wie Beschläge, Schlösser und Schlüssel. Solche fand man mehrere- 
male in Schweden. Die Schlüssel aus Eisen oder Bronze haben oft dieselbe 
Form wie unsere heutigen, aber die meisten weichen von dieser Form ab 
(Fig. 454) und gleichen mehr denen, die die alten Römer benutzten. 

Sie wurden von den nordischen Hausfrauen als Zeichen ihrer Würde 
getragen. Als die Edda erzählt, wie Tor die Tracht Freyas anlegen mußte, 
um seinen von dem Riesen gestohlenen Hammer wieder zu bekommen, heißt es: 

»Da schmückten sie Tor 
mit dem Schleier der Braut 
und mit dem breiten 
Brisingernhalsband. 
Sie reichten den Ring ihm 
mit den rasselnden Schlüsseln, 
ließen Wribcrrücke 
ihm wallen ums Knie«. 

Da man in den unsicheren Zeiten der Wikingerzüge Kisten und Schlössern 
nicht genügend trauen konnte, vergrub man häufig Silber und Gold in der Erde, 
bei einem Stein oder einem anderen Merkmal, das nur der Eigentümer kannte. 
Starb er nun, ohne das Versteck mitgeteilt zu haben, so behielt die Erde ihre 
Beute; und mancher solcher Schatz ist erst in unseren Tagen, nach tausend- 
jähriger Ruhe, durch Pflug und Hacke zufällig ans Tageslicht gebracht worden. 
Es ist oft nicht unbedeutender Wert, der auf diese Weise in einem Behältnis 
aus Kupfer oder I lorn, einem Tongefäß oder ähnlichem verwahrt, gefunden 
wurde und in das Nationalmusrum gewandert ist. Meistens ist der Inhalt nur 



286 Die Wikingerzeit. 

Silber. Solche Funde wurden beinahe in allen Teilen von Schweden gremacht, am 
häufigsten in der Gegend des Mälarsees, in Skäne, auf Öland und besonders 
auf Gotland. Oft hat ein solcher Silberfund ein paar Kilogramm Gewicht oder 
noch mehr. 

Diese Silberschätze bestehen gewöhnlich aus Halsringen, Armringen und 
anderen Schmucksachen, Bruchstücken von Schmucksachen und unverarbei- 
tetem Silber, arabischen, deutschen, angelsächsischen und anderen Münzen, die 
ganz oder zerstückelt sind. 1 ) 

Von solchen aus den neunten und zehnten Jahrhunderten stammenden 
Schätzen sind so viele aus Schweden bekannt, daß nur diejenigen, welche un- 
gefähr i kg Silber oder mehr enthalten, hier genannt werden können. Sie 
wurden gefunden in: 

o 

Angermanland, bei Undrom, im Jahre 1847 ( 2 >5° kg); 

Medelpad, bei Stige, 1904 (3,09 kg); 

Helsingland, bei Torsta, 1881 (0,94 kg); 

Uppland, bei Näs, 1704 (4,33 kg), Norr-Nänö, 1781 (1,88 kg), Wenngarn, 

1789 (4,25 kg), Karlberg, 1868 (1,56 kg), und auf der Insel Björkö 

(Birka), 1872 (2,16 kg); 
Södermanland, bei Grönstorp, 1762 (0,93 kg), Ärsta, 1805 (1,15 kg), Broby, 

1816 und 1817(1,15 kg), Eskilstuna, 1833 (1,41 kg), und Wärby, 1871 

(1,45 kg, das meiste vergoldet); 
Dalsland, bei Tillhagen, 1819 (1,21 kg); 
Östergötland, bei Walby, 1847 (1,98 kg), Maspelösa, 1869 (1,06 kg), Erik- 

storp, 1875 (1,22 kg Silber und 785 g Gold), und Sten, 1894 (1,47 kg); 
Smäland, bei Horda, 1828 (1,26 kg Silber und 10,3 g Gold), und Äskedal, 

1876 (3,47 kg); 
Skäne, bei Gärsnäs, 1729 (2,72 kg), Werpinge, 1783 (1,88 kg), Grönby, 

1855 (2,75 kg), und Hurfva, 1880 (8,75 kg!); 
Blekinge, bei Johannishus, 1866 (6,22 kg!), und Gärestad 1889 (2,04 kg); 
Öland, bei Bredsätra, 1768 (1,04 kg), Öfre Wagnborga, 1775 (2,56 kg), Gröndal, 

1779(2,03 kg), Trosnäs, 1822 (ungefähr 1 kg), und Sandby, 1840 (5,88 kg); 
Gotland, bei Wible, 1739 (1,79 kg), Myrungs, 1807 (0,96 kg), Sorby, 181.2 



1) B. E. Hildebrand, Anglosachsiska mynt (1. Aufl.), S. XXVIII (Anglosachsiska myntfynd 
i Sverige). — Tornberg, Numi cufici, S. V (Loca in Suecia, ubi numi cufici reperti sunt). — 
Tornberg und H. Hildebrand, Fölhagen-fyndet (Gotland), in der Antiqv. tidskr. f. Sverige, 3 
(1870), S. 51. — B. E. und H. Hildebrand, Teckningar ur Svenska statens Historiska Museum, 
2, 1878, pl. I und 2 (Wärby in Södermanland). — H. Hildebrand, Myntfyndet frän Mölndal, 
(bei Göteborg), in Bidrag tili kännedom om Bohusläns fornminnen, 3 (1886), S. 120. — Mänadsblad, 
1877, S. 501 (H. Hildebrand, Fyndet frän Ödeshög, oder Erikstorp, in Östergötland); 1882, 
S. 97 (derselbe, Nyfunna silfverskatter) ; 1883, S. 97 (Esaias Tegner und H. Hildebrand, 
(Silfverfynd frän Botels i Hafdhem socken, Gotland); 1884, S. 53 (dieselben, Silfverfynd frän 
Grausne i Stenkyrka socken, Gotland) und 135 (B. E. Hildebrand, Tvä fynd af danska mynt frän 
ll:e ärhundradet, bei Fjelkinge und Löddeköpinge, in Skäne); 1890, S. 73 (H. Hildebrand, 
Sturköfyndet in Blekinge); 1892, S. 167 (derselbe, Näsby- och Inedals-fynden; jener Fund in Sö- 
dermanland, dieser in Stockholm gemacht). 



Lebensweise. 28/ 

(i,iokg), Petes, 1838 (2,32 kg), Tomasarfve, 1838, (2,45 Kg), Stale, 1838 
(7>33 kg!), Wamblingbo, 1839 (6)87 kg!), Lilla Klintegärda, 1842 und 1876 
(2,95 kg), Kattlunds, 1842 und 1871 (4,47 kg), Findarfve, 1843 (4,25 kg), 
Fardume, 1844 (4 kg), Gerete, 1845 (3,13 kg), Sibbenarfve, 1850 (1,07 kg), 
Utöja, 1851 (1,21 kg), Rombs, 1852 (1,36 kg), Stenstugu, 1853 (1,67 kg), 
Kvarna, 1854 (1,36 kg), Domerarfve, 1857 ( I i I 3 k g)> Botes, 1860 (3,02 kg), 
Hageby, 1861 (1,60 kg), Lilla Valla, 1863 (1,61 kg Silber und 35 g Gold), 
Lilla Wastäde, 1864 (2,05 kg), Uggärds, 1865 (1,08 kg), Roma, 1866 
(1,35 kg), Fölhagen, 1866 (4 kg Silber und 26 g Gold), Westres, 1867 
(2,95 kg), Lingsarfve, 1868 (1,23 kg), Bjerby, 1869 (1,23 kg), Buters, 
1869 (2,02 kg), Wisby, 1869 (4,55 kg Silber und 202 g Gold), Öster 
Ryftes, 1871 (2,93 kg), Nygärds, 1874 (1,92 kg), Nore, 1874 (2,10 kg 
Silber und 25 g Gold), Mannegärda, 1876 und 1900 (4,62 kg), Spillings, 
1877 und 1878 (3,82 kg), Botels, 1879 (4,42 kg), Stora Enbjenne, 188] 
(1,42 kg), Grausne, 1882— 1888 (2,38 kg), Öfvide, 1884 (1,57 kg), Eke- 
skogs, 1884 (3,76 kg), Österby, 1886 (3,82 kg), Tune, 1891 (1,22 kg), 
Myrände, 1893 (3,61 kg), Rondarfve, 1897 (1,17 kg), Botwalde, 1899 
(2,91 kg) und Asarfve, 1903 (7,06 kg!), Grötlingbo, 1904 (0,95 kg). 
Also auf dem Festlande: in 26 Funden 62,83 kg Silber; 
auf Öland: „5 » I2 ,5 T » » i 

auf Gotland: „ 47 „ 125,79 „ 

In diesen 78 Funden 201,13 kg Silber, wozu die vielen kleinen Funde 
kommen, welche zusammen ein bedeutendes Gewicht repräsentieren. 

Unter den Goldfunden aus derselben Zeit sind folgende besonders be- 
merkenswert: in Uppland, auf der Insel Björkö, unweit der Stadt Birka, 1874, 
zwei schwere Armringe, durch einen starken Golddraht verbunden (529 g). — 
Södermanland, bei Hörningsholm, 1847, zwei Armringe (379 g) 1 ). — Öster- 
götland 2 ), Skillberga, 1858, ein Armring (6 1 / g); Erikstorp, 1875, in dem 
oben erwähnten Silberschatz, sieben Armringe und eine runde Spange (Gesamt- 
gewicht des Goldes 785 g); Sten, 1894, vier Armringe (259 g); Varsten, 1900, 
ein Armring (78 g, Fig 468). — Westergötland, Tursebo, 1851, ein Armring; 
Gudhem, 1878, Bruchstück eines Ilalsringes und andere Ringe (12 19 g!). ■ 
Bohuslän, Helsö, 1868, ein Armring 3 ); Ed, 1881, ein Armring (62 g). — 
Hailand, Eldsberga, 1862, ein Armring (103 g). — Skäne, Fjerrestad, 18 
ein Armring (106 g) 4 ); Fosie, 1846, ein Armring; Houf, 184S, ein Armring; 
Fjelkestad, 1857, ein Halsring (171 g); Östra Torp, 1868, in einem Silberschatz, 
zwei Armringe (147 g Gold) 5 ); Husie, 1883, ein Armring. - Blekinge, auf 
der Insel Ytterön, 1829, vier Armringe (217 g); bei Hörby, 1866, ein Armring 
(104 g); Yxnarum, 1902, in einem Silberschatz (621 g Silber), ein Armring aus 
Gold. — Öland, Norra Möckleby, 1868, Mittelstück eines Hals- (oder Arm- 
ringes; Köping, 1869, ein Armring. — Gotland, Hamra, 1S35, drei Amin: 

IJ (Hörningsholm) Abgebildet in Antiqu. sucd., Fig. 600. — 2) (östergötland) Sv. Fornm.- 
furUidskr., Bd. 12, S. 23—33. — 3) (Helsö) Vntiqu. sued., Fig. 603. — 4) (Fjerrestad) Ebenda, 
Fig. 608. — 5) (Ö. Torp) Ebenda, Fig. 602. 



288 



Die Wikingerzeit. 



(261 g); Dinese, 1836 und 1840, drei Armringe (144 g) 1 ); Norrgärda, 185 1, 
ein Armring (99,3 g); Hulte (im Kirchspiel Hemse), 1858 und 1859, zehn Gold- 
brakteaten 2 ); Ringome, 1869, elf Brakteaten 2 ); Wisby, 1869, in dem oben er- 
wähnten Silberschatz, zwei Armringe (202 g Gold); Stora Tollby, 1878, sechs 
Goldbrakteaten 2 ) (und zwei römische Denare aus dem zweiten Jahrhundert); 
Hulte (im Kirchspiel Hemse), 1891 und 1894, zwei Armringe (148 g); Dalhem, 
1894, dreizehn Brakteaten (das Gold mit vielem Silber legiert) 2 ); Björke, 1896, 
achtzehn Brakteaten aus Gold, Silber und Bronze 2 ) nebst zwei Armringen aus 
Silber und einigen arabischen Münzen. 

Daß diese Schätze — wie diejenigen der älteren Periode (S. 180 und 218) — 
der Erde übergeben wurden, beruht jedoch nicht nur auf der Unsicherheit der 
Zeit. 3 ) Ein anderer Grund mag oft der Glaube gewesen sein, daß vergrabenes 

Gut dem Eigentümer nach dem Tode 
zu Nutze komme, wie es Oden in der 
Ynglingasage seinen Mannen lehrt. Den- 
selben Glauben — der übrigens bei den 
Schweden nicht ganz ausgestorben ist 4 ) 
— findet man auch bei anderen Völkern, 
so z. B. bei den Lappen. 5 ) 

Noch heute ist im Norden die Vor- 
stellung nicht ganz ausgestorben, daß 



solche vergrabene Schätze von ihren 
einstigen Herren bewacht werden. So 
wird nach dem Volksglauben in Wärend 
der Mann, der heimlich Güter ver- 
graben hat, nach dem Tode ein Wurm 
oder Drache, der auf dem Schatz liegt 6 ); 
eine Frau sitzt darauf als große schwarze 
Henne. Verbreitet ist auch der Glaube, 
daß es an den Stellen leuchte, wo versteckte Schätze liegen; ein Irrwahn, der 
zur Zerstörung von unzähligen Grabhügeln Veranlassung gegeben hat, deren 
unzerstörter Inhalt freilich ein Schatz für die Wissenschaft hätte sein können. 
Als Schutz und Zufluchtsort bei feindlichen Einfällen sind die meisten 
der aus der Heidenzeit stammenden Burgen errichtet worden, die sich auf Berg- 
höhen in verschiedenen Landesteilen befanden, so besonders an den Ufern und 




j intter 

455. Plan der Stenby Burg auf der Insel 
Tosterön in Mälaren. 



1) (Dinese) Antiqu. sued., Fig. 601. — 2) (Hulte, Ringome, St. Tollby, Dalhem und Björke) 
Die meisten Brakteaten sind unseren Fig. 487 und 488 ähnlich. 

3) Auch in den letzten Jahrhunderten hat man in verschiedenen europäischen Ländern während 
Kriegszeiten seine Kostbarkeiten in die Erde versteckt. 

4) O. Almgren, En sen kvarlefva af en forntida tro, in der Sv. Fornm.-för s tidskr., Bd. 10, 
(1899), S. 229 (vgl. S. 312). 

5) Als man einen Lappen fragte, weshalb er sein Geld vergrabe, antwortete er: »Wenn mein 
Geld anderen in die Hände fällt, wovon soll ich im Totenland leben?« 

6) G. O. Hylten-Cavallius, Wärend och Wirdarne, 1 (Stockholm, 1863), S. 461. 



Lebensweise. 



289 



auf den Inseln des Mälarsees (Fig. 45 5) l ). Ihre mächtigen Mauern sind aus 
unbehauenen Steinen, oft von bedeutender Größe, die lose aufeinander liegen, 
aufgetürmt und waren nicht mit Mörtel verbunden: eine erstaunliche Arbeit, da 




456. Glasgefäß. Björkö. i/j. 

die erforderlichen Steine oft weither und steile Berge hinauf geschafft werden 
mußten. Solche Burgen umschließen oft einen ganz bedeutenden Flächenraum. 
Manchmal sehen wir noch innerhalb dieser Burgen Anlagen von Häusern, die 
denen, die sich in der Burg aufhielten, Unterkunft boten. 









457. Silberschale, mit Bodenornament und Durchschnitt. 
Rand und Boden vergoldet. Gotland. * .,. 

Auf Öland gibt es ebensolche Burgbauten, aber nicht auf Anhöhen, 
sondern im Flachland. Die Form dieser Burgen war kreisrund oder oval, die 
Größe oft bedeutend, und Reste der Wohnhäuser sind nicht selten noch zu 



1) Sv. Fornm.-fnrs tidskr., Bd. I, S. 93, und Bd. 10, S. 297. Vgl. A. Erdmann, Bidrag 

tili kiinnedomen om Sveriges qvartiira bildningar (Stockholm, 186S). 

Montclius, Kulturgeschichte Schwedens. ig 



290 



Die Wikingerzeit. 



sehen. Die besterhaltene ist die Ismanstorp-Burg bei Folkeslunda, im Kirchspiel 
Länglöt. Die Mauern aus Granitplatten und Kalksteinfliesen sind fest, obwohl 
kein Mörtel vorhanden ist. Sie sind an den unbeschädigten Stellen 3,5 m 
hoch und 3 m dick. Verschiedene Tore führen in das 
Innere, das einen Durchmesser von nicht weniger als 
124 — 127 m hat. Grundmauern zahlreicher Wohnhäuser 

sind noch in dieser Burg sicht- 
bar. Ob die öländischen 
Burgen jedoch aus der Wi- 
kingerzeit stammen, ist un- 
sicher; wahrscheinlich sind 
sie älter. 1 ) 

458. Tongefäß, glasiert. * ;f . :i: 

Gotland. l / 2 . 






459. Tongefäß. Björkö. 1 / 3 . 



460. Löffel aus Eichhorn. Björkö. */,. 



Wir kehren nun zu den eigentlichen Wohnungen zurück. An den langen 
Winterabenden waren die Hütten oder Hallen hauptsächlich vom Herdfeuer 
beleuchtet oder von Wandfackeln aus trockenen harzhaltigen Fichtenspänen. In 
einer Zeit, in der weder gelesen noch geschrieben wurde, brauchte man keine 
so gute Beleuchtung wie heute. Einige merkwürdige Funde haben indessen 



1) Über Burgen auf Gotland, siehe: F. Nord in, Om Gotlands fornborgar, im Mänadsblad, 
1881, S. 97. 



Lebensweise. 



29I 



gezeigt, daß wenigstens gegen Ende des Zeitraums, den wir betrachten, Wachs- 
kerzen im Norden nicht ganz unbekannt waren. Feuer schlug man mit Stahl 
und Feuerstein. An den Kanten sehr zerschlagene Feuersteinstücke und Feuer- 
stahl wurden gelegentlich in den Gräbern jener Zeit gefunden. 

Von dem Hausgerät in den letzten Jahrhunderten der Heidenzeit können 
wir uns mit Hilfe der Funde und der Sagas eine Vorstellung machen. Insbe- 
sondere sind eine große Menge Gefäße verschiedenster Art bis heute gut erhalten 
geblieben. Kochtöpfe waren gewöhnlich aus gebranntem Ton, Topfstein oder 
Eisen. Letztere wurden aus mehreren kleinen aneinander genieteten Eisen- 
platten gemacht, da die Kunst, Eisen zu gießen, noch nicht bekannt war. 
Noch zahlreicher indessen als Kochgefäße sind Trinkgefäße, meistens aus Holz 
oder gebranntem Ton, seltener aus Glas (Fig. 456) oder Silber. Die Tongefäße 
sind unglasiert; äußerst selten findet man ein glasiertes Gefäß aus dieser Zeit 
(Fig. 458). Daß feinere Tongefäße schon ab und zu aus fremden Ländern ein- 
geführt wurden, sieht man an einigen deutschen Kannen aus gebranntem Ton 
mit Griff und Ausguß, die in Gräbern auf Björkö gefunden wurden (Fig. 459). 
Das Nationalmuseum besitzt auch eine schöne Silberschale mit Tierverschlingungen 
auf dem Boden und um die Kante, die durch ihre vollständige Übereinstimmung 
mit denen der Runensteine zeigen, daß die Arbeit schwedisch ist (Fig. 457). 

Das gewöhnlichste Trinkgefäß war aber das Hörn, »von des Ures Stirn ge- 
brochen«, das schon in der älteren Eisenzeit, wie wir sahen (S. 189), allgemein 
gebraucht wurde. Auf Oland hat man mit anderen Silbersachen und Münzen aus 
dieser Zeit ein kleines Silberbild gefunden, eine Frau vorstellend, die ein Trink- 
horn darreicht (Fig. 539). Wir lesen in den Sagas, daß es in der YYikingerzeit 
Sitte war, das die Töchter des Hauses den trinkenden Männern das Hörn reichten. 

Während der Mahlzeiten waren, wenigstens bei den Reichen, die Tische 

mit Tüchern bedeckt, wie wir in dem Eddaliede Rigsmäl aus der Schilderung 

von Heimdals Besuch in dem Hause, wo der Stammvater der Jarle später 

geboren wurde, erfahren: 

Modir nahm nun 

ein gemustertes Tuch 

von hellem Leinen 

und hüllte die Tafel; 

dann trug sie flache 

Fladen herbei 

von lichtem Weizen 

und legt' sie aufs Tuch. 

Ferner brachte sie 
volle Schüsseln, 
mit Silber bezogen, 
und besetzte den Tisch, 
auch braunen Speck 
und gebratene \ >gel; 
in der Kanne war Wein, 
die Kelche versilbert. 
Sie tranken und schwatzten, 
der Tag ging sur Küst' 



292 



Die Wikingerzeit. 



Die Schüsseln und Teller, auf denen die Speisen vorgesetzt wurden, waren 
wohl gewöhnlich nur von Holz und ganz kunstlos, wenn auch zuweilen, wie in 
den eben vorgeführten Versen, solche erwähnt wurden, die wenigstens zum 
Teil aus Silber waren. In den schwedischen Funden aus der Wikingerzeit hat 
man keine solche Gefäße getroffen. Zinnteller waren noch unbekannt hier. Die 
Speisen wurden mit den Messern gegessen, die jedermann im Gürtel bei sich 
führte. Gabeln sind erst eine Erfindung späterer Zeit; in der heidnischen Periode 

verrichteten die Finger deren Dienst, weshalb man 
sich denn auch im Norden — wie im homerischen 
Griechenland — vor und nach der Mahlzeit die 
Hände wusch. Die Löffel waren von Holz, Hörn 
oder Knochen {Fig. 460); silberne Löffel hat man 
in den schwedischen Funden aus heidnischer Zeit 
noch nicht angetroffen. 

Uns ist es freilich nicht leicht, uns vorzustellen, 
wie sich das Leben zu einer Zeit gestaltete, in der 
man weder Kartoffeln, noch Kaffee, Tee, Zucker, 
noch die südlichen Gewürze kannte. Aber man 
hatte anstatt der Kartoffeln Brot, Milch an Stelle 
von Kaffee und Tee, Honig anstatt Zucker; und die 
beste Würze ist und bleibt schließlich der Hunger, 
der der harten Arbeit folgt. Außer den Erzeugnissen 
des Ackerbaues und der Viehzucht gab es reich- 
lich Wild, und verschiedene Funde beweisen uns, 
daß man schon Gänse und Hühner hatte. 

Snorre Sturlesson erzählt von dem norwegi- 
schen König Sigurd Syr in Ringerike, Olaf des 
Heiligen Stiefvater, daß man in seinem Haus ab- 
wechselnd am einen Tage Fisch und Milch, am 
andern Fleisch und Bier bekam. Ein teureres Getränk 
war der Met, der nur bei minder gewöhnlichen 
Gelegenheiten auf den Tisch kam. Um ihn be- 
rauschender zu machen, wurden ihm zuweilen ge- 
wisse Kräuter zugesetzt. Der Wein war nicht un- 
bekannt, scheint aber sehr selten getrunken worden zu sein. 

»Gastlichkeit«, sagt Adam, ^zeichnet die Nordländer in hohem Grade 
aus, aber besonders die Schweden, denn ihnen gilt nichts als größere Schande, 
als einem Reisenden gastliches Dach zu verweigern. Ja sie streiten sich sogar 
um das Vorrecht, den Gast aufzunehmen. Alles was Menschenliebe bieten kann, 
wird einem solchen erzeigt, und wenn derselbe bei ihnen so viele Tage zuge- 
bracht hat, wie er selber für gut befindet, empfehlen sie ihn an ihre Freunde 
von einem Ort zum anderen«. 




461. Wollener StofY mit Stickereien. 
Dänemark. ] /„. 



Lebensweise. 



293 




462. 



Moderner Webstuhl von den Färö-Inseln. 1 / w . 



Über die Tracht der Nordländer in den letzten Jahrhunderten des Heiden- 
tums geben uns die Eddalieder, die Sagas und die Funde ziemlich vollständige 
Auskunft. Die Edda, noch mehr aber die Erzählungen der Sagen 
dürfen jedoch in dieser Beziehung nur mit großer Vorsicht benutzt 
werden, da sie einige Jahrhunderte später niedergeschrieben sind, 
und sich die Kleidung, besonders bei den Wohlhabenden, inzwischen 
geändert hatte, weshalb es manchmal schwer zu sagen ist, ob der 
Verfasser eine treu erhaltene Tradition aufgezeichnet hat, oder ob er 
seine Helden nach der Mode späterer Zeiten kleidet. Einer solchen 



1 1 







Ungewißheit unterliegen Abbildungen und Funde aus derselben 
Zeit nicht. 

Verschiedene Funde zeigen, daß außer Fell und Pelzwerk 
auch Wolle, Leinen und Seidenzeug von den Nordländern in der 
Wikingerzeit getragen wurden. Seidenstoffe waren aber natürlich 
selten und kostbar. Im Rigsmäl lesen wir, wie der neugeborene 
Jarl in Seide gehüllt wird, und in einem dänischen Grab aus jener sch J wcrl 
Zeit fand man Seidengewebe mit Silber und Gold durchwirkt, nebst Wallfisch- 
einem Mantel aus Wolle mit Stickereien, die Menschengesichter, —-' \? r 
Löwen und Blattranken vorstellen (Fig. 461). 

Wolle und Leinengewebe waren im allgemeinen Gegenstände des ein- 
heimischen Hausfleißes. Die Funde aus jener Zeit enthalten auch oft Reste von 
den dabei verwendeten Gerätschaften, die aus Stein oder Metall waren. So 



294 



Die Wikingerzeit. 



hat man Spinnwirtel gefunden, Flachshecheln und die Gewichte, mit denen 
der Aufzug auf dem Webstuhl straff gehalten wurde. Der Spinnrocken, der 
jetzt in den Städten oft nur als ein Andenken an den Hausfleiß verganeener 
Zeiten gilt, war damals im Norden wahrscheinlich noch unbekannt 1 ). Man 
gebrauchte an seiner Statt Spindeln, wie schon in der älteren Eisenzeit (S. 177), 
und wie sie die Frauen in entlegenen Ortschaften Schwedens noch im letzten 
Jahrhundert benutzt haben. 

Auf Björkö und anderswo fand man Spinnwirtel von Bernstein aus der 
W'ikingerzeit, was schließen läßt, daß damals wie später auch reichere Frauen 
selbst spannen. 

Der Webstuhl hatte, wie viele noch später im Norden benutzte (Fig. 462), 
hängende, nicht wagrecht liegende Kettenfäden. Auf einem solchen Webstuhl 

konnte man leichter als auf den heute gebräuchlichen Zeug 
mit komplizierten Mustern und verschiedenen Farben weben; 
unsere Maschinen sind aber zeitsparender. Die Fäden 
wurden mit einem solchen schwertähnlichen, dünnen Stück 
Holz oder Knochen wie Fig. 463 zusammengedrückt. 

Die Tracht des Mannes bestand in der Hauptsache aus 
denselben Stücken wie heute: Hemd, Schuhe, Strümpfe, 
Hosen, Rock (eine Art Kittel), der mit einem Gürtel zu- 
sammengehalten wurde, darüber ein Mantel und auf dem 
Kopf eine Mütze oder ein Hut. Diese verschiedenen Kleidungs- 
stücke, oft in grellen Farben, hatten im allgemeinen dieselbe 
Form wie jetzt. Doch scheint der Rock vorn nicht ganz 
offen gewesen zu sein, wie unsere jetzt üblichen Röcke; er 
glich eher einer langen Bluse. Der Mantel wurde von einer 
Spange zusammengehalten. 

Allerdings sind diese Angaben aus isländischen Schriften 
entnommen, aber daß sie auch für Schweden gelten, zeigt sich 
unter anderem durch die Abbildungen von schwedischen 
Kostümen, die man auf mehreren Runensteinen aus jener 
Zeit sieht (Fig. 464). 
Um ein lebendigeres Bild von der Tracht in der Zeit, mit der wir uns 
jetzt beschäftigen, zu geben, teilen wir hier die Beschreibung des Anzugs von 
dem oben erwähnten König Sigurd Syr mit, als er im Herbst 10 14 auf seinen 
Äckern ging, um die Korneinfuhr zu überwachen, und als ihn sein Stiefsohn Olaf 
Haraldsson, später »der Heilige« genannt, besuchte. »So wird erzählt von seiner 
(Sigurds) Ausstattung«, erzählt Snorre, »daß er einen blauen Rock trug und 
blaue Hosen, hohe Schuhe an den Beinen festgebunden, einen grauen Mantel 
und einen grauen Hut, einen Schirm um das Gesicht und in der Hand einen 
Stab, der oben mit einem vergoldeten Silberknopf versehen war, in dem ein 
silberner Ring saß«. Um nun seinen Stiefsohn würdig zu empfangen, »ließ er sich 

1) In der Edda kommt das Wort »Rocken« einmal vor, aber es kann später interpoliert 
worden sein, da dieser Gesang wohl erst im Mittelalter niedergeschrieben wurde. 




464. Bild auf einem 

Runenstein. Öster- 

götland. 



Lebensweise. 



295 



seine Schuhe ausziehen, und 
zog über seine Fül.je lange 
Korduanstrumpfhosen und 
band vergoldete Sporen an; 
dann nahm er Mantel und 
Rock ab und zog ein kost- 
bares Kleid an, nahm dar- 
über einen Scharlachmantel, 
umgürtete sich mit einem 
schmuckreichen Schwert, 
setzte einen vergoldeten 
Helm auf und bestieg sein 
Pferd, das einen vergoldeten 
Sattel und ein ganz vergol- 
detes Zaumzeug mit Schmelz- 
steinen (Email) hatte«. Der 
Zaum war also von der- 
selben Art, wie der in einem 
Wendelgrab gefundene (Fig. 
409). 

Die Kleidung der Frauen 
scheint der der heutigen Bäuerinnen ähnlich gewesen zu sein. 

Ein Besuch in dem an kostbaren Andenken an die Wikingerzeit be- 
sonders reichen Nationalmuseum zu Stockholm bestätigt durchaus die alten 
Erzählungen der Sagas über den Luxus und die Pracht, welche die Bewohner 
des Nordens, Männer wie Frauen, vor tausend Jahren zu entwickeln verstanden. 




465. Halsring von Silber. Gotland. */« 




466. Halsring von Silber. Östergötland. ' , 2 . 



296 



Die Wikingerzeit. 




467. Armring von Silber. Gotland. 1 / 1 . 



Man sieht dort prunkende und meist recht geschmackvoll gearbeitete Broschen 
und Spangen aus Silber und Bronze, letztere oft vergoldet oder mit Platten und 
Schnüren von Gold oder Silber belegt; Halsringe und Gürtel aus massivem 
Silber; Armringe und Fingerringe aus Gold und Silber, massiv und erstere 
zuweilen sehr schwer; Ketten und Hängeschmuck für Hals und Brust aus Gold, 
Silber und Bronze; große prächtige Perlen aus Silber, Glas, Glasmosaik, Berg- 
kristall, Karneol, Bern- 
stein und ähnlichem 1 ); 
Kämme aus Bein oder 
Hörn und vieles andere 
(Fig. 465—507). 

Diese manigfaltigen 
Schmucksachen sind 
aber nicht nur deshalb 
wertvoll, weil sie uns 
die Prachtliebe unserer 
Vorfahren zeigen, sie 
sind noch wichtiger, da 
sie beweisen, daß unsere 
Vorfahren, diese von 
Europas übrigen Völ- 
kern so gefürchteten 
Heiden, nicht allein als 
wilde Krieger ange- 
sehen werden dürfen, 
sondern auch als wohl- 
erfahren in den Künsten 
des Friedens. 

Wohl gab es eine 
Zeit, da man erklärte, 
daß alle von irgend- 
welcher Kunstfertigkeit 
zeugenden Altertümer, 
die in schwedischer Erde 
gefunden wurden, von 
den Wikingern aus frem- 
den Ländern als Beute 
heimgeführt sein sollten. 
Die geduldige Forschung unserer Zeit hat aber an den Tag gelegt, daß die 
Mehrzahl auch der bestgearbeiteten Schmucksachen Erzeugnisse des heimischen 
Kunstfleißes sind, und wir haben jetzt sogar Anlaß uns zu wundern, wie wenige 
solche Gegenstände man in der Tat in Schweden gefunden hat, die man als 

1) Aus dem Süden importierte Schnecken kommen in einigen Funden aus dieser Periode, wie 
aus den älteren Zeiten, vor (Fig. 489). 




468. Armring von Gold. Östergötland. l /t. 



Lebensweise. 



297 



von den Wikingern aus West- 
europa heimgeführt betrachten 
kann. Wenn wir die Münzen vom 
zehnten und Anfang des elften 
Jahrhundertes ausnehmen, bleibt 
nicht viel, was an die häufigen 
Besuche in England, Frankreich 
und in den anderen auf den west- 
lichen Heerzügen von den Nord- 
männern geplünderten Ländern 
erinnert. Die Erklärung dieser 
unerwarteten Erscheinung ist wohl 
teils darin zu suchen, daß uns 
nur wenig vom Eigentum unserer 
Vorfahren überkommen ist, teils 
darin, daß ein großer Teil der 
Gegenstände von Metall, die mit- 
gebracht wurden, im Laufe der 
Zeiten hier umgearbeitet worden 
ist. Dazu kommt, daß viele Wi- 
kinger in der Fremde blieben, 
und daß manches zurückkehrendes 
Wikingerschiff untergegangen oder 
mit aller Ladung die Beute eines 
stärkeren Feindes geworden ist. 




472. Goldring. Skäne. 1 /i. 

Natürlich können wir hier 
nicht näher untersuchen, welche 
Sachen aus jener Periode ein- 
heimische Arbeiten und welche 
eingeführt sind. Wir wollen nur 
einige Worte über die Werk- 
zeuge sagen und über andere 
die einheimische Arbeit beleuch- 
tende Sachen, die man in Schwe- 
den und den anderen nordischen 
Ländern fand. 




469 und 470. Halsring und Armring von Silber. 
Helsingland. '/ a . 








471. Armring von Silber. Gotland. l /i- 




473. Armring von Silber: mit Detail. Gotlaml. l 1. 



298 



Die Wikingerzeit. 



In den Grabhügeln aus der Wikingerzeit sind Ambosse, Hämmer verschie- 
dener Art, Zangen, Feilen, Pfriemen, Bohrer, Äxte, Messer, Hobel, Schabeisen, 
Sägen und Wetzsteine nicht selten (Fig. 508, 511 und 512). Die größeren 
Ambosse waren von Stein, die kleineren von Eisen (Fig. 513). Außer verschie- 
denen Werkzeugen sehen wir auf den »Sigurdzeichnungen« in Södermanland, die 
wir in folgendem näher beschreiben werden, auch Blasebälge abgebildet. 

Unter den bedeutenderen hierher gehörigen Funden können wir besonders 
einen aus dem Kirchspiel Eke auf Gotland anführen, der im Nationalmuseum 
zu Stockholm aufbewahrt wird. Bei Anlegung eines Grabens fand man dort 
eine größere Zange, zwei große Gewichte und einen starken Haken, wahr- 




477- 



481. 



4S2. 



4S3. 



484. 



474 — 484. Perlen und Hängeschmuck von Silber. Gotland (475 und 476, Helsingland). i/i. 



scheinlich von einer Wage, alles aus Eisen, zwei kleine Formen aus Bronze 
zum Pressen oder Gießen von Zieraten, drei noch zusammenhängende kleine 
Spangen aus Bronze (Fig. 496), die in einer Form gegossen und offenbar noch 
ganz in derselben Verfassung waren, wie sie die Form verlassen hatten, 
und verschiedene andere Spangen, Schlüssel usw. aus Bronze und Eisen, von 
denen einigfe abgenützt sind und wahrscheinlich zum Umarbeiten bestimmt waren, 
während andere erst halbfertig und also wie die drei ersterwähnten Spangen 
als Probe der Kunstfertigkeit des Schmiedes betrachtet werden können, der aus 
unbekanntem Anlaß diese Sachen vergrub. Dabei ist der Umstand- wichtig, daß 
der Hof, auf dem alles dieses sich befand, Smiß heißt, was der Hof des Schmiedes 
bedeutet. Wahrscheinlich hat der Hof seinen Namen daher bekommen, daß 
ein oder mehrere Schmiede, Sohn auf Vater, dort gewohnt haben. 



Lebensweise. 



>99 





485. Hüngeschmuck von 
Bronze. Helsingland. '|i. 



4S6. I hingeschmuck von 
vergoldetem Silber. 
Södermanland. */i. 




487. Goldbrakteat. Gotland. 1 |i. 






/« ; 




y 






j5- KX 



488. Goldbrakteat, mit Filigran- 
verzierungen. Gotland. */i. 




489. Cyprsea Melonostoma, 
mit Bronzering. Gotland. *fi. 




1) Montelius, Om de ovala sj 
bucklorna, im Mänad.-bhul, i s ;; u. ' s 77 



1 iland. ' 1. ] 



300 



Die Wikingerzeit. 



Was das Rohmaterial betrifft, so müssen wir wohl annehmen, daß Gold, Silber 
und Bronze aus fremden Ländern eingeführt wurden. Man hat auch mehreremale 
in der schwedischen Erde kleine Stangen oder Barren von Silber und Bronze 
(Kupfer und Zinn oder Zink) aus dieser Zeit gefunden, offenbar in dem Zustand, 
wie sie der Handel brachte. Aber unsere Vorfahren verstanden schon selbst aus 
dem Sumpferz das Eisen auszuschmelzen. Dahingegen findet man keine Spuren, 

daß man vor Einführung des 



Christentums begonnen hat, 
die schwedischen Eisengruben 
zu bearbeiten. 

Um das Sumpferz zu 
schmelzen, hatte man zu jener 
Zeit wahrscheinlich nur das- 
selbe Verfahren, das noch in 
spätesten Zeiten im oberen 
Dalarne und Härjedalen be- 
nutzt wurde, und das bis 
heute in Finnland und im 
Innern Rußlands fortbesteht. 
In kleinen Gruben oder Öfen 
Fig. 25 3) aus Stein oder Lehm 
wird das Erz mit Hilfe ein- 
facher Blasebälge zu kleinen 
Luppen niedergeschmolzen. 
Vielerorts in Schweden hat 
man in Gräbern aus der Wi- 
kingerzeitSchlackestücke und 
Eisenklumpen gefunden, An- 
denken an diese alte Eisen- 
verarbeitung. 

»Schmied« hieß zu jener 
Zeit jeder Mann, der sich 
auf Metallbearbeitung ver- 
stand. Die Sagen erwähnen wohl die Zwerge als besonders geschickt im 
Schmiedehand werk, aber sie sprechen auch von Menschen, die als Schmiede 
in gutem Ansehen standen. Beweis dessen ist das eddische Lied von Wölund 
(dem deutschen Wieland), und einer der freigeborenen Bauernsöhne in der 
Rigsmäl wird Schmied genannt, ein Name, der auch oft auf Runensteinen vor- 
kommt. Die isländischen Sagen erwähnen sogar mehrere Könige und andere 
mächtige Männer, die selbst verstanden, ihre Waffen zu schmieden. Des be- 
rühmten Egils Vater Skallagrim, einer der vornehmsten Isländer seiner Zeit, 
stand selbst in seiner Schmiede und »hämmerte das Eisen«. 

Gewöhnlich ist man allzusehr geneigt, unseren Vorvätern eine ganz aus- 
schließliche Vorliebe für die lockenden Abenteuer und die leichte Beute der 




491. Bronzespange. Üland. i / l . 



Lebensweise. 



30I 



Wikingerzüge zuzuschreiben, und man stellt sich gern vor, als hätten sie die 
ruhigen Beschäftigungen des Friedens durchaus verachtet und nur ihren Sklaven 
überlassen, die unwürdig waren, Waffen zu führen. Eine solche Vorstellung 
widerspricht indessen ganz bestimmt dem, was wir von dem Leben in der 




492. Zwei Spangen aus vergoldeter Bronze, mit Kette von Perlen aus Karneol, 
Bergkristall und Glas. Uppland. 1 / s . 



Wikingerzeit wissen. Es genügt die Schilderung der Edda von der Beschäftigung 

des freigeborenen Kauernsohnes anzuführen: 



»Zu wachsen begann er 
und wohl zu gedeihen, 
er zähmte Ochsen 
und zimmerte Ptliige, 
stellte Häuser 
und Ställe her, 
Lastkarren baut er 
und lenkte den 1 (aken . 



302 



Die Wikingerzeit. 




Snorre erzählt auch von dem schon erwähnten König Sigurd Syr, daß 
die Kunde von Olafs Heimkehr den König draußen auf dem Acker traf, wo 
er »viel Leute hatte, von denen einige das Korn schnitten, andere es in Garben 
banden und zur Scheune brachten. Der König und zwei Mann mit ihm gingen 
auf dem Acker dahin und dorthin, wo das Korn eingebracht wurde«. Diese 

und viele ähnliche Züge be- 
weisen, wie sehr die Arbeit 
in Ehren gehalten wurde. 
Damals wie heute 
rechneten Ackerbau und 
Viehzucht zu den wichtig- 
sten Produktionszweigen. 
Wie wir früher sahen (siehe 
S. 14), gab es schon mehr 
als dreitausend Jahre vor 
dem Ende der Heidenzeit 
beinahe alle Haustiere in 
Schweden, die noch heute 
die wichtigsten sind: Hun- 
de, Pferde, Rinder, Schafe, 
Ziegen und Schweine. Daß es an Federvieh Gänse und Hühner gab, wurde 
schon erwähnt. Das Leben in den »Viehbuden« (Fäbodar) oder Sennhütten 
von Dalarne und Norrland ist wohl noch in unseren Tagen im wesentlichen 
dasselbe wie vor tausend Jahren, in gleicher Einfachheit und Frische und 

gleicher Einsamkeit, welche die poetische, etwas 
schwärmerische Gemütsbeschaffenheit erzeugt, der 
das Volkslied so beredten Ausdruck gegeben hat. 
Bienen züchtete man schon in der heidnischen 
Zeit; der Honig wurde unter anderem zur Bereitung 
des Mets gebraucht. Einigemale hat man auch 
in nordischen Gräbern aus dem letzten Teil der 
Heidenzeit Wachs gefunden. Mit Einführung des 
Christentums wurde die Bienenzucht wegen des 




493. Bronzespange, von zwei Seiten gesehen. Uppland. J /i. 




494. Bronzespange. 1 ) Wester- 
götland. 1 /i. 



großen Bedarfes der Kirchen an Wachskerzen 
noch wichtiger. 

Das gewöhnliche Getreide der Wikingerzeit war die Gerste; außerdem 
wurden Hafer, Roggen und Weizen gebaut. In der Rigsmäl werden »dünne 
Brote weiß von Weizen« erwähnt. Mißwuchs und Hungersnot traf nicht selten 
ein, und das kräftigste Mittel dagegen suchte man in noch reicheren Opfern für 
die erzürnten Götter. Half nichts anderes mehr, so griff man zu Menschenopfern; 
und wir wissen, wie die Ynglingasage erzählt, daß die Svear nach mehrjähriger 
andauernder Mißernte ihren König opferten. 



1) H. Hildebrand, Djurformade spännen, im Mänadsblad, 1896, S. 132. 



Erwerbszweige. 



303 



An Ackerbaugeräten aus jener Zeit haben wir nicht mehr viel. Doch hat 
man außer den Äxten auch einigemale Pflugscharen, Sicheln und Sensen ge- 
funden (Fig. 509, 510 und 514); letztere glichen den heute gebräuchlichen. 

Das Getreide wurde mit Dreschflegeln gedroschen und in Handmühlen 
gemahlen; das war, wie wir unter anderem aus der Sage von Frode ersehen, 




495. Spange von vergoldetem Silber; mit Details. Skane. l |i. 



die Arbeit der Sklavinnen. Die ältesten und einfachsten Mühlen waren flache 

Steine mit einer ovalen Vertiefung zum Zerdrücken des Getreides (siehe S. 14 : 

sie wurden wahrscheinlich immer noch verwendet. Aber auch rotierende 

Mühlsteine wie die unserigen, wenn auch kleiner, waren in Gebrauch; und daß 

man gegen Ende der Heidenzeit eine 

Art besser eingerichteter Handmühlen 

kannte, wird in dem eddischen Lied von 

Helge dem Hundingstöter angedeutet, 

welches erzählt, wie Helge, um seinen 

Feinden zu entgehen, die Kleider einer 

Magd anzog und Getreide zu mahlen 

begann. Fr tut das so, daß »die Steine 

bersten und die Kufe springt , weshalb 

einer seiner Feinde sagt: 

»Mich dünkt es zienn- 
für diese Hand 
sich der Schwertgriff mehr 
als die Müblenstange 




ngen auf einmal g< gössen. 
Gotland. »L 



304 



Die Wikingerzeit. 



Wassermühlen wurden von den Römern schon in der Kaiserzeit ange- 
wendet, aber wir wissen nicht, ob sie vor Einführung des Christentums in 
den Norden kamen. In unseren ältesten Pergamenturkunden werden sie allerdings 
erwähnt, aber diese Schriften sind beinahe zweihundert Jahre jünger als der 





497. Silberspange (Filigran), mit einer 
Glasperle und zwei Silberketten. Öland. !/i. 



498. Silberspange (Filigran). 
Gotland. !/i. 




499. Silberspange mit aufgenieteten Tierbildern. Helsingland. 1 /i. 



Untergang des Heidentums in unserem Land. Windmühlen sind wahrscheinlich 
eine neuere Erfindung; soweit wir wissen, werden dieselben in Schweden zuerst 
im vierzehnten Jahrhundert erwähnt. 

Von der Gartenkultur in der Wikingerzeit wissen wir wenig; sie dürfte 
wohl nicht hoch gestanden haben. Erst hinter den stillen Klostermauern des 



Erwerbszweige. 



305 




500. Bronzespange. Gotland. 1 f i . 



Mittelalters kam sie zu Ehren. Die Sage von 
Iduns Äpfeln zeigt jedoch, daß diese Frucht 
auch in der Heidenzeit bekannt war 1 ); in 
einem der Eddalieder sagt Frö's Diener Skirnir 
zur Riesentochter Gerd: 

»Elf Äpfel hab' ich 

aus eitel Gold, 

die will ich dir geben, Gerd, 

das Bekenntnis zu kaufen, 

daß dir keiner von allen 

Lebenden lieber als Frö«. 

Auch werden Haselnüsse 
und Nußbaumhaine erwähnt, 
wo die Frauen im Sommer 
sich ergingen, während die 
Männer der Jagd pflegten. 

Jagd und Spiele im Freien 
waren dieHauptzerstreuungen 
der Männer. Anfangs war die 
Jagd unentbehrlich, um Nah- 
rung zu besorgen ; dann wurde 
sie ebensosehr ein Vergnügen, 
das mit Eifer zu einer Zeit ge- 
trieben wurde, die die Gefahr 
nicht mied und sich an aller 
Kraftübung erfreute. Jagden 
mit Falken oder »Habichten«, 
wie es damals hieß, waren in 
der Heidenzeit w 7 ohl bekannt, 
und der Norden war damals 
wie im Mittelalter berühmt 
wegen seiner Jagdfalken. 2 ) 

1) In einem dänischen Kinder- 
grabe aus der älteren Bronzezeit lagen 
drei Holzäpfel (Prunus malus sil- 
vestris). Boye, Fund af Egekister 
fra Bronzealderen i Danmark, S. 77. 
pl. XV Fig. B 2. 

2) Daß die Jagdfalken aus dem 
Norden im Mittelalter hochgeschätzt 
wurden, ergibt eine päpstliche Bulle 
vom Jahre 1347, die dem schwedi- 
schen König Magnus Eriksson die 
Erlaubnis gab, fünf Jahn- lang an die 
Länder des »babylonischen Sultans« 

Falken zu verkaufen, damit der König dadurch Gelegenheit habe, seine Schulden zu bezahlen. — Daß in 
einem der Gräber von Wendel ein Jagdfalke mit bestattet worden war, i-t oben erwähnt (S. 2 

Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. 20 




501. Bronzespange, mit Gold und Silber verziert. Gotland. ' ,. 




502. Boden einer solchen Bronzespange \\ ie li.;. .vi. ' rotland. l i. 



3o6 



Die Wikingerzeit. 



Snorre erzählt von Olof Skötkonung, daß er eines Morgens frühe mit 
seinen Falken und Hunden ausritt, und mit ihm seine Mannen. Als sie die 
Falken auswarfen, erlegte des Königs Falke zwei Birkhühner in einem Fluge, 





503. Bronzespange, von zwei Seiten gesehen; mit Runenschrift. Gotland. Vi- 1 ) 







JlHs 



ULl^./O. 




504. Silberspange (Filigran), von zwei Seiten gesehen. Östergötland. \. 



und gleich darauf flog er von neuem und tötete noch drei Birkhühner. Die 
Hunde liefen und brachten jeden Vogel, der zur Erde fiel; und der König ritt, 
froh über seinen Erfolg, heim. Als er auf den Hof ritt, kam seine Tochter 



1) Vgl. Mänadsblad, 1900, S. 50. 



Erwerbszweige. 



307 



heraus und begrüßte ihn. Er erzählte sogleich seine Jagd und sagte: * Weißt du 
einen König, der in so kurzer Zeit so viel Wild gewonnen hätte? Sie antwortete: 
»Eine gute Frühjagd war das, Herr, wenn Ihr fünf Birkhühner erlegt habet; 
mehr aber war es, als Olaf, Norwegens König, an einem Morgen fünf Könige 
fing und ihre Reiche sich unterwarf . 

M 




507. Nadel von vergoldetem 
Silber; mit Details. Gotland. 
II 



506. Schmuck von vergoldetem Silber. Bjorkö. i 



Von den Spielen in freier Luft soll das Ballspiel, wie das S. 191 erwähnte 
Spiel Warpa«, seine Ahnen schon in der Heidenzeit haben. Zum Ballwerfen 
und zu anderen kräftigenden Übungen sammelte sieh wohl die lugend der 
ganzen Gegend bisweilen auf bestimmten Spielplätzen, wie es noch in unseren 
Tagen auf Gotland der Fall ist. 

Die Anlage der Nordländer für Musik zeigte sich schon in der Heiden 
Von musikalischen Instrumenten werden Hörner, Pfeife, Fiedel, Geige, und vor 

20* 



308 



Die Wikingerzeit. 



allem, als eines der ältesten und beliebtesten, die Harfe erwähnt. Snorre erzählt 
von Olof Skötkonung, daß wenn die Gerichte auf des Königs Tisch aufgetragen 
wurden, Spielleute da waren, »mit Harfen, Geigen und anderen Instrumenten«. 



I 






n3 




509. Pflugeisen. 

Westergötland. J / 5 . 



50S. Eiserne Zange. 
Södermanland. 1 / 3 . 



512. Eiserne Säge. Norwegen. 1 / 2 




510. Eiserne Sichel. 
Östergötland. 1 / 3 . 



\W 



511. Eiserener Hammer. 
Smäjand. ] /s- 





513. Amboß von Eisen; mit Durchschnitt. 
Norwegen. 1 | 4 . 




.■>>. 



\ 



514. Eiserne Sense. Södermanland. J 



4- 



Zur Harfe trugen die Sänger meist ihre Lieder vor, und Proben der damaligen 
Dichtkunst in Schweden geben uns viele Inschriften in Versen auf Steinen in 
verschiedenen Teilen des Landes. 1 ) Sänger verweilten am königlichen Hof; 



1) J. G. Liljegren, Anteckningar rörande versar, skrefne med runor, in Det Skandinaviske 
Litteraturselskabs Skrifter, Bd. 17 (Kopenhagen, 1820). — E. Brate, Runverser, in der Antiqv. 
tidskr. f. Sv., Bd. 10 (1887— 1891). 



Erwerbszweige. 



309 



manche kamen von Island. So wird erzählt, daß der Isländer Hjalte zu Olof 
Skötkonung kam, und bei ihm bereits zwei Landsleute, die Sänger Gissur und 
Ottar, antraf. 

Würfel waren, wie wir früher gesehen haben, schon im älteren Teil der 
Eisenzeit bekannt (S. 190 und 246); auch in den Gräbern aus den letzten Jahr- 






515. Spielstein von 
Knochen. Björkö. i \i. 



516. Spielstein von Glas (der König«), 
von zwei Seiten gesehen. Björkö. 1 |i. 



■■: ; :: ; :- : . 



517. Würfel von 
Knochen. Björkö. 1 | 1 . 




518. Torshammer von Silber. 
Uppland. *| . 




519. Torshammer von Silber, vergoldet und mit Filigran verziert, 
an einer Silberkette hängend; mit Details. Östergötland. } i. 

hunderten der Heidenzeit findet man nicht selten Spielsteine und Würfel. Jene, 
meist halbkugelförmig, waren aus Knochen, Bernstein oder Glas (Fig. 515 und 
516). Einer ist oft von allen anderen abweichend; bisweilen hat er die Form 
eines Königs mit Krone. Die Würfel, mit 1 bis 6, gleichen unseren, sind aber 
ein wenig länglich (Fig. 5 1 7). 



->IQ Die Wikingerzeit. 

Selbst das Schachspiel war wahrscheinlich im Norden schon vor Ende 
der Heidenzeit bekannt. 

Lieber aber als Jagd und Spiel war den Nordländern wilder Kampf, wie 
sie auch die Seligkeiten Walhalls sich in täglichen mächtigen Kämpfen vor- 
stellten, nach welchen die Kämpfer — Sieger und Besiegte — an frohem 
Gelage in Odens Halle sich erquickten. Bei einem solchen Glauben war es 
natürlich nicht wunderbar, wenn mancher Jüngling auf die Worte des alten 
Liedes hörte: 

>Da rief eine Krähe, 

rastend im Baume : 

,Kon, du junger 

was kirrst du Vögel? 

Richtiger wär's 

auf die Rosse zu steigen 



und den Feind zu vernichten. 

Herrlich sind Dans 

und Danps Hallen, 

ihr Erbgut ist reicher 

als euer Besitz; 

kundig sind sie 

den Kiel zu reiten, 

Waffen zu prüfen 

und Wunden zu schlagen'«. 



5. Religion. — Gräber. Die jüngeren Runen. 

Die Schriften, die uns über die Religion der Wikingerzeit aufklären 1 ), und 
die aus noch älterer Zeit stammenden Gebräuche mit religiöser Beziehung, die 
dem tausendjährigen Bestehen des Christentumes getrotzt haben, ergeben, daß 
dem Christentum bei unseren Vorfahren, wie bei anderen Völkern, verschiedene 
Religionsepochen vorangegangen sind, ohne daß das Jüngere stets das Altere 
ganz verdrängen konnte. 

So haben bis in die neueste Zeit, ungeachtet aller Anstrengungen der 
Kirche, gewisse Gebräuche fortgelebt, die älter selbst als die Wikingerzeit sein 
müssen und ihren Ursprung auf die Verehrung der Bäume, der Quellen und 
anderer Naturerscheinungen, der verstorbenen Ahnen und des Sonnengottes 
zurückführen (siehe S. 54 und 135). 2 ) 



1) Die Edda oder Sämunds Edda ist eine Sammlung von altnordischen Gesängen, deren einer 
Teil uns den Glauben und die Weltanschauung unserer heidnischen Vorfahren kennen lehrt, der 
andere die Helden der Vorzeit besingt. Neben der älteren Edda spricht man von der »jüngeren«, 
der prosaischen Snorra Edda, einer in ihren ursprünglichen Bestandteilen von Snorre Sturlesson in 
der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhundertes gegebenen Darstellung der heidnischen Götterlehre 
und Weltanschauung und der altnordischen Dichtkunst. 

2) G. O. Hylten-Cavallius, Wärend och Wirdarne (Stockholm, 1863— 1868). — Meddelanden 
frän Nordiska Museet (Stockholm, 1897 und folg.; vgl. Samfundet för Nordiska Museets främjande, 
1881 und folg). — W. Mannhardt, Wald- und Feldkulte (2. Aufl., Berlin, 1904). 



Religion. -> j j 

Noch in unseren Tagen wie vor Jahrtausenden galten gewisse Bäume als 
heilig; man durfte sie nicht beschädigen oder gar fällen, man betete in ihrem 
Schatten und benetzte ihre Wurzeln mit Milch oder Bier. 

Heute noch wie in der Heidenzeit opfert man den Quellen, von deren 
»heiligem Wasser man trinkt oder auf kranke Körperteile bringt, früher unter 
Gesängen oder indem man uralte Gebräuche beobachtete; vielerorts hing man 
an Bäume in der Nähe des Quells Kleider und anderes auf, das den Kranken 
gehörte. Lange Zeiten wagte niemand die in den Quell geworfenen Gaben zu 
berühren, die später gewöhnlich Kupfermünzen, Nadeln und andere Kleinig- 
keiten waren. 1 ) 

Daß man schon in der heidnischen Zeit Quellen für heilig hielt, ersehen 
wir daraus, daß von einer Odensquelle im dreizehnten Jahrhundert in der Nähe 
von Gudhem in Westergötland gesprochen wird, und daß eine Opferquelle bei 
Skatelöf in Smäland »heilige Torsquelle« heißt: sie war von alters her dem Tor 
geheiligt, und das Andenken daran hat fortgelebt, nur hat man den alten heid- 
nischen Gott »heilig« genannt, weil die anderen Quellen Heiligen geweiht waren. 

Auch gewisse Seen und Flüsse galten als heilig. 

In Seen, Flüssen, Quellen, Bäumen und anderen Naturerscheinungen lebten 
Wesen, die sich in Menschengestalt zeigten. Sie haben im Volksmund ver- 
schiedene Namen: »Sjöräet « (Seegeister), »Skogsräet« (Waldgeister), »Necken«, 
»Wättar«, »Alfer« (Eiben) und »Alfvor«. Viele der letzteren wohnen im Wasser 
oder in Bäumen, andere in Grabhügeln. 

Man glaubte, daß die Verstorbenen ihr Leben als Schlangen (»Tomtormen«) 
oder andere Tiere fortführten oder auch in Menschengestalt. In letzterem 
Fall hielten sie sich entweder in der Erde oder in den Grabhügeln auf, als 
»Alfvor« und »Wättar«, oder in dem früheren Heim als Wättar; und »Tomtar . 
Sie waren kleine Männchen, glichen im übrigen Menschen, waren wie diese 
gekleidet und lebten wie diese. Ihnen wurde besonders zu Weihnachten und an 
anderen Festen geopfert. Diese Opfer bestanden teils und zwar hauptsächlich 
aus Eßwaren — am Weihnachtsabend Grütze mit Milch — teils aus neuen 
Kleidern für den »Tomte . Noch in späten Jahrhunderten hat der Tomtorm 
Milch bekommen; zuweilen trank er aus derselben Milchschale wie die Kinder. 

Wie in der Heidenzeit opfert man noch heute in Älfkvarnar ( Elben- 
mühlen«; siehe S. 55) und beobachtet manchen anderen Brauch, der im Zu- 
sammenhang mit dem Ahnenkultus steht. 

Überbleibsel aus dem Sonnenkultus sind noch in unserer Zeit die Feuer 
an den Tagen oder vielmehr in den Nächten, wo man wichtige Ereignisse 
im jährlichen Kreislauf der Sonne feierte: die Tag- und Nachtgleiche im Herbst 
und Frühling und die Sommer- und Wintersonnenwende. So flammen noch 
heute Feuer am Osterabend oder an Walborgsmässoafton (Walpurgisabend, 
30. April), also kurz nach der Frühlingstag- und Nachtgleiche, oder am Mitt- 

1) Im Jahr 1901 fand man iu zwei Opferquellen, den sogenanten •Barnabrunnarna (Kir. 
brunnen) im Kirchspiel Tolg, Smäland, l><inahe 6000 Münzen, dir meisten von Ivu| I I ^ten 

waren im vierzehnten Jahrhundert geprägt, die jüngsten für den noch regierenden Ken . 1 II. 



312 



Die Wikingerzeit. 



sommerabend. Früher tanzte man um das Feuer und sprang hinüber. Andere 
Erinnerungen an den Sonnenkultus sind auch die vielen alten Gebräuche, die 
im Zusammenhang mit den heidnischen Weihnachten standen, des heidnischen 
Nordländers größtem Fest, das jedoch im Heidentum ungefähr einen Monat 
später als das christliche Weihnachten gefeiert wurde. 1 ) Da opferte man für 
guten Jahrwuchs, und bei dem Weihnachtseber wurden Gelübde für Großtaten 
im neuen Jahr abgelegt. 

In der Heidenzeit wurden auch zwei andere jährliche Opfer gefeiert: das 

eine zu Sommersanfang, »das Siegopfer«, 
wo man für den günstigen Erfolg der 
Heerfahrten im Sommer opferte; das 
zweite im Herbst, ein Danksagefest für 
die glücklich beendigte Ernte. 

Der Sonnengott, dessen Anbetung 
man bis in die Steinzeit verfolgen kann 
(siehe S. 5 5), wurde später von ver- 
schiedenen Standpunkten aus betrachtet 
und erhielt so verschiedene Namen. 
Nach und nach wurde aus jedem dieser 
Namen ein besonderer Gott. Die haupt- 
sächlichsten dieser verschiedenen Namen 
waren Tor, Oden und Frö (oder 
Freyr). 

Die meisten Spuren hinterließ der 
Kultus des Tor. 2 ) Er war der starke 
Beschützer der Götter und Menschen 
gegen die Riesen und »Troll«, die zer- 
störenden Naturkräfte. Seine Waffe (der 
IH Blitz) ist der Hammer »Mjolner«, den er 
gegen seine Feinde schleudert, der aber 
ständig wieder in seine Hand zurück- 
fliegt. Tor fährt auf einem Wagen, der 
von zwei Widdern gezogen wird; noch 
heute heißt es in manchen Gegenden des Nordens, wenn man den Donner (»tor- 
dönet«) rollen hört, daß Tor ausfährt. 3 ) Tor dachte man sich als einen über- 
mächtigen Mann mit einem roten Bart, also von derselben Farbe wie Sonne und 
Blitz haben; er trug Handschuhe von Eisen, und seine Kraft verdoppelte sich, 
wenn er seinen Gürtel um den Leib zuzieht. 




520. Torshammer auf einem Runenstein. 
Stenqvista in Södermanland. 



1) Montelius, Midvinterns solfest, in der Sv. Fornm.-förs tidskr., Bd. 9, S. 68. 

2) Unter Oden, Njord und Frö hat man sich auch Könige vorgestellt, das ist nicht der Fall 
mit Tor. 

3) Das Wort äska (Gewitter) ist eine Verkürzung von asikkia , das ist das Fahren des Äsen 
oder des Gottes. Von »Torkeilen« (Steinäxten) und deren Kraft gegen Gewitter und anderes 
Unglück zu schützen, siehe S. 68. 



Religi 



on. 



5'j 



Tors Name — der Bezug auf den Gewitterdonner hat, indem der Sonnen- 
gott mit Donnerkeilen (j» Torkeilen«) seine Feinde, die Mächte der Finsternis, 
bekämpft — kommt öfter als irgend ein anderer in Orts- und Personennamen 
vor. So findet man noch im Mittelalter nicht nur folgende Männernamen: Tor- 
berg, Torbjörn, Tord, Tordjärf, Tore, Torfast, Torger, Torgisl (Torgils), Torgny, 
Torgot, Torgrim, Torkarl, Torketil (Torkel), Tormod, Tormund, Torsten, Torulf, 
Torvid, Bergtor, Haldor, Megintor, Sigtor und andere mehr, sondern auch 
mehrere Frauennamen: Tora, Torborg, Torfrid, Torgun, Torgärd, Torlaf (Torluf , 
Torlos und Torun wie auch Bergtora. Unter den Ortsnamen sind besonders 
zu nennen: Torsharg (jetzt Torshälla in Södermanland), Torslunda und Torlunda 





'■,22. Silberkreuz. 



Björkö. 



l 




~*-^— -^ .. ■ 



521. Hängeschmuck von Silber (»der Baum des Lebens«). 



523. Kruzifix von 

Silber (Filigran). 

Björkö. 1 |i. 



(in Uppland, Westmanland, Södermanland, Westergötland, Östergötland. llalland 
und auf Öland), Torsvi (in Uppland) und Torsberg, Torsberga oder Torsberget 
(in Södermanland, Dalarne, Wärmland, Dalsland, Bohuslän, Westergötland, 
Östergötland und Smäland), Tors hall (ein Berg in Uppland), Tors klint (ein 
Berg in Östergötland), Torslund (Skäne), die alle zweifellos Stätten bezeichnen, 
an denen dem Tor geopfert wurde. Außerdem trifft man Tors Namen in vielen 
anderen in verschiedenen Landschaften vorkommenden Ortsnamen wie: Tors- 
äker, Torsjö, Torso, Torsbro, Torsäs, Torsborg (in Westergötland), Torsburgen 
(auf Gotland) und andere mehr. 

Tors Bild wird oft als in Tempeln aufgestellt oder an I fochsitzpfeilern 
ausgeschnitten erwähnt; kleine Hämmer als seine Symbole (Fig. 518 und 519 



514 



Die Wikingerzeit. 



wurden von den heidnischen Schweden getragen 1 ), wie später das Bild des 
Kreuzes (Fig. 522 und 523).'-) Sein Hammer ist auch auf einigen Runensteinen 
abgebildet (Fig. 520), sowie ähnliche Steine später von den Christen mit dem 
Kreuz geschmückt wurden (Fig. 538V 3 ) 

Noch heute leben Andenken an Tors Namen und Tors Anbetung auf 
eine Weise, wie es sonst bei keinem Asengott der Fall ist. 

So tief war nämlich der alte Glaube in dem Volk gewurzelt, daß noch 
zu unserer Zeit, tausend Jahre nach dem Eindringen des Christentums hier, viele 
Andenken an den Glauben unserer heidnischen Vorfahren leben, wenn auch im 
Gewand des Aberglaubens versteckt. Der Donnerstagabend wurde noch nach 
der Mitte des vorigen Jahrhunderts vielerorts als heilig (» Torshelgen c) gefeiert: 
die Sitte verlangte, daß man sich still und ruhig verhielt, Spinnen und lärmende 
Arbeit mied. Dieser Abend galt als besonders günstig für allerlei abergläubisches 
Gebahren, das mitunter nicht nur eine, sondern drei aufeinander folgende 
Donnerstagnächte in Anspruch nahm. 

Der Xame Oden (deutsch: \Votan ; bedeutet ursprünglich der wütende«, 
der wie die Stürme Vorwärtseilende, und steht im Zusammenhang mit dem 
noch lebenden Volksglauben an den wilden Jäger. Die Anbetung Odens ist 
sicher aus dem Süden verhältnismäßig spät gekommen, wahrscheinlich erst 
einige Jahrhunderte nach Christi Geburt. Zu Snorres Zeit erzählte die Sage von 
Odens Einwanderung mit den Äsen; aber von Tors Herkunft gibt es keine 
Sage. Oden scheint auch von weniger Bedeutung für das Volk gewesen zu 
sein wie Tor. 

Ortsnamen auf Oden sind seltener und noch seltener Personennamen. 
Folgende Ortsnamen, die Odens Xamen enthalten, sind doch zu bemerken: 
Odinsharg (heute Odensala in Uppland», Odensala (in Södermanland, Jämtland, 
und Halland), Odenslunda in Uppland, Westergötland und Skäne), Odensvi 
(in Westmanland. Xerike und Smäland), Odensberg oder Onsberga (in Söder- 
manland. Westergötland, Östergötland und Skäne), Odens kulle (in Westergöt- 
land), Odens backe (in Xerike), Odensjö oder Onsjö (in Westmanland. Wester- 
götland, Smäland. Halland und Skäne), Odensö (in Dalsland, Westergötland 
und Skäne), Odensäker (in Uppland, Westergötland und Östergötland), Odins 
fiisor (auf Olandj und andere mehr. Unter Personennamen sind nur der männ- 
liche Xame Odinkar und der weibliche Odindisa bekannt: beide waren 
sehr selten. 

Unsere Vorfahren dachten sich Oden als einen einäugigen Mann, mit 
einem weiten Mantel und einem breitkrämpigen Hut; so hat man noch in den 

1) H. Hildebrand, Tors hammare, im Manadsblad, 1S72 und 1875. — S. Müller, En 
Stöbeform tili »Thorshamre . in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1900, S. 189. — Montelius, 
Solgudens yxa och Tors hammare, in der Sv. Fornm.-för s tidskr., Bd. 10, S. 277. 

2) Ein in einem Grabe auf der Insel Björkö gefundener christlicher Hängeschmuck aus Silber 
mit dem Bilde des heiligen Baumes ist Fig. 521 abgebildet. 

3) Saxo erzählt, daß der dänische Prinz Magnus Nilsson im zwölften Jahrhundert einen Tempel 
in Schweden plünderte und dabei ungewöhnlich schwere Torshämmer« aus Bronze mitnahm, »durch 
welche man das Donnergetöse nachahmte, und welche von alters her verehrt gewesen waren«. 



Religion. 



315 



spätesten Jahrhunderten ihn zu sehen geglaubt. Die Edda erzählt, daß Oden 
ein Auge hergab, um Weisheit zu gewinnen; zweifelsohne ist das eine spätere 
Erklärung für die Einäugigkeit Odens, die in Wirklichkeit darauf beruhte, daß 
Oden der Sonnengott und die Sonne sein Auge war. 

Odens Waffe war der Speer, sein achtfüßiges Roß hieß Sleipnir. Es 
ist auf einigen gotländischen Steinen abgebildet (Fig. 524). Die acht Füße sollen 
die Schnelligkeit an- 
deuten, mit der sich die 
Sonne bewegt. Auf den 
Steinen istSleipnirmehr- 
mals mit vier Vorder- 
und vier Hinterbeinen, 
einmal aber mit zwei 
Vorder- und sechs Hin- 
terbeinen dargestellt. 

Zwei Raben, Hugin 
und Munin, das ist Ge- 
danke und Gedächtnis, 
bringen Oden Kunde 
von allem, was in der 
Welt geschieht (siehe 
S. 250). Er hatte zwei 
Wölfe, denen er alle 
Nahrung gab, die auf 
seinen Tisch kam; selbst 
lebte er von Wein und 
nichts anderem. Von 
den Zwergen hatte er 
einen Goldring, von dem 
jede neunte Nacht acht 
ebenso schwere Ringe 'WW^^,, 
tropften. 

Die Walküren, 
Odens durch die Luft 
reitende Speerjung- 




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524. Bildstein mit dem achtfüßigen Sleipnir, einem Schiff Mast 
und Segel) und Runenschrift. Tjängvide, Gotland. ] 



frauen, > kürten die- 
jenigen, die in der Schlacht fallen sollten und dadurch den Eintritt in Odens 
Saal Walhall gewannen. 

Auch Frigg, die Gemahlin des Sonnengottes 2 ), war in Schweden ( regenstand 
besonderer Verehrung wie ( )rtsnamen (Friggeräker in \\ ötland und vielleicht 

Friggerstorp Frögistorp in Östergötland und andere Umstände beweisen. 

1) C. Säve, in Runa, 1845, S Anti.jv. üdskr. f. Sv., Bd. 5 - 

2) In der Edda wird Frigg Odens Gemahlin genannt; im schwedischen Volksglauben steht 
sie aber in Zusammenhang mit Tor, was vielleicht das ursprünglich 



ijg Die Wikingerzeit. 

Die Anbetung Frös soll aus Südskandinavien nach Svealand und von 
da bis in die Gegend von Trondhjem gedrungen sein. Der Name bedeutet 
ursprünglich »Herr« und wurde für den Sonnengott besonders als Geber der 
Fruchtbarkeit gebraucht, bis er schließlich der Name eines besonderen Gottes 
wurde. Der Name kehrt in vielen schwedischen Orts- und Personennamen 
wieder. Folgende Ortsnamen sind besonders bemerkenswert: Fröslunda oder 
Frölunda (in Uppland, Westmanland, Södermanland, Westergötland, Ostergöt- 
land und auf Öland), Frösvi oder Frövi (in Uppland, Westmanland, Söderman- 
land, Nerike, Westergötland, Östergötland und Smäland), auch Fröberga, Frös- 
aker, Frösunda, Fröstuna oder Frötuna, Frösön (in Jämtland), Frösjö und andere 
mehr. Als Männernamen kommen Fröbjörn, Fröger, Frömund, Frösten und 
Frövid, und als Frauennamen Fröborg, Frödis und Frögun oft vor. 

Frö gehört der Eber Gullinbursti, dessen Borsten aus Gold waren. Das 
Pferd war dem Frö heilig, jedoch wurden ihm auch Ochsen geopfert. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach war es Frö, dem am Weihnachtsabend ein Eber ge- 
opfert wurde, auf welchen man die Hände zum feierlichen Gelübde legte. 
Weihnachtsferkel und Weihnachtsschinken erinnern noch heutzutage an die 
uralten Sitten. 

Frös Bild wurde zu Wagen umhergefahren. Dasselbe erzählt Tacitus von 
der germanischen Göttin Nerthus (siehe S. 140), der in Schweden der Gott 
Njord oder Njärd entspricht. Nach der Edda war Njord Frös Vater. Von 
Njord stammen folgende Ortsnamen: Närdalunda (Närlunda in Uppland, West- 
manland, Södermanland und Westergötland), Närdavi (jetzt Nalavi oder Mjärdevi, 
in Nerike und Östergötland), Närdinghundra (Kreis in Uppland) und andere mehr. 
Bezügliche Personennamen sind nicht bekannt. 

Njords Gemahlin war Skade, von Riesengeschlecht. Ihr Name scheint in 
Skadalunda und Skadevi zu stecken (aber wahrscheinlich nicht in Skedvi 
und dergleichen). 

Von anderen in der Edda vorkommenden Göttern haben nur Uli und Ty 
bei uns Spuren hinterlassen. 

Ulis Name lebt in einigen Ortsnamen weiter: Ullalunda (Ullunda, in Upp- 
land und Södermanland), Ullevi (Ullvi, in Uppland, Westmanland, Dalarne, 
Södermanland, Nerike, Westergötland, Östergötland, Smäland und auf Öland), 
Ulleräker, Ulltuna und andere mehr. Uli wird als guter Bogenschütze und 
Skiläufer geschildert, da er als Gott des Winters betrachtet wird. 

Ty war wahrscheinlich in älteren Zeiten der Sonnengott, wurde aber 
später durch Tor, Oden und Frö verdrängt. 

Einige der genannten Gottheiten haben ihre Namen auch den Wochen- 
tagen gegeben: Ty dem Tisdag« (Dienstag), Oden dem »Onsdag« (Mittwoch), 
Tor dem »Torsdag; (Donnerstag), und Frigg dem »Fredag«, im Mittelalter 
»Friggedagher« (Freitag). Dies zeigt, daß unsere Vorfahren schon in der Heidenzeit 
durch Berührung mit dem Latein redenden Europa die Einteilung des Jahres 
in Wochen annahmen. Die sieben Tage der Woche waren ja nach der Sonne, 
dem Mond und den damals bekannten fünf Planeten benannt — die Erde 



Religion. • -, j - 

wurde nicht als Planet betrachtet, sondern als der Mittelpunkt der Welt. Die 
ersten zwei Tage hießen nach Sonne und Mond, die folgenden nach den 
nordischen Göttern, die man den Planetengöttern substituierte. Ty — Mars, 
Oden — Merkurius, Tor— Jupiter und Frigg — Venus. Saturnus, nach welchem der 
Sonnabend seinen Namen hatte, ist bei uns vergessen worden; er lebt aber 
noch im englischen >Saturday«. 

Von den erwähnten Göttern und Göttinnen haben die Edda und auch 
andere bis heute erhaltene Schriften viele Sagen zu erzählen. Von ihnen lernen 
wir auch die Mythen kennen, die den Ursprung des Menschen und der ihn 
umgebenden Welt erklären sollen. 

Indessen hat sich herausgestellt, daß viele von diesen Mythen, wenigstens 
in der Form, in welcher wir sie nun kennen, nicht altnordisch waren, sondern 
unter Einwirkung dessen, was die Nordländer von den Christenvölkern in West- 
europa hörten, entstanden sind. 1 ) Das gilt unter anderem auch von Halder 
und seinem Tod, wie von der Weltesche Yggdrasil. 

Eine Schilderung dieser Mythen gehört indessen mehr in eine nordische 
Mythologie als in die Kulturgeschichte Schwedens. Wir begnügen uns hier mit 
einigen Hauptzügen. 

Unsere Vorfahren dachten sich zwei Göttergeschlechter: die Äsen und 
die Vanen, die in Streit miteinander lagen, aber schließlich P'rieden schließen 
und sich miteinander verbinden. In scharfem Gegensatz zu den Göttern stehen 
die Riesen oder »Tursen , wie sie auch genannt werden; jene sind gute geistige 
Gewalten, diese rohe, zerstörende Kräfte. Andere böse Wesen heißen noch 
»Troll«. 

Der ärgste Feind der Äsen war Loke, obwohl selbst Ase. Im Anfang 
der Zeiten mischten er und Oden Blut zusammen, wobei der letztere sagte, 
er wolle nie einen Trunk schmecken, wenn er ihnen nicht beiden gereicht sei. 
Loke wird deshalb auch Odens Bruder genannt. Mit Oden zusammen erschuf 
er dann die Menschen, die von ihm ihre bösen Gelüste bekamen. In seinem 
Äußeren ist Loke schön, aber sein Sinn ist böse und all sein Wandel unstät. 
Schlau und listig ist er und nimmt es nicht genau mit den Mitteln. Stets greift 
er in das Leben der Äsen ein, verderbend oder helfend. 

Durch viele Untaten und schließlich durch die rücksichtslose Art, wie 
er bei einem P'est alle Götter und Göttinnen beschimpft, zieht sich Loke den 
Zorn der Götter zu. Er muß flüchten und hält sich den Tag über in einer 
Stromschnelle versteckt, nachdem er sich in einen Lachs verwandelt hatte. 
Aber Oden hatte gemerkt, wo er sich befand, und es glückte den Äsen endlich, 
ihn zu fangen. Mit den Därmen seines Sohnes wird er an drei aufrechtstehende 
Steinplatten gebunden und ein Drache auf ihn gesetzt, so daß ihm das Gift 
ins Gesicht tropft. Aber seine Gattin Sigyn steht treu bei ihm und fangt mit 
einem Gefäß die Gifttropfen auf. Wenn das Gefäß voll ist. muß sie es fort- 

i) S. Bugge, Studier over ilc nordiske Gude- og Heltesagns Oprindelse (Christian ia, 1SS1 
bis 1889). — Derselbe in den Aarböger f. nord. Oldkynd., 1S95. — G. Stephens, in den Memoires 
de la Soc. d. Antiqu. du Nord, 1S78 — 83 und 1884 — S9. 



-j j g • Die Wikingerzeit. 

nehmen, um es auszugießen, und das Gift tropft in Lokes Antlitz. Dann reißt er 
so gewaltsam an seinen Fesseln, daß die Erde bebt; das nennt man Erdbeben. 
So Hegt er gefesselt bis an den Untergang der Götter. 

Mit einem Riesenweibe hatte Loke drei Kinder gezeugt: Fenresulfven, 
Midgärdsormen und Hei. Als die Götter erfuhren, daß diese drei Geschwister 
in Jötunhem (Heim der Riesen) aufgezogen wurden, und die Orakel sagten, 
viel Unheil werde von Lokes Kindern kommen, ließ der Allvater sie holen. 
Den Wurm (Midgiirdsormen) warf er ins Meer, das alle Lande umschließt, und 
dort wuchs er derart, daß er mitten im Meere Hegt und sich in den Schwanz 
beißt. Hei schleuderte Allvater nach Niflheim und gab ihr Herrschaft über neun 
Welten, daß sie dort in ihrer Wohnstatt alle empfangen konnte, die durch Krankheit 
und Alter sterben. 1 ) Den Wolf (Fenresulfven) zogen die Äsen zu Hause auf, aber 
schließlich wurde er so gefürchtet, daß sie versuchten, ihn mit einem von den 
Zwergen aus Svartalfahem verfertigtem Band zu binden. Der W 7 olf, der alle Bande 
zerriß, bei denen kein Betrug war, wollte nicht, daß die Äsen bei ihm dies Band 
probieren sollten, außer wenn einer von ihnen die Hand in seinen Rachen 
legte zum Unterpfand, daß es frei von Betrug sei. Ty tat das und verlor 
seine Hand, als der W r olf merkte, daß er sich nicht losmachen konnte. 



Das alte Eddalied Völuspä läßt uns wissen, wie unsere heidnischen Vor- 
fahren sich die Schöpfung der Welt und der Menschen dachten. 

Die Yala singt: 

»In der Urzeit war's 

als Ymir lebte: 

da war nicht Kies noch Meer 

noch kalte Woge ; 

nicht Erde gab es 

noch Oberhimmel, 

nur gährende Kluft, 

doch Gras nirgends«. 

Vor dem Werden der Erde gab es zwei Welten: unten war Niflheim, 
die Welt der Nebel, Kälte und Finsternis, und oben Muspelheim, die Welt 
der Wärme und des Lichtes; dazwischen war Ginungagap, der gähnende Ab- 
grund, den die Vala erwähnt. Die beiden Welten berührten einander, und 
Ymer, das Grundmaterial zu Himmel und Erde, wurde im Ginungagap 
gebildet. Von ihm stammen alle »Rimtursar« (Reifriesen) ab. Selbst war 
Ymer kein Gott; er war böse, wie alle seine Nachkommen. Er lebte von 
der Milch der Kuh Audhumla: diese Kuh, aus dem schmelzenden Rauhreif ent- 
standen, fristete ihr Leben dadurch, daß sie die Reifsteine beleckte, welche 
salzig waren, wobei am dritten Tage ein Mann hervorkam, der Bure hieß. 
Er war schön, groß und stark; sein Sohn Bur oder Bor zeugte mit einer Riesin 
drei Söhne, Oden, Wile und We, »des Himmels und der Erde Steuerer«. 
Oden führt also selbst seinen Ursprung von den Riesen her. 



i) Von Hei (gelesen hall) ist das Wort Helvete (Hölle) gekommen. 



Religion. T jl g 

Oden und seine Brüder töteten den Ymer und machten aus seinem Körper 
Himmel und Erde. Die Erde schufen sie aus seinem Fleisch, die Berge aus 
seinen Knochen, die Bäume aus seinem Haar, die Meereswogen aus seinem 
Blut und den Himmel aus seinem Schädel: aus seinem Gehirn machten sie die 
schweren Wolken. Im Norden finden wir, wie auch in anderen Ländern, ein 
Gegenstück zu der Sündflut der morgenländischen Völker. Die Edda erzählt: 
als Ymer getötet wurde, strömte so viel Blut aus seiner Wunde, daß alle Reif- 
riesen außer einem ertranken, der sich mit seiner Frau in ein Boot rettete. Er 
hieß Bergeimer und von ihm stammen alle Riesen der Erde ab. 

Von der Erschaffung der Menschen erzählt Voluspä: 

»Da kamen zum Meerstrand 

mächtig und hold 

aus diesem Geschlecht 

drei der Äsen; 

auf freiem Felde 

fanden sie kraftlos 

Ask und Embla 1 ), 

unsichren Loses. 

Hauch und Seele 

hatten sie nicht, 

Gebärde noch Wärme, 

noch blühende Farben; 

den Hauch gab Oden, 

Hünir die Seele, 

Lodur die Wärme 

und leuchtende Farben«. 

Das Schicksal der Menschen und der Welt wurde von den Göttern bestimmt, 
aber deren Herrschaft war nicht unbeschränkt. Stetig dauert der Kampf gegen 
die Riesen fort, die ihnen an Macht gleich sind, und mächtiger als Riesen und 
Götter ist das unvermeidliche Schicksal. 

Die Schicksalsgöttinen wurden von unseren Vorfahren Xornen genannt. 
Völuspä redet von dreien, deren Namen l'rd, Werdande 2 ) und Skuld sind. 
Sie sitzen am See, bei Urds heiliger Quelle unter der ewig grünenden Esche 
Yggdrasil, die sie mit dem Wasser der Quelle begießen. 

Von den Xornen heißt es in der Edda: 

»Des Lebens Lose 
legten sie fest 
den Menschenkindern, 
der Männer Schicksal. 
Alles kommt von ihnen . 

Es gibt jedoch mehr als drei Xornen. Zu jedem Mann kommen nämlich, 
wenn er geboren wird, mehrere Nornen aus dem Göttergeschlecht, um seine 



i) In der jüngeren Edda steht, daß Ask und Embla zwei Bäume waren, aus denen Menschen 
geschaffen wurden. 

2) Der Ton liegt auf der ersten Silbe, und das Wort ist vom S werden 



•?2o Die Wikingerzeit. 

Lebenslänge und sein Schicksal zu bestimmen; noch andere stammen aus dem 
Eiben- und Zwergengeschlecht. Besonders finden sich die Nornen bei der Geburt 
von Helden ein und weben das Gewebe, das ihr kommendes Leben aus- 
machen wird. 

So steht die Welt bis zum >Ragnarök«, dem Untergang der göttlichen 
Mächte. Die Äsen und die anderen übernatürlichen Wesen, die wir kennen 
gelernt haben, sind nämlich nicht ewig. Sie gleichen den Menschen nicht 
nur im Äußeren, sondern auch in anderen Dingen. Wie die Menschen konnten 
sie sich durch heimliche Künste verwandeln und die Gestalt von Tieren annehmen. 
Götter und Riesen, Eiben und Zweige heiraten und zeugen Kinder; sie essen 
und trinken, sie schlafen und wachen, sie arbeiten und spielen; sie altern sogar, 
wenn ihnen die verjüngenden Apfel der Idun entwendet werden, und sie 
können, wie Balder sterben. Durch materielle Mittel, durch herumfliegende 
Raben, die ihnen Botschaft bringen, durch das Besteigen eines bestimmten 
Platzes in Asgard. von dem aus man die ganze Welt übersieht, allenfalls sogar 
durch Anfragen bei weisen Riesen oder Seherinnen, erfahren sie, was in der 
Welt vorgeht; zu ihren Reisen bedürfen sie, falls sie nicht zu Fuß wandern 
wollen, der Rosse oder Wagen, oder sie müssen durch Umwerfen eines Feder- 
hemdes oder durch den Gebrauch anderer Zaubermittel Tiergestalt annehmen, 
um Luft und Wasser rasch durchschneiden zu können; ihre Kämpfe führen 
sie mittelst leiblicher Waffen, welche sie sich gerne von kunstfertigen Zwergen 
schmieden lassen. Wollen sie nicht in eigener Person Hand anlegen, so be- 
dürfen sie zur Vollstreckung ihrer Beschlüsse besondere Diener, die sich auch 
wohl einmal, wie die Valkyrje Sigrdrifa oder Brynhildr, widerspenstig zeigen 
und damit des Gottes Absicht vereiteln; überhaupt sind die Götter nicht 
weniger als die Menschen dem Irrtume und der Täuschung ausgesetzt, und es 
kann daher durch List und Betrug auch bei ihnen gar manches durchgesetzt 
werden. Socrar den Gemütsbewegungen und den Leidenschaften der Menschen 
sind die Götter gleichmäßig unterworfen; sie werden froh oder betrübt, sie 
sind freundlich oder erzürnt; Kummer und Sorge, ja selbst Furcht und Schrecken 
bleiben auch ihnen nicht fremd, und um ihrer Leiblichkeit Willen können selbst 
die herrlichen Götter der Sünde verfallen 1 ). 

Unsere Vorfahren glaubten, daß der schnelle Lauf der Sonne und des 
Mondes am Himmelsgewölbe darauf beruhe, daß sie von Wölfen verfolgt 
würden. Schließlich sollte der Mond von einem Wolf verschlungen werden. 
Dann verliert die Sonne ihren Schein, und der große Winter bricht an, die 
Stürme rasen, und Streit und Mord und entsetzliche Sünden herrschen unter 
den Menschen; selbst Brüder ermorden einander, und jedes heilige Band zer- 
reißt. Die Esche Yggdrasil stürzt, und die dort von den Göttern gebundenen 
Mächte werden frei. 

Der letzte fürchterlichste Kampf zwischen den Göttern und den bösen 
Mächten wird nun ausgekämpft. Oden fällt durch Fenresulfven , wird aber 

i) K. Maurer, Die Bekehrung des norwegischen Stammes zum Christentume, 2 (München, 
1856), S. 16. 



Religion. 



321 



von seinem Sohn Widar gerächt, der sein Schwert in das Herz des Untieres 
stößt. Tor tötet Midgärdsormen, geht aber nur neun Schritte, ehe er selber 
fällt, von dem Gifte des Wurmes getötet. Endlich wirft Surt, der Beherrscher 
der Feuerwelt, eine Lohe über die Erde und verbrennt die ganze Welt. 
Das ist jedoch nicht das Ende. Die Vala singt: 

Aufsteigen seh' ich Auf unbesätem Acker 

zum andern Male werden Ähren wachsen, 

aus der Flut die Erde alles Böse schwindet, 

in frischem Grün; denn Balder erscheint: 

über schäumenden Fällen Hropts (Odens) Siegerburg 

schwebt der Adler, beziehen Hod und Balder, 

Fische fängt er die Wohnung der Streitgötter — 

an felsiger Wand. könnt ihr weit'res verstehen? 

Einen Saal seh' ich stehen 

— die Sonne überstrahlt er — 

mit Gold gedeckt 

auf Gimles Höhen : 

dort werden wohnen 

wackere Scharen 

und ein Glück genießen, 

das nimmer vergeht. 

* 

Für den Gottesdienst 1 ) gab es keinen eigentlichen Priesterstand, sondern 
die Sorge dafür war mit dem weltlichen Regiment des Landes vereinigt, und 
die Landschaften sorgten wie jeder Hausvater daheim für die Opfer. Dem 
König lagen die gemeinsamen Opfer für das ganze Land ob. Die politische 
Bedeutung, die der Uppsalakönig allmählich erhielt, dürfte im wesentlichen auf 
seiner Stellung als Vorsteher des heiligsten Tempels der Svear beruht haben. 

Von diesem Tempel, der auf demselben Platz stand, wo die Kirche von 
Gamla Uppsala (Alt-Uppsala) jetzt steht, erzählt Meister Adam: »In diesem 
Gotteshaus, das ganz mit Gold geschmückt ist, betet das Volk die Bilder 
dreier Götter an, derart, daß Tor, der mächtigste von ihnen, den Hochsitz in 
der Mitte einnimmt, während Oden und Frö ihre Plätze ihm zur Seite haben.« 
Xach einem gleichzeitigen Bericht stand »in der Nähe des Tempels ein sehr 
großer Baum mit weit ausgestreckten Zweigen, beständig grün, Winter und 
Sommer; welcher Art er war, weiß niemand. Dort war auch eine Quelle, wo 
die Opfer verrichtet wurden, und in welcher lebende Menschen entränkt 
wurden. Wenn der Körper nicht wieder zum Vorschein kommt, geht der 
Wunsch des Volkes in Erfüllung«. Der Zusatz, daß eine goldene Kette rund 
um die Zinnen des Tempels- ging, beruht wahrscheinlich auf einem Mißver- 
ständnis. Bei dem Tempel lagen eine Menge Grabhügel, über welchen sich 
die drei mächtigen Königshügel erhoben (Fig. 402). 

Adam erzählt weiter: »Wenn Pest und Hungersnot herrschte, wurde dem 
Bilde Tors geopfert; bei Krieg dem Oden; bei I lorh/.citsfesten dem Frö. 

1) II. Petersen, Om Nordboernes Gudedyi! Gudetro i I ledenold (Kopenhagen. li 

Montelius, Kulturgeschichte Schwedens. 21 



■2 22 Die Wikingerzeit. 

Jedes neunte Jahr pflegte man außerdem in Uppsala ein Opferfest für alle 
Landschaften Schwedens gemeinsam zu feiern. Keiner durfte sich der Teil- 
nahme entziehen. Könige und Volk, alle schickten ihre Opfergaben nach 
Uppsala, und die, welche schon zum Christentum übergetreten waren, mußten 
sich davon freikaufen. Mit dem Opfer verfuhr man folgendermaßen: von allen 
Arten lebender Wesen männlichen Geschlechts wurden neun Stück geopfert, 
mit deren Blut man die Götter versöhnte. Die Körper wurden in einem Hain 
in der Nähe des Gotteshauses aufgehängt, und dieser Hain ist in den Augen 
der Heiden so heilig, daß jeder Baum für göttlich angesehen wird auf Grund 
des Todes und des Blutes der Opfer. Dort sieht man Hunde, Pferde und 
Menschen zusammenhängen; ja ein Christ hat mir erzählt, daß die Anzahl der 
Körper, die er so hängen sah, bis auf 72 ging. Die Gesänge, die bei einem 
solchen Opfer abgesungen zu werden pflegten, sind mannigfaltig und zugleich 
so unanständig, daß man ihren Inhalt lieber verschweigt«. Dieses große Fest 
feierte man zur Frühlings-Tag- und Nachtgleiche. 

Diese Erzählung ist nicht der einzige Beweis dafür, daß gegen Ende der 
Heidenzeit — also vor nur 800 Jahren — noch Menschen geopfert wurden. 

Ein Tempel oder »Hof«, wie man damals sagte, befand sich auch an 
vielen anderen Orten außer in Uppsala; wahrscheinlich waren sie ganz aus 
Holz. Nicht überall hatte man jedoch Gotteshäuser, sondern der Gottesdienst 
wurde auch vielerorts in heiligen Hainen oder bei einer heiligen Quelle gehalten; 
und aus guten Gründen kann man viele von den unter dem Namen »Domar- 
ringar« (Richterringe) oder »Domarsäten« (Richtersitze) bekannten Kreisen von 
großen, nicht weit voneinander liegenden Steinen als Opferstätten betrachten. 
Die Anzahl der Steine in einem solchen Kreis ist oft die in den Augen unserer 
Vorväter heilige »Neun«, und in der Nähe des Kreises findet man nicht selten 
eine Quelle, bei der noch in der letzten Zeit geopfert worden ist. 

Wenn wir auch nicht die Lokalsagen beachten, können wir eine große 
Menge Orte angeben, wo unsere Vorfahren den Asengöttern opferten. Solche 
Opferstätten sind die in vielen Landschaften vorkommenden Orte, die Hof, 
Harg oder Vi heißen. 1 ) Oft können wir, wie schon gezeigt wurde, sogar 
bestimmen, welchem Gott die Stätte geheiligt war. Dabei ist zu bemerken, 
daß der Name Vi nördlich von Hälsingland selten angetroffen wird, und daß 
die beiden anderen Namen überhaupt kaum nördlich vom Dalelfven vorkommen. 

Der Umstand, daß viele von diesen Namen nun Kirchen bezeichnen, zeigt, 
daß in Schweden wie auch anderswo die christlichen Kirchen oft da erbaut 
wurden, wo schon in der Heidenzeit Gottesdienst abgehalten worden war. Die 
Päpste verordneten selbst diese Maßregel, weil man bei Einführung der neuen 
Lehre so viel wie möglich am Alten und Gewohnten festzuhalten für nütz- 
lich fand. 



1) Harg entspricht ungefähr einem Altar; Vi bedeutet Heiligtum, heilige Stätte. 



Sittenlehre. 



323 



Nicht weniger als der Glaube unserer Vorfahren ist ihre Sittenlehre 
beachtenswert. Der Grundgedanke nordischer Lebensweisheit ist die fest 
wurzelnde Überzeugung von der Vergänglichkeit des Lebens und alles Irdischen, 
der nur ehrenvoller Ruhm entgeht. Klar wird dies in dem Eddalied Havamal 
ausgedrückt, wo die Hauptsumme der Lebenserfahrungen der heidnischen Nord- 
länder in Form von kurzen, inhaltsreichen, sprichwortartigen Lebensregeln nieder- 
gelegt ist. Ein Mann sollte selbständig, klug, vorsichtig, freigebig, gastfrei, 
mäßig, treu und edelmütig gegen den Schwachen und Schutzsuchenden, fest 
in seinen Gelübden und treu in seinen Verbindungen sein. Als Probe für den 
Inhalt des Havamals können folgende Weisheitsregeln dienen: 



Am besten ist's, 

bringt man vom Trünke 

einen klaren Kopf nach Haus. 

Männiglich lebe, 

munter und froh, 

bis dich das Ende ereilt. 

Deines Hauses sei froh, 
und wär's eine Hütte, 
daheim ist jeder Herr. 



So gut ist kein Mann, 

daß er ganz ohne Fehl sei, 

noch so schlecht, daß er nütze zu nichts. 



Seitab liegt 

der Sitz des Feindes, 

wenn er am Weg auch wohnt; 

zum Freunde aber 

führt ein Richtsteig, 

zog er auch fernhin fort. 



Es stirbt das Vieh, 

es surbt die Verwandtschaft, 

auch dich trifft der Tod; 

doch nimmer kann 

der Nachruf sterben, 

den löbliches Leben schuf. 



Diese Hoffnung auf unvergänglichen Ruhm, die zu so mancher Helden- 
tat begeisterte, ist doch den meisten nicht erfüllt worden. Wohl stehen noch 
heute manche Bautasteine aufrecht da, aber die Namen und öfter noch die 
Taten, zu deren Ehren sie gesetzt wurden, sind seit langem vergessen. 

Hoch wurde die Treue bei Mann und Weib geschätzt, und ein schöner 
Zug tritt in der Brüderschaft hervor, dem Bund zweier Männer, die ihr Blut 
vermischten und schwuren, im Leben Lust und Leid zu teilen und einer des 
anderen Tod zu rächen. Heilig war nämlich die Blutrache, oder die Pflicht, 
den Tod des Freundes oder Blutbruders zu rächen, was langwierige Streite in 
den Geschlechtern veranlagte. Heilig war auch das Gesetz der Gastfreundschaft, 
und der Gast hatte nichts zu fürchten, auch wenn er sich unter dem Dach 
seines Todfeindes befand. 

Repräsentiert diese Sittenlehre auch eine relativ hohe Stufe, so steht sie 
doch der christlichen nach. Sklaverei war allgemein, und der Gedanke, daß 
alle Menschen Brüder seien, hatte keinen Weg nach drin Norden gefunden. 
Allzu oft ermahnt die Edda zum Guten und verbietet das Böse mehr deshalb, 
weil es klüger sei, rechl ZU handeln, als um de- Rechtes selbst willen; und 

21* 



->2j. Die Wikingerzeit. 

bis zu dem Gebot, auch den Feind zu lieben, schwingt sich die nordische 
Heidenmoral selten auf. Havamal sagt sogar: 

Findest du Wen, dem als Freund du vertraust 
und willst von ihm Liebes erlangen, 
dann tausche mit Solchen Gesinnung und Gut 
und eil dich, ihn oft zu besuchen. 

Doch findest du Wen, dem du wenig vertraust, 
du willst aber Vorteil gewinnen, 
dann rede nur freundlich bei falschem Sinn, 
dem Wankelmut lohne mit Lügen. J ) 

Im allgemeinen wurde jedoch hoher Wert auf Offenheit und Ehrlichkeit 
gelegt. Der Totschläger mußte sich selbst zu erkennen geben, und Diebstahl 
war eine unauslöschliche Schande, während offener Raub und Plünderung als 
ehrenvoll gepriesen wurden. Kraft und Mut wurde vor allem von einem 
Manne gefordert, dessen höchstes Gut vollständige Freiheit und ein unbefleckter 
Xame war. 

In dem Kampf, der, so lange die Welt besteht, zwischen Göttern und 
Riesen, zwischen den guten und den bösen Mächten weiter gekämpft wird, 
stehen auf seiten der Götter alle Menschen, die eines ehrenvollen Todes mit 
der Waffe in der Hand sterben, weshalb ein solcher Tod das höchste Ziel 
jedes Mannes war. Dieser Glaube muß dem kriegerischen Sinn des Volkes 
Nahrung gegeben und die Todesverachtung gesteigert haben, die ihre Wurzel 
schon in der Überzeugung hatte, daß unser Todestag von einer höheren Macht 
unwiderruflich bestimmt sei. Aber diese höhere Macht galt nicht als eine 
liebevolle Vorsehung, sondern als ein blindes Schicksal, dem die Menschen 
sich nicht demütig und vertrauensvoll, sondern mit Trotz im Herzen unterwerfen. 
Dieser Glaube, wohl geeignet, ein schwaches Volk zu verweichlichen, hatte 
auf die kraftvollen Söhne des Nordens nur die Wirkung, daß sie die Gefahr 
verachteten. War es unmöglich, dem Schicksal zu entgehen, so zeigte die Art, 
wie man ihm begegnete, den Wert des Mannes. 

Die kampflustige Kraft, die von unseren heidnischen Vorfahren so hoch 
geschätzt wurde, vertrug sich mit Edelmut und Milde, nur durfte die Milde 
nicht aus Schwäche oder Furcht hervorgehen. Auf der anderen Seite dart 
nicht verschwiegen werden, daß die heidnischen Nordländer auch Züge un- 
menschlicher Grausamkeit aufweisen; so waren z. B. die Eltern, die nicht im 
stände waren, ihre Kinder zu ernähren, berechtigt, diese auszusetzen. 

Ein fremder Forscher, der in hohem Grade mit dem nordischen Leben 
vertraut war, schrieb vor mehreren Jahren: »Das Gewicht, das auf den Um- 
gang mit anderen gelegt wird, und die Freude an heiteren Festen und 
Gastereien, die freie und geachtete Stellung der Weiber und die tief innige 
Auffassung ihrer Beziehungen zum Manne, welche sich in den Sagen nicht 
selten ausspricht, die Wertschätzung, welche der Dichtkunst und allem sonstigen 
W 7 issen und Können gezollt wurde, und der Eifer, mit welchem man durch 

i) Der Übersetzung von Hans von Wolzogen entnommen. 



Sittenlehre. 



32? 



Reisen im Auslande solches zu gewinnen bestrebt war, zeigen nicht minder als 
eine Reihe anderer Züge im altnordischen Volksleben, daß man das Leben 
nicht bloß von seiner finsteren und rauhen Seite aufzufassen wußte, und dal- 
wir uns die heidnischen Skan- 
dinavier keineswegs als die 
zucht- und gefühllosen Bar- 
baren vorstellen dürfen, als 
welche sie uns von ihren 
englischen oder fränkischen 
Gegnern geschildert zu wer- 
den pflegen«. 1 ) 

Einige Gesänge der 
Edda haben, wenn auch ver- 
ändert, lange nach dem Ende 
der heidnischen Zeit in dem 
Volke weitergelebt. 

Daß die eddische Sage 
von den Völsungen auch 
in Schweden bekannt war, 
zeigen mehrere auf Steine ein- 
geritzte Bilder. So sieht man 
auf dem Ramsundsberget 
im Kirchspiel Jäder, Söder- 
manland(Fig. 525), verschie- 
deneSzenen aus derSagevon 
Sigurd dem Fafnerstöter. 2 ) 

1) Maurer, Die Bekehrung 
des norwegischen Stammes zum 
Christentume, Bd. 2, S. 185. 

2) C. Säve, Sigurds-rist- 
ningarne ä Ramsundsberget och 
Göks-stenen, in den K. Witterhets 
Historie och AntiqvitetsAkademiens 
handlingar,Bd.26 (Stockholm, 1 869), 
mit 2 Taf. — Derselbe, Zur Ni- 
belungensage. Siegfriedbilder. Aus 
dem Schwedischen übersetzt von 
J. Mestorf (Hamburg, 1870), mit 
4 Taf. — Vgl. Upplands Fornminnes- 
fdrenings tidskrift, Bd. 2 (1877 — 

1890), S. XXXVI, und Mänadsblad, 

1890, S. 85. — Die Kenntnis dieser 

Sage scheint aus England nach 

Schweden gekommen zu sein. II. 

Schuck, Sigurdsristningar, in der 

Nordisk tidskrift, 1903, S. 193. 




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326 



Die Wikingerzeit. 



Der Inhalt der Sage in der Edda, soweit man ihn kennen muß, um die 
Bilder auf diesem Stein zu verstehen, ist folgender: Sigurd, Sohn des Königs 
Sigmund, des Sohnes Volsungs in Frankenland (Süddeutschland), wird erzogen 
und unterrichtet von Regin, der ein Zwerg war und geschickter als irgend ein 






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Mann; er war schlau, grausam und zauberkundig. Regin erzählt Sigurd von 
seinen Vorvätern und einer Begebenheit, die die wichtigsten Folgen nach sich 
zog. Oden, Höner und Loke waren einmal an eine fischreiche Stromschnelle 
gekommen, wo der Zwerg Andvare sich in Form eines Hechts aufhielt. Regins 



Gräber. 



327 



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Bruder Utter pflegte auch dort in Gestalt einer Otter zu sein. Als die drei 
Äsen nun an den Fluß kamen, schlug Loke Utter mit einem Stein tot, worauf 
er ihm das Fell ab- 
zog. Die Äsen wur- 
den indessen von 
Utters Vater Hreid- 
mar und von seinen 
Brüdern Regin und 
Fafner gefangen und 
konnten ihr Leben 
nur retten, indem sie 
eine große Menge 
Gold versprachen. 
Loke wurde ausge- 
schickt, um das Löse- 
geld zu holen, und 
es gelang ihm, And- 
vare zu fangen, der 
ihm all sein Gold 
geben mußte, auch 
seinen letzten Ring, 
auf welchen er des- 
halb einen schweren 
Fluch legte. Nun 
wurde, nach dem Ge- 
lübde, Utters Haut 
mit Gold gefüllt und 
auch außen mit Gold 
bedeckt, wobei je- 
doch ein Barthaar un- 
bedeckt blieb; Oden 
mußte dieses mit 
Andvares Ring be- 
decken. Regin und 
Fafner töteten aber 

ihren schlafenden 
Vater, weil er ihnen 
keinen Anteil an dem 

Schatz gewähren 
wollte; Fafner nahm 

ihn jedoch ganz an Grabfeld. Grimcton in Hailand. 

sich und legte sich 

zu seiner Bewachung als Drache auf die Gnitaheide. Nachdem Regin dies 

Sigurd erzählt hatte, machte er ihm ein scharfes Schwert, das Gram hieß, und 




328 



Die Wikingerzeit. 



stachelte ihn auf, Fafner zu töten; Sigurd gelobte, das zu tun, und grub unter dem 
Weg, auf welchem Fafner zum Wasser kroch, ein Loch, in das er sich hinein- 
setzte. Als Fafner an die Grube kam, durchbohrte ihn Sigurd mit dem Schwert, 
so daß er starb. Sigurd briet nun Fafners Herz an einem Spieß. Er faßte es 
mit dem Finger an, um zu sehen, ob es gar war, aber verbrannte sich und 
führte den Finger darauf zum Mund. Als Fafners Herzblut an Sigurds Zunge 
kam, verstand er die Sprache der Vögel und hörte nun, wie ein paar Habichte 
zueinander sagten, daß, wenn Sigurd Fafners Herz äße, er weise werden 
würde, daß er auch Regin den Kopf abschlagen solle, der läge und Ränke 
spinne, um Sigurd zu betrügen und den Tod des Bruders zu rächen, dann 
würde er auch allein über Fafners Schätze herrschen. Sigurd hieb deshalb 
Regin den Kopf ab, aß Fafners Herz und nahm den Schatz, den er auf das 
Pferd Grane lud. 




528. Grabhügel mit hohem Bautastein. Gödestad in Hailand. 

Die Bilder des Ramsundberges zeigen uns die Otter und darunter Regins 
Amboß, Zange, Hammer und Blasebalg; ferner wie Sigurd mit seinem Schwert 
Fafner (die Schlange, auf welcher die Runen stehen) durchstößt, sein Herz über 
das Feuer hält und den Finger in den Mund steckt. Außerdem sieht man die 
zwei auf einem Baum sitzenden Vögel, deren Gespräch Sigurd anhörte, Regin 
mit abgeschlagenem Kopf und Grane mit Gold beladen. Die Inschrift, die 
von einem Christen herrührt, enthält nichts, was auf den Inhalt deutet. 



Die Bestattungsart der Wikingerzeit in Schweden lernen wir aus zahl- 
reichen Gräbern jener Zeit kennen. Wir sehen daraus, daß die Toten teils ver- 
brannt, teils unverbrannt begraben wurden. Die Gräber sind entweder mit 
einem Erdhügel oder mit Steinen bedeckt, die in einem Kreis, Viereck oder 



Gräber. 



329 



Dreieck liegen, oder ein an beiden Enden spitzes Schiff bilden (Fig. 526 — 534). 1 ) 
Über dem Hügel lag manchmal ein runder, mit Kreislinien oder sonst ornamen- 
tierter Stein. 2 ) 

Wenn der Tote verbrannt werden sollte, wurde er gewöhnlich auf den 
Scheiterhaufen in Kleidung mit Waffen und Schmuck gelegt, weshalb man die 
letzteren oft durch das Feuer sehr beschädigt findet. Nicht selten wurden auch 
Pferde, Hunde, Falken und andere Tiere mit verbrannt. Die auf der Feuer- 
stätte gesammelten Knochen wurden dann meist in ein Tongefäß gelegt. 

Die Sagen enthalten mehrere Berichte von Männern, die in ihren Schiffen 
bestattet wurden. Wir haben schon (siehe S. 249 und 264) bedeutende Funde 








529. Sammlung von Grabhügeln und Steinsetzungen. Asby in Södermanland. 






dieser Art kennen gelernt. Im Zusammenhang hiermit stehen offenbar die 
eben erwähnten Steinsetzungen in Form eines Schiffes. 3 ) 

Einer alten Sage entlehnen wir folgende Schilderung von König Harald 
Hildetands Begräbnis. »Am Tage nach der Schlacht (bei Brävalla) ließ König 



1) N. II. Sjöborg, Samlingar för Nordens l'orniilskare (Stockholm, f822— 1830). — R.Dy- 
beck, Runa (Stockholm, 1842 — 1850 und 1865 — 1874). — Derselbe, Svenska minnesmiirken (Stock- 
holm , 185 r ). — Derselbe, Mälarens öar (Stockholm, 1861). — O. Almgren, - irn- 
lemningar (Stockholm, 1904). — Auf den von »Sveriges geologiska undersokning her.. nen 
geologischen Karten ist meistens die Lage der Grabhügel und Steinsetzungen angegeben. 

2) O.Hermelin, »Stenkloten pä ättehögarne, in der Sv. Fornm.-fÖr« lidskr., Bd. 2 (if 
S. 165. 

3) Innerhalb eines norwegischen Grabhügels hat man eine ähnliche Steinsetzung in Form 
eines Schiffes gefunden. In diesem "Steinschifl lagen die gebrannten Knochen eines Mannes <.mit 
seinen Waffen und eine Menge Nieten eines Bootes; wahrscheinlich ist das Ro>>t mit dem i 
verbrannt worden. Stavanger Museum. Aarshefte for [902 - 



130 



Die Wikingerzeit. 



Ring die Leiche Haralds auf dem Walplatz aufsuchen, waschen, nach alter 
Sitte schmücken und in den Wagen legen, den Harald im Streite gehabt hatte. 
Darauf ließ er einen großen Hügel aufwerfen und den Wagen mit Haralds 




530. Dreispitzige Steinsetzung. Sorunda in Södermanland. 

Leiche durch das Pferd, mit dem er im Kampfe bespannt war, in den Hügel hinein- 
ziehen. Das Pferd wurde getötet, und König Ring ließ den Sattel abnehmen, auf dem 
er selbst gesessen, gab ihn dem König Harald und sagte ihm, daß er jetzt 
selbst bestimmen sollte, ob er nach Walhall reiten oder fahren wolle. Ehe 

aber der Hügel geschlossen wurde, bat 



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König Ring alle Großen und Krieger 



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531. Grundriß der Steinsetzung Fig. 530. 



zugegen waren, s __ _.„ s , 
gute Waffen zur Ehre König Harald 
Hildetands in den Hügel zu werfen. 
Darauf wurde der Hügel sorgfältig zu- 
geworfen, und mit einem prächtigen 
Gastmahl schloß König Ring Haralds 
Leichenfeier«. 

Von dieser Schilderung, die von 
keiner Verbrennung der königlichen Leiche 
spricht, weicht jedoch Saxo ab. Er 
erzählt: »Als König Haralds Leiche ge- 
funden ward samt seiner Keule, spannte 
Ring sein eigenes Pferd vor den Wagen, 
schenkte Harald dies Pferd, bat ihn, 
nach Walhall zu eilen, als erster Mann des 



Gräber. 



331 



Kampfes und bei Oden, Walhalls König, eine gute Herberge für Freunde und 
Feinde zu bestellen. Der Scheiterhaufen ward angezündet, und die Dänen legten 
auf Rings Befehl König Haralds vergoldetes Schiff darauf. Während das Feuer 
die Leiche verzehrte, gebot dann Ring seinen Häuptlingen, um das Feuer zu 









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gehen und Klagen anzustimmen, ermahnte sie auch, freigebig Waffen, Gold und 
andere Kostbarkeiten zu opfern, damit das Feuer so viel länger auflohe, zur 
Ehre des großen, mächtigen, allen Herzen teuren Königs. So winde die Leiche 
verbrannt, die Asche gesammelt, in eine Urne gelegt und auf Rings Befehl 



•?-j2 Die Wikingerzeit. 

nach Lejre (in Dänemark) geschickt, um dort mit dem Pferd und mit der 
Rüstung auf königliche Weise begraben zu werden«. 

Wenn auch diese, lange nach dem Ereignisse geschriebenen Erzählungen 
voneinander abweichen und nicht als zuverlässige Beschreibungen eben dieser 
Leichenfeier gelten können, sind sie doch interessant als die damaligen Be- 
gräbnißsitten schildernd, wie sie auch durch Funde und Sagen bestätigt werden. 
In mehreren Gräbern hat man nämlich bei verbrannten und unverbrannten 
Leichen Reste von Pferden, Zaumzeug, Steigbügeln, Geschirr usw. gefunden. 



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534. Schiffsförmige Steinsetzung; der Mast und die Ruderbänke sind angegeben. Öland. 

Ebenso wie in den älteren Zeiten wurden oft Bautasteine (Fig. 528 und 529) 
den Toten zum Andenken gesetzt; aber nur in den Fällen, wo die Namen der 
Toten auf die Steine eingehauen waren, sind diese der Nachwelt erhalten 
geblieben. 

* 

Die einzigen Schriftzeichen, die zu jener Zeit in Schweden angewendet 
wurden, waren die Runen. 1 ) Sie unterscheiden sich bedeutend von denen, die 
im älteren Teil der Eisenzeit gebräuchlich waren, und eine sorgfältige Unter- 
suchung hat gezeigt, daß mit der Form der Runen in gewissen Fällen sich auch 
ihre Bedeutung geändert hat. Außerdem sind einige ältere Runen außer Brauch 
gekommen, wodurch die in den letzten Jahrhunderten des Heidentums benutzten, 
gewöhnlich die »jüngeren« genannten Runen nur folgende sechzehn sind: 

rnt>*RK:* + | + H:T&rY>k 

futhork hnias tblm-r 

Wie in älteren Zeiten (siehe S. 208) hatte jede Rune ihren Namen, der 
mit dem Buchstaben, dem die Rune entspricht anfängt 2 ). Nur die letzte Rune 



1) J. G. Liljegren, Run-lära (Stockholm, 1832). — Derselbe, Die nordischen Runen. Nach 
J. G. Liljegren, mit Ergänzungen bearbeitet von Karl Oberleitner (Wien, 1848). — U. W. Dieterich, 
Runen-Sprach-Schatz oder Wörterbuch über die ältesten Sprachdenkmale Skandinaviens (Stockholm, 
1844). — L. Wimmer, Die Runenschrift (Berlin, 1887). 

2) Da man keine schwedischen Aufzeichnungen dieser Namen kennt, werden sie hier in der 
Form aufgeführt, die sie auf Island hatten, die aber beinahe der gleichzeitigen schwedischen ent- 
spricht, wurde fe (Vieh) genannt, ll ür (Unwetter), r Purs (Riese) oder Porn (Dorn), H 1 öss 
(Flußmündung), R reiS (Ritt), K kaun (Beule), ^ hagall oder hagl (Hagel), + naü5 (Not), I fss (Eis), 
+ ar (Jahr), H söl (Sonne), T Tyr (Ty), fc bjarkan (Birkenfrucht), T l gr (Wasser), T maSr (Mann), 
A yr (Pfeilbogen). — Die drei »Geschlechter«, in welche die jüngere wie die ältere Runenreihe ein- 
geteilt ist, wird nach der ersten Rune jedes Geschlechtes genannt; die dritte heißt also »Tys Geschlecht«. 



Die jüngeren Runen. 



333 



A. macht in gewisser Weise hier eine Ausnahme. Diese Rune steht meist wie 
das Y der älteren Runenreihe am Schluß des Wortes und entspricht unserem 
f; aber zuweilen kommt sie auch mitten in einem Wort vor und bezeichnet 
dann einen Vokallaut: gewöhnlich y, seltener e oder ae. Der Name »yr« gibt 
diese beiden Bedeutungen an. 

Aus dem £ (a) der älteren Runenreihe entstand allmählich, wie die oft 
vorkommenden Zwischenformen fc (nasales a) und A zeigen, die Rune £; in Über- 
einstimmung mit der Verände- 
rung der Sprache erhielt dieses 
Zeichen schließlich die Bedeu- 
tung o anstatt des a. 

Die Runen +, +, H, T und Y 
haben auch die Formen k = n, 
A = a, i=s, 1 = t und CP =-- m. 
Gegen Ende der Heidenzeit fing 
man an, die sogenannten »punk- 
tierten« Runen l = e, K = g, 
1 = d, Fl = y und £ = p anzu- 
wenden. Eine Art Runen, die 
sich im allgemeinen dadurch 
auszeichnet, daß ihnen der Stab 
oder der lotrechte Strich fehlt, 
ist unter dem Namen Helsinge- 
runen bekannt, weil sie haupt- 
sächlich in Helsingland vor- 
kommen. ] ) 

In älteren Zeiten wurden 
die Runen in geraden Reihen 
l Fi g- 535—538) geschrieben; 
gegen Schluß der Heidenzeit 
kommt dies seltener vor, wohin- 
gegen die Inschrift in den meisten 
Fällen entweder den Kanten des 
Steines folgt, oder in kunst- 
reichen Schlingen angeordnet war 
Svealand zeigen. 

Viele Runensteine geben uns nicht nur den Namen derer, die den Denk- 
stein setzten, und derjenigen, zu dessen Andenken man ihn setzte, sondern auch 
den Namen dessen, der die Runen schrieb und oft mit ungewöhnlicher Kunst- 
fertigkeit eingrub. Am bekanntesten von diesen ältesten schwedischen Künstlern 
ist Ybber (Beiform zu Ubbe), dessen Namen man auf etwa vierzig Runensteinen 




535. Runenstein. Rök in Östergötland. 

wie sie hauptsächlich die Runensteine in 



1) M. Celsius, De runis Helsingicis oratio habita, cum rectoratum academicum d 

anno 1675 (Upsala, 1707). 



334 



Die Wikingerzeit. 



findet; ferner Bale, Asmund Karesson, Torbjörn Skald (der Dichter) und Amunde. 
Alle diese haben in Uppland und den angrenzenden Gegenden gearbeitet. 

Das Wort »Rune« scheint eigentlich Geheimnis zu bedeuten; und lange 
wurde es wohl auch mit Recht als ein wunderbares Geheimnis betrachtet, wie 
man durch einfache Striche anderen seine Gedanken mitteilen konnte. Unsere 
Vorfahren glaubten daher Oden selbst für die Runen dankbar sein zu müssen, 

wie er auch die Dichtkunst den Men- 
schen lehrte. Weil man die Runen so 
















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536. Runenstein. Westerlösa in Östergötland. 537. Runenstein. Wärfrukyrka in Uppland. 

betrachtete, lag es nahe, ihnen auch eine geheime Zauberkraft zuzuschreiben. 
So lesen wir in der Edda, wie eine Walküre Sigurd lehrt, Siegesrunen in den 
Griff des Schwertes zu ritzen und dabei zweimal den Namen Ty zu nennen, 
wenn er siegen will 1 ); Sturmrunen im Steven und Ruder, wenn er das Schiff 
bergen will; Denkrunen zu kennen, wenn er weise sein will, usw. Die 
isländischen Sagas erzählen auch oft von Zauberrunen, die Unglück über 

1) Bei Gilton im südöstlichen England fand man ein angelsächsisches Schwert, mit am Griff 
eingeritzten Runen. In dem oben (S. 198) erwähnten Torfmoore von Torsbjerg fand man Runen- 
inschriften auf einem Schildbuckel und auf dem Ortband einer Schwertscheide. Ty war, wie aus 
dem Vorhergehenden ersichtlich ist, gleichzeitig der Name einer Rune und eines der Asengötter. 



Die jüngeren Runen. 



335 



den Feind bringen oder Krankheit vertreiben; aber die Sagas reden auch von 
»Geheimrunen«, die auf ungewöhnliche, im voraus bestimmte Art geritzt wurden, 
um alle Uneingeweihten irre zu führen, also einer Art Chiffreschrift. 

Die Anzahl der schwedischen Runeninschriften aus der letzten heidnischen 
Zeit und aus dem ältesten Mittelalter ist sehr groß, 1 ) — sie übersteigt 1500, — 
und diese Inschriften sind von hohem Wert für die Sprachforschung und ver- 
schiedene Zweige der Kulturgeschichte. Nennenswerte Beiträge zur politischen 
Geschichte liefern sie dagegen nur ausnahmsweise. Gelten sie doch nur dem 
Gedächtnis Einzelner, und sind sie in Rücksicht auf das unbequeme Material 
doch auch möglichst kurz gehalten. 

Die längste Runeninschrift auf einem 
schwedischen Denkstein befindet sich auf 
einem großen Stein, der bis 1862 im Kirch- 
turm von Rök in Östergötland eingemauert 
war, aber damals aus der Mauer heraus- 
genommen und auf dem Kirchhof aufgestellt 
wurde. Die Breitseiten, von denen die eine 
Fig. 535 abgebildet ist ; beide Schmalseiten 
und die obere Fläche sind mit Runen be- 
deckt, von denen die meisten der jüngeren 
Runenreihe angehören, obwohl einige von 
ihnen von der gewöhnlichen Form abweichen 
(die oberste Reihe auf Fig. 535), und ältere 
Runen sind in der Absicht angebracht, 
dem Stein ein altes und würdigeres Aus- 
sehen zu geben. Die Inschrift soll aus dem 
zehnten Jahrhundert stammen. 2 ) 




538. Runenstein. Wik in Uppland. 



1) Schon zur Zeit Gustaf II. Adolphs hat J. Bureus den Auftrag erhalten, Runensteine ab- 
zubilden, und diese Arbeit wurde im siebzehnten Jahrhundert von J. Hadorph , J. Peringskiöld, 
O. Celsius und anderen fortgesetzt. — J. Hadorph veröffentlichte im J. 1680 die Runensteine des 
Kreises Färentuna in UpplaDd. — J. Peringskiöld, Monumentorum Sveo-Gothicorum liber primus, 
Uplandise partem primariam Thiundiam continens (Stockholm, 1710 — 1 7 19). — J. Göransson, 
Bautil, det är Alle Svea ok Göthena Rikens Runstenar, upreste ifran verldenes ar 2000 tili Christi 
ar 1000 (Stockholm, 1750; die meisten der 1 1 73 Holzschnitte von Runensteinen waren vor dem Ende 
des siebzehnten Jahrhunderts ausgeführt worden, man hatte aber wegen der unglücklichen Zeiten 
sie nicht drucken können). — J. G. Liljegren, Run-Urkunder (Stockholm, 1833, 8°; eine andere 
Auflage, 4 , 1834). — R. Dybeck, Svenska run-urkunder (aus Uppland, Södermanland und Öster- 
götland ; Stockholm, 1855 — 57). — Derselbe, Sverikes runurkunder, Uppland (Stockholm, 1 

— 76). — Sveriges runinskrifter, utgifna af K. Witterhets Historie och Antiqvitets Akademien, I. ( »lands 
runinskrifter, granskade och tolkade af S. Söderberg Stockholm, 1900). — C. Säve, Gutni>ka ur- 
kunder (die Runeninschriften Gotlands ; Stockholm, 1859). — K. Torin. Westergötlands runin- 
skrifter (Lund, 1871 — 99). — S. Boije, Bohusläns runinskrifter . in Bidrag tili kännedom otn Bo- 
husläns fornminnen, Bd. 3 (1886). 

2) S. Bugge, Tolknir.g af runinskriften pä Rökstencn i östergötland, in dir Antiqv. tidskr. 
f. Sv., Bd. 5 (1873). Vgl. G. Stephens und F. Läffler, ebenda, Bd. 5 und <>, und Bugge, in 
K. Witterhets Historie och Antiqvitets Akademicns handlingar, Bd. 11:3. — F. Läffler, in der 
Nordisk tidskrift, 1878, S. 165. 



^.,(5 I^i e Wikingerzeit. 

Der Runenstein von Rök und andere schwedische Runeninschriften zeigen, 
daß dieselbe Art der Dichtkunst wie in anderen nordischen Ländern hier geübt 
wurde. Das charakteristische für diese Dichtkunst ist teils die häufigen Um- 
schreibungen, teils daß die Reimbuchstaben nicht am Schluß, sondern am An- 
fang der Worte stehen. Diese Art von Reim, wie bekannt Alliteration genannt, 
findet sich nicht nur bei anderen Germanenvölkern, wie in der altenglischen und 
altdeutschen Dichtung, sondern auch bei den Finnen und anderen Völkern. 

Die Runensteine, besonders in Svealand, sind auch durch ihre Ornamentik- 
wertvoll. Diese Ornamentik, fast das einzige, was noch von den Kunsterzeug- 
nissen aus den letzten Jahrhunderten des Heidentums übrig geblieben ist 1 ), 
besteht hauptsächlich aus Tierverschlingungen (Fig. 536 — 538). 

Die schwedische Ornamentik der Wikingerzeit kennen wir nur durch die 
Proben, die sich auf Gegenständen von Metall und Stein befinden; die noch 
größeren und zahlreicheren in derselben Art verzierten Holzarbeiten sind schon 
längst verloren gegangen. Wenn wir sehen, mit welcher Sicherheit und Leichtigkeit 
die prächtigen Verschlingungen in dem harten und unebenen Material der Runen- 
steine ausgeführt sind, müssen wir die Kunstfertigkeit jener Zeit sehr hoch schätzen, 





539. Silberbild; eine Öse auf der 540. Silberbild, von zwei Seiten gesehen. 

Rückseite. Öland. 1 / ' 1 . Björkö. 1 /i. 

und wir haben allen Grund, den Verlust der Holzschnitzereien dieser Periode zu 
beklagen. Viele Erzeugnisse nordischen Kunstfleißes in der Wikingerzeit können 
sich mit den gleichzeitigen Arbeiten des christlichen Europas durchaus messen. 

Nicht nur die Erzählung von den drei Götterbildern im Tempel zu Upsala 
zeigt, daß die heidnische Kunst des Nordens sich bis zur Statuarkunst entwickelt 
hatte; auch sonst werden Götterbilder, besonders solche Tors, erwähnt. Von 
diesen Bildern, die ohne Zweifel alle von Holz waren, ist keines erhalten; sie 
sind wohl zerstört worden, als das Christentum angenommen wurde. 

Einige Figurendarstellungen — kleinere in Metallguß (Fig. 539 und 540) und 
größere in Relief oder Zeichnung auf Stein — sind uns doch erhalten worden, 
besonders auf Gotland, wo die sogenannten Bildsteine (Fig. 524) eine besondere 
Aufmerksamkeit verdienen. 2 ) Die meisten sind mit Runeninschriften versehen. 

1) Montelius, Svensk konst under hednatiden, in der Sv. Fornm.-för s tidskr., Bd. 1 
(1871), S. 52. 

2) C. Säve, Tjängvide-stenen pä Gotland, in R. Dybecks Runa, 1845, S. 82. — Derselbe, 
Alskogsstenarne pä Gotland, in den Annaler f. nord. Oldkynd, 1852, S. 1 7 1. — H. Pipping, Om 
runinskrifterna pä de nyfunna Ardre-stenarna, in Skrifter utgifna af K. Humanistiska Wetenskaps- 
Samfundet i Uppsala, Bd. VII (1901). — F. Nordin, Till frägan om de gottländska bildstenarnas 
utvecklingsformer, in Studier tillägnade O. Montelius, S. 142.